Im Schmiedefeuer. Roman aus dem alten Nürnberg von Georg Ebers     Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien. 1895.     Seinem lieben Bruder Dr. Martin Ebers dargebracht.     Erster Band. Erstes Kapitel. Am Abend des St. Medardustages im Jahre 1281 nach der Geburt des Heilandes war der Mond eben hell aufgegangen über der Reichsstadt Nürnberg. Wohl fanden seine Strahlen den Weg in die Straße, die von dem starken Marienturm zum Frauenthore führte; seinem Verlangen, den Ortliebhof zu erreichen, stellte sich indes ein Haus, ein Wachtturm und mit besonderem Glück ein hoher Lindenbaum entgegen. Dennoch gab es hier etwas zu sehen, das selbst jetzt, wo Nürnberg den Kaiser Rudolf und so viele weltliche und geistliche Fürsten, Grafen und Ritter beherbergte, seine Neugier reizte. Zu den glänzenden Schauspielen freilich, an denen es doch in diesem Juniusmonde zu Nürnberg nicht fehlte, gehörte dies Etwas mit nichten. Es war sogar recht still hier; denn dem Kriegsvolke untersagte ein kaiserlicher Befehl, bei Nacht die Stadt zu durchziehen, und das Frauenthor, durch das bei Tage Mensch und Vieh genug aus und ein ging, war längst verschlossen. Von den ehrsamen Bürgern, die so zeitig zu Bette gingen und sich so früh erhoben, daß sie sich des Mondlichtes selten lange freuten, kamen hier 2 zu dieser Stunde nur wenige vorüber. Der letzte, ein ehrsamer Wollwebermeister, war schief gegangen. Da er den Mond wie alles andere über sich und um sich her doppelt sah, hatte er sich gefragt, ob der da oben denn auch eine Gefährtin bekommen? Von der seinen daheim hatte er keinen freundlichen Empfang zu erwarten. Die Scharwache, die sich – der Mond wußte noch nicht recht warum – kurze Zeit vor dem Ortliebhause aufhielt, folgte dem Meister. Dann kam noch ein Priester, der, mit dem Mesner und einigen Laternenträgern, einem Sterbenden in der St. Clarengasse das Sakrament brachte. Auf der andern, nordwestlichen Seite der Stadt, wo sich die Veste auf ihrem Hügel erhob, und ihr zu Füßen, am Tiergärtnerthor, gab es sonst in dieser Stunde mehr zu sehen; denn droben residirte Kaiser Rudolf in der Reichsburg, und sein Schwager, der Herr Burggraf Friedrich von Zollern, in der seinen. Heute aber ging es auch da oben nicht eben glänzend her; denn der Kaiser und sein Hofstaat, der Burggraf und die Seinen, sowie sämtliche weltliche und geistliche Fürsten, die Grafen und Herren, die auf der Veste wohnten, befanden sich samt ihren Damen auf dem Rathaus. Da ging es hoch her, und rauschende Musik klang aus den offenen Fenstern des großen Saales, in dem auch Kaiser Rudolf während des Tanzfestes weilte. Dort wäre es dem Monde auch vergönnt gewesen, sich in blankem Stahl, in Gold, Silber und Edelgestein an Helmen, Diademen und Prachtgewändern zu spiegeln. Dazu hätte er freilich im Pegnitzflusse, der die Stadt in zwei Hälften teilte, noch bessere Gelegenheit gefunden, aber der alte Wanderer am Himmel zog von alters her die lauschigen, verborgenen Winkel 3 den geräuschvollen Plätzen, den bescheidenen Schimmer dem aufdringlichen Glanze vor. Wo es Geheimes zu erforschen gibt, dahin schaut er am liebsten, und die Menschen wählten ihn jederzeit gern zum Vertrauten. Bei der Linde nun, die vor dem Ortliebhofe in voller Blütenpracht die Straße beschattete, mußte eben jetzt etwas im Werke sein, das ihm ganz und gar nach dem Sinne war; denn er hatte in dem alten Geschlechtersitze mit dem steinernen Wappen über der hohen Eichenthür und in seinem Garten zwei schöne Jungfrauen heranwachsen sehen, von denen die jüngere von Kind an in ganz besonderer Beziehung zu ihm stand. Jetzt gestattete die Krone der Linde ihm schon, trotz ihrer Dichtheit, in den breiten Vorraum zu blinzeln, der das weit zurückliegende Patrizierhaus von der Straße trennte. Eine Kette, die in sanften Biegungen eine kurze Reihe von Granitpfeilern mit einander verband, schloß ihn gegen die Vorübergehenden, die Wagen und Reiter, die Schweine und das andere Vieh ab, das man durch das Thor trieb. Im Gegensatz zu der Straße, die bei üblem Wetter einem schwer zu durchwatenden Sumpfe glich, war er stets sauber gehalten, und der Stadtknecht konnte sich die Mühe sparen, hier Ausschau nach den Ferkel- oder Katzen-, den Hühner- und Rattenleichen zu halten, die es ihm in seiner Butte fortzuschaffen oblag. In diesem Vorraum nun stand ein junger Mann von besonders hohem, kraftvollem Wuchse und schaute zu einem Fenster im ersten Stockwerk empor. Der Schatten der Linde gestattete weder seine Züge, noch seine Kleidung deutlich zu erkennen; der Mond aber 4 war ihm schon mehr als einmal an dieser Stelle begegnet und wußte, daß er ein schmucker Gesell war und daß sein gebräuntes Antlitz mit der kräftigen Nase und der breiten Stirn willensstark genug dreinschaute. Er hatte auch die Narbe wahrgenommen, die ihm von den Wurzeln des langen braunen Haares aus über die ganze Stirn hin bis an das Jochbein des linken Auges reichte und ihm ein kriegerisches Ansehen verlieh. Dennoch gehörte er keiner Streitmacht an, sondern war der Sohn eines städtischen Adelsgeschlechts, das sich zwar rühmte, »ritterbürtig« zu sein und seine Söhne in das Turnier einreiten lassen durfte, das aber auch friedlichen Geschäften nachging; denn es trieb Handel mit Italien und den Niederlanden, und jeder männliche Eysvogel brachte das Recht mit zur Welt, in den ehrbaren Rat gewählt zu werden und an der Regierung des Nürnberger Freistaates teil zu nehmen. Daß der junge Herr im Vorhof des Ortliebschen Hauses sich zu den Eysvogels zählte, war dem Monde längst bekannt. Es gehörte auch wenig dazu, es zu erraten; denn über dem hohen Eingangsthor des Eysvogelhofes war ein übergroßes, prunkendes neues Wappen befestigt, das jedes Kind in Nürnberg kannte, und der hochgewachsene Nachtschwärmer trug ein Wams, in dessen linke Brustseite das nämliche Wappen mit drei Vögeln im Schilde und einem auf der Helmzier gestickt war. Schon eine gute Weile hatte er vergeblich gewartet; jetzt aber zeigte sich der Kopf eines jungen Mädchens am Fenster, und eine helle, frische Stimme rief ihm seinen Vornamen »Wolff« entgegen. Da schwenkte er die Kappe, trat dem Fenster näher, 5 begrüßte die Jungfrau mit warmen Worten und that ihr zu wissen, daß es ihn so spät hierher gezogen, um ihr, wenn auch nur vom Vorplatze aus, den Nachtgruß zu bieten. »So komm doch herauf,« bat sie heiter. »Der Vater und Eva sind zwar zum Tanz aus dem Rathaus, die Muhme Aebtissin aber sitzt bei der Mutter.« »Nein, nein,« entgegnete Wolff. »Ich komme und gehe nur. Ueberhaupt stehle ich mir bloß dies Stündchen.« »Das Geschäft?« frug die Jungfrau. »Weißt Du, daß ich anfange auf das Ungetüm, das Dich wie eine alte Spinne immer fester in sein Netz verstrickt, eifersüchtig zu werden? Ist das eine Art! Dem Geschäfte den ganzen Tag, und der Braut einige flüchtige Augenblicke im Mondschein.« »Ging es doch anders!« seufzte Wolff. »Du weißt ja nicht, Els, wie schwer diese Zeiten! Und was steckt mir alles im Kopfe, seit der Vater mir überläßt auszuführen, was er an neuen Unternehmungen vorschlägt.« »Neue und immer neue,« versetzte Els mit leisem Vorwurf. »Was hat dies Eysvogelgeschäft für einen gefräßigen Magen! Ulmann Nützel sagte erst neulich: ›Wo man kaufen will, da war schon der Vogel und schnappte es fort, in Venedig und Mailand. Und der junge,‹ sagte er, ›geht noch schärfer ins Zeug.‹« »Weil es gilt, Dir, Herzlieb, ein warmes Nest zu bereiten,« entgegnete Wolff beklommen. »Als ob wir Handwerksleute wären,« lachte das Mädchen, »die um die Kundschaft besorgt sind. Das alte Eysvogelhaus hat, denk' ich, große Oefen genug, um den Sohn mit seinem Weiblein warm zu halten. 6 Bei den Tuchers nährt die Handlung ihrer sieben mit Weib und Kindern. Was wollen wir denn? Uns rechtschaffen lieb haben, mein' ich, und wenn ich auch das Leben besser kenne als Eva, für die Armut und Glückseligkeit eins sind, so brauch' ich doch auch nicht, wie die Frauen bei euch daheim, die Morgensuppe aus goldenen Tellern zu essen und ein Lager von Levantiner Damast für den Schoßhund. Und was der Vater mir mitgibt, zehn Ritterfräulein zusammengenommen . . .« »Ich weiß es ja, Lieb,« fiel Wolff ihr hier kleinlaut ins Wort. »Und ich! Wie gern begnügte ich mich mit dem Geringsten . . .« »So thu's doch!« rief sie munter. »Was Du das Geringste heißt, nennen andere immer noch Reichtum. Mehr als gut wollt ihr's haben, und ich – die Heiligen wissen's! – mit dem bloßen ›gut‹ wär' ich völlig zufrieden; an dem ›besser‹ und ›vollkommen gut‹ ist mancher gescheitert.« Da rief er heiß aufwallend: »Und nun möcht' ich doch noch hinein.« »Und das Geschäft?« frug sie neckisch. »Laß es gehen wie es will,« versetzte er lebhaft und schwenkte die Hand. – Doch schon im nächsten Augenblick ließ er sie wieder sinken und sagte bedenklich: »Nein, nein, es geht doch nicht; es steht zu viel auf dem Spiele.« Els hatte sich schon umgewandt, um Kätterle, der Gürtelmagd, aufzutragen, die schwere Hausthür öffnen zu lassen; bevor sie es that, streckte sie indes das schön geformte Haupt weiter vor und fragte: »Ist es wirklich so ernst? Will Dir der Unhold nicht einmal den Gutenachtkuß vergönnen?« 7 »Nein,« erwiderte er fest. »Eure Knechte sind fort, und bevor die Mägde mir öffnen . . . Da steigt der Mond schon über die Linde. Es geht nicht. Morgen aber, und zu Gott mit leichteren Sorgen . . . Heute noch dürften wir beruhigende Kunde erhalten.« »Von den Waren aus Venedig und Mailand?« frug Els gespannt. »Ja, Herz. In Verona trafen beide Züge zusammen. Von Ingolstadt kam der erste, von München der zweite Bote, und der von Landshut ist seit vorgestern herein. Schon heute morgen hätte ein anderer . . . Aber die glühende Hitze gestern, oder was weiß ich . . . Jedenfalls ist die Besorgnis nicht grundlos. Du weißt nicht, was da auf dem Spiel steht.« »Aber gestern schon wurde der Landfrieden verkündigt,« bemerkte Els, »und wenn Placker und Räuber sich unterfingen! . . . Doch nein! Die Wagen fahren doch unter starkem Geleit.« »Dem stärksten,« versicherte Wolff. »Vor morgen früh könnte überhaupt das erste Fuhrwerk nicht hier sein.« »Da siehst Du,« rief das Mädchen heiter. »Warte nur! Bist Du erst mein, so lehr' ich Dich mit dem Schwarzsehen brechen! Ach, Wolff! Warum wird uns alles so viel schwerer gemacht als den anderen. Siehst Du . . . heute abend . . . Ich wäre so gern mit Dir zum Tanze gegangen.« »Aber wie oft, Herz, bin ich vergeblich in Dich gedrungen,« begann er; sie aber unterbrach ihn schnell: »An Deinem guten Willen fehlte es ja gewiß nicht; doch eine von uns mußte bei der Mutter bleiben, und Eva . . .« »Gestern noch klagte sie mir unter Thränen, daß man sie zum Tanze zwänge, der ihr zuwider.« »Gerade darum sollte sie gehen,« unterbrach ihn Els in erklärendem Ton. »Schon achtzehn Jahr alt ist sie geworden, und noch zu keinem Vergnügen, das uns anderen Freude macht, war sie zu bewegen. Steckt sie nicht drüben im Kloster, ist sie immer daheim oder mit der Muhme Kunigunde oder mit einer Klarissin in Wald und Feld. Will sie später den Schleier nehmen, wer mag es ihr wehren; aber die Aebtissin selbst rät, sie möge, bevor sie der Welt entsagt, einen Blick in sie hinein thun. Und für wenige kommt mir das nötiger vor als gerade für unsere Eva.« »Gewiß,« versicherte Wolff. »Ein so holdseliges Geschöpf! Ich kenne kein schöneres in Nürnberg.« »Du!« schalt die Braut hinunter, und drohte dem Verlobten mit dem Finger; er aber versetzte schnell: »Du lehrtest mich ja vorhin, daß Du das Gute dem Besseren vorziehst, und also wohl auch dem Schöneren das Schöne, und schön bist Du, Els, von außen und innen. Was bei der Eva noch hinzukommt: die erstaunlich großen Heiligenaugen mit dem wunderbaren Aufschlag und den sonderbar langen Wimpern, die leise Neigung des Köpfchens, und was weiß ich sonst noch, das seh' ich wohl gern an Madonnen und Engelsbildern, – an der Herzliebsten und künftigen Hausfrau miss' ich es indes willig . . . Aber Du, Els . . . Wollte der Herrgott mir gestatten, mir eine Gefährtin ganz nach dem eigenen Herzen aus himmlischem Thone zu kneten, weißt Du, wie sie aussehen würde?« 9 »Wie ich, ganz wie die Els Ortliebin natürlich,« lachte das Mädchen. »In aller Bescheidenheit richtig geraten,« entgegnete er munter. »Aber nimm Dich zusammen, daß sie es Dir nicht doch noch einmal zuvorthut! Denn, weißt Du, wenn die kleine Heilige heut beim Tanz einen schmucken Gesellen ihren Nönnlein vorzuziehen lernt, und es wird aus ihr eine gute Nürnberger Hausfrau, dann geht das engelhafte Zuviel schon von selbst verloren, und hätt' ich einen Bruder – im vollen Ernst – ich wies ihn auf eure Eva.« »Und,« rief Els, »wie schnell das Wetter sich auch bei ihr ändert, gewiß nicht zu seinem Schaden. Aber noch will sie ja nichts von euch Männern. Ich kenne sie. Die Thränen, die sie vergoß, als der Vater ihr die köstliche Mailänder Suckenie Ein am Oberleib anliegendes langes Gewand, das sich unter der Taille stark erweitert, mit Schlitzen für die Arme. überreichte, in der sie zum Tanz ging, sind alles eher als Freudenthränen gewesen.« »Es wundert mich nur,« fügte Wolff hinzu, »daß ihr sie überhaupt zum Nachgeben bewegtet; das fromme Lämmlein versteht es ja, trotzig genug die jungen Hörner zu gebrauchen!« »O ja,« pflichtete Els dem Bräutigam bei, als wisse sie es aus Erfahrung; doch fuhr sie sogleich eifrig fort: »Sie ist eben noch wie ein Apriltag.« »Eben darum,« bemerkte Wolff, »wird auch der Tanz, den sie mit Thränen begann, fröhlich genug für sie enden. Die jungen Herren und Ritter werden sie umschwärmen 10 wie die Bienen den Honig. Graf Montfort – mein Schwager Siebenburg sagt es – ist mit der Tochter auch auf dem Rathaus.« »Und dem Kometen Cordula,« fügte Els erklärend hinzu, »folgte wie immer ein langer Schweif von Verehrern. Der Vater mußte dem Grafen Quartier geben, es war nicht zu vermeiden. Kaiser Rudolf hatte ihn dem Rat unter denen genannt, die besonders berücksichtigt werden sollten. So wurde er denn uns zugewiesen, – und die ganze Gemächerreihe im Hinterhause, die in den Garten schaut, ist jetzt voll von Montforts, von Montfortschen Hausbeamten, Dienstmännern, Knappen, Pagen und Kaplanen. – Montfortsche Pferde und Rüden drängen unsere guten Gäule aus den Ställen. Außer den zwanzig Rossen, die bei uns stehen, mußten achtzehn in der Brauerei an der Hundsgasse eingestellt werden und acht sind der Gräfin Cordula eigen. Und das Hinundher bei Tage und bis in die späte Nacht! Ein Glück, daß sie nicht mit im Vorderhause wohnen! Es wäre mir leid um die Mutter!« »Um so herzlicher dürft ihr euch auf den Abschied freuen,« bemerkte Wolff. »Kummer verursachen wird er uns allerdings schwerlich,« bekannte das Mädchen. »Aber die junge Gräfin bringt doch manche Kurzweil ins stille Haus. Ein rastloser Tollkopf ist sie gewiß, und daß auch Dein Schwager Siebenburg zu ihren Anbetern gehört, wird Deine stolze Schwester Isabella verdrießen. Ging sie nicht auf das Rathaus?« »Nein,« entgegnete Wolff. »Die Zwillinge haben sie seltsam verwandelt. Du sahst ja das Gewand, das die 11 Mutter ihr für den Tanz aufdrang: Genueser Sammet und Venezianer Spitzen . . . Ein stattliches Haus wäre dafür zu haben gewesen. Sie hatte auch Lust, sich als junge Mutter auf dem Feste zu zeigen, – und königlich, sag' ich Dir, sah sie aus in dem köstlichen Staate. Heute morgen aber entschloß sie sich anders, nachdem sie die Büblein gebadet. Wie Mutter und Großmutter auch drängten, sie blieb dabei, daß sie zu den Zwillingen gehöre, und daß ihnen etwas zustoßen würde, wenn sie die Kleinen verließe.« »Das ist brav,« rief Els erfreut, »und wenn ich einmal . . . Aber nein . . . Isabella und ich sind nicht zu vergleichen. Mein Herr wird nie und nimmer zu den Anbetern einer andern gehören wie sein garstiger Schwager . . . Uebrigens ist des Schnurrbarts Mühe bei der Cordula vergebens. Der Eva widersteht sie freilich in ihrer weltlichen Weise, – mir aber kam mancherlei über sie zu Ohren, das mir gefällt. Mein Gott! Sie ist ein mutterlos Kind, und der Vater ein alter Zecher und Weidmann, der sich freut, wenn sie sich etwas Keckes herausnimmt. Doch er hält ihr auch den Beutel offen, und so mildherzig und gefällig wie sie . . .« »Mögen wenige sein,« fügte Wolff spottend hinzu. »Die Herren wissen's zu rühmen. Wegen grausamer Härte wurde ihr noch kein Paternoster auferlegt im Beichtstuhl.« »Aber ebenso wenig für eine sündliche oder bösliche Handlung,« entgegnete Els bestimmt. »Du, Wolff, läßt sie mir, trotz Deines wüsten Schwagers, in Frieden! Hab' ich doch genug zu thun, ihr bei Eva und der Muhme Kunigunde das Wort zu reden, seit sie einem Schweizer 12 Ritter vom Kaiserhofe die Locken brannte und salbte. Unser Kätterle brachte die Kohlen. Aber das thut ja auch manche andere, da die Courtoisie es gestattet. Ihr Zug zum Rathause hatte freilich auch ein recht eitles Ansehen. Die fünfzig Frachtwagen, die Du erwartest, geben kaum eine längere Reihe.« Da zuckte der junge Kaufherr zusammen. Der Vergleich, dessen Els sich bediente, hatte die entschlummerte Besorgnis neu in ihm erweckt, und nach einigen kurzen und warmen Abschiedsworten trennte er sich von der Geliebten. Nachdenklich schaute Els ihm nach, und der Mondschein zeigte ihr noch eine gute Weile seine hohe, kraftvolle Gestalt. Da schlug das Herz ihr schneller, und sie empfand tiefer denn je, wie sehr sie ihn liebte. Aber es war ihr, als ließe er, der sich sonst so frei und aufrecht trug, das Haupt immer tiefer sinken. Wie wenn eine schwere Sorgenlast ihm den starken Nacken beuge, schritt er dahin. Gern wäre sie ihm nachgeeilt, um sich an ihn zu schmiegen, und ihn zu fragen, was ihn ängstige, was er vor ihr, die alles mit ihm zu teilen bereit war, verberge; aber da entzog das Frauenthor, durch das er die Stadt betrat, ihn schon ihren Blicken. Mit einem leisen Seufzer wandte sie sich in das Zimmer zurück. Es war doch kaum allein die Besorgnis um die erwarteten Waren, was ihrem Bräutigam die Seele belastete. Seine hoffärtige, schwache Mutter und mehr noch die gräfliche Großmutter, die mit im Eysvogelhofe wohnte und die Tochter immer noch leitete wie ein willenloses Kind, waren zwar ihrem Bunde mit Wolff entgegen gewesen, 13 doch ihr Widerstand war gebrochen seit dem Verlöbnis. – Manchem hingeworfenen Wort hatte sie dagegen entnommen, daß das Unvermögen der Frau Eysvogelin, sich selbst, der hoffärtigen Mutter, hinter der eine vornehme, doch wenig begüterte und leichtfertige Sippe stand, sowie der Tochter und ihrem verschuldeten, genußsüchtigen Gatten, dem Ritter Siebenburg, was es auch sei zu versagen, schwere Forderungen an die Kasse des alten Handelshauses stellte. Doch das gehörte ja zu den reichsten in Nürnberg. Noch etwas anderes, ihr Fremdes, mußte Wolff bedrücken, und mit dem festen Entschluß, ihm keine Ruhe zu gönnen, bis er ihr alles bekannt, kehrte sie an das Lager der kranken Mutter zurück.     Zweites Kapitel. Kaum war Wolff von der Straße und Els vom Fenster verschwunden, als sich, wie der Erde entstiegen, eine schmale Männergestalt neben dem Kellerhals auf der linken Seite des Hauses regte. Gleich darauf ließ sich ein leises Klopfen auf dem Pflaster des Vorraums vernehmen, und um weniges später wurden die schweren, mit Eisen beschlagenen Eichenholzflügel der Hausthür aus einander gezogen, und eine Frauenhand winkte dem späten Gaste. Behend huschte er entlang dem schmalen Schatten des Hauses dem Thore zu und war bald hinter ihm verschwunden. Der Mond schaute ihm bedenklich nach. Oft genug war er früher des schmalschulterigen Gesellen in der Nähe des Ortliebhofes ansichtig geworden, und sein Treiben hatte seine Neugier gereizt; denn er war auf verliebten Wegen gewandelt, und zwar schon, als noch an dem jüngst vollendeten Klarissinnenkloster – eine Stiftung der Brüder Ebner, zu der auch Herr Ernst Ortlieb eine stattliche Summe gefügt – gearbeitet wurde. Damals – etwa drei Jahre war es her – hatte der dreiste 15 Bursche sich Abend für Abend zum Stelldichein auf die Baustelle begeben. Das saubere Mädchen aber, das sich dort mit ihm zusammen gefunden, war das Kätterle gewesen, die Gürtelmagd der schönen E's, wie man in Nürnberg die Ortliebschen Schwestern Els und Eva nannte. Viele Eide, die ihr heiße, unwandelbar treue Minne verhießen, waren damals zu dem Monde aufgestiegen, und das Aeußere des Mannes, der sie leistete, bot eine gewisse Gewähr, daß er sie halten werde; denn er hatte schon damals das lange dunkle Gewand der ehrbaren Leute getragen und auf der Vorderseite des Kogels , von dem ihm ein sackartiges Netz auf den Rücken herabhing, war ein großes S, auf dem linken Schulterstücke seines langen Rockes aber ein T zu schauen gewesen: die Anfangsbuchstaben der Worte »Standhaftigkeit« und »Treue«. Sie lehrten, daß derjenige, der sie sich in die Kleidung hatte einsticken lassen, diese Tugenden für die höchsten und edelsten halte. Man hätte auch glauben mögen, daß der hagere Bursche, dem man übrigens seine fünfunddreißig Jahre kaum ansah, an diesen schönen Eigenschaften festhalte; denn nachdem er, seit er sich mit Kätterle zum letztenmal auf dem Bauplatze getroffen, volle drei Jahre ausgeblieben war, hatte er sich nach dem Einzuge des Kaisers Rudolf der Herzliebsten wieder in gewohnter Standhaftigkeit und Treue genähert. Er hatte ihr Grund gegeben, auf ihn zu bauen; der Blick des Mondes aber reichte weit, und er hatte sich überzeugt, wie es mit der Standhaftigkeit und Treue Walther Biberlis beschaffen. 16 In einer Hinsicht bewährten sie sich aufs schönste und beste; denn unter Tausenden von Dienern hatte der Mond keinen gesehen, der mit treuerer Hingabe an seinem Herrn hing. Den hübscheren jungen Weibern gegenüber brachte er dagegen seine Haupttugenden in höchst sonderbarer Weise zur Geltung; denn der blasse nächtliche Wanderer da oben war ihm in verschiedenen Ländern und Städten begegnet, und überall, wo er sich längere Zeit aufgehalten hatte, war eine andere der Treue und Standhaftigkeit Biberlis versichert worden. Allerdings wandte sich der Langrock, so oft ihn der Weg zu einer, der er ewige Minne geschworen, zurückführte, zunächst nur immer wieder an sie, falls auch sie ihm die alte Neigung bewahrt. Das Kätterle aber durfte mit Recht die größten Stücke auf ihn halten; denn ihr war er wärmer ergeben als den übrigen allen, und mit ihr meinte er es in seiner Weise auch redlich. Beabsichtigte er doch allen Ernstes, sich, sobald sein Herr den Kaiserhof – hoffentlich nicht allzu bald – verließ und sich in seiner Schweizer Heimat auf die Burg seiner Väter zurückzog, für die alten Tage einen eigenen Herd zu gründen, und niemand als Kätterle sollte das Feuer auf ihm entzünden. Ihr Aeußeres sagte ihm so wohl zu wie ihr inneres Wesen. Sie war frei geboren wie er selbst, der Sohn eines Waldhüters, sie stammte, wie er, aus der Schweiz, und ihr Erbe, das für sie, die Waise, in ihrer Heimat Sarnen auf Haus und Ackerland feststand, und zu dem noch ihr Erspartes kam, genügte seinen Ansprüchen. Vor allem aber glaubte sie ihm und bewunderte seinen beweglichen Geist und seine Erfahrung. Außerdem leistete sie ihm widerspruchslos 17 Gehorsam und hing so treu an ihm, daß sie um seinetwillen im ledigen Stand verblieben war, obgleich eine ganze Reihe von ansehnlichen Männern ernstlich um sie warb. Zum erstenmal war Kätterle ihm begegnet, als er sich nach der Schlacht auf dem Marchfelde vor länger als drei Jahren mehrere Wochen in Nürnberg aufgehalten hatte. Bei einem Turnier war sie auf dem Schaugerüst seine Nachbarin gewesen, und, da sie einander an dem scharfen »ch« in »ich« und anderen Worten als Schweizer Landsleute erkannt hatten, war er ihr und sie ihm von vornherein mit gutem Vorurteil entgegen gekommen. Das Kätterle hatte ein gutes Herz; zu jener Zeit wäre sie aber beinah der Versuchung erlegen, den Himmel anzurufen, die Heilung der schweren Wunden eines tapferen Kämpen nicht allzu sehr zu beschleunigen; denn sie wußte, daß Biberli als Herrenknecht im Dienste des jungen Schweizer Ritters Heinz Schorlin stand, dessen Name in aller Mund war, weil er auf dem Marchfelde trotz seiner jungen Jahre sich durch seltene Tapferkeit ausgezeichnet hatte, und daß der junge Held nur bis zur völligen Heilung seiner schweren Wunden in Nürnberg bleiben würde. Sein Aufbruch brachte für sie die Trennung von seinem Diener mit sich, und sie hatte bisweilen, da sie das Heimweh ohnehin quälte, gemeint, sie würde den Abschied von ihm nicht überleben. Biberli pflegte indes seinen Herrn mit so treuem Eifer gesund, als hielte ihn nichts in Nürnberg zurück, und Kätterle blieb auch nach seinem Aufbruch in gutem Wohlsein. Jetzt hatte sie ihn wieder. Gleich nach dem Einzuge des Kaisers Rudolf vor 18 fünf Tagen war Biberli frei und offen in den Ortliebhof gekommen, und hatte sich Martsche , der alten Haushälterin der Herrschaft, als Landsmann und Freund der Gürtelmagd vorgestellt, der ihr Grüße von daheim überbringe. Ein vertrautes Wort mit ihr zu reden, war indes weder in der vollen Küche, noch im Ehaltengelaß möglich gewesen. Das Stelldichein heute abend sollte dazu Gelegenheit bieten. Die männliche Dienerschaft war, um die Sänften und Fackeln zu tragen, mit dem Herrn, der seine jüngere Tochter Eva zum Tanze führte, ausgegangen. Vor dem Rathause sollten die Knechte warten, weil es in Frage stand, ob die Tochter des Hauses, die nur mit Widerstreben an dem Feste teilnahm, nicht zeitig zum Aufbruch drängen würde. Der Graf von Montfort, der im Ortliebhof im Quartier lag, und seine gesamte männliche Dienerschaft waren sicher erst ganz spät oder gar gegen Morgen zurück zu erwarten; denn Gräfin Cordula hielt es beim Tanze aus bis zum Kehraus, und ihr Vater beim Weine, bis die Tochter ihn von den Zechgenossen in der Trinkstube fortrief. Das alles berechtigte die Liebenden, auf ein ungestörtes Beisammensein zu hoffen. Auch der Schauplatz des Stelldicheins war gut gewählt. Nur den Mond verdroß seine Wahl; denn nachdem Biberli die schwere Hausthür hinter sich zugezogen, fand er keine Spalte oder Ritze, durch die einer seiner behenden Strahlen 19 hätte erspähen können, was der treue und standhafte Biberli mit Kätterle trieb. Ein Fensterlein gab es wohl neben der Thür, doch es war verschlossen, und das Kreuz mit undurchsichtigem Schafleder bekleidet. So mußte der Mond sich denn der Neugier begeben. Statt seiner beleuchtete den langen, mit einem hohen Kreuzgewölbe überspannten Soler des Ortliebhofes nur das Licht dreier Laternen, das sich mühsam durch Hornscheiben Bahn brach. Die glänzenden Punkte in einer dunklen Ecke des weiten Raumes waren die Augen eines schwarzen Katers, der dort auf Ratten und Mäuse lauerte. Für die heimliche Begegnung zweier Liebenden bot dieser Raum in der That manchen Vorzug; denn er besaß, da er durch die ganze Breite des Hauses hinlief, zwei Oeffnungen, von denen die eine auf die Straße, die andere auf den Hof führte. An den rechten Langseiten des Solers befand sich aber auch noch je eine kleine Thür, zu der Stufen hinaufführten. Beide verschlossen zu dieser Stunde menschenleere Räume; denn die Schreibstube und das Gemach, in dem Herr Ernst Ortlieb die Geschäftsfreunde empfing, waren schon seit Sonnenuntergang unbenützt, und die Badestube mit dem Ankleidezimmer daneben fand nur bei Tage Verwendung. Von der großen breiten Eichenholztreppe her, die in den oberen Stock führte, hätte freilich leicht ein unberufener Störenfried kommen können. Aber für diesen Fall drängten sich hier den Liebenden die köstlichsten Verstecke geradezu auf; denn dort standen neben und über einander große und kleine Kisten als undurchdringliche 20 Schutzmauer, hier bildeten hoch über einander getürmte Säcke und lange Reihen von Fässern Gelegenheit, sich hinter ihnen zu verbergen. In Matten verpackte lange Bündel lehnten an die Kisten und luden ein, hinter sie zu schlüpfen, und hinter jenen Bergen von Rinderhäuten und mit Palmenbast umschnürten Paketen hätte niemand leicht ein Liebespärlein vermutet. Es wäre übrigens auch kaum rätlich gewesen, sich in ihrer Nähe zu verbergen; denn diese Warenballen, die das Ortliebsche Haus aus Venedig bezog, enthielten Pfeffer und andere Gewürze, und es entströmte ihnen ein starker, nur für abgehärtete Nerven auf die Dauer erträglicher Duft. Wertvolle Güter verschiedener Art lagerten hier, bis man sie in Keller und Speicher oder weiter in den Handel führte. Es gab aber auch manchen leeren Platz in dem weiten Raume; denn das Raubwesen auf der Landstraße hatte trotz der Strenge Kaiser Rudolfs noch mit nichten aufgehört und veranlaßte Herrn Ernst Ortlieb immer noch, sich bei der Einführung kostbarer Güter Vorsicht aufzuerlegen. Nachdem Biberli und seine Herzliebste sich überzeugt, daß die Glut ihrer Minne keineswegs erkaltet, ließen sie sich auf etlichen mit Gewürznelken angefüllten Säcken nieder. Hier berichteten sie einander, was die Trennungszeit jedem gebracht. Das Dasein Kätterles war in freundlichem Gleichmaß dahingeflossen. Ueber die Herrschaft brauchte sie nicht zu klagen. Die kranke Frau Maria Ortliebin bedurfte ihrer nur selten. 21 Bei einem Ritt zu Verwandten in Ulm war der Zug der Reisenden, der mit einer Reihe von Nürnberger Frachtwagen unter dem nämlichen Geleit gestanden, von den Rittern Absbach und Hirschhorn überfallen worden. Ein Bolzen hatte den Zelter der Frau Ortliebin getroffen, und die Unglückliche einen schweren Fall gethan, der ihr einen innern Schaden zugefügt, von dem sie noch nicht genesen. Dem jungen Hirschhorn, den das Geleit ergriffen, war der Anfall übrigens schlecht bekommen; denn am Galgen hatte er ein schmähliches Ende gefunden. Bei dieser Mitteilung brauste Biberli auf. Trotz allen Mitleids für die schwer verletzte Frau meinte er doch, die Nürnberger hätten an dem Hirschhorn wie rechte Schelme gehandelt; denn er war ein Ritter, und sie hätten ihn darum als redliche und des Gesetzes kundige Richter nicht mit dem Strick, sondern mit dem Schwerte zu Tode bringen müssen. Und Kätterle stimmte ihm bei; denn sie widersprach ihm überhaupt nicht, und was einem Ritter zukommt, mußte Biberli, der Milchbruder eines solchen, ja wissen. Auch über die Töchter des Ortliebschen Hauses, in deren persönlichem Dienste sie stand, führte die Magd keine Klage. Els, die älteste, wußte sie sogar nicht hoch genug zu rühmen. Sie war gerechten Sinnes, die sorgsame Pflegerin der Mutter und sich immer gleich in ihrer heiteren Gutheit. Auch Eva, der jüngeren, wollte sie nichts Uebles nachsagen, zumal sie an Frömmigkeit alles im Hause überbiete. Trotz ihrer wundervollen Schöne – sie könnte wissen, daß nichts daran falsch und gemacht sei, – werde sie doch wohl bei den Klarissinnen enden. Aber wie der 22 Wetterhahn auf dem Turm ändere sie bei jedem Lüftchen die Stellung. Wäre sie mit dem falschen Fuß aus dem Bette gestiegen, oder lese man ihr einmal nicht von den Augen ab, was sie begehrte, bringe ein Nichts sie in Wallung. Da fielen denn bisweilen recht unholde Worte; aber lange gram sein könnte man ihr doch nicht; denn es sei nicht zu beschreiben, wie lieblich sie gut zu machen trachte, wozu das rasche junge Blut sie fortgerissen habe. Wie zum Begräbnis sei sie heute zum Tanze gegangen; denn sie meide die Mannsbilder wie Gift, und sogar den Freundinnen der Schwester gehe sie aus dem Wege. Da lachte Biberli, wie gewiß seiner Sache und rief: »Nur noch ein weilchen Geduld! Heute abend begegnet ihr mein Herr auf dem Rathaus, und wenn sich das magere Eichkätzlein von vor drei Jahren wirklich so köstlich herauswuchs, und er kommt ihr nicht auf die Fährte und bindet mit ihr an, will ich nicht länger Biberli heißen.« »Aber Du sagtest ja,« versetzte Kätterle bedenklich, »Du hättest ihn noch nicht bewogen, es Dir nachzuthun in Standhaftigkeit und Treue.« »Dafür ist er ein Ritter,« entgegnete der Diener und schlug sich selbstbewußt, als gehöre er mit zu diesem bevorzugten Stande, unter das T an der Schulter, »und einem solchen steht die Jagd frei auf das Weibsbild wie auf das Wild in den Forsten. Und mein Heinz Schorlin! Du sahst ihn ja und bekanntest selbst, es lohne sich, den Hals nach ihm zu drehen. Dazu war das damals, wo er kaum von den schweren Wunden genesen, und was ist er heute! Da war der französische Ritter von Preully, mit dem mein Milchbruder selig zu Paris, so lang er noch munter . . .« 23 Hier stockte er; denn ein fragender Blick der Herzliebsten bewies, daß er es, vielleicht aus guten Gründen, verabsäumt hatte, ihr von seinem Aufenthalt in Paris zu erzählen. Jetzt, da er älter geworden und dem wilden Treiben in jener Zeit zu Gunsten der Treue und Standhaftigkeit entsagt, teilte er gelassen mit, was sie zu erfahren begehrte. Beim Unterricht mit seinem Milchbruder, dem älteren Sohne des alten Ritters Schorlin, der damals noch am Leben gewesen, hatte er mancherlei Kenntnisse erworben. Darum war ihm, kaum zwanzig Jahre alt, die Schulmeisterstelle zu Stansstadt anvertraut worden. Er wäre auch vielleicht beim Unterrichten geblieben, weil er sich gut dazu anließ, wenn ihm nicht eine üble Kränkung sein Aemtlein verleidet. Es war ihm nämlich kund geworden, daß man den Söldnern in der Schnitzturmwache einen um fünf Heller höheren Wochenlohn vergönnte als ihm, trotz seines mühsam erworbenen Wissens. Da sei er denn im Verdruß auf die Schorlinburg, die ihm stets offen stehe, zurückgekehrt und zu guter Stunde gekommen. Der ältere Bruder seines jetzigen Herrn, der von schwacher Gesundheit gewesen, habe nämlich nicht für ritterlich Werk getaugt und eben im Begriff gestanden, sich mit dem Herrn Kaplan und dem Roßknecht auf die hohe Schule nach Paris zu begeben. Da nun Frau Wendula, die gnädige Frau Mutter seines Herrn, gesehen, welch ehrbares Wesen er sich als Schulmeister erworben, habe sie den Gemahl bewogen, ihn als Herrenknecht dem gebrechlichen Sohne mitzugeben. 24 In Paris hätte es nun anfänglich an Ergötzlichkeiten aller Art mit nichten gefehlt, zumal sie unter den Söldnern des Königs manchen ausgelassenen Schweizer Ritter und Knecht gefunden. Den Versuchungen aber, die der Gottseibeiuns in Paris aussäe wie anderwärts der Bauer Roggen und Hafer, habe sein Milchbruder zu seinem Leidwesen nicht zu widerstehen vermocht, und bald habe den jungen Ritter schweres Siechtum befallen. Da sei es denn auch für ihn aus gewesen mit dem fröhlichen Treiben. Monatelang wäre er Tag und Nacht keine Stunde vom Lager des erkrankten Milchbruders und Herrn gewichen, bis ihn der Tod seiner schweren Leiden entledigt. Daheim auf der Schorlinburg habe er bei der Rückkehr vieles verändert gefunden; denn der alte Ritter sei wenige Tage vor dem Tode seines Sohnes abgerufen worden, und Heinz Schorlin, seinem jetzigen Herrn Burg und Land als Erbe zugefallen. Doch damit habe es nicht gar viel auf sich gehabt, weil auf dem schönen großen Grunde der Schorlins viele Schulden gehaftet. Der alte Ritter sei als Landsmann, guter Gesell und Waffenbruder des Kaisers Rudolf stets bereit gewesen, ihm mit dem Schwerte zu dienen; auch wo es ein großes Turnier gegeben, hätte er dabei sein müssen. So sei das Vermögen aufgezehrt worden, und Frau Wendula mit dem Sohn und drei Töchtern in mäßigem Wohlstand zurück geblieben. Die beiden älteren hätten den Schleier genommen, während die jüngste, ein frohgemuter Wildfang, bei der Frau Mutter verweile. Aber Kaiser Rudolf hätte Frau Wendulas und ihres verstorbenen Herrn mit nichten vergessen und ihr in aller 25 Gunst geboten, ihm den einzigen Sohn zuzuschicken, sobald er Schwert und Lanze zu führen gelernt. Die Liebe und Treue, die der Vater ihm lebenslang erwiesen, denke er an Heinz zu vergelten. Und der Habsburger, versicherte Biberli, halte sein kaiserlich Wort. Schon nach wenigen Jahren sei sein junger Herr reif für den Hofdienst gewesen. Gotthart von Ramsweg, Frau Wendulas älterer Bruder, ein weidlicher Ritter, wäre nach dem Tode ihres Gemahls zu der Schwester verzogen, um des Ihren zu walten und den Neffen in den ritterlichen Künsten zu unterweisen. Bald habe der starke, behende, furchtlose Sohn eines tapferen Vaters es denn auch unter Führung eines solchen Lehrers manchem Aelteren zuvor gethan. Kaum achtzehn Jahre alt sei er gewesen, als die Frau Mutter ihn zu dem kaiserlichen Herrn entsandt. Wackere Rosse und die feinsten Stücke aus der Rüstkammer des Vaters, einen Waffenträger und Pferdeknecht habe sie ihm samt ihrem Segen mit auf den Weg gegeben, und der Ritter Ramsweg, sein Ohm, es auf sich genommen, ihn nach Lausanne zu geleiten, wo Kaiser Rudolf damals Hof hielt, um mit Papst Gregor, dem zehnten seines Namens, wegen eines neuen Kreuzzuges zu verhandeln. Von ihm, den sie da sehe, sei noch keine Rede gewesen. Am Abend vor dem Aufbruch aber hätte ein Fahrender auf der Burg Einlaß gefunden und von den Thaten der früheren Kreuzfahrer gesungen und dabei gar beweglich der Verlassenheit gedacht, mit der der wunde Ritter Wiesenthau auf dem Schmerzenslager gelegen. Da sei ihr der verstorbene älteste Sohn in den Sinn gekommen 26 und die brüderliche Wartung, die er, Biberli, ihm hatte angedeihen lassen. »Und darum,« fuhr der Diener fort, »trug sie mir in der Besorgnis ihres mütterlichen Herzens auf, auch Heinz, ihr teures Herzblatt, als Herrenknecht zu begleiten und über sein Wohlergehen zu wachen. »Weil ich der Feder mächtig, sollte ich auch dann und wann schreiben, was einer Mutter frommt von dem Sohn zu erfahren. Sie hegte ein gutes Zutrauen zu mir, weil sie mich als treu und standhaft befunden. Ich aber, wenn ich damals Frau Wendula in die Hand geschworen, daß sie sich nicht in mir betrogen sehen sollte, so hab' ich Wort gehalten in allen Stücken. Als wär' es gestern gewesen, steht jener Abend mir heute noch im Gedächtnis. Damit ich stets vor Augen behalte, welchen Lobes mich Frau Wendula gewürdigt, vermaß ich mich, die Schwestern meines jungen Herrn zu ersuchen, mir ein T' und S in den Kogel und in das neue Gewand zu sticken, und noch in der nämlichen Nacht wurde solches von den Fräulein gar säuberlich verrichtet. Seitdem aber begleiten mich diese beiden Anfangsbuchstaben oder Initiales, wohin das Roß uns auch führt, und wie er nach dem Marchfelde seinen Herrn mit Mühe und Sorge gesund gepflegt, so denkt Biberli auch Dir, seiner einzigen Herzliebsten, zu bewähren, daß er mit gutem Recht sein T und S trägt.« Für diese guten Worte gönnte Kätterle dem Freunde mit solcher Hingebung den gebührenden Lohn, daß es ein Raub an dem Monde war, ihr nicht zuschauen zu dürfen. Ganz unbefriedigt sollte seine Neugier indes dennoch 27 nicht bleiben; denn als Biberli fand, die Zeit sei für ihn gekommen, auf dem Rathause nachzusehen, ob Ritter Heinz Schorlin, sein Herr, nicht seiner Dienste bedürfe, trat Kätterle mit ihm vor die Hausthür. Dort fanden sie noch mancherlei zu reden und zu thun, bevor sie sich trennten. Zunächst begehrte die Schweizer Magd zu wissen, wie Kaiser Rudolf Heinz Schorlin empfangen und erhielt die erfreulichste Auskunft. Schon zu Lausanne, wo er den ersten Sieg beim Lanzenstechen erfocht, habe Heinz den Ritterschlag erhalten. Nach dem Marchfelde aber sei er dem Kaiser immer lieber geworden, zumal auch eine feste Freundschaft seinen Herrn mit Hartmann, dem achtzehnjährigen Sohne Rudolfs, verbinde, der jetzt aber am Rhein sei. Erst heute hätte Heinz einen klingenden Beweis der kaiserlichen Gnade erhalten und wäre darum auch gar wohlgemut zum Tanze gegangen. So gute Kunde über den Ritter, der ihrer jungen Herrin vielleicht jetzt schon begegnet sein konnte, weckte in der Magd, die sich gern in der ihrem Geschlechte teuren Beschäftigung des Ehestiftens versucht hätte, hochfliegende Anschläge, die nichts Geringeres bezweckten, als aus ihrer jüngeren Herrin und Heinz Schorlin ein Paar zu machen. Biberli aber hatte kaum gewahrt, worauf die Rede Kätterles zielte, als er sie beunruhigt und mit der Versicherung, er habe schon zu lange gesäumt, unterbrach und es kurz mit dem Abschiede machte, bevor er sie verließ. Die Ehe seines Herrn mit einer Jungfrau von städtischem Adel, der in seinen Augen weit hinter dem eines Ritters Schorlin zurückstand, sollte seinem Heinz keinen Stein 28 in die Ruhmesbahn werfen, die ihn so schnell aufwärts führte. Es mußte auch noch viel Wasser ins Meer laufen, bevor Biberli ihm aus gutem Herzen den Rat erteilen konnte, dem freien fröhlichen Leben von heute zu entsagen und im eigenen Neste Ruhe zu suchen. Mochte Eva Ortliebin so holdselig sein wie die gnadenreiche Jungfrau in eigener Person und dem Ritter Heinz das leicht entzündbare Herz wie heiß auch immer entflammen, in die lähmende Knechtschaft der Ehe sollte er sich auch von ihr nicht locken lassen, so lange er da war und über ihn wachte. Mußte einmal geheiratet sein, dann hatte er etwas anderes für ihn im Sinn, das ihn auf einen Schlag zum großen Herrn machte. Aber auch dafür war es zu früh. Als er über die Fleischbrücke auf den Markt kam und dem hellerleuchteten Rathause zuschritt, hatte er Mühe, vorwärts zu kommen; denn der ganze Platz war von Neugierigen, Dienern in bunten Festkleidern, Sänften, reich geschirrten Rossen und Fackelträgern erfüllt. Der Troß der Montforts, die im Ortliebhofe Quartier gefunden, gehörte zu den glänzendsten und zahlreichsten von allen, und schmunzelnd ließ er den Blick über die mit Gold beschlagene Sänfte der jungen Gräfin schweifen. Ihr hätte er seinen jungen Herrn lieber gegönnt als der Städterin, die Kätterle noch dazu mit einem Wetterhahne verglich und der darum die hohe Tugend der Standhaftigkeit ganz gewiß abging.     Drittes Kapitel. Der Diener des Ritters Schorlin stand in vertrautem Verkehr mit vielen Bediensteten des Kaiserhauses, und ein Furier führte ihn auf den Altan der Stadtpfeifer, von wo aus sich der große Rathaussaal übersehen ließ. Da saß der Kaiser bei Tafel, und ihm zur Seite auf einem kleineren Thronsessel seine Schwester, die Frau Burggräfin von Zollern. Nur die Größten und Vornehmsten, die der Reichstag nach Nürnberg gezogen, samt ihren Damen, teilten das Mahl, das die Stadt ihnen auftrug. Aber dort – ziemlich weit von ihnen entfernt, indes doch noch auf dem für die Speisenden durch eine schwarzgelbe Seidenschnur abgeschlossenen Raume, getrennt von dem glänzenden Gewimmel der übrigen Gäste, gewahrte er – er wollte den eigenen Augen nicht trauen – den Ritter Heinz Schorlin, seinen Herrn, und neben ihm ein junges Weibsbild von wunderbar holdseligem Liebreiz. Seit länger als drei Jahren hatte er Eva Ortliebin nicht gesehen, und doch wußte er, daß sie es war und keine andere. Aber wie das flinke, eckige Ding mit den 30 hageren Aermlein sich herausgewachsen hatte! An prächtigen, dem Auge wohlgefälligen Weibsbildern von jedem Alter und von jeder Gestalt mangelte es hier im Saale gewiß nicht. Manche mochte sich auch wohl einer glänzenderen, vornehmeren Schönheit rühmen; an herzbestrickender Anmut konnte sich sicherlich keine mit derjenigen messen, auf die Kätterle für seinen Herrn ein Auge geworfen. Sie hatte ja nur bescheidentlich darauf hinzudeuten begonnen; aber das schon war verdrießlich; denn es dünkte Biberli, als habe sie den Teufel damit an die Wand gemalt, und er wollte nicht, daß er komme. Mit einem leisen, seiner Ehrbarkeit übel anstehenden Fluche schickte er sich an, den Altan zu verlassen; doch wie mit geheimnisvoller Gewalt fesselte ihn, was es da unten zu sehen gab, wenn es ihn auch mit immer neuem Verdruß erfüllte. Besonders wenn ihm das wundervolle Ebenmaß der kraftvollen und doch nicht übermäßig großen Gestalt Heinz Schorlins, sein köstlich gewelltes Haar und die vornehme Leichtigkeit, mit der er das prächtige, links saphirblaue, rechts weiße mit Silberfalken bestickte Sammetgewand trug, ins Auge fielen, oder wenn er gewahrte, wie huldreich ihm die Größten und Höchsten nach dem Mahle begegneten, meinte er einen bitteren Geschmack im Munde zu verspüren. Wahrlich nicht aus Neid, sondern weil der Gedanke ihm ins Herz schnitt, dies herrliche, schon in jungen Jahren ruhmreiche Glückskind, das er liebte, sollte sich an die Tochter eines städtischen Kaufherrn verlieren, wenn dessen bunten Kram, den er vorhin kennen gelernt hatte, auch ein adelig Wappenschild zierte. Aber Heinz Schorlin hatte schon manche Vornehmere 31 an sich gezogen, um ihrer bald genug überdrüssig zu werden! – Auch diesmal hätte Biberli gelassen auf seinen Leichtsinn gebaut, wäre der nichtswürdige Wunsch Kätterles nur unausgesprochen geblieben, – hätte Heinz nur so keck und übermütig mit der Ortliebin verkehrt, wie es mit anderen Damen sonst seine Art war. Doch einen wie bescheidenen, schier andächtigen Glanz gewann sein Blick, wenn er der Kaufmannstochter in die großen blauen Augen schaute. Und wie sie die aufschlug! Das mußte ja den härtesten Weiberhasser behexen! Und dem treuen, standhaften Biberli ballten sich die Fäuste, und einmal kam ihm sogar der Gedanke, »Feuer« in den Tanzsaal hinunter zu rufen, um alles, was sich da freute, umwarb und umwerben ließ, aus einander zu treiben. Aber die da unten gewahrten nichts von ihm und seinem Zorne, und am wenigsten wohl sein Herr und die Jungfrau, die sich so ungern hierher begeben. Daheim hatte Eva in der That alles daran gesetzt, um dem Rathause fern bleiben zu dürfen. Herr Ernst Ortlieb, ihr Vater, war indes unerbittlich geblieben. Dem kleinen Manne mit dem bartlosen Gesicht und den eingefallenen Wangen hatte das Kinn sogar schon zu zittern begonnen, und das pflegte der Vorbote eines Ausbruchs des Jähzorns zu sein, der ihn bisweilen mit solcher Macht übermannte, daß er Dinge beging, die er später bereute. Und er war diesmal gezwungen gewesen, das Widerstreben seines eigenwilligen Kindes unter keiner Bedingung zu dulden; hatte Kaiser Rudolf doch den »Ehrbaren« vom Rate ans Herz gelegt, ihm selbst und seiner 32 Schwiegertochter, der Herzogin Agnes, die er bei ihrem kurzen Besuch wohl zu unterhalten wünschte, zu Gefallen, die schönen Hausfrauen und Töchter bei dem Fest auf dem Rathause nicht fehlen zu lassen. Die sieche Gattin des Herrn Ortlieb konnte der Els, ihrer älteren Tochter und treuen Pflegerin, in dieser Zeit nicht entbehren. Da hatte er denn von Eva Gehorsam verlangt und sie gezwungen, von ihrem Widerstande gegen den Besuch des Festes zu lassen; ihr aber war vor der lauten weltlichen Lust bange gewesen, ja es hatte sie vor ihr gegraut. Schon als sie noch zu den Klarissinnen in die Schule ging, hatte sie sich oft gefragt, ob es für sie nicht das Schönste sein würde, wie Muhme Kunigunde, die Aebtissin des St. Klaraklosters, sich dem Heiland anzugeloben und auf vergängliche Freuden zu verzichten, um sich die Seligkeit des Himmels zu sichern. Die dauerte ewig und konnte schon hienieden beginnen bei einem stillen Leben ganz in und mit Gott, bei einem hingebenden Sichhineindenken in das ganz von Liebe gesättigte Wesen des Heilands und auch in die großen Schmerzen, die er aus Liebe auf sich genommen. O, auch das Leiden und Bluten mit dem Höchsten war reich an geheimnisvollen Wonnen; ja, mit dem seligen Nachgefühl, das jene Stunden der frommen Ekstase in ihr zurückließ, konnte keine irdische Freude sich messen. Manchmal hatte sie sich auch lange mit geschlossenen Augen in das Himmelreich hineingeträumt und, selbst ein Engel, unter Engeln zu weilen vermeint. Wie oft hatte sie sich gefragt, ob weltliche Minne größere Lust bringen könnte als solch ein seliges Träumen oder als die Wanderungen 33 durch den Garten und den Reichsforst, bei denen ihr die Aebtissin vom heiligen Franz von Assisi erzählte, dem auch ihr Orden den Ursprung verdankte, dem besten und warmherzigsten unter den Nachfolgern Christi, von dem der Papst selbst gesagt, daß er noch diejenigen erhöre, die Gott nicht erhören wollte. Da war außerdem kein Kraut, keine Blume, keine Tierstimme im Walde, die die Muhme Kunigunde nicht gekannt hätte. Und aus allem, was dort das Ohr vernahm und das Auge schaute, waren ihr wie dem heiligen Franz Stimmen entgegengeklungen, die für die Güte und Größe des Höchsten Zeugnis ablegten. Mit jeder Kreatur Gottes fühlte die Aebtissin sich schwesterlich verbunden und lehrte auch Eva sie ans Herz ziehen und, wie einer, der sich dem Kinde hold erweist, die Liebe der Mutter erwirbt, durch die Liebe zu seinen Geschöpfen die des Schöpfers zu gewinnen. Die anderen hatten sie gut tadeln, weil sie sich von den Freundinnen und Vergnügungen der Schwester zurückzog. Ihnen waren eben die Wonnen der Einsamkeit fremd geblieben, die sie die Muhme und ihr Heiliger kennen gelehrt. Oft demütig, öfter noch, wenn das schnelle Blut sie fortriß, heftig aufbrausend und unter Thränen hatte sie Störungen und Verweise hingenommen, dabei aber stets im stillen gedacht, auch ihre Zeit werde kommen, auch ihr werde es vergönnt sein, ganz allein, Eins mit ihrem Gotte und Heiland, die Wonnen der Seligkeit zu genießen. Sie liebte die kranke Mutter, sie hing an dem Vater, so oft auch sein jähes Aufbrausen sie erschreckte;. aber es wäre ihr dennoch köstlich erschienen, es den Heiligen nachthun und alle Bande zerschneiden zu dürfen, die sie mit 34 der Welt und ihren hemmenden Anforderungen verknüpften. Sehnsüchtig wartete sie schon längst des Tages, an dem es ihr gestattet sein sollte, die Aebtissin zu bitten, ihr Einlaß in das Kloster zu gewähren, dessen Pforten weit für sie offen standen, schon weil ihre Eltern, neben den Brüdern Ebner, die es gestiftet, das meiste für seine Erhaltung thaten. Aber sie hatte sich Geduld auferlegen müssen; denn Els, ihre ältere Schwester, folgte wohl bald ihrem Wolff, und dann war es an ihr, der siechen Mutter zu warten. Das gebot ihr das Herz, und die Aebtissin hatte gesagt: »Laß sie an Deiner Hand in die Seligkeit eingehen, bevor Du bei uns beginnst, mit ganzer Kraft für die eigene Seligkeit zu sorgen. Auch damit kommst Du auf einer schönen Reihe von Stufen Deinem erhabenen Ziele näher.« Aber Eva hätte lieber jetzt schon fern von der Welt dem Höchsten die Hand gereicht zum unverbrüchlichen Bündnis. Was Wunder, daß es ihr, mit solchem Ziele vor Augen, tief widerstrebte, in das bunte Treiben eines lärmenden Tanzfestes zu treten. Mit ernstlichem Widerwillen hatte sie sich von Kätterle und der Schwester schmücken lassen und die Sänfte bestiegen, die sie auf das Rathaus führen sollte. Wohl war ihr das eigene Bild, das der Spiegel ihr zeigte, reizend genug erschienen, wohl hatte das laute Entzücken der Dienstboten und der anderen, die ihren Staat bewunderten, ihr gut gethan; gleich darauf aber war ihr die Eitelkeit dieser Regung bewußt geworden, und während sie sich in der Sänfte dem Rathause näherte, 35 hatte sie ihre Heilige um Beistand angefleht, sie zu überwinden. Redlich bestrebt, dieser Verirrung Herr zu werden, war sie bald nach dem Kaiser und seiner jungen Schwiegertochter in den Tanzsaal getreten; dort aber hatten sie von dem Altane der Stadtpfeifer und Spielleute her, längst bevor Biberli ihn erstieg, dieselben Fanfaren mit empfangen, die die hohen Gäste der Stadt begrüßten und in die sich die Trompetenstöße der Herolde mischten. Da war ihr von tausend Kerzen an Kronleuchtern und Kandelabern ein tageshelles Leuchten entgegengeglänzt, und verwirrt von all dem Schall und den Lichtwellen, die auf sie einwogten, war sie dem Vater näher getreten, und hatte sich, seines Schutzes bedürftig, an ihn geschmiegt. Vor allem fehlte ihr die Schwester, mit der sie herangewachsen, die ihr zum andern Ich geworden, und deren sie am meisten bedurfte, wenn sie aus ihrem stillen Innenleben heraus in die Welt trat. Erst war sie gesenkten Blickes stehen geblieben; bald aber hatte sie das Auge unter all dem Federgewoge und Edelsteingefunkel, unter all der Sammet- und Seidenpracht, dem Goldglanz und Perlenschimmer herumschweifen lassen. Bisweilen war in der Kirche nicht viel weniger Glänzendes zu sehen gewesen, und auch ohne den Hinweis der Schwester hatte sie darnach ausgeschaut; aber wie so ganz anders war es geschehen! Da hatte sie sich der eigenen bescheidenen Kleidung gefreut und sich gesagt, daß ihre Schlichtheit dem Höchsten und ihrem Heiligen genehmer sei als der eitle Prunk der anderen, denen sie es so leicht hätte nach- oder sogar zuvorthun können. Hier aber 36 drängte sich ihr die bange Frage auf, wie sie sich unter den anderen ausnehmen möge. Sie wußte ja, daß die Brokatsuckenie Langes Frauengewand, das mit einem Halsausschnitt an der Brust fest anlag und von den Hüften an weiter wurde. , die der Vater für sie aus Mailand verschrieben, köstlich, daß das Meergrün auf der rechten wohl zu dem Weiß auf der linken Seite stand, daß die in Silber gestickten Ranken und Maiblumen, die über dem Ganzen ausgestreut zu sein schienen, sich gar luftig und leicht ausnahmen; aber dabei wollte die Empfindung sie nicht verlassen, alles, was sie trug, sei in Unordnung geraten, – hier müßte sich etwas verschoben, dort etwas Schaden gelitten haben. – Els, die auf alles acht hatte, was ihr äußeres Wesen anging, war nicht da, um es zurecht zu rücken, und sie fühlte sich ernstlich unwohl in diesem weltlichen Glanze und Treiben. So verlassen wie unter all diesen ihr meist fremden Herren und Frauen hatte sie sich nimmer gefühlt, trotz der Nähe des Vaters. Ja, die Schwester! Hätte sie ihre Els nur herbeizaubern können, sie, die mit den anderen Jungfrauen ihres Alters und Standes, von denen hier wenige fehlten, auf Du und Du stand, – dann wäre wohl manche gekommen, um sich an sie zu schließen; sie aber stand mit keiner in traulichem Verkehr, und wenn auch manche sie begrüßte, hielt doch keine bei ihr aus. Jede besaß hier Freundinnen, die ihr so viel näher standen. Die junge Gräfin Montfort, ihre Alters- und Hausgenossin, trat auch nur flüchtig an sie heran. 37 Doch das war ihr genehm; denn Cordulas freies Wesen widerstand ihr. Viele, die ihrer Els lieb waren, scharten sich um Ursula Vorchtelin, die Tochter des reichsten Mannes der Stadt, und sie ging den Ortliebs geflissentlich aus dem Wege; denn bevor Wolff Eysvogel sich um Els bewarb, waren er und Ursula für einander bestimmt gewesen. Eben gelobte sich Eva im stillen, dies erste Tanzfest sollte auch das letzte sein, als der kaiserliche Schultheiß, Herr Berthold Pfinzing, ihr Firmpate, kam, um sie dem Kaiser vorzuführen, der Herrn Ernst Ortlieb, dessen Sohn auf dem Marchfelde im Kampfe für ihn gefallen, und sein Töchterlein zu sehen begehrte. Seine »kleine Heilige«, fügte der Schultheiß hinzu, nehme sich übrigens bei der Musik der Stadtpfeifer nicht minder holdselig aus als beim Orgelklange im Betstuhl. Da war Eva das Blut aus den Wangen gewichen, und wenn sie die Schwester noch vor wenigen Stunden gefragt, was denn die Größe des Kaisers vor Gott dem Herrn bedeute, daß sie um seinetwillen gezwungen werden sollte, dem Heiligsten untreu zu werden, zwang sie jetzt dennoch die Scheu vor der Majestät des mächtigen Herrschers, bang und schneller zu atmen. Wie sie an der Hand des Herrn Pathen vor den Thron Kaiser Rudolfs gelangt war, wußte sie später nicht mehr zu berichten; denn was dann gekommen war, das hatte einem bunten, bald qualvollen, bald seligen Traume geglichen, aus dem sie erst durch die Mahnung des Vaters, es sei nun Zeit zum Aufbruch, erwacht war. Als sie das niedergeschlagene Auge, womit sie sich Kaiser Rudolf genähert, zu ihm erhob, hatte er aufrecht 38 vor dem für ihn bereiteten Throne gestanden. Um ihm ins Antlitz zu schauen, war sie genötigt gewesen, den Kopf rückwärts zu neigen; denn wie ein Rolandsbild überragte er mit den sieben Fuß seiner Größe, was ihn umgab, um eines Hauptes Länge. Als sie aber, nachdem die kaum den Kinderschuhen entwachsene Herzogin von Oesterreich. seine Schwiegertochter, und die Burggräfin von Zollern, seine Schwester, sie gnädig begrüßt und Eva, nachdem sie bescheidentlich gedankt, sich auch vor Kaiser Rudolf tief verneigt hatte, war ihr trotz ihrer Bangigkeit ein Lächeln um die Lippen geflogen; denn während sie das Knie am tiefsten neigte, hatte ihr Scheitel ihm nur bis über den Gürtel gereicht. Dies Lächeln aber mußte die Frau Burggräfin, eine heitere Matrone, wahrgenommen haben; denn sie hatte ihr gewinkt, ihr einige freundliche Worte gegönnt und ihr den jungen Ritter, der hinter ihr, zwischen ihrem und dem Sessel der jungen Herzogin Agnes von Oesterreich stand, bei Namen genannt, und als einen wackeren Tänzer empfohlen. Heinz Schorlin aber, der Herr des treuen und standhaften Biberli, hatte sich höfisch verneigt und ehrfurchtsvoll bemerkt, er hoffe sich nicht allzu unwürdig des Lobes aus solchem Munde zu erweisen. Dabei war sein Blick dem Evas begegnet, und die Frau Burggräfin mußte wohl wahrgenommen haben, mit wie warmer Bewunderung der Ritter auf die junge Nürnbergerin schaute; denn kaum war sie nach dem Abschiedsgruß zurückgetreten, als die hohe Frau leise, doch laut genug, daß Evas feines Ohr es verstand, ihm zurief: »Diese da, ist mir recht, wird gut thun, das Herzchen heute abend vor Dir, Wildfang, zu behüten. Welch holdseliges Engelsgesicht!« 39 Da war Eva vor Scham, aber auch vor Wohlgefallen an solchem Worte aus solchem Munde das Blut in die Wangen gestiegen, und allzu gern hätte sie erhorcht, was der Ritter sich jetzt der hohen Frau zuzuraunen getraute. Die junge Herzogin Agnes, die Tochter des Königs Ottokar von Böhmen und Gemahlin des dritten Sohnes des Kaisers, der seinen Namen Rudolf teilte, war während dieses Vorganges durch den Herzog von Nassau in Anspruch genommen worden, der ihr seine Damen vorgeführt hatte; kaum aber waren diese zurückgetreten, als sie Heinz Schorlin winkte und ihm, während sie ihn anredete, mit so warmem kindlichen Wohlgefallen in die Augen schaute, daß es Eva verdroß; denn sie fand es unziemlich für eine Gattin und Herzogin, so vertraut mit einem schlichten Ritter zu verkehren. Ja, die Mißbilligung über das Verhalten der Königstochter mußte ihr merkwürdig tief gehen; denn so lange sie mit dem Ritter plauderte, brauste es ihr laut vor den Ohren. Hübsch war das Antlitz der Böhmin doch wohl zu nennen; denn die dunklen Augen blitzten ihr frisch und lebensvoll aus den leicht gebräunten kindlichen Zügen, und obgleich sie um vier Jahre jünger als Eva, war ihre mittelgroße Gestalt wohl ausgebildet und bei aller Beweglichkeit von vornehmer Haltung. Im Gespräch mit Heinz Schorlin schien sie froh bewegt und von zutraulich unbefangener Wärme, doch gewann ihr Wesen schnell den Ausdruck der Enttäuschung und des selbstbewußten fürstlichen Stolzes, als ihr eine neue Gruppe von Herren und Damen vorgeführt wurde, die sie zwang, dem Schweizer mit einem bedauerlichen Achselzucken den Rücken zu wenden. Die Grafen und Gräfinnen, Ritter und Ritterfrauen, 40 die sie umstanden, entzogen sie den Blicken Evas, die nun, da auch Heinz Schorlin sich von der Böhmin entfernt hatte, dem Kaiser von neuem ihre Aufmerksamkeit zuwandte und ihm sogar näher zu treten wagte. Wie väterlich mild klang doch die tiefe Stimme Rudolfs, wie wohl gefiel ihr sein Antlitz! Auf Schönheit durfte das freilich keinen Anspruch erheben; denn dazu war die gebogene schmale Nase viel zu groß und lang gestreckt, dazu senkten die Mundwinkel sich zu tief nach unten, und vielleicht war es diese Besonderheit, die dem ganzen Antlitz einen so kummervollen Ausdruck verlieh. Sie glaubte auch zu wissen, woher er kam. Die Wunde, die ihm der Tod seines treuen Weibes, der Geliebten seiner Jugend, vor wenigen Monden geschlagen, schmerzte ihn noch immer. – Seine Augen konnte man weder groß noch glänzend nennen; doch wie freundlich, wie ernst und klug und – flog ihm etwas Scherzhaftes durch den Sinn – wie schelmisch wußten sie zu blicken! Sein hellbraunes Haar war für seine dreiundsechzig Jahre noch nicht stark ergraut, doch hatte es die Fülle verloren und floß ihm schlicht und nur am untern Saume leicht gebogen bis über den Hals nieder. Der Vater Evas hatte als junger Mann den zweiten Friedrich, den Hohenstaufen, in Italien gesehen und pflegte dies eine besondere Gunst des Schicksals zu nennen. Die Muhme Aebtissin sagte zwar, sie neide ihm nicht die Ehre, dem Antichrist begegnet zu sein; dagegen hatte sie heute nach der Messe Eva selbst geraten, sich das Bild des Kaisers Rudolf ins Gedächtnis zu prägen. Frommen großen Männern zu begegnen, erhebe das Herz und mache uns besser, weil wir uns ihnen gegenüber der eigenen 41 Kleinheit bewußt würden und unserer Pflicht, ihnen nachzueifern. Mehr als ein Lebensjahr würde sie willig hergeben, wenn es ihr noch vergönnt gewesen wäre, dem heiligen Franz, der sieben Jahre nach ihrer Geburt die Augen geschlossen, in das reine, liebreiche Antlitz zu schauen. So hatte denn Eva, die gewöhnt war, der verehrten Muhme Gehorsam zu leisten, sich redlich bemüht, jeder Bewegung des Kaisers Rudolf offenen Auges zu folgen; doch ihre Aufmerksamkeit war fortwährend abgelenkt worden, und zwar wiederum durch den jungen Ritter, von dem aus – die Schwester des Kaisers, die Frau Burggräfin Elisabeth, hatte es selbst gesagt – ihrem Herzen eine Gefahr drohen sollte. Aber auch die junge Gräfin Cordula Montfort, ihre Hausgenossin, zwang sie, nach ihr hinzuschauen; denn Heinz Schorlin war auf die lebhafte Vorarlbergerin zugetreten, und die freie Weise, mit der sie ihm begegnete und von der sie sich sogar hinreißen ließ, ihm mit dem Fächer auf den Arm zu schlagen, verdroß und kränkte sie, wie eine ihrem ganzen Geschlecht zugefügte Unbill. Daß eine Jungfrau hohen Standes sich solchen Gebarens vor den Augen des Kaisers und seiner hohen Schwester unterfangen durfte! Nicht um die Welt hätte sie es dulden mögen, daß ein Mann so mit ihr verkehrte und so über sie lachte. Der junge Ritter aber, den sie dies thun sah, war wiederum der Schweizer. Doch seine hellen Augen hatten vorhin mit so andächtiger Bewunderung auf ihr geruht, daß Unehrerbietigkeit gegen eine Dame gewiß nicht in seiner Art lag, und er sich nur genötigt sah, sich gegen seinen Wunsch und Willen der Gräfin und ihrer Keckheit zu erwehren. 42 Schon früher hatte Eva viel Rühmens von dem großen Heldenmut des Ritters Schorlin vernommen. Wenn Kätterle, deren Freund und Landsmann in seinen Diensten stand, von ihm geredet – und das war nicht selten geschehen – hatte sie ihn stets einen frommen Ritter genannt, und daß er in der That ein solcher war, gab er ihr deutlich genug zu erkennen; – denn wahrhaft inbrünstige Andacht lag in den Augen, mit denen er jetzt wie ein demütig Bittender die ihren abermals suchte. Eben rief die Musik zum polnischen Tanze, und wahrscheinlich hatte der Ritter, den ihr die Schwester des Kaisers selbst als Tänzer empfohlen, sich mit jenem Blicke bei ihr entschuldigen wollen, daß er nicht sie, sondern die Gräfin Cordula Montfort zur Partnerin erwählte. Darum hatte sie auch diesem Blicke nicht auszuweichen brauchen und dem Drange ihres Herzens folgen dürfen, ihm mit der stummen Sprache der Augen, die doch so wohl verständlich ist, eine Warnung zu erteilen. Vorhin hatte sie nicht dazu kommen können, seine Anrede auch nur mit einem Worte zu erwidern, und trotzdem meinte sie zu wissen, daß es ihr bestimmt sei, ihm näher zu kommen, wenn auch nur, um ihm zu zeigen, daß seine Macht, von der die Burggräfin gesprochen, an einem frommen Jungfrauenherzen scheitere. Und auch ihn mußte es zu ihr hinziehen; denn während ihr die Ehre widerfuhr, daß sie einer der stattlichen Söhne des Burggrafen von Zollern zu dem Marsche, den die Stadtpfeifer bliesen, im Saale auf und nieder führte, that er zwar mit seiner Dame das Gleiche, doch schaute er von ihr fort und auf sie hin, so oft sie an ihm vorbei kam. 43 Ihr Tänzer war gesprächig genug, und was er ihr von dem deutschen Orden berichtete, in den er, wie zwei seiner Brüder es schon gethan, zu treten gedachte, wäre ihr zu anderer Zeit wohl wert des Aufmerkens erschienen, jetzt aber folgte sie ihm nur mit halbem Ohre. Als der Tanz zu Ende war, und Ritter Schorlin auf sie zutrat, schlug das Herz ihr so laut, daß sie meinte, die Nachbarn müßten es vernehmen; bevor er aber noch das erste Wort an sie gerichtet, begrüßte sie der alte Burggraf Friedrich in eigener Person, frug nach der kranken Mutter, der munteren Schwester und der Muhme Aebtissin, die in der Jugend bei jedem Tanze die Königin gewesen, und ob sie in seinem Sohn einen ihr wohlgefälligen Tänzer gefunden. Eine seltene Auszeichnung war es, so von dem hohen Herrn ins Gespräch gezogen zu werden. Und doch hätte Eva ihn weit fortgewünscht, und ihre Antworten mochten einsilbig genug gelautet haben; aber die holde Verwirrung, die sich ihrer bemächtigt, stand dem sittigen, kaum erblühten Kinde so wohl, daß der Burggraf nicht von ihr wich, bis das Raien begann und er sie mit dem Ersuchen verließ, die Tarnkappe abzunehmen, die sie bisher zum Schaden der Ritter und Herren unsichtbar gemacht, und bei dem Tanzfeste, das er bald auf der Burg zu veranstalten gedenke, nicht zu fehlen. Kaum hatte der freundliche Herr sie verlassen, als sie sich nach demjenigen umwandte, der ihr vorhin doch sicherlich genaht war, um sie zum Raien zu führen; aber da stand er wieder neben Cordula Montfort, und ein scharfer Groll bemächtigte sich ihrer. Noch kecker als vorhin forderte die junge Dame ihn 44 heraus, indem sie das Haupt so stürmisch zurückwarf, daß der turbanartige Wulst auf ihrem Scheitel, trotz der breiten Binde, die ihn unter dem Kinn festhielt, beinahe zu Boden gefallen wäre. Doch ihr Aufbegehren verfehlte nicht nur die Wirkung, sondern schien den Ritter zu verdrießen. Und was konnte das Mädchen ihm auch gewähren, das in den die Mode überbietenden Prunkgewändern eher einer Türkin glich als einer christlichen Jungfrau. Stattlich war sie gewiß, und Els hatte vielleicht recht, wenn sie aus ihren derben Zügen eine gewisse Gutmütigkeit herauserkennen wollte, – aber an Liebreiz und dem Zauber sittsamer Weiblichkeit fehlte es ihr gänzlich. Die freundlichen grauen Augen und die vollen Lippen schienen nur da, um zu lachen, und solche Fülle der Gestalt mochte einer Ehefrau anstehen, nicht einem Fräulein in ihren jungen Jahren. Kein Fehler oder Fehlerlein entging Eva bei dieser Musterung. Daneben erinnerte sie sich auch des eigenen Spiegelbildes, und ein zufriedenes Lächeln umspielte ihr den roten Mund. Jetzt verneigte sich der Ritter. Ob er die Gräfin wieder zum Tanze führen wollte? Aber nein! Er wandte ihr den Rücken und schritt ihr entgegen. Da flog es Eva wie Sonnenschein über das holde Kindergesicht, und die Möglichkeit, ihm das Raien an seiner Hand zu versagen, kam ihr nicht einmal in den Sinn; er aber bekannte ihr aus freien Stücken, daß er Gräfin Cordula nur auf Befehl der Frau Burggräfin zum polnischen Tanze geführt, daß er jedoch, nun es ihm vergönnt sei an ihrer Seite zu weilen, die verlorene Zeit einzubringen gedenke. 45 Und er hielt Wort und ließ es sich an dem Raien mit ihr keineswegs genügen; denn nachdem die junge Herzogin Agnes ihn zu einem Zäunertanz gerufen und dabei abermals viel vertraulicher mit ihm verkehrt hatte, als es die sittige Nürnbergerin billigen konnte, überredete er Eva, es auch beim Schwäbeln mit ihm zu versuchen. Und sie, obgleich ihr dergleichen stets zuwider gewesen, that ihm den Willen, und ihre natürliche Anmut sowie der musikalische Taktsinn, der ihr eigen, halfen ihr, die fremden Schritte dieses Tanzes im Fluge zu treffen. Dabei raunte er ihr zu, höhere Wonne als es ihm bereite, so mit ihr im Arme dahinzuwallen, könnte auch den Engeln im Himmel nicht vergönnt sein; sie aber schaute glückselig zu ihm auf und neigte leise bejahend das Köpfchen. Lieber hätte sie ihm freilich laut und innig zugerufen: »Ja gewiß! Und von Dir, Du lieber, freundlicher Gesell, meint die Frau Burggräfin, drohe mir Gefahr, und ich thäte gut, mich vor Dir zu hüten!« Vor allem fühlte sie sich ihm zu Dank verpflichtet. Wie wäre es ihr hier ohne ihn ergangen! Und dazu hatte es ein so wundersames Wohlgefühl in ihr erweckt, ihm in die Augen zu schauen, sich von seinem starken Arm durch den weiten Raum schwingen zu lassen, dicht an ihn geschmiegt zu ahnen, daß sein schnell pochendes Herz den Schlag des ihren empfinde. Statt ihr wehe zu thun, ihr übel zu wollen und Unrechtes von ihr zu begehren, trug er gewiß nichts für sie im Sinn als Gutes. Als stände er an der Stelle ihres einzigen Bruders, der in der Schlacht auf dem Marchfelde gefallen, war er um sie besorgt. – Alle Tänze mit ihr zu tanzen – er hatte es selbst gesagt – wäre ihm das 46 liebste gewesen, doch der Wohlanstand und die fürstlichen Damen, die ihn an ihre Seite befahlen, ließen es nicht zu. Dafür kam er in jeder Pause zu ihr, um wenigstens einige kurze Worte und einen Blick mit ihr zu wechseln. Während der längsten, die über eine Stunde dauerte und der Erfrischung der Gäste gewidmet war, führte er sie in einen Nebenraum, den man in einen blühenden Garten verwandelt. Dort standen hinter grünen Birkenstämmen, in deren Zweigen bunte Lampen hingen, und bei den Rosenbüschen, die einen kleinen duftenden Springquell umgaben, Ruhesitze, und Eva war dem Schweizer schon über die Schwelle gefolgt, als sie in der grünen Laube im Hintergrund des Gemaches Gräfin Cordula wahrnahm, der einige junge Ritter zu Füßen knieten oder lagen und unter ihnen Seitz Siebenburg, der Schwager Wolff Eysvogels, des Bräutigams ihrer Schwester. Das Verhalten des Eheherrn und Vaters, dem sein Weib vor kaum sechs Wochen ein Zwillingspaar, zwei prächtige Büblein, geschenkt und der seiner Pflichten um Cordulas willen so schmählich vergaß, trieb ihr vor Unwillen das Blut in die Wangen, während der halb mißbilligende, halb bekümmerte Blick, mit dem der Ritter Altrosen bald auf die Gräfin, bald auf Siebenburg schaute, sie lehrte, daß sie selbst auf dem Wege sei etwas zu begehen, das die Besten nicht gut heißen konnten; denn den Altrosen, der dort stumm neben der Gräfin an der Wand lehnte und sich das kohlschwarze Haar aus dem blassen Gesicht strich, hatte der Ohm Schultheiß den edelsten unter der gesamten jüngeren Ritterschaft genannt. Daß hier kein Platz für sie sei, rief ihr auch eine Stimme im eigenen Innern zu. Wäre Els bei ihr gewesen, sagte 47 sie sich, hätte sie ihr sicher nicht gestattet, allein mit einem Ritter in dies Gemach, wo es so ausgelassen herging, zu treten, und dieser Gedanke entzog sie auf kurze Zeit dem seligen Rausche, in dem sie bis dahin geschwelgt, und erweckte in ihr die Ahnung, daß dennoch eine Gefahr darin liege, sich Heinz Schorlin sorglos zu überlassen. »Hier nicht,« bat sie den Ritter, und er that ihr ungesäumt den Willen, obgleich Gräfin Cordula ihm laut und als sei er allein und nicht der Begleiter einer Dame, munter gebot, da zu verweilen, wo sich der Frohsinn unter Rosen eine Hütte baute. Daß ihr neuer Freund die junge Gräfin nicht einmal einer Antwort würdigte, that Eva wohl. Aus seinem Gehorsam meinte sie auch zu erkennen, ihr Bangen sei vergebens gewesen. Dennoch legte sie sich so ernstlich strengere Zurückhaltung auf, daß er es wahrnahm und sie frug, welche Wolke den reinen Glanz seines holden Sonnenscheins trübe. Da schlug sie das Auge nieder und versetzte leise: »Ihr hättet mich nicht dahin führen sollen, wo man der Scheu vergißt, die man der Sittsamkeit schuldet.« Heinz Schorlin aber verstand sie und freute sich dieser Antwort; denn auch in seinen Augen überschritt Gräfin Cordula an diesem Abend die Freiheit, die man ihr vor anderen vergönnte. In Eva meinte er das Urbild schöner und reiner Weiblichkeit gefunden zu haben. Er hatte ihr das Herz geschenkt, seit ihr Blick dem seinen zum erstenmal begegnet war. Sie in allen Stücken so zu finden, wie er sie sich gedacht, bevor er noch das erste Wort von ihren Lippen vernommen, steigerte das Wohlgefühl, das ihn erfüllte, zur reinsten Glückseligkeit, die er jemals empfunden. 48 Für wie viele hatte er schon in flüchtiger Minne geglüht; keine aber war ihm auch nur entfernt so liebenswert erschienen, wie dies junge anmutsvolle Geschöpf, das ihm so kindlich vertraute, dessen unschuldige Sicherheit neben ihm, dem gefürchteten Herzensbrecher, ihn rührte. Noch keiner gegenüber war es ihm in den Sinn gekommen, sich zu fragen, ob sie seinem Mütterlein daheim wohlgefallen würde. Der Gedanke, die verehrte Frau könnte einen Zauberspiegel besitzen, der ihr den leichtfertigen Sohn zeigte, wie er mit den gefälligen Schönen koste, deren Zärtlichkeit ihm neben dem Würfelspiel das Blut am stärksten erregte, hatte ihm sogar, seit Biberli ihn darauf gebracht, bisweilen die Ruhe gestört. Als Eva aber mit der gläubigen Zuversicht eines vertrauensvollen Kindes froh zu ihm aufblickte, sagte er sich, es könnte nichts Wonnigeres geben, als die Mutter daheim dies anmutsvolle Geschöpf herzen und es ihr liebes Töchterlein nennen zu hören. Der Wagemut war ihm wie gebrochen, und eine weiche, ihm bis dahin fremde Bewegung ergriff ihn, als sie ihm zuflüsterte: »Führt mich an eine Stelle, wo alle uns sehen, wo es uns aber vergönnt ist, keines andern zu achten.« Was in dem kleinen Worte »uns« doch alles gelegen war! Es zeigte ihm, daß sie sich selbst und ihn schon als ein einiges zusammengehörendes Etwas zu denken vermochte. Ihrem lauteren Wesen konnte ja auch nichts genehm sein, was sich vor dem Licht der Sonne und den Augen der Menschen hätte verbergen müssen. Und ihr Wunsch war erfüllbar. Die Stelle des Saales, an der Biberli ihn mit ihr 49 entdeckt und wo dem Kaiser und den ihm am nächsten stehenden Herren und Damen, zu denen sich auch einige hohe Kirchenfürsten gesellt, eben Erfrischungen gereicht wurden, war von den Bannerherren abgeschlossen worden, und kein Unberufener durfte sie betreten; er aber gehörte zu der nächsten Umgebung des Herrschers und hatte überall Zutritt. So führte er denn Eva hinter die schwarzgelbe Schnur zu zwei frei stehenden Stühlen im Hintergrunde des Raumes, wo man für den Kaiser und die anderen höchsten Gäste der Stadt die Tafel schnell aufgerichtet hatte. Diese Sessel waren den Blicken aller Anwesenden erreichbar, und doch hätte man ihn und seine Dame dort ebenso wenig stören dürfen wie die Tischgenossen des kaiserlichen Paares. Unbesorgt folgte Eva dem Ritter auf den gut gewählten Platz und ließ sich neben ihm nieder. Ein ihm vertrauter junger Schenk von gräflicher Geburt reichte ihm und seiner Begleiterin ungerufen funkelnden Malvasier in venetianischen Gläsern, und Heinz begann das Gespräch, indem er Eva bat, mit ihm anzustoßen auf die vielen durch ihre Huld verschönten Tage, die, wenn die lieben Heiligen sein Gebet erhörten, diesem köstlichsten Abend seines Lebens folgen sollten. Sie zu bitten, ihm den Wein zu kredenzen, unterließ er; denn er wußte, daß mancher unter den Gästen im Saal auf sie hinsah; auch kam das mutwillige Gräflein wieder und wieder, um ihm den Pokal zu füllen; er aber wollte alles vermeiden, was zu Stichelreden herausfordern konnte. Der junge Schenk ließ übrigens von ihm ab, nachdem er gewahrt, mit wie achtungsvoller Zurückhaltung 50 er seiner Dame begegnete. Bald war er auch gezwungen, den Saal mit seinem Lehnsherrn, dem Herzog Rudolf von Oesterreich, zu verlassen, der morgen in der Frühe nach Kärnthen aufbrechen mußte und sich, ohne an dem Gastmahle teil zu nehmen, mit seiner Gemahlin entfernte. Jetzt begleitete sie den Gatten auf die Burg, – doch sollte sie in Nürnberg zurückbleiben, um während des Reichstages dem einsamen verwitweten Kaiser, der die junge böhmische Königstochter besonders ins Herz geschlossen hatte, Gesellschaft zu leisten. Vorher und während des Tanzes mit Heinz hatte sie ihn gebeten, sich des edlen arabischen Rosses – ein Geschenk des Sultans Kalaûn an den Kaiser – das dieser ihr verehrt hatte, anzunehmen, und dabei die Hoffnung ausgesprochen, dem Ritter recht oft zu begegnen. In dem Gespräch, das der Schweizer mit Eva begann, war er zuerst genötigt, die eigene Verteidigung zu führen; denn sie hatte ihm bekannt, daß sie die Mahnung der Frau Burggräfin vernommen, sich vor ihm zu hüten. Dabei war es ihr angelegen gewesen, dem Ritter zu zeigen, daß ihr Herz nach anderer als nach weltlicher Minne trachte, und daß sie sich sicher fühle, vor wem es auch sei, weil die heilige Klara jederzeit über sie wache. Da zeigte er ihr, daß er in Frömmigkeit erzogen, daß er wisse, wie eng ihre Patronin mit dem heiligen Franz von Assisi zusammenhing, und daß auch er von diesem Gottesmanne mancherlei in Erfahrung gebracht. Sie aber frug mit warmer Teilnahme, wo und von wem, und er vertraute es ihr gern. Auf dem Wege von Augsburg nach Nürnberg war 51 ihm, da er dem kaiserlichen Hoflager vorausritt, bei Treuchtingen ein alter Barfüßler begegnet, der, von der Hitze des Tages erschöpft, an der Straße zusammengesunken war. Wie entseelt hatte er das Haupt an den Stamm eines Kreuzes gelehnt, und Heinz war mitleidig abgestiegen, um zu sehen, wie es mit dem Greise bestellt sei. Einige Schluck Wein hatten ihm die Besinnung zurückgegeben, doch die matten, wunden Füße ihn nicht weiter tragen wollen. Aber es wäre dem Greise schmerzlich gewesen, die Wanderung unterbrechen zu müssen; denn das Generalkapitel zu Portiuncula in Italien hatte ihn mit einer wichtigen Botschaft an seine Ordensbrüder in Deutschland und vornehmlich auch in Nürnberg entsandt. Der alte Minoritenpater war von besonders ehrwürdigem Aussehen, und als er gelegentlich erwähnte, er habe den heiligen Franz in eigener Person gar wohl gekannt und zu denen gehört, die ihn während seiner letzten Krankheit gepflegt, war ein Wettstreit zwischen Heinz Schorlin, dem Waffenträger und seinem Diener Walther Biberli entbrannt; denn jeder hatte begehrt, den Sattel für den Greis zu räumen und ihm zu Liebe und um des Gotteslohnes willen zu Fuß weiter zu wandern. Aber der Minorit war nicht zu bewegen gewesen, seinem Eide, nie wieder einen ritterlichen Streithengst zu besteigen, zuwider zu handeln, und wäre es nicht aus seinen Worten hervorgegangen, hätte es, versicherte Heinz, doch der vornehme Anstand seines Wesens verraten, daß er einem edlen Geschlechte entstammte. Die Beredsamkeit Biberlis hatte ihm auch hier zum Siege verholfen, und obgleich der Roßknecht noch einen ledigen jungen Hengst am Zügel führte, den der frühere Schulmeister hätte 52 besteigen können, war er doch wohlgemut neben dem alten Bruder dahin geschritten und hatte mit seinem langen Gewande den Staub gefegt. In der Herberge war dem Ritter und seinen Leuten dann reichlich vergolten worden, was sie dem Minoriten Gutes gethan; denn er wußte fesselnd und erbaulich zu erzählen, und vieles was er von dem heiligen Franz berichtet hatte, wiederholte Heinz seiner Dame, die ihm aufmerksam das Ohr lieh. Damit war Eva aber auch auf den Boden gelangt, der ihr der liebste und auf dem sie heimisch, und das Zünglein ging ihr darum schnell genug, und ihre großen blauen Augen gewannen einen besonders hellen und frohen Glanz, während sie ergänzte und berichtigte, was der junge Ritter von dem Heiligen erzählte. Und wie viel Liebenswürdiges, Gütiges, Wunderbares gab es von diesem Verkünder des Friedens und der Liebe, diesem Apostel der Armut und Arbeit zu berichten, der in jeder Regung der Natur einen Aufruf zur Erkenntnis der Allmacht und Güte Gottes, eine Einladung zur andächtigen Hingabe an den Höchsten erblickt und empfunden. Wie viel Heiteres und doch Erbauliches und Rührendes hatte ihr die Aebtissin Kunigunde von ihm und den liebsten seiner Jünger berichtet. Davon gab sie dem Ritter mancherlei zu hören, und die Freude an dem Gegenstande des Gespräches steigerte die Lebhaftigkeit ihres regen Geistes und brachte sie bald dahin, mit eifriger Beredsamkeit das Wort zu führen; Heinz Schorlin aber hing an ihrem Munde, und sein Auge, das ihr verriet, wie tief alles, was er vernahm, auf ihn wirkte, ruhte 53 in dem ihren, bis eine Fanfare meldete, daß die Pause vorüber. Entzückt und – er fühlte es – auf ewig mit ihr verbunden, hatte er ihr gelauscht, und als die Pflicht ihn rief, dem Kaiser aufzuwarten, frug er sich, ob wohl je bei einem fröhlichen Tanzfeste ein gleiches Gespräch geführt worden sei, ob Gott der Herr in seiner Güte je ein an Leib und Seele gleich vollkommenes Wesen geschaffen wie diese holdselige Heilige, die es verstand, aus dem Tanzsaal eine Kirche zu machen. Ja, das war Eva gelungen; denn wie heiß den Ritter die Minne auch brannte, mischte sich doch etwas wie fromme Andacht in sein sehnsüchtiges Verlangen. Die letzten Worte, die er, bevor er sie zu den anderen zurückführte, an sie richtete, enthielten auch das Versprechen, die heilige Klara, ihre Patronin, zu der seinen zu machen. Für den nächsten Tanz hatte ihn die Prinzessin von Nassau auffordern lassen, doch sie fand in dem Heinz Schorlin, von dem die junge Herzogin Agnes vorhin versichert, sein Frohmut sei dazu angethan, Tote lebendig zu machen, einen stillen Genossen; der junge Herr Schürstab aber, der Eva zum Tanze führte, und wie alles, was zum ehrbaren Rate gehörte, wußte, daß sie nach dem Schleier begehrte, versicherte später seinen Freunden, für das jüngere Ortlieb-E tauge ein Karthäuserkloster, in dem das Reden verboten sei, weit besser als der Tanzsaal. Aber nach diesem »Zäuner« löste Heinz Schorlin ihr wieder die Zunge. Als er ihr erzählt, wie er an den Hof gekommen, und nachdem sie erfahren, daß er in Lausanne zu Kaiser Rudolf gestoßen, da er eben dem Papst das Kreuzzuggelübde geleistet, fand sie des Fragens kein 54 Ende, warum das deutsche Kreuzheer nicht schon gegen die Ungläubigen gezogen, und ob er selbst nicht darauf brenne, sie sein Schwert fühlen zu lassen. Dann erkundigte sie sich näher nach dem Bruder Benedictus, dem alten Minoriten, dessen er sich so freundlich angenommen. Heinz teilte ihr mit, was er wußte, und als er endlich zu erfahren begehrte, ob es sie noch reue, ihm, vor dem ihr gebangt, begegnet zu sein, schaute sie ihm frei in die Augen und schüttelte mit einem leisen Lächeln das Haupt. Da wallte das Blut ihm heißer auf, und er bat sie recht innig, ihm zu sagen, wo er ihr wieder begegnen könne, und ihm zu gestatten, sie seine Dame zu nennen. Aber sie zauderte mit der Antwort, und bevor er ihr auch nur die bescheidenste Zusage abgerungen, unterbrach ihn Ernst Ortlieb, der vorher mit anderen Herren vom Rat in der Trinkstube geplaudert, um die Tochter nach Hause zu führen. Sie folgte ihm ungern. Den Händedruck des Ritters fühlte sie noch auf dem Heimweg, und es wäre ja auch unmöglich und dazu unhold gewesen, ihn nicht zu erwidern. Heinz Schorlin hatte keine Zusage erlangt; der letzte Blick ihres Auges war indes beredter gewesen als manches in Worte gekleidete Versprechen, und wie berauscht schaute er ihr nach. Einer Entweihung gleich wollte es ihm erscheinen, die Hand, in der die ihre geruht, bei diesem Feste einer andern zum Tanze zu reichen, und als der behäbige Herzog von Pommern ihn einlud, ihm in sein Quartier im »Grünen Schild« zu einem guten Trunke zu folgen, 55 that er ihm den Willen; denn ohne sie erschien ihm der Saal wie verödet, das Licht seines Glanzes beraubt und die frohe Musik ein trübseliges Gewinsel. Als aber im »Grünen Schild« der herzogliche Wein in den Bechern funkelte, das Gold auf den Tischen gleiste und blitzte, und das Geklapper der Würfel zum Spiele lud, dachte er, an solchem Glückstage müsse, was er auch unternahm, zu einem fröhlichen Ende gelangen. Der Kaiser hatte ihm den Beutel wieder gefüllt, aber seine freundliche Gabe reichte nicht einmal aus, um seine Schulden zu decken, und ihrer wollte er ledig sein, bevor er der Mutter vermeldete, daß er eine liebe, fromme Tochter für sie gefunden und daß er endlich heimkehren wollte, um sich auf der väterlichen Burg, seinem Erbe, festzusetzen und mit dem alten Oheim die Verteidigung seiner Rechte, die Verwaltung der Fluren und Wälder zu teilen. Es galt auch zum erstenmale an Stelle des heiligen Leodegar, seines heimischen Patrons, seine neue Schutzherrin, die heilige Klara, auf die Probe zu stellen. Aber sie bestand sie übel genug; denn sie versagte ihm wenigstens beim Spiel ihre Hilfe. Nur zu bald war der volle Beutel bis auf die letzte Zechine geleert. Lachend drehte ihn Heinz vor den Augen der Spielgenossen um. Obgleich ihm aber der herzensgute, ihm besonders wohlgesinnte Herzog von Pommern mit den kurzen runden Händen ein Häuflein Gold zuschob, um das Glück mit geliehenem Gut, das Segen bringe, weiter zu versuchen, blieb er standhaft, und zwar, wenn auch nur mittelbar, um Evas willen. Auf dem Wege in den »Grünen Schild« hatte er 56 nämlich Biberli, der ihm die Fackel vorantrug, bekannt, daß er dem Hofe den Rücken zu wenden und das Roß bald heim zu lenken gedenke, weil er diesmal die rechte Burgfrau gefunden. »Das wäre das Neueste,« hatte der frühere Schulmeister gelassen versetzt und sich wohl gehütet, das Verlangen des jungen Herrn durch Widerspruch zu verschärfen. Nur die Bitte, er möge sich heute die Finger nicht an den Würfeln verbrennen, hatte er nicht zurückhalten können, und, um sie zu begründen, hinzugefügt, das Spielglück erweise sich karg, wo das Minneglück so reiche Gaben verschenke. Jetzt erinnerte sich Heinz dieser Warnung. Der Herzliebsten war ja auch vorausgesagt worden, er sei ihr zu ihrem Unheil begegnet; ihn aber beseelte der redliche Wille, das Kleinod seines Herzens zu nötigen, ganz anders als in Kummer und Reue Heinz Schorlins zu gedenken. Was ihm noch vor wenigen Stunden unmöglich erschienen wäre, das machte er jetzt wahr. Mit sicherer Hand schob er dem Herzog, der nicht abließ, ihn mit freundlichen Blicken aus den guten kleinen Augen und leiser, dringlicher Mahnung zu seiner Annahme zu ermuntern, das Gold zurück und beurlaubte sich mit der Bemerkung, die Würfel wären ihm heute gram und er ihnen. Damit war er aufgebrochen, obgleich der Wirt ihn beinahe gewaltsam zurückzuhalten versuchte, und auch die Gäste sich redliche Mühe gegeben hatten, den guten und frohen Gesellen zurückzuhalten. Der Verlust, über den Biberli verdrießlich den Kopf 57 schüttelte, focht ihn nicht an. Auch auf dem Lager fand er nur kurze Zeit, des geleerten Beutels und der holdseligen Maid, die ihm die alte Burg mitten in seinen lieben Schweizerbergen zum Paradies machen sollte, zu gedenken; denn der Schlaf schloß ihm sehr bald die Augen. Am nächsten Morgen wollten ihm die Erlebnisse des Abends wie ein Traum erscheinen. Wäre es doch ein solcher gewesen! Nur die süßen Erinnerungen, die sich an die Begegnung mit Eva knüpften, hätte er um keinen Preis missen mögen. Aber, ob sie wirklich sein eigen werden konnte? Er fürchtete, nein; denn je höher die Sonne stieg, desto unausführbarer wollten ihm seine Vorsätze von gestern abend erscheinen. Endlich gedachte er sogar mit einem überlegenen Lächeln, und als hätte es ein anderer an seiner Stelle geführt, des frommen Gespräches im Tanzsaal. Den Vorsatz, nun allen Ernstes um die Geliebte bei ihrem Vater zu werben, wies er jetzt weit von sich. Nein, zum Eheherrn und für das Stillsitzen auf der alten Burg taugte er noch nicht. – Dennoch sollte Eva die Dame seines Herzens, ihre Heilige seine Patronin bleiben, und um die Minne keiner andern wollte er je wieder werben. Ihrer Liebe mußte er sich jedenfalls versichern, ihre roten Lippen nur ein einzigesmal zu küssen, schien ihm wert, das Leben aufs Spiel zu setzen. Hatte er aber die brennende Sehnsucht gestillt, dann konnte er mit ihrer Farbe an Helm und Schild von Turnier zu Turnier reiten und beim Foresten in allen Landen, die er mit dem Kaiser durchzog, Lanzen für sie brechen. Was später geschehen sollte, das mochten die lieben Heiligen fügen. Wie immer, so war Biberli auch diesmal sein 58 Vertrauter und zeigte sich gerne bereit, die Dienste Kätterles für ihn in Anspruch zu nehmen. Er hatte dabei seine eigenen Gedanken. Auf den Beistand der Gürtelmagd durfte er zählen, und kam es zu heimlichen Begegnungen zwischen der Jungfrau Ortliebin und seinem Herrn, die die Sehnsucht des Ritters auch nur ein wenig stillten, dann konnte es ihm nicht mehr allzu schwer fallen, Heinz diese unseligen verfrühten Heiratsgedanken zu verleiden.     Viertes Kapitel. Eva Ortlieb war nach dem Tanze in der Sänfte nach Hause getragen worden. Ein glückseliges Lächeln hatte ihr dabei die frischen jungen Lippen umspielt. Es blieb ihr auch treu, als sie in ihrem Gemach die Schwester noch am Spinnrocken fand. Sie hatte die leidende Mutter erst verlassen, nachdem sie die Augen geschlossen, und wartete nun auf Eva, um zu hören, ob dies Fest sich nicht doch weniger unerfreulich für sie gestaltet, als sie gefürchtet, und um ihr, da sie die Gürtelmagd zur Ruhe geschickt hatte, beim Auskleiden zu helfen. Ein Blick auf die Schwester lehrte sie, daß sie den Festsaal, den sie mit so großem Widerwillen betreten, vielleicht mit noch größerem verlassen; Eva aber, die in der Sänfte entschlossen gewesen war, keinem auf Erden zu bekennen, was ihr das Herz so mächtig bewegte, konnte, als Els sie so liebreich befragte und ihr mit mütterlicher Sorgfalt die Binde vom Baret zu lösen begann, dem mächtigen Drange nicht widerstehen, sie in die Arme zu schließen und mit warmem Ungestüm zu küssen. Jene ließ es verwundert geschehen; denn wenn die 60 beiden Jungfrauen sich auch innig genug liebten, gaben sie es einander doch, wie die meisten Schwestern, nur selten durch handgreifliche Zärtlichkeitsbeweise zu erkennen. Erst als Eva sie wieder losließ, frug Els in heiterem Erstaunen: »So herrlich also ist es gewesen, mein Mädchen?« »O. so herrlich!« versicherte Eva mit erhobenen Händen und suchte dabei mit einem strahlenden Blicke die Augen der Schwester. Doch schon kam ihr in den Sinn, wie wenig es sich für sie schicke, sich zu solcher Lust an einem weltlichen Vergnügen rückhaltlos zu bekennen. Beschämt senkte sie darum den Blick und fuhr in jenem Tone des Mitleids mit sich selbst, der den Ihren nicht fremd an ihr war, leise fort: »Freilich, – so groß der Kaiser auch ist, und wie gnädig er und die Frau Burggräfin sich mir auch erwiesen, anfangs – und nicht nur ein Viertelstündchen, sondern recht lange – konnt' ich zu keiner rechten Freude gelangen. Was sag' ich! Unbeschreiblich beklommen und verlassen kam ich mir vor unter all den fremden, eitlen, prunkenden Menschen. Wie dem Schiffbrüchigen, sag' ich Dir, war mir zu Mute, den die Welle ans Land spült und der da von lauter Leuten umringt wird, deren Sprache ihm fremd ist.« »Aber halb Nürnberg war ja auf dem Feste,« unterbrach sie die Schwester. »Da hast Du es, Liebling! Wer sich abschließt wie Du und sich auf einen hohen Baum setzt, um hübsch allein zu sein, der bleibt auch verlassen; denn wer wäre ihm wohl gut genug, um sich ihm zu liebe im Klettern zu üben. Aber es scheint ja, als wäre Dir später dennoch diese und jene . . .« 61 »O,« fiel ihr Eva abwehrend ins Wort, »wenn Du denkst, eine Deiner Freundinnen hätte mir mehr vergönnt als einen flüchtigen Gruß, so irrst Du. Nicht einmal die Bärbel, die Ann und Metz kümmerten sich sonderlich um Deine Schwester. Zu der Ursel Vorchtelin hielten sie sich, und sie wie ihr Bruder Ulrich thaten natürlich, als trüg' ich eine Tarnkappe und wäre unsichtbar geworden. Da wurde mir denn so bang, ich kann's nicht sagen, – und da – nun ja, Elsle – da fühlte ich zum erstenmale so recht deutlich, was ich an Dir habe. Wie zuwider ich Dir auch manchmal bin, trotz all Deiner Güte und Sorge, wie unhold ich Dir auch oft begegne – heute hab' ich recht gefühlt, daß wir doch zusammen gehören wie die beiden Augen, und daß ich ohne Dich nur etwas Halbes bin oder doch sicher nichts Rechtes. Und da wir doch einmal in Bildern reden: wie einem jungen Baume, dem man die Stütze fortnahm, war mir zu Mute, und sehnlicher kann Dich auch Dein Wolff nimmer herbeigewünscht haben. Der Vater fand wenig Zeit für mich. – Sobald er mich im polnischen Tanz mit dahinschreiten sah, folgte er dem Ohm Schultheiß in die Trinkstube. Erst als er kam, um mich nach Hause zu führen, sah ich ihn wieder. Der Frau Nützelin hatte er ans Herz gelegt, mich im Auge zu behalten, – doch ihre Kathrin wurde unpaß, wie ich beim Fortgehen hörte, und schon während des ersten Tanzes ist sie mit ihr verschwunden. So schwankte ich denn elendiglich hin und her, bis er, bis der Heinz Schorlin kam und sich meiner annahm.« »Er? Der Ritter Schorlin?« frug Els überrascht, und ihr hübsches, offenes Gesicht gewann einen ängstlich gespannten Ausdruck. »Der wilde Schweizer, von dem 62 Gräfin Cordula noch gestern sagte, er sei der Hecht im dumpfen Karpfenteiche des Hofes und der einzige, für den es sich lohne, im Beichtstuhl eine Buße auf sich zu nehmen?« »Die Montfort!« rief Eva verächtlich. »Wenn sie mich anspricht, sage ich Dir, bleib' ich ihr billig die Antwort schuldig. Das Blut steigt mir noch in die Wangen, wenn ich der Freiheit gedenke . . .« »Laß sie gehen,« bat die Schwester in begütigendem Tone. »Als mutterloses Kind ist sie erwachsen und darum anders als wir. Was indes den Heinz Schorlin angeht, so ist er sicherlich ein weidlicher Ritter; aber Du, mein unschuldig Lämmlein, ein Wolf ist er dennoch!« »Ein Wolf?« frug Eva und öffnete die großen Augen so weit, als sei ihnen etwas Schreckliches begegnet. Doch bald lachte sie leise auf und fuhr gelassen fort: »Aber ein frommer Wolf ist er, der demütig von seiner Art läßt, wenn die rechte Hand ihn nur streichelt. Wie Du mich ansiehst! Nicht an Deinen lieben Wolff, den Du ja leidlich gut zähmtest, an den Wolf von Gubbio denk' ich, der so viel Schaden angerichtet hatte und zu dem der heilige Franz dann hinausging. ›Bruder Wolf,‹ redete er ihn an und erinnerte ihn, daß sie ja beide der Güte des nämlichen himmlischen Vaters das Leben verdankten. Das schien das Tier zu begreifen; denn es nickte ihm zu. Und nun schloß der Heilige einen Vertrag mit dem Wolfe, und der reichte ihm an Eidesstatt die Pfote und hielt, was er versprochen; denn er folgte dem heiligen Franz in die Stadt und that niemand mehr Schaden. Die Bürger von Gubbio aber fütterten das fromme Tier, und als es starb, beklagten sie es redlich. – Wenn Du aber 63 wissen willst, von wem ich diese erbauliche Geschichte vernahm, die wahr ist und mit nichten erfunden, ja, die einer hier in Nürnberg bezeugen kann, der sie mit ansah, so sei Dir vermeldet, daß es der schlimme Wolf selbst war, nicht der von Gubbio, sondern der aus der Schweiz. Ein alter Minoritenpater, den er mitleidig auf sein Roß nahm, er ist der Zeuge, von dem ich sprach. In der Herberge gab der Mönch ihm zu hören, was er mit eigenen Augen geschaut. Schiltst Du noch auf das reißende Tier, das wie der barmherzige Samariter handelt und sich nichts Schöneres weiß, als von meinem lieben Heiligen zu hören oder zu reden?« »Und das im Rathaussaal, auf dem Feste, beim Tanz?« frug Els und schlug, als handle es sich um etwas Unerhörtes, in die Hände. Da nickte Eva ihr strahlend vor Glückseligkeit zu, und helle Freude klang Els aus ihrer frischen Stimme entgegen, als sie ihr zurief: »Das war es ja eben, was das Fest so herrlich verschönte. Der Tanz! O ja, es schreitet und schwebt sich ja beim Takt der Musika leicht genug dahin, wenn man von solchem Ritter geführt wird, und doch war er lange nicht das Schönste. Bei der Pause – wie im Nu war sie verflogen, und doch währte sie eine gute Weile – da erst kamen wir recht ins Gespräch.« »In einem der Nebengemächer?« frug Els, und das frische Rot schwand ihr von den Wangen. »Wo denkst Du hin?« entgegnete Eva verletzt. »Was sich ziemt, ist mir, denk' ich, nicht weniger gut bewußt, als jeder andern. Deine Gräfin Cordula gab freilich nicht eben das rühmlichste Beispiel. Von einer 64 ganzen Schar von Rittern – und Dein künftiger Schwager Siebenburg that es den anderen zuvor – ließ sie sich im Nebengemache umlagern. Wir – Heinz Schorlin und ich – vor aller Augen weilten wir unweit der Tafel des Kaisers im großen Saale. Da wandte sich dann das Gespräch von dem alten Minoriten aus wie von selbst auf den heiligen Stifter seines Ordens, und bei ihm blieb es auch stehen. Und wenn ein tapferer Ritter jemals frommen Sinnes war, so ist es Heinz Schorlin. ›Wer in Kampf und Schlacht geht und baut nicht auf den Höchsten im Himmel und seinen Heiligen,‹ sagte er, ›dem fehlen am Mute die Flügel und das festeste Wehrstück an der Rüstung.‹« »Im Tanzsaal!« klang es wiederum erstaunt von den Lippen der Schwester. »Wo denn sonst?« frug Eva unwillig. »Ich bin ihm ja dort zum ersten- und letztenmale begegnet. Wovon redet ihr anderen denn bei solchem Feste, wenn Dich das schon verwundert? Beim heiligen Franz allein sind wir übrigens keineswegs geblieben. Wir sprachen auch von dem künftigen Kreuzzug. Und, o, ganz ebenso gern wie ich – Du darfst es glauben – hätte auch er noch stundenlang von dergleichen mit mir geredet. Uebrigens wußte er auch schon mancherlei von unserem Heiligen; aber gerade das, was ihn so besonders groß und liebenswert macht und dazu so mächtig, daß er sich alles nachzog, was er für wert hielt, daß es ihm folge, das hatte er sich nicht deutlich gemacht, das war erst mir vergönnt, Heinz vor die Seele zu führen. O, und sein Witz ist so schnell wie sein Schwert, und sein Herz so offen für das Hohe und Heilige, wie es in fester Treue schlägt 65 für seinen Kaiser und Herrn. Wenn wir einander wieder begegnen, dann gewinn' ich ihn für das weiße Kreuz auf dem schwarzen Mantel und für den Kampf gegen die Feinde des Glaubens.« »Aber Mädchen,« unterbrach sie hier die Schwester, immer noch im Bann der gleichen Ueberraschung: »Solche Reden beim fröhlichen Spiel der Stadtpfeiferbande.« »Ueberall,« fiel ihr Eva jetzt gewichtig ins Wort, »wo drei Christen beisammen sind, und wären es auch Laien, sagt Tertullian, – da ist eine Kirche. Um über Dinge zu reden, die jedem das Höchste und Liebste sein sollten, braucht man nicht in das Gotteshaus zu gehen, – und Heinz Schorlin – ich weiß es von ihm selbst – ist der nämlichen Meinung; denn er bekannte mir frei, daß er die wenigen Stunden nie und nimmer vergessen würde, die wir mit einander genossen.« »So, so,« machte die Schwester bedenklich. »Aber, ob er diese Wonnen nicht mehr dem Tanze verdankt als den erbaulichen Gesprächen . . .« »Sicher und gewiß nicht!« beteuerte Eva mit großer Bestimmtheit. »Auch das kann ich beweisen; denn zuletzt und nachdem er mancherlei von der heiligen Klara vernommen, das weibliche Gegenbild des Franciscus, gelobte er, sie zu seiner Patronin zu machen. Oder meinst Du, daß ein Ritter den Heiligen wechselt wie das Wams und den Harnisch, ohne daß ihn etwas Großes und Mächtiges dazu antreibt? Das aber . . . Hältst Du es für denkbar, die eitle Lust des Tanzes habe ihn zu etwas so Wichtigem veranlaßt?« »Gewiß nicht. Dazu bewog ihn sicherlich nichts als der unwiderstehliche Eifer meiner frommen Schwester,« 66 lächelte Els und fuhr fort, ihr das aschblonde Haar zu strählen. »Mit Zungen hat sie im Tanzsaal geredet wie die Apostel zu Pfingsten, und so ward denn von unserer ›kleinen Heiligen‹ das erste Wunder verrichtet: die Bekehrung eines gottlosen Ritters beim Raien und Schwenken.« »Nenn es so, wenn Du willst,« versetzte Eva und warf die roten Lippen verächtlich auf, als fühlte sie sich über den kläglichen Spott aus solchem Munde erhaben. »Wie weh Du mir thust, Els! Das ganze Haar reißt Du mir noch vom Kopfe!« Die so Gescholtene hatte den Kamm mit aller Behutsamkeit geführt, doch die starke Fülle des leicht gewellten langen Blondhaares hatte ihm manches Hindernis entgegengestellt, und Eva schien heute besonders empfindlich. Els meinte auch zu wissen, warum und ließ die ungerechte Beschuldigung über sich ergehen. Sie kannte die Schwester, und während sie ihr die Zöpfe um das Haupt wand und ihren Staat, wie sonst die Gürtelmagd, teils an den Haken hängte, teils vorsichtig in die Truhe legte, frug sie sie mancherlei über das Tanzfest, wurde aber nur recht einsilbiger Antworten gewürdigt. Endlich kniete Els vor dem Betpulte nieder. Eva that vor dem ihren das gleiche und ließ das Haupt so lange auf den gefalteten Händen ruhen, daß die geduldige ältere Schwester das »Amen« nicht abwarten konnte. Um die Andacht Evas nicht zu stören, hauchte sie ihr nur einen leisen Kuß auf den Scheitel und zog dann die Vorhänge an den Fenstern, die statt mit Glas mit geöltem Pergament verschlossen waren, peinlich sorgsam zusammen. 67 Die Erregung der Schwester erfüllte sie mit Besorgnis. Sie wußte auch, wie mächtig das helle Mondlicht bisweilen, wenn Eva schlief, auf sie wirkte. Erst nachdem sie noch einen Blick auf das fest verhängte Fenster geworfen, bestieg sie das Lager. Da blieb sie lange offenen Auges liegen und überdachte den Bericht der Schwester. Dabei erkannte sie immer klarer, daß die Minne jetzt auch an das Herz des Kindes dort vor dem Betstuhle gepocht. Den Ritter Schorlin, den wilden Schmetterling, verlangte es, auch an dieser unberührten, süßen Blume zu naschen, um sie dann wohl zu verlassen wie so manche vor ihr. Liebe und Besorgnis machten sie, deren Urteil sonst milder war als das der Schwester, zu einer strengen und unvorsichtigen Richterin; denn sie nahm mit aller Sicherheit an, daß der Schweizer, dem in Wirklichkeit nichts ferner lag als schnöde Gleißnerei, daß der Mann, den sie vorhin einen Wolf genannt hatte, das Schaffell umgethan habe, um ihr liebes Lamm leichter zu erbeuten. Aber sie stand auf der Wacht und hielt sich bereit, ihm das Spiel zu verderben. Ob Eva sich wirklich keine Rechenschaft gab von der neuen Empfindung, die sie so schnell und mächtig ergriffen? Wiegte sie sich in der Täuschung, nur das Heil der Seele des frommen jungen Ritters liege ihr am Herzen? Ja, es konnte so sein, und das kluge Mädchen, das sich aufmerksam genug in seiner kleinen Welt umgeschaut hatte, sagte sich, daß es Oel ins Feuer gießen heiße, Eva mit der Niederlage zu necken, die sie, die »kleine Heilige«, im Kampfe gegen die Forderungen der Welt und des weiblichen Herzens erlitten. Um sich ihrer Demütigung zu freuen, war die Schwester ihr ohnehin zu teuer. Mit 68 keinem Worte, nahm Els sich vor, wollte sie des Schweizers gedenken, wenn sie nicht ausdrücklich dazu veranlaßt wurde. Oftmals währte Evas Gebet vor dem Schlafengehen recht lange; heute aber schien es kein Ende finden zu wollen. »Sie ruft die heilige Klara nicht mehr allein für sich selbst an, sondern auch noch mit für einen andern,« dachte sich Els. »Bei mir geht es schneller. Ein Heinz Schorlin bedarf freilich längerer Fürbitten als meine Eva, mein Wolff und die arme fromme Mutter. Aber stören will ich sie doch nicht.« Damit änderte sie, leise vor sich hin seufzend, die Lage, doch blieb sie aufgerichtet in den weißen Kissen sitzen, um sich nicht vom Schlafe überwältigen zu lassen. Aber der Kampf war hart, und oft sanken ihr die Lider, und das Haupt fiel ihr auf die Brust. Schon dämmerte draußen das Frühlicht, als sich die Betende endlich erhob und das Lager bestieg. Eine Weile ließ die andere sie ruhig liegen. Dann erhob sie sich und löschte die Lampe aus, die Eva auszulöschen vergessen. Das gewahrte diese, wandte das Antlitz der Schwester zu und rief leise: »Daß Du wieder aufstehen mußtest, mein armes Elsle! Gib mir doch noch den Gutenachtkuß.« »Gern, Herzchen!« versetzte die andere. »Aber es wäre eigentlich schon Zeit, sich ›Guten Morgen‹ zu sagen.« »Und Du hast so lange gewacht!« entgegnete Eva mitleidig, schlang dankbar die Arme um den Hals der Schwester, küßte sie zärtlich und schmiegte dann die heiße Wange an die ihre. 69 Da frug Els aufrichtig besorgt: »Was ist das? Hast Du Dir weh gethan, Kind? Du weinst ja!« »Nein, nein,« lautete die Antwort. »Ich bin nur . . . es kam mir nur in den Sinn, daß ich mich geputzt, mit eitlem Tand geschmückt, obgleich ich doch weiß, wie viele Arme in Not und Elend darben und wie viel wohlgefälliger dem Auge des Herrn der Klarissinnen graues Gewand ist. Kaum lassen konnte ich mich vor übermütiger Glückseligkeit, und doch hätte es mir besser geziemt, die Schmerzen des teuren Gekreuzigten mit zu erdulden.« »Aber, Kind!« suchte Els die Schwester zu beschwichtigen. »Wie oft hörte ich doch von Dir und von der Muhme Aebtissin, niemand sei so heiteren Gemütes gewesen und habe die Fröhlichkeit bei Mensch und Tier so gern gesehen wie Dein heiliger Franz.« »Er, er!« stöhnte Eva. »Er, der das Höchste erreichte, dem die Stimme des Herrn kund ward, wohin er auch lauschte. Er, dessen geliebte Braut die Armut, der Schmuck und Putz und was der Reichtum erwirbt, so tief verachtete wie die irdische Minne! Er, der die Liebe der für den Höchsten glühenden Seele so mächtig im Liede feierte, wie kein Troubadour es vermöchte . . . O, wie heiß er zu lieben verstand, zu lieben, was doch nicht von dieser Welt ist.« Da drängte es Els, zu fragen, was Eva denn von dem heißen Feuer der Minne wisse. Doch sie hielt an sich, verdunkelte mit dem beweglichen Vorhang, der zu beiden Seiten von dem Dache niederhing, das sich wie ein Baldachin über das Doppellager spannte, das Bett so gut es anging, und sagte: »Sei verständig, Mädchen, 70 und laß jetzt von solchen Gedanken! Wie laut die Vöglein schon zwitschern! Wenn der Vater allein bei der Frühsuppe bleibt, kann es leicht ein Unwetter geben, und ein Stündchen schlief' ich wohl auch noch recht gern. Und Du! Vom Tanz wird man müde. Mach die Augen nur zu und schlafe so lang Du nur magst. Beim Ankleiden bin ich leis wie ein Mäuschen.« Dabei wandte sie sich von der Schwester ab und wehrte dem Schlafe nicht länger, der ihr bald genug die müden Augen zuschloß.     Fünftes Kapitel. Weil der Vater geboten, die Mädchen ungestört zu lassen, erwachte Els erst, als die Sonne schon hoch stand. Evas Platz an ihrer Seite war leer. Sie hatte das Gemach schon verlassen. Zum erstenmal war es ihr unmöglich gewesen, auch nur für kurze Augenblicke zu entschlummern, und als sie vom nahen Kloster her das Glöcklein läuten hörte, das die Nonnen zum Gebete rief, hatte es sie nicht länger auf dem Lager geduldet. Sonst liebte sie es, sich in aller Gemächlichkeit anzukleiden und dabei an mancherlei zu denken, was ihr die Seele bewegte. Bisweilen las sie sogar in einem Andachtsbuche, das die Aebtissin ihr geliehen, während die Magd oder Els ihr das Haar flocht; heute aber hatte sie die nötigen Gewänder, um die Schwester nicht zu wecken, auf den Zehen in die Nebenkammer getragen und dort die Gürtelmagd, die ihr beim Ankleiden half, zur Eile ermuntert. Es drängte sie zu der Muhme im Kloster. Vor dem Betpulte war es ihr zur Gewißheit geworden, daß Heinz Schorlin ihr von ihrer Heiligen selbst 72 zugeführt worden. – War er ihr Ritter, und sie seine Dame, so mußte er ihr Gehorsam leisten, und das wollte sie benützen, um ihn der Eitelkeit der Welt zu entfremden und ihn zu einem Vorkämpfer für die heilige Sache der Kirche Christi, zum siegreichen Ueberwinder ihrer Feinde zu machen. Das Himmelblau, die Farbe der heiligen Jungfrau, sollte die ihre und damit auch die seine werden, und jeder Sieg, den der Ritter mit dem Himmelblau an der Helmzier unter dem Schutze der heiligen Klara erfocht, war dann zugleich auch der ihre. Einer der kühnsten und stärksten Ritter war Heinz Schorlin schon jetzt; – ihn auch zum frömmsten zu machen, das mußte ihrer Minne gelingen. Ja, ihrer Minne! Wenn der heilige Franz es nicht verschmäht hatte, einen Wolf zu seinem Bruder zu machen, warum durfte sie sich nicht als liebende Schwester eines Jünglings fühlen, der ihr Gehorsam leistete wie der edle Falke der Herrin, und den sie schon lehren wollte, das rechte Wild zu erjagen. Solcher Minne würde auch die Aebtissin nicht wehren, und was sie so mächtig zu ihr in das Kloster zog, war die Sehnsucht, zu erfahren, wie sie ihr Bekenntnis aufnehmen würde. Gestern abend, als sie nach dem Gespräche mit Els das Gebet begann, hatte sie noch gefürchtet, der weltlichen Minne verfallen zu sein und vor dem Geständnis gezittert, das sie der Muhme Kunigunde zu machen hatte. Jetzt fand sie, daß es kein fleischliches Band sei, was sie mit dem Ritter vereinte. O nein! Wie der heilige Franz ausgegangen war, um zu trösten, um dem Herrn Seelen zu gewinnen, um Frieden zu bringen und auszurufen zur rechten Arbeit im Dienste des Heilands, wie 73 seine Jünger es ihm nachgethan hatten und die heilige Klara nicht müde geworden war, in seinem Geiste unter den Frauen zu wirken, so wollte auch sie der Berufung nachkommen, die ihrem Heiligen zu Portiuncula geworden, und sich zum erstenmale, wie es in der Schrift hieß, als »Seelenfischer« bewähren. Jetzt freute sie sich auf die Begegnung mit der Muhme; denn wenn die Schwester sie auch nicht verstand, – die Aebtissin mußte nachzufühlen verstehen, was in ihr vorging. Und diese Voraussetzung ging in Erfüllung; denn sobald sie mit der ehrwürdigen Frau allein war, strömte sie rückhaltlos vor ihr aus, was sie fühlte und hoffte. Frisch und heiter pries sie sich glücklich, daß die heilige Klara sie den edelsten und kühnsten Ritter hatte finden lassen, um ihn für den Glaubensstreit unter ihrem, der Heiligen, Schutze und zu ihrer Ehre zu gewinnen. Freilich hatte die Aebtissin, die das Frauenherz kannte, anfänglich der nämlichen Befürchtung Raum gegeben wie Els; bald aber war sie anderer Meinung geworden und hatte gemeint, sich dieser neuen Bewegung im Herzen ihres Lieblings freuen zu dürfen. So unbefangen und froh des errungenen Erfolges sprach kein verliebtes Mädchen, und am letzten ihre wahrheitsliebende, so leicht erregbare Nichte, die sie sich schon auf den eigenen Weg nachgezogen, von dem Manne, der ihr die Ruhe störte. Mit so zielbewußter Sicherheit, so frei von jedem Wunsche für sich selbst, verfügte keine tief fühlende und dazu weltfremde Jungfrau, die den Kinderschuhen kaum entwachsen, über die Zukunft des Herzliebsten. Nein, nein! Eva war eben bereits zur Wiedergeburt gelangt und mit anderen Mädchen nicht zu vergleichen. 74 Hatte sie es doch schon einmal bis zu jener ekstatischen Verzückung gebracht, die nur einem langen Sichversenken in Gott sowie einem regen Sichhineindenken in die tiefe Menschenliebe des Heilands und in das unsägliche Leid, das er auf sich genommen, folgte. Für sie, die sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit ihrer feurigen Natur der Liebe zu dem himmlischen Bräutigam hingegeben, war von irdischer Minne wenig zu befürchten. Unter den vielen, die Kunigunde als Novizen in das Kloster aufgenommen, war sie am sichersten eine »Berufene«. Wenn sie aber dennoch etwas für den jungen Ritter empfand, was der Minne gleich sah, – und sie machte daraus ja auch kein Hehl – so war das nur die Folge der süßen Wonne, eine Seele, die ihr solcher Gnade wert schien, für den Herrn, den Glauben und ihre Heilige zu gewinnen. Teures, hochbegnadigtes Kind! Sie, die Aebtissin Kunigunde, wollte es auf diesem Wege erhalten und Eva es ihr selbst zuvorthun lassen. Den Beweis sollte sie liefern, daß wahre Frömmigkeit auch das Verlangen eines rasch schlagenden jungen Herzens besiegt. Freilich galt es, die Augen offen halten, um dem Teufel, der überall lauert, zu wehren, sich in dies nicht ganz gefahrlose Spiel zu mischen. Von der andern Seite aber nahm die Klarissin sich vor, dem geliebten Mädchen zu helfen, den Lohn seiner Frömmigkeit zu ernten. Daß Heinz Schorlin für Eva in heißer Leidenschaft glühte, war kaum zu bezweifeln; gerade darum würde er aber willig bereit sein, ihr Gehorsam zu leisten, und es empfahl sich deswegen, ihr fest vorzuschreiben, wozu sie ihn zu bewegen habe. Für den Orden der Johanniter sollte sie ihn gewinnen, und wenn er, der ruhmreiche 75 Streiter vom Marchfelde, mit dem weißen Kreuz auf dem schwarzen Mantel oder im Krieg auf dem roten Waffenrocke Heldenthaten verrichtete, dann war ihm, dem Lieblinge des Kaisers, eine führende Stellung unter den kriegführenden Mitgliedern des Ordens gewiß. Gespannten Ohres lauschte das Mädchen; die alternde Aebtissin aber wurde selbst warm, während sie die junge künftige »Schwester« für ihre schöne Aufgabe erwärmte. Die Tage, in denen sie mit den Klostergenossinnen gebetet, daß Kaiser Rudolf das Verlangen des Papstes erfüllen und auf einem neuen Kreuzzuge das heilige Land den Ungläubigen wieder entreißen möge, lebten neu in ihr auf, und der von den Klarissinnen geleitete Heinz Schorlin schien der Mann, diesen alten, heißen Wunsch der Erfüllung näher zu bringen. Wie eine Fügung der Heiligen und ein Fingerzeig Gottes wollte es ihr erscheinen, daß Heinz zu Lausanne, während Kaiser Rudolf sich zu einem neuen Kreuzzuge verpflichtete, den Ritterschlag erhalten und die ruhmreiche Laufbahn begonnen hatte. So lange hielt sie Eva zurück, daß im Ortliebhofe das Mittagsmahl ohne sie genossen werden mußte und der ungeduldige Vater nach ihr ausgeschickt hätte, wäre die leidende Mutter nicht in ihn gedrungen, sie gewähren zu lassen. Wohl sehnte sie sich nach einer Aussprache mit dem Liebling, der zum erstenmale an einem großen Feste teilgenommen hatte, wohl erfüllte sie der Gedanke, daß Eva nicht das Bedürfnis fühlte, ihr, der Mutter, vor jeder andern das Herz auszuschütten und sie an all dem Neuen teilnehmen zu lassen, was gestern abend doch gewiß auf 76 sie eingestürmt war, mit leisem Weh; aber sie kannte ihr Kind und hätte es für eigennützig gehalten, der Auserwählten, die Gott mit so lauter Stimme rief, auf dem Wege zum ewigen Heil ein Hindernis zu bereiten. Früher hätte sie das Mädchen, dessen Anmut sich so schön entfaltete, am liebsten einem wackeren Manne in die Ehe folgen sehen; jetzt aber gefiel sie sich in der Vorstellung, Eva sei berufen, eines Tages an Stelle ihrer Schwägerin Kunigunde den Klarissinnen im nahen Kloster als Aebtissin zu gebieten. Ihre eigenen Tage, sie wußte es, waren gezählt, wo aber konnte ihr Kind sicherer die Glückseligkeit finden, die sie ihm wünschte, als bei seinen teueren Klarissinnen, denen ihr Gatte und sie das Haus bauen geholfen. Els hatte den Eltern noch verschwiegen, was sie wahrgenommen zu haben meinte; denn jede Beunruhigung verschlimmerte den Zustand der Kranken – und niemand konnte wissen, wie der reizbare Vater ihre Befürchtung aufnehmen würde. Wolff, ihrem Verlobten, hätte sie dagegen sorglos anvertrauen können, was sie bewegte. Er war klug, besonnen, Eva gut wie einer Schwester, und im Gedankenaustausche mit ihm fand sie immer das Rechte. Aber so sehnlich und sicher sie ihn auch erwartete, – er kam nicht. Als Eva am Nachmittag heimkehrte, zeigte ihr gesamtes Wesen eine so sichere, heitere Ruhe, daß Els zu hoffen begann, sie hätte sich geirrt. Auch die gelassene und doch innige Zärtlichkeit, mit der sie der Mutter begegnete, paßte nicht zu ihrer Befürchtung. Wie holdselig Eva doch war, während sie auf einem niedrigen Schemel am Hauptende des Lagers der Leidenden hockte und mit der abgezehrten mütterlichen Hand in 77 der ihren erzählte, was sie gestern abend gesehen und erfahren. Um die teure Frau zu erfreuen, blieb sie länger dabei stehen, wie gnädig sich Kaiser Rudolf und seine hohe Schwester gegen den Vater und sie erwiesen, wie der Herr Burggraf sie mit einer Anrede geehrt und sein Sohn sie zum Tanze geführt hatte. Dann erst sprach sie von Heinz Schorlin, den sie als einen frommen Ritter erfunden und ging endlich schnell auf die großen fremden Herren und Damen über, die er ihr gezeigt und genannt. Das alles erinnerte Frau Maria an frühere Tage, und trotz der Warnung der pflegsamen Els, nicht zu viel zu sprechen, ließ sie nicht ab zu fragen und der Tage zu gedenken, an denen sie selbst Feste besucht und als eine der Schönsten sich mancher Huldigung erfreut hatte. Der Tag war gut verlaufen; denn solcher Stille hatte sie im eigenen Heim lange nicht genossen. Die Montforts, erzählte sie Eva, wären schon zeitig mit einem großen Troß von Rittern und Dienstleuten aufgebrochen, um auf die Kadolzburg, das Schloß des Burggrafen von Zollern, zu reiten. Der Vater meine, es würde dort wohl auch zum Tanze kommen; denn die jungen Herren Burggrafen würden auf dem Schlosse die Wirte spielen. Da frug Eva leichthin, wer sich denn diesmal bequeme, Cordula nachzureiten und sich ihren Launen zu fügen; Els aber bemerkte an dem Ton der Stimme und an den errötenden Wangen der Schwester, worauf sie hinauswollte, und entgegnete wie von ungefähr, Ritter Schorlin gehöre gewiß nicht mit zu ihren Begleitern; denn nach Mittag sei er im Gefolge des Kaisers Rudolf und seiner böhmischen Schwiegertochter durch das Frauenthor geritten. Schon begann es zu dämmern, und Els bemerkte 78 nicht, ob diese Kunde Eva zur Lust oder zur Unlust gereiche; – denn die Mutter hatte ihrer Schwäche zu wenig geachtet, und einer der Zufälle, die der Arzt ihr so dringend durch Mäßigung zu meiden gebot, meldete sich wieder. Els und die Klarissin Renata, die ihr bei der Wartung der Kranken beistand, wurden nun voll in Anspruch genommen; Eva aber wandte sich von der teuren Leidenden ab; denn der Anblick ihrer Zuckungen war ihrem empfindlichen Wesen unerträglich. Sobald die Mutter wieder matt und still in den Kissen lag, die Els neu zurechtgelegt hatte, folgte Eva ihrer Bitte, sich zu entfernen, und begab sich in ihr Gemach. Als dann ein neuer Krampf der Kranken sie zu ihr zurückzog, gebot ihr schon von der Schwelle aus ein Wink der Schwester, dem Lager fern zu bleiben. Wenn es not thäte, flüsterte sie ihr zu, würde sie sie rufen. Käme ihr Bräutigam noch, möge sie ihm sagen, sie könnte die Mutter nicht verlassen; morgen früh müßte er indes wiederkehren; denn sie hätte ihm viel zu vertrauen. Da suchte Eva den Vater auf, der sich für einen Herrentrunk bei Herrn Berthold Vorchtel, dem ersten Losunger im Rate, rüstete, dem er schwer fern bleiben konnte, gerade weil das Haus des Gastgebers dem seinen übel entfremdet, seitdem die Lautmerung Wolff Eysvogels, in dem die Vorchtels den künftigen Gatten ihrer Tochter Ursula gesehen, ruchbar geworden. Dennoch wäre Herr Ernst dem Herrentrunke fern geblieben, hätte der Zustand seiner Hausfrau Anlaß zu Besorgnis gegeben. Er kannte jedoch diese Krämpfe, die 79 die Kranke zwar schwächten, doch keine anderen Folgen nach sich zogen, und gestattete Eva, ihm zu helfen, die letzte Hand an den Anzug zu legen, auf den er große Sorgfalt verwandte. Schmuck wie aus dem Ei geschält, begab sich der alternde Herr, bevor er das Haus verließ, noch einmal an das Krankenzimmer, und Eva stand in seiner Nähe, während er ihrer Schwester nach mancherlei Fragen und Wünschen etwas zuraunte, das sie nicht verstand. Neugierig wünschte sie zu wissen, was er Els so heimlich vertraue; er aber versetzte nur schnell: »Wie der Hund des Mannes im Mond heißt,« küßte ihr die Wange und stieg die Treppe hinab. Unten wandte er sich Eva noch einmal zu und gebot, ihn rufen zu lassen, falls es mit der Mutter übler gehen sollte; denn der Herrentrunk bei den Vorchtels pflegte lange zu dauern. »Sind die Eysvogels auch dabei?« frug das Mädchen. »Wer weiß?« entgegnete der Vater. »Wenn Wolff kommt, soll es mich freuen.« Aus dem Ton, den er auf den Namen des künftigen Schwiegersohnes legte, ging deutlich hervor, wie wenig ihm an der Begegnung mit einem andern Mitglied des Eysvogelschen Hauses gelegen, und Eva bemerkte darum verständnisvoll: »So findest Du hoffentlich nur Gelegenheit, meinen Gruß an Wolff zu bestellen.« »Soll ich der Ursel nichts sagen?« frug Herr Ernst, nachdem er dem Mädchen einen Gutenachtkuß auf die Stirne gedrückt. »Sie würde sich nichts daraus machen,« lautete die Antwort. »Es muß auch nicht leicht sein, einen Mann wie Wolff zu vergessen.« 80 »Hätte er doch fest an der Ursel gehalten und Els die Freiheit gelassen,« versetzte der Vater gereizt. »Für beide Teile wär' es besser gewesen.« »Aber, Herr Vater,« fiel ihm Eva vorwurfsvoll ins Wort, »ist denn unser Brautpaar nicht wie für einander geschaffen?« »Wären die Eysvogels nur der nämlichen Ansicht!« rief Ernst Ortlieb und zuckte mit einem leisen Seufzer die Achseln. »Wer in die Ehe tritt, Kind, der bekommt nicht nur einen Mann oder ein Weib; was an jedem hängt geht vielmehr, Gott sei's geklagt, mit in den Kauf. Uebrigens fehlte es Els mit nichten an ernstlicher Warnung. Der Vater wird sich vorsichtiger umschauen. wenn die Reihe an Dich kommt, mein Mädchen.