Abbé Galiani Briefe an Madame d'Epinay und andere Freunde in Paris 1769-1781 Übersetzt von Heinrich Conrad Mit einer Einleitung von Wilhelm Weigand Inhalt Der Abbé Galiani [1] An Frau Necker [2] An Frau von Epinay [3] An Frau von Epinay [4] An Frau Necker [5] An Frau von Epinay [6] An Frau von Epinay [7] An Frau von Epinay [8] Frau von Epinay an Galiani [9] An Frau von Epinay [10] An Frau von Epinay [11] An Frau von Epinay [12] An Frau von Epinay [13] An Frau von Epinay [14] An Frau von Epinay [15] An Frau von Epinay [16] An Herrn von Sartine, Polizeileutnant [17] An Frau von Epinay [18] An Frau von Epinay [19] An Frau von Epinay [20] An Frau von Epinay [21] An den Grafen Schomberg [22] An Frau von Epinay [23] An Frau von Epinay [24] An Frau von Epinay [25] An Frau von Epinay [26] An Herrn Suard [27] An Frau von Epinay [28] An Herrn Suard [29] An Frau von Epinay [30] An den Baron von Holbach [31] An Frau von Epinay [32] An Frau von Epinay [33] Frau von Epinay an Galianiy [34] An Frau Necker [35] An Frau von Epinay [36] An Frau von Epinay [37] An Frau von Epinay (Antwort auf einen falschen, sehr betrübenden Brief) [38] An Frau von Epinay [39] An Herrn Suard [40] An Frau von Epinay [41] An Frau von Epinay [42] An Frau von Epinay [43] An Frau von Epinay [44] Frau von Epinay an Galiani [45] An Frau von Epinay [46] Frau von Epinay an Galiani [47] An Frau von Epinay [48] An Frau von Epinay [49] An Frau von Epinay [50] An Frau von Epinay [51] An Herrn Suard [52] An Frau von Epinay [53] An Frau von Epinay [54] An Frau von Epinay [55] Frau von Epinay an Galiani [56] An Frau von Epinay [57] An Frau von Epinay [58] An Frau von Epinay [59] An Frau von Epinay [60] An Frau von Epinay [61] An Frau von Epinay [62] Frau von Epinay an Galiani [63] An Frau von Epinay [64] An Frau von Epinay [65] An Frau von Epinay [66] An Frau von Epinay [67] An Frau von Epinay [68] An Frau von Epinay [69] An Frau von Epinay [70] An Frau von Epinay [71] An Frau von Epinay [72] An Frau Necker [73] An Frau von Epinay [74] An Frau von Epinay [75] An Frau von Epinay [76] An Frau von Epinay [77] An Frau von Epinay [78] Frau von Epinay an Galiani [79] Frau von Epinay an Galiani [80] An Frau Geoffrin [81] An Frau von Epinay [82] An Frau von Epinay [83] Frau von Epinay an Galiani [84] An den Abbé Mayeul [85] An Frau von Belsunce [86] An Frau von Epinay [87] An Frau von Epinay [88] An Frau von Epinay [89] An Frau von Epinay [90] An Frau von Epinay [91] An Frau von Epinay [92] An Frau von Epinay [93] An Frau von Epinay [94] An Frau von Epinay [95] An Frau von Epinay [96] An Frau von Epinay [97] An Frau von Belsunce [98] An Frau von Epinay [99] An Frau von Epinay [100] An Frau von Epinay (Antwort auf die Hühneraugenpflaster) [101] An Frau von Epinay (Antwort auf die allerschönste Nummer) [102] An Diderot [103] An Frau von Epinay (Antwort auf Nr. 2 und 3) [104] An Frau von Epinay [105] An Frau von Epinay [106] An Frau von Epinay [107] An Frau von Epinay [108] An Frau von Epinay [109] An Herrn Baudouin [110] An Frau von Epinay [111] An Frau von Epinay [112] An Frau von Epinay [113] Frau von Epinay an Galiani [114] An Frau von Epinay [115] An Frau von Epinay [116] An Frau von Epinay [117] An Frau von Epinay [118] An den Baron von Gleichen [119] An Frau von Epinay [120] An Frau von Epinay [121] An Frau von Belsunce [122] An Frau von Epinay [123] Frau von Epinay an Galiani [124] An Frau von Epinay [125] An Frau von Epinay [126] An Frau von Epinay [127] An Frau von Epinay [128] An Frau von Epinay [129] An Frau von Epinay [130] An Frau von Epinay [131] An Frau von Epinay [132] An Frau von Epinay [133] An d'Alembert [134] An Frau von Epinay [135] An Frau von Epinay [136] An Frau von Epinay [137] An Frau von Epinay [138] An Frau von Epinay [139] An Frau von Epinay [140] An Frau von Epinay [141] An Frau von Epinay (Kategorische Antwort auf Nr. 87) [142] An Frau von Epinay [143] An Frau von Epinay [144] An Frau von Epinay [145] An Frau von Epinay [146] An Frau von Epinay [147] An Frau von Epinay [148] An Frau von Epinay [149] An Frau von Epinay [150] An Herrn von Bombelles [151] An Frau von Epinay [152] An Frau von Epinay [153] An Frau von Epinay [154] An Frau von Epinay [155] An Frau von Epinay [156] An Frau von Epinay [157] An Frau von Epinay [158] An Frau von Epinay [159] An Frau Von Belsunce [160] An Frau von Epinay [161] An Frau von Epinay [162] An Frau von Epinay [163] Frau von Epinay an Galiani [164] An Frau von Epinay (Antwort auf unendlich viele Nummern) [165] An Frau von Epinay [166] An Frau von Epinay [167] An Frau von Epinay [168] An Frau von Epinay [169] Frau von Epinay an Galiani [170] An Frau von Epinay [171] An Frau von Epinay [172] An Frau von Epinay [173] An Frau von Epinay [174] An Frau von Epinay [175] An Frau von Epinay [176] An Frau von Epinay [177] An Frau von Epinay [178] An Frau von Belsunce [179] An Frau von Belsunce [180] An Frau von Belsunce [181] An Frau von Belsunce [182] An Frau von Epinay [183] An Frau von Epinay [184] An Frau von Epinay [185] An Frau von Epinay [186] An Frau von Epinay [187] An Grimm [188] An Frau von Epinay [189] An Frau von Epinay Der Abbé Galiani Ferdinand Galiani wurde am 2. Dezember 1728 in Chieti als der Sohn des königlichen Auditore Matteo Galiani und dessen Gattin Maria Ciaburra aus Lucerna geboren. Das Geschlecht der Galiani (Galleani, Gagliani, Galien) soll gallischen Ursprungs gewesen sein. Ihrer Stellung nach gehörten die Galiani zu den Nachfolgern der Seggi, das heißt zu dem bodenständigen Hof- und Beamtenadel des Königreichs Neapel, und auch ihr Verhalten zu der antiken Kultur und den zeitgenössischen Ideen beweist, daß sie die humanistischen Überlieferungen des Patriziats hochhielten. Im Alter von acht Jahren wurde Ferdinand mit seinem älteren Bruder Bernhard nach Neapel, in das Haus seines Onkels Cölestin Galiani, des Erzbischofs von Tarent und Thessalonich und ersten Almoseniers des Königs, geschickt, der die Erziehung seiner Neffen bis zum Jahre 1740 selbst leitete und zunächst, den Anschauungen der Zeit gemäß, das Hauptgewicht auf die Kenntnis des Lateinischen legte. Der geistreiche Präsident de Brosses nennt den hochgebildeten Prälaten »einen der guten Köpfe des Landes«. Als Monsignore Galiani, der in Neapel auch noch das Amt des Präfekten der Hochschule bekleidete, im Jahre 1740 in einer diplomatischen Mission, wegen Abschluß eines Konkordats, nach Rom ging, vertraute er seine Neffen den Cölestinern an, in deren Kloster San Pietro a Maiella die beiden jungen Leute zwei Jahre, bis zur Rückkehr ihres Onkels, verbrachten. Unter den Lehrern Ferdinands, dessen Frühreife zu den größten Hoffnungen berechtigte, ragten der Nationalökonom Antonio Genovesi (1712-1769), der Verfasser der » Lezioni di commercio o sia d'economia civile « (1768), der damals einen gemäßigten Merkantilismus vortrug, und der Pater Bonafede hervor. Im Hause ihres Oheims hatten die jungen Leute Gelegenheit, die hervorragendsten Männer der Zeit kennen zu lernen: in der Casa Galiani verkehrte der hohe Klerus, der Adel, die Geistesaristokratie und alles, was das Land an bedeutenden Fremden herbeizog. Die weiteren Lehrer Ferdinands und seines Bruders gehörten alle zu den Freunden des Hauses: dem berühmten Latinisten Mazzochi, der als Autorität in ganz Europa galt, verdankte Ferdinand Galiani jene Kenntnis des Lateins und der Antike, von der Grimm in seiner »Literarischen Korrespondenz« voller Bewunderung spricht. Bartolomeo Intieri weckte sein Interesse an nationalökonomischen Studien, die damals ganz neu waren, und aus dem Munde des verspäteten Humanisten Vico konnte er hören, wie sich der Lauf der Geschichte im Kopfe eines Philosophen spiegelte. Mit sechzehn Jahren wurde Ferdinand, der Liebling seines Onkels, Mitglied der Akademie der »Wetteifernden « (emuli) , einer Vereinigung junger Leute, die, dem Geschmack der Zeit gemäß, in akademischen Abhandlungen Rechenschaft von ihrem Wissen gaben. Der künftige Stammgast der Pariser Rue Fromenteau, dem Zeit seines Lebens zu einem Platoniker in eroticis alles fehlte, hielt hier einen Vortrag über die Frage »Ob es sich für eine wohlgeborene Seele schicke, von Liebesleidenschaften ergriffen zu werden«; ferner las er eine Abhandlung über »die platonische Liebe« und über »den Zustand des Münzwesens zur Zeit des trojanischen Krieges« vor, und der Beifall, den diese Schrift bei seinem Lehrer Mazzochi fand, mag den eifrigen Altertumsforscher veranlaßt haben, später seinen berühmten »Trattato della Moneta« auszuarbeiten. Ein anderes Ereignis zeigt die andere Seite der Natur Galianis in heiterem Lichte: Bernhard Galiani, der einer höheren akademischen Vereinigung angehörte, sollte eine Abhandlung über die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria vorlesen und bat seinen Bruder, für ihn einzuspringen, als ihn eine Familienangelegenheit ganz plötzlich nach Chieti rief. Als sich der kleingewachsene Ferdinand erhob, um für seinen Bruder zu sprechen, verbot der Präsident, der Advokat Don Antonio Sergio, dem »Kinde«, seine Weisheit vor der erlauchten Gesellschaft auszukramen, worauf er selbst die Gelegenheit benützte, eine gelehrte Rede loszulassen. Galiani, dessen Eitelkeit nichts zu wünschen übrig ließ, beschloß, sich für diese Demütigung zu rächen, und die heißersehnte Gelegenheit hierzu bot sich, als kurze Zeit darauf der neapolitanische Scharfrichter Domenico Jannaccone starb. Zu den Pflichten der Akademie, deren Vorsitz Don Sergio führte, gehörte die Abfassung von Trauergedichten und Lobreden (lodi) auf den Tod erlauchter Persönlichkeiten: diese Arbeiten, bei denen jedes Mitglied seiner Neigung folgen konnte, wurden unter dem Titel »Componimenti varii per la morte etc.« in prächtigster Ausstattung veröffentlicht und mit dem Bild des Verschiedenen an ein gewähltes Publikum verteilt. Mit Hilfe seines Freundes Pasquale Carcani, der später, wie sein Schulgenosse Ferdinand, eine treue Stütze der Politik des Reformministers Tanucci wurde, schrieb Galiani eine ähnliche Sammlung auf den Tod des Henkers, in der er Stil und Manier der einzelnen Akademiker mit glänzendem Geschick parodierte: die »Componimenti varii per la morte di Domenico Jannaccone, Carnefice della G.C.della Vicaria, raccolti et dati in luce da Antonio Sergio, Avvocato Napolitano« glichen in Druck und Ausstattung durchaus den offiziellen »Componimenti« und erzielten die gewünschte Wirkung: ganz Neapel lachte Tränen über das Büchlein, das den akademischen Stil in schlagendster Weise verspottete. Don Sergio war außer sich vor Wut und forderte um jeden Preis die Bestrafung der unbekannten Übeltäter, die es denn auch für geraten hielten, dem allmächtigen Minister Tanucci ihr Geheimnis anzuvertrauen. Der Marchese war entzückt, die Autoren zu kennen, und erzählte seinem königlichen Herrn von den Missetätern: Karl III. ließ die jugendlichen Parodisten rufen, beglückwünschte sie lächelnd und verurteilte sie, der Form wegen, zu zehn Tagen geistlicher Bußübungen in einem Kloster bei Neapel. Bald darauf, im Jahre 1750, ließ Galiani sein erstes Werk »Della Moneta« ohne Nennung seines Namens erscheinen. Ganz Neapel riet hin und her, wer wohl der gelehrte Verfasser sein möge, und da allerlei Namen genannt wurden, sah sich Galiani genötigt, seine Autorschaft zu bekennen. Eine Bemerkung aus dem Nachwort, das der Verfasser der zweiten Auflage des Werkes im Jahre 1780 anfügte, ist für den Psychologen wertvoll: hier gesteht der berühmte Abbé, daß er den Stil eines gereiften Mannes angenommen habe, um seine Autorschaft zu verbergen und ein unparteiisches Urteil herauszufordern. Diese Fähigkeit, sich in verschiedenen Stilarten zu äußern und mit gleicher Meisterschaft bald als Akademiker, bald als Harlekin aufzutreten, ist bezeichnend für den scharfen Beobachter, dessen geistige Freiheit niemals ein dumpfer Schöpfungsdrang störte. Auch die Art, wie das Buch des jungen Gelehrten am neapolitanischen Hofe aufgenommen wurde, ist charakteristisch für die ganze Zeit: Ferdinand Galiani erhielt als Belohnung für seine hervorragende Leistung die Pfründen des Bistums Centola und der Abtei San Lorenzo, die zusammen eine Rente von fünfhundert Dukaten abwerfen mochten. Um in deren Genuß zu treten, mußte der junge Nationalökonom, obwohl er sich niemals mit dem Studium der Theologie befaßt hatte, wie so viele andere seiner Zeitgenossen die niederen Weihen über sich ergehen lassen, worauf ihm ein päpstlicher Dispens gestattete, den Titel Monsignore zu führen und sich als infuliert zu betrachten. Die Geschichte kennt den jungen geistlichen Würdenträger, der bald darauf vom neapolitanischen Hofe auch noch die Abtei San Catarina di Celano, mit einer Jahresrente von sechshundert Dukaten, erhielt, von nun an unter dem Namen des Abate Galiani. Ferdinand Galiani besaß nun die Mittel, um ein standesgemäßes Leben führen zu können und die Welt zunächst als Reisender zu genießen. Am 18. November 1751 fuhr der Dreiundzwanzigjährige nach Rom ab, und hier konnte er, beim ersten Schritte in die große Welt, sofort bemerken, daß man seinen Namen in ganz Italien kannte. Der Papst Benedikt XIV. (Lambertini) empfing den Neffen des Bischofs Galiani am 17. Dezember vor seinen eigenen Ministern in Audienz und kam, nachdem er dem Verfasser sein Kompliment über das Buch vom Münzwesen gemacht hatte, sofort auf die »Componimenti« zu sprechen, die dem heiteren Oberhaupt der katholischen Christenheit besser zusagen mochten als die gelehrte Abhandlung des kleinen Abbé. In Florenz wurde Galiani in die Akademie della Crusca und die Columbaria aufgenommen, und in Venedig, Padua und Turin sah er sich von der glänzendsten Gesellschaft gefeiert. Am 23. Juni 1753 verlor der glückliche junge Abbé seinen Onkel, den er zärtlich liebte, durch den Tod. Er suchte sich durch regen Verkehr mit den Freunden des Verblichenen und durch gelehrte Arbeiten zu trösten: er legte eine Sammlung der Gesteine des Vesuv an und schickte das Gefundene, einhunderteinundvierzig Arten, an den Papst, mit einer Abhandlung, die das Motto trug: »Beatissime Pater, fac, ut lapides isti panes fiant« . Der Stellvertreter Christi auf Erden wußte diesen biblischen Witz zu würdigen und kam, in gerechter Würdigung seines Amtes, der zarten Aufforderung Galianis nach: er wandelte wirklich Steine in Brot, indem er dem geistvollen Abbé die Pfründe der Abtei Amalfi, mit einem Ertrag von vierhundert Dukaten, verlieh; die Steine aber überwies er dem Museum in Bologna, wo sie sich heute noch befinden. In die gleiche Zeit, 1754, fällt auch Galianis kleine Schrift über den Intierischen Getreide-Trocken-Apparat »Della perfetta conservazione del grano« , die unter dem Namen des Erfinders Bartolomeo Intieri erschien. Nicht lange darauf gründete Karl III. die Akademie von Herculanum, deren fünfzehn Mitglieder zu den gelehrtesten Männern des Königreichs gehörten: sie sollten die Ausgrabungen zu Herculanum und Pompeji leiten, die Inschriften erläutern und die Malereien und Skulpturen beschreiben. Galiani war unter den tätigsten Mitgliedern der gelehrten Gesellschaft; von ihm rühren die meisten Abhandlungen im ersten Bande des neunbändigen Prachtwerkes »Le Antichità d'Ercolano« her. Zur Belohnung seiner Tätigkeit ließ ihm der König eine jährliche Pension von 150 Dukaten auf das Bistum Catania anweisen. Als bald darauf Galianis Gönner, Papst Benedikt XIV., (am 3. Mai 1758) starb, schrieb Galiani seine »Lodi di Papa Benedetto XIV «, die er später selbst für seine beste Schrift erklärte. Und damit auch jetzt das Satyrspiel nicht fehle, veröffentlichte der bewegliche Spötter im gleichen Jahre noch eine Abhandlung über den scherzhaften Plan, am 1. Januar eines jeden Jahres die Sigisbeen beiderlei Geschlechts, Männlein und Weiblein in Neapel einfach auszulosen. Kurze Zeit nach der Veröffentlichung dieser Broschüre, am 10. Januar 1759, wurde Galiani dem Staatssekretariat zugeteilt und gleich darauf zum Sekretär der neapolitanischen Gesandtschaft in Paris, mit einem Gehalt von zwölfhundert Dukaten, ernannt. Der junge Abbé war dreißig Jahre alt, als er in die bedeutsamste Periode seines Lebens eintrat. Sein Jahreseinkommen belief sich, von der namhaften Erbschaft seines Onkels abgesehen, auf etwa elftausend Franken, als er nach Paris ging. Sein Äußeres war wenig dazu angetan, in der Gesellschaft zu glänzen: Ferdinand Galiani war von kleinem Wuchse, nur vier und einen halben Schuh groß. In seinem Tun und Reden verleugnete er niemals die affenartige Gelenkigkeit des Südländers: er unterstrich, wenn er in Feuer kam, alles mit übertriebenen Gesten und riß sich wohl auch im Feuer der Unterhaltung die Perücke vom Kopfe, um sie, während er seine Anekdoten mimte, wie eine Puppe auf den Händen zu balancieren. Im Frühjahr 1759 verließ Galiani Neapel und begab sich über Rom, Genua, Genf und Lyon nach Paris, wo er im Juni voller Erwartungen eintraf. Die großen Hoffnungen, mit denen der neapolitanische Gesandtschaftssekretär sein Amt in der geistigen Hauptstadt der damaligen Welt antrat, sollten sich zunächst nicht erfüllen. Wir begreifen es sehr wohl, daß die glänzende Pariser Gesellschaft, in der es von Abbés jeden Schlages wimmelte, dem fast zwerghaft kleinen Neapolitaner zunächst keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, zumal dessen Art sich zu geben und zu sprechen einstweilen noch nicht Mode war. Galiani selbst besaß zuviel Geist, um in dem Hofleben, das er, von Geburt und Berufswegen her sehr gründlich kannte, aufzugehen, und bald hegten alle diplomatischen Kreise die Meinung, der die kluge Frau des Genfers Necker später Ausdruck gab, indem sie erklärte: »Der Abbé Galiani wird nicht bei Hof reüssieren: er denkt zu hoch und spricht zu niedrig.« Als Galiani sein Beglaubigungsschreiben in feierlicher Audienz überreichte, lachten der König und die Höflinge unverhohlen über die putzige Figur des Sekretärs, der indessen Geistesgegenwart genug besaß, seiner peinlichen Lage eine spaßige Wendung zu geben, indem er bemerkte: »Sire, ich bin nur das Probemuster des Sekretärs; er selbst kommt nach.« Die üble Stimmung, unter der Galiani während der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Paris litt, schlug jedoch in ihr Gegenteil um, als er durch die diplomatischen Kreise mit Grimm und durch diesen mit den Schöngeistern der Gesellschaft und den Führern der Literatur, mit Diderot, Holbach, Helvétius, d'Alembert und deren Freundinnen, Frau von Epinay und Julie von Lespinasse, bekannt wurde: was ihm in der seichten Lebewelt des Hofes geschadet hatte, trug hier, unter Männern von Geist und Talent, zu seinem unwiderstehlichen Erfolg als Gesellschaftsmensch bei. Am Donnerstag speiste er bei dem französisierten. Baron Holbach aus Heidelsheim in der Pfalz, dem »Haushofmeister der Philosophie«, an dessen Tisch man, wie der Abbé Morellet zu melden weiß, Gespräche führte, die den Donner des Himmels herabgezogen hätten, wenn Menschenworte diesen Donner wecken könnten. Am Freitag traf sich die »Synagoge« (wie Grimm den Kreis seiner Freunde zu nennen pflegte) bei dem gutmütigen Helvétius, um, in Gegenwart von Damen, das ewige Problem der Moral und Eigenliebe zu erörtern. Am gleichen Tage empfing, von 1764 ab, die »Schwester« Necker, die Gemahlin des kommenden Staatsmannes, ihre Freunde, um bei einem mäßigen Essen politische Fragen zu erörtern und die Zukunft ihres heißgeliebten Gatten, an die sie mit der Blindheit einer Verliebten glaubte, vorzubereiten. Wer das Bedürfnis empfand, die Gerichte dieser Festmähler in angeregtester Gesellschaft zu verdauen, fand dann in dem Salon der Julie de Lespinasse, die mit d'Alembert unter einem Dache lebte und, ihrer Armut wegen, keine Diners geben konnte, einen angeregten Kreis, wo man die neuen Feldzugspläne beriet und sich nicht mit theoretischen Erörterungen begnügte, sondern den heiligen Krieg der Vernunft gegen alles Unvernünftige predigte. An anderen Tagen konnte man den kleinen Abbé bei der Meisterin vollendetster Salonkultur, bei der gewandten Bourgeoise Madame Geoffrin treffen; und im Sommer weilte er zuweilen in dem schönen Schlosse Grand-Val, bei der Schwiegermutter Holbachs, von wo aus Diderot jene Briefe an Sophie Volland schrieb, aus denen uns das treueste Echo der Gespräche entgegenklingt, an denen sich die Gäste berauschten. Die Männer, zu denen Galiani in vertrauteste Beziehungen trat, waren d'Alembert und der Deutsche Friedrich Melchior Grimm (geboren am 20. Dezember 1723 als Sohn eines Pastors in Regensburg). Auch dieser hochgebildete Fremde, der französischeste aller deutschen Köpfe, geriet im Gefolge des Adels nach dem Olymp des Geistes: er kam als Hauslehrer des sächsischen Grafen Schomberg (Schönberg), im Alter von achtundzwanzig Jahren, nach Paris, wo es dem Schüler Gottscheds sehr rasch gelang, sich eine Stellung in der vornehmeren Welt zu verschaffen. Schon als Sekretär des jungverstorbenen Grafen Friesen, des lebelustigen Neffen des Marschalls Moritz von Sachsen, brachte er es so weit, daß er sich nicht nur der Freundschaft der Familien Voltaires und Diderots, sondern auch der Unabhängigkeit rühmen konnte, die ein gebildeter Geist verlieh: allwöchentlich gab er den französischen Literaten ein diner de garçon , das eine Reihe der feinsten Köpfe anzog. Seine Bildung, die allerdings nicht an die des Abbé Galiani heranreichte, seine Gelassenheit im Umgang, seine Zuverlässigkeit und Klugheit brachten ihn dann rasch mit den führenden Geistern der Literatur in Verbindung. Eine kurzlebige Leidenschaft für eine Opernschöne, Mademoiselle Fel, trug dazu bei, daß auch die Frauen, die Herrinnen der Salons, in dem kühlen Streber einen Mann von Herz und Gemüt erblickten, und nun war sein Glück gemacht: von nun an war Grimm, den kein Herzensinteresse an Deutschland fesselte, ganz Wahlfranzose, als welcher es es wagen durfte, in französischer Sprache seine Meinungen über das reiche Leben um ihn her zu äußern. Die kleine Flugschrift »Le Prophète de Boehmisch-Broda« , in welcher er, ganz im Sinne der Enzyklopädisten, für die italienischen Komponisten und besonders für Piccini eintrat, offenbarte einen witzigen Kopf, dem selbst Voltaire seinen Beifall nicht versagte. Im Jahre 1747 hatte der Abbé Raynal, der berühmte Verfasser der »Histoire des deux Indes«, mit der Herzogin Dorothea Luise von Sachsen-Gotha eine Korrespondenz begonnen, welche die Fürstin über die wichtigsten Vorgänge in Paris unterrichten sollte. Im Jahre 1753 wurde Grimm sein Nachfolger, und der kluge Literat begriff sofort, was aus diesem Verhältnis zu einer geistreichen Frau zu machen war. Die »Literarische Korrespondenz«, in der man eine Art Zeitschrift sehen mag, wurde rasch bekannt, und dem Kreis der fürstlichen Abonnenten traten im Laufe der Jahre Friedrich der Große, Katharina II., die Königin von Schweden, der König von Polen, die Höfe von Darmstadt, Zweibrücken, Weimar bei, von geringeren Fürstlichkeiten und Privatleuten ganz zu schweigen. Goethe gehörte zu ihren regelmäßigen Lesern. Grimm konnte sich, mit gutem Recht, als der Bevollmächtigte eines guten Teils des europäischen Kulturadels am Hofe des gallischen Geistes betrachten. Die Korrespondenz, die jeweils am 1. und 15. jeden Monats verschickt und nach den Vermögensverhältnissen der Abonnenten honoriert wurde, ist eine Hauptquelle für die geistige Bewegung der Zeit: sie dauerte bis zum Jahre 1791 und sicherte dem geistvollen Kritiker nicht nur die Unabhängigkeit, sondern auch den weitgehendsten Einfluß, den er trefflich zu seinem eigenen Glück auszunützen wußte. Grimm besprach, als Kritiker und Berichterstatter, die wichtigsten literarischen Erscheinungen des Tages und fügte wohl auch verbotene Bücher, wie die »Pucelle«, den »Rêve de d'Alembert« und andere bei, die in Paris im geheimen von Hand zu Hand gingen. Das Schauspiel, dem er, von einem guten Platz aus, anwohnen durfte, war so reich, daß seine Leser des geistvollen Berichterstatters nicht müde wurden. Auch Grimm schwamm selig in dem glänzenden, vielbewegten Treiben um ihn her; aber als Fremder ahnte er, so gut wie sein Freund Galiani, daß diese Welt, in der auch die ausschweifendste Zukunftshoffnung nur die Lust an der Stunde erhöhte, nicht dauern konnte. Als Schriftsteller gehört er zu jenen mittleren Naturen, denen kein Schöpferdrang die Ausübung ihres Amtes schwer macht, zumal sie in einem scharfen Verstand den unbestechlichsten Richter besitzen: er ist kein großer Kritiker im Sinne Lessings oder Sainte-Beuves; aber seine kühle Sachlichkeit, seine Unbestechlichkeit, sein Sinn für das Bleibende im Wirrwarr des allzulauten Tages, seine Freimütigkeit vor seinen Abonnenten, die sich allerdings, ob sie nun eine Krone trugen oder nicht, zu den »Philosophen« rechneten, und seine Menschenkenntnis, der selbst Friedrich der Große ein glänzendes Zeugnis ausstellte, machen diese Korrespondenz zu einem der wichtigsten Denkmäler, zu einem bleibenden Kulturdokument der Zeit, aus dem unendliche Belehrung zu schöpfen ist. Auch seine »Denkwürdigkeiten« zeigen die gleiche Klarheit eines Verstandesmenschen, der keine Entwicklung durchmachte, weil er durch die Kühle seiner Natur jeder Leidenschaft enthoben war. Grimm, der alle seine Freunde überlebte, starb am 19. Dezember 1807 zu Gotha. Sein Verhältnis zu der Freundin Galianis, der Frau von Epinay, gehört zu den liaisons célèbres der Zeit. Louise-Florence-Petronille de Tardieu d'Esclavelles wurde um 1725 als die Tochter eines königlichen Offiziers geboren. Zwanzig Jahre alt, vermählte sie sich mit ihrem Vetter, Herrn von Epinay, dem ältesten Sohne des Generalpächters de La Live de Bellegarde. Die junge Frau hatte, wie die meisten ihrer Standesgenossen, ihre Erziehung im Kloster genossen. Wir sind über diese Erziehung ziemlich genau unterrichtet: sie ging darauf aus, aus den jungen Mädchen, die jeweils sehr jung ins Kloster kamen, schon in frühester Jugend Weltdamen en miniature zu machen: zu diesem Zwecke wurde die Natur möglichst früh unterdrückt und dem Tanzmeister und Haarkräusler bestimmender Einfluß auf das junge Wesen eingeräumt. Doch wäre es verfehlt, bei dem Worte Kloster an ein modernes Erziehungsinstitut zu denken, wo gebildete Nonnen als Erzieherinnen walten: das französische Kloster ist im achtzehnten Jahrhundert nur eine Art Salon, dessen Weltlichkeit durch die Nähe des Herrgotts gemildert wird. Das Gitter, welches das Sprechzimmer von der Außenwelt trennte, war, in all diesen Luxusklöstern, im schönsten Stile der Zeit gehalten: es schloß nicht ab; es täuschte nur eine Schranke vor, damit die Würde des Zufluchtsortes in aller Form gewahrt bleibe, ohne die Freiheit der Eingeschlossenen zu beschränken. Als Erziehungsinstitute waren diese Klöster nach dem Muster der berühmten Schule von Saint-Cyr eingerichtet, wo die geborene Schulmeisterin Frau von Maintenon ein Erziehungsideal aufstellte: dieses war, wie schon erwähnt, die Weltdame, und von einer solchen verlangte man zunächst, daß sie in allem, was das Gesellschaftsleben betraf, Leib und Seele in der Gewalt hatte. Die Zeit war übrigens viel zu mild, um alle Triebe der jungen Seelen zu brechen, und so konnten aus diesen Klöstern Frauen hervorgehen, deren Willen und Wesen auch die jämmerlichste Ehe nicht zu dämpfen vermochte. Frau von Epinay glaubte, ihren Mann zu lieben, als sie in die Ehe trat; aber sie sollte bald die unwiderleglichsten physischen Beweise von der Untreue ihres Gatten erhalten: eines Tages entdeckte sie, daß sie ihm, um im Jargon der Zeit zu sprechen, eine »Galanterie«, das heißt eine Geschlechtskrankheit, verdankte, und auch sonst brachte ihr die Ehe nur Enttäuschungen. So darf es nicht wundernehmen, daß die junge Frau an der Seite eines solchen Menschen bald genug von dem Zwiespalt ihrer Gefühle überwältigt wurde. Ihre Hausfreundin, ein Fräulein von Ette, die Geliebte eines Chevalier Valory, suchte sie auf den Weg zu leiten, den sie selbst gegangen war: sie stieß die ängstlich Enttäuschte in die Arme eines Herrn aus ihrer Kaste, des Finanzmanns Franceuil, in dessen Gesellschaft sie eine andere Form der altfranzösischen Liebe oder, da dies Wort zuviel sagt, der Galanterie kennen lernte, bei der das Herz nur mäßigen Anteil hat. Aus den Händen Franceuils geriet die zum zweitenmal enttäuschte Frau von Epinay in die Nähe des Schriftstellers Duclos, der in ihr eine leichte Beute witterte. Der Literat ging, als Eroberer, nach anderen Grundsätzen vor: den Zynismus, den die jungen libertins de qualité unter zarten Manieren und süßem Gerede verbargen, zeigte er, aus taktischen Gründen, offen. Er vertraute offenbar dem Geiste, der alle Begriffe auflöst, mehr als seiner eigenen Persönlichkeit: in dem Tischgespräch, das er im Hause der Schauspielerin Quinault beim Champagner mit seinen Freunden führte, warf er die Maske ab: da nannte er die Scham eine Tugend, die man jeden Morgen mit Nadeln feststecke, und die Moral eine Konvention, die je nach den Ländern und dem Klima wechsele. Frau von Epinay hat uns dieses Gespräch im Hause der Quinault selbst aufgezeichnet, und wir müssen sagen, es ist treuer, als die Schilderungen in den Romanen der Epoche. In dieser Seelenverfassung lernte die junge dreißigjährige Frau den etwas älteren Grimm kennen, und nun kam in ihr Leben nicht nur Gehalt, sondern auch Haltung: die Korrespondentin Galianis entwickelte sich im Zusammenleben mit dem kritischen Weltmanne zu einer geistvollen Frau, deren Ruf schlechter war als ihr Wesen. Die Natur dieser Frau offenbart dabei einen merkwürdigen theoretischen Zug: schon in früher Jugend träumte sie davon, in ihren Kindern bessere Menschen als sie selbst heranzuziehen. Ein Ideal, dem ihr eigenes Leben nicht entsprach, mochte still in der Seele der Mißhandelten wirken, mit der Gewalt, die zum Worte drängt, wenn die Zeit ähnliche Probleme stellt oder einen Sprecher findet, wie er in dem Rhetor Rousseau die Zeitgenossen entzückte. Die »Conversations d'Emilie« , die von der französischen Akademie mit einem Preis bedacht wurden, sind diesem Drange einer Natur entsprungen, das Abbild eines schöneren Lebens in ihren Kindern zu genießen. Frau Epinay starb am 17. April 1783 im Alter von 58 Jahren. Ihre Freundschaft mit Galiani hat in den Briefen des geistvollen Abbé an sie das schönste Denkmal gefunden. Hier in diesen angeregten Kreisen, wo jeder seinen Platz am Festmahl des Lebens mit seinem Geist bezahlen durfte, fühlte Galiani sich sofort heimisch und zufrieden; denn hier trugen selbst seine Schwächen und Eigenheiten dazu bei, seine Gegenwart zu reinem Glück für seine neuen Freunde zu machen, an deren Leben er den innigsten Anteil nahm. Als Nationalökonom eines Landes, wo fünfzigtausend Lazzaroni laut nach Brot schrien, nahm er lebhaftestes Interesse an der Getreidepolitik der französischen Regierung, die im Jahre 1764, in dem berühmten Edikt des Generalkontrolleurs Laverdy, den freihändlerischen Ideen der Physiokraten Rechnung trug und die Ausfuhr freigab. Er sah die Enzyklopädie entstehen; er hörte Tag für Tag, wie ein Kreis geistreicher Männer alles Heil von der Zukunft erhoffte, und nahm, als durchaus kritischer Betrachter, Stellung zu der Weltanschauung der »Philosophen«, das heißt der Enzyklopädisten. Den Eindruck, den Galiani auf die feine Gesellschaft der Salons machte, hat der Literat Marmontel, der zu den Stammgästen des Salons der Frau Geoffrin gehörte, in seinen Denkwürdigkeiten geschildert: »Der Abbé war der hübscheste kleine Harlekin, den Italien hervorgebracht; aber auf den Schultern dieses Harlekins saß der Kopf Macchiavellis. Als Philosoph Epikuräer, aber mit einer melancholischen Seele, und gewohnt, alles von der lächerlichen Seite zu betrachten, gab es für ihn nichts, weder in der Politik, noch in der Moral, was ihm nicht Anlaß zu einem guten Geschichtchen geboten hätte. Diese Geschichten waren immer trefflich auf den Augenblick gemünzt und mit einer feinen, unvorhergesehenen Anspielung gewürzt. Man denke sich dazu in seinem Vortrag die naivste Grazie, und man kann sich vorstellen, welches Vergnügen uns der Gegensatz zwischen dem tiefen Sinn der Erzählung und der schnurrigen Manier des Erzählers bereitete. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß man alles vergaß, um ihm stundenlang zuzuhören. Doch wenn er seine Rolle ausgespielt hatte, war er nichts mehr in der Gesellschaft: stumm und traurig schlich er in seine Ecke, wo er ungeduldig auf sein Stichwort zu warten schien, um wieder aufzutreten. Mit seinen Urteilen verhielt es sich wie mit seinen Anekdoten: man mußte ihm zuhören. Wenn man ihn zuweilen unterbrach, bemerkte er: Laßt mich doch ausprechen. Ihr habt sofort alle Gelegenheit, mir herauszugeben. Und wenn er, nach langen Umschweifen und Schlußfolgerungen, wie dies seine Art war, endlich schloß, entwich er sofort, wenn man ihm entgegnen wollte, und verlor sich unbemerkt in der Menge.« Und der Feuerkopf Diderot schrieb am 30. September 1760 an seine Freundin Sophie Volland: »Der Abbé ist unerschöpflich an geistvollen Wendungen und Zügen; ein Kleinod für Regentage. Ich sagte zu Frau von Epinay, wenn man solche Kleinodien bei einem Kunstdrechsler bekäme, würde jedermann eines auf dem Land haben wollen. Ich wollte, Sie hätten ihn die Geschichte vom porco sacro erzählen hören! In Neapel gibt es Mönche, die das Recht haben, auf öffentliche Kosten, ohne Rücksicht auf das Gemeinwesen, eine Schweineherde zu züchten. Diese privilegierten Schweine heißen bei den heiligen Vätern, denen sie gehören, die »heiligen Säue«. Sie spazieren unbelästigt durch alle Gassen und laufen in die Häuser, und man läßt sie ergebenst gewähren. Wenn ein Mutterschwein da Junge wirft, läßt man ihm und seinen Ferkeln alle Sorgfalt angedeihen: glücklich derjenige, den es mit seinem Kindbett beehrte! Wer ein porco sacro totschlägt, begeht ein Sakrileg. Eines Tages töteten gewissenlose Soldaten ein heiliges Schwein: der Mord erregte großes Aufsehen, und die Stadtverwaltung befahl strengste Untersuchung. Die Missetäter fürchteten, entdeckt zu werden, und kauften zwei Kerzen, die sie anzündeten und neben das porco sacro steckten, über das sie eine große Decke breiteten. Dann stellten sie einen Weihwasserkessel mit einem Wedel zu seinen Häupten und ein Kruzifix zu seinen Füßen auf. Wer zur Besichtigung der Leiche kam, fand sie betend zu Füßen des Toten knien. Einer davon bot dem Leichenbeschauer den Weihwedel; dieser besprengte die Leich[t]e mit Weihwasser und fragte, wer der Tote sei. ›Einer unserer Kameraden; ein schwerer Verlust. So geht es in der Welt: die Guten müssen weg und die Bösen bleiben leben !‹ – Doch ich kann nicht mehr: nicht mich, den Abbé müßten Sie hören. Die Geschichte ist an und für sich jämmerlich; aber in seinem Mund bekommt sie die stärksten, lachendsten Farben und wird zu einer unversieglichen Quelle guter Späße und zuweilen wohl auch moralischer Nutzanwendung.« Seine Erfolge in den Kreisen der Enzyklopädisten verdankte Galiani zum guten Teil dem Harlekin, der in ihm steckte und immer nur auf die Gelegenheit wartete, sein Röllchen zu spielen. Wir wissen, daß er später, in einem Aufsatz über seinen Landsmann Pulcinell, dieser Figur der neapolitanischen Volksposse Süditalien als Heimat anwies, indem er sie auf die altrömischen Atellanen zurückführte, und wir dürfen in dem Abbé selbst den genialsten ihrer Enkel verehren, dem die Pariser Gesellschaft das willigste Ohr lieh, weil schon das Äußere des knirpshaften Diplomaten den unvergleichlichen Mimen unterstützte. Wer begeisterte Zuhörer besitzt, wird dankbar gestimmt, und so machte denn auch der Gesandtschaftssekretär Galiani in späteren Berichten an seinen Gönner kein Hehl aus seiner Vorliebe für die geistige Hauptstadt der Welt: schon im Jahre 1762 war er der Überzeugung, der Aufenthalt in Paris gebe allen eine beständige Überlegenheit über die anderswo Lebenden, und am 5. Dezember 1766 erklärte er: »Eure Exzellenz verlangt von mir eine Erklärung meiner Vorliebe für Paris und hört nicht auf, sich über diese Vorliebe zu wundern. Ich erkläre mich. In Neapel ist mir keine andere Neigung sicher; ich kann nicht bestimmt sagen, daß mich jemand außer Euer Exzellenz lieb habe. Doch die anderen, die mich liebten und es behaupteten, – liebten sie mich oder den Freund Tanuccis? War diese Liebe Strahl oder Spiegelung? Liebten diese Verwandte, Freunde, Vertraute usw. mich oder den Handelsrat und seine Zukunft? Liebten diese braven Leute mich oder den Neffen jenes Monsignore Galiani, der den einen zum Bischof, den anderen zum Professor und den dritten zu ich weiß nicht was machte? War es Dankbarkeit, war es Neigung? Die Beantwortung dieser Frage ist für mein Herz und für meine eifersüchtige Eigenliebe, der alle Reflexe verhaßt sind, eine heikle Sache ... In Paris bin ich ganz ich. Und dieses Ich ist ein Nichts. Wenn mich also hier jemand lieb hat, und das tun viele, muß ich wohl diese Frage, die mir in Neapel Angst macht, als beantwortet betrachten.« Und am 23. Februar 1767 schrieb er an den Minister: »Ein Körperchen wie das meine, unfähig, seine schwankende Gesundheit zu ertragen, aus Gewohnheit träge, ohne Schutz von seiten der Verwandten und adliger Vorfahren, die einen Edelsitz gestohlen oder Schriften gefälscht und sechzehn Ahnen nachgewiesen haben; kurz, jemand, der sozusagen kein Vaterland und in seiner Heimat niemand als einen Freund zählt – Tanucci unter den zahllosen Völkerschaften der Heiden – ist nicht geschaffen, um zu drängen, Widerstand zu leisten, im Strudel zu rennen und sich zu drehen; ist ein hohles Ding, ist eine Tauschware, ist eine leere Hülse, ein Auswurf, etwas Erledigtes. Und da jedes Ding nach seinem Orte strebt, bin ich nach Paris gefallen, wo ich, aller Wahrscheinlichkeit nach, ewig bleiben werde.« Man sieht, es fehlt diesen geheimen Berichten Galianis durchaus nicht an persönlichen Bekenntnissen, obwohl sie, in ihrer Mannigfaltigkeit, einen durchaus würdigen Ton beibehalten, ohne die bekannte südländische Vertraulichkeit auszuschließen. Zuweilen verrät ein Spaß, ein Wort oder ein Vergleich aus dem neapolitanischen Volksleben den Schalk, der sich mancherlei herausnehmen darf, weil er weiß, daß sein Gönner, den er mit der Gewissenhaftigkeit eines Musterbeamten bedient, unter allen Umständen auf ihn zählen kann. Um die Klagen Galianis recht zu verstehen, muß man seine eigentümliche Stellung am Hofe und das Verhältnis zu seinem Chef im Auge behalten: der spanische Gesandte, Graf von Cantillana, vertrat nicht nur den König von Spanien am Hofe der allerchristlichsten Majestät, sondern auch das Königreich Neapel, das im Wiener Frieden (1738) zu einer Sekundogenitur der spanischen Linie des Hauses Bourbon geworden war. Minister des Königreichs beider Sizilien war der schon erwähnte Marchese Tanucci, den Karl III. zum Vormund seines unmündigen Sohnes, des Königs Ferdinand IV. von Neapel, und damit zum eigentlichen Regenten bestimmt hatte. Das Bestreben des begabten Staatsmannes, der, wie so viele seiner Standesgenossen, den freiheitlichen Ideen seiner Zeit anhing, ging dahin, Neapel von Spanien unabhängig zu machen. Zu diesem Zwecke brauchte er in Paris einen geschickten Agenten und Aufpasser, der den offiziellen Botschafter, welcher seinen Hof mit der steifen Würde eines spanischen Granden erster Klasse vertrat, in jeder Weise überragte, ohne ihn nach außen hin in Schatten zu stellen. Dabei war die Stellung eines Gesandtschaftssekretärs damals viel weniger bedeutend als heute: Jean-Jacques Rousseau, das heißt ein Mensch ohne jede Familie und Verbindung, konnte zum Beispiel einen solchen Posten (in Venedig) erreichen und ausfüllen, und auch Galiani mußte, obwohl er aus einem vornehmen Hause stammte, erfahren, daß er in der offiziellen Welt der Diplomaten und Hofleute zunächst nur als Subalternbeamter galt. Ehrgeizige Menschen, deren Äußeres ihrer geistigen Bedeutung nicht entspricht, pflegen den Zwiespalt zwischen Schein und Sein doppelt schwer zu empfinden, und Galiani war schon durch den Mangel jeglichen Privatvermögens darauf angewiesen, sich auszuzeichnen, um ein Leben nach seinem Herzen führen zu können. Er ließ es nicht an Bitten fehlen, um den König zu veranlassen, seine Zukunft sicher zu stellen, und eine Zeitlang mochte ihn sogar die Hoffnung leiten, Titulargesandter in Paris zu werden. In Wirklichkeit vertrat Galiani von Anfang an seinen Hof auch ohne Botschaftertitel am Hofe Ludwigs XV., und als im Jahre 1760 die Verhältnisse den Grafen Cantillana nach Spanien riefen, führte Galiani, in der Eigenschaft eines neapolitanischen Geschäftsträgers (Incaricato) die Geschäfte mit solcher Gewandtheit, daß sich der König sehr zufrieden zeigte und dem kleinen Abbé sein Porträt auf einem mit Diamanten besetzten Kästchen in feierlicher Audienz überreichte, eine Auszeichnung, wie sie sonst nur beglaubigten Botschaftern zuteil wurde. Man begreift, daß der Herzog von Choiseul das Verhältnis Galianis zum Hofe in Neapel bald durchschaute und gerne einen anderen, weniger begabten Mann an Galianis Stelle gesehen hätte; allein Tanucci kannte die Fähigkeiten seines Schützlings zu gut, um diesen Wunsch des Günstlings der Pompadour zu erfüllen, und auch die gelegentlichen Klagen des Gesandten, der in seinem putzigen Sekretär den verkappten Spion witterte, fanden kein geneigtes Ohr bei dem Minister. Die erste Erschütterung erfuhr diese merkwürdige Zwitterstellung, deren Glanz von anderer Seite kam, als man im Jahre 1764 einige vertrauliche Briefe Galianis an Tanucci auffing und in französischer Sprache veröffentlichte. Galiani hielt es für angemessen, zu Beginn des Jahres 1765 um einen Urlaub einzukommen, den er zum Teil auf Ischia verbrachte. Als er im Mai 1766 im Begriffe stand, nach Paris zurückzukehren, übertrug ihm der Hof die Prüfung eines Staatsvertrages mit einer auswärtigen Macht, und Galiani entwickelte dabei eine solche Geschäftskenntnis, daß ihn der König zum Handelsrichter ernannte. Galiani hätte in dieser Stellung in Neapel bleiben können; allein er hatte sich zu sehr an die Süße des französischen Lebens gewöhnt, und so finden wir ihn im Jahre 1766 wieder in Paris, als regelmäßigen Berichterstatter seines Gönners Tanucci, dem sicherlich viel daran liegen mochte, von einem scharfsichtigen Agenten bedient zu werden. Die nun folgenden Berichte Galianis verraten einen Beobachter ersten Ranges: aus ihnen spricht der überlegene Geist eines Staatsmannes, der Menschen und Dinge mit dem vorurteilslosesten Auge der Welt betrachtet: die Jesuiten, die er nicht liebte, – sie hatten es seinerzeit verhindert, daß sein Onkel den Kardinalshut erhielt –, die Generäle des Siebenjährigen Krieges und die Maitressenwirtschaft am Hofe, alles zieht der geistvolle Abbé in den Kreis seiner Betrachtung, ohne jemals in frivole Weitschweifigkeit oder tugendhafte Entrüstung zu verfallen. Doch der Geist übt niemals ungestraft sein Richteramt auf dieser Erde: im Jahre 1769 wurde Galiani ganz plötzlich aus Paris abberufen. Erst die neuere Forschung hat die Ursache dieser plötzlichen Abberufung, die wie ein jäher Sturz aussah, enthüllt: sie ist in der Stellung des Ministers Tanucci zu dem sogenannten Pacte de famille zu suchen, der 1761 die beiden Linien der Bourbonen zu einem Bündnis vereinte. Bis gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts war Frankreich seiner alten Politik treu geblieben, wonach die Bekämpfung der Vormachtstellung der habsburgischen Monarchie zu den Erbschaften des französischen Einheitskönigstums gehörte. Das Emporkommen der Pompadour, deren Herrschaft zwanzig Jahre, von 1745 bis zu ihrem Tode, währte, bedeutete nicht nur ein kulturelles Ereignis für Frankreich; es führte auch eine Wende in der Politik Ludwigs XV. herbei. Ob nun der persönliche Groll gegen den Spötter Friedrich von Preußen, der die Maitresse mit seinen Epigrammen reizte, ob der Versuch der Kaiserin Maria Theresia, in Frankreich einen Bundesgenossen gegen das aufstrebende Preußen zu gewinnen, an diesem radikalen Wechsel der französischen Politik Schuld trug, Tatsache ist, daß die Pompadour in dem neuen Bündnis ihr eigenstes Werk sah und dessen Ziele mit Zähigkeit zu fördern suchte. Es fehlte der offiziellen Maitresse Ludwigs XV., an deren Bedeutung für die französische Kultur kein Zweifel mehr bestehen kann, durchaus nicht an Ehrgeiz, wenn auch ihre Hoffnung, den schlaffen Genüßling Ludwig XV. aus seiner Langeweile aufzurütteln, nur von kurzer Dauer war und sehr rasch dem Bestreben wich, ihre schwach fundierte Macht um jeden Preis, und wäre es auch der schmählichste, zu behalten. Als Werkzeuge ihrer persönlichsten Politik erwählte sie, bezeichnenderweise, zwei Männer aus gutem Hause, die sich auf ihre Art im Dienst der Venus hervorgetan hatten: der eine war der künftige Kardinal Bernis (1715-1794), der Genosse der Liebesabenteuer Casanovas in den Klöstern und kleinen Häusern zu Venedig, und der andere der Graf von Stainville, der künftige Herzog von Choiseul (1719-1785). Der Abbé de Bernis, den sie aus den Boudoirs weg als Gesandten nach Venedig schickte, trug die Verantwortung für die Niederlagen Frankreichs im Siebenjährigen Kriege weniger leicht als seine Herrin: als Friedrichs Sieg bei Roßbach (am 5. November 1757) Frankreich vor ganz Europa lächerlich machte, suchte er einen ehrenvollen Frieden herbeizuführen, stieß aber auf heftigsten Widerstand und wurde schließlich in seine Abtei Saint-Médard in die Verbannung geschickt. Der gewandte Grandseigneur Choiseul, der vor aller Welt als der Geliebte der Pompadour galt, trug kein Bedenken, die antipreußische oder, wenn man will, antinordische Politik der Pompadour weiterzuführen, und als der bourbonische Pacte de famille zustande kam, mochte es scheinen, als stehe nun der romanische Süden in geschlossenem Bündnis gegen die Nordmächte Europas da. Der Marchese Tanucci aber, dem vor allem die Unabhängigkeit des Königreichs Neapel am Herzen lag, sah bald ein, welchen Fehler er begangen hatte, als er die Abschließung des Patto di famiglia zuließ, und von nun an widersetzte er sich der von Choiseul erstrebten Familienpolitik der Bourbonen und Habsburger nach Kräften. Dazu kam ein anderes: als sich der Sohn Karls III. von Spanien, Ferdinand IV., der König beider Sizilien, für den Tanucci während seiner Minderjährigkeit die Regentschaft führte, im Jahre 1766 mit Maria Karoline, einer Tochter der Kaiserin Maria Theresia, vermählte, wurde durch einen Vertrag ausgemacht, daß die Königin in allen Regierungsangelegenheiten eine beschließende Stimme haben sollte, sobald sie Ferdinand einen Sohn geboren habe. Mit dieser Klausel war der Einfluß des österreichischen Hofes auf die neapolitanische Politik gesichert, und Tanucci mußte, in der Verfolgung seiner rein neapolitanischen Politik, darnach trachten, diesen Einfluß zu durchkreuzen. Die Lage wurde kritisch als die Engländer, die das habsburgisch-bourbonische Familienbündnis mit scheelen Augen sahen, mit Rußland eine Koalition gegen Frankreich schlossen, und auch Dänemark, das der bei vielen als halber Abenteurer geltende Baron von Gleichen (1735-1807) in Paris vertrat, aufforderten, diesem Bündnis beizutreten. Dänemark begann mit der Ausrüstung einer Flotte. Choiseul erhob dagegen Einspruch, ohne etwas zu erreichen. In diesem kritischen Augenblick erfuhr der Herzog, daß Galiani, den er als Vertrauensmann Tanuccis kannte, eine Unterredung mit dem dänischen Gesandten gehabt hatte. Eine Abschrift der Depesche Gleichens, die den Inhalt dieser Unterredung wiedergab, gelangte in Choiseuls Hände: der Baron von Gleichen teilte darin dem dänischen Hofe mit, daß er aus dem Munde Galianis wisse, der neapolitanische Hof sei dem bourbonischen Familienvertrage nicht beigetreten und werde jedenfalls die erste Gelegenheit benützen, Europa darüber aufzuklären, daß er seine Unabhängigkeit den Höfen von Madrid und Frankreich gegenüber zu wahren gedenke. Den Gerüchten gegenüber, aus denen eine ähnliche Auffassung der Dinge sprach, entschloß sich Choiseul zu energischem Handeln: um wenigstens den Anschein zu retten, als sei das Königreich beider Sizilien mit den bourbonischen Plänen einverstanden, verlangte er von dem spanischen Hofe die Abberufung Galianis. Karl III. von Spanien ging darauf ein und erteilte durch seinen Minister Grimaldi dem Marchese Tanucci sofort die nötigen Weisungen, und zwar in Form eines scharfen Tadels. Obwohl Tanucci wußte, daß Galiani als sein Vertreter gehandelt hatte, mußte er, um seine eigene Stellung zu retten, seinen Vertrauensmann fallen lassen. Am 6. Mai 1769 ging von Portici aus folgende Depesche an Galiani ab: »Der Marchese Tanucci an Don Ferdinand Galiani. Es ist der Wille des Königs, daß Eure Exzellenz vier Tage nach Empfang dieser Depesche Paris verlassen und in Neapel Ihren Posten am obersten Handelsgericht antreten. Dies zur Erledigung im Namen des Königs.« Diese plötzliche Abberufung traf Galiani, der sich bewußt war, in allem nur die Befehle seines Ministers ausgeführt zu haben, wie ein Donnerschlag. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sich zu rechtfertigen; allein seine Stellung zum Hofe zu Neapel, von der Politik ganz abgesehen, gebot ihm zu schweigen. Mit welchen Gefühlen Galiani die Heimat seiner Seele verließ, zeigt der undatierte Brief, den er vor seiner Abreise an seinen Freund d'Alembert schrieb: »Ich sage Ihnen, mein lieber d'Alembert, lebewohl. Ich habe nicht den Mut, persönlich Abschied von Ihnen zu nehmen; es sind schreckliche Augenblicke für ein fühlendes Herz, da es sich für immer von seinen geliebten, verehrten und geschätzten Freunden trennen muß, die mein Glück während meines Aufenthaltes in diesem Lande gewesen sind. Ade, mein lieber Freund! Ich werde Ihnen schreiben, und ich hoffe, Sie werden mir hier und da mitteilen, wie es Ihnen geht und was die Wissenschaft leistet, damit ich des Glaubens bleibe, ich habe diese Welt noch nicht verlassen. Ade, mein lieber Freund! Gedenken Sie meiner in Ihren reizenden Kreisen. Die süße, zärtliche Erinnerung an einen so würdigen und achtungswerten Freund wird immerdar in meinem Herzen leben. Nunc vale.« Aber noch deutlicher ist der Aufschrei des Abberufenen in einem Brief an Frau von Epinay vom 3. Februar 1770; »Man hat mich aus Paris herausgerissen, und man hat mir das Herz aus der Brust gerissen!« (On m'a arraché de Paris, et on m'a arraché le cœur!) Als Gastgeschenk oder, um mit Galiani selbst zu reden, als Bombe ließ der Scheidende seine »Dialogues sur le commerce des blès« in den Händen seiner Freunde Diderot und Grimm zurück, und mit diesem Buche sorgte er, daß er in den Kreisen, denen die Zukunft des sinkenden Frankreich am Herzen lag, als wirkende Persönlichkeit zunächst unvergessen blieb. Die Abberufung Galianis, der sich auf der Reise gute Weile ließ und erst nach einem dreimonatlichen Aufenthalt in Genua in seiner Heimat eintraf, erregte großes Aufsehen. Der neapolitanische Hof tat indessen alles, um das Opfer seiner Politik zu trösten: der König belobte den Abate brieflich und erhöhte sein Gehalt als Handelsrat auf das Doppelte der üblichen Besoldung, auf tausend Dukaten. Auch dem Minister Tanucci mußte alles daran liegen, seinem Schützling die bittere Pille zu verzuckern. Mit welchen Gefühlen der Abbé seine Verbannung trug – denn als eine solche faßte er von nun an das neue Leben in seiner Heimat auf – das offenbaren seine Briefe an die Pariser Freunde zur Genüge: er wird nicht müde, Paris als das Land seiner Sehnsucht, als sein »Vaterland« zu preisen und seine baldige Rückkehr dahin zu verkünden. Inzwischen aber machte ihm die Drucklegung der »Dialoge über den Getreidehandel« zu schaffen: Maynon d'Invault, eine Kreatur Choiseuls, verbot die Ausgabe des Buches, und diese Nachricht versetzte den Harrenden in die größte Bestürzung. Nur der Umstand, daß Maynon d'Invault als Generalkontrolleur der Finanzen dem Abbé Terray weichen mußte, machte es möglich, daß das Werk Anfang 1770 oder, wie andere wollen, Ende 1769 erscheinen konnte, und Galiani, in dessen Leben das Geld eine große Rolle spielte, durfte scherzen: »Ich bemerke jedoch, daß ein Generalkontrolleur gestürzt werden, daß ungeheure Bankrotte eintreten, daß Staatsumwälzungen heraufbeschworen werden mußten, damit mein kleines Buch erscheinen konnte. Die Nacht, die Herkules gebar, war bei weitem nicht so lang und gewitterstürmisch. Um Gotteswillen, schicken Sie mir nicht die Kritiken; schreiben Sie mir nur, wie der Absatz war. Das ist das einzige, was Interesse für mich hat.« Der Lärm, der im Lager der Freihändler gegen das Buch losbrach, hielt den Heimgekehrten erst recht in Atem: er mußte seine handelspolitischen Ansichten verteidigen, mußte Anhänger werben, seine Gegner, die Ökonomisten, widerlegen und sorgen, daß sein Honorar, 2000 Livres, einging. Über den Streit mit den Ökonomisten, der für Galianis Weltanschauung von höchster Bedeutung ist, geben die Briefe an die Pariser Freunde genauen Aufschluß. Indessen mußte sich der Verbannte, den das Heimweh nach den Pariser Salons verzehrte, wohl oder übel mit der allmächtigen Gegenwart abfinden, und als einziges Trostmittel benutzte er seine Fähigkeit, sein Leid in beweglichen Worten zu klagen: »Wenn Sie mir meine Fröhlichkeit wiedergeben, so werde ich an niemand mehr schreiben; denn hier habe ich sonst nichts, was mich quält, außer dem Mangel an Vergnügungen, an Gesellschaften, an Freunden, an Schülern, an Diners, an Soupers, an Geld, an Gesundheit, an Fröhlichkeit, an angenehmen Geschäften, an Liebe; aber dafür habe ich die Freundschaft des Ministers, den Ärger der Neider, die Gefahr der Verleumdungen, die unabsehbare Schar der langweiligen Menschen, die Prozesse, den Palast, den Hof, auf den Straßen die Dudelsäcke und an den Füßen die Hühneraugen.« Obwohl sich die vornehmsten Häuser um den kleinen Abbé rissen, gereichte es ihm, trotz seiner Eitelkeit, nicht zur Befriedigung, als Orakel des guten Geschmacks zu gelten, und was ihm die Frauen bieten konnten, war auch nicht geeignet, sein Heimweh nach Paris zu stillen. Was die kluge Genferin, Frau Necker von Saussure, in ihrem Reisetagebuch aus dieser Zeit über die neapolitanische Gesellschaft zu erzählen weiß, zeigt, daß auf der Fäulnis, die sich da breit machte, kein Abglanz jenes Geistes ruhte, der alternden Zeiten einen Schimmer von Schönheit verleiht: diese Fäulnis war barbarisch, weil sie der Natur nahe stand, während die Pariser Verdorbenheit einer langwierigen Überkultur entsprang. Mit größter Deutlichkeit spricht sich der französische Geschäftsträger von Neapel, Herr von Bérenger, in einer Depesche an den Herzog von Choiseul über den Hof und die vornehme Gesellschaft aus: »Was die Ehemänner anbelangt, so übertreffen sie an Gefälligkeit noch die der anderen Völker. Der Marchese Santo Marco, ein Sechziger und Hauptmann der Leibgarde, gedachte zwar zu Beginn seiner Ehe ausschließliche Rechte auf seine Frau geltend zu machen; aber er sah bald ein, daß dies unvernünftig sei: ›Da es unvermeidlich ist (meinte er), daß ich in die (bewußte) Kategorie komme, ziehe ich die Manier des österreichischen Gesandten einer anderen vor‹, und so behandelt er diesen als seinen besten Freund. – Der Fürst von Belmonte, der Stallmeister des Königs, benimmt sich gegen Lord Fortrose auf ähnlich anständige Weise. Der Herzog von Palma, den es kränkte, keinen Leibeserben zu haben, ist entzückt, daß der Cavaliere Lomma dafür sorgt, und nimmt, als Eingeweihter, ruhig die Glückwünsche über die Schwangerschaft seiner Frau entgegen, obgleich es ihm nicht unbekannt ist, daß man allgemein an seine Impotenz glaubt. Jener Galingo, der das Herz der Königin zu rühren vermochte, führt seine Eitelkeit spazieren, zum großen Ärger aller, welche die Folgen fürchten. Er war der anerkannte (affiché ) Geliebte der Fürstin von Aliano, die in der Königin keine Nebenbuhlerin sehen wollte. Schließlich gab sie ihrem Günstling aber doch den endgültigen Abschied. Ihr Verhältnis war zu offenkundig, als daß der Bruch nicht Aufsehen gemacht hätte. Die Königin, die eigentlich Schuld daran trägt, erschrak über das Ärgernis, das daraus entstehen mußte: sie bat die Fürstin Aliano flehentlich, ihren Geliebten wieder in Gnaden aufzunehmen; sie hat sich durch Bitten erniedrigt, aber diese Frau ist standhaft geblieben. Da Galingo mit seinem Gehalt als Stallmeister nicht auskommt und nicht mehr auf die Unterstützung von seiten der Fürstin Aliano rechnen kann, hat ihm die Königin eine monatliche Geheimpension anweisen lassen, welche die Prinzessin Butere ausbezahlt. Der Ton der Vertraulichkeit, Unschicklichkeit und Zügellosigkeit, der an diesem Hofe herrscht, ist unbegreiflich. Da für die Bälle in Caserta ein Hofrang erforderlich ist, sagte die Herzogin La Tripalda zu der Königin: ›Gestatten Sie, daß ich meinen Geliebten mitbringe. Er liebt mich sehr, ich liebe ihn ebenfalls so, und wo er nicht ist, langweile ich mich.‹« In dieser Welt der Titelsucht, pomphafter Aufdringlichkeit und plumpen Sinnengenusses mußte der Freund Diderots und Grimms leben; kein Wunder, daß ihn das Gefühl der Vereinsamung nicht verlassen wollte. So tat er sich mit einigen Herren zusammen, die das gelobte Land des Geistes und seine Hauptstadt aus eigener Anschauung kannten, um Paris zu spielen; aber dem verwöhnten Schöngeist kamen diese Soupers, an denen der österreichische General Koch, der französische Gesandtschaftssekretär, der venetianische Gesandte und der dänische Baron von Gleichen teilnahmen, wie eine Aufführung Molières in einer Jahrmarktbude vor. Der Plauderer, der Philosoph, der Harlekin, der Schöngeist brauchte ein hochgesteigertes Leben um sich, um sein eigenes zu fühlen: in dieser Stimmung begrüßte er selbst den Sturz seines früheren Gönners, des Marchese Tanucci, der im Jahre 1776 von dem ränkesüchtigen Sizilianer Sambuca verdrängt wurde, als willkommene Abwechslung in dem Einerlei, das ihm das tägliche Leben im »Lande der Lethargie und des Schlafes« bot. Unter solchen Zuständen blieb dem enttäuschten Weltmann nichts anderes übrig, als sich seinem Beruf mit Hingebung zu widmen und schriftlichen Verkehr mit seinen Pariser Freunden zu pflegen: wir verdanken dieser anhaltenden Geistesstimmung die unvergleichlichen Briefe, die zu den bedeutsamsten Dokumenten des 18. Jahrhunderts gehören. Als Beamter war Galiani von äußerster Gewissenhaftigkeit; seine Sitzungsberichte zeichneten sich durch solche Knappheit und Genauigkeit aus, daß ihn Ferdinand IV. ein Jahr nach seinem Amtsantritt zum Sekretär des obersten Handelsgerichtes ernannte, was Galiani mit dem Witz quittierte, er sei Handelsherr in einem Lande, das keinen Handel habe. Nicht selten kam es vor, daß sich der Hof die staatsmännischen Fähigkeiten des Abbés zunutze machte, indem er ihm wichtige Geschäfte übertrug oder sein Gutachten einholte. Galianis Gehalt stieg auf 1600 Dukaten, und dazu kamen noch die schon erwähnten namhaften Einkünfte aus seinen Pfründen. Dennoch litt der galante Abate an ständigem Geldmangel; als man ihn eines Tages nach den Gründen fragte, entgegnete er mit jenem Zynismus, der vielleicht Nietzsches einseitig hartes Urteil, der Abbé Galiani sei der scharfsinnigste, aber vielleicht auch schmutzigste Mensch seines Jahrhunderts gewesen, hervorgerufen hat: »Weil ich alle Laster habe.« Als er sein Testament verfaßte, begann er mit den Worten: »Die, welche meine Art zu leben kannten, werden nicht erstaunt darüber sein, daß ich so wenig Geld und Gut hinterlasse.« Der österreichische Kämmerer Graf Hartwig, der Italien im Jahre 1775 bereiste, bemerkt in seinem Tagebuch über den berühmten Schöngeist: »Ebenso galant und zärtlich wie Ovid und Chaulieu, haben ihn die Schönen noch mehr beschäftigt als die Musen, und seine Sinne gelten als so lebhaft wie sein Geist.« Galiani selbst pflegte aus seiner Auffassung der Liebe, wonach diese ein Vergnügen ist, das leider Geld koste, kein Hehl zu machen, und als ihm Frau von Epinay gelegentlich zu verstehen gab, er müsse die bekannte Pariser Kupplerin Gourdan auch gekannt haben, lehnte er diese Unterhaltung mit gespielter Entrüstung ab, indem er erklärte, er habe alles nur aus erster Hand gekauft und daher stets gute Ware um billigen Preis erhalten. Seiner Geliebten, einer Frau de la Daubinière, die Galiani in Paris zurücklassen mußte, ließ er durch Frau von Epinay, wie aus einem Schreiben vom 8. September 1770 hervorgeht, eine Monatsrente von zwölf Livres auszahlen, aus einem Gefühl der Menschlichkeit, wie er sich auszudrücken beliebt, und von dieser Geliebten, die im Januar 1771 starb, besaß er zwei Kinder, die, vielleicht zu ihrem Glücke, der Mutter im Tod vorangingen. Indessen wird man gut tun, vor solchen Menschlichkeiten niemals zu vergessen, daß Galiani zu den fanfarons de leurs vices gehörte und es vorzog, sich lieber selbst bloßzustellen, als einen Witz auf der Zunge zu behalten. Um so musterhafter benahm sich der galante Onkel, als echter Südländer, als gefeiertes Haupt der Familie Galiani, die zahlreich genug war und sich, wie der Abbate selbst berichtet, aus fünf Schwestern, drei Nichten, einem Neffen mit Frau und Kindern, einer Tante von mütterlicher Seite, mit ihrem Anhang, aus Schwager, Schwägerin, dreißig Vettern und einem Hundert entfernter Verwandter zusammensetzte. Man kann sich denken, wie diese hungrige Gesellschaft in einem Lande, wo die Familie, als Erbin römischer Anschauungen, aufs innigste zusammenhält, dem großen Manne des Hauses auf dem Halse lag. Der Bruder Galianis, der Marchese Bernhard, starb ohne jegliches Vermögen und hinterließ drei Töchter, von denen die eine häßlich und bucklig, aber trotz dieses Gebrechens heiratslustig war. Es war eine Riesenaufgabe, die Mädchen an den Mann zu bringen; aber der diplomatische Onkel löste sie spielend: selbst der Buckligen verschaffte er einen Gemahl, was ihm, wie er mit lachender Ironie erzählt, die allgemeine Achtung der Neapolitaner eintrug. Seine Mußestunden füllte der Weltmann, der von seiner Jugend her den Ruf eines Münzkenners genoß, als Sammler aus: er sammelte Kameen, Bilder, Vasen, Waffen, absonderliche Seltenheiten, alte Klassiker in schönen Ausgaben und feingestochene Partituren. Wenn sich der Junggeselle unter seinen Schätzen allzu einsam fühlte, spielte er mit seinen Angorakatzen, deren Gehaben ihm Gelegenheit zu philosophischen Späßen bot. Am 6. Mai 1777 wurde Galiani, der sich der besonderen Gunst des Königs erfreute, zum Vorsitzenden der Domänenverwaltung – er selbst nennt sich Ministre des domaines – und kurz darauf zum Sachwalter des Fiskus ernannt; auch das Amt eines Zensors fiel ihm zu, als 1777 eine französische Truppe in Neapel Vorstellung gab, und als geborener Realpolitiker scheute sich der Freund der Philosophen keineswegs, Molières » Tartuffe « ohne weiteres zu verbieten. Obwohl ihn seine Ämter aufs höchste in Anspruch nahmen, fand er noch Muße zu literarischen Arbeiten: aus dem Jahre 1772 besitzen wir ein kleines »Gespräch über die Frauen«, das zuerst 1789, in den » Tablettes d'un curieux «, erschien; von ihm stammen Plan und Szenenführung der komischen Oper » Il Socrate immaginario «, zu der Paesiello die Musik und Giambattista Lorenzi die Verse schrieb. Galiani hatte seinem satirischen Hang nachgegeben und bekannte Persönlichkeiten Neapels karikiert, so daß der »Eingebildete Sokrates«, obwohl er bei der Aufführung im Oktober 1775 den lebhaftesten Erfolg davon trug, bald darauf verboten wurde. Im Jahre 1779 erschien Galianis Schrift über den neapolitanischen Dialekt » Del Dialetto napoletano «, dessen zweiter Teil, das Wörterbuch, erst nach seinem Tode 1789 herauskam. Zu gleicher Zeit machte er sich über die Angst seiner Landsleute vor den Ausbrüchen des Vesuv in einem Schriftchen lustig, das den Titel führt: » Spaventosissima descrizione dello Spaventoso spavento, che ci spaventò tutti, coll' eruzione del Vesuvio, la sera dell' otto agosto del corrente anno, ma (per grazia di Dio) durò poco, di Onofrio Galeota, poeta e filosofo all' impronto. « (Höchst erschröckliche Beschreibung des schröcklichen Schröckens, so alle Leut erschröckete beim Ausbruch des Vesuvius, am Abend des 8. Augustus laufenden Jahres, aber (Gott sei Dank!) nicht lang andauerte, von Onophrius Galeota, Unverfrorenheits -Poet und -Weltweiser.) Mit den Jahren hatte Galiani seine geheime Hoffnung, Frankreich, das Land seiner Träume, je wieder betreten zu können, aufgegeben, und als im April 1783 seine alte Freundin Frau von Epinay starb, war auch das letzte Herzensband, das ihn noch an Paris fesselte, zerrissen. Bald darauf gingen auch Diderot und d'Alembert dahin, und von nun an beschied sich Galiani, als Neapolitaner zu leben, den nun nur noch ein langsam spärlicher werdender Briefwechsel mit Paris und seinen europäischen Gesinnungsgenossen und Verehrern verband. Katharina II. spricht unaufhörlich von ihm in ihren Briefen an Grimm, und wie hoch sie ihn schätzte, beweist die Tatsache, daß sie auch zuweilen seinen Rat einzuholen pflegte. Der große Musterkönig des aufgeklärten Absolutismus, Friedrich der Große, und eine Reihe kleiner Fürsten, wie der Herzog von Sachsen-Gotha und der Erbprinz von Braunschweig, unterhielten Beziehungen zu ihm, und alle Fremden von Ruf suchten in Neapel die Bekanntschaft des gefeierten Abate: als Kaiser Josef II. seine Schwester, die Königin Karoline in Neapel besuchte, wollte er keinen andern Begleiter als den Abbé Galiani. Der europäische Ruhm Galianis wirkte mit der Zeit auch auf seine Landsleute, auf den Hof und die Stadt: immer höher stieg das Greischen in der Gunst des Königspaares; immer wieder erhielt er, von Zeit zu Zeit, zu seinen Ämtern ein neues Amt oder eine neue Sinekure. Im Jahre 1782 wurde er Beisitzer des obersten Finanzrates, welches Amt seinen Fähigkeiten und Neigungen in besonderem Maße entsprach und ihn deshalb so sehr freute, daß er, ein halbes Wunder, sogar auf seinen Gehalt verzichtete. Als Entschädigung für diese Anwandlung von Großmut verlieh ihm der König die Abtei Surcoli, die ein Einkommen von 1200 Dukaten abwarf. Kurze Zeit darauf wurde er Besitzer einer anderen Finanzbehörde, des Fondo di separazione, welche Stellung zwar nur 700 Dukaten abwarf, aber dafür um so größeren Einfluß gewährte. Als Faust im kleinen dachte der Abbé daran, den alten Hafen von Bajä wiederherzustellen und das Mare morto, den altrömischen Kriegshafen am Kap Misenum, durch einen schiffbaren Kanal mit der offenen See zu verbinden; desgleichen plante er eine Ableitung der stehenden Wässer des Fusaro-Sees und, als Liebhaber des Altertumes, die Erneuerung des Kanals zwischen dem Averner- und Lucrinersee: schon hatten die Arbeiten an diesem Werke unter seiner Leitung begonnen, da traf ihn am 13. Mai 1785 ein schwerer Schlaganfall, von dem er sich jedoch soweit erholte, daß er im folgenden Jahre eine Reise nach Apulien unternehmen konnte. Da indessen seine Gesundheit schwankend blieb, rieten ihm die Ärzte zu einer Fahrt durch Italien, und Galiani trat diese am 7. April 1787 an: er besuchte Venedig, Modena, Padua und wurde überall mit der höchsten Auszeichnung aufgenommen; doch die Zerstreuungen der Reise, die just in die Zeit fiel, da Goethe in Neapel weilte, vermochten das Gefühl, daß er nicht mehr lange zu leben habe, nicht aus der Seele des Gealterten zu bannen. Der Heimgekehrte pflegte zu scherzen: »Die Toten langweilen sich tödlich da unten und haben mir eine Einladung geschickt, baldmöglichst bei ihnen zu erscheinen und sie ein bißchen aufzuheitern.« Früher, im Jahre 1770, hatte der lachende Sinnenmensch an seine Pariser Freundin, Frau von Epinay, geschrieben: »Der Tod ist eine häßliche Sache. Glauben Sie mir: die alten Philosophen, die da behaupten, der Tod sei nichts, sind Schwätzer. Leben Sie also und leben Sie möglichst lange!« Nun war er gefaßt. Als der Leidende am 7. Oktober von seinem Landgut Santo Sorio am Vesuv aus dem feierlichen Empfang im Königsschloß zu Portici beiwohnte, ermahnte ihn der König, sofort einen Arzt zu befragen: dieser kam am folgenden Tage und stellte Wassersucht, ohne Aussicht auf Heilung, fest. Die Königin Karoline, die, wie ihr Gemahl, dem geistvollen Abbate sehr zugetan war, benützte die Krankheit des Freigeistes, um ihn zu christlicher Einkehr zu mahnen; doch der Kranke erklärte in seiner Antwort, daß er die Grundsätze der ewig gültigen Moral und der wahrhaftigen Religion immer in seinem Herzen getragen habe. Seine Freigeisterei hielt ihn indessen, wie später Talleyrand, nicht ab, die Formen zu erfüllen, deren Hochhaltung einem Würdenträger der katholischen Kirche beim Sterben ziemt: er ließ seinen Beichtvater rufen; er hielt, von seinen Freunden und seiner Familie umgeben, anstatt zu beichten, eine kurze Rede, in welcher er der Hoffnung Ausdruck gab, daß er, als katholischer Christ, Verzeihung seiner offenbaren Sünden finden werde; dann empfing er die letzte Ölung und begleitete, als höflicher Hausherr, den Priester bis zur Tür, mit den Scherzworten: »Man kann sich auch einmal für den lieben Gott bemühen, nachdem man sich so viel um die Menschen gemüht hat!« Die ganze Stadt nahm lebhaftesten Anteil an dem Befinden des Kranken, der es darauf angelegt zu haben schien, die Heiterkeit seines Geistes bis zur letzten Stunde zu zeigen. Als ihn am Vorabend seines Todes der Doktor Gatti, sein alter Freund, besuchte und bemerkte, er habe, anstatt in Gesellschaft der französischen Gesandtin in die Oper zu gehen, seine Gesellschaft vorgezogen, spöttelte der Kranke: »Ich soll Ihnen wohl dankbar sein? Aber, mein Lieber, ich weiß, Sie betrachten mich als einen Harlekin, dessen Späße Ihnen mehr Vergnügen machen, als die Scherze in der Oper, und Sie sind nur gekommen, um das letzte Vergnügen zu genießen, das ich Ihnen bereiten kann.« Und als der englische Premierminister General Aston, den Galiani nicht leiden mochte, zwei Stunden vor seinem Verscheiden vorsprach, sagte der Sterbende zu seinem Diener: »Melde der Exzellenz, daß ich sie nicht empfangen kann, denn mein Wagen wartet. Und sage ihr auch noch, daß man ihr auch den ihrigen bald schicken wird.« Mit solchen Scherzen auf den Lippen starb der Abbé Ferdinand Galiani am 30. Oktober 1787, im Alter von 58 Jahren und zehn Monaten. Seine Leiche wurde in feierlichem Zuge in der Himmelfahrtskirche der Cölestiner, in Neapel- Chiaia, an der Seite des Bischofs Galiani beigesetzt. Alle Notabilitäten Neapels, Klerus, Adel und viele Trauergäste aus dem übrigen Italien nahmen an der Beisetzung teil. Wilhelm Weigand [1] An Frau Necker Genua, den 17. Juli 1769 Madame, unter der großen Zahl der von mir geliebten Personen, die ich in Paris zurückgelassen habe, war es mir unmöglich, den oder diejenige auszuwählen, die die Erstlinge meiner Briefe empfangen würden; ich hatte beschlossen, sie der zu widmen, von der ich zuerst träumen würde. Denken Sie sich, Madame, von Ihnen habe ich zuerst von allen geträumt! Zuerst von allen, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Sache ist sonderbar, aber gewiß und wahrhaftig wahr! Ich träumte, Sie wären in einer Stadt halbwegs von Paris nach Marseille, ich besuchte Sie auf meiner Reise und war entzückt, bei Ihnen Suard, Marmontel und – o besondere Freude! – Ihren Gatten zu finden. Man hatte soeben erfahren, daß Herr Gatti bei Chanteloup auf der Jagd erschossen worden sei. Gatti kam hinzu und erzählte uns selbst, auf welche Weise er getötet wurde. All dies erschien mir im Traum sehr natürlich und sehr vernünftig. Ich lag halb ausgestreckt auf einem Sofa, Sie saßen bei mir mit gerührter Miene. Ich bewunderte Ihren Pantoffel, und als guter Architekt berechnete ich, nach den Regeln des Vitruvius, nach der Schönheit des Fußgestells die Schönheit der Säule. Sie fanden wie gewöhnlich das alles sehr erstaunlich und sehr gleichgültig, wie es ebenfalls Ihre lobenswerte Gewohnheit ist. Sie zogen Ihren Pantoffel zurück. Ich fuhr plötzlich aus dem Schlafe auf. Wo ist Madame Necker? Wo ist der Pantoffel? Alles war verschwunden. Statt auf einem guten Sofa fand ich mich auf einem entsetzlich harten Bett, und, anstatt inmitten meiner Freunde zu sein, war ich von Wanzen umwimmelt. O welche Katastrophe! Aber bin ich denn wirklich abgereist? Habe ich den wirklich Paris lassen können? Wo, wie, durch welches Tor? Wie hat es geschehen können? Ich begreife nichts von allem. Nein, es ist ja nicht möglich! Ich bin ja in Paris, ich höre Ihnen zu, ich bewundere Sie, ich finde Sie unnachahmlich. Und was machen die Ungeheuer Ihrer Umgebung? Warum schreiben sie mir nicht? Barbaren! Madame, bezahlen Sie für sie alle und beschämen Sie ihren Geiz! Schreiben Sie mir einen Brief und nehmen Sie sich zum Muster die Briefe, die Ihr Herr Gemahl von seinem Freund aus Bicêtre bekommt: zweiundfünfzig Bogen, gut gemessen! Übrigens sehen Sie am Datum dieser Briefe, daß es einen Monat und länger her ist, seitdem ich Sie nur im Traum gesehen habe, daß ich körperlich in Genua bin, daß heißt: daß ich nicht in Paris bin; überall aber bin ich Ihr sehr ergebener und gehorsamer Diener. [2] An Frau von Epinay Genua, den 17. Juli 1769 Madame, ich bin noch immer untröstlich, daß ich Paris verlassen habe, und noch untröstlicher, daß ich keine Nachrichten weder von Ihnen noch vom faulen Philosophen erhalten habe. Ist's denn möglich, daß dies Ungeheuer in seiner Empfindungslosigkeit nicht ahnt, in wie hohem Grade meine Ehre, mein Ruhm (auf den ich pfeife) und mein Vergnügen und das meiner Freunde (das mir sehr am Herzen liegt) bei der von mir ihm anvertrauten Angelegenheit beteiligt sind, und wie ungeduldig ich auf die Nachricht warte, daß endlich die Ladung das Kap umsegelt und den schrecklichen Engpaß der Revision passiert hat. Denn, wenn dies geschehen ist, bin ich über alles andere beruhigt. Meine Reise ist zu Wasser und zu Lande sehr glücklich gewesen. Sie ist sogar unbegreiflich gut verlaufen. Es war niemals heiß, und auf der Rhône wie auf dem Meer hatten wir immer den Wind im Rücken. Es scheint, als helfe alles, um mich von dem fortzutreiben, was ich auf der Welt lieb habe. Der Heroismus wird also um so größer und bemerkenswerter sein, wenn ich die Elemente, die Natur und die gegen mich verschworenen Götter besiege und nach Paris zurückkomme. Ja, Paris ist mein Vaterland. Man kann mich wohl daraus verbannen, ich kehre doch immer wieder zurück. Erwarten Sie mich in der Rue Fromenteau, im vierten Stock, nach hinten hinaus, bei dem majorennen Mädchen Namens.... Da wird das größte Genie unserer Zeit hausen, – Kost und Wohnung für dreißig Sous den Tag – und wird glücklich sein. Welch Vergnügen zu schwärmen! Leben Sie wohl! Schicken Sie, bitte, Ihre Briefe immer nach dem Gesandtschaftshotel. Ist Grimm von seiner Reise zurück? [3] An Frau von Epinay Genua, den 14. August 1769 Sie haben ganz recht, Madame – keine Kartons! Die Kartons sind nur zu Buchdeckeln gut. In Büchern sind sie gar nichts wert. Etwas schwächliche Stellen sind sicherlich in sehr großer Zahl vorhanden. Meines Wissens wenigstens fünfzig. Aber in bezug auf die Witze bin ich ganz und gar nicht Ihrer Meinung, sondern fand im Gegenteil, es waren nicht genug darin. Sie werden sagen: »Aber sie waren nicht eben geschmackvoll.« Ei, um so besser, Madame. Glauben Sie denn vielleicht, daß alle Leser Geschmack haben? Man muß allen Leuten gefallen. Was für schlechte Witzchen hat nicht der Patriarch Voltaire drucken lassen? Kurz, ich hätte alles stehen lassen; so hätte vielleicht das Buch bei den Dummköpfen sein Glück gemacht – denn Dummköpfe gibt es ja immer die schwere Menge. Aber denken wir nicht mehr daran! Wenn man erfahren wird, in welch schrecklichem Zustand des Kummers und welcher Bedrückung des Geistes dies unglückselige Werk entworfen, geschrieben, vollendet ist – recht eigentlich eine Frühgeburt! – so wird man dem Verfasser nichts vorwerfen können, und die Herausgeber werden sich mehr Verdienst erwerben, wenn sie es so lassen, wie es ist, als wenn sie es überarbeiten. ... Ich habe absichtlich in Genua meinen Anker ausgeworfen; denn hier ist guter Boden, ich bin sicher vor Ebbe und Flut, und die Meeresströmungen können mich nicht auf die Felsen Neapels treiben. Ich habe Anker und Schiffswinden verdoppelt und hoffe, mich vom Schiffbruch zu retten. Es handelt sich nicht um mein Vergnügen allein, es handelt sich um mein Leben. Ich fühle, und alle Tage mehr, daß es physisch unmöglich ist, fern von Paris zu leben. Beweinen Sie mich für tot, wenn ich nicht wiederkomme. Sie hätten mir ein großes Vergnügen bereitet, wenn Sie mir mitteilten, wer die gewissen Leute in Neapel sind, die an gewisse Leute in Paris Schlechtes über mich geschrieben haben; ich hätte gern die Einzelheiten gehört, die sie berichtet haben. Ich beunruhige mich natürlich deswegen kein bißchen. Ich habe das glänzendste Lob von meinem Hofe empfangen über meine Talente, meine Rechtschaffenheit, meinen Eifer und die Dienste, die ich der Krone geleistet habe; diese Depesche machte sogar die Runde in der ganzen Stadt Neapel. Mein Gehalt als Handelsrat beträgt fast das Doppelte dessen, was gewöhnlich die andern erhalten. Sie können also meinen Freunden sagen, daß ihres Freundes Galiani Ehre nicht bedroht ist. Geld und Würde sind überaus große Annehmlichkeiten, aber man muß auch die Ehre für etwas rechnen; denn sie ruft ein gewisses angenehmes Jucken hervor, das man sehr gut »Tugendkitzel« nennen könnte... Ich ließ durch den Fürsten Pignatelli meinen lieben Freund Schomberg grüßen. Wenn er über meine Abwesenheit jammert, so fluche ich wie ein Grenadier über die seine. Er ist eben Militär, ich bin Abbé. Um mich zu trösten, lese ich von Herrn de Silva die »Gedanken über die Taktik«; er verlängert die Bajonette und verkürzt die Gewehre, um mehr Erfolg im Kriege zu haben, wie die Jesuiten das Credo verlängerten und die zehn Gebote verkürzten, um besser in der Welt durchzukommen; und dann plaudere ich über das Gelesene mit meinem lieben Schomberg, der mich nicht hört. Ja, Himmeldonnerwetter noch mal! ich komme wieder, und sollte ich alles opfern: Ich kann nicht wo anders leben, und es ist wahrhaftig einerlei, ob man vor Kälte in Paris oder vor Langeweile in Neapel stirbt. Haben Sie mich lieb! Ich verdiene es. Grüßen Sie vielmals all meine Freunde von mir; aber ich habe nicht den Mut, sie Ihnen zu nennen und sie vor meinem Geist vorbeispazieren zu lassen; denn dann müßte ich mich aus dem Fenster stürzen, und die Wohnungen liegen hier sehr hoch. Sagen Sie nichts der Baronin, denn ich verabscheue sie. Sie liebt ihr Pferd mehr als mich, obgleich ich sie niemals hintenüber geworfen habe. Leben Sie wohl! [4] An Frau Necker Genua, den 28. August 1769 Madame, der Teufel hole die (zarten) Gefühle! Wenn ich welche habe, so möge Gott es mir verzeihen, sie sind wahrhaftig nicht das Beste, was ich habe! Ich habe ja, Gott sei Dank, nur wenig; aber Sie, Madame, Sie haben einen ganz verteufelten Haufen! Ihr reizender Brief vom 29. hat nur diesen einzigen Fehler. Sie sprechen mir wieder von Gefühlen. Warum erzählen Sie mir nichts von Pantoffeln? Was riskieren Sie dabei? Ich bin in Genua, und Sie sind in Paris. Wissen Sie, wenn Sie so fortfahren, so kann ich wohl tagsüber an Sie denken, doch nicht mehr nachts von Ihnen träumen. Sie sehen, ich bin lustig. Aber glauben Sie mirs nicht! Ich bin traurig und unglücklich, und es tut mir weh, es Ihnen sagen zu müssen. Ich suche mich zu zerstreuen und gebe mich närrischer Lustigkeit hin. Ich amüsiere alle Welt, nur mich selbst nicht. Verfalle ich nur einen Augenblick lang darauf, an Paris und meine Freunde zu denken, so bin ich verloren! Ich bin nicht mehr dort; aber Sie sind dort, das sind die beiden Ausgangspunkte meines traurigen und trostlosen Grübelns. – Aber sie werden wieder hinkommen, wird man mir sagen. – Was weiß ich davon? – Also Sie werden fern von Paris sterben? – Das ist sicher und nicht sehr trostreich. – Aber Sie sind doch noch nicht tot? – Das ist allerdings auch sehr wahr. – Sie werden sich also daran gewöhnen? – Wie die Teufel ans Höllenfeuer. Das ist peinlich, aber es ist schließlich das einzige Gute an der Hölle und der einzige Trost der Verdammten. Ich habe noch einen anderen Trost hier, das ist die Gesellschaft des berühmten Lomellino, eines wunderbar geistvollen Mannes. Nach zwanzig Jahren ist seine Trauer um Paris noch nicht vernarbt. Er spricht mit Entzücken von der Schönheit der Frau Marschallin de Luxembourg, von der naiven Anmut der Dumesnil, von der Lebhaftigkeit Montcrifs, von den witzigen Einfallen des Herrn de Maurepas, von den unbesonnenen Streichen des Herzogs von Nivernois. Seine übrigen Freunde sind gestorben. Diesen Kummer werde ich nicht zu tragen haben, denn ich werde vor den meinigen sterben. Aber, Himmel, was für einen Winselbrief schreibe ich Ihnen! Sprechen wir lieber wieder von unseren Pantoffeln ... Erinnert sich Frau de Marchais noch meiner? Ist Fräulein Clairon zurückgekehrt? Es war ein Kummer weniger für mich, daß sie von Paris abwesend war, als ich wegreiste. Ich brauche Sie nicht zu fragen, ob sie sich meiner erinnert; sicher ist das der Fall. Fräulein von Lespinasse wird sich auch meiner erinnern, denn sie ist höflich, anständig, hat ein sehr gutes Gedächtnis, viel gelesen, viele Bekanntschaften, und ich bin für sie ein Buch, das sie einstmals ohne Langeweile las. Madame Geoffrin.....doch nein, von ihr will ich nicht sprechen. Ich würde noch nicht die Kraft dazu haben. Von Madame de la Ferté-Imbault dagegen können wir sprechen, sie liebt mich und ich sie, wie die Engel sich lieben, wie unser heiliger Thomas sagt, der nicht Euer Thomas ist, aber ein viel besserer Theologe war und entdeckt hatte, daß die Engel sich ebensogut in der Ferne wie in der Nähe lieben, ohne sich zu sehen, ohne sich zu sprechen. Sie sind sehr glücklich, wenn sie dabei Vergnügen empfinden. Sie haben mir versprochen, mir häufig zu schreiben; werden Sie aber Wort halten? Schreiben Sie mir mit der Post direkt hierher, aber lassen Sie sich von jemand die Adresse schreiben. Ihre Briefe gleichen Sokrates: Die schönste Seele im häßlichsten Körper. Ihre Briefe sind so schön, wie die Aufschrift abscheulich ist. Das sage ich, um dem Abbé Morellet ein Vergnügen zu machen, und nicht, um Sie zu kränken. Es würde Ihnen nicht anstehen, die Briefumschläge sorgfältig zu schreiben; solche Alltäglichkeit, Niedrigkeit paßt nicht gut zum Erhabenen Ihrer unaussprechlich hohen geistigen Innerlichkeit. Jetzt geht mir das Papier aus. Vergessen Sie nicht meine Empfehlungen an Ihren besten Freund, Herrn Necker, auszurichten. Ich habe ihn außerordentlich lieb, und das sage ich nicht, um Ihnen den Hof zu machen. Ich finde mein reinstes Vergnügen daran. Man wird mir vorwerfen, daß ich noch nicht an den unvergleichlichen Marmontel und all die anderen geschrieben; aber an sie zu denken macht mich unglücklich, und ich sollte doch nicht unglücklich sein. Ach, dieser Pantoffel! Glücklicher Schuhmacher! [5] An Frau von Epinay Genua, den 18. September 1769 Madame, wie schnell doch sind die Revolutionen, Umwälzungen und Glückswechsel in dieser Welt! Da bin ich also nun von Zorn-, Verzweiflungs- und Kummerausbrüchen in die der Freude, der Dankbarkeit und der Zärtlichkeit übergesprungen! Darum würde ich, glaub' ich, wäre ich nur hundert Meilen von meinen Freunden entfernt, meine Arme und meine Lippen ihnen entgegenstrecken – was sind hundert Meilen, eine Bagatelle! – aber freilich zweihundert – da muß ich doch danken! Endlich, Madame, werde ich gedruckt! Hurra! Sie, die Sie Mutter sind, können sich gewiß ein Vaterherz vorstellen. Warum schicken Sie mir nicht ein paar Bogen? Ist Ihnen die Portoausgabe zu hoch? Halten Sie meine Ungeduld nicht länger hin, ich bitte Sie! Schicken Sie alles, was schon gedruckt ist, hierher an Herrn Reiny, Konsul Seiner Allerchristlichsten Majestät. Ich werde es sehen, ich werde es lesen, ich werde vor Entzücken aus dem Häuschen geraten und sagen: Ist es möglich, daß ich so viel Geist habe? Wer wird mir's glauben? ... Es ist mir angenehm zu hören, daß die Nachrichten von meiner Ungnade von Neapel aus nach Paris gelangt sind. Ich wußte schon im voraus, daß ich nur in Paris Freunde habe, und daß es in Neapel nur Neider, Bösewichte und Dummköpfe gibt. Muß ich dahin, großer Gott? Daniel im Löwensee; denn in alten Zeiten lebten die Löwen im Wasser! Madame Geoffrin hat die Caprice, alle Unglücklichen zu verabscheuen: sie will nichts damit zu tun haben, sie will das Unglück anderer Leute nicht einmal sehen. Das hat seinen guten Grund. Sie hat ein feinfühliges Herz, sie ist bei Jahren, es geht ihr gut, sie will sich ihre Gesundheit und Ruhe erhalten. Sobald sie hört, daß ich glücklich bin, wird sie mich ganz närrisch lieben. Versuchen Sie, mich Herrn von Sartine in Erinnerung zu bringen. Ach, welch ein Mann, welch ein Beamter, welch ein Freund! Bitten Sie ihn um eine Stelle als Polizeiinspektor für mich. Ich werde in Paris bleiben und ihn oft besuchen. Lieben Sie mich immer! Sagen Sie mir, sind Sie weniger unglücklich? Was machen Ihre Kinder, Ihre Geschäfte, der König, die Finanzpächtereien? Leben Sie wohl! Wie danke ich Ihnen, wie erkenntlich bin ich Ihnen! Aber das sehen Sie ja schon mit Ihren Augen, die bis auf den Grund meines Herzens dringen. Ich weiß nicht recht, was ich hier in Genua mache, ich weiß nur, daß ich nicht in Neapel bin, und das ist immer schon etwas. Nochmals adieu, aber ohne Lebewohl! [6] An Frau von Epinay Genua, den 2. Oktober 1769 Madame, so ist's recht: schreiben sie immer, selbst wenn es nichts zu schreiben gibt. Ebenso werde ich Ihnen antworten, wenn ich Ihnen nichts mitzuteilen habe, und das wird schließlich eine sehr interessante Korrespondenz werden. Ich rechne darauf, wenn nichts dazwischen kommt, in sieben oder acht Tagen von hier abzureisen, und es scheint ja, als sollte alles glatt gehen. Zu Allerheiligen bin ich in Neapel. Der Himmel will es so, und alles menschliche Dazwischentreten war nutzlos bis zu dieser Stunde; aber ich bin ja noch nicht tot, und wenn die Gerechtigkeit jedem etwas zukommen läßt, wird auch an mich die Reihe kommen, und dann muß der Himmel tun, was ich will ... [7] An Frau von Epinay Neapel, 18. November 1769 Madame! Aus der Datierung meines Briefes sehen Sie, daß ich meine Reise beendet habe. Der König hat mich sehr huldvoll empfangen. Das ist alles, was ich Ihnen erzählen kann. Ich würde übrigens lügen, wollte ich Ihnen sagen, was ich diesen Frühling anzufangen gedenke. Sicher verbringe ich den Winter in Neapel. Ich konnte Ihnen wegen Zeitmangels noch nicht auf Ihren Brief vom 22. antworten, den ich in Rom erhielt; aber trotzdem habe ich viel an Sie und Ihre Frau Tochter gedacht. Sie werden sich erinnern, daß sie eine kleine Antike wünschte, als Ersatz für die ihr vordem von mir geschenkte und später ihr abhanden gekommene. Überall suchte, wühlte, schnüffelte ich herum. Endlich fand ich etwas, das mir große Freude machte. Es ist eine kleine hübsche Pallas, noch hübscher als die Ihrige, sicher antik und tadellos geschnitten. Sie werden sie hier im Brief finden und, bitte, Ihrer Frau Tochter von mir übergeben. Ich bin entzückt, daß Mutter und Tochter von nun an mit demselben Wappen siegeln können. Minerva wird das Familiensymbol sein... Ich habe dem Baron und Diderot noch nicht geantwortet. Hier werde ich alles in Ordnung bringen. Diese seit den Zeiten Horazens und Virgils zum Müßiggang verdammte Stadt – et in otio natam Parthenopem – wird mir soviel Muße geben, als ich haben will, und mehr. Im umarme den teuern Propheten. Von unserem unvergleichlichen Marquis habe ich einen sehr langen Brief erhalten, worin nichts steht. Ich wünschte, er schriebe mir in Prosa. Leben Sie wohl, behalten Sie mich immer lieb!... [8] Frau von Epinay an Galiani 4. Oktober 1769 Ja, soll ich denn niemals einen ruhigen Augenblick haben! Immer Unruhe, Geschäfte etc. etc. Welch stumpfsinniges Leben führe ich! Mein Schwiegersohn ist hier und hat Zahnweh. Ach, wie er leidet! Er schneidet Gesichter wie ein Verrückter. Seine Frau hat die Kolik. Ragot hat Krämpfe. Rosette bellt, daß mir der Kopf platzt. Ich möchte schreiben, nichts da – es kommt Besuch: eine Dame, die ich nie gesehen habe; sie will das Haus sehen. Das Haus soll vermietet werden, darum müssen denn wohl Leute kommen, um es sich anzusehen! Diese Frau ist eine Schnüfflerin, eine Schwätzerin. »Madame, Ihre Dienerin, – Ihre sehr ergebene, Madame. – Madame, dies Haus scheint reizend, o mein Gott, wie können Sie da fortziehen? Ist es Ihrs? Aber vielleicht sind Sie nicht gern auf dem Lande? – Verzeihen Sie mir, Madame, es tut mir leid... – Ist es vielleicht ungesund? Es ist viel Wasser hier. Sie sehen zart aus. – Madame, dies Haus hier ist nicht ungesund, aber ich... – Ah, Madame, da fließt ja wohl die Seine? – Nein, Madame, das ist ein Kanal. – Und die Möbel? bleiben die Möbel im Hause? – Madame, der Kanal muß mitgekauft werden, und die Möbel werden alle drei Jahre herausgefischt.