Der Wildtödter Eine Erzählung von James Fenimore Cooper Welche Schreckgestalten um ihn her! Entsetzen zieht und Flucht zieht ihm voran, Und welker Kummer folgt und Oede seiner Bahn! Gray. Vorrede. Dieses Buch wurde nicht ohne manche Besorgnisse wegen seiner muthmaßlichen Aufnahme geschrieben. Einen und denselben Charakter durch fünf verschiedene Werke hindurchführen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmüthigkeit des Publikums erscheinen, und Manche möchten mit Grund dieß als ein Unterfangen ansehen, das an sich schon zur Mißbilligung herausfordere. Auf diesen sehr natürlichen Vorwurf kann der Verfasser nur erwiedern, daß, wenn er in diesem Falle einen schweren Fehler begangen, seine Leser selbst einigermaßen die Verantwortung dafür auf sich haben. Die günstige Aufnahme, welche den späteren Schicksalen und dem Tode Lederstrumpfs zu Theil wurde, hat der Seele des Verfassers wenigstens es zu einer Art von Nothwendigkeit gemacht, auch von seinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde seines Lebens, wie sie nun einmal sind, waren schon so vollständig, daß sie wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Gesammtzeichnung zu sehen, nach welcher sie alle gemalt wurden. Die »Lederstrumpferzählungen« bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollständig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich sehr mangelhaft in der Ausführung. So wie sie sind, hat sie die Lesewelt vor sich. Der Verfasser hofft, sie werde, entschiede sie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erste in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beste der ganzen Reihefolge sey, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der schlechteste sey. Mehr als einmal hat er sich versucht gefühlt, sein Manuskript zu verbrennen und sich zu einem andern Gegenstand zu wenden, obwohl er im Verlaufe seiner Arbeit eine Aufmunterung von so eigenthümlicher Art erhielt, daß es sich verlohnt, sie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er dringend aufgefordert wurde, ungefähr eben das zu thun, was er schon mehr als halb ausgeführt hatte, – ein Wunsch, den er sehr gerne als ein Zeichen deutet, daß sein Versuch theilweise werde verziehen, wo nicht entschieden gebilligt werden. Wenig braucht er über die Charaktere und die Scenerie dieser Erzählung zu sagen. Jene sind natürlich Werk der Dichtung; diese aber ist der Natur so treu, als nur immer die vertraute Bekanntschaft mit dem jetzigen Aussehen der geschilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, so wahrscheinlich als die Einbildungskraft sie an die Hand gab, den Verfasser in Stand setzten, sie zu schildern. See, Berge, Thal und Wald sind insgesammt, wie er glaubt, genau genug dargestellt, während Fluß, Fels und Küste treue Abzeichnungen der Natur sind. Selbst die einzelnen vorspringenden Punkte existiren, etwas verändert durch die Civilisation, aber doch so entsprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend vertraut ist, sie leicht erkennt. Was die historische Treue bei den Ereignissen dieser Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, so ist der Verfasser gesonnen, hier auf seinem Recht zu bestehen, und darüber nicht mehr zu sagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwischen Geschichte und Fiktion waltet, ist der Vortheil so oft auf der Seite der letzteren, daß er sehr geneigt ist, den Leser auf seine eigenen Forschungen zu verweisen, um über diesen Punkt in's Reine zu kommen. Sollte es sich bei genauer Untersuchung zeigen, daß ein anerkannter Historiker, daß öffentliche Urkunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieses Buchs widersprechen, so ist der Verfasser bereit, zuzugestehen, daß der Umstand seiner Aufmerksamkeit gänzlich entging, und seine Unwissenheit zu bekennen. Andererseits, sollte sich's finden, daß die Annalen Amerika's nicht eine Sylbe enthalten, die dem, was hier der Welt vorgelegt wird, widerspräche, – wie er denn fest glaubt, daß die Forschung dieß ausweisen werde – so wird er für seine Erzählung genau so viel Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen, als sie verdient. Es gibt eine ansehnliche Classe von Romanlesern – ansehnlich ebenso wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht, – die man oft mit dem Mann verglichen hat, der »singt, wenn er liest, und liest, wenn er singt«. Diese Leute sind über die Maßen phantasiereich in allem Thatsächlichen, und so buchstäblich pedantisch, wie die Uebersetzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poesie gehört. Zum Nutz und Frommen aller solcher Leute wird hiemit ausdrücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter ist, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe des Haares eine Aehnlichkeit, ein Zusammentreffen sich findet, nichts weiter gemeint ist, als was für den Unbefangenen in der Gleichheit des Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfasser belehrt, daß dieser Theil seiner Leser der bei weitem am schwersten zu befriedigende ist, und er möchte ihnen, zum Besten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Versuch zu machen und Werke der Einbildungskraft so zu lesen, als wären es Erzählungen positiver Thatsachen. Ein solches Verfahren könnte sie vielleicht in Stand setzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben Der Wildtödter. Erstes Kapitel. O welche Lust im Wald, pfadlos, verschlungen! O welch Entzücken am entleg'nen Strand! Dort ist Gesellschaft, die nicht aufgedrungen, Am Meer, in dessen Sturm Musik ich fand! Den Menschen lieb' ich, doch noch mehr verstand Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen Was ich wohl könnte seyn, einst war! Verwandt Durch sie dem All, fühl' ich, was auszusagen Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen. Childe Harold Ereignisse haben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit . So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das schon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geist zurückschaut in die frühesten Tage der Geschichte der Colonieen, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfälle, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängen, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich Neu-York allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Europa's, oder auch als die der gesammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist es doch erst Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land aus dem wilden Zustand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in's Auge fassen. Dieser Blick auf die Perspective der Vergangenheit wird den Leser vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschung betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anschauung desjenigen Gesellschaftszustandes, den wir zu schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hudson, wie Claverack, Kinderhook und selbst Poughkeepsie vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Musketenschuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Rensselaers mit Schießscharten zur Vertheidigung gegen eben jenen schlauen Feind, obgleich es aus einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, – zum klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt. Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Colonie Neu-York sich auf die vier Atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudsons, von dessen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und auf einige wenige vorgeschobne »Nachbarschaften« am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Versteck boten dem geräuschlosen Moccasin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der Seen, und durchschnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem so ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser wilden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß. Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden seyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Ernte-Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinabgesendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, dessen laubreiche Höhe in dem glänzenden Licht eines wolkenlosen Juniustages schwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düstrer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu seyn schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend bestand. »Hier ist ein Platz zum Athemschöpfen!« rief der befreite Waldmann, sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: »Hurrah! Wildtödter; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!« Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte. »Kennt Ihr diese Stelle?« fragte der als ›Wildtödter‹ Angerufene; »oder habt ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?« »Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir nicht leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigner Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen lassen, wie uns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Büsche von ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Sonne liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist schon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen.« Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte angenommen, sobriquets (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: »Hurry« weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name und nicht selten wurde er Hurry Skurry genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzangebundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada's zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry's betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen den Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. Sein Wesen war frei und offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edeln Natur angeborne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte. Wildtödter, wie Hurry seinen Begleiter nannte, war seinem Aeußern wie seinem Charakter nach, ein ganz andrer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Moccasins, aber sein Körper war vergleichungsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der: argloser Wahrhaftigkeit, gepaart mit einem Ernst des Willens und einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren. Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erst das sechs- oder achtundzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zugerichteten Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche verriethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwischen der civilisirten Gesellschaft und den endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit und ein Bestreben, sich proper und malerisch zu zeigen in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen und seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pulverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit, oder im geheimen Bewußtseyn, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, liederlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstudirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert. »Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; »haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse.« »Nein, nein, Hurry, daran ist nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine seyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,« versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. »Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht so wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran seyn, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit.« »Die Delawaren selbst sind keine Helden,« murmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können, »sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo's, zu Weibern machen lassen.« »Die Sache ist nicht recht bekannt – ist nie recht erklärt worden,« versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; »die Mingo's füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.« »Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstand sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Creatur getroffen? – habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?« Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigenthümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz und die Prahlsucht des Grenzmanns. »Die Wahrheit zu gestehen, niemals,« antwortete Wildtödter, »aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.« »Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten herumschlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Gesetz exequirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansiedlungen, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?« »Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,« erwiederte der junge Mann stolz: »ich lebe von der Büchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.« »Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur nach seinen eignen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer Schlaf seyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchse gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.« »Unsre Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen umzugehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat.« »Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delawaren in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahreszeit,« murmelte Hurry vor sich hin in einer Weise, die ebenso sehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es verrathe. »Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?« »Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie »man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo's und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden zum Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!« »Gemeinsamer Grund und Boden!« rief Hurry, laut lachend. »Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen würde. Er spricht den See als sein Eigenthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo's noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.« »Und was wird die Kolonie sagen zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo sie nicht das Herz haben, in eigner Person sich darin umzusehen.« »Das mag in andern Theilen der Kolonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anzusprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe sagen hören, und so hat er den besten Anspruch darauf unter allen Menschen die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten.« »Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieser Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher seyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Grenzansiedlungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?« »Ha, was des alten Tom's menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der menschlichen Natur einer Bisamratze, angesehen daß er mehr die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sey in seiner Jugend Freibeuter auf dem Salzwasser gewesen, und der Genosse eines gewissen Kidd, der wegen Seeräuberei gehängt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sey in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.« »Dann war er im Irrthum, Hurry, sehr im Irrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen.« »Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andre, die ihn am besten genossen in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist kurios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr.« »Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herum jagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hurry?« »Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt.« »Ha, wie!« sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem Erstaunen anschauend. »Todt und versenkt, sag' ich, und ich denke, das ist gut und klar gesagt. Der alte Kerl versenkte sein Weib in den See, als er von ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie versichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Wasser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr als ich sagen kann.« »War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?« »Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Mühe zu ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funken zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl, bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu seyn.« »Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise aussprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre.« »Nach deinem Geschmack!« rief March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genossen Feuer fangend; »was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zu schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seyd nur erst ein Knabe – ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachsenes Bürschchen zu werfen, wie Ihr seyd.« «Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hurry, und somit braucht es all diese Hitze nicht,« versetzte der Andere, im mindesten nicht aus der Fassung gebracht; »und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden.« »Ja, aber es möchte nicht immer klug seyn, es den Panther wissen zu lassen,« brummte March. »Aber Ihr seyd jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödter,« fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, »kommt, Wildtödter, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, – zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann.« »Sie sagten, sie sey schön anzusehen, und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sich hingebend und leichtsinnig.« »Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib so gut wie auf beide. Nun, das ist wirklich Judith's Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, – und der eine ist eben ihr Leichtsinn.« »Und was mag der andere seyn?« fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand interessirte. »Der andre Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, und das weiß sie. Knabe, kein Baum, der auf diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich es schwierig finde, sie zu übersehen, und manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen.« »Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur.« »Ach, Wildtödter, Ihr seyd in diesen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt so an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansiedlungen verlassen. Bei mir ist es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfnis, eine Idee festzuhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judith's alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und dann scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, und dem vornehmen Wesen, das sie bei den galanten Herrn annimmt.« »Das ist unpassend bei eines armen Manns Tochter,« versetzte Wildtödter ernst; »die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit bösen Absichten ansehen.« »Das ist die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitains, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam und anständig ansehen zu dürfen, und doch sind die Wolken, die an diesen Bergen herumtreiben, nicht unsichrer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Augen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!« »Ich würde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt.« »Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dieß zu sagen als zu thun ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, sie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty's, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist.« »Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?« fragte Wildtödter, sein Auge mit einer Art halberwachter Neugier emporhebend, – »die Delawaren sprachen mir nur von Einer!« »Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag' ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat; Hurry macht hier einen, wegen des Wortspiels mit ›compass meant us‹ und ›compos mentis‹ unübersetzbaren Witz sie steht, möchte ich sagen, auf der Grenzscheide der Unwissenheit und manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andre Seite hinüber.« »Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut, nimmt,« sagte Wildtödter feierlich; denn er sieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die so beschränkt Begabten, weil sie wissen, daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann.« »Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hausen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Witzes sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See's kommen.« »Ich dachte, das Wasser sey ein unbekannter und wenig besuchter Platz,« bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu seyn. »So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn, – Jäger und Fallensteller und Kundschafter und dergleichen – genug Unheil anrichten, wenn sie den Versuch machen. Es wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verheirathet fände!« »Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?« »Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, – und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!« »Ihr würdet doch dem Mann, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gefunden, als Euch?« »Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an – bin ich ein Mann, dem es gleich sieht, daß er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker seyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte auftreten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?« »Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte seyn sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.« »Ihr! – ein halbgewachsener Wildbretschütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?« »Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.« March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebauten mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, und gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anschein nach erheischte oder rechtfertigte. Was immer March's eigentliche Absicht seyn mochte – und wahrscheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbewußte – gewiß ist, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregung und in einer so tiefen, hülflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden seyn, selbst in gerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht blieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, und er gab seine Antwort in einem Tone, der nicht einmal zu dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lautern Stimme griff, um wenigstens die Entschlossenheit der Seele kund zu geben. »Ihr könnt mich schütteln, Hurry, bis Ihr den Berg einfallen macht,« sagte er ruhig, »aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatten zum Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem aufzupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe.« March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend. »Ich dachte, wir seyen Freunde,« sagte er endlich, »aber Ihr habt das letzte Geheimniß von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll.« »Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seyen – und vielleicht sind wir es wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält – aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen in's Angesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen.« »Ich will verdammt seyn, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seyd, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu seyn vorgegeben.« »Wohlgesinnt oder nicht, Hurry, Ihr werdet mich so treuherzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne ist thöricht, und zeigt, wie wenig Ihr mit den rothen Männern gelebt. Judith Hutter ist ohne Zweifel noch ledig, und Ihr schwatztet nur wie die Zunge lief, nicht wie das Herz empfand. Hier ist meine Hand, und wir wollen nicht mehr davon sprechen noch daran denken.« Hurry schien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gutmüthiges Lachen aus, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand und die Freunde versöhnten sich. »Es wäre närrisch gewesen, um eine bloße Idee zu hadern,« rief March, indem er wieder zu essen anfing, »und ziemte eher den Rechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Menschen in den Wäldern. Man sagt mir, Wildtödter, viel böses Blut komme von Vorstellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und sie erhitzen sich darüber manchmal bis zum Aeußersten.« »Das thun sie – das thun sie; und über andere Dinge, die man besser sich selbst überließe. Ich habe von den Mährischen Brüdern sagen hören, es gebe Länder, wo die Menschen sogar über ihre Religion hadern; und wenn sie sich über einen solchen Gegenstand erhitzen können, Hurry, so habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beispiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den diese Judith Hutter vielleicht nie sieht oder zu sehen wünscht. Ich meines Theils fühle mehr Neugierde hinsichtlich der schwachsinnigen Schwester, als Eurer gepriesenen Schönheit. Es ist Etwas, das die Gefühle eines Mannes anspricht und rührt, wenn er einem Mitgeschöpf begegnet, das ganz das äußere Wesen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht ist, was es scheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das ist schlimm genug bei einem Manne, aber wenn es einem Weibe geschieht, und es ist ein junges und vielleicht einnehmendes Geschöpf, so regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in seiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, solche arme Wesen sind schutzlos genug mit samt all ihrem Witz; aber ein grausames Geschick ist es, wenn dieser große Beschützer und Führer ihnen fehlt.« »Hört, Wildtödter – Ihr wißt, was die Jäger und Fallensteller und Pelzwerkleute überhaupt für Menschen sind; und ihre besten Freunde werden nicht läugnen, daß es hitzige und eigenwillige Menschen sind, die nicht viel nach Andrer Rechten und Gefühlen fragen – und doch, glaub' ich, fände sich in dieser ganzen Gegend kein Mann, der Hetty Hutter ein Leid thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhaut!« »Hierin, Freund Hurry, laßt Ihr den Delawaren wenigstens und all den ihnen verbündeten Stämmen nur Gerechtigkeit widerfahren, denn eine Rothhaut sieht ein so von Gottes Macht heimgesuchtes Wesen als Gegenstand seiner besondern Obhut an. Ich freue mich indessen zu hören, was Ihr sagt, ich freue mich, es zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen den Nachmittagshimmel hin sich wendet, thäten wir nicht besser, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, diese wunderbaren Schwestern zu sehen?« Hurry March gab freudig seine Zustimmung; die Ueberbleibsel der Mahlzeit waren bald gesammelt; dann schulterten die Wanderer ihre Taschen, nahmen ihre Waffen auf, verließen die kleine Lichtung, und begruben sich wieder in den tiefen Schatten des Waldes. Zweites Kapitel. Weg mußt vom See, dem grünen, du ziehn,     Und weg von des Jägers Herd; Den Sommer hindurch, wo die Blumen glühn.     Ist zu bleiben dir, Tochter, verwehrt.« Erinnerungen des Weibes. Unsre zwei Abenteurer hatten nicht weit zu gehen. Hurry wußte die Richtung, sobald er den offnen Platz und die Quelle gefunden hatte, und er ging jetzt voran mit dem zuversichtlichen Schritt eines Mannes, der seiner Sache gewiß ist. Der Wald war, wie natürlich, dunkel, aber nicht mehr durch Buschwerk unwegsam, und der Boden war fest und trocken. Nachdem sie etwa eine Meile zurückgelegt, blieb March stehen, und begann forschende Blicke um sich zu werfen; indem er die verschiednen Gegenstände sorgfältig prüfte, und gelegentlich sein Auge auf die Stämme der gefallnen Bäume richtete, mit welchen der Boden ziemlich besäet war, wie dieß gewöhnlich der Fall ist in einem amerikanischen Wald, zumal in den Gegenden des Landes, wo das Bauholz noch keinen Werth hat. »Das muß der Platz seyn, Wildtödter,« bemerkte endlich March; »hier ist eine Buche neben einer Schierlingstanne und drei Fichten in der Nähe, und dort ist eine weiße Birke mit gebrochenem Wipfel; und doch sehe ich keinen Felsen und keine herabgebognen Zweige, wie ich Euch gesagt, daß wir finden würden.« »Gebrochene Zweige sind ungeschickte Merkzeichen, da der Unerfahrenste weiß, daß Zweige nicht oft von selbst brechen,« versetzte der Andere; »und sie führen auch leicht zu Argwohn und Entdeckung. Die Delawaren verlassen sich nie auf geknickte Zweige, außer in Friedenszeiten und auf offener Fährte. Was die Buchen und Fichten und Schierlingstannen betrifft, ha, die sind auf allen Seiten um uns her zu sehen, nicht blos zu zweien oder dreien, sondern zu vierzigen, fünfzigen und hunderten.« »Sehr wahr, Wildtödter, aber Ihr erwägt nicht die Stellung. Hier ist eine Buche und eine Schierlingstanne –« »Ja, und dort ist wieder eine Buche und eine Schierlingstanne, so liebevoll wie zwei Brüder, oder, was das betrifft, liebevoller als manche Brüder, und dort sind wieder welche, denn beide Bäume sind in diesen Wäldern keine Seltenheit, Ich fürchte, Hurry, Ihr versteht Euch besser darauf, Biber zu fangen und Bären zu schießen, als eine schwierige Fährte aufzuspüren. Ha! dort ist aber nun doch, was Ihr zu finden wünscht!« »Ei, Wildtödter, das ist eine von Euern delawarischen Anmaßungen, denn ich will mich hängen lassen, wenn ich etwas Andres sehe, als diese Bäume, welche in der unerklärlichsten und verwirrendsten Weise um uns her emporragen.« »Schaut dorthin, Hurry – so, in einer Linie mit der schwarzen Eiche – seht Ihr nicht das gekrümmte Bäumchen, das heraufgezogen ist zu den Zweigen der Linde daneben? Nun, dieß Bäumchen war einmal von Schnee bedeckt, und wurde von dessen Wucht niedergedrückt; aber es hat sich nicht selbst wieder aufgerichtet, und so wie Ihr es jetzt seht, an die Lindenzweige angelehnt. Die Hand eines Menschen hat ihm diesen Liebesdienst geleistet.« »Das war meine Hand!« rief Hurry: »ich fand das schwache, junge Ding auf die Erde gedrückt, wie ein unglückliches Geschöpf vom Mißgeschick niedergebeugt, und richtete es so auf, wie Ihr seht. Am Ende, Wildtödter, muß ich doch gestehen, daß Ihr nachgerade ein ungemein gutes Auge für die Wälder bekommt.« »Es bessert sich, Hurry – es bessert sich, muß ich gestehen; aber es ist erst das Auge eines Kindes, verglichen mit dem von Andern, die ich kenne. Da ist jetzt Tamenund, obwohl ein Mann so alt, daß Wenige sich seiner kräftigen Jahre erinnern. Tamenund läßt Nichts seiner Beobachtung entgehen, die mehr der Witterung eines Hundes als dem Blick eines Auges gleicht. Dann Unkas, der Vater von Chingachgook, und der rechtmäßige Häuptling der Mohikans, ist auch Einer, dessen Blick beinahe unmöglich etwas entgehen kann. Ich komme weiter, ich will es gestehen, ich komme weiter, aber bin bis jetzt noch weit von der Vollkommenheit entfernt.« »Und wer ist denn dieser Chingachgook, von dem Ihr so Viel schwatzt, Wildtödter?« fragte Hurry, indem er in der Richtung auf das aufgerichtete Bäumchen zu weiter schritt; »eine schleichende Rothhaut, im besten Fall, nach der ich Nichts frage.« »Nicht so, Hurry, sondern der Beste unter den schleichenden Rothhäuten, wie Ihr sie nennt. Wenn er seine Rechte hätte, so wäre er ein großer Häuptling; aber so ist er nur ein muthiger und redlicher Delaware; geachtet zwar, und dem man auch in manchen Dingen gehorcht, aber von einem gefallenen Geschlecht, und einem gefallenen Volke angehörend. Ach, Hurry March, es würde Euch das Herz im Leibe warm machen, in ihren Hütten zu sitzen in einer Winternacht, und den Erzählungen und Ueberlieferungen von der alten Größe und Macht der Mohikans zuzuhören.« »Hört, Freund Nathaniel,« sagte Hurry, indem er stehen blieb und seinem Begleiter in's Gesicht schaute, um seinen Worten desto mehr Nachdruck zu geben, »wenn ein Mann Alles glaubte, was andern Leuten zu ihren Gunsten zu sagen beliebt, so würde er wohl eine zu große Meinung von ihnen, und eine zu kleine Meinung von sich selbst bekommen. Diese Rothhäute sind merkwürdige Prahler, und ich behaupte, mehr als die Hälfte ihrer Überlieferungen sind reine Erdichtungen.« »Es ist etwas Wahres in dem, was Ihr sagt, Hurry, ich will es nicht läugnen, denn ich habe es gesehen und glaube es. Ja, sie prahlen, aber das ist eben eine Gabe der Natur, und es ist sündhaft, natürliche Gaben zu unterdrücken. Seht, das ist der Platz, den Ihr gesucht.« Diese Bemerkung schnitt das Gespräch ab, und beide Männer richteten jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit auf das unmittelbar vor ihnen Liegende. Wildtödter deutete seinem Begleiter auf den Stamm einer ungeheuern Linde, welche ihre Zeit erfüllt hatte, und unter ihrer eignen Wucht niedergestürzt war. Dieser Baum lag, wie Millionen seiner Brüder, wo er gefallen, und vermoderte unter dem langsam aber sicher wirkenden Einfluß der Jahreszeiten. Der Verfall hatte jedoch seinen Mittelpunkt angegriffen, als er noch aufrecht, in der Pracht seiner Vegetation dastand, und sein Herz ausgehöhlt, wie oft Krankheit die edelsten Organe des thierischen Lebens zerstört, während den Beobachter eine blühende Außenseite täuscht. Wie der Stamm so in einer Länge von etwa hundert Fuß am Boden lag, entdeckte das rasche Auge des Jägers diese Eigenthümlichkeit, und aus diesem und andern Umständen schloß er, daß es der Baum sey, den March suche. »Ja, hier haben wir, was wir brauchen,« rief Hurry, an dem dickeren Ende der Linde hineinschauend; »Alles ist so säuberlich, als wäre es in eines alten Weibes Wandschrank aufbewahrt gewesen. Kommt, geht mir an die Hand, Wildtödter, und wir sind in einer halben Stunde auf dem Wasser.« Auf diese Aufforderung kam der Jäger zu seinem Begleiter heran, und beide machten sich mit gutem Bedacht und nach allen Regeln an's Werk, als Männer, welche an diese Art von Treiben und Geschäft gewohnt waren. Zuerst entfernte Hurry einige Stücke Rinde, welche vor der großen Oeffnung an dem Baum lagen, und von welchen der Andere behauptete, sie seyen so gelegt, daß sie eher die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als die Höhlung versteckt hätten, wenn ein Wanderer des Weges gekommen wäre. Dann zogen die Beiden ein Canoe heraus mit seinen Sitzen, Rudern und anderm Zugehör, bis auf Angelschnüre und Ruthen hinaus. Dieß Fahrzeug war gar nicht klein; aber so groß war seine verhältnißmäßige Leichtigkeit, und so riesenhaft Hurry's Stärke, daß dieser es anscheinend ohne alle Mühe auf die Schulter nahm, und allen Beistand ablehnte, selbst während er es in die schwierigere Lage, in welcher er es zu tragen genöthigt war, emporhob. »Geht voran, Wildtödter,« sagte March, »und öffnet das Gebüsch, das Uebrige kann ich allein thun.« Der Andre gehorchte, und die Männer verließen den Platz, indem Wildtödter den Weg für seinen Begleiter lichtete, und sich je nach dessen Anweisung bald rechts bald links wandte. Nach ungefähr zehn Minuten traten sie beide plötzlich in das glänzende Licht der Sonne, auf einen niedern Kiesplatz, der wohl zur Hälfte seines Saumes vom Wasser bespühlt wurde. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr den Lippen Wildtödters – ein Ausruf, der jedoch leise und vorsichtig war, denn seine Weise war viel besonnener und geregelter als die des rücksichtslosen Hurry – als er, den Rand des See's erreichend, das Schauspiel sah, das sich ganz unerwartet seinen Blicken darbot. Es war in der That so ergreifend, daß es wohl eine kurze Beschreibung verdient. In gleicher Linie mit dem Kiesplatz lag ein breiter Wasserspiegel, so friedlich und durchsichtig, daß er aussah wie ein Bett der reinen Gebirgsatmosphäre, eingefugt zwischen einer Einfassung von Hügeln und Wäldern, Seine Länge betrug etwa drei Stunden, in der Breite war er unregelmäßig, denn er erweiterte sich dem Platze gegenüber bis zu einer halben Meile oder mehr, und zog sich mehr südlich bis zur Hälfte dieser Ausdehnung und noch enger zusammen. Die Küste war natürlich unregelmäßig, unterbrochen durch Buchten, und durch vorspringende, niedere Landausläufer. Am nördlichen, nächsten Ende war er begrenzt durch einen einzelnen Berg, während östlich und westlich das Land minder steil abfiel, in gefällig abwechselndem Schwunge der Linien. Doch war der Charakter der Gegend gebirgig; hohe Hügel, oder niedere Berge stiegen auf neun Zehntheilen des Umkreises steil am Wasser hinan. Die Ausnahmen dienten in der That nur, der Scene einige Abwechslung zu geben; und auch über die vergleichungsweise niedrigen Theile des Ufers hinaus war der Hintergrund hoch, wenn auch entfernter. Die auffallendsten Eigentümlichkeiten dieser Scene aber waren die feierliche Einsamkeit und die süße Ruhe. Nach allen Seiten, wohin das Auge sich wandte, fiel es auf nichts als die spiegelgleiche Fläche des See's, die friedvolle Wölbung des Himmels und den dichten Kranz der Wälder. So reich und üppig waren die Umrisse des Waldes, daß man kaum eine Oeffnung gewahrte, und alles sichtbare Land, von dem runden Berggipfel bis an den Saum des Wassers bot Eine, sich gleich bleibende Farbe ununterbrochenen Grüns dar. Als wäre die Vegetation noch nicht zufrieden mit einem so vollständigen Triumph, bedeckten die Bäume auch noch den See selbst, und rangen sich von unten gegen das Licht hinaus; und meilenlange Strecken waren an seinem östlichen Ufer, wo ein Boot unter den Zweigen dunkler, an Rembrandt erinnernder Schierlingstannen, zitternder Espen und schwermüthiger Fichten hätte hingleiten können. Mit einem Wort, die Hand des Menschen hatte noch nie irgend etwas entstellt oder verunstaltet an dieser Urscene, die im Sonnenlicht schwamm, ein prachtvolles Bild überschwänglich großartiger Waldherrlichkeit, gedämpft durch den weichen Hauch des Junius, und gehoben durch die schöne Abwechslung vermöge der Nähe einer so weitgedehnten Wassermasse. »Das ist groß! – das ist erhebend! – das ist eine Bildung der Seele, wenn man nur hinsieht!« rief Wildtödter, wie er auf seine Büchse gelehnt dastand, und rechts und links, nach Norden und Süden, aufwärts und abwärts schaute, in welcher Richtung nur immer sein Auge zu schweifen vermochte; »kein Baum zerstört auch nur durch eine Rothhauthand, so viel ich entdecken kann, sondern Alles treu geblieben der Ordnung des Herrn, um zu leben und zu sterben nach seinem Willen und Gesetz! Hurry, Eure Judith muß ein sittliches und wohlgeartetes junges Weib seyn, wenn sie nur die Hälfte der von Euch angegebenen Zeit im Mittelpunkt eines so begünstigten Platzes verlebt hat.« »Das ist eine nackte Wahrheit, und doch hat das Mädchen so unstete Gedanken und Grillen. All ihre Zeit hat sie jedoch nicht hier verlebt, denn der alte Tom hatte, eh' ich ihn kannte, die Gewohnheit, die Winter in der Nachbarschaft der Ansiedler oder unter den Kanonen der Forts zuzubringen. Nein, nein, Judith hat mehr als ihr gut ist, von den Ansiedlern angenommen, und besonders von den galanten Officieren.« »Wenn auch, wenn auch, Hurry, dieß ist eine Schule, ihr den Kopf wieder zurecht zu setzen. Aber was ist denn das, was ich dort, gerade uns gegenüber sehe, was zu klein scheint für eine Insel und zu groß für ein Boot, obgleich es mitten im Wasser steht?« »Ha, das ist was die tapfern und galanten Herren von den Forts Muskrat Castell nennen; und der alte Tom selbst pflegt zu grinsen bei dem Namen, obgleich er seine Art und seinen Charakter hart antastet. Es ist das feststehende Haus; denn es sind zwei; dieses, das nicht von der Stelle rückt, und das andere, welches schwimmt, und bald in diesem bald in jenem Theile des See's sich befindet. Das letzte ist bekannt unter dem Namen der Arche, obgleich es über mein Vermögen geht, zu sagen, was die Bedeutung des Wortes ist.« »Es muß von den Missionären herkommen, Hurry, die ich von einem solchen Ding habe reden und lesen hören. Sie sagen, die Erde sey einmal mit Wasser bedeckt gewesen, und Noah sey mit seinen Kindern vom Ertrinken dadurch gerettet worden, daß er ein Fahrzeug erbaute, das man Arche hieß, worin er sich zu rechter Zeit einschiffte. Manche von den Delawaren glauben diese Überlieferung,, und manche läugnen sie; aber Euch und mir, als gebornen weißen Männern, ziemt es, an ihre Wahrheit zu glauben. Seht Ihr etwas von dieser Arche?« »Sie ist weiter südlich, ohne Zweifel, oder liegt in einer der Buchten vor Anker. Aber das Canoe ist bereit, und fünfzehn Minuten werden genügen, zwei solche Ruderer wie Euch und mich nach dem Castell zu bringen.« Auf diese Aufforderung half Wildtödter seinem Genossen die verschiedenen Sachen in das Canoe zu bringen, das schon auf dem Wasser schwamm. Sobald dieß geschehen, schifften sich die beiden Grenzmänner ein und trieben mit einem kraftvollen Stoß die leichte Barke acht oder zehn Ruthen weit von der Küste weg. Jetzt nahm Hurry den Sitz im Hintertheil ein, während Wildtödter sich vorn hinpflanzte, und unter gemächlichen aber stetigen Ruderschlägen glitt das Canoe über den friedlichen Wasserspiegel hin, dem ganz seltsam aussehenden Bau zu, welchen der Erstere Muskrat-Castell genannt hatte. Manchmal hielten die Männer im Rudern inne und beschauten sich die Scene, wenn sich auf den entfernteren Punkten neue Aussichten eröffneten, die sie weiter den See hinab schauen ließen, oder einen umfassenderen Anblick der bewaldeten Berge gewährten. Die einzigen Abwechslungen jedoch bestanden in neuen Formationen der Hügel, mannigfaltigen Krümmungen der Buchten und weiterer Ausdehnung des Thales nach Süden; alles Land war dem Anschein nach in höchste Laubgala gekleidet. »Das ist ein Anblick, der das Herz erwärmt!« rief Wildtödter, als sie so zum vierten oder fünften Mal hielten; »der See scheint ganz gemacht, um uns recht in das Innere der edlen Waldungen hineinsehen zu lassen, und Land und Wasser stehen gleich herrlich da in der Schönheit der Vorsehung Gottes! Ihr behauptet, Hurry, es gebe keinen Mann, der sich rechtmäßigen Eigenthümer all dieser Herrlichkeit nenne?« »Keinen, als den König, mein Junge. Er mag einiges Recht auf diese Natur geltend machen, aber er ist so weit entfernt, daß seine Ansprüche den alten Tom Hutter nie anfechten werden, der einmal Besitz genommen hat, und diesen wohl auch behaupten wird, so lange sein Leben dauert. Tom ist kein Squatter, da er nicht auf dem Land lebt, aber ich nenne ihn einen Floater .« Deutsch: Schwimmer; Squatter heißen Solche, die sich ohne Besitztitel auf irgend einem Stück Landes niederlassen, eine Blockhütte bauen, und das Land beurbaren »Ich beneide diesen Mann! – Ich weiß, es ist Unrecht, und ich kämpfe gegen dieß Gefühl, aber ich beneide diesen Mann! denkt nicht, Hurry, ich brüte über einem Plan, mich in seine Schuhe zu stellen, denn ein solcher Gedanke hat keinen Raum in meiner Seele; aber ein wenig Neid kann ich nicht unterdrücken! Es ist ein natürliches Gefühl, und die Besten unter uns sind eben doch am Ende natürliche Menschen, und geben zu Zeiten solchen Empfindungen Raum.« »Ihr dürft nur Hetty heirathen, um das halbe Besitzthum zu erben,« rief Hurry lachend; »das Mädchen ist hübsch; ja, wenn nicht ihrer Schwester Schönheit wäre, so wäre sie sogar schön; und dann ist ihr Witz so klein, daß Ihr sie leicht zu Eurer Denkweise in allen Dingen bekehren könnt. Nehmt Ihr Hetty aus des alten Burschen Händen, und ich stehe Euch dafür, er gibt Euch ein Recht auf jedes Thier, das Ihr fällen könnt auf fünf Meilen im Umkreis von seinem See.« »Ist viel Wild da?« fragte plötzlich der Andere, der nur wenig auf Marchs Scherz achtete. »Es hat die ganze Gegend für sich. Kaum wird je ein Gewehr darauf abgedrückt, und was die Fallensteller betrifft, so ist das keine Gegend, die sie stark besuchen. Ich selbst sollte nicht so viel hier seyn, aber Judith zieht mich hierhin, während der Biber dorthin zieht. Mehr als hundert spanische Dollars hat mich die Creatur die beiden letzten Jahre gekostet, und doch konnte ich dem Wunsch nicht entsagen, ihr Angesicht wieder zu sehen.« »Besuchen die rothen Männer oft diesen See, Hurry?« fragte Wildtödter weiter, seine eigne Gedankenreihe verfolgend. »Ha, sie kommen und gehen; manchmal in Truppen und manchmal einzeln. Der Strich scheint keinem eingebornen Stamm insbesondere zu gehören; und so ist er in die Hände des Hutter-Stammes gefallen. Der alte Mann erzählt mir, einige Schlauköpfe hätten den Mohawks eine indianische Urkunde abzuschwatzen und abzuschmeicheln gesucht, um bei der Kolonie einen Besitztitel auszuwirken; aber es ist nichts erfolgt, weil noch keiner, der einem solchen Handel gewachsen wäre, sich mit der Sache befaßt hat. Die Jäger haben zur Zeit noch ein gutes Freilehen an dieser Wildniß.« »Um so besser – um so besser, Hurry. Wenn ich König von England wäre, der Mann, der einen von diesen Bäumen fällte, ohne eine gute Gelegenheit zur Benützung des Holzes, müßte mir in ein ödes und unwirthbares Land verbannt werden, das nie ein vierfüßiges Thier betrat. Recht froh bin ich, daß Chingachgook den Ort unsres Zusammentreffens bei diesem See bestimmte, denn bisher hat mein Auge noch kein so herrliches Schauspiel gesehen.« »Und das deßwegen, weil Ihr Euch so viel unter den Delawaren umgetrieben, in deren Land es keine Seen gibt. Weiter nördlich und weiter westlich gibt es solche kleine Wasser genug; und Ihr seyd jung und erlebt es wohl noch, sie zu sehen. Aber wenn es auch andre Seen gibt, Wildtödter, so gibt es doch keine andre Judith Hutter!« Auf diese Bemerkung lächelte sein Begleiter, und dann senkte er seine Ruderschaufel ins Wasser, als berücksichtigte er die Hast eines Liebenden. Beide ruderten jetzt kräftig, bis sie sich auf hundert Schritte dem »Castell« näherten, wie Hurry vertraulich das Haus Hutter's nannte, wo sie wieder mit Rudern inne hielten; und der Anbeter Judith's zügelte seine Ungeduld um so leichter, als er bemerkte, daß das Gebäude im Augenblick von Bewohnern leer war. Diese neue Pause sollte Wildtödter in Stand setzen, das sonderbare Gebäude zu betrachten, dessen Bauart so neu war, daß sie eine eigene Beschreibung verdient. Muskrat-Castell, wie das Haus witzig benannt worden war von einem muthwilligen Officier, stand im offnen See, eine volle Viertelmeile vom nächsten Punkt des Ufers entfernt. Auf den beiden andern Seiten erstreckte sich das Wasser viel weiter, denn die Entfernung von dem nördlichen Ende des Sees betrug etwa zwei Meilen, und von dem östlichen Ufer beinahe, wo nicht ganz, eine Meile. Da nicht das Mindeste von einer Insel zu sehen war, sondern das Haus auf Pfeilern stand, das Wasser darunter durchfloß und Wildtödter schon entdeckt hatte, daß die Tiefe des See's beträchtlich war, fragte er begierig nach einer Erklärung dieses sonderbaren Umstandes. Hurry löste ihm das Räthsel, indem er ihn belehrte, daß auf dieser Stelle allein eine lange schmale Sandbank, die sich nördlich und südlich einige hundert Schritte weit erstreckte, sich bis auf sechs oder acht Fuß unter dem Spiegel des See's erhebe, und daß Hutter hier Pfähle eingeschlagen und darauf, der Sicherheit wegen, seine Wohnung sich erbaut habe. »Der alte Bursche wurde dreimal durch Feuersbrünste verjagt im Kampf zwischen den Indianern und den Jägern; und in einem Gefecht mit den Rothhäuten verlor er seinen einzigen Sohn, und seit dieser Zeit hat er seine Sicherheit auf dem Wasser gesucht. Hier kann ihn Niemand angreifen, ohne in einem Boot zu kommen, und der Raub und die Scalpe verlohnten sich kaum der Mühe, Canoe's auszuhöhlen. Und dann ist es in keiner Weise gewiß, wer bei einem solchen Strauß dem Andern heimleuchten würde, denn der alte Tom ist mit Waffen und Munition wohl versehen, und das Castell ist, wie Ihr wohl seht, eine feste Brustwehr gegen leichte Schüsse.« Wildtödter hatte einige theoretische Kenntniß vom Kriegführen der Grenzmänner, obgleich er noch nie in den Fall gekommen war, seine Hand im Zorn gegen einen Mitmenschen erheben zu müssen. Er sah, daß Hurry die Stärke dieser Position vom militärischen Gesichtspunkt nicht überschätzte, da es nicht leicht gewesen wäre, sie anzugreifen, ohne daß die Bestürmer dem Feuer der Belagerten wären bloßgestellt gewesen. Nicht wenig Kunst war sichtlich aufgeboten bei der Zusammenfügung des Holzes, woraus das Gebäude bestand, und das weit mehr Schutz versprach, als bei den gewöhnlichen Blockhäusern der Grenzmänner der Fall war. Die Seiten und Ecken waren zusammengefügt aus den Stämmen großer Fichten, etwa neun Fuß lang gehauen und aufrecht gestellt, statt horizontal gelegt, wie der Gebrauch der Gegend war. Diese Klötze waren auf den Seiten nach dem Winkelmaaß behauen und hatten an jedem Ende große Zapfen. Massive Schwellen waren oben an den Grundpfählen angebracht und entsprechende Zangen an ihren obern Flächen eingeschnitten, die zu dem Behuf rechtwinklig behauen waren, und in diese Zangen waren die untern Zapfen der aufrechtstehenden Klötze eingefugt, wodurch sie unten einen sichern Halt hatten. An den obern Enden der aufrecht stehenden Klötze waren Platten angebracht und durch ähnliche Mittel befestigt; die verschiedenen Winkel des Gebäudes waren wohl zusammengehalten durch tüchtige Verbindung und Versplissung der Schwellen und Platten. Die Böden bestanden aus kleinen, ebenso bearbeiteten Stämmen, und das Dach aus leichten, fest verbundenen und mit Rinde wohl bedeckten Pfählen. Der Zweck dieser sinnreichen Einrichtung war, dem Besitzer ein Haus zu verschaffen, dem man nur auf dem Wasser beikommen konnte, dessen Seiten aus Blöcken bestanden, die dicht aneinander gefugt, am dünnsten Theile zwei Fuß dick, nur durch die überlegte Arbeit von Menschenhänden, oder durch den langsamen Einfluß der Zeit getrennt werden konnten. Die Außenseite des Gebäudes war roh und uneben, da die Holzblöcke von ungleicher Größe waren; aber die glattbehauenen Flächen nach innen gaben den Wänden und dem Boden ein so gleichförmiges Ansehen, als man nur zur Bequemlichkeit oder zur Befriedigung des Auges wünschen mochte. Das Kamin war nicht die geringste Eigenthümlichkeit des Castells, wie Hurry seinem Begleiter bemerklich machte, indem er ihm den Prozeß seiner Verfertigung erklärte. Das Material war ein zäher Lehm, gehörig verarbeitet, der in einer Form aus Knütteln aufgesetzt worden war, und den man, je einen oder zwei Fuß auf einmal, hart werden ließ, von unten angefangen. Als so das ganze Kamin aufgesetzt und von Außen gehörig mit Stützen und Halten versehen war, wurde ein gewaltiges Feuer angezündet und so lange unterhalten, bis es zu einer Art von rothem Backstein gebrannt war. Es war dieß keine leichte Operation gewesen und auch nicht vollständig gelungen; aber indem man die Spalten wieder mit frischem Lehm ausfüllte, hatte man am Ende doch einen sichern Feuerplatz und Kamin erhalten. Dieser Theil des Gebäudes stand auf dem Scheiterboden und war unten durch einen besondern Pfeiler gestützt. Noch einige andre Eigenthümlichkeiten hatte dieß Haus, welche im Verlauf der Erzählung sich deutlicher zeigen werden. »Der alte Tom ist voll von Auskunftsmitteln,« fuhr Hurry fort, »und er hing sein Herz an das Gelingen dieses Kamins, das mehr als einmal drohte, ganz zusammenzubrechen, aber Beharrlichkeit überwindet auch den Rauch; und jetzt hat er ein behagliches Stübchen, obgleich es einmal drohte, ein gar spaltiger Rauchfang zu werden, wenig geeignet, Flammen und Rauch abzuführen.« »Ihr scheint die ganze Geschichte des Castells zu kennen, Hurry, Kamin und Wände,« sagte Wildtödter lächelnd; »ist die Liebe so gewaltig und zwingend, daß sie einen Mann dahin bringt, die Geschichte von seines Liebchens Haus zu studieren?« »Theils das, Junge, und theils eigne Anschauung,« versetzte lachend der gutmüthige Riese, »es war eine starke Bande von uns am See, als der alte Kerl baute, und da halfen wir ihm bei der Arbeit. Ich habe keinen kleinen Theil der aufrecht stehenden Blöcke auf meinen Schultern hinaufgeschleppt und gehoben, und die Aexte flogen, das kann ich Euch sagen, Meister Natty, so lange wir da bauten, unter den Bäumen an der Küste. Der alte Teufelskerl ist nicht geizig mit Essen und Trinken, und da wir oft an seinem Heerde gegessen, dachten wir, wir wollten ihm doch ein behagliches Haus herrichten, ehe wir mit unsern Häuten nach Albany gingen. Ja, gar manche Mahlzeit habe ich in Tom Hutter's Stuben verzehrt; und Hetty, so schwach sie ist an Witz, hatte eine wundersame Geschicklichkeit, mit Pfannen, Kacheln und Rösten umzugehen,« Während die Beiden sich so besprachen, schwamm das Canoe allmählig dem Castell immer näher, und war jetzt so nahe daran, daß ein Ruderschlag hinreichte, den Landungsplatz zu erreichen. Dieß war eine gedielte Plattform am Eingang, die einige zwanzig Quadratschuhe halten mochte. »Der alte Tom nennt diese Art Kai seinen Thorhof,« bemerkte Hurry, indem er das Canoe anband, nachdem er es mit seinem Begleiter verlassen, »und die tapfern Herrn von den Forts haben es den Castellhof genannt, wiewohl ich nicht einsehen kann, was ein Hof hier zu schaffen hat, da es kein Gesetz und Recht gibt. Es ist wie ich mir gedacht; keine Seele drinnen, sondern die ganze Familie fort auf einer Entdeckungsreise.« Während Hurry sich auf dem Thorhof zu schaffen machte, die Fischerspieße, Ruthen, Netze und andere ähnliche Geräthe eines Grenzmannshauses musternd, trat Wildtödter, dessen Art im Ganzen weit gesetzter und ruhiger war, in das Haus hinein, mit einer Neugier, die man bei einem so lang an indianische Sitten gewöhnten Manne nur selten bemerkte. Das Innere des »Castells« war ebenso tadellos sauber, als das Aeußere neu und überraschend. Der ganze Raum, etwa vierzig Fuß lang und zwanzig tief, war in verschiedene kleine Schlafzimmer getheilt; das Gemach, das er zuerst betrat, diente für die gewöhnlichen Beschäftigungen der Bewohner und zugleich als Küche. Die Einrichtung zeigte jene seltsame Mischung, die man nicht selten in den abgelegenen Blockhäusern des innern Landes findet. Das Meiste war roh und im höchsten Grade ländlich; aber in einer Ecke fand sich eine Uhr mit einem schönen Gehäuse von dunklem Holz, und zwei oder drei Sessel, sammt Tisch und Schreibtisch, die offenbar aus einem Hause von höhern Ansprüchen stammten. Die Uhr pickte fleißig und emsig, aber die bleiern aussehenden Zeiger entsprachen insofern ihrem schwerfälligen Aussehen, als sie auf elf Uhr wiesen, obwohl die Sonne deutlich zeigte, daß der Mittag schon lange vorüber war. Auch war da ein dunkler, massiver Schrank. Die Küchengeräthe waren von der einfachsten Art und keineswegs zahlreich, aber jedes Stück war an seinem Platz und zeigte in seiner Beschaffenheit alle mögliche Sauberkeit und Sorgfalt. Nachdem Wildtödter in dem äußern Zimmer sich umgesehen, drückte er eine hölzerne Klinke auf, und trat in einen schmalen Gang, welcher das Innere des Hauses in zwei gleiche Hälften theilte. Da die Sitten der Grenzmänner keineswegs ängstlich und bedenklich sind und seine Neugier lebhaft erregt war, öffnete der junge Mann jetzt eine Thüre und befand sich in einem Schlafzimmer. Ein Blick genügte ihn zu belehren, daß es ein Gemach für Frauen war. Das Bett bestand aus den Federn von wilden Gänsen und war gefüllt fast zum Platzen; aber es lag auf einem rohen Gestell, nur etwa einen Fuß über dem Boden erhaben. Auf der einen Seite desselben hingen an Pflöcken verschiedene Kleidungsstücke von einer weit bessern Beschaffenheit, als man an einem solchen Ort hätte erwarten sollen, mit Bändern und andern entsprechenden Artikeln. Zierliche Schuhe, mit hübschen silbernen Schnallen, wie sie damals wohlhabende Frauen trugen, fehlten auch nicht; und nicht weniger als sechs Fächer von lebhaften Farben waren halb geöffnet, so daß sie das Auge durch ihre Figuren und Malereien auf sich zogen. Selbst das Kissen auf dieser Seite des Bettes war mit feinerem Linnen überzogen, als das entsprechende auf der andern Seite, und mit schmalen Spitzen besetzt. Eine Haube, mit Bändern kokett verziert, hing darüber, und ein paar langer Handschuhe, wie sie in jenen Zeiten Personen aus den arbeitenden Classen selten trugen, waren prahlerisch daran geheftet, wie in der ausdrücklichen Absicht sie hier zur Schau zu stellen, wenn sie nicht an den Armen der Besitzerin prangen könnten. Alles dieß sah und merkte sich Wildtödter mit einer Genauigkeit, welche der zur andern Natur gewordenen Beobachtungsgabe seiner Freunde, der Delawaren, Ehre gemacht haben würde. Auch entging ihm nicht der Unterschied zwischen den beiden Seiten des Bettes, dessen oberes Ende an der Wand stand. Auf der noch nicht beschriebenen Seite nemlich war Alles gering und uneinladend, abgesehen von der vollkommnen Sauberkeit. Die wenigen, an den Pflöcken hängenden Kleidungsstücke waren von den gröbsten Stoffen und vom gemeinsten Schnitte, während Nichts auf Schaustellung berechnet schien. Kein einziges Band war zu sehen, auch keine Haube und kein Tuch, außer solchen, wie sie Hutter's Töchter ihrem Stande gemäß zu tragen befugt waren. Es waren mehrere Jahre verflossen, seit Wildtödter nicht mehr in einem Gemache gewesen war, welches eigens zum Aufenthalt von weiblichen Wesen seines Stammes und seiner Farbe diente. Der Anblick weckte in seiner Seele eine Aufwallung von Erinnerungen aus der Kindheit, und er verweilte in dem Gemach mit einer Art Rührung, die ihm lange fremd geblieben. Er dachte an seine Mutter, deren geringe Kleider er sich erinnerte, an Pflöcken hängen gesehen zu haben, wie die, welche nach seiner unmittelbaren Ueberzeugung der Hetty Hutter gehörten, und dachte an eine Schwester, deren natürlicher und sich entwickelnder Geschmack für Putz sich ungefähr in ähnlicher Weise, wie der Judiths, obwohl natürlich in geringerem Grade, kund gegeben hatte. Diese kleinen Aehnlichkeiten öffneten eine lang verschlossene Quelle von Empfindungen und als er das Gemach verließ, war seine Miene trüb. Er sah sich nicht weiter um, sondern kehrte langsam und nachdenklich nach dem Thorhof zurück. »Der alte Tom hat einen neuen Beruf ergriffen und seine Hand versucht im Fallen stellen,« rief Hurry, der die Habseligkeiten des Grenzlers kaltblütig untersucht hatte; »wenn das jetzt seine Laune ist, und Ihr geneigt seyd, in diesen Gegenden zu bleiben, können wir uns eine ungemein behagliche Sommerszeit bereiten; denn während der alte Mann und ich die Biber überlisten, könnt Ihr fischen und das Wild zusammenschießen, um Leib und Seele zusammen zu halten. Wir geben immer den armseligsten Jägern einen halben Antheil, aber ein so tüchtiger und sichrer Schütze wie Ihr darf wohl auf einen vollen rechnen.« »Dank Euch, Hurry, dank Euch von ganzem Herzen; aber ich treibe auch das Biberfangen ein wenig, wenn die Gelegenheit sich darbietet. Es ist wahr, die Delawaren nennen mich Wildtödter, aber nicht sowohl, weil ich dem Wild ziemlich gefährlich bin, als weil ich, der ich so viele Böcke und Thiere tödte, noch keinem Mitmenschen das Leben genommen habe. Sie sagen, ihre Ueberlieferungen wissen von keinem Andern, der so viel Blut von Thieren, und doch noch nicht das Blut eines Menschen vergossen.« »Ich will hoffen, sie halten Euch doch nicht für taubenherzig, Junge? Ein weichherziger Mann ist wie ein ungeschwänzter Biber.« »Ich glaube nicht, Hurry, daß sie mich für außerordentlich furchtsam halten, obwohl sie mich wohl auch nicht für außerordentlich muthig halten mögen. Aber ich bin nicht streitsüchtig; und das trägt viel dazu bei, daß man die Hände von Blut rein erhält, unter den Jägern und Rothhäuten; und dann, Harry March, erhält es auch das Gewissen rein von Blut!« »Gut; ich für meinen Theil achte Wild, eine Rothhaut und einen Franzmann für ungefähr das Gleiche; obgleich auch ich so wenig streitsüchtig bin, als nur irgend ein Mann in den Colonien. Ich verachte einen Zänker, wie einen kläffenden Hund; aber man braucht nicht übergewissenhaft zu seyn, wenn es die rechte Zeit ist, den Feuerstein zu zeigen,« »Ich sehe den als den ächtesten und besten Mann an, der sich am meisten an das Recht hält, Hurry. Aber das ist ein herrlicher Platz, und mein Auge wird des Sehens nicht satt!« »Das ist Eure erste Bekanntschaft mit einem See, und solche Ideen kommen über uns Alle in solchem Fall. Die Seen haben einen allgemeinen Charakter, wie ich sage, und sind eben recht viel Wasser und Land und Vorsprünge und Buchten.« Da diese Definition keineswegs mit den Gefühlen zusammenstimmte, welche die Seele des jungen Jägers bewegten, so erwiederte er zunächst Nichts, sondern starrte in schweigendem Genusse nach den dunkeln Hügeln und dem krystallnen Wasser. »Haben des Gouverneurs oder des Königs Leute diesem See einen Namen gegeben?« fragte er plötzlich, als ginge ihm auf einmal eine neue Idee auf. »Wenn sie nicht angefangen haben, ihre Stangen aufzustecken, und ihre Compasse aufzupflanzen, und ihre Karten aufzuziehen, so haben sie wohl auch nicht daran gedacht, die Natur mit einem Namen zu belästigen.« »Sie sind noch nicht so weit gekommen; und das letzte Mal, als ich mit Rothhäuten hineinkam, fragte mich Einer von des Königs Feldmessern über Alles in der Gegend hier herum aus. Er hatte gehört, daß in der Gegend ein See sey, und hatte einige allgemeine Begriffe davon, z. B. daß Wasser und Hügel da seyen; aber wie viel von beidem, davon wußte er nicht Mehr als Ihr von der Mohawk-Sprache. Ich öffnete die Falle nicht weiter als nöthig war und gab ihm gar wenig Aufmunterung und Hoffnung, was Pachthöfe und Lichtungen betrifft. Kurz, ich ließ in seinem Geist eine solche Ansicht von dieser Gegend zurück, wie ein Mann sie bekommt von einer Quelle schmutzigen Wassers, zu der ein so kothiger Pfad führt, daß man voll Koth ist, ehe man recht aufbricht. Er sagte mir, sie hätten den Platz noch nicht auf ihren Karten; aber ich vermuthe, es ist ein Mißverständniß, denn er zeigte mir sein Pergament, und darauf ist ein See, wo in der Natur keiner ist, ungefähr fünfzig Meilen von dem Ort, wo er seyn sollte, wenn sie diesen meinten. Ich glaube nicht, daß ihn mein Bericht ermuthigen wird, einen andern anzumerken zur Verbesserung.« Hier lachte Hurry herzlich, da solche Streiche ein ganz besonderes Ergötzen waren für eine Classe von Menschen, welche die Annäherung der Civilisation fürchteten, als eine Schmälerung ihrer eignen gesetzlosen Herrschaft. Die prächtigen Verstöße auf den damaligen Landkarten, die alle in Europa gefertigt wurden, war überdieß ein stehender Gegenstand des Spottes unter ihnen; denn wenn sie auch selbst nicht so viel Wissen besaßen, um bessere zu machen, so hatten sie doch Lokalkenntniß genug, um die plumpen Irrthümer auf den vorhandenen zu entdecken. Jeder, der sich die Mühe nehmen will, diese unwiderleglichen Zeugnisse von der topographischen Geschicklichkeit unsrer Väter vor hundert Jahren mit den genauern Zeichnungen unsrer Tage zu vergleichen, wird sogleich bemerken, daß die Männer der Wälder hinreichenden Grund zu allen ihren Kritiken hatten über diesen Zweig der Einsicht und Geschicklichkeit der Colonialregierung, welche sich nicht besann, einen Strom oder einen See um ein paar Grade zu versetzen, wenn sie auch nur einen Tagemarsch von den bewohnten Theilen des Landes entfernt waren. »Ich bin froh, daß er keinen Namen hat,« begann Wildtödter wieder, »oder wenigstens keinen Bleichgesichtsnamen; denn ihre Taufen weissagen immer Verwüstung und Verderben. Ohne Zweifel jedoch haben die Rothhäute ihre Art ihn zu bezeichnen, und die Jäger und Fallensteller auch; vermuthlich benennen sie den Platz nach etwas Vernünftigem, nach einer Ähnlichkeit.« »Was die Stämme betrifft, so hat jeder seine eigne Sprache, und seine eigne Weise, die Dinge zu benennen; und sie behandeln diesen Theil der Welt eben wie alles Andre. Unter uns sind wir übereingekommen, den Platz Glimmerglas zu nennen, in Betracht, daß das ganze Becken so reichlich mit Fichten besetzt ist, die aus seinem Spiegel empor streben, gerade als wollte es die Berge zurückwerfen, die darüber her hangen.« »Es muß ein Abfluß da seyn, ich weiß, denn alle Seen haben Abflüsse, und der Fels, wo ich Chingachgook treffen soll, steht nahe bei einem Abfluß. Hat auch der noch keinen Colonie-Namen?« »In diesem Punkte stehen sie im Vortheil gegen uns, da sie das eine Ende, und zwar das breiteste, in ihrem Besitz haben; sie haben ihm einen Namen gegeben, der sich Bahn gebrochen hat bis zur Quelle; denn Namen dringen natürlich flußaufwärts. Ihr habt ohne Zweifel schon den Susquehannah gesehen drunten im Land der Delawaren?« »Das hab' ich, und hundertmal gejagt an seinen Ufern.« »Nun, beide sind in der That dieselben, und, glaub' ich, auch dieselben im Namen. Es freut mich, daß sie genöthigt gewesen sind, den Namen der rothen Männer beizubehalten, denn es wäre zu hart, sie des Lands und des Namens dazu zu berauben.« Wildtödter antwortete Nichts; er stand auf seine Büchse gelehnt, in den Anblick versunken, der ihn so sehr entzückte. Der Leser darf jedoch nicht glauben, daß es das Malerische allein gewesen, was seine Aufmerksamkeit so lebhaft auf sich zog. Die Gegend war in Wahrheit höchst lieblich und sie stellte sich eben jetzt in einem der günstigsten Augenblicke dar; die Oberfläche des See's war glatt wie Glas, und durchsichtig wie reine Luft; er warf auf seinem ganzen östlichen Saume das Bild der mit dunkeln Fichten bekleideten Berge zurück; die vorgeschobnen Punkte reihten ihre Bäume in beinahe horizontalen Linien aneinander, während man die Buchten gelegentlich durch einen Bogen durchschimmern sah, welchen ein Gewölbe von Aesten und Laub bildete. Es war der Stempel tiefer Ruhe – die Einsamkeit, die von Landschaften und Forsten zeugte, welche nie waren berührt worden von der Hand des Menschen – das Walten der herrschenden Natur mit Einem Wort, was einem Manne von seiner Lebensweise und Gemüthsart so viel reines Entzücken gewährte. Doch fühlte er auch, wenn schon unbewußt, als Dichter. Wenn er ein Vergnügen darin fand, diesen umfassenden und ihm ungewohnten Einblick in die Geheimnisse und Gestalten der Berge, der sich hier eröffnete, zu studieren, wie Jeder sich freut, wenn ihm größere Ansichten über einen Gegenstand aufgehen, der die Gedanken oft und viel beschäftigt hat, so war er doch auch nicht unempfindlich gegen die innerliche Lieblichkeit einer solchen Landschaft, sondern fühlte zum Theil jenen Frieden des Geistes, der Einem gewöhnlich bei dem Genuß einer so ganz von der heiligen Ruhe und Stille der Natur durchdrungenen Scene aufgeht. Drittes Kapitel. Kommt, soll'n wir gehen und uns Wildpret tödten? Doch reut mich's, daß wir den gefleckten Narr'n, Die Bürger sind in dieser öden Stadt, Auf eignem Grund mit hack'gen Spitzen blutig Die runden Hüften reißen. Shakespeare. Hurry Harry dachte mehr an die Schönheiten der Judith Hutter als an die von Glimmerglas und der umgebenden Landschaft. Sobald er daher Floating Toms Habseligkeiten und Geräthschaften genau genug durchgemustert, lud er seinen Begleiter wieder in das Canoe, um den See hinab zu fahren und die Familie aufzusuchen. Ehe sie sich einschifften jedoch durchspähte Hurry sorgfältig die ganze nördliche Seite des See's mit einem mittelmäßigen Schiffsfernrohr, das sich unter Hutter's Sachen befand. Bei dieser Forschung ward kein Theil des Ufers übersehen; die Buchten und vorspringenden Punkte besonders wurden einer genauern Untersuchung unterworfen, als die übrige waldbewachsene Küste. »Es ist wie ich gedacht,« sagte Hurry, das Glas weglegend; »der alte Kerl zieht bei diesem schönen Wetter auf dem südlichen Theil herum, und läßt das Castell sich selbst vertheidigen. Nun jetzt, da wir wissen, daß er nicht dorthinaus zu ist, ist es ein Kleines, abwärts zu rudern und ihn in seinem Versteck aufzustöbern.« »Hält es der Meister Hutter für nöthig, sich zu verstecken auf diesem See?« fragte Wildtödter, indem er seinem Genossen in das Canoe folgte; »nach meiner Ansicht ist hier eine solche Einsamkeit, daß man seine ganze Seele aufschließen könnte, und nicht zu fürchten hätte, es möchte Jemand uns in unsern Gedanken oder unsrer Anbetung stören.« »Dann vergeßt Ihr Eure Freunde, die Mingos, und all die französischen Wilden. Gibt es eine Stelle auf Erden, Wildtödter, wohin die unruhigen Spitzbuben nicht kämen? Wo ist der See, oder auch nur der Hirschteich, den die Lumpenhunde nicht aufspüren; und sobald sie ihn gefunden, so färben sie auch ganz gewiß früher oder später sein Wasser mit Blut.« »Ich höre allerdings nirgends ihr gutes Lob, Freund Hurry, obgleich es bis jetzt noch nie mein Schicksal war, ihnen oder irgend einem andern Sterblichen auf dem Kriegspfad zu begegnen. Ich glaube gern, daß ein so anmuthiger Platz, wie dieser, von solchen Plünderern schwerlich würde übersehen werden: denn obschon ich selbst noch nicht im Falle gewesen, mit diesen Stämmen Streit zu haben, geben mir doch die Delawaren solche Berichte über sie, daß ich sie bei mir selbst so ziemlich als Nichtswürdige durch und durch ansehe.« »Das könnt Ihr mit gutem Gewissen thun, oder, was das betrifft, jeden andern Wilden, dem Ihr etwa begegnet.« Hiegegen verwahrte sich Wildtödter, und während sie den See entlang ruderten, entspann sich eine hitzige Erörterung über die beiderseitigen Verdienste der Bleichgesichter und der Rothhäute. Hurry hatte alle Vorurtheile und Antipathien eines weißen Jägers, der in der Regel den Indianer als eine Art von natürlichem Nebenbuhler, und nicht selten als einen natürlichen Feind betrachtet. Wie sich von selbst versteht, war er laut, schreiend, keck behauptend, ohne sich viel auf Beweise einzulassen. Wildtödter dagegen zeigte eine ganz andere Sinnes- und Gemüthsart; er bewies durch seine gemäßigte Sprache die Redlichkeit seiner Gesinnung, und durch die Einfachheit seiner Unterscheidungen zeigte er, daß er alle Geneigtheit besaß, Vernunft zu hören und anzunehmen, ein lebhaftes, angebornes Verlangen, gerecht zu seyn, und eine aufrichtige Redlichkeit, die es gänzlich verschmähte, zu Sophismen zu greifen, um eine Behauptung oder ein Vorurtheil zu vertheidigen. Doch war er nicht gänzlich frei von der Herrschaft des letztern. Dieser Tyrann des menschlichen Geistes, der auf tausend Zugängen sich auf seine Beute stürzt, beinahe sobald der Mensch anfängt zu fühlen und zu denken, und selten seinem eisernen Scepter entsagt, ehe beides bei ihm aufhört, hatte einigen Einfluß sich erobert selbst über den Rechtlichkeitssinn dieses Mannes, der doch sonst in diesen Punkten als ein schönes Muster gelten konnte, wozu Entfernung von bösem Beispiel, Mangel an Versuchung zum Fehltritt und natürliche Gutartigkeit einen Jüngling zu machen vermögen. »Ihr werdet zugeben, Wildtödter, daß ein Mingo mehr als ein halber Teufel ist,« schrie Hurry, die Erörterung mit einer Lebhaftigkeit verfolgend, die nahe an Wildheit grenzte – »obgleich Ihr mich gern überreden möchtet, daß der Delawaren-Stamm nahezu aus Engeln besteht. Nun widerspreche ich diesem Satz sogar in Beziehung auf weiße Männer. Alle weißen Menschen sind nicht fehlerfrei, und daher können alle Indianer nicht fehlerfrei seyn. Und so ist Eure Behauptung nackt und lahm. Aber was ich Beweis nenne, ist dieß: drei Farben gibt es auf der Erde, Weiß, Schwarz und Roth. Weiß ist die vornehmste Farbe, und daher der Weiße der beste Mann; dann kommt Schwarz, und sind die Schwarzen bestimmt in der Nähe der Weißen zu leben, als erträglich und tauglich zu Dienst und Gebrauch; und Roth kommt zuletzt, was zeigt, daß derjenige, der sie geschaffen, nie erwartete, daß ein Indianer für mehr als halb menschlich gelten sollte.« »Gott hat alle drei gleich erschaffen, Hurry.« »Gleich! Sagt Ihr ein Neger sey gleich einem Weißen, oder ich einem Indianer?« »Ihr geht immer zu früh los und hört mich nie aus. Gott hat uns Alle geschaffen, Weiße, Schwarze und Rothe, und ohne Zweifel hatte er seine weisen Absichten, daß er uns verschieden färbte. Doch hat er uns in der Hauptsache ziemlich mit den gleichen Gefühlen geschaffen, obgleich ich nicht läugnen will, daß er jeder Race ihre eignen Gaben verliehen. Eines weißen Mannes Gaben sind christlich eingerichtet, während die einer Rothhaut mehr für die Wildniß sind. So wäre es für einen Weißen eine große Sünde einen Todten zu skalpieren, während es bei einem Indianer eine hohe Tugend ist. Ferner, ein weißer Mann darf nicht Weiber und Kinder im Krieg meuchlings niedermachen; während eine Rothhaut es darf. Es ist grausame Arbeit, das geb' ich zu; aber für sie ist es eine erlaubte That, während es für uns eine schmähliche That wäre.« »Das hängt von Eurem Feind ab. Was das betrifft, einen Wilden zu skalpiren, oder selbst ihm die Haut abzuziehen, so sehe ich das ungefähr ebenso an, wie wenn man einem Wolf die Ohren abschneidet, wegen des ausgesetzten Preises, oder einem Bären die Haut abstreift. Und dann seyd Ihr mächtig auf dem Holzweg, daß Ihr Euch der Rothhäute so annehmt, da doch die Colonie selbst einen Preis für den Handel geboten hat; ebenso wie sie für Wolfsohren und Krähenköpfe einen zahlt.« »Ja, und eine schlechte Sache ist das, Hurry. Die Indianer selbst schreien Pfui darüber, weil es gegen der Weißen Gaben ist. Ich behaupte nicht, daß Alles, was weiße Männer thun, eigentlich christlich ist, und dem ihnen verliehenen Lichte gemäß, denn dann wären sie was sie seyn sollten, was sie, wie wir wissen, nicht sind; aber ich will behaupten, daß Ueberlieferung und Gebräuche und Farbe und Gesetze solch einen Unterschied bei den Racen machen, daß es auf die Gaben einwirkt. Ich läugne nicht, daß unter den Indianern Stämme sind, von Natur schon verkehrt und ruchlos, wie es solche Nationen gibt unter den Weißen. Die Mingo's nun rechne ich zu Jenen, und die Franzmänner, in den Canada's, zu Diesen. In einem rechtmäßigen Kriegszustand, wie wir seit Kurzem haben, ist es Pflicht, alle mitleidigen Gefühle niederzuhalten gegen Beide, was Leben und Tod betrifft; aber wenn es sich um Skalpiren handelt, ist es eine ganz andre Sache.« »Nehmt doch nur Vernunft an, wenn's Euch beliebt, Wildtödter, und sagt mir, ob die Colonie ein ungesetzliches Gesetz machen kann? Ist nicht ein ungesetzliches Gesetz mehr gegen die Natur als das Skalpiren eines Wilden? Ein Gesetz kann so wenig ungesetzlich seyn als Wahrheit Lüge seyn kann.« »Das klingt vernünftig; aber ist höchst unbegründet, Hurry. Die Gesetze kommen nicht alle aus derselben Quelle. Gott hat uns das seinige gegeben, und einige gehen von der Colonie aus, und andre vom König und Parlament. Wenn die Gesetze der Colonie, oder auch die des Königs den Gesetzen Gottes zuwiderlaufen, so werden sie ungesetzlich und soll man ihnen nicht gehorchen. Ich halte daran fest, daß ein weißer Mann die weißen Gesetze achten soll, so lange sie nicht einem Gesetz in die Quere kommen, das von einer höhern Autorität ausgeht, und daß ein rother Mann den Gebräuchen der Rothhäute folge unter derselben Einschränkung. Aber es ist unnütz, hierüber zu schwatzen, da jeder Mensch für sich selbst denken kann, und seinen Gedanken gemäß spricht. Laßt uns tüchtig uns umschauen nach Eurem Freund, Floating Tom, damit wir nicht an ihm vorbeirudern, während er unter dieser buschigten Küste verborgen liegt.« Wildtödter hatte die Ufer nicht unrichtig bezeichnet. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang hingen die kleinen Bäume über das Wasser her, mit ihren Zweigen oft in das durchsichtige Element sich eintauchend. Die Ufer waren steil, weil der Strand so schmal war; und da die Pflanzenwelt unabänderlich dem Lichte zustrebt, war die Wirkung gerade die, nach welcher ein Liebhaber des Malerischen gestrebt haben würde, wenn man die Anordnung dieser prachtvollen Waldeinfassung seinem Geschmack überlassen hätte. Auch die Vorsprünge und Buchten waren zahlreich genug, um den Umrissen eine wechselnde Mannigfaltigkeit zu verleihen. Da das Canoe dicht an der westlichen Seite des See's hinfuhr, zu dem Zweck, wie dieß Hurry seinem Genossen erklärt hatte, die etwaige Nähe von Feinden zu rekognosciren, ehe er sich ganz dem offenen Blick blosstellte, wurde die Aufmerksamkeit der beiden Abenteurer beständig in Spannung erhalten, da Keiner vorhersagen konnte, was die nächste Biegung eines Landvorsprungs offenbaren würde. Ihre Fahrt war rasch, da die gigantische Kraft Hurry's ihn in Stand setzte, mit der leichten Barke zu spielen wie mit einer Feder, während die Geschicklichkeit seines Genossen beinahe ebenso nützlich war, trotz der Ungleichheit seiner Körperstärke. Jedesmal wenn das Canoe an einem Punkt des Landes vorbei kam, warf Hurry einen Blick hinter sich, in Erwartung die ›Arche‹ vor Anker liegend oder in der Bucht eingelaufen zu sehen. Es war jedoch sein Schicksal, seine Erwartung getäuscht zusehen, und sie waren dem südlichen Ende des See's bis auf eine Meile nahe gekommen, und volle zwei Stunden von dem ›Castell‹ entfernt, das nunmehr durch ein halb Dutzend Landvorsprünge dem Blick entzogen war, als er plötzlich zu rudern aufhörte, wie unsicher, in welcher Richtung zunächst weiter steuern. »Es ist möglich, daß der alte Kauz in den Strom hinabgeschwommen ist,« sagte Hurry, nachdem er sorgfältig die ganze östliche Küste durchspäht hatte, die etwa eine halbe Meile entfernt und in mehr als ihrer halben Länge seinem forschenden Blick offen lag, »denn er hat sich in neuester Zeit tüchtig aufs Fallenstellen gelegt, und wenn das Floßholz nicht im Wege liegt, könnte er wohl eine Meile oder so hinabgleiten: obgleich er saure Stunden haben würde, wieder heraufzukommen!« »Wo ist der Ausfluß?« fragte Wildtödter; »ich sehe keine Oeffnung an der Küste und den Bäumen, die so aussähe, als wollte sie einen Strom wie den Susquehannah durchlassen.« »Ja, Wildtödter, die Flüsse sind wie menschliche Wesen, fangen klein und schmal an und endigen mit breiten Schultern und weiter Mündung. Ihr seht den Ausfluß nicht, weil er zwischen hohen, steilen Höhen hingeht; und die Fichten und Schierlingstannen und Linden darüberherhängen, wie ein Dach über ein Haus. Wenn der alte Tom nicht in dem »Rattenloch« ist, so muß er in 47 den Strom geschwommen seyn; wir wollen ihn zuerst in dem Loch suchen, und dann nach dem Ausfluß hin fahren.« Im Weiterrudern erklärte Hurry, es sey hier eine seichte Bucht, gebildet durch einen langen, niedern Vorsprung, der den Namen Rattenloch bekommen, von dem Umstand, weil sie ein Lieblingsaufenthalt der Bisamratze war, und die eine so genügende Zuflucht für die Arche darbot, daß ihr Besitzer gar gern daselbst lag, so oft er es passend fand. »Da ein Mann in diesem Theile des Landes nie weiß, was er für Besuche bekommen kann,« fuhr Harry fort, »so ist es ein großer Vortheil, wenn man sie recht besehen kann, ehe sie zu nahe kommen. Jetzt wo Krieg ist, ist eine solche Vorsicht noch nützlicher als in gewöhnlichen Zeiten, da ein Canadier oder ein Mingo in seine Hütte kommen könnte, ehe er sie einlüde. Aber Hutter ist ein ausbündiger Späher, und wittert Gefahren so prächtig, wie nur immer ein Hund das Wild.« »Ich meine das Castell ist so offen, daß es gewiß Feinde anlocken müßte, wenn einmal solche den See auffänden; was freilich, wie ich zugebe, unwahrscheinlich genug ist, da er außer der Fährte des Forts und der Ansiedelungen liegt.« »Ha, Wildtödter, ich bin auf die Ansicht gekommen, daß ein Mann leichter Feinden begegnet als Freunden. Es ist wunderlich zu denken, aus wie manchen Gründen man der Feind von Einem werden kann, und aus wie wenigen sein Freund. Manche heben die Streitaxt auf, weil Ihr nicht gerade so denkt wie sie, Andere weil Ihr ihnen in denselben Ideen voranlauft; und ich kannte einmal einen Vagabunden, der mit einem Freunde Händel anfing, weil dieser ihn nicht für schön hielt. Nun, Ihr seyd auch kein Wunderwerk, was die Schönheit anbetrifft, Wildtödter, aber doch würdet Ihr nicht so unvernünftig seyn und mein Feind werden, weil ich Euch das geradeheraus sage.« »Ich bin wie mich Gott geschaffen hat, und ich wünsche nicht für besser noch für schlechter zu gelten. Ein schönes Aussehen mag mir fehlen, das heißt in dem Maße, wie es die Leichtsinnigen und Eiteln verlangen, aber ich hoffe, es fehlt mir nicht an Lob und Empfehlung, was guten Wandel betrifft. Es gibt wenig Männer, die stattlicher aussehen als Ihr, Hurry; und ich weiß, daß ich mir nicht Rechnung machen darf, es werde Jemand das Auge auf mich richten, wenn Einer wie Ihr daneben steht; aber ich wüßte nicht, daß ein Jäger darum weniger erfahren seyn sollte mit der Büchse, oder weniger zuverlässig in Herbeischaffung der Nahrung, weil er nicht bei jeder hellen Quelle, auf die er stößt, Halt zu machen verlangt, um sein Antlitz im Wasser zu studiren.« Hier brach Hurry plötzlich in ein lautes Gelächter aus; denn während er zu gleichgültig war, um sich viel zu bekümmern um seine offenbaren, körperlichen Vorzüge, war er sich ihrer doch wohl bewußt, und wie die meisten Menschen, welche durch den Zufall der Geburt oder der Natur begünstigt sind, dachte er mit Wohlgefallen und Behagen daran, so oft ihm der Gegenstand vor die Seele trat. »Nein, nein, Wildtödter, Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst bekennen werdet, wenn Ihr nur über das Canoe hinausschauen wollt,« rief er; »Judith wird Euch das ins Gesicht sagen, wenn Ihr sie aufbringt, denn eine losere Zunge ist nicht zu finden in einem Mädchenkopf innerhalb oder außerhalb der Ansiedlungen, wenn Ihr sie reizt, sie zu brauchen. Mein Rath an Euch ist, Judith nie zu belästigen; aber der Hetty könnt Ihr Alles sagen, und sie wird es aufnehmen so sanft wie ein Lamm. Nein, Judith wird Euch vermuthlich ihre Meinung von Eurem Aussehen gar nicht sagen.« »Und wenn sie es thut, Hurry, wird sie mir nicht Mehr sagen, als Ihr mir schon gesagt –« »Ihr werdet doch nicht warm werden über eine kleine Bemerkung, Wildtödter, hoffe ich, wo gar keine Absicht war zu 49 kränken. Ihr seyd keine Schönheit, wie Ihr selbst wissen müßt, und warum sollten Freunde einander solche Kleinigkeiten nicht sagen? Wenn Ihr schön wäret, oder es je zu werden Aussicht hättet, so wäre ich Einer der Ersten, der es Euch sagte; und das sollte Euch zufrieden stellen. Wenn nun Jude mir sagte, ich sey so häßlich wie die Sünde, ich würde es als eine Art Compliment nehmen, und mich bestreben, ihr nicht zu glauben.« »Es ist für Solche, welche die Natur begünstigt hat, leicht, über solche Dinge zu spaßen, Hurry, aber manchmal hart für Andere. Ich will nicht läugnen, daß auch ich den Wunsch gehabt habe, gut auszusehen, ja das habe ich; aber ich habe doch immer vermocht, den Wunsch zu unterdrücken durch die Erwägung, wie Viele ich gekannt habe mit schönen Außenseiten, die innerlich Nichts hatten, sich dessen zu rühmen. Ich will nicht läugnen, Hurry, daß ich oft wünsche, ich wäre ansprechender geschaffen für das Auge, mehr wie Einer Euresgleichen in diesen Punkten; aber dann überwinde ich diese Gefühle durch den Gedanken, wie viel besser ich dran bin in gar vielen Hinsichten, als manche meiner Mitgeschöpfe. Ich hätte ja können lahm geboren werden, und untüchtig selbst zur Eichhornjagd, oder blind, was mich mir selbst wie meinen Freunden zu einer Last gemacht hätte, oder des Gehörs entbehrend, was mich ganz unfähig gemacht haben würde, ins Feld und auf Kundschaft zu ziehen, worauf ich doch rechne, als einen Theil von des Mannes Pflichten in unruhigen Zeiten. Ja, ja; es ist nicht angenehm, ich will es gestehen, Leute zu sehen, die hübscher, und mehr gesucht und geehrt sind, als man selbst ist; aber es läßt sich Alles ertragen, wenn ein Mann dem Uebel ins Gesicht schaut, und seine Gaben und Verpflichtungen nicht mißkennt.« Hurry war im Wesentlichen ein herzguter wie ein gutmüthiger Gesell, und die Selbsterniedrigung seines Genossen trug den vollständigen Sieg über das flüchtige Gefühl persönlicher Eitelkeit davon. Ihn reute die Anspielung, die er auf das Aeußere seines Freundes gemacht, und er suchte dieß auch auszusprechen, obwohl in der derben Weise, welche den Gewohnheiten und Ansichten des Grenzers entsprach. »Ich wollte Euch nicht beleidigen, Wildtödter,« erwiederte er in begütigendem Tone, »und ich hoffe, Ihr werdet vergessen, was ich gesagt habe. Wenn Ihr nicht gerade schön seyd, so habt Ihr doch einen gewissen Zug, der deutlicher sagt als Worte, daß innen Alles richtig ist. Dann legt auch Ihr keinen Werth auf äußeres Aussehen, und werdet um so eher eine kleine Bemerkung über Eure leibliche Erscheinung vergeben. Ich will nicht sagen, daß Jude Euch sehr bewundern werde, denn das könnte Hoffnungen in Euch erwecken, die in getäuschter Erwartung endigen müßten; aber da ist Hetty, die wahrscheinlich Euch mit ebenso großer Genugthuung sehen würde, wie irgend einen andern Mann. Und dann seyd Ihr auch zu ernst und bedächtig, um Euch viel um Judith zu kümmern; denn, obgleich das Mädchen wirklich ganz besonder ist, ist sie doch so allgemein in ihrer Bewunderung, daß ein Mann sich Nichts darauf einbilden darf, wenn sie zufällig gegen ihn lächelt. Ich denke manchmal, die Hexe liebt sich selbst mehr, als irgend eine andre Creatur.« »Wenn sie das thut, Hurry, würde sie nicht mehr thun, besorg' ich, als die meisten Königinnen auf ihren Thronen und Damen in den Städten,« erwiederte Wildtödter lächelnd, und wandte sich um gegen seinen Begleiter, jede Spur von Empfindlichkeit aus seinem ehrlichen und offenen Gesicht verschwunden. »Ich habe noch nie Jemand selbst unter den Delawaren kennen gelernt, von dem Ihr nicht das Gleiche sagen könntet. Aber hier ist das Ende des langen Vorsprungs, wovon Ihr spracht, und das »Rattenloch« kann nicht weit entfernt seyn.« Diese Landspitze, statt wie alle andern sich hervorzuschieben, lief in Einer Linie hin mit dem Hauptufer des See's, der hier in eine tiefe Bucht zurücktrat, südlich sich wieder umbiegend in der 51 Entfernung einer Viertelmeile, und durchschnitt das Thal, die südliche Grenze des Wassers bildend. In dieser Bucht war Hurry beinahe gewiß, die Arche zu finden, weil sie, hinter den Bäumen ankernd, welche den schmalen Streifen der Landspitze bedeckten, hier einen ganzen Sommer liegen konnte, allen Späheraugen verborgen. So vollständig war in der That dieß Versteck, daß ein Boot, dicht am Gestade, innerhalb der Landzunge und nahe am Busen der Bay hinfahrend, nur in Einer Richtung her zu sehen möglich war, nämlich von einem Punkt des dichtbewaldeten Ufers, der vom Wasser bespült wurde, wohin Fremde nicht leicht kommen konnten. »Wir werden bald die Arche sehen,« sagte Hurry, als das Canoe um die äußerste Spitze des Landes herumfuhr, wo das Wasser so tief war, daß es wirklich schwarz schien; »er liebt es, sich im Buschwerk und Rohr zu verkriechen, und wir werden binnen fünf Minuten in seinem Nest seyn, obwohl der alte Kerl selbst vielleicht fort und bei den Fallen ist.« March's Prophezeihung ging nicht in Erfüllung. Das Canoe umfuhr die Landzunge ganz, so daß die beiden Reisenden im Stande waren, die ganze Bucht, oder Bai, denn das war es eigentlich, zu übersehen, aber kein Gegenstand, außer solchen, welche von Natur da waren, wurde sichtbar. Das friedliche Wasser dehnte sich in einer anmuthigen Krümmung, die Binsen beugten sich leise auf seinen Spiegel herab, und die Bäume hingen darüber hin wie gewöhnlich; aber Alles lag da in der wohlthuenden, erhabnen Einsamkeit einer Wildniß. Die Scene war so, daß ein Dichter oder Künstler darüber in Entzücken gerathen wäre, aber sie hatte keinen Reiz für Hurry Harry, der vor Ungeduld brannte, seiner leichtsinnigen Schönheit ansichtig zu werden. Die Bewegung des Canoe's hatte wenig oder kein Geräusch verursacht, da die Grenzmänner überhaupt die Gewohnheit annahmen, bei allem ihrem Thun und Treiben die größte Behutsamkeit 52 zu beobachten, und es lag jetzt auf dem spiegelklaren Wasser, wie in Luft schwebend, und nahm Theil an der athmenden Stille, welche die ganze Scene zu durchdringen schien. In diesem Augenblick hörte man einen Ton, wie das Krachen eines dürren Steckens auf dem dünnen Strich Land, welcher die Bucht von dem offnen See versteckend schied. Beide Abenteurer fuhren auf, und jeder streckte die Hand nach der Büchse aus, denn diese Waffe mußte immer in nächster Nähe zur Hand liegen. »Es war zu schwer für eine leichte Creatur,« flüsterte Hurry, »und es tönte wie der Tritt eines Mannes.« »Nicht so, nicht so,« versetzte Wildtödter, »es war, wie Ihr sagt, zu schwer für das eine, aber zu leicht für den andern. Aber senkt Eure Schaufel ins Wasser und treibt das Canoe hinein in das Loch; ich will landen und der Creatur den Rückweg auf der Landzunge abschneiden, sey es nun ein Mingo, oder nur eine Bisamratze.« Da Hurry einwilligte, war Wildtödter bald am Land und drang in das Dickicht vor mit dem Moccasin an den Füßen und mit einer Vorsicht, die jedes Geräusch verhütete. In einer Minute war er in der Mitte des schmalen Landstreifens, und langsam schritt er dem Ende desselben zu, da die Gebüsche die äußerste Wachsamkeit nothwendig machten. Gerade als er die Mitte des Dickichts erreichte, krachten wieder dürre Zweige, und es wiederholte sich in kurzen Zwischenräumen das Geräusch, wie wenn eine lebendige Creatur langsam der äußersten Spitze zuwandelte. Hurry hörte diese Töne auch, und das Canoe in die Bai treibend, ergriff er seine Büchse, um die Folgen abzuwarten. Eine Minute athemloser Stille folgte, worauf ein prächtiger Damhirsch aus dem Dickicht heraus schritt, mit stattlichen Schritten bis an das sandige Ende der Landzunge hinwandelte und seinen Durst in dem Wasser des See's zu löschen anfing. Hurry besann sich einen Augenblick, dann nahm er rasch seine Büchse auf die Schulter, zielte und 53 feuerte. Die Wirkung dieser plötzlichen Unterbrechung der feierlichen Stille einer solchen Scene gehörte mit zu deren auffallendsten Eigenthümlichkeiten. Der Knall der Feuerwaffe war das gewöhnliche, scharfe, kurze Krachen einer Büchse; aber als einige Augenblicke der Stille nach diesem plötzlichen Knall eingetreten waren, während welcher der Hall in der Luft über das Wasser hin sich fortbewegte, erreichte er die Felsen der gegenüber stehenden Berge, wo die Schwingungen sich häuften, von Höhle zu Höhle, Meilen weit an den Hügeln fortrollten und die schlafenden Donner der Wälder zu wecken schienen. Der Damhirsch schüttelte aber den Kopf bei dem Knall der Büchse und dem Pfeifen der Kugel, denn er war noch nie in Berührung mit Menschen gekommen; blos das Echo der Berge machte sein Mißtrauen rege, und seine vier Füße unter dem Leib zusammengezogen, stürzte er mit einem Sprung vorwärts auf einmal in's tiefe Wasser und fing an, dem Ende des See's zuzuschwimmen. Hurry jauchzte auf und eilte ihm nach, vorwärts, und ein paar Minuten schäumte das Wasser auf um den Verfolger und den Verfolgten. Jener stürmte eben an der Spitze vorbei, als der Wildtödter auf dem Sand erschien und ihm winkte, umzukehren. »Es war unbesonnen einen Schuß abzufeuern, ehe wir die Küste ausgekundschaftet, und die Gewißheit hatten, daß kein Feind sich dort aufhalte,« sagte der Letztere, während sein Genosse langsam und widerstrebend seinem Rath folgte. »So viel hab ich schon von den Delawaren gelernt, durch Unterricht und Ueberlieferungen, obgleich ich noch nie auf dem Kriegspfad gewesen. Und zudem kann man jetzt kaum sagen, daß die Zeit für's Wildpret da sey, und es mangelt uns nicht an Nahrung. Man nennt mich Wildtödter, ich gesteh' es, und vielleicht verdien' ich auch den Namen, sofern ich die Lebensweise und Art der Thiere kenne, ebenso sehr als wegen der Sicherheit meines Zielens: aber man kann mir nicht nachsagen, daß ich ein Thier tödte, wenn es nicht wegen einer Mahlzeit oder wegen der Haut ist. Ich bin wohl vielleicht ein Tödter, aber kein Schlächter.« »Es war ein gräulicher Streich, daß ich den Damhirsch fehlte!« rief Hurry, indem er seine Mütze abnahm und sich mit den Fingern durch seine schönen aber verwirrten Locken fuhr, als wollte er durch diese Manipulation seine verworrenen Gedanken schlichten, »es ist mir nichts so Ungeschicktes geschehen seit meinem fünfzehnten Jahre.« »Beklagt Euch nicht darüber; des Thieres Tod hätte Keinem von uns einen Vortheil, wohl aber leicht Schaden gebracht. Die Echo's da sind entsetzlicher für mein Ohr, als Euer Mißgeschick, denn sie tönen mir wie die Stimme der Natur, die empört aufschreit über eine mörderische, unbesonnene That.« »Ihr könnt genug solcher Schreie hören, wenn Ihr lang in dieser Gegend verweilt, Junge,« versetzte der Andere lachend. »Die Echos wiederholen so ziemlich Alles, was man auf dem Glimmerglas sagt oder thut, bei diesem heitern Sommerwetter. Wenn nur ein Ruder fällt, so hört Ihr es manchmal wieder und wiederhallen, wie wenn die Berge Eures täppischen Wesens spotteten, und ein Gelächter oder ein Pfeifen tönt von den Fichten dort, wenn sie gerade in der Laune sind zu schwatzen, dergestalt zurück, daß Ihr glauben solltet, sie können wirklich plaudern.« »Um so mehr Grund, vorsichtig und still zu seyn. Ich glaube nicht, daß bis jetzt die Feinde den Weg in diese Berge gefunden haben können, denn ich wüßte nicht, was sie dabei zu gewinnen hätten; aber alle Delawaren sagen mir, wie Muth die erste Tugend eines Kriegers, so sey Klugheit seine zweite. Ein solcher Ruf von den Bergen wiederhallend ist genug, einen ganzen Stamm in das Geheimniß unsers Hierseyns einzuweihen.« »Wenn es auch sonst keinen Nutzen hat, so wird es doch den alten Tom mahnen, den Topf übers Feuer zu setzen und ihm zu wissen thun, daß Besuch in der Nähe ist. Kommt, Junge; kommt in das Canoe, und wir wollen die Arche aufspüren, so lang es noch Tag ist.« Wildtödter gehorchte und das Canoe verließ den Platz. Seine Spitze war in der Diagonale über den See hin gerichtet, und wies nach der südöstlichen Krümmung des Wassers hin. In dieser Richtung war die Entfernung bis an die Küste oder bis an das Ende des See's, in der Linie, wie die Beiden jetzt steuerten, nicht ganz eine Meile, und da ihre Fahrt immer rasch ging, minderte sich diese Entfernung schnell unter den geschickten aber gemächlichen Ruderschlägen. Ungefähr auf der Hälfte des Wegs zog ein leichtes Geräusch die Blicke der Männer nach dem nächstliegenden Land und sie sahen, wie der Damhirsch eben aus dem See emportauchte und dem Gestade zuwatete. Nach einer Minute schüttelte sich das edle Thier das Wasser von den Seiten, schaute empor nach dem schützenden Dach der Bäume und stürzte sich, die Uferhöhe hinan springend, in den Wald. »Dieses Geschöpf geht dahin voll Dankbarkeit in seinem Herzen,« sagte Wildtödter, »denn die Natur sagt ihm, daß es einer großen Gefahr entronnen ist. Ihr solltet auch Etwas von demselben Gefühl haben, Hurry, bei dem Gedanken, daß Euer Auge nicht sichrer, daß Eure Hand nicht fest genug war, da doch nichts Gutes herauskommen konnte bei einem Schuß, der mehr in Unbesonnenheit als mit gutem Bedacht abgefeuert wurde.« »Ich läugne, daß Auge und Hand fehlten,« schrie March mit einiger Hitze. »Ihr habt einigen Ruf erlangt unter den Delawaren drunten wegen Eurer Geschicklichkeit und Sicherheit bei der Jagd; aber ich möchte Euch wohl sehen hinter einer von den Fichten dort, und einen ganz übermalten Mingo hinter einer andern, Jeder mit gespanntem Hahn an der Büchse und um euer Leben wettend! Das sind Lagen, Nathaniel, das Auge und die Hand zu erproben, denn sie fangen damit an, die Nerven zu erproben. Ich sehe das Tödten eines Thiers nie als eine That an; aber einen Wilden tödten – das ist eine. Die Zeit wird kommen, wo Ihr Eure Hand erproben könnt, jetzt, da es wieder blutige Köpfe gegeben, und wir werden bald sehen, was eine Wildpretberühmtheit im Feld ausrichtet. Ich läugne, daß Hand oder Auge unsicher gewesen; es war nur eine falsche Verechnung der Bewegungen des Hirsches, der stille stand, als er noch sich hätte bewegen sollen, und so schoß ich über ihn weg.« »Erklärt es wie Ihr wollt, Hurry, ich behaupte weiter Nichts, als daß es ein Glück gewesen. Ich glaube gern, daß ich auf einen sterblichen Menschen nicht so stet, noch mit so leichtem Herzen abdrücken werde, wie auf ein Wild.« »Wer spricht denn auch von Sterblichen, oder von menschlichen Wesen, Wildtödter? Ich sehe bei Euch ja den Fall mit einem Indianer. Ich glaube gern, jeder Mann hätte wohl seine besondern Gefühle, wenn es Leben oder Tod gälte, einem andern menschlichen Geschöpf gegenüber; aber solche Bedenklichkeiten würden wegfallen bei einem Indianer; weiter Nichts, als die gefährliche Wette, ob er Euch trifft oder Ihr ihn.« »Ich halte dafür, daß die rothen Männer vollkommen ebenso Menschen sind wie wir, Hurry. Sie haben ihre eignen Gaben und ihre eigne Religion, das ist wahr; aber das macht am Ende keinen Unterschied, wo Jeder wird gerichtet werden nach seinem Thun, und nicht nach seiner Haut.« »Das ist gesprochen, wie ein Missionär, und wird wenig Gunst finden in dieser Gegend, wo die Mährischen Brüder keine Gemeinden haben. Die Haut macht einmal den Menschen. Das ist nach Wahrheit und Vernunft gesprochen; denn wie sollten sonst die Leute einander beurtheilen. Die Haut wird über Alles angezogen, damit wenn man eine Creatur oder einen Sterblichen recht und gehörig sieht, man sogleich weiß, was man aus ihn, zu machen hat; Ihr unterscheidet einen Bären von einem Schwein nach seiner Haut, und ein graues Eichhorn von einem schwarzen.« »Wahr, Hurry,« sagte der Andere, zurückschauend und lächelnd, »aber doch sind beides Eichhörnchen.« »Wer läugnet das? Aber Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, ein rother Mann und ein weißer Mann seyen beide Indianer?« »Nein, aber ich behaupte, Beide sind Menschen. Menschen von verschiedener Race und Farbe, und mit verschiedenen Gaben und Ueberlieferungen, aber in den Hauptsachen von einer und derselben Natur. Beide haben Seelen, und Beide sind verantwortlich für ihre Thaten in diesem Leben.« Hurry war einer jener Theoretiker, die an die geringere Natur aller menschlichen Stämme, die nicht weiß sind, glauben. Seine Begriffe von der Sache waren nicht sehr klar, und seine Definitionen auch nicht sehr feststehend, aber seine Ansichten waren darum nicht minder positiv und heftig. Sein Gewissen bezichtigte ihn verschiedentlicher, gesetzwidriger Thaten gegen die Indianer, und er hatte eine ausnehmend bequeme Auskunft zur Beruhigung desselben darin gefunden, daß er die gesammte Familie der rothen Männer rücksichtslos außerhalb der Categorie der Menschenrechte setzte. Nichts erbitterte ihn leichter, als wenn man seinen Satz läugnete, zumal wenn die Läugnung von einem Aufgebot einleuchtender Gründe unterstützt war; und so hörte er denn die Bemerkungen seines Genossen mit wenig innerer und äußerer Ruhe und Fassung an. »Ihr seyd ein Kind, Wildtödter, irre geführt und berückt durch die List der Delawaren und durch die Unwissenheit der Missionäre,« rief er aus, mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegen die Formen des Gesprächs, wenn er einmal aufgeregt war. » Ihr mögt Euch immer als Bruder einer Rothhaut betrachten, aber ich halte sie alle für Thiere, die nichts Menschliches an sich haben, als Schlauheit; die haben sie, das gebe ich zu, aber die hat auch der Fuchs und sogar der Bär. Ich bin älter als Ihr und habe länger in den Wäldern gelebt – oder vielmehr, ich habe immer darin gelebt, und brauche mir nicht erst sagen zu lassen, was ein Indianer ist, oder was er nicht ist. Wenn Ihr für einen Wilden zu gelten wünscht, so dürft Ihr es nur sagen, so will ich Euch der Judith und dem alten Mann als einen solchen vorstellen, und dann wollen wir sehen, wie Euch der Willkomm behagt.« Hier leistete Hurry's Einbildungskraft seiner Aufregung einen nützlichen Dienst, denn in Folge davon, daß er sich den Empfang ausmalte, welcher seinem so eingeführten Freunde bei seinen halb im Wasser lebenden Bekannten würde zu Theil werden, brach er in ein herzliches Gelächter aus. Auch wußte Wildtödter zu gut, wie nutzlos der Versuch seyn würde, ein solches Wesen von irgend etwas zu überzeugen, das seinen Vorurtheilen zuwider lief, als daß er Lust getragen hätte, den Versuch zu wagen; und es that ihm nicht leid, daß die Annäherung des Canoe's an die südöstliche Krümmung des See's seinen Ideen eine neue Richtung gab. Sie waren jetzt wirklich dem Ort ganz nahe, den March als die Gegend des Ausflusses bezeichnet hatte, und beide begannen sich darnach umzusehen mit einer Neugierde, die noch gesteigert ward durch die Erwartung, die Arche zu finden. Vielleicht überrascht es den Leser als etwas Seltsames, daß der Ort, wo ein Fluß von einiger Größe zwischen Ufern hinströmte, die einige und zwanzig Fuß hoch waren, Männern zweifelhaft seyn konnte, die nicht mehr als nur zweihundert Schritte noch von dieser Stelle entfernt waren. Man wird sich aber erinnern, daß die Bäume und Gebüsche hier, wie überall, das Wasser ganz überhingen, und einen solchen Saum um den See zogen, daß alle kleinen Abweichungen oder Unterbrechungen seiner Linie sich dem Auge entzogen. »Ich bin seit zwei Sommern nicht an diesem Ende des See's gewesen,« sagte Hurry, indem er sich im Canoe aufrichtete, um sich besser umsehen zu können. »Ja, das ist der Fels, und zeigt sein Kinn über dem Wasser, und ich weiß, daß in seiner Nähe der Fluß anfängt.« Die Männer handhabten jetzt wieder die Ruder, und hatten sich bald dem Felsen bis auf wenige Schritte genähert; sie schwammen darauf zu, obgleich sie ihre Arbeit eingestellt hatten. Dieser Fels war nicht groß, nur etwa fünf oder sechs Fuß hoch, und nur etwa halb so viel erhob er sich über den See. Die unablässige Bespühlung des Wassers seit Jahrhunderten hatte seinen Gipfel so abgerundet, daß er seiner Gestalt nach, die ungewöhnlich regel- und ebenmäßig war, einem großen Bienenkorb glich. Hurry bemerkte, während sie langsam dahin glitten, daß dieser Fels allen Indianern in der Gegend wohl bekannt sey, und daß sie ihn als Merkzeichen gebrauchten, um den Sammelplatz zu bestimmen, wenn sie auf ihren Jagden und Märschen sich trennten. »Und hier ist der Fluß, Wildtödter,« fuhr er fort, »obwohl so eingeschlossen von Bäumen und Büschen, daß er mehr einem Hinterhalt gleichsieht, als der Ausströmung eines solchen See's wie der Glimmerglas.« Hurry hatte die Scene nicht übel geschildert, denn in der That schien es ein Fluß, der im Hinterhalt liegt. Die hohen Ufer mochten etwa hundert Fuß aus einander liegen; aber auf der westlichen Seite dehnte sich ein kleines Stück Land so weit hervor, daß dadurch die Breite des Flusses um die Hälfte vermindert wurde. Da die Büsche in das Wasser herabhingen, und Fichten von der Höhe von Kirchtürmen in riesigen Säulen emporragten, sämmtlich dem Licht sich zusenkend, bis ihre Zweige sich vermengten, konnte das Auge selbst in einer kleinen Entfernung nicht leicht eine Lücke an der Küste entdecken, welche den Ausfluß des Wassers verrathen hätte. Im Wald oben sah man vom See aus keine Spuren von dieser Oeffnung, denn Alles bot den Anblick derselben zusammenhängenden und dem Anschein nach endlosen Laubtapete. Wie das Canoe langsam weiter glitt, von der Strömung eingesogen, kam es unter eine Wölbung von Bäumen, durch welche das Licht vom Himmel sich in einigen zufälligen Oeffnungen durchkämpfte, das Dunkel unten nur schwach unterbrechend. »Das ist ein natürlicher Hinterhalt,« flüsterte halb Hurry, als fühlte er, daß der Ort dem Geheimniß und der Wachsamkeit geweiht sey; »verlaßt Euch darauf, der alte Tom ist mit der Arche irgendwo hier untergekrochen. Wir wollen mit der Strömung noch eine kleine Strecke hinabtreiben und ihn aufstöbern.« »Das scheint aber kein Wasser für ein Fahrzeug von einiger Größe,« versetzte der Andere; »mich dünkt, wir haben kaum Platz genug für das Canoe.« Hurry lachte über diese Aeußerung, und wie sich bald zeigte, mit Grund; denn nicht sobald war man an dem Saum von Buschwerk unmittelbar an dem Ufer des See's vorüber, als die zwei Abenteurer sich auf einem schmalen Fluß mit hinreichend tiefem und sehr klarem Wasser dabei von starkem Fall, und unter einem Laubdach befanden, von Bogen emporgehalten, die aus den Stämmen uralter Bäume bestanden. Buschwerk faßte, wie überall, die Küsten ein, aber es ließ Raum genug zwischen sich frei, um Alles durchpassiren lassen zu können, was nicht über zwanzig Schuh breit war, und einen Durchblick zu gestatten, der acht- oder zehnmal so viel betrug. Keiner unsrer beiden Abenteurer bediente sich des Ruders, außer um die leichte Barke in der Mitte der Strömung zu erhalten, aber Beide beobachteten jede Windung des Flusses, deren auf einer Strecke von hundert Schritten zwei oder drei vorkamen, mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Windung um Windung war jedoch zurückgelegt, und das Canoe war mit der Strömung eine Strecke hinabgeglitten, als Hurry ein Gebüsch erfaßte und dadurch seine Bewegung hemmte, – und das so plötzlich und still, daß man einen ganz besondern Beweggrund dieses Vornehmens vermuthen mußte. Wildtödter legte die Hand an den Kolben seiner Büchse, sobald er diese Bewegung sah; aber er that dieß eher nach alter Jägergewohnheit, als aus einer Anwandlung von Besorgniß. »Dort ist der alte Kerl!« flüsterte Hurry, mit einem Finger 61 deutend und herzlich lachend, obgleich er sich sorgfältig hütete, ein Geräusch zu machen; »ist auf den Fang aus, wie ich mir gedacht; steht bis an die Knie im Koth und Wasser, um nach den Fallen und dem Köder zu sehen. Aber ich kann um's Leben nichts von der Arche sehen; und doch will ich jedes Fell, das ich dieß Jahr erbeute, wetten: Judith traut sich mit ihren hübschen Füßchen nicht in die Nähe dieses schwarzen Kothes. Wahrscheinlich strählt sich das Mädchen die Haare vor einer Quelle, wo sie ihre eigene Schönheit betrachten und hochmüthige Gesinnungen gegen uns Männer sammeln kann.« »Ihr urtheilt zu hart von jungen Weibern; ja, das thut Ihr, Hurry, denn sie denken ebenso oft an ihre Fehler als an ihre Vollkommenheiten. Ich denke fast, diese Judith ist keine so arge Bewundrerin von sich selbst, noch eine so arge Verächterin unseres Geschlechts, als Ihr zu glauben scheint; und es ist eben so wahrscheinlich, daß sie für ihren Vater arbeitet und sorgt im Hause, wo dieß nun auch seyn mag, wie er bei den Fallen für sie arbeitet.« »Es ist eine Lust, die Wahrheit aus dem Munde eines Mannes zu hören, wenn es auch nur einmal im Leben eines Mädchens der Fall ist,« rief eine angenehme, volle und doch sanfte weibliche Stimme, dem Canoe so nahe, daß beide Hörer auffuhren. »Was Euch betrifft, Meister Hurry, rechtliche Worte ersticken Euch so leicht, daß ich sie nicht mehr aus Eurem Munde erwarte; das letzte, das Ihr spracht, blieb Euch in der Kehle stecken und brachte Euch dem Tode nahe. Aber es freut mich, zu sehen, daß Ihr bessere Gesellschaft habt als früher, und daß Solche, welche Frauen zu achten und zu behandeln wissen, sich nicht schämen, in Eurer Begleitung zu reisen.« Als dieß gesprochen war, ward ein ausnehmend hübsches, jugendliches Mädchengesicht durch eine Oeffnung im Laub hervorgestreckt, im Bereich von Wildtödters Ruder. Die Eigenthümerin desselben lächelte den jungen Mann freundlich an, und der schmollende, finstre Blick, den sie Hurry zuwarf, obwohl nur erheuchelt und schelmisch, diente ihre Schönheit noch mehr herauszuheben, indem er das Spiel einer ausdrucksvollen aber launenhaften Miene zeigte, eines Gesichts, das mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung vom Sanften in's Ernste, vom Fröhlichen in's Zurückstoßende überzugehen schien. Ein zweiter Blick erklärte die ganze Ueberraschung. Ohne es zu wissen, hatten die Männer neben der Arche Halt gemacht, welche mit gutem Bedacht war versteckt worden, in den zu diesem Behufe zurecht geschnittenen und geordneten Gebüschen; und Judith Hutter hatte nur das Laub, das ein Fenster bedeckte, weggeschoben, um ihr Gesicht zu zeigen und mit ihnen zu sprechen. Viertes Kapitel. Und nicht scheut in Furcht das schüchterne Reh, Wenn zu seinem Gemach ich mich stehle; Und theu'r ist die Maiviole mir. Und den Bach besuch' ich, der rieselt hier, Daß die Blume mir labe die Seele. Bryant. Die Arche, wie man die schwimmende Behausung der Hutter's gemeinhin nannte, war ein sehr einfaches Werk. Eine große Fläche oder Fähre bildete den schwimmenden Theil des Fahrzeugs, und in dessen Mitte, die ganze Breite, und etwa zwei Dritttheile der Länge einnehmend, stand ein niedriges Gerüste, in seinem Bau dem Castell ähnlich, obwohl von so leichtem Material, daß es kaum einer Flintenkugel widerstand. Da die Seiten des platten Fahrzeuges etwas höher waren als gewöhnlich, und das Innere der Cajüte oder der Hütte nicht höher war, als die Bequemlichkeit durchaus erforderte; so nahm sich der ungewöhnliche Aufsatz weder 63 sehr plump aus, noch fiel er sehr ins Auge. Kurz das Ganze war nicht viel verschieden von einem modernen Kanalboot, obwohl roher gebaut, von größerer Breite als gewöhnlich, und an den mit Borke bedeckten Balken doch die Spuren der Wildniß an sich tragend. Die Fähre war jedoch mit einiger Geschicklichkeit zusammengesetzt, für ihre Stärke verhältnißmäßig leicht und gut zu handhaben. Die Cajüte war in zwei Gemächer getheilt, deren eines als Wohnzimmer und Schlafstätte für den Vater diente, das andere aber den Töchtern zur Benützung überlassen war. Eine sehr einfache Einrichtung diente als die Küche, die auf dem einen Ende der Fähre angebracht war, und von der Cajüte entfernt, frei und offen dastand; denn die Arche überhaupt war eine Sommerwohnung. Das Versteck, in dem sie lag, läßt sich ebenso leicht erklären. An manchen Stellen des See's und Flusses, wo die Ufer steil und hoch waren, überhingen die kleineren Bäume und die größeren Gebüsche, wie schon erwähnt, das Wasser gänzlich und ihre Zweige tauchten sich nicht selten ganz darein ein. Hin und wieder wuchsen sie in beinahe horizontalen Linien dreißig bis vierzig Fuß seitlich herein. Da das Wasser durchgehends am tiefsten war an den Küsten, wo die Ufer am höchsten und am meisten sich dem Senkrechten näherten, war es Huttern nicht schwer gefallen, die Arche unter ein solches versteckendes Obdach zu lenken, wo sie vor Anker lag, und wo man sie nicht sollte bemerken können; denn nach seiner Ansicht erforderte die Sicherheit solche Vorsichtsmaßregeln. Nachdem sie einmal unter den Bäumen und Gebüschen war, bewirkten einige an den Enden der Zweige befestigte Steine, daß sie sich tief genug in den Fluß hinunterbogen; und einige abgehauene Büsche, gehörig vertheilt, thaten das Uebrige. Der Leser hat schon gesehen, daß dieß Versteck vollständig genug war, um zwei an die Wälder gewöhnte Männer zu täuschen, die doch gerade auf die Entdeckung der verborgenen Arche aus waren, und dieß werden Solche leicht begreifen, welche bekannt sind mit der wuchernden Ueppigkeit und Dichtheit eines jungfräulichen amerikanischen Waldes, zumal auf reichem und gutem Boden. Die Entdeckung der Arche machte sehr verschiedene Eindrücke auf unsre beiden Abenteurer. Sobald das Canoe an die geeignete Oeffnung hinangebracht werden konnte, sprang Hurry an Bord, und war nach einer Minute schon tief verwickelt in ein munteres, gewissermaßen scheltendes Gespräch mit Judith, allem Anschein nach das Daseyn der ganzen übrigen Welt vergessend. Nicht so Wildtödter. Er betrat die Arche mit langsamem, vorsichtigem Schritt und prüfte jede Einrichtung des Verstecks mit neugierigem, forschendem Auge. Allerdings warf er einen bewundernden Blick auf Judith, den ihm ihre glänzende und eigenthümliche Schönheit abgewann; aber selbst diese konnte ihn nur einen Augenblick abhalten, dem Interesse, das ihm Hutter's schlaue Einrichtungen einflößten, nachzugeben. Schritt für Schritt besichtigte er die Konstruktion der eigenthümlichen Behausung, erforschte die Stärke und Festigkeit derselben, versicherte sich der Vertheidigungsmittel, und stellte alle die Untersuchungen an, die sich von selbst einem Mann darboten, dessen Gedanken hauptsächlich mit solchen Kunstgriffen und Hülfsmitteln sich beschäftigten. Auch das versteckende Obdach ward nicht außer Acht gelassen. Er untersuchte es genau nach seiner ganzen Beschaffenheit und mehr als einmal wurde sein Beifall in hörbaren Lobsprüchen laut. Da die Sitten der Grenzmänner eine solche Ungezwungenheit gestatteten, schritt er durch die Gemächer, wie früher im Castell, öffnete eine Thüre, und trat auf das Ende der Fähre, entgegengesetzt dem, wo er Hurry und Judith verlassen hatte. Hier traf er die andere Schwester mit einer groben Nadelarbeit beschäftigt, unter dem belaubten Baldachin des Schutzdachs sitzend. Da Wildtödters Besichtigung und Prüfung nunmehr beendigt war, ließ er den Kolben seiner Büchse sinken und wandte sich, 65 mit beiden Händen auf den Lauf sich stützend, zu dem Mädchen mit einem Interesse, welches die ausgezeichnete Schönheit ihrer Schwester nicht in ihm geweckt hatte. Er hatte sich aus Hurry's Aeußerungen so viel abgenommen, daß Hetty dafür galt, weniger Einsicht zu besitzen, als gewöhnlich menschlichen Wesen zugetheilt ist; und seine indianische Bildung hatte ihn gelehrt, diejenigen, die so von der Vorsehung heimgesucht waren, mit ungewöhnlicher Zartheit zu behandeln. Auch lag in der äußern Erscheinung bei Hetty Hutter Nichts, was, wie so oft der Fall ist, das Interesse hätte schwächen können, das ihr Zustand erregte. Blödsinnig konnte man sie nicht eigentlich nennen, denn ihr Geist war nur gerade so weit schwach, daß er die meisten jener Züge verlor, welche mit den Eigenschaften der berechnenden Schlauheit zusammenhängen, dagegen seine Aufrichtigkeit und Liebe zur Wahrheit behielt. Es war öfters in Bezug auf dieß Mädchen von den Wenigen, die sie gesehen, und welche genugsame Einsicht zum richtigen Unterscheiden besaßen, bemerkt worden, daß ihr Erkennen des Rechten beinahe instinktmäßig und intuitiv schien, während ihr Widerwillen gegen das Unrecht einen so auszeichnenden Zug ihres Gemüths ausmachte, daß sie gleichsam in einer Atmosphäre reiner Sittlichkeit sich bewegte; und diese Eigenthümlichkeiten trifft man nicht selten bei schwachsinnig genannten Menschen; gleich als hätte Gott den bösen Geistern gewehrt, in ein so schutzloses Gebiet einzudringen, mit der gnädigen Absicht, einen unmittelbaren Schutz denjenigen angedeihen zu lassen, welche ohne die gewöhnlichen Kräfte und Hülfsmittel der menschlichen Natur geblieben waren. Auch ihre Person war angenehm, da sie ihrer Schwester stark glich, von welcher sie ein gedämpftes und bescheidnes Nachbild zu seyn schien. Wenn sie Nichts von Judiths Glanz besaß, so verfehlte doch der ruhige, friedliche, beinahe heilige Ausdruck ihres sanften Gesichts selten, den Betrachter für sie einzunehmen; und Wenige sahen sie länger, ohne eine tiefere und bleibende Theilnahme für das Mädchen zu fühlen. Sie hatte für gewöhnlich keine Farbe, auch war ihr einfacher Geist nicht im Stand, Bilder aufzurufen, die ihre Wange hätten aufleuchten machen; aber sie behauptete eine ihr so angeborne Sittsamkeit, daß sie dadurch beinahe zu der arglosen Reinheit eines für menschliche Schwächen unzugänglichen Gemüthes erhoben wurde. Harmlos, unschuldig, ohne Mißtrauen sowohl von Natur als vermöge ihrer Lebensweise, hatte die Vorsehung sie dennoch gegen Anfechtungen beschirmt durch eine Art von sittlichem Heiligenschein, »den Wind zu sänftigen dem geschornen Lamme,« wie das Sprüchwort sagt. »Ihr seyd Hetty Hutter,« sagte Wildtödter, in der Art, wie man sich selbst unbewußt eine Frage macht, und zwar mit einer sanften Güte in Ton und Wesen, die ganz geeignet war, ihm das Vertrauen der so Angeredeten zu gewinnen – »Harry Hurry hat mir von Euch gesagt, und ich weiß, Ihr müßt das Kind seyn.« »Ja, ich bin Hetty Hutter,« versetzte das Mädchen mit leiser, süßer Stimme, welche durch die Natur und einige dazugekommene Erziehung vor Gemeinheit des Tons und des Ausdrucks bewahrt geblieben war; »ich bin Hetty, der Judith Hutter Schwester und Thomas Hutter's jüngste Tochter.« »So weiß ich denn Eure Geschichte, denn Hurry Harry plaudert tüchtig und er geht frei heraus mit seinen Reden, wenn er auf andrer Leute Angelegenheiten zu sprechen kommt. Ihr bringt den größten Theil Eures Lebens auf dem See zu, Hetty.« »Ja wohl, Mutter ist todt; Vater ist aus auf's Fallenstellen, und Judith und ich bleiben zu Hause. Was ist Euer Name?« »Das ist eine Frage, die sich leichter thun als beantworten läßt, junges Weib; in Betracht, daß ich noch so jung bin, und doch schon mehr Namen getragen habe, als manche der größten Häuptlinge in ganz Amerika.« »Aber Ihr habt doch einen Namen? Ihr werft doch nicht einen Namen weg, bevor Ihr auf ehrliche Weise zu einem andern gekommen?« »Ich hoffe so, Mädchen, ich hoffe so. Meine Namen sind mir natürlich gekommen, und ich denke, derjenige, den ich jetzt trage, wird nicht von langer Dauer seyn, denn die Delawaren bestimmen selten den wahren Namen und Titel eines Mannes fest, bis zu der Zeit, wo er Gelegenheit gehabt, sein wahres Wesen im Rath oder auf dem Kriegspfad zu zeigen, was mir noch nie zu Theil geworden ist; angesehen, erstlich, daß ich, nicht als Rothhaut geboren, kein Recht habe, in ihren Versammlungen zu sitzen, und viel zu niedrig bin, als daß ich von den Vornehmen meiner Farbe sollte um meine Meinung befragt werden; und für's Zweite, weil dieß der erste Krieg ist, der in meine Zeit gefallen, und noch kein Feind weit genug in die Colonie eingebrochen, der durch einen auch längeren Arm als der meinige zu erreichen gewesen wäre.« »Sagt mir Eure Namen,« erwiederte Hetty, ihn arglos anschauend, »und vielleicht sage ich Euch dann Euren Charakter.« »Darin liegt einige Wahrheit, ich will es nicht läugnen, obgleich es oft fehl trifft. Die Menschen täuschen sich im Charakter Andrer und geben ihnen häufig Namen, die sie in keiner Weise verdienen. Die Wahrheit hievon könnt Ihr sehen an den Mingo-Namen, die, in ihrer Sprache, dieselben Dinge bezeichnen, wie die Delawaren-Namen – so sagt man mir wenigstens, denn ich weiß Wenig von diesem Stamm, außer durchs Gerücht – und Niemand kann sagen, daß sie eine ebenso redliche und gerade Nation sind. Ich lege daher kein sehr großes Gewicht auf Namen.« »Sagt mir alle Eure Namen,« wiederholte das Mädchen ernst, denn ihr Gemüth war zu einfältig, um die Dinge von den Namen zu scheiden, die sie tragen, und sie legte einem Namen große Wichtigkeit bei. »Ich möchte wissen, was ich von Euch zu denken habe.« 68 »Nun, gewiß; ich habe Nichts dagegen und Ihr sollt sie alle erfahren. Für's Erste denn, bin ich ein Christ und weiß geboren, wie Ihr, und meine Eltern hatten einen Namen, der sich vom Vater auf den Sohn vererbte, als ein Theil ihrer Gaben und Ausstattung. Mein Vater hieß Bumppo; und ich ward natürlich genannt wie er, und der mir gegebene Name war Nathaniel, oder Natty, wie die meisten Leute ihn abzukürzen beliebten.« «Ja, ja – Natty – und Hetty –« unterbrach ihn rasch das Mädchen, und schaute wieder mit einem Lächeln von ihrer Arbeit auf, »Ihr seyd Natty und ich bin Hetty – obgleich Ihr Bumppo heißt, und ich Hutter, Bumppo ist nicht so hübsch wie Hutter, oder doch?« »Nun, das kommt auf der Leute Geschmack an. Bumppo klingt nicht erhaben, ich geb' es zu, und doch haben sich Menschen damit durch die Welt geschlagen. Ich lief jedoch nicht sehr lange unter diesem Namen; denn die Delawaren entdeckten bald, oder glaubten zu entdecken, daß ich dem Lügen nicht ergeben war, und sie nannten mich zuerst: ›Geradzunge‹.« »Das ist ein guter Name« unterbrach ihn Hetty ernst und in bestimmtem Tone; »sagt mir doch nicht, es wohne in den Namen keine Kraft und Tugend!« »Ich sage das nicht, denn vielleicht verdiente ich den Namen, da Lügen bei mir nicht, wie bei Manchen, in Gunst sind. Nach einiger Zeit entdeckten sie, daß ich rasch zu Fuß war, und da nannten sie mich: 'die Taube'; denn dieser Vogel hat, wie Ihr wißt, eine schnelle Schwinge und fliegt in gerader Richtung.« »Das war ein hübscher Name!« rief Hetty: »Tauben sind hübsche Vögel.« »Die meisten Dinge, die Gott geschaffen, sind hübsch, in ihrer Art, mein gutes Mädchen, obgleich sie dann von den Menschen entstellt und verkehrt werden, so daß sie ihre Natur wie ihre äußere Erscheinung ändern. Vom Botschafttragen und vom 69 Aufspüren blinder Fährten brachte ich es endlich dahin, den Jägern folgen zu dürfen, da man glaubte, ich sey rascher und sichrer in Auffindung des Wildes als die meisten jungen Burschen, und da nannten sie mich ›Schlappohr‹, weil ich, wie sie sagten, die Spürkraft eines Hundes besäße.« »Der Name ist nicht so hübsch,« bemerkte Hetty. »Ich hoffe, den behieltet Ihr nicht lange.« »Nicht länger, als bis ich reich genug war, eine Büchse zu kaufen,« erwiederte der Andere, und sein sonst so gelassenes und ruhiges Wesen verrieth doch einigen Stolz; »da zeigte sich's, daß ich einen Wigwam mit Wildpret zu versehen vermochte; und bald bekam ich den Namen ›Wildtödter‹, den ich jetzt noch trage; – ein niedriger Name, nach der Ansicht von Manchen, die mehr Werth in den Skalp eines Mitmenschen setzen, als in das Geweih eines Hirsches.« »Nun, Wildtödter, zu diesen gehöre ich nicht,« versetzte Hetty arglos. »Judith liebt sich Soldaten und schimmernde Kleider und schöne Federn; aber mir gelten alle die Nichts. Sie sagt, die Officiere seyen vornehm und munter, und führen eine so sanfte Sprache: aber mich machen sie schaudern, denn ihr Beruf ist, ihre Mitmenschen zu tödten. Euer Beruf gefällt mir besser; und Euer letzter Name ist ein recht guter: – besser als Natty Bumppo.« »Das ist ganz Eurer Gemüthsart gemäß und natürlich, Hetty, und gerade so, wie ich es erwartet. Man sagt mir, Eure Schwester sey schön – ungemein schön für eine Sterbliche; und die Schönheit macht geneigt, Bewunderung zu suchen.« »Habt Ihr Judith nie gesehen?« fragte das Mädchen mit raschem Ernst; »wenn dieß ist, so geht sogleich und beschaut sie. Selbst Hurry Harry ist nicht hübscher anzusehen, obgleich sie ein Weib ist, und er ein Mann.« Wildtödter betrachtete einen Augenblick das Mädchen mit Theilnahme. Ihr blasses Gesicht hatte sich ein wenig geröthet, und ihr 70 gewöhnlich so mildes und sanftes Auge geflammt bei jenen Worten, die ihre innern Regungen verriethen. »Ja, Hurry Harry,« murmelte er vor sich hin, indem er durch die Cajüte nach dem andern Ende der Arche schritt; »das kommt vom guten Aussehen, wenn nicht auch eine leichtfertige Zunge ihren Antheil daran hat. Es ist leicht zu sehen, wohin sich die Gefühle des armen Geschöpfes neigen, wie es nun auch mit der Judith stehen mag.« Aber eine Unterbrechung erlitten die Galanterie Hurry's – die Koketterie seiner Geliebten – das Nachdenken Wildtödters und die zärtlichen Gefühle Hetty's durch das plötzliche Erscheinen des Canoe's, das den Besitzer der Arche brachte, in der schmalen Oeffnung zwischen den Gebüschen, die als eine Art Wassergraben seiner festen Stellung diente. Es schien, daß Hutter, oder Floating Tom, wie ihn alle Jäger vertraulich nannten, welche mit seiner Lebensart bekannt waren, das Canoe Hurry's erkannt hatte, denn er zeigte durchaus kein Erstaunen, ihn auf der Fähre zu finden. Im Gegentheil war seine Begrüßung der Art, daß sie nicht nur Zufriedenheit verrieth, sondern selbst Freude, gemischt mit etwas Verdruß darüber, daß er nicht einige Tage früher gekommen. »Ich erwartete Euch vorige Woche,« sagte er in halb brummendem, halb freundlich begrüßendem Tone, »und war ungemein verdrießlich, daß Ihr nicht kamet. Es kam ein eilender Bote durch, um die Jäger aller Gattungen zu benachrichtigen, daß die Colonie und die Canada's wieder in Unruhe und Hader seyen; und ich fühlte mich gar einsam in diesen Gebirgen, mit drei Skalpen, die ich zu bewachen habe, und nur zwei Armen, sie zu schützen.« »Das ist natürlich,« versetzte March; »und es hieß dieß nur als Vater fühlen. Ohne Zweifel, wenn ich zwei Töchter hätte wie Judith und Hetty, wüßte ich aus eigner Erfahrung dieselbe Geschichte zu erzählen, obwohl ich in der Regel ebenso zufrieden 71 bin, wenn der nächste Nachbar fünfzig Meilen weit von mir entfernt, als wenn er innerhalb Rufesweite in meiner Nähe ist.« »Trotzdem mochtet Ihr nicht allein in die Wildniß kommen, nachdem Ihr wußtet, daß die Wilden in Canada sich wahrscheinlich regen werden,« versetzte Hutter, einen halb mißtrauischen und zugleich forschenden Blick auf Wildtödter werfend. »Warum sollte ich auch? Man sagt, ein schlechter Begleiter auf einer Reise hilft doch den Weg verkürzen, und diesen jungen Mann rechne ich für einen recht guten. Es ist Wildtödter, alter Tom, ein berufener Jäger unter den Delawaren, dazu als Christ geboren und erzogen wie Ihr und ich. Der Junge ist vielleicht nicht vollkommen, aber es gibt schlechtere Männer in dem Land, wo er herkommt, und wahrscheinlich findet er in dieser Gegend der Welt Manchen, der nicht besser ist. Sollten wir in den Fall kommen, unsre Fallen und unser Gebiet vertheidigen zu müssen, so wird er uns Dienste leisten und Nahrung anschaffen; denn er ist ein ganzer Wildpretschütze.« »Junger Mann, Ihr seyd willkommen,« brummte Tom, eine harte knöcherne Hand dem Jüngling zum Pfand seiner Aufrichtigkeit hinstreckend; »in solchen Zeiten ist ein Bleichgesicht das Gesicht eines Freundes, und ich zähle auf Euch als einen Beistand. Kinder machen manchmal ein männliches Herz schwach, und diese meine zwei Töchter machen mir mehr Unruhe, als alle meine Fallen, Häute und Rechte im Land.« »Das ist natürlich!« rief Hurry. »Ja, Wildtödter, Ihr und ich wissen das noch nicht aus Erfahrung; aber, Alles zusammengenommen, sehe ich das als natürlich an. Wenn wir Töchter hätten, ist es mehr als wahrscheinlich, daß wir auch solche Gefühle hätten; und ich schätze den Mann, der sie bekennt. Was Judith betrifft, Alter, so schreibe ich mich sofort als ihr Soldat ein, und hier ist Wildtödter, um Euch Hetty beschützen zu helfen.« »Großen Dank Euch, Meister March,« versetzte die Schöne 72 mit einer vollen, metallreichen Stimme, und mit einer Richtigkeit des Ausdrucks und der Betonung, die sie überhaupt mit ihrer Schwester theilte, und welche bewies, daß sie mehr Unterricht genossen, als ihres Vaters Lebensweise und äußere Erscheinung eigentlich vermuthen ließen: »großen Dank Euch; aber Judith Hutter besitzt so viel Einsicht und Erfahrung, daß sie sich mehr auf sich selbst verläßt, als auf gut aussehende Landstreicher wie Ihr. Sollte es nöthig werden, den Wilden entgegen zu treten, so landet Ihr mit meinem Vater, statt Euch in Hütten zu verschlupfen, unter dem Vorwand, uns Weiber zu vertheidigen, und –« »Mädchen, Mädchen,« fiel ihr der Vater in's Wort, »zügle Deine glatte, kecke Zunge und höre die Wahrheit an. Schon sind Wilde am Ufer des See's und Niemand kann sagen, wie nahe sie uns in diesem Augenblick seyn mögen, oder wann wir Mehr von ihnen zu hören bekommen!« »Wenn dieß wahr ist, Meister Hutter,« sagte Hurry, in dessen Mienen ein Wechsel eintrat, der verrieth, wie ernstlich er die Nachricht nahm, obgleich Nichts von unmännlicher Unruhe zeugte; »wenn dieß wahr ist, so befindet sich Eure Arche in der ungünstigsten Stellung; denn obschon das Schutzdach Wildtödter und mich täuschte, würde sie doch kaum übersehen werden von einem Vollblut-Indianer, der ernstlich auf die Jagd nach Skalpen ausginge.« »Ich denke wie Ihr, Hurry, und wünsche von ganzem Herzen, wir lägen in diesem Augenblicke anderswo, als in diesem engen, krummen Fluß, der viele Vortheile für ein Versteck darbietet, aber den Entdeckten beinahe sicheres Verderben bringt. Zudem sind uns die Wilden nahe, und die Schwierigkeit ist, aus dem Fluß herauszukommen, ohne zusammengeschossen zu werden wie Wild, das am Trinkplatz steht!« »Seyd Ihr gewiß, Meister Hutter, daß die Rothhäute, die Ihr fürchtet, wirkliche Kanadier sind?« fragte Wildtödter mit 73 bescheidenem aber ernstem Wesen. »Habt Ihr Einen gesehen? und könnt Ihr ihre Bemalung beschreiben?« »Ich bin auf Anzeichen gestoßen, daß sie in der Nähe sind, habe aber Keinen gesehen. Ich war eine Meile oder so stromabwärts, um nach meinen Fallen zu sehen, als ich auf eine frische Spur stieß, welche über das Ende eines Morastes ging und nach Norden zu wies. Der Mann war noch nicht eine Stunde des Weges gekommen, und ich erkannte die Fußtapfe als die eines Indianers an der Gestalt des Fußes und der Zehen, selbst noch ehe ich einen vertragenen Moccasin fand, den der Eigenthümer als unbrauchbar weggeworfen. Und dann fand ich die Stelle, wo er Halt machte, um sich einen neuen zu verfertigen, nur ein paar Schritte von dem entfernt, wo er den alten weggeworfen.« »Das sieht einer Rothhaut auf dem Kriegspfad nicht sonderlich gleich!« versetzte der Andere mit Kopfschütteln. »Ein erfahrner Krieger wenigstens hätte solche Anzeichen seiner Wanderung verbrannt, oder begraben, oder im Fluß versenkt; und Eure Fährte ist höchst wahrscheinlich eine ganz friedliche. Aber der Moccasin dürfte mich vielleicht sehr beruhigen, wenn Ihr daran gedacht habt, ihn mitzunehmen. Ich bin selbst hieher gekommen, um einen jungen Häuptling zu treffen; und sein Weg läge so ziemlich in der von Euch bezeichneten Richtung. Vielleicht waren die Fußtapfen von ihm.« »Hurry Harry, Ihr seyd, hoff' ich, genau bekannt mit diesem jungen Manne, der Zusammenkünfte mit Wilden hat in einer Gegend des Landes, wo er nie früher gewesen?« fragte Hutter in einem Ton und mit einer Art, welche den Beweggrund seiner Frage deutlich verriethen, da solche rohe Menschen sich selten aus Zartgefühl bedenken, ihre Gedanken und Gefühle zu verrathen. »Verrath ist eine indianische Tugend: und die Weißen, die viel unter ihren Stämmen leben, nehmen bald ihre Gewohnheiten und Kniffe an.« »Wahr – wahr wie das Evangelium, alter Tom; aber nicht 74 anwendbar auf Wildtödter, der ein junger Mann voll Wahrhaftigkeit ist, wenn er auch sonst keine Empfehlung hätte. Ich will für seine Redlichkeit bürgen, wenn ich auch von seiner Herzhaftigkeit im Gefecht nichts sagen kann.« »Ich möchte wohl wissen, was er in dieser abgelegenen Gegend zu schaffen und zu bestellen hat?« »Das ist bald erzählt, Meister Hutter,« sagte der junge Mann mit der ruhigen Fassung Dessen, der ein reines Gewissen hat; »ich glaube auch selbst, daß Ihr das Recht habt, darnach zu fragen. Der Vater von zwei solchen Töchtern, der einen See inne hat, so wie Ihr, hat das gleiche Recht, nach dem Thun und Treiben eines Fremden in seiner Nähe sich zu erkundigen, wie die Colonie befugt wäre, nach dem Grund zu fragen, warum die Franzmänner mehr Regimenter als gewöhnlich an den Grenzen aufstellten. Nein, nein, ich bestreite Euch das Recht nicht, zu wissen, warum ein Fremder in Eure Behausung oder in Eure Gegend kommt, in so ernsten Zeiten wie die jetzigen sind.« »Wenn dieß Eure Gesinnung ist, Freund, so laßt mich Eure Geschichte hören ohne weitere Worte.« »Sie ist bald erzählt, wie ich schon gesagt, und treulich werde ich sie Euch erzählen. Ich bin ein junger Mann und bis jetzt noch nie auf dem Kriegspfad gewesen, aber sobald die Nachricht bei den Delawaren eintraf, daß Wampum und eine Streitaxt dem Stamme übersandt werden würden, so wünschten sie, daß ich unter die Leute meiner Farbe ginge und mich für sie genau nach dem Stand der Sachen erkundigte. Das that ich; und als ich nach meiner Rückkehr meinen Bericht den Häuptlingen abgestattet, traf ich einen Officier der Krone am Schoharie, der an einige der befreundeten Stämme, die weiter westlich wohnen, Geld zu übermachen hatte. Dieß schien Chingachgook, einem jungen Häuptling, der noch nie einen Feind getroffen, und mir, eine gute Gelegenheit, in Gesellschaft auf unsern ersten Kriegspfad zu gehen; und ein alter 75 Delaware gab uns an, daß wir uns am Felsen in der Nähe des Ausgangs von diesem See treffen sollten. Ich will nicht läugnen, daß Chingachgook noch einen andern Zweck hatte, aber dieser betrifft Keinen der hier Anwesenden, und ist sein Geheimniß nicht das meinige; daher sage ich hierüber nichts weiter.« »Es betrifft ein junges Weib,« fiel ihm Judith hastig in's Wort; dann lachte sie über ihren eignen Ungestüm, und hatte sogar so viel Grazie, ein wenig zu erröthen über die Art, wie sie ihre Geneigtheit, ein solches Motiv zu vermuthen, verrathen hatte. »Wenn es weder Krieg noch Jagd ist, so muß es Liebe seyn.« »Ja, es kommt den Jungen und Schönen, die so viel von diesen Gefühlen hören, leicht in den Sinn, zu glauben, sie müssen den meisten Handlungen und Schritten zu Grunde liegen; aber ich sage über diesen Punkt nichts. Chingachgook soll mich an diesem Felsen treffen, morgen Abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, worauf wir unsern Weg zusammen fortsetzen wollen, Niemand störend, als des Königs Feinde, die nach Recht und Gesetz auch die unsrigen sind. Da ich Hurry seit langem kannte, da er einst in unsern Jagdgebieten Fallen stellte, und ihm nun am Schoharie begegnete, als er gerade im Begriff stand, auf seine Sommerzüge aufzubrechen, verabredeten wir, mit einander zu reisen, nicht sowohl aus Furcht vor den Mingo's, als aus guter Cameradschaft, und um uns, wie er sagt, den langen Weg zu verkürzen.« »Und Ihr meint, die Spur, die ich gesehen, sey vielleicht die Eures Freundes gewesen, der vor seiner Zeit eingetroffen?« sagte Hutter. »Das ist mein Gedanke, der irrig, aber auch richtig seyn kann. Wenn ich aber den Moccasin sähe, so wollte ich in einer Minute entscheiden, ob er nach der Art der Delawaren gefertigt ist, oder nicht.« »Nun, da ist er,« sagte die schnell besonnene Judith, die schon nach dem Canoe gegangen war, ihn zu holen; »gebt uns an, was er sagt: Freund oder Feind, Ihr seht ehrlich aus; und ich glaube Alles was Ihr sagt, was auch Vater davon denken mag.« »Das ist deine Art, Jude, immer Freunde da aufzufinden, wo ich Feinde argwohne,« brummte Tom; »aber sprecht nur, junger Mann, und sagt uns was Ihr von dem Moccasin denkt.« »Der ist kein Delawaren-Machwerk,« versetzte Wildtödter, indem er mit umsichtigem Auge die abgetragene und weggeworfene Fußbedeckung prüfte; »ich bin zu jung auf dem Kriegspfade, um meine Ansicht ganz bestimmt auszusprechen, aber ich würde sagen: dieser Moccasin sieht nördlich aus, und kommt von jenseits der großen Seen.« »Wenn dieß der Fall ist, sollten wir keine Minute länger als nothwendig ist, hier liegen bleiben,« sagte Hutter, indem er einen Blick durch das Laub des Schutzdaches warf, als besorgte er schon die Anwesenheit eines Feindes auf der andern Küste des engen und krumm fließenden Stromes. »Es fehlt nur noch eine Stunde oder so bis Nacht, und im Dunkel Bewegungen zu machen, ohne ein Geräusch, das uns verrathen müßte, wäre unmöglich. Habt Ihr nicht das Echo einer Feuerwaffe in den Bergen gehört, vor einer halben Stunde?« »Ja, Alter, und die Feuerwaffe selbst,« versetzte Hurry, der jetzt die Unbesonnenheit fühlte, deren er sich schuldig gemacht; »diese ward auf meiner eignen Schulter abgefeuert.« »Ich besorgte, es komme von den französischen Indianern her; immerhin kann es sie aufmerksam machen, und ein Mittel für sie seyn, uns zu entdecken. Ihr thatet übel, in Kriegszeiten zu feuern, wenn nicht der Fall dringend war.« »So fange ich an selbst zu denken, Oheim Tom; und doch, wenn Einer sich nicht getrauen darf, seine Büchse abzuschießen in einer Wildniß von tausend Geviertmeilen, damit nicht irgend ein Feind es höre: was nützt es, eine zu tragen?« Hutter hielt jetzt eine lange Berathung mit seinen beiden Gästen, worin die Betheiligten zu einem richtigen Begriff von ihrer Lage gelangten. Er erklärte, welche Schwierigkeit der Versuch 77 haben würde, die Arche im Dunkel aus einem so engen und raschen Fluß herauszubringen, ohne ein Geräusch, das unfehlbar das Ohr der Indianer erreichen und sie aufmerksam machen müßte. Die etwa in der Nachbarschaft Herumstreifenden würden sich in der Nähe des Flusses oder des See's halten; aber jener hatte an vielen Stellen des Ufers morastige Stellen, und war so gekrümmt und so von Buschwerk eingefaßt, daß es bei Tag ganz wohl möglich war, Bewegungen darauf zu machen, ohne viel Gefahr, gesehen zu werden. Mehr war vielleicht vom Ohr zu besorgen, als vom Auge, zumal so lange sie sich in den kurzen, engen, überdachten Strecken des Flusses befanden. »Ich begebe mich nie in diesen Versteck, der für meine Fallen sehr günstig gelegen, und vor neugierigen Augen sicherer ist als der See, ohne für Mittel zu sorgen, auch wieder heraus zu kommen,« fuhr der seltsame Mann in seiner Auseinandersetzung fort, »und das geschieht leichter durch Ziehen und Zucken, als durch Rudern und Rucken. Mein Anker liegt oberhalb der Ausströmung im offnen See; und hier ist, wie Ihr seht, ein Seil, uns dorthinauf zu ziehen. Ohne ein solches Mittel wäre es für Ein Paar Hände ein schweres Stück Arbeit, ein Fahrzeug wie dieses stromaufwärts zu bringen. Auch habe ich eine Art Hebebock, der gelegentlich das Ziehen erleichtert. Jude kann das Ruder am Hintertheil so gut handhaben wie ich selbst; und wenn wir keinen Feind fürchten, macht es uns wenig Mühe und Sorge, aus dem Fluß heraus zu kommen.« »Was würden wir gewinnen, Meister Hutter, durch eine Aenderung unserer Stellung?« fragte Wildtödter mit großem Ernst; »dieß hier ist ein sichrer Versteck, und vom Innern dieser Cajüte aus ließe sich eine tüchtige Vertheidigung bewerkstelligen. Ich habe noch nie an einem Gefecht Theil genommen, außer in Ueberlieferungen; aber mir scheint, wir könnten mit solchen Palisaden vor uns, wie diese, zwanzig Mingo's zurückschlagen.« »Ja, ja, Ihr habt nie an Gefechten Theil genommen, außer in Überlieferungen, das ist klar genug, junger Mann! Habt Ihr je eine so breite Wasserfläche wie die dort oben gesehen, ehe Ihr mit Hurry hieher kamet?« »Das kann ich allerdings nicht behaupten,« antwortete Wildtödter bescheiden. »Die Jugend ist die Zeit zu lernen; und ich bin weit entfernt von dem Wunsche, meine Stimme im Rath zu erheben, ehe sie durch Erfahrung dazu berechtigt ist.« »Gut denn, ich will Euch die Nachtheile des Fechtens in dieser Stellung erklären, und den Vortheil, den offnen See zu gewinnen. Hier, könnt Ihr sehen, wüßten die Wilden, wohin jeden Schuß zielen; und es wäre eine zu verwegene Hoffnung, daß nicht einige ihren Weg durch die Lücken der Dielen finden sollten. Und wir dagegen hätten auf Nichts zu zielen, als auf einen Wald. Dann sind wir auch hier nicht sicher vorm Feuer, und die Borke dieses Dachs ist nicht viel besser als eben so viel Kienholz. Auch könnte man in meiner Abwesenheit in das Castell eindringen und es plündern, und alle meine Besitzthümer überfallen und zerstören. Einmal auf dem See können wir nur in Booten oder auf Flößen angegriffen werden – haben alle Vortheile über den Feind – und können das Castell mit der Arche schützen. Versteht Ihr diese Gründe, mein Junge?« »Es klingt gut; ja, es klingt vernünftig; und ich will nicht widersprechen.« »Nun gut, alter Tom,« schrie Hurry, »wenn wir einmal von der Stelle wollen, je eher wir den Anfang machen, desto eher werden wir wissen, ob wir unsre Skalpe als Nachtmützen behalten, oder nicht.« Da dieser Vorschlag für sich deutlich war, bestritt Niemand seine Richtigkeit. Nach einer kurzen vorgängigen Erörterung trafen jetzt die drei Männer allen Ernstes ihre Vorbereitungen, die Arche in Bewegung zu setzen. Die leichten Befestigungen waren rasch gelöst, und durch Ziehen an dem Taue ward die schwerfällige Masse langsam aus dem Versteck herausgewunden. Sobald sie von den Hemmungen durch die Zweige frei war, glitt sie in den Fluß, ganz dicht an dem westlichen Ufer hinstreifend, vermöge der Gewalt der Strömung. Keine Seele an Bord hörte das Prasseln der Zweige, als die Cajüte an den Büschen und Bäumen des westlichen Ufers anstieß, ohne ein Gefühl von Unbehagen; denn Niemand wußte, in welchem Augenblick oder an welcher Stelle ein versteckter, mörderischer Feind sich zeigen dürfte. Vielleicht trug das dämmernde Licht, das noch durch das Laubdach oben sich durchkämpfte, oder seinen Weg durch die schmale, bandartige Oeffnung fand, welche in der Luft oben den Lauf des unten strömenden Flusses zu bezeichnen schien, dazu bei, den Anschein von Gefahr zu vermehren; denn es war fast nur eben hinreichend, die Gegenstände sichtbar zu machen, ohne auf Einen Blick ihre Umrisse erkennen zu lassen. Obgleich die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, hatte sie doch ihre unmittelbaren Strahlen vom Thal zurückgezogen; und die Tinten des Abends begannen schon die unbedeckt liegenden Gegenstände zu überschweben, während, was im Schatten der Wälder lag, dadurch noch trüber und düsterer wurde. Keine Unterbrechung jedoch störte die Bewegung der Arche, und während die Männer fortwährend an dem Tau zogen, rückte sie stetig aufwärts; die große Breite der Fähre ließ sie nicht tief ins Wasser einsinken und machte, daß sie der Strömung des raschen Elements, das unter ihr hinfloß, keinen großen Widerstand entgegensetzte. Auch hatte Hutter eine Vorsichtsmaßregel angewendet, die ihn die Erfahrung gelehrt, die einem Seemann Ehre gemacht hätte, und gänzlich die Hindernisse und Widerwärtigkeiten beseitigte, welche ihnen sonst aus den kurzen Windungen des Flusses entstanden wären. Beim Hinabfahren der Arche wurden große Steine, an das Tau befestigt, mitten im Fluß versenkt, und bildeten Lokalanker, deren jeder vor dem Schleppen mittelst der weiter 80 oben befindlichen geschützt wurde, bis der alleroberste erreicht war, der seinen Halt an dem eigentlichen Anker hatte, welcher recht im See lag. Mittelst dieser Auskunft bewegte sich die Arche aufwärts, frei und unbelästigt von den Hemmnissen des Ufers, gegen das sie sonst bei jeder Windung unvermeidlich hingetrieben, und dadurch Verlegenheiten verursacht haben würde, die Hutter allein nur mit größter Mühe oder gar nicht hätte überwinden können. Gefördert durch diese Vorsicht und gespornt durch die Furcht, entdeckt zu werden, zogen Floating Tom und seine beiden athletischen Genossen die Arche stromaufwärts mit so großer Geschwindigkeit, als nur immer die Stärke des Taues zuließ. Bei jeder Krümmung des Flusses wurde ein Stein aus der Tiefe emporgehoben, wo sich dann die Richtung der Fähre dem weiter oben liegenden Steine zu änderte. In solcher Weise, mit diesem eigens eingerichteten Fahrwasser oder Canal, wie ein Matrose es hätte nennen können, fuhr Hutter stromaufwärts, gelegentlich mit leiser und vorsichtiger Stimme seine Freunde ermahnend, ihre Anstrengung zu verdoppeln, und dann wieder im geeigneten Falle sie warnend vor Kraftäußerungen, welche in gewissen Augenblicken durch Uebermaß des Eifers Alles gefährden konnten. Trotz ihrer langen, vertrauten Bekanntschaft mit den Wäldern fühlten sie doch Alle durch den düstern Charakter des verschatteten Flusses ihr Unbehagen vermehrt; und als die Arche die erste Windung im Susquehannah erreichte, und das Auge der breiteren Ausdehnung des See's ansichtig wurde, fühlten Alle eine Herzenserleichterung, die vielleicht Keiner gerne gestanden hätte. Hier ward der letzte Stein aus der Tiefe gehoben, und das Tau führte jetzt gerade auf den Anker zu, der, wie Hutter angegeben, über der Ausmündung des Flusses aus geworfen worden war. »Gott sey Dank!« rief Hurry, » hier ist doch Tageslicht, und wir werden bald im Fall seyn, unsre Feinde zu sehen , wenn Wir etwas von ihnen spüren sollten.« »Das ist Mehr, als Ihr oder irgend ein Mensch sagen kann,« brummte Hutter. »Es gibt keinen Platz, so geeignet eine Truppe zu verstecken, wie das Ufer um die Mündung; und der Augenblick, wo wir an jenen Bäumen vorbeifahren, und ins offne Wasser gelangen, wird der gefahrdrohendste Zeitpunkt seyn, weil da der Feind noch einen Versteck hat, während wir ihn verlieren. Judith, Mädchen, Du und Hetty überlaßt jetzt das Ruder sich selbst und geht in die Cajüte hinein, und hütet Euch, Eure Gesichter an einem Fenster zu zeigen; denn diejenigen, die sie erblickten, würden sich nicht dabei aufhalten, ihre Schönheit zu rühmen. Und jetzt, Hurry, wollen wir selbst in dieß äußere Gemach treten, und durch die Thüre an dem Tau ziehen, wo wir Alle wenigstens vor einem ersten Ueberfall sicher seyn werden. Freund Wildtödter, da die Strömung jetzt gelinder ist, und das Tau den erforderlichen Zug hat, so viel die Vorsicht gestattet, geht Ihr beständig von Fenster zu Fenster herum, hütet Euch aber, Euren Kopf sehen zu lassen, wenn Euch Euer Leben lieb ist. Niemand weiß, wann oder wo wir von unsern Nachbarn hören werden.« Wildtödter gehorchte mit einer Empfindung, die Nichts von Furcht an sich hatte, wohl aber das ganze Interesse einer neuen und höchst aufregenden Situation. Zum erstenmal in seinem Leben war er in der Nähe von Feinden, oder hatte doch guten Grund dieß zu glauben, und dazu noch unter Umständen, wo das Schauderhafte indianischer Ueberfälle und Listen ihm nahe gerückt war. Als er seine Stellung an einem Fenster einnahm, fuhr die Arche gerade durch die schmalste Stelle des Flusses – den Punkt, wo das Wasser erst in das eigentliche Strombett sich ergoß, und wo die oben dicht verschlungenen Bäume das Wasser in einen Bogen von Grün sich ergießen machten; – ein diesem Lande vielleicht so eigenthümlicher, auszeichnender Zug, als in der Schweiz der Umstand, daß die Flüsse im buchstäblichen Sinne aus Kammern von Eis hervorbrechen. 82 Die Arche ging eben an der letzten Krümmung dieser belaubten Pforte vorbei, als Wildtödter, nachdem er Alles untersucht, was vom östlichen Ufer des Flusses zu sehen war, durch das Gemach schritt, um vom gegenüber liegenden Fenster aus nach dem westlichen zu schauen. Seine Ankunft bei dieser Oeffnung war sehr zur rechten Zeit, denn kaum hatte er sein Auge einer Spalte genähert, als sich ihm ein Anblick darbot, der eine so junge und unerfahrene Schildwache wohl bestürzen konnte. Ein junger Baum beugte sich über das Wasser beinah in einem Halbzirkel, der zuerst zum Licht emporgewachsen, dann von der Wucht des Schnees diese gedrückte Stellung angenommen hatte, – ein Umstand, den man in den amerikanischen Wäldern häufig findet. Auf diesem Baum waren bereits nicht weniger als sechs Indianer erschienen, und Andre standen bereit, ihnen zu folgen, sobald Raum würde; Alle waren sichtlich gemeint, auf dem Stamm herauszulaufen und auf das Dach der Arche zu springen, so wie diese unten vorbeiführe. Dieß wäre nicht schwierig auszuführen gewesen, da die Beugung des Baumes das Schreiten darauf erleichterte, die Aeste in der Nähe den Händen Halt genug gaben, und der Fall zu unbedeutend war, um Besorgniß einzuflößen. Als Wildtödter zuerst diese Truppe erblickte, trat sie gerade aus dem Versteck hervor, und stieg an dem Baum empor, da, wo er der Erde am nächsten und bei weitem am schwierigsten zu übersteigen war; und seine Bekanntschaft mit den Sitten der Indianer zeigte ihm auf Einen Blick, daß sie Alle in ihrer Kriegsbemalung waren, und einem feindlichen Stamm angehörten. »Zieht, Hurry,« schrie er, »zieht, so lieb Euch Euer Leben und Judith Hutter ist! Zieht, Mann! zieht!« Dieser Aufruf erging an einen Mann, der, wie Wildtödter wußte, Riesenkräfte besaß. Er war so ernst und feierlich, daß Hutter und March Wohl fühlten, er sey nicht umsonst ergangen, und sie strengten in Einem Augenblick zugleich alle ihre Kräfte an 83 dem Tau an, und in einem höchst kritischen Zeitpunkt: die Fähre verdoppelte ihre Bewegung, und schien unter dem Baum weg zu gleiten, als wüßte sie, welche Gefahr über ihr schwebte. Die Indianer, bemerkend, daß sie entdeckt waren, stießen ihr fürchterliches Kriegsgeheul aus, eilten auf dem Baume vorwärts, und sprangen verzweifelten Muthes auf ihre sicher geglaubte Beute los. Es waren ihrer sechs auf dem Baum, und Alle machten den Versuch. Alle, außer dem Anführer, fielen in den Fluß, mehr oder minder entfernt von der Arche, je nachdem sie früher oder später an den Platz des Absprungs kamen. Der Häuptling, der den gefährlichen ersten Posten eingenommen, und so früher zum Sprung kam als die Uebrigen, erreichte noch die Fähre gerade am Hintertheil. Der Sprung wurde so ziemlich höher als er vermuthet hatte, er ward leicht betäubt, und blieb einen Augenblick halb gebeugt und seiner Lage nicht recht bewußt. In diesem Augenblick stürzte Judith aus der Cajüte hervor, ihre Schönheit noch erhöht durch die Aufregung dieses kecken Beginnens, wodurch ihre Wange von hohem Purpur überzogen wurde, und all ihre Kraft mit gewaltiger Anstrengung zusammenraffend, stieß sie den Eindringling über den Rand der Fähre hinaus, kopfüber in den Fluß. Nicht sobald hatte sie diese entschlossene That ausgeführt, als das Weib wieder sein Recht behauptete; Judith schaute über den Spiegel hinaus, um zu sehen, was aus dem Manne geworden, und der Ausdruck ihrer Augen milderte sich zur Theilnahme; dann flammte ihre Wange, halb vor Schaam, halb vor Ueberraschung über ihre eigne Verwegenheit; und dann lachte sie in ihrer lustigen und holdseligen Art. Alles dieß ging in weniger als einer Minute vor, als sich der Arm Wildtödters um ihren Leib schlang, und sie sich rasch unter den Schutz der Cajüte zurückgezogen sah. Dieser Rückzug geschah nicht zu bald. Kaum waren Beide in Sicherheit, als der Wald sich mit gellendem Geschrei erfüllte, und Kugeln an die Planken zu schlagen anfingen. Da die Arche diese ganze Weile her sich rasch bewegt hatte, war sie, nachdem diese Ereignisse vorüber, schon der Gefahr der Verfolgung entgangen; und die Wilden hörten, sobald der erste Ausbruch ihres Zorns vorüber, auf, zu feuern, in der Ueberzeugung, daß sie ihre Munition vergeblich verschwendeten. Als die Arche an ihren Anker herankam, lichtete Hutter diesen so, daß er den Gang von jener nicht störte; und da sie jetzt außer dem Bereich der Strömung sich befanden, setzte das Fahrzeug seine Richtung fort, bis sie ganz im offenen See waren, obwohl noch dem Land so nahe, daß es gefährlich gewesen wäre, sich einer Büchsenkugel bloß zu stellen. Hutter und March holten zwei kleine Ruderschaufeln hervor, und unter dem Schutz der Cajüte drängten sie bald die Arche weit genug von dem Ufer weg, um ihren Feinden alle Lust zu einem weitern Versuch, ihnen ein Leid zuzufügen, zu benehmen. Fünftes Kapitel. Laßt weinen das Thier, vom Pfeile wund, Frischem Hirsch sey's Spiel nicht vergällt; Einer schläft, Einer wacht zur selben Stund'; Das ist der Lauf der Welt. Shakspeare. Wieder fand eine Berathung statt auf dem Vordertheil der Fähre, bei welcher Judith und Hetty anwesend waren. Da jetzt keinerlei Gefahr sich ungesehen nähern konnte, hatte die augenblickliche Unruhe der Besorgniß Platz gemacht, welche die Ueberzeugung begleitete, daß Feinde in ansehnlicher Anzahl sich am Ufer des See's befanden, und daß sie darauf zählen konnten, es werde kein irgend thunliches Mittel, ihren Untergang herbeizuführen, von den Feinden außer Acht gelassen werden. Natürlich empfand Hutter diese Umstände am tiefsten, da seine Töchter gewohnt waren, sich immer unbedingt auf seine Klugheit und Maßregeln zu verlassen, und zu wenig Einsicht besaßen, um alle ihnen drohenden Gefahren in ihrem ganzen Umfang zu würdigen; während es seinen männlichen Genossen frei stand, ihn jeden Augenblick zu verlassen, wo es ihnen dienlich schien. Seine erste Aeußerung zeigte, daß er den letztern Umstand wohl in's Auge faßte, und hätte einem scharfen Beobachter leicht verrathen, welche Besorgniß eben jetzt in seiner Seele die überwiegende war. »Wir haben einen großen Vortheil über die Irokesen, oder Wer immer unsre Feinde sind, darin, daß wir uns auf dem See befinden,« sagte er. »Es ist kein Canoe um den See herum, von dem ich nicht wüßte, wo es verborgen ist; und nachdem das Eurige hier ist, Hurry, sind nur noch drei auf dem Land, und sie sind so hübsch versteckt in hohlen Stämmen, daß ich nicht glauben kann, die Indianer werden sie finden, versuchten sie es auch noch so lang.