« Damit strich er ihr liebevoll lächelnd über das Häublein, das ihr das volle Blondhaar bedeckte, und schritt auf die Thür zu. Eva ging in ihr Gemach zurück und setzte sich dort in den Erker, wo Kätterle eben die Fenster mit dem Vorhang verschlossen und die Hängelampe angezündet hatte, an das Spinnrad. Die Kunkel blieb indes unberührt, und ihre Gedanken kehrten rasch genug zum gestrigen Abend und in den Rathaussaal zurück. Das Bild Heinz Schorlins trat ihr immer deutlicher vor das innere Auge, und das freute sie; denn es war ihr, als trüge er die blaue Farbe, die sie sich gewählt, an der Helmzier, und das forderte sie auf, zu überlegen, gegen welchen Feind sie ihn im Dienste seiner Dame und der heiligen Kirche zuerst aussenden sollte.     Sechstes Kapitel. Eine gute Weile hatte sie ins Leere geschaut und war dabei einer Reihe von freundlichen Bildern begegnet. Heinz Schorlin fehlte in keinem. Einmal hatte sie ihm auch im Geiste nach einem großen Siege über die Ungläubigen den Kranz um den Helm gewunden. Warum sollte dies Gesicht nicht zur Wirklichkeit werden? Es dankte wohl einer Erinnerung die Entstehung; denn Wolff Eysvogel hatte die Minne zu ihrer Schwester ergriffen, während Els ihm den Lorbeer um die Sturmhaube schlang. Nachdem der ehrbare Rat beschlossen, die den Geschlechtern angehörenden jungen Herren, die in der Schlacht auf dem Marchfelde mitgekämpft hatten und siegreich heimgekehrt waren, von auserwählten Jungfrauen mit einem Kranze schmücken zu lassen, hatte das Los ihre Schwester bestimmt, ihn dem jungen Eysvogel zu reichen. Wolff war damals erst vor kurzem von der schweren Wunde genesen, die er von dem Feldzuge heimgebracht 82 hatte. Während er aber vor Els niedergekniet und sein Blick dem ihren begegnet war, hatte die Minne sich seiner so schnell und stark bemächtigt, daß er schon nach wenigen Tagen um sie zu werben beschloß. Die Seinen waren indes seiner Wahl allen Ernstes entgegen gewesen. Der Vater versicherte, er sei eins mit Berthold Vorchtel, ihn mit seiner Tochter Ursula zu vermählen, und ein Rücktritt von seiten des Sohnes stelle ihn bloß. Seine Großmutter, die alte hochmütige Gräfin Rotterbach, stimmte ihm bei und versicherte, Wolff dürfe nur eine Dame von vornehmster Herkunft oder eine Erbin wie Ursula freien; ihre Tochter, Frau Rosalinde Eysvogelin, aber war wie immer das Echo der Mutter. Uebrigens hätte auch Herr Ernst Ortlieb seine Els weit lieber in ein anderes Haus heiraten sehen; aber Wolff selbst war ein so tadellos ehrenhafter junger Mann, und seine Erwählte so froh geneigt die Seine zu werden, daß er es für Pflicht hielt, die Abneigung zu vergessen, die ihm der Vater und das Wesen der Großmutter und Mutter des Freiers einflößten. Was Wolff anging, so hatte er den Eltern gegenüber so fest auf seinem Willen bestanden, daß sie ihm die Annäherung an die Herzliebste endlich gestatteten; doch war von seinem Vater die Bedingung gestellt worden, die Lautmerung bei der Jugend des Paares erst zu verkündigen, nachdem Wolff aus Mailand heimgekehrt sei, wo er die in Venedig begonnene Lehrzeit zu beenden habe. Nun war zwar jedermann der Meinung gewesen, diese wäre schon längst zum Abschluß gelangt; Vater Eysvogel hielt 83 aber an seiner Forderung fest und verstand es auch später, die Verbindung des jungen Paares hinauszuschieben, bis das entschiedene Auftreten Wolffs, den er inzwischen in die Leitung des Handelshauses aufgenommen, und das Verlangen seiner eigenen greisen Mutter, einer verständigen Frau, die die Wahl des Enkels von Anfang an billigte und gegen die Herr Kaspar Rücksichten zu üben hatte, ihn zwangen, das Verlöbnis der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wenige Tage später war der Bruder des Herrn Kaspar und bald darauf auch die würdige alte Mutter gestorben. Da hatte er denn diesen Umstand zu einem neuen Aufschub benutzt, und versichert, daß er wie seine Hausfrau eines halben Jahres bedürften, um es über sich zu gewinnen, bei einem frohen Hochzeitsfeste die Trauer zu vergessen. Außerdem würde es ihm gefallen, wenn die Vermählung erst nach der Wahl Wolffs in den Rat stattfände, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu Walpurgis des kommenden Jahres bevorstand. Murrend hatte Ernst Ortlieb sich in das alles gefügt. Nur aus Liebe zu seinem Kinde und aus Achtung vor der nunmehr gestorbenen Mutter des Herrn Kaspar, die Els wie eine liebe Großtochter ans Herz gezogen hatte, war es ihm geglückt, bei den Verhandlungen mit dem Manne, der ihm in der Seele zuwider, den Jähzorn zu bemeistern und ihm nicht das Jawort, das er dem Sohne so unwillig gönnte, vor die Füße zu schleudern. Die Freunde, die ihn kannten, bewunderten die Willenskraft, mit der er in dieser Angelegenheit das rasche Wesen beherrschte. Einige wollten wissen, geheime Verpflichtungen zwängen 84 ihn, sich dem reichen Eysvogel zu fügen; denn wenn auch das Ortliebsche Haus für vermögend galt, so erzielte es doch bei der geschäftlichen Vorsicht seines Leiters bescheidenere Gewinne, und man hatte nicht vergessen, daß es in der schrecklichen Zeit der Willkür, die der Thronbesteigung Kaiser Rudolfs vorangegangen war, schwere Verluste erlitten. Die Unsicherheit der Straßen hatte jedem Kaufmanne Schaden zugefügt; da es aber die Fügsamkeit des Herrn Ortlieb zu erklären galt, wurde der Ueberfälle, die ihm diesen und jenen Warenzug gekostet, als besonders verhängnisvoll gedacht. Endlich sollte die Mitgift der Els in keinem Verhältnis zu den großen Summen stehen, die Ernst Ortlieb für die Errichtung des Klarissinnenklosters gespendet, und man schloß daraus, das Vermögen des Hauses habe beträchtliche Einbuße erfahren. Dies wurde noch glaubhafter durch das zurückgezogene Leben, das die Ortliebs, deren »Hof« früher zu den gastlichsten in der Stadt gehört hatte, seit der Erkrankung der Mutter und dem Heranwachsen der weltscheuen Eva führten, und nur wenige unterzogen sich der Mühe, nach den doch so naheliegenden Ursachen dieser Aenderung zu forschen. Dennoch wurde solcher Auffassung der Dinge auch von vielen widersprochen, ja Herr Berthold Vorchtel, vielleicht der angesehenste und vermögendste Mann in Nürnberg, der die Reichszölle gepachtet, warf, wenn auf diese Dinge die Rede kam, Bemerkungen hin, denen man, wäre es nicht so schwer glaubhaft gewesen, hätte entnehmen können, Kaspar Eysvogel sei eher dem Ernst Ortlieb, als dieser jenem verpflichtet. 85 Auf eine Begründung seiner Meinung ließ sich indes der bedächtige und wohlgesinnte Mann niemals ein; denn er sprach überhaupt von beiden Häusern, dem Eysvogelschen wie dem Ortliebschen, nur in seltenen Fällen; hatte er doch vor der Schlacht auf dem Marchfelde der Ueberzeugung gelebt, seine eigene Tochter Ursula und Wolff Eysvogel würden früher oder später ein Paar werden. Herr Kaspar, der Vater des jungen Mannes, hatte ihn, wo es nur anging, in dieser Meinung bestärkt, er selbst und seine Hausfrau schätzten Wolff, und seine »Ursel« hatte ihn deutlich genug den übrigen Freunden ihres älteren Bruders Ulrich vorgezogen. Bei der Heimkehr waren die beiden einander wie Bruder und Schwester begegnet, und die Eltern Vorchtel hatten auf Wolffs Werbung gewartet, bis der Tag der Bekränzung sie um einen lieben Wunsch ärmer gemacht und die schönste Hoffnung ihrer Tochter Ursula vernichtet hatte. Nun hielt zwar der würdige Kaufherr die Minne für ein schönes Ding; in Nürnberg aber war es die Sache der Eltern, für den Sohn wie für die Tochter Weib und Mann zu wählen, und nach der Hochzeit bemächtigte sich die Minne dennoch gemeinhin der Neuvermählten. Ein Verstoß gegen diesen alten Gebrauch gehörte zu den seltenen Dingen, und wenn das Herz Wolffs auch in der That für Els Ortliebin entbrannt war, hätte sein Vater dennoch – meinte Herr Vorchel – ihm die Einwilligung zu einem Verlöbnis vorenthalten sollen, zumal gerade er der Ursel schon wie der künftigen Tochter begegnet war. Es mußte darum doch wohl ein Zwang auf ihn gedrückt haben, als er dem Sohne gestattete, sich 86 eine andere als die ihm von ihm erwählte Hausfrau zu wählen. Was aber konnte den einen Kaufherrn von dem andern abhängig machen als geschäftliche Verbindlichkeiten, und Berthold Vorchtel sah scharf und meinte auch wahrgenommen zu haben, daß der große Prunk der Eysvogelschen Frauen, die Freigebigkeit. mit der Herr Kaspar für ihre herabgekommenen gräflichen Angehörigen eintrat, und der Aufwand, den sein Schwiegersohn, der verschuldete Ritter Seitz Siebenburg, trieb, an die Einnahmen des alten Hauses zu starke Zumutungen stellte. Jedenfalls bewies das ganze Gebaren Kaspar Eysvogels auch jetzt noch, wie ungenehm ihm die Wahl des Sohnes war. Grade ihm, dem Vater Ursulas gegenüber, deutete er auch jetzt noch bei mancher Gelegenheit an, daß er keineswegs jede Hoffnung aufgegeben habe, durch den Sohn seinem Hause näher zu treten; denn die Lautmerung sei noch keine Vermählung. Doch Berthold Vorchtel war nicht der Mann, sich auf so zweideutige Dinge einzulassen, obgleich er deutlich genug sah, wie es mit seinem armen Kinde bestellt war. Es hatte sich keinem anvertraut, doch trotz der verschlossenen Art der Ursel konnte auch ein Fremder gewahren, daß ihr etwas die Daseinslust verkümmerte. Dazu hatte sie beharrlich die ansehnlichen Bewerber abgewiesen, die ihrer, der hübschen Tochter des reichen Herrn Berthold, begehrten und erst in der letzten Zeit den Eltern aus freien Stücken verheißen, von ihrem Widerstande gegen die Ehe zu lassen. Der Braut Wolffs, die ihr eine der liebsten Freundinnen gewesen, war sie seit ihrer Verlobung, zum aufrichtigen 87 Bedauern der Els, mit unverkennbarer Beflissenheit aus dem Wege gegangen, und Ulrich, der ältere Sohn des Herrn Vorchtel, hielt zu der Schwester und gab Wolff, der ihm von Kind an und auch noch in der Schlacht auf dem Marchfeld ein guter Kamerad gewesen, wo es nur anging zu erkennen, daß er ihm gram sei und sein Verlöbnis mit einer andern wie seine Schwester für einen schmählichen Treubruch erachte. Der billig gesinnte Vater sah dies Verhalten des Sohnes nicht gern; denn seine Hausfrau hatte von Ursula erkundet, Wolff habe ihr nie von Minne geredet oder ihr gar die Ehe versprochen. Der alte Herr Berthold Vorchtel begegnete darum dem Vater der Els, wo er mit ihm zusammentraf, – und dies geschah oft auf dem Rate – mit schuldiger Achtung, und gab es einen Herrentrunk in seinem Hause, ließ er, wie in früheren Jahren, auch an ihn eine Ladung ergehen, und Ernst Ortlieb folgte ihr, wenn ihn nichts Ernstliches zurückhielt. Dem Verhalten seiner Kinder gegenüber blieb der Vater Vorchtel indes machtlos. Dennoch ward er nicht müde, seinem Sohne vorzuhalten, wie ungerecht und gefahrvoll die Angriffe wären, mit denen er Wolff, dessen Kraft und Fechtkunst kaum ihres gleichen hatten in Nürnberg, bei jeder Gelegenheit reizte. In der That hätte dieser den früheren Freund auch schon längst vor die Klinge gefordert, wenn er sich nicht seiner Ueberlegenheit so sicher bewußt und der Gedanke ihm nicht peinlich gewesen wäre, Ursula und ihren Eltern, deren er immer noch mit freundschaftlicher Verehrung gedachte, einen neuen Kummer zu bereiten. Eva hatte den künftigen Schwager gern, und auch 88 ihr war es nicht entgangen, daß ihn in der letzten Zeit etwas bedrückte. Was ihm nur war? Sinnend gab sie dem Rädchen einen Stoß, und während es sich hurtig drehte, erinnerte sie sich an den Schweizertanz von gestern abend, und plötzlich schlug sie mit der zur Faust geballten kleinen Rechten leicht in die Fläche der linken Hand. Sie meinte die Ursache der Verstimmung Wolffs gefunden zu haben; denn greifbar deutlich sah sie den Gatten seiner Schwester Isabella, den Ritter Siebenburg, vor sich, wie er Gräfin Cordula so unbändig schwenkte, daß die im Edelsteinschmuck funkelnden Röcke ihr flogen. In dem Nebengemache des Rathaussaales hatte er vor der Gräfin auf den Knieen gelegen, und es war ihr als tauchte sein großes, ziegelrotes Gesicht mit dem langen, starken, weit in die Luft hinausragenden gelben Schnurrbarte, desgleichen nur wenige Herren seines Standes trugen, neu vor ihr auf. Wie der eines Trunkenen war der Blick seiner wasserblauen Augen gewesen, mit denen er Cordula ins Antlitz geschaut. Heute war er ihr wieder auf die Kadolzburg gefolgt und gedachte wohl auch über Nacht dort zu bleiben. So hatte Wolff denn Grund genug, sich um die Schwester und ihren Frieden zu sorgen. Das mußte es sein! Vielleicht kam er doch noch heute abend, um Els wenigstens von der Straße aus zu begrüßen. Wie spät es wohl schon war? Hastig wollte sie die Vorhänge vom Erker zurückziehen, doch das ging nicht so schnell, wie sie dachte; denn sie waren sorgfältig mit Nadeln verschlossen. 89 Das fiel ihr auf, und plötzlich erinnerte sie sich der Worte, die der Vater Els heimlich zugeflüstert hatte. Gewiß hatten sie dem Fenster gegolten. Vollmond stand für heute im Kalender, und sie wußte recht wohl, daß der ganz sonderbar auf sie wirkte. Schon seit dem vorigen Jahre schien er freilich seine Macht über sie verloren zu haben; früher aber war sie manchmal, besonders wenn sie sich recht eifrig frommen Uebungen ergeben hatte, ohne selbst zu wissen wie und warum, dem Lager entstiegen und nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch im Hause umher gewandelt. Einmal hatte sie den Taubenschlag im Hofe erklettert, und ein anderesmal sich auf den Hausboden verstiegen. Dort war sie, sie wußte selbst nicht mehr wodurch, erwacht. Als sie Umschau hielt, hatte der Mond den weiten Raum erleuchtet und ihr gezeigt, daß sie auf einem der obersten Balken des Sparrenwerkes hockte, das in kunstvollem Gefüge das Hausdach trug. Unter ihr hatte ein unergründlich tiefer Abgrund gegähnt, und da sie zu ihm niederschaute, so furchtbare Angst sie befallen, daß sie in ein lautes Hilfegeschrei ausgebrochen und erst zur Ruhe gekommen war, als die alte Haushälterin Martsche erschrocken das Lager verlassen und ihr den Vater zugeführt hatte. Mit mühevoller Vorsicht war sie dann heruntergeholt worden; und dabei hatte nur noch der weißhaarige Nickel, der alte oberste Aufläder, der manchmal einen ganzen Tag vergehen ließ, ohne die Lippen zu öffnen, Beistand leisten dürfen; denn Herrn Ernst schien viel daran zu 90 liegen, geheim bleiben zu lassen, wie der Mond auf Eva wirkte. Es hatte freilich auch etwas Unheimliches in diesem Nachtwandeln gelegen; denn noch jetzt erschien es ihr unbegreiflich, wie sie zu dem Balken, der sich in der Höhe dreier Männer über der Diele erhob, gelangt war. Ein Sturz hätte ihr das Leben gekostet, und der Vater war darum im Rechte, wenn er die Wiederholung solcher nächtlichen Ausflüge zu verhindern suchte. Els hatte ihm diesmal geholfen. Wie treu sie doch alle für sie sorgten! Wahrlich! Auch dem leisesten Schimmer hatten sie den Zugang versperrt. Lächelnd faßte sie die vielen Nadeln ins Auge, womit die Schwester den Vorhang geschlossen, und dabei ergriff sie ein unwiderstehlicher Drang, das wunderbare Licht wiederzusehen, das den Wuchs des Haares beförderte, wenn man es bei seiner Zunahme schnitt und das auch sonst einen so merkwürdigen Einfluß auf sie und mancherlei übte. Sie mußte zu dem Monde hinaufschauen! Flink und geschickt, als hülfen ihr unsichtbare Hände, öffneten ihre zierlichen Finger Vorhang und Fenster. Tief aufatmend, mit einem Wohlgefühl, wie sie es lange nicht empfunden, schaute sie auf die mit lichtem Silberglanz übergossene Linde vor dem Hause und aufwärts zu der reinen am wolkenlosen Himmel schwebenden Scheibe des Vollmonds. Wie schön und still diese Nacht war! Wie wonnig mußte es sein, jetzt im Garten auf und nieder zu wandeln mit der Muhme Aebtissin, mit ihrer Els, vielleicht – und sie fühlte, daß ihr dabei das Blut in die Wangen stieg, – vielleicht auch mit ihm, mit Heinz Schorlin. 91 Wo er jetzt wohl weilte? Gewiß bei dem Kaiser und bei seinen Damen, vielleicht neben der böhmischen Königstochter, der blutjungen Herzogin Agnes, die ihm gestern so deutlich gezeigt, daß er ihr gefiel. Doch da gab die Scharwache, die von dem Marienturm her nach dem Frauenthore hinzog, ihren schweifenden Gedanken eine neue Richtung. – Den Stadtknechten folgte bald ein Zug Reisiger, der wohl zu den Mannen des Kaisers gehörte. Es war doch ergötzlich, zu so später Stunde auf die vom Mondlicht erhellte Straße zu schauen, und es wunderte sie, daß sie nie vorher Lust daran gefunden. Hätte Els ihr Gesellschaft geleistet, wäre es freilich noch schöner gewesen, und dazu drängte es sie, ihr mitzuteilen, welche neue Erklärung sie für Wolffs verändertes Wesen gefunden. Vielleicht schlief die Mutter schon, und sie konnte ihr folgen. Wie still es im Hause war! Behutsam öffnete sie die Thüre des Krankenzimmers und schaute hinein. Da stand Els am Hauptende des Lagers und richtete die Mutter mit den jungen kräftigen Armen auf, während Schwester Renata die Kissen zwischen den Rücken der Leidenden und die Bettlehne schob. Gewiß hatte die Mutter die alte Atemnot wieder befallen. Ja, ja! Das matte Licht der Ampel schien ihr in das bleiche Antlitz, und schmerzlich bittend schaute sie mit den großen eingefallenen Augen nach dem Gnadenbilde an der Wand ihr gegenüber. 92 Wie gern hätte Eva ihr Erleichterung geschafft! Mit leisem Neid blickte sie auf die Schwester, deren geschickte pflegsame Hände der teuren Frau alles zu dank machten, während sie bei der Wartung nur zu oft das Rechte verfehlte. Aber beten, ihre Heilige recht inbrünstig anflehen konnte sie; ja sie war ihr vertrauter und durfte hoffen, daß sie ihr eher einen rechten Herzenswunsch erfüllte als der Schwester. Els ans Fenster zu rufen ging jetzt nicht an. Leise schloß sie die Thür, kehrte in ihr Gemach zurück, kniete vor dem Betstuhle nieder und legte dort mit aller Inbrunst der heiligen Klara ans Herz, der Mutter eine gute Nacht zu schenken. Dann zog sie die Vorhänge wieder recht fest vor das Fenster und schickte sich an, zur Ruhe zu gehen und Kätterle zu rufen, damit sie ihr dabei helfe. Aber die Gürtelmagd trat eben schon von selbst mit frischem Wasser herein. Was sie nur hatte? Die Hand zitterte ihr, während sie der jungen Herrin das Haar strählte, und bisweilen ließ sie den Kamm leise aufseufzend ruhen. Daß sie nicht sprach, war erklärlich; denn Eva hatte dem Kätterle, wenn es sie bei stillem Denken gestört, oft das Plaudern verboten. – Aber das Mädchen mußte etwas Besonderes auf der Seele haben; denn als Eva schon das Lager bestiegen hatte, konnte es sich nicht entschließen, das Gemach zu verlassen, sondern blieb verlegen an der Schwelle stehen. Da sprach Eva ihr Mut zu, und nun stammelte die Magd so befangen, daß ihr das Wort oft versagte, und 93 die Bänder, an denen sie zupfte, Gefahr liefen, von der weißen Schürze zu reißen, sie komme nicht in eigener Sache, sondern in der eines andern. Es sei ja im Hause bekannt, daß ihr Verlobter, der treue und standhafte Walther Biberli, einem frommen Ritter, ihrem Landsmanne, diene. »Ich weiß es,« fiel ihr Eva mit scheinbarer Gelassenheit ins Wort. »Und Dein Biberli trägt Dir auf, mir den ehrerbietigen Gruß des Ritters Heinz Schorlin zu entbieten.« Ueberrascht schaute die Magd auf die junge Herrin. Sie war auf eine strenge Abweisung gefaßt gewesen, und nur unter Thränen und mit großer Angst hatte Kätterle den Bitten des Herzliebsten nachgegeben, diesen Botendienst zu übernehmen; denn wurde ihre Zwischenträgerei verraten, so verlor sie mit Schimpf und Schande den Dienst, der ihr lieb war. Aber Biberlis Macht über sie und ihr Vertrauen auf ihn waren so groß, daß sie ihm in die Höhle eines Löwen gefolgt wäre, und sehr viel rätlicher war es ihr kaum erschienen, der frommen, den Mannsbildern abholden Jungfrau, die so jäh wie der Vater aufbrausen konnte, eine Liebesbotschaft zu überbringen. Und nun! Eva hatte gar eine solche erwartet. Wie ein Wunder wollte es ihr erscheinen. Aufatmend und mit einem schnellen Dank an ihre Heilige, begann sie sogleich die Tugend und Frömmigkeit des Dieners wie des Herrn zu preisen; Eva aber schnitt ihr abermals das Wort ab und verlangte kurz zu wissen, was Ritter Schorlin von ihr begehre. 94 Da wiederholte Kätterle mit neu erwachter Sicherheit, und als handle es sich um ein billiges Verlangen, was Biberli ihr eingeprägt hatte: »Kraft des Rechtes eines jeden guten und frommen Ritters, seine Dame um ihre Farbe zu fragen, stellt der Ritter Schorlin an Euch, Jungfrau Eva, in aller Bescheidenheit das demütige Gesuch, ihm die Eure zu nennen; denn wie könnte er vor Euch und vor der gesamten Ritterschaft bestehen, wenn es ihm versagt bliebe, sie im Streit wie im Frieden zu Eurer Ehre . . .« Aber wieder unterbrach sie die Herrin mit einem bestimmten: »Ich weiß,« und neu ermutigt führte Kätterle die Lektion des früheren Schulmeisters zu Ende, indem sie fortfuhr: »Hier unter dem Fenster, sagt mein Verlobter, gedenke sein Herr in aller Ehrfurcht, müßte es sein bis zum Morgen, zu verziehen, bis Ihr ihm das holde Angesicht zeigtet . . . Nein – unterbrecht mich noch nicht, Jungfrau Eva; denn Ihr müßt wissen, daß die Frau Mutter des Ritters Heinz meinen Biberli dem lieben Sohne mitgab, auf daß er seiner warte und ihn vor Schaden und Siechtum behüte. Nun aber wankt sein Herr, seit er Euch begegnete, umher, wie von einem Lanzenwurf getroffen, und weil der Ritter dazu dem treuen Knechte bekannte, kein Arzt könnte ihm helfen, bis Ihr ihm nicht vergönntet, Euch, wo auch immer, das Herz zu eröffnen und Euch zu zeigen, mit wie demütig frommer Ergebung . . .« Hier aber wurde die Magd in anderer Weise unterbrochen, als sie erwartet; denn Eva hatte sich in den Kissen aufgerichtet und rief, vor lebhaftem Unwillen der Stimme kaum mächtig: 95 »Der Herr, der sich vermißt, durch den Diener . . . Und mit welchem Rechte darf der Ritter sich kecklich . . . Aber nein! Wer weiß, welch bescheidener Wunsch sich in euerem Munde zu einer so unerhörten Forderung verkehrte . . . Mein Antlitz will er sehen? Mir selbst, ich weiß nicht was zu bekennen, verlangt ihn? Du, Du, Kätterle, die Magd, von Dir erwartet der Ritter . . .« Hier schlug sie mit der kleinen Hand unwillig auf das Holz des Lagers und fuhr mit fliegendem Atem fort: »Man wird ihm zeigen! . . . Doch nein! Was ich ihm zu antworten habe, das soll kein anderer . . . Durch mich selbst, durch mich allein, mag er ungesäumt erfahren . . . In der Truhe dort, ganz oben, liegt das Papier. Bring es her samt dem Schreibzeug!« Schweigend beeilte sich die Magd diesem Befehle zu gehorchen; Eva aber preßte die Hand auf die hochwogende Brust und sah ernst sinnend vor sich hin. Der Knecht und die Magd, die Heinz Schorlin mit einem Botendienste betraut hatte, konnten ja nicht wissen, was sie mit ihm verband; hatte doch sogar ihre eigene Schwester es mißverstanden. Jetzt sollte er erfahren, daß Eva Ortliebin wohl bewußt sei, was ihr geziemte! Aber auch sie verlangte es nach einer neuen Zusammenkunft mit ihm, und sein Verhalten machte eine solche notwendig. Je eher es zur Aussprache kam zwischen ihnen beiden, um so besser! Getrost durfte sie auch wagen, ihn zu der Begegnung, die ihr im Sinne lag, zu laden; hatte die Muhme Aebtissin ihr doch verheißen, ihr zur Seite zu stehen, wenn sie ihrer im Verkehre mit dem Ritter bedurfte. 96 Aber ihre Farbe? Kätterle hatte ihr längst das Schreibzeug gereicht und das Papier vor ihr niedergelegt, als sie noch immer überlegte. Endlich griff sie mit einem zufriedenen Lächeln zur Feder. Die Art und Weise, mit der sie ihm die Farbe zu nennen gedachte, sollte ihm zeigen, wie es mit dem Bande bestellt, das sie vereinte. Der Feder war sie vollkommen mächtig; denn im Kloster hatte sie die Evangelien, die Psalmen und anderes abgeschrieben. Dennoch zitterte ihr die Hand, während sie die folgenden Zeilen dem Papier anvertraute: »Daß Ihr, ein frommer Ritter, der die Ehrfurcht doch kennt, die einer Dame geziemt, Euch erkühnt, vor meinem väterlichen Hause meines Grußes zu warten, verdrießt mich, ja gereicht mir zum Kummer. Auch werdet Ihr meiner vergeblich warten. Seid Ihr ein rechter Ritter, so muß Euch bewußt sein, daß Ihr mir freiwillig verhießet, jedem Winke meiner Augen fröhlich zu gehorchen. Auf diese Verheißung darf ich bauen, und da ich es nötig finde, mit Euch zu reden, lade ich Euch ein zu einem Gespräche. Wann und wo soll meine Gürtelmagd Eurem Herrenknechte, der ihr verlobt ist, melden. Eine Freundin wird mir zur Seite stehen, der Euer Heil am Herzen liegt wie das meine. Es soll bald geschehen, wenn die heilige Klara es gestattet, die auf Euch, da Ihr sie zu Eurer Patronin erkoret, niederschaut wie auf mich. »Was meine Farbe angeht, so weiß ich Euch keine zu nennen, weil der Tand mir fremd ist, der sich mit weltlicher Minne verbindet. Das Blau aber ist die Farbe 97 des reinen Himmels und seiner hohen Königin, der gnadenreichen Jungfrau. Wenn Ihr diese Farbe zu der Euren macht und für sie streitet, so wird es mich freuen, und gern bin ich bereit, sie die meine zu nennen.« Unter dies Brieflein setzte sie nur ihren Vornamen »Eva«, und als sie es durchlas, fand sie, daß es alles in ziemlicher und zutreffender Form enthielt, was sie dem Ritter zu sagen begehrte. Während sie das Papier zusammenrollte und überlegte, womit sie es, da kein Wachs zur Hand war, schließen könnte, gedachte sie der Bändchen, mit denen Els die feinen Hals- und Brusttücher, die aus der Wäsche kamen, nach halben Dutzenden zusammenband. Sie waren himmelblau, und etwas Passenderes für diesen Zweck ließ sich nicht denken. Kätterle nahm denn auch das nächste aus der Truhe. Eva schlang es mit fliegenden Fingern um das Röllchen, und die Magd entfernte sich schnell, der Erkenntlichkeit des treuen und standhaften Biberli versichert. Als Eva wieder allein war, meinte sie erst, ihrer raschen That froh sein zu dürfen; als sie sich aber frug, was Els wohl zu ihr sagen würde, und mit voller Gewißheit fühlte, sie würde sie mißbilligen, ward sie stutzig und begann sich zu vergegenwärtigen, welche Folge sie nach sich ziehen konnte. Der Rat, den der Vater neulich Wolff erteilt hatte, nichts Geschriebenes von Wichtigkeit aus der Hand zu geben, bevor nicht eine Nacht darüber verronnen, kam ihr in den Sinn, und von nun an bedrückte ihr das leichte Brieflein wie eine Zentnerlast die Seele. 98 Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um es zurück zu verlangen. Dazu zog es sie mächtig ans Fenster, um sich zu überzeugen, ob Heinz Schorlin wirklich gekommen sei, und ihres Grußes harrte. Kätterle hatte das Schreiben vielleicht noch nicht aus der Hand gegeben. Wenn sie nun noch vor der Hausthür stand, um Biberli zu erwarten? Blickte sie nur ins Freie, um sich ganz vorsichtig Gewißheit zu verschaffen, so war das kein Ausschauen nach dem Ritter, und diese Entschuldigung machte sie sich ungesäumt zu nutze. Im Nu sprang sie aus dem Bette und öffnete leise den Vorhang. Die Straße war ganz still. Die Linde und die Häuser in der Nähe warfen dunkle, scharf umrissene Schatten auf das helle Pflaster, und aus dem Klostergarten scholl das Flöten einer Nachtigall durch die in Licht gebadete, ruhende Straße. Kätterle hatte den Brief doch wohl schon Heinz Schorlin übergeben. Als ein seiner Dame gehorsamer Ritter war er gegangen. Das beschwichtigte ihre Besorgnis, und aufatmend bestieg sie von neuem das Lager. Der Drang, auf die Straße zu schauen, war indes so stark, daß sie ihm noch einmal unterlag. Bevor sie aber bis zum Fenster gelangt war, nahm sie die starke Willenskraft zusammen, die ihr eigen, und legte sich wieder nieder. Dann schloß sie mit dem festen Vorsatz, nichts mehr zu sehen und zu hören, die Lider, und da sie in der vergangenen Nacht kein Auge zugethan und auch in der vorletzten aus Furcht vor dem Tanzfeste nur wenig geschlafen, geriet sie, obwohl das Mondlicht immer noch durch die offenen Vorhänge schimmerte, sehr bald in einen Zustand, 99 der die Mitte hielt zwischen Wachen und Schlummer. Wohl lähmte ihr schon die Macht der Müdigkeit die Selbstbestimmung; es war ihr aber dennoch als hörte sie draußen auf dem Pflaster bald Schritte, bald tiefe Männerstimmen. Und was sie da im Halbschlummer, dem übrigens der feste Schlaf der Jugend bald genug folgte, vernahm das war keine bloße Täuschung der Sinne.     Siebentes Kapitel. Der Mond fand heute vor dem Ortliebhause seine Rechnung. Mit reinerem, hellerem Glanze hatte er selten den Menschenkindern, die seine Neugier erweckten, den Pfad erleuchtet als den beiden stattlichen jungen Männern, die, von einem mäßigen Zwischenraume getrennt, das Frauenthor durchschritten und endlich beinahe zu gleicher Zeit den Vorhof des Ortliebschen Hauses betraten. Erst sah er beide schweigend auf und nieder schreiten, und die bitterbösen Blicke, die sie einander zuwarfen, gereichten ihm zum Ergötzen. Das aber steigerte sich, als sich der eine mit den in den länglichen Rock gestickten Vögeln an der Schulter, und dann auch der andere, dessen geschmeidigen, kraftvollen Gliedern die ritterliche Hoftracht gar wohl stand, sich auf je eine der Ketten niederließ, die die granitnen Prellsteine zwischen der Straße und dem Vorhof mit einander verbanden. Der sehr große, der ernst und sorgenvoll dreinschaute, war Wolff Eysvogel, der andere etwas kleinere, der sich, als böte es ihm Ergötzen, munter auf der Kette schaukelte, Heinz Schorlin. 101 Beide blickten oft zu dem erleuchteten Erker und dem Fensterlein im ersten Stocke hinauf, hinter dem Eva im Halbschlafe ruhte. Sie begegneten einander hier zum erstenmale. Wolff, der sich bewußt war, mit gutem Rechte an dieser Stelle zu weilen, hätte dem lästigen Eindringling schon früher sein Mißfallen zu erkennen gegeben, wäre er nicht der Meinung gewesen, der andere, in dem sich auf den ersten Blick der Ritter erkennen ließ, gehöre zu den Anbetern der munteren Gräfin Cordula Montfort. Trotzdem konnte er bald Verdruß und Ungeduld nicht länger bemeistern. Einem schnellen Antrieb gehorsam, verließ er die Kette; während er aber auf den Fremden zutrat, setzte jener seinen schwankenden Sitz in schnellere Bewegung und warf ihm leichthin, ohne ihn eines Grußes oder einleitenden Wortes zu würdigen, die Bemerkung entgegen: »Eine liebliche Nacht, sollt' ich meinen.« »Der nämlichen Ansicht,« versetzte Wolff kurz. »Indes möcht' ich Euch fragen, Herr, was Euch veranlaßt, den Vorplatz just dieses Hauses zum Genuß einer solchen zu wählen?« »Veranlaßt?« frug der Schweizer erstaunt und fügte dann, indem er dem andern mit herausfordernder Schärfe ins Antlitz schaute, höhnisch hinzu: »Ich wärme, weil es mir ansteht, die Kette.« »Diese Freude,« entgegnete Wolff gereizt, »sei Euch vergönnt; – ja es dünkt mir begreiflich, daß Nachtvögel von Eurer Art keine bessere finden. Immerhin aber will es mir scheinen, als könnte ein Ritter, dem es am Herzen liegt, das Eisen nicht kalt werden zu lassen, diesen Zweck auf einem andern Wege besser erreichen.« 102 »Ei freilich!« rief nun Heinz Schorlin und sprang frisch und mit seltener Schwungkraft auf die Füße. »Wenn Klinge an Klinge sich reibt oder das heiße Blut sie benetzt, das gibt eine lieblichere Wärme. Dem Dunkel bin ich nicht hold, und es will mich bedünken, Herr, als stünden wir hier beide einander im Lichte.« »So begegnen sich unsere Meinungen zum zweitenmale in dieser lieblichen Nacht,« versetzte der Patriziersohn, der sich seiner ungewöhnlichen Kraft und Fechtkunst bewußt war, gelassen und mit leisem Hohne: »Wie Ihr, so bin auch ich jederzeit bereit, meinen Stahl an einem andern zu reiben. Nur taugt dafür in dieser Zeit kaum die offene Straße.« »Daß Dich die Plage bestehe,« fluchte der Schweizer zum Beweise, daß er die Meinung des andern teile. »Uebrigens, Herr, – wem das Eisen so schnell in die Hand fährt, mit dem läßt sich reden. Zu fragen, ob Ihr ritterlichen Blutes, wäre vergebene Mühe, – und soll es also zu einem rechtschaffenen Schwerttanze gehen . . .« »So findet Ihr in mir jederzeit so gewiß den Partner,« lautete die Antwort, »wie ich, der ich mein altes Wappen mit gutem Fug trage, euch gern ein rotes Andenken an diese Stunde mit nach Hause gäbe – auch wenn Ihr nur eines Altsorgers Sohn wäret. Zuvor aber lasset uns prüfen, Herr, ob wir einander hier in der That – denn auch mir ist das Finstere zuwider – den Weg verdunkeln. Alle Achtung vor Eurer Lust, Ketten zu wärmen; doch bevor der Rotrock uns zu diesem Zweck die seinen 103 wegen Landfriedensbruchs um die Knöchel schließt, thäten wir gut, ein verständig Wort mit einander zu reden.« »Laßt es uns meinetwegen versuchen,« entgegnete Heinz Schorlin munter. »Was mich betrifft, so lebe ich leider gerade mit der Verständigkeit in immerwährender Fehde. Eins scheint mir indes auch ohne ernstliches Nachdenken sicher: Was mich wie Euch hierher zieht, das wird, wenn es ins Kloster geht, kein Mönch, sondern ein Nönnlein, das trägt keinen Bart, sondern zöpft sich die Haare. Kurz denn: Seid Ihr wegen der Gräfin Cordula Montfort hier, so kommt Ihr vergebens; denn sie wird diese Nacht auf der Kadolzburg schlafen.« »Möge sie sanft ruhen,« versetzte Wolff gelassen. »Sie steht mir so nah wie der Mond dort in der Höhe.« »Das gibt denn der Sache ein ernsteres Ansehen,« fuhr der Ritter auf. »Ihr oder ich. Wie heißt Eure Dame?« »Das dünkt mich zu viel gefragt,« entgegnete Wolfs bestimmt. »Und das Gesetz der Minne,« fügte der andere bestätigend hinzu, »verleiht Euch das Recht, mir die Antwort zu verweigern. Aber, Herr, not thut es uns dennoch zu erfahren, welcher Allerschönsten zu Gefallen jeder von uns hier dem Schlaf aus dem Weg geht.« »So kündet mir mit Vergunst die Farbe der Euren,« ersuchte Wolff den Schweizer. Dieser aber lachte hell auf: »Damit bin ich bei meiner Heiligen gleichfalls noch überfragt.« Als Heinz jedoch das erstaunte Kopfschütteln des andern wahrnahm, versicherte er in weniger ausgelassenem Tone: »Wenn Ihr übrigens ein wenig Geduld übt, kann 104 ich sie Euch hoffentlich, bevor wir auseinander gehen, nennen.« Wie ein Rätsel erschien Wolff auch diese Versicherung. Wer in aller Welt durfte zu dieser Stunde aus dem ehrbaren Ortliebhofe kommen, um einem Fremden was auch immer über eine seiner Töchter zu vermelden? Keine von beiden konnte ihm das Recht gegeben haben, ihrer als seiner Dame zu gedenken und das Haus, das ihm das Teuerste barg, nächtlicherweise wie ein Marder zu umschleichen. Dies unklare Wesen gereichte Wolff Eysvogel zum Aergernis, und er war nicht der Mann, es sich gefallen zu lassen. Der verwegene Gesell dort sollte zu seinem Schaden erfahren, daß er hier an die unrechte Schmiede gekommen! Kaum aber hatte er Heinz zu erklären begonnen, daß er das Recht für sich in Anspruch nehme, über beide Töchter dieses Hauses, die ältere wie die jüngere, zu wachen, da sie des Bruders entbehrten, fiel ihm der Ritter ins Wort: »Sieh da! Es sind ihrer zwei, und sie sprach mir ja auch von einer Schwester! Wenn es zum Teilen kommt, Herr, brauchen wir es also nicht wie beim Urteil Salomonis zu halten. Laßt uns denn sehen! Die Farbe kommt nicht in Frage, aber an jedem Christenmenschen haftet ein Name so sicher wie der Schatten, und wenn ich euch den Anfangsbuchstaben dessen nenne, der meine Dame ziert, verübe ich damit, denk' ich, nichts, was ein Minnegericht verurteilen könnte. Selbiger Buchstabe aber, der mir wohl zusagt, weil er fein rundlich und nicht allzu schwer zu schreiben – merkt wohl aus: er ist das ›E‹.« 105 Da zuckte Wolff Eysvogel leicht zusammen und griff nach dem Stoßmesser am Gürtel. Doch noch im nämlichen Augenblicke zog er die Hand zurück und sagte halb belustigt, halb unwirsch: »Dank für den guten Willen, Herr Ritter; doch auch das bringt uns nicht weiter; denn das E am Anfang des Namens ist beiden Ortliebschwestern gemein. Die ältere, die, daß Ihr's wißt, meine Braut ist, heißt Elisabeth oder ›Els‹, wie wir hier in Nürnberg sagen.« »Und die Jüngere,« rief Heinz fröhlich, »bringt mit ihrer holdseligen Frömmigkeit den Namen derjenigen zu Ehren, durch die die Sünde in die Welt kam.« »Ihr aber, Herr Ritter,« brauste Wolff auf, »thätet besser, die üble Sünde nicht in einem Atem mit Eva Ortliebin zu nennen. Seid ihr anderer Meinung . . .« »So,« unterbrach ihn der Schweizer, »kommen wir auf das Eisenwärmen zurück.« »Ihr sagt es,« rief Wolff entschieden. »Trotz des Landfriedens steh' ich Euch, wann auch immer, zu Diensten. Ohne Kampfwaffe ging ich aus, wie ihr seht, und hier wäre es überhaupt nicht wohlgethan, die Schwerter zu kreuzen.« »Gewiß nicht,« bestätigte Heinz diese Bemerkung. »Aber es folgen dieser Mondnacht noch manche Tage und Nächte, und damit Ihr mich ohne große Mühe findet, wenn Ihr meiner begehrt, mögt Ihr wissen, daß ich ›Heinrich‹ heiße, oder für die näheren Freunde, unter die Ihr leicht geraten könntet, wenn wir einander nicht um das Vergnügen bringen, uns unter der Sonne wieder zu begegnen, Heinz Schorlin.« »Schorlin?« frug Wolff überrascht. »So seid Ihr 106 derselbe Ritter, der als unbärtiger Knabe auf dem Marchfelde den Böhmen niederhieb, dessen Lanze den Hengst des Kaisers gefällt, der Schweizer, der ihm half, das Roß des Thurgauers Ramsweg – ist mir's recht, Eures Ohms – zu besteigen, und der dann den wilden Ritt that, um den langen Kapeller mit seinen Haufen heranzuholen, die den Tag so herrlich entschieden?« »Und,« lachte Heinz, »der endlich für tot fortgetragen wurde, bevor ihm sein Herzenswunsch erfüllt ward, den Schweizer Stahl mit böhmischem Königsblute zu färben. Damit wäre denn die Chronica beschlossen, Herr – wie soll ich Euch nennen?« »Wolff Eysvogel von Nürnberg,« versetzte der andere. »Sieh da! Ein Sohn des reichen Kaufherrn, bei dem der Herzog von Gülich Quartier fand?« rief der Schweizer und lüftete leicht die mit feinem Grauwerk verbrämte Kappe. »Daß das Wetter mich angeh! Wenn ich nicht meines Vaters selig leiblicher Sohn wär', hätt' ich nicht übel Lust, mit Euch zu tauschen. Muß doch den Nacken gewaltig steif machen, dünkt mich, mit einem guten ritterlichen Wappen am Hausthor und auf der Brust die Gulden und Zechinen hinauswerfen zu dürfen und doch nicht an dem Gottseibeiuns von einem leeren Beutel zu kranken. Wenn Ihr nicht wissen solltet, wie solch ein Ding aussieht, so kann ich's Euch zeigen.« »Doch der Kaiser, heißt es, sei Euch hold,« bemerkte Wolff, »und wisse ihn wieder zu füllen.« »Wenn man's nicht gar zu bunt treibt,« erwiderte Heinz, »und bis der edle Herr, dem es selbst nur zu oft am Besten mangelt, am Ende doch einmal das Wort wahr macht, es sei zum letztenmal geschehen. Hab's 107 gestern morgen noch vernommen und dachte, der goldene Segen, dem es gefolgt war, würde, die lieben Heiligen wissen wie lange dauern. Aber bevor der Hahn diesen Morgen nur einmal krähte, war der letzte Gulden dahin. Die Würfel, Herr Wolff Eysvogel, die Würfel!« »So würd' ich,« mahnte der Nürnberger, »die Hand von ihnen lassen.« »Wenn sie der Gottseibeiuns oder wer sonst nicht immer wieder an den Rübling becher führte! Ihr, der Ihr eines reichen Mannes Sohn seid, versuchtet Ihr nie, wie die Würfel für Euch fallen?« »Doch, Herr Ritter. Zu Venedig war's, wo ich in der Lehre stand und mit anderen Söhnen von Kaufherren aus Nürnberger, Augsburger und Kölner Geschlechtern, zu denen sich auch etliche welsche Edele gesellten, an manchem fröhlichen Abend auch das Glück beim Spiele erprobte.« »Und da wurden Euch die Federn wacker gerupft?« »Das nicht. Gemeinhin ging ich mit einem Gewinne von dannen. Seit sie aber einen lieben Gesellen von Ulm rein ausgezogen und er sich dann am Gute seines Lehrherrn vergriffen, ließ ich ab von den Würfeln.« »Als hättet Ihr das so leicht über Euch gebracht wie ein Fastenstündchen nach einem reichlichen Mahle!« »Ist mir auch nicht viel schwerer gefallen,« versicherte Wolff. »Der Vater hätte es mich gern den Landsleuten zuvorthun sehen und sandte mir mehr als ich brauchte. Wozu sollte ich redliche Burschen ausziehen, die es spärlicher hatten?« 108 »Da liegt eben der Hase im Pfeffer,« rief hier der andere eifrig. »Ihr ließet leicht vom Glücksspiele, weil der Gewinn bei Euch nur etwas mehr zu dem Uebrigen fügte, und es Euch entgegen war, ärmere Partner zu rupfen. Aber ich! Bei so einem armen Schächer reicht es nicht, wenn das liebe Mütterlein daheim in ihrer treuen Sorge ihm auch zufließen läßt, was sie entbehren kann von der Ernte, vom Zins und von den Gefällen, um Waffenträger, Knecht und Rosse zu erhalten. Wie könnte es unsereins wohl glücken, bei Hof und auf dem Turnier etwas vorzustellen, wenn die Würfel nicht wären? Und dann! Im Verlust werde ich nur wieder zu dem mageren Ritterlein, wozu die lieben Heiligen mich machten, im Gewinne bin ich dagegen der große reiche Herr, zu dem ich geboren worden wäre, hätte der Herrgott mir vergönnt, mir selbst die Wiege zu wählen. Dazu sind diejenigen, die durch mich bluten, meist Herzoge, Grafen und Herren mit reichen Lehen und fetten Pfründen, denen der Verlust so wohl anschlägt wie der Aderlaß dem Kranken. Was für den Kriegsmann gilt, das paßt eben nicht auf den Kaufherrn. Wofür wir leben ist lauter Wagen und Wetten. Jede Schlacht, jeder Strauß ist ein Würfelspiel, bei dem der Einsatz das Leben. Wer sich da lange besinnt, der ist von vornherein im Verluste. Könnt' ich Euch schildern, Herr Eysvogel, wie das ist, wenn es drauf und dran auf den Feind geht!« »Das vermöcht' ich Euch selbst deutlich genug vor Augen zu führen,« fiel Wolff ihm lebhaft ins Wort. »Auch ich habe schon beim Turnier manche Lanze gebrochen und Blut genug auf dem Marchfelde gelassen.« »Daß der Tropf mich schlage!« rief Heinz überrascht 109 und griff sich dabei an die Stirn. »Deswegen kamet ihr mir von Anfang an so vertraut vor. Bei meinem Heiligen! Ich will kein Ritter sein, wenn ich Euch nicht damals, bevor es heiß ward, gewahrte. Dicht neben Eurem Burggrafen Friedrich war's, der die Reichssturmfahne hoch hielt. »Wohl möglich,« entgegnete Wolff in bestätigendem Tone. »Er überließ mir, weil ich von uns Nürnbergern der größte und stärkste, bisweilen das Banner, wenn es seinem gewaltigen Arme zu viel ward. Leider aber wollt' es nicht gar lange mit dieser Dienstleistung währen. Ein krummer Säbel traf mir das Haupt. Der beste Teil des Schrämmleins hier oben verliert sich unter die Haare.« »Das Schrämmlein!« wiederholte Heinz munter. »Breit genug war es jedenfalls auch für die größte Seele, um aus ihr zu entweichen. Eine vierjährige Narbe auf dem Kopfe, die sich im Mondschein so deutlich kund thut.« »Das eben sollte uns zur Warnung dienen,« unterbrach ihn hier der andere, indem er besorgt auf die Straße blickte. »Wenn die Scharwache oder ein Nachtschwärmer uns hier wahrnimmt, so thät' es mir leid um die Ortliebschwestern und ihren guten Leumund; denn männiglich weiß, daß nur Einer, der Verlobte der Jungfrau Els, das Recht hat, hier so spät eines Grußes zu warten. Folgt mir darum zu dem beschatteten Raume unter der Linde, bitt' ich Euch dringend; denn dort – wo kommt es nur her? – schleicht sich – Ihr müßt es auch sehen – etwas heran . . .« Da lachte Heinz Schorlin glockenhell auf und raunte dem Nürnberger zu: »Dies Etwas ist mir wohl vertraut, und weder wir noch unsere Damen haben Uebles davon 110 zu befahren. Gebt mir einen Augenblick Urlaub, und zwanzig Goldgulden gegen das Lindenblatt dort: bevor noch das Mondlicht den Prellstein verläßt, weiß ich Euch die Farbe meiner Dame zu nennen.« Damit eilte er der Gestalt entgegen, die vorsichtig im Schatten des Thürpfostens neben dem hohen Hausthore stillstand. Wolff Eysvogel blieb allein zurück und schaute sinnend zu Boden.     Achtes Kapitel. Der stumme Wanderer in der Höhe hatte gehofft, sich da unten an einem ganz andern Anblick zu weiden als an der Zusammenkunft zweier Männer. Für eine solche hätte es weder seines reinsten, vollsten Lichtes, noch einer blühenden Linde bedurft. Jetzt nahm er wahr, wie der junge Nürnberger dem Schweizer nachschaute und wie dabei die mannhaften Züge Wolffs den Ausdruck so tiefer Unruhe und Seelenpein annahmen, daß er ihm leid that. Nicht einmal zu dem Fenster der schönen Braut blickte der junge Mann wie sonst in die Höhe; – nur nach der Stelle schaute er hin, wo der neue Bekannte sich mit einem andern unterredete, oder sorgenvoll zu Boden. Es war Wolff, da er des Ritters Schorlin gedachte, als habe das Schicksal ihm den Schweizer in den Weg geführt, damit er den Stich der Dornen doppelt schmerzlich empfände, mit denen sein Lebensweg besät war. Dem jungen Ritter reichte es die Rose ohne den Stachel. Was focht ihn wohl an? Die Gegenwart warf ihm das Schönste in den Schoß, und wenn er in die Zukunft 112 schaute, gewahrte der Ritter dort gewiß nichts als fröhlich sprießendes Hoffnungsgrün. Und dies Glückskind hatte den Wunsch geäußert, mir ihm zu tauschen! Der Gedanke aber, daß auch viele andere gewiß gern an seine Stelle getreten wären, quälte Wolffs redliches Herz, als hätte er selbst die Täuschung dieser Kurzsichtigen verschuldet. Wenn er von der Kraft und Gesundheit, dem wohlgebildeten Körper, der adeligen Geburt, dem Glauben an die Minne der Geliebten absah, – wie viel das sei, vergaß er zu dieser Stunde – fand er nichts an sich, was ihm wert erschienen wäre, darnach zu trachten. Selbst der spiegelblanken Redlichkeit durfte er sich nicht mehr mit der nämlichen schönen Sicherheit freuen, wie vor seinem Verlöbnis. Ja, er war der Tochter des alten wackeren Berthold Vorchtel gut gewesen wie einer Schwester. Er hatte selbst gern geglaubt, daß Ursula seine Hausfrau zu werden bestimmt sei, doch es war zwischen ihnen weder von Liebe noch von einer künftigen Ehe je die Rede gewesen. Er hatte sich frei gefühlt und sich so fühlen dürfen, als die Minne für Els Ortliebin ihn so schnell und mächtig ergriff. Dennoch begegnete ihm Ursula und ihr ältester Bruder, als hätte er schnöden Verrat an der Jungfrau geübt. Darüber half ihm indes das reine Gewissen immer noch leichter hinweg, als über das andere, was er an dem langersehnten Tage erfuhr, an dem der Vater ihn zum Teilhaber seines alten Handelshauses erhob und ihm Einblick in den Stand des Vermögens und den Lauf der Geschäfte gewährte. 113 Da hatte er erfahren, wie große Verluste die letzte Zeit dem Hause gebracht und in wie traurigem Mißverhältnis der große Glanz, mit dem Vater und Mutter, und ihnen voran die gräfliche Großmutter, den Schein des alten fürstlichen Reichtums aufrecht erhielten, zu den Abschlüssen der letzten Jahre stand. Wenn er sich eben noch vor dem leichtfertigen jungen Ritter gerühmt, dem Spiele abgesagt zu haben, so hatte er nur die halbe Wahrheit gesagt; denn war ihm auch seit der Lehrzeit in Venedig und später auch zu Mailand kein Würfel mehr in die Hand gekommen, hatte er sich doch gezwungen gesehen, einer Reihe von Unternehmungen des Vaters zuzustimmen, bei denen es sich um ganz andere Einsätze handelte, als beim Spiele der Ritter und Herren im Grünen Schild oder im Lagerzelte. Dennoch war er willens, das Schicksal eines geliebten Wesens an das seine zu knüpfen; ja Els wäre schon jetzt, trotz des Widerstandes der Seinen, unzertrennlich mit ihm verbunden gewesen, hätte ihm nicht ein Fehlschlag nach dem andern den Mut, ihr die Hand zu reichen, gebrochen. Endlich war es ihm ratsam erschienen, den Abschluß der letzten großen Unternehmung, der nahe bevorstand, abzuwarten. Manches, was die letzten Jahre verschuldet, konnte er wieder gut machen. Gestaltete er sich günstig, dann war ihm der schwerste Stein von der Seele gewälzt; im entgegengesetzten Falle mußte das alte Haus ins Wanken geraten. Aber selbst sein Fall wäre ihm leichter erträglich gewesen, als diese grausame Ungewißheit, zu der das peinigende Mißgefühl sich gesellte, die Verantwortlichkeit für Dinge mit zu tragen, die er nicht verschuldet und die es ihm dazu ganz klar zu überschauen 114 versagt war. Fühlte er doch mit voller Gewißheit, daß der Vater ihm mancherlei, und vielleicht das Schlimmste, verbarg. So war es ihm denn oft, als wandle er im Dunkeln über eine morsche Brücke. O, wenn es doch sie zu stützen und sie dann neu aufzurichten gelänge! War es aber bestimmt, daß sie zusammenbrach, dann mochte es bald geschehen! Er fühlte die Kraft in sich, ein neues Heim für sich und seine Els zu erbauen. Fiel es auch klein und bescheiden aus, sollte es doch auf festem Grund errichtet werden und sicher darin zu wohnen gestatten. Was wußte der junge, fröhliche Gesell, der um Eva warb, von solchen Sorgen! Ihn hatte die Schickung auf die Sonnenseite des Lebens gestellt, wo alles gedieh, ihn, Wolff, auf die Schattenseite, wo Gras und Blumen verkamen. Dem Ruhme wohnt eine Zaubermacht inne, der sich die junge Seele schwer entzieht, und der Name Heinz Schorlin war in der That ehrenvoll und in aller Munde. Mit ihm verband sich die Vorstellung von dem leichten Sinn, mit dem der Erfolg wie ein treuer Genoß Hand in Hand geht, von verdientem und unverdientem Glück, von Frauenhuld und wacker ausgefochtenen Händeln auch mit den Höchsten und Stärksten. Wie Sonnenschein, der das Widerstreben zerschmilzt, ging es von Heinz aus. Wolff hatte es an sich selbst erfahren. Allen Ernstes war er willens gewesen, den übermütigen Eindringling seinen starken Arm fühlen zu lassen; seit er aber wußte, wer der Schweizer sei, war ihm sein Thun und Wesen in einem neuen Lichte erschienen. Seine Keckheit hatte das Ansehen von Selbstbewußtsein gewonnen, dem es nicht an Berechtigung fehlte, 115 – und als der weidliche Ritter so offenen Herzens wie der jüngere zu einem älteren, verständigeren Bruder mit ihm geredet, da war es ihm gewesen, als wäre ihm, dem Vereinsamten, der sich in der letzten Zeit, ganz von der Sorge um den Lauf des Geschäftes hingenommen, von den Lustbarkeiten, Gelagen und Aufzügen der Altersgenossen fern hielt, etwas besonders Freundliches begegnet. Wie weich und herzlich hatte es geklungen, als Heinz des »Mütterleins« daheim gedacht. Er, Wolff, hätte dagegen nur mit leiser Bitterkeit der schwachen Frau zu gedenken vermocht, der er das Leben verdankte, die zu lieben ihm Kindespflicht und ein ernster Wille geboten, und die es ihm doch so schwer machte, ihrer anders als in Besorgnis oder gar mit stiller Mißbilligung zu gedenken. Vielleicht war das Höchste, was der Schweizer vor ihm voraus hatte, die Art und Weise, mit der es ihn von den Seinen daheim zu reden drängte. Wie hätte es einem Wolff Eysvogel auch nur in den Sinn kommen können, die steife, hochgewachsene Frau, die das willenlose Echo ihrer verschwenderischen, hochmütigen gräflichen Mutter war, und die ihm schon beim Morgengruß in Federschmuck und Brokat entgegen rauschte, sein »lieb Mütterlein« zu nennen? Wem so warme Herzenstöne von den Lippen flossen, wie dem Ritter Heinz, wenn er derer daheim gedachte, der konnte nicht schlecht sein, von dem war nicht zu befürchten, daß er mit einem reinen, unschuldsvollen Geschöpfe wie Eva nur ein frevles Spiel trieb, wie leichtfertig es ihm auch sonst zu reden gefiel. Auf welchem Wege es Heinz hatte gelingen können, 116 dies fromme, den Tändeleien der Altersgenossinnen abholde Kind so schnell zu gewinnen, erschien ihm unfaßbar; heute aber fehlte es ihm an Zeit, es zu erforschen. Er mußte fort, denn der Boden brannte ihm längst unter den Füßen. Erst vor wenigen Stunden war der Landfrieden in Kraft getreten, und die großen Wagenzüge aus Italien, von denen er gestern seiner Braut erzählte, ließen immer noch auf sich warten. Was sie von der Marcusstadt an Gewürzen und Gütern der Levante, aus Mailand an Sammet, Seide und feinen Florentiner Tuchen brachten, das stellte an Wert ein großes Vermögen dar. War es zeitig zur Hand, so deckte der Gewinn einen großen Teil des Verlustes der letzten beiden Jahre, und das Haus stand wieder fest. Kam es zum Schlimmsten, wie würden die Seinen sich in Entbehrung, vielleicht in Dürftigkeit fügen? Die Zornausbrüche der Großmutter fürchtete er weniger; doch die Mutter, die schwache, wie ein Kind von der ihren abhängige Mutter! Er liebte sie dennoch; tief innerlich fühlte er es angesichts der schweren Demütigung, die ihr drohte. Auch seine Schwester Isabella war ihm teuer, trotz ihres Gemahls, des zügellosen Ritters Siebenburg, in dessen Händen das Geld fortschmolz, das die Kasse des Hauses ihm zahlte, und den dennoch ein Berg von Schulden bedrückte. Daheim hatte Wolff befohlen, sein Roß bereit zu halten. Er war willens gewesen, seiner Els nur einen Gruß zuzuwinken und dann den Wagen nach Neumarkt, mußte es sein bis nach Ingolstadt, entgegen zu reiten. Noch ein Wort des Abschiedes an den neuen Bekannten, der doch wohl bestimmt war, sein Schwager zu 117 werden, – und dann . . . Aber da trat Heinz schon auf ihn zu, und auf Wolffs leise Frage: »Und die Farbe Eurer Dame?« versetzte jener fröhlich, indem er auf die Brustöffnung seines Wamses wies: »Ich trage den Boten, der sie mir zu künden verheißt, hier auf dem Herzen. Im Dunkeln war er stumm; doch das helle Mondlicht dort drüben löst ihm die Zunge, wenn anders die Schrift hier von der des Gebetbuches nicht gar zu weit abweicht.« Damit zog er Evas Briefröllchen hervor, näherte sich damit einer hell beleuchteten Stelle, wies auf das Band, womit es verschlossen war, und rief: »Sie bediente sich zum Binden doch wohl keiner andern als der eigenen Farbe. Blau, das köstliche, reine Blau ihrer Augen! Ich dacht' es! Vergißmeinnichtblau! Die allerschönste der Farben. Ihr müßt meiner Ungeduld vergeben!« Damit wollte er zu lesen beginnen; Wolff aber hielt ihn zurück, indem er auf den Ortliebhof und zwei angetrunkene Soldknechte wies, die singend und schwankend aus der Schenke »Zum durstigen Reisigen« auf der andern Seite der Straße kamen. Dann bot er Heinz die Hand zum Abschied und frug leise, indem er auf die aus dem Dunkel hervortretende Gestalt Biberlis wies, wer der Liebesbote sei, der ihn so trefflich bediene. »Mein Schatten,« antwortete der Ritter. »Ich löste ihn mir von den Fersen und ließ ihn dort stehen. Aber nichts für ungut, Herr Wolff Eysvogel; Ihr lernt den wunderlichen Heiligen schon kennen, wenn es Euch wie mir daran liegt, daß wir einander nicht nur auf eisernen Ketten, sondern im Guten recht oft wieder begegnen.« »Nichts sollte mich herzlicher freuen,« entgegnete der 118 andere. »Doch wie in aller Welt konnte es geschehen, daß diese wohl behütete Veste sich Euch nach so kurzer Gegenwehr . . .« »Heinz Schorlin reitet schnell,« fiel ihm der Schweizer ins Wort; Wolff aber rief: »Auch meiner wartet ein rascher Ritt, – wenn auch von anderer Art. Kehr' ich heim, so bleibt Euch ungeschenkt, mir zu vertrauen, wie Ihr Euch meine Schwägerin Eva, unsere ›kleine Heilige‹, gewannet. Die beiden schönen Ortlieb-E sind wie ein Ding in den Augen der Leute, – und so werden auch wir oft neben einander genannt werden und gut thun, brüderlich zusammen zu halten. An mir soll's nicht fehlen. Auf Wiedersehen, will's Gott in und nicht wieder vor dem Hause unserer Damen.« Damit nahm er die Hand des Ritters so fest in die seine, als wollte er ihn zwingen, ihren Druck noch lange nachzuempfinden, und eilte dann dem Frauenthore entgegen. Kurze Zeit schaute Heinz Schorlin ihm sinnend nach. Dann winkte er Biberli, und obgleich es nur recht kurzer Zeit bedurfte, ihn an die Seite des Herrn zu führen, genügte sie doch, um den verwegenen, von heißer Sehnsucht gequälten jungen Liebenden auf einen neuen Anschlag zu bringen. »Schau dort hin, Biber!« rief er dem Diener zu. »Das Weihbecken am Thürpfosten, das Wappen mitten auf der Oberschwelle, die Helmzier, die wohl auch meine Last trägt . . . Bis auf das Fenstersims reicht die Hand, und halt' ich es erst, gilt es nur einen wackern Sprung, und, heidi! ich bin oben.« »Unser heiliger Patron sei uns gnädig!« rief der Diener entsetzt. »Hinauf könnet Ihr freilich so gut, wie 119 Ihr mit gleichen Füßen über zwei Hengste fortsetzt; aber beim Herunterkommen ging' es gewiß ein gut Stück tiefer, als es Euch lieb wär'. Ins Loch, wie sie den Kerker hier nennen, und dazu wohl auch, wenn auch erst später, geradewegs in die glühende Hölle; denn Ihr hättet Euch gegen eine fromme, an allen Tugenden reiche Jungfrau, die Euch ihrer Minne wert hielt, sündlich vergangen. Und was mehr bedeutet: Es sind der E zwei. Sie teilen das Gemach mit einander, und das Haus steckt voller Knechte und Mägde.« »Schulmeister,« schalt der Ritter verdrießlich. »Das war der Biberli freilich einmal,« entgegnete der Diener, »und der Frau Mutter daheim zu liebe wollt' ich, ich wär' es noch, und Ihr, Herr Heinz, hättet mir als ein gehorsamer Schütze zu folgen. Daß ich ihren heiligen Namen nur gar selten gegen Euch ausspiele, muß Euch bewußt sein; hier aber thu' ich es dennoch, – und wenn Ihr sie im Herzen tragt und wollt Euch nicht zum verderblichen Habicht machen an dem arglosen Täublein da oben, so kehrt dieser Stätte den Rücken, an der wir schon zu lange verweilten.« Aber diese wohlgemeinte Warnung schien die Aufmerksamkeit dessen, für den sie bestimmt war, nur oberflächlich gefesselt zu haben; denn plötzlich riß er mit einem frohen »Da ist sie!« die Kappe vom Haupte und grüßte mit ihr zum Fenster hinauf. Schon nach wenigen Augenblicken setzte er sie indes mit einer unwilligen Handbewegung wieder an die alte Stelle zurück und sagte verdrießlich: »Verschwunden! Weil sie Deiner ansichtig wurde, wagte sie nicht einmal, mir einen Gruß zu vergönnen.« 120 »Dafür,« atmete der Diener auf, »laßt uns dem grundgütigen Himmel danken und loben, und da ja unser Herr und Heiland Knechtesgestalt annahm, ist für den armen Biberli die einer Vogelscheuche, als welche er sich eben trefflich bewährte, immer noch viel zu schön und zu vornehm.« Dabei ging er dem Ritter voran und sagte, indem er auf die Schenke »Zum durstigen Reisigen« neben dem Frauenturm wies: »Ein grüner Busch an der Thür. Das deutet, wenn der Wirt kein Schelm ist, auf frischen Anstich. Ob mir nun die Zunge am Gaumen klebt wegen der Angst vor Eurem allzu schnellen Mute, oder ob es hier herum wirklich so grausam schwül ist?« »Jedenfalls,« unterbrach ihn Heinz, »wird uns beiden ein Becher Wein nicht schaden; denn ich spüre jetzt selbst, wie drückend die Luft ward. Außerdem ist es hell in der Schenke, und wer weiß, was das Brieflein mir kündet.« Damit schritten Sie an der Mündung der St. Klarengasse vorbei auf den grünen Busch zu, der an einer Stange weit in die Straße hineinwies. In der Schenke saßen hier Kriegsknechte der Stadt, dort Reisige des Kaisers und fürstlicher Herren, die zum Reichstage gekommen waren, beim Weine. An der Decke hingen zwei gekreuzte Dreiecke von Eisen, die zusammen einen sechsstrahligen Stern bildeten. Die heruntergebrannten Talgkerzen, die er trug, spendeten im Bunde mit einigen Kienspänen in den Ecken dem langgestreckten Raume nur spärliches Licht. In einer Nische, zu der sich die Hinterwand in der Mitte vertiefte, fanden Herr und Diener an einem leeren Tische, abgesondert von den übrigen Gästen, Platz. 121 Ohne sich um das Zetern und Fluchen, den rauhen Gesang und das wüste Geschrei, das Dröhnen der Fäuste auf eichenen Tischplatten, das wilde Gelächter trunkener Reisiger, das Kichern und Kreischen der Schenkmädchen und das Schelten und befehlshaberische Rufen des Wirtes zu kümmern, bestätigten sie einander, daß der grüne Busch nicht gelogen; denn der gute Wein kam in der That aus einem frisch angestochenen, eben erst dem Keller enthobenen Fäßlein. Da aber die Nische nur von dem Oellämpchen unter dem mit Blumen, mit Gold- und Silberflittern ausgeputzten Gnadenbilde an der kleinen Hinterwand beleuchtet wurde, bestellte Biberli bei dem müden Schenkmädchen helleres Licht. Als die Dirne sich entfernte, seufzte er tief auf und sagte: »O, Herr, wenn Ihr wüßtet! Selbst jetzt noch, da wir wieder unter Menschen weilen und der Wein mich erfrischte, ist es mir, als nagten mir Ratten an der Seele. Das Gewissen, Herr, das Gewissen!« »Im Rosengarten der Frau Minne,« versetzte Heinz munter, »ließest auch Du sonst die Elf gerade sein, alter Biber. Uebrigens soll man auch mir nächstens ein T und ein St in das Wams sticken; denn – Wo das Licht nur so lange bleibt? Noch ein Becher, der Brief, und mit erfrischter Kraft geht es wieder hinüber.« »Um Gott!« fiel ihm Biberli wieder ins Wort. »Sprecht, ja denkt nicht einmal aus, was Ihr da wieder Verwegenes im Schilde führt! Ist es nicht schon wie ein Wunder, daß keiner von den vielen Ortliebschen und Montfortschen Dienstboten Euch in den Weg trat? Ein zweites am nämlichen Abend darf doch auch ein Sonntagskind, das Ihr, Herr, ja seid, kaum erwarten. Tritt es 122 aber nicht ein, und Ihr kehrt unter das Fenster drüben zurück, dann werdet Ihr erkannt und vielleicht sogar ergriffen, und dann . . . O Herr, bedenkt das. Dann belastet Euch zeitlebens der Vorwurf, einer Jungfrau, die Ihr selbst als holdselig erkanntet, als fromm und rein, Schande gebracht zu haben und bitteres Herzleid. – Und auch mir, der Euch treulich dient im Auftrag der Frau Mutter, sowie der armen Magd, die mir zu Gefallen für Euch eintrat bei ihrer Herrin, geht es an Hals und Kragen, wenn man Euch beim Einsteigen ins Fenster oder bei einer ähnlichen Unthat ergreift; denn in dieser Stadt sind sie gar schnell bei der Hand mit dem Pranger, dem Stein um den Hals, der Folter und der Zunge aus dem Munde, wo sie einen bei Zwischenträgerei im Minnedienst ertappen.« »Sonst, Alter,« bemerkte Heinz mit leisem Vorwurf, »verstand es sich ja für uns beide von selbst, auch wenn wir bei dergleichen das Unsicherste wagten, uns sicher nicht erwischen zu lassen. Doch auch mir lastet, ehrlich gestanden, ich weiß nicht was auf der Seele. Ganz wirr und sonderbar ist mir zu Mute. Lieber wollte ich ja dem Gnadenbilde dort die Krone vom Haupte reißen, als dieser süßen Unschuld etwas anzuthun, wofür sie mir nicht zu danken vermöchte.« Hier stockte er; denn das Schenkmädchen brachte einen Doppelleuchter, an dem zwei dünne Unschlittkerzen brannten. Ungesäumt entfaltete Heinz nun das Röllchen. Wie fein waren die Schriftzüge, die es bedeckten! Mit eigener Hand hatte die Herzliebste sie dem Papier anvertraut, und da der Ritter sie überschaute, wogte ihm das Blut heiß durch die Adern. Es war ihm, als halte 123 er ein Stück ihres eigenen Wesens in der Hand, und einer schnellen Regung gehorsam, küßte er den Brief. Dann begann er sich eifrig in die Schrift zu versenken, doch eine so feine, seltsam geformte hatte er noch nicht gesehen. Schon die Entzifferung der ersten Zeilen, in denen sie ihn zwar einen frommen Ritter nannte, ihm aber auch erklärte, daß seine Keckheit ihr zum Aergernis gereiche, bereitete ihm schwere Mühe, und manchmal mußte Biberli helfen. Ob sie ihn auch mit den Lippen so unhold zurückgewiesen hätte, wie mit dem Schreibrohr? War es möglich, daß sie ihm wegen einer Forderung, die sich doch jeder Liebende an seine Dame zu stellen vermaß, die Gunst entzog, die ihn so glücklich machte? O ja; denn die Unschuld ist von zartem Stoff und empfindlich. So hatte sie ihn abweisen müssen! Im stillen freute es ihn, sie die holde Sittsamkeit, die ihn so tief entzückt hatte, auch jetzt bewähren zu sehen. Er mußte Gewißheit über den weiteren Inhalt des Briefes haben, und der Schulmeister war zur Hand und konnte sie ihm sogleich verschaffen. Freilich bereiteten die schnell hingeworfenen Sätze auch Biberli einige Schwierigkeiten; nachdem er aber den ganzen Brief überflogen, rief er mit selbstzufriedenem Schmunzeln: »Was ich voraussah! Auf den ersten Blick sollte man denken, das fromme Jungfräulein hätte nicht seinesgleichen; faßt man es aber näher ins Auge, sieht es den anderen schönen Fräulein dennoch so ähnlich wie ein Ei dem andern. Mit gutem Recht und aus weislicher Vorsicht verbittet sie sich das Verweilen des 124 sehnsüchtigen Ritters unter ihrem Fenster; für ein artiges Stelldichein an einem sicheren Plätzchen ließe sich dagegen schon etwas wagen. Das ist weise für so junge Jahre und dazu menschlich und weiblich. Ich weiß nicht, warum Ihr deswegen die Stirn so gar kraus zieht. Seit die erste Eva aus einer krummen Rippe hervorging, ist all ihren Töchtern der krumme Weg der genehmste. Aber hört nur zuerst, was sie schreibt!« Damit begann er, ohne des finsteren Ansehens seines Herrn zu achten, die Vorlesung des Schreibens. Gespannten Ohres lauschte Heinz, und nachdem er vernommen, daß die Geliebte nicht allein, sondern nur unter dem Schutz einer Freundin und ihrer Heiligen mit ihm zusammen zu treffen begehre, als er sie zwar ihre Farbe nennen, sie aber dabei die Erwartung aussprechen hörte, er werde als frommer Ritter zur Ehre der gnadenreichen Jungfrau für sie streiten, heiterte sich sein Antlitz wieder auf. Während Biberlis spöttischer Bemerkungen war es ihm gewesen, als hätte ein Sturmwind ihr reines Bild in den Staub geworfen. Nun er aber wußte, was sie von ihm verlangte, begab es sich wie von selbst auf den alten Platz zurück, und aufatmend fühlte er, daß er sich der Empfindungen nicht zu schämen brauche, die dies wunderbare junge Geschöpf in ihm erweckte. Wie eine vertraute Schwester dem älteren Bruder hatte sie ihm das fromme Herz geöffnet, und was er da zu sehen bekommen, war etwas ganz Besonderes, waren Dinge gewesen, die auch ihm von Kind an heilig erschienen. Da er im Tanzsaale Abschied von ihr genommen, war es ihm gewesen, als hätte der Himmel diesen seinen Liebling nur der Erde 125 geliehen, und als müßten sich unter ihrem Brokatgewande Engelsflügel verbergen. Durfte es ihn wundern, wenn sich die reine Frömmigkeit, die ihr ganzes Wesen erfüllte, auch in ihrem Schreiben aussprach, wenn sie ihn nicht zu eitlem Minnespiel, sondern zu einem Bündnis der Seelen, zu gemeinsamem Kampf für das Höchste und Heiligste einlud? Dergleichen war einem Biberli unverständlich; er aber durfte trotz ihres Briefes, ja mit um seinetwillen, immer noch sehnsüchtig wünschen, sie dem Mütterlein daheim zuzuführen und sie von der verehrten Frau segnen zu sehen. Zum andern- und zum drittenmal ließ er sich ihren Brief vorlesen. Als Biberli aber schloß und der Schreiberin in kurz hingeworfenen Sätzen mit neuen Zweifeln gedachte, schnitt ihm Heinz unwillig das Wort ab: »Wonach das fromme Herz einer reinen Jungfrau sich sehnt, das hat – merk es Dir! – nichts mit der teuflischen Lust an heimlichem Minnespiel zu schaffen, wonach andere trachten. Sündlich war mein Verlangen, zu ihr zu dringen, und es wurde hart genug bestraft; denn bei Deinem rohen Spott war mir zu Mute, als hättest Du mir das Haus über dem Kopfe angezündet. Daraus aber erkenne ich gerade, an einer wie unantastbar heiligen Stätte ihr Bild hier drinnen Platz fand. Dir freilich ist es versagt. dem hohen, dem Himmel zugewandten Verlangen einer reinen Seele zu folgen . . .« »O Herr,« unterbrach ihn hier der Diener mit abwehrend erhobenen Händen, »wer war es denn, der Euch anflehte, diese holdselige Tochter eines sittsamen Hauses, die die Kinderschuhe kaum auszog, nicht mit gleichem Maße wie die anderen zu messen? Wer beschwor Euch, 126 ihres guten Leumunds zu schonen? Und wenn Ihr denkt, der Stoff, aus dem der Herrenknecht gemacht ist, sei zu grob, um zu verstehen, was ein so feines Seelchen bewegt und sich wünscht, so thut ihr dem Biberli unrecht; denn bei meinem Heiligen, wenn es mir auch die Pflicht gebot, mich mit Zweifeln und Bedenken zwischen Euch und eine Leidenschaft zu drängen, aus der doch schwerlich etwas erwächst, was der Frau Mutter zur Freude gereicht, so warf sich doch auch mir die Frage auf, warum es in dieser Zeit eine fromme Jungfrau nicht reizen sollte, ihre Bekehrungskunst an einem ihr gewärtigen weidlichen Ritter zu versuchen? Strömen doch, seit der heilige Franz von Assisi in Welschland aufstand, barfüßige Mönche und graue Nonnen, die es jenen nachthun: Franziskaner und Klarissinnen, hier ein wie das Wasser in den Mühlgang, wenn die Schleuse sich aufthut. Wie auferbaut lauschten doch auch wir dem alten Minoritenbruder, den wir am Wege aufgelesen hatten, in der Herberge, wo wir sonst nur Lust hatten an Trunk, Spiel, Geschrei und Gesang. Von meinem Mädchen weiß ich ja ohnehin, mit wie ausbündiger Frömmigkeit die Jungfrau Eva der heiligen Klara ergeben.« »Die jetzt auch meine Patronin ist und bleiben wird; alter Biber,« unterbrach ihn Heinz froh bewegt, legte dem Diener dankbar und beruhigt die Hand auf die Schulter und setzte, während er sich erhob und der Schenkin winkte, heiter hinzu: »Der Stoff, Alter, aus dem Du gemacht bist, steht hinter keinem andern zurück. Nur der Schulmeister in Dir spielt Dir dann und wann einen Streich. Wärst Du von vornherein mit der wahren Meinung hervorgetreten, der Wein hätte uns beiden besser gemundet. 127 Mag Eva doch das Bekehrungswerk an mir versuchen! Was steht mir, außer der Minne meiner Dame, denn jetzt schon höher als unser heiliger Glaube? Für ihn und gegen seine Feinde ins Feld zu reiten, das muß eine Lust sein!« Damit zahlte er die Zeche und trat mit dem Diener ins Freie. Der Mond ergoß jetzt sein silbernes Licht voll und hell über die stille Straße, die Linde vor dem Ortliebhofe und seinen hohen Giebel. Nur ein Gemach in dem großen schlummernden Hause war noch beleuchtet; das der Schwestern mit seinem Erker. Heinz schaute, ohne des neuen Einspruchs Biberlis zu achten, aufwärts und bat dabei Eva im stillen um Vergebung, sie auch nur einen Augenblick verkannt zu haben. Andächtig heftete er den Blick an das offene Fenster, hinter dem sich ein Vorhang bewegte. War es der Hauch der Nacht, der ihn kaum merklich hob und senkte, war ihr liebes Selbst hinter ihm verborgen? Da fühlte er plötzlich die Hand des Dieners an seinem Arme, und als er seinem entsetzten Blicke folgte, schauderte ihm selbst ein kalter Frost durch die Adern; denn aus der halb geöffneten schweren Hausthür trat eine weiß gekleidete Gestalt mit geisterfahl feierlichem unhörbaren Schritt auf den Vorplatz und ihm entgegen. War das ein ruheloser Geist, der zur mitternächtlichen Stunde, die nahe sein mußte, der Gruft entstiegen? Blitzschnell flog ihm durch den Sinn, daß Eva ihm von der kranken Mutter geredet. War sie gestorben? Trat ihre wandelnde Seele ihm entgegen, um ihn von 128 der Schwelle des Hauses zu verscheuchen, das ihr gefährdetes Kind barg? Aber nein! Vor der Thür war die Gestalt stehen geblieben, und jetzt hob sie das Haupt und schaute mit weit geöffneten Augen zum Mond in die Höhe, und – er täuschte sich nicht – es war kein Nachtgespenst, es war die, der sein Herz entgegenschlug, es war Eva. So himmlisch schön wie sie in dem weißen, langen Nachtgewand, über das sich die Wellen des vollen, langen, aschblonden Haares ergossen, war ihm noch kein menschliches Wesen erschienen. Das Entsetzen, das ihn erfaßt, wich dem heißesten Verlangen. Mit der Hand auf dem hoch schlagenden Herzen folgte er jeder ihrer Bewegungen. Wohl trieb und drängte es ihn, ihr entgegen zu treten, doch es war, als lähme ein übermächtiger Bann ihm die Thatkraft. Eher hätt' er gewagt, ein schönes Gnadenbild in die Arme zu schließen, als diese Verkörperung der reinen, hilflosen, holdseligen Unschuld. Jetzt trat sie selber ihm näher; ihm aber war es, als sei sein Wille gebrochen, und in banger Scheu wich er einen Schritt und dann noch einen zurück, bis die Kette ihn aufhielt. Da blieb sie stehen und streckte winkend den weißen Arm nach ihm aus. Dann wandte sie sich wieder dem Hause zu, und er folgte ihr, weil er mußte, weil ihr Wink ihn wie mit magnetischer Kraft ihr nachzog. Jetzt trat sie in den matt erleuchteten Soler, und dort war es ihm abermals, als fordere ihre erhobene Hand ihn auf, ihr zu folgen. Jetzt – der stürmische Schlag 129 des Herzens hemmte ihm dabei den Atem – setzte sie den kleinen weißen Fuß auf die erste Stufe der Treppe, jetzt stieg sie aufwärts ihm voran und immer voran bis zum ersten Absatz der Stiege. Hier blieb sie stehen und wandte das Antlitz dem offenen Fenster zu, durch das die Strahlen des Mondes in das Treppenhaus strömten und ihr Haupt, ihre Gestalt und alles ringsum mit sanftem Lichte umwoben. Heinz folgte ihr von Stufe zu Stufe, und es war ihm, als tose ihm ein brausendes Meer vor dem Ohre, als tanzten ihm flimmernde Funken vor den sehnsüchtig spähenden Augen. Wie er sie liebte! Wie gewaltig die Sehnsucht war, die ihn ihr nachzog! Und dennoch war eine andere Empfindung mit noch mächtigerer Kraft in ihm lebendig: Schmerz, redlicher, ihm tief in die Seele schneidender Schmerz, daß sie ihm hatte winken können, daß es ihm gestattet war, ihr zu folgen, daß sie ihm gewährte, was er nie gewagt hätte von ihr zu fordern. Ja, als auch er den Fuß auf die erste Stufe setzte, war es ihm, als stürzte der Tempel, der sein Heiligstes umschloß, dröhnend und krachend zusammen, und eine innere Stimme rief ihm ein lautes: »Fort, fort von hier!« zu. »Für das Reinste und Höchste,« fuhr sie fort ihn zu mahnen, »willst Du hier umtauschen, was Dich morgen schon mit Kummer und Abscheu erfüllt. Dein Bestes und Heiligstes gibst Du hin, um zu ernten, was sich Dir auf allen Wegen an die Brust wirft. Fort, fort Du armer Betrogener, bevor es zu spät ist.« Aber wenn er auch gewußt hätte, daß es die Teufelin Venus selbst sei, die dort in Evas Gestalt vor ihm 130 herzog, der Zauber ihrer unsagbaren Schönheit hätte ihn dennoch gezwungen, ihr zu folgen, und wenn auch der Hörselberg, der Tod, die Hölle das Ziel war. Am zweiten Treppenabsatz blieb sie abermals stehen und lehnte sich dort an einen Pfeiler. Wiederum wandte sie sich dem offenen Fenster entgegen, und als sie die Arme hochhob und sie dem Monde entgegenstreckte, in dessen silbernem Glanz sie wie Marmor glänzten, als Heinz wahrnahm, wie ihre Lippen sich regten, und als der eigene Name ihm von ihnen entgegenklang, da war es um seine Fassung geschehen. »Eva!« rief er ihr mit leidenschaftlicher Inbrunst entgegen und streckte den Arm aus, um sie zu umfangen; doch bevor er sie noch berührte, entrang sich ihrer Brust ein verzweiflungsvoll weher, von den Wänden des Treppenhauses laut widerhallender Schrei. Der Klang ihres eigenen Namens hatte die Fäden zerrissen, mit denen sie von der geheimnisvollen Gewalt des Mondlichtes vom Lager, in das Haus, ins Freie und wieder auf die Treppe zurückgezogen worden war. Der Schlaf samt dem Traume, der sie mit ihm umfangen, wichen von ihr, und schaudernd erkannte sie, wo sie war, sah sie den Ritter vor sich, ward ihr bewußt, daß sie im Nachtgewand, mit aufgelöstem Haar, in bloßen Füßen die Kammer verlassen, und außer sich vor Entsetzen über die unwiderstehliche Gewalt, mit der eine geheimnisvolle Macht sie zwang, gegen den eigenen Willen ihr zu folgen, tief verwundet von der schmerzlichen Empfindung, so weit über die Grenzen der jungfräulichen Züchtigkeit hinausgeführt worden zu sein, verletzt und empört von der Kühnheit des Mannes vor ihr, der es 131 gewagt hatte, ihr nach in das elterliche Haus zu dringen, erhob sie wiederum die Stimme, und diesmal geschah es, um diejenige herbei zu rufen, bei der sie in jeder Lage des Lebens Hilfe zu suchen und zu finden gewohnt war. »Els, Els!« scholl es die Stiege hinauf, und schon im nächsten Augenblick kam die Gerufene, die bereits den ersten Aufschrei Evas vernommen, die wenigen Stufen, die sie von der Schwester trennten, heruntergeeilt, um ihr Beistand zu leisten. Ein Blick auf das zitternde Mädchen im Nachtgewand und auf das Mondlicht, das es noch immer umglänzte, lehrte Els, was Eva auf die Treppe gezogen. Der Ritter mußte sich in das Haus geschlichen und sie hier angetroffen haben. Sie wußte, wer er war, und bevor Heinz noch Zeit gefunden, sich zu sammeln, rief sie der Schwester, die sie, wie Schutz suchend, mit den Armen umschlang, beruhigend zu: »Hinauf, Kind, in die Kammer! Führe sie, Kätterle; ich komme sogleich.« Während Eva dann am Arme der Gürtelmagd mit zitternden Knieen die Treppe hinanstieg, wandte Els sich an den Schweizer und sagte ernst und entschieden: »Wenn Ihr wert seid Eures Wappens, Herr Ritter, so entrinnt Ihr jetzt nicht feig aus diesem Hause, über dessen Schwelle Ihr Euch mit unrühmlicher Kühnheit schlichet, sondern harret meiner, bis ich wieder zurück bin. Lange sollt Ihr nicht warten. Um Euch selbst und eine andere vor übler Mißdeutung zu bewahren, müßt Ihr mir drunten das Ohr leihen.« Da nickte ihr Heinz, als stehe er noch immer unter dem Banne des Erlebten, stumm, doch beistimmend zu. Bevor er aber den Gang in den Soler antrat, kam 132 Martsche, die alte Haushälterin, und Endres, der betagte oberste Aufläder, wie sie dem Lager entstiegen waren, jene mit einem Weiberrocke über den Schultern, dieser in eine Pferdedecke gehüllt, ihm entgegengeeilt. Beide hatte der Aufschrei Evas geweckt; Els aber legte ihnen Stillschweigen gegen jedermann auf und berichtete kurz und schnell, nachdem sie ihnen geboten, sich wieder zur Ruhe zu begeben, daß Eva beim Nachtwandeln diesmal die Straße betreten habe und von dem Ritter dort zurückgeführt worden sei. Endlich rief sie Heinz noch ein kurzes: »Auf sogleich!« zu und begab sich dann zu der Schwester.     Neuntes Kapitel. Als Biberli der Herzliebsten, die ihm Evas Brieflein überbracht, vorhin Lebewohl gesagt hatte, war er mit ihr überein gekommen, sie noch einmal in einer, oder wenn der Dienst ihn länger aufhielt, in zwei Stunden an der Hausthür zu treffen; ihr aber hatte, nachdem der treue und standhafte Freund sie verlassen, das Herz immer banger geschlagen; denn das Unrecht, das sie begangen, indem sie die Vermittlerin zwischen der jungen Tochter ihrer Dienstherrschaft und einem fremden Ritter gespielt hatte, war in der That schwer verzeihlich. Statt, wie sie vorgehabt hatte, in der Küche oder im Soler auf die Rückkehr des Liebsten zu warten, war sie darum zu dem Gnadenbilde am Thore des St. Klarenklosters gegangen, vor dem sie schon oft, besonders wenn das Heimweh nach den Schweizer Bergen ihr gar zu hart zugesetzt hatte, Beruhigung gefunden. Auch diesmal war es ihr gnädig gewesen; denn nachdem sie recht andächtig gebetet und der Mutter Gottes sowie der heiligen Klara je eine Kerze gelobt hatte, war es ihr gewesen, als lächle das Bild ihr zu und verheiße ihr damit, sie straflos zu lassen. 134 Bei ihrer Rückkehr war der Ritter eben dem nachtwandelnden Mädchen in das Haus nachgeschritten und Biberli dem Herrn bis an die Treppe gefolgt. Dort hatte Kätterle den Herzliebsten getroffen. Als sie aber erfuhr, was hier im Werke sei, war sie heftig aufgebraust und hatte, entrüstet über die schmähliche Deutung, die der Diener dem Hinaustreten Evas auf die Straße gab, und entsetzt über die Gefahr, in die der Ritter sie alle zu stürzen drohte, der Geduld und Unterwürfigkeit vergessen, mit denen sie dem treuen und standhaften Biberli zu begegnen gewohnt war. Kaum aber hatte sie, ernst gewillt, die junge Herrin vor der Verfolgung des allzu kühnen Ritters zu schützen, dem Diener rasch und unwillig geboten, sich seines schnöden Verdachtes zu schämen, weil Eva nie und nimmer um eines Ritters willen, sondern, wie schon oft in hellen Mondnächten, nachtwandelnd aus der Kammer auf die Treppe und ins Freie getreten sei, als sie von dem Angstschrei der jungen Herrin aufgerufen worden war, ihr Beistand zu leisten. Verdrossen hatte Biberli ihr nachgeschaut und dabei die tolle Verliebtheit, die seinen Schutzbefohlenen um den Verstand brachte, und mit der er sich selbst, ihn und vielleicht auch das unschuldige Kätterle, dessen wackeres Eintreten für die Herrin ihm übrigens besonders wohlgefiel, in Schaden zu stürzen drohte, derb genug verwünscht . . . Als der alte Endres erschienen war, hatte er sich hinter eine Schutzwand von über einander gehäuften Ballen verborgen und sich nicht geregt, bis es wieder still geworden war im Soler. Zu seinem Erstaunen hatte er den Herrn sodann neben der Hausthür gefunden; doch wurde seine Frage, 135 die allerdings von leisem Spott nicht ganz frei war, ob der Ritter die Wiederkehr der mondsüchtigen Herzliebsten abwarte, so barsch zurückgewiesen, daß er es für gut fand, sich einstweilen still zu verhalten. Hatte Heinz Schorlin auch schon erkannt, einer der Besinnung unmächtigen Nachtwandlerin gefolgt zu sein, so war er doch noch nicht fähig, ruhig auf das Geschehene zurück und besonnen in die Zukunft zu schauen. Eins nur wußte er: die Furcht, das holdselige Geschöpf, dessen von Licht umflossenes Bild ihm immer noch wie eine Erscheinung aus einer höheren, schöneren Welt vor Augen stand, sei eine Unwürdige, die sich mit der Miene engelhafter Unschuld über Zucht und Sitte hinwegschwang, war vergebens gewesen. Ihr angsterfüllter Schrei, das Entsetzen ihn vor sich zu sehen, und der Hilferuf, der ja auch ihre Schwester herbeigeführt und die Dienstboten aus dem Schlafe geweckt hatte, gaben ihm das Recht, sie so hoch zu halten wie je, und diese Ueberzeugung fachte das Gefühl der Glückseligkeit, das die Minne in ihm erweckt und das sein thörichtes Mißtrauen schon zu ersticken begonnen, zu so hellem Aufflammen an, daß er sich fest entschlossen fühlte, Eva, koste es was es wolle, zu der Seinen zu machen. Nachdem er zu diesem Vorsatze gelangt war, begann er ruhiger zu erwägen. Was fragte er nach der Freiheit und dem schnellen Aufsteigen auf der betretenen Bahn, wenn nur sein späteres Leben von ihrer Minne, von ihrem Besitze verschönt ward. Wurde ihm auferlegt, in der üblichen Form um sie zu werben, so wollte er es thun . . . Ein wie anmutiges und dazu willensstarkes Geschöpf war auch das andere E, das ihm in der Sorge um die Schwester mit so ernster, entschiedener Würde den Weg gekreuzt hatte. Es war die Braut Wolff Eysvogels, und diesen jungen Mann, den er schnell schätzen gelernt hatte, seinen »Schwager« zu nennen, schien ihm erfreulich. Wenn der Vater ihm die Tochter aber jetzt noch versagte, dann wollte er Nürnberg hinter sich lassen und an den Rhein reiten. Dort weilte Hartmann, der Sohn Kaiser Rudolfs, den er wie einen jüngeren Bruder liebte. Den Achtzehnjährigen hatte er, Heinz, im Lanzenstechen und im Schwertkampf unterrichtet, und Hartmann ihm gestern noch sagen lassen, es sei schön am Rhein, aber ohne ihn habe er nur die halbe Lust auch am Besten. Er sei ihm notwendig. Das Einreiten der neuen Rosse für den Kaiser und die junge böhmische Königstochter könnten hundert andere Ritter und Knappen besorgen, wenn auch ein wenig schlechter. Hartmann würde ihn verstehen und den kaiserlichen Vater veranlassen, ihm bei seiner Werbung zu helfen. Der warmherzige Jüngling konnte ihn nicht traurig sehen, und ohne Eva gab es für ihn keine Freude, kein Glück mehr. Der leise Ruf seines Namens erweckte ihn aus diesem Sinnen und Träumen. Kätterle war mit Eva in das Schlafgemach gegangen, und die ältere Schwester ihnen dahin gefolgt. Zärtlich hatte sie die Weinende an sich gezogen, ihr die feuchten Augen geküßt und mit bewegter Stimme, in die sich doch ein gut Teil liebenswürdiger Schalkheit mischte, zugeraunt: »Der Wolf, der uns da ins Haus drang, scheint mir doch nicht ganz so harmlos wie der meine, 137 den es mir ja recht leidlich zu zähmen gelang. Geh jetzt zur Mutter, Liebling, ich komme gleich wieder.« »Was willst Du thun?« frug Eva ängstlich, im Bann des Unerhörten, das sie erlebt, immer noch ihrer selbst nicht mächtig. »Mich im Hause umschauen,« versetzte die Schwester und winkte Kätterle, mit ihr zu kommen. Auf der Flur forschte sie die Magd mit strenger Entschiedenheit aus, und zitternd und unter Thränen bekannte das Mädchen, Eva habe die Bitte des Ritters Schorlin, ihm ihre Farbe zu nennen, mit einem Brieflein beantwortet und was die tief beunruhigte Herrin sonst noch schnell von ihr zu erfahren verlangte. Nach einem bedrohlichen: »Ueber Dein unerhörtes Betragen reden wir später,« eilte Els sodann die Treppe hinunter und fand im Soler denjenigen, dem sie die Lust zu verderben gedachte, dem unschuldigen Kinde weiter nachzustellen, als dessen Beschützerin sie sich fühlte. Aber obgleich sie dem Ritter ihren Unwillen mit aller Strenge zu erkennen gab, bat er sie mit so großer Ehrerbietung und in so ziemlicher Weise um Gehör, daß sie ihn in freundlicherem Tone sich auszusprechen ersuchte. Kaum aber hatte er zu berichten begonnen, wie Eva ihm aus dem Tanz das Herz mit der reinsten Minne gesättigt, als das Pferdegetrappel, das sich dem Hause mehr und mehr genähert hatte, plötzlich zum Stillstand gelangte, und Biberli, der auf den Vorplatz getreten war, herbeigeeilt kam und warnend ausrief: »Die Montforts!« Im nämlichen Augenblick rissen zwei Knechte die Flügel des Thores aus einander, Fackelschein vermischte sich auf dem Vorhofe mit dem Lichte des Mondes, und 138 schon im nächsten Augenblicke drang eine stattliche Anzahl von Rittern und Herren in den Soler. Biberli hatte recht gesehen. Die Montforts waren heimgekehrt, statt auf der Kadolzburg zu übernachten, und Els wie der Schweizer fanden weder Zeit, noch fühlten sie sich gewillt, sich zu verbergen. Den Eindringlingen schritten Knechte voran, deren Fackeln den langen und hohen Lagerraum hell beleuchteten. Els war es, als stehe das Herz ihr still, und sie fühlte, wie sich ihr die Wangen entfärbten. Hier blickte ihr das gebräunte Weidmanns- und Trinkergesicht des Grafen von Montfort, dort das wohlgebildete, offene Antlitz des jungen Burggrafen Eitelfritz von Zollern, das die bei dem nächtlichen Ritt aufgezogene Kapuze des Johannitermantels umrahmte, da das blasse und edle des stillen, als Lanzenbrecher und Schwertkämpfer weit berühmten Ritters Boemund Altrosen, dort drüben das narbige, von einem Wald wirren, braunen Haares umstarrte Kriegergesicht des Grafen Kaspar Schlick, und hier das wasserblaue Augenpaar des Ritters Seitz Siebenburg, des Gatten ihrer künftigen Schwägerin Isabella entgegen. In lebhaftem Gespräch, lachend und zufrieden, den tollen nächtlichen Ritt, den Cordula von Montfort vorgeschlagen, und der sie auf dunklen Waldwegen, die das Mondlicht nur flüchtig streifte, oft aber auch querfeldein, über Gräben und durch Bäche geführt hatte, ohne Unfall an Mensch und Tier zurückgelegt zu haben, waren sie eingetreten. Jetzt drängte sich alles um die Gräfin; Seitz Siebenburg aber trat ihr mit so beflissenem Eifer näher, daß die 139 Enden seines ungeheuren Schnurrbartes die Federn auf ihrem Baret streiften, und Boemund Altrosen, der dem kühnen Mädchen eben noch mit dem warmen Entzücken echter Minne in das gerötete Antlitz geschaut hatte, ihm einen drohenden Blick zuwarf. Auch Els war »der Schnurrbart«, wie man ihren künftigen Schwager nannte, weil er durch den mächtigen Schmuck der Oberlippe unter den anderen bartlosen Rittern auffiel, in der Seele zuwider. Sie wußte, daß er ihr dies Gefühl zurückgab und nichts unterlassen hatte, um die Eltern Eysvogel gegen Wolffs Verlöbnis mit ihr aufzubringen. Jetzt war er einer der ersten, der sie bemerkte, und nachdem er der Gräfin und dann auch denen, die ihm am nächsten standen, sie wußte nicht was, mit einem häßlichen Lächeln zugeflüstert hatte, blickte er so schadenfroh auf sie hin, daß sie leicht erraten konnte, zu welcher Deutung ihres nächtlichen Beisammenseins mit dem Schweizer er seine Begleiter zu bestimmen versuchte. Da flammten die Wangen ihr unwillig auf, und blitzschnell vergegenwärtigte sie sich auch, welch ein Gefallen dieser leichtfertigen Schar, zu deren bestem Zeitvertreib es gehörte, sich an den Fehltritten des Nächsten zu ergötzen, geschehen würde, wenn der Ritter, der sie in diese mißliche Lage geführt oder sie selbst bekannte, daß nicht sie, sondern die fromme Eva Heinz hierher geführt habe. Welch eine Genugthuung für diese leichtlebige Schar, wenn sie einer Jungfrau, von der die Frau Burggräfin von Zollern gestern dem Schultheißen Pfinzing, ihrem Oheim und seiner Hausfrau gesagt hatte, die Reinheit und Frömmigkeit selbst hätten sich Evas wunderholdes Antlitz zum Spiegel erwählt, dergleichen nachreden durfte! 140 Und wenn Heinz Schorlin nun, um sie, Els, vor üblem Leumund zu schützen, bekannte, daß sie nur hier stehe, um ihr seinen kecken Einbruch in ein ehrbares Haus zu verweisen? Das mußte verhütet werden, und Heinz schien sie zu verstehen; denn nachdem ihr Auge dem seinen begegnet war, hatte sein ratloser Frageblick ihr gesagt, daß er es ihr überlasse, einen Ausweg aus dieser Fährnis zu finden. Auch die fröhliche Gesellschaft, die jetzt erkannte, daß sie die nächtliche Zusammenkunft eines Liebespaares störte, war nicht sogleich mit sich einig, wie sie sich hier zu verhalten habe, und unversehens machte, während eines das andere fragend anschaute, peinliches Schweigen ihrer lauten Fröhlichkeit ein Ende. Doch die verlegene Stille sollte nicht lange dauern, und was sie unterbrach, schien Els das Schlimmste in Aussicht zu stellen; war es doch ein helles, übermütiges Auflachen, das aus dem Munde derselben Cordula Montfort kam, der Els eben als der einzigen ihres Geschlechtes, die hier war, ratlos und mit einem um Hilfe flehenden Blick in die Augen geschaut hatte. War Evas Abneigung gegen die Gräfin berechtigt, und stand sie im Begriff, ihre mißliche Lage schadenfroh zu benutzen, um sie zu verhöhnen? Waren die beiden gestern auf dem Tanze an einander geraten, und nahm Cordula jetzt die Gelegenheit wahr, durch die Demütigung der älteren die jüngere Schwester zu strafen? Uebrigens klang ihr Lachen nichts weniger als hämisch, sondern vielmehr recht frisch und natürlich. Die reinste Heiterkeit schaute ihr aus den guten, grauen Augen, 141 während sie so derb und fröhlich in die Hände klatschte, daß die Falkenkettlein an den Stulpen ihrer Reithandschuhe zusammenrasselten. Und was war das? So aufmunternd heiter und vertraulich blickte keiner einen andern an, dem er weh zu thun wünschte, wie Cordula jetzt Els und Heinz Schorlin, der neben ihr stand. Höchst befremdlich erschien anfangs den beiden Ueberraschten freilich, was sie den Anwesenden mit so lautem Frohlocken zurief, als gelte es sich eines Sieges zu rühmen; doch daß es nicht böse gemeint war, fühlten sie von Anfang an. Bald erkannten sie aber auch die wahre Meinung des Berichtes der Gräfin, und Els schämte sich, von ihr, deren Verteidigerin sie doch immer gewesen war, etwas Böses befürchtet zu haben. »Gelungen, Herr Ritter, köstlich gelungen!« lautete der erste Satz, den sie Heinz zurief. Dann wandte sie sich an Els und frug sie nicht weniger lebhaft: »Und Ihr, meine schöne Jungfrau und vielgestrenge Hausgenossin, wer gewann nun die Wette? Bleibt Ihr immer noch der Meinung, es sei ein nicht auszudenkender Gedanke, daß die sittige Tochter eines turnier- und wappenfähigen ehrbaren Geschlechterhauses von Nürnberg sich um Mitternacht mit einem jungen Ritter ein Stelldichein gebe?« Dann wandte sie sich an ihre Begleiter und fuhr in erklärendem, doch immer gleich übermütigem Tone fort: »Das köstliche Braunhaar, das sie jetzt so bescheiden mit dem Kopftüchlein bedeckt, und gar den Ring des Herrn Bräutigam wollte sie verwetten. Mein eigen sollte es sein, wenn es mir glückte, ihr solche schmähliche Unthat vor Augen zu führen. Ich aber war, 142 als die Wette zu stande kam, mit einer geringeren Buße zufrieden; doch nun ich gewann, Jungfrau Ortliebin, müßt Ihr sie zahlen!« Erstaunt folgten die Anwesenden der niemand verständlichen Rede; die Gräfin aber nickte denen, die ihr am nächsten standen, schalkhaft zu und fuhr fort: »Wie befremdet ihr dreinschaut! Es könnte mich reizen, eure Neugier, ihr edlen Herren, weniger schnell zu befriedigen, doch nach einem so schönen Vergnügen wie Ihr uns botet, Herr Burggraf, ist man barmherzig. So sollt ihr denn hören, wie ich, klug wie die Schlangen, diesen hochgemuten Ritter« – und dabei streichelte sie Heinz Schorlin den Arm mit der Reitpeitsche – »und auch Euch, Jungfrau Ortliebin, die ich deswegen um Vergebung bitte, arglistig zwang, mir die Wette gewinnen zu helfen. Nichts für ungut, meine edlen Herren! Diese Wette eben war es, die mich nötigte, euch alle so früh von der Kadolzburg und ihren Reizen fortzuziehen, und euch zu bewegen, mir auf dem wilden Ritt durch die Mondnacht zu folgen. Nehmt jetzt den Dank einer Dame mit erkenntlichem Herzen; denn euer Gehorsam half mir die Wette gewinnen. Seht dort meinen schönen, an allen Tugenden reichen, gehorsamen Ritter Heinz Schorlin. Ihm gebot ich bei meinem Zorne, mich um Mitternacht beim Eingang in unser Quartier, das heißt im Soler des Ortliebhofes zu erwarten, und dieser sittsamen Jungfrau und glückseligen Verlobten – möge sie es mir Tollkopf verzeihen! – spiegelte ich vor, es ängstige mich und sei meinem schüchternen Zartsinn peinlich, mich bei der Heimkehr in später Nacht so ganz allein unter lauter Herren in das Haus, das uns gastlich aufnimmt und das 143 Schlafgemach zu begeben, während ich doch den Sultan und seine Mamluken nicht fürchte, wenn ich mit dieser hier in der Hand« – und dabei wies sie auf die Reitpeitsche – »und mit meinem lieben Herrn Vater mir zur Seite, auf den eigenen Füßen stehe, die nicht so gar klein sind, aber wohl beschuht und standfest. Und weil man ja andere gern nach dem eigenen Maße mißt, glaubte mir die sittig schüchterne Jungfrau, und die arme Cordula, die allerdings nur ihre Zofen und keine rechte weibliche Beschützerin mit hieher nahm, und die darum auch in der That darauf verzichten mußte, bei der Heimkehr von einer Achtung gebietenden Frau empfangen zu werden, wandte sich nicht vergeblich an das barmherzige Gemüt ihrer schönen Hausgenossin. Fürsorglich versprach sie mir, beim Nahen der Rosse in den Soler zu steigen, um das heimkehrende, von lauter Luchsen, Wildkatzen, Füchsen und Wölfen umlauerte Lamm zu empfangen und es in die sicheren Hürden – wenn man dies stattliche Haus so nennen darf – zu ziehen. – Beide aber, der Ritter Heinz Schorlin wie die Jungfrau Elisabeth Ortliebin hielten Wort und trafen hier – höchlich überrascht sollt' ich meinen, da sie meines Wissens einander noch nie vorher begegneten – zu meinem Empfang und damit auch zu einer Begegnung zusammen, die ich, – wie laut sie dem auch widersprechen mögen – ein nächtliches Stelldichein nenne. Meine Wette aber, schönes Kind, ist gewonnen, und Ihr werdet mir morgen das köstlich geschnitzte Elfenbeinkästlein ausliefern, wonach mir der Sinn stand, während ich mein Armband behalte.« Hier schwieg sie, ohne der heiteren Drohungen, der Rufe des Erstaunens und des Gelächters ihres Gefolges zu achten. 144 Während aber ihr Vater sich auf den starken Leib schlug und in hellem Entzücken einmal über das andere ausrief: »Ein Ausbund von einem Weibsbild!« und Seitz Siebenburg ihr in bitterer Enttäuschung zuraunte: »Die vierzehn heiligen Nothelfer können von Euch lernen, was der Rettung unwert und wohl auch schon an ihr verzagte, aus der Klemme zu ziehen,« bemühte sie sich, der jungen Hausgenossin, die sie lieb gewonnen hatte und von der sie sicher zu wissen meinte, daß sie nur ein grausames Ungefähr mit Heinz Schorlin, der doch vielleicht um ihretwillen gekommen war, hier zusammengeführt haben könnte, Zeit zu größerer Sammlung zu verschaffen, und fuhr darum ruhiger fort: »Jetzt aber, Jungfrau Ortliebin, will ich mich ernstlich Eures Schutzes und Geleites durch das finstere Haus bedienen, und dabei sollt Ihr mir berichten, wie Euch Ritter Schorlin empfing, und was während des Wartens in Gutem und Bösem zwischen euch vorging.« Da faßte sich Els und sagte laut genug, um von den Anwesenden verstanden zu werden: »Auf Euch, Gräfin Cordula, führte uns die Rede, und der Ritter meinte . . .« »Ich nahm mir heraus,« fiel Heinz der neuen Verbündeten ins Wort, »Euch, Gräfin, nachzusagen, daß Ihr es zwar wohl verstündet, einem armen Ritter ein Licht über die eigene Einfalt aufzustecken, daß aber unter keinem Mieder in der Schweiz, in Schwaben und Franken ein freundlicheres Herz als das Eure pocht.« Da schlug ihm Cordula mit der Peitsche leicht über die Schulter und lachte: »Wer erlaubt Euch, auf einem so weiten Landstriche den Weibsbildern unter die Mieder 145 zu schauen, Ihr Taugenichts, Ihr! Wäre ich an Stelle der Jungfrau dort gewesen, ich hätte Euch wegen des nächtlichen Einfalls in ein ehrbares Haus . . .« »O teure Gräfin,« unterbrach sie hier Heinz, und was er sagte, trug so deutlich den Stempel der Wahrhaftigkeit und des wirklich Erlebten, daß auch der Ritter Siebenburg stutzig wurde, »wenn ich auch stets geneigt bin, Euch dankbar zu sein, – für den Empfang, der mir allhier von dieser Jungfrau zu teil ward, kann ich mich selbst gegen die huldreichste Wohlthäterin nicht zur Erkenntlichkeit bequemen. Denn, bei meinem Heiligen, wie ein schlimmer Dieb und Einbrecher ward ich von ihr des Hauses verwiesen.« »Recht so,« rief die Gräfin. »Ich hätt' es Euch noch schärfer gegeben! Nur wär' Euch manches scharfe Wort erspart geblieben, wenn Ihr gleich bekannt hättet, daß ich es bin, die Euch hieher rief. Morgen hab' ich mit Euch zu reden, und – nicht wahr, Jungfrau Els – Ihr laßt ihn den Verlust der Wette nicht büßen und übt das Hausrecht in milderer Weise?« Dabei schaute sie der andern mit einem so vielsagenden Blick ins Auge, daß Els fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, und der Drang, diesem trügerischen Spiel ein Ende zu machen, sich mit schwer zu bewältigender Macht in ihr regte. Nur der Gedanke an Eva schloß ihr die Lippen.     Zehntes Kapitel. Außer Siebenburg hatte sich nur noch einer nicht täuschen lassen: der Ritter Altrosen, der Cordula mit treuer Minne ergeben war und mit dem Instinkt der Liebe fühlte, daß sie ihre Erzählung ersonnen, und zwar zu einem freundlichen Zwecke, der ihrem guten Herzen zur Ehre gereichte. Mit stolzer Freude ruhte sein stilles schwarzes Auge darum auf der Geliebten, während Seitz Siebenburg ingrimmig die Schnurrbartenden drehte. – Ihm war kein Blick und keine Bewegung der beiden Mädchen entgangen, und das kecke Eintreten Cordulas für den leichtfertigen Schweizer, der ja nun auch seine künftige Schwägerin umgarnt zu haben schien, steigerte den Neid und die Eifersucht, die ihn quälten, zu solcher Höhe, daß er sich Zwang anthun mußte, um der Gräfin nicht ins Gesicht zu rufen, er wenigstens sei weit entfernt, sich durch eine Fabel täuschen zu lassen. Doch es gelang ihm, sich zu beherrschen. Indem er sich Schweigen auferlegte, schaute er sich nur mit deutlich zur Schau getragener Verachtung unter den hier aufgehäuften Waren um. Er wollte den anderen vor Augen führen, daß er auch als Gemahl einer 147 Kaufmannstochter die Vorurteile des ritterlichen Standes bewahre. Indes achtete niemand des unangenehmen, keinem der Anwesenden näher vertrauten Gesellen. Die meisten bedrängten Heinz Schorlin mit Neckereien und Fragen; der derbe Graf Montfort aber hielt Els fest an der Hand, während er sie wegen des verwegenen Scherzes seines Töchterleins, das es bei aller Tollheit doch immer gut meine, um Entschuldigung bat. Nichts hätte indes dem in eine so peinliche Lage geratenen Mädchen unwillkommener sein können als dieser Aufenthalt. Fort von hier zog es sie mit aller Gewalt; doch war es ihr noch nicht gelungen, sich von dem alten, wohlgesinnten Weidmanne loszuringen, als sie zwei Herren den hell erleuchteten Soler eilig betreten sah, bei deren Anblick es ihr war, als stockte ihr der Herzschlag. Der alte Graf, der ihr Erbleichen bemerkte, ließ sie los und frug teilnehmend, was über sie gekommen; Els aber hörte ihn nicht. Als sie die Hand wieder frei fühlte, wäre sie am liebsten die Treppe hinauf zu der Mutter und Schwester geflohen, um sich den Erörterungen, die nun folgen mußten, zu entziehen. Aber sie wußte, zu wie unerhörten Ausschreitungen der Jähzorn den sonst so verständigen Vater fortreißen konnte, wenn niemand zur Hand war, um ihn zu warnen. Da stand er in der Thür und stach in seiner finsteren Strenge sonderbar von der fröhlichen Gesellschaft ab, die in übermütiger Laune hier eingefallen war. Sein Begleiter, Herr Kaspar Eysvogel, hatte die künftige Schwiegertochter schon bemerkt, ihr dies durch 148 ein erstauntes Achselzucken, das alles eher als ein freundlicher Gruß war, zu erkennen gegeben und schaute jetzt nicht minder ernst und abweisend auf die erregten Nachtschwärmer als der Besitzer des Hauses. Die ungewöhnlich hohe Gestalt Herrn Kaspars gestattete ihm, über die Anwesenden, die außer dem Grafen Montfort sämtlich zu den großen, ja größten Männern gehörten, hinweg zu schauen, und die Feinheit seines scharf geschnittenen, bartlosen, bleichen Gesichtes war Els noch nie so bewunderungswürdig, aber zugleich auch so unheimlich erschienen. Er war ja der Vater ihres Wolff; doch der Sohn glich diesem Manne mit dem abweisend kalten Wesen in nichts als an Größe der Gestalt, und es fröstelte sie, als sie die immer noch scharfen und glänzenden blauen Augen des schönen alten Herrn auf sich ruhen fühlte. Am Verlobungstage war sie ihm warmen und dankbaren Herzens in die Arme geeilt, und er hatte sie auch geküßt, wie es die Sitte vorschrieb. Doch es war in sonderbarer Weise geschehen; denn seine dünnen, fein geschnittenen Lippen hatten ihr die Stirn nur leicht gestreift. Dann war er von ihr zurückgetreten und hatte sich mit dem leisen Gebote: »Jetzt, Rosalinde, wird es an Dir sein,« an seine Gemahlin gewandt. Da war die künftige Schwiegermutter schnell aufgestanden und hatte wohl auch im Sinne gehabt, sie zärtlich zu umfangen, doch ein lautes Räuspern ihrer Mutter schien sie aufgehalten zu haben; denn bevor sie Els die Arme geöffnet, hatte sie sich nach jener umgeschaut und ihr Thun mit der Bemerkung: »Er wünscht es,« begründet. Endlich war Els von Frau Rosalinde dennoch ans Herz gezogen 149 und mit größerer Wärme geküßt worden, als sie nach dem Vorhergegangenen erwartet. Wolffs Großmutter, die Mutter Frau Eysvogels, die alte Gräfin Rotterbach, die den großen vergoldeten Sorgenstuhl im Wohnzimmer ihrer Tochter selten verließ, war dem allen mit einem höhnischen Lächeln gefolgt. Dabei hatte sie das vorstehende Kinn noch weiter als sonst nach vorn geschnellt und laut genug, um von Els verstanden zu werden, die Tochter gefragt: »Also dennoch?« Das alles trat Els in den Sinn, als sie dem Vater des Verlobten in das kühle Bildsäulenantlitz schaute. Es kam ihr vor, als halte er die hohe, edle Gestalt noch vornehmer aufrecht, und als wären seine schlichten, dunklen Gewänder von noch kostbarerem Stoffe und tadelloserem Schnitte als sonst; ja, es war ihr, als nähme er, wie der Löwe, der sich niederkauert und die Kraft der Muskeln anspannt, bevor er auf sein Opfer losspringt, alles, was in ihm war an Stolz und Härte, zusammen, um sie damit zu zermalmen. Sie war unschuldig, ja was sie zu Gunsten der Schwester hiehergeführt hatte, mußte jedem Wohlgesinnten und gewiß nicht am letzten dem Vater gefallen. Es wäre auch ihrer wahrhaftigen Natur angemessen gewesen, der freundlichen Lüge Gräfin Cordulas laut zu widersprechen, hätte ihr nicht die Furcht, Eva in verhängnisvoller Weise bloßzustellen, Schweigen auferlegt. Wie dem Vater die Wangen schon glühten! Mit wachsender Angst schrieb sie es dem Unmute zu, der sich seiner bemächtigt, und doch hatte er sich nur erhitzt, als er, vom Frauenthore aus, so schnell die Füße ihn hatten 150 tragen wollen, mit dem künftigen Gegenschwieger hierher geeilt war. Auch Kaspar Eysvogel hatte an dem Vorchtelschen Herrentrunke teilgenommen und, um Geschäftliches mit ihm zu besprechen, den künftigen Schwiegervater seines Sohnes auf die Straße begleitet. Er war willens gewesen, Ernst Ortlieb zu bestimmen, ihm das Kapital vorzustrecken, um das er den Gevatter Vorchtel vorhin vergebens angesprochen hatte. Aufs dringendste bedurfte er dieser großen Summe, von deren Verwendung auch sein Sohn und Geschäftsteilhaber nichts wissen sollte, für die nächsten Tage, und der künftige Schwiegervater Wolff Eysvogels sah anfänglich keinen Grund, sie ihm zu verweigern. Aber Herr Ernst war ein vorsichtiger Mann, und als der andere die Bedingung stellte, sein Sohn dürfte nichts von diesem Vorschuß erfahren, wurde er stutzig. Er wünschte zu hören, warum dem Geschäftsteilhaber vorenthalten werden sollte, was doch in die Bücher des Hauses verzeichnet werden mußte; Kaspar Eysvogel aber bedurfte dieses Kapitals, um den Juden Pfefferkorn zum Schweigen zu bringen, von dem er hinter dem Rücken des Sohnes große Summen entliehen, mit denen er den Verlust gedeckt, den er im vorigen Jahre zu Venedig beim Spiele erfahren. Erst höflich ablehnend, dann aufbegehrend wies er die Fragen des Geschäftsmannes zurück, und die Art und Weise, mit der er es that, und die kleinen Widersprüche, in die der hoffärtige, des Lügens ungewohnte stolze Mann sich verwickelte, zeigten Herrn Ernst, daß hier nicht alles stand, wie es sollte. Als sie zum Frauenthor gelangten, hatte er Kaspar 151 Eysvogel mit aller Entschiedenheit erklärt, seine Forderung sei so lange für ihn unerfüllbar, bis Wolff mit ins Vertrauen gezogen würde. Da hatte der bedrängte Mann sich gesagt, daß nur ein offenes Eingeständnis ihn zum Ziele führen könnte. Doch welches Uebergewicht gab er mit ihm dem andern in die Hand, welche Demütigung legte es ihm selbst auf! Er brachte es nicht über die Lippen; wohl aber wagte er einen letzten Versuch, indem er sich nicht an den Geschäftsmann, sondern an den Vater Ortlieb wandte und Herrn Ernst in der vornehm herablassenden Weise, zu der sein ganzes Wesen ihn befähigte und drängte, als spreche er damit das letzte Wort, die Frage vorlegte, ob er auch bedacht habe, daß seine Verweigerung eines Verlangens, dessen Erfüllung zwanzig andere sich zur Ehre rechnen würden, ihren Beziehungen zu einander eine ihm wie seiner Tochter gewiß recht unerwünschte Gestalt geben würde. »Nein, das glaubte ich nicht nötig zu haben,« entgegnete der andere entschieden, und fügte gereizt hinzu: »Habt Ihr aber das Darlehen so nötig, daß Ihr für den Sohn eines Schwiegervaters bedürft, der es Euch williger vorstreckt, dann, mein Herr Kaspar . . .« Hier aber war er plötzlich verstummt; denn aus dem Hausthore des Ortliebhofes ergoß ein heller Lichtschein sich auf die Straße. Das mußte eine Feuersbrunst sein! Und mit dem besorgten Rufe: »Heiliger Florian, stehe uns bei! Es brennt in meinem Soler,« eilte er mit dem Begleiter so schnell, daß die Fackelträger, die auch in dieser hellen Nacht in engen Gassen, deren hohe Häuser dem Mondscheine den Zugang verwehrten, gute Dienste 152 leisteten, ihnen kaum folgen konnten, dem gefährdeten Hause entgegen. So hatte Herr Ernst bald, weit tiefer um die kranke, hilflose Gattin besorgt, als um seine gefährdeten Waren, die Hausthür erreicht. Dicht hinter ihm her überschritt sein Begleiter die Schwelle des Solers, finster blickend, aufgebracht bis ins tiefste und gewillt, dem Sohne anheimzugeben, zwischen seiner Gunst und Liebe und der Tochter dieses ihm übel gesinnten Mannes zu wählen, den nur ein unerwarteter Zwischenfall an der Lösung seines Verlöbnisses gehindert. Was Ernst Ortlieb anging, der mit peinlicher Vorsicht und Ordnungsliebe darauf hielt, daß in den Räumen seines Hauses, die leicht entzündliche Waren von hohem Werte bargen, nur Laternen zur Beleuchtung verwendet wurden, so war es ihm schon ein empörender Anblick, viele Fackeln hier brennen zu sehen; anderes aber störte ihm die ohnehin verlorene Ruhe in noch weit höherem Grade. Was wollte seine Els hier und zu dieser Stunde mit ihm fremden oder fernstehenden Herren? Ohne ihrer und der Gräfin zu achten, wollte er sogleich auf sie zueilen, um sich die Lösung dieses Rätsels zu verschaffen, doch der junge Burggraf Eitelfritz, Ritter von Altrosen, Cordula von Montfort und andere verlegten ihm den Weg, indem sie ihn begrüßten und ihn lebhaft ersuchten, ihnen das späte Eindringen in sein Haus freundlich zu gute zu halten. Weil ihm nichts anderes übrig blieb, bewilligte er kurz, was sie begehrten, und es gereichte ihm zu einiger Beruhigung, den alten Grafen Montfort, der immer noch 153 neben Els stand, lebhaft mit ihr reden zu sehen. Die Anwesenheit des Mädchens war doch wohl durch seine Quartiergäste und besonders durch Cordula veranlaßt worden, in der er, seitdem sie den Frieden seines stillen Hauses Nacht für Nacht störte, die Verkörperung der Unruhe und eines rücksichtslosen Sichgehenlassens erblickte. Am liebsten hätte er sie unbeachtet gelassen; sie aber hatte sich ihm an den Arm gehängt und suchte ihn mit einschmeichelnder Liebenswürdigkeit milde zu stimmen, indem sie munter erzählte, wie sie hierher gekommen und was sie und ihre Begleiter hier zurückhielt. Doch Ernst Ortlieb, der sonst für solche anmutige Annäherung einer jungen, vornehmen Dame recht wohl empfänglich gewesen wäre, konnte es jetzt nicht einmal über sich gewinnen, die Stirn zu glätten. Erregt wie er war, gelang es ihm auch nicht, dem Inhalt ihres heiteren, mit gut gespielter Zerknirschung vermischten Berichts zu folgen. Während er mit dem einen Ohre auf sie hörte, lauschte er mit dem andern auf das Gespräch, das Ritter Seitz Siebenburg mit Kaspar Eysvogel, seinem Schwiegervater, begonnen. Daß der Gräfin Cordula ein gewagter Scherz mit Els und dem Schweizer Heinz Schorlin gelungen, hatte er ihrer Erzählung entnommen, und was der »Schnurrbart« dort seinem Schwiegervater mit gedämpfter Stimme erzählte, mußte sich gleichfalls – die Richtung seiner Blicke verriet es – auf Els und den Schweizer beziehen. Je weniger Herr Ernst aber von diesem Geflüster verstand, um so peinlicher erregte es ihm die ohnehin beunruhigte Seele. Plötzlich gewannen indes seine angenehmen Züge, die 154 er bis dahin, der Dame zu Gefallen, ein freundliches Ansehen zu bewahren gezwungen, einen Ausdruck, der die übermütige Gräfin mit ernster Besorgnis erfüllte und die tief geängstigte Els, die ihn nicht aus den Augen verlor, zu einem raschen Entschlusse antrieb. So sah der Vater aus, bevor der Jähzorn ihn übermannte, und zu dieser Stunde, in dieser Umgebung, durfte er sich nicht von ihm fortreißen lassen, mußte er die ziemliche Ruhe bewahren. Ohne des jungen Burggrafen Eitelfritz und des Ritters Altrosen zu achten, die sich ihr eben näherten, drängte sie sich dem Vater näher. Noch hielt er an sich; doch schon war ihm die Ader auf der Stirn geschwollen, und seine kleine Gestalt hatte sich straff in die Höhe gerichtet. Was ihn aber so tief erregte – sie hatte es gesehen – war ein Wort Seitz Siebenburgs gewesen. Ihr Vater allein hatte es verstanden, doch ihre Vermutung ging nicht fehl, wenn sie es auf sich selbst und den Schweizer bezog und es für nichtswürdig hielt und gehässig. In der That hatte der »Schnurrbart«, nachdem sein Schwiegervater ihm mitgeteilt, Ernst Ortlieb habe gemeint, sein Haus stehe in Flammen, auf Herrn Kaspars Frage, wie die Braut seines Sohnes hierher komme, die höhnische Antwort erteilt: »Die Els? Zum Löschen ist sie nicht hergeeilt wie der Alte, sondern weil es ihr an einem Brand nicht genug war. Wolff soll es morgen erfahren. Bei Tage flackert für ihn das magere Flämmchen der ehrbaren bräutlichen Minne, bei Nacht loht es heller auf für den Schweizer Taugenichts da drüben. Und zu diesem Spiel mit dem Feuer wählt das Jungfräulein den leicht entzündlichen Warenraum des eigenen Vaters!« 155 »Den meinen werde ich vor dergleichen sicher stellen,« hatte Kaspar Eysvogel erwidert; dann aber, indem er einen verächtlichen Blick auf Els und einen zornigen auf den Schweizer warf, mit unwilliger Entschiedenheit hinzugefügt: »Noch ist es indes nicht zu spät. So lange ich bin, der ich bin, soll mir niemand Fährnis und Schande bringen über Haus und Sohn.« Da war Herrn Ernst plötzlich bewußt geworden, in welchen Verdacht sein schönes, braves, aufopfernd treues Kind hier gekommen. Totenbleich rang er nach Fassung, und als sein Auge dem flehenden Blicke des so schnöde verunglimpften Mädchens begegnete, sagte er sich, daß er an sich halten müsse, um nicht den leichtfertigen Nachtschwärmern, die ihn umgaben, ein ergötzliches Schauspiel zu bieten. Wolff war ihm lieb; bevor er aber seine Els in das Haus geführt hätte, das der elende »Schnurrbart« dort mitbewohnte, und dessen Haupt der kaltherzige, dünkelhafte Mann war, dessen Rede ihn eben wie ein Giftpfeil getroffen, wäre er, dem der Herr den lieben, wackern Sohn genommen, bereit gewesen, sich auch der Töchter zu berauben und beide ins Kloster zu führen. Eva sehnte sich dahin, und Els konnte dort ein neues, schönes Glück finden, wie seine Schwester, die Aebtissin Kunigunde; – im Eysvogelschen Hause niemals. Während dieser raschen Erwägungen streckte Els die Hand nach ihm aus, und das blanke Gold des Reifens, den der Verlobte ihr an das Ringfingerlein gesteckt, gleiste ihm im Lichte der Fackeln entgegen. Da kreuzte ihm ein heller Gedanke blitzschnell das Gehirn, und er hielt an ihm fest, und ohne langes Besinnen zog er der 156 erstaunten Tochter den Ring vom Finger und raunte ihr auf ihren bangen Ruf: »Was thut Ihr, Herr Vater?« kurz und innig zu: »Baue auf mich, Kind.« Dann trat er schnell auf Kaspar Eysvogel zu und winkte ihm, mit ihm zur Seite zu treten. Der andere folgte ihm in der Meinung, Herr Ernst werde ihm jetzt die geforderte Summe dennoch zusagen, doch fest entschlossen, sie zurück zu weisen, so nötig er ihrer auch bedurfte. Ernst Ortlieb aber sprach diesmal nicht von Geschäften, sondern reichte ihm mit einer schnellen Bewegung den Ring, der ihre Kinder mit einander verbunden. Nachdem ihn dann ein rascher Umblick gelehrt, daß ihm niemand gefolgt war, raunte er Herrn Kaspar zu: »Sagt Eurem Wolff, er sei uns wert und würde uns wert verbleiben; meine Tochter aber schiene mir zu gut für das Haus seines Vaters und für eine Sippe, die von ihr besorgt, es werde Schaden und Schande durch sie über sie kommen. Euer Wunsch ist erfüllt. Ich kündige Euch hiermit das Verlöbnis.« »Und nehmt mir damit nur vorweg, wozu ich eben mit triftigeren Gründen zu schreiten gedachte,« versetzte Kaspar Eysvogel mit kühler Gelassenheit und zuckte dabei verächtlich die Achseln. »Die Stadt wird morgen beurteilen, welchem von beiden Teilen hier der Zwang auferlegt wurde, ein vor den Augen Gottes und der Menschen geheiligtes Bündnis zu lösen. Die gute Meinung, die ihr von meinem Sohne hegt, ist mir leider Eurer Tochter zurück zu geben unmöglich.« Damit richtete er die majestätische Gestalt hoch auf, schaute mit stolzer Nichtachtung auf den kleinen Gegner 157 nieder und wandte ihm, ohne ihn eines Grußes zu würdigen, den Rücken. In Ernst Ortliebs Brust wogte und siedete der verhaltene Jähzorn, und es wäre ihm kaum gelungen, sich länger zu beherrschen, hätte ihm nicht der Gedanke zur Seite gestanden, daß nun zwischen seinem Kinde und diesem eiskalten, hochfahrenden, ungerechten Manne und seiner hoffärtigen, übelgesinnten Sippe alles aus und vorbei sei. Als er sich aber wieder nach der Tochter umschaute, der seine rasche That wohl eine tiefe Wunde geschlagen, fand er sie nicht mehr. Gleich nachdem er ihr den Ring genommen hatte, war sie still und unbemerkt von den meisten in den oberen Stock des Hauses gestiegen; Cordula Montfort vertraute es ihm leise. Els hatte ihre Fragen unbeantwortet gelassen; ihr flehender, feuchter Blick war aber der Gräfin ins Herz gedrungen. Ihr scharfes Ohr hatte die hämischen Worte Siebenburgs und die herbe Rede des alten Eysvogel verstanden, und mitleidig fühlte sie der Aermsten nach, was sie litt. Ein zerbrochenes Lebensglück ohne eigenes Verschulden! Von Anfang an war ihr die Hausgenossin keines leichtfertigen Fehltrittes fähig erschienen. Durch ihr keckes Eintreten hatte sie Els nur vor übler Nachrede zu schützen gewünscht. Vorhin aber war Heinz Schorlin zu ihr herangetreten und hatte ihr leise bei seiner ritterlichen Ehre geschworen, daß Els ihm ganz fremd sei und daß er nur wünsche, die eigenen lieben Schwestern daheim so rein und frei von jeder Schuld wieder zu finden. Armes Kind. Aber die Gräfin wußte, wer ihr 158 Eintreten für Els und was sie damit für sie gewonnen, zu Schanden gemacht hatte. Den Ritter Siebenburg, den »Schnurrbart«, dessen aufdringliche Huldigungen sie anfänglich belustigt hatten, die ihr aber längst zuwider geworden, traf diese Schuld. Ihr gutes Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken, diesem Schelm, der eitlen Lust an einer großen Anbeterschar zu Gefallen, mehr als einen ermutigenden Blick vergönnt zu haben. Die Reitpeitsche zitterte ihr in der Rechten, als sie, nachdem sie Ernst Ortlieb mitgeteilt, wohin Els sich begeben, die Herren zum Aufbruch mahnte und Seitz Siebenburg ihr unterwürfig und doch so vertraulich, als besäße er schon ein Recht auf ihre besondere Gunst, die Hand zum Abschied reichte. Aber Gräfin Cordula entzog ihm mit deutlich zur Schau getragenem Widerwillen die ihre und sagte mit abweisender Kälte: »Meinen Gruß an Eure Hausfrau, Herr Ritter. Saget ihr, sie möge Sorge tragen, daß ihr Zwillingspärchen seinem Vater so wenig ähnlich werde wie möglich.« »So lüstet es Euch, zwei glühende Verehrer weniger heranwachsen zu sehen?« frug Siebenburg heiter, weil er die Bemerkung der Gräfin für einen Scherz hielt. Als er sie aber dies über die Maßen verletzende Wort keineswegs, wie er erwartete, in einer für ihn günstigen Weise deuten hörte, sondern sie nur verächtlich die Achseln zucken sah, fügte er mit einem grimmigen Seitenblick auf den Schweizer leise hinzu: »Größeres Wohlgefallen würdet Ihr freilich an den heranwachsenden Knaben finden, wenn sie dem glücklichen Ritter Schorlin nacharten wollten, für den Ihr Euch 159 auch als Erfinderin wenn nicht glaubhafter, so doch höchst merkwürdiger Aventuren trotz des gewandtesten Fahrenden bewährtet.« »Vielleicht,« versetzte die Gräfin mit geringschätzender Kürze. »Doch es genügte mir schon, wenn die Zwillinge – und das stimmt mit meinem ersten Wunsch überein – zu rechtschaffenen Männern erwüchsen. Wolltet Ihr, Herr Ritter, mir in den nächsten Tagen die Ehre Eures Besuches vergönnen, so könnt' ich keinen Gebrauch davon machen.« Damit wandte sie sich stolz von ihm ab und ließ ihn unbeachtet, obgleich er ihr, wie außer sich, ihren Namen nachrief.     Elftes Kapitel. Mitternacht war vorüber, als die Knechte die schwere Thür des Ortliebhofes schlossen. Die späten Besucher hatten ihn verlassen, die Rosse wieder bestiegen und waren gemeinsam durch das Frauenthor in die Stadt eingeritten. Der Mond erhellte ihnen nicht mehr den Weg. Ein schwüler Wind hatte graues Gewölk von Südwesten her herbeigeweht, das sich immer dichter und dunkler zwischen ihn und die Stadt zusammenballte. Heinz Schorlin bemerkte es nicht. Sein Diener Biberli machte ihn indes darauf aufmerksam, und bat ihn, den nächsten Weg in die Stadt zu wählen. In so finsterer Nacht außerhalb der Thore zu bleiben sei mißlich, ja vielleicht nicht ohne Gefahr; der Ritter aber warf ihm nur ein mißmutiges »Um so besser« entgegen und bog zu des Dieners Erstaunen in die St. Klarengasse ein, die ihn seinem weitab gelegenen Quartier in der Bindergasse keineswegs näher brachte. Es war ein Unglück, einem Herrn so warm anzuhängen, der keine Furcht kannte, dem man als Liebesbote dienen mußte und der jetzt wohl selbst kaum wußte, wo hinaus mit seiner Minne. 