« Wahrhaftig, das habe ich gesagt! so verdutzt war ich über all ihre Fragen und Dummheit. Übrigens hat dies Zerlegen und Inventarisieren des Hauses etwas Betrübendes an sich; es macht mich so traurig, daß ich all meine Kraft aufbieten muß, um nicht zu weinen. Alles, was ich je hier getan, was ich angeordnet, was ich gepflanzt habe, schien mir nie so schön, so interessant wie jetzt. Aber ich habe Außenstände, die mir nicht gezahlt werden, und ich weiß nicht, wann sie eingehen. Ich habe Kinder, Schulden, alte Dienstboten, die ich ablohnen muß. Die Rechtlichkeit verlangt, daß ich mich aufs Notwendigste beschränke; aber ich verberge Ihnen nicht, wie hart mich das ankommt. O, welcher Makel fällt auf meine Freunde, daß sie ruhig zusehen, wie sich über meinem Haupte soviel traurige und bisweilen sogar zur Verzweiflung bringende Umstände ansammeln! Sie allein könnten durch Ihre Freundschaft den Fortschritt des Trüben, das täglich mehr und mehr über mich hereinbricht, aufhalten! Sie können sich denken, welchen Platz in der Liste des für mich Erfreulichen Sie einnehmen! ... Ich glaube, zum Trost für all das Unheil, das mich verfolgt, werde ich Schullehrerin werden, oder richtiger gesagt, ganz einfach Entwöhnerin. Tief aus den Pyrenäen ist meine kleine zweijährige Enkelin angekommen, ein originelles kleines Geschöpfchen. Sie ist schwarz wie ein Maulwurf, von spanischer Gravität, von wahrhaft huronischer Wildheit. Dabei hat sie die schönsten Augen der Welt, eine gewisse natürliche Anmut, ein Gemisch von Güte und Ernst in ihrem sehr ausgesprochenen und für ihr Alter sehr eigenartigen Persönchen. Ich wette, sie wird einmal Charakter haben, sicher. Und damit sie fest darin werde, habe ich Lust bekommen, dies kleine Geschöpf zu erziehen. Ich werde mir damit eine schreckliche Fessel anlegen. Ich kenne mich, ich muß es reiflich überlegen; oder vielmehr: ich muß das nicht tun und gesenkten Hauptes in diese neue Schlinge gehen, die mir das Schicksal gelegt hat; ihr Geschick wird darum nicht schlechter sein. Nun, das ist ein entscheidender Grund. Also abgemacht! Morgen nehme ich sie von ihrer Mutter fort, ich nehme sie zu mir, und dann wollen wir einmal sehen, was aus einem Kinde werden wird, das in voller Freiheit und ohne jeden Zwang aufwächst. Das wird für Paris ein ganz neues Beispiel sein. Denken Sie sich: ich bin die einzige, vor der sie keine Angst hat. Sie lächelt mir zu, Abbé, verstehen Sie? Und dann heißt sie Emilie. Welch reizender Name! Wie könnte man da widerstehen! ... [9] An Frau von Epinay Neapel, 18. Dezember 1769 Madame, ... Ist's möglich, daß der beste der Menschen, der würdigste Beamte, der Weltmann, der mich am meisten liebt und den ich am meisten liebe und achte, mit einem Wort: daß Herr von Sartine leichten Herzens mich und mit mir einen ehrenhaften Buchhändler zugrunde richten will? Hätten Sie das geglaubt, Madame? Hätte man glauben sollen, daß das einzige Buch in respektvollem Ton, das bis jetzt über das Gebiet der Verwaltung geschrieben worden ist, auf soviel Schwierigkeiten stoßen würde, während man doch das Erscheinen der blutigsten (und zugleich langweiligsten) Satiren erlaubt? Ich bin froh, Madame, daß Sie einmal mit einer meiner Angelegenheiten zu tun gehabt haben, damit Sie sehen, wie unglücklich man sein kann, ohne es verdient zu haben. Möge der Baron mir jetzt sagen, daß die Würfel nicht gefälscht sind! so faselt er. Wenn alles vom Zufall regiert würde, so wäre keine Ungerechtigkeit in der Welt. Nichts ist so gerecht wie der Zufall. Es liegt in seiner innersten Natur, gerecht zu sein. Er fällt nach rechts, nach links, immer parteilos, immer gleichgültig, immer gleichmäßig, immer ausgeglichen, aber die Würfel sind gefälscht, und da liegt der Has im Pfeffer! Legen Sie dem Baron diese Schwierigkeiten vor und bringen Sie ihn zum Schweigen! Keine Ungerechtigkeit geschieht, wenn das Spiel ehrlich und ohne Schikane ist. Ich schreibe Ihnen in einer hundsschlechten Laune, und daran ist ganz allein Herr von Sartine schuld. Ich würde mich leicht über alles trösten, wenn mein nachgeborenes Kind glücklich wäre. Machen Sie ihm die sanftesten, aber auch bittersten Vorwürfe. Beißen Sie ihn, kneifen Sie ihn, kratzen Sie ihn, um ihm Vernunft beizubringen. Was hat er davon, wenn er mich zugrunde richtet? Kann er mich hindern, das Werk in Holland oder sogar hier drucken zu lassen? Ein Herr Godard, berühmter volkswirtschaftlicher Schriftsteller, hat soeben hier ein schrecklich blutiges Werk, betitelt ›Naples‹ , gegen unsere Verwaltung veröffentlicht, und man hat ihn gewähren lassen. Wird sich Herr von Sartine von uns an Liebe zur Preßfreiheit übertreffen lassen? Es gibt also keine Briche mehr! Nun, was liegt daran! Steht denn die Champfleuristraße noch? Ich werde eine Dachkammer dort im vierten Stock durch meine lichtvollen und dunklen Schriften unsterblich machen. Sie geben mir den Rat, nach dem Kongo zu gehen, um glücklich zu sein... Alle Wetter, es gibt hier keinen Weg, um nach diesem – abgesehen von der schlechten Luft – fruchtbaren und glücklichen Lande zu kommen. Dennoch will ich auf Sie hören. Ich werde es versuchen, und wenn ich ohne Unfall ankomme, so werde ich's Ihnen schreiben. Erinnert sich denn der liebenswürdige Baron Studnitz meiner noch? Nun, wenn ich nicht nach dem Kongo gehe, so werde ich nach Gotha kommen, um ihn zu umarmen und den Rest meines Lebens bei dem Fürsten zu verbringen, der juxta cor meum ist, wie David, der auch nicht mehr wert war als ich, nach dem Herzen unseres Herrgotts war. Ich habe weder dem Marquis, noch meinem lieben Grimm, noch dem Abbé Morellet, noch dem Baron von Gleichen bis jetzt geantwortet, und auch hieran trägt nur Herr von Sartine die Schuld. Wenn Sie mir meine Fröhlichkeit nicht wiedergeben, so werde ich an niemand mehr schreiben; denn hier habe ich sonst nichts, was mich quält, außer dem Mangel an Vergnügungen, an Gesellschaften, an Freunden, an Schülern, an Diners, an Soupers, an Geld, an Gesundheit, an Fröhlichkeit, an angenehmen Geschäften, an Liebe; aber dafür hab' ich die Freundschaft des Ministers, den Ärger der Neider, die Gefahr der Verleumdungen, die unabsehbare Schar der langweiligen Menschen, die Prozesse, den Palast, den Hof, auf den Straßen die Dudelsäcke und an den Füßen die Hühneraugen. Und Sie wollen, daß ich über die Indische Kompagnie schreibe! I nunc et versus tecum meditare canoros . Ein Wort noch zu Ihrem letzten Brief vor dem vom 4. Sie kommen mir vor wie Balaam und Kaiphas, die, ohne etwas vorher zu wissen, prophezeiten und Gutes sagten, obwohl sie Böses sagen wollten. Sie konnten einem großen, sehr eleganten und sehr hübschen Frauenzimmer nichts Besseres sagen, als: die Möbel fischt man alle drei Jahre aus dem Wasser. Dies ist buchstäblich wahr. Diese Damen haben Extranetze, um alle drei Jahre neue Möbel zu bekommen, und daß sie »ihren Wasserplatz verkaufen«, das ist ebenfalls wahr.... Ich hoffe, der kleine antike Stein, den ich Ihnen schickte, war nach dem Geschmack Ihrer Frau Tochter. Behalten Sie mich lieb und denken Sie nicht, daß ich Sie oder meine Freunde vergesse. Wozu würde mir ein gutes Gedächtnis oder eine lebhafte Einbildungskraft nützen, wenn ich vergäße, was meines Lebens Glück war und vielleicht noch sein wird. Leben Sie wohl! Guten Abend! [10] An Frau von Epinay Neapel, den 20, Januar 1770 Verehrte Dame, in der tiefen Verzweiflung, in die mich die Widerwärtigkeiten stürzten, die meinem Werke widerfuhren, hatte ich nicht den Mut, Ihnen auf Ihren Brief vom 13. zu antworten. Ich sagte: Warten wir ab, sehen wir zu, wie es weiter gehen wird. Der Kurier reiste am 25. von Paris ab, konnte aber die Hindernisse, Schneefälle und ausgetretene Flüsse, nicht überwinden, und so sind wir eine Woche ohne Briefe von Frankreich geblieben. Jetzt empfange ich zu gleicher Zeit Ihre beiden Briefe vom 25. und vom ersten. Ich weiß noch nicht, ob ich jetzt vor Unglück sicher bin, noch auch, ob ich meine armseligen 100 Louis bekommen werde; denn die sind mein ganzer Ehrgeiz, mein Ruhm, meine Tugend. Ich bemerke jedoch, daß ein Generalkontrolleur gestürzt werden, daß ungeheure Bankrotte eintreten, daß Staatsumwälzungen heraufbeschworen werden mußten, damit mein kleines Buch erscheinen konnte. Die Nacht, die Herkules gebar, war bei weitem nicht so lang und gewitterstürmisch. Um Gotteswillen, schicken Sie mir nicht die Kritiken; schreiben Sie mir nur, wie der Absatz war, und ob der Buchhändler den Schatzmeistern der Post und der Bretagne Gesellschaft leisten muß. Das ist das einzige, was Interesse für mich hat... Die Georgica sind für unser Zeitalter kein poetischer Gegenstand mehr. Der Dichter muß einem ackerbauenden Volke angehören und dessen frommen Glauben teilen, um mit Begeisterung und Erhabenheit von Bienen, Lauch und Zwiebeln sprechen zu können. Was soll man anfangen mit eurer traurigen Wesenseinheit und Transsubstantiation? Es gibt zwei Arten von Religionen; die der jungen Völker sind heiter: Ackerbau, Medizin, Ringkunst und Bevölkerungslehre; die der gealterten Völker sind traurig: Metaphysik, Rhetorik, Beschaulichkeit, Seelengröße. Sie führen notwendigerweise zur Vernachlässigung des Landbaues, der Volksvermehrung, der Gesundheit und des Vergnügens. Wir sind alt. Ich will noch ein Wort über Ihren ersten Brief sagen. Sie wundern sich darüber, daß Voltaire in seiner Broschüre ›Tout en Dieu‹ nur zwanzig Seiten gebraucht hat, um vom Urgrund und seinen Wirkungen zu sprechen. Ich bin erstaunt darüber, daß es so viel ist. Wer da sagt: »Alles in Gott«, der sagt damit auch klar und deutlich »Gott ist das All«; denn wer sagt, daß die Zwei und die Drei in der Fünf stecken, sagt zugleich, daß die Fünf nur die Verbindung von drei und zwei ist, und damit ist alles gesagt. Wie zum Henker soll man eine Broschüre mit einer Sache füllen, von der ich nicht zwanzig Zeilen schreiben könnte, ohne ein Gleichnis heranzuziehen. Voltaire hat diesmal Pech gehabt. Er wollte sich als Deist aufspielen, und ohne daß er's merkte, kam dabei der Atheist zum Vorschein. Der Krug geht solange zu Wasser usw. Man muß nie zu lange auf diesen Materien herumrutschen, sonst gleitet man aus. Gerechter ist vielleicht sein Zorn gegen die Fastenzeit und den getrockneten Stockfisch. Ich liebe ihn auch nicht sehr, aber sein Eifern gegen die Feste ist abgeschmackt. Er hält sie für eine göttliche Einrichtung, und darum haben sie ihn verschnupft. Aber er täuscht sich, sie sind eine menschliche Einrichtung. Sie sind nicht für Gott, sondern für den Menschen gemacht, und darum sollte Voltaire sie achten. Er hat wieder mal seinen Hintern mit seinen Hosen verwechselt. Die Adorateurs dagegen mögen nach den Proben, die Sie mir davon geben, wohl ein gutes Buch sein. In einem Dialog muß jeder bei seiner Meinung bleiben ... Leben Sie wohl, liebe, schöne Dame! [11] An Frau von Epinay Neapel, am 27. Tage d. J. 1770 Madame, Ihr Brief vom 6. kommt eben an, und Sie überzeugen mich darin endgültig, daß die Würfel gefälscht sind, trotz allem, was der Baron sagt, der immer in seinem Leben Pasch wirft, während ich nur Einser werfe. Sehen Sie denn nicht klar, daß das einzige, was mich hierbei interessiert – nämlich meine armen hundert Louis – mit unerhörten, unbegreiflichen, unmöglich zu erklärenden Schwierigkeiten zu kämpfen hat? Schwören Sie also, Madame, ich schwöre ebenfalls. Gewisse Heilige wollen beschworen sein, sagte ein berühmter Gichtkranker. Über die Widersprüche Panurgs wundere ich mich gar nicht. Das ist ein Mann, der das Herz im Kopfe und den Kopf im Herzen hat. Seine Vernunftschlüsse sind von Leidenschaft diktiert, seine Handlungen von Prinzipien. Darum liebe ich ihn von ganzem Herzen, obgleich ich meine Vernunftschlüsse anders ziehe, und er liebt mich ebenfalls über alle Maßen, weil er mich für einen kleinen Macchiavell hält. Übrigens glaube ich, daß sein Herz, das tugendhafteste und schönste der Welt, seinen Verstand mit fortreißen und daß er schließlich nicht mehr entgegnen und mich nur noch lieber haben wird. Er wird bei der zweiten oder dritten Lektüre des Werkes bemerken, daß der Chevalier Zanobi nicht ein Wort von all dem, was er sagt, glaubt oder denkt, daß er der größte Skeptiker und der größte Akademiker der Welt ist. Daß er an nichts glaubt, an nichts, nichts, nichts. Aber, bitte bitte, Madame, lassen Sie dieses Wort, das der Schlüssel des Geheimnisses ist, nicht verlauten! Warten wir ab, und vergnügen wir uns damit, zuzusehen, wie lange ich für Paris unverständlich bleiben werde und wie lange es sich über eine endlose Frage erhitzen wird. Grimm allein hatte mich sofort verstanden und erraten, daß das Buch keinen Schluß haben konnte; für die Maulaffen von Paris, die immer Schlüsse haben wollen, mußte er einen Schluß hinzufügen. Übrigens ist das Buch recht wohl das Buch eines Philosophen, und ein solches allein ist fähig, einen Philosophen und Staatsmann heranzubilden, d. h. einen Menschen, der den Schlüssel zum Geheimnis besitzt und weiß, daß das All schließlich zu Null wird. Der Abbé Raynal sagt mit vollem Recht, daß das Werk tief sei. Es ist höllisch tief, denn es ist hohl und nichts drunter. Diejenigen, welche sagten, daß die Prinzipien darin allzusehr herumverstreut wären, haben das vollendetste Lob des Dialogs ausgesprochen; aber ›Gespräche‹ sind in Paris eine fast unbekannte Stilart. Wer sich die Mühe macht, meine Ideen miteinander zu verknüpfen, wird vielleicht den Zweck des Werkes erraten. Sie haben mir den ersten Erfolg der Grenadiersalve der ersten Reihe mitgeteilt. Ich erwarte begierig den Lärm der Trainsoldaten der Armee, der diabolisch sein wird. Aber teilen Sie mir auch ja mit, wie Voltaire darüber denkt. Sie werden sicher ein Exemplar in meinem Namen an meinen lieben Fürsten von Sachsen-Gotha schicken. Veranlassen Sie meine Freunde, die das Werk gelesen haben, mir zu schreiben. Diesmal will ich gern die Portokosten bezahlen. Noch eins: da man den Verfasser kennt, so schmeichle ich mir damit, daß Sie sicher meinen Freunden gesagt haben werden, unter wie traurigen Umständen dies unglückliche Kind empfangen wurde und vorzeitig zur Welt kam. Ich weiß selbst nicht, was es ist, aber ich konnte es nicht ein einziges Mal kalten Blutes lesen. Ich hatte das Originalmanuskript in Ihren Händen gelassen, und so weiß ich nichts mehr davon. Das geht das Publikum nichts an, aber ich hoffe, daß es meine Freunde mit mehr Duldsamkeit lesen werden; denn hoffentlich ruft ihnen die Lektüre die Erinnerung an den Ton meiner Stimme, meine Art zu sprechen, meine Gebärden zurück, und mehr verlange ich nicht. Liebhaben soll man mich, zum Henker, das verdiene ich in jeder Weise; denn es wird lange dauern, bis man in Paris einen liebenswürdigeren Fremden sieht als mich!... An eine zweite Auflage ist ja nicht zu denken, wenn die erste nicht verkauft wird. Falls sie aber doch verkauft werden sollte, so möchte ich der zweiten Ausgabe einen Dialog hinzufügen, worin das System der Lagermagazine – wodurch einzig und allein der Getreidehandel in Frankreich möglich zu machen wäre – auseinandergesetzt wird. Und da ich immer von Geld träume, so wird mir der Buchhändler 25 Louis für diesen neuen Dialog zahlen. Aber – werden Sie mir sagen – können Sie denn fern von Paris Dialoge verfassen? Nein, allerdings nicht. Ich befinde mich hier in einem unbegreiflichen Zustand trauriger Niedergeschlagenheit. Meine Reise nach dem Kongo ist unausführbar. Man macht mir dafür hier den Vorschlag, nach der Insel Kuba zu gehen. Das ist nicht mein Weg, antworte ich traurig. Wissen Sie, was ich jetzt tue? Ich beschäftige mich ernstlich damit, alle meine kleinen Jugendarbeiten zu ordnen, um sie unter dem Namen Juvenilia drucken zu lassen. Sie sind alle italienisch geschrieben. Es sind Abhandlungen, Verse, Prosa, Altertumsforschungen, abgerissene Gedanken. Das alles ist freilich sehr jugendlich. Aber es ist von mir. Leben Sie wohl, meine unvergleichliche Dulcinea. Nicht wahr, Sie haben mich lieb? [12] An Frau von Epinay Neapel, den 3. Februar 1770 Madame, endlich habe ich ein Exemplar des Buches erhalten, das in Paris soviel Staub aufgewirbelt hat; ich las es mit großer Begierde, weil ich mich fast nicht mehr dessen entsann, was es enthielt. Auf Kennerwort! es ist ein gutes Buch. Wenn es dem Abbé Raynal und unserm lieben Schomberg gefallen hat, so bin ich zufrieden. Ich halte unendlich viel auf das Urteil dieser beiden Männer. Madame du Deffand hat, dessen bin ich ganz sicher, es nicht gelesen. Von Duclos weiß ich, daß seine Meinung immer in Widerspruch mit der der ganzen Welt ist. So geht denn alles gut.... Der liebe Abbé Panurg hat sich also den Finger zerschunden, um mich lebendigen Leibes zu schinden und desgleichen vielleicht die Ohren der Hörer. Aber warum widerlegt er mich, da ich doch noch nicht einmal alles gesagt habe? Ich bitte Sie inständigst, Madame, allen denen, die wissen, daß das Buch von mir ist, die traurige Geschichte dieses unglücklichen Werkes zu erzählen. Den letzten Dialog habe ich unter Schluchzen geschrieben, und Sie wissen, daß er nicht fertig ist. Es fehlt daran gerade das Wichtigste meines Systems. Der Abbé sollte mich bis zum Ende anhören. Ist er aber unerbittlich, so legen Sie ihm, bitte, meinen Brief über die Indische Kompagnie vor und machen Sie ihn wenigstens ganz wütend .... Bitte, tun Sie mir den Gefallen, und veranlassen Sie Grimm, Schomberg, den Baron und alle Bekannten, an mich zu schreiben. Das ist nötig für mein Seelenheil. Ich bin verdammt, in Verzweiflung zu sterben, wenn meine Freunde mich vergessen. Tausend Dank an Fräulein von Lespinasse für ihre Beharrlichkeit, womit sie meine schlechten Scherze gut findet. Leben Sie wohl, schöne Dame. Ich kann Ihnen heut abend nicht mehr schreiben. Umarmen Sie meinen lieben Philosophen und umarmen Sie sich selbst in meinem Namen. Hat Herr von Sartine das Blatt über die Einrichtung der Pfandanstalten bekommen, das ich ihm aus Genua schickte? Leben Sie wohl!.... [13] An Frau von Epinay Neapel, den 3. März 1770 Madame, der Brief meines liebenswürdigen Fürsten von Gotha hat mir unendliche Freude bereitet. Wenn ich Ihnen sagte, daß mir sein Beifall wertvoller ist als selbst die Anerkennung Voltaires, so würde ich Ihnen nichts vorlügen. Nur den des Druckers zöge ich allen andern vor, aus guten und stichhaltigen Gründen. Der Fürst sagt mir, daß omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci , aber ich empfehle ihm, dafür zu sagen: Hinfort omne tulit punctum, qui miscuit das Urteil des Druckers und das der Enzyklopädie. Dennoch ist etwas in des Fürsten Brief, was mir seinetwegen leid tut. Er ist zu bescheiden, und er läßt es merken. Ich muß eines Tages eine schöne Abhandlung verfassen, um ihn von dieser Tugend zu heilen. Sie ist überflüssig an einem Fürsten, und sie ist nicht die einzige, die an einem Fürsten überflüssig ist. Verstehen wir uns recht. Ein Fürst soll sich selber gegenüber bescheiden sein; er soll seinem eigenen Wissen mißtrauen und Ratschläge einholen. Sehr gut – aber er soll das niemals einem Menschen eingestehen, nicht mündlich, aber noch weniger schriftlich. Selbst denen gegenüber, welchen er die Ehre erweist, sie zu befragen, soll er imponierend auftreten, so daß sie glauben, er wisse sehr gut über den Gegenstand Bescheid. Die schlechten Ratgeber werden in ihm einen scharfsichtigen Richter fürchten; die guten werden sich schmeicheln, in ihm einen Kenner gefunden zu haben. Verrät er sein Geheimnis, so wird er nie einen guten Rat erhalten; denn sowie der Herr Rat merkt, daß sein Souverän über den Gegenstand nicht Bescheid weiß, wird er sich schön hüten, ihn darüber zu unterrichten; denn er würde daran arbeiten, sich entbehrlich zu machen, und das widerstrebt der menschlichen Natur. Wenn er aber im Gegenteil glaubt, daß der Fürst davon unterrichtet ist, so wird er all seine Kräfte aufbieten, um vor ihm zu glänzen, und wird das Beste all seiner Ware zu Markt bringen. Schließlich: das Wort eines Fürsten ist heilig. Er kann nur einmal sein Wort geben. Wenn er sagt: ›Ich verstehe davon nichts‹, so wird man sich auf ihn berufen. Dies wäre ein Unglück und zugleich, wie im Falle unseres lieben Fürsten, ganz und gar nicht wahr. Freilich hat es vielleicht andere Herrscher gegeben, die, falls sie gesagt hätten: ›Ich verstehe nichts davon‹, damit das einzige heilige, unverletzlich von ihnen gehaltene Wort ausgesprochen hätten; aber diese Fürsten sind tot, von ihnen erzählt die Geschichte. Bitten Sie inzwischen meinen lieben Grimm, dem Fürsten in meinem Namen alles zu sagen, was Herz und Geist ihm eingeben. Er ist Prophet von Beruf, er ist hellsehend. So wird er sehr richtig erraten, was ich alles dieser jungen Menschenpflanze, die Deutschlands Hoffnung und eine Zierde der Menschheit ist, schreiben möchte. Versichern Sie dem Buchhändler Merlin (ich glaube, so heißt er), daß der weise Merlin, im Vergleich zu ihm, nicht zwei Heller wert war: daß ich ihn zu einem viel größeren Zauberer als den andern machen werde, und daß ich ihm schon jetzt die Herausgabe von 193 Bänden, mit denen ich niederkommen will, verspreche, jedes Jahr einen, vorausgesetzt, daß er seinerseits mir ein so langes Leben verschafft. Ich will sogar aus meinen Arbeiten, eine Tontine machen (da es ja bei Ihnen dieses Gezücht nicht mehr gibt), so daß die letzte alle andern aufwiegt und in sich einschließt. Daraus können Sie beurteilen, daß diese Arbeit sehr kurz sein wird. Ja, meiner Treu, kurz wird sie sein; hier sehen Sie sie: Band Einhundertdreiundneunzig x = 0 Das Ganze gleich Null. Macchiavellino Raten Sie mir dazu, dies herauszugeben, ehe die andern erschienen sind? ... Madame, ich habe mich mit den Kritiken und selbst mit den Beleidigungen ausgesöhnt; daher schicken Sie mir nur ruhig alle, die noch erscheinen werden. Wenn die Beleidigungen zu stark sind, so werde ich den Herren Ackerbauern mit einer Broschüre antworten, die zur Vignette den (horazischen) Gott der Gärten haben soll, der ehemals Stamm eines Feigenbaumes war und jetzt Gott der Ökonomisten ist, mit der Umschrift: quantum vesica pepedi. Ich sehe im Geist meinen lieben Grimm bei der Lektüre dieses Briefes vor Lachen sich ausschütten und vor Heftigkeit des Lachens in Gefahr geraten, daß ihm dasselbe passiert. Guten Abend, meine schöne Dame, lieben Sie mich und versetzen Sie in Gedanken mich nach Paris und sich nach der Briche. [14] An Frau von Epinay Neapel, den 24. März 1770 Nun? Was ist denn das, schöne Dame? Sie schreiben mir nicht mehr. Sollten Sie krank sein? Ich zittre bei dem Gedanken, hoffe aber doch, daß dem nicht so sei. Sie haben mir tausend Sachen zu berichten. Sie haben mir die gegen mich erschienenen Broschüren zu schicken. Sie haben mir Nachrichten von meinen Freunden zu geben. Lassen Sie mich nicht im Stich. Ich habe in der Langeweile, die mich erdrückt, keinen anderen Trost als den, recht viele Briefe aus Paris zu empfangen. Ich fürchte Sie erhalten meine Briefe nicht. Wenn dem so ist, so werde ich mich entschließen, Ihnen direkt durch die Post zu schreiben; denn ich habe beschlossen, keine Woche vergehen zu lassen, ohne Ihnen zu schreiben, selbst wenn ich Ihnen nichts zu sagen hätte, wie z. B. heute abend. Ich bitte Sie, Grimm zu sagen, daß ich einen Brief vom Contino aus Potsdam bekommen habe; er hat mein Buch gelesen und schwärmt davon. Behalten Sie mich immer lieb, schöne Dame, und geben Sie mir durch Ihre Briefe die Gelegenheit und Anregung der Phantasie, die mir nötig sind, um Ihnen recht ausführlich schreiben zu können. [15] An Frau von Epinay Neapel, den 31. März 1770 Madame, Ihr Stillschweigen beunruhigt mich fürchterlich. Was ist denn geschehen? Sind Sie etwa wegen meines unglücklichen Buches im Gefängnis? Ist Diderot auch darin? Und Grimm, und der Baron, und soviel andere? Hat man mich vergessen, obgleich ich so viel Lärm machte, damit man sich meiner erinnern sollte? Reißen Sie mich aus dieser Ungewißheit, und, um mich auf dem laufenden zu erhalten, schreiben Sie mir direkt mit der Post. Man hat mir geschrieben, der Abbé Morellet habe von der Regierung Befehl erhalten, auf die Dialoge zu antworten. Er ist also öffentlich als Wache und Polizei der Ökonomisten erklärt und hat Befehl, uns unglückliche Wildlinge der philosophie rurale abzufangen. Geduld! Wir verlassen uns auf unsere Beine, wir werden schon davonkommen. Ich bin bis nach Neapel galoppiert und glaube mich hier in Sicherheit. Kommt der Baron Gleichen hierher, wie man sagt? Sprechen Sie mit ihm von mir. Sagen Sie ihm, er solle mir schöne Angorakatzen mitbringen. Ich verpflichte mich, zu beweisen, daß die freie Ausfuhr von Angorakatzen noch nötiger und vorteilhafter ist als die des Getreides. Aber Sie schreiben mir ja nicht. Das macht mich traurig. Sollten Sie krank sein? Leben Sie wohl! Endigen Sie meine Qualen mit einer schönen, sehr langen und interessanten Epistel. Behalten Sie mich lieb. [16] An Herrn von Sartine, Polizeileutnant Neapel, den 27. April 1770 Mein Herr, wie ist es möglich, daß Sie meinen Brief, den ich aus Genua Ihnen zu schreiben mich beehrte, nicht erhalten haben? Ich antworte darin auf die mir von Ihnen gestellten Fragen über Nutzen und Einrichtung der Pfandleihhäuser. Und was werden Sie zu sich selbst gesagt haben? Was werden Sie gedacht haben? Sie werden mich für einen Undankbaren ohne Verständnis für Wohltaten gehalten haben, für einen Dummkopf, der für Freundschaft, guten Ruf, Hochachtung unempfänglich ist, während ich doch nur ein Unglücklicher bin. Sie müssen nämlich wissen, daß es ein Vergnügen für mich war, Ihren Brief zu empfangen und von Ihnen befragt zu werden, und daß ich mit unaussprechlicher Freude Tag und Nacht daran gearbeitet hatte, auf einem besonderen Bogen die von Ihnen aufgeworfenen Fragen recht ausführlich zu beantworten. Ich sagte mir: Herr von Sartine wird an meiner Eile, womit ich die Gelegenheit ergreife, um ihm zu dienen, doch zum wenigsten erkennen, wie aufrichtig anhänglich ich ihm bin. Schließlich wurde ein stolzes Paket daraus, und ich schmeichelte mir, daß wenigstens die Größe des Umfangs es vor den Gefahren der Post bewahren sollte; aber mit Unglück kämpft man vergebens, und mein Pech geht über meine Kräfte! Ich höre von Frau von Epinay, daß mein Brief und mein responsum nicht in Ihre Hände gelangt sind. Ich hatte den Entwurf aufbewahrt; ich habe diesen nochmals abgeschrieben und schicke ihn anbei. Vielleicht wird die Arbeit jetzt unnütz sein, weil man den wackeren Entschluß gefaßt hat, die Pfandleihhäuser durch Bankerotte zu ersetzen, die ja freilich, wenn man sie recht versteht, ultima linea rerum und deshalb der beste Ausweg sind. Aber Sie werden doch wenigstens sehen, daß ich Ihnen gerne dienen wollte und dies immer tun werde, so oft Sie durch eine Nachwirkung der schönen Sympathie, die Sie zu mir zog, sich erinnern sollten, daß in Neapel Ihr herzlichster Bewunderer wohnt. Ich vergesse Sie nie, und wie sollte ich das auch können? Überall: in Genua, Rom, hier in Neapel traf ich Diebstähle, Mordtaten, dunkle Straßen, Bettler, Schmutz und Häuser, die auf die Köpfe der Vorübergehenden fallen; in Paris dagegen wandelt man bei hellem Laternenlicht erhobenen Hauptes auf reinen Fußsteigen, mit Geld in der Tasche, und es kommen einem höchstens Anerbietungen zur Vervielfältigung des menschlichen Geschlechts in den Weg, aber keine Drohungen, keine Anstalten zu dessen Zerstörung. Aber was in aller Welt macht Frau von Sartine? Warum befaßt sie sich nicht ernstlich damit, uns ein Dutzend kleiner Sartine s zu schenken, um das Glück in allen Hauptstädten Europas zu verbreiten und einzuführen? Glaubt sie denn an dem genug zu haben, den mein Herz dazu bestimmt, eines Tages die gute Stadt Paris zu regieren? Ich möchte ihr zürnen; doch will ich ihr verzeihen, wenn sie mich nicht vergessen hat... Ich sage Ihnen den aufrichtigsten Dank für den Schutz, den Sie gewissen Gesprächen, die rasend gekauft, rasend angegriffen und rasend falsch verstanden wurden, haben angedeihen lassen. Ich habe Frankreich etwas Gutes zu tun geglaubt und wollte besonders einmal wichtige Geschäfte, die nichts mit Metaphysik und nichts mit: Theologie zu tun haben, ohne jenen Enthusiasmus und jene Systematisierungswut behandeln, die alles verderben. Ich werde keine Veränderung in der Behandlung des Getreidewesens bewirken; aber wenigstens ist es mir gelungen, zu entdecken, daß Leute, die ich wegen der Reinheit ihrer ökonomischen Absichten schätzte, und die mir Philosophen schienen, in Wirklichkeit doch nur eine recht kleine Geheimsekte sind, und daß ihnen alle Fehler der Sekten anhaften: kauderwelsche Sprache, System, Geschmack an Verfolgungen, Haß gegen die Außenstehenden, Gekläff, Bösartigkeit, und Kleinlichkeit des Geistes. Sie sind auf politischem Gebiet genau dasselbe, was auf religiösem die Jansenisten auf dem Kirchhof von St. Medardus waren. Sie wären zu fürchten, hätten sie nicht beschlossen, nur in langweiligem Stil zu schreiben. Nun, ein Buch, das nicht gelesen wird, ist so gut wie nicht geschrieben; und ein Buch, das nicht geschrieben ist, soll nicht verfolgt werden. So verzeihen Sie ihnen denn die Schmähungen, die sie Ihnen sagen, wie ich ihnen von ganzem Herzen die gegen mich geschleuderten verzeihe. Ich werde niemals antworten. Ich bin nur von tiefem Dankgefühl gegen eine Nation durchdrungen, die so liebenswürdig ist und mich so lieb gehabt hat. Und ich entledige mich dieser Schuld, indem ich bei jeder Gelegenheit sagen werde, was mir zu ihrem Heil und Wohl zu sein scheint und mit dem Dienst meines Fürsten und dem Wohl meines Vaterlandes vereinbar ist... [17] An Frau von Epinay Neapel, den 5. Mai 1770 Welche verdammte Rasse von Handelsrichtern haben Sie denn? Was ist das für ein Teufelsurteil? Warum soll ich gezwungen sein, zwei Jahre auf Bezahlung eines Werkes zu warten, das in drei Monaten verkauft war? So sollte dieser Spitzbube von Merlin ein verkappter Ökonomist sein, wie es verkappte Jesuiten gibt? Mit einem Wort, ich bin wütend, und mich beruhigt nur der Gedanke, daß dieses Abenteuer Ihnen und all meinen Freunden beweisen wird, wie unglücklich ich bin, ohne es verdient zu haben. So mögen sie mir, wenn sie Unglück über mich hereinbrechen sehen, wenigstens keine Vorwürfe machen, keinen Tadel sagen; aber sie sollen wenigstens endlich einmal wissen, daß die Würfel gefälscht sind und daß es nicht meine Schuld ist. Das Spiel ist nicht ehrlich. Das Glück und die Götter betrügen wie große Schurken, die sie auch sind; und Cato und Brutus, die gutes, ehrliches Geld ins Spiel eingesetzt hatten, wurden dies an ihrem Lebensende gewahr und sagten es allen laut, die es hören wollten. Aber kehren wir wieder zu umsern Geschäften zurück. Ich befinde mich nicht gerade in drückender Geldnot; aber zwei Jahre warten, das ist doch eine sehr lange Zeit! Zwei Jahre unter der Verwaltung des Abbé Terray! das ist schrecklich lange. Zwei Jahre in der allgemeinen Krise! das ist Wahnsinn. Zwei Jahre für einen Verdammten wie mich! das ist lächerlich. Also, reizende Dame, wenn Sie gegen einen Wechsel von mir 1200 Lire, auf Ihren Schreibtisch aufgezählt, erwischen können, so halten Sie sie fest und bezahlen Sie meine Schulden; und was Sie mit dem Rest anfangen sollen, werde ich Ihnen dann schon sagen. Lassen Sie uns so schnell wie möglich aus den tödlichen Schrecknissen und Ängsten, in denen ich mich befinde, herauskommen. Wenn ich dies Geld verlöre, so würde ich zu Panurg sagen: Vicisti, Galilaee . Er hätte recht und ich unrecht... [18] An Frau von Epinay Neapel, den 5. Mai 1770 Während ich die Antwort auf Nr. 3 fertig machte, kommt Nr. 4 an, die ich auch hiermit beantworte. Ihr Brief ist reizend, weil er lang ist; aber er ist wenig angenehm wegen der Neuigkeiten, die Sie mir über die Gesundheit unsres einzigen Marquis und der Frau Geoffrin mitteilen. Diese letzteren machen mich besonders traurig. Ich zittre für sie. Mein Herz sagte mir bei meiner Abreise von Paris voraus, daß ich den Schmerz haben würde, sie nicht wiederzusehen. Ich ging ihr aus dem Wege und das ist der einzige wahre Grund, weshalb ich ihr nicht geschrieben habe. Ich sage Ihnen nichts mehr davon, mein Herz krampft sich bei diesem Gedanken zusammen. Versuchen wir, uns heiter zu stimmen! Ja, sicherlich sind Briefe von mir verlorengegangen; unter andern bat ich Sie in einem, Suard zu sagen, daß ich ihm die Neapolitanische Zeitung nicht geschickt habe (obgleich mir nichts leichter wäre, weil ich alle Woche eine verbrenne); aber sie ist nichts wert. Er müßte sich darin auf mich verlassen. Die Nachrichten von hier, wie die aus Rußland, finden sich alle in der Florenzer Zeitung, die sehr interessant ist, und die wir hier lesen müssen, um zu sehen, was bei uns los ist. Übrigens empfange ich die französischen Zeitungen, die Suard mir schickt, sehr unregelmäßig, und jetzt ist es, wie ich glaube, vier Wochen schon, daß sie mir fehlen. Ich möchte ihn bitten, sie an den Abbé de Vauxcelles zu adressieren; so erwiese er zwei Freunden einen Dienst. Für die Voltaire-Statue würde ich nur einen Beitrag zeichnen, wenn mir ebenfalls eine errichtet würde. Die meinige müßte man in dem schönen neuen Hallenrundbau, im Hotel Soissons aufstellen. Ich würde mich prächtig zwischen Mehlen und Pariser Mädchen ausnehmen. Ich hätte alles, was zur Ernährung und Bevölkerung nötig ist, und mehr würden auch unsere neuen Philosophen nicht verlangen. Ich wünsche ein Kolossalstandbild, damit die Nachwelt nicht wisse, wie klein mein Wuchs war. Der Schutzgenius Frankreichs soll mich mit einem Ährenkranze krönen. An meinem Piedestal will ich vier gefesselte Affen haben, nämlich Dupont, La Rivière, Badot und Ribaud: zwei Abbés, zwei Weltliche, das wird ein hübscher Gegensatz und wundervoll malerisch sein. Auf der Vorderseite der Statue stehe die Inschrift: Ferdinando Triticano (wie Scipio der Afrikaner) ob cives servatos. Aere conlato , in einer Ährenkrone. An den Seiten: An der ersten: Taedio Ephemeridum profligato . An der zweiten: Logomachia rurali divicta . An der dritten: Oeconomistis deletis qui Rempublicam obdormiebant . Dann drei Medaillons unter diesen Inschriften. Im ersten wird man einen Ökonomisten sehen, der niedergebeugt den großen Gott der Gärten anbetet, und der, indem er sich niederbeugt, seine Hinterpartie zeigt. Der gereizte Gott schlägt ihn mit seinem ehrwürdigen Instrument auf den Kopf; auf dem freien Raum steht die Inschrift: Priapo vindici . Auf der entgegengesetzten Seite sieht man eine ökonomische Dame (denn es gibt solche), die der Pomona Früchte und Blumen als Opfer darbringt und dabei vorn ihr Kleid zu hoch aufhebt. Die gereizte Göttin wirft ihr Äpfel an den Kopf. Umschrift: Pomonae ultrici . Endlich, auf der Hinterseite, das dritte Medaillon: Zwei Abbés, Panurg und Badot, die auf einem ländlichen Altar ihre Werke und Schriften Harpokrates, dem Gott des Schweigens, des Schlummers und der Vergessenheit, weihen; der Gott bedeckt aus Dankbarkeit sie und ihre Schriften mit Mohn; Umschrift: Nocti aeternae . Ich weiß nicht, was für Teufelszeug ich schreibe, aber da haben Sie nun ein völlig improvisiertes und über Hals und Kopf niedergeschriebenes Gedicht. Grimm und der Baron sollen darüber lachen! Ich erwarte das heilige, in der Kassette eingeschlossene Depositum und danke der Gesellschaft im voraus, die zusammengelegt hat, um mir's zu schicken; aher wenn Sie meinen Brief empfangen haben, in dem ich Ihnen von meinem hundertvierundachtzigsten und letzten Werk Rechenschaft ablegte, so haben Sie genügend Gegenwert, um der Gesellschaft diese Wohltat bezahlen zu können. Tausend Dank für Voltaires Verse! Ich habe im Auszug des Mercure alles gesehen, was die schmutzigste Bosheit an Treulosigkeiten und Beleidigungen hervorspeien konnte. Desto besser. Diese Leute kennen die Menschen nicht. Ein instinktives Gefühl treibt den Menschen, sich gegen Verfolgung, Bedrückung und Hinterlist zu empören. Man sieht ein unglückliches, nachgeborenes, von seinem Erzeuger verlassenes Werk, das der Gnade des Schicksals preisgegeben ist, und eine Bande von Philosophen (so will ich sie mit Vorbehalt nennen), die sich zusammengerottet haben, um es unter endlosem Geschrei zu zertrampeln. Das Mitleid muß wach werden. Sie werden bald Leute sehen, die herbeieilen, um dem Bedrängten beizustehen. Inzwischen ist das Losungswort ausgegeben; zwischen den Philosophes Civils und den Philosophes Ruraux oder Rustiques ist der Krieg erklärt; es erscheint mir unmöglich, daß die Seite, auf der ein Voltaire, ein Diderot, ein d'Alembert kämpfen, geschlagen werden könnte. Ich werde die Helena dieses trojanischen Krieges sein. Ich bin durchaus nicht darüber erstaunt, daß das Publikum jetzt sagt, Herr Necker und Panurg seien im Einverständnis. Zwei Personen, die durchaus nicht miteinander einverstanden sind, geben dasselbe Resultat wie zwei, die einverstanden sind, wie zwei Verneinungen eine Bejahung ausmachen, und zwei – -Zeichen, in der Algebra minus genannt, eine positive Anzahl ergeben. Tatsache ist, daß der Abbé Morellet, der die Partei der Autorität und Despotie unterstützt hat, recht hatte, und daß Herr Necker, der sich zugunsten der Freiheit erklärte, unrecht hatte. Sie werden glauben, ich träume oder täusche mich; keineswegs. Ich wiederhole es: Morellet war gegen die Freiheit; ich bin imstande, das zu beweisen. Ich weiß nicht, ob er im Geheimen seines Herzens das selber wußte. Es ist ihm vielleicht ergangen wie dem Propheten Balaam, der fluchen wollte und segnen mußte; aber es ist Tatsache. Diesmal ist der Abbé Macchiavellino gewesen und hat den Prozeß gewonnen. Aber genug von diesen Zärtlichkeiten. Sie machen mir das Herz bluten, wenn Sie mir schildern, wie Sie mich vermissen. Sie machen mich weinen, und ich würde Sie in Tränen zerfließen lassen, wenn ich Ihnen sagte, was jedesmal in meinem Herzen vorgeht, wenn ich Ihre Briefe empfange und anfange, Ihnen darauf zu antworten. Wahrhaftig, wäre ich sicher, in Paris jährlich 6000 Lire zu haben, ließ ich all mein Gegenwärtiges, das nicht klein ist, und meine ganze Zukunft, die groß sein kann, im Stich und würde nach dem kleinen Briche fliegen, das ich Sie wiederzunehmen zwingen würde. Aber sehen wir noch ein Jahr zu; wer weiß, was alles kommen wird... [19] An Frau von Epinay Neapel, den 12. Mai 1770 Ihr Brief kommt zusammen mit einem andern, alten an, der vor Alter so weiß ist, daß man die Schrift nur mit Mühe lesen kann. Er ist vom 11. März. In Herrn Perez' Hände gefallen, hat er die Runde durch ganz Europa gemacht und kommt nun endlich bei mir an. Nachdem ich diesen nun glücklich habe, sind nur noch zwei oder drei Briefe von Ihnen ausständig; auch sie werden kommen. Inzwischen danke ich Ihnen, daß Sie mir die Urteile von Marmontel, Creutz und Helvétius mitgeteilt haben. Sie decken sich vollkommen mit dem, was ich erwartet habe. Es sind alle drei in jeder Hinsicht schätzenswerte Männer; aber es tut ihnen not, daß ein Berufener ihnen sagt: Begeistert euch doch mal! Dann tun sie es, und aus ehrlichem Herzen! Dieser jemand hat gefehlt, denn ich war nicht in Paris. Wäre ich dort gewesen, so hätte ich ihnen schroff befehlend gesagt: Findet dies Werk erhaben! und sie hätten es erhaben gefunden. Doch, zweifeln Sie nicht: es werden Zufälle und Ereignisse eintreten, durch deren Verknüpfung sie in meinen Dialogen die Apokalypse finden müssen; und Sie werden sehen, wie sie dann ins Zeug gehen werden. Dem Abbé Morellet habe ich schon in allem Ernst das Geheimnis enthüllt: Anstatt mich zu widerlegen, schreiben Sie einen Kommentar zu meinem Buch! Er wird mich nicht verstanden haben; aber andre werden mich verstehen, und ich zweifle nicht daran, daß man am Ende erraten wird, was ich sagen wollte. Von meinem letzten Dialog ist bis jetzt noch nichts fertig. Manchmal mache ich mir den Kopf damit heiß, aber in diesem unglücklichen Land ist niemand, der mich elektrisiert. Nur die Berührung von Pariser Händen kann jetzt dies Wunder vollbringen: darum ist alles, was ich schreibe, nichts mehr wert; höchstens vielleicht noch meine Antworten ein bißchen. Sammeln Sie also diese; nehmen Sie Abschriften von denen, die ich an andere schreibe, und schließlich werden Sie finden, daß diese gesammelten Bruchstücke doch ein Etwas sind. Was meine Rückkehr nach Paris betrifft, so hoffe ich das beste. Meine Sehkraft wird alle Tage schwächer und undeutlicher; bald werde ich blind sein, und das wird eine schöne Gelegenheit und einen guten Vorwand abgeben, uns wiederzusehen. Ich komme jetzt dazu, auf Ihre Nr. 5 vom 20. April zu antworten... Die Inschrift, die man unten an Voltaires Statue anbringen will, wäre erhaben, wenn man die Kosten von allen Literaten Europas aufbringen ließe. Es wäre schön, den Engländer, den Deutschen, den Italiener und sogar den Kaiser von China, der eben ein Gedicht vollendet hat, als Landsleute Voltaires zu bezeichnen; aber wenn nur Franzosen dastehen, so ist die Inschrift recht flach und würde besser so lauten: A Voltaire, par un transport d'admiration; aber im Lateinischen würde sie wertvoller sein: Voltario, devicta invidia, saeculi sui miraculo, aere eruditorum conlato. Das Lateinische ist die Sprache der Inschriften; die Franzosen werden solche Wunder in ihrer Sprache nie vollbringen können. Ich z. B. könnte in französischer Sprache nur Dialoge oder Komödien in Prosa oder Tragödien in Versen, d. h. immer Dialoge, machen; und das ist natürlich. Die Sprache des geselligsten Volkes des Weltalls, die Sprache einer Nation, die mehr spricht als sie denkt, einer Nation, die sprechen muß, um zu denken, und nur denkt, um zu sprechen, muß mehr als jede andere zur Dialogform führen. Wenn eine Inschrift dialogisch wäre, so würde sie den Verkehr stören, indem die Vorübergehenden auf den Straßen stillstehen würden. Ich habe nicht die Zeit, meinem lieben Grafen Schomberg zu antworten; Sie können ihm sagen, daß sein Brief mir unendliches Vergnügen machte und daß ich ihm sicher in einer langen Epistel antworten werde. Sie lassen ja gar nichts von meinem Gelde hören? Leben Sie wohl. [20] An Frau von Epinay Neapel, den 19. Mai 1770 Ihre Nummer 6 kommt eben glücklich an, und ich bin überzeugt, mein Freund Magallon wird mir keinen Ihrer Briefe verlorengehen lassen; schicken Sie nur immer auf diese Art, denn es ist ein so angenehmes Gefühl, kein Briefporto bezahlen zu müssen. Das Gedicht des Kaisers von China ist wieder ein Triumph für mich. Alle Dummköpfe sind für die freie Ausfuhr und gegen die Chinesen, weil sie weder zu sehen noch zu urteilen verstehen. Ich wünsche zwei Exemplare davon und bitte Sie, sie zu kaufen und Herrn Delorme, dem berühmten Spediteur in der Rue Saint-Honoré gegenüber dem Staatsrat, zu übergeben; er soll sie nach Rom an den Kardinal Orsini schicken, der sie dann dem Marquis Tanucci zustellen wird. Die Transportkosten werden an Herrn Delorme durch den Geschäftsträger bezahlt; den Preis der Bücher bezahle ich. Hoch die Chinesen! Es ist eine alte Nation, die uns für Kinder und Gassenjungen ansieht; und wir halten uns für wer weiß was, weil wir Meere und Länder durchreisen! Bigis atque quadrigis petimus bene vivere, und so tragen wir überallhin Krieg, Zwietracht, unser Geld, unsre Gewehre, unser Evangelium etc. Sie haben recht, der Baron ist zu pedantisch und nicht gerieben genug. Übrigens, glaube ich, könnten Sie Panurg zwingen, Ihnen meinen Brief zu zeigen. Er kann nicht ableugnen, daß er einen bekommen hat. Der Brief wird Ihnen Spaß machen. Die Geschichte mit dem Merlin versetzt mich in so schlechte Laune, daß ich sicher nichts mehr schreiben werde, bis ich nicht meine mir nötigen hundert Louis in blankem barem Gelde eingenommen habe. Geben Sie mir also Nachricht, daß die Wechsel diskontiert sind und daß ich bezahlt bin; dann wollen wir weiter sprechen... Ich weiß nicht, ob ich heut abend meinem lieben, reizenden Grafen Schomberg antworten werde. Ich bin ein Faulpelz und warte immer den letzten Augenblick ab. Sie gedachten, Voltaires Statue mit vier angeketteten Affen zu verschönern, aber Sie haben keine gute Auswahl getroffen. Es mußten sein: Der Papst, der Jesuitengeneral, Moses und noch einer. Adieu oder, besser gesagt: Nicht ade! Behalten Sie mich lieb, ich bete Sie an, und mein einziges Glück ist, von Paris, von Ihnen und meinen Freunden zu träumen. [21] An den Grafen Schomberg Neapel, den 19. Mai 1770 Aha, mein lieber Graf! Also das ist's! Sie schreiben mir einen schönen Brief; eine Masse Liebenswürdigkeiten, viele Lobsprüche, die Ihnen aus dem Herzen kommen, zuviel Bescheidenheit, zuviel Selbsterniedrigung (die wirklich nicht berechtigt ist); Sie kehren sich nach rechts und links, und worauf zielt dies ganze kleine Manöver ab? Sie wollen mir die Würmer aus der Nase ziehen; Sie wollen das Kirchengeheimnis erfahren, ich verstehe Sie. Wissen Sie, warum Sie mir endlich schrieben? Nicht meine Bitten, nicht die Mahnungen der Frau von Epinay haben Sie dazu bewogen; Sie schrieben mir, weil .... weil ...., nicht wahr, ich habe Sie erraten? .... Weil es Ihnen leid tut, daß Sie nach dem Lesen der »Gespräche« nicht einen Augenblick mit mir plaudern konnten; nun, ich will Sie zufriedenstellen. Ich habe keine Geheimnisse vor Ihrem Herzen, wie ich nichts Erhabenes für Ihren Geist habe; ich werde Ihnen alles enthüllen, was ich verschweigen wollte, als ich diese »Gespräche« schrieb. Vor allem: mich unterhalten. Bewilligt. Dann 100 Louis verdienen. Verweigert. Meinen Freunden ein Andenken an unsere »Gespräche« hinterlassen. Bewilligt. Frankreich Gutes tun. Verweigert. Wie Sie sehen, schreibe ich Ihnen in militärischem Stil; ich bediene mich der cortura . Nun zu der Wirkung, die mein Buch in hellen Köpfen hervorrufen muß: 1. Sie werden gewahr, daß die Frage der Ausfuhr bis zur heutigen Stunde nicht behandelt worden ist; man hatte betrogen, und zwar nicht nur hinterlistig, sondern auch dumm betrogen. Auch dieser Betrug ging, wie Sie wissen, von einem Abbé aus, den dann der Abbé de Boufflers entlarvt hat. Allem, was sich als Gegengrund anführen ließ, war man ausgewichen oder hatte es totgeschwiegen. Das ist unbestreitbar; denn als ich offen und ehrlich alle Gegengründe auseinandersetzte, war man so betroffen und erstaunt, daß man mich für den einzigen, ersten und gefährlichsten Gegner der Ausfuhr ansah und mir daraufhin die gröbsten Beleidigungen sagte, obgleich sicherlich niemand besser oder nachdrücklicher für die Verordnung und die Freiheit der Ausfuhr eingetreten ist. Ich erlebe also den komischen Fall, daß das Publikum, anstatt auf die Betrüger zu schimpfen, sich gegen mich wendet, der alles aufgedeckt hat; darüber könnte ich mich zu Tode ärgern, wenn ich nicht vor Lachen platzen müßte. Nun muß ich eben abwarten, bis man mein Buch zu Ende gelesen hat. 2. Und weiter wird man bemerken: da in dieser minderwertigen Welt und besonders in der Politik alles sich gegenseitig das Gleichgewicht hält, so kann man nichts tun, worin sich nicht gut und böse mischt; daher darf man nicht über Wunder schreien wie die Dummköpfe und Ökonomisten, darf niemals Wunder, Glück und plötzliche Veränderungen versprechen. Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu. Der Abbé Badot hat gut seinen Mund aufreißen und sich an die rechtschaffenen Leute wenden, viel gibt's deren nicht; er hat gut vom »ersten Bedürfnis des Menschen« reden; ich dachte, darunter verstünde er .... aber nein! er spricht von Getreide, und neun Zehntel der menschlichen Zweifüßerart essen keins; daher kein Geschrei, kein Fischweibergeschimpf , keine zweideutigen Beschwerden und andere, »diesem zuwiderlaufende« Erklärungen. Wenn die Ausfuhr erleichtert wird, ohne den gleichmäßigen inneren Verlauf zu stören, so wird Frankreich für eine gewisse Zeit eine gewisse wohltuende Wirkung verspüren; danach wird es damit vorbei sein; aber es wird als Wirkung der ersten Wirkung eine gute Nachwirkung eintreten, und so wird das Gute noch Sohn, Enkel, Urenkel zeugen. So muß man urteilen und denken; viel Ruhe, viel Arithmetik – nichts Unendliches, Unermeßliches. Das sind bloß leere Worte für Dummköpfe. 3. Man wird bemerken – Sie haben es schon bemerkt –, daß man in der Nationalökonomie nichts behandeln kann, ohne, wie Sie es nennen, erhaben zu sein! Hätte ich den Brillenhandel besprochen, so wäre ich ebenso erhaben gewesen, und Sie hätten geargwohnt, daß ich von der Gesetzgebung der vergangenen und kommenden Staaten gepredigt hätte; das sind lauter fixierte Ideen, würden Leute sagen, die nicht an fixen Ideen leiden; und sie hätten recht. 4. Man wird bemerken, daß ...., soll ich es sagen? Jetzt kommt das Staatsgeheimnis, .... Ja, ich werde es Ihnen verraten: wer es wagt, von Grund auf die Einrichtung des Getreideverkehrs in Frankreich zu ändern, der wird, falls es ihm gelingt, zur selben Zeit auch die Regierungsform geändert haben; denn das Vertrauen zwischen Untertanen und Herrscher muß so groß sein, daß eine Hungersnot nicht sofort eine Empörung hervorrufen kann, und dazu nützen Lichter und Pfünzchen des ökonomischen Journals nichts, sondern es bedarf der großen Straßenlaterne des in sich einheitlichen Regierungsapparates, die einen ganzen Vendômeplatz erhellt und beleuchtet. Sie erinnern sich, daß bei den Kornunruhen im Jahre 68 das rasende Volk sogar auf den Herzog von Choiseul schimpfte, der sicher von allen Ministern der unschuldigste und bestmeinende war. So ist man denn noch recht weit davon entfernt, eine freie Ausfuhr festsetzen zu können. Gerade diejenigen, die in enthusiastischer Überstürzung und Unbesonnenheit dahin gestrebt haben, werden die Maßregel zum völligen Scheitern bringen und so Frankreich in die schrecklichste Knechtschaft zurückstürzen. Sie sehen ja schon, wie das Volk bereits den Despotismus um Hilfe anruft. Die Volksmengen, die Parlamente sind es ja, die mit großem Geschrei Ausfuhrverbote verlangen. Ich wollte zum Wohle Frankreichs das gleiche wie die Exportisten; aber ich wollte es secundum scientiam und, um keinen Mißerfolg zu haben, schlug ich eine allmähliche Einführung vor, ein Gesetz zunächst auf zehn Jahre; nach dessen Verlauf werden wachsender Wohlstand und Verminderung der Steuern den Bauern in den Stand setzen, seinen Beschwerden einen Rückhalt zu geben; und die Beschwerden werden genügen, um die Ausfuhr aufrecht zu erhalten. Ich habe dies in meinem letzten Dialog nicht ausdrücklich ausgesprochen; aber lesen Sie ihn nur mit Aufmerksamkeit, so werden Sie es schon herausfinden. Wenn ich jetzt nicht zu schreiben aufhörte, so würde der Brief heut abend nicht mehr abgehen; daher schließe ich und bitte Sie, mir das unendliche Vergnügen machen zu wollen, mir oft zu schreiben und viel an den denken zu wollen, der auf das innigste mit Ihnen und unsern Freunden verbunden ist. [22] An Frau von Epinay Neapel, den 2. Juni 1770 Meine schöne Dame, Ihre Briefe kommen vorschriftsmäßig; die meinen sollen ebenso pünktlich sein. Der letzte bringt mir eine andere Salve von Ephemeriden der Citoyens rustres oder, wenn Sie wollen, ruraux . Ich versichere Ihnen, der Merlin ganz allein macht mir mehr Qual, als alle Ökonomisten zusammen. Dieser Merlin ist mein Abbé Terray. Er macht mir bange um meine Kontrakte. Um Gotteswillen, befreien Sie mich von ihm und wenn ich auch etwas Verlust daran haben soll; ziehen Sie Ihre Auslagen ab und schicken Sie in einem schönen Bankwechsel den Überschuß... Der Baron Gleichen macht sich köstliche Vorstellungen von den Freuden, die er durch meine Gesellschaft hier haben wird. Ich muß unwillkürlich schon im voraus über die Überraschung lachen, die ihm bevorsteht, wenn er sieht, daß ich bis zur Unkenntlichkeit verändert bin und daß meine Gesellschaft zu gar nichts nutze ist. Die Pflanzen verändern ihre Natur, wenn sie in anderen Boden versetzt werden, und ich war eine Pariser Pflanze... Ein Wort über die Ephemeriden. Wissen Sie, daß ich allen Ernstes entzückt bin über die Art, wie man mich behandelt? Ich habe schon den Vorzug der groben Injurien. Diese Ehre wurde nur Voltaire von den Hunden des Sankt Medardus zuteil. Ich erhalte sie von den Hunden des Luxembourg. Dieser alte Teil der guten Stadt Paris ist das Viertel der Äbte und Hunde. Freilich ist zwischen mir und Voltaire keine andere Ähnlichkeit, als daß wir alle beide von Paris abwesend sind; aber ebenso wahr ist es, daß zwischen den Jansenisten und den Ökonomisten ein großer Unterschied ist. Alle beide schreien und bellen; aber jene zählten einen Arnaud, einen Pascal zu ihren Gründern; diese haben nur Leute wie Quesnay. Nun, ich sehe, die Regierung wünscht einen Stierkampf für die Literaten, wie an der Barriere von Sèves einer für den Pariser Pöbel stattfindet. Vortrefflich! Her mit den Hunden, wir wollen der Stier sein! Und der Abbé Morellet, der arme Abbé, mein lieber Abbé, der mir so teuer war! Was wird er denn nur machen in diesem lustigen Hourvari? Will er der Bulldogg sein? Sicherlich wird er es mit den Ephemeriden nicht aufnehmen. Er wird mir nicht so grobe Beleidigungen sagen. Er wird nicht so geläufig Unsinn reden. Er wird nicht so flaches Zeug schreiben. Er wird meine Reden und Ideen nicht so gut entstellen wie sie. Er wird also in allem minderwertiger sein als sie, er wird nicht einmal im Schlechten ausgezeichnet sein. Warum also schreibt er ein Buch? Was Sie mir von den Satiren mitteilen, die gegen mich veröffentlicht worden sind, bestimmt mich, nichts darauf zu antworten. Ich will diesen Herren die allergrößte Qual bereiten, nämlich so tun, als ob ich sie nicht gelesen hätte. Ich werde des Vorrechtes der Toten genießen. Umarmen Sie tausendmal meinen lieben Marmontel. Wird er euch nicht aus meinem Dialog eine Erzählung machen, betitelt »Der Agrarphilosoph und sein Pächter«? Er braucht nur den Kontrast zwischen Theorie und Praxis ins rechte Licht zu rücken, so wird eine ausgezeichnete Geschichte daraus werden. Mademoiselle Clairon hat eine Unschicklichkeit begangen, und ich bin betrübt darüber! Es ist unschicklich, über das lange Leben alter Leute ungeduldig zu werden. In China wäre sie amtlich getadelt worden. Wenn sie besser spielt als die Dumesnil, so hat sie eine Grausamkeit, wenn sie weniger gut spielt, eine Dummheit begangen ... [23] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Juni 1770 Meine schöne Dame! Sie versprachen mir so fest, mich nicht eine einzige Woche ohne Nachricht über Sie und ihre Gesundheit zu lassen; dennoch haben wir jetzt eine leere Woche. Aber das wird die Schuld des Herrn Magallon sein, der bei den Feuerwerken und dem Böllergeschieße der Hoffeste war. Ich fürchte wirklich, diese Heirat verpufft in lauter Feuerwerk. Hat der Dauphin sie fertiggebracht? Nun, ich entschuldige Sie, und um soviel mehr, als ich nicht die Zeit habe, Ihnen recht ausführlich zu schreiben. Jetzt aber etwas, was für mich von Interesse ist. Als ich meinen ersten Brief an Panurg schrieb, habe ich auch an den Baron geschrieben; er hat mir nicht geantwortet. Warum nicht? Hätte Panurg ihn mir verführt? Wenn er mir das angetan hat, so werde ich ihm mein ganzes Leben lang nicht verzeihen. Ich habe den Baron lieber als Panurg, lieber sogar als meine Dialoge. Ich verehre ihn abgöttisch; ich will seine Freundschaft um nichts in der Welt verlieren. Ich bitte Sie also um Aufklärung hierüber. Außerdem muß ich Ihnen sagen, daß ich mir seit einiger Zeit, in einer Art von Vorgefühl, in den Kopf gesetzt habe, meine Dialoge werden zur Widerrufung des Ediktes führen; denn sonst wird in Frankreich die Teuerung kommen, die ich vorausgesehen und vorausgesagt habe. Diese Woche stoße ich zufällig in der Pariser Zeitung auf einen Artikel, der mir absichtlich hineingesetzt zu sein scheint, um den Aufruhr in einigen Provinzen zu beschwichtigen; denn man meldet darin in einer Art Freudentaumel, daß in Nantes eine Getreideflotte angekommen sei. Ich bitte Sie, mich genau hierüber zu unterrichten, und auch über den Preis des Getreides, das nach Paris kommen wird. Denn da die Leute immer nach den tatsächlichen Ereignissen urteilen, so werde ich recht haben, wenn das Getreide in Paris teuer ist, und ich werde ein großer Mann, ein großer Politiker sein, und Panurg und Pangloß werden Dummköpfe sein. Der Hallenpreis wird das Thermometer meines Ruhmes sein. Guten Abend, schöne Frau. Ohne Ihre Briefe bin ich wie ein Kind, das entwöhnt wird; alles ekelt mich an. Behalten Sie mich immer lieb, denn ich bete Sie an. [24] An Frau von Epinay Neapel, den 23. Juni 1770 Meine schöne Dame, Ihr Brief vom 4. ist durchaus nicht heiter, und der meine wird es noch weniger sein. Ich bin erdrückt von kleinen Kümmernissen. Man wird in diesem verfluchten Lande von Flöhen aufgefressen. Obendrein gibt es hier Mücken und Wanzen. Aber das ist noch nichts. Mit meiner Gesundheit steht es nicht gut. Ich kann mich an diese Nahrung und diese Luft, die früher meine Heimatluft war und es jetzt nicht mehr ist, nicht gewöhnen. Mein Augenlicht wird alle Tage schwächer. In einem fort verliere ich Zähne; erst heute Morgen ist mir wieder einer ausgefallen, und ich habe nun nur noch vierzehn; aber das alles ist noch nichts. Ich habe Ihren Brief Nr. 9 nicht erhalten. Diese ewig denkwürdigen und abscheulichen Feste werden die Ursache gewesen sein, daß Ihr Brief verloren ging, und ich quäle mich in Todesängsten ab, um zu erraten, was Sie mir wohl geschrieben haben mögen. Versuchen Sie, ihn entweder wieder aufzufinden oder mir seinen Inhalt zu wiederholen ... Das Unglück von Paris und das gräßliche Blutbad der Rue Honoré haben mich mit Entsetzen erfüllt. Arme Madame Berthelot! Ich klage die Ökonomisten dafür an. Sie haben so viel von Eigentum und Freiheit gepredigt, sie haben so sehr gegen Polizei, Ordnung, Reglements gehetzt, sie haben so viel davon geredet, die Natur, sich selber überlassen, sei so schön, gehe so gut vorwärts, halte so gut das Gleichgewicht, daß endlich die Leute das Gefühl hatten, alle Welt sei Gemeingut und ein jeder könne gehen, wo er wolle, und daß sie sich das zunutze machen wollten. Da haben wir nun das schöne Ergebnis ihrer langen Predigt! Wahrhaftig, wäre ich in Paris und hätte ich noch mein sonstiges Feuer, heuer würde dies Ereignis mir genügen, um den Ökonomisten zu antworten. Ich würde ihnen fühlbar machen, daß sich nur das Gerücht zu verbreiten braucht, an irgendeinem Ort gebe es volle Freiheit und folglich große Menschenmenge: im Augenblick erwachen die Spitzbuben, große Monopoliseure von Uhren und Tabakdosen bilden eine Verschwörung und machen sich den Wirrwarr zunutze. Was ich Ihnen sage, ist kein Scherz. Denken Sie nach, und Sie werden finden, wie genau der Vergleich stimmt. Ich empfing heute morgen meine Kiste mit dem imitierten Tafelsilber und bin ziemlich zufrieden mit dem Einkauf, obgleich der Transport mich rasend viel gekostet hat. Zugleich erhielt ich die Bücher; ich habe sie schon verschlungen und habe alles gelesen, was man gegen mich ausgespien hat. Diese Lektüre hat mich über den Verlust meines Zahns getröstet, der mir ausfiel, als ich gerade mitten in einem schönen Briefe des Abbé Ribaud war. Auf Ehre und Gewissen, schöne Frau, sie sind zu dumm; es ist vollkommen unmöglich, ihnen eine einzige Zeile zu antworten. Die Unverschämtheit, womit sie mir alle erdenklichen Dummheiten sagen lassen und dabei sogar Seitenzahlen meines Buches anführen, verdiente, daß sogar die Polizei sich darüber ärgerte; und wenn ich in Paris gewesen wäre, so hätte ich mir den Spaß gemacht, ihnen zur Vergeltung einen Prozeß vor dem Parlament anzuhängen. Aber ein langweiliger Stil ist ein schönes Ding, besser als ein königlicher Begnadigungsbrief. Ich bin jetzt von der größten Last befreit. Ich habe nichts zu entgegnen und habe recht, wenn ich schweige. Kommt in Frankreich eine kleine Hungersnot, so wird man wieder von meinem Getreidebuch sprechen und mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber sagen Sie mir, hat denn niemand daran gedacht, Gutes von meinem Buch zu reden und sein Lob drucken zu lassen? Bis jetzt empfange ich nur Schmähungen, und dazu kein Geld; Merlin wird sagen, ich habe eine Ohrfeige als Anzahlung bekommen. Wenn irgendeine fromme Seele Mitleid mit mir gehabt hat, so teilen Sie es mir bitte mit. Leben Sie wohl, schöne Dame; Sie sehen, ich schreibe Ihnen sehr lange Briefe und Sie schreiben mir so kurze! Lassen Sie mir durch andere schreiben. Ich werde die Zeitungen an Suard schicken und ihn für seine Ungläubigkeit bestrafen. Ich habe das Systeme de la Nature erhalten, aber ich hatte es eiliger, mich als Volkswirt in Schmach und Schanden zu sehen. Leben Sie wohl! [25] An Frau von Epinay Neapel, den 30. Juni 1770 Sie schreiben mir, schöne Frau, im Gewittertoben einen Brief, ich antwortete Ihnen mit einem, den ich beim Scheine eines gestern abend von mir entdeckten schrecklichen Schweifkometen schreibe; daher wird mein Brief nicht heiterer sein als der Ihre. Der Groß-Türke läßt alle Hexenmeister verbrennen; wenn er bei dieser Gelegenheit mich auch vom niederträchtigen Merlin befreien würde, o wie froh würde mich das machen! Ich erhielt die fröhlichste und freundschaftlichste Antwort von unserem unvergleichlichen Herrn von Sartine. Ich will ihm weiter schreiben, eben mit Zwischenpausen, wie es sich gehört im Verkehr mit einem von Geschäften überhäuften Beamten. Aber wie wär's, wenn Sie ihn inzwischen aufsuchten? wenn Sie ihm von meinem schrecklichen Abenteuer mit Merlin sprächen? wenn Sie.... Was weiß ich denn? Kurz und gut, ich verehre Herrn von Sartine außerordentlich; ich habe tausend Verpflichtungen gegen ihn und möchte noch mehr gegen ihn haben. Nur auf ihn kommt es an, und ich kehre nach Paris zurück. Er braucht mich nur zum Polizeiinspektor zu machen und mir die Abteilung der Dämchen zu übertragen – und ich fliege, ich renne, ich lasse alles im Stich. Aber ich hatte Ihnen ja einen traurigen, apokalyptischen, kometenhaften Brief versprochen, und nun wird es ein lustiger! Kehren wir zurück zur Traurigkeit! An Suard habe ich einen schönen Brief geschrieben; ich hoffe, er wird ihn Ihnen mitteilen. Meine Rückkehr nach Paris ist nicht recht sicher, und ich habe mit niemand davon gesprochen. Im Geiste reise ich jeden Augenblick dorthin, aber mein Leib ist in Neapel. Ich könnte vier oder sechs Zähne, die mir ausgefallen sind, nach Paris schicken; man könnte sie säen und es würden Männer daraus entstehen. Wer war denn die Person, die Sie zwang, gegen Suard so fürchterlich über meine falschen Pariser Freunde loszuziehen? Bitte nennen Sie mir ihren Namen, um mir manchen vielleicht ungerechten Verdacht zu nehmen. Über Panurgs Arbeit muß ich mich natürlich ärgern. Ich werde immer in Verzweiflung sein, wenn ich sehe, daß er mich nicht im geringsten verstanden hat, während Fréron das ganze, die Anordnung, die Ideenverknüpfung meiner Dialoge sehr gut aufgefaßt hat. Übrigens wird das Edikt von 64 widerrufen sein, ehe das Jahr 70 vergangen ist, und so werde ich die Schlacht gewonnen haben. Von dem chinesischen Gedicht habe ich bis jetzt immer nur den Auszug, den Sie mir schickten. Ich erwarte es mit Ungeduld. Sie schreiben mir immer sehr kurze Briefe und versprechen mir immer sehr lange; das ist nicht schön. Da Sie bisweilen meine Briefe wieder lesen, so antworten Sie mir doch auf gewisse Fragen, die ich von Zeit zu Zeit stelle. Ich habe das Système de la Nature durchgeblättert. Es scheint mir von derselben Hand, die den Christianisme dévoilé und den Militaire philosophe gemacht hat. Es ist zu lang. Es scheint nicht mit kaltem Blut geschrieben zu sein, und das ist ein großer Fehler, denn man könnte glauben, daß der Autor nicht so sehr andere als vielmehr sich selbst zu überzeugen nötig hat. Im Grunde kennen wir die Natur nicht gut genug, um ein System aufzustellen. Das Beste wäre, aus einer Reihenfolge von Vergleichungen der verschiedenen Zeiten und Länder die endgültige Gleichungsformel für den Menschen zu bestimmen; und es ist recht merkwürdig zu sehen, daß man die Theologie des Menschen so gut wie seine Küche auf eine Einheit zurückführen kann. Man kann zum Beispiel sagen, daß unsere ganze Kochkunst darauf zurückgeht, daß wir Rohes und Gekochtes essen. Fleisch, Fische, usw. kocht man; Früchte usw. ißt man roh; das Einsalzen, das Räuchern usw. sind Arten des Kochens: ebenso führt man in der Theologie alles darauf zurück, daß man an gute oder böse Gottheiten glaubt, daß die Heiligen sich in Götter verwandeln, sobald man aus dem All einen obersten Gott macht etc. Kurz, wenn ich ein Buch darüber schriebe, so würde das etwas wirklich Originelles sein etc. Leben Sie wohl, schöne Frau. Schreiben Sie mir ausführlich und veranlassen Sie alle meine Freunde, mir ebenso ausführlich zu schreiben wie Panurg. Das will viel sagen. Nochmals Lebewohl. Meine armen hundert Louis! [26] An Herrn Suard Neapel, den 30. Juni 1770 Du hast's gewollt, George Dandin! Anbei die hiesigen Zeitungen, die ich Ihnen immer weiter schicken werde, bis sie Ihnen, ganz abgemattet von dem unnützen Zeug, zum Halse hinaushängen und Sie sich mir zu Füßen werfen, mit der Bitte, sie Ihnen doch bloß nicht mehr zu schicken. Ich hoffe auf diese Weise Ihre Ungläubigkeit zu bestrafen. Sie haben augenscheinlich darauf gerechnet, daß wir, als nächste Nachbarn von Morea, Ihnen ganz frische Neuigkeiten von den Griechen und den Türken geben könnten. Da sind Sie eingegangen! Wir wissen wahrhaftig nichts, und ich, im besonderen, der ich, dank meinem Amt als sogenannter Delegierter, d. h. als Beschützer der griechischen Station und aller hiesigen Kaffeewirte, mehr davon wissen sollte als die andern, weiß nichts weiter, als daß die modernen Griechen ebensolche Schelme und Lügner sind wie ihre Vorfahren, und daß sie statt Homers Nektar und Ambrosia den abscheulichsten Kaffee der Welt verkaufen. Was möchten Sie übrigens von den Türken wissen? Sehen Sie nicht den neuen Schweifkometen, der uns bedroht? Dieser Komet wird sie noch einen Sieg kosten, denn sie sind dumm genug, um davor Angst zu haben. Sie werden wissen, daß der Großherr in seinem ganzen Reich alle Zauberer und Hexenmeister suchen läßt, um sie bei lebendigem Leibe zu rösten, weil sie die Ursache alles Unheils sind. Dem Großvezier ist es geglückt, einen ausfindig zu machen, den er sofort gebraten hat, und er hat einen Kurier mit dieser angenehmen Nachricht, die das ganze Serail in einen Freudentaumel versetzt hat, nach Konstantinopel geschickt. Man hat entdeckt, daß dieser Schelm von einem Kometen es war, der sieben Monate lang Südwinde wehen ließ, so daß die türkische Flotte nicht die Dardanellen passieren konnte. Nach diesen Tatsachen, die völlig sicher sind, brauchen Sie keine Zeitungen mehr. Wenn die Ursachen bekannt sind, so vermögen nur Dummköpfe die Wirkungen nicht vorauszusehen. Aber vielleicht habe ich Sie in einem ganz falschen Verdacht. Sie hatten es gar nicht auf türkische Neuigkeiten abgesehen, als Sie mich um unsere Zeitungen baten. Sie wollten mich nur verführen, Ihnen zu schreiben. Wenn das Ihr Zweck ist, so haben Sie's gut getroffen: Gelegenheit macht Diebe. Ja, ich werde Ihnen schreiben, und wenn Sie mir antworten, so werde ich Ihnen oft schreiben. Meine Eitelkeit fühlt sich so angenehm gekitzelt, meine Freundschaft für Sie und Ihre Frau Gemahlin (denn auch sie kommt hierbei sehr in Betracht; sie ist so sanft! so gut! Wie leid tut es mir, daß ich sie früher ein wenig vernachlässigte!) fühlt sich so von ihrer Erinnerung geschmeichelt, daß es mir unmöglich wäre, nicht mit Ihnen im Briefwechsel zu bleiben, der mir so viel Vergnügen macht. Es wird uns nicht an Stoff mangeln, unsre Seiten zu füllen; er ist reichhaltig genug. Ich habe das Système de la Nature erhalten; aber ich werde Ihnen heut abend nichts darüber sagen, lieber will ich mit Ihnen von meinen Dialogen reden. Ich habe den Auszug gesehen, den Fréron davon gab. Ich bin ganz damit zufrieden: man konnte nicht besser die Gesamtheit meiner Ideen erfassen. Wie ist es möglich, daß Fréron sie erfaßt und der Abbé Morellet sie nicht begriffen hat? Bitte, mein lieber Suard, sagen Sie mir – Sie können es ja wissen – was konnte den Abbé so blind machen, daß er mich für einen Feind der freien Ausfuhr hielt? Es ist für mich unfaßbar, daß ein mit dem Stoff so vertrauter, an das Lesen solcher Bücher so gewöhnter Mann, nicht im geringsten den Sinn dessen erfaßt hat, was ich sagen wollte. Sie können sich nicht vorstellen, wie leid mir das tut: denn im Grunde ist es für mich oder für ihn eine Schmach, eine ungeheure Schande, daß wir uns nicht verstanden haben. Daran muß entweder die Dunkelheit meines Stils oder das Übermaß seiner Leidenschaft schuld sein; es wird darauf hinauslaufen, daß er ein Buch gegen mich schreibt, das mit aller Schärfe mich widerlegen und dabei Wort für Wort wiederholen wird, was ich gesagt habe oder wenigstens sagen wollte. Der Abbé, der denkt wie ich (denn es ist unmöglich, daß er einer andern Meinung sei), wird sich mitten im schönsten ökonomistischen Wirrwarr finden und aus vollem Halse schreien: Freiheit, Sicherheit, Eigentum, proportionaler Preis, notwendiger Preis, gewöhnlicher Ausgleich, freier Markt, ewige Dummheit! Welche Schande für unsern Abbé, so ganz dicht an Abbé Rhabarbers Seite zu stehen. Der hat acht sehr stark abführende Episteln gegen mich verbrochen, von denen ich aber nur den Auszug im Merkur vom Juni gelesen habe. Ich bin so froh, daß diese Leute nicht eine einzige Zeile meiner Dialoge verstanden haben, daß ich es Ihnen kaum ausdrücken kann. Ich hatte es vorausgesehen und hätte meinen Kopf darauf gewettet. Man ist sehr froh, wenn man richtig prophezeit hat. Epiktet war vor Vergnügen außer sich, als sein Herr, der eine Tür hinter ihm schloß, ihm ein Bein zerbrach, weil er es vorausgesehen und es ihm vorher gesagt hatte. Aber genug davon; gehen wir zu ernsten Dingen über. Sie müssen viele Leute in meinem Namen küssen: zuallererst Madame Suard. Aber nehmen Sie bei dieser erhabenen Zeremonie keine traurige Miene und keinen gattenhaften Ton an. Machen Sie sich selbst zum guerluchon , denn es ist schließlich besser, daß Sie selber sich des Auftrages entledigen, als daß ein Anderer es tut. Dann müssen Sie mir Frau Necker küssen; der Auftrag ist nicht leicht, doch petita venia des Herrn Gemahls wird es Ihnen, hoffe ich, gelingen. Endlich müssen Sie mir Frau von Marchais küssen. Oh! Die wird wütend auf mich sein, denn sie war glühende Ökonomistin. Aber sie hatte eine so zarte Seele! Könnte sie nicht auch ein Ungeheuer lieben? Erinnern Sie doch alle drei an jenes denkwürdige Abendessen, bei dem ich gerade als Ungeheuer so liebenswürdig war! Wo ich erklärte, ich liebte nur das Geld meiner Freunde und die Betten meiner Freundinnen (und da hatte ich nicht ganz unrecht). Fräulein de Lespinasse fand, ich hätte vielleicht recht, und endlich entschied der Gerichtshof des philosophischen Parlaments (alle vereinigten Tischgenossen) durch ein unwiderrufliches Urteil, daß ein lustiges Ungeheuer mehr wert sei als ein langweiliger Gefühlsduseler. Meine Briefe gelten, wie die des heiligen Paulus, Ecclesiae quae est Parisiis . Lesen Sie sie also meinen Freunden vor. Wenn sie wüßten, wie lieb ich noch all meine guten Freunde habe, so würden sie alle vor Rührung darüber weinen. Leben Sie wohl, mein lieber Suard, ich bin fürs ganze Leben Ihr etc. [27] An Frau von Epinay Neapel, den 7. Juli 1770 Die Geschichte mit dem Merlin bedrückt mir dermaßen den Geist, daß ich weder die Kraft habe, Ihnen zu rechter Zeit über die Pläne für Wiedererwischung meines Geldes zu antworten, noch die Energie, etwas zu arbeiten. Sollte ich jedoch finden, daß Abbé Morellets Buch meiner Einbildungskraft Schwingen gäbe, so könnte es geschehen, daß ich noch etwas schriebe, einen Brief oder einen Dialog, und man könnte meine Gespräche neu drucken lassen, mit diesem Zusatz und etlichen Bruchstücken meiner Briefe; so könnten wir uns an dem Flegel, dem Merlin, rächen. Der Brief, in dem Sie mir eine Aufstellung der für mich gemachten Auslagen schickten, ist vielleicht eben Nr. 9, die verloren ging. Ich könnte freilich, indem ich alle Ihre Briefe wieder durchsähe, genau feststellen, was ich Ihnen schulde, abgesehen von etlichen Ephemeriden und andern Schlafmitteln, die sie vielleicht gekauft haben; aber ich habe heute morgen Arbeiter im Hause, die mir zwei Zimmer tapezieren und dabei einen Teufelslärm vollführen; und das hindert mich daran, in meinen Papieren zu suchen und meine Aufmerksamkeit auf das zu heften, was ich Ihnen heute schreibe. Sie haben mir nichts von Voltaires Sophonisbe erzählt, aber das ist so gut, als hätten Sie mir davon gesprochen. Ich mache mir nichts aus Tragödien, weil ich es durchaus nicht liebe, mit heiterem Herzen zu weinen. Herr von Sartine hat mir einen großen Dienst erwiesen, indem er den Abbé daran verhinderte, falsch zu zitieren. Die Menschen sind Faulpelze, und die Gegenüberstellung von Zeugen ist eine mühsame Sache. Außerdem habe ich entdeckt, daß die Faulheit der Menschen daraus entsteht, daß man bei andern ein gewisses Tugendgefühl voraussetzt; das ist der große Vorteil der Betrüger und Spitzbuben. Sie finden immer die Leute geneigt, sich zu überreden, daß es unmöglich sei, zu lügen oder jemanden etwas aufzubinden. So schulde ich also auf alle Fälle Herrn von Sartine meinen Dank. Man schreibt mir allerdings aus Paris, daß die Ökonomisten mehr als je gegen mich zetern, toben und bellen. Ich hätte wahrhaftig niemals geglaubt, daß ich ihnen so viel Qual und Sorgen bereiten könnte. Eins ist sonderbar: sie sagen mir, in meinem Buch stünden nicht zwei Worte, die nicht Dummheiten und Widersprüche wären, und dabei wiederholen sie so oft, daß die freie Ausfuhr noch mächtige und schreckliche Gegner habe. Ich bin also ein schreckliches Tier, ein Elefant zum Beispiel. Sie freilich werden immer nur zudringliche Schnaken sein. Meine schöne Dame, ich bin heute nicht lustig, und mein Brief wird nicht druckfähig sein. Aber Ihrer, den Sie auf dem Lande schrieben, war auch kaum hesser. So wollen wir uns gegenseitig verzeihen. Tausend Grüße an meinen lieben Marquis, Ihren Reisegefährten... Leben Sie wohl, schöne Frau, lassen Sie sich's gut gehen. Es geht mir auch gut, aber ich langweile mich; denn ich habe nicht einen einzigen Menschen hier, der würdig wäre, mich zu verstehen oder mit mir zu plaudern. Ich glaube, ich habe Ihnen schon geschrieben, daß der kleine Mosar hier ist und daß er weniger wunderbar ist, obgleich er immer noch das gleiche Wundertier ist; aber er wird stets nur ein Wundertier sein, und das ist dann alles. Nochmals Lebewohl. Ich umarme Sie, trotz dem Skandal, den Panurg und alle Neider unserer köstlichen Korrespondenz wegen machen. [28] An Herrn Suard Neapel, den 13. Juli 1770 Da! Noch mehr Zeitungen! Satia te gazettis quas sempre sitisti . Ich, die neue Amazonenkönigin, werde Ihnen, dem neuen Cyrus der Zeitungsschreiber, sagen: Ach, wie recht hat Abbé Arnaud, daß er sich nicht um diese langweilige Lektüre kümmert. Wie geht's denn übrigens dem lieben Abbé? Sollte der Auszug aus meinen Dialogen, der in Frérons Blatt steht, etwa von ihm sein? Denn irgendeine Teufelei muß doch im Spiel sein, wenn man Fréron Gutes reden hört von einem Werk, das gut über Voltaire spricht. Morellet ist also ganz unerweichlich? Er will iratis Diis et hominibus gegen mich schreiben und einer höchst zärtlichen Freundschaft und einer höchst enzyklopädischen Philosophie diesen Streich versetzen? Der Grausame! Aber der Herr Generalkontrolleur will es nicht, und er hat recht. Es ist keine Zeit mehr, gelehrte Abhandlungen zu schreiben, es ist Zeit, daß Sie an Brot und an die uns drohende schreckliche Teuerung denken, indem Sie ein schlechtes Gesetz, das Sie gegeben haben, widerrufen. Ach, wie sehr bin ich Cassandra gewesen! Man hat mir nicht geglaubt, und meine Prophezeiungen sind in Erfüllung gegangen. Zum Trost will ich Ihnen sagen, daß wir hier eine sehr reichliche Ernte haben, und daß ich mir schmeichle, glücklicher zu sein, wenn ich hier übermäßige Einschränkungsmaßregeln verbessere, als ich es gewesen bin, da ich den Franzosen ihre übermäßige Freiheit verbessern wollte. Iliacos intra muros peccatur et extra , und der Mittelweg ist immer schlüpfrig. Ein Philosoph würde Ihnen sagen, dies sei mit Fleiß so eingerichtet, damit ein Bewegungsprinzip und eine ewige Bewegung da sei. Nehmen Sie zum Beispiel die Pendelbewegung. Alles pendelt in dieser Welt: Jahreszeiten, Reiche, Regierungen, Menschen, Glück und Unglück, Tugend und Laster; es geht aufwärts, es geht abwärts, ein Anhalten in der Mitte gibt es nicht. Hielte man dort an, so würde man sich so wohl befinden, daß die Bewegung aufhören würde. Das ist Philosophie, und zwar erhabenster Art. Aber anderseits, warum trifft man soviel coglioni in der Welt? Weil es viel Pendelbewegung geben muß. Das ist nun Ulk, und zwar bösartigster Sorte. Aber so bin ich einmal: zwei verschiedene Menschen, die in einen zusammengeknetet sind, und doch nicht einmal den Platz eines einzigen ganz ausfüllen. Leben Sie wohl, ich umarme Ihre Frau Gemahlin; nehmen Sie es mir nicht übel. Nochmals lebewohl mein lieber Freund. Tausend Empfehlungen an den Baron, an die Baronin, und ich bitte, geben Sie mir Nachricht von meinem Landsmann Duni. Ich habe kein Papier mehr. [29] An Frau von Epinay Neapel, den 14. Juli 1770 Meine schöne Dame, der verhängnisvolle Name Merlin gellt Ihnen ins Ohr: Hyla, Hyla, nemus omne sonabat. Mir zerreißt er das Herz. Was soll ich mit diesem tropfenweise fließenden Gelde anfangen? Ich hätte alles aufgegessen, ehe ich es gewahr würde. Ich glaubte, Sie würden 840 Livres einkassieren, die man mir in Paris hätte bezahlen sollen, aber damit ist es nichts. Das Wertpapier, das dorthin zum Verkauf gesandt wurde, ist wieder zurückgekommen. Sie sind also nur noch ihr eigner Kassierer. Ich danke Ihnen für die Notenbücher, die Sie mir geschickt haben. Es handelt sich nicht um eine Besorgung, sondern um ein Geschenk, das ich machen muß, und das ist gerade das Verflixte. Schelten Sie mich nicht, ich verspreche Ihnen, nicht mehr darauf zurückzukommen. Inzwischen schicken Sie mir eine Abrechnung über das, was Sie für mich eingenommen und ausgegeben haben; ich habe sie sehr nötig, um meine Maßnahmen zu treffen. Warum wundern Sie sich über Fréron? Schrieb ich es Ihnen nicht schon vor vier Monaten? Hatte ich es Ihnen nicht vorausgesagt, daß die Ökonomisten mir Freude machen würden, die ich vorher nicht hatte? Das Wort exoriare aliquis ist unfehlbar. Man hat Mitleid mit den Bedrängten. Fréron will durchaus originell sein; das ist sein einziger Zweck. Diesmal hat er gefunden, daß es eigenartig wäre, auf meiner Seite zu stehen, und ohne andre Überlegung hat er's getan. Wenn es eigentümlich ist, daß ich der einzige geistreiche Mensch bin, von dem er Gutes gesagt hat, so ist ebenso eigentümlich, daß ich der erste und einzige ehrenhafte und geistreiche Mensch bin, der es gewagt hat, den Ökonomisten die Maske abzureißen und sie als das zu zeigen, was sie sind, das heißt als fanatisches Pack, das auf Empörung und Aufruhr hinarbeitet. Die ändern hatten sich begnügt, beim Lesen ihrer Bücher zu gähnen; aber ich sage Ihnen, jetzt wird es Parlamente und Behörden geben, die sich laut zu meinen Gunsten erklären. Denken Sie an meine Worte!... [30] An den Baron von Holbach Neapel, den 21. Juli 1770 Guten Tag, mein lieber Baron. ... Ich habe das Système de la Nature gelesen; es ist die Grenzlinie, wo die Traurigkeit der düstern und trockenen Wahrheit endet; jenseits davon beginnt die Heiterkeit des Romans. Man kann nichts besseres tun, als zur Überzeugung gelangen, daß die Würfel gefälscht sind. Dieser Gedanke gebiert tausend andere, und eine neue Welt entsteht. Dieser Herr Mirabaud ist ein wahrer Abbé Terray der Metaphysik. Er macht Abzüge, stellt Zahlungen ein und verursacht damit den Bankerott des Wissens, des Vergnügens und des menschlichen Geistes. Aber Sie werden mir sagen: es waren ja auch zu viel wertlose »Werte« vorhanden; man war zu sehr verschuldet, es waren zu viel unsichere Papiere im Umlauf. Auch das ist wahr, und darum ist eben die Krisis eingetreten. Ich würde sehr gern die Redierches philosophiques sur les Américains lesen. Sie können sie mir schicken, es ist völlig sicher. Man prüft hier keine ankommenden Bücher, man ist vollkommen überzeugt, daß niemand sie lesen werde. Leben Sie wohl, mein lieber Baron. Schreiben Sie mir lange Briefe, damit das Vergnügen daran um so größer sei. Umarmen Sie recht lange die Baronin, und seien Sie langmütig in allem was Sie tun, in allem was Sie dulden, in allem was Sie hoffen. Die Langmut ist eine schöne Tugend: sie ist es, die mich hoffen läßt, daß ich noch einmal Paris wiedersehen werde. Leben Sie wohl. [31] An Frau von Epinay Neapel, den 27. Juli 1770 Diese Woche empfing ich aus Paris keinen andern Brief als den Ihrigen; dazu merkt man ihm noch Ihre Migräne an, und so elektrisiert er meine Seele nicht. Sie haben mir nicht gesagt, was aus meiner Antwort an den Grafen Schomberg geworden ist. Ist sie angelangt? Haben Sie sie gelesen? Haben Sie eine Abschrift davon? Ich habe einen schönen Brief vom Philosophen erhalten, aber mir fehlt die Zeit, ihm heut abend zu antworten. Ich hatte den Auszug meiner Dialoge erhalten, den Fréron in seiner Année littéraire veröffentlichte. Der Verfasser dieses Auszuges ist (wie er mir selbst sagt) Herr Abbé Rousseau, der Erzieher des Sohnes des Herrn d'Aiguillon. Das hat mir das Geheimnis erklärt. Wie war es möglich, daß Fréron so gut von meinem Buche sprach? Es war nicht er, der sprach: Non enim vos estis qui loquimini, sed etc. Daß das Ministerium, wie Sie mir sagen, angeordnet hat, mein Buch fortwährend zu loben und die Ökonomisten anzugreifen, wundert mich durchaus nicht. Ich bin immer überzeugt gewesen, früher oder später werde das Ministerium den Dienst anerkennen, den ich ihm geleistet habe, indem ich mich aufopferte, um einen Haufen der schamlosesten und unehrlichsten Fanatiker zu entlarven und ihren albernen Ehrgeiz und ihre aufrührerischen Pläne ans Licht zu ziehen. Niemals aber hätte ich geglaubt, daß Herr Sartine, unser guter Freund Sartine, unser unvergleichlicher Sartine, erlauben würde, gegen mich so scheußliche Unflätereien und so empörende Anekdoten drucken zu lassen. Haben Sie die Récréations économiques gelesen? Lesen Sie den sechsten oder siebenten Brief; lesen Sie, was er vom Affen des Abbé G. sagt. Bemerken Sie, daß der Verfasser seinem Buche den Stempel der Glaubwürdigkeit verleiht, es mit seinem Namen zeichnet und verspricht, mir und dem Publikum gegenüber einzustehen. Ich bin weit entfernt, mich über eine, über alles Lob erhabene Gemeinheit zu beklagen oder auf die über jede Glaubwürdigkeit hinausgehenden Ungereimtheiten zu antworten, die sich in dem Buche finden; aber ich möchte, daß Sie ernstlich darüber mit Herrn von Sartine sprächen. Ich denke, die Ökonomisten müßten sich damit begnügen, daß sie den Franzosen das Brot knapp gemacht haben, und brauchten nicht noch darauf hinzuarbeiten, eine Nation, die höflicher und liebenswürdiger ist als irgend eine andere, auch noch um Gesittung und Anstand zu bringen. Ich bitte Sie, Herrn von Sartine darauf aufmerksam zu machen, daß aus der Art, wie diese Récréations gedruckt worden sind, unumstößlich hervorgeht, daß die Polizei die scheußliche Verleumdung gutheißt, die nicht gegen den Chevalier Zanobi, sondern gegen den Abbé G. geschleudert wird. Wenn die Polizei die ungereimtesten Verleumdungen billigt, so habe ich nichts weiter zu sagen; wenn aber Herr von Sartine darüber ärgerlich und wütend ist, wie ich es mir denke, so bitte ich Sie, ihn in meinem Namen zu fragen, ob er mir in Paris bei der Stellung, die ich einnahm, die Genugtuung abgeschlagen hätte, den Abbé Roubaud nach dieser Leistung für ein paar Wochen nach Fort l'Évêque zu schicken. Ich glaube, ob fern, ob nah, ich bin immer derselbe Abbé G. Endlich will ich Ihnen gestehen, was mir bei dieser Geschichte einen Stich gibt: nämlich, daß ich mir diesen Biß des Affen Roubaud gerade dadurch zugezogen habe, daß ich Herrn von Sartine gegen die verleumderischen Beschuldigungen der Ökonomisten verteidigen wollte. Die Ökonomisten, Abbé Baudeau an der Spitze, verbreiteten im Dezember 1768 gegen ihn in Paris die Anklage, er und Herr von Choiseul wären schuld an den hohen Getreidepreisen. In dieser Absicht wurde das schöne Buch Avis aux honnêtes gens veröffentlicht. Herr von Sartine weiß das. Herr von Sartine wird sich erinnern, daß ihm das Buch schlaflose Nächte bereitete; daß er seine ganze Geduld und Tapferkeit der Unverschämtheit des Abbé Baudeau entgegensetzen mußte, der die Stadt aufrührerisch machte und mit seinem Schwarzbrot, seinem Gift und seinen Erfahrungen in der ganzen Stadt hausieren ging. Braucht nun derselbe Herr von Sartine durch seine Zensoren zu billigen, daß gegen den einzigen Verteidiger des Herrn von Sartine Bosheiten geschleudert werden? Sie werden mir sagen, man müsse so etwas verachten. Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß, daß eine Nation sich nur durch Beachtung der Anstandsregeln aufrecht erhält, und ich weiß auch, daß ohne die Tugenden der Duldsamkeit, der Verzeihung von Beleidigungen und anderm Pfaffenfirlefanz die Römer das größte aller Reiche gründeten. Ich weiß, daß mit ihren so ganz anderen Grundsätzen die Modernen überall Knirpse und Schweine geblieben sind. Guten Abend schöne Frau; die Scherze folgen heute in acht Tagen. Leben Sie wohl. [32] An Frau von Epinay Neapel, den 4. August 1770 ... Der Abbé Coyer wäre Nachfolger des Abbé de Saint- Pierre geworden, wenn sein Eifer von Begeisterung für die Tugend herrührte, und nicht von einem geheimen Ehrgeiz, etwas vorzustellen. Sein Erziehungsplan wird sicher nicht soviel wert sein wie Ihre Kritik. Sie haben sie jedoch nur geschrieben, um meine Laune zu wecken, das sehe ich wohl. Aber meine Laune hat nicht nötig aufgerüttelt zu werden. Mein Traktat über Erziehung ist fertig. Ich beweise darin, daß die Erziehung für den Menschen wie für die Tiere dieselbe ist. Sie läuft auf zweierlei hinaus, nicht mehr: Ungerechtigkeiten zu ertragen lernen, Langeweile zu ertragen lernen . Was läßt man in der Reitschule ein Pferd tun? Es geht von Natur in Paß, Trab, Galopp, Schritt. Aber das Pferd wählt die Gangart, wie es ihm gut dünkt und wie es Lust hat. Man lehrt es, diese Gangarten gegen seinen Willen anzunehmen, gegen seine Vernunft (da liegt die Ungerechtigkeit), und sie zwei Stunden lang fortzusetzen (da liegt die Langeweile). Wenn man daher ein Kind Lateinisch, Griechisch oder Französisch lernen läßt, so interessiert nicht das Nützliche der Sache, sondern es muß sich eben daran gewöhnen, den Willen anderer zu tun (und sich zu langweilen), und durch ein Wesen seinesgleichen gestraft zu werden (und zu leiden). Wenn es hieran gewöhnt ist, so ist es dressiert, für die Gesellschaft hergerichtet, geht in die Welt, achtet Beamte, Minister, Könige (und beklagt sich nicht über sie). Der Mensch übt seine Amtsverrichtungen aus, er geht in sein Bureau oder zur Audienz, oder auf den Wachtposten, oder ins Oeil-de-boeuf und gähnt und bleibt dort und verdient sich sein Brot. Tut er das nicht, so taugt er nichts in der gesellschaftlichen Ordnung. Also die Erziehung ist nur die Beschneidung der natürlichen Talente , um an ihre Stelle die sozialen Pflichten zu setzen. Die Erziehung soll Talente verstümmeln und beschneiden . Wenn sie das nicht tut, so haben Sie den Dichter, den Improvisator, den Haudegen, den Maler, den Spaßmacher, das Original, die Vergnügen schaffen und vor Hunger sterben, weil sie sich in keine von den Nischen der sozialen Rangordnung mehr einstellen können. Die Engländer sind die unerzogenste Nation der Welt und darum die größte, die lästigste, und bald auch die unglücklichste von allen. Die Regeln der Erziehung sind also sehr einfach und sehr kurz. In einer Republik braucht weniger erzogen zu werden als in einer Monarchie, und unter dem Despotismus muß man die Kinder in Serails halten, schlimmer als die Sklaven und Frauen. Der Despotismus bei den Mönchen ist eine Folge der ungerechten und langweiligen Härten des Noviziats. Darauf beruht das Wesen der künstlichen und modernen Theokratie. Die alte und ursprüngliche Theokatie gehört mit zum Donnerrollen, zum Erdbeben; sie schuf und sah überall Götter. Die moderne Theokratie fängt damit an, die Menschen durch Kasteiungen und Abtötung des Fleisches läutern zu wollen: sind einmal diese Menschen an die höchsten Leiden und Widerwärtigkeiten gewöhnt, so ist der Papst, der Abt, der Beichtvater, der Novizenmeister ein Tyrann, ein Gott, er ist alles. Er kann aus einem so gebändigten Wesen machen, was er will. Die öffentliche Erziehung drängt auf die Demokratie hin, die Privaterziehung führt gradeswegs zum Despotismus. In Konstantinopel, Spanien, Portugal gibt es keine Gymnasien, Die es in diesen Ländern gab, waren von Jesuiten geleitet, und zwar mit einer Grausamkeit, die die Natur dieser Schulen völlig veränderte. Übrigens gilt im allgemeinen die Regel: alle angenehmen Methoden, um Kindern die Wissenschaft beizubringen, sind falsch und albern; denn es handelt sich nicht darum, Geographie oder Geometrie zu lernen; es handelt sich darum, sich an Arbeit, das heißt an Langeweile, zu gewöhnen, seine Gedanken auf einen einzigen Gegenstand zu richten etc. Ein Kind, das alle Hauptstädte der Welt weiß, wird darum noch nicht die Gewohnheit haben, sich im rechten Verhältnis zu seinen Ausgaben und Einnahmen einzurichten, und der Herr Geograph wird von seinem Haushofmeister auf Erden bestohlen werden und mitten in seinen Kapitalen Europas Bankerott machen. Gehen Sie von diesen Theorien aus, entwickeln Sie sie, und Sie werden ein Buch bekommen, was das gerade Gegenteil des »Emile« ist und darum nur um so besser. Aber Sie haben mir verboten, jemals Familienmutter zu sein, und da schwatze ich schon eine Stunde von Erziehung. Sprechen wir von anderm. Wie zum Teufel stellt denn der Fréron es an, Ribaud zu widerlegen? Mich hat sein Buch ins höchste Erstaunen versetzt. Ich habe darin nur die gemeine Unflätigkeit verstehen können, die er gegen mich geschleudert hat. Wenn ich denke, daß Ribaud die Fähigkeit besitzt, wie ich auf zwei Füßen zu gehen, so erröte ich vor Scham, daß ich als Mensch geboren bin, und ich möchte lieber etwas andres sein. Ich schäme mich, daß ich noch nicht an Diderot geschrieben habe. Geben Sie mir irgendeine tröstliche Nachricht über mein Geld. Ich schreibe heut abend an Suard und Madame Necker zwei Briefchen. Ich zeige es Ihnen an, weil Sie so lecker darauf sind: übrigens lohnen sie nicht die Mühe, ihnen nachzuforschen. Leben Sie wohl, schöne Frau. Ich umarme den Propheten, den Philosophen und alles, was sich sonst umarmen läßt. Arbeiten Sie an meiner Rückkehr nach Paris, wenn Sie mich wiedersehen wollen. Der Abbe Terray braucht nur ein ganz kleines bißchen Lust zu zeigen, mich zu befragen, und ich fliege den Schlechtberatenen zu Hilfe. [33] Frau von Epinay an Galianiy Den 2. September 1770 Nun, ich hatte ja immer geahnt, daß die angenehmen Methoden des Unterrichts in den Wissenschaften bei Kindern nichts wert seien; aber da ich die dumme Angewohnheit habe, meinen eigenen Gedanken immer zu mißtrauen, wenn sie nicht durch Leute, die mein Vertrauen besitzen, bestätigt sind, und da ich trotzdem eine gewisse Neigung zur Pedanterie habe, so glaubte ich mich zu täuschen; aber jetzt, mein reizender Abbé, wo Ihr prächtiger Brief meine Meinungen besiegelt hat, könnten die ganze Welt und alle Herren Unfehlbar kommen, um mir das Gegenteil zu sagen, ich würde nicht mehr davon abstehen. Die Erfahrung selbst hat für mich den letzten Beweis erbracht. Ich habe schon fünf Erziehungsversuche ausgeführt, sowohl an meinen Kindern als an armen Verwandten, derer ich mich annahm. Nur da habe ich Erfolg gehabt, wo ich durch Fleiß und Pünktlichkeit die Schwierigkeiten zu besiegen zwang. Ich erziehe jetzt meine Enkel, ich nahm mir vor, streng gegen sie zu sein, und sicherlich werde ich es sein. Übrigens ist Ihr Brief prächtig: ein sehr schöner Text für einen Kommentar. Alle diese Plan- und Phrasenmacher sind so weit entfernt von der Wahrheit und dem wirklichen Zweck, auf den doch schließlich die von ihnen angeratenen Übungen hinaus wollen, daß ich wahrhaftig ihre Bücher gern in die Klasse verwiese, in die Sie in Ihren Dialogen die Tagesbroschüren verwiesen haben. Ich plaudere mit Ihnen, lieber Abbé, als ob Sie da wären; ich sage Ihnen alles, was mir durch den Kopf geht, und selbst alles, was durch mein Herz geht, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie sehr, sehr gern habe. Es vergeht fast kein Tag, wo ich nicht von Ihnen zu Ihren Bekannten spreche, und wo ich nicht diejenigen, die Sie nicht kennen, mit Ihnen bekannt mache; wenn ich niemand da habe, spreche ich ganz allein mit mir selber von Ihnen. Es geht mir viel besser, seitdem ich hier bin; die Bäder von Bussan tun mir sehr gut. Allerdings hatte ich einen kleinen Anfall von Blasengries; aber er ist bei weitem weder so lang noch so heftig gewesen als die vorhergehenden. Ich denke künftigen Dienstag bis Donnerstag nach Paris zu gehen, um Ihre Angelegenheit zu regeln, und mit nächster Sendung werde ich Ihnen Rechenschaft darüber ablegen, was ich ausgerichtet habe. Frau Necker ist in den Bädern von Spaa, also werde ich Ihren Brief an sie nicht mehr sehen; den an Suard aber werde ich sicher sehen, obgleich Sie mir sagten, es sei nicht der Mühe wert. Nichts von Ihnen, lieber Abbe, ist mir gleichgültig. Der große Mann und sein Strohstuhl, einer den ändern tragend, umarmen Sie herzlichst. Meine Tochter wünscht, daß ich sie Ihnen ins Gedächtnis zurückrufe; sie liebt ihren Ring so sehr, weil er antik, aber mehr noch, weil er von Ihnen ist... Das Brot ist wieder teurer geworden: es kostet jetzt 3 sous, 3 liards. Man behauptet, es sei nur in der Hauptstadt und in ihren Umgebungen so teuer, aber man berichtet mir dasselbe aus allen Provinzen. Ich schicke Ihnen ein Edikt, das das Parlament vorgestern erlassen hat. Guten Tag, lieber, guter Freund; haben Sie mich immer so lieb wie sonst. Das Übrige mit nächster Post. [34] An Frau Necker Neapel, den 4. August 1770 Aber das bedinge ich mir aus: Sie dürfen mir nicht in einem zu schönen, zu erhabenen Briefe antworten, Madame; ich will von Ihnen ganz einfach, ganz allgemein nur wissen, wie es Ihnen geht. Was machen Sie Schönes? Wie gehts Herrn Necker? Was treibt er? Sind Sie in ändern Umständen? Amüsieren Sie sich? Langweilen Sie sich? Das sind meine Fragen und meine Neugier. Sie sind natürlich; denn, zweifeln Sie nicht daran, es vergeht kein Freitag, wo ich nicht im Geist zu Ihnen eile. Ich komme an, ich finde Sie bald die letzte Hand an Ihre Toilette legend, bald auf Ihrem Ruhebett ausgestreckt. Ich setze mich Ihnen zu Füßen. Thomas nimmt sich das ganz im stillen zu Herzen, Morellet tobt ganz laut darüber, Grimm, Suard lachen darüber recht herzlich, und mein lieber Graf Creutz wird nichts von allem gewahr. Marmontel findet das Beispiel der Nachahmung würdig, und Sie, Madame, Sie lassen zwei Ihrer schönsten Tugenden miteinander kämpfen, die Zurückhaltung und die Höflichkeit, und finden in diesem Zwiespalt, ich sei in kleines Ungeheuer, aber mehr lästig als bösartig. Man kündigt an, daß der Tisch bereit ist. Wir gehen hinaus, die ändern essen Fleisch, ich mager; ich. esse viel frischen schottischen Kabeljau, den ich sehr gerne mag, und verderbe mir den Magen, während ich die Geschicklichkeit bewundere, womit Abbe Morellet eine junge Pute zerlegt. Man steht von Tisch auf, man nimmt den Kaffee, alle reden zu gleicher Zeit, der Abbé Raynal stimmt mit mir überein, daß Boston und das englische Amerika für immer von England getrennt sind, und im selben Moment stellen Creutz und Marmontel fest, daß Gretry der Pergolesi Frankreichs ist. Madame Necker findet das alles gut, neigt das Haupt, und geht. Das sind meine Freitage. Sehen Sie mich auch bei sich, wie ich Sie sehe? Haben Sie ebensoviel Phantasie wie ich? Wenn Sie mich sehen und wenn Sie mir nahe kommen, so werden Sie fühlen, daß ich jetzt zärtlich Ihre Hand küsse; aber Sie lächeln. So leben Sie denn wohl; ich bin zufrieden. [35] An Frau von Epinay Neapel, den 11. August 1770 Ihr Brief ist ebenso lang wie reizend. Gott sende Ihnen immer Koliken, da so schöne Episteln daraus entsprießen. Ich war entzückt und keineswegs erstaunt über den Beschluß des Ministerrates. Es ist der erste Schritt zur Annahme des ganzen Systems meiner Dialoge, und, zweifeln Sie nicht daran, man wird es ganz annehmen. Ich bin zu sehr im Recht, meiner Treu! Inzwischen wäre es nur gerecht vom Herrn Generalkontrolleur, wenn er mir irgendeine Art Ehrenrettung für die abscheulichen Unverschämtheiten zugestände, die ich erleiden mußte, weil ich der Nation, die mich so wohl aufgenommen hatte, einen Dienst leisten wollte. Man kann nicht leugnen, daß ich im Angesicht von ganz Europa niederträchtig beschimpft worden bin durch einen Haufen ökonomistischen Pöbels. Dieses Vorgehen war ihrer würdig, und ich wundere mich keineswegs darüber. Bäurisches Wesen paßt für die Bauern, und Bauernlümmel sind von Natur grob. Sie fügten zur Unverschämtheit die Beleidigung, meinen Namen zu nennen; das ist bei ihnen natürlich. Aber der übrige Teil der Nation! Darf das höflichste und gesittetste Volk der Welt erlauben, daß ein Fremder so behandelt wird, ein Fremder, der nichts genommen, nichts geraubt, nichts von einer Nation verlangt hat, unter der er freilich nur als ein kleiner Vertreter weilte, aber doch als Vertreter der Angelegenheiten eines großen Fürsten, eines Freundes und Blutsverwandten der Bourbons? Fühlt sich Herr von Sartine, dem der Buchhandel untersteht, nicht ein wenig des Freundschaftsbruches schuldig, und des Verstoßes gegen die Pflichten der öffentlichen Wohlanständigkeit, die selbst für eine Nation gelten, wo man die Preßfreiheit ermutigen will? Ich verlange durchaus keine Rache. Ich verlange eine Ehrenrettung, und die ist man mir schuldig. Gehen Sie zu Sartine, sprechen Sie mit ihm, der doch in allem so gut und würdig denkt. Ich hatte früher Lust, als auswärtiges Ehrenmitglied in die Akademie der schönen Wissenschaften aufgenommen zu werden; aber die Idee, mich dann dicht neben Abbé Guasco zu befinden, benimmt mir den Appetit dazu. Daher schlage ich nichts vor, ich warte ab. Eine Verdienstmedaille, ein Brief, ein bemerkbares Lob, das man veröffentlichen kann, würde mir genügen und genügte, glaube ich, dem ganzen Europa, um zu zeigen, daß niemand mit mehr Achtung und Wahrheitsliebe von den Absichten des Ministeriums, aus denen das Edikt von 64 hervorgegangen ist, gesprochen hat, und daß ich nur im Sinne hatte, Frankreich von den schlechten Ratschlägen einer Sekte flachköpfiger und blödsinniger Ratgeber zu befreien... Es ist nicht mehr Zeit zu destillieren, man muß frisch drauf los trinken. Sie möchten nicht, daß ich auf einen Abschnitt Ihres Briefes antworte, und dennoch tue ich es, indem ich Ihnen mitteile, daß ich heut morgen mein lit de justice gehalten habe. Ich habe alle meine Freunde begnadigt und sogar den Abbe Morellet. Ich will niemand mehr schuldig finden. Ich gewähre meine Huld allen (ich meine: meinen Freunden), und ich verbiete Getreideausfuhr, Gegenmichschreiben und Mirnichtschreiben . Das sagen Sie bitte denen, die schon überführt, wie denen, die nur verdächtig sind, in ihrer guten Meinung von mir wankend geworden zu sein. Wollen Sie mir eine kleine Abschlußrechnung über mein Geld schicken? Ich habe viele Schulden in Paris. Auch Nicolai hat mehrere Aufträge bekommen, und ich schulde ihm Geld. Ein andermal werde ich mit Ihnen vom Fatalismus reden. Dies System wird untergehen, denn die Türken sind von den Russen verbrannt worden. Leben Sie wohl. Behalten Sie mich immer lieb. Nochmals Lebewohl. [36] An Frau von Epinay Neapel, 19. August 1770 Verdammte Kolik! Warum quält sie nicht den Merlin? Bezahlt übrigens dieser Merlin wenigstens die 200 Livres monatlich? Sie haben mir manches Mal geschrieben, Sie würden mich benachrichtigen, wenn er bezahlt hätte, aber Sie haben niemals das Wort ausgesprochen: Er hat bezahlt . Wenn Sie Herrn Nicolai das Geld für gewisse Besorgungen zahlen könnten, so würden Sie mir ein großes Vergnügen machen. Sehr gut! Der Generalkontrolleur erhebt Einspruch gegen die Freiheit der Presse , während das Parlament die Freiheit der Menge bestraft. Was für ein Jahrhundert! Was für Sitten! wird Panurg schreien, und das mit Recht. Ich für mein Teil muß gestehen, daß ich mich nicht enthalten kann, Panurg und sein Schicksal zu beklagen. Was? Es war allen Flegeln erlaubt, mir alle erdenklichen Grobheiten zu sagen, und einem studierten und geistvollen Manne wird's verboten, mich auch nur ein bißchen aufzuziehen? Sie werden sich erinnern, daß Panurg mir selbst in aller Freundschaft schrieb, er wolle mich in seinem Buch aufziehen; er müsse das tun, um seiner Ware Absatz zu verschaffen. Ich hatte ihm auch alles erlaubt, was ihm gut schiene, um Geld in seine Tasche zu bringen. Ich gestand ihm also aus Mitleid das Recht zu, mich zu verspotten. Es ist das billigste Almosen, das ich je in meinem Leben gegeben habe; aber der arme Mensch hat noch nicht einmal Nutzen davon gehabt. Pfui über den Generalkontrolleur! Warum nicht gestatten, daß man von Schwarzbrot redet, wenn man nur zu glücklich ist, welches zu haben? Aber lassen wir das und sprechen wir vom Fatalismus. Diese großen Systeme kranken an einer irrtümlichen Voraussetzung und zwar von dem Augenblick an, wo man sie aufstellte. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die ganze Welt im Einklang sei, ohne dessen gewahr zu werden. Ja, ohne Zweifel, diese Welt ist eine große Maschine, die aus Notwendigkeit sich bewegt und geht; aber aus wieviel Rädern besteht diese Maschine? Danach forscht niemand, niemand erklärt es, niemand denkt auch nur daran, diese Frage aufzuwerfen. Ist ein anderes Hauptrad vorhanden, außer den physischen Gesetzen der Bewegung der groben Materie und den physischen Gesetzen der Bewegung der feinen Materie, die wir Geist nennen? Sind uns alle diese Materien und alle diese Gesetze bekannt? Kurz, gibt es andere Geister als den menschlichen Geist, den wir kennen? Gefälschte Würfeln fallen nach Naturgesetzen wie nicht gefälschte, aber sie fallen anders. Ebenso ist es mit allen anderen Ereignissen. Man müßte alle Triebfedern kennen. [37] An Frau von Epinay (Antwort auf einen falschen, sehr betrübenden Brief) Neapel, am Tag des heiligen Ludwig Madame, ich habe die Woche sehr froh verbracht, weil es mir geglückt ist, meinen Bruder bei Hofe anzubringen, in einem Amt, das ihn in eine sehr hohe Stellung bringen könnte. Ihr Brief vom 3. (wenn es ein Brief ist) hat mich in Trauer versenkt. Sie wollen, ich soll nicht unruhig sein; wie sollte ich es nicht sein bei zweihundert Meilen Entfernung? Wahrhaftig, den abwesenden Freunden sollte es immer gut gehen. Nichts ist so entsetzlich, als acht Tage zu warten; aber ich will mich diesmal auf Sie verlassen und glauben, daß Sie nur noch wieder zu Kräften kommen brauchen. So schicke ich Ihnen, um, was in meinen Kräften steht, zur Wiederherstellung Ihrer Fröhlichkeit beizutragen, meine Wochenarbeit. Ich hatte nichts zu tun, es hat mir Vergnügen gemacht, und ich habe selbst über den Unsinn gelacht, den mein Kopf ausgeheckt hat. Ich hatte Ihnen eine Abhandlung über den »Radau« versprochen; hier den Anfang davon. Sobald ich höre, daß Sie vollkommen genesen sind, werde ich sie vollenden. Sie werden nichts davon verstehen, wenn Sie nicht das Buch Herr de la Rivières zur Hand nehmen, und damit mein Werkchen vergleichen. Sie werden erstaunt sein über die Genauigkeit der Parodie. Wenn Sie es zweimal nacheinander lesen, so werden Sie bemerken, daß es durchaus kein schlechter Scherz ist, sondern eine gänzliche Widerlegung, weil ich zwar die Dinge bei anderen Namen nenne, aber alle Schlußfolgerungen des Herrn de la Rivière bestehen lasse; und sofort entdeckt man deren Albernheit und Ungereimtheit. Dennoch glaube ich nicht, daß mein Scherz sich zur Veröffentlichung eignet, da das Buch des Herrn de la Rivière höchst unbekannt und ungelesen bleiben wird; so wird niemand lachen. Daher glaube ich, es genügt, Grimm, dem Philosophen, dem guten Baron etc. damit Spaß zu machen. Trotzdem machen Sie bitte damit alles, was Ihnen am ratsamsten erscheinen mag. Wenn Sie es verkaufen, so verkaufen Sie es nur gegen bares Geld. Mit dieser einzigen Beschränkung haben Sie völlig freie Hand. Ich reiße mir ein Bein aus, um Ihnen in ruhigem und sicherem Ton zu schreiben; aber Ihre Krankheit beunruhigt mich, betrübt mich, quält mich. Was für Mühe; zum Teufel, hätte es Grimm gekostet, mir über Ihren Zustand zu schreiben? Warum läßt der Schelm Gatti nichts von sich hören? Denen bin ich jetzt böse. Ich schreibe Ihnen mit der Post, weil der Brief so dick ist. Nicolai wird Sie von dieser Sendung benachrichtigen. Schicken Sie mir schnell auf meine Kosten einen Eilboten, und sagen Sie mir, daß es Ihnen gut geht, so gut wie dem Pont-Neuf, trotz dem Durchfall des Seinewassers, das alle Tage unter ihm wegläuft. Leben Sie wohl. Behalten Sie mich lieb. Seien Sie nicht mehr krank. Ich bin ein verlorener Mensch, wenn ich Sie nicht mehr habe. [38] An Frau von Epinay Neapel, den i. September 1770 Ich war eine Woche überaus heiter gewesen, als Ihr Brief Nr. 18 ankam und mich sehr traurig machte. Ich habe einen sehr großen Kummer durchgemacht, den Ihre Nr. 19 eben zerstreut hat. Zur Mehrung des Vergnügens ist die so viel beseufzte, beweinte Nr. 9 aus den Wolken gefallen, ohne daß ich erraten kann wie, ebenso wie die heilige Ampulla, Unsere Liebe Frau zu Loretto, die Madonna von Soriano, und die Ancilia, die älter sind als alle diese anderen Wunder. Der liebe Brief ist endlich in meinen Händen und hat mir unendliches Vergnügen bereitet, obgleich Sie darin mit erstaunlich wahren Farben die Albernheiten eines Mannes schildern, den ich Ihnen gerühmt hatte. Aber Sie haben für Albernheit gehalten, was, meiner Meinung nach, reine Bosheit und fester Entschluß war, Sie einen Prozeß verlieren zu lassen. Nun, so viel ist wahr, es könnte einer wohl ein sehr geschickter Mann, ein sehr guter Kopf und dabei doch ein ungerechter Richter sein. Aber Sie möchten, daß ich nur tugendhafte Leute liebte. Ich möchte das auch, wenn ich nicht fürchtete, dadurch die Zahl meiner Freunde schrecklich zu vermindern. Aber lassen wir das, gehen wir zu Ihrer Nr. 19 über. Allerdings bin ich heut sehr dumm; Sie werden das zur Genüge an der Dürftigkeit der Gedanken meines Briefes merken. Außerdem werde ich dermaßen von Mücken aufgefressen, daß es mir fast unmöglich ist, zu schreiben. Hätten Sie nicht an Nierenkoliken gelitten, so würde ich mich erdreisten, Ihnen ins Gesicht zu behaupten, daß die Mücken das größte aller denkbarsten Leiden sind. Nun, da ich dumm bin, so will ich Geldmann sein; die Dummen verstehen nichts besseres, als Geld aufzuspreichern. Ich danke Ihnen von Herzen für die Rechnung, die Sie mir geschickt haben, und ich sehe zu meinem großen Trost, daß Sie beinahe Ihre Auslagen wieder haben. Unter diesen Umständen willige ich nicht in den Plan ein, Bücher von Merlin als Bezahlung anzunehmen; sie würden alle sacrosanct sein (das sind sie, denn niemand rührt sie an); es würde einem zum Halse heraushängen. Kurz, ich habe dem Handel entsagt. Es langweilt mich sogar, darüber zu Gericht zu sitzen. Warten wir Merlins Bezahlungen ab, und knirschen Sie immer zwischen den Zähnen, wenn er zu Ihnen kommt: »Möchtest du pissen, wie du zahlst, Tropfen um Tropfen«, das wird Ihnen eine Erleichterung sein. Nichts geht übers Fluchen. Aber sollte er nicht eigentlich 200 Livres monatlich zahlen? 100 auf jeden Wechsel? Bitte erklären Sie mir das ... Ich bin sehr betrübt darüber, daß das, was Ihre Nieren ausscheiden, Ihnen soviel Schmerzen gemacht hat und noch macht. Es gibt viel mehr Steine und Kies auf dieser Welt, als man denkt; das haben wir von unseren Vorfahren her: denn, nehmen Sie's nicht übel, wir stammen alle von den Steinen her, die Deukalion und Pyrrha sich über die Achseln warfen. Und vielleicht ist seit dieser Zeit das Sichmitsteinenbewerfen eine menschliche Handlung; aber – da kommt ja schon wieder Geist, kommen rasche Einfälle, gute Worte, kommt Ätzendes, um die gewohnte Würze zu geben. Ah! Da sind ja auch schon wieder schreckliche Mücken, die um mich herumsummen. Wenn ich an die Seelenwanderung glaubte, so würde ich sagen, das sind Ökonomisten. Ah! Da habe ich eine zerdrückt; sollte es der Abbé Badot gewesen sein? Sie machte viel Geräusch. Leben Sie wohl, schöne Frau. Ich habe eben einen sehr schönen Brief von Suard empfangen. Ich finde besonders ein Wort darin, das mich entzückt: er nennt mich den unersetzlichen Abbé! Leben Sie denn wohl, meine unersetzliche Freundin. Ich habe heut abend nicht Zeit, Suard zu antworten. Leben Sie wohl. [39] An Herrn Suard Neapel, den 8. September 1770 Mein lieber Freund, ach, welch schönen Brief Sie mir geschrieben haben! Ich habe ihn gelesen, wieder gelesen, ihn andächtig durchgeschmeckt, und ihn sogar andern vorlesen wollen; aber bis zu dieser Stunde ist es mir nur geglückt, im ganzen drei Paar Ohren zu finden, die würdig wären, ihn zu hören. Ich möchte Ihnen jetzt antworten und habe eine so große Lust, mit Ihnen zu plaudern, daß ich, wenn ich mich gehen ließe, einen unendlichen Brief loslassen würde, um einem unersetzlichen Abbé Gesellschaft, Diners und unersetzliche Freunde zu ersetzen; aber ich fürchte, in ernsten Ton zu verfallen, denn ich will doch von meinen Dialogen mit Ihnen sprechen, da Sie einmal davon angefangen haben. Sie werden leicht erraten, daß ich mich nicht über die Lobreden, mit denen Sie mich überhäufen, mit Ihnen unterhalten will. Ich nehme sie an, ich halte sie fest, und weil sie von Ihnen kommen, so mache ich sie mir zu eigen; ich will sogar glauben, daß ich sie verdient habe, und gedenke, sie meinen Kindern zu vererben. Aber nun will ich von etwas anderem schwatzen. Zunächst sagten Sie mir, nach dem Lesen meines Buches seien Sie kaum mehr tiefer in den Kern der Frage vorgedrungen. Wie zum Teufel ist das möglich! Sie, der Sie von Diderots und meiner Sekte sind, können nicht zwischen den Zeilen lesen? Ich lasse es gelten, daß diejenigen, die nur das schwarz Gedruckte lesen, nichts Entscheidendes in meinem Buche entdeckt haben; aber Sie, Sie müssen zwischen den Zeilen lesen; lesen Sie das, was ich nicht geschrieben habe und was trotzdem darin steht. Und Sie werden folgendes finden: Unter jeder Regierung richtet sich die Getreidegesetzgebung nach dem Wesen der Regierung. Unter einem Despoten ist freie Ausfuhr unmöglich; der Tyrann hat zu viel Furcht vor dem Geschrei seiner hungrigen Sklaven. In der Demokratie ist die Ausfuhrfreiheit natürlich und unvermeidlich. Da Regierende und Regierte dieselben Personen sind, so ist das Vertrauen unbegrenzt. In einer gemischten und gemäßigten Regierung kann auch die Freiheit nur modifiziert und gemäßigt sein. Korollarium: Wenn Sie zu stark an der französischen Getreideverwaltung rütteln, so werden Sie, falls es Ihnen gelingt, die Form und Zusammensetzung der Regierung verändern, einerlei, ob diese Veränderung die Ursache oder ob sie die Wirkung der unbeschränkten Ausfuhrfreiheit ist. Nun ist die Veränderung einer Verfassung eine sehr schöne Sache, wenn sie gemacht ist, aber eine sehr häßliche, wenn sie erst noch gemacht werden soll. Sie macht zwei oder drei Generationen ganz gewaltigen Verdruß und verschafft nur der Nachwelt Annehmlichkeit. Unsere Nachkommen aber sind nur mögliche Wesen, und wir sind wirkliche. Sollen die wirklichen sich wegen dieser andern Zwang auferlegen und sich sogar unglücklich machen? Nein! Behalten Sie also Ihre Regierung und Ihr Getreide. Sie stimmen mit mir überein, daß Frankreich Verordnungen haben muß; aber die meinigen gefallen Ihnen nicht? Aber was sind denn meine Verordnungen? Ich habe einen Ermutigungspreis und eine Geldbelohnung allen denen zugestanden, die den unglücklichen Darbenden der Berge von Limoges und Gévaudan Getreide bringen werden. Wo, zum Teufel, haben Sie das gesagt? werden Sie lostoben; das steht nicht in Ihren Dialogen. – Es steht darin, antworte ich Ihnen ernst. Es steht zwischen den Zeilen. Suchen Sie gut nach. Stellen Sie als Grundsatz fest, daß in jeder Regierung Extravergütung und Steuer gleichbedeutend sind. Alles, was Ihnen ein Herrscher nicht nimmt, das gibt er Ihnen. Schöner Grundsatz, werden Sie ausrufen! Es gibt keinen andern, wiederhole ich kalt: ein Herrscher hat keine andern Einkünfte als die Steuern. Wenn er geben soll, so muß er nehmen: Et e converso , wenn er nicht nimmt, so gibt er. Was ist ein Generalkontrolleur? Ein großer Taschenspieler. Er hat in seiner Hand den Zauberstab, die sogenannten Patentbriefe, Verfügungen, Erklärungen; und er macht große Taschenspielerkunststücke, bald wirkliche, bald nur scheinbare; im Grunde hat er niemals mehr, niemals weniger von den kleinen Kugeln in seinen Händen. Ebenso gewährt der Herrscher, der nicht fünfzig Sous für das Malter Getreide nimmt, wenn das Getreide nach dem Limousin geht, und der sie nimmt, wenn es nach Portugal geschifft wird, den inländischen Händlern eine wirkliche Extravergütung, für die Unbequemlichkeit der schlechten Wege, und aus Rücksicht auf das Elend der Einwohner der inneren Provinzen. Beachten Sie, daß im heutigen Frankreich, das ein Handel, Seefahrt, Industrie treibendes Reich ist, der ganze Reichtum sich an den Grenzen angesammelt hat; alle seine großen, reichen Städte liegen an den Grenzen; das Innere ist von erschreckender Dürftigkeit, das Getreide strömt dorthin, wo das Geld ist. Es gibt also in Frankreich eine Zentrifugalkraft, die ausgeglichen werden muß; wenn das nicht geschieht, wird alles Getreide an die Grenzen gehen; dann wird es aus dem Lande herausgehen, aus einem andern physikalischen Grunde, den ich Sie in meinen Dialogen ebenfalls zwischen den Zeilen finden lasse. Stellen Sie auf einen runden Teig ein schweres Gewicht: sicherlich werden Sie ihn abplatten, zerquetschen und in der weichen Masse eine Zentrifugalkraft hervorbringen, weil sie dem Gewicht auszuweichen sucht. Nun stellen Sie mitten in einen Staat einen König, einen Ministerrat, ein Parlament, Intendanten etc.: das sind schwere Massen, die einen schrecklichen Druck ausüben. Sofort werden Sie soviel Menschen und Lebensmittel wie nur möglich sich über die Grenzen ergießen sehen, wenn Sie diese Bewegung nicht korrigieren. Die Herren Ökonomisten sagen Ihnen, sie werden durch ihre Eintagsbroschüren, die Parlamente, die Intendanten etc. wohl verhindern, einen Druck auf dem Teig auszuüben. Arme fanatische Dummköpfe! Sie glauben, weil sie eine sehr bekannte Wahrheit entdeckt und in schlechtem Französisch hingeschmiert haben, wird sie sich sogleich ausführen lassen. Die Welt ist ganz anders eingerichtet, die Parlamente werden immer Beschlüsse fassen, die Ministerräte immer Erklärungen abgeben, die Intendanten immer Verordnungen erlassen, und zwar immer zu viele und immer im Innern. Darum wird ein armer Teufel, sobald er sein Getreide eingeschifft sieht, dafür Gott danken; er wird ihm das Sic te diva potens Cypri von Horaz singen oder das Si quae vis miracula des heiligen Antonius, und dann wird er schlafen gehen. Hätte ich gesagt, man solle die freie Ausfuhr bestehen lassen, außerdem aber dem Binnenhandel noch eine Ermutigung und Extravergütung gewähren, in Anbetracht der größeren Schwierigkeit der Anfuhr und des Absatzes in den armseligen Provinzen des Innern, da hätten mich alle Ökonomisten umarmt, hätten mich auf die Stirn und vielleicht noch wo anders hin geküßt. Ich habe genau das gleiche gesagt; sie wollten mich totschlagen. Und doch habe ich an Stelle eines unpraktischen Rates einen vernünftigen und leicht auszuführenden gegeben. Ziehen wir die Schlußfolgerung. Verdammt der Mensch, der für Menschen drucken läßt, wenn er nicht sein Manuskript den Buchhändlern um gute Bezahlung verkauft. Das habe ich für den Binnenhandel getan; aber ich habe noch viel mehr getan. Ich habe die Ausfuhr ermutigt, gesichert, heilig, unverletzlich gemacht. Das haben Sie keineswegs getan, wollen Sie mir wieder vorwerfen; Sie haben das Gegenteil getan, Sie haben der unumschränkten, absoluten Freiheit, wie mir mein lieber Abbé Morellet sagte – den ich immer noch lieb habe und gern über diese Dinge aufklären möchte –, Beschränkungen und Abänderungen auferlegt. Nun, sie täuschen sich alle, so viel ihrer sind; sie kennen die Menschen nicht. Habe ich nicht eine Steuer von fünfzig Sous auf die Getreideausfuhr gelegt? Diese Steuer soll in den Anfängen angewendet werden, solange die Erhitzung fürs öffentliche Wohl andauert, und soll den inneren Umlauf säubern; nachher wird sie wie üblich und wie billig in die königliche Schatzkammer fließen. Die Ausfuhr wird also einen nicht zu verachtenden Teil der Staatsfinanzen und -einkünfte bilden. Sie wird daher beliebt sein, weil sie nützlich ist; geheiligt, weil der Generalkontrolleur sie als seine Hilfsquellen ansehen wird, und wird von der Regierung geschätzt sein, weil sie einträglich ist. Sie kaufen, im wahren Sinne, Ihre Freiheit; Sie kaufen den Schutz; und dies ist die gute Art und Weise: Kauf ist sicher, Geschenke sind widerruflich. Ich höre von hier die Ökonomisten, wüßten Sie von meinem Vorschlag, mit ihren großen Stiefeln trampeln und schreien, ich sei ein Italiener, ein Neapolitaner, ein Pfaffe, und ich werde ihnen ruhig antworten, daß sie Ökonomisten sind. Sie werden mich Macchiavel, Mazarin, Geldprotz, Schinder der Armen, Blutsauger des Volkes nennen. Ich werde sie arme Tölpel nennen, Blutsauger der Hämorrhoidaladern, die die Natur verbessern und die Menschen umändern wollen. Im Grunde sind die Franzosen ebenso italienisch wie die Italiener. Wenn die Ausfuhr dem König nichts einbringt, kein bares Geld in die Hand – das einzige, womit die großen Minister rechnen mögen und rechnen können –, so wird man bald vergessen, daß sie den Ackerbau begünstigt, daß der Ackerbau die Basis ist, daß Nationalreichtum, allgemeines Interesse, Grundeigentum, Reinertrag, die produzierende Klasse, der notwendige Preis, die ländliche Physionomie, die Konkurrenz, die Freiheit, der proportionale Preis, die Reproduktion, die erste Einlage über alle Maßen abgedroschene Gemeinplätze sind etc. etc. Das ist zu lang, um es auswendig zu behalten, und im wesentlichen läuft es auf folgendes hinaus: Wenn die Getreideausfuhr dem Herrn Generalkontrolleur nichts einbringt, so werden die Herren Intendanten damit nach Gutdünken verfahren; und ganz gewiß wird es ihnen gut dünken, besondere Erlaubnisse zu gewähren, Polizeiverordnungen zu erlassen und den Handel zu belästigen. Sie werden zuweilen ein bißchen gescholten werden: dann machen sie einen Ausflug nach Versailles, speisen beim Herrn Generalkontrolleur zu Mittag, himmeln die Bureaus an, plaudern mit den Beamten und kehren renommierend und triumphierend in ihre Intendanz zurück. Aber wenn die Getreideausfuhr königliches Recht ist, so müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn sie sie jemals belästigen könnten, ohne sich sehr ernsthafte Händel zuzuziehen. Schlußfolgerung: Macht aus der Ausfuhr, wenn ihr wollt, daß sie ermutigt und beschützt werden soll, eine, wenn auch nur bescheidene, Einnahme des Fürsten: das sagt euch ein Mensch, der die Menschen kennt, und das ist die wahre Analyse meiner Dialoge, die sehr verschieden ist von der der Zeitungschreiber. Und nun sprechen Sie! Konnte ich von dem, was ich Ihnen eingestanden habe, ein einziges Wort sagen, ohne mein Geheimnis und das des Staates zu verraten? Ich weiß wohl, all dies ist den Köpfen der Ökonomisten hundert Meilen fern, aber auch dem Ihrigen und dem unseres großen Diderot? Der Abbé Morellet braucht nur Kopf oder Schrift zu spielen, ob er der Unsrige sein oder zu den Ökonomisten gehören will; das ist Geschmackssache. Indessen erkläre ich ihm, wenn er sich auf die Seite der Ökonomisten stellen will, so wird er niemals ein Wort von dem verstehen, was ich sage, ohne es auszusprechen. Gehört er zu den Unsrigen, so wird er verstehen, wie man die Leidenschaften, die Laster der Menschen, die Fehler, die Unbesonnenheiten und die falsche und übertünchte Wohlanständigkeit des öffentlichen Wohls in Anspruch nimmt. Der Enthusiasmus der Schriftsteller hat noch niemals etwas in dieser Welt zustande gebracht, sondern einzig und allein das persönliche Interesse. Ich fürchtete ernst zu werden, und da sehen Sie: meine Furcht hat sich bewahrheitet. Ihr Urteil, Ihre Achtung, Ihre Stimme gelten mir zuviel, und ich will durchaus, daß Sie meiner Meinung sind. Es ist heut abend keine Zeit mehr zu Scherzen: diese also ein andermal. Darum umarme ich Madame nicht, sage kein Wort an Gatti, Marmontel, Thomas, Raynal, Arnaud, nicht mal an die, die mir die Teuersten auf der Welt sind, ich umarme Sie allein und damit genug! Neuigkeiten weiß ich nicht, nur daß ich, anstatt mich beschneiden zu lassen, mich zu verheiraten und dabei doch meine Abteien zu behalten hoffe. Leben Sie wohl, behalten Sie mich recht lieb, denn ich verdiene es. Tausend Grüße an den Baron und die Baronin. Vergessen Sie Madame de Marchais nicht. Könnte ein Ungeheuer der Politik nicht liebenswürdig in der Gesellschaft sein? [40] An Frau von Epinay Neapel, den 8. September 1770 Es lebe der himmlische Vater und mit ihm die langen Briefe! Die Dankbarkeit verlangt es eigentlich, daß ich ebenso lange schriebe. Aber als ich Suard antworten wollte, da hat meine Begeisterung mich fortgerissen, und ich schrieb die ernsteste Epistel und den längsten Brief, den ich jemals über Getreideangelegenheiten verfaßte. Ohne Zweifel wird er ihn Ihnen mitteilen. Für alle Fälle habe ich Abschrift davon behalten; machen Sie damit, was Sie wollen. Ich möchte wohl, daß Herr von Sartine ihn erhielte. Weiter habe ich keinen Ehrgeiz und keine Wünsche. Der Brief an Suard hat mich müde gemacht, daher werde ich Ihnen heute abend sehr kurz schreiben und will nur ganz knapp auf Ihre Punkte antworten. Da Sie mir die Satiren der Ökonomisten gegen mich geschickt haben, so schicken Sie mir doch auch, was gegen jene erschienen ist; das erheitert mir meine Augenblicke der Muße... Ich muß Ihnen sagen, daß ein menschliches Gefühl mich veranlaßt hat, einer Frau monatlich zwölf Livres geben zu lassen, damit sie ein Kind erziehen kann, das ein unnatürlicher Vater verließ, nachdem er es leichtsinnigerweise in die Welt gesetzt hatte. Diese Frau heißt Madame de la Daubiniere, Rue St. Honoré, gegenüber dem kleinen Hotel Noailles. Gatti war Auszahler dieser Rente. Tun Sie mir den Gefallen, mit Gatti abzurechnen, und übernehmen Sie es, der Frau fortlaufend die Beisteuer zukommen zu lassen; sie wird zu Ihnen kommen, und ich empfehle sie Ihnen zugleich so warm, wie ich nur kann. Sie ist, nach Ihnen, für mich das Liebste, was ich in Paris zurückgelassen habe. Sie verdient ihr unglückliches Schicksal nicht, und sie verdient recht sehr Ihren Schutz. Ich bitte Sie, ihr jedesmal nur zwölf Livres zu geben, weil sie sonst in Versuchung kommen könnte, mehr auszugeben. Sie werden, wenn Merlin nicht verschwindet, für lange Zeit Geld genug für diese Zahlung zur Verfügung haben; hernach werden wir weiter sehen. Also Monthyon ist der neue Intendant der Auvergne? Umarmen Sie ihn recht herzlich meinerseits. Sie haben recht, ihn sehr hoch zu achten: ich tue es auch, und es reut mich nicht. Bitten Sie ihn, Frau de Fourqueux und der ganzen Familie meine Empfehlungen auszurichten. Ich rede mir gerne ein, daß man mich in diesen Häusern noch lieb hat, trotz dem Geschrei der Ökonomisten gegen meine Dialoge. Was hat eine politische Meinungsdifferenz mit der Liebenswürdigkeit zu schaffen? Habe ich nicht den Absichten des Herrn Trudaine de Montigny volle Gerechtigkeit widerfahren lassen?... Ich bin entzückt über d'Alemberts Reise. Nicht, daß ich allzu große Hoffnung hätte, ihn zu sehen. Er wird nicht hierherkommen, auch Herr de Trudaine nicht; aber ich bin sicher, daß es der einzige Entschluß war, den er fassen konnte, um seine durch die Eintönigkeit seiner Lebensweise zerrüttete Gesundheit wiederherzustellen. Ich rechne auch nicht einmal auf den Baron von Gleichen. Gott weiß, ob er kommen wird! Die Kabinette Europas sind in solcher Unordnung! Ich bitte Sie, ein Exemplar meiner Dialoge zu kaufen und es, eingebunden, als Geschenk von mir an Abbé Grimod, bei Herrn de la Reynière, zu senden. Was die Bezahlung in Büchern anbetrifft, die Merlin anbietet, so würde ich, wenn er ihnen Exemplare meines Buches geben will, gerne bis zu hundert nehmen und würde nicht verlegen darum sein, sie abzusetzen. Behalten Sie mich immer lieb. Ich schäme mich, daß ich Diderot noch nicht geantwortet habe; aber da ein Philosoph keine Zeitdauer kennt, so wird es kein früh oder spät für ihn geben. Noch bebt mein Herz von Schrecken über die Schilderhebung der Geistlichkeit gegen das Système de la nature . Die Leute haben eine feine Nase. Sicherlich kennen sie den Verfasser oder sie vermuten ihn; sie werden ihn anzeigen, man wird ihn opfern. Das ist ein billiger Dienst in den Augen von Leuten, die eben sechzehn Millionen bezahlt haben. Gott schütze den Atheismus vor irgendwelcher betrüblichen Verfolgung; aber ich zittere. Leben Sie wohl. Behalten Sie mich lieb! [41] An Frau von Epinay Neapel, den 15. September 1770 Was wollen Sie von mir, schöne Frau, daß Sie mir schreiben, meine Phantasie und Laune erhitzen und sie auf Stoffe lenken, die den Zufällen eines Briefes anzuvertrauen gefährlich ist? Sie sind Frau und schreiben aus Paris. Ich bin Mann, Abbé, Staatsrat, und schreibe aus Neapel. Dennoch hatte meine Arbeitslust einen solchen Schwung erhalten, daß ich, nach Empfang Ihres gestrigen Briefes, einen wichtigen Dialog über folgende Frage angefangen hatte: Sind die Schuhe Menschenwerk oder existieren sie in der Natur, unabhängig von den Menschen? Soll man sie abschaffen oder beibehalten? Sind sie für die Füße mehr nützlich oder schädlich? Diese für alle Schuster höchst wichtigen Fragen würde ich gründlich behandelt haben. Aber ich fürchte die Ungeschicklichkeit irgendeines La Condamine, der des Rätsels Lösung hinten auf sein Papier schrieb. Also lassen wirs lieber. Voltaire hat recht: der Mensch hat fünf Organe, die eigens dazu erschaffen sind, ihm Vergnügen und Schmerz anzuzeigen. Er hat deren kein einziges, um ihm zu zeigen, was an einer Sache wahr, was falsch ist. Er ist also nicht erschaffen, die Wahrheit zu erkennen oder durch Lügen getäuscht zu werden. Das ist gleichgültig. Er ist gemacht, um zu genießen oder um zu leiden: wir wollen also genießen, und wenn möglich, nicht leiden. Das ist unser Los. Wenn Herr von Sartine sagt, ich habe recht, so hat er also unrecht, und muß es wieder gut machen. Es gibt tausend Mittel, um einen Roubeau zu bestrafen. Wenn ihn nach Bicêtre zu schicken zu ehrenvoll für ihn ist, sintemalen für Ökonomisten und Mücken Leben, Lärm und Ehre gleichbedeutend sind, und man nur durch dichten schwarzen Rauch sie töten muß, so wollen wir den Abbé Roubeau auf die Art bestrafen, die ihn am schmerzhaftesten trifft. Lassen wir ihn wissen, daß ich Danksagungen, Lobeserhebungen, Beifallsbezeugungen erhalten habe und daß damit wenigstens die reinen und geraden Absichten, aus denen mein Buch hervorging, anerkannt worden sind. Ich fühle, daß ich verdiene, was ich von Ihnen erbitte, und ich verdiene es noch mehr, da es sich darum handelt, mir eine Genugtuung zu geben. Ich habe Ihnen schon darüber geschrieben. Ich habe soeben einen Brief des Barons Holbach erhalten. Wenn Sie ihm mitteilen könnten, daß ich heut abend keine Zeit habe, ihm zu antworten, so würden Sie mir einen Gefallen tun. Ich habe auch keine Zeit, Ihnen heut abend mehr darüber zu schreiben. Meine Langeweile in diesem Lande nimmt zu im doppelten Verhältnis der räumlichen und zeitlichen Entfernung von Ihnen und meinem lieben Paris. Dies macht mich ganz niedergeschlagen. Im übrigen bin ich durchaus nicht krank; aber es ist schon eine schwere Krankheit, das Leben, das an sich so kurz ist und nicht zum zweitenmal zurückkehrt, nicht zu genießen. Glücklich, wer an Seelenwanderung glaubt! Leben Sie wohl, ich mache Ihnen mein Kompliment über die Wiedererlangung der Briche. Ich umarme Grimm und alle meine Freunde. Ich fühle Reue und schreibe zwei Worte an den Baron. Bitte übernehmen Sie es, ihm meinen Brief zuzustellen. [42] An Frau von Epinay Neapel, den 22. September 1770 Meine schöne Dame, heut bin ich stumpfsinnig, das sage ich Ihnen im voraus. Die Langeweile kriegt mich unter, wie Herrn de Mairan das Wasser unterkriegte. Riefe ich Ihnen zu: erretten Sie mich mit irgend etwas, so würden Sie mir antworten, Sie hätten das schon früher mit einem Briefe getan. Ich bin zufrieden mit dem Heilmittel. Doch ist Ihr Brief vom 2. September nicht allzu heiter. Sie sprechen darin von einem Anfall von Blasengries; das ist nichts. Sie stellen mir eine metaphysische Frage, und Sie schicken mir einen artonomischen Erlaß (wenn Sie nicht Griechisch verstehen, so werde ich Ihnen sagen, daß dieses Wort ›Brotgesetz‹ bedeutet; wenn die Ökonomisten nur ein bißchen Griechisch könnten, so hätten sie dieses recht glückliche Wort schon längst angewandt), und Sie bedrohen mich mit dem Auszug aus einem Buche: all das trägt nicht viel zur Heiterkeit bei und zur Heilung von meinem Stumpfsinn. So muß ich denn also, trotz meiner Betäubung, auf Ihre metaphysische Frage antworten: Warum bekommt man einen schlechten Begriff von einem Menschen, der den Charakter Lovelaces erschaffen hat? Aus Faulheit. Man hat die Wirkungen der Faulheit des menschlichen Geistes nicht genug studiert. Ich muß eines schönen Tages darüber eine Abhandlung schreiben. Im Grunde steht fest: wenn ich zum Beispiel den Roman von Lovelace lese, so muß ich mir durchaus ein Phantasiebild von diesem Herrn machen. Nun muß von zwei Möglichkeiten eine eintreten: wenn ich glücklicherweise jemand kenne, der mir Lovelace zu ähneln scheint, so nehme ich ihn da in meiner Phantasie für diese Persönlichkeit; dann rettet sich der Verfasser, und ich hasse den Herrn doppelt so stark wie früher. Findet dieses Wesen sich nicht in meiner Phantasie vor, so setze ich, vermöge meiner Geistesfaulheit, den Verfasser an diese Stelle, und er wird die Zielscheibe meines Hasses. Zum Beweise hierfür brauche ich nur anzuführen, daß Macchiavelli seinerzeit seiner Bücher wegen nicht gehaßt wurde, als alle Welt den Herzog von Valentinois kannte. Sobald man nicht mehr an dieses Ungeheuer dachte, erschien Macchiavelli selbst als ein Scheusal. Wären Tiberius und Nero nicht so große Kaiser gewesen, daß es unmöglich ist, sie zu vergessen, so würde Tacitus ebenso verhaßt sein wie Macchiavelli: ich habe Leute gekannt, die Tacitus nicht weniger verabscheuten als Tiberius. Kurz, ich glaube, nach dem Tode des Herrn Malouin wird Molière für einen abscheulichen Arzt gelten. Da haben Sie meine Ideen über diese Frage. Alles ist Wirkung der Faulheit unserer Einbildungskraft: um sich nicht die Mühe zu machen, Prototypen zu suchen (wieder ein griechisches Wort), setzt sie den Verfasser an die Stelle ... Ihre Tochter ist ebenso reizend wie ihre Mutter. Sagen Sie ihr, sie solle ihren Ring in Ehren halten: er hat durch Zauberkraft die Macht erhalten, gerade entgegengesetzt zu wirken wie der Ring der Ariostischen Angelica. Dieser machte die Anwesenden unsichtbar, meiner macht die Anwesenden sichtbar; aber die Abwesenden haben immer unrecht. Ich empfehle Ihnen meine Geschäfte, meine Rechnungen, meine Wohltaten, meine Rachepläne und meine Rückkehr nach Paris, wenn diese im Bereich des Möglichen liegt... [43] An Frau von Epinay Neapel, den 29. September 1770 Da bekomme ich eine Nr. 23, die den Teufel nichts taugt! Sie haben schlimmes Kopfweh, Merlin hat sich die Möbel pfänden lassen, und Sie haben nicht die Kraft, mit mir zu plaudern. Warten wir also Nr. 24 ab. Inzwischen bitte ich Sie (falls welche zu haben sind), ein Exemplar der Dialoge auf meine Kosten zu kaufen, und es an Herrn de la Reynière zu schicken, der es in meinem Namen dem Abbé Grimod geben wird. Das ist ein alter Freund von mir, dessen Bibliothek ich bereichern soll. Ich erhielt aus Paris ein Werk, betitelt: Analytischer Versuch über den Reichtum und die Steuern. Es bekämpft die Ökonomisten. Dieses Buch hat mich an den von Rabelais mitgeteilten Disput erinnert, den Panurg durch Zeichen und Gesten mit einem Unbekannten führte, und den ich immer für den besten Scherz dieses seltsamen Genies gehalten habe. In Wahrheit ist es ebenso dunkel, ebenso hohl wie die Ökonomisten. Es bekämpft, ohne etwas zu verstehen, Leute, die ebensowenig verstehen. Das macht mir Spaß. Ich sinne jetzt bei mir selbst über die Theorie der Steuern nach. Ich schreibe dies Buch; es ist gut. Ich stelle fest, daß wir Könige, Päpste und Steuern haben, weil wir keine Austern sind. Wenn wir Austern wären, also keine Arme und Beine hätten, so könnten wir nur für uns selbst arbeiten. Man könnte uns wohl essen, uns aber nicht dazu anhalten, für andere zu arbeiten. Also wird jedes Volk, das sich Arme und Beine abschneidet, zu einem Volk von Austern und wird steuerfrei sein. Also ist die Faulheit, die uns in Austern umwandelt, das wahre Heilmittel gegen die Steuer. Also ist die Steuer, die unsere Arme und Beine munter macht, das wahre Heilmittel gegen die Faulheit. Also steht der Fleiß eines Volkes im Verhältnis zu seinen Steuern. Also kann, da das menschliche Glück weder in übermäßigem Müßiggang, noch in übermäßiger Tätigkeit besteht, das Glück weder im Nichtvorhandensein, noch im Übermaß der Steuern bestehen. Also wird die Steuer, die uns Arme und Beine bindet, uns mehr hinderlich sein, als die, die sie uns freiläßt, und wird weniger einbringen. Also wird uns die Verzehrungssteuer weniger lästig sein und mehr einbringen, als die Steuer, die auf der Arbeit des Landbebauers oder des Handarbeiters lastet. Erwarten Sie eine solche Menge Alsos? Sind Sie erstaunt über diese unglaubliche Entwicklung? Letztes Also: Also faseln die Ökonomisten. Leben Sie wohl. Behalten Sie mich lieb. [44] Frau von Epinay an Galiani La Briche, den 29. Oktober 1770 Nein, wahrhaftig, seit dem Pechvogel im Märchen, wie Madame Geofirin die unglücklichen Leute nennt, ist so etwas wie mein Abenteuer der letzten Woche noch nicht dagewesen: Das Pech ist so groß, daß man sich darüber totlachen muß. Ich erhalte morgens die Nachricht, daß ich durch Schuld meines Notars oder jedenfalls durch seine Nachlässigkeit mich gezwungen sehe, eine Zahlung von zehntausend Livres zu machen, auf die ich nicht rechnete, und von denen ich keinen Sou besitze; und zwar im Laufe von acht Tagen. Ich lasse die Pferde anspannen und fahre nach Paris. Ich finde die Sache unmöglich. Zehntausend Francs, jetzt! Ich komme nach meinem Hause; während man die Pferde wechselt, fällt es mir ein, einen Schrank zu öffnen, in dem ich all meine Vorräte während der Ausbesserungsarbeiten im Hause verschlossen hatte. Die Mäuse hatten sich ebenfalls dahinein geflüchtet und hatten sich so gut unter den genannten Vorräten eingerichtet, daß von den zwanzig Konfiturentöpfen und vier Zuckerhüten keine Spur, aber rein nichts geblieben war. Ich fluche, das tröstet; ich lasse Mäusefallen stellen; damit hätte ich anfangen sollen, aber es sind noch Wäsche und Bücher da, die muß man doch schützen. Ich steige wieder in den Wagen und stürze fort, mir immer wieder zurufend: Geld! Geld! Verliert da nicht ein Pferd ein Eisen und müssen wir nicht eine Stunde an eines Hufschmieds Tür halten! Ich kann immer mit den Zähnen knirschen, den Vorübergehenden die Zunge herausstrecken, darumkomme ich nicht weiter vorwärts. Schön, ich fahre also überall herum und bekomme kein Geld, habe im Gegenteil welches verloren, denn (ich glaube, ich schrieb Ihnen das schon), als ich in mein Haus trete, bemerke ich, daß ich meine Börse mit fünf Louis darin verloren habe, desgleichen einen goldenen Ring. Ich habe sie überall gesucht, wo ich gewesen war; sie ist verloren, unrettbar. Ich kehre nach der Briche zurück, von Kälte, Anstrengung und Ungeduld erschöpft, und als ich dort ankomme, da zerbreche ich meine Uhr. Oh, meiner Seel! Ich bin ohne Abendessen zu Bett gegangen, denn ich hatte Furcht, beim Essen zu ersticken. Ich frage Sie, Abbé, ob so etwas je schon dagewesen ist. Ein andrer Unfall, der auch zum Totlachen ist, weil er keine weiteren Folgen haben wird, ist der Ihres reizenden Marquis: er leidet an einem Fluß, infolgedessen ihm das halbe Gesicht angeschwollen ist, aber auf so komische Art, daß ich mein Lebtag keine lächerlichere Anschwellung gesehen habe; er hat es mir auseinandergesetzt, daß bei ihm nie etwas ist wie bei anderen Leuten. Er schrieb mir von seinem Unwohlsein: »Kommen Sie zu mir«, sagte er, »Sie werden mein Gesicht nicht so grade finden wie mein Urteil«, und, wahrhaftig, er hat eine sehr sonderbare Art, beiseitezusprechen. Ich wollte ihn im Gegenteil überzeugen, daß sein Gesicht das getreue Abbild seiner Unterhaltung wäre. Nichts ist zusammenhängend, alles kommt stoßweise hervor; aber davon wollte er nichts wissen. Übrigens haben die Breiumschläge Wunder bewirkt, und unaufhörlich behauptet er, schon wieder wie ein anderer Mensch auszusehen. Wenigstens wird er bald geheilt sein. Ach! welch prächtige Alsos haben Sie mir geschickt! Es ist unglaublich. Grimm ist rein närrisch darüber. Ich habe Gelegenheit, an Voltaire zu schreiben, und will sie ihm schicken. Er ist noch immer berauscht von Ihrem Buch, ich will, daß er Sie rächt für das Stillschweigen der anderen, die nicht schweigen dürften. Ich habe ihn ein bißchen vernachlässigt, will mich aber wieder daran machen, ihm zu schreiben, und will ihm den Kopf warm machen. Schreiben Sie mir Ihrerseits etwas zu seinem Lobe, das werde ich ihm schicken. Ach! Was er macht, wird wenigstens bleibend sein. Die Beleidigungen werden vorübergehen, aber seine Worte und Ihr Buch nicht. Er hat neulich an Grimm geschrieben und sagt: »Ich bin der geduldige Hiob, aber ich hatte auch Freunde, die mich auf meinem Düngerhaufen trösten kamen, und die mehr wert sind als die Freunde dieses Arabers.« Dann spricht er von d'Alembert und Herrn de Condorcet: »Sie haben mir gesagt, und das wußte ich ohne sie, wie sehr die Welschen gegen die Philosophie wüten. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um der Philosophie zu sagen, was man den Häschern sagte, und was St. Johannes den Christen sagte: Kindlein, liebet euch untereinander, denn wer zum Teufel liebt euch sonst?« ... Ich kehre morgen nach Paris zurück; meine Hausreparaturen sind beendet, und ich sage der Briche Lebewohl ohne Erbarmen und ohne Wiederkehr. Sie ist vermietet auf neun Jahre, ohne Vorbehalte, und wer weiß, ob ich in neun Jahren noch auf der Welt bin. Übrigens ist seit acht Tagen ein Wetter, das prachtvoll geeignet ist, um das Land ohne Bedauern zu verlassen: beständige Regengüsse, unerträgliche feuchte Kälte. Aber ich fühle mich wohl, und wenn ich Ihnen schreibe und Ihre Briefe empfange, mein lieber Abbe, so bin ich ganz so zufrieden, als ob ich meine zehntausend Francs gefunden hätte, als ob meine Konfitüren nicht aufgefressen wären, als ob mein Pferd nicht sein Eisen verloren, als ob ich meine Börse nicht verloren, als ob ich meine Uhr nicht zerbrochen hätte. Nach der Geschichte meiner sechsundzwanzig Mißgeschicke fehlte mir nun nichts weiter, als diese Woche auch keinen Brief von Ihnen zu bekommen. Ich halte mich an Fontainebleau, und hoffe morgen, wenn ich ankomme, einen vorzufinden. Leben Sie wohl, mein lieber Abbé, ich umarme Sie. [45] An Frau von Epinay Neapel, den 13. Oktober 1770 In der vergangenen Woche habe ich Ihren Brief nicht zur Zeit bekommen, um darauf antworten zu können. Überdies sind es schon drei oder vier Wochen, daß Ihre Briefe mich nicht mehr elektrisieren. Niemand schreibt mir mehr aus Paris. Sie selbst lassen drei Viertel meiner Fragen unbeantwortet; ich bitte Sie, meine Briefe nochmals durchzulesen, und Sie werden sehen, daß ich recht habe. All das versetzt mich in eine Hundelaune. Dazu noch Merlin und die Konsuln! Sie werden einsehen, in welcher Niedergeschlagenheit und Traurigkeit ich mich befinden muß, da ich sehe, daß Paris mich aufgibt und vergißt und mich zwingen will, es zu vergessen. Bis zu dieser Stunde lebte ich nur in Paris und für Paris; aber ohne zahlreiche Briefe all meiner Freunde kann ich mir das nicht vorstellen und mich nicht für diese unersetzbare Gesellschaft entschädigen. Sie wünschten, daß ich den ›Radau‹ vollende. Ich glaube, es ist nichts mehr daran zu vollenden. Ein Scherz muß kurz sein. Sie haben nicht den vollen Genuß daran haben können, weil Sie das Buch Interet general , das den Scherz parodiert, nicht hatten. Kaufen Sie es, bitte. Sicherlich wird die Auflage nicht vergriffen sein. Sehen Sie, vergleichen Sie, und dann lachen Sie! Aber, die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, ob man den Scherz noch weitertreiben soll. Nichts würde mir leichter sein, aber ich fürchte, es wird monoton. Außerdem blutet mir noch immer das Herz über die Beleidigungen, die man meinen Dialogen zufügte, und ich zöge eine Ehrenrettung von Herrn de Sartine oder dem Abbé Terray einer lärmenden Rache an einer Herde von Ökonomisten vor, die man in einem Sputum ertränken kann, die aber dennoch eine mächtige Sekte und vielleicht eine Religion bilden werden, weil sie traurig und abgeschmackt und ein kleines bißchen jedem Aufruhr geneigt sind, der, wie man sagt, die Gleichheit der Stände wieder herstellen soll. Sie wollen einen schönen Karneol (nichts ist so leicht), aber Sie wollen ihn antik (und nichts ist so schwer). Sie wissen, daß ich einen solchen seit fünf Jahren schon Diderot versprochen habe, aber noch nicht Gelegenheit hatte, ihn aufzufinden. Ich werde jedoch danach suchen, und in der folgenden Woche werde ich Ihnen sagen, welche Fortschritte ich gemacht habe... Erzählen Sie mir etwas von Grimm und Diderot. Was treiben sie? Fragen Sie Grimm nach Nachrichten über meinen lieben Fürsten von Sachsenist in Florenz; aber es scheint (wie Abbé Raynal zu Madame Geoffrin sagen würde), daß schreckliche Revolutionen in Dänemark vorgehen. Man sagt, Sie wollen Krieg führen. Ihre Zeitungen erwähnen nichts davon; aber Ihre königlichen Staatspapiere künden es zur Genüge an. Wenn Frankreich Krieg führt, so würde ich darauf wetten, daß er glücklich ausgehen wird, weil Ihr Land alles bar bezahlen wird, denn von Kredit ist nicht mehr die Rede. Schreiben Sie mir lange Briefe, wenn es wahr ist, daß Sie mich lieb haben. Ich versichere Ihnen, ich habe in Neapel kein anderes Vergnügen, als im Geiste nicht hier zu sein. Wenn wir leben, so werden wir uns unfehlbar wiedersehen, und ich möchte wetten, dies wird keine sechs Jahre mehr dauern. Leben Sie wohl, schöne Frau. Warum schreibt mir eigentlich Schomberg nicht? Erinnert sich Madame d'Houdetot meiner noch? Weiß Herr de Saint-Lambert, daß ich ihn immer noch liebe? Was macht Madame Geoffrin? Sie hat einen pestkranken König und einen zähneverlierenden und gelangweilten kleinen Abbé zum Freund, den einen in Polen, den andern in Neapel. Und das alles macht ihr gar nichts aus, darauf möchte ich wetten. Leben Sie wohl. [46] Frau von Epinay an Galiani Auf der Briche, auf dem Wege, in Paris, überall, wo ich Feder und Tinte finde. Vom 3. November 1770 bis zum 10., wo dieser Brief abgehen wird. Wie er ins Zeug geht, dieser kleine Abbé! Man könnte ihn für einen Ephemeristen halten, so ungerecht und lärmend ist er in seinem Brief vom 13. Oktober, den ich soeben erhielt. Was wollen Sie von mir? Ich schrieb Ihnen regelmäßig jede Woche und ließ darüber alles liegen. Welcher Pariser oder welche Pariserin tut so viel? Drei Wochen hintereinander elektrisiere ich Sie nicht mehr? Das ist ja eine schöne Neuigkeit, die Sie mir da mitteilen! Aber am meisten bin ich eigentlich darüber erstaunt, daß einige meiner Briefe diese überraschende Wirkung auf Sie hervorbrachten. Wer, zum Kuckuck, kann Geist und Phantasie einmal wöchentlich genau zum Posttag haben? Ich schreibe Ihnen alles, was mir durch den Kopf geht; ich schreibe Ihnen, weil ich Sie lieb habe, und weil ich Sie gern an mich erinnere; es ist nicht meine Schuld, wenn die ändern Ihnen nicht schreiben; Sie müssen nicht mit mir darüber zanken, sonst sage ich Ihnen wie jene Nonne: Ach! ehrwürdiger Vater, wenn Sie nicht mit mir zufrieden sind, so gehen Sie nebenan schlafen. Das ist bei uns ein Sprichwort, und will sagen: Gehen Sie zum Kuckuck! Warten Sie – man ruft mich, um nachzusehen, ob mein Wein gut verpackt ist, ich komme gleich wieder....Da bin ich. Sie sagen ferner, ich antworte nicht auf die Hälfte Ihrer Briefe. Es kann sein, daß ich noch nicht auf die geantwortet habe, die ich noch nicht bekommen habe und die unterwegs sind; aber ich habe vom Monat August 1769 bis zum 13. Oktober 1770 keinen Satz unbeantwortet gelassen. Bedenken Sie, daß im Augenblick, wo Sie meine Briefe empfangen, es Antworten auf Fragen sind, die sechs Wochen zurückliegen, und daß ich Ihnen niemals schreibe, ohne Ihre Briefe zur Hand zu haben. Zum Beispiel schreibe ich Ihnen jetzt auf einem Damebrett, auf dem der Marquis gestern eine Partie Schach verlor. Ich habe die Füße auf einem Lehnstuhl, weil ich keinen Tisch mehr hier habe. Auf diesem Lehnstuhl liegen Ihre drei letzten Briefe, Schlüssel, zu bezahlende Rechnungen, ein Säckchen Geld, aus dem man unglücklicherweise so oft schöpfen kommt, daß es bald leer sein wird; und trotzdem gehöre ich im Augenblick ganz meinem Abbe, ohne geringste Ablenkung, weil ich – noch einmal sei es gesagt – ihn von ganzem Herzen, ganzer Seele, aus all meinen Kräften lieb habe.... Ah, welch ein Höllensabbat! Nun ja doch! Ja! Der Karren soll abfahren, soll zum Teufel gehen, man kann meine Pferde davor spannen!.... Ich sagte Ihnen also, um Ihnen meine Pünktlichkeit zu beweisen, daß ich nicht früher über die von Ihnen gewünschte Genugtuung antworten konnte; meine letzten Briefe sprechen eingehend davon. Den Grafen Schomberg habe ich nicht gesehen, er ist in Fontainebleau; Diderot ist im Grand-Val bis zum St. Martinstage: weil er versprochen hat, hier zu sein, so mußte er natürlich anderswo sein. Der Mann mit dem Strohsessel, der sicherlich kein Strohmann ist, schreibt immer viel mehr als alle ändern. Er führt ein Sträflingsleben und ist trotzdem abends, wenn er von seinem Dachstübchen herunterkommt, immer gleich lustig. Er hat Sie gern, er sagt Ihnen tausend zärtliche Dinge und hat unglücklicherweise nicht die Zeit, sie Ihnen selbst zu sagen. Dem Fürsten von Gotha geht es gut; aber es ist ein Jahrhundert her, seit er geschrieben hat; er hat für den Empfang der Prinzessinnen von Wales und anderer große Hoffeste gehabt. Herr de Saint- Lambert hat Sie noch immer sehr aufrichtig lieb, wie ich vermute; denn er spricht von Ihnen immer mit der gleichen Wärme, die Sie an ihm kennen. Die Gräfin d'Houdetot findet Sie reizend; aber Panurg ist ein ausgezeichneter Geist von bewunderungswürdiger Logik, und sie liebt die Logik sehr. Übrigens habe ich seit einem Monat keinen Menschen gesehen und führe ein Leben nach meinem Herzen und Geschmack; ich neige ja ein bißchen zur Menschenscheu. Ich schwöre Ihnen, außer drei oder vier Personen, von denen ich mich niemals ohne Schmerz trenne, kann ich alle Menschen sehr leicht entbehren. Ich fliehe zwar die Welt nicht, aber ich bedarf ihrer nicht; ich bedarf nur meiner Freunde. Ich lese noch einmal durch, was ich Ihnen geschrieben habe; es ist fürchterlich; verbrennen Sie es. Ich muß abreisen, ich werde fortfahren, wenn ich angekommen bin; aber verbrennen Sie's nur immer. Den 6. in Paris Eine Schmutzwohnung, ein Lärm, eine Kälte! Ach, Sie nahen keine Ahnung von den Übelständen, die mich umgeben. Ich bin schon einmal vergangene Woche in Paris gewesen, um mich häuslich niederzulassen. Der Malergeruch hat mich vertrieben; aber jetzt bin ich da und muß, ohne Barmherzigkeit, bleiben. Der Abbé Grimod hat von Ihnen ein gebundenes Exemplar der Dialoge; das ist abgemacht, also sprechen wir nicht mehr davon. Nächste Woche werde ich Ihnen über Nicolai und Gatti schreiben. Der mir empfohlenen Person werde ich sagen lassen, sie könne zu mir kommen. Verlassen Sie sich auf meine Pünktlichkeit und meinen Eifer. Wie kommen Sie denn darauf, daß ich über den »Radau« nicht hätte lachen können? Ich habe meine Ordre essentiel des Societes so gut im Kopf, daß ich all denen, die die Anspielungen nicht merkten, die betreffenden Stellen zitiert und ins Gedächtnis zurückgerufen habe. Es ist die scherzhafteste, originellste, blutigste Satire, die jemals geschrieben worden ist. Wir alle sind der Meinung, daß Sie, ohne den Scherz allzu sehr auszuspinnen, doch noch den eigentlichen »Radau« behandeln müssen, eben den, der am 30. Mai stattfand; wir erwarten wenigstens ein Kapitel. Unterzeichnet: der Philosoph, der Strohstuhl und Ihre Dienerin. – So ist unsere Meinung und unser Wille. Das Buch des Grafen Lauraguais ist zum Totlachen; ich schicke es Ihnen; obgleich er Sie kritisiert, wird er Ihnen doch viel Spaß machen. Da es nur eine kleine, sehr kleine Broschüre ist, so habe ich Lust, sie Ihnen mit den Zeitungen bis Rom durchschmuggeln zu lassen. Ich werde sehen, ob ich irgendein anderes Mittel ausfindig machen kann, um sie Ihnen zuzustellen. Die Ökonomisten sind darin recht drollig verlästert. Madame Geoffrin ist immer dieselbe, gut, vortrefflich und originell, wie das Genie es immer ist. Ich sehe sie nur, wenn ich ihr zufällig einmal begegne, wie Sie wissen. Es geht ihr vorzüglich. Warum sie mich nicht mag, das ist auch eins von den Rätseln, die ich niemals lösen konnte; denn ich müßte ihr doch gefallen, weil ich immer nur in Ruhe beobachte, nie jemand zu verdunkeln oder auszustechen suche, kein Vermögen habe, kein Haus mache, nicht dumm, nicht eroberungslustig bin. Es ist sonderbar. Soll ich Ihnen von dem Werk erzählen, das Buffon soeben über die Vögel veröffentlicht hat? Ich, eine Frau, die nichts weiß, überhaupt eine Frau – das ist recht kühn! Schadet nichts, ich will Ihnen ganz, ganz leise ins Ohr sagen, was ich davon denke. Ich fürchte, das Buch enthält mehr Dichtung als Wahrheit. Nach seiner ersten Abhandlung über den Menschen ist dieser das erste und vollkommenste aller Tiere. Seiner Abhandlung über die Vierfüßler merkt man an, daß er die größte Lust hatte, sie, wenn nicht über den Menschen, so doch neben ihn zu stellen. Erinnern Sie sich, wie er es nur dem Zufall zuschreibt, daß er ihm das Weltzepter in die Hand gab? Jetzt sagt er, in dem Buch über die Vögel, daß sie dank ihrem Gesicht, dem vollkommensten ihrer Sinne, und die Vierfüßler dank ihrem Geruch, beide Leistungen vollbringen, die weit über dem stehen, was der Mensch jemals leisten kann. Die Vögel also haben vor dem Menschen den Vorzug des Fliegens, des Gesichts, der Fortpflanzungsfähigkeit und Wahrnehmungen von gewisser Art. Die Vierfüßler haben die Vorzüge des schnellen Laufens, des Geruchs, der körperlichen Kraft und Wahrnehmungen gewisser Art. Es bleibt den Menschen nur Gefühlssirm, Geschmack und Vernunft. Aber hierauf geht er noch weiter: nachdem er in jedem Wesen die Produkte des einfachen Gefühls verglichen und den Ursachen der Verschiedenheit des Instinkts nachgespürt hat, findet er, daß ihre Resultate regelmäßiger, weniger willkürlich, weniger Irrtümern unterworfen sind, als die sogenannte Vernunft bei der einzigen Art, die sie zu besitzen glaubt. Es bleibt also dem Menschen nur Gefühlssinn und Geschmack. Und wenn das erste beste Rhinozeros sich hätte Mühe geben wollen, so hätte es über sein Wesen richtiger geurteilt als Buffon. Ich tue ihm nicht die Beleidigung an, ihn beim Wort zu nehmen. Man fühlt übrigens sehr gut, was er sagen will; aber warum Poesie einflechten und metaphysische Annahmen machen, wo es nur einer einfachen Darstellung der Tatsachen bedarf? Warum macht er sich zum Lobredner jeder Art, von der er spricht? Man ist wie man eben ist. Er sollte die Verkettung der Wesen zeigen vom kalten Marmor an, der sich auf dem Grunde der Höhle bildet, bis zur Eiche hinauf, die ihr Haupt in den Himmel erhebt; dann sollte er von der Eiche bis zur Auster gehen, und von dieser bis zum Menschen alle Tiere durchnehmen, für jedes Wesen die Grenzen festsetzen, und nicht eins dem ändern ins Gehege kommen lassen. Wenn die Bären und die Geier seine Sprache verstünden, so wären wir nicht mehr sicher auf unserer Erde! Die augenfälligen Widersprüche kommen jedoch nur davon her, daß er etwas zu verstehen geben will, aber nicht wagt, es auszusprechen, weil er beim Schreiben immer den Dr. Riballier unten auf seinem Blatt sieht, und wenn man eine derartige Vision vor Augen hat, ist es sehr schwierig, etwas wirklich Großes und Philosophisches zu schaffen. Trotzdem ist er ein sehr schönes Genie, seine Beredsamkeit ist edel, einfach und bezaubernd. Da Sie meine Gefühle, mein lieber Abbe, nach der Länge meiner Briefe abschätzen, so liegt es nur an Ihnen, nach diesem hier zu glauben, daß ich Sie anbete, und, wahrhaftig – lassen wir das Zeichen der langen Briefe dahingestellt – Sie täuschen sich nicht gar sehr. Einstweilen leben Sie wohl bis zur nächsten Post! [47] An Frau von Epinay Neapel, den 3. November 1770 Aber warum, schöne Frau, sind Ihre Briefe seit einiger Zeit so traurig und verdrießlich? Es genügt nicht, es einzugestehen, man muß es auch bereuen und besser machen. Nur die Pfaffen haben erfunden, es genüge, seine Fehler zu gestehen, aber es komme nicht viel darauf an, sich zu bessern, und infolgedessen haben sie den Namen eines Sakraments, das früher »Buße« hieß, in den heute gebräuchlichen Namen »Beichte« verwandelt; doch das ist sehr gut für diejenigen, die nur über die Schuldigen Macht haben wollten, indem sie all ihre Schliche erfuhren, denn die Schuldigen hätten sie nicht mehr gefürchtet, wenn sie sich bekehrt hätten. Sie aber, Madame, müssen sich bekehren und mir die schönsten Briefe der Welt schreiben. Freilich, Sie leiden, wie man mir sagt, an Rheumatismus; aber wo ist Grimm, wo der nazarenische Prior, wo sind all meine Freunde, wo ist Ihre Tochter? Kurz und gut, tun Sie Metanie! (Wenn das griechische Wort Sie verwirrt, so wird Grimm es Ihnen erklären.) Sprechen wir von Geschäften. Ich ersehe aus Ihrem Brief nicht recht, zu welchem Preis Sie hundert Exemplare meines Buches erstanden haben. Ich bitte Sie, es mir anzugeben. Zugleich bitte ich Sie, fünfundzwanzig Exemplare des Werkes zu einem Ballen zu verpacken, und diesen nach Genua an Herrn Pietro Paola Celesia zu schicken. Geben Sie ihm, bitte, auch den Kaufpreis an nebst allen Auslagen für Verpackung und Versendung; dabei bitte ich Sie, möglichst sparsam zu sein; vor allen Dingen bedienen Sie sich nicht des Herrn Delorme, denn den könnte man mit Recht einen Gentleman von der Landstraße nennen, wie die Engländer sagen. Bitte mir auch zu gleicher Zeit einen gleichen Ballen von fünfundzwanzig Exemplaren mit einer Gesamtausgabe der Werke Voltaires zu schicken und ebenfalls die Auslagen anzugeben. Versuchen Sie den Rest zu verkaufen und Geld herauszuschlagen: denn ich stehe dicht vor einem Bankerott... Ich bin in Eile und übergehe tausend Sachen, die ich Ihnen sagen müßte. Die Briefe aus Frankreich sind diese Woche nicht angekommen. Lassen Sie es sich gut gehen, behalten Sie mich lieb, und wirken Sie für meine Rückkehr nach Paris. Leben Sie wohl. [48] An Frau von Epinay Neapel, den 24. November 1770 Schöne Frau, endlich einmal ein langer Brief von Ihnen, auf den ich sehr kurz antworte, aus folgendem Grunde: Ich habe soeben ein zweites Amt erlangt, das mir, ohne jede Arbeit, zweitausend Livres jährlich einbringt: ich bin Handelssekretär. Wir nennen bei unseren Tribunalen Sekretär ungefähr, was Sie Staatsanwälte nennen. Seit einem Monat hat mich diese Angelegenheit beschäftigt, die nun endlich geglückt ist; darum war ich so ohne Laune und ohne Geist. Die Geizigen sind dumm in allem, was nicht Geld ist. Meine Aufgabe war nicht leicht; denn zuerst mußte dieses Amt erledigt sein, und es war noch besetzt. Dann war es unvereinbar mit dem eines Rates; die Unvereinbarkeit mußte aus der Welt geschafft werden. Endlich mußte ich darum nachsuchen und es erhalten, und das war noch das leichteste. Jetzt bin ich also besser imstande, auf Merlins Geld zu warten, und kann Ihnen geistvoll und begeistert schreiben: Veniunt a dote sagittae . Sie wünschten, ich sollte über Ihre Mißgeschicke lachen; aber das können Abwesende nicht. Die Entfernten sehen immer nur die nackten Dinge, aber niemals deren Farben. Ich sah also, daß Sie fünf Louis d'or und einen Goldreif verloren, daß Ihr Zuckerwerk aufgefressen, eine Uhr zerbrochen war, und daß Sie zehntausend Livres zu bezahlen hatten. Ich wette, Sie werden fröhlicher über die von mir geangelten zweitausend Livres lachen. Heute abend schreibe ich Ihnen nichts über Getreide und über Ihre Fragen. Wird d'Alembert denn nicht nach Italien kommen? Schade für ihn, wie für Italien. Voltaire hat unrecht, den Philosophen zuzurufen: Kindlein, liebet euch! Das soll man nur zu Sektierern sagen. Man muß es den Ökonomisten, den Jansenisten sagen, die haben es nötig, sich zu lieben: die boîte à Perrette ist der Drehpunkt für alle Sekten. Die Philosophen sind nicht dazu da, einander zu lieben. Die Adler fliegen nicht in Gesellschaft; das soll man den Rebhühnern und Staren überlassen. Voltaire hat keinen Menschen geliebt und wird von keinem Menschen geliebt. Er wird gefürchtet, hat seine Krallen, und das ist genug. Hoch oben schweben und Krallen haben, das ist das Los der großen Genies. ... Machen wir aus den Philosophen keine Sekte, aber verhindern wir, daß der Name unnütz verschwendet wird. Leben Sie wohl. Ich empfehle Ihnen noch einmal Frau de la Daubinière. Eben kommt Ihre Nr. 31 an, ich wage nicht, das Siegel zu erbrechen; ich fürchte, ich würde sofort darauf antworten. [49] An Frau von Epinay Neapel, den 8. Dezember 1770 Schöne Frau, Sie haben mir den hübschesten und längsten Brief der Welt geschrieben. Er hätte mich erheitert, wenn ich fähig wäre, heiter zu sein; aber ich bin in die schwärzeste Trauer versenkt. Die Person, die ich Ihnen so lebhaft anempfahl, die Person, die ich lieb hatte, weil sie mich lieb hatte, ist vielleicht nicht mehr zu dieser Stunde; nur Sie können sich vorstellen, wie betrübt ich darüber bin. Alle andern sprechen mir mehr Geist als Herz zu, und wollte Gott, sie hätten recht! Kurz, ich bin in einem Zustand, wo ich Ihnen nichts sagen kann. Wenn der Tod diese Person verschont hat, und sie mit einer langen und schmerzhaften Krankheit davonkommt, so empfehle ich sie Ihnen, wie ich nur kann. Tun Sie an meiner Statt alles, was ich getan hätte, wenn ich in Paris gewesen wäre. Nicolai wird Ihnen davon erzählen; er hat ihr sechzig Livres für fünf Monte ausbezahlt, die sie zu beanspruchen hatte; Sie werden die Güte haben, ihm das Geld zu erstatten. Leben Sie wohl, schöne Frau; der Tod ist ein häßliches Ding. Ich finde jetzt einen schrecklichen Unterschied zwischen Tod und Abwesenheit. Die alten Philosophen, die da sagen, der Tod sei nichts, faseln – glauben Sie es mir. Leben Sie also und leben Sie so lange, wie Sie nur können. Leben Sie wohl. [50] An Frau von Epinay Neapel, den 13. Dezember 1770 Schöne Frau, Sie haben richtig über mein Herz geurteilt, indem Sie annahmen, daß ich voll Kummer sei. Weil jedoch die Briefe vom 18. November nicht so niederdrückend waren, als ich fürchtete, beeile ich mich,, Ihnen zu antworten, aus Furcht, mir könnte morgen irgendeine traurige Nachricht zukommen, die mich außerstand setzte, etwas zu tun und an jemand zu schreiben! Für die andern Freunde habe ich eine schreckliche Migräne bei der Hand, die mich sicher entschuldigt... Ich bin entzückt über das, was Ihnen Voltaire schickte: ich habe eine Nacht und einen ganzen Tag damit verbracht, Dieu et les hommes zu lesen und wieder zu lesen, um mir alle andern Gedanken abzuschütteln. Ich finde, daß die Frommen vollkommen recht haben, wenn sie sagen, daß Voltaire den Tod fürchtet: nichts ist so wahr. Er fürchtet zu sterben, ehe er alles gesagt hat, und er beeilt sich, alles zu sagen und seine letzte Patrone abzufeuern: aber er verschießt sein Pulver nicht auf Spatzen und Dompfaffen, sondern den Pfaffen gelten seine Schüsse. Kurz, indem er seine Ansichten äußerte und immer wiederholte, indem er halbe Andeutungen machte und sich klar ausdrückte, hat Voltaire vielen Leuten seine Meinungen nahegebracht, und um ganz mit ihnen übereinzukommen, braucht er ihnen nur zu sagen, daß das, was zu sagen übrig bleibt, überhaupt nicht dazu angetan ist, gesagt zu werden. Ich bin ja nur ein armer verunglückter Nationalökonom, der nur Brot hat statt Suppe und von seinen Abteien leben muß. So mischen Sie mich denn ja nicht mit der großen boulangerie zusammen, ich gehöre nur zu der kleinen. Inzwischen habe ich mit großem Erstaunen in der Gazette de France vom 9. November gesehen, daß man in Paris eine Arbeit von mir, die ich im Jahre 1754 italienisch schrieb, ins Französische übersetzt und veröffentlicht hat: und ich wette, daß nicht einmal mein Name genannt ist, daß Sie nichts davon wissen, und zwar Sie am allerwenigsten. Die Sache verhält sich so: Im Jahre 1726, noch ehe ich auf die Welt kam, erfand der Toskaner Bartolomeo Intieri, Schriftsteller, Geometer und Mechaniker ersten Ranges, einen Trockenapparat für Getreide. Im Jahre 1754 war er zweiundachtzig Jahre alt und fast blind. Ich wünschte, daß die Welt diese nützliche Maschine kennenlernte. Und so schrieb ich ein kleines Buch, betitelt: Della perfetta conservazione del Grano ; und da ich niemals meinen Namen auf eins meiner Werke setzen wollte, so beschloß ich, daß es den Namen des Erfinders der Maschine tragen sollte; aber jedermann weiß, daß es von mir ist, und ich glaube, Grimm, Diderot, der Baron und vielleicht noch andere in Paris besitzen es, und kennen diese Geschichte ebensogut wie Abbé Morellet. Es freut mich sehr, daß es jetzt ins Französische übersetzt ist, um so mehr, als es dazu dienen wird, ein schreckliches und unehrenhaftes Machwerk, ein Plagiat eines gewissen Duhamel, zu entlarven, der sich die Erfindung dieser Maschine zuschreibt, während er doch nur die Zeichnungen neu stechen ließ, die mein Bruder dazu gemacht und ihm geschickt hatte... Nun, schöne Frau, habe ich das allergrößte Interesse daran, daß ganz Frankreich durch die Zeitungen erfahre, daß dieses Werk mir zugehört – was mir niemals bestritten worden ist. Hieraus wird erhellt, daß ich in Wahrheit der älteste all der Ökonomisten bin, da ich im Jahre 1749 mein Buch über das Geld, und im Jahre 1754 das übers Getreide schrieb. Die ökonomistische Sekte war zu jener Zeit noch nicht ins Leben getreten. Da diese Tölpel mich für einen Eindringling und Neuankömmling in ihrem Schafstall ansahen, so bin ich sehr froh, wenn sie erfahren, daß ich das Recht hätte, sie da herauszujagen, und selber zu bleiben, wo ich seit zwanzig Jahren bin. Ich glaube, der Drucker wird nichts verlieren, wenn man erfährt, daß das Buch, das den Namen Intieri trägt, mir ebensosehr zugehört wie jenes, das unter dem Namen des Chevalier Zanobi erschien. Sollte bei dieser Gelegenheit irgendein Zeitungschreiber etwas von meiner literarischen Laufbahn sagen wollen, so teile ich Ihnen folgendes mit: Am 2. Dezember 1728 bin ich geboren, im Jahre 1748 wurde ich durch einen poetischen Scherz und eine Trauerrede über den Tod unseres verstorbenen Henkers Dominique Jannacone, erhabenen Angedenkens, berühmt; 1749 veröffentlichte ich mein Buch über das Geld, im Jahre 1754 das vorhin erwähnte über das Getreide, 1755 schrieb ich meine Abhandlung über die Naturgeschichte des Vesuv; sie wurde mit einer Sammlung von Vesuvsteinen an den Papst Benedikt XIV. geschickt und ist niemals gedruckt worden; aber sie ist in Paris bekannt. Herr de Jussieu hat sie gesehen, und beim Baron kennen sie die ›Bäckergesellen‹. Im Jahre 1756 wurde ich zum Mitglied der Akademie von Herculanum ernannt, und ich arbeitete viel am ersten Band des Kupferstichwerkes. Ich verfaßte sogar eine große Abhandlung über die Malerei der Alten, die Abbè Armand gesehen hat. Im Jahre 1758 ließ ich die Trauerrede auf Papst Benedikt XIV. drucken (sie gefällt mir am meisten von allen meinen Arbeiten). Darauf wandte ich mich der Politik zu und habe in Frankreich mir Kinder erzeugt und Bücher, die nie das Tageslicht erblickt haben. Sie kennen meinen Horaz, und das Publikum kennt meine Dialoge. Es wäre noch eine schreckliche Liste von Manuskripten und fertigen Arbeiten da, die noch nicht veröffentlicht sind; aber ich denke ernstlich daran, mich damit so sehr wie Voltaire zu beeilen, denn ich fürchte den Tod wie er. Kurz und gut, ich empfehle Ihnen meine Ehre und meinen Ruhm. Da man sich jetzt in Frankreich »für und gegen mich« aufregt, so ist es mir nicht unlieb, wenn man genau weiß, wer ich bin und daß ich nicht einem Affen allein und seinem Biß meine Berühmtheit verdanke. Man wird sehen, daß ich ein alter Schriftsteller und alter Nationalökonom bin; denn schon im Alter von neunzehn Jahren fing ich an, Bücher drucken zu lassen, und seit zweiundzwanzig Jahren schwatze ich durch die Presse und veröffentliche Bücher, um von der Presse loszukommen. Meine fertigen italienischen Manuskripte sind: eine Übersetzung des Werkes von Locke über das Geld, mit Anmerkungen; eine poetische Übertragung vom ersten Buch des Anti-Lukrez: einige Gedichte; eine Abhandlung über Riesen und Leute von außergewöhnlichem Wuchs; eine Abhandlung über die karthagischen Könige; mehrere Abhandlungen über gelehrte Themata und zwei oder drei Reden; eine Abhandlung über die Malereien von Herculanum, eine über den Vesuv; mein französischer Horaz etc. Tausend Dank für den Auszug aus dem Journal des Provinces ; ist er nicht von d'Alembert? Es scheint mir so. Tausend Grüße an Grimm und Diderot. Leben Sie wohl. – Fügen Sie der Liste meiner Werke noch den »Radau« hinzu. – Und Merlin? Zahlt er denn? [51] An Herrn Suard Neapel, den 15. Dezember 1770 Guten Tag, mein prächtiger, lieber Freund. Sie haben mir am 14. Oktober einen reizenden Brief geschrieben, und ich danke Ihnen dafür aus Herzensgrund. Sie überschütten mich mit einer Flut von Fragen aller Art; aber ich danke Ihnen auch dafür, denn ich sehe, Sie tun es aus reiner Lust, mich schwatzen zu hören, und dies gereicht mir ebenso sehr zur Ehre wie zum Vergnügen. Ich muß Ihnen also einen langen und schönen Brief schicken, um Sie meinerseits zu belohnen; aber kann ich das? Mir ist das Herz zusammengeschnürt und meine Seele ist von Kummer zerrissen. Der Schmerz kommt mir aus Paris. Gatti und Frau von Epinay kennen die Ursache, und ich erröte nicht darüber. Ich habe auch in Neapel Kummer, trotz meiner Ehren und Würden und obgleich ich auf diesem kleinen heroischkomischen Theater eine ganz nette Rolle spiele. Ich habe meine Zähne verloren, lieber Freund. Was tut Ihnen denn das, werden Sie mir sagen? Sie werden Kochfleisch essen, und das Suppenfleisch, das wir hier unseren Katzen geben, um uns vor der Teuerung zu schützen, kann Ihnen auch dienlich sein. Sie haben gut trösten. Wenn ich nur das Vergnügen am Essen verloren hätte, so würde ich nicht darum klagen; aber es ist viel schlimmer. Ich kann nicht mehr sprechen, das ist schrecklich. Ich stammle, wenn ich sprechen will, besonders beim Italienischen. Es entsteht ein sehr unangenehmes Zischen zwischen meinen Zähnen, dessen ich selbst gewahrt werde. Da schweige ich im Augenblick, aus Furcht, den andern lästig zu werden. Und nun stellen Sie sich nur einmal dies vor: der Abbé Galiani stumm! Nein, es gibt nichts Grausameres und Beklagenswerteres. Seien Sie überzeugt, ich übertreibe nicht. Gleichen, der hier ist, wird es Ihnen bezeugen können. Bisweilen spreche ich zwei volle Tage kein einziges Wort, weil ich Furcht habe, zu stammeln, und sowie ich dann spreche, stammle ich um so mehr. Aber Sie, Schlingel, Sie rufen sicher bei dieser Nachricht sofort aus: Desto besser, wenn der kleine Abbé nicht mehr spricht , so wird er schreiben ! Wir werden mehr von ihm haben als die Neapolitaner. Schelm, wissen Sie auch, daß es eine große Sünde gegen die Nächstenliebe ist, die Sie durch diese ungerechte Freude begehen? Aber Sie kümmern sich natürlich viel um Moral und Sünden! Ich sehe, es ist Ihnen viel lieber, wenn ich auf Ihre Fragen antworte; erinnern Sie sich ihrer noch oder muß ich sie Ihnen hier wiederholen? Um mir eine Mühe zu ersparen, nehme ich an, daß Sie sich daran erinnern; daher werde ich Ihre Fragen nicht wieder abschreiben. Ich werde nur antworten. 1. Ist die Ausfuhr in einem despotisch regierten Lande ebenso nützlich wie in einer Republik etc.? – Nein. Es gibt keine Despoten, wo das Getreide recht teuer ist; denn da ist der Bauer reich, und ohne arme Bauern kein Despotismus.– Aber die Furcht vor Teuerungen etc., werden Sie mir sagen? – Nun, die Furcht vor Teuerungen wird den Despoten schlimme Stunden bereiten; aber der Reichtum der Bauern richtet sie zugrunde. Besser man existiert soso lala als gar nicht. – Aber Despotismus, werden Sie mir sagen, ist ein häßliches, verabscheuungswürdiges Ding. – Concedo oder nego , ganz wie Sie wollen. Ich antworte: Das ändert an der Sache selbst nichts; über den Geschmack streitet man nicht, und es ist immer sehr weise, zu bleiben, wie man ist. – Feige und knechtische Seele, werden Sie mir zuschreien; Sie sind würdig, in Neapel zu bleiben und dort zu leben. – Nun ja, ich werde hier leben. – Aber wenn Sie glauben, eine Revolution machen und Form und System der Regierung nur mit Broschüren ändern zu können, und noch dazu mit langweiligen Broschüren, die in sehr schlechtem Französisch geschrieben sind, so haben Sie mit Ihrer Rechnung sehr weit fehlgeschossen. Sie werden nichts ausrichten, und doch dafür nicht weniger verfolgt werden, sobald man Ihre Absichten erkennt. 2. Welche Mäßigungen müssen gemäßigtgierungen anwenden? Könnte man nicht in Frankreich Veränderungen in der Getreideverwaltung eintreten lassen, ohne alles umzustürzen etc.? – Antwort. Ja, die von mir empfohlenen. Habe ich etwa vorgeschlagen, die Ausfuhr abzuschaffen? Nein, wahrhaftig nicht. Ich habe mich in aller Form dafür erklärt und ganz leichte Veränderungen vorgeschlagen, die nur dazu dienen sollen, die Ausfuhr dem Binnenhandel unterzuordnen. Denn zunächst wollen wir uns doch darüber einig werden, daß die Ausfuhr einer gewissen Beschränkung unterworfen sein muß. Selbst das Edikt von 1764 hatte eine solche Beschränkung vorgesehen, die sich freilich als wertlos erwies. Wenn Sie mir hierin recht geben – um diese Frage dreht sich nämlich mein ganzer Streit mit den verflixten Ökonomisten – so habe ich meine Sache vollkommen gewonnen. Denn ich fordere alle Welt heraus, ein besseres Einschränkungssystem als das meine zu ersinnen. 3. Kann man nicht, ohne Bürgerkrieg, große Veränderungen versuchen etc.? – Gewiß, alle! Nur keine Veränderung der Marktwerte, das will sagen: keine Überbürdung mit Steuern (wodurch die Fronde hervorgerufen wurde), keine Veränderung der Münzwerte und keinen Bankerott der Staatspapiere (wodurch Frankreich zur Zeit des Herrn Law dem Untergang nahe gebracht wurde); keine Veränderung der Gerteidepreise (wodurch beständig Hungersnöte hervorgerufen werden). – Sie behaupten in Ihrem Brief etwas, lieber Freund, das ich Ihnen auf keinen Fall durchgehen lassen kann. Sie sagen, die Unterdrückung der Generalstände sei denn doch etwas ganz anderes als der freie Handel mit Hafer und Gerste, und trotzdem sei sie ohne Lärm vollzogen worden. Oh, das stimmt nicht! Wissen Sie auch, daß der Preis von Hafer und Gerste die Generalstände existieren läßt oder vernichtet? Dies ist freilich eine Tatsache, von der die Ökonomisten keine Ahnung haben; aber sie wissen ja so vieles nicht. Beachten Sie folgendes: der Preis der um Geld käuflichen, unbedingt notwendigen Lebensbedürfnisse betrug im Verhältnis zu dem vor drei oder vier Jahrhunderten in Europa vorhandenen Geldvorrat das Vierfache von den gegenwärtig gültigen Preisen (im Verhältnisse zum jetzigen Geldvorrat). Dies ist unbestreitbar. Die Tatsache ist erwiesen in dem guten Buche eines Präsidenten, der für einen Dummkopf galt, weil seine Frau allen Geist hatte, den Herr de Trudaine Vater ihr gab. Auch in Italien ist dies nachgewiesen worden in einem soeben in Florenz erschienenen tüchtigen Werk. Dies ist der Grund, warum man einstmals in Italien nur Republiken oder Feudalanarchie kannte. Die Herrscher konnten wegen des hohen Preises der Lebensmittel keine Heere unterhalten, und die reichen Bauern ließen sich nicht die Taschen ausleeren; Generalstände gab es auch, denn die Adligen der alten Zeit waren nichts anderes als die wackeren, wohlgenährten Landwirte Frankreichs. 4. Soll die Barbarei der höchst barbarischen Gesetzgebungen fortdauern? – Nein; sie müssen Schritt für Schritt geändert werden. Ich habe für Frankreich die größtmögliche Beschleunigung solcher Schritte vorgeschlagen, indem ich empfahl, von dem ganz verderblichen System in Hinsicht auf den Kornhandel abzugehen. Die Ökonomisten haben einen anderen Schritt vorgeschlagen; aber die Natur hat ihnen nicht so lange Beine gegeben, um solche Schritte machen zu können; sie sind ausgerutscht und haben sich die Nase zerschlagen. 5. Sie fragen mich: was wäre in Frankreich eingetreten, wenn das Edikt von 1764 nicht wäre erlassen worden? – Antwort: Man hätte Getreide durch besondere Erlaubnisscheine ausführen lassen, es wäre ebensoviel außer Landes gegangen und sogar noch mehr. Das hätte den Intendanten und der Bureaukratie einige Einnahmen gebracht; und Frankreich wäre in demselben Zustand, worin es sich jetzt befindet. Darum ist mein Wahlspruch: In vitium ducit culpae fuga, si caret arte . Hätte man im Jahre 1764 mein System angenommen – wovon ich Herrn de Choiseul und Herrn de Montigny Mitteilung gemacht hatte, so wäre vielleicht nicht ein einziger Sack Korn über die Grenzen gegangen, der innere Umlauf aber wäre auf die vollkommenste Weise geregelt worden, und Frankreich würde nicht aus seinem Mark und Blut Geldsummen von erschreckender Höhe aufbringen müssen, wodurch es noch auf eine lange Reihe von Jahren völlig erschöpft sein wird. Das ist ein ungesunder Reichtum, der aus dem Verkauf von Lebensmitteln an das Ausland herrührt! Seine Waren muß man verkaufen und sich von seinem Brot gut nähren. Habe ich alle Ihre Fragen beantwortet? Lassen Sie mich jetzt Ihnen darlegen, wie ich mir die Lehren zunutze mache, die Sie mir in Ihrer Zeitung geben; denn ich behaupte, die Zeitung ist die Quelle alles menschlichen Wissens. Sehen Sie, daß England hartnäckig die freie Ausfuhr verweigert und daß Ägypten – jawohl, Ägypten selbst! – Mangel an Getreide hat? Sehen Sie also, wie recht ich hatte, indem ich mit allem Nachdruck darauf hinwies, wie unsicher die Ernten in allen Ländern sind? Sehen Sie, wie recht ich hatte mit meiner Behauptung, man dürfe nicht auf die Dankbarkeit der Nationen rechnen, an die man sein Getreide verkauft habe; daß die freie Einfuhr ein Heilmittel sei, dessen Wirksamkeit in keinem Verhältnis stehe zu den Schäden einer übermäßigen Ausfuhr? Die Ausfuhr hängt nur vom König von Frankreich ab; die Einfuhr bedarf der Mitwirkung anderer Herrscher. Ei was, lieber Freund! ich bin so müde, es langweilt mich so sehr, Ihnen noch länger vom Getreidehandel zu sprechen, daß ich Sie bitte, herzlich bitte: reden Sie mir nicht mehr davon. Sprechen wir von etwas anderem! Wie es scheint, sind die Russen im Archipel von Türken und Winden auseinandergesprengt worden. Sie werden diesen Winter eine epidemische Krankheit haben, entweder in Holland oder in Flandern, oder vielleicht auch in Ihrem eigenen Lande; Sie werden diese Krankheit nicht »Pest« nennen, weil es eine gemäßigte Pest sein wird, da sie erst die Reise nach Norden gemacht hat; die meisten davon Befallenen werden genesen. Erinnern Sie sich meiner Weissagung! Was macht d'Alembert? Ich fürchte, er ist zu früh heimgekehrt, und ich verwünsche seinen Lehnsessel. Was macht Fräulein de Lespinasse? Ruft sie immer noch ihrer Hündin zu: »Tot!« Und sagt ihr Papagei immer noch Schmutzereien? Sie wird hieraus sehen, daß ich mich noch ihres ganzen Haushaltes erinnere. Herr d'Aine ist also Intendant in Brest? Gratulieren Sie der Baronin dazu in meinem Namen. Sagen Sie mir, was machen die Helvétius, Mann und Weib? Freuen Sie sich mit dem Abbé Morellet seiner Pension, wenn es wahr ist, daß er sie erhalten hat. Meine ehrerbietigen Empfehlungen an Madame Geoffrin, die, wie ich wohl weiß, mich immer noch liebt, die mich aber nicht zu lieben wagt, weil sie damit einen zu lieben befürchtet, der sich unvorsichtig und schlecht betragen hat. Bitte, versichern Sie ihr meinerseits, daß nicht ich mich schlecht aufgeführt habe, sondern daß Gott selber, ja sogar Gott Vater, sich schlecht benommen hat und höchst unvorsichtig war, indem er gewisse Dinge, die er allein abwenden konnte, geschehen ließ – Dinge, die mich unfehlbar von Paris trennen mußten. Gott hätte sie voraussehen müssen, und es scheint, er hat nicht vorausgesehen, daß dies meinen Freunden höchst verdrießlich sein würde – am allermeisten aber mir. Wenn er es vorausgesehen hat, so ist das ein Zeichen, daß es ihm einerlei war; aber alles ist am besten so, sagte Pangloß. Leben Sie wohl, mein lieber Freund. Grüßen Sie Madame Necker, Ihre teuere Eheliebste, Madame de Fourqueux, Madame de Trudaine und zum Schluß die Baronin. Machen Sie mit ihnen, was sie nur Ihnen in meinem Namen zu machen erlauben wollen. Ich unterschreibe alles und verlasse mich in dieser Hinsicht auf Sie. Guten Abend! [52] An Frau von Epinay Neapel, den 22. Dezember 1770 Sie stellen mir, schöne Frau, die große Frage, ob ich trübsinnig bin oder ob Sie es sind. Wir sind es alle beide, und darüber sind wir einig; aber keiner von uns will es sein, und darüber streiten wir uns eben... Ich habe hier eine Art Paris zustande gebracht. Gleichen, der General Koch, ein Resident von Venedig, der französische Gesandtschaftssekretär und ich, wie speisen miteinander. Wir kommen zusammen und spielen Paris wie auf dem Jahrmarkt Nicolet Molière spielt. Ich trug zu diesem Diner eine köstliche Würze bei mit Voltaires Brief und mit seiner Ode in Prosa, die Sie so freundlich waren, mir zu schicken. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür und bitte Sie im Namen unserer Vereinigung und zugleich in meinem eigenen, uns alles zu schicken, was an Witzigem und Heiterem in Paris herauskommt... Ich habe ein Buch im Kopf, das meine Einbildungskraft in hohem Maße befeuert; ich möchte es schreiben, aber meine Armkraft reicht nicht dazu. Es wird heißen: Moralische und politische Belehrungen einer Katze an ihre Jungen. Aus dem Kätzischen ins Französische übersetzt von Herrn von Kratzerich, Dolmetscher der Katzensprache an der königlichen Bibliothek. Da ich hier keine andere Gesellschaft habe als die meiner Katze, so träume ich immerzu von diesem Werk, das recht originell werden wird. Zunächst lehrt die Katze ihre Kleinen die Furcht des Menschengottes. Hierauf erklärt sie ihnen die Theologie und die beiden Grundprinzipien: den guten Menschgott und den bösen Hundsteufel; sodann belehrt sie sie über Moral: den Krieg gegen Ratten und Spatzen usw. Endlich erzählt sie ihnen vom künftigen Leben und von der himmlischen Rattapolis. In dieser Stadt bestehen die Mauern aus Parmesankäse, die Fußböden aus Kalbslunge, die Säulen aus Aalen usw., und dazu ist sie voll von Ratten, die zum Ergötzen der Katzen da sind. Sie flößt ihnen Ehrfurcht ein vor den kastrierten Katern. Diese sind prädestinierte Kater, vom Menschgott zu ihrem Stande berufen, um in dieser und in jener Welt glücklich zu sein, was man daran sieht, daß sie so fett sind; darum brauchen sie auch keine Mäuse zu fangen. Endlich empfiehlt sie ihnen, sich vollkommen in ihr Schicksal zu ergeben für den Fall, daß der Menschgott sie in diesen Stand der Vollkommenheit berufen sollte. Gibt es auf der Welt was Närrischeres als ein solches Buch? [53] An Frau von Epinay Neapel, den 12. Januar 1771 Schöne Frau, alle Ihre Briefe machen mir Kummer, scheinen mir immer trübsinnig; und Kummer machen sie mir stets, so oft Sie selber welchen haben. Ich möchte sie trösten oder beraten. Beides ist schwierig. Indessen sehen Sie doch, sowohl an den öffentlichen Angelegenheiten wie an Ihren häuslichen Verdrießlichkeiten, daß das Übermaß stets der Vorläufer von Heilung und Veränderung ist. Trösten Sie sich also zum mindesten damit, daß dieses so wünschenswerte Übermaß früher eingetreten ist, als man glaubte. Und warten wir nur die Veränderung ab. Ich danke Ihnen für die ausführlichen Nachrichten über Thomas. Wahrhaftig, Gott wirkt in unserem Jahrhundert Mirakel zu Gunsten der Atheisten; sie sollten sich doch wenigstens angesichts dieser Wunder bekehren. Dann könnten sie hoffen, daß ganz Frankreich und besonders die Parlamente so beschäftigt werden, daß sie nicht mal so viel Zeit hätten, einen Akademiker, wie eine Kotelette geröstet, zu verschlingen, wenn sie in ihrem Ausschank frühstücken. Man muß teufelsmäßig mit Geschäften überhäuft sein, wenn man nicht soviel Zeit hat, einen Atheisten zu braten, und doch ist das passiert. Jetzt sind sie mit der Angst davongekommen, obwohl in der Vorrede des Edikts der königlichen Gerichtssitzung ihnen versprochen worden ist, man werde das Systeme de la nature zum Nachtisch aufbewahren, sobald man sich des politischen Systems Frankreichs und der angeblichen Einheit der Stände entledigt habe. Genug, sie leben noch, und das ist kein kleiner Vorteil für sie. Sie haben mir eine reizende Abrechnung geschickt, woraus ich sehe, daß ich reicher bin, als ich glaubte. Das Geld, das Sie erhalten haben, muß durch Vermittlung des Herrn de Magallon zu Händen des Herzogs de Villa-Hermosa bezahlt werden; ich werde Ihnen aber darüber nächste Woche noch Genaueres sagen. Einstweilen erwähne ich nur, daß ich zu meiner Überraschung in der von Ihnen mir gesandten Aufstellung keine Zahlung an Madame de la Daubiniere vermerkt finde. Indessen hat sie einiges Geld von mir empfangen, und ich erneuere meine Bitten, ihr beizustehen, auch mit ein wenig Geld. Haben Sie mich lieb und umarmen Sie meine Freunde: dazu gehören auch der Baron und die Baronin. Leben Sie wohl. [54] An Frau von Epinay Neapel, den 19. Januar 1771 Meine schöne Dame, ich beklage Sie, ich trauere um Sie und möchte Sie trösten und beraten, ob ich gleich überzeugt bin, daß Sie dessen nicht bedürfen. Was war denn das für ein verteufelt dummer Einfall, sich von Ihrem Herrn Gemahl Kinder machen zu lassen! Wußten Sie denn nicht, daß Kinder ihrem Vater ähnlich werden? Sie sahen, daß Herr von Epinay ein Verschwender war; so hätten Sie also mit meinem Botschafter, dem Marquis de Castromonte, Kinder zeugen sollen; er war in Paris, als Sie Ihren Sohn empfingen, und er würde Ihre Familienangelegenheiten in Ordnung gebracht haben. Waren Sie jemals so rasend, an Rousseau und seinen »Emile« zu glauben? Zu glauben, daß Erziehung, Grundsätze, Reden irgend etwas zur inneren Einrichtung eines Kopfes beitragen? Wenn Sie daran glauben – bitte, so nehmen Sie doch mal einen Wolf her und machen Sie einen Hund daraus, wenn Sie können. Das Unverbesserliche ist also ein auf Berechnung beruhendes Übel; folglich darf man es nicht noch durch falsche Berechnungen vermehren. Es wäre grundfalsch und höchst gefährlich, wenn man glauben sollte, es ließe sich verbessern. Seien Sie fest überzeugt, es gibt kein Mittel dagegen, und Sie bekommen nur die Dosis notwendigen Übels; von Ihrer Seite hat der Wille gar nicht mitzusprechen. Aber das alles wissen Sie ja, und vielleicht haben Sie es schon getan. Übrigens bin ich ja niemals Mutter gewesen; Vater war ich vielleicht ein paarmal, und ich habe wohl gesehen, daß das nichts damit zu tun hat. Tausend Dank für den von Ihnen gesandten Kürbissirup. Wenn die Kranke noch am Leben ist, könnten Sie ihr vielleicht einen großen Dienst erweisen, indem Sie mit Herrn von Sartine sprechen, ob er nicht ihre Aufnahme und Verpflegung bei den Dames Hospitdieres erwirken kann... Ich lasse Ihren Kopf sich über die Pariser Wirren beruhigen. Meiner ist ganz ruhig. Ich sehe, ich hatte das Ereignis selber richtig berechnet, aber den Zeitpunkt falsch. Ich bin hocherfreut, daß ich im Jahre 1771 nicht in Paris bin, und ich werde entzückt sein, 1772 dort zu sein. Leben Sie wohl, behalten Sie mich lieb. Voltaires Küsse hätte ich gern; aber noch viel lieber die des Fräuleins Grandi. Adieu. [55] Frau von Epinay an Galiani Paris, den 20. Januar 1771 Wenn Sie nicht mit einem Donnerwetter dazwischen fahren, mein lieber Abbé, so weiß ich nicht, was bei uns noch passieren wird. Wir kratzen uns wegen des Interet general de l'Etat die Augen aus. Der eine sagt: »Dies Kapitel muß abgedruckt werden.