« »Das läßt sich nicht ausmachen – Niemand kann das sagen,« versetzte Wildtödter; »ein Hund ist nicht sichrer auf der Spur einer Witterung als eine Rothhaut, wenn er Etwas dadurch zu erhaschen denkt. Laßt die Leute nur Skalpe vor sich sehen, oder Plünderung, oder Ehre, nach ihren Ideen von dem was Ehre ist, so müßte das ein dicker Baumstamm seyn, der ein Canoe ihren Augen verbärge.« »Ihr habt Recht, Wildtödter;« rief Harry March; »Ihr sprecht wie ein Evangelium in dieser Sache, und ich bin froh, daß meine Nußschaale von Barke hier, im Bereich meines Armes, sicher genug ist. Ich kalkulire, sie werden alle übrigen Canoes noch vor morgen Nacht aufspüren, wenn es ihnen ein rechter Ernst ist, Euch fortzuräuchern, alter Tom, und wir dürfen wohl unsre Ruder recht brauchen, um vorwärts zu kommen.« Hutter antwortete im Augenblicke nicht. Er sah sich eine Minute stillschweigend um; er betrachtete genau den Himmel, den See und den Gürtel Wald, der ihn gleichsam hermetisch einschloß, als zöge er ihre Zeichen zu Rathe. Auch fand er keine beunruhigenden Symptome. Die grenzenlosen Wälder schlummerten in der tiefen Ruhe der Natur, der Himmel war heiter, aber noch hell und glänzend von dem Licht der scheidenden Sonne, während der See lieblicher und freundlicher aussah, als den ganzen Tag über. Es war eine wahrhaft beruhigende Scene, geeignet, die leidenschaftlichen Gefühle in eine Art heiligen Friedens einzulullen. In wie weit sie jedoch diese Wirkung auf die Gesellschaft in der Arche ausübte, muß aus dem weitern Verlauf unserer Erzählung erhellen. »Judith,« rief der Vater, nachdem er diesen kurzen aber genau prüfenden Blick auf die Vorbedeutungen der Umgebung geworfen, »die Nacht steht vor der Thüre; schaffe Speise für unsere Freunde her; ein weiter Marsch schärft den Hunger.« »Wir sterben nicht Hungers, Meister Hutter,« bemerkte March, »denn wir haben uns gesättigt, gerade wie wir den See erreichten, und ich meines Theils ziehe die Gesellschaft Judiths selbst ihrem Abendbrod vor. Dieser ruhige Abend ist ganz lieblich, an ihrer Seite zu sitzen.« »Natur ist Natur,« bemerkte dagegen Hutter, »und muß ihre Nahrung haben. Judith, besorge die Mahlzeit und nimm deine Schwester mit, dir zu helfen. Ich habe noch ein Wenig mit Euch zu sprechen, Freunde,« fuhr er fort, sobald seine Töchter außer Gehörweite waren, »und wünschte die Mädchen weg zu haben. Ihr seht meine Lage, und ich möchte gern Eure Ansichten hören, was Ihr zu thun für's Beste haltet. Dreimal habe ich schon mein Haus niederbrennen sehen, aber das war auf dem Land; und ich habe mich ziemlich sicher geglaubt, seit ich das Castell gebaut und die Arche auf dem Wasser hatte. Meine andern Unfälle jedoch trugen sich in friedlichen Zeiten zu, und waren nichts weiter, als solche Ungelegenheiten, wie sie wohl einen Mann in den Wäldern von Zeit zu Zeit überraschen; aber diese Sache sieht ernst aus, und Eure Ideen würden meinem Gemüth eine große Last abnehmen.« »Nach meinem Begriff von der Sache, alter Tom, seyd Ihr und Eure Hütten und Eure Fallen und alle Eure Besitzthümer hier herum in verzweifelter Gefahr,« versetzte der derbe Hurry, der Verheimlichung seiner Gedanken für unnöthig hielt. »Nach meinen Ideen von Werth sind sie heute nicht halb so viel werth als sie gestern waren, auch gäbe ich nicht Mehr dafür, die Bezahlung in Häuten geleistet.« »Und dann habe ich Kinder!« fuhr der Vater fort, und brachte diese Erwähnung in einem Tone vor, welcher selbst einen unbefangenen Beobachter in Verlegenheit würde gesetzt haben, wenn er hätte sagen sollen, ob sie als Lockspeise gemeint, oder nur ein Ausruf natürlicher Besorgniß war; »Töchter, wie Ihr wißt, Hurry; und gute Mädchen, dazu, wie ich wohl sagen darf, obgleich ich ihr Vater bin.« »Ein Mann darf Alles sagen, Meister Hutter, zumal wenn er von Zeit und Umständen gedrängt ist. Ihr habt Töchter, wie Ihr sagt, und Eine davon hat nicht Ihres gleichen auf den Grenzen, was das gute Aussehen betrifft, mag sie auch welche haben, was das gute Betragen anlangt. Und die arme Hetty – die ist eben Hetty Hutter; das ist Alles, was sich von dem armen Ding sagen läßt. Ich lobe mir Jude, wenn nur ihre Aufführung ihrem Aussehen gleich käme!« »Ich sehe, Harry March, ich kann auf Euch nur als Schönwetterfreund zählen; und ich denke, Euer Begleiter hat dieselbe Denkweise,« versetzte der Andere mit einem leichten Anflug von Stolz, der nicht ohne Würde war; »nun gut, ich muß mich auf die Vorsehung verlassen, die vielleicht kein taubes Ohr haben wird für das Gebet eines Vaters.« »Wenn Ihr den Hurry da so verstanden habt, als sey er gemeint, Euch im Stich zu lassen,« sagte Wildtödter mit ernster Einfachheit, welche doppelt für seine Wahrhaftigkeit bürgte, »so thut Ihr ihm, glaube ich, Unrecht; so wie ich weiß, daß Ihr mir Unrecht thut, wenn Ihr voraussetzt, ich würde ihm folgen, hätte er ein so treuloses Herz, daß er eine Familie von seiner eignen Farbe in einer solchen Bedrängniß verließe. Ich bin an diesen See gekommen, Meister Hutter, um nach einer Verabredung einen Freund zu treffen, und ich wünschte nur, er wäre selbst hier, wie er denn ohne allen Zweifel morgen um Sonnenuntergang hier seyn wird, in welchem Fall Ihr dann eine weitere Büchse zu Eurer Vertheidigung hättet; eine noch nicht erprobte, ich gesteh' es, wie auch meine eigene; aber eine, die sich so oft schon am Wild, großem und kleinem, bewährt hat, daß ich für ihre Dienste gegen Menschen bürgen will.« »Kann ich also auf Euch zählen, Wildtödter, daß Ihr mir und meinen Töchtern beistehen wollt?« fragte der Alte mit der Besorgniß eines Vaters in seinen Gesichtszügen. »Das könnt Ihr, Floating Tom, wenn das Euer Name ist; und wie ein Bruder seiner Schwester, ein Gatte seinem Weib, oder ein Freier seiner Geliebten beistehen würde. In dieser Bedrängnis könnt Ihr auf mich zählen unter allen Widerwärtigkeiten; und ich denke, Hurry müßte seine Natur und seine Wünsche verläugnen, wenn Ihr nicht auf ihn zählen könntet.« »O nein!« rief Judith, ihr schönes Gesicht zur Thüre heraus streckend, »seine Natur ist hastig und eilfertig, wie sein Name anzeigt, und er wird davon eilen, sobald er sein sauberes Gesicht in Gefahr glaubt. Weder der ›alte Tom‹ noch seine ›Mädels‹ werden sich stark auf Meister March verlassen, nunmehr sie ihn kennen, aber auf Euch werden sie bauen, Wildtödter; denn Euer ehrliches Gesicht und ehrliches Herz bürgen uns dafür, daß Ihr leisten werdet, was Ihr versprecht.« Sie sagte dieß vielleicht ebenso sehr in erheuchelter Verachtung gegen Hurry, als im Ernst. Jedenfalls aber sprach sie nicht ohne Empfindung. Diesen Umstand bewies hinlänglich Judiths schönes Gesicht; und wenn der schuldbewußte March glaubte, nie einen lebhafteren Ausdruck von Hohn und Verachtung darauf gesehen zu haben – Gefühle, denen sich die Schöne gern hingab – als während sie ihn anschaute, so hatte es gewiß auch selten mehr weibliche Sanftmuth und Rührung gezeigt, als da ihre sprechenden blauen Augen auf seinen Reisegenossen geheftet waren. »Verlaß uns, Judith,« gebot Hutter streng, ehe noch Einer der jungen Männer antworten konnte, »laß uns; und kehre nicht eher zurück, als bis Du mit dem Wildpret und Fisch kommst. Das Mädchen ist verderbt worden durch die Schmeichelei der Offiziere, die manchmal ihren Weg hieher finden, Meister March, und Ihr werdet ihr einfältiges Geschwätz Euch nicht kränken lassen.« »Ihr habt nie ein wahreres Wort geredet, alter Tom,« erwiederte Hurry, dem es siedend heiß ward bei Judiths Aeußerungen; »die teufelszüngigen Laffen von der Garnison haben sie ganz verderbt! Ich kenne Jude kaum mehr, und werde mich bald entschließen, ihre Schwester zu bewundern, die nachgerade viel mehr nach meinem Geschmack ist.« »Es freut mich, das zu hören, Harry, ich sehe es als ein Zeichen an, daß Ihr allmählig zur rechten Besinnung kommt. Hetty würde eine viel zuverlässigere und vernünftigere Lebensgenossin abgeben als Jude und würde auch höchst wahrscheinlich am meisten Eurer Bewerbung Gehör geben, da die Offiziere, wie ich sehr fürchte, ihrer Schwester den Kopf verrückt haben.« »Niemand kann sich ein zuverläßigeres Weib wünschen als Hetty,« sagte Hurry lachend, »obgleich ich nicht dafür stehen möchte, daß sie das vernünftigste wäre. Aber das thut Nichts; Wildtödter hat mich nicht falsch verstanden, wenn Er gesagt, ich würde mich auf meinem Posten finden lassen. Ich werde Euch nicht verlassen, Oheim Tom, im jetzigen Augenblick, was auch meine Gefühle und Absichten in Betreff Eurer ältesten Tochter seyn mögen.« Hurry besaß unter seinen Genossen einen ansehnlichen Ruf wegen seiner Tapferkeit, und Hutter vernahm seine Versicherung mit unverhehlter Zufriedenheit. Schon die große körperliche Stärke eines solchen Bundesgenossen war von Wichtigkeit bei den Bewegungen der Arche, so wie bei der Art von Handgemenge, wie es nicht selten in den Wäldern vorkam, und kein hartbedrängter Feldherr konnte eine lebhaftere Freude empfinden bei der Nachricht von eingetroffnen Verstärkungen, als der Grenzmann fühlte bei der Versicherung dieses wichtigen Beistands, ihn nicht verlassen zu wollen. Eine Minute vorher wäre Hutter sehr wohl zufrieden gewesen, ein Abkommen mit seiner Gefahr zu treffen, in der Art, daß er sich verbindlich gemacht hätte, sich auf der Defensive zu halten; aber sobald er sich über jenen Punkt beruhigt fühlte, verlockte ihn auch schon die natürliche Rastlosigkeit des Menschen, auf Mittel zu denken, den Krieg in's Land des Feindes zu tragen. »Hohe Preise sind auf beiden Seiten auf Skalpe gesetzt,« bemerkte er mit grimmigem Lächeln, als fühlte er die Gewalt der Versuchung, während er doch zugleich die Miene anzunehmen suchte, als dünke er sich zu vornehm, Geld zu erwerben auf eine Weise, die das gewöhnliche Gefühl derer mißbilligte, welche auf den Namen civilisirter Menschen Anspruch machten, während man sich doch dazu entschloß. »Es ist vielleicht nicht recht, Gold für Menschenblut zu nehmen; und doch, wenn Menschen einmal darauf aus sind, einander zu tödten, so ist es wohl kein so arges Unrecht, wenn ein Stückchen Haut bei der Plünderung mit drein geht. Was sind Eure Ansichten, Hurry, über diese Punkte?« »Da habt Ihr einen ungeheuern Fehler begangen, Alter, daß Ihr das Blut von Wilden überhaupt Menschenblut genannt habt. Ich mache mir so Wenig aus dem Skalp einer Rothhaut, als aus einem Paar Wolfsohren, und würde eben so gern Geld für jenen als für diese einstreichen. Bei weißen Menschen ist es ein Andres, denn die haben eine natürliche Aversion davor, skalpirt zu werden; während ein Indianer sich den Kopf abrasirt, damit das Messer bequem zu kann, und einen Busch Haar stehen läßt, noch oben ein, zur Prahlerei, daran man ihn fassen kann.« »Nun, das ist männlich, und ich fühlte von Anfang an, daß wir Euch nur an unsrer Seite zu haben brauchten, um Euch zu haben mit Herz und Hand,« erwiederte Tom, der alle Zurückhaltung fahren ließ, da er jetzt erneutes Vertrauen zu der Gesinnung seines Genossen faßte. »Es kann etwas Mehr und Anderes herauskommen bei diesem Einfall der Rothhäute, als sie gerechnet haben. Wildtödter, ich bilde mir ein, Ihr seyd auch der Ansicht Hurry's, und betrachtet Geld, das auf diese Weise gewonnen wird, als ebenso vollgültig, wie solches, das man mit Fallenstellen und Jagen erwirbt.« »Ich habe keine solche Gesinnungen, wünsche mir auch keine, für meinen Theil,« erwiederte dieser. »Meine Gaben sind nicht die Gaben eines Skalpirers, sondern so, wie sie sich für meine Religion und Farbe gehören. Ich will bei Euch stehen, alter Mann, in der Arche oder im Castell, im Canoe oder in den Wäldern, aber ich will nicht meine Natur entmenschlichen, indem ich auf Sitten und Bräuche verfiele, die Gott für eine andere Race bestimmt hat. Wenn Ihr und Hurry Gedanken gefaßt habt, die sich nach dem Gold der Colonie hinneigen, so geht Ihr allein Eurem Gewerbe nach, und überlaßt die Weiber meiner Obhut. So sehr ich in meiner Ansicht von Euch Beiden abweichen muß in Betreff aller Gaben, die nicht eigentlich einem weißen Mann gehören, werden wir doch darin gleich denken, daß es Pflicht des Starken ist, sich der Schwachen anzunehmen, zumal wenn die Letztern zu denen gehören, welche der Mann nach dem Willen der Natur schützen und trösten soll durch seinen Edelmuth und seine Stärke.« »Hurry Harry, das ist eine Lehre, die Ihr Euch merken und mit Vortheil ausüben dürftet,« sagte die süße aber lebhafte Stimme Judiths aus der Cajüte – ein Beweis, daß sie alles bisher Gesprochene gehört hatte. »Nichts mehr davon, Jude!« rief der Vater zornig. »Geh weiter weg; wir haben von Sachen zu reden, die Weiber nicht hören dürfen.« Hutter that jedoch keine Schritte, um sich zu vergewissern, ob ihm gehorcht werde oder nicht; er ließ nur seine Stimme etwas sinken und fuhr in seiner Unterredung fort. »Der junge Mann hat Recht, Hurry,« sagte er, »und wir können die Kinder seiner Obhut überlassen. Meine Idee nun ist diese, und ich denke, Ihr werdet sie auch für vernünftig und richtig erklären. Es ist eine große Truppe dieser Wilden am Ufer; und, obgleich ich es nicht vor den Mädchen sagen mochte, denn sie sind weibermäßig und werden leicht unruhig und überlästig, wenn einmal rechte Arbeit zu thun ist – es sind Weiber darunter. Ich weiß das aus Moccasin-Spuren; und vermuthlich sind es am Ende eben Jäger, die so lang aus gewesen sind, daß sie noch Nichts von dem Kriege, noch von den ausgesetzten Preisen wissen.« »Aber in diesem Fall, alter Tom, warum bestand denn ihr erster Gruß in dem Versuch, uns Allen die Kehlen abzuschneiden?« »Wir wissen nicht, ob ihr Vorhaben wirklich so blutdürstig war. Es ist bei einem Indianer eine leichte und natürliche Sache, Hinterhalte und Ueberfälle zu machen; und ohne Zweifel war ihr Wunsch, erst an Bord der Arche zu kommen, und dann erst ihre Bedingungen zu machen. Daß ein in seiner Absicht getäuschter Wilder auf uns feuert, ist in der Ordnung, und ich denke daran gar nicht. Zudem, wie oft haben sie mir das Haus niedergebrannt und meine Fallen geplündert – ja, und auf mich geschossen, während der allerfriedlichsten Zeiten?« »Die Lumpenkerls thun wohl solche Dinge, ich muß gestehen, und wir bezahlen sie hübsch in ihrer eignen Münze. Weiber würden nicht auf dem Kriegspfad mitziehen, das ist gewiß; und in so weit hat Eure Idee wohl Grund.« »Aber ein Jäger würde nicht in seiner Kriegsbemalung erscheinen,« versetzte Wildtödter. »Ich habe die Mingo's gesehen und weiß, daß sie auf der Fährte von sterblichen Menschen sind, und nicht von Bibern oder Wildpret.« »Da habt Ihr's wieder, alter Gesell,« sagte Hurry. »Ja, was das Auge betrifft, da würde ich mich auf diesen jungen Mann so gut verlassen, wie auf den ältesten Ansiedler in der Colonie; wenn er sagt: bemalt, so war es auch bemalt.« »Dann sind eine Jagdgesellschaft und eine Kriegstruppe zusammengestoßen, denn Weiber müssen dabei gewesen seyn. Es ist erst wenige Tage her, daß der Eilbote durchkam mit der Zeitung von den Unruhen, und vielleicht diese Krieger sind gekommen, um ihre Weiber und Kinder nach Haus zu rufen und rasch einen Streich zu führen.« »Das wird wohl die Probe bestehen und ist gewiß die Wahrheit,« rief Hurry; »jetzt habt Ihr es getroffen, alter Tom, und ich möchte gern wissen, was Ihr nun dabei im Sinn habt?« »Den Preis;« versezte der Andere, seinen aufmerksamen Genossen mit kühler, trotziger Miene betrachtend, worin jedoch herzlose Habsucht und Gleichgültigkeit gegen jedes Mittel weit mehr sich aussprachen, als irgend ein Gefühl von Erbitterung oder Rachsucht. »Wenn Weiber dabei sind, so sind auch Kinder da; und Groß und Klein haben Skalpe: die Colonie zahlt für Alle gleich.« »Um so schmählicher für sie, daß sie es thut,« unterbrach ihn Wildtödter; »um so schmählicher für sie, daß sie ihre Gaben nicht versteht, und nicht besser auf den Willen Gottes achtet.« »Nehmt Vernunft an. Junge, und schreit nicht so laut, eh' Ihr einen Fall versteht,« erwiederte der unerschütterliche Hurry; »die Wilden skalpiren Eure Freunde, die Delawaren oder Mohikans, was sie nun seyen, mit den Uebrigen; und warum sollten wir nicht skalpiren? Ich gesteh' es, es wäre gegen das Recht für Euch und für mich, jetzt hinzugehen in die Ansiedlungen, und dort Skalpe zu holen, aber es ist ein ganz andres Ding mit Indianern. Ein Mann sollte keine Skalpe machen, wenn er nicht darauf gefaßt ist, selbst auch skalpirt zu werden bei vorkommender Gelegenheit. Ein guter Dienst ist den andern werth in der ganzen Welt. Das heißt Vernunft, und ich glaube es ist gute Religion.« »Ja, Meister Hurry,« unterbrach wieder die klangreiche Stimme Judiths, »ist es auch Religion, zu sagen: ein böser Dienst ist den andern werth?« »Ich will nimmermehr mit Euch streiten, Judy, denn Ihr schlagt mich mit Schönheit, wenn Ihr es mit Verstand nicht könnt. Da sind die Canadas, die bezahlen ihren Indianern die Skalpe, und warum sollten nicht wir bezahlen –« » Unsre Indianer!« rief das Mädchen, und lachte in einer Art von melancholischer Lustigkeit. »Vater, Vater, denkt nicht mehr an diesen, und hört auf den Rath Wildtödters, der ein Gewissen hat; und das ist Mehr, als ich von Harry March sagen oder glauben kann.« Jetzt stand Hutter auf, trat in die Cajüte, und nöthigte seine Töchter in das anstoßende Gemach zu gehen, wo er beide Thüren riegelte, und dann zurückkam. Dann erörterten er und Hurry den Gegenstand noch weiter; aber da das Wesentliche des Inhalts dieser Besprechung im Verlauf der Erzählung an den Tag kommen wird, braucht sie hier nicht ausführlich berichtet zu werden. Der Leser jedoch wird sich ohne Schwierigkeit denken können, welche Art von Sittlichkeit bei dieser Unterredung den Vorsitz führte. Es war in der That diejenige, die, in einer oder der andern Gestalt, die meisten Handlungen der Menschen beherrscht, und bei welcher der maßgebende Grundsatz der ist: ein Unrecht rechtfertige das andere. Ihre Feinde bezahlten für Skalpe; und das genügte, die Colonie zu rechtfertigen, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergalt. Allerdings führten die Franzosen dasselbe Argument für sich an, ein Umstand, der, wie Hurry gegen eine Einwendung Wildtödters zu bemerken die Gelegenheit ergriff, dessen Wahrheit bewies, da Todfeinde wohl schwerlich auf denselben Grund sich berufen würden, wenn es nicht ein triftiger und guter wäre. Aber weder Hutter noch Harry waren Männer, die sich so leicht durch Kleinigkeiten irre machen ließen in Sachen, welche die Rechte der Ureinwohner betrafen; denn es ist einmal eine der Folgen des ungerechten Angriffs, daß er das Gewissen verhärtet – das einzige Mittel, es zu beschwichtigen. In dem friedlichsten Zustand des Landes hatte eine Art von Krieg fortgedauert zwischen den Indianern, besonders denen von Canada, und Leuten von ihrem Stamme; und sobald der wirkliche, anerkannte Krieg erklärt war, galt er auch als ein gesetzlich erlaubtes Mittel, tausend wirkliche oder eingebildete Unbilden zu rächen. Dann lag auch einige Wahrheit und sehr viel Bequemlichkeit in dem Grundsatz der Wiedervergeltung, auf den sich Beide ganz besonders beriefen, um die Einwürfe ihres rechtlicheren und gewissenhafteren Genossen zu beantworten. »Ihr müßt einen Mann mit seinen eignen Waffen bekämpfen, Wildtödter,« schrie Hurry in seiner rauhen Sprache und in der absprechenden Art, womit er alle moralischen Sätze behandelte; »wenn er wild ist, müßt Ihr noch wilder seyn; ist er von mannhaftem Herzen, müßt Ihr noch mannhafter seyn. Das ist die Art, Christen oder Wilde unterzukriegen; wenn Ihr dieser Fährte folgt, werdet Ihr am ehesten zum Ziel Eurer Reise gelangen.« »Das ist nicht die Lehre der Mährischen Brüder, welche vielmehr sagt, daß alle Menschen zu beurtheilen sind nach ihren Talenten, oder ihren Einsichten; der Indianer als Indianer – der weiße Mann als Weißer. Einige ihrer Lehrer sagen, wenn man auf den rechten Backen geschlagen werde, so sey es Pflicht, den andern auch hinzubieten, und noch einen Schlag zu dulden, statt daß man Rache suche, was ich so verstehe –« »Das ist genug!« brüllte Hurry; »das ist Alles, was ich verlange, um eines Mannes Lehre zu schätzen! Wie viel Zeit würde es erfordern, einen Mann mit Fußtritten durch die Colonie zu befördern – am einen Ende hinein, am andern hinaus – nach diesem Grundsatz?« »Mißversteht mich nicht, March,« erwiederte der junge Jäger mit Würde; »ich verstehe dieß nicht anders als so, es sey dieß das Beste, wenn immer möglich . Rachsucht ist eine indianische Eigenschaft, und Versöhnlichkeit die eines Weißen. Das ist Alles. Uebersieh Alles, was du kannst , das ist gemeint; und räche nicht Alles, was du kannst. Was die Fußtritte betrifft, Meister Hurry,« und Wildtödters sonnverbrannte Wange flammte, wie er fortfuhr, »womit man Einen in die Colonie hinein oder aus ihr herausfördern sollte, so liegt das weder hier noch dort, da ja Niemand es in Vorschlag bringt, und vermuthlich Niemand sich damit würde befassen wollen. Was ich sagen wollte, ist: daß die Rothhäute skalpiren, rechtfertigt es nicht, daß auch die Bleichgesichter skalpiren.« »Thut, was man Euch thut, Wildtödter, das ist immer des christlichen Pfaffen Lehre.« »Nein, Hurry, ich habe darüber die Mährischen Brüder befragt, und es lautet ganz anders; ›thut, was Ihr wünscht , daß die Leute Euch thun‹! sagen sie mir, sey die rechte Lehre, während die Menschen nach der falschen handeln. Sie halten es für ein Unrecht bei allen Colonien, welche Preise für Skalpe anbieten, und meinen, es werde kein Segen herauskommen bei diesen Maßregeln. Vor allem verbieten sie die Rachsucht!« »Geht mir mit Euren Mährischen Brüdern!« schrie March und schnippte mit den Fingern; »sie sind die Nächsten an den Quäckern; und wenn Ihr Alles glauben wolltet, was sie Euch sagen, so dürfte man aus Barmherzigkeit keiner Ratte das Fell abziehen. Wer hat je von Barmherzigkeit gehört gegen eine Bisamratte?« Der verächtliche Ton Hurry's schnitt eine Erwiederung ab, und er und der Alte fuhren in der Besprechung ihrer Pläne fort in leiserem und vertraulicherem Tone. Diese Berathung dauerte, bis Judith erschien und das einfache aber wohlschmeckende Abendessen brachte. March bemerkte mit einiger Ueberraschung, daß sie Wildtödter die leckersten Bissen vorlegte, und daß sie durch die kleinen, namenlosen Aufmerksamkeiten, welche sie zu erweisen wohl verstand, ganz deutlich zu erkennen zu geben die Absicht hatte, daß sie ihn als den vorzugsweise geehrten Gast betrachtete. Gewöhnt jedoch an den Eigensinn und die Koketterie der Schönen, erfüllte ihn diese Entdeckung mit keiner sonderlichen Unruhe, und er aß mit einem Appetit, der sich keineswegs durch gemüthliche Rücksichten stören ließ. Da die leichtverdaute Nahrung der Wälder der Befriedigung des großen physischen Genusses gar wenig Hindernisse in den Weg legte, blieb Wildtödter, trotz der herzhaften Mahlzeit, welche Beide in den Wäldern gehalten, in keiner Weise hinter seinem Genossen zurück in thätlicher Anerkennung der Güte der Speisen. Eine Stunde später war die ganze Scene sehr verändert. Der See war noch friedlich und spiegelklar, aber die Dämmerung des spätern Abends war auf das sanfte Zwielicht eines Sommerabends gefolgt, und Alles innerhalb der dunkeln Einfassung der Wälder lag in der stillen Ruhe der Nacht. Die Forsten ließen keinen Gesang, keinen Schrei, nicht einmal ein Flüstern hören, sondern schauten von den Bergen auf das schöne Becken, das sie umgaben, in feierlicher Stille herunter; und der einzige Laut, den man hörte, war das regelmäßige Klatschen der Ruder, welche Hurry und Wildtödter bequem handhabten, die Arche nach dem Castell hin lenkend. Hutter hatte sich auf das Hintertheil der Fähre zurückgezogen, um zu steuern, aber da er fand, daß die jungen Männer ganz im Takt ruderten, und durch ihre eigne Geschicklichkeit ganz in der gewünschten Richtung blieben, hatte er das Steuerruder im Wasser nachschleppen lassen, sich einen Sitz am Ende der Fähre genommen, und seine Pfeife angezündet. Er saß so erst wenige Minuten, als Hetty verstohlen aus der Cajüte, oder dem Hause, wie sie gewöhnlich diesen Theil der Arche nannten, heranschlich, und sich auf einer kleinen Bank, die sie mitbrachte, zu seinen Füßen setzte. Da dieß Beginnen eben nichts Ungewöhnliches bei dem schwachsinnigen Kind war, beachtete es der Alte nicht weiter; er legte nur seine Hand in liebevoller, beifallgebender Weise auf ihr Haupt; eine Liebkosung, die das Mädchen in stummer Sanftmuth hinnahm. Nach einer Pause von einigen Minuten fing Hetty an zu singen. Ihre Stimme war schwach und zitternd, aber ernst und feierlich. Die Worte und die Weise waren von der einfachsten Art; es war eine Hymne, die ihre Mutter sie gelehrt hatte, und eine jener natürlichen Melodien, die bei allen Klassen, zu allen Zeiten Beifall und Gunst finden, weil sie vom Herzen kommen und ans Herz sprechen. Hutter horchte nie diesem einfachen Gesang, ohne daß sein Herz und sein Benehmen milder wurde; dieß wußte seine Tochter wohl, und sie hatte es sich schon oft zu Nutze gemacht vermöge jenes geheimen, heiligen Instinkts, der oft die Geistesschwachen erleuchtet, zumal bei ihren guten Absichten und Bestrebungen. Hetty's leise, süße Töne drangen nur erst einige Augenblicke durch die Lüfte, als das Klatschen der Ruder aufhörte, und der heilige Gesang allein in der athmenden Stille der Wildniß zum Himmel emporstieg. Wie wenn sie im Verfolg der Hymne Muth gewänne, schien ihre Kraft, wie sie weiter sang, zu wachsen; und obgleich nichts Gemeines oder Schreiendes sich in ihre Melodie mischte, schwoll doch ihre Stärke und schwermüthige Zartheit hörbar an, bis die Luft erfüllt war von dieser einfachen Huldigung einer Seele, die beinahe fleckenlos erschien. Daß die Männer vorn nicht gleichgültig blieben gegen diese rührende Unterbrechung, ging aus ihrer Unthätigkeit deutlich hervor; auch klatschten nicht eher wieder ihre Ruder, als bis der letzte der süßen Töne wirklich erstorben war an den merkwürdigen Ufern, die in dieser bezaubernden Stunde selbst die leisesten Modulationen der menschlichen Stimme weiter als eine Meile fortpflanzten. Hutter selbst war gerührt; denn so roh er war vermöge seiner früh angenommenen Lebensweise, und so hartherzig sogar er geworden war durch seine lange Bekanntschaft mit den Sitten und Bräuchen der Wildniß, bestand doch seine Natur aus jener furchtbaren Mischung von Gut und Böse, welche man überhaupt bei der moralischen Organisation der Menschen so vielfach findet. »Du bist heute Nacht traurig, Kind,« sagte der Vater, dessen Benehmen und Sprache gewöhnlich Etwas von der Feinheit und Erhebung des civilisirten Lebens annahm, das er in seiner Jugend geführt hatte, wenn er so mit diesem seltsamen Kind sich unterhielt, »wir sind eben erst Feinden glücklich entgangen, und sollten uns vielmehr freuen!« »Ihr könnt es nimmermehr thun, Vater!« sagte Hetty im leisen Ton flehentlicher, abmahnender Bitte, indem sie, mit ihren beiden Händen seine harte, rauhe Hand ergriff; »Ihr habt lang mit Harry March gesprochen; aber Keiner von Euch wird das Herz haben, es zu thun.« »Das geht über Deinen Kreis, närrisches Kind; Du bist wohl so garstig gewesen und hast gehorcht, sonst könntest Du Nichts wissen von unserm Gespräche.« »Warum wolltet denn Ihr und Hurry Leute tödten – und gar Weiber und Kinder?« »Still, Mädchen, still; wir leben im Krieg, und müssen unsern Feinden thun, was sie uns thun möchten.« »Das ist nicht so, Vater! Ich habe Wildtödter sagen hören, wie es ist. Ihr sollt Euren Feinden thun, was Ihr wünscht , daß Eure Feinde Euch thun! Niemand wünscht, daß seine Feinde ihn tödten!« »Wir tödten unsre Feinde im Krieg, Mädchen, damit sie nicht uns tödten. Eine Seite oder die andre muß anfangen; und die zuerst anfangen, tragen am ehesten den Sieg davon. Du verstehst Nichts von diesen Dingen, arme Hetty, und solltest am liebsten davon schweigen.« » Judith sagt, es sey Unrecht, Vater; und Judith hat Verstand, wenn auch ich keinen habe.« »Judith versteht es besser, als daß sie mir von diesen Dingen spräche; denn sie hat Verstand, wie Du sagst, und weiß, daß ich es nicht dulden würde. Was würdest Du vorziehen, Hetty: daß man Dir Deinen Skalp nähme, und an die Franzosen verkaufte, oder daß wir unsre Feinde tödteten, und sie hinderten, uns ein Leid zu thun?« »Das ist es nicht, Vater! Tödtet sie nicht, und laßt auch uns nicht von ihnen tödten. Verkauft Eure Häute, und schafft neue herbei, wenn Ihr könnt; aber verkauft nicht Blut!« »Komm, komm, Kind; reden wir von Dingen, die Du verstehst. Freut es Dich, unsern alten Freund March wieder zurückgekommen zu sehen? Du magst Hurry wohl leiden, und mußt wissen, daß er wohl eines Tages Dein Bruder werden kann – wo nicht noch etwas Näheres.« »Das kann nicht seyn, Vater,« erwiederte das Mädchen nach einer langen Pause; »Hurry hat Einen Vater und Eine Mutter gehabt; und die Leute haben nie zwei.« »Da sieht man Deinen schwachen Geist, Hetty. Wenn Jude heirathet, so wird ihres Mannes Vater ihr Vater, und ihres Mannes Schwester ihre Schwester. Wenn sie Hurry heirathen sollte, wird er Dein Bruder.« »Judith wird nie den Hurry nehmen,« versetzte das Mädchen mild aber bestimmt. »Judith mag den Hurry nicht.« »Das ist Mehr als Du wissen kannst, Hetty. Harry March ist der schönste und der stärkste und der kühnste junge Mann, der je den See besucht; und da Jude die größte Schönheit ist, sehe ich nicht ein, warum sie nicht zusammenkommen sollten. Er hat so gut als versprochen, daß er mit mir diesen Handel eingehen will, wenn ich meine Zustimmung gebe.« Hetty fing an, sich unruhig hin und her zu bewegen, und sonst auch ihre geistige Unruhe und Aufregung auszudrücken; aber länger als eine Minute antwortete sie nicht. Ihr Vater, an ihr Wesen gewöhnt, und keine besondere Ursache ihrer Aufregung ahnend, fuhr fort zu rauchen mit jenem in die Augen fallenden Phlegma, welches gerade dieser Art von Genuß eigen zu seyn scheint. »Hurry ist schön, Vater,« sagte Hetty mit einfacher Emphase, welche in ihren Ton zu legen sie sich wohl würde bedacht haben, wäre ihr Geist aufmerksamer gewesen auf die Gedanken und Beweggründe Anderer. »Das habe ich dir gesagt, Kind,« brummte der alte Hutter, ohne die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen; »er ist der hübscheste Junge in dieser Gegend; und Jude ist das hübscheste junge Weibsbild, das mir vorgekommen, seit den besten Zeiten ihrer armen Mutter.« »Ist es schlimm, häßlich zu sehn, Vater?« »Man kann sich Schlimmeres vorzuwerfen haben – aber du bist keineswegs häßlich; obwohl nicht so hübsch wie Jude.« «Ist Judith deßwegen glücklicher, weil sie so schön ist?« »Das kann seyn, Kind, aber vielleicht auch nicht. Reden wir aber jetzt von andern Dingen; denn das verstehst du schwerlich recht, arme Hetty. Wie gefällt dir unser neuer Bekannter, Wildtödter?« »Er ist nicht schön, Vater. Hurry ist viel schöner als Wildtödter.« »Das ist wahr, aber es heißt, er sey ein ausgezeichneter Jäger. Sein Ruf drang zu meinem Ohre, noch eh' ich ihn sah; und ich hoffte, er werde sich als ebenso herzhafter Krieger bewähren, wie er ein geschickter Wildpretschütz ist. Aber nicht alle Männer sind gleich, Kind, und es braucht Zeit, das weiß ich aus Erfahrung, einem Mann ein ächtes Wildnißherz zu geben.« »Hab' ich schon ein Wildnißherz, Vater – und Hurry – ist sein Herz ein ächtes Wildnißherz?« »Du machst manchmal sonderbare Fragen, Hetty! Dein Herz ist gut, Kind, und geeigneter für die Ansiedlungen als für die Wälder; während dein Verstand geeigneter ist für die Wälder als für die Ansiedlungen.« »Warum hat Judith mehr Verstand als ich, Vater?« »Der Himmel steh' dir bei, Kind! das ist Mehr als ich beantworten kann. Gott gibt Verstand und Aussehen und all' diese Dinge; und er theilt sie aus, wie es ihm gut dünkt. Wünschest du dir mehr Verstand?« »Nein, das Wenige was ich habe, macht mir Unruhe, denn wenn ich am ärgsten denke, fühle ich mich am unglücklichsten. Ich glaube nicht, daß das Denken gut ist für mich, aber ich wünschte, ich wäre so schön wie Judith.« »Warum das, armes Kind? deiner Schwester Schönheit kann ihr auch Unruhe machen, wie einst ihrer armen Mutter. Es ist kein Vortheil, Hetty, in irgend Etwas so ausgezeichnet zu seyn, daß man ein Gegenstand des Neids, oder vor Andern ausgesucht wird.« »Mutter war gut, wenn sie schön war,« versetzte das Mädchen, und die Thränen schossen ihr in die Augen, wie gewöhnlich geschah, wenn sie der Verstorbenen gedachte. Der alte Hutter war, wenn auch nicht ebenso ergriffen, doch nachdenklich und stumm bei dieser Erinnerung an sein Weib. Er rauchte fort, ohne daß er eine Geneigtheit zeigte, zu antworten, bis seine schwachsinnige Tochter ihre Bemerkung in einer Art wiederholte, welche verrieth, daß sie ein Unbehagen fühlte, er möchte geneigt seyn, ihre Behauptung zu läugnen. Dann klopfte er die Asche aus seiner Pfeife, legte mit einer Art derber Freundlichkeit seine Hand auf des Mädchens Kopf und versetzte: »Deine Mutter war zu gut für diese Welt, obgleich Andre vielleicht nicht so dachten. Ihr gutes Aussehen war für sie kein Heil und Schutz; und du hast keinen Grund zu bedauern, daß du ihr nicht so gleichst wie deine Schwester; denke weniger an Schönheit, Kind, und desto mehr an deine Pflicht und du wirst so glücklich leben auf diesem See, als du nur immer in des Königs Palast seyn könntest.« »Ich weiß es, Vater; aber Hurry sagt: Schönheit sey bei einem jungen Weib Alles!« Hutter that einen Ausruf, der seine Unzufriedenheit ausdrückte und ging nach dem Vordertheil; dabei schritt er durch das Haus – Hetty's unbefangene Kundgebung ihrer Schwachheit in Bezug auf March machte ihm Unruhe über einen Gegenstand, der ihn früher nie angefochten hatte, und er beschloß, sofort mit seinem Gaste sich klar auseinander zu setzen; denn Geradheit in seinen Worten und Entschiedenheit in seiner Handlungsweise waren zwei der vorzüglichsten Eigenschaften dieses rauhen Mannes, in welchem der Saamen einer bessern Erziehung beständig sich emporzuringen schien, um dann wieder erstickt zu werden durch die Frucht eines Lebens, wo harte Kämpfe um Unterhalt und Sicherheit seine Gefühle gestählt, seine Natur verhärtet hatten. Als er das vordere Ende der Fähre erreicht, gab er seine Absicht zu erkennen, Wildtödter am Ruder abzulösen, und hieß ihn dafür seinen Platz am Hintertheil einnehmen. In Folge dieses Tausches waren der alte Mann und Hurry wieder allein, während der junge Jäger an's entgegengesetzte Ende der Arche entfernt wurde. Hetty war verschwunden, als Wildtödter seinen neuen Posten erreichte, und eine kurze Zeit blieb er allein, während er den Lauf des langsam sich bewegenden Fahrzeugs lenkte. Nicht lange jedoch dauerte es, bis Judith aus der Cajüte heraustrat, bereit, wie es schien, die Honneurs des Fahrzeugs zu machen gegenüber einem Fremden, der sich dem Dienst ihrer Familie widmete. Das Sternenlicht war hell genug, um die Gegenstände in der Nähe deutlich unterscheiden zu lassen; und die glänzenden Augen des Mädchens hatten einen Ausdruck von Freundlichkeit, als sie denen des Jünglings begegneten, welchen dieser leicht wahrzunehmen vermochte. Ihr reiches Haar beschattete ihr lebhaftes und doch sanftes Gesicht, und erhöhte dadurch selbst in dieser Stunde dessen Schönheit; – wie die Rose am lieblichsten ist, wenn sie zwischen den Schatten und Contrasten ihres eignen Laubes ruht. Bei dem Verkehr der Wälder herrscht wenig Förmlichkeit; und Judith hatte sich in Folge der Bewunderung, welche sie so allgemein erregte, eine Zuversicht und Bequemlichkeit des Benehmens erworben, die, wenn sie auch nicht bis zur Keckheit ging, doch in keiner Weise ihren Reizen die Zuthat jener scheuen, zurückhaltenden Sittsamkeit verlieh, welche von Dichtern so gepriesen wird. »Ich glaubte, ich müßte vor Lachen sterben, Wildtödter,« begann die Schöne plötzlich, aber in koketter Art, »als ich den Indianer so in den Fluß tauchen sah! Es war dazu ein ganz hübschaussehender Wilder,« das Mädchen hob immer körperliche Schönheit als eine Art von Verdienst hervor, »und doch konnte man nicht verweilen, um zu sehen, ob seine Bemalung im Wasser die Farbe halte.« »Und ich glaubte, sie würden Euch tödten mit ihren Waffen, Judith,« versetzte Wildtödter; »es war ein arges Wagestück für ein Weib, sich so einem Dutzend Mingo's auszusetzen.« »Bewog Euch das, aus der Cajüte hervorzueilen, trotz ihren Büchsen?« fragte das Mädchen, mit mehr wirklichem Interesse, als sie vielleicht zu verrathen wünschte, obwohl mit einem gleichgültigen Wesen, welches die Frucht von vieler Uebung, verbunden mit natürlicher Geistesgewandtheit war. »Männer können nicht zusehen, wenn Frauen in Gefahr sind, ohne ihnen zu Hülfe zu eilen. Selbst ein Mingo weiß das.« Diese Worte sprach er mit eben so viel Unbefangenheit des Benehmens als einfacher Treuherzigkeit des Gefühls, und Judith belohnte sie mit einem so süßen Lächeln, daß selbst Wildtödter, der ein Vorurtheil gegen das Mädchen gefaßt hatte, in Folge von Hurry's argwöhnischen Aeußerungen über ihren Leichtsinn, seinen Zauber empfand, obwohl die Hälfte von seiner gewinnenden Macht in der schwachen Beleuchtung verloren ging. Es erzeugte sofort eine Art von Vertraulichkeit zwischen ihnen, und die Unterredung ward von Seite des Jägers fortgesetzt ohne das lebhafte Bewußtseyn von dem eigenthümlichen Charakter dieser Kokette der Wildniß, womit sie allerdings begonnen hatte. »Ihr seyd ein Mann der Thaten, nicht der Worte, das sehe ich deutlich, Wildtödter,« fuhr die Schöne fort, nahe bei der Stelle sich setzend, wo der Andere stand, »und ich sehe voraus, wir werden recht gute Freunde werden. Hurry Harry hat eine Zunge, und so sehr er ein Riese ist, er schwatzt Mehr als er vollbringt.« »March ist Euer Freund, Judith; und Freunde sollten gut von einander reden, wenn sie von einander sind.« »Wir wissen Alle, auf was Hurry's Freundschaft hinausläuft! Laßt ihm in allen Dingen seinen Willen, so ist er der beste Geselle in der ganzen Colonie, aber ›bringt ihn auf‹, wie Ihr vom Wild sagt, so ist er Herr und Meister aller Dinge um ihn her, nur nicht seiner selbst. Hurry gehört nicht zu meinen Lieblingen, Wildtödter; und ich glaube fast, wenn die Wahrheit bekannt, und sein Geschwätz über mich wiederholt würde, es würde sich zeigen, daß er nicht besser von mir denkt, als ich allerdings von ihm.« Die letzten Worte wurden nicht ohne einige Unbehaglichkeit ausgesprochen. Wäre der Gesellschafter des Mädchens schlauer gewesen, so hätte er wohl das abgewendete Gesicht bemerkt, die Art, wie das hübsche Füßchen sich hin- und herbewegte, und noch andre Anzeichen davon, daß aus irgend einem unerklärten Grunde die gute oder schlimme Meinung March's ihr nicht so ganz gleichgültig war, als sie zu behaupten für gut fand. Ob dieß nun nichts weiter war, als eine gewöhnliche Folge weiblicher Eitelkeit – eines Gefühls, das auch dann noch lebendig und empfindlich ist, wenn jeder Schein der Empfindlichkeit vermieden werden will, ober ob es hervorging aus jenem tiefliegenden Bewußtseyn von Recht und Unrecht, das Gott selbst in unsere Brust gepflanzt, damit wir Gutes und Böses unterscheiden, wird dem Leser im Verlauf unsrer Erzählung deutlicher werden. Wildtödter empfand einige Verlegenheit. Er erinnerte sich wohl der grausamen Anschuldigungen aus dem Munde des mißtrauischen March, und während er der Bewerbung seines Genossen keine Hindernisse in den Weg legen wollte durch Erregung bitterer Gefühle gegen ihn, war seine Zunge im buchstäblichen Sinn eine solche, die nichts von Lug und Falsch wußte. Antworten, ohne mehr oder weniger zu sagen, als er wünschte, war daher eine delikate Sache. »March spricht auf seine Art von allen Dingen in der Welt, von Freund und Feind,« versetzte langsam und vorsichtig der Jäger. »Er ist Einer von den Menschen, die sprechen wie sie empfinden, so lang die Zunge eben im Gang ist, und das ist manchmal anders, als sie sprechen würden, wenn sie sich Zeit zum Ueberlegen nähmen. Da lob' ich mir einen Delawaren, Judith; der denkt über seine Ideen nach und wiederkäut sie! Feindschaft hat sie nachdenklich gemacht, und eine lose Zunge ist keine Empfehlung bei ihren Berathungsfeuern.« »Ich glaube fast, March's Zunge läuft frei genug, wenn sie auf Judith Hutter und ihre Schwester zu reden kommt,« sagte das Mädchen, aufstehend, wie in verachtender Gleichgültigkeit. »Der gute Name junger Frauenspersonen ist gar ein angenehmer Gegenstand für Manche, die den Mund nicht so weit aufzuthun wagen würden, wenn ein Bruder um den Weg wäre. Meister March mag es lustig finden, uns zu verschwätzen; aber früher oder später wird er es bereuen!« »Nein, Judith, das heißt die Sache zu ernst nehmen. Hurry hat nie auch nur das leiseste Wort geredet gegen den guten Namen Hetty's, um den Anfang zu machen mit –« »Ich sehe wie es ist – ich sehe wie es ist« – unterbrach ihn Judith heftig. »Ich allein bin es, die er mit seiner giftigen Zunge zu brandmarken beliebt! – Hetty, wahrhaftig! – die arme Hetty!« fuhr sie fort, und ihre Stimme sank zu einem leisen, dumpfen Ton herab, der beinahe in ihrem Munde zu erstarren schien – » sie steht außer und über dem Bereich seiner verläumderischen Bosheit! die arme Hetty! Wenn Gott sie schwachsinnig geschaffen hat, so liegt die Schwäche ganz auf der Seite der Irrthümer, von welchen sie gar nichts zu wissen scheint. Die Erde trug nie ein reineres Wesen, als Hetty Hutter, Wildtödter!« »Ich kann es glauben, – ja, ich kann das glauben, Judith, und ich hoffe, dasselbe kann auch gesagt werden von ihrer schönen Schwester.« Es lag eine ansprechende und gutherzige Aufrichtigkeit in Wildtödters Ton, welche die Seele des Mädchens rührte; auch schwächte die Anspielung auf ihre Schönheit die Wirkung davon nicht bei ihr, welche die Macht ihrer persönlichen Reize nur zu gut kannte. Dennoch ward die leise, dünne Stimme des Gewissens nicht ganz zum Schweigen gebracht, und sie diktirte die Antwort, die sie nach einigem Nachdenken gab: »Ich glaube, Hurry hat wieder von seinen elenden Anspielungen und Winken gegen die Leute von den Garnisonen fallen lassen,« sagte sie. »Er weiß, es sind Gentlemen, und kann nie Einem verzeihen, daß er ist, was er selbst, wie er wohl fühlt, nie werden kann.« »Nicht in der Bedeutung eines Officiers des Königs, Judith, allerdings, denn dazu hat March gar keine Lust, aber in der wirklichen Bedeutung des Wortes – warum sollte nicht ein Biberjäger so achtbar seyn, als ein Gouverneur? Da Ihr selbst davon anfangt, so will ich nicht läugnen, daß er darüber klagte, daß ein Mädchen von Eurem bescheidenen Stande so viel in Gesellschaft von Scharlachröcken und seidenen Schärpen lebe. Aber es war Eifersucht, die da aus ihm sprach, und ich glaube, daß er über seine eignen Gedanken trauerte, wie eine Mutter trauern würde um ihr Kind.« Vielleicht war sich Wildtödter nicht des ganzen, vollen Sinnes bewußt, den seine ernste Rede in sich schloß. Gewiß ist, daß er die Röthe nicht sah, welche Judiths ganzes schönes Antlitz flammend überzog, noch auch die unbezwingliche Bestürzung und Beängstigung, welche unmittelbar darauf die Röthe in Todesblässe verwandelte. Ein paar Minuten verstrichen in tiefer Stille; das Plätschern des Wassers schien gänzlich alle Zugänge des Ohres eingenommen zu haben, und dann stand Judith auf, und faßte die Hand des Jägers beinahe krampfhaft mit einer der ihrigen. »Wildtödter,« sagte sie hastig, »ich bin froh, daß das Eis zwischen uns gebrochen ist. Man sagt, plötzliche Freundschaften führen zu langen Feindschaften; aber ich glaube nicht, daß es bei uns so gehen wird. Ich weiß nicht, wie es kommt – aber Ihr seyd der erste Mann, den ich kennen gelernt, der nicht beflissen scheint zu schmeicheln – nicht mein Verderben zu wünschen – kein Feind in einer Maske zu seyn scheint; – laßt es gut seyn; sagt Hurry nichts davon, und ein andermal wollen wir wieder mit einander sprechen.« Dann ließ das Mädchen seine Hand fahren, verschwand in dem Hause, und ließ den erstaunten und verblüfften jungen Mann allein, der so bewegungslos an dem Steuerruder stand, wie eine der Tannen auf den Bergen. So sehr hatte er sich in seinen Gedanken vertieft und verloren, daß ihm Hutter zurufen mußte, er solle der Fähre die rechte Richtung geben, ehe er sich seiner gegenwärtigen Lage wieder bewußt wurde. Sechstes Kapitel. So sprach der abgefallne Engel, Pein Litt er, und prahlte laut doch, aber tief In seinem Innern foltert' ihn Verzweiflung. Milton. Bald nach Judiths Entfernung erhob sich ein leiser Südwind, und Hutter zog ein großes Raasegel auf, das einst das flatternde Topsegel an einer Sloop von Albany gewesen, aber, mürbe geworden im Auffangen der Winde von Tappan, ausgemustert und verkauft worden war. Es hatte eine leichte, zähe Tamarindenstange, die er im geeigneten Falle aufrichten konnte, und mit geringer Arbeit ward sein Segel in ziemlich kunstgerechter Weise ausgebreitet und schwoll vom Winde. Die Wirkung auf die Bewegung der Arche war von der Art, daß das Rudern nunmehr entbehrlich wurde; und nach etwa zwei Stunden sah man das Castell in der Finsterniß aus dem Wasser emporragen, in einer Entfernung von etwa hundert Schritten. Jetzt ward das Segel herabgelassen, und langsam schwamm die Fähre dem Bau zu und ward angebunden. Niemand hatte das Haus besucht, seit Hurry und sein Begleiter es verlassen. Man traf Alles in der Ruhe und Stille der Mitternacht, eine Art Typus von der Einsamkeit einer Wildniß. Da man Feinde in der Nähe wußte, wies Hutter seine Töchter an, sich keiner Lichter zu bedienen: diesen Luxusartikel versagten sie sich meist während der warmen Monate, damit sie nicht als Leuchtfeuer ihren Feinden ihren Aufenthaltsort verriethen. »Bei klarem Tageslicht würde ich ein Heer von Wilden nicht fürchten hinter diesen stämmigen Blöcken, wenn sie kein Schutzmittel hätten, sich dahinter zu verkriechen,« setzte Hutter hinzu, nachdem er seinen Gästen die Gründe auseinandergesetzt, warum er den Gebrauch von Lichtern verbot; »denn ich habe drei oder vier zuverlässige Gewehre jederzeit geladen, und Killdeer namentlich ist eines, das nie versagt. Aber bei Nacht ist es eine andre Sache. Ein Canoe könnte im Dunkel ungesehen uns auf den Leib rücken; und die Wilden haben so viele Listen und Kniffe bei ihren Angriffen, daß ich es für schlimm genug halte, wenn ich auch beim hellsten Sonnenschein mit ihnen zu thun bekomme. Ich habe dieß Haus gebaut, um sie mir in einiger Entfernung vom Leibe zu halten, im Fall es je wieder zu Schlägen käme. Manche meinen, es sey zu offen und ausgesetzt, aber ich bin dafür, fern vom Gebüsch und Dickicht zu ankern, weil ich dieß für die sicherste Art halte.« »Ihr seyd einst Matrose gewesen, sagt man mir, alter Tom?« sagte Hurry in seiner raschen Art, da ihm einige Ausdrücke des Andern aufgefallen waren, »und manche Leute glauben, Ihr könntet merkwürdige Dinge erzählen von Feinden und Schiffbrüchen, wenn Ihr mit Allem herausrücken wolltet, was Ihr wißt.« »Es gibt Leute in dieser Welt, Hurry,« erwiederte der Andre ausweichend, »welche von andrer Menschen Gedanken leben; und dergleichen finden oft auch ihren Weg in die Wälder. Was ich in meiner Jugend gewesen bin, oder was ich gesehen habe, das ist jetzt weniger wichtig, als was die Wilden sind. Es ist von größerer Bedeutung, herauszubringen, was in den nächsten vier und zwanzig Stunden sich ereignen wird, als von dem zu plaudern, was sich vor vierundzwanzig Jahren begeben hat.« »Das heißt Urtheil, Wildtödter; ja, das heißt gesundes Urtheil! da sind Judith und Hetty, für welche zu sorgen ist, zu schweigen von unsern eignen Kopfschleifen; und was mich betrifft, ich kann so gut im Dunkeln schlafen, als ich es könnte bei der hellsten Mittagssonne. Mir macht es wenig aus, ob Licht da ist oder nicht, und ob ich es sehe, wenn ich meine Augen schließe.« Da Wildtödter es selten nöthig fand, auf seines Begleiters eigenthümliche humoristische Aeußerungen zu antworten, und Hutter sichtlich abgeneigt war, weiter über die Sache zu sprechen, hatte die Erörterung mit dieser Bemerkung ein Ende. Hutter hatte aber noch etwas mehr, als nur Erinnerungen auf dem Herzen. Sobald seine Töchter sie verlassen hatten, in der ausgesprochenen Absicht, sich zur Ruhe zu begeben, lud er seine beiden Genossen ein, ihm wieder auf die Arche zu folgen. Hier eröffnete ihnen der alte Mann seinen Plan, verschwieg aber den Theil davon noch, dessen Ausführung er sich selbst und Hurry vorbehalten hatte. »Das Hauptabsehen von Leuten in unsrer Lage ist, Herrn des Wassers zu seyn,« begann er. »So lange kein anderes Fahrzeug auf dem See ist, ist ein Canoe von Borke so gut als ein Linienschiff; denn mit Schwimmen kann das Castell nicht wohl weggenommen werden. Nun sind nur noch fünf Canoe's in dieser Gegend, von welchen zwei mir gehören und eines Hurry. Diese drei haben wir hier bei uns; eines in dem Canoe-Dock unter dem Hause befestigt, die beiden andern an der Fähre. Die andern Canoes sind am Land in hohlen Baumstämmen versteckt; und die Wilden, die so giftige Feinde sind, werden am nächsten Morgen keinen Ort, der irgend Etwas verspricht, ununtersucht lassen, wenn es ihnen ernstlich um die ausgesetzten Preise zu thun ist –« »Ha, Freund Hutter,« unterbrach ihn Hurry, »der Indianer lebt nicht auf Erden, der im Stand ist, ein gehörig verstecktes Canoe aufzufinden. Ich habe früher schon Etwas in dieser Art von Handel geleistet, und Wildtödter weiß hier es, daß ich im Stand bin, ein Fahrzeug so zu verstecken, daß ich es selbst nicht mehr finden kann.« »Sehr wahr, Hurry,« versetzte der zum Zeugniß Aufgerufene; »aber Ihr überseht den Umstand, daß, wenn auch Ihr die Spur des Mannes nicht entdecken konntet, der seine Sache so gut gemacht, dieß doch mir gelang. Ich bin der Ansicht, Meister Hutter, daß es viel klüger ist, der Einfalt und Aufrichtigkeit eines Wilden zu mißtrauen, als große Hoffnungen zu bauen auf seinen Mangel an Scharfblick. Wenn daher die beiden Canoes in das Castell gebracht werden können, so ist es um so besser, je eher es geschieht.« »Wollt Ihr dabei seyn, wenn es aufgeführt wird?« fragte Hutter in einem Tone, welcher zeigte, daß der Vorschlag ihn ebenso überraschte als er ihm gefiel. »Gewiß. Ich bin bereit, an jeder Unternehmung Theil zu nehmen, sofern sie nicht eines weißen Mannes rechtmäßigen Gaben zuwiderläuft. Die Natur gebietet uns, unser Leben zu vertheidigen und auch das Leben Andrer, wenn dazu Gelegenheit und Aufforderung vorhanden ist. Ich will Euch, Floating Tom, folgen in das Lager der Mingo bei jedem solchen Zug, und will mich bestreben, meine Pflicht zu thun, sollte es zum Treffen kommen: obwohl ich, da ich nie in einer Schlacht gewesen bin, nicht gern Mehr verspreche, als ich mir zu leisten getraue. Wir wissen Alle, was wir wünschen, aber keiner weiß, was er zu leisten vermag, als bis er die Probe bestanden.« »Das ist bescheiden und vernünftig gesprochen, Junge!« rief Hurry. »Ihr habt noch nie den Knall einer feindlichgezielten Büchse gehört, und laßt mich Euch versichern, er ist so verschieden von den überredenden Tönen bei Euern Wildpretreden, wie das Lachen von Judith Hutter in ihrer besten Laune von dem Schelten einer holländischen Haushälterin am Mohawk. Ich erwarte nicht, daß Ihr ein ausgezeichneter Krieger werden werdet, Wildtödter, obgleich es nicht Eures Gleichen in diesen Gegenden gibt, was die Jagd auf Hirsche und Rehe betrifft. Aber im wirklichen Dienst, da werdet Ihr etwas weiter hinten zu stehen kommen, nach meiner Meinung.« »Wir wollen sehen. Hurry, wir wollen sehen,« erwiederte der Andre sanft, und ganz und gar nicht, so viel ein menschliches Auge bemerken konnte, verletzt und irre gemacht durch die so eben ausgedrückten Zweifel hinsichtlich seiner Tüchtigkeit in einem Punkte, wo die Männer sonst sehr empfindlich sind, und zwar oft genau in dem Maß, als sie sich ihrer Schwächen bewußt sind; »da ich noch nie eine Probe bestanden, will ich diese abwarten, ehe ich mir selbst eine Meinung bilde; und dann hat man Gewißheit, statt unbestimmter Vermuthungen. Ich habe von Solchen gehört, die vor der Schlacht herzhaft waren und darin wenig leisteten; und auch von Solchen, die zuwarteten, um ihren Muth kennen zu lernen, und die bei der Probe fanden, daß sie nicht so übel waren, als Manche erwarteten.« »In jedem Fall wissen wir, daß Ihr ein Ruder zu handhaben versteht, junger Mann,« sagte Hutter, »und das ist Alles, was wir heute Nacht von Euch verlangen. Laßt uns keine Zeit mehr verlieren, sondern in das Canoe treten und handeln, statt zu schwatzen.« Hutter ging nun rasch daran, seinen Plan auszuführen, und bald war das Boot bereit, und Hurry und Wildtödter an den Rudern. Ehe jedoch der alte Mann selbst sich einschiffte, hielt er eine Besprechung von einigen Minuten mit Judith, zu welchem Behuf er in das Haus ging; dann zurückgekehrt, nahm er seinen Platz in dem Canoe ein, das im nächsten Augenblick von der Arche abstieß. Wäre in der einsamen Wildniß ein Gott errichteter Tempel gewesen, so hätte seine Uhr die Mitternachtsstunde geschlagen, als die kleine Gesellschaft ihren Zug antrat. Das Dunkel hatte zugenommen, obwohl die Nacht noch klar war, und das Licht der Sterne reichte hin für alle Absichten der Abenteurer, Hutter allein wußte die Orte, wo die zwei Canoes versteckt waren, und er lenkte die Richtung des Bootes, während seine beiden athletischen Genossen ihre Ruderschaufeln mit gehöriger Vorsicht eintauchten und emporhoben, damit nicht die dadurch verursachten Laute in der Stille der tiefen Nacht über den friedlichen Wasserspiegel hin das Ohr ihrer Feinde erreichten. Aber die Barke war so leicht, daß keine außerordentlichen Anstrengungen nöthig waren, und da Geschicklichkeit die Stelle des Kraftaufwands vertrat, näherten sie sich, nach einer halben Stunde etwa, der Küste auf einem vorspringenden Punkte, beinahe eine Stunde von dem Castell entfernt. »Laßt Eure Ruder ruhen, Freunde,« sagte Hutter mit leiser Stimme, »und sehen wir uns einen Augenblick um. Wir müssen jetzt ganz Aug und Ohr seyn, denn diese Schlangen haben Nasen wie Bluthunde.« Die Ufer des See's wurden genau geprüft, um irgend einen Funken Licht zu entdecken, der etwa in einem Lager möchte zurückgeblieben seyn; und die Männer strengten ihre Augen in der Dunkelheit an, um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Zeile Rauch am Berg hinziehe, aus der ersterbenden Asche eines Feuers emporsteigend. Nichts Ungewöhnliches war zu erspähen, und da der Platz in einiger Entfernung von dem Ausfluß des See's oder dem Orte war, wo sie auf die Wilden gestoßen, hielt man für gefahrlos, zu landen. Die Ruder wurden wieder in Bewegung gesetzt, und der Bug des Canoe's schob sich auf dem kiesigen Ufer mit leiser Bewegung und einem kaum hörbaren Geräusch vor. Hutter und Hurry sprangen ohne Verzug ans Land, der Erstere seine und seines Begleiters Büchse tragend, und ließen Wildtödter zur Bewachung des Canoe's zurück. Der hohle Baumstamm lag eine kleine Strecke entfernt bergaufwärts; der Alte ging dahin voran, mit solcher Vorsicht, daß er alle drei oder vier Schritte stehen blieb, um zu horchen, ob nicht ein Schritt die Nähe eines Feindes verrathe. Aber die gleiche todtenähnliche Stille herrschte in der ganzen mitternächtlichen Scene, und der gesuchte Platz ward ohne einen beunruhigenden Vorfall erreicht. »Hier ist es,« flüsterte Hutter, den Fuß auf einen umgestürzten Lindenstamm setzend; »reicht mir zuerst die Ruder, und zieht dann das Boot vorsichtig heraus, denn die Elenden haben es am Ende doch vielleicht nur als Köder da gelassen,« »Haltet mir meine Büchse bereit, den Kolben gegen mich gekehrt, alter Gesell,« antwortete March, »Wenn sie mich unter meiner Bürde angreifen, so will ich doch wenigstens das Gewehr auf sie abfeuern – und untersucht, ob Pulver auf der Pfanne ist. »Alles ist in Ordnung,« murmelte der Andere; »geht nur langsam, wenn Ihr Eure Last aufgepackt habt, und laßt mich vorangehen.« Das Canoe ward mit der äußersten Behutsamkeit aus dem Stamm hervorgezogen, von Hurry auf die Schulter geladen, und Beide traten ihren Rückweg an das Ufer an, nur Schritt für Schritt gehend, um nicht den steilen Abhang hinunter zu straucheln. Die Entfernung war nicht groß, aber der Weg abwärts äußerst schwierig, und gegen das Ende ihres kleinen Marsches mußte Wildtödter landen und zu ihnen stoßen, um ihnen zu helfen, das Canoe durch das Buschwerk zu schleppen. Mit seinem Beistand ward die Aufgabe glücklich gelöst, und das leichte Fahrzeug schwamm bald neben dem andern Canoe. Sobald dieß geschehen, wandten sich alle drei ängstlich gegen den Wald und den Berg hin, in der Erwartung, einen Feind aus jenem hervorbrechen oder von diesem herabeilen zu sehen. Aber die Stille wurde nicht unterbrochen, und Alle schifften sich mit derselben Vorsicht ein, mit welcher sie gelandet hatten. Jetzt steuerte Hutter gerade auf die Mitte des See's zu. Nachdem er eine hinreichende Strecke vom Ufer entfernt war, band er seine Beute los und überließ sie frei dem Wasser, wohl wissend, daß sie bei dem leisen Südwind langsam den See hinauf treiben werde, und in der Absicht, bei der Rückkehr sie wieder zu treffen. So seines Taues entledigt, fuhr der Alte den See hinab und steuerte dem vorspringenden Punkt zu, wo Hurry seinen vergeblichen Versuch gegen das Leben des Hirsches gemacht hatte. Da die Entfernung dieses Punktes bis zu der Ausströmung weniger als eine Meile betrug, hieß dieß gleichsam, das Land des Feindes betreten; und verdoppelte Vorsicht wurde nothwendig. Sie erreichten indessen die äußerste Spitze, und landeten ungestört auf dem schon erwähnten kleinen Kiesplatz am Ufer. Ganz anders als an dem Ort, wo sie zuvor gelandet, war hier keine Anhöhe zu erklimmen; die Berge waren in der Dunkelheit erst in der Entfernung einer vollen Viertelmeile weiter westlich sichtbar und ließen zwischen sich und dem Strand einen Strich ebenen Grundes frei. Der vorlaufende Punkt selbst, obgleich lang und mit hohen Bäumen bedeckt, war beinahe flach und hatte eine Strecke weit eine Breite von nur wenigen Schritten; Hutter und Hurry landeten wie zuvor, und ließen wieder ihren Begleiter zur Bewachung des Bootes zurück. Hier lag der abgestorbne Baum, in dem das Canoe versteckt war, das sie zu suchen kamen, etwa halbwegs zwischen dem äußersten Ende der schmalen Landzunge und dem Punkt, wo sie an die eigentliche Küste sich anschloß; und der Alte, der sich hier das Wasser links so nahe wußte, schlug den Weg auf der östlichen Seite des Landstreifens mit ziemlicher Zuversicht ein, und schritt keck, obwohl mit Vorsicht dahin. Er hatte absichtlich an der Landzunge angelegt, um einen Blick in die Bucht werfen und sich versichern zu können, daß die Küste frei sey, sonst würde er gerade dem hohlen Baum gegenüber gelandet haben. Diesen zu finden hatte keine Schwierigkeit; das Canoe wurde herausgezogen, wie zuvor, und statt es dahin zu schleppen, wo Wildtödter mit dem Boote sich befand, wurde es am ersten günstigen Platz ins Wasser gelassen. Sobald es darin war, trat Hurry hinein, und ruderte zu der Spitze der Landzunge, wohin auch Hutter auf dem kiesigen Uferweg sich begab. Nachdem jetzt die drei Männer alle Boote des See's in ihrem Besitz hatten, war ihre Zuversicht nicht wenig erhöht, und es war jetzt nicht mehr die vorige fieberhafte Ungeduld, die Küste zu verlassen, noch dieselbe Nothwendigkeit äußerster Vorsicht vorhanden. Ihre Lage am äußersten Ende der langen, schmalen Landzunge vermehrte noch ihr Gefühl von Sicherheit, da sie einem Feind nur in Einer Richtung sich ihnen zu nähern gestattete, von vorn nämlich und unter Umständen, die ihnen, bei ihrer gewohnten Wachsamkeit, die Wahrnehmung seiner Annäherung beinahe mit Gewißheit verbürgten. Jetzt traten alle drei miteinander ans Land und standen in berathender Gruppe auf dem Kiesplatz der Landspitze. »Wir haben die Kerls hübsch aufs Trockne gesetzt!« sagte Hurry, vor Freude über den gelungenen Anschlag lachend; »wenn sie einen Besuch auf dem Castell machen wollen, mögen sie waten oder schwimmen! Alter Tom, diese Eure Idee, einen Versteck draußen auf dem See anzulegen, ist extrafein und von erster Sorte. Es gibt Leute, die das Land für sichrer halten würden als das Wasser; aber am Ende zeigt die Vernunft, daß dem nicht so ist; denn der Biber, und die Ratten, und andre kluge Creaturen halten sich ans letztere, wenn sie hart gedrängt sind. Ich nenne jetzt unsre Stellung eine wohl verschanzte und biete den Canada's Trotz!« »Laßt uns an dieser Südküste hinrudern,« sagte Hutter, »und sehen, ob keine Spur eines Lagers sich zeigt, – aber zuerst laßt mich noch einen genauern Blick in die Bai werfen, denn Keiner von uns ist noch weit genug auf der innern Seite der Landzunge vorgedrungen, um hinlänglich beruhigt zu seyn von dieser Seite her.« Nachdem Hutter dieß gesagt, schritten alle drei in der von ihm bezeichneten Richtung vor. Kaum waren sie bis zu dem Punkte gekommen, wo sich die Bai recht ihrem Blick eröffnete, als ihr gleichzeitiges, stutzendes Haltmachen zeigte, daß ihre Blicke in demselben Moment auf Einen und denselben Gegenstand gefallen waren. Dieß war nichts weiter, als ein erlöschender Feuerbrand mit seinem hin und her zuckenden, ausgehenden Licht; aber zu dieser Stunde und an diesem Ort war er dem Auge so auffallend, wie »eine gute That in einer häßlichen Welt.« Es war nicht der Schatten eines Zweifels daran übrig, daß dieß Feuer bei einem Lager der Indianer war angezündet worden. Die Lage, der Beobachtung von allen Seiten außer von Einer entzogen, und auch von dieser her nur in einer ganz geringen Entfernung sichtbar, zeigte, daß man größere Sorge getragen, einen verborgnen Ort zu wählen, als man ohne besondere Zwecke würde gethan haben, und Hutter, der wußte, daß eine Quelle, sowie einer der günstigsten Fischplätze des See's in der Nähe war, vermuthete sogleich, daß dieß Lager wohl die Weiber und Kinder der Truppe enthalten werde. »Das ist kein Krieger-Lager,« brummte er Hurry zu; »und es schläft da gute Beute genug um das Feuer herum, so daß wir eine tüchtige Theilung von Kopfgeld werden zu machen haben. Schickt den Jungen zu den Canoe's, denn hier nützt er uns nichts, bei einem solchen Unternehmen, und greifen wir sofort die Sache tüchtig an, als Männer.« »Es ist Einsicht in Euern Gedanken, alter Tom, und sie gefallen mir durch und durch. Wildtödter, geht Ihr an das Canoe zurück. Junge, und rudert in den See hinaus mit dem kleinen, und laßt es frei treiben, wie wir mit dem andern gethan; dann könnt Ihr an die Küste hinrudern, so nah Ihr dem Anfang der Bai zu kommen vermögt, jedoch außerhalb der Landzunge und auch außerhalb der Gebüsche. Ihr könnt uns hören, wenn wir Eurer bedürfen; und wenn ein Verzug eintritt, so will ich schreien, wie eine Lomme; – da, das ist gut – das Schreien einer Lomme soll das Signal seyn. Wenn Ihr Büchsen knallen hört, und daß es so kriegerisch hergeht, nun dann könnt Ihr herbeikommen, und sehen, ob Ihr mit den Wilden auch so fertig werdet, wie mit dem Wild.« »Wenn man meinen Wünschen folgen wollte, so unterbliebe diese Sache, Hurry –« »Ganz wahr – Niemand läugnet das, Junge; aber Euren Wünschen kann man nicht folgen; und damit ist die Sache aus. So rudert Euch denn nur mitten in den See hinaus, und bis Ihr zurückkommt, wird es in diesem Lager lebhaft werden!« Der junge Mann schickte sich mit großem Widerstreben und mit schwerem Herzen an, zu gehorchen. Er kannte jedoch die Vorurtheile der Grenzmänner zu gut, um Gegenvorstellungen zu versuchen. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte dieß allerdings gefährlich werden, wie es ganz gewiß nutzlos war. Er ruderte daher das Canoe still und mit der Vorsicht wie früher, nach einem Punkt nahe der Mitte des friedlichen Wasserspiegels, und ließ dann das so eben wieder erlangte Boot in dem leisen Südwind gegen das Castell hin treiben. Zu diesem Verfahren hatte man sich in beiden Fällen entschlossen, in der sichern Voraussetzung, daß die leichten Barken nicht mehr als eine oder zwei Stunden weit treiben würden vor Anbruch des Tages, wo man sie dann leicht wieder würde einholen können. Um zu verhüten, daß nicht ein herumschweifender Wilder sich ihrer bediene, der sich durch Schwimmen in Besitz setzte, ein möglicher, aber kaum zu vermutender Fall – hatte man alle Ruder zurückbehalten. Sobald Wildtödter das wiedererlangte Canoe auf dem See hatte forttreiben lassen, richtete er den Bug des seinigen nach dem Punkt der Küste zurück, welchen ihm Hurry bezeichnet hatte. So leicht war die Bewegung des kleinen Fahrzeugs, und so stetig der Arm des es in Bewegung setzenden Fährmanns, daß kaum zehn Minuten verfloßen, bis es sich wieder dem Lande näherte, und in dieser kurzen Zeit hatte es eine Entfernung von einer vollen halben Meile zurückgelegt. Sobald Wildtödter's Auge der Büsche ansichtig wurde, von denen manche wohl hundert Fuß weit von der Küste in's Wasser hinausreichten, hemmte er die Bewegung des Canoe's und ließ sein Boot ankern, indem er den dünnen aber zähen Stamm eines der herabhängenden Schilfbüsche mit fester Hand packte. So blieb er, mit einer Spannung, die man sich leicht vorstellen kann, das Ergebniß gewagten Unternehmens abwartend. Es wäre schwer, dem Geist derjenigen, welche nicht selbst die Erfahrung gemacht haben, einen Begriff zu geben von der Erhabenheit der Stille in einer so tiefen Einsamkeit, wie jetzt über dem Glimmerglas herrschte. Im jetzigen Augenblick ward diese Erhabenheit noch gesteigert durch das Düster der Nacht, die ihre schattenhaften, phantastischen Formen ringsumher auf See, Wald und Berge warf. Es läßt sich in der That nicht leicht ein Ort denken, der geeigneter wäre, diese natürlichen Eindrücke zu erhöhen, als eben der war, wo sich Wildtödter jetzt befand. Der Umfang des See's faßte Alles im Bereich der menschlichen Sinne zusammen, während er zugleich auf Einem Punkte so viel Imposantes von der umgebenden Scene enthüllte, daß jeder Blick genügte, die tiefsten Eindrücke der Seele zuzuführen. Wie schon gesagt, war dieß der erste See, den Wildtödter sah. Bisher hatte sich seine Erfahrung beschränkt auf den Lauf von Flüssen und kleinen Strömen, und noch nie zuvor hatte er eine solche Fülle der ihm so werthen Wildniß vor seinen Augen ausgebreitet gesehen. Gewöhnt jedoch an den Wald, war seine Seele im Stande, sich alle seine verborgenen Heimlichkeiten auszumalen, indem er seinen Blick auf dessen äußere Laubhülle richtete. Es war dieß auch das erstemal, daß er sich auf einem Streifzug befand, wo Menschenleben von dem Ausgang abhingen. Sein Ohr hatte sich oft berauscht in den Ueberlieferungen von Kriegführung der Grenzmänner, aber noch nie war er einem Feinde Stirn gegen Stirn gegenübergestanden. Der Leser wird daher leicht begreifen, wie gespannt die Erwartung des jungen Mannes seyn mußte, als er in seinem einsamen Canoe dasaß, bestrebt, den geringsten Laut zu erlauschen, der den Verlauf der Dinge am Ufer andeuten möchte. Seine Bildung in diesem Stück war, so weit die Theorie reichen konnte, vollendet, und seine Selbstbeherrschung und Fassung, trotz der großen Aufregung, der natürlichen Folge von der Neuheit der Sache für ihn – würde einem Veteranen Ehre gemacht haben. Die sichtbaren Zeugnisse vom Vorhandenseyn des Lagers oder des Feuers waren nicht wahrzunehmen von der Stelle aus, wo das Canoe lag, und er sah sich in die Lage versetzt, einzig auf seinen Gehörsinn sich zu verlassen. Er gab keiner Ungeduld Raum, denn die Lehren, die man ihm eingeschärft, hatten ihn die Tugend der Geduld gelehrt, und ihm besonders die Notwendigkeit der Schlauheit bei irgend einem verdeckten Angriff auf die Indianer eingeprägt. Einmal meinte er das Krachen eines dürren Zweiges zu hören, aber seine Erwartung und Aufmerksamkeit war so lebhaft, daß sie ihn mochte getäuscht haben. In solcher Weise verstrich Minute auf Minute, bis die gesammte Zeit seit seiner Trennung von seinen Begleitern eine volle Stunde betrug. Wildtödter wußte nicht, ob er sich über diese vorsichtige Zögerung freuen oder betrüben sollte, denn wenn sie ihn das Beste für seine Genossen hoffen ließ, so verkündigte sie auch das drohende Verderben der Schwachen und Unschuldigen. Anderthalb Stunden mochten jetzt seit der Trennung von seinen Gesellen verflossen seyn, als Wildtödter aufmerksam gemacht wurde durch einen Ton, der ihn eben so überraschte, als mit lebhafter Unruhe erfüllte: der zitternde Schrei einer Lomme erhob sich von der gegenüberliegenden Seite des See's, allem Anschein nach nicht weit entfernt von seiner Ausströmung. Er täuschte sich nicht über die Töne dieses Vogels, die Allen so bekannt sind, welche die verschiedenen Töne in der Nähe der amerikanischen See'n kennen. Schrillend, tremulirend, laut und langgehalten scheinen sie der eigentliche Warnungsruf zu seyn. Man hört sie auch oft bei Nacht – eine Ausnahme von der Weise der meisten gefiederten Bewohner der Wildniß, und ein Umstand, welcher Hurry bewogen, gerade diesen Ruf zum Signal zu wählen. Allerdings hatten die beiden Abenteurer Zeit gehabt, zu Land von dem Punkt, wo sie sich getrennt hatten, bis dahin zu gelangen, woher der Ruf kam, aber doch war es nicht wahrscheinlich, daß sie einen solchen Weg sollten eingeschlagen haben. Wäre das Lager leer gewesen, so hätten sie wohl Wildtödter an die Küste berufen, fanden sich aber Bewohner darin, so ließ sich kein befriedigender Grund denken, warum sie es umgangen haben sollten, um in so großer Entfernung sich wieder einzuschiffen. Gehorchte er dem Signal und ließ sich von dem Landungsplatz weg locken, so konnte das Leben der Männer, die sich auf ihn verließen, darüber verloren gehen; und ließ er den Ruf unbeachtet, in der Annahme, daß er wirklich von einem Vogel herrühre, so konnten die Folgen eben so unglücklich seyn, obwohl aus andern Ursachen. In dieser Ungewißheit wartete er zu, in der sichern Hoffnung, der Ruf, nachgemacht oder natürlich, werde bald wiederholt werden. Auch täuschte er sich nicht. Nur wenige Minuten verstrichen, bis derselbe schrille, warnende Schrei wiederholt wurde, und zwar von derselben Seite des See's. Dießmal, da er scharf aufmerkte, ließen sich seine Sinne nicht täuschen. Obgleich er oft schon bewundrungswerthe Nachahmungen des Rufs dieses Vogels gehört hatte, und selbst keineswegs Meister der Kunst war, seine Noten nachzuahmen, fühlte er sich doch überzeugt, daß Hurry, dessen Versuchen in dieser Kunst er schon zugehört, nimmermehr der Natur in so völliger Treue nahekommen könnte. Er beschloß daher, auf diesen Schrei nicht zu achten, und zu warten, bis ein minder vollkommner in größerer Nähe ertöne. Kaum hatte Wildtödter diesen Entschluß gefaßt, als die tiefe Stille der Nacht und Einsamkeit unterbrochen ward durch einen so erschütternden Schrei, daß alle Erinnerungen an den mehr schwermüthigen Ruf der Lomme aus der Seele des Horchenden verdrängt ward. Es war ein Schrei des Entsetzens entweder aus dem Munde eines Weibes oder eines noch jungen Knaben, der noch nicht die männliche Stimme hatte. Dieser Schrei ließ sich nicht mißdeuten. Herzzereißende Angst, wenn nicht zermalmende Todesangst, lag in den Tönen, und der Schrecken oder Schmerz, der sie hervorgerufen, mußte eben so plötzlich als entsetzlich gewesen seyn. Der junge Mann ließ den Schilf fahren, und tauchte sein Ruder in das Wasser; aber was thun? er wußte es nicht; wohin steuern? er wußte es auch nicht. Wenige Augenblicke reichten hin, seiner Unentschiedenheit ein Ende zu machen. Das Brechen von Aesten, das Krachen dürrer Zweige und Fußtritte wurden ganz deutlich hörbar: die Töne schienen sich dem Wasser zu nähern, obwohl in einer Richtung, die sich der Küste schräg näherte, und etwas weiter nördlich als die Stelle, wo Wildtödter zu halten angewiesen worden war. Dieser Spur folgend fuhr der junge Mann mit seinem Canoe dorthin, wenig darum bekümmert, ob und wie er seine Gegenwart verrathe. Er hatte einen Punkt der Küste erreicht, wo das nächste Ufer ziemlich hoch und sehr steil war. Es war unverkennbar, daß Männer durch die Gebüsche und Bäume auf dem Gipfel dieser Uferhöhe, dem Strand zu, hindurch sich schlugen, als ob die Fliehenden einen günstigen Ort zum Herabsteigen suchten. Gerade in diesem Augenblicke blitzten fünf oder sechs Büchsen, und die Berge gegenüber wiederholten in langem, rollendem Echo, wie gewöhnlich, den Knall. Ein paar kreischende Ausrufe, denen ähnlich, wie sie auch den Muthigsten entschlüpfen, wenn sie plötzlich von unerwarteter Gefahr und Noth überrascht werden, folgten; und dann begann wieder das Gewühle in den Gebüschen, wie wenn Mann mit Mann handgemein wäre. »Glatter Teufel!« brüllte Hurry mit der Wuth getäuschter Erwartung – »seine Haut ist eingeölt! Ich kann ihn nicht packen! Nimm das für deine List!« Diesen Worten folgte der Fall eines schweren Körpers unter den kleinen Bäumen, welche die Uferhöhe einfaßten, und es kam Wildtödter vor, als habe sein gigantischer Genosse einen Feind in dieser unhöflichen Weise von sich weggeschleudert. Wieder begann die Flucht und die Verfolgung, und dann sah der junge Mann eine menschliche Gestalt die Anhöhe herunter eilen, und einige Schritte weit in's Wasser sich stürzen. In diesem kritischen Augenblick war das Canoe gerade dem Platz nahe genug, daß dieß Beginnen, das von einem nicht kleinen Geräusch begleitet war, gesehen werden konnte; und Wildtödter, erkennend, daß er hier, wenn immer, seine Genossen in's Schiff aufnehmen müsse, drängte das Canoe zu ihrer Rettung heran. Er hatte noch nicht zweimal sein Ruder erhoben, als man die Stimme Hurry's die Luft mit Flüchen und Verwünschungen erfüllen hörte, und er auf dem schmalen Kiesufer niederrollte, im buchstäblichen Sinn von der Last seiner Feinde niedergezogen. Während er, beinahe erstickt von seinen Feinden, am Boden da lag, stieß der athletische Grenzmann seinen Lommenruf aus, in einer Weise, die unter minder furchtbaren Umständen hätte Lachen erregen müssen. Der Mann im Wasser schien plötzlich seine Flucht zu bereuen, und eilte an die Küste, seinem Genossen zu Hülfe, ward aber augenblicklich aufgehalten und übermannt von einem Halbdutzend neuer Verfolger, die so eben von der Uferhöhe herabsprangen. »Laßt los, ihr bemaltes Wurmgezüchte – laßt los!« schrie Hurry, zu hart gedrängt, um noch besonders wählerisch in seinen Ausdrücken zu seyn; »ist es nicht genug, daß ich geklemmt bin wie ein Sägeklotz, daß Ihr mich auch noch erstickt?« Diese Rede überzeugte Wildtödter, daß seine Freunde Gefangene waren, und daß landen so viel wäre, als ihr Schicksal theilen. Er hatte sich dem Ufer schon auf hundert Schuhe genähert, als einige zeitgemäße Ruderschläge nicht nur das Canoe in seinem Lauf aufhielten, sondern ihn auch um das Sechs- oder Achtfache von seinen Feinden entfernten. Zum Glück für ihn hatten alle Indianer bei der Verfolgung ihre Büchsen weggeworfen, sonst hätte er diesen Rückzug schwerlich ungefährdet bewerkstelligt; obgleich in der ersten Verwirrung des Handgemenges Keiner das Canoe bemerkt hatte. »Bleibt weg vom Land, Junge!« schrie Hutter; »die Mädchen haben jetzt nur noch Euch zur Stütze: Ihr werdet all Eure Vorsicht brauchen können, diesen Wilden zu entgehen. Bleibt vom Lande weg, und Gott sey Euch gnädig, so wahr Ihr meinen Kindern beisteht!« Es war im Ganzen wenig Uebereinstimmung der Gefühle zwischen Hutter und dem jungen Mann; aber die körperliche und Seelen-Pein, womit diese dringenden Worte gerufen wurden, machten für den Augenblick Wildtödter ganz die Fehler von jenem vergessen. Er sah nur den Vater in seiner Qual in ihm, und beschloß sofort, die Versicherung der Treue gegen seine Interessen zu geben, und sein Wort ehrlich zu halten. »Beruhigt Euer Herz, Meister Hutter!« rief er; »für die Mädchen soll Sorge getragen werden, so wie für das Castell. Der Feind hat die Küste in Besitz genommen. Das kann man nicht leugnen, aber nicht das Wasser. Die Vorsehung hat Alles in ihrer Obhut, und Niemand kann sagen, was das Ende seyn wird, aber wenn guter Wille Euch und den Eurigen dienen kann, so verlaßt Euch darauf. Meine Erfahrung ist klein, aber mein Wille ist gut.« »Ja, ja, Wildtödter,« rief Hurry zurück mit seiner Stentorstimme, die aber doch Etwas von ihrer Herzhaftigkeit verloren hatte.– »Ja, ja, Wildtödter, Ihr meint es gut in Allem, aber was könnt Ihr thun ? Ihr seyd nichts Besonderes in den besten Zeiten, und eine solche Person wird schwerlich ein Wunderthäter in den schlimmsten Zeiten! Für Einen Wilden an der Küste dieses See's sind hier ihrer vierzig, und das ist eine Armee, die zu überwältigen Ihr nicht der Mann seyd. Das Beste, nach meinem Urtheil, wird seyn, wenn Ihr Euch geraden Weges nach dem Castell aufmacht; nehmt die Mädchen mit einigen Nahrungsmitteln in das Canoe; dann fahret nach der Seite des See's, wo wir her kamen, und schlagt den nächsten Weg nach dem Mohawk ein. Diese Teufel werden in den nächsten paar Stunden nicht wissen, wo Euch aufsuchen, und wenn sie's auch wüßten, und Euch hitzig nachsetzten, müßten sie entweder oben oder unten um den See herum, Euch einzuholen. Das ist meine Ansicht in der Sache; und wenn der alte Tom da seinen letzten Willen und Testament zu Gunsten seiner Töchter zu machen Lust hat, so wird er dasselbe sagen.« »Es wird Nichts helfen, junger Mann,« begann Hutter. – »Der Feind hat in diesem Augenblick schon Späher ausgesandt, die nach Canoe's suchen, und man wird Euch sehen und einholen. Vertraut auf das Castell; und vor Allem, bleibt vom Lande weg. Haltet Euch eine Woche, so werden schon Truppen aus den Garnisonen die Wilden vertreiben.« »Es wird nicht vierundzwanzig Stunden anstehen, alter Gesell, bis diese Füchse auf Flößen aufs Wasser gehen, Euer Castell zu stürmen,« unterbrach ihn Hurry mit lebhafterer Streitlust, als man bei einem Manne hätte erwarten sollen, der gebunden und ein Gefangner war, und an dem man Nichts frei nennen konnte, als seine Meinung und seine Zunge. »Euer Rath klingt tüchtig, aber er wird ein übles Ende haben. Wäret Ihr oder wäre ich in dem Hause, so könnten wir wohl einige Tage uns halten; aber bedenkt, daß dieser Junge vor dieser Nacht noch nie einen Feind gesehen, und das hat, was Ihr selbst ein Ansiedler-Gewissen nennt; obwohl ich für meinen Theil glaube, daß die Gewissen in den Ansiedlungen so ziemlich dieselben sind, wie die hier in den Wäldern. Diese Wilden machen mir Zeichen, Wildtödter, Euch aufzufordern, daß Ihr mit dem Canoe landet; aber das werde ich nimmermehr thun, da es gegen Vernunft und Natur ist. Was den alten Tom und mich betrifft, ob sie uns heute Nacht skalpiren, uns für die Tortur am Feuer aufbewahren, oder uns nach Canada führen werden, das ist Mehr als irgend Jemand weiß, außer dem Teufel, der sie bei ihrem Thun leitet und berathet. Ich habe einen so großen und buschigten Kopf, daß es mir ganz wahrscheinlich ist, sie werden versuchen, zwei Skalpe daraus zu machen, denn der Preis ist eine verführerische Sache, sonst wären der alte Tom und ich nicht in dieser Klemme. Ja – da machen sie immer wieder ihre Zeichen, aber wenn ich Euch rathe, ans Land zu kommen, so mögen sie mich nicht nur rösten, sondern auch fressen. Nein, nein, Wildtödter, bleibt, wo Ihr seyd, und nach Tagesanbruch nähert Euch in keinem Fall über zweihundert Schritte. –« Dieser Ermahnung Hurry's ward plötzlich ein Ende gemacht durch einen derben Schlag einer Hand auf seinen Mund – ein zuverlässiger Beweis, daß Einer in der Truppe genug Englisch verstand, um endlich die Absicht seiner Rede zu merken. Unmittelbar darauf verlor sich die ganze Gruppe in dem Wald, und allem Anschein nach sträubten sich Hutter und Hurry nicht gegen ihre Abführung. Eben jedoch, als das Geräusch der knisternden Büsche aufhörte, vernahm man noch einmal die Stimme des Vaters: »Wie Ihr treu seyd gegen meine Kinder, so helfe Euch Gott, junger Mann!« dieß waren die Worte, welche Wildtödters Ohr erreichten; dann sah er sich ganz allein, und den Eingebungen seiner eignen Klugheit überlassen. Einige Minuten verstrichen in Todesstille, nachdem die Bande an der Küste in den Wäldern verschwunden war. Vermöge der über zwei hundert Schritte betragenden Entfernung, und der Dunkelheit hatte Wildtödter nur die Gruppe unterscheiden und ihren Rückzug bemerken können; aber selbst diese dämmernde Berührung mit menschlichen Gestalten gab der Scene eine Belebtheit, welche einen starken Kontrast mit der jetzt wieder eintretenden Einsamkeit bildete. Obwohl sich der junge Mann horchend vorbeugte, den Athem anhielt, und alle seine Kräfte in den Einen Sinn des Hörens zu koncentriren sich bestrebte, erreichte doch kein weiterer Laut sein Ohr, der die Nähe menschlicher Wesen verrathen hätte. Es schien, als ob ein nie unterbrochnes Schweigen wieder über der Gegend waltete; und einen Augenblick wäre selbst der durchdringende Schrei, welcher vor Kurzem die Stille des Waldes unterbrochen hatte, oder einer der Flüche March's, eine Erleichterung gewesen bei dem Gefühl von Verlassenheit, das sich dabei der Seele aufdrängte. Eine solche körperliche und geistige Lähmung konnte jedoch nicht lange währen bei einem Manne von Wildtödters leiblicher und geistiger Organisation. Sein Ruder ins Wasser senkend, wandte er das Canoe um, und fuhr langsam, wie Einer, der im Gehen denkt, dem Mittelpunkt des See's zu. Als er glaubte, einen Punkt erreicht zu haben in Einer Linie mit dem, wo er das letzte Canoe hatte hintreiben lassen, änderte er seine Richtung nördlich, und behielt den leichten Luftzug möglichst im Rücken. Nachdem er eine Viertelmeile in dieser Richtung gerudert, wurde ein dunkler Gegenstand auf dem See sichtbar, ein wenig rechts; und zu dem Behufe sich seitwärts haltend, hatte er bald seine verlorene Prise an seinem Boot befestigt. Jetzt untersuchte Wildtödter den Himmel, den Strich des Windes und die Stellung der beiden Canoe's. Da er Nichts fand, was ihn zur Aenderung seines Plans hätte veranlassen können, legte er sich nieder, und schickte sich an, einige Stunden Schlafs zu genießen, damit ihn der morgende Tag tüchtig zur Erfüllung seiner Obliegenheiten finde. Obwohl Abhärtung und Ermüdung gesunden Schlaf schaffen auch in der Nähe der Gefahr, dauerte es doch einige Zeit, bis Wildtödter seiner Erinnerungen los und ledig wurde. Sein Geist beschäftigte sich noch mit dem Vorgefallenen, und seine halbbewußten Geisteskräfte gestalteten immerfort die Ereignisse der Nacht zu einer Art von wachem Traum. Plötzlich war er aufgefahren und ganz munter, denn er hatte sich eingebildet, Hurry's verabredetes Signal zu hören, das ihn ans Ufer rief. Aber Alles war wieder still wie das Grab, die Canoe's trieben jetzt langsam nordwärts, die ernsten Sterne schimmerten in ihrer milden Glorie über seinem Haupt, und der waldumschlossene Wasserspiegel lag zwischen seinen Bergen gebettet, so friedlich und melancholisch, als ob ihn nie Stürme aufstörten, oder die Mittagssonne beglänzte. Noch einmal erhob die Lomme ihr zitterndes Geschrei, nahe am untern Ende des See's, und das Geheimniß des beunruhigenden Tones war erklärt. Wildtödter machte sich sein hartes Kissen zurecht, streckte sich auf dem Boden des Canoe's aus, und schlief. Siebentes Kapitel. Du Gegenbild der wilden Welt, die ich Bewohnt, o Leman! Deine Wasser schwellen In süßer Ruh: Zu lauschen mahnt sie mich Der Erde trübe Fluch für reinre Quellen, Lautlos entführt der Kahn mich auf dem hellen, Freundlichen See all meinem Leid! Wohl lang liebt ich ein tobend Meer; doch deine Wellen, Sie schmählen sanft, wie Schwesterstimmen Klang, Daß je so rauhe Lust so mächtig mich bezwang. Byron. Der Tag war so ziemlich angebrochen, als der junge Mann, den wir in der im letzten Kapitel geschilderten Lage verließen, die Augen wieder öffnete. Sobald dieß geschehen, sprang er auf und sah sich um mit der Lebhaftigkeit eines Mannes, der plötzlich fühlte, wie wichtig es für ihn sey, sich eine genaue Anschauung von seiner Stellung zu verschaffen. Sein Schlaf war tief und ungestört gewesen; und jetzt wachte er auf mit einer Klarheit des Geistes und einer Entschlossenheit und Energie, die er in diesem Augenblick gerade wohl brauchen konnte. Die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber das Gewölbe des Himmels prangte in jener herzerfreuenden sanften Röthe, die ›den Tag anführt und schließt‹, während die ganze Luft erfüllt war von dem Gejauchze der Vögel, den Hymnen des gefiederten Geschlechts. Diese Töne verkündeten Wildtödter zuerst die Gefahren, denen er ausgesetzt war. Die Luft, denn Wind konnte man es kaum nennen, war zwar noch gelind, aber sie war doch im Laufe der Nacht etwas stärker geworden, und da die Canoe's bloße Federn auf dem Wasser waren, waren sie doppelt so weit fortgetrieben worden, als man berechnet hatte; und was noch gefährlicher, sie hatten sich so sehr dem Fuß des Berges genähert, der hier steil von der östlichen Küste emporstieg, daß das Gejauchze und Schmettern der Vögel ganz deutlich gehört werden konnte. Und dieß war noch nicht das Schlimmste. Das dritte Canoe hatte dieselbe Richtung genommen und trieb langsam einem vorspringenden Punkt zu, wo es unvermeidlich anstoßen mußte, wenn es nicht durch einen entgegengesetzten Windstoß oder durch Menschenhände abgelenkt wurde. Sonst bot sich Nichts dar, was die Aufmerksamkeit anziehen oder Unruhe erwecken konnte. Das Castell stand auf seiner Untiefe, beinahe in gleicher Linie mit den Canoe's, welche im Verlauf der Nacht Meilen weit waren fortgetrieben worden, und die Arche war an dessen Pfeilern befestigt, gerade wie man beide vor vielen Stunden verlassen hatte. Natürlich richtete Wildtödter sein Augenmerk zuerst auf das vorangeschwommene Canoe. Es war dem Landvorsprung schon ganz nahe, und ein paar Ruderschläge schon überzeugten ihn, daß es denselben berühren müsse, ehe es ihm möglich wäre, dasselbe einzuholen. Gerade in diesem Augenblicke wehte auch, sehr ungelegen, der Wind frischer, und machte das Weitertreiben des leichten Fahrzeuges rascher und sichrer. Ueberzeugt von der Unmöglichkeit, die Berührung mit dem Lande zu hindern, entschloß sich der junge Mann klüglich, sich nicht durch unnöthige Anstrengungen zu erhitzen; sondern zuerst nach der Pfanne seines Gewehrs sehend, ruderte er dann langsam und vorsichtig auf den Vorsprung zu, und beschrieb absichtlich einen kleinen Bogen, um bei seiner Annäherung nur von Einer Seite her sich auszusetzen. Das treibende, von keiner solchen intelligenten Kraft gelenkte Canoe verfolgte seinen eignen Weg, und fuhr auf einem kleinen versunkenen Fels drei oder vier Schritte von der Küste auf. Gerade in diesem Augenblicke kam Wildtödter in gleiche Linie mit dem Vorsprung, und wandte den Bug seines eignen Bootes gegen das Land: zuerst machte er sein Tau los, damit seine Bewegungen nicht gehemmt würden. Das Canoe hing einen Augenblick an dem Felsen! dann erhob es sich ein Haarbreit bei einem kaum merklichen Anschwellen des Wassers, drehte sich herum, wurde flott und erreichte den Strand. Alles dieß bemerkte der junge Mann, aber es beschleunigte weder seinen Pulsschlag noch trieb es seine Hand zur Eile. Hätte Jemand verborgen gewartet auf die Ankunft des führerlosen Fahrzeugs, so mußte er gesehen werden, und die äußerste Vorsicht bei der Annäherung ans Ufer war unerläßlich; lag aber Niemand da auf der Lauer, so war Eile überflüssig. Da der Vorsprung dem indianischen Lager beinahe schräg gegenüber lag, hoffte er das Letztere, obgleich das Erste nicht nur möglich, sondern, auch wahrscheinlich war; denn die Wilden waren gar rasch in Ergreifung aller, ihrer eigenthümlichen Weise der Kriegführung angehörigen Maßregeln, und sehr wahrscheinlich waren viele Späher von ihnen auf den Beinen, um die Küste nach Fahrzeugen zu durchsuchen, die sie nach dem Castell bringen könnten. Da ein Blick auf den See von jeder Höhe und jedem Vorsprung aus die kleinsten Gegenstände auf seiner Fläche zeigte, war wenig Hoffnung, daß eines von den Canoe's ungesehen bleiben würde; und indianischer Scharfsinn brauchte keine Belehrung darüber, in welcher Linie ein Boot oder ein Baumstamm treiben müsse, wenn die Richtung des Windes einmal bekannt war. Je näher Wildtödter dem Lande kam, um so langsamer erfolgten die Schläge seiner Ruderschaufel, um so wachsamer sein Auge, und Ohr und Nase dehnten sich beinahe aus über dem angestrengten Bestreben, irgend eine lauernde Gefahr zu entdecken. Es war ein bedenklicher Augenblick für einen Neuling, auch fehlte die Aufmunterung, welche selbst Furchtsame manchmal finden in dem Bewußtseyn, beobachtet und beurtheilt zu werden. Er war ganz allein, ganz auf seine eigne Kraft und Eingebung angewiesen, von keinem Freundesauge angefeuert, von keinem ermuthigenden Zuruf angespornt. Trotz all diesen Umständen hätte doch der im Grenzmännerkrieg erfahrenste Veteran seine Sache nicht besser machen können. Gleich weit entfernt von Tollkühnheit und Aengstlichkeit bewerkstelligte er sein Vorrücken mit einer Art von philosophischer Klugheit, die ihn über alle andern Motive zu erheben schien, außer denjenigen, die zunächst die Ausführung seines Zweckes betrafen und förderten. Dieß war der Anfang einer Laufbahn des Waldheldenthums, die nachmals diesen Mann, in seiner Art, und innerhalb der Grenzen seiner Lebensart und seiner Thatensphäre so berühmt machte, wie manchen Helden, dessen Name die Blätter von Werken geschmückt hat, berühmter als solche einfache Erzählungen, wie diese je werden können. Etwa noch hundert Schritte weit vom Ufer entfernt, erhob sich Wildtödter im Canoe, führte drei oder vier kräftige Ruderschläge, welche hinreichten, die Barke vollends ans Land treiben zu machen, legte dann rasch das Schifferinstrument bei Seite, und ergriff das des Krieges. Eben war er im Begriff, seine Büchse aufzuheben, als auf einen starken Knall das Zischen einer Kugel folgte, welche so nahe an ihm vorbeiflog, daß er unwillkührlich zurückfuhr. Im nächsten Augenblick taumelte Wildtödter und fiel seiner ganzen Länge nach auf den Boden des Canoe's. Ein gellender Ruf – von einer einzelnen Stimme – folgte, und ein Indianer sprang aus dem Gebüsch auf den offenen Platz der Landspitze und dem Canoe zu. Das war der Augenblick, den der junge Mann gewünscht. Er erhob sich augenblicklich und legte seine Büchse auf seinen ungeschützten Feind an; aber sein Finger zögerte, abzudrücken auf einen Menschen, der in solchem Nachtheil ihm gegenüber stand. Dieser kleine Verzug wahrscheinlich rettete dem Indianer das Leben, der so rasch wieder in das Versteck zurück sprang als er herausgestürzt war. Inzwischen hatte sich Wildtödter rasch dem Lande genähert und sein eignes Canoe berührte den Vorsprung gerade in dem Augenblick, wo sein Feind verschwand. Da seine Bewegungen nicht gelenkt wurden, berührte es die Küste einige Schritte entfernt von dem andren Boot; und obgleich sein Feind erst seine Büchse zu laden hatte, hatte er doch keine Zeit, seiner Beute sich zu versichern und sie außer dem Bereich einer Gefahr wegzuführen, ohne sich noch einem Schuß auszusetzen. Unter solchen Umständen daher zögerte er nicht einen Augenblick, sondern stürzte sich in den Wald und suchte sich einen Schirm und Schild. Gleich auf dem Vorsprung war ein kleiner offner Platz, theils mit Graswuchs bedeckt, theils Uferplatz, aber ein dichter Saum von Gebüschen umzog seine obere Seite. Wenn man an diesem schmalen Streif zwerghafter Vegetation vorüber war, gelangte man sogleich in die hohen, düstern Gewölbe des Waldes. Das Land war einige hundert Fuß weit ziemlich eben und dann stieg es steil bergan. Die Bäume waren hoch, groß und so frei von Unterholz, daß sie gewaltigen unregelmäßig zerstreuten Säulen glichen, die eine Kuppel von Laub trugen. Obwohl sie ziemlich dicht an einander standen für ihr Alter und ihre Größe, konnte doch das Auge in ansehnliche Entfernungen vordringen, und selbst Schaaren von Männern hätten unter ihrem Schutz mit Einsicht und Einverständniß ein Gefecht liefern können. Wildtödter wußte, daß sein Gegner mit dem Laden beschäftigt seyn mußte, wenn er nicht geflohen war. Jenes war, wie sich zeigte, wirklich der Fall, denn kaum hatte sich der junge Mann hinter einen Baum gestellt, als er des Arms eines Indianers ansichtig ward, dessen Körper hinter einer Eiche sich versteckte, wie er eben die lederumwickelte Kugel in den Lauf stieß. Nichts wäre leichter gewesen, als vorspringen und die Sache entscheiden durch einen Angriff aus der Nähe auf seinen unvorbereiteten Feind; aber jedes Gefühl Wildtödters empörte sich gegen einen solchen Schritt, obgleich eben erst sein Leben durch einen ähnlichen Angriff aus gedecktem Hinterhalt bedroht gewesen war. Er war noch nicht geübt in den mitleidslosen Maßregeln der Kriegführung der Wilden, wovon er wenig wußte außer durch Ueberlieferung und Theorie, und es erschien ihm als ein unwürdiger Vortheil, einen unbewaffneten Feind anzugreifen. Seine Farbe war dunkler geworden, sein Auge sprühte grimmig, sein Mund war zusammengezogen und alle seine Kräfte gesammelt und gespannt; aber statt vorwärts zu gehen und zu feuern, ließ er seine Büchse sinken in der Art, wie ein Waidmann thut, der im Begriff ist, seinen Zielpunkt in's Auge zu fassen, und murmelte vor sich hin, selbst nicht wissend, daß er sprach: »Nein, nein – das mag Kriegführung der Rothhäute seyn, aber es ist gegen die Gaben eines Christen. Mag der Elende laden, und dann wollen wir es abmachen wie Männer; denn das Canoe darf er und soll er nicht haben. Nein, nein! Zeit soll er haben zum Laden, und Gott wird sich des Rechts annehmen!« Während dieser ganzen Zeit war der Indianer so mit sich und seinen Bewegungen beschäftigt, daß er nicht einmal wußte, daß sein Feind im Walde sich befand. Seine einzige Befürchtung war die, das Canoe möchte in Besitz genommen und weggeführt werden, ehe er gefaßt wäre, dieß zu verhindern. Er hatte instinctmäßig den Schutz des Baumes gesucht, befand sich aber nur wenige Schritte von dem Saum von Buschwerk entfernt, und konnte in einem Augenblick am Rande des Waldes seyn, bereit zu feuern. Der Abstand zwischen ihm und seinem Feind betrug etwa fünfzig Schritte und die Bäume waren von der Natur so geordnet, daß der Blick durch kein Hinderniß unterbrochen wurde, außer durch eben die Bäume, hinter welchen die beiden Feinde sich bargen. Sobald der Wilde seine Büchse geladen, sah er sich um, und schritt vor, unvorsichtig, in Betracht der wirklichen Stellung seines Feindes, aber verstohlen und behutsam in Bezug auf diejenige, worin er denselben fälschlich vermuthete, bis er ganz frei und unbeschützt dastand. Jetzt trat Wildtödter hinter seinem Versteck hervor und rief ihn an. »Hierher, Rothhaut; hierher, wenn Ihr mich sucht,« rief er ihm zu. »Ich bin jung im Krieg, aber nicht so jung, daß ich auf einen freien, offenen Uferplatz träte, um mich wie eine Eule niederschießen zu lassen am hellen Tage. Es hängt von Euch ab, ob Friede oder Krieg zwischen uns ist; denn meine Gaben sind weiße Gaben, und ich gehöre nicht zu denen, die es für eine Heldenthat halten, menschliche Sterbliche einzeln in den Wäldern zu erschlagen,« Der Wilde war nicht wenig betroffen bei dieser plötzlichen Entdeckung der Gefahr, worin er schwebte. Er verstand jedoch ein Wenig Englisch, und merkte, wohin ungefähr des Andern Rede zielte. Auch war er zu wohl geübt und geschult, um Schrecken zu verrathen, sondern er ließ den Kolben seiner Büchse auf den Boden sinken und machte, mit einem Wesen, das Zuversicht ausdrückte, eine Geberde stolzer Höflichkeit. Alles das geschah mit der Selbstbeherrschung und Sicherheit eines Mannes, der keinen Menschen als über sich stehend anzuerkennen gewohnt ist. Aber während er seine Rolle mit so vollendeter Kunst spielte, machte doch der in ihm tobende Vulkan seine Augen sprühen und seine Nüstern sich dehnen, wie bei einem wilden Thier, das plötzlich gehindert wird, den todbringenden Sprung auszuführen. »Zwei Canoe,« sagte er, in den tiefen Gutturaltönen seiner Race, die gleiche Zahl Finger emporhaltend, um Mißverständnisse zu verhüten; »eins für Euch, eins für mich.« »Nein, nein, Mingo, so geht es nicht. Euch gehört keins; und Ihr sollt auch keines haben, so lang ich es verhindern kann. Ich weiß, es ist Krieg zwischen Eurem Volk und dem meinigen, aber das ist kein Grund, warum menschliche Sterbliche einander umbringen sollten, wie wilde Creaturen, die sich in den Wäldern begegnen; geht denn Eures Wegs und laßt mich den meinigen gehen. Die Welt ist groß genug für uns Beide; und wenn wir uns in ehrlicher Schlacht begegnen, nun dann wird der Herr über unser Beider Schicksal verfügen!« »Gut!« rief der Indianer; »mein Bruder ein Missionär – großer Redner; Alles von Manitou.« »Nicht so, nicht so, Krieger. Ich bin nicht gut genug für die Mährischen Brüder, und zu gut für die meisten andern Vagabunden, die in den Wäldern herumpredigen. Nein, nein, ich bin nur ein Jäger, bis jetzt, obgleich es wohl möglich, ehe wieder Friede ist, daß ich Gelegenheit haben werde, einen Schlag gegen diesen und jenen von Euren Leuten zu führen. Doch wünsche ich, daß das in ehrlichem Gefecht geschehe, und nicht bei einem Hader um den Besitz eines elenden Canoe.« »Gut! – Mein Bruder sehr jung – aber sehr weise. Kleiner Krieger – großer Redner. Häuptling, manchmal im Rathe.« »Ich weiß das nicht, sage das auch nicht, Indianer,« versetzte Wildtödter, etwas erröthend bei dem schlechtverhehlten Sarkasmus in dem Benehmen des Andern, »ich sehe einem Leben in den Wäldern entgegen, und ich hoffe nur, es werde ein friedliches seyn. Alle jungen Männer müssen den Kriegspfad betreten, wenn sich dazu Gelegenheit bietet, aber Krieg ist nicht nothwendig Metzelei. Von dieser habe ich in der letzten Nacht genug gesehen, um zu wissen, daß die Vorsehung sie mit Mißfallen ansieht; und ich fordre Euch jetzt auf, Eurer Wege zu gehen, wie ich der meinigen gehen will, und hoffe, daß wir als Freunde scheiden.« »Gut! Mein Bruder hat zwei Skalpe – graues Haar unter dem andern. Alte Weisheit – junge Zunge.« Hier trat der Wilde zuversichtlich näher, die Hand ausstreckend, sein Angesicht lächelnd, und seine ganze Haltung zeigte Freundschaft und Achtung. Wildtödter nahm die dargebotene Freundschaft in geeigneter Art an, und sie schüttelten sich herzlich die Hände, Jeder bestrebt, den Andern von seiner Aufrichtigkeit und Friedensliebe zu überzeugen. »Jeder das Seinige haben!« sagte der Indianer; »mein Canoe mein; Euer Canoe Euer; geht zu sehen; wenn's Euer, behaltet's; wenn's mein, ich behalten.« »Das ist billig, Rothhaut; aber Ihr müßt im Irrthum seyn, wenn Ihr das Canoe für Euer Eigenthum haltet. Jedoch, sehen ist glauben, und wir wollen an den Strand hinunter gehen, wo Ihr mit eignen Augen schauen könnt; denn wahrscheinlich werdet Ihr Euch nicht entschließen, den meinigen nicht ganz zu vertrauen.« Der Indianer ließ seinen Lieblingsausruf: »Gut!« vernehmen, und dann schritten sie neben einander der Küste zu. In dem Benehmen Beider war kein Mißtrauen sichtbar; der Indianer ging voran, als wollte er seinem Begleiter zeigen, daß er sich nicht fürchte, ihn in seinem Rücken zu haben. Als sie den freien Platz erreichten, deutete Jener auf Wildtödters Boot und sagte mit Nachdruck: »Das nicht mein – Bleichgesichts Canoe; nicht rothen Mannes. Will nicht andrer Leute Canoe – will nur mein eignes.« »Ihr seyd im Irrthum, Rothhaut, Ihr seyd ganz im Irrthum. Dieß Canoe war in des alten Hutters Verwahrung und ist sein, nach allen Gesetzen und Rechten, rothen oder weißen, bis der Eigenthümer kommt, es zu fordern. Da sind die Sitze und die Fugung der Barke, die für sich selbst sprechen. Kein Mensch hat je gesehen, daß ein Indianer solche Arbeit gemacht.« »Gut. Mein Bruder wenig alt – dicke Weisheit. Indianer es nicht machen. Weißen Mannes Arbeit.« »Ich bin froh, daß Ihr so denkt, denn die Behauptung des Gegentheils hätte böses Blut zwischen uns gemacht; denn freilich hat Jeder das Recht, von dem Seinigen Besitz zu nehmen. Ich will nur gleich das Canoe hinausschieben aus dem Bereich des Streites, als der kürzeste Weg, Schwierigkeiten ins Reine zu bringen.« Unter diesen Worten setzte Wildtödter einen Fuß auf das Ende des leichten Bootes, gab ihm einen kräftigen Stoß, und trieb es damit hundert Fuß weit oder mehr in den See hinein, wo es in die rechte Richtung kommend, nothwendig an dem Landvorsprung vorbeischwimmen mußte, und nicht mehr in Gefahr kam, die Küste zu berühren. Der Wilde stutzte bei diesem entschiedenen und kurzangebundenen Verfahren, und sein Begleiter sah, daß er einen heftigen und trotzigen Blick auf sein eignes Canoe, oder dasjenige warf, das die Ruder enthielt. Die Veränderung in seiner Miene jedoch währte nur einen Augenblick, und dann nahm der Irokese wieder sein freundliches Wesen an, mit einem Lächeln der Zufriedenheit. »Gut!« wiederholte er mit stärkerem Nachdruck als je. »Junges Haupt – alter Verstand. Wißt, wie einen Hader abmachen. Lebt wohl, Bruder. Er nach Hause gehen zu Wasser – Bisamratten-Haus – Indianer ins Lager gehen; Häuptling sagen, kein Canoe gefunden.« Wildtödter war es nicht leid, diesen Vorschlag zu hören, denn es verlangte ihn sehr, zu den Mädchen zu kommen, und er nahm die dargebotene Hand des Indianers sehr willig an. Die Abschiedsworte waren freundschaftlich; und während der rothe Mann ruhig dem Walde zuschritt, mit der Büchse im hohlen Arm, ohne nur einmal unruhig und mißtrauisch sich umzusehen, wandte sich der Weiße zu dem zurückgebliebenen Canoe, sein Gewehr zwar in derselben friedlichen Weise tragend, aber sein Auge immer auf die Bewegungen des Andern geheftet. Dieß Mißtrauen jedoch schien ganz ungerechtfertigt, und als schäme er sich, es gehegt zu haben, wandte der junge Mann seine Blicke und schritt sorglos seinem Boote zu. Dann begann er das Canoe von der Küste weg zu stoßen, und machte seine übrigen Vorbereitungen zur Abfahrt. Er mochte etwa eine Minute so beschäftigt gewesen seyn, als, bei einer zufälligen Wendung seines Gesichts nach der Landseite hin, sein rasches und sichres Auge ihn auf einen Blick von der dringenden Gefahr belehrte, worin sein Leben schwebte. Das schwarze, trotzige Auge des Wilden blitzte durch eine kleine Oeffnung in den Büschen ihn an wie das eines zum Satz bereiten Tigers, und die Mündung seiner Büchse schien sich schon in einer Linie mit seinem Körper zu öffnen. Da leistete wirklich seine lange Uebung als Jäger dem Wildtödter gute Dienste. Gewohnt, auf das Wild im Satze zu feuern, und oft, wenn die genaue Stellung des Körpers des Thiers gewissermaaßen erst zu errathen war, benützte er hier eben diese Fertigkeit. Den Hahn spannen und seine Büchse anlegen war das Werk Eines Augenblicks und Einer Bewegung; dann beinahe blindlings zielend feuerte er in die Gebüsche, worin er eine menschliche Gestalt verborgen wußte, welcher das allein sichtbare, entsetzliche Gesicht angehörte. Es war keine Zeit, das Gewehr höher zu halten, oder mit mehr Ueberlegung zu zielen. So schnell waren seine Bewegungen, daß beide Gegner im gleichen Augenblick abfeuerten, und der Knall beider Gewehre in Eins sich vermischte. Die Berge warfen in der That nur Ein Echo zurück, Wildtödter ließ seine Büchse sinken, und stand mit aufgerichtetem Haupt, fest wie eine der Tannen in der Stille eines Juniusmorgens, das Ergebniß abwartend; während der Wilde den gellenden Schrei ausstieß, der wegen seines entsetzlichen Eindrucks historisch geworden ist, durch die Büsche sprang, und seinen Tomahawk schwingend, in Sätzen über den freien Platz daher kam. Noch immer rührte sich Wildtödter nicht, sondern stand da, seine entladene Büchse an seine Schulter gelehnt, während mit dem Instinkt des Jägers seine Hände mechanisch nach Pulverhorn und Ladstock griffen. Etwa vierzig Schritte von seinem Feinde entfernt, schleuderte der Wilde die gefährliche Waffe, aber mit so unsicherm Auge, mit so unsteter und schwacher Hand, daß der junge Mann sie an der Handhabe faßte, als sie an ihm vorbei flog. In diesem Augenblick taumelte der Indianer und fiel der Länge nach zu Boden. »Ich wußte es – ich wußte es!« rief Wildtödter, der sich schon anschickte, eine frische Kugel in seine Büchse zu zwängen, »ich wußte, es mußte dahin kommen, sobald ich die Augen der Creatur zur Zielscheibe hatte. Ein Mann visirt plötzlich und feuert rasch, wenn sein eignes Leben in Gefahr ist; ja, ich wußte, es würde dazu kommen. Ich war etwa den hundertsten Theil einer Sekunde zu rasch für ihn, sonst hätte es vielleicht mich getroffen! Die Kugel des Wurms hat mich gerade an der Seite gestreift – aber, man sage was man will, für oder wider sie, eine Rothhaut ist in keiner Weise so sicher mit Pulver und Kugel wie ein Weißer. Ihre Gaben scheinen nicht dahin zu liegen. Selbst Chingachgook, so groß er ist in andern Dingen, ist kein tödtlicher Treffer mit der Büchse.« Mittlerweile hatte er das Gewehr wieder geladen, und nachdem er den Tomahawk in das Canoe geworfen, trat er auf sein Opfer zu, und stand, auf seine Büchse gelehnt, in schwermüthiger Beobachtung vor ihm. Es war das erste Mal, daß er einen Menschen im Kampf hatte fallen sehen – das erste Wesen seiner eignen Gattung, gegen das er je feindselig seine Hand erhoben. Diese Empfindungen waren ihm neu; und bedauernde Reue, frisch, wie unsere bessern Gefühle es im Anfang sind, mischte sich in seinen Triumph. Der Indianer war nicht todt, obwohl gerade durch den Leib geschossen. Er lag regungslos auf dem Rücken, aber seine Augen, jetzt voll Bewußtseyn, bewachten jede Bewegung seines Siegers – wie der gefallene Vogel den Vogeljäger – eifersüchtig auf jeden seiner Schritte. Wahrscheinlich erwartete der Mann den tödtlichen Streich, welcher dem Verlust seines Skalps vorangehen sollte; oder vielleicht vermuthete er, daß diese letztere grausame Operation seinem Tode vorangehen werde: Wildtödter errieth seine Gedanken; und es war ihm eine schwermüthige Genugthuung, den hülflosen Wilden in Bezug auf diese Besorgniß beruhigen und trösten zu können. »Nein, nein, Rothhaut,« sagte er, »Ihr habt nichts mehr von mir zu fürchten. Ich bin von christlichem Stamme, und Skalpiren liegt nicht in meinen Gaben. Ich will mich nur Eurer Büchse versichern, und dann zurückkommen und Euch dienen, in was ich kann; obgleich ich mich hier nicht mehr lange aufhalten darf, da der Knall von drei Büchsen wohl einige von Euren Teufeln mir auf den Hals ziehen wird.« Die letzten Worte redete der junge Mann halb im Selbstgespräch, während er ging, die dem Wilden entfallene Büchse zu suchen. Diese fand sich da, wo ihr Eigenthümer sie weggeworfen, und ward sogleich in das Canoe gelegt. Seine eigne Büchse legte Wildtödter daneben hin, kehrte dann zurück und stellte sich wieder vor den Indianer hin. »Alle Feindschaft zwischen Euch und mir ist zu Ende, Rothhaut,« sagte er, »und Ihr könnt Euer Herz beruhigen wegen des Skalps oder irgend eines weitern Leides. Meine Gaben sind die eines Weißen, wie ich Euch schon gesagt habe, und ich hoffe, meine Handlungsart wird auch weiß seyn!« Wenn Blicke und Mienen Alles aussprächen, was sie bedeuten sollen, so hätte wahrscheinlich Wildtödters unschuldige Eitelkeit auf seine Farbe eine kleine Zurechtweisung im Gesicht des Wilden gelesen; aber er verstand nur die Dankbarkeit, die sich in den Augen des Sterbenden aussprach, ohne im Mindesten den bittern Hohn zu merken, der mit dem bessern Gefühle rang. »Wasser!« stammelte das unglückliche, durstige Geschöpf; »gebt armem Indianer Wasser!« »Ja, Wasser sollt Ihr haben, und wenn Ihr den See trocken trinkt. Ich will Euch nur hinuntertragen, damit Ihr Euren Durst recht löschen könnt, das ist so die Art, sagt man mir, bei allen Verwundeten – Wasser ist ihr größtes Labsal und Entzücken.« Mit diesen Worten hob Wildtödter den Indianer in seinen Armen auf und trug ihn an den See. Hier half er ihm zuerst zu einer Lage, worin er seinen brennenden Durst stillen konnte; darauf setzte er ihn auf einen Stein, nahm das Haupt des verwundeten Gegners in seinen Schooß und suchte ihn in seinen Schmerzen so gut er konnte zu trösten. »Es wäre sündhaft von mir, zu sagen, daß Eure Zeit nicht gekommen sey, Krieger,« begann er, und deßwegen will ich das nicht sagen. Ihr seyd schon über das mittlere Alter hinaus, und in Betracht des Lebens, das Ihr führt, habt Ihr das Maaß Eurer Tage so ziemlich erfüllt. Die Hauptsache ist jetzt, dem entgegenzusehen, was zunächst kommt. Weder Rothhaut noch Bleichgesicht rechnen im Ganzen genommen, darauf, immerfort zu schlafen, sondern Beide erwarten in einer andern Welt fortzuleben. Jeder hat seine Gaben, und wird darnach gerichtet werden, und ich hoffe, Ihr habt diese Dinge hinreichend überdacht, um keiner Predigten zu bedürfen, wenn es zum Spruch und Urtheil kommt. Ihr werdet Eure glücklichen Jagdreviere finden, wenn Ihr ein gerechter Indianer gewesen seyd; wenn aber ein ungerechter, erwarten Euch anderswo Eure Wüsten. Ich habe meine eignen Ideen über diese Sachen; aber Ihr seyd zu alt und zu erfahren, um von einem so Jungen, wie ich, Belehrungen zu bedürfen.« »Gut!« stammelte der Indianer, dessen Stimme ihre Tiefe behielt, als schon das Leben dahinschwand, »junges Haupt – alte Weisheit!« »Es ist manchmal ein Trost, wenn das Ende kommt, zu wissen, daß diejenigen, denen wir ein Leid gethan, oder zu thun gesucht, uns vergeben. Ich bilde mir ein, die Natur sucht diese Erleichterung, um einer Verzeihung auf Erden theilhaft zu werden; da wir nie wissen können, ob Er verzeiht, der Alles in Allem ist, bis das Gericht selbst kommt. Es ist tröstlich zu solcher Zeit zu wissen, daß Jemand verzeiht, und das, vermuthe ich, ist das Geheimniß. Nun, was mich betrifft, so übersehe ich ganz Eure Anschläge gegen mein Leben, erstlich weil kein Unheil daraus entsprang, sodann auch, weil Eure Gaben und Natur und Erziehung einmal so sind, und ich hätte Euch eben gar nicht trauen sollen; und endlich und hauptsächlich weil ich keinen bösen Willen hegen kann gegen einen Sterbenden, sey er ein Heide oder ein Christ. So beruhigt Euch denn in Eurem Herzen, was mich anlangt; Ihr müßt am besten wissen, was für andre Dinge Euch beunruhigen, oder was Euch zur Zufriedenheit gereichen würde in einem so wichtigen Augenblicke.« Vermutlich hatte der Indianer auch zum Theil jene erschütternden Ahnungen von dem unbekannten Zustand des Seyns, welche Gott in seiner Barmherzigkeit zu Zeiten dem ganzen menschlichen Geschlecht zu vergönnen scheint; aber nothwendig standen sie im Einklang mit seinen Lebensgewohnheiten und Vorurtheilen. Wie die Meisten seines Volkes, und nur zu Viele unter uns, dachte er mehr daran, in einer Weise zu sterben, wodurch er sich Lob und Beifall bei den Zurückbleibenden gewann, als sich ein besseres Daseyn in einer künftigen Welt zu sichern. Während Wildtödter redete, war sein Geist etwas verstört, obwohl er die gute Absicht merkte; und als er fertig war, flog durch seine Seele ein Bedauern darüber, daß keine Genossen seines Stammes anwesend waren, um Zeugen zu seyn von seinem Stoizismus bei den äußersten physischen Schmerzen, und von der Festigkeit, womit er sein Ende erwartete. Vermöge der hochsinnigen, angebornen Höflichkeit, die so oft den indianischen Krieger auszeichnet, ehe er durch zu großen Verkehr mit der schlechtesten Classe der Weißen verdorben wird, suchte er seine Dankbarkeit für die guten Absichten des Andern auszudrücken, und ihm zu verstehen zu geben, daß er sie zu schätzen wisse. »Gut!« wiederholte er, denn dieß Wort war bei den Wilden sehr gebräuchlich, – »gut, junges Haupt; auch junges Herz . Altes Herz zäh; keine Thränen vergießen. Indianer hören, wenn er stirbt, und nicht zu lügen braucht – wie sich nennt er?« »Wildtödter ist der Name, den ich jetzt trage; doch haben die Delawaren gesagt, ich würde, wenn ich von diesem Kriegspfade zurückkäme, einen mannhaftern Titel bekommen, vorausgesetzt, daß ich einen erwürbe.« »Das guter Name für Knaben – armer Name für Krieger, Wird bald ein besserer werden. Keine Furcht hier ,« – der Wilde besaß in seiner lebhaften Aufregung noch Kraft genug, eine Hand zu erheben, und die Brust des jungen Mannes zu betasten – »Auge sicher, Finger ein Blick, – Ziel, Tod – großer Krieger bald. Kein Wildtödter – Falkenauge – Falkenauge – Falkenauge. Hände schütteln.« Wildtödter – oder Falkenauge, wie der Jüngling jetzt zum erstenmal genannt wurde, denn in spätern Jahren trug er diesen Namen in der ganzen Gegend – Wildtödter ergriff die Hand des Wilden, der in dieser Lage seinen letzten Athemzug that, und starrte mit Bewunderung das Gesicht eines Unbekannten an, der in so schweren und neuen Verhältnissen so viel Entschlossenheit, Gewandtheit und Festigkeit gezeigt hatte. Wenn der Leser sich erinnert, daß es die höchste Genugthuung für einen Indianer ist, zu sehen, wie sein Feind Schwäche verräth, wird er noch richtiger die Handlungsweise würdigen, welche in einem solchen Augenblick ein solches Zugeständniß errungen hatte. »Sein Geist ist entflohen!« sagte Wildtödter mit gedämpfter, melancholischer Stimme. »Ach, mir ist's leid! Nun, dahin müssen wir Alle kommen, früher oder später; und der Glücklichste ist der, sey seine Haut von welcher Farbe sie wolle, der am bereitesten ist, diesen Weg zu gehen. Da liegt der Leichnam von einem ohne Zweifel tapfern Krieger, und die Seele fliegt schon ihrem Himmel oder ihrer Hölle zu, sey dieß nun ein glückliches Jagdrevier, oder eine Gegend ohne Wild; Gefilde der Herrlichkeit, nach der Mährischen Brüder Lehre, oder Feuerflammen! So trifft es sich auch oft in andern Dingen nach Zufall und wunderlich. Da haben der alte Hutter und Hurry sich in große Nöthen hineingerannt, wo nicht gar in Martern und Tod, und Alles einem Preise zu lieb, den mir das gute Glück darbietet in rechtmäßiger und anständiger Weise – wie es Viele bedünken würde. Aber nicht ein Pfennig von solchem Geld soll durch meine Hand gehen. Weiß bin ich geboren und weiß will ich sterben; an meiner Farbe festhalten, bis ans Ende, wenn auch des Königs Majestät, seine Gouverneurs und alle seine Räthe, im Mutterland und in den Colonien vergessen, woher sie stammen, und wohin sie zu kommen hoffen, und Alles einem kleinen Vortheil im Kriege zulieb. Nein, nein, Krieger! – meine Hand soll nie deinen Skalp gefährden, und so möge deine Seele im Frieden ruhen, was den Punkt betrifft, ob sie auch in geziemender Erscheinung sich darstellen kann, wenn der Körper wieder mit ihr sich vereinigt, in Eurem Lande der Geister!« Nach diesen Worten stand Wildtödter sogleich auf. Dann brachte er den Leichnam des Todten in eine sitzende Stellung mit dem Rücken gegen den kleinen Fels, und traf mit aller Sorgfalt Vorkehrungen, daß er nicht falle, oder irgend in eine Lage gerathe, welche nach den sehr empfindlichen, obwohl rohen Begriffen eines Wilden unziemlich erscheinen könnte. Nach Erfüllung dieser Pflicht stand der junge Mann da, in einer Art schwermüthiger Zerstreutheit das grimmige Antlitz seines gefallenen Feindes betrachtend. Aber wie es seine Gewohnheit war – eine Gewohnheit, die er dadurch angenommen, daß er so viel allein in den Wäldern lebte, begann er jetzt wieder seine Gedanken und Empfindungen laut zu äußern. »Ich wollte Dein Leben nicht haben, Rothhaut,« sagte er, »aber Du ließest mir keine Wahl als tödten oder mich tödten lassen. Jeder Theil handelte nach seinen Gaben, denk' ich, und Tadel kann Keinen treffen. Du warest verrätherisch, nach Deiner Natur im Kriege, und ich war ein wenig zu nachsichtig, da ich Andern zu leicht traue. Nun, das war mein erster Kampf mit einem menschlichen Sterblichen, obgleich es wohl nicht mein letzter gewesen seyn wird. Ich habe mit den meisten Creaturen des Waldes gekämpft, als da sind Wölfe, Bären, Unzen und Panther, aber das ist der Anfang mit den Rothhäuten. Wäre ich nun ein geborner Indianer, so könnte ich davon erzählen, oder den Skalp mitbringen, und mich der That rühmen vor dem ganzen Stamme; und wenn nun mein Feind auch nur ein Bär gewesen, so wäre es natürlich und passend, Jedermann das Vorgefallene wissen zu lassen; aber ich sehe nicht ab, wie ich auch nur Chingachgook dieß Geheimniß mittheilen soll, so lange dieß nur dadurch möglich ist, daß ich mit einer weißen Zunge davon prahle. Und warum sollte ich eigentlich auch damit zu prahlen wünschen? Es ist eben Tödtung eines Menschen, obgleich er ein Wilder war, und wie weiß ich, ob es ein gerechter Indianer gewesen, und ob er nicht ganz wo anders hin entrückt worden ist, als in glückliche Jagdreviere? Wenn es ungewiß bleibt, ob etwas Gutes oder Schlimmes ausgeführt worden, ist das Klügste, sich nicht zu rühmen – und doch wäre es mir lieb, Chingachgook wissen zu lassen, daß ich den Delawaren und meiner Erziehung keine Unehre gemacht habe!« Dieß ward zum Theil laut gesprochen, zum Theil von dem Redenden nur zwischen den Zähnen gemurmelt: jenes war der Fall bei seinen zuversichtlicheren Gedanken, dieß dagegen bei seinen Zweifeln und Bedenklichkeiten. Sein Selbstgespräch jedoch und seine Betrachtungen erlitten eine gewaltsame Störung durch das plötzliche Erscheinen eines zweiten Indianers an der Küste, wenige hundert Schritte von der Landspitze. Dieser Mann, unverkennbar ein zweiter Späher, der wahrscheinlich durch den Knall der Büchsen an diesen Ort gelockt worden war, trat mit so wenig Vorsicht aus dem Walde hervor, daß Wildtödter seiner früher ansichtig, als selbst von Jenem bemerkt wurde. Als auch dieß letztere, und zwar gleich im nächsten Augenblick geschah, stieß der Wilde einen lauten, gellenden Schrei aus, den ein Dutzend Stimmen von verschiednen Seiten des Berges erwiederten. Jetzt war nicht länger zu zaudern, und nach einer Minute schon verließ das Boot die Küste unter langen und stetigen Ruderschlägen. Sobald Wildtödter sich durch eine hinlängliche Entfernung gesichert glaubte, ließ er in seinem angestrengten Arbeiten nach, und die kleine Barke für sich forttreiben, während er sich gemächlich den Stand der Dinge betrachtete. Das zuerst dem Spiel der Wellen anvertraute Canoe schwamm, von dem leichten Wind getrieben, wohl eine Viertelmeile vor ihm her, und dem Ufer etwas näher, als ihm jetzt lieb war, da er wußte, daß noch mehr Wilde in der Nahe waren. Das von dem Landvorsprung abgestoßene Canoe war nur einige Schritte von ihm entfernt, da er, vom Land abstoßend, sein Boot gerade darauf zugelenkt hatte. Der todte Indianer lag in finstrer Ruhe da, wo er ihn gelassen, der Krieger, der sich vor dem Walde gezeigt, war bereits verschwunden, und die Wälder selbst waren so still und dem Anschein nach so verödet, wie an dem Tag, da sie frisch aus der Hand ihres großen Schöpfers kamen. Diese tiefe Stille jedoch währte nur einen Augenblick. Nachdem die Späher des Feinds sich Zeit genommen, ihre Rekognoscirung vorzunehmen, brachen sie aus dem Dickicht hervor auf die nackte Landspitze, und erfüllten bei Entdeckung des Todes ihres Genossen die Luft mit ihrem Wuthgeschrei. Auf dieß Geschrei folgte sogleich ein Freudengejauchze, als sie den Leichnam erreichten und sich darum her schaarten. Wildtödter war bekannt genug mit den Gebräuchen der Eingebornen, um den Grund dieses Uebergangs zu errathen. Der gellende Schrei war die übliche Klage beim Verlust eines Kriegers, das jauchzende Gebrülle ein Zeichen der Freude, daß der Sieger nicht im Stande gewesen, sich in den Besitz des Skalpes zu setzen – der Trophäe, ohne die ein Sieg nie als vollständig betrachtet wurde. Die Entfernung der Canoe's vom Ufer verhinderte wahrscheinlich jeden Versuch, dem Sieger etwas anzuhaben, da der amerikanische Indianer, wie der Panther seiner Wälder, selten einen Angriff gegen seinen Feind versucht, wenn nicht die Umstände so sind, daß er mit ziemlicher Sicherheit auf die Wirksamkeit desselben rechnen kann. Da der junge Mann keine Veranlassung hatte, noch länger in der Nähe des Landvorsprungs zu verweilen, machte er Anstalt, seine Canoe's zu sammeln, um sie dann am Tau nach dem Castell zu schleppen. Das nächste war bald am Tau, worauf er weiter ruderte, das andre einzuholen, das diese ganze Zeit her den See aufwärts trieb. Sobald Wildtödters Auge auf dieß Boot sich heftete, fiel ihm sogleich auf, daß es der Küste näher sey, als es hätte seyn müssen, wenn es blos der Richtung des leichten Luftzuges folgte. Er begann die Wirkung einer unsichtbaren Strömung im Wasser zu vermuthen, und er verdoppelte seine Anstrengungen, um in den Besitz desselben zu kommen, ehe es sich den Wäldern auf einen gefahrdrohenden Abstand nähere. Als er näher herankam, glaubte er eine auffallendere Bewegung des Canoe's durch das Wasser zu bemerken, die es, da es nach seiner Breite dem Winde ausgesetzt war, dem Lande zutrieb. Einige tüchtige Ruderschläge brachten ihn noch näher, wo sich ihm denn das Geheimniß löste. Sichtlich war etwas in Bewegung auf der von ihm abgekehrten und fernsten Seite des Canoe's, und schärfere Beobachtung zeigte, daß es ein nackter menschlicher Arm sey. Ein Indianer lag auf dem Boden des Canoe's, und trieb es langsam aber sicher, seine Hand als Ruder brauchend, der Küste zu. Wildtödter verstand auf Einen Blick die ganze List. Ein Wilder war nach dem Boote geschwommen, während er mit dem Feind auf der Landspitze beschäftigt gewesen, hatte davon Besitz genommen, und suchte es auf obengenannte Weise an das Land zu fördern. Ueberzeugt, daß der Mann in dem Canoe keine Waffen haben könne, bedachte sich Wildtödter nicht, dicht an das sich zurückziehende Boot hinanzufahren und anzulegen, ohne daß er für nöthig erachtete, seine Büchse aufzuheben. Sobald das Rauschen des Wassers, das sein Boot im Herannahen verursachte, dem am Boden liegenden Wilden vernehmbar wurde, sprang er auf und stieß einen Schrei aus, welcher bewies, wie vollständig er überrascht worden war. »Wenn Ihr Euch genug an diesem Canoe erlustigt habt, Rothhaut, bemerkte Wildtödter ganz kalt, indem er sein Boot noch frühe genug anhielt, um ein förmliches Zusammenstoßen der beiden Fahrzeuge zu verhüten, »wenn Ihr Euch genug in diesem Canoe erlustigt habt, werdet Ihr klug daran thun, Euch wieder in den See zu begeben. Ich bin vernünftig und billig in diesen Dingen und dürste nicht nach Eurem Blut, obgleich es Leute hier herum gibt, die Euch mehr wie einen Schein zu Erhebung des Preisgelds, denn wie einen menschlichen Sterblichen betrachten würden. Macht Euch in den See, im Augenblick, eh' es zu hitzigen Worten kommt.« Der Wilde war Einer von denen, die nicht ein Wort Englisch verstanden, und er verdankte den Geberden Wildtödters und dem Ausdruck eines selten täuschenden Auges das freilich unvollkommne Verständniß seiner Meinung. Vielleicht auch der Anblick der Büchse, die dem weißen Manne so nahe zur Hand lag, beschleunigte seinen Entschluß. Jedenfalls duckte er sich zusammen, wie ein Tiger, der seinen Satz machen will, stieß einen gellenden Schrei aus und im nächsten Augenblick war sein nackter Körper im Wasser verschwunden. Als er auftauchte, Athem zu schöpfen, befand er sich in einer Entfernung von mehreren Schritten von dem Canoe, und der hastige Blick, den er rückwärts warf, verrieth, wie sehr er die Ankunft eines unheilvollen Boten aus der Büchse seines Feindes fürchtete. Der junge Mann aber gab durch kein Zeichen eine feindselige Absicht zu erkennen. Mit gutem Bedacht befestigte er das Canoe an dem andern, und fing dann an, von der Küste wegzurudern; und bis der Indianer das Land erreichte und sich wie ein Pudel schüttelte, als er das Wasser verließ, war sein gefürchteter Feind schon außer Schußweite auf seinem Weg dem Castell zu. Nach seiner Lieblingsgewohnheit ermangelte Wildtödter nicht, auch über diesen Vorfall in einem Selbstgespräch sich zu äußern, während er stetig dem Orte seiner Bestimmung zuruderte. »Gut, gut,« begann er, »es wäre Unrecht gewesen, einen menschlichen Sterblichen zwecklos zu tödten. Skalpe gelten mir Nichts, und das Leben ist süß und soll Keinem erbarmungslos geraubt werden von Solchen, die weiße Gaben haben. Der Wilde war zwar ein Mingo; und ich zweifle nicht, er ist und wird seyn, so lange er lebt, ein rechtes Gewürm und ein Vagabund; aber das ist kein Grund, warum ich meine Gaben und Farbe vergessen sollte. Nein, nein, lass' ihn gehen; wenn wir uns je wieder treffen, die Büchse in der Hand, nun dann wird man sehen, Wer das muthigste Herz und das rascheste Auge hat. – Falkenauge! das ist kein übler Name für einen Krieger, und klingt viel mannhafter und tapferer als Wildtödter! Es wäre kein übler Titel für den Anfang, und ist ehrlich verdient worden! Wenn es Chingachgook begegnet wäre, so könnte der jetzt hingehen und sich seiner Thaten rühmen, und die Häuptlinge würden ihn in der Minute Falkenauge nennen; aber weißem Blut ziemt es nicht zu prahlen, und es ist nicht leicht abzusehen, wie die Sache wird bekannt werden, wenn nicht durch mich. Nun gut; alle Dinge sind in den Händen der Vorsehung: diese Sache so gut wie andre; auf sie will ich vertrauen, daß mir nach meinem Verdienste zu Theil wird.« Nachdem der junge Mann so verrathen, was man seine schwache Seite nennen könnte, fuhr er schweigend in seinem Rudern fort, und fuhr rüstig und so schnell ihm nur seine Taue erlaubten, dem Castell zu. Mittlerweile war die Sonne nicht nur aufgegangen, sondern sie stand auch schon über den östlichen Bergen, und goß eine Fluth prächtigen Lichts auf den bis jetzt noch ungetrübten Wasserspiegel. Die ganze Scene strahlte von Schönheit; und Niemand, der mit der gewöhnlichen Geschichte der Wälder nicht bekannt gewesen, hätte geahnt, daß sie vor so kurzer Zeit erst Zeugin von so wildem und barbarischem Beginnen gewesen. Als Wildtödter sich dem Bau des alten Hutter näherte, dachte, oder vielmehr fühlte er, daß dessen äußere Erscheinung in eigenthümlichem Einklang mit der ganzen übrigen Scene stehe. Obgleich an Nichts als an Stärke und Sicherheit gedacht worden war, trugen doch die rohen, massiven Baumstämme, mit ihrer rauhen Rinde bedeckt, das vorspringende Dach, und die ganze Form dazu bei, das Gebäude zu einem, beinahe unter allen Verhältnissen malerischen zu machen, während seine wirkliche Lage dem sonstigen Anziehenden noch den Reiz des Neuen und Seltsamen hinzufügte. Als jedoch Wildtödter dem Castell näher kam, drängten sich seiner Seele ernste Gedanken auf, die auf einmal alle Schönheiten, welche die Scenerie des See's und die Lage dieses eigenthümlichen Gebäudes auszeichneten, ganz verdrängten und schwinden machten. Judith und Hetty standen auf der Plattform vor der Thüre, Hutters Thorhof, mit sichtbarer Aengstlichkeit seine Ankunft erwartend; die Erstere von Zeit zu Zeit seine Person und die Canoe's durch das schon erwähnte alte Schiffsfernglas beobachtend. Nie erschien wohl dieß Mädchen in einem höhern Glanze der Schönheit als eben jetzt; die Nöthe der Unruhe und des gespannten Interesse erhöhte ihre Gesichtsfarbe zu den herrlichsten Tinten, während die Sanftheit ihrer Augen, ein Reiz, den selbst die arme Hetty mit ihr theilte, durch die Ergriffenheit ihrer Empfindung noch einen tiefern Ausdruck erhielt. So war wenigstens die Meinung des jungen Mannes, der jedoch nicht innehielt, nicht sich einfallen ließ, die Motive zu analysiren, oder irgend welche spitzfindige Unterscheidungen zwischen Ursache und Wirkung zu machen, als er mit seinen Canoe's die Arche erreichte, an deren Seite er alle drei sorgfältig befestigte, ehe er den Fuß auf die Plattform setzte. Achtes Kapitel. Sein Wort ist Bürgschaft und sein Eid Orakel; Treu seine Liebe, mackellos sein Denken; Des Herzens reine Boten seine Thränen; Sein Herz so fern von Trug wie Himmel von Hölle. Shakspeare. Keines der Mädchen sprach, als Wildtödter allein vor ihnen stand, und sein Gesicht all die Besorgnisse verrieth, die er wegen des Schicksals der zwei abwesenden Glieder ihrer Gesellschaft empfand. »Vater!« rief endlich Judith, der durch eine verzweiflungsvolle Anstrengung das Vorbringen dieses Einen Wortes zu gelingen schien. »Es ist ihm ein Unfall zugestoßen, und es wäre nutzlos, es verhehlen zu wollen,« antwortete Wildtödter in seiner geraden und einfachen Art. »Er und Hurry sind in den Händen der Mingos und nur der Himmel weiß, was der Ausgang seyn wird. Ich habe die Canoe's in Sicherheit gebracht, und das ist ein Trost, weil die Vagabunden jetzt schwimmen oder Flöße bauen müssen, um sich diesem Haus zu nähern. Bis Sonnenuntergang werden wir durch Chingachgook verstärkt werden, wenn es mir gelingt, ihn in ein Canoe zu schaffen; und dann, denk' ich, können wir Zwei für die Arche und das Castell stehen, bis einige von den Officieren in den Garnisonen von diesem Kriegszug hören, was früher oder später der Fall seyn muß, wo wir dann auf Hülfe von dieser Seite, wenn nicht von einer andren – rechnen dürfen.« »Die Officiere!« rief Judith ungeduldig, und ihre Farbe ward röther, und ihr Auge drückte eine lebhaftere, aber vorübergehende innere Bewegung aus. »Wer denkt jetzt an die herzlosen galanten Herrn, Wer spricht von ihnen?« – Wir sind allein genügend, das Castell zu vertheidigen; – aber was ist's mit meinem Vater und mit dem armen Hurry Harry?« »Es ist natürlich, daß Ihr solche Sorge empfindet für Euern Vater, Judith, und ich denke, Ihr solltet eben so gesinnt seyn in Betreff Hurry Harry's.« Jetzt begann Wildtödter eine gedrängte aber klare Erzählung alles dessen, was während der Nacht sich begeben hatte; keineswegs die Unfälle seiner beiden Begleiter verhehlend, noch auch seine eigne Meinung, was die Folgen seyn könnten. Die Mädchen hörten mit tiefer Aufmerksamkeit zu; aber keine verrieth jene weibliche Aengstlichkeit und Bestürzung, welche bei einer derartigen Mittheilung unausbleiblich sich geäußert hätte bei Solchen, die weniger an die Wechselfälle und Mißgeschicke eines Grenzerlebens gewohnt gewesen wären. Zum Erstaunen Wildtödters schien Judith die mehr Niedergeschlagene; Hetty horchte aufmerksam zu, schien aber über die vernommenen Thatsachen mehr in melancholischem Schweigen zu brüten, als daß sie ihre Gefühle äußerlich verrathen hätte. Die Unruhe der Erstern ermangelte der junge Mann nicht, ihrem Interesse für Hurry ebenso sehr, als ihrer kindlichen Liebe zuzuschreiben, während er sich Hetty's anscheinende Gleichgültigkeit aus der geistigen Finsterniß erklärte, welche gewissermaßen ihren Verstand verdunkelte und sie vielleicht nicht alle Folgen voraussehen ließ. Beide jedoch sprachen Wenig; Judith und ihre Schwester machten sich mit den Vorbereitungen zur Morgenmahlzeit zu schaffen, wie denn Leute, die regelmäßig mit solchen Dingen sich zu beschäftigen haben, selbst mitten unter Leiden und Kummer mechanisch darin fortarbeiten. Das einfache aber nahrhafte Frühstück ward von allen Dreien in düsterm Schweigen eingenommen. Die Mädchen aßen Wenig, Wildtödter aber bewies, daß er Eine wesentliche Eigenschaft eines guten Soldaten besaß, die, daß er unter den beunruhigendsten und peinlichsten Umständen seinen guten Appetit behielt. Das Mahl ging beinahe zu Ende, ehe nur eine Sylbe gesprochen wurde; dann aber fing Judith an zu sprechen in jener hastigen und krampfhaften Weise; in welcher das Gefühl, den Zwang überwindend, ausbricht, nachdem dieser noch schmerzlicher und peinlicher geworden ist, als selbst die Aeußerung der innern Bewegung. »Dem Vater würde dieser Fisch gemundet haben!« rief sie aus; »er sagt, der Salm der Seen sey beinahe so gut, wie der des Meeres.« »Euer Vater ist mit dem Meer bekannt gewesen, so höre ich, Judith,« versetzte der junge Mann, der sich nicht enthalten konnte, einen forschenden Blick auf das Mädchen zu werfen; denn wie Alle, die Huttern kennen lernten, empfand er einige Neugier, seine frühere Geschichte zu erfahren. »Hurry Harry sagt mir, er sey einmal Matrose gewesen.« Judith schien zuerst in einige Verlegenheit zu gerathen; dann unter dem Einfluß von Gefühlen, die ihr in mehr als Einer Hinsicht neu waren, wurde sie plötzlich mittheilsam und nahm, wie es schien, lebhaften Antheil an dem Gegenstand des Gesprächs. »Wenn Hurry Etwas von Vaters Geschichte weiß, so wollte ich, er hätte es mir erzählt!« rief sie aus. »Manchmal glaube auch ich, er sey einmal Matrose gewesen und manchmal auch wieder nicht. Wenn dieser Schrank offen wäre, oder wenn er sprechen könnte, könnte er uns in seine ganze Geschichte einweihen. Aber seine Schlösser und Riegel sind zu stark, um aufgebrochen zu werden wie Packschnüre.« Wildtödter wandte sich zu dem fraglichen Schranke und besichtigte ihn zum erstenmal genau. Obgleich er entfärbt war, und Spuren von häufiger übler Handhabung an sich trug, war er doch, wie er jetzt sah, von weit besserem Stoff und vorzüglicherer Arbeit, als alles Aehnliche, was er früher gesehen. Das Holz war dunkel, edel und war einmal trefflich polirt gewesen, obgleich die Behandlung, die er mußte erfahren haben, wenig Glanz mehr übrig gelassen, und verschiedne Schrammen und Rißen die herben Collisionen verriethen, in welche er mit noch härtern Gegenständen gerathen war. Die Ecken waren stark mit Stahl beschlagen, sorgfältig und reich gearbeitet, während die Schlösser, deren er nicht weniger als drei hatte, und die Bänder von einer Arbeit und Façon waren, welche selbst in einem Magazin von ausgezeichneten Meubles Aufmerksamkeit erregt haben würde. Der Schrank war auch groß; und als Wildtödter aufstand, und ihn von der einen Seite an seiner massiven Handhabe aufzuheben versuchte, fand er, daß die Schwere vollkommen der äußern Erscheinung entsprach. »Habt Ihr je diesen Schrank geöffnet gesehen, Judith,« fragte der junge Mann mit der Freimüthigkeit des Grenzers, denn von Zartgefühl in solchen Dingen wußten die Leute auf der äußersten Grenzmarke der Civilisation in jenen Tagen Wenig, wie vielleicht auch jetzt noch. »Nie. Vater hat ihn nie in meiner Gegenwart geöffnet, wenn er ihn überhaupt je öffnet. Kein Mensch hier hat je seinen Deckel gehoben gesehen, wenn nicht Vater, auch weiß ich von ihm nicht einmal, ob er ihn so gesehen.« »Da irrst du dich, Judith,« versetzte Hetty ruhig, »Vater hat den Deckel aufgemacht, und ich habe es mit angesehen.« Ein Gefühl männlichen Stolzes hielt Wildtödters Mund geschlossen; denn während er sich nicht bedacht hätte, in seinen Fragen an die ältere Schwester weit über die Grenzen der Schicklichkeit, nach unsern Begriffen, hinauszugehen, empfand er doch gerechte Bedenklichkeiten, den vielleicht nicht ganz ehrenhaften Vortheil zu benützen, welchen der schwache Verstand der jüngern ihm darbot. Judith indessen, die keine solche Rücksichten zu nehmen hatte, wandte sich rasch zu ihrer Schwester und verfolgte das Gespräch: »Wann und wo hast du den Schrank offen gesehen, Hetty?« »Hier – und zu wiederholten Malen; Vater öffnet ihn oft, wenn du weg bist, beachtet es aber gar nicht, wenn ich da bin, und Alles, was er thut, sehe, und Alles höre, was er sagt.« »Und was thut er, und was sagt er?« »Das kann ich dir nicht sagen, Judith,« »ersetzte die Andere mit leiser aber entschlossener Stimme, »Vaters Geheimnisse sind nicht meine Geheimnisse.« »Geheimnisse! das ist noch seltsamer, Wildtödter, daß Vater sie Hetty sagen sollte, und mir nicht!« »Dazu hat er guten Grund, Judith, obgleich du diesen nicht erfahren sollst. Vater ist nicht hier, um selbst zu antworten, und ich werde nicht Mehr davon sagen.« Judith und Wildtödter waren überrascht, und etwa eine Minute lang schien die Erstere gekränkt und traurig. Plötzlich jedoch sich wieder fassend, wandte sie sich von ihrer Schwester weg, als fühlte sie Mitleid mit ihrer Schwäche, und sagte, zu dem jungen Mann sich wendend: »Ihr habt mir Eure Geschichte erst halb erzählt, und da abgebrochen, wo Ihr in dem Canoe zu schlafen anfingt – oder vielmehr, wo Ihr aufstandet, um auf das Schreien des Wasservogels zu lauschen. Auch wir haben das Geschrei der Wasserhühner gehört, und gedacht, es möge wohl einen Sturm bedeuten, obgleich wir auf diesem See und zu dieser Jahrszeit wenig Gewitter zu haben pflegen.« »Die Winde blasen und die Stürme heulen, wie es Gott gefällt, bald zu dieser, bald zu jener Jahrszeit,« versetzte Wildtödter, »und die Wasservögel lassen sich hören nach ihrer Natur. Besser wäre es, wenn die Menschen ebenso ehrlich und offen wären. Nachdem ich aufgestanden, um den Vögeln zu lauschen, und merkte, daß es nicht Hurry's Signal seyn könne, legte ich mich nieder und schlief. Als der Tag anbrach, war ich auf und munter, wie gewöhnlich, und dann eilte ich den beiden Canoe's nach, damit nicht die Mingo's sich ihrer bemächtigten.« »Ihr habt uns nicht Alles erzählt, Wildtödter,« sagte Judith ernst. »Wir haben Büchsen knallen gehört unter dem östlichen Berge; die Echo's waren voll und lang, und folgten so bald auf den Knall, daß die Gewehre auf der Küste, oder ganz nahe dabei müssen abgefeuert worden seyn. Unser Ohr ist an diese Zeichen gewohnt und läßt sich nicht täuschen.« »Es hat seine Pflicht gethan, Mädchen, dießmal; ja, es hat seine Pflicht gethan. – Es sind diesen Morgen Büchsen angelegt worden, ja, und auch abgedrückt, obwohl nicht so oft, als hätte geschehen können. Ein Krieger ist nach seinen glücklichen Jagdrevieren gegangen, und das ist das Ganze. Von einem Mann von weißem Blut und weißen Gaben ist nicht zu erwarten, daß er sich seiner Thaten rühme und mit Skalpen prange.« Judith hörte beinahe athemlos zu; und als Wildtödter in seiner ruhigen, bescheidenen Weise geneigt schien, den Gegenstand zu verlassen, stand sie auf, schritt durch das Gemach, und setzte sich neben ihn. Das Benehmen des Mädchens hatte nichts Zudringliches und Keckes, obwohl es den lebhaften Instinkt weiblicher Neigung und das sympathisirende Wohlwollen weiblichen Interesses verrieth. Sie ergriff sogar die harte Hand des Jägers und drückte sie mit ihren beiden Händen, vielleicht halb unbewußt, während sie ihm ernst und sogar vorwurfsvoll in sein sonnverbranntes Antlitz schaute. »Ihr habt mit den Wilden gekämpft, Wildtödter, einzeln, ganz allein!« sagte sie. »Vom Wunsch beseelt, uns zu beschützen – Hetty – mich vielleicht, habt Ihr tapfer mit dem Feind gekämpft, ohne daß ein Auge nahe war, Euch zu Thaten zu ermuthigen, oder Euern Fall mitanzusehen, hätte es der Vorsehung gefallen, ein so großes Unglück zuzugeben!« »Ich habe gekämpft, Judith; ja, ich habe mit dem Feind gekämpft, und das zum erstenmal in meinem Leben. Diese Sachen müssen seyn, und sie geben Einem ein gemischtes Gefühl von Kummer und Triumph. Menschliche Natur ist eine kampfsüchtige Natur, glaub' ich, da alle Nationen in der Schlacht tödten, und wir müssen unsern Rechten und Gaben treu bleiben. Was bis jetzt geschehen, ist nicht Viel; aber sollte Chingachgook diesen Abend bei dem Felsen eintreffen, wie zwischen uns verabredet ist, und ich ihn, ohne daß die Wilden es merken, dort wegholen können, oder, wenn sie es auch merken, ihren Wünschen und Absichten zum Trotz: dann dürfen wir Alle wohl einer Art von Krieg entgegen sehen, ehe die Mingo's sich des Castells, der Arche, oder Eurer bemächtigen sollen.« »Wer ist dieser Chingachgook? woher kommt er? und warum kommt er hieher ?« »Diese Fragen sind natürlich und recht, denke ich, obgleich der Jüngling in seiner Gegend schon einen großen Namen hat, Chingachgook ist dem Blute nach ein Mohikan, nach alter Gewohnheit zu den Delawaren sich haltend, wie dieß bei den Meisten seines Stammes der Fall ist; denn dieser ist längst durch das Ueberhandnehmen unsrer Farbe gebrochen und zertrümmert worden. Er ist von der Familie der großen Häuptlinge: Uncas, sein Vater, ist der angesehenste Krieger und Rathgeber seines Volkes gewesen. Selbst der alte Tamenund ehrt Chingachgook, obgleich man ihn noch für zu jung hält, im Kriege anzuführen; und dann ist der Stamm so zerstreut und geschwächt, daß die Häuptlingschaft unter ihnen wenig Mehr, als ein bloßer Name ist. Nun, nachdem dieser Krieg ernstlich begonnen, verabredeten wir, ich und der Delaware, uns diesen Abend zur Stunde des Sonnenuntergangs an dem Bestellungs-Felsen, am Ende eben dieses See's zu treffen, in der Absicht, unsern ersten Kriegszug gegen die Mingo's zu unternehmen. Warum wir gerade diesen Weg eingeschlagen, ist unser Geheimniß; aber nachdenkliche junge Männer auf dem Kriegspfad thun, wie Ihr Euch wohl denken könnt, Nichts ohne Berechnung und Absicht.« »Ein Delaware kann keine feindselige Absichten gegen uns haben,« sagte Judith nach augenblicklichem Bedenken; »und Euch kennen wir als einen Freund.« »Verrath ist das letzte Verbrechen, hoffe ich, dessen man mich wird anklagen können,« versetzte Wildtödter, gekränkt durch den Schatten von Mißtrauen, der durch Judiths Seele geflogen war; »und am wenigsten Verrath gegen meine eigne Farbe!« »Niemand hat Argwohn gegen Euch, Wildtödter,« rief das Mädchen mit Heftigkeit. »Nein – nein – Euer ehrliches Gesicht würde hinlängliche Bürgschaft für die Wahrheit von tausend Herzen seyn! Wenn alle Männer so redliche Jungen hätten, und nicht versprächen, was sie doch nicht zu erfüllen gemeint sind, würde weniger Unrecht in der Welt geschehen, und schöne Federn und Scharlachröcke würden nicht als Entschuldigungen für Niederträchtigkeit und Betrug gelten.« Das Mädchen sprach mit heftigem, sogar krampfhaftem Gefühl, und ihre schönen Augen, gewöhnlich so sanft und anlockend, sprühten Feuer, als sie schloß. Wildtödter konnte nicht anders als diese außerordentliche Gemüthsbewegung bemerken; aber mit dem Takt eines Hofmanns vermied er nicht blos jede Anspielung darauf, sondern es gelang ihm auch, in seinem Benehmen den Eindruck, den jene Wahrnehmung auf ihn machte, zu verhehlen. Allmälig wurde Judith wieder ruhig; und da sie sich unverkennbar Mühe gab, sich dem Auge des jungen Mannes vortheilhaft darzustellen, war sie bald im Stande, das Gespräch mit solcher Fassung wieder aufzunehmen, als wenn nichts Störendes dazwischen gekommen wäre. »Ich habe kein Recht, in Eure Geheimnisse, oder in die Eures Freundes einzudringen, Wildtödter,« fuhr sie fort, »und bin bereit, Alles was Ihr sagt, aufs Wort anzunehmen. Wenn es uns wirklich gelingt, in diesem gefährlichen Augenblicke noch einen Mann zum Genossen zu gewinnen, so wird uns das Viel nützen; und ich bin nicht ohne Hoffnung, daß die Wilden, wenn sie uns im Stande sehen, den See zu behaupten, uns die Rückgabe der Gefangenen anbieten werden gegen Häute, oder wenigstens gegen das Fäßchen Pulver, das wir im Hause haben.« Der junge Mann hatte die Worte: ›Skalpe‹ und ›Preisgeld‹ auf der Zunge; aber ein Gefühl, das sich sträubte, die Töchter in größere Unruhe zu versetzen, hielt ihn zurück, die beabsichtigte Hindeutung auf das wahrscheinliche Schicksal ihres Vaters auszusprechen. Dennoch, so wenig war er erfahren in den Künsten der Täuschung, ward seine ausdrucksvolle Miene auch ohne Worte von der scharfblickenden Judith errathen, deren Verstand durch die Gewöhnungen und Gefahren ihrer Lebensweise noch geübt und geschärft worden war. »Ich verstehe, was Ihr meint,« fuhr sie hastig fort, »und was Ihr ausgesprochen hättet ohne die Besorgniß, mir – ich will sagen uns – wehe zu thun; denn Hetty liebt ihren Vater ebenso sehr als ich. Aber so denken wir nicht von den Indianern. Sie skalpiren nie einen unverletzten Gefangnen, sondern schleppen ihn lieber lebendig mit sich fort, wenn nicht freilich etwa das heftige Verlangen ihn zu martern sie übermannt. Ich fürchte Nichts für meines Vaters Skalp und wenig für sein Leben. Könnten sie in der Nacht uns überfallen, so würde uns wahrscheinlich Alle dieß grausame Schicksal treffen; aber in offnem Kampf gefangnen Männern geschieht selten ein Leid; wenigstens nicht eher als bis die Zeit des Marterns kommt.« »Das ist Ueberlieferung, ich geb' es zu, und ist Brauch – aber, Judith, kennt Ihr das Vorhaben, mit welchem Euer Vater und Hutter gegen die Wilden auszogen?« »Ja; und ein grausames Vorhaben war es! Aber was wollt Ihr? Menschen bleiben Menschen; und Manche selbst, die in Gold und Silber einherstolziren, und des Königs Bestallung in der Tasche haben, sind nicht frei von der gleichen Grausamkeit.« Judiths Augen flammten wieder, aber mit gewaltsamer Anstrengung behauptete sie ihre Fassung. »Ich werde warm, wenn ich an all das Unrecht denke, das Menschen thun,« fuhr sie fort, und bemühte sich zu lächeln, ein Versuch, der nur mittelmäßig gelang. »Alles das ist einfältiges Zeug. Was geschehen ist, ist geschehen, und kann durch Klagen nicht gebessert werden. Aber die Indianer denken so wenig an's Blutvergießen, und schätzen Männer so sehr wegen der Kühnheit ihrer Unternehmungen, daß, wüßten sie das Vorhaben, auf welches ihre Gefangenen ausgingen, sie sie eher deßhalb ehren, als ihnen ein Leid thun würden.« »Eine Zeit lang, Judith; ja ich gebe das zu, eine Zeit lang. Aber wenn dieß Gefühl verschwindet, dann stellt sich die Rachsucht ein. Wir müssen versuchen, Chingachgook und ich, wir müssen versuchen und sehen, was wir thun können, Hurry und Euren Vater frei zu machen; denn die Mingo's werden ohne Zweifel einige Tage um diesen See herumlungern, um so Viel als möglich zu erreichen.« »Ihr glaubt, man kann sich auf diesen Delaware»verlassen, Wildtödter?« fragte das Mädchen nachdenklich. »So sicher wie auf mich selbst. Ihr sagt, Ihr mißtraut mir nicht, Judith?« »Euch!« rief sie, ergriff wieder seine Hand und drückte sie zwischen ihren Händen mit einer Wärme, welche die Eitelkeit eines minder unbefangnen, einfachen, von seinen eignen guten Eigenschaften mehr eingenommenen Mannes hätte entzünden müssen; »ebenso gut könnte ich einem Bruder mißtrauen! Ich kenne Euch nur seit einem Tag, Wildtödter, aber dieser hat in mir das Vertrauen einer jahrelangen Bekanntschaft erzeugt. Euer Name jedoch ist nur nicht unbekannt; denn die tapfern und galanten Herren von den Garnisonen sprechen häufig von der Anleitung, die Ihr ihnen im Jagen gegeben, und Alle rühmen Eure Redlichkeit.« »Sprechen sie denn auch vom Schießen, Mädchen?« fragte der Andere lebhaft, nachdem er still, aber doch von Herzen gelacht, »sprechen sie denn auch vom Schießen? Ich will nichts von dem meinigen hören, denn wenn dieses nicht bis jetzt in all diesen Gegenden anerkannt ist, so nützt es wenig, ein geschickter und sichrer Schütze zu seyn; aber was sagen denn die Officiere von ihrem – ja was sagen sie von ihrem eignen Schießen? Waffen, wie sie es nennen, sind ihr Gewerbe, und doch gibt es Leute unter ihnen, die sich wenig auf ihren Gebrauch verstehen!« »Das, hoffe ich, wird nicht der Fall seyn bei Eurem Freund Chingachgook, wie Ihr ihn nennt – was ist die englische Bedeutung dieses indianischen Namens?« »Große Schlange – so genannt wegen seiner Klugheit und List. Uncas ist sein wirklicher Name – seine ganze Familie heißt Uncas, bis sich Jeder durch seine Thaten einen Titel gewinnt.« »Wenn er so viel Klugheit besitzt, können wir einen nützlichen Freund an ihm erwarten, falls nicht sein eignes Geschäft in dieser Gegend ihn hindert, uns zu dienen.« »Ich sehe nicht, was es viel schaden könnte, wenn ich Euch sein Vorhaben sage, und da Ihr vielleicht Mittel findet, uns behülfich zu seyn, will ich Euch und Hetty in die ganze Sache einweihen, im Vertrauen, daß Ihr das Geheimniß wie Euer eignes bewahren werdet. Ihr müßt wissen, daß Chingachgook ein hübscher Indianer ist, sehr gerne gesehen und bewundert von den jungen Weibern seines Stammes, sowohl wegen seiner Familie, als wegen seiner selbst. Nun ist ein Häuptling, der eine Tochter hat, Wah-ta!-Wah genannt, was in unsrer Sprache Hist-oh!-Hist bedeutet, das rarste Mädchen unter den Delawaren, die von allen jungen Kriegern des Stammes am meisten zum Weib gewünscht und begehrt wird. Nun, unter den Andern fand auch Chingachgook Geschmack an Wah-ta!-Wah, und Wa-ta!-Wah fand Geschmack an ihm.« Hier hielt Wildtödter einen Augenblick inne; denn als er so weit in seiner Erzählung gekommen, stand Hetty Hutter auf, näherte sich ihm, und stellte sich aufmerksam an sein Knie hin, wie ein Kind näher rückt, um auf die Mährchen seiner Mutter zu horchen. »Ja, er fand Gefallen an ihr, und sie an ihm,« begann Hirschtödter wieder, nachdem er einen freundlichen beifälligen Blick auf das unschuldige, hörbegierige Mädchen geworfen, »und wenn das einmal so ist, und alle Aeltern sind einverstanden, so ist es nicht oft der Fall, daß das junge Paar so verborgen bleibt. Chingachgook konnte nicht wohl eine solche Beute davontragen, ohne sich Feinde zu machen unter denen, die sie ebenso begehrten wie er. Ein gewisser Briarthorn, wie wir ihn englisch nennen, oder Yokommen, wie er im Indianischen heißt, nahm es sich am meisten zu Herzen, und wir haben ihn im Verdacht, daß er bei Allem was nun folgte, eine Hand im Spiel hatte. Wa-ta!-Wah ging vor zwei Monaten mit Vater und Mutter nach den westlichen Flüßen, um Salmen zu fischen, denn dort gibt es nach der Ansicht aller Leute in unsern Gegenden die meisten Fische, und während dieser Beschäftigung verschwand das Mädchen. Einige Wochen konnten wir keine Nachricht von ihr erhalten; aber vor zehn Tagen brachte uns ein Eilbote, der durch das Delawarenland kam, eine Botschaft, woraus wir erfuhren, daß Wah-ta!-Wah den Ihrigen war gestohlen worden – wir glauben, wissen es aber nicht – durch Briarthorns Ränke – und daß sie sich nunmehr bei dem Feinde befand, der sie adoptirt hatte, und verlangte, sie sollte einen jungen Mingo heirathen. Die Botschaft besagte, die Truppe beabsichtige in dieser Gegend zu jagen und Vorräthe zu sammeln, einen Monat lang oder zwei, ehe sie nach Canada zurückkehre; und wenn wir sie in dieser Gegend aufzuspüren vermöchten, könnte sich wohl etwas ereignen, was uns zur Befreiung des Mädchens verhelfen könnte.« »Und wie betrifft das Euch , Wildtödter?« fragte Judith etwas lebhaft. »Es betrifft mich, wie Alles was einen Freund berührt den Freund betrifft. Ich bin hier als Chingachgook's Beistand und Helfer, und wenn wir das junge Mädchen, das er liebt, wieder zurück bekommen, wird es mir beinahe so viel Freude machen, als hätte ich mein eignes Liebchen befreit.« »Und wo ist denn Euer Liebchen, Wildtödter?« »Sie ist im Walde, Judith – hängt an den Zweigen der Bäume in einem sanften Regen – im Thau auf dem offnen Gras – den Wolken, die am blauen Himmel schweben – den Vögeln, die in den Wäldern singen – den süßen Quellen, wo ich meinen Durst lösche – und in all den andern prächtigen Gaben, die von Gottes Vorsehung kommen!« »Ihr wollt sagen, daß Ihr bis jetzt noch keine von meinem Geschlecht geliebt, sondern am meisten Euer Herumstreifen und Eure Lebensweise liebt?« »Das ist's – genau das ist's. Ich bin weiß – habe ein weißes Herz, und kann billiger Weise nicht ein rothhäutiges Mädchen lieben, die einer Rothhaut Herz und Gefühle haben muß. Nein, nein, ich bin vernünftig genug in diesen Punkten, und hoffe es zu bleiben, wenigstens bis dieser Krieg vorüber ist. Ich sehe meine Zeit zu sehr in Anspruch genommen durch Chingachgook's Angelegenheit, als daß ich wünschen sollte, ehe diese in's Reine gebracht ist, selbst eine eigne auf dem Halse zu haben.