161 Aber der treue und standhafte Biberli wäre seinem Heinz allen Ernstes nicht nur auf einer gefahrvollen Wanderung im Dunkeln, sondern durch alle Schrecknisse der Hölle gefolgt. So schaute er denn nur auf die eigenen mageren Beine, die hier dem Biß der Hunde, mit denen er auf besonders schlechtem Fuße stand, ausgesetzt werden sollten, hob das lange Gewand höher auf, weil es auf Pfaden von höchst zweifelhafter Sauberkeit hinzuschreiten galt, und nahm es für ein gutes Zeichen, als sein Fuß an einen derben Stock stieß, den ihm vielleicht sein Heiliger als Waffe in den Weg geworfen hatte. Wohl lag etwas Beruhigendes in seinem Besitze, den angenehmen Frieden, dessen seine Seele sich noch vor einigen Stunden erfreut, fand er indes dennoch nicht wieder. Mit der üblen Stimmung, in die die letzten Ereignisse den Herrn versetzt zu haben schienen, verstand er zu rechnen. Solch kleinen Fehlschlag pflegte Heinz ohnehin schnell zu vergessen; was aber ihm selbst und Kätterle bevorstand, das war schlimm, das konnte sich sogar furchtbar gestalten. Bei diesen beängstigenden Erwägungen seufzte er so tief und schmerzlich auf, daß Heinz sich nach ihm umwandte. Gern hätte er in ähnlicher Weise sich selbst die Brust erleichtert; hatte seine, des Glückskindes, heitere Seele doch noch nie einem gleich wilden Ringkampfe von einander widerstrebenden Gefühlen zum Schauplatze gedient. Er liebte Eva, und das Bild ihrer weißen, überirdisch schönen, vom Mondlicht umflossenen Gestalt stand ihm 162 noch so deutlich vor dem inneren Auge, wie da er nach ihrem Verschwinden entschlossen gewesen war, bei der Schwester um sie zu werben; aber der sonst so Unbedenkliche frug sich schaudernd, was daraus entstanden wäre, wenn er morgen Evas Ladung gefolgt wäre, und man ihn mit ihr zusammen gefunden hätte, wie vorhin mit ihrer Schwester. Sie war nicht ganz schuldlos; denn ihr Brief hatte in der That die Aufforderung zu einem Stelldichein enthalten, – und sie ging frei aus; sein ungestümer Leichtsinn aber und ihr plötzliches Erscheinen vor dem Hause hatte ihre sittsame, höchst anmutige Schwester, die Braut des wackeren Gesellen, der mit ihm auf dem Marchfelde gekämpft, in Gefahr gebracht, verkannt und verachtet zu werden. Wenn die Leute mit Fingern auf sie wiesen, wenn ein Makel sie behaftete, würde der sittenstrenge Wolff Eysvogel sie schwerlich länger zum Weibe begehren, und auch das hatte er dann verschuldet. Sein gutes, redliches Herz litt schwer unter diesen Selbstanklagen, den ersten, denen er mit einiger Aufmerksamkeit nachhing. Ernste Selbstschau zu halten, mit eigener Kraft gegen eine innere Bedrängnis anzukämpfen und ihre Ursachen aus dem Wege zu räumen, war ihm, dem leichtlebigen Gesellen, der im Kampfe das Leben und beim Spiel sein Letztes oft fröhlich gewagt, bis dahin nie in den Sinn gekommen. Dagegen war er von Kind an gewöhnt, sich auf den Schutz und Beistand der Mutter Gottes und der Heiligen zu verlassen, und als sie an dem Gnadenbilde mit der ewigen Lampe vorbeikamen, bei der Kätterle vorhin Trost gesucht und gefunden, flehte er es an, sein unbesonnenes Eindringen in das Haus der Geliebten, ihr 163 und ihrer Schwester nicht zum Unheil ausschlagen zu lassen. Er versprach auch dem Kloster und seiner Heiligen, die, was auch komme, die seine bleiben sollte, eine reiche Schenkung, wenn ihm der Kaiser oder das Spiel den Beutet wieder füllte. Der Gedanke, daß er bis ans Ende mit dem Vorwurf, zwei so anmutige, unschuldige Geschöpfe ins Elend gestürzt zu haben, belastet sein sollte, erschien ihm unerträglich. Um ihn von sich abzuwälzen, hätte er gern Gut und Blut hergegeben. Heute war es zu spät; morgen aber wollte er zur Beichte gehen; denn die Absolution hatte ihm das Herz stets entlastet und neu erhoben. Doch wie leicht war auch sein Fehl immer gewesen! Was er diesmal begangen, gehörte ja gleichfalls nicht zu den schweren Sünden und würde ihm kaum eine harte Buße zuziehen, und doch bedrückte ihn das Geschehene wie das ruchloseste Verbrechen. Er begriff sich selbst nicht und fragte sich oft, wie er, der leichtlebige Heinz, dazu komme, aus der Mücke einen Elefanten zu machen. Wenn er dann aber erleichtert aufatmete, war es ihm, als geböte ihm eine innere Stimme, es nicht leicht zu nehmen mit dem Geschehenen; denn an diesem Abend habe er aufgehört, jedermann zur Freude zu leben, und statt wie sonst sich hilfreich zu erweisen und gefällig, andere, die ihm nichts Uebles angethan, ja vielleicht ein ganzes Haus, dessen Tochter ihm ihres jungen Herzens erste Minne geschenkt, in Unglück und Schande gestürzt. Hätte er nach den Folgen seines Thuns gefragt, wäre er jetzt noch der fröhliche Heinz. Dabei kam ihm in den Sinn, wie er einmal als Knabe mit etlichen Buben hoch auf dem Berge, als 164 es eben zu tauen begann, ihr mühsam vollendetes Werk, einen Schneemann, in die Tiefe geschleudert und sich seines lustigen Zuthalerollens gefreut hatten, bis sie gewahrt, wie entsetzlich schnell er sich auf seiner schneeigen Bahn vergrößerte und endlich als furchtbare Lawine eine Sennerhütte – zum Glück war sie leer gewesen – mit sich fortriß. Auch diesmal hatte seine Unbesonnenheit eine stetig fortrollende Masse in Bewegung gesetzt, und wie unübersehbar schrecklich war der Schaden, den sie anrichten konnte! Wäre Hartmann, der Sohn des Kaisers, nur zur Stelle gewesen! Ihm vertraute er alles. Seiner Verschwiegenheit war er gewiß. Einem andern zu bekennen, was er erfahren, und ihn um Rat zu fragen, verbot ihm die Ritterpflicht und das eigene Gewissen. Diesen trüben Gedanken hing er noch nach. als er, kurz bevor er die Walch erreicht, den tiefen Seufzer Biberlis vernahm. Hier standen hinter und neben den Rahmen der Tuchmacher die Zelte, vor denen die Gefolgschaften und Söldner der Fürsten und Großen, die zum Reichstage gekommen, immer noch die Lagerfeuer umgaben, zechten und lachten. Gerade jetzt war ihm eine Störung genehm, und dem Diener erschien es wie eine Erlösung, die Zunge, die arme, gefährdete Zunge, brauchen zu dürfen; denn sein Herr hatte ihn gefragt, welcher Kummer auch ihn bedrücke. »Begehrtet Ihr zu erfahren,« entgegnete Biberli kläglich, »welches Elend mir nicht die Seele belastet, ging' es schneller mit der Antwort. O, diese Nacht, Herr! Was hat sie alles über uns gebracht und auch über 165 andere! Seht das schwarze Unwetter, das dort gen Mittag aufzieht. Gerade wie die schweren Tage, die mir Aermsten bevorstehen!« Und nun vertraute er dem Herrn, was er für sich und sein Kätterle befürchtete. Des Ritters Versicherung, für ihn einzutreten, und müßte es sein, auch die Gnade des Kaisers anzurufen, richtete dem Diener zwar das gesenkte Haupt ein wenig auf, doch gab es ihm mit nichten die Ruhe zurück, und es klang noch trübselig genug, als er von neuem anhob: »Und dann das arme, unschuldige Blut im Ortliebhofe! Euer Dämlein, Herr, brockte sich selbst ein, was es nun ausißt, aber die andere, das ältere E.« »Ich weiß,« unterbrach ihn der Ritter bekümmert. »Aber wenn die gnadenreiche Jungfrau uns beisteht, fahren sie fort, an die Wette zu glauben, von der Cordula Montfort . . .« »Die, die!« fuhr hier der Diener begeistert auf und schwang den Stock in die Höhe. »Die hat der Herrgott in einer guten Stunde geschaffen. Solch ein Herz! Solch eine freundliche Güte! Und zu denken, daß sie gerade für Euch so huldreich eintrat, für Euch, Ritter Heinz, dem sie die Gunst erwies, ihm die Haare zu strählen, als ob Ihr schon ihr Ami wäret, und sie Eure Amie, und der dann um einer andern willen sie beim Tanze sitzen ließ, als trüge sie die Tarnkappe und als wäre sie unsichtbar für ihn geworden. Von dem Stadtpfeiferaltane aus sah ich alles mit an. Schön über die Maßen ist die mondsüchtige Nachtwandlerin freilich.« Da fiel der Ritter dem Diener mit einem so heftigen: »Laß das!« ins Wort, daß er verstummte. 166 Schweigend waren beide schon eine gute Strecke weiter geschritten, als Heinz endlich von neuem begann: »Und wenn ich alt und grau werden sollte, etwas Herrlicheres als das weiße Jungfrauenbild auf der Treppe wird mir nimmer begegnen.« Da seufzte der treue und standhafte Biberli leise auf. Die Minne zu der Ortliebin hielt seinen Herrn fest wie mit Krallen; aber ein Ritter Schorlin dünkte ihm viel zu gut für ein städtisches Jungfräulein, das unter Pfeffersäcken und Warenkisten erwachsen, und das noch dazu eine Mondsüchtige war. Er wollte höher mit seinem Heinz hinaus und hatte auch schon die Rechte für ihn gefunden. Darum wandte er sich ihm wiederum zu und sagte bedenklich: »Schlagt Euch das bestrickende Bild aus dem Sinn, Herr! Ihr wißt nicht; – ich aber, ich könnte Euch Dinge von mondsüchtigen Weibern berichten.« »Nun?« frug Heinz gespannt. »Im jungfräulichen Stande,« fuhr Biberli, in der frommen Absicht, den Herrn vor Schaden zu wahren, eindringlich fort, »trifft die Gefahr, vom Dache zu stürzen, oder was ihr sonst noch beim Nachtwandeln zustoßen kann, die Mondsüchtige allein. Tritt sie aber in die heilige Ehe, so verwandelt die finstere Gewalt, die Macht über sie hat, sie früher oder später um Mitternacht in die Trud, die dem Eheherrn im Schlafe an die Gurgel fährt und ihn erdrosselt.« »Ammenmärchen,« rief Heinz unwillig; der Diener aber entgegnete gelassen: »Euch kann es ja gleich sein, was es auf sich hat mit solchen besessenen Weibern; denn der Ortliebhof ist 167 Euch nunmehr ohnehin verschlossen. Und – mit Vergunst – es ist gut so. Denn, Herr: das Roß, das der erste Ritter Schorlin bestieg – der Herr Kaplan wies es ja auch Euch im Bilde – es kam aus der Arche, in die Vater Noah es mit dem andern Getier vor der Sündflut geborgen, und die erste Schorlinin, von der man weiß, ist gräflichen Blutes gewesen. Aus Burgen und Schlössern stammten Eure Ahnfrauen sämtlich, aus einem Krämerhaus nahm sich noch kein Schorlin das edle Gemahl. – Euch so zu vergreifen, kommt auch Euch, dem Hochgemutesten von allen, kaum in den Sinn, obgleich man ja freilich . . .« »Ernst Ortlieb,« fiel ihm Heinz unwillig ins Wort, »ist trotz seines Handels ein ritterbürtiger Herr, dem der Wappenkönig auf jedem Turniere die Schranken öffnet.« »Zum Buhurd mit stumpfen Waffen,« entgegnete Biberli verächtlich. »Nein, auch zum Tjost und zu jedem Einzelkampfe,« rief Heinz erregt. »Kaiser Friedrich selbst schlug Herrn Ernst zum Ritter.« »Das wißt Ihr besser,« bemerkte der Diener bescheiden. »Doch wie sein Soler, so riecht auch sein Wappen nach Nägelein und Pfeffer. Da wär' aber ein anderes, das wie das Eurer ersten Ahnfrau von gräflicher Hoheit, und die, der es zukommt . . . Nicht Biberli will ich heißen, wenn die Frau Mutter daheim nicht überglücklich wäre, dürft' ich ihr melden, die Gräfin Montfort und ihres Herzens Liebling, der Ihr doch seid . . .« »Der Name Montfort und was daran hängt,« unterbrach ihn Heinz, »würde denen daheim sicher gefallen. Doch das andere! Wo fände sich leicht eine, die – sieht 168 man von Cordulas freundlichem Herzen ab – dem Wesen der Mutter in allen Stücken so scharf widerspräche.« »Aus stürmischen Morgen werden ruhige Tage,« versicherte der Diener. »Auf das Herz, Herr, von dem Ihr so obenhin sprecht, kommt alles an, auf das Herz und, ihm voran, auf das Blut. – ›Da gilt es, Beistand zu leisten!‹ rief ihr das goldene Herz vorhin zu, und das Blut that dann das seine. Dem Verlangen folgte die That wie dem Hammerschlage der Schall, wie der Donner dem Blitze. Wohl der Burg, auf der solche Hausfrau gebietet! Und dann . . . Ich bin nur der Diener, und die Ehrfurcht gebietet mir, die Zunge zu zügeln; doch heute kam mir Nachricht von daheim zu durch den Probst Werner von Luzern, der mir von Stansstadt her vertraut ist. Schon im Durstigen Reisigen wollt ich Euch beim Weine davon reden, doch der verwünschte Stelldicheinbrief und das Unheil, das ihm folgte, ließen es nicht zu. Fröhlicher wird es uns beide nicht stimmen; doch wem der Arzt Wermut und Galle zu trinken verordnet, der thut gut, sie auf einen Schluck hinunter zu würgen. Ist es Euch recht, jetzt den Becher zu leeren?« Da nickte der Ritter Biberli Gewährung zu, und er begann: »Es steht daheim nicht, wie es sollte. Den Herrn Ohm reißt, so tief ihm auch das Haar schon erblich, das alte Ritterblut immer noch allzu schnell fort nach dem Schwerte. Der schlimme Streit wegen des Brückenzolls ist wieder entbrannt, und zwar heißer denn je. Als Pfand trieben die Städter uns Vieh fort, und um sie dafür zu büßen, fing der Ohm ihnen Kaufmannsgüter ab, und 169 es kam auch zum Schlagen. Zwar trieben die Schorlinschen die Stadtknechte mit blutigen Köpfen zurück von der Burg, aber dauert die Fehde viel länger, so können wir uns dennoch nicht halten; denn die anderen haben das Geld, und an Kriegsknechten, die dem Zahlenden dienen, hat's bei uns daheim, seit der Kriegslärm seltener erschallt, keinen Mangel. Dazu können die Städter sich nunmehr auf den Landfrieden berufen, und wenn der Herr Ohm fortfährt, sich an das Kaufmannsgut zu halten, ruft die Stadt den kaiserlichen Vogt an, und dann . . .« »Und dann,« sprach Heinz dem Diener eifrig nach, »dann ist für mich die Zeit gekommen, den Hof zu verlassen und daheim nach dem Rechten zu sehen.« »Mit einem Arme, Herr, und wäre er auch noch so stark, ist es dort nicht gethan,« versicherte Biberli ernst. »Als Führer hat der Ramsweg, der Herrn Ohm, kaum seinesgleichen, aber wär' er es auch nicht so, Ihr brächtet es doch nicht über Euch, den alten Mann heim zu senden und Euch an seine Stelle zu setzen. Es wär' auch so unklug wie unrecht. Was dort drüben fehlt, ist Geld, um der Stadt zu zahlen, was sie für die Brücke verlangt oder damit Euer Kriegsvolk zu vermehren. Und darum . . .« »Nun?« frug Heinz gespannt. »Darum freit um die Gräfin von Montfort, die Euch allen anderen vorzieht,« lautete die Antwort; »denn mit ihr fällt Euch zu, was Ihr braucht, wie im Schlafe. Ihre Mitgift reicht aus, um zwanzig solcher Brückengerechtsame abzulösen, und kommt es zum Streite, so reitet die weidliche Jägerin an Eurer Seite ins Feld mit 170 Helm und mit Brünne. Und welches von den vier G fehlte der Gräfin Cordula Montfort auch sonst wohl?« »Die vier G?« frug Heinz aufhorchend. »Die G's,« erklärte der frühere Schulmeister bedächtig, »die vier Buchstaben sind es, auf die der heiratslustige Ritter sehen muß. Sie heißen: Geschlecht, Gestalt, Gut und Geld. Aber haltet die Mütze fest. Wie warm das herbläst, als käme der Sturm gerade aus der Hölle. Und der Staub! Woher all die welken Blätter nur kommen im Junius? Das wirbelt um einen her, als wäre das Laub schon gefallen. Da peitscht es mir auch dicke Tropfen ins Antlitz . . . Brrr! – Von den G's sind Euch alle vier notwendig. Kein Regen wäscht eins davon ab, und ich wollte, er verlöschte auch von meiner Rede kein Wörtlein. Oder was fehlte nach menschlicher Voraussicht zum herrlichsten Glücke, wenn Ihr und die Gräfin . . .« »Die Minne,« entgegnete Heinz Schorlin fest. »Die kommt schon von selbst,« rief Biberli, wie gewiß seiner Sache, »wenn die Neuvermählte der Gräfin Cordula gleich sieht.« »Möglich,« versetzte der Ritter, »nur muß das Herz nicht von einer andern erfüllt sein.« Hier stockte er; denn er war in der dichten Finsternis in den Graben hart am Wege geraten. Der Wirbelwind, der dem Ausbruche des Unwetters voranging, wehte ihm und dem Diener solche Massen von Staub und allem, was er erfaßte, ins Antlitz, daß ihnen das Vorwärtskommen schwer fiel. Doch Biberli war es lieb so; denn er hatte noch keine passende Antwort gefunden. Schweigend kämpfte er mit dem Herrn 171 gegen den Sturm an, bis dieser sich plötzlich legte und ein heftiger Gewitterregen mit dicken, lauen Tropfen sich in senkrechtem Fall auf die lechzende Erde und die späten Wanderer ergoß. Da zog Biberli das lange Gewand mit dem St an der Schulter schnell aus und warf es dem Herrn über, so eifrig er sich auch dagegen wehrte. Sein Hemdenrock, behauptete der Diener, sei so undurchdringlich wie seine Haut, doch das Unwetter würde das feine, gestickte Wams des Herrn verderben. Dabei zog er ihm die Kaputze, die an seinem Rocke hing, über das Haupt, und bei alledem mußte er auf Antwort gesonnen haben; denn sobald es weiter ging, begann er von neuem: »Die Minne für die holdselige Nachtwandlerin, die wird es sich freilich aus dem Sinne schlagen gelten. Versucht es, lieber, teurer Herr! Der Frau Mutter, der jungen Schwester, die ja bald reif ist für den Ehestand, unserer frohgemuten Maria und der alten guten Burg zu Gefallen! Um Eurer eigenen Glückseligkeit, um Eurer großen Laufbahn willen, die so herrlich begann, müßt Ihr mich hören! O Herr, mein lieber Herr, reißt Euch das Bild der kleinen Elbin von Nürnberg, so verlockend – ich geb' es ja zu – es auch ist, aus dem Herzen. Kurze Zeit wird die Wunde schon bluten; doch ein flüchtiges Mißgeschick in der Minne läßt sich, sollt' ich meinen, nach so viel frohem Genuß nicht allzu schwer ertragen, wenn ihm bald das schönste und sicherste Glück folgt.« Hier unterbrach ein Blitzstrahl, der das Spittelthor dicht vor ihnen und alles ringsum tageshell beleuchtete, die warme Bitte des treuen Gesellen, und zugleich erschütterte ein heftiger Donnerschlag prasselnd und knatternd die Luft. 172 Herr und Diener bekreuzten sich; Heinz aber rief: »Der traf den Turm dort . . . Etwas weiter nach links, und es wäre aus gewesen mit dem Bangen und Zweifeln.« »Das sagt Ihr! « rief Biberli vorwurfsvoll, während er mit dem Herrn das Thor durchschritt, das eben für einen kaiserlichen Boten geöffnet worden war. »Und bei diesem Groll des Himmels vermeßt Ihr Euch einer solchen Rede. Um zweier schöner Augen willen ein Leben verwünschen, das die lieben Heiligen mit allem segneten, wofür Tausende und Abertausende sich nicht zu lassen wüßten vor Dank und vor Freude, wenn das kein gotteslästerlicher Frevel . . .« Wieder schnitten ihm Blitz und Donner das Wort ab. Da wurde es Biberli bang ums Herz, und Gebete murmelnd, die den Herrn und ihn selbst vor der strafenden Hand dort oben bewahren sollten, schritt er rasch vorwärts, bis sie den Kornmarkt betraten. Hier aber wurden die Wanderer von neuem aufgehalten; denn aus der Mündung der Ledergasse drangen eben, trotz der späten Stunde, zahlreiche Leute schreiend und klagend auf den langgestreckten Platz. Ihnen voran schritt ein Nachtwächter mit Spieß, Horn und Laterne, ein Büttel, Fackelträger und etliche Knechte des Pfänders bemühten sich vergebens, die Lautesten zur Ruhe zu bringen. Wieder durchschnitt ein heller Lichtstrahl das schwarze Gewölk, und Heinz wies schaudernd auf den Menschenzug und frug: »Ob der Blitz den erschlug, den sie dort tragen?« »Laßt mich sehen,« bat Biberli, zu dessen kleinsten 173 Untugenden die Neugier mit nichten gehörte. Er mußte auch das Einholen von Nachrichten aus dem Grunde verstehen; denn sehr bald kehrte er zurück und meldete Heinz, der unter dem breiten »Chörlein« an einem hohen Hause Schutz vor dem Regen suchte, man trage dort einen Verstorbenen, dem ein gewaltiger Stoß mitten durch die Brust im Zweikampfe den Lebensfaden jäh zerschnitten, in sein elterlich Haus. Nachdem ihn die Zeugen zu dem Medicus Otto in der Ledergasse gebracht, und dieser den Tod des jungen Mannes bestätigt, hätten sich jene schnell entfernt, weil sie wegen des Landfriedensbruches schwere Strafe bedrohte; der Erstochene aber sei Ulrich Vorchtel, der älteste Sohn des steinreichen ersten Losungers der Stadt, der die Zölle gepachtet. Da ergriff Heinz von neuem ein Schauder. Er hatte den unglücklichen jungen Mann vorgestern auf dem Fechthause und gestern voll übermütigen Frohsinns beim Tanze gesehen und wußte, daß auch er in der Schlacht auf dem Marchfelde mitgekämpft hatte. Sein Gegner mußte die Klinge meisterlich zu führen verstanden haben; denn der Gebliebene war ein gewandter Fechter und kräftiger Mann von hohem Wuchse gewesen. Als der Diener schloß, horchte Heinz eine Zeit lang schweigend in die Nacht hinaus. Die Glocken hatten zu stürmen begonnen, der Hornruf des Türmers mischte sich in das klagende, zur Hilfe mahnende Geläut, und an zwei Stellen: in der Gegend des Tiergärtner- und Frauenthores war der Himmel vom Widerschein einer Feuersbrunst, die doch wohl ein Blitzschlag entzündet, mit auf- und niedersteigenden und flackernden, bald tieferen, bald lichteren Tinten gerötet. Aus den Querstraßen drangen 174 Leute mit lautem Feuerruf auf den Platz. Um die Stille der Nacht war es geschehen. Als Heinz sich wieder an den Diener wandte, sagte er dumpf: »Wenn die Erde in dieser Nacht Nürnberg verschlänge, mich sollt' es nicht wundern. Doch da drüben – siehst Du, Biber – im ›Grünen Schild‹, ist das ganze Quartier des Herzogs von Pommern trotzdem erleuchtet. Ich wette, sie sitzen da noch beim Spiele. Und daß mich die Plage! Ich wäre dabei, wenn der Beutel es zuließ! Zu Mute ist mir, als läge mir der Erschlagene dort samt dem Sarg auf der Seele. War es wirklich das Minneglück, das mir gestern die Zechinen aus dem Beutel riß . . .« »So,« fuhr Biberli lebhaft fort, »ist es heute nacht, bevor Gräfin Cordula Euch vergessen lehrt, was Euch peinigt, gerade noch Zeit, sie zurück zu gewinnen. Für den ersten Einsatz steht Euch das nötige Gold zur Verfügung.« »Bei dem Pommern denkst Du?« frug Heinz und fügte schnell und entschieden hinzu: »Nein! So oft mir der Herzog den Beutel auch darbot, – ich leihe niemals von meinesgleichen, wenn es mit dem Heimzahlen so traurig aussieht, wie gerade jetzt.« »Gemach, Herr,« unterbrach ihn hier der Diener und schlug sich selbstbewußt an den Gürtel. »Hier steckt, was zum Einsatz von nöten, als Euer eigenstes Eigen. – Wunder sind für uns nicht geschehen, nur vergaß ich . . . Aber seht nur! Da wälzen sich die schwarzen Wolkensäcke schon gen Mitternacht hin und über die Burg fort. Das war ein Unwetter! Doch der Verschwender hält nicht lange Haus – und auf den letzten Blitz läßt der Donner noch immer warten. Auch ohne ihn geht es laut genug 175 her. Man hat ja die liebe Not, bei all dem Geläut, dem Geblase, Geschrei und Gejohle das eigene Wort zu verstehen. Es ist, als dächten sie mit Lärm die Feuersbrünste zu löschen. Damit mögen die ehrbaren Väter der Stadt sich befassen . . . Den Herrn Herzog und seine Gäste scheint es nicht bei den Rüblingen zu stören, und hier, Herr, sind fünfzig Gulden, die, denk' ich, für den Anfang genügen.« Damit reichte Biberli dem Ritter ein Säcklein mit dieser Summe, und als Heinz befremdet frug, woher er sie habe, rief Biberli heiter: »Wie gerufen sind sie gekommen. Ich nahm sie, während Ihr am Nachmittag mit dem Kaiser ausrittet, dem Süß, dem Roßkamme, ab.« »Für den Rappen?« frug Heinz. »Gewiß, Herr! Schade um den Staatshengst! Doch – Ihr wißt ja – den Dummkoller hat er, und da ich ihm auf das Krongelenk trat, blieb er wie angewurzelt stehen und der Marschalk, der dabei stand, erklärte die Krankheit für erwiesen. Da gab denn auch der Jude klein bei und ließ den Gaul fortführen und zahlte zurück, was wir ihm gaben. Fünfzig vollwichtige Gulden! Mehr als genug für den Anfang. Darf ich Euch raten, so rechnet auf die Zwei und die Fünf, wenn es gilt, bestimmte Augenzahlen vorzuschlagen oder zu treffen. Was es damit soll? Das Mißgeschick in der Minne gilt's zu Eurem Heil zu benutzen; die aber, von denen es ausgeht, sind die beiden schönen Ortlieb E's, wie sie hier die Jungfrau Els und Eva heißen. Das macht die Zwei. 176 Das E aber ist der fünfte Bnchstab im Abc, und darum wählt' ich die Fünf. Wenn der Biberli das nicht klug zusammen spintisirte . . .« »Dann war er so überklug wie schon manchmal,« unterbrach ihn Heinz; doch streichelte er ihm dabei den nassen Arm und fügte freundlich hinzu: »Daß mein Biber ein treuer und standhafter Gesell, das bewährt sich ja täglich; – wo aber, in aller Welt, hast Du, Schulmeister, Dich in der Rüblingskunst unterrichtet?« »Während wir uns der Wissenschaft befleißigten zu Paris, mit meinem Herrn Milchbruder selig,« versetzte der Diener gerührt. »Doch jetzt macht Euch hinauf, Herr, bevor der Feuerlärm und was weiß ich die da droben aus einander treibt. Noch in dieser tollen Nacht gilt es, das Eisen schmieden! Es fallen nur noch einzelne Tropfen. Auch ohne meinen langen Tröster kommt Ihr trocken über die Straße.« Damit entledigte er den Ritter seines Gewandes und fuhr eifrig fort: »Und nun, Herr, wird aus der Sarg- oder sagen wir lieber aus der ›Bleilast‹, die Euch die Seele bedrückt, ein Bolzen gegossen, der dem Mißgeschick mitten ins Herz trifft. Blinkendes Gold hat ohnehin eine fröhliche Farbe!« »Laß, laß,« fiel Heinz ihm hier dringlich ins Wort. »Vor dem Weidwerk und Spiel taugt kein Glückwunsch. Spring' ich aber drüben im grünen Schild die Treppe hinunter, und der Beutel ist mir so schwer, wie mir jetzt das Herz ist, – dann, Biber, gewinnt manches ein neues Gesicht, und auch Deins soll mich wieder sorgloser anschau'n!«     Zwölftes Kapitel. Ueber dem Frauenthor und dem Ortliebhofe hatte das Gewölk sich besonders schwarz und dicht zusammengeballt. Bevor das Gewitter losgebrochen war, lastete drückende Schwüle so schwer auf den Herzen wie draußen auf Baum und Strauch und der gesamten Kreatur. Unter dem Dache, wo die Lagerstätten der Dienstboten standen, schliefen die Mägde traumlos und ruhig, schnarchten die Knechte mit offenem Munde nach des Tages Arbeit, ohne zu ahnen, was draußen am Himmel vorging und was im Innern des Hauses ihrem Herrn und den Seinen die Ruhe raubte. Nur in der kleinen Kammer hart neben der auf den Boden führenden Treppe, die Kätterle allein bewohnte, war das Lager noch unberührt geblieben. Die Schweizerin lag davor auf den Knieen, drückte das Gesicht in das grobe Linnen des Kopfkissens und schluchzte, betete und verwünschte sich selbst und ihren Leichtsinn. Als der Sturm, der dem Gewitter voranging, Laub und Stroh durch das offene Fensterlein wehte, fuhr sie zusammen. Sie glaubte, Herr Ortlieb komme, um sie zur Rechenschaft zu ziehen, das Gericht über sie sollte 178 beginnen. Die Baderwitwe, die sie erst vor drei Tagen mit einem Steine am Hals am Pranger gesehen, weil sie einer leichtblütigen Tuchmachertochter gestattet hatte, mit einem schmucken Trompeter von den Stadtpfeifern in ihrem Quartiere zusammen zu kommen, trat ihr vor das innere Auge. Wie die Aermste gezittert und gewinselt hatte, nachdem ihr der schwere Stein von den Leben um den Hals gehängt worden war! Dann hatte sie, außer sich gebracht von dem Spott und den Schmähungen der Leute, den Würfen der Gassenbuben und der unerträglichen Last, sich nicht mehr halten können, lächerliche Verwünschungen ausgestoßen und den Peinigern die Zunge gewiesen. Welches Schauspiel war das gewesen! Aber sie, bevor sie solche Schande auf sich nahm, wollte sie dem Leben mit all seinen Freuden, und auch dem Landsmanne, an dem ihr Herz hing, und der sie trotz seiner schön bewährten Treue und Standhaftigkeit ins Elend gebracht hatte, Valet sagen. Jetzt fiel es ihr schwer aufs Herz, daß auch sie der Baderwitwe ein häßliches Wort zugerufen. Nie, nie wieder wollte sie sich hoffärtig über einen Nächsten erheben, der ins Unglück geraten! Dies und vieles andere gelobte sie der heiligen Klara; dann aber wandte sie den Geist auf den Stadtgraben, auf die Pegnitz, den Fischbachfluß und alle Gewässer in und bei Nürnberg, in denen es möglich war, sich zu ertränken, um sich der gräßlichen Schande zu entziehen, die ihr drohte. Doch damit hatte sie wohl eine neue schwere 179 Sünde begangen; denn während sie sich den Dutzenteich vergegenwärtigte, von dessen dunklem Spiegel sie manchmal, wenn es durch das Frauenthor ins Freie gegangen war, weiße Mummeln gepflückt hatte, und sich sagte, an welcher Stelle seines schilfreichen Ufers sie ihr Vorhaben am leichtesten ausführen könnte, flammte es hell auf in ihrer Kammer, und zu gleicher Zeit erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das alte Gebäude. Das galt ihr und ihren sündlichen Gedanken! Nein! Sie durfte nicht, um der Schmach hienieden zu entgehen, die ewige Seligkeit und die Hoffnung verscherzen, ihr selig Mütterlein in jener Welt wieder zu sehen. Die Erinnerung an die liebe alte Frau, die sich so redlich geplagt und sie zu allem Guten angehalten von klein an, beruhigte sie ein wenig. Sie sah ja von oben auf sie herab und wußte, daß sie brav und ehrbar geblieben war, daß sie ihrer Herrschaft auch keine Stecknadel entfremdet hatte und daß sie den kleinen Fehler, der so furchtbar gestraft werden sollte, nur aus Liebe zu ihrem Landsmanne begangen, der es in seiner Treue und Standhaftigkeit redlich mit ihr meinte. Was Biberli ihr zu thun geboten, das konnte kein schweres Vergehen sein. Doch die da oben schienen anderer Meinung; denn abermals ergoß sich blendend helles Licht durch die Kammer und krachend und prasselnd begleitete es mit betäubender Kraft die Donnerstimme des grollenden Himmels. Da schrie sie laut auf, und es war ihr, als hätte sich das Thor der Hölle vor ihr geöffnet oder der Untergang der Welt den Anfang genommen. Außer sich vor Schreck und Furcht eilte sie ans Fenster, durch das ihr feuchte Tropfen ins Antlitz spritzten. 180 Die kühlten ihr das erhitzte Gesicht und führten sie in die Wirklichkeit zurück. Was sie vorhin begangen, war doch wohl kein so ganz leichtes Vergehen gewesen. Sie, die Herr Ortlieb mit vollem Vertrauen in den Dienst des schönen jungen Geschöpfes gestellt, dessen kranke Mutter nicht auf sie acht haben konnte, hatte sich verleiten lassen, die kaum den Kinderschuhen entwachsene Eva zum Stelldichein mit einem Manne zu verleiten. Als einen frommen, tugendsamen Ritter hatte sie ihn der unerfahrenen Jungfrau vorgestellt, obgleich sie von Biberli wußte, wie weit sein Herr an Treue und Standhaftigkeit hinter ihm zurückstand. »Führe uns nicht in Versuchung!« Wie oft hatte sie es im Vaterunser gebetet, und nun war sie selbst zur Schlange geworden, die das unschuldige Kind, über das zu wachen ihr die Pflicht geboten hätte, zur Sünde verführte. Nein, nein! Die Schuld, die sie mit Strafe bedrohte, gehörte mit nichten zu den leichten, und wenn der irdische Richter sie auch nicht zur Rechenschaft zog, wollte sie doch morgen schon beichten und redlich erfüllen, was ihr als Buße auferlegt wurde. Von solchen Gedanken bewegt, schaute sie über den Hof nach dem Klarissinnenkloster hinüber. Da blitzte und donnerte es wieder, und angstvoll schlug sie die Hände vor das Antlitz. Als sie aber den Arm wieder senkte, gewahrte sie am Dache des Speichers der Nonnen, an den sich der Stall mit den Milchkühen schloß, zitternden Rauch, den ein heller Lichtschein erst leiser, dann immer stärker erhellte. Der Blitz hatte da drüben gezündet! 181 Die Teilnahme an der Gefahr und dem Schaden anderer drängte ihr eigenes Leid und Bangen tief in den Schatten, und ohne lange zu denken und zu wägen, schlüpfte sie in die Schuhe, riß ihr Tuch aus der Truhe und eilte mit dem Ruf: »Es schlug ein! Es brennt bei den Klarissinnen!« die Treppe hinunter. Da öffnete sich das Gemach der Schwestern, und Ernst Ortlieb trat mit wirrem Haar und bleichen Wangen daraus hervor ihr entgegen. Dort hatte der trübe Schein des Lämpleins und das flammende Licht der Blitze in von Thränen gerötete, verstörte Gesichter geleuchtet. Im schlichten, langen Nachtgewande, barfuß, wie sie dem Lager entstiegen, war Eva, nachdem Heinz Schorlin sie angerufen und Els ihr zu Hilfe geeilt war, der Gürtelmagd in ihr Gemach gefolgt. Der Ritter, der gestern noch, sie wußte es, wie zu einer Heiligen zu ihr aufgeschaut hatte, welche Vorstellung mußte er sich jetzt von ihr bilden? Wie verunglimpft und mit einem Makel behaftet kam sie sich vor. Aber es war ja nicht ihr eigener Wille gewesen, der das alles verschuldet, und von der furchtbaren Ueberzeugung ergriffen, daß unheimliche, übermächtige Gewalten, gegen die kein Widerstand möglich, ein grausames Spiel mit ihr trieben, war es ihr gewesen, als schleudere das sturmbewegte Meer sie in einem steuerlosen Nachen auf wirbelnden Wogen umher. Unfähig, wie sonst im Gebet Trost zu suchen, hatte sie sich dumpfer Verzweiflung überlassen; doch nur auf kurze Zeit; denn Els war ihr bald nachgefolgt, und die ruhig bestimmte Weise, mit der die besonnene, hilfreiche Freundin 182 und Schwester ihr auch diesmal begegnet und sogar bestrebt gewesen war, ihr durch einen Scherz den gesunkenen Mut zu heben, bevor sie sie in das Krankenzimmer der Mutter geschickt hatte, war ihr wie erfrischender Tau auf die Seele gefallen; nicht etwa, weil Els für sie zu handeln verheißen, – nein, im Gegenteil, weil das, was sie doch wohl zu thun beabsichtigte, sie zum Widerspruch reizte. Wohl hatte sie sich noch viel zu schuldig und gedrückt gefühlt, um ihr zu widersprechen, doch der Verdruß über die herben Worte, mit denen Els des Ritters gedacht, und über ihr Vorhaben, ihm, vielleicht auf immer, das Haus zu verbieten, hatten sie wie starker, herber Wein neu belebt. Erst nachdem die Schwester sie verlassen, war sie fähig geworden, sich klar zu vergegenwärtigen, was sie beim Nachtwandeln empfunden. Während die Mutter, dank einem Schlaftrunke, von tiefem Schlummer umfangen, ruhig atmete und unten im Soler, sie wußte nicht was, vielleicht infolge der Heimkehr des Vaters, vor sich ging, dachte sie, sann sie, erhob eine ungestüme Schar von aufrührerischen Wünschen und Gedanken fordernd und ablehnend die Stimme in ihrer bewegten Brust. Wie es gekommen, daß sie dem Lager entstiegen war und sich hinaus begeben hatte, war ihr völlig aus dem Gedächtnis gewichen; was sie aber beim Nachtwandeln empfunden hatte, war ihr immer noch deutlich bewußt. Die gewaltigste Sehnsucht, die ihr das Herz je beunruhigt hatte, war in ihr rege gewesen. Wenn sie bis dahin aus dem Kelche des Glaubens Himmelsseligkeit zu trinken 183 getrachtet, hatte sie, während sie das Haus durchwandelte, nichts begehrt, als sich satt zu trinken aus dem Becher der irdischen Luft. Heißen Küssen, an die sie sich auch nur zu denken verboten, hatte sie mit wonnigen Schauern entgegengeharrt. Das zage Herz, das von jungfräulicher Sittsamkeit im Bann gehalten, sich nichts zu wünschen getraut, als was sie der Schwester und Aebtissin hätte eingestehen dürfen, war, als sei es jeder Fessel und Schranke ledig geworden, frei und mutig entschlossen gewesen, das Kühnste zu wagen. Die Nachtwandlerin hatte sich nach dem Augenblicke gesehnt, an dem sie, nachdem Heinz Schorlin ihr bekannt, daß er sie liebe, ihm mit seliger Dankbarkeit die Arme um den Hals schlingen durfte. War sie in wachem Zustand nur begierig gewesen, ihm von ihrer Heiligen und seiner Pflicht zu reden, die Feinde der Kirche nieder zu werfen, so hatte sie, als sie auf der Treppe und vor dem Hausthor in den Mond geschaut hatte, begehrt, ihm süße Liebesworte zuzuflüstern, den seinen zu lauschen und dabei sich selbst zu vergessen, die Welt und alles, was nicht zu ihm und ihr und ihrer Minne gehörte. Und dieses Sehnens und Verlangens erinnerte sie sich in ganz anderer Weise, als hätte sie nur davon geträumt. Es schien ihr vielmehr als sei, während der Mond sie mit Zaubergewalt sich nachgezogen hatte, etwas, das schon längst in der Tiefe ihrer Seele geschlummert, aufgewacht und ins Leben getreten, als habe etwas Gestalt in ihr gewonnen, was sie früher mit frommem Grauen von sich gewiesen, bevor noch Herz und Geist vermocht hatten, es recht zu erfassen. 184 Jetzt erschrak sie vor diesem neu erkannten, gewiß sündigen Teile des eigenen Wesens, von dem sie selbst gewähnt, daß es einem reinen Gefäße gleiche, in dem es für nichts Raum gab, als für Hohes, Heiliges und Reines. Auch sie – nun wußte sie es – war ein Mädchen wie jene anderen, auf deren Verlangen nach Minne sie mit hochmütiger Verachtung geschaut, keine Himmelsbraut oder Heilige. Noch hatte sie den Schleier nicht genommen, und es war gut so; denn was wäre aus ihr geworden, wenn sie erst nach dem Profeß den Teil ihres Wesens in sich entdeckt hätte, den, dachte sie, jede wahre Nonne, wenn er ihr überhaupt eigen war, vor der Ablegung des Ordensgelübdes von sich entfernt haben mußte, wie das Haar, das man ihr abschnitt. Während dieser Selbstschau kam es ihr immer bestimmter vor, als sei sie nicht eins, sondern zwei in einem, ein Doppelwesen mit einem einzigen Leibe und zwei von einander deutlich trennbaren Seelen, und diese Ueberzeugung that ihr so weh, als blute der Schnitt noch, der diese Trennung verursacht. Da fiel ihr Blick auf das Gnadenbild der Mutter Gottes ihr gegenüber, und nun ergriff sie mächtiger als vorhin der gewohnte Zwang, die Seele im Gebet zu ihm zu erheben. In brünstiger Wärme flehte sie es an, sie von dem andern, neu erwachten, dem Himmel gewiß nicht wohlgefälligen Wesen zu befreien und sie wieder werden zu lassen, wie sie vor dem unseligen Wandeln im Mondschein gewesen. Aber bald war es wieder um die Sammlung 185 geschehen, deren sie zum Beten bedurfte; denn wieder und wieder trat ihr das Bild des Ritters entgegen, und es war ihr dabei, als höre sie von dem inneren Ohre den eigenen Namen, den er ihr mit so heißem Verlangen entgegengerufen. Wer die Stimme so zu einem andern erhebt, der liebt ihn. Heinz Schorlins Minne war groß und echt, und statt der inneren Stimme zu achten, die sie mahnte, zum Gebet zurück zu kehren, rief sie trotzig vor sich hin: »Ich will nicht!« Noch konnte sie von dem Manne, dem ihr Herz mit so leidenschaftlicher Sehnsucht entgegenschlug, der so tapfer und fromm war und ihr in heißer Minne so ganz ergeben, nicht lassen. Friedvoll schon war es freilich gewesen, sich in die lichte Herrlichkeit des Himmels hinein zu träumen, doch die stürmische Glückseligkeit, die sie empfand, da sie seiner und seiner Minne gedachte, erschien ihr reicher und größer. Sie konnte und wollte nicht mehr von ihm lassen. Dabei kam ihr das Vorhaben der Schwester in den Sinn, Heinz – denn so nannte Eva den Ritter schon im Selbstgespräche – aus ihrer Nähe zu vertreiben, und der Gedanke, sie könnte ihn dabei vielleicht so scharf verletzen, daß ihm die ritterliche Ehre die Wiederkehr verböte, ängstigte sie und brachte sie auf. Was gab Els denn das Recht, ihm zu mißtrauen? Ein frommer Ritter wie er trieb kein frevelhaftes Spiel mit der Dame seines Herzens, und das, ja das war sie gewiß, seit sie ihm ihre Farbe bekannt. Nichts sollte sie mehr von ihm trennen. Wie Luft und Licht brauchte sie ihn zu ihrem Glücke. Nach der Seligkeit in einer 186 andern Welt hatte sie bis dahin getrachtet; aber sie war noch so jung, sie hatte wohl noch lange unter der Sonne zu wandeln, und was konnte das Dasein hienieden ihr bieten, wenn man ihr die Hoffnung auf seinen Besitz verkümmerte und raubte. Der neu erwachte Teil ihres Wesens verlangte sein Recht. Ganz würde er sich nie mehr in den alten Schlaf zurückzwingen lassen. Wenn die Schwester zurückkam und sich rühmte, das reißende Tier auf immer vertrieben zu haben, wollte sie ihr zeigen, daß sie anders über den Ritter dachte und niemand gestattete, sich zwischen sie und ihn zu stellen. Während sie sich aber noch mit diesem Vorhaben beschäftigt hatte, war das Krankenzimmer leise geöffnet worden, und der Vater hatte ihr gewinkt, ihm zu folgen. Schweigend war er Eva durch den halbdunklen, nicht mehr vom Mondlicht erhellten Hausflur vorangegangen und hatte das Gemach seiner Töchter vor ihr betreten. Die Lampe brannte dort noch immer und zeigte ihr das verstörte Antlitz der Schwester, die mit dem Kinn in der Hand auf dem Schemel neben dem Spinnrade hockte. Da war Eva der hell aufgeflackerte Mut wieder gesunken. »Jesus Maria! Was ist da geschehen?« hatte sie angstvoll gerufen; der Vater aber dumpf erwidert: »Um Deiner wackeren Schwester willen, der ich es versprach, lege ich mir auf, ruhig zu bleiben. Aber schau sie nur an! In ihrem armen Herzen muß es aussehen wie auf dem Friedhof. Ihr Liebstes zu begraben, wurde über sie verhängt. Und wer,« fuhr er, hingerissen von Schmerz und Empörung, uneingedenk seines Versprechens, ruhig 187 zu bleiben, aufbrausend fort, »wer trägt Schuld an dem allen, als Du und Dein schrankenloser Leichtsinn.« Da versuchte Eva mit erhobenen Händen zu erklären, wie sie, ihrer selbst nicht mächtig, nachtwandelnd auf die Treppe und vor das Haus geraten; er aber fiel ihr mit einem: »Schweig, ich weiß alles,« gebieterisch ins Wort. »Einem nichtswürdigen Verführer gab meine Tochter das Recht, das Schlimmste von ihr zu erwarten. Du, die wir für die Zierde dieses Hauses hielten, das bisher makellos rein war, Du trägst die Schuld, wenn die Leute auf der Gasse mit Fingern darauf weisen! O, o! Unsere Ehre, unser alter, fleckenloser Name!« Aufstöhnend schlug der Vater sich an die Stirn; als aber Els sich erhoben und ihm den Arm um die Schulter geschlungen hatte, um ihm tröstlich zuzusprechen, ließ es Eva, die bis dahin vergebens nach Worten gerungen, nicht dazu kommen. »Wer das mir nachsagt, Herr Vater,« rief sie mit funkelnden Augen und der Stimme kaum mächtig, »der öffnete das Ohr der Verleumdung, und wer Heinz Schorlin einen nichtswürdigen Verführer nennt, den blendet der Schein, und dem rufe ich ins Gesicht, und wäre es auch der Herr Vater, dem ich Dankbarkeit schulde und Ehrfurcht . . .« Hier aber stockte sie und streckte dem tief gereizten Manne die Arme abwehrend entgegen; denn er näherte sich ihr mit zuckenden Lippen und – sie sah es ihm an – schon im Banne des furchtbaren Jähzorns, der ihn auch zum Unerhörtesten fortreißen konnte; Els aber hatte sich fest an ihn gehängt, und indem sie ihn mit dem Aufgebot aller Kraft zurückhielt, rief sie ihm mit herbem 188 Vorwurfe zu: »So haltet Ihr mir, was Ihr drinnen versprachet?« Dann senkte sie die Stimme, und sie klang bittend und zärtlich, als sie fortfuhr: »Könnt Ihr denn daran zweifeln, lieber, teurer Herr Vater, daß sie nur im Schlafe, ihrer Sinne nicht mächtig, vollführte, was so viel Elend über uns bringt?« Dann unterbrach sie sich selbst und fügte eifrig, im Ton der festesten Ueberzeugung, hinzu: »Nein doch! Bisher kam weder Schande noch Elend über Euch, Herr Vater, und das arme Kind dort. Nur gegen mich und mich allein richtet sich ein übler Verdacht, und wenn eins hier elend werden soll, so bin ich es.« Da trat Herr Ernst, seiner selbst wieder mächtig, von Eva zurück; sie aber rief wie außer sich: »Wollt ihr mich um den Verstand bringen mit den dunklen Reden und Klagen? Was, in aller Heiligen Namen, ist denn geschehen, das meine Els in Elend stürzen soll und in Schande?« »In Elend und Schande,« wiederholte der Vater dumpf und warf sich auf den Sessel. Dort blieb er mit dem Haupt in den Händen regungslos sitzen, während Els der Schwester mitteilte, was sich, als sie gegangen war, um mit dem Ritter zu reden, im Soler ereignet. Tief atmend folgte Eva ihrem Berichte. Während eines kurzen Augenblickes ergab sie sich dem Verdachte, Cordula habe nicht aus reinem Mitgefühl gehandelt, sondern um Heinz Schorlin zu Dank zu verpflichten und ihn fester an sich zu fesseln. Als sie aber vernahm, daß der Vater den Ring der Tochter Herrn Kaspar 189 Eysvogel zurückgegeben und die Verlobung seines Kindes gelöst habe, da dachte sie an nichts mehr als an das Unglück der Schwester und laut aufschluchzend warf sie sich Els um den Hals. Fest umschlungen hielten sich die Mädchen, bis plötzlich der erste Blitz und Donnerschlag das Gespräch unterbrach. So heftig bewegt waren Vater und Töchter gewesen, daß sie den Sturm, der sich draußen erhoben, überhört hatten, und der Ausbruch des Unwetters sie überraschte. Der Donnerschlag, der dem Blitze so schnell folgte, erschreckte auch sie, und als bald darauf ein zweiter mit krachendem und prasselndem Gedröhn das Haus erschütterte, trat Herr Ernst hinaus, um den obersten Aufläder zu wecken. Doch der alte Endres hielt schon Wacht unter den ihm anvertrauten Waren, und als der Hausherr nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, fand er Eva wieder an der Brust der Schwester und sah, wie diese ihr Stirn und Augen küßte und sie zärtlich zu trösten versuchte. Doch Eva schien taub für ihre beruhigenden Worte. Els, ihre treue Els, sollte nicht mehr die Braut ihres Wolff, und ihr großes, schönes Glück vernichtet sein auf immer. Morgen sollte ganz Nürnberg erfahren, Herr Kaspar habe die Verlobung seines Sohnes gelöst, weil Wolffs Braut ihm, einem Verführer, dem Ritter Heinz Schorlin zu Gefallen, die Treue gebrochen. Wie tief schnitt das alles Eva ins Herz, wie furchtbar quälte sie der Gedanke, daß sie es sei, die dies entsetzliche Unglück verschuldet! Zerfließend in Jammer und Thränen flehte sie die Beklagenswerte an, ihr zu vergeben, und Els that es gern und in einer Weise, die 190 dem Vater tief ins Herz griff. Wie gut waren die Mädchen, die trotz des schweren Leides, das die eine über die andere gebracht, so treu und fest zusammenhielten. Ueberzeugt, daß auch Eva nichts Strafbares begangen, näherte er sich beiden, um sie ans Herz zu ziehen; doch er kam nicht dazu, es auszuführen; denn eben erdröhnte das Gemach von dem Wetterschlage, der Kätterle so furchtbar erschreckt hatte. »Heilige Klara, hilf!« rief Eva, indem sie sich bekreuzte und auf die Kniee warf; Els aber eilte ans Fenster, stieß es auf und schaute mit dem Vater auf die Straße. Dort war nichts zu sehen als ein leichter Feuerschein am fernen nördlichen Horizont und zwei geharnischte Söldner, die in raschem Trab auf die Stadt zuritten. Aus den Ställen am Marienturme waren sie abgesandt worden, um, falls ein Feuer ausbrach, beim Löschen Ordnung zu halten. Einige Knechte, die ihnen mit Haken und Stangen folgten, eilten gleichfalls dem Frauenthor zu. Auf die Frage, wohin, und wo es brenne, erfolgte die Antwort: »Nach dem Fischbache, um ihn aufstauen zu helfen. Es hat, scheint's, unter der Feste am Tiergärtnerthore gezündet.« Zu gleicher Zeit bewies der langgezogene Hilferuf aus dem Horn des Türmers, daß die Knechte ihn recht unterrichtet. Da eilte er hinaus, und von der oberen Treppe her scholl ihm das Zetergeschrei Kätterles: »Es schlug ein! Bei den Klarissinnen brennt es!« entgegen. Herr Ernst hatte ihr das Urteil gesprochen, und ihr Anblick erregte seinen Groll aufs neue so heftig, daß er, trotz der dringenden Gefahr, ihr zurief, was ihn jetzt 191 auch in Anspruch nehme, sie werde der strengsten Strafe für ihr schändliches Verhalten gewiß nicht entgehen. Dann befahl er dem alten Endres, mit zwei Knechten bei der Schlafkammer der Hausfrau zu wachen, um, falls sich etwas ereigne, die Hilflose zuerst in Sicherheit zu bringen. Bevor er sich selbst auf die Brandstätte begab, eilte er noch einmal zu den Töchtern zurück. Während die Mädchen ihm Hut und Umwurf reichten, erfuhren sie, wo der Blitz gezündet, und nun sollte es noch einen Aufenthalt für den besorgten Hausherrn geben; denn Eva griff nach Schuhen und Strümpfen und erklärte, während sie die kleinen Pantoffeln von den Füßen schleuderte, wo ihre lieben Aebtissinnnen in Gefahr schwebten, da dürfte auch sie nicht fehlen; der Vater aber befahl ihr, bei der Schwester und Mutter zu bleiben, und näherte sich der Thüre. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen und wandte sich mit der besorgten Bitte: »Denkt an die Mutter!« an seine Töchter. Ein neuer Donnerschlag übertönte das Geräusch seiner die Treppe hinabeilenden Schritte. Als Els, die dem Vater kurze Zeit aus dem Fenster nachgeschaut hatte, sich der Schwester wieder näherte, trocknete sie Augen und Wangen und sagte: »Vielleicht hat er recht; doch jedesmal, wenn das Herz mich antreibt, einem warmen Verlangen zu folgen, wirft man mir Steine in den Weg. Ein wie willenloses Nichts ist doch die Tochter eines ehrbaren Nürnberger Geschlechtes.« Erstaunt vernahm Els diesen Klageruf. War das ihre Ev, ihre »kleine Heilige«, die sich gestern noch nichts sehnlicher gewünscht hatte, als in demütigem Gehorsam, 192 fern vom Geräusche der Welt, ihres himmlischen Bräutigams würdig zu werden und im stillen Frieden des Klosters die Seele zu Gott zu erheben? Was war in wenigen Stunden aus dem Mädchen geworden! Selbst die am weltlichsten Gesinnte unter ihren Freundinnen hätte solche Klage der andern verdacht. Aber sie fand jetzt keine Zeit, der Verirrten ins Gewissen zu reden. Liebe und Pflicht riefen sie ans Lager der Mutter. Und dann! Das Kind war sich seiner Minne bewußt geworden, und sie, die durch den eigenen Vater von dem Geliebten getrennt war, und doch nicht von ihm zu lassen gedachte, war sie auch berechtigt, der Schwester zu raten, ihre Minne und die Hoffnung auf künftiges Glück mit und durch den Geliebten zu den Toten zu werfen? Was für Wunder die Minne doch wirkte! Wenn sie in einer Nacht aus ihrer frommen, künftigen Himmelsbraut ein ungestüm begehrendes Weib gemacht hatte, dann konnte sie auch für sie das Unglaubliche thun. Während Eva zum Fenster hinausschaute, begab Els sich zu der Mutter zurück. Sie schlief noch immer, und ohne sich von der Neugier oder von dem Verlangen, zu helfen, von ihrer Pflicht abwenden zu lassen, behauptete sie trotz des Feuerlärms, der gedämpft in das Gemach drang, ihren Platz am Lager der teuren Kranken.     Dreizehntes Kapitel. Eva stand am geöffneten Fenster. Die Macht des Gewitters schien erschöpft. Das Gewölk zog nach Norden, und der Donner folgte in immer längeren Zwischenräumen dem Blitze. Am Himmel trat Ruhe ein, in der Stadt und auf der Straße wurde es aber immer lebendiger und lauter. So kräftig hatte sie die Sturmglocken noch nie die eherne Zunge rühren, das Blasen des Türmers noch nie mit so weit hinschallender Stärke die Luft erschüttern und Hilfe heischen hören. Die metallenen Stimmen aus der Höhe riefen auch nicht vergebens nach Beistand; denn während ein rosenroter Schimmer die Laubkrone der Linde vor ihrem Fenster und die Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Straße mit den Tinten des Morgenglühens färbte, wogten immer dichtere Menschenmengen vom Frauenthore her der St. Klarengasse entgegen. Das Kloster war von ihrem Gemache aus nicht sichtbar, doch der starke Geruch des Rauches und die lauten Stimmen, die von dort her ihr Ohr erreichten, lehrten sie, daß das Feuer nicht klein war. Während sie dann die Stelle aufsuchte, von der aus Heinz den Blick zu ihrem 194 Fenster erhoben haben mußte, traten zuerst die Ortliebschen Knechte, zu denen sich auch einige Montfortsche gesellt hatten, mit Eimern und Leitern aus dem Hause. Ihnen nach huschte eine weibliche Gestalt auf die dunkle Straße. Ein schwarzes Tuch verbarg ihr Kopf und Oberkörper, und in der Hand trug sie ein Bündel. Das mußte Kätterle sein! Wohin sie in dieser Stunde nur wollte? Den Löschenden konnte sie, da sie das Päcklein mit sich führte, kaum beizustehen wünschen. Ob sie sich aus Furcht vor Strafe aus dem Hause fortstahl? Armes Geschöpf! Auch die Magd sollte durch ihre Schuld ins Unglück geraten! Das griff ihr ans Herz. Während sie aber den Namen »Kätterle!« hinunterrief, um sie zurück zu halten, zog sie etwas anderes, das sie stärker fesselte, von ihr ab; denn vom Hausthor her klang ihr die laute Stimme der Gräfin Cordula entgegen. Mit wem sprach sie? Wollte das Mädchen, das sich so manches herausnahm, was einer sittigen Jungfrau nicht anstand, sich auch hier den Männern gesellen? Daß sie selbst zu den Nonnen geeilt wäre, wenn der Vater sie nicht zurückgehalten hätte, vergaß sie. Da stand die Gräfin schon auf dem Vorplatz. Nachdem Eva ihr einen flüchtigen Blick geschenkt, schaute sie noch einmal der Gürtelmagd nach, doch sie war schon im Dunkel verschwunden. Das that ihr leid. Sie hatte etwas verabsäumt, was die Magd, der sie gut war, vielleicht von einer Unbesonnenheit zurückgehalten hätte. Während sie aber von der sonderbaren Erscheinung 195 der Gräfin angezogen worden war, hatte sie der anderen vergessen. Cordula mochte eben das Lager verlassen haben; denn sie trug nur ein schlichtes, hoch aufgeschürztes Kleid, kurze Stiefelchen, deren sie sich sonst wohl auf der Jagd bediente, und ein auf der Brust zusammengeknüpftes Tuch. Ein anderes umwand ihr das Haupt wie den Bauerweibern, die an kalten Wintertagen ihre Ware zu Markte führen. Schlichter war kaum eine Maiersfrau gekleidet, und – Eva konnte nicht umhin es zuzugeben – etwas Vornehmes lag trotzdem in ihrer sicheren Haltung. Der Kaplan ihres Vaters und der in seinem Dienst ergraute Stallmeister waren ihre Begleiter. Beide bemühten sich, sie zurück zu halten. Jener wies auf einen Zug Weiber, der dem Pfänder und etlichen Stadtknechten folgte und sagte, als er sich dem Vorhofe näherte, in ermahnendem Ton: »Das alles sind verworfene Dirnen, denen es in dieser Stadt obliegt, auf dem Brandplatze beim Löschen zu helfen. Wie würde es Eurer gräflichen Gnaden anstehen, sich neben dieser Schande ihres Geschlechts . . . Nein, nein! Morgen würde es heißen, unter diesen Verachteten hätte die Zierde des Montfortschen Hauses . . .« »Hätte Gräfin Cordula die Hände beim Löschen geregt,« unterbrach ihn diese mit heiterem Selbstgefühl. »Ist das etwa ein schimpfliches Werk? Soll es mir, weil ich von vornehmer Geburt bin, versagt sein, mich zu denen zu zählen, die dem Nächsten helfen, so weit es in ihrer Kraft steht? Was hier Gutes vollbracht werden 196 soll, die beklagenswerten Weiber dort machen es durch ihre Beihilfe wahrlich nicht schlechter. Glaubt man aber hier zu Lande dennoch, daß sie es thun, so lüstet es mich doppelt, es durch meine Mitwirkung zu adeln. Mich setzt das Löschen nicht herab, die Dirnen aber macht es besser. Fort denn! Seht nur, wie die Flamme dort aufloht. Da bedarf es der Hilfe, und, gottlob, ich gehöre nicht zu den Schwachen. Und dann. Es sind Frauen, denen es hier Beistand zu leisten gilt, und dem Weibe in Gefahr ist das Weib der willkommenste Helfer!« Da nickte der alte Stallmeister ihr mit feucht schimmernden Augen zu und trat der Gräfin voran auf die Straße; sie aber folgte ihm nicht sogleich, sondern schaute sich nach dem Pagen um, der ihr das Verbandzeug nachtragen sollte, das sie daheim unter ihren Hörigen zu brauchen gelernt. Der flinke Knabe ließ sie nicht lange warten. Während aber die Herrin prüfte, ob er nichts Wichtiges vergessen, bemerkte er Eva, deren Schönheit ihm längst das junge Herz entzündet hatte, am Fenster und schaute verliebt zu ihr hinauf. Da nahm auch Cordula sie wahr und rief ihr einen freundlichen Gruß zu; Eva aber schickte sich schon an, ihr im gleichen Tone zu danken, als ihr wieder in den Sinn kam, daß Cordula vor anderen von Heinz Schorlin geredet hatte, als sei er ihr in aller Unterthänigkeit gewärtig. Da wallte es unwillig in ihr auf, und als hätte sie den Gruß überhört, trat sie in das Zimmer zurück. Die Gräfin nahm es wahr und zuckte bedauerlich die Achseln. Unzufrieden mit sich selbst fuhr Eva fort, nachdem die von der Stadt herkommende Menschenmenge Cordula 197 ihren Blicken entzogen, auf die Straße zu schauen. Es schien ihr, als sollte ihr nichts mehr gelingen, was ihr selbst zur Zufriedenheit gereichte. So haltlos, so unwirsch, so leer jeden Selbstvertrauens hatte sie sich noch nie gefühlt. Wie sonst Trost bei ihrer Heiligen zu suchen, ging jetzt nicht an. Es gab da unten zu viel, was sie abzog. Aus dem rosigen Schein an der Linde war ein roter Glanz, aus dem Schimmer an den gegenüberliegenden Wänden ein blendendes Flackern geworden. Von der St. Klarengasse aus trug der Wind, der jetzt von Westen her wehte, brennende und funkensprühende Körper – von den Flammen ergriffene Heubündel – aus dem Speicher des Klosters dem Marienturme entgegen und in die Straße. Dazu wurde es immer lauter über und hinter, vor und unter ihr. Das Geläut und Blasen von den Türmen dauerte fort, und in dies beständige Schallen, Tönen und Schmettern aus der Höhe mischten sich vom Kloster her die hohen, weithin vernehmbaren Stimmen des Nonnenchors, der in inbrünstigen Bittgesängen die Hilfe der Stifterin des Klarissinnenklosters anrief. Oft freilich wurde der Gesang von dem Lärm auf der Straße übertönt; denn die Brandherren und Viertelmeister waren zu rechter Zeit benachrichtigt worden, und Scharwächter, Söldner der Stadt, Spitalknechte, sowie die feilen Dirnen, denen das Gesetz gebot, beim Löschen zu helfen, kamen in kleinen Rotten, Büttel und Bedienstete des Rates, die zur Mithilfe verpflichteten Bader, deren wundärztliche Geschicklichkeit hier leicht Verwertung finden konnte, Herren vom Rate, Priester und Mönche einzeln daher. Auch vom Hufschlag vieler Rosse scholl die Straße wider; 198 denn erst sprengten berittene und geharnischte Reisige herbei, um die Büttel bei der Aufrechterhaltung der Ordnung zu unterstützen, dann trabte der Brunnenmeister mit seinem Oberknecht auf den schweren Pferden, die der Rat ihnen beim Brande zur Verfügung stellte, auf die St. Klarengasse zu. Ihm folgten die Müller mit messingenen Spritzen. Während ihre wohlgenährten Gäule die Last der hölzernen Wasserbottiche, deren man für die Löscharbeit bedurfte, auf Schlitten mit geringem Geräusch durch den Schmutz der vom Regen aufgeweichten Straße schleiften, gab es ein lautes Klirren und Rasseln, als die Wagen erschienen, mit denen die Fuhrleute auf der Peunt große und kleine Leitern, Haken und Hebebäume, Eimer und Fackeln auf die Brandstätte brachten. Uebrigens wünschten außer denen, die das Gesetz dazu verpflichtete, auch viele andere den beliebten Klarissinnen Beistand zu leisten und sich damit einen Gotteslohn zu erwerben. Ein Brauer hatte seine kräftigen Hengste gestellt, um die acht Maurer, denen es oblag, beim Löschen ihre Geschicklichkeit zu bewähren, mit ihrem Handwerkzeuge an die Arbeit zu führen. Johlend und schreiend folgte ihnen allerlei Gesindel – Männer und Weiber – um beim Rettungswerk im Trüben zu fischen. Doch die Büttel behielten es scharf im Auge und schafften Platz, als der Komtur der deutschen Herren mit einigen Begleitern, denen das weiße Kreuz vom schwarzen Gewand leuchtete, hoch zu Roß erschien und endlich auch der alte Herr Berthold Vorchtel auf seinem der ganzen Stadt bekannten frommen und edlen 199 Schimmel herangetrabt kam. Immer noch hielt der Greis sich gut im Sattel, doch sein Haupt war gebeugt, und wer da wußte, daß man ihm vor nur einer Stunde die Leiche des ältesten, im Zweikampfe erschlagenen, wohlgeratenen Sohnes ins Haus gebracht hatte, der bewunderte die Willenskraft des längst ergrauten Herrn. Als erster Losunger und Obristhauptmann stand er an der Spitze des Rates und somit auch der Stadt. Die Pflicht hatte ihm geboten, das Roß zu besteigen; doch wie bleich und müde war sein sonst so lebhaftes kluges Gesicht! Vor dem Ortliebhofe ritt der Komtur der deutschen Herren ihm an die Seite, und Eva sah, wie er ihm die Hand so warm und kräftig schüttelte, als läge ihm daran, dem Greise recht herzlich zu zeigen, wie innigen Anteil er an etwas Schwerem nahm, das ihn betroffen. Die Vorchtels hatten aufgehört, den Ortliebs nahe zu stehen, seit Wolffs Verlobung mit Els bekannt geworden war; doch der alte Herr Berthold war, obgleich er wohl selbst in dem jungen Eysvogel den künftigen Gatten seiner »Ursel« gesehen, Eva stets freundlich begegnet, und – sie täuschte sich nicht – was ihm dort im Licht der Fackeln auf der Wange schimmerte, das waren Thränen! – Ihr Anblick griff dem Mädchen ans Herz, und wie gern hätte es erfahren, was den Vorchtels zugestoßen war und dem Greise ihr Mitgefühl zu erkennen gegeben. Was konnte ihm so Schmerzliches widerfahren sein? Erst vor wenigen Stunden war ja der Vater von dem fröhlichen Herrentrunk in seinem Hause gekommen. Die Gemahlin Herrn Bertholds, seine Tochter Ursula und einen seiner beiden kräftigen Söhne konnte es kaum getroffen haben. Vielleicht hatte der Tod ihm nur einen 200 weniger nahen, geliebten Verwandten entrissen. Doch auch das hätte sie wissen müssen; denn die Ortliebs waren mit dem alten Herrn wie mit seiner Hausfrau verschwägert. Von einer schlimmen Ahnung beängstigt schaute Eva ihm nach und spähte dabei auch unter den Leuten auf der Straße nach Heinz Schorlin umher. Mußte die Besorgnis um sie ihn nicht hieherführen, wenn er erfuhr, wie nah von ihrem Hause es brannte? Sobald ein Helm oder eine Rittermütze, die Menge überragend, sich zeigte, meinte sie, daß er komme. Einmal glaubte sie ihn sicher erkannt zu haben; denn nicht zu Roß, sondern zu Fuß erschien ein hochgewachsener junger Mann von ritterlicher Haltung, der gegenüber dem Ortliebhofe stehen blieb. Das mußte er sein! Als er aber zu ihrem Fenster hinauf schaute, zeigte ihr der Widerschein des Feuers, daß derjenige, dem ihr Herz so schnell entgegenschlug, wohl ein Ritter war, und zwar ein junger und schöner, doch keineswegs der, für den sie ihn gehalten. Boemund Altrosen war es, ein als Sieger in manchem Turnier wohlberufener junger Ritter, der auch bei ihrem Oheim, dem Schultheißen, als Knabe verkehrt hatte. Wegen seines kohlschwarzen welligen Haares war er nicht zu verkennen. Es hieß, daß der dunkelblaue Aermel eines Frauengewandes, den er beim Tjost an der Helmzier zu tragen pflegte, der Gräfin Montfort angehöre. Sie sei seine Dame, und für sie habe er so viele Siege erfochten. Heinz Schorlin hatte ihn beim Tanze seinen Freund genannt und ihr gesagt, der wackere Ritter bemühe sich vergebens um die übermütige Gräfin. Jetzt schaute er 201 vielleicht um Cordulas willen so aufmerksam auf ihr Haus hin. Oder hatte Heinz, sein Freund, ihn gesandt, damit er, den der Kaiser vielleicht zurückhielt, über sie wache? Aber nein. Eben war er dem Hause näher getreten, um einen Knecht in den Montfortschen Farben zu befragen, und jetzt veranlaßte ihn die Antwort, dem Kloster entgegen zu schreiten. War es der Rauch, der von der Brandstätte her immer dichter in die Straße hineinquoll oder Enttäuschung und bitteres Seelenweh, was ihr das Auge mit Thränen füllte? Auch die Gefahr, in der die Muhme Aebtissin und ihre lieben Klarissinnen schwebten, steigerte ihre peinliche Erregung. Die Nonnen selbst schienen sich zwar sicher zu fühlen; denn es ließen sich immer noch abgerissene Accorde ihres Gesanges durch das Schallen und Lärmen ringsum vernehmen; aber der Brand mußte den Löschenden doch große Schwierigkeit bereiten. Das bewies der immer gleich helle Feuerschein an der Linde und die Kommandorufe, die unverständlich, doch hörbar, jedes andere Geräusch gebieterisch übertönten. Unten auf der Straße wurde es leerer. Was sich, um zu helfen, der nächtlichen Ruhe begeben, war schon größtenteils auf die Brandstätte gelangt. Nur vereinzelt zogen noch einige Nachzügler durch das weit geöffnete Frauenthor dem Marienturme entgegen. Unter ihnen befanden sich auch Reiter, und Eva schlug das Herz wiederum schneller; doch nur kurze Zeit; denn Heinz Schorlin war weit größer als derjenige, der sie von neuem getäuscht, und zwei berittene Fackelträger hätten ihm auch schwerlich den Weg beleuchtet. Bald flog ihr sogar ein Lächeln um die frischen Lippen; denn der kleine, starke Mann auf dem großen, starkknochigen Vinzgauer Hengste, den sie nun deutlich erkannte, war der liebste ihrer Verwandten, ihr Pate, der gute, kluge kaiserliche Schultheiß Berthold Pfinzing, der Gatte der Schwester ihres Vaters, der wackeren Muhme Christine. Wenn er zu ihr hinaufschaute, mußte er ihr Auskunft wegen des alten Herrn Vorchtel erteilen. Und er ritt nicht an dem Hause seiner Lieblinge vorüber, ohne den Blick zu ihrem Fenster zu erheben, und als er wahrnahm, daß Eva ihm winkte, gebot er den Knechten, zurück zu bleiben und hielt auf dem Vorplatze hinter den Ketten. Nachdem er der Nichte einen kurzen Gruß zugerufen, und sie sich nach den Vorchtels und was sie betroffen, erkundigt, frug er besorgt: »So wißt ihr noch nichts? Und Els? Auch ihr blieb es verschwiegen?« »Was denn, in aller Heiligen Namen?« verlangte Eva in steigender Besorgnis zu wissen. Da gebot ihr der Schultheiß, der die Hausthür offen stehen sah, rasch zu ihm herunter zu kommen. Bald stand Eva denn auch neben dem großen Braunen des Paten, und während sie dem prächtigen Tier den glatten Hals streichelte, sagte er schnell und mit gedämpfter Stimme: »Gut, daß es so kam. Du kannst es der Schwester allmälich beibringen, Kind. Heute nacht . . . Nimm Dich zusammen; denn es gibt Dinge zu hören, die auch einen Mann . . . Kurz denn! . . . Heute nacht geriet Wolff Eysvogel mit dem jungen Vorchtel in Händel, oder besser: Ulrich reizte euren Wolff so grausam, daß er blank zog.« 203 »Wolff!« schrie Eva, die schon die Hand von dem Pferde gelassen, angstvoll auf, »Wolff! Er ist so furchtbar stark, und wenn er im Zorne das Schwert zog . . .« »Mit einem gewaltigen Stoße traf er den Gegner,« versetzte der kaiserliche Schultheiß mit einer bezeichnenden Geberde. »Durch und durch drang der Schwertstich. – Doch ich muß weiter . . . Nur das noch! Als Leiche brachten sie Ulrich zu den Eltern zurück. Und Wolff . . . Wo er sich verbirgt? . . . Mögen die lieben Heiligen recht lange die einzigen bleiben, denen es bewußt ist. Ein Streit mit solchem Ausgang unter den Augen des Kaisers Rudolf, jetzt, wo der Landfrieden eben erklärt ward! Wer weiß, was über ihn verhängt wird, wenn die Büttel sich diesmal findiger zeigen als sonst . . . Mein Amt zwang mich, die Meute gegen ihn loszulassen. Daher auch mein verspätetes Kommen . . . Bring es der Els so schonend bei, wie es angeht.« Damit grüßte er ritterlich und trabte davon; Eva aber eilte, wie von Feinden verfolgt, die Treppe hinauf, warf sich vor dem Betpult auf die Kniee und schluchzte. Gewiß hatte der junge Vorchtel von den Vorgängen im Soler erfahren, Wolff von dem nächtlichen Stelldichein seiner Braut mit einem Ritter geredet und den Zorn des starken Mannes dadurch gereizt. Wie furchtbar war das alles! Wie sollte sie es ertragen? Ihre Unbedachtsamkeit hatte ein Menschenleben, einem Elternpaar den Sohn gekostet! Durch ihre Schuld schwebte der Bräutigam der Schwester, der auch ihr lieb war, in Gefahr, dem Bann zu verfallen, vielleicht gar auf dem Richtblocke zu enden. Auch an andere Gründe zu denken, die heißblütige 204 junge Männer veranlassen die Schwerter zu kreuzen, lag ihr fern, und fest überzeugt, daß ihr unseliges Schreiben Heinz Schorlin in ihr Haus gezogen und all dies Schreckliche verschuldet habe, rang sie vergebens nach Fassung. Bald stellte sich ihr das Bild der verzweifelnden Els, bald das der alten in Kummer vergehenden Vorchtels, bald Wolff, der vogelfrei wie ein gehetztes Wild sich im Dickicht der Wälder verbarg, bald die Gürtelmagd, die mit ihrem Bündlein in die Nacht hinaus floh, bald das brennende Kloster und dazwischen auch Heinz Schorlin, wie er vor ihr auf den Knieen lag, und die Hände mit leidenschaftlichem Verlangen zu ihr erhob, vor das innere Auge. Doch wie eine Sünde wies sie jetzt jeden Gedanken an ihn von sich und bezwang auch den Drang, auf die Straße und nach ihm auszuschauen. Für die Schwester, die sie ins Unglück gestürzt, und ihr armes, aus tiefen Wunden blutendes Herz, ihre Heilige und die gnadenreiche Mutter Gottes anzuflehen, war jetzt ihre einzige Pflicht; doch der Trost, den ihr sonst der bloße Aufschwung der Seele zum Gebete gewährte, blieb aus, und es konnte ja nicht anders sein; denn bei dem fortwährenden Schauen und Horchen in sich selbst hinein und um sich her, ließ sich zu keiner rechten Andacht gelangen. Obwohl sie neue und immer neue Anläufe nahm, sich zu sammeln und unentwegt mit gefalteten Händen vor dem Betpult kniete, entging ihr doch kein Hufschlag eines Rosses, kein lauter Ruf einer Menschenstimme auf der Straße. Auch das hellere Auflohen und zeitweise Verblassen des Feuerscheins, der durch das Fenster fiel, nahm sie wahr, und das Läuten und Blasen, das nicht 205 aufhören wollte, sorgte dafür, daß die Erregung ihrer Seele nicht nachließ. Aber das Gebet war das einzige, womit sie gut machen konnte, was sie der Schwester angethan hatte, und so ließ sie nicht ab von dem Versuche, sich für sie an die hohen Helfer über ihr zu wenden; doch es wollte und wollte nicht glücken. Aber selbst als sie ganz in der Nähe des Hauses Stimmen hörte, unter denen sie die der Gräfin Cordula und, irrte sie nicht, auch die des Vaters erkannte, widerstand sie dem Drange, sich von den Knieen zu erheben. Endlich wurde diesem vergeblichen Ringen von außen her ein Ende bereitet. Im Soler hatte sich ein ungewöhnlich lautes Rufen und Fragen erhoben, und plötzlich öffnete sich die Thür des Gemaches, und die alte Martsche schaute zu ihr herein. Die Schaffnerin suchte hier etwas; als sie indes das fromme Kind auf den Knieen fand, wollte sie es nicht stören und begnügte sich mit dem Zeugnis ihrer Augen. Eva aber hielt sie zurück und erfuhr, daß sie nach Kätterle ausschaue, die weder auf ihrer Kammer noch sonst wo zu finden. Der Herr Vater habe die Gräfin Montfort mit Brandwunden heimgebracht, und es gäbe allerlei für die Gürtelmagd zu schaffen. Da hielt sich Eva schaudernd an der Lehne des Pultes fest; denn die Gewißheit, daß das unglückliche Mädchen in der That die Flucht ergriffen habe, streute ihr Salz in die Wunden. Als Martsche sie verlassen und Els zu ihr eintrat, 206 hatte die Erregung ihrer Seele solche Höhe erreicht, daß sie sich wie außer sich vor ihr niederwarf, ihre Kniee umschlang und indem sie mit leidenschaftlichem Ungestüm Selbstanklage auf Selbstanklage häufte, sie schluchzend um Vergebung anflehte und Gnade. Els war indes schon durch den Vater von der unglückseligen That ihres Verlobten unterrichtet worden, und sobald sie wahrnahm, was die Schwester so furchtbar ängstigte und quälte, sprach sie ihr liebreich zu und befreite sie von dem Vorwurfe, auch an diesem Unheil Schuld zu tragen; denn der Zweikampf hatte so früh stattgefunden, daß noch keine Kunde von den Vorgängen im Soler zu dem jungen Vorchtel gelangt sein konnte, als er mit Wolff in Händel geriet. Nicht nur um sie zu beruhigen, gab sie Eva die Versicherung, daß, so sehr sie auch der Tod des unglücklichen Ulrich und der Schmerz seiner Eltern bekümmere, Wolffs That weder ihre Liebe noch die Hoffnung auf seinen Besitz beeinträchtigen könnte. Leuchtenden Auges folgte Eva dieser Versicherung. Unerschütterlich fest wie der alte Felsen ihrer heimischen Burg, der jedem Wetter trotzte und dem selbst der vernichtende und zündende Blitzstrahl nichts anhaben konnte, stand die Minne im Herzen ihrer Schwester. Das machte sie ihr doppelt lieb, und aus dumpfer Verzweiflung rang ihre zu jedem Aufschwung geneigte Seele sich schnell zu hoffnungsreicher Begeisterung in die Höhe. Als Els sie endlich bat, ohne sie zur Ruhe zu gehen, sagte sie es willig zu; denn die Mutter befand sich leidlich und Schwester Renata wachte bei ihr. Eva hielt auch Wort, nachdem Els, die noch nach 207 der Gräfin Montfort sehen wollte, sie über das Ergehen der Nonne beruhigt und ihr verheißen hatte, sich gleichfalls, so bald es anging, nieder zu legen. Aus dem Verstummen der Sturmglocken ging hervor, daß das Feuer gebändigt. Auch sein Widerschein war erloschen; dafür aber begann sich draußen der Osten mit sanftem Rot zu färben. Als die Schwester sie verlassen, zog Eva selbst die Vorhänge vor das Fenster, und der Schlaf unterbrach bald genug ihr Sinnen und Sehnen, ihr Leid und ihr Hoffen.     Vierzehntes Kapitel. Das Gemach der Gräfin Cordula von Montfort schaute nach Osten hin und in den Garten. Die Sonne des Junimorgens war eben aufgegangen und erhellte es freundlich. Die Zofe der Leidenden hatte Els den Eintritt verwehren wollen, die Gräfin aber sie lebhaft zu sich berufen und dann geboten, die Fenster zu öffnen, weil sie sich nur wohl fühle, wenn es licht um sie her sei und sie die frische Gottesluft atme. Der Morgenwind führte den Rauch, der immer noch der Brandstätte entstieg, in eine andere Richtung, und so zog denn in der That vom Garten her eine erquickende Luft in das Gemach; denn der Gewitterregen hatte der gesamten Kreatur Labung gespendet, und von Beet und Rasen, Strauch und Baum ging ein frischer Erd- und Pflanzenduft aus, den zu atmen Genuß bot. Eben hatte der Medicus Otto, derselbe, vor dessen Thor der schwer verwundete Ulrich Vorchtel niedergelegt worden war, die Gräfin verlassen. Die Brandwunden an ihren beiden Händen und Armen waren verbunden worden, ja der alte Herr hatte mit eigener Hand die angesengten Stellen an ihrem Haare beschnitten; denn in 209 ihrer derben Tüchtigkeit erschien Cordula dem weit berühmten Arzte solcher Mühewaltung wert. Er hatte ihr auch geraten, die ältere Tochter ihres Wirts, dessen kranke Hausfrau er behandelte, zu ihrer Pflege herbei zu ziehen, und sie war ihm gerne gefolgt; denn Els hatte ihr von der ersten Begegnung an wohl gefallen, und sie war gewohnt, bei Sonnenaufgang den Tag zu beginnen. »Wie kommt es nur,« frug Cordula jetzt die Nürnbergerin, die neben ihrem Lager Platz genommen hatte, »daß Ihr weder weint noch den Kopf senkt nach allem, was diese Nacht über Euch brachte. Ihr seid dem Schweizer fremd, und als wir Euch mit ihm überraschten, waret Ihr nicht zu einem Stelldichein gekommen, – ich weiß es. Wenn Euch aber in der That eine so feste und warme Minne mit dem jungen Eysvogel verbindet, wie kommt es, daß Euch die Absage seines Vaters und seine unselige That, die allerdings gerade in dieser Zeit kaum ungestraft hingehen möchte, den frohen Mut so wenig verdunkelt? Zu den Leichtfertigen scheint Ihr mir nicht zu gehören, und dennoch . . .« »Dennoch,« versetzte Els mit einem liebenswürdigen Lächeln, »ist mir schon mancherlei tiefer gegangen. Wir sind nicht alle vom nämlichen Holze, Gräfin, doch gerade Ihr habt mancherlei an Euch, was es Euch leicht machen muß, mich zu verstehen; denn seht, gnädige Gräfin . . .« »Nennt mich Cordula,« unterbrach sie jene mit freundlicher Bitte. »Warum soll ich leugnen, daß ich Euch gut bin, und auf die Gefahr hin, Euch eitel zu machen, sei Euch verraten . . .« »Nun?« frug Els gespannt. »Der alte, prächtige Medicus beschrieb Euch mir ganz, 210 wie ich mir Euch dachte,« lautete die Antwort. »Ihr gehörtet zu denen, sagte er, deren bloße Gegenwart am Krankenbett wie gute Arznei wirkt – und da seid Ihr, und mir, werte Jungfrau Els, kommt dies wohlthätige Heilmittel zu gute.« »Wenn ich mich der ›gräflichen Gnaden‹ enthalten soll,« fiel ihr hier die andere ins Wort, »so erlaßt Ihr mir wohl auch die ›werte Jungfrau‹! Bei Eurer Wartung bin ich um so lieber behilflich, zu je wärmerem Danke . . .« »Laßt das,« schnitt Cordula ihr das Wort ab. »Aber, bitte, seht doch einmal nach dem Verbande, unter dem es stärker glüht und sticht, als es not thut, und dann fahrt fort mit Eurer Erklärung.« Da machte sich Els mit dem Arme der Gräfin zu schaffen und wandte ein Hausmittel an, dessen Kenntnis sie der Muhme Christine, der Gattin des kaiserlichen Schultheißen, verdankte, die wohl mit der Heilkunde vertraut war. Es linderte auch den Schmerz, und als Cordula dies zugestand, fuhr Els in ihrer Erklärung fort: »Was da alles über mich kam, schien mir anfangs allerdings unerhört und kaum zu ertragen. Nachdem dann noch die unselige That meines Wolff dazu kam, hatte ich das Gefühl, als stünde ich in dichtem, dunklem Nebel und als müßte jeder Schritt vorwärts mich in einen erstickenden Sumpf oder tödlichen Abgrund führen. Dann aber übersann ich das Geschehene, wie es meine Art ist. Das Ueble, das mir in der Zukunft bevorsteht, trennte ich im Geiste vom Guten, und kaum war ich damit ein Stück vorwärts gekommen, als schon Sumpf und Abgrund ihre Schrecken verloren. Beide, fand ich, ließen sich, da es ja weder bei Wolff noch bei mir an 211 Liebe fehlt und gutem Willen, bei einiger Klugheit und Vorsicht umgehen.« »Ja, dies Sinnen und Ueberdenken!« rief die Gräfin mit einem leisen Seufzer. »Auch mir glückt es manchmal. Nur beginn' ich damit leider gewöhnlich erst, wenn es zu spät, und die Tollheit vollbracht ist.« »So solltet Ihr fürder es umgekehrt halten,« entgegnete Els heiter. Doch gleich darauf änderte sie den Ton, und es klang ernst genug, als sie fortfuhr: »Das Herzeleid der armen Vorchtels, und was mein Bräutigam leiden mag, weil der Gefallene ihm früher ein lieber Freund war, das wirft freilich einen dunklen Schatten auf vieles; aber Ihr, die Ihr eine Jägerin seid, kennt gewiß die nebeligen Herbstmorgen, an die ich denke. Weit und breit wird alles von einem dichten Schleier umzogen, doch man ahnt den lichten Sonnenschein, der sich hinter ihm verbirgt. Plötzlich reißt der Nebel . . .« »Und Berg und Wald, Land und See liegen in lichtem Sonnenschein vor uns!« rief die Gräfin. »Ob ich dergleichen kenne! Und wie sollt' es mich freuen, wenn ein glücklicher Wind das Nebelgrau recht bald für Euch zerstreute. Nur – eine Schwarzseherin bin ich gewiß nicht – nur wißt Ihr vielleicht nicht, wie ernst der Kaiser es mit dem Landfrieden nimmt. Wenn Euer Bräutigam sich hinreißen ließ . . .« »Nicht zum erstenmale,« fiel ihr Els hier eifrig ins Wort, »unterfing sich der junge Vorchtel, ihn vor anderen zu reizen, – und er meinte berechtigt zu sein, dem früheren Freunde zu grollen; galt es doch für ausgemacht, daß Wolff und seine Schwester Ursula ein Paar werden sollten . . .« 212 »Bis,« unterbrach Cordula die andere, »bis er Dir Tausendschön in die hellen Augen schaute.« »Wie könnt Ihr das wissen?« frug Els befangen. »Weil wie bei den Zahlen, so auch in Minne und Haß auf die Eins die Zwei und die Drei folgt,« lachte die Gräfin. »Was aber Euren Wolff im besonderen angeht, so nehme ich gern mit Euch an, es werde ihm vor den Richtern sich zu reinigen glücken. Doch der alte Eysvogel, der aussieht, als sähe er, wenn er dem lieben Herrgott begegnete, ihn zuerst darauf an, wer der reichere sei von ihnen beiden, Euer künftiger Schwager Siebenburg, der widrige ›Schnurrbart‹ und sein armes Weib, das sich daheim grämt über den zügellosen Hausherrn, welcher Dank Euch von solcher Sippe bevorsteht . . .« »Keiner,« versicherte Els betrübt. Dann aber beugte sie sich über die Kranke, und ihren Mund umspielte es schalkhaft, als sie leise fortfuhr: »Was ich aber Gutes von all dem Bösen erwarte, ist, daß es sich zwischen die Eysvogels und uns hinziehen wird wie Mauer und Graben. Nie und nimmer schicken sie sich an, sie zu überschreiten; Wolff aber fände den Weg zu mir zurück, und trennte uns auch ein großes Meer und himmelhohe Berge.« »In dieser Zuversicht läßt der gute Mut sich freilich bewahren,« sagte die Gräfin und fuhr mit einem leisen Seufzer fort: »Wie Schlimmes auch über Euch kam, es möchte Euch mancher beneiden.« »So hat Frau Minne auch Euch? . . .« begann die andere; Cordula aber fiel abweisend ein: »Laßt das, werte Jungfrau. Vielleicht behandelt mich die Minne wie die Mutter das unbescheidene Kind, weil ich zu viel von ihr verlange. Zu einer endlosen Treibjagd ist 213 mein Leben geworden. Viel Wild jeder Art kommt dabei zum Schusse, doch rechte Lust bringt dem Weidmann nur das Birschen auf den einzigen Spielhahn, die einzige Gemse . . . Aber nein,« und in ihrer großen Lebendigkeit schwang sie dabei die kranke Hand so hoch, daß sie vor Schmerz aufstöhnen und sich Stillschweigen auferlegen mußte. Als sie endlich wieder zu reden vermochte, stieß sie, immer noch von arger Pein gequält, unmutig hervor: »Nicht Treiben, nicht Birschen, was soll mir die Beute? Auch ich bin ein Weib. Das arme verfolgte Wild möcht' ich sein, dem der Jäger nachsteigt auf die Gefahr hin, Hals und Bein dabei zu brechen. Das zu erleben muß schön sein! Dafür läßt sich der Schmerz einer Wunde willig ertragen. Nicht solche elende Brandblasen, eine tiefe, tödliche mein' ich!« »Aber diese da,« fügte Els in herzlichem Mahnungstone hinzu, »hättet Ihr Euch ersparen können. Bedenkt nur, was Ihr Eurem Herrn Vater seid, und wie weh ihm Euer Schmerz thut. Wegen eines blöden Viehs ein köstliches Menschenleben wagen . . .« »Das nennen sie Frevel, ich weiß ja,« fuhr Cordula auf. »Und doch beginge ich morgen dasselbe, auf die Gefahr hin, mir noch einmal . . . O, ihr vorsichtigen Stadtleute hier, ihr Jungfräulein mit den schneeweißen Händen . . . Was wißt ihr alle von einer wie ich bin? Nicht einmal ahnen kannst Du, was mir, als ich klein war . . . Und doch! Mit einem kurzen Worte ist es gesagt: Mir fehlte die Mutter! Nie, nie durft' ich sie sehen, nie hörte ich ihre liebe, warnende Stimme. Daß sie mir das Leben schenkte, hatte sie mit dem ihren zu büßen. Der Vater? Wie gut er ist! Er meinte die 214 Verstorbene zu ersetzen, indem er mir gewährte, was er mir an den Augen absah. Hätte ich das Schloß mir zur Augenweide brennen zu sehen verlangt, es läge jetzt vielleicht in Asche . . . So ward ich zu dem, was ich bin. Größer wurde ich freilich, und – das ist schon etwas – wenigstens zu eines Menschen Freude: der seinen. Nein, nein! Daheim gibt es doch auch noch andere, wenn sie auch nur in elenden Hütten wohnen, die mich zurückwünschen möchten. Außer ihnen aber! – Wer fragte wohl viel nach der unbändigen Gräfin? Seh' ich doch selbst nicht gern lange hin, wenn mir der Spiegel mein Bild zeigt. Was das mit dem Feuer zu thun hat, möchtet Ihr wissen? Viel! Denn ich wäre kaum wund ohne das alles. Der Wetterschlag hatte nur die Scheuer des Klosters getroffen; der Kuhstall war noch heil, als wir kamen, doch bald wurde auch er von den Flammen ergriffen. Die Rinder ins Freie zu ziehen, hatten die Nönnlein und auch die Männer versäumt. Das arme Stadtvieh! Auf dem Lande genießt es freundlicherer Sorge. Als es endlich an seine Rettung ging, weigerten sich die Kühe natürlich, das alte Heim zu verlassen. Damit es nicht ersticke, hatte ein Kluger die Thür aus den Angeln gerissen. Ganz vorn stand eine hübsche rotbraune Blässe mit dem Kälblein daneben. Die Alte war schon in die Knie gesunken und leckte in der Todesnot das Kleine. Da jammerte mich des armen Dinges, und weil Boemund Altrosen, der mit dem schwarzen Haare, der nach dem Ritt auf die Kadolzburg mit den anderen bei euch eintrat, eben daherkam, gebot ich ihm, das Kälblein zu retten. Natürlich that er mir den Willen, und wie es sich auch sträubte, schleppte er es mit den starken Armen 215 aus dem Stalle. Der brannte in lichten Flammen, und das Strohdach drohte schon einzustürzen. Da schaute die alte Kuh mich mit einem so kläglichen Blick an und stieß ein so jammervoll schmerzliches Gebrüll aus, daß es mir ans Herz griff. Dabei fiel mein Blick auch auf das Kälbchen, und eine Stimme hier drinnen raunte mir zu, das würde nun wie ich ein mutterlos Kind sein, und in der ersten Zeit des Lebens des Besten entbehren. Weil aber bei mir – ihr hörtet es ja schon – das Handeln dem Denken vorangeht, kam ich – ich weiß selbst nicht mehr wie – hinein in den brennenden Stall. Es atmete sich schwer in dem widrigen Rauche, und glimmende Funken versengten mir das Tuch samt dem Haare; dabei aber blieb mir das eine fortwährend bewußt: Dem hilflosen Kleinen mußt du die Mutter erhalten! So rief ich und lockte sie denn, wie ich es daheim thue, wo alle Kühe mir gut sind; doch es war vergebene Mühe, und als ich das eben einsah, stürzte das Strohdach zusammen, und es wäre wohl um mich geschehen gewesen, hätte nicht Altrosen diesmal meine eigene, keineswegs leichte Person statt des Kalbes aus dem Stalle getragen.« »Und Ihr?« frug Els gespannt. »Ich ließ mir's eben gefallen,« versetzte die Gräfin. »Nein, nein,« fuhr Els eindringlich fort. »Das Herz schlug Euch dabei höher in dankbarer Freude; denn da sahet Ihr ja erfüllt, wonach Eure Seele verlangt: Ein Weidmann, und noch dazu der edelsten einer, setzte beim Jagen nach Eurer Minne das Leben aufs Spiel. O, Gräfin Cordula, dieses Ritters erinnere ich mich gar wohl, und war der dunkelblaue Aermel, den er beim Turnier im vorigen Jahre am Helm trug. der Eure . . .« 216 »'s ist, denk' ich, der meine gewesen,« unterbrach Cordula sie obenhin. »Was mir übrigens mehr gilt: Als ich die Augen wieder aufthat, stand die Kuh draußen und leckte wieder ihr wohlerhaltenes Kälblein.« »Und der Ritter?« frug Els. »Wer das eigene Leben für einen Wunsch seiner Dame so heldenhaft aufs Spiel setzt, der sollte doch wohl ihres Dankes gewiß sein.« »Auf den darf Boemund zählen,« versicherte Cordula bestimmt. »Jedenfalls fällt auch, was er diesmal für mich that, schwerer ins Gewicht als sein Lanzenbrechen, sein Minnegesang und die stumme Sprache seiner sehnsüchtigen Augen. Das sind Pfeile, die wenigstens mir nicht ins Herz gehen. Wie vorwurfsvoll Ihr mich anschaut! Laßt ihn bei seinem Freunde, dem Heinz Schorlin in die Schule gehen, und das Ding kann sich für ihn bessern. Ja, der Schweizer! Das wäre mein Mann, trotz Eures unfreiwilligen Stelldicheins mit ihm und Eurer frommen Schwester, über die er alle anderen, und so auch mich, im Tanzsaale vergaß. O, Jungfrau Els! Ich habe Jägeraugen, die scharf sehen! Um seinetwillen möchte Eure schöne Eva mit den gottseligen Heiligenaugen leicht das Beten verlernen. Auch seid Ihr es nicht gewesen, sondern sie, die ihn heute nacht in euer Haus zog. Wäre dieser Einfall mir schon drunten im Soler gekommen, ich hätte mir – ehrlich gestanden – wahrscheinlich mein Märlein gespart und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Sancta Klara hätte schon für die künftige Genossin ein übriges gethan. Und dann! Dies hoffärtige Dämlein freut es, mir so deutlich es nur immer angeht, zu zeigen, daß ich ihr ein Greuel bin. Dergleichen nehme hin, wer da mag . . . Mein Christentum 217 geht nicht weit genug, um ihr auch die rechte Wange zu bieten. Und wißt Ihr was? Um ihr das Spiel zu verderben, wäre ich im stande, trotz aller Lebensretter der Welt, den Schorlin im vollen Ernst an mich zu fesseln.« »Thut es nicht!« bat Els mit bittend erhobenen Händen und fügte wie zur Erläuterung hinzu: »Um des edlen Boemund Altrosen willen, laßt es.« »Das zu verheißen, mein Liebling,« entgegnete Cordula kühl, »geht über meine Macht, schon weil ich selbst am wenigsten weiß, was ich morgen oder übermorgen thu' oder lasse. Ein Buchenblatt bin ich auf dem Spiegel des Baches. Sehen wir zu, wohin das Wasser es treibt! Sicher ist« – und sie blickte dabei auf die verbundenen Hände, »daß das beste an mir – die runden Arme – nun auch entstellt sind. Narben schmücken den Mann, am Weibe sehen sie krankhaft aus und häßlich. Beim Tanz wird es sie unter enge Aermel verbergen gelten. Aber wie heiß würde das werden beim Schwäbeln und Raien. In Zukunft halte ich mich darum besser fern von dem närrischen Treiben. Ein Kalb, das eine Gräfin aus dem Tanzsaale weist! Wie findet Ihr das? Es gibt doch manchmal noch etwas Neues.« Hier wurde sie unterbrochen; denn die Schaffnerin rief Els hinaus, weil der Ritter Siebenburg gekommen sei, um sie, trotz der unzeitigen Morgenfrühe, in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Der Herr Vater aber habe sich zur Ruhe begeben und schlafe. Der Ritter lasse sich auch teilnahmsvoll nach dem Befinden der Gräfin Montfort erkundigen und lege ihr seinen Respekt zu Füßen. »Von dem ich keinen Gebrauch machen kann,« brauste Cordula auf. »Sagt ihm das, Frau Martsche!« 218 Als die Haushälterin sich entfernte, stieß jene ungeduldig hervor: »Wie das brennt! Die Glut genügte, um das gerettete Kalb zum genießbaren Braten zu machen. Am besten verschlafe ich wohl, was der Narrenstreich mir eintrug. Das Sonnenlicht fängt an aufdringlich zu werden. Ich mag es nicht mehr; denn es blendet! Verhängt mir die Fenster!« Eilfertig folgte die eigene Zofe Cordulas diesem Befehle. Els half der Gräfin, sich in den Kissen zu wenden, und als sie ihr dabei den Arm berührte, rief die Leidende unwirsch: »Wer fragt darnach, was mir weh thut? Auch Ihr nicht!« Hier stockte sie. Der bittende Blick, mit dem Els sie angeschaut hatte, mußte ihr in das weiche Herz gedrungen sein; denn plötzlich hob und senkte sich ihr die volle Brust, und mit mühsam verhaltenem Schluchzen stieß sie hervor: »Ich weiß ja, daß Du es gut meinst; aber ich bin auch nicht von Stein oder Eisen . . . Allein sein will ich und schlafen.« Damit schloß sie die Lider, und als Els sich über sie beugte, um sie zu küssen, netzten Thränen die Wangen der Gräfin. Um weniges später trat Els auf dem Flur des ersten Stockes dem Schwager ihres Verlobten entgegen. Er hatte es abgelehnt, in das leere Wohngemach zu treten. Seitdem er vorhin mit dem Schwiegervater den Ortliebhof verlassen, hatte sich eine große Veränderung mit dem Ritter begeben. Die unfreundliche Weise, in der er von der Gräfin Montfort verabschiedet worden war, hatte ihn stark verdrossen. Tief gegangen aber war sie ihm mit nichten. Andere Ereignisse hatten das 219 Andenken an den bitteren Angriff Cordulas, für die er nie eine ernste Neigung empfunden, ohnehin in den Schatten gedrängt. Was ihm in den letzten Stunden begegnet war, hatte aus dem sorgfältig ausstaffirten Galan einen rohen Gesellen gemacht, der auch äußerlich kenntliche Spuren innerer Verkommenheit trug. Das tadellos geschnittene Gewand hatte sich an seinen gewaltigen Gliedern verschoben und war an der Brust von vergossenem Weine befleckt. Das straff anliegende stählerne Kettengewebe, mit dem er ausgeritten war, umgab jetzt in großen Falten die kräftigen Arme und Beine. Der lange Schnurrbart, der so übermütig in die Welt zu weisen pflegte, fiel ihm feucht und schlaff über Mund und Kinn, das lange rötliche Haar hing ihm wirr in das gedunsene Gesicht. In dem Blicke der hellblauen Augen, die vorher so feurig geglänzt, lag jetzt etwas Blödes, und auf den kupferroten Wangen zeigten sich blasse Flecke. Seit Gräfin Cordula ihm den verletzenden Gruß an seine Hausfrau mitgegeben hatte, war aber auch mehr als sonst im Laufe ganzer Jahre über ihn gekommen. »Eine verwünschte Nacht!« hatte er der Schaffnerin auf ihre Frage, was sein verstörtes Wesen verschulde, zugerufen. Auch Els erschrak über sein Aussehen und den heiseren Klang seiner Stimme. Ja, sie trat vor ihm zurück; denn der flackernde Blick seines Auges ließ sie befürchten, daß er berauscht sei. Freilich hatte er sich noch vor kurzem kaum aufrecht zu halten vermocht; die Schreckensbotschaften, die auf ihn eingestürmt waren, hatten ihn indes rasch genug entnüchtert. 220 Er kam zu dieser ungewöhnlich frühen Stunde, um sich bei den Ortliebs zu erkundigen. ob sie nichts über das Verbleiben seines Schwagers Wolff vernommen. Des gebrochenen Verlöbnisses gedachte er mit keinem Worte. Für das Versprechen, das Els ihm unaufgefordert erteilte, sobald sie Nachricht von dem Verlobten erhalte, es die Eysvogels wissen zu lassen, dankte der Mann, der ihr immer nur abweisend oder gleichgiltig begegnet war, so unterwürfig, daß es sie überraschte. Sie wußte aber vollends nicht, wie ihr geschah, ja ihr ahnte nichts Gutes. als er sie mit dringlicher Herzlichkeit bat, der unliebsamen Vorgänge in dieser Nacht, die sie einer leidenschaftlichen Wallung des Herrn Kaspar zu gute halten möge, zu vergessen. Viel zu lieb und wert sei sie allen Mitgliedern des Hauses, als daß sie so leicht von ihr zu lassen vermöchten. Das Vorgefallene – sie müsse es selbst eingestehen – hätte auch ihren besten Freund veranlassen können, es mißzuverstehen. Während eines kurzen Augenblicks wäre auch er versucht gewesen, an ihrer Unschuld zu zweifeln. Wenn sie wüßte, in welcher furchtbaren Lage der alte Eysvogel sich befände, würde sie gewiß alles daransetzen, ihren Herrn Vater zu bewegen, ihn morgen bei sich zu empfangen, oder – was noch erwünschter wäre – ihn in seiner Schreibstube aufzusuchen. Es handle sich um das Wohl und Wehe vieler, und allen voran auch um das ihre, da sie ja als Wolffs Braut untrennbar zu ihm gehöre. »Auch ohne den Ring?« unterbrach ihn Els bitter, und als Siebenburg lebhaft bedauerte, ihn nicht zurückgebracht zu haben, entgegnete sie stolz: »Unbesorgt, Ritter Seitz! Ich bedarf dieses heiligen Pfandes so wenig wie 221 derjenige, der meinen Ring heute noch trägt. Sagt das auch den Euren. Dem Vater werde ich den Wunsch des Herrn Kaspar bestellen; jetzt schläft er. Rate ich recht, wenn ich vermute, daß die Unfälle, die Euch sonst noch betrafen, mit den Wagenzügen zusammenhängen, die Wolff so sorgenvoll erwartet?« Da drehte Siebenburg verlegen die Kappe, bejahte ihre Frage mit der Versicherung, daß er nichts wisse, als daß sie verloren, und verließ sie, nachdem er die Bitte wiederholt, sie möge die Begegnung der alten Herren vermitteln. Els Rede zu stehen wäre ihm freilich peinlich gewesen; denn ein Bote hatte berichtet, die Wagenzüge wären überfallen und ausgeraubt worden, die Thäter aber seine beiden leiblichen Brüder im Bunde mit ihrem Vetter und Spießgesellen Absbach. Seitz selbst hatte zwar nicht teil gehabt an dem Ueberfalle, doch fühlte er sich nicht frei von Schuld an dem Geschehenen; denn bei Wein und Spiel hatte er in Gegenwart der Räuber mit den kostbaren Gütern geprahlt, die sein Schwiegervater erwarte, und auch des Weges gedacht, den sie zögen. Aber das Gewissen Seitz Siebenburgs wurde auch noch von etwas ganz anderem belastet. Verdrossen und gereizt von der beleidigenden Abweisung der Gräfin war er in den »Grünen Schild« gegangen, um im Quartier des Herzogs von Pommern den Aerger beim Spiele zu vergessen. Es war ihm dabei übel ergangen. An feurigem Rheinwein hatte es bei dem freigebigen Wirte nicht gefehlt, die Gewitterschwüle den Durst verschärft, und halb berauscht, 222 aufgebracht durch das Glück Heinz Schorlins, in dem er den bevorzugten Liebhaber der Dame sah, die ihm ihre Gunst so jäh entzogen, war er zu Sätzen von unerhörter Höhe fortgerissen worden. Zuletzt hatte er Gut, Burg und Dorf verwürfelt, die er als Mitgift seiner Hausfrau bei Hersbruck besaß. Dazu war er sich bewußt, Dinge gesagt zu haben, die seinem Gedächtnis zwar im einzelnen entfallen, die aber von vielen Anwesenden mit Entrüstung abgewiesen worden waren. Sie hatten besonders den Ortliebschen Schwestern gegolten. Bei dem wüsten Lärm, der den Spieltisch in dieser Nacht umtobte, war von dem Zweikampfe, der dem jungen Vorchtel das Leben gekostet, erst nach den letzten Würfen geredet worden. Dabei hatte man auch der Braut des Siegers gedacht, und Siebenburg erinnerte sich wohl, von der Lösung des Verlöbnisses seines Schwagers geredet und sie mit Beschuldigungen begründet zu haben, die ihn in Händel mit mehreren Anwesenden und auch mit Heinz Schorlin verwickelt. Aehnliches begegnete ihm häufig, und er war mutig, stark und geschickt genug, um es mit jedem, auch mit dem gefürchteten Schweizer, aufzunehmen; nur verdroß und beunruhigte es ihn, gerade dem Manne gegenüber die Haltung verloren zu haben, an den er seine liegende Habe verwürfelt. Außerdem hatte der Schwiegervater ihm so ernst ans Herz gelegt, seinem Wunsche, mit den Ortliebs Frieden zu schließen, kein Hindernis in den Weg zu legen, daß er ihnen gegenüber den steifen Nacken beugen mußte. Die Lage des hochfahrenden Ritters war verhängnisvoll, und wahre innere Würde ihm fremd. Dennoch hätte 223 er sich eher mit den Brüdern auf den Richtplatz schleppen lassen, als sich vor dem Schweizer gedemütigt. Aber reden mußte er auch mit ihm, schon um seiner Zwillinge willen, deren Erbe er schmählich verwürfelt. Das äußerste freilich, wozu er sich zu bequemen gedachte, war das Eingeständnis, im Rausche, als trunkener Mann, sein Gut aufs Spiel gesetzt und Dinge gesagt zu haben, die ihm leid wären. Die Großmut Heinz Schorlins war bekannt. Vielleicht bot er ihm einen annehmbaren Vergleich an, bevor der Notar sein Eigentum auf ihn übertrug. So weit herunter gekommen fühlte er sich noch nicht, um sich von diesem jungen Glückspilze beschenken zu lassen. War sein Schwiegervater, der ihm das Leben fristete, wie er vorhin versichert, in der That zu Grunde gerichtet, dann freilich konnte er betteln gehen mit der Hausfrau, deren majestätische Gestalt sich ihm fortwährend mit stummem Vorwurf vor das innere Auge stellte, mit seinem prächtigen Zwillingspärchen und der Last seiner Schulden. Der riesenstarke Mann fühlte sich von den furchtbaren Schicksalsschlägen, die ihn in der letzten durchwachten Nacht getroffen, auch körperlich wie gebrochen. Am liebsten hätte er sich in das nächste Wirtshaus begeben und es dort dem Weine überlassen, ihm Vergessenheit zu schenken. Dort zu trinken, immer zu trinken und in den Pausen mit dem Kopfe auf den Armen zu schlafen, schien ihm das Schönste. Aber er mußte zu den Eysvogels zurück. Es stand zu viel auf dem Spiele. Bei alledem sehnte er sich auch, die Zwillinge wieder zu sehen, die ihm wie aus dem Gesicht geschnitten waren, und denen Gräfin Cordula wünschte, daß sie dem Vater nicht nacharten möchten.     Fünfzehntes Kapitel. Die Stadtthore waren schon geöffnet. Bauern und Bäuerinnen, die Gemüse und andere ländliche Waren zu Markte brachten, bevölkerten jetzt die Straße. Mit Korn oder Holzkohlen belastetes Fuhrwerk zog knarrend neben Rinder- und Schweineherden, neben beladenen Eseln und den kleinen Wäglein der Meier und Zeidler, die Milch und Honig in die Stadt führten, auf dem ungepflasterten, von dem nächtlichen Regenguß immer noch durchweichten Damme dahin. Das Gewitter hatte die Luft abgekühlt, doch die junge Morgensonne versandte schon stechende Strahlen. Nur einige schwere, kleine Wolken stachen dunkel vom Blau des Himmels ab, und ein Bauer, der zwei Ferkel vor sich her trieb, wies mit dem Stocke nach oben und rief einem andern, der in jedem Arm eine Gans trug, lehrhaft zu, die Sonne ziehe Wasser, und ein Unwetter komme selten allein. Noch sah es freilich heiter genug aus in der frischen Juniusfrühe. Die Mägde, die die Laden öffneten, schauten munter auf die Gasse und ordneten die Blumen vor dem Fenster oder verneigten sich fromm, wenn ein Priester 225 auf dem Wege zur Messe vorbeikam. Dem barfüßigen Kapuziner mit dem langen Barte winkte die Köchin oder Handwerkerfrau, und während sie ihm etwas Gutes in den Bettelsack that, und er ihr mit einem frommen Spruche freundlich dankte, war es ihr, als habe sie sich selbst und dem Hause für den kommenden Tag ein Anrecht auf den Segen des Himmels erworben, und frohgemut fuhr sie fort mit der Arbeit. An dem niedrigen breiten Bogenfenster der Bäckerhäuser blitzte es hell auf von der messingenen Auslage, und der blasse Geselle wischte sich den Mehlstaub vom Gesichte und reichte der Meisterstochter mit den roten Wangen frisches, noch warmes Gebäck, um es auf dem blanken Brett auszubreiten. Der flinke Badergehilfe hängte Tuch und Becken an die Thür, während der Meister, müde vom Wein und Geplauder in der Trinkstube oder von der geschäftigen Thätigkeit auf der Brandstätte, noch ruhte. Sein rühriges Weib hatte sich vor ihm erhoben, bestreute die Barbierstube mit frischem Sand und erneute dem Stieglitz das Futter. Werkstätten und Läden waren mit Birkenreisern geschmückt, und die jungen Bürgerstöchter im kleidsamen Häublein, die Mägde und Lehrburschen, die mit dem Korbe am Arm zu Markte gingen, trugen eine Blume oder etwas Grünes an Brust und Kappe. Ernst und feierlich riefen die ersten Glockenstimmen zur Messe, in den Gärten sangen die Vögel, auf dem Hofe krähte der Haushahn. Das Vieh, das durch die Gasse zog, brüllte, grunzte und gackerte munter in den neuen Tag hinein. Leichtlebige junge Männer, fahrende Schüler, die auf 226 dem Lande billige Herberge gesucht, zogen jetzt mit einem übermütigen Liede auf der vom ersten Bartflaum beschatteten Lippe in die Stadt ein, und wo ihnen eine Jungfrau begegnete, schlug sie vor den ausgelassenen Taugenichtsen die Augen sittig zu Boden. Die Schrecken der furchtbaren Gewitternacht schienen vergessen. Es sah fröhlich aus in Nürnberg, zumal auch aus manchem Chörlein ein Teppich ausgehängt worden war und von vielen Dächern und Altanen Fahnen und Banner wehten, um die hohen Gäste zu ehren. Auch von ihnen gab es bereits mancherlei zu sehen; denn Edel- und Roßknechte in den Farben ihrer Herren ritten mutige Hengste ins Freie, und etliche Ritter, die das Frühaufstehen liebten, saßen schon im Sattel, und von blanken Helmen und Kettenpanzern gleißte es hell auf in der Sonne. Durch die knospende Lust dieses Junitages schritt die Riesengestalt des Ritters Siebenburg gesenkten Hauptes dem Eysvogelhofe entgegen. Mit dem finstern, übernächtigen Gesichte und den verschobenen Kleidern gewährte er einen Anblick, der die beiden jungen Schustergesellen, die sich, sauber angethan, in die Werkstätte begaben, veranlaßte, einander anzustoßen und ihn prüfend zu betrachten. »Dem begegnet man auch lieber hier bei hellem Tag unter Häusern und Leuten als im Dämmerlicht beim Wandern auf der Landstraße,« bemerkte der eine. »Nichts da,« unterbrach ihn der andere. »Der trägt jetzt den Kappzaum. Aus dem Raubneste verzog er in den reichen Eysvogelhof da drüben. 's ist der Eidam des Herrn Kaspar. Aber von fremdem Besitz kann das 227 doch nimmer lassen. Treiben's hier nur in eigener Weise. Die Schuh, die er trägt, in unserer Werkstätte sind sie gefertigt, doch nach der Zahlung pfeift der Meister vergebens. Und überall hängt er: beim Schneider, Nestler, Schwertfeger, Gürtler und Goldschmied. Wenn der Lehrbursch ihn mahnt, mag er vor blauen Flecken sich hüten.« »Auch gegen dergleichen Unbill,« rief der andere, größere Gesell, der schmucke Sohn eines Meisters von Weißenburg am Sand, der bald an des Vaters Stelle zu treten gedachte, in zorniger Wallung, »sollte Kaiser Rudolf einen Landfrieden erlassen. Bei dem Graufelser, der von seiner Burg aus unserem Städtchen aufsitzt, liefe ohne uns Herr und Knecht barfuß. Seit drei Jahren gab es trotzdem keinen dünnen Heller von ihm zu schauen, und doch, sagt mein Herr Vater, wäre es schon besser geworden, seit der Habsburger als ein gerechter Mann . . .« »So schlimm,« unterbrach ihn der andere, »läßt es sich hier, den Heiligen sei Dank, schon längst nicht mehr treiben. Endlich wird auch der Siebenburg, oder doch die reiche Sippe seiner Hälfte, gezwungen, das Ding zu begleichen. Dafür haben wir das Gesetz und den ehrbaren Rat. Schau auf! Das große alte Haus dort, das hat dem Ritter Habenichts die Tochter gegeben. Auch sie gehört zu unserer Kundschaft. Ein stattlich Weibsbild, und gewiß nicht die schlimmste. Aber die Frau Mutter, die eine geborene Gräfin! Wenn da der Schuh nicht klein macht, was groß von Natur, dann gibt's ein Gewinsel . . . Weit schlimmer freilich treibt es die Alte, die Mutter der Hausfrau! Das keift und das zetert . . . Aber schau nur hinauf nach dem Chörlein! 228 da steht sie leibhaftig am Fenster . . . Bin nur eines armen Brauknechtes Sohn, aber eh ich . . .« »Daß Dich!« fiel ihm hier der andere ins Wort. »Hast Du die Eule im Käfig vor dem Wächterhaus am Spittelthore gesehen? Ihr Ebenbild ist sie! Und wie ihr das Kinn in die Luft ragt und auf und nieder haspelt, als müßte sie Rindsleder kauen!« »Und doch,« versicherte der Brauknechtssohn, als gälte es etwas schwer Glaubliches zu erhärten, »und doch ist die Alte eine leibhaftige Gräfin.« Mit einem neuen »Daß Dich!« gab der Weißenburger sein Erstaunen zu erkennen; doch ergriff er dabei den Arm des andern und fügte dringlich hinzu: »Machen wir fort! Eben blitzte das wüste Weibsbild mir gerade ins Auge, und wenn das nicht der böse Blick war . . . Gleich tret' ich in die Kirche und verscheuche mit Weihwasser das Uebel.« »So komm,« sagte der Nürnberger und fügte nachdenklich hinzu: »Die Großmutter bei meinem Meister ist mit ihren achtzig doch wohl noch älter als die da oben, aber ein lieber, freundlicher Frauchen läßt sich nicht denken. Blickt sie einen günstig an, so ist's als schaute des lieben Herrgotts Segen wie aus zwei Fensterlein auf einen her.« »Und erst mein alt Großmütterlein bei uns daheim!« rief der Weißenburger mit leuchtenden Augen. Damit wandten sie sich von dem Eysvogelhofe ab und zogen ihrer Wege. Siebenburg hatte die Gesellen überholt; bevor er aber die Schwelle des Hauses überschritt, das nun auch sein Heim, war er davor stehen geblieben. 229 Vielleicht durfte man es das größte und prächtigste in Nürnberg nennen; aber es war doch nur eine zweistöckige breite Gebäudemasse. Allerdings hatte man es am Dache mit Zinnen und an jeder Seite mit einem Erkertürmlein geschmückt. In der Höhe des ersten Stockes war auch eine Konsole mit einem Marienbilde und auf der andern Seite das Chörlein angebracht, aus dem die alte Gräfin Rotterbach auf die Straße geschaut hatte. Auffallend und außer Verhältnis mit der einfachen Schlichtheit des übrigen Gebäudes war nur das Wappen. Prunkend und weithin sichtbar nahm es den breiten Raum zwischen dem Hausthor und den Fenstern des oberen Stockwerkes ein. An den Schild mit den Vögeln lehnte sich der des gräflichen Hauses, dem Frau Rosalinde, die Gemahlin Herrn Kaspars, entstammte. Die Rotterbachschen Wappenhalter: ein wilder Mann und ein aufgerichteter Bär, erhoben sich zu beiden Seiten des Doppelwappens. Die Eysvogelsche Helmzier hatte der Steinmetz mit einer Grafenkrone umgeben. Dieser prunkende Schmuck des alten Patrizierhauses war zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden und hatte Herrn Kaspar im ehrbaren Rate und anderwärts oft genug veranlaßt, die Faust unter der Schaube zu ballen; denn es hatte dem hochfahrenden Manne offenen Tadel und sogar bitteren Spott zugezogen; doch sein Wunsch, es durch ein bescheideneres ersetzen zu lassen, war an dem Widerstand der Frauen seines Hauses gescheitert. Sie hatten es, wie es da war, herzustellen geboten und duldeten nicht, obgleich auch Wolff nach der Heimkehr aus Italien auf seine Entfernung gedrungen, daß man daran taste. 230 Es hatte den Eysvogels kein Glück gebracht; denn am Tage seiner Vollendung war das Geschäft vom ersten ernsten Fehlschlage betroffen worden, und es gedieh dem Handlungshause auch in handgreiflich äußerer Weise zum Schaden. Während nämlich früher manche Waren, die trocken untergebracht werden mußten, von dem Eingangsthore und der Straße aus auf den weiten Bodenraum gewunden worden waren, wurde dies jetzt durch den weit vorspringenden wilden Mann und Bären verhindert. Darum war es nötig geworden, was von Gütern auf den Boden gehörte, vom Hofe aus in die Höhe zu winden, und dies verursachte Aufenthalt und Hindernisse mancher Art. Wohl hatte man Auskunftsmittel vorgeschlagen, doch die Frauen waren einem jeden entgegengetreten; denn ihnen war es genehm, daß die häßlichen Ballen und Fässer nicht mehr an ihren Fenstern vorbei den Weg auf den Boden fanden; auch daß sie von der Straße aus nicht mehr sichtbar waren, begrüßte ihr Hochmut mit Freude. Jetzt schaute Siebenburg zu dem großen Wappen empor und gedachte dabei des Tages, an dem er, nachdem er von Isabella Eysvogelin auf einem Geschlechtertanz im Rathause ausgezeichnet worden war, an der nämlichen Stelle gestanden. Damals hatte eben eine Reihe von hochbeladenen Frachtwagen vor dem Thore Halt gemacht, über dem das Doppelwappen prangte, und wenn er vorher geschwankt hatte, ob er sich die Gunst Isabellas, deren kühle Majestät ihn zwar anzog, doch auch mit leisem Bangen erfüllte, zu nutze machen sollte, so war er hier zur Ueberzeugung gekommen, wie thöricht es sein würde, das Eisen, das zu seinen Gunsten zu 231 glühen schien, ungeschmiedet zu lassen. Welche Reichtümer führten die Knechte da in den Soler, dessen Umfang den im Ortliebhof um das Doppelte übertraf. Dazu hatte das Wappen mit der Grafenkrone dem Ritter die Gewißheit gegeben, daß er sich auch vor den Standesgenossen einer Verbindung mit der Nürnbergerin nicht zu schämen haben würde. Sicher konnte die Hand Isabellas ihn von der drückenden Last seiner Schulden befreien, und ein prächtiges Weibsbild war sie gewiß! Wie gut schien auch ihre hohe Gestalt zu ihm und den Siebenburgs zu passen, deren Name von den sieben Fuß herkommen sollte, die viele von ihnen maßen. Jetzt erinnerte er sich auch wieder der Stunde, in der sich ihre schmale Hand in die seine gelegt hatte. Kurze Zeit lang war er damals in der That glücklich gewesen durch ihren Besitz. So leichten Herzens hatte er sich, seit er die Kinderschuhe ausgetreten, nicht gefühlt, obgleich er sich anfänglich nur getraut hatte, dem Schwiegervater die Hälfte seiner Schuldenlast zu bekennen. Auch neue Verpflichtungen war er eingegangen, um die Brüder von den dringendsten Sorgen zu befreien. Sie waren zu seiner glänzenden Hochzeit gekommen, und es hatte ihm geschmeichelt, ihnen zu zeigen, was er als Eidam des reichen Eysvogel vermochte. Aber wie schnell war das alles ganz anders geworden! Er hatte erfahren, daß er, außer der Frau, die ihm das Herz geschenkt und die eine ihm bis dahin fremde Leidenschaft in ihm erweckt hatte, noch zwei andere Weiber in die Ehe genommen. Jetzt, da das Bild der alten Gräfin Rotterbach, der 232 Großmutter Isabellas, sich ihm in die Vorstellung drängte, zog er die Stirn unwillig zusammen. Viel hatte er sie nicht sprechen hören, aber mit jedem Wort, das sie ihm vergönnt, hatte er etwas Bitteres hinnehmen müssen. – Selten nur verließ sie den Platz im Sorgenstuhl bei dem Chörlein im Wohngemache; doch es war, als hätten ihre kleinen Augen die Kraft, durch Mauern und Thüren in die Ferne zu dringen; denn sie wußte um alles, was ihn betraf, auch um Geheimes, das er wohl verborgen zu haben meinte. Mehr um ihret-, als um der Schwiegermutter willen, die nichts that, als was jene ihr gebot, hatte er wiederholentlich versucht, mit seiner Hausfrau auf das Gut Tannenreuth zu ziehen, das ihm bei der Hochzeit zugeschrieben worden war, damit sein Ertrag den jungen Hausstand erhalte; aber Mutter und Großmutter hielten seine Gattin zurück, und ihr Wille galt ihr mehr als der seine. Vielleicht aber hätte er sie dennoch bewogen, ihm Folge zu leisten, wenn ihr Vater nicht aus seinen Schulden eine Schlinge gemacht hätte, die er zusammen zog, wenn es galt, ihm den Willen zu ersticken; und auch er wollte die Tochter im Hause behalten. Seit sein Schwager Wolff aus Italien zurück war, wußte er auch, daß der Goldstrom der Eysvogels nur noch spärlicher fließe oder doch nicht mehr da sei, um seine kostspieligen Neigungen bedingungslos zu befriedigen. So hatte sich sein Verkehr mit dem Schwager, dessen verständige Vorsicht er für Geiz hielt, dessen ernste Einsprache gegen seine oft unerhörten Forderungen ihm die Galle erregte, immer unfreundlicher gestaltet. Die Mitbewohner machten ihm das eigene Heim unerträglich, und von der Junggesellenzeit her wußte er 233 nur zu gut, wo es lustiger zuging in Nürnberg. So wurde er zu einem seltenen Gaste im Eysvogelhofe, und als Isabella sich vernachlässigt sah und betrogen, ließ sie ihn in ihrer stolzen und, sobald sie sich verletzt fühlte, schroffen Weise ihren Groll fühlen. Anfangs war ihr Unwille ihm schwer auf die Seele gefallen; die Leidenschaft aber, die ihn im Anfang der Ehe ergriffen, war erloschen und flackerte nur bisweilen mit der alten Glut wieder auf; – dann aber wies das vernachlässigte stolze Weib ihn mit beleidigender Schärfe zurück. Nur den Gemahl hinter seinem Rücken, von wem es auch sei, herabsetzen zu sehen, hatte sie niemals ertragen. Davon nahm Siebenburg freilich nichts wahr; um so deutlicher aber, daß Vater und Sohn Eysvogel eine schwere Sorge bedrückte und daß die Summen, die Wolff, der jetzt an der Kasse stand, ihm auszahlte, nicht mehr hinreichten, um seine Gläubiger in Zaum zu halten. Sich Zwang anzuthun, war nicht seine Sache, und so wurde es bald stadtbekannt, daß er mit seiner Hausfrau und den Ihren in Unfrieden lebte. Vor fünf Wochen schien es indes besser damit werden zu sollen; denn durch die Geburt der Zwillinge war ihm etwas Neues zugekommen, das ihm Isabella wieder näher gebracht hatte. Wie zwei holde Wunder waren die Kleinen ihm anfänglich erschienen. Beide Knaben, beide ihm ähnlich wie aus den Augen geschnitten. Wenn man sie ihm in den weißen mit Spitzen besetzten Kissen gebracht hatte, war das Herz ihm aufgegangen, und sie anzuschauen seine höchste Lust gewesen. 234 So hatte es kommen müssen! Er, der starke Siebenburg, war zum Vater nicht nur eines gewöhnlichen Buben, sondern zweier kleiner Ritter auf einmal geworden. Bei der Heimkehr – und war er auch auf wankenden Füßen gekommen – hatte ihnen sein erster Besuch gegolten, und oft war es ihm gewesen, als sei er viel zu arm und gering, um der vernachlässigten Gattin für ein so kostbares Geschenk zu danken. Wenn diese Empfindung über ihn gekommen war, hatte er Isabella mit demütiger Zärtlichkeit seiner Minne versichert. Sie aber, die ihm aus Liebe die Hand gereicht, vergaß dabei alles, was er ihr angethan hatte, und das Herz schlug ihr schneller vor dankbarer Freude, wenn sie ihn die Zwillinge voll väterlichen Stolzes mit gebogenen Knieen, wie eine Last, die seinen Riesenarmen zu schwer, umhertragen sah. In der zweiten Woche nach der Geburt war sie leicht erkrankt. Mutter und Großmutter hatten ihre Pflege übernommen, und da er beide bei den Zwillingen fand, so oft er kam, um nach ihnen und ihrer Mutter zu sehen, wurde ihm die Wochenstube verleidet. Wie vor der Geburt der Kinder suchte er außer dem Hause Entschädigung für den Verdruß, den ihm die Weiber daheim bereiteten; aber das Bild der Knäblein ging ihm nach, und wo er Standesgenossen in der Trinkstube fand, lud er sie zu Gaste und forderte sie auf, mit ihm auf das Wohlergehen der Kleinen vom Allerbesten zu trinken. So war es fortgegangen, bis der Reichstag auch die Montforts, denen er schon früher auf einem Turnier zu Augsburg begegnet war, nach Nürnberg geführt hatte. 235 Wo Gräfin Cordula sich zeigte, ging es munter her, und er brauchte Zerstreuung und hatte sich an die Spitze ihrer Verehrer gestellt. Mit wie schlechtem Erfolge war ihm erst vorhin deutlich geworden. Jetzt stand er wieder vor dem großen Bauwerke, in dem er gehofft hatte, Wohlleben und Reichtum zu finden, und wo jetzt die Herzen sorgenvoller schlugen als weiland die der Seinen in der ärmlichen Burg seines längst verstorbenen Vaters. In den Eysvogelhof mit dem prunkenden Wappen über der Thür drohte der Mangel und vielleicht sogar – er wußte es – Hand in Hand mit ihm, das häßlichste seiner Kinder, die Schande, zu dringen. Jetzt kam ihm auch in den Sinn, was er begangen, um die Gefahr, in der das alte Handelshaus schwebte, zu steigern. Vielleicht rechnete der alte Mann da drinnen auch auf das Gut Tannenreuth, das er ihm zugeschrieben, um einen Posten, auf den viel ankam, damit zu decken, und er hatte es verwürfelt. Das galt es jetzt zu bekennen, und dazu auch die Größe seiner eigenen Schulden. Ein schwerer Gang stand ihm bevor; aber so demütigend und bedrückend auch war, was ihn jenseits der Schwelle erwartete, vor der er immer noch stand, seinen Schwager Wolff konnte er wenigstens nicht finden. Das erschien ihm wie ein Geschenk; denn zum erstenmal fühlte er sich dem ungeliebten Schwager gegenüber im Unrecht. Selbst die Last seiner Schulden lag ihm nicht so schwer auf dem Gewissen wie die aufreizenden Worte, mit denen er den Schwiegervater bestimmt, das Verlöbnis Wolffs mit Els Ortliebin zu lösen. Das war hämisch und nichtswürdig gewesen. Wie viel er auch gefehlt, 236 dergleichen hatte er sich noch nie zu Schulden kommen lassen, und mit einer Verwünschung gegen sich selbst auf den bärtigen Lippen trat er der Eingangsthür entgegen. Auf halbem Wege blieb er indes noch einmal stehen und schaute zu den Fenstern im zweiten Stockwerk empor, hinter denen die Zwillinge ruhten. Wie gern hatte er ihrer immer gedacht; diesmal aber verdarb ihm der Auftrag der Gräfin Cordula an seine Hausfrau, sie möge sie so heranziehen, daß sie anders würden als er, der Vater, die Erinnerung an das Pärchen. Ein böser Wunsch! Und doch! Die wärmste Liebe hätte für das wahre Wohl der Knaben keinen besseren zu finden vermocht. Das sagte er sich, während er auf die schwere, mit Eisen beschlagene offene Thür unter dem Wappen zuschritt. Er werde erwartet, rief ihm der Hausmeister entgegen; er aber drängte die breite Brust heraus, als ob er sich zu einem Ringkampfe rüste, zog den Schnurrbart länger und stieg die Treppe hinan.     Sechzehntes Kapitel. In dem hohen und weiten Wohngemache, das Seitz Siebenburg bald darauf betrat, sah es prächtig genug aus. Bunte flandrische Tapeten hingen an den Wänden. Die Decke war flach gewölbt, und in der Mitte jeder Masche des Gurtennetzes, das sie überspannte, glänzte in reicher Vergoldung ein Eisvogel, das Wappentier des Geschlechtes. Ueber den Polstern lagen Bären- und Leopardenfelle, auf dem Bord, der drei Wände umzog, standen kostbare Vasen, Gold- und Silbergerät, venetianische Spiegel und Kelche. Die Stühle und Geräte bestanden aus edlen Hölzern mit Elfenbein- und Perlmuttereinlage und waren über Genua aus dem maurischen Spanien gekommen. In dem Chörlein, das auf die Straße hinausragte und vor dem die alte gräfliche Großmutter im Sorgenstuhl saß, hockten zwei grün und gelbe Sittige auf hohen Messinggestellen und unterbrachen das Gespräch, wenn es lauter wurde, mit dem schrillen Ruf ihrer häßlichen Stimmen. Siebenburg fand außer Wolff und den Zwillingen die ganze Familie beisammen. Sein Weib hatte in halb 238 liegender, halb sitzender Stellung einen Diwan inne. Als Seitz eintrat, erhob sie das Haupt von dem weißen Arme, auf dem es geruht hatte, wandte ihm das wohlgebildete, längliche Antlitz entgegen und faßte das blonde Haar zusammen, das ungezöpft voll und lang an ihr niederfloß. Ihren Augen sah man an, daß sie heftig geweint, und als der Gatte auf sie zuschritt, schluchzte sie von neuem schmerzlich auf. Die Großmutter schien die Klage der Enkelin zu verdrießen; denn mit einem erzürnten Blick auf Siebenburg rief sie ihm, indem sie damit auf die Thränen Isabellas hinwies, ein scharfes: »Schad' um eine jede!« entgegen. Dem Ritter wallte das Blut auf bei diesen Worten; doch stärkten sie ihm zugleich den Mut; denn es war ihm, als enthöben sie ihn jeder Rücksicht gegen diese Menschen, von denen ihm keiner, außer dem armen Weibe, das dort so heiße Thränen vergoß, Anlaß gegeben hatte, Liebe mit Liebe zu vergelten. Hätten diese Zähren nur dem verlorenen Reichtum und nicht auch ihm und dem Kummer, den er Isabella verursachte, gegolten, der alten Gräfin wären sie nicht »Schade« erschienen! Siebenburgs Atem ging schneller. Was ihm von dem Schwiegervater Dankenswertes zugekommen war, überwog gewiß nicht die Demütigungen, mit denen er, seine schwache Hausfrau und übel gesinnte Schwiegermutter ihm das Leben verbitterten. Auch jetzt würdigte der alte Herr ihn kaum eines Grußes. Nachdem er sich nach dem Sohne erkundigt, sich einen verlorenen Mann genannt und dann dem Ritter mit beleidigender Schärfe vorgeworfen hatte, daß seine Brüder – es war ihm erst vor kurzem hinterbracht 239 worden – die Räuber wären, die seine Waren an sich gerissen, und die alte Gräfin ihm dabei mit dem Rufe: »Alle reif für den Richtblock« ins Wort gefallen war, vermochte Seitz nicht länger an sich zu halten; ja, es gewährte ihm Lust, diesen Verhaßten zu zeigen, was von seiner Seite geschehen war, um zu ihren Verlegenheiten neue zu fügen. Er war kein Redner; jetzt aber löste ihm der Groll die Zunge, und so eröffnete er denn Herrn Kaspar mit raschen, höhnenden Worten, daß er als Schwiegersohn eines Hauses, das sich selbst als unermeßlich reich darzustellen liebe, bei anderen geliehen habe, was man ihm – das zu glauben, sei er berechtigt gewesen – aus Kargheit vorenthalten habe. Uebrigens wären seine Schulden klein im Vergleich zu den ungeheuren Summen, mit denen Herr Kaspar der gräflich Rotterbachschen Sippe die verpraßten Güter erhalte. Wie jeder Ritter, dem man das eigene Haus verleide, spiele er bisweilen, und wenn ihn das Unglück gestern verfolgt und er das Gut Tannenreuth verloren, so sei ihm das höchst unerwünscht, doch nicht mehr zu ändern. Der alten Gräfin hatten Schreck und Entrüstung bis dahin die Lippen geschlossen; jetzt aber öffneten sie sich zu dem heiseren Ausruf: »Rad und Galgen für Euch, – nicht der ehrliche Richtblock!« und ihre Tochter, Frau Rosalinde Eysvogel, sprach ihr in schmerzlichem Klagetone nach: »Ja, Rad und Galgen.« Ein spöttisches Auflachen Siebenburgs folgte dieser Drohung; als aber Herr Kaspar, bleich wie der Tod und der Stimme kaum mächtig, ihn fragte, ob dies unglaubliche Bekenntnis nicht nur bezwecke, die Frauen zu ängstigen, und der Ritter ihn des Gegenteils versichert 240 hatte, stöhnte er laut auf: »So geht das alte Haus denn schmählich zugrunde.« Jahre des Beisammenseins können statt Liebe Abneigung wecken und steigern, doch führen sie sicher zu einer gewissen Daseinsgemeinschaft. Das bittere Weh des alten Hausgenossen, des Vaters der Frau, mit der ihn immer noch unzerrissene Liebesfäden verbanden, ließ auch Seitz Siebenburg nicht unberührt. Dazu greift nichts sicherer ans Herz als der Jammer eines stolzen und harten Mannes. Das Bekenntnis Herrn Kaspars machte ihn dem Ritter nicht lieber, es veranlaßte ihn aber, von dem aufbegehrenden Tone, den er angeschlagen, zu lassen, und mit veränderter Stimme forderte er ihn auf, sich nicht ohne Gegenwehr verloren zu geben. Der alte Ortlieb müsse schon um seiner Tochter willen helfen. Els, die er eben gesprochen, hänge fest an Wolff und würde den Vater zu bereden suchen, das Mögliche für das Haus des Verlobten zu thun. Er, Siebenburg, würde die Eysvogelsche Kasse nicht weiter in Anspruch nehmen. Mit seinen Gläubigern wolle er selbst fertig zu werden versuchen. Sein scharfes Schwert und seinen starken Arm würde man überall willkommen heißen, und was er an Beute gewinne . . . Hier unterbrach ihn die mit schneidendem Hohne hervorgestoßene Frage der Großmutter: »Beute? – Auf der Landstraße, meint Ihr!