« – »Aber nein doch!« sagt der andere: »jenes!« – »Aber, meine Herren, es muß das da sein, das ist doch klar; lesen Sie nur, es stimmt Wort für Wort.« – »Nun, so drucken Sie doch das ganze Buch ab!« – »Warum auch nicht?« – »Und die Kosten?« – »Man muß eine Auswahl treffen; muß nur das schreiben, was notwendig ist.« – »Ganz wie Sie wollen; aber Sie werden sich unnütze Arbeit machen.« – »Nun, meine Herren Philosophen, disputiert, untersucht, entscheidet – das ist euer Beruf. Ich aber weiß ein sicheres Mittel, das Rechte zu treffen: der Abbe muß uns schreiben, welche Kapitel oder was für Stellen daraus er halbspaltig, seinem Text gegenüberstehend, abgedruckt haben will. Meine Aufgabe ist, das, was ich zu tun habe, richtig zu machen, und ich sehe kein anderes Mittel, als seine Anordnungen einzuholen.« Geben Sie sie mir also recht schnell, mein lieber Abbé, war's auch nur, um die Doktoren zum Schweigen zu bringen. Die schwatzen von der Philosophie, die ich praktisch ausübe, und deshalb glauben sie sich berechtigt, tausendmal lauter zu schreien als ich. Hätten sie solche Lendenschmerzen und Koliken wie ich in diesem Augenblick, wo ich Ihnen schreibe – ich würde ihnen ihr lautes Geschrei verpechen; aber sie sind heldenmütig gegen Schmerzen nur, wenn sie gesund und munter sind. Ich finde sie komisch und lache über sie sogar, wenn ich leide; ich fühle, daß so etwas nicht verziehen wird, und die notwendige Folge ist, daß ich das ganze Jahr unrecht haben werde. Hahaha! Sie sagen also, ich habe Ihnen einen reizenden Brief geschrieben. Das kann wohl sein. In der Tat, ich mutmaße wohl, daß der, von dem Sie sprechen, gut war. Trotzdem hoffe ich, Sie behalten Ihre Betrachtungen für sich allein und machen es nicht wie unser Intendant der Auvergne, der den täppischen Einfall hatte, einen meiner reizenden Briefe in Riom einer ganzen Gesellschaft vorzulesen. Na, hab ich nun nicht in der Auvergne auf meinen Ruf als Briefschreiberin Rücksicht zu nehmen? Ich werde ihm nicht mehr schreiben können, ohne fortwährend daran zu denken, was ich sage. Das kann ich nicht leiden; mit meinen Freunden plaudere ich gerne in aller Sicherheit; ich will keine Rolle zu spielen haben. Ist das Stolz? Ist es Bescheidenheit? Das weiß ich nicht. Vielleicht ist es beides; ich bin sehr unwissend, das ist Tatsache. Meine ganze Erziehung galt der Erwerbung angenehmer Talente, und deren Ausübung habe ich verlernt. Ich habe nur noch einige leichte Kenntnisse von diesen Künsten und gesunden Menschenverstand – in unseren Tagen etwas Seltenes, das gebe ich zu, aber doch nicht danach angetan, um großen Staat damit zu machen. Wenn eine Frau im Ruf steht, ein Schöngeist zu sein, so scheint mir das immer nur Spott von seifen der Männer zu sein, die sich dafür rächen möchten, daß die Frauen im allgemeinen zierlicheren Geistes sind als sie; und ich glaube das um so eher, als man mit diesem Beiwort fast immer den Begriff einer gelehrten Frau verbindet; die gelehrteste Frau aber hat nur sehr oberflächliche Kenntnisse und kann keine anderen haben. Ich habe Lust, mal recht pedantisch hierüber zu diskutieren. Nachher lachen wir, war's auch nur über meine Worte. Wo war ich doch stehen geblieben? – Richtig, bei den oberflächlichen Kenntnissen. Ich behaupte also, eine Frau – eben weil sie Frau ist – ist nicht imstande, so ausgebreitete Kenntnisse zu erwerben, um sich ihresgleichen nützlich machen zu können, und mir scheint, nur auf solche Kenntnisse darf man vernünftigerweise sich etwas einbilden. Um von seinen Kenntnissen einen nützlichen Gebrauch machen zu können – welcher Art es auch sei – muß man Praxis und Theorie vereinigen, sonst hat man nur sehr unvollkommene Begriffe. Wie viele Dinge gibt es nicht, mit denen sie sich nicht befassen dürfen! Alles was mit der Wissenschaft, der Staatsverwaltung, der Politik, dem Handel zusammenhängt, ist ihnen fremd und ist ihnen untersagt; sie können und dürfen sich nicht hineinmischen, und jene Wissenschaften sind fast die einzigen großen Gebiete, auf denen gebildete oder gelehrte Männer ihren Mitmenschen, dem Staat, ihrem Vaterlande wahrhaft nützlich sein können. Es bleiben also den Frauen die schöne Literatur, die Philosophie, die Künste. In der schönen Literatur verbieten ihnen ihre Beschäftigungen, ihre Pflichten, ihre Schwachheit ein tiefes und andauerndes Studium der alten Sprachen, etwa des Griechischen und Lateinischen. Ihnen wird also die französische, englische, italienische Literatur zufallen. In der Philosophie wird ihre Auffassung unzulänglich sein, da sie die Alten nicht lesen können oder sie nur aus Übersetzungen kennen, die fast immer schwach oder ungetreu sind. Und wenn sie räsonieren und spekulieren wollen, werden sie auf Schritt und Tritt sich durch ihre Unwissenheit gehemmt sehen. Ich spreche hier nicht von Metaphysik und Geometrie. Die Wissenschaft der Metaphysik gehört aller Welt, läßt sich auf alles anwenden und hat fast gar keinen Wert. Dasselbe möchte ich beinahe von der Geometrie sagen. Nun wollen wir einmal sehen, ob sich die Frauen des Reiches der Künste bemächtigen und bis zu welchem Grade sie sich diesen widmen können. Die mechanischen Künste können nicht in ihr Bereich fallen. Auch auf die Künste, die das Leben verschönern, müssen sie zum Teil verzichten: auf die Bildhauerei, sogar auf die Malerei. Die Unmöglichkeit zu reisen und die Meisterwerke fremder Schulen zu betrachten, der Anstand, der ihnen verbietet, bei der Natur in die Schule zu gehen, unsere ganzen Sitten – alles stellt sich ihrem Fortschritt entgegen. Von Baukunst zu sprechen ist, glaube ich, überflüssig. So sind sie also beschränkt auf Musik, Tanz und unschuldige Reimerei: ein kümmerlicher Behelf; und selbst dieses nur für eine beschränkte Zeit. Ziehen wir also aus allem diesem den Schluß, daß eine Frau sehr unrecht hat und sich nur lächerlich macht, wenn sie sich für eine Gelehrte oder einen Schöngeist ausgibt und wenn sie glaubt, sich solchen Rufes würdig zeigen zu können. Trotzdem hat sie aber sehr recht, wenn sie sich so viele Kenntnisse erwirbt, wie's ihr nur möglich ist. Sobald sie ihre Pflichten als Mutter, Tochter, Gattin erfüllt hat, tut sie sehr wohl daran, sich dem Studium und der Arbeit zu widmen; denn dies ist ein sicheres Mittel, sich selber genug zu tun, frei und unabhängig zu sein, sich über die Ungerechtigkeiten des Schicksals und der Menschen zu trösten; und niemals wird man von diesen mehr geliebt und geachtet, als wenn man sie nicht nötig hat. Wie dem auch sei, wenn eine Frau von Geist und Charakter die Sachen, auf deren gründliches Studium sie verzichten muß, nur oberflächlich inne hätte, so wäre sie doch etwas sehr Seltenes, etwas sehr Liebenswürdiges, etwas Hochgeachtetes – vorausgesetzt, daß sie keinen Anspruch erhöbe, dies zu sein. Guten Tag, mein lieber Abbe. Fortsetzung mit nächster Post. [56] An Frau von Epinay Neapel, 2. Februar 1771 Was? Ihre geistreichen Herren haben nicht mehr Geist? Da muß man von Neapel kommen und ihnen die Köpfe zurechtsetzen wegen der Auswahl einer Parodie, die Wort für Wort wiedergibt. Das kommt davon, wenn man Geist hat und spitzfindig ist. Ein Dummkopf wäre nicht in Verlegenheit darum gewesen, aber faciunt pol nimis intelligendo nihil ui intelligant . Aber ich bin in noch viel größerer Verlegenheit; denn ich habe nur von der zweiten Sendung den Entwurf aufbewahrt; von dem der ersten ist keine Spur mehr da, und ich kann mich durchaus nicht mehr daran erinnern. Indessen schicke ich Ihnen das kleine Stückchen Vorrede, das ich parodiert habe, und das erste Kapitel. Kapitel II muß ganz abgedruckt werden; das dritte bis zu Seite 35 einschließlich, mit der Fußnote. Weiter weiß ich nichts mehr; aber ich schicke Ihnen, sauber geordnet, die einzelnen Stücke der zweiten Sendung; nach diesen werden Sie sich einen Begriff machen, wie bei der Anordnung des Textes zu verfahren ist... Übrigens empfehle ich Ihnen nur eins: wenn das Ding jemals gedruckt wird, so lassen Sie es ja nicht in halbgebrochenen Seiten setzen, so daß Text und Parodie einander gegenüberstehen. Viele Übersetzer haben diesen Fehler begangen, und alle haben ihn bereut. Nichts macht eine Übersetzung oder Parodie so gründlich tot wie diese Methode. Der Leser muß immer nur eine ferne Erinnerung haben, und der Text muß ihm gewissermaßen nur dunkel vorschweben, sonst hat er kein Vergnügen daran. Ich bin gewiß, mein Freund Grimm (der fühlt, was er liest) wird dieser Beobachtung, die ich Ihnen vorlege, donnernden Beifall zollen; er wird sie richtig und wahr finden, und zu gleicher Zeit neu. Also lassen Sie den Text, vollständig wie er ist, abschreiben oder drucken und hierauf die Abhandlung über die Tumulte; wird sie ohne Unterbrechung und in einem Atemzug gelesen, so kann sie einen Ochsen vor Lachen bersten machen. Dixi . Nun zu etwas anderem. Ist es möglich? Sie amüsieren sich damit, mir eine Abhandlung über Vorzüge und Studien der Frauen zu schreiben, und zwar gerade in diesem für Frankreich so kritischen Augenblick, wo man entzückt ist, einen langen Brief zu sehen, weil man denkt, man wird reizende Anekdoten darin finden? Haben Sie's bemerkt? Nr. 39 ist der einzige Brief, den ein Staatsminister nicht hat lesen können, sintemalen, als er geschrieben wurde, kein Staatsminister vorhanden war. Genug, sie haben mir nichts mitgeteilt, und ich bin in der tiefsten Unkenntnis über den ganzen großen Spektakel von Ereignissen, die bei Ihnen vorfallen. Wollen Sie jedoch trotzdem meine Prophezeiung? Ich sage voraus: man wird sich entschließen, gegen die Freigeister eine grausame Verfolgung ins Werk zu setzen. Und warum? werden Sie fragen. Weil irgend jemand unrecht haben muß, und weil niemand sich so einladend allen Parteien darbietet, um Unrecht zu erhalten, als ein alleinstehender Gelehrter von glänzendem Ruf, der keinem Menschen Böses oder Gutes tut. Darum muß so einer unrecht haben, und zwar alles Unrecht haben, und an allem schuld sein: also muß man ihn verfolgen. Hof, Parlamente, Stände, Klerus, Jesuiten, Jansenisten – alle finden ihre Rechnung dabei. Ergo, abolendo rumori, Nero subdidit reos, quos populus Encyclopedistas appellabat . Das sagt mir mein Herz, und mein Herz sieht oft schwarz, selten falsch. Sie wollen von mir wissen, was eine Frau studieren soll? Ihre Sprache, damit sie Verse korrekt sprechen und schreiben kann, wenn sie Neigung dafür hat. Alles in allem genommen, muß sie stets ihre Phantasie pflegen; denn das wahre Verdienst der Frauen und ihrer Gesellschaft besteht darin, daß sie immer ursprünglicher sind als die Männer; sie sind weniger verkünstelt, weniger verdorben, weniger von der Natur entfernt, und darum liebenswürdiger. Auf dem Gebiet der Moral müssen sie gründlich die Männer studieren und niemals die Frauen. Sie müssen alle Lächerlichkeiten der Männer kennen und studieren, und niemals die der Frauen. Was Sie auch sagen – ich bin sehr zufrieden mit Voltaires Artikel über »Getreide«, soweit ich darin erwähnt werde. Man sieht klar und deutlich, daß er es nicht mit den Ökonomisten hat verderben wollen, daß er aber nichts von ihnen hält. Was den Gegenstand selbst anlangt, so sieht man, daß er zu alt ist, um ihn noch studieren zu können, und daß seine Leidenschaft und sein Genie ihn stets auf Abwege bringen. Rousseau hatte gesagt, Jesus sei als Gott gestorben; und Voltaire hat sich über diesen Ausspruch lustig gemacht; ich sage jetzt: der Verfasser des Getreideartikels faselt als Voltaire. Man wird sich über mich lustig machen, wenn man niemals gesehen zu haben glaubt, wie ein Voltaire faselte. Ich glaube jedoch mich deutlich genug auszudrücken. Leben Sie wohl. Haben Sie mich lieb. Der Brief ist zu dick, um ihn durch Vermittlung des Botschafters zu schicken. Vergessen Sie nicht die arme Kranke, wenn sie noch am Leben ist. Ich bin ganz stumm geworden, weil ich infolge des Verlustes meiner Zähne beim Sprechen stark zische und lispele. Ich bin also nicht mehr auf der Welt; denn was ist der kleine Abbé, wenn er stumm ist! Adieu... In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Nr. 40 und die Pariser Briefe vom 14. Ich bin von Kummer ganz niedergedrückt; Sie wissen warum. Ich glaubte, Unglückliche stürben niemals; aber ach, sie sterben wie alle anderen. Welchen Trost hat man dann noch, wenn man zum Unglück geboren ist? [57] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Februar 1771 Madame, mein Herz treibt mich nicht, an Paris zu denken. Ich finde mich alle Tage gefühlvoller, als ich geglaubt hätte. Mein Pariser Verlust vermehrt sich noch um einen Verlust, den ich in Genua erlitt; und ich kann diese Verluste nicht ersetzen, denn das Geschlecht liebenswürdiger Männer und Frauen ist für mich, wie es scheint, ausgestorben. Tausend Dank für das Gespräch zwischen Panurg und Pantagruel. Panurg ist ein ebenso schlechter Moralist wie Ökonomist. Unsinn! Ein Pestkranker hat nicht das Recht, sich an der Tafel des Barons unter allen Gästen niederzulassen! Die Natur gibt dem Menschen Gewalt, Freiheit und Besitz – von den Lateinern occupatio genannt. Die Gesellschaft dame Recht ist ein Gleichgewicht (ein Ausgleich) verschiedener Zweckmäßigkeiten. Utilitas justi prope mater et aequi . Das Recht ist also ein Ergebnis verschiedener Gewalten; und die Gesetze sind ein Beweis für das hohe Alter der Welt; denn sie hat eine Reihe von Zeitaltern durchmachen müssen, wo nur Gewalten herrschten; und wenn man der Sache auf den letzten Grund geht, so hat das Versuchen aller dieser Gewalten zu Gesetzen geführt und das Recht entstehen lassen. Ein Pestkranker kann also den Willen oder gar die Gewalt haben, sich zu anderen Menschen zu setzen; aber er hat nicht das Recht dazu, denn die Gesellschaft gibt es ihm nicht, sie verweigert es ihm vielmehr. Aber Panurg rührt alles durcheinander, als ein echter und rechter Ökonomist, der er geworden ist. Leben Sie wohl. Diesen Brief hab ich im Galopp geschrieben, weil ich ausgehen muß. [58] An Frau von Epinay Neapel, den 16. Februar 1771 Schöne Frau! Die Briefe, die Sie mir seit Beginn dieses Jahres schreiben, sind unglaublich. Die Politik hat Sie stumm gemacht, und wie die Stummen bringen Sie viele Töne hervor, aber keine artikulierten Laute. Ei was! Ob das Parlament Frieden schließt oder ob es an die Wand gedrückt wird, ob Herr de Choiseul zurückkehrt oder ob er in Chanteloup bleibt – ist es deshalb nötig, daß ich nicht erfahre, wie es den Helvetius geht? Was machen Madame Geoffrin, Madame Nekker, Fräulein Clairon, Fräulein de Lespinasse, was machen Grimm, Suard, der Abbé Raynal, Marmontel und die ganze ehrenwerte Gesellschaft? Sie schicken mir Verse von Madame de Boufflers, worin es heißt, sie sei keine Frau mehr. Ich weiß nichts vom Pariser Brauch; aher bei uns und nach dem Römischen Recht gewährt man den Witwen die restitutio in integrum; und Kenner sagen, von einem gewissen Alter an sei das sehr zutreffend. Übrigens will ich keine Verse von anderen, ich will Prosa von Ihnen. Diderot hat mir die Frage vorgelegt, ob es in einem gewissen Fall möglich sei, das Getreide in einer ganzen Provinz zu monopolisieren, wenn nämlich das zum Bedarf dienende Geld in Verruf käme und entwertet würde und dadurch riesige Geldmengen sich in den Händen einzelner Privatleute ansammelten. Ich sage: dies kann nur in einem einzigen Fall eintreten. Denn, beachten Sie wohl: damit ein Herrscher ganz und gar in Verruf kommt, muß man eine Regierung voraussetzen, die weder Gesetze noch Versprechungen achtet, noch überhaupt irgend etwas, was den Menschen heilig ist. Eine solche – absolute und despotische – Regierung wird also auch Kornspeicher nicht respektieren. Also wird ein Privatmann ebensoviel riskieren, wenn er Getreide kauft, als wenn er sein Geld in königlichen Schatzscheinen anlegt. Er wird es also unterlassen. Aber wenn eine Regierung Geldbankrott macht, dabei die Grundsätze der Tugend unangetastet blieben; wenn der Bankrott nicht aus Niedertracht gemacht würde, sondern aus Gutmütigkeit, weil man lustig und munter viel Geld verputzt hat – dann würde man bei derselben Nation gleichzeitig eine energische Handhabung der Tugend und einen Verfall der Sitten beobachten. Da würde man eine ausgezeichnete Polizei sehen, vor der kein Spitzbube sicher ist, der ein Taschentuch stiehlt; dagegen würde eine Indische Compagnie oder eine Steuerpachtgesellschaft, die ihre Schulden von zweihundert Millionen nicht bezahlte, nicht einmal vor Gericht gestellt werden. Da würde man sehen, wie der Zitronenbaum eines Besitzers in den Schutz des Staates genommen wird, während man diesem selben Besitzer für hunderttausend Franken Kontrakte vor der Nase entzweireißt. Dieser Fall kommt so selten vor, daß er wahrhaftig einzig in seiner Art wäre. Wir sehen ihn, die Nachwelt wird nicht daran glauben. Also hat Diderot recht; aber ich habe auch nicht unrecht, wenn ich mit solchen einzig dastehenden Fällen mich nicht beschäftige. Guten Abend, leben Sie wohl. [59] An Frau von Epinay Neapel, den 23. Februar 1771 ... Grimm ist nicht so sehr mein warmer Freund, wie er sich rühmt; denn wenn er so warm wäre wie ein Backofen, würde er mir was Selbstgebackenes schicken. Auf Madagaskar gibt es Menschen, deren Moral besser ist als ihr Gedächtnis. Um sich an Gründe zu erinnern, die sie reiflich erwogen haben, benutzen sie Ruten. Wir drucken Berichte und Druckschriften, und das läuft auf dasselbe hinaus. Fragen Sie Ihren Freund, ob die Richter alt oder jung waren. Ich möchte wetten, es sind die ältesten Herren der Gegend. Übrigens ist diese Geschichte von Madagaskar nicht wunderbarer als die von den Räten desselben Landes, die in Krügen beratschlagten, und man fand, daß in Europa noch viel seltsamere Ratsversammlungen abgehalten würden. So findet man in Europa auch Urteile, wobei dem Richter statt Ruten Säcke mit harten Talern vorgesetzt werden. Sie setzen diese Taler bald links, bald rechts, ermessen das Mehr oder Minder, das Für oder Gegen mit harten Talern; schließlich wird gewogen, und das Gewicht entscheidet, wer recht hat. Alles in allem genommen, kommt es gar nicht darauf an, ob der eine oder der andere auf dieser Welt recht bekommt. Die Hauptsache ist, eine Entscheidung zu fällen ; denn schließlich muß man doch zum Mittagessen gehen, Richter sowohl wie Parteien. Ich möchte Ihnen noch mehr darüber sagen; aber da Sie mir auf alles, was ich Ihnen schreibe, niemals etwas antworten, so machen Sie mich irre. Ich habe Ihnen zwei Denkschriften für Herrn de Sartine geschickt, was haben Sie damit gemacht? Was machen Sie mit meinem »Radau«? Was machen Sie mit Merlin? Was machen Sie mit tausend anderen Sachen, die ich Ihnen schon sagte oder noch zu sagen habe? Ihre Kammerzofen interessieren mich; ich liebe es nicht, daß man stirbt. Wirklich, ich kann mich nicht daran gewöhnen. Guten Abend. Tausend Grüße an alle meine Freunde. [60] An Frau von Epinay Neapel, den 9. März 1771 Fluch denen, die Ihren Tisch ändern! Fluch denen, die Ihre Stühle anrühren. Wissen Sie, was diese grausame Verzögerung Ihrer Briefe mich kostet? Sie kostet mich eine Todesangst! Ich glaubte allen Ernstes, Sie seien gestorben, und meine Seele hat keinen Augenblick Ruhe gehabt. Ich lief herum, suchte Leute und fragte sie, ob nicht irgendein Unglück aus Paris gemeldet worden sei. Und alle antworteten mir, der Marschall de Seneterre sei gestorben. Gott nehme seine Seele zu sich! Aber Sie – um Gotteswillen, im Namen der reinsten und wahrsten Freundschaft, die es auf der Welt gibt – versäumen Sie niemals, mir allwöchentlich zu schreiben, entweder durch die Gesandtschaft oder mit der Post; im schlimmsten Fall lassen Sie mir durch Ihren Prior oder durch Ihren Propheten schreiben. Das ist ernster, als Sie glauben. Doch jetzt zu etwas anderem! Der Marquis liebt also einen Elefanten. Wie das ihm ähnlich sieht! Wie das mir ähnlich sieht! Es war einmal in Neapel ein Elefant, ich betete ihn an. Duclos glaubte also, man könne vom Elefanten sprechen, ohne sich etwas zu vergeben? Aber wenn er ihn zu sehr lobte, was würden dann die Neidhammel sagen? Vorsicht ist nach meiner Meinung für unvorsichtige Menschen immer sehr notwendig, und so vorsichtig man auch ist, die Unvorsichtigkeiten bleiben immer, wie sie sind. Halten Sie mich für so dumm, daß ich von Paris fortgegangen wäre, wenn ich nicht vorausgesehen hätte, daß ich mich dort nicht länger halten konnte, daß ich dort keinen guten Ankergrund mehr haben würde? Was ich Ihnen sage, ist buchstäblich wahr. Ich habe Paris mit vollem Vorbedacht und aus freiem Willen verlassen; ich sah, daß ich durch ein anderes Verhalten meinen Fortgang nur um wenige Monate hätte hinausschieben können, daß es mir aber, bei meiner Wesens- und Denkungsart und bei meiner gefühlvollen Anhänglichkeit an meine Freunde, unmöglich wäre, lange an Ort und Stelle zu bleiben, ohne mich zu rühren. Glauben Sie, daß ich besser getan hätte, nach der Veröffentlichung meiner Dialoge noch in Paris zu weilen? Würde mich dies bei meiner Regierung und in meiner Heimat empfohlen haben? Nein, ich tat gut daran, abzureisen; aber ich fühle, ich würde noch besser daran tun, zurückzukehren, trotz dem Verlust meiner Zähne, trotz meiner geschwächten Gesundheit und der Abnahme meiner Sehkraft. Hierum müssen wir uns nun ernstlich bemühen. Ich habe Lust, eine Eingabe zu machen, um beim neuen Parlament eine Stelle als Kanzleirat zu erhalten. Was meinen Sie dazu? Sprechen Sie mit dem Marquis darüber; sehen Sie zu, ob nicht sein Elefant meine Wünsche durchkreuzt. Ich erwartete die Erledigung meiner Merlinschen Angelegenheiten. Vorläufig teile ich Ihnen mit, daß meine fünfundzwanzig Exemplare endlich eingetroffen sind; auch die nach Genua gesandten sind angekommen. Sie können sich also denken, daß ich auch die Neujahrspredigt erhalten habe. Wozu haben Sie sie mir geschickt? Um darüber zu lachen. Nun, ich will Ihnen sagen, beim zweiten Lesen bin ich in Tränen zerflossen; es wurden in meiner Seele so viele sehnsüchtige Erinnerungen wach, daß ich darüber beinahe verrückt wurde. Ich sah Grimms komisch-groteske Verbeugungen; ich sah das feine Lächeln der Baronin, das innige Behagen des Barons, Diderots, Marmontels; ich sah den geheimen Verdruß des Abbe Morellet, der innerlich wütend war, daß nicht er diese Predigt gemacht hatte; ich sah sogar den Senator Pococurante Helvetius, der die Geschichte nicht so tragisch fand wie so einen schönen Mord und Totschlag bei Shakespeare und der gleichwohl einst mich lieb hatte. Aber, sagen Sie, was hat es denn eigentlich mit diesem reizenden Scherz auf sich? Hat Grimm ihn vorgelesen? Hat er ihn allen Fürsten des Nordens gesandt? Schreiben Sie mir Näheres! Ich persönlich finde ihn köstlich: ich akzeptiere sogar die überaus schmeichelhaften Lobsprüche, die er mir zollt; denn ich halte sie für wahr und gerecht; aber laut protestiere ich gegen die unanständigen Sarkasmen, die er sich gegen meine Keuschheit erlaubt. Man sieht wohl, der Verfasser ist nicht meinen Spuren nachgegangen; er kennt nicht die Orte, wo ich Namen und ewigen Ruhm hinterlassen habe. Er soll nur hingehen, da wird er Erstaunliches sehen und hören! Seine Kollekte ist beleidigend für mich. Ich habe kein Kind in Paris hinterlassen; die zwei, die ich hatte, sind gestorben, und auch ihre Mutter ist tot. Ich habe jetzt nur noch eine große Zahl von Schwägern, darunter mehrere Philosophen, aber keinen, der blödsinnig geworden ist, mit Ausnahme des »netten Bernard«. Übrigens werde ich an den Verfasser der Predigt schreiben; und zur Revanche für dieses schöne Stück gedenke ich, ihm, wenn mir Gott das Leben schenkt, ein originales, ernsthaftes Werk zu schicken. Er hat mich mit seinen Witzen so tief erniedrigt, darum will ich ihm mit Witzen nicht mehr kommen. ... Es ist spät. Ich habe heute früh mit dem Baron Gleichen und General Koch gespeist; wir sprachen viel von Ihnen und unseren Pariser Freunden. Guten Abend; haben Sie mich lieb! Sorgen Sie dafür, daß dieser Schelm, der Suard, mir schreibt, auch der Baron und andere, die mir niemals schreiben, niemals antworten. [61] An Frau von Epinay Neapel, den 16. März 1771 Ich habe den Brief gelesen, der im Merkur abgedruckt werden soll. Er ist durchaus wahr; ich fürchte sogar, er enthält prophetische Wahrheiten. Man verspricht, den Schluß nach meinem Tode zu bringen, und damit die Ungeduld des Publikums befriedigt werde, wird dieser Schluß sehr bald erscheinen. Ja, Diderot wird mich überleben, alle meine Freunde werden mich überleben; ich werde zuerst von dannen gehen. Dieser Brief ist denn auch eine Lobrede auf einen Schriftsteller, der sich aus dieser Welt davongemacht hat, ohne seine Schreibmappe auszuleeren. Es ist mir nicht lieb, daß man mich vor dem Publikum des Macchiavellismus beschuldigt hat; das Publikum ist so dumm! Und ich bin noch nicht tot! Ebensowenig lieb ist es mir, daß man mir anonyme Bücher zuschreibt. Man wird glauben, ich hätte in Paris Satiren und Pamphlete gemacht. Die Ökonomisten sind so boshaft, und ich stelle sie durch meine überlegene Klarheit so sehr in den Schatten, daß man auf alle möglichen dunklen Umtriebe von ihrer Seite gefaßt sein muß. Da übrigens dieser Brief erst in Ihre Hände gelangen wird, wenn der Würfel bereits gefallen ist, so danken Sie dem Verfasser des Merkur-Briefes – wenn dieser nicht etwa von mir selber ist, was ich bezweifle – für alles Gute, was er so freundlich war über mich zu sagen. Ich möchte jedoch lieber gerächt als gelobt sein. Das eine ist das Vergnügen der Lebenden, das andere der Trost der Toten. Lassen Sie meinen »Radau« mit oder ohne Erlaubnis drukken! Man druckt so viele Sachen, die man verbieten müßte! Herr de Sartine ist immer auf meinen Lippen und seine Frau Gemahlin nicht weit davon. Küssen Sie den Herrn und versichern Sie seiner Gemahlin, daß Sie ihn in meinem Namen küssen. Sie wollen mit mir nicht über öffentliche Angelegenheiten sprechen? Nun, so werde ich Ihnen davon sprechen und Ihnen zeigen, daß ich mehr darüber weiß als Sie, obgleich Sie in Paris sind und ich in Neapel bin. Sie werden sehen, daß ich die Zukunft kenne. Nostradamus sagt: der König wird nachgeben. Fast nichts von dem, was der Kanzler jetzt macht und anordnet, wird Dauer haben. Diese Unordnung wird lange dauern; schließlich wird jedoch der Absolutismus stärker werden denn je zuvor, und die Freiheit wird auf ewig verloren sein. Dies sind Behauptungen, die sich anscheinend sehr widersprechen; aber sie werden alle in Erfüllung gehen. Schlüssel zum Nostradamus: Die Käuflichkeit der Richterämter wird aufgehoben werden. Jedes Land, dessen Ämter nicht durch Wahl des Volkes besetzt werden oder erblich sind, ist ein Sklavenland. Frankreich hat keine Beamten mehr, die vom Volk erwählt werden, wie einst die Bischöfe, und es hat keine Barone oder Herzöge, die ins Parlament gehen. Wenn es von der Käuflichkeit der Ämter befreit wird, ist alles in Ordnung. – Da haben Sie einen kurzen, aber saftigen Brief! [62] Frau von Epinay an Galiani Paris, den u. April 1771 Wenn ich nicht hoffte, daß meine Briefe Ihnen wenig Portokosten machten, mein lieber Abbé, hätte ich nicht mehr den Mut, Ihnen zu schreiben; denn meine eigenhändige Briefschreibekraft geht nicht über zwanzig Zeilen hinaus, und meine Gehirnkraft erlaubt mir kaum mehr als eine oder zwei Seiten zu diktieren. Ich muß Ihnen jedoch all mein Unglück erzählen. Abbé Terray hat mich durch seine Maßnahmen ruiniert. Ich habe weder Kredit noch Protektion, und hätte ich diese, so sollte mich Gott davor bewahren, jemals davon Gebrauch zu machen, um auch nur einen Taler zu verlangen. Ich schaffe meine Equipage ab, ich verkaufe das bißchen Silbergeschirr, das ich habe; das wird nicht lange reichen. Am meisten betrübt es mich, daß es nicht genügen wird, um die Schulden zu bezahlen, die meine schwache Gesundheit mich zu machen zwingt, während sie mich zugleich verhindert, an dem bißchen, was mir bleibt, Ersparnisse zu machen. Und dafür kann ich Ihnen bürgen: ich werde darum nicht trauriger sein und frohen Herzens ins Hospital gehen. Nachdem ich Ihnen mitgeteilt habe, was mich persönlich angeht, diktiere ich jetzt den Rest meines Briefes. Wenn ich hier und da auf einen Abbé fluche, muß ich darum einen anderen um so mehr lieb haben; wenn ich eine Parallele zwischen den beiden ziehen wollte, so würde das wohl recht scherzhaft sein. Mein Mörder ist lang wie eine Bohnenstange, mein Tröster ist nur drei Käse hoch. Der eine ist dürr wie Reisig, hat tiefliegende Augen, eine spöttische, harte, absprechende Miene; der andere ist Speckfett, hat große, offene Augen, eine sanfte, schalkhafte, gute Miene. Der große Abbe denkt wie ein Räuberhauptmann, der kleine Abbe wie ein großer Mann; der große Abbe ist sittenstreng usw. Ich werde gelegentlich diesen Gedanken weiter verfolgen. Übrigens schreibe ich Ihnen nur darum so ungeniert, weil ein zuverlässiger Reisender Ihnen diesen Brief überbringen wird und mir für die richtige Bestellung garantiert. Ich will nun auf Ihre Fragen antworten und auch auf die, die Sie stellen würden, wenn Sie wüßten, was hier vorgeht. Man erwartete die Aufhebung der Cour des Aides ; man hat den Grund der Eile durchschaut, womit die Maßregel ausgeführt wurde, und kein Mensch glaubt, daß der gewollte Zweck damit erreicht werden kann. Man trauert darüber, wenn man dadurch jeder Justiz beraubt wird; man empört sich gegen den Gedanken, daß der Ministerrat unumschränkt gleichzeitig Richter und Partei ist. Die Bestürzung ist groß; aber wie ich sehe, ist man mehr zur Aufgabe jedes Widerstandes geneigt als zu Gewalt. Viele denken ernstlich an Auswanderung; wer durch seine Lage festgehalten ist, macht seinem Schmerz durch Deklamationen Luft, die zwar nichts nützen, aber doch das Herz erleichtern. Man ist erstaunt über die Verbannung einiger Mitglieder der Cour des Aides ; man ist auf alles gefaßt; man hat Furcht. Aber die Meinungen bleiben die gleichen, weil man diese nicht beeinflußt. Über die Art und Weise, wie der Herr Kanzler vorgeht, urteilt man allgemein mit solcher Verachtung, daß man sich kaum herbeiläßt, seine Veröffentlichungen zu lesen. Man ist zum voraus überzeugt, daß sie zweideutig und spitzfindig sein müssen. Von denen, die sie gelesen, finden einige sie ungeschickt abgefaßt, andre sie weder wahr noch falsch, schwierig zu widerlegen, aber doch widerlegbar. Noch andere sagen – und zu diesen gehöre ich –, daß um die eigentliche Frage stets herumgegangen wird. Gewiß besteht dieser Streit um die Autorität oder vielmehr um die Macht zwischen König und Parlament, solange es überhaupt eine französische Monarchie gibt. Diese Unbestimmtheit gehört sogar zur monarchischen Verfassung; denn wenn die Frage zugunsten des Königs entschieden wird, so wird er durch alle sich daraus ergebenden Folgen einfach zum absoluten Despoten. Entscheidet man sie zugunsten des Parlaments, so hat der König eigentlich nicht mehr Autorität als der König von England. Ob man also die Frage auf die eine oder auf die andere Weise entscheidet, jedenfalls ändert man die Verfassung des Staates. Läßt man dagegen die Sachen so, wie sie von alters gewesen sind, so muß man doch wirklich fragen: wäre wirklich ein Fall denkbar, daß der König nicht freier Herr wäre, ein gutes Gesetz, eine gerechte Verordnung zu erlassen? Und wann ist es je dagewesen, daß trotz dem Widerstand des Parlaments der Wille des Königs nicht die Oberhand gehabt hat, bis der Herrscher von der Macht der Ereignisse und Verhältnisse bezwungen, aber ganz unabhängig von den Parlamenten, aus eigenem Antrieb von seinen Plänen Abstand genommen hat? Hätte man nur das Gute gewollt, so könnte man die Mißbräuche abstellen, ohne das ganze Gebäude niederzureißen; und wenn man das Baumaterial eines Hauses wieder verwenden will, so muß man es vorsichtig abbrechen, aber es nicht zerstören. Außerdem sind Menschen nicht zu behandeln wie Steine, die man mit Hebemaschinen bewegen kann. Jeder Schritt macht das Übel schlimmer. Man schreibt – man wird antworten. Für den französischen Charakter ist alles Modesache; jeder wird seine Weisheit über Staatsverfassung anbringen wollen; die Köpfe werden sich erhitzen. Man wirft Thesen auf, an die man sonst niemals zu denken gewagt hätte. Und das ist nun ein nicht wieder gutzumachendes Unheil. Wie ich Ihnen sagte, mein lieber Abbé: diese Fragen sind die Theologie der Staatsverwaltung. Damit sie ohne Gefahr aufgeklärt werden können, muß man in seinen Nachforschungen so erfolgreich und glücklich sein, wie ein vernünftiger Mensch es nur verlangen kann. Sonst muß die Aufklärung, die den Völkern zuteil wird, ein bißchen früher, ein bißchen später Revolutionen herbeiführen. Wenn man dann unsere innere und äußere Lage betrachten will, sowie den Charakter der verbündeten und nichtverbündeten Herrscher, so wird man, glaube ich, zugeben, daß kaum ein ungünstigerer Augenblick gewählt werden konnte. Ich könnte ohne Schwierigkeit ganze Bände über diesen Gegenstand schreiben; ich könnte nachweisen, daß ein dauerhaftes Ergebnis unmöglich ist und daß es alle möglichen Unzuträglichkeiten zur Folge haben würde, wenn ein solches möglich wäre. Alle diese Ideen waren in meinem Kopfe vorhanden; aber sie wären mir selber ewig unbekannt geblieben, wären sie nicht dadurch entwickelt worden, daß mein Geist aufgeschreckt wurde und meine Seele sich empörte. Man muß nicht glauben, daß bei dem jetzigen Stand der Aufklärung unserer Nation alles in Ordnung ist, wenn man sie durch Schreckensbeispiele von der Macht der Autorität in Furcht gesetzt hat. Zur Furcht tritt Unwille hinzu, und eine aufgeklärte Seele wird sehr beredt, wenn sie durch Mitleid, Schrecken, Mut und Entrüstung erhitzt ist. Die Lust am Märtyrertum wirkt ansteckend, und es ist ungeschickt, sie sich ausbreiten zu lassen. Übrigens hofft jedermann, oder fast jedermann, die ganze Geschichte werde sich in nichts auflösen. Aber wenn es entschieden wäre, daß die Staatsverfassung geändert werden muß, so würde man nach meiner Wahrnehmung den Despotismus des Parlaments vorziehen, weil dieser an Formen gebunden ist, über die ein despotischer Herrscher sich hinwegsetzen kann. Aber es wird mir sehr schwer, zu glauben, daß der Nationalcharakter sich nicht ändern wird, wenn das noch längere Zeit so fortgeht. Da haben Sie, lieber Abbé, meine Ideen, die ich Sie bitte, für sich allein zu behalten, wenigstens so lange, bis mein Gebieter ganz und gar bankerott ist; denn dann gedenke ich, mich in die Bastille sperren zu lassen, weil ich dann eben nur noch mein Leben fristen kann, wenn er die Kosten trägt. [63] An Frau von Epinay Neapel, den 6. April 1771 Ihr Brief vom 8. März hat mich zerschmettert. Wie? Sie sind in Gefahr, Mangel zu leiden! Hundert Taler! Keinen Heller mehr? Nein, Sie haben keine andere Gefahr zu befürchten, als daß Sie nach Neapel kommen müssen. Haben Sie das Reisegeld? Können Sie nicht einige Möbel verkaufen, für die Sie keine Verwendung mehr hätten? Ich meine es ganz ernst, ich scherze nicht. Kommen Sie! Um das Übrige dürfen Sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Aber wissen Sie, der Gedanke fängt an, mir allen Ernstes zu gefallen. Was macht er denn, der Abbé Terray? Worauf wartet er denn? Warum beeilt er sich nicht? Lassen Sie ihn seine Edikte herausgeben. Kaufen Sie eine Berline – Sie, Grimm, Schomberg und Diderot; in einem zweiten Wagen fahren eine Kammerjungfer, ein Kammerdiener, zwei Bediente. Kommen Sie! Kommen Sie zu mir! Von den Herren werden Sie dann zwei entlassen, nach Ihrer Wahl, oder nach ihrer Wahl. Mir scheint, Grimm kann leben, wo er will. Seine Korrespondenz an die nordischen Höfe kann er mit dem Stoff bestreiten, den Sie und ich allein ihm liefern werden. Ah, wie wäre das groß und schön von Abbé Terray und von mir, wenn wir Paris nach Neapel gebracht hätten! Zwei kleine Abbés hätten das Aussehen der Welt geändert! Das sind meine Träume. Aber Ihr Brief macht mich doch traurig. Ich habe einen Brief erhalten, den Herr von Sartine mir durch Herrn Pascaut sandte: er ist reizend, obgleich sehr kurz. Leben Sie wohl, meine schöne Arme! Ich habe zu nichts mehr Zeit. Die ganze Woche habe ich dazu gebraucht, hier Versteigerungen an den Meistbietenden einzurichten nach Pariser Muster; man kannte sie bisher hier nicht, und der Erfolg war ausgezeichnet. Man kaufte zu unglaublichen Preisen die Waren eines Großkaufmanns, der Bankrott gemacht hatte und dessen Prozeß die Ehre haben wird, von mir als Richter entschieden zu werden, da ich Berichterstatter darüber bin. Ich habe hierdurch meinem Vaterlande einen ziemlich großen Dienst erwiesen und habe viele Mißbräuche ausgerottet. Leben Sie wohl! In acht Tagen mehr! [64] An Frau von Epinay Neapel, den 13. April 1771 Ich erhielt von Ihnen eine reizende Nr. 48. Sie sind lustig, Sie singen den ganzen Tag wie närrisch, Sie phantasieren auf dem Klavier und nuancieren alle Töne mit einer haarsträubenden Geschicklichkeit. Grimm, Schomberg und Chastellux tun desgleichen, und ich glaube, in Ihrem Zimmer geht es genau so her wie bei der Szene, wo Harlekin als Dieb und Profoß die Zauberflöte spielt, so daß alle singen und tanzen müssen. Nachdem Sie meine Seele so sehr verdüstert hatten, kann ich Ihnen gar nicht sagen, welcher Balsam für mich Ihr Brief war. Allerdings ist Ihre Nr. 49 nicht so lustig. Sie schildern mir Ihre Unruhe bezüglich des Herrn von Sartine. Ich glaube nicht, daß man ihn in die Verbannung schickt. Tacitus berichtet im sechsten Buch seiner Annalen (ziemlich am Schluß) als etwas ganz Besonderes, daß mitten in der ungeheuren Verwirrung, in der sich nach Sejans Sturz das Römische Reich befand, der Polizeipräfekt Lucius Piso im Alter von achtzig Jahren eines natürlichen Todes starb; rarum ; sagte er, in tanta claritudine! Er führt dann dafür folgenden Grund an: Nullius servilis sententiae sponte auctor; et quoties necessitas ingrueret, sapienter moderans. Ich weiß, Sie verstehen nicht Latein; aber schlagen Sie nicht in der Übersetzung des Abbé de la Bletterie nach. Fragen Sie lieber den Philosophen, und studieren Sie genau diese Stelle des Tacitus; denn sie ist merkwürdig, sie beweist, daß ein Polizeistatthalter nicht fortgeschickt wird wie ein Prälat, der die Pfründen zu vergeben hat. Es kommt wenig darauf an, ob unter den Bischöfen ein Pfründenkäufer mehr oder weniger, oder ob unter den Abbes ein Leichtfuß mehr oder weniger ist. Aber Straßenschmutz und Laternen, Spitzbuben und Gauner, die darf man nie vergessen und aus den Augen lassen... Ich erhielt die ganze Geschichte von den beiden Freunden. Ich werde sie als Freitagsbescherung auftischen; aber unsere Freitage werden neapolitanische Freitage und entfernen sich in Art und Ton von den französischen Freitagen, so viel Mühe der Baron und ich uns auch geben. Es ist keine Möglichkeit, aus Neapel so eine Art Paris zu machen, wenn wir nicht eine Frau finden, die uns leitet, uns lenkt, uns geoffrinisiert. Ihre Geschichte von Madame Geoffrin ist übrigens wundervoll; ich habe sie allen aufgetischt, die sie kennen. Wir haben hier jetzt Herrn von Schuwalow. Er beauftragt mich, alle seine Pariser Freunde zu grüßen. Wir bedauern Sie, Sie alle miteinander. Es ist eine schöne Rache für mich, den Sie bedauerten, weil ich Paris verloren hatte, daß ich Sie jetzt bedauere, weil Sie es behalten haben. Guten Abend. Ich muß immer noch an Grimm schreiben und mich über seine bittere Satire beklagen, womit er in seiner Neujahrspredigt meine Keuschheit angegriffen hat. Er hat gelogen. Ich habe nicht die Hälfte von dem gemacht, was ich hätte machen können. [65] An Frau von Epinay Neapel, den 20. April 1771 Schöne Frau, ich weiß nicht, ob ich auf alle Ihre vorhergehenden Briefe geantwortet habe; aber was war da zu beantworten? Diese Nr. 47, die mir Ihre Armut meldete, schmetterte mich nieder; meine Phantasie fand keine andere Hilfe als die Einladung, zu mir zu ziehen. Meine Mutter ist tot, meine Schwestern sind Nonnen, meine Nichten sind dumme Gänse; meine ganze Gesellschaft ist eine Katze. Ihre Nr. 48 erheiterte mich, da ich Sie in Ihrem Zimmer trällern und singen hörte. Ihre Nr. 49 machte mir keine Angst um meinen Freund; man hätte ihm einen großen Dienst erwiesen, hätte man ihn in die Verbannung geschickt; er wäre aller Verantwortung ledig gewesen. Aber ich habe Ihnen schon geschrieben, man wird ihn nicht verbannen. Ihre Nr. 50 ist lang, folglich reizend. Die Kaiserin von Rußland hat mit ihrer Branntweinsteuer nichts Außergewöhnliches getan. In allen Polizeistaaten werden Tabak und Salz behandelt, wie sie ihren Branntwein behandelt. Rußland beginnt also Polizeistaat zu werden. Steuern sind die rheumatischen Schmerzen der Staaten, eine Alterskrankheit. Junge Nationen kennen keine Steuern. Sie haben dafür heftige Erschütterungen, Kriege, Aufstände, Feudalrecht, Leibeigenschaft usw. Wenn sie alt werden, hört das auf; dann kommen die Rheumatismusanfälle der Steuern, man hustet, man spuckt einen doppelten Zwanzigsten aus, ein Stempelpapier, eine Ledersteuer u. dgl. Böser Auswurf! Endlich wird der Husten chronisch. Er bleibt, und man hustet weiter; aber man spuckt nichts mehr aus, wenn die Steuern vervielfältigt werden, ohne daß das Einkommen sich erhöht. Man stirbt vor Schwäche und Erschöpfung. Sie nötigen mich, Ihnen einen Vortrag über Ihren Streit mit Diderot zu halten. Wie viel lieber würde ich ihn an Ihrem Kamin oder an Ihrem Eßtisch halten! Das Testament liegt nicht im natürlichen Recht begründet; es ist widernatürlich. Ein Toter darf keinem Lebenden befehlen. Das Testament ist nach dem Erbrecht eingeführt worden, und das Erbrecht ist ein Mittel, um zu verhindern, daß Güter nach dem Tode des Besitzers herrenlos werden. In der Natur gehört herrenloses Gut dem ersten besten, der es in Besitz nimmt. Da es notwendig war, Streit darüber zu verhindern, so entstand das Erbrecht, und mit diesem Recht näherte man sich der natürlichen Ordnung der Dinge. Man hat das herrenlose Gut denen zugesprochen, von denen man annahm, daß sie zuerst imstande wären, es sich anzueignen. Denn die Hinterlassenschaft eines sterbenden Vaters können stets seine Kinder und seine Verwandten zuerst in Besitz nehmen. Später hat man Änderungen eingeführt und das Gesetz noch vervollkommnet. Jedenfalls aber ist das Erbrecht das erste und heiligste aller Rechte, und es gilt der Gesellschaft als das wertvollste; es ist das Recht der legitimen Erbfolge, auch Erbfolge ab intestat genannt. Es genügt. Das Testament ist ein Vorrecht, eine Befreiung von diesem Gesetz, eine Verletzung desselben. Daher ist es weder wertvoll, noch für die bürgerliche Ordnung notwendig. Seine Einführung ist durch andere Gründe veranlaßt worden. Man hat einem Testator gesetzgeberische Macht bei seinem Tode verleihen wollen, damit er bei Lebzeiten gefürchtet und geachtet werde. Dies ist der Grund, warum das Gesetz diese unnatürliche Rechtshoheit des Testators später durch eine unendliche Menge von Änderungen und lästigen Bestimmungen eingeschränkt hat. Man gesteht ihm nicht die Verfügung über das Ganze zu. Man behält das Pflichtteil vor, man macht Ergänzungen, man legt seinen Willen anders aus, wenn nachträglich noch Kinder geboren werden usw. Vor allen Dingen ist es notwendig, die Echtheit und formelle Abfassung der Urkunde zu beweisen. Fünf Zeugen, ein Beamter, den man Notar nennt usw., sind erforderlich. Nur für Soldaten, die vor einer Schlacht ihren letzten Willen aufsetzen, hat man einige Formalitäten als überflüssig erklärt. Übrigens muß das Testament eine öffentliche Urkunde sein; die Familie muß vorher wissen, ob eins vorhanden ist oder nicht; selbst die Öffentlichkeit muß darum wissen; der Inhalt wird unbekannt bleiben, aber man muß wissen, daß eins vorhanden ist. So ist es nach dem römischen Recht, und das ist das vernünftigste Recht. Aber wenn Sie barocke Gesetze haben, so hat die Moral keine Schuld mehr daran. Diderots Vater hätte kein Testament verbrennen können, es nicht einmal öffnen dürfen; wenn es offen war, so war es ungültig, wenn es nicht etwa von fünf oder sieben Zeugen unterzeichnet war, die alle noch am Leben sind. Die Richter mußten es für ungültig erklären. Übrigens sagt er mit Recht, der Ort, wo man es gefunden habe, beweise nichts. Aber die geringste Formalität, die an der Urkunde gefehlt hätte, mußte sie ungültig machen, und die Hinterlassenschaft mußte denen zufallen, die nach dem Gesetz dazu berufen waren. Es ist nicht gerecht, Privilegien, die dem ursprünglichen Gesetz widersprechen, noch zu vergrößern, und das Recht, ein Testament zu machen, ist ein Vorrecht, das gegen das ursprüngliche Gesetz verstößt. Aber der Testamentsvollstrecker war nicht Richter; er konnte es nicht verbrennen, die Richter mußten es für ungültig erklären. So, scheint mir, muß Ihre Streitfrage gelöst werden. Die Schuld hat entweder an Ihren Richtern oder an Ihren Gesetzen gelegen. Man kann schlechte Gesetze haben; wenn man sagt: Gesetz ist Gesetz, so ist damit noch nicht gesagt, daß das Gesetz gut ist. Dies ist einer von den Fehlem, den die Ökonomisten machen. Gott behüte uns davor, wenn die Gesetze schlecht sind – und oft sind sie das. Sie führen den gesetzlichen Despotismus herbei. Haben Sie jetzt genug von meinem Wortschwall? Schreiben Sie lange Briefe – sehr lange! Ich bezahle sie ja. Also kann der Herr Botschafter sie mir ohne Gewissensbisse schicken. Kein Mensch hat noch die Neujahrspredigt gesehen; ich werde niemandem darüber schreiben. Aber ich habe sie schon zweimal wieder gelesen. Diese Heimlichkeit erscheint mir köstlich. Mir gefällt auch der Brief des Pfarrers Papin, der auf die Geschichte von den beiden Freunden folgt. Kurz, alles, was mich nicht zum Weinen bringt, macht mich lachen, und was mich zum Lachen bringt, macht mir Vergnügen. ... Was macht mein lieber Grimm? Ich habe seit vierzehn Tagen einen Schnupfen, der mir alle Lust benommen hat, ihm zu schreiben. Ich umarme den Philosophen. Mein »Radau« wird erscheinen können, wenn Sie keine ärgeren Tumulte mehr befürchten. Es ist nicht nötig, auf ein neues Buch de la Rivieres zu warten. Es genügt, daß etwas Schäfiges von derselben Sorte schon vorhanden ist. Leben Sie wohl! [66] An Frau von Epinay Neapel, den 24. April 1771 Was für eine reizende Nummer, Ihre Nr. 51. Oh, was für eine liebenswürdige Nummer! Schade, daß sie nicht in der Lotterie herausgekommen ist! Übrigens ist Ihr Brief ein Muster von Zärtlichkeit, von Gefühl, sogar von Koketterie, und ich will ihn drucken lassen zu meiner Ehre und zu meinem Ruhm. Sie haben sich also wahrsagen lassen, und man hat Ihnen gesagt, Sie werden mich wiedersehen; aber man hat Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie nicht wiedersehen werde. Ja, Sie werden mich sehen, wenn ich tlind bin; das sagt Ihnen der wahre Prophet. Was? Das Ungeheuer hat mich vor allen Mächten des Nordens entehrt? Wer hätte das gedacht, schöne Frau! Er ist meiner Rache nicht mehr wert. Wissen Sie, was ich ihm zugedacht hatte? Da ich mich auf dem Gebiet des Scherzes als geschlagen ansehe und nicht glaube, daß ich ihn übertreffen kann, so gedachte ich, ihm etwas ganz Ernsthaftes von mir zu schicken: einen prophetischen Ausblick auf den Zustand Europas in hundert Jahren. Die Kapitel würden ungefähr gelautet haben: Zustand der Religion. – Priester, Mönche, Papst, Protestanten und Griechen. – Die Lage Frankreichs, Englands, Spaniens, Italiens usw. – Wissenschaften, Künste, Handel, Finanzen, Nationalökonomie, Verwaltungssysteme usw. – Amerika und die europäischen Kolonien. Das wäre ein schreckliches Buch! Es würde daraus hervorgehen, daß wir in hundert Jahren viel mehr Ähnlichkeit mit China haben als jetzt. Es wird zwei scharf voneinander unterschiedene Religionen geben: die Religion der Vornehmen und wissenschaftlich Gebildeten, und die Religion des Volkes; diese wird in drei oder vier Sekten geschieden sein, die sich gut unterein ander vertragen. Priester und Mönche werden zahlreicher sein als jetzt; sie werden leidlich reich, unbeachtet und ruhig sein. Der Papst wird nur noch ein erlauchter Bischof sein, aber kein Fürst mehr; man wird ihm nach und nach seinen ganzen Staat weggeschnappt haben. Es wird große stehende Heere geben und fast gar keine Kriege. Die Truppen werden wundervolle Parademanöver machen, aber Offiziere und Soldaten werden weder grausam, noch tapfer sein. Sie werden schöne Tressen haben, sonst nichts. Die Festungen werden verfallen, und aus den Wällen werden überall schöne Spaziergänge und Baumpflanzungen. Der Oberherrscher Europas wird der Fürst unserer Tartaren sein, das heißt: derjenige, der Polen, Rußland und Preußen besitzen und an der Ostsee wie am Schwarzen Meer gebieten wird; denn die nordischen Völker werden stets weniger feige sein als die des Südens. Die übrigen Fürsten werden der Politik dieses übermächtigen Kabinetts gehorchen. England wird sich von Europa trennen, wie Japan von China. Es wird sich mit seinem Amerika vereinigen, dessen größten Teil es besitzen wird, und wird den Handel der übrigen Welt beherrschen. Überall wird Despotismus herrschen, aber ein Despotismus ohne Grausamkeit, ohne Blutvergießen. Ein Beamtendespotismus, der sich stets auf die Auslegung alter Gesetze, auf Juristenweisheit und Advokatenkniffe stützt. Und dieser Despotismus wird nur die Finanzen der Privatleute im Auge haben. Glücklich alsdann die Talarträger, die unsere Mandarinen sein werden! Sie werden alles sein, denn die Soldaten werden nur zu Paradezwecken da sein. Die Gewerbe werden überall blühen, wie in Indien. Guten Abend; Fortsetzung folgt baldigst. [67] An Frau von Epinay Neapel, den 4. Mai 1771 Meine schöne Dame, den ganzen März und April litt ich unter einer Traurigkeit, einem Albdrücken, einer sicheren Todesahnung, die ich Ihnen gar nicht beschreiben kann. Nur ihr ändern könnt wissen, ob ich richtig geahnt habe; denn ich selber werde ja, wenn ich tot bin, nicht einmal das Vergnügen haben, mir zu sagen, daß ich mit meinen Vorgefühlen recht hatte. Deshalb sind meine Briefe so traurig. Übrigens habe ich weiter kein Unglück, keine Qual, keinen Grund zum Traurigsein, als daß ich Sie im Jahre 1771 mitten in Paris sehe. Es hat mich ein bißchen geärgert, daß Sie in bezug auf Ihren Lebensunterhalt keinen andern Ausweg gefunden haben, als sich in die Bastille stecken zu lassen, anstatt an eine Reise nach Neapel zu denken. Ist denn sogar die Bastille noch besser als Neapel? Ich weiß nicht recht, womit ich meinen Brief füllen soll. Ich könnte allerdings fortfahren, Ihnen von dem schönen Buch zu erzählen, das ich für Grimm schreiben will und das die Geschichte des Jahres 1900 enthalten soll; aber ich bin so müde von all dem Amtieren, das mir heute oblag! Ich habe kaum soviel Zeit, Ihnen einige Kapitel von der Fortsetzung mitzuteilen. Die Modewissenschaften jener Zeit werden Physik, Chemie und Alchemie sein, vermischt mit viel Geometrie, und es wird Narren geben, die da sagen werden, wenn man nur erst die Quadratur des Kegelschnitts gefunden habe, so werde man den Stein der Weisen haben oder auch hämmerbares Glas. Aus der Verbindung wahrer Wissenschaften wird man eine Afterwissenschaft ableiten, die nur aus hohlen Worten besteht, oder aus Gemeinplätzen, die durch große Worte dunkel gemacht sind. Theologie, Altertumsforschung, Gelehrtensprachen wird es nicht mehr geben. Französisch wird die allgemeine Umgangssprache sein, und Slawonisch die Hofsprache. Was die Rechtswissenschaft anbelangt, so werden alle Nationen Europas ihr besonderes Gesetzbuch haben, und das römische Recht wird abgeschafft sein. Indessen wird man über den »Geist der Gesetze« so gründlich disputieren, daß man die Gerichtspraxis aus den wunderbarsten Quellen ableiten wird, wie zum Beispiel aus dem Geist der Verfassung einer jeden Nation und aus der Grundordnung aller Dinge. Die Pedanterie wird sich Montesquieu und mich zum Muster nehmen, wie sie sich früher Aristoteles und die Peripatetiker zum Muster nahm. Die freien Künste. – Die Schiffahrt wird sehr vernachlässigt sein; es wird sehr wenig Handel geben und zwar fast nur zu Lande und auf kurze Entfernungen; denn jede Nation wird ihre Landwirtschaft und Industrie so sehr vervollkommnet haben, daß sie sich selber genügt, und die dummen Gesetze, die die Ausfuhr begünstigen und die Einfuhr hemmen, werden jeglichen Handel zerstört haben; denn wenn jeder verkaufen und niemand kaufen will, kommt es schließlich dahin, daß keiner mehr etwas verkauft oder kauft. Alia die; guten Abend. Ich umarme Sie und bin usw. [68] An Frau von Epinay Neapel, den 18. Mai 1771 ... Man sieht wohl, daß ich nicht mehr an Ihren Abenden teilnehme! Wie in aller Welt können Sie tagelang darüber disputieren, was gefährlicher sei: ein Dummkopf, der zu befehlen hat, oder ein kluger Mann, der falsch urteilt? Das ist in zwei Minuten entschieden: die Dummköpfe machen nur darum Dummheiten, weil die klugen Menschen, die sie beraten, falsch geurteilt haben. Also sind es nicht zwei verschiedene Fälle und nicht zwei verschiedene Übel, sondern stets nur ein einziger Fall, die einzige Wirkung einer und derselben Ursache. In der ursprünglichen und natürlichen Ordnung dieser bewunderungswürdigen Welt gibt es Dummköpfe und kluge Leute. Die Natur hat gewollt – wenn sie überhaupt jemals etwas gewollt hat – daß jeder auf der Welt eine Rolle spiele. Nun gibt es aber nur zwei Rollen zu spielen; befehlen oder beraten. Beraten konnte man die Dummköpfe nicht lassen; sie hatten nicht mal so viel Verstand, um falsch zu urteilen. So mußten also die Dummköpfe befehlen; denn wenn sie das nicht täten, würden sie überhaupt nichts tun; sie wären überflüssig in der Natur, in der nichts überflüssig sein darf, wenn nicht etwa sie selber, so, wie sie da ist, überflüssig ist. Eine sehr gute Bemerkung macht Fra Paolo in seiner Geschichte des Tridentiner Konzils. – Die Theologen berieten, und die Väter, das heißt die Bischöfe, die von Theologie kein Wort verstanden, entschieden das Dogma. Wie im politischen System ist es auch in der Republik der Wissenschaften; die Dummköpfe machen den Text, und die klugen Leute verfassen die Kommentare dazu. Darum erklärt Panurg die Tabellen der Physionomie rurale und bildet sich mit aller Gewalt ein, daß er sie verstehe. Darum schrieb Newton einen Kommentar zu Daniel und zur Apokalypse... Mit großem Vergnügen vernehme ich, daß der Chevalier de Magallon Ihnen den Eckplatz Ihrer Loge bei den Italienern abgenommen hat. Sie werden sich in seiner Nachbarschaft wohl befinden, er ist ein zuverlässiger Mann. Guten Abend. Schicken Sie durch Grimm oft Nachrichten und Grüße von mir, an Madame de la Ferté-Imbault, an Frau Geoffrin, an die grausame Necker, die mir durchaus nicht schreiben will. Und hiermit guten Abend! [69] An Frau von Epinay Neapel, den 25. Mai 1771 Heute, meine schöne Dame jährt sich wieder der Tag, an dem ich meine Abberufung von Paris empfing. Es war nicht mehr als gerecht, daß der schwärzeste Tag meines Lebens ausgeglichen wurde durch den, an welchem ich den zärtlichsten, liebsten, schönsten aller Ihrer Briefe empfing. Sie machen mir das Vergnügen, mir zu versichern, daß Sie nicht mehr nötig haben, nach Neapel zu reisen, aber daß Sie Lust haben, es zu tun. Das war das Liebste, was mein Herz von Ihnen zu erfahren wünschte. Sie möchten wissen, ob ich nach Paris zurückkommen werde. Ich glaube es bestimmt; aber ich werde Sie nicht wiedersehen, denn ich werde blind sein. Spaß beiseite – mit meinen Augen geht es von Tag zu Tage schlechter; so daß ich darauf gefaßt bin, in einem Jahr den Star zu haben; das wird mich dann nötigen, nach Paris zurückzukehren, um mich operieren und ins Hospital der Quinze-Vingt aufnehmen zu lassen. Es ist ein schrecklicher Gedanke für mich, in solchem Zustand Paris wiederzusehen. Indessen, wenn ich blind bin, kann es mir nirgendwo anders glükken als in Paris; es ist der einzige Ort, wo man auf mich hören würde. Um Sie als Prinzenerzieherin hierher berufen zu können, müßte man zunächst mal unsere Königin schwanger machen. Ich arbeite daran durch die Gebete, die ich zum Himmel sende, und durch meine aufrichtigsten Wünsche. Wäre unsere Königin die Frau eines Privatmannes, so würde ich noch wirksamer daran mitzuarbeiten trachten; denn sie hat eins der anziehendsten Gesichter, die ich je gesehen habe. Sie ist die schönste Frau in Neapel, und es ist sehr schade, daß sie Königin ist. Linguet hat unrecht getan, so über die Ökonomisten herzuziehen. Ich bin überzeugt, die Ökonomisten sind in diesem Augenblick die erstauntesten und kleinlautesten Leute auf der Welt, indem sie sehen müssen, daß ihre Grundsätze und Theorien von Freiheit, Eigentum, gesetzlichem Despotismus, wesentlicher Ordnung usw. so geringe Fortschritte gemacht haben. Man hat Parlamente zerquetscht wie Flöhe und Wanzen, trotz der Physionomie rurale . Was sagen sie dazu? Was sagt er dazu, Panurg? Ich, der ich ganz andere Betrachtungen anstelle als die Ökonomisten, ich habe mich daran gemacht, über die physischen Ursachen der Freiheit der Regierungen nachzudenken, und ich werde darüber mein hundertsiebenundachtzigstes Buch schreiben. Der auffallende Gegensatz zwischen den Ereignissen, die aus so geringem Anlaß in Polen eingetreten sind, und dem, was trotz so vieler Ursachen in London und in Paris nicht eintritt, hat mir die Grundprinzipien der Freiheit aufgedeckt. Erster Grundsatz: Man darf keine Kutsche haben, sondern reise zu Pferde. Ein Wagen trifft auf eine aufrührerische Menge in der Straße, und der Parteiführer, von dem ich annehme, daß er sich in dem Wagen befindet, verliert zuviel Zeit, sich an die Spitze der Auf rührer zu setzen, weil er seinen Lakai Christoph rufen und ihm sagen muß: »Christoph, mach den Wagen auf! – Christoph, mach den Wagen zu!« – denn das alles nimmt viel Zeit weg. Zweiter Grundsatz: Man muß Strohschemel kaufen, keine Lehnstühle. Einer, der bei Frau Geoffrin in einen Lehnsessel gesunken ist, hat viele Mühe, wieder aufzustehen. Dritter Grundsatz: Man muß keine Wandspiegel haben; denn bei einem Aufruhr könnten Steinwürfe sie zerschmettern, und sie kosten viel Geld. Vierter Grundsatz: An den Landstraßen müssen sehr schlechte Wirtshäuser sein. Wenn man in ihnen elende Betten voller Wanzen findet, wacht man früher auf und reist infolgedessen schneller. Fünfter Grundsatz: Man darf seine Haare nicht pudern: nach einem tüchtigen Aufruhr ist jemand, der den Puder verloren hat, scheußlich anzusehen; er kann es nicht wagen, in guter Gesellschaft zu erscheinen oder einer Einladung zu einem Souper zu folgen. Von diesen Grundsätzen hängt, glaube ich, die Aufrechterhaltung der Freiheit ab und hieraus ergibt sich die natürliche Ordnung der wechselseitigen Pflichten zwischen Herrscher und Volk. So hat Rousseau in seinem »Gesellschaftsvertrag «, der am Fuße des Turmes zu Babel vom seligen Notar Nimrod aufgesetzt wurde, unter den verschiedenen Klauseln eine sehr wichtige vergessen: daß nämlich die Gültigkeit des Vertrages sich nur bis zur Einrichtung des Sofas und Lehnstühle erstrecke, und daß die formelle Zustimmung der Perückenmacher erforderlich sei. Wissen Sie, warum ich Ihnen so närrische Briefe schreibe? Weil Sie mir sagen, in Paris sei man nicht zum Scherzen aufgelegt... [70] An Frau von Epinay Ärgerliche Antwort Neapel, den 6. Juni 1771 Pfui, wie unwürdig! Pfui, wie knauserig! Wie? Weil der Botschafter zum Hofball nach Versailles geht und Sie mir daher Ihren Brief nicht als Beischluß durch ihn schicken können, muß ich eine ganze Woche ohne einen schönen Brief von Ihnen bleiben. Sie mußten ihn schreiben und mit der Post schicken; ich hätte das Porto bezahlt, und es wäre mir um mein Geld nicht leid gewesen. Was soll ich Ihnen jetzt mitteilen? Ich habe nichts im Kopf und nichts in der Tasche. Ich habe in der Lotterie verloren. Ich bin unter einem Volk, das in tiefem Schlafe liegt, so daß es mir nicht möglich ist, einen einzigen Zuhörer zu finden. Ich muß unbedingt nach Paris zurückkehren. Also machen Sie schnell, daß der Wirrwarr ein Ende nimmt, damit ich wieder lustig mit Ihnen plaudern kann. Ich habe meine »Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts« unvollendet gelassen; darüber wird Grimm sich ärgern; aber warum bringt er mich nicht durch ein paar Briefe von ihm in Schwung und Zug? Und Suard, und der Baron und endlich auch Sie – warum vergeßt Ihr alle mich? Ich bitte Sie, zeigen Sie ihnen zuweilen ein paar Zeilen von mir, als eine Beglaubigung, daß ich noch am Leben bin... Ein schlechter Abend. Es fällt mir nichts ein, was würdig wäre, Ihnen mitgeteilt zu werden. Gestern machte ich einen langen Spaziergang und wurde davon über alle Maßen müde und abgespannt. Da dachte ich darüber nach, was eigentlich Müdigkeit ist. Und da fand ich, daß es tatsächlich nichts anderes ist als die Verdunstung eines Stoffes, den wir Seele nennen. Ich entdeckte die neue und tiefe Theorie, daß jede Maschine, die mit einem Willen begabt ist, müde werden kann, zum Beispiel der Mensch, das Tier. Die sogenannte »stoffbildende« Seele der Bäume oder lebender Wesen ist keiner Müdigkeit unterworfen. So hängt die Bewegung des Herzens usw. von unserer stoffbildenden Seele ab und ist weder dem Willen noch der Müdigkeit unterworfen. Der Wille ist also ein Ausströmen jenes flüchtigen Stoffes, der auf den Nerv wirkt, von dem der Wille ausgeführt wird; indem der Stoff sich verflüchtigt, wird die Müdigkeit hervorgebracht und dauert so lange, bis er wieder ersetzt ist. Der Tod ist also eine vollständige Müdigkeit, die durch ein Übermaß von Wünschen herbeigeführt wird. Ich sterbe vor Lust, nach Paris zurückzukehren: das ist mein Tod. Guten Abend. [71] An Frau von Epinay Neapel, den 22. Juni 1771 Ich habe, schöne Frau, zwei Briefe von Ihnen gleichzeitig erhalten, und der Brief, der vorige Woche ausblieb, hat mich doch mein Geld gekostet, wie wenn er mit der Post gekommen wäre. Sie werden also, bitte, Magallon sagen, Herr de Fuentes dürfe immer nur einen einzigen Beischluß für mich machen; denn wenn man mir zwei schickt, liefert man mir immer nur einen kostenlos aus, und zwar stets den dünnsten, und läßt mich für den anderen bezahlen. Dies also ein für alle Male. Jetzt zum Inhalt Ihrer Briefe: sie sind schön, reizend, lang und voll von Einzelheiten, die mich interessieren. Sie haben Voltaire in seiner Predigt erkannt? Ich erkenne darin nur ein Echo des seligen Herrn von Voltaire. Ach! er quatscht jetzt zu sehr! Seine Katharina ist ein Hauptweib, weil sie unduldsam und eroberungssüchtig ist; alle großen Menschen sind unduldsam gewesen; und man muß es auch sein. Begegnet man auf seinem Wege einem Fürsten, so muß man ihm Toleranz predigen, damit er in die Falle geht und die vernichtete Partei, dank der ihr bewilligten Duldung, Zeit gewinnt, sich wieder zu erholen und nun ihrerseits ihren Gegner zu vernichten. Also ist die Predigt über Toleranz eine Predigt für Dummköpfe und Betrogene, oder für Leute, die gar kein Interesse an der Sache haben. Nur in einem Fall darf ein weltlicher Herrscher zuweilen Duldsamkeit walten lassen: wenn die Sache die Priester betrifft, aber den Herrscher nichts angeht. Aber in Polen sind die Bischöfe zugleich Priester und Fürsten, und wenn sie können, werden sie sehr gut daran tun, die Russen aus dem Lande zu jagen und alle Andersgläubigen zum Teufel zu schicken. Und Katharina wird sehr gut daran tun, die Bischöfe zu zermalmen, wenn es ihr gelingt. Ich glaube das freilich nicht; ich glaube, die Russen werden indirekt die Türken vernichten und werden die Polen aufwecken und groß machen, wie Philipp II. und das Haus Österreich Deutschland und Italien zugrunde richteten, als sie Frankreich stören wollten und dadurch Ihre Nation nur um so glänzender machten. Das sind meine Prophezeiungen. Der Kummer, den die Helvetiussche Familie hat, tut mir leid. Sie hätten ihrer Tochter einen Mann geben sollen, sobald die Hysterie sich bemerkbar machte. Es geht mir heute abend gar nicht recht gut; ich bin erkältet und obendrein traurig und im höchsten Grade gelangweilt. Das einzige, was mir, solange ich hier bin, Vergnügen gemacht hat, ist eine komische Oper von Piccini, die hier jetzt aufgeführt wird; er hat seine Kunst auf den Gipfel der Vollendung gebracht. Durch ihn habe ich begriffen, daß wir immer und überall singen, wenn wir sprechen. Die Schwierigkeit ist, Ton und Klangfarbe unseres Sprechens zu treffen. Glauben Sie mir, diese Piccinische Oper ist etwas, wovon Sie nicht einmal einen Begriff haben, so weit ist sie allem überlegen, was Sie je gehört haben. So oft ich in diese Oper gehe, überfällt mich ein so lebhafter Wunsch, Grimm, Diderot und Sie an meiner Seite zu sehen, daß der Schmerz, Sie nicht hier zu haben, mir fast den ganzen Genuß an der Aufführung stört. Ich spreche Ihnen nicht von Ihrem Unglück; keins von den kleinsten ist, daß eine gute Prozeßordnung gerade in einer solchen Zeit und von einem solchen Kanzler erlassen wurde, daß man sich aus einem solchen falschen Begriff von Vaterlandsliebe ein Vergnügen daraus macht, sie nicht zu befolgen. Es ist dasselbe Unglück, das das Heidentum hatte, als es von dem Apostaten Julian beschützt wurde. Sankt Cyrill blieb nur deshalb Sieger, weil Julian mehr geistvoll als lebensklug war, und weil er zu plötzlich den Kurs ändern wollte. Im übrigen: haben Sie mich lieb! Das ist die Hauptsache... [72] An Frau Necker Neapel, den 6. Juli 1771 Meine Göttin! ... Sie sagen mir, Ihr Vergnügen beschränke sich auf die Konversation allein. Da tun Sie mir recht leid; denn sie liegt in Paris im Sterben und wird bald tot sein. Curae leves loquuntur, ingentes stupent. Die Franzosen sprechen und singen, wenn man sie zwickt; natürlich schweigen sie, wenn man sie totschlägt. Ich selber weiß schon seit zwei Jahren nicht mehr, was Konversation ist. In Ermangelung anderer vernünftiger Tiere halte ich mir zur Gesellschaft eine Katze. Augenblicklich ist sie krank. Wenn Sie wissen, was häusliche Sorgen sind, können Sie meine Betrübnisse ermessen. Ich habe, seitdem ich von Paris fort bin, die Katzensprache erlernt und spreche sie für einen Menschen ziemlich fließend. Ich glaube, wenn Sie mich besuchten, so würde ich Ihnen nicht mehr sagen: Ich bete Sie an, ich schmachte dahin, ich sterbe, oder eine der hundert Fadheiten der französischen Sprache (der asiatischsten von allen) – sondern ich würde Ihnen sagen: Miau! – und damit wäre alles gesagt, und sogar sehr kräftig gesagt. Es fragt sich nur: Was würden Sie antworten? Würden Sie halblaut wie ein hübsches Kätzchen antworten: Mich, miöh, mioh? Oder würden Sie fauchen wie eine böse, wilde Katze? Sagen Sie's nur! Sie riskieren nichts dabei, auf zweihundert Meilen Entfernung! Weder Ihre Krallen, noch meine sind so lang. Doch zurück zu unsern Hammeln! Was machen Thomas, Marmontel, Grimm und der Rest des Stalls? Hat der Abbé Morellet mir das Fünkchen Liebe für den Despotismus verziehen, das er mir vorwarf. Ich glaube, er muß mir verzeihen, oder sonst muß er mit gar vielen schmollen. Er verlangte nur die Auflösung der Indischen Gesellschaft. Man ist weit über seine Wünsche hinaus gegangen; denn man hat alle alten und modernen Gesellschaften zusammengemetzelt und nur die der Arkebusiere, die schon sehr alt ist, ist übrig geblieben; denn die hat man nicht aufgelöst. Ich habe von Ihrem reizenden Brief Gebrauch gemacht, soviel ich nur konnte; ich habe ihn dem Baron von Gleichen gezeigt. Er sagte – wie La Fontaine, als er von der Wahl der Grabstätte für Racine hörte – so viel hätten Sie mir zu meinen Lebzeiten in Paris niemals gesagt! Wir waren zu Tränen gerührt; wir haben Ihr Lob gesungen, und mein Refrain war immer: Schade, daß sie so viele Grundsätze im Kopf und gar keine Inkonsequenz im Herzen hat. Ich habe mich jenes schrecklichen und ewig denkwürdigen Abends erinnert, wo ich ein Scheusal war, weil ich auszusprechen wagte, was ein jeder dachte. Ich sagte: ich liebe die Männer nur wegen ihres Geldes – und Herr Necker ist reich; und ich liebe die Frauen nur wegen ihrer Schönheit – und Frau Necker ist schön. Ich sagte also, ich liebe den Herrn und die Frau des Hauses – und darum war ich ein Scheusal! Sie waren darüber empört, Frau Suard erstaunt, und die Frau Gouvernante des Louvre entrüstet. Die ganze Stadt widerhallte von dem Lärm! Die Vorstädte beklagten sich. Das Reich stand in hellen Flammen, und ein jeder verzieh mir – also verzeiht auch Gott mir – daß ich begehrt hatte meines Nächsten Gut und meines Nächsten Weib – das heißt: meines damaligen Nächsten; denn jetzt sind wir es nicht mehr, die Alpen liegen zwischen uns. Aber weder Zeit noch Alpen verlöschen die Erinnerung an die köstlichen Tage, die ich bei Ihnen verbracht habe. Da kommt wieder Traurigkeit und Lebensüberdruß über mich! Reden wir von etwas anderem. Alle Tage mache ich mir Vorwürfe, daß ich noch nicht an Fräulein Clairon geschrieben habe. Sie ist eine von denen, die mich am aufrichtigsten geliebt haben. Ich habe es immer gefühlt, und ich wäre froh, wenn sie das wüßte. Wollen Sie es ihr wohl erzählen? Ich träume sehr oft von ihr und ihren Freunden. Ich spreche nicht so oft von ihnen; denn mit wem sollte ich sprechen? Ich lebe hier unter Leuten, die von Zeit zu Zeit mich fragen, wie es der Königin von Frankreich geht – (das ist buchstäblich wahr!) Sie haben vergessen, daß sie vor drei Jahren Trauer um sie getragen haben. Ach, Madame! Welche greuliche Wüste sind fünfhunderttausend Neapolitaner! Herr Necker schrieb mir vor vier Monaten wegen einer geschäftlichen Angelegenheit; ich schrieb ihm als Antwort einen langen und schönen Brief. Hat er ihn erhalten? Ich weiß nichts davon. Möchten Sie es mir wohl sagen? Grimm lacht immer. Das weiß man. Suard macht freiwillig Übersetzungen und gibt nur gezwungen Nachrichten. Ich habe ihn lieber nach seiner eigenen Weise. Morellet wird jetzt ganz gewiß nicht über Ausfuhr, Privilegien, bedruckten Kattun, Beschränkungen der Handelsfreiheit disputieren. Denn wer beklagt sich im Toben der Schlacht über eine Hautschramme? Würden Sie mir raten, an Frau Geoffrin zu schreiben? Ich hätte sehr große Lust dazu. Aber ich habe Angst, daß sie vor meinen Briefen Angst hat. Ich bin so närrisch, sie ist so vorsichtig. Indessen ich liebe sie, ich schätze sie, ich verehre sie, ich bete sie an, und wenn man mich nur anhörte, würde ich immerzu von ihr sprechen. Sagen Sie ihr das wenigstens, und schreiben Sie mir, wie es jetzt mit ihren Mittwochabenden steht. Ich kann die Wandelbilder der von mir heraufbeschworenen Bilder nicht mehr ertragen; mein Kopf ist jetzt eine Zauberlaterne. Ich verabschiede mich von Ihnen, und ich umarme Herrn Necker. Auch Sie, wenn Sie es erlauben. [73] An Frau von Epinay Neapel, den 20. Juli 1771 Ist denn nun das, schöne Frau, ein erhabener Brief, wie man ihn in aller Ruhe und mit Behagen schreibt – dieser Brief, worin Sie nichts weiter tun, als daß Sie den Inhalt einer Voltaireschen Rhapsodie angeben, die eine Linguetsche Rhapsodie bekämpft? Und von Ihnen, von Ihren Freunden und meinen, von Ihren Leiden, von Ihrer Verdauung, von den öffentlichen Angelegenheiten, von der Gesundheit des Fräuleins Helvetius und von allem, was wirklich erhaben wäre – davon sagen Sie kein Wort? .... Ah, ich sehe, was los ist! Sie wollen einen Brief von mir haben und wollen wissen, was Sie eigentlich von Cicero zu halten haben? Da haben Sie diesen Brief! Man kann Cicero als Schriftsteller, als Philosophen und als Staatsmann betrachten. Er war einer der größten Schriftsteller, die es je gegeben hat. Er wußte alles, was man zu seiner Zeit wußte, ausgenommen Geometrie und andere Wissenschaften dieser Art. Als Philosoph war er mittelmäßig; denn er wußte zwar alles, was die Griechen gedacht hatten, und gab es mit wundervoller Klarheit wieder, aber er dachte nichts Neues und besaß gar keine Kraft der Phantasie. Er hatte die Geschicklichkeit und das Glück, der erste zu sein, der in lateinischer Sprache die Gedanken der Griechen wiedergab, und deswegen wurde er von seinen Landsleuten gelesen und bewundert. Aus demselben Grunde hat Voltaire mehr Aufsehen gemacht als Bochart, Bossuet, Huet, Le Clerc, Hammond, Grotius u. a. Alles, was Voltaire auf französisch über die Bibel gesagt hat, haben sie in lateinischer Sprache darüber gesagt; von ihnen weiß man nichts – man spricht nur von ihm. Als Staatsmann hätte Cicero, da er von niederer Herkunft war und emporkommen wollte, sich zur Oppositionspartei schlagen müssen, zu der des »Unterhauses« oder des Volkes, wenn Sie wollen. Das wäre für ihn um so leichter gewesen, als Marius, der Begründer dieser Partei, sein Landsmann war. Er hatte auch Lust dazu; denn er begann damit, daß er Sulla angriff und zu den Mitgliedern der Oppositionspartei, an deren Spitze nach Marius Tode Clodius, Catilina, Caesar standen, freundschaftliche Beziehungen anknüpfte. Aber die Partei der Großen brauchte einen Rechtskundigen und einen Gelehrten; denn große Herren können im allgemeinen weder lesen noch schreiben. Er fühlte also, daß man bei der Partei der Vornehmen ihn nötiger gebrauchte und daß er dort eine glänzende Rolle spielen würde. Er schlug sich zu ihrer Partei, und man sah also einen neuen Emporkömmling unter den Patriziern. Stellen Sie sich doch einen englischen Advokaten vor, den der Hof braucht, um einen Kanzler zu haben, und der sich infolgedessen der Partei des Ministeriums anschließt. Cicero glänzte also an der Seite des Pompejus und der ändern Herren, so oft es sich um juristische Dinge handelte; aber ihm fehlte vornehme Geburt und Reichtum. Und da er kein Kriegsmann war, so spielte er vor allem nach dieser Richtung hin eine untergeordnete Rolle. Im übrigen fühlte er sich durch natürliche Neigung zur Partei Cäsars hingezogen, und er war des Hochmuts der großen Herren satt, die ihn oft genug fühlen ließen, wie groß die Wohltaten waren, womit sie ihn überhäuft hätten. Feige war er nicht, aber unentschlossen. Er verteidigte keine Verbrecher; aber er verteidigte die Angehörigen seiner Partei, die kaum besser waren als die der Gegenpartei. Der Fall Catilina war ernst, denn er war mit einer großen Partei eng verkettet. Ein Fall Wilkes ist in England niemals geringfügig; in Paris ist er lächerlich. Seine Beredsamkeit war nicht käuflich, ebensowenig wie die des Herrn Pitt; aber sie gehörte seiner Partei. Es ist Unsinn, zu sagen: Gott erlaubte nicht, daß einer seiner Klienten ihn ermordete; denn Gott erlaubt niemals, er handelt, und er handelt stets so, wie es ihm gutdünkt. Voltaire hält uns zum Besten, wenn er von Ciceros Regierung der Provinz Cilicien spricht. Sie hat die allergrößte Ähnlichkeit mit Sancho Pansas Regierung der Insel Barataria. Es handelte sich dabei um eine Kabale, um ihm die Ehre des Triumphes zu verschaffen, wie Herrn von Soubises Heldentaten nur dazu da waren, damit er den Marschallstab erhielte. Cicero bekam jedoch den Triumph nicht, und sein Freund Cato war der erste, der sich dagegen aussprach. Er wollte nicht, daß eine schon zu tief erniedrigte Ehre ganz und gar wertlos würde. Übrigens war Cicero nicht von einer Herkunft, die sich mit der des Hauses Rohan vergleichen ließe. Ob Cicero tüchtig war, weiß man nicht; denn er hat niemals regiert. Bezüglich seines angeblichen Verdienstes, daß er Roms Tore der Philosophie geöffnet habe, ist die Bemerkung angebracht, daß die Oppositionspartei eine Partei von Ungläubigen war; denn die Bischöfe – das heißt die Auguren, Pontifices usw. – waren lauter Lords und Patrizier. Daher griff die Oppositionspartei die Religion an, und Lucrez hatte sein Gedicht vor Cicero geschrieben. Die Partei der Vornehmen unterstützte die Religion; darum war Cicero, der im Grunde seines Herzens sich zur Opposition neigte, nur im Verborgenen ungläubig und wagte nicht, als solcher zu erscheinen. Als Cäsars Partei triumphierte, zeigte er sich offener und bekannte seine Ansichten ohne Erröten. Aber nicht ihm verdankt man die Begründung des heidnischen Unglaubens, der sogenannten Sophia, Weisheit, sondern der Cäsarschen Partei. Daß die Nachwelt dafür Cicero ihren Beifall gezollt hat, kommt daher, daß er zu den Gegnern der Partei gehörte, die später durch die Grausamkeit der Kaiser verhaßt wurde. Hiermit genug von Cicero!... [74] An Frau von Epinay Neapel, den 27. Juli 1771 Ihr ländlicher Brief, schöne Frau, ist sehr hübsch: das Abenteuer des Kommissars, der in den Quarkkäse gerät, ist wirklich komisch. Dieser Herr de Valori beweist der Welt, daß der geistliche Stand der denkbar günstigste ist für alle, die es zu nichts bringen können. Man hat also sehr unrecht, ihn ausrotten zu wollen, und man wird in der Gesellschaft die Unbequemlichkeit spüren, wenn man einmal diese Zufluchtsstätten für Faulenzer, Dummköpfe, Tölpel, Querköpfe aufhebt. Die dummen Systemmacher glauben in ihrer Dummheit – weil Montesquieu es gesagt hat, es würde genügen, den Faulenzern ihr Asyl zu nehmen, um die Faulenzerei aus der Welt zu schaffen; gerade so gut könnte man die Irrenhäuser niederreißen, damit es keine Irrsinnigen mehr gäbe. Man würde vielleicht glauben, es gäbe keine mehr, weil sie sich dann unter allen Leuten zerstreuen würden; aber in Wirklichkeit würden noch ebenso viele da sein. Es gefällt mir nicht, daß Sie nach Paris zurückgegangen sind; sie werden dort wieder traurig werden. Ich leide unter Frankreichs Unglück; es ist zu alt, um einem derartigen Stoß widerstehen zu können; seine Heiterkeit wird auf ewig dahin sein, und Sie werden eine Art Neapolitaner werden, und meine Rückkehr nach Paris wird unmöglich werden; denn das Paris, das ich verlassen habe, wird nicht mehr vorhanden sein. Ich habe Ihnen von hier nichts Schnurriges zu melden. Ich langweile mich sehr. Ich mache Meisterwerke von Gutachten für den König, die kein Mensch liest und die man niemals drucken wird. Indessen nehmen Sie mir die Zeit weg, etwas anderes zu machen.... Ich bin heute abend dumm; mir fällt nichts ein. Also: ich liebe Sie und umarme Sie. Guten Abend! [75] An Frau von Epinay Neapel, den 10. August 1771 Meine schöne Dame, Ihr Brief Nr. 63 ist nicht besser als der vorhergehende. In diesem stand nichts drin, in jenem stehen lauter sehr traurige Sachen. Ich glaubte, bei dem gegenwärtigen Zustande Frankreichs genösse man wenigstens das Vergnügen, daß man seine Schulden nicht zu bezahlen brauche. Ich bildete mir ein, Frankreich hätte jetzt eine Art von Waffenstillstand, Jubeljahr, Sabbatjahr, apokalyptischer Zeit, so etwas ähnliches wie Boulangers Kataklysmus; mit einem Wort, es sei das häßlichste Land für reiche Gläubiger und das hübscheste für Schuldner. Aber Sie bringen mir einen ganz anderen Begriff bei; Sie fürchten, wie ich sehe, bezahlen zu müssen. In dieser Beziehung sind wir glücklicher, obgleich wir weder die Parlamente in die Verbannung geschickt noch all das andere gemacht haben. Hier bezahlt kein Mensch was. Kommen Sie also nach Neapel und lachen Sie die ganze Welt aus. Der Strohsessel geht also nach England? Was zum Teufel wollte er denn in dem Zuchthaus? Um Sie mit Besorgungen und Arbeit zu Tode zu hetzen, spielt er Ihnen diesen abscheulichen Streich. Pfui, das Ekel! Die Bombe ist also mitten in Paris geplatzt, und Sie haben ein Erdbeben gehabt oder glaubten eins zu haben. Zu einer Zeit, wo die Astrologie noch galt, wäre dieses Phänomen ein Vorzeichen von allen später eingetroffenen gewesen; und das ist eine unstreitbare Wahrheit. Ich begreife nicht, wie die Menschen den Glauben an die Auguren haben aufgeben können. Kann man leugnen, daß alles Vorhergehende das Nachfolgende ankündigt? Und trotzdem will man nicht daran glauben. Das ist der Unglaube unserer Zeit! Ich für meine Person erkläre Ihnen, die Bombe bedeutet eine Verfolgung der Literaten, die an allem Übel schuld sind, das geschieht und noch geschehen wird. Diese Wahrheit hat man schon in Parma gekannt, und man wird sie noch anderswo erkennen. Guten Abend. Behalten Sie mich lieb. Suchen Sie mich durch Ihre Briefe zu elektrisieren oder durch die Briefe Ihrer und meiner Freunde. Von mir ist immer dasselbe zu melden. Ich habe im ganzen bloß noch acht Zähne; das ist der ärgerlichste Verlust, den ich erlitt, seitdem ich Paris verlor. Adieu. [76] An Frau von Epinay Neapel, den 21. August 1771 Oh, Madame, welch schmerzliche Briefe schreiben Sie mir! Was? Der Strohsessel geht auf Reisen? Geht für achtzehn Monate auf Reisen! Kommt nach Italien! Was für eine sonderbare Neuerung! Ich hätte diesen Sessel für ebenso unbeweglich gehalten wie den Pont-Neuf und den Glockenturm von Notre-Dame. Aber erklären Sie mir wenigstens: mit wem er geht? Was will er? Nun, ich beklage Sie und bin traurig für Sie. Ich möchte ihn wohl als Herausgeber der ausländischen Korrespondenz ersetzen; aber ich hätte nicht die Kraft dazu. Auch Sie nicht, und ich kann Ihnen nicht raten, diese Arbeit auf sich zu nehmen; auch auf den Philosophen können Sie sich für eine regelmäßige Korrespondenz nicht verlassen. Höchstens könnten Sie ihn damit betrauen, in einem Monat Stoff für achtzehn Monate fertig zu machen und diesen dann stück- und portionsweise von Woche zu Woche verschicken. Das würde seiner ganzen Art und seiner Arbeitsweise mehr angemessen sein. Mit dem Getreide ist's also aus in Paris; man hat es satt. Gott sei Dank! Wovon spricht man denn jetzt? Von der Elektrizität? Sagen Sie mir, in welchem Evangelium hat denn der Herr Suard gefunden, daß der Feuerball, von dem seine Zeitung berichtete, keine elektrische Erscheinung sei? Wenn ich mir erlauben dürfte, ihm einen kleinen Wischer zu geben, so würde ich ihm sagen, er hätte seinen Bericht mit den feierlichen Worten aller Zeitungsschreiber beenden müssen: Die Zeit wird uns weiter darüber belehren. Übrigens bin ich überzeugt, daß Blitz, Nordlicht, Meteore, Meeresleuchten lauter elektrische Erscheinungen sind; denn ich glaube, Elektrizität ist nichts anderes als das Elementarfeuer, das überall verbreitet ist, und ein Feuerzeug ist meiner Meinung nach dasselbe wie ein Gewitter. Zwei Wolken, die gegeneinander oder gegen einen Berg, einen Kirchturm Feuer schlagen, lösen den großen Funken aus, der uns eine Todesangst einjagt. Guten Abend.... [77] An Frau von Epinay Neapel, den 31. August 1771 Sie spielen mir, schöne Dame, von Zeit zu Zeit einen schrecklichen Streich. Ich sehe ein dickes Paket von Ihnen ankommen; ich freue mich im voraus; ich erwarte den längsten Brief der Welt, und anstatt etwas von Ihrer Hand für mich zu finden, finde ich, daß Sie für mich etwas von Voltaire haben abschreiben lassen, um es mir zuzuschicken. Wenn ich mich rächen wollte, würde ich ein Stück aus meinem Brevier abschreiben und es Ihnen schicken. Ich gestehe, das Stück von Voltaire über die »Neugier« ist prachtvoll, erhaben, neu und wahr. Ich gestehe, er hat in allem recht; nur hat er vergessen einzusehen, daß die Neugier eine Leidenschaft oder, wenn sie wollen, eine Empfindung ist, die in uns nur erregt wird, wenn wir uns völlig sicher vor jedem Risiko fühlen. Die geringste Gefahr benimmt uns alle Neugier, und wir beschäftigen uns nur noch mit uns selbst und unsrer eigenen Person. Das ist der Ursprung aller Schauspiele. Verschaffen Sie zunächst den Zuschauern sichere Plätze, dann entfalten Sie vor ihren Augen den Anblick einer großen Gefahr. Alle Welt läuft herzu und beschäftigt sich damit. Das führt auf eine andere wahre Idee: je sicherer der Zuschauer und je größer die Gefahr ist, die er sieht, desto mehr interessiert er sich für das Schauspiel. Dies ist der Schlüssel zum ganzen Geheimnis der tragischen, komischen, epischen Kunst. Zuschauern, die sich recht behaglich fühlen, müssen Leute in der unangenehmsten Lage vorgeführt werden. Darum ist es eine Hauptsache, daß die Zuschauer es auch äußerlich ganz bequem haben; wenn es in die Logen regnete, wenn die Sonne in das Amphitheater hineinschiene, würde das Gebäude leer stehen. Darum muß bei jedem dramatischen, epischen oder anderen Gedicht der Versbau gelungen, die Sprache natürlich, die Ausdrucksweise rein sein. Jeder schlechte, dunkle, verworrene Vers wirkt wie Zugluft in einer Loge. Er bereitet dem Zuschauer Qual, und damit hört das Vergnügen der Neugier gänzlich auf. So hat also Lucrez doch nicht ganz unrecht. Obgleich es unbewußt geschieht und eine Entwicklung des Glücksgefühls in uns nicht stattfindet, wenn die Neugier in uns beginnt, so ist es doch vollkommen wahr, daß sie ohne die Vorbedingung instinktmäßig nicht angeregt wird. Also ist die Neugier eine beständige Folge von Müßiggang, Ruhe, Sicherheit; je glücklicher eine Nation ist, desto neugieriger ist sie. (Darum ist Paris die Hauptstadt der Neugier; Lissabon, Neapel, Konstantinopel haben weniger Neugier oder fast gar keine.) Ein neugieriges Volk ist ein großes Lob für seine Regierung. Noch eine andere, sehr interessante Beobachtung über die Neugier hätte Voltaire machen müssen: sie ist eine Empfindung, die einzig und allein nur dem Menschen eigentümlich ist, die er mit keinem anderen Tier gemein hat. Die Tiere haben nicht einmal einen Begriff von Neugier. Machen sie vor einer Schafherde, was Sie wollen: wenn Sie sie nicht anrühren, werden sie sich gar nicht um Sie bekümmern. Wenn Tiere irgendein Anzeichen verraten, das Ihnen als Neugier erscheint, so ist es in Wirklichkeit Furcht, und weiter nichts. Man kann Tiere erschrecken, man kann sie niemals neugierig machen. Nun ist nach dem von mir soeben Gesagten Furcht der Gegensatz der Neugier. Wenn es den Tieren unmöglich ist, neugierig zu sein, so ist also der neugierige Mensch mehr Mensch als ein anderer Mensch, und das trifft in der Tat zu. Newton war so neugierig, daß er die Ursachen der Mondbewegung, der Gezeiten usw. suchte. Das neugierigste Volk hat also mehr »Menschen« als irgendein anderes Volk. Da haben Sie die schönste Lobrede, die je auf die Pariser Maulaffen gehalten worden ist! Die Idee ist tief; ich habe leider keine Zeit, auf die Einzelheiten einzugehen. Ganz gewiß hat Voltaire seinen Aufsatz über die Neugier nicht schneller geschrieben als ich. Er hat ihn besser geschrieben, denn er schreibt seine Muttersprache; aber wenn Sie sich die Mühe machen wollen, das von mir flüchtig Hingekritzelte zu entwickeln, so werden Sie sehen, daß damit das menschliche Herz zum großen Teil erklärt ist. Der Mensch als neugieriges Tier, die Empfänglichkeit des Menschen für Schauspiele. Fast alle Wissenschaften sind nur Neugierden, und der Schlüssel zum Ganzen ist, daß das neugierige Wesen von vornherein sicher sein und sich in einer behaglichen Lage befinden muß. Darum läßt Herr de Chaulnes den Papierdrachen steigen und nicht Herr de la Chalotais, obgleich dieser der Gelehrtere von den beiden ist. Da haben Sie mir also eine richtige kleine Abhandlung entlockt... Guten Abend; ich habe keine Zeit mehr. Ich umarme Sie. P. S. Voltaire kennt die Tiere sehr wenig. Von Affen und Hunden spricht er wie ein Kind. Der Affe ist durchaus nicht neugierig: er sucht seine Nahrung. Da er keinen Geruchssinn und sehr wenig Instinkt hat, so muß er alles zerbrechen und alles anfassen. Im natürlichen Zustand nährt er sich nur von Früchten und Austern. Er hält also alles für Kokosnüsse, Kastanien, Austern, und er muß alles mit seinen Zähnen zerknacken, um den Kern herauszuholen. Hunde kennen gar keine Neugier; sie haben Furcht, wenn sie noch nicht gewöhnt sind, im Wagen zu fahren, und sie stecken den Kopf zum Schlag heraus, weil sie hinausspringen wollen; da sie aber die Pflastersteine hüpfen und laufen sehen, wagen sie nicht hinauszuspringen und bellen vor Angst. Sind sie einmal daran gewöhnt, so bleiben sie ruhig. Niemals ist irgendein Tier neugierig gewesen! [78] Frau von Epinay an Galiani 5. Oktober 1771 ... Mein Gott! was für einen schönen, herrlichen Brief haben Sie mir über die Neugier geschrieben! Wie richtig alles gesehen ist, und wie tief gedacht. Ich bin jedoch nicht davon überzeugt, daß auch die Haustiere ohne Neugier sind. Lieber Abbe, mein Hund ist neugierig, das versichere ich Ihnen; ich habe ihn genau studiert und nicht erst seit gestern. Wenn eine Kutsche bei meinem Hause anhält, wenn er den Pfiff des Portiers hört, springt er von meinem Schoß auf die Erde, setzt sich vor der Tür auf den Hintern und paßt genau auf, wer eintreten wird. Wenn er dagegen auf der Straße pfeifen hört, läuft er ans Fenster; aber dann knurrt und bellt er. Und doch wird ihm niemals gepfiffen, wenn er sein Essen bekommt, und niemals geben die Besucher, die zu mir kommen, ihm etwas zu essen.... Die Neugier der Menschen hat verschiedene Beweggründe; aber so verschieden sie auch sind – und sie sind unendlich verschieden –, man kann sie stets auf einen Grund zurückführen, der allen vernünftigen und unvernünftigen Tieren gemeinsam ist: das Interesse. Das körperliche Interesse, wie das moralische, verlangt Aufmerksamkeit. Nun können Sie nicht leugnen, daß der Hund den Befehlen und dem Willen seines Herrn Aufmerksamkeit entgegenbringt, und zwar sowohl dem Willen des Herrn, der ihn nicht schlägt, wie dem des Herrn, der ihn schlägt. Ich habe niemals meinen Hund geschlagen; im Gegenteil, ich verwöhne ihn aus Neugier, zum Beispiel, um mal zu sehen, welcher Unterschied zwischen einem von seiner Herrin verwöhnten Hund und einer vom Schicksal tief zu Boden gedrückten Frau besteht. Nun, er hört auf mich, sucht mich zu verstehen. Manchmal wundert er sich über meine Wünsche, aber von Furcht keine Spur. Sie werden zugeben, daß diese Aufmerksamkeit, dieses Erstaunen der Neugier sehr ähnlich sehen und geradewegs dazu führen. Mein lieber Abbé, denken Sie noch weiter darüber nach; wenn Sie auf Ihrer Meinung beharren, werde ich geneigt sein zu glauben, daß ich mich irre. Aber geben Sie genau acht! Ich bin ganz wie Sie (abgesehen von der Größe der Gedanken): ich habe keine Zeit, mich ausführlicher zu erklären... [79] Frau von Epinay an Galiani Paris, den 19. Oktober 1771 Ach, mein lieber Abbé, heute bin ich sehr armselig an Geist: es regnet und ich habe diese Woche noch keine Briefe erhalten, weil sie mir von Fontainebleau nachgesandt werden müssen. Dabei soll man nun seinen Verstand beisammen haben! In Paris ist keine Katze, ich sehe nur meine Tochter und meine Enkelkinder, und dann wieder meine Enkelkinder und meine Tochter. Wir singen traurig in Moll und reden dann vernünftig; und wenn wir zufällig mal unvernünftig reden, sind wir entzückt, weil wir dann ein Augenblickchen lachen. Neulich zum Beispiel waren wir zum Essen in Sannois bei Herrn d'Houdetot: meine Tochter, Madame de La Live, eine Freundin von ihr, Fräulein de Givry, und ich. Auf der Rückfahrt fühle ich plötzlich ein Paket, das aus dem Kutschkasten mir auf die Beine rollt; ich stoße mit dem Fuß daran, weil ich wissen will, was es wohl sein mag; kaum habe ich den Fuß darauf gesetzt, so ertönt ein jämmerlicher Schrei, der allmählich erstirbt. Da schreien wir alle: »Was ist denn das? Ein Furz! Ein Hund! Ein Kind! Halt, Kutscher, halt!