« »Das Mädchen, das Euch am Ende gewinnt, Wildtödter, gewinnt wenigstens ein redliches Herz, – eines ohne Verrath und Tücke; und das wird ein Sieg seyn, den die Meisten ihres Geschlechts beneiden müssen.« Wie Judith dieß sagte, schwebte ein schmerzlicher Unmuth über ihr schönes Antlitz; während ein bittres Lächeln um einen Mund spielte, der durch keine Veränderung und Zuckung der Muskeln unschön werden konnte. Ihr Gesellschafter bemerkte diese Veränderung, und obgleich wenig vertraut mit den Regungen des weiblichen Herzens, besaß er doch natürliches Zartgefühl genug, um zu verstehen, daß es gerathen seyn möchte, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Da die Stunde, wo Chingachgook erwartet wurde, noch nicht so nahe war, hatte Wildtödter Zeit genug, den Stand der Vertheidigungsmittel genau zu besichtigen, und solche weitere Einrichtungen zu treffen, wie sie ihm möglich waren und durch das Bedürfniß des Augenblicks geboten schienen. Die Erfahrung und Vorsicht Hutter's hatte in diesen Punkten Wenig zu thun übrig gelassen: doch drängten sich noch einige Vorkehrungen dem Geist des jungen Mannes auf, von dem man sagen konnte, er habe die Kunst des Grenzerkriegs mittelst der Ueberlieferungen und Sagen des Volkes studirt, unter dem er so lange gelebt hatte. Die Entfernung zwischen dem Castell und dem nächsten Punkt der Küste beseitigte jede Besorgniß, es möchten etwa Büchsenkugeln vom Land herüberfliegen. Das Haus war zwar in gewissem Sinn im Bereich von Musketenschüssen, aber vom Zielen konnte ganz keine Rede seyn, und selbst Judith erklärte, daß sie von dieser Seite durchaus keiner Gefahr sich versehe. So lang also die Gesellschaft im Besitz des Forts blieb, war sie sicher, falls nicht anders die Angreifer Mittel fanden, heranzukommen, mit Feuer oder mit Sturm es wegzunehmen, oder durch irgend eine Erfindung indianischer Schlauheit und Verrätherei. Gegen die erste Art der Gefahr hatte Hutter reichliche Vorsorge getroffen, und das Gebäude selbst, das Rindendach ausgenommen, war nicht sehr leicht in Flammen zu setzen; der Boden war an mehreren Orten durchlöchert, und mit Stricken versehene Eimer waren in täglichem Gebrauch und für jeden solchen Fall bereit. Eins der Mädchen konnte leicht jedes Feuer löschen, das etwa ausbrach, vorausgesetzt, daß es nicht lange Zeit hatte, sich auszubreiten. Judith, welche alle Vertheidigungspläne ihres Vaters zu verstehen schien, und Geist und Muth genug hatte, an ihrer Ausführung einen nicht geringen Antheil zu nehmen, erklärte alle diese Einzelnheiten dem jungen Manne, dem so bei seinen Besichtigungen viel Zeit und Mühe erspart blieb. Den Tag über war Wenig zu befürchten. Nachdem sie im Besitz der Arche und der Canoe's waren, fand sich kein weiteres Fahrzeug auf dem See. Dennoch wußte Wildtödter wohl, daß ein Floß bald gemacht war, und da sich gefallene Bäume im Ueberfluß in der Nähe des Wassers fanden, war es, wenn die Wilden ernstlich daran dachten, der Gefahr eines Angriffs zu trotzen, keine sehr schwierige Sache, die erforderlichen Mittel aufzutreiben. Die berühmte amerikanische Axt, ein Werkzeug, dem in seiner Art Nichts gleich kommt, war damals noch nicht in großem Umfange bekannt, und die Wilden waren keineswegs sehr erfahren in Handhabung des dessen Stelle vertretenden Werkzeugs; doch hatten sie Uebung genug darin, über Ströme in dieser Art zu setzen, daß man sicher seyn konnte, sie würden einen Floß bauen, falls sie es gerathen fänden, sich den Gefahren eines Angriffs bloßzustellen. Der Tod ihres Kriegers konnte ein hinreichender Sporn, jedoch auch eine Warnung seyn; Wildtödter aber hielt es für mehr als nur möglich, daß die nächste Nacht die Dinge, und zwar eben in solcher Weise, zur Entscheidung bringen würde. Diese Ahnung ließ ihn die Anwesenheit und den Beistand seines Mohikanischen Freundes sehnlichst wünschen, und war der Grund, daß er der Stunde des Sonnenuntergangs mit steigendem Verlangen entgegensah. Als der Tag vorrückte, brachte die Gesellschaft im Castell ihre Plane zur Reife, und traf ihre Vorkehrungen. Judith war sehr thätig, und schien Freude daran zu finden, ihrem neuen Bekannten mit Rath und Auskunft an die Hand zu gehen; denn seine Gleichgültigkeit gegen Gefahr, seine männliche Hingebung für sie und ihre Schwester, sein redliches Wesen und seine innige Treuherzigkeit hatten schnell ihre Einbildungskraft und ihr Gemüth gewonnen. Obgleich die Stunden in gewisser Hinsicht Wildtödtern lang vorkamen, fand sie doch Judith nicht so, und als die Sonne sich gegen die tannenbekleideten Spitzen der westlichen Berge zu senken begann, äußerte sie unverhohlen die Ueberraschung, die sie empfand, den Tag so bald zu Ende gehen zu sehen. Hetty dagegen war trübnachdenklich und schweigsam. Sie war nie sehr redselig, oder wenn sie gelegentlich mittheilsam wurde, so war dieß nur die Folge einer vorübergehenden Aufregung, welche ihr argloses Gemüth in Spannung und Bewegung setzte; aber an diesem hochwichtigen Tage schien sie ganze Stunden lang den Gebrauch der Zunge gänzlich verloren zu haben. Besorgniß wegen ihres Vaters drückte sich im Wesen der beiden Töchter nicht auffallend aus. Keine schien ernstlich ein größeres Unheil zu befürchten, als Gefangenschaft, und ein oder zweimal ließ Hetty, wenn sie sprach, die Erwartung durchblicken, Hutter werde Mittel finden, sich selbst in Freiheit zu setzen. Obgleich Judith in diesem Punkt weniger sanguinisch war, äußerte doch auch sie die Hoffnung, es würden Vorschläge wegen eines Lösegeldes kommen, wenn die Indianer entdeckten, daß das Castell ihren Listen und Anschlägen trotze. Wildtödter jedoch behandelte diese flüchtigen Vermuthungen als die unverdauten Einbildungen und Träume von Mädchen, und traf seine Anordnungen so besonnen und brütete so ernst über der Zukunft, als wären sie nie über ihre Lippen gekommen. Endlich kam die Stunde, wo es nothwendig wurde, sich an den mit dem Mohikan verabredeten Ort zu begeben, – oder mit dem Delawaren, wie Chingachgook häufiger genannt wurde. Da der Plan von Wildtödter reiflich entworfen und seinen Gesellschafterinnen umständlich mitgetheilt worden war, machten sich alle drei mit Einsicht und Uebereinstimmung an dessen Ausführung. Hetty trat in die Arche, band zwei von den Canoe's zusammen, trat in eins, und ruderte bis zu einer Art von Durchfahrt in den Palisaden, welche das Gebäude umgaben, durch welche sie beide führte; dann legte sie sie unter dem Hause an Ketten, welche innen im Gebäude befestigt waren. Diese Palisaden waren fest in den Schlamm getriebene Baumstämme, und dienten dem gedoppelten Endzweck theils einer kleinen Einfriedigung, die eben zu diesem Behufe benutzt wurde, theils dem Zwecke, Feinde, die sich etwa in Booten näherten, in einer kleinen Entfernung sich vom Leibe zu halten. Canoe's in solchen Dock's waren gewissermaßen dem Anblick entzogen, und da die Durchfahrt gehörig verrammelt und befestigt war, wäre es eine nicht leichte Aufgabe gewesen, sie wegzubringen, wenn man sie auch gesehen hätte. Ehe jedoch die Durchfahrt geschlossen wurde, fuhr auch Judith mit dem dritten Boot in die Einfriedigung, wärend Wildtödter innen über ihren Häuptern geschäftig war, die Thüre und die Fenster innen zu verriegeln. Da Alles massiv und stark war, und kleine Bäume als Riegel gebraucht wurden, hätte es, nachdem Wildtödter fertig war, eine oder zwei Stunden erfordert, in das Haus zu brechen, wenn sich auch die Angreifer aller Werkzeuge außer der Art bedient, und ihnen Niemand Widerstand geleistet hätte. Diese Sorgfalt für Sicherstellung rührte daher, daß Hutter ein oder zweimal von den gesetzlosen Weißen der Grenze während seiner häufigen Abwesenheiten von Haus war beraubt worden. Sobald innen Alles fest war im Hause, zeigte sich Wildtödter an einer Fallthüre, von wo er in das Canoe Judiths hinabstieg. Hierauf verschloß er die Thüre mit einer massiven Krampe und einem derben Vorhängeschloß. Dann ward Hetty in das Canoe aufgenommen, das vor die Palisaden hinausgeschoben wurde. Die nächste Vorsichtsmaßregel war, das Thor zu schließen, und die Schlüssel wurden in die Arche gebracht. Jetzt waren die drei von dem Hause ausgeschlossen, in das man nur mit Gewalt eindringen konnte, oder auf die Weise, die der junge Mann gewählt, als er es verließ. Das Glas hatte man gleich zuerst mit herausgenommen, und Wildtödter besichtigte zunächst aufs sorgfältigste die ganze Küste des See's, soweit seine Stellung es gestattete. Kein lebendiges Wesen war sichtbar, einige wenige Vögel ausgenommen, und auch diese flatterten in den Schatten der Bäume herum, als scheuten sie sich, der Hitze eines schwülen Nachmittags sich auszusetzen. Alle die nächsten Landvorsprunge insbesondere wurden einer scharfen Beobachtung unterworfen, um sich zu versichern, daß kein Floß angefertigt werde; das Ergebniß war überall dasselbe Bild ruhiger Einsamkeit. Wenige Worte werden die größte Verlegenheit in der Lage unserer Gesellschaft erklären. Selbst der Beobachtung jedes lauernden Auges ausgesetzt, sahen sie sich die Bewegungen ihrer Feinde durch den Schleier und Vorhang eines dichten Waldes entzogen. Während die Einbildungskraft sehr geneigt seyn mußte, den letztern mit mehr Kriegern zu bevölkern, als er in der That enthielt, mußte ihre Schwäche Allen, die etwa einen Blick in dieser Richtung auf den See warfen, zu sichtbar seyn. »Es rührt sich doch Nichts!« rief Wildtödter, als er endlich das Fernglas senkte, und sich anschickte in die Arche zu treten; »wenn die Vagabunden auf Unheil sinnen in ihren Gemüthern, so sind sie zu listig, es merken zu lassen; zwar mag ein Floß in den Wäldern zugerüstet werden, aber es ist noch nicht zum See herunter gebracht. Sie können nicht errathen, daß wir im Begriff stehen, das Castell zu verlassen, und wenn auch, so wissen sie doch nimmermehr, wohin wir wollen.« »Das ist so wahr, Wildtödter,« erwiederte Judith, »daß jetzt, nachdem Alles bereit ist, wir uns sofort keck und ohne Furcht verfolgt zu werden, ans Werk machen dürfen – sonst versäumen wir unsre Zeit!« »Nein, nein – die Sache will vorsichtig behandelt seyn – denn obgleich die Wilden im Dunkel sind, was Chingachgook und den Felsen betrifft, so haben sie doch ihre Augen und Beine, und sehen, in welcher Richtung wir steuern, und werden uns gewiß folgen. Ich will sie jedoch irre zu führen suchen, indem ich das Vordertheil der Fähre nach allen Richtungen hin wende, bald dahin bald dorthin, bis sie müde Füße bekommen, und es satt haben, uns nachzutraben.« So weit es in seiner Macht stand, hielt Wildtödter getreulich Wort. In weniger als fünf Minuten nach jener Rede war die ganze Gesellschaft in der Arche und in Bewegung. Es wehte ein gelindes Lüftchen von Norden; und keck das Segel aufziehend, brachte der junge Mann die Spitze des ungefügen Fahrzeuges in eine solche Richtung, daß, mit einer reichlichen aber nothwendigen Einrechnung des Abfalls, es ein paar Meilen weiter unten am See, auf dessen östlicher Seite, an die Küste gelangen mußte. Das Segeln der Arche war nie sehr schnell, obgleich es bei ihrem geringen Tiefgang nicht schwer war, sie in Bewegung zu setzen, oder mit ihr drei oder vier Meilen in der Stunde zu machen. Die Entfernung zwischen dem Castell und dem Fels betrug wenig Mehr als zwei Stunden. Bekannt mit der Pünktlichkeit der Indianer, hatte Wildtödter seine Berechnungen genau gemacht, und sich etwas mehr Zeit, als nothwendig war, um den Ort der Verabredung zu erreichen, gegeben, in der Absicht, seine Ankunft zu verzögern oder zu beschleunigen, wie es erforderlich wäre. Als er das Segel aufzog, stand die Sonne über den westlichen Bergen in einer Höhe, die noch etwas mehr als zwei Stunden Tag versprach, und wenige Minuten überzeugten ihn, daß die Bewegung der Fähre seinen Berechnungen und Erwartungen entspreche. Es war ein prachtvoller Juniusabend, und nie glich der einsame Wasserspiegel weniger einem Schauplatz von Kampf und Blutvergießen. Der leise Wind drang kaum herab bis zu dem Bette des See's, und schwebte nur darüber hin, als scheute er sich, seine tiefe Ruhe zu stören, oder seine spiegelglatte Fläche zu kräuseln. Selbst die Wälder erschienen wie schlummernd in der Sonne, und einige Lagen flockigter Wolken hatten Stunden lang am nördlichen Horizont sich gelagert, wie haftend in der Atmospäre, hier nur zur Verschönerung der Scene angebracht. Einige Wasserhühner streiften gelegentlich über das Wasser, und ein einziger Rabe war sichtbar, hoch über den Bäumen sich flügelnd, ein wachsames Auge auf den Wald unter ihm heftend, um jedes lebende Wesen zu entdecken, das ihm die geheimnißvollen Wälder als Beute darböten. Der Leser hat wohl schon bemerkt, daß bei all der auffallenden Freimüthigkeit und Ungebundenheit des Benehmens, das Judith bei ihrem Grenzleben sich angeeignet, doch ihre Sprache edler war, als deren ihre männlichen Gesellschafter sich bedienten, ihren Vater mit eingeschlossen. Dieser Unterschied erstreckte sich ebenso auf die Aussprache, wie auf die Wahl der Worte und die Sätze. Nichts vielleicht verräth so bald die Erziehung und den Umgang, als die Art zu sprechen; und wenige Vorzüge erhöhen so den Reiz weiblicher Schönheit, wie eine anmuthige und fließende Sprache, während Nichts so bald jene Entzauberung bewirkt, welche die notwendige Folge einer Nichtzusammenstimmung von Erscheinung und Benehmen ist, als eine gemeine Betonung der Stimme oder der Gebrauch unedler Worte. Judith und ihre Schwester waren auffallende Ausnahmen unter allen Mädchen ihrer Classe, die ganze Grenze entlang; die Officiere der nächsten Garnison hatten der Erstern oft geschmeichelt mit der Versicherung, daß wenige Damen in den Städten sich besser als sie auf diesen wichtigen Punkt verständen. Dieß war zwar weit nicht buchstäblich wahr, aber doch so weit, daß das Compliment ihr füglicherweise konnte gemacht werden. Die Mädchen verdankten diesen Vorzug ihrer Mutter, denn sie hatten in der Kindheit schon von ihr diese vortheilhafte Eigenschaft angenommen, die kein späteres Studium und Arbeit ohne eine Schattenseite zu geben vermag, wenn man nicht in der frühern Lebensperiode darauf geachtet hat. Wer diese Mutter war, oder vielmehr gewesen war, wußte Niemand als Hutter. Sie war jetzt zwei Sommer todt, und wie Hurry erzählte, war sie im See versenkt worden; ob aus einem gewissen Vorurtheil, oder aus Widerwillen gegen die Mühe, ihr ein Grab zu graben, war oft Gegenstand der Erörterung unter den rohen Wesen jener Gegend gewesen. Judith hatte die Stelle nie besucht, Hetty aber war bei der Bestattung zugegen gewesen, und sie ruderte oft um Sonnenuntergang oder beim Mondschein ein Canoe an die Stelle, und starrte hinab in das durchsichtige Wasser, in der Hoffnung, doch einmal mit Einem flüchtigen Blick die Gestalt erschauen zu können, die sie von Kindheit an bis zu der traurigen Stunde des Scheidens so zärtlich geliebt hatte. »Müssen wir den Felsen genau in dem Augenblick erreichen, wo die Sonne untergeht?« fragte Judith den jungen Mann, wie sie neben einander standen, Wildtödter das Steuerruder haltend, und sie mit der Nadel an einem feinen Kleidungsstück arbeitend, das weit über ihrer Stellung im Leben und eine völlige Neuheit in den Wäldern war. »Werden einige Minuten früher oder später die Sache vereiteln? es wird sehr gefährlich seyn, lang der Küste so nahe zu bleiben, wie der Fels ist.« »Ja wohl, Judith; das ist eben die Schwierigkeit. Der Fels ist nur einen Flintenschuß vom Ufer entfernt, und es geht nicht an, zu lang und zu nahe da herum zu fahren. Wenn man mit einem Indianer zu thun hat, muß man rechnen und vorsichtig seyn, denn eine rothe Natur liebt sehr List und Tücke. Jetzt seht Ihr, Judith, daß ich gar nicht auf den Fels zu steure, sondern hier östlich davon, und jetzt werden die Wilden in dieser Richtung traben, und sich müde Füße machen, und Alles für Nichts.« »Ihr glaubt also, sie sehen uns, und beobachten unsre Bewegungen, Wildtödter? Ich hoffte, sie würden in die Wälder zurückgegangen seyn, und uns einige Stunden ungestört lassen.« »Das ist ganz die Einbildung eines Weibes. Es gibt keinen Nachlaß in der Wachsamkeit eines Indianers, wenn er auf dem Kriegspfad ist; und Augen sind in dieser Minute auf uns geheftet, obwohl der See uns schützt. Wir müssen dem Felsen mit Ueberlegung nahe kommen, und die Elenden auf eine falsche Spur zu bringen suchen. Die Mingo's haben gute Nasen, höre ich; aber eines weißen Mannes Vernunft sollte es immer ihrem Instinkt gleich thun.« Judith knüpfte jetzt ein rasch abwechselndes Gespräch mit Wildtödter an, worin das Mädchen ihr steigendes Interesse für den jungen Mann verrieth; ein Interesse, das sie bei seiner ehrlichen Unbefangenheit und bei ihrer Charakterentschiedenheit, unterstützt durch das Selbstgefühl, welches die ihren persönlichen Reizen so allgemein gezollte Schätzung in ihr geweckt hatte, weniger zu verhehlen bestrebt war, als unter andern Umständen wohl der Fall gewesen wäre. Sie war nicht eigentlich aufdringlich und keck in ihrem Benehmen, obgleich in ihren Blicken oft etwas so Freies war, daß es den ganzen Beistand ihrer ausnehmenden Schönheit brauchte, um nicht einen Verdacht gegen ihre Klugheit, wo nicht gegen ihre Sittlichkeit aufkommen zu lassen. Bei Wildtödter jedoch waren solche Blicke einer so ungünstigen Deutung weniger ausgesetzt; denn sie sah ihn selten an, ohne viel von der Aufrichtigkeit und Natur zu zeigen, welche die reinsten Gefühle des Weibes begleiten. Es war etwas auffallend, daß bei der längern Gefangenschaft ihres Vaters keines von den Mädchen eine große Unruhe um ihn an den Tag legte; aber wie schon gesagt, ihre Lebenserfahrungen und Gewohnheiten machten sie zuversichtlich und sie sahen seiner Befreiung mittelst eines Lösegelds mit einer Sicherheit entgegen, die großentheils ihre anscheinende Gleichgültigkeit erklären konnte. Schon früher einmal war Hutter in den Händen der Irokesen gewesen, und wenige Häute hatten leicht seine Befreiung erkauft. Dieser Vorfall jedoch hatte, was die Schwestern nicht wußten, zur Zeit des Friedens zwischen England und Frankreich statt gehabt, wo die Wilden durch die Politik der verschiednen Colonialregierungen im Zaum gehalten wurden, statt, wie jetzt, zu ihren Verbrechen und Grausamkeiten ermuthigt zu werden. Während Judith in ihrer Weise redselig und zutraulich war, blieb Hetty nachdenklich und schweigsam. Einmal zwar trat sie nahe zu Wildtödter hin und befragte ihn etwas genauer über seine Absichten, so wie über die Art, wie er seinen Plan auszuführen gedenke; aber weiter ging ihr Verlangen, sich mit ihm zu unterhalten, nicht. Sobald ihre einfachen Fragen beantwortet waren – und das wurden sie alle aufs befriedigendste und wohlwollendste – entfernte sie sich wieder auf ihren Sitz, und fuhr fort, an einem groben Kleidungsstück zu arbeiten, das sie für ihren Vater fertigte, manchmal leise eine schwermüthige Weise vor sich hin summend, und oft seufzend. So verstrich die Zeit; und als die Sonne anfing, hinter dem Saum des Fichtenwaldes zu glühen, der den westlichen Berg begrenzte, oder etwa zwanzig Minuten vor ihrem wirklichen Untergang, befand sich die Arche beinahe ganz unten bei dem Landvorsprung, wo Hutter und Hurry waren zu Gefangenen gemacht worden. Wildtödter hatte, indem er zuerst auf die eine Seite des See's, dann auf die andere zusteuerte, seine eigentliche Absicht zu errathen erschwert; und ohne Zweifel kamen dadurch die Wilden, welche seine Bewegungen zuverlässig beobachteten, auf den Glauben, sein Zweck sey, mit ihnen zu verkehren, an dieser Stelle, oder in der Nähe derselben, und es war zu vermuthen, daß sie nach dieser Richtung hineilten, um bereit zu seyn, sich die Umstände zu Nutze zu machen. Diese List war wohl ausgesonnen, denn die Schwingung der Bai, die Krümmung des See's und das zwischenliegende tiefe Marschland machten es, wie zu vermuthen war, möglich, daß die Arche den Fels erreichte, ehe die Verfolger, falls sie sich wirklich in der Nähe des Vorsprungs gesammelt hatten, Zeit bekamen, den Bogen, den sie hier beschreiben mußten, zu Land zu machen. Um tiefe Täuschung gelingen zu machen, hielt sich Wildtödter so nahe ans westliche Ufer, als nur immer der Vorsicht gemäß war; dann hieß er Judith und Hetty in das Haus oder die Cajüte gehen, kauerte sich selbst zusammen, so daß seine Person durch den Rand der Fähre versteckt wurde, gab dieser plötzlich die entgegengesetzte Richtung, und steuerte so rasch er konnte, der Ausströmung zu. Begünstigt durch einen verstärkten Wind bewegte sich die Arche dergestalt vorwärts, daß er sich das vollständige Gelingen seines Plans versprechen durfte, obwohl die krebsähnliche Bewegung des Fahrzeugs den Steuermann nöthigte, die Spitze nach einer ganz andern Richtung schauen zu lassen, als diejenige war, in welcher es sich wirklich bewegte. Neuntes Kapitel. Verschwenderisch bist mit Lächeln du, Darob dein Zürnen man vergißt. Dir jubeln tausend Inseln zu. Wenn wieder du gekommen bist; Die Herrlichkeit, von dir entsandt. Badet in Wonne See und Land. Der Himmel . Es hilft vielleicht dem Leser zum bessern Verständniß der jetzt zu erzählenden Vorfälle, wenn er ein rasch skizzirtes Bild der Scene auf einmal seinem Auge dargelegt sieht. Man erinnert sich, daß der See ein unregelmäßig geformtes Becken bildete, dessen Umriß, im Ganzen betrachtet, oval war, aber mit Buchten und vorspringenden Punkten, welche die Gleichförmigkeit unterbrachen und seine Ufer zierten. Die Oberfläche dieses schönen Wasserspiegels glänzte jetzt wie ein Edelstein in den letzten Strahlen der Abendsonne, und die Einfassung des Ganzen – Hügel, mit dem üppigsten Waldgrün bekleidet – war von einer Art strahlendem Lächeln verklärt, wie es in den schönen Zeilen, die wir diesem Kapitel vorangestellt, am besten geschildert ist. Da die Ufer, mit wenigen Ausnahmen, dicht am Wasser steil hinanstiegen, auch wo der Berg nicht unmittelbar die Aussicht begrenzte, überhing den friedlichen See ein fast ununterbrochner Saum von Laub; denn die Bäume rangen sich von den steilen Anhöhen empor, neigten sich dem Licht zu, bis sie in manchen Fällen ihre langen Glieder und ihre geraden Stämme vierzig oder fünfzig Fuß weit von der perpendikularen Linie abweichend ausstreckten. Dieß galt freilich nur von den Riesen des Forstes, von Tannen, die hundert bis hundert und fünfzig Fuß hoch waren, denn von den kleinern Bäumen neigten sich sehr viele so sehr, daß sie die untern Zweige ins Wasser tauchten. In der Stellung, welche die Arche jetzt einnahm, war das Castell durch einen vorspringenden Punkt dem Auge entzogen, so wie überhaupt das ganze nördliche Ende des See's selbst. Ein ansehnlicher Berg mit Wald bekleidet, und rund wie alle übrigen, begrenzte in dieser Richtung die Aussicht, und dehnte sich unmittelbar über die ganze schöne Scene aus, mit Ausnahme einer tiefen Bai, die an seinem westlichen Ende sich hinzog, das Becken um mehr als eine Meile verlängernd. Die Art und Weise, wie das Wasser aus dem See abfloß, unter den belaubten Bögen der Bäume, welche die beiden Seiten des Flusses einfaßten, ist schon geschildert und es ist auch gesagt worden, daß der Fels, der in der ganzen Gegend ein Lieblingsplatz zur Verabredung von Zusammenkünften war und wo Wildtödter jetzt seinen Freund zu treffen erwartete, dieser Ausströmung nahe, und nicht sehr entfernt von der Küste stand. Es war ein großer, einzelner Stein, der auf dem Grund des Sees ruhte, dem Anschein nach zurückgeblieben, als die Wasser die Erde um ihn her wegrissen, um sich einen Durchgang durch das Flußbett zu erzwingen; und seine eigenthümliche Gestalt hatte er wohl durch den Einfluß der Elemente während des langen Verlaufs von Jahrhunderten bekommen. Die Höhe dieses Felsen konnte kaum sechs Fuß betragen, und wie schon gesagt, seine Gestalt war nicht unähnlich der gewöhnlichen Form von Bienenstöcken; oder einem Heuhaufen. Die letztere Vergleichung gibt in der That die beste Anschauung nicht nur von seiner Form, sondern auch von seinen Dimensionen. Er stand – und steht noch, denn wir schildern wirklich vorhandene Scenen – fünfzig Fuß vom Ufer entfernt und im Wasser, wo es nur zwei Fuß tief war, obwohl es auch Zeiten gab, wo sein abgerundeter Gipfel, wenn man diesen Ausdruck auf ihn anwenden darf, vom See ganz bedeckt war. Viele von den Bäumen dehnten sich so weit heraus, daß sie beinahe den Felsen mit der Küste vereinigten, wenn man beide in einiger Entfernung sah; und eine große Tanne insbesondere hing so darüber her, daß sie ein stolzes und passendes Dach bildete über einen Sitz, der manchen Häuptling des Waldes, während der langen Reihe unbekannter Jahrhunderte, wo Amerika mit Allem, was es enthielt, abgeschlossen in geheimnißvoller Einsamkeit als eine Welt für sich bestanden hatte, ebenso ohne eine bekannte Geschichte, wie einen, für die menschlichen Annalen erreichbaren Ursprung – mochte beherbergt haben. Vom Ufer noch zwei bis dreihundert Fuß entfernt, zog Wildtödter sein Segel ein und warf seinen Anker aus, sobald er fand, daß die Arche in einer Linie hintrieb, die gerade auf den Felsen zustrebte. Die Bewegung des Fahrzeugs ward dann gestellt, worauf es durch die Wirkung des Lüftchens mit dem Vordertheil dem Winde zugekehrt wurde. Sobald dieß geschehen, gab Wildtödter Tau zu und ließ das Fahrzeug dem Felsen zutreiben, so rasch es der leise Luftzug vor sich her drängen mochte. Da es sehr wenig tief ging, war dieß bald geschehen, und der junge Mann hemmte seine Bewegung, als er sah, daß das Hintertheil der Fähre auf fünfzehn oder achtzehn Fuß dem beabsichtigten Platze nahe gekommen war. Bei Ausführung dieses Manöuvers hatte sich Wildtödter sehr beeilt; denn während er nicht im Mindesten daran zweifelte, daß er von dem Feinde beobachtet und verfolgt werde, glaubte er, ihn in seinen Bewegungen, durch die anscheinende Unsicherheit seiner eigenen, irre gemacht zu haben; und er wußte, daß sie keine Mittel hatten zu erfahren, daß sein Absehen auf den Felsen gerichtet war, wenn nicht etwa Einer der Gefangnen ihn verrathen hatte, – ein an sich so unwahrscheinlicher Fall, daß er sich darüber keine unruhigen Gedanken machte. Trotz der Raschheit und Entschiedenheit seiner Bewegungen jedoch wagte er sich nicht der Küste so nahe, ohne die gehörigen Vorsichtsmaßregeln zum Behuf eines Rückzugs zu treffen, falls dieser nothwendig würde. Er selbst hielt das Tau in der Hand, und Judith war an einem Guckloch auf der dem Land zugekehrten Seite der Kajüte aufgestellt, wo sie die Küste und die Felsen beobachten, und zeitig Nachricht geben konnte von dem Nahen eines Freundes oder Feindes. Hetty war auch auf einen Wachposten gestellt, aber sie sollte nur auf die Bäume über ihnen Acht haben, damit nicht ein Feind einen besteige, und durch vollständige Beherrschung des Innern des Fahrzeugs die Vertheidigung des Häuschens oder der Cajüte vereitle. Die Sonne hatte sich vom See und Thal zurückgezogen, als Wildtödter die Arche in der genannten Weise stille stehen machte. Doch fehlten noch einige Minuten bis zum eigentlichen Sonnenuntergang, und er kannte die indianische Pünktlichkeit zu gut, um eine unmännliche Hast bei seinem Freunde vorauszusetzen. Die große Frage war, ob er, umgeben von Feinden, wie man dieß wußte, ihren Netzen zu entgehen vermocht habe. Die Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden mußten ihm ein Geheimniß seyn, und wie Wildtödter war auch Chingachgook noch jung auf dem Kriegspfade. Zwar kam er allerdings gefaßt darauf, der Truppe zu begegnen, welche seine verlobte Braut festhielt, aber er hatte keine Mittel, sich über den Umfang der Gefahr, die er lief, zu vergewissern, noch auch über die eigentliche Stellung, welche Freunde und Feinde inne hatten. Mit Einem Wort, der geübte und ausgebildete Scharfblick und die unermüdliche Vorsicht eines Indianers waren Alles, worauf er unter den bedenklichen Gefahren, denen er sich unvermeidlich aussetzte, angewiesen war. »Ist der Fels leer, Judith?« fragte Wildtödter, sobald er die Bewegung der Arche gehemmt hatte, da er für unklug hielt, ohne Noth sich der Küste nahe zu wagen. »Ist Nichts zu sehen von dem Delawarischen Häuptling?« »Nichts, Wildtödter. Weder Fels, Küste, Baum noch See scheinen je eine menschliche Gestalt gekannt zu haben.« »Nehmt Euch in Acht, Judith, – nehmt Euch in Acht, Hetty – eine Büchse hat ein spähendes Auge, einen raschen Fuß, und eine verzweifelt unheilvolle Zunge. Nehmt Euch denn in Acht, aber gebt auch recht Acht, und seyd flink und rüstig! Es thäte mir herzlich leid, wenn Einer von Euch ein Leid zustieße!« »Und Euch, Wildtödter!« rief Judith, ihr schönes Gesicht von dem Guckloch wegwendend, um dem jungen Mann einen huldvollen und dankbaren Blick zuzuwerfen; »Nehmt Ihr Euch in Acht, und sorgt, daß die Wilden nicht Eurer ansichtig werden! Eine Kugel könnte Euch ebenso unheilvoll werden, als Einer von uns; und der Schlag, der Euch träfe, würde von Allen empfunden.« »Seyd ohne Furcht um mich, Judith – seyd ohne Furcht um mich, mein gutes Mädchen. Seht nicht hierher, obgleich Euer Blick recht freundlich und lieblich ist, sondern richtet Euer Auge auf den Felsen, und die Küste, und den –« Wildtödter ward unterbrochen durch einen leisen Ausruf des Mädchens, das, seinen dringenden und hastigen Geberden ebenso wie seinen Worten gehorsam, sogleich wieder ihr Auge nach der entgegengesetzten Richtung gewendet hatte. »Was ist's? – Was ist's, Judith?« fragte er hastig; »Ist Etwas zu sehen?« »Dort ist ein Mann, auf dem Felsen! – ein indianischer Krieger, in seiner Bemalung, und bewaffnet!« »Wo trägt er seine Falkenfeder?« fragte wieder Wildtödter lebhaft, und ließ das Tau nach, um sich dem Ort der Zusammenkunft zu nähern. »Ist sie dicht an der Kriegslocke, oder trägt er sie über dem linken Ohr?« »Wie Ihr sagt, über dem linken Ohr; er lächelt auch, und flüstert das Wort: Mohikan.« »Gott sey gelobt, es ist die Schlange, endlich!« rief der junge Mann, und ließ das Tau durch seine Hände gleiten, bis er am andern Ende des Fahrzeugs einen leichten Sprung hörte; worauf er augenblicklich mit dem Nachgeben des Seils inne hielt, und wieder anfing, es einzuziehen, versichert, daß sein Zweck erfüllt war. In diesem Augenblick ward die Thüre der Cajüte hastig geöffnet, und ein Krieger, durch das kleine Gemach eilend, stand neben Wildtödter, und ließ nur den einfachen Ausruf: »Hugh« hören. Im nächsten Augenblick kreischten Judith und Hetty auf, und die Luft ward erfüllt von dem gellenden Geschrei von zwanzig Wilden, welche durch die Zweige zum Ufer herab sprangen, und von denen Einige in ihrer Hast der Länge nach ins Wasser stürzten. »Zieht, Wildtödter,« schrie Judith, hastig die Thüre schließend, um ein Eindringen durch die Oeffnung zu verhindern, welche so eben den Delawaren eingelassen hatte, »zieht, auf Leben und Tod – der See ist voll von Wilden, die uns nach waten!« Die jungen Männer – denn Chingachgook eilte sofort seinem Freunde beizustehen – erwarteten keine zweite Aufforderung, sondern sie erfüllten von selbst ihre Aufgabe mit einem Eifer, welcher zeigte, wie dringend ihnen die Gefahr erschien. Die große Schwierigkeit war, so plötzlich die vis inertiae einer so großen Masse zu überwinden; denn war die Fähre einmal in Bewegung, so war es leicht, sie das Wasser mit aller wünschenswerthen Schnelligkeit durchschneiden zu machen. »Zieht, Wildtödter, ums Himmels willen!« schrie Judith wieder an ihrem Guckloch; »diese Elenden stürzen ins Wasser wie Hunde, die ihre Beute verfolgen! Ah! die Fähre bewegt sich! und jetzt wird das Wasser tiefer, und geht dem Vordersten schon bis unter die Schulter – und doch eilen sie vorwärts und wollen die Arche packen!« Ein leichtes Kreischen und dann ein fröhliches Gelächter des Mädchens folgte nun; die Ursache von jenem war ein verzweifelter Versuch ihrer Verfolger, und von diesem dessen Mißlingen; die Fähre, welche jetzt tüchtig in Bewegung gesetzt war, glitt bald auf tieferem Wasser, das Vordertheil voran, mit einer Geschwindigkeit hin, welche die Anschläge der Feinde vereitelte. Da die beiden Männer durch die dazwischenliegende Cajüte verhindert waren zu sehen, was hinten vorging, mußten sie die Mädchen nach dem Stand der Jagd fragen. »Was jetzt, Judith? Was dann? Verfolgen uns die Mingo's noch, oder sind wir ihrer für den Augenblick entledigt?« fragte Wildtödter, wie er das Tau schlaff werden fühlte, als eilte nunmehr die Fähre rasch von selbst weiter, und das Kreischen und Lachen des Mädchens beinahe in Einem Athem vernahm. »Sie sind verschwunden! – Einer, der letzte, versteckt sich gerade in den Büschen des Ufers – dort ist er verschwunden in den Schatten der Bäume. Ihr habt nun Euren Freund, und wir sind Alle sicher!« Die beiden Männer machten jetzt wieder eine große Anstrengung, zogen die Arche schnell bis zu dem Anker hinauf, lichteten diesen, und als die Fähre noch eine Strecke Wegs zurückgelegt und ihre Bahn verloren hatte, warfen sie wieder den Anker aus; und jetzt zum erstenmal seit ihrem Wiedersehen hielten sie in ihrer schweren Arbeit inne. Nachdem das schwimmende Haus einige hundert Fuß von der Küste entfernt lag, und vollkommnen Schutz gegen Kugeln bot, war weiter keine Gefahr, und kein Grund zur Anstrengung ihrer Kräfte im Augenblick vorhanden. Die Art, wie die beiden Freunde jetzt einander begrüßten, war höchst charakteristisch. Chingachgook, ein edler, großer, schöner und athletischer junger indianischer Krieger besichtigte zuerst sorgfältig seine Büchse, öffnete die Pfanne, um sich zu versichern, daß das Pulver darauf nicht naß geworden; warf, nachdem er sich dieses wichtigen Umstandes vergewissert, verstohlene aber beobachtende Blicke um sich auf die seltsame Behausung und die beiden Mädchen; noch immer aber sprach er nicht, und besonders vermied er durch Fragen irgend eine weibische Neugierde an den Tag zu legen. »Judith und Hetty,« sagte Wildtödter mit unangelernter, natürlicher Höflichkeit, »dieß ist der Mohikanische Häuptling, von welchem ich Euch gesprochen, Chingachgook, wie er genannt ist, was »große Schlange« bedeutet; so genannt wegen seiner Weisheit und Klugheit und List, und mein erster und letzter Freund. Ich wußte, daß er es seyn müsse, durch die Falkenfeder über dem linken Ohr, denn die meisten andern Krieger tragen sie an der Kriegslocke.« Nachdem Wildtödter so gesprochen, lachte er herzlich, mehr aufgeregt vielleicht durch die Freude, seinen Freund unter so drohenden Umständen nun doch wohlbehalten an seine Seite bekommen zu haben, als durch irgend einen Einfall, der etwa zufällig ihm durch den Sinn fuhr: und dieser Ausbruch seiner Empfindungen war etwas auffallend dadurch, daß er von gar keinem Geräusch begleitet war. Obgleich Chingachgook das Englische verstand und sprach, mochte er doch seine Gedanken nicht in dieser Sprache mittheilen, wie die meisten Indianer; und nachdem er Judiths herzliches Händeschütteln und Hetty's sanftere Begrüßung in der höflichen Weise aufgenommen, wie es einem Häuptling geziemte, wandte er sich weg, offenbar um den Augenblick zu erwarten, wo es seinem Freund belieben möchte, ihm seine weitern Absichten auseinander zu setzen, und ihm zu erzählen, was seit ihrer Trennung sich begeben hatte. Der Andere verstand seinen Wunsch, und offenbarte seine Denk- und Schlußweise in der Sache durch seine Anrede an die Mädchen. »Dieser Wind wird bald sich ganz legen, nachdem die Sonne unter ist,« sagte er, »und es ist nicht nöthig dagegen zu rudern. In etwa einer halben Stunde wird völlige Windstille seyn, oder der Wind wird von der Südküste her wehen, wo wir dann unsern Rückweg zum Castell antreten wollen; mittlerweile wollen der Delaware und ich über allerlei Sachen uns besprechen, und Jeder nach den Begriffen des Andern seine Ansicht berichtigen über das Verfahren, das wir einzuschlagen haben.« Niemand widersprach diesem Vorschlag, und die Mädchen entfernten sich in die Cajüte, um die Abendmahlzeit zu beschicken, während die beiden jungen Männer sich auf dem Vordertheil des Fahrzeugs setzten und ein Gespräch begannen. Die Unterredung ward in der Sprache der Delawaren geführt. Da jedoch dieser Dialekt selbst von Gelehrten wenig gekannt ist, wollen wir bei dieser wie bei allen künftigen Gelegenheiten solche Gespräche, die wir genauer mitzutheilen für nöthig erachten, in unsre Sprache übertragen und die Idiome und Eigenthümlichkeiten der Redenden in sofern zu wahren suchen, daß wir die von ihnen gebrauchten Bilder und Redefiguren dem Geiste der Leser in der treuesten und anschaulichsten Weise nahe bringen. Es ist unnöthig auf die Einzelnheiten einzugehen, welche Wildtödter zuerst berichtete, indem er eine kurze Erzählung der unsern Lesern schon bekannten Thatsachen gab. Erwähnt muß jedoch werden, daß der Erzähler hier nur die Umrisse berührte, und namentlich sich enthielt, Etwas von seinem Kampf mit dem Irokesen und seinem Siege, so wie auch von seinen Bemühungen zu Gunsten der verlassenen Mädchen zu sagen. Als Wildtödter zu Ende war, begann auch der Delaware seine Erzählung und sprach in häufigen Sentenzen, mit viel Ernst und Würde. Sein Bericht war klar und kurz, auch mit keinen Vorfällen ausgeschmückt, die nicht geradezu die Geschichte seiner Reise von den Ortschaften seines Volkes und seine Ankunft im Thal des Susquehannah betroffen hätten. Als er letzteres erreichte, und zwar an einem Punkt, der nur eine halbe Meile südlich von der Ausströmung lag, hatte er bald eine Spur aufgefunden, die ihm die zu vermuthende Nähe von Feinden verrieth. Da er auf ein solches Begebnis vorbereitet war, und ihn ja der Zweck seines Zuges unmittelbar in die Nähe der Truppe von Irokesen rief, von welcher man wußte, daß sie umherstreife, betrachtete er die Entdeckung eher als ein Glück, denn als das Gegentheil, und traf die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, um daraus Nutzen zu ziehen. Zuerst folgte er dem Fluß bis zu seinem Ursprung, merkte sich die Lage des Felsens genauer, fand dann wieder eine Spur, und war wirklich schon Stunden lang um die Feinde von verschiedenen Seiten herumgestreift, gleicherweise eine Gelegenheit abwartend, seine Geliebte zu treffen, und einen Skalp zu erbeuten; und es mag die Frage seyn, was er am sehnlichsten wünschte. Er hielt sich in der Nähe des See's und wagte sich gelegentlich an diesen oder jenen Ort, wo er übersehen konnte, was auf seinem Spiegel vorging. Die Arche war gesehen und beobachtet worden von dem Augenblick an, wo sie in den Bereich des Gesichts kam, obwohl der junge Häuptling natürlich nicht wußte, daß sie das Mittel werden sollte, seine gewünschte Vereinigung mit dem Freunde zu bewirken. Die Unsicherheit ihrer Bewegungen, und der Umstand, daß sie unstreitig von Weißen gelenkt wurde, führte ihn jedoch auf die Vermuthung der Wahrheit, und er hielt sich gefaßt, an Bord derselben zu gehen, sobald sich eine geeignete Gelegenheit darböte. Als die Sonne sich zum Horizont herabsenkte, begab er sich auf den Felsen, wo er, als er aus dem Wald hervortauchte, zu seiner Freude die Arche liegen sah, offenbar bereit, ihn aufzunehmen. Die Art und Weise seines Erscheinens und seines Eintritts in das Fahrzeug ist schon bekannt. Obgleich Chingachgook seine Feinde Stunden lang genau beobachtet hatte, war doch ihre plötzliche und scharfe Verfolgung, als er die Fähre erreichte, ihm ebenso überraschend, wie seinem Freunde. Er konnte sie sich nur erklären durch den Umstand, daß sie zahlreicher waren, als er zuerst geglaubt, und daß sie Truppe ausgestellt hatten, von deren Vorhandenseyn er Nichts gewußt. Ihr regelmäßiges und bleibendes Lager, wenn das Wort bleibend gebraucht werden darf von dem Aufenthaltsort einer Bande, die aller Wahrscheinlichkeit nur ein paar Wochen aus zu seyn beabsichtigte, war nicht fern von der Stelle, wo Hutter und Hurry in ihre Hände gefallen waren, und natürlich in der Nähe einer Quelle. »Nun, Schlange,« fragte Wildtödter, als der Andre seine kurze aber lebendige Erzählung beendigt hatte, und zwar in der Delawarensprache, die wir nur zur Bequemlichkeit des Lesers nicht beibehalten haben – »nun Schlange, da Ihr um diese Mingo's herum spionirt habt: könnt Ihr uns Etwas berichten von ihren Gefangenen; dem Vater dieser Mädchen, und noch Einem, der, wie ich vermuthe, der Liebhaber der Einen von ihnen ist?« »Chingachgook hat sie gesehen. Ein alter Mann und ein junger Krieger – die fallende Schierlingstanne und die hohe Tanne.« »Ihr habt's nicht übel getroffen, Delaware, Ihr habt's nicht übel getroffen. Der alte Hutter ist wirklich halb zerfallen, obgleich manche tüchtige Klötze noch aus seinem Stamm gehauen werden könnten; und was Hurry Harry anlangt, nach Höhe, Stärke und hübschem Aussehen könnte er wohl der Stolz des menschlichen Waldes genannt werden. Waren die Männer gebunden, oder erlitten sie in irgend einer Weise Martern? Ich frage wegen der jungen Weiber, die, glaub' ich, sehr verlangend sind, Etwas zu erfahren.« »Nicht so, Wildtödter. Die Mingo's sind so Viele, daß sie ihr Wild nicht in einen Käfig zu sperren brauchen. Einige wachen. Einige schlafen, Einige lauern, Andere jagen. – Die Bleichgesichter werden heute wie Brüder behandelt; morgen werden sie ihre Skalpe verlieren.« »Ja, das ist rothe Natur, und darein muß man sich schicken! Judith und Hetty, da ist tröstliche Botschaft für Euch! Der Delaware erzählt mir, daß weder Euer Vater noch Hurry Harry Martern zu leiden haben; daß sie, abgerechnet den Verlust der Freiheit, sich so wohl befinden wie wir. Natürlich werden sie im Lager gehalten; im Uebrigen thun sie, was ihnen beliebt.« »Das freut mich zu hören, Wildtödter,« versetzte Judith, »und jetzt, nachdem Euer Freund bei uns ist, zweifle ich nicht im Mindesten daran, daß wir Gelegenheit finden werden, die Gefangenen auszulösen. Wenn Weiber im Lager sind, so habe ich schon Kleidungsstücke, die ihr Auge blenden sollen; und wenn es zum Schlimmsten käme, könnten wir den guten Schrank öffnen, der, so glaube ich, Sachen in seinem Innern enthalten und offenbaren dürfte, welche die Häuptlinge wohl locken werden.« »Judith,« sagte der junge Mann, sie anblickend mit einem Lächeln und einem Ausdruck ernster Neugier, der trotz der wachsenden Dunkelheit dem beobachtenden Blicke des Mädchens nicht entging, »könnt Ihr es übers Herz bringen, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen, um Gefangne zu befreien, von denen freilich der Eine Euer eigner Vater, der Andre Euer geschworner Liebhaber und Freier ist?« Die Röthe, die sich über das Antlitz des Mädchens ergoß, hatte ihren Grund theils in Verdruß und Unmuth, vielleicht aber noch mehr in einem edlern, neuen Gefühle, das, in Verbindung mit dem launenhaften Eigensinn ihres Geschmacks, sie binnen kurzer Zeit empfindlicher für die gute Meinung des ihr jene Frage vorlegenden Jünglings gemacht hatte, als sie gegen das Urtheil jedes Andern war. Mit instinktartiger Raschheit die Anwandlung von Aerger unterdrückend, antwortete sie mit einer Geradheit und Wahrheit, welche ihre Schwester herbeizogen, um auch zuzuhören, obgleich der stumpfe Geist Hetty's keineswegs die Bewegungen eines Herzens zu verstehen vermochte, das so verrätherisch, so unzuverlässig und so ungestüm in seinen Gefühlen war, wie das der verwöhnten und vielgeschmeichelten Schönen. »Wildtödter,« antwortete Judith nach einer augenblicklichen Pause, »ich will ehrlich seyn gegen Euch, Ich gestehe, es war eine Zeit, wo das, was Ihr schöne Sachen nennt, mir das Liebste auf Erden war; aber ich fange an, andres zu denken und zu fühlen. Obgleich Hurry Harry mir Nichts ist, Nichts werden kann, würde ich doch Alles, was ich besitze, hingeben, ihn frei zu machen. Wenn ich dieß thäte für den tobenden, tollen, geschwätzigen Hurry, der nichts Empfehlendes hat als sein gutes Aussehen, könnt Ihr darnach schließen, was ich für meinen Vater thäte.« »Das klingt gut, und ist gemäß eines Weibes Gaben. Ach ja freilich! dasselbe Gefühl findet sich auch wohl bei den jungen Weibern der Delawaren. Ich habe sie oft und viel ihre Eitelkeit ihrem Herzen opfern sehen. Es ist wie es seyn soll – es ist wie es sich nach meiner Ansicht gebührt für beide Farben. Das Weib ward geschaffen zum Gefühl und wird meist auch beherrscht vom Gefühl.« »Würden die Wilden Vater gehen lassen, wenn Judith und ich ihnen alle unsre besten Sachen gäben?« fragte Hetty in ihrer unschuldigen sanften Weise. »Ihre Weiber würden sich drein legen, gute Hetty; ja ihre Weiber würden sich wohl drein legen, wenn sie so Etwas in Aussicht hätten. Aber sagt mir, Schlange, wie ist es mit Weibern unter den Schurken; haben sie viele von ihren eignen Frauen im Lager?« Der Delaware hörte und verstand Alles, was vorging; obgleich er mit indianischem Ernst und Feinheit, abgekehrten Gesichts, dagesessen hatte, anscheinend nicht achtend auf ein Gespräch, das ihn nicht unmittelbar anging. Jetzt aber, wo er angeredet und befragt wurde, antwortete er seinem Freund in seiner gewöhnlichen kurzen und sentenziösen Weise. »Sechs!« sagte er, alle Finger der einen Hand und den Daumen der andern emporhaltend, »außer dieser !« die diese bedeutete seine Verlobte; und mit der Poesie und Wahrheit der Natur bezeichnete er sie dadurch, daß er seine Hand auf's Herz legte. »Habt Ihr sie gesehen, Häuptling – seyd Ihr ihres lieblichen Antlitzes ansichtig geworden, oder ihrem Ohr nahe genug gekommen, um darein das Lied zu singen, das sie so liebt?« »Nein, Wildtödter – die Bäume waren zu viele, und Laub bedeckte ihre Aeste, wie Wolken den Himmel bei Gewittern. Aber,« und der junge Krieger wandte sein dunkles Angesicht gegen seinen Freund mit einem Lächeln darauf, das seine trotzig aussehende Bemalung und seine von Natur finstre Züge mit einem lichten Strahl menschlichen Gefühles verklärte, »Chingachgook hat das Lachen von Wah-ta!-Wah gehört; er unterschied es von dem Lachen der Weiber der Irokesen. Es klang in sein Ohr wie das Zwitschern des Zaunkönigs.« »Ja, darin kann man sich auf eines Liebhabers Ohr verlassen, und auf das eines Delawaren in Betreff aller Töne, die man je in den Wäldern hört. Ich weiß nicht, wie es kommt, Judith, aber wenn junge Männer – und ich glaube fast, es ist ganz ebenso auch bei jungen Weibern – nun, wenn sie zärtliche Gefühle gegen einander bekommen, so ist es wunderbar, wie lieblich das Lachen oder das Sprechen des Einen dem Andern zu tönen anfängt. Ich habe grimmige Krieger dem Plaudern und Lachen junger Mädchen lauschen sehen, als wäre es Kirchenmusik, – so wie man hört in der alten holländischen Kirche, die in der großen Straße von Albany steht, wo ich mehr als einmal mit Pelzwerk und Wildpret gewesen bin.« »Und Ihr, Wildtödter,« sagte Judith rasch, und mit mehr Empfindung als man sonst in ihrem gewöhnlich so leichten und gleichgültigen Wesen bemerkte, »habt Ihr nie empfunden, wie angenehm es ist, dem Lachen eines geliebten Mädchens zu lauschen?« »Gott tröste Euch, Mädchen! – ha, ich habe nie lang genug unter meiner eignen Farbe gelebt, um in diese Gattung von Gefühlen zu verfallen – nein, nie! Ich glaube wohl, sie sind natürlich und recht; aber für mich ist keine Musik so schön, als das Pfeifen des Windes in den Gipfeln der Bäume, und das Rauschen eines Baches aus seiner vollen, blitzenden, heimathlichen Quelle reinen frischen Wassers; außer etwa,« fuhr er fort und senkte einen Augenblick nachdenklich den Kopf, »außer etwa ja, der offene Rachen eines zuverlässigen Hundes, wenn ich einem fetten Bock auf der Fährte bin. Was unzuverlässige Hunde sind, nach deren Gebell frage ich wenig, in Betracht, daß sie ebenso oft anfangen zu bellen, wenn das Wild nicht zu sehen, als wenn dieß der Fall ist.« Judith schritt langsam und nachdenklich weg, auch lag Nichts von ihrer gewöhnlichen berechnenden Koketterie in dem leisen, bebenden Seufzer, der, ihr selbst unbewußt, ihrem Munde entschwebte. Anderntheils horchte Hetty mit argloser Aufmerksamkeit, obgleich es ihrem einfachen Geist als sonderbar auffiel, daß der junge Mann die Melodie der Wälder den Gesängen von Mädchen oder gar dem Lachen der Unschuld und Freude vorziehen sollte. Gewohnt jedoch, in den meisten Dingen sich nach ihrer Schwester zu bequemen, folgte sie bald Judith in die Cajüte, wo sie einen Sitz nahm und längere Zeit tief brütete über einen Vorfall oder Einen Entschluß, oder eine Meinung, wovon außer ihr kein Mensch wußte. Wildtödter und sein Freund, jetzt allein, setzten nun ihr Gespräch fort. »Ist der junge Bleichgesicht-Jäger schon lange an diesem See?« fragte der Delaware, nachdem er höflich abgewartet, ob nicht der Andere zuerst sprechen werde. »Erst seit gestern Mittag, Schlange; und doch war dieß lang genug, um Viel zu erleben und zu thun.« Der Blick, den der Indianer auf seinen Genossen heftete, war so scharf, daß er der wachsenden Dunkelheit der Nacht zu spotten schien. Als der Andere verstohlen seinen Blick erwiederte, sah er die zwei scharfen Augen sich anblitzen, wie die Augäpfel des Panthers oder des hungrigen Wolfs. Er verstand den Sinn dieser glühenden Augen, und antwortete ausweichend, wie es nach seiner Meinung sich am besten schickte für die Bescheidenheit eines Mannes mit weißen Gaben. »Es ist wie Ihr vermuthet, Schlange; ja, es ist Etwas der Art. Ich bin auf einen Feind gestoßen; und ich denke, man kann auch sagen, ich habe mit ihm gekämpft.« Ein Ausruf der Freude und des Jubels entfuhr dem Indianer; und dann mit der Hand lebhaft den Arm seines Freundes fassend, fragte er ihn, »ob auch Skalpe erbeutet worden seyen.« »Das ist, will ich gegen den ganzen Stamm der Delawaren, gegen den alten Tamenund und Euern Vater, den großen Uncas, wie gegen alle Uebrigen keck behaupten, das ist gegen die Gaben eines Weißen! Mein Skalp ist auf meinem Kopf, wie Ihr seht, Schlange, und das war der einzige Skalp, der in Gefahr war, da die eine Partei ganz christlich und weiß war.« »Fiel kein Krieger? – Wildtödter bekam seinen Namen nicht dadurch, daß er von schläfrigem Auge oder ungeschickt mit der Büchse war!« »In diesem Punkt, Häuptling, sprecht Ihr vernünftiger und kommt daher der Wahrheit näher. Ich darf sagen, ein Mingo ist gefallen.« »Ein Häuptling?« fragte der Andere mit ungestümer Heftigkeit. »Nein, das ist Mehr als ich weiß oder sagen kann. Er war schlau, und verrätherisch, und herzhaft, und mag wohl Beifall genug unter seinem Volke sich erworben haben, um zu dieser Würde erhoben zu werden. Der Mann kämpfte gut, obgleich sein Auge nicht schnell genug war für einen Mann, der seine Schule in Eurer Gesellschaft gemacht, Delaware!« »Mein Bruder und Freund schlug den Mann doch nieder?« »Ich brauchte das nicht, sintemal der Mingo in meinen Armen starb. Ich kann wohl die Wahrheit gerade heraus sagen; er kämpfte wie ein Mann mit rothen Gaben, und ich wie ein Mann mit Gaben von meiner Farbe. Gott gab mir den Sieg, ich konnte nicht seine Vorsehung ins Angesicht schlagen, indem ich meine Geburt und Natur vergessen hätte. Weiß schuf er mich, und weiß will ich leben und sterben.« »Gut! Wildtödter ist ein Bleichgesicht und hat Hände eines Bleichgesichts. Ein Delaware wird nach dem Skalp sehen, und ihn auf einen Pfahl hängen, und ein Lied zu seiner Ehre singen, wenn wir zurückgehen zu unserm Volke. Die Ehre gehört dem Stamme; sie darf nicht verloren gehen.« »Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht gethan. Des Mingo's Leichnam ist in den Händen seiner Freunde, und ohne Zweifel in einer Höhle verborgen, wo Delawarenlist dem Skalp nie beikommen wird.« Der junge Mann gab dann seinem Freunde einen kurzen aber klaren Bericht von dem Ereigniß des Morgens, Nichts von irgend einigem Belang verhehlend, und doch Alles bescheiden, und mit sorgfältiger Aufmerksamkeit, die indianische Prahlerei zu vermeiden, berührend. Chingachgook drückte wieder seine Freude aus über die von seinem Freunde gewonnene Ehre, und dann standen Beide auf, da die Stunde gekommen war, wo die Klugheit rieth, die Arche weiter vom Land zu entfernen. Es war jetzt ganz dunkel; der Himmel umwölkt und die Sterne verdeckt. Der Nordwind hatte aufgehört, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, und ein leiser Luftzug erhob sich von Süden. Da dieß Umschlagen die Absichten Wildtödters begünstigte, lichtete er seinen Anker, und das Fahrzeug fing sogleich und ganz merklich an, weiter in den See hinein zu treiben. Das Segel ward aufgezogen, wodurch die Bewegung des Fahrzeugs zu einer Schnelligkeit von nicht viel weniger als zwei Meilen in der Stunde stieg. Da dieß das Rudern entbehrlich machte – eine Arbeit, nach welcher ein Indianer selten lüstern war – setzten sich Wildtödter, Chingachgook und Judith auf das Hintertheil der Fähre, wo der Erstere mit dem Steuerruder ihre Bewegungen lenkte. Hier besprachen sie sich über ihre künftigen Maßregeln, und über die Mittel, deren man sich bedienen müsse, um die Befreiung ihrer Freunde zu bewirken. Zu diesem Gespräch trug Judith das Wesentlichste bei; der Delaware verstand ohne Mühe Alles, was sie sagte, seine Antworten und Bemerkungen aber, welche beide selten und kurz waren, wurden gelegentlich von seinem Freund ins Englische übertragen. Judith stieg in der nächsten halben Stunde bedeutend in der Achtung ihres Genossen. Rasch im Entschluß und fest in ihren Absichten, zeugten ihre Vorschläge und Auskunftsmittel von ihrem Muth und ihrem Scharfblick, und beide waren von der Art, daß sie wohl bei Grenzmännern Gunst finden mochten. Die seit ihrer Bekanntschaft vorgefallenen Ereignisse, so wie ihre vereinzelte und abhängige Lage flößten dem Mädchen ein Gefühl gegen Wildtödter ein, als wäre es eine jahrelange Freundschaft, und nicht die Bekanntschaft eines Tags, was sie verband; und so gänzlich war sie gewonnen durch die arglose Wahrhaftigkeit seines Charakters und Gemüths – für sie, so weit ihre Erfahrung reichte, völlige Neuigkeiten an unsrem Geschlecht – daß seine Eigenthümlichkeiten ihre Neugierde rege gemacht, und ein Zutrauen in ihr erweckt hatten, das sie noch nie gegen einen andern Mann empfunden hatte. Bisher hatte sie sich genöthigt gesehen, bei ihrem Verkehr mit Männern sich vertheidigungsweise zu verhalten – mit welchem Erfolg, wußte sie selbst am besten; aber jetzt sah sie sich plötzlich in die Gesellschaft und unter den Schutz eines Jünglings versetzt, der offenbar so wenig Arges gegen sie im Sinne hatte, als wäre er ihr Bruder gewesen. Die Frische seiner Unschuld und Rechtlichkeit, die Poesie und Wahrheit seiner Gefühle, und selbst die Eigenheit seiner Redeweise – Alles äußerte einen Einfluß auf sie, und trug dazu bei, ein Interesse in ihr zu erwecken, das, wie sie fand, ebenso rein als plötzlich und tief war. Hurry's hübsches Gesicht und männliche Gestalt hatten ihr nie sein lärmendes und gemeines Wesen vergütet; und ihr Verkehr mit den Officieren hatte sie Vergleichungen anstellen gelehrt, bei welchen selbst seine großen natürlichen Vorzüge zu kurz kamen. Aber eben dieser Verkehr mit den Officieren, welche gelegentlich an den See kamen, um zu fischen und zu jagen, wirkte auch mit auf ihre jetzigen Gesinnungen und Empfindungen gegenüber dem jungen Fremden. Die Bekanntschaft mit ihnen hatte sie, während ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt und ihre Eigenliebe geweckt worden war, vielen Grund, tief zu bereuen – wenn nicht gar, in geheimem Kummer darüber zu trauern – denn es hatte ihr bei ihrem lebhaften, raschen Verstand die Beobachtung unmöglich entgehen können, wie hohl der Umgang und Verkehr zwischen Höhern und Geringern sey, und daß sie selbst von den bestgesinnten und am wenigsten berechnenden und listigen unter ihren scharlachröckigen Bewunderern mehr als das kurzweilige Spielzeug einer müssigen Stunde, denn als Gleichgestellte und Freundin betrachtet wurde. Wildtödter dagegen hatte ein Fenster vor seiner Brust, durch welches das Licht seiner Ehrlichkeit immer leuchtete; und selbst seine Gleichgültigkeit gegen Reize, die so selten verfehlten einen lebhaften Eindruck zu machen, spannte den Stolz des Mädchens und verlieh ihm in ihren Augen ein Interesse, das ein Anderer, anscheinend mehr von der Natur begünstigt, nicht leicht erregt hätte. In dieser Weise verstrich eine halbe Stunde, während welcher die Arche langsam über das Wasser hinglitt, indeß das Dunkel umher immer dichter wurde; obgleich man noch wohl bemerkte, daß der schwarze Wald am südlichen Ende des See's ferner rückte, während die Berge, welche die Seiten des schönen Beckens einfaßten, ihn beinahe von einer Seite zur andern überschatteten. Doch war noch ein schmaler Streif Wasser in der Mitte des See's, wo das dämmernde Licht, das noch vom Himmel sich ergoß, auf seinen Spiegel in einer nördlich und südlich sich ausdehnenden Linie fiel; und entlang diesem schwachen Streifen, – eine Art umgekehrter Milchstraße, wo die Dunkelheit nicht so dicht war als an andern Stellen – verfolgte die Fähre ihren Lauf, da ihr Steuermann wohl wußte, daß dieß die gewünschte Richtung sey. Der Leser darf jedoch nicht glauben, es habe irgend eine Schwierigkeit, die einzuhaltende Richtung betreffend, gewaltet. Diese wäre bestimmt worden durch die Strömung des Windes, hätte man auch nicht mehr die Berge unterscheiden können, so wie auch durch die dämmernde Lichtung nach Süden zu, welche die Lage des Thals nach dieser Seite, auf der Ebene von großen Bäumen durch eine etwas verminderte Dunkelheit bezeichnete; – der Unterschied zwischen dem Dunkel des Waldes und dem Dunkel der nur als Luft gesehenen Nacht. Diese Eigenthümlichkeiten nahmen endlich die Aufmerksamkeit Judiths und Wildtödters in Anspruch, und das Gespräch hörte auf, wodurch Jedes Muße erhielt, die feierliche Stille und tiefe Ruhe der Natur zu betrachten. »Es ist eine finstre Nacht,« bemerkte das Mädchen nach einer Pause von einigen Minuten. »Ich hoffe, wir werden doch das Castell finden können.« »Daß wir das verfehlen, ist wenig zu besorgen, wenn wir nur diese Richtung in der Mitte des See's behalten,« versetzte der junge Mann. »Die Natur hat uns hier eine Bahn gemacht, und so finster es ist, wird es doch wenig Schwierigkeit haben, sie zu verfolgen.« »Hört Ihr nichts, Wildtödter? Es war, als ob das Wasser ganz in unsrer Nähe rauschte.« »Gewiß hat Etwas das Wasser in Bewegung gebracht, auf eine ungewöhnliche Art; es muß ein Fisch gewesen seyn. Diese Creaturen machen auf einander Jagd, wie Menschen und Thiere auf dem Land; Einer ist in die Luft gesprungen, und ist schwerfällig wieder heruntergesunken in sein Element. Es nützt sie wenig, Judith, aus ihrem Element herauszustreben, da es einmal ihre Natur ist, darin zu bleiben, und die Natur muß ihren Willen haben, Ha! das tönt wie ein Ruder, das mit ungewöhnlicher Vorsicht gehandhabt wird!« In diesem Augenblick beugte sich der Delaware vor und wies bedeutsam nach dem finstern Horizont, als ob plötzlich seinem Auge etwas aufgestoßen. Wildtödter und Judith folgten der Richtung seiner Geberde und Beide wurden in demselben Augenblick eines Canoe's ansichtig. Die Wahrnehmung dieses beunruhigenden Nachbars war dämmernd und trüb, und ein minder geübtes Auge hätte darüber in Ungewißheit seyn können; aber die auf der Arche Befindlichen erkannten deutlich ein Canoe mit einer Person darin, welche aufrecht stand und ruderte. Wie Viele im untern Raume versteckt lagen, konnte man natürlich nicht wissen. Einer von starken und geübten Händen gelenkten Barke mittelst Ruderns entfliehen, war ganz unthunlich, und beide Männer ergriffen, eines Kampfes gewärtig, ihre Büchsen. »Ich kann den Rudrer leicht zu Boden fällen,« flüsterte Wildtödter, »aber wir wollen ihn zuerst anrufen und um sein Vorhaben fragen.« Dann erhob er seine Stimme und rief ernst und feierlich: »Halt! Wenn Ihr näher kommt, muß ich feuern, so wenig ich es wünsche; und dann ist sicherer Tod die Folge. Stellt das Rudern ein und antwortet.« »Feuert und tödtet ein armes, wehrloses Mädchen,« erwiederte eine sanfte, zitternde weibliche Stimme, »aber Gott wird Euch das nie vergeben! Geht Eures Weges, Wildtödter, und laßt mich den meinigen gehen!« »Hetty!« riefen der junge Mann und Judith in Einem Athem; und der Erstere sprang sogleich nach der Stelle, wo er das am Tau mitgeführte Canoe gelassen hatte. Es war weg, und nun verstand er die ganze Sache. Die Entflohene, erschrocken über die Drohung, hörte zu rudern auf, und blieb nur dämmernd sichtbar, einem gespenstischen Umriß einer menschlichen Gestalt ähnlich, über dem Wasser stehen. Im nächsten Augenblick ward das Segel herabgelassen, damit die Arche nicht an der Stelle, wo das Canoe sich befand, vorübergleitete. Diese letzte Maaßregel jedoch ward nicht mehr zu rechter Zeit getroffen, denn das Gewicht eines so schweren Fahrzeugs und der Anstoß des zwar schwachen Windes trieben es bald daran vorüber, und bewirkten, daß Hetty gerade hinter dem Winde sich befand, obwohl noch sichtbar, da der Wechsel in der Stellung der beiden Fahrzeuge sie in jene obenerwähnte Art von Milchstraße brachte. »Was kann dieß bedeuten, Judith?« fragte Wildtödter. »Warum hat Eure Schwester das Canoe genommen und uns verlassen?« »Ihr wißt, sie ist schwachsinnig, das arme Mädchen! und sie hat ihre eignen Ideen darüber, was zu thun sey. Sie liebt ihren Vater mehr, als die meisten Kinder ihre Eltern lieben – und dann –« »Dann was, Mädchen? Dieß ist ein bedenklicher Augenblick, und wo man die Wahrheit reden muß.« Judith empfand eine edelmüthige und weibliche Scheu, ihre Schwester zu verrathen, und sie zögerte, ehe sie fortfuhr. Aber noch einmal von Wildtödter dringend aufgefordert, und selbst erkennend die Gefahren alle, welchen die Gesellschaft durch Hetty's Unklugheit ausgesetzt wurde, konnte sie nicht länger an sich halten. »Dann fürchte ich auch, die arme schwachsinnige Hetty hat nicht recht die Eitelkeit, die Narrheit und die Tollheit zu sehen vermocht, die hinter dem schönen Gesicht und der stattlichen Gestalt Hurry Harry's liegen. Sie spricht im Schlaf von ihm, und verräth manchmal ihre Neigung auch in ihren wachen Augenblicken.« »Ihr meint, Judith, Eure Schwester gehe jetzt mit irgend einem tollen Plan um, ihrem Vater und Hurry zu dienen, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Gewürme, die Mingo's in den Besitz eines Canoe setzen wird!« »So wird es sich, fürchte ich, verhalten, Wildtödter. Die arme Hetty hat schwerlich Schlauheit genug, einen Wilden zu überlisten.« Die ganze Zeit her war das Canoe, Hetty in aufrechter Stellung am einen Ende desselben stehend, dämmernd sichtbar gewesen, obgleich es bei der raschen Bewegung der Arche mit jedem Augenblicke weniger deutlich wurde. Es war offenbar keine Zeit zu verlieren, wenn es nicht ganz verschwinden sollte. Die Büchsen wurden jetzt als überflüssig bei Seite gelegt; und dann ergriffen die beiden Männer die Ruder und fingen an, das Vordertheil der Fähre gegen das Canoe hin umzuwenden. Judith, an den Dienst gewöhnt, eilte nach dem andern Ende der Arche und stellte sich an den Helm – wenn man so sagen konnte. Hetty erschrack bei diesen Vorkehrungen, die nicht ohne Geräusch getroffen werden konnten, und fuhr auf wie ein Vogel, der plötzlich durch das Herannahen einer nicht erwarteten Gefahr gescheucht wird. Da Wildtödter und sein Genosse mit der Anstrengung von Männern ruderten, welche die Notwendigkeit fühlten, jeden Nerv anzuspannen, und Hetty's Kräfte geschwächt wurden durch ein ängstliches, krampfhaftes Bestreben zu entfliehen, würde sich die Jagd bald mit der Einholung der Flüchtigen geendigt haben, hätte nicht das Mädchen einige rasche und unvorhergesehene Abweichungen von der geraden Bahn gemacht. Diese Wendungen gewannen ihr Zeit, und sie hatten auch die Wirkung das Canoe und die Arche allmälig in das dichtere Dunkel hineinzuführen, das die Schatten von den Bergen erzeugten. Auch vergrößerten sie allmälig den Abstand zwischen der Fliehenden und ihren Verfolgern, bis Judith ihren Genossen zurief, sie sollten zu rudern aufhören, weil sie das Canoe gänzlich aus dem Gesicht verloren. Als diese leidige Benachrichtigung erfolgte, war Hetty in der That so nahe, daß sie jede Sylbe verstand, die ihre Schwester sprach; obgleich Letztere die Vorsicht gebraucht hatte, so leise zu sprechen, als nur immer die Umstände gestatteten, falls sie gehört werden wollte. Hetty hörte in demselben Augenblick zu rudern auf, und wartete das weitere Ergebniß ab mit einer Ungeduld, die ebenso sehr in Folge ihrer bisherigen Anstrengungen, wie ihres Wunsches, ans Land zu kommen, eine wahrhaft athemlose zu nennen war. Eine Todtenstille senkte sich inzwischen auf den See, während welcher die drei in der Arche ihre Sinne aufs mannigfachste anstrengten, um die Stellung des Canoe's zu entdecken. Judith beugte sich vor, um zu horchen, in der Hoffnung, einen Ton zu erlauschen, der verriethe, in welcher Richtung ihre Schwester sich davonstehle; während ihre beiden Genossen die Augen so nahe als möglich hinab ans Wasser hielten, um jeden Gegenstand zu entdecken, der etwa auf seiner Oberfläche schwimme. Alles jedoch war umsonst, denn weder ein erlauschter Ton noch das Sichtbarwerden eines Gegenstandes belohnte ihre Anstrengungen. Diese ganze Zeit über stand Hetty, welche nicht so viel Schlauheit besaß, sich im Boot niederzulegen, aufgerichtet da, einen Finger auf ihren Mund gedrückt, in der Richtung hinausstarrend, von welcher her sie die Stimmen gehört hatte, einer Bildsäule schweigender und scheuer Erwartung ähnlich. Ihre List war nur so weit gegangen, daß sie in der erzählten Weise ohne Geräusch des Canoe's sich zu bemächtigen und die Arche zu verlassen im Stande gewesen war; dann schien sie für den Augenblick gänzlich erschöpft. Selbst die Abweichungen des Canoe's waren ebenso sehr die Folgen einer unsichern Hand und einer Nervenaufregung, als einer schlauen Berechnung gewesen. Diese Pause währte einige Minuten, während welcher Wildtödter und der Delaware in der Sprache des Letztern sich beriethen. Dann tauchten die Ruder wieder ins Wasser, und die Arche bewegte sich, aber mit so wenig Geräusch als nur möglich. Sie steuerte westlich, etwas südlich, oder in der Richtung auf das Lager des Feindes zu. Nachdem sie einen vorliegenden Punkt, nicht weit von der Küste entfernt, erreicht hatte, wo wegen der Nähe des Landes die Finsterniß sehr dicht war, blieb sie hier beinahe eine Stunde liegen, das gehoffte Herankommen Hetty's zu erwarten, die, so dachte man, diesem Punkt nach Kräften zueilen würde, sobald sie sich der Gefahr der Verfolgung entledigt glauben würde. Aber diese kleine Blokade wurde von keinem Erfolg gekrönt; weder der Gesichtssinn noch der Gehörsinn konnten das Vorbeifahren eines Canoe's entdecken. Verdrüßlich über dieß Mißlingen, und erkennend wie wichtig es sey, von dem Castell Besitz zu ergreifen, ehe der Feind sich seiner bemächtige, schlug jetzt Wildtödter die Bahn dahin ein mit der Befürchtung, daß alle seine Vorsicht, als er die Canoe's in Sicherheit gebracht, vereitelt seyn werde durch diesen unbewachten und beunruhigenden Schritt von Seiten der schwachsinnigen Hetty. Zehntes Kapitel.     »Aber Wer in diesem wilden Wald Mag Glauben schenken seinem Aug' und Ohr, Wo von dem Felsabhang, aus hohler Schlucht Ein wirr und bunt Getön von dürrem Laub, Von Zweigeknistern und Nachtvögelkrächzen Antwort zu geben scheint!« Johanna Baillie. Furcht ebenso sehr als Berechnung hatte Hetty veranlaßt, das Rudern einzustellen, als sie entdeckte, daß ihre Verfolger nicht wüßten, in welcher Richtung sie weiter steuern sollten. Sie blieb ruhig, bis die Arche in die Nähe des Lagers sich gewendet hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt worden; da ergriff sie wieder das Ruder, und mit vorsichtigen Schlägen strebte sie der westlichen Küste zu. Um jedoch ihren Verfolgern auszuweichen, die, wie sie richtig vermuthete, bald auch diese Küste entlang rudern würden, richtete sie das Vordertheil ihres Canoe's so weit nördlich, daß sie ans Land kam an einem vorspringenden Punkt, welcher etwa eine Stunde von der Ausströmung entfernt, in dem See auslief. Auch war dieß nicht ganz nur das Ergebniß ihres Wunsches, zu entkommen; denn Hetty Hutter, so schwachsinnig sie war, besaß doch nicht Wenig von jener instinktartigen Vorsicht, welche oft die von Gott so Heimgesuchten vor Unheil bewahrt. Sie erkannte vollkommen, wie wichtig es sey, die Canoe's nicht in die Hände der Irokesen fallen zu lassen; und lange, vertraute Bekanntschaft mit dem See hatte ihr eines der einfachsten Auskunftsmittel an die Hand gegeben, wodurch dieser wichtige Augenmerk mit ihrem eignen Plane in Einklang gebracht wurde. Der fragliche Punkt war der erste Landvorsprung auf dieser Seite des See's, wo ein Canoe, wenn man es bei Südwind forttreiben ließ, vom Lande wegschwimmen mußte, und sogar, wie man ohne große Verletzung der Wahrscheinlichkeit annehmen durfte, das Castell erreichen konnte, denn dieses lag über ihm, beinahe in gerader Linie mit dem Wind. Dieß war denn Hetty's Absicht; und sie landete auf der äußersten Spitze des sandigen, vorspringenden Punktes, unter einer überhangenden Eiche, mit dem ausdrücklichen Vorhaben, das Canoe von der Küste wegzustoßen, damit es ihres Vaters insularischer Behausung zuschwimme. Auch wußte sie von den Stämmen her, die gelegentlich auf dem See herumschwammen, daß, wenn es auch das Castell und Zugehör verfehlte, der Wind wahrscheinlich umschlagen würde, ehe es das nördliche Ende des See's erreichte, und hoffte, Wildtödter würde wohl Gelegenheit haben, es am Morgen wieder aufzufangen, wenn er, wie kaum zu bezweifeln, die Oberfläche des Wassers und seine gesammten umwaldeten Küsten mit dem Fernglas ernstlich durchmustern würde. Auch in diesem Allen ward Hetty weniger von einer eigentlichen Schlußkette, als von ihrem gewohnheitsmäßigen dunkeln Bewußtseyn geleitet; und dieß letztere ersetzt oft bei menschlichen Wesen die Schwächen des Geistes, wie es ja auch, oder ein Analogon davon, bei Thieren der niedern Gattungen denselben Dienst leistet. Das Mädchen brauchte eine volle Stunde, bis sie zu dem Landvorsprung gelangte, denn die Entfernung und die Dunkelheit hielten sie lange auf; sobald sie aber den Kiesstrand erreicht hatte, schickte sie sich auch an, das Canoe in der angegebnen Weise dem Spiel des Wassers anzuvertrauen. Während sie es zurückdrängte, hörte sie leise Stimmen, die von den Bäumen hinter ihr her zu kommen schienen. Erschrocken über diese unerwartete Gefahr stand Hetty schon auf dem Punkt, wieder in das Canoe zu springen, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, als sie die Töne von Judiths melodischer Stimme zu erkennen glaubte. Sie beugte sich vor, um die Töne unmittelbar aufzufassen, und erkannte deutlich, daß sie vom Wasser her kamen: jetzt begriff sie, daß die Arche sich von Süden her nähere, und zwar so nahe an der westlichen Küste, daß sie nothwendig an dem Landvorsprung auf zwanzig Schritte von dem Ort, wo sie stand, vorbeikommen mußte. Hier hatte sie denn Alles, was sie wünschen konnte; sie schob das Canoe zurück in den See, und die bisherige Fergin blieb allein auf dem schmalen Strand zurück. Nach Vollbringung dieser Handlung der Selbstaufopferung zog sich Hetty nicht zurück. Das Laub der überhängenden Bäume und Gebüsche würde sie beinahe ganz versteckt haben, wenn es auch licht gewesen wäre; aber in dieser Finsterniß war es ganz unmöglich, einen so beschatteten Gegenstand auch nur auf einige Schritte zu entdecken. Auch die Flucht war ganz leicht, da sie mit zwanzig Schritten sich im Schooß des Waldes begraben konnte. Sie blieb daher, mit heftiger Spannung das Ergebnis ihrer Maßregel abwartend, mit dem Vorsatz, die Aufmerksamkeit der Andern durch Rufen auf das Canoe zu lenken, sollte es den Anschein haben, als führen sie ohne es zu beachten vorüber. Die Arche näherte sich wieder unter Segel; Wildtödter stand auf dem Bug, Judith neben ihm, und der Delaware am Helm. Es schien beinahe, als habe die Arche in der Bai unten sich zu nahe an die Küste gewagt, in der immer noch nicht aufgegebenen Hoffnung, Hetty abzuschneiden, denn wie sie näher kam, hörte die Letztere deutlich, wie der junge Mann vorn seinem Genossen Weisungen gab, um an dem Landvorsprung vorbeizukommen. »Lenkt die Spitze mehr ab von der Küste, Delaware,« sagte Wildtödter zum dritten Male auf Englisch, damit seine schöne Genossin seine Worte verstehe; »lenkt die Spitze recht ab von der Küste. Wir sind hier zu weit hereingekommen, und müssen mit dem Mast aus den Bäumen heraus. Judith, hier ist ein Canoe!« Die letzten Worte wurden mit großem Ernst gesprochen, und Wildtödters Hand hatte seine Büchse gefaßt, ehe sie ganz über seine Lippen waren. Aber die Wahrheit ging sogleich wie ein Licht dem raschen Geiste des Mädchens auf, und sie sagte sogleich ihrem Begleiter, das Boot müsse dasjenige seyn, worin ihre Schwester entflohen. »Lenkt die Fähre geradaus, Delaware! steuert so schnurgerade zu, wie Eure Kugel fliegt, wenn einem Bock in das Herz geschickt; – so, ich habe es!« Das Canoe ward ergriffen und sogleich wieder an der Seite der Arche befestigt; im nächsten Augenblick ward das Segel eingezogen, und die Bewegung der Arche mittelst der Ruder gehemmt. »Hetty!« rief Judith, und Theilnahme, selbst Zärtlichkeit sprach sich in ihrem Tone aus; »wenn du mich hörst, Schwester, um Gottes willen, antworte und laß mich wieder den Ton deiner Stimme hören! Hetty! – liebe Hetty!« »Ich bin hier, Judith, hier, auf der Küste, wo es vergeblich wäre, mich zu verfolgen; denn ich will mich in den Wäldern verstecken.« »Oh, Hetty! was machst Du! Bedenke es ist bald Mitternacht, und die Wälder sind voll von Wilden und von wilden Thieren!« »Beide werden einem armen, nur halb klugen Mädchen kein Leid thun, Judith. Gott ist hier so gut bei mir, als er in der Arche oder in der Hütte es seyn würde. Ich bin im Begriff, meinem Vater und dem armen Hurry Harry zu Hülfe zu eilen, welche werden gemartert werden; wenn nicht Jemand sich ihrer annimmt.« »Wir Alle nehmen uns ihrer an, und beabsichtigen, ihnen morgen eine Friedensfahne zu schicken, um ihre Loslassung zu erkaufen. Komm daher zurück, Schwester, vertraue uns, die wir stärkere Köpfe haben als du, und Alles, was wir können, für Vater thun werden.« »Ich weiß, dein Kopf ist stärker als der meinige, Judith, denn der meinige ist freilich sehr schwach; aber ich muß zu Vater und zu dem armen Hurry. Behauptet Ihr, Du und Wildtödter das Castell; mich laßt in der Hand Gottes!« »Gott ist bei uns Allen, Hetty – im Castell oder auf der Küste – beim Vater so gut wie bei uns; und es ist Sünde, nicht auf seine Güte vertrauen. Du kannst Nichts thun in der Finsterniß, wirst dich im Walde verirren und durch Mangel an Nahrung umkommen,« »Gott wird das nicht einem armen Mädchen geschehen lassen, das geht, seinem Vater zu dienen, Schwester. Ich muß es versuchen und die Wilden aufsuchen.« »Komm zurück, nur für diese Nacht: am morgen wollen wir dich an's Land setzen und dich handeln lassen nach deinem Gutdünken.« »Du sagst so, und denkst so, aber du würdest es nicht thun. Dein Herz würde weich werden, und du würdest Tomahawks und Skalpiermesser in der Luft sehen. Zudem habe ich mir vorgenommen, dem indianischen Häuptling Etwas zu sagen, was allen unsern Wünschen entsprechen wird; und ich fürchte, es zu vergessen, wenn ich es ihm nicht sofort sage. Ihr werdet sehen, er läßt den Vater frei, sobald er es hört.« »Arme Hetty! Was kannst du einem trotzigen Wilden sagen, wodurch irgend seine blutdürstigen Anschläge sollten umgewandelt werden?« »Etwas, das ihn erschrecken und ihn bewegen wird, Vater gehen zu lassen,« versetzte das einfältige Mädchen in bestimmtem Tone. »Du wirst es sehen, Schwester, wie bald es ihn dazu bringen wird, wie ein folgsames Kind!« »Wollt Ihr mir sagen, was Ihr ihm zu sagen beabsichtigt?« fragte Wildtöter. »Ich kenne die Wilden gut, und kann mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, in wie weit gute Worte auf ihre blutdürstigen Gemüther wirken werden oder nicht. Wenn es nicht den Gaben einer Rothhaut gemäß ist, so wird es nichts helfen; denn Vernunft geht nach Gaben, wie die Handlungsweise.« »Gut denn,« antwortete Hetty, ihre Stimme zu leisem, vertraulichem Tone sinken lassend; denn die Stille der Nacht und die Nähe der Arche gestatteten ihr dieß zu thun und doch gehört zu werden. »Gut denn, Wildtödter, da Ihr ein guter und redlicher junger Mann scheint, will ich es Euch sagen. Ich habe im Sinne, keinem der Wilden ein Wort zu sagen, bis ich Angesicht gegen Angesicht ihrem obersten Häuptling gegenüber stehe, mögen sie mich plagen mit so vielen Fragen als sie wollen; nein – ich will ihnen keine beantworten als daß ich ihnen sage, sie sollen mich zu ihrem weisesten Manne führen. Dann, Wildtödter, will ich ihm sagen, daß Gott Mord und Raub nicht verzeihen wird, und daß, wenn Vater und Hurry auf die Skalpe der Irokesen ausgingen, er Böses mit Gutem vergelten müsse, denn so gebeut die Bibel, sonst werde er eingehen zur ewigen Strafe. Wenn er das hört, und fühlt, daß es wahr ist – wie er das muß; wie lange wird es dann anstehen, bis er Vater und Hurry und mich an die Küste schickt, gegenüber dem Castell, und uns alle drei unsers Weges im Frieden gehen heißt?« Die letzte Frage sprach sie in triumphirendem Tone; und dann lachte das einfältige Mädchen über den Eindruck, den, wie sie keinen Augenblick zweifelte, ihr Plan auf ihre Zuhörer gemacht. Wildtödter war stumm vor Erstaunen über diesen Beweis von argloser Geistesschwäche; Judith aber hatte sich rasch auf ein Mittel besonnen, diesem unsinnigen Anschlag entgegenzuwirken, dadurch, daß sie eben auf die Gefühle zu wirken suchte, aus welchen er entsprungen war, ohne daher die letzte Frage oder das Lachen zu beachten, rief sie hastig ihre Schwester beim Namen, wie wenn sie plötzlich ergriffen würde vom Bewußtseyn der Wichtigkeit dessen, was sie zu sagen hatte. Aber keine Antwort erfolgte auf den Ruf. Aus dem Krachen von Zweigen und Rauschen von Blättern erhellte deutlich, daß Hetty die Küste verlassen hatte, und sich schon in dem Dickicht des Waldes begrub. Ihr folgen wäre zwecklos gewesen, da die Dunkelheit so wie auch der Schutz und das Versteck, das die Wälder überall boten, es so gut als unmöglich machten, sich ihrer wieder zu bemächtigen; und dann war auch die nie aufhörende Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen. Nach einer kurzen und traurigen Berathung ward daher das Segel wieder aufgezogen, und die Arche verfolgte ihren Lauf ihrem gewöhnlichen Ankerplatz zu, während Wildtödter sich schweigend Glück wünschte zur Wiedererlangung des Canoes, und über seinen Plan für den nächsten Tag brütete. Der Wind erhob sich, als die Gesellschaft den Vorsprung verließ, und in weniger als einer Stunde erreichten sie das Castell. Hier fand man Alles wie man es verlassen; und man hatte nun die Maßregeln und Ceremonien, die man vorgenommen, als man das Gebäude verlassen hatte, in umgekehrter Ordnung durchzumachen, da man wieder zurückkam. Judith nahm in dieser Nacht ein einsames Bett ein, dessen Kissen sie mit ihren Thränen befeuchtete, wenn sie an das unschuldige, bisher vernachlässigte Geschöpf dachte, das von Kindheit an ihre Genossin gewesen; und bittre Gefühle der Trauer und Reue, aus mehr als Einer Quelle entspringend, kamen über ihr Gemüth, wie die Stunden träg dahinschlichen und es wurde beinahe Morgen, ehe sich ihr Bewußtseyn im Schlaf verlor. Wildtödter und der Delaware legten sich in der Arche zur Ruhe, wo wir sie dem süßen, tiefen Schlaf der Redlichkeit, der Gesundheit und Furchtlosigkeit überlassen und zu dem Mädchen zurückkehren wollen, das wir zuletzt im Dickicht des Waldes gesehen. Als Hetty die Küste verließ, schlug sie ohne Bedenken den Weg in die Wälder ein, in fast krampfhafter Angst, verfolgt zu werden. Zum Glück war dieser Weg der beste, den sie einschlagen konnte, zur Erreichung ihres Vorhabens, denn es war der einzige, der sie von dem Landvorsprung nach Innen führte. Die Nacht war so stockdunkel unter den Zweigen der Bäume, daß sie nur sehr langsam weiter kommen konnte, und nach den ersten paar Schritten die Richtung, die sie wählte, ganz Sache des Zufalls war. Die Formation des Bodens jedoch erlaubte ihr nicht, bedeutend von der Linie abzuweichen, in welcher sie sich zu halten wünschte. Auf der einen Seite war er bald begrenzt durch den steil ansteigenden Hügel, während auf der andern der See als Führer diente. Zwei Stunden lang arbeitete sich dieß auf sich allein gewiesene, blöde Mädchen durch die Irrpfade des Forstes; manchmal fand sie sich auf dem Rand der an den See grenzenden Uferhöhe, und dann wieder rang sie sich eine Erhöhung hinan, die sie warnte in dieser Richtung nicht weiter zu gehen, da sie nothwendig in einem rechten Winkel die Bahn durchschneiden mußte, auf der sie vorwärts wollte. Oft glitten ihre Füße aus, und manchen Fall that sie, wiewohl keinen, wobei sie sich beschädigte; aber nach Ablauf der genannten Zeit war sie so müde geworden, daß ihr die Kräfte fehlten, weiter zu wandern. Ruhe war ihr unentbehrlich; und sie machte sich daran, sich ein Lager zu bereiten, mit der Unbedenklichkeit und Kaltblütigkeit eines Gemüths, das die Wildniß mit keinen unnöthigen Aengsten erfüllte. Sie wußte, daß wilde Thiere in dem ganzen benachbarten Wald herumstreiften, aber solche Bestien, die den Menschen nachstellen, selten – und gefährliche Schlangen im buchstäblichen Sinne keine da waren. Diese Umstände waren ihr von ihrem Vater bekannt; und was einmal ihr schwacher Geist aufnahm, das nahm er so vertrauend auf, daß ihr gar keine Unbehaglichkeit verursachende Zweifel und Bedenklichkeiten übrig blieben. Ihr war die Erhabenheit der Einsamkeit, in die sie sich versetzt sah, eher tröstlich als entsetzlich; und sie raffte sich ein Bett von Laub zusammen mit solcher Gleichgültigkeit gegen die Umstände, welche aus der Seele der Meisten ihres Geschlechts jeden Gedanken an Schlaf würden verscheucht haben, als rüstete sie sich ihre allnächtliche Schlafstätte unter dem väterlichen Dache zu. Sobald Hetty eine hinlängliche Menge trocknen Laubs gesammelt hatte, um sich gegen die feuchte Ausdünstung des Bodens zu schützen, kniete sie neben dem niedern Haufen, faltete ihre erhobenen Hände in einer Stellung inniger Frömmigkeit, und sagte mit sanfter leiser, aber vernehmlicher Stimme das Gebet des Herrn her. Darauf folgten jene einfachen und frommen Verse, den Kindern so bekannt, worin sie ihre Seele Gott empfahl, falls sie vor der Wiederkehr des Morgens in ein andres Daseyn sollte abgerufen werden. Nach Erfüllung dieser Pflicht legte sie sich nieder und schickte sich zum Schlummer an. Die Kleidung des Mädchens, obwohl der Jahrszeit entsprechend, war für alle gewöhnliche Vorkommnisse warm genug; aber der Wald ist immer kühl und die Nächte in diesem höher gelegenen Landstrich waren immer von einer Frische, welche die Kleidung nothwendiger machte, als gewöhnlich der Fall ist in dem Sommer eines tiefen Breitegrades. Dieß war von Hetty vorausgesehen worden und sie hatte einen groben, schweren Mantel mitgenommen, der, auf den Körper gebreitet, alle nützlichen Dienste eines Teppichs leistete. So geschützt sank sie in wenigen Minuten in einen Schlaf, so ruhig, als würde sie bewacht von dem sorglichen Schutzgeist der Mutter, die erst so kurz auf immer von ihr genommen worden war, und es war in diesem Punkt ein höchst ergreifender Contrast zwischen ihrem armen Lager und dem von Schlummer geflohenen Kissen ihrer Schwester. Stunde auf Stunde verstrich da in so ungestörter Ruhe, und so süßem Schlaf, als ob eigens damit beauftragte Engel um das Lager der Hetty Hutter wachten. Nicht einmal öffneten sich ihre sanften Augen, bis die grauende Dämmerung kämpfend durch die Wipfel der Bäume brach, auf ihre Augenlieder fiel, und vereint mit der Kühle eines Sommermorgens, die gewöhnliche Anmahnung zum Erwachen gab. In der Regel war Hetty auf, ehe die Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge berührten; aber dießmal war ihre Erschöpfung so groß, und ihr Schlaf so tief gewesen, daß die gewohnten Anforderungen und Zeichen ihre Wirkung nicht thaten. Das Mädchen murmelte in ihrem Schlaf, streckte einen Arm aus, lächelte so sanft wie ein Kind in der Wiege, schlummerte aber fort. Bei dieser unbewußten Bewegung fiel ihre Hand auf einen warmen Gegenstand, und in dem halbbewußten Zustand, worin sie sich befand, brachte sie diesen Umstand mit ihrem gewohnten Leben in Verbindung. Im nächsten Augenblick ward sie derb von der Seite angegriffen und gestoßen, wie wenn ein wühlendes Thier seine Schnauze unter ihr einschöbe, um sie aus ihrer Stellung zu verdrängen; und jetzt wachte sie auf mit dem Ruf: »Judith!« Als das aufgeschreckte Mädchen sich in eine sitzende Stellung erhob, bemerkte sie, daß etwas Dunkles von ihr wegspringe, das in seiner Hast das Laub zerstreute, und die gefallnen Zweige knickte. Die Augen öffnend, und von der ersten Verwirrung und Bestürzung über ihre Lage sich erholend, bemerkte Hetty einen jungen Bären, von der gemeinen amerikanischen braunen Gattung, der sich auf seinen Hinterpfoten wiegte, und sich noch nach ihr umschaute, als zweifelte er, ob es sicher wäre, sich ihrer Person wieder zu nähern. Der erste Gedanke Hetty's, die schon mehrere solche junge Bären besessen hatte, war, hinzulaufen und das kleine Geschöpf als ihre Beute in Besitz zu nehmen, aber ein lautes Gebrumme warnte sie vor der Gefahr eines solchen Beginnens. Einige Schritte zurücktretend, sah sich das Mädchen hastig um, und ward jetzt der Bärenmutter gewahr, die in nicht großer Entfernung ihre Bewegungen mit feurigen Augen beobachtete. Ein hohler Baum, früher die Behausung von Bienen, war kürzlich gefallen, und die Mutter mit zwei weitern Jungen erlabte sich an der leckern Speise, welche der Zufall ihnen geboten, wobei die erstere jedoch mit eifersüchtigem Auge das Thun und Treiben ihres sorglosen, davonlaufenden Kindes beobachtete. Er überschritte alle Mittel menschlicher Erkenntniß, wollte man sich anmaßen, die Einflüsse zu erklären, welche das Thun der niedern Thiere beherrschen. In dem vorliegenden Falle legte die Bärin, obgleich ihre Wildheit in dem Falle, wo sie ihre Jungen gefährdet glaubt, sprichwörtlich geworden ist, keine Absicht an den Tag, das Mädchen anzugreifen. Sie verließ den Honig und begab sich an eine Stelle, zwanzig Fuß von ihr entfernt, wo sie sich auch auf ihren Hinterpfoten erhob und ihren Körper mit einer Art zornigen und brummenden Mißbehagens hin und herwiegte, aber nicht näher kam. Zum Glück floh Hetty nicht. Im Gegentheil obgleich nicht frei von Angst, kniete sie, das Angesicht gegen das Thier gekehrt, nieder, und mit gefalteten Händen und himmelwärts gerichtetem Auge sagte sie wieder das Gebet der vorigen Nacht her. Diese fromme Handlung war nicht die Wirkung der Furcht, sondern es war eine Pflicht, deren Erfüllung sie nie versäumte vor dem Einschlafen und wenn die Rückkehr des Bewußtseyns sie zu der Arbeit des Tages weckte. Wie das Mädchen vom Knieen sich erhob, ließ sich die Bärin wieder auf ihre Füße nieder, sammelte ihre Jungen um sich her, und ließ sie ihre natürliche Nahrung saugen. Hetty freute sich über diesen Beweis von Zärtlichkeit bei einem Thier, das in Betreff der edleren Gefühle nur einen sehr zweideutigen Ruf hat; und als ein Junges seine Mutter zu verlassen beliebte und muthwillig sich umwälzte und sprang empfand sie wieder ein lebhaftes Verlangen, es in ihre Arme zu nehmen und damit zu spielen. Aber durch das Brummen gewarnt, besaß sie Selbstbeherrschung genug, diesen gefährlichen Vorsatz nicht in Ausführung zu bringen; und ihres Vorhabens sich erinnernd, das ihrer in den Bergen wartete, riß sie sich von der Gruppe los und setzte ihre Wanderung fort am Saum des See's, dessen sie jetzt wieder durch die Bäume ansichtig wurde. Zu ihrer Verwunderung, die jedoch frei war von Unruhe, erhob sich die Bärenfamilie und folgte ihren Schritten, in kleiner Entfernung von ihr sich haltend; dem Anschein nach jede ihrer Bewegungen beobachtend, als ob sie ein lebhaftes Interesse hätten an Allem, was sie that. In dieser Weise, begleitet von der Bärin und den Jungen, wandelte das Mädchen beinah eine Meile weit, dreimal die Entfernung, die sie in der Dunkelheit während derselben Zeit hatte zurücklegen können. Dann gelangte sie an einen Bach, der sich selbst ein Bett in die Erde gewühlt hatte, und sprudelnd zwischen steilen und hohen Abhängen, mit Bäumen bedeckt, in den See eilte. Hier verrichtete Hetty ihre Waschungen; dann trank sie von dem reinen Bergwasser, und setzte ihren Weg fort, erfrischt und leichtern Herzens, immer noch gefolgt von ihren seltsamen Begleitern. Ihr Weg führte sie jetzt eine breite und beinah ebene Terrasse entlang, die sich von dem Gipfel der das Wasser begrenzenden Uferhöhe zu einem sanften Abhang erstreckte, welche oben zu einer zweiten, unregelmäßigen Plattform anstieg. Dieß war in einem Theile des Thals, wo die Berge quer hinliefen, den Anfang einer Ebene bildend, welche zwischen den Hügeln sich ausbreitete, südlich von dem Wasserspiegel. Hetty erkannte aus diesem Umstande, daß sie sich dem Lager näherte, und wäre dieß nicht gewesen, so hätten sie die Bären von der Nähe menschlicher Wesen in Kenntniß gesetzt. In die Luft hinaus schnüffelnd, bezeigte die Bärin keine Lust, ihr weiter zu folgen, obgleich das Mädchen sich umsah, und sie mit kindischen Zeichen und selbst mit förmlichen Aufforderungen in dem ihr eignen süßen Tone herbei lockte. Während sie so langsam durch Buschwerk weiter schritt, das Angesicht abgewendet und die Augen auf die unbeweglichen Thiere geheftet, fühlte das Mädchen ihre Schritte plötzlich gehemmt durch eine menschliche Hand, die sie leicht an der Schulter faßte. »Wohin gehen?« sagte eine sanfte weibliche Stimme, hastig und theilnehmend sprechend; »Indianer – Rothmann – Wilder – arger Krieger – dorthinzu!« Dieser unerwartete Gruß erschreckte das Mädchen so wenig als die Erscheinung der wilden Bewohner des Waldes. Zwar überraschte er sie ein wenig; aber sie war gewissermaßen gefaßt auf solche Begegnungen und das Wesen, das sie anhielt, war so wenig gemacht, Schrecken einzuflößen, als irgend eines, das je in indianischer Gestalt erschien. Es war ein Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, deren Lächeln so sonnig war wie das Judiths in ihren glänzendsten Augenblicken, deren Stimme Wohllaut war, und deren Worte und Benehmen all die schüchterne Sanftheit besaßen, die das andere Geschlecht charakterisirt unter einem Volke, das seine Weiber wie Dienerinnen und Sklavinnen der Krieger behandelt. Schönheit ist bei den Frauen der amerikanischen Urbewohner, ehe sie die Mühsale von Weibern und Müttern durchzumachen haben, keineswegs ungewöhnlich. In diesem Punkt waren die ursprünglichen Inhaber des Landes ihren civilisirteren Nachfolgern nicht unähnlich; die Natur schien ihnen die Zartheit der Züge und Umrisse verliehen zu haben, welche einen so großen Reiz des jugendlichen Weibes ausmacht, aber deren sie so frühe verlustig werden, und zwar ebenso sehr in Folge der Einrichtungen und Verhältnisse des häuslichen Lebens, als aus andern Ursachen. Das Mädchen, welches Hetty so plötzlich angehalten hatte, war bekleidet mit einem Calico-Mantel, welcher den ganzen obern Theil ihres Körpers recht gut schützte, während ein kurzer Unterrock von blauem Tuch mit goldnen Borten gesäumt, der nur bis an's Knie reichte, gleiche Beinkleider und Moccasins von Hirschleder ihren Anzug vollendeten. Ihr Haar fiel in langen dunkeln Flechten über Schultern und Rücken und war über einer niedern, glatten Stirne gescheitelt in einer Art, daß dadurch der Ausdruck von Augen voll Schlauheit und natürlichem Gefühl gemildert wurde. Ihr Gesicht war oval, von feinen Zügen; die Zähne waren gleich und weiß, während der Mund eine schwermüthige Weichheit aussprach, als trüge er diesen eigenthümlichen Ausdruck vermöge instinktmäßigen Bewußtseyns des Schicksals eines Geschöpfs, das von der Geburt an dazu verurtheilt war, die Mühsale des Weibes, erhöht noch durch die Gefühle und Zärtlichkeit ihres Geschlechts zu erdulden. Ihre Stimme, wie schon angedeutet, war sanft, wie das Seufzen der Nachtluft, eine bezeichnende Eigenthümlichkeit der Weiber ihrer Race, an ihr selbst aber so auffallend, daß sie daher den Namen Wah-ta!-Wah bekommen hatte, – Europäisch etwa mit Hist-oh!-Hist Diesen seltsamen Namen auch in's Deutsche zu übertragen, wäre ein gewagter und undankbarer Versuch; die Bedeutung ist: Bscht! oh! Bscht! Aufforderung zum Schweigen. Hist-oh!-Hist klingt freilich im Deutschen fatal, weil man es oft von Fuhrleuten hört auszudrücken. Mit einem Wort, es war dieß die Verlobte Chingachgooks, der man, nachdem es ihr gelungen war, jeden Verdacht einzuschläfern, erlaubt hatte, um das Lager derer, die sie gefangen hielten, herumzustreifen. Diese Nachsicht war im Einklang mit der allgemeinen Politik der rothen Männer, die zudem wohl wußten, daß man im Falle der Flucht ihre Spur verfolgen könnte. Man wird auch nicht außer Acht lassen, daß die Irokesen oder Huronen, wie man sie vielleicht besser nennen würde, durchaus nichts von der Nähe ihres Liebhabers wußten, ein Umstand, der ihr freilich selbst auch unbekannt war. Es wäre nicht leicht zu sagen, Welche von beiden bei dieser unerwarteten Begegnung am meisten Selbstbeherrschung zeigte, das weiße oder das rothe Mädchen. Aber Wah-ta!-Wah, obgleich ein wenig überrascht, war die zum Sprechen Aufgelegtere, und bei weitem rascheren Geistes, Folgen vorauszusehen, so wie Mittel zu ersinnen, um jenen zu begegnen. Ihr Vater war während ihrer Kindheit vielfach von den Behörden der Colonie als Krieger verwendet und benützt worden, und bei einem mehrjährigen Aufenthalt in der Nähe der Forts hatte sie einige Bekanntschaft mit dem Englischen sich erworben, das sie in der gewöhnlichen abkürzenden Weise der Indianer, aber geläufig und ohne den gewöhnlichen Widerwillen ihres Volkes sprach. »Wohin gehen?« fragte wieder Wah-ta!-Wah, das Lächeln Hetty's in der ihr eignen anmuthigen Weise erwiedernd, » schlimmer Krieger, dort – guter Krieger – fern weg!« »Was ist Euer Name?« fragte Hetty mit der Einfalt eines Kindes. »Wah-ta!-Wah. Ich keine Mingo – gute Delawarin – Yengeese's Freundin. Mingo sehr grausam und Skalpe lieben um des Bluts willen – Delawaren sie lieben der Ehre willen. Kommt hieher wo keine Augen.« Wah-ta!-Wah führte jetzt ihre Genossin dem See zu, die Anhöhe so weit hinabsteigend, daß deren überhangende Bäume und Gebüsche zwischen ihnen und etwaigen Lauschern standen; und sie machte nicht eher Halt, als bis sie nebeneinander auf einem gefallenen Baumstamm saßen, dessen eines Ende wirklich im Wasser lag. » Warum kommt Ihr?« fragte die junge Indianerin lebhaft; » woher kommt Ihr?« Hetty erzählte ihre Geschichte in ihrer einfachen, treuherzigen Weise. Sie erklärte das Unglück ihres Vaters, und sprach ihren Wunsch aus, ihm zu dienen, und wo möglich seine Befreiung zu bewirken. »Warum Euer Vater zu Mingo Lager kommen bei Nacht?« fragte das indianische Mädchen mit einer Geradheit, die, wenn nicht von der andern entlehnt, Viel von ihrer Offenherzigkeit hatte. »Er wissen, daß Krieg ist – und er kein Knabe mehr – er wohl einen Bart haben – ihm nicht zu sagen nöthig, daß Irokesen Tomahawk und Messer und Büchse führen. Warum er kommen zur Nachtzeit, mich beim Haare packen und delawarisches Mädchen skalpiren wollen?« »Euch!« sagte Hetty, vor Entsetzen fast umsinkend, »Euch hat er gepackt – Euch wollte er skalpiren?« »Warum nicht? Delawaren-Skalpe so Viel gelten als Mingo-Skalpe. Gouverneur keinen Unterschied machen. Ruchlos für Bleichgesicht, skalpiren. Nicht seine Gaben, wie der gute Wildtödter mir immer sagen.« »Und Ihr kennt den Wildtödter?« fragte Hetty, erröthend vor Freude und Ueberraschung, unter dem Einfluß dieses neuen Gefühls für den Augenblick ihren Jammer vergessend. »Ich kenn' ihn auch. Er ist jetzt auf der Arche mit Judith und einem Delawaren, der die große Schlange heißt. Ein kühner und schöner Krieger ist er auch, die Schlange!« Trotz der reichen, tiefdunkeln Farbe, welche die Natur der indianischen Schönheit zugetheilt, stieg ihr doch das beredte und verrätherische Blut noch lebhafter ins Gesicht, so daß die Röthe ihren kohlschwarzen Augen noch mehr Leben und Feuer des Geistes verlieh. Einen Finger aufhebend wie mit warnender Geberde, ließ sie ihre schon so sanfte und süße Stimme zu einem Flüstern herabsinken, als sie das Gespräch fortsetzte. »Chingachgook!« versetzte das Delawarische Mädchen, den harten Namen in so sanften Gutturaltönen seufzend oder hauchend, daß er das Ohr ganz melodisch berührte. »Sein Vater, Unkas – großer Häuptling der Mohikani – der Nächste nach altem Tamenund! Mehr als Krieger, nicht so viel graues Haar, und weniger beim Rathsfeuer. Ihr Schlange kennen?« »Er stieß gestern Abend zu uns, und war in der Arche mit mir zwei oder drei Stunden lang, ehe ich sie verließ. Ich fürchte, Hist –« Hetty konnte den indianischen Namen ihrer neuen Freundin nicht aussprechen, aber da sie von Wildtödter diese vertrauliche Benennung gehört hatte, bediente sie sich derselben ohne irgend eine der Bedenklichkeiten des civilisirten Lebens – »ich fürchte, Hist, er ist auf Skalpe ausgegangen, ebenso wie mein armer Vater und Hurry Harry!« »Warum er denn nicht sollen, he? Chingachgook rother Krieger, sehr roth – Skalpe seine Ehre seyn – er gewiß gemacht!« »Dann,« versetzte Hetty ernst, »wird es von ihm so ruchlos seyn wie bei einem Andern. Gott wird einem rothen Mann nicht verzeihen, was er einem Weißen nicht verzeiht.« »Nicht wahr!« versetzte das Delawarische Mädchen mit einer Wärme, die beinahe an Leidenschaftlichkeit grenzte. »Nicht wahr! sag' ich Euch! Der Manitou lächeln und Wohlgefallen haben, wenn er sieht jungen Krieger heimkehren vom Kriegspfad mit zwei, zehn, hundert Skalpen auf einem Pfahle! Chingachgook's Vater Skalpe erbeutet – Großvater Skalpe erbeutet – alle alten Häuptlinge Skalpe nehmen: und Chingachgook selbst so viele Skalpe nehmen, als er tragen kann!« »Dann, Hist, muß sein Schlaf bei Nacht entsetzlich seyn, wenn er daran denkt. Niemand kann grausam seyn und auf Vergebung hoffen!« »Nicht grausam – Vergebung genug,« erwiederte Wah-ta!-Wah, mit ihrem kleinen Fuß auf den steinigten Strand stampfend, und den Kopf schüttelnd in einer Weise, welche zeigte, wie gänzlich weibliches Gefühl in einer seiner Gestaltungen das weibliche Gefühl in einer andern überwältigt hatte. »Ich sagen Euch, Schlange tapfer; er heim kommen mit vier, ja, zwei Skalpen.« »Und ist das sein Vorhaben hier? Ist er in der That so weit hergekommen, über Berg und Thal, Flüsse und Ströme, seine Mitgeschöpfe zu martern und etwas so Ruchloses zu thun?« Diese Frage beschwichtigte auf einmal den anwachsenden Zorn der halbbeleidigten indianischen Schönheit. Sie besiegte gänzlich die Vorurteile der Erziehung, und leitete alle ihre Gedanken in ein sanfteres und mehr weibliches Bette. Zuerst schaute sie sich argwöhnisch um, als scheute sie Lauscher, dann starrte sie ihrer aufmerksamen Gesellschafterin nachdenklich ins Gesicht; und dann endete dieß Stückchen von mädchenhafter Coketterie und weiblichem Gefühl damit, daß sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte und in einer Art lachte, daß man dieß wohl die Melodie der Wälder nennen konnte. Die Furcht vor Entdeckung jedoch machte bald dieser naiven Kundgebung ihrer Empfindungen ein Ende, und ihre Hände wegziehend starrte dieß, ganz vom augenblicklichen Impuls beherrschte Geschöpf wieder ihrer Genossin nachdenklich ins Gesicht, gleichsam forschend, wie weit sie einer Fremden ihr Geheimniß anvertrauen könne. Obgleich Hetty nicht Anspruch machen konnte auf die außerordentliche Schönheit ihrer Schwester, hielten doch Manche ihr Gesicht für das einnehmendere. Es sprach all die tückelose Aufrichtigkeit ihres Charakters aus, und es war gänzlich frei von allen den störenden, begleitenden und verrathenden physischen Zeichen, die so oft im Gefolge der Geistesschwäche sind. Zwar ein ungewöhnlich scharfer Beobachter hätte die Anzeichen ihrer Geistesschwäche in der Sprache ihrer manchmal leeren und irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welche eher das Mitgefühl anzogen durch ihre gänzliche Arglosigkeit und Treuherzigkeit, als irgend eine andre Empfindung erweckten. Der Eindruck, den sie auf Hist machte – um uns dieser Dollmetschung des Namens zu bedienen – war günstig; und einer Aufwallung von Zärtlichkeit folgend, schlang sie ihre Arme um Hetty, und drückte sie an sich mit einer gewaltsamen Rührung, die so natürlich als warm war. » Du gut,« flüsterte die junge Indianerin; » Du gut, ich wissen; es so lang, daß Wah-ta!-Wah keine Freundin gehabt – keine Schwester – Niemand, ihr Herz auszusprechen; Du Hist's Freundin; ich nicht Wahrheit sagen?« »Ich habe nie eine Freundin gehabt,« antwortete Hetty, die warme Umarmung mit ungeheucheltem Ernst erwiedernd. »Ich habe eine Schwester, aber keine Freundin. Judith liebt mich, und ich liebe Judith; aber das ist natürlich, und wie es uns die Bibel lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin ! Ich will Eure Freundin seyn von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimme und Euer Lächeln, und Eure Denkweise in allen Dingen, ausgenommen was die Skalpe –« »Nicht mehr daran denken – Nichts mehr von Skalpen sagen,« unterbrach sie begütigend Hist; »Ihr Bleichgesicht, ich Rothhaut; wir nach verschiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgook große Freunde, und nicht von derselben Farbe; Hist und – was Euer Name, hübsches Bleichgesicht?« »Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn sie den Namen in der Bibel buchstabiren, so sprechen sie ihn immer Esther.« »Was das machen? – Nichts nützen und nichts schaden. Gar nicht nöthig, Namen zu buchstabiren. Mährischer Bruder versucht, Wah-ta!-Wah buchstabiren zu lehren, aber es nicht zugelassen. Nicht gut für Delawarisches Mädchen, zu viel zu wissen – Mehr wissen als Krieger manchmal – das große Schande. Mein Name Wah-ta!-Wah – das heißt Hist in Eurer Sprache; Ihr ihn aussprechen Hist, ich sagen Hetty.« Nachdem diese Präliminarien zu beiderseitiger Zufriedenheit ins Reine gebracht waren, begannen die Mädchen von ihren beiderseitigen Hoffnungen und Planen sich zu unterhalten. Hetty machte ihre neue Freundin noch genauer bekannt mit ihren Absichten in Betreff ihres Vaters; und Hist würde einer Freundin, die nur im Mindesten geneigt und fähig gewesen, die Angelegenheiten Andrer mit forschendem Blicke zu durchschauen, ihre Gefühle und Hoffnungen, die sich an den jungen Krieger von ihrem Stamme knüpften, genugsam verrathen haben. Genug ward indessen von beiden Seiten geoffenbart, um beiden Theilen eine ziemliche Einsicht in die Plane des Andern zu verschaffen, obwohl noch genug zurückbehalten und verschwiegen wurde, um zu folgenden Fragen und Antworten Gelegenheit zu geben, womit diese Unterredung schloß. Als die schärfer blickende, begann Hist zuerst ihre Fragen. Einen Arm um Hetty's Leib schlingend, beugte sie sich mit dem Kopfe vor, so daß sie der Andern munter ins Gesicht schaute; und lachend, als ob ihre Meinung ihr aus den Mienen solle gelesen werden, sprach sie dann offener: »Hetty einen Bruder haben und einen Vater?« sagte sie, »warum nicht auch vom Bruder sprechen, so wie vom Vater?« »Ich habe keinen Bruder, Hist. Ich hatte einmal einen, sagt man mir; aber er ist todt seit vielen Jahren und liegt im See versenkt neben der Mutter.« »Keinen Bruder haben – einen jungen Krieger haben; ihn lieben, beinahe so sehr als Vater, he? Recht schön und tapfer aussehend; tüchtig zum Häuptling, wenn so gut seyn , als scheinen .« »Es ist sündhaft, einen Mann so zu lieben, wie ich meinen Vater liebe; und so bestrebe ich mich, es nicht zu thun, Hist,« erwiederte die gewissenhafte Hetty, die nicht wußte, wie eine innere Bewegung verhehlen durch eine so verzeihliche Annäherung an Unwahrheit, als eine ausweichende Antwort ist, obwohl durch weibliche Schaam mächtig zu diesem Fehltritt versucht: »obwohl ich manchmal denke, die Sünde werde mich am Ende beilegen, wenn Hurry so oft an den See kommt. Ich muß Euch die Wahrheit sagen, liebe Hist, weil Ihr mich fragt: aber ich würde zu Boden fallen und sterben in den Wäldern, wenn er es wüßte!« »Warum er nicht selbst Euch fragen? Tapfer aussehen – warum nicht keck sprechen? Junger Krieger fragen müssen junges Mädchen; Niemand junges Mädchen zuerst reden machen. Mingo-Mädchen selbst sich dessen schämen,« Sie sprach dieß mit Entrüstung und mit der edlen Wärme, die ein junges Weib von lebhaftem Geist empfinden mag, wenn sie das theuerste Vorrecht ihres Geschlechts bedroht und gefährdet glaubt. Dieß Gefühl hatte aber wenig Einfluß auf die blöde, aber doch rechtlichgesinnte Hetty, die, obwohl wesentlich weiblich in allen ihren Empfindungen doch weit mehr auf die Bewegungen ihres eignen Herzens achtete, als daß sie sich um die Gebräuche bekümmert hätte, womit das Herkommen das Zartgefühl ihres Geschlechts geschützt hat, »Mich fragen? was?« fragte das erschrockene Mädchen mit einer Hast, welche zeigte, wie sehr ihre Furcht rege geworden war. »Mich fragen, ob ich ihn so gern habe, als meinen Vater! Oh! Ich hoffe, er wird nie eine solche Frage an mich richten, denn ich müßte antworten, und das würde mich tödten.« »Nein – nein – nicht tödten, nur beinahe ,« versetzte die Andere, unwillkührlich lächelnd. »Erröthen kommen machen – Schaam auch kommen machen; aber es nicht so gar lange bleiben; dann sich glücklicher fühlen als je. Junger Krieger muß jungem Mädchen sagen, er sie zum Weibe machen wollen, sonst nie kann wohnen in seinem Wigwam.« »Hurry will mich nicht heirathen – Niemand wird mich je heirathen wollen, Hist.« »Wie Ihr das wissen können? Vielleicht Jedermann Euch heirathen wollen, und bei Gelegenheit Zunge sagen, was Herz fühlen. Warum Niemand Euch heirathen wollen?« »Ich bin nicht ganz klug, sagen sie. Vater sagt mir das oft; und auch Judith manchmal, wenn sie ärgerlich ist; aber ich würde auf sie nicht so viel geben, als auf Mutter. Sie hat es auch einmal gesagt; und dann weinte und schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen wollte; und so weiß ich, ich bin nicht ganz klug.« Hist starrte das sanfte, einfältige Mädchen eine volle Minute an, ohne zu sprechen; und dann schien die ganze Wahrheit auf einmal dem Geiste der jungen Indianerin hell aufzugehen. Mitleid, Ehrfurcht und Zärtlichkeit schienen in ihrer Brust zu kämpfen; dann plötzlich aufstehend, bezeugte sie gegen ihre Genossin den Wunsch, sie möchte sie in das nicht entfernt liegende Lager begleiten. Dieser unerwartete Uebergang von der Vorsicht, welche Hist zuvor anzuwenden sich beflissen gezeigt hatte, um nicht gesehen zu werden, zu dem Entschluß, ihre Freundin ganz offen zu den Indianern zu führen, entsprang aus der sichern Ueberzeugung, daß kein Indianer ein Geschöpf kränken und beschädigen würde, das der große Geist entwaffnet, indem er es des stärksten Vertheidigungsmittels, der Vernunft beraubte. In dieser Hinsicht gleichen sich alle Nationen von unverdorbnem Gefühl; sie scheinen solchen Geschöpfen freiwillig, in Folge eines der menschlichen Natur Ehre machenden Gefühls, durch ihre Nachsicht den Schutz angedeihen zu lassen, welcher durch die unerforschliche Weisheit der Vorsehung ihnen versagt ist. Wah-ta!-Wah wußte in der That, daß bei manchen Stämmen die Geistesschwachen und die Verrückten eine Art religiöser Verehrung genossen; daß sie von den ungebildeten Bewohnern des Waldes Achtung und Ehren empfingen statt der Schmach und Vernachlässigung, die unter den anmaßenderen und verdorbeneren Nationen ihr Loos und Theil ist! Hetty folgte ihrer neuen Freundin ohne Furcht und Widerstreben. Es war ihr Wunsch, das Lager zu erreichen; und gestärkt durch ihre Beweggründe hegte sie so wenig Unruhe wegen der Folgen, als ihre Begleiterin selbst, nachdem diese einmal wußte, welchen schützenden Talisman das Bleichgesichtmädchen mit sich führte. Noch immer, während sie langsam fortschritten einer Küste entlang, die von überhangenden Gebüschen bedeckt war, setzte Hetty das Gespräch fort, und jetzt übernahm sie die Rolle des Fragens, welche die Andere sogleich fallen gelassen, sobald sie erfahren, an was für ein Gemüth sie ihre Fragen gerichtet hatte. »Aber Ihr seyd ja nicht eben halb klug,« sagte Hetty, »und es ist kein Grund da, warum die Schlange Euch nicht heirathen sollte.« «Hist Gefangene, und Mingo's große Ohren haben. Nicht von Chingachgook reden, wenn sie dabei. Versprecht das Hist, gute Hetty.« »Ich weiß, – ich weiß,« erwiederte Hetty; halb flüsternd, in ihrer Begierde der Andern zu zeigen, daß sie die Nothwendigkeit der Vorsicht begreife. »Ich weiß – Wildtödter und die Schlange gedenken Euch aus der Hand der Irokesen zu befreien; und Ihr wünscht, daß ich das Geheimniß nicht verrathe.« »Wie Ihr wissen das?« fragte Hist hastig, in diesem Augenblick ärgerlich, daß die Andere nicht noch blödsinniger, als wirklich der Fall war. – »Wie Ihr das wissen? Besser von Niemand sprechen als von Vater und Hurry – Mingo's das verstehen; das Andere nicht. Versprecht mir, von Nichts zu sprechen, was Ihr nicht versteht.« »Aber ich verstehe das, Hist; und so darf und muß ich davon sprechen. Wildtödter hat in meiner Anwesenheit dem Vater Alles so gut als erzählt; und da mir Niemand verbot zuzuhören, habe ich Alles gehört, wie auch Hurry's und Vaters Unterredung von den Skalpen.« »Sehr schlimm von Bleichgesichtern, von Skalpen sprechen, und sehr schlimm von jungen Mädchen zu horchen! Nun Ihr Hist lieben, ich weiß, Hetty; und so unter Indianern, wenn am besten lieben, am wenigsten schwatzen!« »Das ist nicht die Art bei den weißen Leuten, die am meisten von Solchen reden, die sie am besten lieben. Ich glaube, weil ich nur halb klug bin, sehe ich den Grund nicht ein, warum es so verschieden seyn soll bei den rothen Leuten.« »Das seyn, was Wildtödter ihre Gaben nennt. Die Einen die Gabe zu sprechen, die Andern die Gabe den Mund zu halten. Den Mund zu halten – Eure Gabe unter Mingo's. Wenn Schlange Hist sehen möchte, so Hetty verlangen, Hurry zu sehen. Ein gutes Mädchen nie Geheimnisse verrathen von Freunden.« Hetty verstand diese Aufforderung; und sie versprach dem delawarischen Mädchen Nichts von der Anwesenheit Chingachgook's oder von dem Beweggrund seines Besuches am See zu erwähnen. »Vielleicht er Hurry und Vater ebenso los kriegen, wie Hist, wenn man ihn machen lassen,« flüsterte Wah-ta!-Wah ihrer Begleiterin in vertraulichem, schmeichelndem Tone zu, als sie eben dem Lager nahe genug kamen, um die Stimmen von Einigen ihres Geschlechts zu hören, welche dem Anschein nach mit den gewöhnlichen Arbeiten der Weiber ihrer Classe beschäftigt waren, »Bedenkt das, Hetty, und legt zwei, zwanzig Finger auf den Mund. Niemand Freunde frei machen, wenn nicht Schlange es thun.« Ein besseres Mittel konnte sie nicht ersinnen, um sich Hetty's Verschwiegenheit und Vorsicht zu versichern, als dasjenige, das sich hierin ihrem Geist darbot. Da die Befreiung ihres Vaters und des jungen Grenzers der große Zweck ihres Abenteuers war, so empfand sie klar den Zusammenhang desselben mit den Diensten, die ihr die Delawarin leisten konnte; mit einem unschuldigen Lachen nickte sie Zustimmung und in derselben stummen Weise versprach sie, die Wünsche ihrer Freundin gebührend zu achten. So ihrer Sache sicher, zögerte Hist nicht länger, sondern trat sofort unverhohlen mit ihrer Freundin in das Lager der sie gefangen haltenden Mingo's. Eilftes Kapitel. Der große König aller Könige Gebot in seiner Tafel der Gesetze: Daß du nicht tödten sollst und Mord begehn. Gib Acht! denn in der Hand hat er die Rache, Deß Haupt zu treffen, der bricht sein Gesetz. Shakspeare Daß die Truppe, der Hist im Augenblick wider ihren Willen angehörte, keine solche war, die einen regelmäßigen Kriegszug unternommen, erhellte deutlich aus der Anwesenheit von Weibern. Es war ein kleiner Theil eines Stammes, der innerhalb der englischen Grenzen gejagt und gefischt hatte, wo er von dem Anfang der Feindseligkeiten überrascht wurde; und nachdem er den Winter und Frühling über von dem gelebt, was streng genommen das Eigenthum seiner Feinde war, beschloß er, vor dem Rückzug noch einen feindlichen Streich zu führen. Es lag auch tiefer amerikanischer Scharfblick und Schlauheit in dem Manöver, das sie so weit in das Territorium ihrer Feinde hineingeführt. Als der Eilbote ankam, der den Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den Engländern und Franzosen meldete – ein Kampf, in den unfehlbar alle unter dem Einfluß der kriegführenden Parteien stehenden Stämme verwickelt werden mußten – war gerade diese Truppe der Irokesen an den Küsten des Oneida postirt, eines See's, der ihrer eignen Grenze etwa fünfzig Meilen näher liegt als derjenige, welcher den Schauplatz unsrer Erzählung bildet. In gerader Linie nach Canada fliehen – dieß würde sie den Gefahren einer unmittelbaren Verfolgung ausgesetzt haben; und die Häuptlinge hatten beschlossen, die Kriegslist zu brauchen, tiefer in eine Gegend einzudringen, die jetzt gefährlich geworden war, in der Hoffnung, im Stande zu seyn, sich im Rücken ihrer Feinde zurückzuziehen, statt sie auf der Ferse zu haben. Die Anwesenheit der Weiber hatte veranlaßt, diese List zu versuchen, da die Kraft dieser schwächern Glieder der Truppe den Anstrengungen einer Flucht vor verfolgenden Kriegern nicht gewachsen war. Wenn der Leser die ungeheure Ausdehnung der amerikanischen Wildniß in jenen frühen Zeiten bedenkt, wird er einsehen, daß es selbst für einen Stamm möglich war, Monate lang unentdeckt in einzelnen Theilen derselben zu bleiben; auch war, bei Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr auf einen Feind zu stoßen, in den Wäldern nicht so groß, als sie es ist auf der See zur Zeit eines lebhaft geführten Krieges. Da das Lager nur für einige Zeit dienen sollte, bot es dem Auge Nichts weiter, als den rohen Schutz eines Bivouac's, einigermaßen noch unterstützt durch die sinnreichen Auskunftsmittel, welche sich dem Scharfsinn von Solchen aufdrängten, die ihr Leben unter derlei Scenen hinbrachten. Ein Feuer, das an den Wurzeln einer frischgrünenden Eiche angezündet war, genügte für die ganze Truppe, da das Wetter so mild war, daß man seiner zu Nichts als zum Kochen bedurfte. Um diesen Mittelpunkt der Anziehung herum zerstreut lagen etwa fünfzehn bis zwanzig niedrige Hütten – vielleicht glichen sie mehr Hundelöchern – in welche die verschiednen Eigner bei Nacht krochen, und die auch bei Gewittern den nöthigen Schutz und Schirm gewähren sollten. Diese kleinen Hütten waren gemacht aus Baumzweigen, auf sinnreiche Art zusammengesetzt und geflochten, und sie waren gleichförmig bedeckt mit Rinde, die von gefallenen Bäumen geschält war; denn von solchen besitzt jeder jungfräuliche Wald Hunderte in allen Stadien des Zerfalls und Verwitterns. Meubles hatten sie so gut wie keine. Küchengeräthschaften der einfachsten Art lagen in der Nähe des Feuers; wenige Kleidungsstücke waren in den Hütten oder darum her zu sehen; Büchsen, Hörner und Taschen lehnten an den Bäumen oder hingen an den niedrigsten Zweigen; und die Leichname von zwei oder drei Hirschen lagen ausgestreckt auf ebenso kunstlosen Fleischbänken. Da das Lager mitten in einem dichten Wald sich befand, konnte das Auge auf Einen Blick es nicht ganz übersehen, sondern Hütte um Hütte trat aus dem düstern Gemälde hervor, so wie man sich um Gegenstände umsah. Es war da kein Mittelpunkt, wenn man nicht das Feuer dafür ansprechen wollte, kein freier Platz, wo die Besitzer dieses rohen Dorfes sich versammeln konnten; sondern Alles war dunkel, versteckt und voll schlauer Heimlichkeit, wie die Eigner selbst. Einige wenige Kinder strichen von Hütte zu Hütte, und gaben dem Platz einigen Anstrich von häuslichem Leben; und das gedämpfte Lachen und die leisen Stimmen der Weiber unterbrachen zu Zeiten die tiefe Stille des düstern Forstes, Die Männer aßen entweder, oder schliefen oder prüften ihre Waffen. Sie besprachen sich nur wenig, und dann gewöhnlich bei Seite, oder in Gruppen, von den Weibern gesondert; und ein Anstrich unermüdeter, angeborner Lauersamkeit und Gefahrsahnung schien selbst ihrem Schlummer nicht zu fehlen. Als die zwei Mädchen sich dem Lager näherten, stieß Hetty einen leisen Schrei aus, sobald sie ihres Vaters ansichtig ward. Er saß auf der Erde, den Rücken an einen Baum gelehnt, und Hurry stand neben ihm, in gedankenloser Muße an einem Zweig schnitzelnd. Dem Anschein nach waren sie so frei, wie jeder Andre im Lager oder darum her, und Wer nicht mit indianischem Brauch bekannt gewesen, hätte sie wohl fälschlich für Gäste, statt für Gefangene, angesehen. Wah-ta!-Wah führte ihre neue Freundin ganz nahe zu ihnen hin, und zog sich dann bescheiden zurück, damit ihre Gegenwart den Gefühlen Jener keinen Zwang auferlege. Aber Hetty war nicht so vertraut mit Liebkosungen oder äußern Kundgebungen der Zärtlichkeit, daß sie sich irgend einem Ausbruch ihres Gefühls hätte hingeben sollen. Sie näherte sich nur und trat neben ihren Vater hin, ohne zu sprechen, einer stummen Statue töchterlicher Liebe ähnlich. Der alte Mann legte weder Unruhe noch Staunen über ihr plötzliches Erscheinen an den Tag. In diesen Punkten hatte er den Stoicismus der Indianer angenommen, wohl wissend, daß er durch Nichts sichrer ihre Achtung sich erwerben könne, als durch Nachahmung ihrer Selbstbeherrschung. Auch verriethen die Wilden selbst nicht durch das geringste Zeichen eine Aufregung über dieß plötzliche Erscheinen einer Fremden unter ihnen. Mit Einem Wort, die Ankunft Hetty's verursachte, obgleich sie unter so eigenthümlichen Umständen erfolgte, weit weniger sichtbares Aufsehen, als der Fall seyn würde in einem Dorf von viel höhern Ansprüchen auf Gesittung, wenn ein gewöhnlicher Fremder vor die Thüre des Hauptgasthofs anführe. Doch sammelten sich einige wenige Krieger, und aus der Art, wie sie während ihrer Unterredung auf Hetty blickten, erhellte deutlich, daß sie der Gegenstand ihres Gesprächs war, und vermuthlich die Ursachen ihres unerwarteten Erscheinens von ihnen erörtert wurden. Dieß phlegmatische Wesen ist charakteristisch bei dem nordamerikanischen Indianer – Manche behaupten auch bei seinem weißen Nachfolger – aber in diesem Falle mußte Viel auf Rechnung der eigenthümlichen Lage geschrieben werden, worin die Truppe sich befand. Die Streitmacht auf der Arche, ausgenommen die Anwesenheit Chingachgook's, war wohl bekannt; kein Stamm, keine Truppenabtheilung war, wie man glaubte, in der Nähe, und wachsame Augen waren rings um den ganzen See aufgestellt, welche Tag und Nacht die leiseste Bewegung der Belagerten – denn so darf man sie jetzt ohne Übertreibung nennen – beobachteten. Hutter war innerlich sehr bewegt über Hetty's Thun, so viel Gleichgültigkeit er äußerlich erheuchelte. Er erinnerte sich ihrer sanften Warnung an ihn, ehe er die Arche verließ, und das Unglück machte gewichtig, was im Triumph eines glücklichen Ausgangs wohl vergessen worden wäre. Dann kannte er die einfältige, rücksichtslose Treue dieses Kindes, und verstand, warum sie gekommen, und die gänzliche Selbstvergessenheit, die in allem ihrem Thun waltete. »Das ist nicht wohlgethan, Hetty,« sagte er, mehr die Folgen für das Mädchen selbst als irgend ein andres Unheil besorgend. »Das sind trotzige Irokesen, und so wenig geneigt, eine erfahrene Unbild als eine Gunst zu vergessen,« »Sagt mir, Vater,« erwiederte das Mädchen, sich verstohlen umschauend, als fürchtete sie belauscht zu werden, »hat Euch Gott das grausame Vorhaben zugelassen, dessen wegen Ihr hieher kamet? Ich muß dieß durchaus wissen, damit ich mit den Indianern frei sprechen kann, wenn er es nicht gethan.« »Du hättest nicht hieher kommen sollen, Hetty; diese Bestien werden Dein Wesen und Deine Absichten nicht verstehen.« »Wie war es, Vater? weder Ihr noch Hurry scheint Etwas zu haben, das wie Skalpe aussieht?« »Wenn Dich das beruhigen kann, Kind, so kann ich Dir antworten: Nein! Ich hatte die junge Creatur gefaßt, die mit Dir hieher kam, aber ihr Gekreisch zog mir alsbald einen Schwarm jener wilden Katzen auf den Hals, dem zu widerstehen für einen einzelnen Christenmenschen zu Viel war. Wenn Dir das Etwas helfen kann, so wisse, wir sind so unschuldig in der Beziehung, dieß Mal einen Skalp erbeutet zu haben, als, wie ich nicht zweifle, unsre Hand rein bleiben wird von dem Preisgeld,« »Dank Euch für dieß, Vater! Jetzt kann ich kühnlich mit den Irokesen sprechen, und mit leichtem Gewissen. Ich hoffe, auch Harry ist nicht im Stande gewesen, Jemand von den Indianern ein Leid zu thun?« »Nun, was das betrifft, Hetty,« versetzte das fragliche Individuum, »Ihr habt die Sache gar trefflich mit dem rechten Namen genannt, Hurry war nicht im Stande, und das ist das Ende vom Liede. Ich habe manchen Sturm und Strudel erlebt, alter Gesell, zu Land und zu Wasser, aber nie sah ich einen so gewaltsamen und unwirschen, wie der war, der in der vorletzten Nacht in Gestalt indianischer Hurrahbuben uns überfiel. Ha! Hetty, Ihr seyd nicht viel nutz für ein Argument oder eine Idee, die etwas tiefer liegen als der gemeine Verstand; aber Ihr seyd menschlich, und habt einige menschliche Begriffe; – nun will ich Euch nur bitten, diese Umstände Euch recht zu besehen. Da war der alte Tom, Euer Vater, und ich in einem rechtmäßigen Unternehmen begriffen, wie aus den Worten des Gesetzes und der Proklamation zu ersehen, an nichts Arges denkend, als wir überfallen wurden von Creaturen, die mehr hungrigen Wölfen als selbst sterblichen Wilden glichen, und da hatten sie uns wie zwei Schaafe gebunden in weniger Zeit als ich brauchte, Euch die Geschichte zu erzählen.« »Ihr seyd jetzt frei, Hurry,« versetzte Hetty mit schüchternem Blick auf die stattlichen, ungefesselten Glieder des jungen Riesen. »Eure Arme und Beine werden von keinen Stricken oder Weiden gepeinigt.« »Nein, Hetty. Natur ist Natur, und Freiheit ist auch Natur. Meine Glieder sehen aus wie frei, aber das ist auch so ziemlich Alles, denn ich kann sie nicht gebrauchen in der Art wie ich möchte. Selbst diese Bäume haben Augen: ja und auch Zungen; denn wollte der alte Mann hier oder ich nur eine Ruthe weit über unsere Kerkergrenzen hinausschreiten, so würde man von uns Bürgschaft verlangen, ehe wir unsre Lenden gürten könnten zu einem Wettrennen; und zehn gegen eins, würden vier oder fünf Büchsenkugeln uns nachreisen, als eben so viele Einladungen, unsre Ungeduld zu zügeln. Es ist kein Gefängniß in der Kolonie so fest, als das, worin wir jetzt sind: denn ich habe die Tugend von zwei oder drei davon erprobt, und kenne das Material, woraus sie gemacht sind, so gut, wie die Männer, die sie gemacht haben, selbst; da Abbrechen der nächste Schritt ist zum Erlernen des Aufbauens bei allen solchen Gebäuden.« Damit der Leser nicht eine übertriebene Vorstellung von Hurry's schlimmen Streichen aus dieser prahlerischen und unklugen Offenbarung sich bilde, ist zu sagen, daß seine Frevel sich auf thätliche Injurien und Schlägereien beschränkten, deren einige ihm Gefangenschaft zugezogen, wo er denn, wie er eben gesagt, mehrmals entkam und die Gebrechlichkeit der Bauten, in welchen er in Gewahrsam gebracht worden, dadurch zeigte, daß er sich selbst Thüren öffnete an Stellen, wo die Baumeister solche anzubringen außer Acht gelassen hatten. Aber Hetty wußte gar nichts von Gefängnissen und Wenig von dem Wesen des Verbrechens, außer was ihre unverfälschten, beinahe instinktmäßigen Begriffe von Recht und Unrecht ihr sagten, und der Witz des rohen Menschen, der so zu ihr gesprochen, war daher für sie verloren. Sie verstand jedoch in der Hauptsache seine Meinung, und nur darauf antwortete sie ihm. »Es ist am besten so, Hurry,« sagte sie. »Es ist das Beste, wenn Vater und Ihr ruhig und im Frieden verharret, bis ich mit den Irokesen geredet, wo dann Alles gut und glücklich ablaufen wird. Ich wünsche nicht, daß mir Einer von Euch folgt, sondern daß Ihr mich allein gehen laßt. Sobald Alles in's Reine gebracht ist, und Ihr Freiheit habt, in das Castell zurückzukehren, werde ich kommen und es Euch zu wissen thun.« Hetty sprach mit so unbefangenem Ernst, schien ihres Erfolgs so sicher, und hatte in ihrem Wesen so sehr das Gepräge des sittlichen Gefühls und der Wahrheit, daß die beiden, die sie gehört, sich geneigter fühlten ihrer Vermittlung einiges Gewicht beizulegen, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Als sie daher die Absicht zeigte, sie zu verlassen, legten sie ihr Nichts in den Weg, obgleich sie sie im Begriff sahen, sich der Gruppe von Häuptlingen zu nähern, welche sich bei Seite, und wie es schien, über die Art und den Beweggrund ihres plötzlichen Erscheinens besprachen. Als Hist – denn so wollen wir sie nennen – ihre Begleiterin allein gelassen, schlenderte sie in die Nähe von ein paar älteren Kriegern, die ihr während ihrer Gefangenschaft am meisten Wohlwollen bezeigt, und von welchen der Angesehenere ihr sogar angeboten, sie an Kindesstatt anzunehmen, falls sie einwilligte, eine Huronin zu werden. Diese Richtung schlug das schlaue Mädchen ausdrücklich in der Absicht ein, zu Fragen herauszufordern. Sie war mit den Gewohnheiten ihres Volkes zu gut bekannt, als daß sie mit den Ansichten und Meinungen ihres Geschlechts und ihrer Jahre sich Männern und Kriegern aufzudrängen hätte versuchen mögen; aber die Natur hatte sie mit einem Takt und einer Einsicht begabt, welche sie in Stand setzte, die gewünschte Aufmerksamkeit rege zu machen, ohne den Stolz derer zu verletzen, welchen Unterwürfigkeit und Ehrfurcht zu bezeigen ihre Pflicht war. Selbst die von ihr angenommene Gleichgültigkeit spornte die Neugier und Hetty war kaum an der Seite ihres Vaters angelangt, als das Delawarische Mädchen durch eine geheime aber bedeutsame Geberde in den Kreis der Krieger gerufen ward. Hier ward sie befragt über die Anwesenheit ihrer Begleiterin, und die Beweggründe, die sie in das Lager geführt. Das war es eben, was Hist wünschte. Sie erzählte die Art und Weise, wie sie die Geistesschwäche Hetty's entdeckt, wobei sie die Mangelhaftigkeit ihres Verstandes eher übertrieb als verkleinerte; und dann berichtete sie in allgemeinen Ausdrücken die Absicht des Mädchens, warum sie unter ihre Feinde sich gewagt. Die Wirkung war ganz die, welche die Erzählerin erwartete; ihre Nachrichten verliehen der Person und dem Charakter des Gastes eine Art ehrfurchtgebietender Weihe, die, wie sie wohl wußte, ihr als Schutz dienen mußte. Sobald dieser ihr Zweck erreicht war, zog sich Hist in eine Entfernung zurück, wo sie mit weiblicher Aufmerksamkeit und schwesterlicher Zärtlichkeit sich daran machte, ein Mahl zu bereiten, welches ihrer neuen Freundin geboten werden sollte, sobald es ihr gestattet wäre, daran Theil zu nehmen. Während dieser Beschäftigung jedoch ließ das verständige Mädchen in ihrer Wachsamkeit nicht nach; sie bemerkte sich jeden Wechsel in den Gesichtern der Häuptlinge, jede Bewegung Hetty's und alle die kleinen Vorfälle, welche möglicherweise auf ihre oder ihrer neuen Freundin Interessen Einfluß haben konnten. Als Hetty sich den Häuptlingen näherte, öffneten sie ihren kleinen Kreis mit einer entgegenkommenden Achtung, welche Männern von mehr höfischer Herkunft Ehre gemacht hätte. Ein gefallener Baum lag in der Nähe, und der älteste der Krieger bedeutete dem Mädchen mit einem stummen Zeichen, sich darauf zu sehen, und setzte sich selbst neben sie mit der Milde und Freundlichkeit eines Vaters. Die Andern gruppirten sich mit ernster Würde um die Beiden her; und dann begann das Mädchen, das genug Beobachtungsgabe besaß, um zu merken, daß man dieß von ihr erwarte, den Zweck ihres Besuchs kund zu thun. Im Augenblick jedoch, wo sie den Mund zum Sprechen öffnete, gab ihr der alte Häuptling einen leisen Wink, sich noch zu gedulden, sagte einem jüngeren Krieger einige Worte, und wartete dann in schweigender Geduld, bis dieser Hist zu der Versammlung gefordert hatte. Diese Unterbrechung rührte daher, daß der Häuptling bemerkt hatte, man bedürfe durchaus eines Dolmetschers; denn Wenige von den anwesenden Huronen und auch sie nur mangelhaft, verstanden Englisch. Wah-ta!-Wah war es nicht leid, auch zu der Besprechung gerufen zu werden, zumal in der Eigenschaft, in der man sie jetzt verlangte. Sie wußte wohl, welche Gefahren sie lief, wenn sie einen oder zwei von der Gesellschaft zu täuschen suchte; aber war nichts desto weniger entschlossen, aller ihr zu Gebote stehender Mittel sich zu bedienen, und alle Listen in Anwendung zu bringen, welche eine indianische Erziehung ihr an die Hand gab, um sowohl die Nähe ihres Verlobten, als auch das Vorhaben, dessen halben er gekommen, zu verhehlen. Wer nicht bekannt gewesen mit den Hülfsmitteln und Ansichten des Lebens der Wilden, hätte schwerlich die Raschheit der Erfindung, die Schlauheit im Handeln, die hohe Entschlossenheit, die edeln Gefühle, die tiefe Selbstaufopferung und die weibliche Selbstvergessenheit da, wo die Liebe ins Spiel kam, geahnt, welche verborgen lagen unter der sanftmüthigen Miene, dem milden Auge und dem sonnigen Lächeln dieser jungen indianischen Schönheit, Als sie sich näherte, betrachtete sie der grimmig aussehende alte Krieger mit Wohlgefallen; denn sie fühlten einen geheimen Stolz bei der Hoffnung, einen so herrlichen Schößling dem Stamm ihres Volkes aufzupfropfen; denn die Adoption ward so regelmäßig in Anwendung gebracht und so ausdrücklich anerkannt unter den Stämmen Amerika's, als nur je unter den Nationen, welche dem Scepter des Civilgesetzes huldigen. Sobald Hist neben Hetty saß, hieß sie der alte Häuptling »das schöne junge Bleichgesicht« fragen, was sie unter die Irokesen geführt, und was sie ihr zu Gefallen thun könnten. »Sagt ihnen, Hist, Wer ich bin – Thomas Hutter's jüngste Tochter; Thomas Hutter's, des Aelteren von ihren zwei Gefangnen; dessen, dem das Castell und die Arche gehört, und der das beste Recht hat, als Eigenthümer dieser Berge und dieses See's zu gelten, dieweil er so lange Zeit da gewohnt, und Fallen gestellt und gefischt hat. Sie werden wissen, Wen Ihr unter Thomas Hutter versteht, wenn Ihr ihnen das sagt. Und dann sagt ihnen, ich sey hieher gekommen, sie zu bereden, daß sie Vater und Hurry kein Leid thun, sondern sie im Frieden ziehen lassen, und sie eher als Brüder denn als Feinde behandeln. Jetzt sagt ihnen das Alles geradezu, Hist, und fürchtet Nichts für Euch oder für mich; Gott wird uns schützen.« Wah-ta!-Wah that wie die Andere verlangte, und bestrebte sich, die Worte ihrer Freundin so buchstäblich als möglich in's Irokesische zu übersetzen, eine Sprache, die sie beinahe mit gleicher Geläufigkeit wie ihre eigne sprach. Die Häuptlinge hörten diese eröffnende Mittheilung mit ernstem Anstand an; die Zwei, welche ein wenig Englisch verstanden, deuteten ihre Zufriedenheit mit der Dollmetscherin durch heimliches aber ausdrucksvolles Winken mit den Augen an. »Und jetzt, Hist,« fuhr Hetty fort, sobald man ihr andeutete dieß zu thun, »und jetzt, Hist, wünsche ich, daß Ihr diesen rothen Männern Wort für Wort dollmetscht, was ich sagen will. Sagt ihnen zuerst, daß Vater und Hurry hieher kamen mit der Absicht, so viele Skalpe als möglich zu erbeuten; denn der sündhafte Gouverneur und die Provinz haben Geld für Skalpe geboten von Kriegern oder Weibern, von Männern oder Kindern; und die Liebe zum Gold war ihrem Herzen zu stark, um zu widerstehen. Sagt ihnen dieß, liebe Hist, gerade so wie Ihr es von mir gehört, Wort für Wort.« Wah-ta!-Wah zauderte, diese Rede so buchstäblich, wie Jene verlangt, wiederzugeben; aber da sie das Verständniß derer, die etwas Englisch wußten, bemerkt hatte, und selbst eine genauere Kenntniß dieser Sprache, als sie wirklich besaßen, bei ihnen als möglich voraussetzte, sah sie sich genöthigt zu gehorchen. Im Widerspruch mit dem, was ein Civilisirter als Folge hievon hätte erwarten mögen, brachte das Zugeständniß der Beweggründe und des Vorhabens der Gefangnen keinen sichtbaren Eindruck auf die Mienen noch auch auf die Gefühle der Zuhörer hervor. Vermuthlich sahen sie die That als einträglich an, und was Keiner von ihnen selbst auszuüben irgend Anstand genommen hätte, das war er auch nicht gemeint an einem Andern zu tadeln, »Und jetzt, Hist,« begann Hetty von neuem, sobald sie bemerkte, daß ihre bisherigen Reden von den Häuptlingen begriffen worden; »könnt Ihr ihnen Mehr sagen. Sie wissen, daß Vater und Hurrry nicht glücklich waren; und daher können sie ihnen nicht grollen wegen eines ihnen widerfahrenen Leides. Wenn sie ihre Weiber und Kinder erschlagen hätten, so würde das an der Sache Nichts ändern; und ich weiß nicht, ob das, was ich ihnen zu sagen im Begriff stehe, nicht noch mehr Gewicht hätte, wenn das Unheil wirklich geschehen wäre. Aber fragt sie zuerst, Hist, ob sie wissen, daß ein Gott ist, der über die ganze Erde regiert und Herr und Häuptling Aller ist, die da leben, seyn sie roth oder weiß, oder von welcher Farbe sie wollen?« Wah-ta!-Wah schien etwas erstaunt über diese Frage; denn der Begriff des großen Geistes bleibt selten dem Gemüth eines indianischen Mädchens lange fremd. Sie stellte jedoch die Frage, so buchstäblich als möglich übersetzt, und erhielt eine ernste, bejahende Antwort. »Das ist recht,« fuhr Hetty fort, »und meine Pflicht wird jetzt leicht zu erfüllen seyn. Dieser große Geist, wie Ihr unsern Gott nennt, hat ein Buch schreiben lassen, das wir die Bibel nennen; und in diesem Buch sind alle seine Gebote aufgezeichnet, und sein heiliger Wille und Wohlgefallen, und die Vorschriften, nach welchen alle Menschen leben sollen, und Anweisungen, wie man selbst die Gedanken beherrschen soll und die Wünsche und den Willen. Hier, dieß ist eines von jenen heiligen Büchern, und Ihr müßt den Häuptlingen erklären, was ich ihnen aus seinen heiligen Blättern lesen will.« Nachdem Hetty dieß gesprochen, zog sie eine kleine englische Bibel aus einem Futteral von grobem Caliko, und handhabte das Buch mit jener Art von äußerlicher Ehrfurchtsbezeugung, die etwa ein Römischkatholischer einer Reliquie erweisen könnte. Während sie langsam in ihrem Beginnen fortfuhr, beobachteten die grimmig aussehenden Krieger jede ihrer Bewegungen mit unverwandten Augen; und als sie das kleine Buch erscheinen sahen, entschlüpfte Einem oder Zweien von ihnen ein leiser Ausruf des Erstaunens. Aber Hetty hielt es ihnen im Triumph entgegen, als erwartete sie, daß schon der Anblick ein sichtbares Wunder thun solle; und dann, ohne Ueberraschung oder Kränkung bei dem Stoicismus der Indianer blicken zu lassen, wandte sie sich lebhaft zu ihrer neuen Freundin, um ihre Rede fortzusetzen. »Dieß ist das heilige Buch, Hist,« sagte sie, »und diese Worte, und Zeilen, und Verse und Kapitel kommen alle von Gott!« »Warum der Große Geist nicht auch den Indianern Buch schicken?« fragte Hist mit der Unbefangenheit eines gänzlich unverfälschten Gemüthes. »Warum nicht?« erwiederte Hetty, ein wenig betroffen über diese so unerwartete Frage. »Warum nicht? Ha! Ihr wißt ja, die Indianer können nicht lesen.« Wenn auch Hist mit dieser Erklärung nicht ganz befriedigt war, hielt sie doch den Gegenstand nicht für erheblich genug, ihn weiter zu verfolgen. Sie neigte nur ihren Leib einfach vor, bescheiden und sanft die Wahrheit des Vernommenen gelten lassend, und saß da, geduldig die weitern Argumente der Bleichgesichtschwärmerin erwartend. »Ihr könnt diesen Häuptlingen sagen, daß überall in diesem Buche den Menschen geboten ist, ihren Feinden zu verzeihen, sie wie Brüder zu behandeln, und nie ihren Mitmenschen ein Leid zuzufügen, namentlich auch nicht aus Rachsucht oder sonst einer bösen Leidenschaft. Meint Ihr ihnen dieß so sagen zu können, daß sie es wohl verstehen werden, Hist?« »Es ihnen sagen können wohl, aber sie es nicht leicht verstehen werden.« Dann erklärte Hist die Ideen Hetty's, so gut und deutlich sie nur immer konnte, den aufmerksamen Indianern, welche ihre Worte ungefähr mit dem Erstaunen vernahmen, wie es etwa ein Amerikaner unsrer Zeiten an den Tag legen würde bei der Behauptung, daß die große aber schwankende Beherrscherin der menschlichen Dinge der modernen Zeit, die öffentliche Meinung, Unrecht haben könnte. Ein Paar von ihnen jedoch, die schon mit Missionären zusammengetroffen, sagten einige erläuternde Worte, und jetzt widmete die Gruppe alle Aufmerksamkeit den Mittheilungen, die nun folgen sollten. Ehe Hetty wieder begann, erkundigte sie sich ernstlich bei Hist, ob die Häuptlinge sie verstanden, und war mit einer ausweichenden Antwort leicht zu befriedigen. »Jetzt will ich den Kriegern einige von den Versen lesen, welche kennen zu lernen ihnen gut ist,« fuhr das Mädchen fort, dessen Benehmen im weitern Verlauf immer ernster und feierlicher wurde; »und sie werden bedenken, daß es die eignen Worte des großen Geistes sind. Für's erste denn wird Euch geboten: › liebe deinen Nächsten wie dich selbst !‹ Erklärt ihnen das, liebe Hist.« »Nächster für Indianer kein Bleichgesicht,« antwortete das Delawarische Mädchen mit größerer Bestimmtheit, als sie bisher zu zeigen für gut befunden. »Nächster heißt Irokese für Irokesen, Mohikan für Mohikan, Bleichgesicht für Bleichgesicht. Häuptlinge sonst Nichts nöthig zu sagen.« »Ihr vergeßt, Hist, das sind die Worte des großen Geistes, und die Häuptlinge müssen ihnen gehorchen so gut als Andere. Hier ist ein andres Gebot: › So dich Jemand schlägt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar .‹« »Was das bedeuten?« fragte Hist mit Blitzesschnelle. Hetty erklärte, daß es ein Gebot sey, Beleidigungen nicht zu rächen, sondern lieber der Erduldung neuer Unbilden von dem Beleidiger sich auszusetzen. »Und höre auch dieß, Hist,« fuhr sie fort: » Liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut Wohl denen die Euch hassen, und betet für die, so Euch verachten und verfolgen .« Jetzt war Hetty ganz aufgeregt worden; ihre Augen leuchteten vermöge der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, ihre Wangen flammten, und ihre Stimme, gewöhnlich so leise und zitternd, wurde stärker und nachdrücklicher. Mit der Bibel war sie frühe schon durch ihre Mutter bekannt gemacht worden; und sie ging jetzt von Stelle zu Stelle über mit überraschender Schnelligkeit, und las sorgfältig solche Verse heraus, welche die erhabnen Lehren christlicher Liebe und Versöhnlichkeit predigen. Auch nur die Hälfte dessen, was sie in ihrem frommen Ernst vorbrachte, zu übersetzen, würde Wah-ta!-Wah unmöglich gefunden haben, hätte sie auch den Versuch gemacht; aber Staunen hielt ihre Zunge gebunden, wie die der Häuptlinge; und die junge, treuherzige Schwärmerin war durch ihre Anstrengung ganz erschöpft worden, ehe die Andre nur den Mund öffnete, um eine Sylbe vorzubringen. Und dann gab wirklich das Delawarische Mädchen eine kurze Uebersetzung von dem Wesentlichen des Gesprochenen und Gelesenen, beschränkte sich aber auf ein paar der ergreifendsten von den Versen, diejenigen, die ihrer Einbildungskraft als die paradoxesten aufgefallen waren, und die auf den Fall freilich am anwendbarsten gewesen wären, hätten die ungebildeten Gemüther der Zuhörer die großen moralischen Wahrheiten fassen können, die sie enthielten. Es wird kaum nöthig seyn, unsern Lesern die Wirkung zu schildern, die eine solche neue Pflichtenlehre aller Wahrscheinlichkeit nach unter einer Gruppe indianischer Krieger hervorbringen mußte, bei denen es eine Art von religiösem Grundsatz war, nie eine Wohlthat zu vergessen und nie ein Unrecht zu verzeihen. Zum Glück hatten die vorangegangnen Erklärungen Hist's die Gemüther der Huronen auf etwas Absonderliches vorbereitet; und das Meiste von dem, was ihnen unvernünftig und paradox erschien, ward durch den Umstand erklärt, daß die Sprecherin einen von den meisten andern Sterblichen ganz abweichend organisirten Geist besitze. Doch waren ein Paar alte Männer da, welche ähnliche Lehren schon von den Missionären gehört hatten, und sie fühlten ein Verlangen, einen müssigen Augenblick mit weiterer Verfolgung eines Gegenstandes, den sie so merkwürdig fanden, auszufüllen. »Das ist das Gute Buch der Bleichgesichter,« bemerkte Einer von diesen Häuptlingen, das Buch aus der Hand der keinen Widerstand leistenden Hetty nehmend, welche ihm ängstlichgespannt ins Gesicht starrte, während er die Blätter umwandte, als erwartete sie von dieser Thatsache sichtbare Ergebnisse. »Das ist das Gesetz, wornach meine weißen Brüder zu leben behaupten?« Hist, an welche diese Frage gerichtet war, wenn man überhaupt sagen kann, daß sie an eine bestimmte Person gerichtet gewesen, antwortete einfach bejahend, und fügte bei, daß sowohl die Franzosen der Canada's, als die Dengeese der britischen Provinzen sein Ansehen gleichermaßen anerkennten, und seine Grundsätze zu ehren behaupteten. »Erklärt meiner jungen Schwester,« sagte der Hurone, Hist scharf anblickend, »daß ich meinen Mund öffnen, und einige wenige Worte sprechen will.« »Der Irokesenhäuptling sprechen wollen – meine Bleichgesichtfreundin zuhören,« dollmetschte Hist. »Ich freue mich, das zu hören!« rief Hetty. »Gott hat sein Herz gerührt, und er wird jetzt Vater und Hurry ziehen lassen!« »Das ist des Bleichgesichts Gesetz,« begann der Häuptling. »Es gebietet ihm Gutes zu thun dem, der ihn verletzt; und wenn sein Bruder von ihm seine Büchse verlangt, ihm das Pulverhorn dazu zu geben. Das ist das Bleichgesichtsgesetz?« »Nicht so – nicht so,« antwortete Hetty ernst, nachdem diese Worte waren gedollmetscht worden. »Es steht kein Wort von Büchsen in dem ganzen Buch; und Pulver und Kugeln sind dem heiligen Geist ein Aergerniß.« »Nun dann, warum gebraucht sie denn das Bleichgesicht? Wenn ihm geboten ist, dem doppelt zu geben , der nur Eines verlangt, warum nimmt er doppelt den armen Indianern, die Nichts verlangen? Er kommt vom Lande der aufgehenden Sonne mit seinem Buch in der Hand, und lehrt den Rothmann es lesen; aber warum vergißt er selbst Alles, was es sagt? Wenn der Indianer gibt, ist er nie zufrieden; und jetzt bietet er Gold für die Skalpe unsrer Weiber und Kinder, obgleich er uns Bestien nennt, wenn wir den Skalp eines Kriegers nehmen, der im offenen Krieg getödtet worden. Mein Name ist Rivenoak .« Als Hetty diese furchtbare Frage ihrer Seele in der Uebersetzung recht veranschaulicht hatte – und Hist that bei dieser Gelegenheit ihre Pflicht mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit – war sie, wie kaum zu sagen nöthig, in bittrer Verlegenheit. Gescheutere Köpfe als der dieses armen Mädchens sind häufig durch Fragen von ähnlicher Richtung in Verwirrung gebracht worden; und es kann nicht befremden, daß sie mit all ihrem Ernst und ihrer Aufrichtigkeit nicht wußte, welche Antwort geben. »Was soll ich ihnen sagen, Hist?« fragte sie flehentlich; »ich weiß , daß Alles, was ich aus dem Buche gelesen, wahr ist; und doch könnte es als nicht wahr erscheinen nach der Handlungsweise derer, denen dieß Buch gegeben ist, oder nicht?« »Gebt ihnen Bleichgesichtsgründe,« versetzte Hist ironisch; »die immer gut für Eine Seite, obgleich schlecht für die andere.« »Nein, nein, Hist, es gibt keine zwei Seiten für die Wahrheit – und doch erscheint es so seltsam! Gewiß habe ich die Verse recht gelesen, und Niemand würde so ruchlos seyn, das Wort Gottes falsch zu drucken. Das kann nie seyn, Hist.« »Nun, armem indianischem Mädchen scheinen, es kann Alles seyn bei Bleichgesichtern,« versetzte die Andere kühl, »Ein Mal sagen sie weiß, und das andre Mal schwarz. Warum denn es nie seyn kann?« Hetty wurde immer verwirrter, bis sie endlich, überwältigt von der Angst, sie habe ihren Zweck verfehlt, und das Leben ihres Vaters und Hurry's werde durch einen Mißgriff von ihrer Seite aufgeopfert werden, in Thränen ausbrach. Von diesem Augenblick an verschwand im Benehmen Hist's alle Ironie und kühle Gleichgültigkeit, und sie wurde wieder die zärtliche, liebkosende Freundin. Ihre Arme um das betrübte Mädchen schlingend, suchte sie ihren Kummer zu beschwichtigen durch das kaum je seine Wirkung verfehlende Mittel weiblichen Mitgefühls. »Aufhören weinen – nicht weinen!« sagte sie, die Thränen aus Hetty's Angesicht wischend, wie sie denselben Dienst einem Kinde würde geleistet haben, und beugte sich herab, um sie gelegentlich mit der Zärtlichkeit einer Schwester an ihr warmes Herz zu drücken; »warum Euch so beunruhigen? Ihr nicht das Buch machen, wenn es falsch seyn, und Ihr nicht Bleichgesicht machen, wenn er ruchlos. Es böse rothe Männer geben und böse weiße Männer – keine Farbe ganz gut – keine Farbe ganz böse, Häuptlinge das gut genug wissen.« Hetty erholte sich bald von diesem plötzlichen Ausbruch des Jammers, und dann wendete sich ihr Gemüth wieder mit all seinem treuherzigen Ernst zu dem Zweck ihres Besuchs. Sie bemerkte, daß die grimmig aussehenden Häuptlinge noch in ernster Aufmerksamkeit um sie her standen, und hoffte, ein neuer Versuch, sie vom Rechten zu überzeugen, werde besser gelingen. »Hört, Hist,« sagte sie, ringend ihr Schluchzen zu unterdrücken und vernehmlich zu sprechen; »sagt den Häuptlingen, es frage sich nicht, was die Ruchlosen thun – Recht ist Recht – die Worte des Großen Geistes sind die Worte des Großen Geistes – und Niemand kann ungestraft eine böse That thun, weil ein Andrer vor ihm sie gethan hat! Vergeltet Böses mit Gutem ! sagt dieß Buch; und das ist das Gesetz für die rothen Männer wie für die Weißen.« »Nie hören von solchem Gesetz unter Delawaren oder Irokesen,« antwortete Hist begütigend. »Nicht gut, den Häuptlingen von solchem Gesetz sagen. Sagt ihnen Etwas, das sie glauben.« Hist wollte demungeachtet in ihrem Dollmetschen fortfahren, als eine Berührung von dem Finger des ältesten Häuptlings auf ihrer Schulter sie aufschauen machte, da bemerkte sie, daß Einer von den Kriegern die Gruppe verlassen hatte, und schon mit Hutter und Hurry wieder zurückkam. Begreifend, daß die beiden Letztern auch in die Untersuchung hineingezogen werden sollten, verstummte sie, mit dem nie zögernden Gehorsam eines indianischen Weibes. Nach wenigen Sekunden standen die Gefangenen den Vornehmsten der sie gefangen haltenden Truppe Angesicht gegen Angesicht gegenüber. »Tochter,« sagte der älteste Häuptling zu der jungen Delawarin, »fragt diesen Graubart, warum er in unser Lager gekommen?« Die Frage ward von Hist in ihrem unvollkommnen Englisch gestellt, aber in einer Art, die nicht schwer zu verstehen war. Hutter war von Natur zu trotzig und verstockt, um vor den Folgen irgend einer seiner Handlungen zurückzubeben, und er war auch zu genau vertraut mit Ansichten der Wilden, um nicht einzusehen, daß Nichts zu gewinnen stehe durch Zweideutigkeiten oder eine unmännliche Scheue vor ihrem Zorn. Ohne Bedenken gestand er daher die Absicht, in welcher er gelandet, und rechtfertigte sie nur mit dem Umstand, daß die Regierung der Provinz hohe Preise für Skalpe geboten. Dieß offene Geständniß ward von den Irokesen mit sichtlicher Zufriedenheit aufgenommen, nicht sowohl jedoch in Betracht des Vortheils, den es ihnen, vom moralischen Gesichtspunkt angesehen, gewährte, als so fern es ein Beweis war, daß sie einen Mann gefangen, werth, ihre Gedanken zu beschäftigen und Gegenstand ihrer Rache zu werden. Hurry, befragt, gestand ebenfalls die Wahrheit, obwohl er zur Verheimlichung geneigter, als sein trotziger Genosse gewesen wäre, hätten die Umstände diese Handlungsweise besser begünstigt. Aber er besaß Takt genug, um einzusehen, daß Zweizüngelei in diesem Augenblick nutzlos seyn würde, und er machte aus der Noth eine Tugend, indem er eine Freimüthigkeit nachahmte, die bei Hutter das Ergebniß einer ihm zur andern Natur gewordnen Gleichgültigkeit war, indem er nur einer jederzeit rauhen, schroffen und um Folgen für seine Person unbekümmerten Gemüthsart folgte. Sobald die Häuptlinge die Antworten auf ihre Fragen erhalten, schritten sie schweigend weg, wie Männer, die die Sache als abgethan betrachteten, und alle Dogmen Hetty's waren weggeworfen bei Wesen, die von der Kindheit bis zum Mannesalter in der Schule der Gewaltthat herangewachsen waren. Hetty und Hist blieben jetzt allein mit Hutter und Hurry, und den Schritten und Bewegungen von Keinem schien irgend ein Zwang auferlegt, obwohl in der That alle Vier unablässig und aufmerksam bewacht wurden. Was die Männer betrifft, so ward sorgfältig darauf geachtet, sie zu verhindern, von einer der Büchsen Besitz zu ergreifen, welche ringsum zerstreut lagen, ihre eigenen mit eingeschlossen; aber hierauf war alle offenkundige Bewachung beschränkt. Aber sie, die so erfahren waren in indianischen Bräuchen und Listen, wußten zu gut, wie groß der Abstand war zwischen Schein und Wirklichkeit, um sich durch diese anscheinende Sorglosigkeit täuschen zu lassen. Obgleich beide unaufhörlich auf Mittel zur Flucht dachten, und zwar ohne Verabredung, erkannte doch jeder die Fruchtlosigkeit, einen Plan der Art zu versuchen, der nicht tief angelegt und rasch ausgeführt würde. Sie waren lang genug in dem Lager, und hinlänglich scharfe Beobachter, um sich vergewissert zu haben, daß auch Hist eine Art Gefangene war; und auf diesen Umstand bauend sprach Hutter in ihrer Gegenwart offener, als er vielleicht sonst räthlich gefunden hätte, und veranlaßte durch sein Beispiel Hurry zu gleicher Sorglosigkeit. »Ich will dich nicht tadeln, Hetty, daß du mit diesem Vorhaben hieher kamst, das gut gemeint, wenn auch nicht sehr klug angelegt war,« begann der Vater, indem er sich neben seine Tochter setzte und ihre Hand ergriff; ein Zeichen der Zärtlichkeit, das dieser rauhe Mann gerade diesem Kind zu geben pflegte – »aber Predigen und die Bibel sind nicht die Mittel, einen Indianer von seinem Wege abzubringen. Hat Wildtödter eine Botschaft geschickt; oder hat er einen Anschlag, durch den er uns in Freiheit zu setzen denkt?« »Ja, das ist die Hauptsache vom Ganzen,« fiel Hurry ein; «wenn Ihr uns zu einer halben Meile Freiheit verhelfen könnt, Mädchen, oder auch nur zu einem guten Vorsprung von einer Viertelmeile, so will ich für das Uebrige stehen. Vielleicht der alte Mann bedarf etwas Mehr, aber für Einen von meiner Größe und meinen Jahren würde das alle Anstände beseitigen.« Hetty sah bekümmert aus und wandte ihre Augen von Einem zum Andern; aber sie hatte keine Antwort zu geben auf die Frage des brutalen Hurry. »Vater,« sagte sie, »weder Wildtödter noch Judith wußten von meinem Plan zu gehen, bis ich die Arche verlassen hatte. Sie fürchten, die Irokesen möchten einen Floß machen und versuchen, sich der Hütte zu bemächtigen, und denken mehr daran, die zu vertheidigen, als Euch zu Hülfe zu kommen.« »Nein – nein – nein,« sagte Hist hastig, obwohl mit leiser Stimme und das Angesicht zu Boden gesenkt, um diejenigen, von denen sie sich wohl bewacht wußte, gar nicht sehen zu lassen, daß sie überhaupt sprach. »Nein, nein, nein, Wildtödter ganz andrer Mann. Er nicht daran denken, sich selbst zu vertheidigen, wenn ein Freund in Gefahr. Einer dem Andern helfen, und Alle zur Hütte gelangen.