« Und wiederum erleichterte der Angriff der ihm feindlich gesinnten Greisin dem Ritter eine Entscheidung; denn mit mühsam behaupteter Mäßigung gab er zur Antwort: »Eher, denk' ich, im heiligen Land, im Kriege gegen die ungläubigen Sarazenen. Jedenfalls kann meines Bleibens 241 überall eher sein als in diesem Hause, dessen Dach Euch birgt, Frau Gräfin. Habt Ihr, Herr Kaspar, im Sinne, mit meinem Weibe und den Zwillingen zu teilen, was Euch bleibt, wenn es mit dem alten Reichtum vorbei ist, so kann ich Euch das leider nicht vergönnen; denn auch für sie stehe ich selbst ein. Eure Pflicht wär' es freilich; denn so lange Isabella mein Weib war, mißbrauchtet Ihr meine Armut und schmälertet mir das Recht, über sie zu gebieten. Das soll anders werden von heut an. Wie schlecht das Brot schmeckt, das Ihr verschenkt, ich hab' es erfahren. Meinem Ohm, dem Ritter Heideck, will ich sie vertrauen. Er war meiner Mutter selig einziger vielgeliebter Bruder, und seine Hausfrau – ihr wißt ja – ist die Patin der Kleinen. Kinderlos sind sie, und solch Pärlein im Schlosse zu haben, wäre ihnen von allen Geschenken das liebste. Bei ihnen soll mein verlassenes Weib weilen, während ich, noch weiß ich nicht im Dienste welches Herrn, Sorge trage, daß das Dreiblatt nicht nur von fremder Gutthat . . .« »O Seitz, Seitz!« fiel ihm hier Isabella, die sich vom Polster erhoben hatte, indem sie ihm entgegeneilte, mit dringlicher Bitte ins Wort. »Geh nicht! So darfst Du nicht gehen!« Damit schmiegte sie die hohe Gestalt fest an ihn und umschlang ihm den Hals; er aber küßte ihr Stirn und Augen und sagte mit einer Weichheit, die auch sie überraschte: »Du bist gut; – aber hier kann ich, darf ich nicht bleiben!« »Die Kinder, die Büblein!« rief sie noch einmal und schaute ihm mit einem warmen Liebesblick in die Augen. Da war es ihm, als zöge das gequälte Herz sich 242 ihm zusammen, und mit der Hand an der Stirn bedurfte er einiger Zeit, bevor er düster versetzte: »Grad' um ihretwillen geh' ich. Ein Wort ist an mich ergangen, das mir zuruft und auch Dir, Isabella: Traget Sorge, daß die unschuldigen Würmlein anders geraten als ihr unseliger Vater. Und derjenige, von dem es mir zukam . . .« »Ein Weiser, ein großer Weiser,« kicherte die Gräfin, ihrer selbst kaum mächtig vor bitterem Verdruß, dem verhaßten Manne entgegen; Siebenburg aber schnitt ihr aufbrausend das Wort ab: »Wenn auch kein Weiser, so doch kein Gift speiender Unhold.« »Und das, das läßt Du Deiner Großmutter bieten?« wimmerte Frau Rosalinde Eysvogel so schmerzlich, als habe sie selbst eine Mißhandlung erlitten, der Tochter zu; Isabella achtete indes weder der Mahnung der Mutter, noch der des Vaters, der ihr ans Herz legte, sich nicht von den windigen Verheißungen Siebenburgs blenden zu lassen, und schmiegte sich nur fester an den Gemahl. Während die alte Gräfin noch vergebens nach Worten rang, stand Frau Rosalinde Eysvogel leise vor sich hinweinend neben dem hohen Kamine. Bevor Siebenburg erschienen war, hatte sie, trotz des frühen Morgens und der erschütternden Nachrichten, die sie soeben erhalten, die freie Stunde benützt, um sich putzen zu lassen. Ein langes Schleppgewand, links von blauem, rechts von gelbem kostbarem Brokat, umwallte ihr jetzt die hohe Gestalt. In Gold und Edelgestein strahlend, hatte sie bei der Heimkehr des Ritters einer Fürstin geglichen. Jetzt bot sie, gebrochen und haltlos, ein klägliches Bild der ohnmächtigen und zugleich verletzenden hohlen Prunksucht. 243 Wie die thatkräftige Mutter den Eidam mit Schmähungen zu überfallen, hätte sie zu große Anstrengung gekostet; als sie aber gewahrte, wie die Tochter, die sie schon mehrmals in schmerzlichem Bittton zu sich herangerufen, das stolze Haupt dem Gemahl so innig an die breite Brust schmiegte, wie sie es in den ersten Wochen ihrer Ehe und seitdem nicht wieder gethan, wurde der Unglücklichen klar, daß es ernst sei mit der unglaublichen Forderung des Ritters. Was sie für eine hohle Prahlerei gehalten, das verlangte er wirklich. Von dem verhaßten Eindringlinge dort sollte ihr zugemutet werden, sich von der einzigen Tochter zu trennen, die ihr mehr galt als der ungeliebte Gatte, die anspruchsvolle Mutter und der Sohn, der sie in ihren Neigungen beschränkte, den sie nicht verstand und gegen den sich ihr Herz schon lange verhärtet. Aber es konnte ja nicht sein, – und fassungs- und haltungslos schrie sie laut auf, riß sich die blaue Kopfbinde vom Haupte und stieß, indem sie das »nie« wie von Sinnen fortwährend wiederholte, hervor: »Nie, nie, nie, so lange ich lebe!« Dabei stürzte sie auf den erschrockenen Gemahl zu, wies auf den Eidam, der sein Weib immer noch umschlungen hielt und befahl Herrn Kaspar mit halb erstickter Stimme, den Würfler, den Güterdieb, den Schuldenmacher und Kinderräuber niederzustechen oder aus dem Hause zu jagen wie ein wildes, schädliches Tier. Dann gebot sie Isabella, von dem Ruchlosen, den es gelüste, sie mit ins Verderben zu ziehen, zu lassen, und als die Tochter ihr den Gehorsam versagte, brach sie in heftiges Weinen aus und schluchzte und stöhnte, bis die Kraft ihr versagte und einer jener Krampfanfälle sie ernstlich ergriff, 244 die sie so oft auf Rat der eigenen Mutter mißbraucht hatte, um von dem Gemahl die Erfüllung eines Wunsches zu erpressen. Unwillig und doch voll aufrichtigen Mitleids stützte Herr Kaspar das Weib, dessen große königliche Schönheit ihm einst das Herz entflammt und in deren Umarmung er gewähnt, er werde schon hienieden der Wonnen der Seligen gewürdigt. Während sie das zuckende Haupt mit dem langen, goldroten, immer noch vollen Haar an seine Schulter lehnte, stellten sich köstliche Erinnerungsbilder vor das innere Auge des alternden Mannes; doch der Zauber war schnell gebrochen; denn das Tuch, mit dem er ihr das Antlitz trocknete, färbte sich mit dem Rot ihrer geschminkten Wangen. Da flog ihm ein bitteres Lächeln um den feinen, bartlosen Mund, und dem Geschäftsmanne traten die ungeheuren Summen ins Gedächtnis, die er vergeudet, um den ausschweifenden Wünschen der Tochter und Mutter gerecht zu werden und ihnen, den Gräfinnen, zu zeigen, daß er, der adelige Bürger, es so gut verstünde wie einer ihrer Standesgenossen, den Reiz des Lebens durch Glanz und Pracht zu erhöhen. Während er sein Weib stützte, und die alte Gräfin sich um sie bemühte, schickte auch Isabella sich an, der Mutter zu Hilfe zu eilen; ihr Gatte hielt sie indes mit unwiderstehlicher Kraft zurück und raunte ihr zu: »Du weißt, daß diese Krämpfe nicht töten. Komm mit zu den Kindern. Ich will Abschied von ihnen nehmen. Zeige wenigstens in dieser letzten Stunde, daß die Weiber dort Dir nicht mehr gelten als ich.« Damit gab er ihr die Hand frei; und der innere 245 Kampf, der ihr kurze Zeit die Brust hob und senkte, endete mit dem leisen Rufe: »Ich komme.« Die Kinderfrau, der Isabella sich zu entfernen gebot, als sie mit dem Gemahle das Zimmer betrat, leistete still Gehorsam, doch stellte sie sich an die Thür, um zu lauschen. Da sah sie, wie der unbändige Ritter neben der Wiege der Kleinen vor der Gattin, die er so übel vernachlässigt hatte, niederkniete, wie er feuchten Blickes dem majestätischen Weibe, das nicht viel kleiner war als er, sie wußte nicht was mit erhobenen Händen bekannte, wie sie ihn zu sich heranzog, sich ihm mit hingebender Zärtlichkeit an die Brust schmiegte und ihm dann erst den einen, dann den andern Zwillingsknaben auf den Arm gab. Der jungen Mutter wie dem Vater waren die Wangen naß, doch die Augen leuchteten beiden hell auf in dankbarer Freude, als Isabella dem Gatten beim Abschied mit einem letzten innigen Kuß für das Gelübde dankte, wohin er sich auch wende, sie und die Kinder im Herzen zu behalten und alles daran zu setzen, um ihnen ein ihrer würdiges Los zu bereiten. Als Siebenburg die Treppe hinabstieg, fand er auf einem Absatze beim ersten Stockwerk den Schwiegervater, wie er totenbleich mit der Rechten auf dem Geländer, mit der Linken an der Stirn nach Fassung und Atem rang. Er hatte vergessen, sich mit Speise und Trank zu stärken, und die furchtbaren Schicksalsschläge, die ihn in den letzten schweren Stunden getroffen, brachen ihm, wenn auch nur auf kurze Zeit, die immer noch rüstige Kraft. Willig ihm Beistand zu leisten, trat der Ritter ihm näher; als er aber Herrn Kaspar den Arm reichte, 246 wies dieser ihn unwillig zurück und gestattete einem Aufwärter, ihm Hilfe zu leisten. Während der Diener ihn die Treppe hinaufführte, bereute er, dem Groll nachgegeben und dem Eidam nicht aufgetragen zu haben, sich nach dem Versteck seines Sohnes zu erkundigen; kaum aber hatte ein Imbiß und feuriger Wein ihn gestärkt, als ihm im Gegenteil seine Handlungsweise verständig erschien. Die Wiederkehr des Geschäftsteilhabers, hinter dessen Rücken er große Verpflichtungen eingegangen war, hätte ihn in die peinlichste Lage versetzt. Der alte Herr wäre auch gezwungen gewesen, Wolff von der großen Summe zu unterrichten, die er dem Juden Pfefferkorn, dem ungeduldigsten seiner Gläubiger, schuldete, wenn er ihm auch nicht einzugestehen brauchte, daß er mit ihr seinen Spielverlust in Venedig beglichen. Wie sollte er ferner vor dem Sohne bestehen, wenn er ihn frug, warum er seine Braut von sich gestoßen und sich bald darauf herbei gelassen habe, sie wieder als Tochter aufzunehmen und mit ihrem Vater in nahe Verbindung zu treten. Das mußte geschehen! Nur Ernst Ortlieb konnte ihm noch helfen; war es doch unmöglich geworden, Berthold Vorchtel, den Mann, dem sein Sohn den Erstgeborenen getötet, um Beistand zu bitten, und gerade er hätte die Mittel besessen, das sinkende Schiff vor dem Untergang zu bewahren. Vorhin, als die Kunde von dem Zweikampfe zu ihm gedrungen war, hatte er dem bleichen Antlitz des Boten anzusehen gemeint, Wolff sei gefallen. Dabei war ihm deutlich geworden, daß sein Verlust ihn für den Rest seines Lebens unglücklich gemacht hätte. Das war erfreulich gewesen; denn seit Wolff ihm die Einwilligung in 247 das Verlöbnis mit Els Ortliebin abgetrotzt und ihn dadurch den Vorchtels entfremdet, hatte er ernstlich gefürchtet, er habe den einzigen Sohn zu lieben verlernt. Ja, in mancher Stunde, in der er Grund gehabt, sich vor dem klugen, vorsichtigen und rechtlichen Geschäftsteilhaber zu schämen, war es ihm gewesen, als ob er ihn hasse. Jetzt mischte sich in die Scheu vor dem Richter, den er in Wolff sah, aufrichtige Besorgnis für den einzigen Sohn, über den der Bruch des Landfriedens schweren Bann, ja vielleicht, wenn er das Wehrgeld, das die Vorchtels fordern durften, nicht zahlen konnte, den Tod zu verhängen drohte. Wohl hatte er mancherlei gethan, um Wolff die Braut zu verleiden, jetzt aber fühlte er, der den ersten Stein auf sie geworfen, daß sie in ihrer schlichten Reinheit keines Verstoßes gegen die Treue fähig sei, die sie dem Bräutigam schuldete. Wie sehr er sich auch sträubte, dieser Ueberzeugung Raum zu geben: Wenn von einer, so war von ihr zu erwarten, daß sie seinen Sohn glücklich machen werde, glücklicher gewiß, als ihn die hohe, schlanke, schneeweiße, unnahbare Grafentochter, die ihn zu Grunde zu richten geholfen. Während er der Speise und dem Trank zusprach, hörte er die Gemahlin, die sonst die gehorsamste Tochter, mit der Mutter streiten. Es war gut so; denn waren sie uneins, brauchte er nicht zu befürchten, daß sie ihm wie sonst als fest verbündetes Paar entgegenwirkten, wenn er ihnen den Wunsch eröffnete, die Hochzeit Wolffs stattfinden zu lassen, sobald es die Umstände erlaubten. Noch war es zu früh, bei einem andern vorzusprechen. Erst wollte er noch einmal zu dem Juden Pfefferkorn, um ihn zu einem neuen Aufschub seiner Forderungen zu 248 bestimmen, dann aber, bevor die Ratssitzung begann, sich in den Ortliebhof begeben, um Herrn Ernst das Schicksal des Eysvogelschen Hauses und seines Mitbesitzers Wolff in die Hand zu geben, von dem auch das Wohl und Weh der Braut des jungen Geschäftsteilhabers abhing. Blieb der Gegenschwieger hart, trug er ihm nach, was er ihm und seiner Tochter gestern angethan hatte, dann war er ein verlorener Mann; denn wo er sonst stets offene Thüren gefunden, hatte er sich bereits den guten Willen zu nutze gemacht. Sicherlich war auch jetzt schon die Nachricht von seinen schweren Verlusten in jedermanns Munde, und der Brief, der ihm eben zukam, bedrohte ihn schon mit einer Klage des Ammonschen Hauses. Zu den eigenen Gläubigern waren nun auch noch die des unseligen Siebenburg gekommen. Der hatte gut versichern, für seine Schulden selbst einzustehen. Sobald es ruchbar wurde, daß er das Gut Tannenreuth, dessen Wert den Gläubigern einige Sicherheit bot, verwürfelt, standen sie auf wie ein Mann, und das Haus, das sie dann bestürmten, war doch nur das des Kaspar Eysvogel; das seine. Die frömmsten Wünsche waren es nicht, mit denen der geängstigte Mann des Eidams gedachte. Dieser befand sich unterdessen auf dem zweiten schweren Gange an diesem Morgen. Es galt, sich mit Heinz Schorlin wegen des verlorenen Gutes zu einigen und sich Klarheit über den Streit mit ihm zu verschaffen, von dem er nichts mehr wußte, als daß ihn der Rausch und die Eifersucht weiter geführt hatten, als es sonst geschehen wäre. Verletzender Worte über Els hatte er sich sicher bedient; ja, sie waren, da 249 sie sich gegen eine Dame gerichtet, schärfer gewesen, als es dem Ritter gestattet. Aber war nicht jeder, der eine Jungfrau bei Nacht mit diesem Manne beisammen fand, berechtigt, an ihrer Tugend zu zweifeln? Im Grunde der Seele glaubte er an ihre Unschuld; – doch er hütete sich wohl, sich dies einzugestehen. Warum sollte der Schweizer, dem solche Macht über das Herz der Weiber gegeben, nicht auch die Braut seines Schwagers in einen Liebeshandel verwickelt haben? Warum sollte die muntere Jungfrau, die mit einem so ernsten, schwerfälligen Manne wie Wolff versprochen war, sich nicht auch in ein tändelndes Liebesspiel mit dem kecken, frohgemuten Schorlin eingelassen haben? Erst wenn man ihm bewies, daß er sich geirrt, wollte er sich zur Zurücknahme seiner Beschuldigungen bequemen. Gehobenen Mutes und voll von guten Vorsätzen hatte er die Frau Liebste verlassen. Nun es zum Abschied von ihr kommen sollte, war ihm erst recht bewußt geworden, was sie ihm gewesen. Wohl hatten sie einander viel zu vergeben gehabt, sie war aber dennoch ein herrliches Weib. Ein königlicheres kannte er nicht, ob auch in den Speichern ihres Vaters Gewürzkisten und Tuchballen lagerten. Daß er die Gräfin Montfort, die nichts vor ihr voraus hatte als die schnelle Zunge und die froh-verwegene Weise, ihr auch nur einen Augenblick hatte vorziehen können, schien ihm jetzt unbegreiflich. Aber er hatte sich ja nur zu den Anbetern Cordulas gesellt, um ihr zu Füßen den Verdruß zu vergessen, mit dem er daheim gesättigt worden war. Nur für eins hatte er der Gräfin zu danken: für das Wort, das die Zukunft seines Zwillingspaares betraf. 250 War er denn aber wirklich so schlecht, daß es eine Schande für seine Lieblinge gewesen wäre, ihm ähnlich zu werden? »Nein!« rief es laut in seinem Innern, und während ihn die nämliche Stimme an die Siege erinnerte, die er im Lanzenstechen und Schwertkampfe erfochten, an die offene Hand, mit der er, seit er der Eidam des reichen Eysvogel war, seinen Brüdern geborgt und gegeben, und besonders auch an den mannhaften Entschluß, als Streiter im Sold eines Fürsten für Weib und Kind zu sorgen und seine Schulden zu tilgen, gab ihm eine leise, doch dringliche, ganz andere Dinge zu hören. Sie wies ihn auf die Zeit hin, in der er mit den Brüdern die Frachtwagen der Kaufleute überfallen und nicht nur ihr bewaffnetes Geleit niedergemacht hatte. Den Fluch eines breitschulterigen Nördlinger Fuhrmannes, dem er die Lanze durch die Brust gestoßen, obwohl er ihm zugerufen, daß er Vater sei und Weib und Kind zu ernähren habe, den Schrei des hübschen braunlockigen Knaben, der sich seinem Rosse an die Zügel hing, als er gegen seinen Vater einritt, und dem er den Arm abgehauen, meinte er vor dem inneren Ohre zu vernehmen. Auch die Zeit kam ihm in den Sinn, in der er nach einem reichen Fange auf der Straße, der ihm den Beutel gefüllt, wohl beritten, in neuen prächtigen Kleidern, während des Faschings nach Nürnberg gezogen war, um auf den Rat der Brüder eine reiche Braut heim zu führen. Das Glück und die Heiligen hatten ihn ein Weib finden lassen, das seine Habsucht zu befriedigen verhieß und zugleich seinem Herzen gefiel; dennoch hatte er ihr weder Treue gehalten, noch auch die schuldige Rücksicht erwiesen. Aber seltsam: Schärfer als das alles warf die mahnende 251 Stimme ihm vor, die Verlobte seines Schwagers, an deren Schuld er doch glauben durfte, vor anderen verdächtigt und herabgesetzt zu haben. Wiederum empfand er, wie unedel und unwürdig eines Ritters er damit gehandelt. Warum? Nur um – jetzt gestand er sich's ein – um Wolff, dem Mahner und Sparer, dem er gram war, wehe zu thun, vielleicht auch, weil er sich im stillen gesagt, daß nicht seinen Zwillingen, sondern dem Schwager und seinen Kindern der größte Teil des Eysvogelschen Vermögens zufiel, wenn Wolff in einer gesegneten Ehe lebte. Diese Gier nach Besitz, die ihn auf die Brautschau nach Nürnberg geführt, lag ihm doch wohl im Blute, wenn er sie auch als leichtfertiger Schuldenmacher verleugnet. Gestern, beim Herzog von Pommern, hatte sie ihn wieder zu jenem unsinnig waghalsigen Würfelspiele verleitet. Seitz Siebenburg war kein ruhiger Denker. Vereinzelt, in flüchtigen Sprüngen kreuzte ihm dies alles das erregte Gehirn. Wie der begleitende eintönige Baß neben dem Aufundnieder der Melodie, hörte er daneben fortwährend die Versicherung, es sei schade um seine prächtigen Buben, wenn sie nicht anders würden als er. Deswegen sollten sie fern von ihm unter der Zucht seines wackeren Oheims heranwachsen. Mit dem Beispiele dieses Mannes vor Augen konnten sie so rechtschaffene und edle Ritter werden, wie der von aller Welt hochgeschätzte Kunz Heideck. Den Zwillingen zu liebe hatte er selbst ein neues, würdigeres Leben zu beginnen beschlossen. Sein Weib wollte ihm beistehen, und die Minne sollte ihm Kraft verleihen, 252 sich in Zukunft so zu führen, daß die Gräfin Montfort und jeder, der es gut mit seinen Söhnen meinte, ihnen wünschen durfte, daß sie dem Vater nacharten möchten. Erhobenen Hauptes schritt er dahin. Als er die ersten Leute in die Kirche Unserer lieben Frau eintreten sah, ging er hinein, sprach etliche Paternoster, legte der gnadenreichen Jungfrau die Knäblein und ihre Mutter ans Herz und bat sie, ihm zu helfen, die wilden Triebe, die ihn oft zwangen zu thun, was ihn später reute, zu zügeln. Viele kannten den riesengroßen, hoffärtigen Eidam des Kaspar Eysvogel und wunderten sich über die brünstige Hingabe, mit der er auf dem ersten besten Platze in der Nähe des Eingangs, neben zwei alten Mütterchen knieend, im Gebete verharrte. Sollte das Gerücht sich bewahrheiten, daß das Eysvogelsche Haus durch den Verlust großer Warenzüge in eine mißliche Lage geraten? Eine seiner Nachbarinnen hatte ihn seufzen hören, und versicherte, den »Schnurrbart« müsse etwas Schweres bedrücken. Sie werde es ihrem Neffen, dem Gürtlermeister Hemerlein berichten, bei dem der Ritter für Sattel und Geschirr hoch in der Schuld stand, damit er beizeiten zu dem Seinen gelange. Hoffnungsreicher, als er sie betreten, verließ Siebenburg die Kirche. Das Gebet hatte ihm wohl gethan. Erst auf dem Obstmarkte gewahrte er, daß die Leute ihm befremdet nachschauten. Seit gestern morgen hatte er nichts für sein Aeußeres gethan, und er, der ein starker Esser und Trinker war, fühlte die Notwendigkeit etwas zu sich zu nehmen. Bei dem ersten Bader ließ er sich die stoppeligen Wangen und das Kinn glätten 253 und gab seiner Kleidung die Ordnung zurück. In einer Trinkstube daneben aß und trank er, ohne sich niederzulassen, was er bereit fand, und erfrischt an Leib und Seele setzte er die Wanderung fort. Auf dem Obstmarkte ging es lebhaft her. Saftige Erdbeeren und frühe Kirschen, rote Radieschen und grauer Rettig, Kohlrabikugeln mit buschigem Grün und lange Spargeln wurden neben Rosen und Aurikeln, Balsaminen und getriebenen zeitigen Nelken in Töpfen und Sträußen feil geboten, und die frischen Bauerndirnen hinter den Ständen, die stattlichen Bürgersfrauen mit den großen runden Hüten, die Meisterstöchter mit dem langwallenden Haar, das aus den reich bestickten Hauben hervorquoll, die Mägde mit den sauberen Körblein am runden Arme boten ein buntes, freundliches Bild. Auch was das Ohr vernahm, war munter und ergötzlich und hob dem Ritter die Stimmung. Stolz auf die neu errungene Widerstandskraft schritt er weiter, nachdem er dem Antrieb gefolgt war, der hübschen Blumen-Kuni, die er der Gräfin Cordula zu Gefallen während des Reichstages noch häufiger als sonst in Nahrung gesetzt hatte, den schönsten Rosenstrauch abzukaufen. Warum wußte er selbst nicht, doch verschwieg er der schmucken Dirne, die ihm mancherlei gewährt, für wen er bestimmt sei, und ließ ihn zum übrigen kreiden. An der Ecke der Bindergasse, in der Heinz Schorlin wohnte, fand er eine Bettlerin mit dicht verbundenem Kopfe und trug ihr auf, die Rosen in den Eysvogelhof zu bringen und sie seiner Gemahlin, Frau Isabella Siebenburg, in seinem, des Ritters Seitz Namen, zu übergeben. 254 Vor dem Hause des Tuchmachermeisters Deichsler, bei dem der Schweizer Quartier gefunden, hielt ihn der Schneider Ploß auf. Er kam von Heinz Schorlin und mahnte Siebenburg an seine nicht unbeträchtliche Schuld; dieser aber bat ihn, sich noch wenig zu gedulden, da er in der letzten Nacht einen Nasenstüber beim Spiele bekommen, und der Meister erklärte sich bereit, bis St. Heinrich zu warten. Wie viele standen mit hohen Forderungen hinter dem Schneider, und wann konnte Seitz mit der Tilgung der Schulden beginnen? Flüchtig kam ihm auch in den Sinn, daß er, statt seine guten Vorsätze zu verwirklichen, auch den Rosenstrauch unbezahlt gelassen hatte; doch die Blumen waren im Juni so billig! Uebrigens fand er keine Zeit, bei dieser Kleinigkeit zu verweilen; denn schon während er den Meister zur Ruhe gebracht hatte, war ihm ein Mädchen ins Auge gefallen, das trotz der Hitze des Tages das Antlitz so tief unter der Riese verborgen hielt, daß man nur die Augen und den oberen Teil der Nase gewahrte. Es hatte flüchtig gegrüßt, und, irrte er nicht, war es die Gürtelmagd der Schwestern Ortlieb gewesen, die er oft genug gesehen. Als er wieder nach der Vermummten ausschaute, eilte sie eben im Tuchmacherhause die Treppe hinan. Kätterle war es, und keine andere. Vom ersten Absatze der Stiege aus hatte sie sich umgeschaut und die Riese sich dabei verschoben. Was konnte sie bei dem Schweizer wollen? Doch kaum etwas 255 anderes, als ihm Botschaft von einer ihrer Herrinnen, gewiß von Els überbringen? So hatte er doch recht gesehen und wohl daran gethan, der Gräfin nicht zu glauben. Armer Wolff! Schon als Bräutigam betrogen! Auch jetzt noch wünschte er ihm nicht eben das Beste; und doch bedauerte er ihn. Mit aller Zuversicht konnte Seitz jetzt vor Heinz Schorlin treten. Der Schweizer mußte ja am besten wissen, wie es um das ältere E und ihn selbst bestellt war, wenn ihn auch die Ritterpflicht zwang, es vor anderen zu verleugnen. Die Vorwürfe, die Siebenburg sich gemacht, waren vergebens gewesen. Er hatte keine Unschuldige verdächtigt, – nur eine treuvergessene Braut beim rechten Namen genannt. Mit seinem Gute Tannenreuth stand es schlechter. Es war verwürfelt und darum verloren. – Im Geiste hatte er schon davon Abschied genommen. Es galt nur noch die Uebertragung durch den Notarius vollziehen zu lassen. Der Schweizer sollte erfahren, wie ein echt ritterlicher Spieler sich auch mit dem schwersten Verlust abfindet. Er wollte Heinz Schorlin nicht schonen. Den Spiegel dachte er dem Gewissenlosen zu zeigen, der einem redlichen Manne – denn das war Wolff – durch schnöde Verführungskünste die Braut abwendig machte, während widrige Umstände ihn verhinderten, die Treulose selbst zu überwachen. Mit zwei schnellen Griffen zog er die Enden des Schnurrbartes auseinander und pochte dann an die Thür des Schweizers.     Siebenzehntes Kapitel. Zwei und dreimal klopfte Siebenburg an, aber immer vergebens. Dennoch war der Schorlin zu Hause. Sein Waffenträger hatte es Seitz unten gesagt, und er hörte von drinnen her die Stimme des Schweizers. – Da schlug er mit dem Griff des Stoßmessers so stark an die Thür, daß es durch das ganze Haus dröhnte. Dies Verfahren half; denn man öffnete, und der schmale Kopf Biberlis schaute dem Ritter verwundert entgegen. »Sagt Eurem Herrn,« herrschte dieser den Diener an, den er als den des Schweizers kannte, »wenn er vor mahnenden Handwerkern das Quartier verschließe . . .« »Bei Eurem Klopfen, Herr,« unterbrach Biberli den Ritter, »dachten wir wirklich, der Schwertfeger wäre gleich mit Hammer und Ambos gekommen. Vor den Gläubigern braucht mein Herr sich hier übrigens keineswegs zu fürchten; denn wenn Ihr, Herr Ritter, es noch nicht wißt: Während des Reichstages gibt es großmütige Edelleute hier zu Nürnberg, die Schloß und Land zu seinen Gunsten auf den Spieltisch werfen.« »Und naseweisen Burschen noch schneller die Faust in den Nacken!« rief Siebenburg und erhob drohend die 257 Rechte. »Jetzt führst Du mich ungesäumt zu Deinem Herrn!« »Wenigstens in seine vier Pfähle,« versetzte der Diener, indem er Seitz in das schmale Vorgemach vorantrat, aus dem er gekommen. »Wie es mit dem ›ungesäumt‹ beschaffen, das ruht indes in der lieben Heiligen Händen; denn Ihr müßt wissen . . .« »Possen,« fiel ihm der Ritter ins Wort. »Sag Deinem Herrn, es fehle dem Siebenburg an Lust und Zeit, in seinem Vorzimmer zu warten.« »Und dem Ritter Schorlin,« versicherte Biberli, »könnte sicher und gewiß keine größere Freude begegnen, als wenn Ihr ihn recht bald wieder allein ließet.« »Unverschämter Wicht!« donnerte Seitz, dem der in dieser Annahme verborgene Hohn nicht entging, den Diener an und schlug ihm die Hand in die Halsöffnung des langen Gewandes; Biberli aber fühlte, daß er nur die Kapuze ergriffen, hakte sie mit einem schnellen Griffe los, und während er flink auf die Seitenthür zueilte, durch die man laute Stimmen vernahm, hörte Siebenburg den leisen Aufschrei eines weiblichen Wesens. Er kam von einem Vorhange her, der sich über aufgehängte Kleider breitete, und Seitz sagte sich, daß er kaum von einer andern als von der Gürtelmagd, der er vorhin begegnet war, ausgegangen sein konnte. Sie stand im Dienste Els Ortliebs, und es war ihm lieb, dies lebende Beweisstück zur Hand zu haben. Wenn er Heinz veranlaßte, ihm hier im Vorzimmer Rede zu stehen, war ihr die Möglichkeit genommen, sich zu entfernen. Als habe er nichts bemerkt, gab er sich darum 258 das Ansehen, das behende Entweichen des Dieners belustigend zu finden. Mit einem erzwungenen Auflachen warf er ihm die Kapuze an den Kopf und verlangte, bevor er die Thür zum Nebenzimmer geöffnet, von neuem, seinen Herrn zu sprechen. Da versicherte Biberli, er werde sich dennoch gedulden müssen; denn der Ritter führe erbauliche Gespräche mit einem frommen alten Bettelmönche. Wenn er ihm raten dürfe, möge er den Herrn jetzt überhaupt nicht stören; denn er habe betrübende Nachrichten erhalten, und der Schneider, der ihm Maß für die Trauerkleider genommen, ihn eben erst verlassen. Wenn Seitz ein Anliegen an den Ritter zu bringen habe und etwas übriges von seiner Gunst und seltenen Großmut erwarte . . . Weiter ließ ihn indes Siebenburg nicht kommen. Ohne der List, die Heinz hierher locken sollte, weiter zu gedenken, brauste er auf, versicherte in ernstem Unwillen, daß er von niemand und am letzten von einem Schorlin Gnade und Großmut begehre, trat auf die Thüre zu und schleuderte den Diener, der sich ihm in den Weg stellte, mit so roher Gewaltsamkeit an die Wand, daß er in ein lautes Zetergeschrei ausbrach. Bevor dies noch verstummt war, trat Heinz über die Schwelle. Ein langes weißes Gewand hob die Blässe seines gestern noch so frischen Gesichtes, und seinen geröteten Augen war es anzusehen, daß er vor kurzem auch Thränen vergossen. Als er gewahrte, was hier vorgegangen, und seinen treuen Gefährten sich die Schulter reiben und das Gesicht schmerzlich verziehen sah, flammten ihm die Wangen zornig auf und mit gerechtem Unwillen verwies er 259 Siebenburg das unziemliche Eindringen in sein Quartier und sein rohes Betragen. Dann frug er Biberli, ohne des Ritters zu achten, ob man ihn ernstlich verletzt. Da der Diener dies verneinte, wandte er sich Seitz wieder zu und bemerkte kurz, er meine zu wissen, was ihn zu ihm führe. Wenn er sich zu bekennen bequeme, sinnlos berauscht sittsame Jungfrauen verlästert, und nicht gewußt zu haben, was er gethan, als er sein Schloß und Land gegen das Gold einsetzte, das vor ihm, dem Ritter Schorlin, gelegen, möge er sein Tannenreuth behalten. In welcher Form er die Verleumdung der Ortliebschen Jungfrauen zurückzunehmen habe, wünsche er, weil es ihm jetzt an Zeit mangle, später mit ihm zu besprechen. Augenblicklich beschäftigten ihn würdigere Dinge als die häßlichen Irrreden eines Berauschten, und er ersuche den Ritter darum, ihn zu verlassen . . . Bei den letzten Worten hatte Heinz auf die Thüre gewiesen, und diese unbedachte, nichts weniger als einladende Bewegung raubte Siebenburg den letzten Rest der mühsam behaupteten Fassung. Nichts wirkt verletzender gerade auf schwache Naturen, als wenn andere ihnen das Gegenteil dessen zutrauen, was sie nach einem Siege über niedere Triebe als das Rechte erkannten und es zu vollbringen gedachten. Ihn, der gekommen war, um dem verlorenen Besitz freiwillig zu entsagen, sah der Schweizer für einen lästigen Bittsteller an, ihm, der hier stand, um zu beweisen, daß er Els Ortliebin mit vollem Recht eines Vergehens geziehen, mutete Schorlin zu, einen Widerruf gegen besseres Wissen zu leisten. Und was war der Preis, den der Unverschämte 260 für das gewonnene Gut und das Recht forderte, ihn als Verleumder zu brandmarken? Die Freude, den unwillkommenen Gast sich schnell entfernen zu sehen. Ein höherer Grad von Nichtachtung und beleidigender Selbstüberhebung ließ sich nicht denken, und indem Seitz das eigene sittliche Verhalten in den letzten Stunden hoch über das ruchlose Gebaren des Schweizers stellte, ließ er in aufrichtiger Empörung und weit entfernt, des weißen Gewandes und veränderten Aussehens des Gegners zu achten, dem Ingrimme die Zügel schießen. Bleich vor Zorn warf er dem Schweizer das ihm abgenommene Gut gleichsam vor die Füße und ließ es dabei an verletzenden Worten nicht fehlen. Anfänglich hörte Heinz in stummem Erstaunen dem Wutausbruche des unglücklichen Spielers zu; als dieser aber zu drohen begann und sogar an das Schwert schlug, gewann er die Ruhe, an der es ihm nie gebrach, wenn es etwas zu bestehen galt, was einer Gefahr gleich sah, schnell zurück. Seit der ersten Begegnung mit Siebenburg hatte er eine starke Abneigung gegen ihn gefaßt. Die verleumderische Rede, mit der er gestern den guten Namen einer Jungfrau in den Staub gezogen, von der Heinz wußte, daß sie nur durch seine Schuld in einen falschen Verdacht geraten, hatte ihn mit Verachtung erfüllt. So ließ er ihn denn mit gelassener Geringschätzung toben; als aber derjenige, mit dem er sich vorher unterredet, der alte Minorit, den er an der Landstraße gefunden und nach Nürnberg geleitet hatte, sich an der Thür des Nebenzimmers zeigte, rief er Seitz ein entschiedenes »Genug!« zu, wies auf den Greis und schenkte in kurzen, 261 schlichten Worten das Schloß und die Flur von Tannenreuth dem Kloster der Bettelmönche vom Franziskanerorden zu Nürnberg. Mit einem höhnischen Achselzucken folgte Siebenburg dieser Verordnung; dann aber sagte er bitter: »Ich dachte, in Armut zu leben sei das oberste Gebot in der Regel des heiligen Franciscus. Doch gleichviel! Mag das erwürfelte Geschenk den frommen Brüdern bekommen. Euch, Herr Ritter, wird diese Gabe die Gunst des Heiligen von Assisi gewinnen, dessen Macht man ja rühmt. Ihr habt also weise gehandelt.« Hier stockte er; denn es war ihm, als schnüre ihm der Ingrimm den Hals zu. Während aber der Minorit Heinz für die großmütige Gabe dankte, fiel Siebenburgs Auge wiederum auf den Vorhang, hinter dem die Magd sich verbarg. An ihn kam jetzt die Reihe, dem Schweizer einen Streich zu versetzen. Der alte Bettelmönch war eine würdige, Achtung gebietende Erscheinung, und es hatte das Ansehen, als sei Heinz an seiner guten Meinung gelegen. Gerade deswegen sollte der Minorit erfahren, wie der Wohlthäter seines Ordens beschaffen. »Da Ihr so dringend begehrt, Ritter Schorlin,« fuhr er fort, »meiner Gesellschaft ledig zu werden, thu' ich Euch den Willen. Nur gabt Ihr Euch eben das Ansehen, mir gewisse Worte, die in dieser Nacht fielen, und die sich auf eine Jungfrau bezogen . . .« »Laßt das ruhen,« fiel ihm Heinz mit scharfem Nachdruck ins Wort. »Diesen Wunsch durfte ich zu hören erwarten,« versetzte Siebenburg höhnisch; »denn da Ihr im Begriff 262 steht, Euch mit frommen Werken des Himmels Gunst zu erwerben, wird es Euch genehm sein . . .« »Was?« frug der Schweizer scharf. »Wird es Euch sicherlich auch am Herzen liegen,« lautete die Antwort, »von einem Wandel zu lassen, der ehrbaren Leuten und wie viel mehr noch den hohen Heiligen zum Aergernis gereicht. Ihr, der Ihr dem Bräutigam die Braut abwendig macht und sie zu nächtlichen Zusammenkünften verlockt, wähnt Euch wohl jetzt sicher vor ihrem Verlobten, den der Ausgang des Zweikampfes – Ihr wißt ja – von ihr fern hält. Wolff aber ist zufällig mein Schwager, – und wenn es mich gelüstet, an seine Stelle zu treten und mit Euch eine Lanze zu brechen . . .« Da unterbrach ihn Heinz totenbleich und rief im Ton der tiefsten Verachtung: »So lassen wir es dabei: beim Lanzenstechen, mein' ich, und fügen noch den Schwertkampf hinzu.« Einen Augenblick blickte Siebenburg, verwirrt von der scharfen Angriffsweise des Gegners auf ihn hin; schnell aber gewann er die Fassung zurück und sagte: »Angenommen! Beim Tjost mit scharfen Waffen zeigt sich wohl, auf wessen Seite das gute Recht steht.« »Das Recht?« frug Heinz erstaunt und zuckte höhnisch die Achseln. »Ja, das Recht,« brauste der andere auf, »für das Ihr die Schätzung verloret.« »So wenig,« entgegnete der Schweizer gelassen, »daß ich, bevor wir mit dem Herold über die Kampfweise 263 reden, von Euch fordern muß, die Schmähungen zurückzuziehen, mit denen Ihr gestern im Rausch einer tugendsamen Jungfrau vor anderen Rittern und Herren die Ehre kränktet.« »Zu deren Hüter,« lachte Seitz, »Ihr Euch, wie es scheint, an Stelle ihres Bräutigams auf eigener Wahl bestelltet.« »Nehmt dies an,« erwiderte Heinz mit überlegener Ruhe. »Nicht Ihr, nein, ich werde an Wolff Eysvogels Stelle streiten, – und mit seiner Einwilligung, denk' ich. Ich kenne ihn und schätze ihn so hoch . . .« »Daß Ihr,« fiel der andere ihm spöttisch ins Wort, »seine Braut zu nächtlichen Kosestündchen ladet und Botschaften mit ihr wechselt.« Das war Heinz Schorlin zu viel, und in ehrlicher Entrüstung aufwallend rief er: »Beweist das! Oder – bei Gottes Blut! . . . Das Schwert, Biberli! – Trotz des Landfriedens sollt Ihr, bevor Ihr noch einmal den verläumderischen Mund aufthut, erfahren . . .« Hier aber stockte er plötzlich; denn während Biberli sich entfernte, um diesem Befehle nachzukommen, den er, so wohl er ihm auch zusagte, doch nur zaudernd ausführte, um den Herrn und Schutzbefohlenen vor einer Unbesonnenheit zu bewahren, eilte Siebenburg, außer sich vor Wut, auf den Vorhang zu. Bevor Heinz es verhindern konnte, zog er ihn so heftig zurück, daß er von den Stiften riß, und zwang die entsetzte Magd, deren Arm er ergriffen, sich mit ihm dem Schweizer zu nähern. Heinz hatte Kätterle nur im Mondschein und im Halbdunkel gesehen und nichts von ihrem unerwarteten Erscheinen erfahren. Erstaunt, als sei sie aus der Erde 264 gestiegen, maß er sie darum mit fragenden Blicken; Siebenburg aber ließ ihm keine Zeit sich zu sammeln, sondern zog die Gürtelmagd vor den Mönch und gebot mit drohend erhobener Stimme: »Sage dem frommen Bruder dort, wer Du bist, Weibsbild!« »Das Kätterle von Sarnen,« gab sie weinerlich zurück. »Und wem dienst Du?« verlangte der Ritter weiter zu wissen. »Den Ortlieb-Schwestern, den Jungfrauen Els und Ev,« lautete die Antwort. »Den schönen E's, wie man sie hier nennt, frommer Bruder,« lachte Siebenburg schadenfroh auf, »als deren Gürtelmagd ich sie kenne. – Wenn sie nicht etwa hierherkam, um dem Freunde ihrer Herrin die Wäsche zu stopfen . . .« Hier aber unterbrach Biberli, der bei seiner Rückkehr in das Vorgemach die Geliebte mit Entsetzen gewahrte, den Ritter, indem er Heinz zurief: »Vergebung, Herr! Ihr wißt ja, daß sie meine Verlobte. Vorhin – kaum ein Dutzend Paternoster ist's her – trat sie hier ein, um mit mir wegen der Hochzeit zu reden.« Verwundert folgte Kätterle der kecken Rede des treuen und standhaften Geliebten, doch gefiel sie ihr nicht übel; denn unaufgefordert hatte er noch nie von der Hochzeit gesprochen. Dabei fühlte sie die Verpflichtung, ihm Beistand zu leisten, und nickte ihm beistimmend zu, während Siebenburg den Diener unwirsch unterbrach und dem Mönche zurief: »Lug und Trug, würdiger Bruder. Weiß gebrannt soll hier werden, was schwarz ist. Um Botschaft von dem ältern schönen E zu bringen, mit dem 265 dieser fromme Ritter heute nacht überrascht ward, schlich sie sich vermummt zu dem Galan ihrer Herrin.« Wieder gab das stürmische Aufbrausen des andern dem Schweizer die Besonnenheit zurück. Mit einer Gelassenheit, die dem Diener unbegreiflich erschien und ihn zugleich mit Entzücken erfüllte, wandte er sich an den Mönch und sagte ernst und schlicht: »Der Schein, Pater Benedictus, mag gegen mich sprechen. Ich enthülle Euch sogleich den wahren Hergang. Wie die Magd hieher kommt, wird sich später erweisen. Was die Jungfrau angeht, die dieser das ältere schöne E nennt, so hab' ich ihrer – bei unserem Heiligen schwör' ich's – nimmer begehrt und auch nicht das leiseste Zeichen ihrer Gunst je und je von ihr erhalten.« Dann wandte er sich Siebenburg zu und fuhr, immer noch ruhig, doch mit bedrohlichem Ernste, fort: »Kenn' ich Euch recht, so geht Ihr jetzt von einem zum andern und thut ihm zu wissen, was Ihr hier fandet, um der Jungfrau den Leumund zu schädigen, die der wackere Bruder Eurer Hausfrau zum Weibe erwählte, und um meinen Namen zugleich mit dem ihren an den Pranger zu stellen.« »Wohin Els Ortliebin,« fiel ihm Siebenburg wütend ins Wort, »eher gehört als in das ehrbare Haus eines Nürnberger Geschlechtes. Wenn sie zu gering wurde für meinen Schwager, so habt Ihr es verschuldet. Daß ihm reiner Wein eingeschenkt und ihm bekannt wird, wo und zu welcher Zeit seine Braut fremden Herzensbrechern zu Willen, dafür freilich werde ich sorgen. Auch anderen die Augen über sie zu öffnen, soll mir eine angenehme Pflicht sein.« 266 Da sprang Heinz auf Biberli zu, um ihm das Schwert aus der Hand zu reißen, er aber hielt es fest und suchte mit einem flehentlich mahnenden Blicke das Auge des Herrn; – seine treue Sorge wäre aber vergebens gewesen, hätte der Mönch ihm nicht Beistand geleistet. Der Mahnung, die der Greis dem jungen Freunde zuraunte, dem kaiserlichen Herrn, dem er Großes schulde, neues schmerzliches Herzleid zu ersparen, gelang es, dem empörten jungen Ritter die Herrschaft über sich selbst zurückzugeben. Mit einer schnellen Bewegung strich er sich das volle Haar aus der Stirn und fuhr im Tone der tiefsten Mißachtung fort: »So thut, was Ihr mögt; – doch nehmt dies mit auf den Weg: Hütet Euch, daß Ihr nicht, statt auf dem Roß, auf der Barre zu reiten kommt, bevor das Lanzenstechen beginnt. Auch die Jungfrauen, deren reinen Namen Ihr zu verunglimpfen trachtet, sind Damen, und wenn sie aufstehen, um gegen Euch zu klagen . . .« »So trete ich mit der Wahrheit hervor,« versicherte Siebenburg, »und Damengericht und Wappenkönig sprechen eher Euch, dem schnöden Verführer, als mir, die Turnierfähigkeit ab, mein schöner Ritter!« »Darauf mag es ankommen,« entgegnete Heinz gelassen. »Das übrige mögt Ihr mit meinem Herold besprechen. Auch Wolff Eysvogel – verlaßt Euch darauf – klopft bei Euch an, wenn Ihr Euren schnöden Willen zur That macht.« Damit wandte er Seitz ohne Gruß den Rücken, wies dem Pater die geöffnete Thür zum Nebenzimmer, ließ ihm den Vortritt und zog sie hinter sich ins Schloß. »Zu Dir wird er kommen, Du Prahlhans!« rief 267 Siebenburg dem Schweizer höhnisch nach und wandte sich dann an den Diener und die Magd, um in herablassendem Ton eine Frage an sie zu stellen; Biberli aber eilte, ohne auch nur die Lippen zu einer Antwort zu öffnen, dem Eingange entgegen und veranlaßte den Ritter, mit einer vielsagenden Handbewegung, sich zu entfernen. Seitz ließ es geschehen und eilte die Treppe hinunter. Dabei leuchteten ihm die Augen, als hätte er einen großen Sieg erfochten. An der Hausthür schlug er auf den Griff des Schwertes und drehte mit schnellen Handbewegungen die Enden des Schnurrbarts. Die Ueberraschung, die er dem frechen Schweizer durch das Erscheinen der Liebesbotin – wie ein Zauber war es gewesen – bereitet, hätte nicht besser gelingen können. Und was hatte Schorlin zu seiner Rechtfertigung vorgebracht? Nichts, rein gar nichts. Wolff Eysvogels Herold sollte den Schweizer vor die Klinge fordern, nicht ihn, der dem betrogenen Bräutigam die Augen über seine Verlobte zu öffnen gedachte. Auf das Lanzenstechen und den Schwertkampf mit Heinz freute er sich. Je schärfere Bedingungen der Herold stellte, desto besser. Gewaltigere Gegner als diesen hatte er aus dem Sattel gehoben und sich dabei aus ritterlicher »Courtoisie« nicht einmal seiner Kraft mit voller Rücksichtslosigkeit bedient. Heinz Schorlin sollte sie zu fühlen bekommen. Wie ein Triumphator schaute er sich um, und mit selbstbewußt zurückgeworfenem Haupte schritt er die Bindergasse hinunter und diesmal an den Barfüßlern vorbei, dem Rathause und dem Fischmarkte entgegen. Dort wohnte der Schwertfeger Eber, mit dem er, so viel er ihm auch 268 schuldete, wegen der scharfen Waffen, deren er für den Tjost bedurfte, zu reden gedachte. Dabei ließ er seiner Einbildungskraft freien Lauf. Sie zeigte ihm sein ungestümes Anrennen gegen den Feind, dessen Sturz in den Sand, den Schwertkampf und das Ende des Tjost, den schnellen Tod des Verhaßten. So tief beschäftigten ihn diese Zukunftsgemälde, daß er weder sah noch hörte, was um ihn her vorging. Mancher und manche, denen er auszuweichen vergaß, schauten sich unwillig nach ihm um. Plötzlich aber sah er sich verhindert, weiter zu schreiten. Der Ausrufer hatte eben die Stimme erhoben, um den Leuten, die ihn zwischen dem Rathause und den Barfüßlern umdrängten, etwas Wissenswertes zu verkünden. Vielleicht wäre es ihm gelungen, den Auflauf gewaltsam zu durchbrechen; als er aber den Namen »Ernst Ortlieb« aus der eintönigen Rede des Ausrufers hervorklingen hörte, folgte er seiner weiteren Meldung. Sie that den Bürgern und Bürgerinnen gemeiner Stadt zu wissen, daß aus dem Hause des ehrbaren Herrn Ernst Ortlieb vom Rate seit dem Gewitter in der letzten Nacht eine Gürtelmagd abhanden gekommen, eine Schweizerin von Geburt, Katharina von Sarnen, »Kätterle« gerufen, ein unbestraft und unbescholten Weibsbild. Wer etwas von dem Verbleib der Verschwundenen in Erfahrung bringe, der wurde ersucht, dies im Ortliebhofe zu melden. Was hatte das zu bedeuten? War das Mädchen schon um Mitternacht verschwunden und nicht wieder zu ihrer Herrschaft zurückgekehrt, konnte es Heinz Schorlin doch kaum als Liebesbotin der Els aufgesucht haben. War sie aber nicht im Auftrag einer 269 der E's zu dem Schweizer gekommen, welchen Beweis besaß er dann noch für die Schuld der Braut seines Schwagers? Wie würde es ihm gelingen, Wolff begreiflich zu machen, daß seine geliebte Els sich gegen ihn vergangen, wenn die Gürtelmagd bei der Beweisführung aus dem Spiel bleiben mußte. Schon gestern abend hatte er nichts weniger als fest an die Schuld des Mädchens geglaubt; heute morgen war es ihm selbst schmählich erschienen, sie vor anderen verdächtigt zu haben. Erst die Begegnung mit der Magd bei dem Schweizer hatte ihn bewogen, so herausfordernd auf seiner Beschuldigung zu bestehen . . . Und nun? – Gelang es Heinz Schorlin im Bunde mit den Ortliebs die Unschuld der Verdächtigten sicher zu beweisen, dann – es war nicht auszudenken! – dann konnte ihm auf die Klage der Dame hin die Turnierfähigkeit abgesprochen werden, – dann drohte ihm alles Schimpfliche, was dem verleumderischen Ehrabschneider angethan werden konnte, – dann zog ihn außer Heinz Schorlin auch Wolff zur Rechenschaft, derselbe Wolff, den er zu hassen begonnen, seit er ihn mit dem eisernen, unwiderstehlichen Arme zum erstenmale der Schadenfreude der Umstehenden im Fechtsaale preisgegeben hatte. Aber das war es nicht, was ihm plötzlich das Haupt senkte und ihm mit lauter Stimme zurief, er habe wieder einmal wie ein unbesonnener Thor gegen sich selbst gewütet. Feigheit war sein geringster Fehler. Was ihm im Kampfe zustoßen konnte, fürchtete er nicht. Ob er turnierfähig bleiben würde, das war die entsetzliche Frage, die ihm den hellen Morgen, der schon dem Mittag entgegenging, verfinsterte. Er hatte Els vor anderen treuvergessen gescholten und sie, die Braut eines Ritters, 270 dadurch der tiefsten Verachtung preisgegeben. Und dann! Narr, der er war! Seine Brüder hatten wiederum einen Warenzug auf der Landstraße geworfen und würden bald als Räuber zur Rechenschaft gezogen werden. Das veranlaßte den Schweizer und andere gewiß auch, auf seine Vergangenheit zurückzuschauen, und wer »Handel und Kaufmann geschädigt,« den schloß der Wappenkönig vom Tjost und Turnier aus. Was würde sein Feind, der dem Kaiser so nahe stand, nicht aufbieten, um ihn vor aller Welt zu Grunde zu richten. Aber – und bei diesem Gedanken stieß er einen leisen Fluch aus – aber wie konnte er überhaupt zum Tjoste reiten, wenn ihm sein Schwiegervater die Kasse, die ja noch dazu leer sein sollte, verschloß? Mußte sich der Alte für zahlungsunfähig erklären, so legten seine, des Siebenburgs, Gläubiger zuerst Beschlag auf seine prächtigen Rosse und die köstlichen Rüstungen, von denen kaum die Hälfte bezahlt war. Und wie viel Geld bedurfte er für den Einsatz und das Pfand im Falle des Unterliegens! Was er noch besaß, waren Schulden. Nur – wie eine Erleuchtung erschien ihm dieser Gedanke – nur der alte, wertvolle Schmuck seiner Hausfrau war doch wohl noch zu retten, und vielleicht ließ sie sich bestimmen, ihm einen Teil des Geschmeides für das Turnier zu überlassen. Es galt nur, ihr deutlich zu machen, daß an seiner Ehre auch die der Zwillinge hing. Wollte der Himmel doch seinen Buben solche Stunden der Angst und Selbstanklage ersparen! Aber was war das? Täuschte er sich und ließ ihn die überreizte Einbildungskraft nur ein Sterbegeläute hören, das seiner Ehre und seinen Hoffnungen galt, die er beide zu Grabe tragen sollte. Doch nein! Was auch 271 an Bürgern und Bauern, an Männern und Frauen, an Großen und Kleinen auf dem Salzmarkte, den er eben betrat, sich neben ihm hin und ihm entgegen bewegte, hob zugleich mit ihm das Haupt; denn von allen Türmen auf einmal erscholl das klagende Sterbegeläut, das der Stadt den Heimgang eines »Ehrbaren« vom Rate, eines weltlichen oder geistlichen Fürsten verkündete. Auf dem Dache des Rathauses, nach dem er sich umwandte, wehte schon die Trauerfahne, und Stadtknechte hißten eben auch andere schwarze Flaggen am Almosenamte auf, und nun zog der Hegelein im Trauerkleide auf einem von Flor umwehten Rappen anderen Reitern in Trauerkleidern voran und verkündeten der Menge, Hartmann, der blühende Sohn des Kaisers Rudolf, habe ein vorzeitiges Ende gefunden. In den Wogen des Rheins sei der edle Jüngling beim Baden ertrunken. Da war es, als sei ein Frost auf den blühenden Garten gefallen. Wie gelähmt schien das fröhliche Treiben auf dem Markte. Das laute Schluchzen vieler Weiber mischte sich in die Rufe des Bedauerns und der Klage von bärtigen Lippen, die eben noch Salz und Fische, Fleisch und Wild mit fröhlichem Eifer zum Verkauf angeboten hatten oder zu erhandeln begehrt. Boten mit Flor an Hut oder Kappe brachen sich Bahn durch die Menge, und ein Zug von deutschen Herren, Priestern und Mönchen zog gesenkten Hauptes, mit Kerzen in der Hand, zwischen dem Rathaus und St. Sebald hindurch, dem Kornhause und der Burg entgegen. Dazu breitete sich dunkles Gewölk langsam über die 272 lichte Bläue des Juniushimmels. Ein Dohlenschwarm umflatterte das Rathaus und flog mit lautem Gekreisch auf die Burg zu. Gleichgiltig schaute Seitz ihnen nach. Auch der große, allmächtige Herr da oben bekam sein Kreuz zu tragen, – auch in seinem stolzen Schloß flossen Thränen, gab es schmerzliche Seufzer zu hören. So war es gerecht. Er hatte noch keinem, der ihn in Frieden gelassen, Böses gewünscht; aber wäre er auch im stande gewesen, dies tiefe Weh von Kaiser Rudolf fern zu halten, er hätte keinen Finger gerührt. Seine Krönung war ihm und den Seinen ein Schlag ins Antlitz gewesen. Straflos hatten sie vorher auf der Landstraße treiben dürfen, was ihnen beliebte; der Habsburger, der Schweizer aber war ihrem räuberischen Treiben schonungslos entgegen getreten. Jetzt sollte es erst recht angehen mit dem Richten der wegelagernden Ritter und dem Brechen ihrer Burgen. In einen blöden Schafsstall, hatte der Absbacher gerufen, denke der Kaiser Deutschland zu verwandeln. Die Brüder Siebenburg waren seine treuen Kumpane, und obgleich sie gemeinsam klagten, das fröhliche ritterliche Waffengeklirr würde unter solchem Kaiser verstummen, sorgten doch gerade er und seine Spießgesellen dafür, daß stürmischer Fehde und Kriegslärm, Wehegeschrei und Hilferuf auf den Handelsbahnen der Kaufleute nicht zum Schweigen gelangten. Aber nicht allein darum zuckte Seitz bei den Kundgebungen des wärmsten Mitgefühls ringsum die Achseln. Heinz Schorlin stand dem Herzen des Kaisers nahe, und der Mann, der seinem Feinde so gütig gesinnt war, konnte nimmer sein Freund sein. Vielleicht schon morgen sprach Rudolf seinen Brüdern den Kopf ab und 273 erhob Schorlin zu höheren Ehren. Er, Seitz, dem die Augen übergeflossen waren, als der Türmer auf der heimischen Burg sein altes Weib, das seine Amme gewesen, verloren hatte, fand in diesem Falle keinen Grund, mit den Betrübten zu trauern. So setzte er unter fremden Klagen und Thränen und belastet von den eigenen Sorgen den Weg fort. Im Eysvogelhofe fand er ein lebhaftes Aufundnieder der zahlreichen Dienerschaft; denn auch dorthin war die Trauerkunde schon gedrungen. Herr Kaspar hatte das Haus verlassen. Wahrscheinlich befand er sich bei Ernst Ortlieb. Wenn dieser bereits erfahren hatte, was er, Seitz Siebenburg, seiner Tochter beim Spiele nachgesagt, dann war er es vielleicht, der gegen das wankende Haus, in dem, blieb es stehen, sein Weib und die Zwillinge in jedem Falle Unterkunft gefunden hätten, den ersten entscheidenden Stoß that. Zum Schelm und zugleich zum kurzsichtigsten der Narren hatte ihn der Groll gegen den Schweizer, hatte Haß und Eifersucht ihn gemacht. Als er sich dem oberen Stockwerke, wo die Kinderstube lag und wo er sein Weib zu finden erwartete, näherte, war es ihm plötzlich, als zeige sich ihm ein Stern in finsterer Nacht. Wenn er Isabella das Herz ausschüttete und sie teilnehmen ließ an seiner furchtbaren Seelenqual, dann erwachte vielleicht in ihr, die ihn doch liebte und die ihm teurer war als er es auszusprechen vermochte, freundliches Mitleid. Ihr Geschmeide hatte gewiß sehr hohen Wert, doch weit köstlicher erschien ihm die Hoffnung, das schwere Haupt an ihre Brust schmiegen zu dürfen, sich von ihrer schmalen weißen Hand das Haar aus der sorgenvollen Stirn streichen zu lassen. O, wenn das 274 Unglück sie ihm wieder so nahe brachte, wie sie ihm in den ersten Monden der Ehe und auch vorhin noch gestanden, dann konnte er sich kurz vor dem Verschmachten noch einmal neu gekräftigt erheben und den halbverlorenen Kampf zum Siege zu führen unternehmen. Und sie war ja auch klug und hatte Macht über die Herzen der Ihren und zeigte ihm vielleicht den Rettungsweg, den sein des Denkens ungewohnter Geist noch nicht zu finden vermochte. Hoch klopfenden Herzens und von neuer Hoffnung belebt, betrat er den Flur, an dem das Quartier lag, das er mit ihr bewohnte. Der Wunsch, sie allein zu finden, sollte sich indes nicht erfüllen; denn verschiedene Stimmen klangen ihm von dorther entgegen. Und was hatte das zu bedeuten? Vor der Thür der Kinderstube stand Isabella, bleich und hochaufgerichtet, mit einem strengen, frostig kühlen Zug an den schönen Lippen, wie eine Fürstin, die einem Frevler das Urteil spricht. Sie atmete tief, und vor ihr, der Mutter und Großmutter, bewegte sich mit lebhaften Gesten der hübsche Page der Gräfin Cordula, den Siebenburg nur zu wohl kannte. Er hielt den Rosenstrauß in der Hand, den er der neugewonnenen Gattin und Herzliebsten gleichsam als Versöhnungszeichen geschickt, und Siebenburg hörte, wie er mit der hellen Knabenstimme dringlich ausrief: »Ich sagte es ja schon, und, edle Frau, Ihr dürft es mir glauben: für die Gräfin von Montfort, meine vielgnädige Herrin, war der Strauß hier bestimmt, den die Botin uns brachte. Einen schönen Morgengruß sollte sie bestellen, und – laßt es euch nicht verdrießen; denn es geschah ja nur in fröhlichem 275 Minnespiel, wie die Gewohnheit es vorschrieb. – Ehrt doch, seit wir hier sind, Euer Herr meine Gräfin Tag für Tag mit dem Allerschönsten, was in den Gärten Frankens die Knospen öffnet. Doch meine gnädige Gebieterin ist, wie Ihr schon hörtet, der Meinung, Ihr, edle Frau, hättet ein besseres Recht auf diese besonders schönen Kinder des Lenzes, als sie, die Eurem Herrn schon gestern abend ans Herz legte, in Euch, schöne Dame, das vornehmste Ziel seiner Huldigungen zu erblicken, nicht in ihr. So sandte sie mich denn aus, um Euch, Vielgnädige, was Euer ist, zu Füßen zu legen.« Damit versuchte der geschmeidige Knabe Frau Isabella die Rosen mit einer zierlichen Verbeugung in die Hand zu spielen; sie aber begehrte des Straußes nicht. Bei der heftigen Bewegung, mit der sie ihn zurückwies, fiel er unversehens zu Boden. Ohne seiner weiter zu achten, erteilte sie dem Pagen die vornehm kühle Antwort: »Dankt Eurer Herrin und sagt ihr, ich erkennte die gute Absicht, doch wären die Rosen gar dornig, die sie verschenkt.« Damit wandte sie dem Knaben den Rücken und schritt mit stolzer Majestät auf die Thüre des Kinderzimmers zu. Mutter und Großmutter wollten ihr folgen; Siebenburg aber drängte sich zwischen sie und sein Weib, und aus seiner Stimme klang der ganze Jammer einer von Verzweiflung ergriffenen Seele, als er ihr flehentlich zurief: »Höre mich, Isabella! Hier waltet ein unseliger Irrtum! Bei allem, was Dir und mir heilig, bei unserer Minne, bei unseren Büblein schwör' ich Dir zu: Für Dich, die Herzliebste, und ganz allein für Dich waren die Rosen bestimmt.« 276 Hier aber schnitt ihm die Großmutter das Wort ab, indem sie hell aufkichernd ausrief: »Die unreifen Frühbirnen vom Obstmarkt kommen wohl später der Hausfrau zu Händen: die Rosen fanden schneller den Weg zu der Montfort.« An diese bitterbösen Worte schloß sich wie das Echo die weinerliche Klage Frau Rosalindes: »Nur zu wahr, gnädige Frau Mutter. Auch das noch!« Aber der Ritter achtete nicht des empörten und scheltenden Weibes, sondern eilte der Gattin nach, um sich ihr zu Füßen zu werfen und ihr alles der Wahrheit gemäß zu bekennen; sie aber, die schon längst gehört, daß ihr Gatte der Gräfin Cordula in auffälligerer Weise huldige, als es einem redlichen Eheherrn geziemte, und nach der glückseligen Stunde von vorhin bis zum Erscheinen des Pagen den Beginn einer besseren, ihrer würdigeren Zeit erwartet hatte, fühlte sich jetzt doppelt herabgesetzt, mißhandelt, betrogen. Ohne dem unseligen Manne auch nur einen Blick oder ein Wort zu schenken, trat sie, bevor er sie erreichte, in das Kinderzimmer zurück; er aber fühlte, daß er ihr um jeden Preis nachdringen müsse, legte die Hand an das Schloß und wollte es öffnen. Doch die starke Eichenthür widerstand seinem Ziehen und Zerren. Isabella hatte den schweren Eisenriegel geschlossen. Da pochte er erst mit dem Finger und schlug dann mit der Faust an die Thür, bis die Großmutter ihm zurief: »Das Haus habt Ihr zu Grunde gerichtet; so schont wenigstens der Thüren.« Da begab er sich mit einem wilden Fluche in sein Gemach, steckte dort hurtig zu sich, was er an Geld und 277 an Kostbarkeiten besaß und betrat dann wiederum die Straße. Der Weg führte ihn an der Blumen-Kuni vorbei, von der er die Rosen gekauft. Die Bettlerin, die den Strauß seiner Gemahlin hatte überbringen sollen, hörte schlecht mit dem verbundenen Kopfe und war, da sie den Ritter nicht verstanden, zu dem Mädchen, bei dem sie Seitz die Rosen hatte erwerben sehen, gegangen, um es zu fragen, wohin sie gehörten; Kuni aber hatte sie in das Montfortsche Quartier gewiesen, wohin sie schon so viele Sträuße für Siebenburg gesandt. Dieser gewahrte die Blumenverkäuferin wie die Bettlerin, doch suchte er sich bei keiner Gewißheit zu verschaffen, wie die Rosen, die er seiner Gattin bestimmt, zur Gräfin Cordula geraten. Er ahnte das Rechte, doch trug er kein Verlangen, es sich bestätigen zu lassen. Das Schicksal wollte ihn vernichten; er hatte es erfahren. Welcher Mittel es sich dazu bediente, kümmerte ihn wenig. Es wäre auch thöricht gewesen, sich gegen die Uebermacht eines solchen Widersachers zu wehren. Mochte das Verderben denn seinen Gang gehen. Das Einzige, wonach ihn verlangte, war, dies Elend, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu vergessen. Mit Hilfe des Trunks, das wußte er, konnte er dahin gelangen, und so trat er in das Weinhaus zum Spiegel und leerte dort Humpen auf Humpen mit einer Schnelligkeit, die auch den an große Leistungen seiner Gäste gewohnten Wirt veranlaßte, den Kopf auf dem überstarken Halse bedenklich hin und her zu wiegen. Die wenigen jetzt schon anwesenden Gäste hatten sich zusammengeschart und redeten bekümmert von dem Unglück, das den Kaiser betroffen. Der Schmerz, den jeder, 278 wie Seitz meinte, heuchlerisch zur Schau trug, verdroß ihn und er blickte darum so finster und bedrohlich drein, daß keiner es wagte, ihm näher zu rücken. Bald schaute er in den Wein, bald starr vor sich hin, bald auch zu der gewölbten Decke in die Höhe. Den Wirt und den Aufwärter, die ihn anzureden versuchten, wies er barsch zurück; als sich aber die Weissagung des Bauern erfüllte, und dem Unwetter in dieser Nacht um Mittag ein nicht minder schweres folgte, stand er auf und verließ die Schenke. Der Regen lockte ihn ins Freie. Es war so schwül, so grausam schwül in der Trinkstube gewesen. Das Naß des Himmels sollte ihn erfrischen.     Achtzehntes Kapitel. Das entsetzliche Gewitter hatte ausgetobt, doch der Himmel war immer noch bewölkt. Ein kühler Hauch wehte von Nordosten her durch die trübe, feuchte Luft. Heinz Schorlin kam von der Veste und schritt, nachdem er die Diligengasse gekreuzt, geradeswegs seinem Quartier entgegen. Im Kettenpanzer, gespornt und mit dem Helm auf dem Haupte hätte er eigentlich in den Sattel gehört, und dennoch ging er zu Fuße. Eine Schar von Männern, Weibern und Kindern, die die Köpfe flüsternd zusammensteckten, gab ihm das Geleite. Einer wies den andern auf ihn hin, als sei etwas Besonderes an ihm. Zwei stämmige Soldknechte der Stadt trugen ihm Sattel und Geschirr seines Rosses nach und hielten Buben oder Weiber zurück, die sich allzu keck an ihn heranzudrängen versuchten. Heinz kümmerte sich nicht um die Menge. Er sah bleich aus. Das volle Haar quoll ungeordnet aus dem Helme hervor und umwehte ihm das Antlitz. Die Kettenrüstung an seinen Beinen und der lange Waffenrock waren mit Kot bespritzt. Der sonst so schmucke junge 280 Ritter sah verwahrlost aus und wie aus dem Gleichgewichte gerissen. Seine sonst so heiteren Züge trugen den Stempel eines noch unüberwundenen Entsetzens. Unstät schaute er vor sich hin und schien bald am Boden, bald in der Höhe etwas zu suchen. Vor dem Hause in der Bindergasse, das ihn beherbergte, stand die junge, hübsche Wirtin, Frau Barbara Deichslerin, mit ihrem dreijährigen Töchterlein an der Hand. Der Ritter hielt sonst immer ein freundliches oder neckisches Wort für sie und für das Annele einen munteren Scherz oder gar etwas Süßes in Bereitschaft. Ja, der kinderliebe Herr schwang die Kleine gern in die Höhe und trieb mit ihr fröhliche Kurzweil. Frau Barbara hatte schon vernommen, daß der Blitz, als Heinz von der Veste zurückkam, dicht vor ihm eingeschlagen und seinen schönen Goldfuchs, an dem sie oft ihre Freude gehabt, unter ihm getötet. Vor den Augen der Burgwache hatte das sich ereignet, und von Mann zu Mann war die Kunde gegangen, welch ein unglaubliches Wunder dem jungen Schweizer, dem liebsten Gefährten des ertrunkenen Kaisersohnes, das Leben erhalten. Als Heinz nun auf das Hausthor zuschritt, trat Frau Barbara ihm mit dem Annele entgegen, um ihm Glück zu wünschen, daß die lieben Heiligen ihn so gnädig behütet; er aber entgegnete nur ernst: »Was sind wir Menschen? Freut Euch des Kindes, Frau Bärbel, so lang' es Euch noch vergönnt ist.« Damit war er in den Soler getreten; die Deichslerin aber hatte sich hastig aufgemacht, um seinen Waffenträger zu rufen, einen graubärtigen Schweizer, der schon dem Vater des Ritters gedient und die vielen Stunden 281 verschlief, die der Dienst und der Wein ihm freigaben. Er sollte Biberli ersetzen, der schon lange das Haus verlassen hatte und den Herrn zum erstenmale seit vielen Jahren auf sich warten ließ. Aber Heinz wußte, wo er sich befand, und während der Waffenträger ihn der Rüstung und des Staatsgewandes ungeschickt genug entledigte, erfaßte ihn oft stille Besorgnis um den treuen Gesellen, obwohl ihm viel anderes näher am Herzen lag, womit der vergangene Morgen ihm die Seele belastet. So glücklich wie in der letzten Nacht beim Herzog von Pommern hatte er noch nie gespielt. Der Rat Biberlis, auf die Zwei und Fünf zu bauen, hatte sich mehrfach bewährt, und außer dem Gute Tannenreuth, das Siebenburg gegen seinen ganzen Gewinn gehalten, hatte er mehr Gold als er jemals beisammen gesehen, mit nach Hause gebracht. Doch er war keineswegs frohgemut zur Ruhe gegangen. Wem es auch sei sein Heim und Land abgenommen zu haben, war ihm peinlich. Er hatte sich auch gesträubt, den unsinnigen Satz Siebenburgs anzunehmen, doch seinem trotzigen Beharren und Aufbegehren war nicht zu widerstehen gewesen. Auch die Verdächtigungen, mit denen der »Schnurrbart« der unschuldigen Els Ortliebin gedacht, waren ihm nachgegangen, – und außer ihm hatte mancher andere dem Verleumder seinen Unwillen zu erkennen gegeben. Wohl dreißig Herren waren am Spieltische Zeugen dieser Vorgänge gewesen, und wenn sich morgen die Spatzen auf dem Dache erzählten, daß er, Heinz, mit dem älteren schönen Ortlieb E um Mitternacht bei einem Stelldichein ertappt worden sei, so trug er die Schuld, so belastete ihn der Vorwurf, einer 282 reinen Jungfrau, der Braut eines wackeren Gesellen Ehre und guten Namen abgeschnitten zu haben. Und Eva! Beim Erwachen am Morgen hatte ihr sein erster Gedanke gegolten. Begehrenswerter denn je war sie ihm erschienen. Doch die Seinen daheim und was Biberli ihm gestern während ihrer nächtlichen Wanderung auf die Seele gebunden, hatte sich fortwährend zwischen ihn und das heißgeliebte Mädchen gestellt. Dazu erschien es ihm gewiß, daß die Minne, die ihm das Herz erfüllte, unglücklich enden müsse. Woher sonst dies unerhörte Glück beim Spiele? – Mit peinigender Gewalt hatte dieser Gedanke ihn eine Weile wach erhalten. Dann war er in einen tiefen, traumlosen Schlaf versunken. Am Morgen hatte Biberli ihn voll frohen Uebermuts geweckt und auf drei stattliche Säcklein voller Guldein und Zechinen gewiesen, den Gewinn vom gestrigen Abend. Flehentlich war der Diener in ihn gedrungen, den goldenen Segen zählen zu dürfen, der für sich allein ausreiche, um der Stadt Luzern den Brückenzoll zweimal abzukaufen, und an dem das beste sei, daß er der Frau Mutter auf der Schorlinburg den Frieden zurückgeben werde. Jetzt möge er in aller Heiligen Namen das freie ledige Leben fortführen und die Nachtwandlerin auf den Dächern spazieren gehen, die Gräfin aber von dem Altrosen heimführen lassen, der ja ihre Farbe so geduldig trage. Doch wie lang hatte sich das ohnehin schmale Gesicht des Dieners gezogen, als Heinz mit einer ernsten Entschiedenheit, die Biberli fremd an ihm war, bestimmte, aus diesen Säcken würde auch kein verschnittener Dukaten auf die Schorlinburg wandern. Wenn ihn gestern nacht 283 die Sorge wie die Leiche eines Erschlagenen belastet, so liege ihm dieser Gewinn wie eine ekelhafte tote Katze auf der Seele. So armselig wie mit diesem Teufelsgelde habe er sich zeitlebens nicht gefühlt. Der Hexenspeck, den Biberli ihm mit der Zwei und Fünf gereicht, hätte es den Mitspielern aus der Tasche gezogen. Weder ein Beutelschneider noch ein Schwarzkünstler lüste es ihn zu sein. So schnell wie er ihm zugekommen, sollte der Höllenlohn auch wieder von hinnen. Dabei hatte er den zweitgrößten Sack ergriffen und ihn dem Diener mit dem Rufe geschenkt: »Jetzt halte dem Kätterle brav das gegebene Wort. Es wird dem armen Dinge der Boden ohnehin heiß werden bei seiner Herrschaft. Nur das eine beding' ich mir aus: Du bleibst in meinen Diensten. Ich kann Dich nicht missen.« Während der Waffenträger ihm jetzt statt des flinken Biberli die Hauskleider reichte, kam es Heinz wieder in den Sinn, wie der treue Gesell vor ihm auf die Kniee gesunken war und ihm die Hände und Arme im Uebermaß der frohen Ueberraschung geküßt hatte, und wie es ihm selbst dennoch gewesen war, als breitete sich ein finsteres Gewölk über den lichten Frohmut seiner Seele. – Die Morgensonne hatte dabei so hell in sein Fenster geschienen und das Annele war mit so reizend schämiger Verlegenheit zu ihm gekommen, um ihm ein Maiblumensträußlein mit einer Rose in der Mitte zu überbringen und dazu einen schönen guten Morgen von der Frau Mutter, daß das Gewölk nicht hätte standhalten dürfen; und doch war es nur bisweilen aus einander gewichen, um sich bald wieder, wenn auch weniger fest und dunkel als vorher, zusammen zu ballen. 284 Trotzdem hatte er das Kind auf den Arm genommen und mit ihm in die schmale Gasse hinabgeschaut, um ihm zu zeigen, was da alles so morgenfrisch und munter zu Markte zog. Aber bald genug hatte er es wieder zu Boden gestellt; denn in dem Reiter, der da auf müdem Rosse näher kam, hatte er den Grafen Kurt Gleichen erkannt. Er war sein und des jungen Kaisersohnes Hartmann bester Freund, und als er ihn angerufen, hatte er sich mit einem matten Gruße aus dem Sattel gleiten lassen. Ungesäumt war Heinz ihm bis vor das Haus entgegengeeilt; dort aber hatte er ihn neben seinem Rosse gefunden, das in die Kniee gesunken war, und sich dann an der Hand der Reiters zitternd und röchelnd in den Soler schleppte. Da war es vollends zusammengebrochen, hatte sich auf die Seite gelegt und die Beine steif von sich gestreckt. Es war das dritte Pferd, das der Bote seit seinem Aufbruche vom Rheine zu Tode geritten, und doch war er gewiß gewesen, zu früh zu kommen; denn er hatte einem Vater den Tod seines blühenden Sohnes zu melden. Fassungslos vernahm Heinz von dem Augenzeugen, wie Hartmann, bevor er ihm die rettende Hand hatte hinstrecken können, von den Wogen des Rheinstroms in die Tiefe gezogen worden war. Trotz des sonnigfrohen Morgens hatte der junge Schweizer, er wußte nicht welches schwere Unheil erwartet und sich gesagt, er würde es als willkommenen Gast begrüßen, wenn es ihn von dem Mißgefühl befreite, das ihm seit dem schmachvollen Glücke in dieser Nacht die Seele trübte. Da war es nun eingetroffen, und wie 285 gern hätte er auch das Schwerste weiter getragen, um es ungeschehen zu machen! Wie ein Kind hatte er an der Brust des Freundes geschluchzt und den Himmel angeklagt, ihn gerade mit diesem Leide heimgesucht zu haben. Nicht nur sein Freund, auch sein Schüler war Hartmann gewesen, und welch ein Schüler! Im Reiten und Schwertkampfe hatte er ihn unterrichtet und mit ihm und dem jungen Grafen Gleichen im letzten Jahre wie ein dritter Bruder alles geteilt. Wie ein solcher war der Kaisersohn ihm auch immer fester ans Herz gewachsen. Hätte er, Heinz, wie es bestimmt gewesen war, Hartmann an den Rhein begleiten und ihm zur Seite bleiben dürfen, keiner von ihnen oder sie beide wären dem Strome zum Opfer gefallen! Und Hartmanns alter, treuer Vater, der edle Mann, dem er alles verdankte, und der mit ganzer Seele an dem teuren Jüngling, seinem Ebenbilde an Leib und Seele, hing! Wie würde Kaiser Rudolf dies tragen? Hatte ihm doch erst vor wenigen Monden der Tod die Gemahlin, die Geliebte seiner Jugend, die Mutter seiner Kinder, die Genossin seiner ruhmreichen Laufbahn, entrissen! Der Gedanke an ihn griff Heinz tief in die Seele, und am liebsten wäre er selbst sogleich auf die Burg geeilt, um dem unglücklichen Vater die neue furchtbare Last, die ihm auferlegt wurde, tragen zu helfen. Doch erst hatte er für den Schreckensboten zu sorgen, der erschöpft und mit bleichen Lippen einer Stärkung bedurfte. Biberli, der alles sah und an alles dachte, hatte der Wirtin schon ans Herz gelegt, das ihre zu thun, und den Roßknecht zum Schneider geschickt, damit es Heinz bei dem Ritt auf die Veste nicht an dem Trauergewand 286 fehle, das in wenigen Stunden – es brauchte nur ein Waffenrock zu sein – hergestellt werden konnte. Eben hatte Frau Barbara den Imbiß gebracht und dem Befehl nachzukommen gelobt, das Furchtbare, das sie vernommen, einstweilen noch vor aller Welt zu verschweigen, damit das Gerücht es nicht vorzeitig auf die Veste trage, als ein neuer Besuch erschienen war: der Vetter Heinz Schorlins, der Schweizer Ritter Arnold Maier von Silenen, ein Fünfziger von hoher Gestalt mit breiten Schultern, starkem Leib und kräftigen Gliedern. Seinem ernsten, gebräunten Gesichte, das ein grauer Vollbart umrahmte, sah man an, daß auch er nichts Erfreuliches bringe. Zu dieser frühen Stunde war er noch nie bei dem jungen Vetter erschienen. Befremdet maß er Heinz mit den verständigen und guten grauen Augen. Was war aus dem fröhlichen Burschen geworden? Als er indes hörte, was dem jungen Ritter die Augen mit Thränen netzte, zuckten auch ihm die Lippen, und die mannhaft tiefe Stimme stockte ihm, während er dem tief Bekümmerten die beiden schweren Hände auf die Schultern legte und ihm feuchten Blickes in die Augen schaute. Endlich hatte sich seiner Brust der schmerzliche Ruf entrungen: »Mein armer, armer Bub! Bete zu dem, dem wir das Gute verdanken, und der uns mit dem Ueblen prüft. Wollte Gott, ich hätte Dir weniger Schmerzliches zu künden!« Da war Heinz zusammengeschrocken; der Vetter aber hatte ihm berichtet, was er erst vor kaum einer Stunde durch den Schweizer Boten erfahren: Bei dem Streit um den Brückenzoll war es zum Schlagen gekommen. Der Oheim, der Heinz den Vater ersetzt und des Seinen 287 gewaltet, der alte Haudegen Walther Ramsweg, war gefallen, die Schorlinburg von dem städtischen Kriegsvolk genommen und dann auf Befehl des Vogtes geschleift worden. Wendula Schorlin, Heinzens Mutter, war mit ihrer Tochter Maria den Städtern in die Hände gefallen und nach Konstanz ins Kloster geführt worden. Dort weilte sie nun mit ihrem jüngsten Kinde bei den beiden älteren Töchtern, die den Schleier genommen. Bei dieser Nachricht hatte Heinz tief ergriffen gerufen: »Der Ohm Ramsweg, auch er, unser guter zweiter Vater, im Grabe, ohne daß ich ihm zum Abschied die treue tapfere Hand drücken durfte! Und Maria, unser singender Vogel, unser flinkes Eichhörnlein bei den ernsten, weltmüden Schwestern! Und die Mutter! . . . Du bist ihr ja auch gut, Ohm, wie jedermann, – und Du kennst sie. Sie, die zu befehlen gewöhnt ist und des Hauses und der Wirtschaft zu warten, die wie eine Heilige Thränen trocknete weit und breit unter Mühsal und mancher Entbehrung, – sie, des eigenen starken Willens beraubt, im Kloster . . . Ach Ohm, Ohm! Das mit anzuhören und dem Gesindel nicht an Hals und Kragen zu dürfen, das uns das alte Heim unserer Ahnen raubte wie ein Bube der Schnecke das Haus. Läßt sich's denn denken? Keine Schorlinburg mehr hoch über dem See auf den Felsen am Waldrand. Die Kemenate zerstört, in der wir alle das Licht der Welt erblickten und dem Sange der Mutter lauschten; das heilige Gemach, wo der Vater die Augen schloß, die uns so liebreich gehütet; die Kapelle, in der wir so fromm gebetet und der gnadenreichen Jungfrau von unserem kleinen Besitz eine Kerze stifteten oder ihr im wonnigen Mai Blumen brachten aus dem 288 Würzgärtlein der Mutter, vom Hang der Felsen und aus dem dunklen Walde. In Trümmern der Burghof, wo wir das Roß tummeln und die Waffen führen lernten, der Rittersaal, wo wir am Kamin den Fahrenden lauschten! Hin, hin, alles hin. – Die Mutter und Maria weinende Gefangene!« Hier hatte ihn der Vetter unterbrochen, um ihm zu zeigen, daß die Liebe ihn zum Schwarzsehen verleite. Die Mutter habe um der Töchter willen den Aufenthalt im Kloster erwählt; sie werde dort mit nichten gewaltsam festgehalten. Wohin es ihr beliebe, dürfe sie sich vielmehr wenden, und ihr Eingebrachtes und was sie sonst gerettet, genüge reichlich, um ihr und Maria in Stadt oder Land ein ihrem Stande gemäßes Leben zu sichern. Das gereichte Heinz zu einiger Beruhigung; es blieb aber noch genug übrig, den Schmerz, der ihn ergriffen, lebendig zu erhalten, und seine Stimme klang bekümmert genug, als er fortfuhr: »Das lindert die Bitterkeit des Trankes. Doch wer baut die alte Burg wieder auf? Wer ersetzt uns den Oheim? Und der Kaiser, mein vielgeliebter, väterlicher Herr, in Herzeleid vergehend. Unser Hartmann nicht mehr! Fortgespült wie ein dürrer Zweig, den die schnelle Reuß ergreift und den Blicken entführt! . . . Zu viel, zu schwer, zu entsetzlich! . . . Und die Sonne scheint dennoch da oben so hell denn je, es lachen die Kinder drunten so fröhlich wie immer!« Damit hatte er laut aufstöhnend die Hände vor das Angesicht geschlagen, und diejenigen, von denen er berechtigt gewesen wäre, Trost zu erwarten, waren gezwungen gewesen, ihn mitten im tiefsten Leid zu verlassen; denn die Schweizer Post, die dem Maier von Silenen, 289 dem angesehensten seiner Landsleute in Nürnberg, zugekommen war, wartete in seinem Quartier noch der Verteilung; Graf Gleichen aber mußte sein trauriges Botenamt zu Ende führen. Der Freund hatte ihm sein zweites Roß, den Rappen, vorführen lassen, um auf die Veste zu reiten. Während Heinz dann, von Kummer und Leid hin und her getrieben, bald das Zimmer durchmessen, bald sich in den Sorgenstuhl geworfen hatte, den Frau Barbara, um ihn besonders zu ehren, in das Wohngemach gestellt, war der Minoritenpater Benedictus, den er nach Nürnberg geführt, ungerufen aus dem nahen Barfüßlerkloster gekommen, um ihm den Morgengruß zu bieten. – Der Enthusiasmus, mit dem ihm in jungen Jahren der heilige Franz selbst die Seele erfüllt, war in seiner alten Brust nicht erloschen. Er, der in der Jugend das Wappen seines ansehnlichen Geschlechtes bei manchem Feldzug und Turnier als aller Ehren werter Ritter auf dem Schilde getragen, fühlte dem jungen Standesgenossen nach und fand ihn in der Stimmung, für sein wahres Heil zu sorgen. Auf dem Ritte nach Nürnberg hatte er in Heinz ein frommes Herz und einen lebhaften Geist wahrgenommen, den es nach Höherem verlangte. Noch war ihm damals der frohgemute Jüngling nicht reif erschienen für den Ruf des Himmels; als er ihn aber von schwerem Leid niedergebeugt wiedergefunden und seine gestern noch so sonnigen Augen in Thränen hatte schwimmen sehen, da war die Ueberzeugung in ihm erwacht, der Allmächtige selbst habe ihn an die Hand genommen, um ihm, dem er dankbar das Beste wünschte, auf den Weg zu führen, den der herrliche Seelenarzt von Assisi ihm selbst 290 gewiesen und auf dem er eine Glückseligkeit gefunden, nach der er in der Welt vergebens getrachtet. Aber sein Gespräch mit dem jungen Freunde war erst von dem Meister, der das Trauerkleid herstellen sollte, dann von Siebenburg unterbrochen worden, und auch später hatte es ihm an Muße gefehlt, Heinz weiter in die Schule zu nehmen; denn nachdem Seitz gegangen war, hatten Biberli und Kätterle in Verhör genommen werden müssen. Das Ergebnis war überraschend genug ausgefallen und hatte Heinz veranlaßt, dem Diener und seiner Herzliebsten den Gang anzubefehlen, von dem jener noch nicht zurückgekehrt war. Als er sich allein befand, hatte der junge Ritter sich wiederholt, was ihm der Pater vorhin auf die Seele gebunden. Dann war Evas Bild ihm erschienen und er hatte sich gefragt, ob sie, die Fromme, ihrer Heiligen nicht danken würde, wenn sie erfuhr, daß er, ihrem Rate gehorsam, besser für sein ewiges Heil zu sorgen beginne. Von solchen Gedanken bewegt hatte er dennoch gelächelt, als er sich sagte, der Minorit scheine ihn allen Ernstes für das Kloster gewinnen zu wollen. Der Greis meinte es gut; doch wie hätte er von dem Waffenhandwerke lassen können, für das er erzogen war, und das er liebte? Dann hatte er auf die Veste reiten müssen, um dem Kaiser aufzuwarten und ihm zu sagen, wie tief er seinen Schmerz mit ihm empfinde. Er war indes abgewiesen worden; denn Rudolf hatte allein zu bleiben und von niemand, auch nicht von den Nächsten, gestört zu werden gewünscht. Auf dem Heimwege hatte er beim inneren Tiergärtnerthore in die Thorstraße einbiegen wollen, um dann den Weg über den Milchmarkt zu nehmen. Schon hatte das 291 heftige mittägliche Gewitter nachzulassen begonnen, und still war er in seines Herzens Kummer fürbaß geritten, als plötzlich ein gewaltiges, knatterndes Krachen ihm das Ohr betäubt und die Empfindung in ihm erweckt hatte, als schwanke der Boden unter ihm, das Thor und die Veste. Im nämlichen Augenblicke war der Goldfuchs mit allen Vieren auf einmal ausgesprungen, hatte den klugen Kopf krampfhaft zur Seite geworfen und war in die Kniee gesunken. Halb geblendet von dem flammenden Lichte, das er dabei gewahrt, und befremdet von dem schwefeligen Dunst, den er verspürte, hatte Heinz dennoch die Gegenwart des Geistes bewahrt und war aus dem Sattel gesprungen, bevor der zuckende Hengst sich auf die Seite geworfen. Von der Thorwache aus waren ihm schnell einige Soldknechte zu Hilfe geeilt. Sie hatten das Roß mit ihm besichtigt und gefunden, daß das edle Tier schon verendet. Der Blitz war an seiner mit Eisen gewappneten Stirn und dem stählernen Gebiß entlang geeilt und in den Boden geschlagen, ohne Heinz selbst zu verletzen. Das hatten die Soldknechte und ein Predigermönch, der im Wachthause Schutz vor dem Regen gesucht, als ein hohes Wunder gepriesen. – Die zusammengelaufenen Leute waren gleichfalls von frommem Schauder ergriffen worden und dem Ritter gefolgt, an dem sich die Gnade des Himmels so deutlich bewährt. Heinz selbst fühlte nur, daß sich etwas Unerhörtes für ihn und mit ihm begeben. Die Welt hatte ein neues Ansehen für ihn gewonnen. Seine Lebensbahn, die ihm gestern noch so unermeßlich lang erschienen war, kam ihm kurz vor, so jämmerlich kurz. Vielleicht war sie schon zu Ende, bevor die Sonne bei den Hallerwiesen zur Rüste ging. Jede Stunde, die ihm noch zu atmen 292 vergönnt war, mußte er als Geschenk ansehen, wie das Draufgeld, das er beim Pferdehandel dem Bereiter in die Hand gab. Nicht nur dem Goldfuchs, auch ihm hätte nach Menschenermessen der Blitz den Tod bringen müssen. Und wenn er dennoch lebte und atmete und da draußen das graue Gewölk über den Himmel hinziehen sah, so wurde ihm dies doch nur gewährt, damit es ihm möglich würde, für sein ewiges Heil zu sorgen, nach dem er bisher so wenig gefragt. Wie dankbar mußte er sein, daß diese Frist ihm vergönnt war, daß er nicht wie der Kaisersohn Hartmann ungewarnt in seinen Sünden dahinzugehen brauchte. Ob Eva nicht das Gleiche empfinden würde, wenn sie erfuhr, was ihn betroffen? Vielleicht kam Biberli – er war schon so lange fort – bald zurück und konnte ihm von ihr erzählen. Den Diener und seine Liebste hatte er, schon bevor der Wetterschlag ihn in den Grundtiefen erschüttert, nur von schwerem Kummer und der Mahnung des Mönches ergriffen, auf den rechten Weg zu leiten getrachtet, und der greise Minorit ihm Beistand geleistet. Das mönchische Leben hätte für Biberli freilich nicht getaugt; doch er hatte sich bereit gezeigt, gut zu machen, was er an dem armen Mädchen, das ihm drei Jahre lang Treue gehalten, verschuldet, und es ungebeten zu dem erzürnten Hausherrn zurückbegleitet. Mit der Erklärung, er werde beweisen, was es mit seiner Treue und Standhaftigkeit auf sich habe, war er, bevor Heinz auf die Veste ritt, gegangen und hatte damit ein Wagnis unternommen, das ihm allerdings ein Recht gab, für alle Zeit das T und St an seinem langen Gewande und am Kogel zu führen. Mußte doch auch er erwarten, von Ernst Ortlieb zur Rechenschaft gezogen 293 zu werden. Ließ der erzürnte Vater, der mit im Rate saß, die Strenge des Gesetzes walten, dann konnte es ihm mehr als übel ergehen. Aber er hatte gesehen, wohin er die Liebste gebracht, und der Minorit sein redliches Herz zu der Erkenntnis geführt, welche Schuld er begehe, wenn er sie allein für eine That büßen lasse, die sie auf seinen Wunsch, ja auf seinen Befehl hin begangen. Mit dem Golde, das Heinz ihm geschenkt, und nach seiner Versicherung, ihn auch als Ehemann im Dienst zu behalten, konnte er es freilich leichter wagen, sich gemeinsam mit derjenigen bestrafen zu lassen, die bald sein Weib und bestimmt sein sollte, das Schlimme wie das Gute mit ihm zu teilen. Des Beistands seines Herrn und des Minoriten hatte er sich gleichfalls versichert und sich eine Darstellung des Vorgefallenen zurechtgelegt, die sein Vergehen und das der Magd in milderem Licht erscheinen ließ. Endlich aber – und davon hoffte er das Beste – brachte Kätterle gute Kunde heim für die Ortliebs, und er war der Mann, sie für Jungfer Els nutzbar zu machen. So hatte er denn sein Schicksal dem lieben Herrn, hinter dem der Kaiser selbst stand, dem Minoriten, der, bei seinem hohen Alter und würdigen Aussehen, ein einflußreicher Mann sein konnte, dem heiligen Leodegar und seinem vollen Beutel befohlen und war mit dem tief vermummten Kätterle bang schlagenden Herzens auf die Straße getreten, um den schweren Gang zu dem erzürnten Dienstherrn und Vater zu wagen. Auch ihm hatte dieser Morgen manches Wichtige gebracht: Die Mittel, einen Hausstand zu gründen, die Ueberzeugung, daß es ihm sauer fallen würde, ohne die Herzliebste ein zufriedener Mann zu bleiben, und die 294 wichtigere, daß es nicht weise sei, das Gute lange hinauszuschieben, weil es – der Tod des jungen Kaisersohnes Hartmann hatte es ihm bewiesen, und Pater Benedictus es ihm noch deutlicher gemacht – weil es gar zu schnell aus sein konnte mit der Möglichkeit, der Freuden des Daseins zu genießen. Um ein Haar wäre auch sein Kätterle ihm auf immer verloren gegangen, und zwar ganz allein durch seine, des Mannes Schuld, auf dessen Treue und Standhaftigkeit sie so felsenfest baute. Ihm, seinem Herrn und dem Pater hatte sie, nachdem Siebenburg gegangen war, unter Thränen berichtet, was ihr begegnet, und wie sie endlich in die Bindergasse und in das Quartier des Ritters Schorlin gelangt war. Als sie aus Furcht vor der Strafe während des Klosterbrandes das Weite gesucht, hatte sie der Weg zuerst an den Dutzenteich geführt. Entschlossen, dem Leben ein Ende zu machen, war sie an das Endziel ihrer nächtlichen und ihrer Lebenswanderung gelangt. In schauerlichem Dunkel hatte das unheimliche schwarze Gewässer mit seinem schilfreichen Ufer, in dem die Unken und Frösche in der schwülen Nacht quakten, vor ihr gelegen. Nachdem sie einige Paternoster gesprochen, war es ihr schwer auf die Seele gefallen, daß sie ohne die letzte Oelung von hinnen gehen sollte. Aber das ließ sich nicht vermeiden, und am Pranger zu stehen wie die Baderswitwe, und von den Leuten bespieen und geschmäht zu werden, erschien ihr schrecklicher als das Fegfeuer, in dem so viele, und wohl auch Biberli, der sie so weit gebracht, mit ihr zusammen gequält werden sollten. So legte sie denn das Bündel, das sie – sie wußte 295 selbst nicht zu welchem Zweck – mitgenommen hatte, zu Boden und zog, als ginge es ins Bad, die Schuhe aus. Da gewahrte sie plötzlich auf dem dunklen Spiegel des Wassers einen rötlichen Schimmer. Das konnte der Widerschein des Fegfeuers nicht sein, wie sie anfangs gedacht. Aus dem Hammer am andern Ufer, der jetzt still stand, kam er gewiß nicht; denn seine Umrisse tauchten schwarz und regungslos aus dem Dunkel hervor. Nein – eine kurze Umschau bewies es – es stammte von dem Brande des Klosters. An zwei Stellen war der Himmel blutrot gefärbt, am hellsten leuchtete und flammte jedoch der purpurne Glanz im Südosten der Stadt, wo die St. Klarengasse liegen mußte. Da überfiel sie plötzlich eine marternde Neugier. Sollte sie dahingehen, ohne zu wissen, wie es mit dem Feuerschaden, dem neuerbauten Kloster, auf dessen Baustätte sie des Frühlings ihrer Liebe genossen, geworden, und wie es den guten Klarissinnen erging? Das schien ihr unmöglich, und ihre größte Untugend gedieh ihr zum erstenmale zum Segen. Von dem schrecklichen Dutzenteiche führte sie sie zurück in die Stadt. Schon am Marienturme erfuhr sie, daß nur ein Speicher und der Viehstall den Flammen zum Opfer gefallen. Und deswegen hatte sie sich so schwer geängstigt, war sie dem Vorsatze, den Tod zu suchen, der allen Befürchtungen ein Ende gemacht hätte, untreu geworden? Mißmutig über die eigene Schwäche, beschloß sie, in das Haus, wohin sie gehörte, zurückzukehren und auf sich zu nehmen, was die Heiligen über sie verhängten. Als sie aber in den Zimmern der beiden E's noch Licht durch die Pergamentscheiben schimmern sah, stieg die Vermutung in ihr auf, dort werde jetzt von Herrn Ernst 296 Gericht über Eva gehalten. Dabei mußte auch ihrer Schuld gedacht werden, und dieser Gedanke ängstigte sie so sehr, daß sie sich den von den Löscharbeiten heimkehrenden Leuten anschloß, für die das Frauenthor noch offen stand. Widerstandslos ließ sie sich von ihnen bis zur St. Kunigundenkapelle bei der Lorenzkirche fortführen, und als dort einige an dem großen Imhofschen Hause vorbei in die Kotgasse einbogen, ging sie ihnen nach. Bis dahin war sie ohne Zweck und Ziel vorwärts gegangen; hier aber wurde sie vor die Frage gestellt, wo sie Unterkunft suchen sollte; denn die Fackelträger, die ihr vorangeleuchtet hatten, waren hinter einander in verschiedene Häuser getreten. Da hatte sie plötzlich tiefes Dunkel umgeben und ein großer Schreck sie ergriffen. Aber der Schein der letzten Fackel war, bevor er verschwand, auf eines jener messingenen Becken gefallen, die vor den Barbierstuben der Bader hingen. Der Bader! Das Weib, das sie am Pranger gesehen, war die Witwe eines solchen gewesen, und das Haus, in dem sie einem Liebespaare das Stelldichein bewilligt, um dessentwillen man sie zu schwerer Buße verurteilt hatte, war in der Kotgasse gelegen und ihr gezeigt worden. Ihr schräg gegenüber mußte es liegen. Da kam ihr in den Sinn, daß die Frau, die um eines dem ihren ähnlichen Vergehens willen so Schreckliches erduldet, ihres Herzens Not besser verstehen würde als jede andere. Wie konnte die Witwe da drüben der Schuldgenossin eine barmherzige Aufnahme versagen? Das war ein glücklicher Gedanke; aber die Wittib im Schlafe zu stören, hätte sie nimmer gewagt, und so galt es denn warten. Aber da zeigte sich schon jenseits 297 des Lorenzer Platzes am östlichen Horizont das erste Grauen des Morgens, und vielleicht wurde das Haus der Frau Ratzerin zeitig geöffnet. Der Straßendamm machte dem Namen der Kotgasse Ehre. Mit hochaufgehobenem Kleide watete Kätterle zur nördlichen Häuserreihe hinüber. Beschmutzt bis an die Knöchel erreichte sie die Bretter des Fußwegs; zu gleicher Zeit aber öffnete sich dicht vor ihr eine Thür, und zwei menschliche Wesen – ein Mann und ein Weib – betraten die Gasse und huschten an ihr vorüber; das Haus aber, das sie beherbergt hatte, war das der Ratzerin; sie erkannte es an dem Chörlein über der Thür. Schnell eilte sie dieser entgegen. Sie stand noch offen, und auf der Schwelle die Frau, der ihr früher Besuch galt. Der Sprache kaum mächtig, trug sie ihr das Gesuch vor, einer unglücklichen Magd, die nicht wisse, wohin zu dieser Stunde, in ihrem Hause Obdach zu gewähren. Da zog die Witwe sie schweigend in den schmalen, finsteren Soler, schloß die Thüre und führte Kätterle in ein sauberes, recht bunt ausgeputztes Gemach. Eine brennende Ampel hing an der Decke; die Ratzerin aber erhob die Unschlittkerze, mit der sie hinausgetreten war, leuchtete ihr ins Antlitz und nickte ihr beifällig zu. Das Kätterle war aber auch ein sauberes Mädchen, und das Schamrot, das ihr die Wangen färbte, stand ihr vortrefflich. Auch die Witwe mochte dies finden; denn sie strich ihr mit der fleischigen Hand über die Wangen und versprach dabei, sie aufzunehmen und es an nichts fehlen zu lassen, wenn sie sich ihr als ein gehorsam Töchterlein erweise. Dabei kniff sie der Magd mit den Fingerspitzen so derb in den Arm, daß sie erschrak und ängstlich 298 vorbrachte, was sie hieher geführt, und daß sie, die eine ehrbare Jungfrau sei und zu verbleiben gedenke, bei der Frau Ratzerin Schutz gesucht, weil sie ja wisse, wie schwere Schmach sie wegen desselben Fehls erlitten, der sie aus dem Hause getrieben. Doch da war die Witwe, wie von einem Skorpion gestochen, in die Höhe geschnellt, hatte Kätterle eine freche Dirne gescholten, die mit gutem Rechte an den Pranger gehöre, zu dem sie die schnöde Ungerechtigkeit der Geldsäcke im Rugamt verurteilt. Wer sie an diese Schmach erinnere und von ihr denke, sie hätte einen solchen Schelmenstreich in Wahrheit begangen, für den gebe es keinen Raum in ihrem sauberen Hause. Damit hatte sie die Schulter der Magd ergriffen und sie auf die Straße gestoßen. Dort war es inzwischen hell geworden. Im Osten über dem Lorenzer Platze hatte die Sonne sich eben erhoben und breitete in weiter Rundung einen goldenen Strahlenfächer über das Azurblau des Himmels. Dem erschrockenen Mädchen war dieser glänzende Anblick nicht entgangen, und er hatte sie schon erfreut, weil er ihr die Gewißheit gab, daß es aus sei mit dem beängstigenden nächtlichen Dunkel. Und wie frisch war doch der Morgen, wie hell und schön das junge Licht! Und es schien nicht bloß für die Großen und Guten, sondern auch für die Geringen, die Armen und Schlechten. – Selbst für das gräßliche Weib da drinnen schmückte der Himmel sich mit so köstlichem Blau und so prächtigem Glanze. Aufatmend war sie bald vor die Lorenzkirche gelangt, die der alte Sakristan eben aufschloß. Als erste an diesem Morgen hatte sie das hohe Gotteshaus betreten und sich in einem der Gestühle auf die Kniee niedergelassen, um zu beten. 299 Das war das Rechte für sie gewesen. Lieber Gott! Wo hätte es wohl eine Magd in schwereren Aengsten gegeben; doch vor dem Tode auf einem glühenden Rost, der den heiligen Laurentius, dessen Namen die Kirche trug, zum gebenedeiten Märtyrer machte, hatte sie der Himmel dennoch behütet. Dagegen war sogar das Stehen am Pranger nichts sonderlich Schweres. Und so schüttete sie denn dem Heiligen die ganze Seele aus und bekannte ihm alles, was sie verschuldet und bedrängte, bis die Frühmesse begann. Auch daß sie von Sarnen in der Schweiz sei und hier in Nürnberg keinen Freund und Landsmann außer ihrem Herzliebsten, dem treuen und standhaften Biberli, besitze, hatte sie ihm vertraut. Aber nein! Eine, die es wohl mit ihr meinte, stammte doch noch aus ihrer Heimat: die Hausfrau des Thorhüters auf der Zollernschen Burg, die zu Bern gebürtig, und die auch selbst in der Schweiz zu Hause und als Gürtelmagd der Gräfin Elisabeth von Habsburg, der jetzigen Frau Burggräfin, nach Nürnberg und auf die Veste gekommen. Wie keine andere war dies wackere Weibsbild geeignet, Rat bei ihr zu erholen, und gewiß schuldete sie dem Heiligen die Erinnerung an Frau Gertrud. Nach einer kurzen Danksagung hatte sie darauf die Kirche verlassen und sich auf die Veste begeben. Freundlich, wie sie erwartet, war sie von der Landsmännin aufgenommen worden, und nachdem sie auch ihr alles vertraut und dabei Wolff Eysvogels, des Bräutigams der älteren ihrer jungen Herrinnen, gedacht, war Frau Gertrud aufmerksam geworden und hatte sie ersucht, sich auf kurze Zeit zu gedulden. Doch es war Viertelstunde auf Viertelstunde vergangen, 300 bevor sie sich wieder zeigte. Ihr Hausherr, der Berner Thorhüter, ein Riese von einem Manne, dem die rot und gelbe Schweizertracht und die blanke Hellebarde in der Hand gar wohl stand, begleitete jetzt seine Hausfrau. Nachdem er Kätterle kurz ausgefragt, hatte er ihr erst das feierliche Gelöbnis abgenommen, reinen Mund zu halten, und ihr dann gewinkt, ihm zu folgen. Unterwegs war der Magd mitgeteilt worden, wie der Zweikampf zwischen Wolff Eysvogel und Ulrich Vorchtel geendet; während sie aber noch die Hände entsetzt zusammenschlug, hatte der Berner schon die Thür eines weiten und hellen Gemaches geöffnet, wo der Bräutigam Els Ortliebs sie mit einem wehmütig-freundlichen Gruße empfing. Dann hatte er zu schreiben fortgefahren und ihr endlich zwei Briefe zur Besorgung übergeben. Der eine, auf dessen Rücken er ein kleines Herz setzte, damit sie ihn nicht mit dem andern verwechsle, war für seine Verlobte bestimmt, der zweite für Heinz Schorlin, den Wolff – nein, sie verhörte sich nicht – den künftigen Gemahl seiner Schwägerin Eva nannte. Beim Frühmahle, das sie mit den Landsleuten und ihrem Töchterlein teilte, hätte Kätterle gern erfragt, wie Wolff auf die Veste gekommen; doch der Thorwart war verschwiegen. Ungehindert hatte die Magd endlich das Deichslersche Haus erreicht und Biberli daheim gefunden. Jetzt mußte sie längst unter seinem Geleit in den Ortliebhof zurückgekehrt sein; der Ritter aber sah immer noch vergebens der Heimkehr des Dieners entgegen. Er vermißte ihn ernstlich, schon weil es ihm nicht in den Sinn wollte, daß Biberli, sein treuer Schatten, nichts von dem 301 Blitzschlage wußte, der ihn beinahe herrenlos gemacht hätte, und der den Goldfuchs, seinen Liebling, getötet. Außerdem war er besorgt um sein Schicksal und begierig zu erfahren, wie er die Ortliebschwestern gefunden; denn wenn das Herz Heinz Schorlins auch nur für Eva schneller schlug, ging ihm doch das Unglück der armen Els um so näher, je schmerzlicher ihm der Gedanke war, daß er es verschuldet. Aus dem Briefe Wolffs, den Kätterle ihm übergeben, ging auch hervor, mit wie treufester Minne er an der Beklagenswerten hing. In diesem Schreiben gedachte der junge Eysvogel auch der nächtlichen Begegnung mit ihm. Mit warmen Worten bekannte er, daß er in ihm einen wohlgesinnten Freund gefunden zu haben meine, dem er, wenn Einem, seine liebliche, junge Schwägerin Eva gönnte. Dann berichtete er, wie er zu dem unseligen Zweikampfe gekommen. Nachdem er mitgeteilt, was ihm die Feindschaft des jungen Ulrich Vorchtel zugezogen, erzählte er weiter, er, Wolff, sei bald nach seinem Zusammentreffen mit Heinz auf den jungen Vorchtel und einige seiner Freunde gestoßen. Da habe ihm Ulrich in einer Gasse den Weg verlegt und ihn mit so scharfen und seine Ehre kränkenden Schmähungen überhäuft, daß er die Herausforderung hätte annehmen müssen. Da er nur das Stoßmesser am Gürtel getragen, habe er sich des Schwertes bedient, das ihm ein deutscher Herr unter den Begleitern Ulrichs geboten. Ruhig im Bewußtsein, der Schwester des früheren Freundes keinen Grund gegeben zu haben, an seine Minne zu glauben, und fest gewillt, ihrem Bruder nur eine leicht zu verschmerzende Lehre zu erteilen, hätte er nach der Waffe gegriffen. Als Ulrich 302 aber dem Kreuzritter zugerufen, die Klinge, die er verleihe, sei zu gut für die verräterische Hand, der er sie zu führen gestatte, sei das Blut ihm aufgewallt, und mit dem ersten vollkräftigen Stoße alles zu Ende gewesen. Der deutsche Ritter habe sich ihm dann als Sohn des Burggrafen von Zollern zu erkennen gegeben und ihn auf die Veste geführt. Dort habe ihn der edle junge Johanniter mit Vorwissen seines Herrn Vaters verborgen, und es gelte jetzt, dem Kaiser Rudolf das Vorgefallene, das ja zweifellos ein Bruch des Landfriedens sei, im rechten Lichte zu zeigen. Nun meine auch der junge Burggraf, daß er, Heinz Schorlin, dazu beitragen könnte, Kaiser Rudolf, dessen Ohr ihm offen stehe, zu überzeugen, er, Wolff, hätte nur gezwungenerweise das Schwert gezogen. So wahr Heinz selbst durch Evas Minne ein glückseliger Mann zu werden hoffe, möge er ihm helfen, die Kluft zu überbrücken, die ihn durch seine unselige That von der Geliebten trennte. Zweimal hatte Heinz sich dies Schreiben vorlesen lassen. Als Biberli dann gegangen und er auf die Burg geritten war, hatte er beschlossen, für den jungen Nürnberger, der seine Zuneigung so schnell gewonnen, alles, was er nur irgend vermochte, ins Werk zu setzen; doch der tief erschütterte kaiserliche Vater hatte seinen Besuch abgewiesen, und es war darum für ihn unmöglich gewesen, was auch immer in dieser Angelegenheit zu thun. Aber der Brief Wolffs hatte ihm gezeigt, daß er ihn mit voller Sicherheit für den künftigen Gatten Evas hielt und dadurch seinen Willen gestärkt, sobald er sich wieder ein wenig freier fühlte, um sie zu werben. Nachdem ihm aber der Blitz das Roß unter dem 303 Leib erschlagen und der Minorit wiedergekommen war und ihm gezeigt hatte, daß der Herr selbst durch das Wunder, das er an ihm gethan, ihn fest und schnell an der Hand genommen habe als seinen Erwählten, wollte es, als er jenen Brief nochmals zur Hand nahm, seinem erschütterten Gemüte scheinen, als sei alles, was Wolff von ihm und der Schwester seiner Braut sagte, nicht für ihn geschrieben. Eva war das Glück; – ihn aber hatte der Himmel eines Wunders gewürdigt, um ihn auf die Kürze des Lebens hienieden hinzuweisen, damit er durch Entsagen hier die nie endende Seligkeit dort erringe. Entsagen und wieder entsagen, hieß nach dem Minoriten das Zauberwort, das die Pforten des Himmels öffnete, und welches schwerere Opfer konnte er bringen, als das seiner Liebe? »Entsagen, entsagen!« hörte er es, während er den Brief Wolffs mühsam selbst überlas, vor dem inneren Ohre rufen; aber was er auch von sich werfen konnte von allem, was sein war, sein Kreuz hätte er damit doch nicht, wie Pater Benedictus es forderte, auf sich genommen; denn auch als ruhmloser Bettler hätte er – das glaubte er gewiß – im Genuß der Minne Evas der höchsten irdischen Glückseligkeit genossen. Aber die himmlische Liebe sollte so viel köstlicher sein, und wie viel länger war ihre Dauer! Und sie? Bürgte denn nicht schon der fromme Blick ihrer Augen und das Streben ihrer eigenen Seele dafür, daß sie ihn verstehen, seine Entsagung billigen, es ihm nachthun und die irdische mit der himmlischen Liebe vertauschen würde? Ohne tiefe Herzenswunden konnte es bei ihnen beiden nicht abgehen; doch jeder Blutstropfen, 304 der ihnen entquille, sagte der Minorit, gebe ihrem Anrecht an die ewige Seligkeit ein neues schweres Gewicht. Ja, Heinz wollte von Eva zu lassen versuchen! Als er aber dem Drange gehorchte, noch einmal in den Brief Wolffs zu blicken, war es ihm wie einem entthronten Könige, den ein mit seinem Mißgeschick unbekannter Fremder wegen seiner Machtfülle hochpreist. Die Zukunftsbilder, die der greise Mönch ihm wies, was er ihm von der eigenen Wiedergeburt, seiner Wandlung und der Glückseligkeit berichtete, die er als Jünger des heiligen Franciscus in Armut, Freiheit und stillem Ringen nach einer Seligkeit ohne Ende finde, alles, was er ihm mit glühender Beredsamkeit ans Herz legte und schilderte, steigerte den Aufruhr in der ohnehin tief erschütterten Seele des jungen Ritters.     Zweiter Band. Erstes Kapitel. Das Vespergeläut war schon verklungen, und Heinz hing immer noch an den Lippen des Minoriten, der ihm jetzt von dem heiligen Franz, von seinem Bruche mit allem, was ihm lieb gewesen war und von dem schweren Beginn seiner Laufbahn erzählte. Einen aufmerksameren Hörer hätte der Pater sich nicht wünschen können. Nur manchmal schaute der junge Ritter nach Biberli aus, der immer noch nicht heimkehren wollte. Seinem Vorhaben gemäß war der Diener mit Kätterle in den Ortliebhof gegangen. Die entflohene Magd, deren Verschwinden schon infolge der dringenden Mahnung der alten Martsche in der Stadt »ausgerufen« worden war, hatte sich über den Empfang, der ihr bereitet wurde, nicht zu beklagen; denn die Haushälterin und die anderen Dienstboten, die von ihrer Schuld nichts wußten, empfingen sie als ungern vermißte gute Genossin, und Biberli hatte dafür gesorgt, daß sie vor den peinlichen Fragen der Neugierigen zu bestehen vermochte. Die von ihm erdachte Geschichte begann mit dem falschen Gerüchte, es sei auf der Veste Feuer ausgebrochen. Dies sollte Kätterle erschreckt und 2 auf die Burg geführt haben, um dort der Landsmännin und ihrem Töchterlein Beistand zu leisten. Dann kam ein Nachtquartier bei den Bernern und endlich ein unfreiwilliger Aufenthalt heute morgen in der Wohnung des Thorhüters, der dadurch verursacht worden sei, daß ein großer Herr – vielleicht der Burggraf selbst – ihr, nachdem er erfahren, wer sie sei, wichtige Schriftstücke für Ernst Ortlieb anzuvertrauen gewünscht. Lange Stunden hätte sie auf diese Papiere gewartet und sei zuletzt bei der Heimkehr Biberli von ungefähr begegnet. Anfänglich war es der Magd sauer geworden, diesen aus Wahrem und Selbstersonnenem zusammengesetzten Bericht der Reihe nach wiederzugeben; der frühere Schulmeister hatte ihn jedoch der Liebsten so gut eingeprägt, daß er ihr zuletzt von den Lippen geflossen war wie das Abc seinen Schützen zu Stansstadt. So war sie denn unter den anderen Dienstboten zur Heldin eines unschuldigen Abenteuers geworden, das von niemand und am letzten von der Wirtschafterin, die eine mütterliche Neigung für sie empfand, angezweifelt wurde. Bis sie zu den E's hatte gelangen können, war geraume Zeit vergangen; denn sie hatten die Mutter nicht verlassen, der es so übel erging, daß der Medicus Otto mit einem bedenklichen Kopfschütteln aus dem Krankenzimmer getreten war. Sobald er gegangen, hatte Biberli Els, die den Arzt hinausbegleitete, vor dem Gemache der Leidenden aufgehalten und sie recht beweglich gebeten, ihm und Kätterle, die gesenkten Hauptes und mit der Schürze an den Augen neben ihm stand, zu verzeihen und den Herrn Vater zu bewegen, gleichfalls Gnade für Recht ergehen zu lassen. 3 Aber die freundliche Els hatte sich härter gezeigt, als die Gürtelmagd sie jemals gesehen. Da die Mutter nicht kränker als sonst erwacht war, hatte man sie von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet. Der Vater war dabei rücksichtsvoll genug vorgegangen und hatte ihr sogar mancherlei verschwiegen. Dennoch war die Widerstandskraft der Kranken zu schwach für eine so unerwartete und beängstigende Mitteilung gewesen. Wohl kannte sie die leidenschaftliche Natur der leicht erregbaren Tochter; daß aber ihre kleine »Heilige«, die künftige Himmelsbraut, so schnell in irdischer Minne, und noch dazu für einen fremden Ritter erglühen würde, das hätte sie nimmer erwartet. Dazu hatte das Verhalten Evas, die sie wohl um Vergebung bat, sich aber keineswegs reuevoll bereit zeigte, dem Geliebten zu entsagen, ihr so viel zu denken gegeben, daß sie die Ruhe nicht hatte wiederfinden können, deren ihr schwacher Körper bedurfte. Bald nach diesen Eröffnungen war sie denn auch von einem neuen Krampfe ergriffen worden, und an ihn und die Thatsache, daß die von der Magd unterstützte Unbesonnenheit Evas ihn mitverschuldet hatte, dachte Els, als sie Biberli abschlug, für ihn und seine Braut, wie er Kätterle jetzt nannte, bei dem Vater ein gutes Wort einzulegen. Da ließ der Diener einige herzergreifende Klagelaute vernehmen, – doch griff er dabei in das lange Gewand und überreichte der Zürnenden mit einer höflichen Verbeugung und mit den wärmsten Minnegrüßen ihres Verlobten, den Kätterle in frischem Wohlsein und in bester Obhut auf der Zollernschen Burg angetroffen habe, den 4 Brief, den Wolff der Gürtelmagd anvertraut hatte; Els aber eilte mit dem ungeduldig ersehnten Schreiben ans Fenster der Hausflur, durch das die Sonne noch unberührt von dem nahenden finsteren Gewölk hereinschien, und da er nichts als zärtliche Liebesworte enthielt, aus denen hervorging, daß ihr Bräutigam auf ihr treues Festhalten mit aller Sicherheit baue und, möge kommen, was da wolle, nicht von ihr lassen werde, wandte sie sich an das Dienerpaar zurück und bedeutete es eilig, doch in gütigerem Tone, der Vater sei stark aufgebracht gegen beide; sie werde ihn indes milder zu stimmen versuchen. Augenblicklich weile er noch mit Herrn Kaspar Eysvogel in der Schreibstube. Biberli möge, bis dieser sich entferne, in der Küche warten. Damit zog sie sich in das Krankenzimmer zurück; der Diener aber legte die Hand an das Kinn der Herzliebsten, bog ihr den Kopf leise zurück und sagte: »Da siehst Du, Schatz, wie der Biberli und andere kluge Leute es machen. Mit dem Besten hält man zurück. Was bei den ersten Würfen herauskommt, hat wenig zu bedeuten; nur wer bei den letzten gewinnt, geht zufrieden nach Hause. Die Köder zu kennen ist auch eine Kunst. Die Forelle beißt an die Fliege, der Hecht an den Regenwurm, und ein sehnsüchtig Jungfräulein an den Brief des Herzliebsten. Gib acht! Dieser Tag führt nach einem so grausam kummervollen Anfang doch noch zu einem leidlichen Ende.« »Aber Du,« rief Kätterle, und stieß ihn ungehalten mit dem Ellenbogen, »einen glücklicheren Tagesanfang hat es doch nimmer für uns gegeben. Das Gold, mit dem wir uns das Haus bauen können . . .« »Ach so,« unterbrach sie Biberli gedehnt. »'s ist 5 freilich nichts Kleines um die Zechinen und gelben Guldein . Viel, viel läßt sich allerdings dafür kaufen. Aber die Schorlinburg geschleift, die Frau Mutter und das Fräulein Maria als halbe Gefangene im Kloster, nicht zu reden von dem frohgemuten Kaisersohne Hartmann und dem jammervollen Weh meines Herrn. Ließe sich das alles ungeschehen machen, Kind, ich glaube, der Goldsack und noch ein anderer dazu, wäre mir dafür nicht zu teuer. Was nützt das Haus und schmuckes Gerät, wenn es mit dem Herzen jämmerlich bestellt ist? . . . Daheim haben wir allesamt aus einer geborstenen Thonschüssel, die der Draht des Kesselflickers überspann, mit armseligen Holzlöffeln – des Vaters eigenes Machwerk – gegessen, und wie mundete es allen, was hätt' uns dabei gemangelt?« Damit zog er sie in die Küche und fand dort einen guten Empfang. Zwar hingen die Dienstboten des Ortliebhofes an der Herrschaft, und das üble Befinden der Herrin ging ihnen nahe, doch schon seit Jahren nahm das Klagen und Bangen um sie kein Ende. Der jähe Tod des jungen Kaisersohnes hatte sie mehr erschreckt als bekümmert. Sie kannten ihn ja nicht; aber so jung und plötzlich zu sterben, das war entsetzlich. Etwas Lustiges, das sie zum Lachen reizte, hätten sie nicht anhören mögen, aber Biberlis Geschichten aus fernen Landen, vom Hof, vom Krieg, vom Turnier, waren ihnen gerade jetzt nach dem Sinne, und dem Erzähler that es gut, willige Zuhörer zu finden. So mancherlei hatte er zu vergessen, 6 und das gelang ihm nie besser, als wenn er der Zunge freien Lauf lassen durfte. Er regte sie auch wacker; als indes das Gewitter losbrach, verstummte er und trat ans Fenster. Sein schmales Gesicht war erblaßt und seine beweglichen Glieder in Unruhe geraten. Plötzlich aber reichte er Kätterle mit der Bemerkung: »Der Herr wird meiner bedürfen,« die Hand, um Abschied zu nehmen. Weil jedoch eben dem flackernden Lichte des Blitzes der Donnerschlag unmittelbar gefolgt war, hing sie sich an ihn und bat ihn dringend, sie jetzt, nur jetzt nicht zu verlassen. Da gab er nach, doch trat er hinaus, um zu sehen, ob Herr Kaspar immer noch in der Schreibstube weilte, und kehrte nach einiger Zeit mit dem ärgerlichen Rufe zurück: »Der alte Eysvogel scheint sein Nest hier zu bauen.« Dann wandelte er zum Verdruß der schwerfälligen alten Köchin, die sich durch sein Hinundher im Abbeten der Paternoster vom Schapel gestört sah, mit langen Schritten rastlos vor dem Herd auf und nieder. So schwer war das sonst so leichte Herz ihm selten gewesen. Sein Herr wollte ihm nicht aus dem Sinne. Sicher und gewiß meinte er zu wissen, daß er ihn entbehre, daß er, Biberli, es zu bereuen haben werde, gerade in diesem Augenblick nicht bei ihm zu sein. Hätte das Unwetter den Ortliebhof verschlungen, es wäre ihm nur natürlich erschienen, und während er sich in der Küche umschaute, um nach Kätterle zu sehen, die, wie die meisten anderen, mit dem Rosenkranz in der Hand auf den Knieen lag, stürzte die alte Martsche herein, 7 eilte auf die Köchin zu, rüttelte sie, als gelte es, sie aus dem Schlafe zu erwecken, und rief ihr zu: »Warmes Wasser für den Aderlaß . . . Schnell! . . . Die Frau – sie bleibt uns unter den Händen.« Dabei half die junge Küchenmagd Metz dem ungelenken Weibe auf, und Biberli leistete ihr Beistand. Als der Krug eben gefüllt war, eilte auch Els herbei, riß Martsche, deren alte Füße ihr zu langsam waren, das Gefäß aus der Hand und eilte damit in den Soler und an dem Vater, den sie schon beim Gange nach dem Wasser angerufen hatte, vorbei, die Treppe hinan. Am Fuß der Stiege stand Kaspar Eysvogel und rief ihr nach, es wäre nicht seine, sondern ihres Vaters Schuld, wenn alles zwischen ihr und seinem Sohne vorbei sei. Sie hörte es wohl, doch blieb sie ihm die Antwort schuldig und eilte, so schnell die Füße sie tragen wollten, an das Lager der Mutter. Da hielt der alte Arzt die verröchelnde Frau in den Armen und Eva lag neben der hohen Bettstatt auf den Knieen und bedeckte ihr schluchzend die heiße trockene Hand mit Küssen. Als Ernst Ortlieb das Gemach des geliebten Weibes betrat, schauerte es ihn kalt über den Rücken; denn der nämliche Moschusduft drang ihm entgegen, den er schon an manchem Sterbebette geatmet. So weit war es gekommen! Das Ende, das er mit zärtlicher Liebe und Sorgfalt so lange hinausgeschoben, es nahte. – Die Blume sollte ihm entrissen werden, die ihm die Jugend verschönt und ihm trotz des geknickten Stieles noch teuerer war und mehr bot, als was sonst noch in seinem Garten grünte und blühte. 8 Diesmal hatte kein freundlicher Trank ihr geholfen, den Lärm des Gewitters zu verschlafen. Bald nach dem neuen Krampfe war die tieferregte, schwache Leidende beim ersten heftigen Wetterschlage entsetzt aufgefahren. Schrecken hatte sich dann dem Schrecken gesellt, und als der Arzt aus freiem Antrieb wiedergekommen war, um noch einmal nach ihr zu sehen, hatte er eine Sterbende gefunden. Der Aderlaß gab ihr auf kurze Zeit die Besinnung zurück. Man sah ihr an, daß sie den Gatten und die Kinder erkannte. Für jenen fand sie einen dankbaren, innigen Liebesblick, für Els ein freundlich vertrauliches Winken; Eva aber, ihr Stolz und ihre Freude, die die letzte Nacht zu einem Schmerzenskinde gemacht, nahm sie am meisten in Anspruch. Ihre guten, milden Augen blieben lange auf ihr ruhen. Dann wandte sie sie dem Gemahl zu, wie um ihn zu bitten, dies Kind besonders warm ans Herz zu ziehen, und als er ihren Blick mit einem andern belohnte, aus dem ihr die ganze Fülle seiner großen treuen Liebe durch Thränen entgegenglänzte, verklärten sich ihre vom Fieber geröteten Züge. Erinnerungen an die Lenzzeit ihrer Minne schienen ihr die letzten Augenblicke zu verschönen, und als ihr Blick wiederum Eva traf, gewannen ihre Lippen jenen liebreizenden Zug zurück, der sie schon lange verlassen, und der einst die Wonne ihres Gatten gewesen. Bei alledem war es, als hätte sie ihre treue Pflegerin, diejenige, die ihr seit Jahren die Freuden des Tages und den Schlummer der Nacht willig geopfert, vergessen, um dem Sorgenkinde alles zu spenden, was ihr brechendes Mutterherz noch in sich schloß, und das war nichts als Liebe. 9 Els bemerkte es wohl, doch ohne jeden bitteren oder trüben Gedanken. Sie und die teure Sterbende waren einander sicher. Jede wußte, was sie der andern war. Daß ihr Herz, wie viele Hindernisse das Leben ihr auch in den Weg wälzen mochte, auch ohne Rat und Leitung auf dem rechten Wege bleiben würde, daran brauchte die Mutter nicht zu zweifeln, und sie that es auch nicht. Aber Eva hätte ihrer Liebe und Sorge gerade jetzt so nötig bedurft, und als die Kranke nun auch ihr, der älteren Tochter, einen zärtlichen Blick schenkte und ihr erfolglos dankende Worte entgegenzustammeln versuchte, legte Els selbst die Hand Evas in die der Mutter zurück, die ihr die ihre entzogen. Da nickte Frau Maria Els leise zu, als wollte sie ihre verständige Aelteste bitten, an ihrer Stelle über die verlassene Schwester zu wachen. Dann suchte ihr Blick nochmals den Gatten; doch der Priester, dem sie schon vorhin gebeichtet hatte, war an seiner Stelle ihr nahegetreten. Nachdem der Geistliche gethan, was seines Amtes, wandte sie Eva wiederum das Haupt zu. Es war, als weide sich ihr Blick an dem Liebreiz der Tochter. Dabei rang sich ihr, was sie ihr noch zu sagen wünschte, von den Lippen; doch verstanden die Umstehenden nur – es waren ihre letzten – die Worte: »Wir dachten . . . unberührt sollte . . . Doch nun der Himmel . . .« Hier hielt sie inne und fuhr, nachdem sie einige Zeit die Augen geschlossen, leiser, doch deutlich vernehmbar fort: »Du bist gut . . . Ich hoffe . . . Das Schmiedefeuer des Lebens, – zu Deinem Heile wird es . . . Das Herz, und was es fordert . . . Die Glück–selig–keit . . . 10 die es – mir – gab . . . So soll denn, – so sollst . . . sollst – auch Du . . .« Dabei hatte sie wieder dem Gatten, dann aber der Aebtissin Kunigunde, die neben ihm kniete, den Blick zugewandt, und während er sie traf, dachte die Klarissin: »Sie weist das Kind auf mich hin und wünscht, daß Eva als eine der unseren und als lieblichste der Bräute des Himmels glückselig werde.« Ernst Ortlieb aber, den das tiefste Weh ganz beherrschte, lag es fern, nach der Bedeutung der letzten Worte des geliebten sterbenden Weibes zu fragen. Els hingegen, die in den Zügen der Leidenden zu lesen gelernt, und sie, wenn ihr das Sprechen schwer geworden war, auch ohne Worte verstanden hatte, war jeder Bewegung in ihrem Antlitz mit treuer Aufmerksamkeit gefolgt. Ohne zu grübeln oder zu deuten, stand es in ihr fest, die letzten Bewegungen der Lippen ihrer sterbenden Mutter hätten Eva vorausgesagt, das »Schmiedefeuer des Lebens« werde seine läuternde und bildende Kraft auch an ihr bewähren und ihr gewünscht, in der Welt, nicht im Kloster, so glücklich zu werden, wie sie es durch die Liebe des Vaters geworden. Nach jenen Abschiedsworten hatten die Züge Frau Marias sich schmerzlich verzogen, die Lider waren ihr über die Augen gesunken, und nachdem sie einen kurzen Kampf gekämpft, hatte ein leiser Wink des Arztes den Weinenden ringsum gemeldet, daß ihr Erdenwallen vollendet. Keine Lippe regte sich. Mit gefaltenen Händen knieten alle neben dem Lager, bis Eva plötzlich, wie aus einem Traume erwacht, aufschrie: »Nie kehrt sie wieder!« und sich mit leidenschaftlichem Schmerz über die Entschlafene 11 warf, um ihr das stille Antlitz zu küssen und sie anzuflehen, die lieben Augen wieder zu öffnen und sie nicht zu verlassen. Wie oft hatte sie sich von der Leidenden ferngehalten, um sich bei der Muhme den Weg zu der eigenen höheren Glückseligkeit zeigen zu lassen, und Els ihre Wartung überlassen; nun aber die Mutter von ihr gegangen, fühlte sie plötzlich voll und ganz, was sie an ihrer Liebe besessen und mit ihr verloren. Es kam ihr vor, als sei sie bisher unter schattenspendenden Laubkronen dahingewandelt, und als hätte der Tod der Mutter sie alle wie ein Sturmwind im Herbst grausam entblättert. Von nun an sollte es gelten, in glühendem Sonnenbrande ohne Schutz und Schirm weiter zu ziehen. Dabei sah sie vor dem inneren Auge aus dunklem Ruß hell auflohende heiße Flammen: »das Schmiedefeuer des Lebens«, worauf die letzten Worte der Verscheidenden sie hingewiesen hatten. Sie wußte, was sie mit ihnen zu sagen gewünscht, doch es sich voll zu vergegenwärtigen, fehlte es ihr jetzt an Willen und Kraft. Jedes blieb sich und seinem Schmerze eine Weile überlassen. Dann zog der Vater beide Mädchen ans Herz und bekannte ihnen, mit dem Hingange der Mutter habe das Leben, das schon durch den Tod seines einzigen Sohnes verarmt sei, den letzten Reiz für ihn verloren. Sein heißester Wunsch sei, der Entschlafenen bald nachgerufen zu werden. Da hatte Els sich ein Herz gefaßt und ihn bescheiden gefragt: »Und wir, dürfen wir Euch gar nichts sein, Herr Vater?« Ueberrascht war er bei dieser Mahnung 12 zusammengezuckt, hatte das nasse Tuch vom Antlitz entfernt und freundlich erwidert: »Doch, doch . . . Aber rechnet jetzt dem Alten nicht nach . . . Es blieb mir ja noch viel! Wem aber das Beste geraubt wird, der vergißt leicht das Gute, das er behielt, und gut, gut seid ihr beide.« Damit küßte er seine Töchter so herzlich, als verlange es ihn, das Wort zurückzunehmen, das sie gekränkt. Dann schaute er der Entschlafenen in das stille Totengesicht und sagte: »Bevor ihr sie kleidet, laßt mich mit ihr allein . . . Hier und hier,« dabei wies er auf Brust und Stirn, »wirbelt es wild durch einander. Und doch . . . Die letzten Stunden . . . Es gibt so viel zu klären und ohne sie für die Zukunft zu bedenken . . . Bei ihr, mit ihren lieben, stillen Zügen vor Augen . . .« Hier erstickte der neu aufwallende Schmerz ihm die Stimme; Els aber wies ihn auf das Bild der Mutter Gottes an der Wand und winkte der Schwester. Ganz hingenommen von dem eigenen Leide, hatte Eva der Rede des Vaters kaum geachtet und weigerte sich nun ungestüm, die Mutter zu verlassen. Da gestattete Herr Ernst, dem dies Uebermaß des Schmerzes um diejenige, die ihm das Teuerste war, wohl that, Eva zu bleiben, und bat Els, für die äußeren Angelegenheiten zu sorgen, die ein Todesfall nach sich zog. Als verstehe es sich von selbst, nahm sie diese neue Pflicht auf sich und schritt auf die Thür zu. An der Schwelle aber kehrte sie noch einmal um, eilte dem Sterbebett entgegen, küßte der Entschlafenen die reine Stirn und die geschlossenen Augen und kniete dann zu einem stillen Gebet neben ihr nieder. Dann schloß sie die Schwester, die zugleich mit ihr das Knie gebeugt 13 und sich wieder erhoben hatte, fest in die Arme und raunte ihr zu: »Wie es auch kommt, auf mich darfst Du zählen.« Dann holte sie die Meinung des Vaters über einige Verpflichtungen ein, die erfüllt werden mußten, und frug ihn auch, was sie dem Verlobten der Gürtelmagd sagen sollte, der gekommen sei, um ihn um Vergebung zu bitten. »Mich in Frieden zu lassen!« brauste Herr Ernst heftig auf. Dennoch bemühte sich Els, ein freundliches Wort für den Diener einzulegen, der Vater aber preßte beide Hände ungestüm an die Ohren und rief: »Wer kann eine Entscheidung treffen, wenn er selbst wie von Sinnen. Morgen, übermorgen soll der Mann sich mir stellen. Wer auch kommt, ich bin für niemand zu sprechen, und ich mag auch nicht wissen, wer anklopft.