« Und wir wollen uns zu Tode lachen. Der Wagen hält, wir sehen nach: es war ein Paket mit schmutziger Wäsche, unter die man, ich weiß nicht warum, eine mit Luft gefüllte Blase gesteckt hatte; offenbar war diese geplatzt, als ich darauf trat. Kurz und gut, da stehen wir alle vier auf der Landstraße und lachen aus vollem Halse. Wir steigen wieder in den Wagen und machen tiefsinnige Bemerkungen über das winzige Ereignis; da wird plötzlich die Frage aufgeworfen: Aber wenn es nun ein Kind gewesen wäre, was hätten wir dann gemacht. Darüber waren wir alle vier einig: wir hätten es adoptiert, hätten es aufgezogen, hätten ihm einen Namen gegeben. – Aber welchen? – Einen Namen, der aus je einer Silbe von unseren vier Namen zusammengesetzt ist. So wäre ein Chevalier de Gilabeldé herausgekommen: ein glücklicher Name. Kurz und gut, wir entwarfen einen Roman von seinem ganzen Leben und waren ganz traurig, daß das Paket nur schmutzige Wäsche und kein Kind war. Ach, Abbé! Wenn Sie noch irgendeins in irgendeinem Winkel übrig haben, mit: dem Sie nichts anzufangen wissen, so lassen Sie es in unsern Wagen legen, sobald wir wieder aufs Land fahren; wirklich, Sie erweisen uns damit einen großen Dienst. Wenn Sie keins haben, so bestelle ich hiermit eins bei Ihnen; aber seien Sie sorgfältig in der Auswahl: schicken Sie uns ein kleines angehendes Genie mit einem Worte: ein Kind, das Ihnen gleicht; wir werden schon was draus machen. Aber genug jetzt dieses Unsinns; sprechen wir im Ernst. Da ich Neues Ihnen nicht zu erzählen habe, komme ich auf Vergangenes zurück und behaupte, Abbé, daß die Tiere doch neugierig sind. Seit meinem letzten Brief sind mir zwanzig Beispiele dafür eingefallen. Warum zum Beispiel kommen im Monat Oktober die Lerchen von zwei Meilen in der Runde zu dem Spiegel, mit dem man sie jagt, wenn die Sonne auf die Facetten fällt und der Widerschein nach allen Seiten blitzt? Man schießt blindlings in den Schwärm hinein; die Vögel, die nicht von dem Schuß fallen, fliegen weg, aber kommen augenblicklich wieder und fliegen um den Spiegel herum; manche lassen sich überhaupt nicht einmal durch den Schuß verjagen. Sie werden mir vielleicht sagen, die Wärme ziehe sie an. Nein, das ist es nicht; denn im November und Dezember, wo sie ebenfalls auf den Feldern herumschweifen, stellt man vergeblich dieses Manöver an. Wie die Jäger behaupten, kommen die Vögel nicht. Diese Tatsache ist mir von mehreren versichert worden. Warum nähert sich die so mißtrauische Katze vorsichtig einem Gegenstand, den sie nicht kennt? Sie dreht ihn hin und her, untersucht ihn; Furcht und Unruhe würden sie zur Flucht bewegen; nur die Neugier kann bewirken, daß sie näher kommt und das Unbekannte untersucht. Ich erwarte voll Ungeduld Ihre Antwort auf diese Einwendungen... [80] An Frau Geoffrin Neapel, den 19. Oktober 1771 Madame, ich wäre aber wirklich ein Ungeheuer an Undankbarkeit und Grausamkeit, wenn ich Ihnen nicht schriebe. Herr Bérenger ist angekommen; er hat mir so viel von Ihnen erzählt, und ich habe ihm so viel von Ihnen gesprochen. Er hat mir gesagt, Sie hätten mich so lieb, daß Sie ihn eigens beauftragt hätten, mir dies zu versichern. Da habe ich schließlich bei mir selber gedacht: nun ist endlich der Zeitpunkt da, daß ich an meine liebe Madame Geoffrin schreiben kann; wenn sie meinen Brief bekommt, wird sie weniger Bedauern über meinen Verlust empfinden als Freude darüber, daß sie mich wieder hat. – Da bin ich also immer noch derselbe, der Abbé, das Abbechen, Ihr Dingelchen. Ich sitze in dem guten Lehnstuhl, strample wie ein Verrückter mit Händen und Füßen, die Perücke schief hinter dem einen Ohr, rede viel und sage Sachen, die man gottvoll fand und mir zuschrieb. Ach, Madame, welch ein Irrtum! Nicht ich sagte alle diese schönen Sachen! Ihre Lehnstühle sind Dreifüße Apolls, und ich war die Sibylle; seien Sie überzeugt, auf den neapolitanischen Strohstühlen sage ich nur Dummheiten. Aber kommen wir zu unseren Angelegenheiten. Da ich bei Ihnen bin, fragen Sie mich ganz gewiß, was ich mache und ob ich glücklich bin. Sie wollen wissen, in welcher Lage Ihre Freunde sind; Sie wollen, daß man Ihnen nichts vorlügt, und Sie wollen mit aller Gewalt von ihnen hören, daß sie glücklich sind. Da verlangen Sie recht viel. Indessen kann ich Ihnen versichern, ohne mein Gewissen mit einer Lüge zu beschweren: ich bin glücklich. Ich habe allerdings in den letzten zwei Jahren zwei schwere Verluste erlitten: ich verlor Paris und meine Zähne. Aber schließlich war ich ja kein geborener Franzose. Gott hatte den Einfall gehabt – warum, weiß ich nicht recht – mich in Neapel geboren werden zu lassen. Da er es nun mal so will, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Meine Zähne sind mir untreu geworden, aber ich habe ja auch nicht mehr nötig zu sprechen; kein Mensch versteht mich hier, und kein Mensch hat Lust mir zuzuhören. Nur selten einmal kann ich bei einem guten Diner meinen Gaumen laben, und wenn ich ein Makrelendrittel forderte, würde niemand mir es geben können. Um mich noch besser wegen des Verlustes meiner Zähne zu trösten, bin ich darauf verfallen, mein Gebiß mein Parlament zu nennen. Wenn man sich bei mir danach erkundigt, sage ich, ich habe alle die Herren fortgeschickt, habe die Stellen meiner Backenzahnpräsidenten eingehen lassen und esse trotzdem. Kein Mensch versteht mich, außer mir selber; ich aber bin endlich zu der Überzeugung gelangt, daß meine Zähne keinen wesentlichen Teil meiner Maschine bildeten. Aber Sie hören nicht gerne von solchen Dingen sprechen; also Schluß. Im übrigen habe ich eine gute Gesundheit, eine gute Wohnung, ein gutes Gehalt, eine recht geachtete Stellung, nicht allzuviel zu tun und leidliche Freiheit, zu tun, was ich will. Verwandte habe ich nicht; denn mein Bruder und meine Familie sind abwesend, und ich bin fröhlich und guter Dinge, trotz Klima, Boden, Alter und Amt. Mit Neapolitanern verkehre ich gar nicht; ich gehöre gewissermaßen zum diplomatischen Korps. Man hat sich gewöhnt, mich als ein Mitglied desselben anzusehen, und würde sich wundern, wenn ich zu einem Botschaftsdiner nicht eingeladen würde. Es sind lauter alte Freunde von mir; alle haben Paris gesehen und sprechen oft davon. Der Wahrheit gemäß muß ich freilich gestehen, ich langweile mich ein bißchen; in meinem Herzen hat sich ein Keim von Ehrgeiz entwickelt, von dessen Vorhandensein ich nichts wußte. Das hat mich darauf gebracht, über das Wesen des Ehrgeizes nachzudenken, und da habe ich folgendes entdeckt: Der Ehrgeiz ist das älteste Kind der Langeweile (darum trifft man in Klöstern so viel Ehrgeiz) und der Vater der Heuchelei; die Heuchelei erzeugt mit dem Zwang eine zweite Langeweile, die also eine Urenkelin der ersten Langeweile ist und mit ihrer Urgroßmutter gar keine Ähnlichkeit hat. Diese ist eine sanfte, ruhige, einschläfernde Langeweile; die zweite dagegen ist zehrend; man stirbt zuletzt daran. Ich leide also an der ersten Langeweile, aber nicht an der zweiten; denn mein Ehrgeiz hat nicht die Kraft gehabt, die Heuchelei zu zeugen; meine Natur hat sich zu sehr dagegen gesträubt. Meine Aussprüche werden sich also nicht erfüllen, aber ich werde lange leben, wenn ich nicht an Magendrücken sterbe, oder an verhaltenen Worten; denn daran leide ich augenblicklich. Sollte ich jedoch die Kraft haben, zu schreiben, und Sie die Güte, mir zu antworten, so würde ich nicht sterben, ich würde in Paris plaudern, ob ich gleich in Neapel sitze. Also antworten Sie mir, wenn Sie wünschen, daß ich am Leben bleibe... Ich habe Ihnen meinen Zustand wahrheitsgemäß geschildert; erzählen Sie mir jetzt von dem Ihrigen. Was machen meine Freunde? Was macht Madame Geoffrin? Was macht Madame de la Ferté-Imbault? Wie steht es mit den Mittwochabenden? Ich kann mir einen Mittwoch ohne mich gar nicht vorstellen; denn bei allen, die ich sah, war ich selber dabei. Ißt man noch die Garbure? Ich habe keine mehr gegessen. Könnten Sie mir das Rezept schicken? In der Enzyklopädie unter »Garbure« steht nichts; ich habe vergebens danach gesucht. Diderot hat den unverzeihlichen Fehler begangen, sie auszulassen. Machen Sie immer noch Burigny wild? Was macht mein Abbé Morellet? Hat er mich lieb? Ist er überzeugt, daß er niemals ein richtiger Ökonomist sein wird? Er ist zu klug und vernünftig, um den Anführer einer Sekte zu spielen, wo man die Proselyten tauft, indem man sie in eine Art von metaphysischer Tinte untertaucht, die mit politischem Kaminruß zubereitet ist; für ihn ist das zu schwarz und zu qualmig. Wie geht es Herrn und Frau de Sartine? Welch ein Mann! Welch eine Frau! Ich las in einer Zeitung, Herr und Frau de Trudaine seien in Brüssel. Wie befinden sie sich? Wollen Sie so gut sein, Herrn de Cossé zur Ernennung seiner Gemahlin meinen Glückwunsch auszusprechen? Sie hat recht daran getan, einen Platz bei Hofe anzunehmen, da ihr Gemahl doch einmal dort bleiben muß. Was macht mein lieber Nuntius? Was kostet ihn die Miete in der Brust des Papstes? Er hat Pech mit seinen Wohnungen. Bei Herrn de Broglie hatte er sehr wenig Platz, aber beim Papst ist er noch enger untergebracht. Das Papier ist zu Ende. Sie sehen, ich bin immer noch ein großer Redebold; ich habe mich also nicht geändert; ich liebe Sie also immer noch rasend, und ich bin Ihr usw. usw. [81] An Frau von Epinay Neapel, den 9. November 1771 Meine Schöne, wie vieles hätte ich Ihnen zu antworten! Aber ich kann heute abend nicht. Ich empfange soeben vom Erbprinzen von Braunschweig einen Brief, der mir so den Kopf verdreht, daß ich an nichts anderes denken kann. Wahrhaftig, wenn er an den König von Frankreich schriebe, könnte sein Brief nicht unterwürfiger lauten; und wenn er an Voltaire schriebe, würde er ihm nicht die Hälfte von dem sagen, was er mir sagt. Ganz bestimmt werde ich Ihnen mit der nächsten Post eine Abschrift des Briefes schicken; heute abend habe ich keine Zeit, eine anzufertigen, und ich habe, wie Sie wissen, keinen Sekretär, der Französisch kann... Endlich haben Sie also ein Geheimnis von mir entdeckt, daß ich, so sehr ich nur kann, zu verbergen suche. Sie haben durchschaut, daß ich alles, was ich sage oder schreibe, im Augenblick darauf vergesse, während ich niemals vergesse, was man mir sagt oder was ich lese. Das ist völlig wahr, schöne Frau. Es ist eine eigentümliche Erscheinung meines Kopfes, die ich nicht erklären kann. Wundern Sie sich also nicht über meine Widersprüche, wie z. B. in betreff der Exemplare meiner Dialoge. Allerdings haben Sie mir zweiunddreißig statt zwanzig gesandt; aber das macht nichts; ich bin zufrieden. Sie hatten mir zwei oder drei Reisebeschreibungen versprochen und schickten mir nur Bougainville; in dieser Hinsicht täuscht mein Gedächtnis mich nicht. Denn das habe ich gelesen und nicht geschrieben. Vielleicht also leiden Sie an demselben Übel wie ich. Wenn ich an Magallon schreibe, werde ich ihm Ihre Worte mitteilen – wäre es auch nur wegen der Eigentümlichkeit des Falles, daß der Vertraute, der die Erklärungen zweier in Paris befindlichen Personen empfängt, in Neapel sitzt. Man liest von Mathusalem, daß er es auch so machte, und darum war es gut, daß Gott ihm ein so langes Leben schenkte, denn sonst hätte er nicht alles erledigen können. Ich wiederhole Ihnen, Sie können unmöglich ein Verständnis dafür haben, auf welchen hohen Grad von Vollendung Piccini die komische Oper bei uns gebracht hat. Haben Sie keine Sorge: die neapolitanischen komischen Opern kommen nicht nach Frankreich. Das ist niemals der Fall gewesen; sie gelangen nicht einmal bis Rom. Sie werden wohl italienische komische Opern haben, wie z. B. La buona Figliuola , aber keine neapolitanische. Um Sie vollends zu überzeugen, werde ich Ihnen ein oder zwei Stücke mit einer italienischen oder französischen Erläuterung schicken, und Sie werden dann sehen, daß man durchaus nach Neapel kommen muß, um sich so etwas anzuhören. Nun zu Ihrer Nr. 73. Ihr Abenteuer mit dem getretenen Kind im Wagen auf der Rückfahrt von Sannois ist ungemein komisch – und um so komischer, da Sie damit der Wahrheit näher kommen, als Sie glauben. Diese aufgeblasene Blase war meiner Seel – ja, es ist die einzige mir bekannte Blase, die waschecht ist; und zwar aus guten Gründen. Ach was wäret Ihr für gute Menschen, ihr alle vier in Eurem Wagen! Den Auftrag auf ein Kind, den Sie mir geben, werde ich ausführen! Ich arbeite mit aller Macht daran. Ich habe die Arbeit unter vier Personen gleichzeitig verteilt, damit in zwei Monaten und einer Woche alles fertig sei. Man wird das Ganze zusammenkleben und es mit drei Ammen aufziehen; so hoffe ich, das Kind ist binnen vier Monaten von heute an geboren und entwöhnt, so daß es Ihnen zugeschickt werden kann. Wir müssen nur noch einen Delorme finden, um es zu verpacken. In der Frage betreffs der Neugier der Tiere verstehen wir uns nicht, weil es unserer Sprache an Worten fehlt, um uns richtig auszudrücken. Man nennt Neugier die Aufmerksamkeit, die wir einer unbekannten oder dunklen Sache widmen, um zu entdecken, was sie ist, und um zu wissen, wozu wir sie gebrauchen können. Dies müßte man aber eigentlich Wißbegierde nennen ; solche Wißbegierde besitzen Tiere in demselben Grade wie wir, oder sogar in noch höherem. Ich nenne Neugier das Vergnügen, das der Mensch daran findet, etwas zu beobachten, während er doch vollkommen weiß, daß es für ihn gleichgültig und unnütz ist. Die Katze sucht ihre Flöhe ebensogut wie der Mensch die seinen; aber nur ein Réaumur beobachtet den Pulsschlag eines Flohs; solche Neugier ist nur dem Menschen eigen. Hunde werden nicht nach dem Grèveplatz gehen, um einen Hund hängen zu sehen. Adieu. [82] An Frau von Epinay Neapel, den 23. November 1771 Wer hat Ihnen jemals bestritten, daß Sie das Hervorragendste sind, was es in Paris gibt? Wer bestreitet Ihnen, daß der Philosoph für mich der denkbar schlechteste Korrespondent sein würde? Aber darum ist es doch immer nett, mal einen Brief zu erhalten, und wäre es auch nur, um zu erfahren, daß man sich noch immer über die Freiheit des Menschen streitet, und daß es einen Herrn de Valmire gibt, der ganz und gar kein Voltaire ist. Wollen Sie meine Meinung über diese Frage wissen? Auf der Überzeugung, daß es eine Freiheit gibt, beruht das Wesen des Menschen. Man könnte sogar den Menschen definieren als »ein Geschöpf, das sich für frei hält« – und das wäre eine vollständige Feststellung des Begriffes. Herr de Valmire selber ist ein Beweis dafür. Er sagt, der Mensch ist nicht frei. Aber warum sagt er das? Damit man es glaube. Er hält also die anderen Menschen für frei und für fähig, sich zu solchem Glauben entschließen zu können. Es ist dem Menschen durchaus unmöglich, auch nur einen Augenblick seine Überzeugung, daß er frei ist, zu vergessen und aufzugeben. Dies ist ein Grund. Zweitens: wenn man von seiner Freiheit überzeugt ist, ist das dasselbe, wie wenn man wirklich frei ist? Ich antworte: es ist nicht dasselbe, aber es hat dieselben moralischen Wirkungen. Der Mensch ist also frei, weil er innerlich überzeugt ist, frei zu sein, und weil das ebensoviel wert ist wie die Freiheit selbst. Damit ist also der Mechanismus des Weltalls so klar gemacht wie Quellwasser. Wenn es auf der Welt ein einziges freies Wesen wäre, gäbe es keinen Gott mehr, gäbe es keine Verbindungen mehr zwischen den Einzelwesen. Die Welt würde aus den Fugen gehen; und wenn der Mensch nicht stets in seinem innersten Wesen überzeugt wäre, daß er frei ist, wäre es mit der menschlichen Moral anders bestellt. Die Überzeugung, daß wir frei sind, genügt, um ein Gewissen, Reue, Rechtspflege, Belohnungen und Strafen zu schaffen. Sie genügt zu allem. Und damit ist in zwei Worten die ganze Welt erklärt. Aber – werden Sie mich fragen – wie kann man innerlich von etwas überzeugt sein, wovon einem das Gegenteil bewiesen ist? Genau so, wie man innerlich überzeugt ist, daß zwei unendliche Größen stets einander gleich sind, während durch die Integralrechnung bewiesen wird, daß eine unendliche Größe das Doppelte, das Dreifache einer anderen unendlichen Größe betragen kann. Und so gibt es noch tausend ähnliche mathematische Theorien. So oft das menschliche Gehirn sich von etwas keinen Begriff zu bilden vermag, kann ein erbrachter Beweis sich nicht in Überzeugung verwandeln! Es ist uns unmöglich, uns eine Vorstellung vom Unendlichen zu machen; wir werden also eine Beweisführung, die uns sagt, daß eine unendliche Größe doppelt so groß ist wie eine andere, glauben, aber werden vom Gegenteil überzeugt sein, und wir werden gemäß unserer Überzeugung handeln und nicht gemäß der Beweisführung, die unserer Vorstellung entgegengesetzt ist. Es ist uns unmöglich, uns vorzustellen, daß wir nicht frei seien. Wir werden also beweisen, daß wir es nicht sind; aber wir werden stets so handeln, wie wenn wir es wären. Diese Erscheinung ist folgendermaßen zu erklären: Vorstellungen sind keine Folgen unserer Urteilsbildung, sondern sie gehen dieser voran, sie sind Folgen von Empfindungen. Wir beweisen durch Gründe und Vernunft, daß ein Stock, der ins Wasser gehalten wird, keine gebrochene Linie bildet; die Vorstellung jedoch, wie wir von ihm haben, zeigt ihn uns als gebrochene Linie, weil die Wahrnehmung des Auges uns dies gesagt hat, und weil die Vorstellung der Wahrnehmung des Gesichtssinnes folgt. Zeigen Sie dem Philosophen, was ich hier niedergekritzelt habe; wenn er mich diesmal nicht erhaben, vielleicht sogar neu findet, hat er sehr unrecht. Er wird finden, daß ich meine großen Gedanken sehr schlecht zum Ausdruck bringe, und daß meine Schreibweise wenig französisch ist. Aber ich bin wie der Bourgeois Gentilhomme, der alles kann, außer der Orthographie... [83] Frau von Epinay an Galiani Januar 1772 Um Sie zum Anfang in gute Laune zu versetzen, mein lieber Abbé, schicke ich Ihnen ein neues Lied zu einer alten Melodie. Ich rate Ihnen, es zu lesen und zu singen; das wird Sie lustig machen, und Sie werden dann meinen Brief netter finden. Nun, Sie sagen also: »Vorstellungen sind keine Folgen unserer Urteilsbildung, sondern sie gehen diesen voran; sie sind Folgen von Empfindungen.« Sie beweisen durch Gründe der Vernunft, daß ein Stock im Wasser keine gebrochene Linie bildet; die Vorstellung jedoch, dis: wir von ihm haben, zeigt ihn uns als gebrochene Linie, weil die Wahrnehmung des Auges uns dies gesagt hat und weil die Vorstellung der Wahrnehmung des Gesichtssinnes folgt. Das paßt wirklich wunderbar zu dem, was Sie weiter oben sagten: »So oft der menschliche Geist sich von etwas keinen Begriff zu bilden vermag, kann ein erbrachter Beweis sich nicht in Überzeugung verwandeln.« Wir werden also beweisen, daß etwas, was wir nicht begreifen, so und so ist, und wir werden stets handeln, wie wenn es nicht so und so wäre. Wissen Sie auch, daß dies mehr beweist, als Sie selber glauben? Sie erklären damit, warum so viele Leute sich wegen Opernsängerinnen zugrunde richten, die sie betrügen, indem sie ihnen ewige Treue schwören. Sie glauben an die Treue, obwohl ihnen das Gegenteil bewiesen wird. So geht es mit allen Wahrheiten. Ich habe übrigens Ihren Brief dem Philosophen gezeigt, der damit so im Zimmer herumgesprungen ist, daß ich mich halb tot gelacht habe. Niemals ist seine Perücke so auf seinem Kopf herumgerutscht wie während der Lektüre des Briefes. Er behauptet jedoch, daß Strafen und Belohnungen überflüssig seien; man müsse nur schlechte Beispiele beseitigen, weil der Mensch bildungsfähig sei. Ich verstehe ja nichts von Staatsverwaltung; aber ich sage: Gerade weil der Mensch bildungsfähig ist, sind Strafen und Belohnungen notwendig. Es wird mir nicht einfallen, den Stein zu schlagen oder zu treten, der mich am Bein getroffen hat; denn selbst wenn ich ihn zu Staub zermalmte, würde mich das nicht vor dem ersten besten Stein schützen, den jemand in derselben Richtung werfen würde. Aber wenn ich einem Menschen, der mich im Vorübergehen auf der Straße anstößt, einen tüchtigen Faustschlag gebe, so wird er, wenn der von ihm verspürte Schmerz ein genügender Denkzettel war, mich nicht wieder stoßen, wenn er mir von neuem begegnet. Trotzdem hat mir übrigens der Philosoph über dieses lange Thema sehr schöne Sachen gesagt, von denen ich kein Wort behalten habe. Welchen Zweck hätte es auch, auf etwas zurückzukommen, was man schon betrachtet hat, es sei denn, daß man etwas Bedeutendes oder Neues hinzuzufügen hätte? Und das können nur Sie, mein lieber Abbé... [84] An den Abbé Mayeul Neapel, den 14. Dezember 1771 Ganz gewiß ist nicht alles gut, mein lieber Abbé; denn es ist nicht gut, daß Sie es übernehmen, mir Nachrichten zu geben. Denn Sie geben mir nur traurige, und das ist nicht schön von Ihnen. Zum Glück hat Gatti mich über Frau von Epinays Krankheit beruhigt, die Sie als einen Magenkrampf bezeichnen, wie wenn Madame die Füße im Magen hätte. Da Sie mir aber die Ehre erwiesen haben, mir zu schreiben, lieber Abbé, so sei es nicht mehr als recht, daß ich versuche, Ihnen die ganze Größe meiner Dankbarkeit zu zeigen. Sie haben ein Priorat; Gott erhalte es Ihnen. Wenn Sie noch eins dazu erwischten, wären Sie dann nicht noch besser dran? Nun, in unserer Zeit ist der kürzeste Weg zur Erlangung von Prioraten, mein lieber Abbé, ohne Zweifel die Atheistenjagd. An Wild ist kein Mangel; man muß es nur aufzustöbern wissen. Ich werde Ihr Jagdhund sein, ich werde Ihnen zeigen, wo dies Pack seinen Bau, seine Lagerstatt, seinen Schlupfwinkel hat. Das Totschießen ist dann Ihre Sache. Also auf zur Jagd! Vorwärts! Die Philosophen, die da behaupten, es sei alles gut auf dieser besten aller Welten, sind abgefeimte Atheisten, die ihren Vernunftschluß nur halb vorbringen, weil sie Angst haben, auf dem Scheiterhaufen zu schmoren. Aber vollständig lautet er folgendermaßen: Wenn ein Gott die Welt gemacht hätte, wäre sie zweifellos die beste von allen; aber sie ist es nicht – da fehlt viel daran. Also gibt es keinen Gott: seht die Spitzbuben an! So räsonieren diese Philosophen. Da läuft der Hase, mein lieber Abbé; jetzt müssen Sie ihn schießen, aber lassen Sie die Flinte nicht versagen. Was, es knallt nicht? Nun, da werde ich Ihnen zeigen, wie man solches Wildbret jagt. Zunächst sagt man zu ihnen: »Ihr Spitzbuben, ihr Lumpen! Ihr verdientet alle den Galgen!« Kriegt man sie, so muß man ihnen ohne Erbarmen dies Wort halten. Läuft aber das Wild davon, so läßt man sich in Verhandlungen mit ihnen ein und sagt ihnen höflich: »Ihr seid Tölpel! Wißt ihr denn nicht, daß Gott diese Welt aus dem Nichts geschaffen hat? Nun, so haben wir also Gott zum Vater und das Nichts zur Mutter. – Ganz gewiß ist unser Vater was ganz Bedeutendes; aber unsere Mutter taugt ganz und gar nichts. Man schlägt dem Vater nach, aber man schlägt auch der Mutter nach. Was auf der Welt Gutes ist, stammt vom Vater, und was an Bösem da ist, stammt von unserer Mutter Frau Nichts, die nicht viel wert war.« Da sind denn nun, lieber Abbé, die Philosophen belämmert. Ihre Voraussetzung ist falsch, vollkommen falsch. Denn wenn wirklich diese Welt die denkbar beste wäre, so wäre klar, daß sie ungeschaffen wäre, und es gäbe keinen Gott! Ihre Unvollkommenheit ist der überzeugendste Beweis, daß sie geschaffen und einem Wesen untergeordnet ist, das vollkommener ist als sie. Diese Beweisführung ist, wenn ich mich nicht irre, neu, und darum nicht weniger gut. Versuchen Sie, sie auf passende Weise beim Erzbischof von Reims unterzubringen, und berichten Sie mir über Ihren Erfolg. Aber es bleibt noch eine kleine Schwierigkeit; man könnte uns fragen: Warum hat Gott sich in die Abgründe des Nichts gestürzt, um eine Welt daraus hervorzuholen, da er doch wußte, daß diese wegen der Mängel ihrer Mutter niemals vollkommen sein könnte? Was zum Kuckuck wollte er in dieser Tretmühle? Darauf müssen wir antworten, mein lieber Abbé! Sie werden wohl zunächst sagen: Fragt doch Gott selber danach – wie man Ludwig XIV. fragen mußte, warum er Versailles an einem so häßlichen Ort erbaut habe. Diese Antwort ist nichts wert im Munde eines Theologen; ich sage Ihnen, mein lieber Abbé, ein Theologe muß auf alles zu antworten wissen, wonach man den lieben Gott selber fragen könnte, und darf niemals eine Antwort schuldig bleiben. Was werden wir also antworten? Man darf nicht den Mut verlieren; es sind schon tausend Antworten darauf gegeben worden, freilich keine einzige gute. Aber ich weiß die gute: Man gibt allgemein zu, daß Gott nicht nötig hatte, die Welt zu erschaffen, um endlich glücklich zu sein; wenn nun Gott mit seiner bloßen Existenz unendlich zufrieden war, so mußte das Nichts in seiner Nichtigkeit sich unendlich langweilen. Infolge der sehr dringenden und angelegentlichen Bitten des Nichts ist also unsere Welt geschaffen worden; und das ist durchaus nicht sonderbar, denn wir sehen schon auf der Welt viel mehr Mütter, die Kinder zu haben wünschen, als Väter, die welche zu zeugen wünschen. Die tödliche Langweile unserer Mutter ist also Veranlassung zu unserer Existenz geworden. Es langweilte sie, daß sie Nichts war, und darum langweilen wir alle uns auf dieser Jammerwelt. Die Langweile ist ein Muttermal, das wir im Schoß unserer Frau Mama erhielten, die an diesem Übel litt, als sie mit uns schwanger ging. Unser Vater hat keine Schuld daran; denn ganz gewiß langweilt Gott sich niemals. Da haben Sie also noch etwas Neues, mein lieber Abbé; aber es würde beim Herrn von Reims wohl nicht so zweckdienlich sein wie das andere; bringen Sie es also anderswo unter. Doch nun habe ich mit Ihnen genug von Theologie geschwatzt. Obwohl auf dieser Welt nicht alles recht ist, ist es doch recht, daß Sie Prior sind; es ist recht, daß Sie Ihre Würde noch recht lange genießen; es ist recht, daß Sie mir zuweilen schreiben, und ich bin Ihr recht ergebener Diener. [85] An Frau von Belsunce Neapel, den 4. Januar 1772 Madame, was tut's, daß ich drei Briefe von Ihrer Frau Mutter nach dem Ihrigen erhielt. Sie haben den Vorrang; daher muß ich Ihnen das bißchen freie Zeit widmen, das ich heute abend habe, und Sie werden Ihrer lieben Frau Mama hoheitsvoll sagen, sie komme ja auch dran und brauche nur zu warten. Mit einem Wort, ich muß Ihnen für den liebenswürdigen, köstlichen Brief danken, womit Sie mich beehrt haben. Dieser Brief ist jetzt noch um so schöner, da Ihre Frau Mutter wiederhergestellt ist und ich daher fast nichts darauf zu antworten habe; das ist ja das schönste an Wechselbriefen: sie sind auch Briefe, aber man braucht sie nicht zu beantworten. Ich finde an Ihrem Brief noch eine andere Schönheit: er ist in einem Zuge geschrieben. Er fließt dahin wie das Wasser eines Baches. So geschickt wie den Faden ins Nadelöhr fädeln Sie die Worte ein, und dann geht's von einem Satz zum andern, ohne daß man's merkt. Ich habe zu träumen geglaubt, und mir kam der stolze Gedanke, Sie hätten mehrere Male Lust gehabt, mir zu schreiben, und der lange angesammelte Stoff sei nun holterdipolter durch den ersten Ausgang hervorgestürzt, den er gefunden. Doch nun zu den Nachrichten, die Sie so freundlich sind, mir mitzuteilen. Sie machen also aus dem Herrn Rat einen Musketier? Aber warum in aller Welt machen Sie denn nicht einen jungen d'Epinay aus ihm? In Frankreich ist man darauf versessen, aus seinen Kindern durchaus »Etwas« machen zu wollen. Hier macht man aus ihnen nur Erben ihrer Väter, und ich glaube, das ist das beste, was man für sie und für ihre Voreltern tun kann; denn hier ist niemals davon die Rede, sich auf ein Lilienwappen zu setzen oder sich auf das Bett der Ehre zu strecken. Man setzt sich auf Stühle und streckt sich auf Matratzen. Die Zarin kann für Bilder so viel Geld ausgeben wie sie will; der Türke hat sich verpflichtet; ihre Schulden zu bezahlen, und er wird ihr sein Wort halten. Das wollt Ihr Herrschaften gar nicht glauben; aber es wird nun mal doch so sein. Sie wollen nicht, daß ich eine Schnepfe werde. Da Sie Vegetarianerin sind, so verzichte ich auf diesen Plan und werde den Wunsch aussprechen, mich in eine Gurke verwandeln zu dürfen, oder, wenn Sie das lieber wollen, in einen Kürbis. Aber an die Abwesenheit von Paris kann ich mich nicht gewöhnen. Nur eins könnte mich trösten: veranlassen Sie Herrn de Breteuil, Ihren Bruder als adligen Legationssekretär zu sich zu nehmen, wie früher Herr d'Ossun den Baron de la Houze gehabt hat. Ich gewinne diesem Plan tausend angenehme Seiten ab. Ihr Herr Bruder wird in die Geschäfte der Politik eingeführt; er bringt für diese Laufbahn ganz andere Eigenschaften mit als für die eines Musketiers. Wenn hieraus etwas werden könnte, hätte ich erstens jemanden hier, der mir sehr teuer wäre, da er Ihnen und Ihrer Mutter teuer ist. Ferner wäre es sehr natürlich, wenn eine Mutter mal ihren Sohn besuchte. Den Rest erraten Sie. Gatti hat gestern die Söhne des Fürsten San Angelo Imperiali geimpft. Es ist die erste Impfung, die in Neapel vorgenommen wurde, und ich habe Hoffnung, daß sich der Brauch hier allmählich einbürgern wird. Dies sind nun alle meine Neuigkeiten! Sagen Sie, bitte, Ihrer Frau Mutter, sie möge für heute abend keinen Brief von mir erwarten; sie bekommt von diesem nur die Aufschrift. Ich sollte diesen Brief eigentlich in einem vertraulichen und derb-höflichen Ton schließen. Ich müßte artige Phrasen drechseln, um Ihnen lauter schöne Komplimente zu sagen. Aber wie soll ich das machen? Ich habe keine Zeit, höflich zu sein. Ich muß von Ihnen scheiden und will Ihnen nur noch sagen, daß Ihre Briefe mir noch mehr Freude machen würden, wenn Sie sie mir beim besten Wohlsein Ihrer Frau Mama schreiben wollten. Wissen Sie auch, daß ich bin Ihr etc. [86] An Frau von Epinay Neapel, den 5. Januar 1772 Da haben Sie mir wirklich ein schnurriges Lied gesandt! Es ist reizend. Dann begeben Sie sich auf das Gebiet der Metaphysik; aber ich habe heute abend keine Zeit, Ihnen dorthin zu folgen und Ihnen zu beweisen, warum die Taugenichtse unschädlich gemacht werden müssen. Ich werde Ihnen das ein anderes Mal sagen und Ihnen dann auseinandersetzen, wie es kommt, daß Strafen eine rückwirkende Kraft haben, und daß ihre Wirkungen schon eintreten, bevor sie noch verhängt worden sind. Das ist sehr interessant. Aber heute abend muß ich Sie um zwei Gefälligkeiten bitten: 1. Wie Gatti mir sagte, besitzen Sie eine Arznei (zu deren Bestandteilen auch Korallen gehören), deren sichere und wunderbare Wirkung er bei Frauen erprobt hatte, deren Regel nicht in Ordnung gewesen sei, so daß die monatliche Reinigung zuweilen geradezu einen bedeutenden Blutverlust verursacht habe. Ich brauche diese Arznei – nicht für mich, wie Sie wohl begreifen – sondern für eine liebenswürdige Dame, keine Neapolitanerin. Ich brauche sie sofort, und Gatti glaubt, das Rezept unter seinen Papieren verlegt zu haben. Also schicken Sie mir, bitte, sofort das »Recipe« und die Gebrauchsanweisung. Sie retten damit eine liebenswürdige Dame und verpflichten einen reizenden Abbé – nämlich mich. 2. Ich brauche – und zwar für mich selber – einen gegen Skorbut wirkenden Wein, den ich einmal in Paris getrunken habe. Herr Le Roy von Versailles, der Jäger und Tierhistoriker, gab mir das Rezept. Der Wein bekam mir sehr gut. Ich möchte ihn wieder trinken, habe aber vergessen, welche Zutaten er enthalten soll. Lassen Sie sich das Rezept geben, und schicken Sie's mir. Sie retten damit einem reizenden Abbé das Leben – nämlich mir – und zugleich einer einzigen unvergleichlichen Frau – nämlich Ihnen. Denn wenn ich sterben sollte, so würden Sie doch auch sterben, nicht wahr? Mora erzählt mir von Ihnen. Er hat etliche von meinen Briefen gesehen, aber warum gar keine von den älteren? Verbrennen Sie sie etwa? Ich bewahre die Ihrigen sorgfältig auf; aber ich werde ebensowenig Ihr Manuskript verkaufen können wie Sie das meinige, es sei denn, daß irgend ein Neugieriger alle beide kauft. Von Frau Necker erhielt ich endlich einen Brief; da sie aber Ihnen nicht meine Antworten zeigt, werde ich ihr sehr spät und durch Vermittlung meiner Kanzlei antworten. Ich werde platt und glatt sein wie ein Teller der Frau Geoffrin. So bestrafe ich die kalte Aufrechterhaltung des Anstandes. Von Diderot empfing ich einen Brief, der mir vorgestern zugestellt wurde; aber ich habe heute abend keine Zeit, ihm zu antworten; ich habe nur soviel Zeit, ihm zu gehorchen. Gatti impft. Ich bin bemüht, ihm zu ermöglichen, daß er hier bleibt, bis die Impfung ein bißchen Boden gewonnen hat und allgemeiner eingeführt wird. Indessen, was für einen Zweck hat eigentlich die Impfung in unserem Land, wo es nicht der Mühe wert ist, zu leben? Auf diesen Einwurf finde ich keine Antwort. Haben Sie mich lieb. Lassen Sie sich's gut gehen. Vergessen Sie nicht meine beiden Aufträge, von denen durch eine gewisse Verkettung auch Ihr eigenes Leben abhängt. Leben Sie wohl, schöne Frau, leben Sie wohl! [87] An Frau von Epinay Neapel, den 11. Januar 1772 Jetzt sind also Sie an der Reihe, meine liebe Freundin. Ich habe dem Abbé und Prior geantwortet, ich habe Ihrer Frau Tochter geantwortet, und ich muß auf zwei Nummern von Ihnen antworten, wenn ich mich nicht irre, obgleich mir die von dieser Woche noch fehlt; denn die französische Post ist ausgeblieben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Gleichen hat uns verlassen; Gatti hat zwei kleine neapolitanische Prinzen geimpft und damit die erste Impfung in Neapel vorgenommen. Ich bin überhäuft mit Verdrießlichkeiten und albernen Geschäften. Mein Geist beschäftigt sich nur mit Kompetenzstreitigkeiten, mit Prozessen und mit den dümmsten und langweiligsten Sachen, die es bei Gericht gibt. Ach, mein armer Kopf! Einst beschäftigtest du dich mit hundertzweiundneunzig Foliobänden über ein System, das den Titel: »De rebus omnibus et quibisdam aliis« erhalten sollte, und womit bist du jetzt gespickt? Wo sind meine theo-, philo-, logi-, physi-, mathe-, politico-moralischen Abhandlungen? Wo sind sie? Ich hoffe, schöne Frau, wir bekommen dieses Jahr die Pest nach Italien. Dadurch bekomme ich mindestens vier Monate Vorsprung. Ich werde mich mit einem großen Vorrat Papier einschließen und mindestens mein Buch über den Ursprung der Berge schreiben, das mir am meisten am Herzen liegt; denn schließlich ist doch die Geschichte der Gebirge größer und schöner als die der Menschen. Ich habe weder Zeit noch Lust, Ihnen heute abend noch zu schreiben; nichts elektrisiert mich. Guten Abend... Frau Geoffrin hat mir einen Brief geschickt, der eine sehr rührende Stelle enthält. Hätte sie gesehen, wie ich vor Rührung darüber weinte, sie würde mir ein Zeugnis ausstellen, daß ich doch nicht ein solches Ungeheuer sei, wie man immer sagte. Schicken Sie ihr meine ehrerbietigen Grüße... [88] An Frau von Epinay Neapel, den 25. Januar 1772 Schöne Frau, wenn es den geringsten Zweck hätte, Tote zu beweinen, so würde ich mit Ihnen über den Verlust unseres Helvetius weinen; aber der Tod besteht nur in der Trauer der Überlebenden. Wenn wir ihn nicht betrauern, ist er nicht tot; ebenso würde er nicht geboren sein, wenn wir ihn niemals gekannt und geliebt hätten. Alles was ist, ist in uns selber mit Bezug auf uns. (Erinnern Sie sich, wie der kleine Prophet sich in metaphysischen Betrachtungen erging, wenn er traurig war? Genau so mache ich es jetzt.) Das Bedauerliche am Verlust unseres Helvetius ist schließlich nur, daß er eine Lücke in den Reihen des Streithaufens läßt. Also schließen wir die Reihen! Lieben wir, die wir zurückbleiben, uns um so mehr, und man wird nichts merken. Als Major dieses unglücklichen Regiments rufe ich Euch allen zu: ›Auf geschlossen! Vorwärts marsch! Feuer!‹ Unser Verlust wird nicht bemerkt werden. Seine Kinder haben durch den Tod des Vaters weder Jugend noch Schönheit verloren. Gewonnen haben sie die Eigenschaft, reiche Erbinnen zu sein. Warum, zum Kuckuck, wollen Sie also über ihr Los jammern? Sie werden sich verheiraten, verlassen Sie sich darauf. Diese Prophezeiung ist sicherer als das Orakel des Kalchas. Seine Frau ist mehr zu beklagen; es sei denn, daß sie einen ebenso vernünftigen Schwiegersohn bekommt, wie ihr Mann war; das ist ja nicht so ganz leicht, aber in Paris leichter als anderswo. Es ist noch viel Sittlichkeit, Tugend, Heroismus in Ihrem Paris; mehr als anderswo, glauben Sie mir! Darum vermisse ich es auch so sehr, und darum werde ich es vielleicht eines Tages wiedersehen. Ich habe heute abend keine Zeit, dem Baron zu antworten; seien Sie so gut, ihm zu sagen, daß ich seinen reizenden Brief und das Buch von Montami erhielt, für das ich ihm recht sehr danke. Da jedoch, wenn man sich etwas besorgen läßt, die Annahme von Geschenken gänzlich ausgeschlossen sein muß, so seien Sie so freundlich und bezahlen Sie es ihm für mich. Ich werde Ihnen das Geld schicken, wenn Sie nicht etwa noch was für mich in Händen haben. Davon habe ich nämlich gar keine Ahnung, da ich kein Interesse daran habe, es zu wissen. Ihre Nr. 80 ist mir noch nicht zugegangen. Haben Sie mich recht sehr lieb; der Gründe, mich lieb zu haben, werden immer mehr, wie Sie sehen. Heute abend habe ich keine Zeit. Besorgen Sie, bitte, den Brief, den ich dem Ihrigen beischließe; sein Weg führt nicht weit von Ihrer Tür. Guten Tag oder guten Abend – denn ich weiß nicht, wie spät es ist. [89] An Frau von Epinay Neapel, den 29. Februar 1772 Schöne Frau, nach der Sintflut die Dürre. Seit zwei Wochen erhalte ich nichts aus Paris. Ich muß jedoch auf den Brief antworten, der mir durch zwei Kuriere zuging, nachdem er in Madrid gewesen war; er enthielt einen Traum in Gesprächsform. Dieses Gespräch war sehr fein und ungekünstelt geschrieben und voll von guten Einfallen, treffenden Gedanken und unmöglichen Wünschen. Ich habe gegen Ihre Darlegungen nur einen einzigen Einwand zu erheben: Ich gebe zu, daß das Studium der Geschichte für den Schauspieler notwendig ist, vorausgesetzt immerhin, daß der Verfasser des Stückes sie ebenfalls studiert und sich an Sitten und Gebräuche der Zeit gehalten hat. Aber wenn er selber das nicht getan hat – wie es fast immer der Fall ist – so wäre der Schauspieler in einer tausendmal schlimmeren Verlegenheit, wenn er die Geschichte kennte. Wenn ein Unglücksmensch den Garzillas gelesen hätte und dann »Alzire« spielen wollte, so soll mich der Kuckuck holen, wenn er ein einziges Wort von der Rolle Zamores, der so gelehrt ist, sprechen könnte, oder von der Rolle Alzirens, die über Religion so nett zu disputieren weiß wie Voltaire selber. Alvarez und Gusman sind zwei so schöne spanische Granden wie der Prinz von Oranien und der Herzog von Alba, anstatt zwei Seeräuber zu sein, richtige Freibeuter des Meeres, wie Cortez und Pizarro es waren. Wahrhaftig, meine schöne Dame, ich bin der Meinung, die Unwissenheit der Dichter hat die Unwissenheit der Schauspieler erzeugt, und aus diesen beiden Unwissenheiten ist die Unwissenheit der Zuschauer hervorgegangen; denn diese ist weder erschaffen noch erzeugt, sondern aus den beiden anderen erwachsen. Diese Dreifaltigkeit von Unwissenheit hat nun die Theaterwelt erschaffen. Diese Welt gibt es nur auf der Bühne: das Theater hat seine ganz besonderen Menschen, Tugenden, Laster, Ereignisse; es hat seine Sprache und seinen Dialog für sich. Die Menschen haben sich darüber geeinigt: so solle es sein, das Theater solle diese Welt haben, und man ist übereingekommen, das schön zu finden. Die Gründe für solche Übereinkunft ließen sich schwer feststellen. Der Vertrag wurde schon vor sehr langer Zeit geschlossen und ist bei keinem Gerichtsschreiber protokolliert worden. Ich fürchte sehr, man ist übereingekommen, Le Kain gut und vollkommen zu finden. Gegen ein Übereinkommen und eine in aller Form abgeschlossene Abmachung läßt sich nicht aufkommen. Wenn man übrigens auf der Bühne sich so weit von der Natur entfernt hat, daß man eine ganz neue Welt eigens für sie geschaffen hat, so liegt, glaube ich, die Ursache in der Schwierigkeit, der Wahrheit nahezukommen, indem man seine Umgangssprache beibehält, und in der gesetzlichen Vorschrift, keine modernen Ereignisse auf die Bühne bringen zu dürfen. Man macht eine gute Komödie, die bis zum I-Tüpfelchen wahr ist, weil es erlaubt ist, die; Hahnreischaft darin darzustellen, die noch keine Woche alt ist, den Zank zwischen Mann und Frau, der im vorigen Monat vorfiel, den Ruin eines Spielers, der sich vor einem Jahr ereignete. Aber wenn es nicht erlaubt ist, in einer Tragödie den Sturz des Herzogs von Choiseul oder auch nur den des Kardinals Bernis darzustellen, wie kann man da die Wahrheit schildern? Wenn Sie Themistokles und Alkibiades auf die Bühne bringen, bemerke ich sofort, daß sie griechisch gesprochen haben und daß man sie französisch sprechen läßt; daß sie Bürger einer Republik waren und daß wir in Paris sind, das nach dem Königlichen Taschenbuch keine Republik ist. Ich verzichte also auf die Hoffnung, jemals eine wahre Tragödie zu haben, und ich würde daher meinem Schauspieler raten, sich der seltsamsten Stellungen, der furchtbarsten Stimme, der übertriebensten Haltung, der überspanntesten Leidenschaftlichkeit zu bedienen. Jedesmal, wenn er wegen einer Grimasse Beifall erhält, würde ich ihm raten, am nächsten Tage eine richtige Gesichtsverrenkung zu produzieren; er trachte, sich recht gut bezahlen zu lassen, bei allen Damen zu schlafen, die ihn darum ersuchen, und von allen Schauspielerinnen, die Miene machen, es ihm versagen zu wollen, zu verlangen, daß sie ihn bei sich schlafen lassen. So würde ich meinen Emile Le Kain den Jüngeren erziehen. Sehen Sie, wie verschiedener Meinung wir sind; aber wenn wir unglücklicherweise der gleichen Meinung gewesen wären, hätte ich Ihnen ja nichts zu schreiben, als daß ich Sie immerdar anbete. Der Prinz von Sachsen-Gotha ist abgereist. Leben Sie wohl, behalten Sie mich lieb! [90] An Frau von Epinay Neapel, den 14. März 1772 Schöne Frau, eben in dieser Minute kommt Ihre Nr. 86 an. Sie entzückt mich, tröstet mich, ruft mir Paris, Sie, meine Freunde zurück; und Sie wundern sich, daß ich nach Ihren Briefen seufze! Ihr Sohn vollendet also seine Erziehung. Gut so! Man muß niemals den Mut verlieren; und auf dieser Welt, der besten aller unmöglichen Welten, ist alles zum besten, so, wie es ist. Denn (nota bene) das »Beste« ist etwas, das nur in unserm Kopf vorhanden ist; denn es ist nur der Begriff einer Beziehung, und man hat daraus den Angelpunkt für die ganze Physik einer Welt gemacht, die außer uns ist. Welche Tölpel sind doch die Metaphysiker! Aber was hat meine Bemerkung über den Optimismus mit Ihrem Sohn zu tun? Meine Bemerkung ist schön, neu, großartig, und ich wollte nicht, daß sie verloren gehen sollte. Darum brachte ich sie hier an, wo sie gar nicht hingehörte. Aber kommen wir wieder auf unsere Hammel zurück. Der Prinz von Gotha ist reizend; ich habe ihn außerordentlich gern gewonnen, wie er mich; offen, aber im Vertrauen gesagt: ich habe ihn noch lieber als seinen Bruder. Herz, Verstand, Heiterkeit sind bei ihm, wie sie sein sollen. In meinem teuren Vaterland hat er keinen Erfolg gehabt. Um so besser für ihn, um so schlimmer für mein Land. Er traf hier mit dem Herzog von Glocester zusammen, der mit großer Vollendung den schlecht erzogenen Fürsten spielt; und er ist nur ein gut erzogener Privatmann. Darum hat der andere ihn in den Schatten gestellt; denn der entsprach besser dem Begriff, den man sich von Fürsten macht und den meine Nation nur oberflächlich fühlt, da sie keinen Geschmack daran zu finden vermag. Nur in Punkto Freigebigkeit hat der Prinz in seiner Mittelmäßigkeit sich besser benommen als der Herzog in seiner bettelhaften Würde; denn er war arm, obgleich Engländer und Prinz von Geblüt. Prinz August und ich haben einen Briefwechsel verabredet. Ich habe seinem Bruder einen Antwortbrief geschickt und einen an den Prinzen, der mir von Rom aus schrieb. Diese beiden Briefe – ohne Eitelkeit sag' ich's! – verdienten, nicht verbrannt zu werden. Wenn Grimm Abschriften nehmen kann, werden Sie sie sehen; ich habe keine Kopie aufbewahrt. Ich würde erröten, wollte ich Ihnen die Abschriften von den Briefen des Prinzen August schicken, denn sie sind zu schmeichelhaft für mich; aber Sie würden sehen, daß sie sehr gut geschrieben und angenehm stilisiert sind. Ich habe ihm einige von Ihren Briefen mitgeteilt. Er wollte vor Lachen platzen über Ihren Ausdruck, daß Grimm seinen Prinzen in Darmstadt in die Remise geschoben habe. Gatti soll in der heurigen Fastenzeit die Hälfte unseres vornehmsten Adels impfen. Bitte, verhindern Sie doch, daß er Briefe aus Paris bekommt, die ihn plötzlich dorthin zurückrufen. Das wäre recht schade im Interesse unserer Nation, die sich sehr willig zum Impfen herbeiläßt, weil man Vertrauen zu ihm hat. Die Dinge nehmen eine derartige Wendung, daß ich mich gar nicht wundern würde, wenn in ein paar Monaten unser König sich entschlösse, sich impfen zu lassen. Die Hofkavaliere seiner Umgebung, die sich als die entschiedensten Gegner aufspielten, um ihm nach dem Munde zu reden, sind jetzt die ersten, die Gatti ihre Kinder anbieten; und der Königliche Leibarzt (Gegner des Impfens) wird von ihm seine einzige bereits erwachsene Tochter impfen lassen. Das sind nun alle Neuigkeiten von hier. Ich danke Ihnen für das mir von Ihnen mitgeteilte Verfahren, das Wunder der Blutstillung zu bewirken. Ich bin heute abend zu einem Konzert eingeladen, wo historische Musik gegeben wird; deshalb kann ich meinen Brief nicht länger machen. Danken Sie dem Baron für die Juvenalübersetzung, die er mir schickt. Wer weiß? Das könnte mich veranlassen, Anmerkungen zum Juvenal zu schreiben; aber er ist nicht Horaz, bei weitem nicht! Er verhält sich zu Horaz wie Robbe zu Voltaire. Er ist ein feurigen Schreihals; ihm fehlt Zartgefühl und Geschmack. Doch guten Abend. Beinahe wäre ich in eine Abhandlung über den Unterschied zwischen Juvenal und Horaz hineingeraten. Also, haben Sie mich lieb und lassen Sie sich's gut gehen: keine Dysenterie, denn sie verträgt sich nicht mit dem guten Ton; lieber Blähungen. Einige Migränen hier und da, und recht scharfgereizte Nerven – das ist alles, was ich Ihnen erlauben kann... Passen Sie auf, wenn neue Reisebeschreibungen herauskommen; sie sind jetzt meine einzige Lektüre. Ich suche, so gut ich kann, außer Landes zu sein. Würden Sie's glauben, daß ich Anquetil gelesen habe, ohne ein einziges Wort auszulassen? Es ist unglaublich! Er ist nach Indien gegangen, um Zoroasters Bibel zu suchen, und hat das Brevier mitgebracht! Guten Abend. [91] An Frau von Epinay Neapel, den 21. März 1772 Ich habe diese Woche keine Briefe von Ihnen erhalten. Wären Sie eine gesunde Frau, so würde mich das gar nicht beunruhigen; aber Ihre Briefe sprechen immer von Krankheiten, und der letzte schilderte Sie als sehr leidend. Was haben Sie denn? Geht es Ihnen gut? Sollte die neue Lehrzeit Ihres Sohnes Ihnen neuen Kummer gemacht haben? Sprechen Sie doch. Ich habe Ihnen nichts zu erzählen. Ich bin traurig und trübsinnig. Es ist eine Stelle frei, auf die ich Anspruch erheben könnte; sie ist besser bezahlt und ehrenvoller als meine jetzige; aber sie macht auch viel mehr Arbeit und Verdruß. Übrigens ist sie stark umworben, und bei uns ist es Brauch, wenn man sich um eine Stelle bewirbt, seinen Mitbewerbern alles mögliche Böse anzutun, sie zu verleumden und anzuschwärzen; man schlägt sie nicht tot, aber sonst tut man alles. Ich weiß nicht, wozu ich mich entschließen, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn ich das Amt für mich verlange, setze ich mich allen diesen Unannehmlichkeiten aus; trete ich nicht mit unter der Schar der Mitbewerber auf, so wird man trotzdem annehmen, daß ich im geheimen für mich arbeite, man wird mir ebensoviel Unannehmlichkeiten bereiten, mir ebensoviele Verdrießlichkeiten antun, wie wenn ich mich beworben hätte. Übrigens muß man ja doch mal vorwärtskommen, muß einmal anfangen zu arbeiten und sich zu langweilen; da ist es ebensogut, man beginnt sofort. Da kommt aber ein anderer Gedanke und sagt zu mir: Unvermeidliche Übel muß man möglichst lange hinauszögern; wenn ich jetzt noch Ruhe, Müßiggang, Vergessenheit genießen kann, warum soll ich mich beeilen, sie zu verlieren? In diesem Zustand befindet sich augenblicklich mein Geist: Sie sehen, ich habe Grund, traurig und dumm zu sein. Ah, wie häßlich ist der Ehrgeiz! Aber wie ist es möglich, nicht ehrgeizig zu sein, wenn die Welt doch einmal glaubt, man sei es; diese öffentliche Meinung genügt, um ebensoviel Leiden zu verursachen wie der Ehrgeiz selbst. Um mich zu zerstreuen, ziehe ich zwei Katzen auf und studiere ihr Betragen. Ich sage Ihnen, das ist eine ganz neue Wissenschaft und ein ganz neues Studium. Seit Jahrhunderten zieht man Katzen auf, und trotzdem finde ich niemanden, der sie richtig studiert hätte. Ich habe Männchen und Weibchen; ich habe jeden Verkehr mit den Katzen der Außenwelt verhindert und habe ihre Ehe aufmerksam verfolgt. Würden Sie es glauben? In den Monaten ihrer Liebe haben sie niemals miaut; das Miauen ist also nicht die Liebessprache der Katzen, sondern sie rufen damit nur die Abwesenden. Eine andere sichere Entdeckung: die Sprache des Katers ist ganz verschieden von der Katze wie es ja auch nicht anders sein kann. Bei den Vögeln ist dieser Unterschied noch deutlicher ausgeprägt; der Gesang des Männchens ist ganz und gar verschieden von dem des Weibchens; doch weiß ich nicht, ob bei den Vierfüßlern schon jemand diesen Unterschied bemerkt hatte. Außerdem bin ich sicher, daß es mehr als zwanzig verschiedene Lautwandlungen in der Katzensprache gibt. Ihre Sprache ist wirklich eine Sprache; denn sie bedienen sich immer desselben Lautes, um dieselbe Sache auszudrücken. Ich würde kein Ende finden, wollte ich Ihnen alle meine Beobachtungen mitteilen; aber Sie sehen an diesem Pröbchen, daß ich bald der Historiogriph von Neapel sein werde. Dies also sind meine Sorgen und meine Ergötzlichkeiten; sonst tue ich nichts. Gatti befindet sich wohl, impft, verdient Geld und verachtet es, ärgert sich darüber, daß man ihn gern hat, und möchte gern ein schmutziger Bettler sein, hat aber nicht die Kraft dazu. Bitte, sagen Sie doch meinem lieben Marquis de Mora, ich fühle mich von Schande bedeckt, weil ich seinen Brief nicht beantwortet habe; aber Sie brauchen ihm nur diesen Brief zu zeigen, um ihm zu beweisen, wie spärlich der Quell meiner Ideen rinnt. Was hätte ich ihm schreiben können? Die Geschichte der Katzen? Ich behalte nicht alle Plattheiten, die ich höre; aber sie genügen, um mich abzuhalten, etwas zu sagen, was nicht ebenso platt ist wie alles, was man mir sagt. Tausend Grüße allen meinen Freunden. Welch schönen Tag verlieren Sie, wo Sie einen guten Brief von mir hätten haben können! Ich hätte die größte Lust, Ihnen zu schreiben; aber worüber? Darüber, daß ich Sie liebe und Sie immer lieben werde. [92] An Frau von Epinay Neapel, den 28. März 1772 Ich werde mich wohl hüten, Herrn Gatti den kleinen Absatz vorzulesen, der sich in Ihrer Nr. 87 auf ihn bezieht. Es wäre der reine Mord. Keiner seiner Freunde würde ihm verzeihen, leichten Herzens tausend Louis aufzugeben, die er in drei Monaten verdienen kann. Wenn Sie sähen, mit welcher Geschwindigkeit das Impfen sich hier einbürgert, Sie würden erstaunt sein und ausrufen: »Ah, was für ein barbarisches Volk! Wie man hier sieht, daß das Licht der natürlichen Vernunft durch keine Kenntnisse getrübt ist!« Wenn Sie sähen, wie die Mütter in einer mit Dummheit gemischten Zärtlichkeit ihre Kinder zum Impfen anbieten, würde es Ihnen recht merkwürdig erscheinen. Von allen Gründen, die man in Paris gegen das Impfen einwendet, wurde hier kein einziger vorgebracht. Einen einzigen hört man zuweilen erwähnen: es scheint mehreren, als ob man sich damit dem Schicksal widersetze und der göttlichen Allmacht Hindernisse bereite. Ah, wie wahr ist es doch, daß der Fatalismus die einzige Weltanschauung ist, die für Wilde paßt; wenn man die Sprache der Tiere wirklich verstünde, würde man sehen, daß er die einzige Weltanschauung aller Tiere ist. Der Fatalismus ist Vater und Sohn der Barbarei; er ist von ihr gezeugt und nährt sie dann. Und wissen Sie warum? Weil er die bequemste Weltanschauung für Faulenzer ist und darum die bequemste für den Menschen. Keinem Neapolitaner fiel es ein, Gatti zu berufen; aber da er mal hier ist, läßt man sich impfen. Da haben Sie die Neuigkeit meiner Stadt und einige Betrachtungen, die ganz mein eigen sind. Ich danke Ihnen für das Rezept des Weins gegen den Skorbut, das Sie mir geschickt haben. Aber ich bin nicht krank; ich habe ihn noch nicht eingenommen, und wenn ich es tue, geschieht es nur, um meinen Appetit aufzumuntern; denn früher übte er auf mich diese Wirkung. Wenn Sie einen Wein gegen die Langeweile haben, schicken Sie mir ihn schnell; das ist das Geheimnis, das mir das Leben retten kann, denn ich langweile mich zum Sterben. Als ich Ihnen schrieb, die Erhaltung meines Lebens hänge von dem antiskorbutischen Wein ab, scherzte ich: und wenn Sie das Gesicht gesehen hätten, das ich dabei machte, hätten Sie das sofort bemerkt. Aber das ist eben der Übelstand bei Briefen. Ich hoffe, es kommt einmal ein Tag, da die Briefe das Bildnis des Schreibers an der Spitze tragen, um auf diese Weise allerlei dunkle Worte aufzuklären. Ich werde dem Baron Kupferstiche schicken, und damit werden wir völlig quitt sein. An dem Brief über Herrn Anquetils Reise wird wohl nicht viel dran sein. Anquetil hat alle guten Eigenschaften eines Reisenden: er ist pünktlich genau, unfähig, irgendein System zu bilden, unfähig zu bemerken, ob etwas nützlich oder unnütz ist. Das ist gerade die richtige Art des Sammeins. Das Sichten ist dann eine Sache für sich. Sein Buch habe ich gesichtet, Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Geschichtsforschung in Asien viel mehr gelitten hat als bei uns. Man kann den Altertümern der Asiaten gar keinen Wert beimessen. Alles ist Sage. Sie haben keinen einzigen Schriftsteller, der über das elfte Jahrhundert zurückgeht. Also ist dieser ganze Zoroaster nur ein Traumgebilde. Das Zend-Avesta hat mit Zoroasters Bibel so wenig Ähnlichkeit, wie unser Brevier mit den Schriften des Moses. Es ist sogar voll von Christentum und Mohammedanismus, so modern ist es. Ich halte das Zend-Avesta für ein Werk des zwölften Jahrhunderts, und die anderen Bücher für noch moderner. Ich beginne zu glauben, daß die alten indischen und chinesischen Werke kaum mehr wert sein werden. Indessen möchte ich recht gerne jetzt die Vedas lesen... [93] An Frau von Epinay Neapel, den 11. April 1772 Anbei das Erzeugnis einer durchwachten und schlecht angewandten Nacht und die Wirkung Ihrer Nr. 89. Ich hatte das Bedürfnis, mich stark zu beschäftigen, um den Kummer, die Wut und den Ärger über eine Unbedachtsamkeit Magallons los zu werden, die mich vielleicht außer den Verdrießlichkeiten, der Lächerlichkeit und der Beleidigung noch 200 Livres in bar kosten wird. Ich bitte Sie recht sehr, prügeln Sie ihn tüchtig, wenn Sie ihn sehen, ohrfeigen Sie ihn sogar! Er kann sich noch glücklich schätzen, daß ich eine so schöne Hand wähle, mich zu rächen. Ich habe nicht die Kraft gehabt, meinen Dialog abzuschreiben, und habe mir daher von meinem Kopisten helfen lassen; da dieser niemals französisch geschrieben hat und kein Wort davon versteht, hat er ganze Wörter ausgelassen... Nicht Sie sind an Magallons törichtem Streich schuld, obwohl die Bücher, die er mir geschickt hat, von Ihnen stammen. Sondern er will nach drei Jahren durchaus noch nicht die Lage begreifen, in der wir uns befinden. Ist es möglich, daß er so einen harten Kopf hat? Ist er wirklich so dumm? Bitte, prügeln Sie ihn! Die Wut kommt wieder über mich! Gespräch über die Frauen von Galiani Marquis: Wie definieren Sie also die Frau? Chevalier: Ein Geschöpf, das von Natur schwach und krank ist. Marquis: Ich gebe zu, daß sie oft beides sind, aber ich bin überzeugt, das ist eine Wirkung der Erziehung, des ganzen Systems unserer Sitten, und hat ganz und gar nichts mit der Natur zu tun. Chevalier: Marquis, es gibt auf der Welt mehr Natur, und es findet weniger Verletzung der Natur statt, als Sie glauben: man ist, was man sein muß. Es ist mit den Menschen nicht anders als mit den Tieren. Die Hautfalten sind von Natur da; Erziehung und Gewohnheit machen die Schwiele. Sehen Sie sich die Hände eines Arbeiters an: Sie sehen in ihnen das Bild der Natur. Marquis: Ein häßliches Bild! Nach Ihnen soll also die Natur die Frauen schwach geschaffen haben. Und die Weiber der Wilden? Chevalier: Die sind ebenfalls schwach. Marquis: Doch nicht alle, wie mir scheint. Chevalier: Ich gebe zu, daß eine Wilde mit ihrem Stock vier von unseren Gardekavalleristen verprügeln würde; aber beachten Sie, daß der Wilde mit seiner Keule zwölf niederstrecken würde: also bleibt das Verhältnis immer das gleiche. Es bleibt stets wahr, daß die Frau von Natur schwach ist; man bemerkt dieselbe Ungleichheit bei mehreren Arten von Tieren. Vergleichen Sie den Hahn mit den Hennen, den Stier mit den Kühen. Die Frau ist um ein Fünftel kleiner als der Mann und fast um ein Drittel weniger stark. Marquis: Welche Schlüsse ziehen Sie also aus dieser Definition? Chevalier: Daß diese beiden charakteristischen Zeichen, Schwäche und Krankheit, uns den allgemeinen Ton, die wesentliche Farbe für den Charakter des weiblichen Geschlechtes angeben. Wenden Sie diese Theorie im einzelnen und kleinen an, und Sie erklären alles damit. Vor allen Dingen wird ihre Schwäche die Weiber verhindern, sich allen jenen Berufen zu widmen, die einen gewissen Grad von Kraft und viel Gesundheit erfordern, zum Beispiel dem Beruf des Schmiedes, des Maurers, des Seemanns, des Kriegers.... Marquis: Sie glauben, die Frauen wären nicht zum Kriegsdienst tauglich? Ich glaube, sie würden sich gut schlagen. Chevalier: Das glaube ich auch; aber sie würden nicht biwakieren. Sie haben den Mut, der Gefahr die Stirn zu bieten; sie haben nicht die Kraft, die Strapazen zu ertragen. Marquis: Das wäre wohl möglich; das Menschentöten ist ein anstrengender Beruf. Als ich ihn ausübte, kam es mir immer vor, als kostete es viel Mühe, seinen Feind zu töten. Wenn Sie aber den Frauen Mut zubilligen, so werden Sie auch einräumen müssen, daß sie Kraft haben. Chevalier: Keineswegs; ein Sterbender kann wohl Mut haben, ohne die geringste Kraft zu besitzen. Wissen Sie, was der Mut ist? Marquis: Nun? Chevalier: Die Wirkung einer ganz großen Furcht. Marquis: Wenn das kein Paradoxon ist, will ich auf der Stelle tot sein! Chevalier: Nennen Sie's Paradoxon, soviel Sie Lust haben; deshalb ist es doch nicht weniger wahr. Man läßt sich mutig ein Bein abschneiden, weil man eine sehr große Furcht hat, man werde sterben, wenn man es behält. Ein Kranker schluckt ohne Widerstreben eine Medizin hinunter, die ein gesunder Mensch niemals einnehmen würde; man stürzt sich in die Flammen, um seine Geldkiste zu retten, weil man eine sehr große Furcht hat, sein Geld zu verlieren; wenn man gleichgültig dagegen wäre, würde man sich nicht der Gefahr aussetzen. Marquis: Aber wenn diese Wirkungen ihren Ursachen entsprechen, so wird also der Mut, genau wie die Furcht, nichts weiter sein als eine Krankheit der Einbildungskraft? Chevalier: Außerordentlich richtig! Darum haben auch Weise niemals Mut, sie sind vorsichtig und maßvoll; mit anderen Worten: feige. Im großen und ganzen haben nur Narren Mut. Gestatten Sie mir hinzuzufügen, daß die Franzosen die mutigste Nation der Welt sind? Marquis: Nach den indischen Maratten, wenn's Ihnen recht ist. Sie können ein Lob auf meine Nation nicht boshafter anbringen; aber man kennt Sie ja; man weiß, was an Ihnen ist. Chevalier: Schönsten Dank. Ich behaupte also: die Frau ist schwach in der ganzen Anlage ihrer Muskeln: daher ihr häusliches Leben, ihre Anhänglichkeit an den Mann, der für ihren Unterhalt sorgt, ihre Beschäftigung, ihr Handwerk, ihre leichte Bekleidung usw. Marquis: Und warum stellen Sie sie als ein krankes Geschöpf hin? Chevalier: Weil sie es von Natur ist. Zunächst ist sie, wie alle Tiere, krank, bis sie vollkommen ausgewachsen ist. Dann treten die an der ganzen Klasse der Zweihänder so wohlbekannten Symptome ein: daran ist sie, eins ins andere gerechnet, monatlich sechs Tage krank, und das macht zum mindesten ein Fünftel ihres Lebens aus. Dann kommen Schwangerschaft und Kindernähren, zwei recht unbequeme Krankheiten, wenn man es recht nimmt; sie haben also nur Gesundheitspausen während einer beständigen Krankheit. Dieser beinah andauernde Zustand wirkt auf ihren Charakter ein; sie sind anschmiegend und entgegenkommend wie fast alle Kranken; manchmal aber auch schroff und launisch – wie die Kranken, leicht zu erzürnen, leicht zu besänftigen. Sie suchen Zerstreuung und Unterhaltung; ein Nichts amüsiert sie – wie die Kranken. Stets ist ihre Phantasie angeregt: Furcht, Verzweiflung, Hoffnung, Begierde, Abscheu folgen schneller aufeinander als beim Mann, üben eine stärkere Wirkung auf ihr Hirn und verschwinden auch schneller. Sie lieben, lange Zeit zurückgezogen zu sein und zwischendurch einmal fröhliche Gesellschaft zu haben – wie die Kranken. Wir pflegen sie, wir werden mit ihnen gerührt; ihre echten und falschen Tränen gehen uns zu Herzen; wir haben Teilnahme für sie, wir suchen sie zu zerstreuen, aufzuheitern; dann lassen wir sie wieder lange Zeit allein in ihren Zimmern. Dann suchen wir sie wieder auf, liebkosen sie und.... Marquis: Sprechen Sie das Wort nur aus! Bleiben Sie nicht auf bestem Wege stehen! Chevalier: Ja, wir suchen sie zu heilen, indem wir ihnen vielleicht eine neue Krankheit zufügen. Marquis: Fügen Sie hinzu, daß Sie darüber nicht böse sind, sondern es in Geduld hinnehmen, wie Kranke, die man pflegt, oder bei denen man Ätzmittel anwendet. Chevalier: Sie lassen sich's gefallen, gerade wie die Kranken, weil sie glauben, daß alles zu ihrem Besten geschieht, und daß sie sich besser danach befinden. Marquis: Aber wenn die Zeit aller dieser Gefahren und Wagnisse vorbei ist? Chevalier: Dann sind sie allerdings nicht mehr krank, das gebe ich zu. Aber dann sind sie auch so gut wie nicht vorhanden, das werden Sie auch zugeben. Marquis: Wissen Sie, Chevalier, Sie können mir lange vorreden, die Frauen seien ihrem Wesen nach krank; das will mir nicht in den Kopf hinein. Wenn für Ihre Zwecke die Neapolitanerinnen durchaus krank sein müssen, so will ich das zugeben, um Ihnen gefällig zu sein. Aber von den Pariserinnen kann ich es nicht zugeben. Gehen Sie ins Vauxhall, auf den Opernball und sehen Sie sich mal diese Kranken an, die den Teufel im Leibe haben. Sie tanzen ganze Nächte durch und: machen zehn Tänzer müde; sie wachen einen ganzen Karneval hindurch und ziehen sich nicht die geringste Erkältung zu. Und die nennen Sie krank? Chevalier: Mein lieber Marquis, Sie machen mir Einwendungen mit meinen eigenen Gründen. Gerade all das, was Sie da sagen, beweist, daß wir Männer mit unseren Verstandesgaben die Natur der Weiber nicht besser verstehen und definieren können, als indem wir sie »Kranke« nennen, weil sie im gewöhnlichen Zustand vollkommen so sind wie wir in krankem. Haben Sie nicht beobachtet, daß vier Männer kaum genügen, um einen Kranken festzuhalten, der Krämpfe hat oder tobsüchtig ist? Wer von der Tarantel gestochen ist, hat mehr Kraft zum Tanzen als ein Gesunder. Diese ungleiche, übermäßig unbeständige Kraft ist gerade ein Krankheitssymptom und eine Wirkung der ungeheueren Erregung der Nerven, die durch eine erhitzte Phantasie überreizt sind. Die Nervenspannung kommt der natürlichen Schwäche der Fibern und Muskeln zu Hilfe. Darum brauchen Sie nur die Phantasie auszuschalten, und alles ist aus. Jagen Sie die Musikanten fort, löschen Sie die Kerzen aus, nehmen Sie die Lust fort, und die ewigen Tänzerinnen können keine dreißig Schritte zu Fuß machen und kommen völlig erschöpft zu Hause an; sie müssen Wagen und Tragstühle haben, selbst wenn sie nur die Straße zu überschreiten brauchen. Marquis: Sie schlagen mich, wie gewöhnlich, weil es so Gottes Wille ist. Trotzdem fühle ich mich von dem, was Sie sagen, ganz und gar nicht überzeugt und glaube kein Wort davon. Ich glaube wohl, daß Sie recht haben, so wie die Dinge jetzt stehen; aber mir scheint dies alles eine Wirkung der Verderbnis zu sein und keineswegs dem natürlichen Zustand zu entsprechen. Wenn man die Natur gewähren ließe und nicht unaufhörlich ihre Ansichten durchkreuzte, würden die Frauen uns gleichwertig sein, mit dem Unterschiede, daß sie zarter und lieblicher wären. Chevalier: Marquis, Scherz beiseite: glauben Sie, daß es auf der Welt eine Erziehung gibt? Marquis: Oh, dieses Paradoxon ist aber doch zu stark! Ich rate Ihnen freundschaftlich, es etwas zu mildern, es ein wenig einzuschränken oder, wenn Sie wollen, es zu »erklären« – dieses Wort in dem Sinne von »zurücknehmen« verstanden, wie bei den königlichen Erklärungen, die »zur Auslegung vorher erlassener Verfügungen« dienen. Chevalier: Ich habe Achtung vor Ihren Ratschlägen; man kann sie befolgen, denn ich habe mich stets wohl dabei befunden. Ich werde also »erklären«; Sie werden sehen, ob ich »zurücknehme« oder nicht. Man hat viel von »Erziehung« gesprochen, man hat Bände darüber geschrieben, und wie üblich ist das Gebiet überhaupt erst urbar zu machen, das Buch darüber noch ungeschrieben. Dreiviertel von den Wirkungen der Erziehung sind nichts weiter als die Natur selbst: eine Notwendigkeit, ein organisches Gesetz unserer Rasse, eine Wirkung unserer mechanischen Konstitution. Nur ein Teil der Erziehung hängt nicht vom Instinkt ab, hat weder mit der Natur noch mit unserer Anlage etwas zu schaffen und ist nur dem Menschengeschlecht eigentümlich; aber nicht von diesem Teil rührt die Verschiedenheit zwischen Mann und Frau her. Also habe ich recht. Marquis: Wie? Sie sagen, die Erziehung sei ein Instinkt? Chevalier: Ja, natürlich. Alle Tierrassen haben ihre Erziehung: die einen erziehen ihre Jungen zur Jagdr andere zum Schwimmen, noch andere dazu, daß sie ihre Feinde, ihre Beute und die Nachstellungen erkennen, mit denen man sie verfolgt. Der Mann und das Weib erziehen in gleicher Weise instinktmäßig ihre Kinder: sie richten sie ab, daß sie gehen, essen, sprechen; sie schlagen sie und prägen ihnen den Begriff: der Unterwerfung ein; dadurch schaffen sie, die Rute in der Hand, die Grandlage des Despotismus: Furcht . Sie putzen sie mit allerlei Tand heraus und errichten so das Gebäude der Monarchie: durch Ehre und Eitelkeit . Sie küssen sie, liebkosen sie, spielen mit ihnen, verzeihen ihnen ihre kindlichen Streiche, sprechen vernünftig mit ihnen und erwecken dadurch in ihnen die republikanischen Ideen der Tugend und der Familienliebe, die sich dann in Vaterlandsliebe wandelt. Marquis: Sie schließen sich, wie ich sehe, ganz genau der Einteilung und dem System Montesquieus an. Chevalier: Alle Moral ist ein Instinkt, lieber Freund, und nicht die Wirkung der Erziehung verändert und verschlechtert die Natur oder durchkreuzt ihre Absichten. Das bilden Dummköpfe sich ein. Im Gegenteil, alles ist Wirkung der Natur selber, die uns auf diese Erziehung hinweist und uns antreibt, diese Erziehung zu geben, die nur eine Weiterentwicklung der Natur ist. Marquis: Aber was ist denn das für ein Teil der Erziehung, der weder von der Natur noch vom Instinkt abhängt und ausschließlich uns Menschen eigentümlich ist? Chevalier: Die Religion. Marquis: Ah, ich verstehe: man nennt sie übernatürlich, weil sie außerhalb der Natur steht. Chevalier: Die Natur hat uns nicht einmal einen Hinweis auf die Religion gegeben; wir haben keine religiösen Instinkte. Die Religion ist keiner einzigen Gattung von Tieren eigentümlich. Sie ist ein Geschenk, das wir ganz und gar nur der Erziehung verdanken, und ein Mensch, der gar nicht erzogen wäre, hätte ganz gewiß gar keine Religion; ich berufe mich auf die wilden Menschen, die man in europäischen Wäldern gefunden hat. Tatsächlich unterscheidet nur die Religion den Menschen vom Tier; sie ist das Unterscheidungsmerkmal unserer Art. Statt den Menschen als ein »vernünftiges Tier« zu definieren, sollte man ihn ein »religiöses Tier« nennen. Alle Tiere sind vernünftig; der Mensch allein ist religiös. Moral, Tugend, Gefühl sind ein Instinkt in uns. Der Glaube an ein unsichtbares Wesen ist nicht instinktmäßig. Marquis: Sie erinnern mich an einen Schriftsteller, der zum Beweis, daß der Elefant ein vernünftiges Wesen sei, erzählte, man sehe ihn dem Monde eine Art Gottesdienst erweisen; denn an den Tagen des Neumondes und des Vollmondes gehe er andächtig in den Fluß, um seine Waschungen vorzunehmen. Chevalier: Ich glaube nicht, daß der Elefant einen Gottesdienst hat. Aber wenn Sie sehen, daß ein Tier von irgendwelcher Gestalt: ein Nashorn oder eine Schildkröte oder ein Äffchen oder ein Orang-Utang, sich eine Vorstellung von unsichtbaren Ursachen macht, so können Sie wetten, daß dieses Tier ein Mensch ist oder in der dritten Generation ein Mensch werden wird. Marquis: Worin besteht denn nach Ihnen das Wesen dieser religiösen Idee? Chevalier: In dem Glauben an das Vorhandensein eines oder mehrerer Wesen, die durch keinen unserer Sinne wahrzunehmen sind, die unsichtbar, unfaßbar und doch die Ursache gewisser Erscheinungen sind. Marquis: Und die Tiere glauben nicht an so etwas? Chevalier: Nein; wenigstens zeigen sie es uns auf keine Weise. Das Tier sieht den Orkan kommen, es hat Furcht, versteckt sich und wartet, bis er vorüber ist. – Der Mensch sieht den Orkan, stellt sich vor, es gebe ein unsichtbares Wesen, das ihn hervorrufe, und glaubt schließlich, wenn er dieses Wesen besänftige, habe er ein Mittel geigen Stürme. Dies ist die allgemeine Begriffsbestimmung der Religion, und zwar umfaßt sie die wahren wie die falschen Religionen; aber ich will auf die Weiterentwicklung dieser Idee nicht eingehen. Immerhin will ich gegen jeden Freigeist zu behaupten wagen, daß alles, was uns vom Tier unterscheidet, nur eine Wirkung der Religion ist. Politische Gesellschaft, Regierung, Luxus, Ungleichheit der Stände, Wissenschaften, abstrakte Ideen, Philosophie, Mathematik, schöne Künste – mit einem Wort: alles verdankt seinen Ursprung diesem Unterscheidungsmerkmal unserer Art. Marquis: Ich wollte Sie noch fragen, ob wir bei dieser Vorstellung von unsichtbaren Ursachen gewonnen oder verloren haben, ob es eine wahre Religion neben den falschen Religionen gibt, ob die wahren und die falschen gleich gut oder gleich schlecht sind. Ich wollte Sie fragen, woher denn nur, und aus welcher Urquelle, diese religiöse Idee uns kommen konnte, die nicht instinktmäßig ist, die nur durch eine besondere Erziehung sich in uns bildet, die für uns dasselbe ist wie die Reitschule für das Pferd; denn diese Reitschule ist für das Pferd eine Erziehung, die mit der ihm von seiner Mutter, der Stute, gegebenen nichts gemein hat. Aber ich werde Sie nach nichts mehr fragen; denn indem Sie den Menschen als ein »religiöses Tier« definieren, machen Sie mir den Eindruck, als wollten Sie sehr religiös sein. Chevalier: Oder auch sehr dumm. Ich mußte wählen: ich habe es vorgezogen, Mensch zu sein. Das ist reine Geschmackssache. Ich weiß wohl, Rousseau hätte anders gedacht; er zieht es vor, auf allen Vieren zu laufen und läuft einstweilen in langen Unterhosen herum. Das ist nun mal sein Geschmack. Aber Sie haben unsern Ausgangspunkt aus dem Gesicht verloren. Sie werden mir zugeben, daß die Erziehung im eigentlichen Sinn des Wortes, das heißt die Idee der Religion und des Gottesdienstes, auf die Verschiedenheit des weiblichen Geschlechtes von dem unsrigen keinen Einfluß haben kann, da sie uns allen, Männern wie Frauen, gemeinsam ist. Die Frauen haben ebensoviel Religion wie wir. Marquis: Ebensoviel! Ich. glaube, sie haben mehr. Chevalier: Und ich glaube, Sie haben weder mehr noch weniger. Im großen und ganzen läuft es auf folgendes hinaus: wenn sie eine größere Portion Religion haben, so geben wir unserm Teil eine größere Entwicklung. Die Wirkungen bleiben die gleichen. Marquis: Haben Sie das eben erschienene Buch von Thomas über die Frauen gelesen? Chevalier: Nein. Marquis: Er sagt nichts von dem, was Sie gesagt haben. Chevalier: Wissen Sie auch, warum? Marquis: Nein, allerdings nicht! Chevalier: Weil ich nichts von dem sage, was er sagt. Marquis: Das scheint mir klar zu sein. Ach, wie schade, daß ich Sie verlassen muß. Es tut mir recht leid, aber ich habe so viel zu tun. Chevalier: Bleiben Sie; es wird auch ohne Sie fertig. Marquis: O nein! Ich muß unbedingt auf die Quais, um Porträts berühmter Männer zu vierundzwanzig Sous das Stück zu kaufen, Porträts, die gar nicht schlecht sind, das schwör' ich Ihnen. Sie sollen meine Sammlung vervollständigen; ich weiß allerdings noch nicht, wo ich sie unterbringen soll; aber daran werde ich denken, wenn ich sie nur erst habe. Adieu! Chevalier: Meinen Glückwunsch zu dieser Neuerwerbung; aber mir scheint, Sie bezahlen diesmal mehr als für gewöhnlich. Sie richten sich zugrunde, Marquis! Marquis: Man muß doch etwas zu seiner Ergötzung haben. Nochmals Adieu! Leben Sie wohl. Chevalier: Adieu, Freude meines Herzens. [94] An Frau von Epinay Neapel, den 25. April 1772 Die Geschichte von dem Abbé Camdon, schöne Frau, ist nicht die einzige Hoffnung auf die Rückkehr meiner Zähne, die Sie mir gemacht haben. Haben Sie das Lied vergessen, worin alles wiederkam, sogar die Jungfernschaft? Nun, seitdem hoffe ich, neue Zähne zu bekommen, wie jenes keusche Mädchen. Indessen, wenn die Geschichte von dem Abbé Camdon wahr ist, so müßte man diese sonderbare Erscheinung richtig aufklären, ob er in seiner Kindheit die Milchzähne verloren hat, oder ob nicht etwa dieses Nachwachsen der Zähne nur eine verspätete Vegetation ist, die mit sechs Jahren hätte kommen sollen, aber sich erst im sechzigsten gezeigt hat; ob er mit fünfundzwanzig Jahren die letzten Weisheitszähne bekommen hatte; ob er jetzt, wo diese Zähne wiedergekommen sind, auch seine Weisheitszähne zum zweitenmal bekommen hat. Das alles verdiente festgestellt zu werden, und die Akademien würden gut tun, sich damit zu beschäftigen. Ich danke Ihnen für den Aufsatz von Diderot. Er ist seiner würdig und hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit meinem Gespräch über die Frauen. Aber er ist inmitten von Pariser Damen geschrieben, und ich schreibe unter Neapolitanerinnen. Er taucht seine Feder in den Regenbogen, und ich tunke die meine in Theriak. Seine Schrift ist wie ein Pfau, meine wie eine Fledermaus. So ist der Mensch. Immer durchscheinend, glaubt er etwas an und für sich zu sein, und ist doch nur ein Transparent... Gatti wird mich in zehn oder vierzehn Tagen verlassen; ich glaube, er wird nach Frankreich zurückgehen. Nach meiner Meinung ist das die größte Dummheit, die er je gemacht hat. Wie es scheint, kehrt er aus Eigennutz zurück und nicht aus Dankbarkeit. Er wird alles ganz verändert finden, und so wird sein Eigennutz nicht seine Rechnung finden, und tausend Verdrießlichkeiten werden ihm das Herz zerreißen. Ich bin heute abend gar nicht in Stimmung. Behalten Sie mich lieb, schicken Sie mir schnell Bekannte hierher; ohne solche langweile ich mich zu Tode. Adieu... Da fällt mir ein: das Beste hab ich vergessen. Ich habe am Fuß ein Hühnerauge, das mich rasend macht. In Paris wurde ich mal durch ein Pflaster geheilt, das mir ein Geheimdoktor auflegte, den ich durch die Baronin und Madame Helvetius kennen lernte. Ich war für vier Jahre geheilt. Wenn Sie diesen Mann und dieses Pflaster entdecken könnten, wäre das für mich ein Schatz. Sehen Sie, ich empfehle Ihnen mes cors et mes ames – denn ich habe mehrere: seien Sie meine Erlöserin. [95] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Mai 1772 Endlich ist das so heiß ersehnte Ereignis eingetreten: ein Brief von Ihnen hat mich nur drei Soldi gekostet. Ich habe nicht am Stempel erkennen können, welchen Weg er genommen hat; jedenfalls aber war es der rechte Weg. Allerdings kommt er ein paar Tage später an; aber das macht sehr wenig aus. Es genügt, wenn Sie es wissen, damit Sie in einem sehr dringlichen Fall – der wohl nicht wahrscheinlich ist – mir direkt mit der Post schreiben können. Unterdessen wollen wir uns freuen, daß wir das Mittel gefunden haben, zu drei Sous für das Halbgespräch uns unterhalten zu können. Ich werde den Befehlen des Herrn Baron Grimm gehorchen. Vom Kaiser und dem Großfürsten ist die Mode eingeführt worden – und sie wird jetzt von allen Fürsten auf Reisen befolgt – immer in militärischer Uniform zu erscheinen. Der Kleidervorrat des Prinzen August von Sachsen-Gotha und des Herzogs von Glocester bestand aus: den Uniformen ihres Regiments, Trauerkleidung je nach der Jahreszeit, schönen Fräcken, um zu Fuß zu gehen, zu reiten, mit der Post zu fahren usw. Wie Sie sehen, nimmt das alles sehr wenig Platz in den Koffern ein. Die Engländer, die nicht Militärs sind, reisen in Trauerkleidern wegen des Todes Wilhelms von der Normandie, des Eroberers Englands. Die Kurfürstin von Sachsen, die kürzlich von hier abgereist ist, hatte ebenfalls ihren ganzen Hof in Trauer; aber das war sehr ärmlich. Ich rate also dem Herrn Baron folgendes: er muß eine Hofuniform haben, entweder als Offizier oder als Kammerherr; schlimmstenfalls nimmt er die Harlekinsuniform eines Schweizer Barons; denn ob die Barone des Heiligen Römischen Reichs eine haben, weiß ich nicht. Außerdem muß er für alle Fälle Trauerkleidung haben, und endlich einen hübschen Straßenanzug,, um morgens herumzuflanieren. Vor allen Dingen aber rnuß er so gescheit sein, zu begreifen, daß man sich in jeder beliebigen Stadt Italiens nötigenfalls ein sehr schönes Galakleid binnen vierundzwanzig Stunden machen lassen kann, und zwar billiger als in Paris, aber unbestreitbar ebenso gut. Sie können sich nicht vorstellen, wie lächerlich der großbritannische Staatssekretär Lord Shelburne, ein Mann mit einem Jahreseinkommen von sechzehntausend Guineen, sich hier gemacht hat, weil er diese einfache Betrachtung nicht angestellt hatte. Er kam hierher mit seinem schäbigen englischen Traueranzug, und hatte keinen anderen. Nun wurde gerade damals die Schwangerschaft der Königin bekannt gemacht, und es war für drei Tage außerordentliche Gala angesagt. Um nicht zwanzig Louis für ein Galakleid auszugeben, war er so kleinlich, sich dem König nicht vorstellen zu lassen, nirgendwo hinzugehen und sich zu Hause einzuschließen. Er war mein Freund; ich schämte mich so sehr für ihn, daß ich auf seine Freundschaft verzichtete. Der Fall, daß man ein Staatskleid braucht, ist also wie ein außerordentliches Ereignis, z. B. ein Beinbruch, anzusehen, das einem auf Reisen passieren kann; man muß darauf gefaßt sein, aber man braucht ein solches Kleid nicht bei sich zu haben; denn man kann ja nicht ahnen, in welcher Jahreszeit einem das Malheur zustoßen wird. Ich glaube Grimms Wunsch in vollem Maße erfüllt zu haben. Noch eins: Wenn er in seinem Koffer noch Platz hat, kann er einen schwarzen Samtrock mit einer Weste aus Gold- oder Silberstoff mitnehmen; die wäre gut für die Fastenzeit, denn es ist eine Art Uniform für die heiligen Trauertage, die sogar von Militärs getragen wird. Übrigens weiß er wohl, daß der Wiener Hof die Galatage abgeschafft hat. Infolgedessen haben auch Mailand und Florenz keine. In Genua, Venedig, Rom sind niemals Hof feste; wir haben welche, aber unser König trägt stets nur die Uniform seiner Brigade und hat einen Abscheu vor schönen Kleidern. Wenn der Herr Baron mich fragt, was man denn später mit einem Prunkkleid anfängt, wenn man sich unglücklicherweise eins hat machen lassen, so antworten Sie ihm: man macht damit, was man nach dem Glauben jener Dame mit den alten Monden macht, wenn Neumond wird: Man wirft es weg, oder man verkauft es wieder mit Verlust, oder man nimmt es mit, wenn man Platz hat... Gatti ist vor drei Tagen abgereist, und seine Abreise war für mich eine Entwöhnung von Paris. Ich erwarte voll Ungeduld Herrn de Breteuil. Für heute abend bekommen Sie nichts mehr von mir. Machen Sie Ihre Vorhänge fertig, möblieren Sie Ihr Landhaus recht schön und lassen Sie auch ein Bett für mich hineinstellen. Leben Sie wohl. [96] An Frau von Epinay Neapel, den 23. Mai 1772 Schöne Frau, Ihr Brief vom 2. war für mich ein Abgrund voll von moralischen und philosophischen Betrachtungen. Ich bin grade wie der kleine Prophet von Böhmischbroda: ich treibe Metaphysik, wenn ich traurig bin. Ich finde, die Achtung des Nächsten ist ein Gefühl, das uns von Natur widersteht wie das Ipecacuanha ; wir schlucken es gewaltsam hinunter, und unser Magen möchte es sobald wie möglich wieder von sich geben. Ich finde ferner, daß Bewunderung etwas ganz anderes ist als Achtung. Man bewundert einen Seiltänzer, ohne ihn zu achten; man achtet Herrn de Mairan, ohne ihn zu bewundern. Bewunderung ist ein Gefühl, wofür wir Geschmack und Neigung haben; es widersteht uns nicht, sondern gefällt uns, gefällt uns sogar zu sehr. Daher haben die Menschen weniger Achtung vor ihrem Nächsten als nötig wäre, und zuviel Bewunderung für ihn. Aber warum? Suchen wir den Grund. Es geschieht, weil wir stets uns selber achten und niemals uns selber bewundern. Der Seiltänzer macht seine Kunststücke mit solcher Leichtigkeit und natürlicher Geschicklichkeit, daß er sich höchstens wundert, warum nicht andere dasselbe machen wie er. Daher kann er sich innerlich niemals bewundern. Aber er achtet sich. Die Bewunderung ist eine Wirkung der Vergleichung der Kraft; die Achtung entsteht durch Vergleichung der Vernunft. Nun glaubt stets ein jeder Mensch mehr Vernunft zu haben als alle anderen; aber solange er es nicht selber versucht hat, glaubt er weniger Kraft und Geschicklichkeit und Talent zu haben als andere. Diese Furcht, zu schwach zu sein, ist die sogenannte falsche Scham, die eine hohe Schätzung der eigenen Person nicht ausschließt. Zum Beispiel : ein Fräulein von fünfzehn Jahren, das aus falscher Scham keine Verbeugung machen kann, glaubt genug Vernunft zu haben, um ein entscheidendes Urteil dahin abzugeben, daß der Stand einer Nonne besser sei als der einer verheirateten Frau; und Sie werden sie niemals überzeugen, daß sie unrecht hat... Ihren Brief erhielt ich zusammen mit dem ihrer Tochter. Zum Glück öffnete ich den Ihrigen zuerst; so erfuhr ich Ihre Genesung, ehe ich noch ein Wort von der Krankheit wußte. Sie sehen, die Postverspätungen sind manchmal doch zu etwas gut. Übrigens sind Ihre Briefe jetzt erstaunlich billig: sie kosten jetzt nur drei Soldi. Um dieser Billigkeit willen müssen wir schon etwas Langsamkeit in den Kauf nehmen. Aber ich möchte wohl wissen, auf welchem Wege die Briefe gehen. Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, sie kommen von Rom mit der spanischen Post. Sie hätten mir wohl etwas über meinen »Dialog über die Frauen« sagen können. Sie mußten bewundern, wie schnell ich damit niedergekommen bin, und besonders welch lebhafte Erinnerung an Paris und die Kreise, in denen ich lebte, ich mir bewahrt habe. Wirklich, das Gespräch klingt nicht nach einem, der Sie seit vollen drei Jahren nicht gesehen hat. Man könnte glauben, ich hätte abends mit Ihnen, dem Marquis, Grimm und Konsorten gespeist und hätte dann bei mir zu Hause gleich das Gespräch niedergeschrieben. So groß ist meine Leidenschaft für Paris, für Sie, für meine Freunde... [97] An Frau von Belsunce Neapel, den 30. Mai 1772 Madame, von Mama sind diese Woche keine Briefe da; so sind denn jetzt Sie an der Reihe, und ich muß auf Ihre Epistel antworten; ich sage nicht Brief, sondern Epistel, denn sie gleicht denen des heiligen Paulus, indem sie wie diese weder Ort noch Datum trägt. Das ist eigentlich bequem. Man kann mir nicht vorwerfen, zu spät geantwortet zu haben. Noch eine Ähnlichkeit mit denen des heiligen Paulus: sie ist voll von furchtbaren Gleichnissen. Ich sehe darin ein verhaltenes Fieber, das mit einer knurrigen Miene aufgenommen wird, und das alles ist ebenso hebräisch wie die Vision des kleinen Propheten, der Baron von Gottes Gnaden ohne Baronin und ohne Baronie. Letzte Ähnlichkeit: sie macht mich jetzt traurig wegen Mamas Gesundheit und erheitert mich nur durch ferne Hoffnungen. Als Antwort hätte ich Ihnen ein kleines Märchen dichten sollen; aber ich bin wirklich ganz stumpfsinnig. Sie wollen das nicht glauben? Nun, Sie werden es verspüren! Was mich in der öffentlichen Achtung wiederherstellen könnte, wäre die »Geschichte der Katzen«, an der ich jetzt arbeite. Nach meinen Beobachtungen ist bei den Katzen die Vielweiberei seit undenklichen Zeiten erlaubt; ich finde ferner, daß die eheliche Verbindung während der Schwangerschaft verboten ist, nicht aber während des Säugens der Jungen. Dies beweist mir, daß man tuta conscientia eine Amme beschlafen kann, trotz der Meinung der Jesuiten Jamburin, Azorius und Sanchez, die das Gegenteil behaupten. Ich finde endlich, daß die Galanterie des Katers und seine Verehrung der Damen darin besteht, daß er ihnen den Vortritt gewährt und sie vorausgehen läßt; dabei muß der Schwanz der Katze von Zeit zu Zeit leicht das Maul des Katers berühren. Hieraus schließe ich, daß wir eigentlich den Damen nicht den Arm geben sollten, sondern... Sie müßten sich dann umdrehen und uns ins Gesicht blasen. Von nun an werde ich den Damen nur nach diesen Grundsätzen den Hof machen. Üben Sie sich auf diese Methode ein für den Augenblick, wo ich wieder über dem Pariser Horizont auftauchen werde; dieser Augenblick wird kommen, und zwar in wenig Jahren, wenn der Tod sich an die Regel hält und mich nicht vor denen wegholt, die älter sind als ich. Aber was wird man in Paris sagen, wenn man mich völlig zahnlos sieht? Wird man nicht meinen Gesichtsausdruck lächerlich finden? Ich werde den Baron von Grimm sein Urteil darüber abgeben lassen, wenn er hierher kommt; wenn er mir rät, mit meinem um zwei Zoll verkürzten Gesicht wieder zu erscheinen, werde ich nach Paris zurückkommen. Das Papier ist zu Ende. Guten Abend. [98] An Frau von Epinay Neapel, den 6. Juni 1772 Ihr Brief vom 16. Mai, schöne Frau, trägt die Ortsangabe Neapel, statt Paris. Sie sind also in Neapel. Ich nehme das für ein sehr gutes Vorzeichen und hoffe, es wird in Erfüllung gehen. Sie sagen mir, ich hätte keine triftigen Gründe, hier zu sein, nur mein Ehrgeiz sei schuld. Ach, wie weit sind Sie da von der Wahrheit entfernt! Ihre Bemerkungen beweisen mir immer mehr, was ich stets schon glaubte: ein Franzose, und sei er noch so klug, kann sich niemals einen Begriff von einem Lande machen, das anders ist als Frankreich. Ich will jedoch versuchen, Ihnen eine Vorstellung von dem meinigen zu geben. Sie müssen wissen, wenn ich Neapel verließe, könnte ich in Paris betteln gehen. Zunächst müßte ich mein ganzes Gehalt aufgeben, und dies bildet die Hälfte meines Einkommens. Aber mir bleiben doch, werden Sie sagen, mindestens 6000 Francs Einkünfte aus meinen Abteien. O nein! Ich würde auch diese verlieren. Man würde mir zwar die Abteien nicht wegnehmen; aber es würde keinem meiner Pächter einfallen, mich zu bezahlen. Wir leben hier in einem solchen Zustand von Anarchie, daß niemand die Gesetze der Gerechtigkeit fürchtet; aber dafür fürchtet man die Ungerechtigkeit, und da ich Beamter bin, kann ich Unrecht zufügen. Man fürchtet mich, man bezahlt mich. Man bezahlte mich auch, als ich in Paris war, weil ich im Dienst des Königs dort war und weil man einsah, daß ich als Beamter zurückkehren könnte; aber wenn ich den Dienst aufgäbe, würde kein Mensch mich bezahlen, denn meine Einkünfte stammen von Abteien, das heißt von Landgütern in entlegenen Provinzen. Ein Franzose kennt solche Unsicherheit nicht, noch weniger ein Engländer. Wo er auch sein mag, die Justiz seines Landes beschützt sein Grundeigentum. Hier ist man nur sicher aus gewissen Rücksichten. Man muß gefürchtet sein, um etwas in der Gesellschaft zu gelten. Sie sehen also, ich kann nicht von hier weg, wenn ich nicht in Paris sechzigtausend Franken finde. Finden Sie die, und nennen Sie mich ein Scheusal, wenn ich nicht komme ... Meine Leichdörner seufzen nach Ihren Briefen. Ich vereinige meine Gebete mit den ihrigen. Obwohl sie ihrer Natur nach ein hartes Herz haben, werden sie Sie über alle Maßen lieben, wenn Sie das Mittel finden, sie zu erweichen. Unsere Königin hat vorige Nacht um halb zwei Uhr tapfer ein kleines Mädchen gekriegt; besser als nichts. Wir haben hier eine Heilige, die auf Wunsch des Erzbischofs wegen der Unruhe, die sie verursachte, ausgewiesen wurde; die hatte prophetzeit, die Königin werde am sechsten Mai um halb zwei Uhr in der Nacht niederkommen. Sie hat Tag und Stunde vollkommen richtig erraten, nur im Monat hat sie sich geirrt. Sagen Sie mir, muß man diese Weissagung zu den guten rechnen? Ich für meinen Teil finde sie gut; denn den schwierigsten Teil der Aufgabe hat sie gelöst, nämlich die Bestimmung von Tag und Stunde. Geben Sie Ihr Urteil darüber! Sie sagen mir recht wenig Worte über meinen Frauen- Dialog. Sagen Sie mir Gutes oder Schlechtes darüber, aber elektrisieren Sie mich. Schweigen ist eine Art Verachtung, die meine Dialoge nicht verdienen. Leben Sie wohl; umarmen Sie alle meine Freunde. Guten Abend. [99] An Frau von Epinay Neapel, den 13. Juni 1772 ... Was? Ihre großen Geister wußten nicht, was die Klasse der Zweihänder ist? Ihre. Die der Affen und der Menschen. Herr de Buffon hat uns belehrt, daß Zweifüßer im eigentlichen Sinne nur die Vögel sind; Vierfüßer sind alle sogenannten Tiere. Menschen und Affen haben zwei Hände und zwei Füße; deshalb nennt er sie Zweihänder. Ihr unterscheidendes Merkmal ist, daß die weiblichen Zweihänder die monatliche Regel haben, und diese Unbequemlichkeit bedeutet für die Freuden der Liebe einen Abzug von 15%. Eine schreckliche Steuer! Drei Zwanzigstel! Was hat sie mich in Paris gekostet! Ich habe Ihnen die Schwierigkeiten auseinandergesetzt, die meiner Rückkehr nach Paris entgegenstehen. Alles zu verlieren, was man hat, eine schreckliche Verlegenheit. Wenn es hierzulande jemals wieder eine Rechtspflege geben wird, so daß man hoffen darf, selbst in seiner Abwesenheit bezahlt zu werden, so nehmen Sie mich sofort als abgereist an; es sei denn, daß Sie nicht schon vorher ein Mittel finden, mir zu ersetzen, was ich opfere. Heute abend habe ich nur noch soviel Zeit, Ihnen zu sagen, daß ich Sie zärtlich liebe und noch mehr lieben werde, wenn meine Leichdörner gründlich geheilt sind... [100] An Frau von Epinay (Antwort auf die Hühneraugenpflaster) Neapel, den 19. Juni 1772 ... Gatti ist seit mindestens vierzig Tagen von hier fort. Er hat mir niemals die geringste Nachricht von sich zukommen lassen, ebensowenig seine Mylady, mit der er reist. Ich wäre darüber erstaunt, wenn ich nicht meinen Mann kennte. Ich weiß tatsächlich nicht, ob er noch lebt oder tot ist. Ist er noch am Leben und kommt er nach Paris, so wird er Ihnen von mir erzählen. Meinetwegen soll er in Paris machen, was er will. Mich ärgert nur, daß hier seit seiner Abreise niemand mehr geimpft wurde; ich hatte das ja vorausgesehen. Ich liebe meine Heimat, ich fürchte die Häßlichkeit meiner Landsmänninnen; darum betrübt mich sein Fortgang. Nun zu den Pflastern! Sie kommen in diesem Augenblick an. Ihre Wirksamkeit ist tatsächlich wunderbar, unbegreiflich. Acht Tage vor ihrem Eintreffen waren meine Hühneraugen wieder gut; ich hatte keine Schmerzen mehr. Obwohl ich also geheilt bin, habe ich mir soeben ein Pflaster aufgelegt; es tut mir scheußlich weh; ich schließe daraus, daß Ihre Pflaster besser von ferne wirken, als wenn man sie auflegt. Es sind schlechte örtliche und ausgezeichnete sympathetische Heilmittel. Nun, wie dem auch sei, ich werde Ihnen nächste Woche genaue Nachricht darüber geben. Kein Brief von Ihnen zur Begleitung der Pflaster! Was machen Sie denn? Immer noch damit beschäftigt, aus Ihrem Sohn einen Schlagtot zu machen?... Hat Grimm meine Antwort über die Art und Weise, wie er sich auf Reisen kleiden muß, erhalten? Harlekin, Schweizer Baron, muß sein Vorbild sein. Er muß große Taschen voll von Kleinodien haben; wie zum Beispiel: Leuchter, Rasierbecken, silberne Kochtöpfe usw. Haben Sie mich lieb, lassen Sie sich's gut gehen. Ich lege Ihnen ans Herz, mich immer zu lieben und mir mein Geld wieder zu schaffen. Das ist das Gesetz und die Propheten. [101] An Frau von Epinay (Antwort auf die allerschönste Nummer) Neapel, den 27. Juni 1772 Ach, Madame, wie klug Sie sind! Ihr Brief vom 30. Mai hatte mich zerschmettert. Ich verwünschte Ihren Einfall, mir eine Nachricht zu geben, die mich in tödliche Unruhe versetzte. Anderseits entschuldigte ich Sie. Sie hatten einen zu großen Kummer, um ihn nicht mit Ihren Freunden zu teilen. Ich sah es also als ein Glück an, daß Sie mir auf dem neuen Wege geschrieben hatten, und daß ich, da ich auf dem Lande war, Ihren furchtbaren Brief erst drei Tage später, nämlich Dienstag, öffnete. Von diesem Augenblick an wußte ich nicht mehr, wo mir der Kopf stand; ich erzählte, daß Grimm krank sei, allen möglichen Leuten, die ihn gar nicht kennen. Sie können sich nicht vorstellen, welche Qualen man aussteht, wenn man dreihundert Meilen weit weg ist. Meine einzige Hoffnung war, daß Sie so klug sein würden, mir den nächsten Brief mit der Post zu schicken, so daß ich ihn Freitag erhalten würde. Sie waren so klug. Ich habe 35 Sous bezahlt, und das nenne ich wohlausgegebenes Geld! Ich weiß nicht, ob es mir gelingen mag, Ihnen zu schildern, in welcher Lage ich war und wie ich mich benahm, als ich Ihren Brief erhielt. Der Bediente hatte nur Ihren Brief allein auf der Post vorgefunden. Er brachte ihn mir, ich erkannte ihn als von Ihnen, ich wurde aufgeregt, erbleichte und wagte kaum, ihn zu öffnen. In meiner Gedankenverwirrung fiel mir ein, er hätte mit schwarzem Lack gesiegelt sein müssen, wenn irgendein Unglück eingetreten wäre. Ich öffne ihn also, und in demselben Augenblick besinne ich mich und finde, daß das Anzeichen des roten Siegels mich doch nicht beruhigen könnte. Von neuem fängt mein Herz an zu klopfen, und ich werfe die Augen auf Ihren Brief, ohne aber recht hinzusehen. Der Brief beginnt: Grimm est hors ... ich lese: Grimm est mort ... und ich glaube in Ohnmacht zu sinken. Ich will die Stelle noch einmal lesen, aber mag sie doch nicht lesen, und da lese ich: Grimm est mort d'affaires . Das kam mir seltsam vor. Nun sehe ich mir mutig das Geschreibe näher an, und da hab ich denn Ihren Brief richtig gelesen, durchgaloppiert, verschlungen. Im Grunde genommen finde ich jedoch eine Art Prophezeiung in meiner verkehrten Leseart. Grimm ist hors d'affaire ; aber die Geschäfte haben ihn tot gemacht oder werden ihn tot machen. Dieser Strohsessel ist sein Tod! Wenn man den ganzen Tag ein großes Viereck am Hintern hat, wie kann man sich dann einbilden, durch so ein Ding hindurch sich ordentlich auszuleeren? Um Gotteswillen, ordnen Sie an, daß ihm überall freie Öffnung gemacht wird, daß man ihn sogar wie ein Kind mit offenem Höschen auf der Straße herumlaufen läßt. Er kann ja sagen, es sei das Zeremonienkleid der deutschen Barone, die keine Baronie haben, und deren Lehnseinkünfte von den Gütern des Heiligen Römischen Reiches nicht genügen, um Hosenböden bezahlen zu können... [102] An Diderot Neapel, den 5. September 1772 Mein lieber Freund, werden Sie mir's glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich mehrere Nächte von Ihnen geträumt habe, und daß ich gerade diese Woche große Lust hatte, Ihnen zu schreiben? Da erhalte ich von Ihnen ein paar Zeilen, die mir kostbar schon wegen der Schrift erscheinen, und wegen der Hand, die sie aufs Papier geworfen hat: Übrigens sehe ich, daß die Herren Russen Sie zu einem Irrtum verlockt haben. Diese Reise von der ich schon seit drei Monaten durch die englischen und holländischen Zeitungen wußte, ist weder wunderbar, noch ist sie die erste. Der Weg von Kamtschatka nach dem amerikanischen Festland ist zuerst von Herrn de l'Isle gemacht worden. Die Reise von Kamtschatka nach Japan war früher schon unternommen worden, und der übrige Teil des Weges, von Japan nach China, ist sehr bekannt. Diese Entdeckung ist also keine, und die Reise hat gar keinen Zweck. Es wird niemals Handel zwischen China und jenem unglücklichen Lande geben. China ist zu reich und Kamtschatka ist zu arm. Das eine hat nichts zu holen, und das andere hat nichts zu geben. Der wahre Grund, warum dieser Abenteurer die Reise als erster macht, ist der, daß zum erstenmal sich die Gelegenheit bot, sie zu machen. Indessen freut es mich recht sehr, daß unser Jahrhundert wieder Geschmack an Entdeckungsreisen findet. Die Entdeckung neuer Länder ist das einzige, was den Menschen größer macht und seine Natur und seinen Genius zur Geltung bringt. Doch muß man unwillkürlich sich wundern, wie wenig Mühe es uns kostet, zu Wasser oder zu Lande nach unbekannten Ländern zu gehen, wenn man damit vergleicht, welche Beschwerden unsere Vorväter hatten. Sehen Sie, wie entnervt, verweichlicht, entartet wir sind. Alle Fortschritte der Wissenschaften haben die Rückschritte an Kraft und echter Tapferkeit nicht ausgleichen können. Wir müssen starkes Gewicht legen auf zwei Arten von Reisen: zu Wasser nach den Australländern; zu Lande die Durchquerung Amerikas von Quebec bis an das Meer nördlich von Kalifornien. Dies sind die beiden wirklich nutzbringenden Ziele. Es wäre noch ein drittes da: das Vordringen nach der Mitte von Afrika. Aber das werden wir nicht machen. Die Aufgabe geht über unsere Kräfte. Sie fragen mich, ob ich den Abbé Raynal gelesen habe? Nein; aber warum nicht? Weil ich weder Zeit noch Lust mehr zum Lesen habe. Ganz allein lesen, ohne einen Menschen zu haben, mit dem man sprechen oder streiten, vor dem man sein Licht leuchten lassen, den man anhören oder von dem man sich anhören lassen kann – das ist unmöglich. Europa ist für mich tot. Man hat mich in die Bastille gesteckt. Ich gehöre jetzt dem vegetabilischen Reich an und sehe mich in einer Wüste, umgeben von Sümpfen, Klötzen und jenen truncus inutile lignum , aus denen ich von Zeit zu Zeit Priape machen sehe. Ich warte, daß an mich die Reihe kommt, und ich bitte Gott, es möge früh genug sein, daß ich noch alle Attribute meiner Göttlichkeit zur Geltung bringen könne. Ich umarme Sie, lieber Philosoph, von ganzem Herzen. Lieben Sie den, der Sie anbetet! Leben Sie wohl! [103] An Frau von Epinay (Antwort auf Nr. 2 und 3) Neapel, den 5. September 1772 Ich habe sie gleichzeitig erhalten. So habe ich denn die traurige Nachricht vom Tode unseres armen Marquis um acht Tage später erfahren. Seien Sie nicht erstaunt: sie hat mich bei weitem nicht so schmerzlich berührt, wie ich selber geglaubt hätte. Diese Erscheinung hat mich erstaunt, hat mir beinahe Abscheu von mir selbst erregt, und ich bin daher der Ursache tiefer nachgegangen. Nicht die Abwesenheit ist schuld; auch hat sich mein Herz nicht verändert oder verhärtet. Der Grund ist der: man hat für das Leben eines andern nur so viel Anhänglichkeit, wie man für sein eigenes hat; und wir hängen am Leben nur entsprechend den Freuden, die es uns gewährt. Ich verstehe jetzt, warum die Bauern ruhig sterben und stumpfsinnig ihren Nächsten sterben sehen. Ein Mensch, der auf Lebenszeit nach Bicêtre geschickt wäre, würde sich aus allen Todesfällen der ganzen Welt nichts machen. Dies ist die Ursache der kriegerischen Tapferkeit: das Leben dauert nur einen Feldzug. Man schlägt sich tapfer, nachdem man eine Nacht auf Winterbiwak verbracht hat; man verachtet sein Leben wie das des Nächsten; es ist einem zur Last. Wenn Sie daher mehr geweint haben als ich, so ist das ein sicheres Zeichen, daß trotz Ihrem Kummer und Unglück Ihr Leben in Paris weniger abgeschmackt ist als meins in Neapel, wo nichts mich fesselt außer zwei Katzen, die ich bei mir habe; als gestern eine von diesen durch die Schuld meiner Leute sich verlaufen hatte, geriet ich in Wut und entließ mein ganzes Gesinde. Zum Glück wurde der Kater heute morgen wieder gefunden, sonst hätte ich mich vor Verzweiflung aufgehängt. In solchem Zustand lebe ich; nun sagen Sie selber: was ist besser – Kummer oder Verblödung? Ich wundere mich keineswegs, daß Grimms Gesundung lange Zeit erfordert; aber ich möchte, daß er und Sie sich nicht darauf versteiften, sie durch Reisen oder Heilmittel beschleunigen zu wollen. Wir kennen nicht die wachstümliche Kraft der Natur, noch auch die Zeit, die sie braucht. Geduldig abwarten ist das beste. Beachten Sie dieses, und wenn der Marquis durch eigenen Fehler gestorben ist, so wollen wir daraus den Schluß ziehen, selber keine anderen Fehler zu begehen. ... Ich antworte dem Philosophen in beiliegendem Brief; die philosophische Geschichte ist also vom Abbé Raynal? Es gibt auf der Welt wenige, die ich mehr verehre und liebe. Daher freue ich mich sehr über den Erfolg seines Buches; es ist sehr gut geschrieben, in einem blumenreichen Stil; es ist das Buch eines ehrenwerten, sehr gut unterrichteten, sehr tugendhaften Mannes; aber es ist kein Buch für mich. In politischen Dingen erkenne ich nur den reinen, unverfälschten, rohen, grünen Macchiavellismus an. Er wundert sich, daß wir den Negerhandel in Afrika betreiben; warum wundert er sich nicht auch, daß man Maultiere von der Guienne nach Spanien verhandelt? Gibt es etwas Scheußlicheres, als Stiere zu kastrieren, Pferden den Schwanz zu stutzen usw.? Er wirft uns vor, in Indien wie Räuber zu hausen; aber Scipio und Caesar können recht wohl als Räuber angesehen werden, die in die Küstenländer der Berberei, beziehungsweise in Gallien, einbrachen. Er sagt, das werde einen üblen Ausgang nehmen. Aber alles Gute nimmt einen üblen Ausgang! Das Kalbfleisch von Pontoise wird zu ...; also essen Sie es ja nicht! Der Tanz führt zu Müdigkeit; also tanzen Sie doch nicht! Aus Liebe wird Leid; so lieben Sie doch nicht. Meiner Ansicht nach soll man so viele Neger kaufen, wie man uns verkaufen will; wir werden uns schon ohne Negerhandel behelfen, sobald es uns gelingt, sie in Amerika zu akklimatisieren. Ich bin ferner der Meinung, wir sollen unsere Verheerungen in Indien fortsetzen, so lange es uns dabei gut geht; wir können uns zurückziehen, sobald wir einmal geschlagen werden. Geben Sie Ihre irrige Meinung auf, daß es auf der Welt gewinnbringenden Handel gebe. Der einzige gute Handel besteht darin, daß man Stockhiebe austeilt und dafür Rupien erhält. Es ist der Handel des Stärkeren. Da haben Sie mein Buch. Guten Abend. [104] An Frau von Epinay Neapel, den 19. September 1772 Schöne Frau, niemals habe ich einen Brief von Ihnen mit solcher Ungeduld erwartet wie den soeben empfangenen vom 22. August. Sie hatten mein Herz und meine Gedanken in schwarze Sorgen gehüllt, wegen des Gesundheitszustandes unseres Freundes. Wie ich sehe, sind Verletzungen der inneren Teile zurückgeblieben. Geschwüre können an diesen nicht vorhanden sein, denn solche würde man bemerken: es wäre Eiterung eingetreten. Die Heilung der Wunden wird sehr lange Zeit erfordern, gerade weil keine Eiterung da ist. Es scheint mir Wahnsinn zu sein, daß er eine Reise unternehmen will; denn die Wagenfahrt wird ihm Schmerzen verursachen. Indessen möchte ich ihn doch auch gerne wiedersehen; also richten Sie sich ein! Danken Sie dem Philosophen für die mir freundlichst gesandte Beschreibung des Grabdenkmals. Es ist prachtvoll, abgesehen von einer Einzelheit, auf die ich Sie bitte, ihn aufmerksam zu machen. Die Alten haben uns in allem übertroffen; das ist eine Tatsache. Niemals haben sie den Tod gemalt oder plastisch gebildet: er ist eine häßliche, ekelhafte, abstoßende Gestalt, und wir haben von ihm weiter nichts, als daß er uns das Leben vergiftet. Die Darstellungen auf den Gräbern der Alten sind stets heiter und anständig; ihre Hölle ist der Aufenthalt ehrenwerter und geschmackvoller Menschen. Um die Seelen zum Orkus zu führen, gebrauchen sie stets Merkur, einen jungen Mann mit sehr angenehmen Gesichtszügen. Der Schlangenstab, das Sinnbild des Friedens und der Ewigkeit, ist ihm nur in seiner Eigenschaft als Seelenführer zugeteilt. Hierin stimmen alle Denkmäler des Altertums überein. So würde ich denn statt des Todes oder einer symbolhaften Gestalt auf dem Gothaischen Denkmal Merkur anbringen: die Attribute des Gottes sind so leicht erkennbar, daß jedermann die Bedeutung der Figur sofort errät: der Flügelhut, die Flügel an den Füßen, der Schlangenstab. Man vermeidet auf diese Weise eine häßliche Gestalt oder eine schwer zu erkennende symbolische Figur, für die sich kein Beispiel und keine Autorität anführen ließe. Aber der Vorteil bestände darin, daß in zwangloser Weise die Gruppe dann vier Figuren enthielte, zwei männliche und zwei weibliche, und das wäre ausgezeichnet. Diese vier Figuren wären: Merkur als Jüngling, der Herzog als Greis, die Herzogin als bejahrte Frau, das Land als junges Weib. So wären also die vier Lebensalter vertreten, und das wäre noch ausgezeichneter. Sollten nun etwa Ignoranten nicht wissen, daß Merkur der Führer der Schatten ist, so wird es ihnen doch genügen, wenn sie sehen, daß er der Gott des Friedens ist, der die beiden tugendhaften Seelen zum Grabe und so zum ewigen Frieden führt. Dies würde den letzten Schimmer von Heidentum beseitigen, das scheinbar dem Denkmal anhaften könnte. Der Philosoph hat mich zu lieb, um es mir übel zu nehmen, daß ich ihm einen Rat gebe; im Gegenteil, er wird mir dafür danken ... [105] An Frau von Epinay Neapel, den 17. Oktober 1772 Schöne Frau, ich erhielt von Ihnen Nr. 6 vom 5. September: ein sehr kurzer Brief, und ein sehr trauriger, wegen der Unruhe, die Ihnen die schwankende Gesundheit und die verdrießliche Laune des Strohsessels machten. Dieser Brief betrübte mich und benahm mir alle Lust zu einer Antwort. Dann vergingen zwei Wochen, ohne daß ich einen Brief von Ihnen erhielt. Kummer und schlechte Laune wurden noch stärker in mir, und es war mir unmöglich, Ihnen zu schreiben. Paris war mir beinahe zum Abscheu geworden; ich wußte nicht einmal, ob nicht etwa ein Erdbeben es verschlungen hätte. Ich sah mich vernachlässigt, darum vernachlässigte auch ich Sie. Auf einmal kommt Ihr Brief vom 26. September an; er trägt die Nummer 9. Also sind zwei Briefe von Ihnen verloren gegangen; das tut mir unendlich leid. Ihr Brief enthält nur tiefsinnige Betrachtungen über die Ursachen der Verzögerungen, des teuren Portos und des Verlorengehens unserer Briefe. Es ist wirklich der Höhepunkt des Unglücks, daß ein Teil Ihrer Briefe verlorengeht, und daß der andere Teil nur Untersuchungen enthält, durch wessen Schuld sie verloren gegangen seien. Briefe, in denen weiter nichts steht, verdienten verloren zu gehen. Sie wünschen, ich soll den Chevalier de Magallon nicht mehr mit »Monsieur« anreden. Ich würde ihn sogar »Sire« nennen, wenn Sie es befehlen. Sie wünschen, daß ich meine Briefe an ihn adressiere; wie Sie sehen, tue Ich es. Sie wünschen, daß ich vor Ihnen auf die Knie falle; um das tun zu können, müßte ich Beine von dreihundert Meilen Länge haben. Wo soll ich armer, unglücklicher Zwerg so lange Beine hernehmen? Meine sind ja kaum anderthalb Fuß lang und, wenn auch nicht übermäßig fett, so doch recht rundlich. Sie verlangen, ich solle überzeugt sein, daß Magallon eine zärtliche, lebhafte, warme Liebe zu mir hege. Ich muß Sie recht lieb haben, um mich mehr auf Ihr Wort als auf meine eigenen Augen zu verlassen. Es bleibt doch immer dabei, daß man in vollen drei Jahren, trotz dem Eintreten so günstiger Umstände, für mich in Paris nichts getan hat. Vielleicht hat man nicht einmal meinen Namen an jenen Stellen genannt, wo man ihn hätte erwähnen müssen. Gott allein hat mich gerächt, und hat es getan trotz allen meinen Freunden, die noch mehr Freunde ihres eigenen Wohlergehens und der Ortsanwesenden waren, und die an mir nicht mal meine Sehergabe schätzten, die vielleicht nicht einmal bemerkt haben, daß alles genau so gekommen ist, wie ich es vorhergesehen hatte. Übrigens ist es recht leicht, einem Abwesenden zu sagen, er habe unrecht, er urteile ohne Sachkenntnis und über Dinge, die er selber nicht sehe. Aber gerade weil er abwesend ist, wäre man recht in Verlegenheit, sollte man ihm diese Tatsache nachweisen. Sie berufen sich auf die Autorität und verlangen von mir, daß ich mich auf den weiblichen Takt verlassen soll. Ja, wenn Sie bei Hofe wären; aber Sie sind auf dem Lande und sind darum ebenso weit entfernt wie ich. Viel besser wäre es gewesen, Sie hätten mir geraten, mich dem Fatalismus zu ergeben; ich kenne nichts Tröstlicheres und zugleich Trostloseres. Der Fatalismus hat zugleich die angenehme Eigenschaft (die man bis jetzt nicht erkannt hat oder die jedenfalls, soviel ich weiß, noch von keinem Philosophen bemerkt wurde): daß er der Vater der Neugier ist. So ist das Walten des Schicksals das eigentümlichste Ding von der Welt: ohne dieses gäbe es nichts Unerwartetes, nichts von Interesse: alles wäre zum voraus berechnet, und der Sturz eines Ministeriums würde kein größeres Interesse erregen als Tagundnachtgleiche und Sonnenwende: er würde zum voraus im Kalender gedruckt stehen... Gleichens Aufenthalt in Paris macht mir außerordentlich viel Freude. Mir klingen die Ohren von allem, was er von mir sagt und was man von mir spricht. Ich sehe ihn in allen Häusern, bei allen Diners, wie man ihn umarmt, feiert und dann nach mir ausfragt. Wenn es wieder Mode würde, aus der Unterwelt zurückzukehren, wie einst der selige Orpheus – ich glaube, man würde Gleichens Rolle spielen. Die ersten Gefühlsergüsse würden dem Zurückgekehrten gelten, die zweiten den dort unten Gebliebenen. ... Haben Sie mich lieb. Die Ungewißheit des Schicksals, die Mutter der Neugier, hindert mich zu wissen, ob, wann und auf welche Weise wir uns wiedersehen werden. Leben Sie wohl. [106] An Frau von Epinay Neapel, den 24. Oktober 1772 Ihr Brief vom 1. Oktober hat mich sehr befriedigt. Sie scheinen heiterer und ruhiger als in den vorhergehenden. Gott sei dafür gelobt. Zunächst will ich Ihre Frage beantworten. Ihr Rezept für stagna sangue hat den Erfolg gehabt, den alle Heilmittel haben, die nicht von behandelnden Ärzten, sondern von teilnehmenden Freunden vorgeschrieben werden. Man hat eifrig darum gebeten, hat den armen Unbedachtsamen, der es vorschlug, weidlich darum gedrängt, hat es gleichgültig in Empfang genommen, hat es nicht angewandt, und hat geglaubt, man sei geheilt. Daß ich von dem antiskorbutischen Wein das Rezept besitze, ist mir sehr angenehm; aber getrunken habe ich ihn nicht. Man nimmt Medizin mehr oder weniger eifrig; je nachdem man am Leben hängt. Darum nehmen alte Leute fortwährend Medizin, junge aber nie. In Neapel also werde ich keine nehmen; in Paris hätte ich's getan. Gleichen hat Ihnen meine Lage nicht richtig geschildert; ich werde sie Ihnen mit zwei Strichen deutlich machen. Stellen Sie sich vor, daß Confucius in einer einzigen Nacht nach Paris versetzt wäre, wo kein Mensch ihn kennt, und daß er keine andere Sprache verstünde als die chinesische. Er spricht nur mit sich selber, und er hat den Trost oder den Kummer, zu wissen, daß er in China angebetet wird. Vorvorige Woche war ich bei meinem Bruder in Sorrent; dort fand ich meine drei Nichten, die mit aller Gewalt so schnell wie möglich verheiratet sein wollen; sie drohen, sie werden sich »ganz einfach« selber verheiraten, wenn man sich nicht beeilt. Das ist sehr unterhaltend. Ich war diese Woche in Torre del Greco bei einem Freund, den ich seit der zartesten Kindheit kenne. Er hat den Ehrgeiz, Vikariatsrichter werden zu wollen. Gerade an dem Tage meiner Ankunft erhielt er die Nachricht, daß ein Vikariatsrichter gestorben sei; infolgedessen hat er mir fortwährend von seinen Ansprüchen erzählt und mich gezwungen, mich für ihn zu verwenden. Das ist ebenfalls sehr unterhaltend. So lebe ich hier auf dem Lande. Dagegen habe ich gestern abend den Grafen von Rzewuski bei mir gehabt. Wir haben drei Stunden im Zwiegespräch verbracht, und das war besser als alle Freuden unseres Landlebens. Auf meinen Abteien habe ich keine Häuser. Sechs Monate des Jahres herrscht dort die Malaria. Auf den Straßen treiben sich Räuber herum. Davon abgesehen sind es entzückende Gegenden, ein wahres Paradies auf Erden. Ich bitte Sie inständig, dem Merlin einen Fuß oder einen Flügel auszurupfen. Sobald Sie etwas Geld für mich haben, seien Sie so gut, mich zu benachrichtigen; ich werde den Wechsel auf Sie ziehen bis zur Höhe der Summe, die Sie in Händen haben werden... Ihr Domherr von Etampes hat in Ihrem Brief zu viel und in den Lüften zu wenig Raum eingenommen. Lieber wäre es mir gewesen, den Brief voller Nachrichten über Grimm oder Gleichen zu finden. Übrigens brachte er mich darauf, darüber nachzudenken, warum alle Fanatiker für den geschlechtlichen Verkehr in Form der Ehe sind. Zeugen: der Abbé de Saint-Pierre, Luther, Descartes, Rousseau und Ihr Domherr. Und warum alle großen Charaktere den freien Geschlechtsverkehr lieben; Zeugen: Caesar, Augustus, Lorenzo de'Medici, Heinrich IV. usw. Der Grund ist der: Der Fanatiker ist glücklich in der Ausgestaltung seiner Ideen; er liebt es nicht, sich von ihnen ablenken zu lassen; nichts beruhigt so sehr wie eine Haushälterin. Die großen Männer lieben den Tumult der Ideen; ihre Erholung besteht darin, daß sie sich einem anderen, noch heftigeren Wirbel überlassen. Die Galanterie ist das wildeste aller Gewitter; sie ist für sie eine Erholung. Ich glaube, man wird in den Lüften fliegen können, wenn man eine Triebkraft von unbegrenzter Stärke entdeckt. Ich glaube, die Flügel eines Menschen müßten eine Spannweite von achtzig Fuß haben. Eine Maschine von dem gleichen Gewicht wie der Mensch, und dazu ein Mensch obendrein, würden eine Flügelweite von hundertsechzig Fuß verlangen. Es ist schwierig, eine steife und leichte Feder von der Hälfte dieser Länge herzustellen; also werden wir noch lange nicht fliegen. Ich habe heute abend keine Zeit, Ihnen noch mehr darüber zu sagen. Gleichens Liebe zu mir wird niemals groß genug sein. Leben Sie wohl. [107] An Frau von Epinay Neapel, den 30. Oktober 1772 Großer Gott! wann werde ich denn diese Nacht ins Bett kommen! Es ist zwei Uhr nach Mitternacht, und ich fange diesen Brief an. Den Ihrigen erhielt ich heute nachmittag. Ich bekam Lust, ihn zu beantworten; da kamen Leute, natürlich langweilige Leute, mit einem Wort, Neapolitaner. Ich ging aus, zu meinem Staatsminister; denn das ist das einzige Haus, wo ich verkehre. Ich kam nach Hause, und das Denkmal für den Herzog von Sachsen-Gotha fiel mir wieder ein. An Schlaf also nicht zu denken. Ich mußte das Denkmal entwerfen und Ihnen antworten. Also schreiben wir! Schlafen werden wir, wann's Gott gefällt. Merkur könnte sehr wohl in ein lutherisches Gotteshaus hinein – es sei denn, daß die Herren schwieriger wären als wir. Ich glaube, es gibt einen Merkur auf einem Grabmal in St. Peter. Sicher aber ist, daß auf dem Grabdenkmal des Giulio de' Medici in der Sakristei zu Florenz sich ein Herkules als Symbol der Jugend befindet. Wir haben hier, hinter einem Hochaltar, das berühmte Grab des Sannazar, worauf Apollo und Minerva dargestellt sind. Aber wenn sie keinen Merkur wollen, so müssen wir uns beugen. Ich will nicht schmeicheln; aber glauben Sie mir, es ist schwierig, nach dem Gedanken des Philosophen einen zweiten ebenso schönen, einfachen, edlen, zarten und kräftigen zu finden. Über Ihre Urnen habe ich nicht gelacht; aber es sind Urnen, und wir brauchen heroische Gestalten. Eine Perigorder Pastete gleicht so wenig einem Truthahn wie eine Urne einem hohen Fürsten. Palaeokatheder hat vielleicht recht mit seiner Ansicht, daß man den Scheiterhaufen besser in Basrelief darstellen könnte. Die Flammen sind wirklich schwer in einem Marmorrelief wiederzugeben. Außerdem finde ich, Ihr Grabdenkmal würde wie ein Jagdfrühstück aussehen. Man würde die Urnen für Kochtöpfe ansehen, den Scheiterhaufen für Brennholz und den Vogel Phönix für ein Huhn, das eben gebraten wird. Sie fragen mich nach meinem Urteil und nach meiner Meinung. Man will etwas Antikes und etwas Einfaches. Nun, da bin ich in der Lage, Sie auf etwas recht Einfaches und recht Antikes hinzuweisen. Aber es wird weder etwas Neues sein – denn es ist ja antik – noch etwas Sinnreiches – denn es ist ja einfach – noch etwas Originales – denn man verlangt ja Kopien. Es steht fest, daß die Alten auf Grabmälern für Mann und Frau diese Figuren stets halb liegend auf dem Sarkophag dargestellt haben, und zwar bald nebeneinander, bald einander gegenüber; letzteres kommt am häufigsten vor, und es ist um so begreiflicher, da es eine bessere Wirkung hervorbringt. In diesem Sinne habe ich eine Zeichnung von dem Grabmal entworfen, und um Sie auch einmal zum Lachen zu bringen, schicke ich Ihnen den ersten Entwurf und außerdem die ausgeführte Zeichnung. Ich muß selber lachen, indem ich meine Art und Weise des Zeichnens sehe. Aber Sie wissen ja, alle meine Glieder hantasie gehorchen wollen. Soviel ist sicher: es gibt auf der ganzen Welt keinen Maler, der so schnell arbeitet wie ich. Doch genug von dem Lobe meiner Talente. Ich fühle, meine Zeichnung bedarf recht sehr einer erläuternden Beschreibung. Ich stelle also Herzog und Herzogin liegend dar; sie reichen sich die Hand. Dies bedeutet die Beständigkeit ihrer ehelichen Liebe und weist zugleich darauf hin, daß die Herzogin ihrem Gemahl den Streich gespielt hat, ihn nach sich ins Grab zu ziehen. Die Herzogin hat eine Hand erhoben und zeigt mit einem Finger nach dem Himmel, zu dem das Paar emporsteigen soll; zugleich deutet sie damit die Einheit Gottes an, in den man Vertrauen haben müsse. Sie schlägt nämlich die Augen zum Himmel auf. Der Herzog sieht sie mit gerührter Miene an und reicht seinem Lande die Hand zum Abschiedskuß. Das Land, das durch einen weinenden Genius versinnbildlicht wird, küßt ihm zärtlich die Hand und scheint ihn zurückhalten zu wollen. Mit der anderen Hand hält der Herzog das Wappen von Gotha usw. Auf der anderen Seite neben der Herzogin steht ein anderer Genius, der das Gesicht mit einem Tuch verhüllt hat und in der einen Hand eine umgedrehte erloschene Fackel hält; mit dem anderen Arm umschlingt er das Grab, das die teure Asche enthält; dieser Genius ist die kindliche Liebe. Das Grab ist einfach, von attischem Stil; die Inschrift befindet sich in der Mitte. Das Ganze ruht auf zwei Sockeln, von denen der eine mit Widderschädeln und antiken Kranzgewinden geschmückt ist; der untere Sockel hat nur ein antikes Ornament von zerbrochenen Stäben. Wenn Sie es hübsch zeichnen lassen, werden Sie sehen, daß das Ganze eine schöne Wirkung ausübt und sehr harmonisch ist; denn die Figuren sind zwar einfach, aber sie stehen doch in Kontrast zueinander. Hieran habe ich zwei Stunden gearbeitet. Ich habe die Inschrift beigefügt, und diese ist bei weitem besser als meine Zeichnung. Wenn der Fürst Kenner ist, wird er kein Wort daran ändern. Die Daten und Jahreszahlen der Todestage sollten an den Seiten des Monuments angebracht werden, um die Inschrift nicht zu verlängern und ihr nichts von ihrer lakonischen Majestät zu nehmen. Doch nun genug von den Toten. Sie tadeln mich, daß ich zuweilen gegen Magallon oder andere verdrießlich sei; aber wissen Sie auch, daß es überhaupt das allergrößte Wunder ist, wenn meine Briefe nicht voll von übler Laune sind? Kann ich nach Paris schreiben, ohne an Paris zu denken? Und kann ich daran denken, ohne verdrießlich zu werden? Magallon schreibt mir diese Woche: um mich zu trösten, will er mir einreden, Paris sei ganz und gar verändert. Aber solange meine Freunde dort leben, wird es für mich nicht verändert sein! Die Zeremonie, die Mademoiselle Clairon mit der Voltaireschen Statue veranstaltet hat, erinnert an eine eigentümlich groteske Pantomime, die mir nicht gefällt. Man hätte sich auch nicht anders benehmen können, wenn man im Foyer der Comédie ein Standbild des Gottes Priap eingeweiht hätte. Dies alles ist überflüssig; solange wir nicht aus einer Theateraufführung eine gottesdienstliche Handlung und aus Freudenmädchen Priesterinnen machen, werden wir nicht aus einem Tragödiendichter einen Helden machen, dem man Standbilder setzt. Sie schreiben mir das Allerneueste und Allererstaunlichste: in meinem Gespräch über die Frauen sei eine Stelle, durch die Thomas – dessen Buch ich nicht gelesen habe – und Madame Necker sich verletzt fühlen könnten. Ich schwöre Ihnen, ich habe solche Absicht nicht gehabt. Dreihundert Meilen und drei Jahre sind große Zwischenräume. Da ich keine Abschrift von meinem Gespräch zurückbehalten habe, so weiß ich nicht, was drin stand. Es steht bei Ihnen, zu streichen, was Sie wollen, die Hälfte oder einzelne Stellen, und Sie können mir keinen größeren Gefallen tun, als wenn Sie alles daraus entfernen, was meine wahren Freunde verletzen könnte. Ich erinnere mich, es kam darin eine Stelle vor, daß in meinem Gespräch nichts von dem stehe, was Herr Thomas gesagt habe. Aber der Hieb geht viel mehr gegen mich als gegen ihn. Ich möchte viel lieber das sagen, was Thomas sagt, als daß er meine Ideen aussprechen möchte. Ich glaube daher nicht, daß Ihnen dies beleidigend erscheint. Übrigens streichen Sie alles, was Sie wollen – ich bitte Sie darum. Sie wissen ja, daß es mir angenehm wäre, wenn meine Briefe von allen meinen Freunden mit eigenen Augen gelesen würden. Dies ist keine Eitelkeit von mir, sondern ich wünsche es, weil ich in ihrem Gedächtnis fortleben möchte; weil ich zwar in Neapel esse, aber immer in Paris lebe und dort leben werde, so sehr ich nur kann. Von meiner Seite also besteht keine Schwierigkeit, daß man alles lese, was ich Ihnen schicke – mit Ausnahme dessen, was die Frommen verletzen könnte; denn das sind gefährliche Leute, die ein Italiener noch mehr schonen muß als ein Franzose. Na, jetzt muß ich aber wirklich zu Bett gehen. Guten Abend. [108] An Frau von Epinay Neapel, den 7. November 1772 Herr Sersale ist angekommen. Er hat mir von Ihnen das Helvétius'sche »Glück« überbracht; die Prosa wiegt bei weitem die Verse auf. Sagen Sie mir, ob d'Alembert diese Vorrede geschrieben hat, oder Abbé Morellet, oder wer sonst von seinen Freunden. Gleichzeitig übergab er mir einen Brief von Ihnen, und ich fand mit Vergnügen, daß es die schmerzlich vermißte Nummer 8 war... Sie hat mich zu Tränen gerührt. Sie eröffnen mir Ihr Herz, und ich sehe es in den Flammen eines Elixiers von Gefühlen, Tugenden und Heroismus brennen. Aber warum wollen Sie den Heroismus so weit treiben, daß er Sie leiden macht? Wenn die Tugend uns nicht glücklich macht – ei, zum Kuckuck, welchen Zweck hat sie denn? Ich rate Ihnen also, nur gerade so viel Tugend zu haben, und nicht mehr, wie Sie brauchen, um Ihnen Behaglichkeit und Bequemlichkeit zu beschaffen. Sollte etwas herannahen, was Ihnen einen tödlichen Kummer verursachen würde, so schließen Sie sich dagegen ab, halten Sie es mit allen Kräften von sich fern, und quälen Sie sich nicht mit dem Gedanken, daß Sie es hätten tun können, aber nicht getan haben. Und keinen Heroismus, bitte! Denn der tötet mich und langweilt mich zum Sterben. Seitdem der Ruhm nicht mehr das höchste Glück ist, hat Heroismus keinen Zweck mehr; denn man spricht nicht mehr davon. Aber was für ein dummes Glück ist das auch, wenn Dummköpfe (das heißt: die Menschen) unter hundert Dummheiten, tausend Lügen, hunderttausend Schwätzereien zuweilen mal sagen: Ah, die Selige opferte ihr Leben um eines heroischen Gefühls willen. Ein Hurra dem Dummkopf und der Seligen! Fassen Sie also den festen Entschluß, diesen nagenden Wurm zu töten, den ich jetzt erst begreife und den ich in Ihren vorhergehenden Briefen nicht entdeckt hatte, weil ich an solchen Anachronismus nicht dachte. Mich dünkt: wenn Sie wollen, können Sie es – Sie brauchen nur zu sprechen. Wenn Sie daran ersticken, so ist es Ihre Schuld. Übrigens, scheint mir, haben Sie nicht so viele Gefahren zu befürchten, wie Ihre erhitzte Phantasie Ihnen vorspiegelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein verständiger Mann alle Vorteile stets nur auf Heller und Pfennig nach dem Geldwert berechnet. Die Annehmlichkeiten des Lebens lassen sich sehr häufig nach Geldwert gar nicht abschätzen. Ich werde nicht als Vizekönig nach Irland gehen, also beruhigen Sie sich. Ich bin nicht der Meinung, daß eine Reise zur Auswanderung verpflichtet, noch daß sie das Recht gibt, derartiges zu beanspruchen. Man reist wegen seiner Gesundheit, zu seiner Belehrung, zu seinem Vergnügen: nur von Kabinettskurieren kann man verlangen , daß sie reisen. Der Brief an die Mutter der Könige und der Königsbankerte war schon in der Zeitung. Er beweist, wie töricht der Verfasser war, sich an die Spitze einer Partei zu stellen; mit allen seinen Zärtlichkeiten, schönen Phrasen und Mamas tat er sehr übel daran, nach der Admiralitätsinsel zu gehen, wo er nichts zu suchen hatte. Er mußte in seine Bettgasse gehen, um sich zur Ruhe zu legen, oder auf seine Toilette, um seine Angst auszup.... Was für ein Jahrhundert! Was für Papphelden! Und Sie lieben den Heroismus! Guten Abend! Ich bin wütend auf alle gegenwärtigen und künftigen Helden. Ich liebe die toten; denn die fluchten wie Renegaten und sagten nicht ›Mama‹, sondern Sch... Amen! [109] An Herrn Baudouin Neapel, den 28. November 1772 Verehrter Herr und lieber Freund! ... Sie lieben mich also noch, und nichts ist für mich angenehmer und schmeichelhafter. Außerdem, was soll ich Ihnen noch sagen? Das beste an meinen bösen Gesprächen war ganz gewiß das Motto: in vitium ducit culpae fuga, si caret arte . Der Herr Generalkontrolleur sieht, daß der Kahn sich nach der einen Seite neigt und kippt ihn nach der anderen um: er will die Ausfuhr verhindern und zerstört den Binnenhandel. Er führt besondere Erlaubnisscheine wieder ein, er stellt die Willkür, das Grundübel aller Monarchien, wieder her. Dies alles ist jedoch nur die Wirkung des allerersten Fehlers: nämlich zu verlangen, daß der Getreidehandel entweder ganz und gar frei, oder gänzlich verboten sein sollte. Nehmen Sie an, man hätte mein System angenommen, dann wäre es so gekommen: man würde zum Beispiel in Le Havre Getreide laden und erklären, es sollte nach Bordeaux geliefert werden. Die Ausfuhr bezahlt eine Gebühr, der Binnenhandel bezahlt keine. Da man jedoch der Ehrlichkeit des Händlers nicht sicher ist, läßt man ihn zunächst einmal in Le Havre die Ausfuhrgebühr bezahlen oder fordert eine Sicherstellung von ihm. Wenn er nach einigen Monaten von der Zollbehörde in Bordeaux die Bescheinigung beibringt, daß er ebensoviel Korn eingeführt hat, wie er aus Le Havre ausgeführt hatte, so gibt man ihm sein Geld zurück oder entläßt ihn aus seiner Bürgschaft. Sonst nimmt man an, daß er das Getreide ausgeführt hat. Der Händler wird bei seinen Spekulationen stets mit einer Ausfuhrgebühr zu rechnen haben; diese unvermeidliche Gebühr wird auf seine Lust, Getreide auszuführen, hemmend einwirken und wird ihm eine Lieferung nach den französischen Provinzen stets vorziehbar erscheinen lassen. Den Kolonien gegenüber wird man ebenso verfahren, ohne zu einem System besonderer Erlaubnisse zu greifen. Das alles wird sich auf die einfachste Art von der Welt vollziehen, sobald man nur eine Ausfuhrgebühr festgesetzt hat – eine heilsame Gebühr, ohne die der Getreidehandel niemals frei sein wird, niemals geduldet werden kann. Leider sehe ich, daß ich mich nicht irrte, als ich den Herren Ökonomisten, die mit allen ihren Evidenzen keine Ahnung davon haben, sagte, daß der Exporthandel oftmals der Versorgung einer entlegenen Provinz würde vorgezogen werden, daß man den Feinden Brot liefern würde, bevor die Hausgenossen welches hätten, Herr Abbé Ribaud oder Roubaud sagte, er kenne keine Feinde, alle Menschen seien Brüder. Das ist recht christlich und recht wenig politisch. Jedenfalls scheint mir die Sache für Frankreich auf lange Zeit hinaus verpfuscht zu sein; man wird weder das System der Ökonomisten noch das meinige befolgen. Man wird das natürliche System aller Monarchien befolgen: besondere Erlaubnisse, Gunstbewilligungen vom Hofe, Unternehmungen der Ausfuhrhändler, ein Federzug eines Intendanten, ein Krähenfuß eines Staatsministers. Frankreich indessen wird bestehen, da es schon acht Jahrhunderte lang auf diese Weise bestanden hat. Man wird sehen, daß in physischer Beziehung sich nichts geändert hat, und man wird glauben, daß es auf moralischem Gebiet ebensowenig der Fall sei. Man wird sehen, daß die Kastanienbäume der Tuilerien zum Frühjahr sich wieder neu belaubt haben, und man wird nicht bemerken, ob die Leute, die unter ihnen lustwandeln, Mitglieder des alten oder des neuen Parlaments sind. Es ist ein natürlicher Fehler des Menschen, das Physische mit dem Moralischen zu verwechseln; ich wundere mich darüber nicht. Die physische Wirkung folgt unmittelbar auf die Ursache; die moralische Wirkung liegt in weiter Ferne. Ein Gewitter bricht los und entwurzelt im Augenblick die Weinstöcke; man macht einen politischen Fehler in bezug auf den Weinhandel, und man muß zwei oder drei Generationen abwarten, um zu sehen, daß diese unglückselige Steuer, dieser »Zuvielverbrauch« mehr Weingärten entwurzelt hat als alle Gewitter zusammen. Ihr werdet also weiter existieren, und nicht einmal eine Veränderung bemerken, obwohl ihr den Angelpunkt eurer Freiheit verloren habt: die Käuflichkeit der Richterämter. Sie werden künftighin nicht weniger käuflich sein – nämlich sie werden durch Gunst vergeben werden; aber sie werden nicht mehr erblich und unahängig sein. Dieser Streich genügt, um im Laufe eines Jahrhunderts Frankreich und die Franzosen völlig zu verändern. Wenn es euch gelänge, die Käuflichkeit nach dem alten System wiederherzustellen, so verlassen Sie sich darauf, das bisher Geschehene wird keinen Schaden angerichtet haben. Im Gegenteil, es wird dazu gedient haben, die gesunde Vernunft in der Politik wieder zu Ehren zu bringen und inhaltsleere Systeme zu zerstören – genau so wie der Jansenistenstreit nach achtzigtausend lettres de cachet dahin geführt hat, die gesunde Vernunft in der Religion wieder zu Ehren zu bringen. Aber wenn ihr im jetzigen Zustande verbleibt: mit wenigen absetzbaren, nicht erblichen Beamten, so geratet ihr in die Knechtschaft der Juristen, wie mein Vaterland, wie Spanien, wie Portugal. Sie ist weniger hart wie die der Soldaten: unter dem Römischen Reich, unter dem Türken, bei den Orientalen; sie paßt besser für ein Volk mit geordneten Zuständen, es ist eine langsam sich bemerkbar machende und gelinde Knechtschaft. Sie kennt nicht wie die militärische Knechtschaft das Hilfsmittel einer Revolution und die Aussicht auf eine solche. Sie vertrocknet und verzehrt die Vernunft einer Nation; abgesehen davon verursacht sie scheinbar keine Wirkung von irgendwelcher Bedeutung. Aber ist es ein so großes Unglück, dumm zu leben und dumm zu sterben? Diese Frage zu lösen, seid ihr berufen... [110] An Frau von Epinay Neapel, den 19. Dezember 1772 Ich bin, schöne Frau, heute abend nicht mehr bei Stimmung und Laune als für gewöhnlich. Nichts erheitert mich, nichts elektrisiert mich. Trotzdem muß ich Ihnen antworten, da Sie mir einen reizenden Brief geschrieben haben, und auch dem ebenso liebenswürdigen wie grausamen Strohsessel, der noch ein volles Jahr lang mir grollen will. Mein Gott, wie lang wird mir dieses Jahr werden! Sagen Sie ihm, Caraccioli kenne das heutige Italien ebensowenig wie Sie. Er hat nicht die neuen Höfe von Mailand, Florenz und Neapel gesehen; er weiß nicht, daß die Straßen im Winter unwegsam geworden sind; er weiß nicht, daß es überall im Sommer Schauspiele gibt, daß es aber keine gibt in der Adventszeit, während der Fasten und vierzehn Tage nach Ostern. Es ist wirklich ein Unsinn, daß er nicht meinen Reiseplan befolgen will, so wie ich ihn ihm geschickt habe. Außerdem muß man sich Verlegenheiten so schnell wie möglich vom Halse schaffen. Je eher die Reise begonnen wird, desto mehr wird man sich beeilen, sie zu Ende zu bringen; und Zeitgewinn muß man unter sterblichen Wesen für das Höchste ansehen. Machen Sie mit meinem Gespräch alles, was Ihnen gut dünkt, vorausgesetzt, daß keine Gefahr dabei ist, wenn es gedruckt wird. Sie können mir's glauben: wenn ich beim Niederschreiben nichts über die Aussprüche des Herrn Thomas sagte, so glaubte ich damit bescheiden zu handeln. Sein Buch muß also recht schlecht sein, wenn er nichts sagt, was sich mit meinen Bemerkungen messen kann. Aber, kurz und gut, ich möchte sein Buch lesen und es so schnell wie möglich erhalten; denn man verlangt von mir neue Bücher als Lektüre für unsere Königin, und ich denke mir, dieses Buch könnte ihr gefallen. Sie haben recht gehabt, daß Sie den Chevalier Mocenigo liebten; ich sah dieselbe Neigung an Fräulein Clairon dem Herzog de Villars gegenüber, und ich bemerkte, daß diese Herren mit ihren Aufmerksamkeiten und ihrer Höflichkeit beständig den Frauen Abbitte leisten für das Unrecht, das sie ihnen in ihrer Phantasie antun. Vielleicht bedauern sie auch, daß sie nicht in solchem Maße Weiber sind, wie sie es gern sein möchten. Vielleicht bewundern sie euch Frauen wie Texte, deren sehr bescheidene Ausleger sie sind: Sie waren also ein Tacitus, ein Sueton, und Mocenigo war Ihr Casaubon. Da fällt mir ein – sagen Sie doch dem Strohsessel: wenn in Paris etwas in französischer Sprache über die Reise der dänischen Gelehrten in Arabien erscheine, möge er mich sofort benachrichtigen; ich. wünsche mir das Werk anzuschaffen. Behalten Sie mich lieb, beklagen Sie meine Traurigkeit, meine langweilige Lage, die Nichtbefriedigung meiner Neigungen, meinen auf den unrechten Platz gestellten Ehrgeiz – aber erfahren Sie, daß ich mich trotzdem wohl befinde. [111] An Frau von Epinay Neapel, den 2. Januar 1773 Schöne Frau, der französische Kurier ist diese Woche nicht angekommen; aber ich schulde Ihnen eine Antwort auf Nr. 17; denn Nr. 16 erwarte ich noch erst durch Herrn de Fignatelli. Vorige Woche hatte ich zuviel Ärger und Sorgen, um Ihnen schreiben zu können; diese Woche habe ich ebenso viele, abgesehen davon, daß ich meinen Kater wieder bekommen habe, der verschwunden war, indem er hinter Straßenkatzen hergelaufen war. Meine übrigen Ärgerlichkeiten sind ungefähr von derselben Sorte, aber in ihrer Gesamtheit sind sie schrecklich. Ach, wie scheußlich ist das Nichts! Da hat man sich die Köpfe darüber zerbrochen, was der Teufel, die Hölle usw. wäre: es ist das Nichts, das Gegenteil vom All, das heißt Gott. Wer nicht das Nichts gekostet hat, wird mich nicht verstehen; aber ich selbst verstehe mich sehr gut. Man vergleiche Paris und Neapel, da wird man eine leichte Skizze vom »All« und vom »Nichts« sehen; und dann komme man zu mir und bestreite mir dieses! Sie haben mir einen Beschluß des Ministerrates über das Getreide geschickt. Wenn das den Streit und den Verkauf meines Buches wieder aufleben ließe, so würde es mich sehr interessieren: ich würde eine neue Auflage veranstalten und dieser ein Gespräch in Form einer Apokalypse hinzufügen; aber ich befürchte sehr, ich habe die Ökonomisten zu früh tot gemacht. Ich hätte erst vorher lange mit ihnen spielen sollen wie die Katze mit der Maus, und dann erst zubeißen. Wie stehen sie jetzt eigentlich? Sie haben mir seither niemals mehr etwas über sie geschriebein. Gibt es noch eine »Ephemeride«? Übrigens teile ich Ihnen hiermit, schöne Frau, den Plan meiner Apokalypse mit: der König spielt sein Spiel, die Parlamente spielen ihr Spiel; beide haben recht. Die Monarchie beruht ihrem Wesen nach auf der Ungleichheit der Stände, die Ungleichheit der Stände auf dem niedrigen Preis der Lebensmittel, der niedrige Preis auf den Zwangsmaßregeln. Völlige Freiheit führt zu Teuerung der Lebensmittel und zu Reichtum der Bauern. Der reiche Bauer stellt sich nicht mehr zur Miliz, läßt sich nicht mehr willkürliche Steuerauflage, Beschlagnahme von Schmuggelware usw. gefallen; er hat die Kraft, sich nicht mehr mit Füßen treten zu lassen: er empört sich entweder, oder er klagt vor Gericht, und er hat Geld genug, um Prozesse gewinnen zu können. Er führt also die republikanische Staatsform ein und schließlich die Gleichheit der Stände, deren Zerstörung uns sechs Jahrtausende gekostet hat. Aber welche der beiden Staatsformen ziehen Sie denn vor? wird man mich fragen. Ich liebe die Monarchie, weil ich mich der Regierung viel näher fühle als dem Pflug. Ich habe fünfzehntausend Livres Einkünfte, die ich verlieren würde, um Bauern zu bereichern. Mache ein jeder es wie ich und spreche er, wie seine Interessen es erfordern, so wird man sich auf der Welt nicht mehr streiten. Der Sprachwirrwarr und der Lärm kommen daher, daß ein jeder für die Sache der anderen redet und niemals für seine eigene. Abbé Morellet redet gegen die Priester, Helvétius gegen die Finanzleute, Baudeau gegen die Faulenzer, und alle reden zum Allerbesten des Nächsten. Hole die Pest den Nächsten! Es gibt keinen Nächsten. Sagt, was ihr braucht, oder schweigt! Leben Sie wohl. [112] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Januar 1773 Schöne Frau, Ihr unnumerierter Brief vom 21. Dezember ist nicht viel wert; der meinige wird gar nichts wert sein. Ich bin aufs tiefste betrübt. Ich habe meinen Freund Sersale verloren; er starb heute früh. Ich hatte ihn eigens hierher kommen lassen, um mein »Erinnerer« an Paris zu sein. Ich gedachte, glückliche Tage mit ihm zu verbringen; ein bißchen Gicht und viele abscheuliche Ärzte haben ihn mir geraubt. Man hat ihn getötet. Ich soll also in Neapel ganz und gar unglücklich sein, alles soll mir Unglück bringen, nichts soll mich trösten, nichts mich an mein Paris erinnern. Lassen Sie Grimm nicht hierher kommen; wenn er mir Freude macht, würde es ihm zum Unglück sein. Die Baronin meint, ich solle nicht traurig sein. Aber wie könnte es anders sein? Herr de la Vaupalière ist angekommen. Er kann mir den verlorenen Sersale nicht ersetzen. Ich kann an gar nichts anderes denken. Lassen wenigstens Sie es sich gut gehen, seien Sie mir Ersatz für alles, was ich verliere. Leben Sie mehr als ich; das ist alles, was ich von Ihnen verlange. Wenn ich tot bin, sterben Sie ganz nach Ihrer Bequemlichkeit und ohne sich zu beeilen; ich werde nichts davon wissen. Leben Sie wohl. [113] Frau von Epinay an Galiani 12. Januar 1773 Sie sagen, mein lieber Abbé, Sie haben keine Stimmung und Laune mehr, und dabei schreiben Sie den lustigsten und närrischsten Brief, den ich – glaube ich – je von Ihnen erhalten habe. Alles, was Sie mir über meine Leidenschaft für Herrn de Mocenigo sagen, ist zum Kranklachen und hat uns einen köstlichen Abend bereitet; mein heutiger Brief wird ein bißchen ernster sein. Zunächst will ich wegen der Aufträge antworten, die Sie mir gegeben haben; Sie wünschen das Buch des Herrn Thomas so schnell wie möglich zu haben. Am schnellsten geht es mit der Post; aber ich wage es nicht auf mich zu nehmen, Ihnen eine so beträchtliche Portoausgabe zu machen, ohne einen bestimmten Auftrag dazu von Ihnen erhalten zu haben. Der Preis des Buches kommt nicht in Betracht; denn ich glaube, ein solches kostet nur fünfzig Sous oder einen Taler; wenn ich es selber besäße, würde ich es herzlich gern Ihnen schenken; ganz gewiß werde ich es niemals wieder lesen. Sollte sich, bevor ich Ihren Bescheid erhalten, eine sichere Gelegenheit bieten, so werde ich diese benutzen. Mein Nachbar glaubt nicht, daß die Reise der dänischen Gelehrten in Arabien in französischer Sprache in Paris erschienen ist; ich werde Baron Holbach danach fragen, der mich ziemlich regelmäßig besucht, seitdem ich krank bin, und werde dafür sorgen, Ihnen Nachricht zu geben, sobald es erscheint. Ich muß Ihnen von einem neuen Werk erzählen, das in Holland gedruckt ist; es heißt: »Soziales System oder natürliche Prinzipien der Moral und der Politik mit einer Untersuchung über den Einfluß der Regierung auf die Sitten«. Es ist eine Vorrede zum »System der Natur« und, wenn Sie wollen, eine Weiterentwicklung des im letzten Winter erschienenen Buches: »Die öffentliche Glückseligkeit«. Der Verfasser sucht zu beweisen, daß eine Regierung notwendiger und unvermeidlicher Weise vollkommen werden und alle Menschen glücklich machen muß, wenn die Nation jedes Irrtums und jedes Vorurteils entledigt ist. Es ist gut geschrieben; alles ist klar ausgedrückt; aber es enthält keine einzige neue Idee, und alle darin ausgesprochenen Wahrheiten sind jetzt so allgemein anerkannt, daß es eigentlich nicht der Mühe verlohnte, daraus ein Buch zu machen. Übrigens finde ich, daß die Ideen des Verfassers, wenn sie auch nicht geradezu falsch sind, doch zum mindesten um einen Strich von der genauen und vollkommenen Richtigkeit abweichen; eine Idee, die an und für sich wahr ist, wird falsch, wenn man ihr eine gewaltsame Ausdehnung gibt. So z. B. sagt er: »Man macht aus dem Menschen alles, was man will.« – Das ist richtig, wenn man eine große Masse von Menschen im allgemeinen nimmt. Aber hierauf sagt er weiter: »Der größte Verbrecher hätte ein Ehrenmann werden können, hätte ihn das Schicksal von tugendhaften Eltern, unter einer weisen und aufgeklärten Regierung geboren werden lassen; hätte es ihn in seiner Jugend unter ehrenhafte Menschen gestellt. Der große Mann, dessen Tugenden wir bewundern, wäre weiter nichts als ein Räuber, ein Dieb, ein Mörder geworden, wenn er immer nur mit Leuten solcher Art verkehrt hätte usw.« Das ist nicht mehr wahr. Ganz gewiß paßt sich der Mensch an; aber er bleibt immer, wie die Natur ihn geschaffen hat. Und wenn die Umstände einen Menschen im Laufe seines Lebens zur Tugend bekehren, so wird er abwechselnd tugendhaft und ruchlos sein. Alle Folgewidrigkeiten und alle Widersprüche, die man am Menschengeschlecht bemerkt und von denen kein Individuum ausgenommen ist, erklären sich aus folgendem: die natürliche Anlage liegt in beständigem Kampf mit den Neugestaltungen, die es durch die Umstände erleidet. An einer anderen Stelle sagt er: »Nehmt aus einem Dorf einen dummen und feigen Bauernlümmel, und ihr könnt in sechs Monaten einen tapferen Soldaten aus ihm machen; er wird Korpsgeist angenommen haben, er wird Achtung vor sich selber haben und, wenn es nötig sein sollte, frohen Mutes in den Tod gehen.« Auch dies ist, im allgemeinen gesprochen, richtig; die Behauptung ist nicht mehr richtig, wenn man sie auf jeden einzelnen beziehen will; denn wenn sie es wäre, gäbe es keinen Feigling. Der Verfasser des »Sozialen Systems« scheint, ebenso wie der der »Öffentlichen Glückseligkeit«, überzeugt zu sein, daß die Menschen nur aufgeklärt zu sein brauchen, um vollkommen glücklich zu sein. Überall finde ich bei beiden den Fehler, daß sie ihre Ideen verallgemeinern; aber unser Verfasser spricht sich viel bestimmter aus als der Chevalier. Zweifelsohne tut man sehr wohl daran, den Menschen zu predigen, daß sie ihre Vorurteile und Irrtümer abtun und die Erziehung vervollkommnen sollen. Aber wenn man glaubt, daß die Menschen durch ihre Aufklärung besser oder gar vollkommen werden, daß die Leidenschaften jedes einzelnen nur dank der Erleuchtung durch die Vernunft sich vor den Spekulationen der Philosophie beugen werden, so ist das eine schöne Chimäre, und die tiefgründigen Erörterungen der Herren sinken auf ein Niveau mit den rhetorischen Ausarbeitungen und Redeübungen unserer jungen Philosophiestudenten. Sie werden niemals mit dem Anfang anfangen: nämlich den Menschen in seiner Natur untersuchen und sich wohl vor Augen halten, daß er stets so sein wird, wie er gewesen ist; hierauf die Natur einer Masse von Menschen von der Natur eines Individuums unterscheiden. Die Natur einer Menschenmasse nenne ich das Ergebnis alles dessen, was das Wesen des durch Örtlichkeit, Klima usw. beeinflußten Nationalcharakters ausmacht; dann können wir sagen, wie Herr Gobe-Mouche: »Meine Herren, meine Herren, verständigen wir uns: von der und der Nation will ich Ihnen sprechen.« Aber sie machen es wie die Frau Prokurator von Courbevoie, die Paris nach ihrem Städtchen beurteilte. Sie regieren die Welt nach den Schicklichkeitsbegriffen und Einsichten einer Gesellschaft, eines Häufleins von hundert Personen. Wenn man von den Vorzügen einer Regierung spricht, muß man diese oder jene Nation im Auge haben; denn eine ganz vollkommene Regierung für die Menschen im allgemeinen bilden zu wollen, das ist leeres Gerede, das sind unbestimmte Ideen, die zu nichts führen können. Aber ich will einmal für einen Augenblick annehmen, die Herren hätten das Unmögliche, eine vollkommene Regierung, gefunden; dann müßten sie noch, um sie vollkommen zu erhalten, Josuas Talent haben, die Sonne und den Gang der Ereignisse aufhalten zu können. Der Zustand der Vollkommenheit ist bei allem nur ein Punkt. Ist dieser Punkt erreicht, so muß eine Abnahme beginnen. »Unsere gute oder schlechte Aufführung«, sagt der Verfasser ferner, »hängt stets von den wahren oder falschen Begriffen ab, die wir uns machen oder uns von anderen beibringen lassen.« Unsere gute oder schlechte Aufführung, Herr Verfasser, hängt stets von unserem Temperament und von dem mehr oder minder starken Antrieb zu diesem oder jenem ab, und nur unser eigenes Bewußtsein von unserer Aufführung »hängt von den wahren oder falschen Begriffen ab, die wir uns machen oder uns von anderen beibringen lassen«. Trotz allen meinen kritischen Aussetzungen ist das Buch das Werk eines großen Denkers und eines Freundes der Menschheit. Er gefällt sich ein bißchen zu sehr darin, die Leiden aufzuzählen, die ihren Grund in Vorurteilen und theologischen Meinungen gehabt haben, haben und haben werden. Aber seinen Eifer muß man loben und Sie meine Kritik. Buona sera, carissimo . [114] An Frau von Epinay Neapel, den 29. Januar 1773 Bevor ich Ihnen antworte, muß ich meinen Bericht über die Theateraufführungen fortsetzen... Als siebente Vorstellung das berühmte Voltairesche Stück Alzire ; es hatte gar keinen Erfolg. Allerdings wurde die Rolle der Alzire recht schlecht gespielt; aber ganz gewiß war dies keineswegs der einzige Grund, weshalb es durchfiel. Ich lasse meinen Neapolitaner beiseite und will Ihnen meine eigene Meinung über Alzire sagen. Ich habe jetzt zum erstenmal bemerkt, daß es ein sehr schlechtes! Stück ist, obwohl sich nicht leugnen läßt, daß es eine der geistvollsten, elegantesten, glänzendsten Dichtungen ist, die Herr de Voltaire geschrieben hat; aber als Stück ist sie den Teufel nicht wert. Gusman, den man verabscheuen sollte, ist ein Mann, der in seinem Leben eine ganze Masse guter Werke vollbracht hat und wie ein Heiliger stirbt. Aus Ehrfurcht vor seinem Vater, der Alzire mit seiner Liebe beehrt, bewilligt er mit dem besten Anstand dem Gefangenen soviel Gnaden, wie man von ihm verlangt; außerdem ist er tapfer, mutig und seines Vaters würdig. Zamore - den wir lieben sollten – ist ein rasender Mörder; im übrigen hält er schöne Reden über die Verachtung des Reichtums und über »die falsch verstandenen Interessen Europas«. Monteze ist weder Amerikaner noch Spanier, weder Wilder noch Christ. Man weiß nicht, was er ist; nur daß er ein Dummkopf ist, weiß man. Alvarez, ein tränenreicher Schwächling, hat überhaupt nichts, weder Mut noch kastilianischen Stolz; diese Grundzüge des Volkscharakters hätten ihm doch gewahrt bleiben müssen. Nach der Ermordung seines Sohnes wird er ekelhaft; es ist ein unverzeihlicher Egoismus, wenn er in Zamore mehr seinen Lebensretter als den Mörder seines Sohnes sieht. Viel besser wäre es, seinem eigenen Mörder zu verzeihen, der dem Sohn das Leben gerettet hätte. Alziren kann man nicht bestreiten, daß sie eine der besten Theologinnen ihres Jahrhunderts ist: die Fragen der Religion, des Selbstmordes, des Sakramentes der Ehe erörtert sie besser als Sanchez und der heilige Thomas. Aber ihre Rolle ist so unnatürlich und unwahrscheinlich für eine Indianerin von sechzehn Jahren, daß so etwas außerhalb Paris überhaupt nicht gespielt werden kann; in Paris ist der Begriff der Natur beim weiblichen Geschlecht oft völlig verwischt. Dies ist meine Meinung, nicht die meiner Landsleute, die hierüber nicht so gut Bescheid wissen wie ich. Der Einakter Zénéide wurde ausgezischt... Heute Abend gab man als zehnte Vorstellung Adélaïde du Guesclin... Ich bezweifle, daß sie noch irgendein Stück geben können, das diesem gleichkommt. Ich muß gestehen, die Tragödie wurde hervorragend gespielt, unbestreitbar besser, als Sie sie in Paris haben sehen können. Bei der Truppe ist ein Herr Busset, der nach meiner Meinung besser ist als Le Kain! Aufresne spielte die Rolle des Herrn de Couci; und wir haben eine sechzehnjährige Künstlerin, Mademoiselle Teissier, die wirklich sehr interessant ist. Indessen ist das Stück an und für sich schön, sehr schön; ich war davon entzückt, bezaubert, begeistert; und ich möchte wetten, es ist eines von den Voltaireschen Stücken, die sich am längsten auf der Bühne halten werden. Als Einakter gab man L'Oracle; es wurde genauso ausgepfiffen wie Zénéide , und alle sentimentalen Stücke werden das gleiche Schicksal haben. Es tut mir leid wegen des Herrn de Sainte-Foix; aber die Sache ist die: wenn auch der französische gute Geschmack von anderen Nationen angenommen werden kann, den guten Ton werden sie sich nie zu eigen machen; das ist eine echt pariserische Krankheit, wie den Polen der Weichselzopf eigentümlich ist. Einem Philosophen bietet indessen dieses Auftreten einer französischen Schauspielertruppe in Neapel Stoff zu recht eigentümlichen und sehr tiefen Betrachtungen. Sie haben einen Erfolg gehabt, der mich erstaunt hat. Niemals sah ich etwas, das so wenig Tadler, Nörgler und Spötter fand wie dieses neue Schauspiel. Darüber ist nur ein Urteil und eine Stimme. Wenn Sie unser Theater sähen, würde sich Ihnen ein sehr komischer Anblick bieten: Sie würden eine Kinderschule sehen. Alle sitzen mit gesenkten Köpfen da, haben vor den Augen ihr Buch, und verwenden keinen Blick davon, um sich einmal die Bühne anzusehen; sie scheinen damit zufrieden zu sein, französisch lesen zu lernen. In politischer Beziehung hat dies Ereignis mehr gewirkt als alle Familienverträge. In moralischer Beziehung muß man die französischen Schauspieler als eine Mission von Ordensleuten auffassen, die der Ordensgeneral Voltaire ausgesandt hat, um eine Nation zu bekehren und das Banner seines Glaubens bei ihr aufzupflanzen. Voltaires Verse werden zur Prosa führen, und das gerade ist seine Absicht. Auf Ihren Brief werde ich eines anderen Abends antworten. [115] An Frau von Epinay Neapel, den 27. Februar 1773 Fürst Pignatelli ist angekommen und hat mir die ihm von Ihnen mitgegebene Nummer ausgehändigt. Bis zu dieser Stunde hatte ich geglaubt, eine Frau könnte einem Mann den höchsten Beweis von Zärtlichkeit und Freundschaft nur ganz in der Nähe geben; aber Sie haben es möglich gemacht, ihn auf eine Entfernung von zweihundert Meilen zu geben. Das ist eine unglaubliche Entdeckung. Ich habe jedoch den Unterschied gefunden, daß dieser Beweis mich nicht heiter und froh gemacht, sondern mich bekümmert und sehr betrübt hat. Ich befürchte freilich nichts von alledem, was Sie befürchten, aber ich fürchte das, was weder Sie noch ich wissen: die unvorhergesehenen Ereignisse des Lebens. Es gibt deren Tausende. Das Schicksal macht sich, scheint's, einen Spaß daraus sie zu schaffen, sie aus dem Schoß der Erde auftauchen zu lassen, und man möchte darauf schwören, der liebe Gott hätte kein anderes Vergnügen als dieses, das allerdings recht unbequem und recht unangebracht ist; aber er hat nun einmal Geschmack und Spaß daran – was ist dabei zu machen? Das Schicksal ist ein verzogenes Kind, das alles anfaßt und recht oft zerbricht, was es anfaßt. Nun, ein wenig Vorbereitung gegen das Unglück dieses unbändigen Kindes, das im Hause dieser Jammerwelt lebt und »Schicksal« heißt, könnte nicht schaden. Aber wenn Sie zu solcher Vorbereitung nicht die Kraft haben, behelfen Sie sich ohne sie; denn es ist höchst töricht, sich im voraus abzuquälen, um sich an Qualen so zu gewöhnen, daß man unter ihnen nicht leidet. Das ist das Scheinmittel des Jean Nivelle, der sich aus Angst vor dem Regen im Wasser versteckte. Fürst Pignatelli erzählt mir von Ihnen; aber weniger als sein Bruder Mora getan haben würde. Dies ist einer der Hauptgründe, warum er in meinem Kopf und meinem Herzen hinter seinem Bruder zurückstehen muß... [116] An Frau von Epinay Paris, den 27. März 1773 Der frühere Botschafter von Venedig hat mir Ihre Nr. 12 zugestellt, die Sie ihm übergeben hatten, um mir die Portokosten zu ersparen. Ich habe mit sehr großem Vergnügen den Dithyrambus der Eleutheromanen gelesen. Aber ich werde Ihnen meine Meinung darüber ein anderes Mal sagen. Im Augenblick habe ich keine Zeit, Ihnen einen langen Brief zu schreiben. Ich habe in meinen Armen und an meinem Busen den Fürsten Pignatelli und den General Schuwaloff, die mir alle meine Zeit nehmen, und ich widme sie ja auch gerne zwei Personen, die Sie kennen, die Sie lieben und mit denen ich oft von Ihnen plaudere ... Wir haben hier ein französisches Schauspiel anderer Art gehabt. Ein Barfüßer-Karmeliter, Pater Césaire, Begleiter des Paters Elysée, der seit: kurzem hier ist, hat auf Wunsch des französischen Gesandten gestern in der Kirche seines Ordens eine französische Predigt gehalten. Die Zuhörerschaft war zahlreich. Alle haben sich dabei gelangweilt, und niemand hat es zu sagen gewagt, so sehr ist die Mode, an der französischen Sprache Gefallen zu finden, in alle Stände gedrungen. Seine Predigt war wirklich sehr schön; aber seine Aussprache war sehr schlecht. Das Spaßhafteste dabei war, daß die Zuhörer zur Hälfte aus Katholiken, zur Hälfte aus Ketzern bestanden; denn sogar die Konsuln von England, Schweden, Dänemark und Personen, die ihrem Beruf gemäß genötigt sind, sich offen zum Protestantismus zu bekennen, waren anwesend. Regt dies nicht viele Gedanken in Ihnen an? Ich knüpfe daran nur eine einzige Bemerkung: wenn Europa nur eine einzige Sprache hätte, gäbe es keine Unduldsamkeit mehr. Wenn die Menschen einander ähnlich sind, lieben sie sich, und nichts macht uns einander unähnlicher, als wenn wir uns beim Sprechen nicht verstehen. Die Verschiedenheit der Sprache ist die wahre Ursache der Verschiedenheit der Rassen. Man gehört zur selben Familie, wenn man sich gut versteht. Sie ersehen daraus, daß Duldsamkeit und Menschenliebe niemals allgemein über die ganze Erde verbreitet sein können; aber sie könnten sich über ganz Europa erstrecken, denn dieses ist weder größer noch stärker bevölkert als China... [117] An Frau von Epinay Neapel, den 3. April 1773 Ihr Brief macht mich untröstlich. Niemals habe ich tiefer gefühlt, wie unrecht ich tue, Ihnen abends sehr spät zu schreiben, ohne mir die Mühe zu machen, die Briefe nochmals durchzulesen, die obendrein in einer Sprache geschrieben sind, deren Kenntnis in mir etwas einzurosten beginnt. Die von Ihnen bemerkte Wendung in meinem Brief an Herrn Baudouin ist eine gräßliche Zweideutigkeit. Ich aber, ich schwöre Ihnen, ich hatte mir dieses vous als Plural gedacht; es steht an Stelle von vous autres Francais . Mein Gedankengang war der: die Neapolitaner wären aller Zeit dumm geboren und dumm gestorben und wären daher nicht imstande, den Vergleich anzustellen; aber die Franzosen, die sich erst seit kurzer Zeit neapolitanisiert hätten, könnten wohl den Unterschied empfinden. Gestaltermaßen also befehlen wir Ihnen durch dieses unser allerhöchstes Geheiß, das wir hiermit zum ersten- und letztenmal ausdrücklich kundtun: folgende Worte in unserm obengenannten Brief an Sieur Baudouin, unseren Getreuen, einzufügen: »an euch Franzosen ist es, dieses Problem zu lösen« – und soll gestrichen, getilgt, gelöscht werden alles, was etwa im entgegengesetzten Sinn möchte geschrieben sein. Und daß unser Auftrag unfehlbar vollzogen werde; denn dieses ist unser allergnädigstes, allerhöchstes Belieben... Die Aufhebung der Belagerung von Freiburg ist allerliebst. Es ist ein Unsinn zu glauben, daß Luft und Milch Einfluß auf die Kinder hätten. Aber es ist unsere Schuld, wenn wir glauben, daß die Kinder nichts oder fast gar nichts wissen, bevor sie zu sprechen beginnen. Grundfalsch! Das Kind hat das Wichtigste seiner Erziehung schon empfangen, bevor es zwei Jahre alt wird; aber da wir nicht erkennen können, was ein anderes Wesen mit menschlichem Antlitz weiß, wenn es nicht durch Worte oder Zeichen zu uns spricht, so glauben wir, die Kinder wissen nichts. Das ist ein großer Irrtum. Jemand, der ein Jahr in London sich aufgehalten hätte, ohne ein Wort Englisch zu lernen, würde trotzdem unendlich vieles von dem Lande kennen: Straßen, Häuser, Bräuche, Gesetze, Menschen, Ämter, politische Verfassung usw. Meine Bemerkung zerstört, das sehe ich wohl, das ganze System des Emile und der anderen Pädagogen. Aber ich ziehe aus ihr den Schluß, daß es in zwei Jahren entschieden ist: die Ansätze zu Tugenden oder Lastern sind bereits vorhanden. Wir werden also niemals große Männer haben, wenn wir nicht große Ammen haben. Arbeiten wir also mit aller Macht an den Ammen; ich werde nach besten Kräften mich bemühen. Ich habe heute abend keine Zeit, Ihnen mehr zu schreiben. Fürst Pignatelli hat tausend Aufträge für mich. Leben Sie wohl... [118] An den Baron von Gleichen Neapel, den 3. April 1773 Mein lieber Baron, wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie daran denken, mir zu schreiben, und nun gar von Chanteloup; aber sollte nicht etwa der Herzog selber Sie auf den Gedanken gebracht haben? Ich möchte wetten, er hat zu Ihnen gesagt: »Haben Sie was von unserm kleinen Abbé gehört? Man sagt, er langweile sich sehr in Neapel. Das tut mir leid, aber er ist selber schuld: Er hatte viel Geist, aber er benahm sich nicht richtig; zu den Geschäften taugte er nicht.« Hierauf wird eine Pirouette gemacht und das Gespräch auf etwas andres gebracht, andre Fragen an Sie gerichtet haben, ohne Ihnen zur Beantwortung der ersten Zeit zu lassen. Ich bitte den Herrn Herzog um Verzeihung, aber er irrt sich. Der einzige Fehler, den ich begangen habe, ist der, den ich nicht gemacht habe: nämlich als Neapolitaner geboren zu werden; ebenso wie das Beste, was er getan hat, gerade das ist, was er nicht getan hat, nämlich als ein Franzose geboren zu werden und als ein Choiseul. Mit Aufbietung alles meines Geistes hätte ich doch nur ein einziges Jahr länger in Paris bleiben können, nämlich bis zu Castromontes Tod. Also würde ich mich mindestens schon seit drei Jahren langweilen, anstatt daß es jetzt vier sind. Dies lohnte nicht der Mühe, darum meine Pflicht zu verletzen. Sie entwerfen mir ein wahrheitsgetreues Gemälde von Chanteloup: es beweist, wie tief sich bei einem Volk die Unterwürfigkeit einwurzeln kann – so tief, daß jede Eifersucht im Herzen des Herrschers erlischt. Um so besser für Völker und Herrscher; da man doch einmal Untertan sein muß, so ist es besser, man ist es ganz. Mein Zustand hier ist immer der gleiche. Ich lebe mit fremden Bekanntschaften, die ich im Fluge erhasche... Was sagt man in Chanteloup zu der tödlichen Unentschlossenheit, die unsern armen Freund Gatti befallen hat? Ich fürchte für seine körperliche und geistige Gesundheit. Wenn er nur nicht ganz und gar wahnsinnig wird! Wenn Sie sich noch mit meinem Glück beschäftigen, warum denken Sie nicht allen Ernstes daran, mir ein paar Angorakatzen zu schicken? Sind Sie etwa durch den Verkehr im Luxemburg vom Gift der Ökonomisten angesteckt und fürchten Sie etwa in mir einen Inquisitor des Heiligen Offiziums zu finden? Benehmen Sie ihnen diese irrige Meinung: Inquisitoren und Katzen sind immer im Bunde gestanden, und haben sich gegenseitig als Muster gedient. Ich erhielt aus Siena eine eingehende Schilderung der reichlichen Lobsprüche über mich, die Sie anzuhören hatten, als Sie vor zweieinhalb Jahren dort durchreisten. Eine Dame, die viel von mir hält, hörte sie mit Vergnügen an und teilt es mir jetzt mit. Sie sehen also, schließlich erfährt man doch alles, entweder auf dieser Welt oder spätestens im Tale Josaphat. Also nehmen Sie sich wohl in acht mit Ihrem Verhalten mir gegenüber! Denn wenn Sie mir noch einmal einen Streich spielen, wenn Sie es wagen, wenn Sie das Herz dazu haben, so fühle ich, ich werde endlich.... ja, ich werde endlich Sie noch mehr lieben und werde damit ein Paroli gewonnen haben. Leben Sie wohl, lieber Baron. Tausend Grüße meinen Freunden. Ich glaube noch, welche zu haben, denn meine Liebe zu ihnen hat sich nicht abgekühlt; da ist Madame Necker und ihre Gesellschaft, da ist Fräulein de Lespinasse; aber ich hätte zuerst Madame Geoffrin und Madame de la Ferté-Imbault nennen sollen. Vergessen Sie nicht, mir mitzuteilen, ob Sie den Brief erhielten, den ich Ihnen nach Montpellier schrieb. Das häufige Verlorengehen der Briefe beunruhigt einen ein bißchen. Leben Sie wohl. [119] An Frau von Epinay Neapel, den 17. April 1773 Sie mögen mir, schöne Frau, in den von Ihnen eigenhändig geschriebenen Briefen immerhin sagen, daß Sie sich recht leidend fühlen, und in dem Ihrem Schreiber diktierten versichern, daß es Ihnen gut geht. Es ist Tatsache, daß ich infolge einer Verirrung meiner Einbildungskraft Sie nur dann für wohlauf halte und selber nur dann fröhlich bin, wenn ich Briefe erhalte, die Sie mit eigener Hand geschrieben haben. Diese Verirrungen unserer Einbildungskraft sind recht außerordentlich und mit Hilfe der Philosophie allein sehr schwer zu heilen. Es müßte auch das Temperament noch mitwirken. Sie zum Beispiel stellen sich tausend Gefahren vor, sehen die Abwesenden tausendmal tot. Ich habe dieses Leiden der Phantasie durchgemacht. Im Grunde ist es ein Unsinn. Können wir etwa Leiden heilen, indem wir mit unseren Augen daran haften wie die Schildkröten mit den ihrigen an ihren Eiern? Und bekommt man etwa weniger leicht eine Kolik, wenn man an der Seite eines Freundes speist, als wenn man allein ißt? Der einzige Unterschied ist der, daß wir es früher erfahren werden; aber das trägt zur Heilung nichts bei. Also seien Sie überzeugt, daß es mit ihm weder besser noch schlimmer stehen wird, ob er nun unter Ihren Augen Ist oder nicht. Über den wirklichen Verlust, den das Fernsein eines Freundes für uns bedeutet, habe ich nichts zu sagen: er ist vorhanden, er ist unersetzlich; aber der Gedanke an die Rückkehr ist ein Beruhigungsmittel ganz eigener Art. Übrigens verfließt die Zeit so rasch! Um Sie und Ihre Gesundheit habe ich keine Besorgnis mehr, das habe ich Ihnen schon gesagt. Wenn sie erst wieder befestigt ist, erwarte ich, daß sie spornstreichs hierher kommen. Wenn Sie es möglich zu machen wissen, mich mit sich nach Frankreich zu nehmen, sind Sie eine großartige Frau. Herr Bartoli von Turin ist ein alter Freund von mir. Ich verkehrte viel mit ihm in Turin und in Neapel, als er 1757 hier war. Er ist ein Mann von großer Gelehrsamkeit auf dem Gebiet des Altertums und der schönen Wissenschaften, ein großer Geist, der wegen des Feuers in seinem Kopf als toll erschien. Er hat große Ähnlichkeit mit Gatti, ist aber viel weniger gut. Beim Namen Gatti fällt mir ein: der hat sich jetzt ganz und gar in sein Nest eingesponnen. Er gräbt mit seinen eigenen Händen sein Land um. Er ist sehr traurig geworden, aber er ist völlig zufrieden. Das verträgt sich wohl miteinander. Um auf Bartoli zurückzukommen: seine Tragödie ist mir unbekannt. Der Philosoph hat recht, wenn er glaubt, daß die Italiener, wenn sie sich einmal daran machen, Tragödien zu verfassen, die Franzosen übertreffen werden. Metastasio ist ein Beweis dafür. Aber er irrt sich, wenn er glaubt, daß die Italiener jemals Tragödien haben können. Ich wundere mich nicht, wenn der Philosoph niemals auf diese feine Beobachtung gekommen sein sollte; denn er hat ja niemals Italien bereist, sonst hätte sein Gefühl es ihm sofort gesagt. Sagen Sie es ihm; die Sache ist so: die Italiener werden vielleicht Tragödien dichten können, aber sie werden sie niemals spielen können. Es fehlen ihnen die schönen Männer und die Frauen von edlem Anstand. Unter allen italienischen Schauspielern ist kein Aufresne, kein Brizard, kein Clairval. Wenn der Italiener ernst und groß sein will, ist er linkisch und mürrisch. Wenn er den Spaßvogel spielt, dann ist er ein Pantomime ersten Ranges und geradezu entzückend. Wir werden euch Harlekine und Coralinen liefern und werden euch auf diesem Gebiet stets überlegen sein. Aber eure Aufgabe ist es, Europa einen Baron, einen Aufresne, eine Clairon zu schenken. Dies ist der Grund, warum bei uns die Tragödie unmöglich ist. Unsere castrati haben kein Feuer; aber die Musik verschleiert alles. Nun aber ist eine Tragödie, die nicht gespielt wird, überhaupt keine Tragödie. Man spielt sie stets in seinem Kopf, wenn man sie liest. Auf die Tragödie müssen wir also ebensogut verzichten wie die Spanier und Portugiesen. Franzosen, Engländer, Polen, Schweden haben schön gewachsene, gut entwickelte Männer und werden darum Schauspieler haben. Wie gewöhnlich habe ich heute abend keine Zeit mehr. Also haben Sie mich lieb! In acht Tagen mehr! [120] An Frau von Epinay Neapel, den 15. Mai 1773 Sie haben ganz recht. Zwischen Leiden und Trennung gibt es keine Wahl. Das eine bedeutet ein unglückliches Leben; die andere bedeutet den Tod, und der Tod ist das allerschlimmste, was es gibt. Aber Grimm wird zurückkommen. Ob auch der Philosoph – das bezweifle ich. Wenn er es nun machte wie Descartes?! Wenn die Liebenswürdigkeiten einer philosophischen Herrscherin ihn festhielten?! Außerdem ist er ganz der Mann danach, einfach zu vergessen, daß er zurückkehren soll. Zeit und Raum sind vor ihm wie vor Gott: er glaubt allgegenwärtig und ewig zu sein. Wenn die elektrische Materie nicht die Vitriolsäure ist, so wird sie wohl etwas anderes sein. Das scheint mir klar. Es erübrigt nur noch zu untersuchen, ob man etwas von etwas weiß, wenn man nur weiß, daß etwas nicht was anderes ist. Wenn Sie sich für die Verneinung dieser Frage entscheiden, so geht das ganze menschliche Wissen zum Teufel. Wenn Sie die Frage bejahen, dann werden die Menschen einen unendlichen Haufen von Dingen wissen; denn sie werden zum Beispiel wissen, daß ich nicht Sie bin und daß Verse keine Prosa sind. Die Saussures sind nach Sizilien gereist. Fürst Pignatelli hat mich oft von Ihnen erzählen lassen. Chastellux amüsiert sich. Ich habe sein Buch über die öffentliche Glückseligkeit noch nicht gelesen. Aber die Idee desselben erscheint mir schön und sehr neu. Sollte das Werk nicht der Idee entsprechen, so besäße es dennoch ein ungeheures Verdienst wegen des Mutes, den Weg zu einer neuen, nützlichen und bedeutenden Untersuchung eröffnet zu haben. Ich soll heute mit ihm und Pignatelli auf dem Lande speisen. Daher scheide ich jetzt von Ihnen. Ist es möglich, daß Herr de Sartine nichts für mich tun will. Ach, wie richtig ist das Wort: die Abwesenden haben unrecht. [121] An Frau von Belsunce Neapel, den 15. Mai 1773 Es genügt nicht, Galgenvogel zu sein, man muß auch höflich sein – das wissen Sie, Madame. Hieraus ergibt sich unmittelbar, daß es nicht genügt, mir Briefe zu schreiben, sondern daß es auch angenehme Briefe sein müssen, um zu hübschen Antworten anzuregen. In Ihrem undatierten Brief ist alles sehr betrübend. Noch tiefer betrübend aber ist für mich der körperliche und seelische Zustand Ihrer leidenden, verlassenen Frau Mutter. Wenn sich damit überhaupt etwas vergleichen ließe, so wäre es der Kummer, den mir mein unglückseliger Handel mit dem Merlin verursacht. Sie haben viel Geist bewiesen, indem Sie mir nichts darüber sagten. Aber Ihre Mutter hat mir in ihrer Nachschrift die Nachricht als besonderen Leckerbissen serviert. Wie soll man daraufhin noch lustig sein? Sie möchten, daß ich Ihnen die Geschichte von dem Blitz erzähle; aber ich weiß nicht, was davon zu erzählen wäre: Er schlug mitten in eine neapolitanische Conversazione ein, um zu beweisen, daß der neapolitanische Stumpfsinn selbst über Blitz und Donner erhaben ist. Niemandem ist etwas zuleide geschehen. Es steht fest, daß der Blitz unter den Röcken einer galanten Dame durchfuhr, die auf einem Sofa saß. Er hat das Gold mit fortgerissen, aber er verschonte, was unter den Röcken der Dame war; so getreulich beschützt der Himmel die Galanterie, wenn sie recht frech ist. Sie ist dann dasselbe wie die Gerechtigkeit; denn die Gerechtigkeit besteht darin, jedem das Seine zu geben, suum unicuique tribuere . Der Chevalier Hamilton parodiert hier den Blitz; mit einer sehr schönen Elektrizitätsmaschine; aber es kommt ungefähr darauf hinaus, wie wenn er auf einem Puppentheater den Tancred aufführte. Er glaubt an den Leitungsdraht, er erklärt ihn, er entwaffnet Jupiter. Alles das wäre recht schön und gut, wenn man nicht, ebensogut wie am Blitzschlag selbst, auch von den Steinen sterben könnte, die er losreißt, oder an dem Gestank ersticken könnte, den er verbreitet. Ich für meine Person habe Respekt vor dem Gewitter; ich fürchte die Götter, die es uns senden, und halte sie darum nicht für liebenswürdiger. Übrigens ist das Gewitter nicht das, was ich am meisten auf der Welt fürchte, und die Merlinsche Angelegenheit ist mir noch ärgerlicher als der Blitz. Damit Ihre Schrift mir keinen Schreck verursacht, müßten Sie mir bisweilen schreiben, wenn Ihre Mutter sich wohl befindet; sonst werden Ihre Briefe mir immer als Unglücksboten erscheinen. Der Chevalier de Chastellux amüsiert sich hier so gut, daß er sich hat überreden lassen, noch vierzehn Tage zu bleiben. Er bewundert, er lobt, er ist höflich, er benimmt sich sehr gut. Aber er kann machen was er will, er wird niemals einen Neapolitaner kennen; und niemals wird ihn einer kennen. Der Schlaf ist zu tief... [122] An Frau von Epinay Neapel, den 5. Juni 1772 Sie wissen doch, meine schöne Dame, daß unser Briefwechsel gedruckt werden wird, wenn wir beide tot sind. Welches Vergnügen für uns! Welchen Spaß uns das machen wird! Ich gebe mir die allergrößte Mühe, daß meine Briefe besser werden als die Ihrigen, und ich beginne schon, mir mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß es mir gelingen wird. An Ihren Briefen wird man eine etwas allzu eintönige Freundschaft bemerken. Immer zart, immer liebkosend, immer zärtlich, immer beifallspendend. Die meinigen dagegen werden eine reizende Abwechslung aufweisen: manchmal sage ich Ihnen Beleidigungen, manchmal Sarkasmen; ich bin in einer Hundelaune, und zuweilen beende ich sogar einen Brief in einem ganz andern Ton, als ich ihn begonnen hatte; und dabei bin ich immer gesund. Hierauf beruht vor allen Dingen meine große Überlegenheit. Denn z. B. Ihre letzten vier Nummern, was für eine klägliche Figur werden die nicht in der Sammlung spielen? Bewundern Sie also meine Geschicklichkeit, wenn ich Ihnen bisweilen Beleidigungen sage, und lassen Sie sich's gut gehen, wäre es auch nur wegen des Erfolges unserer Sammlung. Trachten Sie, mir schnell mitteilen zu können, daß Sie nicht mehr verstopft sind; sonst bekomme ich eine Verstopfung im Kopf und kann Ihnen nichts mehr sagen. Ich sandte dem Papst als Geschenk die geographische Karte des Königreichs Neapel, die ich in Paris stechen ließ; er hat mir in einem lateinischen Breve mit den pomphaftesten und schmeichelhaftesten Ausdrücken dafür gedankt. Eine goldene Medaille wäre mir jedoch lieber gewesen; sie nimmt sich besser aus in dem Vermögensverzeichnis eines Literaten. Chastellux ist vor drei Tagen abgereist. Er hat sich in Neapel amüsiert, indem er niemals mit einem Neapolitaner zusammenkam. In gleicher Weise amüsiert man sich in Pera, wenn man sagt, man habe Konstantinopel gesehen. Übrigens hat er viele Beobachtungen gemacht, die er nach seiner Rückkehr Ihnen mitteilen wird. Pignatelli wird bald abreisen; er wird hier viel Musik abschreiben lassen, besonders Piccinische, die er Ihnen dann mitteilen kann; wir haben dies untereinander abgemacht. Unterlassen Sie ja nicht, mir über den Philosophen zu schreiben, was Sie erfahren; wie Sie wissen, bin ich sehr besorgt um ihn... Leben Sie wohl; behalten Sie mich lieb. Entschuldigen Sie meine Beleidigungen; genehmigen Sie die Versicherungen einer Freundschaft, von der die Weltgeschichte sprechen würde, wenn sie von etwas anderem als von Dummheiten und von Leiden der Menschheit spräche. Nochmals: Leben Sie wohl. [123] Frau von Epinay an Galiani Paris, den 26. Juni 1773 Es ist unausstehlich von Ihnen, mich daran zu erinnern, daß unser Briefwechsel nach unserm Tode im Druck erscheinen wird. Ich wußte es wohl, aber ich hatte es vergessen. Nun weiß ich einfach nicht mehr, was ich Ihnen sagen soll: vor der Unsterblichkeit habe ich eine gräßliche Angst. Übrigens wissen Sie, mein lieber Abbé, daß Ruhepausen zu den Regeln des Schönen gehören, und da man meine Briefe in bunter Reihe mit den Ihrigen drucken wird, so wird daraus, alles in allem genommen, eine vortreffliche Sammlung werden. Ich zeige Ihnen an, daß meine Verstopfung ein bißchen nachzulassen beginnt; aber es ist nur noch sehr wenig. Ich bin nur um ein einziges Kopfkissen abgeschwollen. Ich brauchte fünf zum Schlafen; jetzt begnüge ich mich mit vieren. Viktoria zu rufen ist noch kein Anlaß; aber man muß hoffen, denn Hoffnung ist eine schöne Sache. Ich habe Ihnen vorige Woche nicht geschrieben, weil mein Bürzel ganz zerschunden war; und Sie glauben gar nicht, wie wichtig es ist, daß der Bürzel in gutem Zustand ist, wenn man einen Brief zu diktieren hat. Ich hätte es nie gedacht. Daraus ersehe ich aber, daß es auf dieser Welt noch mehr als eine Wahrheit zu entdecken gibt. Um diese z. B. zu entdecken, war es nötig, daß Umstände eintraten, die mich zwangen, drei Monate lang bewegungslos in der gleichen Stellung zu verbleiben. Sie glauben, der Chevalier de Chastellux werde mir seine Beobachtungen mitteilen. Aber wo werde ich ihn sehen? Zu mir kommt er nicht, und ich gehe nicht mehr aus. Ich möchte gerne an die nahe bevorstehende Rückkehr des Herrn Fürsten Pignatelli glauben; aber ich fürchte, Sie wollen mich anführen, denn mir ist's, als hätte ich sagen hören, er habe seiner Frau geschrieben, daß er den Winter in Neapel verbringen werde. Da er ihr möglicherweise eine angenehme Überraschung bereiten will, so werde ich zu keinem Menschen weitersagen, was Sie mir über seine Rückkehr schreiben ... Vom Philosophen sind noch keine direkten Nachrichten da. Wir wissen nur durch einen Brief des Fürsten Galizin an Madame Geoffrin, daß er bei sehr guter Gesundheit in Haag eingetroffen ist; daß er nach Leyden gefahren ist, wo er die Bekanntschaft aller Professoren gemacht hat; daß der Fürst ihn gar nicht von diesen Herren fortbringen kann, und daß es wirklich sehr zweifelhaft ist, ob er nach Rußland gehen wird. Er hat eine ganz närrische Liebe zu allen diesen holländischen Doktoren; vielleicht wird er den Rest seines Lebens dort zubringen – wer weiß? Ich genehmige, mein lieber Abbé, Ihre Zärtlichkeiten, Ihre Beleidigungen, Ihre Entschuldigungen. Alles, was von Ihnen kommt, ist mir kostbar – seien Sie dessen gewiß! Ohne Zweifel wird die Weltgeschichte von unserer Freundschaft sprechen; verlassen Sie sich darauf, denn sie spricht ja von den Leiden der Menschen. Und gibt es ein größeres, als von geliebten Freunden getrennt zu sein? [124] An Frau von Epinay Neapel, den 19. Juni 1773 Obwohl Sie Ihren Mut übertreiben, sind Sie doch, schöne Frau, die furchtsamste Person von der Welt, denn Sie ziehen den Schmerz dem Tode vor. Sie halten also den Tod für das größte Übel. Ich bin ganz entgegengesetzter Ansicht, und ich bin in meiner Überzeugung so fest, daß ich mich über den erstaunlichen Satz Ihres Briefes: »Mein Zustand ist nicht gefährlich, aber er ist schmerzhaft«, gar nicht beruhigen kann. Sie rechnen also die »Gefahr des Leidens« für nichts? Glauben Sie also nicht, daß Sie mich beruhigen können, solange Sie mir schreiben: »Ich leide.« Dieses Wort bedeutet für mich alles. Allerdings wiederhole ja auch ich Ihnen fortwährend: »Ich langweile mich.« Aber zwischen Langerweile und Leiden ist ein schöner Unterschied. In der Langeweile setzt man Fett an; man ist ein Pferd im Marstall eines großen Herrn. Der Leidende gleicht einem Droschkengaul. Gestern erhielt ich das Porträt unseres armen Herrn de Croismare; der Marquis Spinola ist so freundlich gewesen, es mir durch seinen Kammerdiener zustellen zu lassen, der hier zum Besuch bei seinem Vater ist. Das Porträt ist ausgezeichnet gestochen; aber sein Anblick hat mich nicht gerührt, denn es ist kaum eine Ähnlichkeit vorhanden. Der unvergleichliche Croismare war von einer ursprünglichen, reizenden, charakteristischen Häßlichkeit. Sein Bildnis ist viel weniger häßlich und viel weniger schön. Was nützt es, wenn wir uns gegen unser Geschick aufbäumen und gegen das Gesetz, das allen Wesen gemeinsam ist. Wir sterben – wir und unsere Physiognomien und unsere Einfälle und unsere Porträts und unser Andenken – alles muß den Weg des Todes gehen. In welchem Taumel waren die Griechen und die Römer, daß sie alles um der Unsterblichkeit willen taten? Diese angebliche Unsterblichkeit ist nur ein Stückchen Landes, das der »Vergessenheit« bestritten wird. Lassen wir dies; es ist eine düstere und trostlose Träumerei, der ich mich soeben überlassen wollte. Bleiben wir im Taumel des menschlichen Ruhms! Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen sagen, daß ich dem Papst die Landkarte des Königreichs Neapel sandte, die ich in Paris zeichnen und stechen ließ. In meinem Begleitschreiben sagte ich, da Benedikt XIV. mich sehr gern gehabt und die Widmung von einigen meiner Geisteserzeugnisse angenommen hätte, so glaubte ich berechtigt zu sein, einem Papst, der dem Papst Lambertini so ähnlich sei, eine gleiche Widmung machen zu dürfen. Der Papst hat meinen Brief und mein Geschenk mit der größten Freude empfangen und hat mir mittels eines für mich sehr schmeichelhaften Breves dafür gedankt. Es ist lateinisch abgefaßt, denn die Päpste sind nun mal darauf versessen, lateinisch zu schreiben, selbst in unsrer heutigen Zeit! Ich glaube Ihnen ein Vergnügen zu machen, indem ich Ihnen eine Abschrift schicke. Wenn Sie es nicht verstehen, wird Magallon es Ihnen erklären; denn ein Spanier spricht Latein, ohne es zu wissen. Sie ersehen aus diesem Breve, schöne Frau, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach einmal einer von den Kardinalen sein werde, die unser Heiliger Vater in pectore oder in c ... bewahrt. Ich erwarte denn auch eines Tages auf dem oberen und unteren Wege zum Vorschein zu kommen. Das wird mir Kosten machen ... Fürst Pignatelli langweilt sich hier dermaßen, daß er nicht mehr die Kraft hat, fortzugehen. Es geht ihm wie den Leuten, die durch Kohlendunst ersticken: sie bleiben, weil ihr Kopf angegriffen wird. Die Saussures sind aus Sizilien zurück. Madame ist untröstlich über den Tod des Herrn de Tronchin, den sie hier erfahren hat. Sie weiß jedoch nicht, woran er gestorben ist. Haben Sie mich lieb; genießen Sie Ihre Wohnung beim Palais Royal. Meine Empfehlungen an Ihre Frau Tochter. Sie verlangt fortwährend Geschichten und Märchen von mir. Wenn sie so lüstern darauf ist, gebe ich ihr gern meine Geschichte mit Merlin, die auch eine Art Märchen ist. Leben Sie wohl. Ich habe Chastellux beauftragt, meinen Frieden mit dem Abbé Morellet zu machen. Leben Sie wohl. [125] An Frau von Epinay Neapel, den 3. Juli 1773 Sie haben mich früher, als ich's erwartete, aus der Ungewißheit befreit. Es gibt Dinge, die man zu erfahren sucht und die man doch so spät wie möglich erfahren möchte. So z. B. die Hahnreischaft und den Namen Ihrer Krankheit. Er klingt häßlich in allen Sprachen. Wenn Sie ein Mann wären, ich hätte einen Todesschreck bekommen; aber Sie sind eine Frau, und Frauen halten an Krankheiten viel mehr aus und werden doch noch wieder gesund. In dieser Erwägung schöpfe ich wieder Mut und werde warten. Nur Magallons Verlust scheint mir für Sie so unersetzlich zu sein wie der Verlust meiner Person; bei den andern handelt es sich nur um zeitweilige Abwesenheit, und Sie täten unrecht, sich darob zu betrüben. Ich möchte Ihnen heute abend recht lang schreiben, aber denken Sie sich, was mir begegnet! Ein hiesiger Freund von mir hat einen Brief vom päpstlichen Nuntius in Warschau erhalten. Er schreibt ihm, Seine Allerpolnischste Majestät verbringe, um sich zu entlangweilen – und das hat sie sehr nötig – ihre Zeit damit, eine ihr vor kurzem gesandte Sammlung von Briefen von mir an meine Freunde in Frankreich zu lesen; und er sei so gütig und diskret gewesen, diese Briefe dem Nuntius Seiner Heiligkeit mitzuteilen. Etwas so Sonderbares und Unerwartetes ist mir noch nie passiert. Meine Briefe in Warschau! Meine Briefe einem Nuntius nicht des Reichstags, sondern des Papstes mitgeteilt! Ich habe wohl kaum Briefe geschrieben, die dazu angetan sind, päpstlichen Nuntien gezeigt zu werden. Was ist denn das? Welche Briefe hat man ihm geschickt? Wer konnte so unbesonnen sein, auf die Diskretion eines Herrschers zu rechnen, und noch dazu eines Herrschers, der nicht für den Thron geboren wurde? Ich habe allerdings gewünscht, daß meine Briefe einigen Freunden gezeigt wurden, aber ich habe zu meinen Freunden niemals Könige oder Nuntien gezählt. Niemals habe ich eingewilligt, von meinen Briefen Abschriften herstellen zu lassen. Bitte, befreien Sie mich aus dieser Ungewißheit, die mich in noch größere Verlegenheit bringt als Sie Ihre »eingekapselte Bauchwassersucht«! Welche Briefe hat er bekommen? Sind sie überhaupt von mir? Hat man sie mir nur zugeschrieben? Zunächst verleugne ich sie alle. Wenn Sie einer Indiskretion schuldig sind, müssen Sie doch fürchten, daß ich Ihre Briefe fortschicke, um mich zu rächen. Ich sehe wohl, Sie halten mich einer Niederträchtigkeit nicht fähig, und ich halte Sie einer Indiskretion nicht fähig. Es ist jedoch Tatsache, daß er, dieser Herr Monarch, Abschrift von meinen Briefen zu haben glaubt, an denen er sich mehr ergötzt als an den Manifesten der drei Teilungsmächte. Noch einmal: sagen Sie mir, was ist an dieser Geschichte daran, die weiter nichts bezweckt, als daß sie meine Spannkraft, meine Freiheit, meine Offenherzigkeit, die heitre Laune meiner Briefe völlig vernichtet und vor allem das Vertrauen, womit ich Ihnen jederzeit schrieb, was ich sonst nur an Ihrem Kamin zu sagen gewagt hätte. Für die nächste Zeit erwarten Sie von mir nichts als Redensarten, die keinem Nuntius ein Ärgernis bereiten können. Daher werde ich Ihnen also nicht sagen, daß ich Sie liebe; denn Sie sind Weib, ich bin Abbé, und die Wassersucht hat damit nichts zu tun. Ich muß Ihnen kurz und respektvoll sagen, daß ich die Ehre habe, gnädige Frau, in aller Ehrfurcht zu sein Ihr untertänigster und gehorsamster Diener. [126] An Frau von Epinay Neapel, den 17. Juli 1773 Meinem Bürzel geht es famos; aber wenn es notwendig ist, daß dieser in gutem Zustand sei, um Briefe diktieren zu können, so ist es ebensowohl notwendig, daß man Briefe habe, um Antworten schreiben zu können. Darum habe ich Ihnen vorige Woche nicht geschrieben. Was konnte meine Phantasie gebären, da sie in solcher Ungewißheit über Ihre Gesundheit war? Diese Woche kann ich ja antworten, da ein Brief da ist – aber was soll ich Ihnen sagen? Ich vermindere die Zahl Ihrer Kopfkissen um eins – ach, wie bedrückt es mich, sie nicht um viele vermindern zu können! Der Philosoph wird im Haag alle holländischen Schildkröten elektrisieren. Er wird jedoch nach Rußland gehen, daran zweifle ich nicht; oder vielmehr, er wird sich eines schönen Morgens in Petersburg befinden, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist. Fürst Pignatelli ist auch eine Art Diderot. Er kann weder bleiben noch abreisen. Indessen wird er, glaube ich, den Winter nicht hier verbringen. Es gefällt ihm in Neapel; aber er langweilt sich bei seiner Tante und seinem Onkel auf unglaubliche Weise, und dieser Stachel wird ihn endlich zur Abreise bringen. Ich sehe ihn oft, wir plaudern von Ihnen; wir beklagen uns, daß Neapel so gar keine Ähnlichkeit mit Paris hat; aber wir befinden uns wohl, denn man stirbt aus physischen Ursachen, aber niemals oder fast niemals aus seelischen Gründen. Wir haben dieses Jahr hier in der Umgegend von Neapel ein Phänomen, das ich für unmöglich hielt: eine Ernte, die in allen Arten von Bodenprodukten gleich wunderbar ist. Da diese Produkte sehr zahlreich und verschieden sind, so hielt ich es für unmöglich, daß dieselbe Jahreszeit alle Erzeugnisse in vollkommener Güte hervorbringen könnte: Gemüse, Gerste, Weizen, Mais, Hanf und Flachs, Seide, Obst, Wein, Öl usw. Und doch ist dieser Fall dieses Jahr eingetreten, und ich bin sehr neugierig, welche politischen Wirkungen ein solcher allgemeiner Reichtum des Bodens haben wird. Frankreich leidet unter Hungernot, und wie ich höre, gibt man mir die Schuld daran. Wenn Sie sich wohl befänden, würde ich noch ein Gespräch schreiben, und man würde mein Buch mit einigen Briefen und diesem Dialog neu drucken. Vielleicht würde man mich besser verstehen, ganz gewiß würde man mich noch einmal kaufen. Aber Ihr Bürzel wirft mich aus dem Sattel. Was soll man mit einer Dame anfangen, die einen zerschundenen Bürzel hat? Sagen Sie mir also recht schnell, daß es Ihnen gut geht, und beschäftigen Sie sich damit, mir alle Anschuldigungen der Ökonomisten gegen meine Dialoge mitzuteilen, die nach ihrer Behauptung die einzige Ursache der Aufstände in Guyenne und Languedoc sind. ... Bitte, lassen Sie sich von den vier Kopfkissen entbinden. Leben Sie wohl. [127] An Frau von Epinay Neapel, den 24. Juli 1773 Das war unbestreitbar der erhabenste und sinnreichste Brief, den Sie mir in Ihrem ganzen Leben geschrieben haben. Sie schwellen ab, Sie verlieren Ihre Verstopfung, Sie sind zufrieden mit Tronchin und noch mehr mit der Natur. Wie tief das ist! Kann man geistreicher sein? Sie können sich gar nicht vorstellen, wie lustig und gut gelaunt mich das macht, wie es mich elektrisiert. Ich muß Ihnen gestehen, ich interessiere mich für Ihre Gesundheit, ebensosehr wegen meiner Briefe, wie wegen der Ihrigen. Es ist ein wahres Vergnügen, ein bersaglio für alle meine Tollheiten zu haben, und ich werde Ihnen von nun an die tollsten Briefe schreiben, die Sie je von mir erhalten haben. Aber warum muß denn nur Ihre Frau Tochter Sie zu so ungelegener Zeit verlassen? Muß man denn nach Plombières reisen, um zu pissen? Kann man denn die Gedärme nicht auch in Paris abschwellen lassen? Sie haben in Ihrer Einsamkeit ein Unterhaltungsmittel. Wohnen Sie nicht im Palais-Royal? Rufen Sie von Ihrem Fenster aus die Vorübergehenden an. Sie könnten die Herren vom Krakauer Baum anrufen, und wenn das so weit ist, werde ich Ihnen Neuigkeiten schicken, um sie zu unterhalten. Augenblicklich habe ich keine. Nachdem wir diesen Winter französische Schauspieler hier hatten, haben wir jetzt den berühmten Tänzer Le Picque, der uns das Ballett Armida mit den Chören aufführt und überhaupt alles, was man nur in der Oper Ihres Palais Royal aufführen könnte. Man muß zugeben, daß er ein ebenso ausgezeichneter Tänzer ist wie Vestris und Dauberval; trotzdem hat es ihm mehr Mühe gemacht als Herrn d'Aufresne, die Neapolitaner zu französieren. Zu Anfang wäre er beinahe ausgepfiffen worden. In unserm riesengroßen, ungeheuren Theater bemerkten die Neapolitaner gar nicht, daß er tanzte, weil er keine Sprünge macht. Aber da er von sehr schönem Wuchs ist, hat er zunächst die Neapolitanerinnen gezähmt, und nach und nach hat sich die ganze Nation bekehrt. Da sehen Sie, welche Fortschritte die Gesittung macht; wir verfallen dank euch Franzosen in Monotonie; bald wird ganz Europa Paris sein, und man wird keinen Geschmack mehr am Reisen finden; denn es wird nichts zu lernen, nichts zu sehen geben: alles wird sich gleichen. An den beiden Enden des großen Festlandes werden auf der einen Seite die Chinesen, auf der anderen die Europäer wohnen, zwei fast gleiche Nationen. Sie werden ferner etwas Charakteristisches gemeinsam haben: sie werden eine absolute Regierung haben, die durch die Formen, die Langsamkeit aller Prozeduren und durch sanfte Denkungsart gemildert sein wird; sie werden viele Soldaten und wenig Tapferkeit haben; viel Fleiß und wenig Genie; viel Volk und wenig Glückliche. Die Republiken werden in Europa verschwinden, sie können mit den Monarchien nicht Schritt halten, bleiben zurück und werden verschlungen. Das beweist Ihnen das Beispiel Polens: das gleiche Unglück werden in spätestens hundert Jahren die italienischen Republiken haben, die man nur wegen ihrer Kleinheit verschmäht hat. Wir werden also in spätestens hundert Jahren Chinesen sein ... Ich amüsiere mich schon damit, meine Nase plattzudrücken und meine Ohren lang zu zupfen, und es gelingt mir schon gar nicht schlecht; geben Sie sich nur auch Mühe, kleine Füße zu bekommen. Leben Sie wohl, schöne Frau; Fürst Pignatelli schickt Ihnen seine Empfehlungen. Er ist stark beschäftigt mit Madame de Llano, der appetitlichsten Spanierin, die ich jemals gesehen habe. Nochmals, leben Sie wohl. [128] An Frau von Epinay Neapel, den 31. Juli 1773 Sie wollen es nicht glauben, schöne Frau – aber Ruhe und Sorglosigkeit sind nur in der Wahrheit. Jetzt, da Sie mich mißtrauisch gemacht haben, bin ich nicht einmal sicher, ob Ihr Brief vom 11. Juli wahrheitsgetreu ist. Ich will annehmen, daß er es ist, wenigstens was darin über Ihr Fettwerden und Schönwerden steht. Es wird für mich, wenn ich nach Paris zurückkehre, eine schöne Überraschung sein, Sie fett zu finden, wie ich die Frauen liebe ... Wir haben hier eine Königin in Wochen, und Ihr König wird der Pate sein, wenn das Kind nicht stirbt. Die Kleine ist ein bißchen schwächlich zur Welt gekommen und wird Mühe haben, am Leben zu bleiben. Ich bin heute abend dumm wie gewöhnlich und bei außergewöhnlich schlechter Laune. Es ist der letzte Tag des Monats. Ich sehe meine Aufstellungen durch und finde, daß mein Koch, meine Bedienten, mein Kutscher mich bestehlen, berauben, plündern. Ach wie peinlich ist es doch für einen Abbé, von anderen Leuten bestohlen zu werden als von seiner Haushälterin. Ich bin allein, einsam, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Hausfrau; mein Geld geht zum Teufel: alles ist einig im Stehlen. Ich muß mich durchaus verheiraten. Hätten Sie nicht zufällig eine reiche Kreolin für mich? Ob sie neu oder schon etwas abgenutzt ist, macht mir wenig aus. Sehen Sie doch mal zu. Guten Abend; ich verabschiede mich. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Sie werden alle Neuigkeiten der Welt von überall her eher erfahren als aus meiner Sackgasse. Also, leben Sie wohl. Der Fürst schickt Ihnen tausend Empfehlungen. [129] An Frau von Epinay Neapel, den 14. August 1773 Mein Brief über den Warschauer Vorfall, schöne Dame, war unter dem ersten Eindruck des Erstaunens und des Erschreckens geschrieben. Hinterher hab ich es mir überlegt und habe Ihnen, wie Sie bemerkt haben werden, nicht mehr darüber geschrieben: 1. Weil der König von Polen, obwohl er mir nicht bekannt ist, doch ein verständiger Mann sein muß; denn er hat es doch nun mal, wohl oder übel, fertig gebracht, König zu werden; 2. Weil Monsignore Garampi der gelehrteste, beste römische Prälat, ein seltener Mann und ein sehr guter Freund von mir ist; 3. Weil Grimm oder andere, wenn sie auch wohl noch so sehr für mich begeistert sein dürften, doch verständig genug sind, mich nicht bloßzustellen. Nachdem ich also alles überlegt habe, bin ich ruhig, und mein Wunsch, zu erfahren, welche Briefe, als angeblich von mir verfaßt, der König von Polen wohl erhalten haben mag, ist jetzt nur noch eine Neugier; statt meinen Zorn zu besänftigen – der nicht mehr vorhanden ist – versuchen Sie doch, bitte, diese meine unschuldige Neugier zu befriedigen; ich vermute, Sie werden es können. Sollte man nicht etwa aus Spaß Briefe fabriziert und sie mir zugeschrieben haben, wie es mit den Briefen der Frau von Pompadour und mit so vielen Werken von Boulanger, Mirabaud und andern geschehen ist? Ich bin wirklich sehr neugierig darauf. Übrigens würde mir wirklich außerordentlich viel daran liegen, daß meine Briefe gelesen würden; nur müßte der, der sie zeigte, sich stets erinnern, daß ich in Neapel wohne; daß ich Abbé bin und daß es noch genug Jesuiten auf der Welt gibt, die lebendig genug sind, um sich rächen zu können. Abgesehen hievon ist mir alles andre ganz einerlei. Ich werde hinfort in dieser Welt weder eine große Persönlichkeit noch ein Nichts sein: ich werde ein Handelsrat sein in einem Lande, wo es keinen Handel gibt – weiter nichts. Ich glaube, wir haben uns verstanden. Am tröstlichsten ist mir an Ihrem Brief, daß Sie mir kein Wort mehr von Ihrer Gesundheit sagen. Dies überzeugt mich, daß Sie allen Ernstes der Heilung entgegengehen. Ich möchte Ihnen wohl etwas Lustiges schreiben, denn ich habe große Lust dazu; aber ich bin nicht mehr in Stimung ... Ich selber bin stark beschäftigt mit der Aufsuchung von Nachrichten über das Leben des Herzogs von Valentinois, Cesare Borgia, und zwar aus einem sehr seltsamen Anlaß. Ich sollte eine Broschüre über ihn schreiben, um sie dem Papst zu widmen. Ist das nicht recht sonderbar? Sehen Sie doch zu, ob nicht Herr Capperonnier oder irgendein anderer mir mit seinen Kenntnissen helfen könnte. Ich finde hier nicht das Brantômesche Werk über die »berühmten Ausländer«, und ich möchte wissen, in welchem Alter er starb oder, was auf dasselbe hinausläuft, in welchem Jahre er starb. In welchem Jahre verheiratete sich sein Bruder, der Herzog von Gandia? Und mit wem? usw. Wenn Sie dieses Brantômesche Werk auftreiben können, schreiben Sie es mir; ich werde Ihnen dann meine Fragen schicken. Haben Sie mich immer lieb! Leben Sie wohl. [130] An Frau von Epinay Neapel, den 4. September 1773 Über den polnischen Handel, schöne Frau, war ich schon beruhigt, wie ich Ihnen ja auch schrieb. Die Gelehrten sind ein Geschlecht von Narren, mit denen ziemlich schwer umzugehen ist. Sie streben nach Ruhm und möchten zu gleicher Zeit nicht bloßgestellt werden; aber das eine geht nicht ohne das andere. Nur was pikant ist, wird berühmt, und alles Pikante kompromittiert. Ich bin Gelehrter, also bin ich ein Narr. Ich wünsche zwei Dinge, die miteinander unvereinbar sind, und ich gleiche jenem Dichter, der nicht für den Verfasser gewisser Verse gelten wollte, aber es nicht vertragen konnte, wenn man sie schlecht fand. Beklagen Sie also meine Narrheit und betrüben Sie sich nicht mehr um meine polnische Berühmtheit, denn im Grunde ist sie mir gar nicht so unangenehm. Nichts ist so spaßhaft, wie wenn eine Pariserin sich einem Neapolitaner gegenüber über die Hitze beklagt und dieser ihr mit einer Beschreibung der Vorteile und Annehmlichkeiten neapolitanischer Kühle antwortet. So täuschen sich die Menschen in ihren Urteilen. Ich bin darauf gefaßt, daß Sie mir demnächst schreiben werden, man finde in Paris keinen Menschen mehr, mit dem man disputieren könne, es erschienen keine Broschüren mehr, literarische Dispute hätten aufgehört; und daß dagegen ich im Gegenteil Ihnen mitteilen werde, meine Perücke schwebe immer in der Luft und mein Kopf stehe immer in Flammen. Bis dahin hat es freilich noch gute Weile. Indessen muß ich, zur Ehre meines Vaterlandes, Ihnen sagen, daß man von dem Erscheinen eines Kometen hier fast ebensoviel gesprochen hat, wie in Paris; daß die Abhandlung des Herrn de Lalande hier in französischer Sprache neu gedruckt worden ist, und daß der Buchhändler sehr guten Absatz gehabt hat. Wir haben also die Pariser an astronomischer Wißbegier erreicht, und wir haben sie darin übertroffen, daß wir keine Furcht gehabt haben. Ich bin sogar noch weiter gegangen: ich habe den Kometen herbeigewünscht, ich seufze nach ihm und werde vor Kummer sterben, wenn er nicht diesen Oktober kommt, wie man erwartet. Dieser Zusammenbruch der Jesuiten, der uns viel Spaß hätte machen sollen, ist so fade, so ruhig verlaufen, daß wir nur noch auf einen Kometen hoffen können, um einen schönen Lärm und einen ergötzlichen Kladderadatsch zu hören, wie z. B. beim Stierkampf an der barrière de Sèves . Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß im Augenblick, wo der Jesuitengeneral die Auflösungsbulle las, ein portugiesischer Jesuit ihm die bittersten Vorwürfe machte, er habe ihnen versprochen, der König von Spanien und der Papst würden bald tot sein, und er habe ihnen nicht Wort gehalten. Gibt es etwas Naiveres und Originelleres? Da Sie wegen Ihrer Augenkrankheit mir über nichts anderes haben schreiben können als über Ihre Gesundheit, so bitte ich Sie recht sehr, meine Briefe von den letzten vier oder fünf Monaten durchzusehen und daraus die Stellen herauszusuchen, auf die Sie nicht geantwortet haben. Es schwebt mir in der Erinnerung vor, daß ich Sie nach manchem gefragt habe, worauf Sie nicht antworteten, und das mir zumeist wichtig war. Also sehen Sie bitte nach; in meinem Gedächtnis finde ich nur noch diese verworrene Idee. Wird Grimm nach Italien kommen? Wird der Philosoph nach Petersburg gehen? Wir haben hier Herrn de La Borde, der im Galopp durch Italien reist. Es gibt Literaten, die die Bücher studieren, und andere, die sie durchblättern und die mit den Händen studieren, wie Herr de Fontenelle sagte. So gibt es auch Reisende, die ein Land studieren, und andere, die es nur durchblättern. Herr de La Borde hat uns durchblättert, Pignatelli hat uns studiert. Ich beschuldige ihn nicht; ich bedaure einen Mann, der als erster Kammerdiener eines allerchristlichsten und sehr viele Christen verbrauchenden Königs auf Reisen geht. Behalten Sie mich lieb. Lassen Sie sich's gut gehen, und wenn Sie von mir interessantere Briefe wünschen als diesen, so geben Sie den ersten Anstoß dazu! [131] An Frau von Epinay Neapel, den 11. September 1773 Schöne Frau, es gibt keine Möglichkeit auf dieser Welt glücklich zu sein: Kaum atmete ich auf von meiner Besorgnis um Ihre Gesundheit, da stürzt die meines Bruders hier mich in neue Unruhe. Er hat vor vier Tagen eine Art Lähmungsanfall gehabt, wovon besonders die Hälfte des Gesichts betroffen worden ist. Diese Nervenkrankheiten, die in unserem vulkanischen Lande sehr häufig sind, machen uns weniger Angst als Ihnen in Paris, aber die Krankheit ist immerhin ernst. Ich befürchte nicht nur den Tod meines Bruders, sondern mehr noch, daß er gelähmt und geistesschwach bleiben könnte; er könnte auch blind werden. Er hat eine Frau, die Mutter seiner Frau und drei erwachsene Töchter, von denen keine einzige verheiratet ist; sehen Sie doch, welch furchtbares Schauspiel sich meiner Phantasie darbietet. In jedem der drei möglichen Fälle bleibe ich dazu verurteilt, ein entsetzliches Serail von fünf Frauen zu leiten, mich für den Rest meines Lebens oder doch mindestens für ein Jahr tödlich zu langweilen, festgekettet an Neapel als Hüter von Unterröcken, und für Nahrung und Unterhalt einer Familie zu sorgen verpflichtet. Sie, die Sie meinen Kopf und Charakter kennen, werden mich wegen dieses mir drohenden Unglücks mehr als wegen jedes anderen auf dieser Welt möglichen beklagen. Wundern Sie sich also nicht, wenn mein heutiger Brief nicht lustig ist; ich führe Ihnen hinreichend gute Gründe dafür an. Da Sie es nicht übernehmen wollen, mir eine Frau zu finden, so müssen wir den Gedanken daran aufgeben. Ich verlangte von Ihnen eine Kreolin, weil diese für gewöhnlich reich sind, ferner weil ich der Meinung bin, wenn ich eine Frau nehme, so muß diese aus der andern Welt kommen; denn mit denen von dieser Welt bin ich nicht zufrieden; aber Sie wollen nicht, daß ich meinem fürchterlichen Serail noch eine Sultanin hinzufüge. Also lassen wir es. Aber wie wär's, wenn Sie für mich eine viel leichtere, viel dringendere und viel vernünftigere Besorgung machten. Ich brauche Hemden für diesen Winter. In Paris habe ich mich daran gewöhnt, Kattunhemden zu tragen; ich kann sie jetzt nicht mehr entbehren, weil ich fürchten würde, Rheumatismus zu bekommen. Man findet hier keinen geeigneten Kattun. Ich kaufte in Paris welchen von mittlerer Güte, der mich ungefähr vier Franken die Elle kostete oder sogar noch etwas weniger. Ich möchte zwölf Hemden machen lassen; die Größe meiner Hemden kennen Sie. Nie werde ich die mütterliche Regung vergessen, die vereint mit dem tollsten Lachen Sie ergriff, als Sie in Ihrem Landhaus auf meinem Bett eines meiner Hemden ausgestreckt sahen. Es schien Ihnen unmöglich, daß jemand mit einem so kurzen und so lächerlichen Hemd so anmaßend sein könnte, sich einen Mann zu nennen. Also berechnen Sie die nötige Menge Kattun, um dieses Kind, den sogenannten Mann, zu bekleiden. Ziehen Sie einen Wechsel auf mich und schicken Sie mir den Kattun durch unsern Gesandten Caraccioli, wenn er hierherkommt. Ich werde ihm nächste Woche schreiben, und ich denke mir, er wird nicht so schnell von Paris abreisen, daß mein Brief zu spät käme. Ich werde abgerufen. Leben Sie wohl. [132] An Frau von Epinay Neapel, den 25. September 1773 Sie haben ganz recht: der Wert, den man solchem Papierfetzen, Brief genannt, beimißt, ist unglaublich. Dieser Wahnsinn bringt dem König von Frankreich jährlich sechs Millionen ein. Aber wissen Sie auch warum? Der Grund ist der, daß der briefliche Verkehr nur das Überbleibsel eines reizenden Vermögens ist, das man wie ein Geizhals sorgfältig sich zu erhalten bemüht. Es mischt sich hinein die Reue, einstmals zu verschwenderisch gewesen zu sein. Ihre Briefe sind für mich die Reste jener Unterhaltungen an Ihrem Kamin, mit abgenommener Perücke usw. Wie oft ärgere ich mich, Ihnen nicht mündlich gesagt zu haben, was ich Ihnen schreibe! Wollen Sie noch einen anderen Beweis? Bemerken Sie, daß es interessante Briefe nur zwischen Personen gibt, die sich vorher genau gekannt haben. Die Briefe der Gelehrten, die einander schreiben, weil sie sich dem Rufe nach kennen, werden ihren Geist zieren, aber nicht ihr Herz rühren. Über Bücher will ich Sie auf eine eigentümliche Beobachtung hinweisen, die Sie vielleicht niemals gemacht haben. Die Bücher, die uns vor Vergnügen außer uns bringen, sind gerade jene, die uns nichts Neues lehren, aber dem Publikum gerade das sagen, was wir selber ihm hätten sagen mögen. Wenn der Verfasser es noch besser sagt, als wir selber es sagen zu können geglaubt hätten, so sind wir auf dem Höhepunkt der Freude und wissen vor Vergnügen nicht, wo wir hin sollen. Wenn das Buch uns etwas Neues lehrt, z. B. das Buch eines Reisenden, eines Geometers usw., so macht es uns Vergnügen, aber es entzückt uns nicht. Selbst in einem Roman wird die Partie, die uns in Entzücken versetzt, stets gerade jene sein, die uns durchaus nicht neu ist, z. B. der Charakter einer Persönlichkeit, der unserm eigenen oder dem eines vertrauten Freundes gleicht; eine Lage, in der wir selber uns schon befunden haben. Daraus folgt: wir sind von einem Buch entzückt, weil der Verfasser uns der Mühe enthoben hat, dieses Buch selber zu schreiben, und weil er es so gut gemacht hat, wie wir selber es machen zu können glaubten oder wenigstens gewünscht hätten, es machen zu können. Dies ist das geheime Gefühl in Ihnen über das Werk des Herrn Necker; meines wird ebenso sein. Suchen Sie also dieses Buch juxta cor meum gelangen zu lassen, spätestens durch Vermittlung Caracciolis, wenn er, wie er sagt, hierher reist. Die Ökonomisten sprechen schlecht von dem Buche, sagen Sie? Sind sie denn überhaupt noch imstande zu sprechen? Ich glaubte, sie seien stumm geworden. Sehen sie nicht, daß ganz Europa dem Getreidehandel Schranken zieht? Sie haben also recht wenig Jünger gemacht. Aber ich muß Ihnen, bevor der Bogen voll wird, erst noch meine übrigen Aufträge geben. Vor zwei Wochen (denn letzte Woche schrieb ich Ihnen nicht, da ich keine Briefe von Ihnen erhalten hatte), vor zwei Wochen bat ich Sie, mir den Stoff zu zwölf Kattunhemden zu schicken; aber vergessen Sie nicht, mir ein Dutzend fertiger hübscher Manschetten zu senden, oder besser schicken Sie mir gleich zwei Dutzend oder drei, denn in Neapel versteht man sie nicht zu machen. Sie kennen den Umfang meines furchtbaren Arms; wenn nicht, so nehmen Sie die Dimensionen des Farnesischen Herkules zum Muster. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß ich seit meiner Abreise nicht größer geworden bin – ich sage »Abreise«, nicht Heimkehr, denn meine Heimat ist Paris. Zu diesem Auftrag noch einen zweiten: besorgen Sie mir, bitte, zwölf bunte, rotgestreifte englische oder Schweizer Taschentücher, um mir die Nase zu schnauben; und bedenken Sie, daß ich es Ihnen zu verdanken haben werde, wenn ich keine Rotznase bin. Das ist die höchste Verpflichtung, die ein Mensch haben kann. Ich kaufte sie in Paris zum Preise von 50 Sous bis zu 3 Livres 10 Sous. Man findet diese Tücher auch in Neapel, aber hier sind sie viel teurer. Wenn also der Marquis Caraccioli sie mir mitbringen will, wie ich hoffe, so werde ich beinahe die Hälfte ersparen. Es tut mir sehr leid, daß Sie Ihren Prozeß verlieren und dadurch Ihre Finanzen zerrütten; aber wessen Finanzen sind nicht zerrüttet? Man braucht sich nur einen Freibrief auswirken lassen, wie Merlin der Zauberer; und das ist überall die leichteste Sache von der Welt. Ich sehe, daß alle Herrscher der Welt aus Sympathie die schlechten Zahler schützen. Sie werden also beschützt sein; und merken Sie sich wohl, daß der, der nichts zahlen will, nichts schuldig ist und keinen Mangel spürt. Da Sie sich also nicht rühren können, so bleiben Sie doch – das ist das sicherste. Leben Sie wohl. [133] An d'Alembert Neapel, den 25. September 1773 Mein lieber d'Alembert! Das Beste, was, ohne Frage, Herr de La Borde auf seiner italienischen Reise gemacht hat, ist, daß er den Einfall hatte, Sie um einen Brief für mich zu bitten. Er bedurfte dessen gar nicht. Ich kannte ihn, ich achtete ihn, ich war von seiner liebenswürdigen Schwester mit Freundlichkeiten überhäuft worden und besonders von der heroischen Madame de Marchais, obwohl sie für die Ökonomisten durchs Feuer ging und ich ein Antiökonomist zum Anbeißen war. Indessen war es sehr nett von Herrn de La Borde, daß er mir einen Brief von Ihnen brachte. Dieser Brief ist mir so teuer! Er bereitet mir so viel Vergnügen, macht mich so eitel, daß er das beste Geschenk ist, das ich aus Frankreich hätte erhalten können. Wenn Sie sähen, wie ich mich brüste, indem ich in unseren Gesellschaften so ganz nachlässig sage: »Ich bekomme eben einen Brief von d'Alembert«, wie ich ihn halb aus der Tasche ziehe, aber ihn wieder hineinschiebe, ohne ihn vorzulesen, weil da ein gewisser kleiner briccone drin ist, der nicht für jedermanns Ohren ist. Da gibt's denn große Reden über d'Alembert, großes Erstaunen, wenn ich erzähle, daß er klein von Wuchs und ein ganz durchtriebener Spaßvogel und Gesichterschneider ist. Man will durchaus, daß Sie groß seien wie der heilige Christofer und ernst und bärtig, wie der Moses von Michelangelo. Schließlich fragen mich alle auf einmal: Haben Sie ihn gesehen? Wie man Panurgs Papa auf der Insel der Papeguieren und Papefigen fragte. Nein, wirklich, ein Messinese ist nicht so eitel auf den Brief der Madonna, wie ich auf den Ihrigen. Aber warum bin ich nicht mehr Ihr kleiner briccone ? Glauben Sie, ich sei weniger klein oder weniger briccone geworden? Ich bin beides noch ebenso wie früher und werde stets Ihr kleiner briccone sein. Es war mir unmöglich, Herrn de La Borde irgendeinen Dienst zu erweisen, was mir recht leid tat; aber er hat Italien im Lauf, im Galopp gesehen, wie die Hunde das Nilwasser trinken; der Vierteljahrsdienst ist aber auch wirklich ein böses Krokodil. Er hat niemals geschlafen. Welch ein gräßlicher Gedanke für mich, der so recht mit Behagen sich ausschläft. Ein Hofmann ist ein wahrer Simon Stylites; er scheint glücklicher als andere Leute, weil er oben auf einer Säule sitzt; aber er kann da oben nie schlafen. Herr de La Borde hat sich in Neapel amüsiert, so sehr er konnte und so sehr er wollte. Sprechen wir jetzt ein wenig von den Jesuiten, wenn's Ihnen recht ist, und seien Sie überzeugt, daß von all den Werken, Broschüren, Bildern, Epigrammen, Berichten, Verordnungen, Erlassen, die man aufgestapelt hat, um den Koloß zu Boden zu werfen, hierher nichts weiter gelangt und nichts weiter im Gedächtnis haften geblieben ist als La Chalotais' Reden; und Ihr Buch – wenn Sie nur dieses veröffentlicht haben – ist noch bekannter, weil es besser verständlich war. Alles übrige ist mit ihnen verschwunden. Sie sind erledigt. Sie werden enden wie die Tempelherren, nachdem sie fünfzehn Jahre lang wie Kapuziner beschimpft worden sind. Ihre Grausamkeiten müssen auf unsere Phantasie einen tiefen Eindruck gemacht haben, daß uns die gegen sie verübten Grausamkeiten nicht rühren. Ich schrieb früher die an den Tempelrittern verübten Grausamkeiten der Barbarei jener Zeit zu. Das war eine Dummheit von mir. Furcht und Habgier sind stets die Ursachen der Grausamkeit und werden es stets sein. Es ist unmöglich, mächtige und reiche Wesen anzugreifen, wenn man nicht furchtsam und habgierig ist. Die Spanier in Peru würden die Indianer verachten, wenn diese sie in Waffen und Schlachtordnung fänden. Aber man mußte sich die Stiefel ausziehen, die Waffen ablegen und schlafen. Welche Angst für 400 Mann, von einer Million Feinden umgeben schlafen zu müssen! Übrigens hatten diese Feinde verborgene Goldminen. Man mußte grausam sein. Seien Sie getrost, mein lieber Freund, die französische Akademie, obwohl nach Herrn de Pompignan noch verderblicher als die Jesuiten, flößt weder Schrecken noch Habsucht ein. Man wird Sie also nicht auf die Folter spannen, um Ihre vergrabenen Jetons zu entdecken; höchstens wird man Sie zuweilen ein bißchen rasend machen, indem man die Auszahlung Ihrer Jahresgelder verzögert. Bei Erwähnung der Akademie fällt mir ein: warum findet man denn nicht, daß ich recht wie ein ausländisches korrespondierendes Mitglied aussehe? Nicht, daß es für mich irgendwelche Bedeutung hätte; aber ich glaube, es würde mir viel Spaß machen, wenn ich dazu ernannt würde. Mein Aufenthalt hier ist keineswegs unangenehm, aber er ist manchmal langweilig. Zuweilen erfaßt mich ein unwiderstehliches Bedürfnis, ein unerträglicher Kitzel zu sprechen, und diese kann ich hier nicht mit Leuten nach meinem Geschmack befriedigen. Das ist mein ganzes Leiden, das ist auch die Ursache eines so geschwätzigen Briefes. Besuchen Sie mich, und ich werde genesen. Fräulein de Lespinasse erinnert sich also meiner noch! Ich erinnere mich nicht nur ihrer, sondern auch ihrer Hündin und ihres Papageis, der so viele Dummheiten sagte. Behalten Sie mich lieb, mein lieber Freund; ich verdiene es wegen meiner Anhänglichkeit, die einen viel stärkeren Anspruch auf Liebe gibt als Ähnlichkeit oder gleiches Verdienst. In der Tat, der heilige Antonius liebte sein Schwein, und Baronius behauptet, dieses Schwein habe an ihm gehangen, sei ihm um den Hals gefallen und habe ihm viele andere Liebkosungen erwiesen. Seien Sie mein heiliger Antonius. Leben Sie wohl, haben Sie mich lieb, versöhnen Sie mich mit meinem lieben Abbé Morellet. Er hat eine freundschaftliche Aufrichtigkeit eines meiner Briefe als eine Beleidigung aufgefaßt, er hat unrecht; leben Sie wohl. [134] An Frau von Epinay Neapel, den 2. Oktober 1773 Da Sie den Brantôme haben, schöne Frau, so teile ich Ihnen hierdurch mit, worum es sich handelt: ich besitze eine große Kuriosität, nämlich das Schwert des Herzogs von Valentinois, des Cesare Borgia, Sohnes des Papstes Alexanders VI., das er eigens mit Emblemen versehen ließ, die auf seine künftige Größe und auf seinen Ehrgeiz Bezug haben. Es ist überflüssig, Ihnen zu erzählen, wie; und auf welchen Umwegen dieses Schwert in meine Hände geraten ist. Ich wollte damit dem Papst ein wertvolles Geschenk machen und nach meiner Gewohnheit dieses mit einer gelehrten Abhandlung begleiten, worin die Embleme erläutert werden sollten. Ich nahm die Feder in die Hand und begann meine Schrift mit den Worten: Cesare Borgia wurde geboren ... und da bin ich stecken geblieben; denn niemals, auf keine Weise war es mir möglich, in meiner Bibliothek oder in denen meiner Freunde ausfindig zu machen, in welchem Jahr der Bursche geboren wurde. Ich wollte meine Arbeit fortsetzen und ich konnte nicht genau den Namen seiner Mutter angeben; denn ihr Spitzname war Vanozza, aber ihren Namen kenne ich nicht. Ich wollte seine Brüder nennen und konnte niemals herausbringen, ob sie drei oder vier waren. Ich kenne drei: den Herzog von Gandia, ihn und den Fürsten Squillace; aber die Historiker erwähnen noch einen vierten, namens Don Giovanni, der jedoch in der Geschichte gar nicht hervortritt. Kurz, ich habe ebensowenig herausbekommen können, mit wem der Herzog von Gandia verheiratet war, ob er Kinder hinterließ und wer nach seiner Ermordung seinen Titel erbte. Unsere italienischen Schriftsteller habe ich alle durchgearbeitet; aber es fehlen mir hier die französischen und noch mehr die spanischen Autoren. Sehen Sie doch mal zu, ob Sie nicht mit Hilfe des Chevaliers Magallon mir diese verzwickte Geschichte in Ordnung bringen können. Er wird bei den Spaniern nachsehen, Sie bei den Franzosen. Brantôme bringt eine Lebensbeschreibung des Burschen in seinen Denkwürdigkeiten berühmter ausländischer Feldherren. Er bespricht Cesares Ankunft in Frankreich, wie er sich mit dem Hause Albret verschwägerte. Sie könnten etwas bei den Historikern finden, die die Geschichte dieses Hauses behandeln. Vor allen Dingen studieren Sie die Genealogen und lassen Sie die Geschichtsschreiber beiseite; denn bei den alten Geschichtsschreibern fehlen Daten und Einzelheiten. Beschäftigen Sie sich nur mit den ganz alten und beinahe gleichzeitigen Autoren. Um die modernen, selbst Bayle, Marina usw., kümmern Sie sich gar nicht; denn diese haben weiter nichts getan, als gegenseitig ihre Fehler voneinander abgeschrieben. Sie sehen, wie wichtig mein Anliegen ist. Also bitte, beschäftigen Sie sich damit... [135] An Frau von Epinay Neapel, den 23. Oktober 1773 Schöne Frau, vor sechs Tagen hat mein Bruder einen zweiten Schlaganfall gehabt, und es ist ein bösartiges Fieber dazugekommen. Seit drei Tagen liegt er im Sterben. Dieser Schlag wirft mich zu Boden. Nein, nichts ist niederschmetternder, wie wenn man sich im Begriff sieht, plötzlich Gatte und Vater zu werden, der drei Töchter zu verheiraten, ein von meinem Bruder vernachlässigtes Hauswesen zu lenken und nichts mehr auf dieser Welt zu hoffen hat; denn wenn meine Familie erloschen ist, ist niemand da, dem mein Vermögen zufallen könnte. Für lange Zeit hier festgenagelt zu sein, um den Makler für meine Nichten zu spielen, um anständige Partien für sie zu suchen, das sind nun die Aussichten für einen Literaten, der dazu geboren wurde, Dialoge zu schreiben. Und das ist auch alles, was ich Ihnen mitteilen kann... [136] An Frau von Epinay Neapel, den 6. Novemiber 1773 Vorige Woche war ich nicht imstande, Ihnen zu schreiben; mein Bruder lag im Sterben. Jetzt geht es ihm ein wenig besser, und die Dauer der Krankheit berechtigt zu Hoffnungen. Zum Glück haben Sie mir am letzten Posttag nicht geschrieben; ich habe also immer noch Ihre Nr. 48 zu erledigen, und die ist nicht von Stroh. Sie stellen mir politische und metaphysische Fragen, deren Erledigung einen ganzen Band erfordern würde. Gott weiß also, ob ich sie beantworten werde. Aber ganz gewiß werde ich Ihnen recht geben, wenn Sie behaupten, daß die Politik der Alten für uns gar nichts mehr bedeuten kann. Die unsrige muß davon sehr verschieden sein. Abgesehen von einigen allgemeinen Theorien, die dieselben geblieben sind, hat sich alles geändert; die Einzelheiten sind ganz verschieden. Nun aber sind »allgemeine Theorien« und »Nichts« ungefähr dasselbe. Die Ökonomisten glaubten, mit vier unbestimmten großen Redensarten und einem Dutzend allgemeiner Schlußfolgerungen wisse man alles, und ich habe ihnen bewiesen, daß sie nichts wußten. Wenn also Ihr Kollege nicht zugeben will, daß nur die Kenntnis der Einzelheiten von praktischem Wert ist, und wenn er nicht zugibt, daß die Einzelheiten der modernen Staatsverwaltung mit denen der antiken gar keine Ähnlichkeit haben, so sagen Sie ihm, er sei ein Ökonomist, und schmettern Sie ihn damit zu Boden. Lykurg und Solon sind nur mit Sankt Franziskus, Sankt Ignatius, Sankt Dominikus zu vergleichen; mit Mazarin, Colbert, Richelieu, Zar Peter, Viktor Amadeus, Georg II., Friedrich haben sie nichts gemein. In diesen religiösen Orden und in diesen kleinen Republiken ist die Politik weiter nichts als die Wissenschaft der Erziehung in einem etwas größeren Maßstabe. In den großen Republiken ist es etwas anderes. Wie die Kultur eines kleinen Weinbergs der Romagna sehr verschieden ist von der Kultur des Forstes von Rambouillet, so sind auch die Mittel, den Nutzen aus diesen beiden Objekten zu ziehen, sehr verschieden. Sie haben also meines Erachtens recht; aber Sie haben nicht recht, wenn Sie sagen, die ganze Theorie der Politik laufe darauf hinaus, daß man richtig sehe; denn Wahrheiten dieser Art – man nennt sie in Spanien die Sentenzen des Pedro Grullo – sind zu allgemein, zu gewöhnlich, zu flach, um im Ernst ausgesprochen werden zu können. Ein Mensch, der mir sagen würde, Weiß sei nicht Schwarz, würde mich niemals das Malen lehren; und wer mir sagt, das Ganze ist größer als ein Teil, gibt nur einen sehr unzulänglichen Unterricht in der Geometrie. Gehen wir also etwas weiter und sagen wir: Politik ist die Wissenschaft, den Menschen mit der verhältnismäßig geringsten Mühe möglichst viel Gutes zu erweisen. Es harrt also ein Problem de maximis et minimis der Lösung. Die Politik ist eine zu konstruierende Kurve (eine Parabel). Die Abszissen werden die Güter, die Ordinaten werden die Übel sein. Man wird den Punkt finden, wo das möglichst geringe Übel sich mit dem möglichst großen Gut trifft. Dieser Punkt bedeutet die Lösung des Problems, und so sind alle menschlichen Probleme; denn alles ist aus Gut und Übel gemischt. Sie sehen also, daß jedes politische Problem zunächst nur durch eine Gleichung mit unbestimmten Größen gelöst wird, die erst dann zu einer Gleichung mit bestimmten Größen wird, wenn Sie sie auf die besonderen Fälle anwenden. Sie fragen, ob es gut sei, für Getreideausfuhr volle Freiheit zu bewilligen. Dieses allgemeine Problem ist nur durch eine unbestimmte Gleichung zu lösen. Sie fragen sodann, ob in Frankreich im Jahre 1773 freie Ausfuhr gestattet werden müsse. Jetzt ist das Problem festgelegt, denn Sie bestimmen Land und Zeit; und dieselbe Gleichung, auf den bestimmten Fall angewandt, wird Ihnen bald ein bejahendes (positives) bald ein verneinendes Resultat geben können. Die Politik ist also die Geometrie der Kurven, die hohe Geometrie der Regierungen, wie die Polizei deren ebene, einfache Geometrie ist: die ersten sechs Bücher des Euklid. Natürlich muß ein Geometer richtig sehen können; das ist selbstverständlich. Die Politik ist also nicht nur eine Wissenschaft der Erziehung, sondern ganz im allgemeinen eine Wissenschaft, die überhaupt auf irgendeine Verbesserung abzielt. Landwirt nennt man sowohl den, der Jahrespflanzen, Zwiebeln, Salatköpfe anbaut, die er pflanzt und selber nach drei Monaten aus der Erde reißt, wie auch den, der Eichen und Kastanienbäume pflegt, die er nicht gepflanzt hat und deren Absterben er nicht erleben wird. Diese Kulturen sind verschieden, aber beide gehören zur Wissenschaift der Agrikultur. Weisen Sie weit von sich und von der Politik die sinnlosen großen Worte von der Kraft der Reiche, von ihrem Sturz, ihrer Erhebung usw. Lieben Sie nicht die Ungeheuer der Einbildungskraft und Wesen, die nicht körperlich vorhanden sind! Es darf nur das Glück wirklicher Wesen, der vorhandenen oder kommenden in Betracht kommen. Wir und unsere Kinder – das ist alles. Das übrige ist Träumerei. Ich glaube, die Menschen können den anderen Menschen Gutes und Böses zufügen. Fürsten werden geboren werden oder werden sterben; das macht mir nichts und macht den Menschen nichts. Man muß die Menschen glücklich machen; wenn sie in Frankreich nicht glücklich sind, muß man sie also zum Auswandern zwingen und sie nach Lappland schicken; befinden sie sich auch dort nicht wohl, so schicke man sie nach Kamtschatka. Allerdings macht die Größe, die Stärke eines Reiches oft das höchste Glück des Volkes aus, und sein Sturz hat auch das Unglück der einzelnen Menschen zur Folge. Aber dies gilt nicht allgemein. Die Florentiner sind in der Blütezeit ihrer Republik niemals so glücklich gewesen, wie sie es jetzt sind usw. Ich glaube also, ein Mensch kann das Wachstum oder den Verfall eines Staates, seines eigenen oder eines benachbarten, beschleunigen oder verzögern; aber er darf sich nur mit dem Glück der Menschen beschäftigen. Das Mittel, dieses Glück hervorzurufen, habe ich bereits genannt: es besteht darin, stets Übles und Gutes zu berechnen und den Mittelpunkt zu finden. Bei der Berechnung des Guten sowohl wie der Übel muß man die Gegenwart und die Zukunft in Betracht ziehen, soweit sie sicher oder sehr wahrscheinlich sind. Das Ungewisse ist jenes Unendlich-Kleine, das man bei der Rechnung außer acht läßt. Nun also, her mit Ihren Problemen: ich werde sie zu lösen suchen. Haben Sie für heute abend genug? Leben Sie wohl. [137] An Frau von Epinay Neapel, den 18. Dezember 1773 Ich habe Sie seit einiger Zeit sehr vernachlässigt, schöne Frau, und ich fürchte, daß Sie deswegen mehr als nötig in Unruhe sind, denn es geht mir gut. Meinem Bruder geht es viel besser, und er wird noch einige Zeit am Leben bleiben. Der Gedanke, daß ein Unglück ferner steht, ist fast so viel wert, als der an ein Unheil, das für immer abgewendet ist. Alles in unserm Kopfe ist dem Zwang des Augenscheins unterworfen; wir sind nicht für die Wahrheit geschaffen, und die Wahrheit geht uns nichts an. Die optische Täuschung allein soll man erstreben. Wenn ich Ihnen also die wirkliche Ursache meines Schweigens angeben sollte, würde es mir schwer fallen, sie zu finden. Dennoch halte ich sie für die folgende: zunächst haben mich Ihre Briefe nicht elektrisiert. Die Perücke des Herrn von Argental und die Heirat der Herzogin von Chaulnes sind zwei Arten Felle, die im Gegensatz zu anderen Fellen keine Elektrizität hervorbringen und keine abgeben. Ferner bin ich durch den Neudruck meines alten Werkes über das Geld, das in italienischer Sprache geschrieben und gänzlich vergriffen ist, ganz in Anspruch genommen. Ich gedachte, einige Zusätze hinzuzufügen; aber je älter ich werde, desto mehr sehe ich ein, daß in den Büchern stets Striche, aber keine Zusätze angezeigt sind. Das aber stimmt nicht mit den Forderungen der Verleger. Sie wünschen vollständigere Ausgaben, und die Dummköpfe (denn nur die Dummköpfe kaufen viele Bücher) wünschen es ebenfalls. Ich muß also eine vollständigere Ausgabe meines Werkes veranstalten. Man wünscht Noten; ich werde sie liefern. Aber was soll ich hineinsetzen? Könnten Sie mir helfen oder mir helfen lassen, damit ich das finde, was hinzugefügt werden soll, damit ein Werk gefalle, das Sie vielleicht kennen; denn ich habe einige Exemplare in Paris verstreut. Sie werden mir antworten, daß Sie nicht viel vom Italienischen verstehen und noch weniger von dem Gelde meines Vaterlandes; aber was liegt daran? Fabriziert man nicht auch Noten, ohne den Text zu verstehen? Haben Horaz, Aristoteles u. a. nicht eine unendliche Anzahl von Erklärern gefunden? Helfen Sie mir also; denn ich zerbreche mir den Kopf mit Kommentieren, und ich finde immer nur, daß ich im Texte das gesagt habe, was ich in meinen Anmerkungen sagen möchte. Dies veranlaßt mich, Ihnen zu melden, daß ein gewisser Präsident, dessen Namen ich vergessen habe, den Sie aber an diesem Zeichen erkennen werden: (seine Frau galt als geistvolle Frau, denn sie hatte den guten Geschmack, Herrn Trudaine den Alten, einen sehr gewichtigen Mann, zu fesseln), daß dieser Präsident Forschungen über den Wert des Geldes in seinem Verhältnis zu den Lebensmitteln in den verschiedenen Jahrhunderten veröffentlicht hat. Dies Werk ist selten, und ich möchte es haben. Versuchen Sie, es zu bekommen, und schicken Sie es mir mit den Hemden. Das also ist für den Augenblick meine Beschäftigung, die mich zerstreut, ohne mir Spaß zu machen. Sie wird mich ziemlich in Anspruch nehmen, denn ich muß alle Korrekturen lesen; niemand hilft mir hier bei meinen Studien. Dies ist ein großes Unglück für diejenigen, die gerne möchten, daß ich alle Tage ein neues Geisteskind zur Welt bringe. Wenn ich nur Geburtshelfer hätte!... [138] An Frau von Epinay Neujahr 1774 Ihr Befinden, schöne Frau, begann mich sehr zu beunruhigen, da ich seit drei Wochen keine Briefe erhalten hatte. Endlich kamen zwei zugleich an, und ich habe daraus ersehen, daß es mit Ihrer Gesundheit gut steht. Die Posten sind schlecht. Die Übelstände, an denen Sie leiden, sind wirklich häuslicher Art: denn domus bedeutet Haus, wie Ihnen bekannt wäre, wenn Sie lateinisch verstünden. Sie sind außerdem chiragra (das ist griechisch und dennoch nicht sehr fein). Sie haben also eine böse Hand, und es ist die linke. Können Sie sich kratzen? Ich finde, daß uns die Hände nur zum Kratzen gegeben sind ... denn man hatte, wie bei den Affen, den Schwanz vergessen. Wenn Sie sich kratzen können, beruhigen Sie sich; das übrige wird sich von selber geben, trotz Helvétius, der, mit seinem düstern, verkümmerten Gemüt und seiner Langenweile auf dem Lande, sich an der Menschheit dafür rächte, daß es in Voré keine leichten Dämchen gab. Sie geben mir den Inhalt seines Buches an; von welchem Buche sprechen Sie? Glauben Sie, mir sei bekannt, daß ein neues Werk unter seinem Namen erschienen ist? Ich weiß davon ganz und gar nichts, daher verstehe ich auch Ihre Abhandlung ganz und gar nicht. Sie sprechen darin vom Fall der Reiche. Was soll das heißen? Die Reiche sind weder oben noch unten und fallen nicht. Sie wechseln ihr Aussehen; aber man spricht von Sturz und Ruinen, und in diesen Worten liegt das ganze Spiel der Täuschung und der Irrtümer. Richtiger wäre es, von den Phasen der Reiche zu sprechen. Das Menschengeschlecht ist beständig wie der Mond; aber dieser wendet uns bald diese, bald jene Seite zu, weil wir nicht immer in der richtigen Lage sind, ihn in seiner Volle zu sehen. Es gibt Reiche, die nur im Verfall schön sind, wie Frankreich. Es gibt andere, die nur in ihrer Fäulnis etwas taugen, wie die Türkei; wieder andere glänzen nur in ihrem ersten Viertel, wie die Herrschaft der Jesuiten; das einzige, das in seiner Volle schön gewesen, ist der Kirchenstaat. Das ist alles, was ich weiß, und es ist nicht viel... Seien Sie nicht erstaunt, wenn einige Wochen ohne Briefe von mir vergehen. Sie kennen die Ursache zum voraus: ich veranstalte eine Neuausgabe. Haben Sie mich lieb; lassen Sie sich's gut gehen, und wenn die Philosophen des Nordens heimgekehrt sind, umarmen Sie sie. Gehen Sie eigens zu dem Baron und der Baronin, um Ihnen von mir aus Glück zum neuen Jahr zu wünschen. Leben Sie wohl. [139] An Frau von Epinay Neapel, den 22. Januar 1774 Wirklich, schöne Frau, ich fange an, um Sie besorgt zu sein; es ist das zweite oder dritte Mal, daß mir die gewöhnliche Post keinen Brief von Ihnen bringt. Was ist Ihnen denn zugestoßen? Was mich betrifft, so wissen Sie, daß ich mich andauernd wohl befinde, und daß ich unmöglich krank sein kann, da ich niemals weder Arzneien noch Ärzte verdaut habe. Ich könnte wohl sterben, aber Europa wäre voll von meinem Tode; also darf Sie mein Schweigen niemals beunruhigen; doch das Ihrige ist ebenso schrecklich als peinlich für mich. Sie müssen wissen, daß Caraccioli seine Schwägerin durch den Tod verloren hat. Ich glaube daher, daß er ohne Zweifel hierherkommen wird, und Sie können ihn bitten, mir das Baumwollzeug und die Taschentücher mitzubringen. Schreiben Sie mir den Preis, und wenn er ihn auslegen will, werde ich ihm hier seine Auslagen ersetzen. Ich erwarte immer noch mit Ungeduld die Nachforschungen über das Leben des Herzogs von Valentinois. Haben Sie mich lieb. Schreiben Sie mir. Leben Sie wohl. Ich glaube, ich habe Ihre Nr. 55 vom 20. Dezember nicht beantwortet. Der Artikel von Buffon beweist, daß er die Ökonomisten nicht liebt. Aber wenn er meine Dialoge gelesen und gewürdigt hätte, wären ihm die Einwendungen gegen die absolute Handelsfreiheit nicht gänzlich neu vorgekommen. In der Tat, jedes Geschöpf, das vor jemand eine tiefe Verbeugung macht, dreht einem ändern den Rükken zu. Das ist in der Ordnung. Ich verstehe den Titel des englischen Werkes nicht, das Suard übersetzt hat: »Betrachtungen über die Anfänge der Gesellschaft«. Jede Gesellschaft hat begonnen und beginnt mit der Paarung des Männchens mit dem Weibchen. Hat Suard vielleicht darüber Beobachtungen angestellt? Ich erinnere mich absolut nicht mehr an das, was ich Ihnen über die Getreidefrage gesagt habe, und was Sie der gekrönten Häupter würdig fanden; aber ich will Ihnen das Staats- und Kirchengeheimnis verraten. Hier ist es: Jedes Land, das die unbegrenzte Getreidehandelsfreiheit einführt und festlegt, wird Erschütterungen erleiden. Seine Regierungsform wird durchaus republikanisch-demokratisch, und der Bauernstand der erste und mächtigste werden. Wir, die nicht die Erde umgraben, wären doch sehr verrückt, wenn wir sie zuließen, um die Letzten zu werden. Haec est lex et prophetae. Leben Sie wohl. [140] An Frau von Epinay Neapel, den 29. Januar 1774 ... Ich bin heute abend, sehr kurz angebunden. Ich gehe auf den Ball in die Oper. Sie müssen wissen, daß Neapel im Jahre 1748 zum ersten und letzten Mal das Schauspiel eines öffentlichen Balles erlebte. Die Pfaffen, die Knoten, die Stützen der Nationalbarbarei, fühlten die schrecklichen Wirkungen eines freien, bezahlten, katholischen, das heißt universalen Balls. Sie widersetzten sich dem mit unglaublicher Heftigkeit und bewirkten ein Verbot für immer. Es hat unendliche Mühen gekostet, den Ball wieder einzuführen. Ich habe mehr dazu getan, als man glauben möchte. Kurz und gut, der glückliche Zufall, daß der König den Karneval hier verbringt, und andere günstige Umstände haben zum Gelingen einer Sache beigetragen, die man für verloren hielt. Ich erhoffe daraus viel Gutes für mein Vaterland. Die Galanterie ist der Schleifstein, der die Nationen verfeinert; ich schreibe Ihnen also maskiert, eine venetianische bautte ist mein einziges Kleidungsstück. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, daß mein Gesicht ohne Maske durchging; denn in Paris bin ich niemals auf einem Ball gewesen. Ich nehme niemand mit. Ich bedarf keines Schleifsteins; ich bin abgeschliffener, als es sich für einen Roué schickt. Indessen haben diese Bälle zweiundfünfzig Engländer und etwa dreißig Fremde aus anderen Nationen herbeigezogen. Wir haben den Karneval von Rom und Venedig überflügelt. Wir werden aus Europa in wenig Tagen hunderttausend Taler herausziehen. Milord Clive allein könnte sie ausgeben, indem er schlechte Kopien von Bildern als Originale kauft. Er ist hier; er kauft welche und ist überzeugt, daß Diamanten Kunstgeschmack verleihen. Dies ist wahr bis zu einem gewissen Punkt; denn es ist ebenso wahr, daß stultitiam patiuntur opes ... [141] An Frau von Epinay (Kategorische Antwort auf Nr. 87) Neapel, den 15. Februar 1774 ... Ich kenne Ihr Haus in der Rue Gaillon. Fürchten Sie nichts, man lebt länger, wenn man nicht der Lüftung ausgesetzt ist. Die Welt und die Ärzte glauben das Gegenteil; aber die Erfahrung beweist, daß sie sich irren. Der Rückfall de Moras fängt an, mich zur Verzweiflung über seinen Gesundheitszustand zu bringen. Die Madrider Luft ist zu zugig, und seine Lungen halten sie nicht aus. Die italienische Reise, nach der Petersburger, langweilt Sie und bringt Sie zur Verzweiflung; dennoch kann ich meine unendliche Freude darüber nicht verhehlen, wenn es dazu kommt. Was ich nicht glaube. Übrigens finde ich den Entschluß, lieber in Petersburg zu überwintern, als in so rauher Jahreszeit zu reisen, nicht verrückt. Diese Reise erscheint mir so schrecklich! Und dann ist es so lächerlich, lange Reisen zu machen und sich nur so kurze Zeit aufzuhalten... Die Trauer der Frau von Matignon war in der Tat außerordentlich; all das rührt von einem Mangel an Bildung her. Wenn man sie gelehrt hätte, daß ein Gemahl nur ein Mann ist, würde sie einsehen, daß ihr, beim Verlust eines einzelnen, das ganze Geschlecht bleibt. Herr von Matignon ist unendlich beweint worden, ohne daß man seinen Hingang bedauert hätte; denn man sah ein, daß er niemals etwas anderes geworden wäre als ein lustiger Bruder... Was Sie mir über die alte Freundschaft Carlins mit dem Papst mitteilen, hat mir zu denken gegeben, und es kommt mir ein erhabener Gedanke, den Sie durchaus Herrn Marmontel, als von mir ausgehend, mitteilen müssen, damit er in Feuer gerät. Man könnte, wie mir scheint, daraus den schönsten und erhabensten Roman in Briefen zimmern. Man beginnt mit der Voraussetzung, daß sich die beiden Schulkameraden Carlin und Ganganelli, die sich in ihrer Jugend innigste Freundschaft geschworen, das Versprechen gegeben haben, wenigstens einmal alle zwei Jahre Briefe zu wechseln und sich über ihre Verhältnisse auf dem Laufenden zu erhalten. Sie halten ihr Wort und schreiben sich Briefe voller Seele, Wahrheit, Herzensergüsse, ohne Sarkasmen und schlechte Witzeleien. Diese Briefe böten also den merkwürdigen Gegensatz zweier Menschen, von denen der eine stets unglücklich war und eben deswegen Papst geworden ist, während der andere, beständig glücklich, Harlekin geblieben ist. Das Spaßhafteste dabei wäre, wenn der Harlekin in einem fort Ganganelli Geld anböte, der zunächst ein armer Mönch, dann ein armer Kardinal und endlich ein nicht besonders wohlhabender Papst wäre. Harlekin würde ihm seinen Kredit bei Hofe zur Wiedererlangung Avignons anbieten, und der Papst würde ihm dafür danken. Meinen Kopf hat dieses Werk so entflammt, daß ich es in vierzehn Tagen niederschreiben oder diktieren könnte, wenn meine Kraft dazu ausreichte. Ich würde mich an die strengste Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit halten, ohne jede romanhafte Episode, und ich würde die Welt überzeugen, daß Harlekin der glücklichste der Menschen und Ganganelli der unglücklichste gewesen ist. Das Werk würde etwa aus dreißig Briefen und den Antworten darauf bestehen. Viel Genie und kein Witz würden es zum Meisterwerk stempeln. Guten Abend. Leben Sie wohl. Haben Sie mich lieb. [142] An Frau von Epinay Neapel, den 5. März 1744 Was soll ich Ihnen schreiben, schöne Frau? Mein Bruder liegt im Sterben, und ich erwarte die Nachricht von seinem Tode morgen. Habe ich Ihnen nicht alles gesagt? Wie schrecklich ist es, eine Familie zu haben! Ein hiesiger Mann wetterte jüngst gegen die Ehe und sagte: »Sehen Sie, was die Ehe ist: denken Sie, daß der liebe Gott gezwungen war, die Todsünde von ihr zu nehmen. Er hat also auf die Waage im Gleichgewicht den Himmel und die Hölle gelegt. Und die Hölle ist leichter erschienen!«... Linguet und Laharpe haben mich geärgert, anstatt mich zu erheitern; wenn man liest, daß Leute von Geist oder gar, nach ihren Schriften zu urteilen, von Genie, sich durch ihr Benehmen verächtlich oder lächerlich machen, sieht man, daß der Geist nicht der Spiegel der Seele ist und daß die Gefühle, die man schriftlich niederlegt, die Wirkung eines Echos sind und nicht das Erzeugnis des Denkens; das ist sehr betrüblich. Wir leben in einem Jahrhundert, wo es mehr Papageien gibt, als man glaubt. Es gibt so viel schöne geschriebene Dinge, daß ein Mann, der nicht unendlich viel gelesen und ein ungeheures Gedächtnis hat, gar nicht merken kann, woher die Dinge rühren, die er vernimmt. Dies trifft auf Laharpe zu: dieser ist ein Papagei, zweifeln Sie nicht daran; aber sein Gedächtnis ist gut, und unseres ist so schlecht, daß wir es unmöglich merken können, von woher er die Töne nimmt, die uns als Erzeugnisse seines Geistes oder gar seines Genies vorkommen. Übrigens ist er nur ein Sterblicher, und in jeder Hinsicht sehr lächerlich; ich verdanke ihm, daß mir der Spaß vergangen ist, geistreich zu sein. Haben Sie mich immer lieb. Bedauern Sie mich für den Augenblick; seien Sie sicher, daß ich mich tapfer halte und daß ich meine Vernunft zusammennehme; tun Sie das auch im Hinblick auf Rußland und die Tollheiten der Reisenden. Leben Sie wohl. [143] An Frau von Epinay Neapel, den 12. März 1774 Schöne Frau, heute morgen, vor zwölf Uhr, ist mein Bruder gestorben. Hab ich Ihnen damit nicht genug gesagt für heute abend? Wenn Sie finden, daß dies wenig ist, füge ich bei, daß ich vor drei Tagen die Nachricht von dem Tode meines Onkels empfangen habe. Er war alt, aber da er eine zahlreiche und arme Familie hinterläßt, ist mir sein Tod fatal. Trotzdem ist Ihr Brief reizend; Sie scheinen mit dem Tag, den Sie bei dem Baron und bei Fräulein von Lespinasse verbracht haben, zufrieden zu sein. Ihr Glück hat mich beinah erheitert; ich werde also einzig darauf antworten. Zunächst bin ich von der Gesundung des Fürsten Pignatelli entzückt. Herr Capperonnier kennt nicht mein Buch über das Geld? Es befindet sich indessen auf der Königlichen Bibliothek; wäre er in der gleichen Lage wie der Pfarrer von Saintulpice, der seine Kühe besser kannte als seine Schäfchen? Warum beantwortet er meine Frage nicht? Gibt es gar keinen Schriftsteller, der, in einem Buch oder Manuskript, das Geburtsjahr Cesare Borgias genau angibt? Das ist die Frage. Herr von Pezay gesteht mir also Geist zu; ich bewundere seine Güte. Wenn ich ihm gesunden Menschenverstand zugestände, wäre ich großmütiger als er; aber ich will nicht als Verschwender gelten. Gott soll mich vor dem Gedanken behüten, Ihr Luftschloß zerstören zu wollen; im Gegenteil, ich werde ein Zwischengeschoß oder, wenn Sie wollen, ein Geländer hinzufügen. Der Tod meines Bruders bringt mich Paris näher. Hier der Grund: er hinterläßt drei Töchter; ich werde sie verheiraten, und um sie besser zu versorgen, werde ich ihren Gatten den Glauben beibringen, ich sei eines Tages hier eine große Persönlichkeit. Nach geschehener Sache und vollzogener Ehe werden sie fein belämmert sein. Ich werde alles im Stich lassen, und da mich nichts mehr hier festhält, werde ich nach Paris zurückkehren. Sie werden Zeter und Mordio schreien; aber es hilft nichts mehr dagegen. Bei Gelegenheit des Verkaufs der Bücher meines Bruders verkaufe ich auch die meinigen, und das wird mich um vieles erleichtern. Erwarten Sie mich also unter der Ulme oder beim Karussell, und sorgen Sie dafür, daß die Buden hübsch mit guten schönen Waren versehen sind. Haben Sie mich lieb, bedauern Sie mich, und betrachten Sie mich als Ihren ergebenen und gehorsamen Diener. [144] An Frau von Epinay Neapel, den 23. April 1774 Ich fühle mich, schöne Frau, dümmer als je durch meine langweiligen Verhältnisse. Mein Bruder hat Hab und Gut voller Schulden und in Unordnung hinterlassen, und ich habe drei Nichten zu verheiraten. Ich beschäftige mich also nur mit Prozessen, Quittungen, Einnahmen usw. Dann kommen die Eheverträge, und das ist mein Vergnügen für lange Zeit. Wenn ich aber am Leben bleibe und andere sterben, werde ich in Paris wieder auftauchen, zweifeln Sie nicht daran. Ich glaube Ihnen mitgeteilt zu haben, daß mir der Herzog von Sachsen-Gotha die Gedenkmünze auf seinen seligen Vater in Gold geschickt hat, mit einem reizenden und unglaublich verbindlichen Geleitschreiben. Er hat von mir eine sehr drollige Antwort bekommen. Wenn ich einen französischen Abschreiber hätte, würde ich Ihnen beide schicken; vielleicht wird er Grimm die meinige bei seiner Rückkehr zeigen. Sie sagen mir nichts von der Abreise Caracciolis und nichts von der Gesundheit Pignatellis. Die Fregatten des Königs, die von hier nach Marseille gehen, stechen heut in See. Gott gebe, daß meine Baumwollstoffe vor ihrer Rückkehr von Marseille nach Neapel ankommen, damit sie sie verladen können... Ihr Streit mit Lord Stormont scheint mir leicht beizulegen. Über das Verdienst eines Mannes steht nur seinem Jahrhundert mit Recht ein Urteil zu; aber ein Jahrhundert hat das Recht, über ein anderes zu urteilen. Wenn Voltaire den Menschen Corneille schlecht beurteilt hat, so ist er auf alberne Weise neidisch; wenn er das Jahrhundert Corneilles beurteilt und die Gradhöhe der dramatischen Dichtkunst, so steht ihm dies frei, und unser Jahrhundert hat das Recht, den Geschmack der vorhergehenden Jahrhunderte zu prüfen. Ich habe nie die Anmerkungen Voltaires zur Corneille gelesen, noch auch den Willen dazu gehabt, obgleich sie mir, als sie erschienen, auf allen Pariser Kaminen in die Augen sprangen. Aber ich war gezwungen, das Buch zwei- oder dreimal wenigstens aus Zerstreutheit aufzuschlagen, und jedesmal habe ich es empört weggeworfen, weil ich auf grammatikalische Anmerkungen stieß, die mir bewiesen, daß ein Wort oder ein Satz Corneilles kein gutes Französisch waren: dies erschien mir ebenso abgeschmackt, wie wenn man mir sagte, daß Cicero und Virgil, obgleich sie Italiener waren, kein ebenso gutes Italienisch schrieben wie Boccaccio und Ariost! Welche Frechheit! Alle Jahrhunderte und alle Länder haben ihre lebenden Sprachen, und alle sind gleich gut. Jeder schreibt die seinige: wir wissen nicht, was mit der französischen Sprache geschehen wird, wenn sie eine tote sein wird; aber es könnte sein, daß die Nachwelt sich vornähme, französisch nach dem Stil Montaignes und Corneilles zu schreiben, und nicht nach dem Voltaires. Daran wäre nichts Sonderbares. Man schreibt lateinisch nach dem Muster des Plautus, des Terenz, des Lucretius, und nicht nach dem des Prudentius, Sidonius Apollinaris usw.; obgleich die Römer im vierten Jahrhundert unendlich weiter in den Wissenschaften, in der Astronomie, Geometrie, Heilkunde, Literatur etc. waran, als zu den Zeiten des Terenz und des Lucretius. Das ist Geschmackssache, und wir können den Geschmack der Nachwelt nicht vorausahnen, vorausgesetzt, daß wir überhaupt auf diese gelangen und eine allgemeine Sintflut nicht dazwischen kommt. Guten Abend; haben Sie mich lieb und gehen Sie näher auf Einzelheiten ein. [145] An Frau von Epinay Neapel, den 4. Juni 1774 Ihr Brief, schöne Frau, kommt mir sehr gelegen, um meinen Hunger nach Neuigkeiten zu befriedigen. Nicht als ob ich nicht alles wüßte, was Sie mir schreiben; aber ich höre es gern von Ihnen, die gute Augen hat und keine Lust, mir es in schlechtem Licht zu zeigen. Ich bin entzückt von allem, was man sich über den neuen König erzählt. Gestatten Sie mir aber dennoch über die blinde Begeisterung der Franzosen für ihn ärgerlich zu sein. Ich kenne euch, ich weiß, wie leicht ihr einer Sache wegen des Übermaßes der Wünsche und der gefaßten Hoffnungen überdrüssig werdet. Übrigens, je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir, daß es die schwierigste Sache von der Welt ist, Frankreich in dem Zustand, in dem es sich gegenwärtig befindet, gut zu regieren. Ihr seid genau in dem Zustand, in welchem Titus Livius die Römer schildert, die weder ihr Übel, noch deren Heilmittel mehr ertragen konnten. Die Laster haben Wurzel gefaßt und sind mit den Sitten zusammengewachsen. Schafft ihr die Mädchen ab, dann wird der Luxus schwinden und mit ihm die Luxuskünste, und der Vorrang Frankreichs auf diesem Gebiet; das die Grundlage seines Handels, seines Reichtums, ja selbst seines Ansehens bildet, ist dahin. Es ist wahr, eure Laster sind ungeheuer; aber sie sind derart, daß ganz Europa sie haben und den Unterricht darin seinen Lehrmeistern teuer bezahlen möchte. Sind die Dämchen weg, dann geht es gegen die Philosophen. Sie gehören zusammen; sie sind ein anderer Luxus; aber sie verleihen eurer Nation den gegenwärtigen Glanz. Ihr werdet nichts mehr sein, wenn ihr nicht mehr die Lehrmeister der Laster seid. Dies sind die Verhältnisse in Europa und bei euch. Dies ist sehr sonderbar, aber es ist sehr wahr. Lassen Sie uns nichts prophezeien; dies ist das Sicherste und am wenigsten Traurige von allem, was man tun kann. Halten wir uns an die Tatsachen; teilen Sie mir sie ohne Kommentar mit; es kommt dem Schweigen gleich, wenn man die Tatsachen ganz einfach mitteilt. ... Sie hatten mir geschrieben, daß Magallon eine Ladung Baumwollzeug an den spanischen Konsul zu Marseille schicken werde; ich hatte ihm in diesem Sinn geschrieben. Der neapolitanische Konsul schreibt mir, daß man sie an ihn geschickt habe. Damit ist meine Vorsicht gestrandet, und da haben Sie die Wirkung der Quiproquos. All, welche Mühe kostet es, in dieser Welt Hemden zu beikommen, und wären sie noch so klein! Sie wollen nicht an meinen Stumpfsinn glauben? Nun gut, beurteilen Sie ihn nach diesem Brief. Wenn ich nicht stumpfsinnig bin, so werden Sie mir wenigstens zugeben, daß ich traurig bin; indessen habe ich keine Tapeziererrechnungen vor mir liegen. Ich habe dafür Nichten! Pfui! Die häßlichen Möbel! Man sitzt sehr schlecht darauf. Guten Tag, denn es ist nicht Nacht. Haben Sie mich lieb; bezahlen Sie den Tapezierer, wenn Sie können, und pfeifen Sie auf alles übrige. Leben Sie wohl. [146] An Frau von Epinay Neapel, den 14. Juni 1774 Seien Sie nicht böse, schöne Frau, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Nr. 78 erhaben ist. Sie ist sehr alltäglich, werden Sie mir entgegnen, denn sie enthält nur kleine Neuigkeiten von Ankünften und Abreisen. Nun, zählen Sie das für nichts? Das sind Tatsachen, und die Tatsachen sind für mich immer erhaben. Aber sie enthält keine Kommentare, setzen Sie hinzu. Man wird sie machen, Madame, über die Tatsachen; zweifeln Sie nicht daran. Füllen Sie also Ihre Briefe mit Tatsachen an, und Sie erfüllen alle meine Wünsche. Ich meinerseits würde ebenso handeln, wenn unsere Tatsachen Ihnen bekannt sein könnten. Da haben Sie übrigens eine ganz passende: heute früh hat die französische Fregatte, die Ihnen, zu unserm großen Bedauern, Herrn von Breteuil und seine Tochter zurückbringen wird, die Anker gelichtet; um Mittag haben wir sie aus den Augen verloren. Er könnte zu gleicher Zeit mit meinem Brief bei Ihnen eintreffen. Es gibt keinen einzigen Franzosen, der von den Neapolitanern mehr geliebt, mehr geachtet, mehr bedauert worden wäre. Darüber herrscht nur eine Stimme und eine Meinung. Der König, die Königin und das ganze Volk vermissen ihn und sind untröstlich über seine Abreise. Ein einziger Mann ist nicht betrübt darüber; aber der ist kein Neapolitaner. Wenn ihr nicht die heilige Irene und St. Remi hättet, würde ich behaupten, der heilige Breteuil sei der erste Apostel Frankreichs, wenigstens für Neapel. Seine Amtszeit wird denkwürdig sein wegen der Wandlungen in unsern Sitten und in unserm Geschmack. Unter seinem Apostolat haben wir den Geschmack am französischen Theater und an ernsten schicklichen Balletten erworben. Aufresne und Herr von Picque werden in der Geschichte der Revolution der Sitten denkwürdig bleiben. Ihr Einfluß hat sich, mehr als man glaubt, auf alles erstreckt: Voltaire und Diderot sind besser bekannt geworden, und diese Herren werden das übrige tun... Umarmen Sie für mich den Revenant aus weiter Ferne. Wenn er die kalte hyperboreische Größe satt hat, so wird dies das beste sein, was er von seiner Reise heimbringt. In Paris wachsen die Philosophen in freier Luft; in Stockholm und Petersburg nur in den Gewächshäusern; in Neapel zieht man sie unter dem Mist, denn das Klima ist ihnen nicht günstig. Leben Sie wohl. [147] An Frau von Epinay Neapel, den 8. Juli 1774 Es gibt Leben, schöne Frau, von denen das Schicksal der Reiche abhängt. Als Hannibal die Niederlage und den Tod seines Bruders Hasdrubal erfuhr, der mehr wert war als er, weinte er nicht, sondern er sagte: Agnosco fatum Carthaginis . Ich weiß nun, was das Schicksal Karthagos sein wird. Ich sage das gleiche über den Tod des Herrn von Mora. Ich weiß nun, daß Spanien eine Barbarei bleiben soll. So lautet der Beschluß des Schicksals. Was wir gegenwärtig sehen, ist nur ein falscher Anschein der Bildung; aber Spanien wird nicht Frankreich werden. Wenn es von Ewigkeit vorbestimmt wäre, daß es dazu würde, wäre Mora nicht gestorben; er wäre wieder von den Toten auferstanden, wenn es nötig gewesen wäre: so groß ist die Gewalt des Schicksals. Es ist vielleicht die gleiche Gewalt, die es verhindern wird, daß Herr von Sartine den Herrn von Saint-Florin ablöst, und daß Herr von Breteuil von Herrn de Vergennes überflügelt worden ist. Ihr seid gewesen , Franzosen, täuscht euch darüber nicht. Ihr werdet sehen (wartet nur!), mit welcher Geschicklichkeit, mit welcher wunderbaren Verknüpfung das Schicksal (dies Wesen, das so vieles weiß) dem bestmöglichen König mit den besten Absichten alle Pläne aus der Hand winden, alle guten Absichten irreleiten und alles machen wird, was es will und was wir nicht wollen. Bleiben Sie, bitte, vor einem Koch stehen; sehen Sie sich einen Bratspieß an; sehen Sie den Affen, der mit einer Kraft und einem erstaunlichen Fleiß damit beschäftigt zu sein scheint, das Rad zu drehen; nun, da haben Sie den Menschen: das verborgene Gegengewicht ist das Schicksal, und die Welt ist ein Bratspieß. Wir glauben ihn zu drehen, und er ist es, der uns dreht. Einstweilen sind der König und die Königin geimpft worden: nach dem gleichen Prinzip. Das Schicksal (in dieser Hinsicht günstig für Europa gestimmt) will uns von den schwarzen Blattern befreien. Es glaubt, daß wir an der Syphilis genug haben, und es täuscht sich kaum. Sehen Sie, welche Verkettungen es ins Werk setzt! Der Hof, der der Vernunft am längsten widerstrebt, hat der Furcht nicht widerstehen können; und die Kriecherei wird mehr Impfungen zustande bringen als jemals der vorsorgliche Eifer eines Fürsten. O Mensch! du närrisches, elendes, lächerliches Geschöpf! Du glaubst, daß Condamine die Impfung gepredigt hat; es ist aber die Impfung, die Condamine verkündet und ihm den Ruhm verschafft hat, den er vielleicht nicht verdiente. Umarmen Sie den Revenant. Ah, der hat leicht lügen! Ich rechne darauf, daß er bei der Ankunft dieses Briefes nicht mehr weit von Paris sein wird, vorausgesetzt, daß er nicht in Darmstadt bleibt, um Tränen zu trocknen. Caraccioli ist angekommen und bei Hofe vorgestellt worden. Exceptus brevi osculo nulloque sermone, servientium turbae immixtus est. (Tacitus, im Leben des Agricola) Ich habe ihn gesprochen; er hat mir einen kurzen Bericht über alles gegeben, was ich von Paris wissen wollte. Es hat mich ziemlich befriedigt, ausgenommen, was er mir über den Gesundheitszustand des Fürsten Pignatelli erzählte: das hat mir einen Stich ins Herz gegeben! Welch andere Art von Mißgeschick! Ich bin traurig und grüble, wie Sie sehen. Viele Unannehmlichkeiten sind soviel wie ein Unglück, und in diesem Zustand befinde ich mich. Unter meinen Unannehmlichkeiten ist auch die, daß mein französischer Bedienter Dutout mich soeben nach fünfzehn Dienstjahren verlassen hat. Ein heftiges Heimweh hat ihn in seine Heimat (Savoyen) zurückgetrieben, ohne daß er seiner Herr geworden wäre. Dieser Abgang stört mein Hauswesen, und ich bin in größerer Verlegenheit, wem ich meine Schokolade zum Zubereiten geben soll, als sie der König von Frankreich bei der Verleihung des Departements des Ministeriums des Äußern empfand. Er wird vielleicht nach Paris gehen; Sie werden ihn sehen; er wird Ihnen Nachrichten von mir überbringen. Ich empfehle ihn Ihnen, ebenso wie Herrn von Magallon und allen meinen Freunden ... Ich habe an meinem Kattun weder die Fracht von Paris nach Marseille, noch die von Marseille nach Neapel erspart; ich werde auch nicht den Zoll ersparen und vielleicht wird er als Schmuggelgut mit Beschlag belegt! O Frucht so vieler Maßregeln! O Schicksal, Herr der Welt! [148] An Frau von Epinay Neapel, den 3. September 1774 Da ich, schöne Frau, noch einmal von meinem Kattun sprechen muß, lege ich Ihnen, mit dem Zeichen 1, ein Muster des Zeugs bei, das Sie mir geschickt haben. Sie brauchen es nur anzusehen, um mir zuzugeben, daß niemals ein Mann sich daraus hat Hemden machen lassen. Das gäbe anständige Schiffssegel. Folgt ferner, mit dem Zeichen 2, das Muster des Zeugs, das ich trage; es ist von einem meiner alten Hemden abgeschnitten. Die Qualität ist ungefähr die gleiche wie die, die Sie mir für 4 Livres 15 Sous angegeben haben, und dies ist genau der Preis, den ich Ihnen bezeichnet hatte, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt; denn ich erinnere mich, Ihnen geschrieben zu haben, daß er etwas unter hundert Sous betrage. An dritter Stelle sende ich Ihnen das mit E 10 gezeichnete Muster, das Sie mir als für 3 Livres 15 Sous käuflich angegeben hatten. Ich hätte nichts gesagt, wenn ich einen Stoff von dieser Güte bekommen hätte; denn obgleich er nicht aussieht, als ob er von längerer Dauer wäre, hätte ich wenigstens Winterhemden gehabt. Um heute das unglaubliche Vorkommnis zu erklären, müssen wir sagen, daß, durch eine Infamie, die auf die Korruption der einst so sehr gerühmten Zuverlässigkeit der französischen Kaufleute schließen läßt, das Stück in dem Augenblick vertauscht worden ist, da Sie es versiegelten: denn es trug Ihr Siegel, und die Bücher waren darin; und wenn ich Ihnen nichts davon gesagt habe, so geschah es deswegen, weil mich diese Geschichte wütend machte und heut noch macht, so oft ich daran denke. Sprechen wir also nicht mehr davon. Die Nachrichten aus Karlsbad sind mein Entzücken; sie stimmen nicht nur mit meinen Wünschen, sondern auch mit meinen Berechnungen und Prophezeiungen überein. Nun aber wissen Sie, daß der Geistesstolz mächtiger ist in uns als die Herzensbefriedigung, und daß infolgedessen der Mensch mehr geschmeichelt ist, wenn er ein Unglück errät, das später eintrifft, als wenn er sich getäuscht und es vermieden hat. Entsetzliche Beschaffenheit des Menschen, die Ursache ist, daß ein Arzt seinen Freund zu töten vermag, um keinen Widerspruch zu erfahren, und daß ein General absichtlich eine Schlacht verliert, die gegen seinen Willen unternommen wurde, usw.! Glücklicherweise hatte ich mir diesmal selbst gesagt, daß der Reisende beim Betreten des heimatlichen Bodens gesunden würde. Also bin ich vollkommen zufrieden. Caraccioli ist in Sorrent. Ich habe just zwei von meinen drei Nichten verheiratet. Die dritte, die bucklig ist, wird viel schwieriger zu verkaufen sein. Wenn ich Ihr Tuchhändler wäre, könnte ich sie gegen die zweite vertauschen, die ich eben verheiratet habe und die hübsch ist. Sie sehen, ich mache es wie der Advokat Pathelin; ich komme immer wieder auf meine Hammel zurück; lassen wir das. Sie können sich denken, bis zu welchem Grad die Sorge um diese beiden Heiraten auf mir lastet, da ich allein in einem Lande stehe, wo man nichts fertig bringt und wo man stets darauf gefaßt sein muß, Überraschungen zu gewärtigen oder mit Tuchhändlern zu unterhandeln. Da bin ich wieder bei meinen Hammeln. Also, lassen Sie sich's gut gehen! Umarmen Sie mir den Reisenden, den ältesten der Revenants. Ah, wie mich sein Beispiel freut! Warten Sie nur, bis ich das Weibszeug aus meinem Haus hinausgefegt habe! Leben Sie wohl. Aber ich bitte, sehen Sie sich doch diesen Kattun an: ist er nicht scheußlich? Pfui, du schuftiger Dieb! Leben Sie wohl. [149] An Frau von Epinay Neapel, den 24. September 1774 ... Gott bewahre euch vor der Preßfreiheit, die durch Edikt gewährleistet ist. Nichts trägt mehr dazu bei, eine Nation zu verrohen, den Geschmack zu zerstören, die Beredsamkeit und jede Art von Geist zu verderben. Kennen Sie meine Definition des rhetorisch Erhabenen? Es ist die Kunst, alles zu sagen, ohne in die Bastille gesteckt zu werden, in einem Land, wo es verboten ist, überhaupt etwas zu sagen. Wenn man der Redefreiheit Tür und Tor öffnet, bekommt man anstatt der rhetorischen Meisterwerke der Parlamentsbeschwerden die folgenden Parlamentsäußerungen zu hören: Majestät, Sie sind ein Hanswurst! Und anstatt der zweideutigen Meisterwerke des Jüngern Crebillon kann man erleben, daß in einem Roman ein Liebender zu seiner Dame sagt: Fräulein, ich möchte Sie.... Pfui Teufel! Der Zwang der Schicklichkeit und die Einschnürung der Presse sind die Ursachen der Vollkommenheit des Geistes, des Geschmacks und der Formen bei den Franzosen geworden. Bewahrt alle beide, oder ihr seid verloren. Eine gemäßigte Freiheit ist gut: man genießt ihrer schon. Sie muß tatsächlich vorhanden sein und nur auf den persönlichen Tugenden des toleranten, hochherzigen Ministers beruhen. Dadurch wird der Minister, der verzeiht, wenn er strafen könnte, beliebter. Wenn ihr die Freiheit durch ein Edikt gewährt, würde man dem Minister nicht den mindesten Dank dafür wissen; und man wird ihn beleidigen, wie es in London geschieht. Die Nation wird ebenso ungeschliffen wie die englische, und der Ehrenpunkt (die Ehre ist der Eckstein der Monarchie) wird darunter leiden. Ihr werdet ebenso grobschlächtig wie die Engländer werden, ohne so robust zu sein; ihr werdet ebenso verrückt, aber viel weniger tief in eurer Narrheit sein. Guten Abend! Ich bin entzückt, daß der Chevalier de Clermont hierherkommen soll; nichts war mehr geeignet, mir den Verlust des Herrn von Breteuil zu ersetzen. Seine Frau geht mich nichts an. Ich habe keine Zähne für solche knusprigen Dinger. Sie wird hier nach Belieben schmollen können; aber er ist mein bester Freund, und ich liebe ihn so zärtlich, daß ich es als ein wirkliches Glück für mich erachte, ihn hier zu haben; machen Sie, daß er es durch Herrn von Sartine erfährt. [150] An Herrn von Bombelles Neapel, den 8. Oktober 1774 Guten Tag, mein lieber Freund! Wem fällt es Ihnen ein zu schreiben und Briefe zu schicken? Wissen Sie nicht, daß der Abbé Galiani tot ist, oder, besser gesagt, daß er sich durch Langeweile, Kummer, Verzweiflung umgebracht hat, indem er sich, ein neuer Curtius, als der erste in den ungeheueren Abgrund stürzte, der sich vor dem Tor von Chiaja nach Ihrem ungesetzlichen Weggang auftat? Der göttliche Brief des unvergleichlichen Marschalls wäre beinahe an die unrechte Adresse gekommen. Niemand verstand ihn hier. Endlich hat man den Einfall gehabt, ihn an Panurg zu schicken, wie wenn er von der Hand seines Beschützers Gargantua wäre. Der hat ihn geläufig gelesen und augenblicklich darauf geantwortet, in einem Stil, der, um die Wahrheit zu sagen, nicht mehr in der Mode ist, es sei denn, daß ihn die französische Akademie wieder einführe, wie sie die ernstliche Absicht zu haben scheint, wenn man der Antwort an Suard trauen darf. Ich schicke Ihnen den Brief, wie er dasteht, und obgleich er keine direkte Antwort ist, da er nur an den Abbé Galiani und an niemand anders gerichtet war, können Sie, nach Ihrem Belieben, damit machen, was Sie woller, indem sie ihm entweder dem Marschall überreichen oder im Sekretariat der Akademie abgeben. Was macht Frau von Matignon? Ist sie immer noch untröstlich? Geht es ihrem Kinde gut? Gehen Sie nach Wien? Kommen Sie zum Konklave nach Rom? Erzählen Sie mir tausend Dinge. Ist es nicht unwürdig, daß man einen Papst mit Rattengift umbringt? Daß man einen Pontifex maximus vergiftet, ist ganz einfach, ganz natürlich, und ich habe nichts dagegen einzuwenden. Aber es gibt Gifte für alle Stände, und der Pater Ricci, der eine Apotheke und eine vollständige Serie davon besaß, hätte etwas Kostbares wählen können. Kurz, ich bin wütend auf ihn. Er hat den Heiligen Stuhl erniedrigt, er hat die fürstliche Majestät verletzt. Rattengift wäre höchstens für einen Kapuzinerguardian gut genug gewesen. Es einem Papst zu geben! Solch eine Knickerigkeit! Guten Abend, mein Freund. Sie sehen, daß ich einen ganzen Abend damit verbracht habe, an Sie zu schreiben; denn ich habe mit einem guten Morgen angefangen und schließe damit, daß ich Ihnen guten Abend wünsche. Meine Empfehlungen an unsern unvergleichlichen Gesandten. Haben Sie mich lieb und leben Sie wohl. Der Schatten des Abbé Galiani [151] An Frau von Epinay Neapel, den 28. Januar 1775 Wissen Sie auch, schöne Frau, daß Sie schuld daran sind, daß ich beinah vor Lachen erstickt wäre? Wäre ich daran gestorben, so wäre Ihr Buch schuld daran gewesen. Dieses zehnte Gespräch ist eine unglaubliche Sache (denn das Wort Meisterwerk ist zu entwertet). Emilie hat sich mit der Erzählung »Und dann« selbst übertroffen! Mein Gott, welch eine Erzählung! Übrigens trage ich mich seit einigen Tagen mit dem Gedanken, wozu Ihr Buch dienen könnte, und ich glaube, es gefunden zu haben. Ich werde mich seiner als eines Prüfsteins bedienen, um die Menschen kennenzulernen. Hier haben Sie ein Skalenmuster dieses neuen Barometers. Diejenigen, die das Buch für gut und nützlich erklären, aber behaupten, man hätte es besser und lehrreicher machen können, sind beschränkte Köpfe und engherzige Geister. Diejenigen, denen es gar nicht gefällt, sind Schurken, ohne Herz und Seele. Diejenigen, die es vollkommen finden, sind Schmeichler. Diejenigen, die es voller Heiterkeit und ursprünglicher Naivität finden, die dabei vor Lachen ersticken und meinen, es sei zu nichts nütze, weil es bei der Erziehung nichts nützen kann, da die Erziehung im ganzen ebenso sehr eine Wirkung des Zufalls ist wie die Empfängnis, sind erhabene Geister, wie Diderot, Grimm, Gleichen und Ihr Diener. Ich war so weit, als Ihre Nr. 1 ankam. Ich ersehe daraus, daß Ihr Zustand unheilbar ist. Um so besser! Denn der Tod ist eine Art Gesundung. Ich verlange nicht, daß Sie gesunden; ich verlange, daß Sie am Leben bleiben... Der Herzog von Luxemburg reist morgen ab. Herr von Clermont wird mein Glück hier sein. Wenn Sie ihm, außer dem Kattun, auch noch das Königliche Taschenbuch mitgeben wollen, machen Sie mir eine Freude. Endlich würde ich gerne Strumpfbänder kaufen, ohne Parfüms, aber feine Arbeit: denn man hat hier in Strumpfbändern keine Erfahrung, und ich möchte sie in Mode bringen. Da das Rockaufheben Mode geworden ist, ist es an der Zeit, die Strumpfbänder zu verbessern. Ich wünschte solche mit mehrfach durchlöcherten Silberschnallen, um sie weiter oder enger machen zu können; denn unsere Schenkel sind verteufelt dick. Guten Abend; haben Sie mich lieb ... [152] An Frau von Epinay Neapel, den 27. Mai 1775 Nur durch Sie, Madame, habe ich Kunde von den Tumulten zu Paris erhalten, und da ich mit niemand mehr verkehre, der Briefe aus Frankreich empfängt, seit die Herren von Breteuil und Caraccioli abgereist sind, bleibt mir, zu meinem großen Bedauern, alles unbekannt, was Sie mir nicht mitteilen. Mein erster Gedanke beim Lesen Ihres Briefes war: Gott sei Dank, daß ich nicht in Paris bin. Man hätte mich als den Urheber des Tumults ins Gefängnis gesteckt. Man hätte mit Recht aus meinen Dialogen entnommen, daß ich ihn vorausgesagt und verkündigt hatte, als ich es aussprach, daß ein Staatsmann die unvorhergesehenen Fälle vorhersehen muß. Diese unwürdige geheime Verschwörung, die ohne Zweifel die erste Triebfeder der Volksdummheit ist, hätte vorausgeahnt werden müssen. Pfaffen und Mönche haben im Jahre 1765 in Madrid die Erneuten angezettelt. Man bediente sich des Vorwandes der Teuerung, um sich für die Steuern zu rächen, die Herr von Squillace der Geistlichkeit auferlegt hatte. Alle, die nicht oft in die Messe gehen, müssen darauf gefaßt sein, daß man die Geringschätzung der Messe rächt. Das erste Problem, das ein Minister zu lösen hat, ist die Bewahrung seines Amtes; und je überzeugter er von seiner eigenen Ehrenhaftigkeit ist, desto eifriger muß er auf Bewahrung seiner Stelhmg aus sein, um den Menschen länger Gutes erweisen zu können. Wenn irgend etwas Gutes, das er tun möchte, ihn der Gefahr des Verlustes aussetzt, muß er es ohne weiteres seiner Existenz zum Opfer bringen. Ich hoffe, daß dies Ereignis dem Herrn Turgot und dem Herrn Abbé Morellet die Kenntnis der Menschen und der Welt beigebracht hat, die nicht die der Schriften der Ökonomisten ist. Er wird eingesehen haben, daß die Revolten, die aus der Teuerung entspringen, nicht, wie er glaubte, unmöglich sind. Er zog alles in Berechnung und vergaß nur die Bösartigkeit der Menschen in Amt und Würden. Man kennt nie genau die Zahl seiner Feinde. Der selige Marschall d'Estrées wußte nicht, daß der Herzog von Cumberland mit dem Herrn von Maillebois unter einer Decke steckte, und Herr Turgot weiß vielleicht nicht, daß das ehemalige Parlament, der heutige große Rat, das Brot ebenfalls sehr teuer findet. Wenn sein Kummer und der des Herrn Abbé dazu dienen könnten, meinen Dialogen, oder zum mindesten meinen Absichten, die aus der Gesamtheit meiner Grundsätze hervorgehen, etwas mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, hätte ich viel bei diesem Tumult gewonnen, da keine Männer leben, deren Achtung und Freundschaft mir teurer wäre. Sie haben große Vorzüge und einen großen Geist. Vielleicht sind sie zu lang in ihrem Studierzimmer gesessen und nicht, wie ich, in frühester Jugend in die schöne Gesellschaft eines Hofes verschlagen worden, um da Fortunas Spielball zu sein... Meine eine Nichte bleibt mir zu verkuppeln; denn ich habe mich (was Ihnen vielleicht nicht bekannt ist) auch meiner Schwägerin entledigt, der ich zu einer Wiederverheiratung behilflich war. Es ist wahr, daß ich mich frei mache; aber es geschieht immer nur durch Opfer und Verluste; und so werde ich von einer Last befreit, wie man sich seiner Kleider und Lumpen entledigt, um ganz nackt dazustehen. Ihr lebt nur auf Hochzeiten und Festen. Ich verlasse Sie also, indem ich Sie bitte, mir weiterhin Pariser Neuigkeiten mitzuteilen. Caraccioli wird angekommen sein, sich aber in Reims aufhalten. Wenn er zurückkommt, umarmen Sie ihn für mich. Seit einem Jahrhundert habe ich nichts von dem Baron von Holbach gehört. [153] An Frau von Epinay Neapel, den 3. Juni 1775 Selten, Madame, ist es mir begegnet, daß ich so verärgert war wie diese Woche, weil ich weder von Ihnen noch von sonst jemand Briefe erhalten habe. Wirklich, ich bin nicht in Sorge wegen Ihrer eigenen Gesundheit; Sie haben mir versprochen, gesund zu bleiben. Aber ich seufzte nach Nachrichten über die öffentliche Gesundheit, die eine große Anzahl meiner Freunde hätte interessieren können. Hier sind tausend Gerüchte im Umlauf, die mir übertrieben scheinen: und Sie sagen kein Wort davon. Was soll ich denn davon denken? ... Ich habe das Werk Morellets angeblättert, ich habe sofort gegähnt, und das Buch ist meinen Händen entfallen. Wie gern ich es auch lesen möchte, so fühle ich doch, daß dies meine Kräfte übersteigt. Ich habe ferner das Gefühl, daß es mir unmöglich wäre, es zu widerlegen. Es ist so dick! Und es scheint mir ein fabelhaftes Werk zu sein, weil jedes Stück, jede Zeile, jede Schlußfolgerung gut geschrieben, klar und richtig ist, während das Ganze dennoch flach, dunkel und falsch bleibt. Ich verstehe nicht, durch welches Wunder dies möglich ist: aber es ist der zweite Fall nach dem der Jesuiten. Jeder einzelne Jesuit war liebenswürdig, gut erzogen, nützlich; und die ganze Gesellschaft, die sich doch nur aus der Menge der einzelnen Individuen zusammensetzte, war hassenswert, sittlich verdorben, schädlich. Mögen andere diese sonderbare Erscheinung erklären: ich bringe es nicht fertig. Nun bitte ich Sie recht inständig, mir ganz genau und ausführlich zu schreiben, welchen Eindruck das Buch Morellets auf die verschiedenen Geister in Paris gemacht hat, von dem Ihren und dem meiner besten Freunde nicht zu reden. Das interessiert mich unendlich. Was die Frage anbelangt, die ich und der Abbé Morellet behandelt haben, so wird sie von allen Regierungen einstimmig beurteilt. Alle sind von der Begeisterung der Ökonomisten zurückgekommen. Alle haben die Einschränkungen der Getreidehandelsfreiheit verschärft. Selbst die Engländer haben seit zehn Jahren ihrer Freiheit und ihrem Handel Schranken gezogen, trotz ihrer Regierungsform, die wesentlich freihändlerisch ist. Frankreich (der Herd des Übels) war unsicher und schwankend; aber zehn Jahre ununterbrochener Teuerung, Hungersnot, Revolten hätten auch es aufklären müssen, und Herr Turgot, der überzeugt war, daß die Freiheit allein genügte, wird sehr erstaunt sein, daß er gezwungen ist, Prämien für die Einfuhr auszusetzen, den königlichen Schatz zu leeren und seinen Ruhm zu beflecken. Gott gebe, daß es für ihn noch Zeit zur Rettung ist. Es ist schade, wenn man ihn entläßt; aber es ist ein wenig seine eigene Schuld. Warum wurde er Ökonomist? Was zum Teufel hatte er auf dieser Galeere zu tun?... Haben Sie mich immer sehr lieb. Ich werde in meinem Leben nicht mehr über Getreide sprechen. Ich beschäftige mich jetzt damit, meinen Horaz zu feilen. Das wird wenigstens weder in den Markthallen, noch im Hôtel Soissons irgendeinen Lärm verursachen. Leben Sie wohl; tausend Empfehlungen an Frau von Belsunce. [154] An Frau von Epinay Neapel, den 10. Juni 1775 Ich empfange auf einmal, schöne Frau (ich gebrauche meine alte Anrede, weil mein Herz mir sagt, daß die Revolten und Tumulte usw. Sie verschönert, angefettet, verjüngt haben werden), zwei Briefe von Ihnen, vom 15. und 27. Mai, die mir nichts sagen. Das ist sehr sonderbar, daß in einem Lande, wo alles zu drucken erlaubt ist, es gestattet ist, nichts zu schreiben. Indessen habe ich Briefe von Spa erhalten, die mir viel mehr sagen. Wenn ich Muße hätte, würde ich einen politischen Traktat schreiben über Revolten, ihre Ursachen, ihre Wirkungen und die Mittel, ihnen zuvorzukommen und sie zu sanieren. Zunächst würde ich feststellen und gehörig predigen, daß nichts den Herrschern so viel Ehre macht als die Revolten. Der Zar Peter hat zwanzig bestanden. Der König Karl ist der erste, der sich rühmen kann, solche in Madrid erlebt zu haben, nachdem er den Kehricht und die Jesuiten aus der Stadt weggefegt hatte. Aber das ist ganz einfach; man nimmt kein Purgier- oder Speimittel, ohne Bauchgrimmen, leichte Krämpfe, Schwächezustände usw. zu fühlen; alle diese kleinen Übel sind die Begleiter der Genesung. Wenn Euer junger Herrscher Herrn Turgot nicht den Launen oder dem panischen Schrecken seines Volkes opfert, verdient er, wegen dieses einen Zuges, den Beinamen des Großen. Aber ich fürchte, man wird seine Jugend überraschen. Warten wir es ab... Was meinen Freund Morellet, meinen heutigen Widerleger betrifft, so verzeihe ich ihm, da ich für sein Buch nicht die hundert Franken bezahlt habe, seine ganze Widerlegung. Wahrhaftig, ich wäre beinahe vor Lachen gestorben, als ich sah, daß er, als guter Theologe, im Innersten überzeugt ist, er sei vor seinem Gewissen verpflichtet, alle meine Worte, meine Silben, meine Beistriche zu widerlegen. Es lebe der Jansenismus! Alle Tugenden der Heiden sind Laster. Er widerlegt mich, wenn ich die Ökonomisten bekämpfe; er widerlegt mich noch heftiger, wenn ich in Übereinstimmung mit ihnen bin. Alles aus meinem Mund mißfällt ihm: das ist wahrhaftig reizend. Die notwendige Folge davon ist, daß jemand, der sein Buch liest, nicht wissen wird, welche Folgerungen er daraus ziehen soll, und die Meinung des Abbé nicht erraten wird; er wird nur erfahren, daß er nicht meine Ansichten teilt, und dies gilt ebensogut von denen, die ich habe, wie von denen, die ich nicht habe. Wie lehrreich dies doch ist!... Guten Abend; es ist sehr spät. Leben Sie wohl. Haben Sie mich lieb. [155] An Frau von Epinay Neapel, den 29. Juli 1775 ... Maurepas, Turgot, Sartine, Malesherbes: das sind vier Männer, von denen einer allein genügte, um ein Reich wieder aufzurichten. Weiß Gott, ob alle vier dies zuwege bringen, wie es ein Einziger von ihnen sicherlich zustande gebracht hätte. Ach, wie verschieden ist die politische und physische Rechenkunst von der Zahlenrechnung! Es ist nicht wahr, daß man die Wirkungen verdoppelt, wenn man die Ursachen verdoppelt; wenn man doppelt lädt, so folgt daraus nicht, daß die Kugel zweimal so weit geht; aber man wird die Kanone zum Springen oder Platzen bringen; das ist es, was ich ernstlich befürchte, seit ich sie so geladen weiß; sehen wir also dem zu. Ich werde mich also mit meiner Ankunft in Paris wohl beeilen müssen, wenn ich den günstigen Moment, der mir vier große Freunde, vier große Männer, vier ehemalige Intimen in Amt und Stellung zeigt, erwischen will. Ich glaube, hierin die Vereinigung aller Planeten zu sehen; sie werden sieh gegenseitig im Licht stehen. Anstatt meine Familie zu vermindern, vermehre ich sie alle Tage. Gestern habe ich aus Marseille eine Angorakatze für meinen Angorakater erhalten; wünschen Sie mir Glück dazu, denn ich bin auf dem Gipfel der Wonne. Es wird in Neapel eine Angorarasse geben, und die geistreichen Leute werden zum mindesten wissen, mit wem sie den Abend verbringen sollen, und finden, daß man sie mit Samtpfötchen streichelt. Im übrigen versinken wir jeden Tag tiefer in die dümmste und gröbste Barbarei, und man sieht wohl, daß Gott allein dies für sich selbst tut, weil es ihm Spaß macht: er entreißt uns durch den Tod alle Tage jemand, der die Literatur liebte und sie hätte fördern können; und er tut das mit einem Verstand und einer Einsicht, die den Verdacht an die Wirkungen des Zufalls nicht aufkommen lassen. Der Herzog von Bovino, der Großjägermeister des Königs, war der einzige unserer Höflinge, der Horaz gelesen hatte, und vorgestern ist er gestorben. Erwarten Sie mich auf diese Schilderung hin nicht von einem Augenblick zum ändern? Guten Tag, schöne Frau! Tausend Empfehlungen an Herrn von Affry, an Ihre Familie, an unsere Freunde. Leben Sie wohl. [156] An Frau von Epinay Neapel, den 16. September 1775 Es ist wahr, unser Briefwechsel hat, der Zeit nach, seit drei oder vier Monaten viele Störungen erlitten; aber ich liebe Sie stets nach allen Regeln. Wenn ich abwesend bin, ist es weder meine Schuld, noch die meines Herzens; aber warum kommen Sie, die Sie Früchte essen sollen, nicht nach Neapel, in das Land der Früchte. Ich verspreche Ihnen für Weihnachten vortreffliche Feigen und Melonen. Kommen Sie, Sie werden bei mir wohnen und, wenn Sie wollen, nur mich zu Gesicht bekommen, und ich werde nur mit Ihnen während Ihres Aufenthaltes verkehren. Wenn der Baron sich weder beim Mittag- noch beim Abendessen zeigt und Sie ihn nicht beim Schlafengehen stören wollen, so könnte man ihn wenigstens zwingen, in der Morgenfrühe zu empfangen. Die Barone des heiligen römischen Reiches sind eine Art Souverän: ihr Morgenempfang könnte majestätisch sein. Da ich Ihnen nichts mitzuteilen habe, will ich Ihnen von meiner komischen Oper erzählen: sie ist eine Nachahmung Don Quixotes. Wir nehmen an, ein guter Provinzspießbürger habe es sich in den Kopf gesetzt, die antike Philosophie, die antike Musik, die Wettkämpfe usw. wiederherzustellen. Er hält sich für Sokrates: seinen Barbier hat er zu seinem Plato ernannt (er ist sein Sanchozänkisch und prügelt ihn, also eine Xantippe. Er geht in seinen Garten, um da seinen Dämon zu befragen; endlich gibt man ihm einen Schlaftrunk, indem man ihm den Wahn beibringt, dies sei der Schirlingsbecher, und wenn er aufwacht, ist er, dank dem Opium, von seiner Verrücktheit geheilt. Der Stoff wäre eines kleinen, recht heiteren Romans würdig, und er ist, meiner Meinung nach, der einzige, der ebenso originell als Don Quixote und nach dem Geschmack unseres Jahrhunderts wäre. Wenn das Stück gedruckt ist, werde ich es Caraccioli schicken, und wenn er sich die Mühe geben will, Ihnen die Wendungen und neapolitanischen Witze zu erklären, mögen Sie lachen. Der Erfolg Ihrer Heiraten freut mich unendlich; die meinigen waren nicht ganz so glücklich: meine älteste Nichte ist in die Hände gewisser Betbrüder geraten, die übrigens brave Leute sind; ich habe an ihnen gar nichts, aber sie belästigen mich wenigstens nicht. Die jüngste aber hat einen infamen Charakter entwickelt und ist in die Hände eines noch infameren Menschen geraten; aber sobald sie ihre Mitgift haben, werde ich Ruhe bekommen. Haben Sie mich lieb; lassen Sie sich's gut gehen. Leben Sie wohl. [157] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Dezember 1775 Madame, Ihre Tochter, die zum mindesten ebenso besorgt um mich als um Sie in Ihrer Krankheit war, teilt mir soeben mit, daß ich wieder anfangen kann, an Sie zu schreiben, weil allem Anschein nach mein Brief Sie in bestem Wohlbefinden antreffen wird; stimmt das nicht, so machen Sie es mit ihr aus. Tatsächlich bin ich entzückt, daß ich Ihnen wieder schreiben kann; denn die Pause war etwas lang und ich bekam schon Angst; aber denken wir nicht mehr daran. Tatsache ist, daß ich nicht weiß, womit ich beginnen soll; denn alle Fäden unserer Zwiegespräche sind zerrissen oder locker geworden mit der Zeit. Fangen wir also mit dem richtigen Ende an, und dies ist immer das Geld. Ich schulde Ihnen Geld und Dank. Meine Dankesbezeigungen zahle ich Ihnen auf der Stelle heim; nehmen Sie tausend, zehntausend, eine Million in Empfang. Es war sehr schön von Ihnen, in Ihrer Krankheit: an meine Hemden zu denken. Die Geldgeschichte ist nicht so rasch erledigt. Ich wollte an Caraccioli darüber schreiben; aber er empfängt nur Geld von Neapel und zahlt niemals welches hierher zurück. Ich könnte die Ankunft des Herrn von Clermont abwarten; aber sie zieht sich vielleicht hinaus. Also wird der kürzeste und sicherste Weg der sein, Ihnen diese 137 Lire 8 Soldi durch einen Wechsel zukommen zu lassen, und das gedenke ich im Lauf der nächsten Woche zu tun. Gedulden Sie sich also ein bißchen. Gleichen ist in Mailand. Er wird also den Strohsessel vor mir sehen. Ich erwarte diesen alten Sessel mit der äußersten Ungeduld, um ihm meine Arbeit über Horaz vorzulegen, die ihm sicherlich viel Freude machen wird. Ich hatte Ihnen geschrieben, daß ich eine komische Oper »Sokrates« in Musik hatte setzen lassen, und daß mir diese Arbeit unendlichen Spaß gemacht hatte. Darauf sind Sie krank geworden, und ich habe Ihnen nicht mehr davon gesprochen. Ich muß Ihnen daher mitteilen, daß dieses Stück den glänzendsten Erfolg gehabt hat; es ist auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majestät verboten worden, nachdem man es sechsmal öffentlich und selbst einmal bei Hofe gespielt hatte. Dies war noch nicht in Italien passiert. In Frankreich wurde dem einzigen »Tartüffe« diese Ehre zuteil. Stellen Sie also den »Sokrates«, was den Lärm, die Kabalen, die Intrigen und die zutage getretenen Bosheiten betrifft, mit dem »Tartüffe« auf eine Stufe. Derart ist meine Stellung hier und das Entsetzen, das mein Geist in den Schädeln aller Dummköpfe hervorruft; beneiden Sie mich und bedauern Sie mich nicht, denn diese Geschichte hat mir gar nicht geschadet. Sie können sich all die Deutungen, die man dem Stücke unterschob, und all die Anspielungen, die man darin fand, gar nicht denken. Von der Apokalypse abgesehen, hat nie etwas so drollige Kommentare erfahren. Ich will sterben, wenn ich von dem, was man in meinem Werke finden wollte, selber etwas wußte. Indessen hat man das Libretto nicht verboten; aber wenn ich es Ihnen schickte, würde es Ihnen nicht gefallen. Leben Sie wohl. [158] An Frau von Epinay Neapel, den 13. April 1776 Ich habe vergangene Woche nicht auf Ihren reizenden Brief geantwortet, weil es Karsamstag war, ein Tag, der den Besuchen gehört, die wir buona pasqua nennen und die man ebenso pünktlich erledigen muß wie die Neujahrsbesuche zu Paris. Diese Woche erwarte ich mit äußerster Ungeduld Ihre Neuigkeiten über das königliche Gerichtslager und über die Folgen der Aufhebung der Zünfte, die ich mir schrecklich und unheilvoll vorstellte; aber ich habe mich vielleicht getäuscht, und der Abbe Morellet wird recht haben. Sie haben mir nicht geschrieben, und nun tappe ich gänzlich im Dunklen. Da ich Ihnen aber, wie nun. die Sache ausfallen möge, niemals meine Ansicht über die Maßregeln Turgots mitgeteilt habe, mag sie hier ganz einfach und naiv stehen. Ich zolle der Aufhebung der Frondienste und der dafür eingeführten Steuer im allgemeinen meinen Beifall; aber ich hätte gewünscht, daß man viel strengere Maßregeln ergriffen hätte, um sicher zu gehen, daß das Geld, welches durch die Grundsteuer eingeht, niemals für etwas anderes als Wegebauten verwendet würde. Ohne große Vorsichtsmaßregeln in dieser Hinsicht wird man beim ersten besten Krieg und vielleicht selbst in Friedenszeiten durch einen anderen Generalkontrolleur die Bedürfnisse des Staates vorschützen, um diese Eingänge in anderer Weise zu verwenden, und ihr werdet keine Straßen haben: denn man wird die Bauern nicht mehr zu Straßenfron zwingen können und kein Geld haben, um sie instandzuhalten. Was die Aufhebung des Zunfteides anbelangt, so sage ich's allen Modeschwätzern und Ökonomisten ins Gesicht, daß sie eine Dummheit, ein Fehler, ein Blödsinn ist. Mann kennt die Menschen nicht: Conamur in vetitum . Je schwieriger, mühseliger, teurer eine Sache ist, desto mehr Liebe, Anhänglichkeit, Begeisterung bringen ihr die Menschen entgegen. Die strengsten religiösen Orden haben die meisten großen Männer hervorgebracht. Wenn Sie die Ordensregeln der Väter von Saint-Maur oder der Jesuiten leicht und bequem machen, so ist es um den Orden geschehen; daher bin ich überzeugt, daß Herr Turgot den französischen Gewerben den Todesstreich versetzt hat. Die geschickten Künstler werden zum Teil auswandern, andere werden nachlässig werden, und anstatt den Wetteifer zu fördern, wird er alle wirklichen Triebfedern des menschlichen Herzens gebrochen haben. Das ist meine Meinung. Seit einem Monat habe ich keine Nachricht von dem Reisenden; aber er ist so faul! Ich bin entzückt, daß Ihre Gesundheit Fortschritte macht. Mir würde es ganz gut gehen, wenn mir nicht der Verlust einer Katze Kummer verursacht hätte. Sie können sich gar nicht denken, wie sehr es mich ärgert, daß ich den vernünftigsten meiner hiesigen Freunde verloren habe... [159] An Frau Von Belsunce Neapel, den 11. Mai 1776 Diesmal, Madame, sind Sie es, der ich antworten muß. Wissen Sie, daß Sie in Ihren Briefen reizend sind? Diese sprechen nicht mehr von Mamas Krankheit; sie berichten nur über Beschäftigungen, Zerstreuung, über Eingenehme Pläne eines Wohnungswechsels und sogar über einen Ankauf, was mich (unter uns gesagt) ebenso sehr entzückt als erstaunt. Fahren Sie also für den Augenblick fort, mir für sie zu schreiben; ich werde mich nicht darüber beklagen und die Änderung kaum gewahr werden. Ich empfinde den ganzen Kummer und die Bitterkeit, in welche der Tod ihres Hundes Mama versenkt hat. Malen Sie sich nun die meinige aus, weil man meine Katze umgebracht hat! Ah, seine Hunde und seine Katzen zu verlieren! Alle Vrillieres sind nichts im Vergleich dazu. Wahrhaftig, seit drei Wochen bin ich untröstlich! Sie war mein Lehrer in der Katzensprache gewesen, und obgleich ich sie nicht sprechen konnte, weil die Aussprache schwieriger ist als die englische, verstand ich sie doch so ziemlich. Aber sprechen wir von etwas anderem. Ich bin ganz und gar nicht mit dem Wohnungswechsel zufrieden, den Mama vorhat. Ich glaube, daß der Lärm ihr förderlicher ist als die Einsamkeit; man gewöhnt sich an den stärksten Lärm, wie an den der Wogen, wenn er andauernd ist; aber man gewöhnt sich nicht an die Einsamkeit. Sie gibt uns Muße, unsere Unbequemlichkeiten zu fühlen, die dadurch nur lästiger werden. Der Baron von Gleichen ist glücklicher gewesen als der General Koch; er hat hier ein Schwefelwasser entdeckt, das er trinkt und das die Würmer tötet; es hat ihn gesünder gemacht, als er es sich hätte träumen lassen. Niemals hat er sich so gesund gefühlt. Es ist wahr, daß er sich zum Sterben langweilt; aber die Wässer haben niemals die Langeweile vertrieben; zuweilen hat der Wein sie verjagt. Verzeihen Sie, Madame, den Blödsinn dieses Briefes; ich bin beständig von langweiligen Beschäftigungen niedergedrückt. Ich muß ausgehen: es ist spät; der Stoff geht mir aus, und mein Geist sitzt auf dem Trockenen. Umarmen Sie Mama für mich. Leben Sie wohl. [160] An Frau von Epinay Neapel, den 18. Mai 1776 Welche Gotteslästerung! Sie nennen einen Brief, den Sie ganz mit eigener Hand geschrieben haben, der mir bessere Nachrichten, als ich sie zu erwarten wagte, über Ihre Gesundheit gibt, der mir den Plan eines Hauswechsels, eines Ankaufs und andere durchaus angenehm langweilige Dinge meldet, einen Fetzen! Was konnten Sie mir aber Wichtigeres mitteilen? Hätten Sie mir von euren Edikten, von euren Reformen erzählt? Über die erlassenen Edikte habe ich Ihnen schon meine Meinung gesagt. Ich zolle allem Beifall, die Zünfte ausgenommen, deren Abschaffung den Todesstreich für das französische Gewerbe bedeutet; aber die Wirkung wird sich in dreißig Jahren, und nicht früher, zeigen. Was die Reformen betrifft, so begrüße ich sie alle beifällig, um so mehr, als keine mich berührt. Titus Livius urteilte aber über sein Jahrhundert, das dem unsrigen so sehr gleicht: Ad haec tempora ventum est, quibus nee vitia nostra nee remedia pati possumus . »Wir leben in einem Jahrhundert, wo die Heilmittel ebenso schädlich sind als die Krankheiten.