« »Das klingt gut, alter Tom,« sagte Hurry winkend und lachend, – obgleich auch er die Vorsicht gebrauchte, leise zu sprechen. »Gebt mir nur eine Indianerin von schnellem Witz zur Freundin, und ich will, denke ich, den Teufel zu Schanden machen. Wenn auch nicht gerade einen Irokesen.« »Sprecht nicht laut,« sagte Hist; »einige Irokesen die Yengeese Sprache gelernt und alle Yengeese Ohr haben.« – »Haben wir eine Freundin an Euch, junges Weib?« fragte Hutter mit steigendem Interesse an der Unterredung. »Wenn dieß, so könnt Ihr auf eine tüchtige Belohnung rechnen, und nichts wird leichter seyn, als Euch zu Eurem eignen Stamme zu senden, wenn wir Euch nur einmal mit uns sicher in's Castell gebracht haben. Gebt uns die Arche und die Canoes, so beherrschen wir den See, trotz allen Wilden in den Canada's. Nur Artillerie könnte uns aus dem Castell vertreiben, wären wir nur einmal wieder darin.« »Gesetzt sie ans Land kommen, Skalpe zu holen?« versetzte Hist mit kühler Ironie, worin das Mädchen erfahrener schien, als bei ihrem Geschlecht gewöhnlich ist. »Ja, ja – das war ein Mißgriff; aber Wehklagen helfen wenig, und noch weniger, junges Weib, Stichelreden!« »Vater,« sagte Hetty, »Judith denkt daran, den großen Schrank aufzubrechen, in der Hoffnung, darin etwas zu finden, womit sie Eure Freiheit von den Wilden erkaufen könnte.« Eine finstre Wolke überzog Hutter's Gesicht bei der Nachricht von diesem Umstand, und er murmelte seine Mißbilligung so laut, daß alle Anwesenden es hörten. »Warum nicht aufbrechen großen Schrank?« warf Hist ein. »Leben lieber als alter Schrank. Skalp lieber als alter Schrank. Wenn nicht Tochter erlauben ihn aufzubrechen, Wah-ta!-Wah ihm nicht helfen davonzulaufen!« »Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt – Ihr seyd einfältige Mädchen, und das Klügste für Euch beide ist, zu sprechen, von was Ihr versteht, und sonst von Nichts. Diese kalte Vernachlässigung der Wilden gefällt mir nicht sehr, Hurry, es ist ein Beweis, daß sie an etwas Ernstes denken, und wenn wir etwas thun wollen, müssen wir es bald thun. Können wir auf dieß junge Weib zählen, meint Ihr?« »Hört,« sagte Hist rasch und mit einem Ernst, der bewies, wie lebhaft ihr Gefühl betheiligt war – »Wah-ta!-Wah keine Irokesin – ganz und gar Delawarin – Delawarenherz – Delawarengefühl haben. Sie auch Gefangene. Ein Gefangner andern Gefangnen helfen. Nicht gut jetzt Mehr schwatzen. Tochter bei Vater bleiben – Wah-ta!-Wah kommen und Freund sehen – Alles gut aussehen – dann sagen, was thun.« Dies ward mit leiser Stimme, aber deutlich gesprochen, und in einer Art, um Eindruck zu machen. Sobald sie sich so geäußert, stand das Mädchen auf und verließ die Gruppe, langsam nach der Hütte zurückkehrend, die sie bewohnte, als nähme sie kein weiteres Interesse an dem, was zwischen den drei Bleichgesichtern verhandelt werden mochte. Zwölftes Kapitel. Sie spricht von ihrem Vater; sagt, sie höre, Die Welt sey schlimm, und ächzt und schlägt die Brust; Ein Strohhalm ärgert sie, sie spricht verworren; Mit halbem Sinn nur; ihre Red' ist nichts, Doch leitet ihre ungestalte Art Die Hörenden auf Schlüsse; – Shakspeare. Wir verließen die Inhaber des Castells und der Arche in Schlaf versunken. Ein paarmal zwar im Laufe der Nacht stand Wildtödter oder der Delaware auf, um auf den ruhigen See hinauszuschauen, und kehrten, wenn sie Alles sicher fanden, zu ihren Lagerstätten zurück und schliefen wie Leute, die sich ihre natürliche Ruhe nicht leicht nehmen oder stören lassen. Bei dem ersten Anzeichen der Morgendämmerung jedoch stand der Erstere auf, und traf die ihn selbst zunächst angehenden Vorkehrungen für den Tag, sein Genosse aber, der in den letzten Zeiten keine ruhige oder ungestörte Nächte gehabt hatte, blieb auf seiner Pritsche liegen, bis die Sonne ganz aufgegangen war. Auch Judith war an diesem Morgen später als gewöhnlich, denn die frühern Stunden der Nacht hatten ihr wenig Erquickung oder Schlaf gebracht. Aber ehe die Sonne sich über den östlichen Hügeln gezeigt, waren doch auch sie auf und auf den Beinen; denn in jener Gegend bleiben selbst die Faulen selten nach dem Erscheinen des großen Himmelslichts noch auf ihren Polstern liegen. Chingachgook war eben mit seiner Waldtoilette beschäftigt, als Wildtödter in die Cajüte der Arche trat, und ihm ein Paar grobe aber leichte Sommerkleidungsstücke hinwarf, welche Hutter gehörten. »Judith hat mir das für Euch gegeben, Häuptling,« sagte der Letztere, indem er die Jacke und Beinkleider zu den Füßen des Indianers hinwarf; »denn es ist gegen alle Klugheit und Vorsicht, daß Ihr Euch in Eurer Kriegstracht und Bemalung blicken lasset. Wascht all die feurigen Streifen Von Eurer Wange ab, legt diese Kleider an, und hier ist ein Hut, so wie er nun eben ist, der Euch einen schauerlich uncivilisirten Anstrich von Civilisation, wie die Missionäre sagen, geben wird. Vergeßt nicht, daß Hist in der Nähe ist, und was wir für das Mädchen thun, geschehen muß, indem wir für Andere handeln. Ich weiß, es ist gegen Eure Gaben und Natur, Kleider zu tragen, wenn sie nicht nach eines rothen Mannes Schnitt und Tracht sind, aber macht jetzt aus der Noth eine Tugend, und legt diese sofort an, wenn sie Euch auch etwas wider den Magen sind.« Chingachgook, oder die Schlange, betrachtete die Kleider mit starkem Mißfallen; aber er erkannte den Nutzen der Vermummung, wenn auch nicht ihre absolute Notwendigkeit. Entdeckten die Irokesen einen rothen Mann in dem oder um das Castell, so konnte sie dieß gar leicht behutsamer machen, und ihrem Argwohn die Richtung auf ihre Gefangne geben. Alles war besser als ein Fehlschlagen seiner Absicht, seine Verlobte betreffend, und nachdem er die verschiednen Kleidungsstücke nach allen Seiten gedreht, sie mit einer Art ernster Ironie geprüft, sie in einer Weise anzuziehen versucht, die sich von selbst verbot, und auch sonst den Widerwillen eines jungen Wilden an den Tag gelegt hatte, seine Glieder in die herkömmlichen Fesseln und Bande des civilisirten Lebens zu schnüren, unterwarf sich der Häuptling den Anweisungen seines Freundes, und stand am Ende als ein rother Mann nur noch der Farbe nach, da – so weit nämlich das Auge darüber urtheilen konnte. Von dieser ihm einzig noch gebliebenen Eigenschaft jedoch war Wenig zu befürchten, da die Entfernung von der Küste und der Mangel von Ferngläsern jede genauere Prüfung abschnitt, und Wildtödter selbst, obgleich von einem hellern und frischern Teint, hatte doch ein Gesicht, dem die Sonne eine Farbe aufgebrannt, kaum minder roth als die seines Mohikanischen Genossen. Das linkische, verlegene Wesen des Delawaren in seiner neuen Tracht machte an diesem Tage seinen Freund mehr als einmal lächeln, aber er enthielt sich geflissentlich aller jener Scherze, die bei einer solchen Gelegenheit unter Weißen aufs Tapet gekommen wären; da die Lebensgewohnheiten eines Häuptlings, die Würde eines Kriegers auf seinem ersten Kriegspfad, und der Ernst der Umstände, worin sie sich befanden, zusammen genommen, eine solche Leichtfertigkeit gleich unzeitgemäß erscheinen ließen. Die Begegnung der drei Insulaner, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen, beim Morgenimbiß war stumm, ernst und nachdenklich. Judith's Aussehen zeigte, daß sie eine unruhige Nacht gehabt, während den beiden Männern die Zukunft, mit ihren unsichtbaren und unbekannten Ereignissen, vor der Seele stand. Wenige Worte der Höflichkeit wurden zwischen Wildtödter und dem Mädchen im Verlauf des Frühstücks gewechselt, aber ihre Lage mit keiner Sylbe besprochen. Endlich brachte Judith, deren Herz voll war, und deren neue Gefühle sie zu ungewöhnlich weichen und sanften Empfindungen stimmten, diesen Gegenstand auf die Bahn, und das in einer Art, welche zeigte, wie sehr er im Lauf der letzten schlaflosen Nacht ihre Gedanken mußte beschäftigt haben. »Es wäre schrecklich, Wildtödter,« rief das Mädchen plötzlich aus, »wenn meinem Vater und Hetty etwas Ernsthaftes zustieße! Wir dürfen hier nicht ruhig sitzen, und sie in den Händen der Irokesen lassen, ohne auf Mittel zu denken, ihnen zu dienen.« »Ich bin bereit, Judith, ihnen zu dienen, und allen Andern, die in Nöthen sind, könnte man mir nur die Art und Weise zeigen, es zu thun. Es ist keine Kleinigkeit, in die Hände von Rothhäuten zu fallen, wenn Leute auf ein Vorhaben ausziehen, wie das war, welches Hutter und Hurry ans Land lockte; das weiß ich so gut wie ein Andrer; und ich wünschte meinem schlimmsten Feind nicht, daß er in eine solche Klemme käme, viel weniger Solchen, mit denen ich gereist bin, gegessen und geschlafen habe. Habt Ihr irgend einen Plan, dessen Ausführung Ihr von der Schlange und mir versucht wünschtet?« «Ich kenne kein anderes Mittel, die Gefangnen frei zu machen, als Bestechung der Irokesen. Sie sind Geschenken nicht unzugänglich; und wir könnten ihnen vielleicht Genug bieten, um sie auf den Gedanken zu bringen, es sey besser, reiche Gaben, nach ihrer Schätzung, mit fort zu nehmen, als arme Gefangene; – wenn sie sie wirklich überhaupt wegführen sollten!« »Das ist ganz gut, Judith; ja, es ist ganz gut, wenn der Feind sich erkaufen läßt, und wir Artikel finden können, um damit den Kauf zu zahlen. Euer Vater hat eine bequeme Wohnung, und sie ist sehr schlau gewählt und angelegt, aber sie scheint nicht übermäßig versehen mit Reichthümern, welche seine Freilassung erkaufen dürften. Da das Gewehr, das er Killdeer nennt, möchte Etwas gelten, und ich höre, es sey ein Pulverfäßchen da, welches allerdings in die Wagschale fiele; aber zwei tüchtige Männer sind doch nicht mit einer Kleinigkeit loszukaufen – zudem –« »Zudem was?« fragte Judith ungeduldig, da sie bemerkte, daß der Andere zauderte fortzufahren, vermuthlich weil er sich scheute, sie zu beunruhigen. »Ha, Judith, die Franzmänner bieten Preise, ebenso wie unsre Partei; und der Preis für zwei Skalpe würde hinreichen ein Pulverfäßchen und eine Büchse zu kaufen; obwohl ich nicht sagen will, daß eine solche Büchse ganz so gut seyn würde wie Wildtödter hier, den Euer Vater als ungemein und unerreichbar rühmt. Aber gutes Pulver, und eine recht sichre Büchse; und dann sind die rothen Männer nicht die Erfahrensten in Feuerwaffen, und wissen nicht immer den Unterschied zwischen dem zu erkennen, was wirklich und was Schein ist,« »Das ist gräßlich,« murmelte das Mädchen, betroffen durch die unbefangene Art, in welcher ihr Genosse seine Thatsachen vorzutragen pflegte. »Aber Ihr vergeßt meine Kleider, Wildtödter; und die, glaube ich, könnten bei den Weibern der Irokesen Viel ausrichten.« »Ohne Zweifel könnten sie, ohne Zweifel könnten sie das, Judith,« versetzte der Andere, sie scharf anblickend, als wollte er sich vergewissern, ob sie wirklich ein solches Opfer zu bringen im Stande seyn würde. »Aber wißt Ihr gewiß, Mädchen, daß Ihr es über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen einem solchen Zweck zulieb zu trennen? Mancher Mann hat sich muthig geglaubt, bis die Gefahr ihm entgegenstarrte: ich habe auch Solche gekannt, die sich einbildeten gutmüthig zu seyn, und bereit, Alles was sie hatten den Armen zu schenken, wenn sie von andrer Leute Hartherzigkeit hörten, aber deren Hände sich so fest und zäh zusammenballten, wie die gespaltene Hagenbuche, wenn es darauf und dran kam, von ihrem Eignen wirkliche Opfer zu bringen. Zudem, Judith, Ihr seyd schön – außerordentlich, dürfte man sagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten – und die, so Schönheit besitzen, hängen auch an dem, was sie zu schmücken dient. Seyd Ihr gewiß, daß Ihr's über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen?« Die begütigende Anspielung auf die persönlichen Reize des Mädchens war wohl angebracht als Gegengewicht gegen die Wirkung des Mißtrauens, das der junge Mann gegen Judith's Eifer in Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten blicken ließ. Hätte ein Anderer dasselbe gesagt, was Wildtödter, – das Compliment wäre vermuthlich ganz übersehen worden in der durch jene Zweifel hervorgerufenen Entrüstung; aber eben die ungeschliffene Aufrichtigkeit, die so oft diesen einfachen Jäger seine innersten Gedanken enthüllen ließ, hatte einen Reiz für das Mädchen; und obgleich sie erröthete, und einen Augenblick ihre Augen Flammen sprühten, konnte sie es doch nicht über's Herz bringen, einem Menschen wirklich zu zürnen, dessen Seele ganz Wahrheit und männliches Wohlwollen schien. Ihre Mienen sprachen allerdings Vorwürfe aus; aber sie unterdrückte die Lust, auch in Worten sie ihn fühlen zu lassen, und sie zwang sich glücklich, mild und freundlich zu antworten. »Ihr müßt alle Eure günstigen Ansichten für die Delawarischen Mädchen aufsparen, Wildtödter, wenn Ihr im Ernst so von denen Eurer eignen Farbe denkt,« sagte sie, sich zum Lachen zwingend. »Aber stellt mich auf die Probe! wenn Ihr findet, daß es mir um Band oder Feder, um Seide oder Mousseline Leid thut, dann mögt Ihr von meinem Herzen denken was Ihr wollt, und sagen was Ihr denkt!« »Das ist gerecht! das Seltenste auf Erden zu finden ist ein wahrhaft gerechter Mensch. So sagt Tamenund, der weiseste Prophet der Delawaren; und so müssen Alle denken, die Gelegenheit haben, die Menschen zu sehen, mit ihnen zu sprechen und unter ihnen zu handeln. Ich liebe einen gerechten Mann, Schlange: seine Augen sind nie mit Dunkel bedeckt gegen seine Feinde, während sie ganz Sonnenschein und Glanz sind gegen seine Freunde. Er gebraucht die Vernunft, die ihm Gott gegeben, und er gebraucht sie mit dem Gefühl, daß er dazu bestimmt und verpflichtet ist, die Dinge so anzusehen und zu erwägen, wie sie sind , und nicht wie er sie haben möchte . Es ist leicht genug, Menschen zu finden, die sich selbst gerecht nennen; aber es ist außerordentlich selten, Solche zu finden, die es in der That und Wahrheit sind. Wie oft habe ich Indianer gesehen, Mädchen, die da glaubten, sie hätten Etwas ganz dem Willen des Großen Geistes Angenehmes im Auge, wenn sie in Wahrheit nur beflissen waren, nach ihrem eignen Willen und Vergnügen zu handeln, und das gar oft bei einer Versuchung zum Fehltritt, die sie selbst so wenig sehen konnten, als wir durch den Berg dort hindurch den Fluß im nächsten Thal sehen können, obgleich ein von Oben Herabschauender es so gut hätte sehen können, wie wir die Bärse, die um diese Hütte herum schwimmen.« »Sehr wahr, Wildtödter,« versetzte Judith, bei der jede Spur von Mißfallen sich in einem strahlenden Lächeln verlor, »sehr wahr; und ich hoffe Euch dieser Liebe zur Gerechtigkeit gemäß handeln zu sehen in allen Dingen, wobei ich betheiligt bin. Vor Allem hoffe ich: Ihr werdet selbst urtheilen, und nicht jede arge Geschichte glauben, die ein geschwätziger Müssiggänger, wie Hurry Harry, erzählen mag, der darauf ausgeht, den Namen jedes jungen Weibes anzutasten, die vielleicht nicht dieselbe Meinung von seinem Gesicht und seiner Person haben mag, wie der eigenliebige Prahler selbst.« »Hurry Harry's Ideen gelten bei mir nicht für ein Evangelium, Judith, aber auch Schlimmere, als er, haben Augen und Ohren,« erwiederte der Andere ernst. »Genug hievon!« rief Judith mit flammendem Auge, und die Röthe stieg ihr bis zu den Schläfen; »und jetzt von meinem Vater und seiner Lösung. Es ist, wie Ihr sagt, Wildtödter: die Indianer werden schwerlich ihre Gefangenen herausgeben ohne ein gewichtigeres Lösegeld als meine Kleider, und Vaters Büchse und Pulver betragen. Da ist der Schrank,« – »Ja, da ist der Schrank, wie Ihr sagt, Judith; und wenn es sich handelt um ein Geheimniß und einen Skalp, so würden, glaube ich, die meisten Menschen lieber den letztern für sich behalten. Hat Euch je Euer Vater ein bestimmtes Gebot diesen Schrank betreffend gegeben?« »Nie. Er schien immer der Ansicht, seine Schlösser und seine stählernen Bänder und seine Stärke seyen sein bester Schutz.« »Es ist ein rarer Schrank und von ganz merkwürdiger Arbeit,« versetzte Wildtödter, aufstehend und dem fraglichen Gegenstande näher tretend, auf den er sich setzte, um ihn mit größerer Bequemlichkeit zu besichtigen. »Chingachgook, das ist kein Holz aus irgend einem Walde, den Ihr oder ich je durchstreift! Es ist nicht vom schwarzen Wallnußbaum, und doch ist es ganz so hübsch, wo nicht noch hübscher, wäre es nicht von Rauch und schlechter Behandlung entstellt.« Der Delaware trat näher, befühlte das Holz, prüfte seine Textur, suchte die Oberfläche mit einem Nagel zu ritzen, und fuhr neugierig mit der Hand über die stählernen Schlösser und die andern ihm neuen Eigenthümlichkeiten des seltsamen Meuble's. »Nein – Nichts wie dieses wächst in diesen Gegenden,« fuhr Wildtödter fort; »ich habe alle Eichen gesehen, beide Ahornarten, die Ulmen, die Linden, alle Wallnußbäume, die Butternußbäume und jeden Baum, der Holz und Farbe hat, in einer oder der andern Gestalt verarbeitet; aber nie früher habe ich ein Holz wie dieses gesehen, Judith, der Schrank selbst würde Eures Vaters Freiheit erkaufen; oder die Neugier der Irokesen ist nicht so groß, wie die der Rothhäute überhaupt, namentlich in Holzsachen.« »Der Handel ließe sich vielleicht wohlfeiler schließen, Wildtödter. Der Schrank ist voll und es wäre doch besser, nur die Hälfte, als Alles hinzugeben. Zudem, Vater – ich weiß nicht warum – aber Vater schätzt den Schrank sehr hoch.« »Es scheint fast, er schätzt den Inhalt höher, als den Schrank selbst, nach der Art zu urtheilen, wie er das Aeußere behandelt und das Innere verwahrt. Es sind drei Schlösser, Judith; ist kein Schlüssel da?« »Ich habe nie einen gesehen; und doch müssen Schlüssel da seyn, da Hetty uns gesagt hat, sie habe den Schrank oft geöffnet gesehen.« »Schlüssel liegen so wenig in der Luft oder schwimmen im Wasser, als Menschen, Mädchen; wenn ein Schlüssel da ist, so muß auch ein Platz seyn, wo er aufbewahrt ist.« »Das ist wahr; und es würde nicht schwer halten, ihn zu finden, wenn wir suchen dürften.« »Das ist Eure Sache, Judith; das ist ganz Eure Sache. Der Schrank ist Euer, oder Eures Vaters; und Hutter ist Euer Vater, nicht der meine. Neugier ist der Weiber, nicht der Männer Schwäche; und hier habt Ihr alle Gründe vor Euch. Wenn der Schrank Artikel enthält, welche zum Lösegeld sich eignen, so würden sie, scheint mir, klüglich dazu verwendet, ihres Besitzers Leben zu erkaufen, oder auch seinen Skalp zu retten; aber das zu beurtheilen ist Eure, nicht meine Sache. Wenn der rechtmäßige Eigenthümer einer Falle oder eines Hirsches, oder eines Canoe's nicht anwesend ist, so wird, wer ihm am nächsten steht, sein Stellvertreter, nach allen Gesetzen der Wälder. Daher überlassen wir Euch die Entscheidung, ob der Schrank geöffnet werden soll, oder nicht.« »Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, ich könnte mich bedenken, wenn meines Vaters Leben in Gefahr schwebt, Wildtödter?« »Nun, es läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein tüchtiges Schelten gegen Thränen und Trauern setzen. Es ist nicht ohne Grund zu vermuthen, daß der alte Tom unzufrieden seyn werde mit dem, was Ihr gethan, wenn er sich wieder selbst in seiner Hütte hier sieht; aber es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Menschen mit dem nicht einverstanden sind, was zu ihrem eignen Besten geschehen ist; ich glaube fast, der Mond selbst würde sich ganz anders ausnehmen als jetzt, wenn wir ihn von der andern Seite sehen könnten.« »Wildtödter, wenn ich den Schlüssel finden kann, will ich Euch ermächtigen, den Schrank zu öffnen und herauszunehmen, was Ihr zu Vaters Loskaufung dienlich glaubt.« »Sucht zuerst den Schlüssel, Mädchen, von dem Uebrigen wollen wir nachher reden. Schlange, Ihr habt Augen wie eine Fliege und ein Urtheil, das selten irrt; könnt Ihr uns ersinnen helfen, wo der alte Tom wohl den Schlüssel zu einem Schranke verwahrt halten dürfte, mit dem er so geheim thut?« Der Delaware hatte an dem Gespräche keinen Antheil genommen, bis er so geradezu aufgefordert wurde; jetzt trat er von dem Schranke weg, welcher fortwährend seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und sah sich um nach dem Orte, wo unter den vorliegenden Verhältnissen denkbarer Weise der Schlüssel verwahrt seyn dürfte. Judith und Wildtödter waren inzwischen auch nicht müssig, und so waren bald alle Drei mit lebhaftem und ängstlichem Suchen beschäftigt, da es gewiß war, daß der gewünschte Schlüssel nicht in einer der gewöhnlichen Schubladen oder Fächer, deren mehrere in dem Gebäude waren, sich finden würde, sah in diesen Niemand nach, sondern Alle wandten sich solchen Orten zu, die ihnen als sinnreiche Versteckplätze auffielen, deren man sich zu solchem Behufe leicht bedienen könnte. So ward das äußere Gemach sorgfältig aber fruchtlos durchsucht, worauf sie sich in Hutter's Schlafzimmer begaben. Dieser Theil des rohen Gebäudes war besser eingerichtet als das Uebrige; er enthielt manche Artikel, welche besonders zum Gebrauch der verstorbenen Frau des Besitzers gedient hatten; aber da Judith alle übrigen Schlüssel hatte, war es auch bald durchstöbert, ohne daß der gewünschte Schlüssel an's Licht gekommen wäre. Jetzt traten sie in das Schlafgemach der Töchter. Dem Chingachgook fiel sogleich der Contrast zwischen den Artikeln und der Anordnung auf der Seite des Gemaches, die man die Judiths nennen konnte, und auf der Hetty angehörigen auf. Ein leiser Ausruf entschlüpfte ihm, und nach den verschiednen Richtungen hin deutend, machte er mit leiser Stimme auf diesen Umstand aufmerksam, zu seinem Freunde in der Delawarensprache redend. »Wie Ihr denkt, Schlange,« antwortete Wildtödter, von dessen, in Delawarensprache geäußerten Bemerkungen wir so viel als möglich die eigenthümliche Ausdrucksweise des Mannes beizubehalten suchen. »Es ist richtig so, wie Jeder sehen kann; und das ist Alles in der Natur gegründet. Eine Schwester liebt schöne Sachen – übermäßig, wie Manche behaupten; während die Andere so sanft und demüthig ist, wie Gott nur je die Güte und Wahrheit selbst erschuf. Doch glaube ich am Ende, daß auch Judith ihre Tugenden und Hetty ihre Fehler hat.« »Und die ›Geistschwache‹ hat den Schrank offen gesehen?« erkundigte sich Chingachgook, forschende Neugier in seinen Blicken. »Gewiß; das hab' ich aus ihrem eignen Munde gehört, und Ihr auch. Es scheint, ihr Vater mißtraut ihrer Verschwiegenheit nicht, obschon vielleicht der seiner ältern Tochter.« »Dann ist wohl der Schlüssel nur vor der Wilden Rose versteckt?« Denn so hatte der galante Chingachgook Judith in seinen Gesprächen mit seinem Freund allein zu nennen angefangen. »Das ist's. Das ist's gerade! Der Einen traut er, und der Andern nicht. Da ist weiß und roth, Schlange; alle Stämme und Nationen kommen darin überein, daß sie Manchen trauen, und Manchen ihr Vertrauen versagen. Es kommt auf Charakter und Urtheil an.« »Wo könnte ein Schlüssel versteckt werden, daß die Wilde Rose ihn gewiß nicht fände, wo eher als unter groben Kleidern?« Wildtödter stutzte, wandte sich gegen seinen Freund, Bewunderung in jedem Zuge seines Gesichts sich malend, und lachte recht in seiner stillen aber herzlichen Weise über das Sinnreiche und Rasche dieser Vermuthung. »Euer Name ist wohl angelegt, Schlange – ja, er ist wohl angelegt! Ganz gewiß! wo sollte eine Liebhaberin von schönen Putzsachen so wenig nachsuchen, als unter so groben und unscheinbaren Kleidern, wie die der armen Hetty sind? Ich glaube, Judiths zarte Finger haben nie ein Fleckchen so grobes und unschönes Tuch angerührt, wie das an diesem Unterrock, seit sie zuerst mit den Officieren Bekanntschaft machte! Ja, wer weiß? der Schlüssel dürfte ebenso gut gerade an diesem Pflock zu finden seyn, als sonst an einem Platze. Nehmt das Kleidungsstück weg, Delaware, und laßt uns sehen, ob Ihr wirklich ein Prophet seyd.« Chingachgook that, wie er geheißen ward, aber kein Schlüssel fand sich. Eine plumpe, dem Anschein nach leere Tasche hing an dem nächsten Pflocke und ward sofort untersucht. Mittlerweile war auch Judiths Aufmerksamkeit nach dieser Richtung gezogen worden, und sie ließ sich mit Hast vernehmen, als wünschte sie unnöthige Mühe zu ersparen. »Das sind nur die Kleider Hetty's, des guten, einfältigen Mädchens!« sagte sie. »Was wir suchen, ist wohl schwerlich hier zu finden!« Kaum waren diese Worte über den schönen Mund der Sprecherin gekommen, als Chingachgook den gewünschten Schlüssel aus der Tasche zog. Judith besaß einen zu schnellen Verstand, um nicht sogleich den Grund zu errathen, warum ein so einfacher und leicht zu findender Versteck war gewählt worden. Das Blut schoß ihr ins Gesicht, vielleicht ebenso sehr aus Verdruß, als aus Schaam, und sie biß sich in die Lippe, blieb aber stumm. Wildtödter und sein Freund bewährten jetzt das Zartgefühl von Männern von natürlich feinem Sinn, indem sie weder lächelten, noch auch nur durch einen Blick verriethen, wie gut sie die Beweggründe und das Schlaue dieser sinnreichen List verstanden. Der Erstere, der dem Indianer den Schlüssel abgenommen, trat jetzt in das anstoßende Gemach, versuchte ihn an einem Schloß, und versicherte sich, daß wirklich das rechte Instrument gefunden sey. Es waren drei Vorlegeschlösser, die aber alle drei leicht mit dem einen Schlüssel geöffnet wurden. Wildtödter nahm sie alle ab, machte die Haspen los, hob den Deckel ein Wenig auf, um sich zu versichern, daß der Schrank aufgehe, und trat dann einige Schritte davon zurück, seinem Freunde winkend, ihm zu folgen. »Das ist ein Familienschrank, Judith,« sagte er, »und enthält vermuthlich Familiengeheimnisse. Die Schlange und ich wollen in die Arche gehen, und nach den Canoe's, den Rudern und Schaufeln sehen, während Ihr sie allein untersucht, und zuseht, ob unter den Artikeln darin sich Etwas findet, was bei einem Lösegeld von Gewicht seyn kann, oder nicht. Wenn Ihr fertig seyd, ruft uns, und dann wollen wir in einem Rath zusammensitzen über den Werth der Artikel.« »Halt, Wildtödter!« rief das Mädchen, als er im Begriffe war, sich zu entfernen; »nicht Einen Gegenstand rühre ich an – nicht einmal den Deckel hebe ich auf – wenn Ihr nicht dabei gegenwärtig seyd. Vater und Hetty haben für gut befunden, aus dem Inhalt dieses Schrankes mir ein Geheimnis zu machen, und ich bin viel zu stolz, ihre geheimen Schätze erspähen und durchsuchen zu wollen, wenn es nicht um ihres eignen Besten willen wäre. Aber in keinem Falle will ich den Schrank allein öffnen. So bleibt denn bei mir; ich will Zeugen haben bei dem, was ich thue.« »Ich denke fast, Schlange, das Mädchen hat Recht. Vertrauen und guter Glaube erzeugen Sicherheit, aber Argwohn macht uns leicht Alle tückisch. Judith hat das Recht, unsre Gegenwart zu verlangen; und sollte der Schrank Geheimnisse von Meister Hutter enthalten, so kommen die in den Besitz von zwei jungen Männern von so verschlossenem Munde, als nur in der Welt zu finden sind. Wir wollen bei Euch bleiben, Judith; aber zuerst laßt uns einen Blick auf den See und die Küste werfen, denn dieser Schrank ist wohl nicht in einer Minute geleert!« Die beiden Männer begaben sich jetzt auf die Plattform, und Wildtödter durchmusterte die Küste mit dem Fernglas, während der Indianer sein Auge ernst auf den Wassern und Wäldern umherschweifen ließ, um ein Zeichen zu suchen, das ihm die Anschläge ihrer Feinde verriethe. Nichts war zu sehen; und beruhigt für den Augenblick wegen ihrer Sicherheit, versammelten sich die Drei wieder um den Schrank mit der erklärten Absicht, ihn zu öffnen. Judith hatte, so weit sie zurückdenken konnte, vor diesem Schrank und seinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Weder ihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anwesenheit davon; und es schien eine Art stillschweigender Verabredung zu seyn, daß bei Bezeichnung der verschiednen Gegenstände, die gelegentlich in seiner Nähe standen, oder selbst auf seinem Deckel lagen, jede Nennung des Schrankes selbst sorgfältig vermieden werde. Durch Gewohnheit war dieß so leicht und so geläufig und natürlich geworden, daß erst in ganz neuester Zeit das Mädchen über diesen seltsamen Umstand nachzudenken angefangen hatte. Aber es hatte nie zwischen Hutter und seiner ältern Tochter ein so inniges Verhältniß bestanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden. Zu Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen sie besonders, finster und mürrisch. Am allerwenigsten hatte er seine Autorität in solcher Art geübt, daß sein Kind hätte den Muth gehabt, die Freiheit, zu der sie jetzt entschlossen war, sich herauszunehmen ohne große Besorgniß wegen der Folgen, obgleich sie den kecken Entschluß nur faßte in Kraft des Wunsches, ihm zu dienen. Und dann war Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreff dieses Schrankes, der von Kindheit an bis auf diese Stunde als eine Art Reliquie vor ihren Augen gestanden. Dennoch war die Zeit gekommen, wo, so schien es, dieß Mysterium sich aufklären sollte, und das unter Umständen, die ihr in der Sache sehr wenig Wahl ließen. Da Judith sah, daß ihre beiden Genossen ihre Bewegungen in ernstem Schweigen beobachteten, legte sie die Hand an den Deckel und suchte ihn aufzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nicht zu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlösser und Bande weg waren, als widersetzte sich ihr eine übernatürliche Macht bei einem unheiligen Beginnen. »Ich kann den Deckel nicht aufheben, Wildtödter,« sagte sie. »Thäten wir nicht besser, den Versuch aufzugeben und auf andre Mittel zur Befreiung der Gefangnen zu denken?« »Nicht so, Judith; nicht so, Mädchen. Kein Mittel ist so sicher und leicht, als eine gute Bestechung,« versetzte der Andere. »Was den Deckel betrifft, so wird der von Nichts gehalten, als von seiner eignen Schwere, die wunderbar ist für ein so kleines, zwar mit Eisen so stark beschlagenes Stück Holz.« Mit diesen Worten versuchte Wildtödter auch seine Kraft an der Aufgabe, und es gelang ihm, den Deckel gegen das Gebälke des Hauses aufzuheben, wo er ihn mittelst einer hinlänglichen Stütze sorgfältig befestigte. Judith zitterte ordentlich, als sie den ersten Blick auf das Innere warf; und sie empfand für den Augenblick einige Beruhigung, als sie sah, daß ein am Rande sorgfältig hineingestepptes Stück Leinwand Alles was darunter war gänzlich verbarg. Der Schrank war indessen allem Anschein nach wohl angefüllt, denn die Leinwand war kaum einen Zoll vom Deckel entfernt. »Hier ist eine volle Ladung,« sagte Wildtödter, den wohlgepackten Schrank betrachtend, »und wir thun wohl, gemächlich und ordentlich zu Werke zu gehen. Schlange, bringt einige Stühle, während ich dieß Tuch auf den Boden breite, und dann wollen wir das Werk ordentlich und behaglich angreifen.« Der Delaware gehorchte; Wildtödter stellte höflich Judith einen Stuhl hin, nahm selbst einen, und fing an, die verhüllende Leinwand zu entfernen. Er that dieß mit gutem Bedacht und mit solcher Vorsicht, als ob man Gegenstände von zerbrechlichster Art und feinster Arbeit darunter verborgen geglaubt hätte. Als die Leinwand weggenommen war, waren die ersten Gegenstände, die sich zeigten, einige männliche Kleidungsstücke. Diese waren von feinen Stoffen, und nach der Mode jener Zeiten von lebhaften Farben und mit reichen Verzierungen. Ein Rock insbesondere war von Scharlach, und hatte mit Goldfaden genähte Knopflöcher. Doch war er nicht militärisch, sondern gehörte zum Anzug eines höhern Civilisten in einer Periode, wo der Rang in der Gesellschaft noch streng auch in der Kleidung beachtet wurde. Chingachgook konnte einen Ausruf des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als Wildtödter diesen Rock auseinanderlegte und ihn zum Anschauen emporhob; denn trotz seiner anerzogenen Selbstbeherrschung war doch der Glanz dieses Kleidungsstückes zu Viel für die Philosophie eines Indianers. Wildtödter wandte sich rasch um, und sah seinen Freund mit einem vorübergehenden Mißfallen an, als dieser Ausbruch von Schwäche ihm entschlüpfte; dann sprach er vor sich hin, wie seine Gewohnheit war, so oft ein lebhaftes Gefühl sich seiner plötzlich bemächtigte. »Es ist seine Gabe so! – ja, es ist die Gabe einer Rothhaut, schöne Putzsachen zu lieben, und er ist darum nicht zu tadeln. Es ist auch ein außerordentliches Kleidungsstück, und außerordentliche Sachen erzeugen außerordentliche Gefühle. Ich denke, das wird's thun, Judith, denn das indianische Herz ist schwerlich zu finden in ganz Amerika, das Farben wie diese, und einem Schimmer wie dieser, widersteht. Wenn dieser Rock je für Euren Vater gemacht wurde, so habt Ihr Euren Geschmack an schönen Putzsachen redlich und ehrlich überkommen – ja das habt Ihr!« Dieser Rock ist nie für Vater gemacht worden,« antwortete das Mädchen rasch; »er ist viel zu lang, denn mein Vater ist klein und vierschrötig.« »Tuch war genug da, wenn es so war, und Flitterstaat wohlfeil,« antwortete Wildtödter mit seinem stillen, fröhlichen Lachen. »Schlange, dieß Kleid ward gemacht für einen Mann von Eurem Wuchs, und ich möchte es Wohl auf Euren Schultern sehen.« Chingachgook nicht faul, willigte in die Probe; er warf die grobe, fadenscheinige Jacke Hutter's weg, um seine Person mit einem Rock zu schmücken, der ursprünglich für einen Gentleman bestimmt war. Die Verwandlung war komisch; aber wie den Menschen selten Lächerlichkeiten in ihrer eignen äußern Erscheinung auffallen, so wenig als in ihrer Handlungsweise, beschaute der Delaware diese seine Metamorphose in einem gemeinen Spiegel, vor welchem Hutter sich zu rasiren pflegte, mit ernstem Interesse. In diesem Augenblick dachte er an Hist, und wir sind der Wahrheit schuldig, zu gestehen, obgleich es ein Wenig mit dem strengen Charakter des Kriegers streiten mag, daß er wünschte, von ihr in seiner jetzigen, so vortheilhaften Gestalt gesehen werden zu können. »Herunter damit, Schlange – herunter damit,« begann jetzt der unbeugsame Wildtödter; »solche Kleider stehen Euch so wenig an, als sie mir anstehen würden; Eure Gaben sind für Bemalung und Falkenfedern, und wollene Decken und Wampums, und die meinigen sind für Wämser von Häuten, zähe Beinkleider und tüchtige Mokkasins. Ich sage Mokkasins, Judith; denn obgleich weiß, muß ich doch, in den Wäldern lebend, wie ich pflege, nothwendig um der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit willen einige Gebräuche der Wälder annehmen,« »Ich sehe keinen Grund, Wildtödter, warum ein Mann nicht so gut einen Scharlachrock tragen sollte, als der Andere,« versetzte das Mädchen. »Ich wollte, ich könnte Euch in diesem schönen Kleid sehen!« »Mich in einem Rock sehen, der für einen Lord recht wäre! Nun, Judith, wenn Ihr diesen Tag abwarten wollt, so müßt Ihr warten, bis Ihr mich des Verstands und des Gedächtnisses ledig seht. Nein – nein – Mädchen, meine Gaben sind meine Gaben, und ich will bei ihnen leben und sterben, sollte ich auch nie wieder ein Wild fällen oder einen Salmen spießen. Was habe ich gethan, daß Ihr wünscht mich in einem so flunkernden Rock zu sehen, Judith?« »Ich meine eben, Wildtödter, die falschzüngigen und falschherzigen jungen galanten Herren von der Garnison sollten nicht allein in schönen Federn stolziren; sondern Wahrheit und Redlichkeit hätten auch ihre Ansprüche auf Ehre und Auszeichnung.« »Und welche Auszeichnung würde es für mich seyn, Judith, geschniegelt und bescharlacht zu werden, wie ein Mingohäuptling, der eben seine Präsente von Quebeck erhalten hat? Nein – nein – ich bin wohl wie ich bin; und wenn nicht, so kann ich nicht besser werden. Legt den Rock auf die Decke, Schlange, und laßt uns weiter im Schranke nachsehen.« Das verlockende Kleidungsstück – das sicherlich nie für Hutter gefertigt ward – wurde bei Seite gelegt und die Untersuchung fortgesetzt. Der männliche Anzug, dessen einzelne Bestandtheile sämmtlich in ihrer Beschaffenheit dem Rocke entsprachen, war bald erschöpft, und dann folgten weibliche. Ein schöner Anzug von Brokat, der durch nachlässige Behandlung etwas gelitten, folgte; und dießmal entschlüpften offene Ausrufe des Entzückens Judiths Munde. So sehr das Mädchen auf schönen Anzug hielt, und so günstige Gelegenheit sie gehabt hatte, manche kleine Ansprüche auf diesem Felde zu sehen bei den Frauen der verschiedenen Commandanten und andern Damen der Forts, so hatte sie doch noch nie zuvor ein Gewebe oder Farben geschaut, welche sich mit dem messen konnten, was jetzt so unerwartet ihrem Auge sich darbot. Ihr Entzücken war beinahe kindisch; auch wollte sie die Untersuchung nicht fortsetzen lassen, ehe sie sich mit einem Gewande bekleidet hätte, das so wenig mit ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Aufenthaltsort zusammenstimmte. Zu diesem Behufe begab sie sich in ihr eignes Gemach, wo sie mit ihren in solchem Geschäft geübten Händen bald ihren saubern Linnenrock ablegte und in den buntern und prächtigen Farben des Brokats dastand. Der Anzug paßte zufällig für die schöne, volle Person Judiths, und gewiß hatte er nie ein Wesen geschmückt, das durch natürliche Gaben mehr geeignet gewesen wäre, seinen wahrhaft prächtigen Farben und der schönen Weberei Ehre zu machen. Als sie zurückkam, standen Wildtödter und Chingachgook, welche die kurze Zeit ihrer Abwesenheit benutzt hatten, die männlichen Kleidungsstücke nochmals zu beschauen, mit Erstaunen auf, und beide machten ihrer Bewunderung und ihrem Wohlgefallen in Ausrufungen von so unzweideutiger Art Luft, daß dadurch die Augen Judiths neuen Glanz gewannen, indem ihre Wangen von der Glut des Triumphs flammten. Sich jedoch die Miene gebend, den Eindruck, den sie gemacht, nicht zu bemerken, setzte sich das Mädchen mit dem stattlichen Anstand einer Königin nieder, und verlangte, daß man den Inhalt des Schrankes weiter untersuche. »Ich weiß kein besseres Mittel, mit den Mingo's zu unterhandeln, Mädchen,« rief Wildtödter, »als Euch, wie Ihr seyd, an's Land zu schicken und ihnen zu sagen, eine Königin sey unter ihnen angekommen! Bei einem solchen Schauspiel werden sie den alten Hutter, und Hurry und Hetty dazu ausliefern!« »Ich glaubte Eure Zunge zu ehrlich zum Schmeicheln, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, der diese Bewunderung größere Freude machte, als sie hätte gestehen mögen. »Einer der Hauptgründe meiner Achtung für Euch war Eure Liebe zur Wahrheit?« »Und es ist Wahrheit, und ernste Wahrheit, Judith und nichts Anderes. Nie schauten meine Augen ein so prächtig aussehendes Geschöpf, als Ihr in diesem Augenblick seyd! Ich habe zu meiner Zeit auch Schönheiten gesehen, beides, weiße und rothe, und sie waren besprochen und gepriesen nah und fern; aber nie habe ich eine gesehen, die irgend den Vergleich aushalten konnte mit dem, was Ihr in diesem gesegneten Augenblick seyd, Judith; nie!« Der Blick des Entzückens, den das Mädchen dem freimüthigen Jäger zuwarf, verminderte in keiner Weise den Eindruck ihrer Reize; und da die feuchten Augen dazu noch einen Ausdruck von Rührbarkeit und Gefühl gesellten, erschien vielleicht Judith nie wahrhaft liebenswürdiger, als in diesem »gesegneten Augenblicke,« wie der junge Mann sich ausgedrückt hatte. Er schüttelte den Kopf, hielt ihn einen Augenblick über den offenen Schrank hingebeugt, wie Einer, der im Zweifel ist, und fuhr dann mit der Untersuchung fort. Einige kleinere Bestandtheile des weiblichen Anzuges kamen jetzt, alle von einer Beschaffenheit, die dem Kleide entsprach. Diese wurden stillschweigend Judith zu Füßen gelegt, als hätte sie ein natürliches Recht auf ihren Besitz. Ein paar davon, wie Handschuhe, oder Spitzen, nahm das Mädchen auf, und fügte sie ihrem schon so prächtigen Anzug bei, anscheinend nur wie zum Spiel, in der That aber in der Absicht, ihre Person so herauszuputzen, wie nur immer die Umstände erlaubten. Nachdem diese beiden auffallenden Anzüge, »ein Männlein und ein Fräulein« so zu sagen, weggenommen waren, trennte wieder eine Leinwanddecke die übrigen Artikel von dem Theil des Schrankes, den jene eingenommen. Sobald Wildtödter diese Einrichtung bemerkte, hielt er inne, zweifelnd, ob es angemessen sey, weiter fortzufahren. »Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, glaube ich,« sagte er; »und alle Menschen haben ein Recht, sich des ihrigen zu erfreuen; wir sind weit genug in diesem Schrank hinabgekommen, um meiner Ansicht nach, unsern Wünschen und Bedürfnissen Genüge zu leisten: und es scheint mir, wir thäten gut, nicht weiter zu gehen, und dem Meister Hutter allein und seinen Gefühlen, Alles unter dieser Decke zu überlassen.« »Ihr meint also, Wildtödter, man solle den Irokesen diese Kleider anbieten, als Lösegeld?« fragte Judith rasch. »Gewiß, warum sonst durchstöbern wir eines Andern Schrank, als um dem Eigenthümer die besten Dienste nach unsern Kräften zu leisten? Dieser Rock allein würde ganz geeignet seyn, den Häuptling der Gewürme zu gewinnen! und wenn zufällig sein Weib oder seine Tochter mit ihm ausgezogen seyn sollte, würde dieß Kleid das Herz jedes Weibes zwischen Albany und Montreal erweichen. Ich sehe nicht, wozu wir eines weitern Handelsvorraths bedürften als diese zwei Artikel.« »Euch mag es so erscheinen, Wildtödter,« erwiederte das betroffene Mädchen; »aber von welchem Nutzen wäre ein Anzug wie dieser für eine Indianerin? Sie könnte ihn nicht tragen unter den Zweigen der Bäume; der Schmutz und Rauch des Wigwam würde ihn bald verderben; und wie würde sich ein paar rother Arme ausnehmen, durch diese kurzen, spitzenbesetzten Ermel geschoben!« »Alles ganz wahr, Mädchen; und Ihr könntet fortfahren und sagen, er sey ganz außer Zeit und Ort und Clima in dieser Gegend überhaupt. Was geht es uns an, wie mit den schönen Sachen umgegangen wird, wenn sie nur unsern Wünschen zur Erfüllung verhelfen? Ich sehe nicht ein, welchen Gebrauch Euer Vater von solchen Kleidern machen will; und es ist ein Glück, daß er Sachen hat, die für ihn werthlos, für Andre einen hohen Preis haben. Wir können keinen bessern Handel für ihn schließen, als diesen Tand für seine Freiheit zu bieten. Wir werfen das leichte Flitterzeug dazu, und bekommen dann Hurry in Kauf.« »So denkt Ihr also nicht, Wildtödter, daß Thomas Hutter Jemand in seiner Familie habe – ein Kind – eine Tochter, der dieser Anzug nach billigem Ermessen wohl ansteht, und die darin dann und wann, wäre es auch nur nach langen Zwischenzeiten und nur zum Scherz zu sehen, Ihr selbst wünschen könntet?« »Ich verstehe Euch, Judith – ja, jetzt verstehe ich Eure Meinung, und ich glaube, ich darf auch sagen: Eure Wünsche. Daß Ihr in diesem Anzug so prächtig seyd, wie die auf- oder untergehende Sonne an einem Oktobertag, gebe ich gerne zu; und daß Ihr ihm herrlich ansteht, ist um ein gut Theil gewisser, als daß er Euch an- und zusteht. Es sind Gaben in den Kleidern wie in andern Dingen. Nun glaube ich nicht, daß ein Krieger auf seinem ersten Kriegspfad dieselben entsetzlichen Bemalungen annehmen darf, wie ein Häuptling, dessen Tugend erprobt ist, und der aus Erfahrung weiß, daß er seinen Ansprüchen keine Schande machen wird. So ist es mit uns Allen, Rothen oder Weißen. Ihr seyd Thomas Hutter's Tochter und dieß Weiberkleid ward gemacht für das Kind irgend eines Gouverneurs, oder für eine Dame von hohem Stand; und es sollte getragen werden in Häusern mit schöner Einrichtung und in vornehmer Gesellschaft. In meinen Augen, Judith, steht einem sittsamen Mädchen Nichts besser, als wenn sie anständig gekleidet ist, und Nichts ist passend, was dem ganzen Wesen und Charakter widerspricht. Zudem, Mädchen, wenn ein Geschöpf in der Colonie ist, das ganz der schönen Sachen entbehren und auf sein gutes Aussehen und holdes Gesicht vertrauen kann, so seyd Ihr es.« «Ich will den Plunder im Augenblick ausziehen, Wildtödter,« rief das Mädchen und sprang auf, um das Zimmer zu verlassen, »und nie wünsche ich ihn wieder an einem menschlichen Wesen zu sehen.« »So ist es bei ihnen Allen, Schlange,« sagte der Andere, sich zu seinem Freunde kehrend und lachend, sobald die Schöne verschwunden war. »Sie haben eine Freude an Putzsachen, aber an ihren angebornen Reizen die größte. Ich bin jedoch froh, daß das Mädchen eingewilligt, ihren Staat wieder abzulegen, denn es ist gegen die Vernunft für eine von ihrer Classe, ihn zu tragen; und dann ist sie hübsch genug, wie ich es nenne, um so herumzulaufen. Hist würde sich auch ganz absonderlich ausnehmen in einem solchen Weiberrock, Delaware!« »Wah-ta!-Wah ist ein Rothhautmädchen, Wildtödter,« versetzte der Indianer; »wie die Jungen der Taube, erkennt man sie an ihren eignen Federn. Ich würde an ihr, ohne sie zu kennen, vorbeigehen, wäre sie in eine solche Haut gekleidet. Es ist immer das Weiseste, so gekleidet zu seyn, daß unsre Freunde uns nicht nach unserm Namen zu fragen brauchen. Die wilde Rose ist sehr stattlich, aber sie ist nicht holdseliger mit diesen vielen Farben.« »Das ist's! Das ist Natur, und die wahre Grundlage für Liebe und Schutz. Wenn ein Mann anhält, um eine wilde Stachelbeere zu pflücken, so erwartet er nicht eine Melone zu finden, und wenn er eine Melone brechen möchte, so verdrießt es ihn, wenn es ein Kürbis ist, obwohl Kürbisse oft für das Auge herrlicher sind, als Melonen. Das ist es, und es bedeutet: bleibt bei Euren Gaben und Eure Gaben werden bei Euch bleiben!« Die beiden Männer hatten jetzt eine kleine Erörterung mit einander, ob es geeignet sey, noch tiefer in den Schrank Hutter's einzudringen, als Judith, ihres Prachtgewandes entkleidet, in ihrem einfachen Linnenkleide wieder erschien. »Dank Euch, Judith,« sagte Wildtödter, sie freundlich bei der Hand fassend; »denn ich weiß, es ging ein wenig gegen die natürlichen Wünsche des Weibes, so viel schöne Sachen gleichsam wie einen Haufen Plunder wegzuwerfen. Aber Ihr seyd dem Auge lieblicher, wie Ihr da steht, ja gewiß, als wenn Ihr eine Krone auf dem Haupt und Juwelen ums Haar bammeln hättet. Die Frage ist jetzt, ob man diese Decke aufheben soll, um zu sehen, was in der That der beste Handel wäre, den wir für Meister Hutter machen könnten: denn wir müssen so handeln, wie wir denken, daß er handeln würde, stände er an unsrer Stelle.« Judith sah sehr vergnügt aus. Gewohnt an Schmeichelei, wie sie war, hatte ihr die bescheidene Huldigung Wildtödters mehr wahre Genugthuung und Freude gewährt, als sie noch je bei den Worten aus dem Munde eines Mannes empfunden hatte. Es waren nicht die Ausdrücke, worein die Bewunderung gekleidet war, denn diese waren einfach genug – was einen so lebhaften Eindruck machte; auch nicht ihre Neuheit oder Wärme, noch sonst eine der Eigenthümlichkeiten, welche einer Lobpreisung gewöhnlich Werth verleihen, sondern die ungeirrte Wahrhaftigkeit des Redenden, die seine Worte so unmittelbar ans Herz der Hörenden dringen machte. Dieß ist einer der großen Vortheile der Geradheit und Freimüthigkeit. Der schlaue, gewohnheitsmäßige Schmeichler mag seine Absichten so lange erreichen, bis seine Künste gegen ihn selbst zurückspringen, und wie andre Süßigkeiten, die von ihm gebotene Nahrung durch Uebermaß anekelt; aber Wer ehrlich und offen handelt, wenn er auch oft anstößt, besitzt eine Macht zu loben, die keine andre Eigenschaft als die Aufrichtigkeit gewährt, weil seine Worte geradezu ans Herz dringen, und ihre Unterstützung im Verstande finden. So war es bei Wildtödter und Judith; so bald und so tief erfüllte dieser einfache Jäger Alle, die ihn kannten, mit der Ueberzeugung von seiner unbeugsamen Redlichkeit, daß Alles, was er lobend äußerte, ebenso gewiß Freude machte, als Alles, was er tadelnd und als Vorwurf äußerte, gewiß da tief einschneiden und Feindschaft erwecken mußte, wo sein Charakter nicht schon Achtung und Neigung ihm gewonnen hatte, die seinen Tadel in anderem Sinne schmerzhaft und empfindlich machten. Im spätern Leben, als die Laufbahn dieses ungebildeten und unverkünstelten Menschen ihn in Berührung brachte mit Officieren von hohem Rang, und Andern, die mit der Sorge für die Interessen des Staats betraut waren, übte er denselben Einfluß auf einem weiteren Feld; selbst Generale hörten seine Lobsprüche mit einem Anflug von hoher Freude, welche in ihnen hervorzurufen nicht immer in der Macht ihrer officiellen Obern stand. Vielleicht war Judith das erste Individuum von seiner Farbe, das sich diesen natürlichen Folgen der Wahrheitsliebe und Geradheit von Seiten Wildtödters entschieden unterwarf. Sie hatte wirklich nach seinem Lobe geschmachtet, und jetzt hatte sie es geerntet, und das in der Form, wie es ihrer Schwäche und ihrer Denkungsart am angenehmsten war. Das Ergebnis davon wird sich im Laufe dieser Erzählung zeigen. »Wenn wir wüßten, was Alles dieser Schrank enthält, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, als sie sich ein Wenig erholt hatte von der augenblicklichen Wirkung seiner Lobsprüche auf ihre persönliche Erscheinung, »könnten wir besser entscheiden, welches Verfahren wir einschlagen sollen.« »Das ist nicht ohne Grund, Mädchen, obgleich es mehr eine Bleichgesichts- als eine Rothhauts-Gabe ist, andrer Leute Geheimnisse zu durchspähen.« »Neugier ist natürlich, und es läßt sich erwarten, daß alle menschliche Wesen menschliche Fehler haben. So oft ich bei den Garnisonen gewesen bin; habe ich gefunden, daß die Meisten dort und rings herum Verlangen trugen, ihres Nächsten Geheimnisse zu erspähen.« »Ja, und manchmal sie zu errathen oder zu erdichten, wenn sie sich nicht entdecken konnten. Das ist der Unterschied zwischen einem indianischen und einem weißen Gentleman. Die Schlange hier würde den Kopf auf die Seite wenden, wenn er bemerkte, daß er unabsichtlich in eines andern Häuptlings Wigwams hineinsehe; während in den Ansiedlungen, wo Alle vornehme Leute seyn wollen, die Meisten beweisen, daß sie besser als Andre seyen, durch die Art, wie sie über diese und ihre Angelegenheiten schwatzen. Ich stehe dafür, Judith, Ihr brächtet die Schlange hier nicht dazu, zu gestehen, es sey ein Andrer in seinem Stamme um so Viel größer als er, daß er der Gegenstand seiner Gedanken würde, und er seine Zunge gebrauchte zu Gesprächen über sein Thun und Treiben, sein Gehen und Stehen, sein Essen und Trinken, und all die andern kleinen Sachen, die einen Menschen beschäftigen, wenn er nicht mit seinen größeren Pflichten zu thun hat. Wer das thut, ist nicht viel besser als ein ausgemachter Spitzbube, und Wer Einen dazu aufmuntert, ist so ziemlich von derselben Gattung, trage er so schöne Röcke als er will, und von Farben, wie sie ihm gefallen.« »Aber das ist keines andern Mannes Wigwam; es gehört meinem Vater; es sind seine Sachen, die man zu seinem Besten verwendet und bedarf.« »Das ist wahr, Mädchen, das ist wahr, und es ist nicht ohne Gewicht. Nun gut, wenn Alles vor uns liegt, können wir in der That am besten entscheiden, was wir als Lösegeld anbieten, was zurückbehalten sollen.« Judith war in ihren Gefühlen nicht ganz so uneigennützig, als sie sich die Miene gab. Sie erinnerte sich, daß die Neugierde Hetty's in Bezug auf diesen Schrank war befriedigt worden, während die ihrige unberücksichtigt blieb; und es war ihr nicht leid, eine Gelegenheit zu bekommen, in diesem Einen Punkt sich ihrer minder begabten Schwester gleich zu stellen. Da es schien, als seyen Alle darüber einverstanden, die Untersuchung des Inhalts des Schrankes solle weiter fortgesetzt werden, machte sich Wildtödter daran, die zweite Leinwanddecke zu entfernen. Die zu oberst liegenden Artikel, nachdem wieder der Vorhang von den Geheimnissen des Schrankes weggezogen war, waren ein Paar Pistolen, sehr schön mit Silber eingelegt. Ihr Werth würde in einer der Städte ansehnlich gewesen seyn, obgleich sie für die Wälder eine Art selten gebrauchter Waffen waren; ja, nie wurden sie eigentlich gebraucht, außer etwa von einem Officier aus Europa, der die Colonien besuchte, wie damals Manche zu thun pflegten, und der so erfüllt war von der Vortrefflichkeit der Sitten und Gebräuche von London, daß er meinte, er dürfe sie auch auf der Grenze Amerika's nicht bei Seite legen. Was bei der Auffindung dieser Waffen sich zutrug, wird im nächsten Kapitel kund werden. Dreizehntes Kapitel. Ein Eichenlehnstuhl, zerbrochen gar, Ein Leuchter, seiner Handhabe baar; Ein eschenes Bett aus der Rumpelkammer; Ein Koffer ohne Schloß und Klammer; Eine Beißzange, die nicht mehr packt; Ein Degen, die Spitze abgehackt; Eine Schüssel, Wohl lecker gefüllt, als noch ganz; Ein Ovid, sammt alter Conkordanz. Swift's Inventar. Sobald Wildtödter die Pistolen aufgehoben, wandte er sich gegen den Delawaren und hielt sie ihm hin, sie zu bewundern. »Kind's Gewehr,« sagte die Schlange lächelnd, indem er eine der Waffen wie ein Spielzeug handhabte. »Nicht so, Schlange, nicht so. Es ist für einen Mann gemacht, und würde einen Riesen zufrieden stellen, recht gebraucht. Aber halt; weiße Männer zeichnen sich aus durch die Sorglosigkeit, womit sie Feuerwaffen in Schränken und Winkeln auf die Seite legen. Laßt mich sehen, ob diese Waffen sorglich behandelt worden sind.« Mit diesen Worten nahm Wildtödter die Waffe seinem Freund aus der Hand und öffnete die Pfanne. Diese war mit Pulver gefüllt, das durch Zeit, Feuchtigkeit und Druck wie in ein Stückchen Kohle zusammengebacken war. Ein Versuch mit dem Ladstock zeigte, daß beide Pistolen geladen waren, obwohl Judith bezeugen konnte, daß sie vielleicht Jahre lang in dem Schranke gelegen. Es wäre schwer, das Erstaunen des Indianers bei dieser Entdeckung zu schildern, denn er war gewohnt, das Pulver auf seiner Pfanne täglich zu erneuen, und in andern kurzen Zwischenzeiten nach der Ladung seines Gewehrs zu sehen. »Das ist weiße Nachlässigkeit,« sagte Wildtödter, den Kopf schüttelnd, »und kaum eine Jagdjahrszeit geht vorüber, ohne daß Jemand in den Ansiedlungen dadurch zu Schaden kommt. Es ist auch außerordentlich, Judith – ja, es ist geradezu außerordentlich, daß der Eigenthümer sein Gewehr auf einen Hirsch, oder ein andres Wild, oder vielleicht auf einen Feind abfeuern, und dann zweimal unter dreien fehlen soll; aber es stoße ihm ein Unfall zu mit einer solchen vergessenen Ladung – und sie bringt sichern Tod einem Kind, einem Bruder oder Freund! Nun, wir werden dem Eigenthümer einen Dienst erweisen, wenn wir an seiner Statt diese Pistolen abfeuern; und da sie für Euch und für mich etwas Neues sind, wollen wir unsre stete Hand an einem Ziele versuchen. Erneuert dieß Pulver auf der Pfanne, und ich will es bei dieser thun, dann wollen wir sehen, wer der beste Schütze ist mit einer Pistole; was die Büchse betrifft, so ist das längst unter uns ausgemacht!« Wildtödter lachte herzlich über seinen eignen Einfall, und nach ein paar Minuten standen sie Beide auf der Plattform, sich einen Gegenstand in der Arche zur Zielscheibe zu wählen. Judith führte die Neugier auch herbei. »Tretet zurück, Mädchen, tretet ein Wenig zurück; diese Waffen sind schon lange geladen,« sagte Wildtödter, »und es könnte bei dem Abfeuern ein Unfall sich ereignen.« »Dann sollt Ihr sie nicht abfeuern! Gebt sie beide dem Delawaren; oder es wäre besser, die Ladung herauszuziehen, statt sie abzufeuern,« »Das ist gegen den Gebrauch – und manche Leute meinen: gegen die Mannhaftigkeit, obgleich ich solche einfältige Lehren nicht annehme. Wir müssen sie abfeuern, Judith, ja, wir müssen sie abfeuern: obgleich ich voraussehe, daß Keiner Ursache haben wird, sich seiner Geschicklichkeit groß zu rühmen.« Judith war im Ganzen ein Mädchen von vielem persönlichen Muth, und ihre Lebensweise machte, daß sie Nichts von der Angst fühlte, welche beim Knall von Feuerwaffen leicht ihr Geschlecht überfällt. Sie hatte manche Büchse abgefeuert, und man wußte sogar, daß sie unter Umständen, die den Erfolg begünstigten, ein Wild erlegt hatte. Sie ergab sich daher, trat ein Wenig zurück, neben Wildtödter, und überließ dem Indianer die Fronte der Plattform allein. Chingachgook erhob die Waffe mehrere Male, suchte sie mit Anwendung beider Hände in eine stete Lage zu bringen, wechselte seine Stellung, die ihm unbequem schien und nahm eine noch unbequemere an, und endlich drückte er ab, mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit, ohne in der That irgend ein Ziel fest in's Auge gefaßt zu haben. Die Folge war, daß er statt den Knoten zu treffen, der zur Zielscheibe bestimmt worden war, die Arche ganz und gar fehlte, und die Kugel auf dem Wasser dahintanzte, wie ein mit der Hand geworfner Stein. »Gut gemacht, Schlange – gut gemacht!« rief Wildtödter, und lachte in seiner geräuschlosen Munterkeit; »Ihr habt den See getroffen, und das ist eine Großthat für manche Männer. Ich wußte es, und sagte es auch der Judith hier; denn diese kurzen Waffen eignen sich nicht für Rothhautsgaben. Ihr habt den See getroffen, und das ist besser, als nur die Luft treffen! Jetzt tretet zurück und laßt uns sehen, was weiße Gaben vermögen mit einer weißen Waffe. Eine Pistole ist keine Büchse; aber Farbe ist Farbe.« Wildtödter zielte ebenso rasch als stet, und der Knall erfolgte beinah in dem Augenblick, wo er die Waffe erhob. Aber die Pistole zersprang und Bruchstücke davon flogen nach allen Richtungen; einige fielen auf das Dach des Castells, andere in die Arche, und noch andre in's Wasser. Judith kreischte laut auf, und als die beiden Männer sich ängstlich zu dem Mädchen wandten, war sie bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. »Sie ist verwundet – ja, das arme Mädchen ist verwundet, Schlange, obgleich man es nicht hätte vermuthen sollen, da wo sie stand. Wir wollen sie auf einen Sitz führen und müssen alles Mögliche für sie thun, soweit unsre Einsicht und Geschicklichkeit reicht.« Judith ließ sich zu dem Sitz hinführen, schluckte einen Mundvoll von dem Wasser, das ihr der Delaware in einer Lederflasche bot, und nach einem heftigen Anfall von Zittern, das ihre schöne Gestalt bis zur Auflösung schien schütteln zu wollen, brach sie in Thränen ans. »Der Schmerz muß ertragen seyn, arme Judith – ja er muß ertragen seyn,« sagte Wildtödter ihr zusprechend; »obwohl ich weit entfernt bin, zu verlangen, daß Ihr nicht weinen sollt; denn Weinen erleichtert oft mädchenhafte Gefühle. Wo kann sie denn verletzt seyn, Schlange? Ich sehe keine Spuren von Blut, auch keine Risse in Haut oder Kleidern.« »Ich bin nicht beschädigt, Wildtödter,« stammelte das Mädchen unter ihren Thränen. »Es ist Schrecken – Nichts weiter, ich versichere Euch; und Gott sey gepriesen, ich sehe, Niemand ist durch den Zufall beschädigt.« »Das ist außerordentlich!« rief der arglose und treuherzige Jäger. »Ich dachte, Judith, Ihr wäret hinaus über die Schwächen der Leute in den Ansiedlungen, und nicht ein Mädchen, das sich durch den Knall einer zerspringenden Waffe in Schrecken setzen ließe. Nein, ich hätte Euch nicht für so schüchtern gehalten! Hetty hätte wohl darüber in Angst gerathen dürfen; aber Ihr habt zu viel Vernunft und Einsicht, um zu erschrecken, nachdem die ganze Gefahr vorüber! Sie sind dem Auge wohlgefällig, Häuptling, und abwechselnd, aber sehr unzuverlässig in ihren Gefühlen.« Schaam hielt Judiths Mund verschlossen. Es war keine Schauspielkunst in ihrer Aufregung, sondern Alles war die natürliche Folge plötzlicher, unüberwindlicher Besorgniß und Angst, die ihr selbst beinah ebenso unerklärlich vorkam, wie sie es ihren Genossen war. Sie wischte sich jedoch die Spuren der Thränen ab, lächelte wieder, und war bald im Stand, in das Lachen über ihre eigne Thorheit einzustimmen. »Und Ihr, Wildtödter,« dieß brachte sie am Ende über die Lippen, »seyd Ihr wirklich ganz unverletzt? Es erscheint beinahe wie ein Wunder, daß eine Pistole Euch in der Hand zerspringen mußte, und Ihr ohne den Verlust eines Glieds, wo nicht gar des Lebens davonkamet!« »Solche Wunder sind gar nicht ungewöhnlich bei alten, verbrauchten Waffen. Die erste Büchse, die sie mir gaben, spielte mir denselben Streich, und doch kam ich lebend davon, obwohl nicht so ohne Schaden wie dieß Mal. Thomas Hutter besitzt jetzt eine Pistole weniger, als er diesen Morgen besaß, aber da der Zufall sich ereignete bei einem Versuch ihm zu dienen, hat er keinen Grund sich zu beklagen. Jetzt kommt herbei, und laßt uns weiter nach dem Inhalt des Schrankes sehen.« Judith war mittlerweile ihrer Bewegung so weit Meister geworden, daß sie ihren Sitz wieder einnehmen konnte, und die Untersuchung nahm ihren Fortgang. Der nächste Artikel, der sich fand, war in Tuch eingewickelt und als man dieß öffnete, zeigte sich, daß es eines der mathematischen Instrumente war, wie sie damals die Seeleute hatten, mit den gewöhnlichen Zierrathen und Bändern von Metall. Wildtödter und Chingachgook legten ihre Bewunderung und Ueberraschung bei Auffindung des ihnen unbekannten Instruments an den Tag, welches glänzte und glitzerte, und allem Anschein nach sorglich behandelt war. »Das geht über die Feldmesser hinaus, Judith,« rief Wildtödter, nachdem er das Instrument mehrmals in seinen Händen herumgedreht; »ich habe alle ihre Werkzeuge oft gesehen, und ruchlos und herzlos genug sind sie, denn sie kommen nie in den Wald, als nur um der Verwüstung und Zerstörung Bahn zu machen; aber keines von ihnen hat ein so kluges Aussehen wie dieses! Ich fürchte am Ende doch, Thomas Hutter hat sich in die Wildniß begeben, nicht mit den besten Absichten gegen ihr Glück. Habt Ihr je schon das Thun und Treiben eines Feldmessers an Eurem Vater gesehen, Mädchen?« »Er ist kein Feldmesser, Wildtödter, kennt auch nicht den Gebrauch dieses Instruments, obgleich er dessen Besitzer zu seyn scheint. Meint Ihr, Thomas Hutter habe je diesen Rock getragen? Er ist eben so viel zu groß für ihn, als dieß Instrument über seine Kenntnisse ist.« »Das ist's – das muß seyn, Schlange; und der alte Camerad ist, auf irgend eine unbekannte Weise, der Erbe von eines Andern Habe geworden! Sie sagen, er sey ein Seemann gewesen, und ohne Zweifel – dieser Schrank und Alles was er enthält – Ha! was kommt da! das geht noch weit über das Metall und das schwarze Holz des Instruments!« Wildtödter hatte einen kleinen Sack geöffnet, aus dem er nacheinander die Figuren eines Schachspiels herausholte. Sie waren von Elfenbein, weit größer als gewöhnlich, und köstlich gearbeitet. Jedes Stück stellte den Charakter oder die Sache dar, wornach es genannt ist; die Ritter (Springer) waren zu Pferde, die Thürme standen auf Elephanten, und selbst die Bauern hatten Köpfe und Büsten von Männern. Das Spiel war nicht vollständig, und einige Beschädigungen zeugten von unsorgfältiger Behandlung; aber Alles was noch übrig, war sorgfältig zurückgelegt und aufbewahrt. Selbst Judith drückte ihre Verwunderung aus, als man ihr diese neuen Gegenstände vorwies, und Chingachgook vergaß in seinem bewundernden Entzücken gänzlich seine indianische Würde. Er hob jedes Stück auf, prüfte es genau mit nimmer ermüdender Zufriedenheit, und machte das Mädchen auf die sinnreichsten und auffallendsten Theile der Arbeit aufmerksam. Die Elephanten aber machten ihm das größte Vergnügen. Die »Hughs!« die er hören ließ, als er mit den Fingern über ihre Rüssel und Ohren und Schwänze fuhr, waren sehr vernehmlich; auch entgingen seiner Aufmerksamkeit die als Bogenschützen bewaffneten Bauern nicht. Dieß Auskramen dauerte einige Minuten, während welcher Zeit Judith und der Indianer sich miteinander ganz in ihr Entzücken vertieften. Wildtödter saß schweigend, nachdenklich, und sogar düster da, obgleich seine Augen jede Bewegung der zwei Personen verfolgten, die hier die Hauptrolle spielten, und jede neue Eigenthümlichkeit an den einzelnen Stücken, so wie sie aufgehoben und vorgezeigt wurden, sich merkten. Kein Ausruf des Wohlgefallens, kein Wort des Beifalls kam über seine Lippen. Endlich bemerkten seine Genossen sein Schweigen, und jetzt zum erstenmal, seit der Auffindung der Schachfiguren, sprach er. »Judith,« fragte er ernst, aber mit einer Theilnahme, die beinahe an Weichheit und Zärtlichkeit grenzte, »sprachen Eure Eltern je mit Euch von Religion?« Das Mädchen erröthete, und die Purpurflammen, die über ihr schönes Angesicht liefen, glichen den seltsamen Tinten eines neapolitanischen Himmels im November. Wildtödter hatte ihr jedoch ein solches Wohlgefallen an der Wahrheit beigebracht, daß sie in ihrer Antwort nicht schwankte, sondern einfach und aufrichtig erwiederte: »Meine Mutter , ja oft,« sagte sie, »mein Vater nie. Es kam mir vor, es mache meine Mutter bekümmert, von unsern Gebeten und Pflichten zu sprechen; aber mein Vater hat nie den Mund über solche Dinge aufgethan vor oder seit ihrem Tode.« »Das kann ich glauben – das kann ich glauben. Er hat keinen Gott – keinen solchen Gott, wie es einem Menschen von weißer Haut zu verehren geziemt, oder auch einer Rothhaut. Die Dinge da sind Götzen!« Judith fuhr auf, und einen Augenblick schien sie ernstlich gekränkt. Dann besann sie sich, und am Ende lachte sie. »Und Ihr meint also, Wildtödter, diese elfenbeinernen Spielsachen seyen meines Vaters Götter? Ich habe schon von Götzen gehört, und weiß was sie sind.« »Es sind Götzen!« wiederholte der Andere mit Bestimmtheit. »Warum sollte sie Euer Vater aufbewahren, wenn er sie nicht anbetet?« »Würde er seine Götter in einem Sack haben, und in einem Schrank eingeschlossen? Nein, nein, Wildtödter, mein armer Vater hat seinen Gott bei sich, wohin er geht, und das ist seine eigene Sache. Diese Dinge da mögen wirklich Götzen seyn – ich glaube selbst, das sind sie, nach dem was ich von Götzendienerei gehört und gelesen habe, aber sie kommen aus einem fernen Lande, wie alle die andern Gegenstände und sind in Thomas Hutter's Hände gekommen, als er Matrose war.« »Das freut mich – das freut mich wahrhaft zu hören, Judith, denn ich glaube, ich hätte den Entschluß nicht aufgebracht, einem weißen Götzendiener aus seiner Noth zu helfen! Der alte Mann ist von meiner Farbe und Nation, und ich wünschte ihm zu dienen, aber verläugnete er alle seine Gaben im Punkte der Religion, so würde mich's hart ankommen, das zu thun. Das Thier da scheint Euch große Freude zu machen, Schlange, obgleich es im besten Fall ein abgöttisches Haupt ist.« »Es ist ein Elephant,« unterbrach ihn Judith. »Ich habe oft Abbildungen von solchen Thieren in der Garnison gesehen; und Mutter hatte ein Buch, worin Nachrichten von dem Geschöpfe gedruckt sind. Vater verbrannte das, sammt allen andern Büchern, denn er sagte, Mutter lese zu gern. Das war nicht lange, ehe die Mutter starb, und ich habe manchmal gedacht, der Verlust habe ihr Ende beschleunigt.« Sie sagte dieß ebenso einerseits ohne Leichtsinn, als andrerseits ohne tieferes Gefühl. Ohne Leichtsinn, denn Judith war trüb gestimmt durch ihre Erinnerungen, und doch war sie zu sehr gewohnt gewesen, für sich allein und für die Befriedigung ihrer eiteln Neigungen zu leben, um ihrer Mutter Leiden sehr tief zu fühlen. Es bedurfte außerordentlicher Umstände, um ein geeignetes Bewußtseyn ihrer Lage zu erwecken, und die bessern Gefühle dieses schönen, aber mißleiteten Mädchens anzuspornen; und diese Umstände waren in ihrem kurzen Daseyn noch nicht eingetreten. »Elephant oder nicht Elephant, es ist ein Götzenbild,« versetzte der Jäger, »und nicht geeignet, in christlichen Händen zu bleiben.« »Gut für Irokesen!« sagte Chingachgook, mit Widerstreben sich von einem der Thürme trennend, als sein Freund ihn ihm abnahm, um ihn wieder in den Sack zu schieben, »Elephon einen ganzen Stamm erkaufen – beinahe Delawaren erkaufen!« »Ja, das würde er, wie Jeder wissen muß, der die Natur der Rothhäute kennt,« versetzte Wildtödter; »aber der Mann, der falsches Geld in Umlauf setzt, Schlange, ist so schlimm, als der, der es münzt. Habt Ihr je von einem rechten Indianer gehört, der es nicht verschmähen würde, einen Iltiß für einen ächten Marder zu verkaufen, oder ein Stinkthier für einen Biber auszugeben? Ich weiß, daß wenige von diesen Götzenbildern, vielleicht Einer von diesen Elephanten Viel ausrichten würde, dem armen Thomas Hutter die Freiheit zu erkaufen, aber es läuft gegen das Gewissen, solches falsche Geld in Umlauf zu bringen. Vielleicht kein indianischer Stamm hier herum ist eigentlich götzendienerisch; aber einige kommen dem so nahe, daß weiße Gaben sich wohl hüten müssen, sie in ihrem Irrthum zu ermuthigen.« »Wenn Götzendienerei eine Gabe ist, Wildtödter, und Gaben das sind, wofür Ihr sie zu halten scheint, so kann Götzendienerei bei solchen Leuten schwerlich Sünde seyn,« sagte Judith mit mehr Keckheit als Unterscheidungskraft. »Gott verleiht Keinen von seinen Geschöpfen solche Gaben,« versetzte der Jäger ernsthaft. » Er muß angebetet werden, unter einem oder dem andern Namen, und nicht Kreaturen von Metall oder Elfenbein. Es ist gleichgültig, ob der Vater von Allen Gott genannt wird, oder Manitou, Gottheit oder Großer Geist, er ist nichtsdestoweniger unser gemeinsamer Herr und Schöpfer; auch trägt es nicht Viel aus, ob die Seelen der Gerechten in's Paradies kommen, oder in die glücklichen Jagdreviere, da Er ja Jeden seinen Weg schicken kann, wie es seiner Gnade und Weisheit beliebt; aber es empört mein Blut, wenn ich menschliche Sterbliche so in Finsterniß und Wahn befangen sehe, daß sie Erde oder Holz, oder Knochen – Dinge von ihren eignen Händen geformt – zu bewegungslosen, sinnlosen Bildern gestalten, und dann vor ihnen niederfallen, und sie wie eine Gottheit anbeten!« »Am Ende, Wildtödter, sind alle diese elfenbeinernen Figuren gar keine Götzenbilder. Ich erinnere mich jetzt einen der Officiere der Garnison gesehen zu haben mit einem Spiel: Fuchs und Gänse, in ähnlicher Weise verfertigt wie diese; und da ist etwas Hartes in Tuch eingewickelt, das vielleicht zu den Götzenbildern gehört.« Wildtödter nahm das Päckchen, das ihm das Mädchen reichte, machte es auf, und fand darin das Schachbrett. Wie die Figuren war es groß, prächtig, und mit Ebenholz und Elfenbein eingelegt. Nachdem dieß Alles in Verbindung gebracht wurde, trat der Jäger, obwohl nicht ohne viele Bedenklichkeiten, allmälig Judiths Ansicht bei, und gab am Ende zu, die vermeintlichen Götzenbilder müßten wohl nur die seltsam geschnitzten Figuren eines unbekannten Spieles seyn. Judith besaß so viel Takt, ihren Sieg mit großer Mäßigung zu benutzen; auch spielte sie nie auch nur aufs entfernteste auf den komischen Irrthum ihres Freundes an. Diese Entdeckung der Bestimmung der so seltsam aussehenden kleinen Figuren brachte die Angelegenheit des zu bietenden Lösegeldes in's Reine. Es ward allgemein anerkannt – und alle waren mit dem Geschmack und den Schwächen der Indianer vertraut – daß Nichts ohne Zweifel die Habsucht der Irokesen mehr reizen würde, als namentlich die Elephanten. Zum Glück waren alle vier Thürme unter den vorhandenen Stücken, und es ward endlich beschlossen, diese vier thürmetragenden Thiere sollten das anzubietende Lösegeld ausmachen. Die übrigen Figuren, so wie auch alle andern Artikel in dem Schranke sollten versteckt gehalten, und nur im äußersten Nothfall zu Hülfe genommen werden. Sobald diese Präliminarien in's Reine gebracht waren, wurde Alles, außer den zum Lösegeld bestimmten Artikeln sorgfältig wieder in den Schrank gepackt, und alle Bedeckungen wurden wieder hineingesteppt, wie man sie gefunden; und es war ganz wohl möglich, daß, wenn Hutter wieder in den Besitz des Castells gesetzt werden konnte, er darin den übrigen Rest seiner Tage verlebte, ohne auch nur den Eingriff zu argwohnen, den man sich an dem Geheimniß des Schranks erlaubt hatte. Die zersprungene Pistole hätte am ehesten das Geheimniß verrathen können, aber diese ward neben die ihr entsprechende hingelegt, und Alles ward zusammengedrückt, wie es zuvor gewesen; ein halb Dutzend Päcke unten auf dem Boden des Schranks waren gar nicht geöffnet worden. Nachdem dieß geschehen, wurde der Deckel herabgesenkt, die Schlösser wieder vorgelegt, und der Schlüssel umgedreht. Dieser wurde dann wieder in die Tasche gesteckt, aus der man ihn herausgenommen. Mehr als eine Stunde verging, bis man sich über das nun einzuschlagende Verfahren vereinigt und Alles wieder an seinen Ort gebracht hatte. Die Pausen, während deren man sich besprach, waren häufig; und Judith, die ein lebhaftes Wohlgefallen an der offenen, unverhehlten Bewunderung hatte, womit Wildtödters ehrliches Auge in ihr schönes Antlitz schaute, fand mit einer Gewandtheit, die der weiblichen Koketterie angeboren scheint, Mittel, die Unterhaltung zu verlängern. Wildtödter schien in der That der Erste zu seyn, dem es einfiel, wie viel Zeit man so vergeude, und der die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf die Nothwendigkeit hinlenkte, Etwas zu thun, um den Auslösungsplan in Ausführung zu bringen. Chingachgook war in Hutter's Schlafzimmer geblieben, wohin man die Elephanten gebracht hatte, um sein Auge an den Bildern so wunderbarer und so neuer Thiere zu weiden. Vielleicht sagte ihm ein instinktmaßiges Gefühl, seine Gegenwart würde seinen Genossen nicht so erwünscht seyn, als wenn er sich entfernt halte; denn Judith beobachtete nicht viel Zurückhaltung in der Kundgebung ihrer Vorliebe, und der Delaware hatte es nicht bis zur Verlobung gebracht, ohne sich auch einige Kenntnisse der Symptome der ›großen Leidenschaft‹ zu erwerben. »Nun, Judith,« sagte Wildtödter aufstehend, nachdem die Besprechung weit länger gedauert hatte, als er selbst ahnte; »es ist angenehm, mit Euch zu plaudern und alle diese Dinge ins Reine zu bringen, aber die Pflicht ruft uns anders wohin. Diese ganze Zeit her sind Hurry und Euer Vater, Nichts zu sagen von Hetty –« Dieß Wort ward dem Redenden im Mund abgeschnitten, denn in diesem entscheidenden Augenblick hörte man einen leichten Schritt auf der Plattform oder dem Thorhof, eine menschliche Gestalt beschattete die Thüre – und die zuletzt genannte Person stand vor ihm. Der leise Ausruf, welcher Wildtödtern entschlüpfte, und Judiths schwaches Kreischen waren kaum über ihre Lippen, als ein indianischer Jüngling, zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, neben ihr stand. Das Eintreten dieser Beiden war, da sie Mokkassins an den Füßen hatten, fast ohne alles Geräusch erfolgt; aber so unerwartet und verstohlen sie sich jetzt näherten, vermochten sie doch Wildtödters Selbstbeherrschung nicht zu erschüttern. Sein Erstes war, daß er schnell auf delawarisch zu seinem Freunde sprach und ihn warnte, sich versteckt zu halten und auf der Hut zu seyn; das Nächste, daß er an die Thür trat, um sich von dem Umfang der Gefahr zu vergewissern. Niemand sonst jedoch war gekommen; und ein einfaches Fahrzeug, in Gestalt eines Floßes, das neben der Arche schwamm, erklärte sofort, auf welche Art Hetty herangekommen. Zwei gefallene und trockne, und daher schwimmende Tannenstämme waren zusammengebunden mit Pflöcken und Weiden, und eine kleine Plattform von Flußkastanienholz war kunstlos darauf angebracht. Hier hatte Hetty auf einem Holzscheit gesessen, während der junge Irokese das rohe und schwerbewegliche, aber vollkommen sichere Fahrzeug von der Küste hieher ruderte. Sobald Wildtödter diesen Floß genau ins Auge gefaßt und sich versichert hatte, daß sonst Nichts in der Nähe war, schüttelte er den Kopf und murmelte in seiner Art, mit sich selbst zu reden: »Das kommt dabei heraus, wenn man in andrer Leute Schränken wühlt! Wären wir aufmerksam und wachsam gewesen, so hätte nie eine solche Überraschung stattfinden können: und daß uns diesen Streich ein Knabe spielt, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die alten Krieger selbst sich recht daran machen, ihre Tücken auszuführen. Indeß, es bahnt uns den Weg zu einer Unterhandlung über das Lösegeld, und ich will hören, was Hetty zu sagen hat.« Judith zeigte, sobald ihre Ueberraschung und ihr Schrecken ein wenig sich gelegt hatten, eine geziemende, zärtliche Freude über die Rückkunft ihrer Schwester. Sie drückte sie an ihre Brust und küßte sie, wie ihre Gewohnheit gewesen in den Tagen ihrer Kindheit und Unschuld. Hetty selbst war weniger ergriffen; denn für sie gab es keine Ueberraschung, und ihre Nerven waren gestählt durch die Reinheit und Heiligkeit ihres Bestrebens. Auf ihrer Schwester Bitte setzte sie sich, und begann eine Erzählung ihrer Abenteuer, seit sie sich getrennt hatten. Ihre Erzählung fing gerade an, als Wildtödter zurückkehrte, und auch er wurde ein aufmerksamer Zuhörer, während der junge Irokese nahe an der Thüre stand, anscheinend so gleichgültig gegen Alles was vorging, wie einer ihrer Pfosten. Die Erzählung des Mädchens war klar genug, bis sie zu dem Zeitpunkt gelangte, wo wir sie in dem Lager verließen, nach der Besprechung mit den Häuptlingen und bis zu dem Augenblick, wo Hist sie so plötzlich verließ, wie oben angegeben. Die weitere Geschichte mag in ihren eignen Worten folgen: »Als ich den Häuptlingen die Texte las, Judith, da hättest Du wohl nicht bemerkt, daß sie irgend eine Veränderung in ihren Gemüthern hervorbrachten,« sagte sie; »aber wenn der Samen ausgestreut ist, so wird er auch wachsen. Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt –« »Ja, das hat er, das hat er,« murmelte Wildtödter, »und ein schöner Ertrag ist gefolgt.« »Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt,« fuhr Hetty nach einer augenblicklichen Pause fort, »und Ihr seht, zu welcher Höhe, zu welchem Schatten sie emporgewachsen sind! So ist es mit der Bibel. Ihr könnt dieß Jahr einen Vers lesen, und ihn vergessen, und ein Jahr später kommt er Euch wieder in den Sinn, wenn Ihr am wenigsten daran denkt, Euch seiner wieder zu erinnern.« »Und hast Du etwas der Art unter den Wilden gefunden, arme Hetty?« »Ja, Judith, und eher und reichlicher als ich je gehofft hätte. Ich blieb nicht lange bei Vater und Hurry, sondern ging, mit Hist mein Frühstück einzunehmen. Sobald wir damit fertig waren, kamen die Häuptlinge zu uns, und da erkannten wir die Früchte des ausgestreuten Samens. Sie sagten, was ich aus dem guten Buche gelesen, sey recht – es müsse recht seyn – es laute recht wie ein holder Vogel, der ihnen ins Ohr singe; und sie hießen mich zurückkehren, und dieß dem großen Krieger sagen, der Einen ihrer Tapfern getödtet, und es Dir erzählen, und auch sagen, wie glücklich sie sich schätzen würden, hier im Castell zur Kirche zu kommen, oder auch draußen in der Sonne, und mich Mehr lesen zu hören aus dem heiligen Buche – und hießen mich Euch sagen, sie wünschten, daß Ihr ihnen einige Canoe's leihet, damit sie Vater und Hurry, und auch ihre Weiber zu dem Castell herüberführen könnten, daß wir Alle dort auf der Plattform säßen, und horchten dem Gesange des Manitou der Bleichgesichter. Nun, Judith, hast Du je Etwas gehört, was so offenkundig die Macht der Bibel zeigt, wie dieß?« »Wenn es wahr wäre, so wäre es allerdings ein Wunder, Hetty. Aber dieß Alles ist Nichts als indianische Schlauheit und Verrätherei, die uns durch List zu überwinden suchen, wenn sie finden, daß es mit Gewalt nicht geht.« »Zweifelst Du an der Bibel, Schwester, daß Du die Wilden so hart beurtheilst?« »Ich zweifle nicht an der Bibel, arme Hetty, aber ich zweifle sehr an einem Indianer und einem Irokesen. Was sagt Ihr zu diesem Besuch, Wildtödter?« »Erst laßt mich ein Wenig mit Hetty sprechen,« versetzte der Befragte; »ward dieser Floß gefertigt, nachdem Ihr Euer Frühstück eingenommen, Mädchen? und begabet Ihr Euch von dem Lager nach der uns gegenüberliegenden Küste hier?« »Oh! nein, Wildtödter. Der Floß war bereit und im Wasser – konnte das durch ein Wunder geschehen seyn, Judith?« »Ja – ja – ein indianisches Wunder,« versetzte der Jäger. »Sie sind erfahren genug in dieser Art von Wundern. Und Ihr fandet den Floß ganz bereit vor Euch, und im Wasser, und Eurer wartend, als seiner Ladung?« »Alles so wie Ihr sagt. Der Floß war nahe beim Lager, und die Indianer setzten mich darauf, und hatten Schiffstaue, und zogen mich an den Platz gegenüber dem Castell, und dann hießen sie diesen jungen Mann mich herüber rudern.« »Und die Wälder sind voll von den Vagabunden, die nur warten, um zu erfahren, was das Ende von dem Mirakel seyn werde. Wir begreifen jetzt diesen Handel, Judith, und ich will nur erst diesen jungen canadischen Blutsauger abfertigen, dann wollen wir über unser Verfahren uns besprechen. Laßt Ihr und Hetty uns allein mit einander, zuvor aber bringt mir die Elephanten, welche Schlange bewundert; denn es wird nicht gut thun, diesen lauernden Burschen nur eine Minute allein zu lassen, oder er entlehnt ein Canoe, ohne zu fragen.« Judith that nach seinem Verlangen, brachte zuerst die Figuren und entfernte sich dann mit ihrer Schwester in ihr Gemach. Wildtödter hatte sich einige Bekanntschaft mit den meisten indianischen Dialekten der Gegend erworben, und verstand Irokesisch genug, um ein Gespräch in dieser Sprache zu führen. Er winkte daher dem Burschen und hieß ihn auf den Schrank sitzen, worauf er plötzlich zwei von den Thürmen vor ihn hinstellte. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Wilde durch keine Miene eine innere Bewegung oder ein Wohlgefallen verrathen. Es waren viele Sachen in dem Gemach und draußen, die ihm neu seyn mußten, aber er hatte seine Selbstbeherrschung mit stoischer Fassung behauptet. Zwar hatte Wildtödter bemerkt, wie sein dunkles Auge die Vertheidigungsanstalten und Waffen musterte, aber diese Musterung war mit so unschuldiger Miene in einer so kindischen, faulen, gaffenden Art angestellt worden, daß Niemand als ein Mann, der selbst eine ähnliche Schule durchlaufen, seine Absicht auch nur von ferne hätte argwohnen können. In dem Augenblick aber, wo das Auge des Wilden auf das schöngearbeitete Elfenbein und auf die Figuren der wunderbaren unbekannten Thiere fiel, überwältigten ihn Ueberraschung und Bewunderung. Das Benehmen der Bewohner der Südseeinseln, als sie zuerst die Spielereien des civilisirten Lebens erblickten, ist oft geschildert worden; aber der Leser darf dieß nicht verwechseln mit dem Benehmen eines amerikanischen Indianers unter denselben Verhältnissen. Im vorliegenden Falle entfuhr dem jungen Irokesen oder Huronen ein Ausruf des Entzückens; dann aber nahm er sich sogleich zusammen, wie Einer, der sich einer Verletzung der Schicklichkeit schuldig gemacht. Dann hörten seine Augen auf, umher zu schweifen, und hefteten sich auf die Elephanten, von denen er nach kurzem Bedenken einen sogar mit der Hand zu betasten wagte. Wildtödter störte ihn volle zehn Minuten lang gar nicht, wohl wissend, daß der Junge die Merkwürdigkeiten sich so genau merken würde, daß er bei seiner Rückkehr den ältern Indianern die genaueste und ins Einzelnste gehende Beschreibung davon würde machen können. Nachdem der Jäger dachte, er habe ihm jetzt Zeit genug gelassen, sich Alles so genau einzuprägen, berührte er mit dem Finger das nackte Knie des Jünglings und nahm selbst dessen Aufmerksamkeit in Anspruch. »Hört mich,« sagte er; »ich möchte mit meinem jungen Freund aus den Canadas sprechen. Vergesse er seiner Verwunderung für eine Minute.« »Wo ist der andere weiße Bruder?« fragte der Junge aufschauend und unwillkührlich entschlüpfte so seinem Munde der Gedanke, der am meisten seine Seele beschäftigt hatte vor der Vorzeigung der Schlachtfiguren. »Er schläft – oder wenn er nicht eigentlich schläft, so ist er doch in dem Gemach, wo die Männer schlafen,« antwortete Wildtödter. »Woher weiß mein junger Freund, daß noch Einer da ist?« »Ihn gesehen von der Küste aus, Irokesen lange Augen haben – über die Wolken hinaus sehen – den Grund der großen Quelle sehen!« »Gut, die Irokesen sind willkommen. Zwei Bleichgesichter sind Gefangene im Lager Eurer Väter, Knabe.« Der Bursche nickte, und behandelte den Umstand anscheinend mit großer Gleichgültigkeit; obwohl er einen Augenblick darauf lachte, wie frohlockend über die überlegene Gewandtheit seines Stammes. »Könnt Ihr mir sagen, Knabe, was Eure Häuptlinge mit diesen Gefangenen zu thun beabsichtigen; oder sind sie deßhalb noch nicht entschlossen?« Der Bursche schaute einen Augenblick den Jäger mit einiger Ueberraschung an, dann setzte er kaltblütig die Spitze seines Zeigefingers an seinen Kopf, gerade über dem linken Ohr, und fuhr damit rund um den Schädel, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche zeigte, wie gut er in der eigenthümlichen Kunst seines Volkes eingeschult seyn müsse. »Wann?« fragte Wildtödter, dessen Galle schwoll, bei dieser kaltblütig zur Schau gestellten Gleichgültigkeit gegen Menschenleben. »Und warum nicht sie in Eure Wigwams mitnehmen?« »Weg zu weit, und voll von Bleichgesichtern. Wigwam voll und Skalpe theuer zu verkaufen, kleiner Skalp, viel Gold.« »Gut, das erklärt es – ja, das erklärt es. Es ist nicht nöthig deutlicher zu sprechen. Nun wißt Ihr, Bursche, daß der Aeltere von Euren Gefangenen der Vater von diesen zwei jungen Mädchen ist, und der Andere ist der Liebhaber der Einen. Die Mädchen wünschen natürlich, die Skalpe von so nahen Freunden zu retten, und sie wollen ihnen zwei elfenbeinerne Creaturen als Lösegeld geben, eine für jeden Skalp. Geht zurück und sagt das Euern Häuptlingen, und bringt mir die Antwort, ehe die Sonne untergeht.« Der Knabe ging mit Eifer in diesen Vorschlag ein, und mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er seinen Auftrag mit Einsicht und rasch ausführen werde. Einen Augenblick vergaß er seine Ehrliebe und alle seine Stammesfeindseligkeit gegen die Britten und ihre Indianer, in seinem Wunsche, einen solchen Schatz im Besitz seines Volkes zu wissen, und Wildtödter war mit dem Eindruck, den die Sache auf den Knaben gemacht, zufrieden. Zwar schlug der Junge vor, er wolle einen der Elephanten mit sich nehmen als Probe vom Andern, aber darein zu willigen, war sein Bruder Unterhändler zu scharfblickend, da er wohl wußte, daß derselbe, solchen Händen anvertraut, nie an den Ort seiner Bestimmung gelangen würde. Diese kleine Schwierigkeit war bald ausgeglichen, und dann schickte sich der Knabe zur Abfahrt an. Als er auf der Plattform stand, bereit auf den Floß zu steigen, besann er sich und kehrte sich plötzlich um, mit dem Vorschlag, man möchte ihm ein Canoe leihen, als ein Mittel, die Unterhandlung voraussichtlich bedeutend abzukürzen. Wildtödter schlug das Verlangen ruhig ab, und nach einigem weitern Zögern ruderte der Knabe langsam von dem Castell weg, seine Richtung nach einem Dickicht an der Küste zu nehmend, das weniger als eine halbe Meile entfernt war. Wildtödter setzte sich auf einen Stuhl und beobachtete die Fahrt des Botschafters; manchmal genau die ganze Linie der Küste, so weit das Auge reichte, musternd und dann einen Ellbogen auf ein Knie stemmend, das Kinn auf die Hand gestützt, blieb er so lange Zeit sitzen. Während der Unterredung zwischen Wildtödter und dem Jungen, fiel im anstoßenden Gemach eine Scene andrer Art vor. Hetty hatte nach dem Delawaren gefragt, und als sie erfahren, warum und wo er sich verborgen halte, begab sie sich zu ihm. Der Empfang, welchen dieser Besuch bei Chingachgook fand, war freundlich und achtungsvoll. Er verstand ihren Charakter und ihr Wesen, und ohne Zweifel ward seine Geneigtheit, einem solchen Geschöpf freundlich zu begegnen, noch gesteigert durch die Hoffnung, Nachrichten von seiner Verlobten zu erhalten. Sobald das Mädchen eingetreten war, nahm sie einen Sitz und lud den Indianer ein, sich neben sie zu setzen, blieb aber dann stumm, als hielte sie für schicklich, daß er sie befrage, ehe sie sich entschlöße von dem Gegenstande zu sprechen, den sie auf dem Herzen hatte. Aber da Chingachgook dieß Gefühl nicht verstand, erwartete er in achtungsvoller Aufmerksamkeit und schweigend, was sie ihm mitzutheilen belieben möchte. »Ihr seyd Chingachgook, die Große Schlange der Delawaren, nicht so?« begann endlich das Mädchen in ihrer einfachen Weise, ihre Selbstbeherrschung verlierend über dem Verlangen, weiter zu kommen, aber ängstlich bedacht, sich doch zuvor der Person recht zu versichern. »Chingachgook,« versetzte der Delaware mit ernster Würde, »Das bedeuten Große Schlange in Wildtödters Sprache.« »Gut, das ist meine Sprache. Wildtödter, und Vater, und Judith, und ich und der arme Hurry Harry – kennt Ihr Henry March, Große Schlange? – Doch ich weiß, Ihr kennt ihn nicht, sonst hätte auch er schon von Euch gesprochen.« »Hat eine Zunge Chingachgook genannt, schmachtende Lilie?« denn so hatte der Häuptling die arme Hetty benannt. »Ward sein Name gesungen von einem kleinen Vogel unter den Irokesen?« Hetty antwortete zuerst nicht; aber mit jenem nicht zu beschreibenden Gefühl, welches Sympathie und Verständniß erweckt unter den Jugendlichen und in der Welt Unerfahrenen ihres Geschlechts, ließ sie ihr Haupt hängen, und das Blut schoß ihr in die Wangen, ehe sie die Sprache wieder fand. Es würde über ihren Antheil von Verstand hinausgegangen seyn, diese Verlegenheit zu erklären; aber obwohl die arme Hetty nicht bei jedem vorkommenden Fall geordnet denken konnte, konnte sie doch immer fühlen. Die Röthe trat allmälig wieder aus ihren Wangen zurück, und das Mädchen schaute den Indianer schelmisch an, lächelnd mit der Unschuld eines Kindes, worein sich denn doch das Interesse des Weibes mischte. »Meine Schwester, die schmachtende Lilie, solchen Vogel hören!« fuhr Chingachgook fort, und das mit einer milden Freundlichkeit in Ton und Benehmen, die Solche würde in Erstaunen gesetzt haben, welche manchmal die unharmonischen, oft aus derselben Kehle kommenden schreienden Töne gehört hätten; aber solche Uebergänge von dem rauhen und Gurgel-Ton, zum sanften und melodischen sind nicht selten auch bei gewöhnlichen Gesprächen von Indianern: »Meiner Schwester Ohr offen gewesen – hat sie ihre Zunge verloren?« »Ihr seyd Chingachgook– Ihr müßt es seyn; denn es ist kein andrer rother Mann da, und sie erwartete, daß Chingachgook kommen würde.« »Chin–gach–gook,« so sprach er den Namen langsam aus und verweilte bei jeder Sylbe. »Große Schlange, Yengeese Sprache.« »Chin–gach–gook,« wiederholte Hetty ebenso langsam und bedächtlich. »Ja, so nannte ihn Hist, und Ihr müßt der Häuptling seyn.« »Wah-ta!-Wah,« rief der Delaware. »Wah-ta!-Wah, oder Hist-oh!-Hist! Mir klingt Hist hübscher als Wah, und so nenne ich sie Hist.« »Wah! sehr süß in Delawaren Ohren!« »Ihr sprecht es aus, daß es anders klingt als bei mir. Aber einerlei; ich habe den Vogel singen hören, von dem Ihr sprecht, Große Schlange!« »Will meine Schwester sagen Worte des Gesangs? – Was sie am meisten singen? – wie aussehen – sie oft lachen?« »Sie sang Chin–gach–gook öfter als irgend sonst Etwas; und sie lachte herzlich, als ich ihr erzählte, wie die Irokesen uns im Wasser nachwateten, und uns nicht erreichen konnten. Ich hoffe, diese Stämme haben keine Ohren, Schlange!« »Fürchtet die Stämme nicht; fürchtet Schwester nächstes Gemach. Nicht fürchten Irokesen; Wildtödter ihm Augen und Ohren stopfen mit seltsamem Gethier.« »Ich verstehe Euch, Schlange, und ich verstand Hist. Manchmal meine ich, ich sey nicht halb so schwachsinnig, als sie sagen, daß ich bin. Jetzt schaut hinauf zur Decke, so will ich Euch Alles sagen. Aber Ihr macht mir bange, Ihr schaut mich so wild an, wenn ich von Hist spreche.« Der Indianer suchte seinen Mienen und Blicken einen sanftern Ausdruck zu geben, um des Mädchens treuherzigem Verlangen zu genügen. »Hist trug mir auf, in sehr leisem Tone Euch zu sagen, Ihr dürfet den Irokesen in Nichts trauen. Sie sind tückischer als alle Indianer, die sie kennt. Dann sagt sie, es sey ein großer, glänzender Stern, der über den Hügel hervortritt etwa eine Stunde nach Anbruch des Dunkels – (Hist hatte den Planeten Venus bezeichnet, ohne es zu wissen,) – und genau, wann dieser Stern sichtbar wird, will sie auf dem Landvorsprung seyn, wo ich gestern Nacht gelandet habe, und Ihr sollet sie in einem Canoe abholen.« »Gut – Chingachgook jetzt gut genug Verstehen; aber er versteht noch besser, wenn meine Schwester ihm noch einmal singt.« Hetty wiederholte ihre Worte, erklärte noch umständlicher, welcher Stern gemeint sey, und bezeichnete den Punkt des Vorsprungs, wo er ans Land kommen sollte. Jetzt erzählte sie weiter in ihrer ungekünstelten, arglosen Art ihre Begegnung mit dem indianischen Mädchen, und wiederholte mehrere ihrer Ausdrücke und Meinungen, welche das Herz ihres Verlobten sehr entzückten. Besonders schärfte sie wiederholt ihre Warnungen ein, vor Verrätherei auf der Hut zu seyn; Warnungen, die jedoch kaum nöthig waren bei Männern, die so schlau wie die, welchen sie galten. Auch setzte sie mit genügender Klarheit – denn bei allen solchen Gegenständen versagte dem Mädchen ihr Verstand selten – die gegenwärtige Stellung des Feindes, und seine Bewegungen seit dem Morgen auseinander. Hist war mit ihr auf dem Fluß gewesen, bis es von der Küste abstieß; sie befand sich jetzt irgendwo in den Wäldern gegenüber dem Castell, und gedachte nicht in das Lager zurückzukehren, als bis gegen die Nacht; dann hoffte sie im Stande zu seyn, sich von ihren Genossinnen wegzustehlen, während sie der Küste entlang heimzögen, und sich auf dem Landvorsprung zu verbergen. Niemand schien die Anwesenheit Chingachgooks zu ahnen, obgleich man nothwendig wußte, daß in der vorigen Nacht ein Indianer in die Arche war aufgenommen worden, und man Verdacht hegte, er habe sich seither in und außer der Arche in der Tracht eines Bleichgesichts gezeigt. Doch herrschte in Betreff des letztern Punktes noch einiger Zweifel; denn da dieß die Jahrszeit war, wo man die Ankunft weißer Männer erwarten konnte, herrschte einige Besorgniß, die Besatzung des Castells möchte sich auf diesem ordentlichen Wege verstärken. All dieß hatte Hist der Hetty mitgetheilt, während die Indianer sie an der Küste hinzogen und die über sechs Meilen betragende Entfernung hatte dazu Zeit genug vergönnt. »Hist weiß selbst nicht, ob sie gegen sie Verdacht haben oder nicht, oder ob sie gegen Euch Verdacht haben; aber sie hofft, daß keines von beiden der Fall ist. Und jetzt, Schlange, nachdem ich Euch so Viel von Eurer Verlobten gesagt,« fuhr Hetty fort, halb unbewußt eine Hand des Indianers ergreifend, und mit den Fingern spielend, wie oft ein Kind bei seinen Eltern thut; »müßt Ihr Euch Etwas von mir selbst sagen lassen. Wenn Ihr Hist heirathet. müßt Ihr gütig und freundlich gegen sie seyn, und gegen sie lächeln, wie Ihr jetzt gegen mich thut; und nicht sauer und finster sehen, wie einige Häuptlinge mit ihren Weibern thun. Wollt Ihr mir das versprechen?« »Immer gut mit Wah! – zu zart, um hart zu zwirnen – sonst sie brechen.« »Ja, und auch lächeln; Ihr wißt nicht, wie sehr ein Mädchen nach Lächeln schmachtet von denen, die sie lieb hat. Vater lächelte mir kaum Einmal zu, wie ich dort bei ihm war – und Hurry – ja – Hurry schwatzte laut und lachte; aber ich glaube, er lächelte nicht Einmal, Ihr kennt den Unterschied zwischen Lächeln und Lachen?« »Lachen das Beste! Hört Wah! lachen; denkt, Vogel singe.« »Ich weiß das; ihr Lachen ist lieblich; aber Ihr müßt lächeln. Und dann, Schlange, müßt Ihr sie nicht Lasten schleppen und schwer auf dem Feld mit der Hacke arbeiten lassen, wie so viele Indianer thun, sondern sie mehr so wie die Bleichgesichter ihre Weiber behandeln.« »Wah-ta!-Wah nicht Bleichgesicht – hat rothe Haut, rothes Herz, rothe Gefühle. Alles roth; kein Bleichgesicht. Muß kleine Schreier tragen.« »Jedes Weib trägt gern ihr Kind,« sagte Hetty lächelnd, »und das ist nichts Arges. Aber Ihr müßt Hist lieben, und sanft und gut gegen sie seyn; denn sie ist selbst sanft und gut.« Chingachgook neigte sich ernst, und dann schien er der Meinung, dieser Gegenstand könnte nunmehr verlassen werden. Ehe Hetty Zeit hatte, ihre Mittheilungen noch einmal zusammenzufassen, hörte man im äußern Gemach Wildtödters Stimme, der seinem Freunde rief. Der Indianer stand auf, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Hetty begab sich zu ihrer Schwester. Vierzehntes Kapitel. »Solch seltsam Thier,« der Eine schrie – »Lebte noch unter der Sonne nie; Eidechsenleib, so schmal und lang, Fischkopf, die Zunge von der Schlang', Der Fuß mit drei gespaltnen Klau'n, Und welch' ein Schwanz ist hinten zu schau'n!» Merrick. Das Erste, was der Delaware that, als er bei seinem Freund angekommen, war, daß er sich ganz ernsthaft daran machte, seines civilisirten Anzugs sich zu entledigen, um wieder als indianischer Krieger dazustehen. Auf die Vorstellungen Wildtödters dagegen theilte er ihm den Umstand mit, daß die Anwesenheit eines Indianers in der Hütte den Irokesen bekannt sey, und daß seine Beibehaltung der Vermummung wohl eher Verdacht in Bezug auf seine wirkliche Absicht erwecken würde, als wenn er offen als Glied eines feindlichen Stammes auftrete. Als Wildtödter den Sachverhalt erfuhr und vernahm, er habe sich getäuscht in der Voraussetzung, daß der Häuptling wirklich ganz unbemerkt in die Arche sey aufgenommen worden, willigte er mit Freuden in die Umwandlung, da weitere Versuche, die Sache zu verheimlichen, fruchtlos waren. Ein andrer Beweggrund jedoch, als er vorgab, ein gemüthlicher, hatte den Wunsch des Indianers veranlaßt, sich als Sohn des Waldes zu zeigen. Er hatte gehört, daß Hist auf der gegenüber liegenden Küste weile; und die Natur triumphirte so weit über alle Unterschiede der Sitten, des Stammes und Volkes, daß sie diesem jungen Krieger ganz dasselbe Gefühl einflößte, das man unter ähnlichen Verhältnissen bei dem verfeinerten Stadtbewohner würde gefunden haben. Er fand eine milde Genugthuung in dem Bewußtseyn, daß die Geliebte ihn sehen könne; und wie er auf die Plattform hinausschritt in seiner ärmlichen Landestracht, ein Apollo der Wildniß, da erfüllten hundert jener zärtlichen Phantasien, welche Liebenden durch den Kopf gehen, seine Einbildungskraft und stimmten sein Herz weich. Alles dieß war an Wildtödter verloren, der kein großer Adept in den Mysterien Cupido's war, und dessen Seele weit mehr sich beschäftigte mit den Sorgen, die sich seiner Beachtung aufdrangen, als mit eiteln, müßigen Liebesphantasien. Er rief daher seinen Genossen bald zur Erwägung ihrer dermaligen Lage zurück, indem er ihn zu einer Art von Kriegsrath lud, worin sie ihr künftiges Verfahren festsetzen wollten. In der nun folgenden Unterredung theilten Beide einander mit, was Jeder bei seiner Besprechung erfahren hatte, Chingachgook erfuhr die Geschichte der Unterhandlung über das Lösegeld, und Wildtödter vernahm alle Eröffnungen Hetty's. Der Letztere hörte mit großmüthiger Theilnahme von seines Freundes Hoffnungen und versprach mit Freuden, ihm nach Kräften seinen Beistand zu leihen. »Es ist unser Hauptvorhaben, Schlange, wie Ihr wißt; diese Schlägerei um das Castell und des alten Hutter's Töchter ist nur so zufällig dazwischen gekommen. Ja – ja – ich will mich thätig zeigen, der kleinen Hist zu helfen, die nicht nur eines der besten und schönsten Mädchen des Stammes ist, sondern wirklich das allerbeste und schönste. Ich habe Euch immer ermuthigt, Häuptling, bei dieser Neigung; und es ist auch geziemend, daß ein großer und alter Stamm wie der Eurige nicht aussterbe. Wenn ein Mädchen von rother Haut und rothen Gaben mir so nahe kommen könnte, daß ich sie mir zum Weib wünschte, so würde ich mir eben eine Solche suchen: aber das kann nie seyn – nein, das kann nie seyn. Ich bin jedoch froh, daß Hetty auf Hist gestoßen ist, denn wenn die Erstere etwas zu Wenig Witz und Verstand besitzt, so hat die Letztere genug für Beide. Ja, Schlange,« und er lachte herzlich, »nehmt sie zusammen, und zwei flottere Mädchen sind nicht zu finden in der ganzen Colonie York.« »Ich will ins Lager der Irokesen gehen,« versetzte der Delaware ernst. »Niemand kennt Chingachgook, außer Wah! und ein Vertrag um Leben und Skalpe sollte von einem Häuptling abgeschlossen werden. Gebt mir die fremden Bestien und laßt mich ein Canoe nehmen.« Wildtödter senkte den Kopf und spielte mit dem Ende einer Fischstange im Wasser, während er da saß und seine Füße über den Rand der Plattform hinaus bammeln ließ, wie Einer, der durch eine plötzlich gekommene neue Idee in Gedanken versunken ist. Statt geradezu auf den Vorschlag seines Freundes zu antworten, begann er mit sich selbst zu sprechen; wodurch jedoch seine Worte in keiner Weise an Wahrheit gewinnen konnten, da er sich dadurch auszeichnete, daß er immer sagte, was er dachte, mochte er nun seine Rede an sich selbst oder an einen Andern richten. »Ja – ja,« sagte er, »das »muß seyn, was man Liebe nennt! Ich habe manchmal gehört, daß sie die Vernunft ganz umwirft und einen jungen Mann, was Berechnung und Vorsicht anlangt, so hülflos macht, wie ein sinnloses Thier. Denken müssen, daß Schlange so ganz Vernunft, Schlauheit und Weisheit verloren! Sicherlich müssen wir es zu Stande bringen, daß Hist frei wird, und sie verheirathen, sobald wir zu dem Stamme zurück sind, sonst wird dieser Krieg dem Häuptling so Wenig nützen, als eine etwas ungewöhnliche und außerordentliche Jagd, Ja – ja – er wird nie wieder der Mann seyn, der er war, bis er diese Sache aus dem Kopfe hat, und er wieder zu seinen Sinnen kommt, wie alle übrigen Menschenkinder. Schlange, es kann Euch nicht Ernst seyn, und daher will ich nur Wenig auf Euer Anerbieten sagen. Aber Ihr seyd ein Häuptling, und werdet bald auf den Kriegspfad gesendet werden an der Spitze von Truppen, und ich will Euch nur die Frage vorlegen, ob Ihr gesonnen seyd, Eure Mannschaft dem Feind in die Hände zu liefern, ehe die Schlacht gekämpft ist?« »Wah!« rief der Indianer hastig. »Ja – Wah ! ich weiß ganz gut, es ist Wah! und ganz und gar Wah! In der That, Schlange, ich bin um Euch besorgt und betrübt! Ich hörte nie einen so schwachen Gedanken aus dem Mund eines Häuptlings und dazu Eines, der schon einen Namen wegen seiner Weisheit hat, so jung und unerfahren er ist. Ein Canoe bekommt Ihr nicht, so lange die Stimme der Freundschaft und Warnung noch Etwas gilt.« »Mein Bleichgesichtfreund hat Recht. Eine Wolke kam über Chingachgooks Angesicht und Schwäche schlich sich in seine Seele, während sein Auge trüb war. Mein Bruder hat ein gutes Gedächtniß für gute Thaten, und ein schlechtes für schlechte. Er wird vergessen.« »Ja, das ist leicht gethan. Sagt Nichts weiter davon, Häuptling; aber wenn wieder eine von diesen Wolken Euch nahe kommen will, thut Euer Möglichstes, ihr aus dem Wege zu gehen. Wolken sind schlimm genug bei der Witterung; aber wenn sie über die Vernunft herziehen, dann wird die Sache ernsthaft. Jetzt setzt Euch zu mir her, und laßt uns ein Wenig unser Verfahren überlegen, denn wir müssen bald einen Waffenstillstand oder Frieden haben, sonst kommt es zu einem wirklichen, blutigen Krieg. Ihr seht, die Vagabunden wissen Baumstämme zu benutzen, so gut wie die besten Flößer auf den Flüssen: und es wäre für sie ein Kleines, uns mit hellen Haufen anzugreifen. Ich denke nach, ob es klug gethan wäre, alle Habe des alten Tom in die Arche zu bringen, das Castell zu verschließen und zu verrammeln, und uns ganz auf die Arche zu begeben. Die ist beweglich, und wenn wir das Segel aufsetzten und den Platz wechselten, könnten wir uns viele Nächte hindurch halten, ohne daß die Wölfe aus den Kanadas den Weg in unsere Hürde fänden.« Chingachgook hörte diesen Plan mit Beifall an. Schlug die Unterhandlung fehl, so war jetzt wenig Hoffnung, daß die Nacht ohne einen Angriff vorübergehen würde; und der Feind besaß Scharfblick genug, um einzusehen, daß wenn er das Castell einnähme, er ohne Zweifel Herr alles dessen werden würde, was es enthielt, das angebotene Lösegeld mit eingeschlossen, und dazu noch im Besitz der schon gewonnenen Vortheile bleiben. Eine Vorsichtsmaßregel der Art schien durchaus nothwendig; denn jetzt, nachdem man die große Anzahl der Irokesen kannte, durfte man kaum hoffen, einem nächtlichen Angriff mit Erfolg zu widerstehen. Es erschien als unmöglich, den Feind zu hindern, sich der Canoe's und der Arche zu bemächtigen, und die letztere selbst gab dann schon den Angreifern einen Anhalt, wo sie gegen Kugeln so gut geschützt waren, wie die im Gebäude befindlichen Personen. Einige Minuten dachten beide Männer daran, die Arche in dem seichten Wasser zu versenken, oder die Canoe's in das Haus zu bringen, und sich ganz auf den Schuß, den das Castell biete, zu verlassen. Aber nähere Erwägung überzeugte sie, daß am Ende dieß Auskunftsmitttel fehlschlagen würde. Es war so leicht, auf dem Lande Baumstämme zu sammeln, und einen Floß von beinahe jeder beliebigen Größe zu bauen, daß es als gewiß erschien, die Irokesen, nachdem sie einmal an solche Mittel gedacht, würden mit allem Ernste sich darauf legen, so lange sie die sichre Aussicht hatten, durch Beharrlichkeit ihren Zweck zu erreichen. Nach reiflicher Ueberlegung und Erwägung aller Rücksichten vereinigten sich die zwei jungen Anfänger in der Kriegskunst der Wälder in der Ansicht, daß die Arche das einzige brauchbare Mittel zur Rettung darbiete. Sobald diese Entscheidung gefaßt war, wurde sie Judith mitgetheilt. Das Mädchen hatte keine ernstliche Einwendung dagegen zu machen, und dann beeilten sich alle Vier, die zur Ausführung des Planes nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Der Leser wird leicht ermessen, daß Floating Toms weltliche Güter von keinem großen Werth waren. Ein paar Betten, einige Kleidungsstücke, die Waffen und Munition, einige Küchengeräthe, nebst dem geheimnißvollen, nur erst halb untersuchten Schranke, – das machte die wichtigsten Artikel aus. Dieß Alles ward bald ausgeräumt, nachdem man die Arche an die östliche Seite des Hauses gezogen, so daß man den Transport bewerkstelligen konnte, ohne von der Küste aus gesehen zu werden. Man erachtete es für unnöthig, die schwereren und gröberen Stücke des Haushaltes zu verrücken, da man ihrer auf der Arche nicht bedurfte, und sie an sich wenig Werth hatten. Da große Vorsicht erforderlich war bei der Hinüberschaffung der verschiednen Gegenstände, von denen die meisten durch ein Fenster den Weg nehmen mußten, weil man dieß Vornehmen geheim halten wollte, brauchte es zwei oder drei Stunden, bis Alles in's Werk gesetzt war. Nach Ablauf dieser Zeit erschien auch wieder der Floß, wie er von der Küste abstieß. Wildtödter griff augenblicklich nach dem Fernglas, mittelst dessen er wahrnahm, daß zwei Krieger, die jedoch unbewaffnet schienen, sich darauf befanden. Die Bewegung des Floßes war langsam, und hierin lag einer der großen Vortheile für die Inhaber der Arche bei einem etwaigen künftigen Zusammenstoß, denn die Bewegungen von dieser waren vergleichungsweise leicht und schnell. Da man Zeit hatte, die Vorkehrungen zu treffen zum Empfang der zwei gefährlichen Gäste, wurde Alles dazu in Bereitschaft gesetzt, lang ehe sie nahe genug herankamen, um angerufen zu werden. Schlange und die Mädchen zogen sich in das Gebäude zurück, wo sich Jener in die Nähe der Thüre, wohl mit Büchsen versehen, aufstellte, während Judith durch eine Scharte den weitern Verlauf beobachtete. Wildtödter aber hatte einen Stuhl an den Rand der Plattform gestellt, auf dem Punkt gegen welchen der Floß zu steuerte, und hatte sich darauf gesetzt, die Büchse nachläßig zwischen die Beine gelehnt. Als der Floß näher kam, wurden alle der Gesellschaft im Castell zur Verfügung stehenden Mittel aufgeboten, um sich zu vergewissern, ob die nahenden Gäste Feuerwaffen hätten. Weder Wildtödter noch Chingachgook konnten solche entdecken: Judith aber, die dem bloßen Auge nicht trauen wollte, schob das Fernglas durch die Scharte und richtete es gegen die Schierlingstannenzweige, die zwischen den zwei Baumstämmen des Floßes lagen, eine Art Fußboden, so wie einen Sitz für die Ruderer bildend. Als der schwerfällige Floß auf fünfzig Fuß sich genähert, rief Wildtödter die Huronen an, hieß sie das Rudern einstellen, da er nicht gesonnen sey, sie landen zu lassen. Natürlich mußten sie sich darein ergeben, und die beiden grimmig aussehenden Krieger verließen ihre Sitze, obgleich der Floß noch immer weiter rückte, bis er der Plattform noch viel näher gekommen war. »Seyd Ihr Häuptlinge?« fragte Wildtödter mit Würde. »Seyd Ihr Häuptlinge? Oder haben mir die Mingo's Krieger ohne Namen geschickt bei einer solchen Sendung? Wenn dieß ist, denn je eher Ihr umkehrt, desto eher kann ein Solcher kommen, mit dem ein Krieger unterhandeln kann.« »Hugh!« rief der Aeltere von den beiden Männern auf dem Floße, und ließ seine glühenden Augen über die verschiednen Gegenstände hinrollen, die man im Castell und rings umher sah, mit einer Lebhaftigkeit, welche bewies, wie Wenig ihm entging. »Mein Bruder ist sehr stolz, aber Rivenoak (gespaltene Eiche) ist ein Name, der einen Delawaren erblassen macht.« »Das ist wahr, oder es ist eine Lüge, Rivenoak, wie es sich trifft; aber ich werde schwerlich bleich werden, sintemal ich bleich geboren bin. Was ist Eure Sendung, und warum kommt Ihr unter leichte Rinden-Canoe's auf Stämmen, die nicht einmal ausgehöhlt sind?« »Die Irokesen sind keine Enten, daß sie auf dem Wasser schreiten könnten. Mögen die Bleichgesichter ihnen ein Canoe geben, dann werden sie in einem Canoe kommen.« »Das ist wohl vernünftig, wird aber schwerlich geschehen. Wir haben nur vier Canoe's, und da wir unsrer Vier sind, kommt auf Jeden nur eines. Wir danken Euch indessen für den Antrag obschon wir so frei sind, ihn nicht anzunehmen. Ihr seyd willkommen, Irokese, auf Euren Baumstämmen.« »Danke Euch – mein junger Bleichgesichtkrieger – er hat schon einen Namen gewonnen – wie nennen ihn die Häuptlinge?« Wildtödter besann sich einen Augenblick, und ein Anflug von Stolz und menschlicher Schwäche zuckte durch seine Seele. Er lächelte, murmelte zwischen den Zähnen, schaute dann stolz auf, und sagte: »Mingo, wie Alle, die jung und tüchtig sind, bin ich zu verschiednen Zeiten unter verschiednen Namen bekannt gewesen. Einer Eurer Krieger, dessen Geist aufflog zu den glücklichen Jagdrevieren Eures Volkes erst gestern Morgen, meinte, ich verdiente unter dem Namen Falkenauge bekannt zu werden, und das, weil mein Gesicht zufällig rascher war als das seinige, als es Leben und Tod zwischen uns galt.« Chingachgook, der auf Alles was vorging, aufmerksam lauschte, hörte und verstand diesen Beweis einer vorübergehenden Schwäche seines Freundes, und bei einer spätern Gelegenheit fragte er ihn genauer aus über den ganzen Hergang auf der Küste, wo Wildtödter zuerst einem Menschen das Leben genommen. Nachdem er die ganze Wahrheit herausbekommen, ermangelte er nicht, Alles dem Stamme mitzutheilen, und von dieser Zeit an war der junge Jäger allgemein bekannt bei den Delawaren unter einem so ehrenvoll erworbenen Namen. Da jedoch dieß später fällt, als alle Begebenheiten dieser Erzählung, werden wir den jungen Jäger fortwährend mit dem Namen bezeichnen, unter welchem wir ihn zuerst dem Leser vorgeführt haben. Der Irokese war nicht weniger betroffen über die prahlende Aussage des weißen Mannes. Er wußte von dem Tod seines Kameraden und verstand die Anspielung ohne Schwierigkeit: denn die Begegnung des Siegers und seines Opfers bei dieser Gelegenheit war von mehreren Wilden auf der Küste des See's gesehen worden, welche an verschiednen Punkten dicht am Saum der Gebüsche waren ausgestellt gewesen, um die auf dem See treibenden Canoe's zu beobachten, aber nicht Zeit gehabt hatten, die Scene des Kampfes zu erreichen, ehe der Sieger sich zurückgezogen. Die Wirkung war bei diesem rohen Wesen des Waldes ein Ausruf der Ueberraschung; dann folgte ein Lächeln der Höflichkeit und ein Winken mit der Hand, wie es asiatischer Diplomatie würde Ehre gemacht haben. Die beiden Irokesen besprachen sich miteinander in leisem Tone, und beide traten auf das der Plattform nächstgelegene Ende des Floßes. »Mein Bruder Falkenauge hat eine Botschaft zu den Huronen gesandt,« begann wieder Rivenoak, »und sie hat ihre Herzen sehr froh gemacht. Sie hören, er hat Bilder von Thieren mit zwei Schwänzen! Will er sie seinen Freunden zeigen?« » Feinden , wäre wahrer,« versetzte Wildtödter, »aber das Wort ist nicht die Sache, und schadet Wenig. Hier ist eines von den Bildern; ich werfe es Euch hinunter auf Treu und Glauben des Vertrags. Wird es nicht zurückgegeben, so wird die Büchse die Sache zwischen uns in's Reine bringen,« Die Irokesen schienen mit den Bedingungen zufrieden, und Wildtödter stand auf, und schickte sich an, einen der Elephanten auf den Floß zu werfen, wobei beide Theile alle erforderliche Vorsicht anwandten, um dessen Verlust zu verhüten. Da Uebung die Menschen in solchen Dingen geschickt macht, war die kleine Figur von Elfenbein bald aus einer Hand in die andere glücklich überliefert; und dann folgte auf dem Floß eine Scene, wo Erstaunen und Entzücken die Oberhand gewann über indianischen Stoicismus. Die beiden grimmigen alten Krieger zeigten sogar bei Besichtigung der seltsam gearbeiteten Schachfigur noch größere Aufregung, als der Knabe verrathen halte, denn bei dem letzteren wirkte noch der frische Einfluß der durchgemachten Schule und Zucht, während die Männer, wie Alle, die sich auf ihren begründeten Ruf verlassen, sich nicht schämten, ihre Empfindungen zum Theil kund zu geben. Einige Minuten lang hatten sie dem Anschein nach das ganze Bewußtseyn ihrer Lage verloren über der genauen und lebhaften Prüfung, mit der sie bei einem so kostbaren Material, einer so schönen Arbeit und einem so außerordentlichen Thiere verweilten. Das Maul des Elennthiers hat vielleicht noch am meisten Aehnlichkeit mit dem Rüssel des Elephanten unter den Thieren der amerikanischen Wälder; aber diese Aehnlichkeit war weit nicht auffallend genug, um die ihnen neue Creatur in den Kreis ihrer Vorstellungen und des ihnen Gewohnten hineinzuziehen, und je länger sie daran studirten, um so größer ward ihr Staunen. Auch nahmen diese Kinder des Waldes keineswegs das Gebäude auf dem Rücken des Elephanten irrigerweise für einen Theil des Thieres selbst. Sie waren mit Pferden und Ochsen bekannt, hatten in den Canada's Thürme gesehen, und fanden nichts Befremdendes an Lastthieren. Doch aber meinten sie, vermöge einer sehr naheliegenden Vorstellung, das Schnitzwerk bedeute so Viel, daß das Thier, welches sie sahen, Stärke genug besitze, um auf seinem Rücken ein Fort zu tragen, – ein Umstand, der ihre Verwunderung durchaus nicht verminderte. »Hat mein Bleichgesichtbruder noch mehr solche Thiere?« fragte endlich der Aeltere der Irokesen in halb bittendem Tone. »Es sind da, woher sie kommen, noch mehrere, Mingo,« war die Antwort; »aber Eines ist genug, um fünfzig Skalpe abzukaufen.« »Einer meiner Gefangnen ist ein großer Krieger – hoch wie eine Tanne – stark wie das Elennthier – schnell wie der Hirsch – trotzig wie der Panther! Er wird einmal ein großer Häuptling werden und das Heer des Königs George anführen.« »Still! still! Mingo; Harry Hurry ist Harry Hurry, und Ihr werdet nie mehr als einen Corpora! aus ihm machen und das kaum. Allerdings ist er hoch; aber das nützt Nichts, denn er stößt da nur seinen Kopf an die Zweige, wenn er durch den Wald geht. Auch ist er stark; aber ein starker Leib ist nicht ein starker Kopf, und die Generale des Königs werden nicht nach ihren Sehnen gewählt. Er ist schnell, wenn Ihr wollt, aber eine Büchsenkugel ist schneller; und was den Trotz betrifft, so ist das keine große Empfehlung für einen Soldaten; Solche, die da sich am mannhaftesten dünken, werden oft in einer Klemme sogleich verzagt. Nein – nein – Ihr werdet nie Hurry's Skalp für Mehr ausgeben können, als für einen guten Kopf voll krauser Haare mit einer klappernden Hirnschale darunter!« »Mein alter Gefangner sehr weise – König des See's – großer Krieger, Weiser Rathgeber!« »Nun, es gibt Leute, die dem Allen widersprechen könnten, Mingo. Ein sehr weiser Mann würde sich nicht da so närrischer Weise fangen, lassen, wie dieß Meister Hutter begegnete; und wenn er guten Rath gibt, muß er doch auf schlechten gehorcht haben in dieser ganzen Sache. Es gibt nur Einen König dieses See's, und der ist weit weg, und wird ihn schwerlich je sehen. Floating Tom ist ungefähr so ein König dieser Gegend, wie der Wolf, der durch die Wälder streift, König des Forstes ist. Ein Thier mit zwei Schwänzen ist wohl solche zwei Skalpe werth.« »Aber mein Bruder hat noch ein Thier? – Er wird zwei geben,« und er hielt zwei Finger in die Höhe, »für alten Vater?« »Floating Tom ist nicht mein Vater, aber darum soll er nicht schlimmer fahren. Zwei Thiere für seinen Skalp zu geben, und jedes Thier mit zwei Schwänzen, ist ganz über alles Maaß und Vernunft. Ihr habt von Gewinn zu sagen, Mingo, wenn Ihr einen viel schlechtern Handel macht.« Mittlerweile hatte die Selbstbeherrschung Rivenoak's die Oberhand über seine Verwunderung gewonnen, und er begann, wieder auf seine gewohnte List und Schlauheit zu verfallen, um den möglichst vortheilhaften Handel zu schließen. Es wäre überflüssig. Mehr als den wesentlichen Inhalt des nun folgenden, rasch abspringenden Gesprächs zu erzählen, worin der Indianer nicht wenig Verschlagenheit zeigte bei seinem Bestreben, den unter dem Einfluß der Ueberraschung verlornen Boden wieder zu gewinnen. Er gab sich sogar die Miene zu zweifeln, ob das Original von dem Bilde des Thiers existire, und versicherte, der älteste Indianer habe nie eine Sage von einem solchen Thiere gehört. Schwerlich dachte Einer von Beiden damals daran, daß lange vor Ablauf eines Jahrhunderts der Fortschritt der Civilisation noch viel außerordentlichere und seltenere Thiere in diese Gegend bringen würde, als Merkwürdigkeiten zum Begaffen für die Neugier, und daß namentlich das Thier, über welches die Parteien stritten, in eben dem See, wo sie sich getroffen, zu sehen seyn würde, wie es darin seine Seiten wüsche und herumschwämme. Wie es nicht selten geschieht in solchen Fällen, eine der Parteien wurde im Verlauf der Erörterung etwas warm; denn Wildtödter begegnete allen Gründen und Vorspiegelungen seines schlauen und gewandten Gegners mit der ihm eignen kaltblütigen Geradheit und unerschütterlichen Wahrheitsliebe. Was ein Elephant war, wußte er wenig besser als der Wilde: aber er wußte vollkommen gut, daß die geschnitzten Figuren von Elfenbein in den Augen eines Irokesen einen Werth haben müßten, wie ein Sack voll Gold oder ein Haufen Biberfelle in denen eines Kaufmanns. Unter solchen Umständen fand er es daher klug, anfänglich nicht zu Viel zuzugestehen, da ein beinahe unüberwindliches Hinderniß in der Bewerkstelligung des Austausches vorlag, selbst nachdem die unterhandelnden Parteien über die Bedingungen einig geworden wären. Diese Schwierigkeit im Auge, behielt er die übrigen Schachfiguren in Reserve, als Mittel um im Augenblick der Noth alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Endlich behauptete der Wilde, weitere Unterhandlung sey fruchtlos, da er gegen seinen Stamm nicht so ungerecht seyn könne, die Ehre und den Gewinn von zwei trefflichen, ausgewachsenen, männlichen Skalpen hinzugeben für einen so ärmlichen Werth wie die zwei gesehenen Spielzeuge – und schickte sich zum Aufbruch an. Beiden Theilen war jetzt zu Muth wie gewöhnlich Leuten, wenn ein Handel, den zu schließen Jeder den lebhaften Wunsch hat, auf dem Punkt steht, abgebrochen zu werden in Folge zu großer Hartnäckigkeit bei der Unterhandlung. Die Wirkung der getäuschten Hoffnung jedoch war bei den beiden Individuen sehr verschieden. Wildtödter war betroffen und von schmerzlichem Bedauern erfüllt; denn er hatte nicht blos mit den Gefangenen, sondern auch mit den beiden Mädchen tiefes Mitleid. Das Abbrechen der Unterhandlung erfüllte ihn daher mit Trauer und Leidwesen. Bei dem Wilden erweckte seine Niederlage wilde Rachsucht. In einem Augenblick der Aufregung hatte er laut seinen Entschluß ausgesprochen, Nichts weiter zu sagen; und er war gleich wüthend über sich, wie über seinen kaltblütigen Gegner, daß er einem Bleichgesicht in der Kundgebung von Gleichgültigkeit und Selbstbeherrschung den Sieg über einen indianischen Häuptling überlassen hatte. Als er anfing, seinen Floß von der Plattform wegzurudern, wurde sein Gesicht finster und seine Augen glühten, während er dennoch ein freundliches Lächeln und eine Geberde der Höflichkeit zum Abschied erzwang. Es bedurfte eine kleine Weile, die vis inertiae der Baumstämme zu überwinden, und während dieß der Indianer zu Stande brachte, der eine stumme Rolle gespielt, schritt Rivenoak über die Tannenzweige, welche zwischen den Stämmen lagen, in schweigendem Ingrimm hin, und betrachtete mit scharfem Auge während dem das Castell, die Plattform und die Person seines unterhandelnden Gegners. Einmal sprach er in leisem Tone, aber rasch mit seinem Begleiter, und er scharrte mit den Füßen in den Zweigen, wie ein ungeduldiges, stätiges Thier. In diesem Augenblick war die Wachsamkeit Wildtödters etwas erlahmt, denn er saß da, nachsinnend über die Art und Weise, die Unterhandlung wieder zu erneuen, ohne der andern Partei zu viel Vortheil einzuräumen. Vielleicht war es ein Glück für ihn, daß das lebhafte und glänzende Auge Judiths so wachsam war wie immer. In dem Augenblick, wo der junge Mann am wenigsten auf seiner Hut, und sein Feind am wachsamsten und lauerndsten war, rief sie Jenem mit warnender Stimme, sehr zur rechten Zeit Lärm machend, zu: »Seyd auf Eurer Hut, Wildtödter. Ich sehe durch das Fernglas Büchsen über den Tannenzweigen, und der Irokese macht sie mit dem Fuße los!« Es schien fast, als hätte der Feind seine List so weit getrieben, sich eines Unterhändlers zu bedienen, der Englisch verstand. Die bisherige Besprechung hatte in seiner Sprache stattgefunden, aber aus der Art, wie seine Füße plötzlich in ihrer verrätherischen Beschäftigung inne hielten, während zugleich auf dem Gesicht Rivenoaks der trotzige Grimm in ein Lächeln der Höflichkeit sich verwandelte, erhellte deutlich, daß er den Zuruf des Mädchens verstanden hatte. Er winkte seinem Begleiter, der die Stämme in Bewegung zu bringen sich bestrebte, in seinen Bemühungen inne zu halten, trat an das Ende des Floßes zunächst der Plattform und begann zu sprechen. »Warum sollten Rivenoak und sein Bruder eine Wolke zwischen sich lassen?« sagte er. »Sie sind Beide weise, Beide tapfer und Beide großmüthig; sie sollten als Freunde scheiden. Ein Thier soll der Preis für je Einen Gefangnen sey».« »Und Mingo,« versetzte der Andere, hocherfreut die Unterhandlungen erneut zu sehen, auf beinah jede Bedingung hin, und entschlossen, den Handel wo möglich durch eine kleine Extra-Freigebigkeit zu befestigen – »Ihr sollt sehen, daß ein Bleichgesicht wohl den vollen Preis zu bezahlen weiß, wenn er mit einer offnen Hand und einem offnen Herzen zu thun hat. Behaltet das Thier, das Ihr mir zurückzugeben vergessen, als Ihr im Begriff waret abzustoßen, und das ich vergaß zurückzufordern, aus Kummer darüber, daß wir im Zorn scheiden sollten. Zeigt es Euren Häuptlingen. Wenn Ihr uns unsre Freunde zurückbringt, sollen zwei weitere dazukommen – und –« er zauderte einen Augenblick, im Zweifel an der Rathsamkeit eines so großen Zugeständnisses, für das er sich jedoch am Ende entschied – »und wenn wir sie hier sehen, ehe die Sonne untergeht, so findet sich vielleicht auch das vierte, um die Zahl gerade zu machen.« Dieß brachte die Sache ins Reine. Jeder Schatten von Mißvergnügen verschwand aus dem dunkeln Angesicht des Irokesen, und er lächelte so huldvoll, wenn auch nicht so holdselig, wie Judith Hutter selbst. Die schon in seinem Besitz befindliche Figur ward von neuem besichtigt, und ein Ausruf der Freude zeigte, wie sehr er mit diesem unerwarteten Ausgang der Sache zufrieden war. In der That hatten er und Wildtödter für den Augenblick in der Wärme ihres Affekts vergessen, was aus dem Gegenstand ihres Streites selbst geworden; dies war jedoch nicht der Fall bei Rivenoaks Begleiter. Dieser hielt die Figur in Händen und war fest entschlossen, wenn sie unter solchen Umständen zurückverlangt würde, welche die Zurückgabe nothwendig machten, sie in den See fallen zu lassen, wo er sie künftig einmal wieder zu finden zuversichtlich hoffte. Dieß verzweifelte Auskunftsmittel jedoch war jetzt nicht mehr nöthig, und nachdem die Bedingungen der Uebereinkunft wiederholt worden waren, und die Indianer versichert hatten, daß sie sie wohl gefaßt, brachen sie endlich auf und ruderten langsam der Küste zu. »Kann man irgend auf solche Elende Vertrauen setzen?« fragte Judith, als sie mit Hetty auf die Plattform herausgetreten war und neben Wildtödter stand, die schwerfällige Bewegung des Flosses beobachtend; »werden sie nicht am Ende das Spielzeug, das sie haben, behalten, und uns irgend ein blutiges Zeichen schicken, prahlend, daß sie uns überlistet? Ich habe wohl schon von so schlimmen Thaten gehört!« »Ohne Zweifel, Judith; gar kein Zweifel, wäre nicht die indianische Natur. Aber ich verstehe mich nicht auf die Rothhäute, wenn diese zweischwänzige Bestie nicht den ganzen Stamm in eine Aufregung bringt, wie etwa ein Stecken einen Bienenkorb! Nun, da ist Schlange, ein Mann mit Nerven wie Flintenstein, und von nicht mehr Neugier in alltäglichen Dingen, als mit der Klugheit sich verträgt. Nun, und der war so überwältigt von dem Anblick der Creatur, wie sie aus Bein geschnitzt ist, daß ich mich selbst für ihn schämte. Aber das sind eben gerade ihre Gaben, und man kann nicht wohl mit Einem streiten und zanken wegen seiner Gaben, wenn sie rechtmäßig sind. Chingachgook wird bald seine Schwäche überwinden und bedenken, daß er ein Häuptling ist, und daß er von einem großen Geschlecht abstammt, und einen berühmten Namen aufrecht und in Ehren zu halten hat; aber was jene Schufte betrifft, unter denen wird kein Friede seyn, bis sie glauben im Besitz von Allem von der Gattung dieser Figur aus geschnitztem Bein zu seyn, was sich unter Thomas Hutter's Habe findet.« »Sie wissen nur von den Elephanten und können auf das Andere keine Hoffnung haben.« »Das ist wahr, Judith; aber Habsucht ist ein nagendes, begehrliches Gefühl. Sie werden sagen: wenn die Bleichgesichter diese seltsamen Bestien mit zwei Schwänzen haben. Wer weiß, ob sie nicht auch solche mit drei, oder dann auch wohl gar mit vier haben! Das ist, was die Schulmeister natürliche Arithmetik nennen, und gewiß wird das den Wilden in den Sinn kommen. Sie werden sich nicht beruhigen, bis die Wahrheit bekannt ist.« »Meint Ihr, Wildtödter,« fragte Hetty in ihrer einfachen und unschuldigen Art, »daß die Irokesen Vater und Hurry nicht werden gehen lassen? – Ich las ihnen einige der allerbesten Verse aus der Bibel vor, und Ihr seht, was sie schon gethan haben.« Der Jäger hörte, wie er immer that, freundlich und sogar liebevoll Hetty's Worte an; dann sann er einen Augenblick stillschweigend nach. Es war Etwas wie eine Röthe auf seiner Wange, als er, nach Verfluß einer vollen Minute, antwortete. »Ich weiß nicht, üb ein weißer Mann sich schämen soll oder nicht, zu gestehen, daß er nicht lesen kann; aber bei mir ist das der Fall, Judith. Ihr seyd geschickt, finde ich, in allen solchen Dingen, während ich nur die Hand Gottes studirt habe, so wie man sie sieht in Hügeln und Thälern, Bergspitzen, Strömen, in Wäldern und Quellen. Viel kann man auf diese Art lernen, so gut wie aus Büchern; und doch denke ich manchmal, es gehöre zu einen weißen Mannes Gaben, zu lesen! Wenn ich aus dem Munde der Mährischen Brüder die Worte höre, von welchen Hetty spricht, so erwecken sie ein Verlangen in meinem Gemüth, und ich denke, ich wolle selbst auch sie lesen lernen; aber das Wild im Sommer, und die Ueberlieferungen, und der Unterricht im Krieg, und andre Sachen haben mich noch immer daran Verhindert.« »Soll ich's Euch lehren, Wildtödter?« fragte Hetty ernst. »Ich bin schwachsinnig, so sagen sie, aber lesen kann ich so gut wie Judith. Es kann Euch das Leben retten, wenn Ihr den Wilden die Bibel vorzulesen versteht, und gewiß wird es Eure Seele retten, denn das hat mir Mutter gar oft gesagt.« »Dank Euch, Hetty, Dank Euch von ganzem Herzen. Jetzt werden wohl zu unruhige Zeiten kommen, um viel Muße zu haben; aber wenn's Friede ist, und ich wieder an diesen See komme, Euch zu besuchen, dann will ich mich dazu hergeben, und es wird mir eine Lust und ein Gewinn zugleich seyn. Vielleicht sollte ich mich schämen, Judith, daß es so ist; aber Wahrheit ist Wahrheit. Was diese Irokesen belangt, so ist nicht sehr wahrscheinlich, daß sie eine Bestie mit zwei Schwänzen vergessen über einem oder zwei Versen aus der Bibel. Ich vermuthe eher, sie werden die Gefangnen ausliefern, und auf die eine oder andre List und Tücke sich verlassen, sie wieder in ihre Gewalt zu bekommen, und uns und Alle im Castell, sammt der Arche in den Kauf. Indeß, wir müssen die Vagabunden bei guter Laune erhalten, erstlich, um Euern Vater und Hurry aus ihren Händen los zu bekommen, und dann um den Frieden zwischen uns zu erhalten, bis zu der Zeit, wo Schlange es dahin bringen kann, seine Verlobte frei zu machen. Wenn es plötzlich zu einem Ausbruch von Zorn und Wildheit kommt, werden die Indianer alle ihre Weiber und Kinder sofort in's Lager schicken; während wir, wenn wir sie ruhig und zutrauensvoll erhalten, es so werden richten können, daß wir Hist an dem von ihr bezeichneten Ort treffen. Ehe ich jetzt den Handel abbräche, würde ich wohl noch ein Halbdutzend von jenen Bogenundpfeilmännerfiguren drein geben, deren wir genug in dem Schranke haben.« Judith stimmte mit Freuden bei, denn sie hätte selbst den geblümten Brokat aufgeopfert, um nur ihren Vater zu befreien und Wildtödter zu Gefallen. Die Aussichten auf einen glücklichen Erfolg waren jetzt so ermuthigend, daß Alle im Castell sich erleichtert fühlten, obwohl man die gebührende wachsame Beobachtung aller Bewegungen des Feindes nicht vernachläßigte. Stunde jedoch um Stunde verstrich, und die Sonne hatte schon angefangen, sich wieder zu den westlichen Hügeln herab zu senken, und noch sah man keine Spur von einem zurückkehrenden Floße. Endlich entdeckte Wildtödter, der die Küste mit dem Fernglas genau musterte, einen Platz in den dunkeln dichten Wäldern, wo die Irokesen, wie er unzweifelhaft dafür hielt, in ansehnlicher Zahl versammelt waren. Er war in der Nähe des Dickichts, von wo der Floß abgegangen war, und ein kleiner Nach, der in den See rieselte, verkündete die Nähe einer Quelle. Hier also hielten vermuthlich die Wilden ihre Berathung und sollte der Beschluß gefaßt werden, der die Frage über Leben und Tod der Gefangenen entschied. Ein Grund zur Hoffnung jedoch war vorhanden, trotz der Verzögerung, den Wildtödter nicht ermangelte, seinen ängstlich harrenden Freunden mitzutheilen. Es war weit wahrscheinlicher, daß die Indianer ihre Gefangenen im Lager gelassen, als daß sie sich mit ihnen belastet hatten, indem sie sie hätten einer Truppe durch die Wälder folgen lassen, die nur auf einen zeitweiligen Streifzug aus war. Verhielt sich dieß so, dann bedurfte es einer ziemlichen Zeit, um einen Boten nach jenem entferntern Ort zu schicken und die zwei weißen Männer an den Platz zu bringen, wo sie sich einschiffen sollten. Ermuthigt durch diese Gedanken sammelten sie einen neuen Vorrath von Geduld, und das Hinabgleiten der Sonne ward mit weniger Unruhe betrachtet. Der Erfolg rechtfertigte Wildtödters Vermuthung. Nicht lang, ehe die Sonne ganz verschwand, sah man die zwei Stämme aus dem Dickicht wieder hervorkommen, und als der Floß näher kam, verkündigte Judith, ihr Vater und Hurry, beide gebunden, lägen auf den Büschen in der Mitte. Wie zuvor ruderten die Indianer. Die Letztern schienen zu fühlen, daß die späte Tageszeit ungewöhnliche Kraftanstrengung erfordere, und ganz entgegen der Gewohnheit ihres Volks, das immer die Mühe scheut, arbeiteten sie rüstig an den Surrogaten der Ruder. In Folge dieses Eifers nahm der Floß seine frühere Stellung ein schon in etwa der Hälfte der Zeit, die sie bei den frühern Fahrten gebraucht hatten. Selbst nachdem die Bedingungen so deutlich festgesetzt und die Sachen so weit gediehen waren, blieb die wirkliche Uebergabe der Gefangenen eine nicht ohne Schwierigkeit zu erfüllende Obliegenheit. Die Irokesen sahen sich genöthigt, großes Vertrauen in den guten Glauben und Willen ihrer Feinde zu setzen, obgleich sie es mit Widerstreben, und mehr in Folge der Nothwendigkeit, als mit freiem Willen und mit Zuversicht thaten. Sobald Hutter und Hurry freigelassen waren, zählte die Truppe im Castell, denen auf dem Floß gegenüber, Zwei gegen Einen, und von Flucht konnte keine Rede seyn, da Jene drei Canoe's besaßen, Nichts zu sagen von den Vertheidigungsanstalten des Hauses und der Arche. Alles dieß ward von beiden Partheien wohl begriffen und vermuthlich wäre die Uebereinkunft nie ganz in's Reine gebracht worden, hätte nicht Wildtödters ehrliches Gesicht und Wesen seine gewöhnliche Wirkung auch bei Rivenoak gethan. »Mein Bruder weiß, ich setzte Vertrauen in ihn ,« sagte der Letztere, indem er mit Hutter näher trat, dessen Beine losgebunden waren, damit der alte Mann die Plattform hinansteigen konnte, »Ein Skalp – Ein Thier mehr!« »Ha, Mingo,« unterbrach ihn der Jäger, »behaltet Euern Gefangenen noch einen Augenblick. Ich muß gehen und die Mittel der Zahlung suchen.« Diese Entschuldigung jedoch, obwohl zum Theil wahr, war doch hauptsächlich eine List. Wildtödter verließ die Plattform, trat in das Haus und wies Judith an, alle Waffen zusammenzutragen und in ihrem Gemache verbergen. Dann sprach er ernstlich mit dem Delawaren, der wie früher nahe am Eingang des Gebäudes Wache hielt, steckte die drei Thürme in die Tasche und kehrte zurück. »Seyd willkommen, zurück in Euerer alten Wohnung, Meister Hutter,« sagte Wildtödter, indem er ihm auf die Plattform heraufhalf, zu gleicher Zeit schlau wieder einen Thurm in die Hand Rivenoaks schiebend. »Ihr findet Eure Töchter hoch erfreut Euch wieder zu sehen, und da kommt Hetty selbst, um Euch dieß von sich zu versichern.« Hier hielt der Jäger von selbst im Reden inne, und brach in sein eigenthümliches, stilles aber herzliches Lachen aus. Hurry's Beine waren eben losgebunden und er auf die Füße gestellt worden. So eng hatte man die Bande angezogen, daß die Gebundenen nicht sogleich wieder den Gebrauch ihrer Glieder erlangten, und der junge Riese machte in allem Ernst eine sehr hülflose und einigermaßen komische Figur. Es war dieß ungewohnte Schauspiel, besonders das verdutzte Gesicht, was Wildtödters Fröhlichkeit erregte. »Ihr seht aus wie eine geringelte Tanne auf einer Lichtung, Harry Hurry, die sich in einem Sturme wiegt,« sagte Wildtödter, seine unzeitgemäße Lustigkeit zügelnd, mehr aus Zartgefühl gegen die Andern, als aus Achtung vor dem befreiten Gefangenen. »Es freut mich jedoch zu sehen, daß Euch nicht Euer Haar von einem der Irokesischen Barbiere bei Eurem letzten Besuch in ihrem Lager ist frisirt worden.« »Hört, Wildtödter,« versetzte der Andere etwas trotzig; »es wäre klug von Euch, bei dieser Gelegenheit weniger der Lustigkeit zu pflegen, und mehr der Freundschaft. Handelt einmal wie ein Christ, und nicht wie ein lachsüchtiges Mädchen in einer Landschule, wenn der Lehrer den Rücken kehrt, und sagt mir nur, ob da am Ende von meinen Beinen Füße sind oder nicht? Ich glaube sie doch zu sehen, aber was das Fühlen betrifft, so könnten sie ebenso gut drunten an den Ufern des Mohawks seyn, als wo sie mir zu seyn scheinen.« »Ihr seyd ganz davongekommen, Hurry, und das will Viel sagen,« versetzte der Andere, heimlich dem Indianer den Rest des bedungenen Lösegeldes zusteckend, und zugleich gab er ihm einen ernsten Wink, seinen Rückzug anzutreten. »Ihr seyd ganz davongekommen, mit Füßen und Allem, und seyd jetzt nur ein wenig starr, in Folge des scharfen Anziehens der Weiden. Die Natur wird schon das Blut in Bewegung setzen, und dann könnt Ihr anfangen zu tanzen, um Eure, wie ich sagen möchte, höchst wundervolle und unerwartete Befreiung aus der Höhle der Wölfe zu feiern.« Wildtödter löste die Arme seiner Freunde von den Banden, so wie Beide heraufstiegen, und sie stampften und hinkten jetzt auf der Plattform herum, brummend und Verwünschungen ausstoßend, indem sie dem wiederkehrenden Blutumlauf nachzuhelfen suchten. Sie waren jedoch zu lange gebunden gewesen, um in einem Augenblick wieder den Gebrauch ihrer Glieder zu erlangen; und da die Indianer auf dem Rückweg ebenso fleißig arbeiteten, als auf dem Herweg, war der Floß volle hundert Schritte von dem Castell entfernt, als Hurry, zufällig nach jener Richtung gewandt, entdeckte, wie schnell derselbe dem Bereich seiner Rache sich entziehe. Er konnte sich jetzt mit erträglicher Leichtigkeit bewegen, obwohl noch starr und steif. Ohne jedoch seinen Zustand zu erwägen, ergriff er die Büchse, die an Wildtödters Schulter gelehnt war, und suchte sie zu spannen und anzulegen, der junge Jäger war ihm aber zu schnell. Er faßte das Gewehr und entrang es den Händen des Riesen, doch nicht ohne daß es in dem Kampfe losging, als gerade die Mündung nach oben gerichtet war. Wahrscheinlich hätte Wildtödter in diesem Ringen wegen des Zustands von Hurry's Gliedmaßen siegen können; aber im Augenblick, wo das Gewehr losging, ließ es der Letztere fahren, und trollte dem Hause zu, die Beine bei jedem Schritt einen vollen Fuß über den Boden erhebend, weil er gar nicht recht spürte, wie er die Füße setzte. Aber Judith war ihm zuvorgekommen. Der ganze Vorrath von Hutter's Waffen, der in dem Gebäude verwahrt war, als ein Hülfsmittel für den Fall eines plötzlichen Ausbruchs von Feindseligkeiten, war nach Wildtödters Anweisungen entfernt und versteckt worden. In Folge dieser Vorsichtsmaßregel fehlten March alle Mittel zur Ausführung seiner Rachepläne. Getäuscht in seinem rachgierigen Bestreben, setzte sich Hurry nieder, und wie Hutter, war er eine halbe Stunde lang zu sehr damit beschäftigt, den Blutumlauf wieder herzustellen und im freien Gebrauch seiner Glieder sich wieder zu üben, um andern Gedanken nachzuhängen. Nach Verfluß dieser Zeit war der Fluß verschwunden, und die Nacht begann ihre Schatten wieder über die ganze Waldscene zu werfen. Ehe die Dunkelheit völlig eingebrochen war, und während die Mädchen die Abendmahlzeit bereiteten, berichtete Wildtödter in skizzirtem Umriß die Ereignisse, welche stattgehabt, und erzählte ihm, welche Mittel er zur Sicherung seiner Kinder und seines Eigenthums ergriffen habe. Fünfzehntes Kapitel. »So lange Edward herrscht im Land,     Hier nie der Kriegsgott ruht. Es fallen Söhn' und Gatten Euch,     Und Eure Ström' füllt Blut.« »O, Ihr verließt den rechten Herrn,     Als er im Mißgeschick; – Sterbt für die gute Sach', gleich mir,     O kehrt zu ihm zurück!« Chatterton Die Ruhe des Abends stand wieder in eigenthümlichem Contrast mit den Leidenschaften der Menschen, während sein düster anwachsendes Dunkel in ebenso eigenthümlichem Einklang damit stand. Die Sonne war unter, und die Strahlen des geschiedenen Gestirns hatten aufgehört, die Ränder der wenigen Wolken zu vergolden, welche hinlängliche Risse hatten, um sein erbleichendes Licht durchzulassen. Der Wolkenbaldachin oben am Himmel war schwer und dicht, und verhieß wieder eine dunkle Nacht, aber die Fläche des See's war kaum von einem Wellchen gekräuselt. Es wehte ein kleiner Luftzug – Wind konnte man es eigentlich nicht nennen. Doch hatte er, da er schwül und feucht war, eine gewisse Kraft. Die Gesellschaft im Castell war so trüb und schweigsam wie die Scene. Die beiden ausgelösten Gefangenen fühlten sich gedemüthigt und entehrt, aber ihre Beschämung hatte Etwas von der Erbitterung und Tücke der Rachsucht. Sie waren weit mehr geneigt, der Unwürdigkeit zu gedenken, mit der sie während der letzten paar Stunden ihrer Gefangenschaft behandelt worden waren, als Dankbarkeit zu fühlen für die vorhergegangene Milde. Und dann stachelte sie der scharfäugige Mahner, das Gewissen, indem er ihnen Alles, was sie erduldet, als verhängt von einer vergeltenden Gerechtigkeit darstellte, dennoch vielmehr ihren Grimm ihre Feinde entgelten zu lassen, als sich selbst anzuklagen. Die Uebrigen waren nachdenklich, halb aus Leid, halb aus Freude. Wildtödter und Judith hatten mehr die erstgenannte Empfindung, während Hetty für den Augenblick vollkommen glücklich war. Dem Delawaren gewährte ebenfalls die Aussicht, sobald seine Verlobte wieder zu gewinnen, lachende Bilder des Glückes. Unter solchen Umständen, und in solcher Stimmung, nahmen Alle das Abendbrod ein. »Alter Tom!« rief Hurry in ein krampfhaftes, lärmendes Gelächter ausbrechend, »Ihr saht zum Erstaunen einem gebundenen Bären gleich, wie Ihr auf den Tannenzweigen ausgestreckt da laget, und ich wundre mich nur, daß Ihr nicht ärger brummtet. Nun, es ist vorüber und Seufzen und Wehklagen bessern die Sache nicht mehr! Da ist der Spitzbube Rivenoak, der uns hieherbrachte, der hat einen außerordentlichen Skalp, für den ich selbst so Viel gebe wie die Colonie. Ja, es ist mir jetzt, als wäre ich so reich wie der Gouverneur, was diese Sachen betrifft, und ich will Doublone gegen Doublone setzen. Judith, Schätzchen, habt Ihr recht um mich getrauert, als ich in den Händen dieser Philipsteiner war?« Dieser Name bezeichnete eine Familie von deutscher Abkunft am Mohawk, gegen welche Hurry einen großen Widerwillen hegte, und die er mit den Feinden Judäas vermengt hatte. »Unsre Thränen haben den See anschwellen machen, Harry March, wie Ihr an der Küste hättet sehen können«, versetzte Judith mit angenommenem Leichtsinn, von dem ihr Inneres weit entfernt war. »Daß Hetty und ich uns um den Vater grämten, war zu erwarten; aber um Euch ließen wir förmlich Thränen regnen.« »Wir waren in Sorgen und Leid um den armen Hurry, wie um den Vater, Judith,« fiel ihre unschuldige und arglose Schwester ein. »Wahr, Mädchen, wahr; aber wir fühlen Sorge und Leid, um Jeden der in Noth ist, weißt du,« erwiederte die Andere rasch, in zurechtweisendem aber leisem Tone, »dennoch aber, es freut uns, Euch zu sehen, Meister March, und das dazu erlöst aus den Händen der Philipsteiner.« »Ja, es ist eine böse Rotte, und so ist auch die andre Brut, abwärts den Strom. Es ist mir zum Verwundern, wie Ihr uns los bekamet, Wildtödter; und ich verzeihe Euch Eure Einmischung, welche mich hinderte, an diesem Vagabunden Gerechtigkeit zu üben, in Betracht dieses kleinen Dienstes. Weiht uns in das Geheimniß ein, damit wir Euch im Fall der Noth denselben Dienst leisten können. Habt Ihr es mit Lügen oder mit Schmeicheln ausgerichtet?« »Durch keines von beiden, Hurry, sondern durch Kaufen. Wir zahlten ein Lösegeld für Euch Beide, und das dazu ein so hohes, daß Ihr wohl thun würdet, auf Eurer Hut zu seyn, und Euch nicht noch einmal fangen zu lassen, weil sonst unser Vorrath an Gütern nicht ausreichen würde.« »Ein Lösegeld! – Nun dann hat der alte Tom den Spielmann bezahlt, denn all' mein' Sach' hätte nicht das Haar, viel weniger die Haut losgekauft. Ich hätte nicht geglaubt, eine so wilde Rotte wie jene Vagabunden, würden einen Burschen so leicht wieder auf und loslassen, wenn sie ihn einmal fest gepackt und am Boden hätten. Aber Geld ist Geld, und es ist immer unnatürlich schwer, ihm zu widerstehen. Indianer oder Weißer, es ist so ziemlich das Gleiche. Man muß gestehen, Judith, es ist doch eigentlich ein gut Theil menschliche Natur in den Leuten überhaupt!« Hutter stand jetzt auf, winkte Wildtödter, und führte ihn in ein inneres Gemach, wo er auf seine Frage zuerst den Preis erfuhr, der für seine Freilassung war bezahlt worden. Der alte Mann drückte weder Unwillen noch Ueberraschung aus über den Eingriff in seinen Schrank, den man sich erlaubt hatte, obwohl er einige Neugier an den Tag legte, zu erfahren, wie weit die Untersuchung von dessen Inhalt gegangen sey. Auch erkundigte er sich, wo man den Schlüssel gefunden habe. Wildtödters gewohnte Offenherzigkeit hinderte jede Täuschung, und die Besprechung endigte sich bald mit der Rückkehr Beider in das äußere Gemach, welches dem doppelten Behufe des Wohnzimmers und der Küche diente. »Es soll mich wundern, ob Friede ist oder Krieg zwischen uns und den Wilden,« rief Hurry, gerade als Wildtödter, der einen Augenblick geschwiegen hatte, aufmerksam horchte und ohne sich aufzuhalten durch die äußere Thüre schritt. »Diese Zurückgabe von uns Gefangenen hat ein freundschaftliches Ansehen, und wenn Männer mit einander verkehrt und gehandelt haben auf einen ehrlichen und ehrenhaften Fuß, so sollten sie für das Mal wenigstens als gute Freunde scheiden. Kommt zurück, Wildtödter, und gebt uns Eure Meinung, denn ich fange an, Mehr von Euch zu halten, seit Eurem neuesten Benehmen, als ich früher that.« »Hier ist eine Antwort auf Eure Frage, Hurry, wenn Ihr ja solchen Drang und Eile habt, wieder zum Schlagen zu kommen!« Mit diesen Worten warf Wildtödter auf den Tisch, auf den sich der Andere mit dem einen Ellbogen stemmte, eine Art von Miniatur-Holzbündel, bestehend aus einem Dutzend Stecken, die mit einem Riemen von Wildleder eng zusammengebunden waren. March ergriff es begierig, hielt es ganz nahe an ein flammendes Tannenholzscheit, das auf dem Heerde lag, und von dem alles Licht im Zimmer ausging, und überzeugte sich, daß die Enden der sämmtlichen Stecken in Blut getaucht waren. »Wenn das nicht gut Englisch ist,« sagte der trotzige Grenzmann, »so ist es doch gut Indianisch! Da haben wir was sie drunten in York eine Kriegserklärung nennen, Judith. Wie kamt Ihr zu diesem Zeichen der Herausforderung, Wildtödter?« »Einfach genug. Es lag vor noch nicht einer Minute auf Floating Tom's Thorhof, wie ihr es nennt.« »Wie kam es dahin? Es fiel doch nicht aus den Wolken, Judith, wie manchmal kleine Kröten, und dann regnet es auch nicht. Ihr müßt darthun, woher es kommt, Wildtödter, sonst argwohnen wir einen Anschlag, Leuten Angst einzujagen, die längst ihren Verstand verloren hätten, wenn Furcht ihn verscheuchen könnte.« Wildtödter hatte sich einem Fenster genähert und warf einen Blick hinaus auf den dunkel daliegenden See. Zufrieden scheinend mit dem, was er geschaut, trat er zu Hurry, nahm den Bündel Stecken in seine Hand, und besichtigte sie genau. »Ja, es ist eine indianische Kriegserklärung, ganz gewiß,« sagte er, »und es ist ein Beweis, wie wenig Ihr gewöhnt seyd an den Weg, den sie gemacht hat, Hurry March, daß sie hieher kommen konnte, ohne daß Ihr die Art und Weise begreift. Die Wilden mögen Euch den Skalp auf dem Kopf gelassen, aber sie müssen Euch die Ohren abgeschnitten haben; sonst hättet Ihr das Rauschen des Wassers gehört, das der Junge verursachte, als er wieder auf seinen zwei Baumstämmen herfuhr. Sein Auftrag war, diese Stecken vor unsre Thüre zu werfen, was so viel sagen will: wir haben seit dem Handel in den Kriegspfahl gehauen, und unser Nächstes wird seyn, auf Euch einzuhauen.« »Die herumstreichenden Wölfe! Aber reicht mir die Büchse, Judith, so will ich den Vagabunden durch ihren Boten eine Antwort schicken.« »Nicht, solang ich dabei bin, Meister March,« entgegnete kaltblütig Wildtödter, und winkte dem Mädchen, es zu unterlassen. »Wort ist Wort, sey es einer Rothhaut oder einem Christen gegeben. Der Junge zündete ein Scheit an, und fuhr bei dessen Licht offen herüber, uns diese Warnung zu überbringen, und kein Mensch hier darf ihm ein Leid thun, während er eine solche Sendung ausführt. Worte nützen Nichts, denn der Knabe ist zu schlau, um den Spahn fortbrennen zu lassen, nachdem sein Gewerbe bestellt ist, und auch die Nacht ist zu dunkel, um mit einer Büchse irgend sicher zielen zu können.« »Das mag wahr genug seyn von einem Gewehr, aber noch ist ein Canoe zu Etwas zu brauchen,« antwortete Hurry, mit ungeheuren Schritten, eine Büchse in der Hand, auf die Thüre zugehend. »Der Mensch lebt nicht, der mich hindern soll zu folgen, und des Wurmes Skalp zurückzubringen. Je Mehrere von ihnen Ihr im Ei zerdrückt, desto Weniger werden Euch in den Wäldern anfallen!« Judith zitterte wie eine Espe, sie wußte selbst kaum warum, obwohl alle Aussicht auf eine Scene der Gewaltthat vorhanden war; denn wenn Hurry trotzig und übermüthig war im Bewußtseyn seiner Stärke, so besaß Wildtödter die ruhige Festigkeit, welche größere Beharrlichkeit verspricht, und eine Entschlossenheit, die mehr Aussicht hat ihren Zweck zu erreichen. Es war mehr das finstere, entschlossene Auge des Letztern, als die aufbrausende Heftigkeit des Erstern, was ihre Besorgniß rege machte. Hurry erreichte bald den Ort, wo das Canoe befestigt war, aber schon hatte auch Wildtödter mit dem Delawaren in raschem, ernstem Tone in seiner Sprache gesprochen. Dieser war in der That der Erste gewesen, der den Laut der Ruder vernommen hatte, und war in eifersüchtiger Wachsamkeit auf die Plattform getreten. Das Licht überzeugte ihn, daß eine Botschaft komme, und als ihm der Junge das Bündel Stecken vor die Füße warf, so erregte dieß weder seinen Zorn, noch überraschte es ihn. Er blieb nur auf seinem Wachtposten, die Büchse in der Hand, um sich zu versichern, daß keine Verrätherei hinter der Herausforderung laure. Da ihm jetzt Wildtödter rief, trat er in das Canoe, und entfernte schnell wie ein Gedanke die Ruder. Hurry war wüthend, als er sich der Mittel zur Ausführung seines Vorsatzes beraubt sah. Zuerst näherte er sich dem Indianer mit lauten Drohungen, und selbst Wildtödter war in tödtlicher Angst wegen der möglichen Folgen. March schüttelte seine hammerartigen Fäuste und schwang die Arme, als er auf den Indianer zutrat, und Alle erwarteten, er werde den Delawaren zu Boden zu werfen versuchen; Einer von ihnen wenigstens wußte wohl, daß Blutvergießen die unmittelbare Folge eines solchen Versuchs seyn müßte. Aber selbst Hurry ward etwas unheimlich zu Muth bei der finstern Fassung und Haltung des Häuptlings, und auch er wußte, daß ein solcher Mann sich nicht ungestraft mißhandeln ließ; daher wandte er sich, um seine Wuth an Wildtödter auszulassen, wo er keine so schreckliche Folgen voraussah. Was das Ergebniß dieser zweiten Demonstration gewesen wäre, wenn es zur Thätlichkeit gekommen wäre, läßt sich nicht sagen, aber es kam nicht so weit. »Hurry!« sagte eine sanfte, begütigende Stimme dicht an seiner Seite, »es ist sündhaft, so grimmig zu seyn, und Gott wird es nicht übersehen. Die Irokesen haben Euch gut behandelt, und Euch den Skalp nicht genommen, obgleich Ihr und Vater ihnen die ihrigen nehmen wolltet.« Die Macht der Milde und Sanftmuth über die Leidenschaft ist bekannt. Auch hatte Hetty sich eine Art Schätzung erworben, die man ihr früher nie zugestanden hatte, durch die Aufopferung und Entschlossenheit ihrer jüngsten Handlungsweise. Vielleicht steigerte ihre anerkannte Geistesschwäche, die jeden Verdacht beseitigte, als wolle sie sich eine Herrschaft anmaßen, ihren Einfluß. Wie nun aber die Ursache erklärt und gedeutet werden mochte, die Wirkung war gewiß genug. Statt seinen alten Reisegenossen zu würgen, kehrte sich Hurry gegen das Mädchen, und ergoß einen Theil seines Mißmuthes, wenn auch nicht seines Zorns, in ihr aufmerksames Ohr. »Es ist zu schlimm, Hetty!« rief er aus; »so schlimm als ein Grafschaftsgefängniß, oder ein Biberfehljahr, eine Creatur in die Falle bekommen, und sie dann wieder los und ledig lassen! So viel als sechs Häute erster Qualität ist an Werth fortgerudert auf den plumpen Baumstämmen, während zwanzig Schläge einer wohlgeführten Ruderschaufel sie einholen würden. Ich sage an Werth , denn was den Jungen nach der Natur betrifft, so ist er eben ein Knabe, und nicht Mehr noch Weniger werth, als jeder Andere. Wildtödter, Ihr seyd untreu gewesen gegen Eure Freunde, daß Ihr einen solchen Vortheil meinen und auch Euren Händen entschlüpfen ließet.