« Aber die Ruhe und Einsamkeit, nach denen er lechzte, blieben ihm versagt. Einige Stunden, nachdem er das Sterbezimmer verlassen, mußte er auf dem Rathause eine unaufschiebbare Pflicht erfüllen, – und als er kurz vor Sonnenuntergang eben heimgekehrt war und sich in sein eigenes Gemach eingeschlossen hatte, erschien der alte Eysvogel wieder. Er sah bleich und verstört aus und befahl dem Aufwärter, der ihn dem erhaltenen Befehle gemäß abgewiesen hatte, die Jungfrau Els zu rufen. Ihr legte er mit zitternder Stimme ans Herz, den Vater anzuflehen, ihm noch einmal Gehör zu leihen. Für sein Haus, für Wolff und auch für sie und ihre Verbindung mit seinem Sohne handle es sich um die letzte Entscheidung. Der Hingang der geliebten Gefährtin stimme ihren Vater vielleicht 14 weicher. Er wisse noch nicht alles . . . Jetzt solle er es erfahren. Sage er abermals »Nein«, so besiegele er damit den Sturz des Eysvogelschen Hauses. Wie flehentlich wußte er zu bitten, wie demütig klang ihm das alles von den alten Lippen, und aufs tiefste griff es Els ans Herz, wenn sie der wortkargen Unnahbarkeit gedachte, mit der dieser hoffärtige Mann noch gestern an der gleichen Stelle den Ortliebs abgesagt hatte. Was mußte es ihn kosten, den steifen Nacken so vor ihr, der Jüngeren, zu beugen, und was erst, ihrem Vater, dem er so schonungslos aufs Herz getreten, als Hilfesuchender, vielleicht als Bettler, zu nahen. Dazu war Wolff ja sein Sohn! Was er ihr auch angethan, sie mußte es vergessen, und es ward ihr nicht schwer; denn jetzt – sie fühlte es – wünschte er, gleichviel aus welchen Gründen, redlich, sie mit dem Sohne zu vereinen. Führte der Geliebte sie nun durch das Thor mit dem großen prunkenden Wappen, dann kam sie nicht mehr als ungern aufgenommene Geduldete, sondern als willkommene Helferin, vielleicht als Retterin des gefährdeten Hauses. An die Frauen im Eysvogelhofe verbot sie sich zu denken. Wie rührend erschien ihr der schöne, vornehme, ergraute Herr in seiner hilfsbedürftigen Ohnmacht. Entschloß sich der Vater nur, ihn zu empfangen, so konnte er so wenig wie sie ihm die Barmherzigkeit versagen, die ihm so not that. So klopfte sie denn an die Thür des einsam Trauernden, und er ließ sie ein. Gegenüber dem großen Bildnis, das die verstorbene Mutter im Brautstaate darstellte, saß er mit dem Haupt 15 in den Händen. Die Abenddämmerung entzog das Gemälde den Blicken; er mochte sich aber lange in seine anmutigen Züge versenkt haben, und es zeigte sich ihm wohl noch vor dem inneren Auge. Mit einem wehmütigen Gruße wurde sie empfangen; als er aber vernahm, was sie zu ihm führte, brauste er auf und gebot ihr, Herrn Kaspar zu sagen, er hätte nichts mehr mit ihm zu teilen. Da trat Els für den Unglücklichen ein. Sie bat, sie flehte, sie stellte dem Vater vor, daß sie nie und nimmer von Wolff lassen würde. An ihm und seiner Minne hänge das Glück ihres Lebens. Wenn er den Eysvogels die Hilfe versage, die der alte Herr, der in seiner Demut nicht mehr er selbst sei, von ihm erflehe . . . Hier entzog ihr der Vater indes unwillig das Wort und gebot ihr, ihm die Ruhe nicht länger zu stören. Jetzt aber machte das väterliche Blut sich auch in Els geltend, und auffahrend wies sie auf das Bild der Mutter, deren gütiges Herz es sicher nicht ertragen hätte, einen gebrochenen Unglücklichen, an dessen Rettung das Glück des eigenen Kindes hänge, wie einem lästigen Bettler die Thür weisen zu sehen. Da schnellte der längst ergraute Mann behend wie ein Jüngling vom Sessel empor und rief in heftiger Erregung: »Dem andern die dem heiligsten Schmerze gewidmeten Stunden vergällen, das ist echt Eysvogelsche Selbstsucht. Alles für sich! Was sind ihnen die anderen? Deinen Wolff nehme ich aus, und was mit ihm wird und Dir, das mag die Zukunft entscheiden. Ich stehe zu euch. Aber von der übrigen Sippe Glück und Frieden, ja nur ein Leben ohne bittere Trübsal für Dich erhoffen, 16 heißt erwarten, vom Wachholderstrauche süße Birnen zu ernten. Seit Deiner Lautmerung trübte es mir wie Deiner Mutter den Schlaf der Nächte, wenn wir uns sagten, es sollte über Dich verhängt sein, mit der Gräfin, der alten Teufelin, ihrer erbärmlichen Tochter und dem nichtswürdigen Siebenburg unter einem Dache zu hausen. Aber das alles wurde seit wenigen Stunden noch ganz anders. Zwischen den Eysvogels und den Ortliebs ist das Tischtuch zerschnitten. Keine Macht der Welt kann den Riß jemals heilen. Noch hielt ich vor Dir zurück, was geschehen ist. Jetzt magst Du's erfahren, damit Du es . . . Aber höre erst, und entscheide dann selbst, auf wessen Seite Du stehen willst. »Heut in der Frühe ging ich zur Sitzung. Schon auf dem Markt trat mich erst ein Ehrbarer an, und dann ein zweiter, dritter und vierter. Jeder frug, was es mit den schönen E's, meinen holdseligen Töchterlein, gegeben? Nach und nach ward mir auch kund, was ihnen zu Ohren gekommen. Gestern abend beim Heimweg von hier hat der Mann da draußen, – hat Kaspar Eysvogel Deinen, unseren guten Namen, Kind, in einer Weise geschändet . . . Das Nähere kam mir erst eben zu Ohren. Vor den Brüdern Ebner, den würdigen alten Herren, rühmte er sich, mir den Ring, der seinen Sohn an Dich fessele, vor die Füße geworfen zu haben. Um Mitternacht, erzählte er, habe man Dich hier in den Armen eines Schweizer Ritters überrascht. Und sein Tochtermann Siebenburg, der schnöde Bube, beim Würfelspiel erfrechte er sich, vor vielen Rittern und Herren – darunter auch der junge Hans Groß, Veit Holzschuher und andere – Deine Begegnung mit dem Schweizer so 17 lügnerisch zu entstellen, daß . . . Nein, es kommt mir nicht über die Lippen . . . Nur das eine magst Du noch hören: Seinem Heiligen danke er, gab der Schelm da draußen den anderen zu hören, daß sie dem Dirnlein zu rechter Zeit auf die Sprünge gekommen. Und das, Kind, das war die wahre Meinung der ganzen schnöden Sippe! Nun ihnen aber das Wasser am Halse steht und sie meine rettende Hand brauchen, um nicht zu ertrinken, – nun nehmen sie die Tochter Ernst Ortliebs, wenn er sein Gut mit dazu gibt, gnädiglich in den Kauf, damit beides, Gut und Kind, elend verderbe. Aber nein, und tausendfach nein! Dem Haß Raum zu geben, ziemt sich nicht in dieser Stunde. Aber die, die da oben den letzten Schlaf schläft, nicht mit einem Worte hätte sie mir zu solcher selbstmörderischen Thorheit geraten. Erst bei meinem Ausgange vorhin erfuhr ich das Schlimmste. Schon heute morgen hätte ich sonst dem Ueberlästigen die Thüre gewiesen. Das melde dem Alten und dazu, Ernst Ortlieb habe nichts mehr mit ihm zu teilen!« Hier schwieg der tief empörte Mann und wies auf die Thür. Entsetzt und mit weit geöffneten Augen war sie dem Berichte des Vaters gefolgt. Daß es so kommen würde, übertraf das Schlimmste, was sie gefürchtet. So sicher hatte sie sich in ihrer Unschuld gefühlt, und die Gräfin war so geschickt für sie eingetreten, daß sie, von der Sorge um Eva, um Cordula und die Mutter in Anspruch genommen, dieses häßlichen Zwischenfalles schon halb vergessen. 18 Und nun wurde ihr guter Name durch die Gosse gezogen, durfte sie denen kaum zürnen, die mit den Fingern auf sie wiesen; denn die Untreue gegen den Verlobten war keine geringere Schuld als die gegen den Gemahl, ja unter ihren Freundinnen brach man den Stab williger über die treulose Braut als über die pflichtvergessene Gattin. Und wenn Wolff in seinem Verstecke auf der Burg erfuhr, was aus seiner Els geworden, vor der Groß und Klein, froh ihres Anblicks und doch ehrerbietig, gestern noch den Hut gezogen, würde er nicht denen glauben, die sich auf seinen eigenen Vater beriefen? Aber bevor sie diese Befürchtung noch voll ausgedacht, sagte sie sich schon, daß es ihre Pflicht und ihr Recht sei, sie von sich zu weisen. Wolff wäre nicht mehr er selbst, wenn er dergleichen auch nur einen Augenblick für möglich hielte. Er und sie durften und konnten nicht an einander zweifeln. Und wenn auch ganz Nürnberg der schnöden Afterrede das Ohr lieh und ihr den Rücken wandte, ihres Wolffs war sie gewiß. Ja, mit doppelter Zärtlichkeit würde er sie umfangen, wenn er erfuhr, durch wen ihr ein so furchtbares Leid angethan wurde. Tief atmend heftete sie den Blick noch einmal auf das Bildnis der Mutter. Wäre sie jetzt hinausgestürmt, um dem alten Manne da draußen, der sie so grausam kränkte – o, es hätte auch ihr das Herz erleichtert! – ins Gesicht zu rufen, was er ihr angethan und wofür sie ihn halte, die Mutter hätte sie sicher zurückgehalten und ihr zugerufen: »Bedenke, daß er der Vater Deines Verlobten.« Sie wollte es auch nicht vergessen, – und sie 19 konnte ja auch den beklagenswerten, zu Grunde gerichteten Mann nicht hassen. Jeder Versuch, den Vater umzustimmen – sie sah es ihm an – wäre jetzt vergebens gewesen. Später, wenn sein gerechter Zorn verraucht war, ließ er sich vielleicht dennoch bewegen, dem gefährdeten Hause Beistand zu leisten. Herr Ernst sah ihr wehmütig nach, als sie mit einem stummen Gruße ihn und die Schreibstube verließ, um dem Vater des Geliebten mitzuteilen, er sei vergeblich gekommen. Der alte Herr wartete ihrer im Soler, in dem sich das Geheul der Dienstboten und Nachbarweiber, die sich, wie es Brauch war, Stirn und Brust zerschlugen und die Kleider zerrissen, immer noch vernehmen ließ. Leichenfahl, wie vernichtet,. wankte er der Thür entgegen. Als Els ihn vor den wenigen Stufen, die in den Soler führten, zaudernd stehen bleiben sah, reichte sie ihm den Arm und führte ihn die Stiege hinunter. Während er dabei einen Fuß nach dem andern auf die Stufen setzte, fragte sie sich, wie es denn möglich, daß der Mann, dessen hohe Gestalt und schönes Antlitz so vornehm und edel gebildet, etwas so Niedriges von ihr denken konnte, und zu gleicher Zeit kam ihr ein Wort in den Sinn, das der alte Herr Berthold Vorchtel in ihrer Gegenwart seinem Sohne Ulrich zugerufen hatte: »Stellt sich etwas Dunkles zwischen Dich und einen Freund, so schaffe Dir Klarheit und Frieden durch Wahrheit.« Hätte der junge Mann, der den verkannten Freund 20 gereizt, das Schwert mit ihm zu kreuzen, darnach gehandelt, wäre er vielleicht jetzt noch am Leben. Sie wollte es sich gesagt sein lassen und den Vater Wolffs offen fragen, was ihn berechtigte, sie einer so unwürdigen Handlung zu zeihen. Im Soler waren die Lampen schon entzündet worden. Das Licht der mittleren fiel Herrn Kaspar in das farblose Antlitz. Dem eines Verzweifelnden glich es. Wie sie aber die Lippen schon öffnete, um jene Frage zu stellen, nahm sie den Moschusduft wahr, der von dem Sterbezimmer, das die Schwester geöffnet hatte, ausging. Da trat das sanfte, stille Totengesicht der Mutter ihr vor das innere Auge, und sie mußte sich Zwang anthun, um nicht laut aufzuweinen. Ohne weiter zu denken und zu wägen, legte sie sich Schweigen auf und schlang – gestern noch hätte sie das nimmer gewagt – Herrn Kaspar den Arm um die Schulter, schaute liebreich zu ihm auf und rief leise: »Ihr dürft nicht verzagen, Herr Vater. Hier im Hause habt Ihr an der Els eine treue Bundesgenossin.« Da schaute der alte Herr erstaunt zu ihr nieder; statt sie aber fester an sich zu ziehen, löste er mit höfischer Kühle ihren Arm von seiner Schulter und sagte bitter: »Zwischen den Ortliebs und uns, Jungfrau Els, gibt es kein Band mehr. Dein Vater bin ich von heute an so wenig mehr, wie Du die Braut meines Sohnes. Dein Wille mag gut sein; doch wie wenig er vermag, das hat sich ja leider erwiesen.« Damit zuckte er müde die Achseln, nickte ihr einen matten Abschiedsgruß zu und verließ das Haus. Draußen warteten vier Träger mit der Sänfte, drei 21 Knechte mit Fackeln und zwei starke Wächter mit Keulen über der Schulter. Sie trugen sämtlich kostbare Dienergewänder in den Eysvogelschen Farben, und als ihr Gebieter in dem vergoldeten Tragstuhle Platz genommen hatte, und man ihn aufhob, hörte Els, wie eine Webersfrau aus der Nachbarschaft ihrem Buben zurief: »Das ist der reiche Eysvogel, Fritzel, der hat in jeder Stund' so viel zu verzehren wie wir in einem Jahr und ist ein gar glücklicher Herr.«     Zweites Kapitel. Els blieb im Hause zurück. Die Abweisung, die sie soeben erfahren, bereitete ihr bittern Kummer. Der Vater hatte recht. Nur in selbstsüchtiger Absicht war es geschehen, wenn Herr Kaspar sich ihr freundlich erwiesen. Sie selbst galt ihm nichts. Aber es gab so viel für sie zu thun, daß sie nur wenig Zeit fand, diesem neuen Leid nachzuhängen. Eva betete im Sterbezimmer mit einigen Klarissinnen, die in der Mutter eine freigebige Wohlthäterin verloren, für die Seele der teuren Verstorbenen. Els war es lieb, sie beschäftigt zu wissen; denn viel, was ihr zu besorgen oblag, blieb der Schwester besser erspart. Während sie mit dem Sargschreiner und Hegelein, dem Sakristan und Tapezierer verhandelte und Kerzen in reicher Menge und was sonst noch zu dem Begräbnis der Herrin eines vornehmen Hauses gehörte, umsichtig bestellte und auch Zeit fand, nach dem Vater und der Gräfin Cordula, der es besser ging, zu sehen, vergaß sie ihre eigenen Angelegenheiten doch nicht. Biberli war wiedergekommen. Er hatte viel zu berichten; da er aber bekennen mußte, daß es nichts Eiliges 23 sei, ersuchte sie ihn, es auf später zu verschieben, und beauftragte ihn für heute nur, auf die Burg zu gehen, um Wolff in ihrem Namen zu begrüßen und ihm den Hingang der Mutter zu melden. Kätterle sollte ihn begleiten, um ihn durch ihren Landsmann, den Schweizer Thorhüter, bei ihm einführen zu lassen. Sie, Els, hätte einen der Aufwärter entsenden können, doch erstens sollte der Aufenthalt des Flüchtlings verborgen bleiben, dann aber sagte sie sich, daß Biberli, da er Zeuge der Vorgänge des letzten Abends gewesen, Wolff am besten von dem wahren Hergang der Dinge unterrichten könnte. Als sie ihm darum die Erlaubnis erteilte, ihrem Bräutigam alles zu berichten, was er gestern im Ortliebhof gesehen und gehört, sagte der Diener, das habe ein Besserer auf sich genommen. Sein Herr sei, als er ihn verlassen, willens gewesen, ihren Bräutigam aufzusuchen. Wenn sie erfahre, was alles über den Ritter gekommen, werde sie begreifen, daß er nicht mehr er selbst sei. Els fehlte es indes an Zeit, ihm zuzuhören und versprach, ihm, wenn er zurückkehre, das Ohr zu leihen; er war aber zu voll von dem Erlebten, als daß er es hätte unerwähnt lassen können, und erzählte ihr in kurzen Worten, wie wunderbar der Himmel seinem Herrn das Leben erhalten. Dann vertraute er ihr auch noch schnell, was ihr, der Jungfrau Els, durch die Schuld seines Herrn zugestoßen, belaste diesem die Seele. Eben deswegen habe er die Nacht nicht vorübergehen lassen wollen, ohne ihrem Verlobten wenigstens zu zeigen, was er, wenn es auch in sein Versteck dringe, von dem Gerede der bösen Zungen halten dürfe. Da atmete Els tief aus. Wolff mußte ihr ja 24 vertrauen! Doch wie häßlich gefärbte Berichte konnten aus dem Eysvogelhause zu ihm gelangen! Nun er die volle Wahrheit durch den glaubhaftesten Augenzeugen erfuhr, fürchtete sie auch die schlimmste Verleumdung nicht mehr. Beim Nachtmahl erschien nur der Vater. Eva hatte ihr Ausbleiben zu entschuldigen gebeten. Sie wollte und sollte ungestört bleiben, aber auch in ihre Hingabe an den Schmerz um die Mutter griff die Welt mit rauher, doch wohlthätiger Hand. Der Schneider, der wegen der Trauer um den jungen Kaisersohn Hartmann diese Stunde für die schönen Ortliebschwestern »gestohlen« zu haben versicherte, kam mit der Gehilfin, und zugleich mit ihm ein Knecht aus dem Tuchhause am Markte, der weiße Zeugrollen zur Auswahl überbrachte. Da galt es denn, sich für Schnitt und Stoff zu entscheiden; mußten doch die Schwestern schon morgen bei der Einsegnung und dann bei den Totenmessen in Trauerkleidern erscheinen. Eva war mit aufrichtigem Widerwillen an diese weltlichen Dinge gegangen; Els aber ließ sie nicht los, bis sie ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Das kam ihrer gemarterten Seele und den armen, rotgeweinten Augen zu gute. Als sie aber wieder im Sterbezimmer neben ihren lieben Nonnen kniete und das bei allen gleiche graue Gewand sah, stieg der Wunsch, den sie schon so oft gehegt, es gleichfalls zu tragen, von neuem in ihr auf. Ihrem himmlischen Bräutigam gefiel kein anderes besser, und an den einzigen, dem zu liebe sie sich gern geschmückt hätte, verbot sie sich in dieser Stunde zu denken. Doch schon das Streben, seiner zu 25 vergessen, führte sie wieder und wieder mit ihm im Geiste zusammen, wie kräftig sie auch sein Bild zurückwies, so oft es sich ihr zeigte. Aber mußte die Mutter nicht nach ihrem letzten Gespräche in dem Glauben geschieden sein, sie werde von ihrer Liebe nicht lassen? Und die letzten Worte der Verstorbenen? Mochten sie gelautet haben wie sie wollten, – hier, jetzt durfte sich nichts zwischen sie und die geliebte Verstorbene drängen, – und mit Herz und Sinn ergab sie sich der Erinnerung an sie, der Sehnsucht nach ihr. Der Schmerz um ihren Verlust, die Reue, sich ihr nicht treu genug gewidmet zu haben, die Hoffnung, im Kloster auch der Seele der teuren Entschlafenen einen auserwählten Platz im Jenseits erbeten zu können, führten sie jetzt auf das Verlangen nach dem Schleier zurück. Den Klarissinnen, die ihr Streben teilten, fühlte sie sich zugehörig. – Wie der Vater kam, um sie zur Ruhe zu schicken, und sie frug, ob sie als mutterloses Kind sich seiner Liebe und Sorge auch fürder anzuvertrauen oder sich eine andere Mutter, die nicht von dieser Welt, zu erwählen gedenke, versetzte sie still ergeben und mit einem innigen Blick auf das Bild der heiligen Klara: »Wie Ihr wollt, Herr Vater, und wie sie es befiehlt.« Da hatte Herr Ernst freundlich erwidert, es liege noch lange Zeit für das Ja oder Nein vor ihr. Dann ermahnte er sie nochmals, die Leichenwache den dazu bestellten Frauen und den Klarissinnen, die bei der Verstorbenen zu bleiben begehrten, zu überlassen; Eva aber bestand so eifrig darauf, die Wache zu teilen, daß Els den Vater mit einem bedeutungsvollen Winke bestimmte, ihr den Willen zu thun. 26 Von der Einkleidung der Verstorbenen, der Aufbahrung und was den Leichenfrauen sonst an ihr zu verrichten oblag, hielt die Schwester sie fern, indem sie ihr den Auftrag erteilte, Muhme Christine, die Hausfrau des Schultheißen Berthold Pfinzing, zu empfangen, die auf die Nachricht vom Tode der Schwägerin aus Schweinau herbeigeeilt war. Nichts sollte dem geliebten Kinde die Erinnerung an die teure Dulderin trüben, und Els wußte, daß Frau Christine der Entschlafenen eine teuere Freundin gewesen, daß Eva der trefflichen Frau anhing wie einer zweiten Mutter, und daß aus ihrem redlichen Herzen der Schwester nichts zukommen konnte, was ihr nicht wohlthat. Sie hatte sich auch nicht geirrt; denn die gemütsvoll warme Weise, mit der die Matrone Eva begegnete, gab sie sich selbst zurück; ja, als Frau Christine gehen mußte, weil allerlei ernste Pflichten ihr die Zeit beschränkten, hätte sie sie gern zurückgehalten. Als Eva endlich ruhiger als vorher in den Saal trat, wo die Leiche der Mutter jetzt im weißen seidenen Sterbehemde auf schneeigen Atlaskissen dalag, wie sie morgen zur Einsegnung vor den Altar gestellt werden sollte, wurde sie aufs neue mit aller Gewalt vom tiefsten Schmerze ergriffen; ja, das brennende Weh ihrer Seele äußerte sich so ungestüm, daß es der Aebtissin, die wiedergekommen war, während die Schwestern noch von der Schultheißengattin Abschied nahmen, erst gelang, sie zu besänftigen, als sie sie beiseite nahm und ihr zuflüsterte: »Denke an unsern Heiligen, Kind. ›Schwester Leid‹ nannte er jedes, auch das schmerzlichste Weh. So sollst auch Du, mein Mädchen, in dem Leid eine Tochter Deines 27 Vaters im Himmel, eine Schwester begrüßen. Erinnere Dich, von wie hoher, liebreicher Hand es Dir zukam, und Du wirst es geduldig ertragen.« Da nickte Eva ihr dankend zu, und wenn der Schmerz sie übermannen wollte, dachte sie an das versöhnliche Wort des Heiligen: »Schwester Leid«, und es ward ihr stiller im Herzen. Els wußte, wie schwer ermüdet sie von den Aufregungen der letzten Nächte sein mußte, und hatte ihr die Leichenwache nur zu teilen gestattet, weil sie voraussah, daß sie sich des Schlafes nicht würde erwehren können. Zwischen ihrem Rücken und der hohen Lehne des Prunkstuhles, den sie ihr zum Sitze angewiesen, hatte sie ein Kissen geschoben, doch Eva täuschte ihre Erwartung; denn was sie ernstlich wollte, das führte sie durch, und während Els die Augen oft zufielen, blieb sie völlig wach. Wenn der Schlaf sie aber übermannen wollte, dachte sie der letzten Worte der Mutter und besonders das eine, »das Schmiedefeuer des Lebens«, schien ihr bedeutsam. Zu einiger Klarheit darüber war sie indes dennoch noch nicht gelangt, als die Hähne krähten, das Lied der Nachtigall verstummte und das Gezwitscher der anderen Vögel in den Sträuchern und Baumkronen des Gartens den kommenden Tag begrüßte. Da erhob sie sich und küßte Els, die leise schlummerte, lächelnd die Stirn. Dann sagte sie der Schwester Renata, sie werde sich zur Ruhe begeben, und legte sich in dem verdunkelten Schlafgemache zu Bett. Betend und sinnend hatte sie vorhin der Mutter fortwährend gedacht. Jetzt träumte ihr, Heinz Schorlin hätte sie, wie der Ritter Altrosen die Gräfin Montfort, 28 mit starken Armen aus dem brennenden Kloster gerettet und sie der Verstorbenen, die ihr so frisch und gesund wie vor der Krankheit erschienen war, entgegengetragen. Als sie drei Stunden vor Mittag erwachte, begab sie sich erfrischt zu der Verstorbenen zurück. Wie mild und freundlich war ihr Antlitz auch jetzt noch; doch die lieben, stummen Lippen konnten ihr nie wieder den Morgengruß bieten, und, von heißem Schmerz ergriffen, warf sie sich vor dem Sarg auf die Kniee. Bald aber erhob sie sich wieder. Der Schlaf von vorhin hatte die leidenschaftlich schmerzliche Erregung in stillen Kummer verwandelt. Auch auf äußere Dinge zu achten gelang ihr. An der Aufbahrung der Verstorbenen gab es wenig auszusetzen; nur den lieben, zarten, blassen Händen wußte sie eine schönere Lage zu geben, die ihrer gewohnten Haltung besser entsprach, und die Blumen, die der Gärtner zur Ausschmückung des Sarges gebracht, genügten ihr gar nicht. Sie kannte alle, die in der Umgebung Nürnbergs in Wald und Flur wuchsen, und niemand verstand sie zierlicher zum Strauße zu vereinen. Einige hatte die Mutter besonders gern gehabt und sich gefreut, wenn sie sie von ihren Spaziergängen mit der Aebtissin oder der Schwester Perpetua, der alten, erfahrenen Aerztin des Klosters, heimgebracht hatte. Viele wuchsen im Forste, andere am Ufer des Wassers. Ohne ihre freundlichen Lieblinge sollte die teuere Verschiedene das Haus nicht verlassen, dessen Leiterin und Zierde sie gewesen. Was der Gärtner gebracht, ordnete Eva so ansprechend es anging. Dann bat sie Schwester Perpetua, sie auf einem Gang zu begleiten, und teilte Vater und Schwester 29 mit, daß es sie verlange, mit der Klarissin ein wenig ins Freie zu gehen. Was sie vorhatte, verriet sie niemand. Die Lieblingsblumen sollten ihr letztes eigenstes Geschenk an die Mutter sein. Der alten Martsche gab sie heimlich den Auftrag, ihr Ortel, den jüngsten Knecht des Hauses, einen achtzehnjährigen gutwilligen Burschen, mit einem Korbe nachzuschicken, damit er sie und die Nonne beim Weirhause erwarte. Nach dem Gewitter gestern war die Luft besonders rein und frisch, und das bloße Atmen ein wahrer Genuß Die Sonne schien hell und mild vom wolkenlosen Himmel. Auf dem Fußwege zum Weirhause, unweit desselben Dutzenteiches, in dem Kätterle gestern den Tod zu suchen beschlossen, wanderte es sich köstlich durch Wiese und Wald. Die ganze Natur schien erlabt wie nach einem erfrischenden Bade. Lerchen stiegen aus der vollen Wintersaat mit leisem Zittergesang himmelan, über den blühenden Wiesen wiegten sich Falter. Schlanke Libellen und kleinere, fleißige Insekten flatterten summend von Blüte zu Blüte, sogen Honig aus vollen Kelchen und trugen anderen den Samen zu, dessen sie zur Bildung der Frucht bedurften. Aus manchem Strauche am Wege klang noch Finkenschlag und Grasmückengezwitscher. Im Forste umfing sie köstlicher Schatten, belebten hundert laute und leise Stimmen die Nähe und Ferne. Unter Moos und Farnen hatten sich zahllose Knospen erschlossen, reiften hart über dem Boden an Erdbeerpflanzen und an den zarten, blattreichen Zweigen der Heidelbeerbüsche saftreiche, noch grüne oder rosenrote Früchte. 30 In der Nähe des Weirhauses erhob sich ein lautes Klingen und Schallen, das doch ganz anders wirkte als das Geräusch der Stadt; denn statt zu erregen und die Neugier zu spannen, lag eher etwas Beruhigendes in dem Gleichklang der Schläge des Eisenhammers und in dem eintönigen Quaken der Frösche. An dieser Stelle des Waldes, wo auch die schönsten Blumen wuchsen, hing der Morgentau noch frisch und blank an Blüten und Gräsern. Hier war es so lebensvoll und doch so lauschig, und mitten in der Fülle der Töne, aus denen das Hacken des Spechtes, der Schrei des Kibitzes und der Ruf der fernen Hohltaube hervorklang, war es doch so still und friedlich, daß Eva das Herz aufging, trotz all ihrer Trübsal. Schwester Perpetua sprach nur, wenn man sie fragte. Sie fühlte nach, was in Eva vorging, wenn sie der Freude über jeden neuen Fund unbefangen Ausdruck gab; denn sie wußte, für wen und zu welchem Zweck sie die Blumen suchte und brach, und statt sie der Gefühllosigkeit zu zeihen, verfolgte sie mit stiller Rührung die Wandlung, die in diesem holdseligen Kinde das Streben hervorrief, im Bunde mit der Natur der Geliebtesten etwas Liebes zu erweisen. Manchmal freilich griff auch jetzt der Schmerz Eva unsanft ans Herz. Dann blieb sie stehen, um still vor sich hin zu seufzen, oder um der Begleiterin zuzurufen: »Ach, wenn sie doch bei uns sein könnte,« oder auch, um sie nachdenklich zu fragen, ob sie sich noch erinnere, wie die Mutter sich über die duftige Orchis oder die Wasserlilie gefreut, die sie eben gefunden. Schwester Perpetua hatte ihr einen Teil des 31 Gesammelten abgenommen; aber da stand schon Ortel mit dem Korbe, und der Haushund Wasser, der dem jungen Knechte gefolgt war, eilte den Frauen mit munterem Gekläff entgegen. Eva hatte schon genug, um den Sarg zu schmücken, wie es ihr vorschwebte, und die Sonne zeigte, daß die Zeit zur Heimkehr gekommen. Bis dahin war ihnen niemand begegnet. Hier auf der Waldwiese, im Schatten des dichten Haselgebüsches, das den Tannenwald umsäumte, ließen die Blumen sich in Ruhe ordnen. Nachdem Eva die ihren in das Gras geworfen, forderte sie die Schwester auf, mit ihrem bunten Bündel das gleiche zu thun. Zwischen dem langhin gestreckten Gesträuch und dem Wege stand eine kleine Kapelle. Das Geschlecht der Mendel hatte sie an der Stelle errichtet, wo ein Sohn des alten Herrn Nikolaus ums Leben gekommen war. Vier verbündete fränkische Raubritter hatten ihn samt dem Warenzuge, dem er entgegengeritten war, überfallen und den feurigen jungen Mann, der sich tapfer zur Wehr gesetzt, im Kampfe erschlagen. Dergleichen wäre jetzt freilich in solcher Nähe der Stadt nicht mehr möglich gewesen. Aber Eva wußte, was den Eysvogelschen Handelsgütern geschehen war, und obgleich es ihr nicht an Mut gebrach, fuhr sie darum doch erschrocken zusammen, als sie plötzlich nicht von der Stadt, sondern vom Innern des Forstes her Pferdegetrappel und Waffengeklirr näher kommen hörte. Hastig winkte sie der schwerhörigen Begleiterin, die noch nichts vernommen, sich mit ihr hinter das Haselgesträuch zu verbergen. Auch dem jungen Knechte, der 32 den Korb schon zu den Blumen gestellt hatte, gebot sie, sich zu verstecken, und gespannten Ohres lauschten nun alle drei in den Wald hinein. Ortel hielt den Hund am Halsbande, gebot ihm Ruhe und versicherte der jungen Herrin, es werde nur ein neues Fähnlein Reisiger sein, das von Altdorf her zum kaiserlichen Kriegsheere stoße. Bald aber erwies es sich, daß er doch kaum das Rechte vermutet; denn erst näherten sich zwei bewaffnete Reiter, die behend wie ihre mährischen Rosse in höchst verdächtiger Weise die Hälse bald hier bald dorthin wandten, um in das Strauchwerk zur Seite des Weges zu spähen. Nach einer ziemlich langen Pause aber zeigte sich auf einem gewaltigen Binzgauer Hengste die hohe Gestalt eines älteren Herrn in tiefer Trauer, der eine mit seinem Pelzwerk verbrämte Mütze auf dem langen, bis an die Schulter herabwallenden Haare trug, und neben ihm auf einem edelgebauten feurigen Braunen eine noch ganz junge Frau von biegsamem Wuchs und von höchst vornehmer Haltung. Sobald die Haselsträucher und Tannen, die dies edle Paar den Blicken entzogen hatten, es gestatteten, erkannte Eva in dem Herrn den Kaiser Rudolf, in seiner Begleiterin die Herzogin Agnes von Oesterreich, seine junge Schwiegertochter, deren sie seit dem Tanz auf dem Rathause nicht vergessen. Hinter ihnen kamen einige Ritter in Kettenpanzern und mit allen Zeichen tiefer Trauer an Gewand und Helmzier, und unter diesem dem Herrscher nahestehenden Gefolge nahm Eva – das Herz drohte ihr stille zu stehen – denjenigen wahr, den sie hier am letzten zu finden erwartet: Heinz Schorlin. 33 Während sie die Blumen für den Sarg der Mutter pflückte, war ihr sein Bild beinahe ganz aus dem Gedächtnis geschwunden. Jetzt zeigte er sich ihr in eigener Person, und sein Anblick ergriff sie so mächtig, daß Schwester Perpetua, die sie erbleichen und sich an dem jungen Tannenbaum neben ihr festhalten sah, ihr verändertes Aussehen der Furcht vor Raubrittern zuschrieb und ihr zuraunte: »Unbesorgt, Kind, es ist nur der Kaiser.« Weder die ersten Reiter – Sicherheitswächter, die der Reichsschultheiß, Evas Oheim Berthold Pfinzing, dem Herrscher ohne sein Vorwissen beigegeben hatte, um ihn bei seinem Spazierritt in der Frühe vor unliebsamen Begegnungen auf dem Gebiete der Stadt zu behüten – noch der Kaiser und seine Begleiter konnten Eva wahrgenommen haben, während sie an der Kapelle vorüberritten. Kaum aber hatten sie diese erreicht, als der Hund Wasser, der sich von der Hand Ortels losgerissen hatte, aus dem Haselnußgebüsch hervorbrach und sich mit lautem Gebell dem Rosse der Herzogin entgegenstürzte. Das feurige Tier sprang unruhig zur Seite; doch schon wenige Augenblicke später hatte Heinz Schorlin sich aus dem Sattel geschwungen und den Hund mit einem so kräftigen Fußstoße getroffen, daß er sich heulend in das Strauchwerk zurückzog. Dabei war er jeder Bewegung des Braunen aufmerksam gefolgt, und zu rechter Zeit hatte seine starke Hand sich ihm in die Nase geschlagen und ihn zum Stillstande gezwungen. »Immer wach und zu rechter Zeit am Platze!« rief der Kaiser und fügte dann wehmütig hinzu: »So war auch unser Hartmann.« 34 Die Herzogin neigte beistimmend das Haupt; der bekümmerte Vater aber wies auf Heinz und bemerkte: »Teils dankte der Knabe die frische Rüstigkeit wohl dem gesunden Schweizerblute, mit dem er zur Welt kam; doch der da gab ihm in den entscheidenden Jahren das Beispiel. Willst Du absteigen, Kind, und es dem Schorlin überlassen, den Braunen zur Ruhe zu bringen?« »O nein,« versetzte die Herzogin. »Ich kenne den Unband. Das Scheuen, Ritter Heinz, triebt Ihr dem wundervollen Wüstensohne doch noch nicht aus, wie Ihr verhießet. Nicht der kläffende Rüde, der vom Himmel gefallene Korb dort thut es ihm an.« Damit wies sie auf den Rasen bei der Kapelle, in dem neben Evas Blumen das helle Weidengeflecht stand, das sie aufnehmen sollte. »Wohl möglich, hohe Frau,« versetzte Heinz, indem er dem Araber, ein Geschenk des ägyptischen Mamlukensultans Kalaûn an den Kaiser, den glänzenden Hals klopfte. »Vielleicht aber wollte das kluge Tier seine edle Reiterin nur zwingen, hier zu verweilen. Geruht nur gütigst dorthin zu schauen, Hoheit! Sieht es nicht aus, als hätte die Waldsee selbst für Eure erhabene Person alles an den Weg gelegt, was sie Schönstes in Wald und Flur, am See und im Moose erblühen läßt?« Damit bückte er sich, entnahm der Menge der von Eva gesammelten Blumen diejenigen, die ihm besonders ins Auge fielen, scharte sie flüchtig zu einem Strauße zusammen und reichte sie der Herzogin mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Da dankte sie ihm freundlich, steckte sich das Sträußlein in den Gürtel und schaute ihm dabei mit einem so 35 innigen Blick in die Augen, daß es der spähenden Eva dabei war, als zöge das Herz sich ihr zusammen. Selbst Fürstinnen, die eine weite Kluft von ihm trennten, mußten diesem Manne hold sein. Wie hätte sie, die schlichte Jungfrau, die er seiner Minne versichert, von ihm zu lassen vermocht? Aber es wurde ihr keine Zeit gelassen, zu denken und zu wägen; denn schon ritt der Kaiser mit dem böhmischen Königskinde weiter, und Heinz ging auf sein Roß zu, das einer der Trabanten, die dem Zuge folgten, am Zügel hielt. Bevor er sich wieder in den Sattel schwang, blieb er indes nachdenklich stehen. Es war ihm in den Sinn gekommen, daß er einer Blumen- oder Kräutersammlerin einen Teil des Ergebnisses ihrer Morgenarbeit geraubt, und einem schnellen Triebe gehorsam, warf er eine blanke Zechine in den Korb. Eva sah es, und alles, was in ihr war, drängte sie, hervorzutreten und ihm zu sagen, daß ihr die Blumen gehörten, und ihm im Namen der Armen, denen sie sein Geschenk zustellen wollte, zu danken; doch jungfräuliche Befangenheit hielt sie zurück, obgleich er ihr lange genug Gelegenheit gab, ihm zu nahen; denn als er das Gnadenbild in der Mendelschen Kapelle gewahrte, bekreuzte er sich, nahm den Helm ab und sprach mit geneigtem Knie, während die anderen ohne ihn weiterritten, ein stilles Gebet. Die braunen Locken umwallten ihm dabei das Haupt, und in seinen Zügen lag tiefer Ernst und heiße Inbrunst. O wie gern hätte sie sich neben ihn auf die Kniee 36 geworfen, die Hände mit den seinen verflochten, und – nein, nicht gebetet, dafür schlug ihr das Herz zu ungestüm – wohl aber das Haupt an seine Brust geschmiegt und ihm gesagt, daß sie ihm vertraue und sich Eins mit ihm fühle in der irdischen wie in der himmlischen Minne. Wer in der Einsamkeit so betete, dessen Seele war auf das Höchste gerichtet. – Mochten die anderen sagen, was sie wollten, sie kannte ihn besser! Dieser Mann hatte sie von der ersten Stunde an mit der heißesten, aber auch mit der heiligsten Minne geliebt, nie und nimmer sie nur an sich gezogen, um ein frevelhaftes Spiel mit ihr zu treiben. Der letzte Wunsch der Mutter würde sich dennoch erfüllen. Es galt nur, ihm mit ganzer Seele zu vertrauen und es dem »Schmiedefeuer des Lebens« zu überlassen, sie zu stärken und zu läutern. Jetzt kam ihr auch wieder in den Sinn, woher die Sterbende dies Wort genommen. Muhme Christine hatte es neulich vor der Mutter gebraucht. Der junge Kunz Schürstab war in Lyon auf schlechte Wege geraten. Alle Welt, auch der leibliche Vater, hatte ihn verloren gegeben; dann aber war er nach Jahren heimgekehrt und hatte sich im Geschäfte seines Hauses wie im Rate vortrefflich bewährt. Auf die Frage der Verstorbenen, wo diese Wandlung sich an dem jungen Manne vollzogen, hatte die Muhme versetzt: »Im Schmiedefeuer des Lebens.« Sie, rief Eva sich selbst zu, war geflissentlich fern gehalten worden von seinen Flammen, und im Kloster hätten sie sie vielleicht niemals berührt. Gestern zum erstenmale war sie von ihnen ergriffen worden, und sie wollte sich ihnen auch fürder nicht entziehen, um der Mutter gehorsam zu sein und 37 um des stillen Beters dort würdig zu werden. Noch war sie es nicht. Er dankte seinem Heldenmute und guten Schwerte einen ruhmreichen Namen; was aber hatte sie bis jetzt gethan, als selbstsüchtig für das eigene Wohlergehen im Diesseits und das eigene Heil im Jenseits zu sorgen. Nicht einmal stark genug war sie gewesen, um derjenigen, der sie alles verdankte, und die sie so zärtlich geliebt hatte, das Haupt zu halten, wenn der Krampf sie geschüttelt. Auch als die Mutter die Augen geschlossen – sie hatte es wohl bemerkt – war sie von jeder Verrichtung im Hausstand und an der teueren Leiche ferngehalten worden, weil man sie für untauglich dafür hielt und Els und jedermann sich scheute, ernste Anforderungen des Lebens zwischen die »kleine Heilige« und ihr Streben nach der Seligkeit des Himmels zu stellen. Und doch fühlte Eva, daß sie konnte, was sie wollte, und statt die starke Kraft zu gebrauchen, die sie in dem zarten Leibe sich mit verborgener Macht regen fühlte, es vorgezogen hatte, sich tragen zu lassen, um in einer andern Welt als derjenigen zu weilen, in der es ihr vergönnt gewesen wäre, sie zu bewähren. Das Schmiedefeuer, durch das aus unnützen Eisenstücken Schwerter und Pflugscharen wurden, – auch auf sie sollte es sich wirksam erweisen. Mochte es sie brennen und quälen, wenn es aus ihr nur ein echtes, rechtes Weib machte, ein Weib wie Muhme Christine, von der die Mutter das Wort vom »Schmiedefeuer des Lebens« vernommen, die Hunderten half und den Weg wies und wohl auch schon in ihrem Alter keiner Els bedurft und keiner Muhme Aebtissin, um dem Leib und der Seele die rechten Wege zu weisen. Sie liebte beide, 38 doch etwas in ihr lehnte sich heftig auf gegen das Kindsein, und – nun die Mutter nicht mehr war – gegen die Zumutung, den eigenen Willen einem andern unterzuordnen als dem des Mannes, zu dem sie gern wie zu ihrem Herrn aufgeschaut hätte. Während Heinz das Knie vor der Kapelle neigte, ohne Schwester Perpetua zu bemerken, die vor dem Altare in ihrem Innenraume betete, kreuzten ihr diese Gedanken blitzschnell das Gehirn. Jetzt erhob er sich und näherte sich dem Rosse. Bevor er es aber bestieg, brach der Hund von neuem dicht neben ihr mit wütendem Gebell aus dem Dickicht hervor. Da mußte er ihr weißes Trauergewand wahrgenommen haben; denn der Ruf ihres Namens klang ihr ans Ohr, und um weniges später – sie hätte nicht zu sagen vermocht, wie es geschehen war – stand Heinz mit ihrer Hand in der seinen bei den Blumen und neben dem Korbe und schaute ihr so ernst und traurig, daß er ein ganz anderer zu sein schien als der übermütige Tänzer im Rathaussaale, und doch gerade so lieb und warmherzig wie damals in die Augen. Dabei sprach er von der tiefen Wunde, den ihr der Tod der Mutter geschlagen. Auch ihn hätte das Schicksal hart angegriffen; der Schmerz aber lehre ihn, sich dahin zu wenden, wohin sie selbst ihn gewiesen. Da tönte der Hornruf durch den Wald, mit dem der Herrscher dem Gefolge in seine Nähe zu eilen gebot. »Der Kaiser!« rief Heinz und wies in den Wald. Dann bückte er sich zu den Blumen, ergriff einige Vergißmeinnicht, und während er bald sie, bald Eva liebevoll anschaute, stieß er, als hemme der Schmerz ihm die 39 Sprache, mit gedämpfter Stimme hervor: »Ich weiß, daß Du sie mir vergönnst; denn sie tragen die Farbe der hohen Himmelskönigin, die auch die Deine und die die meine sein wird, bis Herz und Augen mir brechen.« Mit einem leisen: »Behaltet sie,« erfüllte Eva sein Verlangen; er aber preßte die Hand an die Stirn und fuhr wie von einem scharfen Zwiespalt zerrissen, hastig fort: »Ja wohl; – es ist auch die der gnadenreichen Jungfrau. Die Welt zu meiden, ihr und dem Höchsten allein zu dienen, sagen sie, habe der Himmel mich durch ein Wunder berufen, – und oft will es mir scheinen, als hätten sie recht. Aber wie sich auch entscheide, was mir, dem Raschentschlossenen, seit jenem Blitzschlag die Seele bald hierhin zieht, bald dorthin, – Dein Blau, Eva, die Farbe dieser Blumen, es bleibt mir, trage ich es nun zu der gebenedeiten Jungfrau Ehre oder – läßt die Welt mich dennoch nicht los – zu der Deinen. Sie oder Du! – Auch Du, Eva, – ich weiß es – stehst zaudernd vor zwei Wegen . . . Der rechte? . . . Bitten wir, daß ihn der Himmel Dir und mir zeige!« Damit schwang er sich schnell auf das Roß und jagte, seinem Rufe gehorsam, dem kaiserlichen Herrn nach. Schweigend schaute Eva auf die Stelle hin, wo er hinter einem Tannendickicht verschwunden; doch bald weckte sie der Knecht Ortel, der eben einige frühe Erdbeeren für sie gepflückt hatte, aus dem wachen Traume und rief, indem er die großen Hände laut zusammenschlug: »Da müßte mich doch . . . Jungfrau Ev, wenn der Ritter, der Euch hier antrat, nicht der Schweizer ist, an dem gestern das große Wunder geschah.« »Das Wunder?« frug sie gespannt; denn Els hatte 40 ihr geflissentlich verschwiegen, was sie davon vernommen, und es hing doch gewiß mit der »wunderbaren Berufung« zusammen, von der Heinz geredet, ohne von ihr verstanden worden zu sein. »Ja, ein echtes und großes Wunder,« fuhr Ortel eifrig fort. »Der Blitz – ich hab' es von dem Metzgerbuben, der das Fleisch bringt. Er vernahm's von der Frau Meisterin selber, und jetzund ist es schon jedem Kinde bekannt: in den Helm des Ritters schlug der Blitz bei dem Unwetter gestern. Die Rüstung fuhr er entlang, und dabei hat es ein helles Leuchten und Strahlen gegeben. Das Roß sank unter ihm tot zusammen und regte kein Glied mehr; er selbst aber ging heil und gesund von hinnen, und an der Stelle, wo der Blitz den Helm traf, soll heute noch ein Kreuz zu schauen sein.« »Und das, meinst Du,« frug Eva gespannt, »sei dem nämlichen Ritter begegnet, der die Blumen dort aufnahm?« »So wahr ich mit dem Sakrament zu sterben hoffe, Jungfrau Ev,« versicherte der junge Knecht. »Mit dem hageren Biberli, der des Kätterle Liebster und der ihm dient, sah ich ihn reiten, und dergleichen Herren gibt's nicht zu Dutzend. Er gehört auch zu des Kaisers Rudolf nächsten Begleitern. Ist er es nicht, will ich gleich in Jammer und Plage . . .« »Pfui über Dein garstiges Fluchen,« fiel Eva ihm verweisend ins Wort. »Weißt Du auch, daß der hohe, ehrwürdige Herr mit dem langen grauen Haare . . .« »Das war Kaiser Rudolf!« rief Ortel, gewiß seiner Sache. »Wer den einmal sah, der vergißt ihn nicht wieder . . . Ihm gehört ja wohl alles auf Erden; wie 41 aber der Ritter so frei in unsere Blumen griff, als wären sie sein eigen, dacht' ich mir dennoch . . . Doch da – da – da. Seht nur selbst her, Jungfrau! Eine schwere, unbeschnittene gelbe Zechine!« Dabei schlug er auf die Münze in seiner Hand, bekreuzte sich und fuhr nachdenklich fort: »Das Silberstücklein oder was er sonst hierher warf, vielleicht um die Blumen zu bezahlen, die doch keine fünf Heller wert sind, – in eitel Gold hat es der Heilige verwandelt, der für ihn die Wunder verrichtet . . . Meiner Seelen! Wenn viele in Nürnberg das Viehfutter dort so hoch bezahlten, träte der reiche Eysvogel aus dem Rat und ginge Waldblumen suchen!« Da bat Eva den Knecht, ihr die Zechine zu lassen und versprach, ihm daheim eine andere und als Aufgeld auch noch ein halb Pfund Heller zu schenken; Ortel aber rief: »Das nenn' ich einen Morgen!« Gleich darauf änderte er jedoch den Ton; denn das weiße Trauergewand Evas und der Zweck ihres Ausganges waren ihm in den Sinn gekommen, und seine frische Stimme klang mitleidig genug, als er fortfuhr: »Wenn man nur die gnädige Frau Mutter ins Leben zurückrufen könnte. Daß mich! . . . Ich kaufte gleich für mein ganzes Erspartes so viele Kerzen, wie meine Mutter in ihrem Lädlein führt, um sie den lieben Heiligen zu spenden, wenn sich's abändern ließe.« Dabei füllte er den Korb mit Blumen, und die Nonne half ihm, während Eva ihm gesenkten Hauptes voranschritt. Durfte sie noch auf den Besitz des Mannes hoffen, an dem der Himmel solches Wunder verrichtet? War es 42 keine Sünde, zu hoffen und zu erflehen, daß er ihre gemeinsame Farbe nicht der hohen Königin des Himmels, sondern ihr, der geringen Eva zu Ehren, an der nichts stark war als der Wille zum Guten, trage? Zwang Heinz sie nicht geradezu, einen Wettstreit mit derjenigen zu beginnen, mit der sich auch nur aus der Ferne zu vergleichen, von vorn herein unterliegen hieß? Aber nein! Die gnadenreiche Freundin dort oben kannte sie und ihr Herz. Sie wußte, mit wie inniger Liebe und Verehrung sie zu ihr aufschaute von Kind an, und ihr, die sich ihr tausendmal, wenn sie die Seele zu ihr im Gebete erhoben, huldreich erwiesen, legte sie jetzt auch ihre Minne ans Herz. Als der Wald hinter ihr lag, atmete sie schwer auf und blieb stehen, bis Schwester Perpetua ihr Gebet in der Kapelle beendet und sie erreicht hatte. Es war ihr schwer ums Herz, und als jenseits des Forstes auf der Wiese die Glut der Sonne, die schon die Mittagshöhe erreicht, sich fühlbar machte, überkam sie die Empfindung, als hätte sie das unbefangene Glück der Kindheit in dem grünen Dickicht hinter sich gelassen. Und doch hätte sie diesen Gang in den Forst um keinen Preis ungeschehen machen mögen. Wußte sie doch jetzt, daß sie keine Nebenbuhlerin habe als diejenige, die Heinz nicht weniger lieben durfte als sie. Ob sie sich beide für die Welt entscheiden mochten oder für das Kloster, – in der Liebe für sie und ihren erhabenen Sohn blieben sie Eins.     Drittes Kapitel. Vor dem Ortliebhofe sah Eva Biberli dem Frauenthor entgegenschreiten. Er war lange bei Els gewesen, um ihr so unbefangen wie je Bericht zu erstatten. Gestern schon hatte er Kätterle gesagt: »Beruhige Dich, Lämmlein. Nun die Tochter Dich und mich zu geheimen Botendiensten gebraucht, läßt uns auch der Vater in Frieden. Solch ein Herr vom Rat steht gleichsam als Hehler da, wenn er einen, den er wert hält für den Pranger, ihm mancherlei Dienste zu leisten gestattet.« Und Herr Ernst Ortlieb ließ ihn in der That gewähren, weil er seine und Kätterles Unentbehrlichkeit für den Verkehr seiner Tochter mit Wolff anerkennen mußte. Els hatte dem gewandten Burschen um so williger verziehen, je tröstlicher die Nachrichten lauteten, die er ihr von ihrem Bräutigam brachte. Endlich empfand sie es als ein besonderes Glück, daß sie durch ihn mancherlei im stillen erfuhr, was Heinz Schorlin betraf, und was zu wissen ihr für die Schwester lieb war. Zwar wäre es vergebene Mühe gewesen, dem treuen und standhaften Biberli auch nur ein Wort abzufragen, das er zu Gunsten seines Herrn besser verschwiegen hätte; er stand ihr aber geduldig Rede, und was er ihr mit gutem Gewissen mitteilen konnte, das hatte er ihr vorhin 44 vertraut. So war sie denn, als Eva heimkehrte, von allem genau unterrichtet, was den Ritter gestern morgen mit Kummer erfüllt und betroffen. Teilnehmend war sie der Klage des Dieners über die unerhörte Wandlung gefolgt, die mit Heinz, seit der Blitz ihm das Roß erschlagen, vorgegangen war. Ungläubig hatte sie indes zu der Versicherung Biberlis das Haupt geschüttelt, sein Herr gehe allen Ernstes damit um, wie seine beiden älteren Schwestern im Kloster Frieden zu suchen. Bei der lebendigen Schilderung des Dieners, wie Pater Benedictus die Stimmung seines Herrn verwerte, um ihn der Welt zu entfremden, waren die Zweifel freilich geschwunden. Biberlis Versicherung, er hätte mehrfach mit angesehen, wie auch andere junge Ritter, die mit besonders glücklichem Uebermut in die Welt hinausgestürmt wären, eines Tages wie erschreckt vor sich selbst stehen geblieben wären und sich keinen andern Rat gewußt hätten, als die Rüstung mit der Mönchskutte zu vertauschen, erinnerte sie außerdem an ähnliche Vorgänge in ihrer nächsten Umgebung. Der Diener hatte auch recht mit der Behauptung, den meisten wäre durch Mönche von dem Orden des heiligen Franciscus der Weg ins Kloster gewiesen worden, seit der Name des Mannes von Assisi und die Wunder, die sich an ihn knüpften, auch hier zu Lande bekannt geworden. – Wen, versicherte der erfahrene Bursche, es unmöglich dünke, dem frohgemuten Ritter Heinz einmal in der braunen Kutte zu begegnen, der könnte sich irren. Die Herausforderung des Ritters Siebenburg und was seinem Herrn sonst mit dem »Schnurrbart« begegnet war, hatte er geflissentlich verschwiegen; dagegen war er 45 eifrig genug bemüht gewesen, Els bis ins einzelne von dem Empfange zu berichten, den er bei ihrem Verlobten gefunden. Mit wie warmem Eifer hatte er berichtet, daß Wolff als wackerer Mann, der er sei, auch den leisesten Zweifel an ihrer Standhaftigkeit und Treue, die auch seine Haupttugenden wären, weit von sich weise. Schon vor dem Besuche des Ritters Schorlin hatte der junge Herr Eysvogel gewußt, was von den Verleumdungen, die ihm allerdings zugetragen worden wären, zu halten. Wie ruhigen, ungetrübten Mutes und hellen Geistes er geblieben, beweise wohl am besten, daß er viele Bogen Papier mit Zahlen bedeckt, die sich alle auf den Stand des Eysvogelschen Handels bezögen. Auch diese Schriften habe er ihm anvertraut, um sie seinem Herrn Vater zu übergeben, und erst nachdem er sich dieses Auftrags entledigt, sei er zu ihr gekommen. Das Beste habe er jedoch wieder, seiner Gewohnheit gemäß, für das Ende verspart; jetzt aber sei es an der Zeit, es ihr zu überreichen. Damit hatte er eine Rose von geschmiedetem Eisen aus der Brustöffnung des langen Gewandes hervorgezogen. Sie war Els wohlbekannt; denn sie hatte das Gürtelschloß ihres Bräutigams verziert und schon oft wegen der besonders zierlichen Feinheit der Arbeit ihre Bewunderung erweckt. Was diese Gabe ihr künden sollte, stand auf dem Blatte zu lesen, das sie begleitete, und das folgende kunstlose Reimlein enthielt: »Das Eisen roh, das Glut und Schläge bogen; Schau, wie's als Rose uns ergötzt die Sinne. So bringt, was uns zum Leid die Bösen logen, Zur vollsten Blüte unsrer Herzen Minne.« 46 Gleich nach der Uebergabe dieses Geschenkes hatte Biberli sich entfernt; denn sein Herr erwartete ihn bei der Heimkehr von dem frühen Spazierritt mit dem Kaiser; Els aber las mit glühenden Wangen wieder und wieder die Verse, die ihr der Geliebte so tröstlich zusang. Wie ein Wunder wollte es ihr erscheinen, daß sie sich auf eins der Worte der sterbenden Mutter bezogen, auf das Schmiedefeuer, dessen die Entschlafene in den letzten Augenblicken im Zusammenhang mit der Zukunft Evas gedacht. – Hier hatte es aus rohem Eisen die schönste der Blumen zu bilden gestattet. Etwas Holderes und Liebenswürdigeres, dachte die Schwester, konnte man freilich aus dem Lieblinge nicht machen. Ob das Feuer aber auch die Kraft besaß, Eva gleichsam vom Himmel auf die Erde zu führen und sie in ein gleichmäßig denkendes und handelndes, thatkräftiges Weib zu verwandeln? Kaum! Und wozu auch? Sie war ja da, um sie zu leiten und ihr die Steine aus dem Wege zu räumen. Ja, wenn sie dem Kloster entsagte und einen Gefährten fände wie ihren Wolff! Wieder und wieder überlas sie seinen Gruß und führte das teuere Blatt an die Lippen. Am liebsten wäre sie zu der Leiche der Mutter geeilt, um es ihr zu zeigen. Doch da kehrte Eva eben zurück. Sie mußte sich mit ihr dieser schönen Bestätigung ihrer Hoffnung freuen, und als sie mit glühenden Wangen und perlender Stirn vor ihr stand, zog sie sie zärtlich an sich, zeigte ihr, überströmend vor Dankbarkeit, das Geschenk und die Verse des Geliebten und lud sie ein, teilzunehmen an dem großen Glück, das die Nacht ihrer Kümmernis so freundlich erhellte. Und Eva, die sich vor Müdigkeit kaum auf den Füßen zu halten 47 vermochte, gedachte, als Els ihr die Verse Wolffs vorlas, wie die Schwester soeben, der letzten Worte der Mutter. Nicht in eine Rose verwandeln, härter, fester sollte das Schmiedefeuer des Lebens sie machen, und sie wußte auch warum und für wen. Gestern noch hätte sie bei solcher Erschöpfung nichts zurückgehalten, sich nach einigen kurzen Worten, die Els vor Enttäuschung bewahrt hätten, niederzulegen, sich die Kissen von ihr zurechtlegen und sich mit einem erfrischenden Trank erlaben zu lassen; jetzt aber gelang es ihr nicht nur aufmerksam zu erscheinen, sondern auch mit wahrer Teilnahme des Herzens nachzufühlen, was die Schwester so tief beglückte. Und wie schön war es doch, derjenigen, von der sie sonst immer nur empfing, auch einmal etwas zu gewähren. So vollkommen gelang es ihr, das Ringen gegen die Ansprüche des ermatteten Körpers zu verbergen, daß Els, nachdem sie froh gewahrt, wie treu die Schwester ihre Glückseligkeit mit empfand, fortfuhr, ihr zu berichten, was sie eben vernommen. Und Eva zwang sich, ihr zuzuhören und sich das Ansehen zu geben, als berichtete sie ihr auch mit der wunderbaren Rettung Heinz Schorlins und mit seinem Verlangen nach dem Kloster etwas Neues. Erst als Els ihr auch das letzte mitgeteilt, bekannte sie der Schwester, daß sie der Ruhe bedürfe, und als diese, erschreckt über ihre geringe Aufmerksamkeit, sie nötigen wollte, sich niederzulegen, that sie es erst, nachdem sie die heimgebrachten Blumen mit Wasser erfrischt. Endlich streckte sie sich mit der Schwester, die so lange des Schlafes und der Ruhe entbehrt, auf dem Lager aus, und wenige Augenblicke später umfing beide der feste, traumlose Schlaf der Jugend, bis Kätterle sie nach einer Stunde weckte. 48 Beiden pflegten die begünstigten Augenblicke, die beim Erwachen einem festen Schlafe folgen, die besten Gedanken und gesündesten Entschlüsse zu bringen. Als Eva das Schlafgemach verließ, hatte sie, was die letzte Zeit ihr genommen und gegeben, und was die Zukunft von ihr verlangte, klar überschaut und eine bestimmte Antwort auf die große Frage gefunden, die jetzt an sie herantreten mußte. Els wollte, wie der Geliebte, festhalten an ihrer Minne und was sich ihr auch an Hindernissen, besonders aus dem Eysvogelschen Hause, entgegenstellte, mit unermüdlicher Geduld zu überwinden versuchen. Schon daheim schmückte Eva die geliebte Leiche mit Blüten, Blättern und Ranken, die der Gärtner gebracht und die sie selbst gesammelt. In der Kirche legte sie die letzte Hand an dies ihrem Herzen teure Werk. Denjenigen Blumen, die der Mutter die liebsten gewesen, gab sie den Vorzug; aber auch die anderen fanden Verwendung. Mit leichter Hand und feinem Sinne für das Ansprechende und Schöne verflocht sie die Kinder des Waldes mit denen des Gartens. Sie konnte sich selbst nicht genug thun, bis jede das rechte Plätzchen gefunden. Gräfin Cordula hatte sich nicht abhalten lassen, der Einsegnung der Leiche beizuwohnen; indes war ihr unbekannt geblieben, wer ihre Ausschmückung besorgt. Als sie aber dem offenen Sarge in der Kirche gegenüberstand, versenkte sie sich, bevor das Orgelspiel begann, lange in den Anblick der milden, noch im Tode liebenswürdigen Züge der stillen Dulderin, die in ihrem bunt anmutigen Lager, nur von einem leichten Schlummer umfangen, zu träumen schien. Endlich flüsterte sie Els zu: »Wie wunderlieblich! Hast Du das gemacht?« 49 Verneinend schüttelte diese das Haupt; Cordula aber fuhr wie im Selbstgespräche fort: »Als ob die Hände der Madonna selbst eine schlafende Heilige mit Gartenblumen geschmückt und Engelskinder die Blumen des Waldes über sie hingestreut hätten.« Da brach Els, der es bisher widerstanden hatte, an dieser Stätte und in dieser feierlichen Stunde zu reden, das Schweigen und unterrichtete Cordula kurz, wer die Mutter so kunstvoll und liebreich geschmückt. »Eva?« wiederholte die Gräfin wie überrascht und schaute auf die jüngere Schwester der Freundin, die, da Orgelspiel und Wechselgesang eben begannen, schon die Kniee gebeugt hatte, und fühlte sich von ihrem Anblick lange gefesselt; denn frisch wie eine Maienrose und so rührend schön in der frommen, tiefen Andacht, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und in den weißen Trauergewändern, daß Cordula nicht begriff, wie sie ihr jemals hatte gram sein können, schien Eva mit aufwärts gerichtetem Blick in den offenen Himmel zu schauen. Auf die heilige Handlung vor ihr gab die Gräfin nur wenig acht. Um so aufmerksamer beobachtete sie die E's, wie auch sie die Schwestern gern nannte. Die ältere konnte, auch während der Schmerz sie so heftig ergriff, daß sie aufschluchzen mußte, von der Sorge um die Ihren nicht lassen und schaute bald mit innigem Mitleid auf den Vater, bald mit stillem Weh auf die Schwester. Eva blieb dagegen dem eigenen Herzeleid und der Erinnerung an diejenige, die es verursacht, völlig ergeben. Die anderen schienen nicht für sie vorhanden. Während ihr aber schwere Thränentropfen über die 50 Wangen perlten, schaute sie bald der geliebten Leiche zärtlich ins Antlitz, bald mit inniger Bitte auf das Bild der Mutter Gottes. In dem flehenden Blick ihrer großen blauen Augen schien aber der Gräfin ein so offenes Bekenntnis kindlicher Hilfsbedürftigkeit zu liegen, daß das unbändige Mädchen sie am liebsten ans Herz gezogen und ihr zugerufen hätte: »Warte nur, Du holdseliges, mir aufsässiges Waislein. Die Cordula, die Du nicht ausstehen magst, ist immer noch da, und wenn es Dir auch widersteht, etwas Gutes von ihr anzunehmen, wirst Du es Dir doch gefallen lassen müssen. Was gelten mir die Verehrer eines recht armseligen Götzen alle, die sich meine ›Anbeter‹ nennen? Um mir die Zeit zu kürzen, braucht' ich nur Fahrende festzuhalten oder gar Minnesänger aufs Schloß zu laden. Und er, nach dem Dir Engelskind das Herz steht? Wär' er nicht ein Narr, wenn er mir Irrwisch vor Dir den Vorzug erteilte? Uebrigens hat der Bauer es leicht, die Wolke, die ihm über dem Acker hängt, dem Nachbar zu schenken. Vor dem Tanze freilich . . . Aber was hin ging, ist hin. Nur Boemund, der Altrosen, bleibt sich immer gleich. Auf ihn ist fester Verlaß; doch im Grunde brauchte ich keinen von beiden. Könnt' ich's nur aushalten ohne die freie Luft, den Wald, das Roß und das Weidwerk, ich paßte besser ins Kloster als diese Eva, die ja der Himmel selbst zu einer Wonne für jedes Männerherz schuf. Sehen wir zu, wofür sie selbst sich entscheidet.« Dann gewahrte sie den Ritter Altrosen unter den Anwesenden, und still vor sich hindenkend fuhr sie fort: »Ein ganzer Mann ist er, und wer sich für mich das Haupt so elend zerschlagen läßt, an dem sollt' ich zu 51 heilen suchen, was sonst noch wund an ihm ist. Vielleicht thu' ich's auch noch.« Solchen Gedanken hing sie nach, bis sie Heinz Schorlin bemerkte, der, von einem Pfeiler halb verborgen, hinter Altrosen kniete. Von Biberli hatte er erfahren, zu welcher Stunde die Einsegnung der Verstorbenen stattfinden würde, die ihm so viel zu vergeben hatte, und das wackere Herz befahl ihm, sich zu dieser Handlung zu begeben. Die Ortliebschwestern bemerkten ihn nicht; Cordula aber schüttelte bei seinem Anblick unwillkürlich das Haupt. War dieser ernste Mann, der tief in Andacht versunken, keinem ringsum auch nur einen Blick gönnte, der Heinz, dessen köstlicher Frohmut ihr das Herz erfrischt hatte? Der Lindenbaum, an dem im Herbste die Blätter verdorrten, sah dem im Frühling, wenn die Vögel in seinen Blütenzweigen sangen, ähnlicher, als dieser in sich versunkene Beter dem kecken Heinz von vor wenigen Tagen. So hatte der Kämmerer Wiesenthau, der alte Spottvogel, doch recht gehabt, als er ihr und dem Vater heute morgen erzählte, den munteren Schweizer hätte das Wunder, das an ihm geschehen, wie den Saulus in der Geschrift, im Handumdrehen in einen Paulus verwandelt. Die Kalendermacher rüsteten sich schon, dem heiligen Schorlin einen Tag einzuräumen. Aber sie hätte doch lieber nicht in das unbändige Gelächter einstimmen sollen, womit der Vater den alten Lästerer für diese Neuigkeit lohnte. Nein! Was dem Ritter begegnet war, mußte ihn tiefer ergriffen haben, als die anderen ahnten. Vielleicht endete die Minne der kleinen Eva dennoch 52 damit, daß sie bei den Klarissinnen, Heinz bei den Barfüßlern nach Frieden und nach einer höheren Liebe suchten. Beklagenswert war sie gewiß, wenn die Minne ihr schon so tief ins Herz gegriffen hatte, wie sie wahrgenommen zu haben meinte. Wiederum füllte das weiche Herz sich ihr mit inniger Teilnahme, und als die Schwestern den Sänften entstiegen, die sie in den Ortliebhof zurückgebracht hatten, und Cordula Eva auf dem Hausflur begegnete, bot sie ihr mit freimütiger Herzlichkeit die Rechte und sagte: »Schlage nur getrost ein, Mädchen. Zwar machst Du Dir nicht viel aus dieser Hand; sie streckt sich aber keinem hin, mit dem es die Cordula nicht wohl meint.« Ueberrascht that Eva ihr den Willen. Wie offen und gut ihre grauen Augen doch waren! So mußte auch Cordula selbst sein, und einem raschen Antriebe gehorsam, nickte sie ihr mit warmer Freundlichkeit zu und eilte dann, als schämte sie sich ihrer Sinnesänderung, an ihr vorbei und die Treppe hinan. Für den folgenden Tag war die Seelenmesse in St. Sebald angesagt worden. Els hatte Eva mitgeteilt, die Gräfin hätte Heinz Schorlin bei der Einsegnung bemerkt. Das that ihr wohl, und sie äußerte ihre Freude darüber so lebhaft und sprach so zuversichtlich von der Minne des Ritters, daß Els sich dadurch beunruhigt fühlte. Aber sie fand nicht den Mut, ihr die Ruhe zu stören. Auch die beiden Schwestern ihres Vaters, die Aebtissin und die Schultheißengattin, sprachen mit Eva noch nicht von der Zukunft, während sie Els halfen, die Sachen der Verstorbenen, die den Armen geschenkt werden sollten, zu ordnen, mit 53 ihr zu bestimmen, welchen Personen oder Wohlthätigkeitsanstalten sie überwiesen werden sollten und sich von ihr über die Thatsachen Auskunft erteilen zu lassen, die den gegen sie gerichteten Verleumdungen zu Grunde lägen, die sich immer lauter und allgemeiner in der Stadt vernehmbar machten. Eva empfand diesmal schmerzlich, für wie unfähig, ihnen Beistand zu leisten, die anderen sie hielten, und sich ihnen aufzudrängen, verbot ihr der Stolz. Selbst Muhme Kunigunde würdigte sie kaum einer Frage. Noch schien der Aebtissin eben die rechte Stunde nicht gekommen, das entscheidende Wort mit ihr zu sprechen, und die kluge Frau Christine redete mit der jüngeren Nichte nie von geistlichen Dingen, wenn sie nicht von ihr selbst dazu aufgefordert wurde. Zu ungewöhnlich früher Stunde sollte die Seelenmesse celebrirt werden; hatte doch eine andere, an der die ganze Stadt und was an Großen, Rittern und Herren zum Reichstage gekommen war, teilzunehmen verhieß, schon vier Stunden vor Mittag zu beginnen. Dem so früh von hinnen gerafften Kaisersohne Hartmann sollte sie gelten. Bald nach Sonnenaufgang versammelten sich denn auch die Ortliebs, ihr gesamter Anhang, die Mitglieder des Rates mit ihren Frauen und Töchtern und viele Bürger und Bürgerfrauen in St. Sebald. Noch verschwanden die Anwesenden in dem weiten und hohen dreischiffigen Raume. Anfänglich wollte es auch zu keiner rechten Andacht kommen; denn die frühen Kirchengänger hatten einander mancherlei zu fragen und zuzuraunen, und der Stadtbaumeister besprach, ohne 54 der lauten Stimme besonderen Zwang aufzuerlegen, mit einem Kölner Kunstgenossen, in welcher Weise das Gotteshaus, das ursprünglich in byzantinischem Stil erbaut war, wenigstens zum Teil dem französischen Spitzbogenstil, der auch in Deutschland, zu Köln und Marburg, so außerordentlich glücklich zur Anwendung kam, angepaßt werden könnte. Sie redeten von dem Ostchore, der einer völligen Neugestaltung bedürfe, von den fehlenden Türmen und der Wirkung des Spitzbogenbaues, der so recht der deutschen Gefühlsweise entsprach, und kamen erst zur Ruhe, als die Musik begann. Jetzt ließ sich auch an der großen Zahl der Anwesenden erkennen, wie viel Liebe die Verstorbene gesät und geerntet. Vorher hatten auch die Schwestern sich umgeschaut und mit dankbarer Freude den alten Herrn Berthold Vorchtel, den Vater des jungen Mannes, der im Zweikampfe mit Wolff gefallen war, seine Hausfrau und seine Tochter Ursula bemerkt. Dagegen war das Gestühl noch leer, auf dem das Eysvogelwappen prangte. Das bekümmerte und bedrückte Els aufs schwerste; doch atmete sie wieder auf, als – der Introitus hatte eben begonnen – wenigstens ein Mitglied der stolzen Sippe erschien, der sie sich durch Wolff zugehörig fühlte. – Isabella Siebenburg, die Schwester ihres Verlobten, war gekommen. Daß sie trotz des Ausbleibens der anderen und auch des eigenen Gatten kam, war freundlich, und Els wollte es ihr und ihren Zwillingen gedenken. Die Musik, die mit herzergreifender Kraft die feierliche Handlung begleitete, griff beiden Schwestern tief in die Seele; als aber schon nach dem » Gloria in excelsis 55 Deo das » cum sancto spiritu « erscholl, fühlte Eva, die, in tiefe Andacht versunken, längst nicht mehr nach links und rechts schaute, die Hand der Schwester auf ihrem Arme, und als sie ihrem Blicke folgte, sah sie in ziemlicher Entfernung sich schräg gegenüber denjenigen, nach dem ihre Seele verlangte, und der ernste, fromme Ritter dort, er stand ihr noch näher, er gefiel ihr noch besser, als der muntere Gesell, der den Männern so herausfordernd trotzig, den schönen Frauen so minniglich beim Tanze ins Antlitz geschaut. Wie schnell ihr das Herz schlug, mit wie heißem Verlangen sie den Augenblick ersehnte, an dem er das Haupt erheben und zu ihr herüberschauen würde! Doch wenn er sich einmal regte, so geschah es nur, um der heiligen Handlung und mit ihr dem Kreuzesopfer Christi im Geiste zu folgen. Da erhob sich in Eva der Vorwurf, daß sie in dieser heiligen, dem Heil ihrer Seele gewidmeten Stunde der Mutter entziehe, was ihr gebührte, und mit aller Kraft suchte sie die verlorene Andacht zurückzugewinnen. Doch der Geliebte saß ihr gegenüber, und ob sie die Augen auch niederschlug, blieb ihr ernstes Bemühen, die rechte Sammlung zu finden, dennoch vergebens. Da wurde ihr Ringen von dem Beginn des » Credo « unterbrochen, und während dieses Bekenntnisses, das dem Christen in fester Form vorführt, was ihm zu glauben obliegt, kam ihr der Gedanke, diejenige, deren treue Liebe sie stets sicher und zu ihrem Besten geleitet, anzuflehen, sich an die hohe Fürbitterin, die Königin des Himmels, der Heinz so treu anhing wie sie selbst, zu wenden, daß sie ihr ein Zeichen gebe, ob sie fortfahren dürfe an seine 56 Liebe zu glauben und ihm Treue zu halten, oder ob sie auf den Weg zurückzukehren habe, der zu einer andern Glückseligkeit führte. Während des Credogesanges gab sie derjenigen in der Höhe, auf deren Beistand sie hoffte, zu wissen, daß sie, wenn Heinz, bevor das Sanctus, das gleich nach dem Credo angestimmt werden mußte, beendet, zu ihr hinschaute und ihren Blick erwiderte, als sicher annehmen würde, die heilige Jungfrau gestatte ihr, auf seine Minne zu hoffen. Unterließe er es, dann wollte sie es für entschieden annehmen, daß er um der himmlischen Geliebten willen die irdische preisgab und selbst versuchte, von der weltlichen Minne, in der sie doch auch etwas Himmlisches erkannt zu haben meinte, zu lassen. Und das Credo ging dem Ende entgegen und verhallte, die mächtigen Accorde des Sanctus erfüllten die weite Halle, und mit immer gleicher andächtiger Aufmerksamkeit folgte der Ritter der heiligen Handlung, bei der Brot und Wein sich in der Vorstellung des Gläubigen in den Leib und in das Blut Christi verwandeln und eine bedeutungsvolle, schmerzlose Handlung den blutigen Kreuzestod des Erlösers vertritt. So wie er – sagte sie sich – hätte sie selbst der Messe folgen müssen, die der Seele ihrer eigenen Mutter galt; doch es wollte ihr nicht mehr gelingen. Dabei war es ihr auch untersagt, frei und oft zu demjenigen hinüberzuschauen, von dessen Bewegungen das Geschick ihres Lebens abhing. Ihr, der Tochter der Verstorbenen, zu deren Gedächtnis sich hier so zahlreiche Mitbürger versammelt, galten gewiß viele Blicke; mancher war vielleicht nur gekommen, um die »schönen E's« zu sehen. 57 Sitte und Züchtigkeit verboten ihr darum, Heinz im Auge zu behalten. Nur dann und wann durfte sie verstohlen auf ihn hinzulugen wagen. Jeder Ton des Sanctus war ihr vertraut, – und als es dem Ende entgegenneigte, hatte er immer noch die gleiche Stellung bewahrt. Die schönste Hoffnung ihres Lebens mußte zu den Blumen der Mutter in den Sarg gelegt werden. Jetzt begannen die das Sanctus beschließenden Takte. Hatte er auch, seit sie eben verstohlen auf ihn hingeschaut, kaum Zeit gefunden, die Stellung zu wechseln, konnte sie doch dem Verlangen nicht widerstehen, noch einmal – war es auch vergebens – den Blick zu ihm zu erheben. So mochte es dem Angeklagten zu Mute sein, der den Richter aufstehen sieht und nicht weiß, ob er seine Unschuld anzuerkennen oder den Stab über ihn zu brechen gedenkt. Eben erhob der Stadtlautenist, der den Chor leitete, die Hände noch einmal, um sie am Schlusse des Sanctus auf lange Zeit sinken zu lassen, und als sie von ihm aus das Auge dahin wandte, von woher ihr doch wohl nur zu bald das schönste der Rechte abgesprochen werden sollte, rötete ihr plötzlich eine heiße Blutwelle die Wangen; denn voll und hell hatte der Blick Heinz Schorlins den ihren getroffen. Da preßte Eva, wie um Hilfe bittend, die gefalteten Hände auf die Brust, die sich unter ihnen in stürmischer Bewegung hob und senkte. Und – nein, sie konnte sich nicht täuschen – er hatte sie verstanden; denn aus seinen Augen wogte ihr eine Fülle von Mitleid entgegen, eines Mitleids, so heiß und schmerzlich, wie nur die Liebe es kennt. Dann hatten beide die Augen niedergeschlagen. Als ihre Blicke sich aber wieder begegneten, scholl das Hosianna des Chores wie ein Ruf des Willkommens, den 58 die erlöste Kreatur dem erwachenden Lenze zujauchzt, ihnen beiden entgegen, und auch in dem tief erschütterten, zur Flucht vor der Welt und ihrer eitlen Lust entschlossenen Ritter schien das Hosianna, das ihm entgegen rauschte, während der Blick der Geliebten den seinen zum zweitenmal traf, die welkende Daseinslust neu zu beleben. Der Ruf, der dem Heiland bei seinem Einzug in Jerusalem Heil fordernd entgegen geklungen, wie ein Gebot der Liebe, das Herzensthor wieder zu öffnen, drang es auf den »Berufenen« ein, und ob er wollte oder nicht, die Minne hielt unter den Feierklängen des Hosianna von neuem fröhlichen Einzug in seine junge Seele. Aber schon bei dem Benedictus wagte er den ersten Versuch, dieser Regung zu widerstreben, und während Eva erst für diese tröstliche Entscheidung dankte und sich dann ernstlich bemühte, den Geist an der heiligen Handlung teilnehmen zu lassen, untersagte sie sich züchtig, zu dem Geliebten hinüber zu blicken, bemühte sich Heinz, die Hoffnungen, die sich seiner zur Entsagung entschlossenen Seele wieder bemächtigten, zu Boden zu ringen. Doch er fand den Kampf schwerer, als er erwartet, und wie am Schluß der Messe das » Dona nobis pacem « – schenke uns Frieden – angestimmt wurde, fand er es nötig, flehentlich einzustimmen in dies Gebet. Die Erhörung blieb ihm jedoch versagt, denn auch noch während des Hochamts, das der Seele seines liebsten Freundes galt, und das auch die Ortliebs in der Kirche festhielt, versuchte er nur zu oft dem Blicke Evas wieder zu begegnen; indes stets vergebens. Nur einmal, als das Dona nobis pacem, und diesmal für den Kaisersohn abermals erscholl, begegnete sein Auge dem der Geliebten noch einmal. 59 Die junge Herzogin Agnes bemerkte, wohin er so häufig schaute; da aber Gräfin Cordula neben den Ortliebs kniete und jeden Blick des Ritters, den sie erhaschte, frisch erwiderte und ihm sogar einmal dabei leise zuwinkte, fand die junge Böhmin das Gerücht, Heinz Schorlin und die Gräfin wären so gut wie versprochen, bestätigt, und das verdroß sie, ja es verdarb ihr die Stimmung für den ganzen eben erst begonnenen Tag. Als Heinz das Hochamt verließ, erfüllte das Bild Evas ihm Herz und Sinn. Geradeswegs begab er sich aus der Kirche in sein Quartier; dort aber wollte weder Frau Barbara, seine hübsche junge Wirtin, noch Biberli Augen und Ohren trauen, als jene von der Hausflur, dieser vom Nebenzimmer aus, das Klatschen einer Geißel auf menschliche Glieder und lautes Stöhnen vernahm. Beide Klänge waren Bärbel durch ihren Vater und Biberli von der Bußzeit nach seinem Aufenthalte in Paris und von der eigenen Person her vertraut. Heinz Schorlin hatte sich, gewiß zum erstenmale, selbst gegeißelt. Auf Rat des Paters Benedictus war es geschehen; doch obgleich er ihn mit solchem Ernste befolgt, daß starke blutrünstige Schwielen ihm noch lange Rücken und Schultern bedeckten, hatte dies Mittel gegen sündige Gedanken das gerade Gegenteil dessen bewirkt, was er davon erwartet; denn so oft ihn die Stellen, an denen die Geißel ihn so hart getroffen, unter der Rüstung schmerzten, erinnerten sie ihn an diejenige, um derentwillen er die Hand gegen sich selbst erhoben, und an den wonnesamen Blick ihrer Augen.     Viertes Kapitel. In den Tagen, die der Seelenmesse folgten, war es gar still im Ortliebhofe. Der Burggraf von Zollern, der den tapferen Streitgenossen, dem er die Reichssturmfahne auf dem Marchfelde anvertraut, wenn er dem eigenen stählernen Arme Ruhe zu gönnen gewünscht, immer noch gern in seiner Burg verborgen hielt, hatte Herrn Ernst als künftigem Schwiegervater des jungen Mannes gestattet, ihn aufzusuchen. Jetzt standen beide in lebhafter Verbindung, wie Els hoffte, zum Besten der Eysvogelschen Handlung. Biberli hörte nicht auf, den Vermittler zwischen ihr und dem Bräutigam zu spielen, ja er konnte ihr jetzt sogar den Löwenpart seiner Zeit widmen; denn zum erstenmale seit er ihm diente, hatte sein Herr sich von ihm getrennt. Dem Kaiser war hinterbracht worden, welche tiefe Erschütterung die Seele des jungen Ritters erfahren; doch hätte es des für ihn nicht bedurft; denn auch einem weniger scharfen Auge wäre das veränderte Wesen Heinz Schorlins nicht entgangen. 61 Der edle Mann, der auch als Herrscher die Herzenswärme bewahrt, die ihm als wenig beachtetem Grafen in der Jugend eigen gewesen, hatte den heiteren, treuen und tapfern jungen Landsmann lieb gewonnen, dessen Vater ihm wert gewesen, dessen Mutter er hoch schätzte, der seinem ihm zu früh entrissenen Hartmann der liebste Freund gewesen war. Er kannte ihn durch und durch und war seiner Entwicklung mit um so wärmerer Teilnahme gefolgt, je mehr ihn mancher Zug, den er an Heinz wahrnahm, an das eigene Wesen und Wünschen in seinen Jahren erinnerte. Am Hose Friedrichs II. war auch er nicht immer den Weg der Tugend gewandelt, doch wie Heinz hatte er es nie bis zur Zügellosigkeit kommen lassen und die ritterliche Würde seines Standes noch strenger als dieser gewahrt. Ebenso hatte er sich zu keiner Zeit von der tiefen Frömmigkeit, die er aus dem Elternhause mit an den Kaiserhof genommen, abwenden lassen, und das war ihm in der Nähe des zur Lästerung auch des Heiligsten geneigten kühnen und geistvollen Hohenstaufen schwerer gemacht worden als Heinz. Endlich hatte auch er sich der Stimmung verfallen sehen, die den frohgemuten Schorlin jetzt in das Kloster zu führen drohte. Die mächtige Bewegung, die zu jener Zeit infolge des Beispiels und der Lehre des heiligen Franz in Italien so viele Gemüter ergriffen hatte, war damals auch an seiner jungen, durch die Teilnahme an mancher Ausschweifung und mancher von der Kirche verdammten Meinung beunruhigten Seele nicht spurlos vorübergegangen. Bevor er aber auch nur den ersten entscheidenden Schritt 62 gethan hatte, war er nach Hause gerufen worden. Sein Vater hatte beschlossen, auf dem geweihten Boden Palästinas sich der Gnade des Himmels teilhaftig zu machen, die dem vom Bannfluche getroffenen Kaiser versagt war, und seinen Erstgeborenen Rudolf beauftragt, ihn daheim zu vertreten. Vor dem Aufbruche vertraute er dem herrlich erblühten Sohne, was er für den großen und wachsenden Besitz seines Hauses erstrebte, und dem würdigen, weitsichtigen Manne gegenüber, den die Unterthanen mit Recht »den Weisen« nannten, hatte der einundzwanzigjährige Rudolf es nicht einmal gewagt, auf den heißen Wunsch hinzudeuten, fürderhin nur noch für das Heil seiner gefährdeten Seele zu leben. Das Pflichtgefühl, das er von Vater und Mutter ererbt und das beide ihm tief in die Seele geprägt hatten, daneben aber auch der Ehrgeiz, der am Hofe Kaiser Friedrichs fleißig genährt worden war, hatten ihm die Kraft verliehen, dem Verlangen, mit dem er den Hohenstaufenhof verlassen, auf immer zu entsagen. Das Opfer war schwer gewesen, doch hatte er es willig gebracht, sobald es seinem ruhig denkenden Geiste zur Gewißheit geworden, daß nicht nur der irdische, sondern auch der himmlische Vater ihm die Aufgabe stellten, die reiche Fülle seiner Fähigkeiten und die hohe Kraft seines Willens der Größe des Hauses Habsburg zu widmen. Schon im folgenden Jahre war er an die Stelle des Vaters getreten, der zu Askalon, tief beklagt, ein vorzeitiges Ende gefunden. Bei der schweren Arbeit, die ihm dann die Herrschaft über den eigenen großen Besitz, und das nie rastende Bestreben, ihn gemäß den Wünschen des Verstorbenen und über sie 63 hinaus zu vergrößern, auferlegten, war ihm keine Zeit geblieben, noch weiter dem Verlangen nach dem Frieden des Klosters Raum zu geben. Nach seiner Wahl zum Könige hatte sich in dem verwahrlosten, so lange nur von Scheinkaisern regierten Deutschland die Last seiner Pflichten um so gewaltiger vergrößert, je ernster er sie nahm, je schwerer es ihm besonders der böhmische König Ottokar machte, die gewonnene Krone zu behaupten, je eifriger er auch nach dem Siege auf dem Marchfelde, der ihm die Herrschaft sicherte, seine Hausmacht zu vergrößern bestrebt blieb. Eine bindende Pflicht, eine schwierige Aufgabe sollten auch Heinz Schorlin von den Wünschen abziehen, nach deren Erfüllung seine feurige junge Seele jetzt sicherlich brünstig verlangte, und die – er wußte es – von einem würdigen und beredten Minoriten mächtige Nahrung empfingen. Rudolfs leiblicher Bruder war als Domherr zu Basel und Straßburg in stillem Seelenfrieden gestorben, seine Schwester fühlte sich als bescheidene Dominikanerin glücklich in ihrem Adelnhausener Kloster, der junge Ritter aber, über dessen Wohl er seiner Mutter zu wachen verheißen und der ihm lieb war, paßte nicht für das geistliche Leben. Wie ernst er es nach dem Wunder, das für ihn geschehen zu sein schien, mit dem Vorhaben auch meinen mochte, der Welt zu entsagen, – für Heinz mußte früher oder später die Zeit kommen, in der er sich nach ihr und dem Waffenhandwerk, für das er geboren und erzogen, zurücksehnen würde. Sah er aber auch ab von dem Eintritt in den bescheidenen Orden der barfüßigen Bettler, die stolzen Sinnes die Armut ihre geliebte Braut nannten, 64 und wurde er jung an die Spitze eines Bistums gestellt, dann würde er gewiß zu einem jener streitbaren Prälaten werden, die dem Kaiser, dem jede Halbheit zuwider, nicht ganz Ritter und nicht voll Geistliche zu sein schienen, und mit denen er manchen Strauß ausgefochten hatte. Widerspruch hätte das Verlangen des jungen Weltflüchtigen nur verschärft. – Sein kaiserlicher Gönner war ihm darum begegnet, als bliebe ihm verborgen, was in seinem Innern vorging. Ohne Umschweif hatte er ihm geboten, mit einigen tüchtigen Fähnlein fränkischer, schwäbischer und schweizer Reisiger, die er seiner Führung anvertraut, die Brüder Siebenburg und ihre Verbündeten anzugreifen und ihre Burgen zu brechen. Wenn möglich, sollte er sie lebend vor den kaiserlichen Richterstuhl führen und dem Eysvogelschen Handlungshause die Güter zurück verschaffen, die ihm geraubt worden waren. Als Heinz, nachdem Kaiser Rudolf jenen Namen genannt hatte, ihm mit aller Wärme ans Herz legte, die Verfolgung Wolffs einzustellen, verhieß der Herrscher, sobald die rechte Zeit gekommen sei, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Es liege ihm selbst daran, dem tapferen Streiter vom Marchfelde, der schwer gereizt das Schwert gezogen habe, sich gnädig zu erweisen. Als Heinz den Kaiser dann aber auch ersucht hatte, ihm seinen Freund, den Grafen Gleichen, zur Seite zu stellen, war ihm dies Verlangen abgeschlagen worden. Er allein sollte mit voller Verantwortlichkeit das Unternehmen zu Ende führen, an dessen Spitze er stand; denn nur eine schwer wiegende Pflicht, die niemand ihm tragen half, verhieß, ihn alles, was ihn sonst beschäftigte, und damit auch sein neues Sehnsuchtsziel vergessen zu lassen. Außerdem sollte ihm, 65 kehrte er siegreich heim, Ruhm und Lohn ungeschmälert zu teil werden. Was den Habsburger selbst auf dem Wege erhalten, den er Heinz wandeln zu sehen wünschte, mochte sich jetzt auch an dem jungen Schutzbefohlenen bewähren: Eine mit schwerer Verantwortlichkeit verbundene anstrengende Thätigkeit, das Gelingen, an das sich die Hoffnung auf weitere Erfolge knüpft, und damit der Ehrgeiz. Die mit Herzensgüte verbundene weitsichtige Klugheit Kaiser Rudolfs, die die Freunde des ergrauten Herrschers »Weisheit« nannten, hatte gewiß das Rechte für Heinz getroffen; – ihn aber, dem bis dahin jede Gelegenheit, das Schwert für seinen Herrn zu ziehen, wie ein schönes Glück erschienen war, hatte dieser größte und ehrenvollste Auftrag, der ihm bis dahin zu teil geworden war, überrascht und erschreckt. Riß er ihn doch aus der neu betretenen Bahn, auf der er sich, da ihn die Minne, der er nicht abzusagen vermochte, immer wieder in die Welt zurückstieß, noch nicht recht heimisch gemacht, mitten in das Leben und Treiben zurück, von dem sich abzuwenden der Himmel selbst ihm geboten. Der Minorit hatte schwerlich recht mit der Behauptung, nur die ersten Staffeln an der Leiter, die in die himmlische Seligkeit führt, wären schwer zu erklimmen. Wie schnell war es ihm gelungen, den Fuß auf die ersten Stufen zu setzen; aber jedem Schritte aufwärts war ein anderer gefolgt, der ihn wieder heruntergestürzt hatte; ja, es war ihm rätlich erschienen, gänzlich von dem Bestreben abzusehen, sie zu ersteigen, als der Mönch ihm zugemutet hatte, das Band, das ihn an den Kaiser fesselte, zu zerreißen und dem Herrscher jetzt schon zu erklären, daß er 66 sich in den Dienst eines Höheren gestellt habe, der ihm befehle, von nun mit anderen Waffen als mit Schwert und Lanze zu streiten. In diesem Verlangen hatte Heinz eine Aufforderung erblickt, zum Verräter zu werden. Nicht der fromme, erfahrene Seelenführer schien sie ihm an den Jünger, sondern der Welf an den Gibellinen zu stellen, der er zu bleiben gedachte. Die Dankbarkeit war auch eine christliche Tugend, und dem Kaiser, der sich wie ein Vater gegen ihn erwiesen, dem er Treue geschworen und der ihn mit Wohlthaten überhäuft, einen Dienst, und solchen Dienst zu versagen, das konnte keine Gott wohlgefällige That sein. Ein Welf, hielt er dem greisen Freunde vor, könnte er niemals werden. Kaiser Rudolf sei sein lieber Herr, dem er nichts als Gutes verdanke. Ebensowohl könnte man ihm ansinnen, dem leiblichen Vater als ihm den Gehorsam zu kündigen. Da hatte der Minorit mit strafendem Ernste gerufen: »Was Welf, was Gibelline? Hingabe an den Höchsten oder an die Welt und ihre Forderungen lautet die Frage. Und warum sollte der Himmel das Ansinnen; wie Du es nennst, Gott dem Herrn williger zu gehorchen als dem irdischen Erzeuger, nicht an Dich stellen, an Dich, den die Gnade des Höchsten unter Donner und Blitz vor Tausenden berief, der Seine zu werden? Als Franz, unserem heiligen teueren Vorbilde, dem Sohne des Pier Bernardone, der Vater mit seinem Fluche drohte, wenn er von dem Wege, den der Höchste ihn führte, nicht zu ihm zurückkehren würde, gab Franz ihm alles, was er von ihm empfangen, bis auf das letzte Gewand zurück, und mit dem Rufe: ›Vater unser, der du bist im Himmel, nicht 67 mehr Pier Bernardone!‹ – hatte er die Wahl getroffen zwischen seinem irdischen und himmlischen Vater. Von jenem hätte er in Fülle erhalten, was das Herz des Weltkindes begehrt: Reichtum, Elternliebe und jenen Segen, der Häuser bauen soll auf Erden. Franz aber zog Armut und Verachtung hienieden, ja auch den Fluch des Vaters und den Vorwurf der Undankbarkeit jenen hohen Gaben vor, und was er dafür eintauschte, waren Güter von edlerer Art und längerer Dauer. Du hörtest sie nennen. Sie besitzen, heißt teilhaftig sein der Seligkeit des Himmels. – Und Du,« fuhr er laut und zum erstenmale mit befehlshaberischer Strenge fort, »trachtest Du nicht nur zum Spiel nach diesen höchsten der Güter, so begib Dich noch in dieser Stunde auf die Veste und in die Reichsburg, und mit dem Rufe, wenn auch nicht auf den Lippen, so doch im Herzen: ›Vater unser, der du bist im Himmel, nicht mein gnädiger Herr und Wohlthäter Rudolf!‹ vertraue dem Kaiser, welchem höheren Gebieter Du Dich gelobtest.« Da war in der Seele Heinz Schorlins ein schwerer Kampf entbrannt, und vielleicht hätte er zu Gunsten der neuen Lebensbahn und des heiligen Franz geendet, wäre Biberli nicht, bevor er zum Abschlusse gelangt war, ins Zimmer gestürzt, um dem Ritter entgegenzurufen: »Seitz Siebenburg, Herr, der Schnurrbart, ist zu seinen Brüdern und dem Absbacher gestoßen, und noch andere, der von Hirsdorf, von Streitberg und wie sie alle heißen, schlossen sich an sie. – Auch vom Maine her, heißt es, erwarteten sie Zuzug, um sich das Recht auf die Straße . . .« »Gerede oder eine sichere Nachricht?« unterbrach ihn Heinz hoch aufgerichtet mit der umsichtigen Gelassenheit, 68 zu der er am leichtesten gelangte, wenn eine schwere Gefahr ihn bedrohte. »So sicher,« versetzte der Diener eifrig, »wie der Siebenburg in allen deutschen Landen der größte Schelm ist. Um den Tjost mit ihm, Herr, seid Ihr schmählich betrogen; denn auf den Block statt auf den Hengst kommt er jetzt sicher, wie Ihr voraussaht. Mit Nadeln und Ruten treiben die Damen ihn fort von den Schranken, der Prügel ungerechnet, womit Ritter und Knapp den elenden Lästerer zum Schweigen bringen. O Herr, wenn Ihr wüßtet!« »Nun?« frug der Ritter gespannt. Da brach Biberli, ohne des strengen und wiederholten Gebotes seines Herrn, der Ortliebschen Töchter nie wieder vor ihm zu gedenken, weiter zu achten, unwillig los: »Einen Stein möcht' es erbarmen, zu was der Unhold die Jungfrau Eva und die reine und tugendsame andere, die vielgetreue Braut eines wackeren Herrn, machte. Und die Ekelnamen, womit sie die Jungfrauen bedenken, die sonst Jung und Alt mit der Hand am Hute die schönen E's hießen.« Da stampfte Heinz mit dem Fuß auf den Estrich, und außer sich stieß er jäh aufwallend in redlicher Entrüstung hervor: »Daß Gottes Luft und Duft den verleumderischen Schurken verderbe! Die Marter soll mich schinden, wenn ich . . .« Hier unterbrach ihn ein leiser Warnungsruf des Minoriten, der in den rohen Verwünschungen des Ritters einen bedauerlichen Rückfall erkannte. Heinz aber schämte sich zwar dieser gottlosen Flüche; die frühere Gelassenheit wieder zu finden gelang ihm jedoch mit nichten, während er tief atmend fortfuhr: »Und diese städtischen Gleisner, 69 die sich Christen nennen und köstliche Dome erbauen mit ihrem Besten, sie entblöden sich nicht – ja, würdiger Pater, so ist es – unseren Herrn und Heiland, der die Liebe selbst ist, und der auch die Ehebrecherin wert hielt seiner Gnade, schnöd zu verleugnen und in teuflischer Bosheit sich die Hände zu reiben, da es ihnen straflos durchgeht, das weiße Gewand der Unschuld zu besudeln, fromme, holdselige Einfalt an den Pranger zu zerren . . .« »Eben weil es so ist, mein Sohn,« fiel ihm hier der Mönch begütigend ins Wort, »ziehen wir Jünger des Heiligen von Assisi aus, um den Verirrten zu zeigen, was der Herr von ihnen heischt. Eben darum laß den Staub der Welt hinter Dir, der Leib und Seele besudelt, und geselle Dich zu uns, die es vor Dir thaten, um als einer der Unseren zu besseren, zu lauteren, zu echten Christen zu machen, was in Sünden verdirbt und den Namen Christi so schmählich verunehrt. Noch in dieser drängenden Stunde lege das Schwert aus der Hand und trenne Dich von dem Rosse . . .« »Ich reite, verlaßt Euch darauf, Herr Pater!« brauste Heinz von neuem auf. »Und wie der Engel Michael will ich mit dem Himmelblau der gnadenreichen Jungfrau, das ich liebe, an Schild und Helmzier unter die Siebenburger fahren und was an ihnen hängt. Und Ihr, Herr Pater, der Ihr auch einmal ein Ritter waret, wenn der ›Schnurrbart‹ sich mir zu Füßen in seinem Blute wälzt und um Gnade bettelt, – ich werde ihn lehren . . .« »Sohn, Sohn,« fiel ihm der Mönch wiederum, und diesmal mit flehend erhobenen Händen in die Rede; Heinz aber achtete nicht seiner Mahnung, sondern wandte sich 70 an Biberli und sprudelte mit heiserer Stimme hervor: »Und woher hast Du die Botschaft?« »Von dem Berner Landsmann auf der Veste,« versicherte der Diener eifrig. »Der Brandenstein, Schweppermann und Heidenab brachten die Kunde. Am Burgthore, wo er Wacht hielt, nahm der Kaiser sie ihnen ab, bevor er aufs Roß stieg. – Mit eigenen Ohren hörte der Berner, wie er den ritterlichen Boten zurief: ›So wird die Nuß sein hart, die es unserem Heinz Schorlin zu knacken obliegt.‹« »Und die er aufschlagen wird, ganz nach seinem Herzen!« rief Heinz mit blitzenden Augen. Dann that er sich Zwang an und rief in gebrochenen Sätzen, während Biberli ihm die Rüstung anzulegen half: »Euer Verlangen, würdiger Pater, ist auch das meine . . . Die Welt! . . . Je eher ich sie mir vom Halse schaffen darf, um so besser. Doch was Ihr mir am lockendsten zu schildern wißt, das ist die Ruhe in Eurer Mitte, und ich – ich . . . Nie und nimmer wird es stille hier drinnen, bevor nicht . . .« Hier stockte er plötzlich, schlug sich mit beiden Fäusten schnell und wiederholt auf die Brust und fuhr eifrig fort: »Hier, Vater Benedictus, hier drinnen erheben sich noch Forderungen, alte und starke, die Ihr auch einmal gekannt haben müßt, bevor Ihr dem Feinde auch die andere Wange botet. Wie ich sie nennen soll, weiß ich nicht recht; doch bevor ihnen nicht Genüge geschah, werd' ich nie und nimmer der Eure . . . Ihnen gilt es, Befriedigung schaffen; dann aber, und wenn es mir in Kampf und Blut auch glückt, der Minne zu vergessen, die aufersteht und aufersteht, so oft ich ihr auch den Todesstreich 71 versetzte, und wenn der Himmel dann noch Verlangen trägt nach dem wunden und glücksarmen Heinz Schorlin, dann soll er ihn haben.« Mit einer stummen Neigung des Hauptes erwiderte der Minorit diese Verheißung. Er fühlte, daß er die Erfüllung seines heißen Wunsches, diese Seele für den Himmel zu gewinnen, vielleicht ernstlich gefährdete, wenn er jetzt weiter in Heinz drang. Geduldig eine gelegenere Zeit abwartend, begnügte er sich jetzt darum, ihn über den Feind und seine Burgen leichthin zu befragen. Der Tag war heiß, und als Biberli dem Herrn den Gamberon, das starke, gepolsterte Untergewand zunestelte, worüber der schwere, mit Schuppen und Ringen bedeckte Lederpanzer gezogen wurde, drang dem Mönche der Ruf über die Lippen: »Liegt erst hinter Euch, was Ihr noch der Welt als Pflicht zu schulden wähnt, dann werdet Ihr als der Unsere auch dankbar erfahren, wie wohl es thut, mit befreiter Seele in unserer leichten braunen Kutte zu wandeln.« Doch er hätte diese Bemerkung zurückhalten sollen; denn Heinz warf ihm einen Blick zu, der dem Erstaunen Ausdruck gab, sich so falsch verstanden zu sehen und rief mit abweisender Bestimmtheit: »Wenn mich nach etwas in eurer Mitte lüstet, Herr Pater, ist es nicht nach Leichtem, sondern nach dem Allerschwersten. Eure Forderung, mich mit dem Kreuze unseres Erlösers zu beladen, gefällt mir besser.« »Und ich, mein Sohn, glaube, daß dies Wort Dir zu denen geschrieben werden wird, die des Lohnes gewiß sind,« versicherte der Mönch und fügte dann gesenkten Hauptes hinzu: »In diesem Augenblicke warst Du dem 72 Himmelreich näher als der alte Gefährte des heiligen Franz.« Da nahm er wahr, wie Heinz ungeduldig die Achseln zuckte, und in der sicheren Empfindung, daß es geraten sei, den jungen Ritter einstweilen sich selbst zu überlassen, segnete der Greis ihn nur noch mit väterlicher Wärme und verließ ihn. Hatte der feurige junge Held sich erst der Aufgaben entledigt, die jetzt seine ganze Kraft in Anspruch nehmen mußten, hoffte er ihn geneigter zu finden, sich auf der betretenen Bahn weiter führen zu lassen.     Fünftes Kapitel. Der Minorit war gegangen. Zu seiner Freude hatte Biberli beim Abschiede bemerkt, daß sein Herr ihn nicht wie sonst zurückzuhalten versuchte. Das Eisen schien ihm jetzt heiß, und den Hammer zu schwingen, meinte er, würde sich lohnen. Die Gefahr, die Heinz lief, ins Kloster gezogen zu werden, ängstigte ihn tief, und schon mehrfach hatte er gewagt, ihr entgegenzutreten. Das Leben lehrte ihn das kleine Uebel willkommen zu heißen, wenn es einem größeren den Weg verlegte, und die Ehe seines Herrn auch mit einer viel geringeren als Eva Ortliebin wäre seiner Begünstigung sicher gewesen, wenn sie seinen Schutzbefohlenen nur von dem Verlangen zurückgehalten hätte, der Welt zu entsagen, in die er gehörte. »In der luftigen Kutte,« begann er, »schreitet es sich bei solcher Hitze allerdings leichter dahin als in der Rüstung. Das muß dem ehrwürdigen Pater zugegeben werden. Doch der Ritter hat ja, soll es flink gehen, auch das Tanzkleid. O Herr, wie das war, als Ihr mit der süßen Jungfrau Eva im Walzertakte dahinflogt! ›Seht den Heinz Schorlin, den Tapferen vom Marchfeld und das 74 Engelskind, das ihm zuflog,‹ hieß es rings um mich her, wie ich vom Altane aus zusah. Und denken, – ich muß noch einmal davon beginnen – daß jetzt auch ehrbare Leute sich nicht entblöden, mit den Fingern auf sie zu weisen und in die schnöde Afterrede mit einzustimmen, die ein Schelm gegen sie wachrief.« Da erfüllte Heinz das geheime Verlangen des Dieners, sich nach den E's und was man ihnen vorwarf, ausgefragt zu sehen, – und Biberli schmiedete das Eisen. Nicht aus Durst, begann er, sondern um sich zu unterrichten, welche Frucht die Höllensaat des Siebenburg und wohl auch die noch schlimmere der Eysvogelschen Weiber gezeitigt, sei er von einer Schenke zur andern gegangen, und da habe er denn Dinge vernommen, die ihm die Faust geballt und ihn im »Roten Ochsen« zu so heftiger Einsprache gereizt, daß er schneller aus der Gaststube hinaus als herein gekommen. Darauf berichtete er, ohne allzu weit von der Wahrheit abzuweichen, was den schönen E's in Nürnberg nachgesagt wurde. Daß im Ortliebhofe Ritter aus dem Gefolge des Kaisers bei einem nächtlichen Stelldichein oder auch beim Einsteigen in die Fenster ertappt worden wären, stand überall fest. Beide Schwestern sollte die Schuld treffen. Gegen Els, die Verlobte des von vielen gern gesehenen Sohnes eines edlen Hauses, richteten sich die schärfsten Pfeile. Daß sie dem Fremden, der ein Böhme, ein Schwabe oder auch ein Schweizer, gewiß aber kein Nürnberger sein sollte, den Vorzug gab, verdoppelte in den Augen der meisten die Schändlichkeit des Fehltritts. Wo Biberli aber auch nach dem Ursprung dieser 75 böslichen Nachreden geforscht, war er auf Seitz Siebenburg, auf seine Bediensteten, auf den Kellermeister, einen Knecht oder eine Magd der Eysvogels gestoßen. Die Vorchtels, die, wie er von Kätterle wußte, den meisten Grund gehabt hätten, den Ortliebs zu grollen, standen diesen Verleumdungen fern. Der kluge Bursche hatte das Rechte erkannt; denn nachdem Seitz Siebenburg während des Gewitters im Freien umhergeschweift war, hatte er noch einmal seine Gattin zu sprechen versucht. Umsonst! Weder durch Bitten noch durch Drohungen war sie zu bewegen gewesen, ihm die Thür zu öffnen. Indessen war es spät geworden, und halb von Sinnen vor Ingrimm hatte er sich in den »Grünen Schild« zum Herzog von Pommern begeben, um noch einmal das Glück im Spiele zu versuchen. Die Würfel waren dort wieder in lebhafter Bewegung gewesen; doch auch nicht Einer hatte auf seinen Einsatz hin zum Becher gegriffen. Ein beleidigenderes ihm aus dem Wege gehen ließ sich nicht denken, und die Zurückweisung, die ihm auch sonst von den anwesenden Standesgenossen, und ihnen voran von seiten des Herzogs zu teil geworden war, hatte ihm gezeigt, daß man ihn aus diesem Kreise ausschloß. Das lehrte ihn zu gleicher Zeit, daß er, kam er der Herausforderung des Schweizers nach, von den Schranken zurückgewiesen werden würde. So stand er vor der Unmöglichkeit, einer Ehrenpflicht zu genügen, und dieser furchtbare Gedanke veranlaßte ihn, alles, was die Ehre ihm bis dahin auferlegt hatte, und damit auch ihren Hütern, den Krieg zu erklären. Wenn man ihn als Räuber und Entehrten behandelte, 76 wollte er sich als solcher bewähren; – diejenigen aber, die ihn so weit gebracht, sollten es büßen. Während des Restes der Nacht und am folgenden Tage bis vor Schluß der Thore war er, fortwährend mit dem Becher in der Hand und nur halb seiner Sinne mächtig, von Schenke zu Schenke gewandelt, um den Gästen zu erzählen, was er von den schönen E's wußte, und bei jeder Wiederholung der Anklagen, an deren Berechtigung er nun wieder mit voller Ueberzeugung glaubte, hatte sich sein Haß gegen die Schwestern und diejenigen, die ihre natürlichen Verteidiger und darum seine Widersacher waren, gesteigert. Dazu war, so oft er die alten Beschuldigungen von neuem begann, ein Zusatz getreten, der ihre verleumderische Kraft verschärfte; und als leistete ein geheimnisvoller Bundesgenosse ihm Beistand, begegnete es ihm bald, daß ihm an verschiedenen Stellen die eigenen Erfindungen von anderen, die sie aus dem Munde ihm fremder Leute vernommen haben wollten, gleichsam zurückgebracht wurden. Oft war ihm freilich widersprochen, zuweilen auch heftig entgegengetreten worden; im ganzen aber hatte man ihm williger geglaubt, als es anderen gegenüber geschehen wäre; gestand ihm doch jedermann als Schwager des Verlobten der älteren E das Recht zu, seiner Entrüstung Worte zu leihen. Bei alledem waren ihm seine Zwillinge oft genug in den Sinn gekommen. Das hätte ihn von diesem nichtswürdigen Treiben zurückhalten sollen; doch der Gedanke, er stehe im Begriff zu rächen, was man der Ehre ihres Vaters und damit auch der ihren angethan, trieb ihn weiter und weiter. Erst als er nach einem langen Ritte durch den Wald 77 des Rausches ledig geworden war, sah er seine Handlungsweise im rechten Lichte. In der Stadt hätte ihn sicher Schimpf und Schande erwartet. Bei den Brüdern würde er gute Aufnahme finden. Sie waren seines Blutes und mußten sein scharfes Schwert willkommen heißen. Seite an Seite mit ihnen wollte er kämpfen und – mußte es sein – sterben. Eine innere Stimme warnte ihn, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die das Haus beraubt, dessen Mitglied er geworden; doch wiederum benützte er die Erinnerung an die unschuldigen Lieblinge, um sein Vorhaben zu beschönigen. Nur ihnen zu liebe wollte er mit den Waffen in der Hand als tapferer Ritter im Bunde mit denen, die für das alte Vorrecht ihres Standes das Leben aufs Spiel setzten, in den Tod gehen. Sie sollten nicht einmal zu ahnen brauchen, daß man ihren Vater vom Turnier ausgeschlossen hätte, sondern in der Ueberzeugung groß werden, er sei als heldenhafter Streiter für die Sache der kleineren Ritterschaft, der er angehörte, und der der Kaiser den Fuß auf den Nacken setzte, gefallen. Die Gewißheit, die Biberli Heinz Schorlin brachte, daß Seitz Siebenburg denen zugeritten sei, die er zu züchtigen hatte, ließ ihm die Aufgabe, die ihm der Kaiser stellte, in einem neuen, reizvollen Lichte erscheinen; dabei aber griff der Bericht des Dieners, so weit er die Ortliebschen Schwestern anging, ihm tief in die Seele. Er allein trug Schuld an der Schande, die über unschuldige Jungfrauen gekommen. Mit der Vernichtung des Verleumders sühnte er wenigstens einen Teil seines Vergehens. Aber damit war es nicht genug. Gut zu machen 78 lag ihm ob, was er an den Schwestern verschuldet. Ueber das Wie? ließ sich freilich die Entscheidung jetzt noch nicht treffen; denn während er im Dienste seines Herrn das Richterschwert führte, mußte das alles zum Schweigen gebracht werden, durfte er an nichts denken als den Auftrag, den ihm sein kaiserlicher Wohlthäter und Kriegsherr erteilt, in seinem Sinne zu erfüllen und ihm zu zeigen, daß er gut gewählt, als er ihn mit dem »Knacken der Nuß« betraut, die er selbst als eine harte bezeichnet. Das Sehnen und Entsagen, die Vorwürfe und Bedenken, die sich ihm in das jüngst noch so leichte Leben gedrängt, hatten es ihm verleidet. Er wollte es nicht schonen. Wenn er aber fiel, war ihm die Möglichkeit genommen, was auch immer für diejenigen zu thun, die durch seine Unbedachtsamkeit den edelsten Besitz, den guten Namen, verloren. Und so oft er sich dies vergegenwärtigte, war es ihm bald, als schaute Eva ihn mit den großen, hellen Augen so vertrauensvoll an wie während der Pause beim Tanze, bald auch, als sähe er sie, wie bei der Einsegnung ihrer Mutter in tiefem Kummer vor dem Altare. Damals hatte Schmerz und Trauer sie nicht wahrnehmen lassen, wie sein Blick auf ihr ruhte, und doch war sie ihm nie begehrenswerter erschienen, hatte es ihn nie leidenschaftlicher gedrängt, sie in die Arme zu nehmen, sie zu trösten und ihr zuzurufen, daß seine Minne sie vergessen lehren sollte, was ihr weh that, daß es ihr bestimmt sei, im Liebesbunde mit ihm neue Glückseligkeit zu finden. Dies war ihm begegnet, als er eben das Ringen nach einem neuen Leben begonnen. Erschrocken hatte er es dem greisen Wegweiser bekannt und sich der Mittel 79 bedient, die der Minorit ihm anzuwenden geraten, damit ihm das Vergessen und Entsagen gelinge; – aber immer vergebens. Hätte er sich wie der heilige Franz in einen Dornstrauch gestürzt, aus seinem Blute wären nicht Rosen, wohl aber neue Erinnerungen an diejenige erwachsen, deren junges Lebensglück seine Schuld so jäh und grausam vernichtet. Um ihretwillen hatte er schon auf der Schwelle der neuen Lebensbahn an seiner Berufung zu zweifeln begonnen und erst wieder Mut gefaßt, als Pater Benedictus, der mit der Aebtissin Kunigunde in Verbindung getreten war, ihm mitgeteilt hatte, Eva sei Wachs in ihrer Hand, und in den nächsten Tagen werde sie die Nichte bestimmen, bei den Klarissinnen den Schleier zu nehmen. Diese Nachricht hatte tief auf die Seele des jungen Ritters gewirkt. Ging Eva ihm in das Kloster voran so war das einzige starke Band zerschnitten, das ihn an die Welt fesselte, und nichts als das Andenken an die Mutter hinderte ihn mehr, seiner Berufung zu folgen. Dennoch ergriff ihn heftige Empörung, als er von Biberli hörte, die Bosheit der Verleumder würde Eva zwingen, bei den Klarissinnen Schutz zu suchen. Nein und tausendmal nein! Das Weib, das er liebte, sollte sich vor nichts zu retten brauchen, was ihm Heinz Schorlin, Wunsch und Wille gut zu machen geboten. Sie und ihre Schwester vor aller Welt so rein darzustellen, wie sie in seiner Vorstellung lebten, mußte ihm gelingen, sei es im Turnier durch die schärfste Herausforderung eines jeden, der sich weigerte anzuerkennen, daß sie beide von allen Damen auf Erden die sittsamsten und reinsten, und Eva zugleich die liebenswerteste und 80 schönste, sei es endlich auch durch das weithin sichtbare Eintreten des Kaisers oder der Frau Burggräfin für die unschuldig verfolgten Schwestern, nachdem er den erhabenen Gönnern die volle Wahrheit bekannt. Als Biberli ihn aber auf das sicherste Mittel hinwies, den gefährdeten Ruf der Geliebten wieder herzustellen, und ihn sich zu vergegenwärtigen bat, wie viel schöner ihr der weiße Brautschleier stehen würde, als die Trauer riese , gebot er ihm zu schweigen. Das Wunder, das für ihn geschehen war, verbot ihm, nach Glück und Freuden hienieden zu trachten. Es hatte ihm vielmehr die Augen öffnen und ihn anhalten sollen, von dem Wege zu lassen, der in die ewige Verdammnis führte. Auf das Himmelreich und seine Seligkeit wies es ihn, und sie war nur durch harte Entsagung und das Miterdulden jedes Leids zu erkaufen, das der Heiland auf sich genommen. Aber eine Ehre konnte er dennoch jetzt schon der Jungfrau erweisen, zu der es ihn so mächtig hinzog und deren Lebensglück durch seine Schuld vernichtet zu werden drohte. Mit ihrer Farbe an Helm und Schild wollte er, hatte er erst in Schwabach die ganze Streitmacht um sich versammelt, in den Kampf ziehen. Die Himmelskönigin würde ihm nicht zürnen, wenn er ihr lichtes Blau trug, um an der frommen und reinen Eva, die ihr sicherer angehörte als er selbst, gut zu machen, was ihr durch tückische Bosheit zugefügt wurde. Die Freunde Heinz Schorlins hatten nach allem, was ihn betroffen, seine veränderte Stimmung erklärlich gefunden; der junge Graf Gleichen, der ihm am nächsten 81 stand, schaute sogar seit seiner »Berufung« wie zu einem Geweihten zu ihm empor. Sein längst ergrauter Vetter, der Ritter Arnold Maier von Silenen, war ein frommer Mann, dessen eigener Sohn sich als Benediktiner zu Engelberg glücklich fühlte. Das Zeichen, womit der Himmel Heinz seinen Willen zu erkennen gegeben, hatte tief auf ihn gewirkt, und wenn er ihn auch lieber auf der schön begonnenen Laufbahn hätte fortschreiten sehen, wäre es ihm doch gottlos erschienen, ihn der Berufung zu entziehen, deren der Höchste selbst ihn gewürdigt. Er ließ ihn also gewähren und sandte mit dem nächsten Eilboten einen Brief an Frau Wendula Schorlin, die Mutter des jungen Vetters, in dem er ihr mit Vorwissen, ja im Auftrage des Neffen erzählte, was ihren Sohn betroffen, und sie ersuchte, ihn nicht zu verhindern, der Berufung, deren ihn Gott würdig gehalten, Folge zu leisten. Biberli schrieb indes der Mutter seines Herrn und Schutzbefohlenen in anderem Sinne und ließ nicht ab, Heinz seine wahre Meinung zu erkennen zu geben und zu versichern, daß er mit dem Schwerte am Gehäng und in der Hand auf den Streithengst, und nicht mit dem Rosenkranze am Lendenstrick in das Kloster gehöre. Das hatte Heinz verdrossen, ja ihn ernstlich gegen den treuen Gesellen aufgebracht, und als er jetzt gewappnet und gespornt sich anschickte, das Roß zu besteigen, um die letzten Weisungen seines kaiserlichen Herrn zu empfangen, und Biberli ihn frug, auf welchem Gaule er ihm zu folgen habe, erklärte er ihm kurz, er würde diesmal ohne ihn reiten. Als Heinz aber gewahrte, daß die Augen des »treuen 82 und standhaften« Gefährten bei dieser Erklärung feucht wurden, hatte er ihm über die Kappe mit dem bedeutungsvollen St gestrichen und freundlich gesagt: »Darum, mein Biber, bleibt zwischen uns doch alles beim alten, bis ich meiner Berufung folge und Du Dir mit Deinem Kätterle das eigene Nest baust.« So war Biberli denn in Nürnberg geblieben, während Heinz Schorlin, nachdem der Kaiser ihn mit freier Vollmacht väterlich gütig entlassen, sich aufgemacht hatte, um an der Spitze seiner Fähnlein, als ihr oberster Befehlshaber, gegen die Siebenburgs und ihre Kampfgenossen ins Feld zu ziehen. Nur bis vor die Stadt war es dem Diener gestattet worden, ihn zu begleiten. Vor dem Spitalthore hatte Gräfin Cordula, obgleich sie von einem Ritt ins Freie heimkehrte, den mutigen Scheckenhengst gewandt und sich ihm so zutraulich angeschlossen, als gehörte sie zu ihm. Heinz, der am liebsten allein geblieben und dem jeder andere Begleiter willkommener gewesen wäre, gab ihr dies deutlich genug zu erkennen, sie aber schien es nicht zu bemerken und ließ während des ganzen weiteren, gemeinsamen Rittes der Zunge freien Lauf und schilderte ihm, wie oft er sie auch unwillig unterbrach, mit immer wärmerer Lebendigkeit, was durch seine Schuld über die Ortliebschwestern gekommen. Dabei entwarf sie von der stillen Kümmernis Evas ein so rührendes Bild, daß es Heinz bald drängte, ihr zu danken, öfter aber noch, sie von den Kriegsknechten fortführen zu lassen; war er doch mit dem Wunsche, die Zeit der Fahrt zwischen frommen Betrachtungen und dem Nachdenken über die Anordnung des Feldzuges zu teilen, in den 83 Sattel gestiegen. Was konnte ihm unwillkommener sein als die zudringliche Gesprächigkeit der Gräfin, die ihm Herz und Sinn mit Vorstellungen und Wünschen erfüllte, die sein Vorhaben am schwersten zu beeinträchtigen drohten. Cordula bemerkte sehr wohl, wie unwillig er ihr zuhörte. Ja, als Heinz immer deutlicher und zuletzt sogar in beinahe verletzender Weise zu erkennen gab, wie wenig genehm ihre Begleitung ihm war, steigerte dies nur die Lebendigkeit ihrer Rede, die ihr die Wirkung nicht ganz zu verfehlen schien, die sie zu Evas Gunsten auf ihn üben sollte. So blieb sie ihm denn länger zur Seite, als sie anfänglich beabsichtigt hatte. Auch kehrte sie nicht um, als ihnen die junge Herzogin Agnes begegnete, die mit ihrem Gefolge bei der Heimkehr von einem Spazierritt der Stadt entgegentrabte. Der Böhmin war bekannt geworden, daß Heinz zu dieser Stunde dem Feinde durch das Spitalthor entgegenreiten würde, und die Begegnung mit ihr hatte ihm wie ein gutes Vorzeichen erscheinen sollen. Ihm einen wohlgemeinten Segenswunsch mit auf den Weg zu geben, war ihr ein angenehmer Gedanke gewesen. Zwar hielt sie trotz der Anwesenheit Cordulas nicht mit ihm zurück, ihre Gegenwart störte sie aber dennoch, und es verdroß sie, die Gräfin wiederum an der Seite Heinz Schorlins zu finden. So deutlich gab sie ihr dies denn auch zu erkennen, daß ihre italienische Hofmeisterin und Lehrerin im Gesange, das schon stark verblühte Fräulein Caterina de Celano, sich veranlaßt sah, die Sache der Gebieterin zu der ihren zu machen und die Gräfin höhnisch frug, ob sie auch das Brenneisen mit sich führe. 84 Doch Cordula gab ihr Anlaß, sich in die Lippe zu beißen, als sie schnell versetzte: »O nein! Die Bosheit begegnet einem zwar auf allen Wegen, in Deutschland rauft man sich jedoch nicht gleich das Haar über jedes giftige und seichte Wort auf der Straße.« Damit wandte sie sich von ihr ab, bis die Herzogin Heinz Lebewohl gesagt, und ritt dann mit ihm weiter; die junge Böhmin aber rief, sobald ein Stück Weges zwischen ihr und der Gräfin lag: »Vor diesem unangenehmen Mannweib muß man Ritter Schorlin sicher zu stellen suchen.« »Und die lieben Heiligen werden das gute Werk fördern,« versicherte die Italienerin; »denn sie selbst haben ein besseres Anrecht an den liebenswürdigen Ritter. Wie ernst er wieder dreinsah! Gebt acht, Hoheit, er folgt, wie neulich mein Vetter, der flinke Frangipani, den Spuren des Heiligen von Assisi.« Da brauste die junge Herzogin mit kindlicher Widersetzlichkeit auf: »Doch er soll und darf nicht ins Kloster! Der Kaiser ist gleichfalls dagegen, und das laute Wesen der Montfort ist auch ihm nicht genehm. Wir wollen doch sehen, Caterina, ob ich nichts und gar nichts vermag.« Hier stockte sie; denn sie hatten das Dorf Röttenpach wieder erreicht, und vor dem neu erbauten Kirchlein stand der Pfarrer mit dem Vorstand der Gemeinde, und die Kinder des Ortes streuten ihr Blumen auf den Weg. – Da brachte sie den Araber zum Stehen, ließ sich aus dem Sattel helfen und besichtigte mit leutseliger Gnade das neue Gotteshaus, den Stolz der Gemeinde. Auf dem Heimweg sprang dicht hinter dem Dorfe ihr Roß wiederum scheu zur Seite. Vor einem alten 85 Minoritenpater, der sich unter einem Holzapfelbaume an der Straße niedergelassen, hatte das Tier sich erschreckt. Es war Pater Benedictus, der sich früh aufgemacht, um Heinz zuvor zu kommen und ihn im Nachtquartier durch seine Anwesenheit zu überraschen. Doch er hatte seine Kraft überschätzt und war so langsam vorwärts gekommen, daß Heinz und seine Reisigen, vor denen er sich hinter einem staubigen Weißdorngebüsche verborgen, ihn nicht wahrgenommen hatten. Von Schweinau an war ihm das Wandern schwer geworden, zumal es gegen den Sinn des Heiligen gewesen wäre, sich eines Stabes zu bedienen. Mancher mitleidige Bauer, mancher Müllerknecht und Fuhrmann hatte ihm den Rücken seines Tieres oder einen Sitz auf dem Wagen und Karren angeboten; er war indes, ohne sich ihr freundliches Anerbieten zu nutze zu machen, mit den nackten Füßen weiter geschritten. Vielleicht war diese Wanderung seine letzte; auf ihr aber wollte er das Wort einlösen, das er dem sterbenskranken Meister gegeben, dem Gebote des Heilands, das Franz von Assisi zu seinem eigenen und zu dem seines Ordens gemacht, gehorsam, hinzugehen, um zu predigen und zu sprechen: »Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.« »Umsonst,« hieß es, »habt ihr es empfangen, umsonst gebet es auch.« An irdischen Lohn dachte er nicht, um so heißer dürstete es ihn nach dem frohen Bewußtsein, eine Seele dem Himmel gewonnen zu haben. Wie einst der Heilige ihn, so hatte er Heinz lieben gelernt, und er gönnte ihm die Glückseligkeit, die ihm, dem Achtziger, im Alter des Ritters zu teil geworden. Wie lange war es ihm vergönnt gewesen, sich ihrer zu 86 freuen! In den letzten Jahrzehnten freilich hatte sie manche Trübung erfahren. Viel Schweres war ihm schon im Dienst seiner heiligen Sache gelungen; je größer aber das Opfer gewesen, das er gebracht, desto köstlicheren Seelenlohn hatte er geerntet. O, wenn diese Wanderung ihm doch das Gelübde Heinz Schorlins, seinem Heiligen und mit ihm dem Heiland nachzufolgen, einbringen wollte! Wenn es ihm dann doch auch noch vergönnt war, mit der Hand des teueren geretteten Jünglings in der seinen diese Welt mit der ewigen Seligkeit zu vertauschen! Die Erde bot ihm nichts mehr; denn er, der zu den Führern seiner Brüderschaft gehörte, sah sie bekümmert abweichen von den Bahnen ihres Stifters. Die Armut, die dem Leibe die Freiheit sichert, die von Sorgen dieser Welt und von der Last des Besitzes nichts weiß, die der Seele gestattet, fessellos hoch über dem Staube die Schwingen zu regen, sie, die die himmlische Braut des heiligen Franz gewesen, ihr brach man in vielen Kreisen seiner Brüder die Treue. Mit dem Besitze hatte sich das Wohlleben und das Trachten auch nach weltlichem Einfluß in manches Kloster geschlichen. Die Arbeit, die der Heilige seinen Jüngern empfohlen, wiesen viele von sich ab, und neuen Wein, der ihm, Benedictus, nicht mundete und den der Heilige als Gift weit von sich gewiesen hätte, sah er vielfach die alten Krüge füllen. Er war nicht mehr jung und stark genug, um seinen Kummer und Unwillen wie ein reinigendes Gewitter in diese Mißbräuche fahren zu lassen. Aber Heinz Schorlin! Wenn er, der an Geist und Körper gleich schön 87 begabte, edel geborene Jüngling, den der Himmel mit Blitz und Donner zu sich berufen, aus reiner Ueberzeugung mit einem Herzen voll jugendlicher Begeisterung sich seiner heiligen Sache hingab, wenn Heinz, von ihm eingeweiht und sich voll bewußt der wahren Absichten des Meisters, der ja auch ungelehrt und nur reich an Wissen des Herzens seine folgenschwere Laufbahn begonnen, sich als furchtloser Streiter zu dem Willen des Heiligen bekannte, dann war der Ritter Georg gefunden, der den Drachen zu töten und wenigstens in den Klöstern Deutschlands aus seinem Blut neues Leben zu erwecken berufen, – dann stand dem Orden vielleicht das neue Erblühen bevor, das er ihm wünschte. Aus den Kreisen des geringeren Volkes empfing er größtenteils seine Ergänzung. Das Beispiel des Ritters Schorlin führte ihm vielleicht auch, als veredelndes Element, die Söhne seiner Standesgenossen zu. Darum zog er, in Schweiß gebadet und oft dem Zusammenbrechen nahe, Heinz durch den Staub der Landstraße nach. Manchmal aber, wenn die Kraft ihm erlahmte und er sich am Wege niederließ, um Atem zu schöpfen, gewann das Leben seiner Seele einen höheren Schwung. Nachdem Heinz an ihm vorbei geritten war, ohne ihn zu bemerken, hatte er die Wanderung fortgesetzt, bis ihm die Füße so schwer geworden waren, daß er sich gezwungen sah, sich hart am Wege niederzulassen. Da war es ihm gewesen, als trete ihm der Heiland selbst entgegen. Liebreich schaute er ihm ins Antlitz und wandte sich dann ab, um, Benedictus wußte nicht wem, in der Höhe zu winken. Da wichen plötzlich die Wolken, die den Himmel bedeckt hatten, auseinander, und es war dem rastenden Greise, 88 als vernähme er das Lied, das der Troubadour der von der Liebe zu Gott ergriffenen Seele, das sein Freund und Meister seinem Heilande zugesungen hatte. Aus dem Munde seiner Engel in der Höhe mußte es kommen; ihn aber drängte es, mit einzustimmen. Zwar drang über seine alten Lippen, wie eifrig sie sich auch regten, kein Ton, er wähnte aber dennoch mit teilzunehmen an diesem dem Erlöser, dem Urquell aller Liebe, gewidmeten Minnegesang der Seele, die ihrem Heiland in schwärmerischen, herzverzehrenden Liebesflammen entgegenloderte. »In Glut mich Liebe senkte, Mein Bräut'gam jung erblühend, Als er den Ring mir schenkte, Das Lamm, in Liebe glühend, Den Stahl ins Herz mir senkte,« begann der feurige Gesang, und eine verzehrende Sehnsucht nach dem Tode und dem geliebten Heiland, dessen Gestalt in dem Flammenmeere, das vor seinen weit geöffneten Augen wogte, verschwunden war, ergriff ihm die Seele, als er den zweiten Vers anhob: »Mein Herz brach qualentbronnen, Der Leib sank hin zur Erde, Der Pfeil der Liebeswonnen Mit Glut mich ganz verzehrte.« Mit heißen Wangen, der Welt und was ihn umgab völlig entrückt, hob er die Arme gen Himmel; plötzlich aber sanken sie ihm nieder. Auffahrend fuhr er mit der Hand über die geblendeten Augen und schüttelte wehmütig das Haupt. Statt des Engelgesanges hörte er näher und näher kommenden Hufschlag. Der geöffnete Himmel hatte sich geschlossen, – als ein armer, erschöpfter 89 Mensch lag er mit heiß glühender Stirn am Saume der Straße. Herzogin Agnes ritt, nachdem sie das neue Kirchlein zu Röttenpach besucht, auf dem Heimwege nach Nürnberg an ihm vorüber. Weder sie noch ihr Gefolge achteten des alten Mönchs. Nur die Italienerin, die sein edel geformtes Greisenantlitz mit den immer noch feurigen Schwärmeraugen, schon als sie vorhin an ihm vorübergeritten war, angezogen hatte, schaute sich neugierig nach ihm um. Dabei begegnete ihr Blick dem seinen, und die faltigen Züge des Minoriten gewannen einen gespannten, fragenden Ausdruck. Es drängte ihn, sich zu erheben, um zu fragen, wer die Schwarzäugige neben der Herzogin sei. Doch bevor es ihm gelang, sich aufzurichten, war der Reiterzug schon vorüber. Beunruhigt, kaum mehr fähig, den einen wunden Fuß vor den andern zu setzen, schleppte er sich weiter. Vor Röttenpach begegnete ihm ein Page der Herzogin, der an der Schmiede des Dorfes zurückgeblieben war und der Gebieterin nachritt. Pater Benedictus rief ihn an, und der Knabe, dem der greise Mönch Ehrfurcht einflößte, stand ihm Rede und gab ihm zu wissen, die Dame auf dem Rappen mit der Blässe an der Stirn sei die italienische Hofmeisterin seiner Herrin, das Fräulein Caterina de Celano. Da wich dem Minoriten das Blut aus den in Fieber glühenden Wangen, und der Page schickte sich schon an, aus dem Sattel zu springen, um ihm Beistand zu leisten; er aber wehrte ihm ungeduldig und zwang sich mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft, weiter zu wandern. Eben noch hatte er sich am Herzen der ewigen Liebe 90 glückselig gefühlt, jetzt aber änderte sein Antlitz den Ausdruck, und Ingrimm blitzte ihm aus den dunklen, tiefliegenden Augen. Das welkende Fräulein neben der Herzogin trug den Namen der Frau, deren Treulosigkeit ihn zuerst veranlaßt, im Frieden des Klosters Ruhe und Vergessenheit zu suchen, die ihn dahin geführt, ihr ganzes Geschlecht zu verabscheuen. Die Enkelin, eine Tochter oder Nichte des Weibes, das ihn so schmählich betrogen, mußte die Reiterin sein. Wie ähnlich sah sie der Verräterin, doch verstand sie es weniger gut, ihre wahre Gesinnung zu verbergen; denn er hatte etwas Hämisches in ihren alternden Zügen bemerkt. Der Groll, den er lange überwunden zu haben meinte, wurde wieder in ihm lebendig. Hätte er ihr doch nacheilen und ihr ins Gesicht rufen können . . . Was denn? Welche Schuld trug die Reiterin an der Treulosigkeit einer andern, die sie vielleicht gar nicht kannte? Aber er wollte ihr dennoch nach. Das fiebernde Blut trieb ihn vorwärts; doch der erschöpfte, schmerzende alte Leib versagte ihm den Dienst. Noch ein gewaltsamer Anlauf, und vor den Augen sprühten ihm Funken, die Lippen netzten sich ihm mit Blut, und röchelnd sank er zusammen. Nach einiger Zeit gelang es ihm, sich bis an den Rand der Straße zu schleppen. Dort blieb er liegen, bis ein Nürnberger Fuhrmann mit seinem Viergespann daherkam, ihn unter Beistand des Stallknechts auf den Wagen hob und mitnahm. In Schweinau wurde dem Leidenden das Stoßen 91 des Wagens unerträglich, und der Fuhrmann erfüllte gern seinen Wunsch, ihn zu dem Siechenhause zu führen, in dem verstümmelte und wund gefolterte Verurteilte Pflege fanden. Dort sah man ihm indes sogleich an, daß er nicht in dies dem verbrecherischen Unglück gewidmete Haus gehörte, und die freundlichen Beghinen von Schweinau nahmen ihn bei sich auf. Auf der Fahrt hatten Leib und Seele des Greises gleich schwer gelitten. Wie ein Verrat an ihm, wie eine Zurückweisung seiner frommen und reinen Absichten war es ihm erschienen, daß der Himmel selbst ihm den Weg verlegte, auf dem er sich müde wanderte, um ihm eine Seele zu gewinnen.     Sechstes Kapitel. Die Beisetzung des prächtigen Sarges Frau Maria Ortliebs unter dem Pflaster der Kapelle ihres Geschlechtes war vorüber. Die geringe Zahl der Teilnehmenden hatte die Kirche verlassen. Nur der Witwer war mit seinen Töchtern in der Kapelle zurückgeblieben, und da er sich selbst von den wenigen ungesehen wußte, die noch außer ihm und den Seinen im Gotteshause weilten, schloß er die Mädchen mit verhaltenem Schluchzen ans Herz. So tiefen Jammer, so schwere Seelennot meinte er noch nie erfahren zu haben. Es war ihm nicht einmal vergönnt worden, von der geliebten Gefährtin in reinem Schmerz Abschied zu nehmen; denn bitterer Groll hatte sich ihm in den Kummer gemischt. Nach dieser Beisetzung mit den Töchtern allein im eigenen Hause zu bleiben und ihren Fragen zu begegnen, schien ihm unmöglich. Die Sitzung des Rates, die bald beginnen mußte, diente ihm zum Vorwand, sich von den Töchtern zu trennen. Was ihm eben angethan worden war, hatte Eva verschuldet, aber er wußte aufs genaueste, was sich mit dem unerfahrenen Mädchen und Heinz Schorlin 93 zugetragen, und darum auch, wie gering ihre Schuld war. Sie zu tadeln erschien ihm gleich schwer, wie sich gelassen mit ihr und der verständigen Els zu besprechen, was unter den obwaltenden Umständen zu thun sei; stand es doch ohnehin bei ihm fest, daß Eva jetzt nichts übrig blieb, als ungesäumt den Schleier zu nehmen, nach dem es sie ja von Kind an verlangte. Die Aebtissin Kunigunde, seine Schwester, hielt ihr die Thore des Klarissinnenklosters offen. Sie hatte den Mädchen versprochen, sie daheim zu erwarten. Beim Abschied bat er die Töchter nur, nicht auf ihn zu warten, weil der Rat nachher über das Schicksal der Eysvogelschen Handlung entscheiden würde und die Sitzung lange dauern könnte. Da schaute ihm seine Els mit einem so dringlich flehenden Blick in die Augen, daß er ihr gerührt zunickte und im Tone des innigsten Bedauerns anhob: »Ich hülfe Deinem Wolff ja mehr als gern, liebes Mädchen; er bekannte Dir ja aber schon selbst, wie es steht. Was frommte es, wenn ich mich und euch mit mir für die Eysvogels und ihr morsches Haus zum Bettler machte? Hart bleiben gilt es jetzt, um Wolff und Dir, Els, später den Weg zu ebnen. Könnte Berthold Vorchtel sich entschließen, gemeine Sache mit mir zu machen, so stünde es anders; doch gerade er rief den Rat als Kläger zusammen. Und wenn er es ist, der den wankenden Bau zu Fall bringt, wer kann's ihm verdenken? Aber wie es auch kommt. Was ich verständigerweise für die Unglücklichen thun kann, das wird geschehen, mein Mädchen.