« Wissen Sie, was das bedeutet? Die Zeit des gänzlichen Niedergangs Europas und der Auswanderung nach Amerika ist gekommen. Alles gerät in Fäulnis hier: die Religion, die Gesetze, die Künste, die Wissenschaften. Und alles wird in Amerika sich neu gestalten. Das ist kein Scherz, noch ein Gedanke, der den englischen Zwistigkeiten entstammt : ich habe es vor mehr als zwanzig Jahren behauptet, verkündigt, gepredigt. Und ich habe stets erlebt, daß meine Prophezeiungen in Erfüllung gingen. Kaufen Sie also kein Haus an der Chausee d'Antin; Sie werden es in Philadelphia erwerben. Ich allein werde unglücklich sein, da es keine Abteien in Amerika gibt. Umarmen Sie mir Schomberg und die Freunde, die nicht abwesend sind. Der Reisende wird in Venedig sein. Ich habe keine Nachrichten von ihm. Leben Sie wohl Da haben Sie einen Fetzen, wenn Sie wollen. [161] An Frau von Epinay Neapel, den 14. Juni 1776 Seit zwei Wochen bin ich ohne Briefe von Ihnen. Ich fürchte, das ist Politik! Nachdem Sie mir die trockene Neuigkeit von dem Ministerwechsel mitgeteilt haben, wollen Sie mir die Glosse verschweigen, nicht wahr? Ich aber, der hierin anständiger ist als Sie, werde Ihnen ganz offen alles melden, was ich über die Herzogin von Chartres weiß, die gestern abend eingetroffen ist und heute früh mit dem König und der Königin gespeist hat. Leute aus Rom haben uns berichtet, daß sie dort um neun Uhr schon in ihrer Wohnung sein wollte, während die römischen Gesellschaften im Sommer erst um elf Uhr abends beginnen. Als man ihr den Petersdom zeigte, durchlief sie ihn in einem Zuge wie ein Windhund, und dabei murmelte sie immerfort zwischen den Zähnen, ohne einer Sache einen Blick zu gönnen: Reizend! Endlich blieb sie vor dem Grabmal der Königin Christine stehen, und nachdem sie es lange betrachtet hatte, sagte sie: Wie schlecht sie frisiert ist! Und dann trollte sie sich. Dieser Zug ist so originell und so neu, daß ich ihn Ihnen nicht verschweigen konnte. Heute früh hätte sie fast einen Auflauf auf den Straßen veranlaßt. Man mußte die Sitzkissen des höchsten Wagens der Gesandtschaft entfernen, damit sie mit ihrer Frisur Platz hatte. Der König hat sich unglaubliche Mühe gegeben, um das Lachen zu verbeißen. Ich habe es sehr eilig. Ich werde heute abend ins Theater gehen, um den Erfolg dieser Neuheit zu sehen. Ah! selbst die Haushofmeister der Philosophen verursachen Empörungen in den Staaten ? Seit Ostern habe ich keine Nachrichten von dem Reisenden; geben Sie mir sie, wenn Sie solche haben. Ich habe das Kattunpaket erhalten; es befanden sich drei Schnitte darin. Zwei sind ausgezeichnet, aber der dritte taugt nichts. Gewiß haben Sie sich alle Mühe gegeben. Man muß also annehmen, daß der Handel der Indischen Gesellschaft so blühend geht, daß man in Paris nicht Stoff genug findet, um zwölf Kattunhemden daraus zu machen. Was sagt der Abbé Morellet dazu? Ist er mit seiner Freiheit zufrieden? Findet er sogar die Freiheit, die Minister zu entlassen, angenehm? Doch ich vergaß: der Markgraf von Bareith hat mir aus seiner Residenz geschrieben, daß er während seines Pariser Aufenthaltes seinem Bankier den Auftrag gegeben habe, mir zwölf Flaschen bester Tinte zu schicken. Ich habe keine Anzeige aus Paris erhalten. Nur der Herr Botschafter Clermont hat mir erzählt, daß man ihm diese Kiste übergeben wollte, was er ablehnte. Ich hätte aber diese Tinte sehr nötig. Wollen Sie diesen Bankier veranlassen, mir sie möglichst schnell zu schicken? Da es so schwierig ist, Kattun für Hemden zu erwischen, geben Sie acht und kaufen Sie mir gelegentlich, nach Ihrer Bequemlichkeit, und wenn Sie welche finden, ein anderes Dutzend. Sie haben alle Zeit dazu, und wenn irgendein Nuntius oder sonst jemand hierher geht, können Sie mir ihn schicken. Tausend Empfehlungen an Ihre Frau Tochter. Leben Sie wohl. Haben Sie mich lieb, trotz der Entfernung. Heute jährt sich genau der Tag, an dem ich Sie im Jahre 1769 verließ. Ah, welche Erinnerung! [162] An Frau von Epinay Neapel, den 20. Juli 1776 Sie haben recht, Madame: ein Briefchen von Ihrer Hand ist so viel wert wie eine ausgezeichnete Neuigkeit; deshalb bin ich mit der heutigen Post zufrieden. Dennoch sprechen Sie von dem Kummer, den Ihnen die Abwesenden bereiten. Ach, wenn ich anfangen wollte, Ihnen von dem zu sprechen, den uns die Anwesenden bereiten, so müßte ich Ihnen von fünf Schwestern, drei Nichten, einem Neffen, der Frau und den Kindern dieses Neffen, von einer mütterlichen Tante und ihrer Familie, von den Gatten meiner beiden Nichten, meiner Schwägerin, ihrem Gemahl, von dessen Mutter und endlich von ungefähr dreißig Vettern und hundert entfernten Verwandten sprechen. Es ist wahr, buchstäblich und ohne Übertreibung, daß mir all diese Leute auf dem Halse liegen; alle pflegen sich an mich zu wenden; keiner ist imstande noch in der Stellung, mich zu unterstützen, mir etwas Gutes zu tun, mir zu helfen: alle sind mir eine Last; alle, mit Ausnahme meines Neffen, sind höllisch fromm; und alle, mit Einschluß meines Neffen, sind zum Sterben langweilig. Stets habe ich einen aus diesem Verwandtenschwarm bei mir zu Tisch oder als Logiergast. Sie rauben mir meine Einsamkeit, ohne mir Gesellschaft zu leisten. Ich erzähle Ihnen das nur, um Sie trösten und Ihnen zu beweisen, daß, von der Gesundheit abgesehen (die ein großes Gut ist), mein Zustand schlimmer ist als der Ihrige, und um Sie zum Geständnis zu bringen, daß es in der besten aller möglichen Welten nichts Gutes gibt. Ah, wenn der liebe Gott eine unmögliche Welt hätte schaffen wollen, wie glücklich würden wir uns darin fühlen!... Der französische Botschafter ist außerordentlich liebenswürdig; er hat hier mehr Erfolg als irgendein anderer, ja größeren als Breteuil. Beati mites, quoniam ipsi possidebunt terram. Daß man das Spital Hôtel-Dieu in den Ivalidenpalast verlegt, ist das Beste, was man tun konnte; es war eine schöne Feuersbrunst nötig, um diese gute Tat zuwege zu bringen; so wahr ist es, daß die Erleuchtung fortschreitet (wie die Ökonomisten behaupten). Eine Feuersbrunst leuchtet weithin! Habe ich Ihnen den wesentlichen Dienst mitgeteilt, den mir der Strohsessel geleistet hat? Er hat die Sammlung von Büchern und Stichen meines Bruders durch die Kaiserin von Rußland um den Schätzungspreis, den ich dafür verlangte, kaufen lassen. Der Dienst besteht darin, daß ich mich dadurch an meinen liebenswürdigen Landsleuten gerächt habe, die sie für nichts haben wollten. Leben Sie wohl. Man unterbricht mich. Der Bruder des Gemahls meiner Nichte kommt soeben vom Besuch der Jubiläumskirchen zurück: hatte ich es Ihnen nicht gesagt? [163] Frau von Epinay an Galiani Den 29. Juli 1776 Unser Briefwechsel, mein reizender Abbé, ist gewiß einzig in seiner Art: wir schreiben uns allwöchentlich drei oder vier Seiten lange Briefe, in denen nichts steht, als: Es geht mir gut, ich bin heiter, ich bin traurig, es ist heiß, es ist warm, der ist abgereist und jener ist angekommen usw.; und wir sind zufrieden mit uns selber wie die Könige; wir halten uns für außerordentlich witzig. Wenn zufällig ein Brief ausbleibt, gibt es Klagen und ein Geschrei, als ob alles verloren wäre. Wissen Sie, daß ich anfange zu glauben, wir sind viel glücklicher, als wir es selber wissen? Da Ihre Gesundheit vortrefflich ist, behaupte ich, daß sie auf die »Robustizität« losmarschiert, und um Ihnen eine Neuigkeit zu sagen, füge ich hinzu, daß ich mich nicht an die Arbeit, wohl aber ans Denken mache; und wenn dieser befriedigende Zustand andauert, verzweifle ich nicht an der Fortsetzung meiner Gespräche über die Erziehung. Ich muß Ihnen einige der Ideen mitteilen, die mir wie ein Traum durch den Kopf gegangen sind. Ich habe mich gefragt, warum die Tiere, die bis jetzt unsere sehr ergebenen Diener sind, mit dem ihnen eigenen Grad der Vervollkommnungsfähigkeit geboren werden, während die Menschen sich von der Geburt bis zum Tode abmühen, nur um den ihnen zugänglichen Grad zu erreichen; und hierauf habe ich mich gefragt, ob wir oder sie im Vorteil wären. Ehe ich Ihnen meine Antwort mitteile, sollen Sie wissen, daß ich meine zwei Fragen einem geistvollen Manne vorgelegt hatte, der mir anstatt einer Lösung des Problems die Antwort gab: »Lesen Sie das Werk von Bordeu, das eben erschienen ist ....« Ich soll lesen? habe ich gesagt; niemals. Man gebe mir Tatsachen nach Belieben; aber wenn es sich um Beweisführung handelt, halte ich mich nur an meinen eigenen Kopf. Ich habe alles erraten, was ich weiß, und ich werde alles erraten, was ich nicht weiß. Wahrhaftig, Abbé, es gibt Augenblicke, wo ich so töricht und eitel bin, zu glauben, daß ich die Welt durchschaut habe. Ich habe aber, für mich allein, nicht ganz die Antwort auf meine erste Frage erraten. Ich habe wohl behauptet: dies kommt daher, daß jede Tierart nur mit dem beschäftigt ist, was sie angeht; aber das befriedigt mich nicht. Ich habe mit dem Philosophen darüber gesprochen (dem Sie, nebenbei bemerkt, noch immer eine Antwort schuldig sind); er sagte mir: »Ich habe mehr als einen Tag darüber nachgedacht; jede Tierspezies hat ihr dominierendes Organ, unter dessen Zwang sie steht, während die des Menschen alle in einem Zustand verknüpfter Fähigkeiten vorhanden sind, deren Mittelpunkt der Kopf und das Denken sind.« Er führte ein Beispiel an; aber ich will es Ihnen nicht sagen, Sie werden es erraten. Vor zwanzig Jahren kamen, ich glaube in Amsterdam, Drillinge zur Welt; sie waren dumm, wild, unbezähmbar; ein einziges ihrer Organe war seit ihrem zehnten Jahre vollkommen ausgebildet und von ungeheuerlich vollkommener Bildung. Und welches Organ war dies? Erraten Sie es; denn dies will ich just nicht sagen. Nun, diese Drillinge waren ganz und gar nur zu einer Sache tauglich, und es gab keine menschliche Gewalt, die sie von der Erfüllung ihrer Bestimmung hätte abhalten können. Sie starben vorzeitig durch Erschöpfung usw. Wahrhaftig, gab ich ihm zur Antwort, dies gibt mir die Lösung eines ändern Problems, nämlich: warum die genialen Leute so dumm sind.... Was nun die Frage angeht, auf welcher Seite der Vorteil liegt, so entscheide ich mich für die Tiere; sie haben keine Todesangst, noch die Gier nach Reichtümern; sie bedürfen dieser nicht einmal. Ach mein Gott, ich lasse meine Phantasie abschweifen, und ich verschweige, daß unser vortrefflicher dicker Pfarrer, den Sie gewiß nicht vergessen haben werden, Sie bittet, ob Sie ihm nicht einen Empfehlungsbrief an den Prälaten Filomarini geben können, der als Vizelegat nach Avignon kommt, wo unser guter Hirte wohnt. Er möchte ganz einfach in seine Nähe kommen; denn er ist glücklich, wohlhabend und will nichts von ihm, und Sie wissen, daß es der Abbé Martin ist... Adieu, adieu, mein teurer Abbé, dies ist einer meiner längsten Briefe, den ich seit zwei Jahren geschrieben habe. Ich umarme Sie. [164] An Frau von Epinay (Antwort auf unendlich viele Nummern) Neapel, den 21. September 1776 Ich bin krank gewesen, teure Frau; ich habe zu tun gehabt; ich bin in Langeweile, Kummer und Ekel gesteckt: da haben Sie die Ursachen meines drei- oder vierwöchentlichen Schweigens. Ihre Briefe haben mich erfreut, ja belebt, aber nicht bis zu einem Grade, daß ich es Ihnen hätte sagen können. Ich gedachte Freitag, nachdem ich Ihren Brief gelesen, zu antworten. Und welch eine Antwort hätte das gegeben! Aber am Samstag bin ich in meine Faulheit zurückgesunken und zu keiner Antwort gekommen. Heute bin ich für niemand zu Hause, und dies ist mein Recht; denn es ist Festtag, und ich habe mir vorgenommen, Ihnen eine gründliche Antwort zukommen zu lassen. Zunächst danke ich. Ihnen für das Tintenrezept, das Sie dem Brief, in welchem Sie mir davon sprachen, beizufügen vergaßen und das mit dem nächsten eingetroffen ist. Aber großer Gott! Wenn ich Tinte machen könnte, wenn man dies hier verstünde, hätte ich nicht einen regierenden Fürsten darum gebeten. Diese Rezepte sind ebenso alt, als die Tinte selbst; dennoch fabriziert man gute und schlechte, je nach den Ländern, ohne daß das Rezept für gute jemals ein Geheimnis gewesen wäre. Nun aber seien Sie vollkommen überzeugt, daß die stärkste und wahrhaftigste Ursache, daß ich Ihnen für den Augenblick nicht gern schreibe, die schlechte Tinte ist. Wenn Ihnen etwas daran liegt, versuchen Sie Abhilfe zu schaffen, und ich habe Ihnen gesagt, auf welche Weise Sie es mit dem Markgrafen anstellen müssen. Der Brief, in dem Sie mir das Unglück meldeten, das Ihnen durch den Verlust des Fräuleins von Lespinasse zugestoßen, ist verlorengegangen, und ich hatte mir dies wohl gedacht, wie ich es Ihnen auch geschrieben habe. In Ihrem letzten sprechen Sie mir von dem Unglück der Frau Geoffrin; sie verfällt nach den Gesetzen der Natur und der Zeit, wie die festesten Gebäude, die stückweise verwittern. Ich hoffe, daß sie noch einige Zeit kränkelnd dahinleben wird; aber ich hoffe nicht mehr, sie bei meiner Rückkehr nach Paris wiederzusehen. Herr Clermont überraschte und erstaunte mich gestern abend durch die Behauptung, die Krankheit und die Rückfälle der Frau Geoffrin hätten ihre Ursache in den übermäßigen Bußübungen, die sie während des Jubiläums durchmachte. Auf meinem Heimwege habe ich über diesen seltsamen Gesinnungswechsel nachgedacht und gefunden, daß er die natürlichste Sache der Welt ist. Durch die Ungläubigkeit tut der menschliche Geist seinen eigenen Instinkten und seinem Geschmack die größte Gewalt an. Es handelt sich darum, sich für immer aller Freuden der Phantasie und des Geschmacks am Wunderbaren zu berauben; es handelt sich um die ganze Entleerung des Schulsacks; und der Mensch möchte Erkenntnis; immer und alles zu leugnen oder anzuzweifeln, in der Verarmung an allen Ideen, Kenntnissen und erhabenen Wissenschaften usw. stecken zu bleiben, welche entsetzliche Leere, welch ein Nichts! Welche Mühe! Es ist also erwiesen, daß die Mehrzahl der Menschen (und besonders die Frauen, deren Phantasie doppelter Art ist, weil sie nämlich die Phantasie des Kopfes und die der Gebärmutter haben) nicht ungläubig sein kann, und daß die ändern, die es können, die geistige Anstrengung nicht auszuhalten vermögen, ohne die Kraft und Jugend der Seele. Wenn die Seele altert, taucht irgendein Glaube wieder auf. Dies ist auch der Grund, warum man die wirklich Ungläubigen niemals verfolgen sollte, und ich möchte hinzufügen, daß sie in der Tat niemals verfolgt worden sind. Man verfolgt nur die Fanatiker, die Sektengründer, die einen Anhang nach sich ziehen könnten. Der Fanatiker ist ein Mensch, der inmitten einer Volksmenge zu laufen anfängt und dem zunächst alle nachlaufen. Der Ungläubige tut viel mehr. Er gleicht einem Seiltänzer, der in der Luft die unglaublichsten Künste ausführt und Räder schlägt. Alle Zuschauer sehen es mit Entsetzen und Erstaunen und niemand versucht, ihm zu folgen oder ihn nachzuahmen. Ergo mußte Frau Geoffrin mit einem guten Jubiläum abschließen. Q.E.D. Ich wünsche Ihnen ein gleiches Ende: das ist kein schlechter Wunsch für Ihre Gesundheit. Sie werden mir sagen, dies ist wahr, aber kein hübsches Kompliment für Ihren Geist; ich gebe dies zu. Aber was ist denn der Geist im Vergleich zu dem Magen? Ich habe Wort gehalten. Das ist ein langer Brief, und ich könnte ihn noch verlängern durch die Empfehlungen Gleichens, der mir immer welche aufträgt. Warum wollen Sie mir Ihr Liedchen nicht schicken? Irgendein Reisender wird mir es erklären. Leben Sie wohl! Schicken Sie mir, wenn Sie können, allgemeine Neuigkeiten: meine Leidenschaft ist jetzt die Zeitung. [165] An Frau von Epinay Neapel, den 12. Oktober 1776 Sie zanken mich aus, weil ich Ihnen keine Antwort über die Vervollkommnungsfähigkeit der Tiere und die der Gewerbe in den Händen der Ökonomisten gegeben habe. Wenn Sie wüßten, in welche gänzliche Entkräftung des Geistes, des Geschmacks und des geistigen Lebensgefühls ich geraten bin, würden Sie mich bedauern, anstatt mich auszuzanken: Erstens: Die Angelegenheiten meiner Nichten sind noch nicht in Ordnung; und mit einer Undankbarkeit, die beispiellos ist, prozessiert der Gatte einer meiner Nichten gegen mich. Zweitens: Der arme Militerni, der in Frankreich gedient hatte und mir behilflich war, mich an Paris zu erinnern, liegt im Sterben, und es besteht keine Hoffnung, daß er von seiner Wassersucht aufkomme. Das ist nicht alles: ich habe ein Pferd verloren, und meine Angorakatze siecht hin. Soll ich unter solch niederdrückenden Umständen mit Ihnen über Politik und Metaphysik schwatzen? Übrigens möchte ich Ihnen, da Sie es wünschen, über die Tierfrage bemerken, daß man meiner Ansicht nach damit anfängt, das sehr Zweifelhafte für erwiesen zu halten. Wir glauben, daß alles, was die Tiere können, dem Instinkt entspringt und nicht der erworbenen Überlieferung. Gibt es exakte Naturforscher, die behaupten, daß die Katzen vor dreitausend Jahren Mäuse fingen, ihre Jungen aufzogen und die heilende Kraft gewisser Gräser, oder besser des Grases, kannten, wie heutzutage? Wenn man dies nicht weiß, warum hält man das, was in Frage steht, für erwiesen, und räsoniert man bis in die Unendlichkeit hinein über eine falsche oder zweifelhafte Tatsache? Meine Untersuchungen über die Gewohnheiten der Katzen haben in mir den sehr starken Verdacht erweckt, daß sie vervollkommnungsfähig sind, aber erst im Verlaufe einer langen Reihe von Jahrhunderten. Ich glaube, alles, was die Katzen können, ist das Werk von vierzig- oder fünfzigtausend Jahren. Eine Naturgeschichte gibt es erst seit einigen Jahrhunderten. Daher ist die Veränderung, die mit ihnen während dieser Zeit vorgegangen ist, unmerklich. Auch die Menschen haben eine unendliche Zeit mit ihrer Vervollkommnung verbracht; denn die Stämme Kaliforniens oder Neuhollands, die ein Alter von drei- oder viertausend Jahren haben, sind heute noch wahre Tiere. Die Vervollkommnung hat zuerst große Fortschritte in Asien gemacht, wie man behauptet, vor mehr als zwölftausend Jahren. Und Gott weiß, wie lange Zeit vorher man sich in vergeblichen Bemühungen erschöpfte. Wenn eine asiatische Rasse nicht nach Europa oder Afrika eingewandert und aus Europa nicht nach Amerika hinübergeraten wäre, von wo aus sie die Weltkugel umspannte, wäre der Mensch noch der mutwilligste, listigste und geschickteste Affe: die Vervollkommnungsfähigkeit ist nicht eine Gabe des ganzen Menschengeschlechtes, sondern der einzigen weißen und bärtigen Rasse. Durch Rassenmischung haben die braune bärtige Rasse, die braune Rasse ohne Bart und die schwarze Menschenrasse etwas gewonnen. Alles, was man über den Einfluß des Klimas vorbringt, ist eine Dummheit; ein non causa pro causa , der gewöhnlichste Irrtum in der Logik. Die Rasse ist alles; die erste, die edelste der Rassen kommt natürlich aus dem Norden Asiens. Die Russen sind ihre nächsten Verwandten, und dies ist der Grund, weshalb sie in fünfzig Jahren größere Fortschritte gemacht haben, als man den Portugiesen in fünf Jahrhunderten beibringen kann. Haben Sie genug für heute abend? Haben Sie mich lieb; bedauern Sie mich von Herzen und halten Sie mich noch herzlicher für den Ihrigen. [166] An Frau von Epinay Neapel, den 19. Oktober 1776 Da die Liebenswürdigkeit des Markgrafen (wie Sie mir melden) nur darin besteht, daß er für mich zwölf Flaschen Tinte in Paris kaufen ließ, die da bleiben, während ich in Neapel bin, und da dieser würdige markgräfliche Bankier, Herr Rieder, der Meinung ist, die Sendung sei nicht von dem Markgrafen, sondern von mir zu bezahlen (während jedermann es anders aufgefaßt hätte), so bitte ich Sie, zunächst nachzusehen, ob er mir von der berühmten Tinte gekauft hat, die man im Laden zur »kleinen Tugend« findet. Wenn es diese Tinte ist, so bitte ich Sie, die Kiste nach Marseille an den spanischen Konsul zu schicken, und ich werde Ihnen die Transportkosten ersetzen. Ich habe gute Tinte außerordentlich nötig. Ihr Rezept ist unausführbar in Neapel; daher muß man alle Schwierigkeiten überwinden, wenn etwas notwendiges Bedürfnis ist. Wenn eine Kiste mit zwölf Flaschen zu groß und zu teuer wird, so schicken Sie mir die Hälfte, und ich werde immer noch genug für den Rest meines Lebens haben. Übrigens kann ich nicht glauben, daß der Markgraf die Absicht hatte, mir die Transportkosten bis Neapel aufzuhalsen. Das Geschenk besteht nur hierin; denn die Flaschen kosten sehr wenig, wie mir scheint... Der Tod der Frau Trudaine tut mir sehr leid; seit ich aber erfahren habe, daß nach der Berechnung alljährlich drei vom Hundert der Lebenden sterben, scheint es mir, daß jeder Sterbende, der für seinen Teil diese fatale dreiprozentige Schuld abträgt, die Lebenden entlastet, und daß infolgedessen jeder Tod einen Grad der Lebenswahrscheinlichkeit mehr für die Überlebenden bedeutet. Nach dieser hübschen Berechnung habe ich gefunden, daß in Paris Menschen leben, deren Leben mich mehr interessierte als das der Frau Trudaine, und der Wahrscheinlichkeitsgrad längeren Lebens, den Sie eben gewonnen haben, erfüllt mich mit einem angenehmen Gefühl; was mich ärgern könnte, wäre die Geburt Ihres Enkels; denn jeder Mensch, der auf die Welt kommt, vermindert diesen Wahrscheinlichkeitsgrad; aber da er in Freiburg geboren ist, trage ich ihn in die Freiburger Lebensrubrik ein und kümmere mich nicht weiter darum. Der Zustand, in dem Sie den Fürsten Pignatelli gesehen haben, entzückt mich: der Kummer muß ihm die Erinnerung ausgelöscht haben, denn er hatte mir versprochen, mir aus Spanien Tabak und Malaga zu schicken, und hat es nicht getan. Erinnern Sie ihn daran. [167] An Frau von Epinay Neapel, den 9. November 1776 Ihre Nr. 21 wäre herrlich, da sie lang ist und Sie mir einen vollkommenen Gesundheitszustand anzeigen. Nur eine gewisse Stelle über Emiliens Gesundheit ist keinen Deut wert. Sie möchten wissen, wie es mir geht. Augenblicklich ganz nach Wunsch, und aus Gründen. Ich liebe die großen Ereignisse, und wir haben ein solches die vergangenen Tage gehabt, das Sie erfahren werden. Mich berührt es, um die Wahrheit zu sagen, weder im guten noch im bösen Sinne, da ich wenig zu fürchten und noch weniger zu hoffen habe. Aber da das größte Glück meines Lebens die großen Schauspiele bilden, bin ich schon darüber glücklich, daß es solche gibt, und mein Befinden ist vortrefflich. Die Tinte des Markgrafen liegt, wie ich glaube, schon im Hafen von Neapel. Wenn sie gut ist, wie ich hoffe, werde ich nur noch schreiben; und welche Briefe werden Sie bekommen!... Ihr habt einen Generalkontrolleur verloren, von dem man in der Geschichte weder Gutes noch Schlechtes sagen wird. Sein Nachfolger interessiert mich sehr wenig. Ich kann, alles in allem genommen, nicht finden, daß ihr einen großen Mann bekommen werdet; denn der große Mann des Jahrhunderts muß etwas Undefinierbares sein; er darf weder die Tugenden noch die Laster haben, von denen man in den Moraltraktaten spricht. Da wir in ein Jahrhundert gekommen sind, das in gleicher Weise die Übel und die Heilmittel unerträglich macht, so mögen Sie daraus die Schwierigkeit der Lösung des Problems erkennen. Ich glaube, nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, daß der flachköpfigste Mensch der größte Mann unseres Zeitalters wäre, da er alle Übel bestehen ließe (was notwendig ist), indem er sich in einem fort den Anschein gibt, als wolle er sie heilen (was ebenfalls notwendig ist). Turgot, der im Ernst an die Heilung dachte, wurde gestürzt; Terray, der offen eingestand, daß er keine Heilung wollte, wurde verabscheut; ein Flachkopf würde alles behaupten, was Turgot behauptete, und alles tun, was Terray tat, und alles ginge vortrefflich. Also guten Abend! Es ist zwei Uhr früh; ich gehe zu Bett. [168] An Frau von Epinay Neapel, den 24. Dezember 1776 Sie können sich nicht denken, teure, liebenswürdige Frau, wie sehr mich die Tinte des Markgrafen, die endlich in meinem Besitz ist, glücklich gemacht hat. Sie hat, ohne Übertreibung, eine Auferstehung meines Arms bewirkt! Das Schreiben war mir ganz und gar unmöglich geworden. Eine Feder in die Hand zu nehmen war mir entsetzlicher als einen Spaten zu ergreifen, und ich glaubte, die physische Kraft zum Schreiben vollständig verloren zu haben. Ich werde jetzt nichts anderes mehr tun als schreiben; und Sie können sich denken, daß mir im Augenblick die Lust erwacht ist, mein Werk über Horaz, meine Abhandlung über das Leben des Herzogs von Valentinois und meine Gedanken über den Ursprung der Berge zu vollenden. Es ist zwar sehr wahr, daß ich nichts fertig bringen werde; aber die Schuld wird wenigstens nicht mehr an meinem Arm oder an meiner Tinte liegen. Keine Briefe von Ihnen diese Woche; aber ich weiß, daß es Ihnen zweifelsohne gut geht, denn mein Herz klopft mir nicht. Entschuldigen Sie indessen eine langweilige Bitte, die ich Ihnen vortragen werde. Können Sie den Wunsch eines Bischofs, eines langweiligen Jansenisten, den wir hier haben, erfüllen, der seine kostbare Sammlung von Kirchenzeitungen ergänzen möchte; er ist so glücklich, die Sammlung bis zum 13. Juni 1770 zu besitzen. Welch ein Schatz! Er möchte das Fehlende bis zum Ende laufenden Jahres haben. Er wird alles in der Welt dranwenden, um es zu bekommen und im Besitze eines unsterblichen Werkes voll Genie und Geschmack zu sein. Seien Sie mir, ich bitte Sie, zu seiner Befriedigung behilflich und geben Sie mir hierüber eine bestimmte Antwort. Wenn Sie sich nicht damit befassen können, sehen Sie, ob Caraccioli nicht in Gemeinschaft mit Ihnen es zuwege bringen könnte. Inzwischen haben Sie mich recht von Herzen lieb und rechnen Sie auf lange Briefe von mir, seit Tinte und Feder meinen Arm begünstigen. Nochmals adieu! – Ist Piccini angekommen? [169] Frau von Epinay an Galiani Paris, den 20. Februar 1777 Ah, ich höre Sie von hier aus; aber wahrhaftig, mein teurer Abbé, es ist nicht mein Fehler, und wenn ich nicht geschrieben habe, so war es, weil ich nicht schreiben konnte. Ich hatte Leibschmerzen und Zahnschmerzen; Geld bei einer trostlosen Witwe einzuziehen, die nur Zeit hatte, zu weinen, aber keine, um mich zu bezahlen; Dialoge zu schreiben; einen angefangenen Moralkatechismus zu vollenden; ein durchgefallenes Stück meiner Freunde durchzubringen, und was weiß ich alles! Und all das von meinem Sessel aus, von dem ich nicht aufstehe; und dann die Zeit, die verrinnt, ohne mich aufmerksam zu machen; ein Sonntag wartet nicht auf den ändern; man weiß nicht, was man beginnen soll. Endlich gehöre ich wieder Ihnen; ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, und dann wollen wir sehen. Der Herr Polizeileutnant war zu einem feierlichen Diner eingeladen, zu einem Vereinsessen. Dies war der Fall, eine neue Perücke aufzusetzen; er bestellte also eine. Der Tag kam, aber nicht die Perücke. Ein Kammerdiener will sie holen. Der Perückenmacher entschuldigt sich tausendmal; aber seine Frau war vor zwei Tagen niedergekommen, das Kind am Tag zuvor gestorben; und der Frau ging es noch sehr übel: es war nicht zu verwundern, daß man in diesen Augenblicken der Verwirrung und Zerstreuung vergessen hatte, dem gnädigen Herrn die Perücke zu schicken. Da ist sie in dieser Schachtel. »Sie werden sehen,« sagte er, »daß ich mir alle Mühe gegeben habe.« Die Schachtel wird vorsichtig geöffnet, um die Perücke nicht zu beschädigen, und man findet darin das am Vorabend gestorbene Kind. »Mein Gott«, rief der Perückenmacher, »die Priester haben sich geirrt; sie haben die Perücke begraben.« Es war ein Befehl des Erzbischofs, ein Protokoll, ein Ratsbeschluß und ich weiß nicht was nötig, um das Kind zu beerdigen und die Perücke auszugraben. Wir haben auch einen spaßigen Prozeß zwischen der Marquise von Saint-Vincent und einem Schneider, bei dem sie ein paar Hosen für einen gewissen Abbé bestellt hatte, die sie jetzt nicht bezahlen will; aber die Einzelheiten dieser an und für sich faden Geschichte würden zu weit führen. Was soll ich Ihnen noch erzählen, um Sie auf dem laufenden zu halten? Man hatte beschlossen, aus der Militärschule ein Seminar für die Regimentsalmoseniers zu machen und deren Mutterhaus den Ex-Jesuiten zu überlassen. Das Parlament und ein Minister erhoben Einspruch dagegen; man hat ihnen Gehör geschenkt, und die Gründung hat nicht stattgefunden, zum großen Bedauern des Herrn von Saint- Germain, der hoffte, daß in Zukunft alle Truppen, unter der Zucht solcher Geistlicher, ein musterhaftes Leben fuhren würden. Wie geht es Ihren Zähnen, Abbé? Die meinigen wollen weder ausfallen noch bleiben und begnügen sich damit, mir wütende Schmerzen zu machen. Kann man ihnen keine Vernunft beibringen? Jeder Teil von uns hat also Willen und Gewalt? Verstehen Sie was davon? Ah, sagen Sie mir's, ich bitte Sie darum! Guten Tag, Abbé. Seien Sie versichert, daß ich Sie immerzu lieb habe; aber wo nimmt man die Zeit her, um es zu sagen? [170] An Frau von Epinay Neapel, den 22. März 1777 Dies ist wahrhaftig der erste Ihrer Briefe seit acht Jahren, der mir, ohne mich zu betrüben, mißfallen hat. Er ist in Wirklichkeit heiter, übermütig, spaßhaft, was einen guten Gesundheitszustand am Ende eines sehr strengen Winters beweist, und dies hindert mich am Traurigwerden; aber er beweist mir auch, daß Sie anfangen, mich zu vernachlässigen, und daß Sie mir nur aus Pflichtgefühl schreiben; und das mißfällt mir sehr. Sie wissen, daß ich mich für Piccini interessiere. Er ist in Paris; Sie sagen mir nichts darüber. Sie erzählen mir auch nichts von Necker, von Caraccioli, von Breteuil, von Frau Geoffrin, vom Baron von Holbach usw., kurz, nichts von all dem, was mich interessieren könnte, nichts von Petersburg (das hätte ich fast vergessen), und Sie verwenden Ihre Zeit auf die Erzählung einer fabelhaften Geschichte, die man zu meiner Zeit von der Perücke des Herrn von Sartine erzählte, und die sich, in erster Fassung, nur auf die selige Perücke des seligen Herrn von Argenson bezieht. Ist das nicht grausam? Sie sprechen auch von den Ex-Jesuiten; was liegt mir daran? Aber Sie sagen mir nichts von meinen Freunden und von unseren Angelegenheiten. Ich aber werde Ihnen melden, daß der Herr, dem Sie einen Brief für mich gaben, als Mann von Geist Ihren Brief in seine Reisemappe legte; daß er geistvoll genug war, sich diese Mappe in Rom stehlen zu lassen, und endlich, daß sein Geist davor zurückschreckte, bei mir ohne Ihren Brief vorzusprechen. Ergo wäre er abgereist, ohne mich gesehen zu haben; aber ein Ballabenteuer kam dazwischen und ließ mich ihn treffen. Ihr Empfohlener verkehrte bei Frau André, der Gemahlin des schwedischen Konsuls, einer ziemlich hübschen Provenzalin. Ihr Gemahl ist von meiner Größe. (Nota bene) Sie waren auf dem Maskenball des letzten Karnevals. Um ungestört zu sein, hatten sie sich in eine dunkle Ecke einer Art Eingangshalle zurückgezogen. Madame hatte ihre Maske abgenommen; ich war bis an die Zähne maskiert und wollte mich ihr langsam nähern, da ich sie sehr gut kenne. Ich hörte, wie sie sagte: »Das ist er; ja, das ist er!« Und der Unbekannte schien meinetwegen in Verlegenheit zu sein. Ich trete näher und fange sofort an, Madame durch Zeichen zu necken; sie erkannte mich nicht, obwohl sie an meinem Parfüm wohl merkte, daß ich nicht ihr Gatte war. Endlich, nachdem ich der Quälerei müde war, wende ich mich an ihren Begleiter und sage zu ihm mit meiner natürlichen Stimme: »Ja, mein Herr, ich bin just der, für den Sie mich halten.« Madame erkennt mich an meiner Stimme, stößt einen Freudenschrei aus und sagt: »Ah, das ist Herr von Galiani!« Daraufhin nimmt der Herr seine Maske ab und muß wohl oder übel bemerken; »Wahrhaftig, mein Herr, Sie sind es, dessen Bekanntschaft ich vor meiner Abreise zu machen wünschte. Ich hatte einen Brief an Sie usw.; ich habe ihn verloren usw.; ich bin ein Esel usw.; ich reise morgen ab usw.; ich werde diese Geschichte der Frau von Epinay erzählen usw.« Wir haben eine Viertelstunde geplaudert, und alles war erledigt, nachdem er mir über Ihre Gesundheit berichtet hatte. Wenn Sie Nachricht über die meinige wollen, fragen Sie den Chevalier von Moustier, der heute nacht abreist, um aus Paris eine Frau zu entführen und sie hierherzubringen. Leben Sie wohl! [171] An Frau von Epinay Neapel, den 26. April 1777 Ich schäme mich, Madame, daß ich Ihnen nicht früher die neunzig Franken, die ich Ihnen schulde, erstatten konnte; aber Sie müssen wissen, daß der Herr Botschafter seit vierzehn Tagen so stark von einem unablässigen Fieber belästigt wird, daß er keinen einzigen Menschen empfangen hat. Endlich bin ich gestern abend bei ihm eingedrungen und habe ihn gesprochen. Er hat mit versprochen, er werde an seinen Bankier schreiben, er möge Ihnen diese Summe, die ich ihm erstatten werde, ausbezahlen. Er nannte mir den Namen nicht, und da er leidend war, wagte ich nicht, ihn zu drängen. Doch glaube ich nicht, daß er es vergißt, da ich ihm ein paar Zeilen hinterlassen habe. Piccini hat seiner Gönnerin, der Prinzessin von Belmonte, geschrieben, was Sie alles meinetwegen für ihn getan haben, und ich habe eine Wagenladung Dankbezeigungen dafür bekommen. Ich bin Ihnen wirklich sehr verpflichtet. Wegen Ihres Katechismus bin ich ebenso neugierig wie die Kaiserin. Der Gegenstand ist wundervoll, neu, ich wage zu sagen: originell. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, daß ich dieses Unternehmen für äußerst schädlich halte. Es steht fest, daß die Katechismen die Dogmen aller Religionen, die sich deren Abfassung einfallen ließen, in die Unendlichkeit verwandelt haben. Zweifeln Sie nicht, daß von dem Augenblick an, wo es Moralkatechismen gibt, die Moral eine Verkrüppelung erleidet. Die Moral hat sich unter den Menschen erhalten, weil man wenig darüber sprach, und niemals in lehrhafter Weise, sondern stets in rhetorischer oder dichterischer Form. Von dem Augenblick an, da die Jesuiten es sich einfallen ließen, sie in ein System zu bringen, verunstalteten sie sie gräßlich. In der Tat, die Tugend ist Begeisterung. Wenn man etwas Mathematisches aus ihr macht, wird das Gute = x heißen, und das Böse = y, und die Gleichung wird lauten: +x / -x =0 +y / -x =0 Das sind meine Befürchtungen; zerstreuen Sie sie. Sprechen Sie mir stets von Piccini, wenn Sie mir Neuigkeiten mitteilen wollen. Übrigens: man schreibt mir aus Marseille, daß die Bücherkiste, die Sie dahin geschickt hatten, bereits eingeschifft sei. Lassen Sie sich's gut gehen. Haben Sie mich lieb. Leben Sie wohl. [172] An Frau von Epinay Neapel, den 10. Mai 1777 Sie haben also wirklich geglaubt, daß ich mich wirklich ärgern würde, weil Sie mich Ungeheuer, Undankbarer und alles mögliche usw. titulieren: Sie irren sich. Mir sind alle Leidenschaften gleich. Nur die Gleichgültigkeit bringt mich um. Die Ausbrüche des Zorns, der Wut, der Wonne machen mir Spaß: all das ist Liebe. Ärgern Sie sich, nur haben Sie mich lieb. Das ist das Gesetz und die Propheten. Unter den angenehmen Nachrichten befindet sich auch die, daß Herr Necker Sie bald ins Armenspital schicken wird: dies ist wahrhaftig sehr erfreulich. Sie werden wissen, daß die Venetianer durch den wirklichen Bankrott ihrer Spitäler beinah auch den guten Baron von Gleichen bankrott gemacht haben. Was mich betrifft, so werden meine Nichten allein die Ehre haben, mich ins Spital zu bringen. Nur ist es noch nicht entschieden, ob sie mich in ein Tollhaus, oder in ein Armenhaus, oder in beide stecken werden. Bei dieser Gelegenheit bemerke ich Ihnen, daß ich augenblicklich bis zum non plus ultra in Geschäften stecke, da ich den Ehevertrag meiner dritten und letzten Nichte in Ordnung zu bringen habe. Sie war sehr schwer anzubringen, weil sie häßlich und bucklig ist. Doch verheirate ich sie endlich und bringe sie los; gestehen Sie zu, daß ich ein schrecklicher Verheirater bin. Wollen Sie, daß ich eine Heirat für Frau Geoffrin oder für Frau de la Ferté-Imbault aushecke? Sie dürfen es nur sagen, und ich werde eine ganz passable zustande bringen und auch die Kraft haben, sie vertragsmäßig zu regeln. Ich bin in dieser Hinsicht berühmt und gefürchtet, und das verleiht mir ein Ansehen und eine Hochachtung, die Sie sich nicht vorstellen können. Meine armen Neapolitaner wissen gar nicht, daß ich Bücher veröffentlicht habe, und wenn Sie es wüßten, wäre es ihnen gänzlich gleichgültig. Aber sie wissen, daß ich zwei Nichten angebracht habe und im Begriffe bin, die dritte zu expedieren, nachdem ich die Witwe meines Bruders wiederverheiratet habe, und diese vier Heiraten erscheinen ihnen als die unglaublichste, wunderbarste Sache von der Welt. Wenn das so fortgeht, wird man klatschen, wenn ich im Theater in meiner Loge erscheine. Andere Bemerkung. Freuen Sie sich mit mir darüber, daß der König (das heißt der Minister) soeben meinen Ämtern das des Vorsitzenden der Domänenverwaltung hinzugefügt hat; wir nennen diese die Allodialkammer. Es ist ein Amt mehr, das meine Autorität vermehrt, mir etwas mehr zu tun gibt, nichts trägt, aber auf dem Wege zu einem höhern Einkommen liegt, und darum macht es mir Vergnügen. Ich bin habgierig geworden, ohne geiziger zu sein; im Gegenteil, ich gebe mehr denn je aus. Das sind meine Neuigkeiten. Adieu. Sprechen Sie mir stets von Piccini und niemals von den Perücken des Herrn Polizeileutnants. [173] An Frau von Epinay Neapel, den 24. Mai 1777 Ohne Zweifel, gnädige Frau, müssen Sie eine Antwort haben. Sie schreiben mir hübsche, oder gar verliebte, in jeder Hinsicht reizende Briefe, wie den soeben eingetroffenen. Aber wie soll ich zum Schreiben kommen? Wissen Sie, daß ich in diesem Augenblick den Ehevertrag meiner dritten und letzten Nichte in Ordnung bringe? Wissen Sie, daß man ihn morgen unterzeichnen und die Verlobung feiern wird? Wissen Sie, daß ich zu diesem Zweck Geld leihen und andere Kontrakte unterzeichnen mußte? Wissen Sie, daß ich heute früh mit dem Minister im königlichen Dienst, d. h. in meiner neuen Stellung, gearbeitet habe, und daß ich von Arbeit, Langerweile und allen möglichen Teufeleien erschöpft bin? Aber was Sie nicht wissen, ist, daß ich einen kleinen Ausflug nach Salerno gemacht und in dem Wagen in Ermanglung eines Bessern ein Buch fabriziert habe; es ist fertig und vollendet, da ich die Überschriften der Kapitel bereits habe. Sie haben sie nur auszufüllen, was sehr bequem ist, da sich das von selber macht. Der Gedanke zu diesem Werke ist mir nach einer zwangsweisen Lektüre des Grotius gekommen. Ah, welch ein unvernünftiger Schwätzer! Da haben Sie also mein Buch, das ich Ihnen mit Erlaubnis überreiche, es dem einzigen Strohsessel zu zeigen, welcher der Kaiserin davon Mitteilung machen kann. Von dem Instinkt und den Gewohnheiten des Menschen, oder Prinzipien des Naturon London 1777 Hinc omne principium, huc refer exitum. Vorbemerkung Vom Instinkt des Hungers Vom Instinkt der Liebe Vom Instinkt der Eifersucht, einer Hauptursache der Kriege Vom Instinkt der Rache; anderes Prinzip der Kriege Vom Instinkt der körperlichen Übung, der Geschicklichkeit und Kraft, deren Prinzip der Kriege und der kriegerischen Spiele Von dem Instinkt der Schamhaftigkeit, der Grundursache des Schicklichen und der Höflichkeit Vom Instinkt der Gläubigkeit, der Grundursache der Kurpfuscherei und der falschen Religion Vom Instinkt der Furcht, einem anderen Prinzip der falschen Religion Vom Instinkt der väterlichen Liebe Vom Instinkt der kindlichen Liebe Untersuchung, ob er von Natur aus im Menschen vorhanden ist. Vom Instinkt der Veränderung und der Freiheit, der Hauptursache der Völkerwanderungen und der Bevölkerung der Erde Zweites Buch Vom Völkerrecht Von der Ortsgewohnheit, der Grundursache des Eigentumsrechts Von der Gewohnheit der Monogamie, dem Prinzip der ehelichen Pflichten Von der Gewohnheit der Unterordnung, der Ursache der väterlichen Autorität und aller Regierungsform Von der Gewohnheit, zu vertrauen, der Ursache der sozialen Pflichten und Verträge Von der Gewohnheit, zu mißtrauen, der Hauptursache der Überschreitung der Verträge und der Kriege Von der Gewohnheit des Betrugs und der Überlistung, dem Moralprinzip der barbarischen Völkerschaften Von der Gewohnheit der Sklaverei Drittes Buch Von den ursprünglichen und allgemeinen bürgerlichen Gesetzen Ich vergaß, daß Sie dies auch dem Philosophen zeigen können: will er es auf sich nehmen, die leeren Blätter meiner Kapitel auszufüllen? Sie haben mich betrübt durch die Nachrichten von dem Baron Holbach. Ein Gichtischer, der es sich einfallen laßt, nierenkrank zu werden, läßt Schlimmstes befürchten: schicken Sie ihn auf Reisen in heiße Länder. Leben Sie wohl! [174] An Frau von Epinay Neapel, den 31. Mai 1777 Zanken Sie mich, bitte, nicht aus, teure Frau, wegen meines Stillschweigens; ich habe Ihnen solch gute Gründe dafür angegeben, daß Sie still sein müssen, und selbst wenn ich keine guten Gründe gehabt hätte, so habe ich Ihnen doch vergangene Woche das Kapitelverzeichnis eines Werkes geschickt, welches Sie unsterblich machen wird, wenn Sie es schreiben. Aber (wie dumm bin ich doch), Sie laufen nicht dem Ruhme der Unsterblichkeit nach, wie Sie mir soeben gesagt haben. Schreiben Sie es also zu Ihrem Vergnügen; denn wenn Sie warten wollen, bis ich, der ich es ganz fertig in meinem Kopfe trage, es schreibe, können Sie lange warten. Der Kosmopolit hat mir geschrieben, um mir seine kurze Reise nach Deutschland und hierauf seine Rückkehr nach Rußland anzuzeigen. Wenn die Höfe keine stürmischen Meere wären, hätten Sie einen Hauptgrund, ihn als einen für immerdar Verlorenen zu beweinen; aber er ist Philosoph und nicht ehrgeizig. Sobald er den Sturm bemerkt, wird er nach dem Hafen einlenken, und Sie werden ihn wiedersehen. Inzwischen hat er mich allen Ernstes eingeladen, nach Petersburg zu gehen, und er gibt mir das Stelldichein bei Ihnen in Paris, wo wir zusammen in den Reisewagen steigen sollen. Nichts ist spaßhafter als diese Reisepläne, die eine Schwalbe und eine Schildkröte zusammen machen. Ich muß ihm indessen ganz ernsthaft nach Frankfurt antworten; aber wenn mein Brief ihn nicht dort erwischt, geruhen Sie ihm zu sagen, daß ein Briefwechsel, der beständiger als bisher wäre, die Kaiserin ebenso unterhalten könnte wie eine mündliche Unterredung mit mir; und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich ihm diesen Verkehr zum mindesten für das Viertel von dem verschaffe, was meine Reise und mein Aufenthalt in Rußland kosten würde. Sie sehen, daß ich gut wäge und messe und die Finanzen der Kaiserin schone. Lassen wir den Kaiser abreisen. Ich weiß nicht, welcher Teufel des Jahrhunderts den Fürsten die Laune eingibt, sich den ändern Völkern zu zeigen: findet man sie besser als den eigenen Fürsten, so hinterlassen sie das unwürdigste Bedauern; findet man, daß sie ihnen gleichen oder sogar schlechter sind, so hinterlassen sie Niedergeschlagenheit und Verzweiflung im menschlichen Herzen. Es gibt Dinge, die nur im Begehren schön sind: die Liebe hat derartige Schönheiten, und ich finde, daß die Tugend der Fürsten wie der Genuß einer Jungfernschaft ist. Es ist besser, sie sich vorzustellen, als sie zu genießen. Leben Sie wohl! [175] An Frau von Epinay Neapel, den 13. Juni 1778 Madame, ich muß Ihnen schreiben, damit Sie nicht im Ungewissen über meinen Zustand sind; aber was soll ich Ihnen sagen? Mein Bedauern wird alle Tage schmerzlicher. Sobald ich allein bin, falle ich in Träumereien und traurige Stimmungen zurück. Es ist nicht der Tod, der mich bekümmert; darüber bin ich zur Vernunft gekommen. Ich sehe ein, daß er eine ganz natürliche Sache ist, und daß ich und wir alle ihn als solche nehmen sollten. Aber es ist die Todesart, die plötzliche und unvorhergesehene Art meines Verlustes, die mich untröstlich macht. Mit einem Wort: wenn ich sie für zwei Stunden ins Leben zurückrufen könnte, wenn ich mit ihr sprechen, die Ursache ihrer Verzweiflung, ihre Gedanken und letzten Willensäußerungen erfahren könnte, und wenn sie endlich wieder einschliefe, ich glaube, ich wäre zufrieden und geströstet, wie wenn es sich um eine Abreise handelte. Zum erstenmal habe ich den Nutzen, die Weisheit, die allgemeine Vernunftigkeit der Testamente eingesehen. Sie sind die wirkliche Tröstung der Überlebenden beim Verlust einer teuren Person. Aber sie hat mich so plötzlich verlassen, daß ich wahrhaftig nicht weiß, ob sie sich selbst herabgestürzt hat, oder ob man sie heimtückischerweise herabgestürzt hat, und diese letztere Besorgnis, diese Ungewißheit sind das Schrecklichste von allem. Aber ich betrübe Ihre Seele. Ich will Ihnen also sagen, daß ich zu meiner Zerstreuung kein anderes Mittel gefunden habe, als mich ganz in Horaz zu vertiefen, und daß ich endlich damit angefangen habe, das Leben und die Entstehung der Gedichte dieses Autors niederzuschreiben; dies aber ist, wie Sie wissen, das Werk, das Grimm so sehr ersehnte. Gewiß werde ich mit dem Entwurf fertig werden; aber es wird sehr schwierig sein, daß ich es für den Druck fertigstelle. Wenn ich sterbe, werde ich diese Schrift Grimm vermachen, der sie vollenden und veröffentlichen soll. In wenig Tagen werden diesmal meine Entdeckungen und Ansichten der Vergessenheit enthoben sein, und dies genügt für eine Skizze. Das Publikum ist so verwöhnt, daß man die Werke feilen muß, damit sie ihm gefallen, und ich weiß nicht, ob ich in meinem gegenwärtigen Zustande die Kraft habe, mir Mühe zu geben, um Seiner Majestät dem Publikum zu gefallen. Wollen Sie mir zu dieser Arbeit über Horaz behilflich sein? Ich brauche folgendes: ich möchte, daß Sie selbst nachsähen oder genau nachsehen ließen, an welchen Stellen seiner Werke Voltaire Horaz kritisiert, und daß Sie mir sie auf ein Blatt notierten. Dieser verwünschte Greis hat eine so feine Nase und einen so auserlesenen Geschmack, daß er als Kritiker immer recht hat. Aber seine Kritik beschäftigt sich stets mit dem Schaden, den die Herausgeber und ihre Interpreten meinem armen Autor zugefügt haben, niemals aber mit Horaz selbst. Voltaire beurteilt z. B. eine Ode als schwach, gegenstandslos, fragmentarisch, und er hat recht. Nun aber entdeckt man, daß die Ode nur die Hälfte eines Gedichtes ist, die man einer anderen Hälfte anfügen muß, und dann wird die Kritik gegenstandslos. Da ich nicht alle Werke Voltaires habe und nicht weiß, ob sie in Neapel, einer sehr gelehrten Gegend, jemand besitzt, wende ich mich an Sie. Leben Sie wohl! Haben Sie mich lieb! Bedauern Sie mich ... [176] An Frau von Epinay Neapel, den 25. Juli 1778 Die andauernden Beweise der zärtlichsten Freundschaft, die Sie, Madame, mir geben, indem Sie mir trotz Ihrer Leiden mit eigener Hand schreiben, haben allein die Macht, mich aus meiner tödlichen Niedergeschlagenheit zu erwecken und mich sozusagen aus dem Grab hervorzulocken. Übrigens bin ich gestorben, wie Sie wissen. Was mir zustößt, ist unglaublich. Sie kennen einen Teil davon, und gewiß waren Sie der Meinung, es könne mir nichts mehr zustoßen, was meine Seele mehr erschütterte. Nun, Sie haben sich getäuscht: es sind mir andere, noch einzigere, merkwüdigere und dabei so außerordentliche Dinge passiert, daß ich ihnen endlich erlegen bin. Ich habe meinen Horaz beiseite gelegt, ich schreibe nicht mehr; ich denke nicht mehr; ich lebe nicht mehr; ich vegetiere. Der ehemalige Strohsessel, der heute eine Postkutsche ist, hat mir einen langen Brief geschrieben. Er möchte eine Antwort. Warum soll ich ihm antworten? Ich habe das Porträt der Kaiserin nicht empfangen. Er beklagt sich sehr heftig, weil man einem Unsterblichen kein Begräbnis gönnen wollte; aber zum Teufel, man begräbt nur die Toten. Sinite mortuos sepelire mortuos suos , Jesus Christus liegt nirgendwo begraben. Warum soll der Antichrist irgendwo begraben liegen? Er beklagt sich über die Ungeschicklichkeit der Pfaffen. Ich gebe das nicht zu. Ich gestehe aber, daß es vielleicht klug wäre, Jean-Jacques in Saint-Denis beizusetzen. Ah! Ich hatte eine feine Nase, als ich mich beständig weigerte, meinen Kopf in die Sammlung der seligen Frau Geoffrin aufnehmen zu lassen. Gott weiß, welche Unterschrift Madame de la Fertegegengesetzt »Galiani, berühmt wegen seiner Perücke, die immer schief saß.« Ihre Freundschaft hätte dieser Inschrift hinzugefügt: »dessen Kopf aber niemals schief gewickelt war«; aber die Ökonomisten hätten diesen Zusatz gestrichen. Ihr werdet zur gegenwärtigen Stunde die größte Revolution auf diesem Erdball entschieden haben: nämlich, ob Amerika Europa beherrschen, oder ob Europa fortfahren soll, Amerika unter sich zu haben. Ich möchte eine Wette zugunsten Amerikas abschließen, nach dem ganz materiellen Beweggrund, daß sich das Genie der Erdumdrehung entgegenbewegt und seit 5000 Jahren ohne Schwankung von Osten nach Westen fortschreitet... Leben Sie wohl! Und rechnen Sie das Kritzeln dieser paar Worte für die größte Anstrengung, die mir möglich war. [177] An Frau von Epinay Neapel, den i. August 1778 ... Ich beginne einzusehen, daß das Unglück der Menschen von ihrer Vorausschau herrührt, was man auch davon sagen möge. Die Voraussicht ist die Ursache der gegenwärtigen Kriege in Europa. Weil man voraussieht, daß das Haus Österreich größer werden wird, daß die Amerikaner in einigen Jahrhunderten, die Engländer, Franzosen, Spanier in hundert Jahren gewisse Dinge tun oder auch nicht tun werden, fängt man auf der Stelle an, sich den Hals abzuschneiden. Wenn man bemüht wäre, nichts vorauszusehen, wäre alle Welt ruhig, und ich glaube, daß man nicht unglücklicher wäre, wenn man keine Kriege führte. Inzwischen genießen Sie das Schauspiel, das mein Vaterland bietet: Krieg im Westen, Pest im Osten, Hungersnot im Innern. Der Prophet Nathan kann nach Belieben wählen. Wir haben eine sehr schlechte Ernte gehabt. Man hat veraltete Edikte erlassen (denn wir sind um mehrere Jahrhunderte zurück), und sofort war die Teuerung da. Sie können sich wohl denken, daß man mich hier nicht gefragt, nicht verwendet hat, und mich nicht dafür ansieht, als ob ich etwas von der Sache verstünde. Der Grund ist der, daß kein Mensch hier eine Ahnung hat, daß ich ein Buch über diese Frage geschrieben habe. Man weiß, daß ich ein französisches Werk veröffentlicht habe; aber die einen glauben, es sei ein Feenmärchen, die ändern, es sei eine Dichtung. Glauben Sie nicht, daß ich spaße oder übertreibe wie der Chevalier Lorenzi. Etwas anderes wird Ihnen noch erstaunlicher klingen; denn selbst meine Heimat war darob erstaunt. Man hat eine Akademie der Wissenschaften und der schönen Literatur gegründet, und ich bin nicht Mitglied. Erinnern Sie sich des unbekannten Literaten, der zu Diderot sagte: »Mein Herr, ich arbeite für die Kolonien!« Ich sage auch, ich bin in Neapel und schreibe für Petersburg... [178] An Frau von Belsunce Neapel, den 2. September 1778 Madame, Sie sind die würdige Tochter Ihrer unvergleichlichen Mutter. Von Kummer, Anstrengungen und Müdigkeit gebeugt, denken Sie noch daran, mich durch einen Brief der Ungewißheit über den Gesundheitszustand Ihrer Mutter zu entreißen. Sie sind reizend, anbetungswürdig, himmlisch. Aber Mama ist immer noch sehr krank. Das ist schrecklich, abscheulich, scheußlich; aber es ist nicht Ihre Schuld. Sie werden mich in Neapel besuchen. Ich bin entzückt davon. Wir erwarten hier von einem Augenblick zum ändern mit der äußersten Ungeduld die Pest. Man rechnet diesen Winter mit Sicherheit auf eine Hungersnot. Warten Sie also, bis alles das vorüber ist, und kommen Sie dann; und wenn Sie mich noch finden, seien Sie sicher, daß Sie mich als den wiederfinden, den Sie kennen. Der Fürst Pignatelli ist aus Sizilien zurück, und wie glücklich er sich fühlt! Im Augenblick veranstaltet der Vesuv einen ziemlich hübschen, unschädlichen und ungefährlichen Ausbruch, um ihm ein Vergnügen zu machen. Das sind unsere Neuigkeiten. Die meinigen lauten: nur die Pest kann mir meine Heiterkeit und meine gute Laune wiedergeben; denn ich befinde mich in einem Zustand der Erschöpfung und tödlicher Gefühlsleere. Ich wollte am Horaz arbeiten; ich hatte angefangen, und dann habe ich meine Arbeit liegen lassen, teils aus Niedergeschlagenheit, teils wegen der übermäßigen Hitze, die wir heuer durchgemacht haben... [179] An Frau von Belsunce Neapel, den 10. Oktober 1778 Madame, der Fürst Pignatelli von Egmont ist vorgestern von hier abgereist; ich habe ihm den Auftrag gegeben, Ihnen und Ihrer unvergleichlichen Mutter meine Gefühle auszusprechen. Da er nicht lange unterwegs zu bleiben gedenkt, wird er, hoffe ich, meinen Auftrag bald ausrichten und Ihnen die schrecklichen Verhältnisse meines Daseins am unrechten Ort schildern können. Ihr reizender Brief, der vor vierzehn Tagen angelangt und dem seitdem kein anderer nachgefolgt ist, war zweier Versprechen wegen tröstlich: das eine lautete, daß es Mama mit der Zeit gut ginge, und das andere, daß Sie später hierherkämen, um mich zu besuchen. Wann wird dieser Zeitpunkt eintreffen?... Wird der ehemalige Strohstuhl, die heutige Postkutsche, den Winter in Paris, in Petersburg oder in Lappland verbringen? Warum schreibt er mir nicht mehr? Er weiß wohl, wie notwendig ihm meine Antworten sind. Bitte, sagen Sie ihm, daß ich mit aller Macht am Horaz arbeite, und daß, wenn ich heute stürbe, man genug Material vorfinden würde, um meine horazischen Hauptgedanken und Entdeckungen nicht zu verfehlen. Gatti trägt mir auf, Ihnen stets seine Empfehlungen auszurichten. Er langweilt sich hier ebensosehr als ich: er mit Nichtstun und ich mit Nichtigkeiten; aber diese Nichtigkeiten sind ekelhafte Nichtigkeiten, und sein Nichtstun ist köstlich. Daher ist es beinah ein Unrecht von ihm, sich zu langweilen. Sie sehen, wie sehr ich mich abquäle, um meinen Brief zu füllen, ohne daß es mir gelingen will. Mein verarmter Geist liefert mir keine Gedanken mehr. Die Gefühle der Dankbarkeit für Ihre Freundschaft sind Ihnen so bekannt, daß Sie beim Lesen dieses Briefes gähnen würden, wenn ich schwerfällig dabei verweilen wollte. Haben Sie mich also lieb, geben Sie mir gute Nachrichten über Mama, und leben Sie wohl. [180] An Frau von Belsunce Neapel, den 31. Oktober 1778 Madame! Ich streiche dich, sagt Soliman in dem Stücke »Die drei Sultaninnen« zu seinem Bratenschneider, und ich sage das gleiche zu Ihnen: als Neuigkeitskrämerin taugen Sie nichts. Grimm, der anbetungswürdige Grimm, hatte mir vor vierzehn Tagen geschrieben, daß es Mama besser gehe, ohne daß man etwas dazu getan habe, und diese Nachricht hatte mich getröstet. Sie verwandeln meine Freude in Trauer. Überlassen Sie es doch dem Baron, der zwischen Paris und St. Petersburg hin- und herpendelt, mir Gesundheitsnachrichten zu geben. Sie können die Fortsetzung mit politischen und literarischen Neuigkeiten übernehmen. Ihr Stil ist reizend; oft versteht man ihn nicht, um so besser. Das ist der richtige Stil für unterhaltende Nichtigkeiten... Der Graf von Wilseck bleibt dauernd in Mailand und ist für immer für Neapel verloren. Gatti bleibt dauernd in Neapel; aber es ist, als ob er nicht hier wäre. Er vegetiert für sich hin und ist nur damit beschäftigt, die Keime der Vernunft, die in ihm aufbrechen möchten, zu ersticken. Horaz packt mich, wie die Gicht, in Anfällen, die rasch vorübergehen. Gegenwärtig denke ich nicht daran. Ach, wie grausam ist mein Zustand! Meine Seele, mein Hirn, meine Gegenwart und meine Zukunft sind öd und leer; aber reden wir nicht davon. – Seit einem Jahrhundert haben Sie mir nichts von Piccini und seiner Musik erzählt. Möchten Sie mir nichts darüber schreiben? Haben Sie mich lieb, pflegen Sie Mama, und sagen Sie Ihren großen Kindern, sie möchten sich mit ihrem Besuch bei mir beeilen, sonst werden sie mich nicht mehr antreffen. Leben Sie wohl! PS. Wir stehen am Vorabend der Aufhebung des Kartäuserordens; alle Welt bedauert dies mit Recht; sie machten so große Pfannenkuchen! [181] An Frau von Belsunce Neapel, den 7. November 1778 Ach, welch feine Nase Sie haben, holde Vicomtesse: Sie haben gewiß gefühlt, daß ich Sie gestrichen und Ihnen sogar das Amt einer Neuigkeitskrämerin an Mamas Stelle abgekauft hätte, wenn Sie im gleichen Ton weitergeschrieben hätten. Ich nehme Ihren Widerruf an, vorausgesetzt, daß Sie fortfahren, für Mama kühles Wetter, viel Schlaf, viel Opium, Fett und italienische Musik zu besorgen. Gewiß sind es Caribaldi und La Frascatana , die sie gesund gemacht haben. Nun aber müssen Sie wissen, daß man zu der Zeit, da man La Frascatana an Ihrer Oper gab, sie auch hier aufführte, und ich, der ich nichts von dem wußte, was sich in Paris zutrug, brannte vor Verlangen, man möge dort das erste Finale und besonders die Stelle Momente più funesto spielen; ich sagte zu mir selbst: wenn die Pariser dieses Wunder an musikalischer Wirkung hören, werden Sie verrückt; ich sprach wahr, denn Paesiello ist dem Piccini unendlich überlegen im Kontrapunkt; daher ist er, der seiner Natur mit der Kunst zu Hilfe kommt, des Erfolges sicherer. Übrigens sind aus den Händen Piccinis Stücke des reinen Naturtalents hervorgegangen, die weder Paesiello noch irgendein anderer Sterblicher erreichen wird. Das Duett in der Buona Figliuola , ein Satz in der Oper »Alessandro«, und ein gewisses Quintett in einer neapolitanischen Oper »I Viaggiatori« sind drei Stücke, die für immer unerreichbar bleiben werden; aber diese Stücke sind, wie Sie sagen, selten; Piccini ist nicht immer des Erfolges sicher; Paesiello ist ein solch guter Musiker, daß er aus allem Gewinn ziehen kann. Sie schreiben den Untergang der Heiterkeit der Sittenverderbnis zu; ich möchte ihn lieber der fabelhaften Vermehrung unserer Kenntnisse zuschreiben: durch unsere Aufklärung haben wir mehr Leere als Volle gefunden, und im Grunde wissen wir, daß unendlich viele Dinge, die unsere Väter für wahr hielten, falsch sind; aber wir wissen sehr wenig wahre, die ihnen unbekannt waren. Diese Leere, die in unserer Seele und in unserer Phantasie zurückgeblieben, ist, meiner Meinung nach, die wirkliche Ursache unserer Traurigkeit: Le raisonner tristement s'accrèdite; Ah, croyez-moi, l'erreur a son mérite. Das sind die schönsten Verse und der erhabenste Gedanke des unsterblichen Voltaire. Bitte, danken Sie dem großen Baron für seinen Brief; sagen Sie ihm, er habe, wie gewöhnlich, unrecht. Er macht mir ungerechte Vorwürfe. Der Fürst Pignatelli hat eine genaue Abschrift der Musik zum »Sokrates« mitgenommen, und wenn man ihn in Paris spielen will, kann es mit größter Leichtigkeit geschehen. Leben Sie wohl! [182] An Frau von Epinay Neapel, den 23. Januar 1779 Madame, Gatti und ich danken Ihnen für die Einzelheiten, die Sie uns über die Familie Holbach geschrieben haben, die wir alle mögliche Dankbarkeit und Ergebenheit bewahren. Ich freue mich im voraus darüber, den jungen Holbach wiederzusehen, und sein Anblick wird mich gewiß zu Tränen rühren. Vorausgesetzt, daß es Ihnen gut geht, was liegt daran, daß Ihre Maschine unbegreiflich ist. Der Mensch ist geschaffen, um Wirkungen zu genießen, ohne deren Ursachen erraten zu können. Ich speise heute mittag mit Frau von Chabot. Ich werde da für Grimm eintreten, wenn man ihm unrecht gibt; aber offenbar wird er recht haben. Ist er kein Freiherr? Es steht ihm also frei, zu tun, was er will. Man schreibt mir aus Florenz, daß Grimm dieses Frühjahr wieder nach Neapel komme. Ist das wirklich wahr? Frau von Chabot hat den lachendsten, schönsten, heitersten Winter erraten, den wir seit langem in Neapel gehabt haben. Sie ist in einem solchen Entzückungstaumel, daß ich fürchte, sie schnappt über. Der Himmel, die Luft, die Landschaft ersetzen ihr Theater, Bälle, Gesellschaften, und obgleich der Karneval sicherlich traurig sein wird, gedenkt sie einen Teil davon hier zu verbringen und alles zu genießen. Mit meinem Horaz ginge es vorwärts, wenn ich Bibliotheken zu meiner Verfügung hier hätte; aber der Mangel an Büchern, und die Mühe, die man sich geben muß, um solche zu erlangen, stören, verzögern und verekeln mir mein Werk. Wir haben unsere Frau Geoffrin, die Prinzessin-Mutter Belmonte, die intime Freundin Metastasios, durch den Tod verloren. Welch ein Unterschied zwischen den Verhältnissen in geistiger Hinsicht in Paris und Neapel! Ihr habt vier Panegyriken der Frau Geoffriri veröffentlicht; ihr habt in Versen und in Prosa von ihr gesprochen, und das Weltall hat es vernommen. Wir haben kein Vaterunser und keinen englischen Gruß für Frau von Belmonte gebetet. Sie ist in die Vergessenheit zurückgetreten. Und in diesem Lande muß ich leben, und Sie verlangen von mir geistvolle Briefe, und Grimm noch Bücher obendrein. Ich bitte Sie, der süßen Vicomtesse meine zärtlichen Grüße auszurichten. Ich bitte Sie, den Baron Gleichen für mich zu umarmen und ihm zu sagen, das Unglück Simons möge ihn nicht davon abhalten, nach Neapel zu kommen; wir seien nicht strenger, nicht ungerechter, nicht verfolgungssüchtiger geworden; wir behandeln wie gewöhnlich im ganzen die Armen ziemlich schlecht und tun den Reichen nichts zuleid. Leben Sie wohl. [183] An Frau von Epinay Neapel, den 27. Februar 1779 Eine hübsche Zeit ist ohne jede Nachricht von Ihnen verflossen, teure Frau. Das fängt an, mich zu beunruhigen, trotz der ausdrücklichen Versicherung, daß Sie vollkommen gesund waren. Aber das Wetter war so außerordentlich: alle Welt ist vergangenen Monat fast erfroren; alle Welt kommt in diesem Monat vor Hitze um. Die Dürre hat alles verbrannt. Nordlichter, Kometen, bis auf die Solstitien und Tag- und Nachtgleichen, sind sämtlich am Himmel und auf der Erde erschienen. Sind Sie also gestorben, oder geheilt, oder immer noch krank? Kurz, sprechen Sie doch und teilen Sie mir die wirkliche Ursache Ihres Schweigens mit. Was mich betrifft, so fehlt mir immer der Stoff zum Schreiben. Wir haben ein weises Gesetz erlassen, demzufolge das Verbrechen der Notzucht und der Verführung (stuprum) für immer abgeschafft ist. Vierzehnhundert Personen sind infolge dieses heilsamen Gesetzes im Königreich Neapel aus dem Gefängnis entlassen worden. Da sehen Sie, an welcher Verführungswut wir litten oder, besser gesagt, wie wütig Eltern und die zu Rate gezogenen Priester darauf aus waren, die Menschen zum Heiraten zu zwingen, indem sie die Mädchen der Verführung preisgaben. Kurz, ich bin wirklich zufrieden mit diesem Gesetze, das mit der Zeit bessere Sitten schaffen und für den Augenblick die öffentliche Ruhe herbeiführen wird. Ich hatte es Ihnen vorausgesagt, daß ich den jungen Holbach, der an unserem Horizonte wie ein Meteor auftaucht und wieder verschwunden ist, nur ein- oder zweimal sehen werde. Kaum hatte ich einen Augenblick Zeit, um mit ihm zu plaudern und ihn zu fragen, wie es Ihrer Familie und der seinigen gehe. Gatti hat ihn ein bißchen mehr genossen, da er mehr Zeit hat als ich. Der Cavaliere Mozzi, dem er durch Gleichen empfohlen worden war, hat ihm die kleinen Dienste geleistet, deren er fähig war. Im allgemeinen ist er mir ziemlich liebenswürdig, vernünftiger als ich glaubte, aber noch nicht ganz reif erschienen. Er hat sich hier gut betragen, ja besser, als die Franzosen dies gewöhnlich tun. Schließlich hat er mir Bedauern und keinen Kummer in der Seele hinterlassen. Was macht der Strohsessel und die Postkutsche? Und was sagt der teure Baron von Gleichen, der bei seiner Rückkehr ein stolzes Tuilerienschloß finden wird, welches durch seine Lage das schönste Europas ist? Wird er als Besucher zu uns zurückkehren? Wir erwarten heuer die Pest. Wenn sie nicht kommt, erwarte ich ihn, und ich werde nicht ärgerlich sein, ihn für die Pest eintauschen zu können. Ich schicke der holden Vicomtesse meine Empfehlungen. Haben Sie mich lieb und betrachten Sie mich stets als Ihren sehr ergebenen und gehorsamen Diener. [184] An Frau von Epinay Neapel, den 2. März 1779 Das ist, teure Frau, der schönste Brief, den Sie mir seit vier Jahren geschrieben haben. Er ist voller Kraft, voller Heiterkeit, voller Gesundheit. Ich füge hinzu: es lebe das Opium und es lebe das Alter! Denn wenn Sie es auch noch nicht erreicht haben, so stehen Sie auf der Schwelle; wenn Sie diese einmal überschritten haben, werden Sie sich in einen Schinken verwandeln, impresciuttirete , und bis gegen die neunzig hin gesalzen bleiben. Ihr Brief war mir ein Bedürfnis. Ich gerate von einem Kummer in den anderen, von einer Bitternis in die andere. Ich hatte mir eine schreckliche Knieverrenkung zugezogen, die mich zwang, zwei Wochen zu Hause zu bleiben und mich zu langweilen. Um der Langeweile zu entfliehen, hat mich die Lust gepackt, ein kleines etymologisches Wörterverzeichnis des neapolitanischen Dialektes anzulegen. Es wird unter irgendeinem Namen erscheinen und gewiß sehr interessant und spaßig werden. Wenn man Verdacht schöpft, daß es von mir ist, wird man gegen das Büchlein losziehen und es verteidigen, dessen bin ich sicher; bewahren Sie also Stillschweigen darüber. Ich nehme an, daß der Strohsessel meinen Brief mit der lateinischen Inschrift, die er von mir gewünscht hatte, erhalten hat; ich bin sehr ungeduldig, es zu erfahren. Lassen Sie sich von dem Baron von Gleichen erzählen, wer Mylady Oxford ist und wie sehr ich verpflichtet, nach Ihnen diese würdige Frau zu lieben. Nun, sie ist krank, es besteht Gefahr, und dies ist eine andere Ursache meiner Traurigkeit; aber der Hauptgrund ist die Langeweile, der Mangel an passender und gescheiter Gesellschaft und der schreckliche Ausblick in die Zukunft. Ist es wahr, daß Rousseau die Denkwürdigkeiten seines Lebens im Manuskript hinterlassen hat? Ist dieses Manuskript vorhanden? Wird man es veröffentlichen?... Haben Sie mich lieb und suchen Sie ihre Gesundheit zu bessern. Der Fall eines gemeinsamen Zusammenlebens im Alter gehört nicht zu den unmöglichsten; aber er würde ein solcher, wenn wir uns nicht die Mühe des Alterns geben. Leben Sie wohl. Ich bitte Sie, den liebenswürdigen Zuckmantel zu umarmen, wenn Sie, in Anbetracht seines Leibesumfangs, dies fertigbringen. Er verdient es aber, daß man seine Arme dafür in Bewegung setzt; denn man kann nicht liebenswürdiger sein, als er es ist. Leben Sie wohl. [185] An Frau von Epinay Neapel, den 17. April 1779 Ja, teure Frau, Sie haben in die tiefsten Winkel meines Herzens hineingeblickt, da Sie die traurige Stimmung bemerkt haben, die da im Grunde herrscht und meine Briefe trübe macht. Seitdem Sie dieses Unglück kennen, hat die Zeit meine Schmerzen vertrieben; aber es ist mir eine gewisse Apathie und Langeweile zurückgeblieben. Der gegenwärtige Zustand unserer Literatur, der Geister und der vaterländischen Verhältnisse hat sie vermehrt. Ich werde alle Tage in diesem Lande unmöglicher. Ich mißfalle den Leuten in Amt und Würden sowie den Literaten; der Tod raubt mir meine Freunde; die Veränderungen am Hofe schaffen mir heimliche Feinde, Neider und alle Arten Bösewichter und Langeweiler. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen geschrieben, daß ich mir eine Verrenkung des Knies zugezogen hatte, die mich zwang, vierzehn Tage lang das Haus zu hüten. Da ich nicht wußte, was ich beginnen sollte, um der Langenweile zu entfliehen, und da ich meine Arbeit über Horaz wegen Mangels an Büchern und Beihilfe nicht fortsetzen konnte, habe ich ein Werk unternommen, zu dem Diderot mich anregte. Ich habe einen Monat daran gearbeitet, und es dürfte bald im Druck erscheinen. Ich bin gezwungen, das größte Schweigen darüber zu bewahren, sonst würde man es verbieten, wie man es mit der Oper »Sokrates« getan. Ihnen allein vertraue ich es an. Ich habe ein Wörterbuch des neapolitanischen Dialektes zu schreiben unternommen, mit etymologischen und historischen Untersuchungen über die eigentümlichen Wortbildungen unseres Kauderwelsches. Ein merkwürdiges Buch, das meinem Vaterlande nützen kann, und im übrigen außerordentlich spaßhaft für solche, die unseren Dialekt verstehen. Es hat mich wenig Mühe, aber viele Zeit gekostet, und dies ist ein Hauptgrund, warum ich Ihnen seit einigen Wochen nicht geschrieben habe. Und wenn Sie sehen, daß ich im gleichen Schweigen während einiger weiteren Wochen verharre, so kennen Sie den Grund, den ich aber zu verschweigen bitte, bis das Werk erscheint. Den Kummer, den Sie wegen der Witwenschaft der Frau de la Live empfinden, betrübt mich; was ihn betrifft, so hat er meines Erachtens wohl daran getan, zu sterben. Setzen Sie Ihr Bücherschreiben fort. Dieses ist ein Beweis dafür, daß wir noch am Leben hängen. Dem Freiherrn des heiligen römischen Reiches schulde ich eine Antwort; aber er hat mich zuweilen so lange auf die seinige warten lassen; daß es nichts Arges ist, wenn auch er einmal wartet. Diese verfluchten Amerikaner haben euch in einen verderblichen Krieg verwickelt. Tantae molis erat Americanam condere gentem! Leben Sie wohl! [186] An Frau von Epinay Neapel, den 22. Juli 1780 Wenn Sie in Betracht ziehen, teure Frau, wie sehr die Liebe ihrer Natur nach ängstlich ist, und daß die Furcht uns stets an das Traurigste denken läßt, werden Sie leicht begreifen, daß Ihr verzweifelter Brief vom 3. mich mit Mitleid erfüllt hat. Sie haben nicht mehr die Kraft zum Diktieren, aber Sie zwingen sich mit Gewalt dazu. Wohlan denn, vertrauen wir auf diese Geisteskraft. Es ist wohl wahr, daß die Seele etwas vom Körper Verschiedenes ist: aber es ist wie der Unterschied zwischen Rahm und Milch, zwischen dem Schaum und der Masse der Schokolade, zwischen dem Schnaps und dem Wein: die Essenz des Körpers wird Geist, und da Ihr Körper noch einen so mächtigen Geist erzeugt, schließe ich, daß er nicht ganz zerstört ist. Verflucht seien die Amerikaner, die Kriege, die Flotten und Finanzabkommen, die mir einen so guten und liebenswürdigen Sekretär geraubt haben. Ich beklage Herrn Necker, ohne ihm zu fluchen. Da er gezwungen ist, Taschenspieler zu sein, muß er glauben machen, daß er keine Steuern ausgeschrieben hat. Aber ohne Steuern kein Geld. Alles, was uns drückt, ist eine Steuer, und jedes Gewicht, das am Ende eines Jahres auf ein Hundertstel der Untertanen fällt, ist eine allgemeine Steuer. Nach Verlauf dieser Zeit verschwindet die Illusion, der Taschenspieler wird durchschaut, und ein Mann, der uns ein Engel oder ein Alchemist usw. zu sein schien, wird zu einem Manne ohne den Stein der Weisen, ohne Bewunderer und, was schlimmer ist, ohne häufig den gerechten, vernünftigen Männern zu begegnen, die ihm nicht ein Verbrechen daraus machen, daß er nicht das Unmögliche zuwege gebracht habe. Die Ehre Neckers erfordert baldmöglichsten Frieden. Diejenigen, die glaubten, man könne England verspeisen, werden wenigstens zugestanden haben, daß der Brocken zu hart ist. Glücklich die Franzosen, wenn diese Erfahrung ihnen bewiesen hat, daß es genügt, wenn ihr König der Jupiter Europas ist; dies hindert nicht, daß ein anderer sein Neptun, ein dritter sein Pluto, ein vierter Mars, eine fünfte Cybele sei, und daß es im Olymp eine Menge kleiner Götter und Halbgöttinnen gebe. Führen wir die Vielgötterei um des Friedens willen wieder ein. Sie haben recht; die Zeit hat nichts über Sie vermocht, und wenn ich diese verabscheuungswürdige Lästerung ausgestoßen hätte, verdiente ich die Peitsche; aber ich dachte an Grimm, an Holbach und manche andere, als ich diesen traurigen Gedanken aussprach. Sie glauben den Strohstuhl zu rechtfertigen, indem Sie mir sagen, er habe viel zu tun. Aber ich bin ebenfalls ein Geschäft für ihn. Warum beschäftigt er sich nicht auch damit, mir zu schreiben? Sind alle seine Geschäfte wichtiger als zuweilen ein Brief an mich? Gestehen Sie, es ist unverzeihlich... [187] An Grimm Neapel, den 5. August 1780 Welch schlechte Ausreden, mein teurer Schweiger, geben Sie als Gründe für Ihr Schweigen an! Sie sagen, daß die Schreiberei Sie umbringt und Sie die meiste Zeit über nicht wissen, womit Sie anfangen sollen. Ich werde Sie es lehren. Beginnen Sie mit der Kaiserin und dann mit mir. Sie und ich, wir beide werden uns gut dabei stehen. Wen könnte man jemals überzeugen, daß die beiden größten Wesen der Welt zu Mohilof von einem kleinen Einwohner Neapels gesprochen haben, den alle zwei niemals gesehen haben. Gibt es etwas Merkwürdigeres und Unglaublicheres? Dennoch ist es wahr; aber wenn man es unter die Leute brächte, würde es nur eine Verfolgung mehr durch unseren literarischen Schreibepöbel auf mich herabziehen, und ich habe dies wahrhaftig nicht nötig. Mir genügen die, unter denen ich leide. Mohilof wird, nach der Insel Lampedusa, dem ständigen Urbild, der zweite Tempel vollkommener Duldsamkeit werden. Dort sieht man den gleichen Mann den türkischen Marabut oder den christlichen Eremiten spielen, je nachdem das heransegelnde Korsarenschiff mohammedanisch oder neapolitanisch ist. Er zündet abwechselnd die Kerzen der Kapelle an, während er das andere Heiligtum schließt. An die Türken verkauft er ausgezeichneten Wein, an die Christen aber Hühner für die Fasttage. Deshalb wird er, da er die menschlichen Bedürfnisse befriedigt, von beiden Religionen geliebt. Sie haben sich getäuscht, indem Sie glaubten, es sei die Erzherzogin Beatrice, deren Eroberung ich gemacht habe. Ganz und gar nicht! Es handelt sich um ihren Gemahl. Ich stehe im Briefwechsel mit ihm. Er hat die Druckbogen meines Werkes über das Geld, das ich vor kurzem neu auflegen ließ, gierig verschlungen. Er liebt mich nach Verdienst; aber er achtet mich viel mehr, als ich es verdiene. Der Pater Sanadon hat die Oden des Horaz ausgeräubert, um ein Carmen saeculare herauszuziehen; darauf ist ihm eingefallen, daß Knaben und Mädchen es strophenweise gesungen hatten, und daraus schloß er einen Haufen Dummheiten. Indessen hat Philidor es in Musik gesetzt, und sie versichern mir, daß es schön sei. Mit der Sauce ißt man alles. Sie fordern mich auf, ich solle arbeiten, um die Kaiserin zufriedenzustellen, deren stets erhabene und stets originelle Ideen eine vollständige Aufführung des Gedichts nach antiker Weise wünschten. Ich habe es nicht nötig, daß man mich bei der Arbeit für eine einzige Fürstin ermutigt; aber kann ich es? Wissen Sie nicht, daß ich blödsinnig bin? Besonders aber ist mein Französisch eingerostet, das es mir unmöglich wird, mich in dieser Sprache gut auszudrücken. Fügen Sie hinzu, daß ich nicht diktieren kann, da niemand meiner Umgebung es niederschreiben könnte. Meine Handschrift ist höllisch geworden. Schließlich verstehe ich nicht ganz, was Sie mit dem Programm meinen. Um Ihnen aber meinen Eifer und meinen Stumpfsinn zu beweisen, werde ich Ihnen mit nächster Post mitteilen, was ich zu Paesiello sagen würde, damit er mein Carmen saeculare , das nicht ganz das des Paters Sanadon, noch das des Herrn Dacier ist, auf meine Weise in Musik setzte. Was die Dekorationen einer antiken Zeremonie anbetrifft, so versteht jeder französische Ballettkomponist mehr davon als ich. Sie haben mich getröstet durch Ihre Bemerkung, daß Frau von Epinay diesen Sommer in besserem Zustande als den vorhergehenden verbracht habe. Mit den Frauen verhält es sich anders als mit den Männern, denen jedes neue Jahr mehr zu fürchten gibt. Je weiter die Frauen in die Jahre kommen, desto gesicherter wird ihr Greisenalter. Leben Sie wohl. Es ist so heiß, daß ich unmöglich weiterschreiben kann. [188] An Frau von Epinay Neapel, den 9. September 1780 Ich schulde Ihnen, Madame, eine Antwort auf Ihren lieben Brief vom 6. August. Er fing mit der erfreulichen Nachricht an, daß es Ihnen in diesem Sommer besser gehe als während der vorhergehenden. Wenn das von Sommer zu Sommer so weitergeht, wird alles vortrefflich bestellt sein... Diderot hat recht. Das Getreide hat in Holland keinen festen Preis, so wenig als irgendein Ding in der Welt; aber er schwankt weniger als in den ackerbautreibenden Ländern. Das ist alles, was ich sagen wollte, und er würde noch weniger schwanken, wenn die Händler ihrem ganzen Wesen nach nicht Blutegel wären; das ist es, was er sagen will. Übrigens ist diese Frage gleichgültig, wie alles in der Welt. Nichts geschieht nach der Meinung der Philosophen in dieser Welt; aber ein Weiser kann ein gutes Buch schreiben, das gefallen, das man eifrig lesen wird: man wird ihm Beifall zollen; er wird einigen Nutzen davon haben, sei es nach der Seite des Geldes oder der Achtung hin; und das ist gut, solang er lebt. Dann stirbt er, und alles wird ihm gleichgültig. Und der Macher der Welt wird von ganzem Herzen lachen, wenn er sieht, wie die Menschen bemüht sind, die Welt für ihre Bedürfnisse zurechtzurichten, während er ganz allein und ohne Mitstrebende sie sich nach seiner Laune und für sein Vergnügen zurechtlegt. Tausend Dank für die unglaubliche Nachricht, die Sie mir über die Nichtakademizität d'Alemberts gegeben haben. Könnten Sie es herausbringen, ob sich die Sache mit Herrn de la Lande ebenso verhält, dessen wir uns ebenso als eines unserer Akademiker rühmen? Seien Sie so freundlich, dem Strohsessel zu sagen, daß ich sofort nach Empfang seines Briefes an dem Carmen saeculare zu arbeiten und meine Gedanken niederzuschreiben begann; aber ich habe meine Arbeit liegen lassen, meine Arme sind nicht kräftig genug dazu. Die Medaille trifft nicht ein; er und ich, wir spielen beide eine traurige Rolle in dieser Geschichte; sie wäre mir unbegreiflich, wenn ich mein Pech nicht kennte, was Geschenke anbelangt... Gatti schickt Ihnen tausend Grüße. Er tut nichts und erfüllt dadurch den Wunsch der Natur, die den Menschen für das Nichts schuf. Warum zweifeln Sie so sehr daran, Magallon wiederzusehen? Es ist wahr, daß ich darauf rechne, ihn vor Ihnen zu sehen, und zwar vielleicht im kommenden Frühjahr; aber es ist auch länger her, seit ich ihn nicht gesehen habe. Ihre Gedanken über das Bedauern der Toten und der Abwesenden sind wahr und traurig wie alles Wahre. Ergo: bauen wir Romane und leben wir nur von Romanen und in Romanen. Das einzig Wahre, das nicht traurig für mich ist, bleibt das Bewußtsein, daß Sie mich lieben, daß ich Sie liebe, und daß ich stets der Ihrige sein werde. [189] An Frau von Epinay Neapel, den 9. Juni 1781 Ihr entzückender Brief traf im Augenblick ein, da ich in den Wagen steigen wollte, der mich nach Rom brachte. Er war wunderbar dazu geeignet, meine Fahrt durch die pontinischen Sümpfe heiter zu machen. Ich habe ihn vier- oder fünfmal gelesen, und immer mit Entzücken. Als ich vergangenen Samstag wieder hier ankam, hatte ich keine Zeit, um am gleichen Tag darauf zu antworten; ich tue es jetzt. Caraccioli kam vorgestern, am Donnerstag, hier an. Es geht ihm im allgemeinen sehr gut, ein gewisses linkes Bein ausgenommen, dessen Bau sehr linkisch und sehr von dem des rechten Beins verschieden ist. Trotz dieses Konstruktionsfehlers könnte der Bau noch einige Jahre aushalten, solange es nötig ist, um in Sizilien Gutes zu wirken. Er spricht in einem fort von Paris; aber er wird sein Leben weit von Paris entfernt verbringen, und wenn man fortfährt, Dummheiten in Frankreich gegen seine besten Freunde zu begehen, wird auch er, ganz wie ich, darankommen, Frankreich nicht zu vermissen; er wird seine Pariser Freunde vermissen. Er hat noch gar nichts ausgepackt; deshalb ist Ihr Buch noch nicht in meinen Händen. Ich brenne vor Ungeduld, es zu lesen, und ich danke Ihnen auch tausendmal für das Werk über den Wert des Geldes. Von Grimm habe ich zwei Briefe erhalten: den einen aus Rom, zugleich mit dem Ihrigen, den ändern diese Woche. Die Neuigkeit von der Entlassung des Herrn Necker bringt mich in so schlechte Laune, daß ich ihm nicht antworten mag. Ist es unmöglich, weder ein aufgeklärtes Jahrhundert, noch eine fügsame Nation, noch einen mutigen Fürsten, noch Zeit und Augenblick zu finden, da ein großer Mann seine Stellung bewahren kann? Was soll denn das heißen? Muß es denn ein ewiges Gesetz geben, das seit dem Apfel unseres teuern Urvaters Adam die Menschen in die Hände der Bösewichter und Dummköpfe gibt und den Helden für immer ausstößt? Wenn es ein solches Gesetz gibt, muß man sich voll Ergebung beugen; wenn es nicht existiert, verfluche ich die Parlamente, die Intendanten, die Intriganten, die Kabalanten und die Ignoranten, weil sie diesen Mord begangen haben. Übrigens: Caraccioli weiß nichts von der Broschüre, die unter seinem Namen gegen Herrn Necker erschienen ist. Es wäre interessant, sie zu lesen. Grimm wird ihm ein großes Vergnügen machen, wenn er sie ihm schickt. Ich freue mich außerordentlich über Ihre auferstehliche Kraft; wenn sie andauert, werden Sie zuletzt meine Prophezeiung erfüllen, die, wie Sie wissen, dahin lautet, daß Sie sich allmählich in einen Schinken verwandeln und ausgetrocknet und gesund bis ins höchste Greisenalter gelangen werden. Eben kommt Besuch und unterbricht mich. Auf Wiedersehen; auf Samstag. Leben Sie wohl.