« Die Antwort darauf ward mit Ruhe gegeben, aber in einem so festen Tone, wie nur immer eine furchtlose Natur und das Bewußtseyn der Rechtlichkeit ihn machen konnten. »Ich wäre dem, was recht ist, untreu geworden, hätte ich anders gehandelt,« erwiederte Wildtödter mit Fassung, »und weder Ihr noch sonst Jemand hat die Befugniß, das von mir zu verlangen. Der Junge kam in einem rechtmäßigen Auftrag, und die elendeste Rothhaut, die sich in den Wäldern umtreibt, hätte sich geschämt, seine Sendung nicht zu respektiren. Aber er ist jetzt außer dem Bereich Eures Zornes, Meister March, und es hilft Wenig, wie ein Paar Weiber von dem zu schwatzen, was nicht mehr zu ändern ist.« Mit diesen Worten wandte sich Wildtödter weg, wie entschlossen, keine Worte weiter über der Sache zu verschwenden, während Hutter Hurry am Ermel zupfte und ihn in die Arche zog. Hier saßen sie lang in heimlicher Besprechung. Mittlerweile hatten auch der Indianer und sein Freund ihre geheime Berathung; denn obgleich es noch drei oder vier Stunden waren bis zum Aufgang des Sterns, konnte sich doch Jener nicht enthalten, seinen Plan vorzubereiten, und sein Herz gegen den Andern zu öffnen. Auch Judith gab sich ihren sanftern Gefühlen hin und hörte Hetty's ganze kunstlose Erzählung von Allem, was sich begeben, nachdem sie an's Land getreten, an. Die Wälder hatten wenig Schrecknisse für diese beiden Mädchen, so wie sie erzogen und gewohnt waren, täglich ihre weite, üppige Ausbreitung zu schauen, oder unter ihren dunkeln Schatten zu wandeln; aber das fühlte die ältere Schwester, daß sie sich bedacht haben würde, sich so allein in das Lager der Irokesen zu wagen. Im Betreff Hist's war Hetty nicht sehr mittheilsam. Sie sprach von ihrer Güte und Sanftmuth und von ihrer Begegnung im Walde; aber das Geheimniß Chingachgook's bewahrte sie mit einer Schlauheit und Treue, welche manches Mädchen von schärferem Verstande schwerlich bewährt haben dürfte. Endlich wurde den verschiednen Besprechungen ein Ende gemacht durch Hutter's Wiedererscheinen auf der Plattform. Hier versammelte er die ganze Gesellschaft, und theilte ihr von seinen Absichten mit, so Viel ihm passend dünkte. Den von Wildtödter gemachten Plan, das Castell während der Nacht zu verlassen und sich auf die Arche zu flüchten, billigte er ganz. Es leuchtete ihm ebenso wie früher den Andern ein, als das einzige wirksame Mittel, dem Verderben zu entgehen. Jetzt, nachdem die Wilden ihr Augenmerk auf Erbauung von Flößen gerichtet, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß sie wenigstens einen Versuch machen würden, das Gebäude zu nehmen, und die Sendung der blutigen Stecken bewies hinlänglich ihr Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg. Kurz, der alte Mann sah die Nacht als entscheidend an, und forderte Alle auf, sich so bald als möglich bereit zu machen, die Wohnung wenigstens für einige Zeit, wo nicht für immer zu verlassen. Nachdem diese Mitteilungen gemacht waren, wurde Alles rasch und mit Einsicht betrieben: das Castell ward in der schon angegebenen Weise geschlossen, die Canoe's unter dem Dock weggenommen und mit dem andern an der Arche befestigt; die wenigen Bedürfnisse, die man noch im Hause gelassen, wurden in die Cajüte geschafft, das Feuer ausgelöscht und Alle schifften sich ein. Die Nähe der Hügel mit ihrer Tannenbekleidung hatte die Wirkung, daß finstere Nächte auf dem See noch dunkler als gewöhnlich waren. Wie immer jedoch, zog sich ein vergleichungsweise lichter Streifen mitten durch den Wasserspiegel, während die Finsterniß im Bereich der Schatten der Berge am schwersten auf dem Gewässer lastete. Die Insel, oder das Castell, stand innerhalb dieses Streifens, der verhältnißmäßig licht war, aber dennoch war die Nacht so dunkel, daß sie die Abfahrt der Arche dem Auge verbarg. Auf die Entfernung eines Beobachters von der Küste aus konnten ihre Bewegungen gar nicht gesehen werden, zumal da ein Hintergrund von dunkeln Bergen die Perspektive von jedem Gesichtspunkt begrenzte, den man schräg oder in gerader Linie über das Wasser hin nahm. Der vorherrschende Wind auf den Seeen dieser Gegend ist der Westwind, aber wegen der durch die Berge gebildeten Thaleinschnitte ist es häufig unmöglich, die eigentliche Richtung der Luftströmungen anzugeben, da sie oft in kleinen Entfernungen und Zeiträumen wechseln. Dieß gilt mehr von leichten, schwankenden Luftstößen, als von steten Lüftchen, obschon man in allen gebirgigen Gegenden und schmalen Gewässern recht gut weiß, daß auch die Stöße von den letztern unsicher und täuschend sind. Im gegenwärtigen Falle war Hutter selbst, als er die Arche von ihrem Ankerplatz neben der Plattform wegdrängte, in Verlegenheit zu sagen, welcher Wind wehe. In der Regel wurde diese Schwierigkeit gelöst durch die Wolken, die, hoch über den Bergspitzen schwebend, natürlich den eigentlichen Luftströmungen folgten; aber jetzt schien das ganze Himmelsgewölbe eine massive, finstre Mauer. Keine Oeffnung irgend einer Art war sichtbar, und Chingachgook zitterte schon, das Nichtaufgehen des Sterns möchte seine Verlobte abhalten, ihrem Versprechen pünktlich nachzukommen. Unter diesen Umständen zog Hutter sein Segel wie es schien nur in der Absicht auf, von dem Castell wegzukommen, da es gefährlich seyn mochte, viel länger in dessen Nähe zu verweilen. Der Wind schwellte bald das Tuch, und als das Fahrzeug in Bewegung kam, und das Segel gehörig aufgezogen war, zeigte sich's, daß die Richtung südlich, mit einer Abweichung nach der östlichen Küste, war. Da sich für die Absichten der Gesellschaft keine bessere Richtung fand, ließ man das eigenthümliche Fahrzeug in dieser Richtung über eine Stunde auf der Wasserfläche hintreiben, als ein Wechsel in der Luftströmung sie hinüber dem Lager zu trieb. Wildtödter beobachtete alle Bewegungen Hutter's und Harry's mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Anfänglich wußte er nicht, ob er die Richtung, die sie hielten, dem Zufall oder einer Absicht zuschreiben sollte; aber jetzt begann er letzteres zu argwöhnen. So vertraut mit dem See, wie Hutter war, mußte es ihm eine leichte Sache seyn, Einen zu täuschen, der wenig Uebung auf dem Wasser hatte; und was immer seine Absichten seyn mochten, so Viel war, ehe zwei Stunden verstrichen, klar, daß die Arche so viel Wegs zurückgelegt, daß sie sich nur hundert Ruthen von der Küste entfernt und gerade in Einer Linie mit der bekannten Lage des indianischen Lagers befand. Eine ziemliche Zeit, ehe man diesen Punkt erreicht, hatte Hurry, der einige Kenntniß der Algonquinsprache besaß, eine heimliche Unterredung mit dem Indianer gehabt, und das Ergebniß ward jetzt von diesem dem Wildtödter mitgetheilt, der ein kalter, um nicht zu sagen mißtrauischer Beobachter alles Bisherigen gewesen. »Mein alter Vater und mein junger Bruder, die Große Tanne,« – denn diesen Namen hatte der Delaware March gegeben – »möchten Huronenskalpe an ihren Gürteln sehen,« sagte Chingachgook zu seinem Freunde. »Es ist Raum für einige an dem Gürtel der Schlange, und sein Volk wird nach solchen sehen, wenn er zurückkommt in sein Dorf. Ihre Augen dürfen nicht lange in einem Nebel bleiben, sondern sie müssen sehen, was sie suchen und erwarten. Ich weiß, daß mein Bruder eine weiße Hand hat; er mag nicht einmal die Todten beschädigen. Er wird auf uns warten; wenn wir zurückkommen, wird er sein Angesicht nicht verbergen aus Schaam für seinen Freund. Die Große Schlange der Mohikans muß werth seyn, auf dem Kriegspfad zu schreiten mit Falkenauge.« »Ja, ja, Schlange, ich sehe wie es ist; der Name soll mir bleiben, und bald werde ich unter ihm, statt unter dem Wildtödters bekannt seyn; nun gut, wenn solche Ehren kommen, so muß sie sich der Bescheidenste von uns gern gefallen lassen. Daß Ihr Euch nach Skalpen umseht, das gehört zu Euern Gaben, und ich sehe nichts Arges daran. Aber seyd barmherzig, Schlange; seyd barmherzig, darum bitte ich Euch. Es kann sicherlich der Ehre einer Rothhaut nicht schaden, etwas Barmherzigkeit zu zeigen. Was den alten Mann betrifft, den Vater der zwei Mädchen, die bessere Gefühle in seiner Brust zur Reife bringen sollten, und Harry March da, der, so eine hohe Tanne er ist, wohl besser die Früchte eines mehr christlichen Baumes tragen dürfte, was die Zwei betrifft, so stelle ich sie den Händen des Gottes der Weißen anheim. Wären nicht die blutigen Stecken, so sollte kein Mensch heute Nacht gegen die Mingo's ausziehen, sintemal es unsre Treue und unsern Ruf entehren würde; aber die da Blut begehren, können sich nicht beklagen, wenn Blut vergossen wird auf ihre Aufforderung. Aber dennoch, Schlange, könnt Ihr barmherzig seyn. Beginnt Eure Laufbahn nicht unter dem Wehklagen von Weibern und dem Geheule von Kindern. Benehmt Euch so, daß Hist lächeln wird und nicht weinen, wenn sie Euch wieder sieht. Geht denn jetzt, und der Manitou schütze Euch!« »Mein Bruder wird hier mit dem Fahrzeug warten. Wah! wird bald wartend an der Küste stehen, und Chingachgook muß eilen.« Dann begab sich der Indianer zu seinen zwei Mitabenteurern, und nachdem sie zuerst das Segel herabgelassen, traten sie alle Drei in ein Canoe und stießen von der Arche ab. Weder Hutter noch March sprachen mit Wildtödter von ihrem Vorhaben, oder von der muthmaßlichen Dauer ihrer Abwesenheit, Alles dieß war dem Indianer anvertraut worden, der sich seines Auftrags mit charakteristischer Kürze entledigt hatte. Sobald man das Canoe aus dem Gesicht verloren – und das war der Fall, ehe die Ruder zwölf Schläge gethan hatten, traf Wildtödter die besten Vorkehrungen, die in seiner Macht standen, um die Arche so viel als möglich auf demselben Punkte beharren zu machen, und dann setzte er sich auf dem Ende der Fähre nieder, um an seinen bittern Gedanken zu kauen. Es stand jedoch nicht lang an, bis Judith sich zu ihm gesellte, die jede Gelegenheit aufsuchte, in seiner Nähe zu seyn, und ihre Angriffe auf seine Neigung mit der Geschicklichkeit ausführte, welche ihr angeborene Coketterie an die Hand gab, unterstützt von einer nicht kleinen Uebung, die aber ihre gefährliche Macht hauptsächlich von dem Anflug von Gefühl erhielt, die ihr Benehmen, Stimme, Ton, Gedanken und Handlungen mit dem unbeschreiblichen Zauber natürlicher Zärtlichkeit und Weichheit umkleidete. Wir verlassen den jungen Jäger, diesen gefährlichen Angreifern preisgegeben, und erfüllen die dringendere Pflicht, der Gesellschaft in dem Canoe an die Küste zu folgen. Das gewaltige Motiv, das Hutter und Hurry zur Wiederholung ihres Versuchs gegen das feindliche Lager trieb, war genau dasselbe, das ihre erste Unternehmung veranlaßt hatte, etwas verstärkt vielleicht durch Rachgier. Aber Keiner von diesen zwei rauhen Wesen, so gefühllos in Allem, was die Rechte und Interessen der rothen Menschen betraf, obwohl in andern Dingen nicht ohne Regungen menschlicher Empfindung, war in bedeutendem Maße durch andere Beweggründe geleitet, als von herzloser Gewinnsucht. Hurry hatte zwar gleich Anfangs nach seiner Befreiung Zorn über seine durchgemachten Leiden gefühlt, aber dieser Affekt war bald verschwunden über der ihm zur andern Natur gewordenen Sucht nach Gold, nach dem er mehr mit der gewissenlosen Gier eines bedürftigen Verschwenders, als mit dem unablässigen Verlangen eines Geizigen trachtete. Kurz, das Motiv, das sie trieb, so bald wieder gegen die Huronen auszuziehen, war eine zur Gewohnheit gewordene Verachtung ihrer Feinde, welche zugleich die rastlose Habsucht, die der Verschwendung Mittel liefern mußte, in Bewegung setzte. Bei der Entwerfung des zweiten Planes jedoch nahmen auch die verstärkten Aussichten auf Erfolg ihre Stelle ein. Man wußte, daß ein großer Theil der Krieger, vielleicht alle, für die Nacht gerade gegenüber dem Castell sich gelagert hatten, und man hoffte, die Skalpe hülfloser Opfer würden die Folgen hiervon seyn. Die Wahrheit zu gestehen: Hutter besonders – er, der so eben zwei Töchter verlassen hatte – hoffte in dem Lager Wenige sonst außer Weibern und Kindern zu treffen. Auf diesen Umstand hatte er in seinen Besprechungen mit Hurry nur leise hingedeutet, und gegen Chingachgool hatte man ihn ganz aus dem Auge gelassen. Wenn der Indianer überhaupt daran dachte, so war das Niemand bekannt als ihm. Hutter steuerte das Canoe; Hurry hatte mannhaft seinen Posten vorn eingenommen, und Chingachgook stand in der Mitte. Wir sagen stand; denn alle drei waren so geschickt in der Handhabung dieser Art von gebrechlichen Barken, daß sie im Stande waren, mitten in der Dunkelheit aufgerichtet darin zu stehen. Die Annäherung an die Küste geschah mit großer Vorsicht, und die Landung erfolgte ungefährdet. Jetzt setzten die Drei ihre Waffen in Bereitschaft, und begannen wie Tiger sich dem Lager zu nähern. Der Indianer war der Vorderste, und seine Begleiter traten in seine Fußtapfen mit einer verstohlenen Vorsicht, die ihre Schritte beinahe in buchstäblichem Sinne geräuschlos machte. Manchmal knackte ein dürrer Zweig unter der schweren Wucht des gigantischen Hurry, oder der ungeschickten Plumpheit des alten Mannes; aber wäre der Indianer auf der Luft dahingewandelt, sein Schritt hätte nicht leichter seyn können. Die Hauptaufgabe war, zuerst die Stellung des Feuers zu entdecken, das, wie man wußte, den Mittelpunkt des Lagers bildete. Endlich wurde das scharfe Auge Chingachgook's dieses wichtigen Wegweisers ansichtig. Es glimmte in einiger Entfernung zwischen den Baumstämmen; es war seine Flamme, sondern nur ein verglühender Brand, wie es der Stunde gemäß war; denn die Wilden begeben sich gewöhnlich zur Ruhe und stehen auf mit dem Unter- und Aufgang der Sonne. Sobald man dieses Feuersignals ansichtig geworden, schritten die Abenteurer rascher und sicherer vorwärts. In wenigen Minuten gelangten sie an den Rand des Kreises von kleinen Hütten. Hier machten sie Halt, um das Terrain in's Auge zu fassen, und ihre Bewegungen zu verabreden. Die Finsterniß war so dicht, daß es schwer war, irgend Etwas zu unterscheiden außer dem glühenden Brand, den Stämmen der nächsten Bäume und dem endlosen Blätterdach, das den umwölkten Himmel verschleierte. Es wurde jedoch ausgemittelt, daß eine Hütte ganz in der Nähe war, und Chingachgook machte den Versuch, das Innere derselben auszukundschaften. Die Art, wie sich der Indianer dem Orte näherte, wo man Feinde vermuthete, glich dem tückischen Heranschleichen der Katze auf den Vogel. Als er nahe herankam, ließ er sich auf Hände und Kniee nieder, denn der Eingang war so nieder, daß er diese Stellung, als noch die bequemste, fast nothwendig gebot. Ehe er jedoch den Kopf hineinstreckte, horchte er lange, um Athemzüge von Schlafenden zu erlauschen. Kein Ton war zu hören, und diese menschliche Schlange schob den Kopf zur Thüre oder zu der Oeffnung hinein, wie eine eigentliche Schlange in das Nest würde hineingekrochen seyn. Kein Lohn vergalt das gefahrvolle Wagestück; denn als er vorsichtig mit der Hand umhertastete, fand er die Hütte leer. In derselben behutsamen Weise kroch der Delaware noch in ein Paar Von den Hütten, fand aber alle in gleichem Zustand. Dann kehrte er zu seinen Genossen zurück, und benachrichtigte sie, daß die Huronen ihr Lager verlassen hätten. Einige weitere Nachforschung bestätigte dieß, und es blieb Nichts übrig, als in das Canoe zurückzukehren. Die verschiedene Art, wie die Abenteurer diese Täuschung ihrer Hoffnungen ertrugen, verdient eine flüchtige Bemerkung. Der Häuptling, der nur an's Land gestiegen war, in der Hoffnung, Ruhm zu ernten, stand, an einen Baum gelehnt, unbeweglich da, die Ansicht und den Willen seiner Begleiter abwartend. Er war zwar gekränkt und etwas überrascht; aber er ertrug Alles mit Würde, und tröstete sich wegen des Unfalls mit den süßern Erwartungen, die ihm für diesen Abend noch vorbehalten blieben. Zwar konnte er jetzt nicht hoffen, seiner Geliebten entgegenzutreten, geschmückt mit den Zeichen seiner Kühnheit und Geschicklichkeit, aber er durfte doch noch hoffen, sie zu sehen; und der Krieger, der sich so eifrig in der Aufsuchung zeigte, durfte immer noch hoffen geehrt zu werden. Hutter und Hurry dagegen, die hauptsächlich durch das gemeinste aller Motive menschlichen Handelns, durch Gewinnsucht, waren angelockt worden, konnten ihre Affekte kaum zügeln. Sie streiften wüthend zwischen den Hütten herum, als hofften sie noch ein verlassenes Kind oder einen sorglosen Schläfer irgendwo zu treffen; und zu wiederholten Malen ließen sie ihren Grimm an den empfindungslosen Hütten aus, von denen einige wirklich in Stücke gerissen und auf dem Platz umhergestreut wurden. Ja, sie haderten auch unter einander, und heftige Vorwürfe wurden zwischen ihnen gewechselt. Es ist möglich, daß ernstere Folgen eingetreten wären, hätte sich nicht der Delaware in's Mittel gelegt und sie an die Gefahr erinnert, sich so unvorsichtig zu benehmen, und an die Nothwendigkeit, zur Arche zurückzukehren. Dieß erstickte den Streit, und nach wenigen Minuten ruderten sie rasch zurück nach der Stelle, wo sie das Fahrzeug zu finden hofften. Es wurde schon erzählt, daß bald nach der Abfahrt der Abenteurer Judith sich neben Wildtödter setzte. Eine kleine Weile blieb das Mädchen schweigsam, und der Jäger wußte nicht, welche von den Schwestern sich ihm genähert hatte; aber bald erkannte er die metallreiche, lebhafte Stimme der älteren, als sie ihren Gefühlen in Worten Luft mochte. »Das ist ein schreckliches Leben für Frauen, Wildtödter!« rief sie aus. »Wollte Gott, ich sähe ein Ende davon ab!« »Das Leben ist gut genug, Judith,« war die Antwort, »es ist eben so ziemlich, je nachdem man es gebraucht oder mißbraucht. Was wünschtet Ihr Euch denn dafür?« »Ich würde tausendmal glücklicher feyn, wenn ich näher bei civilisirten Menschen lebte, – wo Pachthöfe und Häuser und will's Gott von Christenhänden gebaute Häuser sind; und wo mein Schlaf bei Nacht süß und ruhig wäre! Eine Wohnung in der Nähe der Forts wäre weit besser, als der traurige Ort, wo wir leben!« »Nein, Judith, ich kann nicht allzuleicht die Wahrheit von all diesem zugeben. Wenn Forts gut sind, Feinde abzuhalten, so enthalten sie dafür oft selbst Feinde. Ich glaube nicht, daß es zu Eurem oder Hetty's Besten wäre, in der Nähe von einem zu wohnen; und wenn ich sagen soll, was ich denke, so fürchte ich, Ihr seyd so schon zu nahe dabei.« Wildtödter fuhr fort in der ihm eigenen gefaßten, ernsten, gleichmüthigen Weise, denn die Dunkelheit verbarg ihm die Gluten, welche die Wangen des Mädchens mit glänzendem Purpur überzogen hatten, während ihre eigene heftige Anstrengung die Töne des gewaltsamen Athmens, das sie fast ersticken wollte, unterdrückte. »Was Pachthöfe betrifft, die haben ihren Nutzen, und es gibt Leute, die gern ihr Leben darauf zubringen; aber welches Behagen kann ein Mensch von einer Lichtung hoffen, das er nicht in doppeltem Maß im Walde finden kann? Wenn es mit Luft, und Raum, und Licht etwas knapp zugeht, so liefern das die Windfluchten und die Ströme, oder da sind ja die Seen für Solche, die in dieser Hinsicht stärkere Wünsche haben; aber wo findet Ihr Eure Schatten, und lachenden Quellen, und hüpfenden Bäche, und ehrwürdigen, tausendjährigen Bäume auf einer Lichtung? Ihr findet sie nicht, sondern Ihr findet nur ihre verstümmelten Stämme, als Landmarken, wie Grabsteine auf einem Kirchhof. Mir scheint es, daß die Leute, die an solchen Orten leben, immer an ihr eignes Ende und an allgemeinen Verfall denken müssen, und zwar nicht an den Verfall, den Zeit und Natur herbeiführen, sondern an den Verfall, der auf Verheerung und Gewaltthat folgt. Dann was Kirchen betrifft, die sind gut, glaube ich, sonst würden nicht gute Leute sie erbauen und erhalten. Aber sie sind nicht durchaus nothwendig. Sie nennen sie Tempel des Herrn; aber Judith, die ganze Erde ist ein Tempel des Herrn für Solche, welche das rechte Gemüth dafür haben. Weder Forts noch Kirchen an sich machen die Menschen glücklicher. Indem ist in den Ansiedlungen Alles Widerspruch, während in den Wäldern Alles Einklang ist. Forts und Kirchen sind fast immer bei einander, und doch sind sie gerade Gegensätze; Kirchen sind ja für den Frieden, und Forts für den Krieg. Nein, nein – ich lobe mir die festen Plätze der Wildniß, nemlich die Bäume, und auch die Kirchen, nemlich die Hallen, die die Hand der Natur aufgeführt.« »Das Weib ist nicht gemacht für Scenen, wie diese, Wildtödter; Scenen, von denen kein Ende abzusehen ist, so lange dieser Krieg währt.« »Wenn Ihr Weiber von weißer Farbe meint, so glaube ich fast, Ihr seyd nicht weit vom Wahren entfernt, Mädchen; was aber die Weiber der rothen Männer betrifft, so sind solche Auftritte ganz nach ihrem Charakter. Nichts würde Hist zum Beispiel, die Verlobte Braut dieses Delawaren, glücklicher machen, als wenn sie wüßte, daß er in diesem Augenblick unter seinen natürlichen Feinden herumstreift und nach einem Skalpe trachtet.« »Wahrhaftig, Wildtödter, wahrhaftig, sie kann doch kein Weib seyn, ohne Sorge zu fühlen, wenn sie denkt, der Mann, den sie liebt, sey in Gefahr!« »Sie denkt nicht an die Gefahr, Judith, sondern an die Ehre; und wenn das Herz auf's Aeußerste auf solche Gefühle versessen ist, ha, dann bleibt wenig Raum übrig, daß sich die Furcht einschleichen könnte. Hist ist eine gutmüthige, sanfte, lachende, angenehme Creatur, aber sie liebt die Ehre so sehr als irgend ein Delawarisches Mädchen meiner Bekanntschaft. Sie soll Schlange binnen einer Stunde treffen auf dem Vorsprung, wo Hetty landete; und ohne Zweifel hat sie auch ihre Aengste darüber, wie jedes andre Weib; aber sie wäre nur um so glücklicher, wüßte sie, daß ihr Geliebter in diesem Augenblick einem Mingo, seines Skalpes wegen, aufpaßt. »Wenn Ihr das wirklich glaubt, Wildtödter, kein Wunder dann, daß Ihr ein so großes Gewicht auf die Gaben legt. Ich weiß gewiß, kein weißes Mädchen könnte sich anders als elend fühlen, so lang sie ihren Geliebten in Lebensgefahr wüßte! Auch glaube ich, selbst Ihr, so unerschütterlich und ruhig Ihr immer scheint, könntet schwerlich Ruhe haben, wenn Ihr Eure Hist in Gefahr glaubtet.« »Das ist ein andres Ding – das ist ein ganz andres Ding, Judith. Das Weib ist zu schwach und zart, um für solche Gefahren bestimmt zu seyn, und der Mann muß für sie fühlen. Ja, ich glaube fast, das ist ebenso rothe Natur wie weiße. Aber ich habe keine Hist, und werde schwerlich eine bekommen; denn ich halte es nicht für Recht, irgend wie die Farben zu mischen, außer in Freundschaft und Dienstleistungen.« »Darin seyd und fühlt Ihr, wie es einem weißen Manne ziemt! Was den Hurry Harry betrifft, so glaube ich, ihm wäre Alles gleich, ob sein Weib eine Indianerin oder eine Gouverneurs-Tochter wäre, vorausgesetzt nur, sie wäre ein wenig hübsch, und könnte ihm dazu helfen, seinen gierigen Magen immer zu füllen,« »Ihr thut March Unrecht, Judith, ja das thut Ihr! Der arme Kerl ist vernarrt in Euch, und wenn ein Mann sich wirklich eine solche Kreatur in den Kopf gesetzt hat, so wird ihm schwerlich ein Mingo- oder selbst ein Delawaren-Mädchen mehr den Kopf verrücken. Ihr mögt lachen über solche Männer, wie Harry und ich sind, denn wir sind rauh und ungelehrt in Büchern und andern Kenntnissen, aber wir haben unsre guten Seiten, wie unsre schlechten. Ein redliches Herz ist nicht zu verachten, Mädchen, wenn es auch nicht bewandert ist in all den Zierlichkeiten, die einem weiblichen Geschmack gefallen.« » Ihr , Wildtödter! Und meint Ihr – könnt Ihr einen Augenblick glauben, ich stelle Euch Harry March an die Seite? Nein, nein. So weit bin ich nicht in der Thorheit und Blindheit gekommen. Niemand – Mann oder Weib – könnte daran lenken, Euer redliches Herz, Euer mannhaftes Wesen und Eure einfache Wahrheitsliebe zusammen mit der lärmenden Selbstsucht, der schmutzigen Habsucht und der übermüthigen Wildheit Henry March's zu nennen. Das Beste noch, was von ihm gesagt werden kann, ist in seinem Namen Hurry Skurry zu finden, der, wenn nicht viel Schlimmes, auch eben nicht viel Gutes besagt. Sogar mein Vater, mit dem Andern der Befriedigung seiner Neigungen und Gefühle nachgehend, wie eben im jetzigen Augenblick, erkennt doch wohl den Unterschied zwischen Euch. Das weiß ich, denn das hat er mir selbst offen erklärt.« Judith war ein Mädchen von schnellen Empfindungen und von ungestümen Gefühlen; und da sie wenig von dem Zwang wußte, welcher die Offenbarung der Gemüthsbewegungen junger, weiblicher Seelen bei Solchen beschränkt und hemmt, die in den Sitten und Gewohnheiten des civilisirten Lebens aufwachsen, verrieth sie die ihrigen mit einer Offenheit, die so rein natürlich war, daß sie weit über den Künsten der Koketterie stand, ebenso wie über ihrer Herzlosigkeit. Sie hatte sogar jetzt eine der harten Hände des Jägers ergriffen und sie mit ihren beiden Händen gedrückt, mit einer Wärme und einem Ernst, die zeigten, wie aufrichtig ihre Sprache war. Es war vielleicht ein Glück, daß sie gerade durch das Uebermaß ihrer Gefühle zum Schweigen genöthigt wurde, denn dieselbe Gewalt hätte sie dahin bringen können, Alles zu gestehen, was ihr Vater gesagt, – denn der Alte hatte sich nicht mit einer für Wildtödter vortheilhaften Vergleichung zwischen Hurry und dem Jäger begnügt, sondern auch in seiner derben, plumpen Weise seine Tochter kurz und gut angewiesen, den Erstern gänzlich fahren zu lassen, und sich darauf gefaßt zu machen, des Letztern Weib zu werden. Judith würde das nicht gern einem andern Manne gesagt haben, aber die arglose Treuherzigkeit Wildtödters erweckte so viel Vertrauen, daß ein Wesen von ihrem Naturell in beständiger Versuchung sich fühlen mußte, die Grenzen der Gewohnheit zu überspringen. Sie ging jedoch nicht weiter, ließ augenblicklich seine Hand wieder los, und nahm wieder die Zurückhaltung an, die ihrem Geschlecht und in der That auch ihrer natürlichen Sittsamkeit gemäßer war. »Dank Euch, Judith, dank Euch von ganzem Herzen,« versetzte der Jäger, dem seine Bescheidenheit verbot, von dem Benehmen oder von der Sprache des Mädchens eine schmeichelhafte Auslegung zu machen, »Dank Euch, so herzlich, als wenn Alles wahr wäre. Harry fällt in's Auge, ja er fällt in's Auge wie die größte Tanne dieser Berge, und Schlange hat ihn dem entsprechend benamst; aber Manche finden Geschmack an gutem Aussehen, und Manche nur an guter Handlungsweise. Hurry hat Einen Vortheil und es kommt auf ihn an, ob er auch den andern haben soll, oder – horcht! Das ist Eures Vaters Stimme, und er spricht wie Einer, der über etwas ergrimmt ist.« »Gott bewahre uns vor weitern solchen entsetzlichen Scenen!« rief Judith, ihr Gesicht zu den Knieen herunterbeugend und bestrebt, indem sie sich mit den Händen die Ohren zuhielt, die widerlichen Töne von sich fern zu halten. »Ich wünschte manchmal, ich hätte keinen Vater!« Sie sagte dieß mit Bitterkeit, und die quälenden Erinnerungen, die ihr diese Worte auspreßten, wurden bitter von ihr gefühlt. Es ist unmöglich zu sagen, was sie noch weiter hätte äußern mögen, hätte nicht eine sanfte, leise Stimme dicht an ihrer Seite gesprochen. »Judith, ich hätte Vater und Hurry ein Kapitel lesen sollen!« sagte die unschuldige aber geängstigte Sprecherin, »das würde sie abgehalten haben, auf ein solches Unternehmen auszuziehen. Ruft Ihr ihnen, Wildtödter, und sagt ihnen, ich verlange nach ihnen, und es werde für sie Beide gut seyn, wenn sie umkehren und meinen Worten horchen.« »Ach Gott! – arme Hetty, Ihr wißt wenig von der Gier nach Geld und Rache, wenn Ihr glaubt, sie lasse sich so leicht von ihrem Bestreben abziehen! Aber das ist ein ganz seltsamer Handel, in mehr als einer Weise, Judith! Ich höre Euren Vater und Hurry brüllen wie Bären, und doch kommt kein Laut aus dem Munde des jungen Häuptlings. Das Geheimthun hat sein Ziel gefunden, und doch schweigt sein Kriegsruf, der nach der Regel unter solchen Umständen an den Bergen widerhallen sollte!« »Die Gerechtigkeit hat ihn vielleicht ereilt, und sein Tod hat das Leben von Unschuldigen gerettet!« »Nicht so – nicht so – die Schlange ist es nicht, der es entgelten müßte, wenn das das Gesetz seyn sollte. Gewiß hat kein Angriff stattgefunden, und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Männer das Lager verlassen gefunden haben und mit getäuschter Hoffnung zurück kommen. Das erklärt das Gebrülle Hurry's und das Schweigen der Schlange.« Gerade in diesem Augenblicke hörte man im Canoe einen Ruderschlag fallen, denn der Verdruß hatte March ganz rücksichtslos gemacht, und Wildtödter war jetzt von der Richtigkeit seiner Vermuthung überzeugt. Da das Segel herabgelassen, war die Arche nicht weit geschwommen, und nach wenigen Minuten hörte er Chingachgook in leisem, ruhigem Tone Huttern Anweisung geben, wie er steuern sollte, um sie zu erreichen. In kürzerer Zeit als die Erzählung erfordert, erreichte das Canoe die Fähre, und die Abenteurer stiegen auf diese herüber. Weder Hutter noch Hurry sprachen von dem Vorgefallenen; der Delaware aber sprach, als er an seinem Freunde vorbeikam, nur die Worte: »das Feuer ist aus!« Die, wenn nicht buchstäblich wahr, doch dem Andern die Wahrheit zur Genüge erklärten. Jetzt entstand die Frage, in welcher Richtung steuern. Eine kurze, mürrische Berathung wurde gehalten, wo Hutter entschied: das Klügste würde seyn, in beständiger Bewegung zu bleiben – als das sicherste Mittel, jeden Versuch einer Ueberraschung zu vereiteln; und zugleich kündigte er seine und March's Absicht an, sich für den Verlust des Schlafs während ihrer Gefangenschaft schadlos zu halten, und sich niederzulegen. Da der Wind noch immer umschlug und leicht wehte, wurde am Ende beschlossen, vor ihm her zu segeln, komme er von welcher Richtung er wolle, so lange er nur die Arche nicht an den Strand treibe. Nachdem dieser Punkt festgesetzt war, halfen die befreiten Gefangenen die Segel aufziehen, und warfen sich dann auf zwei Pritschen, Wildtödter und seinem Freund überlassend, nach den Bewegungen der Arche zu sehen, da Keiner von den Letztern zu schlafen gesonnen war. Wegen der Verabredung mit Hist war diese Auftheilung der Rollen allen Theilen recht und daß Judith und Hetty auch aufblieben, verminderte in keiner Weise die Annehmlichkeiten der den Wachehaltenden zugetheilten Rolle. Eine Zeit lang trieb die Fähre mehr an der westlichen Küste hin, als daß sie segelte, einer leisen südlichen Luftströmung folgend. Die Bewegung war langsam, nicht über ein paar Meilen in der Stunde, aber die zwei Männer bemerkten, daß sie sie nicht blos dem Punkte zu führte, den sie zu erreichen wünschten, sondern auch in einem Verhältniß der Schnelligkeit, wie es gerade die noch übrige Zeit erforderte. Aber Wenig ward in dieser Zeit gesprochen, selbst von den Mädchen, und dieß Wenige bezog sich mehr auf die Befreiung Hist's, als auf andere Gegenstände. Der Indianer war dem äußern Anschein nach ruhig; aber wie Minute um Minute verstrich, wurden seine Gefühle immer aufgeregter, bis sie einen Stand erreichten, der die Ansprüche selbst der begehrlichsten Geliebten würde befriedigt haben. Wildtödter steuerte das Fahrzeug so viel in den Buchten hin, als die Vorsicht erlaubte, mit dem gedoppelten Zweck, unter dem Schatten der Wälder zu segeln, und Zeichen von einem Lager auf der Küste zu entdecken, an dem sie etwa vorbeikämen. In dieser Weise hatten sie einen tiefgelegenen Vorsprung umsegelt, und befanden sich schon in der Bai, welche zur nördlichen Grenze das Ziel hatte, auf welches sie los gingen. Das letztere war noch eine Viertelmeile entfernt, als Chingachgook schweigend zu seinem Freunde trat, und auf einen Punkt hindeutete, gerade vor ihnen. Ein kleines Feuer brannte gerade am Saum der Büsche, welche die Küste auf der Südseite des Absprungs einfaßten – und ließ keinen Zweifel daran übrig, daß die Indianer ihr Lager eben an den Platz, oder wenigstens auf den Landvorsprung verlegt hatten, wohin Hist sie beschieden! Sechszehntes Kapitel. Von Sonnschein du dem Thale bringst –     Von Blumen süße Kunden; Mir aber du ein Mährchen singst     Von geisterhaften Stunden. Wordsworth. Die am Schluß des vorigen Kapitels gemeldete Entdeckung war in Wildtödters und seines Freundes Augen von großer Bedeutung. Fürs Erste war die Gefahr, ja beinahe die Gewißheit vorhanden, daß Hutter und Hurry einen neuen Versuch gegen dieß Lager unternehmen würden, falls sie aufwachten und dessen Position erkannten. Dann war es bedenklicher zu landen, um Hist aufzunehmen, und dann mußte auch überhaupt Unsicherheit und mußten weitere schlimme Wechselfälle die Folge des Umstandes seyn, daß ihre Feinde angefangen, ihre Stellung zu ändern. Da der Delaware wußte, daß die Stunde nahe war, wo er an dem verabredeten Punkte sich einstellen sollte, dachte er nicht weiter an Trophäen, die er seinen Feinden abziehen wollte, und eine der ersten Verabredungen zwischen ihm und seinem Genossen war die, die beiden Andern fortschlafen zu lassen, damit sie nicht die Ausführung ihres Plans durch einen neuen, von ihnen ausgesonnenen, durchkreuzten und vereitelten. Die Arche rückte langsam vor, und hatte in diesem Verhältniß der Schnelligkeit eine volle Viertelstunde gebraucht, den Landvorsprung zu erreichen, wodurch sie Zeit zu weiterem Bedenken gewannen. Die Indianer, in der Absicht, ihr Feuer dem Auge der im Castell (nach ihrem Wahne) Befindlichen zu entziehen, hatten es so nahe der südlichen Küste des Vorsprungs angezündet, daß es äußerst schwer hielt, hinter den Büschen die Aussicht zu versperren, obgleich Wildtödter die Richtung der Fähre nach Rechts und Links veränderte, in der Hoffnung dieß bewirken zu können. »Einen Vortheil hat es, Judith, daß wir das Feuer so nahe beim Wasser finden,« sagte er, während er diese kleinen Manöuvers ausführte: »es zeigt uns, daß die Mingo's uns in der Hütte glauben, und daß unser Herankommen von dieser Seite ein Ereigniß ist, das sie nicht erwarten. Aber es ist ein Glück, daß Harry March und Euer Vater schlafen, sonst würden sie wieder auf Skalpe Jagd machen wollen. Ha! so – jetzt fangen die Büsche an, das Feuer dem Auge zu entziehen – und jetzt sieht man es gar nicht mehr!« Wildtödter wartete eine Weile, um sich zu versichern, daß er die gewünschte Stellung eingenommen, worauf er das verabredete Signal gab, und Chingachgook den Anker auswarf und das Segel herunterließ. Die Lage, in welcher sich die Arche jetzt befand, hatte ihre Vortheile und ihre Nachtheile. Das Feuer war dem Auge dadurch entzogen worden, daß man der Küste entlang hinsteuerte, und dadurch war man dieser vielleicht näher, als wünschenswerth, gekommen. Aber man wußte, daß weiter einwärts im See das Wasser sehr tief war, und unter den Umständen, worin die Gesellschaft sich befand, war es, wenn immer möglich, zu vermeiden, in tiefem Wasser den Anker zu werfen. Man glaubte auch, es könne auf Meilen weit kein Floß um den Weg seyn; und obgleich die Bäume in der Dunkelheit beinahe auf die Fähre hereinzuhängen schienen, war es doch Wohl nicht leicht, sich ihr zu nähern und an Bord zu kommen, ohne sich eines Bootes zu bedienen. Auch die dichte Finsterniß, welche mit dem Wald verschwistert herrschte, diente als ein wirksamer Schirm und Schild, und so lang man sich recht hütete, kein Geräusch zu machen, war wenig oder keine Gefahr, entdeckt zu werden. Auf dieß Alles machte Wildtödter Judith aufmerksam, und unterwies sie, was sie zu thun hätte, falls Lärm entstände; denn man erachtete es für undienlich im höchsten Grade, die Schläfer zu wecken, außer im allerdringendsten Nothfall. »Und jetzt, Judith, da wir einander verstehen, ist es Zeit, daß Schlange und ich uns in das Canoe begeben,« schloß der Jäger. »Der Stern ist zwar noch nicht aufgegangen, aber er muß jetzt bald kommen, obwohl heute Nacht schwerlich Einer von uns wird viel von ihm zu sehen bekommen vor den Wolken. Jedoch Hist hat einen entschlossenen und klugen Geist, und sie gehört zu Denen, die nicht gerade immer nöthig haben, Etwas vor Augen zu haben, um es zu sehen. Ich stehe Euch dafür, sie fehlt nicht um zwei Minuten und nicht zwei Fuß breit, wenn nicht die eifersüchtigen Vagabunden dort, die Mingo's, aufmerksam geworden sind, und sie hingesetzt haben als eine Locktaube, um uns zu fangen, oder sie fortgeschleppt und versteckt, um sich gefaßt zu machen auf einen Huronen, statt eines Mohikan, zum Gatten.« »Wildtödter,« unterbrach ihn das Mädchen ernst; »das ist ein sehr gefährlicher Dienst; warum befaßt Ihr Euch überhaupt damit?« »Ha! Nun, Ihr wißt ja, Mädchen, wir wollen Hist, der Schlange Verlobte abholen, das Mädchen, das er zu heirathen gedenkt, sobald wir zu dem Stamm zurückkommen.« »Das ist Alles recht für den Indianer – aber Ihr gedenkt nicht Hist zu heirathen – Ihr seyd nicht verlobt, und warum sollen Zwei ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um zu thun, was Einer ebenso gut vollbringen kann?« »Ha! – jetzt verstehe ich Euch, Judith – ja, jetzt fang' ich an Eure Idee zu fassen. Ihr denkt, da Hist Chingachgooks Verlobte sey, wie sie es nennen, und nicht die meinige, so sey es ganz und gar seine Sache; und da Ein Mann ein Canoe rudern könne, so sollte man ihn allein nach dem Mädchen ausziehen lassen. Aber Ihr vergeßt, das ist unser Vorhaben hier, am See, und es nähme sich schlimm aus, ein Vorhaben zu vergessen, gerade wenn das Mißlichste kommt. Dann, wenn die Liebe bei manchen Leuten, besonders bei jungen Weibern, so Viel gilt und erklärt, so gilt bei manchen Andern auch die Freundschaft Etwas, Ich glaube wohl, der Delaware kann allein ein Canoe rudern und allein Hist abholen, und vielleicht wäre er es ebenso zufrieden, als wenn ich ihn begleite; aber er könnte allein nicht ebenso List mit List begegnen, oder einen Hinterhalt aufstöbern, oder mit den Wilden kämpfen, und zugleich sein Liebchen davon führen, als wenn er einen Freund bei sich hat, auf den er sich verlassen kann, wenn auch dieser Freund kein Besserer ist als ich. Nein – nein – Judith, Ihr würdet nimmermehr in einem solchen Augenblick Jemand verlassen, der auf Euch gezählt hätte, und Ihr könnt es billigermaßen auch von mir nicht erwarten.« »Ich fürchte – ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter, und doch wünsche ich, Ihr gienget nicht! Versprecht mir wenigstens Eines, und das ist: Euch nicht unter die Wilden zu wagen und nicht Mehr zu thun, als das Mädchen zu retten! Das wird für Einmal genug seyn, und damit solltet Ihr Euch zufrieden geben.« »Gott tröste Euch, Mädchen; man sollte glauben, es sey Hetty, die so spreche, und nicht die raschbesonnene, wunderbare Judith Hutter! Aber Furcht macht die Weisen einfältig, und die Starken schwach. Ja, davon hab' ich oft und viel Beweise gesehen! Nun, es ist gütig und sanftherzig von Euch, Judith, solche Theilnahme zu fühlen für ein Mitgeschöpf, und ich werde es immer sagen, daß Ihr wohlwollend und von treuem Gefühl seyd, mögen die, die Euer schönes Aussehen beneiden, so viel müssige Mährchen von Euch erzählen, als sie Lust haben.« »Wildtödter!« unterbrach ihn das Mädchen hastig, aber beinahe erstickt von ihrer heftigen Gemüthsbewegung; »glaubt Ihr Alles, was Ihr von einem armen, mutterlosen Mädchen hört? Soll die schändliche Zunge Harry Hurry's mein Leben vergiften?« »Nicht so, Judith, nicht so. Ich habe Hurry gesagt, es sey nicht mannhaft, diejenigen hinterrücks zu beißen, die er nicht durch offene Mittel gewinnen könne; und daß selbst ein Indianer immer rücksichtlich ist in Bezug auf den guten Namen eines jungen Weibes.« »Wenn ich einen Brüder hätte, sollte er sich nicht erfrechen es zu thun!« rief Judith mit feuersprühenden Augen. »Aber da er mich ohne einen Beschützer findet, außer einem alten Mann, dessen Ohren ebenso stumpf zu werden anfangen als seine Gefühle, steht ihm allerdings frei zu thun, was ihm beliebt.« »Nicht so ganz, Judith; nein, das doch nicht so ganz! Kein Mann, Bruder oder Fremder würde ruhig dabei stehen und zusehen, wie ein so schönes Mädchen wie Ihr verunglimpft und herabgerissen würde, ohne ein Wort zu ihren Gunsten zu sagen. Es ist Hurry Ernst mit dem Wunsch, Euch zu seinem Weibe zu bekommen, und das Wenige, was er zu Eurem Nachtheil äußert, kommt wohl mehr von Eifersucht her, als von einem andern Beweggrund. Lächelt ihm zu, wenn er erwacht, und drückt ihm die Hand nur halb so stark, als ihr die meinige vor einer Weile drücktet, und ich setze mein Leben darauf, der arme Kerl wirb Alles vergessen außer Eurem hübschen Gesicht, Heiße Worte kommen nicht immer aus dem Herzen, sondern öfter aus dem Magen, als sonst woher. Versucht es mit ihm, Judith, wenn er erwacht, und erkennt dann die Kraft und Tugend eines Lächelns!« Wildtödter lachte auf seine Weise, als er schloß, und dann gab er dem geduldig aussehenden, aber innerlich sehr ungeduldigen Chingachgook seine Bereitwilligkeit zum Aufbruch zu erkennen. Als der junge Mann in das Canoe trat, stand das Mädchen regungslos wie Stein, versunken in das Nachsinnen, das die Sprache und das Benehmen des Andern wohl in ihr hervorrufen mochten. Die Einfachheit und Treuherzigkeit des Jägers hatte sie völlig getäuscht; denn in ihrer engen Sphäre war Judith Meisterin in Behandlung des andern Geschlechts; obwohl sie im gegenwärtigen Falle, bei Allem was sie gesagt und gethan, weit mehr durch unwillkürliche Gefühle als durch Berechnung war geleitet worden. Wir wollen nicht läugnen, daß einige von Judiths Betrachtungen bitter gewesen, obwohl wir auf den weitern Verlauf der Erzählung verweisen müssen, wo sich herausstellen wird, wie verdient oder wie heftig ihre Leiden waren. Chingachgook und sein Bleichgesichtsfreund schickten sich zu ihrem gewagten und delikaten Unternehmen mit einer Kaltblütigkeit und Umsicht an, die Männern Ehre gemacht hätte, welche sich auf ihrem zwanzigsten, statt auf dem ersten, Kriegszug befanden. Der Indianer, wie seinem Verhältnis zu der schönen Flüchtigen geziemte, deren Dienst sie sich so zu sagen geweiht hatten, nahm seinen Platz vorn in dem Canoe ein, während Wildtödter dessen Bewegungen vom Hintertheil aus lenkte. Vermöge dieser Anordnung mußte Jener zuerst landen, und mithin auch zuerst seiner Geliebten entgegen treten. Der Andere hatte seinen Possen ohne weitere Bemerkung eingenommen, insgeheim jedoch geleitet von dem Gedanken, daß Einer, der so Viel auf dem Spiele stehen hatte, wie der Indianer, wohl schwerlich das Canoe mit derselben Stetigkeit und Einsicht würde steuern können, wie Einer, der mehr Herrschaft über seine Gefühle besaß. Von dem Augenblick an, wo sie von der Arche abstießen, glichen die Bewegungen der beiden Abenteurer den Manövern von trefflich dressirten Soldaten, die zum erstenmal berufen sind, dem Feind im Feld zu begegnen. Bis jetzt hatte Chingachgook noch nie einen Schuß in ernstem Kampfe abgefeuert, und das Probestück seines Kriegskameraden ist dem Leser bekannt. Zwar war der Indianer gleich bei seiner ersten Ankunft einige Stunden um das Lager des Feindes herumgestrichen, und hatte sich sogar, wie im vorigen Capitel erzählt worden, hineingewagt, aber beide Versuche waren ohne Folgen geblieben. Jetzt war gewiß, daß entweder ein wichtiges Ergebniß erzielt werden, oder ein schmerzliches Mißlingen der Ausgang seyn mußte. Die Befreiung oder die fortdauernde Gefangenschaft Hist's hing von dem Unternehmen ab. Mit Einem Wort, es war in der That die Jungfern-Expedition dieser zwei ehrgeizigen jungen Waldkrieger, und während der Eine dabei beseelt wurde von Gefühlen, welche gewöhnlich Männer auf diese Bahn spornen, waren bei beiden alle Empfindungen des Stolzes und der Mannhaftigkeit rege in dem Eifer, einen guten Erfolg zu gewinnen. Statt gerade auf den Landvorsprung los zu steuern, der jetzt nicht mehr eine Viertelstunde von der Arche entfernt war, lenkte Wildtödter das Vordertheil seines Canoes schräg gegen den Mittelpunkt des Sees, in der Absicht, eine Stellung zu gewinnen, von der aus er sich der Küste nähern könnte, so daß er die Feinde bloß vor sich hätte. Die Stelle, wo Hetty gelandet, und wo Hist versprochen hatte, sich einzufinden, war zudem eher auf der höhern als auf der niedern Seite des Vorsprungs; und um sie zu erreichen, hätten die zwei Abenteurer beinahe den ganzen Vorsprung dicht an der Küste hin umfahren müssen, hätten sie nicht jenen Schritt, um dem Vorzubeugen, gethan. So gut ward die Notwendigkeit dieser Maßregel begriffen, daß Chingachgook ruhig fortruderte, obgleich der Andere es gethan hatte, ohne ihn zu befragen, und dem Anschein nach das Canoe in eine Richtung brachte, welche der von ihm eigentlich, wie man hätte denken sollen, gewünschten, fast entgegengesetzt war. Wenige Minuten jedoch genügten, das Canoe so weit als nöthig zu fördern, wo dann beide junge Männer wie in instinktmäßiger Uebereinkunft zu rudern aufhörten und das Boot stehen blieb. Die Dunkelheit nahm eher zu als ab, aber es war von dem Punkt aus, wo die Abenteurer sich befanden, doch noch möglich, die Umrisse der Berge zu unterscheiden. Umsonst wandte Wildtödter den Kopf nach Osten, um des verabredeten Sternes ansichtig zu werden; denn obgleich in dieser Himmelsgegend die Wolken in der Nähe des Horizonts sich ein wenig öffneten, blieb doch der Vorhang noch so dicht vorgezogen, daß er Alles dahinter ganz verbarg. Vor ihnen lag, wie man aus der Formation des Landes darüber und dahinten wußte, der Vorsprung in einer Entfernung von etwa tausend Fuß. Von dem Castell sah man keine Spur, auch konnte seine Bewegung, die auf jenem Theile des Orts vorging, vom Ohr vernommen werden. Der letztere Umstand mochte eben sowohl von der Entfernung, die einige Meilen betrug, als von der Thatsache herrühren, daß sich wirklich nichts bewegte. Die Arche, die von dem Canoe freilich kaum entfernter lag, als der Landvorsprung, war so vollständig in dem Schatten der Küste versenkt, daß sie nicht sichtbar gewesen seyn würde, wäre es auch um viele Grade Heller gewesen, als der Fall war. Die Abenteurer hielten jetzt mit leiser Stimme eine Besprechung und beriethen sich, welche Zeit es wohl seyn möchte. Wildtödter meinte, es fehlten noch einige Minuten bis zur Zeit des Aufgangs des Sternes, während die Ungeduld des Häuptlings ihm die Nacht weiter vorgerückt erscheinen und ihn glauben ließ, seine Verlobte harre schon an der Küste seiner Ankunft. Wie man erwarten konnte, siegte des Letztern Meinung, und sein Freund schickte sich an, auf den verabredeten Platz loszusteuern. Die äußerste Vorsicht und Geschicklichkeit war jetzt bei der Handhabung und Leitung des Canoes nothwendig. Die Ruderschaufeln wurden aufs geräuschloseste emporgehoben und wieder in's Wasser gesenkt; und als sie sich auf zweihundert Fuß dem Strande genähert, zog Chingachgook die seinige herein, und nahm dafür die Büchse zur Hand. Als sie dem Gürtel von Finsterniß noch näher kamen, der die Wälder einfaßte, sahen sie, daß sie zu weit nördlich steuerten und veränderten demgemäß ihre Richtung. Das Canoe schien jetzt von eigenem Instinkte geleitet, so vorsichtig und bedächtig waren alle seine Bewegungen, Doch rückte es noch immer vor, bis sein Bug auf dem Kiesboden des Strandes aufstieß, genau an der Stelle, wo Hetty gelandet hatte und von wo aus in der vorigen Nacht, als die Arche vorbeifuhr, ihre Stimme erschallt war. Wie gewöhnlich war der Strand schmal, aber Büsche faßten die Wälder ein und hingen an den meisten Stellen über das Wasser herein. Chingachgook stieg auf dem Strande aus, und untersuchte ihn sorgfältig in einiger Entfernung zu beiden Seiten des Canoe's. Er war dabei öfters genöthigt, bis an die Kniee im See zu waten, aber keine Hist war der Lohn seines Suchens, Bei seiner Rückkehr fand er seinen Freund auch an der Küste. Sie besprachen sich sofort in flüsterndem Tone, und der Indianer befürchtete, sie möchten sich in dem Ort der Verabredung geirrt haben. Wildtödter aber fand es wahrscheinlicher, daß sie die Stunde verfehlt hätten. Während er noch sprach, ergriff er den Arm des Delawaren, ließ ihn mit dem Gesicht dem See zu sich wenden, und deutete auf die Gipfel der östlichen Berge. Die Wolken waren ein wenig zerrissen, dem Anschein nach mehr hinter als über den Bergen, und der Abendstern schimmerte zwischen den Zweigen einer Fichte. Dieß war in jeder Weise eine schmeichelnde Vorbedeutung; und die jungen Männer lehnten sich auf ihre Büchsen, mit gespannter Erwartung dem Laute sich nähernder Schritte lauschend. Stimmen hörten sie oft, und gemischt damit war das unterdrückte Weinen von Kindern, und das leise aber anmuthige Lachen indianischer Weiber. Da die eingebornen Amerikaner ihrer Natur und Gewohnheit nach vorsichtig sind, und selten einem lauten Gespräche sich hingeben, erkannten die Abenteurer aus diesen Umständen, daß sie dem Lager sehr nahe seyn mußten. Es war leicht zu bemerken, daß in den Wäldern ein Feuer seyn müsse, aus der Art, wie manche der höhern Aeste der Bäume beleuchtet waren, aber es war von der Stelle aus, wo sie standen, nicht möglich, mit Genauigkeit zu ermitteln, wie nahe sie demselben wären. Ein paar Male schien es, als ob Personen vom Feuer her sich dem Ort der Verabredung näherten; aber diese Laute waren entweder eine reine Täuschung, oder diejenigen, welche sich genähert hatten, kehrten wieder um, ehe sie an die Küste kamen. Eine Viertelstunde verstrich in solcher gespannter Erwartung und Bangigkeit, als Wildtödter vorschlug, sie wollten im Canoe den Vorsprung umfahren, eine Position ganz in der Nähe, von wo aus man das Lager sehen könne, gewinnen, die Indianer rekognosciren und sich so in Stand setzen, sich beifallswerthere Vermuthungen über das Nichterscheinen Hist's zu bilden. Der Delaware jedoch weigerte sich entschieden, den Platz zu verlassen und fühlte vernünftig genug als Grund hiefür die Verlegenheit und Noth des Mädchens an, wenn sie während seiner Abwesenheit ankäme. Wildtödter fühlte seines Freundes Besorgnisse mit, und erbot sich, die Fahrt um den Vorsprung herum allein zu machen, Während Chingachgook in dem Gebüsche versteckt zurückbleiben solle, um den etwaigen Eintritt eines glücklichen, seine Absichten begünstigenden Ereignisses abzuwarten. Mit dieser Verabredung trennten sie sich denn. Sobald Wildtödter wieder auf seinem Posten im Hintertheil des Canoes sich befand, verließ er die Küste mit derselben Vorsicht lind in derselben geräuschlosen Weise, wie er sich ihr genähert hatte. Dießmal entfernte er sich nicht weit vom Lande, da die Büsche einen hinlänglichen Versteck boten, wenn man so nahe wie möglich an die Küste sich hielt. Man konnte sich in der That nicht leicht eine günstigere Gelegenheit erdenken, eine Rekognoscirung um ein indianisches Lager herum anzustellen, als welche die wirkliche Lage der Dinge darbot. Die Formation des Landvorsprungs gestattete, den Platz auf drei seiner Seiten zu umkreisen, und die Bewegung des Bootes war so geräuschlos, daß jede Besorgniß wegen eines dadurch zu verursachenden Lärmens beseitigt war. Der geübteste und vorsichtigste Fuß konnte in der Dunkelheit einen Haufen Blätter aufstöbern, oder einen dürren Zweig knicken, aber ein Rindenkanoe konnte man über die Fläche eines glatten Wassers dahingleiten machen, beinahe mit der instinktmäßigen Behendigkeit und gewiß mit der geräuschlosen Bewegung eines Wasservogels. Wildtödter war beinahe in eine Linie zwischen dem Lager und der Arche gekommen, ehe er des Feuers ansichtig wurde. Es wurde ihm plötzlich und etwas unvermuthet sichtbar und verursachte ihm zuerst die Besorgniß, er habe sich unvorsichtig in den Kreis von Licht, den es um sich verbreitete, gewagt. Aber da er bei einem zweiten Blick wahrnahm, daß er vor Entdeckung ganz gewiß sicher wäre, so lange die Indianer sich in der Nähe des Mittelpunkts der Beleuchtung hielten, brachte er das Canoe in der vortheilhaftesten Position, die er finden konnte, zur Ruhe und begann seine Beobachtungen, Wir haben dieß ungewöhnliche Wesen vielfach beschrieben, aber vergebens, wenn wir dem Leser jetzt erst zu sagen nöthig haben, daß er, unbewandert in der Gelehrsamkeit der Welt, und einfach wie er sich immer zeigte in allen Dingen, welche die Feinheiten des conventionellen Geschmacks betrafen, doch ein Mann von starkem natürlichem und poetischem Gefühl war. Er liebte die Wälder um ihrer Frische, ihrer erhabenen Einsamkeit, ihrer Riesenhaftigkeit und des Stempels willen, den sie überall an sich trugen von der göttlichen Hand ihres Schöpfers. Er durchwanderte sie selten, ohne stillstehend zu verweilen bei irgend einer eigenthümlichen Schönheit, die ihm Freude machte, obschon er selten den Gründen dieser Freude nachzuspüren suchte; und nie verging ein Tag, ohne daß er im Geist verkehrte – und das dazu ohne die Hülfe von Formen und Sprache – mit dem unendlichen Urquell von Allem, was er sah, fühlte und anschaute. Bei dieser geistigen und moralischen Organisation, und bei einer Kaltblütigkeit, welche keine Gefahr aus der Fassung bringen, kein kritischer Augenblick stören konnte, darf man sich nicht wundern, daß der Jäger jetzt einen Genuß empfand, die vor ihm liegende Scene zu beschauen, worüber er für den Augenblick den Zweck seines Besuchs vergaß. Diese wird man noch erklärlicher finden, wenn wir die Scene beschreiben. Das Canoe lag gerade vor einer natürlichen Aussicht nicht blos durch die das Ufer einfassenden Büsche, sondern auch durch die Bäume, welche eine volle Ansicht des Lagers gestattete. Mittelst eben dieser Oeffnung hatte man von der Arche aus zuerst das Licht gesehen. In Folge ihrer ganz neuerlichen Lagerveränderung hatten sich die Indianer noch nicht in ihre Hütten zurückgezogen, sondern sich bei ihren Vorbereitungen, Wohnung und Nahrung zugleich betreffend, verspätet. Ein großes Feuer war aufgemacht worden, sowohl um den Dienst von Fackeln zu leisten, als auch zum Behuf ihres einfachen Kochens; und gerade in diesem Augenblick loderte es hell und lustig auf, da es neuerdings eine tüchtige Zulage von dürrem Reisig erhalten. Die Wirkung war, daß die Gewölbe des Waldes erleuchtet, und der ganze vom Lager eingenommene Platz so licht wurde, wie wenn Hunderte von Kerzen angezündet gewesen wären; die meiste Arbeit hatte aufgehört, und selbst das hungrigste Kind hatte seinen Appetit gestillt. Mit einem Wort, es war gerade der Augenblick der Abspannung und allgemeiner, träger Erschlaffung, wie er gern auf eine herzhafte Mahlzeit folgt, wenn die Mühen des Tages zu Ende sind. Die Jäger und die Fischer waren gleich glücklich gewesen; und da Lebensmittel, dieß eine große Bedürfniß des Wildenlebens, im Ueberfluß vorhanden waren, schien jede andre Sorge untergegangen in der Empfindung der von diesem hochwichtigen Umstand abhängenden Zufriedenheit. Wildtödter sah auf den ersten Blick, daß viele von den Kriegern abwesend waren. Sein Bekannter, Rivenoak, jedoch war anwesend, und saß im Vorgrund eines Gemäldes, das ein Salvator Rosa mit Lust gemalt haben würde, seine dunkeln Züge ebenso von Freude erhellt, wie von der fackelgleichen Flamme während er einem Andern von dem Stamm einen der Elephanten zeigte, die unter seinem Volke so großes Aufsehen gemacht hatten. Ein Knabe schaute in dummer Neugier über seine Schulter herein, die Gruppe zu vervollständigen. Mehr im Hintergrund lagen acht bis zehn Krieger halb ausgestreckt auf dem Boden, oder saßen da, den Rücken an die Bäume gelehnt, ebenso viele Bilder träger Ruhe. Alle hatten ihre Waffen ganz in der Nähe; zum Theil lehnten sie an denselben Bäumen wie ihre Besitzer, oder lagen sie in nachlässiger Bereitschaft über ihren Leibern. Die Gruppe aber, welche Wildtödters Aufmerksamkeit am meisten anzog, war die aus den Weibern und Kindern bestehende. Alle Weiber schienen sich zusammen gemacht zu haben, und als eine Art Notwendigkeit waren ihre Kinder um sie her. Jene lachten und plauderten in ihrer gedämpften, ruhigen Weise, obwohl Einer, der die Sitten des Volks kannte, wohl gemerkt haben würde, daß nicht Alles im gewöhnlichen Geleise ging. Die meisten der jungen Frauen schienen wohlgemuth genug zu seyn; aber eine alte Hexe saß beiseite, mit einer lauernden, grämlichen Miene, die, wie der Jäger sogleich erkannte, verrieth, daß irgend eine Pflicht von unangenehmer Art ihr von den Häuptlingen war angewiesen worden. Worin diese Pflicht bestand, konnte er nicht errathen; aber er war überzeugt, daß sie sich einigermaßen auf ihr eigenes Geschlecht beziehen müsse, da die Alten unter den Weibern in der Regel nur zu solchen und keinen andern Diensten gewählt wurden. Natürlich sah sich Wildtödter mit lebhaftem Eifer nach der Person Hist's um. Sie war nirgends sichtbar, obgleich das Licht ansehnliche Entfernungen in allen Richtungen um das Feuer her durchdrang. Ein paar Mal fuhr er auf, da er ihr Lachen zu erkennen glaubte; aber sein Ohr war getäuscht worden durch die sanfte Melodie, welche man bei der Stimme der Indianerinnen so häufig findet. Endlich sprach das alte Weib laut und zornig, und dann wurde er ein paar dunkler Gestalten im Hintergrund der Bäume ansichtig, die sich, den Vorwürfen folgsam, wie es schien, umwandten, und mehr in den Kreis der Helle traten. Die Gestalt eines jungen Kriegers wurde zuerst deutlicher sichtbar; dann folgten zwei jugendliche Frauengestalten, von welchen Eine wirklich das Delawarische Mädchen war. Jetzt begriff Wildtödter Alles. Hist war bewacht, vielleicht von ihrer jungen Begleiterin, gewiß aber von dem alten Weibe. Der Jüngling war vermuthlich ihr oder ihrer Begleiterin Anbeter; aber selbst seiner Klugheit mißtraute man in Betracht seiner bewundernden Neigung. Die wohlbekannte Nähe Solcher, die man als ihre Freunde ansehen durfte, und die Ankunft eines unbekannten rothen Mannes am See hatte die gewöhnliche Sorgfalt noch geschärft, und das Mädchen hatte den sie Bewachenden nicht entschlüpfen können, um ihre Zusage zu erfüllen. Wildtödter errieth ihr Mißbehagen daraus, daß sie ein paar Mal durch die Zweige der Bäume empor zu blicken versuchte, um des Sterns ansichtig zu werden, den sie selbst als Zeichen für die Zeit der Zusammenkunft genannt. Alles jedoch war umsonst, und nachdem die beiden Mädchen noch eine Weile in erheuchelter Gleichgültigkeit um das Lager herumgeschlendert, verließen sie ihren Begleiter, und setzten sich unter ihr Geschlecht. Sobald dieß geschehen, vertauschte die alte Schildwache ihren Platz mit einem ihr angenehmeren, ein deutlicher Beweis, daß sie bisher ausschließlich der Wache gepflogen. Wildtödter war jetzt sehr verlegen, was weiter vornehmen. Er wußte wohl, daß Chingachgook sich nimmer würde zur Rückkehr nach der Arche überreden lassen, ohne einen verzweifelten Versuch zur Wiedererlangung seiner Geliebten zu machen, und seine eigne Großherzigkeit machte ihn ganz geneigt, bei einem solchen Unternehmen Beistand zu leisten. Er glaubte bei den Weibern Zeichen ihrer Absicht zu bemerken, sich für diese Nacht zur Ruhe zu begeben; und falls er blieb, und das Feuer hell fortbrannte, konnte er vielleicht die Hütte oder das Laubgemach entdecken, worunter Hist schlief; ein Umstand von unendlichem Vortheil für ihr weiteres Beginnen. Aber wenn er noch viel länger an diesem Orte verweilte, so war große Gefahr, die Ungeduld seines Freundes möchte ihn zu irgend einer unbesonnenen That fortreißen. Wirklich erwartete er jeden Augenblick die dunkle Gestalt des Delawaren im Hintergrund erscheinen zu sehen, dem Tiger ähnlich, der um die Hürde herumschleicht. Alles gegen einander erwogen, gelangte er daher am Ende zu dem Schluß: es werde besser seyn, wenn er sich wieder zu seinem Freunde begebe, und seinen Ungestüm durch seine eigene Kaltblütigkeit und Besonnenheit zu mäßigen versuche. Es brauchte nur ein paar Minuten, diesen Plan in Ausführung zu bringen, und zehn oder fünfzehn Minuten, nachdem das Canoe den Strand verlassen, kehrte es wieder dahin zurück. Vielleicht einigermaßen gegen seine Erwartung traf Wildtödter den Indianer auf seinem Posten, von dem er nicht gewichen war, aus Besorgniß, seine Verlobte möchte während seiner Abwesenheit ankommen. Eine Besprechung folgte, worin Chingachgook mit dem Stand der Dinge im Lager bekannt gemacht wurde. Als Hist den Vorsprung als Ort des Zusammentreffens nannte, that sie dieß in der Hoffnung, von der frühern Lagerstelle aus entfliehen, und sich an einen Platz begeben zu können, den sie gänzlich leer zu finden erwartete; aber der plötzliche Ortswechsel hatte alle ihre Plane vereitelt. Eine noch viel größere Wachsamkeit als früher war jetzt nöthig; und der Umstand, daß ein altes Weib auf den Wachposten gestellt war, zeugte auch von besondern Gründen zu Besorgnissen. Alle diese Erwägungen, und manche andere, die sich dem Leser leicht von selbst darbieten, wurden kurz besprochen, ehe die jungen Männer zu einer Entscheidung kamen. Da jedoch der Fall von der Art war, daß er Thaten vielmehr als Worte erheischte, ward die einzuschlagende Handlungsweise bald gewählt. Die jungen Männer brachten das Canoe in eine solche Stellung, daß Hist, wenn sie an den verabredeten Platz vor ihrer Rückkehr kam, es sehen mußte, untersuchten dann ihre Waffen, und begaben sich in den Wald hinein. Der ganze Vorsprung in den See hinein betrug etwa zwei Acres Land; und der Theil, welcher die Landzunge bildete, und wo das Lager stand, betrug eine Fläche von nur halb dieser Ausdehnung. Er war vornehmlich mit Eichen bedeckt, die, wie gewöhnlich in den Amerikanischen Wäldern, sehr hoch emporwuchsen, ohne Aeste auszusenden, und dann erst ein dichtes und üppiges Laubgewölbe bildeten. Unten war, außer dem Saum von dickem Buschwerk der Küste entlang, sehr wenig Unterholz; obwohl die Bäume, in Folge ihrer Gestalt, dichter beisammenstanden als in Gegenden gewöhnlich ist, wo das Beil frei geschaltet hat, und großen, geraden, rohen Säulen glichen, das gewöhnliche Blätterdach tragend. Der Boden war ziemlich eben, hatte jedoch eine kleine Erhöhung gegen die Mitte, welche ihn in eine nördliche und südliche Hälfte theilte. Auch kam ein Bach von den Seiten der benachbarten Hügel brausend herunter, und bahnte sich seinen Weg in den See auf der Südseite der Landspitze. Er hatte sich ein tiefes Bett gewühlt durch einige der höhergelegenen Theile des Landstriches, und in spätern Tagen, als dieser Platz für die Zwecke der Civilisation benutzt wurde, ist er vermöge seiner gewundenen und schattigen Ufer ein nicht geringer Zuwachs von Schönheit für die Gegend geworden. Dieser Bach lag westlich von dem Lager, und seine Wasser fanden ihren Weg in den großen Wasserbehälter der Gegend auf derselben Seite und ganz nahe dem Platze, den man für das Feuer gewählt hatte. Alle diese Umstände waren, soweit die Verhältnisse es gestatteten, von Wildtödter bemerkt, und seinem Freunde mitgetheilt worden. Der Leser begreift, daß die kleine Erhöhung des Bodens hinter dem indianischen Lager die heimliche Annäherung der zwei Abenteurer sehr begünstigte. Sie verhinderte, daß das Licht des Feuers sich auf den Hintergrund geradezu ergoß, obgleich das Land dem Wasser zu abfiel, so daß die linke oder östliche Seite der Stellung dadurch ungeschützt blieb. Wir sagen »ungeschützt,« obgleich das nicht eigentlich das Wort ist, da der Buckel hinter den Hütten und dem Feuer den verstohlen sich Nähernden vielmehr einen Versteck, als den Indianern irgend einen Schutz bot. Wildtödter drang nicht durch den Gürtel von Buschwerk, unmittelbar parallel dem Canoe, denn dadurch hätte er zu plötzlich in den Bereich des Lichts kommen können, da der kleine Hügel nicht ganz bis an's Wasser reichte, sondern er folgte dem Strande nördlich, bis er beinahe der Landzunge gegenüber sich befand, wodurch er unter den Schuß des leichten Abhangs und mithin mehr in Schatten kam. Sobald die Freunde aus den Büschen heraus waren, machten sie Halt, um zu rekognosciren; das Feuer loderte noch hinter dem kleinen Buckel, und warf sein Licht aufwärts zu den Wipfeln der Bäume empor, was mehr einen schönen als für sie vortheilhaften Effekt hervorbrachte. Doch hatte das Lodern der Flamme seine Vortheile; denn während der Hintergrund dunkel, war der Vorgrund stark beleuchtet, so daß die Wilden dem Blick ausgesetzt, ihre Feinde versteckt waren. Den letztern Umstand benutzend, näherten sich die jungen Männer vorsichtig dem Hügelrücken, Wildtödter voran, denn er bestand auf dieser Anordnung, damit nicht der Delaware von seinen Empfindungen zu einem unbesonnenen Schritt sich hinreißen ließe. Es brauchte nur einen Augenblick, bis sie den Fuß der kleinen Anhöhe erreichten; und jetzt begann der kritischste Theil des Unternehmens. Mit ausnehmender Vorsicht sich bewegend, und seine Büchse so haltend, daß ihr Lauf nicht sichtbar wurde, und er sich ihrer sogleich bedienen konnte, rückte der Jäger nur einen Schritt um den andern vor, bis er hoch genug gekommen war, um über den Gipfel wegzusehen – nur sein Kopf in die Helle emporragend. Chingachgook war an seiner Seite, und Beide standen still, um das Lager noch einmal genau zu besichtigen. Um sich jedoch gegen etwaige Herumstreicher in ihrem Rücken zu decken, stellten sie sich hinter den Stamm einer Eiche, auf der Seite zunächst dem Feuer. Die Ansicht vom Lager, welche sich jetzt Wildtödter darbot, war gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die er von der Wasserseite her gehabt. Die dämmernden Gestalten, die er vorhin wahrgenommen, mußten auf dem Gipfel des Bergrückens gewesen seyn, wenige Schritte vorwärts von der Stelle, wo er jetzt stand. Das Feuer loderte noch lustig, und um es herum saßen auf Baumstämmen dreizehn Krieger, so viele, als er von dem Canoe aus gesehen hatte. Sie besprachen sich sehr angelegentlich und eifrig unter einander, und die Figur des Elephanten ging von Hand zu Hand. Der erste Ausbruch der Verwunderung der Wilden war vorüber, und die jetzt vorliegende Erörterung betraf die Wahrscheinlichkeit der Existenz, die Geschichte und Lebensweise eines so außerordentlichen Thieres. Wir haben nicht Zeit, die Meinungen dieser rohen Männer über einen Gegenstand zu wiederholen, der ihren Erfahrungen und ihrem Leben so fremd war; aber wir sagen schwerlich zu Viel, wenn wir behaupten, daß sie ebenso plausibel, und weit sinnreicher waren, als die Hälfte der Hypothesen, welche den Demonstrationen der Wissenschaft vorangehen. Wie sehr sie mit ihren Schlüssen und Vermuthungen fehlgeschossen haben mögen, gewiß ist, daß sie die Fragen mit eifriger und ungetheilter Aufmerksamkeit erörterten. Für den Augenblick war alles Uebrige vergessen, und unsre Abenteurer hätten sich in keinem glücklicheren Augenblick nähern können. Die Weiber waren Alle beisammen, ungefähr so wie Wildtödter sie zuletzt gesehen hatte, beinahe in einer Linie zwischen dem Platz, wo er jetzt stand und dem Feuer. Die Entfernung von der Eiche, an die sich die jungen Männer lehnten, bis zu den Kriegern, betrug etwa dreißig Schritte; die Weiber mochten um die Hälfte näher seyn; ja sie waren wirklich so nahe, daß die äußerste Behutsamkeit, was Bewegungen und Geräusch betraf, unerläßlich war. Obwohl sie in ihrem leisen, sanften Tone sich unterredeten, war es doch bei der tiefen Stille der Wälder möglich, sogar ganze Stücke des Gesprächs zu belauschen, und das leichtmüthige Lachen, das den Mädchen entfuhr, konnte gelegentlich selbst das Canoe erreichen. Wildtödter spürte das Zittern, das den Körper seines Freundes durchzuckte, als dieser zuerst die süßen Töne vernahm, welche den derben, hübschen Lippen Hist's entströmten. Er legte sogar die Hand auf die Schulter des Indianers, als eine Art Ermahnung zur Selbstbeherrschung. Als die Unterredung lebhafter wurde, beugten sich Beide vor, um zu horchen. »Die Huronen haben merkwürdigere Thiere als diese,« sagte eines der Mädchen verächtlich, denn wie bei den Männern, drehte sich auch bei ihnen das Gespräch um den Elephanten und seine Eigenschaften. »Die Delawaren mögen diese Creatur wunderbar finden, aber keine Huronenzunge wird morgen mehr davon sprechen. Unsre jungen Männer werden sie zu finden wissen, wenn die Thiere in die Nähe unserer Wigwam's zu kommen wagen.« Dieß war eigentlich an Wah-ta!-Wah gerichtet, obgleich die Sprecherin ihre Worte mit einer angenommenen Schüchternheit und Bescheidenheit aussprach, die sie die Andern nicht anblicken ließ. »Die Delawaren sind so weit entfernt, solche Creaturen in ihr Land zu lassen,« versetzte Hist, »daß noch keine Seele auch nur ihre Bilder davon gesehen hat! Ihre jungen Männer würden die Bilder wie die Bestien selbst fortscheuchen!« »Die Delawarischen jungen Männer! – Die Nation besteht aus Weibern – selbst das Wild wandelt ruhig dahin, wenn es ihre Jäger kommen hört! Wer hat je den Namen eines jungen Kriegers der Delawaren vernommen!« Dieß wurde in gutmüthigem Tone und mit Lachen gesprochen, aber zugleich doch etwas beißend. Daß Hist es so nahm, zeigte sich in der Lebhaftigkeit ihrer Antwort. »Wer hat je den Namen eines jungen Delawaren vernommen?« wiederholte sie ernst. »Tamenund selbst, obwohl jetzt so alt wie die Tannen auf dem Berge, oder als die Adler in der Luft, war einst jung; sein Name ward vernommen von dem großen Salzsee bis zu den süßen Wassern des Westens. Was ist die Familie der Uncas?« – Wo ist eine andere so große, obgleich die Bleichgesichter ihre Gräber aufgewühlt und ihre Gebeine mit Füßen getreten haben? Fliegen die Adler so hoch, ist das Wild so schnell, oder der Panther so muthig? Ist kein junger Krieger dieses Stammes da? Laßt die Huronen-Mädchen ihre Augen weiter aufthun, so mögen sie Einen sehen, Chingachgook genannt, der so stattlich ist wie eine junge Esche, und so zäh wie die Hagenbuche.« Wie das Mädchen dieß in ihrer bilderreichen Sprache sagte, und ihre Genossinnen die Augen weiter aufthun hieß, damit sie den Delawaren sähen, stieß Wildtödter mit den Fingern seinen Freund in die Seite, und überließ sich seinem herzlichen, wohlwollenden, leisen Lachen. Der Andere lächelte; aber die Sprache der Redenden war zu schmeichelhaft und die Töne ihrer Stimme zu süß für ihn, als daß er sich durch ein zufälliges, wenn auch komisches Zusammentreffen von Umständen in seiner Aufmerksamkeit stören ließ. Die Rede Hist's zog eine Erwiederung nach sich, und der Streit, obwohl gutmüthig geführt, und weit entfernt von der plumpen Heftigkeit in Ton und Geberden, wie sie oft den Reizen des schönen Geschlechts im civilisirten Leben, wie man es nennt, Eintrag thut, wurde warm und etwas laut. Mitten unter dieser Scene hieß der Delaware seinen Freund sich ducken, so daß er ganz versteckt war, und ließ dann einen Ton hören, so ganz ähnlich dem Pfeifen der kleinsten Gattung des amerikanischen Eichhorns, daß Wildtödter selbst, obgleich er den Ton hundertmal hatte nachahmen gehört, wirklich glaubte, er rühre von einem der kleinen, über seinem Haupt herumkletternden Thierchen her. Der Ton ist in den Wäldern so gewöhnlich, daß keine von den Huroninnen im Geringsten darauf achtete. Hist aber hörte augenblicklich auf zu sprechen, und saß regungslos da. Doch behielt sie Selbstbeherrschung genug, den Kopf nicht umzuwenden. Sie hatte das Signal vernommen, mit dem ihr Geliebter so oft sie aus dem Wigwam zur heimlichen Besprechung rief, und es kam über ihre Sinne und ihr Herz, wie die Serenade im Land des Gesanges das Mädchen ergreift. Von diesem Augenblick an war Chingachgook überzeugt, daß sie seine Gegenwart wisse. Dieß war wichtig, und er konnte jetzt hoffen, daß seine Geliebte ein weit kühneres Verfahren einschlagen werde, als sie, über seinen Aufenthaltsort ungewiß, gewählt haben würde. Es blieb kein Zweifel daran übrig, daß sie sich bestreben würde, seine Bemühungen für ihre Befreiung zu unterstützen. Wildtödter stand auf, sobald das Signal gegeben war, und obgleich er noch nie den süßen Verkehr gepflogen hatte, der nur Liebenden bekannt ist, entdeckte er doch sehr bald die große Veränderung, die mit dem Wesen und Benehmen des Mädchens vorgegangen war. Sie gab sich noch Mühe zu streiten, aber nicht mehr mit Geist und Unbefangenheit, sondern was sie sagte, war mehr nur als ein Köder hingeworfen, ihre Gegnerinnen zu leichtem Siege heranzulocken, als mit irgend einer Hoffnung, selbst Siegerin zu werden. Zwar ein paar Mal gab ihr ihre natürliche Besonnenheit eine rasche Erwiederung oder einen Beweisgrund ein, welche Lachen erregten und ihr für den Augenblick einigen Vortheil gaben; aber diese kleinen Einfälle, Früchte des Mutterwitzes, dienten nur, um besser ihre wahren Gefühle zu verhehlen; und dem Triumph der andern Partei einen natürlicheren Anstrich zu geben, als er ohne sie vielleicht gehabt hätte. Endlich wurden die Streitenden müde, und sie erhoben sich Alle gesammt, als wollten sie sich trennen. Jetzt zum ersten Mal wagte Hist das Gesicht nach der Richtung zu kehren, woher das Signal gekommen. Ihre Bewegung hiebei war natürlich, aber behutsam, und sie streckte den Arm aus und gähnte, wie von Schläfrigkeit übermannt. Wieder ließ sich das schrillende Pfeifen hören, und das Mädchen war jetzt gewiß, wo ihr Geliebter stehe, obgleich das starke Licht, in dem sie selbst stand, und die verhältnißmäßige Dunkelheit, welche die Abenteurer umgab, sie hinderte ihre Köpfe zu sehen, den einzigen Theil ihres Körpers, der über den Hügelrücken hervorragte. Der Baum, an den sie sich lehnten, war von einem dunkeln Schatten überzogen, der von einer ungeheuren, zwischen ihm und dem Feuer stehenden Fichte herrührte, und dieser Umstand allein schon würde alle Gegenstände, die in diesen Bereich fielen, in jeder Entfernung dem Auge entzogen haben. Das wußte Wildtödter wohl, und es war einer der Gründe, warum er gerade diesen Baum gewählt hatte. Der Augenblick, wo Hist nothwendig handeln mußte, war nahe. Sie sollte in einer kleinen Hütte, oder Laube, schlafen, ganz in der Nähe des Orts, wo sie stand, aufgeschlagen, und ihre Genossin war die schon erwähnte alte Hexe. War sie einmal in dieser Hütte, und lag das schlaflose alte Weib, wie sie allnächtlich pflegte, quer über den Eingang hingestreckt, so war beinahe alle Hoffnung zum Entkommen zerstört, und sie konnte jeden Augenblick zu Bette gerufen werden. Zum Glück rief in diesem Augenblick einer der Krieger das alte Weib mit Namen, und hieß sie ihm Wasser zum Trinken bringen. Es war eine köstliche Quelle auf der Nordseite der Landspitze, und die Alte nahm einen ledernen Becher von einem Zweig, rief Hist an ihre Seite, und ging dem Gipfel des Hügelrückens zu, in der Absicht, über die Landspitze hin zu dem natürlichen Brunnen hinabzusteigen. Alles dieß sahen und verstanden die Abenteurer; sie traten in das Dunkel zurück und versteckten sich hinter Bäumen, bis die beiden Weiber an ihnen vorbei waren. Im Gehen hielt die Alte Hist fest an der Hand. Als sie an dem Baum vorüber kam, welcher Chingachgook und seinen Freund verbarg, griff Jener nach seinem Tomahawk, in der Absicht, ihn in dem Hirnschädel des Weibes zu begraben. Der Andere aber erkannte das Gefährliche einer solchen Maßregel, da Ein Schrei alle Krieger ihnen auf den Hals ziehen konnte, und er war auch aus Gründen der Menschlichkeit einer solchen That abgeneigt. Daher hinderte seine Hand den Streich. Als aber die Beiden vorüber geschritten, ward das Pfeifen wiederholt, und die Huronin blieb stehen und gaffte den Baum an, von welchem die Töne zu kommen schienen, und in diesem Augenblick stand sie nur sechs Fuß von ihren Feinden entfernt. Sie bezeugte ihr Erstaunen, daß ein Eichhorn so spät noch munter seyn sollte, und sagte, es bedeute Unheil. Hist antwortete, sie habe dasselbe Eichhorn dreimal binnen der letzten zwanzig Minuten gehört, und sie glaube, es spanne darauf, einige Brocken, die bei der Mahlzeit übrig geblieben, zu erlangen. Diese Erklärung schien befriedigend, und sie schritten der Quelle zu, auf dem Fuß und heimlich von den Männern gefolgt. Der Becher war gefüllt, und die Alte eilte zurück, die Hand immer an dem Handgelenk des Mädchens, als sie plötzlich so heftig an der Kehle gepackt wurde, daß sie ihre Gefangene loslassen mußte, und keinen andern Ton von sich geben konnte, als eine Art halbersticktes Gurgeln und Röcheln. Schlange umfaßte mit dem Arm den Leib seiner Geliebten, und stürzte sich mit ihr durch die Büsche auf der Nordseite der Landspitze. Hier bog er sofort ein, dem Strand entlang, und rannte nach dem Canoe. Er hätte eine geradere Richtung eingeschlagen, aber dieß hätte leicht zur Entdeckung des Landungsplatzes führen können. Wildtödter spielte indeß immerfort auf der Kehle des alten Weibs wie auf den Tasten einer Orgel, ließ sie von Zeit zu Zeit athmen, und drückte dann wieder mit den Fingern beinahe zum Erwürgen. Aber die kurzen Fristen zum Athemholen wurden wohl benützt, und es gelang der Alten, ein paar kreischende Töne auszustoßen, welche das Lager in Allarm brachten. Das Stampfen der Krieger, als sie vom Feuer aufsprangen, war deutlich zu hören, und im nächsten Augenblick erschienen drei oder vier von ihnen auf dem Gipfel des Hügelrückens, die auf dem lichten Hintergrund sich wie die dämmernden Schatten einer Zauberlaterne ausnahmen. Jetzt war es die höchste Zeit für den Jäger, sich zurückzuziehen. Er unterschlug seiner Gefangnen ein Bein, klemmte ihr zum Abschied noch einmal die Kehle zusammen, ebensosehr aus Rache wegen ihrer unbezwinglichen Bestrebungen, Lärm zu machen, als aus Gründen der Klugheit, verließ sie auf dem Rücken liegend, und eilte den Büschen zu, – die Büchse im Gleichgewicht, den Kopf über die Schultern wendend, wie ein gehetzter Löwe. Siebenzehntes Kapitel. Schaut, weise Heil'ge, dieß Eur' Licht und Stern! Die Narr'n und Opfer seyd Ihr, scheint's, ja gern! Ist gnug jetzt? wollt von uns Ihr seyn betrogen, Bis Eurer weisen Brust der letzte Hauch entflogen? Moore. Das Feuer, das Canoe und die Quelle, von der aus Wildtödter seinen Rückzug antrat, standen so gegeneinander, daß sie die Winkel eines so ziemlich gleichseitigen Dreiecks würden gebildet haben. Die Entfernung vom Feuer zum Boote betrug etwas Weniger, als die Entfernung vom Feuer zu der Quelle, während die von der Quelle bis zum Boot etwa der zwischen den zwei zuerst genannten Punkten gleich kam. Dieß Verhältniß aber war bei geraden Linien – und in dieser Art konnten die Flüchtigen ihre Flucht nicht ausführen. Sie waren gezwungen, sich zu einem Umweg zu entschließen, um den Schutz der Büsche zu gewinnen und der Krümmung des Strandes zu folgen. Unter solchen Nachtheilen also trat der Jäger seinen Rückzug an – Nachtheilen, deren Größe er nur um so mehr empfand, vermöge seiner Kenntniß der Gewohnheiten aller Indianer, die in Fällen plötzlichen Alarms, zumal mitten in einer gedeckten Stellung, selten verfehlen, augenblicklich Plänkler »ach den Seiten auszuschicken, in der Absicht, den Feinden auf allen Punkten entgegenzutreten, und wo möglich ihnen in den Rücken zu fallen. Daß so Etwas auch jetzt im Werke war, schloß er aus dem Stampfen von Füßen, das nicht blos, wie schon gemeldet, die Anhöhe herauf kam, sondern auch, wiewohl leiser, gehört wurde in ganz andrer Linie, nicht blos gegen den Hügel im Rücken zu, sondern auch gegen den äußersten Punkt der Landspitze, in einer Richtung, entgegengesetzt der, die er einzuschlagen im Begriffe stand. Schnelligkeit war daher jetzt von äußerster Wichtigkeit, da die verschiedenen Partien am Strand zusammentreffen konnten, ehe die Flüchtigen das Canoe zu erreichen vermochten. Trotz der Dringlichkeit der Umstände zögerte Wildtödter doch einen Augenblick, ehe er sich in die die Küste einfassenden Büsche hineinstürzte. Seine Gefühle waren rege gemacht worden durch den ganzen Auftritt, und eine finstere Entschlossenheit war über ihn gekommen, wie sie ihm sonst fremd war. Vier dunkle Gestalten zeigten sich auf dem Hügelrücken, gegen die Helle des Feuers sich abhebend, und ein Feind konnte auf einen Blick geopfert werden. Die Indianer hatten Halt gemacht und starrten in das Dunkel, die alte kreischende Hexe zu suchen, und bei manchem Mann, der weniger gedacht hätte als der Jäger, wäre der Tod Eines von ihnen gewiß gewesen. Zum Glück war er umsichtiger. Obgleich die Büchse sich ein wenig gegen den Vordersten seiner Verfolger senkte, zielte oder feuerte er doch nicht, sondern verschwand in dem Versteck. Den Strand gewinnen, und ihm folgen bis herum zu dem Platz, wo Chingachgook schon mit Hist im Canoe war, ängstlich seine Ankunft erwartend, war das Werk eines Augenblicks. Seine Büchse auf den Boden des Canoe's legend, bückte sich Wildtödter, um dem letztern einen kräftigen Stoß von der Küste weg zu geben, als ein gewaltiger Indianer aus den Büschen hervorstürzte und wie ein Panther ihm auf den Rücken sprang. Alles hing jetzt an einem, Haar; ein falscher Schritt richtete Alle zu Grunde. Mit einer Großherzigkeit, die einen Römer für alle künftige Zeiten hin berühmt gemacht haben würde, die aber in der Laufbahn eines so einfachen und niedrigen Mannes ohne diese anspruchslose Erzählung der Welt für immer fremd geblieben und verloren wäre, bot Wildtödter all' seine Kraft in einer verzweiflungsvollen Anstrengung auf, stieß das Canoe mit einer Gewalt hinaus, die es in einem Augenblick vielleicht hundert Fuß weit von der Küste wegtrieb, und stürzte selbst, mit dem Kopf voran, in den See; und sein Angreifer natürlich mit ihm. Obgleich das Wasser einige Schritte vom Strand entfernt tief war, hatte es doch so nah am Ufer, wie die Stelle war, wo die beiden Feinde hineinfielen, nur Brusthöhe, dieß war jedoch schon völlig genug, um einen Mann zu tödten, der unter so ungünstigen Umständen hineingestürzt war, wie Wildtödter. Doch hatte er die Hände frei, und der Wilde war genöthigt, seinen Hals fahren zu lassen, um selbst sein Gesicht über dem Wasser zu halten. Eine halbe Minute dauerte ein verzweiflungsvoller Kampf, ähnlich dem Gezappel eines Alligators, der eben eine gewaltige Beute ergriffen hat, und dann standen Beide aufgerichtet, Jeder des Andern Arme zu packen suchend, um ihn am Gebrauche des tödtlichen Messers in der Finsternis zu hindern. Was der Ausgang dieses heftigen Kampfes von Mann gegen Mann gewesen wäre, kann man nicht wissen; aber ein Halbdutzend Wilde sprangen ins Wasser ihrem Genossen zu Hülfe, und Wildtödter ergab sich zum Gefangenen mit einer Würde, die nicht minder bemerkenswerth war, als seine Aufopferung. Den See zu verlassen und den neuen Gefangenen an's Feuer zu führen, erforderte auch nur wieder eine Minute. So beschäftigt waren sie Alle mit dem Kampfe und dessen Folgen, daß sie das Canoe nicht sahen, obgleich es der Küste noch so nahe war, daß der Delaware und seine Verlobte jede Sylbe ganz deutlich hörten, die gesprochen wurde; und die ganze Truppe verließ den Platz, Einige setzten die Verfolgung Hist's dem Strande entlang fort, die Meisten aber kehrten zum Feuer zurück. Hier gewann Wildtödters Gegner so weit seinen Athem und seine Besinnung wieder, denn er war beinahe erwürgt worden von den Griffen des Andern, daß er die Art und Weise erzählen konnte, wie das Mädchen davon gekommen. Es war jetzt zu spät, die andern Flüchtlinge anzugreifen, denn sobald sein Freund in die Gebüsche abgeführt war, senkte der Delaware seine Ruderschaufel ins Wasser, und das leichte Canoe glitt geräuschlos dahin, dem Mittelpunkt des See's zusteuernd, bis es außer Schußweite war, und dann suchte es die Arche auf. Als Wildtödter beim Feuer ankam, sah er sich umringt von nicht weniger als acht grimmigen Wilden, worunter sein alter Bekannter Rivenoak. Sobald dieser das Gesicht des Gefangenen erblickt hatte, redete er heimlich mit seinen Genossen, und ein leiser aber allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschung entfuhr ihnen. Sie hatten erfahren, daß der Besieger ihres, jüngst auf der gegenüberliegenden Küste des See's gefallenen Freundes in ihren Händen, ihrer Barmherzigkeit oder Rachsucht preisgegeben war. Es lag eine nicht geringe Beimischung von Bewunderung in den trotzigen Blicken, die auf den Gefangenen geworfen wurden, Bewunderung, die ebensosehr durch seine jetzige Fassung, als durch seine vorangegangnen Thaten rege gemacht wurde. Man kann sagen, diese Scene war der Anfang des großen und schreckenverbreitenden Rufes, dessen Wildtödter, oder Falkenauge, wie er nachmals genannt wurde, unter allen Stämmen von Neu-Jork und Canada genoß; – ein Ruf, der freilich, was die Ausdehnung nach Länderstrecken und Menschenzahl betrifft, weit beschränkter war als der Ruf von Menschen im civilisirten Leben, aber der vielleicht, was ihm in diesen Punkten fehlte, durch seine größere Rechtmäßigkeit, und durch die gänzliche Ausschließung von Täuschung und künstlicher Pflege vergütete. Die Arme Wildtödters wurden nicht gebunden, und es blieb ihm der freie Gebrauch seiner Hände, nachdem man erst sein Messer ihm weggenommen hatte. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die man traf, um sich seiner Person zu versichern, war unablässige Wachsamkeit, und ein starkes Seil von Bast, das von einer Knöchel zur andern ging, nicht sowohl um ihn im Gehen zu hindern, als um einem etwaigen Fluchtversuche mittelst eines plötzlichen Satzes ein Hinderniß in den Weg zu legen. Selbst diese außerordentliche Vorbeugungsmaßregel gegen einen Fluchtversuch ward erst getroffen, nachdem man den Gefangenen an's Licht geführt und seine Person erkannt hatte. Es war in der That ein Compliment, das man seiner Kühnheit machte, und er war stolz auf diese Auszeichnung. Daß er würde gebunden werden, wenn die Krieger schliefen, war ihm wahrscheinlich; aber gebunden zu werden im Augenblick seiner Gefangennehmung, war ein Beweis, daß er schon, und so frühe, einen Namen gewann. Während die jungen Indianer das Seil befestigten, dachte er bei sich selbst nach, ob wohl Chingachgook ebenso behandelt worden wäre, wäre auch er dem Feinde in die Hände gefallen. Auch rührte der Ruf des jungen Bleichgesichts nicht ganz von dem glücklichen Erfolg seines früheren Kampfes, oder von der Klugheit und Kaltblütigkeit her, die er bei der Unterhandlung erwiesen hatte; sondern er hatte auch durch die Ereignisse der Nacht einen großen Zuwachs erhalten. Unbekannt mit den Bewegungen der Arche, und mit dem Zufall, der die Feinde ihr Feuer hatte erblicken machen, schrieben die Irokesen die Entdeckung ihres neuen Lagers der Wachsamkeit eines so schlauen Feindes zu. Die Art und Weise, wie er sich auf die Landspitze gewagt hatte, die Entführung oder Flucht Hist's, und ganz besonders die Selbstaufopferung des Gefangnen, verbunden mit der Besonnenheit, womit er das Canoe hinausgestoßen, waren ebenso viele wichtige Glieder in der Kette von Thatsachen, worauf sein wachsender Ruhm beruhte. Manche dieser Umstände hatten die Indianer selbst gesehen, manche waren ihnen erklärt worden, und alle wurden gewürdigt. Während solche Bewunderung und Ehren so ohne Rückhalt Wildtödtern gezollt wurden, entging er doch nicht einigen Beschwerlichkeiten seiner Lage. Man gestattete ihm, sich auf das Ende eines Blockes in der Nähe des Feuers zu setzen, um seine Kleider zu trocknen, und sein Gegner von Kurzem her stand ihm gegenüber, bald Stücke seiner eignen ärmlichen Kleidung an die Hitze haltend, bald sich die Kehle befühlend, wo die Spuren von seines Feindes Fingern noch recht gut sichtbar waren. Die übrigen Krieger rathschlagten in der Nähe miteinander, da Alle, die aus gewesen, mit der Nachricht zurückgekehrt waren, daß keine anderen Herumstreifer in der Nähe des Lagers zu finden seyen. Während dieses Stands der Dinge näherte sich das alte Weib, deren indianischer Name verdollmetscht Bärin bedeutete, Wildtödtern mit geballten Fäusten und feuersprühenden Augen. Bisher hatte sie sich mit Kreischen begnügt, eine Aufgabe, bei der sie ihre Rolle mit nicht geringem Erfolg gespielt hatte, aber nachdem sie auf's wirksamste Alles in Alarm gesetzt hatte, was im Bereich einer durch lange Uebung gekräftigten Lunge lag, richtete sie zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Unbilden, die ihre eigne Person bei dem Kampfe erlitten hatte. Diese waren in keiner Weise von Bedeutung, obwohl von einer Art, daß sie wohl alle Wuth eines Weibes erwecken konnten, das längst nicht mehr mittelst sanfterer Eigenschaften anzog, und sehr geneigt war, die Mühsale, die sie so lange erduldet, als vernachlässigte Gattin und Mutter von Wilden an Jedem, der in ihre Gewalt kam, zu rächen. Wenn Wildtödter sie nicht auf die Dauer verletzt, hatte er ihr doch für einige Zeit Schmerzen bereitet, und sie war nicht die Person, ein Unrecht dieser Art um des Beweggrunds willen zu übersehen. »Stinkthier der Bleichgesichter,« begann diese erbitterte und halbpoetische Furie, dem unerschütterlichen Jäger die Faust unter die Nase schüttelnd, »Ihr seyd nicht einmal ein Weib. Eure Freunde, die Delawaren, sind Weiber, und Ihr seyd ihr Schaaf. Euer eignes Volk wird Euch nicht anerkennen, und kein Stamm von rothen Männern würde Euch in seinen Wigwams dulden; Ihr schleicht herum unter Kriegern in Unterröcken. Ihr unsern tapfern Freund erschlagen, der uns verlassen hat? – nein! seine große Seele verschmähte es, mit Euch zu kämpfen, und verließ lieber ihren Leib, als daß sie die Schmach auf sich geladen, Euch zu tödten! Aber das Blut, das Ihr vergosset, als der Geist nicht zusah, ist nicht in die Erde geflossen. Es muß begraben seyn in Eurem Stöhnen – welche Musik höre ich! Das ist nicht das Aechzen eines rothen Mannes! – kein rother Krieger stöhnt und grunzt so wie ein Schwein. Diese Töne kommen aus einer Bleichgesichtskehle – einer Dengeese-Brust – und tönen so lieblich, wie eines Mädchens Singen. – Hund – Stinkthier – Wiesel – Iltiß – Stachelschwein – Ferkel – Kröte – Spinne – Nengee –« Hier mußte wohl die Alte, nachdem sie ihren Athem aufgewendet, und ihren Schatz von Schimpfwörtern erschöpft hatte, einen Augenblick inne halten, obwohl sie noch immer beide Fäuste dem Gefangenen in's Gesicht schüttelte, und ihr ganzes mit Runzeln bedecktes Gesicht voll wilder, erbitterter Rachgier war. Wildtödter betrachtete diese ohnmächtigen Versuche, ihn aufzubringen, mit der Gleichgültigkeit, womit in unserm Zustand der Gesellschaft ein Gentleman auf die Schimpfreden eines Lumpen herabsieht; er fühlte, daß die Zunge eines alten Weibes nimmermehr einen Krieger verunehren konnte, so wie dieser weiß, daß Lüge und Gemeinheit auf die Länge nur diejenigen beschimpfen, die sich ihrer bedienen mögen; aber für den Augenblick wurden ihm weitere Angriffe erspart durch das Dazwischentreten Rivenoak's, der die Hexe bei Seite schob, sie den Ort verlassen hieß, und sich anschickte, sich neben den Gefangenen zu setzen. Das alte Weib entfernte sich, aber der Jäger erkannte wohl, daß er der Gegenstand aller ihrer Belästigungen und Quälereien, wenn auch nicht thätlicher Mißhandlungen seyn würde, so lang er in der Gewalt seiner Feinde blieb; denn Nichts wurmt tiefer, als das Bewußtseyn, daß ein Versuch, Jemand in Zorn zu bringen, mit Verachtung aufgenommen worden ist, – einem Gefühl, das gewöhnlich das passivste von allen in der menschlichen Brust gehegten zu seyn pflegt. Rivenoak nahm ruhig seinen Sitz, wie wir schon erwähnt, ein, und nach einem kurzen Stillschweigen begann er ein Gespräch, das wir natürlich wieder zum Besten der Leser übersetzen, welche die nordamerikanischen Sprachen nicht studirt haben. »Mein Bleichgesichtfreund ist sehr willkommen,« sagte der Indianer mit einem vertraulichen Kopfnicken, und mit einem so versteckten Lächeln, daß es Wildtödters ganze Aufmerksamkeit brauchte, es zu entdecken, und nicht wenig von seiner Philosophie, um dabei ganz ruhig zu bleiben, »er ist willkommen. Die Huronen unterhalten ein heißes Feuer, des weißen Mannes Kleider daran zu trocknen.« «Ich danke Euch, Hurone, oder Mingo, oder wie ich Euch eigentlich zu nennen habe,« versetzte der Andere; »ich danke Euch für den Willkomm und danke Euch für das Feuer. Beide sind gut in ihrer Art, und das letztere ist sehr gut, wenn Einer in einem so kalten Bade gewesen, wie der Glimmerglas ist. Selbst Huronenwärme mag in einem solchen Zeitpunkt angenehm seyn einem Mann mit einem Delawarenherzen.« »Das Bleichgesicht – aber mein Bruder hat einen Namen? Ein so großer Krieger hat doch wohl nicht ohne einen Namen gelebt!« »Mingo,« sagte der Jäger, und Etwas von der Schwäche der menschlichen Natur offenbarte sich in dem Blicke seines Auges und in der Farbe seiner Wangen, »Mingo, Euer Tapfrer nannte mich Falkenauge, ich glaube wegen meines raschen und sichern Zielens, als er mit seinem Haupt in meinem Schooß lag, ehe sein Geist nach den glücklichen Jagdrevieren aufflog!« »Es ist ein guter Name, Der Falke ist seines Stoßes sicher. Falkenauge ist kein Weib; warum lebt er bei den Delawaren?« »Ich verstehe Euch, Mingo, aber wir betrachten das Alles als eine Tücke von Einigen Eurer listigen Teufel, und läugnen die Beschuldigung. Die Vorsehung hat mich jung unter die Delawaren versetzt, und abgerechnet was christliche Gebräuche von meiner Farbe und meinen Gaben fordern, hoffe ich in ihrem Stamme zu leben und zu sterben. Doch aber bin ich nicht gemeint, meine angebornen Rechte ganz wegzuwerfen, und werde mich bestreben, die Pflicht eines Bleichgesichts in Gesellschaft von Rothhäuten zu erfüllen.« »Gut; ein Hurone ist eine Rothhaut, so gut wie ein Delaware. Falkenauge ist mehr ein Hurone als ein Weib.« »Ich denke, Mingo, Ihr kennt Eure eigne Meinung; wenn nicht, so ist sie doch, wie ich nicht zweifle, dem Satan wohl bekannt? Aber wenn Ihr etwas von mir heraus bringen wollt, so sprecht deutlicher, denn einen Handel kann man nicht abschließen mit verbundnen Augen und gelähmter Zunge.« »Gut; Falkenauge hat keine Gabelzunge, und er liebt zu sagen, was er denkt. Er ist ein Bekannter der Bisamratze,« – mit diesem Namen bezeichneten alle Indianer Hutter, – »und er hat in seinem Wigwam gewohnt, aber er ist nicht ein Freund von ihm. Es ist ihm nicht um Skalpe zu thun, wie einem armseligen Indianer, sondern er kämpft wie ein mannhaftes Bleichgesicht. Die Bisamratze ist weder weiß noch roth, weder Thier noch Fisch. Sie ist eine Wasserschlange; manchmal im Wasser, manchmal auf dem Land. Er trachtet nach Skalpen wie ein Räuber, Falkenauge kann zurückgehen und ihm sagen, wie er die Huronen überlistet habe, wie er entkommen sey; und wenn dann seine Augen in einem Nebel sind, wenn er nicht mehr von seiner Kajüte bis zu den Wäldern sehen kann – dann kann Falkenauge die Thüre öffnen für die Huronen. Und wie wird der Raub getheilt werden? Ha! Falkenauge wird das Meiste hinwegnehmen und die Huronen werden nehmen, was er übrig lassen mag. Die Skalpe können nach Canada wandern, denn ein Bleichgesicht hat keine Lust daran.« »Nun gut, Rivenoak, denn so höre ich Euch nennen, das ist einmal deutlich gesprochen, obwohl auf Irokesisch. Ich verstehe wohl Alles, was Ihr meint, und muß sagen, diese Teufelei geht selbst über Mingoteufelei hinaus. Ohne Zweifel, es wäre leicht, zurückzugehen, und der Bisamratze zu sagen, daß ich von Euch losgekommen, und dazu noch durch die That einiges Lob und Ansehen zu gewinnen.« »Gut; das ist es, was ich von dem Bleichgesicht wünschte.« »Ja, ja – das ist klar genug. Ich weiß ohne weitere Worte, was Ihr von mir verlangt. Während ich im Hause der Bisamratze sitze, und sein Brod esse, und mit seinen hübschen Töchtern lache und plaudere, könnte ich seine Augen mit einem dicken Nebel umhüllen, daß er nicht einmal die Thüre, geschweige das Land sähe!« »Gut. Falkenauge sollte ein Hurone geboren seyn! Sein Blut ist kaum halb weiß!« »Da irrt Ihr, Hurone: ja, da irrt Ihr so gewaltig, wie wenn Ihr einen Wolf für einen Panther hieltet. Ich bin weiß an Blut, Herz, Natur und Gaben, obwohl ein wenig Rothhaut in Gefühlen und Lebensart. Aber wenn des alten Hutter's Augen recht benebelt sind, und seine hübschen Töchter vielleicht in tiefem Schlaf liegen, und Harry Hurry, die große Fichte, wie Ihr Indianer ihn nennt, von Allem eher als von Unheil träumt, und Alle denken, Falkenauge versehe den Dienst einer treuen Schildwache, hätte ich weiter nichts zu thun, als irgendwo eine Fackel zum kenntlichen Signal auszustecken, die Thüre zu öffnen und die Huronen einzulassen, um sie Alle niederzuschlagen.« »Gewiß ist mein Bruder im Irrthum; er kann nicht weiß seyn! Er ist würdig, ein großer Häuptling unter den Huronen zu seyn!« »Das ist sehr wahr, glaube ich gern, wenn er dieß Alles zu thun im Stande wäre. Jetzt merkt auf, Hurone, und hört auch einmal ein paar ehrliche Worte aus dem Mund eines geraden, einfachen Mannes. Ich bin als Christ geboren, und die von einem solchen Stamme kommen, und den Worten horchen, die zu ihren Vätern geredet wurden, und zu ihren Kindern werden geredet werden, bis die Erde mit Allem was darin ist, vergeht, können sich nimmermehr zu solcher Verruchtheit hergeben. Listen im Krieg mögen rechtmäßig seyn, und sind es; aber Listen und Trug, und Verrätherei unter Freunden passen nur für die Teufel unter den Bleichgesichtern. Ich weiß, daß es weiße Männer genug gibt, die Euch eine so falsche Idee von unsrer Natur geben können, aber die sind untreu ihrem Blut und ihren Gaben, und sollten, wenn sie es nicht wirklich sind, Ausgestoßene und Vagabunden seyn. Kein rechtliches Bleichgesicht könnte thun, was Ihr verlangt, und um so offen gegen Euch zu seyn, als es meine Art und mein Bestreben ist, nach meinem Urtheil auch kein rechtlicher Delaware; mit einem Mingo mag es ein andrer Fall seyn.« Der Hurone hörte diese Abfertigung mit sehr begreiflichem Widerwillen an, aber er hatte seine Zwecke fest im Auge, und war zu schlau, um alle Aussicht, sie noch zu erreichen, durch eine übereilte Kundgebung seines Unmuths zu vereiteln. Sich zu einem Lächeln zwingend, schien er eifrig zuzuhören, und erwog dann nachdenklich, was er vernommen hatte. »Liebt Falkenauge die Bisamratze?« fragte er plötzlich; »oder liebt er seine Töchter?« »Keines von beiden, Mingo. Der alte Tom ist nicht der Mann, meine Liebe zu gewinnen, und was die Töchter betrifft, die sind hübsch genug, um jedem jungen Manne zu gefallen; aber Gründe genug sind gegen eine sehr große Liebe für die Eine oder die Andere, Hetty ist eine gute Seele, aber die Natur hat eine schwere Hand auf ihren Geist gelegt; – das arme Geschöpf!« »Und die Wilde Rose!« rief der Hurone – denn der Ruf von Judiths Schönheit hatte sich unter denen verbreitet, welche in der Wildniß so gut zu reisen wußten, als auf der Heerstraße, mittelst alter Adleronester, Felsen und geborstener Bäume, die ihnen durch Sage und Ueberlieferung bekannt waren: so gut wie unter den weißen Grenzbewohnern – »und die wilde Rose, ist sie nicht süß genug, um an die Brust meines Bruders gesteckt zu werden?« Wildtödter besaß zu viel vom gebornen Gentleman, um das Mindeste gegen den guten Ruf eines durch Natur und Stellung so hülflosen Wesens zu äußern; und da er keine Unwahrheit reden mochte, schwieg er lieber ganz. Der Hurone mißverstand den Beweggrund, und vermuthete, seiner Zurückhaltung liege eine nicht erhörte Neigung zu Grunde. Immer noch trachtend, seinen Gefangenen zu verführen ober zu bestechen, um in den Besitz der Schätze zu kommen, womit seine Einbildungskraft das Castell anfüllte, setzte er seine Angriffe beharrlich fort. »Falkenauge spricht mit einem Freund,« sagte er. »Er weiß, daß Rivenoak der Mann seines Wortes ist, denn sie haben miteinander gehandelt, und Handel öffnet die Seele, Mein Freund ist hieher gekommen, wegen einer kleinen Schnur, von einem Mädchen festgehalten, welche den mannhaftesten Krieger ganz und gar nach sich reißen kann?« «Jetzt seyd Ihr der Wahrheit näher, Hurone, als je zuvor, seit unser Gespräch begonnen. Aber das eine Ende dieser Schnur war nicht an meinem Herzen befestigt, auch haftete keines an der Wilden Rose.« »Das ist wunderbar! Liebt mein Bruder mit seinem Kopf und nicht mit seinem Herzen? Und kann die Schwachsinnige so hart an einem so mannhaften Krieger zerren?« »Da ist es wieder! manchmal richtig und manchmal falsch! Die Schnur, davon Ihr sprachet, ist befestigt an dem Herzen eines großen Delawaren; eigentlich Eines vom Mohikanstamm, der unter den Delawaren lebt seit der Zerstreuung seines eignen Volkes und der Familie der Unkas – Chingachgook mit Namen, oder Große Schlange. Er ist hieher gekommen, geleitet von jener Schnur, und ich bin ihm gefolgt, oder vielmehr ging ihm voran, denn ich kam zuerst hieher, durch nichts Stärkeres hergezogen, als durch Freundschaft, die stark genug ist bei solchen, die nicht neidisch sind mit ihren Gefühlen und gern auch ein Wenig für ihre Mitgeschöpfe leben, so gut wie für sich selbst.« »Aber eine Schnur hat zwei Enden – eines ist befestigt am Herzen eines Mohikans, und das andere –?« »Ha, das andere war hier, dicht am Feuer, noch vor einer halben Stunde. Wah-ta!-Wah hielt es in ihrer Hand, wenn es nicht an ihrem Herzen haftete.« »Ich verstehe, was Ihr meint, mein Bruder,« versetzte der Indianer ernst, jetzt erst dem Zusammenhange der Ereignisse des Abends auf die Spur kommend. »Die Große Schlange, als der Stärkste, zog an der Schnur und Hist war gezwungen, uns zu verlassen.« »Ich denke nicht, daß es viel Ziehens brauchte,« erwiederte der Andere, immer in seiner stillen Weise lachend, und das so herzlich, als wäre er kein Gefangener in Gefahr von Martern und Tod schwebend, gewesen. »Ich glaube nicht, daß es da viel Ziehens brauchte; nein, wahrhaftig nicht. Gott tröste Euch, Hurone; er hat das Mädchen gern, und das Mädchen ihn, und es ging über Huronenlist, zwei junge Leute von einander getrennt zu halten, wenn ein so starkes Gefühl sie an einander knüpfte.« »Und Falkenauge und Chingachgook kamen nur mit diesem Vorhaben in unser Lager?« »Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet, Mingo! Ja, wenn eine Frage reden könnte, sie würde sich selbst beantworten zu Eurer vollkommnen Befriedigung. Warum sonst sollten wir kommen? Und doch ist es nicht ganz genau so; denn wir kamen gar nicht in Euer Lager, sondern nur bis an die Fichte dort, die Ihr auf der andern Seite de« Hügelrückens seht, wo wir standen und Euer Thun und Treiben beobachteten, so lang es uns beliebte. Als wir fertig waren, gab Schlange sein Signal, und dann ging Alles genau wie es gehen konnte, bis zu dem Augenblick, wo der Vagabund dort mir auf den Rücken sprang. Gewiß! deßhalb kamen wir und in keiner andern Absicht; und wir erreichten, weßhalb wir kamen; es wäre nutzlos, etwas Anderes behaupten zu wollen. Hist ist auf und davon mit einem Mann, der so gut wie ihr Gatte ist, und begegne mir was da wolle; das ist wenigstens etwas Gutes gewonnen.« »Welches Zeichen oder Signal benachrichtigte das junge Mädchen, daß ihr Liebhaber in der Nähe sey?« fragte der alte Hurone mit größerer Neugier, als er sonst zu verrathen pflegte. Wildtödter lachte wieder, und schien sich des Gelingens der That mit so herzlicher Fröhlichkeit zu freuen, wie wenn er nicht das Opfer davon geworden wäre. »Eure Eichhörner sind große Nachtschwärmer, Mingo!« rief er, noch immer lachend – »ja, die sind gewiß rechte Nachtschwärmer! Wenn andrer Leute Eichhörner zu Hause sind und schlafen, sind die Eurigen noch auf den Bäumen lustig und munter, und pfeifen und singen in einer Weise, daß selbst ein Delawarisches Mädchen ihre Musik verstehen kann! Nun, es gibt vierbeinigte Eichhörner und es gibt zweibeinigte Eichhörner, und ich lobe mir die letztern, wenn eine gute, zähe Schnur zwei Herzen zusammenknüpft. Wenn diese sie zusammenbringt, so sagt jenes, wann es gilt, es am stärksten zu ziehen!« Der Hurone sah ärgerlich aus, doch gelang es ihm, jede heftige Aeußerung seiner Erbitterung zu unterdrücken. Er verließ bald seinen Gefangnen, begab sich zu den andern Kriegern, und theilte ihnen das Wesentliche dessen, was er erfahren hatte, mit. Wie er selbst, so fühlten auch die Uebrigen Bewunderung neben ihrem Verdruß über die Keckheit und die gelungene That ihrer Feinde. Drei oder vier von ihnen stiegen auf die kleine Anhöhe hinauf, und betrachteten den Baum, wo sich die Abenteurer, wie sie gehört, aufgestellt hatten, und Einer stieg sogar hinab und suchte unten herum nach Fußtapfen, um sich zu versichern, daß jene Angabe wahr sey. Das Ergebniß bestätigte die Erzählung des Gefangenen, und Alle kehrten mit erhöhter Verwunderung und Achtung zum Feuer zurück. Der Bote, der mit einigen Mittheilungen von der Truppe weiter oben angekommen war, während die zwei Abenteurer das Lager beobachteten, ward jetzt mit einer Antwort fortgeschickt, und nahm ohne Zweifel den Bericht alles hier Vorgefallenen mit sich. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Indianer, den man hatte mit Hist und einem andern Mädchen herumgehen sehen, keine Schritte gethan, eine Unterredung mit Wildtödter anzuknüpfen. Er hatte sich selbst von seinen Freunden ferngehalten, und war an der Versammlung jüngerer Weiber auf und abgeschritten, die wie gewöhnlich abgesondert sich zusammengethan hatten, und leise über die Flucht ihrer bisherigen Genossin sich besprachen. Vielleicht wäre der Wahrheit gemäß zu sagen, daß diese Letztern über das Vorgefallene ebenso vergnügt als ärgerlich waren. Ihre weiblichen Gefühle sprachen für die Liebenden, während ihr Stolz bei dem Erfolge ihres eignen Stammes betheiligt war. Es ist auch möglich, daß die überlegenen persönlichen Vorzüge Hist's sie für Einige von dem jüngern Theile der Gruppe gefährlich machten, und es diesen nicht leid war, sie der Macht ihrer Reize nicht mehr im Wege stehen zu sehen. Im Ganzen jedoch herrschte das bessere Gefühl vor; denn weder der wilde Zustand, worin sie lebten, und die Stammesvorurtheile der einzelnen Völkerschaften, noch ihr hartes Loos als indianische Weiber hatten die unvertilgbare Hinneigung ihres Geschlechtes zu sanfteren Gefühlen gänzlich zu besiegen vermocht. Eines von den Mädchen lachte sogar über die trostlosen Mienen des Burschen, der sich als verlassen betrachten mochte, ein Umstand, der plötzlich seine Thatkraft zu erwecken schien, und ihn veranlaßte, zu dem Stamm hinzutreten, auf welchem der Gefangene noch immer, seine Kleider trocknend, saß. »Das ist Pantherkatze!« sagte der Indianer, prahlerisch mit der Hand auf die nackte Brust sich schlagend, indem er jene Worte sprach in einer Weise, die zeigte, welchen großen Eindruck er von ihnen erwartete. »Das ist Falkenauge,« versetzte ganz ruhig Wildtödter, den Namen sich beilegend, unter welchem er künftighin allen Männern der Irokesen bekannt zu werden gewiß war. »Mein Gesicht ist scharf; reicht meines Bruders Sprung weit?« »Von hier bis zu den Dörfern der Delawaren. Falkenauge hat mein Weib gestohlen; er muß sie zurückbringen, oder sein Skalp wird an einem Pfahl hängen und in meinem Wigwam trocknen.« »Falkenauge hat Nichts gestohlen, Hurone. Er stammt nicht von einem Diebsgeschlecht und hat keine Diebesgaben. Euer Weib, wie Ihr Wah-ta!-Wah nennt, wird nie das Weib Eines der Rothhäute aus den Canada's werden; ihre Seele ist in der Hütte eines Delawaren, und ihr Leib ist gegangen sie zu suchen. Die Pantherkatze ist schnell, das weiß ich, aber ihre Füße können nicht Schritt halten mit den Wünschen eines Weibes.« »Die Schlange der Delawaren ist ein Hund; er ist ein armseliger Ochsenfrosch, der sich im Wasser hält; er fürchtet sich auf festem Boden zu stehen, wie ein tapfrer Indianer,« »Ei, ei, Hurone, das ist ziemlich unverschämt, sintemal es nicht eine Stunde ist, daß Schlange nur hundert Fuß von Euch entfernt stand, und die Dicke Eurer Haut mit einer Büchsenkugel probirt haben würde, als ich ihm auf Euch hindeutete, hatte ich nicht das Gewicht einiger Ueberlegung auf seine Hand gelegt. Ihr mögt Mädchen in den Ansiedlungen fangen mit Eurem Pantherkatzengeheule, aber das Ohr eines Mannes kann Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden.« »Hist lacht über ihn! Sie sieht, er ist lahm und ein ärmlicher Jäger, und ist nie auf dem Kriegspfad gewesen. Sie wird einen Mann zum Gatten nehmen, und nicht einen Narren,« »Wie wißt Ihr das, Pantherkatze? wie wißt Ihr das?« versetzte Wildtödter lachend. »Sie ist auf den See gegangen, das seht Ihr, und vielleicht zieht sie eine Forelle einer Bastardkatze vor. Was die Kriegspfade betrifft, so haben weder Schlange noch ich viele Erfahrung, wie wir gerne gestehen; aber wenn Ihr dieß keinen nennen wollt, so müßt Ihr es, wie die Mädchen in den Niederlassungen, doch die Hochstraße zum Ehestand nennen. Nehmt meinen Rath, Pantherkatze, und sucht Euch ein Weib unter den jungen Huroninnen; unter den Delawarinnen werdet Ihr nie Eine mit ihrem guten Willen bekommen.« Pantherkatze's Hand fühlte nach seinem Tomahawk, und als die Finger den Griff faßten, zogen sie sich krampfhaft zusammen, als wenn der Indianer zwischen Klugheit und Ingrimm schwankte. In diesem kritischen Augenblick näherte sich Rivenoak, veranlaßt durch eine gebieterische Geberde den jungen Mann, sich zu entfernen, und nahm selbst seinen früheren Sitz neben Wildtödter auf dem Baumstamm ein. Hier blieb er eine kleine Weile stumm sitzen, mit der ernsten Zurückhaltung eines indianischen Häuptlings. »Falkenauge hat Recht,« begann endlich der Irokese; »sein Gesicht ist so scharf, daß er die Wahrheit sieht in einer dunkeln Nacht, und unsre Augen sind blind gewesen. Er ist eine Eule, und das Dunkel verbirgt ihm Nichts. Er darf seine Freunde nicht beschädigen und erschlagen; er hat Recht.« Es freut mich, daß Ihr so denkt, Mingo,« versetzte der Andere, »denn ein Verräther ist nach meinem Urtheil schlimmer als eine Memme. Ich frage so wenig nach der Bisamratze, als ein Bleichgesicht nach dem andern fragen darf; aber doch liegt er mir zu sehr am Herzen, als daß ich ihm in der Weise, wie Ihr wünschtet, einen Hinterhalt legen sollte. Kurz, nach meinen Ideen sind alle Listen, außer Listen im offenen Krieg, gegen das Recht, und wie wir Weißen es nennen, auch gegen das Evangelium.« »Mein Bleichgesichtbruder hat Recht; er ist kein Indianer, der seinen Manitou und seine Farbe vergäße. Die Huronen wissen, daß sie einen großen Krieger zum Gefangnen haben, und sie werden ihn als Solchen behandeln. Wenn er gemartert werden soll, so werden seine Martern von der Art seyn, wie kein gewöhnlicher Mann sie ertragen kann, und wenn er als Freund behandelt wird, so wird die ihm erwiesene Freundschaft die Freundschaft von Häuptlingen seyn.« Während der Hurone diese Versicherung seiner außerordentlichen Hochschätzung gab, blickte sein Auge verstohlen nach dem Gesicht des Andern, um zu entdecken, wie dieser das Compliment aufnehme, obgleich sein Ernst und seine anscheinende Aufrichtigkeit Jeden, der nicht in Listen und Künsten erfahren gewesen, seine Beweggründe schwerlich hatte entdecken lassen. Wildtödter gehörte zu den Arglosen; und bekannt mit den indianischen Begriffen, worin die Achtung, in Behandlung von Gefangenen, sich kund that, fühlte er sein Blut gerinnen bei dieser Ankündigung, wiewohl er eine so gestählte Fassung und Miene behauptete, daß sein scharfblickender Feind darin keine Spur von Schwäche lesen konnte. »Gott hat mich in Eure Hände gegeben, Hurone,« versetzte endlich der Gefangene, »und ich denke, Ihr werdet nach Eurem Willen mit mir verfahren. Ich will mich nicht dessen rühmen was ich thun werde unter den Martern, denn ich bin noch nie auf die Probe gestellt worden, und vorher kann kein Mensch so Etwas behaupten; aber ich will mein Möglichstes thun, um dem Volk keine Schande zu machen, unter dem ich aufgewachsen bin. Indeß wünschte ich jetzt, daß Ihr mir bezeugtet, daß ich ganz von weißem Blute bin, und natürlich auch von weißen Gaben; somit, wenn ich sollte übermannt werden und mich vergessen, werdet Ihr, hoffe ich, den Fehler dahin stellen, wohin er eigentlich gehört, und ihn in keiner Weise den Delawaren, oder ihren Verbündeten und Freunden, den Mohikans, zurechnen. Wir sind Alle mit mehr oder weniger Schwäche erschaffen, und ich fürchte, die eines Bleichgesichts besteht darin, unter großen körperlichen Martern zu erliegen, während eine Rothhaut seine Lieder singt und den Feinden in's Gesicht trotzig sich seiner Thaten rühmt.« »Wir werden sehen; Falkenauge hat eine gute Miene und er ist zäh. – Aber warum sollte er gemartert werden, wenn die Huronen ihn lieben? Er ist nicht als ihr Feind geboren; und der Tod Eines Kriegers wird nicht für immer eine Wolke zwischen sie werfen.« »Um so besser, Hurone, um so besser. Dennoch möchte ich Nichts einem Mißverständnis über unsre beiderseitigen Gesinnungen zu verdanken haben. Es ist um so besser, wenn ihr keinen Groll nachtragt wegen des Verlustes eines Kriegers, der im Kampfe fiel; doch aber ist es unwahr, daß keine Feindschaft – rechtmäßige Feindschaft meine ich – zwischen uns bestehe. So weit ich überhaupt Rothhautgefühle habe, habe ich Delawarengefühle; und ich überlasse es Euch selbst zu beurtheilen, in wie weit sie freundschaftlich gegen die Mingo's seyn können.« Wildtödter hielt inne, denn eine Art Gespenst stand vor ihm. das plötzlich den Fluß seiner Worte hemmte, und ihn in der That einen Augenblick zweifeln machte an der Treue seines gerühmten Gesichts. Hetty Hutter stand neben dem Feuer, so ruhig, als gehörte sie zu dem Stamme. Während der Jäger und der Indianer dasaßen, Jeder die Gemüthsbewegungen beobachtend, die sich im Gesicht des Andern aussprachen, hatte sich das Mädchen unbeachtet genähert, ohne Zweifel von dem Strand auf der südlichen Seite der Landspitze her, oder derjenigen, die dem Ort zunächst war, wo die Arche geankert hatte, und war zu dem Feuer herangeschritten mit der ihrer Einfalt eigenthümlichen und durch ihre frühere Behandlung bei den Indianern allerdings gerechtfertigten Furchtlosigkeit. Sobald Rivenoak das Mädchen erblickte, erkannte er sie auch wieder, und zwei oder drei der jüngern Krieger herrufend, sandte sie der Häuptling auf Kundschaft aus, besorgt, Hetty's Erscheinung möchte der Vorbote eines neuen Angriffs seyn. Dann winkte er Hetty, näher heranzukommen. «Ich hoffe, Euer Besuch ist ein Zeichen, daß Schlange und Hist in Sicherheit sind,« sagte Wildtödter, sobald das Mädchen der Aufforderung des Huronen gehorcht hatte. »Ich denke nicht, daß Ihr wieder mit dem Vorhaben an die Küste kommt, das Euch das letzte Mal herführte.« »Judith hieß mich dießmal gehen, Wildtödter,« versetzte Hetty; »sie ruderte mich selbst in einem Canoe an's Land, sobald Schlange seine Hist gezeigt und seine Geschichte erzählt hatte. Wie schön ist Hist heute Nacht, Wildtödter, und wie viel glücklicher sieht sie aus, als da sie bei den Huronen war!« »Das ist Natur, Mädchen; ja, das kann man als menschliche Natur setzen. Sie ist bei ihrem Verlobten und fürchtet nicht mehr einen Mingo zum Mann zu bekommen. Nach meinem Urtheil würde Judith selbst den größten Theil ihrer Schönheit verlieren, wenn sie dächte, sie müßte sie ganz einem Mingo hingeben! Zufriedenheit thut Viel zur Befestigung des guten Aussehens; und ich will Euch dafür stehen, Hist ist zufrieden genug, nachdem sie den Händen dieser Elenden entronnen und bei ihrem auserwählten Krieger ist! Sagtet Ihr nicht, Eure Schwester habe Euch an's Land gehen heißen – wie kam Judith dazu?« »Sie bat mich zu gehen, um nach Euch zu sehen, und den Versuch zu machen, die Wilden zu bereden, daß sie noch mehr Elephanten nähmen für Eure Loslassung; aber ich habe die Bibel mitgebracht, die wird mehr ausrichten, als alle Elephanten in Vaters Schranke!« »Und Euer Vater, gute kleine Hetty – und Hurry; wußten sie von Eurem Vorhaben?« »Nichts. Beide schlafen; und Judith und Schlange hielten es für's Beste, daß sie nicht geweckt würden, damit sie nicht wieder gelüstete, auf Skalpe auszuziehen, wenn Hist ihnen gesagt hätte, wie wenige Krieger und wie viele Weiber und Kinder hier im Lager seyen. Judith ließ mir keine Ruhe, bis ich an's Land ging, um zu sehen, was aus Euch geworden.« »Nun, das ist auffallend, was Judith betrifft! Warum ist sie denn auch wegen meiner so in Sorgen? Ja, jetzt sehe ich, wie die Sache ist; ja, jetzt durchschaue ich die ganze Sache. Ihr müßt verstehen, Hetty, Eure Schwester ist unruhig darüber, Harry March möchte erwachen und ungeschickterweise wieder dem Feind in die Hände laufen, weil er leicht die Idee haben könnte, er müsse als Reisegesellschafter mir in dieser Sache beistehen! Hurry ist ein zu täppischer Mensch, das geb' ich zu; aber ich glaube nicht, daß er meinetwillen so Viel wagen würde, wie für sich selbst.« »Judith kümmert sich nicht um Hurry, wenn schon Hurry Wohl um sie,« versetzte Hetty, unschuldig, aber mit großer Bestimmtheit. »Ich habe Euch das schon früher sagen hören; ja, ich habe das sonst schon von Euch gehört, Mädchen; und doch ist es nicht wahr. Man lebt nicht unter einem Stamm, ohne auch Etwas zu sehen von der Art und Weise, wie die Neigung im Herzen eines Weibes arbeitet. Obgleich selbst keineswegs gesonnen, zu heirathen, bin ich doch unter den Delawaren ein Beobachter gewesen, und das ist eine Sache, worin Bleichgesicht- und Rothhaut-Gaben ganz gleich sind. Wenn das Gefühl anfängt, ist das junge Weib nachdenklich, und hat Augen und Ohren nur für den Krieger, der ihr Gemüth eingenommen hat; dann folgt Schwermuth und Seufzen und derlei Geberdungen; darnach, besonders wenn die Sachen nicht zu deutlicher Erörterung kommen, legt sie sich oft auf´s Tadeln und Fehlerfinden, und schilt den Jüngling eben wegen der Dinge, die ihr am besten an ihm gefallen. Manche junge Creatur ist gar geneigt, in dieser Weise ihre Liebe zu zeigen, und ich bin der Meinung, zu diesen gehört auch Judith. Nun habe ich sie so gut als läugnen hören, daß Hurry ein gutes Aussehen habe; und mit dem jungen Weib, das das thut, muß es in der That weit gekommen seyn.« »Das junge Weib, das Hurry liebte, würde gestehen, daß er schön sey. Ich halte Hurry für sehr schön, Wildtödter, und gewiß muß Jedermann, wer Augen hat, so denken. Judith mag den Harry March nicht, und das ist der Grund, warum sie so viel an ihm aussetzt.« »Gut– gut – meine gute kleine Hetty, sey es, wie Ihr wollt. Wenn wir auch von jetzt bis zum Winter fortschwatzten, würde doch Jedes bei seiner Meinung bleiben, und so nützen Worte nichts. Ich muß glauben, daß Judith sehr in Hurry verschossen ist und daß sie ihn früher oder später nehmen wird; und dieß nur um so mehr, nach der Art zu schließen, wie sie ihn schilt und mißhandelt; Ihr aber, glaube ich fast, denkt gerade das Gegentheil. Aber merkt, was ich Euch sage, Mädchen, und gebt Euch die Miene, es nicht zu wissen,« fuhr dieser Mann fort, der so blind war, in einem Punkt, wo Männer gewöhnlich scharfsichtig und rasch genug sind, Entdeckungen zu machen, und so scharfblickend in Dingen, welche der Beobachtung bei weitem des größten Theils der Menschen spotten würden; »ich sehe, wie es ist mit diesen Vagabunden. Rivenoak hat uns verlassen, wie Ihr seht, und spricht mit den jungen Männern dort, und obgleich es zu weit entfernt ist, um zu hören , kann ich doch sehen , was er ihnen sagt. Er gibt ihnen Befehl, Eure Bewegungen zu beobachten und ausfindig zu machen, wo das Canoe Euch treffen soll, um Euch zur Arche zurück zu führen, und dann fest zu nehmen Wen und Was sie können. Es thut mir leid, daß Judith Euch geschickt hat, denn ich denke mir, sie wünscht Eure Rückkehr.« »Alles das ist schon in's Reine gebracht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen in leisem, vertraulichem und bedeutsamem Tone; »und Ihr könnt mir zutrauen, daß ich die besten Indianer dort alle überlisten werde. Ich weiß, ich bin schwachsinnig, aber doch habe ich einigen Sinn und Verstand, und ihr sollt sehen, wie ich damit zurückzukommen weiß, wenn mein Vorhaben beendigt ist!« »Ach, armes Märchen, ich fürchte, das Alles ist leichter gesagt als gethan. Es ist das ein giftiges Gezücht von Gewürmen, und ihr Gift ist nicht vermindert und milder worden durch den Verlust Hist's. Sehr froh bin ich, daß es Schlange gerade gelang, mit dem Mädchen sich zu retten, denn jetzt werden Zwei wenigstens glücklich seyn, während, wenn er in die Hände der Mingo's gefallen wäre. Zwei unglücklich und einem Dritten keineswegs so zu Muthe gewesen wäre, wie es einem Zufriedenen ist.« »Jetzt erinnert Ihr mich an einen Theil meines Vorhabens, den ich beinahe vergessen hätte, Wildtödter. Judith trug mir auf, Euch zu fragen, was Ihr glaubt, daß die Huronen mit Euch thun würden, wenn Ihr nicht könntet losgekauft werden, und womit sie Euch am wirksamsten dienen könne? Ja, das war der wichtigste Theil des Auftrags – was sie thun könne, um Euch am wirksamsten zu dienen.« »So denkt Ihr, Hetty; aber daran liegt nichts. Junge Weiber sind geneigt, am meisten Werth auf das zu legen, was ihre Gefühle berührt – aber das ist einerlei, sey es, wie Ihr wollt, nur nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht die Vagabunden sich eines Canoe's bemächtigen laßt. Wenn Ihr auf die Arche zurückkommt, sagt ihnen, sie sollen immer scharfe Wache, aber immer sich in Bewegung halten, ganz besonders bei Nacht. Es können nicht mehr viele Stunden vergehen, ohne daß die Truppen am Fluß von dieser Bande hören, und dann können Eure Freunde nach Unterstützung und Entsatz sich umsehen. Es ist nur ein Tagmarsch von der nächsten Garnison hieher, und rechte Soldaten werden nie müßig hinliegen, wenn der Feind in ihrer Nachbarschaft ist. Das ist mein Rath, und Ihr möget Eurem Vater und Hurry sagen: auf Skalpe Jagd machen, werde jetzt ein ärmliches Gewerbe seyn, da die Mingo's auf den Beinen und wach sind, und Nichts sie retten könne, bis die Truppen anlangen, als wenn sie einen tüchtigen Wassergürtel zwischen sich und den Wilden ziehen.« »Was soll ich Judith von Euch sagen, Wildtödter? Ich weiß, sie wird mich wieder zurück schicken, wenn ich ihr nicht die Wahrheit über Euch berichte.« »Dann sagt Ihr die Wahrheit. Ich sehe keinen Grund, warum Judith Hutter von mir nicht so gut die Wahrheit hören sollte, als eine Lüge. Ich bin ein Gefangener in den Händen der Indianer, und die Vorsehung allein weiß, was der Ausgang seyn wird! Hört, Hetty –« und er ließ die Stimme sinken und sprach noch heimlicher und noch mehr im Vertrauen, »Ihr seyd ein wenig schwachsinnig, muß man gestehen, aber Ihr versteht Euch ein Wenig auf Indianer. Hier bin ich in ihren Händen, nachdem ich einen ihrer muthigsten Krieger getödtet, und sie haben versucht, mich durch Furcht vor den Folgen ihrer Rache zu bearbeiten, Euern Vater und Alle in der Arche zu verrathen. Ich verstehe die Spitzbuben so gut, als wenn sie Alles geradezu mit ihren Zungen herausgesagt hätten. Sie halten mir die Lockungen der Habgier auf der einen und Furcht auf der andern Seite vor, und glauben, die Ehrlichkeit werde zwischen beiden zu Fall kommen. Aber thut Eurem Vater und Hurry zu wissen, daß es vergeblich ist, Schlange weiß es schon.« »Aber was soll ich Judith sagen? Sie wird mich gewiß wieder zurück schicken, wenn ich ihr Gemüth nicht beruhige.« »Nun, sagt Judith dasselbe. Ohne Zweifel werden die Wilden ihre Martern versuchen, um mich zur Schwäche zu bringen und den Verlust ihres Kriegers zu rächen; aber ich muß mich gegen natürliche Schwäche zu behaupten suchen, so gut ich immer kann. Ihr könnt Judith sagen, sie solle sich um mich keinen Kummer machen – es wird hart kommen, das weiß ich, sintemalen eines weißen Mannes Gaben nicht dahin gehen, unter Martern zu prahlen und zu singen, denn er empfindet in der Regel am wenigsten, wenn er am ärgsten leidet – aber Ihr mögt ihr sagen, sie solle sich keinen Kummer machen. Ich denke, ich werde es schon zu ertragen wissen; und sie darf sich darauf verlassen, mag ich auch noch sehr den Gleichmuth verlieren, und ganz und gar bewähren, daß ich weiß bin durch Wimmern und Stöhnen und selbst durch Thränen, – doch werde ich nie so weit kommen, daß ich meine Freunde verrathe. Wenn es daran geht, daß man mit glühenden Ladstöcken Löcher in's Fleisch brennt, und den Körper zerhackt, und das Haar mit den Wurzeln ausrauft, mag wohl die Natur die Oberhand gewinnen, was Aechzen und Klagen anbetrifft, aber damit wird der Triumph der Vagabunden enden; nichts Geringeres, als wenn ihn Gott den Teufeln Preis gibt, kann einen ehrlichen Mann seiner Farbe und seiner Pflicht untreu machen.« Hetty hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und ihr mildes, aber sprechendes Gesicht verrieth lebhafte Theilnahme an der so vorläufig geschilderten Todesqual des künftigen möglichen Dulders. Anfänglich schien sie verlegen, wie sie sich benehmen sollte; dann ergriff sie eine Hand Wildtödters und empfahl ihm dringend und liebevoll, ihre Bibel zu borgen und darin zu lesen, während ihn die Wilden mit ihren Martern peinigten. Als der Andre redlich gestand, daß das Lesen über sein Vermögen gehe, erbot sie sich sogar, bei ihm zu bleiben, und selbst diesen heiligen Dienst zu versehen. Das Anerbieten ward freundlich abgelehnt, und da Rivenoak im Begriff stand, wieder zu ihnen zu treten, bat Wildtödter das Mädchen, ihn zu verlassen, wobei er ihr jedoch nochmals einschärfte, denen in der Arche zu sagen, daß sie volles Vertrauen in seine Treue setzen sollten. Jetzt entfernte sich Hetty und näherte sich der Gruppe von Weibern mit solcher Zuversicht und Selbstbeherrschung, als wäre sie eine Eingeborne des Stammes. Andrerseits nahm der Hurone seinen Sitz neben dem Gefangenen wieder ein, und fuhr fort, ihm mit all der tückischen Schlauheit eines geübten indianischen Rathsmannes Fragen vorzulegen, während der Andere seine List zu Schanden machte mit den Mitteln, die, wie man weiß, auch die wirksamsten sind, die Feinheit der anspruchsvolleren Diplomatie der Zivilisation zu vereiteln – oder sich in seinen Antworten auf die Wahrheit und die Wahrheit allein, beschränkte. Achtzehntes Kapitel.             So starb sie. Nie wird sie erfahren Mehr Schmerz und Schmach; unfähig, daß sie trägt Die inn´re Last im Lauf von Monden, Jahren, Gleich kältern Herzen, bis in's Grab sie legt Das Alter. Ihre Tag' und Freuden waren Kurz, aber schön, wie sie das Schicksal pflegt Nicht lang zu gönnen. Doch am Meeresstrand Schläft sie nun wohl, wo sie sich gern befand. Byron. Die jungen Männer, die bei Hetty's plötzlichem Erscheinen auf Kundschaft waren ausgesandt worden, kehrten bald zurück mit dem Bericht, daß es ihnen nicht gelungen, irgend Etwas zu entdecken. Einer von ihnen war sogar am Strand bis an den Platz, der der Arche gegenüber lag, hingegangen, aber die Dunkelheit hatte dieß Fahrzeug seinen Blicken gänzlich entzogen. Andre hatten in verschiedenen Richtungen sich umgesehen, und überall hatten sie nur die Stille der Nacht mit dem Schweigen und der Einsamkeit der Wälder vermählt gefunden. Man glaubte daher, das Mädchen sey, wie bei ihrem ersten Besuch und in einem ähnlichen Zweck, allein gekommen. Die Irokesen wußten nicht, daß die Arche das Castell verlassen hatte, und es waren mittlerweile Bewegungen im Plane, wenn nicht schon in wirklicher Ausführung begriffen, welche auch das Gefühl der Sicherheit mächtig verstärkten. Eine Wache ward daher ausgestellt, und Alle außer den Schildwachen schickten sich zum Schlafe an. Man hatte hinlängliche Sorge getroffen, den Gefangenen sicher verwahrt zu halten, ohne ihm unnöthige Leiden anzuthun, und Hetty gestattete man, sich unter den indianischen Mädchen so gut sie konnte, eine Schlafstätte zu suchen. Die freundliche Dienstfertigkeit Hist's fand sie freilich nicht, obwohl ihr Charakter nicht blos gegen Unbilden und Gefangenschaft sie sicher stellte, sondern ihr auch eine Berücksichtigung und Achtung verschaffte, vermöge der sie, was Bequemlichkeit betraf, völlig den wilden aber gutmüthigen Geschöpfen um sie her gleichgestellt wurde. Man gab ihr eine Haut, und sie machte sich selbst ihr Bett zurecht aus einem Haufen von Zweigen, ein wenig beiseite von den Hütten. Hier lag sie bald, wie Alle um sie her, in tiefem Schlafe. Es waren jetzt dreizehn Männer bei der Truppe, und je drei auf einmal hielten Wache. Einer jedoch blieb im Schatten, nicht weit vom Feuer, zurück. Seine Obliegenheit war, den Gefangnen zu bewachen, dafür Sorge zu tragen, daß das Feuer nicht so aufflackerte, daß es den Platz beleuchtete, und doch es nicht ganz erlöschen zu lassen, und auf den Zustand des Lagers überhaupt ein wachsames Auge zu haben. Ein Zweiter ging von einem Strand zum andern herüber und hinüber, und durchkreuzte die Basis der Landspitze, während der dritte langsam an dem äußersten Rand der Küste auf- und abschritt, um eine Wiederkehr der Ueberraschung, die schon einmal in dieser Nacht stattgefunden, zu verhüten. Diese Einrichtung war keineswegs gewöhnlich bei Wilden, die sich in der Regel mehr auf die Heimlichkeit ihrer Bewegungen, als auf eine derartige Wachsamkeit verlassen; aber sie war veranlaßt durch die eigenthümlichen Umstände, in welchen sich die Huronen eben jetzt befanden. Ihre Stellung war ihren Feinden bekannt, und sie konnte nicht wohl geändert werden zu einer Stunde, welche Schlaf und Ruhe verlangte. Vielleicht setzten sie auch hauptsächlich ihr Vertrauen auf das, was, wie sie für gewiß zu wissen glaubten, weiter aufwärts auf dem See vorging, und was, wie sie wähnten, sämmtlichen in Freiheit befindlichen Bleichgesichtern nebst ihrem einzigen indianischen Bundesgenossen alle Hände voll zu thun geben würde. Auch wußte vermuthlich Rivenoak, daß, so lange er den Gefangenen behielt, er den Gefährlichsten von allen seinen Feinden in Händen hätte. Die Sicherheit, mit welcher diese an Wachsamkeit oder an ein Leben, dessen Ruhe oft gestört wird, gewöhnten Menschen einschlafen, ist eines der nicht am wenigsten merkwürdigen Phänomene unsers geheimnißreichen Daseyns. Nicht sobald ruht der Kopf auf dem Pfühl, so ist auch das Bewußtseyn entschwunden; und doch, zur erforderlichen Stunde, scheint der Geist den Körper aufzuwecken, so rasch und sicher, als hätte er die Zeit über Schildwache bei ihm gestanden. Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß diejenigen, die so ihren Schlummer abbrechen, aufwachen vermöge der Macht des Gedankens über die Materie, obwohl die Art und Weise, wie diese Macht, dieser Einfluß geübt wird, unsrer Forschbegier verborgen bleiben muß, bis er einst, falls diese Stunde je eintritt, wird erklärt werden durch die vollständige Erleuchtung der Seele hinsichtlich aller menschlichen Räthsel. Dieß war nun auch der Fall bei Hetty Hutter. Für so schwach auch der immaterielle Bestandteil ihres Wesens galt, war er doch kräftig genug, ihre Augen um Mitternacht zu öffnen. Um diese Stunde wachte sie auf, verließ ihr Lager, aus Zweigen und einer Haut bestehend, schritt arglos und offen zu der Glut des Feuers, und fachte diese ein wenig an, da die Kühle der Nacht und der Wälder, in Verbindung mit einem über die Maßen kunstlosen Bett, sie ein wenig frieren gemacht hatte. Als die Flamme aufloderte, beleuchtete sie das braune Gesicht des wachehaltenden Huronen, dessen dunkle Augen bei diesem Licht blitzten wie die Augen des Panthers, der mit Feuerbränden zu seiner Höhle verfolgt wird. Aber Hetty fühlte keine Furcht, und sie näherte sich dem Platz, wo der Indianer stand. Ihre Bewegungen waren so natürlich, und so gänzlich frei von der verstohlenen Art der List oder Täuschung, daß er dachte, sie sey nur aufgestanden wegen der Kälte der Nacht, ein in einem Bivonak nicht seltenes Vorkommniß, und ein solches, das vielleicht unter allen am wenigsten Verdacht zu erregen geeignet ist. Hetty sprach zu ihm, aber er verstand kein Englisch, dann starrte sie beinahe eine Minute den schlafenden Gefangenen an, und entfernte sich dann langsam, Trauer und Betrübniß in ihrem Wesen. Das Mädchen nahm sich nicht die Mühe, ihre Bewegungen zu verhehlen. Alle schlauen Auskunftsmittel dieser Art gingen gänzlich über ihr Vermögen; doch war ihr Schritt von Natur leicht und kaum hörbar. Wie sie die Richtung nach der äußersten Landspitze, oder nach dem Platz einschlug, wo sie bei ihrem ersten Abenteuer gelandet, und wo Hist sich eingeschifft hatte, sah die Schildwache ihre leichte Gestalt allmälig im Dunkel verschwinden, ohne darüber unruhig zu werden oder ihre Stellung zu ändern. Der Indianer wußte, daß Andere auf Wache ausgestellt waren, und glaubte nicht, daß diejenige, die zweimal freiwillig ins Lager gekommen war, und es schon ganz offen verlassen hatte, sich durch die Flucht ihnen werde zu entziehen suchen. Kurz, das Thun und Treiben des Mädchens erregte nicht mehr Aufmerksamkeit, als das irgend einer geistesschwachen Person in civilisirten Ländern erregen würde, während man ihrer Person mit weit mehr Achtung und Rücksicht begegnete. Hetty hatte freilich keine sehr deutliche Vorstellung von den Lokalitäten, aber doch fand sie den Weg zum Strande, den sie auf derselben Seite des Vorsprungs erreichte, wo auch das Lager aufgeschlagen war. Dem Rand des Wassers folgend, und die Richtung nach Norden einschlagend, stieß sie bald auf den Indianer, der als Schildwache am Strand auf- und abschritt. Es war dieß ein junger Krieger, und als er ihren leichten Tritt auf dem Kiesgrunde hörte, näherte er sich rasch, obwohl keineswegs in drohender Weise. Die Finsterniß war so dicht, daß es nicht leicht war, innerhalb der Schatten des Waldes auf eine Entfernung von zwanzig Fuß Gestalten zu entdecken, und beinahe unmöglich, Personen zu unterscheiden, als bis man sie beinahe greifen konnte. Der junge Hurone ließ einigen Verdruß blicken, als er merkte, wem er begegnete, denn die Wahrheit zu gestehen, erwartete er seine Auserkorene, welche ihm versprochen, die Langeweile einer Wache um Mitternacht durch ihre Anwesenheit ihm zu versüßen. Auch dieser Mann verstand kein Englisch, aber er fand gar nichts Befremdendes daran, daß das Mädchen zu dieser Stunde auf den Beinen war. Solche Dinge kamen in einem indianischen Dorf und Lager, wo der Schlaf so unregelmäßig ist wie die Mahlzeit, ganz gewöhnlich vor. Dann kam der armen Hetty ihre bekannte Geistesschwäche auch bei dieser Gelegenheit, wie in den meisten Dingen gegenüber den Wilden, sehr zu Statten. Verdrießlich über die Täuschung seiner Erwartung, und unmuthig über die Erscheinung eines unbequemen Besuchs, wie er dachte, winkte der junge Krieger dem Mädchen weiter zu gehen in der Richtung des Strandes. Hetty gehorchte; aber im Weitergehen sprach sie laut Englisch in ihrem gewöhnlichen, weichen Ton, den die Stille der Nacht auf einige Entfernung vernehmbar machte. »Wenn Ihr mich für ein Huronenmädchen nahmet, Krieger,« sagte sie, »so wundert es mich nicht, daß Ihr so unzufrieden seyd. Ich bin Hetty Hutter, Thomas Hutter's Tochter, und bin noch nie Nachts mit einem Mann zusammengetroffen, denn Mutter sagte immer, das sey unrecht, und sittsame Mädchen dürften es nie thun – sittsame Mädchen von den Bleichgesichtern, meine ich; denn die Bräuche sind verschieden in verschiedenen Theilen der Welt, das weiß ich. Nein, nein; ich bin Hetty Hutter, und möchte selbst Hurry Harry nicht begegnen, sollte er auch auf die Kniee niederfallen und mich darum bitten! Mutter sagte, es sey unrecht.« Während Hetty so sprach, hatte sie den Platz erreicht, wo die Canoe's gelandet hatten, und vermöge der Krümmung des Landes und der Gebüsche dem Auge der Schildwache sogar am hellen Tage verborgen geblieben wären. Aber ein andrer Fußtritt hatte das Ohr des Liebhabers erreicht, und er befand sich schon außer dem Bereich der Silberstimme des Mädchens. Noch immer sprach Hetty fort, ganz ihren Gedanken und Wünschen nachhängend, aber bei ihrer so leisen Stimme konnten die Töne nicht weit in den Wald hineindringen. Uebers Wasser hin verbreiteten sie sich weiter. »Da bin ich, Judith,« fuhr sie fort, »und Niemand ist in meiner Nähe. Der Hurone auf der Wache ist seinem Liebchen entgegengegangen, einem indianischen Mädchen, das du kennst, und das nie eine christliche Mutter gehabt, die ihr hätte sagen können, wie unrecht es ist, bei Nacht sich mit einem Manne zu treffen –« Hetty's Reden ward unterbrochen durch ein »Bscht!« das vom Wasser her kam, und dann wurde sie, wiewohl undeutlich, des Canoe's ansichtig, welches sich geräuschlos näherte, und bald mit seinem Bug auf den Kieseln auffuhr. Sobald Hetty's Last in das leichte Fahrzeug aufgenommen war, entfernte sich das Canoe wieder, das Hintertheil voran, wie wenn es Leben und Willen hätte, bis es hundert Schritte vom Ufer entfernt war. Dann wandte es sich, und indem es einen weiten Bogen beschrieb, ebensosehr um die Fahrt zu verlängern, als um außer Gehörweite zu kommen, nahm es seinen Lauf der Arche zu. Einige Minuten lang ward Nichts gesprochen, dann aber begann Judith, welche sich in einer günstigen Lage zu befinden glaubte, um mit ihrer Schwester sich zu besprechen, und – das Canoe mit einer Geschicklichkeit handhabend, die der eines Mannes Wenig nachgab, allein im Hintertheil saß, ein Gespräch, welches anzufangen sie vor Begierde brannte, seit sie die Landspitze verlassen hatten. »Hier sind wir sicher, Hetty,« sagte sie, »und können plaudern, ohne Furcht belauscht zu werden. Du mußt aber leise sprechen, denn übers Wasser hört man in einer stillen Nacht die Töne weit hin. Ich war einen Theil der Zeit über, während welcher du am Lande wärest, dem Ausläufer so nahe, daß ich die Stimmen der Krieger hörte, und ich hörte deine Schuhe auf dem Kies des Strandes, noch ehe du sprachest.« »Die Huronen, Judith, wissen, glaube ich, nicht, daß ich sie verlassen habe.« »Wahrscheinlich nicht, denn ein Liebhaber gibt eine schlechte Schildwache ab, wenn er nicht etwa auf sein Liebchen wartet oder sie bewacht! Aber sag' mir, Hetty, hast du Wildtödter gesehen und gesprochen?« »Oh! ja – er saß am Feuer, mit gebundnen Füßen, aber die Arme hatte man ihm freigelassen, daß er sie bewegen konnte, wie er wollte.« »Gut; was hat er dir gesagt, Kind? Sprich schnell; ich sterbe vor Verlangen, zu wissen, welche Botschaft er mir sendet.« »Was er mir gesagt hat? ha, was denkst Du, Judith! er hat mir gesagt, er könne nicht lesen! Bedenke nur, ein weißer Mann und nicht einmal seine Bibel lesen können! Er hat wohl nie eine Mutter gehabt, Schwester!« »Laß das ruhen, Hetty. Nicht alle Menschen können lesen; obgleich unsre Mutter so Viel wußte, und uns so Viel lehrte, versteht doch Vater sehr Wenig von Büchern, und kann kaum nur die Bibel lesen, wie du weißt.« »Oh, ich dachte auch nie, daß die Väter gut lesen könnten, aber die Mütter sollten alle lesen, denn wie können sie es sonst ihre Kinder lehren? Glaube mir, Judith, Wildtödter kann nie eine Mutter gehabt haben, sonst würde er auch lesen können.« »Hast du ihm gesagt, ich habe dich an's Land geschickt, Hetty, und daß ich so bekümmert sey um sein Unglück?« fragte die Andere ungeduldig. »Ich glaube so, Judith; aber du weißt, ich bin schwachsinnig und kann es vergessen haben. Ich habe ihm gesagt, du habest mich ans Land geführt. Und er trug mir Vieles auf, was ich dir sagen sollte, dessen ich mich wohl erinnere, denn das Blut erstarrte mir, wie ich ihm zuhörte. Er trug mir auf zu sagen, seine Freunde – ich denke, zu denen gehörst du auch, Schwester?« »Wie kannst du mich so martern, Hetty! gewiß gehöre ich zu den treuesten Freunden, die er auf der Welt hat!« »Dich martern, ja, jetzt besinne ich mich wieder auf Alles! Ich bin froh, daß du das Wort gebrauchtest, Judith, denn es ruft nur wieder Alles in die Seele zurück. Nun er sagte, er könnte wohl von den Wilden gemartert werden, aber er wolle versuchen, es zu ertragen, wie es einem christlichen, weißen Manne gezieme, und es dürfe Niemand in Forcht seyn – warum sagt denn Wildtödter: in Forcht, während uns doch Mutter immer sagen lehrte: in Furcht?« »Laß das, liebe Hetty, laß doch jetzt das,« rief die Andere, beinahe außer Stand zu athmen. »Hat Wildtödter dir wirklich gesagt, er glaube, die Wilden würden ihn martern? Besinne dich recht, Hetty, denn das ist eine höchst ernste und entsetzliche Sache.« »Ja, das hat er; und es fällt mir darüber ein, daß du sagtest, ich martere dich. Oh! es ward mir sehr leid und bange um ihn, und Wildtödter nahm Alles so ruhig und so geräuschlos! Wildtödter ist nicht so schön wie Hurry Harry, Judith, aber er ist ruhiger.« »Er ist so viel werth, als eine Million Hurry's! ja, er ist so viel werth als alle die jungen Männer, die je an den See kamen, zusammengenommen,« sagte Judith mit einer Lebhaftigkeit und Bestimmtheit, welche ihre Schwester staunen machte. »Er ist wahr ! es ist keine Lüge in Wildtödters Mund und Seele. Du, Hetty, weißt vielleicht nicht, welches Verdienst an einem Manne die Wahrheit ist, aber wenn du einmal – nein, ich hoffe du wirst es nie erfahren. Warum sollte ein Geschöpf, wie du, je die harte Schule des Hasses und Mißtrauens durchmachen?« Judith beugte, so dunkel es war, und so wenig sie von irgend einem Auge außer dem der Allmacht gesehen werden konnte, ihr Haupt herunter zwischen ihre Hände und stöhnte tief auf. Dieser plötzliche Paroxysmus von Affekt dauerte jedoch nur einen Augenblick, und sie fuhr dann ruhiger fort, immer noch freimüthig zu ihrer Schwester sprechend, in deren Verstand und Verschwiegenheit in Allem, was sie betraf, sie nicht das mindeste Mißtrauen setzte. Ihre Stimme war aber jetzt leise und hohl, während sie zuvor klar und lebhaft gewesen war. »Es ist eine harte Sache, die Wahrheit fürchten zu müssen, Hetty,« sagte sie: »und doch fürchte ich Wildtödters Wahrhaftigkeit mehr als irgend einen Feind. Man kann nicht markten mit solcher Wahrhaftigkeit – solcher Redlichkeit – solcher hartnäckigen Geradheit! Aber sind wir nicht gänzlich ungleich, Schwester – Wildtödter und ich? Ist er nicht in Allem mir überlegen?« Es war etwas Ungewöhnliches bei Judith, sich so weit herunterzugeben, daß sie an Hetty's Einsicht und Urtheil sich fragend wandte. Auch redete sie sie nicht oft mit dem Namen Schwester an, – eine Auszeichnung, die gewöhnlich die Jüngere der Aelteren erweist, selbst da wo in allen andern Beziehungen Gleichheit der Personen stattfindet. Wie geringfügige Abweichungen vom gewohnten Ton oft stärker auffallen, als wichtigere Veränderungen, bemerkte auch Hetty diese Umstände, und wunderte sich darüber in ihrer einfachen Weise. Ihr Ehrgeiz war ein wenig aufgestachelt; und ihre Antwort war eben so wenig dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entsprechend, als die Frage; denn das arme Mädchen suchte sich über ihr Vermögen fein und klug vernehmen zu lassen. »Ueberlegen, Judith?–« wiederholte sie mit Stolz. »In was kann Wildtödter dir überlegen seyn? Bist du nicht der Mutter Kind – und kann er lesen – und that es nicht Mutter darin allen Frauen in dieser Gegend der Welt zuvor? Ich sollte meinen, weit entfernt, daß er dir überlegen wäre, dürfte er sich kaum mir überlegen glauben. Du bist hübsch und er ist häßlich–« »Nein, nicht häßlich, Hetty,« unterbrach sie Judith, »Nur unansehnlich. Aber sein ehrliches Gesicht hat einen Ausdruck, der weit besser ist, als Schönheit . In meinen Augen ist Wildtödter hübscher als Harry Hurry.« »Judith Hutter! Du erschreckst mich. Hurry ist der hübscheste Sterbliche auf der Welt – hübscher sogar als du selbst; weil, wie Du weißt, das gute Aussehen eines Mannes immer besser ist, als das gute Aussehen eines Weibes.« Dieser kleine unschuldige Zug von natürlichem Geschmack gefiel der ältern Schwester im Augenblick nicht, und sie stand nicht an, dieß zu erkennen zu geben. »Hetty, du sprichst jetzt thöricht, und sagtest lieber Nichts mehr über diesen Gegenstand,« versetzte sie. »Hurry ist weit nicht der schönste Sterbliche auf der Welt; und es sind Officiere in den Garnisonen –« bei diesen Worten stammelte Judith – »es sind Officiere in den Garnisonen in unsrer Nähe weit hübscher als er. Aber warum glaubst Du, daß ich Wildtödtern gleich sey – davon sprich, denn ich höre es nicht gern, wenn du solche große Bewunderung an den Tag legst für einen Mann wie Hurry Harry, der weder Gefühl, noch Benehmen, noch ein Gewissen hat. Du bist zu gut für ihn , und das sollte man ihm geradeheraus sagen!« » Ich , Judith, wie Du Alles vergißt! Ha, ich bin ja nicht schön, und schwachsinnig!« »Du bist gut , Hetty, und das ist mehr, als sich von Henry March sagen läßt. Er mag ein Gesicht , und einen tüchtigen Körper haben, aber er hat kein Herz . Doch genug hievon für jetzt. Sage mir, was mich Wildtödtern gleich stellt.« »Daß dir einfällt, mich das zu fragen, Judith! Er kann nicht lesen und du kannst es. Er weiß nicht, schön zu reden, sondern spricht schlechter, sogar als Hurry; denn, Schwester, Harry spricht seine Worte nicht immer richtig aus. Hast du das auch schon bemerkt!« »Ganz gewiß; er ist so roh im Sprechen, wie in Allem sonst. Aber ich fürchte, du schmeichelst mir, Hetty, wenn du meinst, ich könne mit Recht Wildtödtern gleich gestellt werden. Es ist wahr, ich habe mehr gelernt; bin in Einem Sinne hübscher; und vielleicht dürfte ich nach Höherem trachten – aber dann seine Wahrhaftigkeit – seine Wahrhaftigkeit – die macht einen fürchterlichen Unterschied zwischen uns! Nun, ich will hievon nicht weiter sprechen; und wir wollen auf Mittel denken, ihn aus den Händen der Huronen zu befreien. Wir haben Vaters Schrank in der Arche, Hetty, und könnten es mit der Lockspeise weiterer Elephanten versuchen; aber ich fürchte, solche Spielsachen werden nicht die Freiheit eines Mannes wie Wildtödter erkaufen. Ich fürchte Vater und Hurry werden nicht so bereitwillig seyn, Wildtödter auszulösen, als er es war, sie auszulösen!« »Warum nicht, Judith? Hurry und Wildtödter sind Freunde und Freunde sollten immer einander beistehen?« »Ach, arme Hetty, du kennst die Menschen wenig! Anscheinende Freunde sind oft mehr zu fürchten, als offene Feinde, zumal von Frauen. Aber Du sollst am Morgen noch einmal an's Land, und versuchen, was für Wildtödter geschehen kann. Gemartert soll er nicht werden, so lange Judith Hutter lebt, und Mittel finden kann, es zu verhindern.« Das Gespräch kam jetzt auf allerlei Punkte und spann sich fort, bis die ältere Schwester von der jüngern alle Umstände herausgezogen hatte, welche zu behalten und mitzutheilen dieser ihre schwachen Geisteskräfte gestatteten. Als Judith befriedigt war – obgleich man eigentlich nicht sagen kann, daß sie befriedigt worden, da ihre Gefühle so mit Allem verwoben waren, was sich auf den Gegenstand bezog, daß eine fast nicht zu stillende Neugier in ihr rege geworden war – also, als Judith keine Fragen mehr zu ersinnen wußte, ohne sich nur zu wiederholen, ward das Canoe zu der Arche hingerudert. Die dichte Finsterniß der Nacht, und die tiefen Schatten, welche die Hügel und Wälder auf das Wasser warfen, machten es schwer, das Fahrzeug zu finden, da es so nahe an der Küste vor Anker lag, als nur irgend die Rücksicht auf Sicherheit räthlich machte. Judith war erfahren in der Handhabung eines Rindencanoes, dessen Leichtigkeit mehr Geschicklichkeit als Kraft erheischte; und sie trieb ihr kleines Fahrzeug rasch über das Wasser hin, sobald sie ihre Unterredung mit Hetty beendigt und den Entschluß zurückzukehren, gefaßt hatte. Aber noch immer war keine Arche zu sehen. Einige Male glaubten die Schwestern, sie zu erblicken, hervorragend in der Finsterniß, wie ein niedrer, schwarzer Fels; aber jedesmal fand sich, daß es entweder eine optische Täuschung, oder ein Auswuchs von Laubwerk an der Küste gewesen war. Nach einem halbstündigen Suchen drängte sich den Mädchen die unwillkommne Ueberzeugung auf, daß die Arche sich entfernt habe. Die meisten Mädchen hätten wohl die peinliche Verlegenheit ihrer Lage im physischen Sinne unter den Umständen, in welchen sich die verlassenen Schwestern befanden, eher empfunden, als irgend sonstige Besorgnisse. Bei Judith verhielt sich dieß nicht so; und selbst Hetty empfand mehr Unruhe wegen der Beweggründe, die ihren Vater und Hurry möchten geleitet haben, als Besorgnisse wegen ihrer Sicherheit. »Es kann doch nicht seyn, Hetty,« sagte Judith, als die genaueste Nachsuchung Beide überzeugt hatte, daß keine Arche zu finden war; »es kann doch nicht seyn, daß Indianer auf Flößen oder gar ohne solche herangeschwommen sind, und unsre Freunde im Schlaf überrascht haben?« »Ich glaube nicht, daß Hist und Chingachgook schlafen würden, ehe sie einander Alles gesagt, was sie sich nach einer so langen Trennung zu sagen hatten – glaubst du es, Schwester?« »Vielleicht nicht, Kind. Vielerlei konnte sie wach halten, aber Ein Indianer mochte überrascht werden, selbst wenn er nicht schlief, zumal da seine Gedanken bei andern Dingen verweilt haben mögen. Doch aber sollten wir ein Geräusch hören; denn in einer Nacht, wie diese, hätte ein Fluch Harry Hurry's an den östlichen Bergen widerhallen müssen, wie ein Donnerschlag.« »Hurry ist sündhaft und rücksichtlos in seinen Worten,« versetzte Hetty leise und bekümmert. »Nein – nein; es ist unmöglich, daß die Arche sollte genommen worden seyn, ohne daß ich ein Geräusch gehört hätte. Es ist nicht eine Stunde, seit ich sie verließ, und die ganze Zeit über lauschte ich auf das kleinste Geräusch. Und doch kann man nicht leicht glauben, daß ein Vater absichtlich seine Kinder preisgeben würde!« »Vielleicht hat Vater uns in unserem Gemache schlafend geglaubt, und hat zurück nach Hause gesteuert, Du weißt, daß wir oft bei Nacht mit der Arche Bewegungen machen.« »Das ist wahr, Hetty, und es muß so seyn, wie du denkst. Es ist etwas mehr Südwind, als zuvor, und sie sind den See hinaus gefahren – « Judith stockte; denn als das letzte Wort ihrer Zunge entschwebte, ward die Scene plötzlich, obwohl nur für einen Augenblick, durch ein aufflammendes Licht erhellt. Das Krachen einer Büchse folgte darauf, und dann das Rollen des Echo's die östlichen Berge entlang. Beinahe in demselben Augenblick stieg ein durchbringender weiblicher Schrei in langem Kreischen in die Lüfte empor. Die entsetzliche Stille, die darauf folgte, war wo möglich noch gräßlicher, als die plötzliche, wilde Unterbrechung des tiefen, mitternächtlichen Schweigens. Judith, so entschlossen sie von Natur und durch Gewohnheit war, athmete kaum, während die arme Hetty ihr Angesicht verbarg und zitterte. »Das war eines Weibes Schrei, Hetty!« sagte die Erstere mit feierlichem Ernst; »und es war ein Schmerzensschrei! Wenn die Arche sich von dieser Stelle bewegt hat, so konnte sie bei diesem Wind nur nördlich segeln, und der Schuß und der Schrei kamen von der Landspitze. Sollte Hist Etwas zugestoßen seyn?« »Laß uns hin und sehen, Judith; sie bedarf vielleicht unsers Beistandes – denn außer ihr sind nur Männer auf der Arche.« Es war kein Augenblick zum Zaudern, und ehe Judith aufgehört zu sprechen, war schon ihr Ruder im Wasser. Die Entfernung von der Landspitze, in gerader Linie, war nicht groß, und die Gemüthsbewegungen, welche die Mädchen trieben, waren zu aufregend, als daß sie ihnen gestattet hätten, die kostbaren Augenblicke mit nutzlosen Vorsichtsmaßregeln zu vergeuden. Sie ruderten ohne große Vorsicht vorwärts, aber dieselbe Aufregung hinderte auch Andre, ihre Bewegungen zu beobachten. Bald gewahrte das Auge Judiths einen Lichtschimmer durch eine Lücke in den Gebüschen, und darauf zusteuernd, lenkte sie das Canoe so, daß sie denselben im Gesicht behielt, während sie dem Lande sich so weit näherte, als nothwendig und klug war. Die Scene, die sich jetzt den Blicken der Mädchen darbot, war in den Wäldern, auf der Seite des oft erwähnten Abhangs, vom Boot aus vollkommen übersehbar. Alle im Lager waren da versammelt, und sechs oder acht trugen Kienholzfackeln, die ein starkes, aber leichenhaftes Licht auf Alles unter den Laubhallen des Waldes warfen. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und auf einer Seite unterstützt von der jungen Schildwache, deren Nachlässigkeit Hetty hatte entkommen lassen, saß das Mädchen, dessen erwarteter Besuch die Schuld seines Dienstfehlers trug. Bei dem grellen Lichte der Fackel, die man ihr gegen das Gesicht hielt, erkannte man deutlich, daß sie mit dem Tode rang, während das von ihrer nackten Brust herabträufelnde Blut die Beschaffenheit des Unfalls, der sie betroffen, verrieth. Auch der scharfe, eigenthümliche Geruch von Schießpulver war noch in der schweren, feuchten Nachtluft wahrzunehmen. Es konnte kein Zweifel seyn, daß sie erschossen war. Judith verstand Alles auf Einen Blick. Der Lichtblitz hatte auf dem Wasser gezuckt in kleiner Entfernung von der Landspitze, und entweder war die Büchse aus einem Canoe, das die Küste umkreiste, oder von der Arche aus im Vorbeifahren abgefeuert worden. Ein unvorsichtiger Ausruf, ein Lachen, mochte den Angriff veranlaßt haben, denn es war kaum möglich, daß dem Schützen beim Zielen etwas Anderes zu Hülfe gekommen, als ein Laut. Die Wirkung war noch viel augenscheinlicher, denn der Kopf des Opfers hing herunter, und der Leib schlotterte in der Auflösung des Todes. Dann wurden alle Fackeln bis auf eine gelöscht – eine Klugheitsmaßregel; und der traurige Zug, der den Leichnam in's Lager trug, konnte eben kaum noch unterschieden werden bei dem noch übrigen dämmernden Lichte. Judith seufzte tief auf und schauderte, als sie ihr Ruder wieder eintauchte, und das Canoe umfuhr vorsichtig die Landspitze. Ein Anblick hatte sich ihren Sinnen dargeboten und schwebte jetzt vor ihrer Einbildungskraft, der noch härter zu ertragen war, als selbst der frühe Tod und der vorübergehende Todeskampf des verschiedenen Mädchens. Sie hatte bei dem grellen Licht aller der Fackeln die aufgerichtete Gestalt Wildtödters erblickt, der, Mitleid und wie ihr vorkam, Schaam in seinem Angesicht sich aussprechend, neben der Sterbenden stand. Er selbst verrieth weder Furcht noch Kleinmüthigkeit, aber aus den Blicken, welche die Krieger auf ihn warfen, sah man deutlich, daß in ihrer Brust heftige Leidenschaften kämpften. Alles dieß schien von dem Gefangenen nicht beachtet zu werden; aber Judiths Gedächtniß blieb es die ganze Nacht hindurch schauerlich eingepägt. Man traf kein Canoe, das um die Landspitze herumstreifte. Eine Stille und Dunkelheit, so vollständig, als wäre das Schweigen des Waldes nie gestört worden, oder hätte die Sonne nie diese entlegene Scene beschienen, herrschte jetzt auf der Landspitze und dem düstern Wasser, auf den schlummernden Wäldern, und selbst an dem unlustigen Himmel. Es war daher Nichts weiter zu machen, als einen sichern Platz zu suchen; und der war nur zu finden in der Mitte des See's. Dahin ruderten sie in aller Stille; man ließ das Canoe nördlich hintreiben, und die Mädchen suchten Rast und Ruhe, so gut ihre Lage und ihre Gefühle sie ihnen gönnen wollten. Neunzehntes Kapitel. Faßt Eure Waffen fest! besetzt die Thür! Verloren ist jetzt Alles, wenn nicht bald Geschweigt wird diese fürchterliche Glocke. Der Officier verfehlte seinen Weg, Oder vollzog er seinen Auftrag falsch, Oder stieß ihm ein traurig Hemmniß auf. Anselmo, brich mit Deiner Schaar stracks gegen Den Thurm auf; alle Andern bleiben hier, Marino Faliero. Die Vermuthung der Judith Hutter in Betreff der Art und Weise, wie das indianische Mädchen ihren Tod gefunden, war in der Hauptsache richtig. Nach einigen Stunden Schlafs waren ihr Vater und March aufgewacht. Dieß geschah einige Minuten, nachdem sie die Arche verlassen, um ihre Schwester aufzusuchen, als natürlich Chingachgook und seine Verlobte schon an Bord waren. Von dem Delawaren erfuhr der Alte die Stellung des Lagers und die neuesten Vorfälle, sowie die Abwesenheit seiner Töchter. Dieß letztere machte ihm keine Sorge, denn er verließ sich sehr auf die Klugheit der Aelteren, sowie auf die ungefährdete Sicherheit, mit der, wie man nun schon wußte, die Jüngere unter den Wilden sich umtreiben konnte. Auch hatte lange und vielfache Bekanntschaft mit Gefahren seine Empfänglichkeit für Besorgnisse abgestumpft. Auch die Gefangenschaft Wildtödters schien er nicht groß zu bedauern; denn so gut er wußte, wie wesentlich sein Beistand bei einer Vertheidigung seyn würde, hatte doch die Verschiedenheit ihrer Ansichten über die für die Wälder geltende Moral wenig Sympathie zwischen ihnen bestehen lassen. Es hätte ihn sehr erfreut, die Stellung des Lagers zu erfahren, bevor es durch Hist's Flucht war in Allarm gebracht worden, aber jetzt war ein Landungsversuch allzu gewagt; und mit Widerstreben entsagte er für diese Nacht den grausamen Anschlägen, welche zu hegen Gefangenschaft und Rachsucht ihn angespornt hatten. In solcher Stimmung setzte sich Hutter vorn auf der Fähre hin, wo bald Hurry sich zu ihm gesellte; Schlange und Hist blieben in ruhigem Besitz von dem andern Ende des Fahrzeugs. »Wildtödter hat sich als Knabe gezeigt, daß er unter die Wilden ging zu dieser Stunde, und ihnen in die Hände fiel wie ein Wild, das in eine Grube taumelt,« brummte der Alte, der, wie gewöhnlich, den Splitter in seines Nächsten Auge sah, aber des Balkens in seinem eignen Auge nicht gewahr wurde. »Wenn man ihn jetzt seine Dummheit mit seinem eignen Fleisch bezahlen läßt, so kann er Niemand schelten als sich selbst.« »Das ist der Lauf der Welt, alter Tom,« versetzte Hurry. »Jeder Mensch muß seine Schulden selbst vertreten, und für seine Sünden einstehen. Ich bin jedoch erstaunt, daß ein so gewandter und wachsamer Bursch wie Wildtödter sich in einer solchen Falle hat fangen lassen können! Wußte er nichts Besseres, als um Mitternacht um ein Huronenlager herumzuschleichen, ohne einen andern Rückzug zu haben, als auf den See? oder glaubte er ein Hirsch zu seyn, und durch's in's Wasser Springen die Witterung abschneiden und mit Schwimmen sich aus der Noth retten zu können? Ich hatte eine bessere Meinung von des Jungen Einsicht, ich gesteh' es; aber wir müssen ein wenig Unwissenheit bei einem jungen Blut übersehen. Ich sage, Meister Hutter, wißt Ihr zufällig, was aus den Mädchen geworden ist – ich sehe keine Spur von Judith und von Hetty, obgleich ich in der ganzen Arche herum gewesen und nach allen lebenden Creaturen darin gesehen habe.« Hutter erklärte in der Kürze die Art und Weise, wie seine Töchter das Canoe genommen, nach der Erzählung des Delawaren, sowie Judith's Rückkehr, nachdem sie ihre Schwester an's Land gesetzt, und ihre zweite Abfahrt von der Arche. »Das kommt von einer glatten Zunge, Floating Tom,« rief Hurry, in reinem Zorn und Ingrimm mit den Zähnen knirschend – »das kommt von einer glatten Zunge und von den Neigungen eines einfältigen Mädchens – und Ihr thätet am besten, bei der Sache wohl zuzusehen! Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene,« – jetzt erinnerte sich Hurry dieses Umstandes ganz gut, – »Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene, und da rührte sich Judith nicht vom Fleck, um uns einen Dienst zu leisten! Sie ist behext von diesem schmächtig aussehenden Wildtödter; und er und sie, und Ihr und wir Alle thäten gut, bei der Sache wohl zuzusehen! Laßt uns verholen, alter Camerad, uns dieser Landspitze näher rücken, und sehen, wie die Sachen weiter gehen.« Hutter hatte gegen diese Bewegung Nichts einzuwenden, und die Arche setzte sich auf die gewöhnliche Weise in Bewegung, wobei man sich hütete, ein Geräusch zu machen. Der Wind war stark nördlich, und bald trieb das Segel die Fähre so weit den See aufwärts, daß die dunkeln Umrisse der Bäume, welche die Landspitze bedeckten, dämmernd sichtbar wurden. Floating Tom steuerte, und segelte so nahe am Land hin, als die Tiefe des Wassers und die überhangenden Zweige gestatteten. Es war unmöglich, Etwas zu unterscheiden, was im Schatten der Küste lag; aber die Umrisse des Segels und der Cajüte wurden von der schon erwähnten jungen Schildwache am Strand erkannt. Im Augenblick der plötzlichen Ueberraschung entfuhr ihm ein tiefer indianischer Ausruf. In dem Geist der Rücksichtslosigkeit und Wildheit, welcher das Wesen von Hurry's Charakter ausmachte, fällte der Mann seine Büchse und feuerte. Die Kugel ward geführt vom Zufall, oder von jener Alles beherrschenden Vorsehung, welche über das Geschick Aller entscheidet, und das Mädchen fiel. Dann erfolgte die oben schon beschriebene Scene mit den Fackeln. Gerade in dem Augenblick, wo Hurry diese That gedankenloser Grausamkeit beging, war das Canoe Judith's der Stelle, welche von der Arche ganz kürzlich verlassen worden war, bis auf hundert Fuß nahe gekommen. Ihre Fahrt ist schon beschrieben worden, und es ist jetzt unsre Obliegenheit, ihren Vater und seine Genossen auf der seinigen zu begleiten. Der kreischende Schrei verkündigte die Wirkung von Marchs auf's Gerathewohl abgefeuertem Schuß, und ließ auch erkennen, daß das Opfer ein Weib war. Hurry selbst war betroffen über diese unvorhergesehene Folge, und einen Augenblick war er von kämpfenden Empfindungen lebhaft verstört. Zuerst lachte er in rücksichtslosem und rohem Triumph; dann aber schoß ihm das Gewissen, der von Gott in unsere Brust gepflanzte Mahner, der aber sein allgemeineres Wachsthum durch die der Kindheit gewidmete Pflege, Zucht und Arbeit erhält, einen Stachel in's Herz. Eine Minute lang war die Seele dieses Zwittergeschöpfs der Civilisation und Barbarei in ihren Empfindungen eine Art Chaos, – er wußte selbst nicht, was er von seiner That denken sollte – dann traten die Hartnäckigkeit und der Stolz eines Mannes von seiner Art hervor, um ihre gewohnte Obermacht zu behaupten. Er stieß den Kolben seiner Büchse auf den Boden des Fahrzeugs mit einer Art herausfordernden Trotzes, und fing an mit erheuchelter Gleichgültigkeit eine Melodie zu pfeifen. Während dem war die Arche immer in Bewegung, schon öffnete sich die Bai oberhalb der Landspitze, und sie verließ mithin das Land. Hurry's Genossen betrachteten seine That nicht mit derselben Nachsicht, mit der er selbst sie anzusehen geneigt war. Hutter sprach brummend und grollend seine Mißbilligung aus; denn die That brachte gar keinen Vortheil, während sie den Krieg erbitterter als je zu machen drohte; und Niemand tadelt unmotivirte Abweichungen von dem, was recht ist, strenger, als eigennützige und grundsatzlose Menschen. Doch beherrschte er sich noch, da Wildtödters Gefangenschaft den Arm des Frevlers in diesem Augenblick für ihn doppelt schätzbar und unentbehrlich machte. Chingachgook stand auf, und einen Augenblick ward die alte Erbitterung der Stämme vergessen über der Sympathie für seine Farbe; aber er faßte und besann sich noch zeitig genug, um es nicht zu den schlimmen Folgen kommen zu lassen, zu welchen ihn allerdings die rasche Aufwallung eines Augenblicks hinzureißen gedroht hatte. Nicht so Hist. Das Mädchen rannte durch die Hütte, oder die Cajüte, und stand neben Hurry, beinahe in dem Augenblick, wo seine Büchse den Boden der Fähre berührte, und mit einer ihrem Herzen Ehre machenden Furchtlosigkeit strömte sie ihre Vorwürfe aus mit der edeln Wärme des Weibes. »Warum Ihr schießen?« sagte sie. »Was Huronen-Mädchen gethan, daß Ihr tödten sie? Was Ihr denken, daß Manitou sagen ? Was Ihr denken, daß Manitou fühlen ? Was Irokesen thun? Nicht gewinnen Ehre – nicht Lager – nicht Gefangene – nicht Schlacht – nicht Skalpe – gewinnen gar Nichts! Blut kommen aus Blut! Wie Ihr fühlen, wenn Euer Weib getödtet? Wer Euch bemitleiden, wenn Thränen kommen um Mutter oder Schwester? Ihr dick, wie große Fichte – Huronen-Mädchen kleine, zarte Birke – warum Ihr auf sie fallen und zermalmen? Ihr denken, Huronen es vergessen? Nein! Rothhaut nie vergessen, nie vergessen Freund, nie vergessen Feind. Rother Mann Manitou in diesem . Warum Ihr so ruchlos, großes Bleichgesicht?« Hurry war nie so eingeschüchtert worden, wie durch diesen starken und warmen Angriff des indianischen Mädchens. Es ist wahr, sie hatte einen mächtigen Verbündeten an seinem Gewissen; und obgleich sie eifrig sprach, geschah es doch in so ächt weiblichen Tönen, daß er keinen Vorwand zu unmännlichem Zorn hatte. Die Weichheit ihrer Stimme vermehrte das Gewicht ihrer Vorwürfe, indem sie letztern ganz die Farbe der Reinheit und Wahrheit lieh. Wie die meisten gemeindenkenden Menschen hatte er die Indianer blos durch das Medium ihrer roheren und wilderen Charakterzüge betrachtet. Es war ihm nie eingefallen, daß die Gefühle des Herzens allgemein menschlich seyen; daß selbst hochsinnige Grundsätze – modifizirt durch Gewohnheiten und Vorurtheile, aber darum in ihrem Kreis nicht minder erhaben – im wilden Zustande vorhanden seyn können; und daß der im Felde mitleidloseste Krieger in den Stunden des friedlichen, häuslichen Lebens den sanftesten und zartesten Einflüssen und Gefühlen sich hingeben könne. Mit Einem Wort, sein Geist hatte sich gewöhnt, alle Indianer als Wesen zu betrachten, nur um einen schwachen Grad über den wilden Bestien stehend, die durch die Wälder streifen, und war geneigt, sie dem gemäß zu behandeln, sobald Vortheil oder Laune einen Antrieb oder einen Reiz dazu gaben. Dennoch konnte man von dem wohlgestalten Barbaren, so sehr er von diesen Vorwürfen eingeschüchtert war, nicht eigentlich sagen, daß er reuig gewesen. Er war aber von seinem Gewissen zu sehr beschämt, um sich einen Ausbruch von Zorn zu gestatten; und vielleicht fühlte er, daß er schon eine That begangen, die mit Recht seine Mannhaftigkeit in Zweifel stellen dürfte. Statt den einfachen, aber natürlichen Ausfall Hist's gegen ihn zu ahnden oder zu beantworten, entfernte er sich nur wie Einer, der es unter seiner Würde achtet, Hader mit einem Weibe anzufangen. Mittlerweile fuhr die Arche weiter, und bis zu der Zeit, wo die Scene mit den Fackeln unter den Bäumen vor sich ging, hatte sie den offnen See erreicht; denn Floating Tom lenkte sie weiter vom Lande weg mit einer Art instinktmäßiger Furcht vor Wiedervergeltung. Eine Stunde verstrich jetzt in düstrem Schweigen, das Niemand zu brechen geneigt schien. Hist hatte sich auf ihr Polster zurückgezogen und Chingachgook lag schlafend im Vordertheil des Fahrzeugs. Hutter und Hurry allein blieben wach, der Erstere am Steuerruder, während der Letztere über seiner Handlungsweise brütete mit der Verstocktheit eines Menschen, der wenig geneigt ist zur Anerkennung seiner Fehler, und doch mit dem heimlichen Nagen des Wurms, der nicht stirbt. Dieß war in dem Augenblick, wo Judith und Hetty die Mitte des See's erreichten, und sich niedergelegt hatten, um zu versuchen, in ihrem dahintreibenden Canoe zu schlafen. Die Nacht, obwohl so sehr verfinstert durch Wolken, war ruhig. Es war nicht die Jahrszeit der Stürme, und die im Monat Junius auf diesem eingebetteten Wasser vorkamen, waren, wenn auch oft heftig, immer von kurzer Dauer. Doch war auch jetzt der gewöhnliche Zug schwerer, feuchter Nachtluft, die, über die Gipfel der Bäume hinstreichend, sich kaum bis zu der Fläche des spiegelglatten See's herabzusenken schien, sondern in einigem Abstand darüber hin schwebte – gesättigt von der Feuchtigkeit, die immer aus den Wäldern aufstieg, und dem Anschein nach nie weit dieselbe Richtung verfolgend. Die Luftströmungen standen, wie natürlich, unter dem Einfluß der Hügelformationen, ein Umstand, der selbst frische Lüftchen unzuverlässig machte, und die schwächern Regungen der Nachtluft nur als eine Art launenhafter und unbeständiger Seufzer der Wälder erscheinen ließ. Einige Male wies das Vordertheil der Arche nach Osten, und einmal war es in der That ganz nach Süden gekehrt; im Ganzen aber hielt es die Richtung nach Norden; denn Hutter benützte eben immer den Wind, wenn man es Wind nennen konnte – wie er war, möglichst gut, und sein Hauptbeweggrund schien der Wunsch zu seyn, die Arche immer in Bewegung zu erhalten, um alle verrätherischen Anschläge seiner Feinde zu vereiteln. Jetzt empfand er einige kleine Sorge um seine Töchter, und vielleicht ebenso sehr um das Canoe; im Ganzen aber störte ihn diese Ungewißheit nicht viel, da er das schon erwähnte Vertrauen zu Judiths Einsicht und Klugheit besaß. Es war die Jahrszeit der kürzesten Nächte, und es währte nicht lange, bis das tiefe Dunkel, welches dem Tag vorangeht, dem wiederkehrenden Lichte zu weichen begann. Wenn eine Scene auf Erden sich den Sinnen des Menschen darstellen kann, die geeignet ist, seine Leidenschaften zu stillen und seine Wildheit und Trotz zu besänftigen, so war es die, welche vor Hurry's und Hutter's Blicken aufging, als mit den vorrückenden Stunden die Nacht zum Morgen sich verwandelte. Es waren die gewöhnlichen, weichen Tinten des Himmels, an dem weder die Dunkelheit der Nacht noch der Glanz der Sonne herrscht, und bei welchen die Gegenstände weniger irdisch, wir möchten sagen heiliger erscheinen, als je sonst während der vierundzwanzig Stunden des Tages. Die schöne und wohlthuende Ruhe der Abendzeit ist von tausend Dichtern schon gepriesen worden, und doch führt sie nicht die weitreichenden und erhabenen Gedanken mit sich, wie die halbe Stunde, welche dem Aufgehen einer Sommersonne vorangeht. Dort entzieht sich das Panorama allmälig dem Blicke, während hier die Gegenstände aus dem sich entrollenden Gemälde hervorbrechen, zuerst dämmernd und nebelhaft, dann scharf gezeichnet auf festlichem Hintergrunde, dann wird es geschaut in dem Zauber des an Helle zunehmenden Zwielichts – etwas vom abnehmenden so Verschiedenes, als sich nur denken läßt! – und endlich ganz weich, klar und licht, so wie die Strahlen des großen Lichtmittelpunkts sich in der Atmosphäre ausbreiten. Auch die Hymnen der Vögel finden kein Gegenstück in dem Heimgang zur Stange und zum Schlaf, oder im Flug nach dem Nest; und diese begleiten unabänderlich den Anbruch des Tages, bis die Erscheinung der Sonne selbst »Badet in Wonne See und Land.« Alles dieß jedoch sahen Hutter und Hurry an, ohne etwas von jenem friedevollen Entzücken zu empfinden, welches dieß Schauspiel doch gewöhnlich gewährt, wenn die Gedanken gut und recht, die Bestrebungen des Gemüthes rein sind. Sie waren nicht bloß Zeugen davon, sondern sie waren Zeugen davon unter Umständen, welche das Großartige und den zauberischen Reiz des Schauspiels noch zu erhöhen geeignet waren. Nur ein einzelner Gegenstand wurde sichtbar bei dem zurückkehrenden Licht, der seine Form und seinen Gebrauch von menschlichem Geschmack oder Bestreben erhalten hatte, die freilich eine Landschaft ebenso oft entstellen als verschönern. Dieß war das Castell; alles Uebrige war Werk der Natur und frisch aus der Hand Gottes gekommen. Diese seltsame Behausung stimmte auch mit den Naturgegenständen der Ansicht zusammen, da sie aus der Dunkelheit hervorbrach – seltsam, malerisch, und wie eine zweckmäßige Zierde. Dennoch war dieß Alles verloren für diese Zuschauer, welche kein Gefühl für Poesie, die den Sinn natürlicher Frömmigkeit in einem Leben voll engherziger und verhärteter Selbstsucht verloren, und wenig andre Sympathie mit der Natur hatten, als diejenige, welche ihren Grund hatte in ihren niedrigsten Bedürfnissen. Sobald das Licht kräftig genug war, um einen genauern Ueberblick des See's und insbesondere seiner Küsten zu gestatten, lenkte Hutter das Vordertheil der Arche gerade auf das Castell zu, mit der erklärten Absicht, für diesen Tag wenigstens davon Besitz zu nehmen, als von dem günstigsten Platze, seine Töchter zu erwarten und seine Operationen gegen die Indianer ins Werk zu setzen. Mittlerweile hatte sich Chingachgook erhoben, und Hist hörte man in den Küchengeräthen wühlen. Der Platz, nach dem sie steuerten, war nur eine Meile entfernt, und der Wind war günstig genug, so daß sie sich ihm mittelst des Segels nähern konnten. In diesem Augenblick, um alle Anzeichen günstig erscheinen zu lassen, sah man auch Judiths Canoe in nördlicher Richtung auf dem breitesten Theile des See's schwimmen, das, nur der Macht der Elemente folgend, wirklich in der Dunkelheit an der Arche vorüber geschwommen war. Hutter nahm sein Fernglas und schaute lang und eifrig durch dasselbe, um sich zu überzeugen, ob seine Töchter in dem leichten Fahrzeug seyen oder nicht, und ein leiser Ausruf – wie vor Freude – entfuhr ihm, als er Etwas über dem Rand des Canoe's erblickte, was er mit Recht für ein Stück von Judiths Kleidung nahm. Eine Minute später sah man im andern Ende des Canoe's Hetty auf ihren Knieen, die Gebete hersagend, die sie in ihrer Jugend von einer irregeleiteten aber bereuenden Mutter war gelehrt worden. Als Hutter das Glas weglegte, noch zum Blick in die Ferne ausgezogen, setzte es Schlange ans Auge und richtete es auf das Canoe. Es war das erste Mal, daß er sich eines solchen Instruments bediente, und Hist errieth aus seinem ,Hugh!, dem Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Geberdung, daß etwas Seltsames seine Bewunderung erregt haben müsse. Es ist bekannt, daß die amerikanischen Indianer, und ganz besonders die von höherem Stand und Charakter in auffallender Weise ihre Selbstbeherrschung und stoische Fassung mitten in der Fluth von Wundern behaupten, die sich ihnen bei ihren gelegentlichen Besuchen an den Sitzen der Civilisation aufdrängen, und Chingachgook hatte genug von dieser Unempfindlichkeit eingesogen, um jede, seiner Würde nicht gemäße Aeußerung seiner Ueberraschung zu unterdrücken. Hist indessen war von keinem solchen Gesetze gebunden, und als ihr Geliebter ihr das auf das Canoe gerichtete Glas vorhielt, und sie das Auge an das engere Ende brachte, fuhr das Mädchen bestürzt zurück; dann klatschte sie vor Freuden in die Hände, und ein Gelächter, der gewöhnliche Ausdruck unbeherrschter Verwunderung, folgte. Wenige Minuten waren für dieß schnellbegreifende Mädchen genug, um das Instrument selbst handhaben zu lernen, und sie lichtete es auf jeden hervorragenden Gegenstand, der ihr gerade auffiel. Nachdem sie in einem Fenster einen Punkt zum Auflegen gefunden, überschauten sie und der Delaware zuerst den See, dann die Küsten, die Hügel, und endlich zog das Castell ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem sie dieß lang und stet betrachtet, zog Hist ihr Auge zurück und sprach leise und ernst mit ihrem Geliebten. Augenblicklich setzte Chingachgook das Glas an sein Auge, und schaute noch länger und eifriger sogar als seine Verlobte durch dasselbe. Wieder besprachen sie sich heimlich und schienen ihre Meinungen zu vergleichen, worauf das Glas beiseite gelegt ward und der junge Krieger die Cajüte verließ, um Hutter und Hurry aufzusuchen. Die Arche rückte langsam, aber stetig vorwärts, und das Castell war in der That nur eine halbe Meile noch entfernt, als Chingachgook zu den beiden Männern auf dem Hintertheil des Fahrzeugs trat. Sein Benehmen war ruhig, aber die Andern, mit den Gewohnheiten der Indianer vertraut, erkannten doch, daß er Etwas mitzutheilen habe. Hurry war in der Regel schnell zu reden, und seiner Gewohnheit getreu, ergriff er auch dießmal die Initiative. »Heraus damit, Rothhaut,« schrie er in seiner gewohnten, rohen Weise. »Habt Ihr eine wilde Katze auf einem Baum entdeckt, oder schwimmt eine Lachsforelle unter dem Boden der Arche? Ihr seht jetzt, was ein Bleichgesicht leisten kann im Punkte der Augen, Schlange, und müßt Euch nicht wundern, daß sie das Land der Indianer von Ferne sehen können.« »Nicht gut nach dem Castell gehen,« versetzte Chingachgook mit Nachdruck, sobald ihn der Erstere zum Wort kommen ließ. »Huronen dort!« »Der Teufel auch! Wenn dieß sich so erwiese, Floating Tom, wären wir im Begriff gewesen, den Kopf in eine artige Falle zu stecken. Huronen dort! – nun, das kann seyn; aber ich kann keine Spur von etwas Anderem um die alte Hütte herum sehen, als Blöcke, Wasser und Rinde – außer zwei oder drei Fenstern und einer Thüre,« Hutter verlangte das Glas und betrachtete genau den Platz, ehe er überhaupt eine Ansicht aussprach; dann gab er etwas von Oben herab seine Nichtübereinstimmung mit der Meinung des Indianers zu erkennen. »Ihr habt dieß Glas verkehrt vor's Auge gehalten, Delaware,« fuhr Hurry fort; »weder der alte Mann, noch ich können eine Spur im See sehen.« »Keine Spur – Wasser behält keine Spur,« sagte Hist lebhaft. »Haltet ein – nicht zu nahe hinfahren – Huronen dort!« »Ja, das ist's! Bleibt nur bei Euerm Mährchen, so glauben es immer mehr Leute. Ich hoffe, Schlange, Ihr und Euer Mädchen, Ihr werdet eins werden, dieselbe Geschichte noch in Eurer Heirath zu erzählen, wie Ihr jetzt thut. Hurone dort! – wo denn soll er zu sehen seyn? im Vorlegschloß, oder den Ketten, oder den Blöcken? Es ist kein Gefängniß in der Colonie, das besser verwahrt und verriegelt aussieht, als des alten Toms chiente ; und auf Gefängnisse verstehe ich mich gut aus Erfahrung.« »Nicht sehen Moccasin,« sagte Hist ungeduldig, »warum nicht hinschauen und ihn sehen?« »Gebt mir das Fernglas, Hurry,« unterbrach sie Hutter, »und zieht das Segel ein. Es ist selten, daß ein indianisches Weib sich in solche Dinge mischt, und wenn sie es thut, so ist gewöhnlich Grund dazu vorhanden. Es schwimmt wirklich ein Moccasin um einen der Pfeiler herum, und es ist vielleicht ein Zeichen, vielleicht aber auch nicht, daß das Castell während unsrer Abwesenheit Besuch bekommen hat. Moccasins sind jedoch keine Seltenheiten, denn ich selbst trage sie, und Wildtödter auch, und Ihr tragt welche, March; und sogar auch Hetty ebenso oft als Schuhe; nur Judith habe ich ihren hübschen Fuß noch nie in einen Moccasin zwängen sehen.« Hurry hatte das Segel eingezogen, und inzwischen hatte sich die Arche auf zweihundert Schritte dem Castell genähert, und mit jedem Augenblick kam sie ihm näher, doch so langsam, daß dieß keine Besorgniß erregen konnte. Alle nahmen jetzt der Reihe nach das Fernglas, und das Castell und Alles in seiner Nähe ward einer noch genauern Prüfung als zuvor unterworfen. Da war allerdings zweifelsohne der Moccasin, so leicht schwimmend, und in seiner Form bleibend, daß er kaum naß wurde. Er war an einem Stück der rauhen Rinde von einem der Pfeiler außen an den Wasserpalisaden, welche das schon erwähnte Dock bildeten, hängen geblieben; und dieser Umstand allein verhinderte, daß ihn nicht der Wind weiter trieb. Auf mancherlei Arten jedoch ließ sich das Daseyn des Moccasins erklären, ohne daß man annahm, es habe ihn ein Feind fallen lassen. Er konnte von der Plattform heruntergefallen seyn, so lange noch Hutter im Besitz des Hauses gewesen, dann an den Platz, wo man ihn jetzt sah, geschwommen, und unbemerkt geblieben seyn, bis das scharfe Auge Hist's ihn entdeckte. Er konnte weiterher, den See herauf oder herab geschwommen, zufällig an dem Pfeiler oder der Palisade hängen geblieben seyn. Er konnte aus einem Fenster geworfen worden, und gerade an diesem Orte sitzen geblieben seyn; oder er war auch einem Kundschafter oder einem Angreifer während der vorigen Nacht entfallen, der ihn bei der dichten Finsterniß, die da herrschte, hatte dem See preisgeben müssen. Alle diese Vermuthungen theilte Hutter Hurry mit; und er schien geneigt, die Sache als ein unheilbedeutendes Omen anzusehen, während der Letztere sie mit seiner gewohnten, gleichgültigen Verachtung behandelte. Der Indianer dagegen war der Meinung, der Moccasin sollte so angesehen werden, wie man eine Spur in den Wäldern ansehen würde, die ebenso gut eine Gefahr drohen könnte, als nicht. Hist aber hatte einen ersprießlichen Vorschlag zu machen. Sie erklärte sich bereit, ein Canoe zu nehmen, zu den Palisaden hinzurudern, und den Moccasin zu holen, worauf man aus seinen Verzierungen sehen würde, ob er aus den Canadas komme oder nicht. Beide weißen Männer waren geneigt, auf das Anerbieten einzugehen; aber der Delaware trat dazwischen und verhinderte das Wagestück. Wenn ein solcher Versuch gemacht werden sollte, so gezieme es einem Krieger am besten, sich der Gefahr auszusetzen; und er sprach seine Weigerung, seiner Verlobten diesen Schritt zu gestatten, ganz in der ruhigen, aber kurzen Weise aus, womit der indianische Ehemann seine Befehle von sich gibt. »Gut denn, Delaware, so geht Ihr selbst, wenn Ihr so zärtlich besorgt seyd um Eure Squaw,« versetzte der unceremoniöse Hurry. »Dieser Moccasin muß herbei geholt werden, oder Floating Tom bleibt hier, außer Schußweite, bis der Herd in seiner Cajüte kalt wird. Es ist am Ende doch Nichts als eine kleine Wildhaut, und so oder so geschnitten, ist es keine Vogelscheuche, welche rechte Jäger abschrecken sollte, ihr Wild zu Verfolgen. Was sagt Ihr, Schlange, wollt Ihr oder soll ich mit dem Canoe ihn holen?« »Laßt rothen Mann gehen. Bessere Augen als Bleichgesicht – auch Huronenschliche besser kennen,« »Dem widersprech' ich bis an meine Todesstunde! Eines weißen Mannes Augen, und eines weißen Mannes Nase, ja auch sein Gesicht und seine Ohren sind alle besser als die eines Indianers, wenn man's recht prüft. Oft und viel habe ich das erprobt, und was erprobt ist, ist gewiß. Doch glaube ich, der ärmlichste Vagabund, der auf Füßen steht, Delaware oder Hurone, findet wohl den Weg zu jener Hütte und zurück; und so, Schlange, gebraucht denn Euer Ruder und willkommen!« Chingachgook war schon im Canoe und tauchte seine Ruderschaufel in's Wasser, eben als Hurry's geschmeidige Zunge schwieg. Wah-ta!-Wah sah dem Abgang ihres Kriegers dießmal mit dem unterwürfigen Schweigen eines indianischen Mädchens, aber mit den gewöhnlichen Besorgnissen und Ahnungen ihres Geschlechts zu. Während der ganzen vorigen Nacht, und bis zu dem Augenblick, wo sie miteinander in der Cajüte das Fernglas handhabten, hatte Chingachgook so viel männliche Zärtlichkeit gegen seine Verlobte bewiesen, als nur immer ein Mann vom feinsten Gefühl unter denselben Verhältnissen hätte zeigen können; aber jetzt verlor sich jede Spur von Schwäche und Weichheit, und sein ganzes Benehmen zeigte nur trotzige Entschlossenheit. Schüchtern suchte Hist's Auge das seinige, als das Canoe von der Arche abstieß, aber der Stolz des Kriegers gestattete ihm nicht, ihren zärtlichen und ängstlichen Blick zu erwiedern. Das Canoe flog dahin, und kein herübergesandter Blick belohnte ihre Bekümmerniß. Der Ernst und die Sorge des Delawaren waren auch ganz am Platze bei den Aussichten, unter welchen er zu seinem Unternehmen schritt. Hatte der Feind wirklich von dem Gebäude Besitz genommen, so mußte er sich gleichsam unter die Mündungen ihrer Büchsen hin wagen, und das ohne den Schutz aller jener Deckungsmittel, die im indianischen Kriege so wesentliche Bundesgenossen sind. Man kann sich kaum einen gefährlicheren Dienst denken; und wäre Schlange durch die Erfahrung von zehn weiteren Jahren gekräftigt, oder wäre sein Freund, der Wildtödter, da gewesen, so wäre der Versuch unterblieben, da die Vortheile in keiner Weise die Gefahr aufwogen. Aber der Stolz eines indianischen Häuptlings war gespornt durch den Wetteifer der Farbe, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die Gegenwart des Wesens, von welchem auch nur einen Blick anzunehmen, seine Ideen von Mannhaftigkeit ihm verwehrten, so sehr er von der Liebe, die sie so wohl verdiente, überfloß, einen nicht geringen Einfluß auf seinen Entschluß übte. Chingachgook ruderte stetig auf die Palisaden zu, und hielt ein wachsames Auge auf die verschiedenen Oeffnungen und Löcher des Gebäudes. Jeden Augenblick erwartete er die Mündung einer Büchse herausgesteckt zu sehen, oder ihren scharfen Knall zu hören; aber er erreichte glücklich und ungefährdet die Pfeiler. Hier war er gewissermaßen geschützt, da er die Spitzen der Palisaden zwischen sich und der Hütte hatte; und die Gefahren eines Angriffs gegen sein Leben waren, so lang er so geschützt war, sehr vermindert. Das Canoe hatte die Pfeiler erreicht, sein Vordertheil nach Norden gerichtet und in geringer Entfernung von dem Moccasin. Statt zu wenden, um diesen aufzugreifen, umfuhr der Delaware langsam das ganze Gebäude, und untersuchte mit gutem Bedacht jeden Gegenstand, der die Anwesenheit von Feinden oder die Verübung einer Gewaltthätigkeit verrathen konnte. Keine Spur jedoch war zu entdecken, welche den regegewordenen Verdacht hätte bekräftigen können. Die Stille der Verlassenheit durchwehte das Haus; kein Riegel war von seiner Stelle gerückt; kein Fenster war zerbrochen. Die Thüre sah so fest und verschlossen aus, wie zu der Stunde, wo Hutter sie zugeschlossen, und selbst das Thor des Dock's hatte alle seine gewohnten Verrammlungen. Kurz, das schärfste und eifersüchtigste Auge hätte kein andres Anzeichen von einem feindlichen Besuch entdeckt, als das auf der Erscheinung des schwimmenden Moccassins beruhende. Der Delaware befand sich jetzt in großer Verlegenheit, was weiter beginnen. Einen Augenblick, wie er an die Vorderseite des Castells kam, stand er im Begriff, auf die Plattform hinauf zu steigen, und sein Auge an eines der Gucklöcher zu halten, um selbst unmittelbar durch eigne Anschauung vom Stand der Dinge innen sich zu überzeugen; aber er besann sich doch. Obgleich selbst noch wenig erfahren in solchen Dingen, hatte er doch durch Ueberlieferungen so viel von indianischen Tücken gehört, hatte mit so athemlosem Interesse den Erzählungen von dem Entkommen der älteren Krieger gelauscht, kurz, war so gut geschult in der Theorie seines Berufes, daß es für ihn beinahe so unmöglich war, bei einer solchen Gelegenheit einen groben Verstoß zu machen, als es für einen Schüler, der einen guten Grund gelegt und der richtig angefangen hat, wäre, in der Lösung seiner mathematischen Aufgabe zu fehlen. Der Häuptling gab somit den augenblicklichen Einfall, auszusteigen, auf, und fuhr langsam weiter um die Palisaden herum. Als er sich dem Moccasin näherte – er hatte jetzt beinahe das ganze Gebäude umfahren – warf er den ominösen Gegenstand durch eine gewandte und beinahe unmerkliche Bewegung seiner Ruderschaufel in's Canoe. Er war jetzt im Begriff, sich wieder zu entfernen; aber der Rückzug war sogar noch gefährlicher als die Annäherung, weil das Auge nicht mehr die Löcher beobachten konnte. Wenn wirklich Jemand im Castell war, so mußte das Motiv des Delawaren bei seiner Auskundschaftung wohl begriffen worden seyn, und es war das Klügste, wie gefährlich es auch immer seyn mochte, sich mit der Miene der Zuversicht zu entfernen, als wäre jedes Mißtrauen durch die Besichtigung gehoben. Zu diesem Verfahren entschloß sich denn auch der Indianer, der bedächtlich fortruderte, die Richtung nach der Arche einschlagend, und durch kein hastiges, ungeduldiges Zucken der Nerven sich zu rascherer Bewegung seiner Arme, oder auch nur zu einem verstohlenen Blick rückwärts verleiten ließ. Keine zärtliche Gattin, aufgewachsen in der Verfeinerung der höchsten Civilisation, empfing je den Gatten bei der Rückkehr aus dem Feld mit einem innigeren Ausdruck von Empfindung und Rührung, als Hist zeigte, da sie die Große Schlange der Delawaren unverletzt in die Arche steigen sah. Doch drängte sie ihre Gemüthsbewegungen noch zurück, obwohl die Freude, die in ihren dunkeln Augen funkelte, und das Lächeln, das ihren hübschen Mund verklärte, eine ihrem Verlobten Wohl verständliche Sprache redeten. »Nun, Schlange,« schrie Hurry, immer der Erste zu reden, »was Neues von den Bisamratzen? Haben sie ihre Zähne gewiesen, als Ihr ihren Bau umkreistet?« »Mir nicht gefallen,« erwiederte in seiner kurzen Art der Indianer. »Zu still, so still! kann Schweigen sehen!« »Das ist ächt indianisch – als ob Etwas weniger Lärm machen könnte, als Nichts! Wenn Ihr keinen bessern Grund anzugeben wißt als diesen, thäte der alte Tom am besten, sein Segel aufzuziehen und hinzufahren, und sein Frühstück unter seinem eignen Dach einzunehmen. Was ist aus dem Moccasin geworden?« »Hier!« versetzte Chingachgook, seine Beute zu allgemeiner Ansichtnahme emporhaltend. Der Moccasin ward untersucht, und Hist sprach ihn zuversichtlich für den eines Huronen an, wegen der Art, wie die Stachelschweinsstacheln vorn daran geordnet waren. Auch Hutter und der Delaware waren entschieden derselben Ansicht. Aber all' dieß zugegeben, folgte nicht nothwendig, daß darum Huronen im Castell seyn mußten. Der Moccasin konnte aus der Ferne hergetrieben, oder dem Fuß eines Kundschafters entfallen seyn, der den Platz wieder Verlassen, nachdem er seine Sendung ausgerichtet. Kurz, er erklärte Nichts, während er so viel Besorgniß erweckte. Unter solchen Umständen waren Hutter und Hurry nicht die Männer, die sich durch so schwache Anzeichen wie der Moccasin lange von ihrem Vorhaben abschrecken ließen. Sie zogen wieder das Segel auf und bald war die Arche wieder in Bewegung auf das Castell zu. Der Wind, oder Luftzug, dauerte gelinde fort, und die Bewegung war langsam genug, um eine genaue Besichtigung des Gebäudes während der Annäherung der Fähre zu gestatten. Dieselbe todtenähnliche Stille herrschte, und es war schwer sich zu denken, daß ein lebendiges Wesen in dem Gebäude oder seiner Umgebung seyn sollte. Unähnlich dem Delawaren, dessen Einbildungskraft, von seinen Traditionen erfüllt, so lange gearbeitet hatte, bis er geneigt war, in einer natürlichen Stille eine durch Absicht und Willen entstandene zu finden, sahen die Andern gar nichts Besorgnißerregendes in einem Schweigen, das in der That nur den regungslosen Zustand lebloser Gegenstände bezeichnete. Auch sonst war bei der Scene alles Uebrige eher beruhigend und friedlich, als das Gegentheil. Der Tag war noch nicht so weit vorgerückt, daß die Sonne schon über dem Horizont gestanden wäre, sondern der Himmel, die Atmosphäre, die Wälder und der See erschienen sämmtlich in jenem gedämpften Licht, das ihrem Aufgang unmittelbar vorangeht, und was vielleicht der bezauberndste Augenblick von den vierundzwanzig Stunden des Tages ist. Es ist der Augenblick, wo alle Gegenstände klar sind; selbst die Atmosphäre scheint eine flüssige Durchsichtigkeit zu gewinnen, die Farben erscheinen gedämpft und blaß, mit den Umrissen der Gegenstände verschwimmend, und die Perspektive gerade wie sittliche Wahrheiten, die sich in ihrer Einfachheit, ohne den buhlerischen Beistand von Schimmer und Zierrathen darstellen. Mit Einem Wort, es ist der Augenblick, wo die Sinne ihre Kräfte an den einfachsten und wahrsten Formen wieder zu gewinnen scheinen, ähnlich dem Geist, der aus dem Dunkel von Zweifeln zur Ruhe und zum Frieden sicherer Ueberzeugung sich emporarbeitet. Das Meiste von der Wirkung, die eine solche Scene auf Gemüther hervorbringen kann, die moralisch gesund genannt werden können, war bei Hutter und Hurry verloren; die beiden Delawaren aber, obwohl zu sehr daran gewöhnt, Zeugen von der Lieblichkeit der frühen Morgenzeit zu seyn, als daß sie hätten erst lange ihre Gefühle zergliedern mögen, waren ganz empfänglich für die Schönheiten dieser Stunde, obwohl vermuthlich in einer ihnen selbst unbewußten Weise. Der junge Krieger fühlte sich dadurch friedlich gestimmt; und nie hatte er weniger Verlangen nach dem Ruhm des Kampfes empfunden, als wie er zu Hist in die Cajüte trat, in dem Augenblick, wo die Fähre an der Plattform anlegte. Aus der Süßigkeit solcher zarten Rührungen ward er jedoch aufgescheucht durch eine rauhe Aufforderung Hurry's, der ihn anrief, vor zu kommen, und beim Einziehen des Segels und der Befestigung der Arche behülflich zu seyn. Chingachgook gehorchte; und bis er das Vordertheil der Fähre erreicht hatte, war Hurry auf der Plattform, stampfte mit den Füßen, zum Ausdruck seiner Freude, wieder die terra firma , wie man es vergleichungsweise nennen konnte, zu berühren, und that seine Verachtung des ganzen Stammes der Huronen in seiner gewohnten, lärmenden und kecken Weise kund. Hutter hatte ein Canoe an die Spitze der Fähre herangezogen, und war schon im Begriff, die Verrammlungen des Thores zu entfernen, um zum Dock hinein zu gelangen. March hatte kein andres Motiv dabei, daß er auf die Plattform gesprungen, als unverständige Prahlerei, und nachdem er an der Thüre gerüttelt, in einer Art, die ihre Festigkeit auf die Probe setzte, sprang er zu Hutter in das Canoe und half ihm das Thor öffnen. Der Leser wird sich erinnern, daß diese Art hineinzukommen, nothwendig geworden war durch die Weise, wie der Eigenthümer dieser seltsamen Residenz sie gewöhnlich schloß, wenn sie leer blieb, zumal in Zeiten, wo man Gefahr besorgte. Hutter hatte, als er in das Canoe trat, dem Delawaren ein Tau in die Hand gegeben, mit der Weisung, daß er die Arche an der Plattform befestigen und das Segel niederlassen solle. Statt aber diesen Weisungen zu folgen, ließ Chingachgook das Segel oben, und indem er das schlaffe Ende des Taus über einen Pfeiler herwarf, ließ er die Arche in der Runde weiter treiben, bis sie den Befestigungswerken gegenüber in einer Position lag, daß man nur mittelst eines Bootes in sie gelangen konnte, oder wenn man auf den Spitzen der Palisaden hinlief, was aber ein Beginnen war, das einige Geschicklichkeit der Füße erheischte, und sich im Angesicht eines entschlossenen Feindes nicht wohl ausführen ließ. In Folge dieser Veränderung der Lage der Fähre, welche ausgeführt wurde, ehe Hutter'n gelungen war, das Thor seines Docks zu öffnen, lagen die Arche und das Castell mit in einander verwickelten Nocken der Raa, nach der Seesprache, mittelst der Pfeiler zehn oder zwölf Fuß aus einander gehalten. Da die Fähre gegen die letztern sich herandrängte, bildeten ihre Giebel eine Art von Brustwehr, etwa Manneshöhe, und deckten gewissermaßen die Theile der Fähre, die durch die Cajüte nicht geschützt waren. Der Delaware betrachtete diese Vorkehrungen mit großer Zufriedenheit, und als Hutter's Canoe durch das Thor in das Dock einfuhr, dachte er: er könnte seine Stellung eine ziemliche Zeit gegen jede Besatzung im Castell vertheidigen, hätte er nur den Arm seines Freundes Wildtödter zum Beistand. Doch auch so fühlte er sich vergleichungsweise sicher, und empfand nicht mehr die lebhaften Besorgnisse, die er noch ganz kürzlich um Hist's willen gefühlt hatte. Ein einziger Stoß brachte das Canoe vom Thor bis zu der Falle unter dem Castell. Hier fand Hutter Alles fest, weder Schloß, noch Kette, noch Riegel war verrückt worden. Der Schlüssel ward hervorgeholt, die Schlösser abgenommen, die Kette aufgeschlossen, und die Falle aufgestoßen. Jetzt schob Hurry seinen Kopf durch die Oeffnung hinein; die Arme folgten und die kolossalen Beine stiegen ohne sichtbare Mühe hinauf. Im nächsten Augenblick hörte man seinen schweren Fuß im Gang oben stampfen, der die Gemächer von Vater und Töchtern trennte, und in welchen die Falle sich öffnete. Dann stieß er einen Triumphschrei aus. »Kommt herauf, alter Tom!« rief der unbekümmerte Waldmann aus dem Innern des Gebäudes heraus; »da ist Euer Häuschen wohlbehalten und gesund; ja, und so leer, wie eine Nuß, die eine halbe Stunde in den Pfoten eines Eichhorns zugebracht hat! Der Delaware prahlt, er könne das Schweigen sehen ; laßt ihn herkommen, dann mag er es obenein auch greifen .« »Schweigen und Stille, wo Ihr seyd, Hurry Harry!« versetzte Hutter, den Kopf in das Loch steckend, während er das letzte Wort sagte, wodurch sogleich seine Stimme den außen Befindlichen ganz gedämpft tönte. – »Schweigen, wo Ihr seyd, müßte man wohl sehen und greifen können, denn es ist jedem andern Schweigen unähnlich.« »Kommt, kommt, alter Kamerad; zieht Euch herauf, dann wollen wir Thüren und Fenster öffnen, und die frische Luft herein lassen, die Sachen hell zu machen. Wenige Worte in unruhigen Zeiten machen die Leute zu den besten Freunden. Eure Tochter Judith ist, was ich nenne, ein Mädchen von schlechter Aufführung, und das Band, das mich an die ganze Familie bindet, ist durch ihr neuestes Betragen so gelockert worden, daß es keine Rede brauchte so lang, als die zehn Gebote, um mich zu veranlassen, mich nach dem Fluß zu begeben, und Euch und Eure Fallen, Eure Arche und Eure Kinder, Eure Knechte und Eure Mägde, Eure Ochsen und Eure Esel zu verlassen, daß Ihr den Kampf mit den Irokesen allein ausfechten könntet. Oeffnet dieß Fenster, Floating Tom, und ich will durchstolpern und dasselbe an der Thüre vorn thun.« Ein Augenblick des Schweigens trat ein, und ein Getöse, wie durch den Fall eines schweren Körpers verursacht, folgte. Ein dumpfer Fluch von Hurry ward vernommen, und dann schien das ganze Innere des Gebäudes lebendig geworden zu seyn. Das Getöse, der Lärmen, die jetzt so plötzlich, und wir dürfen hinzusetzen, so unerwartet selbst für den Delawaren die Stille drinnen ablösten, konnten nicht mißdeutet werden. Es waren Töne etwa wie sie durch einen Kampf zwischen Tigern in einem Käfig würden verursacht werden. Ein Paar Male ward der gellende Ruf der Indianer ausgestoßen, aber er schien gedämpft, wie wenn er aus erschöpften und zusammengepreßten Kehlen dränge; und Einmal erscholl ein dumpfer, und dann wieder ein empörend gräßlicher Fluch aus Hurry's Kehle. Es war, als würden menschliche Körper fortwährend gewaltsam an den Boden geschmettert, die sich ebenso oft wieder erhoben, den Kampf von Neuem zu beginnen, Chingachgook war in peinlicher Verlegenheit, was er thun solle. Er hatte in der Arche alle Waffen, da Hutter und Hurry sich an's Werk gemacht hatten, ohne ihre Büchsen mitzunehmen; aber es war keine Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, oder sie in die Hände ihrer Herren zu bringen. Die Kämpfenden waren im buchstäblichen Sinne wie in Käfigen eingesperrt, und es war unter den obwaltenden Umständen beinahe eben so unmöglich, aus dem Gebäude heraus, als hinein zu kommen. Dann war auch Hist da, die seine Bewegungen hemmte und seine Kräfte lähmte. Um sich dieses Nachtheils zu entledigen, hieß er das Mädchen das noch übrige Canoe nehmen und zu Hutter's Töchtern rudern, die sich unvorsichtig, aber mit gutem Bedacht näherten, um sich selbst zu retten und die Andern vor der Gefahr, die sie liefen, zu warnen. Aber das Mädchen weigerte sich entschieden und fest, zu gehorchen. In diesem Augenblick hätte keine menschliche Macht, hätte nur Anwendung von überlegener physischer Gewalt sie vermocht, die Arche zu verlassen. Die Dringlichkeit des Augenblicks gestattete kein Zögern, und der Delaware, der keine Möglichkeit vor sich sah, seinen Freunden zu dienen, schnitt das Tau ab, und schob mit einem gewaltigen Stoß die Fähre etwa zwanzig Fuß weit von den Pfeilern weg. Hier ergriff er die breiten Ruder und es gelang ihm, eine kleine Entfernung unter dem Winde zu gewinnen, wenn bei einem so leichten Luftzug irgend eine Richtung so bezeichnet werden konnte, aber weder die Zeit noch seine Geschicklichkeit im Rudern machten es möglich, daß diese Entfernung groß wurde. Als er zu rudern aufhörte, mochte die Arche etwa hundert Schritte von der Plattform entfernt seyn, und etwa um die Hälfte dieser Entfernung weiter südlich, da das Segel eingezogen worden war. Judith und Hetty hatten jetzt entdeckt, daß Etwas nicht richtig war, und hatten tausend Fuß weiter nördlich Halt gemacht. Diese ganze Zeit über währte der wüthende Kampf im Hause fort. Bei solchen Auftritten häufen sich die Ereignisse in kürzerer Zeit, als die Erzählung erheischt. Von dem Augenblick an, wo man den ersten Fall im Hause gehört hatte, bis zu dem, wo der Delaware seine mühseligen Versuche im Rudern aufgab, mochten drei bis vier Minuten verflossen seyn, aber offenbar war binnen dieser Zeit die Kraft der Kämpfenden schwächer geworden. Man hörte nicht mehr Hurry's Flüche und Verwünschungen, und selbst die Kämpfe hatten Etwas an ihrer Gewaltsamkeit und Wuth verloren; dennoch währten sie mit unbezwinglicher Hartnäckigkeit fort. In diesem Augenblick flog die Thüre auf, und der Kampf ward auf die Plattform, in das Licht und in die freie Luft versetzt. Ein Hurone hatte die Riegel der Thüre aufgebrochen, und drei oder vier seines Stammes stürzten ihm nach auf den engen Raum, als wären sie froh, einer furchtbaren Scene drinnen zu entfliehen. Der Leib eines Andern folgte, der Länge nach durch die Thüre mit entsetzlicher Gewalt hingeschleudert. Dann erschien March, wüthend und tobend wie ein gehetzter Löwe, und für einen Augenblick seiner zahlreichen Feinde entledigt. Hutter war schon gefangen und gebunden. Es war jetzt eine Pause im Kampfe, ähnlich einem ruhigen Augenblick während eines Gewitters. Das Bedürfniß aufzuathmen, war für Alle eine gleiche Nothwendigkeit, und die Kämpfer standen da, einander beobachtend, wie Köter, die man aus einander getrieben hat, und die nur eine günstige Gelegenheit abwarten, um ihren Kampf zu erneuen. Wir wollen diese Pause benützen, um die Art und Weise zu erzählen, wie die Indianer von dem Castell Besitz ergriffen hatten; und wir thun dieß um so lieber, als es wohl auch nothwendig ist, dem Leser zu erklären, warum ein so erbitterter Kampf in solch engem Raume doch zugleich verhältnißmäßig so unblutig seyn konnte. Rivenoak und sein Begleiter, besonders der Letztere, der von untergeordnetem Rang, und einzig mit dem Floß beschäftigt erschienen war, hatten bei ihren Besuchen im Castell die genauesten Beobachtungen angestellt; selbst der Knabe hatte schätzbare und ins Einzelne gehende Aufschlüsse mitgebracht. Auf diesem Wege hatten die Huronen im Allgemeinen eine Vorstellung bekommen von der Art, wie das Gebäude construirt und befestigt war, so wie Kenntnisse von Einzelnheiten, die sie in Stand setzten, im Dunkel mit zweckmäßiger Einsicht zu handeln. Trotz der Sorgfalt, mit welcher Hutter die Arche auf der östlichen Seite des Gebäudes angelegt hatte, als er die Habseligkeiten von diesem in jene brachte, war er dennoch beobachtet worden, so daß jene Vorsicht ganz nutzlos ward. Kundschafter waren auf der Ost- wie auf der West-Küste des See's ausgestellt gewesen, und das ganze Beginnen bemerkt worden. Sobald es dunkel war, näherten sich Flöße, dem oben beschriebenen ähnlich, von beiden Küsten her, um zu recognosciren, und die Arche war an einem auf fünfzig Schritte vorbeigefahren, ohne daß man es entdeckt hatte; die Männer darauf lagen der Länge nach auf den Baumstämmen, so daß sie und ihr langsam sich bewegendes Fahrzeug für das Auge ganz mit dem Wasser sich vermischten. Als diese beiden Rotten von Abenteurern dem Castell sich näherten, stießen sie zusammen, und nachdem sie sich ihre beiderseitigen Beobachtungen mitgetheilt, näherten sie sich ohne weiteres Zögern dem Gebäude. Wie sie erwarteten, fand man es leer. Die Flöße wurden sogleich an die Küste nach Verstärkungen geschickt, und zwei von den Wilden blieben, um die Vortheile ihrer Lage zu benützen. Diesen Männern gelang es, aufs Dach zu kommen, und durch Wegschaffung eines Theils der Rinde in die Dachstube, wenn man so will, zu gelangen. Hier trafen sie ihre Genossen. Beide öffneten jetzt ein Loch durch die behauenen Stämme des obern Bodens, durch das nicht weniger als acht der athletischsten Indianer in das untere Gemach sich hinabließen. Hier blieben sie, wohl versehen mit Waffen und Mundvorrath, um entweder eine Belagerung auszuhalten, oder einen Ausfall zu machen, wie es die Gelegenheit mit sich brächte. Die Nacht brachten sie schlafend zu, wie die Indianer bei ihren gefährlichsten Unternehmungen zu thun pflegen. Der wiederkehrende Tag zeigte ihnen die Annäherung der Arche durch die Scharten – der einzige Weg auf dem Licht und Luft eindrangen, da die Fenster sehr wirksam mit roh gearbeiteten aber genau passenden Planken verschlossen waren. Sobald es gewiß war, daß die zwei weißen Männer im Begriff standen, durch die Fallthüre hereinzukommen, traf der die Bewegungen der Huronen leitende Häuptling demgemäß seine Maßregeln. Er entfernte alle Waffen seiner Leute, selbst die Messer, weil er dem rohen Ungestüm der Wilden, durch persönliche Unbilden gereizt, nicht traute, und verbarg sie an Orten, wo man sie nur bei einigem Nachsuchen finden konnte. Stricke von Bast wurden dann in Bereitschaft gesetzt, und Alle, ihre Posten in den drei verschiedenen Gemächern einnehmend, erwarteten das Signal, über ihre zu hoffenden Gefangnen herzufallen. Sobald die Truppe in dem Gebäude war, stellten Männer draußen die Rinde auf dem Dache wieder her, beseitigten sorgfältig alle Anzeichen und Spuren ihres Besuchs, und fuhren dann wieder nach der Küste ab. Einer von diesen hatte seinen Moccasin fallen lassen, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte. Wäre der Tod des Mädchens bekannt gewesen, so hätte wahrscheinlich Nichts Hutter und Hurry das Leben retten können; aber dieß Ereigniß trat erst ein, nachdem der Hinterhalt gelegt war, und in einer Entfernung von einigen Meilen von dem, dem Castell nahe gelegenen Lager. Dieß waren die Mittel und Listen, die man angewendet, um den Stand der Dinge herbeizuführen, den wir jetzt weiter zu beschreiben haben. Zwanzigstes Kapitel »Ich that, was thun kann Menschenhand,     Und Alles half nicht mehr; Leb wohl, mein Lieb! mein Heimathland!     Denn ich muß über's Meer;                             Mein Lieb,     Denn ich muß über's Meer.« Schottische Ballade. Im letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie sie in ihrem engen Kampfplatz Athem schöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie sie damals in Amerika und zumal an den Grenzen so gewöhnlich waren, besaß Hurry, neben seiner ungeheuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er sonst erscheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand gesetzt, so lang allein gegen so viele Feinde auszuhalten; denn der Indianer ist keineswegs ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletischen Uebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernstlich beschädigt, obwohl Einige von den Wilden schwere Fälle gethan hatten; namentlich derjenige, der der Länge nach auf die Plattform geschleudert worden, war, kann man wohl sagen, für den Augenblick kampfuntüchtig geworden. Einige der Uebrigen hinkten; und March selbst war nicht ohne alle Beulen durchgekommen, obgleich Erschöpfung des Athems der Hauptverlust war, den beide Parteien wieder herzustellen wünschten. Unter Umständen wie die, worin die Parteien sich befanden, konnte ein Waffenstillstand, welche Ursache er nun haben mochte, nicht wohl von langer Dauer seyn. Der Kampfplatz war zu enge, und die Besorgniß vor Verrätherei zu groß, um dieß zu gestatten. Was man bei seiner Lage gar nicht hätte erwarten sollen, war Hurry der Erste, der die Feindseligkeiten wieder eröffnete. Ob er dieß aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermutheten Angriff irgend einen Vortheil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und seines nie ruhenden Hasses gegen die Indianer gewesen, ist unmöglich zu sagen. Sein Angriff indessen war wüthend, und zuerst trieb er Alle vor sich her. Er packte den nächsten Huronen um den Leib, hob ihn ganz von der Plattform empor, und schleuderte ihn in's Wasser, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine schwere Verletzung davontrug, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genossen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man sich keiner andren Waffen bediente, als der von der Natur selbst gegebenen, glaubte sich Hurry ganz Mannes genug, mit dieser Zahl von Rothhäuten es aufzunehmen. »Hurrah! Alter Tom!« brüllte er; »die Schurken machen sich in den See und ich will sie bald Alle schwimmen sehen!« Wie er diese Worte gesprochen, schleuderte ein heftiger Stoß in's Gesicht den verletzten Indianer, der den Rand der Plattform gefaßt hatte, und sich hinaufzuschwingen versuchte, rettungs- und hoffnungslos in's Wasser. Als der Kampf vorüber war, sah man seinen dunkeln Leichnam durch das durchsichtige Element des Glimmerglases mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Castell stand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlend, als ob durch dieß verzweiflungsvolle Anklammern im Tod das Leben zurückgehalten werden sollte. Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle versetzt, rollte ihn auf, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von diesen jedoch war nicht nur der Größte und Stärkste unter den Huronen, sondern auch der Erfahrenste unter den anwesenden Kriegern, und derjenige, dessen Sehnen in Kämpfen und durch Märsche auf dem Kriegspfad am meisten gestählt waren. Dieser Mann hatte die riesenhafte Stärke seines Gegners wohl gewürdigt, und hatte seine Kraft sorgsam gespart. Er war auch auf's beste gerüstet für einen solchen Kampf, denn er stand da nur in Beinkleidern, das Modell einer schönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und ungewöhnliche Stärke, dennoch bedachte sich Hurry nicht, und sobald er jenen Stoß versetzt, der in der That einem Mitmenschen das Leben kostete, band er auch mit diesem furchtbaren Feind an, und suchte auch ihn in's Wasser zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und so rasch und wechselnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunsch gehabt, keine Möglichkeit blieb, sich einzumischen, sondern er von Staunen und Furcht wie gefesselt dastand. Er war ein unerfahrner Jüngling und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menschlicher Leidenschaften, der sich dazu noch in ungewohnter Gestalt darstellte. Hurry versuchte zuerst seinen Gegner zu werfen. In dieser Absicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und suchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikanischen Grenzmannes ein Bein zu stellen, Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Huronen, der Hurry bei den Kleidern packen konnte, und dessen Füße jenem Versuch auswichen mit einer Geschwindigkeit, gleich der des Angreifers selbst. Dann folgte eine Art mêlée , wenn man einen solchen Ausdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwischen Zweien, in welchem keine Anstrengungen einzeln zu unterscheiden waren, und die Glieder u»d Leiber der Kämpfenden so viele Stellungen und Verrenkungen annahmen, daß sie jeder Beobachtung spotteten. Dieß wirre aber wüthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry rasend, daß seine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit seines Feindes in ihrem Erfolg getäuscht wurde, eine verzweifelte Anstrengung machte, welche den Huronen ihm vom Leibe schaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte schleuderte. Die Erschütterung war so groß, daß sie für einen Augenblick den Letztern betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ein tiefes Aechzen – ein Zoll, von Qual und Angst abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rothen Mann nicht selten entfährt. Dennoch stürzte er sich aufs Neue seinem Feind entgegen, wohl wissend, daß seine Rettung von seiner Entschlossenheit abhinge. Jetzt packte Hurry den Andern um den Leib, hob ihn frei über die Plattform empor, und fiel mit seiner gewaltigen Wucht auf den unter ihm Liegenden. Diese weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer so, daß sein gigantischer weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in seiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle seines Opfers und preßte sie zusammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huronen an dem Rand der Plattform ordentlich umbog, bis bei der höllischen Stärke, die er anwendete, das Kinn zuoberst war. Ein Augenblick schon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten schienen herauszutreten, seine Zunge reckte sich heraus, und seine Nüstern dehnten sich fast zum Zerspringen. In diesem Augenblick ward ein Strick von Bast, mit einem Auge versehen, geschickt über die beiden Arme Hurry´s geworfen; das Ende ward durch das Auge geschoben, so daß eine Schlinge entstand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammengezogen mit einer Gewalt, der selbst seine gigantische Stärke nicht widerstehen konnte. Mit Widerstreben, selbst unter diesen Umständen noch, sah der erbitterte Grenzmann seine Hände zurückgerissen von ihrer tödtlichen Umspannung, denn alle bösen Leidenschaften tobten jetzt auf's Höchste in ihm. Beinahe im selben Augenblick fesselte ein gleiches Band auch seine Knöchel, und sein Körper ward in die Mitte der Plattform hingerollt, so hilflos und so rücksichtslos, als wäre er ein Holzscheit. Sein befreiter Gegner aber stand nicht auf, denn während er wieder zu athmen anfieng, hing doch sein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte anfangs, der Hals sey ihm verdreht. Nur allmählig erholte er sich wieder und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder sein Leib noch sein Gemüth habe sich je wieder ganz erholt von diesem drohenden Vorschmack des Todes. Hurry hatte seine Niederlage und Gefangennehmung der blinden Wuth zu danken, mit der er alle seine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit diesem beschäftigt, waren die zwei von ihm in's Wasser geschleuderten Indianer an den Pfeilern heraufgestiegen, schlichen jetzt diesen entlang daher, und gesellten sich zu ihrem Genossen auf der Plattform. Der Letztere hatte seine Geisteskräfte so weit wieder gesammelt, daß er die Stricke herbeigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitschaft waren, als die Andern erschienen, und sie wurden in der nun schon erzählten Weise angewendet, während Hurry mit seiner ganzen Wucht seinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunsch beschäftigt, ihn zu erdrosseln. So hatte sich in Einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der so nahe daran gewesen, einen vollständigen Sieg zu erringen, der mittelst Ueberlieferung Jahrhunderte hindurch in dieser ganzen Gegend wäre bekannt und gepriesen worden, lag jetzt da, hülflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anstrengungen des Bleichgesichts gewesen, so wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß sie selbst, wie er so, einem gebundenen Schaafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftlose Leib ihres stärksten Kriegers lag noch ausgestreckt auf der Plattform; und wie sie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu suchen, der so unceremoniös hineingeschleudert worden war, und den sie in der Verwirrung des Handgemenges aus dem Gesicht verloren hatten, sahen sie, wie schon beschrieben, seine leblose Gestalt auf dem Grund des See's, an's Gras sich anklammernd, liegen. Alle diese Umstände zusammen machte den Sieg der Huronen für sie beinahe so betrübend wie eine Niederlage. Chingachgook und seine Verlobte hatten diesem ganzen Kampf von der Arche aus zugesehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hurry zu schieben, suchte der Delaware nach seiner Büchse; aber noch ehe er sich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geschehen. Er konnte noch einen Feind niederschießen, aber den Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häuptling, der so entschlossen sein Leben an eine solche Trophäe wagte, bedachte sich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Aussicht auf jene hatte. Ein Blick auf Hist, und der Gedanke an die möglichen Folgen dämpfte jedes flüchtige Racheverlangen. Der Leser weiß schon, daß man von Chingachgook kaum sagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verstanden habe, so erfahren er auch im Gebrauche der Ruderschaufel auf Canoe's seyn mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der sich die Menschen so ungeschickt und linkisch geberden, wie bei den ersten Versuchen ein Ruder zu handhaben, und selbst der erfahrenste Seemann oder Bootsmann fällt durch mit seinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrudern des Gondoliers zu figuriren. Kurz, es ist für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder gut zu handhaben; hier aber war erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei sehr große zu bewältigen. Große Ruderstangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beim ersten Versuche doch noch so gut gelang, die Arche von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieser Versuch hingereicht, ihn gegen sich selbst mißtrauisch zu machen, und er sah wohl, in welche kritische Lage er und Hist jetzt versetzt waren, falls die Huronen das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und sich gegen sie wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hist in das in seinem Besitz befindliche Canoe zu setzen, und sich nach den östlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch rasche Flucht die Delawarischen Dörfer zu gewinnen. Aber manche Betrachtungen drängten sich auf, um diesen unbesonnenen Schritt zu hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundschafter den See auf beiden Seiten bewachten und kein Canoe so leicht der Küste sich nähern konnte, ohne von den Hügeln aus gesehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianischen Auge nicht zu verhehlen, und die Kraft Hist's war einer Flucht nicht gewachsen, die so rasch und unausgesetzt ausgeführt werden mußte, um der Verfolgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika's, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der physischen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringste Rücksicht war der Gedanke an Wildtödters Lage; ein Freund durfte in seiner Noth nicht so verlassen werden. Hist dachte und folgerte in einigen Punkten, ja sie fühlte auch anders, obwohl sie zu demselben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte sie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schwestern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt aufs lebhafteste sich betheiligte. Das Canoe der Mädchen hatte sich, bis der Kampf zu Ende war, dem Castell auf dreihundert Schritte genähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erst hier dem Auge sichtbar wurden. Sie und Hetty standen aufrecht da, ängstlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, sich Gewißheit zu verschaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte. Die auf der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hurry's Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. In jedem gewöhnlichen Falle wären die Mädchen sofort gefangen worden – eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Huronen im Besitz eines Canoe's waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Huronen in dem jüngsten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis sie sich von den Eindrücken dieser gewaltsamen Scene erholten; und das um so mehr, als der wichtigste Mann der Truppe, wenigstens was persönliche Tapferkeit betraf, so schwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höchster Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schwester unverzüglich Zuflucht in der Arche suchten, deren Vertheidigungsmittel wenigstens für kurze Zeit Schirm und Schutz boten; und die nächste Aufgabe war, Mittel zu finden, sie hiezu zu veranlassen. Hist zeigte sich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber vergebens, allerlei Zeichen und Geberden, um die Mädchen zu veranlassen, mittelst eines Bogens das Castell zu vermeiden und sich der Arche von Osten her zu nähern. Aber diese Zeichen wurden verachtet oder mißverstanden. Wahrscheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Vertrauen in die eine oder andre Partei zu setzen. Statt zu thun, wie man ihr rieth, hielt sie sich vielmehr weiter entfernt; sie ruderte langsam zurück, nordwärts oder nach dem breitesten Theil des See's, wo sie die weiteste Aussicht beherrschte, und das weiteste Feld zur Flucht vor sich hatte. In diesem Augenblick erschien die Sonne über den Fichten der östlichen Bergreihe, und ein leichter Südwind erhob sich, wie zu dieser Jahrszeit und Stunde ganz gewöhnlich war. Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufzuziehen. Was auch seiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel seyn, daß es in jeder Weise wünschenswerth war, die Arche in solche Entfernung von dem Castell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwendigkeit versetzt wurden, sich der Arche in dem Canoe zu nähern, das die Wechselfälle des Krieges so ungelegen für seine Wünsche und seine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des schwellenden Segels schien die Huronen zuerst aus ihrer Thatlosigkeit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde abgefallen war – was unglücklicher Weise in der falschen Richtung geschah – wodurch sie der Plattform auf wenige Schritte sich näherte, fand es Hist nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermahnen, wie wesentlich es sey, daß er seine Person gegen die Büchsen der Feinde sicher stelle. Dieß war eine unter allen Umständen zu vermeidende Gefahr, und um so mehr, weil der Delaware sah, daß Hist selbst keine Bedeckung suchen würde, so lange er bloß gestellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eignen Bewegungen, drängte Hist in die Cajüte, deren Thüren er augenblicklich verschloß, und sah sich dann nach den Büchsen um. Die Lage der Parteien war jetzt so eigenthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient. Die Arche war sechzig Schritte vom Castell entfernt, etwas südlich davon, auf der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befestigt, so daß es keinen großen Einfluß übte auf die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matrosen nennen, oder keine Brassen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten fest waren. Die Wirkung war eine dreifach starke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Wasser ging. Das Vordertheil wurde langsam leewärts herum getrieben, die gesammte Masse wurde zugleich nach derselben Richtung kräftig gedrängt, und das Wasser, das nothwendig unter dem Lee anschwoll, gab der Fähre auch eine verstärkte Bewegung vorwärts. Alle diese Veränderungen jedoch waren ausnehmend langsam, denn der Wind war nicht nur schwach, sondern auch wie gewöhnlich unzuverlässig, und zwei oder dreimal schwankte das Segel. Einmal schlug es ganz und gar zurück. Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, so wäre sie unausbleiblich auf die Plattform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermuthlich Nichts die Huronen verhindert, sie zu nehmen, zumal da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, sich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langsam rund herum, an diesem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorstehenden Pfeilern jedoch glitt sie nicht vorbei, sondern die Spitze des langsam sich bewegenden Fahrzeugs fing sich zwischen zwei derselben mit einer seiner in rechten Winkeln auslaufenden Ecken und blieb hängen. In diesem Augenblick paßte der Delaware, aufmerksam durch ein Guckloch schauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Huronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Haus sich hielten. Der erschöpfte Krieger lehnte sich gegen die Hütte, da keine Zeit gewesen war, ihn wegzubringen, und Hurry lag beinahe so hülflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Plattform nahe. Chingachgook hätte den Erstern jeden Augenblick tödten können, aber sein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häuptling verschmähte es, einen Schlag zu führen, der weder Ehre noch Vortheil brachte. »Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es seyd,« sagte Hurry, unter das Stöhnen hinein, das ihm die Festigkeit der einschneidenden Bande auszupressen anfing, »fahrt mit einem der Bootshaken heraus und schiebt damit das Vordertheil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los – und wenn Ihr Euch diesen Dienst geleistet, dann gebt mir zu Liebe diesem nach Luft schnappenden Schurken den Rest!« Der Zuruf Hurry's hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hist's Aufmerksamkeit auf seine Lage zu lenken. Dieß schnellauffassende Geschöpf begriff sie auf einen Blick. Seine Knöchel waren mit starken Baststricken mehrmals umwunden, und seine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weise über den Rücken gebunden, so daß er nur mit Händen und Fäusten wenig freies Spiel hatte. Sie setzte den Mund an ein Guckloch und sagte mit leiser, aber vernehmlicher Stimme: »Warum Euch nicht her wälzen und in die Fähre fallen? Chingachgook Huronen schießen, wenn er nachsetzt!« »Beim Himmel, Mädchen, das ist ein einsichtsvoller Gedanke, und soll versucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett auf den Boden, daß ich darauf falle.« Dieß ward in einem glücklichen Augenblick gesprochen, denn des Wartens müde, schoßen alle Indianer ihre Büchsen beinah in Einem Augenblick rasch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich mehrere Kugeln durch die Scharten gingen. Hist hatte einen Theil von Hurry's Worten gehört, das Meiste aber war über dem heftigen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aber nicht ihre Person auszusetzen. Diese ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loser, sowie das andere Ende langsam sich umdrehte, und der Plattform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Gesicht der Arche zu lag, gelegentlich sich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen erduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, seit er gebunden war, beobachtete jede Veränderung, und endlich sah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfing, langsam an den Seiten der Pfeiler hinzustreifen. Das Wagestück war verzweifelt, aber es schien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rücksichtslose Kühnheit von dieses Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre sich ordentlich an den Plattform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, sich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Huronen insbesondere verfluchend, und dann wälzte er sich plötzlich und rasch fort, seine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Zum Unglück bedurften Hurry's Schultern mehr Raum, um sich fortzuwälzen, als seine Füße, und bis er den Rand der Plattform erreichte, hatte sich seine Richtung so geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raschheit seiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug gestatteten, fiel er hinter der Arche in's Wasser. In diesem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit seiner Verlobten die Indianer noch einmal zum Feuern, von welchen Keiner bemerkte, auf welche Weise der Mann, den sie so fest gebunden wußten, verschwunden war. Aber Hist's Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines so kühnen Anschlags, und sie bewachte die Bewegungen Hurry´s, wie die Katze die Maus. Sobald er sich in Bewegung gesetzt, sah sie die Folgen voraus, und dieß um so sicherer, als die Fähre sich jetzt mit einiger Stetigkeit zu bewegen anfing, und sie dachte auf Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von instinktmäßiger Besonnenheit öffnete sie die Thüre gerade in dem Augenblick, wo ihr die Büchsen in den Ohren knallten, und geschützt durch die dazwischen liegende Cajüte trat sie in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry's Fall in den See zu seyn. Halb unbewußt setzte sie ihren Fuß auf das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tau abwindend mit der Unbeholfenheit, aber auch mit der großherzigen Entschlossenheit eines Weibes, warf sie es dem hülflosen Hurry zu. Das Tau fiel dem Sinkenden auf den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zu erhaschen, sondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwischen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zu dem Auskunftsmittel, das Philosophie und Nachdenken ihm auch hätten empfehlen müssen. Er war auf den Rücken gefallen, und anstatt zu zappeln, und durch verzweifelte Anstrengungen, auf die Füße zu stehen zu kommen, sich den Tod des Ertrinkens zu bereiten, ließ er seinen Körper so tief als möglich sinken, und war schon, mit Ausnahme seines Gesichts, ganz unter dem Wasser, als das Tau ihn erreichte. In dieser Lage hätte er möglicherweise bleiben können, bis ihn die Huronen herausgezogen hätten, seiner Hände in der Art, wie die Fische ihrer Floßen sich bedienend, wäre ihm keine andere Hülfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil straff, und natürlich war er sachte nachgezogen, gleichen Schritt mit der Fähre haltend. Die Bewegung half sein Gesicht über dem Wasserspiegel halten, und Einer, der an Erduldung lange dauernder Unbequemlichkeiten und Schmerzen gewohnt gewesen, hätte wohl eine Meile weit in dieser seltsamen, aber einfachen Weise sich fort bugsiren lassen können. Es wurde schon gesagt, daß die Huronen das plötzliche Verschwinden Hurry's nicht bemerkten. In seinem jetzigen Zustand war er nicht nur durch die Plattform dem Auge verborgen, sondern wie die Arche langsam weiter fuhr, von einem jetzt geschwellten Segel getrieben, erwiesen ihm die Pfeiler denselben Liebesdienst. Die Huronen waren wirklich zu sehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Kajüte gesendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den sie so fest und stark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weise, wie die Arche an den Pfeilern sich vorüber drängte, obwohl ihre Bewegung mindestens um die Hälfte durch die Reibung geschwächt wurde, und sie begaben sich nach dem nördlichen Theile des Castells, um Gelegenheit zu suchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgook war ebenso beschäftigt, und der Zustand Hurry's blieb ihm ebenso verborgen, wie seinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifuhr, spieen die Büchsen ihre kleinen Rauchwolken von einem Versteck zum andern aus, aber die Augen und Bewegungen der andern Partei waren zu rasch, als daß ihnen hätte ein Leid zugefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andre die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu sehen, worauf sie sogleich mit einer wesentlich beschleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte. Jetzt erst erfuhr Chingachgook von Hist die kritische Lage Hurry's. Hätte einer von Beiden sich auf dem Spiegel der Fähre blicken lassen und ausgesetzt – so wäre dieß sichrer Tod gewesen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann sich festhielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, sie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hist, die schon zu diesem Behufe vorangeeilt war, begann sogleich das Tau einzuziehen. In diesem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis sechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fähre her, nur das Gesicht über dem Wasser. Als er hinter dem Castell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erst die Huronen seiner ansichtig, die ein häßliches, gellendes Geschrei erhoben, und ein Feuer auf die schwimmende Masse, wie man wohl sagen darf, eröffneten. In diesem Augenblick begann auch Hist das Tau vorn anzuziehen – ein Umstand, der wahrscheinlich Hurry das Leben rettete, verbunden mit seiner eignen Fassung und Grenzmanns-Besonnenheit. Die erste Kugel schlug in's Wasser gerade an der Stelle, wo die breite Brust des jungen Riesen durch das reine Element hindurch sichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem sie abgefeuert worden, weniger scharf gewesen. Aber statt in den See hinabzudringen, prallte sie von seiner glatten Fläche ab, und begrub sich in der That in den Blöcken der Cajüte, nahe an dem Platze, wo sich vor einer Minute Chingachgook gezeigt hatte, als er das Tau von dem Pflocke losmachte. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leistete die Fläche des Wassers denselben Widerstand, obwohl Hurry deutlich die heftigen Erschütterungen spürte, die sie, so unmittelbar über seiner Brust, und so nahe in's Wasser treffend, hervorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Huronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Gesicht; aber jetzt zog Hist das Tau an, die Schießscheibe bewegte sich vorwärts, und die tödtlichen Geschoße fielen alle in's Wasser. Im nächsten Augenblick ward der Riesenkörper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unsichtbar. Der Delaware und Hist arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Cajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erheischt, hatten sie den gewaltigen Körper Hurry's bis dahin, wo sie standen, herangezogen. Chingachgook stand mit seinem scharfen Messer bereit da, beugte sich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Bast durchschnitten, der die Glieder des Grenzmannes gefesselt hielt. Ihn hoch genug emporheben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm hereinhelfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry seine Arme fast noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleistet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erschöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinfiel. Hier wollen wir ihn lassen, bis er seine Kraft und den freien Blutumlauf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereignissen fortfahren, welche zu rasch sich herandrängen,, als daß sie einen Aufschub gestatteten. Im Augenblick, wo die Huronen Hurry's Körper aus dem Gesicht verloren, stießen sie Alle zusammen einen Schrei aus, der ihren Verdruß und ihre getäuschte Erwartung bezeugte, und drei der Rüstigsten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis sie sich mit ihren Waffen einschifften, die Ruderschaufeln fanden, und wenn wir so sagen dürfen »aus dem Dock herauskamen.« Inzwischen war Hurry in die Fähre aufgenommen, und der Delaware hatte wieder seine Büchsen in Bereitschaft gesetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind segelte, hatte sie sich mittlerweile volle zwei hundert Schritte vom Castell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit so leichter Bewegung, daß kaum das Wasser aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt sich, wie man deutlich sah, absichtlich in der Ferne, in Unkunde dessen, was vorgefallen, und aus Furcht vor den Folgen, wenn sie sich zu nahe heran wagten. Sie hatten die Richtung nach der östlichen Küste eingeschlagen, und suchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewissermassen zwischen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauisch und ungewiß, Wen sie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohnheit die Rudelschaufeln mit großer Gewandtheit; und Judith insbesondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen gesiegt, wenn sie mit den gelegentlich den See besuchenden Jünglingen sich in der Schnelligkeit versuchte. Als die drei Huronen hinter den Palisaden hervorkamen und sich auf dem offenen See sahen, in die Nothwendigkeit versetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anzurücken, falls sie bei ihrem ersten Plane beharrten, da kühlte sich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden-Canoe waren sie gänzlich ohne Schutz, und indianische Klugheit war ganz einer solchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie sie die wahrscheinliche Folge eines Angriffsversuchs auf einen Feind seyn mußte, der so kräftig verschanzt war wie der Delaware. Statt daher der Arche zu folgen, wandten sich die drei Krieger gegen die östliche Küste hin, in sicherem Abstand von Chingachgooks Büchsen sich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritisch. Es drohte, sie, wo nicht zwischen zwei Feuer, doch wenigstens zwischen zwei Gefahren zu bringen – oder was doch ihnen als solche erschien; und Judith, statt sich von den Huronen in einer Art von Netz, wie sie meinte, einschließen zu lassen, begann sogleich ihren Rückzug in südlicher Richtung, in nicht sehr großer Entfernung von der Küste. Zu landen getraute sie sich nicht; wenn sie überhaupt zu diesem Auskunftsmittel sich entschließen sollte, so konnte sie doch nur im äußersten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerst schenkten die Indianer dem andern Canoe wenig oder keine Aufmerksamkeit; denn wohl wissend, Wen es enthielt, achteten sie seine Wegnahme für vergleichungsweise unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Personen des Delawaren und Hurry's und ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung von Bewegungen vor ihnen stand. Aber diese Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Versuchungen; und nachdem sie beinahe eine Stunde mit schwankenden Bewegungen vergeudet, immer in sichrer Ferne von der Büchse, schienen die Huronen plötzlich ihren Entschluß zu fassen, und begannen ihn dadurch auszuführen, daß sie eine lebhafte Jagd auf die Mädchen eröffneten. Als dieser letzte Plan angenommen wurde, waren die Verhältnisse aller Parteien, was ihre gegenseitigen Stellungen betrifft, wesentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit gesegelt und geschwommen, und war ziemlich eben so weit genau nördlich vom Castell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm auswichen, hatte er, außer Stand sein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, und wohl wissend, daß der Versuch, einem Rinden-Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf's Verfolgen sich legte, ein nutzloses Unternehmen wäre, sein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schwestern veranlassen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu suchen. Diese Demonstration hatte keine andre Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu seyn in Stand gesetzt wurden. Das Canoe Judiths war etwa eine Viertelmeile südlich von dem der Huronen entfernt, etwas näher der östlichen Küste, und ungefähr eben so weit von dem Castell südlich entfernt, als von dem feindlichen Canoe, ein Umstand, der letzteres so ziemlich gegenüber von Hutter's kleiner Feste brachte. So war die Lage und Stellung der Parteien, als die Jagd begann. In dem Augenblick, wo die Huronen so plötzlich ihren Angriffsplan änderten, befand sich ihr Canoe eben nicht im glänzendsten Zustand zu einer Schnell- und Wettfahrt. Es waren nur zwei Ruderschaufeln da, und der dritte Mann war somit unnütze Ueberfracht. Sodann glich der Unterschied im Gewicht zwischen den Schwestern und den zwei andern Männern, zumal bei so äußerst leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterschied aus, der sich aus der größern Stärke der Huronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Versuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich, als er etwa scheinen mochte. Judith strengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canoes über die Absicht seiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte sie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geschicklichkeit beizustehen, »Warum sollen wir fliehen, Judith?« fragte das schwachsinnige Mädchen; »die Huronen haben mir nie ein Leib gethan, und werden es, denke ich, auch nie thun.« »Das mag so seyn in Beziehung auf dich, Hetty, aber es wird ein ganz andrer Fall seyn mit mir. Kniee nieder und sprich deine Gebete, und dann stehe auf und thue dein Aeußerstes, um unsre Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn du betest.« Judith sprach dieß in Kraft sehr gemischter Gefühle, erstlich weil sie wußte, daß ihre Schwester immer in Nöthen die Hülfe ihres großen Bundesgenossen suchte; und dann weil in diesem Augenblick der anscheinenden Verlassenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eignen stolzen Geist kam. Das Gebet ward indessen rasch gesprochen und das Canoe war bald in schneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, da beide gleich gut wußten, daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern dürfte. Wie zwei Kriegsschiffe, die sich zu einem Treffen rüsten, schienen sie verlangend, zuerst das Verhältniß der beiderseitigen Schnelligkeit auszumitteln, um zu wissen, wie sie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanstrengung abzustufen hätten. Wenige Minuten schon zeigten den Huronen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß sie all ihre Geschicklichkeit und Kraft brauchen würden, um sie einzuholen. Judith hatte im Anfang der Jagd nach der östlichen Küste sich gewendet, mit einem unbestimmten Vorsatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als sie sich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundschafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, diese Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war sie auch noch frisch und hegte sanguinische Hoffnungen, im Stande zu seyn, ihre Verfolger zu ermüden. In diesen Gefühlen leitete sie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas andrer Richtung, entfernte sich von dem Saum von dunkeln Schierlingstannen, unter deren Schatten sie schon beinahe sich geborgen hatte, und steuerte wieder mehr der Mitte des See's zu. Dieß schien der günstige Augenblick für die Huronen, ihre Kraftanstrengung zu machen, da sie jetzt die ganze Breite des Wassers dazu hatten, und das dazu auf dem weitesten Theile, sobald sie zwischen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canoes flogen jetzt dahin; Judith ersetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbstbeherrschung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortsetzung so großer Anstrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten sich die Indianer eines Auskunftsmittels, das sie in Stand setzte, je Einem von ihnen Zeit zum Aufathmen zu gönnen, indem sie mit dem Rudern abwechselten, und zwar ohne daß sie in ihren Anstrengungen merklich nachließen. Judith schaute sich von Zeit zu Zeit um, und bemerkte, daß dieß Auskunftsmittel ergriffen worden war. Das machte sie sogleich mißtrauisch gegen den Ausgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer schwerlich es denen von Männern gleich thun konnten, die überdieß einander abzulösen vermochten; doch blieb sie standhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen. Bis jetzt hatten die Indianer sich den Mädchen nur erst auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich sie in ›ihrem Kielwasser,‹ oder in gerader Linie hinter ihnen waren, denselben Strich des Wassers durchschneidend. Dieß machte die Verfolgung zu einer bolzgeraden, oder Stern-Jagd, nach dem technischen Ausdruck, was sprichwörtlich eine ›lange Jagd‹ ist; und der Sinn ist der, daß in Folge der beiderseitigen Stellung der Parteien keine Veränderung sichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzesten Annäherungslinie besteht. So ›lang‹ indessen diese Art von Jagd zugestandener Maßen ist, konnte Judith doch wahrnehmen, daß die Huronen merklich näher kamen, ehe sie die Mitte des Sees gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das so leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo sie daran dachte, sich zu ergeben, in dem Wunsche, in das Lager geführt zu werden, wo sie Wildtödter als Gefangnen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die sie hoffte anwenden zu können, um seine Freilassung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwischen, und spornte sie zu erneuter Anstrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dagewesen, der die Bewegung der beiden Canoe's beobachtet, so würde er das der Judith pfeilschnell vor seinen Verfolgern dahinfliegen gesehen haben, als das Mädchen es mit frischem Eifer weitertrieb, während ihr Geist so über seinen glühenden und großmüthigen Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterschied in dem Verhältniß der Schnelligkeit zwischen den zwei Canoe's während der nächsten fünf Minuten, daß die Huronen anfingen sich zu überzeugen, sie müßten alle ihre Kräfte aufbieten, oder sie würden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu werden. Als sie, von dieser kränkenden Ueberzeugung angespornt, eine wüthende Anstrengung machten, brach Einem der Stärkeren von ihnen die Ruderschaufel in dem Augenblick, wo er sie aus der Hand seines Kameraden genommen, um ihn abzulösen. Dieß entschied sogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Ruderschaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Thomas Hutter's einzuholen. »Da, Judith!« rief Hetty, welche den Unfall bemerkt, »jetzt, hoffe ich, wirst Du zugestehen, daß Beten Etwas hilft! den Huronen ist ein Ruder gebrochen, und sie können uns nicht mehr einholen! « »Ich habe es nie geläugnet, arme Hetty; und manchmal wünsche ich, mit bitterem Leidwesen, ich hätte selbst mehr gebetet, und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie Du sagst, wir sind jetzt gerettet, und müssen nur ein Wenig südlich uns wenden und Athem schöpfen.« Dieß geschah; denn der Feind gab seine Verfolgung so plötzlich auf, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, sobald jener Unfall sich begeben hatte. Statt Judiths Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Wasser südlich dahinschwamm, wendeten die Huronen den Bug ihres Canoe's nach dem Castell zu, wo sie bald ankamen und ausstiegen. Die Mädchen, fürchtend, man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und sie hielten erst inne, als sie so weit von ihren Feinden entfernt waren, daß sie im Fall der Erneuerung der Jagd jede Aussicht hatten, zu entkommen. Es schien als ob die Wilden an keinen solchen Plan dachten; sondern nach Verfluß einer Stunde sah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Castell verlassen und nach der Küste steuern. Die Mädchen waren ohne Lebensmittel, und sie näherten sich jetzt dem Gebäude und der Arche, da sie endlich aus den Manöuvern der letztern geschlossen hatten, daß Freunde darauf sich befinden müßten. Obgleich das Castell ganz verlassen schien, näherte sich ihm doch Judith mit äußerster Vorsicht, die Arche war jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, strebte aber nun auch auf das Gebäude zu, und das mit so regelmäßiger Bewegung, daß Judith sich überzeugte, ein weißer Mann müsse am Ruder seyn. Hundert Schritte noch von dem Haus entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreisen, um sich zu versichern, daß es leer stehe. Kein Canoe war in der Nähe, und dieß ermuthigte sie, näher und näher zu kommen, bis sie ganz um die Pfeiler herum waren und die Plattform erreichten. »Geh Du ins Haus, Hetty,« sagte Judith, »und sieh, ob die Wilden fort sind. Sie werden Dir kein Leid thun, und wenn noch Jemand von ihnen da ist, kannst Du mich warnen. Ich glaube nicht, daß sie feuern werden auf ein armes, wehrloses Mädchen, und ich werde wenigstens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter sie zu wagen.« Hetty that; was Judith verlangte – und diese zog sich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Plattform zurück. Aber dieß war unnöthig, denn kaum eine Minute verstrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles sicher sey. »Ich bin in allen Gemächern gewesen, Judith,« sagte sie ernst, »und alle sind leer, außer Vater's seines; er ist in seiner Stube, schlafend, aber nicht so ruhig als wir wünschen könnten.« »Ist dem Vater Etwas zugestoßen?« fragte Judith, als sie mit dem Fuß die Plattform berührte; und sie sprach hastig, denn ihre Nerven waren in einem leicht aufzuregenden Zustand. Hetty schien bekümmert, und sah sich verstohlen um, als wünschte sie, daß Niemand außer der Tochter höre, was sie mitzutheilen hatte, und daß auch diese es nur obenhin erfahre. »Du weißt, wie es mit Vater manchmal ist, Judith,« sagte sie. »Wenn er von geistigem Getränk übermannt ist, weiß er nicht immer, was er sagt oder thut – und jetzt scheint er von geistigem Getränk übermannt.« »Das ist sonderbar! Sollten die Wilden mit ihm getrunken und ihn dann verlassen haben? Aber das ist ein betrübender Anblick für ein Kind, Hetty, eine solche Verirrung an einem Vater zu sehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er aufwacht.« Aber ein Stöhnen aus dem innern Zimmer änderte diesen Entschluß, und die Mädchen wagten es, sich einem Vater zu nähern, den in einem Zustand zu finden, der den Menschen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er saß zurückgelehnt in einem Winkel des engen Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf schwer auf die Brust herabgesunken. Judith trat in einer plötzlichen schlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmütze, die ihm so tief in den Kopf gedrückt war, daß sie das Gesicht, ja Alles bis auf die Schultern verhüllte. Sobald diese Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende, rohe Fleisch, die entblößten Adern und Muskeln, und all' die andern schauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloslegt, daß er skalpirt worden war, obwohl er noch lebte. Einundzwanzigstes Kapitel. Leicht reden sie von dem Geist, der entfloh. Und die Asche mit Hohn sie ihm schänden; Doch er achtet es nicht, der Ruhestatt froh, Die ihm ward von britischen Händen. Verfasser bestritten. Der Leser mag sich selbst das Entsetzen vorstellen, welches Töchter empfinden mußten beim Anblick eines so gräßlichen Schauspiels, wie dasjenige war, das sich nach der Erzählung am Schlusse des letzten Kapitels dem Auge Judiths und Hettys darbot. Wir gehen hinweg über die ersten Gemüthsbewegungen, über die ersten Geberdungen und Aeußerungen kindlicher Theilnahme und Liebe, und fahren in der Erzählung fort, die einzelnen Züge der empörenden Scene mehr der Einbildungskraft überlassend, als sie aufzeichnend. Der verstümmelte, zerfetzte Kopf war verbunden, das entstellende Blut aus dem Gesicht des Leidenden gewischt, die sonstigen Mittel und Erleichterungen, welche erforderlich und dienlich schienen, angewendet, und es war jetzt Zeit, nach den ernsteren Umständen des Falles sich zu erkundigen. Die Thatsachen wurden in all ihren Einzelnheiten, so einfach sie waren, erst nach Jahren bekannt; aber wir können sie hier schon erzählen, da dieß mit wenigen Worten sich thun läßt. In dem Kampf mit den Huronen war Hutter getroffen worden von dem Messer des alten Kriegers, der die Vorsicht gebraucht hatte, die Waffen aller Andern, nur seine eignen nicht, entfernen zu lassen. Da er von seinem stämmigen Feind hart gedrängt wurde, hatte das Messer die Sache beendigt. Dieß geschah gerade, als die Thüre geöffnet wurde, und Hurry, wie oben berichtet, auf die Plattform herausstürzte. Dieß war das Geheimniß, warum Keiner von beiden Theilen bei dem nun folgenden Kampfe sich blicken ließ; Hutter war im buchstäblichen Sinne kampfuntüchtig, und sein Sieger schämte sich, mit den Blutspuren an seiner Person sich sehen zu lassen, nachdem er so viele Beredsamkeit und Gründe aufgeboten, seine jungen Krieger von der Nothwendigkeit zu überzeugen, ihre Feinde lebendig zu fangen. Als die drei Huronen von der Jagd zurückkehrten, und es beschlossen war, das Castell zu verlassen und zu der Truppe auf dem Land zurückzukehren, ward Hutter einfach skalpirt, um die übliche Trophäe zu gewinnen, und dann ließ man ihn so zu sagen zollweis dahinsterben, wie die mitleidlosen Krieger dieses Theils des amerikanischen Festlandes in tausend Fällen schon gethan hatten. Hätte sich jedoch die Mißhandlung Hutter's auf seinen Kopf beschränkt, so hätte er sich wieder erholen können, denn der Messerstoß war es, der tödtlich für ihn wurde. Es gibt Augenblicke des lebhaften Bewußtseyns, wo die strenge Gerechtigkeit Gottes in so auffallenden Farben vor Einen hintritt, daß sie aller Bestrebungen spottet, sie dem Auge zu verschleiern, wie unangenehm sie auch das Gemüth berühren, wie beflissen man auch seyn mag, ihrer Anerkennung auszuweichen. So war es jetzt bei Judith und Hetty, welche beide den Rathschluß einer vergeltenden Vorsehung in der Art des Leidens ihres Vaters erblickten, als Strafe für die von ihm kürzlich gegen die Irokesen gemachten Anschläge. Dieß erkannte und fühlte Judith mit der scharfen Empfindung und Erkenntniß, die ihrem Charakter gemäß war; während der auf das einfältigere Gemüth ihrer Schwester gemachte Eindruck vielleicht weniger lebhaft war, obwohl er sich vielleicht als nachhaltiger auswies. »Oh! Judith!« rief das schwachsinnige Mädchen, sobald sie dem Leidenden ihre erste Sorgfalt gewidmet hatte; »Vater ging selbst auf Skalpe aus, und wo ist jetzt der seinige? die Bibel hätte wohl diese fürchterliche Strafe vorhersagen können!« »Still – Hetty – still, arme Schwester – er öffnet die Augen; er hört und versteht Dich vielleicht. Es ist, wie Du sagst und denkst; aber es ist zu schrecklich, davon zu sprechen.« »Wasser!« stammelte Hutter wie mit verzweifelter Anstrengung, die seine Stimme fürchterlich tief und stark machte für einen sichtlich dem Tode so Nahen – »Wasser – närrische Mädchen – wollt Ihr mich Durstes sterben lassen?« Wasser ward gebracht und dem Leidenden gereicht – das erste, das er in Stunden körperlicher Schmerzen und Pein gekostet hatte. Es hatte die doppelte Wirkung, seine Kehle rein zu machen und für einen Augenblick seine erlöschende Kraft wieder zu beleben. Seine Augen öffneten sich mit jenem ängstlichen, verzerrten Blick, der oft das Scheiden einer vom Tod überraschten Seele begleitet, und er schien sprechen zu wollen. »Vater –« sagte Judith, in unaussprechlicher Angst und Betrübniß über seinen jammervollen Zustand, und um so mehr, als sie nicht wußte, welche Mittel anzuwenden wären – »Vater, können wir Etwas für Euch thun? Kann ich und Hetty Eure Schmerzen erleichtern?« »Vater!« wiederholte langsam der alte Mann. »Nein, Judith – nein. Hetty – ich bin kein Vater. Sie war Eure Mutter, aber ich bin kein Vater, Seht in dem Schranke nach – dort ist Alles – mehr Wasser!« Die Mädchen erfüllten seinen Wunsch; und Judith, deren frühere Erinnerungen viel weiter zurück reichten als die ihrer Schwester, und die in jeder Hinsicht viel deutlichere Eindrücke von der Vergangenheit hatte, empfand, als sie jene Worte vernahm, eine nicht zu unterdrückende Anwandlung von Freude. Es hatte nie viel Sympathie zwischen ihrem vermeintlichen Vater und ihr geherrscht, und eine Vermuthung eben dieser Wahrheit hatte oft ihre Seele durchzuckt in Folge von Gesprächen zwischen Hutter und ihrer Mutter, die sie belauscht hatte. Vielleicht gienge es zu weit, wenn man sagte, sie habe ihn nie geliebt, aber das darf man keck behaupten, sie habe sich gefreut, daß es nicht mehr ihre Pflicht war. Hettys Empfindungen waren anders. Unfähig, alle die Unterscheidungen zu machen, wie ihre Schwester, war sie ihrer ganzen Natur nach voll Zärtlichkeit, und sie hatte ihren vermeintlichen Vater geliebt, obwohl viel weniger zärtlich als ihre wirkliche Mutter; und es betrübte sie jetzt, von ihm die Erklärung zu hören, daß er nicht durch natürliche Bande zu dieser Liebe berechtigt war. Sie fühlte einen doppelten Schmerz, als ob sein Tod und seine Worte zusammen sie doppelt des Vaters beraubten. Ihren Gefühlen nachgebend trat das arme Mädchen beiseite und weinte. Die entgegengesetzten Gemüthsbewegungen der beiden Mädchen machten Beide lange Zeit stumm. Judith reichte dem Leidenden oft Wasser, aber sie enthielt sich, mit Fragen in ihn zu dringen. einigermaßen aus Rücksicht für seinen Zustand, aber wenn man die Wahrheit gestehen soll, ebenso sehr auch, damit nicht, was er bei einer weitern Erläuterung etwa hinzufügte, den angenehmen Glauben störte, daß sie nicht Thomas Hutter's Kind sey. Endlich trocknete Hetty ihre Thränen, kam herbei und setzte sich auf einen Schemel neben den Sterbenden, welcher der Länge nach auf den Boden gelegt worden war, das Haupt auf einigen abgetragnen Kleidern aufliegend, die im Hause zurückgeblieben waren. »Vater,« sagte sie, »Ihr werdet mich Euch Vater nennen lassen, obgleich Ihr sagt, Ihr seyd es nicht – Vater, soll ich Euch aus der Bibel lesen – Mutter sagte immer, die Bibel sey gut für Leute in Nöthen. Sie war selbst oft in Noth und Unruhe, und dann ließ sie sich von mir aus der Bibel lesen; denn Judith war nicht eine solche Freundin von der Bibel, wie ich – und es that ihr immer gut. Oft habe ich es erlebt, daß Mutter anfing zuzuhören, während Ihr die Thränen aus den Augen strömten, und am Ende ganz Lächeln und Heiterkeit war. O! Vater, Ihr wißt nicht, wie viel Gutes die Bibel wirken kann, denn Ihr habt es nie versucht; jetzt will ich Euch ein Kapitel lesen, und es wird Euer Herz besänftigen, wie es die Herzen der Huronen besänftigt hat.« Während die arme Hetty so viel Ehrfurcht vor der Tugend der Bibel, und so viel Glauben daran hatte, war ihr Verstand zu schwach, als daß sie im Stande gewesen wäre, ihre Schönheiten vollständig zu würdigen, oder ihre tiefe, manchmal geheimnißvolle Weisheit zu ergründen. Jener instinktmäßige Sinn für das Rechte, der sie vor der Begehung eines Unrechts zu schützen schien, und selbst einen Mantel sittlicher Liebenswürdigkeit und Wahrheit um ihren Charakter warf, konnte nicht in tiefsinnige Wahrheiten eindringen, oder die feinen Fäden der Verkettung zwischen Ursache und Wirkung, neben dem in die Augen fallenden und unbestreitbaren Zusammenhang, auffinden und verfolgen, obwohl sie selten verfehlte, diesen letztern wohl einzusehen und sich allen gerechten Consequenzen zu unterwerfen. Mit Einem Wort, sie gehörte zu Denjenigen, die richtig empfinden und handeln, ohne im Stande zu seyn, logische Gründe dafür anzugeben, selbst wenn man ihr die Offenbarung als Autorität gelten ließ. Ihre aus der Bibel gewählten Abschnitte zeichneten sich daher gewöhnlich aus durch die Einfalt ihres eignen Gemüthes, und fielen eher dadurch auf, daß sie Bilder von bekannten und handgreiflichen Dingen enthielten, als jene höhern Züge sittlicher Wahrheiten, wovon die Blätter dieses wunderbaren Buches erfüllt sind – wunderbar und beispiellos, auch abgesehen von seinem göttlichen Ursprung, als ein Werk voll der tiefsten Philosophie, vorgetragen in der edelsten Sprache. Ihre Mutter hatte, in Kraft einer Ideenverbindung, die dem Leser auffallen wird, eine besondere Vorliebe für das Buch Hiob gehabt; und Hetty hatte großentheils das Lesen gelernt bei den häufigen Unterrichtsstunden, welche diesem ehrwürdigen und erhabnen Gedicht gewidmet waren, das man jetzt für das älteste Buch der Welt hält. Auch in diesem Falle folgte das arme Mädchen der Gewohnheit ihrer Erziehung und Bildung, und wandte sich zu diesem wohlbekannten Theile des heiligen Buches mit der schnellen Besonnenheit, mit der etwa der geübte Anwalt seine Autoritäten aus den Schätzen juristischer Weisheit citiren würde. Bei der Wahl des Kapitels ließ sie sich durch die Ueberschriften leiten, und wählte das, was in der englischen Übersetzung die Ueberschrift hat: ›Hiob rechtfertigt sein Verlangen nach dem Tod.‹ (Kap. 7.) Dieß las sie stetig, vom Anfang bis zum Ende, mit süßer, leiser und wehmüthigklagender Stimme, in der frommen Hoffnung, die allegorischen und tiefsinnigen Sprüche würden wohl dem Herzen des Leidenden den Trost bieten, dessen er bedürfe. Es ist auch eine Eigenthümlichkeit der umfassenden Weisheit der Bibel, daß man kaum ein Kapitel aufschlagen kann, es sey denn streng erzählender Art, das nicht irgend eine tiefer gehende Wahrheit enthielte, die ihre Anwendung findet auf den Zustand jedes menschlichen Herzens, so wie auf den zeitlichen Stand seines Besitzers, entweder mittelst der Regungen dieses Herzens, oder auch in noch unmittelbarerer Weise. Im gegenwärtigen Fall war schon der erste Spruch: ›Muß nicht der Mensch immer im Streite seyn auf Erden?‹ auffallend und zutreffend; und wie Hetty weiter las, fand Hutter manche Sätze und Bilder auf seinen eignen Zustand im leiblichen und geistlichen Sinne bezüglich, oder glaubte wenigstens, solche Beziehungen zu finden. Wenn das Leben rasch dahin fluthet, klammert sich der Geist begierig an jede Hoffnung, wofern er nicht ganz von Verzweiflung niedergedrückt ist. Die feierlichen Worte: ›Habe ich gesündigt, was soll ich dir thun, du Menschenhüter? Warum machst du mich, daß ich auf dich stoße, und bin mir selbst eine Last?‹ ergriffen Hutter noch lebhafter als die andern; und obgleich zu dunkel, als daß ein Mann von seinen abgestumpften Gefühlen und seinem schwerfälligen Geist sie in ihrem vollen Sinn hätte fühlen oder fassen können, fanden sie doch eine so unmittelbare Anwendung auf seinen Zustand, daß er davon heftig betroffen wurde. »Fühlt Ihr Euch jetzt nicht besser, Vater?« fragte Hetty, das Buch zumachend. »Mutter fühlte sich immer besser, wenn sie in der Bibel gelesen.« »Wasser!« versetzte Hutter hierauf; »gib mir Wasser, Judith. Ich bin nur begierig, ob meine Zunge immer so heiß bleiben wird! Hetty, steht nicht auch Etwas in der Bibel von dem Kühlen der Zunge eines Mannes, der in den Flammen der Hölle Pein litt?« Judith wandte sich entsetzt ab; Hetty aber suchte eifrig den Abschnitt, den sie dem von seinem Gewissen gequälten Opfer seiner habgierigen Anschläge laut vorlas. »Das ist es, arme Hetty; ja das ist es. Meine Zunge bedarf jetzt der Kühlung; wie wird es drüben seyn?« Diese Frage machte selbst die vertrauensvolle Hetty stumm, denn sie hatte für eine so verzweiflungsschwere Frage keine Antwort bereit. Wasser, so lange es dem Leidenden Erleichterung gewährte, vermochten ihm allein die Schwestern zu geben; und von Zeit zu Zeit ward es dem Munde des Dulders gereicht, wenn er darnach verlangte. Selbst Judith betete. Und Hetty, sobald sie fand, daß ihre Bemühungen, ihres Vaters Aufmerksamkeit für ihre Texte zu gewinnen, von keinem Erfolg mehr gekrönt waren, kniete neben ihm hin, und sagte andächtig die Worte her, welche der Erlöser als Muster für menschliche Bitten zu Gott hinterlassen hat. Damit fuhr sie, in Zwischenräumen, fort, so lange sie glaubte, daß dieser Akt dem Sterbenden wohlthun könne. Aber Hutter's Kräfte erhielten sich noch länger, als die Mädchen für möglich gehalten hätten, wie sie ihn zuerst fanden. Zu Zeiten sprach er vernehmlich, öfter aber bewegten sich seine Lippen nur, um Töne auszustoßen, welche dem Geist keine deutliche Vorstellung gaben. Judith lauschte gespannt, und sie hörte die Worte: ›Gatte,‹ ›Tod,‹ ›Seeräuber,‹ ›Gesetz,‹ ›Skalpe‹ und verschiedene andere von ähnlicher Wichtigkeit, obgleich kein Satz den eigentlichen Zusammenhang dessen erläuterte, was sie aussprechen sollten. Doch waren sie hinlänglich bedeutsam, um von einer Person verstanden zu werden, deren Ohr die Gerüchte nicht überhört hatte, welche gegen den guten Namen ihres vermeintlichen Vaters im Umlauf waren, und deren Kombinationskraft eben so rasch, als ihre Fassungskraft lebhaft und aufmerksam war. Während der ganzen peinlichen Stunde, die nun folgte, dachte keine der beiden Schwestern so viel an die Huronen, um ihre Wiederkunft zu fürchten. Es schien, als hätte ihr Jammer und ihre Betrübniß sie über die Gefahr einer solchen Störung hinausgesetzt; und als endlich der Ton von Rudern gehört wurde, erschrack selbst Judith, welche allein Grund hatte, den Feind zu furchten, nicht, sondern begriff sogleich, daß die Arche in der Nähe seyn müsse. Sie trat furchtlos auf die Plattform, denn wenn es sich auch zeigen sollte, daß Hurry nicht da, und die Huronen Meister der Fähre waren, war Flucht unmöglich. Dann besaß sie auch die Art von Zuversicht, welche der höchste Jammer einzuflößen pflegt. Aber es war kein Grund zu einer Unruhe vorhanden – Chingachgook, Hist und Hurry standen alle auf dem offnen Theil der Fähre, und besichtigten vorsichtig das Gebäude, um sich von der Abwesenheit des Feindes zu versichern. Auch sie hatten die Abfahrt der Huronen gesehen, so wie das Herankommen des Canoe's der Mädchen an das Castell, und auf den letztern Umstand bauend, hatte March die Fähre auf die Plattform zugesteuert. Ein Wort genügte zu erklären, daß Nichts zu fürchten sey, und bald schwankte die Arche auf ihrem alten Ankerplatz. Judith sagte kein Wort von dem Zustand ihres Vaters, aber Hurry kannte sie zu gut, um nicht zu merken, daß irgend etwas besonders Schlimmes vorgefallen. Er ging voran in das Haus, obwohl nicht ganz mit seinem gewöhnlichen, kecken und zuversichtlichen Wesen, und als er in das innere Gemach gelangte, fand er da Hutter auf dem Rücken liegend, und Hetty neben ihm sitzend, die ihm mit frommer Sorgfalt Kühlung zufächelte. Die Vorfälle des Morgens hatten eine merkliche Veränderung in Hurry's Wesen zur Folge gehabt. Trotz seiner Geschicklichkeit als Schwimmer, und der Geistesgegenwart, mit welcher er das einzige Mittel, das ihn noch retten konnte, ergriffen, hatte doch sein hülfloser Zustand im Wasser, an Händen und Füßen gebunden, einen ähnlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie nach der Erfahrung das drohende Herannahen der Strafe auf die meisten Verbrecher; hatte einen lebhaften Eindruck von den Schrecken des Todes in seinem Gemüthe zurückgelassen, und dieß dazu in Verbindung mit der Vorstellung von physischer Hülflosigkeit; – und die Kühnheit dieses Mannes war weit mehr die Folge ungeheurer physischer Kräfte, als von Willensstärke, oder auch von hitzigem Temperament. Solche Helden verlieren unausbleiblich einen großen Theil ihres Muths mit der Lähmung oder Beschämung ihrer Stärke, und obgleich Hurry jetzt ohne Bande, und so kräftig wie immer war, waren doch die Ereignisse noch zu frisch, als daß die Erinnerung an seinen kürzlich durchgemachten kläglichen Zustand schon irgend wäre geschwächt gewesen. Wäre er hundert Jahre alt geworden, die Begebnisse der wenigen gefahrvollen Minuten, die er im See zugebracht, würden einen dämpfenden Einfluß auf seinen Charakter, wenn auch nicht immer auf sein Benehmen geübt haben. Hurry war nicht blos entsetzt, als er seinen Genossen von Kurzem her in dieser verzweiflungsvollen Lage fand, sondern auch höchlich überrascht. Während des Kampfes in dem Gebäude war er selbst viel zu sehr in Anspruch genommen gewesen, als daß er sich hätte darum bekümmern sollen, was aus seinem Kameraden geworden, und da gegen ihn keine tödtliche Waffe war gebraucht worden, man sich vielmehr alle Mühe gegeben hatte, ihn unversehrt zu fangen, glaubte er natürlich, Hutter sey überwältigt worden, während er sein Entkommen seiner gewaltigen Körperstärke und einem glücklichen Zusammentreffen außerordentlicher Umstände verdankte. Der Tod, in der Stille und in dem trüben Ernst eines Zimmers, war ihm etwas Neues. Obgleich an Scenen von Gewaltthätigkeit gewöhnt, war es ihm doch ganz fremd, an einem Bette zu sitzen, und den matten Schlag des Pulses zu beobachten, wie er allmälig schwächer und schwächer wurde. Trotz des in seiner Gemüthsstimmung vorgegangen Wechsels konnte er doch die Angewöhnungen eines Lebens nicht in einem Augenblick ganz bei Seite werfen und in seinem Benehmen verläugnen, und die unerwartete Scene entlockte dem Grenzmann eine ganz charakteristische Rede. »Nun wie steht«, alter Tom!« sagte er; »haben Euch die Vagabunden einen Vortheil abgewonnen, daß Ihr nicht nur unten zu liegen gekommen, sondern wohl auch liegen bleiben werdet! Ich vermuthete Euch allerdings als Gefangenen, aber glaubte nicht, daß Ihr so hart mitgenommen wäret.« Hutter öffnete seine gläsernen Augen und stierte den Redenden wild an. Ein Strom verworrener Erinnerungen stürmte beim Anblick des Mannes, der so kurz noch sein Kamerade gewesen, auf seinen verstörten Geist ein. Es war unverkennbar, daß er mit seinen eigenen Phantasiebildern kämpfte, und das Wirkliche vom Eingebildeten nicht zu unterscheiden vermochte. »Wer seyd Ihr?« fragte er mit heiserem, hohlem Flüstern, denn seine ermattende Kraft weigerte sich, ihn zu einer lauteren Erhebung seiner Stimme zu unterstützen. »Wer seyd Ihr? – Ihr seht aus wie der Bootsmann von dem Schnee – er war auch ein Riese, und hätte uns beinahe überwältigt.« »Ich bin Euer Bootsmann, Floating Tom, und Euer Kamerade, habe aber Nichts mit Schnee zu schaffen. Es ist jetzt Sommer, und Harry March verläßt immer die Berge sobald nach dem Eintreten des Frosts als irgend thunlich.« »Ich kenne Euch – Hurry Skurry – ich will Euch einen Skalp verkaufen! – einen gesunden und von einem ausgewachsenen Mann – Was gebt Ihr dafür?« »Armer Tom! Dieß Geschäft mit Skalpen ist gar nicht gewinnreich ausgefallen, und ich bin ziemlich entschlossen, es aufzugeben, und einen minder blutigen Beruf zu ergreifen.« »Habt Ihr einen Skalp? Meiner ist fort – Wie fühlt es sich, wenn man einen Skalp hat? – Ich weiß wie es sich fühlt, wenn man einen verliert – Feuer und Flammen um das Hirn – und ein Zucken im Herzen – nein, nein! tödtet vorher , Hurry, und nachher skalpirt!« »Was meint der alte Bursche, Judith? Er schwatzt wie Einer, der des Geschäfts eben so überdrüssig geworden, wie ich. Warum habt Ihr ihm den Kopf verbunden? oder haben ihm die Wilden mit dem Tomahawk Eins aufs Hirn versetzt?« »Sie haben ihm das gethan, was Ihr und er, Harry March, so gern ihnen gethan hättet. Sie haben ihm Haut und Haare vom Kopf gerissen, um Geld vom Gouverneur von Canada zu bekommen, wie Ihr sie den Huronen gern herunter gerissen hättet, um Geld zu bekommen von dem Gouverneur von York.« Judith sprach mit einer großen Anstrengung, sich den Schein der Fassung zu geben, aber es lag weder in ihrer Natur, noch in der Stimmung des Augenblicks, ganz ohne Bitterkeit zu sprechen. Ihr scharfer nachdrücklicher Ton sowohl als ihr ganzes Wesen veranlaßten Hetty vorwurfsvoll aufzuschauen. »Das sind hohe Worte aus dem Munde der Tochter von Thomas Hutter, während Thomas Hutter sterbend vor ihren Augen liegt,« erwiederte Hurry scharf: »Gott sey dafür gepriesen! – welchen Vorwurf es auch auf meine arme Mutter laden mag, ich bin nicht Thomas Hutter's Tochter!« »Nicht Thomas Hutter's Tochter! – Verläugnet den alten Burschen nicht in seinen letzten Augenblicken, Judith, denn das ist eine Sünde, die der Herr nie vergeben wird. Wenn Ihr nicht Thomas Hutter's Tochter seyd, Wessen Tochter seyd Ihr denn?« Diese Frage demüthigte den rebellischen Geist Judiths; denn indem sie eines Vaters los ward, von welchem gestehen zu dürfen, daß sie ihn nie geliebt habe, sie als eine Herzenserleichterung empfand, übersah sie den wichtigen Umstand, daß kein Stellvertreter in Bereitschaft war, seinen Platz einzunehmen. »Ich kann Euch nicht sagen, Hurry, wer mein Vater war,« antwortete sie milder, »ich hoffe, er war wenigstens ein ehrlicher Mann.« »Was Mehr ist, als Ihr von dem alten Hutter glaubt sagen zu können? Nun, Judith, ich will nicht läugnen, daß arge Geschichten im Umlauf waren, Floating Tom betreffend, aber Wer ist, der nicht einen Kratz davon trüge, wenn ein Feind den Rechen führt? Es gibt Leute, die arge Sachen sagen von mir; und selbst Ihr, so eine große Schönheit Ihr seyd, entgeht ihnen nicht immer.« Dieß ward gesagt in der Absicht, eine Art Gleichheit des Charakters und Rufs zwischen den Parteien zu begründen, und, wie die Politiker des Tages es auszudrücken pflegen, ›mit weitergreifenden Intentionen.‹ Was die Folgen gewesen waren bei einem Mädchen von Judiths bekannter Heftigkeit und ihrem zuverlässigen Widerwillen gegen den Sprecher, ist nicht leicht zu sagen; aber gerade jetzt verriet Hutter durch unzweideutige Anzeichen, daß er seinem letzten Augenblick nahe war. Judith und Hetty waren am Sterbebette ihrer Mutter gestanden; Keine von Beiden brauchte daher auf die eintretende Krise aufmerksam gemacht zu werden, und jede Spur Von Erbitterung schwand aus der Ersteren Antlitz. Hutter öffnete seine Augen, und versuchte sogar mit der Hand um sich zu tasten, ein Zeichen, daß ihn das Gesicht verließ. Eine Minute darauf wurde sein Atem röchelnd, – eine Pause folgte, wo die Respiration ganz aufhörte; und dann trat der letzte, langgezogene Seufzer ein, mit welchem, wie man glaubt, der Geist den Körper verläßt. Dies plötzliche Erlöschen des Lebens eines Menschen, der bisher eine so wichtige Stelle ausgefüllt auf der kleinen Szene, wo auch er eine Rolle zu spielen gehabt, machte allem Hin- und Herreden ein Ende. Der Tag verstrich ohne weitere Unterbrechung, und die Huronen, obwohl im Besitz eines Canoe's, schienen mit ihrem Erfolg so weit zufrieden, daß sie allen weiteren Anschlägen gegen das Castell unmittelbar vor der Hand entsagten. Es wäre in der Tat kein gefahrloses Unternehmen gewesen, sich ihm zu nähern unter den Büchsen derjenigen, die, wie man wußte, sich jetzt drinnen befanden, und wahrscheinlich von diesem Umstand mehr als von irgend einem andern, rührte die Waffenruhe her. Mittlerweile wurden Anstalten zur Bestattung Hutter's getroffen. Ihn auf dem Land zu begraben war untunlich, und Hetty wünschte, sein Leichnam möchte an der Seite des Leichnams ihrer Mutter im See ruhen. Sie vermochte eine Rede von ihm anzuführen, worin er selbst den See, den ›Familienbegräbnisplatz‹ genannt hatte, und zum Glück geschah dies ohne Vorwissen ihrer Schwester, die sich dem Plan, wenn sie davon gewußt hätte, mit unüberwindlichem Widerwillen widersetzt haben würde. Aber Judith hatte sich nicht in diese Anordnung gemischt, und alle erforderlichen Vorbereitungen wurden ohne ihren Rat und ihre Kenntnisnahme getroffen. Die für die schmucklose Zeremonie gewählte Stunde war die, wo gerade die Sonne unterging, und einen Zeitpunkt und eine Szene, die geeigneter gewesen wären, einem Wesen von friedvollem und reinem Geist die letzte Ehre zu erweisen, hätte man nicht erdenken können. Es ist ein Geheimnis und eine feierliche Würde im Tod verborgen, welche die Überlebenden geneigt machen, die Reste selbst eines Frevlers mit einer Art von Ehrfurcht zu betrachten. Alle weltlichen Unterschiede haben aufgehört; man denkt, der Schleier sei gelüftet, und der Charakter und das Schicksal des Abgeschiedenen seien jetzt ebenso über menschliche Meinungen, wie über menschliches Wissen erhaben. In Nichts ist der Tod in wahrerem Sinne ein Gleichmacher, weil, obschon es unmöglich sein mag, den Vornehmen mit dem Geringen, den Würdigen mit dem Unwürdigen ganz und gar zu vermengen, das Gemüt es doch als eine Anmaßung empfände, wollte es das Recht in Anspruch nehmen, diejenigen zu richten, die, wie man glaubt, vor dem Richterstuhle Gottes stehen. Als man Judith sagte, daß Alles bereit sei, trat sie auf die Plattform, der Bitte ihrer Schwester nachgebend, und jetzt erst beachtete sie die Vorkehrungen. Der Leichnam war in der Fähre, eingehüllt in ein Leintuch, und wohl ein Zentner Steine, die man von dem Feuerplatz genommen, waren mit demselben eingeschlossen, damit er gewiß sinke. Keine anderen Vorbereitungen erachtete man nötig, doch nahm Hetty ihre Bibel unter dem Arme mit. Als alle an Bord der Arche sich befanden, ward diese eigentümliche Behausung des Mannes, dessen Leichnam sie jetzt zu seiner letzten Ruhestätte trug, in Bewegung gesetzt. Hurry war an den Rudern. In seinen gewaltigen Händen erschienen sie in der That als kaum Mehr, denn ein paar Ruderschäufelchen, die er ohne Anstrengung handhabte, und da er in ihrem Gebrauch geübt genug war, blieb der Delaware ein müßiger Zuschauer seiner Arbeit. Die Fahrt der Arche hatte Etwas von der feierlichen Langsamkeit eines Leichenzugs, das Eintauchen der Ruder geschah in gemessenem Takt, und die Bewegung war langsam und stetig. Das Anspülen des Wassers, wenn die Ruder sich hoben und senkten, hielt gleichen Schritt mit Hurry's Anstrengung, und hätte mit dem gemessenen Schritt Von Leidtragenden verglichen werden können; dann war auch die ruhige Scene in schönem Einklang mit einem Ritus, der immer die Idee Gottes unwillkührlich aufdrängt. In diesem Augenblick war die spiegelglatte Fläche des See's nicht auch nur im Mindesten gekräuselt, und das umfassende Panorama von Wäldern schien auf die heilige Ruhe der Stunde und der Ceremonie in melancholischem Schweigen herabzuschauen. Judith war bis zu Thränen ergriffen, und sogar Hurry, obgleich er selbst kaum wußte warum, war aufgeregt. Hetty behielt den äußern Anschein von ruhiger Fassung, aber ihre innere Betrübniß überstieg weit die ihrer Schwester, da ihr gefühlvolles Herz mehr aus Gewohnheit und in Folge eines langen Zusammenlebens liebte, als in Kraft der gewöhnlichen Verbindung von Gefühl und Geschmack. Sie ward jedoch aufrecht erhalten durch religiöse Hoffnungen, die in ihrem einfachen Gemüth gewöhnlich den Raum einnahmen, welchen in dem Gemüth Judiths weltliche Gefühle ausfüllten; und sie war nicht ganz ohne die Erwartung, Zeugin von einer offenen Kundgebung der göttlichen Macht bei einer so feierlichen Gelegenheit zu seyn. Doch war sie weder mystisch noch überspannt, da ihre geistige Schwäche beides verhinderte. Dennoch hatten ihre Gedanken überhaupt so viel von der Reinheit einer bessern Welt an sich, daß es ihr leicht ward, die Erde ganz zu vergessen und nur an den Himmel zu denken. Hist war ernst, aufmerksam und gespannt, denn sie hatte oft Beerdigungen von Bleichgesichtern gesehen, obwohl nie eine, die so eigenthümlich zu werden versprach, wie diese; während der Delaware, obwohl ernst und auch beobachtend, in seinem Wesen doch stoisch und kaltblütig blieb. Hetty übernahm die Rolle des Lootsen, und wies Hurry an, wie er zu steuern habe, um die Stelle im See zu finden, welche sie der ›Mutter Grab‹ zu nennen pflegte. Der Leser wird sich erinnern, daß das Castell in der Nähe des südlichen Endes einer Sandbank lag, die sich beinahe eine halbe Meile nördlich erstreckte, und am äußersten Ende dieser Untiefe hatte Floating Tom für passend erachtet, die Reste seines Weibes und Kindes zu versenken. Jetzt sollten sofort die seinigen daneben beigesetzt werden. Hetty hatte Merkzeichen auf dem Lande, woran sie gewöhnlich die Stelle auffand, obwohl die Stellung der Gebäude, die Richtung der Sandbank überhaupt, und die schöne Durchsichtigkeit des Wassers zumal, das bis auf den Grund zu sehen gestattete, ihr dabei zu Hülfe kamen. Durch diese Mittel ward das Mädchen in Stand gesetzt, den Fortschritt der Arche zu beobachten, und zur rechten Zeit trat sie zu March und flüsterte ihm zu: »Jetzt, Hurry, könnt Ihr aufhören zu rudern. Wir sind am Stein auf dem Grund vorbei, und der Mutter Grab ist nahe.« March stellte seine Arbeit ein, warf sogleich den kleinen Anker aus, und faßte das Tau-Ende mit der Hand, um die Arche in ihrem Laufe zu hemmen. Die Arche drehte sich, in Folge dieser Hemmung, langsam im Kreise herum, und als sie ganz ruhig stand, sah man auf dem Hintertheil Hetty, in's Wasser deutend, und die Thränen strömten ihr in unwiderstehlicher, natürlicher Rührung aus den Augen. Judith war bei der Bestattung ihrer Mutter gegenwärtig gewesen, hatte aber seitdem den Platz nicht mehr besucht. Diese Vernachlässigung hatte ihren Grund nicht in Gleichgültigkeit gegen das Andenken der Geschiedenen; denn ihre Mutter hatte sie geliebt, und hatte mit bitterem Schmerze Anlaß gefunden, ihren Verlust zu betrauern; aber sie hatte einen Widerwillen gegen die Betrachtung des Todes, und seit dem Bestattungstage waren in ihrem eignen Leben Begebenheiten vorgefallen, welche dieß Gefühl steigerten, und sie wo möglich noch abgeneigter machten, dem Platze sich zu nähern, welcher die Ueberreste einer Mutter enthielt, deren strenge Lehren und Einschärfungen von weiblicher Sittlichkeit und Anstand durch Reue über eigne Verfehlungen nur um so ernster und eindringlicher geworden waren. Bei Hetty war es ein ganz andrer Fall. Für ihr einfaches, unschuldiges Gemüth hatte die Erinnerung an ihre Mutter kein andres Gefühl zur Folge als milden Kummer; – einen Schmerz, den man so oft genußvoll oder wollüstig nennt, weil er verbunden ist mit den Bildern von Vortrefflichkeit und von der Reinheit eines bessern Daseyns. Einen ganzen Sommer hatte sie je nach Einbruch der Nacht an den Platz sich zu begeben die Gewohnheit gehabt; und ihr Canoe sorgfältig so vor Anker legend, daß der Leichnam nicht verstört wurde, saß sie dann da, und pflog eingebildete Gespräche mit der Geschiedenen, sang süße Hymnen in die Abendluft und sagte die Gebete her, welche das jetzt drunten schlummernde Wesen sie in ihrer Kindheit gelehrt hatte. Hetty hatte ihre glücklichsten Stunden in diesem mittelbaren Verkehr mit dem Geist ihrer Mutter zugebracht, und die wilden verworrenen indianischen Ueberlieferungen und Meinungen mischten sich, ihr unbewußt, mit der christlichen Lehre, die ihr in der Kindheit war beigebracht worden. Einmal war sie von jenen so weit beherrscht worden, daß sie daran dachte, an ihrer Mutter Grab einige jener physischen Bräuche zu verrichten, welche, wie man weiß, von den rothen Männern beobachtet werden; aber die vorübergehende Anwandlung war zurückgedrängt worden, durch das stetige, obwohl milde Licht des Christenthums, das in ihrer sanften Brust nie aufhörte zu brennen. Jetzt waren ihre Gemüthsbewegungen der natürliche Ausbruch des Gefühls einer Tochter, welche um eine Mutter weinte, deren Liebe ihrem Herzen unzerstörbar eingeprägt war, und deren Lehren zu ernstlich eingeschärft worden waren, um so leicht vergessen zu werden von einer Tochter, die so wenig Versuchung zu Verirrungen hatte. Kein andrer Priester als die Natur war gegenwärtig bei diesem eigenthümlichen und kunstlosen Leichenbegängniß. March blickte in das Wasser, und durch das klare durchsichtige Element, beinahe so rein wie die Luft, sah er, was Hetty »der Mutter Grab« zu nennen pflegte, Es war ein niedriger, einzelner Erdhaufen, nicht durch Spaten gebildet, aus dessen einer Ecke ein Stück von der weißen Leinwand hervorsah, welche das Todtenkleid der Geschiednen ausmachte. Der Leichnam war auf den Grund versenkt worden, und Hutter hatte vom Land her Erde herbeigeführt und darauf geworfen, bis Alles zugedeckt war. In diesem Zustand war der Platz geblieben, bis die Bewegung des Wassers das einzige Zeichen, das wir so eben erwähnten, sichtbar machte, welches verrieth, wozu der Platz benützt worden war. Selbst die rohesten und lärmendsten Menschen werden durch die Ceremonie einer Bestattung weicher und gesitteter. March fühlte keine Lust, seine Stimme zu einem jener bei ihm so häufigen rohen Ausbrüchen zu erheben und war ganz geneigt, den Dienst, den er übernommen, in anständiger Nüchternheit zu vollziehen. Vielleicht sann er nach über die Vergeltung, die seinen bisherigen Kameraden betroffen, und dachte an die gräßliche Gefahr, worin sein eignes Leben vor so kurzer Zeit geschwebt. Er gab Judith zu verstehen, daß alles bereit sey, erhielt von ihr die Anweisung, Hand an's Werk zu legen, hob, vermöge seiner ungeheueren Stärke, ohne andrer Unterstützung den Leichnam auf, und trug ihn an das Ende der Fähre. Das Seil ward unter den Füßen und unter den Schultern durchgezogen, wie unter den Särgen, und dann der Leichnam langsam in den See versenkt. »Nicht hier – Harry March – nein, nicht hier!« sagte Judith unwillkührlich schaudernd, »versenkt ihn nicht so ganz nahe an dem Platz, wo Mutter liegt.« »Warum nicht, Judith?« fragte Hetty einst. »Sie lebten miteinander im Leben und sollen im Tode bei einander ruhen.« »Nein – nein – Hetty March – weiter weg, weiter weg. – Arme Hetty, du weißt nicht, was Du sagst. – Laß mich das anordnen,« »Ich weiß, ich bin schwachsinnig, Judith, und du bist gescheut, – aber, gewiß, ein Ehemann soll immer neben die Frau gelegt werden. Mutter sagte immer, das sey die Art, wie man auf christlichen Kirchhöfen begrabe.« Dieser kleine Streit wurde mit Eifer, obwohl mit gedämpfter Stimme geführt, als fürchteten die Sprechenden, der Todte möchte sie hören. Judith konnte in einem solchen Augenblick nicht mit ihrer Schwester hadern, aber eine bedeutsame Geberde von ihr bewog March, den Leichnam in einer kleinen Entfernung von dem der Mutter zu versenken, worauf er die Stricke heraufzog und der Akt geschlossen war. »So hat's ein Ende mit Floating Tom!« rief Hurry, sich über die Fähre vorbeugend, und durch's Wasser den Leichnam anstarrend. »Er war ein braver Kamerad auf einer Kundschaft, und ein tüchtiger Kerl im Fallenstellen. Weint nicht, Judith – laßt Euch den Schmerz nicht übermannen, Hetty, denn die Rechtschaffensten von uns müssen Alle auch sterben, und wenn die Zeit kommt, können Wehklage»und Thronen die Todten nicht wieder zum Leben bringen. Euer Vater wird ein Verlust für Euch seyn, ohne Zweifel; die meisten Väter sind ein Verlust, besonders für unverheirathete Töchter, aber es gibt ein Mittel, dieß Uebel zu heilen, und Ihr seyd Beide zu jung und zu schön, als daß Ihr jenes Mittel lange nicht finden solltet. Wenn's Euch angenehm ist, zu hören, was ein ehrlicher und anspruchsloser Mann zu sagen hat, Judith, möchte ich wohl ein wenig mit Euch sprechen, und das beiseite.« Judith hatte kaum auf Hurry's rohen Tröstungsversuch gemerkt, obwohl sie natürlich die Abzweckung davon im Allgemeinen verstand, und einen ziemlich genauen Begriff von seiner Art und Weise hatte. Sie weinte bei der Erinnerung an ihrer Mutter frühere Zärtlichkeit, und schmerzliche Bilder von lange vergessenen Anweisungen und vernachlässigten Lehren stürmten auf ihr Gemüth ein. Aber Hurry's Worte riefen sie wieder in die Gegenwart zurück, und so überraschend und unzeitig ihr Inhalt war, hatten sie doch nicht jene Aeußerungen von Widerwillen zur Folge, die man bei dem Charakter des Mädchens hätte erwarten können. Im Gegentheil, es schien ihr ein plötzlicher Gedanke aufzugehen, sie schaute einen Augenblick den jungen Mann scharf an, trocknete sich die Augen und begab sich nach dem andern Ende der Fähre, ihm winkend, ihr zu folgen. Hier setzte sie sich und bedeutete March, sich neben sie zu setzen. Die Entschiedenheit und der Ernst, womit dieß Alles geschah, schüchterten ihren Genossen ein Wenig ein, und Judith fand nöthig, selbst das Gespräch zu eröffnen. »Ihr wünscht mit mir von Heirath zu sprechen, Harry March,« sagte sie, »und ich komme hieher, über dem Grabe meiner Eltern, gleichsam – nein, nein – über dem Grabe meiner armen, theuern, theuern Mutter, zu hören, was Ihr mir zu sagen habt.« »Das ist ungewöhnlich, und Ihr habt ein so scheumachendes Wesen an Euch diesen Abend, Judith,« antwortete Hurry, verstörter als er selbst hätte gestehen mögen; »aber Wahrheit ist Wahrheit, und sie kommt an den Tag, folge dann was da will. Ihr wißt, Mädchen, daß ich Euch längst schon für das hübscheste junge Weib halte, das meine Augen je gesehen, und daß ich daraus kein Geheimniß gemacht habe, weder hier auf dem See, noch draußen bei den Jägern und Fallenstellern, noch in den Ansiedlungen.« »Ja, ja, ich habe das sonst schon gehört, und glaube, daß es wahr ist,« antwortete Judith mit einer Art fieberhafter Ungeduld. »Wenn ein junger Mann eine solche Sprache führt von einem bestimmten jungen Weibe, so ist es vernünftig, anzunehmen, daß er viel auf sie hält.« »Wahr – wahr, Hurry – das Alles habt Ihr mir oft und viel gesagt.« »Nun, wenn es angenehm ist, so sollte ich meinen, ein Weib könne es nicht zu oft hören. Alle sagen mir, das sey die Art Eures Geschlechtes – Nichts gefalle Euch mehr, als wenn man Euch hundert und aber hundert Mal wiederhole, daß man Euch gern habe – ausgenommen das, daß man Euch von Eurer Schönheit spreche.« »Ohne Zweifel – wir haben Beides gern in den meisten Fällen; aber das ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, Hurry, und eitle Worte sollten nicht allzu frei gebraucht werden. Ich möchte Euch lieber ganz einfach reden hören.« »Ihr sollt Euern Willen haben, Judith, und ich vermuthe halb, Ihr werdet ihn immer haben. Ich hab' Euch oft gesagt, daß ich Euch nicht nur lieber habe, als irgend ein junges Weib auf Erden, oder eigentlich lieber als alle jungen Weiber auf der Welt; aber Ihr müßt bemerkt haben, Judith, daß ich Euch nie mit offenen Worten aufgefordert habe, mich zu heirathen.« »Ich habe Beides bemerkt,« versetzte das Mädchen, und ein Lächeln schwebte um ihren schönen Mund, trotz der seltsamen und derben Zutäppischkeit Hurry's, die ihre Wangen flammen machte, und ihre Augen mit einem beinahe blendenden Glanz entzündete, – »Ich habe Beides bemerkt, und habe das Letztere auffallend gefunden an einem Mann von Harry March's Entschlossenheit und Furchtlosigkeit.« »Das hat seinen Grund gehabt, Mädchen, und einen, der mich noch jetzt unruhig macht, – nein, werdet mir nicht so roth, und seht nicht drein wie Feuer und Flammen, denn da gibt es freilich Gedanken, die einem Mann lang im Kopf stecken können, wie es Worte gibt, die ihm in der Kehle stecken bleiben – aber dann gibt es auch Gefühle, welche die Oberhand gewinnen über sie alle. und diesen Gefühlen, sehe ich, muß ich mich jetzt unterwerfen. Ihr habt keinen Vater und keine Mutter mehr, Judith, und es ist moralisch unmöglich, daß Ihr und Hetty hier allein leben solltet, selbst wenn es Friede und die Irokesen ruhig wären; aber wie die Sachen jetzt stehen, würdet Ihr nicht nur Hungers sterben, sondern auch Beide, vor Ablauf einer Woche, Gefangene oder skalpirt seyn. Es ist Zeit, an einen Wechsel und an einen Ehemann zu denken, und wenn Ihr mich nehmen wollt, so soll alles Vergangene vergessen seyn, und das ist Alles, was ich zu sagen habe.« Judith hatte Mühe, ihre Ungeduld zu zügeln, bis diese rohe Erklärung nebst Antrag gemacht war, welche zu hören sichtlich ihr Wunsch gewesen, und die sie jetzt wirklich mit einer Bereitwilligkeit anhörte, die wohl einige Hoffnung erregen konnte. Sie ließ den jungen Mann kaum zum Schluß kommen, so begierig war sie, ihn auf den Hauptpunkt zu bringen, und so gefaßt mit ihrer Antwort. »So, Hurry, das ist genug,« sagte sie, eine Hand erhebend, wie um ihm Einhalt zu thun. »Ich verstehe Euch so gut, als sprächet Ihr noch einen Monat fort. Ihr gebt mir den Vorzug vor andern Mädchen, und wünscht, daß ich Eure Frau würde.« »Ihr faßt es in bessere Worte, als ich es vermag, Judith, und ich wünschte, Ihr dächtet, ich habe es in solchen Worten ausgedrückt, wie Ihr sie am liebsten hört.« »Sie sind einfach genug, Hurry, und es ist auch angemessen, daß sie das sind. Es ist jetzt nicht am Orte zu tändeln oder zu täuschen. Hört denn meine Antwort, die in jedem Tüttelchen so aufrichtig seyn soll, wie Euer Antrag. Es ist ein Grund, March, warum ich nie würde –« »Ich glaube, ich verstehe Euch, Judith; aber wenn ich bereit bin, diesen Grund zu übersehen, so geht das Niemand Etwas an, als mich. Nun, lodert nur nicht so auf, wie der Himmel beim Sonnenuntergang; ich will ja nichts Beleidigendes sagen, und Ihr solltet es nicht so nehmen.« »Ich lodere nicht auf, und ich nehme Nichts als Beleidigung,« sagte Judith kämpfend, ihre Entrüstung zu unterdrücken, in einer Art, wie sie noch nie früher sich im Falle befunden, mit sich kämpfen zu müssen. »Es ist ein Grund, warum ich nie Euer Weib werden werde, es nicht kann , Hurry, den Ihr zu übersehen scheint, und welchen Euch jetzt zu sagen meine Pflicht ist, so unumwunden, wie Ihr Von mir verlangt habt, es zu werden. Ich liebe Euch nicht so, und weiß gewiß, daß ich Euch nie so lieben werde, daß ich Euch heirathen könnte. Kein Mann kann sich ein Weib wünschen, das ihn nicht allen andern Männern vorzieht; und wenn ich Euch dieß offen sage, werdet Ihr mir, denke ich, selbst danken für meine Aufrichtigkeit.« »O Judith, die flunkernden, lustigen, scharlachröckigen Officiere von den Garnisonen haben all dieß Unheil angerichtet!« »Still, March! verläumdet nicht eine Tochter über dem Grab ihrer Mutter! Gebt mir nicht, wenn ich nur ehrlich gegen Euch handeln will, Grund, in der Bitterkeit meines Herzens Unglück auf Euer Haupt herabzurufen! Vergeßt nicht, daß ich ein Weib bin, und Ihr ein Mann seyd; daß ich weder Vater noch Bruder habe, Eure Worte zu rächen.« »Nun, am Letztern ist Etwas, und ich will nicht Mehr sagen. Nehmt Euch Zeit, Judith, und besinnt Euch eines Bessern.« »Ich brauche keine Zeit; ich bin längst entschlossen und habe nur gewartet, bis Ihr offen sprechen würdet, um Euch offen zu antworten. Wir verstehen jetzt einander, und weitere Worte nützen Nichts.« Der heftige, ungestüme Ernst des Mädchens machte den jungen Mann schüchtern, denn nie früher hatte er sie so streng und entschlossen gesehen. Bei ihren meisten frühern Gesprächen hatte sie seine entgegenkommenden Worte mit Ausflüchten oder Spöttereien beantwortet; aber diese hatte Hurry fälschlich für weibliche Koketterie genommen, und geglaubt, sie würden sich leicht in eine Einwilligung verwandeln. Der Kampf in seinem Innern hatte den Antrag betroffen; und nie hatte er im Ernst es für möglich gehalten, daß Judith sich weigern würde, das Weib des schönsten Mannes auf der ganzen Grenze zu werden. Jetzt, als diese Weigerung kam, und das in so entschiednen Ausdrücken, daß alle Spitzfindigkeiten außer Frage gestellt waren, war er, wenn nicht eigentlich betäubt und verwirrt, doch so gekränkt und überrascht, daß er keine Lust zu einem Versuch fühlte, ihren Entschluß wankend zu machen. »Der Glimmerglas hat jetzt keine große Anziehungskraft für mich,« rief er aus, nachdem er eine Minute geschwiegen. »Der alte Tom ist dahin, die Huronen sind in solcher Menge auf den Küsten, wie Tauben in den Wäldern; und überhaupt wird es nachgerade ein unlieblicher Platz.« »Dann verlaßt ihn. Ihr seht, er ist von Gefahren umgeben, und es ist kein Grund vorhanden, warum Ihr Euer Leben für Andere aufs Spiel setzen solltet. Auch wüßte ich nicht, wie Ihr uns einen Dienst leisten solltet. Geht, heute Nacht noch; wir wollen Euch nie anklagen, etwas Undankbares oder Unmännliches gethan zu haben.« »Wenn ich gehe, so ist es mit schwerem Herzen, Eurethalb, Judith; ich nähme Euch lieber mit.« »Davon kann jetzt nicht mehr die Rede seyn, March; aber ich will Euch ans Land setzen in einem der Canoe's, sobald es dunkel ist, und Ihr Euch nach der nächsten Garnison flüchten könnt. Wenn Ihr das Fort erreicht, wenn Ihr uns könntet eine Truppe schicken –« Judith erstarben die Worte im Munde, denn sie fühlte, daß es demüthigend für sie sey, sich so den Bemerkungen und Glossen eines Mannes preiszugeben, der ihr Benehmen gegenüber Allen denen, die in den Garnisonen sich befanden, eben nicht im günstigsten Licht anzusehen geneigt war. Hurry aber faßte die Idee auf; und ohne sie zu verdrehen, wie das Mädchen fürchtete, antwortete er in diesem Sinne. »Ich verstehe, was Ihr sagen wolltet, und warum Ihr es nicht sagt,« versetzte er. »Wenn ich wohlbehalten in das Fort gelange, soll eine Truppe sich aufmachen zur Verfolgung dieser Vagabunden, und ich will selbst mitkommen; denn es würde mich freuen, Euch und Hetty sicher und wohlbehalten untergebracht zu sehen, ehe wir auf immer scheiden.« »Ach, Harry March, hättet Ihr immer so gesprochen, so gefühlt, meine Gesinnungen gegen Euch wären wohl jetzt anders!« »Ist es jetzt zu spät, Judith? Ich bin rauh und ein Waldmann; aber wir ändern uns Alle, wenn man uns anders behandelt, als wir gewohnt gewesen.« »Es ist zu spät, March. Ich kann nie für Euch, oder irgend sonst einen Mann, Einen ausgenommen, die Gefühle haben, wie Ihr wünscht, daß ich sie gegen Euch hätte. So; ich habe jetzt sicherlich genug gesagt, und Ihr werdet mich nicht weiter mit Fragen bestürmen. Sobald es dunkel ist, setze ich oder der Delaware Euch ans Land; Ihr eilt was Ihr könnt an den Mohawk und zur nächsten Garnison, und schickt uns Beistand so viel Ihr könnt. Und, Hurry, wir sind jetzt Freunde, und ich kann Euch vertrauen, nicht wahr?« »Gewiß, Judith; obwohl unsre Freundschaft bei weitem wärmer wäre, könntet Ihr mich so ansehen, wie ich Euch!« Judith zauderte, und eine gewaltige Gemüthsbewegung kämpfte in ihr. Dann, als wäre sie entschlossen, alle Schwächen niederzudrücken und ihre Zwecke auszuführen, auf jede Gefahr hin, sprach sie sich noch offener aus. »Ihr werdet einen Capitain mit Namen Warley auf dem nächsten Posten finden,« sagte sie, blaß wie der Tod, und zitternd während sie sprach; »Ich halte für wahrscheinlich, daß er sich an die Spitze der Truppe zu stellen wünscht; mir wäre es weit lieber, wenn es ein Andrer wäre. Wenn Capitain Warley zurückgehalten werden könnte, würde es mich sehr glücklich machen.« »Das ist leichter gesagt, als gethan, Judith; denn diese Officiere thun eben meist was ihnen beliebt. Der Major wird Befehl geben, und Capitains und Lieutenants und Fähndriche müssen gehorchen. Ich kenne den Officier, den Ihr meint, einen rothaussehenden, muntern, lebenslustigen Gentleman, der Madeira hinunterschluckt, genug, um den Mohawk zu ertränken, und doch ein angenehmer Plauderer. Alle Mädels im Thal bewundern ihn; und es heißt, er bewundere alle Mädels. Es wundert mich nicht, wenn er Euch zuwider ist, denn er ist recht ein General-Liebhaber, wenn er auch kein General-Officier ist.« Judith antwortete nicht, zitterte aber am ganzen Leib, und ihre Farbe wechselte von Weiß in Purpur, und Von Purpur wieder in Todesblässe. »Ach, meine arme Mutter!« sprach sie jammernd im Geist, statt ein lautes Wort zu äußern; »wir sind über deinem Grabe, aber du weißt wohl nicht, wie sehr deine Lehren vergessen worden sind, deine Sorgfalt verachtet, deine Liebe getäuscht ist!« Wie sie dieß Nagen des Wurmes fühlte, der nie stirbt, stand sie auf und bedeutete Hurry, daß sie ihm Nichts mehr mitzutheilen habe. Zweiundzwanzigstes Kapitel.                                             Jene Stufe Des Elends, die den Unterdrückten macht Für Nichts sein eignes Leben achten mehr, Die macht ihn auch zum Herrn vom Leben seines Bedrückers. Coleridge. Diese ganze Zeit über war Hetty im Vordertheil der Arche sitzen geblieben, kummervoll in das Wasser schauend, das den Leichnam ihrer Mutter barg, so wie den des Mannes, den man sie als ihren Vater anzusehen gelehrt hatte. Hist stand neben ihr in ruhiger Sanftmuth, konnte ihr aber mit Worten keinen Trost bieten. Die Gewohnheiten ihres Volks lehrten sie in dieser Beziehung Zurückhaltung ; und die Art und das Gefühl ihres Geschlechts hieß sie geduldig einen Augenblick abwarten, wo sie ein wohlthuendes Mitgefühl durch die That statt mit Worten an den Tag legen könnte. Chingachgook hielt sich in ernster Zurückhaltung etwas entfernt, wie ein Krieger drein schauend, aber fühlend wie ein Mensch. Judith trat zu ihrer Schwester mit einer Würde und Feierlichkeit in ihrem Wesen, wie es sonst nicht in ihrer Art war zu zeigen; und obwohl auf ihrem schönen Gesicht noch die Schatten der innern Qual sichtbar waren, sprach sie doch fest und ohne Beben der Stimme. In diesem Augenblick entfernten sich Hist und der Delaware, und begaben sich ans andre Ende des Fahrzeugs zu Hurry. »Schwester,« begann Judith freundlich, »ich habe Dir Viel zu sagen; wir wollen in dieß Canoe steigen und ein Wenig von der Arche weg rudern – die Geheimnisse von zwei Waisen dürfen nicht von jedem Ohr vernommen werden.« »Aber gewiß, Judith, von dem Ohr ihrer Eltern. Laß Hurry den Anker lichten und mit der Arche wegfahren, und uns hier allein lassen, neben den Gräbern von Vater und Mutter, damit wir uns sagen, was wir zu sagen haben.« »Vater!« wiederholte Judith langsam, und das Blut stieg ihr, zum erstenmal wieder, seit sie sich von March getrennt, in die Wangen; »er war nicht unser Vater, Hetty. Das haben wir aus seinem eignen Munde, und zwar in seiner Sterbestunde.« »Freust Du Dich, Judith, zu erfahren, daß Du keinen Vater gehabt hast? Er sorgte für uns, und nährte uns, und kleidete uns, und liebte uns; ein Vater hätte nicht Mehr thun können. Ich verstehe nicht, warum er nicht unser Vater war.« »Laß das, liebes Kind, aber wir wollen thun, wie Du gesagt hast. Es ist wohl gut, wenn wir hier bleiben und die Arche ein Wenig weiter fahren lassen. Setze Du das Canoe in Bereitschaft, und ich will Hurry und den Indianern unsre Wünsche sagen.« Dieß war bald und ohne Weitläuftigkeit gethan; die Arche entfernte sich unter gemessenen Schlägen der großen Ruder etwa hundert Schritte weit von dem Platz, und die Mädchen blieben, fast wie in der Luft schwimmend, über der Begräbnißstätte der Todten, – so schwebend war das leichte Fahrzeug, das sie trug, und so durchsichtig das reine Element, auf dem es ruhte. »Der Tod des Thomas Hutter,« begann Judith – nachdem eine kleine Pause ihre Schwester vorbereitet hatte, ihre Mittheilungen aufzunehmen, »hat alle unsre Aussichten verändert, Hetty. Wenn er nicht unser Vater war, so sind wir doch Schwestern , und müssen gleiche Gesinnungen haben und miteinander leben.« »Wie weiß ich, Judith, ob Du nicht ebenso froh seyn würdest, zu erfahren, daß ich nicht Deine Schwester sey, wie Du es darüber bist, daß Thomas Hutter, wie Du ihn nennst, nicht unser Vater war? Ich bin nur halb klug, und wenige Leute haben eine Freude an halbklugen Verwandten; – und dann bin ich nicht schön – wenigstens nicht so schön wie Du – und Du wünschest Dir vielleicht eine schönere Schwester.« »Nein, nein, Hetty, Du und Du allein bist meine Schwester – mein Herz und meine Liebe zu Dir sagen mir das – und Mutter war meine Mutter – auch darüber bin ich froh und stolz; denn sie war eine Mutter, auf die man stolz seyn durfte; aber Vater war kein Vater!« »Still, Judith! Sein Geist ist vielleicht in der Nähe; es würde ihn schmerzen, seine Kinder so reden zu hören, und dazu noch über seinem Grabe. Kinder sollten die Eltern nie betrüben, sagte mir die Mutter oft, und besonders nicht, wenn sie todt sind!« »Arme Hetty! Sie sind vielleicht über alle Sorgen in Beziehung auf uns erhaben! Nichts, was ich sagen oder thun kann, wird Mutter jetzt mehr betrüben – darin liegt wenigstens einiger Trost! – und Nichts, was Du sagen oder thun kannst, wird sie lächeln machen, wie sie im Leben bei Deiner guten Aufführung zu lächeln pflegte.« »Du weißt das nicht, Judith. Geister können sehen, und Mutter sieht vielleicht so gut als irgend ein Geist. Sie sagte uns immer, Gott sehe Alles was wir thun, und wir sollten Nichts thun, ihn zu beleidigen; und jetzt, nachdem sie uns verlassen hat, will ich mich bestreben, Nichts zu thun, was ihr mißfallen könnte. Denke, wie ihr Geist trauern und sich bekümmern würde, Judith, wenn sie Eine von uns thun sähe, was nicht recht wäre, und Geister sehen ja doch auch; besonders die Geister von Eltern, welche in Sorgen sind um das Wohl ihrer Kinder!« »Hetty, Hetty – Du weißt nicht was Du sagst!« murmelte Judith, beinahe leichenfahl vor innerer Bewegung. »Die Todten können nicht sehen, und wissen Nichts von dem, was hier vorgeht! Aber wir wollen hievon nicht weiter reden. Die Leichname von Mutter und Thomas Hutter liegen bei einander im See, und wir wollen hoffen, daß die Geister von Beiden bei Gott sind. Daß wir, die Kinder von Jenen, auf Erden zurückbleiben, ist gewiß; wir sollten aber jetzt auch wissen, was wir in der Zukunft anfangen werden.« »Wenn wir auch nicht Thomas Hutter's Kinder sind, Judith, wird uns doch Niemand unser Recht auf seine Habe bestreiten. Wir haben das Castell, und die Arche, und die Canoe's, und die Wälder und die Seeen, gerade wie wenn er noch lebte; und was kann uns hindern, hier zu bleiben und unser Leben hinzubringen gerade so wie bisher?« »Nein, nein – arme Schwester, das geht nicht mehr. Zwei Mädchen wären hier nicht sicher, sollte es auch diesen Huronen nicht gelingen, uns in ihre Macht zu bekommen. Selbst Vater hatte manchmal Alles, was in seinen Kräften stand, zu thun, um auf dem See unangefochten zu bleiben; und uns würde es ganz und gar nicht gelingen. Wir müssen diesen Platz verlassen, Hetty, und uns in die Anssiedlungen begeben.« »Es thut mir leid, daß du so denkst, Judith,« versetzte Hetty, ließ den Kopf auf die Brust sinken und blickte nachdenklich hinab auf die Stelle, wo man gerade noch den Leichenhügel ihrer Mutter sehen konnte. »Es thut mir sehr leid, das zu hören. Ich würde lieber hier bleiben, wo ich, wenn nicht geboren bin, doch mein Leben zugebracht habe. Ich mag die Ansiedelungen nicht – sie sind voll Sünde und Herzbrennen, während Gott unbeleidigt in diesen Bergen wohnt. Ich liebe die Bäume, und die Berge, und den See und die Quellen; alles das hat seine Güte uns gegeben, und es würde mich bitter schmerzen, Judith, Alles verlassen zu müssen. Du bist schön, und nicht blos halb klug, und wirst einmal heirathen, und dann wirst du einen Gatten haben, und ich einen Bruder, der für uns sorgt, wenn Frauen wirklich an einem Platze wie dieser nicht für sich selbst sorgen können.