« Damit küßte er der älteren Tochter die Stirn, gewährte der jüngeren eilfertig das gleiche und verließ die Kapelle. Els aber hielt ihn zurück und raunte ihm zu: 94 »Was uns hier zugefügt ward, laßt es Euch nicht zu nahe gehen, Herr Vater. Es galt weder ihr, deren Frieden nichts mehr stört, noch Euch. Wir allein sollten . . .« »Euch freilich,« fiel ihr Herr Ernst bitter ins Wort, »wollten sie zu fühlen geben, wie hoch erhaben sie sich in ihrer Tugend über euch dünken, die ihr besser und reiner seid als sie alle. Richte nur auch Eva den Mut auf! Ich sprach schon mit dem Ohm Schultheiß und der Muhme Christine. Ihr zogt sie ja selbst ins Vertrauen, – und gemeinsam wollen wir zusehen, wie man der Schlange aufs Haupt tritt.« Damit entfernte er sich, Els aber kehrte zu der Schwester zurück, und nach einem kurzen Gebete verließen sie gesenkten Hauptes die Kirche. Draußen warteten ihrer die Sänften. Jede wurde einzeln nach Hause getragen; beide aber zogen, trotz des hellen Sommerwetters, die Vorhänge zu, um ungesehen zu weinen und sich zu fragen, wie der Verstorbenen und ihnen selbst dergleichen hatte angethan werden können. Glänzend war bei Hoch und Gering die Achtung vor dem Namen Ortlieb zur Geltung gekommen, als man die Leiche seines in der Schlacht gefallenen Sohnes in der Kapelle seines Geschlechtes beigesetzt hatte. Und die Mutter? Wie so manchem war sie wert und teuer gewesen, wie vielen hatte sie Gutes, Liebes, Freundliches erwiesen, wie groß war die Teilnahme der ganzen Stadt bei ihrer Erkrankung gewesen, und wie viele aus allen Ständen hatten sich zu der Seelenmesse eingefunden. Und nun bei der Bestattung, die eben vorüber? Die Ehrbaren vom Rate waren freilich um des Vaters willen vollzählig erschienen; von ihren Frauen aber kaum 95 die Hälfte. – Von ihren Töchtern – Els hatte sie gezählt – im ganzen nur neun, und darunter nur drei, die sie ihre Freundinnen nannte. Die anderen waren doch wohl nur aus Neugier gekommen. Und das Volk: die Handwerker, die geringen Leute, die in unabsehbarer Menge den Sarg des Bruders zur Ruhe begleitet und bei der Seelenmesse das weite Schiff von St. Sebald gefüllt hatten? Ein dünnes Häuflein war es gewesen. Nur die Klarissinnen hatten sich bis auf die letzte Laienschwester eingefunden. Sie waren freilich der Mutter zu großem Danke verpflichtet und ihre Aebtissin die Schwester des Vaters. Sonst hatte es nur wenige Frauen zu sehen gegeben, außer den alten Weibern aus den Spitteln und Kinderstuben, die nirgends fehlten, wo es zu weinen gab oder zu lästern. Beim Gang durch das Kirchenschiff in die Kapelle waren die Schwestern an einer Gruppe von jüngeren Gesellen und Mädchen vorbeigekommen, die sich einander in so verletzend unehrerbietiger Weise angestoßen und allerlei zugeflüstert hatten, daß Els bemüht gewesen war, Eva so schnell wie möglich an ihnen vorbei zu ziehen. Ihr Wunsch, die empfindlichere Schwester möge die häßlichen Geberden und kränkenden Worte der grausamen Buben und Dirnen nicht bemerken, war in Erfüllung gegangen. Freilich fühlte auch Eva mit lebhafter Entrüstung, daß ihrer geliebten Verstorbenen viel zu geringe Ehre widerfahren, daß die verblendeten Leute den Verleumdern glaubten, die ihrer Els noch weit Schlimmeres nachsagten als ihr selbst, und die arme Mutter, die wie eine Heilige gelebt und gelitten, hatten büßen lassen, was sie den Töchtern vorwerfen zu dürfen meinten; der Spott und die Verachtung aber, die dem Vater und der Schwester von mehr als einer Seite her in mancherlei Gestalt sich aufgedrängt hatten, waren ihr völlig entgangen. Zu einem eigenen, von den Anforderungen der Welt abgesonderten Denken und Empfinden hatte sie sich von früh an selbst erzogen. Worauf ihr Geist oder Gemüt sich richtete, das erfaßte sie ganz; hier aber war sie von der letzten stillen Rücksprache mit der Entschlafenen in Anspruch genommen worden, und ein Blick auf die in der Kirche Versammelten hatte ihr alles gezeigt, was sie von ihrer Umgebung zu wissen begehrte. Heinz war schon vorgestern ins Feld gezogen. Auch ihm hatte ihr stummes Zwiegespräch gegolten. Wie machte er es ihr doch so schwer, festzuhalten an dem Entschluß, den sie in der Seelenmesse gefaßt, da er sich fern von ihr hielt und ihr auch nicht das kleinste Zeichen seines Gedenkens zukommen ließ. Zwar wiederholte ihr eine innere Stimme fortwährend, daß er so wenig von ihr lassen könnte, wie sie von ihm; dennoch aber bäumte ihr jungfräulicher Stolz sich gegen die Vernachlässigung auf, mit der er sie kränkte. Der trotzige Wunsch, ihn für seinen Aufbruch ohne Gruß und Abschied zu strafen, drängte sie wieder dem Kloster entgegen. Täglich hatte sie dort viele Stunden verbracht und in seinem stillen Frieden sich besser und wohler befunden als im Vaterhause oder wohin sie sonst sich begeben. Dort war die Muhme Aebtissin ihr auch wieder näher getreten. Zwar hatte sie Eva mit keinem Worte zu einer bestimmten Erklärung gedrängt, ihr aber deutlich genug zu fühlen gegeben, wie schmerzlich sie es empfinden würde, wenn sie, ihre Schülerin, es über sich gewänne, die Hoffnungen zu täuschen, die sie selbst in ihr genährt. Weigerte sie sich den Schleier zu nehmen, war 97 die gütige Freundin dann nicht berechtigt, sie einer Undankbarkeit sondergleichen zu zeihen, und auf wessen Meinung gab sie auch nur halb so viel wie auf die ihre, wenn sie von dem Geliebten absah, dessen Wertschätzung ihr höher stand als die der ganzen übrigen Welt? Er war besser als sie, und wer konnte wissen, welcher triftige Grund ihn noch von ihr fern hielt? In die Andacht, die sie im Kloster gefunden, hatten sich zahllose weltliche Wünsche gemischt, und war es nicht die Aebtissin selbst gewesen, die sie gelehrt, ohne Rücksicht auf einzelne Menschen und ihr Urteil den für recht erkannten Forderungen der eigenen Natur, die im Einklang standen mit dem Willen des Höchsten, unentwegt Folge zu leisten? Und mit wie lauter Stimme gebot ihr alles, was in ihr war, festzuhalten an ihrer Minne! Sie hatte die Entscheidung getroffen, doch der gekränkte Stolz, die Erinnerung an die wohlig stillen Friedensstunden im Kloster, und allem voran die Furcht, die teure Leiterin ihrer Kindheit zu kränken, hielten sie von der festen und unwiderruflichen Bestimmung zurück, zu der ihr dem Schwanken und Zaudern abholdes Wesen sie drängte. Je näher die Sänfte dem Ortliebhofe kam, desto schneller schlug ihr das Herz; denn heute noch, wahrscheinlich schon in der nächsten Stunde, würde die Aebtissin sie nötigen, zwischen dem Vaterhause und Kloster zu wählen. Bleich und tief atmend entstieg sie bald nach Els dem Tragstuhl. Es war draußen sehr heiß gewesen. In dem gewölbten Soler mit den undurchdringlich festen Mauern umfing sie kühlere Luft, und eine frischere und 98 reinere, und dazu auch noch – wenigstens für die nächsten Stunden – ungestörten Frieden, hoffte sie in ihrem Gemache zu finden. Doch was hatte das zu bedeuten? Bei ihrem Eintritt war das Gespräch, das Els eben erst mit einigen anderen Frauen neben der Schreibstube begonnen haben konnte, plötzlich zum Schweigen gekommen. Es mußte mit Rücksicht auf sie verstummt sein; denn der bedeutungsvolle Blick war ihr nicht entgangen, mit dem die Schwester eben auf sie hingeschaut und den Finger dann von den Lippen entfernt hatte. Jetzt trat auch die Aebtissin, die eine Wand von über einander gestellten Kisten bisher ihren Blicken entzogen, hervor und legte einem kleinen, ältlichen Weibe, das rot vor Erregung mit der Haushälterin Martsche, der das alte Kinn zitterte, gestritten haben mußte, die Hand auf die Schulter. Sonst kümmerte sich Eva wenig um die Zänkereien des Gesindes; dieser Streit schien sich aber auf sie selbst zu beziehen, und seine Ursache konnte nicht gering sein, weil Muhme Kunigunde an ihm teil nahm. Kaum hatte sie sich aber den anderen Frauen genähert, als die Aebtissin sie beiseite nahm und ihr einige bedeutungslose Fragen vorlegte. Sie sollten sie wohl von den Streitenden fern halten; Eva aber kannte das kleine Weib, und es verlangte sie, zu erfahren, was der Vorklerin augethan worden sei, die sich stets als eine bescheidene, ja demütige Wittib erwiesen. Ihr Eheherr selig hatte dem Ortliebschen Hause als Frachtfuhrmann, der sein Sechsgespann bis nach Mailand lenkte, treulich gedient, bis er in Tirol während der 99 Willkürzeit vor der Thronbesteigung Kaiser Rudolfs bei einem Ueberfalle räuberischer Ritter das Leben gelassen. Unter Beistand des Herrn Ernst Ortlieb hatte die Wittib dann einen kleinen Handel mit Wachskerzen, Heiligenbildern, Rosenkränzen und bescheidenen Firmelungsgeschenken angelegt und sich mit ihren sieben Kindern redlich durchgeschlagen. Ihr ältester Sohn, der hüftlahm war und für schwere Arbeit nicht taugte, half ihr in der Handlung, ihr Jüngster aber war der Knecht Ortel, der Eva am Tage der Einsegnung der verstorbenen Mutter mit dem Korbe in den Wald gefolgt war. Ihre Tochter Metz stand als Gehilfin der Oberköchin gleichfalls im Dienste der Ortliebs. War Frau Vorklerin einmal gekommen, um nach den Kindern zu sehen, hatte sie ihrer unterthänigen Erkenntlichkeit nicht lebhaft genug Ausdruck geben können; heute aber war sie wie verwandelt. Schon die kurze Unterredung der Aebtissin mit Eva schien ihr zu lange zu dauern, und als die Muhme ihr gebot, ihre Sache nachher mit Els und der alten Martsche allein zu Ende zu führen, fuhr sie auf und versicherte, bei aller schuldigen Ehrfurcht vor der Frau Aebtissin, doch auch der Jungfrau Eva zu Gemüte führen zu müssen, was sie, ein tugendsam Weibsbild mit dankbarem Herzen bewege, ihre Kinder aus dem Dienste der Herrschaft zu ziehen, für die ihr Eheherr selig das Leben gelassen. Da versuchte Els, die das beleidigende Anliegen der Witwe jedenfalls vor Eva zu verbergen wünschte, die Vorklerin zum Schweigen zu bringen; sie aber widerstand ihr trotzig und fuhr mit verdoppeltem Eifer fort, sie müsse reden, wenn es ihr das Herz nicht abdrücken sollte. Und 100 nun erklärte sie, daß sie stolz darauf gewesen sei, ihre Kinder in einem so frommen Hause untergebracht zu haben. Jetzt aber sei hier alles anders geworden, und wenn es ihr auch bis ins Innerste wehe thue, müsse sie auf dem Verlangen bestehen, die Metz und den Ortel seinem Dienste zu entziehen. Sie lebe von der Frömmigkeit der Leute, die es nach Kerzen für die lieben Heiligen und nach Schapeln für das Gebet verlange; aber auch die Frömmsten hätten die Augen überall, und wenn es ruchbar würde, daß ihre jungen Kinder in einem Hause dienten, wo solche Dinge vorkämen, wie sie, Gott sei's geklagt, in der ganzen Stadt den Töchtern dieses Hauses nachgesagt würden . . . Hier unterbrach die alte Martsche das aufgebrachte Weib mit ehrlicher Entrüstung; doch die Vorklerin ließ sich nicht zum Schweigen bringen, sondern fuhr mit der Frage fort, was ein armes Ding wie ihre Metz außer ihrem guten Leumund denn habe? Wie schnell ließe sich einer Siebenzehnjährigen etwas anhängen, wenn sie in einem Hause diene, dem die Ehrbarkeit abgesprochen werde. Damit aber habe man schon begonnen, seit man die beiden Ortliebstöchter die »schönen« statt die frommen und »tugendsamen« E's benamset. Jetzt sehe man ja, wie solch Hervorheben von Antlitz und Gestalt christlichen Jungfrauen fromme. Gestern und heute hätte sie ihrem Heiligen eine Dreihellerkerze geweiht zum Danke, daß diese Greuel der Frau Mutter selig nicht mehr zu Ohren gekommen. Die Verblichene sei eine wahrhaft fromme Edelfrau gewesen, und ihre Seele werde es ihr 101 Dank wissen, wenn sie den mutterlosen Töchtern zu Gemüte führe, daß der Weg, auf den sie leichten Sinnes geraten . . . Das war auch dem Knecht Ortel, der, von hochaufgetürmten Säcken verborgen, dieser Verhandlung beigewohnt hatte, zu viel gewesen, und mit bittend erhobenen Händen trat er nun der Mutter entgegen und flehte sie an, sich zu hüten, den schlechten Menschen nachzusprechen, die sich erdreisteten, auf die holdseligen Jungfrauen, die rein und schuldlos wären wie ihre Heilige selbst, Steine zu werfen. Armer Ortel! Seine überströmenden, guten, jungen Augen baten so rührend mit, daß es einen Stein hätte erweichen können; die empörte Kerzenhändlerin deutete aber seine redliche Bewegung falsch, und sicherlich wäre er mit seiner Rede nicht so weit gekommen, hätten Aerger und Ueberraschung seine Frau Mutter früher zu Worte kommen lassen. Doch die Fähigkeit, die Zunge zu gebrauchen, ließ die Vorklerin niemals lange im Stich, und mit welcher Flut von Schmähungen über die verderbte Jugend dieser Zeit, die vergesse, was sie der leiblichen Mutter an Dankbarkeit und Ehrfurcht schulde, begann sie. Als aber der treue, im Ortliebschen Dienste ergraute Oberknecht Endres, dessen Aufsicht Ortel, der beim Aufladen half, unterstellt war, sie zur Ruhe verwies und ihr gebot, das Haus zu verlassen, und ihr Sohn, statt ihr zu folgen, sich zu dem alten Lehrherrn hielt, ging die Vorklerin in Klagen über die Verderbnis der ganzen Welt über und ließ es dabei nicht an Seitenhieben auf die beiden Töchter des Hauses fehlen. Aber auch damit kam sie nicht weit; denn die Aebtissin 102 führte Eva die Treppe hinan, und die beiden Alten unter der Dienerschaft des Hauses, Martsche, der leitende Geist, und Endres, die rohe Kraft, machten gemeinsame Sache. Dieser unterstützte Ortel bei der Weigerung, das Haus zu verlassen, jene aber erklärte, Metz würde so lange bleiben, wie es nach erfolgter Kündigung üblich. Sie werde es der Vorklerin auch nicht erleichtern, das arme Kind zu zwingen, mit dem alten Geizhals, an den sie es hängen wollte, in einen ungleichen, kläglichen Ehestand zu treten. Diese Bemerkung zielte auf den Schneidermeister Seubolt, den Vormund der Vorklerschen Kinder, der die sauber herangewachsene Metz, trotz der vierzig Jahre, die er früher geboren, zur Hausfrau begehrte und der der Witwe außerdem verheißen, seinem künftigen Schwager Ortel einen ansehnlichen Posten im Stall der deutschen Herren zu verschaffen. Nicht die empörte Sittlichkeit, sondern der Vormund und Freier in einer Person war es gewesen, der die Kerzenhändlerin veranlaßt hatte, ihre Kinder dem guten Dienste im Ortliebshofe zu entziehen. Jetzt ersparte ihre Furcht, durchschaut zu werden, den Verbündeten die Mühe, sie gewaltsam zum Weichen zu bringen. Während die Witwe sich aber langsam und im Krebsgange zurückzog, kreischte sie den Bedrängern die Drohung zu, der Vormund ihrer Kinder, kein geringerer als der ehrsame Schneidermeister Nickel Seubolt, sei der Mann, der ihr zu ihrem guten Recht verhelfen und die gefährdeten Seelen ihres Ortel und der armen jungen Metz dem zeitlichen und ewigen Verderben in diesem Sodom und Gomorrha entreißen . . . Was ihr weiter die Seele bedrückte, mußte sie indes 103 der Straße anvertrauen; denn Endres warf die schwere Hausthür mit einer für sein Alter bemerkenswerten Kraft und Schnelligkeit hinter ihr zu. Der Knecht Ortel fühlte sich in den Grundfesten erschüttert. Bald nach dem Verschwinden der Mutter zog er sich mit der siebenzehnjährigen Schwester in die Holzkammer zurück, und beide weinten dort bittere Thränen; denn Metz hatte das Herz an einen jungen Fuhrmann gehängt, der erst im Juli von einer Fahrt nach Frankfurt zurückerwartet wurde, und lieber wollte sie in die Pegnitz gehen, als dem alten, reichen Schneidermeister angehören, dem die Mutter – sie wußte es – ihre junge, hübsche Person als Hausfrau zuzuführen verheißen; ihr Bruder aber hielt wie viele seinesgleichen den des Führers eines Sechsgespannes vor dem Frachtwagen für den köstlichsten aller Berufe, und beide hingen an der Herrschaft und dem Hause, dem sie dienten, und fühlten dennoch, daß es eine schwere Sünde sei, der Mutter den Gehorsam zu kündigen.     Siebentes Kapitel. Das Ende dieses widrigen Zwischenfalles mitzuerleben, blieb Eva erspart. Die Aebtissin hatte sie die Treppe hinauf und in das Wohngemach geführt. Die heilige Klara selbst, meinte sie, habe die Vorklerin gesandt, um Eva die Wahl zu erleichtern, vor die sie die Nichte noch heute zu stellen gedachte. Schon während sie die breiten Stufen mit ihr erstieg, legte sie ihr den Arm um die Schultern; im Wohnzimmer aber, von dem man die Mittagssonne abgehalten, wo sie Kühlung und der Duft der Rosen- und Resedasträuße empfing, die Eva und der Gärtner am frühen Morgen in die Krüge auf dem Sims gestellt, zog die Aebtissin den Liebling fester an sich und sagte: »Die Welt zeigt Dir, mein armes Kind, noch einmal ihr garstigstes Gesicht, bevor Du ihr valet sagst.« Dabei küßte sie ihr liebreich Stirn und Augen und erwartete, daß Eva, wie sie es schon manchmal gethan, wenn ihr etwas die junge Seele bedrängte, ihre Zärtlichkeit stürmisch erwidern und mit dankbarem Ungestüm die Ladung in die Freistätte annehmen würde, die sie ihr darbot; doch der garstige Angriff des rohen Weibes, der 105 ihr vor Augen führte, was die Leute von ihr dachten und sprachen, wirkte ganz anders auf das seltsame Kind, das ihr schon so manche Ueberraschung bereitet, als sie vorausgesetzt hatte. Wohl war es Eva noch keineswegs gelungen, das Weh zu vergessen, das ihr die nichtswürdigen Anklagen der Vorklerin verursacht; wenn sie aber noch in der Sänfte besorgt hatte, es werde ihr an Kraft gebrechen, der lieben Lehrerin und Freundin eine so große Enttäuschung zu bereiten, so fühlte sie jetzt, daß diese Furcht vergebens gewesen und daß der verletzte jungfräuliche Stolz sie der Rücksicht, auf wen es auch sei, entbinde. Mit liebenswürdiger Behutsamkeit befreite sie sich von den Armen der Aebtissin, schaute, mit den großen Augen wie um Vergebung bittend, betrübt zu ihr auf und warf sich, als sie sah, mit wie schmerzlicher Befremdung die Muhme auf sie hinschaute, ihr noch einmal an die Brust. Statt sich von der alternden Freundin schützend umschlingen zu lassen, zog die jüngere sie an sich, küßte und streichelte sie mit liebkosender Herzlichkeit und bat sie mit der ihr eigenen, bestrickenden Anmut, ihr zu verzeihen, wenn sie ihr und sich selbst versage, wonach sie sich so lange als nach dem Schönsten und Höchsten gesehnt. Als die Aebtissin sie dann unterbrach, um ihr noch einmal vor Augen zu führen, was sie in der Welt, was im Kloster erwarte, hörte sie ihr, fest an sie geschmiegt, bis ans Ende aufmerksam zu; dann aber warf sie, so tief aufseufzend, als schmerze sie der eigene Entschluß, das Haupt zurück und rief: »Doch trotz alle und alledem kann und darf ich jetzt nicht ins Kloster.« 106 Dann ergriff sie die Hand der Aebtissin und legte ihr dar, was sie verhindere, den Wunsch der Leiterin ihrer Kindheit, der auch so lange der ihre gewesen sei, zu erfüllen. Ueberfließend von warmer, redlich empfundener Dankbarkeit pries sie, was sie bei den lieben Klarissinnen an stillen Wonnen und süßen Erwartungen genossen, bis die Minne sich ihrer bemächtigt. In den letzten, schmerzensreichen Tagen habe sie auch den Weg zu ihrer Heiligen zurückgewonnen und den schönsten Trost im Gebete gefunden; so oft sie aber das Herz zu dem Heiland erhoben, dem sie sich einst mit so inbrünstiger Liebe als seine Braut angelobt habe, sei der Erlöser ihr zwar wie sonst vor das innere Auge getreten, doch habe er an Gestalt und Antlitz dem Ritter Heinz Schorlin geglichen, und statt sich der Welt ab und der himmlischen Liebe zuzuwenden, hätte sie sich ganz der irdischen Minne gefangen gegeben. Ihr Gebet sei zur Sünde geworden. Das Lied des Heiligen: »O Lieb, aus Liebe künde,– Warum mich so verwunden? In Minneglut geschwunden Ist mir mein Herz und Leben,« hätte sie nicht mehr aufgefordert, sich selbst aufzugeben, um in himmlischer Liebe hinzuschmelzen, sondern ihr nur die eigene Seelennot verdeutlicht und der Sehnsucht ihres Herzens nach dem Geliebten Worte geliehen. Da unterbrach die Muhme sie mit der Versicherung, daß das alles – sie hätte es selbst erfahren, als sie, der Minne des höchsten und herrlichsten der Männer entsagend, den Schleier genommen – anders, ganz anders werden würde, wenn sie erst unter dem Beistand 107 der heiligen Klara den Weg wiedergefunden habe, auf dem sie schon einmal dem Himmel so nahe gekommen. Den Tag sehe sie bereits vor Augen, an dem Eva auf die Welt, die sie verlassen, wie auf gestaltenlose Wolkenmassen niederschauen werde. Das wären keine hohlen Worte. Etwas Selbsterlebtes führe sie vielmehr zu dieser Verheißung. Auf ihrer Fahrt nach Rom habe sie im Alpenlande von einem Berge hinunter geschaut und in der Tiefe sich zu Füßen nur kleine Höhen, Wälder, Thäler und blitzende Flüsse und hie und da auch ein Dorf erkannt, doch weder einzelne Menschen noch Tiere; denn ein leiser Nebel habe das alles verschleiert und es zu einem einzigen grauen Ganzen verbunden. Ueber sie her aber habe sich der Himmel, einer großen Riesenkuppel vergleichbar, so blau wie Türkis und Saphir, rein und frei von Dünsten und Wolken in schöner Wölbung gebreitet. So nahe sei er ihr erschienen, als hätte ihn der Adler, der sich in ihrer Nähe aufschwang, schon mit wenigen Flügelschlägen zu erreichen vermocht. Lichte Klarheit habe sie umflossen, und die Sonne mit überwältigend hellem Glanze wie das Auge Gottes auf sie niedergeschaut. Hart neben ihr hätte ein bunter Falter das einsame weiße Blümlein umschwebt, das aus einem nackten Felsstücke in der höchsten Höhe hervorwuchs. In dem Lichte und dem feierlichen Schweigen ringsum sei ihr jener Schmetterling wie eine verklärte Seele erschienen, und die Frage in ihr laut geworden, wer sich wohl, wenn es ihm vergönnt sei, in dieser lichten Höhe, so nahe dem Höchsten zu leben, zurückwünschen könnte in den grauen Nebel da unten. 108 Auch die Menschenseele, die die lichte Höhe erflogen, aus der sie dem Himmel so nahe, genieße glückselig die Reinheit der Luft und das ungetrübte Licht, das sie umwehe, und was da unten in der Welt vorgehe, verschwimme für sie zu einem einzigen, überwundenen Etwas, in dem man das Besondere nicht mehr unterscheide, noch auch zu unterscheiden begehre. So werde auch ihr das Bild Heinz Schorlins zusammenschmelzen mit der übrigen tief unter ihr liegenden Welt, zu der es gehöre. Es werde sie nur reizen, dem Himmel näher und näher zu kommen, dem hehren Lichte über ihr, zu dem ihre Seele so leicht aufsteigen würde wie jener Adler, der vor ihren, der Pilgerin, leiblichen Augen in himmlischer Bläue und in goldenem Sonnenglanze verschwunden. »So komm und wage den Flug!« schloß sie in warmer Begeisterung. »Deiner Seele, Du erwählte Himmelsbraut, sind die Schwingen gewachsen, deren es dazu bedarf. Brauche sie! Und was Dir jetzt das höchste der Ziele verleidet, es wird von Dir abfallen wie die alte Haut von der Schlange. Wie der Phönixvogel aus der Asche wird aus dem Zusammenbruch der kleinen, weltlichen Minne, die Dich heute mehr ängstigt als froh macht, die große Liebe zu demjenigen erstehen, der die Liebe selbst ist, die Liebe, die den einsamen Schmetterling auf der weißen Blume in der stillen, menschenleeren Hochlandseinöde, dem kein Stäubchen auf dem Flügel, kein Härlein am Fühlhorne mangelt, so warm und sorgsam umfaßt wie das große, unbegrenzte Weltall, dessen Dauer erst mit der Ewigkeit endet.« Tief atmend hatte Eva an den Lippen der verehrten Frau gehangen, die zuletzt wie eine Seherin mit weit geöffneten Augen aufwärts geschaut. 109 Als sie schwieg, nickte sie ihr beistimmend zu. Die würdige Lehrerin und Freundin schien ihren Widerstand gebrochen zu haben. Wie den Adler, der vor den Augen der Pilgerin in der Bläue des Himmels verschwunden, rief das helle Licht in der reinen Höhe auch ihre beschwingte Seele auf, den Flug zu wagen. Erfreut folgte die Aebtissin der Wirkung ihrer Rede auf den Liebling, der jetzt das Vernommene zu durchdenken schien und sinnend zu Boden schaute. Plötzlich aber hob Eva wieder das gesenkte Haupt, und ihr in hellerem Glanze aufleuchtendes Auge suchte das der Aebtissin. Aufmerksam hatte ihr lebhafter Geist das Gehörte überdacht. Ihrer regen Einbildungskraft war es gelungen, das Bild, das sie schon halb für die Wünsche der Freundin gewonnen, in die Wirklichkeit zu übertragen. »Nein, Muhme Kunigunde, nein!« begann sie, und erhob dabei wie zur Abwehr die Hände. »Auch mich zieht Deine lichte Höhe gewaltig an, doch wie gern ich auch glaube, daß die Welt sich für viele leicht vergessen läßt da oben, wo kein Laut von ihr zu uns dringt und der Nebel die einzelnen Gestalten in ihrer Mitte den Blicken entzieht, für mich wäre schon, seit mir die Minne das Herz erfüllt, das Besteigen der Höhe allein und ohne ihn unmöglich. »Höre mich nur, Muhme! »Was war es denn, was mich von Anfang an so gewaltig zu ihm hinzog? Zuerst –Du weißt es ja – die Hoffnung, ihn zum Streiter für die Güter zu machen, die ich durch Dich als die höchsten und heiligsten liebe. Als 110 dann die Minne dazu kam, als in mir eine neue, mir bis dahin fremde Gewalt erwacht war und mich – es muß alles gesagt sein – auch nach seinem Werben verlangte und seiner Umarmung, auch da fühlte ich, daß nur im vollen Einklang unserer gemeinsamen Liebe zu Gott und dem Heiland unser Bündnis Wurzel schlagen und Blüten treiben könne. – Und wenn mir auch seit der Seelenmesse für die Mutter – das that weh, und der Trotz und das Verlangen ihn zu strafen, trieben mich schon an, die Klostermauer zwischen uns beide zu legen – kein weiteres Zeichen seiner Minne zukam, wenn es mir auch so wenig verborgen blieb wie Dir, daß es ihn drängt, die Welt zu verlassen, so stört das mit nichten die Sicherheit hier drinnen, nein, es bestärkt sie nur, daß unsere Seelen so untrennbar zu einander gehören, als habe das Sakrament unser Bündnis geheiligt. »Darum würde es mir nie und nimmer glücken, dem Himmel so nahe zu kommen, wie er Dir einsamen, frommen Pilgerin auf dem Gipfel Deines Berges gelang, wenn er mich nicht im Geiste begleitete, wenn seine Seele sich nicht mit der meinen zum Aufstiege oder zum Fluge in die Höhe vereinte. Sie ruht eben in der meinen wie die meine in der seinen, und wollte man sie von einander trennen, sie würden beide wie mit zerschnittenen Adern verbluten. Und darum, Muhme, kann er für mich nie und nimmer mit der übrigen Welt unter mir zu einer einzigen Masse verschmelzen; denn er selbst würde ja, hätte ich den lichten Gipfel erreicht, bei mir weilen auf der Höhe und mit mir auf die von Nebeln verhüllte Welt niederschauen. Aus den Augen der Seele schwinden kann er mir nirgends und niemals, und darum, 111 Muhme, und weil ich ihm schulde, auch den Schein zu vermeiden . . .« Hier stockte sie; denn aus dem Nebenzimmer ließ sich eine tiefe Männerstimme vernehmen, die Els laut und erregt eine Mitteilung machte. Der Aebtissin war diese Unterbrechung willkommen; denn sie hatte noch keine Entgegnung auf den überraschenden Einwand der Nichte gefunden. Mit dem Rufe: »Der Ohm Schultheiß« beantwortete Eva den fragenden Blick der Muhme. »Er,« bemerkte diese niedergeschlagen. »Seine Meinung gilt Dir ja etwas, und heute während der Beisetzung versicherte er noch, wie lieb es ihm sei, Dich bei den Klarissinnen den häßlichen Verleumdungen, die Deine Unvorsichtigkeit hervorrief, entrückt zu sehen!« »Doch gerade er – gleich wirst Du es sehen,« – versicherte das Mädchen, »versteht mich gewiß, wenn ich erkläre, daß ich lieber das Schlimmste erleiden, als mir das Ansehen geben mag, die Furcht vor den bösen Zungen jage mich in die Flucht. Wer von Eva Ortlieb erwartet, sie würde hinter sicheren Mauern Schutz suchen vor ihrer Bosheit, der soll sich getäuscht sehen. Ihm, Muhme, Heinz ist ja bewußt, mit wie schmählichem Unrecht man uns verfolgt, und wenn er zurückkommt, soll er mich da wieder finden, wo er mich verließ. Was jetzt über mich kommt, das ist, was die sterbende Mutter das Schmiedefeuer des Lebens nannte, und ich will mich ihm nicht feige entziehen. Er aber, Heinz, zu Boden treten wird er diejenigen, die dies Otterngezücht gegen uns entfesselten, ich weiß es; kehrt er aber nicht wieder oder bringt es dennoch über sich, die Minne, die uns verbindet, mit samt 112 der Welt, von der er sich abwenden möchte, hinter sich zu werfen – dann Muhme« – und die Augen Evas flammten in leidenschaftlichem Feuer hell auf und aus ihrer hellen Stimme klang die sichere Entschlossenheit eines kräftigen Willens – »dann gebe ich unsere Sache demjenigen anheim, der es nicht dulden kann, daß die Lüge obsiegt über die Wahrheit, das Unrecht über das Recht. Dann mag – und gilt es auch, die Sohlen auf glühende Pflugscharen setzen – ein Gottesgericht für uns zeugen.« Da trat die Aebtissin erschreckt und doch erfreut von der Fülle des Glaubens, die ihr aus der leidenschaftlichen Rede des Lieblings entgegenflammte, Eva näher, um ihr beruhigend zuzusprechen. Kaum aber hatte sie damit begonnen, als die Thür sich öffnete, und der kaiserliche Schultheiß Berthold Pfinzing mit der älteren Nichte eintrat. Er hielt Els an der Hand, und beiden sah man deutlich an, daß sie etwas Betrübendes, ja Schmerzliches beschäftigte. »Etwas neues Schreckliches?« klang es Eva, bevor sie noch den liebsten ihrer Anverwandten begrüßte, in bangem Frageton von den Lippen. »Denke Dir nur etwas recht Schlimmes,« lautete die Antwort der Schwester. und sie klang so kleinlaut und bekümmert, daß Eva sich mit dem leisen Aufschrei: »Der Vater!« ans Herz griff. »Nicht tot, Herzlein,« versicherte der Schultheiß und strich ihr beruhigend mit der kurzen, breiten Hand über den Scheitel. »Bei allen Heiligen, nicht einmal wund oder unpaß. Aber recht hat die arme Tochterseele dennoch geraten. Den Vater geht es an, und schlimm ist es gleichfalls. Hört mich denn schnell! Um es euch 113 selbst zu künden, ließ ich die ›Ehrbaren‹ warten; denn was wird unterwegs, wenn sie von Mund zu Mund geht, aus solcher Kunde! Eine Kröte, eine recht garstige ist es, und es widerstrebt mir, euch armen Dingern statt ihrer einen Lindwurm ins Haus tragen zu lassen.« Das alles sprudelte er schnell hervor; denn er hatte trotz der großen Hitze und der Last der Geschäfte das Rathaus – allerdings nur seinen lieben E's zu Gefallen – verlassen. Er und Frau Christine, seine wackere Hausfrau, die Schwester Ernst Ortliebs und der Aebtissin, waren längst mit allem vertraut, was die Verleumdung ins Leben gerufen, und sie hatten sich fleißig genug bemüht, ihr entgegenzutreten. Was es jetzt zu berichten gab, erfüllte ihn mit ehrlicher Entrüstung gegen die bösen Zungen, und er wußte, wie tief es Eva, sein Patenkind, das seinem Herzen besonders nahe stand, erregen und bekümmern würde. Gern hätte er ihr vor dem Berichte gute Worte geschenkt, doch er mußte bald wieder auf dem Rathause sein, um die wichtige Verhandlung wegen des Schicksals der Eysvogelschen Handlung zu eröffnen. Man sah ihm auch an, in welcher Hast er sich durch den Sonnenbrand hieher begeben; denn heller Schweiß perlte ihm auf der hochgewölbten, niedrigen Stirn, auf den runden, glattrasirten Wangen und auf dem starken roten Hals, in dem das kleine Kinn wie in einem Polster verschwand. Dabei führte er fortwährend ein großes Linnentuch an das Antlitz, und der gewaltige Leib rang nach Atem, während er Eva und der Aebtissin schnell wiederholte, was er Els vorhin in wenigen, flüchtigen Worten gemeldet. Herr Ernst Ortlieb war auf das Rathaus gekommen, 114 hatte als Schöffe einem Verhöre beigewohnt und war dann auf den Hof getreten, um sich in dem schattigen Gange beim Hauptthor mit einigen anderen »Ehrbaren« ein wenig zu erfrischen. Da war der Schneidermeister Seubolt, der Vormund des jungen Knechtes und der Küchenmagd, die im Ortliebhofe dienten, auf das Rathaus zugeschritten. Niemand hätte dem langen Graukopfe mit dem gekrümmten Rücken, der den Sechszig nahe sein mußte, angesehen, daß er ernstlich im Sinne trug, ein junges Ding wie Metz Vorklerin zu seiner Hausfrau zu machen. Er gab sich dazu auch ein gar demütiges und bescheidenes Ansehen, als er durch das Eingangsgewölbe des Rathauses, das jedem Bürger offen stand, auf Herrn Ernst zutrat, um ihm mit vielen Bücklingen und gehorsamen Bitten um Verlaub mitzuteilen, daß man sich im Ortliebhofe weigerte, seine Mündel aus einem Dienste zu entlassen, von dem ihre Mutter wie er selbst überzeugt wären, er würde ihnen – vorausgesetzt, daß der wohledle »Ehrbare« nichts dagegen habe – an Leib und Seele zum Schaden gedeihen. Ueberrascht und ungehalten, aber noch völlig gelassen, hatte Herr Ernst ihn ersucht, was er ihm zu sagen habe, zu gelegenerer Zeit vor ihn zu bringen. Da der Schneider aber versicherte, diese Angelegenheit dulde keinen Aufschub, hatte jener ihn aufgefordert, mit ihm zur Seite zu treten, um die Ratsherren, die ihn umstanden, nicht zu Zeugen dieses widrigen Handels zu machen. Doch Meister Seubolt schien nichts sehnlicher zu wünschen, als von möglichst vielen gehört zu werden. Mit 115 laut erhobener Stimme begann er darum, immer noch im Tone tiefer Ergebenheit, die Gründe darzulegen, die ihn zwängen, seine Mündel, so bitteres Weh ihm dies auch bereite, aus dem Ortliebschen Hause zu entfernen. – Und nun wiederholte er, indem er sich mit manchem »wie man sich erzählt« und »Gott verhüte, daß ich dergleichen glaube« den Rücken deckte, was sich die giftigste Verleumdung den schönen E's anzuheften vermaß. Eine Weile hatte Herr Ernst bei dieser böswilligen Verunglimpfung seines Liebsten sich zum ruhigen Zuhören gezwungen; endlich aber wurde es dem jähzornigen Manne zu viel. – Der Schneider hatte sich vermessen, »der gewiß kaum mit vollem Recht so übel verunglimpften Jungfrau Els« mit Worten zu gedenken, die auch die umstehenden Ratsherren zu lautem Einspruch veranlaßten und den Schultheißen, der eben hinzugetreten war, bewogen, den Stadtknechten zu winken. Da war dem beleidigten Vater das Blut zu Kopfe gestiegen und das Unglück geschehen; denn als es dem Schneider unversehens begegnete, Herrn Ernst bei einer Geste mit dem beweglichen Arme die Mütze zu streifen, hatte dieser, außer sich vor Empörung, einem der Stadtknechte, die sich eben, dem Winke des Schultheißen gehorsam, dem Schneider näherten, die Pike entrissen, und mit einem wilden Aufschrei war der schnöde Afterredner zusammengesunken. Ungesäumt hatte der Schultheiß mit der ihm eigenen Gegenwart des Geistes den Bütteln befohlen, den Verwundeten in das Innere des Rathauses zu tragen, und damit verhindert, daß die unselige Gewaltthat Aufsehen erregte. Die wenigen auf dem Rathaushofe anwesenden Leute 116 waren zurückgehalten worden, und so ließ sich vielleicht noch alles zum Besten wenden. Herr Ernst hatte sich sogleich dem Gerichte gestellt und war nicht wie ein gemeiner Verbrecher in das Loch, sondern in einer verschlossenen Sänfte in den Luginslandturm geführt worden. Die Pike hatte dem Schneidermeister die Schulter durchbohrt. Die Wunde schien indes heilbar, und die rasche That des Herrn Ernst konnte durch ein Wehrgeld, das freilich bei der Meisterwürde und dem Wohlstande des Schneiders hoch auszufallen drohte, gesühnt werden. »Mein Gaul,« schloß der Schultheiß, »wartete meiner und brachte mich so schnell hieher, wie er mich gleich wieder aufs Rathaus zurückführen soll. Ihr armen Dinger aber . . . Was Dich, mein Elsle, angeht – Du stehst auf festen Füßen, und bleibst Du dabei, die Ladung in unser Haus auszuschlagen, so warte meinetwegen hier ab, ob der Vater nicht Deiner bedarf. Für Dich, mein Evapatchen, ist ja gesorgt. Dies Elend wirft Dir, wie von selbst, den Schleier über den Blondkopf.« Dabei schaute sie der wackere Mann, während er ihr die Hand auf die Schulter legte, mit einem Blicke an, der ihre volle Zustimmung vorauszusetzen schien; sie aber unterbrach ihn mit dem Rufe: »Nein, Herr Ohm! Erst wenn Ihr Euch überzeugtet, daß es niemand mehr wagt, Eva Ortliebin an die Ehre zu tasten, fragt wieder bei ihr an, ob sie nach dem Schutze des Klosters verlangt.« Da nahm der Schultheiß, nachdem er das große Tuch schnell über das ganze Antlitz geführt, Evas Haupt 117 in beide Hände, küßte ihr die Stirne und frug, indem er die blitzenden, klugen Augen, die so rund waren, wie alles an ihm, den anderen zuwandte: »Hat einer ihr das gesteckt, oder ist die ›kleine Heilige‹ selbst auf diesen verständigen Gedanken gekommen?« Und als Eva lächelnd auf die eigene Stirn wies, rief er: »Meinen Respekt, Kind! Sie sagen, was da oben sich regt, das vererbe sich von dem Paten auf das Patenkind, und ich will keinen Becher mehr zu Munde führen, wenn ich . . .« Hier hielt er inne und rief Els nach, daß es so nicht gemeint sei; denn sie entfernte sich schnell, um dem Oheim einen Trunk zu holen. Bevor sich aber noch die Thür hinter ihr geschlossen, fuhr er eifrig fort: »Das ist nun die Els; – Dir aber, mein Heiligenkind, sag' ich: Deine Frömmigkeit fliegt zwar viel zu hoch, als daß ich ihr mit meiner Leibeslast nachkommen könnte; eben indes, auf dem Ritte hieher, lüftete es mich alten Sünder selbst, Dich – nichts für ungut, Schwägerin Aebtissin! – Dich einstweilen noch vor dem Kloster zu warnen, und dazu bewog mich dasselbe Bedenken, das Dich selbst noch von Deiner Heiligen fernhält. Wir finden schon den Knebel, der den verfluchten Lästermäulern den Rachen schließt auf immer, und willst Du dann noch ins Kloster, dann sollen sie bei der Einkleidung nicht sagen: ›Da versteckt sich nun die Eva Ortliebin vor der eigenen Schande und den Schelmenkünsten, womit wir sie aus der Welt heraus ängstigten, hinter den Schleier!‹ Nein! Mit einstimmen soll ganz Nürnberg in das Hosianna.« Dabei griff er nach dem Pokal, den Els eben gefüllt, 118 leerte ihn mit großem Behagen und rief dann, während er sich eilig entfernte, den Schwestern zu: »Auf baldiges Wiedersehen, ihr braven Elein! Meine Hausfrau kommt beizeiten, um das weitere mit euch zu bereden. Die Kinder der nichtswürdigen Kerzenkrämerin laßt ihr mir nicht aus dem Hause, bevor ihre Zeit um ist! Wollt ihr den Vater auf dem Luginsland besuchen, so steht dem – ich unterrichte den Wärter – nichts im Wege. Nur nach Sonnenuntergang wird die Zugbrücke erhoben. Auch für sein leibliches Wohl, Els, dürft ihr sorgen. Freilassen können wir ihn noch nicht; das Recht muß halt seinen Gang gehen.« An der Thüre blieb er noch einmal stehen und rief in das Zimmer zurück: »Man kann nicht wissen. Wenn die Vorklerin und der Anhang des Schneiders Lärm machen, und ihr werdet, wie auch immer, behelligt, so schicket gleich aufs Rathaus. Ich halte die Augen auf und gebe dort die nötigen Befehle.« Um weniges später trabte er auf dem schweren Hengste dem Frauenthor entgegen.     Achtes Kapitel. Der Luginslandturm lag im Norden der Stadt beim Kornhaus an der Veste, und man mußte ganz Nürnberg durchschreiten, um zu ihm zu gelangen. Bevor noch der Schultheiß das Haus verlassen, beschlossen die Schwestern, den Vater aufzusuchen, und die Aebtissin billigte dies Vorhaben. Sie lud die Mädchen ein, wenn es ihnen in dem verödeten Hause zu einsam werden sollte, im Kloster zu nächtigen, doch sie behielten sich die Entscheidung darüber noch vor. Gräfin Cordula, die jetzt auch mit Eva freundlich verkehrte, ergoß mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres Wesens die Schale ihres Zornes über den Ritter Siebenburg und die Leichtgläubigkeit und Bosheit der Leute. Es hatte von Anfang an bei ihr festgestanden, daß der »Schnurrbart«, wie sie den Ritter nur noch im Tone des tiefsten Abscheues nannte, diese schmähliche »Verschwörung« angezettelt habe, und durch Biberli war ihre Meinung bestätigt worden. Jetzt hätte sie sich gern in Stücke gerissen, um den Schwestern ihr schweres Los zu erleichtern. Sie wollte sie auf den Luginsland begleiten, sie in ihrer von Pferden 120 zu tragenden Sänfte, die für mehrere Raum bot, dorthin führen lassen, und bat sie endlich um die Gunst, die Nacht in der Kammer neben ihrem Schlafgemache verbringen zu dürfen. Sollte es den Mädchen unter all diesen schnöden Verdächtigungen in Nürnberg unaushaltbar erscheinen, wollte sie den Schauplatz des Reichstages, mußte es sein, schon morgen, mit ihnen verlassen und sie mit auf ihr Schloß in Vorarlberg führen. Sie trug auch noch anderes für sie im Sinne, doch fehlte es ihr jetzt an Zeit, es den Schwestern zu eröffnen; denn sie fanden nur bis zum Untergang der Sonne Einlaß in das Gefängnis des Vaters, und in wenigen Stunden ging der lange Sommertag zu Ende. Ihrer mit dem Ortliebschen Wappen geschmückten Sänften sich zu bedienen, die jedermann kannte, war nicht ratsam. Zu Fuß, mit der Riese vor dem Antlitz, die ohnehin zu ihrer Trauerkleidung gehörte, machten sie sich auf den Weg und ließen sich, um nicht gegen den Gebrauch zu verstoßen, von zwei Dienstboten, der alten Martsche und Kätterle, begleiten. Von der Fleischbrücke aus hätten sie den Markt vermeiden können; Els aber wollte dort anfragen, ob die Eysvogelsche Angelegenheit schon verhandelt würde. Einer oder der andere von den »Ehrbaren«, die sie sämtlich kannte, war in der Nähe des Rathauses oder auf dem Hofe immer zu finden, und Eva verstand die Unruhe der Schwester und folgte ihr gern. Als sie indes an dem Gefängnis vorbeikamen, ward ihr bang. Durch die Quadrate, die das eiserne Gitter vor dem breiten Fenster des größten bildete, streckte sich Haupt an 121 Haupt und Hand an Hand der Straße entgegen. Die kurz geschorenen Köpfe der Gefangenen, unter denen manche kaum vernarbte Verstümmelungen von der Hand des Henkers zeigten, bildeten, wie sie über, unter und neben einander, nur durch Eisenstäbe getrennt, sich in die Luft hinausdrängten, ein Mosaikbild von abschreckend widerwärtigem Ansehen; denn wilde Gier funkelte aus den Augen der meisten und machte sich auch durch die Bewegungen der lang vorgestreckten, Gaben heischenden beweglichen Hände bemerkbar. Bittere Not und leidenschaftliches Verlangen schauten fordernd, flehend und drohend den Leuten entgegen, die das Fenster umdrängten. Dabei stand nur wenigen der Mund still. Sie baten die neugierigen und mitleidigen Männer, Weiber und Kinder, die angesichts ihres Elends das eigene, günstige Los wohlig empfanden, um Beistand in ihrem Elend, und selten völlig vergebens; denn manche Mutter gab den Kindern ein Brot, um es diesen Unglücklichen zu reichen und ihnen dabei einzuprägen, daß es ihnen ergehen würde wie den Abschreckendsten unter den Verstümmelten dort, wenn sie nicht brav wären und den Eltern und Lehrern fein gehorsam. Gassenbuben hielten ihnen einen Apfel oder ein Stück Brot hin, um es ihnen zu entziehen, wenn sie es schon mit den Fingerspitzen berührt, und so, zwar zur eigenen Lust, doch am letzten, um diesen Aermsten wehe zu thun, ihr Spiel mit ihnen zu treiben. Dann lief wohl einem Manne, der früher bessere Tage gesehen, oder einem Verbrecher, den der Jähzorn zum Totschläger gemacht, die Galle über, und während sie in die Eisenstäbe griffen und mit wilder Gewalt an ihnen rüttelten, zogen die 122 anderen, laut aufkreischend, die Köpfe ein. Dabei schollen ihre wüsten Flüche, Drohungen und Schmähreden über den Markt hin, und laut aufkreischend wichen die Buben vor ihnen zurück; doch erneuerten sie bald wieder dies frevelhafte Spiel. Oft freilich kam auch eine Mutter, die dem Kinde dies Amt überließ, oder ein altes, bescheidenes Weiblein, ein Handwerker oder Kriegsknecht, um den Gefangenen einen Krug mit frischer Milch oder stärkendem Wein aus wahrer Barmherzigkeit zu reichen. An Priestern oder Mönchen fehlte es gleichfalls selten, die den Beklagenswerten hinter dem Gitter den Trost des Glaubens zu bringen wünschten; doch sie ernteten meist schlechten Dank; denn nur wenige lauschten ihrem Zuspruche offenen Herzens, und nur zu oft wurden sie durch Schmähreden und rohes Geschrei zum Schweigen gezwungen. Als die Schwestern mit den Mägden an diesen Beklagenswerten vorbeikamen, hatte eben Frau Tucherin, deren Töchterlein schwer erkrankt war, um sich einen Gotteslohn zu erwerben, den Gefangenen einen großen Korb voll frischen Backwerks gesandt. Ein Aufwärter ihres Hauses verteilte es, und gierig rissen sie ihm die willkommene Gabe aus der Hand. Ein Weib, das eines der Wecklein dem hohläugigen Kinde auf seinem Arme bestimmt und dem es ein roher Bursch, dem die Ohren fehlten, fortgehascht hatte, schlug ihm die scharfen Nägel in das mit Sommersprossen übersäte wüste Gesicht, und der Anblick des Blutes, das ihm von den wunden Lippen über das Kinn und auf das Brödlein troff, bot einen so abschreckenden Anblick, daß Eva sich fester an die Schwester klammerte, die eben in das Gürteltäschchen 123 gegriffen hatte, um diesen Unglücklichen einige Heller zuzuwerfen, und sie mit sich fortzog. So schnell es anging, brachen sich beide mit den Mägden, die ihnen folgten, Bahn durch die Leute, die hier in großer Zahl zusammengeströmt waren. Die Schwestern wußten nicht zu welchem Zwecke, doch sollten sie es nur zu bald erfahren. Seit längerer Zeit waren beide nicht hier gewesen, und erst vor wenigen Wochen hatten die »Ehrbaren« den Pranger von einer andern Seite des Rathauses hieher verlegt. Die Warnung Kätterles wurde von dem Lärm übertönt, der ihnen entgegenbrauste. Die Menge um sie her drängte sich von Augenblick zu Augenblick dichter zusammen, und schon hatte Eva die Schwester zur Umkehr aufgefordert, als Els den Stadtknecht gewahrte, der dem Vater die Ladungen in den Rat überbrachte, und ihn ersuchte, sie durch den Auflauf in den Rathaushof zu begleiten; doch der Beamte hatte in dem wüsten Geschrei ringsum ihr Gesuch mißverstanden, und in der Meinung, sie wünschten dem Schauspiele beizuwohnen, das so viele hieherzog, brach er ihnen Bahn bis in die vorderste Zuschauerreihe. – Diejenige aber, die man eben an diese Stätte der Schmach gefesselt, war die Baderwitwe aus der Kotgasse, die schon einmal hier gestanden, weil sie Liebenden Gelegenheit zu heimlichen Zusammenkünften geboten, und zu der Kätterle sich geflüchtet, um Schutz bei ihr zu suchen. Gebeugt von der Last des Steines, den man ihr umgehängt hatte, schaute das Weib mit weit vorgestrecktem Kopfe wie ein zum Sprunge bereites Raubtier sich ingrimmig im Kreise ihrer Peiniger um, und kaum hatte der Stadtknecht die 124 Schwestern und die sie begleitenden Mägde in ihre Nähe geführt, als sie Kätterle erkannte und mit kreischender Stimme in die Menge hineinschrie, da kämen die Rechten, die Feinen, die man nur, weil sie zu den Großen gehörten, nicht dahin stellte, wohin sie, trotz der Riese vor dem Antlitz, mit der sie den verlorenen guten Leumund betrauerten, mit besserem Rechte gehörten als sie, die eben nur eines Baders geringe Wittib. Von Entsetzen ergriffen, drängten die Mädchen sich weiter vorwärts, und auf Evas angstvollen Aufschrei: »Fort, nur fort!« that der Ratsdiener, was er vermochte. Dennoch kamen sie nur langsam durch das Gedränge, und das Johlen, Pfeifen und Zischen der Menge scholl ihnen nach, bis sie das nahe Eingangsthor des Rathauses erreichten. Hier hielt die Wache mit gekreuzten Hellebarten die Leute zurück, die den Geschmähten nachdrängten, und es war gut so; denn die Füße versagten Eva den Dienst, und der älteren Schwester erlahmte die Kraft, die jüngere weiter zu stützen. Tief aufseufzend führte Els jene auf die Bank, die hier zwischen zwei Pfeilern stand und befahl dann der alten Martsche und der Gürtelmagd, die an allen Gliedern zitterte, Eva bis zu ihrer Rückkehr zu behüten. Bevor sie den Weg fortsetzten, mußte sie der Schwester einige Ruhe verschaffen, und der alte Ratsschreiber Martin Schedel war der Mann, bei dem sie sie finden konnte. So rasch die Füße sie trugen, begab sie sich zu ihm, und ein freundliches Ungefähr führte ihr den wohlgesinnten Greis, der sie von Kind an kannte, schon auf der Treppe, die in den Sitzungssaal des Rates und in seine höher gelegenen Schreibstuben führte, entgegen. 125 Die unselige That Ernst Ortliebs und was er vorhin durch den Schultheißen über die schnöden Verleumdungen gehört, die sich an die Töchter des unglücklichen Mannes hefteten, hatte den würdigen Greis mit Bedauern und Entrüstung erfüllt. Eifrig ergriff er darum die Gelegenheit, was an ihm war, zu thun, um an den beklagenswerten Jungfrauen gut zu machen, was die Mitbürger an ihnen verschuldet. Den Mägden gebot er, sich in dem Warteraum des Vormundschaftsamtes zu gedulden. Die Schwestern führte er in die eigene Schreibstube, und half Eva mit dem alten, immer noch rüstigen Arme die lange Stufenreihe hinauf, die zu ihr führte. Nachdem er sie genötigt, in dem Lehnstuhle vor seinem großen Pulte Platz zu nehmen, und ihr Wein und Wasser vorgesetzt hatte, ersuchte er sie, es sich bei ihm bis zu seiner Wiederkehr gefallen zu lassen. In der Sitzung, die wohl schon begonnen habe, sei seine Gegenwart nötig. Es handle sich um die Eysvogelsche Sache, und wenn Els sich gedulden wolle, könne er ihr berichten, zu welchem Ergebnis sie führe. Damit verließ er die Schwestern. Leichenblaß und mit geschlossenen Augen ruhte Eva in dem hochlehnigen Armstuhle des Ratsschreibers. Els kühlte ihr die Stirn mit dem angefeuchteten Tuche und sprach ihr zu, indem sie ihr vorstellte, wie thöricht es sei, sich von der Bosheit der Allerschlechtesten das Leben verderben zu lassen. Da nickte die Schwester ihr beipflichtend zu und sagte: »Hast Du auch bemerkt, wie sie aussahen, – die hinter dem Gitter. – Viel dümmer, mein' ich, als schlecht waren die Gesichter der meisten.« Hier stockte sie und fügte nachdenklich hinzu: »Doch klug können sie ja auch nicht 126 sein. Etwas Großes ist es doch selten, was Diebstahl und Betrug diesen Aermsten einbringen, – und wie furchtbar sind die Strafen, denen sie sich dafür aussetzen im Diesseits und Jenseits. Und das Gewissen!« »Ja, das Gewissen!« sprach Els ihr eifrig nach. »So lange wir uns sagen dürfen, daß wir nichts Sträfliches begingen, können wir uns unbekümmert auch das Schlimmste nachsagen lassen.« »Aber es ist mir doch,« seufzte Eva, »als hätten die Schimpfreden des gräßlichen Weibes am Pranger mich mit etwas Ekelhaftem behaftet, das kein Wasser abzuwaschen vermag. Was doch alles, seit die Mutter starb, auf uns hereinbricht, Elsle!« Da nickte die Schwester ihr beipflichtend zu und sagte traurig: »Der Vater, mein Wolff, Dein armes, wundes Herz, – und da unten im Sitzungssaale, Ev, da wird vielleicht, während wir hier reden, der Stab über diejenigen gebrochen, die bald die Meinen sein sollen. Das trägt sich schwerer, Kind, als die Schmähungen, womit ein schlechtes Weib uns begeifert. Oft weiß ich selbst nicht, woher die Kraft mir kommt, den guten Mut zu bewahren.« Dabei wandte sie sich ab, um unbemerkt die feuchten Augen zu trocknen; Eva aber gewahrte es dennoch und erhob sich, um sie an sich zu ziehen und ihr etwas Tröstliches zu sagen. Doch bevor sie noch den ersten Schritt gethan, fuhr sie zusammen; denn beim Aufstehen hatte sie an den zinnernen Wasserkrug des Stadtschreibers gestoßen, und er fiel klirrend zu Boden. »Das Wasser!« rief Eva betrübt. »Und die Zunge ist mir wie verdorrt.« 127 »Ich hole anderes,« beruhigte Els die Schwester. »Von dorther brachte es Herr Martin.« Damit öffnete sie die Thür, auf die sie gewiesen, und trat in einen weiten, niedrigen Vorsaal, in dem eine Spritze von Messing stand, – und Leitern, Eimer, sowie mancherlei anderes Gerät für das Löschen eines Rathausbrandes an der schlicht getünchten Wand hingen, die diesen Raum von dem Gemache des Stadtschreibers trennte. Die Mitte der jener gegenüberliegenden Mauer bildeten zwei Fensterlein, die ein breiter Rundbogen überspannte und eine kurze romanische Säule trennte. An beiden standen die Flügel offen, in denen kleine runde Hornscheiben von bleiernen Rahmen festgehalten wurden. Dies doppelte Fenster gehörte zu dem oberen Teile des zwei Stockwerke hohen Sitzungssaales. Um an diesem heißen Tage einen leichten Zugwind zu erzeugen, hatte man es weit geöffnet, und von unten her drangen Els deutlich vernehmbare Worte entgegen. Das erste aber, was sie unterschied, war der Name »Wolff Eysvogel.« Da überlief es sie heiß. Wenn sie dem Fenster näher trat, konnte sie hören, was die Ehrbaren über das Eysvogelsche Hans beschlossen, und von dem brennenden Verlangen ergriffen, kein Wort zu verlieren, das bei der Verhandlung da unten über Wolffs Lebensglück und dadurch auch über ihr eigenes entscheiden sollte, brachte sie die Stimme im Nu zum Schweigen, die ihr vorhielt, daß das Lauschen nicht schön sei. Aber die Gewohnheit, für Eva zu sorgen, war ihr so lieb und beherrschte sie mit solcher Macht, daß sie, bevor sie in den Sitzungssaal hinunterhorchte, sich nach dem Wasser umsah, es, nachdem sie es schnell gefunden, der Dürstenden brachte 128 und ihr in fliegenden Worten bekannte, was sie in dem Nebenraume entdeckt und wie sie es zu benützen gedachte. Trotz Evas Mahnung, es zu unterlassen, eilte sie dann an das offene Fenster zurück. Kopfschüttelnd und doch verständnisvoll lächelnd schaute die jüngere Schwester der älteren nach. Es gab keinen Zufall für Eva. Vielleicht war es ihre Heilige selbst, die die Schwester, als sie gegangen war, um ihr eine Erfrischung zu bringen, an die Oeffnung des Saales geführt. Ihr, Eva, erschien es wie ein Geschenk, hier ganz allein dem sonst so gesunden, jetzt aber von Entsetzen erschütterten Leib Ruhe gönnen, sich sinnend zur Klarheit über das viele, das sie beunruhigte, durchringen und beten zu dürfen; denn das Gebet war für sie weit mehr als die Bitte um ein geistiges oder irdisches Gut; ja, sie betete weit seltener, um etwas zu erlangen, als infolge der Sehnsucht nach dem Höchsten, in dessen Nähe das Gebet sie hinaufschwang. So lange sie sich ihm hingab, fühlte sie sich der Welt entrückt und gleichsam in der Lebensluft Gottes. Auch diesmal brachte sie, während Els lauschte, kein Anliegen, das irdische Dinge betraf, an die das Dasein des Alls wie ihr kleines Sonderleben leitende Macht; aber sie betete, und im Verkehr mit dem Allmächtigen, der ihr ein trauter Freund war, vergaß sie, was sie schmerzte und ängstigte und womit man ihr weh that. Dabei aber geschah ihr, was sie der Aebtissin vorausgesagt hatte; denn es war ihr, als erhöbe sich die Seele des Geliebten mit ihr zu der reinen Höhe, in der sie verweilte, und als sei die irdische Minne, die ihr und ihm das Herz erfüllte, nichts wie ein Ausfluß der großen, 129 ewigen Liebe, als deren Verkörperung Gott ihr erschien und der Heiland. Wie zwei Bäche, die einem und demselben großen, unversieglichen, reinen und wohlthätigen Quell entfließen, sich wiederfinden, um, nachdem sie gesondert dahingeflossen, als ein einziger Strom blühendes Wiesenland zu durchfluten und es grün und frisch zu erhalten, erschien sie sich selbst im Bunde mit Heinz. Die Liebe Gottes, die ihre und die seine waren jede für sich etwas Besonderes und dennoch das Gleiche, dennoch Teile und Spenden des großen Borns, der sie wie ihn und das ganze, große All belebte, erhielt und beseligte. Ewig war der Quell, dem ihre und seine Minne entsprang, und darum konnten beide kein Ende haben, mochte geschehen, was da wollte. Aber noch standen sie beide in der Welt. Wie er sicherlich die ganze Kraft einsetzen würde, um sich des Vertrauens wert zu erweisen, das sein Kaiser und Herr in ihn setzte, so mußte auch sie in dem schweren Kampfe, den sie begonnen, die junge Kraft bewähren. Was sie eben erfahren, das waren Flammen des Schmiedefeuers gewesen, von dem die Mutter geredet, und wie elend war sie ihrer Glut entwichen. Das sollte anders werden! Oftmals hatte sie gewahrt, daß die Seele, wenn der Körper ermattet war, an Schwungkraft gewinne. Sollte es nicht angehen, diese zu benutzen, um den schwachen Leib ihrem Willen gehorsam zu machen? Indem sie die Lippen fest zusammenschloß und die eine Hand zur Faust ballte, nahm sie sich vor, es zu versuchen.     Neuntes Kapitel. Während Eva, allein mit sich selbst beschäftigt, diesen Entschluß faßte, stand Els tief atmend an dem offenen Fenster unter der Decke des Sitzungssaales und schaute und horchte zu ihm nieder. Ihr gerade gegenüber stand der Spruch: »Feldt Urtel auf erden, als ir dort woldt geurtheilt werden.«« in deutscher und lateinischer Sprache Judicium quale facis, taliter judicaberis. geschrieben; unter diesen die Schöffen zur Gerechtigkeit mahnenden Worten aber war ein großes Wandgemälde zu sehen, das den ungerechten Richter Sisamnes darstellte, dem Henkersknechte in der Tracht der Nürnberger » Leben« unter den Augen des Königs Kambyses die Haut abzogen, um damit den Richterstuhl zu überziehen. Diesen hohen Sitz, auf dem der Beherrscher Persiens Recht sprechend thronte, zeigte ein anderes Bild. Ein drittes stellte das römische Heer dar, wie es auf Befehl des Kaisers Trajan den Marsch unterbrach, damit der Kaiser Zeit gewinne, die Klage einer Witwe gegen den Mörder ihres Sohnes anzuhören und den Uebelthäter zu strafen. 131 Doch Els schenkte diesen ihr wohlbekannten Gemälden keinen Blick, sondern schaute zu den dreizehn älteren und ebenso vielen jüngeren Männern nieder, die zu ihrer Linken tief unter ihr auf hochlehnigen Stühlen Rat hielten. Es waren die Bürgermeister der Stadt, von denen je ein älterer und ein jüngerer gemeinsam während eines Monats als »Frager« die Regierung des städtischen Gemeinwesens und die Geschäfte des »ehrbaren Rathes« leiteten. Diesmal standen Albert Ebner und Jörg Stromer diesem Amte vor, während unter dem Geheimen Rat, den sieben der älteren Herren bildeten, als höchste, ausführende Behörde Hans Schürstab als zweiter und der alte Berthold Vorchtel als erster Losunger die höchsten Aemter innehatten. Der tief gekränkte Vater nahm also in diesem Jahre die oberste Stelle im Rate und im ganzen Nürnberger Gemeinwesen ein, und von ihm vor allem hing es ab, wie sich das Geschick der Eysvogels wenden würde. Els wußte es und sah ihn bangen Herzens ernst und bekümmert auf die Papiere schauen, die der Stadtschreiber Martin Schedel ihm eben von einem besonderen Pulte aus vorgelegt hatte. Neben ihm in der Mitte der mit grünem Tuche bezogenen Tafel saß der Oheim der Lauscherin, der kaiserliche Schultheiß Berthold Pfinzing, der im Namen des Herrschers dem Gerichtshofe vorstand. Auch in seiner Eigenschaft als Schutzherr der Juden war er erschienen, und eben hatte Samuel Pfefferkorn, ein israelitischer Wechsler, nachdem er verhört worden war, den Saal verlassen. Kaspar Eysvogel schaute ihm totenbleich nach. Das 132 schöne Haupt zitterte ihm, während der Schultheiß sich an Berthold Vorchtel, den obersten Losunger, wandte und laut genug, um von allen verstanden zu werden, anhob: »So wäre denn auch dies im reinen. Die große Schuld an den Juden ward von Herrn Kaspar mit Uebergehung seines Sohnes und Geschäftsteilhabers eingegangen, und daraus erklärt sich bis auf den Gulden die Verschiedenheit in den Aufstellungen des Vaters Eysvogel von denen seines Sohnes. – Der junge Mann ward geflissentlich über die schwerste Gefahr, die dem Geschäfte drohte, im Dunkeln erhalten. Für ihn mußte die Lage des Hauses mißlich, doch keineswegs verzweifelt erscheinen. Ohne die Siebenburgs und die anderen Placker, die das letzte bedeutende und aussichtsvolle Geschäft der Handlung in einen großen Verlust verwandelten, und nach Verkauf der liegenden Gründe hätte es sich vielmehr schnell wieder heben und bei vorsichtiger und geschickter Leitung die alte Blüte zurückerlangen können. Die ungeheure Summe, zu der die Schuld an Samuel Pfefferkorn heranwuchs, gibt der Lage der Dinge ein anderes Ansehen. Da ich aber als Schutzherr der Juden auch auf der Rückzahlung dieses Kapitals samt den üblichen Zinsen bestehen muß, wird das alte Eysvogelsche Haus außer stande sein, seinen Verpflichtungen nachzukommen; ja, die Gläubiger werden nur zum Teil befriedigt werden können. Es bleibt uns darum nichts übrig, als zu trachten, die gemeine Stadt und die beteiligten Bürger, so weit es angeht, vor Schaden zu wahren. Schuldig einer Strafe ist indes, meiner Meinung nach, nicht die gesamte Leitung des Hauses, sondern der Vater allein, der den wackeren Sohn, wie seine eigenen Angaben und die des Samuel Pfefferkorn 133 ergeben, im Dunkeln ließ und dem Geschäftsteilhaber – es fällt mir schwer, Herrn Kaspar dies ins Antlitz zu rufen – in verhängnisvoller Weise auch noch, als die Gefahr dringend wurde, widerrechtlich die Möglichkeit entzog, ein richtiges Bild von dem wahren Stande der Dinge zu gewinnen. So mag denn das Recht im Namen des Kaisers seinen Gang gehen.« Dem alten, großen und reichen Eysvogelschen Hause sprachen diese Worte das Urteil, und doch schlug Els das Herz hoch vor Freude, als nach einem kurzen Meinungsaustausche zwischen den versammelten Ratsherren der kaiserliche Schultheiß, indem er sich an den Herrn Vorchtel wandte, von neuem begann: »Euch, Herr Berthold, stünde es als oberstem Losunger zu, für den Angeklagten aus Eurer, des ehrbaren Rates, Mitte die Stimme zur Verteidigung zu erheben; da uns aber allen bewußt ist, wie schwere Kränkung Euch von seiten des Sohnes desselben Mannes widerfuhr, für den es Euch obliegen würde, zum Guten zu reden, so sollten wir Euch, meine ich, billig dieser Pflicht entheben und sie auf Herrn Hans Schürstab, den zweiten Losunger, oder auf Herrn Albert Ebner, den ältesten der regierenden Bürgermeister, übertragen, die, wenn auch nicht diesem betrübenden Falle, so doch den Eysvogels selbst ferner stehen im Guten wie im Bösen.« Erleichtert atmete Els auf; denn die beiden Genannten waren Wolff wohlgesinnte Männer; doch schon hatte sich Herr Vorchtel erhoben und begann zu reden, indem er das kluge, alte Haupt leise hin und her wiegte und sich den weichen grauen Bart durch die Hand gleiten ließ. Gelassen, als rede er zu Freunden an der eigenen Tafel, begann er, und der Klang seiner tiefen Stimme 134 sowie der Ausdruck seines wohlgebildeten, alten Gesichtes wirkte auf die Anwesenden mit beruhigender Kraft. Hochklopfenden Herzens fühlte Els, daß, was dieser Mann befürwortete, nichts Unrechtes sein könnte und daß es sicher sei, Annahme zu finden; denn wie ein unerschütterlich fester, in der Luft der Rechtschaffenheit und Ehre ergrauter Hüter der Pflicht und des Gesetzes stand er da unter den jungen und betagten Mitleitern des Nürnberger Freistaates. So hatte sie sich den Getreuen Eckart vorgestellt, so konnte ihr Wolff einmal aussehen, wenn das Alter ihm das Haar gebleicht und Arbeit und Sorgen die hochgewölbte Stirn mit Furchen durchzogen hatten. Berthold Vorchtel und andere »Ehrbare«, die ihm glichen: den greisen Konrad Groß, den großen, breitschulterigen Friedrich Holzschuher, dem das lange, schneeweiße Haar in vollen Wellen bis auf die Schulter niederfloß, den erst halb ergrauten Ulrich Haller, der an Wuchs und Haltung einem Fürsten glich, den stattlichen Hermann Waldstromer mit den hellen Weidmannsaugen, die edlen Brüder Ebner, die auch in einer Versammlung von Rittern und Grafen die Blicke auf sich gezogen hätten, ja die meisten von denen da unten hatte Kaiser Rudolf wohl im Auge gehabt, als er von dem Nürnberger Rate gesagt, er erinnere ihn an einen deutschen Eichenwald, in dem auf jeden der edlen Stämme guter Verlaß. Solch ein edler, verläßlicher, fester Baum war Herr Berthold Vorchtel in jedem Zolle. Els sagte es sich, und ob sie auch wußte, wie weh es ihm gethan, daß Wolff sie selbst seiner Tochter Ursula vorgezogen und wie tief er den Tod seines Ulrich beklagte, war sie dennoch überzeugt, daß dieser Mann den Eysvogels an dieser Stelle nicht 135 nachtragen werde, was ihm von ihnen angethan worden; denn über seine alten Lippen kam kein Wort, das nicht gerecht war und würdig. Und sie hatte sich nicht getäuscht; denn nachdem Herr Berthold auf seinem Rechte bestanden, nicht für Herrn Kaspar, wohl aber für sein Haus und seine Erhaltung die Stimme zu erheben, bemerkte er vorwegnehmend, er pflichte zwar dem Herrn Schultheißen in allen Stücken bei, dennoch aber gedenke er zu zeigen, daß es zu Gunsten der gemeinen Stadt sich empfehle, das Eysvogelsche Haus nicht ohne weiteres dem Ansturme preiszugeben, den die eigene Schuld seines Leiters gegen das alte, wohlgefestigte Bauwerk heraufbeschworen. Darauf wandte er sich zu den Papieren und Pergamenten, zu denen der Stadtschreiber eben einige Bücher und Rollen gefügt. Nüchtern und sachlich genug klang seine klare, oft von Einblicken in die vor ihm ruhenden Schriften unterbrochene Rede. Die in Zahlen ausgedrückte Höhe der Summen, die die Eysvogelsche Handlung schuldete, sowie die Namen seiner Gläubiger in Nürnberg, Augsburg, Ulm und Regensburg, in Venedig, Mailand, Brügge und anderen deutschen und ausländischen Städten bildete den wichtigsten Bestandteil seiner Rede. Dabei griff er oft nach Kreide und Rechenbrett und schrieb auf den grünen Tischüberzug mit rascher Hand ganze Reihen von Zahlen nieder, und besonders die jungen Bürgermeister lächelten einander voller Bewunderung zu, wenn der alte, geübte Kaufmannskopf im Nu zusammenzählte und abzog, wofür sie selbst doppelt langer Zeit bedurft hätten. Der Lauscherin am Fenster schwirrte die Menge der Zahlen und Namen wie das Gesumme eines 136 Mückenschwarmes vor den Ohren. Sie zu fassen und zu behalten war ihr unmöglich, und staunend folgte sie dem Greise, der dies wüste Gewirr so klar übersah und ihm so sicher entnahm, wessen er für seine Zwecke bedurfte. Als er schloß und mit einem lauten »Also« das Ergebnis mitzuteilen begann, nahm sie alles, was ihr an Geisteskraft innewohnte, zusammen, um es zu verstehen. Es gelang ihr auch; doch ihr wankten die Kniee, als sie die Höhe der Summen nennen hörte, die der Handlung anderen heimzuzahlen oblag. Als Herr Berthold aber endlich die Schätzung des Eysvogelschen Vermögens an Waren, Baulichkeiten und liegenden Gründen mitteilte, staunte sie von neuem. Für so reich hätte sie die stolze Sippe Wolffs doch nicht gehalten, aber der Schluß dieser Aufstellung brachte wieder eine große Enttäuschung; denn mit Einschluß des Kapitals, das Herr Kaspar dem Juden Pfefferkorn entliehen, übertrafen die Verpflichtungen des Geschäftes seinen Besitz viel weiter als Els es bei der Größe seines Vermögens erwartet. Ueber den Stand des Eigentums ihres Vaters war sie völlig im Dunkeln; daß es aber auch nicht von fern hinreichen würde, um hier zu helfen, das glaubte sie zu wissen. Und es schien sich in der That so zu verhalten; denn als Berthold Vorchtel von neuem das Wort ergriff, begann er Ernst Ortliebs zu gedenken. Teilnahmsvoll bedauerte er die unerhörte Beleidigung, die ihn zu der beklagenswerten Gewaltthat fortgerissen, die ihn verhinderte, an dieser Beratung teil zu nehmen. Vor seiner Abführung auf den Luginsland habe er ihm indes eine wichtige Vollmacht erteilt. Unter gewissen Bedingungen – doch freilich nur unter ihnen – stelle er ihm für 137 die Ordnung dieser Angelegenheit einen ansehnlichen Teil seines Vermögens zur Verfügung. So beträchtlich die verheißene Summe aber auch sei, genüge sie doch mit nichten, die Eysvogelsche Handlung vor dem Zusammenbruche zu retten. Trotzdem sei er, Berthold Vorchtel, der Meinung, daß ihr Sturz um jeden Preis verhindert werden müsse. Wie ernst es ihm mit dieser Ansicht sei, denke er mit dem besten Mittel zu beweisen, das dem Kaufmanne zu Gebote stehe: mit dem Einsatz eigenen, und zwar nicht eben unbedeutenden Kapitals. Bei diesen Worten bemächtigte sich eine starke Bewegung der versammelten Männer, und Els sah, wie der Ohm Schultheiß dem alten Herrn einen Blick zuwarf, der ihn der warmen Anerkennung eines Gleichgesinnten versicherte. Kaspar Eysvogel, der, in sich zusammengesunken, die Darlegungen des ersten Losungers, in die sich manches bittere Wort über sein Verhalten gemischt, widerspruchslos, ja, wie es schien, stumpf und nicht mehr fähig, ihnen im einzelnen zu folgen, hatte über sich ergehen lassen, richtete sich wieder auf und schaute Herrn Berthold, als wage er nicht, den eigenen Ohren zu trauen, fragend ins Antlitz; dieser aber blickte an ihm vorbei, indem er fortfahrend bemerkte, was er für die Eysvogelsche Handlung thue, geschehe keineswegs mit Rücksicht auf den Mann, der sie bisher geleitet, oder die Seinen, sondern ausschließlich zu Gunsten der guten Stadt, deren geschäftliche Angelegenheiten zu leiten das Vertrauen des Rates ihn berufen, und ihres Handels, dessen Gedeihen den meisten Ehrbaren, die hier um ihn versammelt, in gleicher Weise am Herzen liege. Zustimmende Rufe und Geberden begleiteten den letzten 138 Satz; Berthold Vorchtel aber knüpfte an diese Kundgebung an, indem er bemerkte, sie zeige ihm, daß, wo es noch fehlte, der Rat im Namen der gemeinen Stadt sich geneigt finden würde, das Seine zu thun. Diesem Ausspruche folgte auf mehreren Seiten leiser und von einem Sitze aus auch lauter Widerspruch, und Herr Berthold überhörte ihn nicht. Indem er sich an Peter Ammon, einen der Hauptgläubiger der Eysvogels, der am lebhaftesten Einspruch erhoben, wandte, bemerkte er, niemand könne es schärfer als ihm widerstreben, die Mittel des Gemeinwesens in Anspruch zu nehmen, um einem Bürger, der durch eigenes Verschulden in eine üble Lage geraten, vor den Folgen seiner Handlungsweise zu bewahren; dagegen werde man ihn stets – und in diesem Falle mit besonderem Eifer – bereit finden, einem solchen trotz der begangenen Fehler beizuspringen, wenn er glaube, die gemeine Sache dadurch vor schwerem Schaden zu bewahren. Dann bat er für eine Abschweifung um Gehör, und da ihm von allen Seiten zugerufen wurde, er möge reden, begann er. In kurzen, klaren Sätzen zeigte er, wie sich der Nürnberger Handel aus kleinen Anfängen zu seiner jetzigen Höhe erhoben. Statt des zaghaften und ungeordneten Austausches der Güter bis zum Main, dem Rhein und der Donau habe jetzt ein regelmäßiger Verkehr mit Venedig, Mailand und Genua, mit Böhmen und Ungarn, mit Flandern, Brabant und der Ostseeküste begonnen. Nachdem besonders der Handel mit den italienischen Städten, und durch sie auch mit der Levante, unter den Hohenstaufen den ersten glücklichen Aufschwung genommen, habe er während der verhängnisvollen Zeit, in der fremde 139 Namenskaiser Deutschland und sein Wohlergehen vernachlässigt hätten, die schwerste Einbuße erfahren. Durch die Wahl Rudolfs von Habsburg, der mit Kraft, Wohlwollen und Verständnis auch der Sicherheit des Warenaustausches in den Landen, über die er gebiete, seine Aufmerksamkeit zugewandt habe, wären wieder bessere Tage für den Kaufmann gekommen, und es liege auf der Hand, was seine Arbeit fördere, was sie schädige und der wohlverdienten Frucht beraube. Das Vertrauen im Inland und in der Fremde sei die Grundlage des Gedeihens nicht nur des Nürnberger, sondern eines jeden Handels im Großen. Unter den Staufen hätten ihre redlichen Väter dies Vertrauen so trefflich gefestigt, daß man überall, wo er Fuß gefaßt, dem Nürnberger Kaufmann vor vielen, ja vielleicht vor allen anderen Achtung und Zutrauen schenke. Die Unsicherheit der Straßen und des Rechtes in der Willkürzeit vor der Wahl des Habsburgers hätte dies hohe Gut erschüttert; seit Rudolf aber mit kraftvoller Mannheit das Scepter führe, den Verkehr sichere und das Recht handhabe, sei auch das Vertrauen wiedergekehrt, und um dies aufrecht zu erhalten, sei kein Opfer zu teuer. Was ihn, Berthold Vorchtel, angehe, werde er sich selbst nicht schonen, und wenn er der gemeinen Stadt zumute, es ihm nachzuthun, würde er es zu verantworten wissen. Hier wurde er von lauten Rufen des Beifalls unterbrochen; doch er achtete ihrer nicht, sondern fuhr gelassen fort: »Und es gilt nach zwei Richtungen hin das Vertrauen auf den Nürnberger Kaufmann, seine Redlichkeit und die ihm zu Gebote stehenden Mittel zu sichern. Die Geschäftsfreunde in der Nähe und Ferne müssen 140 fortfahren dürfen, fest wie auf Fels und Eisen auf unsere Zuverlässigkeit zu bauen. Brachten wir die hoffärtigen Welschen schon dahin, uns nachzusagen, unter den deutschen Städten, die Blinde wären, sei Nürnberg einäugig, so sollten wir sie jetzt auch zwingen, uns zu denen zu zählen, die mit beiden Augen sehen, und zwar mit den redlichen, Vertrauen weckenden blauen Augen des Deutschen. – Aber um dies Ziel zu erreichen, bedürfen wir des kaiserlichen Schutzes, der wachen Macht eines gerechten, uns wohlgesinnten Herrschers. Die Förderung, die unser Handel den Staufen dankte, beweist es; die kaiserlosen Jahre zeigten dagegen, was dem Handel und Verkehr droht, sobald dieser Beistand uns mangelt. Privilegien und Gerechtsame aus der Hand des Königs ebneten uns die Wege, auf denen wir es jetzt den anderen zuvorthun. Neue und immer wichtigere zu erwerben, muß unser Ziel sein. Seit dem ersten Reichstage, den Kaiser Rudolf hier abhielt, zeigte er uns, daß er uns hoch hält und wert seines Zutrauens. Durch mancherlei wichtige Privilegien gab er es uns zu erkennen. Dies Zutrauen, das der Urquell der wichtigsten Bevorzugungen Nürnbergs ist und bleiben wird, aufrecht zu erhalten, gebietet uns Kaufleuten die Klugheit, uns Leitern der gemeinen Stadt die Sorge für ihr Gedeihen. Aber, meine ehrbaren Freunde, so ungern ich es auch thue, muß ich euch dennoch erinnern, daß eben jenes Zutrauen schon hier und da durch die Schuld einzelner eine Erschütterung erfuhr. Wer hätte wohl die Geschichte von der schönen Mütze des unseligen Meisters Mertein vergessen, der uns ja schon in jene Welt voranschritt. Wohl ging sie nur von einem einzigen räudigen Schafe aus, sie gereichte aber dennoch der gesamten 141 Herde zur Unehr. Vielleicht weil sie sich so bald nach der Wahl Rudolfs zum Könige auf dem ersten Fürstentage in unserer guten Stadt zugetragen hatte, prägte sie sich unserem kaiserlichen Herrn so tief ins Gedächtnis. Noch vor wenigen Stunden begehrte er Auskunft von mir über den traurigen Handel, der uns hier beschäftigt, und da ich in Aussicht stellte, der Gemeinsinn und die Redlichkeit meiner Landsleute, Mitbürger und Ratsgenossen würde ihn unschädlich für die einheimischen und fremden Geschäfte machen, deutete er auf jene Geschichte, und zwar keineswegs in dem scherzhaften Sinne, mit dem er weiland des ärgerlichen Vorfalles gedachte, der niemand zur Ehre gereichte als seiner damals noch – sieben Jahre sind es her – so oft mit Heiterkeit vermischten Klugheit.« Als der Redner auf diesen viel besprochenen Handel hinzuweisen begonnen, war ein Lächeln über die Züge der Lauscherin geflogen; denn sie erinnerte sich seiner gar wohl, und die Geschichte von Kaiser Rudolf und der Mütze wurde immer noch zu Ehren der Geistesgegenwart des weisen Habsburger Richters erzählt. Während des Fürstentages hatte nämlich ein Nürnberger Bürger einen Sack mit zweihundert Guldein von einem fremden Kaufmanne, der Herberge bei ihm gefunden, zur Aufbewahrung erhalten; als aber das ihm anvertraute Gut zurückverlangt wurde, geleugnet, es überhaupt an sich genommen zu haben. Dieser schmähliche Vorfall war dem Kaiser hinterbracht worden; er aber hatte ihn scheinbar unbeachtet gelassen und Meister Mertein unter anderen Bürgern, die ihm vorgestellt zu werden begehrten, empfangen. Der unredliche Mann war in schmucker Festtracht erschienen, 142 und als er seine Mütze, ein prächtiges Stück, das mit kostbarem, nordischen Pelzwerk verbrämt war, verlegen drehte, während der durchdringende Blick des kaiserlichen Auges ihn traf, hatte der Herrscher sie ihm aus der Hand genommen, sie wohlgefällig betrachtet und sie sich mit der Versicherung, sie würde auch dem Könige stehen, auf das eigene, hohe Haupt gesetzt. Diesem und jenem war er noch näher getreten, um ihm ein Wort zu vergönnen, und hatte sich dann, als habe er vergessen, daß er die fremde Kopfbedeckung trage, entfernt, um einem Boten zu gebieten, die Mütze sogleich zu der Hausfrau ihres Eigentümers zu bringen, sie ihr als Beglaubigungszeichen zu weisen und ihr aufzutragen, den ihm von dem fremden Kaufmanne anvertrauten Sack auf die Burg zu bringen. Das Weib hatte gethan, wie ihm geheißen, und der Betrüger war entlarvt. Wie Els, so kannte jeder Anwesende diese Geschichte, die ein so grundfalsches übles Licht auf die Redlichkeit der Bürgerschaft warf. Wem wäre der Gedanke, daß Rudolf auch während seines jetzigen Aufenthaltes unter ihnen Zeuge der Benachteiligung anderer durch einen Nürnberger Kaufherrn werden sollte, nicht peinlich erschienen? Wer hätte Herrn Berthold jetzt entgegentreten mögen, da er entschiedener noch als vorher verlangte, das Gemeinwesen habe das Seine beizutragen, um den Glauben an die Zuverlässigkeit der Nürnberger Bürgerschaft und besonders des ehrbaren Rates und jedes seiner Glieder aufrecht zu erhalten? Als er aber die hohe Summe nannte, mit der er selbst, und die andere, mit der Ernst Ortlieb sich unter gewissen Voraussetzungen bei der Ordnung dieser Angelegenheit zu beteiligen gedachte, trat auch Peter Ammon 143 von seinem Widerspruche zurück. Der Antrag des ersten Losungers fand einstimmig Annahme und ebenso die Bedingung, die sein Amtsbruder Ortlieb stellte. Kaspar Eysvogel aber, dem dieser Beschluß das Schwerste auferlegte, ließ ihn mit stummem Achselzucken über sich ergehen. Wie schlug Els das Herz so hoch, wie gern wäre sie hinunter in den Sitzungssaal geeilt und hätte dem alten, wackeren Herrn dort am grünen Tische die Hände gedrückt, als er erklärte, die Leitung des neu gekräftigten Eysvogelschen Geschäftes müsse infolge der Bedingung Ernst Ortliebs, die er auch zur seinen mache, aus der Hand des Herrn Kaspar in die seines Sohnes Wolff übergehen, sobald die kaiserliche Gnade ihm aus dem Versteck hervorzutreten gestatte. Er, Berthold Vorchtel, werde keine Klage gegen ihn erheben; denn er wisse, daß Wolff gezwungen worden sei, das Schwert mit seinem Ulrich zu kreuzen. Nach schwerem Ringen mit sich selbst sei er zu diesem Entschlusse gelangt. Als Christ und billig denkender Mann habe er dem menschlichen Verlangen nach Rache entsagt, und als sei Gott der Herr bedacht gewesen, ihm ein Zeichen seiner Billigung zu erteilen, habe er ihm einen Ersatz für den Erschlagenen in das stille Haus geführt. Neue Rufe des Beifalles unterbrachen diese Mitteilung, deren Sinn indes auch Els verborgen blieb. Kein Wort des Widerspruches erhob sich, als der kaiserliche Schultheiß endlich vorschlug, Kaspar Eysvogel sollte samt den Frauen seines Hauses die Stadt verlassen und die schweren Vergehen, die ihm zur Last fielen, mit zehn Jahren Verbannung büßen. Eins seiner Güter, das er der Stadt zu erwerben rate, möge ihm zum 144 Aufenthalt angewiesen werden. Die Tochter des Herrn Kaspar, Isabella Siebenburg, hätte bereits mit ihrem Zwillingspaare bei dem Ritter Heideck Unterkunft gefunden. Ihr Gemahl, der sich mit seinen verbrecherischen Brüdern vereinte, werde bald genug der strafenden Gerechtigkeit anheimfallen und ernten, was er gesät. Für die endgültige Ordnung dieser Angelegenheit bitte er den ehrbaren Rat, etliche Bevollmächtigte zu ernennen, denen er sich gern anschließen werde. Dann erhob sich Herr Vorchtel noch einmal und bat die ehrbaren Freunde, dem neuen Leiter des Geschäftes mit allem Vertrauen entgegenzukommen; denn aus den Büchern des Hauses und den Aufstellungen. die er in seinem Verstecke gemacht und dem Rate zugesandt habe, hätte er und der Herr Stadtschreiber mit ihm die Ueberzeugung gewonnen, daß er zu den umsichtigsten und tüchtigsten jungen Kaufleuten Nürnbergs gehöre. Diese Ansicht würde auch von den hervorragendsten Geschäftsfreunden des Hauses geteilt. Das that der Lauscherin wohl. Während aber der Redner sich unter lebhafter Zustimmung der Amtsbrüder niederließ und Herr Kaspar Eysvogel am Arm seines Vetters Konrad Teufel schwankenden Schrittes und wie gebrochen den Saal verließ, nahm sie auch wahr, wie der Stadtschreiber Schedel nach einem flüchtigen Blick in die Höhe auf die Seitenthür zuschritt, durch die man auf die in seine Gemächer führende Treppe gelangte. Gewiß hatte er im Sinne, sie von dem Ausfalle der Verhandlung zu unterrichten. Aber der alte Herr würde immerhin einiger Zeit bedürfen, um zu ihr zu gelangen, und so lauschte sie noch einmal hinunter. 145 Da hörte sie noch den Ohm Schultheiß von der unseligen That ihres Vaters reden und ihn dem Rate darlegen, wie der Name der aller Ehren reichen Töchter des Herrn Ernst unschuldig und infolge schändlicher Afterrede in den Mund der Leute geraten. Dann ließ sich der schleppende Schritt des freundlichen Greises dicht an der Thüre vernehmen. Nun gab sie das Lauschen auf, um dem Glücksboten entgegenzueilen, und der alte Herr wollte den eigenen Augen nicht trauen, als ihm aus dem schönen, frischen Antlitz des Mädchens, das vorhin, in seiner Angst und Blässe, tiefes Mitleid in ihm erweckt hatte, helle Glückseligkeit entgegenstrahlte. Daß ihm ein anderer als Freudenbote vorausgeeilt sei, war kaum denkbar, und der Herr Stadtschreiber hatte trotz seiner zweiundsiebenzig Jahre den Scharfblick der Jugend bewahrt. Als er mit Els den Vorsaal betrat und dort das offene Fenster und neben ihm die weiße Riese gewahrte, die sie, um besser zu hören, abgelegt hatte, befreite er sich von dem Arme, mit dem sie ihm die Schulter umfangen, drohte ihr verschmitzt mit dem Finger und rief: »Gut, daß ich dort nur noch die Riese und nicht mehr die Lauscherin finde. Ich müßte sie sonst wegen unbefugten Eindringens in die Geheimnisse des ehrbaren Rates dem Büttel oder gar den Folterknechten überantworten. Dem linnenen Tuche den Prozeß zu machen, geht doch nicht wohl an.«     Zehntes Kapitel. Um weniges später verließen die Schwestern das Rathaus. Die Riese war so fest um ihr Antlitz geschlungen, daß sie ihre Züge völlig verbarg; der dünne Stoff gestattete ihnen aber doch zu erkennen, wie Berthold Vorchtel am Arme des jungen Bürgermeisters Hans Nützel den Saal verließ, wo die anderen Ehrbaren noch immer tagten. Indem er auf den alten Herrn wies, gab der Stadtschreiber Els mit einem vielsagenden Lächeln zu wissen, daß Ursula Vorchtelin sich mit dem tüchtigen und liebenswerten jungen Manne, auf den er sich stützte, versprochen, und der Bräutigam seiner Tochter zugleich eingewilligt habe, dem Schwiegervater neben dem jüngeren Bruder des gefallenen Ulrich bei der Leitung seines großen Geschäftes Beistand zu leisten. Dem wackeren, alten Herrn sei diese große Freude zu gönnen, und als er Ursula heute morgen begegnet, habe er sie zum erstenmal seit langer Zeit, trotz ihrer Trauerkleider, wie ein frohgemutes junges Geschöpf, das sie doch sei, wieder ins Leben schauen sehen. Das neue Glück habe sie wunderbar verschönert, und ihr Verlobter sei der Mann, es zu erhalten. Auch ihr, der Els, meine er, werde diese Nachricht genehm sein. 147 Da drückte das Mädchen ihm kräftig die Hand; denn dem Erfreulichen, das sie eben erfahren, setzte diese gute Kunde die Krone auf. Der Vorwurf war nun beseitigt, der, wie ungerecht er auch sein mochte, Wolff manche Stunde verdorben und so verhängnisvolle Folgen nach sich gezogen hatte. Auch ihr selbst war das veränderte Wesen der »Ursel« oft wie eine stumme Anklage erschienen. Als eigenes Glück empfand sie es dankbar, diejenige, die sich von ihrem Herzliebsten verlassen gewähnt, jetzt auch glücklich zu wissen. Eva nahm Ursulas Verlobung gleichfalls eine Last von der Seele, nur verstand sie nicht, wie eine Jungfrau, die das Herz einmal einer großen Minne geöffnet, sich entschließen konnte, einem andern anzugehören als dem Geliebten. Els begriff sie; ja sie hätte an ihrer Stelle ebenso gehandelt, und wäre es nur, um dem schwer heimgesuchten Vater eine frische Blume in den welkenden Freudenkranz zu flechten. Bis zum großen Eingangsthore des Rathauses gab ihnen der Stadtschreiber das Geleite. Dort standen mehrere Büttel und Stadtknechte beisammen, und während der alte Freund verhieß, das Seine für die Freisprechung Ernst Ortliebs zu thun und die Mädchen dem Schutze eines der Wächter empfahl, röteten sich die Wangen Evas; denn ein Ratsbote war eben zu den anderen getreten, und aus seinem Munde klang ihr der Name des Ritters Schorlin und seines Dieners Walther Biberli entgegen. Auch Els wurde aufmerksam; während aber die Schwester verwirrt die Hand auf das Herz drückte, frug sie den Stadtschreiber unbefangen, was es mit dem Ritter und seinem Diener, 148 der sich um ihre Gürtelmagd bewerbe, auf sich habe. Da erfuhr sie, daß aus der Sitzung des Rates soeben der Befehl ergangen sei, den Herrenknecht zu verhaften. Während der Verhandlungen über die Verleumdungen, die sich die Schwestern Ortlieb so ruchlos zum Ziele wählten, mußte sein Name genannt worden sein. Wie und in welcher Verbindung, war jetzt indes nicht zu erfragen; denn die Sonne neigte sich schon dem Untergang entgegen, und wenn die Mädchen den Vater noch sprechen wollten, war keine Zeit zu verlieren. Dennoch, und obgleich Kätterle eben meldete, die Gräfin Montfort warte draußen in ihrer großen Sänfte auf die Jungfrauen, wurden diese noch einmal aufgehalten, denn ohne dem Stadtschreiber zu danken und ihm Lebewohl zu sagen, wollten sie das Rathaus nicht verlassen. Er weilte immer noch in der Nähe, doch hatte ihn der Hauptmann der Stadtknechte beiseite genommen und teilte ihm etwas mit, das keinen Aufschub zu dulden schien und den alten Herrn veranlaßte, die Schwestern mehr als einmal ins Auge zu fassen. Eva bemerkte es nicht; denn die Verhaftung Biberlis, die doch wahrscheinlich mit Heinz und mit ihr selbst zusammenhing, hatte in ihr eine Reihe von beunruhigenden Gedanken erweckt, die sich auf den Geliebten und seinen treuen Diener bezogen; Els bekümmerte sich nur um die Vorgänge in ihrer Nähe und empfand mit voller Sicherheit, daß die Mitteilungen des Hauptmannes nicht nur die vier Handwerksburschen und drei Weiber angingen, die eben über den Hof in das »Loch« geführt wurden und auf die der Erzähler mehrmals hinwies, sondern besonders sie und die Schwester. 149 Als der Stadtschreiber sich ihnen endlich wieder zuwandte, warf er leicht hin, ein häßlicher Auflauf sei vor dem Ortliebhofe zerstreut worden. Dann lud er beide Mädchen mit dringender Herzlichkeit ein, die Nacht unter dem Schutze seiner alten Hausfrau zu verbringen. Als sie dies ablehnten, versicherte er in beruhigendem Tone, es werde Sorge getragen werden, sie vor jeder Unbill zu schützen. Er habe mit ihrem Oheim zu reden. Und was er dem Schultheiß zu sagen hatte, schien keinen Aufschub zu dulden; denn mit einer dem bedächtigen Greise sonst fremden Hast rief er den Schwestern einen kurzen Abschiedsgruß zu und verließ sie. Gräfin Cordula hatte indes das Warten in der Sänfte zu lange gedauert. Mit großen Schritten rauschte sie in dem zeisiggrünen Seidengewande den neuen Freundinnen entgegen. Die Schleppe fegte den Boden; vorn aber war das Kleid so hoch aufgenommen, daß man die braunen Weidmannsstiefel sah, die ihr den wohlgebauten Fuß umschlossen. In der Hand schwenkte sie die schwere Reitpeitsche, und ihre Lieblinge, zwei schwarze Dackel mit gelben Flecken über den Augen, folgten ihr nach. Da es verboten war, Hunde mit in das Rathaus zu bringen, versuchte der Thorhüter sie aufzuhalten; sie aber faßte, ohne sich um seinen Einspruch zu kümmern, Els bei der Hand, winkte Eva und schickte sich an, den auf den Markt führenden Gang zu verlassen. Dabei fiel ihr Blick auf den Hof, wo jetzt, kurz nach dem Ave Maria, allerlei Leute zusammengekommen waren. Hier standen, von Bütteln bewacht, Landstreicher und unehrliche Männer und Weiber, falsche Blinde und Lahme, Gauner und anderes zerlumptes Volk, das man bei 150 ungesetzlichen Handlungen oder ohne das Bettlerzeichen ertappt. Dort unterredeten sich dunkel gekleidete Bedienstete des Rates über amtliche und andere Dinge. In der Nähe des »Loches« rastete eine kleine Schar von Kriegsknechten und ließ den Weinkrug, den der ehrbare Rat ihr spendete, von einem zum andern wandern. Der Rotrock erteilte seinen » Leben « Befehle, während sie ein neues Folterinstrument, das für die Kammer neben dem Sitzungssaale bestimmt war, in der man die Leugnenden zu besseren Aussagen zwang, über den Hof trugen. In einer schattigen Ecke hockten alte Leute, der Not verfallene, dürftig gekleidete Weiber und blasse Kinder, Stadtarme, die aus der Rathausküche zu dieser Zeit Speise empfingen. Etliche Geistliche und Mönche traten in den Flügel des Hauses, der das »Loch« mit seinen verschiedenen Kerkerkammern und den größten Folterraum enthielt, um den Gefangenen und den Wundgemarterten, die man noch nicht auf die Schweinau abgeführt hatte, die Tröstungen des Glaubens zu spenden. Die scharfen Augen der Gräfin schweiften von einem zum andern. Als sie den Armen begegneten, hefteten sie sich an eine Frau mit hohlen, totenbleichen Wangen, der ein kläglich abgefallener Säugling an der leeren Brust lag, und schnell füllten sie sich mit Thränen. »Du,« raunte sie der alten Martsche zu und nahm einige Goldstücke aus der Gürteltasche. »Bring das den Aermsten. Du bist ja verständig. Verteile es so, daß mehrere etwas davon haben und es an die Rechten kommt. 151 Zeit kannst Du Dir nehmen. Weder Dich noch Kätterle haben wir nötig. Geht nur beide nach Hause! Ich führe die Jungfrauen zu dem Herrn Vater und auch wieder heim. Wo ich dabei bin, gibt es nichts Uebles zu besorgen.« Dann wandte sie sich nochmals dem »Loch« zu, und als sie dabei die Leute gewahrte, die dort lärmend auf ihre Unterbringung warteten, wies sie mit der Peitsche auf sie hin und rief: »Das ist ein Teil des Gesindels, das euch auf den Hals gehetzt wurde. Gleich werdet ihr's hören. Jetzt aber kommt!« Damit ging sie den Mädchen voran und drängte sie, da sich allerlei Leute um die ungewöhnlich große und stattliche Sänfte versammelt hatten, schnell einzusteigen; denn sie wünschte zu vermeiden, daß die Neugierigen die Schwestern erkannten. Der vergoldete Kasten, den zwei gewaltige Brabanter Rosse derartig trugen, daß er zwischen dem Schweife des vorderen und dem Haupte des hinteren schwebte, hätte auch noch einen vierten Insassen aufnehmen können. Als er sich schwankend fortbewegte, wies Cordula auf die verhangenen Fenster und sagte: »Schmählich, nicht wahr? Aber es ist besser so, Kinder. Der Erzschelm Siebenburg brachte die Leute um das bißchen Verstand, und die Katze von einer Kerzenhändlerin, sowie ihr Kumpan, der Schneider, oder besser sein Anhang, haben, was davon noch übrig blieb, vollends vergiftet. Wie schnell das doch wirkte! Das Gute, dünkt mich, kommt langsamer vorwärts. Euer heißblütiger Herr Vater verdarb zwar dem alten Geißbock auf einige Zeit die Lust, um das hübsche Metzlein zu freien, doch seine 152 Gevattern und Gevatterinnen, Vettern und Basen, und was in seiner Werkstätte schafft, ließen sich, scheint's, von seiner künftigen Frau Schwiegermutter zu der ruchlosen Thorheit verleiten, die das krakehlende Häuflein, das ihr im Rathaushofe sahet, dahin führte, sich mit einem harten Nachtlager im ›Loch‹ begnügen zu müssen.« »Sie haben,« fuhr Els unwillig auf, »uns zu Schaden und Schimpf, ich weiß nicht was, unternommen.« »Unternehmen wollen, Jungfrau Klugheit,« versicherte die Gräfin und strich Els beruhigend über den Arm. »Wir hielten die Augen offen, und ich half mit, ihnen das Handwerk legen. Vor eurem Hause rottete das Gesindel sich johlend und heulend zusammen, und wie ich in eurem Chörlein ans Fenster trat, begann ein Gezeter, als gelte es, die Mauern von Jericho zum zweitenmal zum Einsturz zu bringen. Einige Buben warfen sogar, was sie im Straßenschmutz fanden, zu mir hinauf. Allerliebste Sächelchen. Es war auch eine tote Ratte darunter; ich sehe das Schwänzlein noch fliegen! Doch unsere Dorfbuben verstehen sich besser aufs Werfen. Bevor das Schlimmste noch anging, hatt' ich schon unter Beirat des Stallmeisters und unseres klugen Kaplans das Nötige veranlaßt und die Wache am Frauenthor zu Hilfe rufen lassen. Allzu eilig schienen es indes die Herren Stadtknechte nicht eben zu haben. Da trat ich denn selbst in die Bresche und rief, als es zu bunt wurde, hinunter, wer ich sei, und zeigte ihnen dazu meine Armbrust mit dem Bolzen an der Sehne. Das half. Nur etliche Weiber ließen nicht ab, auch gegen mich greuliche Schimpfreden zu führen. Da trat der Kaplan ans Fenster, und nun ward es stille. So eindringlich er aber auch sprach, 153 vom Platze wich keiner, bis die Scharwache kam, den ganzen Troß auseinander trieb und etliche aufgriff.« Da zog Els, die neben ihr saß, sie an sich und küßte sie dankbar, Eva aber hatten sich schon bei Beginn des Berichtes der Gräfin vor Schmerz über diese neue Schmach und die feindselige Gesinnung so vieler die Augen mit Thränen genetzt; doch es war ihr gelungen, ihrer Herr zu werden. Sie wollte nicht weinen. Auch den wüsten und traurigen Vorgängen vor dem »Loche« hatte sie sich, ohne mit der Wimper zu zucken, zuzuschauen gezwungen. Sie mußte aufhören, das schwache Kind zu sein, das sie bis dahin gewesen. Wie recht hatte die sterbende Mutter gehabt! Um kämpfen und siegen zu können, durfte sie sich dem Leben und seinen Einflüssen nicht entziehen, die sie, schonte sie sich nur nicht selbst, zu dem widerstandsfähigen Geschöpf umzubilden verhießen, das sie zu werden begehrte. Tief atmend war sie den letzten Worten der Erzählerin gefolgt, und als Els Cordula an sich zog, hob sie die kleine, zur Faust geballte Hand und rief in leidenschaftlicher Erregung: »O, wär' ich doch nur mit Euch zu Hause gewesen! Ihr seid mutig, Gräfin; aber auch ich hätte mich nicht vor ihnen gefürchtet. Aus freien Stücken hätt' ich mich zur Zielscheibe ihrer Bosheit gemacht und ihnen ins Gesicht gerufen, daß nur armselige Verblendete oder ruchlose Schelme Steine auf meine Els werfen können, die tausendmal besser ist als sie alle.« »Und auf Dich, Du liebes, tapferes Kind,« fügte Cordula mit bewegter Stimme hinzu. Schon seit dem Tage nach dem Brande im Kloster hatte die Gräfin die Laune aufgegeben, Heinz Schorlin 154 für sich zu gewinnen. Sie wußte jetzt, daß, was gut an ihr war, lauter für den stillen Mann sprach, der sie aus den Flammen getragen. Die Liebe des Ritters Altrosen hatte sich als echt bewährt, und sie wollte es ihm danken; aber auch das Herz des lieblichen Geschöpfes ihr gegenüber war voll von wahrer, tiefer Liebe. und was sie für Eva thun konnte, der sie gut war, seit ihr Leid ihr das weiche Herz gerührt, das sollte geschehen. Beide Schwestern wußten jetzt, wie wohl Cordula es meinte, und die innige Freude, die sie zu erkennen gab, als Els ihr erzählte, was der Rat beschlossen, bewies deutlich genug, daß die mutter- und geschwisterlose junge Gräfin sich wie eine dritte Schwester an die Töchter ihres Gastfreundes anschloß. Das Verhalten des alten Herrn Vorchtel gegen den Mann, der ihm so schweres Herzeleid bereitet, griff ihr tief in die Seele. Das war schön, das war edel, daran hätte der Heiland selbst sich gefreut. »Machte der wackere Alte sich nur etwas daraus,« rief sie, »lieber als dem schönsten jungen Ritter böt' ich ihm die Lippen zum Kusse.« Obgleich zwei berittene Jäger des Grafen Montfort und einige Büttel die auffallend große und prächtige Sänfte begleiteten, war ihr eine ganze Schar von Neugierigen gefolgt; doch mochte wohl die Meinung herrschen, die Begleiterinnen der Gräfin gehörten zu ihren Frauen. Erst als sie vor dem Luginsland ausstiegen, erkannte eine alternde Wäschermagd, die bei den Ortliebs »geschafft«, die Schwestern, wies sie den anderen und versicherte, ihr züchtiger Sinn trage es schwer, einem Hause Dienste geleistet zu haben, wo dergleichen hätte vorkommen können. Da legte ein Schneiderlehrling, der die ganze Zunft in 155 dem verwundeten Meister Seubolt beleidigt sah, die Finger an den breiten Mund und ließ einen weithin schrillenden Pfiff ertönen; aber schon im nächsten Augenblick hatte ihn eine kräftige Faust zum Schweigen gebracht. Es war die des jungen Knechtes Ortel. Er war hierher gekommen, um Herrn Ernst im Luginsland aufzusuchen und ihm zu erklären, daß er und seine Schwester Metz, trotz der Mutter und des Vormunds, in seinem Dienste zu verbleiben gedächten. Das Herzblut wäre ihm nicht zu teuer gewesen, um Eva, die er sogleich erkannte, vor jeder Unbill zu behüten; doch er brauchte die junge Kraft nicht zum zweitenmale einzusetzen; denn die Stadtknechte, die den Gefängnisturm bewachten, und die Büttel trieben das Volk zurück und hielten den Platz vor dem Luginsland frei. Die Gräfin hatte hier nicht lange zu warten; denn die Sonne war schon hinter den Festungstürmen an der Westmauer verschwunden, und der Widerschein des Abendrotes färbte mit zarter Rosenfarbe den Osten. Eigentlich hätte der Vogt sie zurückweisen müssen; denn die Zeit war schon vorüber, in der er dem gefangenen »Ehrbaren« Besuche zuführen durfte. Den Töchtern Ernst Ortliebs gegenüber, dem er mancherlei verdankte, drückte er indes ein Auge zu und legte ihnen nur ans Herz, es kurz zu machen; denn mit Einbruch der Dunkelheit müßte die Zugbrücke, die in den Turm führte, aufgezogen werden. Ganz in Trübsal versunken, wie gebrochen, fanden die Mädchen den Vater an einem Tische, auf dem ein bleiernes Tintenfaß neben einigen Bogen Papier stand. Das Rohr hielt der Schreiber noch in der Hand. Mit dem Rufe: »Ihr armen, armen Kinder!« empfing er die Töchter. As aber Els ihm mitteilen wollte, 156 was sie so freudig bewegte, unterbrach er sie, um sich mit tiefer Betrübnis selbst anzuklagen, dem unseligen Jähzorn wieder Macht über sich eingeräumt zu haben. Es sei wohl zum letztenmal geschehen; denn solche Erfahrungen kühlten auch das heißeste Blut. Dann begann er zu berichten, wie er dazu gekommen, die Hand gegen den Schneider zu erheben, und als er sich dabei die tückische Weise des frechen Gleisners vergegenwärtigte, brauste er von neuem so heftig auf, daß durch den Faustschlag, den er gegen den Tisch führte, die Tinte aufspritzte und das Papier vor dem Schreibzeug und seine eigene, auch im Gefängnis tadellos saubere Kleidung befleckte. Das versetzte ihn in neuen Zorn, und ingrimmig ballte er den beschmutzten, schon halb beschriebenen obersten Bogen zusammen und schleuderte ihn zu Boden. Erst als Els sich bückte, um ihn aufzuheben, sammelte er sich und sagte, indem er die Achseln bekümmert zuckte: »Wer kann ruhig bleiben, wenn ihn der Wirbelwind der Verzweiflung ergreift? Fällt ein Hornissenschwarm über das Roß her, und es bäumt sich auf, wen nimmt es Wunder? Und ich, – was hätte mir das Schicksal wohl erspart an Stichen und Schlägen?« Da wagte Els, ihm beruhigend zuzusprechen, und ihn an Gott und die Heiligen zu weisen, die er sich durch den Klosterbau so großmütig verpflichtet; er aber knüpfte an diese Thatsache an und verlangte lebhaft zu wissen, ob es wahr sei, daß Eva sich weigere, den Schleier zu nehmen. Mit einer stummen Geberde bejahte sie diese Frage und erwartete dabei, daß der Vater von neuem aufbrausen würde; er aber schüttelte nur wehmütig das Haupt, nahm ihre Rechte in beide Hände und sagte 157 betrübt: »Armes, armes Kind! Aber sie, sie – die Mutter – wollte es doch wohl . . . Die letzten Worte, die ihre teuren Lippen uns gönnten, Dir galten sie, Kind, und vergegenwärtige ich mir ihren Inhalt . . .« Hier unterbrach ihn der Vogt, um die Mädchen zum Aufbruche zu mahnen; Herr Ernst aber blickte, während Els den Mann um einen kurzen Aufschub bat, erst auf das Papier und das Schreibzeug, dann aber auf seine Töchter und fuhr mit ruhiger Bestimmtheit fort: »Bevor ihr geht, sollt ihr noch hören, daß ich trotz alle- und alledem den Mut nicht völlig verlor, sondern vielmehr die Hände zu rühren begann.« Da rief Els: »So ist es recht, werter, lieber Herr Vater!« und erzählte ihm dann kurz und schnell, was der Rat beschlossen, wie warm der alte Berthold Vorchtel für Wolff eingetreten sei und daß ihm allein die Leitung des Hauses anvertraut werden sollte. Schnell und kräftig belebte diese Nachricht die welkende Hoffnung des schwer heimgesuchten Mannes. Wie verjüngt richtete er die kleine Gestalt auf und versicherte, jetzt lebe er der Zuversicht, daß diesem ersten Stern in dunkler Nacht bald noch andere folgen würden. »An Deinem Wolff,« rief er, »wird es nun sein, manches gut zu machen, was uns das Schicksal . . . Doch ich nahm noch etwas anderes in Angriff . . . Gib das zusammengeballte Papier wieder her . . . Morgen früh blick' ich wieder hinein . . . Ein Schreiben an den Kaiser enthält es . . . Ich setzte es auf . . . Euer Bruder soll das junge Leben nicht umsonst für seine Krone auf dem Schlachtfelde gelassen haben. Er schuldet mir für den Sohn einen Ersatz, euch für den Bruder . . . Ein billig denkender 158 Herr ist er gewiß, und darum wird er meiner Klage das Ohr nicht verschließen. Wartet nur, Kinder! Und Du, meine fromme Ev, – lege Du Deiner Heiligen ans Herz, daß die Bittschrift, die auch Deiner gedenkt, bewirkt, was ich von ihr erwarte.« »Und das wäre?« frug Eva besorgt. »Daß an Dir gut gemacht wird, Du armes, betrogenes Kind, was man an Dir verschuldet,« versetzte Herr Ernst mit gebieterischer Bestimmtheit; Eva aber ergriff seine Hand und bat ihn warm und innig: »Bei allem, was Euch lieb ist und heilig, beschwör' ich Euch, Herr Vater, meines und des Ritters Schorlin in Euerem Schreiben nicht zu gedenken. Entzog er mir die Minne, so kann kein kaiserlicher Machtspruch . . .« Da schwoll dem Ratsherrn von neuem die Ader auf der Stirn, und brauste er auch nicht zornig auf, so rief er doch in lebhafter Erregung: »Ein Edelmann, der eine sittsame, wappenfähige Nürnberger Jungfrau seiner Minne versichert, nimmt damit eine Pflicht auf sich, die, läßt er sie unerfüllt, ihm schwere Buße auferlegt. Der gerechten Strafe wenigstens soll der Verführer in keinem Falle entgehen. Der Kaiser, der den Landfrieden verkündete und die Straßen von Raubgesindel säuberte, ihm gebietet die erste der Pflichten . . .« Hier unterbrach ihn der Vogt, indem er von der Schwelle aus in das Gemach rief, die Brücke würde aufgezogen, und die Jungfrauen hätten ihm ungesäumt zu folgen. Wohl flehte Eva den Vater noch einmal an, von der Klage gegen den Ritter abzusehen, wohl unterstützte Els die Schwester mit aller Wärme; ihre kurze, innige Bitte übte jedoch keine andere Wirkung auf den eigenwilligen 159 Mann, als daß er, nachdem er beiden die Stirn zum Abschiede geküßt, ihnen mit selbstbewußter Würde in Aussicht stellte, die Nacht würde Rat bringen, und er sei gewiß, wie immer, so auch diesmal, für das wahre Beste seiner lieben Kinder das Richtige zu treffen. Wohl hatte Herr Ernst sich bisher als treues und kluges Haupt der Seinen erwiesen; diesmal aber verließen ihn die Töchter schweren und beunruhigten Herzens. Eva quälte die Furcht vor dem Vorhaben des Vaters wie ein neues Unglück, und auch Els und die Gräfin hofften, die Bittschrift würde ohne die Anklage gegen Heinz abgehen. Während die Sänfte die Mädchen heimtrug, wurde wenig gesprochen. Erst als sie sich dem Frauenthor näherten, entspann sich ein lebhafteres Gespräch, das sich auf Biberli und die Frage bezog, ob der ehrbare Rat auch Kätterle zur Rechenschaft ziehen würde, und was man thun könnte, um beide vor schwerer Strafe zu behüten. Cordula hatte den rechten Vorhang geöffnet und schaute scheinbar neugierig, in Wirklichkeit aber besorgt auf die Straße. Doch der Ohm Schultheiß hatte das Seine gethan, und außer einigen Stadtknechten gab es wenig Leute in der Nähe des Ortliebhofes zu sehen. Jenseits des Vorhofes wurde ein Roß auf- und niedergeführt, und hinter den Ketten stand eine Sänfte mit etlichen Knechten, denen das Töchterlein der Kerzenhändlerin eben Feuer aus der Küche gebracht hatte, um die Fackeln zu entzünden. Die hübsche Metz schaute dabei so fröhlich drein, als ob die böse Verwundung des längst ergrauten Meisters, der sie zu seiner Hausfrau erwählt, ihr geringen Kummer bereite.     Elftes Kapitel. Als die Mädchen der Sänfte entstiegen, öffnete sich das beim Einbruch der Dunkelheit verschlossene Frauenthor einem andern Tragstuhle, dessen Ziel gleichfalls der Ortliebhof zu sein schien. Im Soler stand Kätterle mit der Schürze vor dem Gesicht. Sie hatte erfahren, daß man ihren treuen und standhaften Geliebten in das »Loch« abgeführt habe, und wartete hier auf die Herrinnen, sowie auf den Schultheißen und seine Hausfrau, die die alte Martsche in das Wohnzimmer im ersten Stock geführt hatte. Der Herr Oheim vermochte, ihrer Ansicht nach, so viel wie der Kaiser, und seine Gattin war wegen ihrer barmherzigen und thatkräftigen Güte in der ganzen Stadt wohl bekannt. Wenn das großmächtige Paar herunterkam, wollte Kätterle sich vor ihm auf die Kniee werfen und es anflehen, sich ihres Bräutigams zu erbarmen. Die Schwestern und Cordula trösteten sie mit der Verheißung, die Sache Biberlis dem Ohm zu empfehlen, doch als sie die Treppe hinanstiegen, gaben sie gegen einander der Besorgnis Ausdruck, Kätterle selbst würde früher oder später dem Herzliebsten in das Gefängnis folgen. 161 Im Wohngemach trafen die Mädchen den Ohm Schultheiß mit seiner Gattin. Kätterle irrte sich kaum, wenn sie von dieser Frau freundlichen Beistand erwartete; denn ein wohlwollenderes Gesicht als das ihre ließ sich kaum denken, und dazu fehlte es Frau Christine auch gewiß nicht an Kraft, durchzusetzen, was sie für recht hielt. War sie auch nicht ganz so breit wie der untersetzte. höchst umfangreiche Gemahl, so überragte sie ihn doch an Größe um etliche Fingerbreiten, und die Zeit hatte aus dem hübschen, schlanken, bescheidenen Mädchen ein majestätisches Weib gemacht. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, der Schatten eines Bärtchens auf der Oberlippe und die tiefe Stimme verliehen ihr sogar etwas gebieterisch Entschiedenes. Wären die guten, treuen Augen und ein höchst liebenswürdiger Zug am Munde nicht gewesen, hätte man sich vergeblich gefragt, wie es gerade ihr gelingen konnte, in jedermann auf den ersten Blick Vertrauen auf ihre hilfbereite Herzensgüte zu erwecken. Ihr grauer Mops war auch hieher mitgenommen worden. Wie könnte ein Tier wohl geliebte Menschen ersetzen; der Mops aber war ihr notwendig geworden, seit ihr Sohn wie so viele andere junge Männer aus den Nürnberger Geschlechtern auf dem Marchfelde gefallen und ihre Tochter dem Gatten nach Augsburg, seiner Heimat, gefolgt war. Den Gemahl zwang sein anspruchsvolles Amt, sie viel allein zu lassen, und in ihrem höchst thätigen Leben gab es doch einsame Stunden, in denen sie eines lebenden Wesens, das ihr treu anhing, bedurfte. Oft war sie mit Arbeit geradezu überbürdet; denn 162 jede wohlthätige Anstalt suchte sie als »Pflegerin« zu gewinnen. In vielen Fällen freilich vergebens; denn was sie auf sich nahm, sollte tadellos durchgeführt werden, und die Sorge für die Waisenkinder in der Stadt, die Beghinen und das Siechenhaus an ihrem Sommersitz, beschäftigten sie zur Genüge. Im Winter lebte sie mit dem Gatten in seiner Dienstwohnung auf der Reichsburg, sobald aber der Frühling kam, drängte es sie hinaus auf ihr Schlößlein in Schweinau; denn dort hatte sich an das Stift, das zur Aufnahme von Witwen adeliger Kreuzfahrer eingerichtet worden war, in dem aber nur noch die vier letzten dieser Damen verpflegt wurden, eine Anzahl von Beghinen geschlossen. Das waren fromme Mädchen und Frauen, die sich dem Zwange des Klosters nicht fügen wollten oder sei es die Fürsprache, sei es die Mittel nicht finden konnten, die die Aufnahme in ein solches erforderte. Ohne sich zur Ehelosigkeit oder einer andern, den Nonnen auferlegten Beschränkung zu verpflichten, wünschten sie nur im Verein mit anderen Gleichgesinnten ein gottgefälliges Leben in freundlicher Sorge für den Nächsten zu führen. Gerade in Schweinau aber fand sich reichliche Gelegenheit für barmherzige Frauen, sich unglücklichen Mitmenschen hilfreich zu erweisen; denn dorthin wurden die Beklagenswerten gebracht, die von der Hand des Henkers und seiner Gehilfen verstümmelt oder auf der Folter verwundet und oft dem Tode nahe gebracht worden waren, um verbunden und notdürftig wieder hergestellt zu werden. An ihrer Wartung beteiligten sich die Beghinen, doch hatten sie mit der Geistlichkeit, die den an ein klösterliches Gelübde gebundenen Mönchen und Nonnen 163 den Vorzug gab, manchen Kampf zu bestehen. Nur die Orden des heiligen Franz sahen sie gern, traten für sie ein und überwachten sie mit wohlwollender Aufmerksamkeit, indem sie Sorge trugen, daß sie von sich fernhielten, was ihnen zum Vorwurf oder Tadel gereichte. Frau Christine, die Schwester der Aebtissin Kunigunde, half ihr bei diesem Bestreben, und die Beghinen, zu denen die Schultheißgattin in keiner Weise gehörte, denen sie aber auf ihrem Grund und Boden ein Heim zur Verfügung gestellt hatte, leisteten ihr stillschweigend Gehorsam, wenn sie Mißstände in ihrem gemeinsamen Leben abgestellt zu sehen wünschte. Els wie Eva hatten Frau Christine, die beiden gleich lieb war, längst in alles eingeweiht, was Anlaß zu den schmählichen Verleumdungen gab, die nun auch den Vater zu einer That gedrängt, die er im Gefängnisse büßte. Als ein Bote ihres Gatten sie vor wenigen Stunden von dem Geschehenen unterrichtet, war sie sogleich in die Stadt gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und die des Vaters beraubten Mädchen aus dem verödeten Ortliebhofe in ihr Haus mitzunehmen. Der Schultheiß hatte dies Vorhaben lebhaft gebilligt und sie zu den »E's«, wie auch er die Nichten zu nennen liebte, begleitet. Als ihr mitgeteilt worden war, welche Gründe Eva bestimmten, sich gerade jetzt dem Schutze des Klosters noch nicht anzuvertrauen, hatte Frau Christine sich auf die breite Hüfte geschlagen und dabei gerufen: »'s ist doch etwas Eigenes um das Blut. Die junge Kreatur handelt, als hätte die alte Muhme für sie gedacht.« Ihre Einladung klang so liebreich und herzlich, ihr Gemahl wußte sie mit so gewinnend heiterer 164 Dringlichkeit zu wiederholen, und der Mops Amicus, der sich gegen Eva höchst zärtlich erwies, unterstützte den Wunsch der Herrin mit so kenntlichem Eifer, daß sie die Schwestern auch auf seine Fürsprache hinwies. Die Mädchen hatten einander inzwischen schon mit der stummen Sprache des Auges die Geneigtheit zu erkennen gegeben, einer so herzlich gemeinten Aufforderung Folge zu leisten. Els stellte nur die Bedingung, erst morgen früh, nachdem sie den Vater besucht, auf die Schweinau zu kommen; Eva wünschte dagegen der gütigen Einladung je eher desto lieber zu folgen und bekannte der Muhme froh und dankbar, wie viel ruhiger sie in die Zukunft schaue, nun es ihr gestattet sei, sich unter ihren Schutz zu begeben. »Krieche der alten Glucke nur unter die Flügel, mein Küchlein; sie hält Dich schon warm,« versicherte die freundliche Frau und küßte Eva. Als sie aber anzuordnen begann, wie die Uebersiedelung der Schwestern vor sich zu gehen habe, wurden neue Besucher gemeldet, und zwar mehrere auf einmal: zuerst Albert Ebner vom Rate mit seiner Hausfrau, dann Frau Clara Löffelholzin, die ohne den Gemahl kam, und die beiden Töchter des Reichsforstmeisters Waldstromer, Els' liebste Freundinnen. Sie waren gestern aus dem Waldhause gekommen, um der Beisetzung Frau Marie Ortliebs beizuwohnen. Jetzt sprachen sie mit Erlaubnis der Mutter hier vor, um die verlassenen Mädchen in den Forst zu laden. Auch die anderen baten die Schwestern, es sich bei ihnen gefallen zu lassen, und ebenso hielten es auch die Schürstab, die Behaim, Groß, Holzschuher und Pirckheimer vom Rate, die teils mit, teils ohne Gattin erschienen waren, um nach den Töchtern des gefangenen Kollegen zu sehen. 165 Das große Wohnzimmer füllte sich mit Gästen, und die kräftigen Gestalten und klugen, willensstarken Züge der Männer, die guten, tüchtigen, meist wohlgebildeten Gesichter der Frauen, denen menschenfreundliches Wohlwollen aus den blauen Augen strahlte, und die das Haupt doch hoch genug trugen, boten einen erfreulichen, Achtung gebietenden Anblick. Gegenüber den schon ergrauten unter ihnen konnte kein Zweifel herrschen, daß sie ein ansehnliches Haus vertraten und gewohnt waren, über etwas Großes zu gebieten. Da war keine, der nicht der Name der »Hausehre« wohl angestanden hätte, und wie selbstbewußt heiter klangen die tiefen Stimmen der Männer, wie mütterlich-freundlich die der älteren Frauen, die zum Teil gleichfalls zu den tiefen gehörten. Els und Eva schauten einander, während sie die Besucher begrüßten, ihnen dankten, Fragen beantworteten, Erklärungen abgaben und Entschuldigungen hinnahmen, Einladungen empfingen und erkenntlich abwiesen, oft genug verstohlen an. Sie wußten sich beide nicht zu erklären, was diese plötzliche Sinnesänderung bei so vielen ihrer Standesgenossen bewirkt, was sie in so großer Zahl noch zu so später Stunde, als sei auch der kleinste Aufenthalt vom Uebel, in ihr stilles Haus führte, das heute noch einer Rutzin zu schlecht erschienen war, ihre Kinder in seinem Dienste zu lassen. Der alte Schultheiß und seine Hausfrau meinten es dagegen zu wissen. Sie hatten den Schwestern die ersten Besucher empfangen helfen; als aber Frau Barbara Behaim, eine Base der verstorbenen Frau Maria, erschienen war, ihr den Platz geräumt und sich heimlich, um sich dem 166 Menschengewirr da drinnen zu entziehen, in das Nebenzimmer begeben. Da hatten sie sich in die Nische zurückgezogen, die die sehr dicken Mauern mit dem breiten Mittelfenster des Hauses bildeten, und Herr Berthold Pfinzing hatte der Gattin zugeraunt: »Es ward mir zu viel der Menschenliebe und sorgenden Barmherzigkeit da drinnen. Viel Honig auf einmal widersteht mir. Doch Du Weissagerin sahst ja voraus, was jetzt da drinnen vorgeht, und auch ich erwartete es kaum anders. So lange einem das Wams noch bleibt, hat es das Mitleid nicht eilig; wird uns aber das letzte Hemd vom Leibe gezogen, dann ist die Barmherzigkeit, dank den Heiligen, rascher bei der Hand. Wir helfen ja selbst am liebsten, wo wir recht sicher fühlen, daß es den Notleidenden schlechter geht, als sie es verdienen. Mutterlose Kinder gibt es viele, – aber Jungfrauen, die ohne beide Eltern, preisgegeben jeder Unbill . . .« »Das sind freilich seltene Vögel,« unterbrach ihn die Gattin, »und sicherlich kommt das den Kindern dort zu gute. Wenn sie aber von denselben braven Leuten in das Haus geladen werden, die noch vor wenigen Stunden sich zu gut fanden, um der Beisetzung ihrer trefflichen Mutter beizuwohnen und die eigenen Töchterlein ängstlich von ihnen fernhielten, so haben sie das doch wohl besonders den rechten Fürsprechern: dem alten, wackeren Vorchtel und noch einem andern, zu verdanken.« »Wenn je, so gibt es freilich heute zu erkennen,« bemerkte der Schultheiß »wie schwer eines wahrhaft achtbaren Mannes Aussage und Beispiel ins Gewicht fallen! Wie für die eigene Tochter trat der erste Losunger für 167 die Kinder ein, schlug er los auf die Verleumder, – und daß ich ihn dabei nicht im Stiche ließ, versteht sich von selbst.« »Wie der Römer Cicero,« rief Frau Christine munter, »versicherte Peter Holzschuher, hättest Du sie verteidigt. Doch, Alter, nichts für ungut. Wie schwer der Einfluß der beiden Bertholde – Vorchtels und Deiner – auch ins Gewicht fällt, ja, käme auch der eines dritten und vierten von den Allerbesten hinzu, das, was hier vor unseren leiblichen Augen und Ohren vorgeht, hätte sich doch nicht ereignet, wenn nicht –« »Nun?« frug der Schultheiß gespannt. »Wenn sie nicht alle mit einander,« gab die Matrone im Tone der festesten Ueberzeugung zur Antwort, »weit entfernt gewesen wären, im tiefsten Innern auch nur einen Augenblick an die schmähliche Afterrede zu glauben, die die Niedertracht den beiden da – schau sie nur näher an! – sich anzuhängen erfrechte.« »Aber wenn das wirklich der Fall war,« . . . begann der Gatte ihr zu widersprechen; sie aber fuhr an seiner Stelle lebhaft fort: ». . . so verbot doch manche dem besseren Wissen oder Glauben den Mund, weil das böse Herz viel lieber das Ueble glaubt als das Gute, zumal wenn man selbst etwas im Haus hat – sagen wir, ein junges Töchterlein – dessen leuchtende Reinheit dadurch in ein noch helleres Licht kommt. Und dann . . . Hat's uns doch manchmal selbst verdrossen wie – der Wahrheit die Ehre! – wie trotzig Dein frommes Patenkind, die ›kleine Heilige‹ dort, in ihrem geistlichen Hochmut die Altersgenossinnen beiseite stehen ließ . . .« »Und dann,« ergänzte der behäbige Herr beipflichtend, 168 »hört man zwei Jungfrauen nicht straflos in solchen Häusern die ›schönen E's‹ nennen, wo es ein weniger wohlgestaltetes T., S. und H. gibt. Denke nur an die Katerpecks dort. Da nehmen sie, dank den Heiligen, schon Abschied.« »Die läßt Du mir in Ruhe!« gebot Frau Christine mit erhobenem Finger. »Es sind gute, wohlgeartete Kinder. Die hübsche Ermengarde Muffelin dort am Kamin – die war es, die nach dem Tanz auf dem Rathause am bösesten mit der spitzen Zunge – die Gevatterin Nützelin vernahm es – auf Dein Patenkind einstach.« »Ja, dieser Tanz,« seufzte der Schultheiß leise auf. »Es war aber auch nichts Gemeines, wie das Kind dort vorgezogen wurde: Kaiser Rudolf selbst schaute ihr nach, als sei ihm ein Engel erschienen. Wie seine hohe Schwester ihrer gedenkt, das vernahmst Du ja selber. Ihr Herr, der alte Burggraf und sein Sohn, der stattliche Eitelfritz . . . Doch das weißt Du ja alles . . . Die Hälfte wäre genug gewesen, den bösen Willen bei mancher zu wecken.« »Und ihr das holdselige Köpfchen vollends zu verdrehen,« fügte seine Gattin hinzu. »Das – bei unserer Frau, Christine,« versicherte der Schultheiß, »das wenigstens blieb aus. Wie das Wasser vom Oelkrug lief es von ihr ab . . . Ich gewahrte es selbst, und die Aebtissin . . .« »Deine Schwester,« unterbrach ihn die Matrone bedenklich. »Sie gerade führte sie auf den Weg, der nicht für sie taugt.« »Nein, nein,« bestätigte der Schultheiß eifrig diese Bemerkung. »Eine Jungfrau, deren bloßer Anblick so 169 vielen wonniglich dünkt, schuf der Höchste nicht, um sie den Blicken der übrigen Kreatur zu entziehen.« »Alter, Alter!« rief hier Frau Christine und schlug ihm munter auf den Arm. »Aber da machen die Schürstabs und Ebners sich auch schon davon. Wie das drunten auf der Straße rumort!« Da schaute ihr Hausherr zum Fenster hinaus, wies ins Freie und forderte sie auf, sich an seine Seite zu stellen. Als sie aufgestanden war, legte er ihr den Arm um die schlankste Stelle, die er mit dem kurzen Arm dennoch nicht zu umspannen vermochte, und fuhr eifrig fort: »Sieh nur! Als gäb' es hier oben einen Schmaus oder ein Tanzfest. Die ganze Straße voll von Sänften, Knechten und Fackelträgern . . . Vor wenigen Stunden hatten die Büttel zu thun, um die verblendeten Leute abzuhalten, das Haus der sittenlosen E's zu zerstören, und jetzt kommt die Hälfte des erleuchteten, ehrbaren Rates, um ihnen die Hand unter die Füße zu legen. Weißt Du, Liebste, was mir an dem allen am besten gefällt?« »Nun?« frug Frau Christine und wandte ihm das Antlitz mit einem lebhaften Frageblicke zu, der ihm zu erkennen gab, daß sie etwas Gutes zu hören erwartete. Er aber wiegte das schwere Haupt leise auf und nieder und versetzte: »Wir von den Geschlechtern hängen sämtlich am Alten, jeder will etwas Besonderes für sich sein, wie er ja auch das Wappen mit keinem andern teilt oder tauscht. Wenn es dann einer den übrigen an äußeren Dingen, wie sie auch heißen, zuvorthut, hat es gute Wege, bis es ein anderer ihm nachmacht. Wir sind eben fest auf den eigenen starken Beinen stehende, aus hartem Holz geschnittene Männer. Kommt aber Herz und Sinn eines 170 der unseren auf etwas recht Gutes, wovon männiglich sich sagen darf, daß es dem Vater im Himmel droben genehm ist, und führt es wohl zu Ende, dann, Christine, dann – in hundert Fällen nahm ich's wahr – dann springen die anderen ihm nach wie die Schafe dem Leitbock.« »Und der bist Du diesmal gewesen mit dem andern Berthold,« rief Frau Christine und küßte dem alten Hausherrn schnell und heimlich hinter dem Vorhang die Wange. Dann wandte sie sich in das spärlich erleuchtete Gemach zurück, wies auf die Thür des geöffneten Wohnraums und sagte: »Aber sieh nur . . . Wenn das nicht . . . Da kommt die Ursula Vorchtelin mit ihrem Verlobten, dem jungen Hans Nützel . . . Welch ein weidlicher Mann aus dem feinen Hänslein doch wurde! . . . Die Ursel . . . Daß sie sich hierher bemühte, das mag wohl das schönste sein, was der Els in dieser gesegneten Stunde begegnet.« Und die kluge Frau hatte recht gesehen; denn als Ursel der früheren Freundin, die ihr so lange geflissentlich den Rücken gewandt, die Hände entgegenstreckte, wurden beiden Mädchen die Augen feucht, und auf Els' Wangen wechselten Röte und Blässe wie an einem sonnigen Mittag Licht und Schatten auf dem Boden des Laubwaldes, dessen Wipfel sich im Winde bewegen. Was hatten sie sich alles zu sagen! – Sobald sie sich aber einen Augenblick unbeobachtet sahen, küßte Ursel die neu gewonnene Freundin und flüsterte ihr zu, indem sie auf den Bräutigam wies, den Frau Barbara Behaimin in Beschlag nahm: »Er lehrte mich erst kennen, wie echte Minne thut, und seitdem weiß ich, daß es unrecht und dazu thöricht von mir war, Dir zu grollen, mein Elslein, und daß Dein Wolff recht that, Dir feste Treue 171 zu halten, wie sauer die Seinen es ihm auch machten. Wäre mir mein Hans um weniges früher begegnet, wir hätten unsern armen Ulrich jetzt nicht zu beklagen. Ich weiß ja – denn oft genug lag es mir ob, seinen Groll zu beschwichtigen – wie schwer er Deinen Herzliebsten reizte. O, wie ist das alles so traurig! Doch Deine Muhme, die Aebtissin, hatte recht, als sie uns vor der Firmelung sagte: ›Wenn das Kreuz, das uns auferlegt ward, uns allzu schwer drückt, so kommt oft ein Engel und lüftet es, und umwindet es gar mit lieblichen Rosen!‹ Mir ist es so ergangen, Elslein, und wie großes Unrecht ich Dir auch that, da ich Dir so schnöd aus dem Weg ging, – hingezogen zu Dir hat es mich immer. Als sich aber die böse Afterrede erhob, da bin ich aufgestanden gegen sie alle und habe ihnen geboten, vor mir von dergleichen zu schweigen, weil es ganz und gar falsch sei und schmählich erlogen. Und wie für Dich, so trat ich auch ein für Deine Eva, obwohl sie sich mir recht unhold erwies, wo wir uns auch trafen.« Wie froh ging Els bei diesen Bekenntnissen das Herz auf, eine wie warme Fürsprecherin wurde sie für die Schwester. Als wären die Tage der Kindheit wiedergekehrt, hatten die Mädchen einander den Arm um die Schultern gelegt, und als der Bräutigam Ursels auf die Verlobte hinsah, die trotz der wohlgebildeten Gestalt und des freundlichen Gesichtes nicht zu den Schönsten gehörte, meinte er, sie könnte sich an Anmutszauber mit der Allerholdseligsten messen, an Herzensgüte aber werde sie von keiner erreicht. Das kündete ihr auch der warme Liebesblick, mit dem er ihre guten grauen Augen suchte, als er auf sie zutrat, um sie zum Aufbruche zu mahnen. 172 Da winkte sie ihm zärtlich zu und bat ihn nur, einen kleinen Augenblick zu verziehen; den aber benutzte sie, um Els zuzuflüstern: »Bei uns und bei niemand anders dürftest Du Unterkunft suchen, wenn nicht der Vater . . . Denke nicht, er hätte mir wegen des armen Ulrich, oder weil er euch zürnte, versagt, euch zu uns zu laden. Es ist nur . . . Nach der Sitzung heute priesen sie alle sein edles Herz, und was weiß ich, so laut und mit solcher Uebertreibung, daß es ihm billig zu viel ward. Trat er für das Eysvogelsche Haus und für euch arme Kinder doch nur ein, weil er als gerechter Mann nicht anders konnte.« »O Ursel,« fiel Els ihr hier ins Wort und wollte in das Lob ihres Vaters mit einstimmen; jene aber ließ sich nicht unterbrechen, sondern fuhr eifrig fort: »Nein, nein, Mädchen, so war es wirklich! Bescheiden, wie er nun einmal ist, widerstrebt es ihm arg, den Glauben zu erwecken, als nehme er die Braut des Mannes – Du weißt ja – und ihre Schwester ins Haus, um ein Beispiel christlicher Versöhnlichkeit zu geben. Falsches Lob, sagt er, drückt schwerer als Schande. Er bekam davon schon mehr als ihm lieb ist zu hören, und darum und aus keinem andern Grunde verschließt er euch das Haus; über seinen Rat und seinen Beistand, läßt er euch sagen, dürftet ihr getrost verfügen.« Damit sagten die Freundinnen einander Lebewohl, und Ursula nahm auch Eva, die ihr mit warmen Dankesworten genaht war, in die Arme, küßte sie und rief ihr beim Abschiede zu: »Wenn wir uns wieder begegnen, Jungfer Ohnegnad, ist es mit dem Ausdemweggehen, hoff' ich, vorüber!« 173 Als sie mit dem Verlobten gegangen und die Mehrzahl der anderen ihnen gefolgt war, fühlte Els sich so dankbar gehoben, daß sie selbst nicht begriff, wie das Herz unter so großen und schweren Sorgen fähig sei, sich zu solcher feiertäglichen Glückseligkeit zu erheben. Wie gern wäre sie zu Wolff geeilt, um ihm seinen Anteil an dieser Empfindung zu gönnen. Aber wenn auch nicht fortwährend neue Anforderungen an sie herangetreten wären, hätte sie ihn doch unter keiner Bedingung zu dieser Stunde in seinem Versteck aufsuchen können. Als der letzte Gast und auch die Aebtissin sich entfernt hatten, forderte Frau Christine Els auf, einzupacken, wessen sie und die Schwester für die Uebersiedelung nach Schweinau bedurften; denn Eva sollte sie sogleich dorthin begleiten. Gräfin Cordula, die, so nahe es ihr auch ging, die Hausgenossinnen missen zu sollen, doch einsah, daß sie recht thäten, das auch des Vaters beraubte Haus jetzt zu verlassen, wollte Els hilfreiche Hand leisten; doch als sie sich eben mit ihr entfernte, kam ein neuer Besuch: Konrad Teufel vom Rate, der Vetter Kaspar Eysvogels, an dessen Arm er am Nachmittag die Sitzung verlassen. Ein anderer Gast hätte sie schwerlich zurückgehalten; dieser aber kam, wie schon aus seiner ersten Anrede hervorging, aus dem Hause, dem sie sich zugehörig fühlte, und das besorgte Antlitz des ergrauten, kinderlosen Witwers, der sonst zu den fröhlichsten Spaßvögeln gehörte, sowie die ungewöhnlich späte Stunde seines Besuches, ließen auf einen so ernsten Anlaß seines Kommens schließen, daß sie blieb und mit angstvoller Dringlichkeit frug, was er bringe. 174 Es war nichts Unerwartetes; doch fiel sein kurzer Bericht Els schwer auf das Herz, das sich eben noch, wie entlastet, froh und leicht zu schlagen vermessen. Auch das Schultheißenpaar, Eva und die Gräfin hörten den Bericht des späten Gastes mit an. Der Vetter war Kaspar Eysvogel in sein Haus gefolgt und bei ihm geblieben, während er Frau Rosalinde und ihrer Mutter, überströmend von Groll und zügellos heftigen Klagen über die Ungerechtigkeit und Willkür, der er besonders infolge der Feindseligkeit und Selbstüberhebung des alten Berthold Vorchtel zum Opfer gefallen, mitteilte, was der Rat über seine eigene und die Zukunft seines Hauses beschlossen. Als er endlich berichtete, daß er selbst samt den Frauen Haus und Stadt zu verlassen hätte, und die Gräfin Rotterbach dabei mit einem verächtlichen Blick auf den schwer gedemütigten Schwiegersohn seiner Gemahlin heiser vor Ingrimm zurief: »So kommt es, wenn man sich fortwirft!« war der ohnehin in den Grundfesten erschütterte unglückliche Mann zusammengezuckt und leblos in die Kniee gesunken. Ungesäumt hatte Konrad Teufel ihn zur Ruhe gebracht und nach dem Arzte gesandt; doch auch nachdem man ihm das Haupt mit frischem Wasser gekühlt und ihm zu Ader gelassen, war er nicht wieder zu sich gekommen. Die linke Seite schien völlig gelähmt, und die gehemmte Zunge vermochte nur unverständliche Worte hervorzustammeln. Auf Wunsch des Medicus war eine Krankenpflegeschwester ins Haus genommen worden; denn Isabella Siebenburg, die Tochter des Leidenden, hatte sich schon, 175 dem Wunsche des Gatten gehorsam, mit ihrem Zwillingspärchen auf das Schloß des Ritters Heideck begeben. Grollend war sie geschieden, weil sie sich vergeblich bemüht hatte, die Großmutter und die Mutter, die ihr nachsprach, zu bewegen, ihres Gemahls in milderer Weise zu gedenken. Wenn jene den Abwesenden vor den Zwillingen mit grausamer Härte herabsetzten, war es ihr – sie hatte es dem Vetter bekannt – gewesen, als verständen die Säuglinge, welche Schmach man ihrem Vater anthat, und mehr um die Knäblein, als um sich selbst vor den Feindinnen ihres Gatten sicher zu stellen, hatte sie dem sinkenden Hause trotz der flehenden Bitten und heißen Thränen, womit die Mutter sie beim Abschied zurückzuhalten versuchte, den Rücken gekehrt. Bevor sie die Ihren verließ, hatte sie Konrad Teufel ihren kostbaren Schmuck und das Silberzeug, das der Großvater ihr vermacht, übergeben, um die drängenden Gläubiger ihres Gemahls zu befriedigen. Von dem Vater war sie in Eintracht geschieden und nicht zurückgehalten worden. Jetzt wartete des alten Herrn nur die barmherzige Schwester; denn seine Gattin weinte und jammerte, ohne die Kraft zu finden, auch nur die Hand zu regen, und wies auch die eigene Mutter zurück, der sie vorwarf, sie alle ins Unglück gestürzt und den Schlag, der ihren Gemahl getroffen, verschuldet zu haben. Die greise Gräfin, berichtete der Vetter, falle dagegen von einem Krampf in den andern, und als er sich ihr genähert, habe sie ihm die Worte »Undankbarkeit« und »schlechter Lohn« in den verschiedensten Tonarten so schrill entgegengekreischt, daß es ihm noch vor den Ohren gelle. 176 Außer Rand und Band sei alles in dem unseligen Hause. Sein hoher Gast, der Herzog von Gülich, werde es empfinden; denn auch die Dienstboten hätten den Kopf verloren. Um ein Glas Wasser für den Kranken zu erlangen, hätte er selbst, trotz der zahllosen Knechte und Mägde des Hauses, den Brunnen aufsuchen müssen, und die Scherben des Gefäßes, das die Großmutter ihm mit der eigenen, gräflichen Hand nachgeschleudert, lägen gewiß noch am Boden. Er heiße Teufel, doch auch in seiner höllischen Heimat könne es kaum schlimmer hergehen. Als der Vetter endlich schloß, wechselte der Oheim mit Frau Christine einen bedeutungsvollen Blick, Eva schaute mit ängstlicher Spannung und Gräfin Cordula mitleidig auf Els, die diesem Berichte tief atmend gefolgt war. Als sie dann aber die feuchten Augen zu dem Schultheißen und seiner Gattin aufschlug und kleinlaut sagte: »So muß ich euch denn um Urlaub bitten, Herr Ohm und liebwerte Frau Muhme; denn ihr hörtet ja, wie nötig Wolffs Vater meiner bedarf,« sah jeder sich erfüllen, was er von ihr erwartet. »Schwer, schwer,« machte der Schultheiß, während er ihr die Schulter streichelte. »Aber das Blei, womit man sich aus gutem Herzen belastet, wird zum Holz oder zuletzt gar zur Feder.« Bei tröstlichen Worten wie der Gemahl ließ es Frau Christine indes nicht bewenden. Sie erbot sich vielmehr, Els zu begleiten und ihr den Platz frei zu machen, der ihr gebührte. Frau Rosalinde hatte sich der Matrone früher häufig genähert, um Rat bei ihr zu erholen und 177 ihr in beschämend deutlicher Weise zu erkennen gegeben, wie willig sie ihre überlegene Tüchtigkeit anerkenne. Die alte Gräfin war ihr zuwider, doch mit wem hätte sich die derbe Frau, die sich bewußt war, das Gute zu wollen, nicht fertig zu werden getraut? Da die eigene Tochter die Ihren verlassen, gehörte die künftige Hausfrau des Sohnes an das Siechenbett seines Vaters. Frau Rosalinde war schwach, doch die schlechteste nicht. »Warte nur, Kind,« schloß die Muhme, »bald genug wird sie erkennen, welcher Segen mit Dir in das Haus und an das Krankenlager kommt. Gegen die Bosheit der Alten werden wir einen Damm aufzurichten suchen.« Konrad Teufel bekannte, daß er sich in der Hoffnung, Els, die der Mutter so geschickt und geduldig gewartet, zu solchem löblichen Entschluß zu bewegen, hieher begeben habe. Er versprach ihr auch beim Abschied, öfter nach dem Rechten zu sehen und, wäre es nötig, die alte Teufelin Bekanntschaft mit seinem eigenen Pferdefuß machen zu lassen. Nachdem auch er sich entfernt, wurden die Vorbereitungen zum Aufbruch der Schwestern in Angriff genommen. Während Cordula Eva bei der Auswahl der Sachen half, die sie mit nach Schweinau nehmen sollte, und die ältere Schwester mit Hilfe Kätterles das Wenige zusammenlegte, dessen sie im Eysvogelhofe als Krankenpflegerin bedurfte, erbot sich die Gräfin, Herrn Ernst morgen früh in eigener Person auf dem Luginsland zu besuchen und ihm mitzuteilen, was die Töchter von ihm fernhielt. Gegen Abend konnte Eva unter dem Schutze der Muhme, die morgen von mancherlei Geschäften in Anspruch genommen 178 war, in die Stadt kommen, um nach dem Gefangenen zu sehen. Eva rührte diesmal zur Ueberraschung der Schwester, die ihr dergleichen stets abgenommen hatte, die Hände selbst beim Packen. Als sie fertig war, führte sie das verweinte Kätterle mitleidig dem Oheim zu, damit sie ihn um Gnade für den Verlobten bitte. Der Schultheiß war von dem Hergang der Dinge genau unterrichtet und sprach mit der ihm eigenen, von wahrer Herzensgüte durchdrungenen Leutseligkeit der Gürtelmagd zu. Freilich war Biberli schon vorhin einem peinlichen Verhör unterworfen worden; er hatte aber auf der Folter der Herzliebsten mit keinem Worte gedacht und auch standhaft alles geleugnet, was seinem Herrn zur Last fallen konnte. Morgen wartete seiner ein zweites Verhör; doch versprach der Schultheiß zu thun, was in seiner Macht stand, um ein möglichst mildes Urteil für ihn zu erzielen. Jedenfalls würde er, wie alle, die infolge eines Rechtsspruches Blut gelassen, zur Heilung auf die Schweinau gesandt, und da Kätterle Eva dorthin begleiten sollte, konnte sie Gelegenheit finden, den Bräutigam dort mit eigener Hand zu pflegen. Damit entließ er die Mädchen; als er aber wieder mit der Hausfrau allein war, bekannte er, daß die Sache des armen Burschen sich leicht schlimm gestalten, ja daß es ihm an die Zunge gehen könnte, wenn er auf der Folter, die nun einmal zu dem peinlichen Verhöre gehörte, dem er abermals unterworfen werden sollte, bekannte, nächtlicherweile in das Haus eines »Ehrbaren« gedrungen zu sein. Daß er dabei nur dem Gebieter gefolgt sei, werde die Sache indes mildern. Die Schöffen 179 müsse er zur Verschwiegenheit anhalten, wenn sich der Notwendigkeit, sie von Evas Nachtwandeln zu unterrichten, nicht aus dem Wege gehen lasse. Falle das Urteil sehr hart aus, so werde er vielleicht die Vollstreckung hinausschieben können. Ritter Schorlin, der ja in der Gunst des Kaisers stehe, sei dann aufzufordern, den Herrscher anzugehen, es auf dem Wege der Gnade aufzuheben, oder doch zu mildern. Hier wurde er von den Nichten und Cordula unterbrochen, und bald darauf brach die Muhme mit Els auf, um sie zu den Eysvogels zu begleiten. Der Ohm blieb mit den beiden anderen zurück. Keine Geringere als die Herzogin Agnes hatte sich bei ihm über die übermütige Gräfin beklagt. Gestern war diese nämlich mit ihrem Vater in den Wald geritten, und da ihr die junge, böhmische Königstochter hoch zu Roß entgegengekommen war, hatten ihre Dackel ihren zum Scheuen geneigten Araber so ingrimmig angefallen, daß es einer weniger sicheren Reiterin schwer gefallen wäre, sich im Sattel zu behaupten. Die folgsamen Tiere hatten diesmal der Herrin den Gehorsam versagt, und die Herzogin den Verdacht ausgesprochen, es sei der Montfort gar nicht Ernst mit dem Abrufen gewesen; denn sie habe sie wohl flüchtig um Entschuldigung gebeten, sie dabei aber wie zum Spotte gefragt, ob es etwas Ergötzlicheres gebe, als ein widerspenstiges Roß zum Gehorsam zu zwingen. Sie war Cordula indes die Antwort nicht schuldig geblieben und hatte erwidert, die Unfolgsamkeit ihrer Hunde beweise, daß sie es vielleicht bei Pferden, keineswegs aber bei anderen lebenden Wesen verstehe, sich das zu verschaffen, was sie ihr höchstes 180 Vergnügen nenne. Sie spreche ihr darüber ihre fürstliche Teilnahme aus. Den Schultheißen hatte sie darauf hingewiesen, daß ihr der Ueberfall im Reichsforste widerfahren sei, wo, wie sie höre, das freie Umherlaufen von fremden Jagdhunden untersagt sei. Die Gräfin Montfort möchte darum veranlaßt werden, in Zukunft, wenn sie in den Wald reite, ihre Dackel daheim zu lassen. Diese Klage brachte jetzt der Schultheiß an diejenige, gegen die sie sich wandte, und er that es in neckisch heiterem Ton, in den Cordula munter einstimmte. Als der alte Herr sie frug, ob sie das reizbare Königskind schon früher gegen sich aufgebracht habe, erwiderte sie lachend: »Der Ehegenossin des Kaisersohnes versagten die lieben Heiligen wie anderen Dreizehn- oder Vierzehnjährigen bisher den Kindersegen, und sie spielt darum gern mit der Puppe. Zufällig gibt sie derjenigen den Vorzug, nach der sie auch mich die Hände ausstrecken sah.« Der alte Herr verlangte vergebens nach einer Erklärung dieses Scherzwortes; Eva aber wußte, wen die Gräfin mit der Puppe meinte, und es war ihr peinlich, die beiden einander feindlich gesinnten Frauen, jede für sich, Kurzweil mit demjenigen treiben zu sehen, der so wenig einem Spielzeuge glich, und zu dem sie mit dem ganzen Ernst ihrer von tiefer Leidenschaft ergriffenen Seele hinaufsah. Während der Schultheiß und die Gräfin mit einander heiter stritten und scherzten, blieb sie still, und die beiden anderen störten sie nicht. Nach längerer Zeit kehrte Frau Christine zurück. 181 Man sah ihr an, daß sie geweint; doch hatte sie schon in der Sänfte die Augen getrocknet. Was Els bei den Eysvogels gefunden, war freilich weit betrübender gewesen, als sie gefürchtet; ja, der Angriff, den sie von seiten der alten Gräfin erfahren hatte, war so verletzend, der hilflose Jammer Frau Rosalindes und der Zustand Herrn Kaspars so kläglich gewesen, daß sie schon daran gedacht hatte, das beklagenswerte Mädchen wieder mit sich fort zu nehmen und es diesen Menschen zu entziehen, die – sie wußte es – sobald sie sich entfernte, Els das Leben zur Hölle machen würden. Die Frage der Großmutter, ob die Jungfrau Ortliebin den Schweizer Galan hier zu finden hoffe, und viele ähnliche verletzende Bemerkungen waren wie in Galle getaucht gewesen. Welchen widrigen Anblick hatte die würdelose Greisin dazu geboten, wenn sie sich mit gravitätischem Spott, als sei sie ihre gehorsame Dienerin, knixend und wieder knixend vor Els verbeugt hatte. Doch das arme Kind war still geblieben, bis Frau Christine selbst die Stimme erhoben und ihrer Nichte am Krankenlager Herrn Kaspars den Platz angewiesen hatte, den sie besser als jede andere auszufüllen verstand. Da war es still, und Els hatte kaum zu befürchten, viel gestört zu werden; denn der Gräfin war ernstlich untersagt worden, das Gemach des Leidenden zu betreten. Frau Rosalinde schien sich vor dem Anblick des Gelähmten zu fürchten, und die barmherzige Schwester war ein kräftiges, entschlossenes Weib, das Els mit redlicher Freundlichkeit willkommen geheißen und Frau Christine versprochen hatte, ihr nichts anthun zu lassen. 182 Draußen warteten schon die Sänften, und die Matrone hätte die Mitteilung dieser traurigen Erlebnisse gern auf später verschoben; Cordula verlangte indes so liebevoll zu erfahren, wie es die Freundin im Hause des Bräutigams gefunden, daß sie ihr kurz und schnell den Willen that. Das Reden erleichterte ihr das Herz, und einigermaßen beruhigt, ließ sie sich mit Eva nach Schweinau tragen.     Zwölftes Kapitel. Das Pfinzingsche Schlößchen in Schweinau war weder geräumig noch prächtig, nirgends aber hielt Frau Christine sich lieber auf. Die Hitze des Sommers fand keinen Eingang durch die drei Mann starken Mauern des alten Bauwerkes. In der Frühe und am Abend weilte man gern in der Laube, einem nach vorn geöffneten Raume, der sich an der Langseite des Schlosses hinzog und in dem es sich, auch wenn es regnete, Luft schöpfen ließ. Sie schaute in das Würzgärtlein, das der Matrone besonders wert war; denn es kamen darin Rosen, Lilien, Nelken und andere Blumen zur Blüte, und ein Teil der Beete wurde, nachdem der Gärtner, unter dessen Obhut der Gemüsegarten hinter dem Hause stand, sie umgegraben, von ihr selbst bepflanzt und gepflegt. Die Stunde zwischen dem Aufgang der Sonne und der Messe war dieser Arbeit, bei der Eva ihr helfen sollte, gewidmet, und es hätte dabei mancherlei für sie zu lernen gegeben; denn die Muhme zog hier verschiedene heilkräftige Pflanzen. Den Samen oder die Knollen hatte sie zum Teil aus fremden Ländern bezogen. Die Kräfte einer jeden waren ihr wohl bekannt. In Schweinau gab 184 es auch Gelegenheit genug, sie zu verwerten, und die Hospitalpfleger der Stadt, der Medicus Otto und andere Heilkünstler, sowie viele Ritterfrauen aus der Umgebung, die im Kreise ihrer Bauern und Hörigen den Arzt vertraten, wandten sich gleichfalls an Frau Christine, wenn sie für ihre Kranken gewisse Wurzeln, Blätter, Beeren und Samen bedurften. Auch Mönche und Nonnen aus den Klöstern weit und breit sprachen sie niemals vergebens um solche an. So ruhig wie Eva es bis dahin geliebt, verlief das Leben in dem Schweinauer Schlößchen allerdings mit nichten. Als sie die Einladung annahm, hatte sie gewußt, daß, wenn sie jede Thätigkeit der Muhme hätte teilen müssen, kein stilles halbes Stündchen für sie übrig geblieben wäre; aber sie war nicht zum erstenmale hier und hatte erfahren, daß Frau Christine ihr volle Freiheit ließ und sie zu nichts gebrauchte, wozu sie sich nicht freiwillig anbot. Wenn sie sah, wie die Matrone nach der Messe und dem Frühmahl, das der Gatte noch, bevor er zur Stadt ritt, mit ihr teilte, die alten Kreuzfahrerwitwen in dem kleinen Stifte hinter dem Gemüsegarten besuchte und bei den Beghinen Umschau und Ordnung hielt, frug sie sich oft, woher die Frau, die der Siebenzig näher stand als der Sechzig, die Kraft zu alledem und was ihm folgte, nehme. Denn da gab es zunächst in der Küche zu sorgen, daß die Hauptmahlzeit nach dem Vespergeläut dem Hausherrn das immer gleich gern gehörte »unübertrefflich« abgewinne. Nachdem sie dann im Waschhause, auf der Bleiche, bei den Linnenschränken, im Keller, auf dem 185 Boden und sogar in den Ställen und bei den Bienenstöcken nach dem Rechten gesehen und aus der Hand der Zofe als wohlgekleidete Edelfrau hervorgegangen war, empfing sie Besuch auf Besuch. Da kamen Freunde und Freundinnen von den Nürnberger Geschlechtern, Mönche und Nonnen mit verschiedenen Anliegen für ihre Klöster und Armen, geistliche und weltliche Herren und Frauen aus der Stadt und vom Lande, und darunter auch oft genug die vornehmsten Besucher des Reichstags; denn das burggräfliche Paar zählte sie zu ihren Freunden, und der Burggraf Friedrich gedachte ihrer gern, wenn man ihn nach den Nürnberger Frauen fragte, als derjenigen; der an Tüchtigkeit, Klugheit und Herzensgüte keine andere voranstand. Er und seine würdige Gemahlin suchten sie auch bisweilen bei derjenigen Thätigkeit auf, der sie den Löwenpart ihrer Zeit und Kraft widmete: die Beaufsichtigung des Siechenhauses auf der Schweinau. Oft freilich ließ sie Tage vergehen, ohne den Fuß dorthin zu setzen; ging aber nicht alles wie es sollte und war bei schweren Fällen ihr Beistand erwünscht oder notwendig, verweilte sie daselbst wohl auch bis tief in die Nacht oder bis zum nächsten Morgen. Auch die höchsten Besucher wurden dann mit dem Bescheid heimgesandt, Frau Christine könne nicht fort von den Kranken. Nur das burggräfliche Paar durfte ihr in das Siechenhaus folgen, und es hatte sich das Recht, dort ein Wort mitzusprechen, wohl erworben, weil es zu seinen freigebigsten Unterstützern gehörte und drei seiner Söhne das Johanniterkreuz trugen und dort oft wochenlang, wie 186 es die Ordenspflicht befahl, als Krankenpfleger die Hände rührten. Auch Frauen kam das Recht zu, im Siechenhause die Wunden ausheilen zu lassen, die ihnen die Rute oder das Eisen des Henkers geschlagen. Eigentlich sollte jeder Leidende nur drei Tage lang dort verpflegt werden; Frau Christine trug aber Sorge, daß niemand, dem dies hätte verhängnisvoll werden können, auf die Straße gesetzt wurde. – Den Mehraufwand mußte der ehrbare Rat wohl oder übel bestreiten. Der Schultheiß hatte für diese Uebergriffe manche Lanze zu brechen, fand aber immer eine stattliche Mehrheit für die gute Sache des Siechenhauses und seiner Gattin. Häufte sich die Zahl derer, die einer längeren Pflege bedurften, so schonte sie auch keineswegs den eigenen, stattlichen Besitz. Das Siechenhaus und die Hoffnung, sich darin hilfreich erweisen zu dürfen, hatte Eva mit nach Schweinau geführt. Die Erlebnisse der letzten Tage waren wie ein Sturmwind in den Frieden ihrer jungen Seele gebraust. Fest Gefügtes hatte er zu Boden gerissen und glimmende Funken zur Flamme angefacht. Seit der stillen Selbstschau im Gemache des Stadtschreibers wußte sie, was ihr fehlte und was ihr aus sich selbst zu machen oblag. Das Band, das sie mit ihrer Heiligen und dem Heiland tief innerlich vereinte, hielt immer noch stand; wußte sie doch, was derjenige, von dem auch die Sendung der heiligen Klara ausging, was Franz von Assisi den Seinen, denen es wie ihr erging, vorschrieb. In treuer Arbeit für ihre Brüder und Schwestern sollten sie den Frieden der beunruhigten Seele 187 zurückzuerlangen trachten, und welche Arbeit stand ihr, der schwachen Jungfrau, besser an, als die Linderung des Schmerzes unglücklicher Nächster. Je schwerer die Pflichten waren, die ihr im Dienste der Liebe auferlegt wurden, um so besser. In der Hoffnung, das echte, willensstarke Weib aus sich selbst zu machen, als das die sterbende Mutter ihr schwaches Kind mit den Augen des Geistes gesehen, wollte sie ans Werk gehen; etwas Schwereres aber, als die Aufgaben, die es hier zu erfüllen gab, konnte sie sich nicht denken. Das war die echte, heiße Glut des Schmiedefeuers, dem die Verstorbene ihre Läuterung und Umbildung anzuvertrauen gewünscht. Nicht aus dem Weg gehen, entgegeneilen wollte sie ihr. Während der Geliebte das Schwert schwang, war es auch an ihr zu kämpfen. Von Biberli hatte sie gehört, daß Heinz das Schwerste auf sich zu nehmen gewünscht. Das war etwas Großes, und ihre leicht begeisterte, auf das Hohe gerichtete Seele erfüllte sich mit dem gleichen Verlangen. Begierig, wie sie sich bewähren würden, prüfte sie die jungen Schultern und schaute nach der Last aus, die sie ihnen aufzuerlegen gedachte. Als die Muhme sie vor einem Jahre zum erstenmale in das Siechenhaus geführt hatte, war sie wie vernichtet in das Schlößchen zurückgekehrt. Nicht von fern hatte sie geahnt, daß es solchen Jammer auf Erden, solche Schmerzen unter den Nächsten, solche Verworfenheit unter denen gebe, die des gleichen Geschlechtes mit ihr waren. Was bedeutete das, was Els der sanften, still duldenden Mutter geleistet hatte, oder was sie für den alten Herrn Kaspar, der in einem weichen Bett – es war ihr als etwas Seltenes gezeigt worden – von Ebenholz und 188 Elfenbein ruhte, noch thun sollte, gegen die Wartung dieser aus schweren Wunden blutenden, ruchlosen Galgenvögel und verkommenen siechen Weibsbilder. Wenn aber der eigene Sohn Gottes unter den grausamsten Schmerzen für die sündige Menschheit das Leben gelassen, wie durfte sie, das schwache, irregehende, verlästerte Mädchen, an dem nichts ganz gut war als der leidenschaftliche Wille zum Guten, sich scheuen, den Beklagenswertesten unter den Nächsten Hilfe zu leisten? Hier im Siechenhause zu Schweinau lag die schwere Last, die sie sich aufzuerlegen begehrte. Auch um das Band fest zu erhalten, das sie mit dem Heiland vereint hatte, wollte sie es thun. Seines eigenen Wortes, was einer dem geringsten thue unter seinen Brüdern, das habe er ihm gethan, mußte sie hier fortwährend gedenken. Eine Braut Jesu Christi zu werden und schon hier im tiefsten Innern eng mit ihm verbunden der Stunde entgegenzuharren, in der er ihr die göttlichen Arme öffnen würde, war ihr wie das schönste Lebenslos erschienen. Jetzt hatte sie sich in der Welt einem anderen angelobt, und doch wollte sie auch von ihrem Heiland nicht lassen. Zeigen wollte sie ihm, daß, wenn sie sich auch nicht von der irdischen Minne lossagen konnte und wollte, ihr Herz doch auch für ihn, den himmlischen Geliebten, mit aller Zärtlichkeit schlage. Und er, der die Liebe selbst war, konnte er ihr wohl zürnen, wenn er sah, wie sie, ohne doch hoffen zu dürfen, daß der Geliebte den Weg zu ihr zurückfinden würde, unverbrüchlich fest hielt an ihrer Minne, obgleich niemand als er und sein himmlischer Vater Zeugen ihres stummen Verlöbnisses gewesen? 189 Heinz gehörte sie an, und er – sie wußte es – ihr. Wenn auch später, nachdem alle Welt ihre Unschuld erkannt, die Mauern zweier Klöster sie schieden, blieben ihre Seelen dennoch untrennbar verbunden. Gab es hienieden kein Wiedersehen für sie beide, würde im Jenseits der Heiland sie selbst um so gewisser zusammenführen, je gehorsamer sie sein göttliches Gebot zu erfüllen getrachtet. Wie es Heinz verlangte, in der Nachfolge Christi sein Kreuz auf sich zu nehmen, so wollte auch sie sich damit belasten. Am Strohlager der verwundeten Verbrecher war es zu finden. Die Erfüllung jeder schweren Pflicht, der sie sich da willig unterzog, erschien ihr wie eine Stufe, die sie dem Heiland näher brachte und sie zugleich der Vereinigung mit dem Geliebten, wenn auch erst in einer andern Welt, entgegenführte. Die erste Bitte, die sie auf dem Wege zur Messe in der Frühe des ersten Tages ihres Aufenthalts in Schweinau an die Muhme richtete, suchte ihr darum die Erlaubnis abzugewinnen, im Siechenhause die Hände rühren zu dürfen. Sie fand Gewährung; doch erst, nachdem die erfahrene, rasch entschlossene Frau das Auge voll zögernder Besorgnis auf ihrem schönen Antlitz und ihrer herrlichen, jugendlich biegsamen Gestalt hatte ruhen lassen. Der Gedanke, daß es schade sei für so viel holdselige, makellos reine, jungfräuliche Anmut, in den Dienst dieser Verworfenen gestellt zu werden, hatte sie schon bestimmt, ihr ein entschiedenes »Nein!« entgegenzurufen; doch sie sprach es nicht aus; ja, tiefes Schamrot färbte ihr die Wangen, als ihr Blick auf das Bild des Gekreuzigten fiel, das sich neben der Straße, die zum Kirchlein des 190 Dorfes führte, erhob; denn wen hatte er, der Höchste der Hohen, zu sich berufen und wert seiner besonderen Gnade und des Himmelreichs gehalten? Die Einfältigen waren es gewesen, die Kinder, die Ehebrecherin, die Sünder und Zöllner, die Verachteten und Armen. Nein, nein, es würde das liebliche Kind so wenig schänden, sich den Elenden dort drüben hilfreich zu erweisen, wie die seltenste Pflanze, die sie in ihrem Würzgärtlein hegte, wenn sie sie benutzte, um die Leiden eines widerwärtigen Bösewichts zu heilen. Und dann! Mit wie tiefem Abscheu hatte sie sich anfänglich selbst in das Siechenhaus begeben, und wie voll bewußt des eigenen, so unendlich viel höheren Wertes war sie aus der Mitte dieser Verworfenen ins Freie getreten. Aber wie hatte dies Gefühl, das ihr das Haupt gehoben, sich allmälich geändert. Erst bei näherer Bekanntschaft mit den Armen und Verachteten war ihr das Wesen und Walten Christi recht verständlich geworden; denn wie viele Züge schlichter, opferwilliger Hilfsbereitschaft, wie rührende Genügsamkeit und dankbare Freude am Kleinsten, wie kindlich frommen Sinn und wie demütige Ergebenheit auch in unerträglichem Leid hatten diese Unglücklichen ihr gezeigt. Ja, wenn sie dem Lebenslaufe vieler ihrer Pfleglinge gefolgt war und erfahren hatte, wie sie in die Hand des Henkers und auf die Schweinau gelangt, hatte sie sich gefragt, ob die meisten, die zu ihrem Lebenskreise gehörten, unter den gleichen Umständen nicht weit schneller den Weg dorthin gefunden, und ob sie das über sie Verhängte auch nur halb so geduldig, so frei von Bitterkeit und 191 Auflehnung gegen den Ratschluß des Höchsten ertragen hätten. In manchem, der ihr anfänglich wie eine widrige Giftpflanze erschienen war, hatte sie wohlthätige Säfte entdeckt; wo sie sich gescheut hatte, so viel Unreinheit anzurühren, waren ihr aus dem Schlamm Veilchen und Lilien entgegengeblüht. Statt erhobenen Hauptes hatte sie dem Siechenhause oft beschämt den Rücken gekehrt. Von dem stolzen Vorrechte ihres Standes, Geringere zu verachten, machte sie längst keinen Gebrauch mehr; und war sie auch bisweilen versucht gewesen, es dennoch zu üben, hatten dies weit öfter an Geist und Herz niedrig stehende Mitglieder ihres eigenen Standes, als die leidenden Nächsten im Siechenhause veranlaßt. Für sich selbst war sie sehr bescheiden geworden; warum sollte sie bei Eva den zur Ruhe gegangenen Hochmut zu neuem Leben erwecken? Viel innere Not und Seelenpein war über das arme Kind gekommen, das ihr gestern, als sie es in ihrem Schlafkämmerlein zur Ruhe gebracht, das ganze Herz erschlossen hatte. Wie gering es sich fühlte, wie demütig die kleine Heilige jetzt war, die noch jüngst sich nur zu schnell und gern über andere und über sich selbst erhoben. Ihr gerade würde es gut thun, zu den Allerniedrigsten herabzusteigen und an ihrem Elend das eigene, bessere Los zu messen. Sie, die sich beraubt fühlte, im Siechenhause konnte sie überall die Gebende sein, und feinfühlig empfand sie auch nach, was Eva sonst noch zu ihren Pfleglingen hinzog. Frau Christine war eine gottesfürchtige, ihrer Kirche anhängliche Matrone, doch schon in der Jugend weit entfernt von frommer Schwärmerei gewesen. Aber die 192 Aebtissin Kunigunde, ihre um weniges jüngere Schwester, hatte vor ihren Augen den Seelenkampf ausgefochten, der sie endlich als schön erblühte, viel umworbene Jungfrau in das Kloster geführt. Keine als ihre ruhigere, verschwiegene Schwester Christine hatte sie an ihrem inneren Ringen teilnehmen lassen, und diese sah nun, wie sich in der jungen Nichte erneute, was Kunigunde vor so vielen Jahren durchlebt. So schwer es ihr damals gefallen war, die spätere Aebtissin zu verstehen, so leicht ward es ihr jetzt, nachdem sie manchen ähnlichen Kampf bei anderen beobachtet hatte, jeder Regung in der Seele Evas zu folgen. In einer langjährigen, an Liebe reichen Ehe, in der die gegenseitige Hochachtung sich von Jahr zu Jahr gesteigert hatte, war das Schultheißenpaar dahin gelangt, wichtigen Fragen gegenüber der gleichen Meinung zu sein; als aber Herr Berthold von der Stadt heimkehrte und, während Eva sich schon im Siechenhause aufhielt, der Gattin beim Mahle, das sie allein mit ihm teilte, bedenklich erklärte, nach seiner Ueberzeugung hätte sie dem Verlangen der Nichte den äußersten Widerstand entgegensetzen sollen, und er hoffe nur, daß ihre Nachgiebigkeit keine verhängnisvollen Folgen für das leicht erregbare, tief empfindende Kind nach sich ziehen werde, geschah das Ungewöhnliche, daß Frau Christine, ohne wie sonst vermittelnd einzulenken, auf ihrer Ueberzeugung bestand. So geschah es, daß der Schultheiß diesmal um das Schläfchen kam, das er sonst der Mahlzeit folgen ließ, und dennoch, trotz des besten Willens, nachzugeben, der Hausfrau den Gefallen nicht thun konnte, sich überzeugen zu lassen. Trotzdem forderte er die Gattin nicht auf, zurückzunehmen, was sie einmal bewilligt. 193 Mochte Eva denn fortfahren, das Siechenhaus zu besuchen. Die Pflegerin, eine Frau von würdiger Gesinnung und starker Willenskraft, stand ihr, was auch kommen mochte, treu zur Seite. Frau Christine hatte das Mädchen unter ihren besonderen Schutz gestellt, und die Beghine Hildegard, die edelgeborene Witwe eines Ritters, der in Italien für Kaiser Friedrich das Leben gelassen, sie mit besonderer Wärme aufgenommen, weil sie eine Tochter besessen, die ihr der Tod in Evas Jahren entrissen. Trotzdem wollte sich der Schultheiß nicht beruhigen lassen. Erst als von der Laube aus, wo der Nachtisch noch auf der Tafel stand, Cordula hoch zu Roß sichtbar wurde, brach er die Begründung seiner vielen Bedenken ab und ging der Gräfin entgegen. Seinem geraden Verstand und seiner ruhigen Gefühlsweise war das meiste unverständlich geblieben, was Frau Christine ihm von dem Seelenleben ihrer Schwester und Nichte berichtet. Er kannte die schrecklichen Eindrücke, denen sich selbst ein Mann unter dem Gesindel im Siechenhause nicht entziehen konnte, und hatte sich des Vergleiches bedient, was Eva da zugemutet werde, heiße ein schwaches Kind mit Pfeffer stärken. Als Gräfin Cordula sich an der Hand des alten Herrn von ihrem mutigen Schecken aus dem Sattel schwang, dachte er: »Wenn diese da sich statt des seinen Evakindes unseres wunden Schelmenvolkes annähme, das ließ' ich gelten! Mit dem Gottseibeiuns selbst bindet sie an, während mein Patchen mit ihren Engeln im Himmel tändelt.« In der Laube erklärte Cordula, warum sie nicht 194 früher gekommen; doch berichtete sie damit dem alten Paare nichts Neues. Als sie heute morgen Ernst Ortlieb im Luginsland aufgesucht hatte, war er schon aufs Rathaus geführt worden. Es hatte keiner besonderen Verhandlung bedurft, da er sein eigener Ankläger war und viele giltige Zeugen bestätigten, daß er aufs schwerste gereizt, ja, wie sein Fürsprecher es darstellte, im Stande der Notwehr den Schneider verwundet. Ernst Ortlieb sogleich der Haft zu entlassen, ging indes nicht an, weil der Vertreter des Schneiders ein weit höheres Wehrgeld verlangte, als das Rugamt ihm zubilligen wollte. Die Wunde des Meisters war nicht lebensgefährlich, doch untersagte sie ihm noch, das Lager zu verlassen und in eigener Person vor den Richtern zu erscheinen. Die Kerzenhändlerin pflegte ihn in seinem eigenen Hause und reizte ihn zu Forderungen auf, deren unsinnige Höhe die Heiterkeit der Richter erweckte. Als Meister Seubolt auch noch nach einem langwierigen Hinundher an ihnen festhielt, rieten die Schöffen vom Rate und der Pfänder , aus denen das Rugamt sich zusammensetzte, Herrn Ernst, das Urteil vertagen zu lassen und die Behauptung des Schneiders, seine Sache gehöre vor das Blutgericht, bei dem die gesamten Schöffen des Rates unter Vorsitz des Schultheißen das Urteil sprachen, als begründet anzuerkennen. Mit Rücksicht auf die Bürgerschaft und das unwillig erregte Schneidergewerk erschien es geraten, jeden Schein der Parteilichkeit zu vermeiden; doch mußte der Selbstankläger sich dann freilich die Haft 195 weiter gefallen lassen, bis man den Spruch gefällt. Diese Verzögerung war indes von geringem Belang; denn der Schultheiß hatte dem Schwager versprochen, seine Angelegenheit sollte schon morgen verhandelt und zum Abschluß gebracht werden. Das alles, und daß Biberli, der Diener des Ritters Schorlin, nochmals einem peinlichen Verhör unterzogen und auf der Folter härter als billig mitgenommen worden sei, hatte Herr Berthold, voller Bewunderung vor der seltenen Festigkeit des wackeren Gesellen, der Gattin schon gleich nach der Heimkehr berichtet. Was die Gräfin anging, so hatte sie, nachdem der Vater ihrer Freundinnen auf den Luginsland zurückgeführt worden war – wenige Stunden war es her – ihn guter Dinge gefunden. Der Burggraf von Zollern war zwar nicht wie viele Ehrbare und Herren in eigener Person gekommen, er hatte aber seinen Sohn Eitelfritz zu ihm geschickt, um sich nach seinem Ergehen zu erkundigen, und der Gefangene war eben mit dem Bittschreiben beschäftigt gewesen, das er morgen durch Meister Gottfried von Passau, den Protonotar Kaiser Rudolfs, an den Herrscher gelangen lassen wollte. Daß es auch die Anklage enthielt, der Ritter Heinz Schorlin sei nächtlicherweile in sein Haus gedrungen, hatte er Cordula erhobenen Hauptes bestätigt. Ihre Bitte, von dieser Klage abzusehen, hatte er sie nicht einmal zu Ende bringen lassen. »Und nun,« schloß die Gräfin betrübt, »lege ich euch, die ihr dem Mädchen hold seid, ans Herz, zu bedenken, in wie beklagenswerter Weise durch diese Thorheit des eigenen Vaters Evas Name in den Mund des gesamten Hofes 196 kommen wird, und was die Lästermäuler in der ganzen Stadt auf solche Klage hin dem armen Kinde anhängen werden!« Da seufzte Frau Christine schwer auf und erhob sich; ihr Gatte aber, der ihr ansah, was sie im Sinne trug, hielt sie mit der Bemerkung zurück, ein Gang würde für heute vergebens sein; denn da gehe die Sonne schon unter, und mit Eintritt der Dunkelheit werde der Luginsland verschlossen. Diese Bemerkung veranlaßte die Matrone, auf den verlassenen Sitz zurückzukehren; doch hatte sie kaum den Sorgenstuhl wieder berührt, als sie sich von neuem erhob und dem Aufwärter gebot, die große Braune satteln zu lassen. Sie begebe sich diesmal zu Pferde in die Stadt; die Sänftenträger gingen zu langsam. Dann wandte sie sich dem Gatten zu und sagte heiter: »Danke für die Entschuldigung, Mann, die Du mir vor mir selbst gabst; in diesem Fall kann ich sie aber nicht brauchen. Mein thörichter Bruder darf die Anklage, die seine Tochter bloßstellt, auf keinen Fall erheben, und käm' ich zu spät, es wäre ein Unglück. Wofür wär' ich denn die Hausfrau des kaiserlichen Schultheißen, wenn man für mich eine Nürnberger Zugbrücke nicht auch noch nach Sonnenuntergang niederlassen wollte? Ging das Schreiben schon ab, wird es mit Meister Gottlieb zu reden gelten. Es sollte ja erst morgen abgesandt werden; aber nichts schaffen wir uns lieber schnell vom Halse, als die mißlichen Dinge, vor denen uns selbst ein wenig graut. Gib mir ein Zeichen an den Thorwart mit, Pfinzing, und Ihr, Gräfin, beurlaubt mich; seid Ihr es doch selbst, die mich fortschickt.« 197 Während die Gürtelmagd ihr das Kopftuch und den Ueberwurf umlegte und der Schultheiß dem Aufwärter leise den Befehl erteilte, auch sein Roß bereit zu halten, forderte Frau Christine Cordula auf, Eva aus dem Siechenhause abzuholen, wenn sie keinen Ekel vor wunden Leuten der geringsten Art empfinde. Da lachte die Gräfin hell auf und sagte: »In den Hütten unserer Waldläufer, Fröner und Fischer sieht es noch sauberer aus als in den Erdhöhlen der Köhler und Steinbrecher in den Montfortschen Forsten und Bergen. Nach Sandelholz und Rosenöl duftet es weder in den einen, noch in den anderen, und der Axthieb, der einem unserer Holzfäller ins Fleisch dringt, bietet den nämlichen Anblick wie die Wunden, die eure Galgenvögel mit auf die Schweinau bringen. Und – daß Ihr's wißt – ich bin der Arzt in Montfort, und wenn es nicht ans Ende geht, und der Kaplan begleitet mich mit dem Allerheiligsten, mach' ich mich mit dem Knechte, der Zofe oder dem Pagen, die mir den Arzneikasten nachführen, oft genug allein auf den Weg. Seit ich groß bin, versorge ich unsere Kranken, und wie viele Brüche, Wunden, Schäden und Fieber ich schon heilte oder zum Schlimmern führen sah, das läßt sich schon längst nicht mehr zählen. Die Neugeborenen in unseren Dörfern und Weilern hielt ich fast alle über die Taufe. Die Mütter, die ich pflege, wollen's nicht anders. Es gibt darum auch so viele Cordulas auf Montfortschem Boden wie Mädchen, und in mancher Hütte hat's ihrer zwei oder drei. Bei dem Fischer Michel gibt's eine Cordula, eine Cordel und eine Dulla. Worauf es besonders ankommt: an die schlimmsten Wunden bin ich gewöhnt, wie weh das Herz mir 198 auch oft thut bei ihrem Anblick. Das Verbinden versteh' ich wie ein Bader, und, thut es not, auch das Messer zu führen.« »So dacht' ich mir Euch!« rief der Schultheiß erfreut. »Gebt dem zarten Evakinde, wenn der Mut ihm sinkt, ein Beispiel, oder – was noch besser wäre: nehmt Ihr wahr, daß ihr das grause Wesen zu scharf gegen den Strich geht, so redet ihr zu, die Finger von einem Werke zu lassen, das stärkere Hände und ein weniger empfindliches Seelchen erfordert. Aber da sind schon die Rosse. – Ich will auch noch in die Stadt, Christel, und es trifft sich gut, daß ich nicht allein in die Nacht hinaus muß.« »So sagte der Mann, der dem Ertrinkenden nachsprang: ›Es trifft sich gut so, weil ich eben ein Bad nehmen wollte‹,« lachte Frau Christine, ließ sich aber die Begleitung des alten Gefährten willig gefallen und näherte sich erst dem Rosse, nachdem der Schultheiß den Sattelgurt und das Zaumzeug mit peinlicher Sorgfalt geprüft. Bevor sie den Fuß in den Bügel setzte, gebot sie der alten Schaffnerin, die Gräfin Montfort in das Siechenhaus einzuführen und auch sie der besonderen Sorgfalt Schwester Hildegards zu empfehlen. Bei der Heimkehr aus der Stadt verhieß sie, Cordula und Eva abzuholen; doch sollten sie, wenn einer oder der andern die Kraft versagte, nicht auf sie warten. Sie habe ohnehin Sorge getragen, daß im Siechenhause eine Sänfte für ihre Nichte bereit stehe. Für die Gräfin sei eine zweite zur Hand. »Das heiße ich Vorsicht,« lachte der Schultheiß. »Tragt nur Sorge, teure Gräfin, daß unsere kleine Heilige 199 sich nicht zu Schweres zumutet. Ihr frommes Herz treibt das Köpflein auch gegen die Wand, wenn es darauf ankommt, und wie die edlen maurischen Rosse rennt sie sich eher zu Tode, als daß sie stehen bleibt. Solch ein zartes Geschöpf ist einer Laute vergleichbar. Soll es höher und immer höher gehen mit dem Tone, so reißt die Saite, und das wollen wir verhüten. – Bei Euch, junge Heldin –« »Hat es damit keine Gefahr,« versicherte Cordula heiter. »Das Instrument hier ist mit metallenen Saiten bezogen. Sie klingen weder sanft noch schön, doch sind sie haltbar.« »Von guter, fester Art, wie ich es liebe,« versicherte der Schultheiß. Dann half er der Hausfrau das Roß besteigen, gab ihr selbst die Zügel in die Linke, sah nochmals nach dem Sattelgurt, ordnete den Fall ihres Kleides und schwang sich endlich trotz der schweren Körperlast behend genug auf den starken Hengst. Dann trabte er den Fackelträgern nach mit Frau Christine der Stadt entgegen.     Dreizehntes Kapitel. Die Zugbrücke vor dem Luginsland wurde willig vor dem kaiserlichen Schultheißen niedergelassen. Er hätte Frau Christine von diesem Ritt abgehalten und ihn allein unternommen, doch lehrte ihn die Erfahrung, daß Ernst Ortlieb geneigter war, auf sie als auf ihn zu hören. – Aber sie kamen zu spät; denn kurz vor Sonnenuntergang hatte Herr Ernst den Besuch des Reichsforstmeisters Waldstromer benützt, um ihm das Bittschreiben zur Ablieferung an den Protonotar, durch den es dem Kaiser überreicht werden sollte, anzuvertrauen. Auch bereute er diesen Entschluß mit nichten und bestand auf der Meinung, daß es seine Pflicht als Vater und Nürnberger »Ehrbarer« sei, die Unbill, die ein fremder Ritter seinem Kinde und Hause angethan, nicht ungestraft hingehen zu lassen. Frau Christine bot zwar alles, was ihr an Beredsamkeit innewohnte, auf, um ihn für ihre Meinung zu bestimmen, und ihr Hausherr stand ihr wacker zur Seite; doch erreichten sie nichts, als die Einwilligung des Gefangenen, falls das Schreiben noch nicht an den Kaiser gelangt sei, den Protonotar zu veranlassen, mit seiner Abgabe zu warten, bis er ihn darum ersuche. 201 Dies Zugeständnis hatte Herr Ernst gemacht, nachdem der Schultheiß ihm vorgehalten, daß der Ritter Schorlin einer tiefen Erschütterung der Seele anheimgefallen und bald darauf unvorbereitet ausgesandt worden sei, um die Siebenburgs zu züchtigen. Er habe darum keine Zeit gefunden, mit ihm, dem Vater, zu reden. Bestünde er auf dem Vorsatze, ins Kloster zu gehen, verfehlte die Bittschrift ohnehin ihren Zweck. Zeige es sich, daß er nur ein frevles Spiel mit Eva treibe, werde es Zeit sein, den Kaiser aufzurufen, ihn zu bestrafen. Uebrigens wisse er von dem Maier von Silenen, daß es dem Ritter bitterer Ernst sei mit dem Entschlusse, der Welt zu entsagen. Das Schultheißenpaar hatte übrigens den späten Ritt nicht vergebens unternommen; denn als es den Luginsland verlassen, begegnete ihm schon bei St. Sebald der Protonotar. Er hatte den Brief empfangen, doch ihn seinem hohen Herrn noch nicht übergeben, und versprach, ihn einstweilen zurückzubehalten. Froh dieses Erfolges, begleitete der Schultheiß Frau Christine, die Els aufsuchen wollte, in den Eysvogelhof. Aus dem geräumigen Soler scholl ihnen ein vielstimmiges Gespräch und Gelächter entgegen. Drei Bettelmönche mit übervollen Beuteln drängten sich an ihnen vorüber und zwei andere standen noch neben den Knechten und Mägden, die dort beim Schein der Laternen zusammengekommen waren. Den Barfüßlern hatten sie die Säcke, dem eigenen Seelenheil zu Gefallen, mit den Vorräten des Hauses gefüllt; sie selbst sprachen schwatzend und schon halb berauscht den Weinkrügen zu, die der Kellermeister willig füllte, um dafür süßen Lohn von den 202 jungen Mägden zu ernten, die sich eifrig genug um die Gunst des wohlbeleibten Junggesellen bemühten, dem das Haar erst leicht ergraute. Als sie des Schultheißen ansichtig wurden, fuhren sie auf. Der oberste Aufwärter suchte einen großen Krug, der, wie die Form verriet, aus Sizilien stammte und edlen Syrakusaner enthielt, wenn auch vergeblich, seinen Blicken zu entziehen. Den großen Schinken und den Braten, denen sie schon zuzusprechen begonnen, nahmen zwei Mägde flugs unter die Schürze. Mit einem wehmütigen Lächeln schaute Herr Berthold auf das Treiben der herrenlosen Dienstboten, dann lüftete er die Kappe, verneigte sich mit tiefster Ehrerbietung vor den gestörten Zechern und sagte höflich: »Daß es den Herrschaften wohl bekomme.« Da schauten die Ueberraschten einander verlegen an. Nur der Kellermeister faßte sich bald, trat mit der Küferkappe in der Hand auf den Schultheißen zu und sagte unterwürfig, er und seine Genossen befänden sich in einer schlimmen Lage. Es fehle der Herr im Hause. Keiner wisse, von wem er Befehle in Empfang zu nehmen habe. Vom ehrbaren Rate wäre den meisten der Dienst gekündigt, doch wisse niemand, wann er das Haus zu verlassen und an wen er sich wegen des Lohnes zu wenden habe. Da that ihm der Schultheiß zu wissen, Herr Wolff Eysvogel habe hier zu gebieten, und so lange er abwesend sei, seine Verlobte, die Jungfrau Els Ortliebin. Morgen werde ein Herr vom Rate die Ansprüche eines jeden prüfen, den Lohn auszahlen und im Einvernehmen mit Frau Rosalinde Eysvogelin und der Jungfrau Els das übrige bestimmen. 203 Der Kellermeister hatte indes dem edlen Syrakusaner schon wacker zugesprochen. Die feisten Wangen glühten ihm, und bei der letzten Bestimmung des Schultheißen lachte er leise auf: »Gilt es, auf das Zusammengehen derer da oben zu warten, dann ist unseres Bleibens hier, bis die Pegnitz thalaufwärts fließt. – Hört nur, edler Herr, wie es mit ihrer Eintracht beschaffen.« In der That klang der schrille, gereizte Ton einer hohen Frauenstimme, in die sich eine tiefere mischte, die Herrn Berthold wohl vertraut war, in den Soler herunter. Mit dem Einvernehmen der Frauen des Hauses dort oben sah es allerdings übel genug aus; die Frechheit der gewissenlosen Dienstboten konnte Herr Berthold indes nicht ungerügt lassen, und er entgegnete darum gelassen: »Recht hast Du, Mann. Einer kommt bei diesem ruchlosen Treiben schneller zum Ziele als viele, und der eine, der hier befiehlt, will ich darum sein, kraft meines Amtes. Du verläßt morgen dies Haus und den Dienst.« Als aber der Kellermeister auffuhr und mit der tiefen Trinkerstimme hervorstieß, nur Spitzbuben setze man in Nürnberg gleich nach der Kündigung auf die Straße, schnitt ihm der Schultheiß mit ernster Würde das Wort ab, indem er bemerkte, er möge sich hüten, daß er die Frage, was dem Kellermeister gebühre, der das ihm anvertraute edle Gut, wie es hier geschehen sei, vergeude, nicht vor die Schöffen bringe. Damit wies er auf die Stelle, wo der Syrakusaner Krug, den er wohl bemerkt hatte, nur halb versteckt war, und diese Drohung brachte den Kellermeister, dessen Gewissen ihm sehr viel mehr vorwarf, als der Schultheiß wissen konnte, schnell zum Schweigen. 204 Droben war es indes noch immer nicht stille geworden. Frau Christine hatte Els aus einer Vorratskammer befreit, in die die alte Gräfin, nachdem sie ihre Tochter verführt, an diesem böswilligen und dazu kindischen Streiche teilzunehmen, sie gelockt und dann eingeschlossen hatte. Jetzt war es zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen den Frauen gekommen, die erst durch die Dazwischenkunft des Schultheißen zum Abschluß gelangte. Vielleicht hätte er dies weniger schnell zu stande gebracht, wäre der Medicus Otto nicht eben als willkommener Beistand erschienen. Frau Rosalinde bat reuevoll um Vergebung, ihrer Mutter wurde das untere Stockwerk von neuem verboten, ja ihr, falls sie sich dennoch in der Nähe des Krankenzimmers zeige, mit sofortiger Entfernung aus dem Hause gedroht. Diese Strenge war nötig, um es Els möglich zu machen, ihren schweren Posten zu behaupten. Hinter ihr lag ein Tag voll widriger Quälereien und schmählicher Demütigungen. Die alte Gräfin hatte Verwandte ihres Hauses, zwei alte unverheiratete Stiftsdamen, aufgerufen, ihr bei ihren Angriffen gegen den Eindringling Beistand zu leisten, und vielleicht waren sie es gewesen, die zu der Einschließung der Pflegerin Herrn Kaspars geraten, der sie das Recht absprachen, sich immer noch die Braut des jungen Hausherrn zu nennen. Frau Christine war zu rechter Zeit erschienen; denn Els hatte schon der Mut zu sinken begonnen. Nichts und gar nichts war ihr aber auch begegnet, woran sie ihn hätte aufrichten können. Da Biberli die Freiheit verloren, hörte sie von Wolff 205 nur wenig, und sein leidender Vater, um dessentwillen sie hier weilte, schien sie ungern zu sehen. Anfänglich hatte er weder zu reden noch sich umzuschauen versucht; während sie ihm aber heute morgen eine Erfrischung an die trockenen Lippen führte, hatte er ihr mit dem einen Auge, dessen Lid noch beweglich war, einen Blick zugeworfen, dessen feindselige Härte ihr immer noch nachging. Selbst der Priester, der ihn mehrmals aufgesucht hatte, war ihr keineswegs freundlich begegnet. Er gehörte den Dominikanern an und war der Beichtvater der alten Gräfin und Frau Rosalindes. Diese mußten sie schwer bei ihm verleumdet haben, und da ihm die Orden des heiligen Franz, zu denen auch der der Klarissinnen gehörte, ein Dorn im Auge waren, trug er ihr nach, daß sie sich als Nichte der Aebtissin Kunigunde zu ihr und ihrem Kloster hielt und das Eysvogelsche Haus für die Franziskaner zu gewinnen drohte. Bevor das Schultheißenpaar die Nichte verließ, befahl Herr Berthold den Knechten und Mägden, sich in gesonderten Reihen aufzustellen, bezeichnete ihnen dann in Gegenwart des Arztes Els als die Gebieterin, der sie zu gehorchen hätten, und ersuchte sie, diejenigen anzugeben, die sie im Dienste zu behalten wünschte. Die anderen sollten morgen auf dem Rathause für die plötzliche Entlassung entschädigt werden. Schwerer hatte Els noch nie von ihren Verwandten Abschied genommen. Nur daß der Medicus Otto noch einige Zeit bei ihr blieb und sich bald darauf auch Konrad Teufel zu ihm gesellte, erleichterte ihr einigermaßen das Festhalten an ihrer schweren Pflicht. Auf dem Wege nach Schweinau hatten die alten 206 Ehegenossen so viel mit einander zu reden, als wären sie nach langer Trennung wieder zusammengetroffen. Sie waren auf die Frage zurückgekommen, wie die Wartung der wunden Missethäter auf Eva wirken möchte, und beide hofften, Cordulas Nähe und Zuspruch würde ihr die Widerstandskraft stärken. Aber was war das? Als sie sich dem Schlößlein näherten, gewahrten sie schon von der Straße aus in der von Windlichtern erhellten Laube die Gräfin. Sie saß auf dem Sorgenstuhl Frau Christines; von Eva aber war nichts zu sehen. Hatte ihr die Kraft versagt und wurde ihre Heimkehr hier von Cordula erwartet, nachdem sie die schwächere Freundin zur Ruhe gebracht? Und wie kam Boemund Altrosen, der ihr gegenüber an einem der Pfeiler lehnte, die das Deckengewölbe der Laube trugen, hieher? Die Pfinzings kannten ihn von Kind an; denn sein Vater war in der Jugend ein lieber Freund und Waffenbruder des Schultheißen gewesen, und während Boemund als heranwachsender Knabe des Unterrichtes der Benediktiner im Sankt Egidienkloster genoß, war er dem in der Schlacht gefallenen Sohne des Pfinzingschen Paares ein lieber Genosse gewesen und hatte bei seinen Eltern freundliche Aufnahme gefunden. Wie zärtlich besorgt der Ritter Cordula in das bleiche Antlitz schaute! Der blühenden, widerstandskräftigen Jägerin und kühnen Reiterin mußte etwas zugestoßen sein, und Herr Berthold wie seine Gemahlin fürchteten, daß es Eva betreffe. Das junge Paar in der Laube nahm jetzt die Nahenden wahr, und Cordula erhob sich und winkte ihnen mit 207 dem Tuche entgegen. Doch wie langsam sie aufstand, wie matt das lebhafte Mädchen die Hand bewegte! So schnell es anging, half der Schultheiß der Gattin aus dem Sattel, und besorgt eilten dann beide der Laube entgegen. Frau Christine hielt sich dabei nicht auf dem gebogenen Wege, sondern schritt, obgleich sie sonst streng darauf hielt, daß niemand den Rasen zertrete, über ihn hin, um schneller ans Ziel zu gelangen. Bevor sie indes die Frage stellen konnte, zu der es sie drängte, rief Cordula ihr wehmütig entgegen: »Seid mir gegrüßt und geht nicht zu hart mit mir ins Gericht. Wer sich erhöhet, der wird erniedrigt werden, sagt die Schrift, und ferner heißt es, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten sein würden; ich aber bin auf den Boden zu sitzen gekommen, während Eva den Thron behauptet. In die hinterste Reihe der letzten gehör' ich, und sie geht der ersten voran.« »Gebt uns lieber gleich die Lösung des Rätsels,« bat Frau Christine. Da trat der Ritter Altrosen vor, reichte dem alten Freunde die Hand und ergriff für Cordula das Wort: »Ihr war es zu viel des Greuels und der Schrecken, während die Jungfrau Ortliebin stand hielt.« »Eva blieb im Siechenhause zurück,« fügte die Gräfin kleinlaut hinzu, »weil eine sterbende Frau sie nicht fortlassen wollte; ich aber – der Ritter hat recht – konnte es nicht länger ertragen.« Da warf Frau Christine dem Gatten einen siegesfrohen Blick zu; als sie aber die bleichen Wangen Cordulas wahrnahm, rief sie: »Armes Kind! Und da war niemand hier, um es . . . Einen Augenblick, Gräfin!« 208 Damit warf sie die Reitgerte und die Handschuhe von sich und wollte an den Kredenztisch und den Arzneikasten eilen, um einen kräftigenden Trunk zu mischen; Cordula aber hielt sie zurück und sagte: »Die Schaffnerin sorgte schon für die nötige Erfrischung. Ich bitte nur, die Rosse vorführen zu lassen, weil der Vater sich sonst ängstigt. Eure Heimkehr, edle Frau, mußte ich schon abwarten, weil ich . . . Nun ja . . . Rühmlich war meine Flucht aus dem Siechenhause gewiß nicht, und sie einzugestehen ist kein besonderes Vergnügen . . . Aber für noch elender, als ich mich wirklich zeigte, braucht Ihr mich doch nicht zu halten, und so blieb ich denn, um Euch selbst zu berichten . . .« »Daß es ein ander Ding ist,« fiel ihr Ritter Boemund ins Wort, »frommer Holzknechte, Wildhüter, Fischer und Köhler zu warten, die, wenn sie wund und krank sind, zu der gnädigen Herrin wie zu einer rettenden Botin des Himmels aufschauen, als sich unter das wüste Gesindel da drüben zu mischen. Die blutigen Striemen, die die Rute des Henkers dem Verbrecher in den Rücken gräbt, stimmen ihn nicht milder, die Verstümmelung, auf die er flucht, und die Schmach, mit der man ein lasterhaftes Weib . . .« »Höret auf,« unterbrach ihn hier Cordula, und das Blut wich ihr von neuem aus den Lippen und von den Wangen. »Laßt diese Bilder ruhen, deren Anblick mir die Seele vergiftet. Es war zu gräßlich, zu furchtbar. Und wie das Weib mit dem roten Bande am Hals – die Spur des Strickes, womit es den Stein getragen – sich auf das andere stürzte, dem man ein Auge geblendet, – und wie sie am Boden mit einander rangen, sich kratzten, bissen, das Haar ausrauften –« 209 Hier brach das weichherzige Mädchen in ein lautes Schluchzen aus und schlug die Hände vor das zuckende Antlitz. Da zog Frau Christine sie mitleidig ans Herz, drückte das Haupt der Mutterlosen an ihre Brust und ließ sie sich dort ausweinen, während der Schultheiß Ritter Boemund frug: »Und Eva Ortliebin wohnte auch diesem wüsten Schauspiele bei, und das zarte junge Pflänzlein ertrug es?« Bejahend nickte Altrosen mit dem Kopfe und fügte dann, als trete ihm ein Erinnerungsbild frisch vor die Seele, lebhaft hinzu: »Bei all dem Greuel schaute sie wohl manchmal ängstlich drein, sonst aber – wie soll ich nur sagen – sonst aber still und zufrieden.« »Zufrieden,« wiederholte der Schultheiß nachdenklich. Dann richtete er plötzlich den kurzen breiten Körper straff in die Höhe, schlug die kleine, fleischige Hand in eine Brustfalte am Wamse des Ritters und rief: »Wollt Ihr hören, Boemund, was das schwerste Rätsel ist, das der Herrgott uns Männern zu raten aufgibt? Es ist – daß Ihr's wißt – die Seele des Weibes.« »Ja,« versetzte Altrosen kurz, und dies bestimmte Wort klang wie ein Seufzer. Sein dunkles Auge blieb dabei auf Cordula ruhen, die das Haupt immer noch an die Brust Frau Christines schmiegte. Dann schob er die Binde zurecht, die ihm seit dem Brande die Stirn und das schwarze Haupthaar umwand, und fuhr in erläuterndem Tone fort: »Graf Montfort schickte mich, als es dämmerte, her, um die Tochter heim zu geleiten. Von Eurem Schlößlein aus ward ich in 210 das Siechenhaus gesandt, und da fand ich sie unter den gräßlichen Weibern. Sie hatte redlich gegen Abscheu und Ekel gekämpft; doch als ich dazu kam, begann ihr die Widerstandskraft schon zu erlahmen. Zum Glück war die Sänfte zur Hand; denn sie fühlte, daß die Füße sie kaum heimtragen würden. Auch für die Jungfrau Ortliebin ließ ich den Tragstuhl rüsten, doch ich gedachte ja schon der Sterbenden, die sie zurückhielt. Als handelte es sich um eine leichte Pflicht, bat sie die Gräfin, ihr Urlaub zu erteilen, und hielt an dem elenden Strohlager stand. Eben hatte das tief erschütterte Mädchen sich wieder den Armen der Matrone entzogen und bat den Ritter, ihren Roland satteln zu lassen. Aber Frau Christine hielt Altrosen zurück und bat Cordula, sich für die nächtliche Heimkehr ihr zu liebe statt des Rosses ihrer Sänfte zu bedienen. »Wenn Euch ein Gefallen damit geschieht,« lächelte die Gräfin dankbar. »Ich käme aber auch auf dem Schecken nach Hause.« »Wer zweifelt daran?« frug die Matrone. »Gib ihr den Arm, Mann. Die Träger sind zur Hand, und Ihr, Boemund, holt sie schnell ein auf Eurem Rappen.« »Mir wird der Spaziergang durch die laue Juniusnacht wohlthun,« versicherte dieser. Bald darauf bewegte sich die Sänfte, die Cordula trug, und der mehrere Fackelträger zu Fuß und zu Roß den Weg erleuchteten, der Stadt entgegen. Bei Sankt Linhard wagte Boemund Altrosen, der neben ihr herging, die Frage: »So darf ich hoffen, Gräfin? Ich darf es wirklich?« Da nickte sie ihm herzlich zu und entgegnete leise: 211 »Ihr dürft; doch erst gilt es prüfen, ob die Minneblume, die Euch aus meiner Schwäche entgegenblüht, auch die echte. Ich glaube, sie ist es.« Da zog er ihre Hand glückselig an die Lippen; doch der Ruf eines der Fackelträger: »Graf Montfort mit seinen Leuten!« trieb ihn von der Sänfte zurück. Bald darauf begrüßte Cordula den Vater, der seinem Kleinod besorgt entgegengeritten war.     Vierzehntes Kapitel. »Ich kann nicht mehr, aber es muß sein,« stöhnte Frau Christine, während sie den Fackeln nachschaute, die der Sänfte Cordulas vorangetragen wurden; ihr Gatte versuchte sie indes zurückzuhalten und bot ihr an, statt ihrer nach dem jungen Gaste zu sehen. Umsonst. Das mutterlose Kind, das der gefangene Vater wohl geborgen bei der verständigen Schwester wähnte, befand sich auf einem gefahrbringenden Posten, und nur ein weibliches Auge konnte beurteilen, ob es anging, das Verlangen Evas, das die Schaffnerin eben der Herrin eröffnet hatte, nachzugeben und sie – Mitternacht war vorüber – noch länger im Siechenhause zu lassen. Ohne weiteres hätte sie die Nichte zur Heimkehr auffordern lassen, wäre sie nicht mit mütterlicher Sorge bestrebt gewesen, ihr nichts zu entziehen, was ihrer beunruhigten Seele helfen konnte, das Gleichgewicht wiederzufinden. Wenn irgendwo, war es ihr bei der Hingabe an ein schweres Werk der Barmherzigkeit möglich, mit sich ins Reine zu kommen und Antwort auf die Frage zu finden, 213 ob sie, wenn die Verleumder zum Schweigen gebracht waren, den Schleier nehmen oder an der hoffnungslosen Minne festhalten sollte, die sich ihres jungen Herzens bemächtigt. Gelang es ihr hier stand zu halten, und blieb sie, trotz des frohen Bewußtseins im Zeichen des Heilands gesiegt zu haben, ihrer weltlichen Minne treu, dann war diese echt und stark, und Eva gehörte nicht ins Kloster, – dann irrte sich ihre Schwester. die Aebtissin, in dem Mädchen, dessen Seele sie doch von früh an geleitet. Frau Christine, die sonst schnell und entschieden urteilte, hatte es gestern abend nicht gewagt, Eva einen bestimmten Rat zu erteilen. Mit verständnisvoller Rührung hatte die Matrone sie bekennen hören, es sei während des Nachtwandelns etwas Neues, ihr bis dahin Fremdes in ihr erwacht, das sich nicht mehr zur Ruhe bringen lasse. Als sie ihr dann auch bekannt, welches Bild sie sich von der echten Minne gestaltet, hatte sie es nicht über sich gewonnen, sie zu enttäuschen. Etwas Aehnliches hatte die Aebtissin ihr, der älteren Schwester, gestanden, als auch ihr junges Herz – wie lang war es her – die Liebe ergriffen. Für keinen geringeren als den Burggrafen von Zollern hatte es in heißer Minne geschlagen. Frau Christine war Zeugin gewesen, wie seine Vermählung mit der Habsburgerin den Wunsch der Schwester, der Welt zu entsagen, wach gerufen hatte. Kunigunde war damals eine Jungfrau von seltener, majestätischer Schönheit gewesen, und nur die hohe Geburt des edlen Herrn hatte ihm verwehrt, sie, die »Eva« gerufen worden 214 war, bevor sie den Schleier nahm, zu der Seinen zu machen. In der Liebe der Gräfin Elisabeth, der Schwester des späteren Kaisers Rudolf, hatte er als Gatte und Vater reiches Glück gefunden; doch er war der Aebtissin ein warmer Gönner geblieben, und wenn Eva auf dem Tanze so auffallende Auszeichnung durch ihn erfahren, hatte sie das nicht allein sich selbst, sondern auch dem Umstand zu danken, daß sie, wie diejenige, der er in der Jugend hold gewesen war, den Namen »Eva Ortliebin« trug, und daß der Blick ihrer Augen ihn so lebhaft in die seligste Zeit seines Lebens zurückversetzte. Die Aebtissin hatte im Kloster nach schwerer Entsagung eine vielleicht noch höhere Zufriedenheit gefunden. Daß sie der frommen jüngeren Nichte, deren Schicksal dem ihren immer ähnlicher werden zu wollen schien, das gleiche Los wünschte, konnte ihr auch die Schwester nicht verargen; gestern aber hatte sie mit ihr gestritten; denn Kunigunde war fest auf der Meinung bestanden, man müsse das Mädchen, wenn es nicht freiwillig an die Klosterthüre klopfe, dazu zwingen, und zwar nicht nur um seiner selbst, sondern auch um des Ritters Schorlin willen; denn für jeden wahren Christen dürfte es wenig Empörenderes geben als der Gedanke, ein edler Ritter, für dessen Erweckung der Himmel ein Wunder gethan, könnte seiner hohen Berufung, einem Mädchen, einem halben Kinde zu Gefallen, das Ohr verschließen. Zwischen beide die Mauern des Klosters zu legen, sei darum ein Gott wohlgefälliges, ja schon um des Beispiels willen notwendiges Werk. Diese Behauptung hatte so streng und gebieterisch 215 geklungen, daß Frau Christine, die die mild gesinnte Schwester kannte, von vorn herein überzeugt gewesen war, sie folge der Weisung eines Höherstehenden. Bald darauf hatte sie denn auch erfahren, daß sie sich der Forderung des eifrigen Priors der Dominikaner, der für den obersten Richter in Glaubenssachen galt, angeschlossen habe. Bei einer zufälligen Begegnung hatte sie ihn, der sich weder ihr noch ihrem Orden je freundlich erwiesen, unvorsichtigerweise wegen dieses Falles, der ihr keine Ruhe ließ, um Rat gefragt. Frau Christine war ihr lebhaft entgegen getreten. Mit Heinz Schorlin stand es anders wie weiland mit dem Burggrafen Friedrich, dem es nie und nimmer gestattet werden konnte, die Tochter eines Nürnberger Geschlechts zu der Seinen zu machen. Entsagte der Schweizer dagegen dem Gedanken an das Kloster, so hinderte ihn nichts, um Eva zu werben. Hier hieß es mit nichten, wie der Prior der Dominikaner behauptete: »Sie müssen beide der Welt entsagen,« sondern: »Sie mögen sich prüfen, und hält die Welt sie fest, dann wird es, erhebt der Kaiser, der Heinz ein väterlicher Gönner ist, keinen Einspruch, die Pflicht der Freunde sein, ein Paar aus ihnen zu machen.« Für Eva nahte jetzt die Stunde der letzten Entscheidung, und begierig, wie sie die Nichte finden würde, ließ Frau Christine sich ins Siechenhaus tragen. Der Gatte begleitete sie mit einigen Knechten; denn zu dieser späten Stunde war es in der Umgebung der Stätte, an der so viele Missethäter auf kurze Zeit verpflegt wurden, keineswegs sicher. Genossen, Freunde, Verwandte des bestraften Gesindels führten Teilnahme, 216 Neugier oder geschäftliche Angelegenheiten oft in ihre Nähe. Wer den Tag auf einem Boden, an dem es nie an Bütteln und Stadtknechten fehlte, zu scheuen hatte, der schlich sich in der Nacht an das Siechenhaus heran. Da eben ein starker Regen zu fallen anfing, war diesmal der kurze Weg, den das Schultheißenpaar zurückzulegen hatte, frei. Auch schien für die Bewachung der Heilungsstätte gut gesorgt zu sein; denn schon vor dem Bretterzaune, der sie umgab, schritten einige bewaffnete Reisige der Stadt auf und nieder, und die Annäherung der späten Besucher wurde von den tiefen Stimmen großer Rüden den Wächtern gemeldet. Der Schultheiß war hier wohl bekannt, und der aus dem Schlaf geweckte Thorhüter beeilte sich, ihm und seiner Gemahlin mit der Laterne voranzuleuchten. Trotz der Bretter, mit denen man den Hof belegt hatte, war es eine wenig angenehme Aufgabe, ihn zu kreuzen; denn er ruhte im tiefsten Dunkel, und wo der Fuß der Wanderer vorbeitrat, versank er in dem Schlamme, auf dem die Bohlen mehr schwammen als lagen. Das Hundegebell hatte anfänglich jedes andere Geräusch übertönt; als sie sich aber dem mit einem Strohdache bedeckten Hause näherten, in dem die wunden Männer verpflegt wurden, schallten ihnen rauhe Stimmen, die dann und wann das ungeduldige Wettern im Schlaf gestörter Kranker oder der Befehl der Wächter, Ruhe zu halten, unterbrach, laut und ungestüm entgegen. Ein schmaler Gang, den eine Laterne matt erhellte, führte in das Weibergelaß, wo Eva sich aufhielt. Der Schultheiß trat zu den Männern ein, um dort Umschau 217 zu halten, während seine Gattin sich, ohne der Führung zu bedürfen, zu den Frauen begab. Außer einer Schwester und zwei Knechten, die unter Vortritt eines verschlafenen Dominikanermönchs einen vorhin Verstorbenen in den Totenschuppen trugen, begegnete ihr niemand. An der Thür des Weibergelasses saß Schwester Hildegard in leichtem Halbschlaf und fuhr auf, als Frau Christine die Schwelle überschritt. Die Ritterwitwe, eine längst ergraute, kräftige Matrone, wies mit dem Rosenkranze in der Hand auf die Hinterwand des sehr langen, spärlich beleuchteten Raumes und sagte leise: »Die Kranke scheint jetzt zu schlafen. Den alten Dominikaner, mit dem Eva sich unterredet, sandte uns der Prior vorhin. Es heißt, es sei der gelehrtesten und beredtesten einer. Seh' ich recht, so kam er mit der Aufgabe hieher, Eurer Nichte ins Gewissen zu reden. Wenigstens hat ihr seine erste Frage gegolten, und Ihr seht ja, wie eifrig er in sie hineinspricht. Als es mit der wunden Frau dort zu Ende zu gehen schien, verlangte sie nach dem Sakrament, und so wurde sie von dem Dominikaner »versehen«. Wegen der Kinder gab es einen kläglichen Abschied; doch auch der Bader meint, daß wir sie vielleicht dennoch erhalten. Mit Pater Benedictus, dem alten Minoriten, den man auf der Straße dem Tode nahe fand und zu uns brachte, scheint es dagegen zu Ende zu gehen. Ihn wollen wir auch gern im Beghinenhause behalten, bis der Engel ihn abruft. – Für die arme Frau dort ist morgen mittag leider der dritte Tag vorüber. Länger dürfen wir hier ihrer nicht warten, und setzen wir sie auf die Straße . . .« 218 »Was ist's mit dem Weibe?« unterbrach hier Frau Christine die Ritterwitwe; diese aber schaute der andern mit warmer, mitleidsvoller Herzlichkeit und so innig bittend ins Antlitz, daß die Schultheißengattin, bevor jene noch mit der Antwort begann, ihr zurief: »Also wieder das alte klägliche Lied! Doch laßt sie nur bleiben. Ja, wenn sie uns statt jeden Pfundes Heller zehnmal so viele in Gold geben wollten! Doch für die da erübrigen wir noch, was not thut. Eurem Blicke seh' ich's an: es ist für sie nicht verschwendet.« »Gewiß nicht,« versetzte Schwester Hildegard dankbar. »O, wie sie hieherkam! Jetzt freilich hat sie mehr als sie braucht. Euere liebe Nichte – ein Engel der Barmherzigkeit ist sie – sandte ihr Kätterle aus, und die schaffte es herbei. Aber wo ist nur die Magd?« Dabei schaute sie sich in dem weiten Raume um, doch konnte sie Kätterle nicht finden. Freilich herrschte nur ein trübes Dämmerlicht in dem weiten Raume, und Schwester Hildegard fuhr fort, indem sie darauf Bezug nahm: »Vielen stört das Licht den Schlaf, und für die Pfennige, die Oel und Späne kosten, haben wir bessere Verwendung. Wenn es Feste glänzend auszurichten oder Werke der Barmherzigkeit zu üben gilt, die alle Welt sieht, ja dann lassen die Herren Ehrbaren das Gold reichlich genug fließen; aber wer schaut auf die Stätte des Abscheus? Im Dunkeln ist es bei uns am schönsten, und was wir an Licht sparen, wird darum niemand vermissen.« Allerdings lief keiner der Anwesenden Gefahr, von den kläglichen Bildern, die sich hier bei Tage boten, zu dieser Stunde behelligt zu werden; denn von der Thür aus 219 ließ sich, was an der gegenüberliegenden Wand vorging, nicht mehr erkennen. So hatte auch Eva, als die Thür gegangen war, nicht zu unterscheiden vermocht, wem sie Einlaß geboten. Frau Christine war es übrigens recht so; denn bevor sie zu Eva herantrat, mußte sie sich über das Weib unterrichten, von dem die Nichte hier zurückgehalten wurde. Wie die anderen lag es auf dem Brettergestell, das den langen Saal an allen vier Seiten umgab und nur von der Thür, die sie eben durchschritten hatte, unterbrochen wurde. In schräger Richtung stieg es nach der Wand hin an, damit der Kopf des Leidenden höher zu liegen komme als die Füße. Statt mit Polstern war es mit einer dichten Strohschicht, dem Lager der hier Verpflegten, bedeckt. Selten nur schien sie gewechselt zu werden; denn besonders in der Nähe der Thür, bei der die Frauen noch immer standen, ging ein übler, feuchter Geruch von dem Stroh aus. Doch der gehörte hieher, wie die Federn zum Vogel, und die Leute, die hier Aufnahme fanden, waren es nicht besser gewohnt. Als die Oberaufsicht über das Siechenhaus der Schultheißengattin vor fünfzehn Jahren anvertraut worden war, hatte sie es noch weit schlimmer gefunden, und für die wunden Menschen, die hier geheilt werden sollten, Betten anzuschaffen, lag ihr wie aller Welt vielleicht noch ferner als etwa die Polsterung des Kuhstalls. Es war einmal so auf der Schweinau. Stroh von jeder Art durfte man hier nicht nur auf dem hölzernen Ruhegestell, sondern auch auf dem Estrich, im Hofe und überall so sicher zu finden erwarten wie 220 Blätter auf dem Boden eines herbstlichen Laubwaldes. Das Haus zu verlassen, ohne Halme im Haar und an den Kleidern mit sich zu nehmen, war so unmöglich, wie es für jeden besser Gewöhnten, der nicht vor Mißbehagen zu vergehen wünschte, ratsam erschien, das Riechfläschchen mit sich zu nehmen. Früher war Frau Christine einmal willens gewesen, für bessere Luft zu sorgen, doch auch ihr gutherziger Gemahl hatte über den thörichten Einfall gelacht, weil dergleichen nur ihr selbst und etlichen Pflegern zu gute kommen würde. In den Spelunken, wo die Gäste des Siechenhauses sonst Unterkunft fänden, da lernten sie andere Luft ertragen, da schnüre auch ihm sich der Hals zu. Nach ansteckenden Krankheiten sei immer noch ein übriges geschehen. Am Sonntagmorgen würde sogar mit Wachholderbeeren auf heißem Blech und mit Essigdampf geräuchert. Dies Schutzmittel hatte Frau Christine selbst auf Rat des Medicus Otto eingeführt, als alle, die mit offenen Wunden hiehergebracht worden waren, und darunter auch junge, kräftige Leute, wie die Fliegen fortgestorben waren. Damals hatte der angesehene Arzt sogar durchgesetzt, daß auf Kosten des ehrbaren Rates die Wände neu getüncht und frischer Lehm auf den Estrich gestampft worden war. Er hatte auch angeordnet, das alte Stroh an jedem Sonntagmorgen durch frisches zu ersetzen, – und damit war es jetzt sogar noch besser geworden; denn in der Regel sollte jeder Kranke eine neue Schütte erhalten. Immer ließ sich das freilich nicht durchführen, und mancher mußte sich mit dem Lager seines Vorgängers begnügen. 221 Im Frauensaale wurde indes mit größerer Strenge auf den Wechsel des Strohes gehalten. Die Pflegerin selbst trug dafür Sorge, und Schwester Hildegard leistete ihr thatkräftigen Beistand. In schwierigen Fällen mußte ihr der Einfluß des Medicus Otto helfen, doch er war alt geworden und kam nicht mehr in eigener Person nach Schweinau. Zwei Bader sorgten jetzt für den Verband und die Heilung der Wunden, und wußten sie sich keinen Rat, mußte der jüngere Stadtmedicus helfen. Jetzt wies Schwester Hildegard auf das Lager, neben dem der Dominikaner sich mit Eva unterredete, und sagte: »Die Wittib eines Botenläufers ist sie und guter Leute Kind; denn ihr Vater war der Glöckner von St. Sebald. Freilich starb er schon lange zugleich mit ihrer Mutter. Bei der Pest vor zwölf Jahren ist es gewesen. »Das Riecklein dort auf dem Lager hatte hier keinen weiteren Anhang; denn die Eltern waren von Bamberg. Aber sie hatte es gut, und ihr Mann, der Veit, verdiente genug mit dem Wandern landaus landein. Um St. Blasius nun, im Anfang des Februar Monds, ward er auf einem Gang ins Vogtland – bei Hof ist es gewesen – von einem Flockentreiben überrascht, und sie fanden den braven Mann mit Stab und Tasche unter dem Schnee und erfroren. Als die Trauerpost zu ihr kam, war sie eben eines Knäbleins genesen, und neben ihm waren noch zwei andere Mäuler zu stopfen. Da ging denn das Ersparte schnell genug dahin, und sie geriet in harte Bedrängnis; denn die Wochen hatten ihr übel zugesetzt, und zu der Arbeit in Bürgerhäusern gebrach ihr die Kraft. In der Passionswoche hatte sie 222 schon das Bett verkauft, um, was sie geliehen, zurückzuerstatten und um die Kleinen zu ernähren. Es war kalt, kein Heller ihr eigen, keine Möglichkeit, mit eigener Kraft neue zu erwerben. Da ging denn auch das übrige hin, und mit dem Sattessen war es aus für sie und die Kleinen. »Weil aber der Vater ein Bediensteter der Stadt und ein redlicher Mann gewesen war, hatte sie sich auf den Rat des Probstes von St. Sebald, der von jung an ihr Beichtiger gewesen, an den ehrbaren Rat gewandt und den Bescheid erhalten, man habe des alten Hans Schab mit nichten vergessen, und wollte sie darum, um sie der Not zu entreißen, dem Bettelvogt überweisen, der ihr das Bettelzeichen zukommen lassen werde, das ihr gestatte, vor St. Sebald Almosen von den Kirchengängern zu heischen, was schon mancher reichliche Nahrung erworben. »Da hatte sie denn den Kindern zu liebe den Stolz, der sie davon zurückhalten wollte, überwunden und sich vor die Kirchthüre gesetzt, und zwar nicht nur einmal, sondern wieder und wieder. Doch das andere Bettelvolk, das dort schon heimisch, war ihr so unhold begegnet, und die grausame Feindseligkeit, womit es sie zu verdrängen suchte, ihr so ganz unerträglich erschienen, daß sie nicht hatte stand halten können. Einmal, da ihr die anderen gar zu wehe gethan und sie wieder so böslich zurückgedrängt hatten, daß sie von all den vielen Kirchengängern auch nicht einer beachtet, war sie in ihr Kämmerlein zu den Kindern zurückgeflohen, fest entschlossen, es genug sein zu lassen mit dem grausamen Betteln. Das hatte sich am Samstag vor Pfingsten ereignet, und da 223 sie in der Hoffnung ausgegangen war, diesmal etwas Rechtes heim zu bringen, hatte sie den Kleinen verheißen, es sei nun vorbei mit dem Hunger. Wie in früheren Jahren, sollten sie auch diesmal den Pfingstkuchen haben. Wie sie nun vor das Haus kam, und die kleine Walpurga – Ihr werdet sie gleich sehen, und es ist ein gar artig sechsjährig Püpplein – ihr auf dem Soler entgegenlief, und nach dem Pfingstkuchen und dem Brot zum Sattessen frug, und das Annelein, das wohl etwas älter, doch weniger klug und flink, es ihr nachthat, da war es ihr, als sollte sie vergehen, und sie trug nur den Säugling, den sie mit zum Betteln vor das Kirchthor genommen, ganz still in die Kammer zurück, und gebot Walpurga seiner zu warten, wie es schon längst ihres Amtes, bis sie mit dem Brote zurück sei. »Um der Kinder willen wollte sie es noch einmal mit dem Betteln versuchen; nach St. Sebald aber konnte sie nicht wieder. »So ging sie denn von Hans zu Haus, um Almosen zu sammeln; aber sie war ein wohlgebildetes Weibsbild, dem man sein schweres Gebrechen nicht ansah. Auch hielt sie sich sauber und stellte in dem ärmlichen Fähnlein immer noch mehr vor als manche andere in günstigerer Lage. Hätte sie das Brustkind mitgenommen, wäre es ihr vielleicht besser geglückt; so aber wiesen die Hausfrauen, und auch die barmherzigen, sie ab oder boten ihr Arbeit beim Waschfaß, beim Putzen und Pflanzen. Doch seit dem Schaden, den sie im Kindbett davongetragen, verursachte ihr das bloße Bücken so große und schmerzhafte Beschwerden, daß sie nicht auf sich nehmen konnte, was man von ihr verlangte. 224 »Als sie endlich heimkehren mußte, weil der Säugling wohl schon längst nach ihr geschrieen, hatte sie ein einzig Hellerlein geerntet und trat mit ihm an das Schaubrett des Bäckers Kilian in der Stopfelgasse, um für einen Heller Brot zu verlangen. Die Bäckerin war nicht daheim. Ihre ledige Schwägerin, ein alterndes, übel gewilltes Weibsbild, bediente an ihrer Stelle die Kunden. »Wie die Verkäuferin sich nun umwandte, um ein Schnittlein Brot abzuschneiden, und dem Riecklein allerlei gutes, süßes Gebäck von dem blanken Auslegebrett entgegenwinkte, traten die Kinder ihr leibhaftig vor Augen und ihnen voran die Walpurga, wie sie nach dem Pfingstkuchen und dem verheißenen Brot zum Sattessen frug, und weil eben niemand in der stillen Gasse vorbeiging, wurde der Böse zum erstenmal in ihr mächtig, und ein süßer Zopf wanderte in das Körblein an ihrem Arme. Hätte sie es dabei gelassen. wäre sie wohl ungestraft geblieben. Doch es öffneten sich ja zwei hungrige Schnäblein im Neste, und da lag ein gar sauber Lamm, mit einem roten Fähnlein am Rücken. Wenn das die Walpurga ihr eigen nennen dürfte! Und ungeübt, wie sie in dergleichen war, griff sie auch darnach, und that es zu dem andern. »Aber die Schwägerin des Meisters hatte sich schon umgewandt, und statt sie, so dicht vor dem heiligen Feste, zu fragen, was sie zu solcher Missethat treibe, schrie sie in die Straße hinaus: ›Haltet den Dieb!‹ und dergleichen. »So kam die Wittib ins Loch, und weil sie bisher unbescholten und eines guten Mannes Kind, ließ das Rugamt es dabei bewenden, sie einmal – nicht vor aller 225 Welt, sondern nur im stillen – mit Ruten zu streichen. So kam sie hieher. Da aber ihr armer Leib zu gebrechlich war, um all dem Schlimmen, das über sie gekommen, zu widerstehen, ward sie von heftigem Fieber befallen, und vor etlichen Stunden streckte schon der Tod die Hand nach ihr aus.« »Und die Kinder?« frug Frau Christine bewegt. »Den Säugling hatte man sie mitnehmen lassen,« lautete die Antwort, »von den anderen aber sprach sie zu uns, und wie verlassen sie wären. Im Fieber sah sie die beiden vor sich, wie sie stehlen gingen, und wie der Büttel sie einfing. Da stärkte Eure Eva mir den Mut, sie holen zu lassen, indem sie es auf sich nahm, für ihre Nahrung zu sorgen. So kamen sie her. Die Tuchstopferin, der sie das Kämmerlein abgemietet, hatte ihnen durchgeholfen mit ihrer Armut, und erst von ihr erfuhr Schwester Pauline, die ich ausgesandt hatte, daß die Walpurga, um derentwillen sie sich so traurig vergessen, nicht einmal ihr eigen Kind sei, sondern ein angenommenes, das ihr Mann selig einmal bei einem Botengange neben einem Gnadenbilde an der Landstraße bei Vierzehnheiligen ausgesetzt gefunden und heimgebracht hatte.« Hier schwieg Schwester Hildegard, und auch Frau Christine blieb eine Zeit lang still. Ja, es war wüst hier, und es atmete sich schlecht, hätte aber Gräfin Cordula besser zugeschaut, wäre auch ihr wohl eine der schönen Blumen ins Auge gefallen, die unter all dem Unkraut, dem Gift und Schmarotzergewächs hier nicht gar zu selten erblühten. Eva hatte recht, sich dieses Weibes zu erbarmen, und war es zu retten, dann wollte sie selbst seiner Not 226 ein Ende machen und die Zukunft ihrer Kinder sichern. Im stillen nahm sie sich das vor, während die Schwester ihr an das Siechenlager der ausgepeitschten Diebin voranging. Diese Unglückliche sollte erkennen, daß Gott uns oft gerade die rauhsten und steinigsten Wüstenwege zu wandern zwingt, bevor er uns in das gelobte Land führt. Die Unterredung mit dem Dominikaner hatte Eva so tief in Anspruch genommen, daß sie die Muhme erst vernahm, als sie vor ihr stand. Schweigend nickten sie einander zu, und ein wohlgefälliges Lächeln flog dem Mädchen über das tief gerötete Antlitz, während es auf die Schlafende wies, deren Schlummer sie bewachte. Das hübsche Gesicht der Mutter glühte immer noch im Fieber. Mit dem einen Arme umfing sie den Säugling, der in den weißen Tüchern ruhte, die Kätterle vorhin gebracht. Es war ein hübsches Kind, dem man die Not nicht ansah, in der es erwachsen. Neben der Witwe lagen zwei kleine Mädchen von etwa sechs Jahren. Das eine zur Linken der Mutter schlief fest. Das runde Aermchen diente seinem Haupte zur Stütze. Das andere, zur Rechten der Kranken, schmiegte den blonden Lockenkopf an ihre Brust. Die Kleine schlummerte nur leicht und öffnete bisweilen die großen blauen Augen, um sie mit rührender Besorgnis auf die Leidende zu heften. Es war Walpurga, das angenommene Kind, und einer gleich lieblichen Menschenknospe wie diese in zärtlicher Hilfsbereitschaft mit dem Schlafe ringende Sechsjährige, meinte die Matrone unter den Armen und Notleidenden nie begegnet zu sein. Auch das andere Mädchen berührte mit der freien Hand die Mutter, und so schienen diese in 227 Elend und Kummer, aber auch in Liebe eng verbundenen vier wie ein einziges Etwas zusammen zu gehören. Welch ein friedlich liebenswürdiges Bild! Teilnahmsvoll vertiefte sich Frau Christine in jedes einzelne Glied dieser Gruppe. Wie wohlgebildet war ein jedes, wie rein und unschuldig erschienen die Züge der Kinder, wie gut und liebreich auch die der leidenden Mutter, die eine Diebin war und deren zarten Rücken die harten Geißelhiebe des Henkers getroffen. Ihr schauderte bei diesem Gedanken. Als aber die kleine Walpurga im Halbschlafe das Händchen erhob, um der Mutter, die doch nicht die ihre, die wunde Schulter liebreich zu streicheln, wurde die Matrone wie immer, wenn ihr etwas Erfreuliches ans Herz griff, von dem Verlangen beseelt, den Gemahl sich zur Seite zu sehen. Und wie leicht konnte sie ihm, der so nahe war, den Anblick dieses rührenden Bildes verschaffen. Es sollte ihm auch beweisen, mit wie gutem Rechte sie Eva hier zu bleiben gestattet. Treu der Gewohnheit, mit der Ausführung eines guten Entschlusses nicht zu zaudern, wollte sie Kätterle auftragen, den Gemahl hieher zu führen, doch auch jetzt blieb das Ausschauen nach ihr vergebens. Da machte Frau Christine sich selbst auf und winkte Eva ihr zu folgen; kaum aber hatten beide die Mitte des Saales erreicht, als ihnen von einem Lager zur Linken her ein schneidendes Gelächter entgegenscholl. Diejenige, von der es ausging, war die Baderwitwe, durch deren Angriff Eva gestern gegenüber dem Pranger so furchtbar erschreckt worden war. Schrill und laut durchbrach es die Stille der Nacht, und als die Matrone sich 228 unwillig umwandte, um derjenigen, die die Nachtruhe der anderen so rücksichtslos störte, einen Verweis zu erteilen, klatschte die Ratzerin in die Hände, und gleich darauf erhoben sich rings um sie her schreiende und zeternde Stimmen. Die Baderwitwe, die mit allem vertraut war, was in Nürnberg lebte, hatte die Schultheißengattin bei ihrem Eintritt erkannt und die Nachbarinnen heimlich aufgereizt, ihrem Beispiele zu folgen und, sobald sie ein Zeichen geben würde, bessere Nahrung zu fordern und Frau Christine, der Pflegerin des Siechenhauses, zu Gemüte zu führen, was sie von der Strenge ihres Gemahls, der sie dem Henker überliefert hatte, hielten. Die Diebinnen und Gaunerinnen, kurz, das ganze verworfene Weibervolk rings um die Kupplerin her, der man wegen ihres unbändigen Wütens in Gegenwart der Gräfin Montfort vorhin die Füße zusammengebunden, leistete ihrem Winke Gehorsam, und das wilde Geschrei, das sie fordernd und schmähend erhoben, erweckte die Schläferinnen, die in weiterer Entfernung von ihr ruhten. Weinend, klagend, schreiend fuhren sie auf und begehrten zu erfahren, welche Gefahr ihnen drohe, während die Ratzerin und ihre Mitverschworenen nach Bier oder Wein, statt des Wassers, nach Fleisch zu dem schwarzen Brot und schlechten Brei schrieen, und von der Pflegerin kreischend und heulend verlangten, ihrem Hausherrn zu sagen, daß sie ihn für einen Weiberschinder und Bluthund hielten. Es war ein gräßliches, wüstes, ohrenzerreißendes Durcheinander, das ernste Folgen nach sich zu ziehen drohte, als einige das Strohlager verließen und auf die Thür zueilten oder Frau Christine und Eva mit hoch erhobenen Fäusten und Nägeln umdrängten. 229 Die warnende Stimme der Matrone, der die Beghinen zu Hilfe geeilt waren, wurde laut überschrieen, doch der Gefahr, in der besonders Eva schwebte, auf die die Baderwitwe ihre Nachbarin gewiesen, die ein Kind gestohlen, um es zum Betteln abzurichten, wurde bald ein Ende gemacht; denn das tolle Geschrei war in den Männersaal gedrungen, und von dort her eilte Berthold Pfinzing mit dem Aufseher, seinen Gehilfen und einigen Mönchen herbei. Wenn die Weiber den Schultheißen, der in der That ein milder Richter war, einen grausamen Tyrannen gescholten, so sollten sie jetzt erfahren, daß es ihm wenigstens nicht an rücksichtsloser Thatkraft fehlte. Die mißliche Lage, in der er sein Weib und sein liebes Patenkind sah, stimmte ihn nicht eben milde. Am liebsten hätte er all diesen Weibern, von denen die meisten die Rücksicht verwirkt hatten, die ihrem Geschlechte zukommt, die Hände binden lassen. Den Unbändigsten mußte dies auch wirklich angethan werden; die Baderwitwe aber wurde in die Gefängniskammer getragen, die bei diesem Siechenhause nicht fehlte. Nachdem es endlich gelungen war, die Ruhe wieder herzustellen und Frau Christine dem Gemahl berichtet hatte, daß sie, während sie ausgegangen, um ihm ein erfreuliches Bild mitten unter diesem schrecklichen Elend zu zeigen, überfallen worden sei, unterbrach er sie unwillig: »Ein herrliches Gemälde! Balsam für Auge und Ohr der jungfräulichen Tochter Deines leiblichen Bruders! Den Heiligen sei Dank, daß sie und Du mit ihr so glimpflich davonkamt. Kann es wohl in der üblen Hölle etwas Gräßlicheres geben, als was es hier eben zu sehen 230 gab? Wahrlich, wo eine Gräfin Cordula es nicht aushält . . .« Hier fiel Frau Christine dem aufgebrachten Hausherrn begütigend ins Wort, und ihre Macht über ihn war so groß, daß es wie freundlicher Zuspruch klang, als er fortfuhr: »Gewiß wolltet ihr mir etwas Besonderes zeigen; – was mich aber da drüben festhielt . . . wie spät es auch wird, ich muß noch einmal zu dem braven Gesellen. Welch ein Mensch! Den Herrenknecht des Ritters Heinz Schorlin mein' ich!« »Den armen Biberli?« frug Eva gespannt, und leiser Vorwurf klang ihr aus der Stimme, als sie fortfuhr. »Du hattest doch verheißen, die Augen für ihn offen zu halten.« »Ist auch geschehen, Kind,« versicherte der Schultheiß. »Doch das Recht geht seinen Gang, und zum peinlichen Verhöre gehört nun einmal die Folter. Leicht wär' es ihm wirklich an die Zunge gegangen, und kehrt sein Herr nicht bald heim, und es findet sich ein neuer Kläger – wer weiß, was geschieht.« »Aber das soll und darf nicht sein!« rief Eva, und der alte Trotz klang ihr befehlshaberisch aus der Stimme. »Den Kaiser – Du sagtest es selbst – würde Heinz Schorlin nicht vergebens um Gnade anflehen, – und bevor ich mit ansehe, daß man den treuen Burschen . . .« »Mäßigung, Kind,« flüsterte Frau Christine der Nichte zu und legte ihr die Hand auf den Arm; der Schultheiß aber fuhr, indem er ihr leicht mit dem Finger drohte, besänftigend fort: »Eher steckt die Jungfrau Ortliebin die eigenen Füßlein in die spanischen Stiefel. Getrost! Die drei Paar, die wir haben, sind sämtlich viel zu groß, um sie zu drücken.« 231 Da senkte Eva beschämt den Blick und rief in bescheiden bittendem Tone: »Aber fühlt Ihr denn nicht auch, Herr Oheim, daß es grausam wäre und unrecht, diesen redlichen Burschen zum Dank für treue Dienste zum Krüppel zu machen?« »Ich fühl' es,« versetzte Herr Berthold und verlieh seinen Zügen ein reuevolles Ansehen. »Und gerade darum nahm ich mir heraus, eine Magd, über die mir kein Recht zusteht, aus dem Dienst zu entlassen.« »Kätterle?« frug Eva gespannt. Da nickte der Oheim ihr bejahend zu und fuhr fort: »Hört nur erst, was mich so schnell für den wunderlichen Gesellen einnahm. Bei der ersten Klage, die ihn nur beschuldigte, eine Liebesbotschaft von seiten seines Herrn der Jungfrau Ortliebin überbracht zu haben, trat ich für ihn ein, und mit mir thaten es gestern die anderen Schöffen, die ich verständigt. So kam er denn mit Verweisung aus der Stadt auf fünf Jahre davon. »Die zweite Klage hoffte ich gar nicht zur Verhandlung bringen zu brauchen; denn sie war mit keinem ehrlichen Namen, sondern nur mit drei Kreuzen gezeichnet, und in dergleichen sehen die meisten Schöffen nach meinem Vorgang schon längst nur meuchlerische Ueberfälle, die von lichtscheuen Feiglingen ausgehen. Dennoch war es unmöglich, sie ganz zu unterdrücken, weil das Gesetz mir befiehlt, keine Klage, die an das Rugamt gelangt, ihm vorzuenthalten. So wurde sie denn verlesen, und der Vorschlag Hans Teufels, es mit der Kenntnisnahme genug sein zu lassen, fand keinen Beifall, so lebhaft ich ihn auch unterstützte. »Man darf es den Herren nicht verargen. Zu 232 eurem Besten wünschen sie alle zu handeln und begehren nichts als volle Klarheit, auch nach außen hin, in diese ärgerliche Sache zu bringen. In jener Klage aber wurde Biberli bezichtigt, nächtlicherweile in das Haus eines Ehrbaren gedrungen zu sein, um seinem Herrn den Weg frei zu machen. Im Einverständnis mit einer Magd soll er ferner den Liebesverkehr zwischen den beiden Töchtern des Herrn Ernst Ortlieb mit einem Schweizer Ritter und Boemund Altrosen . . .« »Schändlich!« rief Eva. »Was in aller Heiligen Namen haben wir aber mit dem Altrosen zu schaffen?« »Ihr gewiß recht wenig,« entgegnete Frau Christine, »der Ortliebhof aber um so mehr. Heute nacht wird man ihn wieder vor seiner Thür halten sehen, und wenn er sich mit der Laute am Halse noch später unter dem Fenster Gräfin Cordulas zeigt und ihn zu ihr hinauf singen hört, soll mich's nicht wundern –« »Und die Leute,« fuhr Eva in wachsender Empörung auf, »werden zu der Verleumdungskette einen neuen Ring fügen. Wenn dann eine Vorklerin und ihresgleichen ihnen nachsprechen, wen mag es wundern? Daß aber die Schöffen von den Töchtern des eigenen Amtsbruders so Schmähliches glauben . . .« »Eben weil sie es nicht thun und euch von dem Gericht fern halten wollen,« fiel ihr der Oheim ins Wort, »stimmten sie für das Verhör. Durch ihr Urteil und die Strenge des Verfahrens wünschten sie den Leuten zu beweisen, wie ernst sie es meinen. Aber während ich auf eine Stunde fort mußte, weil der Kaiser die neuen Türme an der Stadtmauer zu sehen begehrte und dabei den Erklärer zu spielen hatte, verhängten sie, da 233 seine lose Zunge den Katerpeck und Muffel gegen ihn aufgebracht hatte, eine so harte Tortur über den Aermsten, daß es mich schauderte, als es mir kund ward.« »Und Biberli?« frug Eva zitternd vor Spannung. »Achtung vor dem Manne!« rief Herr Berthold und lüftete leicht die Kappe. »Die Rute traf ihm die gespannten Glieder, der Schraubstock preßte ihm die Daumen zusammen, an die Leiter gebunden zog man ihn über den gespickten Hasen . . .« »Schweig still,« klagte Frau Christine mit erhobenen Händen, und ihr Gatte nickte ihr verständnisvoll zu. Dabei fuhr er leise aufseufzend fort: »Wozu euch mit diesen Schrecknissen quälen! Nichts ward ihm geschenkt. Der wackere Bursche blieb indes bei seiner Behauptung, er habe den Herrn beim Licht des Vollmonds in euer Haus begleitet, um eine Nachtwandlerin, die vor die offene Thür getreten, zu den Ihren zurückzubegleiten. Der Ritter Schorlin sei der Jungfrau Ortliebin ein einzigesmal, und zwar beim Tanz auf dem Rathause, begegnet. Wenn auch er sich bisweilen vor dem Hause ihres Vaters gezeigt, so hätte das mit den Töchtern des Herrn Ernst nichts zu schaffen, sondern – und damit wies er auf Cordula Montfort – mit einer ganz andern Dame. »Nachdem der Blitz seinem Herrn das Roß unter dem Leibe erschlagen, – sei er allem, was Weib heißt, scheu ausgewichen, weil ihn nach dem Kloster verlange. Das alles könnte er durch viele Zeugen beweisen. Gestern schon hatte er diese genannt, und so war auch Graf Gleichen neben seinen Hausleuten und anderen erschienen. Der Minorit Benedictus wurde vergeblich bei den Franziskanern gesucht.« 234 »Er ist hier im Beghinenhause,« bemerkte Frau Christine, »und so erschöpft seine Kräfte auch sind, für eine Aussage zu Gunsten des Ritters werden sie doch völlig genügen.« Da versicherte der Schultheiß, daß dies nötig werden könnte, wenn sich noch eine neue Klage gegen den Diener, Kätterle und vielleicht auch gegen den Ritter Schorlin erhöbe. Selten habe er an einer schlechten Sache mit so böslicher Hartnäckigkeit festhalten sehen. Die Kläger hätten Zeugen aufgestellt, die an Eidesstatt wiederholten, was sie von dem Ritter Siebenburg und von denen, die ihm nachsprachen, in Schenken und Weinstuben vernommen. Ihr Verhör hätte lange gedauert, und was sie vorbrachten, sei so unsinnig wie möglich und eben darum schwer widerlegbar gewesen. Diese Aussagen wären der Sache des Angeklagten zu gute gekommen; doch infolge so zahlreicher Beschuldigungen hätten selbstverständlich viele Fragen an Biberli gerichtet werden müssen, und auch dadurch sei die Folter so grausam verschärft und verlängert worden. Hier unterbrach Eva den Erzähler mit einem neuen Ausbruch der Entrüstung; er aber zuckte bedauerlich die Achseln und sagte: »Gemach, Kind! Ein Schuster, der neulich die ›Ehrbaren‹ wegen etwas Aehnlichem schalt, ist öffentlich ausgepeitscht worden, und wenn hier Grausamkeiten vorgingen, so trifft die Schuld das Gesetz, – nicht die Richter. Aber es kann noch weit schlimmer kommen, wenn die Meute nicht durch einen höheren Willen zum Schweigen gebracht wird.« »Der Kaiser?« frug das Mädchen mit zitternden Lippen. »Ganz recht, Kind,« lautete die Antwort, »und Dein 235 alter Pate war bedacht, diese schlimme Sache von der rechten Seite her an unsern hohen Herrn zu bringen. Gern übt er Gnade, doch nur nachdem er sich genau über das Für und Wider unterrichtet. In diesem Falle gibt es nur einen, dem er ganz vertraut und der auch in der Lage wäre, ihm reinen Wein einzuschenken.« »Heinz Schorlin!« fuhr Eva auf. »Gleich, ungesäumt muß er benachrichtigt werden.« »Gewiß,« versicherte der Schultheiß gelassen. »Und da ich doch der Jungfrau Eva, die diesen Ritt gern auf sich nähme, als Oheim und Pate das Rößlein nicht satteln lassen darf, entsandte ich eine andere, der das Herz gleichfalls den Weg weist.« »Oheim!« fiel Eva ihm hier feurig ins Wort und erhob dankbar die Hände. »Wen aber kannst Du . . .« Hier stockte sie und rief plötzlich, wie gewiß ihrer Sache: »O, ich kenne die Botin: Gräfin Cordula Montfort . . .« »Zu hoch gegriffen,« lächelte der Schultheiß; »doch ich meine, die Wahl war nicht schlechter. Deine Gürtelmagd, Kind, die Herzliebste des armen wunden Gesellen.« Da ließen Frau Christine und Eva zugleich einen Ruf des Erstaunens und der Beistimmung vernehmen, und beide verlangten zu erfahren, wie der Schultheiß auf diese Wahl gekommen. Ein Wagen aus Schwabach, das auf dem Wege nach der Siebenburg gelegen war, hatte Biberli, kurz nachdem das Pfinzingsche Paar das Siechenhaus betreten, auf der Heimfahrt nach Schweinau dorthin befördert. Kätterle war zugegen gewesen, wie man den Gefolterten abgeladen und auf das Strohlager niedergelassen hatte. 236 Erst als er ihr den eigenen Namen mit rührender Klage entgegenrief, hatte sie ihn erkannt und war vor Schreck über seinen Anblick in die Kniee gesunken. Doch man bereitete ihm neben ihr das Lager, und so hatte sie sich nicht wieder zu erheben brauchen, um ihn zu streicheln, ihm zuzusprechen und ihm zu verheißen, ihn nicht zu verlassen, auch wenn er ein elender Krüppel bleiben sollte zeitlebens. Als dann der Schultheiß zu den beiden getreten war, um Biberli seine guten Dienste anzubieten, hatte dieser ihm entgegengestammelt, er habe nur noch den einen Wunsch, seinen lieben Herrn wiederzusehen. Es sei ohnehin um ihn geschehen, wenn der Ritter ihm nicht durch Kaiser Rudolf Gnade erwirke; denn die bösen Neidlinge würden nicht von ihm lassen, und zum zweitenmale halte er die Folter nicht aus. Hier unterbrach der Schultheiß auf kurze Zeit seinen Bericht; denn es kam ihm ein Vorgang in den Sinn, dessen er sich vor dem Dominikaner, der der fiebernden Witwe das Sakrament gebracht und sich zu den Zuhörerinnen gesellt hatte, zu gedenken scheute. Es war nämlich einer seiner Ordensbrüder zu Biberli herangetreten und hatte ihn aufgefordert,. sich vor einem neuen peinlichen Verhöre nicht zu fürchten; denn dem Unschuldigen verleihe der Herr die Kraft, in der Folterkammer auch unter der härtesten Tortur bei der Wahrheit zu bleiben. Dabei aber war dem armen Gemarterten ein sonderbares Lächeln um die Lippen geflogen, das Herr Berthold wohl verstanden hatte; denn der Wahrheit treu geblieben war der brave Bursche bei den Qualen, die man ihm anthat, mit nichten. 237 »O ihr Lieben,« fuhr der Schultheiß dann fort. »Was es an jenem Strohlager zu sehen gab und zu hören, als man mich dort mit dem Aermsten und seiner Trauten allein ließ, wäre auch einem Härteren zu Herzen gegangen. Hättet ihr doch mit angesehen, wie Kätterle sich über den Herzliebsten warf, nachdem ich ihr mitgeteilt, daß auch die schmerzhafteste Marter ihn nicht zu zwingen vermocht, die Anklage zu bestätigen, die sich auch gegen sie erhoben hatte. Ein gleicher Strom von heißer Dankbarkeit ergoß ein Menschenkind wohl selten über ein anderes, und als Biberli wiederholte, daß der Beistand seines lieben Herrn ihm Not thun werde, um sie und ihn vor dem neuen Verhöre zu bewahren, da bot sie sich an, ihn aufzusuchen, und zwar sogleich, trotz des Regens und der finsteren Nacht. »Da dachte ich denn bei mir, ein von dem Hergang der Dinge gleich wohl unterrichteter und dazu von liebreichem Eifer gleich warm beseelter Bote ließe sich nicht finden, und weil der Wagen, der Biberli hergeführt, noch draußen hielt, sprach ich mit dem Fuhrmanne, der Weizen nach Nürnberg geführt und nun auf dem Heimweg Platz genug hatte unter der Plane. Ich kannte den Mann, und wir wurden schnell einig. Von Schwabach aus sollte sein Bruder, der Weg und Steg kennt, sie zu den Kaiserlichen, die gegen die Siebenburgs im Felde stehen, führen. Urlaub bei euch für sie zu erbitten, das nahm ich auf mich. Jetzt rollt sie auf dem Wagen des alten Fuhrherrn Apel Schwabach und dem Ritter Schorlin entgegen.« Bis dahin hatte der Schultheiß die Ruhe bewahrt, jetzt aber verlor seine tiefe Stimme die Sicherheit, und 238 es waren weder die innigen Worte der Anerkennung, die sein Weib ihm zuraunte, noch war es die Dankbarkeit, die Eva ihm so zärtlich zu erkennen gab, was ihm den Redefluß hemmte, sondern die Erinnerung an den Abschied des grausam gequälten Mannes von der Geliebten. Sie, hatte Biberli gehofft, würde seiner warten, ihr Anblick wäre ihm ein Augen- und Herzenstrost gewesen, und doch schickte er sie hinaus in Nacht und Gefahr. Dank und Liebe, das Bewußtsein, ihm gerade jetzt unendlich viel sein und leisten zu können, hielten sie an seinem Lager wie mit Fesseln und Banden zurück, und dennoch war sie gegangen und hatte sich das Ansehen gegeben, es gern zu thun und gewiß zu sein des Erfolges. Und wie hatte beiden sich das Antlitz verklärt, als der Schultheiß ihnen eröffnet, seine Hausfrau und Eva würden sich seiner annehmen, und er selbst Sorge tragen, daß er ein besseres Lager erhalte. Das schmerzlich leise Bekenntnis Biberlis: »Das Stroh und ich sind ja von mancher Herberge her an einander gewöhnt; jetzt aber könnte mir freilich eine etwas weichere Unterlage frommen; denn wo man meinen zermalmten Leichnam berührt, mein' ich, es wäre etwas an ihm aus den Fugen gegangen.« Herr Berthold brauchte sich seiner Bewegung nicht zu schämen; denn durch den Bader hatte er erfahren, der arme Schelm habe keineswegs übertrieben, und als Augenzeuge bei einem Teile der Tortur wußte er, daß auch die grausamste Marter an dem festen Willen des treuen Burschen, weder den Herrn noch die Geliebte vor den Richter zu bringen, gescheitert. 239 Wie der Schultheiß dieser Großthat des schlichten Dieners gedachte, wurde er beredt und schilderte im einzelnen, was der Aermste gelitten und wie er, nachdem Kätterle ihn verlassen, regungslos dagelegen habe, und das lange, bleiche Dulderantlitz von einem dankbaren Lächeln verschönt worden sei. Auch den Frauen und dem Mönche Aegidius, einem hochbetagten Minoriten, der bis dahin bei dem greisen Ordensbruder Benedictus gewacht hatte und eben zu ihnen getreten war, wurden die Augen feucht bei diesem Berichte; Eva aber drang aus tiefstem Herzensgrunde der laute Ausruf: »Glückselig der, dem es vergönnt war, für sein Liebstes solche Folterqual zu erdulden!« Erstaunt blickten die anderen auf die Jungfrau, die die fest gefalteten Hände an die wogende Brust preßte und mit den großen Augen, als sehe sie den Himmel offen, aufwärts schaute. Dem alten Minoriten ging das Herz auf bei diesem Bekenntnis und bei dem Anblick des Mädchens. So, doch weit weniger reich mit der Gottesgabe der Schönheit beschenkt, hatte er die heilige Klara selbst im Gebete gesehen. Was dieser begnadigten Jungfrau, die er hier zum erstenmale sah, von den frischen Lippen geklungen war, gab einer Gesinnung Ausdruck, die sie auf den Pfad der heiligen Märtyrerinnen führen konnte, und von frommer Begeisterung ergriffen trat er ihr näher, zog ihr die gefalteten Hände von der Brust, nahm sie in die seinen und rief, indem er sich erinnerte, was ihm die Aebtissin Kunigunde von ihrem schweren Ringen schon gestern am Lager des leidenden Ordensbruders berichtet: »Wer das sprach, der kennt das Wort, das denen, die treu sind 240 bis in den Tod, die Krone des ewigen Lebens verheißet, und es wird sich an ihm erfüllen. Folge der Stimme, mein Kind, die Dich zu den Berufenen gesellt! Sancta Clara selbst ruft Dich in ihr heiliges Heim.« Schweigend waren die anderen, Eva mit einem leisen Schütteln des Hauptes diesem Rufe des alten Mönches gefolgt. Als dieser aber ihr enttäuscht die Hände freigab, ergriff sie seine hagere Rechte und sagte bescheiden: »Wie könnte ich wert sein einer so hohen Verheißung. Der arme Diener auf dem Stroh, mit seinem T und St am Gewand und Kogel, von dem der Oheim erzählte, er hat, mein' ich, ein zehnmal besseres Recht auf die Krone des Lebens, da mir ja noch so wenig für sie zu thun vergönnt war. Aber ich hoffe auf sie, und der Heilige, der alles, was atmet und lebt, als Kinder des nämlichen hohen Vaters Brüder nennt und Schwestern, er kann nicht lehren, daß die Treue, die in der Welt geübt wird, eines schlechteren Lohnes wert ist, als die der Erwählten im Kloster.« »Das ist eine thörichte und lästerliche Meinung,« fiel ihr der Dominikaner hier streng ins Wort. »Man wird Sorge tragen, teuere Tochter, Deine Seele von dem pfadlosen Umherirren auf die rechte Straße zurückzuführen, die die heilige Kirche für sie geebnet.« Damit kehrte er den anderen den Rücken; der greise Minorit aber wandte sich an Eva mit einem wehmütigen Lächeln und sagte: »Ich kann ihm nicht widersprechen. Die Treue gegen den Nächsten, mein Kind, steht doch weit hinter derjenigen zurück, die wir dem Himmel halten. Dir, Tochter, hatten sich schon seine Thore geöffnet. Wie stark ist doch das Wohlgefallen an kurzem irdischen Glück bei den Kindern der Welt, daß sie so leicht bereit sind, um 241 seinetwillen die sicheren Wonnen preiszugeben, die ewig dauern. Dein Irrtum wird die Frau Aebtissin und Pater Benedictus betrüben.« Damit verabschiedete auch er sieh; Frau Christine aber flüsterte der Nichte zu: »Diese Mönche sind nicht die heilige Kirche, der wir ja beide anhängen als gehorsame Töchter. Meinem armen Geiste und Herzen will es scheinen, als gäbe der Heiland Dir recht.« »Amen,« fügte der Schultheiß hinzu, der die leise Rede der Gattin verstanden.     Fünfzehntes Kapitel. Ein Tag folgte dem andern, eine Woche verging, und weder von Heinz Schorlin noch von Kätterle war eine Botschaft nach Schweinau gekommen. Wohl hatte der Schultheiß erfahren, daß die Brüder Siebenburg und die Raubritter, die sich an sie geschlossen, ihre Burgen hartnäckig verteidigten und es Heinz Schorlin schwer machten, seine Aufgabe zu lösen; wohl war ihm gestern bekannt geworden, die starke Bergfeste des Absbachers sei gefallen, die verbündeten Ritter hätten bei einem gemeinsamen Ausfalle, der sich zu einer kleinen Schlacht gestaltete, den kürzeren gezogen, und die Siebenburgs könnten sich nicht mehr lange halten; doch für seinen treuen Diener auch nur das geringste zu thun, schien der Ritter im Drang der Pflichten vergessen zu haben. Wenigstens hatte der Protonotar Gottfried, ein Freund Herrn Bertholds, durch dessen Hand sämtliche Briefe gingen, die an den Kaiser gelangten, ihm bestimmt versichert, es wären zwar Kriegsberichte genug angelangt, in keinem aber habe der junge Heerführer von seinem Diener auch nur ein Wort geredet. Er, der Protonotar, sei zu günstiger Stunde in den Herrn gedrungen, Biberli, 243 zum Lohn für seine seltene Treue, weiteren Verfolgungen der Nürnberger zu entziehen; Kaiser Rudolf habe ihn indes nicht einmal zu Ende gehört, weil er sich grundsätzlich von der Einmischung in Angelegenheiten fernhalte, deren Schlichtung dem ehrbaren Rate von Rechts wegen zustehe. Als der Schultheiß bald darauf bei einem Berichte, den er dem Kaiser abzustatten hatte, für den braven Burschen selbst eintrat, hatte der Habsburger sich mit dem starken Herrschergedächtnis der Fürsprache des Protonotars erinnert und Herrn Berthold auf den Bescheid hingewiesen, den er jenem erteilt, und weniger gnädig als sonst bemerkt, der kaiserliche Schultheiß müsse wissen, daß er der letzte sei, Privilegien anzutasten, die die Stadt ihm selbst verdanke. Endlich war es sogar dem Burggrafen Friedrich, dessen Teilnahme Herr Berthold für Biberli gewonnen, nicht besser ergangen. Seine Interessen gingen denen des Rates vielfach entgegen, und zwischen den Ehrbaren und ihm hörten Händel um mancherlei Gerechtsame nicht auf, ein wie wohldenkender Herr er auch sonst war. Als er nun begonnen hatte, den Kaiser zu veranlassen, durch einen Gnadenakt eine Grausamkeit zu verhindern, die der Rat einem Diener des Ritters Schorlin anzuthun gedenke, der sich jetzt so gut bewähre, versicherte der Kaiser auch ihm, dem Freunde und Schwager, der ihm am wirksamsten geholfen, die Krone zu erlangen, daß er sich auch nicht zu eines lieben Bruders Gunsten in die Beschlüsse des Rates zu mischen gestatte, und die Gründe, die er dem hohen Bittsteller anvertraute, brachten ihn zum 244 Schweigen. Gewichtiger noch als diejenigen, mit denen er den Schultheißen zurückgewiesen, erschien dem Burggrafen der Wunsch des Kaisers, die »Ehrbaren« willig zu erhalten, ihm die große Anleihe zu bewilligen, die er zu Gunsten seiner leeren Kasse bei ihnen zu machen gedachte. Dem guten Willen des Rates konnte die Begnadigung Ernst Ortliebs und Wolff Eysvogels dagegen nur Vorschub leisten. Jene erfolgte sogleich, diese nur bedingungsweise, nachdem der erste Losunger der Stadt mit einigen anderen Ehrbaren sie befürwortet hatte. Der Kaiser hielt es nämlich für geraten, die Vollziehung dieses Gnadenaktes aufzuschieben. Ein Bruch des Landfriedens, der unter seinen Augen begangen war, durfte nicht während seiner Anwesenheit an der Stätte der Blutthat verziehen werden. Das hätte den schweren Ernst der wichtigen Maßregel, die jeden Angriff auf Leben und Eigentum anderer mit den härtesten Strafen bedrohte, in Frage gestellt. Solange der Kaiser in Nürnberg Hof hielt, sollte Wolff, gegen den noch kein Kläger aufgestanden war, darum verborgen bleiben; hatte der Herrscher der Stadt den Rücken gekehrt, mochte er sich wieder unter die Mitbürger mischen. Ein kaiserliches Schreiben, das auf den Dank hinwies, den Rudolf den Kampfgenossen vom Marchfelde, zu denen der Uebelthäter gehörte, und der ganzen guten Stadt Nürnberg für die gastliche Aufnahme schuldete, die sie ihm und den Seinen erwiesen, sollte dem jungen Patrizier, der nur im Stande der Notwehr das Schwert gezogen, Straflosigkeit zusichern und dem Gesuche des Rates entgegenkommen, Wolff Eysvogel in die verwirkten Rechte wieder einzusetzen. 245 Die Mitteilung dieser Zusage bereitete Els nach langen Tagen des Mißbehagens und der schwersten inneren Not die erste glückliche Stunde. Zwar schienen die Maßregeln der Freunde sie vor den Angriffen der alten Gräfin Rotterbach sicher gestellt zu haben, Frau Rosalinde aber fühlte sich, seit sie sich freier bewegen durfte als die in das obere Stockwerk verbannte Mutter, wie eine Barke, die steuerlos stromab treibt. Sie bedurfte der Leitung, und da Els jetzt in ihrem Hause gebot, verlangte sie von ihr Weisungen auch für das Geringste. Wie ein von der Wärterin verlassenes Kind drängte sie sich an sie und trug ihr dazu die feindseligen und hämischen Aeußerungen zu, an denen es die Gräfin nicht fehlen ließ, so oft es der Tochter gefiel, ihre Einsamkeit zu teilen. In den letzten Tagen hatte die alte Dame Rosalinde wieder an sich gezogen und daraus war Els eine feindliche, oft höchst tückische Gegnerschaft erwachsen, die um so schwerer erträglich war, je bestimmter ihr töchterliches Verhältnis ihr verbot, sich ihrer kräftig zu erwehren. Am schmerzlichsten für die gutwillige Pflegerin war indes das Verhalten des Kranken; denn wenn Herr Kaspar auch nur selten zu vollem Bewußtsein gelangte, gab er ihr doch oft genug durch Blicke, Geberden und mühsam hervorgestammelte Worte seine üble Gesinnung zu erkennen. Aber die Geduld des wackeren Mädchens schien unerschöpflich, und auch dem Schwersten, was die Wartung des Leidenden ihr auferlegte, unterzog sie sich redlich. Ja der Gedanke, daß Wolff ihm das Leben verdankte, half ihr, sich gegen den Schwiegervater, wie weh er ihr auch oft that, stets freundlich zu erweisen und seiner nicht 246 weniger sorgsam zu warten, wie früher der leidenden Mutter. So hatte sie wacker standgehalten. bis ihr am Ende einer langen, qualvollen Woche etwas zustieß, das ihr den Mut brach. Bei der Heimkehr von einem Gang in die Stadt wurde sie vor der Thür des Krankenzimmers von der künftigen Schwiegermutter mit der Erklärung empfangen, sie würde die Pflege des Gatten selbst in die Hand nehmen und sich nicht länger von dem Eindringling die Stelle vorenthalten lassen, die ihr allein gebühre. – Die Ueberredungskunst der alten Gräfin hatte ihr den Mut gestärkt, und die ungewohnte Thatkraft der schwachen, mehr als gefügigen Frau wirkte so überraschend und zugleich entmutigend auf das gequälte und ermüdete junge Geschöpf, daß es den Widerstand aufgab. Dem Zuspruch des Arztes und des braven Teufel gelang es indes, sie zum weiteren Ausharren zu bestimmen. Als sich aber um weniges später der nämliche Vorgang wiederholte, wollte es sie unmöglich dünken, auch nur noch einen Tag in diesem Hause zu verbleiben. Ohne der Mutter des Geliebten zu widersprechen, zog sie sich in ihr Schlafgemach zurück, packte dort, still weinend, so dringend die barmherzige Schwester sie auch bat, stand zu halten, die wenigen Sachen, die sie mit sich geführt hatte, zusammen, und schickte sich an, den so schwer behaupteten Posten zu verlassen. Unter dem Schutze des Schultheißenpaares wieder mit Eva vereint zu sein, war jetzt das schönste Ziel ihrer Sehnsucht. In den Ortliebhof wollte sie nicht; denn der Vater hatte nach der Freilassung aus dem Luginsland eine lange Unterredung mit Wolff und dem alten Berthold Vorchtel gehabt und war dann auf Wunsch des Rates nach Augsburg und Ulm geritten, um dort die Angelegenheiten des Eysvogelschen Hauses zu ordnen. Er hatte sich daheim entbehrlich gefühlt, da er die jüngere Tochter in Schweinau gut aufgehoben wußte und erfahren hatte, daß die Begnadigung Wolffs nicht lange auf sich warten lassen würde. Auch Eva hatte schwere Tage verlebt und manche Nacht sorgenvoll durchwacht. Zwar war Biberli und die Botengängerin mit ihren Kindern zu den Beghinen gebracht worden, wo sie sicher vor der Roheit der verbrecherischen Gäste des Siechenhauses ihrer Samariterpflicht nachkommen konnte, aber wie schwere Besorgnisse hatten die Kranken ihr bereitet, die sie dem Tode abringen mußte, wie angstvoll schaute sie einer Nachricht aus der Gegend der Siebenburg entgegen, wie bange Stunden wurden ihr vom Prior der Dominikaner und seinen Abgesandten bereitet, die bei ihr vorsprachen, um sie zu der Ueberzeugung zu führen, daß ihr Vorhaben, dem Kloster zu entsagen, ein Verrat gegen Gott sei, und daß die Kühnheit, mit der sie sich von den früheren Leitern ihres Seelenlebens befreit und mit der sie den eigenen Weg suchte, sie in Ketzerei und Verdammnis führen würde. Wie peinlich war ihr dabei die Empfindung, daß man sie aushorchte, um zu erfahren, ob die Aebtissin Kunigunde keine Mitschuld an ihrer Sinnesänderung traf. Die Folter, die derberen Männern selten ans Leben ging, schien dem des zarteren früheren Schulmeisters ein Ziel setzen zu wollen. Anfänglich glaubte auch der Medicus Otto, der Els und Frau Christine zu Gefallen und gerührt von der wackeren Gesinnung dieses schlichten Mannes, Biberli in der ersten Zeit täglich besucht hatte, ihn nicht 248 erhalten zu können. Auf dem Stroh und bei der mangelhaften Pflege im Siechenhause hätte er auch ein schnelles Ende gefunden, und was wäre aus seinen armen gebrochenen Zehen und Fingern unter der Hand der Bader, die dort walteten, geworden? Bei den Beghinen hatte ihm der menschenfreundliche und geschickte alte Arzt Hände und Füße so sorgsam verbunden wie dem vornehmsten Herrn, und liebevoller und geduldiger konnte kein Fürst von geübten Krankenwärterinnen gepflegt werden; denn – wunderbar! – Eva, die der Schwester so willig die Sorge um die leidende Mutter überlassen, die sich oft selbst gezürnt hatte, weil sie es am Lager der geliebten Kranken Els auch nicht von fern hatte gleich thun können, leistete dem wunden Herrenknechte jeden Dienst mit so sicherer und leichter Hand, daß der alte Arzt ihr oft mit frohem Erstaunen zusah. Die Umsicht, die ihr am meisten gemangelt, schien nach langem Schlummer plötzlich mit doppelt hellen und weitsichtigen Augen erwacht zu sein. Galt es den Kranken zu wenden, zollte sie jeder schmerzenden Stelle an seinem gemarterten Körper besondere Rücksicht und ersann Vorrichtungen, die sie mit geduldiger Mühwaltung herstellte, um ihm ein Weh zu ersparen. Ihr eigenes Lager war in der Kammer der Witwe neben der Biberlis aufgeschlagen worden, und schon von der Nacht an, die ihr Muhme Christine im Beghinenhause zu bleiben gestattete, war sie, die früher gern und fest geschlafen hatte, auf den leisesten Wink des Kranken bei der Hand gewesen. Schon am dritten Tage leistete sie ihm jeden Dienst, für dessen Verrichtung ihr anfangs die Hilfe einer Beghine nötig gewesen war, mit eigener 249 Hand. Anmutig und tröstlich Zuspruch zu leisten, hatte sie auch der Mutter gegenüber besser als jede andere verstanden, und wie schön gelang es ihr oft, wenn den dem Verzagen nahen Mann zehn wilde Schmerzen auf einmal quälten, ihn mit neuem Mut zu beseelen. Wie freundlich lehrte sie ihn, welchen Trost der Leidende findet, der beim Gebete nicht nur, wie er bisher gethan, die Lippen bewegt und den Rosenkranz dreht, sondern sich und seinen Schmerz demjenigen ans Herz legt, der am Kreuze noch Schwereres erduldet. Wie zufrieden lächelte der Leidende, der in Fieberphantasien die Worte »standhaft und treu« so oft wiederholt hatte, wenn sie versicherte, er habe seine Lieblingstugenden samt dem T und St in bewunderungswürdiger Weise zu Ehren gebracht und ihm das Lob und den Dank seines Herrn in Aussicht stellte. Das alles klang ihr um so wärmer von den Lippen, je deutlicher sie sich dabei denjenigen vergegenwärtigte, für den der brave Bursche dies Martyrium auf sich genommen, je wohler es ihr that, Heinz, wenn auch ohne sein Wissen, die große Dankesschuld abzahlen zu helfen, die er diesem vielgetreuen Manne schuldete. Sie ahnte es selbst nicht, aber die stärksten aller erzieherischen Mächte: Leid und Liebe, waren es, die aus der weltfremden, launenhaften »kleinen Heiligen« ein großes, opferfähiges Weib machten. Was sie für den Geliebten zu werden wünschte, dazu bildete sie sich heran, und die geheime Kraft, deren Wirksamkeit auf ihr gesamtes Wesen sie bei jedem Gelingen deutlich fühlte, nannte sie selbst, indem sie dabei der letzten Worte der sterbenden Mutter gedachte: »Das Schmiedefeuer des Lebens«. 