« »Ach! wenn das so seyn könnte , Hetty, dann wahrhaftig könnte ich jetzt tausendmal glücklicher in diesen Wäldern seyn, als in den Ansiedlungen! Sonst fühlte ich nicht so, aber jetzt . Aber wo ist der Mann, der diesen schönen Platz in einen solchen Garten Eden für uns verwandelte?« »Harry March liebt dich, Schwester,« versetzte die arme Hetty, während sie sprach, unbewußt die Rinde von dem Canoe wegreißend. »Er würde gewiß mit Freuden dein Gatte werden, und ein kräftigerer und muthigerer Jüngling ist nicht zu finden in der ganzen Gegend weit umher.« »Harry March und ich verstehen einander, und von ihm braucht nicht mehr die Rede zu seyn. Es ist Einer da – doch lassen wir das. Es ist Alles in den Händen der Vorsehung, und wir müssen in Bälde zu einem Entschluß kommen wegen unserer künftigen Lebensweise. Hier bleiben – das heißt, allein hier bleiben, können wir nicht – und vielleicht bietet sich nie eine Gelegenheit dar, so hier zu bleiben, wie du es meinst. Auch ist es Zeit, Hetty, daß wir, so Viel wir können, über unsere Verwandte und unsere Familie zu erfahren suchen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir ganz ohne Verwandte sind, und vielleicht freuen sie sich, uns zu sehen. Der alte Schrank ist jetzt unser Eigenthum, und wir haben ein Recht, ihn zu durchsuchen, und aus dem was er enthält, so Viel als möglich zu erfahren. Mutter war so verschieden von Thomas Hutter, daß ich jetzt, seit ich weiß, daß wir nicht seine Kinder sind, vor Verlangen brenne, zu erfahren, Wessen Kinder wir denn seyn mögen. Gewiß sind Papiere in jenem Schrank, und diese Papiere geben uns vielleicht allen Aufschluß über unsere Eltern und Blutsfreunde.« »Nun, Judith, du weißt es am besten, denn du bist ungewöhnlich gescheut, das sagte die Mutter immer, und ich bin nur halb klug. Nunmehr Vater und Mutter todt sind, frage ich nicht mehr Viel nach Verwandten, außer dir, und glaube, ich könnte sie, die ich nie gesehen, nicht so lieben wie ich sollte. Wenn du den Hurry nicht heirathen magst, sehe ich nicht, Wen du zum Mann wählen solltest, und dann fürchte ich, werden wir am Ende doch den See verlassen müssen.« »Was meinst du von Wildtödter, Hetty?« fragte Judith, indem sie sich vorwärts beugte, wie ihre arglose Schwester, und ihre Verlegenheit auf eine ähnliche Weise zu verhehlen suchte. Wäre das nicht ein Schwager nach deinem Geschmack?« »Wildtödter!« wiederholte die Andere, in unverstelltem Erstaunen aufschauend; »ei, Judith, Wildtödter ist nicht im Mindesten hübsch, und ist gar kein Mann für Eine wie du bist!« »Er sieht nicht übel aus, Hetty, und Schönheit ist bei einem Mann nichts Wichtiges.« »Denkst du so, Judith? Ich weiß, daß Schönheit von keiner großen Wichtigkeit ist, bei Mann oder Weib, in den Augen Gottes; denn Mutter hat mir das oft gesagt, wenn sie dachte, ich möchte traurig darüber seyn, daß ich nicht so schön sey wie du; – obgleich sie darüber hätte ganz ruhig seyn können, denn ich gelüstete nie nach Etwas, das dein ist, Schwester; aber gesagt hat sie mir das; – dennoch aber ist Schönheit in den Augen Beider etwas sehr Einnehmendes, Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mehr nach einem guten Aussehen mich sehnen, denn als Mädchen. Ein schöner Mann ist ein viel einnehmenderer Anblick, als ein schönes Weib.« »Armes Kind! du weißt kaum was du sagst, oder was du meinst! Schönheit bei unserem Geschlecht ist Etwas, aber beim Mann gilt sie Wenig. Gewiß, ein Mann soll groß seyn, aber Andere sind auch groß, so gut wie Hurry: und rüstig – ich denke, ich kenne Solche, die rüstiger sind; – und stark – nun, er hat auch nicht alle Stärke auf der Welt allein; und muthig – sicherlich kann ich einen Jüngling nennen, der muthiger ist.« »Das ist sonderbar, Judith. Ich hätte nicht geglaubt, daß auf Erden ein schönerer, oder stärkerer, ober rüstigerer, oder muthigerer Mann lebte, als Harry Hurry! Ich bin gewiß, ich sah nie Einen, der ihm in einem dieser Stücke gleichgekommen wäre.« »Gut, gut, Hetty – sprich davon nicht mehr. Ich höre dich nicht gerne so schwatzen. Es paßt nicht für deine Unschuld, und Wahrheit und deine warmherzige Aufrichtigkeit. Laß den Harry March gehen. Er verläßt uns heute Nacht, und kein Bedauern folgt ihm von meiner Seite, wenn nicht etwa darüber, daß er so lange und so zwecklos dageblieben ist!« »Ach, Judith, das ist es was ich lange gefürchtet, und ich hoffte so, er würde mein Schwager werden! Denke jetzt nicht mehr daran; laß uns von unserer armen Mutter und von Thomas Hutter sprechen.« »So sprich denn, aber mild, Schwester, denn du kannst nicht gewiß wissen, ob nicht Geister hören und sehen. Wenn Vater nicht unser Vater war, so war er doch gut gegen uns, und gab uns Nahrung und Obdach. Wir können seine Steine auf ihre Gräber sehen, hier im Wasser, den Leuten das Alles zu erzählen, und so müssen wir es mit unsern Zungen bezeugen.« »Sie werden sich darum Wenig kümmern, Mädchen. Es ist ein großer Trost, Hetty, zu wissen, daß, wenn Mutter je einen schweren Fehltritt beging, als jung, sie ihn aufrichtig bereute ihr Leben lang; ohne Zweifel wurden ihr ihre Sünden vergeben.« »Es ist nicht recht an Kindern, Judith, daß sie von ihrer Eltern Sünden sprechen. Wir thäten besser, von unseren eigenen zu sprechen.« »Von deinen Sünden sprechen, Hetty! – Wenn je eine Creatur auf Erden ohne Sünden war, so bist Du es! Ich wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen oder denken; aber wir werden sehen. Niemand weiß, welche Veränderungen die Liebe zu einem guten Gatten im Herzen eines Weibes bewirken kann. Ich glaube, Kind, ich habe schon nicht mehr denselben Geschmack an schönen Putzsachen, wie früher.« »Es wäre ein Jammer, Judith, wenn du über deiner Eltern Grabe an Kleider dächtest! Wir wollen diesen Platz nie verlassen, wenn Du so sagst, und wollen Hurry ziehen lassen, wohin es ihm beliebt.« »Ich bin gern bereit, in das Letztere zu willigen, kann aber für das Erster nicht stehen – Wir müssen in Zukunft leben wie es anständigen jungen Mädchen geziemt, und können nicht hier bleiben, um das Geschwätz und der Spaß all der rohen und giftzüngigen Jäger und Fallensteller zu seyn, die an den See kommen. Laß Hurry seiner Wege gehen, und dann will ich Mittel finden, Wildtödter zu sehen, wo dann wegen der Zukunft Alles bald in's Reine gebracht seyn wird. Komm, Mädchen, die Sonne ist unter, und die Arche entfernt sich von uns; laß uns zu der Fähre hinaufrudern und mit unsern Freunden uns berathen. Heute Nacht werde ich den Schrank durchsuchen und der morgende Tag soll entscheiden, was wir thun wolle». Was die Huronen betrifft, so werden die leicht zu erlaufen seyn, nunmehr wir ohne Scheu mit Thomas Hutter's Schätzen schalten können. Laß mich nur erst Wildtödter aus ihren Händen befreit haben, so wird Eine Stunde die Dinge in's Klare bringen.« Judith sprach mit Entschiedenheit und in gebieterischem Tone, eine Gewohnheit, die sie gegenüber ihrer schwachsinnigen Schwester lange geübt hatte. Aber während sie so gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen, mittelst ihres gewandten Benehmens und ihrer Herrschaft über die Sprache, legte Hetty gelegentlich ihren ungestümen Gefühlen und ihren hastigen Handlungen Zügel an, mittelst jener einfachen sittlichen Wahrheiten, die ihren eignen Gedanken und Gefühlen so tief eingeprägt waren, und sie mit einem schönen, milden Glanz durchleuchteten, der eine Art Heiligenschein über so Vieles warf, was sie sagte und that. Im gegenwärtigen Fall besthätigte sich dieser wohlthätige Einfluß, den das Mädchen von schwachem Verstand über ihre Schwester ausübte, die unter andern Umständen durch ihren Geist hätte glänzen und Bewunderung einten können – in der gewöhnlichen einfachen und ernsten Weise. »Du vergißt, Judith, was uns hierhergeführt,« sagte sie im Tone des Vorwurfs. »Dieß ist der Mutter Grab, und eben erst haben wir Vaters Leichnam neben Ihr versenkt. Wir haben Unrecht gethan, so viel von uns zu sprechen an einem solchen Orte, und wir sollten jetzt zu Gott beten, uns zu vergeben, und ihn bitten, uns zu lehren, wohin wir gehen, und was wir thun sollen.« Judith legte halb unwillkührlich ihr Ruder beiseite, wahrend Hetty auf ihre Kniee sank, und bald in ihrem andächtigen aber einfachen Gebete ganz verloren war, Ihre Schwester betet« nicht. Schon lange that sie es nicht mehr eigentlich und förmlich, obwohl geistige Leiden und Qualen ihr häufig hastige, stumme, innere Anrufungen des großen Urquells alles Segens erpreßten, um Hülfe, wo nicht um Erneuerung des Geistes. Doch sah sie nie Hetty knieen, ohne daß ein Gefühl wehmüthig süßer Erinnerung, so wie tiefer Betrübniß über die Erstorbenheit ihres eignen Herzens über sie kam. Das hatte sie selbst auch in der Kindheit gethan und selbst bis zu der Stunde ihrer unseligen Besuche in den Garnisonen, und sie hätte gern in solchen Augenblicken Welten darum gegeben, wenn sie im Stande gewesen wäre, ihre jetzigen Empfindungen zu vertauschen gegen den vertrauensvollen Glauben, die reinen, erhebenden Gefühle und die milde Hoffnung, welche jeden Zug und jede Bewegung ihrer sonst weniger begünstigten Schwester verklärten. Aber Alles was sie thun konnte, war, daß sie ihr Haupt auf die Brust sinken ließ, und in ihren Geberden und Haltung Etwas von der Andacht annahm, in welche recht einzustimmen ihr verstockter Geist sich weigerte. Als Hetty nach ihrem Knieen wieder aufstand, zeigte ihre Miene einen Glanz und eine Heiterkeit, die ein immer angenehmes Angesicht wirklich schön machten. Ihr Gemüth hatte Frieden, und ihr Gewissen sprach sie wegen Versäumniß ihrer Pflicht frei. »Jetzt magst du gehen, wenn du Lust hast, Judith,« sagte sie; »Gott ist gütig gegen mich gewesen, und hat mir eine Last vom Herzen genommen. Mutter hatte viele solche Lasten, so pflegte sie mir zu sagen, und schaffte sie sich immer auf solche Weise vom Herzen. Es ist die einzige Weise, Schwester, wie man so etwas thun kann. Einen Stein, oder ein Stück Holz kannst du mit der Hand aufheben; aber das Herz muß durch's Gebet erleichtert werden. Ich meine, du betest nicht mehr so oft, Judith, als da du jünger warest!« »Laß das – laß das, Kind,« antwortete Judith mit hohler Stimme – »davon handelt es sich jetzt nicht. Mutter ist dahin, und Thomas Hutter ist dahin, und die Zeit ist gekommen, wo wir für uns selbst denken und handeln müssen.« Während das Canoe sich von der Stelle entfernte, unter den leisen Ruderschlägen der ältern Schwester, saß die jüngere in sinnendem Brüten da, wie sie pflegte, so oft ihr Geist durch eine abstraktere und schwerer zu fassende Idee beschäftigt und verwirrt war. »Ich weiß nicht, was Du unter Zukunft verstehst, Judith,« bemerkte sie am Ende plötzlich. »Mutter pflegte den Himmel die Zukunft zu nennen, aber du scheinst damit die nächste Woche oder den morgenden Tag zu meinen.« »Es bedeutet beides, liebe Schwester; Alles was noch kommen, soll in dieser Welt oder in einer andern. Es ist ein ernstes Wort, und am ernstesten, fürchte ich, für diejenigen, die am wenigsten daran denken. Der Mutter Zukunft ist die Ewigkeit; die unsrige kann noch bedeuten, was uns begegnen wird, so lange wir in dieser Welt leben – ist das nicht ein Canoe, was eben hinter dem Castell vorüberfährt? – Dort, mehr in der Richtung des Vorsprungs meine ich; es ist versteckt, jetzt; aber gewiß, ich sah ein Canoe hinter die Stämme sich stehlen.« »Ich habe es schon einige Zeit gesehen,« versetzte Hetty ruhig, denn die Indianer hatten wenig Schreckliches für sie, »aber ich hielt es nicht für recht, über der Mutter Grab von solchen Dingen zu schwatzen. Das Canoe kam von dem Lager her, Judith, und ward gerudert von einem einzigen Manne; und der schien mir Wildtödter und kein Irokese zu seyn.« »Wildtödter!« erwiederte die Andere wieder ganz mit ihrem natürlichen Ungestüm. »Das kann nicht seyn! Wildtödter ist ein Gefangener, und ich habe auf Mittel gedacht, ihn frei zu machen. Warum bildest du dir ein, es sey Wildtödter, Kind?« »Du kannst selbst schauen, Schwester, da kommt uns das Canoe wieder zu Gesicht, diesseits der Hütte.« Wirklich war das leichte Boot an dem Gebäude vorbeigefahren und näherte sich jetzt stetig der Arche, wo die an Bord befindlichen Personen sich schon im Vordertheile der Fähre zusammendrängten, um den Besuch zu empfangen. Ein einziger Blick genügte, Judith die Gewißheit zu verschaffen, daß ihre Schwester Recht hatte, und Wildtödter allein in dem Canoe sich befand. Aber sein Herankommen war so still und gemächlich, daß sie sich darüber wundern mußte, da ein Mann, dem es gelungen, seinen Feinden durch List oder Gewalt zu entfliehen, schwerlich im Stand seyn könnte, mit der Stetigkeit und Bedächtlichkeit sich zu bewegen, womit sein Ruder das Wasser durchschnitt. Mittlerweile neigte sich der Tag stark zum Ende, und man sah die Gegenstände an den Küsten nur noch dämmernd. Auf der Breite des See's jedoch weilte noch das Licht, und gerade unmittelbar um die Scene der gegenwärtigen Ereignisse her, die weniger beschattet war als die meisten Gegenden des See's, in dessen größter Breite sie lag, goß es einen Schimmer aus, der eine schwache Aehnlichkeit hatte mit den warmen Tinten eines italienischen oder griechischen Sonnenuntergangs. Die Stämme der Hütte und der Arche bekamen eine Art Purpurfarbe, vermischt mit der wachsenden Dunkelheit, und die Rinde an des Jägers Boot verlor ihre schärfere Deutlichkeit in reicheren aber weicheren Farben, als die sie beim hellen Sonnenglanz gezeigt hatte. Als die beiden Canoe's sich einander näherten – denn Judith und ihre Schwester hatten sich mit ihren Ruderschaufeln so gerührt, daß sie dem unerwarteten Besuch begegneten, noch eh' er die Arche erreichte – da hatte selbst Wildtödters sonnverbranntes Gesicht ein glänzenderes Aussehen als gewöhnlich, unter den lieblichen Tinten, die in der Atmosphäre zu tanzen schienen. Judith bildete sich ein, die Freude, sie wieder zu sehen, habe einigen Antheil an diesem ungewohnten, einnehmenden Ausdruck, Sie wußte nicht, daß ihre eigne Schönheit in Folge derselben natürlichen Ursache sich noch vortheilhafter als gewöhnlich darstellte; auch wußte sie nicht, was zu wissen ihr eine so große Freude gemacht hätte, daß wirklich der junge Mann sie, als sie ihm näher kam, für die anmuthigste Creatur ihres Geschlechtes hielt, die seine Augen je gesehen. »Willkommen – willkommen, Wildtödter!« rief das Mädchen, als die Canoes an einander heranschwammen, nachdem die Ruder ihre Dienste eingestellt hatten; »wir haben einen traurigen – einen entsetzlichen Tag gehabt – aber Eure Rückkehr ist wenigstens Ein Unglück weniger. Sind die Huronen menschlicher geworden, und haben Euch gehen lassen; ober seyd Ihr den Elenden durch Euern Muth und Eure Geschicklichkeit entkommen?« »Keines von beiden, Judith, weder das eine noch das andere. Die Mingo's sind noch Mingo's, und werden als Mingo's leben und sterben; es ist nicht wahrscheinlich, daß ihre Natur je eine Verbesserung erfahren wird. Nun, sie haben ihre Gaben, und wir die unsrigen, Judith, und es geziemt sich auch nicht, übel zu reden von dem, was der Herr geschaffen hat; obwohl, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich es eine harte Probe finde, mild zu denken, oder mild zu reden von jenen Vagabunden. Was das betrifft, sie zu überlisten, so hätte das wohl geschehen können, und es ist auch geschehen, von der Schlange dort und von mir, als wir Hist auf der Spur waren –« hier hielt der Jäger inne und lachte in seiner geräuschlosen Weise; – »aber es ist nicht so leicht, den Ueberlisteten wieder zu überlisten. Selbst die Rehe lernen die Schliche der Jäger kennen, eh' Eine Jagdzeit vorüber ist; und ein Indianer, dem einmal durch eine Ueberlistung die Augen geöffnet worden sind, schließt sie nimmer wieder genau an demselbigen Platz. Ich habe weiße Männer gekannt, die das thaten, aber nie eine Rothhaut. Was sie lernen, das lernen sie durch Erfahrung, und nicht durch Bücher; und unter allen Schulmeistern gibt die Erfahrung die am längsten im Gedächtniß haftenden Lehren.« »Das ist Alles wahr, Wildtödter; aber wenn Ihr den Wilden nicht entwischt seyd, wie kommt Ihr denn hieher?« »Das ist eine natürliche Frage und zum Bezaubern gestellt. Ihr seyd wirklich wunderbar hübsch diesen Abend, Judith, oder Wilde Rose, wie Schlange Euch nennt, und wie ich wohl auch sagen darf, da ich in allem Ernst so denke. Ihr mögt sie wohl Mingo's nennen, und Wilde auch, denn wild genug sind sie gesinnt. und wild genug handeln sie, sobald Ihr ihnen einmal Gelegenheit gebt. Sie empfinden ihren Verlust hier, bei dem letzten Scharmützel, bis ins innerste Herz, und sind bereit, ihn an jeder Creatur von englischem Blute zu rächen, die ihnen in den Weg kommen mag. Ja, was das betrifft, ich glaube, sie würden sich auch nicht besinnen, ihre Genugthuung an einem Holländer zu nehmen.« »Sie haben Vater getödtet; das sollte ihren ruchlosen Blutdurst befriedigen,« bemerkte Hetty in vorwurfsvollem Tone. »Ich weiß es, Mädchen – ich weiß die ganze Geschichte – theils aus dem, was ich von der Küste aus gesehen habe, denn sie führten mich von dem Landvorsprung dahin, – theils aus ihren Drohungen gegen mich und ihren übrigen Reden. Nun, das Leben ist im besten Fall ein ungewisses Ding, und wir Alle hängen Tag für Tag in dieser Beziehung vom Athem unsrer Nase ab. Wenn Ihr einen kräftigen Freund und Beschützer verloren habt, wie ich das nicht bezweifle, so wird Euch die Vorsehung neue an seiner Statt erwecken; und sintemal unsre Bekanntschaft auf diese ungewöhnliche Art begonnen hat, will ich dieß als einen Wink ansehen, daß es in Zukunft auch zu meiner Pflicht gehört, falls sich Gelegenheit zeigt, Sorge zu tragen, daß Ihr keinen Mangel an Lebensmitteln leidet im Wigwam. Ich kann die Todten nicht wieder zum Leben bringen, aber die Lebenden zu ernähren – darin thun es mir Wenige zuvor auf dieser ganzen Grenze, was ich aber nur aus Mitleid und zum Trost für Euch sage, und keineswegs in der Absicht zu prahlen!« »Wir verstehen Euch, Wildtödter,« versetzte Judith hastig, »und nehmen Alles, was von Eurem Munde kommt, so wie es gemeint ist, in Wohlwollen und Freundschaft. Wollte Gott, alle Männer hätten so wahrhafte Zungen und so redliche Herzen!« »In der Hinsicht sind die Menschen verschieden, ganz gewiß, Judith. Ich habe Solche gekannt, denen nicht weiter zu trauen war, als man sie mit Augen sehen konnte; und wieder Andere, auf deren Botschaften, mit einem kleinen Stück Wampum gesandt, man sich vielleicht ebenso sicher verlassen konnte, als sähe man das ganze Geschäft vor Augen beendigt. Ja, Judith, Ihr spracht nie ein wahreres Wort, als da Ihr sagtet, auf manche Männer könne man sich verlassen, und auf Andere nicht.« »Ihr seyd ein unbegreifliches Wesen, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, nicht wenig verdutzt über die fast kindische Einfalt, die der Jäger so oft verrieth – eine so auffallende Einfalt, daß sie ihn nicht selten auf die gleiche Stufe mit der Schwachsinnigkeit Hettys zu stellen schien, obgleich immer gehoben durch die schöne, sittliche Wahrheit, die durch Alles durchschimmerte, was dieß unglückliche Mädchen sagte und that. »Ihr seyd ein höchst unerklärlicher Mann, und ich weiß oft nicht, wie ich Euch verstehen soll. Aber für jetzt lassen wir das; Ihr habt vergessen uns zu sagen, auf welche Weise Ihr hieher gekommen.« »Ich! – Oh, das ist nicht sehr unerklärlich, wenn auch ich selbst es bin, Judith. Ich bin auf Urlaub .« » Urlaub ! Das Wort hat eine Bedeutung unter den Soldaten, die ich verstehe; aber was es bedeutet, gebraucht von einem Gefangnen, wüßte ich nicht zu sagen.« »Es bedeutet gerade dasselbe. Ihr habt ganz Recht; die Soldaten gebrauchen das Wort, und gerade in demselben Sinne wie ich. Ein Urlaub ist das, wenn ein Mann Erlaubniß hat, ein Lager oder eine Garnison für eine gewisse, festbestimmte Zeit zu verlassen, nach deren Ablauf er zurückkommen und seine Muskete schultern, oder sich seinen Martern unterwerfen muß, je nachdem er zufällig ein Soldat oder ein Gefangner ist. Da das Letztere bei mir der Fall ist, so habe ich nothwendig auch die Aussichten einer Gefangenen.« »Haben Euch die Huronen so gehen lassen, ohne Wache oder Begleitung?« »Gewiß – ich konnte auf keine andere Weise kommen, es hätte denn durch eine kühne Erhebung oder durch Ueberlistung seyn müssen.« »Welches Pfand haben sie denn, daß Ihr wieder kommen werdet?« »Mein Wort,« antwortete der Jäger einfach. »Ja, ich gesteh' es, das gab ich ihnen, und große Narren wären sie gewesen, hätten sie mich ohne Das gehen lassen! Ha, in dem Fall wäre ich dann nicht genöthigt gewesen zurückzukommen, und mich allen Teufeleien zu unterwerfen, die ihre Wuth ausdenken mag, sondern hätte meine Büchse auf die Schulter und meinen Weg nach den Dörfern der Delawaren rasch unter die Füße nehmen können. Aber, o Herr! Judith, sie wußten das gerade so gut wie Ihr und ich, und wollten mich so wenig fort lassen, ohne meine Zusage, wieder kommen zu wollen, als sie die Wölfe die Gebeine ihrer Väter würden aufscharren lassen.« »Ist's möglich, denkt Ihr diese That unerhörter Selbsthinopferung und Gleichgültigkeit gegen Euer Leben zu begehen?« »Was meint Ihr?« «Ich frage, ist es möglich, daß Ihr glaubt im Stande zu seyn, Euch wieder in die Gewalt so grausamer Feinde zu liefern, indem Ihr Euer Wort haltet?« Wildtödter starrte die schöne Fragerin einen Augenblick mit finsterm Mißfallen an. Dann veränderte sich plötzlich der Ausdruck seines ehrlichen und arglosen Gesichts, und glänzte auf wie von einem raschen Gedanken erleuchtet; dann lachte er in seiner gewohnten Weise. »Ich verstand Euch anfänglich nicht, Judith, nein, wahrlich nicht! Ihr meint, Chingachgook und Harry Hurry würden es nicht leiden; aber Ihr kennt, wie ich sehe, die Menschen noch nicht von Grund aus. Der Delaware wäre der letzte Mann auf der Welt, der Einwendungen machte gegen das, was er als Pflicht erkannt; und was March betrifft, so kümmert er sich zu wenig um irgend eine Creatur außer sich selbst, um viele Worte über einen solchen Gegenstand zu verlieren. Doch wenn er es auch thäte, es machte nicht viel Unterschied; aber er thut es nicht – denn er denkt mehr an seinen Gewinn als selbst an sein eignes Wort. Meine Zusagen, oder die Eurigen, Judith, oder die von sonst Jemand, die fechten ihn wenig an. Seyd daher ganz unbesorgt. Mädchen; man wird mich zurückkehren lassen gemäß dem Urlaub; und wenn Schwierigkeiten erhoben würden, so bin ich nicht in den Wäldern aufgewachsen und erzogen, wenn man so sagen darf, ohne daß ich gelernt hätte, wie ich sie überwinden könnte.« Judith antwortete eine Weile nicht. All ihre Gefühle als Weib, – und als Weib, das zum ersten Mal in ihrem Leben anfing jenem Gefühle sich hinzugeben, welches so großen Einfluß auf das Glück oder das Elend ihres Geschlechtes übt – empörten sich gegen das grausame Schicksal, das, wie sie dachte, Wildtödter sich zuziehen würde, während das Rechtsgefühl, das Gott in jede Menschenbrust gepflanzt hat, sie eine so unbezwingliche und anspruchslose Rechtlichkeit bewundern hieß, wie diejenige, welche der Andere zu unbewußt an den Tag legte. Gründe und Zureden, fühlte sie, waren fruchtlos; auch war sie in diesem Augenblick nicht geneigt, die Würde und die sittliche Hochherzigkeit, welche in den Gesinnungen des Jägers so auffallend hervortraten, zu schwächen durch den Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Daß noch Etwas eintreten könne, was die Nothwendigkeit dieser Selbsthinopferung ersparte, bestrebte sie sich zu hoffen; und dann erkundigte sie sich genauer nach dem Verhalt der Sachen, um ihre Handlungsweise nach ihrer Kenntniß der Umstände einrichten zu können. »Wann ist Euer Urlaub aus, Wildtödter?« fragte sie, nachdem beide Canoe's der Arche mit dem Vordertheile sich näherten, und mit kaum bemerklichen Ruderschlägen durch das Wasser dahinglitten. »Morgen Mittag, – nicht eine Minute früher; und Ihr könnt Euch darauf verlassen, Judith, ich werde, was ich eine christliche Gesellschaft nenne, nicht einen Augenblick früher verlassen, als es schnurstracks nothwendig ist, um hinzugehen, und mich den Vagabunden dort auszuliefern. Sie fangen an, einen Besuch aus den Garnisonen zu besorgen, und wollten mir keine Minute länger zugeben; und es ist so ziemlich unter uns ausgemacht, daß, falls ich den Zweck meiner Sendung verfehle, die Martern anfangen sollen, wenn die Sonne anfängt unterzugehen, damit sie, sobald es dunkel ist, ihren Heimzug antreten können.« Dieß ward in ernstem Tone gesprochen, als wenn der Gedanke an das, was seiner, wie er glaubte, wartete, ziemlich auf der Seele des Gefangenen lastete, und doch so einfach, und ohne seine Bedrängniß zur Schau zu stellen, daß offene Kundgebungen des Mitgefühls eher zurückgewiesen als herausgefordert wurden. »Sind sie darauf erpicht, ihre Verluste zu rächen?« fragte Judith mit schwacher Stimme, da ihr eigner hoher Geist den Einfluß von des andern ruhiger aber würdevoller Rechtlichkeit und Entschlossenheit fühlte. »Nicht wenig, wenn ich die Gelüste von Indianern aus den Anzeichen zu beurtheilen verstehe. Sie meinen zwar, ich vermuthe ihre Absichten nicht, so scheint es mir; aber Einer, der so lang unter Menschen von Rothhautgaben gelebt hat, läßt sich so wenig täuschen über indianische Gefühle, als ein ächter Jäger die Spur seines Wildes, oder ein tüchtiger Hund seine Witterung verliert. Mein eignes Urtheil verspricht mir wenig für mein Entkommen, denn ich sehe, daß die Weiber sehr erbost sind wegen Hist's, obwohl ich das sage, der ich es eigentlich nicht sagen sollte, sintemal ich selbst die Hand dabei im Spiel hatte, das Mädchen los zu kriegen. Dann geschah in der letzten Nacht im Lager ein grausamer Mord, und jene Kugel hätte eben so gut durch meine Brust geschossen werden mögen. Indessen, komme was da will, Schlange und sein Weib werden gerettet seyn, und das ist immerhin ein Glück.« »Oh! Wildtödter, sie werden sich eines Bessern besinnen, da sie Euch bis morgen Mittag Zeit gegeben haben, Euch in Eurem Gemüth zu fassen.« »Ich denke nicht, Judith; ja, ich denke nicht. Ein Indianer ist ein Indianer, Mädchen, und es ist eine ziemlich leere Hoffnung, ihn zu täuschen, wenn er die Witterung bekommen hat, und sie verfolgt mit vorgestreckter Nase. Die Delawaren sind jetzt ein halb christlich gemachter Stamm – nicht daß ich eine solche Art von Christen für viel besser hielte, als die Vollblut-Ungläubigen – aber dennoch, was ein halbes Christenthum einem Mann Gutes bringen kann, dessen sind Einige unter ihnen theilhaft geworden, und doch haftet die Rachsucht noch fest an ihren Herzen, wie die verworrenen Schlingpflanzen hier an dem Baume! Dann hab' ich einen ihrer besten und kühnsten Krieger getödtet, wie sie sagen, und es wäre zu Viel, wenn man erwarten wollte, sie würden, wenn sie den Mann, der die That gethan, auf eben dem Streifzug, wo sie vorfiel, gefangen nehmen, ihm die Sache nicht in Rechnung bringen. Wäre ein Monat oder so darüber hingegangen, so würden ihre Gefühle sich gelegt haben, und wir hätten uns vielleicht freundschaftlicher verglichen, aber wie es ist, so ist es. Judith, wir sprechen da immer nur von mir und meinen Ungelegenheiten, während Ihr Noth genug gehabt habt, und vielleicht einen Freund ein Wenig über Eure Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen wünscht. Ist der alte Mann in's Wasser versenkt, wo, wie ich mir denke, sein Leichnam gern ruhen würde?« »Das ist er, Wildtödter,« antwortete Judith in fast unhörbarem Tone. »Diese Pflicht ist so eben erfüllt worden. Ihr vermuthet recht, daß ich einen Freund zu Rathe zu ziehen wünsche; und der Freund seyd Ihr. Harry Hurry steht im Begriff, uns zu verlassen; wenn er fort ist, und wir ein Wenig über die Gefühle dieser ernsten Pflichterfüllung hinweg sind, werdet Ihr mir, hoffe ich, eine Stunde allein gönnen. Hetty und ich sind in Ungewißheit und Verlegenheit, was thun.« »Das ist ganz natürlich, da die Dinge so plötzlich und fürchterlich gekommen sind. Aber da ist die Arche, und wir wollen hievon Mehr sprechen bei besserer Gelegenheit.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die stärksten Stürm' auf höchsten Bergen wehen, Die Ruhe wohnet unten in dem Thal; Die gleiten leicht, die auf dem Eise gehen, Sie finden Sorgen, der Vorwitz'gen Qual; Wer stille lebt, und damit ist begnügt. Geht Allen uns an ächter Weisheit vor; Wer diese Lehre haßt, der heiß' ein Thor! Churchyard. Die Begrüßung zwischen Wildtödter und seinen Freunden auf der Arche war ernst und beklommen. Die beiden Indianer besonders erriethen aus seinem ganzen Wesen, daß er nicht ein glücklich Entflohener war, und wenige bedeutsame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verständlich zu machen, wie ihr Freund sich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde sogleich nachdenklich; während Hist, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht besser kund zu geben wußte, als mittelst jener kleinen Aufmerksamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich sind. In wenigen Minuten jedoch war eine Art von allgemeinem Plan für das was in der Nacht geschehen sollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem ersten Augenschein glauben können, es bewege sich Alles im gewöhnlichen Geleise. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beschlossen, die Arche zum Castell hinaufzurudern, und sie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Entschluß war man zum Theil gekommen in Betracht des Umstandes, daß alle Canoe's wieder im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; besonders aber in Folge der Sicherheit, in die man sich nach Wildtödters Angaben versetzt glaubte. Er hatte den Stand der Dinge unter den Huronen genau geprüft, und war überzeugt, daß sie während der Nacht keine weiteren Feindseligkeiten beabsichtigten, da der erlittene Verlust sie für den Augenblick zu ferneren Anstrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen Antrag mitzutheilen – der eigentliche Zweck seines Besuchs; und wenn dieser angenommen wurde, war der Krieg zwischen den Parteien auf einmal zu Ende; und es war unwahrscheinlich, daß die Huronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß sie vor der Rückkehr des Gesandten wieder etwas Gewaltsames unternahmen. Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beschäftigten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft jedes auf die ihm eigenthümliche Art; denn Hast und Uebereilung im Rath oder in der Entschließung gehörte so wenig zu der Verfahrungsart der auf der Grenze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nachbarn. Die Mädchen machten sich mit Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu thun, trüb und schweigsam, aber doch immer für die ersten Bedürfnisse der Natur sorgend. Hurry machte sich beim Licht eines Feuerbrandes daran, seine Moccasins auszubessern; Chingachgook saß in düsterem Nachdenken da, während Wildtödter in einer Weise, die ebenso wenig Affektation als Unruhe verrieth, Killdeer , die Büchse Hutter's besichtigte, deren schon einmal Erwähnung geschah, und die später so berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau untersuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenscheinlich aus der Werkstätte eines ausgezeichneteren Waffenschmids. Es hatte einige wenige silberne Ornamente, obwohl die meisten Grenzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn seine Hauptverdienste bestanden in der Genauigkeit, womit es gezogen war, in der Vollkommenheit der einzelnen Bestandtheile, und in der Trefflichkeit des Metalls. Zu wiederholten Malen lehnte der Jäger die Schwanzschraube an seine Schulter und prüfte mit dem Auge das Visir, und eben so oft beugte er sich mit dem Leibe vor, und erhob langsam die Waffe, wie im Begriff auf ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und sich ihrer Tüchtigkeit zu raschem und genauem Feuern zu versichern. Alles dieß that er bei Hurry's Fackel, unbefangen und einfach, aber mit einem Ernst und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde. »Es ist eine prächtige Waffe, Hurry!« rief endlich Wildtödter, »und man könnte es Jammerschade finden, daß sie in die Hände von Weibern gefallen ist. Die Jäger haben mir von ihren Thaten erzählt; und nach Allem, was ich gehört, möchte ich behaupten, daß sie in erfahrenen Händen der sichere Tod ist. Hört nur das Schnellen dieses Schlosses – eine Wolfsfalle hat keine kräftigere Feder; Hahn und Pfanne stimmen zusammen und verstehen sich, wie zwei Singmeister, die zusammen einen Psalm singen. Ich habe nie einen so schön gebohrten Lauf gesehen, Hurry, das ist gewiß!« «Ja, der alte Tom pflegte große Stücke auf das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praxis zu erproben,« versetzte March, indem er die Wildlederriemen mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Moccasin zog. »Er war kein Schütze, das müssen wir Alle gestehen; aber er hatte seine guten Seiten, so wie seine schlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee kommen, Killdeer mir zu geben.« »Man kann nie dafür stehen, was junge Weiber thun werden, das ist gewiß, Hurry; und ich denke, Ihr habt so viel Aussicht, die Büchse zu bekommen, als ein Anderer. Dennoch, wenn die Dinge der Vollkommenheit so sehr nahe kommen, ist es Schade, wenn sie sie nicht erreichen.« »Was wollt Ihr damit sagen? Würde sich nicht dieß Gewehr auf meiner Schulter so gut ausnehmen, als auf der irgend eines Mannes?« »Was das Aussehen betrifft, so sage ich davon nichts. Ihr seht beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut aussehendes Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dieß Gewehr in der Hand gewisser Männer fallen, als in der Eurigen binnen einer Woche, Hurry! Ich habe Euch die Probe machen sehen; – Ihr erinnert Euch des Hirsches dieser Tage?« »Der Hirsch war außer der Wildpretjahrszeit; und wer mag Wildpret schießen außer seiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Creatur erschrecken, und ich denke, Ihr werdet gestehen müssen, er gerieth in nicht kleine Bestürzung!« »Gut, gut, Ihr sollt Euren Willen haben. Aber das ist ein herrenmäßiges Gewehr, und würde einen mit steter Hand und raschem Auge zum König der Wälder machen.« »Dann behaltet es, Wildtödter, und werdet König der Wälder!« sagte Judith ernst, die dem Gespräch zugehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Gesicht des Jägers. »Es kann nie in bessere Hände kommen, als in denen es jetzt ist, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!« »Judith, es kann Euch nicht Ernst seyn!« rief Wildtödter, so überrascht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er sonst bei gewöhnlichen Gelegenheiten blicken ließ. »Ein solches Geschenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!« »Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernst, Wildtödter; und es ist mir ebenso Ernst mit dem Wunsch wie mit dem Geschenk.« »Gut, Mädchen, gut, wir werden Zeit finden, wieder davon zu sprechen. Ihr müßt nicht niedergeschlagen seyn, Hurry, denn Judith ist ein flinkes Mädchen und sie hat einen raschen Verstand; sie weiß, daß der Ruf von ihres Vaters Büchse sichrer ist in meinen Händen, als er es möglicher Weise in Euren Händen seyn kann; und darum müßt ihr nicht niedergeschlagen seyn. In andren Dingen und zwar in solchen, die mehr nach Eurem Geschmack sind, werdet Ihr sehen, daß sie Euch den Vorzug gibt.« Hurry machte seinem Mißvergnügen mit Brummen Luft; aber er war zu begierig, den See zu verlassen und seine Vorkehrungen hiefür zu treffen, als daß er seinen Athem über einen Gegenstand dieser Art hätte verschwenden sollen. Bald nachher war das Nachtessen bereit, es ward in Schweigen eingenommen, wie es meist die Gewohnheit derjenigen ist, welche die Tafel nur als einen Platz der physischen Erquickung betrachten. Im gegenwärtigen Falle jedoch trugen Traurigkeit und Nachdenken auch ihren Theil zu der allgemeinen Abneigung gegen eine Unterhaltung bei; denn Wildtödter machte in so weit eine Ausnahme von den Gewohnheiten der Leute seiner Gattung, daß er nicht nur gerne bei solchen Gelegenheiten ein Gespräch anknüpfte, sondern oft auch in seiner Gesellschaft dieselbe Lust dazu rege machte. Nachdem die Mahlzeit zu Ende, und der bescheidene Apparat entfernt war, versammelte sich die ganze Gesellschaft auf der Plattform, um die erwartete Mitteilung von Wildtödter über den Zweck seines Besuchs zu vernehmen. Es war unverkennbar, daß er nicht eilte, seine Mittheilung zu machen; aber Judiths Gefühle duldeten keinen längern Aufschub. Stühle wurden aus der Arche und der Hütte gebracht, und alle Sechse setzten sich in einen Kreis nahe bei der Thüre, und beobachteten Eines des Andern Gesicht, so gut sie es vermochten bei dem spärlichen Licht, das eine liebliche, sternhelle Nacht bot. Die Küste entlang, unter den Bergen, lag die gewöhnliche Masse schwereren Dunkels; aber auf die Breite des See's fiel kein Schatten und tausend Bilder der Sterne tanzten in dem durchsichtigen Element, das von der Abendluft nur so weit aufgeregt wurde, um sie alle schwankend und bewegt erscheinen zu lassen. »Jetzt, Wildtödter,« begann Judith, deren Ungeduld keinen weitern Zwang litt; »jetzt, Wildtödter, sagt uns Alles, was die Huronen uns entbieten, und den Grund, warum sie Euch auf Parole entlassen haben, um uns ein Anerbieten zu machen.« »Urlaub, Judith, Urlaub ist das Wort; und es hat dieselbe Bedeutung bei einem Gefangenen, dem man einige Freiheit gönnt, wie bei einem Soldaten, dem man gestattet, seine Fahnen zu verlassen. In beiden Fällen wird das Wort gegeben, zurückzukommen; und jetzt erinnere ich mich gehört zu haben, daß das die wirkliche Bedeutung ist, da Urlaub so viel heiße als ein Wort , darauf gegeben, daß man etwas thun wolle, oder dergleichen. Parole, glaube ich beinahe, ist holländisch, und hat Etwas mit dem Zapfenstreich der Garnisonen zu schaffen. Aber das macht weiter keinen Unterschied, sintemal die Tugend eines Pfandes in der Idee liegt, und nicht im Wort. Nun denn, wenn die Botschaft ausgerichtet werden muß, so muß sie; und vielleicht nützt es nichts, sie aufzuschieben. Hurry wird verlangend seyn, bald seine Reise an den Fluß anzutreten, und die Sterne gehen auf und unter, als ob sie weder um Indianer noch um Botschafter sich kümmerten, Ach, leider! Es ist keine angenehme, und ich weiß, es ist eine fruchtlose Sendung; – aber doch muß ich meinen Auftrag bestellen.« »Hört, Wildtödter,« fiel Hurry etwas vornehm und gebieterisch ein; »Ihr seyd ein verständiger Mann auf einer Jagd, und ein so guter Kamerad auf einem Marsch, als sich Einer, der seine sechzig Meilen des Tags macht, nur wünschen mag; aber Ihr seyd entsetzlich langsam mit Botschaften, besonders solchen, wovon Ihr glaubt, daß sie nicht gut dürften aufgenommen werden; wenn etwas gesagt werden muß, nun so sagt es, und haust nicht zurück, wie ein Yankee Advokat, der behauptet, er verstehe eines Holländers Englisch nicht, nur um die doppelten Sporteln von ihm zu bekommen.« »Ich verstehe Euch, Hurry, und mit Recht tragt Ihr Euren Namen heute Nacht, angesehen, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt. Aber laßt uns mit Einmal zum Hauptpunkt kommen, angesehen, daß dieß der Zweck dieser Berathung ist; denn eine Berathung kann es genannt werden, obschon Weiber unter uns Sitz haben. Die Sache ist einfach diese. Als die Truppe vom Castell zurückkam, hielten die Mingos einen Rath, und schlimme Gedanken walteten vor, wie deutlich zu sehen war aus ihren finstern Gesichtern. Niemand läßt sich gerne schlagen, und eine Rothhaut so wenig, als ein Bleichgesicht. Nun, als sie darüber geraucht, und ihre Reden gehalten hatten, und ihr Rathsfeuer herabgebrannt war, kam die Sache zum Beschluß. Es scheint, die Aelteren unter ihnen waren der Meinung, ich sey ein Mann, den man mit Vertrauen auf Urlaub wegschicken könne. Sie sind wunderbar scharf im Beobachten, diese Mingos, das muß ihnen ihr schlimmster Feind lassen; aber sie waren der Meinung, ich sey ein solcher Mann, und es geschieht nicht oft –« fuhr der Jäger fort, mit einem wohlthuenden Bewußtseyn und Selbstgefühl, daß sein früheres Leben dieß unbedingte Vertrauen zu seiner Redlichkeit rechtfertigte – »es ist nicht oft, daß sie eine gute Meinung haben von einem Bleichgesicht; aber von mir hatten sie sie, und darum bedachten sie sich nicht, ihre Gesinnungen auszusprechen, und die sind so. – Ihr seht den Stand der Dinge. Der See und Alles darauf, bilden sie sich ein, sey ihrer Willkür preisgegeben. Thomas Hutter sey todt, und was Hurry betrifft, so sind sie auf die Idee gekommen, er sey heute dem Tod nahe genug gewesen, um für diesen Sommer nicht zu wünschen, ihn noch einmal so in der Nähe zu sehen. Daher rechnen sie so, alle Eure Streitkräfte beschränken sich auf Chingachgook und die beiden Mädchen, und wie sie wissen, daß der Delaware von hohem Geschlecht und ein geborner Krieger ist, so wissen sie auch, daß er jetzt auf seinem ersten Kriegspfad ist. Was die Mädchen betrifft, so taxiren sie die natürlich eben nur so wie die Weiber überhaupt.« »Ihr wollt sagen, sie verachten uns!« unterbrach ihn Judith mit Augen, die so leuchtend flammten, daß es allen Anwesenden auffiel. »Das wird man am Ende sehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkühr preisgegeben sey, und daher senden sie durch mich diesen Gürtel Wampum,« und er zeigte, wie er so sprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren, »mit diesen Worten: Sagt der Schlange, sprachen sie, er hat sich gut gehalten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge sich wenden nach seinen Dörfern, und Niemand soll seiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit sich nehmen; die Tapfern unter den Huronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünscht. Wenn er schnellfüßig ist, so steht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Diensten. Hist aber muß zurück zu den Huronen; als sie sie in der Nacht verließ, nahm sie durch Versehen mit sich, was nicht ihr gehört.« »Das kann nicht wahr seyn!« sagte Hetty ernst. »Hist ist kein solches Mädchen – sondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt –« Was sie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wissen, denn Hist, halb lachend, und halb in Beschämung ihr Angesicht versteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun. »Ihr versteht nicht Mingo-Botschaften, arme Hetty,« fuhr Wildtödter fort, »welche selten das meinen, was dem Anschein nach zu oberst liegt. Hist hat die Neigung eines jungen Huronen mit sich genommen, und sie verlangen sie zurück, damit der arme junge Mann sie wieder da finde, wo er sie zuletzt gelassen! Schlange, sagen sie, ist ein zu vielversprechender junger Krieger, um nicht so viele Weiber zu finden als er verlangt, aber diese Eine kann er nicht haben. Das ist ihre Meinung und nichts Anderes, wie ich es verstehe.« »Sie sind sehr verbindlich und einsichtsvoll, daß sie voraussetzen, ein junges Weib könne alle ihre eignen Neigungen vergessen, um diesen unglücklichen Jüngling die seinige finden zu lassen!« sagte Judith ironisch; aber im Weitersprechen wurde ihr Ton bitterer. »Ich denke, ein Weib ist ein Weib, sey ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verstehen sich wenig auf das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn sie meinen, es könne je verzeihen, wenn es mißhandelt worden, oder je vergessen, wenn es innig liebt.« »Ich denke das ist so ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch Solche gekannt, die Beides konnten. Die nächste Botschaft ist an Euch. Sie sagen, die Bisamratze, wie sie Alle Euren Vater nennen, ist untergetaucht in den Grund des See's; er wird nimmer wieder heraufkommen, und seinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nahrung fehlen. Die Huronen-Hütten, meinen sie, sind besser als die Hütten von York; sie wünschen, daß Ihr kommt und einen Versuch macht. Eure Farbe ist weiß, das gestehen sie zu, aber sie meinen, Mädchen, die so lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich sein Weib verloren, und er würde sich freuen, die Wilde Rose auf ihre Bank an seiner Feuerseite zu setzen. Was die Schwachsinnige betrifft, so wird sie immer geehrt und gut besorgt seyn bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen sie, sollen den Stamm bereichern; aber Eure eigne Habe, worin alle und jede Weibersachen eingeschlossen sind, soll, wie bei allen Weibern, mit in den Wigwam des Mannes kommen. Ueberdieß haben sie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, und es erfordere zwei Bleichgesichter, ihren Platz auszufüllen.« »Und Ihr bringt mir eine solche Botschaft!« rief Judith, obwohl der Ton, womit sie das sagte, mehr Kummer als Zorn verrieth. »Bin ich ein Mädchen, das eines Indianers Sklavin zu seyn verdient?« »Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über diesen Punkt zu hören wünscht, Judith, so will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, sey er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum beurtheilen, daß ich die Botschaft so genau als ich nur konnte, in denselben Worten überbrachte, womit sie mir aufgetragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meinen Urlaub bekam, und ein Handel ist ein Handel, sey er auch mit einem Vagabunden geschlossen. Ich habe Euch berichtet, was sie gesagt haben, aber Euch noch nicht gesagt, was nach meiner Meinung Ihr insgesammt antworten solltet.« »Ja, laßt uns das hören, Wildtödter,« versetzte Hurry. »Meine Neugier ist sehr gespannt bei dieser Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räsonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft, ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entschlossen, und werde sie sobald als nöthig kund thun.« »Und ich ebenso, Hurry, über alle die verschiednen Hauptpunkte, und über keinen ist meine Ansicht entschiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich sagen: ›Wildtödter, sagt den Schurken drüben, sie kennen Hurry March nicht! Er ist menschlich; und wie er eine weiße Haut hat, so hat er auch eine weiße Natur, und diese Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von seiner Race und von seinen Gaben in ihrer größten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der sich weigert, Eurem Vertrage beizutreten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verschmaucht.‹« March war etwas verlegen über diesen zurechtweisenden Vorwurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgesprochen ward, und mit einer Schärfe, die seinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Judith aufgemuntert, so hätte er sich nicht bedacht, dazubleiben, um sie und ihre Schwester zu vertheidigen, aber unter den obwaltenden Umständen trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr sie zu verlassen. Jedenfalls besaß Hurry Harry nicht so viel Ritterlichkeit, um sich bewogen zu finden, die Sicherheit seiner eignen Person auf's Spiel zu setzen, wenn er nicht einen augenfälligen Zusammenhang zwischen den wahrscheinlichen Folgen und seinem eigenen Interesse sah. Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Antwort gleicherweise seine Absicht und die Zuversicht verrieth, welche er so prahlerisch auf seine riesenhafte Stärke setze, die ihn, wo nicht immer muthig, doch gewöhnlich unverschämt machte gegenüber denen, mit welchen er verkehrte. »Gute Worte erzeugen lange Freundschaften, Meister Wildtödter,« sagte er, ein wenig drohend. »Ihr seyd erst ein junger Laffe, und Ihr wißt aus Erfahrung, was Ihr seyd in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich seyd, sondern nur ein Zwischenträger, von den Wilden an uns Christen gesandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern sagen, daß sie Harry March nicht kennen, was ein Beweis ist sowohl von ihrem Verstand als von dem seinigen. Er ist menschlich genug, um der menschlichen Natur zu folgen, und die heißt ihn die Thorheit davon einsehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich lassen, so müssen sie gefaßt seyn, von ihm im Stich gelassen zu werden, ob sie nun von seinen Gaben, oder von andrer Menschen Gaben seyen. Sollte Judith es passend finden, ihren Sinn zu ändern, so ist sie mir willkommen zur Gesellschaft nach dem Fluß, und Hetty dazu; entschließt sie sich aber dazu nicht, so breche ich auf, sobald ich denken kann, daß die Kundschafter des Feindes für die Nacht im Gebüsch und Laubwerk unterzukriechen anfangen.« »Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und sie begehrt Eure Gesellschaft nicht, Meister March,« versetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit. »Der Punkt ist also in's Reine gebracht,« begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern. »Hurry Harry muß für sich selbst handeln, und thun, was seinem Geschmack am meisten zusagen mag. Die Handlungsweise, zu der er entschlossen scheint, wird ihm auf freies Feld für leichte Füße verhelfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewissen. Dann kommt die Frage, Hist betreffend – was sagt Ihr, Mädchen? – wollt Ihr auch Eure Pflicht verlassen, und zu den Mingo's zurückgehen, und einen Huronen zum Mann nehmen, und das Alles nicht aus Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen sollt, sondern aus Liebe zu Eurem eignen Skalp?« »Warum Ihr so sprechen zu Hist?« fragte das Mädchen halb beleidigt. »Ihr denken, ein Rothhautmädchen seyn wie eines Kapitäns Lady, lachen und scherzen mit jedem Officier der kommt.« »Was ich in dieser Sache denke, darauf kommt Nichts an. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr sie zuerst geben. Ein treuer Bote richtet seinen Auftrag aus, Wort für Wort.« Hist bedachte sich nicht länger, ihr Herz offen auszusprechen. In ihrer Aufregung stand sie von ihrer Bank auf, und ganz natürlich derjenigen Sprache sich bedienend, in welcher sie sich am leichtesten ausdrückte, erklärte sie sich über ihre Gesinnungen und Absichten, schön und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes. »Sagt den Huronen, Wildtödter,« sprach sie, »daß sie so unwissend sind wie Maulwürfe; sie wissen nicht den Wolf vom Hund zu unterscheiden. Unter meinem Volke stirbt die Rose auf dem Stengel, auf dem sie entknospet ist; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber seiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen ausgestreut worden ist. Die Delawaren-Mädchen sind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm sendet. Sie sind Gaißblattblüthen, die am süßesten duften in ihren eignen Wäldern; ihre eignen jungen Männer tragen sie an ihrer Brust, weil sie so wohlriechend sind; sie sind am süßesten, wenn man sie von ihren heimischen Stengeln pflückt. Selbst das Rothkehlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Nestern; soll ein Weib weniger treu seyn, als ein Vogel? Setzt die Tanne in Lehmboden, so wird sie gelb; die Weide wird nicht gedeihen auf dem Berge; die Tamariske ist am gesundesten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meinen die Winde zu hören, die über das Salzwasser herwehen. Ein Huronen-Jüngling, was ist er für ein Mädchen vom Lenni Lenape? Er mag flink seyn, aber ihre Augen folgen ihm nicht auf seinem Lauf; sie schauen zurück nach den Hütten der Delawaren. Er mag ein süßes Lied singen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Musik als in der Zunge, der sie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hurone geboren aus dem Volke, das einst umherzog an den Küsten des Salzsee's, es wäre umsonst, wenn er nicht aus der Familie der Unkas stammte. Die junge Tanne wird so hoch emporwachsen als irgend Einer seiner Väter. Wah-ta!-Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!« Wildtödter lauschte dieser charakteristischen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernst, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen sie hervorging, mit unverhehlter Freude; und er erwiederte die glühende Beredsamkeit des Mädchens, als sie schloß, mit seinem herzlichen stillen, eigenthümlichen Lachen. »Das ist mehr werth, als alle Wampums der Welt!« rief er. »Ihr versteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eignen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch sagen lassen, Ihr sollet den Mann Eurer Wahl aufgeben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, so werdet Ihr Euch die Hauptsache schon denken können, dafür steh' ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredsamkeit, wenn sie sich nur einmal entschließen, auszusprechen, was sie fühlen. Unter Sprechen verstehe ich aber nicht plaudern, denn das thun die Meisten von ihnen jede Stunde; sondern mit ihren ehrlichen, tiefsten Gefühlen in passenden Worten herausrücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Rothhautmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgesichts bekommen, wenn anders ein so blühendes Gesicht wie das Eurige, irgend so genannt werden darf. Es ist ein schöner Name für Euch: Wilde Rose, und was die Farbe anlangt, sollte man Hetty die Gaißblattblüthe nennen.« »Käme diese Sprache aus dem Munde eines der galanten Herren von der Garnison, so würde ich sie verlachen, Wildtödter; aber da sie aus Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlassen,« versetzte Judith, im Innersten geschmeichelt durch seine natürlichen und charakteristischen Complimente. »Es ist jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen; die Große Schlange hat noch nicht geredet.« »Die Schlange! Herr; ich könnte seine Rede ausrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorzulegen, ich gesteh' es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angesehen daß Wahrheit eben Wahrheit ist, und ich verpflichtet bin, diesen Mingo's eben die Thatsache zu berichten, und sonst Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Gesinnung hören über diese Sache – seyd Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wenden über die Berge, Hist einem Huronen abzutreten, und den Häuptlingen zu Hause zu melden: wenn sie rüstig und glücklich seyen, können sie möglicher Weise die Spur der Irokesen noch treffen, zwei oder drei Tage, nachdem der Feind auf und davon ist?« Wie seine Verlobte stand auch der junge Häuptling auf, um seine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. Hist hatte gesprochen, die Hände über der Brust gekreuzt, als wollte sie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger aber streckte einen Arm vor sich aus, mit einer ruhigen Energie, welche seinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab. »Wampum sollte gesandt werden für Wampum,« sagte er; »eine Botschaft muß beantwortet werden mit einer Botschaft. Hört, was die große Schlange von den Delawaren zu sagen hat den angeblichen Wölfen von den großen Seen, die durch unsere Wälder heulen. Sie sind keine Wölfe; sie sind Hunde, die gekommen sind, sich ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delawaren stutzen zu lassen. Sie sind gut, junge Weiber zu stehlen, aber schlecht, sie zu verwahren und zu behaupten. Chingachgook nimmt sein Eigenthum, wo er es findet, – er fragt keinen Köter aus den Canada's um Erlaubniß dazu. Wenn er ein zärtliches Gefühl in seinem Herzen hat, so geht das die Huronen Nichts an. Er sagt es ihr, die es am liebsten hört; er will es nicht in den Forst hinausbellen für die Ohren derjenigen, die nur das Geschrei der Angst verstehen. Was in seiner Hütte vorgeht, gebührt nicht einmal den Häuptlingen seines eigenen Volkes zu wissen, viel weniger den Mingo-Schuften.« – »Nennt sie Vagabunden, Schlange,« unterbrach ihn Wildtödter, der seine Freude nicht zu zügeln vermochte – »ja nennt sie nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort ist, das sich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßtesten, weil es so wahr ist. Seyd unbesorgt wegen meiner; ich will Eure Botschaft an sie bestellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz – und sie verdienen nichts Besseres von Euch. – Nennt sie nur Vagabunden, ein oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen steigen machen von den untersten Wurzeln bis in die höchsten Zweige!« »Viel weniger den Mingo-Vagabunden!« fuhr Chingachgook fort, gerne bereit, seines Freundes Verlangen zu willfahren. – »Sagt den Huronen-Hunden, sie müssen lauter heulen, wenn sie wünschen, daß ein Delaware sie in den Wäldern finde, wo sie sich verkriechen wie Füchse, statt zu jagen wie Krieger. Als sie ein Delawarenmädchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, sie aufzujagen; jetzt wird man sie vergessen, wenn sie nicht Lärm machen. Chingachgook mag sich nicht die Mühe nehmen, von seinen Dörfern mehr Krieger herbeizuholen; er kann ihren flüchtigen Zug schon treffen; wenn sie sich nicht unter dem Boden verstecken, wird er sie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah-ta!-Wah bei sich behalten, sein Wildpret zu kochen; sie Beide werden Delawaren genug seyn, um alle Huronen in ihr Land zurückzuscheuchen.« »Das ist eine wichtige Depesche, wie die Officiere diese Dinge nennen!« rief Wildtödter; »sie wird alles Blut der Huronen in Bewegung bringen; ganz besonders der Theil, wo er ihnen sagen läßt, auch Hist werde ihnen nachsetzen, bis sie völlig aus dem Lande getrieben seyen. Ach, ja freilich! große Worte sind nicht immer große Thaten, bei alle dem! der Herr gebe, daß wir nur halb so tüchtig zu seyn vermögen, als wir verheißen! Und jetzt, Judith, ist die Reihe an Euch, zu reden; denn die Elenden werden eine Antwort erwarten von jeder Person, die arme Hetty vielleicht ausgenommen.« »Und warum nicht von Hetty, Wildtödter? Sie spricht oft vernünftig und passend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, denn sie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zustand.« »Das ist wahr, Judith, und ein rascher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhäute achten das Unglück in jeder Gestalt, und namentlich das Hetty's. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu sagen habt, so will ich es den Huronen so getreulich ausrichten, als wären es die Worte eines Schulmeisters oder Missionärs.« Das Mädchen bedachte sich einen Augenblick, und dann antwortete sie in ihrem sanften, milden Tone, so ernst als nur Einer unter ihren Vorgängern: »Die Huronen müssen den Unterschied zwischen weißen Leuten und ihnen selbst nicht begreifen können,« sagte sie, »sonst würden sie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen sollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgesondert für uns leben. Dann sagte auch Mutter immer, wir sollten wo möglich nur immer unter Christen leben, und das ist ein Grund, warum wir nicht gehen können. Dieser See ist unser, und wir wollen ihn nicht verlassen. Vaters und der Mutter Gräber sind darin, und selbst die schlechtesten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und sie sehen, wenn sie das von mir verlangen, und ihnen noch Mehr aus der Bibel vorlesen, aber des Vaters und der Mutter Grab kann ich nicht verlassen.« »Das ist recht, das ist recht, Hetty, gerade so gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal so lange Botschaft schicktet,« unterbrach sie der Jäger. »Ich will ihnen Alles sagen, was Ihr gesprochen habt und was Ihr meint, und ich stehe dafür, daß sie leicht befriedigt seyn werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch, und dann ist dieser Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende.« Judith zeigte ein Widerstreben, ihre Antwort zu geben, das ein Wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem bekannten lebhaften Geist urtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen und Grundsätzen nicht minder treu bleiben werde, als Hist oder Hetty; und doch war eine merkliche, schwankende Unentschlossenheit bei ihr sichtbar, die ihm einige Unruhe machte. Selbst jetzt, wo er sie geradezu aufforderte zu sprechen, schien sie sich zu bedenken, und sie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe Schweigen ihr zeigte, mit welcher Spannung man auf ihre Worte warte. Da sprach sie zwar, aber unsicher und mit Widerstreben. »Sagt mir erst – sagt uns erst, Wildtödter,« begann sie, die Worte wiederholend, nur um den Nachdruck anders zu setzen – »welchen Einfluß werden unsere Antworten auf Euer Schicksal haben? Wenn Ihr das Opfer unserer trotzigen Keckheit seyn solltet, so wäre es besser gewesen, wenn wir Alle eine bedächtlichere und schlauere Sprache geführt hätten. Was also werden denn wohl die Folgen für Euch seyn?« »Herr im Himmel, Judith. Ihr könntet mich eben so gut fragen, woher der Wind wehen werde in der nächsten Woche, oder wie alt das nächste Wild sey, das geschossen werde! Ich kann nur sagen, daß ihre Gesichter mich etwas finster anschauen; aber es donnert nicht jedesmal, wenn eine schwarze Wolke am Himmel aufsteigt, auch weht nicht jeder Windstoß Regen zusammen. Das ist somit eine Frage, die viel leichter zu machen als zu beantworten ist.« »So ist es auch mit dieser Botschaft der Irokesen an mich,« versetzte Judith, aufstehend, als wäre sie für den Augenblick über ihre Handlungsweise entschieden. »Meine Antwort werde ich geben, Wildtödter, nachdem wir, Ihr und ich, miteinander gesprochen, und die Andern sich für die Nacht zur Ruhe begeben haben.« Es war eine Entschiedenheit in dem ganzen Wesen des Mädchens, welche Wildtödter geneigt machte, sich dieß gefallen zu lassen, und er that dieß um so leichter, als der Aufschub nach keiner Seite hin wesentliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Versammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte seinen Entschluß an, sie bald zu verlassen. Während der Stunde, die man noch verstreichen ließ, damit inzwischen noch stärkere Dunkelheit eintrete, bis der Grenzmann aufbrach, machten sich die verschiedenen Individuen Jedes in seiner gewohnten Art zu schaffen, und der Jäger insbesondere brachte die meiste Zeit damit zu, die Trefflichkeit der schon erwähnten Büchse noch weiter zu untersuchen. Die Stunde Neun kam jedoch bald heran, und dann, so war es bestimmt, sollte Hurry seine Reise antreten. Statt seinen Abschied freimüthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zu sagen nöthig fand, mürrisch und kalt vor. Erbitterung über Judiths Hartnäckigkeit, wie er es ansah, war gemischt mit Kränkung und Verdruß über die Begegnisse, die ihm zugestoßen, seit er den See erreicht hatte; und wie es gewöhnlich ist bei gemeinen und engherzigen Menschen, war er mehr geneigt, Andern wegen seiner Mißgeschicke Vorwürfe zu machen, als sich selbst zu tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebensosehr aus Freude als mit Bedauern, während die beiden Delawaren ohne Leidwesen erfuhren, daß er sie verlassen wolle. Unter der ganzen Gesellschaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verschämtheit und die Schüchternheit ihres Geschlechts und Charakters hielten auch sie einigermaßen entfernt, so daß Hurry in das Canoe trat, wo Wildtödter schon seiner wartete, ehe sie sich nahe genug heran wagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende gerade als die kleine Barke von ihr abstieß mit so leichter und stetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty sprach: »Lebt wohl, Hurry,« rief sie mit ihrer süßen Stimme – »lebt wohl, lieber Hurry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis ihr die Garnison erreicht. Die Blätter auf den Bäumen sind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und sie würden einen starken Mann nicht so mild behandeln, wie sie mich behandeln.« Die fesselnde Anziehungskraft, welche March für dieß schwachsinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten besaß, beruhte auf einem Gesetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen seiner Person; und ihr moralischer Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug gewesen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der sonst allerdings, selbst bei einem Wesen von so stumpfen Geisteskräften, hätte vermindert werden müssen. Hetty's Instinkt für das Rechte, wenn ein solcher Ausdruck gebraucht werden darf von einem Wesen, das von einem guten Geist geleitet zu werden schien, um mit nie irrender Genauigkeit zwischen Gut und Böse dahinzusteuern, würde über tausend Punkte in Hurry's Charakter sich empört haben, wäre Gelegenheit gewesen, sie darüber aufzuklären; aber während er, von ihr selbst sich ferner haltend, mit ihrer Schwester plauderte und tändelte, hatten seine vollendet schöne Gestalt und seine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zusatz und die Legirung seiner Gesinnungen und seiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand sie ihn roh und derb; aber das war auch ihr Vater, und die meisten andern Männer, die sie gesehen; und was ihr als eine Eigenthümlichkeit des ganzen Geschlechts erschien, fiel ihr in Hurry's Charakter weniger ungünstig auf, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Doch war es nicht eigentlich Liebe, was Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dieß nicht in unserer Schilderung finden, sondern nur die erwachende Empfänglichkeit des Gefühls und Bewunderung, die, unter günstigeren Verhältnissen, und immer vorausgesetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinsichtlich des Charakters des jungen Mannes hindernd dazwischengekommen wären, bald zu jener allbeherrschenden Leidenschaft hätten heranreifen können. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenschaft. Vielleicht die stärkste Annäherung zu letzterer, die sich in Hetty's Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die sie hatte March's Vorliebe für ihre Schwester entdecken lassen; denn, bei den zahlreichen Bewunderern Judiths war dieß das einzige Mal, daß der umwölkte Geist des Mädchens die zur Beobachtung der Verhältnisse erforderliche Schärfe aufgeboten hatte. Man hatte Hurry bei seinem Aufbruch so wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty's, wie sie ihm so nachrief, ihm ganz wohlthuend und tröstlich klangen. Er hielt das Canoe auf, und mit einem Schwung seines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war Mehr, als Hetty, deren Muth mit dem Weggehen ihres Helden gestiegen war, erwartet hatte, und sie bebte jetzt schüchtern zurück bei seiner unverhofften Rückkehr. »Ihr seyd ein gutes Mädchen, Hetty, und ich kann Euch nicht ohne ein Händeschütteln verlassen,« sagte March freundlich. «Judith ist am Ende nicht so viel werth als Ihr, obgleich sie um eine Kleinigkeit besser aussehen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit und Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verstand bei einem jungen Weib ist, so wiegt Ihr zehn Judiths auf; ja und in Wahrheit die meisten Mädchen meiner Bekanntschaft.« »Sagt Nichts gegen Judith, Harry,« erwiederte Hetty in bittendem Tone. »Vater ist todt, und Mutter ist todt, und Niemand ist übrig, als Judith und ich, und es ist nicht recht, wenn Schwestern übel von einander reden, oder zuhören, wenn man so redet. Vater ist im See, und Mutter auch, und wir sollten Alle Gott fürchten, denn wir wissen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden.« »Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiste, was Ihr sprecht. Nun, wenn wir uns je wieder sehen, Hetty, so werdet Ihr einen Freund an mir finden, thue auch Eure Schwester was sie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich gesteh' es, denn wir dachten verschieden über die meisten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, und ich, paßten für einander so prächtig, wie ein hirschlederner Anzug einem wohlgebauten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung gewesen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um seinetwillen, wie Euretwillen.« »Lebt wohl, Hurry,« sagte Hetty, die jetzt so sehnlich wünschte, den jungen Mann bald fortzubringen, als sie noch vor einem Augenblick gewünscht hatte, ihn zurückzuhalten, obgleich sie sich vom einen Gefühl so wenig als vom andern klare Rechenschaft zu geben wußte; »lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Euch nicht auf, bis Ihr die Garnison erreicht. Ich will ein Kapitel in der Bibel für Euch lesen, eh' ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken.« Dieß hieß einen Punkt berühren, rücksichtlich dessen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte schüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand und begab sich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa sechs Minuten hatte man sie schon ganz aus dem Gesicht verloren. Hetty seufzte tief, und trat zu ihrer Schwester und Hist. Eine Zeit lang ruderten Wildtödter und sein Genosse schweigend fort. Es war beschlossen worden, Hurry gerade an dem Landvorsprung ans Land zu setzen, wo er sich, wie wir im Anfang unsrer Erzählung berichtet, eingeschifft hatte; nicht nur weil dieser Platz von den Huronen schwerlich so genau bewacht wurde, sondern auch weil Hurry auf diesem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertraut war, um auch bei Nacht sich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin steuerte denn das leichte Fahrzeug, so emsig und rasch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe-Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Wasser treiben konnten. Weniger als eine Viertelstunde genügte für ihr Vorhaben, und als sie nach Verfluß dieser Zeit sich im Bereich der Schatten der Küste, und ganz nahe dem gesuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abschiedsbesprechung außer der Gehörweite irgend eines Lauschers, der etwa in der Nähe seyn konnte, zu halten. «Ihr werdet wohl daran thun, die Officiere der Garnison zu bereden, daß sie einen Streifzug gegen diese Vagabunden unternehmen, sobald Ihr hineinkommt, Hurry,« begann Wildtödter; »und noch besser, wenn Ihr sie selbst als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Gestalt des See's, und die Natur des Landes, und könnt es besser thun, als ein gewöhnlicher, allgemeiner Kundschafter. Geht zuerst auf das Lager der Huronen los, und folgt den Zeichen, die sich Euch dann darbieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zustand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine schöne Gelegenheit seyn, den Mingo's auf die Fährte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zu machen, den sie lange genug mit sich herumtragen sollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterschied machen für mich, denn diese Sache wird abgemacht seyn, ehe die Sonne des morgenden Tages unter ist; aber es kann eine große Aenderung für Judiths und Hettys Hoffnungen und Aussichten bewirken!« »Und was Euch selbst angeht, Nathaniel,« erkundigte sich Hurry mit größerer Theilnahme, als er sonst für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte – »und was Euch selbst betrifft, was haltet Ihr für wahrscheinlich, daß Euch widerfahren werde?« »Das weiß der Herr allein in seiner Weisheit, Henry March! Die Wolken sehen schwarz und drohend aus, und ich setze mein Gemüth in Verfassung, das Schlimmste zu erdulden. Rachsüchtige Gefühle herrschen vor in den Herzen der Mingo's, und jede kleine Täuschung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangnen, oder Hist's, kann die Marter zur Gewißheit machen. Der Herr in seiner Weisheit allein kann mein Schicksal bestimmen, oder das Eure!« »Das ist ein schwarzer Handel, und sollte in irgend einer Art und Weise gehemmt werden,« versetzte Hurry, die Unterscheidungen zwischen Recht und Unrecht verwechselnd, wie gewöhnlich bei selbstsüchtigen und gemeinen Menschen der Fall ist. »Ich wünschte von Herzen, der alte Hutter und ich hätten jede Creatur in ihrem Lager skalpirt in der Nacht, da wir zuerst mit diesem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht gesträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen; dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der desperaten Lage gefunden, von der Ihr sprecht.« »Besser hättet Ihr gesagt, Ihr wünschet, daß Ihr gar nie zu thun versucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben schlecht geziemt; in diesem Falle wäre uns nicht nur vielleicht jeder Kampf erspart geblieben, sondern Thomas Hutter würde auch jetzt noch leben, und die Herzen der Wilden würden nicht so rachgierig seyn. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, war eine unberufene That, und läßt eine schwere Last auf unserm Namen, wo nicht auf unserm Gewissen zurück!« Dieß war so klar, und es leuchtete im Augenblick Hurry selbst so ein, daß er das Ruder ins Wasser tauchte, und anfing, das Canoe der Küste zuzurudern, als strebte er nur seiner eignen, lebhaften Reue zu entfliehen. Sein Begleiter gab diesem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, sein Bündel und seine Büchse schultern, und sich marschfertig machen, dieß Alles war für Hurry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollenden Abschied hatte er schon seinen Marsch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, und augenblicklich darauf befand er sich wieder an der Seite des Andern. »Ihr könnt doch nicht gemeint seyn, Euch wieder in die Hände der mörderischen Wilden zu liefern, Wildtödter!« sagte er, ebenso sehr in zorniger Abmahnung als mit edlem Gefühl. «Es wäre die That eines Wahnsinnigen oder eines Thoren!« »Es gibt Leute, die es für Wahnsinn halten, seinem Wort treu zu seyn, und Solche, die es nicht dafür halten, Hurry Harry. Ihr mögt Einer von den Ersteren seyn, ich gehöre zu den Letztern. Keine Rothhaut auf der Welt soll sagen können, daß ein Mingo sein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß zurückkehren vor morgen Mittag.« »Was ist ein Indianer, oder ein gegebnes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Creaturen wie diese, die weder Seelen noch Namen haben?« »Wenn sie weder Seelen noch Namen haben, so haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine ist für den andern verantwortlich. Dieser Urlaub ist nicht, wie Ihr zu wähnen scheint, ganz nur eine Sache zwischen mir und den Mingo's, angesehen, daß es ein feierlicher Pakt ist, zwischen mir und Gott geschlossen. Wer da glaubt, er könne sagen was ihm beliebt in seiner Noth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde gesprochen ist, und ins Ohr der rothen Männer, versteht Wenig von seiner Lage, von seinen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Worte sind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft ist sein Athem, und das Licht der Sonne ist wenig Mehr, als ein Blick seines Auges. Lebt wohl, Harry! wir sehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünschen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder sonst eine feierliche Zusage, wobei Euer christlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine so leichte Pflicht behandelt, daß man sie vergessen dürfte nach den Bedürfnissen des Leibes, oder auch nach den Gelüsten des Geistes.« March war jetzt wieder froh, loszukommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Gesinnungen einzugehen, die seinen Genossen adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veranlassen könne, so zu sagen in sein eignes Verderben zu rennen. Wildtödter dagegen zeigte keine solche Aufregung. Aufrecht gehalten durch seine Grundsätze, unbeugsam in dem Entschluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles was ihm bevorstand als eine Art Nothwendigkeit, und dachte so wenig daran, einen unwürdigen Versuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beschlüssen der Vorsehung entgegen zu handeln. Er stand ruhig auf der Küste, dem sorglosen Schritt horchend, womit Hurry seine Wanderung durch die Gebüsche verrieth, schüttelte den Kopf im Mißvergnügen über diesen Mangel an Vorsicht, und trat dann ruhig in sein Canoe. Ehe er die Ruderschaufel wieder in's Wasser tauchte, sah sich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die sich ihm in der sternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerst sein Auge auf den schönen Wasserspiegel gefallen war, auf dem er jetzt schwamm. War er damals prächtig in dem hellen Licht eines Sommermittags, so war er jetzt trüb und melancholisch unter den Schatten der Nacht. Die Berge stiegen rings um ihn her empor wie schwarze Mauern, um die Welt draußen auszuschließen, und die Streifen blassen Lichts, die noch auf den breiteren Theilen des See's ruhten, waren keine übeln Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur so dämmernd noch über seiner Zukunft sichtbar waren. Schwer seufzend drängte er das Canoe vom Lande weg, und ruderte mit stetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Castell zu. Vierundzwanzigstes Kapitel. Deine geheime Lust wird offne Schaam, Dein heimlich Schwelgen öffentlich Entbehren; Dein hoher Titel ein zerlumpter Nam', Dein süßer Mund wird bittern Wermuth gähren; Nie können deine Eitelkeiten währen. Tarquintus und Lucretia. Judith erwartete die Zurückkunft Wildtödters auf der Plattform mit steigender Ungeduld, bis er endlich das Castell erreichte. Hist und Hetty lagen Beide in tiefem Schlaf auf dem Bette, das gewöhnlich die Töchter des Hauses einnahmen, und der Delaware hatte sich auf dem Boden des anstoßenden Gemaches hingestreckt, seine Büchse neben ihm, und einen Teppich über sich gebreitet, schon träumend von den Begebnissen der letzten paar Tage. Eine Lampe brannte in der Arche; denn die Familie pflegte sich diesen Luxus bei außerordentlichen Gelegenheiten zu gestatten, und besaß auch die Mittel dazu; und das Gefäß war nach Form und Material von der Art, daß man mit Wahrscheinlichkeit vermuthen konnte, er sey auch einmal in dem Schranke gewesen. Sobald das Mädchen des Canoes ansichtig wurde, gab sie ihr hastiges Aufundabschreiten auf der Plattform auf, und stand bereit zum Empfang des jungen Mannes, dessen Rückkehr sie nun schon einige Zeit mit Spannung erwartete. Sie half ihm das Canoe anbinden, und legte dadurch, daß sie ihm bei verschiedenen andern kleinen Geschäften behülflich war, ihr Verlangen an den Tag, sobald als möglich einen freien Augenblick eintreten zu sehen. Als dieß endlich geschah, benachrichtigte sie ihn auf seine Erkundigung, von der Art und Weise, wie ihre Genossen sich die Zeit zu Nutze machten. Er hörte ihr aufmerksam zu, denn das Benehmen des Mädchens war so ernst und bedeutungsvoll, daß er wohl merkte, sie habe Etwas von ungewöhnlicher Wichtigkeit auf der Seele. »Und jetzt, Wildtödter,« fuhr Judith fort, »seht Ihr, habe ich die Lampe angezündet und sie in die Cajüte der Arche gestellt. Das geschieht bei uns nur bei großen Veranlassungen, und ich betrachte diese Nacht als die wichtigste meines Lebens. Wollt Ihr mir folgen, und sehen, was ich Euch zu zeigen – hören, was ich Euch zu sagen habe?« Der Jäger war etwas überrascht; aber er machte keine Einwendungen, und bald befanden sich beide auf der Fähre, in dem Gemache, wo das Licht brannte. Hier standen zwei Stühle neben dem Schranke, und auf einem dritten die Lampe, und in der Nähe ein Tisch, um die verschiednen Artikel aufzunehmen, so wie sie zum Vorschein kämen. Diese Anordnung hatte ihren Grund in der fieberhaften Ungeduld des Mädchens, die keine Verzögerung ertragen mochte, welcher zu begegnen in ihrer Macht stand. Selbst alle Schlösser waren weggenommen, und es blieb nur noch übrig, den schweren Deckel aufzuheben, und die Schätze dieses langverborgnen Hortes auszulegen. »Ich sehe zum Theil, was dieß Alles bedeutet,« bemerkte Wildtödter, »ja ich durchschaue es zum Theil. Aber warum ist Hetty nicht anwesend? nachdem Thomas Hutter todt ist, ist sie Miteigentümerin dieser Merkwürdigkeiten, und sollte sehen, wie man sie eröffnet und was man damit anfängt.« »Hetty schläft,« antwortete Judith hastig, »Zum Glück für sie haben schöne Kleider und Schätze für sie keinen Reiz. Zudem hat sie mir heute Nacht ihren Antheil an Allem, was dieser Schrank enthalten mag, übergeben, daß ich damit nach meinem Gutdünken verfahre.« »Ist die arme Hetty hinlänglich ihrer Geisteskräfte mächtig dazu, Judith?« fragte der rechtlichgesinnte, junge Mann. »Es ist eine gute Vorschrift und eine gerechte, daß man Nichts nehmen solle, wenn die Gebenden den Werth ihrer Gaben nicht verstehen, und mit solchen, welche Gott so schwer heimgesucht hat in ihrem Verstande, sollte man so sorgsam umgehen, wie mit Kindern, die noch nicht zu ihrer Vernunft gekommen sind.« Judith war verletzt durch diese Zurechtweisung aus dem Munde dieses Mannes, aber sie würde dieselbe noch weit lebhafter empfunden haben, hätte nicht ihr Gewissen sie von allen ungerechten, selbstsüchtigen Absichten gegen ihre schwachsinnige, aber vertrauensvolle Schwester freigesprochen. Es war jedoch nicht der Augenblick, irgendwie die bei ihr so gewöhnliche Aufwallung ihres stolzen Geistes zu verrathen, und die vorübergehende Empfindlichkeit ward unterdrückt von dem Wunsche, zu dem wichtigen Vorhaben, das sie im Auge hatte, zu gelangen. »Hetty wird kein Unrecht geschehen,« antwortete sie mild; »sie weiß auch sogar nicht nur, was ich zu thun im Begriff stehe, sondern auch, warum ich es thue. So nehmt denn Euren Sitz, hebt den Deckel des Schranks auf, und dießmal wollen wir bis auf den Boden hinabdringen. Es sollte mich sehr wundern, wenn sich nicht Etwas fände, was uns über die Geschichte Thomas Hutter's und meiner Mutter mehr aufklärte.« »Warum sagt Ihr Thomas Hutter, Judith, und nicht Euer Vater? Den Todten soll man mit ebensoviel Ehrfurcht begegnen, als den Lebenden.« »Ich habe schon lang geargwohnt, daß Thomas Hutter nicht mein Vater sey, obwohl ich ihn für Hetty's Vater zu halten geneigt war, aber jetzt wissen wir, daß er der Vater von Keiner von uns ist. Er bekannte dieß förmlich in seinen letzten Augenblicken. Ich bin alt genug, um mich eines bessern Zustands zu erinnern, als worin wir auf diesem See gelebt haben, obgleich die Eindrücke davon in meinem Geiste so schwach sind, daß mir der frühere Theil meines Lebens wie ein Traum erscheint.« »Träume sind armselige Wegweiser, wenn man sich über Wirklichkeiten zu entscheiden hat, Judith,« versetzte der Andere warnend. »Bildet Euch Nichts ein, und hofft Nichts ihrethalb: obwohl ich schon Häuptlinge gekannt habe, die sie für nützlich hielten.« »Ich erwarte Nichts von ihnen für die Zukunft, mein guter Freund, kann aber nicht umhin mich dessen zu erinnern, was gewesen ist. Das ist aber eitel, wenn eine halbstündige Untersuchung uns Alles, oder sogar Mehr als ich wissen möchte, lehren kann.« Wildtödter, der des Mädchens Ungeduld begriff, nahm jetzt seinen Sitz ein, und machte sich daran, von neuem die verschiedenen Artikel, welche der Schrank enthielt, auszukramen. Natürlich fand man Alles, was man früher schon durchsucht hatte, ebenso wie man es zuvor wieder eingepackt halte, und es erregte weit weniger Interesse und Bemerkungen, als bei der ersten Auffindung. Selbst Judith legte den kostbaren Brokat mit gleichgiltiger Miene bei Seite, denn sie hatte einen weit höhern Zweck im Auge als Befriedigung der Eitelkeit, und war ungeduldig, den noch verborgenen oder vielmehr unbekannten Schätzen auf den Grund zu kommen. »All diese Dinge haben wir schon zuvor gesehen,« sagte sie, »und wollen uns nicht damit aufhalten, sie aufzumachen. Das Packet unter Eurer Hand, Wildtödter, ist ein neues, das wollen wir untersuchen. Gott gebe, daß es Etwas enthalte, was der armen Hetty und mir sage, Wer wir eigentlich sind.« »Ja, wenn manche Packete reden könnten, sie würden von wunderbaren Geheimnissen zu erzählen haben,« versetzte der junge Mann, mit Bedacht die Falten eines neuen Stücks grober Leinwand auseinanderschlagend, um zum Inhalt einer auf seinen Knieen liegenden Rolle zu gelangen; »obwohl dieß hier nicht zu der Familie zu gehören scheint, angesehen, daß es nicht mehr und nicht weniger ist, als eine Art Fahne; aber von welcher Nation, das zu sagen, geht über meine Gelehrsamkeit.« »Diese Flagge muß eine besondere Bedeutung haben,« fiel Judith hastig ein. »Oeffnet sie weiter, Wildtödter, damit wir die Farben sehen.« »Ha, ich bedaure den Fähndrich, der dieß Stück Tuch auf der Schulter zu schleppen, und damit im Feld zu paradiren hat. Es ist wahrhaftig groß genug, Judith, um ein Dutzend solcher Fahnen daraus zu machen, auf welche des Königs Officiere so große Stücke halten; das kann nicht die Fahne eines Fähndrichs, sondern muß die eines Generals seyn!« »Ein Schiff könnte sie tragen, Wildtödter; und Schiffe, das weiß ich, führen solche Dinge. Habt Ihr nie schauerliche Geschichten gehört, daß Thomas Hutter einmal mit den Leuten in Verhältniß gestanden, die mau Bukkaniers nennt?« »Bockohnnieren! Nein – ich nie – ich habe nie von ihm rühmen gehört, daß er ein guter Schütze auf Böcke gewesen wäre, von welcher Sorte sie seyn mochten. Hurry Harry sprach mir einmal davon, wie man glaube, daß er früher einmal in irgend einer Weise mit gewissen Seeräubern zu schaffen gehabt habe; aber, Herr im Himmel, Judith, es kann Euch doch wahrlich keine Befriedigung geben, das gegen Eurer Mutter Gatten herauszubringen, wenn er auch nicht Euer Vater ist.« »Alles gibt mir Befriedigung, was mir Aufschluß gibt. Wer ich bin und mir die Träume meiner Kindheit erklären hilft. Meiner Mutter Gatte! Ja, er muß das gewesen seyn, obwohl es über eine menschliche Vernunft geht, zu erklären, wie eine Frau, wie sie , soll einen Mann gewählt haben, wie er ! Ihr habt Mutter nie gesehen, und könnt daher nicht den unermeßlichen, unermeßlichen Unterschied empfinden, der zwischen ihnen stattfand.« »Solche Dinge kommen aber doch vor; – ja, sie kommen vor; obwohl es über meine Begriffe geht, warum die Vorsehung sie zuläßt. Ich habe die trotzigsten Krieger gekannt mit den sanftesten Frauen im ganzen Stamm, und wieder gräßliche Zänkerinnen, welche Indianern zu Theil wurden, die zu Missionären sich geeignet hätten.« »Das war es nicht, Wildtödter; das war es nicht. Oh! wenn es sich zeigen sollte, daß – nein; ich kann nicht wünschen, daß sie gar nicht sein Weib sollte gewesen seyn. Das kann keine Tochter von ihrer Mutter wünschen! Fahrt jetzt fort, und laßt uns sehen, was der viereckige Pack enthält.« Wildtödter that nach ihrem Willen, und fand, daß er einen kleinen Koffer von hübscher Arbeit, aber geschlossen, enthielt. Das Nächste war, den Schlüssel zu finden; aber da alles Suchen fruchtlos blieb, wurde beschlossen, das Schloß aufzubrechen. Dieß bewerkstelligte Wildtödter bald mittelst eines eisernen Instruments, und man fand, daß er beinahe ganz mit Papieren angefüllt war. Viele davon waren Briefe; andere Bruchstücke von Manuskripten, Aufsätze, Rechnungen und ähnliche Urkunden. Der Falke stößt nicht mit plötzlicherer Gier auf das Huhn, als Judith herbeisprang, um sich dieses Schachts von bisher unbekannten Nachrichten und Kenntnissen zu bemächtigen. Ihre Erziehung und Bildung war, wie der Leser bemerkt haben wird, weit über ihre Stellung im Leben, und ihr Auge flog über die Briefe, Blatt für Blatt, mit einer Leichtigkeit hin, welche Folge ihrer guten Schule, zugleich aber auch mit einer Gier, welche das natürliche Ergebniß ihrer Gefühle war. Zuerst war das Mädchen sichtlich erfreut, und wir dürfen beisetzen mit Grund; denn die Briefe, von Frauen geschrieben, voll Unschuld und Zärtlichkeit, waren der Art, daß sie ihr wohl einigen Stolz einflößen konnten auf diejenigen, mit welchen sie, wie sie mit allem Grund glaubte, durch Bande des Blutes enge verbunden war. Es paßt jedoch nicht in unsern Plan, von diesen Briefen Mehr mitzutheilen, als einen allgemeinen Begriff ihres Inhalts, und dieß wird am besten geschehen, wenn wir die Wirkung schildern, welche sie auf das Benehmen, die äußere Erscheinung und die Gefühle des Mädchens hervorbrachten, das sie so begierig durchlief. Es ist schon gesagt worden, daß Judith eine große Freude über die Briefe hatte, die ihr zuerst unter die Augen kamen. Sie enthielten die Briefe einer zärtlichen und liebevollen Mutter an eine entfernte Tochter, mit solchen Hindeutungen auf die Antworten, welche großen Theils die Lücke der fehlenden Erwiederungen auszufüllen dienten. Sie waren jedoch nicht ohne Ermahnungen und Warnungen, und Judith fühlte sich das Blut in die Schläfe steigen, und dann einen kalten Schauer, als sie einen Brief las, worin die Schicklichkeit davon, daß die Tochter sich einem so innigen und vertraulichen Verhältniß, wie diese selbst es in einem ihrer Briefe mußte geschildert haben, mit einem Officiere hingab, ›der von Europa kam, und von dem kaum anzunehmen war, daß er in Amerika eine ehrenhafte Verbindung zu schließen gesonnen sey,‹ in ziemlich kaltem Tone von der Mutter erörtert wurde. Ein seltsamer Umstand war, daß die Unterschriften bei allen diesen Briefen sorgfältig weggeschnitten und so oft ein Name im Brief selbst vorkam, dieser mit solcher Pünktlichkeit herausradirt war, daß man ihn unmöglich lesen konnte. Sie waren alle in Couvert's eingeschlossen gewesen, der Sitte jener Zeit gemäß, und es fand sich auch nicht Eine Adresse. Doch waren die Briefe selbst mit gewissenhafter Sorgfalt aufbewahrt worden, und Judith glaubte auf einigen Spuren von Thränen entdecken zu können. Sie erinnerte sich jetzt, den kleinen Koffer vor ihrer Mutter Tod in der Verwahrung von dieser gesehen zu haben, und sie vermuthete, er sey nebst den andern vergessenen oder verheimlichten Gegenständen in der Kiste aufbewahrt worden, als die Briefe Nichts mehr zum Kummer oder zum Glück dieser Mutter beitragen konnten. Dann kam ein andres Packet Briefe, und diese waren voll von Betheurungen der Liebe, allerdings mit Leidenschaft geschrieben, aber auch mit jener trügerischen Ueberredung, welcher gegenüber dem andern Geschlecht sich zu bedienen, die Männer so oft sich glauben gestatten zu dürfen. Judith hatte über das erste Packet reichliche Thränen vergossen, aber jetzt empfand sie sich durch ein Gefühl von Entrüstung und Stolz mehr aufrecht gehalten. Aber ihre Hand zitterte, und kalte Schauer zuckten durch ihren Leib, als sie auf einige Punkte stieß, welche starke Ähnlichkeit hatten mit Briefen, die zu erhalten ihr Schicksal gewesen war. Einmal legte sie wirklich das Packet hin, beugte ihr Haupt auf die Kniee nieder, und schien beinahe Krämpfe zu bekommen. Wildtödter saß diese ganze Zeit über da, ein stummer aber aufmerksamer Beobachter von Allem, was vorging. Wenn Judith einen Brief gelesen, gab sie ihn ihm, um ihn zu halten, bis sie den nächsten las; aber dieß schien ihren Genossen in keiner Weise aufzuklären, da er des Lesens gänzlich unkundig war. Doch war er nicht ganz auf dem falschen Wege in der Deutung und Enträthselung der Leidenschaften, die in der Brust des schönen Wesens neben ihm kämpften, und da ihr von Zeit zu Zeit leise gemurmelte Sätze und Ausrufe entschlüpften, war er in seinen Ahnungen oder Vermuthungen der Wahrheit näher, als dem Mädchen lieb gewesen wäre, wahrzunehmen. Judith hatte begonnen mit den frühesten Briefen, was günstig war für ein schnelles Verständniß der Geschichte, die sie enthielten; denn sie waren sorgfältig in der Zeitfolge geordnet, und offenbarten Jedem, der sich die Mühe nahm, sie zu durchlesen, eine traurige Geschichte von befriedigter Leidenschaft, Kälte und endlicher Abneigung. Wie sie den Schlüssel dieses Inhalts gewonnen hatte, duldete ihre Ungeduld keinen Aufschub, und sie überlief rasch mit dem Auge ein ganzes Blatt, um auf die möglichst kurze Weise hinter die Wahrheit zu kommen. Mittelst dieses Verfahrens, zu dem Alle, die verlangend sind, ein Resultat zu erreichen, ohne sich mit Details zu belästigen, so gerne greifen, schritt Judith sehr schnell vor in dieser traurigen Enthüllung von ihrer Mutter Fehltritten und Strafe. Sie sah, daß der Zeitpunkt ihrer Geburt deutlich bezeichnet war, und erfuhr selbst, daß der einfache Name, den sie trug, ihr von dem Vater gegeben ward, von dessen Person sie einen so schwachen Eindruck behalten hatte, daß er fast einem Traume glich. Dieser Name war im Text der Briefe nicht ausgelöscht, sondern stand darin, als wäre durch seine Auslöschung Nichts zu erzielen gewesen. Hetty's Geburt ward einmal erwähnt und dießmal war es der Name der Mutter; aber noch vor diesem Zeitpunkt traten die Anzeichen der Kälte ein, düstre Vorboten der Treulosigkeit, deren verlassenes Opfer sie bald wurde. In diesem Stadium der Correspondenz war es, daß ihre Mutter darauf verfallen war, eine Abschrift von ihren eigenen Briefen zu nehmen. Es waren dieser nur wenige, aber sie sprachen beredt die Empfindungen zerstörter Zärtlichkeit und der Zerknirschung aus. Judith schluchzte darüber, bis sie sich zu wiederholtenmalen genöthigt sah, sie wegzulegen, aus förmlichem, physischem Unvermögen zu sehen und zu lesen, da ihre Augen von Thränen im buchstäblichen Sinne verdunkelt waren. Doch kehrte sie immer wieder mit gesteigertem Interesse zu ihrer Aufgabe zurück, und endlich gelangte sie glücklich bis zum Schluß der letzten Mittheilung wahrscheinlich, die zwischen ihren Eltern ausgetauscht wurde. Alles dieß nahm eine volle Stunde weg; denn beinahe hundert Briefe hatte sie mit einem Blick überflogen und etwa zwanzig genau durchlesen. Die Wahrheit lag jetzt klar vor dem scharfblickenden Geiste Judiths, was ihre und Hettys Geburt betraf. Sie ward tief betrübt bei dieser Ueberzeugung, und für den Augenblick war ihr die ganze übrige Welt wie abgeschnitten und sie hatte jetzt noch mehr Grund zu dem Wunsche, den Rest ihres Lebens auf dem See hinzubringen, wo sie schon so manche helle und so manche kummervolle Tage erlebt hatte. Aber es waren noch mehr Briefe zu untersuchen übrig. Judith fand, daß diese eine Correspondenz zwischen ihrer Mutter und Thomas Hovey enthielten. Die Originale von beiden Theilen waren sorgfältig geordnet, Brief und Antwort nebeneinander; und sie erklärten die frühere Geschichte der Verbindung zwischen dem übel zusammenpassenden Paare weit deutlicher als Judith sie zu erfahren gewünscht hatte. Ihre Mutter that die entgegenkommenden Schritte zu einer Heirath zum Erstaunen, um nicht zu sagen: Entsetzen, ihrer Tochter; und es war ihr in der That ein Trost, als sie in den früheren Briefen dieses unglückseligen Weibes schon Spuren von dem entdeckte, was ihr als Wahnsinn auffiel, oder als eine krankhafte Gemüthsverfassung, die an jenen entsetzlichen Zustand grenzte. Die Antworten Hovey's waren plump und verriethen Mangel an Bildung, obgleich sie ein hinlängliches Verlangen aussprachen, die Hand einer Frau von ausnehmenden persönlichen Reizen zu erlangen, deren große Verirrung er geneigt war zu übersehen in Betracht des Vortheils, eine ihm in jeder Hinsicht überlegene Gattin zu besitzen, die zudem, wie es schien, nicht ganz ohne Geld war. Das Uebrige von diesem Theile des Briefwechsels war kurz, und beschränkte sich bald auf einige wenige Mittheilungen über Geschäftssachen, worin das unglückliche Weib den abwesenden Gatten zur Eile antrieb in seinen Vorbereitungen, eine Welt zu verlassen, die, wie man anzunehmen Grund genug hatte, für das Eine von Beiden ebenso gefährlich, als für das Andere unangenehm war. Aber Ein Ausdruck war ihrer Mutter entschlüpft, woraus Judith den Beweggründen, die sie veranlaßten, Hutter oder Hovey zu heirathen, auf die Spur kam; sie fand diese in dem Gefühl der Erbitterung, das so oft die Mißhandelten verleitet, sich selbst Leiden zuzufügen, um so feurige Kohlen auf das Haupt derjenigen zu sammeln, durch welche sie gelitten haben. Judith hatte genug von dem lebhaften Geist dieser Mutter, um dieß Gefühl zu begreifen, und einen Augenblick sah sie die ausnehmende Thorheit ein, welche solche rachsüchtige Gefühle die Oberhand gewinnen ließ. Hiermit hörte der historische Theil der Papiere, wenn man so sagen darf, auf. Unter den vermischten Bruchstücken jedoch war eine alte Zeitung, einen Aufruf enthaltend, der eine Belohnung bot für die Festnehmung gewisser, mit Namen aufgeführter Freibeuter, worunter auch Thomas Hovey. Die Aufmerksamkeit des Mädchens ward auf diesen Aufruf und auf diesen Namen insbesondere hingelenkt durch den Umstand, daß beide mit Tinte schwarz unterstrichen waren. Sonst fand sich Nichts unter den Papieren, was zur Entdeckung des Namens oder des Wohnorts von Hutter's Gattin führen konnte. Alle Daten, Unterschriften und Adressen waren von den Briefen weggeschnitten, und wo ein Wort im Text selbst vorkam, das einen Schlüssel liefern konnte, war es auf's sorgsamste ausgelöscht. So fand Judith alle ihre Hoffnungen, zu erfahren, Wer ihre Eltern gewesen, getäuscht, und sie war genöthigt, in Betreff ihrer ganzen Zukunft wieder auf ihre eignen Hülfsquellen und Lebensgewohnheiten zurückzukommen. Ihre Erinnerung an ihrer Mutter Benehmen, Gespräche und Leiden ergänzten manche Lücken in den jetzt von ihr entdeckten historischen Umständen; und die Wahrheit stand in ihren allgemeinen Umrissen deutlich genug vor ihr, um ihr in der That alle Lust zu benehmen nach weiteren Details. Sie warf sich wieder auf ihren Sitz zurück und bat einfach ihren Genossen, die Untersuchung der übrigen Artikel in dem Schranke zu beendigen, da er noch Etwas von Wichtigkeit enthalten könne. »Ich will es thun, Judith; ich will es thun,« versetzte der geduldige Wildtödter, »aber wenn noch mehr Briefe zum Lesen darin sind, werden wir die Sonne wieder am Himmel sehen, ehe Ihr mit dem Lesen fertig geworden! Zwei gute Stunden habt Ihr in diese Stücke Papier hineingeschaut!« »Sie melden mir von meinen Eltern, Wildtödter, und haben meine Pläne für mein Leben bestimmt. Ein Mädchen ist wohl zu entschuldigen, das von seinem eignen Vater und Mutter liest, und dazu noch zum erstenmal in ihrem Leben. Es thut mir leid, daß ich Euch habe lange warten lassen.« »Seyd unbekümmert wegen meiner, Mädchen, ganz unbekümmert. Es trägt Wenig aus, ob ich schlafe oder wache; aber obschon Ihr lieblich anzusehen und so schön seyd, Judith, ist es doch nicht ganz angenehm, so lange dazusitzen und Euch Thränen vergießen zu sehen. Ich weiß, daß Thränen nicht umbringen, und daß es manchen Leuten besser wird, wenn sie dann und wann ein paar vergießen, besonders Frauen; aber ich möchte Euch doch immer lieber lächeln als weinen sehen, Judith.« Diese galante Rede ward belohnt mit einem süßen, obwohl melancholischen Lächeln; und dann bat das Mädchen ihren Genossen noch einmal, die Untersuchung des Schrankes zu beendigen. Das Durchsuchen dauerte nothwendig noch einige Zeit, während welcher Judith ihre Gedanken sammelte und ihre Fassung wieder gewann. Sie nahm an der Durchsuchung keinen Antheil, überließ Alles dem jungen Mann, und beobachtete selbst gleichgültig die verschiedenen Artikel, die zum Vorschein kamen. Es fand sich jedoch Nichts weiter von vielem Interesse oder Werth. Ein paar Degen, wie sie damals Gentlemen trugen, einige Schnallen von Silber, oder so stark plattirt, daß sie von Silber schienen, und einige wenige schöne weibliche Kleidungsstücke waren die wichtigsten Funde. Es fiel indessen Judith und Wildtödtern ein, daß manche von diesen Dingen wohl benutzt werden könnten, eine Unterhandlung mit den Irokesen einzuleiten; nur sah dabei der Letztere eine Schwierigkeit, die der Erstern nicht so in die Augen sprang. Das Gespräch ward zuerst wieder über diesen Umstand angeknüpft. »Und nun, Wildtödter,« sagte Judith, »können wir von Euch sprechen, und von den Mitteln, Euch aus den Händen der Huronen zu befreien. Ein Theil oder Alles, was Ihr in dem Schrank gesehen habt, wird von mir und Hetty mit Freuden hingegeben, um Euch in Freiheit zu setzen.« »Nun, das ist großmüthig – ja, es ist durchaus mit freigebigem Herzen und freigebigen Händen gehandelt und großmüthig. Das ist die Art bei Weibern, wenn sie eine Freundschaft fassen, so thun sie Nichts halb, sondern sind so bereit, ihr Hab und Gut hinzugeben, als hätte es gar keinen Werth in ihren Augen. Indessen so sehr ich Euch beiden danke, gerade wie wenn der Handel schon geschlossen, und Rivenoak, oder irgend ein Anderer von den Vagabunden hier wäre, um es in Empfang zu nehmen und den Vertrag zu schließen, sind dennoch zwei Hauptgründe, warum das nimmermehr geschehen kann, und ich kann sie Euch sogleich sagen, damit nicht in Euch unwahrscheinliche Erwartungen, oder in mir nicht zu rechtfertigende Hoffnungen rege werden.« »Welcher Grund kann vorhanden seyn, wenn Hetty und ich bereit sind, Euretwillen diese Kleinigkeiten hinzugeben, und die Wilden geneigt, sie anzunehmen?« »Das ist's, Judith – Ihr habt die rechten Ideen, aber sie sind ein wenig aus der Ordnung gerückt, etwa wie wenn ein Hund der Spur rückwärts statt vorwärts folgte. Daß die Mingo's geneigt seyn werden, diese Dinge anzunehmen, oder Alles, was Ihr ihnen von der Art noch weiter anbieten mögt, ist wahrscheinlich genug; aber ob sie Etwas dafür vergüten werden, ist eine ganz andere Sache. Fragt Euch selbst, Judith, wenn Euch Jemand eine Botschaft schickte, des Inhalts, für den und den Preis könnt Ihr und Hetty diesen Schrank sammt Allem, was er enthält, haben, würdet Ihr es der Mühe werth halten, über einen solchen Handel viele Worte zu verlieren?« »Ha, dieser Schrank mit Allem was darin ist, ist schon unser; wir hätten keinen Grund, zu kaufen, was schon unser ist.« »Gerade so rechnen die Mingo's! Sie sagen, der Schrank sey schon ihr, oder so gut als ihr, und sie wollen für den Schlüssel Niemand großen Dank sagen.« »Ich versteh' Euch, Wildtödter; sicherlich aber sind wir jetzt noch im Besitz des See's, und können uns im Besitz behaupten, bis Hurry Truppen schickt, um den Feind zu verjagen. Das können wir sicherlich, vorausgesetzt, daß Ihr bei uns bleiben wollt, statt zurückzukehren und Euch wieder als Gefangner auszuliefern, wie Ihr jetzt entschlossen scheint zu thun.« »Daß Hurry Harry so schwatzte, ist natürlich, und den Gaben des Mannes gemäß. Er versteht es nicht besser, und daher ist nicht zu erwarten, daß er besser fühlt oder besser handelt; aber Judith, ich lege es Euch an's Herz und an's Gewissen – würdet Ihr, könnntet Ihr von mir so vortheilhaft denken, als Ihr jetzt, wie ich hoffe und glaube, thut, wenn ich meinen Urlaub vergäße und nicht in's Lager zurückkehrte?« »Vortheilhafter von Euch zu denken, Wildtödter, als ich jetzt schon thue, wäre nicht leicht; aber ich würde fortwährend ebenso vortheilhaft von Euch denken – es scheint mir wenigstens so – ich hoffe ich könnte es; denn eine Welt würde mich nicht verlocken, Euch zu Etwas zu veranlassen, was meine wirkliche Meinung von Euch ändern könnte.« »Dann sucht nicht mich zur Verletzung meines Urlaubs zu verlocken, Mädchen! Ein Urlaub ist etwas Heiliges unter Kriegern und Männern, die ihr Leben in ihren Händen tragen, wie wir in den Wäldern thun; und welch eine schmerzliche Täuschung würde es für den alten Tamenund, und Unkas, den Vater von Schlange, und meine andern Freunde im Stamme seyn, wenn ich mich auf meinem ersten Kriegspfade entehrte? Dieß gilt, das werdet Ihr auch noch einsehen; Judith, ohne daß man ein Gewicht legt auf natürliche Gaben und eines weißen Mannes Pflichten. Nichts zu sagen vom Gewissen. Das ist König bei mir, und ich suche nie seinen Befehlen zu widersprechen.« »Ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen nach kurzem Besinnen und mit trauriger Stimme; »ein Mann wie Ihr darf nicht handeln, wie die Selbstsüchtigen und Unehrenhaften zu handeln geneigt seyn würden; Ihr müßt in der That zurückkehren. Wir wollen denn hiervon nicht weiter sprechen; beredete ich Euch zu Etwas, das Euch nachmals leid wäre, so würde meine Reue nicht kleiner seyn als die Eurige. Ihr sollt nicht sagen dürfen, Judith – ich weiß selbst kaum recht, mit welchem Namen ich mich jetzt nennen soll!« »Und warum nicht? – warum nicht, Mädchen? Kinder führen die Namen ihrer Eltern, naturgemäß, und als eine Art Gabe; und warum solltet Ihr und Hetty nicht auch thun, was Andere vor Euch gethan? Hutter war des alten Mannes Name, und Hutter sollte auch seiner Töchter Name seyn; – wenigstens bis Ihr in gesetzmäßiger und heiliger Ehe weggegeben werdet.« »Ich bin Judith, und nur Judith,« versetzte das Mädchen mit Bestimmtheit, »bis das Gesetz mir ein Recht auf einen andern Namen gibt. Nie will ich wieder den Thomas Hutter's führen, und auch, mit meiner Einwilligung, Hetty nicht! Hutter war nicht sein eigentlicher Name, wie ich finde; aber hätte er auch ein tausendfaches Recht darauf, das würde mir keines geben. Er war nicht mein Vater, dem Himmel sey Dank! obwohl ich nicht Grund haben mag, stolz zu seyn auf den, der es war!« »Das ist sonderbar,« sagte Wildtödter, das aufgeregte Mädchen scharf anstarrend, begierig, Mehr zu erfahren, aber nicht geneigt, sich nach Dingen zu erkundigen, die ihn streng genommen, Nichts angingen; »ja, das ist sehr seltsam und ungewöhnlich! Thomas Hutter war nicht Thomas Hutter, und seine Töchter sind nicht seine Töchter! Wer konnte denn Thomas Hutter seyn, und Wer sind seine Töchter?« »Hörtet Ihr nie Gerüchte flüstern gegen das frühere Leben dieses Mannes, Wildtödter?« fragte Judith, »Obgleich ich für sein Kind galt, erreichten doch selbst mein Ohr solche Gerüchte.« »Ich will es nicht läugnen, Judith; nein, ich will es nicht läugnen. Gewisse Dinge wurden gesagt, wie man mir erzählt hat; aber ich bin nicht sehr leichtgläubig gegen Gerüchte. So jung ich bin, habe ich doch lange genug gelebt, um zu lernen, daß es zwei Arten von Charakteren in der Welt gibt: solche, die man sich durch Thaten erwirbt, und solche die man durch Zungen erwirbt; und so ziehe ich es vor, für mich selbst zu sehen und zu urtheilen, statt daß ich jeden Rachen, der sich nur in Bewegung setzen mag, meinen Richter werden lasse. Harry Hurry äußerte sich ziemlich gerade heraus über die ganze Familie, als wir hieher reisten; und er ließ eine Anspielung fallen, daß Thomas Hutter in seinen jungen Jahren ein Freibeuter auf dem Wasser gewesen. Unter Freibeuter verstehe ich, daß er anderer Leute Hab' und Gut als freie Beute ansah und davon lebte.« »Er sagte Euch, er sey ein Seeräuber gewesen – unter Freunden ist es nicht nöthig, die Sachen zu beschönigen. Lest das, Wildtödter, und Ihr werdet sehen, daß er Euch nicht Mehr als die Wahrheit gesagt hat. Dieser Thomas Hovey war der Thomas Hutter, den Ihr kanntet, wie man aus diesen Briefen sieht.« Wie Judith so sprach mit flammender Wange und mit Augen, die im Glänze wilder Aufregung leuchteten, hielt sie ihrem Genossen das Zeitungsblatt hin, und deutete auf den schon erwähnten Aufruf eines Colonie-Gouverneurs. »Gott tröste Euch, Judith!« versetzte der Andere lachend, »Ihr könntet eben so gut von mir verlangen, ich solle das drucken oder auch schreiben. Meine Erziehung und Bildung hab' ich ganz in den Wäldern erhalten; das einzige Buch, das ich lese, oder lesen mag, ist dasjenige, das Gott aufgeschlagen hat vor allen seinen Creaturen in den edeln Wäldern, breiten Seen, rollenden Strömen, blauen Himmel, Winden, Stürmen, Sonnenschein und andern prächtigen Wundern des Landes! Dieß Buch kann ich lesen, und finde es voll Weisheit und Einsicht.« »Ich bitte Euch um Verzeihung, Wildtödter,« sagte Judith ernst, mehr beschämt als sie sonst zu seyn pflegte, als sie bemerkte, daß sie unabsichtlich ihrem Genossen eine Anmuthung gemacht, die seinen Stolz verletzen konnte. »Ich hatte Eure Lebensweise vergessen, und am allerwenigsten dachte ich Eurem Gefühl wehe zu thun.« »Meinem Gefühl wehe zu thun! – warum sollte es meinem Gefühl wehe thun, wenn man von mir verlangt, ich solle lesen, während ich es nicht kann? Ich bin ein Jäger – und ich darf jetzt auch anfangen zu sagen: ein Krieger, und kein Missionär; und daher gelten Bücher und Papier einem Manne wie ich bin, Nichts. Nein, nein, Judith;« und hier lachte der junge Mann herzlich, »nicht einmal zu Pfropfen mag ich sie brauchen, angesehen, daß ein ächter Wildpretschütz immer der Haut eines Rehes sich bedient, wenn er eine solche hat, oder sonst eines Stückes ordentlich zugerichteten Leders. Es gibt Leute, die sagen, Alles was gedruckt ist, sey wahr; in diesem Fall, ich gesteh' es, muß ein ungelehrter Mann etwas zu kurz kommen; doch aber kann es nicht wahrer seyn, als was Gott mit eigner Hand gedruckt hat am Himmel, und in den Wäldern, und Strömen und Quellen.« »Nun gut, also Hutter, oder Hovey, war ein Seeräuber; und da er nicht mein Vater war, kann ich auch nicht wünschen, ihn so zu nennen. Sein Name soll nicht länger mein Name seyn!« »Wenn Euch der Name dieses Mannes nicht gefällt, so ist ja dann der Name Eurer Mutter da, Judith. Ihr Name kann Euch eben so gut dienen.« »Ich weiß ihn nicht. Ich habe diese Papiere durchgesehen, Wildtödter, in der Hoffnung eine Andeutung zu finden, vermöge welcher ich entdecken könnte, Wer meine Mutter war; aber ich habe in dieser Beziehung so wenig eine Spur von der Vergangenheit gefunden, als der Vogel bei seinem Flug in der Luft eine zurückläßt.« »Das ist ungewöhnlich und auch unvernünftig. Eltern sind verpflichtet, ihren Kindern einen Namen zu geben, wenn sie ihnen auch sonst Nichts geben. Nun stamme ich von einer niedrigen Familie, obgleich wir weiße Gaben und eine weiße Natur haben, aber wir sind doch nicht so armselig, daß wir keinen Namen hätten. Bumppo sind wir genannt, und ich habe sagen hören,« hier glühte ein Strahl menschlicher Eitelkeit auf seiner Wange, »daß eine Zeit gewesen, wo die Bumppo's mehr Ansehen und Einfluß unter den Menschen hatten, als sie jetzt haben.« »Sie verdienten sie nie mehr, als jetzt, Wildtödter, und der Name ist ein guter, Hetty oder ich selbst würden tausendmal lieber Hetty Bumppo, oder Judith Bumppo uns nennen lassen, als Hetty oder Judith Hutter.« »Das ist eine moralische Unmöglichkeit,« versetzte der Jäger gutmüthig, »falls nicht Eine von Euch sich so weit erniedrigen sollte, mich zu heirathen.« Judith konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als sie sah, wie einfach und natürlich das Gespräch sich eben auf den Punkt gewendet hatte, wohin es zu führen ihr Augenmerk gewesen war. Obwohl keineswegs unweiblich oder frech, weder in ihren Gefühlen noch in ihrem Benehmen, war das Mädchen doch gestachelt durch das Gefühl nicht ganz verdienter Unbilden, aufgeregt durch die Hülflosigkeit einer Zukunft, die keinen Ruheplatz zu bieten schien, und noch mehr beherrscht von Gefühlen, die ihr eben so neu waren, als sie sich heftig und mächtig zeigten. Die Gelegenheit war daher zu gut, um versäumt zu werden, wiewohl sie ihrem Gegenstand recht auf den Umwegen und mit der vielleicht entschuldbaren List und Gewandtheit eines Weibes näher rückte. »Ich denke nicht, daß Hetty je heirathen wird, Wildtödter,« sagte sie; »wenn Euer Name von Einer von uns geführt werden soll, so muß ich diese Eine seyn.« »Es hat auch schöne Weiber gegeben, so sagt man mir, unter den Bumppo's, Judith, vor diesen Zeiten; und wenn Ihr den Namen Euch gefallen ließet, so ungewöhnlich Ihr seyd in diesem Punkt, Solche, welche die Familie kennen, würden nicht so sehr überrascht seyn.« »Das ist aber nicht gesprochen, wie es uns Beiden geziemt, Wildtödter; denn was über einen solchen Gegenstand zwischen Mann und Weib verhandelt wird, das sollte im Ernst und mit aufrichtigem Herzen geredet seyn. Der Verschämtheit vergessend, welche in den meisten Fällen Mädchen den Mund schließen muß, bis man zu ihnen spricht, will ich mit Euch so offen sprechen und handeln, wie es nach meiner vollen Ueberzeugung einem Manne von Eurer großmüthigen Natur am liebsten seyn muß. Könnt Ihr glauben – glaubt Ihr, Wildtödter, daß Ihr glücklich seyn könntet mit einem solchen Weibe, wie ein Mädchen, wie ich, eins geben würde?« »Ein Mädchen wie Ihr, Judith! Aber was hat es für einen Sinn, über so Etwas zu spaßen und zu tändeln? Ein Mädchen wie Ihr, das schön genug ist, um eines Capitains Lady zu werden, und fein genug, und so viel ich verstehe, gebildet genug, kann wohl wenig geneigt seyn, daran zu denken, mein Weib zu werden. Ich denke, junge Mädchen, welche fühlen, daß sie proper und flott sind, und wissen, daß sie schön sind, finden eine gewisse Genugthuung darin, ihre Scherze zu treiben mit Solchen, die keines von beiden sind, wie ein armer Delawaren-Jäger.« Dieß war in gutmüthigem Tone gesprochen, doch nicht ohne daß sich ein Gefühl verrieth, welches zeigte, daß Etwas, wie verletzte Empfindlichkeit ihren Antheil an dieser Antwort hatte. Nichts hätte begegnen können, was in höherem Grade Judiths großmüthige Reue erregen, oder sie mehr in ihrem Vorhaben bestärken und ihr dabei zu Hülfe kommen mußte, indem so zu ihren andern Beweggründen und Antrieben auch noch der Sporn eines uneigennützigen Wunsches: eine Kränkung gut zu machen, hinzukam, welcher Alles in eine so natürliche und gewinnende Gestalt kleidete, daß dadurch der unangenehme Zug einer ihrem Geschlecht nicht wohl anstehenden vorlauten Zudringlichkeit nicht wenig gemildert wurde. »Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr mir einen solchen Gedanken oder Wunsch zutraut,« antwortete sie ernst. »Nie in meinem Leben war es mir größerer Ernst, und nie war ich bereitwilliger, bei jeder Verabredung, die wir heute Nacht treffen mögen, fest zu bleiben. Ich habe viele Bewerber gehabt, Wildtödter, – ja, kaum ist ein unverheiratheter Jäger oder Fallensteller seit den letzten vier Jahren an den See gekommen, der mir nicht angeboten hätte, mich mit sich zu nehmen, und ich fürchte auch einige, die verheirathet waren –« »Ja, das will ich wohl glauben!« unterbrach sie der Andere – »ja, das will ich Alles wohl glauben! Alle zusammengenommen, Judith, trägt die Erde keine Sorte von Menschen, die so selbstsüchtig wäre, und so gleichgültig gegen Gott und sein Gesetz.« »Nicht Einem von ihnen wollte ich – konnte ich mein Ohr leihen; ein Glück vielleicht für mich, daß dieß so war. Es sind auch gut aussehende junge Männer daruntergewesen, wie Ihr an Eurem Bekannten habt sehen können, an Harry March.« »Ja Harry ist scheinbar fürs Auge, obwohl, nach meinen Ideen, weniger für das Urtheil. Ich glaubte im Anfang, Ihr seyet gemeint, ihn zu nehmen, ja wirklich: aber eh' er wegging, war es leicht genug, sich zu überzeugen, daß dieselbe Hütte nicht groß genug für Euch Beide seyn würde.« »Ihr habt mir hierin wenigstens Gerechtigkeit widerfahren lassen, Wildtödter. Hurry ist ein Mann, den ich nie heirathen könnte, wenn er auch zehnmal hübscher wäre für das Auge, und ein hundertmal männlicheres Herz besäße, als er hat.« »Warum nicht, Judith, warum nicht? Ich gestehe, ich bin neugierig zu erfahren, warum ein junger Mann wie Hurry nicht Gunst finden sollte bei einem Mädchen wie Ihr?« »Dann sollt Ihr es auch erfahren, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, freudig die Gelegenheit benützend, diejenigen Eigenschaften zu preisen, welche sie an dem Frager so lebhaft interessiert hatten, und in der Hoffnung, auf diesem Wege unvermerkt dem ihr am meisten am Herzen liegenden Gegenstand näher zu rücken. »Erstlich ist das Aussehen bei einem Mann von keiner Bedeutung für ein Weib, vorausgesetzt, daß er männlich und nicht entstellt und mißgestaltet ist.« »Da kann ich Euch nicht ganz beistimmen,« versetzte der Andere nachdenklich, denn er hatte eine sehr bescheidne Meinung von seiner eignen persönlichen Erscheinung; »ich habe bemerkt, daß die hübschesten Krieger gewöhnlich die am besten aussehenden Mädchen des Stammes zu Weibern bekommen; und Schlange drüben, der manchmal wundervoll sich ausnimmt in seiner Bemalung, ist der allgemeine Liebling bei allen jungen Delawarinnen, obgleich er selbst sich an Hist hält, als wäre sie die einzige Schönheit auf der Welt!« »Es mag so seyn bei den Indianerinnen, aber bei weißen Mädchen ist es ganz anders. Wenn nur der junge Mann einen geraden und männlichen Körper hat, der verspricht, er werde ein Weib zu schützen im Stande seyn, und den Mangel fern vom Hause zu halten, fragen sie nicht weiter nach dem Aussehen. Riesen wie Hurry mögen wohl zu Grenadieren taugen, aber gelten Wenig als Liebhaber. Dann, was das Gesicht betrifft, eine ehrliche Miene, eine, die für das Herz innen bürgt, ist Mehr werth, als Züge oder Farbe, oder Augen, oder Zähne, oder solche Kleinigkeiten. Die letztern mögen wichtig seyn bei Mädchen, aber Wer denkt daran bei einem Jäger, oder Krieger, oder Ehemann! Wenn es so einfältige Weiber gibt, so gehört Judith wenigstens nicht darunter.« »Nun, das ist wunderbar! Ich dachte immer, Schöne haben Gefallen an Schönen, wie Reiche an Reichen!« »Es mag so seyn bei den Männern, Wildtödter, aber es ist nicht immer so bei uns Frauen. Wir haben Gefallen an Männern von tüchtigem Herzen, aber wir wünschen sie bescheiden zu sehen, sicher auf einer Jagd oder auf dem Kriegspfad, bereit für das Rechte und Gute zu sterben, und unfähig, dem Unrecht nachzugeben. Vor Allem verlangen wir Ehrlichkeit – Zungen, die sich nicht dazu brauchen lassen, zu sagen, was das Herz nicht meint, und Herzen, die ein Wenig für Andere fühlen, so gut wie für sich selbst. Ein treuherziges Mädchen könnte für einen solchen Gatten sterben, während der prahlerische und doppelzüngige Bewerber dem Auge nachgerade so verhaßt wird, wie er es dem Gemüthe ist.« Judith sprach mit Bitterkeit, und mit ihrem gewöhnlichen Nachdruck, aber ihr Zuhörer war zu sehr betroffen von der Neuheit der Empfindung, die ihn ergriff, als daß er auf ihren Ton hätte viel achten sollen. Es lag etwas so Wohlthuendes für die Bescheidenheit eines Mannes von seiner Gemüthsart darin, Eigenschaften, welche zu besitzen er sich nothwendig bewußt war, so hoch gepriesen zu hören von dem lieblichsten Mädchen, das er je gesehen, daß für den Augenblick seine Geisteskräfte ganz aufgegangen schienen in einem sehr natürlichen und entschuldbaren Stolze. Da durchzuckte die Idee der Möglichkeit, daß ein Wesen wie Judith seine Lebensgefährtin werden könnte, zum erstenmal sein Gemüth. Das Bild war so lieblich und so neu, daß er länger als eine Minute völlig darin versunken blieb, gänzlich achtlos für die schöne Wirklichkeit, die vor ihm saß, den Ausdruck seines geraden und wahrhaftigen Gesichts mit einer Schärfe beobachtend, die ihr einen sehr schönen, wenn auch nicht durchaus richtigen Schlüssel zu seinen Gedanken gab. Nie zuvor war ein so reizendes Traumgesicht vor dem geistigen Auge des jungen Jägers geschwebt; aber vorzugsweise ans Praktische gewöhnt, und wenig geneigt, sich der Gewalt seiner Einbildungskraft zu unterwerfen, so viel ächtes poetisches Gefühl er auch namentlich in Beziehung auf Gegenstände der Natur besaß, faßte sich seine Vernunft bald wieder, und er lächelte über seine eigne Schwäche, als das Phantasiegebilde vor seinem geistigen Auge entschwand, und er wieder das einfache, ungelehrte, aber sittlich hochstehende Wesen wie zuvor war, in der Arche Thomas Hutter's, beim Licht der einsamen Lampe dasitzend um Mitternacht, das holde Antlitz der vermeintlichen Tochter des geschiedenen Besitzers ihn anstrahlend mit ängstlich forschenden Blicken. »Ihr seyd wundervoll schön, und verlockend und lieblich anzuschauen, Judith!« rief er in seiner Einfalt, als die Wirklichkeit ihre Macht über die Phantasie behauptete. »Wundervoll! Ich erinnere mich nicht, je ein so schönes Mädchen gesehen zu haben, selbst nicht unter den Delawaren; und ich bin nicht erstaunt darüber, daß Hurry Harry ebenso erbittert als getäuscht fortging!« »Hättet Ihr gewollt, Wildtödter, daß ich das Weib eines Mannes wie Henry March geworden wäre?« »Es spricht Manches zu seinen Gunsten, und wieder Anderes gegen ihn. Nach meinem Geschmack würde Hurry nicht eben den besten Ehemann abgeben, aber ich fürchte, der Geschmack der meisten jungen Weiber hier herum würde sich nicht so hart über ihn aussprechen.« »Nein – nein – Judith ohne einen Namen würde nimmermehr einwilligen, Judith March genannt zu werden! Alles wäre noch besser als das !« »Judith Bumppo würde nicht so gut lauten, Mädchen; und noch manche Namen würden, was den Wohlklang fürs Ohr betrifft, gegen March zurückstehen.« »Ach! Wildtödter, der Wohlklang in solchen Fällen kommt nicht durch's Ohr, sondern durch's Herz. Alles ist angenehm, wenn das Herz davon befriedigt ist! Wäre Natty Bumppo Henry March, und Henry March Natty Bumppo, so würde mir der Name March schöner vorkommen als er ist; oder wäre er Ihr, so würde ich den Namen Bumppo abscheulich finden!« »Das ist es gerade – ja, das ist der Grund der Sache. So ich, ich bin von Natur ein Feind von Schlangen, und hasse selbst das Wort, was, wie mir die Missionäre sagen, in der menschlichen Natur liegt, wegen einer gewissen Schlange bei der Erschaffung der Welt, welche das erste Weib überlistete; und doch seitdem Chingachgook den Titel sich erworben, den er jetzt trägt, ha, jetzt ist der Laut meinem Ohr so angenehm, als das Pfeifen des Ziegenmelkers an einem heitern Abend, ja gewiß! Die Gefühle machen allen Unterschied auf der Welt, Judith, in der Natur der Laute; ja sogar auch beim Aussehen.« »Das ist so wahr, Wildtödter, daß ich überrascht bin darüber daß Ihr es bemerkenswerth findet, wenn ein Mädchen, welches selbst ziemlich hübsch seyn mag, es nicht für nothwendig hält, daß ihr Gatte denselben Vorzug, oder was Euch als ein Vorzug erscheint, besitze. Mir gilt das Aeußere an einem Manne Nichts, vorausgesetzt, daß sein Gesicht so ehrlich ist wie sein Herz.« »Ja, Ehrlichkeit ist ein großer Vortheil auf die Länge; und die es am ehesten vergessen am Anfang, lernen das oft am besten am Ende. Aber doch, Judith, gibt es Mehrere, die auf den augenblicklichen Gewinn eher sehen, als auf den Segen, der nachher erst kommt. Jenen halten sie für etwas Gewisses, und diesen für etwas Ungewisses. Ich bin aber froh, daß Ihr die Sache im rechten Licht anseht, und nicht in der Art, wie so Viele, die sich gerne selbst täuschen.« »Ich sehe sie so an, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit Nachdruck, immer noch mit dem Zartgefühl des Weibes zurückbebend von einem unmittelbaren Antrage ihrer Hand, »und kann von Grund meines Herzens versichern, daß ich lieber mein Glück einem Manne anvertrauen würde, auf dessen Wahrhaftigkeit und Gemüth man sich verlassen kann, als einem falschzüngigen und falschherzigen Elenden, der Kisten voll Gold, und Häuser und Ländereien hätte – ja, säße er selbst auf einem Thron!« »Das sind wackre Worte, Judith; es sind recht wackre Worte; aber meint Ihr, daß die Gefühle gleichen Schritt damit halten würden, wenn die Wahl wirklich vor Euch läge? Wenn ein munterer und galanter Herr in einem Scharlachrock auf der einen Seite stände, sein Kopf duftend wie der Fuß eines Hirsches, sein Gesicht glatt und blühend wie das Eurige, seine Hände so weiß und weich, als ob Gott nicht darüber ausgesprochen hätte, daß der Mann im Schweiß seines Angesichts sein Brod essen soll, und sein Schritt so leicht, als Tanzmeister und ein leichtes Herz ihn nur immer machen können; und auf der andern Seite stände Einer, der seine Tage in der freien Luft verlebt hat, bis seine Stirne so roth geworden wie seine Wange, der sich durch Moräste und Büsche hindurchgearbeitet, bis seine Hand so rauh geworden wie die Eichen, unter denen er schlief; der die Witterung des Wildes verfolgt hat, bis sein Schritt so verstohlen geworden wie der des Panthers und der keinen Wohlgeruch an sich hätte, als welchen die Natur in der freien Luft und im Walde gibt – wenn jetzt diese beiden Männer hier ständen, als Werber um Eure Neigung; welcher, glaubt Ihr, würde Eure Gunst gewinnen?« Judiths schönes Angesicht flammte; denn das Bild, das ihr Gesellschafter so unbefangen entworfen von einem lustigen Officier der Garnisonen, war einst ihrer Phantasie besonders angenehm gewesen, obwohl Erfahrung und Täuschung jetzt nicht nur alle ihre Gefühle erkältet, sondern ihnen auch eine entgegengesetzte Richtung gegeben hatte, und das vorübergehende Bild übte einen augenblicklichen Einfluß auf ihre Empfindungen; aber auf die ihr in's Gesicht getretene Röthe folgte eine so tödtliche Blässe, daß sie ganz geisterhaft erschien. »So wahr Gott mein Richter ist,« antwortete das Mädchen feierlich, »ständen diese beiden Männer vor mir, wie denn der Eine, ich darf es sagen, wirklich vor mir steht, meine Wahl würde, wenn ich mein eigenes Herz kenne, auf den Letztern gehen. Ich wünsche mir keinen Gatten, der irgend vornehmer ist als ich.« »Das ist lieblich zu hören, und könnte einen jungen Mann wohl verführen, eine Zeit lang seine eigene Unwürdigkeit zu vergessen, Judith! Indeß, Ihr bedenkt doch kaum Alles, was Ihr sprecht! Ein Mann wie ich, ist zu roh und zu unwissend für ein Mädchen, das eine solche Mutter gehabt hat, sie zu lehren; Eitelkeit ist natürlich, glaub' ich; aber eine solche Eitelkeit würde die Vernunft überschreiten!« »Dann wißt Ihr nicht, wessen eines Weibesherz fähig ist! Roh seyd Ihr nicht, Wildtödter, auch kann der nicht unwissend genannt werden, der, was vor seinen Augen ist, so genau studirt hat wie Ihr! Wenn die Neigung im Spiele ist, erscheinen alle Dinge in ihren lieblichsten Farben, und Kleinigkeiten werden übersehen oder vergessen. Wenn es im Herzen Sonnenschein ist, so ist Nichts düster und selbst trüb aussehende Gegenstände erscheinen hell und heiter; und so wäre es auch bei Euch und dem Mädchen, das Euch liebte, obwohl Euer Weib vielleicht in manchen Dingen Euch überlegen seyn möchte, wie die Welt es nennt.« »Judith, Ihr stammt von viel vornehmeren Leuten in der Welt ab, als ich; und ungleiche Ehen, wie ungleiche Freundschaften, nehmen selten ein gutes Ende. Ich rede von dieser Sache ganz als von einer bloßen Einbildung, sintemal es von Euch wenigstens nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr sie als Etwas behandeln solltet, was wirklich zu Stande kommen könnte.« Judith heftete ihre tiefblauen Augen auf das offene, freimüthige Gesicht ihres Genossen, als wollte sie in seiner Seele lesen. Nichts verrieth hier einen versteckten Sinn, und sie war genöthigt, sich selbst zu gestehen, daß er das Gespräch als eine bloße Erörterung mehr von Grundsätzen als von Thatsachen betrachtete, und daß er noch ohne allen Verdacht sey, ihre Gefühle möchten ernstlich bei dem Ausgang und Ergebniß betheiligt seyn. Zuerst fühlte sie sich gekränkt; dann sah sie die Ungerechtigkeit ein, die Bescheidenheit und Selbsterniedrigung des Jägers ihm zum Verbrechen zu machen; und diese neue Schwierigkeit verlieh dem Stand der Dinge einen eigenthümlichen Reiz, der ihr Interesse für den jungen Mann wohl noch steigerte. In diesem kritischen Augenblick blitzte in ihrem Geist eine Veränderung ihres Planes auf, und mit einer Raschheit der Erfindung, welche besonnenen und geistesgegenwärtigen Menschen eigen ist, faßte sie jetzt einen Entwurf, der ihn, wie sie hoffte, wirksam und sicher an sie binden sollte. Dieser Entwurf trug eben so Viel von der Fruchtbarkeit ihrer Erfindungsgabe, als von der Entschiedenheit und Kühnheit ihres Charakters an sich. Damit jedoch das Gespräch nicht zu rasch abbreche, oder ein Verdacht von ihrer Absicht in Wildtödter rege werde, beantwortete sie seine letzte Bemerkung so ernst und wahrhaft, als wäre ihr ursprüngliches Vorhaben ganz unverändert geblieben. »Ich habe gewiß keinen Grund, mich meiner Abstammung zu rühmen, nach dem, was ich heute Nacht erfahren habe,« sagte das Mädchen in traurigem Tone. »Ich habe eine Mutter gehabt, das ist wahr; aber nicht einmal ihren Namen weiß ich; und was meinen Vater betrifft, so ist es vielleicht besser, ich erfahre nie, Wer er gewesen, damit ich nicht zu bitter von ihm spreche!« »Judith!« sagte Wildtödter, freundlich ihre Hand ergreifend und mit einer männlichen Aufrichtigkeit, die dem Mädchen an's Herz griff, »es ist besser, wir sprechen heute Nacht Nichts weiter. Schlaft über dem, was Ihr gesehen und empfunden habt; am Morgen nehmen sich vielleicht Dinge, die jetzt düster erscheinen, freundlicher aus. Vor Allem, thut nie Etwas in der Bitterkeit des Herzens, oder weil Euch so zu Muthe ist, als nähmet Ihr gern an Euch selbst Rache für anderer Leute Verkehrtheiten. Alles was heute Nacht zwischen uns gesprochen und verhandelt worden, ist Euer Geheimniß, und ich werde nie davon reden, selbst nicht mit Schlange; und seyd gewiß, wenn er es nicht aus mir heraus kriegt, so kriegt es Niemand heraus. Wenn Eure Eltern sündhaft gewesen sind, so sey es die Tochter desto weniger; bedenkt, daß Ihr jung seyd, und die Jungen dürfen immer auf bessere Zeiten hoffen; daß Ihr schnelleren Verstandes seyd als gewöhnlich ist, und Solche meist leichter über Schwierigkeiten wegkommen, und daß Eure Schönheit eine ungemeine ist; das ist ein Vortheil bei Allen. Es ist Zeit, ein wenig Ruhe zu genießen, denn Morgen wird wohl für Eins oder das Andere von uns ein Tag heißer Prüfung werden.« Mit diesen Worten stand Wildtödter auf, und Judith hatte keine Wahl als ihm zu folgen. Der Schrank ward geschlossen und verwahrt, und sie trennten sich schweigend; sie ging, um neben Hist und Hetty ihr Lager einzunehmen, und er suchte sich einen Teppich aus dem Boden der Cajüte, worin er war. Es dauerte kaum fünf Minuten, so lag der junge Mann schon in tiefem Schlafe; das Mädchen aber wachte noch lange. Sie wußte selbst nicht, sollte sie bedauern oder sich freuen, daß ihr nicht gelungen, sich verständlich zu machen. Einerseits war ihrem weiblichen Zartgefühl ein Opfer erspart, andererseits aber empfand sie den Verdruß, ihre Hoffnungen vereitelt, oder doch hinausgeschoben zu sehen, und die Ungewißheit einer so dunkel aussehenden Zukunft. Dann kam der neue Entschluß und der kecke Plan für Morgen; und als Schläfrigkeit ihr endlich die Augen schloß, war das Letzte, was sie noch schauten, ein Bild des glücklichen Erfolges, das ihre Phantasie unter dem Einfluß eines sanguinischen Temperaments und einer glücklichen Erfindungsgabe entwarf und ausmalte. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Doch Mutter, jetzt ein Schatten fällt Auf meiner Träume goldnen Schein; Und eine schwarze Wolke hüllt Des Daseyns kurzen Rest mir ein! Nicht Lied, nicht Echo tönt mir mehr; Der funkelnde Quell im Innern leer! Margaret Davidson. Hist und Hetty erhoben sich mit dem wiederkehrenden Licht, und verließen Judith noch in Schlaf versunken. Die Erstere brauchte nur eine Minute, um ihre Toilette zu vollenden. Ihr langes, kohlschwarzes Haar war bald in einen einfachen Knoten geordnet, das Caliko-Gewand eng um ihren schlanken Leib gegürtet, und ihre kleinen Füße in ihren lustig gezierten Moccassins verborgen. Als sie angekleidet war, verließ sie ihre mit Haushaltungssachen beschäftigte Freundin, und ging selbst auf die Plattform, um die reine Morgenluft zu athmen. Hier traf sie Chingachgook, wie er die Küsten des See's, die Berge und den Himmel mit dem Scharfblick eines Mannes der Wälder und mit dem Ernst eines Indianers studirte. Die Begegnung der Liebenden war einfach aber liebevoll. Der Häuptling zeigte eine männliche Freundlichkeit, gleichweit entfernt von knabenhafter Weichheit wie von Hast, während das Mädchen in ihrem Lächeln und ihren halb abgewandten Blicken die verschämte Zärtlichkeit ihres Geschlechts verrieth. Keines sprach, außer mit den Augen, aber Beide verstanden einander so vollkommen, wie wenn sie ein Wörterbuch voll Phrasen und Betheurungen erschöpft hätten. Hist erschien selten vortheilhafter als in diesem Augenblick; denn da sie eben vom Schlaf und von den Abwaschungen herkam, zeigte ihre jugendliche Gestalt und ihr Antlitz eine Frische, welche selbst die Jungen und Hübschen unter den Mühsalen des Waldlebens sich nicht immer zu erhalten vermögen. Sodann hatte Judith nicht nur Einiges von ihrer Geschicklichkeit in der Toilette während ihrer kurzen Bekanntschaft ihr beigebracht, sondern ihr auch aus ihren Vorräthen einige gutgewählte Zierrathen geschenkt, welche die natürlichen Reize der jungen Indianerin nicht wenig heraushoben. Alles dieß sah und empfand der Liebhaber, denn einen Augenblick war sein Angesicht von einem Blick der Freude erleuchtet; aber bald war es wieder ernst, und dann wurde es traurig und ängstlich. Die in der vorigen Nacht gebrauchten Stühle standen noch auf der Plattform: er stellte zwei davon an die Wände der Hütte, setzte sich auf einen, und bedeutete mit einer Geberde seiner Genossin, den andern zu nehmen. Nach diesem blieb er noch eine volle Minute nachdenklich und stumm, die überlegende Würde eines Mannes behauptend, der dazu geboren ist, seinen Sitz am Berathungsfeuer einzunehmen, während Hist verstohlen den Ausdruck seines Gesichts beobachtete, geduldig und unterwürfig, wie einem Weib ihres Volkes geziemte. Dann streckte der junge Krieger den Arm vor sich aus, als wollte er auf die Herrlichkeit der Scene in dieser bezaubernden Stunde hindeuten, wo das ganze Panorama, wie gewöhnlich, in der weichen, milden Klarheit eines Frühmorgens prangte, und fuhr mit seiner Hand langsam dem See, den Bergen und dem Himmel entlang. Das Mädchen folgte dieser Bewegung mit vergnügter Bewunderung, lächelnd bei jeder neuen Schönheit, auf die ihr Auge fiel. »Hugh!« rief der Häuptling in seiner Bewunderung einer selbst ihm so ungewohnten Scene, denn dieß war der erste See, den er sah. »Das ist das Land des Manitou! Es ist zu gut für Mingo's, Hist; aber die Köter dieses Stammes heulen truppweis durch die Wälder. Sie meinen, die Delawaren schlafen über den Bergen.« »Alle, bis auf Einen von ihnen, Chingachgook. Einer ist hier; und der ist vom Blute der Unkas!« »Was ist Ein Krieger gegen einen Stamm? – Der Pfad zu unsern Dörfern ist sehr lang und krumm, und wir haben dahin zu wandern unter einem umwölkten Himmel. Auch fürchte ich, Gaißblattblüthe der Berge, wir werden allein dahin wandern.« Hist verstand die Anspielung und sie ward traurig, obwohl es ihrem Ohre süß klang, von dem Krieger, den sie so liebte, mit der duftigsten und lieblichsten von allen wilden Blumen ihrer heimischen Berge verglichen zu werden. Doch blieb sie stumm, wie ihr geziemte, wenn auf eine ernste Angelegenheit angespielt wurde, welche Männer am besten beurtheilten, obgleich die Macht der Erziehung bei ihr nicht so viel vermochte, daß sie das Lächeln verhehlt hätte, welches in Folge des wohlthuenden Eindrucks von Chingachgooks Rede ihren hübschen Mund umschwebte. »Wenn die Sonne so ist,« fuhr der Delaware fort, nach dem Zenith hinaufdeutend, einfach eine Hand und einen Finger durch eine Bewegung des Handgelenks aufwärts richtend, »wird der große Jäger unsers Stammes zurückkehren zu den Huronen, um behandelt zu werden wie ein Bär, den sie rösten und schinden, selbst bei vollem Magen.« »Der Große Geist möge ihre Herzen besänftigen und nicht dulden, daß sie so blutdürstig seyen. Ich habe unter den Huronen gelebt, und kenne sie. Sie haben Herzen, und werden ihre eignen Kinder nicht vergessen, sollten sie in die Hände der Delawaren fallen.« »Ein Wolf heult immer fort; ein Schwein hört nicht auf zu fressen. Sie haben Krieger verloren; selbst ihre Weiber werden nach Rache schreien. Das Bleichgesicht hat die Augen eines Adlers und kann hineinschauen in die Mingo-Herzen; er sieht nicht aus, als hoffte er Gnade. Es ist eine Wolke über seinem Geist, obgleich keine vor seinem Angesicht.« Eine lange Pause des Nachsinnens trat nun ein, während welcher Hist leise die Hand des Häuptlings ergriff, als suchte sie seine Hülfe nach, obwohl sie kaum ihr Auge zu erheben wagte gegen ein Antlitz, das jetzt im buchstäblichen Sinne furchtbar ward unter dem Kampfe von streitenden Leidenschaften und finstrer Entschlossenheit in der Brust des Indianers. »Was will der Sohn von Unkas thun?« fragte endlich schüchtern das Mädchen. »Er ist ein Häuptling, und ist schon berühmt im Rathe, obgleich noch so jung; was sagt ihm sein Herz, daß das Weiseste sey? spricht das Haupt auch dieselben Worte wie das Herz?« »Was sagt Wah-ta!-Wah in einem Augenblick, wo mein liebster Freund in einer solchen Gefahr ist? Die kleinsten Vögel singen am süßesten; es ist immer angenehm, ihrem Gesang zu horchen. Ich wollte, ich hörte den Zaunkönig der Wälder in meiner Bedrängniß; seine Noten würden tiefer dringen als ins Ohr.« Wieder empfand Hist die innige Zufriedenheit, welche die Sprache des Lobes im Munde derer, die man liebt, jederzeit gewährt. ›Gaißblattblüthe der Berge‹ war ein Ausdruck, den die jungen Delawaren oft von dem Mädchen gebrauchten, der aber nie so süß in ihr Ohr klang, als wenn er von Chingachgooks Lippen kam, der Letztere allein aber hatte sie Zaunkönig der Wälder genannt. Bei ihm indessen war es eine ganz vertraute Benennung geworden, und der Name klang dem Mädchen über alle Beschreibung süß, weil er in ihr die Idee erweckte, daß ihr Rath und ihre Gesinnungen ihrem künftigen Gatten ebenso werth, als der Ton ihrer Stimme, und die Art und Weise, jene auszusprechen, ihm angenehm seyen, und so die zwei Dinge vereinigte, die einem indianischen Mädchen bei ihrem Verlobten am Meisten gelten: Bewunderung eines schätzbaren physischen Vorzugs, und Achtung vor ihrer Meinung. Sie drückte die Hand, die sie zwischen den beiden ihrigen hielt, und antwortete: »Wah-ta!-Wah sagt, weder sie noch die Große Schlange könnte je wieder lachen, oder auch nur schlafen, ohne zu träumen von den Huronen, sollte der Wildtödter sterben unter einem Mingo-Tomahawk, ohne daß sie Etwas gethan hätten, ihn zu retten. Lieber würde sie zurückkehren und ihren langen Pfad allein antreten, als solch eine dunkle Wolke vor ihr Glück treten lassen.« »Gut! Der Gatte und das Weib werden nur Ein Herz haben; sie werden sehen mit denselben Augen, und fühlen mit denselben Gefühlen.« Was weiter gesprochen wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden. Daß das Gespräch Wildtödtern und seine Aussichten betraf, hat man schon gesehen, aber die Entscheidung, welche gefaßt wurde, wird man besser im weitern Verlauf der Erzählung erfahren. Das jugendliche Paar war noch in seiner Unterredung begriffen, als die Sonne über den Gipfeln der Fichten erschien, und das Licht eines glänzenden amerikanischen Tages über das Thal ausströmte, in ›tiefer Wonne‹ den See, die Wälder und die Bergabhänge badend. Gerade in diesem Augenblick trat Wildtödter aus der Cajüte der Arche, und kam auf die Plattform. Sein erster Blick war nach dem wolkenlosen Himmel, dann nahm sein rasches Auge das ganze Panorama von Land und Wasser in sich auf, wo er dann Muße hatte zu einem freundlichen Nicken gegen seine Freunde, und zu einem heitern Lächeln für Hist. »Nun,« sagte er, in seiner gewohnten, gefaßten Art und mit seiner wohllautenden Stimme; »wer die Sonne im Westen untergehen sieht, und früh genug erwacht am Morgen, findet sie gewiß wieder kommend im Osten, wie einen Hirsch, der um sein Lager herum gejagt wird. Ich glaube fast, Hist, Ihr habt das oft und viel gesehen, und doch ist es Euch noch nie in Euren mädchenhaften Sinn gekommen, nach der Ursache davon zu fragen?« Chingachgook und seine Verlobte schauten Beide zu dem Glanzgestirn empor mit einer Miene, welche plötzliches Staunen verrieth, und dann starrten sie einander an, als suchten sie nach der Lösung der Schwierigkeit. Gewohnheit tödtet die Empfänglichkeit selbst in Bezug auf die wichtigsten Naturerscheinungen; und nie bis jetzt hatten diese einfachen Geschöpfe daran gedacht, über eine Bewegung nachzusinnen, welche täglich ihnen vor Augen stand, wie befremdend sie auch bei näherer Forschung scheinen mochte. Als der Gegenstand so plötzlich auf die Bahn gebracht wurde, sprach er Beide, und in demselben Augenblick, etwa mit derselben Gewalt an, wie ein neuer und glänzender Satz in den Naturwissenschaften den Gelehrten ansprechen würde. Chingachgook allein erachtete für passend, zu antworten. »Die Bleichgesichter wissen Alles,« sagte er; »können sie uns sagen, warum die Sonne ihr Angesicht verbirgt, wenn sie bei Nacht ihren Weg zurückgeht?« »Ja, das ist ächte Rothhautgelehrsamkeit,« versetzte der Andere lachend, obwohl er nicht ganz gleichgültig war gegen den Genuß, die Ueberlegenheit seiner Race zu beweisen durch die Lösung des schwierigen Problems, woran er sich in seiner eigenthümlichen Weise machte. »Hört, Schlange,« fuhr er ernster fort, doch zu unbefangen zur Affektation, »das ist leichter erklärt, als ein indianisches Hirn sich vielleicht einbildet. Die Sonne, während sie die Reise am Himmel hin zu machen scheint, rührt sich nie, sondern die Erde ist es, die sich rund herum dreht; und Jeder kann begreifen, wenn er an ein Mühlrad zum Beispiel gebunden würde, während es in Bewegung ist, daß er zu Zeiten den Himmel sehen muß, während er zu andern Zeiten unter dem Wasser ist. Es ist kein großes Geheimniß darin, sondern einfache Natur; und die Schwierigkeit besteht nur darin, die Erde in Bewegung zu setzen.« »Wie weiß mein Bruder, daß die Erde sich rund herumdreht?« fragte der Andere. »Kann er es sehen?« »Nun, das war eine verwirrende Frage, ich gesteh' es, Delaware; denn ich habe es schon oft versucht, und konnte es nie recht herausbringen. Manchmal bildete ich mir ein, es zu können; und dann wieder sah ich mich genöthigt, die Unmöglichkeit zu gestehen. Aber, umdrehen thut sie sich, wie Alle von meinem Volke sagen, und Ihr müßt ihnen glauben, denn sie können Finsternisse und andere Wunder vorhersagen, welche die Stämme mit Schrecken zu erfüllen pflegen, nach Euren eignen Ueberlieferungen von solchen Dingen.« »Gut. Das ist wahr, kein rother Mann wird es läugnen. Wenn ein Rad sich dreht, so können es meine Augen sehen – die Erde sehen sie nicht sich umdrehen.« »Ja, das ist, was ich Sinnentrotz nenne! Sehen ist Glauben, sagen sie; und was sie nicht sehen können, dem wollen manche Menschen nicht den mindesten Glauben beimessen. Dennoch Häuptling, ist das nicht so ganz ausgemachte Vernunft, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ihr glaubt an den Großen Geist, das weiß ich; und doch, denke ich, würde es Euch in Verlegenheit setzen, anzugeben, wo Ihr ihn seht!« »Chingachgook kann ihn sehen überall – überall in guten Dingen, den Bösen Geist in schlechten . Hier im See, dort im Wald, drüben in den Wolken; in Hist, in dem Sohne von Unkas, in Tamenund, in Wildtödter. Der Böse Geist ist in den Mingo's, das weiß ich: die Erde sehe ich nicht sich umdrehen.« »Es wundert mich nicht, daß man Euch die Schlange nennt, Delaware, nein, wahrhaftig nicht! Es ist immer eine Bedeutung in Euern Worten, und oft ist auch eine Bedeutung in Eurem Gesicht! Trotzdem passen Eure Antworten nicht ganz zu meiner Idee: daß Gott wahrzunehmen ist in allen natürlichen Gegenständen, kann man zugeben; aber er ist nicht darin wahrzunehmen in der Art, wie ich meine. Ihr wißt, daß ein Großer Geist ist, aus seinen Werken; und die Bleichgesichter wissen, daß die Erde sich umdreht, aus ihren Werken. Das ist der Grund der Sache, obwohl wie es zu erklären, Mehr ist, als ich Euch so genau sagen kann. Das weiß ich: alle von meinem Volk sind von der Sache überzeugt; und was alle Bleichgesichter glauben, wird doch wohl wahr seyn.« »Wenn die Sonne über dem Wipfel dieser Fichte steht, wo wird mein Bruder Wildtödter dann seyn?« Der Jäger fuhr auf und schaute seinen Freund scharf, obwohl ganz ohne Unruhe an. Dann winkte er ihm zu folgen, und ging ihm voran in die Arche, um dort den Gegenstand weiter zu besprechen, ungehört von Solchen, deren Gefühle, wie er besorgte, die Oberhand über die Vernunft gewinnen möchten. Hier blieb er stehen, und setzte das Gespräch im vertraulicheren Tone fort. »Es war etwas unklug von Euch, Schlange,« sagte er, »einen solchen Gegenstand vor Hist aufzubringen, und wo das Mädchen von meiner Farbe Alles hätte hören können, was gesprochen wurde. Ja, es war ein wenig unkluger, als das Meiste, was Ihr thut. Einerlei; Hist verstand es nicht, und die Andre hörte es nicht. Indessen, die Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Kein Sterblicher kann sagen, wo er morgen seyn wird, wenn die Sonne aufgeht. Ich will Euch dieselbe Frage vorlegen, Schlange, und wäre begierig zu hören, welche Antwort Ihr geben könnt?« »Chingachgook wird bei seinem Freund Wildtödter seyn; wenn dieser im Lande der Geister ist, wird die Große Schlange an seine Seite sich schmiegen: wenn unter jener Sonne dort, wird ihre Wärme und ihr Licht auf Beide fallen.« »Ich verstehe Euch, Delaware,« versetzte der Andere, gerührt von der einfachen Selbstaufopferung seines Freundes. »Eine solche Sprache ist so klar in einer Sprache wie in der andern; sie kommt vom Herzen und geht auch zum Herzen. Es ist gut, so zu denken und mag gut seyn, so zu sprechen auch, aber es wäre nicht gut, so zu handeln , Schlange. Ihr steht nicht mehr allein im Leben; denn obgleich Ihr noch die Hütten zu wechseln, und andre Ceremonien durchzumachen habt, ehe Hist Euer rechtmäßiges Weib wird, seyd Ihr doch schon so gut wie verheirathet, was Gefühle und Freude und Jammer betrifft. Nein, nein; Hist darf nicht verlassen werden, weil eine Wolke etwas unerwartet zwischen Euch und mir hinzieht, und etwas dunkler als wir vorausgesehen hatten.« »Hist ist eine Tochter der Mohikans; sie weiß ihrem Gatten zu gehorchen. Wohin er geht, wird sie ihm folgen. Beide werden bei dem großen Jäger der Delawaren seyn, wenn die Sonne morgen über den Fichten steht.« »Der Herr segne und schütze Euch, Häuptling; das ist baarer Wahnsinn! Kann Eines von Euch, oder könnt Ihr beide zusammen eine Mingonatur ändern? Werden Eure stolzen Mienen, oder Hists Thränen und Schönheit einen Wolf in ein Eichhorn verwandeln, oder einen Panther so unschuldig machen wie ein Reh? Nein, Schlange, Ihr werdet Euch diese Sache besser bedenken, und mich in der Hand Gottes lassen. Am Ende ist doch noch keineswegs gewiß, daß die Schurken die Martern im Sinn haben, denn sie können auch noch barmherzig seyn, und bedenken, wie sündhaft ein solches Beginnen wäre; obgleich es eine ziemlich hoffnungslose Aussicht ist, zu erwarten, daß ein Mingo sich abwende vom Uebel, und Barmherzigkeit die Oberhand gewinnen lasse in seinem Herzen. Demungeachtet, Niemand weiß gewiß, was sich begeben wird; und junge Creaturen wie Hist dürfen nicht auf Ungewißheiten hin auf's Spiel gesetzt werden. Dieß Heirathen ist eine ganz andere Sache, als manche junge Leute sich einbilden. Ja, wenn Ihr ledig wäret, oder so gut als ledig, Delaware, dann würde ich erwarten, daß Ihr flink und rüstig wäret, und um das Lager der Vagabunden herumstrichet, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit Listen und Schlichen, so rastlos wie ein Hund auf der Fährte, und Alles versuchtet, um mir zu helfen und den Feind von mir abzuziehen; aber Zwei sind oft schwächer als Einer, und wir müssen die Dinge nehmen wie sie sind, und nicht wie wir sie wünschen.« »Hört, Wildtödter,« erwiederte der Indianer mit einem so entschiedenen Nachdruck, daß man wohl sah, wie Ernst es ihm war: »Wenn Chingachgook in den Händen der Huronen wäre, was würde mein Bleichgesichtbruder thun? Nach den Delawarendörfern schleichen und den Häuptlingen, und alten Männern, und jungen Kriegern sagen: ›Seht, hier ist Wah-ta!-Wah; sie ist gerettet, und wohlbehalten, aber ein wenig ermüdet; und hier ist der Sohn von Unkas, nicht so ermüdet wie die Gaißblattblüthe, weil er stärker ist, aber ebenso wohlbehalten.‹ Würdet Ihr das thun?« »Nun, das ist ungemein sinnreich; es ist schlau genug selbst für einen Mingo. Der Herr allein weiß, was Euch auf den Gedanken gebracht, eine solche Frage zu thun. Was ich thun würde? Ha, für's Erste würde wohl Hist schwerlich überhaupt in meiner Gesellschaft seyn, denn sie würde Euch so nahe bleiben als möglich, und daher könnte Alles, was sie betraf, nicht gesprochen werden, ohne Unsinn zu sprechen. Das Ermüdetseyn, das würde auch wegfallen, wenn sie gar nicht mitkäme, und kein Theil Eurer Rede würde wohl in meinen Mund passen; so seht Ihr, Schlange, die Vernunft ist gegen Euch, und Ihr könnt es immerhin aufgeben; denn gegen die Vernunft Etwas behaupten, geziemt sich in keiner Weise für einen Häuptling von Eurem Charakter und Ruf.« »Mein Bruder ist nicht er selbst; er vergißt, daß er zu Einem redet, der an den Berathungsfeuern seiner Nation gesessen ist,« versetzte der Andere mild. »Wenn Männer sprechen, sollten sie Nichts sagen, was auf der einen Seite des Kopfes hinein und auf der andern herausgeht. Ihre Worte sollten nicht Federn seyn, so leicht, daß ein Wind, der das Wasser nicht kräuselt, sie fortwehen kann. Er hat auf meine Frage nicht geantwortet; wenn ein Häuptling eine Frage stellt, sollte sein Freund nicht von andern Dingen plaudern.« »Ich versteh' Euch, Delaware; ich verstehe wohl, was Ihr meint, und die Wahrheit erlaubte mir nicht, es anders zu sagen. Dennoch ist es nicht so leicht, Euch zu antworten, wie Ihr zu glauben scheint, aus diesem einfachen Grunde: Ihr verlangt, ich solle sagen was ich thäte, wenn ich eine Verlobte hätte wie Ihr hier habt, auf dem See, und einen Freund drüben im Lager der Huronen, mit Martern bedroht. Das ist es, nicht so?« Der Indianer nickte schweigend mit dem Kopf, immer mit unbeweglichem Ernst, obgleich sein Auge zwinkerte bei dem Anblick von des Andern Verlegenheit. »Nun gut, ich hatte nie eine Verlobte, kannte nie die Art von Gefühlen gegen ein junges Weib, wie Ihr gegen Hist; obgleich der Herr weiß, daß meine Gefühle wohlwollend genug sind gegen Alle. Dennoch aber ist mein Herz, wie sie es nennen, in solchen Dingen nicht geübt, und daher kann ich nicht sagen, was ich thäte. Ein Freund zieht stark an Einem; das weiß ich aus Erfahrung, Schlange; aber nach Allem, was ich gesehen und gehört habe von der Liebe, bin ich geneigt zu glauben, daß eine Verlobte noch stärker zieht.« »Wahr, aber die Verlobte Chingachgooks zieht nicht nach den Hütten der Delawaren hin; sie zieht hinüber nach dem Lager der Huronen.« »Sie ist ein edles Mädchen, mit all ihren kleinen Füßen und Händen, die nicht größer sind als die eines Kindes, und einer Stimme, die so lieblich ist, wie die eines Spottvogels; sie ist ein edles Mädchen und ganz wie der Stamm ihrer Väter. Nun was ist es denn, Schlange? denn ich bilde mir ein, sie hat doch nicht ihren Sinn geändert, und will sich ausliefern, und ein Huronenweib werden? Was habt Ihr im Sinne? »Wah-ta!-Wah will nimmermehr im Wigwam eines Irokesen leben,« antwortete der Delaware trocken. »Sie hat kleine Füße, aber sie können sie zu den Dörfern ihres Volkes tragen; sie hat auch kleine Hände, aber ihr Gemüth ist groß. Mein Bruder wird sehen, was wir thun können, wenn die Zeit kommt, ehe wir ihn unter den Martern der Mingo's sterben lassen.« »Unternehmt nichts Unvorsichtiges,« sagte der Andere ernst; »ich glaube wohl, Ihr werdet und müßt Euren Willen haben; und im Ganzen ist es recht, daß Ihr ihn habt; denn Ihr würdet Euch nicht glücklich fühlen, wenn nicht Etwas unternommen würde. Aber beginnt nichts Unvorsichtiges. Ich erwartete, daß Ihr den See nicht verlassen würdet, so lang meine Sache in Ungewißheit schwebte; aber bedenkt, Schlange, daß keine Martern, welche sinnreiche Grausamkeit der Mingo's erdenken mag, keine Verspottungen und Schmähungen, kein Brennen und Rösten und Nägelausziehen, noch irgend welche unmenschliche Quälereien meinen Geist so leicht niederdrücken könnten, als wenn ich sehen müßte, daß Ihr und Hist, über dem Bestreben, Etwas zu meinen Gunsten zu thun, in die Hände des Feindes gefallen wäret.