250 Anfangs war es Biberli höchst peinlich gewesen, sich gerade von derjenigen mit so opferwilliger, liebreicher Güte pflegen zu lassen, von der er seinen Herrn mit allem Eifer abzuwenden getrachtet; bald aber drängte die wärmste Erkenntlichkeit jede andere Empfindung in den Schatten, und wenn er aus dem Halbschlummer, der ihn oft umfangen hielt, erwachte und Eva an seinem Lager erblickte, ging das Herz ihm auf, und es war ihm, als habe der Himmel sie ihm gesandt, um ihm das Beste, um dessen Besitz er rang: Leben und Gesundheit, zurückzugeben. Als er sich wohler zu fühlen begann, hing der treue Bursche schon mit aller Festigkeit an ihr; doch that dies der Liebe zu seinem Herrn und zu der abwesenden Braut keinen Eintrag. Im Gegenteil. Je weiter die Besserung vorschritt, desto häufiger und sorgenvoller dachte er an Heinz und Kätterle, desto wohler that es ihm, von ihnen zu reden und mit Eva zu erwägen, was beiden begegnet sein könnte. Unmöglich – des war Biberli so gewiß wie seine Pflegerin – konnte Heinz des Gefährten lieblos vergessen und Kätterle, was sie auf sich genommen, vernachlässigt haben. So vereinten sich denn beide in der Vermutung, die Boten der Abwesenden müßten verhindert worden sein, das Ziel ihrer Sendung zu erreichen. Und sie trafen mit dieser Annahme das Rechte; denn zwei Reisige, die Heinz ausgesandt hatte, waren von den Siebenburgs aufgehoben worden, und der Bote des Mädchens hatte sich als Schelm an ihr erwiesen, indem er statt nach Schweinau zu wandern, den kargen Lohn, den sie ihm gezahlt, für sich behalten und einen andern Auftrag angenommen hatte. Von den Briefen des Ritters, 251 die in falsche Hände gelangt waren, hatte der eine Kaiser Rudolf um Gnade für den treuen Diener gebeten, der andere Biberli gedankt und ihm gemeldet, daß sein Herr seiner gedenke und für ihn wirke. Kätterle hatte Heinz erreicht, ihm bis ins einzelne mitteilen müssen, was sie von Eva und Biberli wußte, und war dann beauftragt worden, dem Diener zu wiederholen, was er dem Briefe schon anvertraut hatte. Auf dem Heimwege war sie indes nur bis Schwabach gekommen; denn das lange Wandern in schrecklicher Angst und bei strömendem Regen, bis sie sich zu Heinz durchgefragt hatte, besonders aber die furchtbaren Erregungen der letzten Tage, waren auch für ihren kräftigen Körper zu viel gewesen. Mit fliegenden Pulsen und glühendem Haupte hatte sie bei dem Fuhrmann Apel angeklopft, der sie in Schweinau auf seinen Wagen genommen, und bei dem braven Alten und seiner Hausfrau Aufnahme und Pflege gefunden. War die Macht des Fiebers aber auch bald gebrochen gewesen, hatte ihr doch die zurückgebliebene Schwäche untersagt, sich zu Fuß nach Schweinau zurückzubegeben, und da Apel erst im Anfang der nächsten Woche nach Nürnberg zu fahren gedachte, hatte sie sich bis dahin mit der Absendung des Boten begnügen müssen, der ihr Vertrauen getäuscht. Wie schwer wurde Kätterle das Warten, und ihre Ungeduld erreichte den höchsten Grad, als, bevor sie wieder aufbrechen konnte, Reisige des Kaisers die Rosse bei dem Fuhrmann einstellten und meldeten, die Siebenburg und das feste Raubnest des Absbachers wären gebrochen. Wie Sankt Georg hätte Heinz Schorlin gekämpft. Jetzt hielten ihn nur noch die Burgen der Ritter Hirschhorn und 252 Oberstein zurück, deren Lage auf unzugänglichen felsigen Höhen die kaiserliche Streitmacht lange aufzuhalten drohte. Daß die kerngesunde Schweizerin erkrankt sei, kam weder Biberli noch Eva in den Sinn; er aber frug sich in stillen Stunden, wen er wohl schmerzlicher auf immer missen möchte: die schöne junge Pflegerin oder die Landsmännin und Verlobte. Kätterle allein gehörte sein Herz; doch Eva gegenüber folgte er der alten, ihm eigenen Art und hängte sich so fest wie bis dahin an den Herrn, an diejenige, in der er jetzt schon die künftige Gebieterin erblickte. Das sollte, das mußte sie werden, – schon weil ihm ohne den Klang ihrer Stimme das Leben nicht mehr wohlgefallen hätte. Eine reinere, tiefer ins Herz gehende hatte er nimmer vernommen, und wäre es Heinz vergönnt gewesen, mit anzuhören, wie sie mit den Herren Dominikanern sprach, er hätte von dem Wunsche, der Welt zu entsagen, gelassen und statt in das Kloster zu gehen, Leib und Leben daran gesetzt, um sich diese wunderbare Jungfrau zu eigen zu machen, für die er ja ohnehin in so heißer Minne entbrannt war. Als sie auf der Weigerung bestand, den Schleier zu nehmen, weil sie erfahren, daß es auch mitten in der Welt angehe, in Frieden mit sich selbst zu leben, sich eins zu fühlen mit Gott und in Liebe und Treue den Fußspuren des Heilands zu folgen, hatte sie manches gütige Mahnungswort, manchen scharfen Tadel und manche herbe Drohung von den Dominikanern zu hören bekommen, aber sich nicht irre machen lassen und sich so klug und lebhaft zu verteidigen verstanden, daß ihm das Herz aufgegangen war und er sich gefragt hatte, wie denn eine 253 achtzehnjährige Jungfrau im stande sei, so willensstark, so klug und mit so großer Kenntnis der Schrift wohlunterrichteten frommen Herren, ja den allergelehrtesten und strengsten, stand zu halten. Auch die Aebtissin Kunigunde war bisweilen an seinem Lager erschienen. Den Gesprächen Evas mit ihr hatte er entnommen, daß sie bei den Klarissinnen das Rüstzeug für den Widerstand gegen die Dominikaner gewonnen. Anfänglich war auch die würdige Frau mit aller Dringlichkeit bestrebt gewesen, sie für das Kloster zurückzugewinnen; vorgestern aber war sie mit zwei Dominikanern zusammengetroffen, und die deutlichen Bemühungen namentlich des einen, der eine hervorragende Stellung unter den Seinen einzunehmen schien, Eva für seinen Orden zu gewinnen und sie den Klarissinnen, die ihm auf weniger Gott gefälligen Wegen zu wandeln schienen, abwendig zu machen, war der Aebtissin so nahe gegangen, daß ihr die Kraft und vielleicht auch der Wille versagt hatten, die ihr sonst eigene Ruhe zu behaupten. Gestern war sie dann auch dem Wunsche der Nichte, in der Welt zu verbleiben, weniger lebhaft als sonst entgegengetreten, ja sie hatte sie beim Abschied in die Arme geschlossen und ihr gleichsam die Freiheit zurückgegeben, indem sie bekannt, daß verschiedene Wege in das Himmelreich führten. Das war dem Genesenden Balsam auf die Wunden gewesen; denn er hegte keinen heißeren Wunsch, als seinen lieben Herrn an den Traualtar zu begleiten, an dem Eva Heinz Schorlin als sein vielgetreues Gemahl die Hand reichen würde, und der letzte Besuch der Aebtissin schien diesem Verlangen Vorschub zu leisten. Außerdem hatte er, der sich offenen Auges im Leben umgeschaut, nie 254 gesehen, daß ein tapferer junger Streiter, bald nachdem er wohlverdienten Ruhm geerntet, nach der Mönchskutte Verlangen getragen hätte. Zweifel, Leid und eine furchtbare Gefahr, der er wunderbar entronnen, hatten den fröhlichen Heinz mit dem Wunsche beseelt, der Welt zu entsagen; jetzt nahm es vielleicht der Himmel selbst auf sich, ihm zu zeigen, daß er ihn nicht am Leben erhielt, um sich in ein Kloster zu vergraben, sondern um ihn mit dem schönsten und herrlichsten seiner Geschenke zu segnen: die Minne eines Weibes, dessengleichen es nach seiner Meinung nicht gab, so weit der Himmel blau war. Gräfin Cordula taugte nicht für seinen Herrn. Hundert Gründe hatten ihn während des langen Stillliegens in dieser Meinung bestärkt. Derjenige, für den er so große Schmerzen standhaft ertragen und immer noch litt, war dazu einer schöneren, frömmeren, stetigeren Gefährtin würdig, ja der holdseligsten und besten, und das war in seinen Augen diejenige, für die Heinz vor dem unseligen Spielgewinne die Leidenschaft so gewaltig ergriffen. Dieses mächtige Liebesfeuer konnte wohl mit Sand und Asche niedergehalten werden, verlöschen. aber ließ es sich nimmer. So dachte Biberli und vergegenwärtigte sich den gestrigen Tag. Er hatte Eva weniger gleichmäßig bei ihrem liebreichen Walten gefunden als sonst. Eine Sorge, die etwas anderes betraf wie ihre Kranken, schien sie zu bedrücken. Zwar hatte sie es nicht eingestehen wollen; aber sein Auge war scharf. Heute morgen hatte sie ihm, bald nach Sonnenaufgang, den Verband am zerquetschten Daumen, der noch immer nicht heilte, sorgsam erneuert. Dann war sie 2553 fortgegangen, und zwar, wie sie versichert hatte, nur auf wenige Stunden. Jetzt stand die Sonne schon ziemlich hoch, und sie kehrte und kehrte nicht zurück, obgleich die Stunde längst vorüber, in der die Umschläge erneut und dem todkranken Minoriten in der Nebenkammer die Tropfen, die ihn am Leben erhielten, gereicht werden mußten. Das beunruhigte ihn, und als die Sorge einmal Wurzel in ihm geschlagen, versandte sie ihre Triebe vorwärts und rückwärts, und es kam ihm mancherlei in den Sinn, was an Eva gestern anders als früher gewesen. Warum hatte sie so lange mit dem Schultheißen geflüstert und dann so traurig auf ihn, Biberli, hingeschaut? Weshalb war Frau Christine gestern nachmittag nicht weniger als dreimal und gegen Abend noch einmal gekommen? Auch mit dem Medicus Otto hatte sie etwas Geheimes besprochen. War eine Veränderung in seinem Befinden eingetreten und hatte der Arzt im Sinne, ihn des Daumens oder gar der Hand zu berauben? Aber nein! Gestern noch war ihm versichert worden, er könnte alle fünf Finger und auch den schwer beschädigten linken Fuß behalten. Die Witwe befand sich besser, und daß es mit dem Minoriten zu Ende ging, stand ja schon seit vorgestern außer Frage. Evas Sorge mußte sich auf etwas anderes beziehen, und auffahrend frug er sich, ob sie etwa schlimme Kunde von seinem Herrn oder Kätterle erhalten. Eine große Unruhe befiel ihn. Das Bedürfnis, wem es auch sei, die Besorgnis anzuvertrauen, die sich seiner bemächtigt, ergriff den gesprächigen Mann, und er rief darum die kleine Walpurga aus der Nebenkammer zu sich. Doch statt auf sein Lager, eilte sie mit dem frohen Rufe: »Sie kommt!« der Thür und Eva entgegen. 256 Bald darauf trat diese mit dem Kinde an der Hand in das Zimmer. Als ginge die Sonne noch einmal auf, war es dem Diener. Wie heiter klang auch ihr Gruß, etwas wie Gutes schien ihm der Blick ihrer blauen Augensterne im voraus zu verkünden. Wem diese Jungfrau angehörte, der war wohl geborgen, in dessen Hause fehlte es nicht an Licht, wie dunkel die Nacht auch heraufzog. Was die Sorge anging, die sie vorhin um seinetwillen bedrückt zu haben schien, mußte er falsch gesehen haben. Statt des Schlimmen brachte sie ihm vielmehr ganz gewiß etwas Gutes. Ja, das allerbeste war es; denn Kätterle, vertraute ihm Eva, würde bald kommen. Doch auch seine Braut sei leidend gewesen. Die Wangen hätten sich ihr noch nicht wieder runden und das frische Rot noch nicht zurückgewinnen wollen. Da wurde der scharfblickende Biberli aufmerksam und rief: »Dann ist sie schon hier! Denn, Herrin, woher wüßtet Ihr sonst, wie es mit ihren Wangen bestellt ist?« Bald darauf stand die Heimgekehrte auch wirklich am Lager des Genesenden. Eva ließ beide sich des Wiedersehens ungestört freuen und begab sich in die Kammer der beiden anderen Kranken. Als sie zu den Neuvereinten zurückkehrte, hatte Kätterle schon berichtet, was sie in Schwabach erfahren. Es war nicht viel mehr gewesen, als was Eva schon von dem Oheim und anderen vernommen. Daß Seitz Siebenburg, den er mit großem Ungestüm haßte, von der eigenen Hand seines Herrn im Schwertkampfe gefällt worden sei, berichtete Biberli mit der lebhaftesten Freude. Zum Verdruß gereichte ihm nichts von dem Gehörten, als das Ausbleiben des Boten und die 257 Wahrscheinlichkeit, daß noch einige Zeit vergehen würde, bis Heinz das Schwert in die Scheide stecken konnte. Wohl röteten sich Eva die Wangen vor Freude und Stolz, als sie wiederholen hörte, wie herrlich der Geliebte das Vertrauen seines kaiserlichen Gönners rechtfertigte. Dem Redefluß Biberlis bis ans Ende zu folgen, schien ihr aber unmöglich. Sie war in Eile, und was die Sorgen anging, die sie bedrückten, hatte er recht gesehen. Gestern schon war sie bangen Herzens an sein Lager getreten und hatte alle Kraft aufbieten müssen, um die Angst, die sie für ihn erfüllte, vor ihm zu verbergen; denn wenn sie nicht heute noch, wenn sie nicht ungesäumt für ihn eintrat, wenn seine Begnadigung nicht noch während der Sitzung des Rugamtes in der Frühe des morgenden Tages auf dem Rathause verkündet werden konnte, dann mußte der nur halb Genesene sich zum andernmale den Richtern stellen, und auch Medicus Otto war der Meinung, die Folter würde seinem geschwächten Leibe verhängnisvoll werden. Der Schneider und sein Anhang setzten, wie Eva von dem Schultheißen wußte, alles daran, um seine Verurteilung zu bewirken und der Stadt damit zu beweisen, daß sie nicht bloß als leichtfertige Verleumder das Treiben im Ortliebschen Hause verdammt hätten. Auch Eva und ihre Schwester würden bei der Untersuchung wieder genannt werden, und es drohte ihnen sogar, selbst vernommen zu werden. Das hatte sie anfangs erschreckt, doch die Versicherung des Oheims, dies Verhör würde ihre Schuldlosigkeit vollends, und zwar vor aller Welt erweisen, war ihr glaubhaft erschienen. Um ihrer selbst willen hätte Eva 258 sich gewiß nicht Tag und Nacht von so schwerer Angst quälen lassen und so viel unternommen und zu wagen beschlossen. Der Gedanke, der treue Mann, den sie und ihre geduldige Pflege dem Tode abgerungen und den sie liebgewonnen hatte, sollte nun dennoch ums Leben gebracht und Heinz Schorlin der Möglichkeit beraubt werden, das Seine für ihn zu thun, war es vielmehr, was jede andere Befürchtung tief in den Schatten gedrängt und sie gestern abend und heute morgen in Bewegung gehalten hatte. Aber was sie und mit ihr Frau Christine auch für den schwer Bedrohten unternommen, – alles war vergebens gewesen. Sich nochmals an den Kaiser zu wenden, hatte jedermann und auch der Schultheiß für unthunlich erklärt, nachdem selbst der Burggraf eine Zurückweisung erfahren. Die Ehrbaren vom Rate und die Schöffen im Rugamt hatten auf die Fürsprache Frau Christinens hin die Verhandlung schon tagelang aufgeschoben; jetzt aber verbot das Gesetz, noch länger von ihr abzusehen. Hätten die einzelnen den Angeklagten auch gern mit der Folter verschont, wäre ihre Anwendung doch kaum zu umgehen gewesen; denn wie viele Kläger und Zeugen traten gegen ihn auf, und kam es zu schwer belastenden Aussagen und wenig glaubhaften Entgegnungen des Angeklagten, so war die Tortur doch nicht zu vermeiden. Sie gehörte von Rechts wegen in den Lauf der Untersuchung, und wie viele, die von der letzten Folter noch keineswegs genesen, mußten fortwährend in die Marterkammer treten. Die Schöffen wurden von dem Schneider und seinem Anhang in dieser Angelegenheit ohnehin der Parteilichkeit geziehen, 259 und hier so augenfällig Gunst zu üben, drohte dem Ansehen des Gerichtshofes zu schaden. Auf guten Willen war sie überall gestoßen, – doch vor einer festen Zusage hatte sich jeder gehütet. Es war auch so leicht, sich hinter die klangvollen Worte »Recht« und »Gesetz« zurückzuziehen, und dann: Wer mochte einem Herrenknechte zu gefallen, der noch dazu einem fremden Ritter diente, den Handwerkerstand, der die Sache des Schneiders zu der seinen gemacht, mit gerechtem Unwillen erfüllen? Was Muhme und Nichte auch versucht hatten, es war völlig oder doch halb mißlungen. – Eva hatte sich ohnehin zurückhalten müssen, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, für die eigene Sache zu reden; von Frau Christine aber mochte mancher denken, sie spreche für den Diener und meine die verleumdeten Töchter des Bruders. Als Eva Kätterle vor dem Siechenhause getroffen hatte, war sie, ohne sie zu bemerken, an ihr vorübergegangen, so tief hatten Kummer, Sorge und das Sinnen nach einer Auskunft sie in Anspruch genommen. Da war es ihr denn sauer genug gefallen, Biberli unbefangen entgegenzutreten; doch es war ihr sogar gelungen, der Botengängerwitwe sowie dem Pater Benedictus, dessen Stunden gezählt zu sein schienen, und der ihr gestern noch bitter weh gethan hatte, ein heiteres Gesicht zu zeigen. Als sie aus der Kammer des greisen Minoriten in die Biberlis zurücktrat, war das Liebespaar nicht mehr allein. Von seinem Lager aus schaute ihr das frische, freundliche Gesicht einer derben Frau entgegen, die den Leidenden schon mehrmals besucht. 260 Da ihr Blick, während sie einander begrüßten, dem Evas begegnete, fand diese plötzlich, wonach sie lange vergebens gesucht. Die »Berner Gertrud« konnte ihr helfen, das Wagnis auszuführen, das sie in der letzten Not auf sich zu nehmen gedachte; denn sie war die Hausfrau des Schweizer Thorhüters im burggräflichen Schlosse. Ihr fiel es gewiß nicht schwer, ihr Zutritt zu der Frau Burggräfin Elisabeth zu verschaffen. Vermochte die hohe Frau nicht selbst zu helfen, so war es ihr doch gestattet, sie – bei diesem Gedanken wich ihr das Blut aus den Wangen, aber sie hielt trotzdem an ihm fest – sie zu ihrem Bruder, dem Kaiser, zu führen. Als Eva Frau Gertrud leise eröffnete, was sie auf der Burg zu bewirken hoffte, erfuhr sie, der Kaiser sei mit der Erzherzogin Agnes und einem zahlreichen Gefolge in den Reichsforst geritten, um der böhmischen Schwiegertochter die Bienenzucht der Zeidler zu zeigen und werde kaum vor Sonnenuntergang zurückkehren; die Frau Burggräfin aber sei wegen eines leichten Unwohlseins zu Hause geblieben. Trotzdem wollte Eva sich auf die Burg begeben, und welche Aufnahme ihr auch von seiten der hohen Frau zu teil ward, möglichst bald nach Schweinau zurückkehren; denn es stand so schlecht um Pater Benedictus, daß sie nicht lange fern von ihm bleiben durfte. Konnte die Burggräfin nichts für Biberli thun, dann wollte sie sich des Wagnisses unterfangen, vor dem sie zitterte, weil es sie, die Jungfrau, zwang, sich ganz allein an den Hof mit all seinen spähenden Augen und scharfen Zungen zu begeben. Noch einmal wollte sie dann auf die Veste, um den Kaiser selbst um Gnade anzuflehen. 261 Gerade heute konnte sie sich ganz frei bewegen; denn der Oheim war in die Stadt geritten und gehörte, wie Frau Gertrud versicherte, zu denen, die den Kaiser zu den Zeidlern begleiteten; die Muhme aber hatte sich vorhin nach Nürnberg tragen lassen, um Els aufzusuchen, die sie in einem verzweiflungsvollen Schreiben angefleht hatte, sie nach Schweinau kommen zu lassen, weil ihre Widerstandskraft erschöpft sei. Wie gern hätte Eva die Muhme zu der Schwester begleitet, um ihr Mut einzusprechen. Welche merkwürdige Umkehrung der Dinge! So lange sie denken konnte, hatte Els sie mit ihrer überlegenen Kraft und Beharrlichkeit aufrecht erhalten; jetzt sollte sie die Stärkere sein und sie Geduld üben lehren! Das Recht dazu meinte sie sich erworben zu haben. Während Eva Frau Gertrud noch eröffnete, was sie im Sinne trug, bemerkte sie selbst, daß sie die Zeit nicht mit in Rechnung gezogen. Es war bald Mittag, und ließ sie sich in der Sänfte zur Stadt tragen und wieder zurück nach Schweinau, wäre es zu spät geworden, um dem Kaiser als Bittstellerin zu nahen. Nur wenn sie ritt, ließ ihr Vorhaben sich zur Ausführung bringen; doch die Thorhütergattin gab Eva zu bedenken, daß es gegen den Gebrauch verstoßen, ja kaum angehen würde, dem Kaiser oder auch nur seiner hohen Schwester im Reitkleid aufzuwarten. Der heiße Wunsch zu helfen, ließ das Mädchen indes schnell eine Auskunft finden. Auf ihrem flinken Zelter, den der Oheim längst nach Schweinau hatte bringen lassen, damit sie sich durch einen Ritt von ihren erschöpfenden Pflichten erhole, wollte sie in die Stadt 262 traben, im Ortliebhofe vorsprechen und ihre neuen kostbaren Trauerkleider auf die Burg bringen lassen. Es fragte sich nur, ob sie sich in der Wohnung des Schweizers umkleiden konnte, und ob Frau Gertrud ihr dabei hilfreiche Hand leisten wollte. Dazu war die Schweizerin mit Freuden bereit. Weder fehlte es in ihrem Quartiere an Raum dazu, noch ihr, die der Burggräfin, bevor sie den Thorhüter geheiratet, viele Jahre als Gürtelmagd gedient hatte, an Geschick und gutem Willen. So begab sich denn Frau Gertrud auf ihrem Maultiere sogleich nach Hause; Eva aber kehrte, nachdem sie dem Kranken bald wiederzukehren verheißen, in das Schlößchen des Oheims zurück. Dort bestieg sie den Zelter und erreichte eine gute Weile vor der Schweizerin das Stadtthor. Im Ortliebhofe war schnell ausgesucht, wessen sie bedurfte. Dann begab sie sich in der Sänfte mit ihren Sachen auf die Veste, und der Roßknecht führte ihr den Zelter dorthin nach. Gräfin Cordula hatte sie nicht zu Hause gefunden; denn auch sie war mit dem Kaiser in den Reichsforst geritten. Die Burggräfin Elisabeth zeigte sich gern bereit, das anmutige Kind zu empfangen, dessen Schicksal ihr warme Teilnahme einflößte. Eben war ihr erst das Schönste und Beste von Eva berichtet worden; denn ihr Siechtum hatte den Medicus Otto zu ihr geführt, und der alte Herr war übergeflossen vom Lobe beider Schwestern. Entrüstet gedachte er auch der schnöden Verleumdungen, in die sich der Name des Ritters Schorlin mischte, und die schändliche Bosheit an die unschuldigen Jungfrauen, für deren reine Sittsamkeit er einstehe, geheftet. 263 Die hohe Frau, die sich wohl erinnerte, Heinz beim Tanz auf Eva hingewiesen zu haben, verstand sehr wohl, daß diese beiden einander anziehen mußten. Von allen Rittern im Gefolge ihres kaiserlichen Bruders schien der hohen Dame keiner würdiger ihrer Gunst als der frische, junge Landsmann, dessen Mutter ihr in der Jugend nahe gestanden. Gerade ihm hätte sie sich mit Freuden dienlich erwiesen, und zwar in diesem Falle nicht nur um seiner selbst, sondern vielmehr auch um der seltenen Treue seines Dieners willen, der ja gleichfalls ihren geliebten Schweizerbergen entstammte. Aber diese Angelegenheit noch einmal vor den Kaiser zu bringen, schien ihr trotz alledem unmöglich. Sie kannte den Gemahl, und nach der Zurückweisung, die er wegen des gefolterten Mannes erfahren, würde er ihr zürnen, wenn auch sie sich vor dem erhabenen Bruder seiner annähme. Aber ihr gutes Herz und das Wohlgefallen, das Eva wie Heinz Schorlin ihr einflößten, bestärkten sie in dem Verlangen, der wackeren Jungfrau, die ihre Sache mit so redlicher Wärme zu führen wußte, so weit es sich thun ließ, Beistand zu leisten, und die Erklärung der Bittstellerin, sich im äußersten Falle in eigener Person an den Herrscher zu wenden, zeigte ihr den Weg, den guten Willen zur That zu machen. Mochte Evas Jugend und Schönheit denn versuchen, den Kaiser zu einem Gnadenakte zu bewegen, dessen Erlaß er der Weisheit und Macht abgeschlagen hatte. Nach dem Abendmahl empfing ihr Bruder die verschiedensten Gäste, und eine Nürnberger Patriziertochter, die ihm schon bekannt und deren seltene Anmut ihm aufgefallen war, ihm zuzuführen, das lag in ihrer Macht. 264 Obgleich sie von dem Ritt in den Forst hatte fern bleiben müssen, war sie doch wohl genug, in der ihrer Burg nah gelegenen des Kaisers bei der Abendmahlzeit zu erscheinen. Wenn die Tafel aufgehoben war, wollte sie Eva dann dem hohen Bruder in eigener Person zuführen. Das eröffnete sie ihr, und der Dank, den sie dafür erntete, war so hold und warm, daß es ihr das Herz bewegte und sie das schöne, mutige Kind beim Abschiede in die Arme schloß und küßte.     Sechzehntes Kapitel. Ermutigt und hoffnungsvoll bestieg Eva wieder den Zelter und ließ das behende Tier vor der Stadt so scharf ausgreifen daß der alte Roßknecht auf seinem wohlgenährten Braunen weit hinter ihr zurückblieb. Aber sie hatte doch infolge des Umkleidens, des Wartens und der vielen Fragen, die ihr von der Frau Burggräfin vorgelegt worden waren, so langer Zeit bedurft, daß die Pappeln schon ziemlich lange Schatten warfen, als sie vor dem Siechenhause abstieg. Schwester Hildegard empfing sie mit einer Befangenheit, die ihr sonst nicht eigen, die Eva aber erklärlich fand, als jene ihr mitteilte, der sterbende Pater Benedictus habe ungeduldig nach ihr verlangt. Der Witwe gehe es wohl, und Biberli werde ihrer kaum bedürfen; denn eine schwäbische Rittersfrau, bei der er früher in Dienst gestanden, hätte sich mit ihrer jungen Tochter an seinem Lager niedergelassen, und ihr Besuch schiene ihn zu erfreuen. Ueberrascht warf Eva hin, sie sei der Meinung gewesen, der Genesende habe keinem andern gedient als den Schorlins, doch war sie in zu großer Eile, um sich 266 weitere Fragen zu gestatten und betrat die Kammer, in der Biberli ruhte. Ihr Antlitz war von dem schnellen Ritte gerötet, das volle aschblonde Haar, das ihr sonst aufgelöst über den Rücken wallte, hatte sie, bevor sie in den Sattel stieg, flüchtig zusammengeflochten, doch waren die langen starken Zöpfe unterwegs aufgegangen und umflossen ihr nun das Haupt und die biegsame Gestalt. Schon von der Schwelle aus begrüßte sie den Kranken, für den sie so viel that und wagte, mit heiterer Miene; bevor sie aber seinem Lager nahe trat, verneigte sie sich sittig vor der hohen Matrone, die Biberli Gesellschaft leistete, und nickte ihrer Tochter, deren hübsches offenes Gesicht ihr wohl gefiel, ein freundliches Willkommen zu. Nachdem die Schwäbinnen ihren Gruß herzlich erwidert, entschuldigte sie sich kurz, da eine ernste Pflicht sie abrufe, ihrem Verlangen, bei ihnen zu bleiben, noch nicht nachgeben zu können. Endlich warf sie dem Diener einige rasche Fragen zu, die sein Befinden betrafen, küßte die kleine Walpurga, die sich an sie gedrängt hatte, trug ihr auf, der Mutter zu sagen, sie würde später auch nach ihr sehen, und trat in die Nebenkammer. »Nun?« frug Biberli die Besucherinnen, nachdem die Thür sich hinter ihr geschlossen, in gespannter Erwartung. »O, wie sie schön ist!« lautete die lebhafte Antwort der jungen Schwäbin; der älteren aber klang tiefe, innere Bewegung aus der Stimme, als sie versetzte: »Wie abgeneigt war ich doch der Verbindung meines Sohnes mit der Tochter eines städtischen Geschlechtes; ja ich trug im Sinne, mich mit dem ganzen mütterlichen Einfluß 267 zwischen Heinz und die Nürnbergerin zu stellen; doch Du sagtest nicht zu viel, Freund, und was Dein Lob begann, hat jetzt Evas eigene Erscheinung vollendet. Sie sei mir als Tochter willkommen. Etwas Holdseligeres sah ich kaum jemals. Daß sie fromm und barmherzig und dabei hellen Geistes und von entschlossener Thatkraft, ließ sich auch unschwer erkennen, trotz der wenigen Augenblicke, die sie für uns ermüßigen konnte. Wenn der Himmel unserem Heinz wirklich vergönnte, sich das Herz dieses seltenen Wesens zu gewinnen . . .« »Das gehört ihm schon jetzt mit jeder Faser und Zaser,« fiel ihr Biberli ins Wort. »Der Hund – verzeiht, edle Frau – liegt anderwärts begraben. Ob er, ob Heinz, sich bewegen läßt, von dem Klostergedanken zu lassen, – das ist die Frage!« Damit seufzte er leise auf, indem er Frau Wendula Schorlin, die Mutter des Ritters Heinz – denn das war die ältere Schwäbin – in das immer noch schöne, willensstarke und doch gütige Antlitz schaute. »Daran dürfen wir nicht zweifeln,« entgegnete die Matrone mit fester Bestimmtheit. »Als letzter seines alten Stammes ist er verpflichtet, für seine Fortdauer zu sorgen, nicht nur für das eigene Heil. Ein gehorsamer Sohn war er immer.« »Doch,« erwiderte der Diener bedenklich. »›Fort mit denen, die uns das Leben gaben!‹ lautete, wenn ich sie recht verstand, die Mahnung des Pater Benedictus dort in der Kammer. ›Fort mit Herren- und Frauendienst!‹ rief er unserem Ritter zu. ›Fort mit allem, was der eigenen himmlischen Seligkeit im Wege steht!‹ Und,« fügte Biberli hinzu, »das hat der heilige Franz nicht erst ersonnen. Unser 268 Herr und Heiland befahl ja auch schon den Jüngern, Vater und Mutter zu verlassen und ihm nachzufolgen.« »Wer wird ihn hindern«, versetzte Frau Wendula lebhaft, »auf den Pfaden Jesu Christi zu wandeln? Doch wenn er auch seinen Fußstapfen folgt, soll und kann er es thun als Sproß eines edlen Hauses, als Ritter und als der tapfere Krieger und treue Diener seines Kaisers, der er ist, als guter Sohn und, will's Gott, als Gatte und Vater. Meines Segens ist er gewiß, wenn er als Kämpfer für seinen heiligen Glauben das Schwert führt. Da zwei meiner Töchter den Schleier nahmen, ließ ich es ergebenen Herzens geschehen. Sie mögen für den Bruder und uns die himmlische Seligkeit erbeten. Meinem einzigen Sohne, dem letzten Schorlin, kann und werde ich nicht gestatten, der Welt zu entsagen, in der er Aufgaben zu lösen hat, die Gott der Herr ihm durch seine Geburt stellte.« »Und wie könnte Heinz von diesem Engel lassen,« rief Maria, der neben der Mutter der Bruder das liebste war auf Erden, »wenn er wirklich ihrer Minne gewiß ist!« Sie selbst hatte das Herz der Liebe noch nicht geöffnet. Mit dem alten Haupt ihres Hauses in Wald und Flur umher zu schweifen, der Mutter behilflich zu sein in der Wirtschaft und im Dorf der armen Kranken zu warten, war bisher die Freude und Pflicht ihres Lebens gewesen. Heiter, oft auch mit einem Liede auf den Lippen, hatte sie sorglos einen Tag dem andern folgen sehen, bis die ehrwürdige Schorlinburg belagert und gebrochen und der alte Ritter Ramsweg, ihr lieber Oheim, bei der Verteidigung der seiner Obhut anvertrauten Veste gefallen war. Da hatte man die Mutter und sie nach Constanz 269 ins Kloster geführt. Beide waren dort in voller Freiheit als willkommene Gäste der Nonnen geblieben, bis der reitende Eilbote Frau Wendula ein Schreiben des Ritters Maier von Silenen, ihres Vetters, aus Nürnberg überbracht hatte, das ihr meldete, Heinz gedenke, wie die Schwestern, der Welt zu entsagen. Da war Frau Schorlin ungesäumt aufgebrochen und mit der Tochter besorgten Herzens, so schnell es anging, nach Nürnberg geritten. Vor wenigen Stunden hatten sie es erreicht und bei dem Vetter von Silenen Quartier gefunden. Von ihm war Frau Wendula mitgeteilt worden, was das Mutterherz zu wissen begehrte. Biberlis Schicksal hatte sie nach kurzer Rast in das Siechenhaus geführt, und welche Herzensstärkung war es für den treuen Mann gewesen, die edle Frau wiederzusehen, von der ihm sein Herr anvertraut worden war und in deren Hause man ihm das T und St auf den langen Rock und den Kogel gestickt. Frau Wendula waren diese Buchstaben wohl im Gedächtnis geblieben, und als sie ihrer gedacht, hatte er erwidert, seit er leidlich zur Wahrheit gemacht, was das T und St den Leuten von seiner Person vermeldeten, und wozu diese Lettern ihn selbst hätten antreiben sollen, bedürfe er ihrer nicht mehr. Dann war er still geworden und hatte der Herrin endlich als Frucht seines Nachdenkens zu wissen gethan, etwas Seltenes gebe es dennoch an seiner geringen Person, weil er die Tugenden ernstlich zu üben getrachtet, mit deren Besitz er sich breit gemacht vor den Leuten. In den Gasthäusern mit den prunkenden Schildern habe er sonst den schlechtesten Wein gefunden, und als die gnädigen 270 Töchter Frau Wendulas ihm jene Lettern in das Tuch gestickt hätten, sei, was er den Gästen eingeschenkt, auch noch von recht übler Beschaffenheit gewesen. Auf dem Siechenlager hätte er seiner Neigung zum Nachdenken keinen Zwang anthun brauchen, und dabei sei ihm bewußt geworden, daß es keine Tugend gebe, die sich besitzen lasse wie ein Haus oder Roß, sondern daß eine jede fortwährend neu erworben werden müsse, und zwar oft unter Mühen und Schmerzen. Eins aber stünde jetzt mit aller Sicherheit bei ihm fest, und zwar, daß seine Lieblingstugenden wirklich die schönsten von allen wären, schon weil – eines gelte für alle – der Mensch sich nie glücklicher fühle, als wenn es ihm gelungen sei, unverbrüchlich Treue zu halten und seine Standhaftigkeit zu bewähren. Auch habe er von der Jungfrau Eva erfahren, daß der Erlöser selbst denen, die treu blieben bis in den Tod, die Krone des ewigen Lebens verheiße. In dieser Zuversicht sehe er den Bütteln entgegen, die ihn vielleicht schon recht bald zum zweitenmale in das freudloseste aller Gemächer – er meine die Nürnberger Folterkammer – führen würden. Dann hatte er den Frauen erzählt, was er von der Minne wußte, die Heinz und Eva verband. Die vier G's, auf die er seinen Herrn bei der Brautschau zu achten empfohlen: Geschlecht, Gestalt, Gut und Geld, halte er nicht mehr für den rechten Prüfstein. Während er hier müßig gelegen, habe er vielmehr gefunden, daß sie mit vier T's vertauscht werden sollten: Tugend, Treue, Thatkraft und Trost für Auge und Herz. Das Alles finde sich bei Eva vereint, und auch gegen das Geschlecht, dem sie entstamme, sei nichts zu sagen. 271 Darauf hatte er ein so hochgestimmtes Loblied auf seine teure Pflegerin und Erretterin gesungen, daß Frau Wendula ihm mehr als einmal lächelnd ins Wort gefallen war und ihn beschuldigt hatte, das erkenntliche Herz führe ihn diesmal zu solcher Uebertreibung, daß die Jungfrau, der er damit zu dienen gedenke, es ihm kaum Dank wissen möchte. Doch Evas persönliches Erscheinen hatte weder die erfahrene Mutter, noch die leicht zu gewinnende Tochter enttäuscht, ja, als Maria Schorlin der Jungfrau, die sie schon anzog, weil sie einen schweren Kampf im Dienste der Minne auszufechten hatte, die sie aber mit ganz besonderer Macht an sich fesselte, weil ihr Heinz es war, den sie liebte, durch die halb geöffnete Thür der Kammer des Minoriten nachschaute, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, glaubte sie, kein Mensch auf Erden vermöge dem Zauber zu widerstehen, der von Eva ausging. Mit dem Finger am Munde winkte sie der Mutter, und auch sie konnte nicht fortschauen von dem wunderbaren Geschöpfe, das sie bald Tochter zu nennen hoffte, als sie Eva mit gen Himmel gerichtetem Blick am Lager des Greises stehen sah und ihm, seinem Wunsche gehorsam, wie sie schon mehrmals gethan, das Lied von der Sonne, den herrlichsten Gesang des heiligen Franz, halb zusprechen, halb mit gedämpfter Stimme zusingen hörte. Es geschah in der italienischen Sprache, in der dies Lied dem Heiligen von Assisi aus dem an Liebe zu Gott und der gesamten Kreatur so überreichen Dichterherzen geflossen; denn sie hatte im Kloster der Klarissinnen, unter denen sich mehrere Italienerinnen befanden, die aus ihrer und der Heimat des Ordens und seines 272 Stifters aus Italien nach Deutschland versetzt worden waren, italienisch sprechen gelernt. Frau Wendula und ihre Tochter vermochten dem Liede gleichfalls zu folgen; denn die Mutter war in ihrer von Minnesang umklungenen Jugend, die auch sie und den verstorbenen Gemahl in den ersten Jahren ihrer Ehe mit dem Kaiser Friedrich über die Alpen geführt, der schönen Sprache des Heiligen von Assisi mächtig geworden und hatte sie die Tochter verstehen gelehrt. Die großen Augen aufwärts gerichtet, begann Eva, als Frau Schorlin der Thüre näher trat, eben mit der zweiten Strophe: »Gepriesen sei Gott mein Herr mit allen deinen Geschöpfen, Vornehmlich mit unsrer edlen Schwester der Sonne, Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht, Und sie ist schön und strahlend mit großem Glanze, Von dir, o Herr, trägt sie das Sinnbild. Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den Mond und die Sterne, Mit Karl von Hase weichen auch wir hier von der Schlosserschen Uebersetzung ab. Der männliche deutsche Mond muß für uns ein Bruder sein und keine Schwester. Unsere Auffassung des per in dem Verse » Laudato sia mio Signore per suor luna e per le stelle « ist auch die der Auffassung des Heilgen angemessenere. Durch ( per ) den Mond soll der Herr gepriesen werden, nicht um willen ( per ) des Mondes. Die du hast am Himmel gebildet so schön und helle. Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den Wind Und durch die Luft und durch den Nebel, Durch heitere und durch jegliche Witterung, Durch welche du allen Geschöpfen Erhaltung schenkst. Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder das Wasser, Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch. 273 Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder das Feuer, Durch das du die Nacht erhellst, Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig. Gepriesen sei mein Herr durch unsere Mutter, die Erde, Die uns ernährt und trägt Und mannigfaltige Früchte erzeugt Und bunte Blumen und Kräuter. Gepriesen sei mein Herr durch die, welche verzeihn Aus Liebe zu dir, und Elend ertragen und Trübsal. – Selig, die da bestehn werden im Frieden; Denn von dir, o Höchster, sollen sie gekrönt werden. Gepriesen sei mein Herr durch unsern Bruder den leiblichen Tod, Dem kein lebender Mensch entrinnen mag; Wehe dem, der in einer Todsünde stirbt! Selig die, welche ruhn in deinem heiligen Willen; Denn der zweite Tod kann ihnen nichts anthun. Preiset und benedeiet meinen Herrn und danket ihm, Und dienet ihm in großer Demut!« Wie hatte derjenige Gott geliebt, der in allem, was der Höchste erzeugt, teure Geschwister sah, die er liebte und mit denen er verkehrte wie mit dem Bruder und der Schwester. Was die Liebe des himmlischen Vaters immer geschaffen: Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wasser und Feuer, die Erde und ihre freundlichen Kinder, die bunten Blumen und Kräuter, er läßt sie, jedes für sich und alle gemeinsam, wie einen gewaltigen Chor das Lob Gottes verkünden. Selbst der Tod stimmt mit ein in den Hymnus, und all diese Söhne und Töchter desselben erhabenen Vaters rufen dem Menschen das allmächtige, gütige Walten des Herrn ins Gedächtnis. Sie helfen ihm die Herrlichkeit Gottes erkennen, füllen ihm das Herz 274 mit Dank und rufen ihn auf, seine Hoheit und Größe zu preisen. In dem Tode, den der Dichter gleichfalls seinen Bruder nennt, sieht er keinen grausamen Mörder, weil auch er dem Höchsten entstammt. Und: »Welcher Bruder,« fragt der Heilige, »könnte den Bruder sicherer von Weh und Schmerz erlösen?« Wer sich als Kind Gottes fühlt wie der liebreiche Mann von Assisi, der gestattet dem Tode dankbar, ihn der Vereinigung mit dem Vater entgegenzuführen. Pater Benedictus war entzückt der herrlichen Dichtung gefolgt. Bei den Versen: »Selig die, welche ruhn in deinem heiligen Willen, Denn der zweite Tod kann ihnen nichts anthun,« neigte er leise das Haupt, als sei er gewiß, daß auch das Ende seines Erdenwallens ihm nichts bedeute als der Anfang eines neuen glückseligen Lebens; nachdem aber Eva mit dem Befehle geschlossen, dem Herrn in großer Demut zu dienen, wandte sich sein Blick zaudernd, und als sei er seiner selbst nicht gewiß, zu Boden. Bald aber erhob er ihn wieder und ließ ihn auf dem Mädchen ruhen. Er schien die Frage zu enthalten, ob dies herrliche Lied nicht auch seine Pflegerin demjenigen nachziehe, der es gesungen, ob sie immer noch, trotz seiner, in trauriger Verblendung auf der Weigerung bestehe, sich den Klarissinnen zuzugesellen, die der heilige Sänger auch zu den Seinen zählte. Doch er fühlte sich zu schwach, ihr auch jetzt, wie er schon oft gethan, ins Gewissen zu reden und den Entgegnungen stand zu halten, mit denen dies hochbegabte, eigenartige Geschöpf ihn bei jedem Gespräche, das seine wachsende Schwäche ihm noch mit ihr 275 zu führen erlaubt, bedrängt und bisweilen auch zum Schweigen gebracht hatte. Freilich kämpften sie mit ungleichen Waffen; denn ihm lähmten Schmerz und Siechtum den scharfen Geist und die beredte, oft von schwerer Atemnot gehemmte Zunge, die ihm beide noch im Verkehr mit Heinz Schorlin so willig gehorcht, – sie kämpfte mit dem köstlichsten Sehnsuchtsziele der Jugend vor Augen, frisch und gesund an Leib und Seele, mitten im Kampf gegen Ungewißheit und Leid sich der rüstigen Vollkraft bewußt, wie gefeit durch den Talisman des letzten Geheißes von den Lippen der sterbenden Mutter, für ihr Teuerstes und Liebstes. In einem langen, den höchsten Zielen gewidmeten Leben hatte Benedictus genug gekämpft. Schon sah er den »Bruder Tod« auf der Schwelle, und in Frieden wollte er dahingehen und den Lohn für so viel Streit, Schmerz und Entsagung ernten. Der Herr selbst hatte ihm die Waffen zerbrochen. Der Minorit Aegidius, sein Freund und Altersgenosse, sollte bei Eva, Pater Ignatius, der beredteste unter den Ordensbrüdern in Nürnberg, bei Heinz Schorlin das Werk fortsetzen, das er, Benedictus, begonnen. Jenen hatte er dem Ritter nachsenden lassen und erfahren, daß Ignatius sich zu Heinz gesellt habe. Hatte er selbst auch aus der Schlachtreihe treten müssen, war er doch sicher, daß seine Stelle nicht leer blieb. Das Lied hatte ihn in die rechte Stimmung versetzt, Abschied von den Brüdern zu nehmen, deren Ankunft Schwester Hildegard soeben gemeldet. Seit gestern sah er den Heiland fortwährend vor dem inneren Auge. Bald meinte er zu gewahren, daß er ihm 276 winke, bald daß er ihm die Arme entgegenbreite, bald auch war es ihm, als vernehme er seine Stimme oder die des heiligen Franz, und als lüden ihn beide in ihre Nähe. Heute – der Arzt hatte es bekannt, und er fühlte es selbst an der fieberheißen Stirn, an dem stockenden Herzschlag und dem Frost in den kalten, vielleicht jetzt schon erstorbenen Füßen – durfte er erwarten, den Staub der Welt zu verlassen und sie, nach denen er sich sehnte, in reinerem Lichte von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Nur von den Brüdern umgeben, die den gleichen Kampf mit ihm kämpften, durch nichts an die Welt gemahnt, wie im Vorhofe des Himmels, wollte er das Ende erwarten. Eva, das schöne und dazu widerspenstige Weib, gehörte zu den letzten, die er, während er den Schritt in die andere Welt that, gern in seiner Nähe gesehen hätte. Das Reden ward ihm sauer. Eine kurze Mahnung, der irdischen Liebe abzusagen, um der himmlischen teilhaftig zu werden, deren reiche Wonnen er heute noch zu kosten hoffe, war der Abschiedsgruß, den er Eva gönnte. Als sie ihm die Hand zu küssen wünschte, entzog er sie ihr so schnell, wie seine Schwäche es zuließ. Da trat sie von ihm zurück, und Pater Aegidius führte die Ordensbrüder aus Nürnberg in das Gemach. Inzwischen war es dunkel geworden, die Beghine Paulina brachte einen Doppelleuchter mit brennenden Kerzen. Eva nahm ihn ihr aus der Hand und stellte ihn so auf, daß das Licht ihren Pflegbefohlenen nicht blende; er aber nahm sie wahr und gebot ihr, indem er mit 277 gefurchter Stirn auf die Thür hinwies, das Gemach zu verlassen. Willig leistete sie Gehorsam. Als sie an den Brüdern vorbeigeschritten war, blieb sie indes, bevor sie in den Hausflur trat, auf der Schwelle stehen und blickte dem Greise noch einmal in die edlen, bleichen Züge, die das Kerzenlicht streifte. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Strahlend vor Freude schaute er den Brüdern entgegen, die ihm beim Aufbruch den Wandersegen mit auf den Weg geben wollten. Dann richtete er das dunkle Auge wie verklärt und als danke er dem Himmel für so viel Gnade, nach oben; die anderen Minoriten aber ließen sich neben dem Lager auf das Knie nieder und beteten mit ihm. Wie liebreich der Greis einem jeden ins Antlitz schaute! Mit solchem Blick hatte er sie niemals beglückt. Die Pflege keines andern war auch nur von fern so schwer und oft so schmerzlich wie die seine gewesen. Anfänglich hatte er sich ihr geradezu feindlich erwiesen und Schwester Hildegard sogar um eine andere Wärterin gebeten. Doch es war keine passende Stellvertreterin für Eva zu finden gewesen. Da hatte er dringend gewünscht, nach Nürnberg zu den Franziskanern übergeführt zu werden; das aber war nicht angegangen, weil es sein Ende beschleunigt hätte. – So mußte er denn bleiben, und Eva fühlte, daß es nicht zuletzt ihre Anwesenheit sei, die ihm den Aufenthalt im Siechenhause verleidete. Weil ihm aber das alte Auge den Dienst versagte, und er es liebte, sich aus dem Evangelienbuche, das er bei sich führte, oder aus manchen früheren Aufzeichnungen 278 von seiner eigenen Hand, die auch einige der Dichtungen des heiligen Franz enthielten, vorlesen zu lassen, und niemand anders im Hause fähig gewesen wäre, ihm diesen Dienst zu leisten, verlangte er endlich ausdrücklich, sie als Pflegerin zu behalten. Seine wunden Füße und die von harten Geißelungen stammenden tiefen Narben am Rücken, die sich neu geöffnet hatten, nach der Vorschrift des Arztes zu salben und zu verbinden, war um so schwerer, mit je deutlicherem Widerwillen er sich von ihr berühren ließ, weil sie – er hatte es ihr selbst bekannt – weil sie ein Weib war. Leicht hatte sie es gewiß nicht gehabt, wach zu bleiben und ihm ein freundliches Gesicht zu zeigen, wenn er sie, der der Tag so schwere Arbeit brachte, nach Mitternacht geweckt und genötigt hatte, ihm bis zum Grauen des Morgens vorzulesen. Am schwersten erträglich waren Eva die bitteren Worte erschienen, mit denen er sie kränkte, und die besonders scharf und feindselig klangen, wenn er ihr vorwarf, zwischen Heinz Schorlin und das ewige Heil getreten zu sein, nach dem der Ritter schon so eifrig getrachtet. Wie ein Künstler dem Frevler, der eins seiner Meisterwerke zerstörte, schien er ihr zu grollen. Oft verriet auch ein hingeworfenes Wort, daß er es dem Himmel verarge, ihn verhindert zu haben, den Kampf um die Seele Heinz Schorlins, den er doch in seinem Namen begonnen, zum Siege zu führen. Freilich war solchem Murren stets tiefe Reue gefolgt. In jeder Stimmung aber blieb er bestrebt, Eva zu bewegen, der Welt zu entsagen. Wenn sie dann bekannte, was sie davon zurückhielt, suchte er sie zuerst mit Gegengründen zu widerlegen; 279 gewöhnlich aber versagte ihm nur zu bald die Kraft, den Gedankenaustausch fortzusetzen. Dann beschränkte er sich darauf, ihren widerspenstigen Geist und ihren weltlichen Sinn mit harten Worten zu tadeln und sie mit der Strafe des Himmels zu bedrohen. Einmal, nachdem sie ihm, wie vorhin, das Lied von der Sonne vorgetragen, hatte er sie gefragt, ob sie auch fühle, daß nur der Friede des Klosters die Möglichkeit gewähre, die Größe und Liebe des Höchsten so warm und voll zu empfinden, wie dieser erhabene Gesang es zu thun befehle. Da hatte sie Mut gefaßt und ihn des Gegenteils versichert. Sie sei nur ein einfältiges Mädchen, doch sie, die ja oft ein Gast ihrer Muhme, der Aebtissin, gewesen, empfinde die Größe und Herrlichkeit Gottes so viel tiefer in der Welt und bei der Erfüllung gerade der schwersten Pflichten, die das Leben ihr auferlegte, als bei den Klarissinnen, wie Wald und Feld größer wären als das Gärtlein des Klosters. Da war der Greis aufgefahren, hatte sie eine verblendete Thörin gescholten und sie gefragt, ob sie nicht wisse, daß die Welt endlich und begrenzt, was aber das Kloster umschließe, ewig sei und ohne Grenzen. Ein anderesmal hatte er ihr mit solcher Härte weh gethan, daß es ihr unmöglich gewesen war, den Thränen zu wehren. Kaum aber hatte er dies bemerkt, als er seine Strenge bereute. Nichts als Liebe sollte ihm dicht vor der Vereinigung mit demjenigen, den er eben noch die Liebe selbst genannt hatte, das Herz bewegen, und mit dringlich zärtlichen Bitten war er darum in Eva gedrungen, ihm zu vergeben, wenn er sie mit dem Tadel, 280 der ja auch ein Liebeswerk sei, gekränkt hätte. Bis ans Ende jenes Tages war er ihr dann mit herzlicher, beinah demütiger Güte begegnet. Das alles kam Eva in den Sinn, während sie den greisen Pflegling verließ. Er stand an der Schwelle des Jenseits, und es fiel ihr leicht, seiner freundlich zu gedenken, so tief er sie auch oftmals verwundet. Ja, das Herz hob sich ihr in dankbarer Freude, weil sie so geduldig bei ihm ausgeharrt und sich durch nichts von der schweren Pflicht hatte abwenden lassen, die sie mit der Pflege des ihr abholden Greises auf sich genommen. Auch in die Kammer Biberlis war Licht gebracht worden. Als Eva sie mit glühenden Wangen betrat, fand sie die Schwäbinnen noch immer am Lager des Dieners. Die Thür, die ins Gemach des sterbenden Greises führte, war längst wieder geschlossen, doch drang der Gesang frommer Litaneien in das Nebenzimmer. Frau Schorlin sah ihr teilnahmsvoll an, wie tief sie bewegt war, und forderte sie auf, sich an ihrer Seite niederzulassen. Maria räumte ihr diensteifrig ihren bescheidenen Sessel ein; Eva aber weigerte sich, ihn zu benutzen, weil sie bald in die Stadt zurückreiten müsse. Dabei griff sie sich an die brennende Stirn und seufzte auf: »Jetzt, jetzt, – nach solcher Stunde, zu Hofe!« Da drang Frau Wendula in sie, sich nur noch kurze Zeit Erholung zu gönnen, und das geschah mit so gütiger mütterlicher Sorge, daß sie nachgab. Die Mitteilung der Matrone, auch sie sei aufgefordert worden, beim Empfang heute abend in der kaiserlichen Burg zu erscheinen, veranlaßte Eva zu der dringenden 281 Bitte, um ihretwillen dieser Ladung zu folgen, und die Schwäbin versprach, falls sich kein Hindernis einstellte, ihr den Willen zu thun. Jedenfalls wollten sie den Ritt in die Stadt gemeinsam unternehmen. Biberlis erstaunte Frage, was Eva auf die Veste führe, beantwortete sie ausweichend und war froh, als der Gesang in der Nebenkammer die Schwäbin veranlaßte, sie zu fragen, ob es wahr sei, daß der Herr ihres genesenden Freundes dort auf dem Lager, der sich dem mönchischen Leben zu widmen gedenke, dem Orden des Minoriten, den sie eben verlassen, beizutreten und ein Bettelmönch zu werden gedenke. Als Eva dies bejahte, bemerkte die Matrone, nur selten hätten sich Brüder dieser Brüderschaft auf ihre Burg verirrt; Biberli aber versicherte, es wären stille, fromme Leute, die, zufrieden mit dem Erbettelten, predigten und andere geistliche Obliegenheiten verrichteten. Sie ergänzten sich mehr aus dem Volke als aus den vornehmen Ständen. Viele gesellten sich indes zu ihnen, um, arbeitsscheu und von der Gabenfreude anderer genährt, ein müßiges Leben zu führen. Dagegen erhob Eva lebhaften Einspruch. Wahre Frömmigkeit, behauptete sie, sei in den Orden des heiligen Franz am sichersten zu finden. Dann pries sie die Person ihres Stifters mit warmer Begeisterung und versicherte, der Heilige von Assisi hätte im Gegenteil die Seinen zur Arbeit angehalten. Einer seiner Lieblingsjünger war zum Beispiel bereit gewesen, die Nüsse von dem morschen Aste eines Nußbaumes, auf den niemand sich wagte, zu schütteln, wenn man ihm die Hälfte der Ernte überließe. Das sei ihm bewilligt worden; er aber hätte seine braune, weite Kutte zum Sacke 282 gemacht, sie mit Nüssen gefüllt und diese an die Armen verteilt. Das gefiel der Mutter und Tochter; als jene aber bemerkte, Arbeit dieser Art scheine ihr zu leicht für einen jungen, edlen und kraftvollen Ritter, stimmte Eva ihr bei, doch fügte sie hinzu, der Heilige verlange freilich auch eine Thätigkeit, bei der die Hände zwar müßig blieben, doch der Seele auch des Stärksten gar Schweres zugemutet würde; Franz selber habe das Beispiel gegeben, dies heitern Sinnes und gern zu verrichten. Während sie diese Auskunft erteilte, erhob Eva sich wieder; denn Schwester Hildegard hatte gemeldet, daß ihr Zelter und die Rosse der fremden Gäste vorgeführt worden wären. Endlich verhieß Eva, gemeinsam mit den »Schwäbinnen« in den Sattel zu steigen, sagte Biberli, der ihr befremdet, doch mit der stillen Vermutung, dieser Gang zum Kaiser gelte ihm, nachblickte, Lebewohl und trat dann in den Hausflur, wo Schwester Hildegard ihr mitteilte, Pater Benedictus sei soeben verschieden. Der Gesang der Mönche an seinem Sterbelager dauerte fort; Bruder Aegidius, der Freund und Altersgenosse des Verschiedenen, hatte sich indes von den anderen getrennt und trat Eva entgegen. Tief ergriffen und mit mühsam unterdrücktem Schluchzen that er ihr kund, die Sehnsucht des heiligen Greises habe sich erfüllt, und sein Heiland ihn zu sich gerufen. So zu sterben wiege das viele reichlich auf, dem er hienieden in einem langen Leben so willig entsagt. Wenn Eva seinem Tode beigewohnt hätte, wäre sie gewahr geworden, wie zutreffend das Wort, daß das Leben des 283 Mönches bitter, sein Tod aber süß sei. So zu enden, würde nur denen beschieden, die die Welt hinter sich geworfen. Das möge sie noch einmal bedenken, bevor sie der ewigen Glückseligkeit entsage, nach der sie früher so frommen Sinnes getrachtet. Da hatte Eva nur versichert, wie leid auch ihr der Hingang seines Freundes thue. Während sie dann aber in das Dunkel hinaustrat, dachte sie bei sich: Gewiß ist der fromme Bruder eines schönen und seligen Todes gestorben; doch wie sanft und wie sicher der Gnade ihres Erlösers schlummerte auch die Mutter hinüber, die doch zeitlebens und auch noch auf dem Sterbebette mitten in der Welt weilte. Und dann! Während Pater Benedictus die Augen schloß, was anderes lag ihm wohl am Herzen als das eigene ewige Heil; die Mutter aber vergaß sich selbst und dachte nur an andere, an uns, die sie liebte, während der Heiland sie zu sich rief. Schon brachen ihr die Augen und stockte ihr die Zunge, als sie mir noch das Wort zurief, das mich bis hieher wie ein Wegweiser führte. Heiß brennt das Schmiedefeuer des Lebens, aber wenn die Vorsätze, die ich im Walde faßte, nachdem ich die Blumen für sie gepflückt und als ich Heinz auf den Knieen sah im Gebete, nicht ganz vergebens blieben und aus dem launenhaften, selbstsüchtigen Kinde ein Weib ward, das auch anderen etwas sein kann, so dank' ich es ihm. Wenn Heinz jetzt kommt und noch meiner begehrt, getrost darf ich ihm, denk' ich, dann sagen: »Da bin ich! Beide haben wir nach der himmlischen Liebe gerungen und ihre herrliche Schönheit erkannt. Glückt es uns später Hand in Hand sie in die irdische zu verflechten, warum sollte es dem Heiland nicht genehm sein? 284 Trägt mir Heinz aber seine Minne entgegen, so will ich sie als ›Schwester Minne‹ begrüßen und sie soll mich wahrlich nicht mit leiserer Stimme aufrufen, den Vater, dem sie entstammt und der sie mir vergönnte, zu preisen als Sonne, Mond und Sterne, als Feuer und Wasser.« Damit trat sie hinaus, und nachdem sie erfahren, daß das Schultheißenpaar noch nicht zurück sei, trabte sie mit den Schwäbinnen der Stadt entgegen. Um nicht ganz Nürnberg durchschneiden zu müssen, führte Eva die Fremden um die Festungswerke herum. Ihr Ziel war beinahe das gleiche, und sie wählten das Tiergärtnerthor, das im Nordwesten der Stadt unter dem Burgberge gelegen war, um in sie einzureiten, während der Weg nach Schweinau sonst durch das Spitalthor führte. Unterwegs ließ Frau Wendula sich viel von Eva erzählen. Sie mußte ihr den Vater schildern und die verstorbene Mutter; ihre Tochter Maria verlangte dagegen am meisten von ihrer Schwester Els zu vernehmen, die ja, wie sie von Biberli gehört, das zweite schöne E war. Eva redete gern von den Ihren, doch sie verhielt sich kleinlaut und sprach nur, wenn sie gefragt wurde; denn der Tod des Minoriten hatte sie ergriffen, und das Herz schlug ihr bang, wenn sie des Augenblicks gedachte, an dem sie unter die Höflinge und dem Kaiser entgegentreten sollte. War nun ihr Gang vergebens gewesen? Wenn der arme Biberli dennoch seine standhafte Treue mit dem Leben bezahlen sollte! Wie weh das ihr thun und wie schwer es seinem Herrn die Seele belasten würde, mit dem Eintreten für ihn gesäumt zu haben! 285 Erst als Frau Schorlin sie frug, bekannte Eva, was sie bedrückte und mit wie großer Angst sie das Wagnis erfüllte, das sie, ganz auf sich gestellt, unternahm. Vor dem Tiergärtnerthore mußten sie warten; denn es war eben einem Frachtwagenzuge aufgethan worden. Während Eva mit der Burg vor Augen auf der Landstraße hielt, seufzte sie beklommenen Herzens auf: »Was Kaiser Rudolf dem Gemahl der hohen Schwester, dem mächtigen Herrn Burggrafen, dem er so Großes verdankt, versagte, wie wird er es mir, einer geringen Magd, bewilligen? O, wenn er mich nun hart anläßt und mich an das Spinnrad verweist!« Da fühlte sie, wie der Arm der würdigen Frau, die an ihrer Seite hielt, sich ihr um die Schulter legte und hörte sie sagen: »Nur getrost, mein liebes Mädchen. Der Segen einer Frau, die es gut mit Dir meint wie mit der leiblichen Tochter, geht mit Dir, und auch kein Kaiser weist Dich unhold zurück, Du liebreizendes, vielgetreues, barmherziges Kind.« Wie wenn die teure Frau, die der Tod ihr entrissen, ihr Mut zugesprochen hätte, ging Eva bei diesen Worten der wohlmeinenden Fremden das Herz auf, und aus der innersten Tiefe der Brust rang sich ihr der Ruf: »O, wie ich Euch danke!« Dann drängte sie den gelenken Zelter noch dichter an das Roß der Matrone, um ihr die Linke zu küssen, mit der sie die Zügel hielt; Frau Wendula aber duldete es nicht, sondern zog sie zu sich heran und rief: »Deine Lippen, Du Liebe«, und als ihr roter Mund sich mit dem der gütigen Dame vereinte, wurde ihr so wohl, als besiegelte dieser Kuß eine alte treue Freundschaft. 286 Damit aber sollte es noch nicht genug sein; denn auch die junge Schwäbin verlangte, ihr zu zeigen, wie lieb sie sie gewonnen und bat sich auch einen Kuß aus. Ohne es zu ahnen, hatte Eva mitten auf dem Wege zu einem beängstigenden Wagnis die Bestätigung erhalten, daß diejenigen, die dem Geliebten die Teuersten waren, sie als neues Mitglied ihres Hauses von ganzem Herzen willkommen hießen. Jenseits des Thores mußte Eva sich von den Schwäbinnen trennen. Frau Wendula sagte ihr mit einem innigen »auf Wiedersehen!« Lebewohl und verhieß ihr bestimmt, beim Empfang auf der Burg zu erscheinen. Da atmete Eva erleichtert auf. Daß gerade diese Frau, zu der sie schnell so tiefes Zutrauen gefaßt, ihrem schweren Wagnis beiwohnen sollte, erschien ihr wie ein gutes Vorzeichen für das Gelingen. Wie ein Heerführer, der mit wenigen Fähnlein ins Feld zieht und zu dem die Streitmacht eines sicheren Freundes unerwartet stößt, war ihr zu Mute.     Siebenzehntes Kapitel. Als der Berner Arnold Eva aus dem Sattel half, strahlte ihr von der kaiserlichen Burg her heller Lichtglanz entgegen. Das Gastmahl sollte eben beginnen. Frau Gertrud hatte sich mehr als einer guten Kunde zu entledigen, während sie die Hände für Eva regte. Unter den Gästen des Herrschers befand sich der Ohm Schultheiß, der den Kaiser zu den Zeidlern begleitet hatte und mit seiner Hausfrau, die sie da oben finden sollte, zur Tafel geladen worden war. Und dann – das erzählte sie als das Beste zuletzt – ihr Vater, Herr Ernst Ortlieb, war aus Ulm und Augsburg heimgekehrt und hatte sich vor kurzem auf der Veste eingestellt, um die Jungfrau Els mit gnädiger Erlaubnis des Herrn Burggrafen in den Versteck ihres Bräutigams zu führen. Frau Gertrud hatte ihnen geleuchtet, und für solch ein Sichwiederfinden ließ sich schon eine lange Trennung ertragen. Damit Eva auch noch etliche Augenblicke für die Schwester und Wolff übrig behalte, mußte die frühere Gürtelmagd sich schon tummeln; und doch hätte sie sich gern noch eine gute Weile des herrlichen langen und 288 vollen Blondhaares gefreut, das sie mit immer neuem Vergnügen strählte, damit es der Jungfrau in schönen Wellen über den herrlichen Florentiner Stoff des schlichten weißen Trauergewandes stieße. Die Schweizerin hatte auch für weiße Rosen aus den burggräflichen Gärten gesorgt, um sie Eva an dem eckigen Ausschnitt an der Brust zu befestigen. Dies wurde ihr auch gestattet; doch ihr Wunsch, das Haupt des Mädchens wie die Mode es zuließ, mit Rosen zu umkränzen, kam nicht zur Erfüllung, weil Eva es schicklicher fand, ungeschmückt, und nicht wie zu einem Feste geputzt, als Bittstellerin vor den Kaiser zu treten. Das leuchtete der am Hofe erwachsenen Frau auch ein, und endlich freute es sie, nicht auf ihrem Verlangen bestanden zu haben; denn Eva bot, wie sie aus ihren Händen hervorging, einen so bezaubernd holdseligen und dabei so sittig bescheidenen Anblick, daß nichts entfernt oder – wäre es auch der frische Rosenkranz gewesen – hinzugefügt werden konnte, ohne dem vollendeten Gelingen ihres Meisterwerkes Eintrag zu thun. Die Rufe der Bewunderung, mit der die geschickte Frau selbst, ihr Töchterlein, die Magd, sowie die Gevatterin, die sie aufgefordert hatte, sich wie von ungefähr als Zuschauerin bei ihr einzustellen, mußte Eva, weil die Zeit drängte, bald unterbrechen. Während sie Frau Gertrud dann durch verschiedene Gänge und Gemächer folgte, dachte sie der Stunde vor dem Tanz auf dem Rathaus im elterlichen Hause, und es war ihr, als läge zwischen damals und jetzt nicht nur eine Reihe von Tagen, sondern ein ganzes Leben. 289 Wie eine andere, der Eva von damals in den meisten Stücken entgegengesetzte, kam sie sich vor. Vor dem Tanze war sie heimlich des Beifalls froh gewesen, den ihr Anblick wachgerufen hatte; diesmal ließ er sie gleichgiltig, ja, je lebhafter die Umstehenden ihr Entzücken äußerten, je mehr that es ihr leid, den einzigen, dem sie zu gefallen begehrte, nicht an Stelle der Anwesenden zu sehen. Wie leicht war es gewesen, sich zum Tanze führen zu lassen, und ein wie schwerer Gang stand ihr jetzt bevor. Das Herz zog sich ihr zusammen bei der Frage, die der Lichterglanz, der aus den Fenstern der Reichsburg in die Nacht hinein leuchtete, in ihr wachrief, ob der Geliebte ihr diesmal nicht ausweichen würde, wenn er sie unter den Gästen da oben – ach, wäre es möglich gewesen! – träfe, ob ihm der beredte Pater Ignatius, der ihm gefolgt war, nicht schon ein Gelübde abgenommen, das ihn zwang, sich von ihr zu wenden und seine ganze Willenskraft aufzubieten, um sie zu vergessen. Aber nein! So wenig, wie sie der ihren, konnte er seiner Minne abgesagt haben. Von solchen schrecklichen Gedanken wollte, durfte sie sich gerade jetzt nicht ängstigen lassen! Heinz weilte ja auch fern von hier, und das Schicksal ihrer Minne sollte sich später entscheiden. Was sie hieher führte, war etwas anderes, und die Ueberzeugung, daß es gut und recht war und sicher seiner Billigung, verscheuchte das Weh, das sie ergriffen, und hob ihr den Mut. Unsagbar Schweres lag hinter ihr, und Schwereres war vielleicht noch zu überwinden. Aber sie brauchte sich 290 nicht mehr davor zu fürchten; fühlte sie doch, daß die Kraft, die, nachdem sie sich ihrer Liebe bewußt geworden, in ihr erwacht war, in ihr fortwirkte, aus ihr heraus handelte und sie fähig machte, Dinge zu bewältigen, von denen sie glauben mußte, sie selbst sei zu schwach, sie zu heben und zum Ziele zu führen. Wie befreit fühlte sie sich von dem früheren Schwanken und Schweben, und wie schon vorhin in dem bescheidenen Beghinenhause, so fühlte sie auch hier in der stolzen Burg, daß sie in Leid und schwerer Not gelernt hatte, ihren Platz im Leben mit eigener Kraft zu behaupten. Der Vater, dem sie sogleich begegnen sollte, würde sie äußerlich wenig verändert finden; wenn er aber wahrgenommen hatte, welche Wandlung das innere Wesen seiner hilfsbedürftigen »kleinen Heiligen« erfahren, würde es ihn doch freuen, von ihr zu hören, wie wunderbar das letzte weissagende Wort der Mutter an ihr in Erfüllung gegangen. Für jeden Kampf gestählt, ging sie aus dem Schmiedefeuer des Lebens hervor, und doch hatten diejenigen unrecht, die da meinten, sie habe es, trotzend auf die eigene, neu gewonnene Kraft, verlernt, nach oben zu schauen. Im Gegenteil! Niemals hatte sie sich ihrem Gotte, dem Heiland und der gnadenreichen Jungfrau näher gefühlt. Ohne sie konnte ihr nichts gelingen, und erst jetzt hatte sie Aufgaben zu erfüllen unternommen und galt es Ziele zu erreichen, die würdig waren, sie um ihren Beistand zu bitten. Erst die Minne hatte sie gelehrt, auch im weltlichen Leben sich treu zu erweisen, und »besser« sagte sie sich, so viel besser kann ich noch werden; aber fester Treue halten gewiß nicht. Wolffs Versteck war ein großes, luftiges Gemach, 291 das in das Fränkische Land mit seinen Wiesen, Feldern und Wäldern hinausschaute. Jetzt fand sie dort beim Lichte hellbrennender Kienspäne den Vater, die Schwester und den Schwager beisammen. Das Wiedersehen mit all diesen geliebten, nach langer Trennung wieder vereinten Menschen gestaltete sich indes mehr wehmütig als froh. Els war wirklich entschlossen gewesen, den Eysvogelhof zu verlassen; doch hatte sie die Muhme Christine schon mit dem frohen Rufe empfangen: »Ich bleibe! Wolffs Vater und ich sind gute Freunde geworden.« Herr Kaspar hatte sie in der That vor wenigen Stunden gütig und dankbar angeschaut und sie, als sie ihm zu erkennen gab, wie glücklich sie dies mache, mit gebrochener Stimme innig gebeten, ihn nicht zu verlassen. Als sein guter Engel habe sie sich erwiesen, und ihr Anblick sei das einzige Licht in seinem verdunkelten Leben. Da hatte sie ihm denn froh zu bleiben verheißen und gedachte auch, Wort zu halten. Nur auf kurze Zeit war sie dem unerwartet heimgekehrten Vater hieher gefolgt, weil sie der Nonne, die die Wartung des Gelähmten mit ihr teilte, vertrauen durfte und er seine Pfleger bei Nacht nur selten erkannte. Wie lange war Els von dem Geliebten getrennt gewesen! Als Eva die Wiedervereinten begrüßte, hatten sie vor einander schon ausgeschüttet, was sie an den Rand des Verzagens geführt, und was ihnen jetzt wieder gestattete, mit frisch ergrünender Hoffnung neuem Glück entgegenzuschauen. Sich zu beeilen war Eva geboten. Dennoch fanden die Schwestern Zeit, sich mancherlei schnell zu vertrauen, 292 wenn der Vater sie auch anfänglich oft unterbrach, indem er sich dem Vorhaben der jüngeren Tochter, dem Kaiser als Bittende zu nahen, widersetzte. Das Mädchen, dessen Wünsche er noch vor kurzem wie die eines Kindes, je nach der Stimmung des Augenblicks, abgelehnt oder erfüllt, hatte indes auch in seinen Augen ein so wohlbegründetes Recht auf Hochschätzung gewonnen, in ihrer sittig bescheidenen Weise trat ihm eine so zielbewußte Bestimmtheit entgegen, das Schicksal Biberlis ging ihm selbst so nahe, und die Aussicht, seine Töchter vor Gericht gezogen zu sehen, war ihm so peinlich, daß er Evas Gründe gelten und sie mit guten Wünschen den schweren Gang antreten ließ. Els hatte von der mütterlichen Weise gelassen, ja die Schwester wie die ihr Ueberlegene empfangen. Auch dem Bräutigam begann sie ihr Walten im Siechenhause mit so lebhaften Farben zu schildern, daß Eva ihr den Mund zuhielt und mit dem Rufe: »Bestehst Du darauf, daß wir die Plätze wechseln, so stellen wir uns in Zukunft Schulter an Schulter dicht neben einander! Auf Wiedersehen nach der Schlacht!« dem Zimmer enteilte. Sie hätte den Ihren in keinem Falle viel mehr Zeit widmen dürfen; denn die Ehrendame der Frau Burggräfin, die sie zum Empfange führen sollte, wartete ihrer schon mit einiger Ungeduld bei den Schweizern und führte sie ungesäumt in die Reichsburg. In dem weiten Raume, der dort an den Speisesaal stieß, galt es warten. Die Zuversicht, die Eva während des Ganges zu den Ihren zurückgewonnen, schwand in der Nähe der Majestät und bei der Feierlichkeit des Empfanges, die hier jedem 293 Eintretenden gezollt ward, nur zu bald. Jetzt erst begriff sie, bang und bänger schlagenden Herzens, einen wie ernsten Schritt sie gethan; ja es bedurfte einiger Zeit, bis es ihr gelang, sich so weit zu sammeln, daß sie auf das Klirren der metallenen Gefäße und die tiefe Stimme des Kaisers, die manchmal das leisere Gespräch der Gäste übertönte, zu achten vermochte. Ueberall machte sich die Ehrfurcht vor der Majestät bemerkbar. Wie viel weniger geräuschvoll ging es auch bei diesem Mahle her als an der Tafel der Fürsten und Edlen; wußten doch die Gäste, daß Kaiser Rudolf dem lärmenden Wesen des deutschen Adels abhold. Dazu gebot auch die Trauer des Herrschers, der Heiterkeit und dem Uebermut Zügel anzulegen. Unaufgefordert vermied Herr und Dame überlautes Gelächter, obwohl der Kaiser die Heiterkeit liebte und wie heldenhaft er auch den tiefen Kummer der eigenen Seele verbarg. Als der Truchseß der Ehrendame, die Eva hieher geführt hatte, meldete, der Nachtisch würde aufgetragen, glaubte diese, jetzt sei der gefürchtete Augenblick nahe, in dem sie dem Kaiser zugeführt werden sollte, doch Viertelstunde auf Viertelstunde verging, und immer noch hörte sie das Klirren des Metalles und die Stimmen der Gäste, die nun lauter zu werden begannen, und aus denen ihr bisweilen auch die schnarrende Stimme des Schalksnarren Eyebolt und die hohe Gräfin Cordulas entgegenscholl. Im Schneckengange schlich die Zeit ihr dahin, und schon meinte sie, ihr Herz könnte das heftige Pochen nicht mehr lange ertragen, als endlich, endlich die schweren Eichenstühle auf dem Gestein des Estrichs geräuschvoll von der Tafel im Speisesaal abgerückt wurden. 294 Von dem Altane des Empfangssaales aus hallte eine Fanfare mit lautem Geschmetter von den Bogen des hohen gewölbten Raumes wider, und der Kaiser überschritt, den anderen voran, und von einigen Würdenträgern, dem Schalksnarren und etlichen Pagen begleitet, die Schwelle. Seine hohe Schwester, die Frau Burggräfin Elisabeth, hing an seinem Arme. Ihnen folgte im leuchtenden Gewande der Kardinäle der päpstliche Abgesandte Doria, der die Herzogin Agnes, das böhmische Königskind, führte, sie aber in der Empfangshalle freigab. – Unter manchen Fürsten und Großen dieser Welt und der Kirche erschien auch Graf Montfort mit seiner Tochter, der alte erste Losunger der Stadt, Berthold Vorchtel, sowie der Ohm Schultheiß mit seiner Hausfrau. Aus einer andern Thür traten zu gleicher Zeit auch mehrere Gäste aus der Stadt, und unter ihnen in vornehmem Feststaat Evas neue schwäbische Freundinnen. Wie gern wäre sie ihnen entgegen geeilt, doch ein schon ergrauter Herr von stattlicher Körperfülle, dem die pelzbesetzte Schaube bis an die Knöchel reichte, der Ritter. Arnold Maier von Silenen, führte sie zu einer weit von ihrem Platze entfernten Stelle des Saales. Dafür trat Graf Montfort mit Cordula in ihre Nähe; doch sie zu begrüßen, ging gleichfalls nicht an. Wo jeder hier stand – sie fühlte es – war es ihm zu bleiben geboten. Und der Zwang verstärkte sich, als Herzogin Agnes, diesem einen Gruß, jenem ein kurzes Wort schenkend, näher und näher kam und endlich bei dem Grafen Montfort stehen blieb. Ehrfurchtsvoll trat der alte Weidmann dem böhmischen 295 Königskinde entgegen, und Eva hörte, wie die vierzehnjährige Ehefrau ihn frug: »Nun, Graf, wie steht es mit Eurem Wunsche, den rechten Gemahl für die widerspenstige Tochter zu finden?« »Natürlich mußte er sich erfüllen, Frau Herzogin, weil Eure Hoheit ihn zu billigen geruhten,« versetzte jener mit der Hand auf dem Herzen. »Und darf man wissen?« erkundigte sie sich weiter, während ihr dunkles Auge hell aufblitzte und lichtes Rot über ihr leicht gebräuntes Kinderantlitz flog, in sichtlicher Spannung. »Ritterpflicht und väterliche Schwäche,« lautete die Antwort, »versiegeln mir leider noch die Lippen. Eure Hoheit wissen am besten, daß der Wunsch einer Dame – und wäre sie auch das eigene Kind – Befehl ist.« »Man rühmt Euch als gehorsamen Vater,« entgegnete die Böhmin mit einem leichten Achselzucken. »Doch braucht Ihr wohl kaum zu verschweigen, ob der Glückliche, der so vielen voran von der anziehenden Jägerin auf mancherlei Wildpret nicht nur ermuntert, sondern diesmal auch erhört ward, sich unter unseren Gästen befindet?« »Dies Glück ist ihm leider nicht vergönnt, Hoheit,« versetzte der Graf; Cordula aber, die Eva bemerkt und die letzten Worte der Herzogin vernommen hatte, trat der hohen Widersacherin entgegen und sagte mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verneigung: »Fern von hier, Hoheit, und unter Gefahr und Entbehrung muß ich Aermste ihn mir noch dazu denken. Statt Damen die Herzen, bricht er ritterlichen Räubern und Verletzern des Landfriedens die Burgen.« Da biß die Herzogin sich in stiller Empörung mit 296 den weißen Kinderzähnen in die zuckende Lippe und schickte sich eben zu einer Antwort an, die Cordula schwerlich geschmeichelt hätte, als der Kaiser, den seine vornehmen Begleiter sämtlich verlassen hatten, mit der Frau Burggräfin am Arme, auf Eva zutrat. Sie nahm es nicht wahr; denn sie suchte vergebens die Rede der Gräfin, die sie mit angehört hatte, zu deuten. Freilich wußte sie nicht, daß Cordula, als kein Bote dem unglücklichen Biberli, dessen Schicksal sie mit aufrichtiger Teilnahme erfüllte, die Fürsprache Heinz Schorlins bringen wollte, dem eigenen Bräutigam befohlen hatte, sein Roß tot zu reiten, um dem Herrn des schwer gefährdeten Gefolterten zu melden, was seinen treuen Diener bedrohte, und ihn in ihrem Namen zu erinnern, daß Dankbarkeit zu den Tugenden eines echten Ritters gehöre, auch wenn es sich nur darum handle, sich einem Herrenknecht erkenntlich zu erweisen. Und Boemund Altrosen hatte Gehorsam geleistet und mußte Heinz längst erreicht und ihm wohl auch geholfen haben, die Siebenburgs und ihren Anhang zu Paaren zu treiben. Cordula aber las in dem Kinderherzen der jungen Böhmin, und es gereichte ihr zu besonderem Vergnügen, ihr in der Fehde, die sie gegen einander führten, soeben einen tüchtigen Schlag versetzt zu haben, der vielleicht auch einem andern Zwecke förderlich sein konnte. Der Schreck und die Verwirrung, in die die Antwort der Gräfin Eva versetzt hatte, hoben den Zauber ihrer ermutigen Erscheinung. Hatte sie denn recht gehört? Konnte Heinz sich wirklich um die Gräfin bewerben und von ihr erhört worden sein? 297 Gewiß, ganz gewiß nicht! Solcher Falschheit, solchen Treubruchs war keines von diesen beiden fähig. Trotz des Zeugnisses der eigenen Ohren wollte, durfte sie es nicht glauben. Als sie aber endlich die hohe Gestalt des Kaisers vor sich sah, als er mit einem väterlich freundlichen Blicke zu ihr niederschaute, erwiderte sie ihn mit den großen blauen Augen, die bittend und dabei so vertrauensvoll zu ihm aufsahen, als wollten sie ihn erinnern, daß es, wenn er nur wollte, seiner Allmacht möglich sei, alles, was sie ängstigte und bedrängte, zum Besten zu wenden. Und der feuchte und doch sonnige Blick dieser unwiderstehlichen Augen drang dem Kaiser in die Seele, und im stillen stellte er sich vor, wie dies liebliche Bild der Reinheit und Unschuld, dies seltene Geschöpf, von dem er während des Rittes in den Wald durch den Schultheißen so Erstaunliches vernommen, dem achtzehnjährigen Liebling, den der Tod ihm eben so jäh entrissen, das für jeden Eindruck empfängliche Herz entflammt haben würde. Und während er seines Hartmanns gedachte, erinnerte er sich auch an den treusten und liebsten der Freunde des Verstorbenen, an Heinz Schorlin, der sich in seinem Dienste wiederum so tüchtig bewährte und sich ein Recht auf Anerkennung und Lohn verdiente. Wie es jetzt mit dem Verlangen seines jungen Schutzbefohlenen nach dem Kloster bestellt sei, wußte er nicht; wohl aber war ihm bekannt geworden, daß ihn schnell entflammte heiße Minne für das holdselige Kind dort zu einer strafbaren Unvorsichtigkeit verleitet hatte. Gerade heute war ihm außerdem noch mancherlei von den beiden zu Ohren gekommen, die so sicher zu einander paßten, 298 wie Heinz Schorlin auch dem der heiligen Kirche treu ergebenen Habsburger am letzten für das geistige Leben geeignet zu sein schien. Er, der Kaiser, konnte viel für das Bündnis dieser beiden thun, doch auch für ihn war dabei Vorsicht geboten. War er es, der sie wie eigene Kinder zusammengab, durfte er gewiß sein, laute Klagen bei der Geistlichkeit und besonders bei den in Rom einflußreichen Dominikanern zu erwecken; ja er mußte auf eine Widersacherschaft gefaßt sein, die sich gegen ihn wie gegen das junge Paar wandte. Der Prior des Ordens hatte sich bereits bei dem Nuntius über die Lauheit der Oberin der Klarissinnen beklagt, die thatenlos zusehe, wie man der Kirche die Seele einer Jungfrau aus angesehenem Hause entfremde, und Doria ihm von dieser ärgerlichen Angelegenheit und der Hoffnung des Priors gesprochen, den Ritter Schorlin, der sich seiner Gunst erfreue, für das geistliche Leben zu gewinnen. Auch von einer andern Seite her war Einspruch gegen dies Bündnis zu erwarten, das ihm zusagte, und das er darum zu begünstigen wünschte. Es mußte freilich mit aller Vorsicht und in einer Weise geschehen, der die Gegner nicht zu widerstreben vermochten. Bei dieser Erwägung flog ihm ein sonderbares Lächeln, das die Höflinge als das Vorzeichen einer gnädigen Regung kannten, um den Mund, der seit den letzten Monden besonders kenntlich dem Kummer Ausdruck lieh, der ihm die Seele beschwerte, – und, indem er den langen Zeigefinger drohend erhob, begann er: »Ei, ei, Jungfrau Eva Ortliebin. Was triebet Ihr für Dinge, seit mir aus dem Rathause die Gunst widerfuhr, Euch, 299 Vielschöne, beim Tanz zu begegnen? Wißt Ihr auch, daß Ihr die geistliche wie die weltliche Obrigkeit in Unruhe versetzt und man uns um Euretwillen manche schätzbare Stunde schmälert? Den gestrengen Dominikanervätern wie den frommen Klarissinnen stört ihr in gleicher Weise den Frieden. Jene finden, daß die sanften Nonnen Euch zu milde begegnen, und diese zeihen die eifrigen Jünger des heiligen Domingo übergroßer Strenge in Eurer Sache. »Und dann! Wäre es Euch selbst nicht so wohl bewußt, würdet Ihr es schwerlich glauben. Um eines geringen Herrenknechtes willen, der Eures besonderen Schutzes genießt, bedrängen mich, den so viel Ernstes und Schweres belastet, die Großen und Kleinen. Was habe ich dazu auch durch seinen Herrn, den Ritter Heinz Schorlin, – wieder im Zusammenhang mit Euch, Ihr schöner Störenfried – nicht alles zu erdulden! Des anderen zu geschweigen erhebt Euer leiblicher Herr Vater gegen ihn Klage. In einem Schreiben geschieht es, das Meister Gottfried, unser Protonotarius, nach des Herrn Ortlieb Willen zurückbehalten sollte, das mir aber dennoch durch ein willkommenes Ungefähr in die Hand kam. Und was dies Schreiben berichtet, mein holdseliges Kind, das sind Dinge, die ich . . . Seid unbesorgt . . . Die Rosenwangen glühen schon heiß genug, und um ihretwillen geschweige ich des Inhalts. Nur zwingt es mich zu der Frage . . . tretet nur näher! . . . ob, wenn es Euch auch zu großem Aergernis gereichte, daß ein gewisser junger Schweizer Ritter nächtlicherweile in Euer väterliches Haus drang, ob Ihr nicht dennoch mit mir, dem Erfahreneren hofft, dieser von heißer Minne bethörte 300 Wagehals könnte sich unter dem Beistand der lieben Heiligen, denen er sich schon ernstlich zuzuwenden beginnt, zu größerer Vorsicht und löblicherer Tugend bekehren? Ob Ihr nicht gar in Eurer großen Barmherzigkeit, von der ich so Rühmliches vernahm, im stande wäret . . .« Hier stockte er und fuhr in leisem Flüstertone fort: »Leiht mir mit Gunst das Ohr – ein wie klein und wohlgebildet Dinglein es ist! – noch ein wenig, um mir, dem älteren Manne, der es väterlich wohl mit Euch meint, zu vertrauen, ob Ihr Euch nicht gar geneigt finden ließet, es mit dem kecken Uebelthäter und mit seiner Besserung selbst zu versuchen, wenn er Euch, statt des Herzens allein, auch das Ringlein böte, mit samt der – dafür stehe ich ein – redlichen, ritterlichen Hand?« »O Herr!« fiel Eva hier dem gütigen Herrscher in die Rede, und ihre in Thränen schwimmenden großen Augen trafen dabei mit einem so angstvoll flehenden Blicke die seinen, daß er, als bedauerte er seine schnelle Frage, in besänftigendem Tone fortfuhr: »Nun, nun . . . Wir kommen, denk' ich, auch langsameren Schrittes zum Ziele. Solch ein Bekenntnis fließt wohl auch leichter über die Lippen, wenn es derjenige fordert, für den es Glückseligkeit oder Verzweiflung bedeutet, als wenn ein Fremder, und wäre er auch so alt und wohlmeinend wie ich, es von einer sittigen Jungfrau zu erlangen begehrt.« Hier hielt er inne; denn Frau Wendula Schorlin war seinem Blicke begegnet. Froh bewegt, winkte er ihr mit der Hand einen Gruß zu, befahl einem Pagen, sie zu ihm zu führen und sagte, indem er sich von neuem an Eva wandte: »Sieh da, mein vielschönes Kind, da wäre ja schon eine, der Ihr Euch williger als mir 301 anvertrauen möchtet. Die aller Ehren und Liebe werte Mutter des Ritters Heinz hätte, dünkt mir . . .« Hier drängte Ueberraschung und Freude Eva die Frage auf die Lippen: »Seine Mutter?« und es klang dem Kaiser aus ihr ein so lebhaftes Erstaunen entgegen, daß er, als Frau Wendula ihm mit tiefen Verbeugungen näher getreten war und er mit ihr wie mit einer alten, lang entbehrten Freundin die ersten Grüße gewechselt, zu wissen verlangte, wie es komme, daß Eva, obgleich sie der Matrone ja schon begegnet zu sein scheine, mit so großem Befremden vernehme, sie sei die Mutter seines tapferen Schützlings. Da bekannte Frau Wendula, wofür sie sich ausgegeben, damit sie die Jungfrau unerkannt ergründe, und wieder flog Kaiser Rudolf jenes seltsame Lächeln über das bartlose Antlitz, und es dauerte fort, während er die Witwe des verstorbenen Kampfgenossen leise frug, ob sie nach solcher Prüfung glaube, daß sie die Rechte für den Sohn in ihr gefunden, und während ihm die Antwort zu teil ward, auch in einem langen Leben würde sie nicht Zeit genug finden, dem Himmel für solche Tochter genugsam zu danken. Die Jungfrau aber, der dies Geflüster galt, dessen Inhalt ihr nur ein liebevoller Blick Frau Wendulas verriet, preßte die Hand auf das Herz, dessen ungestümer Schlag ihr den Atem beengte. O, wie gern wäre sie auf die Mutter des Mannes, den sie liebte, und auf seine junge Schwester, die sich in bescheidener Entfernung hielt, zugeeilt, um sie in die Arme zu schließen und ihnen zu vertrauen, was ihr zu groß, zu viel, zu schön für sich allein dünkte, und was doch durch ein einziges Wort des 302 Geliebten zusammenstürzen konnte wie ein unterhöhlter, vom Wirbelwinde ergriffener Turm. Hier aber galt es, sich zu gedulden und über sich ergehen zu lassen, was ihr sonst noch beschieden. Und es sollte ihr auch an inneren und äußeren Erlebnissen nicht fehlen; denn kaum hatte sie dem Kaiser auf die leise Frage, ob es sie verlange, sich von dieser trefflichen Frau »Tochter« nennen zu hören, stumm, doch deutlich genug zu erkennen gegeben, wie es mit ihrem Herzen bestellt war, als er lauter, doch in bedenklichem Tone fortfuhr: »Soweit stünde denn alles zum Besten; doch, schöne Jungfrau, mein junger Freund begnügte sich leider, hörte ich recht, mit nichten, nur an eine Herzensthür zu pochen. Es sind mir da Dinge zu Ohren gekommen, Dinge . . . Aber auch das soll . . .« Hier brach er plötzlich ab; denn schon während seiner Rede mit den Frauen war es an der Thür des Empfangsaales laut geworden, und jetzt betrat ihn derjenige, gegen den der Kaiser eben die Anklage erhoben, und ihm auf dem Fuße folgte mit gerötetem Antlitz der Kämmerer Graf Ehenhofen, der sich den Ritter Schorlin vergeblich zurückzuhalten bemühte. Auch Heinz glühten die Wangen von dem Streit mit dem Höfling, der es für einen schweren Verstoß ansah, daß ein Ritter es wagte, bei einer friedlichen geselligen Zusammenkunft kriegerisch bewaffnet vor den Kaiser zu treten. Unter den anderen Mitgliedern des Hofes erweckte sein Erscheinen eine frohe Bewegung; ja trotz der Anwesenheit des Herrschers scholl ihm von den Lippen vieler Herren und Damen ein herzlicher Bewillkommnungsruf 303 entgegen. – Nur die böhmische Königstochter schaute ärgerlich auf die blaue Binde an der Helmzier des Heimkehrenden; denn »blau« war die Farbe der Gräfin Montfort und »rosenrot« die ihre. Zwei geistliche Herren, an denen Heinz vorüberschritt, veranlaßte sein Eintritt zu einem eifrigen Geflüster. Der Beichtvater der Herzogin Agnes, ein älterer Dominikaner von hohem Wuchs, lieh dem Probst von St. Sebald, einem wohl um einen Kopf kleineren Greis von würdigem und dabei gütigem Ansehen, das Ohr, der, während er Heinz scharf ins Auge faßte, bemerkte: »Euer Herr Prior hofft, fürchte ich, allzu sicher auf diesen jungen Ritter. So schreitet niemand daher, der im Begriff steht, der Welt zu entsagen. Ein prächtiger Bursche!« »Dem die Rüstung doch wohl besser steht als die Kutte,« bemerkte der Bischof von Bamberg, ein Prälat in mittleren Jahren von vornehmem Ansehen, indem er zu den anderen trat. »Euer Herr Prior, teurer Bruder, würde, mein' ich, wenig Freude an diesem Fische finden, den er so eifrig aus dem Netze der Minoriten in das seine zu ziehen begehrt. Nur allzu bald spränge er ihm wieder ans Land. Er taugt nicht ins Kloster. Zum Priester wär' er wohl eher berufen, und als streitbaren Amtsbruder hieße ich ihn willkommen.« »Kühn genug,« fügte der Dominikaner hinzu, »ist er freilich. Nicht jedem wollt' ich raten, so angethan vor die Majestät des Kaisers und in diesen erlauchten Kreis zu treten.« Allerdings sah man Heinz deutlich genug an, daß er geradeswegs vom Schlachtfelde und aus dem Sattel kam; denn ein derber Kettenpanzer, den der ziemlich lange 304 Waffenrock indes zum größten Teil verdeckte, umgab ihm die Glieder, und auch der Helm, den er im Arme trug, gehörte, trotz der blauen Binde an der Zier, keineswegs zu den feinen und kostbaren, die man beim Turnier trug. Dazu verriet manche Beule, daß ihn kräftige Hiebe und Stöße getroffen.     Achtzehntes Kapitel. In dem Quartiere Heinz Schorlins hatte Frau Bärbel, seine junge Wirtin, noch gestern die kostbare Rüstung, die ihr anvertraut worden war, und was dazu gehörte, putzen lassen und in stand gesetzt; doch ihre Arbeit war vergebens gewesen; denn ohne seine Wohnung in der Stadt zu berühren, war Heinz aus der Schweinau geradeswegs auf die Veste geritten. Erst ganz vor kurzem hatte er erfahren, daß seine beiden Boten aufgefangen und nicht ans Ziel gekommen wären. Dem Ritter Boemund Altrosen dankte er diese und dazu manche andere Nachricht, die Cordula ihm mit auf den Weg gegeben. Die Aufgabe Heinz Schorlins war in der Hauptsache gelöst, als der Abgesandte der Gräfin bei ihm eintraf. Ungesäumt hatte er sich darum auf den Heimweg begeben, und der schweigsame Freund war diesmal beredt gewesen und hatte ihm alles vertraut, was sich während seiner Abwesenheit ereignet. Jetzt wußte er, daß Boemund und Cordula Eins waren, hatte er erfahren, was der treue Biberli für ihn gethan und gelitten, und endlich auch bis ins kleinste, welche wunderbare Wandlung sich mit Eva begeben. 306 Als er ausgeritten war, hatte er gehofft, ihr, die er mit der ganzen Kraft seiner feurigen Seele liebte, entsagen zu lernen, und es über sich zu gewinnen, mit diesem glücklichen Feldzug den Kriegerberuf zum Abschluß zu bringen; während er aber Burgen brach und gegen den Feind anstürmte, waren die früheren Wünsche verstummt und ein neues Verlangen und neue Ueberzeugungen an ihre Stelle getreten. Er konnte von dem Waffenhandwerk nicht lassen, das, was Schorlin hieß, seit unvordenklichen Zeiten geübt, und der Minne, die ihn mit Eva verband, abzusagen, war ihm unmöglich. Die Geliebte mußte sein eigen werden, wenn sie auch einem Apriltage glich und wenn ihm auch Biberlis Märe von der Gefahr, die dem Manne von seiten der nachtwandelnden Hausfrau drohte; mehr als einmal in den Sinn kam. Doch wie schöne Apriltage hatte er erlebt, und mochte Eva auch überreich sein an Fehlern, der Wille, gut zu sein und Gott wohlgefällig, fehlte dem frommen, engelschönen Kinde gewiß nicht. War sie erst sein, so sollte sie schon so werden, daß auch die Mutter daheim seine Wahl billigen würde. Dem Gedanken, ins Kloster zu gehen, hatte er völlig entsagt. Der Minorit Ignatius, den Pater Benedictus Heinz nachgesandt hatte, damit er das von ihm begonnene Werk an ihm zu Ende führe, war ein Mann, dem es weder an Geist noch an Beredsamkeit fehlte; der feurige Enthusiasmus und die vornehme Sicherheit des jüngst Verstorbenen gingen ihm indes ab. Als aber zwei eifrige Patres, die der Prior der Dominikaner abgesandt hatte, um das Bekehrungswerk an Heinz zu Ende zu führen, ihm in den Weg traten, geriet jener mit ihnen in 307 so scharfe und peinliche Streitigkeiten, daß der junge Ritter, der ihren Zänkereien mehr als einmal beiwohnte, abgeschreckt und entnüchtert, sehr bald alle drei von sich fern hielt und ihnen erklärte, sein Entschluß in der Welt zu verbleiben sei gefaßt, und sein schweres Amt lasse ihm keine Zeit, ihren wohlgemeinten Mahnungen weiter zu folgen. Er war nicht für das Kloster geschaffen. Wenn der Himmel ihn eines Wunders gewürdigt, war es geschehen, um ihn am Leben zu erhalten, damit er – wie Eva es wünschte – für die Kirche, seinen heiligen Glauben und den geliebten Kaiser bis zum letzten Blutstropfen streite. Wenn er aber in der Welt verblieb, so that Eva es ihm nach; denn sie gehörten untrennbar zusammen. Warum, hätte er nicht zu begründen vermocht, aber die Stimme, die es ihm fort und fort versicherte, konnte nicht lügen. Nachdem er Seitz Siebenburg im Schwertkampfe getötet und die Burg seiner Brüder geschleift hatte, war sein Entschluß, um Eva zu werben, zu voller Festigkeit gelangt. Das Herz befahl es ihm; doch auch die Ehre schrieb ihm vor, der Jungfrau und ihrer Schwester den guten Namen zurückzugeben, den sein leidenschaftliches Ungestüm beiden geschädigt. Auf dem schnellen Ritte, der ihn mit Boemund Altrosen nach Nürnberg führte, war er im Schweinauer Siechenhause vorgesprochen und hatte in Biberli, dem Gegner Evas, ihren glühendsten Lobredner gefunden. Von ihm war Heinz auch mitgeteilt worden, wie schnell sie das Herz der Mutter und Schwester für sich gewonnen, und daß er alle drei auf der Burg finden würde. 308 Schwester Hildegard hatte ihn endlich auch mit der großen Gefahr bekannt gemacht, in der sein »alter Biber«, sein lieber, treuer Diener und Gefährte, schwebte, und die Eva dahin geführt, die Gnade des Kaisers anzurufen. An der Leiche des Paters Benedictus hörte er, wie schön der Tod des Greises gewesen, der sich so redlich bemüht, ihn auf den Weg zu führen, in dem er den rechten für ihn gesehen. In einem kurzen Gebete zu Häupten des frommen Freundes sprach Heinz ihm seinen Dank aus und rief ihn zum Zeugen auf, daß er auch in der Welt nicht vergessen wollte, wie kurz das Erdenwallen, und daß er auch für sein anderes Leben, das ewig dauerte, zu sorgen gedenke. Freilich waren Heinz diesem Abschiede nur kurze Augenblicke zu widmen vergönnt; denn die Sache des treuen Gesellen, der selbstlos und ungebeten namenlose Qualen für ihn erduldet, ging jeder andern vor und duldete keinen Aufschub. Als der Heimgekehrte den Empfangssaal raschen Schrittes hoch aufgerichtet betrat, sah er froh bewegt vor sich, was er am meisten liebte, wonach ihn auf dem Ritte hieher am innigsten verlangt: die Mutter, Eva, die Schwester, den kaiserlichen Wohlthäter, der ihm so teuer. Hingerissen von einer mächtigen Bewegung warf er sich vor dem lieben Herrn auf die Kniee und küßte ihm Hand und Gewand; der Kaiser aber gebot ihm, sich zu erheben, und begrüßte ihn herzlich. Nachdem Heinz ihm gemeldet, daß er seinen Auftrag glücklich zu Ende geführt habe und einige Worte des Dankes und der Anerkennung dafür geerntet, legte er, bevor er sich an die Seinen wandte, in aller Bescheidenheit, aber doch mit dringlicher Wärme dem Kaiser ans 309 Herz, wenn er mit ihm zufrieden sei, statt jedes andern Lohnes seinen treuen Diener, der aus Liebe zu ihm die grausamste Marter ertragen, der Verfolgung zu entziehen. Da gewann das Antlitz des Herrschers, der Heinz wie einen lang entbehrten Sohn willkommen geheißen hatte, ein ernsteres Ansehen, und leiser Unwille schien sich in den Ton seiner Stimme zu mischen, als er ihm zurief: »Bringen wir erst Deine eigenen Angelegenheiten ins reine. Wie gegen Deinen Diener, zu dessen Gunsten man mich schon so reichlich plagte, wurde auch gegen Dich, mein Sohn, ernstliche Klage erhoben. Ein Vater, der zu den Häuptern dieser Stadt gehört, beschuldigt Dich, seiner Tochter den Leumund verdorben zu haben, indem Du in sein Haus drangst, nachdem Du sein Kind Deiner Minne versichert.« Hier wandte sich Heinz Eva zu, um zu versichern, daß er hier sei, um gut zu machen, was er gegen sie gefehlt; der Kaiser aber ließ ihn nicht zu Worte kommen. Es galt jeden Einspruch, der von geistlichen und weltlichen Gegnern gegen dies Bündnis erhoben werden konnte, auf einmal zum Schweigen zu bringen, und so behielt er, wie sehr es ihn auch drängte, das junge Glück dieser beiden mit zu genießen, die Miene der ernsten Unzufriedenheit bei, die er angenommen, und befahl einem Pagen, den Schultheißen, den ersten Losunger der Stadt Nürnberg und seinen Protonotar, die sämtlich zu den Anwesenden gehörten, und endlich auch die Herzogin Agnes zu ihm zu berufen. In ihren Kinderaugen las er wie in einer deutlichen Schrift, und weder war ihm das Aufleuchten ihres Antlitzes beim Eintritt Heinz Schorlins, noch der feindselige Blick 310 entgangen, mit dem sie die Gräfin Montfort gemessen. Ihre Neigung wie ihr eifersüchtiger Groll sollten ihm dienen. Die junge Böhmin meinte jetzt bestimmt zu wissen, daß Heinz Schorlin, und kein anderer, der von Cordula erhörte Ritter sei; hatte doch die Gräfin bei seinem Erscheinen dem Vater laut genug zugerufen: »Da hätten wir ihn denn wieder!« Als sie den berufenen Herren voran vor dem Kaiser stand, ersuchte sie dieser, in einer wichtigen Frage die Entscheidung zu treffen. Der Ritter dort – und damit wies er auf Heinz – hätte sich eines schwer zu rechtfertigenden Handels schuldig gemacht. Obwohl er der Tochter eines wappenfähigen Nürnberger Geschlechtes nachgestellt und sogar in ihr väterliches Haus gedrungen sei, habe er, wie es scheine, dieser Beklagenswerten vergessen . . .« »Und,« brauste die junge Gattin auf, »auch eine andere hat der gewissenlose Mann nicht nur seiner Minne versichert, sondern auch ernstlich um sie geworben.« »Das würde ihm ähnlich sehen,« versicherte der Kaiser. »Wir aber dürfen der Klage des Nürnberger Ehrbaren das Ohr nicht verschließen. Seine Tochter, eine holdselige, sittsame und wohlbeleumdete Jungfrau, kam durch Heinz Schorlin in großen Schaden, und so bitte ich Dich, Kind, mit dem feinen Gefühle, das Dir gegenüber allen Fragen eignet, die die Rechte und Pflichten einer Dame angehen, uns anzuvertrauen, was nach Deiner Meinung dem Ritter Schorlin aufzuerlegen sei, um gut zu machen, was er an der jungen Nürnbergerin verschuldet.« 311 Damit winkte er dem Protonotar, um ihm zu gebieten, der Herzogin die Klageschrift Ernst Ortliebs zu zeigen; die junge Böhmin aber schien die Kunst des Lesens trefflich geübt zu haben; denn schneller als es anderen möglich gewesen wäre, auch nur von den ersten Sätzen Kenntnis zu nehmen, rief sie, indem sie sich hoch aufrichtete und Cordula mit stolzer Ueberlegenheit ins Auge faßte: »Hier gibt es nur eine Entscheidung, wenn anders die gute Sitte in dieser edlen Stadt gewahrt und die jungfräulichen Töchter ihrer edlen Geschlechter auch fürder vor dem Mißgeschick sichergestellt werden sollen, ein Spielball für den Frevelmut leichtfertiger Herzensbrecher zu werden. Diese Entscheidung aber, auf der ich als Dame und Fürstin im Namen meines gesamten Geschlechtes und aller ritterlich Gesinnten, die mit mir die Ehrfurcht und unverbrüchliche Treue hochhalten, die einer Dame gebührt, fest und entschieden bestehe, sie lautet: Ritter Heinz Schorlin hat bei dem ehrbaren Herrn, der diese Klage mit vollem Rechte an Eure kaiserliche Majestät brachte, um die Hand seiner Tochter zu werben, und, würdigt die so schwer geschädigte Jungfrau ihn noch, ihn zu erhören, vor Gott und der Welt den Ehebund mit ihr zu schließen.« »Mir aus dem Herzen gesprochen,« versetzte der Kaiser und fuhr, indem er sich an die Nürnberger wandte, fort: »Und so frage ich euch denn, ihr werten Herren, die ihr mit den Gesetzen und Sitten dieser guten Stadt vertraut seid und ihrer Rechtspflege vorsteht: Ist mit einer solchen Eheschließung die Klage erledigt, die sich gegen den Ritter Heinz Schorlin und mit ihm gegen seinen Herrenknecht erhebt?« 312 »Sie ist es,« entgegnete der alte Herr Berthold Vorchtel mit ernster Entschiedenheit. Der kaiserliche Schultheiß pflichtete ihm zwar bei, doch fügte er bedenklich hinzu, ein beklagenswertes Zusammentreffen habe es gefügt, daß eine andere noch schwerer durch die Unvorsichtigkeit des Ritters getroffen worden sei als Eva. Es sei ihre ältere Schwester, die Braut des jungen Eysvogel. Um ihretwillen, wie um es zu einer giltigen Verbindung zwischen dem Ritter Heinz Schorlin und der jüngeren Ortliebin kommen zu lassen, bedürfe es der Zustimmung des Vaters. Wenn die kaiserliche Majestät das Gnadenwerk, das sie so huldreich begonnen, heute noch zu einem schönen Ende zu führen gedächten, so stehe dem nichts im Wege; denn Ernst Ortlieb befinde sich mit der von der Verleumdung so schwer betroffenen Tochter auf der nahen Zollernschen Burg. Erstaunt ließ der Kaiser sich erklären, wie sie dorthin kämen und befahl dann, den Vater Evas und ihre Schwester zu ihm zu führen. Er sei begierig, auch das zweite schöne E kennen zu lernen. »Und Wolff Eysvogel?« frug der Schultheiß. »Wir bestimmten,« entgegnete der Herrscher, »ihn erst freizugeben, nachdem wir Nürnberg hinter uns ließen. So viel Rühmliches wir darum auch von diesem jungen Manne vernahmen, so gern wir ihm auch zeigten, wie großen Dankes wert wir das Blut schätzen, das ein Tapferer für uns auf dem Marchfelde vergoß, so duldet doch keine Aenderung, was kraft unseres kaiserlichen Wortes . . .« »Gewiß nicht, Brüderlein,« unterbrach ihn hier der 313 Schalksnarr Eyebolt; »doch gerade darum sollst Du dem Eysvogel, so schnell es angeht, den Käfig öffnen und ihn hieher flattern lassen; denn auf dem Ritte zu den Zeidlern überschrittest Du in der eigenen, sieben Fuß hohen Person, das ihr – Deiner kaiserlichen Person, mein' ich – an Länge nicht weit überlegene Gebiet dieser guten Stadt. Darum wandtest Du ihr so sicher den Rücken, wie Du vor den Dingen stehst, die hinter Dir liegen. Und da einem Kaiserworte nicht so viel hinzugefügt oder abgenommen werden darf, wie die Mücke auf dem Schwanze davonträgt, wenn sie überhaupt einen hat, so bist Du, Brüderlein, verpflichtet und gehalten, das merkwürdige Ungetüm, das zugleich ein Wolff ist und ein Vogel, auf der Stelle freizugeben und hieher zu bescheiden.« »Nicht übel,« lachte der Kaiser, »wenn die Nürnberger Stadtgrenze unsern Rücken in der That auch nur so kurze Zeit sah, wie es bedarf, um aus einem Weisen einen Narren zu machen. Folgen wir denn Deinem Rat, Eyebolt! Ihr, Herr Schultheiß, sagt dem jungen Eysvogel, die Gnade des Kaisers habe seine Strafe von ihm genommen. Der Bruch des Landfriedens sei demjenigen vergeben, der uns den Frieden so heldenhaft zu erkämpfen beistand.« Dann wandte er sich an Meister Gottlieb, den Protonotar, und raunte ihm, nur ihm verständlich, zu, er möge flugs eine Schrift zu Papier bringen, die dem Bunde Heinz Schorlins mit Eva Ortliebin rechtliche Kraft verleihe, damit ihn weder eine weltliche Behörde, noch auch die Dominikaner und Klarissinnen, anfechten könnten. Während dieser Verhandlung hatte die höfische Sitte den Anwesenden verboten, den Platz zu wechseln. Was 314 einer dem andern kund zu thun wünschte, hatte er ihm mit der stummen Sprache der Augen anvertrauen müssen, und einer scherzhaften Regung Kaiser Rudolfs gefiel es, den Bann, der diejenigen getrennt hielt, die es am mächtigsten zu einander hinzog, noch aufrecht zu erhalten. Als er indes mit dem Protonotar redete, durften Kühnere es wagen, sich freier zu bewegen, und von ihnen allen legte sich Cordula den geringsten Zwang auf. Bevor Heinz noch Zeit gefunden, das erste Wort an Eva zu richten oder die Mutter zu begrüßen, trat sie schnell an seine Seite und flüsterte ihm mit bitterböser Miene zu: »Wenn der Himmel den Besten das größte Glück schenkte, so müßtet Ihr von den Vorzüglichen der Vorzüglichste sein; denn ein feineres Meisterwerk als Eure künftige Hausfrau – ich kenne sie – ist ihm nimmer gelungen. Aber jetzt öffnet die Ohren und folgt meinem Rate. Zeigt erst, wie's euch ums Herz ist, wenn Ihr die Burg so weit hinter Euch ließet, daß das Auge des böhmischen Königskindes Euch nicht mehr erreicht. Haltet an Euch, wenn Ihr nicht wollt, daß das Glücksschiff noch dicht vor dem Hafen scheitert.« Dann kehrte sie ihm mit einer schnellen Wendung und gut gespieltem Unwillen den Rücken. Geflissentlich blieb sie, nachdem sie in den Saal zurückgetreten war, gesenkten Hauptes in der Nähe der Herzogin stehen; diese aber trat rasch auf sie zu und sagte mit gut gespieltem Ernste: »Ihr, Gräfin, werdet meinem Eintreten gegen die Leichtfertigkeit unserer ritterlichen Schmetterlinge und für ihre Opfer, die armen, unerfahrenen Jungfräulein, wohl am letzten die Zustimmung versagen.« 315 »Wenn Eure Hoheit meinen,« antwortete Cordula und zuckte, als gelte es, sich in Unvermeidliches zu fügen, die Achseln. »Was mich angeht, so sendet mich, fürchte ich, Eure gütige Fürsorge ins Kloster.« »Gräfin Montfort als Nonne!« lachte die junge Gattin. »Wenn Ritter Schorlin es war, dessen Ihr vorhin gedachtet, so gehört auch Ihr allerdings zu den beklagenswerten Getäuschten; doch mit weiser Vorsicht sorgtet Ihr ja längst für Ersatz. Statt Euch, deren so viele begehren, in einem Kloster zu verbergen, winkt doch lieber einem Eurer Verehrer und schenkt ihm das Glück, dessen der andere nicht wert war.« Da schaute Cordula kurze Zeit sinnend zu Boden und rief dann, als hätte dieser Rat ihre Billigung gefunden: »Wie immer, so fand auch diesmal die reife Weisheit Eurer herzoglichen Hoheit das Rechte. Ich tauge nicht für den Schleier. Vielleicht morgen schon werdet Ihr von mir hören. Auf wen die Wahl fällt, wird sich dann wohl entscheiden. Was würdet Ihr zu dem schwarzhaarigen Altrosen sagen?« »Ein tapferer Streiter,« versetzte die Böhmin, und das Lachen, das ihre Rede begleitete, kam ihr diesmal aus dem Herzen. »Versucht es mit ihm in aller Heiligen Namen. Doch seht den Ritter Schorlin! Ein mürrischer Beglückter! Er scheint mit unserem Richterspruche nicht völlig zufrieden.« Darauf winkte sie ihrem Kämmerer und dem Hofmeister, sagte dem kaiserlichen Schwiegervater Lebewohl und rauschte, indem sie das hübsche Kinderköpfchen stolz zurückwarf, aus dem Empfangssaal. Bald nach ihr führte der Schultheiß Ernst Ortlieb, seine Tochter und Wolff vor den Herrscher, der wie verjüngt auf die schönen Paare sah, deren Wohl und Wehe in seiner Hand lag. In diesem Bewußtsein genoß er einen jener Augenblicke, in denen er dankbar die ganze Schönheit und Hoheit seines schweren Berufes empfand. Mit gütigen Worten gab er Wolff die Freiheit zurück und sprach die Erwartung aus, daß er mit solcher Gefährtin das edle Haus seiner Väter zu neuer Blüte führen werde. Als er sich endlich Heinz zuwandte, frug er leise: »Weißt Du, was dieser Tag mir bedeutet?« »Er schenkte Euch vor neunzehn Jahren den armen Hartmann,« entgegnete jener und schaute wehmütig zu Boden. Da nickte der gütige Fürst ihm verständnisvoll zu und sagte: »So soll er denen zu gute kommen, die, so lange er noch währt, auf die Gnade seines Vaters hoffen.« Dann blickte er nachdenklich vor sich hin, und, getreu seiner Art, ein Ziel – oft auch ein fernes – ins Auge zu fassen und dann das einzelne, das ihn dem Erfolg näher bringen sollte, sorgsam zu Ende zu führen, bevor er sich dem Folgenden zuwandte, berief er den Schultheißen und den ersten Losunger an seine Seite. Nachdem er ihnen seinen Willen eröffnet, die Schöffen entscheiden zu lassen und, mochte das Urteil auch gegen Biberli ausfallen, ihn durch einen Gnadenakt von der Strafe zu befreien, nahmen beide es auf sich, das Fernbleiben des Angeklagten vom Verhör zu rechtfertigen. Die weise Vorsicht, mit der Kaiser Rudolf in die Rechte des ehrbaren Rates einzugreifen vermied, gereichte dem alten Herrn Berthold Vorchtel zu großer Genugthuung. Er wie der Schultheiß durften auch, des Erfolges sicher, 317 versprechen, diese Angelegenheit, die die Gemüter, besonders im Handwerkerstande, so heftig ergriffen hatte, sei mit der Vermählung der beiden Jungfrauen Ortlieb und der Zahlung des Wehrgeldes an den verwundeten Schneidermeister aus der Welt zu schaffen. Jede neue sie betreffende Klage würden Rugamt und Schultheiß sodann von Rechts wegen zurückweisen dürfen. Wärmer hatte Heinz dem kaiserlichen Wohlthäter noch für keine Gabe gedankt; der Kaiser aber nahm die redlichen Aeußerungen der Rührung und Erkenntlichkeit des tapferen Schützlings zwar freundlich entgegen, doch gestattete er ihm auch jetzt noch nicht, seines neuen Glückes zu genießen. Es gab da noch einiges, was erledigt werden mußte, und zum drittenmale lehrte sein eigentümliches Lächeln den Eingeweihten, daß er für denjenigen, dem es galt, etwas Erfreuliches plane. Die Erwähnung des Wehrgeldes, das Herr Ernst Ortlieb dem verleumderischen Schneider schuldete, der immer noch nicht völlig von seiner Wunde genesen, veranlaßte den Kaiser, den Vater der schönen Schwestern ins Auge zu fassen. Er wußte, daß auch Herr Ernst einen wackeren Sohn auf dem Marchfelde verloren, und man hatte ihm den Vater Evas als braven, doch schwer zu behandelnden Mann geschildert. Jetzt sah der Herrscher ihn trotz des neuen Glückes seiner Kinder unfroh und als sei ihm eine Kränkung widerfahren, von den Töchtern auf Heinz und von ihm auf Frau Schorlin und Maria blicken, mit denen man ihm noch nicht einmal vergönnt hatte, Bekanntschaft zu machen. Wohl empfand er, daß der 318 Kaiser ihn und die Seinen mit seltener Huld ehre und sie zum wärmsten Dank verpflichte; dennoch aber fühlte er sich als Vater und als Mitglied des stolzen und unabhängigen ehrbaren Rats der freien Reichsstadt Nürnberg in seinen Rechten gekränkt; ja, es kostete ihn schwere Ueberwindung, nicht Einsprache gegen solche Willkür zu erheben. Er stand auch noch hier mit seinen väterlichen Rechten, und Els und Eva waren keine elternlosen Waisen. Der edle Monarch und kluge Menschenkenner sah dem Nürnberger an, was in ihm vorging, doch das liebenswürdige Lächeln behauptete seinen Platz, als er mit einem Blicke auf den übelgelaunten »Ehrbaren« seinem künftigen Eidam zurief: »Da wurde ich an etwas erinnert, Heinz, was Deine warmen Danksagungen leicht ein wenig abkühlen könnte. Das holdselige Kind dort willigte zwar ein, die Deine zu werden, doch bedeutet das nicht eben viel; denn es geschah ohne Zustimmung des Vaters, durch die dem Vertrage erst Unterschrift zukommt und Siegel. Der ehrbare Herr Ernst Ortlieb scheint aber keineswegs frohen Mutes. Schau ihn nur an! Stillschweigend zeiht er mich sicher eines ärgerlichen Eingriffes in seine väterlichen Rechte, und doch mag er sich versichert halten, daß ich ihm vor vielen anderen wohl will. Schon das Blut seines Sohnes, das für seines Kaisers Sache floß, erwirbt ihm ein gutes Recht auf unsere besondere Gnade, und so schenkten wir denn auch seiner Klageschrift aufmerksame Rücksicht. In dieser verlangt er nun von Dir, mein Sohn, daß Du die zweihundert Mark Silber, die dem Schneider als Wehrgeld zugesprochen wurden, und die er dem geschädigten Handwerker zahlen muß, ihm – Herrn Ernst Ortlieb – zurückerstattest. Dem klugen 319 Geschäftsmanne ist diese Forderung kaum zu verdenken; denn, was er dem übel beratenen Meister anthat, der ihm sein Liebstes so schnöde kränkte, wäre sicher unterblieben, hätte Dein frevelhaftes Eindringen in das Ortliebsche Haus die bösen Zungen nicht entfesselt. Du also, Heinz gabst Anlaß zu seiner raschen That und hast darum von Rechts wegen einzustehen für ihre Folgen. Die Herren Schöffen werden Dich, wenn er klagt, zur Zahlung dieser Summe verurteilen, und ich frage Dich darum, ob Du sie bereit hältst?« Hier machte Herr Ernst den Versuch, zu erklären, daß, wie die Sachen jetzt stünden, von solcher Zahlung, die nur bezweckt hätte, den Störer seines häuslichen Friedens empfindlicher zu strafen, keine Rede mehr sein könnte; doch der Kaiser entzog ihm das Wort – und forderte Heinz auf, zu reden. Verlegen schaute dieser indes auf den Helm in seiner Hand und hatte die rechte Antwort noch nicht gefunden, als der Herrscher ihm zurief: »Wie ist mir denn! Irrte sich der Herzog von Pommern etwa, als er mir von einem Haufen Goldes erzählte . . .« »Nein, Majestät!« unterbrach Heinz hier den Kaiser, ohne den Blick zu erheben. »Doch was von jenem Golde übrig blieb, würde zwar mehr als reichlich genügen, die geforderte Summe zu decken . . .« »Das dachte ich mir!« rief der Herrscher, ohne ihn ausreden zu lassen; »denn der junge Ritter, der wie ein großer Herr ein schönes Landgut den frommen Franziskanern verehrt, braucht ja nur dem Schatzmeister zu gebieten, die Kasse zu öffnen . . .« Da fiel Heinz ihm kleinlaut ins Wort: »Ihr spottet 320 meiner, Herr. Ist es Eurer Majestät doch wohl bekannt, woher der goldene Unsegen mir zufloß. Wie schädliches Gift schob ich ihn beiseite, und wenn es mir widerstrebt, ihn zu benützen, um mir das Teuerste und Heiligste gleichsam zu erkaufen, so geschieht es wahrlich nicht aus Kargheit; denn ich war schon entschlossen, die beiden Beutel, die mir verblieben, den frommen Klarissinnen und den eifrigen Minoritenbrüdern anzubieten, von denen einer der Besten sich gar emsig um das Heil meiner Seele bemühte.« »Recht so, mein Sohn!« scholl es dem Kaiser im Tone warmer Zustimmung von den Lippen. »Kommt das Gold der heiligen Armut dieser frommen Schwestern und Brüder zu gute, dann verwandelt die Teufelsgabe sich leicht in himmlischen Segen. Ihr beide,« und damit schaute er Eva und Heinz liebevoll ins Antlitz, »habt euch ohnehin einander gleichsam dem Kloster entführt und schuldet ihm Ersatz. Dadurch aber, daß Du Dich Deines Goldschatzes entäußerst, mein Freund, gewinnt diese Angelegenheit – denn zweihundert Mark Silber sind für einen jungen Ritter nichts Geringes – ein so schwieriges Ansehen, daß – daß . . .« Hier senkte er bedenklich die Stimme und fuhr dann mit heiterer Herzlichkeit fort: »Daß sich schon ein Freund entschließen muß, das Seine für ihn zu thun. Zwar seh' ich Deinem künftigen Herrn Schwiegervater, den anderen Nürnberger ›Ehrbaren‹ und sogar Deiner Frau Mutter an, mein wackerer Heinz, daß sie bereit wären, die Zahlung zu leisten; derjenige aber, der Dir am meisten schuldet, hält fest an diesem Vorrecht, und der bin ich, – ja ich bin es, Du mein tapferer Kämpe. Was Du für Deinen Kaiser und sein bestes Werk, den Landfrieden, thatest, 321 verdient guten Lohn, und dank den hohen Heiligen, ist mir gerade etwas zur Hand, was meine Schuld wett macht. Das schwäbische Lehen Reichenbach wurde frei. Es gehört dazu eine starke Veste, von der aus wir Dir den Landfrieden aufrecht zu erhalten und die Raubgesellen niederzuwerfen befehlen. Dies Lehen sei Dein. Mit der lieben Hausfrau magst Du seiner genießen. Deinen Kindern und Kindeskindern soll es gehören bis ans Ende der Tage; denn daß ein Schorlin geboren werden sollte, der nicht würdig wäre solchen Lehens und der seinem Herrn und Kaiser untreu würde, das dünkt mich ein Unding. Drei Dörfer und weite Forsten samt Feldern und Wiesen gehören zu dem Lehnsgut. Ein Leichtes wird es Dir als Herr von Reichenbach sein, das Wehrgeld zu zahlen, wenn Dein Herr Schwiegervater kein allzu dringender Mahner.« Ein solcher wollte dieser gewiß nicht sein, und es kostete Ernst Ortlieb wahrlich keinen Zwang mehr, vor dem gütigen Herrscher das Knie dankbar zu beugen. Kaiser Rudolf ließ es geschehen; den jungen Lehnsherrn aber zog er wie einen lieben Sohn ans Herz, und da er die Hand Evas in die seine legte und sie dabei das schöne Antlitz zu ihm aufhob, neigte er sich zu ihr nieder und küßte sie mit väterlicher Huld. Als Wolff ihn bat, seinen Bund an Stelle des erkrankten Vaters zu segnen, that er es gern, und auch Els bot ihm willig die Lippen, als er sie um dieselbe Gunst bat, die ihm die Schwester gewährt, damit er sich des Kusses rühmen dürfe, den ihm die beiden schönen E's vergönnt, die holdseligsten Jungfrauen Nürnbergs.     Neunzehntes Kapitel. Heinz ließ sich die Warnung Cordulas gesagt sein. Im Empfangssaal des Kaisers wäre jeder berechtigt gewesen, ihn für einen recht kühlen Bräutigam zu halten; als er aber mit Eva am Arme der Wohnung des Vetters Maier von Silenen zuschritt, wo sich die Schorlins mit den Ortliebs, mit Wolff und dem Schultheißenpaare zusammenfinden wollten, um die Lautmerung zu feiern, da bekam der Mond, dessen wachsende Scheibe sich wieder am Himmel zeigte, mancherlei zu schauen, was er gern sah. Heinz und Eva gab der Priester wohl bald genug zusammen; der alte Wanderer in der Höhe aber überließ die Macht, die er auf die Jungfrau geübt, gern ihrem Gemahl, der sie mit so zärtlicher Minne ins Herz schloß. Auch mit Wolff und Els war er zufrieden. Später folgte er dem Schicksal beider Paare in Schwaben und Nürnberg, und als er dort das alte prunkende Wappen am Eysvogelhofe entfernen und an seiner Stelle ein bescheideneres anbringen sah, war er damit zufrieden. Doch er gewahrte bald, daß auch mit dem am Thore des Ortliebhofes eine Veränderung vorgegangen war; denn 323 im Wappen der Ortliebs hatte entsprechend dem Namen des Geschlechtes das Bild einer Katze gestanden, des Tieres, das den Ort, das Haus liebt, zu dem es gehört; Kaiser Rudolf aber hatte am Tage der Hochzeit der beiden schönen E's befohlen, die Ortliebs sollten in Zukunft, zum ewigen Andenken an die beiden holdseligsten seiner Töchter, zwei Lindenblätter unter Ranken, die das treue Festhalten bedeuten, im Wappen führen. Als wenige Monde nach der Vermählung Wolffs mit der Herzliebsten zu stiller Abendzeit der mit einer stattlichen Krone auf der kostbaren Leichendecke geschmückte Sarg der alten Gräfin Rotterbach hinausgetragen wurde, glaubte er nicht trauern zu sollen. Dagegen bereitete es ihm Sorge, daß der alte Herr Kaspar Eysvogel, an dessen hoher Gestalt er sich früher gefreut hatte, wenn er in später Stunde so aufrecht und sicheren Schrittes, als könnte der Wein ihm nichts anhaben, vom Herrentrunke gekommen war, sich so lange nicht zeigte. Einmal aber, als an einem warmen Septembermittag seine bleiche, zunehmende Scheibe am blauen Tageshimmel auch den Menschen sichtbar erschien, sah er ihn wieder. Er hielt sich nicht mehr so aufrecht wie früher, doch schien er zufrieden mit seinem Schicksal; denn als ein kühleres Lüftchen den Altweibersommer in dem Gärtlein, wohin man ihn geführt, hin und her schwang, trat seine Schwiegertochter Els zu ihm und umhüllte ihm in liebevoller Sorgfalt die Füße mit der Decke, die sie für ihn mit dem Eysvogelwappen bestickt; er aber küßte ihr dankbar die Stirn. Erst volle zehn Jahre später sah er auch ihn zu Grabe tragen, und seinem Sarge folgte die Gemahlin, der 324 Sohn und dessen schönes Weib in aufrichtiger Trauer. Die drei wohlbegabten Kinder, die Els ihrem Wolff geschenkt hatte, blieben mit Frau Rickel, ihrer Wärterin, vor dem Hause stehen. Die Botengängerwitwe, die im Beghinenhause zu Schweinau die Gesundheit längst wieder zurückerlangte, hatte die junge Frau Eysvogelin in ihren Dienst genommen. Ihr Pflegetöchterlein Walpurga war eben, kaum siebenzehn Jahre alt, mit dem Ortliebschen Frachtfuhrmanne Ortel in den heiligen Ehestand getreten. Der Mond hörte die Wärterin erzählen, ein wie freundlicher, stiller Mann Herr Kaspar gewesen, und wie er bei seinem bescheidenen Walten, fern von den eigenen Geschäften und denen des Rates, immer nur bestrebt gewesen sei, niemand im Wege zu sein. Nach Frau Rosalinde auszuschauen, hatte der Mond vergessen. Uebrigens machte sie sich nach dem Tode der Mutter auch den Hausgenossen selten bemerkbar; wenn aber Els in späterer Zeit sie aufzusuchen begehrte, war sie sicher, sie bei den Kindern zu finden. Die Eltern gönnten ihr gern die Freude, die ihr der Umgang mit den Kleinen gewährte; nur ihrem Verlangen, die Enkel prächtig herauszuputzen, mußten sie manchmal entgegentreten. Die Zwillinge ihrer Tochter Isabella, die nach dem Tode des Gatten den Schleier nahm, um für seine schwer gefährdete Seele die Gnade des Himmels zu erbeten, bekam Frau Rosalinde selten zu sehen; denn der Ritter Heideck, der Ohm und treue Erzieher der Knaben, schickte sie nur ungern in die Stadt. Er hielt sie streng, bis sie bewiesen hatten, daß der Wunsch Gräfin Cordulas in Erfüllung gegangen war und sie dem unglücklichen 325 Vater nur an Gestalt und Ansehen, an Kraft und Mut ähnlich, sich zu wackeren, ehrenhaften Rittern herangebildet hatten. Wolff bewährte die Erwartung, die Berthold Vorchtel und der ehrbare Rat auf seine ernste Tüchtigkeit gesetzt. Als acht Jahre, nachdem er die Leitung des Handelshauses allein übernommen, ein neuer Reichstag in Nürnberg tagte, war es die Eysvogelsche Handlung, die dem Kaiser Rudolf, dem es oft an den nötigen Mitteln gebrach, den größten Vorschuß zu bewilligen vermochte. Auf diesem Reichstage im Jahre 1289, dessen Andenken durch manch traurigen Unfall getrübt wird, waren die meisten wieder vereint, von denen unsere Geschichte berichtet. Auch Gräfin Cordula, jetzt die zufriedene Gattin des Ritters Altrosen, war gekommen und hatte wieder im Ortliebhofe Quartier genommen. Diesmal aber war der einzige, dessen Huldigungen sie sich gefallen ließ, der greise, doch immer noch rüstige und leicht aufbrausende Herr Ernst Ortlieb. Nur die Aebtissin Kunigunde fehlte. Als sie nach mancher schweren Anfechtung, besonders von seiten der Dominikaner, die nicht abließen, sie der Lauheit zu zeihen, den Tod nahen fühlte, hatte sie auch ihren Liebling Eva aus Schwaben zu sich berufen, und der Gemahl der jungen Frau, der sie nie verließ, wenn er nicht für den Kaiser das Schwert führte, hatte sie gern nach Nürnberg begleitet. Mit der Hand Evas in der ihren und von Els gestützt, war die Aebtissin friedvoll und reich an schönen Hoffnungen hinübergeschlummert. Wie oft hatte sie der 326 Schülerin solchen Tod als schönsten Lohn für die Entsagungen, an denen das Klosterleben so reich war, geschildert. Eva aber hatte die Erinnerung an den Hingang ihrer Mutter schon in Schweinau zu der festen Ueberzeugung geführt, daß es auch in der Welt vergönnt sei, ein ähnliches Ende zu finden. Denen, die Treue hielten bis in den Tod, hatte der Erlöser selbst die Krone des ewigen Lebens verheißen, und sie und ihr Gemahl hielten an der Treue gegen den Heiland, gegen einander und gegen jede Pflicht, die der Glaube, das Gesetz und die Liebe ihnen zu erfüllen vorschrieb, unverbrüchlich fest. Warum sollte es ihnen darum nicht vergönnt sein, so froh und zuversichtlich zu sterben wie die Muhme Aebtissin? Ihr Leben war reich an Glück, und ob auch Heinz Schorlin als Gatte und Vater, als treuer und tapferer Lehnsmann seines Kaisers und als umsichtiger Mehrer und Verwalter seines Gutes, den alten Frohmut zurückgewann und sein Weib ihn teilen lehrte, vergaßen doch beide zu keiner Zeit des schmerzensreichen Ringens, bei dem sie einander gewonnen. Wenn Eva an der Schmiede des heimischen Dorfes vorbeiging und der Meister das glühende Eisen aus dem Feuer zog und es auf dem Amboß mit harten Hammerschlägen umformte, wie er begehrte, gedachte sie oft der schweren Tage nach dem Tode der Mutter, die aus der »kleinen Heiligen« – sie bekannte es sich nicht selbst, doch die ganze schwäbische Ritterschaft war darüber einig – die treuste der Gattinnen und Mütter gemacht, die Vorsehung der Armen, die eifrige Fördererin des Guten, die schlichteste der Edelfrauen weit und breit, und doch die vornehmste und angesehenste von allen. 327 Den Kindern widmete sie Hand in Hand mit dem Gatten die treuste Sorge; wenn aber Biberli, der Kastellan des Schlosses, und Kätterle, seine Hausfrau, die selbst kinderlos blieben, den Lieblingen gar zu willig jeden Wunsch von den Augen ablasen, rief sie den alten treuen Freunden wohl zu: »Das Schmiedefeuer!« Er aber und Kätterle wußten, was sie damit meinte; denn der frühere Schulmeister hatte es der gelehrigen Frau Liebsten aufs beste erklärt.