« »Die Delawaren sind vorsichtig. Wildtödter wird sehen, daß sie nicht mit geschlossenen Augen in ein fremdes Lager hineinrennen.« Hier endete die Unterredung. Hetty kündigte sofort an, daß das Frühstück bereit sey, und die ganze Gesellschaft saß bald um den einfachen Tisch in der gewöhnlichen, urzuständlichen Weise der Grenzleute herum. Judith nahm zuletzt ihren Sitz ein, bleich, schweigsam, und mit den Spuren einer bang und schmerzlich, wo nicht schlaflos, verbrachten Nacht in ihrem Angesicht. Keine Sylbe ward bei dieser Mahlzeit gesprochen, und alle Frauen zeigten Mangel an Appetit, während bei den Männern in diesem Punkt keine Veränderung zu bemerken war. Es war noch frühe, als die Gesellschaft aufstand, und noch blieben einige Stunden, bis der Gefangene seine Freunde verlassen mußte. Dieser wohl bekannte und bedachte Umstand, und die Theilnahme, die sie an seinem Schicksal fühlten, versammelte Alle wieder auf der Plattform, weil sie wünschten, in der Nähe des vermuthlichen Opfers zu weilen, seinen Reden zu horchen, und wo möglich durch Zuvorkommenheit gegen seine Wünsche ihm ihre Theilnahme zu bezeigen. Wildtödter selbst war, so viel menschliche Augen sehen konnten, ganz unerschüttert, er sprach heiter und natürlich, obwohl er jede unmittelbare Hindeutung auf das zu befürchtende, große Ereigniß des Tages vermied. Wenn man irgend ein Anzeichen davon entdecken konnte, daß seine Gedanken überhaupt auf diesen peinlichen Gegenstand sich richteten, so war es die Art, wie er vom Tod und von dem letzten großen Wechsel sprach. »Grämt Euch nicht, Hetty,« sagte er; denn während er das schwachsinnige Mädchen über den Verlust ihrer Eltern tröstete, verrieth er seine Gefühle in der bezeichneten Weise, »sintemal Gott es so verhängt hat, daß Alle sterben müssen. Eure Eltern, oder die Ihr dafür gehalten, was auf Eins hinausläuft, sind vor Euch hingegangen; das ist nur in der Ordnung der Natur, mein gutes Mädchen, denn die Alten gehen zuerst, und die Jungen folgen. Aber Wer eine Mutter gehabt hat, wie die Eurige war, Hetty, kann nicht im Zweifel seyn, daß er das Beste hoffen dürfe über die Gestaltung der Dinge in einer andern Welt. Der Delaware hier, und Hist, glauben an glückliche Jagdreviere, und haben Ideen, wie sie für ihre Begriffe und Gaben als Rothhäute passen; aber wir, die wir von weißem Blute sind, halten an einer ganz andern Lehre fest. Doch vermuthe ich so ziemlich, unser Himmel ist ihr Land der Geister, und der Pfad, der dahin führt, wird von allen Farben gleicherweise betreten. Es ist für die Ruchlosen unmöglich, darein einzugehen, das will ich zugeben; aber Freunde können schwerlich getrennt werden, wenn sie auch nicht von derselben Race auf Erden sind. Richtet Euer Gemüth auf, arme Hetty, und sehet getrost dem Tag entgegen, wo Ihr Eure Mutter wieder sehen werdet, und das ohne Leid und Kummer.« »Ich erwarte Mutter wieder zu sehen,« versetzte das wahrhafte und einfache Mädchen. »aber was wird aus Vater werden?« »Das ist eine Frage zum Maulstopfen, Delaware,« sagte der Jäger in indianischer Sprache, »das ist gradezu eine Frage zum Maulstopfen! Die Bisamratze war kein Heiliger auf Erden, und es ist gut errathen, daß er drüben eben auch kein sonderlicher seyn wird! Indeß, Hetty,« und hier glitt er mit einem leichten Uebergang in's Englische hinüber, »indeß, Hetty, wir müssen Alle das Beste hoffen; das ist das Klügste, und es ist bei Weitem das Wohlthätigste für das Gemüth, wenn man es nur thun kann. Ich empfehle Euch, auf Gott zu vertrauen, und alle Eure Besorgnisse und kleinmüthigen Gefühle fahren zu lassen. Es ist wunderbar, Judith, wie verschiedene Leute so verschiedene Begriffe von der Zukunft haben, und sich die Einen diesen, die andern jenen Wechsel vorstellen. Ich habe weiße Lehrer gekannt, die da glaubten, im andern Leben sey Alles Geist; und auch wieder solche, die meinten, der Leib werde in eine andre Welt versetzt, ungefähr wie die Rothhäute selbst sich's einbilden, und daß wir dort wandeln werden im Fleisch, und einander kennen, und mit einander reden, und Freunde seyn, wie wir hier gewesen.« »Welche von diesen Meinungen gefällt Euch am Besten, Wildtödter?« fragte das Mädchen, das gern auf seine schwermüthige Stimmung einging, und selbst keineswegs frei war von ihrem Einfluß. »Wäre es Euch unangenehm, zu denken, Ihr werdet Alle, die auf dieser Plattform jetzt stehen, in einer andern Welt wieder finden? Oder habt Ihr uns hier genug kennen gelernt, um froh zu seyn, wenn Ihr uns nicht wieder seht?« »Das letztere würde den Tod zu etwas Bitterem machen, ja, das würde es. Es sind acht gute Jahre, seit Schlange und ich miteinander zu jagen anfingen, und der Gedanke, daß wir uns nie wieder sehen sollten, wäre für mich ein harter Gedanke. Er sieht der Zeit entgegen, wo wir miteinander eine Art von Geistwildpret jagen werden, auf Ebenen, wo keine Dornen, kein Gestrüppe, keine Sümpfe und andere Mühseligkeiten zu überwinden sind, während ich nicht all diesen Begriffen beifallen kann, angesehen daß sie gegen die Vernunft zu seyn scheinen. Geister können nicht essen, haben auch keine Kleider nöthig; und Wild kann man von Rechtswegen nur jagen, um es zu tödten, und nur tödten, des Wildprets oder der Häute wegen. Nun finde ich es schwierig, anzunehmen, daß selige Geister Wild jagen sollten, ohne einen rechten Zweck, und die einfältigen Thiere quälen, nur um ihrer eigenen Lustbarkeit und Ergötzung willen. Ich habe noch nie auf einen Hirsch oder ein Thier abgedrückt, Judith, als wenn ich Nahrung oder Kleider bedurfte.« »Diese Erinnerung, Wildtödter, muß jetzt ein großer Trost für Euch sehn.« »Der Gedanke an solche Dinge ist es, meine Freunde, was einen Mann fähig macht, seinen Urlaub zu halten. Es möchte auch ohne dieß geschehen, ich geb' es zu! denn die schlimmsten Rothhäute thun manchmal ihre Pflicht in diesem Stücke; aber es macht, was sonst schwer wäre, leicht, wenn auch nicht ganz nach unserem Geschmack. Nichts in Wahrheit gibt ein kühneres Herz, als ein leichtes Gewissen,« Judith wurde blässer als je, aber sie rang, ihre Selbstbeherrschung zu behaupten, und es gelang ihr. Der Kampf jedoch war heftig gewesen, und sie war jetzt so wenig zum Sprechen aufgelegt, daß Hetty den Gegenstand weiter verfolgte. Sie that dieß in der ihr natürlichen, einfachen Weise. »Es wäre grausam, das arme Wild zu tödten,« sagte sie, »in dieser Welt, oder in einer andern, wenn Ihr nicht des Fleisches oder der Häute bedürftet. Kein guter weißer, und kein guter rother Mann würde es thun. Aber es ist für einen Christen sündhaft, vom Jagen im Himmel zu reden. Solche Dinge geschehen nicht vor dem Angesicht Gottes, und der Missionär, welcher dergleichen lehrt, kann kein wahrer Missionär seyn. Er muß ein Wolf seyn in Schaafskleidern, Ich denke Ihr wißt, was ein Schaaf ist, Wildtödter?« »Ja wohl, Mädchen; und eine nützliche Creatur ist es für Solche, welche Tuchkleider Häuten vorziehen, zum Winteranzug. Ich verstehe die Natur des Schaafs, obwohl ich noch wenig damit zu thun gehabt habe; und die Natur der Wölfe auch, und kann mir wohl die Idee bilden von einem Wolf im Pelz eines Schaafs, obwohl ich denke, es würde eine heiße Jacke für eine solche Bestie werden in den warmen Monaten!« »Und Sünde und Heuchelei sind auch heiße Jacken, wie diejenigen finden werden, die sie anziehen,« versetzte Hetty mit bestimmtem Tone; »so würde der Wolf nicht schlimmer daran seyn als der Sünder. Geister jagen nicht, und stellen nicht Fallen, und fischen nicht, und thun Nichts, was nichtige Menschen beginnen, weil sie keine Gelüste dieser Welt zu befriedigen haben. Oh! Mutter sagte mir das Alles vor Jahren schon, und ich möchte es nicht gern bestreiten hören.« »Nun, meine gute Hetty, in diesem Falle würdet Ihr gut thun, Eure Lehre nicht Hist mittheilen zu wollen, wenn Ihr allein seyd, und die junge Delawarin gerne von Religion spricht. Es ist ihre feststehende Idee, das weiß ich, daß die guten Krieger in der andern Welt Nichts thun als jagen und fischen, obgleich sie, glaube ich, sich nicht einbildet, daß je Einer sich zum Fallenstellen erniedrigt, was keine Beschäftigung für einen Tapfern ist. Aber des Jagens und Fischens haben sie, nach ihrem Begriffe, Genüge und das dazu auf den angenehmsten Jagdrevieren, und unter Wild, bei dem es immer die rechte Jahreszeit ist, und das gerade flink und klug genug ist, um dem Tödter einen Reiz zu geben. So möchte ich Euch denn nicht anrathen, Hist auf diese Idee zu bringen.« »Hist kann nicht so sündhaft seyn, irgend dergleichen zu glauben,« erwiederte die Andere ernst, »Kein Indianer jagt mehr nach dem Tode.« »Kein sündhafter Indianer, geb' ich Euch zu; kein sündhafter Indianer, allerdings. Der muß die Munition herbeitragen, und zusehen, ohne an der Kurzweil Theil zu haben, und kochen, und Feuer anzünden, und Alles thun, was nicht Mannesarbeit ist. Merkts Euch aber jetzt: das sind nicht meine Ideen, sondern es sind Hist's Ideen, und daher, um des Friedens willen, je weniger Ihr darüber und dagegen zu Ihr redet, desto besser.« »Und was sind Eure Ideen von dem Schicksal eines Indianers in der anderen Welt?« fragte Judith, die jetzt eben ihre Stimme wieder gefunden hatte. »Ha, Mädchen, Alles eher als das! Ich bin ein zu guter Christ, um solche phantastische Dinge wie Jagen und Fischen nach dem Tod zu erwarten; auch glaube ich nicht, daß ein Manitou für die Rothhäute ist, und ein Andrer für die Bleichgesichter. Ihr findet verschiedene Farben auf der Erde, wie Jeder sehen kann; aber Ihr findet nicht verschiedene Naturen. Verschiedene Gaben, aber nur Eine Natur!« »In was unterscheidet sich eine Gabe von einer Natur? Ist nicht die Natur selbst eine Gabe von Gott?« »Gewiß; daß ist rasch gedacht und beifallswürdig, Judith, obwohl die Hauptidee falsch ist. Eine Natur ist die Creatur selbst; ihre Wünsche, Bedürfnisse, Ideen und Gefühle, wie das Alles mit ihr geboren ist. Diese Natur kann sich nie verändern in der Hauptsache, obgleich sie einige Zunahme oder Abnahme erleiden mag. Gaben aber kommen von den Umständen und Verhältnissen. So, wenn Ihr einen Mann in eine Stadt setzt, so bekommt er Stadt-Gaben; wenn in eine Ansiedlung, Ansiedlungsgaben; in einem Wald, Waldgaben. Ein Soldat hat Soldaten-Gaben und ein Missionär Predigers-Gaben. Diese alle wachsen und verstärken sich, bis sie so zu sagen die Natur befestigen, und tausend Handlungen und Ideen zur Entschuldigung dienen. Doch ist im Grunde die Creatur dieselbe; gerade wie ein Mann, der in Uniform gekleidet ist, derselbe ist wie der in Häute Gekleidete. Die Kleider machen einen Unterschied für's Auge, und vielleicht auch eine Veränderung im Benehmen, aber keine im Menschen selbst. Darin liegt die Rechtfertigung der Gaben; angesehen, daß Ihr ein verschiedenes Benehmen erwartet von Einem in Seide und Atlaß, und von einem in grober Leinwand; obgleich der Herr, der nicht die Kleider gemacht hat, aber die Kreaturen selbst geschaffen hat, nur auf sein eignes Werk sieht. Das ist nicht eigentlich die Lehre der Missionäre, aber sie kommt ihr doch so nahe, als dieß bei einem Manne von weißer Farbe nöthig ist. Ach Himmel! wenig dachte ich daran, heute von solchen Sachen zu sprechen, aber es ist eine von unsern Schwachheiten, daß wir nie wissen, was geschehen wird. Tretet mit mir eine Minute in die Arche, Judith, Ich wünsche mit Euch zu sprechen.« Judith gehorchte mit einer Bereitwilligkeit, die sie kaum verhehlen konnte. Sie folgte dem Jäger in die Cajüte, setzte sich auf einen Stuhl, während der junge Mann Killdeer, die Büchse, die sie ihm geschenkt, aus einer Ecke hervorholte, und sich, die Waffe auf seinen Knieen, auf einen andern setzte. Nachdem er das Gewehr um und um besehen, und Schloß und Schwanzschraube mit einer Art von zärtlicher Emsigkeit untersucht hatte, legte er es weg, und kam auf den Gegenstand zu sprechen, wegen dessen er die Besprechung begehrt hatte. »Ich verstand Euch so, Judith, daß Ihr mir diese Büchse habt geben wollen. Ich willigte ein, sie zu nehmen, weil ein junges Weib mit Feuerwaffen nicht Viel anfangen kann. Die Waffe hat einen großen Namen, und sie verdient ihn, und sollte von Rechtswegen von einer bekannten und sichern Hand geführt werden, denn der beste Ruf kann verloren gehen durch nachlässige und achtlose Behandlung.« »Kann sie in bessern Händen seyn, als worin sie jetzt ist, Wildtödter? Thomas Hutter fehlte selten damit; bei Euch wird sie gewiß –« »Gewisser Tod!« unterbrach sie der Jäger lachend. »Ich kannte einmal einen Bibermann, der ein Gewehr hatte, das er ebenso nannte, aber es war lauter Prahlerei, denn ich habe Delawaren gekannt, die ebenso sicher waren mit Pfeilen auf eine kleine Schußweite. Indessen, ich will meine Gaben nicht läugnen – und dieß ist eine Gabe, Judith, und nicht Natur – und will daher zugeben, daß die Büchse nicht wohl in bessern Händen seyn könnte, als worin sie sich jetzt befindet. Aber wie lang wird sie wahrscheinlich darin bleiben? Unter uns mag die Wahrheit gesagt werden, obgleich ich sie vor Schlange und Hist nicht gerne kund werden ließe: aber Euch kann ich die Wahrheit sagen, sintemal Euer Gefühl wohl nicht so dadurch gemartert werden wird, als das von denjenigen, welche mich länger und genauer kennen! Wie lang werde ich muthmaßlich diese Büchse, oder irgend eine andere behalten? Das ist eine ernste Frage, bei der unsre Gedanken zu verweilen haben; und sollte das eintreten, was sogar wahrscheinlich ist, so wäre Killdeer ohne einen Eigenthümer.« Judith hörte mit anscheinender Fassung zu, obwohl der innere Kampf sie beinahe überwältigte. Da sie jedoch den eigenthümlichen Charakter ihres Gesellschafters zu würdigen wußte, gelang es ihr, ruhig zu erscheinen, obwohl ein Mann von seiner scharfen Beobachtung wäre nicht seine Aufmerksamkeit ausschließlich von der Büchse in Anspruch genommen gewesen, fast unfehlbar die tödtlich-peinliche Stimmung hätte entdecken müssen, womit das Mädchen seinen Worten zuhörte. Aber ihre große Selbstbeherrschung machte es ihr doch noch möglich, den Gegenstand in der Weise zu verfolgen, daß sie ihn täuschte. »Was wolltet Ihr, daß ich mit der Waffe anfinge,« fragte sie, »sollte der Fall eintreten, den Ihr zu erwarten scheint?« »Das ist es gerade, worüber ich mit Euch zu sprechen wünschte, Judith – das ist es gerade. Da ist jetzt Chingachgook, obgleich weit entfernt davon, vollkommen sicher mit der Büchse zu seyn – denn dahin bringen es wenige Rothhäute jemals – obgleich weit entfernt, vollkommen sicher zu seyn, ist er doch ein respektabler Schütze und bringt es weiter. Demungeachtet, er ist mein Freund; und vielleicht mein um so besserer Freund, als nie Mißstimmungen zwischen uns eintreten können, unsere Gaben betreffend, da die seinigen nun einmal roth, und die meinigen ganz weiß sind. Nun würde ich gerne die Büchse Killdeer der Schlange hinterlassen, sollte Etwas eintreten, was mir verwehrte, Eurer kostbaren Gabe, Judith, ihr Recht und ihre Ehre anzuthun.« »Hinterlaßt sie Wem Ihr wollt. Wildtödter; die Büchse ist Euer Eigenthum, thut damit nach Belieben; Chingachgook soll sie haben, falls Ihr nicht zurückkehrtet, sie anzusprechen, wenn das Euer Wunsch ist.« »Ist Hetty über diese Sache auch befragt wurden? das Eigenthum geht von den Eltern auf die Kinder über, und nicht auf Ein Kind besonders.« »Wenn Ihr Euer Recht auf das Gesetz gründen wollt, Wildtödter, so fürchte ich, Keiner von uns kann für den Eigenthümer gelten. Thomas Hutter war so wenig der Vater Esthers, als er der Vater Judith's war. Judith und Esther sind wir in Wahrheit, da wir keinen andern Namen haben.« »Das mag Gesetzesrecht seyn, aber es ist nicht viel Vernunft darin, Mädchen. Nach dem Brauch der Familien sind die Güter Euer, und Niemand ist, der dem widersprechen könnte. Wenn Hetty nur sagen wollte, daß sie einwillige, wäre mein Gemüth vollkommen beruhigt über die Sache. Es ist wahr, Judith, daß Eure Schwester weder Eure Schönheit noch Euren Witz besitzt, aber wir sollten am zärtlichsten verfahren mit den Rechten und der Wohlfahrt der Geistesschwachen.« Das Mädchen antwortete nicht, sondern sie ging an ein Fenster und rief ihre Schwester zu sich. Als die Frage Hetty vorgelegt ward, trat sie mit ihrem einfältigen und wohlwollenden Wesen freudig dem Vorschlag bei, Wildtödtern das volle Eigenthumsrecht auf die vielbegehrte Büchse zu übertragen. Dieser schien nun, für den Augenblick wenigstens, vollkommen glücklich; und nachdem er seine Beute hin und her besichtigt, sprach er seinen Entschluß aus, ehe er den Ort verließ, ihre Verdienste noch praktisch zu erproben. Kein Knabe kann begieriger seyn, die Eigenschaften seiner Trompete oder seiner Armbrust geltend zu machen, als der einfache Waldmann es war, die Tugenden seiner Büchse zu probiren. Auf die Plattform zurückkehrend, nahm er zuerst den Delawaren beiseite, und setzte ihn in Kenntniß, daß das berühmte Gewehr sein Eigenthum werden solle, falls ihm selbst etwas Ernstliches zustieße. »Das ist ein Grund mehr, warum Ihr vorsichtig seyn solltet, Schlange, und nicht unbesonnen in eine Gefahr hineinrennen,« fuhr der Jäger fort, »denn es wird an sich schon ein Sieg für einen Stamm seyn, ein solches Gewehr wie dieses zu besitzen! Die Mingo's werden grün werden vor Neid; und was Mehr ist, sie werden sich nicht leichtsinnig in die Nähe eines Dorfes wagen, wo sie dasselbe bewahrt wissen. So seht denn wohl zu, Delaware, und bedenkt, daß Ihr jetzt über ein Ding zu wachen habt, das allen Werth einer Creatur hat, ohne ihre Fehler. Hist mag und soll Euch kostbar seyn, aber Killdeer wird die Liebe und Verehrung Eures ganzen Volkes für sich haben.« »Eine Büchse wie die andere, Wildtödter,« versetzte der Indianer auf Englisch, denn dieser Sprache bediente sich auch der Andere, ein wenig gekränkt darüber, daß sein Freund seine Verlobte einem Gewehr gleich setzte. »Alle tödten, alle Holz und Eisen. Weib theuer dem Herzen; Büchse gut zum Schießen.« »Und was ist der Mann in den Wäldern, ohne Etwas, womit er schießen kann? ein erbärmlicher Fallensteller, oder ein Verlorener Besen- und Körbe-Macher auf's Höchste. Ein solcher Mann mag Korn bauen, und Leib und Seele zusammenhalten, aber nimmermehr kann er die schmackhaftesten Stücke vom Wildpret kennen, oder einen Bärenschinken von dem eines Schweins unterscheiden. Kommt, mein Freund, eine solche Gelegenheit bietet sich vielleicht nie wieder dar, und ich empfinde ein starkes Gelüsten nach einer Probe mit diesem berühmten Gewehr. Ihr sollt Eure eigne Büchse holen, und ich will mit Killdeer nur so obenhin zielen, damit wir einige seiner geheimen Tugenden kennen lernen.« Da dieser Vorschlag geeignet war, den trüben Gedanken der ganzen Gesellschaft eine neue Richtung zu geben, während er zugleich ein nicht unwillkommnes Ergebniß versprach, war Jedermann geneigt, darauf einzugehen; und die Mädchen brachten die Feuerwaffen mit einer an Munterkeit grenzenden Rührigkeit herbei. Hutter's Waffenschrank war wohl versehen, denn er besaß mehrere Büchsen, welche gewöhnlich alle geladen waren, immer in Bereitschaft, wenn man ihrer plötzlich benöthigt wäre. Im jetzigen Falle durfte man nur das Pulver auf der Pfanne erneuern, so waren sämmtliche Gewehre zum augenblicklichen Dienst bereit. Dieß war bald geschehen, da Alle dabei behülflich, und die Frauen in diesem Punkt des Vertheidigungssystems so erfahren waren, wie ihre männlichen Genossen. »Jetzt, Schlange, wollen wir ganz bescheiden anfangen, und zuerst des alten Tom gemeine Büchsen probiren, und mit Eurer Waffe und Killdeer als letzten Rednern, den Beschluß machen,« sagte Wildtödter, erfreut, wieder eine Waffe in der Hand zu haben, und bereit, seine Geschicklichkeit zu zeigen. »Hier sind Vögel im Ueberfluß, einige in, einige über dem See, und sie halten sich in einer guten Schußweite, wie sie so um die Hütte herum schweben. Sprecht aus, was Ihr denkt, Delaware, und bezeichnet die Creatur, die Ihr zu erschrecken gesonnen seyd. Da ist ein Taucher ganz in der Nähe nach Osten zu, und das ist eine Creatur, die sich beim Blitzen des Gewehrs sogleich versteckt, und Waffe und Pulver recht erproben kann.« Chingachgook war ein Mann von wenig Worten. Sobald ihm der Vogel gezeigt worden war, zielte er und feuerte. Die Ente tauchte unter beim Blitzen des Schusses, und die Kugel tanzte ohne Schaden zu thun, über die Fläche des See's hin, zuerst das Wasser berührend wenige Zolle von der Stelle, wo eben noch der Vogel geschwommen. Wildtödter lachte herzlich und natürlich; aber zu gleicher Zeit stellte er sich in die Positur des Schützen und stand da, scharf die ruhige Wasserfläche beobachtend. Alsbald zeigte sich ein dunkler Fleck, und dann tauchte die Ente auf, um Athem zu schöpfen, und schüttelte ihre Flügel. Während sie noch dieß that, ging ihr eine Kugel gerade durch die Brust, und warf sie wirklich leblos auf den Rücken. Im nächsten Augenblick stand Wildtödter, den Kolben seiner Büchse auf die Plattform gestützt, so ruhig da, als wäre nichts geschehen, obwohl er in seiner eigenthümlichen Art lachte. »Das ist keine rechte Probe von der Güte der Gewehre!« sagte er, wie bestrebt, einer falschen Schätzung seines Verdienstes zuvorzukommen. »Nein, das beweist weder für noch gegen die Büchsen, angesehen daß Alles Schnelligkeit der Hand und des Auges war. Ich überraschte den Vogel in einem für ihn ungünstigen Augenblick, sonst wäre er wohl auch wieder untergetaucht, ehe die Kugel ihn erreichte. Aber die Schlange ist zu klug, um auf solche Schliche zu achten, da er lange schon daran gewohnt ist. Erinnert Ihr Euch der Zeit, Häuptling, wo Ihr Euch der wilden Gans sicher glaubtet, und ich nahm sie Euch aus den Augen gleichsam mit ein wenig Rauch! Indessen solche Dinge gelten für Nichts unter Freunden, und junge Leute wollen ihren Spaß haben, Judith. Ja, da ist gerade der Vogel, den wir brauchen, denn er ist so gut fürs Feuer, wie zum Ziel, und Nichts sollte unbenutzt bleiben, was irgend vorteilhaft verwendet werden kann. Dort, weiter nördlich, Delaware!« Der letztere schaute hinaus in der angedeuteten Richtung und bald sah er eine große schwarze Ente, in stattlicher Ruhe auf dem Wasser dahin schwimmend. In jenen frühen Tagen, wo so wenig Menschen da waren, die Harmonie der Wildniß zu stören, waren alle die kleinern Seen, an welchen das Innere von Neu-York so reich ist, Sammelplätze für die Wasserzugvögel; und dieser See, wie die übrigen, war einst sehr bevölkert von allen Gattungen der Ente, von der Gans, der Möve, der Lomme. Nach Hutter's Ankunft ward der See vergleichungsweise mit andern, entfernteren und abgelegneren Seen, wohin die Vögel sich zogen, leer, doch verweilten noch immer einige von jeder Gattung daselbst, wie in der That noch bis auf die heutige Stunde. In diesem Augenblick waren wohl hundert Vögel vom Castell aus sichtbar, die auf dem Wasser schliefen, oder ihre Federn in dem klaren Element wuschen, obgleich kein andrer eine so günstige Zielscheibe darbot, wie der, auf welchen Wildtödter seinem Freunde deutete. Chingachgook sparte wie gewöhnlich seine Worte und schritt gleich zum Werke. Dießmal zielte er sorgfältiger als zuvor, und dem entsprach auch der Erfolg. Dem Vogel wurde ein Flügel gelähmt, und er flatterte kreischend über das Wasser dahin und entfernte sich so wesentlich von seinen Feinden. »Dem Vogel muß man sein Leiden abkürzen,« rief Wildtödter im Augenblick, wo das Thier versuchte, aufzuflattern; »und dieß ist die Büchse und die Hand, es zu thun.« Die Ente flatterte noch dahin, als die tödtliche Kugel sie ereilte, und den Kopf vom Halse trennte, so sauber, als wäre es mit dem Beil geschehen. Hist hatte sich bei dem Erfolge des jungen Indianers einen leisen Freudenschrei erlaubt! jetzt aber gab sie sich die Miene, die größere Geschicklichkeit seines Freundes mit Verdruß zu empfinden. Der Häuptling dagegen stieß den gewöhnlichen Ausruf des Vergnügens aus, und sein Lächeln zeigte, wie voll er von Bewunderung und wie entfernt vom Neid war. »Laßt nur das Mädchen, Schlange; laßt nur Hist's Gefühle, die weder ersticken, noch ertränken, weder tödten noch verschönern,« sagte Wildtödter lachend. »Es ist den Weibern natürlich, an ihrer Männer Siegen und Niederlagen Theil zu nehmen, und Ihr seyd so gut wie Mann und Frau, was Vorurtheil und Freundschaft anbelangt. Da ist ein Vogel über uns, der wird die Gewehre auf die Probe stellen ; ich fordre Euch heraus auf ein Ziel in der Höhe, mit fliegender Scheibe, das ist eine wahre Probe, und eine, die sichre Büchsen wie sichre Augen verlangt.« Es war auf dem See auch die Art von Adlern, die das Wasser aufsuchen und von Fischen leben, und einer schwebte in beträchtlicher Höhe über der Hütte, begierig eine Gelegenheit zum Herabstoßen erwartend; und seine hungrigen Jungen streckten ihre Köpfe aus einem Nest, das man auf dem nackten Wipfel einer abgestorbenen Fichte sah. Chingachgook legte schweigend ein neues Gewehr auf den Vogel an, und nachdem er sich genau seine Zeit ersehen, feuerte er. Ein weiterer Kreis, als gewöhnlich, den der Vogel beschrieb, zeigte an, daß der bleierne Bote in einer nicht großen Entfernung von jenem die Luft durchschnitten, aber sein Ziel verfehlt hatte. Wildtödter, dessen Visiren ebenso rasch als sicher war, feuerte, sobald gewiß war, daß sein Freund gefehlt hatte, und das starke Herabstoßen des Adlers, welches man sogleich darauf bemerkte, ließ es für den Augenblick zweifelhaft, ob er getroffen war oder nicht. Der Schütze selbst jedoch erklärte, daß er nicht glücklich gewesen, und forderte seinen Freund auf, eine neue Büchse zu ergreifen, denn er bemerkte bei dem Vogel Anzeichen seiner Absicht, den Ort zu verlassen. »Ich habe ihn blinzeln und stutzig gemacht; ich glaube, seine Federn wurden gezaust, aber noch ist sein Blut nicht geflossen und dieß alte Gewehr taugt auch nicht zu einem so genauen und raschen Visiren. Schnell, Delaware; Ihr habt jetzt eine bessre Büchse, und, Judith, bringt Killdeer heraus, denn dieß ist eine Gelegenheit, seine Verdienste zu erproben, wenn er welche hat!« Eine allgemeine Bewegung trat nun ein, die beiden Nebenbuhler machten sich fertig, und die Mädchen standen in lebhafter Erwartung des Ergebnisses. Der Adler hatte nach seinem tiefern Herabstoßen einen weiten Bogen beschrieben, und jetzt wieder empor flügelnd, schwebte er von neuem so ziemlich über dem Gebäude, sogar in noch größerer Entfernung als zuvor. Chingachgook starrte hinauf, und sprach dann seine Ansicht aus, daß er es für unmöglich halte, einen Vogel in solcher Höhe, und während er beinahe scheitelrecht über dem Zielenden schwebe, zu treffen. Aber ein leises Murmeln Hist's bewirkte einen plötzlichen Entschluß und er feuerte. Das Ergebniß zeigte, wie richtig er gerechnet, denn der Adler änderte seinen Flug gar nicht, beschrieb ruhig dahin segelnd runde Kreise in seiner luftigen Bahn, und schaute wie verachtend auf seine Feinde herunter. »Jetzt, Judith,« rief Wildtödter lachend, mit glänzenden und freudigen Augen, »wollen wir sehen, ob die Büchse Wildtödter nicht auch Adlertödter ist! Gebt mir Platz, Schlange, und beobachtet die vernünftige Art des Zielens, denn durch Vernunft kann man Alles lernen.« Ein sorgfältiges Visiren folgte jetzt, und ward mehreremale wiederholt, während der Vogel immer höher und höher stieg. Dann kam der Blitz und der Knall. Der rasche Bote flog hinauf, und im nächsten Augenblick drehte sich der Vogel auf die Seite, und stieß herunter, bald mit dem einen, bald mit dem andern Flügel schlagend und kämpfend, manchmal in einem Kreis sich umtreibend, dann verzweifelt flatternd, wie bewußt seiner Verletzung, bis er, nachdem er noch ein paar völlige Kreise um den Platz beschrieben, schwer auf das Ende der Arche herabstürzte. Als man den Körper untersuchte, fand man, daß die Kugel halb durch ihn durchgegangen war zwischen einem Flügel und dem Brustbein. Sechsundzwanzigstes Kapitel.     An zwei Steintafeln, vor ihr hingebreitet,     Lehnt ihre Brust sie, härter selbst als Stein;     Da schlief der Richter, der den Lohn bereitet     Dem Unrecht und dem Recht mit Trost und Pein;     Da hing all unsrer Schulden Buch und Schein,     Drauf Gut, Bös, Leben, Tod war angeschrieben;     So rein ist nie ein sterblich Herz geblieben, Dem Lesung dieses Buchs nicht Angstschweiß ausgetrieben. Giles Fletcher. »Wir haben etwas Unbesonnenes gethan, Schlange – ja, Judith, wir haben Etwas Unbesonnenes gethan, daß wir ohne einen andern Zweck, als Eitelkeit, tödteten,« rief Wildtödter, als der Delaware den gewaltigen Vogel an den Flügeln emporhielt, während dieser die sterbenden Augen auf seine Feinde geheftet hielt mit jenem Blick, welchen die Hülflosen immer auf ihre Verderber werfen. »Es ziemte mehr zwei Knaben, ihr Gelüste in dieser unbesonnenen Weise zu büßen, als zwei Männern auf dem Kriegspfad, wenn es auch ihr erster ist. Ach Gott! nun, zur Strafe will ich Euch sogleich verlassen, und wenn ich mich allein bei den blutgierigen Mingo's sehe, ist es mehr als wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit finden werde, zu bedenken, daß das Leben süß ist, selbst den Thieren des Waldes und den Vögeln der Luft. Da, Judith, da ist Killdeer; nehmt ihn wieder zurück, und bewahrt ihn auf für eine Hand, die würdiger ist, ein solches Gewehr zu besitzen.« »Ich weiß keine, die so würdig ist, als die Eurige, Wildtödter,« versetzte hastig das Mädchen; »keine als die Eurige soll die Büchse haben,« »Wenn es auf die Geschicklichkeit ankäme, möchtet Ihr schon Recht haben, Mädchen, aber wir sollten wissen, wann Feuerwaffen gebrauchen und nicht blos wie . Ich habe das Erste noch nicht gelernt, wie es scheint, so behaltet die Büchse, bis ich es habe. Der Anblick eines sterbenden und gequälten Geschöpfes, wenn es auch nur ein Vogel ist, bringt einen Mann auf heilsame Gedanken, der nicht weiß, wie bald sein eignes Stündlein kommen mag, und der ziemlich sicher voraus sieht, daß es vor Sonnenuntergang kommen wird; ich wollte alle meine eiteln Empfindungen, und meinen Stolz auf Hand und Auge hingeben, wenn nur dieser arme Adler wieder auf seinem Horst bei seinen Jungen wäre, den Herrn preisend, wie wir Allem nach annehmen müssen, für seine Gesundheit und Stärke!« Die Zuhörenden waren betroffen über diesen Ausbruch plötzlicher Reue bei dem Jäger, und dazu noch über eine so gewöhnliche, wenn schon unbesonnene und gewissermaßen muthwillige That, daß die Menschen sich selten dabei aufhalten, ihre Folgen zu erwägen, oder die physischen Leiden, welche sie dem hülflosen, verfolgten Geschöpf zuzieht. Der Delaware verstand, was Jener sagte, obwohl schwerlich die Gefühle, aus welchen jene Worte hervorgingen, und um die Bedenklichkeit zu beseitigen, zog er sein scharfes Messer und trennte den Kopf des armen Vogels vom Rumpfe. »Was ist es doch um die Macht!« fuhr der Jäger fort, »und was ist es darum, sie zu haben, und nicht zu wissen, wie sie benützen! Es ist kein Wunder, Judith, daß die Mächtigen so oft ihren Pflichten untreu werden, wenn es selbst den Geringen und Niedrigen so hart ankommt, zu thun was Recht ist, und zu unterlassen, was Unrecht ist. Und dann, wie Eine üble Handlung andre nach sich zieht! Wäre jetzt nicht dieser mein Urlaub, der mich bald zu den Mingo's zurückführt, so würde ich dieser Creatur Nest finden, wenn ich vierzehn Tage die Wälder durchstreifte – obgleich ein Adlernest bald gefunden ist von Solchen, welche des Vogels Natur verstehen – aber ich würde eher vierzehn Tage herumstreifen, als ablassen es zu suchen, nur um auch den Jungen ihr Leiden abzukürzen.« »Es freut mich, das von Euch zu hören, Wildtödter,« bemerkte Hetty, »und Gott wird eher Eure Betrübniß über Eure That ansehen, als die Sünde selbst. Ich dachte, wie sündhaft es sey, harmlose Vögel zu tödten, gerade während Ihr schosset, und wollte es Euch sagen; aber ich weiß nicht, wie es kam – ich war so begierig, zu sehen, ob Ihr einen Adler in solcher Höhe treffen könntet, daß ich ganz vergaß zu sprechen, bis das Unheil geschehen war.« »Das ist es; das ist es gerade, meine gute Hetty. Wir können Alle unsre Fehler und Verirrungen sehen, wenn es zu spät ist, sie ungeschehen zu machen! Indeß, ich bin froh, daß Ihr Nichts gesagt, denn ich glaube, in jenem Augenblick gerade hätten auch ein paar Worte mich nicht abgehalten; und so blieb die Sünde doch nur in ihrer einfachen Nacktheit, und nicht noch erschwert durch Nichtachtung von abmahnenden Warnungen. Nun, nun, bittere Gedanken sind immer eine schwere Last, aber zu gewissen Zeiten eine noch schwerere als sonst.« Wenig ahnte Wildtödter, während er so Gefühlen sich hingab, die dem Manne so natürlich und so streng im Einklang mit seinen unverfälschten und richtigen Grundsätzen waren, daß nach dem Plane der unerforschlichen Vorsehung, welche so gleichmäßig und doch so geheimnißvoll alle Begebenheiten mit ihrem Mantel bedeckt, eben der Fehler, wegen dessen er sich zu streng zu tadeln geneigt war, das Mittel werden sollte, sein Schicksal auf Erden zu bestimmen. Die Art, wie, und den Augenblick, wo er die Wirkung dieses Vorfalls zu fühlen bekam, anzugeben, wäre hier zu frühe; man wird dieß im Laufe der folgenden Kapitel erfahren. Der junge Mann aber verließ jetzt langsam die Arche, wie Einer, der sich über seine Missethaten bekümmert, und setzte sich schweigend auf der Plattform nieder. Mittlerweile war die Sonne schon ziemlich hoch gestiegen, und ihre Erscheinung, zusammen genommen mit seinen dermaligen Empfindungen, bestimmte ihn, sich zum Weggehen anzuschicken. Der Delaware setzte das Canoe für seinen Freund in Bereitschaft, sobald er seine Absicht erfuhr, und Hist war geschäftig, die wenigen Vorkehrungen zu treffen, die man für seine Behaglichkeit nothwendig erachtete. Alles dieß geschah ohne Schaustellung von Gefühlen, aber in einer solchen Weise, daß Wildtödter die Beweggründe völlig erkannte und ebenso geneigt war, sie zu würdigen. Nachdem Alles fertig war, kehrten Beide zu Judith und Hetty zurück, deren Keine sich von der Stelle gerührt hatte, wo der junge Jäger saß. »Die besten Freunde müssen sich oft trennen,« begann der Letztere, als er die ganze Gesellschaft um ihn her gruppirt sah. «Ja, Freundschaft kann Nichts ändern an den Wegen der Vorsehung; und mögen unsre Gefühle seyn welche sie wollen, wir müssen scheiden. Ich habe oft gedacht, es gebe Augenblicke, wo unsre Worte länger im Gemüthe haften als gewöhnlich, und wo man eines Rathes eingedenk bleibt, gerade weil der Mund, der ihn gibt, schwerlich ihn wieder geben wird. Niemand weiß, was in der Welt sich zutragen mag! und daher mag es gerathen seyn, wenn Freunde sich trennen in der wahrscheinlichen Aussicht, daß die Trennung lange währen kann – daß sie sich ein paar freundliche Worte sagen als eine Art von Angedenken. Wenn Alle bis auf Eines in die Arche treten wollen, will ich mit Jedem der Reihe nach sprechen, und was Mehr ist, auch anhören, was Ihr zur Erwiederung etwa zu sagen habt; denn das ist ein elender Rathgeber, der nicht ebenso auch nähme, wie gäbe.« Da man die Absicht des Redenden verstand, entfernten sich sogleich nach seinem Wunsche die beiden Indianer, die beiden Schwestern aber blieben noch bei dem jungen Manne stehen. Ein Blick Wildtödters veranlaßte Judith, sich zu äußern. »Ihr könnt Hetty Euern Rath ertheilen während Ihr landet,« sagte sie hastig; »ich habe den Plan, daß sie Euch an die Küste begleite.« »Ist das klug, Judith? Es ist wahr, daß unter gewöhnlichen Umständen ein schwacher Geist ein großer Schirm und Schutz ist unter den Rothhäuten; aber wenn ihre Gefühle aufgeregt und sie auf Rache erpicht sind, ist schwer zu sagen, was geschehen mag. Zudem –« »Was wollt Ihr sagen, Wildtödter?« fragte Judith, deren Weichheit in Benehmen und Stimme beinahe bis zur Rührung und Zärtlichkeit stieg, obgleich sie kräftig kämpfte, ihre Gemüthsbewegungen und Besorgnisse niederzuhalten. »Nun, weiter Nichts, als daß es Anblicke und Thaten gibt, von welchen selbst eine so wenig mit Vernunft und Gedächtniß Begabte, wie Hetty hier, besser nicht Zeugin ist. So würdet Ihr wohl thun, Judith, mich allein landen zu lassen und Eure Schwester zurück zu behalten.« »Seyd ohne Sorge um mich, Wildtödter,« fiel Hetty ein, welche genug von der Besprechung verstand, um ihre Abzweckung im Allgemeinen zu begreifen: »ich bin schwachsinnig, und das, sagen sie, ist ein Vorwand, überall hin zu gehen; und was dadurch nicht entschuldigt, das würde übersehen werden in Betracht der Bibel, die ich immer mit mir führe. Es ist wunderbar, Judith, wie alle Arten von Menschen, die Fallensteller wie die Jäger, Rothe wie Weiße, Mingo's wie Delawaren, die Bibel fürchten und ihr Ehrfurcht beweisen.« »Ich denke, Du hast nicht den mindesten Grund, eine Mißhandlung zu befürchten, Hetty,« versetzte die Schwester, »und daher werde ich darauf bestehen, daß Du mit unserm Freund ins Lager der Huronen gehst. Daß Du dorthin gehst, kann Dir selbst keinen Schaden bringen, und könnte für Wildtödter sehr nützlich seyn.« »Dieß ist kein Augenblick zum Streiten, Judith; und so sollt Ihr in der Sache Euern Willen haben,« versetzte der junge Mann. »Macht Euch fertig, Hetty, und geht in das Canoe, denn ich habe Eurer Schwester ein paar Abschiedsworte zu sagen, die Euch Nichts helfen können.« Judith und ihr Genosse blieben schweigend, bis Hetty gehorcht und sie allein gelassen hatte, worauf Wildtödter den Gegenstand aufnahm, als ob er durch ein gewöhnliches Begebniß wäre unterbrochen worden, und in sehr bündiger Weise. »Worte, die man beim Abschied spricht, und die vielleicht die letzten sind, die man von einem Freunde hört, vergißt man nicht sobald,« wiederholte er, »und so, Judith, gedenke ich zu Euch zu sprechen wie ein Bruder, angesehen, daß ich nicht alt genug bin, Euer Vater zu seyn. Erstlich wünsche ich Euch zu warnen vor Euern Feinden, von welchen zwei, kann man sagen, sich an Eure Fersen heften und Euern Weg besetzt halten. Der erste ist: ungewöhnlich gutes Aussehen, was ein so gefährlicher Feind für manches junge Weib ist, als ein ganzer Schwarm Mingo's, und große Wachsamkeit erheischt, nicht in Bezug auf Bewunderung und Preis, sondern auf Mißtrauen und Täuschung. Ja, gutes Aussehen kann durch Täuschung berückt und auch überlistet werden. Um dieß zu begreifen, dürft Ihr Euch nur erinnern, daß es schmilzt, wie der Schnee, und einmal dahin, kehrt es nie wieder. Die Jahrszeiten kommen und gehen, Judith, und wenn wir Winter haben, mit Sturm und Kälte, und Frühling, mit Frösten und entlaubten Bäumen, haben wir auch Sommer, mit seiner Sonne und prächtigem blauem Himmel, und Herbst mit seinen Früchten, und einem Gewand, über den Wald ausgebreitet, wie es keine Schönheit der Stadt in allen Läden Amerika's zusammensuchen könnte. Die Erde ist in einem ewigen Kreislauf begriffen, und die Güte Gottes führt wieder das Angenehme zurück, wenn wir des Unangenehmen Genug gehabt haben. Aber nicht ebenso ist es mit dem guten Aussehen. Das ist nur für eine kurze Zeit in der Jugend verliehen, um benutzt und nicht mißbraucht zu werden: und da ich nie ein Mädchen sah, gegen das die Vorsehung so gütig gewesen wäre, wie gegen Euch, Judith, in diesem Punkte, warne ich Euch, gleichsam mit dem letzten Hauche meines Mundes, daß Ihr Euch hütet vor dem Feinde; Freund oder Feind, je nachdem wir mit der Gabe umgehen.« Es war Judith so angenehm, diese unzweideutige Anerkennung ihrer persönlichen Reize zu vernehmen, daß sie dem Manne, aus dessen Munde sie kam, er hätte seyn mögen wer er wollte, Viel verziehen hätte. Aber in diesem Augenblick, und in Kraft eines weit edleren Gefühls von ihrer Seite, wäre es für Wildtödter sehr schwer gewesen, sie ernstlich zu beleidigen; und sie lieh ihm mit einer Geduld ihr Ohr, von welcher zu hören sie, wenn man ihr nur acht Tage zuvor dieß hätte vorhersagen wollen, mit Entrüstung sich würde gesträubt haben. »Ich verstehe Eure Meinung, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit einer Milde und Demuth, welche den Andern ein Wenig überraschte, »und hoffe mir, was Ihr sagt, zu Nutze machen zu können. Aber Ihr habt nur Einen der Feinde genannt, die ich zu fürchten habe; Wer, oder Was, ist der andere.« »Der andere entweicht vor Eurem guten Verstand und Urtheil, wie ich finde, Judith; ja, er ist nicht so gefährlich, wie ich dachte. Indeß, da ich einmal den Gegenstand berührt habe, ist es wohl das Beste, redlich Alles zu Ende zu sagen. Der erste Feind, gegen den Ihr wachsam seyn müßt, wie ich Euch schon gesagt, Judith, ist ein ungewöhnlich gutes Aussehen, und der zweite ist: ein ungewöhnliches Bewußtseyn dieses Umstands. Wenn das erste schlimm ist, so bessert das zweite die Sache in keiner Weise, was Wohlfahrt und Seelenfrieden betrifft.« Wie lange der junge Mann in seiner einfachen und arglosen, aber wohlgemeinten Weise noch fortgefahren haben würde, ist schwer zu sagen, wäre er nicht dadurch unterbrochen worden, daß seine Zuhörerin in Thränen ausbrach, und sich einer Gefühlsaufwallung hingab, die nur um so gewaltsamer war, mit je größerer Anstrengung sie sie bisher unterdrückt hatte. Zuerst war ihr Schluchzen so heftig und unbändig, daß Wildtödter nicht wenig erschrack, und voll Reue ward von dem Augenblick an, wo er bemerkte, wie viel größer die Wirkung seiner Worte war, als er erwartet hatte. Selbst strenge und in ihren Anmuthungen weitgehende Menschen werden gewöhnlich begütigt und befriedigt durch die Zeichen der Zerknirschung, aber Wildtödters Gemüth bedurfte gar keiner so starken Beweise von Rührung, um zum lebhaften Mitgefühl der Betrübniß des Mädchens gestimmt zu werden. Er stand auf, als hätte ihn eine Natter gestochen, und die Töne der Mutter, die ihr Kind tröstet, sind kaum sanfter und begütigender als seine Stimme und seine Worte waren, wie er jetzt seine Reue darüber aussprach, so weit gegangen zu seyn. »Es war gut gemeint, Judith,« sagte er, »aber es war nicht die Absicht, Euch so sehr wehe zu thun. Ich habe es mit meinem Rath übertrieben, wie ich sehe; ja, ich habe es übertrieben, und ich bitte Euch deßhalb dringend um Verzeihung. Freundschaft ist ein entsetzliches Ding! Manchmal schilt sie uns, daß wir nicht Genug gethan haben; und dann wieder macht sie uns Vorwürfe, daß wir zu Viel gethan. Wie dem sey, ich gestehe, daß ich zu weit gegangen bin, und da ich eine wirkliche und lebhafte Achtung für Euch habe, erkläre ich dieß mit Freuden, insofern es beweist, wie viel besser Ihr seyd, als Euch meine Eitelkeit und Einbildung dafür hielt.« Jetzt zog Judith die Hände von ihrem Angesicht zurück, ihre Thränen hatten aufgehört, und sie ließ eine so gewinnende Miene blicken mit dem Lächeln, das sie wahrhaft strahlend machte, daß der junge Mann sie einen Augenblick mit sprachlosem Entzücken anstarrte. »Sagt Nichts weiter, Wildtödter,« entgegnete sie hastig, »es peinigt mich, wenn ich höre, wie Ihr Euch selbst tadelt. Ich erkenne meine Schwäche nur um so besser, nunmehr ich sehe, daß Ihr sie entdeckt habt; die Lehre, so bitter ich sie einen Augenblick empfunden habe, soll nicht vergessen werden. Wir wollen nicht länger von diesen Dingen sprechen, denn ich fühle mich nicht stark genug dazu, und ich möchte nicht, daß der Delaware, oder Hist, oder auch Hetty meine Schwäche bemerkten. Fahrt wohl, Wildtödter! möge Gott Euch segnen und schützen, wie Euer redliches Herz Segen und Schutz verdient, und wie ich es zuversichtlich hoffe!« Judith hatte so weit wieder die Ueberlegenheit gewonnen, die eigentlich ihrer bessern Bildung, ihrem hochfliegenden Geiste und ihren ausnehmenden persönlichen Vorzügen zukam, daß sie die so zufällig erlangte Gewalt über den Andern behauptete, und wirklich jedes Zurückkommen auf einen Gesprächsgegenstand verhinderte, der eben so seltsam war unterbrochen, als seltsam eingeleitet worden. Der junge Mann ließ ihr ganz ihren Willen, und als sie seine harte Hand mit ihren beiden Händen drückte, widersetzte er sich nicht, sondern ergab sich in diese Huldigung so ruhig und mit einer Alles so in der Ordnung findenden Art, wie ein Fürst einen ähnlichen Tribut von einem Unterthan, oder die Geliebte von ihrem Anbeter würde hingenommen haben. Die Gefühlsaufwallung hatte das Angesicht des Mädchens geröthet und ihr ganzes Wesen erleuchtet, und ihre Schönheit war nie strahlender, als da sie dem Jüngling einen Abschiedsblick zuwarf. Dieser Blick war voll ängstlicher Besorgniß, Interesses, und zarten Mitleids. Im nächsten Augenblick flog sie in die Cajüte und ward nicht mehr gesehen; doch sprach sie von einem Fenster aus zu Hist, um ihr zu sagen, daß ihr Freund sie jetzt erwarte. »Ihr kennt Rothhaut-Natur und Rothhaut-Bräuche hinlänglich, Wah-ta!-Wah, um die Lage zu verstehen, in der ich bin in Betreff dieses Urlaubs,« begann der Jäger in der Delawarensprache, sobald das geduldige und unterwürfige Mädchen aus diesem Volke still zu ihm herangetreten war; »Ihr werdet daher am besten begreifen, wie unwahrscheinlich es ist, daß ich je wieder mit Euch rede. Ich habe nur Wenig zu sagen; aber dieß Wenige gibt mir ein langer Aufenthalt unter Eurem Volke, und genaue Beobachtung und Erkundigung seiner Gebräuche ein. Das Leben eines Weibes ist hart und mühselig im besten Falle, aber ich muß gestehen, obgleich ich nicht zu Gunsten meiner Farbe eingenommen bin, daß es härter ist unter den rothen Männern, als unter den Bleichgesichtern. Das ist ein Punkt, dessen die Christen sich wohl rühmen dürfen, wenn Rühmen und Prahlen in irgend einer Form und Weise fürs Christenthum sich geziemt, was ich jedoch bezweifle. Wie dem sey, alle Weiber haben ihre Prüfungen. Rothe Weiber haben die ihrigen in der natürlichen Weise, wie ich es nennen möchte, während sie die weißen Weiber so zu sagen inokulirt bekommen. Tragt Eure Last wie sich's geziemt, Hist, und bedenkt, wenn sie auch etwas beschwerlich seyn sollte, wie viel leichter sie doch ist als die der meisten Indianerinnen. Ich kenne Schlange wohl – was ich nennen darf: von Herzen, und er wird nie ein Tyrann seyn gegen Jemand, den er liebt, obwohl er erwarten wird, selbst als Mohikan'scher Häuptling behandelt zu werden. Es werden wolkige Tage über Eure Hütte kommen, denke ich mir, denn die treten ein bei allen Gebräuchen und unter allen Völkern; aber wenn man die Fenster des Herzens offen hält, wird immer Raum für den Sonnenschein bleiben, hineinzudringen. Ihr selbst seyd der Abkömmling eines großen Stammes, und so Chingachgook auch. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß je Eines diesen Umstand vergessen und Etwas, Eure Voreltern Entehrendes thun sollte. Aber dennoch, die Neigung ist eine zarte Pflanze, und gedeiht nie lange, wenn sie mit Thränen begossen wird. Laßt die Erde um Euer eheliches Glück herum von dem Thau der Freundlichkeit befeuchtet werden!« »Mein bleicher Bruder ist sehr weise; Wah wird in ihrem Herzen Alles bewahren, was seine Weisheit ihr sagt.« »Das ist einsichtig und weiblich gesprochen, Hist, Aufmerksamkeit beim Anhören eines guten Raths, und Kraft und Beharrlichkeit in der Befolgung, das ist der große Schutz eines Weibes. Und jetzt bittet Schlange, herzukommen und einen Augenblick mit mir zu sprechen, und nehmt mit Euch alle meine besten Wünsche und Gebete. Ich werde an Euch denken, Hist, und an Euern künftigen Gatten, geschehe was da wolle, und Euch Gutes gönnen hier und Jenseits, sey nun das letztere nach den Ideen der Indianer, oder nach der christlichen Lehre gestaltet.« Hist vergoß keine Thränen beim Abschied. Sie ward aufrecht erhalten durch die hochsinnige Entschlossenheit eines über seine Handlungsweise entschiedenen Gemüthes; aber ihre dunkeln Augen leuchteten von den Gefühlen, die in ihrem Innern glühten, und ihr hübsches Gesicht strahlte in einem Ausdruck von Entschlossenheit, der in auffallendem und eigenthümlichem Contrast zu seiner gewöhnlichen Sanftheit stand. Es stand nur eine Minute an, bis der Delaware mit dem leichten, geräuschlosen Tritt eines Indianers zu seinem Freund herantrat. »Kommt hieher, Schlange, hieher, mehr den Weibern aus dem Gesicht,« begann Wildtödter, »denn ich habe Euch Einiges zu sagen, was nicht einmal geargwohnt, viel weniger gehört werden darf. Ihr versteht die Natur der Urlaube und der Mingo's zu gut, um darüber im Zweifel und in der Ungewißheit zu seyn, was geschehen wird, wenn ich in das Lager zurückkehre. Ueber die zwei Punkte daher werden wenige Worte weit ausreichen. Erstlich, Häuptling, wünsche ich Euch Etwas zu sagen über Hist, und über die Weise, wie Ihr rothen Männer Eure Weiber behandelt. Ich denke, es ist den Gaben Eures Volkes gemäß, daß die Weiber arbeiten und die Männer jagen; aber es gibt in allen Dingen ein Maß und Ziel. Was das Jagen betrifft, so sehe ich keinen Grund, warum dem sollten Grenzen gesteckt werden, aber Hist kommt von einem zu guten Stamme, als daß sie sich wie ein gemeines Weib placken sollte. Einem von Euern Mitteln und Euerm Stand kann es nie an Korn, oder Kartoffeln, oder irgend Etwas fehlen, was das Feld trägt; daher hoffe ich, wird nie Euer Weib die Hacke in die Hand nehmen müssen. Ihr wißt, ich bin nicht ganz ein Bettler, und Alles was ich habe, an Munition, Häuten, Waffen oder Caliko's schenke ich an Hist, sollte ich nicht zu Ende des Sommers zurückkommen, um es anzusprechen. Das wird dem Mädchen auf lange Zeit zu Statten kommen und die Arbeit für sie abkaufen. Ich denke, ich brauche Euch nicht zu empfehlen, das Mädchen zu lieben, denn das thut Ihr schon, und Wen der Mann wahrhaft liebt, den wird er wohl auch gut halten und pflegen. Dennoch kann es Nichts schaden, wenn ich Euch erinnere, daß freundliche Worte nie im Herzen wurmen, wohl aber bittere. Ich weiß, Ihr seyd ein Mann, Schlange, der weniger dazu gemacht ist, in seiner Hütte zu schwatzen, als am Rathsfeuer zu sprechen; aber achtlose Augenblicke können uns Alle überraschen, und die Uebung in freundlicher Behandlung und freundlichen Worten ist ein wunderbar gutes Mittel, Frieden in einem Hause, wie auf einer Jagd zu erhalten.« »Meine Ohren sind offen,« erwiederte der Delaware ernst; »die Worte meines Bruders sind so tief eingedrungen, daß sie nie mehr herausfallen können. Sie sind wie Ringe, die kein Ende haben, und nicht herausweichen können. Er spreche weiter; der Gesang des Zaunkönigs und die Stimme eines Freundes werden Einem nie zu Viel.« »Ich will etwas länger sprechen, Häuptling, aber Ihr werdet es entschuldigen in Betracht alter Kameradschaft, falls ich jetzt von mir selbst rede. Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird von mir schwerlich Viel mehr übrig bleiben, als Asche; somit wäre ein Grab überflüssig und eine Art Eitelkeit. Auf diesen Punkt bin ich nicht sonderlich versessen, obgleich es nicht übel wäre, die Ueberbleibsel von dem Holzstoß anzusehen, und sollten sich noch Knochen oder sonst Stücke finden, so wäre es anständiger, sie zu sammeln und zu begraben, als sie liegen zu lassen, daß die Wölfe daran nagten und darüber heulten. Diese Sachen machen am Ende keinen großen Unterschied, aber Männer von weißem Blut und christlichem Gefühl haben doch eher eine Gabe für Gräber.« »Es soll geschehen, wie mein Bruder sagt,« versetzte der Indianer ernst. »Wenn sein Gemüth voll ist, leere er es aus in die Brust eines Freundes.« »Dank Euch, Schlange; mein Gemüth ist leicht genug, ja, es ist ziemlich leicht. Ideen drängen sich Wohl auf, an die ich freilich gewöhnlich nicht denke, es ist wahr; aber wenn ich gegen die einen ankämpfe, und den andern Luft mache, wird am Ende Alles in Ordnung kommen. Ein Ding jedoch ist, Häuptling, das mir unvernünftig scheint, und gegen die Natur, obgleich die Missionäre es als wahr gelten lassen; und bei meiner Religion und Farbe fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu glauben. Sie sagen, ein Indianer möge den Leib martern und peinigen nach Herzensgelüsten, und skalpiren und schneiden, und reißen und brennen, und alle seine Erfindungsgabe und Teufelei aufbieten, bis Nichts übrig bleibt als die Asche, und diese nach den vier Winden des Himmels verstreuen: dennoch, wenn die Posaune Gottes erschalle, werde sich Alles wieder zusammenfinden, und der Mensch werde wieder in seinem Fleisch dastehen, dieselbe Creatur im Aussehen, wenn auch nicht im Gefühl, wie zuvor, eh' er mißhandelt worden!« »Die Missionäre sind gute Männer; sie meinen es gut,« versetzte der Delaware höflich; »sie sind keine großen Aerzte. Sie glauben Alles, was sie sagen, Wildtödter; das ist kein Grund, daß Krieger und Redner ganz Ohr seyn sollten. Wenn Chingachgook den Vater Tamenunds in seinem Skalp und Bemalung und Kriegslocke stehen sehen wird, dann wird er den Missionären glauben.« »Sehen ist Glauben, gewiß. Ach ja! und Einer von uns sieht vielleicht dieß Alles eher als wir gedacht hätten. Ich verstehe Eure Meinung in Betreff von Tamenunds Vater, und die Idee ist eine bündige Idee. Tamenund ist jetzt ein alter Mann, wir wollen sagen achtzig, wohlgezählt; und sein Vater ward skalpirt und gemartert, als der jetzige Prophet ein junger Bursch war. Ja, wenn man das geschehen sähe, dann wäre es nicht mehr schwer, Allem Glauben zu schenken, was die Missionäre sagen. Indeß ich bin jetzt nicht gegen ihre Ansicht; denn Ihr müßt wissen, Schlange, daß der große Grundsatz des Christenthums ist: zu glauben ohne zu sehen; und ein Mann sollte immer nach seiner Religion und seinen Grundsätzen handeln, seyen sie welche sie wollen.« »Das ist sonderbar für eine weise Nation.« sagte der Delaware mit Nachdruck. »Der rothe Mann schaut scharf hin, um zu sehen und zu verstehen.« »Ja, das ist plausibel und dem menschlichen Stolz angenehm, aber es ist nicht so tief als es scheint. Wenn wir Alles verständen, was wir sehen, Schlange, so wäre es nicht nur klug, sondern auch sicher, jedem Ding unsern Glauben zu versagen, das wir unbegreiflich finden; aber wo es so viele Dinge gibt, von denen wir gar Nichts zu verstehen bekennen müssen, so nützt es Wenig und hat keinen vernünftigen Grund, bedenklich zu seyn gerade in Einem Punkt. Was mich betrifft, Delaware, meine Gedanken sind nicht alle bei der Jagd gewesen, wenn wir in unsrer Jugend auf Jagd und Kundschaft auszogen. Manche Stunde habe ich ganz angenehm zugebracht mit dem, was man bei meinem Volke Beschaulichkeit nennt. Bei solchen Gelegenheiten ist der Geist thätig, obschon der Körper träg und gleichgültig scheint. Ein offner Platz auf einem Berg, wo man Erde und Himmel weithin übersieht, ist ein höchst gutgewählter Ort für einen Mann, um eine richtige Idee von der Macht Manitou's und von seiner eignen Kleinheit zu bekommen. Zu solchen Zeiten hat man keine große Neigung, sich an kleinen Schwierigkeiten im Begreifen zu stoßen, da so große da sind, sie zu verbergen. Zu solchen Zeiten kommt mich das Glauben leicht genug an; und wenn der Herr zuerst den Menschen aus Erde machte, wie sie mir sagen, daß in der Bibel geschrieben stehe, und dann im Tod ihn in Staub verwandelt, sehe ich keine große Schwierigkeit darin, daß er ihm wieder zu seinem Leibe verhilft, obgleich davon Nichts als Asche übrig geblieben. Diese Dinge liegen über unser Verständniß hinaus, wie nahe sie unsern Gefühlen liegen mögen, und wirklich liegen. Aber von allen Lehren, Schlange, ist, die mich am meisten stört und mein Gemüth in Unruhe versetzt, diejenige, welche uns glauben heißt: ein Bleichgesicht komme in einen Himmel, und eine Rothhaut in einen andern; sie möchte im Tod diejenigen trennen, die viel zusammen lebten, und einander im Leben herzlich liebten.« »Lehren die Missionäre ihre weißen Brüder dieß glauben?« fragte der Indianer mit gemessenem Ernst. »Die Delawaren glauben, daß gute Männer und tapfere Krieger mit einander jagen werden in denselben luftigen Wäldern, welchem Stamme sie auch angehören mögen; daß alle ungerechten Indianer und Feigen mit den Hunden und Wölfen herumkriechen müssen, um Wildpret für ihre Hütten zu bekommen.« »Es ist wunderbar, wie mancherlei Einbildungen die Menschen haben, Glück und Elend betreffend in einem andern Leben!« rief der Jäger aus, hingerissen von der Macht seiner eignen Gedanken. »Einige glauben an Feuer und Flammen, und Andere halten es für Strafe, mit den Wölfen und Hunden zu essen. Dann wieder bilden sich Einige ein, der Himmel sey nur die Befriedigung ihrer irdischen Wünsche, während Andere ihn sich ganz voll Gold und glänzender Lichter denken! Nun, ich habe meine eigne Idee in dieser Sache, Schlange, und zwar diese. So oft ich Unrecht gethan, habe ich in der Regel gefunden, daß es von einer Blindheit des Geistes herrührte, welche mich hinderte, das Rechte zu sehen und wenn das Gesicht wieder gekehrt war, dann kam Kummer und Reue. Nun bilde ich mir ein, daß nach dem Tod, wenn der Körper abgelegt, oder, wenn überhaupt noch gebraucht, gereinigt und von seinen Bedürfnissen und Wünschen befreit ist, der Geist alle Dinge in ihrem wahren Licht sieht, und nie gegen Wahrheit und Gerechtigkeit blind wird. Wenn dieß der Fall, schaut man Alles, was man im Leben gethan, so klar, wie die Sonne am Mittag; das Gute bringt Freude, und das Böse Kummer. Daran ist nichts Unvernünftiges, sondern es ist der Erfahrung jedes Menschen gemäß.« »Ich glaubte, die Bleichgesichter hielten alle Menschen für Sünder, Wer soll dann je den Himmel der Weißen finden?« »Das ist sinnreich, aber es trifft nicht mit den Lehren der Missionäre zusammen. Ihr werdet eines Tags, ich zweifle nicht, ein Christ werden, und dann wird Euch Alles klar einleuchten. Ihr müßt wissen, Schlange, daß eine große That der Rettung und Erlösung vollbracht worden ist, die mit Gottes Hülfe alle Menschen in Stand setzt, Vergebung zu finden für ihre Sündhaftigkeit, und das ist das Wesentliche der Religion der Weißen. Ich kann mich nicht aufhalten, weitläuftiger hierüber mit Euch zu sprechen, denn Hist wartet im Canoe, und der Urlaub ruft mich weg; aber die Zeit wird, hoffe ich, kommen, wo Ihr das fühlen werdet; denn gefühlt muß es am Ende doch werden, mehr als mit dem Verstande ergründet. Ach weh! nun, Delaware, da ist meine Hand. Ihr wißt, es ist die eines Freundes, und werdet sie als solche schütteln, obgleich sie Euch nicht halb so viel Gutes erwiesen, als ich gewünscht hätte!« Der Indianer ergriff die dargebotene Hand, und erwiederte den Druck mit Wärme. Dann wieder seinen erworbenen Stoicismus annehmend, den man so häufig für angeborne Gleichgültigkeit hielt, stand er mit Fassung und Zurückhaltung auf, und schickte sich an, von seinem Freunde mit aller Würde sich zu trennen. Wildtödter jedoch war natürlicher; und er hätte sich wohl gar Nichts daraus gemacht, seinen Gefühlen ganz freien Lauf zu lassen, hätte ihn nicht das Benehmen und die Sprache Judiths vor einer kleinen Weile mit geheimer, obwohl unbestimmter Besorgniß vor einer Scene erfüllt. Er war zu bescheiden, um die Wahrheit hinsichtlich der wahren Gefühle dieses schönen Mädchens zu ahnen, während er zu gut beobachtete, als daß er nicht ihren innern Kampf hätte bemerken sollen, der sie so oft einer Entdeckung ihres Geheimnisses so nahe gebracht hatte. Daß etwas Außerordentliches in ihrer Brust sich verberge, war ihm augenfällig genug; und vermöge eines männlichen Zartgefühls, das der feinsten und höchsten Bildung Ehre gemacht haben würde, scheute er zurück vor einer Offenbarung dieses Geheimnisses, welche später das Mädchen selbst hätte reuen können. Daher beschloß er jetzt aufzubrechen, und das ohne weitere Kundgebung von Gefühlen von seiner Seite oder von Andern. »Gott segne Euch! Schlange – Gott segne Euch!« rief der Jäger, als das Canoe von der Plattform abstieß, »Euer Manitou und mein Gott allein weiß, wann und wo wir uns wieder sehen; ich werde es für einen großen Segen und für eine reichliche Belohnung des wenigen Guten ansehen, das ich etwa auf Erden gethan, wenn es uns vergönnt seyn wird, im andern Leben einander zu erkennen und mit einander zu verkehren, wie wir in diesen lustigen Wäldern vor uns so lange gethan haben!« Chingachgook winkte mit der Hand – das leichte Tuch, das er trug, über den Kopf ziehend, wie ein Römer seinen Schmerz in seinen Gewändern verbarg, entfernte er sich langsam in die Arche, um allein seinem Kummer und seinen Gedanken nachzuhängen. Wildtödter sprach nicht eher wieder, als bis das Canoe halbwegs am Lande war. Dann hörte er plötzlich auf zu rudern, hiezu veranlaßt durch Hetty, welche das Schweigen mit ihrer sanften, musikalischen Stimme unterbrach. »Warum geht Ihr zu den Huronen zurück, Wildtödter?« fragte das Mädchen. »Sie sagen, ich sei schwachsinnig, und Solchen thun sie nie ein Leid; aber Ihr habt so viel Verstand als Hurry Harry, und noch mehr, meint Judith, obgleich ich nicht einsehe, wie das möglich ist.« »Ach, Hetty, ehe wir landen, muß ich mich noch ein Wenig mit Euch besprechen, Kind; und das über Sachen, welche vornemlich Eure Wohlfahrt betreffen. Stellt Euer Rudern ein, oder vielmehr, damit nicht die Mingo's meinen, wir machen Anschläge und Complotte, und uns darnach behandeln, taucht nur so ganz leicht Eure Schaufel ein, und gebt dem Canoe nur ganz wenig Bewegung und nicht mehr. Das ist gerade die Idee und die Bewegung. Ich sehe, Ihr seyd anstellig genug auf den Augenschein, und wäret wohl zu brauchen bei einer List und Täuschung, wenn das jetzt recht wäre, eine zu versuchen – das ist gerade die Idee und die Bewegung! Ach weh! Trug und eine falsche Zunge sind böse Sachen, und geziemen sich gar nicht für unsere Farbe, Hetty; aber es ist eine Lust und eine Genugthuung, die schlauen Ränke einer Rothhaut zu vereiteln in dem Kampf eines rechtmäßigen Kriegers. Meine Bahn ist kurz gewesen und wird wohl bald ein Ende haben; aber ich kann sehen, daß die Wanderungen eines Kriegers doch nicht ganz zwischen Gestrüppe und Schwierigkeiten hin gehen. Der Kriegspfad hat auch eine glänzende Seite, so gut wie die meisten andern Dinge, wenn wir nur die Weisheit haben, sie zu sehen, und die Großmuth, es zu gestehen.« »Und warum sollte Euer Kriegspfad, wie Ihr es nennt, seinem Ende so nahe seyn, Wildtödter?« »Weil, mein gutes Mädchen, mein Urlaub seinem Ende so nahe ist. Vermuthlich werden beide so ziemlich miteinander zu Ende gehen, was die Zeit betrifft – eines folgt dem andern ganz natürlich auf der Ferse.« »Ich verstehe Eure Meinung nicht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, etwas verwirrt darein schauend. »Mutter sagte immer, die Leute sollten mit mir deutlicher sprechen, als mit den meisten Andern, weil ich schwachsinnig sey. Die Schwachsinnigen fassen nicht so leicht, wie die, die Verstand haben.« »Nun denn, Hetty, die einfache Wahrheit ist diese. Ihr wißt, daß ich dermalen ein Gefangner von den Huronen bin, und Gefangene nicht in Allem nach ihrem Belieben thun können –« »Aber wie könnt Ihr ein Gefangner seyn,« unterbrach ihn lebhaft das Mädchen, »da Ihr doch hier auf dem See seyd, in Vaters Rinden-Canoe, und die Indianer in den Wäldern, und gar kein Canoe haben? Das kann nicht wahr seyn, Wildtödter!« »Ich wünschte von ganzem Herzen und ganzer Seele, Hetty, daß Ihr Recht hättet, und ich Unrecht, statt daß Ihr jetzt Unrecht habt, und ich der Wahrheit nur zu nahe bin. So frei ich Euren Augen scheine, Mädchen, bin ich doch in Wirklichkeit an Händen und Füßen gebunden.« »Ha, es ist wirklich ein großes Unglück, keinen Verstand zu haben! Ich kann nun einmal nicht sehen noch verstehen, daß Ihr irgend wie ein Gefangner oder gebunden seyd. Wenn Ihr gebunden seyd, womit sind denn Eure Hände und Füße gefesselt?« »Mit einem Urlaub, Mädchen; das ist ein Band, das fester bindet als irgend eine Kette, diese kann man brechen, aber jenen nicht. Bei Seilen und Ketten kann man sich mit Messern und Listen und Schlauheit helfen; aber ein Urlaub kann weder durchschnitten, noch durchfeilt, noch abgestreift werden.« »Was für eine Art Ding ist denn ein Urlaub, wenn er stärker ist als Hanf oder Eisen? Ich habe noch nie einen Urlaub gesehen.« »Ich hoffe, Ihr bekommt nie einen zu fühlen, Mädchen; das Bindende bei diesen Sachen liegt ganz in den Gefühlen, und muß daher gefühlt, nicht gesehen werden. Ihr versteht doch wohl, glaube ich, was es heißt, ein Versprechen zu geben, gute kleine Hetty?« »Gewiß. Ein Versprechen heißt: Ihr wollet etwas thun, und das bindet Euch so gut als Euer Wort. Mutter hielt immer ihre Versprechen gegen mich und dann sagte sie, es wäre eine Sünde, wenn ich nicht meine Versprechen gegen sie und gegen Jedermann sonst hielte.« »Ihr habt eine gute Mutter gehabt, in manchen Beziehungen, Kind, was sie auch in andern gewesen seyn mag. Ja, das ist ein Versprechen, und wie Ihr sagt, muß es gehalten werden. Nun bin ich vorige Nacht in die Hände der Mingo's gefallen, und sie ließen mich los, um meine Freunde zu sehen, und Botschaften zu schicken zu den Leuten meiner Farbe, falls von ihnen an meinem Schicksal Theil nehmen, unter der Bedingung, daß ich zurück sey, wenn die Sonne heute mitten am Himmel steht, und erdulde, was ihr Haß und Rachsucht von Qualen ersinnen kann, zur Sühne für das Leben des Kriegers, der von meiner Büchse fiel, wie auch für das des jungen Weibes, das Hurry erschossen hat, und für andere Widerwärtigkeiten, die ihnen auf dem See und um ihn herum zugestoßen sind. Was man ein Versprechen nennt zwischen Mutter und Tochter, oder auch zwischen Fremden in den Ansiedlungen, wird ein Urlaub genannt, wenn ein Soldat gegen einen andern auf dem Kriegspfad sich dadurch bindet. Und jetzt, denke ich, begreift Ihr meine Lage, Hetty!« Das Mädchen gab einige Zeit keine Antwort, aber sie hörte ganz auf zu rudern, als ob die neue Idee ihren Geist zu sehr angriffe, um ihr noch eine andere Beschäftigung zu gestatten. Dann setzte sie das Zwiegespräch ernstlich und mit Bekümmerniß fort. »Meint Ihr, die Huronen werden das Herz haben, zu thun was Ihr sagt, Wildtödter?« fragte sie. »Ich habe sie freundlich und unschädlich gefunden.« »Das ist schon wahr, was ein Wesen wie Euch anbelangt, Hetty; aber eine ganz andere Sache ist es, wenn es einem offenen Feind gilt, der noch dazu der Besitzer einer ziemlich sichern Büchse ist. Ich sage nicht, daß sie einen besondern Haß gegen mich tragen wegen gewisser Thaten, die ich schon verrichtet, denn das wäre gleichsam am Rande des Grabes geprahlt, aber es ist keine Eitelkeit, wenn ich glaube, daß sie wissen, wie einer ihrer tapfersten und schlausten Häuptlinge durch meine Hand fiel. Da dieß der Fall ist, würde sich der Stamm Vorwürfe machen, wenn er ermangelte, den Geist eines Bleichgesichts dem Geist ihres rothen Bruders zur Gesellschaft nachzuschicken; vorausgesetzt natürlich, daß er ihn einholen kann. Ich erwarte keine Gnade und Barmherzigkeit von ihnen, Hetty; und mein vornehmster Kummer ist, daß ein solches Unglück mir auf meinem ersten Kriegspfade zustoßen mußte; daß es früher oder später einmal komme, das erwartet jeder Soldat und ist darauf gefaßt.« »Die Huronen sollen Euch kein Leid thun, Wildtödter!« rief das Mädchen in großer Aufregung. »Es ist sündhaft ebensowohl als grausam; ich habe hier die Bibel, ihnen das zu sagen. Meint Ihr ich würde dazu hinstehen und Euch martern sehen?« »Ich hoffe nicht, meine gute Hetty, ich hoffe nicht; und daher erwarte ich, Ihr werdet, wenn der Augenblick kommt. Euch entfernen; und nicht Zeugin seyn eines Schauspiels, wo Ihr doch nicht helfen könnt, und das Euch betrüben würde. Aber ich habe nicht darum das Rudern eingestellt, um von meinen Bekümmernissen und Nöthen zu schwatzen, sondern um ein wenig offen mit Euch von Euren Angelegenheiten zu reden, Mädchen.« »Was könnt Ihr mir zu sagen haben, Wildtödter! Seit Mutter starb, reden Wenige mit mir von solchen Dingen!« »Um so schlimmer, armes Mädchen: ja, es ist um so schlimmer, denn mit Einer von Eurem Gemüthszustand sollte man häufig sprechen, damit sie den Schlingen und Tücken dieser sündhaften Welt entgehe. Ihr habt den Hurry Harry nicht so bald vergessen, Mädchen, denke ich mir!« »Ich! – Ich Henry March vergessen!« rief Hetty auffahrend. »Wie sollte ich ihn vergessen, Wildtödter, da er unser Freund ist; und uns erst vorige Nacht verließ. Der große, glänzende Stern, welchen Mutter so gern betrachtete, war gerade über dem Wipfel der großen Fichte dort, auf dem Berg, als Hurry in das Canoe stieg; und als Ihr ihn auf dem Vorsprung bei der östlichen Bucht ans Land setztet, stand er nicht um mehr als die Länge von Judith's schönstem Band darüber.« »Und wie könnt Ihr wissen, wie lang ich fort war, oder wie weit ich fuhr, um Hurry zu landen, da Ihr nicht bei uns waret, und die Entfernung so groß ist, der Nacht zu geschweigen?« »Oh! ich wußte es doch ganz genau,« versetzte Hetty mit Bestimmtheit, »Es gibt mehr als Eine Weise, Zeit und Entfernung zu messen. Wenn das Gemüth recht bei einer Sache betheiligt ist, so ist es besser als jede Uhr. Meines ist schwach, aber es geht sicher genug in Allem, was den armen Hurry Harry betrifft. Judith wird nimmermehr den March heirathen, Wildtödter.« »Das ist der Punkt, Hetty, das ist eben der Punkt auf den ich kommen möchte. Ihr wißt, denke ich, daß es bei jungen Leuten natürlich ist, daß sie wohlwollende Gefühle für einander haben, zumal wenn das Eine ein Jüngling, das Andere ein Mädchen ist. Nun muß Eine von Euren Jahren und Eurem Gemüth, Mädchen, die weder Vater noch Mutter hat, und in einer Wildniß lebt, wohin nur Jäger und Fallensteller kommen, auf ihrer Hut seyn gegen Uebel, von denen sie kaum träumt!« »Was kann Arges daran seyn, gut zu denken von einem Mitgeschöpf,« versetzte Hetty einfach, obgleich das verrätherische Blut ihr in die Wangen stieg, trotz einer Reinheit des Geistes, bei der sie kaum wußte, woher dieß Erröthen kam; »die Bibel gebietet uns, die zu lieben, die uns verächtlich behandeln, und warum nicht diejenigen, die das nicht thun?« »Ach, Hetty! Die Liebe der Missionäre ist nicht die Art von Wohlgefallen, die ich meine. Antwortet mir auf Eines, Kind: glaubt Ihr Geist und Verstand genug zu haben, Weib und Mutter zu werden?« »Das ist keine Frage, die einem Mädchen vorzulegen geziemt, Wildtödter, und ich werde sie nicht beantworten,« versetzte das Mädchen im Ton des Vorwurfs – etwa wie ein Vater oder eine Mutter ein Kind tadelt wegen einer Unbescheidenheit. »Wenn Ihr Etwas über Hurry zu sagen habt, so will ich das hören; aber Ihr müßt nicht schlimm von ihm sprechen; er ist abwesend, und es ist nicht schön, schlimm von Abwesenden zu sprechen.« »Eure Mutter hat Euch so viel gute Lehren gegeben, Hetty, daß meine Besorgnisse Eurethalben nicht mehr so groß sind wie früher. Dennoch muß ein Mädchen ohne Eltern, in Eurem Gemüthszustand, und nicht ohne Schönheit, immer in Gefahr seyn in einer so gesetzlosen Gegend wie diese. Ich möchte Nichts zum Nachtheil Hurry's sagen, der in der Hauptsache kein übler Mann ist für Einen von seinem Beruf, aber Ihr solltet Eines wissen, was zu hören Euch vielleicht gar nicht angenehm ist, aber Euch doch gesagt werden muß. March hat eine desperate Neigung für Eure Schwester Judith.« »Nun, und was weiter? Jedermann bewundert Judith, sie ist so schön, und Hurry hat mir oft und viel gesagt, wie sehr er wünsche sie zu heirathen. Aber das wird nie geschehen, denn Judith mag den Hurry nicht. Sie hat einen Andern gern, und spricht von dem im Schlafe; aber Ihr dürft mich nicht fragen, Wer es ist, denn alles Gold in König Georg's Krone und alle Juwelen dazu, würden mich nicht versuchen, Euch seinen Namen zu sagen. Wenn Schwestern nicht Geheimnisse von einander bewahren können, Wer soll es dann?« »Gewiß; ich wünsche gar nicht, daß Ihr mir es sagt, Hetty, auch würde es einen Sterbenden Nichts nützen, es zu wissen. Was die Zunge spricht, wenn der Geist schläft, dafür ist weder Kopf noch Herz verantwortlich.« »Ich wollte ich wüßte, warum Judith im Schlafe so viel von Officieren und redlichen Herzen und falschen Zungen redet; aber ich denke, sie sagt es mir nicht gern, weil ich schwachsinnig bin. Ist es nicht sonderbar, Wildtödter, daß Judith den Hurry nicht mag – der doch der tüchtigstaussehende Junge ist, der je an den See kommt, und so schön wie sie selbst. Vater sagte immer, sie würden das hübscheste Paar in der Gegend seyn, obgleich Mutter an March so wenig Gefallen hatte als Judith. Man kann nicht wissen, was kommen wird, sagt man, bis die Dinge wirklich geschehen.« »Ach, weh! Nun, arme Hetty, es hilft nicht Viel, zu Solchen zu sprechen, die Einen nicht verstehen können, und so will ich Nichts weiter von dem sagen, wovon ich mit Euch reden wollte, obwohl es mir schwer auf der Seele liegt. Rührt die Ruder wieder, Mädchen, und wir wollen dem Lande zu steuern, denn die Sonne steht schon hoch und mein Urlaub ist beinahe zu Ende.« Das Canoe glitt jetzt dahin, und steuerte dem Punkte zu, wo Wildtödter genau wußte, daß seine Feinde ihn erwarteten, und wo er schon zu fürchten anfing nicht mehr zur rechten Zeit einzutreffen, um das Pfand seines Wortes zu lösen. Hetty jedoch, die seine Ungeduld bemerkte, ohne ihren Grund sehr klar zu begreifen, unterstützte ihn so kräftig in seiner Anstrengung, daß ihre rechtzeitige Ankunft bald nicht mehr zweifelhaft war. Dann, und erst dann, ließ der junge Mann in seiner Arbeit am Ruder etwas nach, und Hetty fing wieder an in ihrer einfachen, zutraulichen Weise zu plaudern, obwohl Nichts weiter zur Sprache kam, was zu berichten sich der Mühe verlohnte. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Geschäftig warst du heute, Tod! doch halb Ist erst dein Werk vollbracht! der Hölle Thore Sind vollgedrängt, doch Geister rücken an Zweimal zehntausend noch, die, keiner Scheidung Von ihren warmen und gesunden Zellen Gewärtig, ehe noch die Sonne sinkt, Die Welt des Weh's betreten müssen! Southey. Ein mit den Zeichen des Himmels Bekannter würde gesehen haben, daß die Sonne nur noch zwei oder drei Minuten vom Zenith entfernt war, als Wildtödter auf dem Landvorsprung, wo die Huronen jetzt lagerten, beinahe gegenüber von dem Castell, landete. Dieser Platz war dem schon beschriebenen ähnlich, mit der Ausnahme, daß der Boden weniger unterbrochen und weniger mit Bäumen besetzt war. Vermöge dieser beiden Umstände eignete er sich um so besser für den Zweck, wozu er gewählt worden war, und der Raum unter den Zweigen hatte einige Aehnlichkeit mit einem von dichtem Wald umgebenen Grasplatz. Begünstigt durch seine Lage und seine Quelle ward er häufig von Wilden und Jägern besucht und erkoren, und das natürliche Gras, das auf ihren Feuerplätzen nachgewachsen war, gab manchen Stellen das Ansehen von Rasen, eine sehr ungewöhnliche Zierde des jungfräulichen Urwaldes. Auch war der Rand des Wassers nicht mit Büschen eingefaßt, wie auf einem großen Theil der Küste, sondern das Auge drang unmittelbar, so wie man den Strand erreichte, in die Wälder hinein, und beherrschte beinahe die ganze Fläche des Vorsprungs. War es ein Ehrenpunkt für den indianischen Krieger, sein Wort zu lösen, wenn er sich verpflichtet hatte, zurückzukehren und seinem Tode entgegenzugehen zu einer gegebenen Stunde, so war es auch ein Ehrenpunkt charakteristischen Stolzes, keine weibische Ungeduld zu zeigen, sondern so genau als möglich auf den festgesetzten Augenblick wieder einzutreffen. Es war gut, die von der Großmuth des Feindes bewilligte Gnadenfrist nicht zu überschreiten, aber es war noch besser, sie auf die Minute einzuhalten. Etwas von dieser dramatischen Effektsucht mischt sich in die meisten der ernsteren Gebräuche der amerikanischen Ureinwohner, und ohne Zweifel kann es, wie die Herrschaft eines ähnlichen Gefühls unter mehr verfeinerten und künstlich gebildeten Menschen auf ein natürliches Prinzip zurückgeführt werden. Wir lieben alle das Wunderbare, und wenn es auftritt, begleitet von ritterlicher Selbstaufopferung und strenger Beachtung der Ehre, so stellt es sich unsrer Bewunderung in doppelt anziehender Gestalt dar. Wildtödter nun, obgleich er seinen Stolz darein setzte, sein weißes Blut dadurch zu zeigen, daß er oft von den Sitten der rothen Männer abwich, verfiel doch auch häufig, sich selbst unbewußt, in ihre Gebräuche, und noch öfter in ihre Gefühle, in Folge davon, daß er sich nur an ihr Urtheil und ihren Geschmack als seine Richter und Autoritäten wenden konnte. Im gegenwärtigen Fall hätte er gern den Schein einer fieberischen Hast, die sich durch eine zu frühe Rückkehr verrathen hätte, vermieden, weil dieß ein stillschweigendes Zugeständniß gewesen wäre, daß die von ihm begehrte Zeit länger war als nöthig gewesen; aber andrerseits würde er, wenn es ihm eingefallen wäre, seine Bewegungen ein wenig beschleunigt haben, um den dramatischen Effekt zu vermeiden, genau in dem Augenblick zurückzukommen, der ihm als äußerste Grenze seines Ausbleibens gesetzt war. Doch hatte der Zufall das Seinige gethan, die letztere Absicht zu vereiteln, denn als der junge Mann den Fuß ans Land setzte, und mit stetem Schritt auf die Gruppe von Häuptlingen zuging, die in ernster Versammlung auf einem gefallnen Baum saßen, warf der Aelteste von ihnen einen Blick hinauf nach einer Oeffnung in den Bäumen, und machte seine Genossen auf den merkwürdigen Umstand aufmerksam, daß die Sonne gerade in eine Stelle eintrat, die, wie man wußte, das Zenith bezeichnete. Ein allgemeiner, aber leiser Ausruf der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr jedem Mund, und die grimmigen Krieger schauten einander an; Einige mit Neid und Verdruß, andere mit Erstaunen über die pünktliche Genauigkeit ihres Opfers und noch Andere mit einem großmüthigeren und edleren Gefühl. Der amerikanische Indianer hielt immer seine moralischen Siege für die edelsten und schlug das Stöhnen und Erliegen seines Opfers unter Martern höher an, als die Trophäe seines Skalpes, und die Trophäe selbst höher als seinen Tod. Tödten, ohne das Zeichen des Siegs davonzutragen, galt in der That kaum für ehrenhaft; selbst diese rohen und wilden Bewohner des Waldes hatten sich, wie ihre feinen gebildeten Brüder vom Hof und Lager, eingebildete und willkührliche Ehrenpunkte festgesetzt, zur Beeinträchtigung der Ansprüche des Rechts und der Entscheidungen der Vernunft, Die Huronen waren in ihren Meinungen, die Wahrscheinlichkeit der Zurückkehr ihres Gefangenen betreffend, getheilt gewesen. Die Meisten unter ihnen hatten es in der That nicht für möglich gehalten, daß ein Bleichgesicht freiwillig zurückkommen und sich den bekannten Qualen einer indianischen Marterung unterziehen werde; aber Einige von den Aelteren trauten Besseres einem Manne zu, der sich schon so ausnehmend kaltblütig, tapfer und geradsinnig gezeigt hatte. Die Truppe war jedoch zu ihrer Entscheidung gekommen, weniger in der Erwartung, daß das Pfand des gegebenen Wortes werde gelöst werden, als in der Hoffnung, die Delawaren herabwürdigen zu können, indem man ihnen das Unrecht und die Schmach eines in ihren Dörfern Aufgewachsenen vorrücke und aufbürde. Weit lieber hätten sie gesehen, daß Chingachgook ihr Gefangner gewesen wäre und sich als Verräther gezeigt hätte; aber der Bleichgesichtsprößling von dem verhaßten Stamm war kein übler Ersatzmann für ihre Zwecke, wenn einmal ihre Anschläge gegen den alten, eigentlichen Baum scheiterten. Um den Triumph so auffallend als möglich zu machen, für den Fall, daß die Stunde verstreiche, ohne daß der Jäger wieder erscheine, waren alle Krieger und Kundschafter der Truppe herbeiberufen worden; und die ganze Bande, Männer, Weiber und Kinder waren jetzt auf diesem Punkt versammelt, um Zeugen der erwarteten Scene zu seyn. Da das Castell ganz offen da lag, in gar nicht großer Entfernung, konnte man es bei Tag wohl beobachten; und da man annahm, daß die Insaßen nur aus Hurry, dem Delawaren und den beiden Mädchen beständen, befürchtete man nicht, sie könnten ungesehen entfliehen. Ein großer Floß, mit einer Brustwehr von Stämmen, war angefertigt worden, und wirklich schon ganz bereit gegen Arche oder Castell, wie es die Gelegenheit erfordere, verwendet zu werden, sobald Wildtödters Geschick entschieden wäre; denn die Aelteren unter der Truppe waren auf die Ansicht gekommen, daß es nachgerade gefährlich würde, ihren Aufbruch nach Canada länger als bis zur nächsten Nacht aufzuschieben. Kurz, die Bande wartete nur noch die Abmachung dieser einigen Angelegenheit ab, ehe sie die Sachen zur Entscheidung brachte, und bereitete sich, den Rückzug nach den fernen Gewässern des Ontario anzutreten. Es war eine imposante Scene, in welche Wildtödter sich jetzt, wie er vorwärts schritt, versetzt sah. Alle ältern Krieger saßen auf dem Stamme des gefallenen Baumes, und erwarteten seine Annäherung mit ernstem Anstand. Rechts standen die jungen Männer, bewaffnet, während die linke Seite von den Weibern und Kindern eingenommen war. In der Mitte war ein freier Platz von ansehnlicher Ausdehnung, von Laub durchaus überwölbt, wo man aber das Unterholz, abgestorbne Bäume und andre Hindernisse sorgfältig weggeräumt hatte. Dieser offenere Platz war vermuthlich von früheren Gesellschaften oft benutzt worden, denn dieß war die Stelle, welche am entschiedensten den Eindruck eines Rasens machte. Die Bogen der Wälder warfen selbst am hohen Mittag ihren düstern Schatten auf den Platz, welchen die glänzenden, durch die Blätter sich durchkämpfenden Sonnenstrahlen mit einer milden, weichen Beleuchtung übergoßen. Vermuthlich von einer solchen Scene empfing der Geist des Menschen zuerst die Idee von den Wirkungen Gothischer Verzierungen und kirchlicher Farben; dieser Tempel der Natur machte ungefähr denselben Eindruck, was Licht und Schatten betrifft, wie das bekannte Produkt menschlichen Kunstsinnes. Wie nicht selten bei den Stämmen und wandernden Banden der Ureinwohner, theilten zwei Häuptlinge, in beinahe gleichen Graden der Würde, die vornehmste patriarchalische Autorität, welche über diese Kinder des Waldes geübt wurde. Es waren Einige, welche die Auszeichnung von Häuptlingen ansprechen mochten, aber die zwei Erstgenannten gingen allen Uebrigen so sehr an Ansehen und Einfluß vor, daß, wenn sie einig waren, Niemand ihre Gebote bestritt; und wenn sie getheilter Ansicht waren, schwankte die Bande unschlüssig hin und her, wie Männer, die ihr leitendes Prinzip des Handelns verloren. Es war auch ganz der Erfahrung – wir dürften vielleicht hinzusetzen, der Natur gemäß, daß Eines der Häupter seinen Einfluß seinem Geist verdankte, während bei dem Andern seine Auszeichnung ganz auf physischen Eigenschaften und Vorzügen beruhte. Der Eine war ein älterer Mann, wohlbekannt durch seine Beredsamkeit in Erörterungen, seine Weisheit im Rathe, und seine Klugheit in der Wahl der Maßregeln, während sein großer Mitbewerber, wo nicht Nebenbuhler, ein tapfrer Mann war, ausgezeichnet im Krieg, bekannt durch seine Wildheit, und was die Intelligenz betrifft, hervorragend nur durch Schlauheit und Reichthum an Auskunftsmitteln auf dem Kriegspfade. Der Erstere war Rivenoak, der dem Leser schon bekannt ist, und der Letztere war der Panther genannt. Die Benennung des kampflustigen Häuptlings bezeichnete, der Annahme nach, die Eigenschaften des Kriegers nach den bei den rothen Männern üblichen Nomenklatur, denn Wildheit, Schlauheit und Verrätherei waren vielleicht die unterscheidenden Züge seines Charakters. Er hatte den Namen von den Franzosen erhalten und dieser wurde deßhalb um so höher geschätzt, da der Indianer in den meisten Dingen sich von ganzem Herzen der höhern Intelligenz seiner Verbündeten, der Bleichgesichter, unterwarf. Wie gut er dieß Sobriquet Le Panthère verdiente, wird man aus dem Spätern ersehen. Rivenoak und der Panther saßen neben einander, die Annäherung ihres Gefangnen erwartend, als Wildtödter seinen Fuß mit dem Moccasin auf den Strand setzte; auch rührte sich keiner, oder sprach eine Sylbe, als bis der junge Mann in die Mitte des Platzes getreten war, und seine Anwesenheit durch Worte verkündigte. Er that dieß mit Festigkeit, obwohl in der einfachen Weise, die den Charakter des Mannes überhaupt bezeichnete. »Hier bin ich, Mingo's,« sagte er in der Sprache der Delawaren, welche die Meisten der Anwesenden verstanden; »hier bin ich, und dort steht die Sonne. Die Eine ist nicht treuer den Gesetzen der Natur als der Andere sich seinem Worte treu bewährt hat. Ich bin Euer Gefangener; verfahrt mit mir nach Eurem Belieben. Meine Geschäfte mit Menschen und mit der Erde sind in's Reine gebracht; Nichts bleibt mir jetzt mehr übrig, als vor den Gott der weißen Männer zu treten, nach eines weißen Mannes Pflichten und Gaben.« Ein beifälliges Murmeln entschlüpfte selbst den Weibern bei dieser Anrede, und einen Augenblick wurde ein lebhaftes und ziemlich allgemeines Verlangen rege, einen Mann von so muthigem Geist in den Stamm aufzunehmen. Doch gab es auch Solche, welche diesem Wunsch nicht beitraten, und unter den Wichtigsten von diesen ist zu nennen der Panther und seine Schwester le Sumach , so genannt von der Zahl ihrer Kinder, die Wittwe des Loup Cervier , von dem man wußte, daß er von der Hand des Gefangenen gefallen war. Natürliche Wildheit hielt den Einen umstrickt und gefesselt, während die nagende Leidenschaft der Rachgier die Andere hinderte, im Augenblick sanftere Gefühle aufkommen zu lassen. Nicht so Rivenoak. Dieser Häuptling stand auf, streckte seinen Arm vor sich aus, mit einer Bewegung der Höflichkeit, und machte dem Gefangnen sein Compliment mit einer Gewandtheit und Würde, um die ihn ein Fürst hätte beneiden dürfen. Da seine Weisheit und Beredsamkeit unter dieser Bande zugestandenermaßen keinen Nebenbuhler hatten, erkannte er, daß ihm schicklich die Pflicht zufiel, die Rede des Bleichgesichts zuerst zu beantworten. »Bleichgesicht, Ihr seyd redlich,« sagte der Huronische Redner. »Mein Volk ist glücklich, daß es einen Mann gefangen hat, und nicht einen schleichenden Fuchs. Wir kennen Euch jetzt, wir werden Euch als einen Tapfern behandeln. Wenn Ihr Einen unsrer Krieger getödtet, und geholfen habt, Andere zu tödten, so seyd Ihr dafür Euer eignes Leben zum Ersatz zu geben bereit. Einige meiner jungen Männer dachten, das Blut eines Bleichgesichts würde zu dünn seyn, und sich weigern, unter dem Messer der Huronen zu fließen. Ihr wollt ihnen zeigen, daß dem nicht so ist, Euer Herz ist stark wie Euer Körper. Es ist eine Freude, einen solchen Gefangenen zu machen; sollten meine Krieger sagen, der Tod des Loup Cervier dürfe nicht vergessen werden, und er könne nicht allein wandern in's Land der Geister, sein Feind müsse ihm nachgeschickt werden, um ihn einzuholen; so werden sie doch bedenken, daß er von der Hand eines Tapfern fiel, und Euch ihm nachschicken mit solchen Zeichen unsrer Freundschaft, daß er sich Eurer Gesellschaft nicht schämen wird. Ich habe gesprochen; Ihr wißt, was ich gesagt habe.« »Wahr genug, Mingo, Alles wahr wie das Evangelium,« versetzte der unbefangene Jäger; »Ihr habt gesprochen, und ich weiß nicht nur, was Ihr gesagt habt, sondern was noch wichtiger ist, was Ihr meint . Ich glaube wohl, Euer Krieger, der Luchs, war ein Tapfrer von mannhaftem Herzen, und würdig Eurer Freundschaft und Achtung, aber ich fühle mich seiner Gesellschaft nicht unwerth, auch ohne einen Paßzettel von Eurer Hand. Dennoch bin ich hier, bereit mein Urtheil zu empfangen von Eurem Rathe, wenn nicht anders die Sache schon unter Euch entschieden war, noch eh' ich zurückkam.« »Meine alten Männer wollten nicht zu Rathe sitzen über ein Bleichgesicht, ehe sie ihn unter sich sahen,« antwortete Rivenoak, etwas ironisch sich umsehend; »sie sagten, es wäre wie wenn man zu Rathe säße über die Winde, sie wehen, wohin sie wollen, und kommen wieder, wenn es ihnen beliebt, und sonst nicht. Eine Stimme war, die zu Euren Gunsten sprach, Wildtödter, aber sie war allein, wie der Gesang des Zaunkönigs, dessen Weibchen vom Falken zerrissen worden ist.« »Ich danke dieser Stimme, Wessen sie immer gewesen sey, Mingo, und behaupte, sie ist eine so wahre Stimme gewesen, als die andern lügenhafte Stimmen waren. Ein Urlaub ist so bindend für ein Bleichgesicht, wenn es redlich ist, wie für eine Rothhaut, und wäre das auch nicht, so möchte ich doch nie Schmach über die Delawaren bringen, unter denen ich, kann ich wohl sagen, meine Erziehung erhalten habe. Aber Worte sind nutzlos, und führen zu prahlerischen Gefühlen; hier bin ich, verfahrt mit mir wie Ihr wollt.« Rivenoak machte eine zustimmende Geberde, und dann hielten die Häuptlinge unter sich eine kurze, geheime Besprechung. Sobald diese zu Ende war, schieden drei oder vier junge Männer aus der bewaffneten Gruppe aus, und verschwanden. Dann ward dem Gefangenen bedeutet, daß es ihm freistehe, auf dem Vorsprung herumzugehen, bis über sein Schicksal Berathung gepflogen wäre. In dieser anscheinenden Großmuth war jedoch weniger wirkliches als scheinbares Vertrauen, sofern die obenerwähnten jungen Männer schon eine Linie von Schildwachen über die ganze Breite des Vorsprungs landeinwärts bildeten, und Flucht nach einer andern Seite hin nicht gedenkbar war. Selbst das Canoe ward auf die Seite gebracht, über diese Linie von Schildwachen hinaus, an einen Ort, wo man es als sicher vor jedem plötzlichen Versuch betrachtete. Diese Vorsichtsmaßregeln entsprangen nicht aus einem Mangel an Vertrauen, sondern aus dem Umstand, daß der Gefangene jetzt alle Bedingungen, zu denen er sich durch sein Wort verpflichtet, erfüllt hatte, und es jetzt für eine löbliche und ehrenhafte That gegolten hätte, wenn er seinen Feinden hätte entkommen können. So fein waren in der That die Unterscheidungen, welche die Wilden in Dingen dieser Art machten, daß sie oft ihren Opfern eine Aussicht eröffneten, den Martern zu entrinnen, weil sie es ebenso rühmlich für die Verfolger ansahen, einen Flüchtling einzuholen oder zu überlisten, dessen Anstrengungen, wie man annehmen durfte, durch die dringende Gefahr seiner Lage aufs äußerste gespornt und gestachelt wurden, als es für ihn rühmlich war, einer so außerordentlichen Wachsamkeit sich zu entziehen. Auch war Wildtödter sich seiner Rechte nicht unbewußt, und gegen sie und etwa sich darbietende günstige Umstände nicht gleichgültig. Hätte er irgend einen Ausweg, wo Flucht möglich war, gesehen, so hätte er wohl nicht eine Minute mit dem Versuche gezögert. Aber der Fall schien verzweifelt. Er wußte von der Linie von Schildwachen, und erkannte die Schwierigkeit, sie mit heiler Haut zu durchbrechen. Der See bot keine Hülfe, da das Canoe seinen Feinden es ganz leicht machte, ihn einzuholen; sonst hätte er es nicht so schwierig gefunden, bis zu dem Castell hinüber zu schwimmen. Wie er auf dem Vorsprung herumwandelte, besichtigte er auch genau den Platz, um sich zu vergewissern, ob er nirgends einen Versteck darbiete: aber die Offenheit und die Gestalt des Punktes, und die hundert wachsamen Augen, die auf ihn sich richteten, während sie sich doch die Miene gaben, ihn gar nicht zu sehen, mußte dieß Rettungsmittel vereiteln. Die Furcht und Schande eines Mißlingens hatte keinen Einfluß auf Wildtödter, der es immer als einen Ehrenpunkt betrachtete, wie ein Weißer, vielmehr denn wie ein Indianer zu denken und zu empfinden, und der es als eine Art von Pflicht ansah, zur Rettung seines Lebens alles Mögliche zu versuchen, was nur keine Untreue gegen einen Grundsatz in sich schloß. Dennoch zögerte er, den Versuch zu machen, denn er fühlte auch, daß er die Möglichkeit des Gelingens vor sich sehen sollte, ehe er sich auf das Wagestück einließ. Mittlerweile schien das Geschäft im Lager seinen regelmäßigen Gang zu gehen. Die Häuptlinge beriethen sich abgesondert und ließen nur die Sumach an ihrer Berathung Theil nehmen; denn diese, die Wittwe des gefallnen Kriegers, hatte ein ausschließliches Recht, bei einer solchen Gelegenheit gehört zu werden. Die jungen Männer schlenderten in träger Gleichgültigkeit herum, mit indianischer Geduld das Ergebniß abwartend, während die Frauen das Festmahl zubereiteten, welches den Beschluß der Angelegenheit verherrlichen sollte, mochte diese nun gut oder schlimm für unsern Helden endigen. Niemand verrieth irgend eine Empfindung; und ein gleichgültiger Beobachter hätte wohl, außer der ausnehmenden Wachsamkeit der Schildwachen, an keiner außerordentlichen Bewegung oder Aufregung den wahren Stand der Dinge errathen. Zwei oder drei alte Weiber steckten die Köpfe zusammen, und zwar, wie es schien, in einem für Wildtödters Aussichten ungünstigen Sinne, nach ihren scheelen Mienen und zornigen Geberden zu schließen; eine Gruppe indianischer Mädchen dagegen war sichtlich von andern Gesinnungen beseelt, wie man aus verstohlenen Blicken sah, welche Mitleid und Bedauern aussprachen. Unter solchen Verhältnissen und Zuständen im Lager verstrich eine Stunde. Bange Ungewißheit ist vielleicht unter allen Empfindungen die unerträglichste. Als Wildtödter landete, war er völlig darauf gefaßt, binnen wenigen Minuten die Martern, von indianischer Rachgier ersonnen, zu erdulden, und bereit, seinem Schicksal männlich entgegenzutreten; aber der Aufschub wurde für ihn eine weit härtere Probe als das nahe Bevorstehen der Qualen, und das muthmaßliche Opfer begann alles Ernstes auf einen verzweifelten Fluchtversuch zu denken, gleichsam aus reiner Ungeduld, der Scene ein Ende zu machen, als er plötzlich wieder vor das Angesicht seiner Richter gefordert wurde, die schon die Bande wieder in der frühern Ordnung versammelt hatten, bereit ihn zu empfangen. »Tödter des Wildes,« begann Rivenoak, sobald sein Gefangner vor ihm stand, »meine älteren Männer haben weisen Worten zugehört; sie sind bereit zu sprechen. Ihr seyd ein Mann, dessen Väter von jenseits der aufgehenden Sonne gekommen sind; wir sind Kinder der untergehenden Sonne; wir wenden unser Angesicht den großen süßen Seen zu, wenn wir nach unsern Dörfern schauen. Es mag ein weises Land seyn, und voll von Reichthümern, das nach Morgen zu liegt; aber das nach Abend zu ist ein sehr lustiges Land. Wir lieben am meisten nach dieser Richtung hin zu schauen. Wenn wir nach Osten schauen, empfinden wir Furcht, weil Canoe um Canoe Mehr und Mehr von Eurem Volk auf der Bahn der Sonne herüber bringt, als wäre ihr Land so voll, daß es überfließt. Die rothen Männer sind schon Wenige; sie bedürfen der Hülfe. Eine unsrer besten Hütten ist neulich leer geworden durch den Tod ihres Herrn; es wird lange Zeit anstehen, bis sein Sohn groß genug wird, an seinem Platze zu sitzen. Hier ist seine Wittwe; es wird ihr an Wildpret fehlen, sich und ihre Kinder zu sättigen, denn ihre Söhne sind noch wie die Jungen des Rothkehlchens, ehe sie aus dem Neste fliegen. Durch Eure Hand hat sie diese große Trübsal betroffen. Sie hat zwei Pflichten; eine gegen den Loup Cervier , und eine gegen ihre Kinder. Skalp um Skalp, Leben um Leben, Blut um Blut – ist Ein Gesetz; ihre Jungen zu füttern ein anderes. Wir kennen Euch, Tödter des Wildes. Ihr seyd ehrlich; wenn Ihr Etwas sagt, ist es so. Ihr habt nur Eine Zunge, und die ist nicht gabelförmig, wie die der Natter. Euer Kopf ist nie versteckt im Gras; Alle können ihn sehen. Was Ihr sagt, das thut Ihr auch. Ihr seyd gerecht. Wenn Ihr Unrecht gethan habt, so ist Euer Wunsch, wieder Recht zu thun, sobald Ihr könnt. Da ist die Sumach ; sie ist allein in ihrem Wigwam, mit Kindern um sie her, die nach Brod schreien; dort ist eine Büchse, sie ist geladen und zum Abfeuern fertig. Nehmt das Gewehr! geht hinaus und schießt ein Wild; bringt das Wildpret und legt es vor die Wittwe des Loup Cervier hin; füttert ihre Kinder; nennt Euch ihren Gatten. Darnach wird Euer Herz nicht mehr Delawarisch, sondern Huronisch seyn; die Ohren der Sumach werden nicht mehr das Schreien ihrer Kinder hören; mein Volk wird die gehörige Anzahl von Kriegern zählen.« »Ich fürchtete das, Rivenoak,« antwortete Wildtödter, als der Andere zu sprechen aufhörte; »ja, ich besorgte, daß es dazu kommen werde. Indeß, die Wahrheit ist bald gesagt, und sie wird allen Erwartungen in diesem Punkt ein Ende machen. Mingo, ich bin weiß und als Christ geboren; es würde mir übel anstehen, ein Weib mit Rothhautgebräuchen unter den Heiden zu nehmen. Was ich nicht in friedlichen Zeiten und unter einer glänzenden Sonne thäte, würde ich noch weniger thun hinter Wolken, um mein Leben zu retten. Ich heirathe wahrscheinlich nie; vermuthlich war es die Absicht der Vorsehung, als sie mich hier in die Wälder hinsetzte, daß ich ledig und ohne eigne Hütte bleiben sollte; aber sollte doch Jenes einmal geschehen, so soll mir nur ein Weib von meiner Farbe und meinen Gaben die Thüre meines Wigwam beschatten. Was das anlangt, die Jungen Eures todten Kriegers zu füttern, so würde ich das mit Freuden thun, könnte es ohne Unehre geschehen; aber das kann nicht seyn, sintemal ich nie in einem Huronischen Dorfe leben kann. Eure eignen jungen Männer müssen die Sumach mit Wildpret versorgen, und wenn sie das nächste Mal heirathet, laßt sie einen Mann nehmen, dessen Beine nicht so lang sind, daß sie in ein Gebiet hinüberspringen, das ihm nicht gehört. Wir haben einen ehrlichen Kampf gekämpft, und er fiel; daran ist Nichts, als was ein Tapfrer erwartet, und bereit ist zu erdulden. Und was das Mingo-Herz betrifft, ebenso gut mögt Ihr erwarten graue Haare auf dem Kopf eines Knaben, oder Brombeeren auf einer Fichte wachsen zu sehen. Nein, nein, Hurone; meine Gaben sind weiß, was Weiber betrifft; sie sind Delawarisch in allen Dingen, die mit Indianern zusammenhängen.« Diese Worte waren kaum aus Wildtödters Munde, als ein allgemeines Murmeln die Unzufriedenheit verrieth, womit sie vernommen wurden. Die alten Weiber besonders legten in lauten Ausdrücken ihr Mißfallen an den Tag; und die holde Sumach selbst, ein Weib alt genug, um unsers Helden Mutter zu seyn, war nicht die Gelindeste in ihren Verwünschungen und Schmähungen. Aber alle andern Kundgebungen von Mißvergnügen und Verdruß wurden zurückgedrängt und überboten durch die wilde Erbitterung des Panthers. Dieser grimmige Häuptling hatte es als eine Herabwürdigung betrachtet, seine Schwester überhaupt das Weib eines Bleichgesichts von den Yengeese werden zu lassen, und nur mit Widerstreben seine Zustimmung zu der – bei den Indianern übrigens keineswegs ungewöhnlichen – Auskunft und Anordnung gegeben, auf das lebhafte Zureden der des Gatten beraubten Wittwe hin, und es wurmte ihm entsetzlich, seine Herablassung geringgeschätzt, die Ehre, die er zu bewilligen mit so großem Verdruß sich hatte bereden lassen, verachtet zu sehen. Das Thier, von welchem er seinen Namen hatte, stiert nicht mit fürchterlicherer Wildheit seine beabsichtigte Beute an, als seine Augen auf den Gefangenen funkelten; auch blieb sein Arm nicht zurück, die heftige Erbitterung und Wuth, die beinahe seine Brust verzehrte, zu bethätigen. »Hund von einem Bleichgesicht!« lief er auf Irokesisch, »geh und belle unter den Kötern deiner schlimmen Jagdreviere!« Die Verwünschung war von einer entsprechenden Thathandlung begleitet. Noch während er sprach, erhob er den Arm und der Tomahawk ward geschleudert. Zum Glück hatte der laute Ton des Redenden Wildtödters Auge auf ihn hingezogen, sonst hätte dieser Augenblick wahrscheinlich seiner Laufbahn ein Ende gemacht. So groß war die Gewandtheit, womit diese gefährliche Waffe geworfen ward, und so tödtlich die Absicht, daß sie den Schädel des Gefangenen gespalten haben würde, hätte er nicht einen Arm vorgestreckt und die Handhabe an einer ihrer Krümmungen gefaßt, mit einer eben so merkwürdigen Behendigkeit, als die Geschicklichkeit war, womit die Waffe war geschleudert worden. Dennoch war die Wurfkraft so groß, daß, als Wildtödters Arm nach der Waffe gegriffen, seine Hand rückwärts hinter seinen Kopf hinauf gerissen ward, gerade in der Stellung, die zur Erwiederung des Angriffs erforderlich. Es ist nicht gewiß, ob der Umstand, daß er sich so unerwartet, bewaffnet, in dieser drohenden Stellung fand, den jungen Mann versuchte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, oder ob plötzliche Erbitterung seine Geduld und Klugheit übermannte. Aber sein Auge funkelte und ein kleiner rother Fleck zeigte sich auf jeder Wange, während er all seine Kraft in der Anstrengung seines Armes aufbot, und die Waffe auf den Angreifer zurückschleuderte. Das Unerwartete dieses Wurfs trug zum Erfolg mit bei, da der Panther weder einen Arm aufhob, noch sich bückte, um ihm auszuweichen. Das scharfe, kleine Beil traf das Opfer in perpendikularer Linie mit der Nase, gerade zwischen den Augen, und schlug ihm im buchstäblichen Sinne das Hirn ein. Vorwärts stürzend, wie die Schlange im Augenblick noch, wo sie die Todeswunde empfängt, auf ihren Feind losschießt, fiel dieser Mann von gewaltiger Körperkraft der Länge nach auf den offenen Platz hin, den der Kreis bildete, im Todeskampf zuckend. Ein allgemeines Beispringen ihm zu Hülfe entledigte den Gefangenen, für einen Augenblick, des ganzen Haufens; und entschlossen, einen verzweifelten Versuch zur Rettung seines Lebens zu wagen, rannte er mit der Flüchtigkeit eines Hirsches davon. Es dauerte nur Einen athemlosen Augenblick, bis die ganze Bande, Alt und Jung, Weiber und Kinder, den entseelten Leichnam des Panthers liegen lassend, wo er lag, das Lärmgeschrei erhoben und ihm verfolgend nacheilten. So plötzlich das Ereigniß gekommen, welches Wildtödter veranlaßte, diesen verzweiflungsvollen Versuch durch eilige Flucht zu machen, war doch sein Geist nicht gänzlich unvorbereitet für das fürchterliche Spiel um sein Leben. Während der verflossenen Stunde hatte er die Aussichten bei einem solchen Wagestück wohl erwogen, und alle einzelnen Punkte für Gelingen und Fehlschlagen schlau berechnet. Daher folgte gleich beim ersten Sprung sein Körper ganz der Leitung eines Verstandes, der alle Anstrengungen und Kräfte desselben auf's beste zu nützen verstand, und in dem wichtigen Augenblick des Entspringens nicht das mindeste Besinnen, nicht die mindeste Unentschiedenheit aufkommen ließ; dem allein verdankte er den ersten großen Vortheil, den, daß er unverletzt durch die Linie der Schildwachen durchkam. Die Art und Weise, wie dieß geschah, obwohl einfach genug, verdient eine Beschreibung. Obgleich die Küsten des Vorsprungs nicht mit Gebüsch besetzt waren, wie die meisten andern am See herum, rührte dieß doch ganz von dem Umstand her, daß der Platz so häufig von Jägern und Fischern benützt worden war. Dieser Saum begann dann mit dem eigentlichen Land, und war so dicht wie sonst überall, in langen Linien nach Norden und Süden sich erstreckend. In der letztern Richtung schlug denn Wildtödter seinen Weg ein; und da die Schildwachen etwas außerhalb des Anfangs dieses Dickichts standen, hatte der Fliehende seinen Versteck gewonnen, ehe sie den Alarm und seine Ursache recht wahrgenommen hatten. In dem Gebüsch jedoch weiter zu laufen, davon konnte nicht die Rede seyn, und Wildtödter setzte seine Flucht etwa vierzig bis fünfzig Schritte weit in dem Wasser fort, das nur knietief war, und der Eile seiner Verfolger ein eben so großes Hinderniß in den Weg legte, wie der seinigen. Sobald ein günstiger Platz sich zeigte, stürzte er sich durch die Linie des Gebüsches und eilte in die offenen Wälder. Einige Büchsen wurden auf Wildtödter abgefeuert während er im Wasser war, und noch mehrere folgten, als er auf das vergleichungsweise ihn mehr bloßstellende Gebiet des eigentlichen Waldes kam. Aber die Richtung der Linie, in der er floh, welche theilweise die des Feuers kreuzte, die Hast, mit welcher gezielt wurde, und die allgemeine Verwirrung, welche im Lager herrschte, dieß Alles machte, daß er unversehrt blieb. Kugeln pfiffen an ihm vorbei, und manche rissen neben ihm Zweige von den Bäumen, aber keine streifte auch nur seine Kleider. Der durch diese fruchtlosen Versuche verursachte Verzug war von großem Nutzen für den Flüchtling, der selbst den Vordersten der Huronen mehr als hundert Schritte Vorsprung abgewonnen hatte, ehe irgend eine Ordnung und Uebereinstimmung in die Verfolgung kam. Ihn mit der Büchse in der Hand zu verfolgen, davon konnte keine Rede seyn, und die besten Läufer unter den Indianern, nachdem sie ihre Gewehre abgefeuert, in unbestimmter Hoffnung, den entlaufenen Gefangenen zu verwunden, warfen sie weg, und riefen den Weibern und Knaben zu, sie so schnell als möglich aufzunehmen und wieder zu laden. Wildtödter erkannte das Verzweifelte des Kampfes, in dem er begriffen war, zu gut, um auch nur Einen der kostbaren Augenblicke zu verlieren. Er wußte auch, daß seine einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er geradeaus lief, denn sobald er sich wandte, oder umbog, machte die überlegene Zahl der Verfolger sein Entkommen unmöglich. Er verfolgte daher seinen Weg in schräger Richtung die Anhöhe hinan, die weder sehr lang noch sehr steil war auf dieser Seite des Berges, aber doch mühsam genug für einen um sein Leben sich Wehrenden, um ihn entsetzlich zu erschöpfen. Hier aber ließ er in seiner Eile nach, um aufzuathmen, und legte die schwierigeren Theile des Weges in raschem Schritt oder in langsamerem Trab zurück. Die Huronen hinter ihm hüpften und sprangen, aber dieß beachtete er nicht, wohl wissend, daß sie auch die hinter ihm liegenden Schwierigkeiten überwinden mußten, ehe sie die von ihm schon gewonnene Höhe erreichten. Der Gipfel des ersten Hügels war jetzt ganz nahe, und er sah aus der Formation des Landes, daß eine tiefe Schlucht dazwischenlag, ehe man den Fuß des zweiten Hügels erreichen konnte. Bedächtlich den Gipfel hinansteigend, schaute er sich nach allen Richtungen begierig um, nach einem Versteck suchend. Keiner bot sich dar auf dem Boden; aber ein gefallner Baum lag in seiner Nähe, und verzweifelte Lagen erheischen verzweifelte Auskunftsmittel. Dieser Baum lag in einer Parallellinie mit der Schlucht; auf den Gipfel des Hügels hinaufspringen und dann seinen Körper so dicht als möglich unter dessen niedere Seite schmiegen und drängen, war das Werk eines Augenblicks. Ehe jedoch Wildtödter dem Auge seiner Verfolger entschwand, stellte er sich auf die Höhe hin, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als juble er über den Anblick des vor ihm liegenden Abhangs. Im nächsten Augenblick lag er unter dem Baum hingestreckt. Sobald der junge Mann diese List ausgeführt, so überzeugte er sich auch, wie verzweifelt seine Anstrengungen gewesen, durch die Heftigkeit, womit Alles in ihm pulsirte. Er hörte sein Herz klopfen, und sein Athem war wie das Arbeiten eines Blasebalgs in heftiger Bewegung. Indeß gewann er den Athem wieder, und das Herz hörte bald auf, so zu klopfen, wie wenn es seine Haft und Schranken durchbrechen wollte. Man hörte jetzt die Fußtritte derer, welche sich auf der andern Seite der Anhöhe herauf arbeiteten und bald kündigten Stimmen und Tritte die Ankunft der Verfolger an. Die Vordersten jauchzten, als sie die Höhe erreichten; dann fürchtend, ihr Feind werde ihnen, begünstigt durch den Abhang, entrinnen, sprang Jeder auf den gefallnen Baum und stürzte sich in die Schlucht, in der Hoffnung, des Verfolgten ansichtig zu werden, ehe er die Tiefe erreiche. So folgte Hurone auf Hurone, bis Natty anfing zu hoffen, es werden Alle an ihm vorbei seyn. Aber Andere folgten, bis wohl Vierzig über den Baum gesprungen waren, und dann zählte er sie, als sicherstes Mittel zu erfahren, wie Viele noch zurück seyn konnten. Bald waren Alle in der Tiefe der Schlucht, volle hundert Fuß unter ihm, und Einige hatten sogar schon einen Theil des gegenüberliegenden Hügels erstiegen, als deutlich ward, daß man eine Nachforschung wegen der von ihm eingeschlagnen Richtung anstellte. Das war der kritische Moment, und Einer von weniger festen Nerven, oder von minder sorgfältiger Schule und Zucht, würde ihn benutzt haben, um aufzustehen und zu fliehen. Nicht so Wildtödter. Er blieb noch immer ruhig liegen, beobachtete mit eifersüchtiger Wachsamkeit jede Bewegung drunten, und gewann schnell seinen Athem wieder. Die Huronen glichen jetzt einer Meute von Hunden auf falscher Fährte. Wenig ward gesprochen, aber Jeder rannte umher und untersuchte die abgestorbnen Bäume, wie der Hund nach der verlornen Witterung spürt. Die große Menge von Moccasins, welche des Weges gekommen, machte die Untersuchung schwierig, obgleich die Spur eines indianischen Fußes leicht zu unterscheiden war von dem freiern und weitern Schritt eines weißen Mannes. Im Glauben, daß keine Verfolger mehr zurück seyen, und in der Hoffnung, sich ungesehen wegstehlen zu können, schwang sich Wildtödter plötzlich über den Baum hinüber, und fiel auf dessen höherliegende Seite. Dieß Manöuver schien glücklich ausgeführt worden zu seyn, und Hoffnung machte das Herz des Flüchtlings hoch klopfen. Auf Hände und Füße sich erhebend, nachdem er einen Augenblick den Tönen in der Schlucht gelauscht, um sich zu überzeugen, ob man ihn nicht gesehen, kletterte der junge Mann zunächst den höchsten Punkt des Hügels hinan, eine Strecke von nur zehn Schritten, in der Hoffnung, den Gipfel zwischen sich und seine Verfolger zu bekommen, und so gegen ihr Auge gedeckt zu seyn. Auch dieß ward ausgeführt; und er richtete sich jetzt auf, und lief rasch aber stet den höchsten Bergrücken entlang, in einer Richtung, entgegengesetzt der, in welcher er zuerst geflohen. Die Art und Weise der Rufe in der Schlucht jedoch machte ihn bald unruhig, und er sprang wieder auf den Gipfel, um zu rekognoscieren. Sobald er die Höhe erreicht hatte, ward er auch gesehen, und die Jagd begann von neuem. Da es auf dem ebnen Grund besser fortkommen war, vermied Wildtödter jetzt die Seite des Hügels und setzte seine Flucht dem Bergrücken entlang fort, während die Huronen, von der allgemeinen Formation des Landes schließend, erkannten, daß der Bergrücken bald in die Schlucht sich verlieren würde, und der letztern zueilten, als die leichteste Weise, dem Flüchtling vorzukommen. Zugleich wandten sich einige Wenige südlich, um ihm die Flucht nach dieser Richtung abzuschneiden, während andere ihm die Richtung dem Wasser zu abschnitten, um ihn zu hindern, am See hin seinen Rückzug zu nehmen, und auch nach Süden zu liefen. Die Lage Wildtödters war jetzt kritischer als sie je gewesen. Er war in der That von drei Seiten eingeschlossen, und auf der vierten hatte er den See. Aber er hatte alle Aussichten wohl überlegt, und ergriff, selbst während der eiligsten Flucht, seine Maßregeln mit kaltem Blute. Wie gewöhnlich der Fall bei kräftigen Grenzmännern, konnte er es jedem einzelnen Indianer unter seinen Verfolgern im Laufen zuvorthun, und sie waren ihm hauptsächlich furchtbar wegen ihrer großen Zahl, und der Vortheile, die ihnen ihre Stellung verschaffte; und er würde sich nicht besonnen haben, in gerader Linie, auf jedem gegebenen Punkt, auf und davon zu rennen, hätte er nur erst wieder die ganze Bande ordentlich hinter sich gehabt. Aber eine solche Aussicht zeigte sich nicht und konnte sich nicht zeigen; und als er merkte, daß er durch die Senkung des Bergrückens gegen die Schlucht hinabkam, bog er rasch um, in einem rechten Winkel mit seiner bisherigen Bahn, und rannte mit fürchterlicher Geschwindigkeit den Abhang herunter, der Küste zu. Einige seiner Verfolger kamen in gerader Linie ihm nachjagend, keuchend den Hügel herauf, während die Meisten sich immer noch in der Schlucht hielten, bei deren Ausgang sie ihm vorzukommen gedachten. Wildtödter hatte jetzt einen andern, obwohl verzweifelten Plan im Auge. Jeden Gedanken aufgebend, durch die Wälder zu entkommen, eilte er, was er konnte dem Canoe zu. Er wußte, wo es lag; konnte er es erreichen, so hatte er nur die Gefahr einiger Schüsse zu bestehen, und dann war der Erfolg sicher. Keiner von den Kriegern hatte die Waffen behalten, was ihre Schnelligkeit gehemmt haben würde, und die Gefahr kam entweder von den unsichern Händen der Weiber oder von denen eines halberwachsenen Knaben, obwohl von den letztern die meisten schon in heißer Verfolgung begriffen waren. Alles schien der Ausführung dieses Plans günstig, und da sein Weg jetzt fortwährend abwärts ging, flog der junge Mann mit einer Geschwindigkeit über den Boden hin, welche ein baldiges Ende seiner Drangsale hoffen ließ. Als Wildtödter sich dem Vorsprung näherte, kam er an einigen Weibern und Kindern vorbei, aber obgleich Jene ihm dürre Zweige zwischen die Beine zu werfen versuchten, war doch der Schrecken, welchen seine kühne Wiedervergeltung an dem gefürchteten Panther verbreitet hatte, so groß, daß Niemand wagte, ihm so nahe zu kommen, um ihn ernstlich zu gefährden. Er lief an Allen triumphirend vorbei und erreichte den Saum von Gebüschen. Sich durch diese hindurchdrängend, sah sich unser Held wieder im See, und nur fünfzig Fuß vom Canoe entfernt. Hier hörte er auf zu laufen, denn er begriff wohl, daß jetzt sein Athem das Wichtigste für ihn war. Er bückte sich sogar im Weiterschreiten und kühlte seinen ausgetrockneten Mund, indem er in der Hand Wasser schöpfte zum Trinken. Doch drängten die Augenblicke, und bald stand er neben dem Canoe. Der erste Blick zeigte ihm, daß die Ruder waren weggebracht worden. Das war ein harter Schlag für seine Hoffnungen nach allen seinen Anstrengungen, und einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, und seinen Feinden die Stirne zu bieten, indem er mit Würde wieder in die Mitte des Lagers schritte. Aber ein höllischer Schrei, wie allein die amerikanischen Wilden ihn ausstoßen können, verkündigte das rasche Herankommen seiner Verfolger, und der Instinkt des Lebens siegte. Sich gehörig anschickend, und dem Bug des Canoe's die rechte Richtung gebend, sprang er in das Wasser, trieb das Canoe vor sich her, bot alle seine Kraft und Geschicklichkeit zu einer letzten Anstrengung auf, und ließ sich dann vorwärts auf den Boden des leichten Fahrzeugs fallen, so daß er seinem Lauf keinen wesentlichen Eintrag that. Hier blieb er auf dem Rücken liegen, sowohl um wieder zu Athem zu kommen, als auch um sich gegen die tödtlichen Büchsen zu decken. Die Leichtigkeit, welche beim Rudern der Canoe's so vortheilhaft war, wirkte jetzt ungünstig. Das Material war so federleicht, daß das Boot keine Wucht hatte, sonst hätte es der Stoß auf diesem ruhigen und glatten Wasser in eine Entfernung von der Küste getrieben, bei der man sicher mit den Händen hätte rudern können. Hätte er es einmal so weit gebracht, so hoffte Wildtödter weit genug zu kommen, um die Aufmerksamkeit Chingachgooks und Judiths auf sich zu ziehen, die ihm unfehlbar mit andern Canoe's zu Hülfe kommen würden, wo er sich dann alles Gute versprechen konnte. Wie der junge Mann auf dem Boden des Canoe's lag, beobachtete er dessen Bewegungen, indem er die Wipfel der Bäume am Berg studirte, und aus der Zeit und dem Grad der Bewegung auf seine Entfernung vom Lande schloß. Die Stimmen an der Küste wurden jetzt zahlreich, und er hörte davon sprechen, das Floß zu bemannen, das zum Glück für den Flüchtling in ziemlicher Entfernung auf der andern Seite des Vorsprungs lag. Vielleicht war Wildtödters Lage heute noch nie kritischer gewesen, als in diesem Augenblick, und gewiß nie halb so voll tantalischer Qual. Er lag zwei bis drei Minuten vollkommen ruhig, einzig auf sein Ohr sich verlassend, da er hoffte, das Geräusch im See zu vernehmen, falls Jemand heranzuschwimmen wagte. Ein paarmal bildete er sich ein, das Wasser werde aufgerührt durch die vorsichtige Bewegung eines Armes, bemerkte aber dann, daß es das Anspühlen des Wassers an den Kieseln des Strandes war; denn es ist selten, daß diese kleinen Seen, dem Ocean nachäffend, so gänzlich ruhig sind, daß sie nicht an ihren Küsten ein leises Sichheben und Senken des Wassers hätten. Plötzlich verstummten alle Stimmen, und eine Todesstille herrschte auf dem Platze; ein so tiefes Schweigen, als ob Alles in der Ruhe unbeseelten Lebens daläge. Mittlerweile war das Canoe so weit hinausgetrieben, daß Wildtödter, auf dem Rücken liegend, Nichts mehr sehen konnte, als den leeren, blauen Raum, und einige wenige jener helleren Strahlen, welche aus dem vollen Sonnenglanz hervorbrechen, bezeichneten ihre Nähe. Diese Ungewißheit lang auszuhalten war nicht möglich. Der junge Mann wußte wohl, daß die tiefe Stille Unheil weissagte, denn die Wilden sind nie so schweigsam, als wenn sie im Begriff stehen, einen Schlag zu führen – dem verstohlenen Schleichen des Panthers ähnlich, ehe er seinen Satz macht. Er zog ein Messer heraus, und war im Begriff ein Loch durch die Rinde zu schneiden, um einen Blick auf die Küste zu gewinnen, als er wieder inne hielt, aus Furcht, bei diesem Vornehmen gesehen zu werden, wodurch die Feinde ein Ziel für ihre Kugeln bekommen würden. In diesem Augenblick aber ward schon eine Büchse abgefeuert, und die Kugel schlug durch beide Seiten des Canoe's, achtzehn Zoll von der Stelle, wo sein Kopf lag. Das war ein gefährlicher Handel, aber unser Held hatte zu kürzlich erst noch Gefährlicheres durchgemacht, um die Fassung zu verlieren. Er lag noch eine halbe Minute ruhig da, und dann sah er den Wipfel einer Eiche langsam in seinen engen Horizont kommen. Wildtödter, der sich diese Veränderung nicht zu erklären vermochte, konnte jetzt seine Ungeduld nicht mehr zügeln. Mit der äußersten Vorsicht sich hinaufschiebend, hielt er sein Auge an das durch die Kugel geschlagene Loch, und bekam zum Glück eine leidliche Ansicht des Vorsprungs. Das Canoe hatte sich, in Folge einer jener unbemerklichen, als Zufall erscheinenden Fügungen, die so oft über das Schicksal der Menschen, wie über den Gang der Dinge entscheiden, südlich gewendet, und glitt langsam den See abwärts. Es war ein Glück, daß ihm Wildtödter einen hinlänglich kräftigen Stoß gegeben hatte, um es am Ende des Vorsprungs vorbei treiben zu machen, ehe es in diese Abweichung gerieth, sonst hätte es müssen wieder an die Küste kommen. Auch so noch trieb es so nahe vorüber, daß, wie schon erwähnt, die Gipfel von zwei oder drei Bäumen in den Horizont des jungen Mannes fielen, und kam der äußersten Spitze des Vorsprungs wirklich so nahe, daß es nicht mehr ganz außer Gefahr war. Die Entfernung konnte nicht viel über hundert Fuß betragen; doch begann zum Glück eine leise Luftströmung von Südwest es langsam von der Küste wegzutreiben. Wildtödter empfand jetzt die dringende Nothwendigkeit, ein Mittel zu ersinnen, um sich von seinen Feinden zu entfernen, und wo möglich seine Freunde von seiner Lage in Kenntniß zu setzen. Die Entfernung machte Letzteres schwierig, während die Nähe des Vorsprungs jenes zur unerläßlichen Nothwendigkeit machte. Wie gewöhnlich in solchen Fahrzeugen, befand sich ein großer, runder, glatter Stein an beiden Enden des Canoe's, zu dem doppelten Behufe, als Sitze und als Ballast zu dienen; einen von diesen konnte er mit den Füßen erreichen. Diesen Stein wußte er so weit zwischen seinen Beinen heraufzuarbeiten, daß er ihn mit den Händen fassen konnte, und dann gelang es ihm, denselben neben den andern im Bug hinzuwälzen, wo die beiden jetzt dienten, das Gleichgewicht des leichten Bootes zu erhalten, während er sich selbst so weit als möglich nach dem Hintertheil arbeitete. Ehe er die Küste verließ, und sobald er bemerkte, daß die Ruder fort waren, hatte Wildtödter ein Stück von einem abgestorbnen Zweig in das Canoe geworfen, und diesen konnte er mit dem Arm erreichen. Er nahm die Mütze, die er trug, ab, steckte sie auf diesen Stecken, und hob sie über den Rand des Canoe's empor, so weit als möglich von sich entfernt. Diese List war kaum in Ausführung gebracht, als der junge Mann sich überzeugte, wie sehr er die Einsicht und Schlauheit seiner Feinde unterschätzt hatte. Dem so leicht zu durchschauenden und gewöhnlichen Kunstgriff zum Trotz ward durch einen andern Theil des Canoe's eine Kugel geschossen, welche ihn wirklich an der Haut streifte. Er ließ die Mütze sinken, und hielt sie sich sofort zum Schutz über den Kopf. Es konnte scheinen, als ob dieser zweite Kunstgriff unbemerkt bleibe; wahrscheinlich aber war, daß die Huronen, überzeugt, ihres Gefangnen wieder habhaft zu werden, ihn lebendig in ihre Hände zu bekommen wünschten. Wildtödter lag noch einige Minuten regungslos da, sein Auge jedoch an dem Kugelloch, und nicht wenig erfreut war er, zu sehen, daß er allmälig immer weiter und weiter von der Küste weg trieb. Als er emporschaute, waren die Baumwipfel verschwunden, aber er bemerkte bald, daß das Canoe sich langsam wandte, so daß er durch sein Guckloch Nichts mehr als nur die beiden Enden des Sees sehen konnte. Jetzt dachte er an den Stecken, welcher gekrümmt war, und sich nicht übel zum Rudern eignete, ohne daß er nöthig hatte aufzustehen. Das Experiment gelang beim Versuch besser selbst als er gehofft hatte, obwohl die große Verlegenheit jetzt die war, das Canoe in gerader Richtung zu erhalten. Daß dieß neue Manöuver gesehen worden, ward bald klar aus dem Geschrei auf der Küste, und eine am Hintertheil des Canoe's eindringende Kugel fuhr der Länge nach hindurch, pfiff zwischen den Armen unsers Helden hin, und drang am Vordertheil hinaus. Dieß überzeugte den Flüchtling, daß er sich mit ziemlicher Geschwindigkeit entfernte, und spornte ihn an, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Er ruderte noch kräftiger als zuvor, als ein neuer Bote von dem Vorsprung den Stecken außen zerschmetterte und ihn seines Ruders beraubte. Da aber der Ton der Stimmen immer ferner und ferner zu werden schien, beschloß Wildtödter, Alles dem Treiben des Wassers zu überlassen, bis er sich außer dem Bereich der Kugeln glaubte. Das war eine harte Nervenprobe, aber es war das klügste Auskunftsmittel, das sich darbot; und der junge Mann fühlte sich ermuthigt, dabei zu bleiben, durch den Umstand, daß er im Gesicht das Fächeln der Luft spürte, ein Beweis, daß der Wind etwas stärker wehte. Achtundzwanzigstes Kapitel. Nicht der Wittwe Thrän', nicht der Waisen Weh Hält die wilden Stürmer auf; Nicht dräuender Himmel, nicht schwellende See Hemmt des Piraten Lauf; Von Selbstsucht gestählt zu vermessenem Muth Wandeln sie hin durch Raub und Blut; An Leumund und Schande bange Gedanken Machen im Frevel sie nimmer wanken; Macht und Schätze durch Unthat zu häufen nicht laß, Verlachen der Mitmenschen Furcht sie und Haß. Congreve. Wildtödter befand sich jetzt zwanzig Minuten in dem Canoe, und er harrte nachgerade mit einiger Ungeduld auf Zeichen des Beistands von seinen Freunden. Die Stellung des Bootes hinderte ihn noch immer, in einer andern Richtung, als den See auf- oder abwärts zu sehen; und obwohl er wußte, daß seine Gesichtslinie nur hundert Schritte von dem Castell ab lag, überschritt sie doch in der That diese Entfernung, von der westlichen Seite der Gebäude aus gerechnet. Die tiefe Stille beunruhigte ihn auch, denn er wußte nicht, ob er sie auf Rechnung des zunehmenden Abstandes von den Indianern, oder einer neuen List schreiben sollte. Endlich, ermüdet von dem fruchtlosen Harren, kehrte sich der junge Mann auf seinem Rücken um, schloß die Augen und erwartete das Weitere in gefaßter Ergebung und Ruhe. Wenn die Wilden ihren Rachedurst so völlig zu bemeistern vermochten, so war er entschlossen, sich ebenso ruhig zu verhalten wie sie, und sein Schicksal dem Einfluß der Strömungen und der Luft anzuvertrauen. Etwa zehn weitere Minuten mochten verflossen seyn, während beide Theile sich so ruhig verhielten, als Wildtödter ein leises Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Etwas an dem Boden des Canoe's riebe. Er öffnete natürlich die Augen, in Erwartung das Gesicht oder den Arm eines Indianers aus dem Wasser sich erheben zu sehen, und fand, daß ein Laubdach gerade über seinem Kopf hing. Er sprang auf, und das Erste, was sein Auge erblickte, war Rivenoak, welcher dem langsamen Vorrücken des Bootes nachgeholfen und es an den Vorsprung herangezogen hatte; und das Anstreifen auf dem Strand war der Ton gewesen, welcher unsern Helden zuerst aufgeschreckt hatte. Der Wechsel in der Richtung des Canoe's rührte ganz nur von der Unbeständigkeit der Luftströmungen und einigen Strudeln des Wassers her. »Kommt,« sagte der Hurone mit einer ruhig gebietenden Geberde seinen Gefangenen auffordernd, an's Land zu steigen; »mein junger Freund ist herumgesegelt, bis er müde geworden ist; er wird vergessen, wieder zu laufen, wenn er nicht seine Beine gebraucht.« »Ihr habt den Vortheil davon, Hurone,« versetzte Wildtödter, ruhig aus dem Canoe tretend, und seinem Führer geduldig auf den offenen Platz des Vorsprungs folgend; »die Vorsehung hat Euch in unerwarteter Weise geholfen. Ich bin wieder Euer Gefangener, und Ihr werdet, hoff' ich, gestehen, daß ich ebenso tüchtig darin bin, aus der Haft zu brechen, als Urlaube zu halten.« »Mein junger Freund ist ein Elenthier!« rief der Hurone. »Seine Beine sind sehr lang; sie haben meinen jungen Männern Mühe gemacht. Aber er ist kein Fisch; er kann seinen Weg im See nicht finden. Wir schossen ihn nicht; Fische fängt man in Netzen, und tödtet sie nicht mit Kugeln. Wenn er wieder ein Elenthier wird, wird er wie ein Elenthier behandelt werden.« »Ja, schwatzt nur, Rivenoak; rühmt und benutzt Euren Vortheil. Es ist Euer Recht, denke ich, und ich weiß, es ist Eure Gabe. Ueber den Punkt werden wir nicht weiter Worte wechseln; denn alle Menschen dürfen und müssen ihren Gaben folgen. Indessen, wenn Eure Weiber anfangen, mich zu necken und zu schmähen, was, wie ich glaube, bald geschehen wird, so mögen sie bedenken, daß, wenn ein Bleichgesicht sich um sein Leben wehrt, so lang es recht und mannhaft ist, er auch mit Anstand es fahren zu lassen weiß, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen. Ich bin Euer Gefangner; thut Euren Willen an mir.« »Mein Bruder hat einen langen Lauf gemacht auf den Bergen und eine angenehme Fahrt auf dem Wasser,« versetzte Rivenoak milder, und lächelte dabei in einer Art, die, wie der Andere wußte, friedliche Absichten verrieth. »Er hat die Wälder gesehen; er hat das Wasser gesehen; wo gefällt es ihm am besten? Vielleicht hat er genug gesehen, um seinen Sinn zu ändern und ihn geneigt zu machen, Vernunft zu hören.« »Sprecht, Hurone, Ihr habt Etwas in Gedanken, und je eher es gesagt ist, um so eher habt Ihr meine Antwort.« »Das ist gerade herausgesprochen! In den Reden meines Freundes, des Bleichgesichts, sind keine krummen Windungen, obwohl er ein Fuchs ist im Laufen. Ich will zu ihm sprechen! seine Ohren sind jetzt weiter offen als zuvor, und seine Augen sind nicht verschlossen. Die Sumach ist ärmer als je. Früher hatte sie einen Bruder und einen Gatten. Sie hatte auch Kinder. Die Zeit ging hin, und der Gatte brach auf nach den glücklichen Jagdrevieren, ohne Lebewohl zu sagen; er ließ sie allein mit seinen Kindern. Das konnte er nicht ändern, sonst hätte er es nicht gethan; der Loup Cervier war ein guter Gatte. Es war lustig, das Wildpret, und die wilden Enten und Gänse, und Bärenfleisch zu sehen, das Winters in seiner Hütte hing. Es ist jetzt dahin; es hält sich nicht bei warmem Wetter. Wer soll es wieder bringen? Manche dachten, der Bruder werde seiner Schwester nicht vergessen, und er würde im nächsten Winter sorgen, daß die Hütte nicht leer bleibe. Wir glaubten dieß; aber der Panther brüllte und folgte dem Gatten auf dem Pfade des Todes. Sie wetteifern jetzt Wer zuerst die glücklichen Jagdreviere erreiche. Einige meinen, der Luchs könne am schnellsten laufen, und Einige, der Panther können am weitesten springen. Die Sumach meint, Beide werden so schnell und so weit reisen, daß Keiner je zurückkomme. Wer soll sie und ihre Kinder ernähren? Der Mann, der ihren Gatten und ihren Bruder ihre Hütte verlassen hieß, damit für ihn Raum würde, hineinzugehen. Er ist ein großer Jäger, und wir wissen, daß das Weib nie Mangel leiden wird.« »Ja, Hurone, das ist bald abgemacht nach Euren Begriffen; aber den Gefühlen eines weißen Mannes geht es leidig gegen den Strich. Ich habe von Männern gehört, welche ihr Leben auf diese Weise retteten, und ich habe Solche gekannt, die den Tod einer solchen Art von Gefangenschaft vorziehen würden. Was mich betrifft, ich suche mein Ende nicht, aber ich suche auch die Ehe nicht.« »Das Bleichgesicht wird sich dieß bedenken, während meine Leute sich zur Berathung anschicken. Man wird ihm sagen, was geschehen wird. Er bedenke, wie hart es ist, einen Gatten und einen Bruder zu verlieren. Geht; wenn wir Euch vor uns sehen wollen, wird man den Namen Wildtödter rufen.« Dieß Gespräch war ohne alle Zeugen in der Nähe der beiden Männer geführt worden. Von der ganzen Bande, von welcher vor Kurzem der Platz wimmelte, war nur Rivenoak sichtbar. Die Uebrigen schienen den Ort ganz verlassen zu haben. Selbst die Geräthe, Kleider, Waffen und sonstiges Zugehör des Lagers waren gänzlich verschwunden, und die Stelle wies keine andere Merkmale von dem Schwarm, der sich darauf vor einer Stunde noch umgetrieben, als die Spuren von den Feuern und Ruheplätzen, und die zerstampfte Erde, die noch ihre Fußtapfen zeigte. Eine so plötzliche und unerwartete Veränderung erregte in nicht geringem Grade Wildtödters Erstaunen und Unruhe, denn so Etwas war ihm während seiner ganzen Erfahrung unter den Delawaren nicht vorgekommen. Er vermuthete jedoch, und mit Recht, daß ein Wechsel des Lagers beabsichtigt werde, und daß man das Geheimnißvolle dieser Bewegung zu Hülfe nehme, um auf seine Seele durch Furcht zu wirken. Rivenoak schritt den Gang zwischen den Bäumen dahin, sobald er gesprochen hatte, und ließ Wildtödter allein. Der Häuptling verschwand hinter dem Dickicht des Waldes, und ein Neuling in solchen Scenen hätte wähnen können, der Gefangene sey nunmehr ganz den Eingebungen seiner Klugheit überlassen gewesen. Aber der junge Mann kannte, während er einigermaßen betroffen war über den dramatischen Anstrich der Dinge, seine Feinde zu gut, um sich frei und in seinen Bewegungen ungehemmt zu glauben. Doch wußte er noch nicht, wie weit die Huronen ihre Täuschungen zu treiben beabsichtigten, und er beschloß, die Frage so bald als thunlich zur Entscheidung zu bringen. Eine Gleichgültigkeit zur Schau tragend, die er keineswegs fühlte, schlenderte er auf dem Platz herum, und kam allmälig immer näher zu der Stelle, wo er gelandet hatte, als er plötzlich seinen Schritt beschleunigte, obwohl er sorgfältig jeden Schein der Flucht vermied, und die Büsche auseinanderreißend, schritt er auf den Kiesplatz. Das Canoe war weg, und er sah auch keine Spuren davon, nachdem er zum nördlichen und südlichen Rand des Vorsprungs geschritten war und in beiden Richtungen die Küste besichtigt hatte. Es war offenbar an einen Ort gebracht worden, der ihm unbekannt und unzugänglich war, und unter Umständen, welche zeigten, daß dieß die Absicht der Wilden gewesen. Wildtödter verstand jetzt seine wirkliche Lage besser. Er war ein Gefangner auf der schmalen Landzunge, ohne Zweifel sorgfältig bewacht, und ohne andere Mittel zu entkommen, als durch Schwimmen. Er dachte wieder an dieß letzte Auskunftsmittel, aber die Gewißheit, daß man ihm das Canoe zur Verfolgung nachschicken würde, und die geringe Aussicht dieses verzweifelten Versuchs auf Erfolg schreckten ihn davon ab. Am Strand stieß er auf eine Stelle, wo die Büsche waren abgeschnitten und auf einen kleinen Haufen zusammengeworfen worden. Als er einige der obern Zweige wegnahm, fand er darunter den Leichnam des Panthers. Er wußte, daß er aufbewahrt wurde, bis die Wilden einen Begräbnißplatz fänden, wo er außer dem Bereiche des Skalpirmessers wäre. Er blickte gedankenvoll nach dem Castell hinüber; aber dort schien Alles still und öde; und ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit überfiel ihn, das den düstern Ernst des Augenblicks noch erhöhte. »Gottes Wille geschehe!« murmelte der junge Mann, indem er bekümmert von dem Strand sich entfernte, und wieder unter die Bogen des Waldes trat. »Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! Ich hoffte, meine Tage würden nicht so bald gezählt seyn; aber es trägt am Ende Wenig aus. Einige Winter und einige Sommer mehr, so wäre es nach dem Lauf der Natur doch vorüber gewesen. Ach ja wohl! die Jungen und Rüstigen denken selten an die Möglichkeit des Todes, bis er ihnen in's Angesicht grinst, und ihnen ankündigt, daß ihre Stunde gekommen ist!« Während dieses Selbstgesprächs trat der Jäger auf den freien Platz, wo er zu seinem Erstaunen Hetty allein stehen sah, allem Anschein nach auf seine Zurückkunft wartend. Das Mädchen trug die Bibel unter dem Arm, und ihr Antlitz, über welchem gewöhnlich ein Schatten sanfter Schwermuth lag, schien jetzt traurig und niedergeschlagen. Wildtödter trat ihr näher und sprach zu ihr. »Arme Hetty,« sagte er, »in dieser letzten Zeit ist es so unruhig zugegangen, daß ich Euch ganz vergessen hatte; wir treffen uns jetzt gleichsam, um zu trauern über das was kommen wird. Ich bin verlangend zu wissen, was aus Chingachgook und Wah! geworden ist!« »Warum habt Ihr den Huronen getödtet, Wildtödter?« versetzte das Mädchen in vorwurfsvollem Tone. »Kennt Ihr Eure zehn Gebote nicht, welche sagen: du sollst nicht tödten? Sie sagen mir, Ihr habet jetzt des Weibes Gatten und Bruder erschlagen?« »Es ist wahr, meine gute Hetty, – es ist wahr wie das Evangelium, und ich will nicht läugnen, was geschehen ist. Aber Ihr müßt bedenken, Mädchen, daß Manches erlaubt ist im Krieg, was unerlaubt wäre im Frieden. Der Gatte ward erschossen in offenem Kampfe; oder offen, so weit es mich betraf, während er einen ungewöhnlich guten Schutz und Versteck hatte; – und der Bruder zog sich selbst seinen Tod zu, indem er seinen Tomahawk nach einem unbewaffneten Gefangenen warf. Seyd Ihr Zeugin der That gewesen, Mädchen?« »Ich sah sie, und es that mir leid, daß sie vorfiel, Wildtödter; denn ich hoffte, Ihr würdet nicht Schlag mit Schlag, sondern Böses mit Gutem vergelten.« »Ach, Hetty, das mag angehen unter den Missionären, aber in den Wäldern würde das ein unsicheres Leben machen. Der Panther gelüstete nach meinem Blut, und war thöricht genug, mir Waffen in die Hände zu geben, in dem Augenblick, wo er darnach trachtete. Es wäre gegen die Natur gewesen, bei einer solchen Versuchung nicht eine Hand zu erheben, und es hätte meiner Erziehung und meinen Gaben Unehre gebracht. Nein, nein; ich bin so bereit als Einer, Jedem das Seinige zu lassen und zu geben; und dieß, hoffe ich, werdet Ihr bezeugen gegen diejenigen, die Euch etwa über das befragen, was Ihr heute gesehen habt.« »Wildtödter, gedenkt Ihr Sumach zu heirathen, nunmehr sie weder Gatten noch Bruder mehr hat, sie zu ernähren?« »Sind das Eure Ideen vom Ehestand, Hetty? Soll der Junge die Alte zum Weibe nehmen – das Bleichgesicht die Rothhaut – der Christ die Heidin? Es ist gegen Vernunft und Natur, und das werdet Ihr einsehen, wenn Ihr es einen Augenblick bedenkt.« »Ich habe immer Mutter sagen hören,« erwiederte Hetty, ihr Gesicht wegwendend, mehr aus weiblichem Instinkt, als in irgend einem Bewußtseyn von Unrecht – »daß die Leute nie heirathen sollten, als wenn sie einander mehr liebten als Brüder und Schwestern; und ich denke das ist's, was Ihr meint. Sumach ist alt, und Ihr seyd jung.« »Ja, und sie ist roth und ich bin weiß. Zudem, Hetty, setzt den Fall, Ihr wäret jetzt ein Weib und hättet einen jungen Mann von Euren Jahren, Stand und Farbe geheirathet – Hurry Harry zum Beispiel« – Wildtödter wählte dieß Beispiel einfach deßwegen, weil er der einzige Beiden bekannte junge Mann war – »und er wäre gefallen auf einem Kriegspfad: würdet Ihr wünschen an Eure Brust als Gatten den Mann zu nehmen, der ihn erschlagen?« »Oh! nein, nein, nein;« antwortete das Mädchen schaudernd. » Das wäre sündhaft, ebenso wie herzlos! Kein christliches Mädchen könnte oder wollte das thun. Ich werde nie Hurry's Weib werden, das weiß ich; aber wäre er mein Gatte, kein Mann sollte es je wieder werden nach seinem Tode!« »Ich dachte auf das würde es hinauskommen, Hetty, wenn Ihr erst die Umstände recht begriffen. Es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß ich je Sumach heirathe; und obgleich bei indianischen Heirathen keine Priester sind, und wenig Religion, kann doch ein weißer Mann, der seine Gaben und Pflichten kennt, sich das nicht zu Nutze machen, und so im geeigneten Augenblick sich retten. Ich glaube, der Tod wäre natürlicher und willkommener, als Ehe mit diesem Weibe.« »Sagt das nicht zu laut,« unterbrach ihn Hetty ungeduldig; »ich glaube sie würde das nicht gern hören. Ich bin gewiß, Hurry würde eher sogar mich heirathen, als Martern ausstehen, obwohl ich schwachsinnig bin; und es würde mich gewiß tödten, wenn ich denken müßte, er würde lieber den Tod wählen, als mein Gatte werden!« »Ja, Mädchen, Ihr seyd nicht Sumach, sondern eine hübsche, junge Christin, mit einem guten Herzen, anmuthigem Lächeln und freundlichem Auge. Hurry dürfte stolz darauf seyn, Euch zu bekommen, und das nicht, wenn er im Elend und Kummer wäre, sondern in seinen besten und glücklichsten Tagen. Indeß nehmt meinen Rath, und sprecht mit Harry nie von diesen Dingen; er ist im besten Falle doch eben ein Grenzer.« »Ich möchte es ihm um die Welt nicht sagen!« rief das Mädchen, und sah sich ganz entsetzt und erröthend um, sie wußte selbst nicht warum. »Mutter sagte immer, Mädchen sollen nicht keck und vorlaut seyn, und ihre Gesinnungen nicht aussprechen, ehe man sie frage; – oh! ich vergesse nie, was Mutter mir gesagt hat. Es ist Schade, daß Hurry so schön ist, Wildtödter; ich glaube, ohne das würden ihn wenigere Mädchen gern haben, und er würde eher sein eigenes Gemüth kennen lernen.« »Armes Mädchen, armes Mädchen! es ist klar genug, wie es steht; aber der Herr wird ein Geschöpf von so einfältigem Herzen und so freundlichem Gemüth nicht außer Acht lassen! Wir wollen nicht weiter von diesen Dingen sprechen; wenn Ihr Vernunft hättet, würdet Ihr Euch bekümmern, Andre so Euer Geheimniß haben durchschauen zu lassen. Sagt mir, Hetty, was ist aus all' den Huronen geworden, und warum lassen sie Euch auf dem Vorsprung herum wandeln, als ob Ihr auch eine Gefangene wäret?« «Ich bin keine Gefangene, Wildtödter, sondern ein freies Mädchen, und gehe wohin und wann es mir gefällt. Niemand darf mir ein Leid thun! Wenn sie es thäten, würde Gott zürnen, wie ich ihnen in der Bibel zeigen kann. Nein – nein – Hetty Hutter fürchtet sich nicht; sie ist in guten Händen. Die Huronen sind dort in den Wäldern drüben, und haben ein scharfes Auge auf uns Beide, dafür steh' ich, denn alle Weiber und Kinder halten Wache. Einige begraben den Leichnam des armen Mädchens, das in der vorigen Nacht erschossen wurde, damit der Feind und die wilden Thiere ihn nicht finden können. Ich sagte ihnen, Vater und Mutter lägen im See, aber ich ließ sie nicht wissen, in welcher Gegend, denn Judith und ich brauchen Niemand von ihrer heidnischen Gesellschaft auf unserem Begräbnißplatz.« »Ach weh! Nun, es ist in der That eine grausame Aufgabe, hier zu stehen, lebend und zornig, mit aufgeregten, wüthenden Gefühlen, in der einen Stunde, und dann in der nächsten weggeführt, und in einer Grube in der Erde dem Anblick der Menschenkinder entrückt zu werden! Niemand weiß, was ihm auf einem Kriegspfad widerfahren mag, das ist gewiß!« Hier unterbrach das Rauschen des Laubs und das Krachen von dürren Zweigen das Gespräch, und setzte Wildtödter in Kenntniß von der Annäherung seiner Feinde. Die Huronen schlossen um den Platz, der für die nun kommende Scene eingerichtet worden war, und in dessen Mitte das beabsichtigte Opfer jetzt stand, einen Kreis – und die bewaffneten Männer waren so unter die schwächern Glieder der Bande vertheilt, daß keine gefahrlose Lücke war, wo der Gefangene durchbrechen konnte. Aber er dachte jetzt nicht mehr an Flucht; der letzte Versuch hatte ihn von der Unmöglichkeit überzeugt, zu entkommen, wenn er von einer großen Menge so scharf verfolgt ward. Im Gegentheil hatte er alle seine Kräfte aufgeboten, um dem Schicksal, das er erwartete, mit einer Ruhe entgegenzugehen, welche seiner Farbe und Mannhaftigkeit Ehre machen sollte, – ebenso entfernt von feiger und schimpflicher Angst, wie von der Prahlerei der Wilden. Als Rivenoak wieder in dem Kreis erschien, nahm er seinen alten Platz oben auf der Scene ein. Einige der ältern Krieger standen in seiner Nähe; aber jetzt, nachdem Sumach's Bruder gefallen, war kein anerkannter Häuptling mehr anwesend, dessen Einfluß und Ansehen mit dem seinigen in eine gefährliche Nebenbuhlerschaft hätte treten können. Dennoch ist wohl bekannt, daß wenig Monarchisches oder Despotisches in irgend einem Sinne in der politischen Verfassung der nordamerikanischen Stämme sich fand, obgleich die ersten Colonisten, in diese Hemisphäre die Begriffe und Meinungen ihrer Länder mitbringend, die angesehensten Männer dieser dem Urzustand nahe stehenden Nationen häufig mit den stolzen Titeln von Königen und Fürsten bezeichneten. Erblicher Einfluß existirte allerdings; aber man hat allen Grund zu glauben, daß er eher als eine Folge von erblichem Verdienst und erworbnen Eigenschaften, denn als Geburtsrecht bestand. Rivenoak jedoch hatte nicht einmal diesen Anspruch – denn er war zu Ansehen emporgestiegen einzig durch die Macht von Talenten, Scharfsinn, und wie Bacon es ausspricht, im Hinblick auf alle ausgezeichneten Staatsmänner – »durch eine Vereinigung großer und gemeiner Eigenschaften;« eine Wahrheit, für welche die Laufbahn des tiefdenkenden Engländers selbst einen so einleuchtenden Beleg liefert. Nächst den Waffen ebnet Beredsamkeit die große Bahn zur Volksgunst, sey es im civilisirten oder im wilden Leben; und Rivenoak hatte es so weit gebracht – wie so Manche vor ihm! – ebensosehr dadurch, daß er seinen Zuhörern falsche Sätze und Trugschlüsse einleuchtend zu machen wußte, als durch tiefe und gelehrte Auseinandersetzung der Wahrheit, oder durch die Schärfe seiner Logik. Dennoch besaß er Einfluß, und war auch gar nicht ohne gerechte Ansprüche darauf. Wie die meisten Menschen, welche mehr überlegen als fühlen, war der Hurone kein Freund davon, die blos wilden und trotzigen Leidenschaften seines Volks zu üben und zu hegen; man fand ihn gewöhnlich auf der Seite der Barmherzigkeit bei all den Scenen erbitterter Peinigung und Rachgier, die in seinem Stamme vorgekommen, seit er zur Macht gelangt war. Im jetzigen Falle sträubte er sich, es aufs Aeußerste kommen zu lassen, obwohl die Reizung und Herausforderung so groß war; aber doch ging es über seinen Scharfsinn, ein Mittel zu entdecken, diese Alternative glücklich zu vermeiden. Sumach empfand ihre Verschmähung bittrer, als den Tod von Gatten und Bruder, und es war wenig Wahrscheinlichkeit, daß das Weib dem Manne verzeihen werde, der so unumwunden den Tod ihren Umarmungen vorgezogen hatte. Ohne ihre Verzeihung war kaum zu hoffen, daß der Stamm sich bewegen lassen würde, seinen Verlust zu übersehen; und selbst dem zur Verzeihung so geneigten Rivenoak schien das Schicksal unsers Helden jetzt hoffnungslos besiegelt. Als die ganze Bande versammelt war, erfüllte ein ernstes Schweigen, nur um so drohender bei seiner tiefen Ruhe, den Platz. Wildtödter bemerkte, daß die Weiber und Knaben Splitter von den fetten Fichtenwurzeln gefertigt hatten, die, wie er wohl wußte, ihm ins Fleisch gesteckt und angezündet werden sollten, während zwei oder drei der jungen Männer die Stricke von Bast hielten, womit er gebunden werden sollte. Der Rauch von einem fernen Feuer kündigte an, daß die Brände schon in Bereitschaft waren, und einige von den altern Kriegern fuhren mit den Fingern über die Schneide ihrer Tomahawks, um ihre Schärfe und Feinheit zu erproben. Selbst die Messer schienen schon gelockert in ihren Scheiden, ungeduldig der blutigen, unbarmherzigen Arbeit harrend, die beginnen sollte. »Tödter des Wildes,« begann wieder Rivenoak, allerdings ohne alle Zeichen von Sympathie oder Mitleid in seinem Wesen, obwohl mit Ruhe und Würde; »Tödter des Wildes, es ist Zeit, daß meine Leute ihre Gesinnungen erkannten. Die Sonne steht nicht mehr über unsern Häuptern; müde über den Huronen zu weilen, hat sie angefangen, gegen die Fichten auf dieser Seite des Thales sich zu senken. Sie wandert schnell dem Lande unsrer französischen Väter zu – um zu warnen ihre Kinder, daß ihre Hütten leer stehen, und daß sie zu Hause seyn sollten. Der streifende Wolf hat seine Höhle, und er sucht sie auf, wenn er seine Jungen zu sehen wünscht. Die Irokesen sind nicht ärmer als die Wölfe. Sie haben Dörfer, und Wigwams, und Kornfelder; die guten Geister werden müde seyn, sie allein zu bewachen. Meine Leute müssen zurückgehen und nach ihren Angelegenheiten sehen. Es wird Freude herrschen in den Hütten, wenn sie unsern Ruf von dem Walde her hören! Es wird ein kummervoller Ruf seyn; wenn man ihn verstanden, wird Gram ihm folgen. Es wird Ein Skalpruf erschallen, aber nur Einer. Wir haben den Pelz der Bisamratze; sein Leichnam ist unter den Fischen. Wildtödter muß es sagen, ob noch ein Skalp auf unserm Pfahl seyn soll. Zwei Hütten sind leer; ein Skalp, lebendig oder todt, ist erforderlich für jede Thüre!« »Dann nehmt ihn todt, Hurone,« erwiederte der Gefangne fest, aber ohne theatralische Prahlerei. »Meine Stunde ist gekommen, glaube ich, und was seyn muß, muß seyn. Wenn Ihr auf die Martern versessen seyd, so will ich mein Möglichstes thun, sie mannhaft zu ertragen, obgleich kein Mensch sagen kann, wie weit seine Natur Schmerzen aushalten kann, bis es zur Probe gekommen ist.« »Der Bleichgesichthund fängt an den Schwanz zwischen die Beine zu nehmen!« schrie ein junger, geschwätziger Wilder, der den passenden Titel: Corbeau Rouge führte, ein sobriquet, das er von den Franzosen bekommen wegen seiner Fertigkeit, zur Unzeit Geräusch zu machen, und einer ungebührlichen Neigung, seine eigne Stimme zu hören; »er ist kein Krieger; er hat den Loup Cervier getödtet, hinter sich blickend, um nicht den Blitz seiner eignen Büchse zu sehen. Er grunzt schon wie ein Schwein; wenn die Huronen-Weiber anfangen, ihn zu quälen, wird er schreien wie das Junge der Pantherkatze. Er ist ein Delawarisches Weib, gekleidet in die Haut eines Yengeese!« »Schwatzt wie Ihr wollt, junger Mann; schwatzt wie Ihr wollt,« versetzte Wildtödter unbeweglich; »Ihr versteht es nicht besser und ich kann es übersehen. Schwatzen mag Weiber belustigen, aber kann schwerlich Messer schärfer, Feuer heißer, oder Büchsen sichrer machen.« Rivenoak legte sich jetzt dazwischen, verwies der Rothen Krähe ihre voreilige Einmischung, und wies dann die geeigneten Personen an, den Gefangnen zu binden. Diese Maßregel ward ergriffen nicht aus Besorgniß, er möchte entfliehen, oder sofern man jetzt schon die Notwendigkeit davon erkannt hatte, weil er nicht im Stande gewesen wäre, die Martern mit freien Gliedern auszuhalten, sondern mit der sinnreichen Absicht, ihm seine Hilflosigkeit recht fühlbar zu machen, und seine Entschlossenheit dadurch allmälig zu lähmen, daß man sie so zu sagen Schritt für Schritt untergrub. Wildtödter widersetzte sich nicht. Er bot seine Arme und Beine willig, wenn auch nicht freudig, den Bastseilen dar, welche auf Befehl des Häuptlings so darum gebunden wurden, daß sie möglichst wenig Schmerzen verursachten. Diese Anweisungen waren geheim und in der Hoffnung gegeben, der Gefangene würde sich am Ende jede ernste körperlich Marter ersparen, durch seine Einwilligung, die Sumach zum Weib zu nehmen. Sobald Wildtödter hinlänglich mit Bast gebunden war, um ein lebhaftes Gefühl von Hülflosigkeit in ihm zu erwecken, ward er an einen jungen Baum im buchstäblichen Sinne geschleppt und daran so angebunden, daß er sich in der That ebensowenig rühren als fallen konnte. Die Hände wurden flach an die Beine gelegt, und überall Seile darüber gezogen, dergestalt, daß der Gefangene mit dem Baume wie verwachsen schien. Dann ward ihm seine Mütze abgenommen, und er blieb dann in einer Lage – halb stehend, halb von seinen Banden gehalten, um der kommenden Scene so gut er konnte die Stirne zu bieten. Ehe man irgend zum Aeußersten schritt, war es Rivenoaks Wunsch, seines Gefangnen Entschlossenheit auf die Probe zu stellen durch Erneuerung des Versuchs zu einem gütlichen Vergleich. Dieß konnte nur auf Eine Weise geschehen, da die Einwilligung der Sumach unerläßlich war, wenn es zu einem Vergleich über ihr Recht auf Rache kommen sollte. In dieser Absicht ward denn zunächst das Weib aufgefordert vorzutreten, und selbst ihr Interesse zu wahren; da man annehmen konnte, daß Niemand bei dieser Negotiation eine wirksamere Rolle würde spielen können, als die Hauptperson selbst. Die Indianerinnen sind als Mädchen gewöhnlich mild und unterwürfig, mit musikalischem Ton, angenehmen Stimmen und lustigem Lachen; aber Mühseligkeiten und Leiden berauben sie der meisten dieser Vorzüge, bis sie nur ein Alter erreichen, das die Sumach lange schon überschritten hatte. Ihre Stimmen rauh zu machen, erforderte es, so mochte es scheinen, lebhafte, bösartige Leidenschaften, obwohl in der Aufregung ihr Kreischen zu einem hinlänglichen Grade von gellendem Mißton sich erheben kann, um ihre Ansprüche auf den Besitz dieser unterscheidenden Eigenthümlichkeit des schönen Geschlechts sicher zu stellen. Die Sumach war jedoch nicht ganz ohne weibliche Reize, und hatte noch vor so kurzer Zeit unter ihrem Stamme für schön gegolten, daß sie noch nicht in ihrem ganzen Umfang die Wirkungen erkannt hatte, welche Zeit und Mühseligkeit bei Männern so gut wie bei Frauen hervorbringen. Auf Rivenoaks Veranstaltung hatten einige der Weiber um sie her die ganze Zeit über sich Mühe gegeben, die einsam stehende Wittwe zu bereden, es sey noch Hoffnung, den Wildtödter zu vermögen, lieber in ihren Wigwam, als in die Welt der Geister einzuziehen, und dieß mit einem Erfolg, den frühere Symptome kaum hätten erwarten lassen. Alles dieß war die Folge eines Entschlusses von Seiten des Häuptlings, kein geeignetes Mittel unversucht zu lassen, um den größten Jäger, der nach allgemeiner Annahme damals in der ganzen Gegend lebte, für seine Nation, so wie auch einen Gatten für ein Weib zu gewinnen, das, wie er wohl fühlte, sehr lästig und beschwerlich werden konnte, wenn man ihre Ansprüche an die Aufmerksamkeit und Vorsorge des Stammes irgend übersah. Diesem Plan gemäß war die Sumach insgeheim angewiesen worden, in den Kreis vorzutreten, und den Gerechtigkeitssinn des Gefangenen anzusprechen, ehe die Bande zu dem letzten Versuch schritt. Das Weib willigte nicht faul ein; denn es lag ein ähnlicher Reiz darin, das Weib eines unter den Frauen der Stämme berühmten Jägers zu werden, wie etwa die Schönen in einem mehr verfeinerten Zustand empfinden, wenn sie ihre Hand reichen Männern geben. Da die Pflichten einer Mutter als alle andre Rücksichten aufwiegend galten, empfand die Wittwe nichts von der Verlegenheit bei dem Vortrag ihrer Ansprüche, deren selbst eine Glücksjägerin unter uns sich doch nicht erwehren würde. Wie sie daher vor der ganzen Truppe vortrat, rechtfertigten die Kinder, die sie an der Hand führte, Alles, was sie that, vollkommen. »Ihr seht mich vor Euch, grausames Bleichgesicht,« begann das Weib; »Euer Geist muß Euch mein Anliegen sagen. Ich habe Euch gefunden: ich kann nicht finden den Loup Cervier noch den Panther. Ich habe sie gesucht im See, in den Wäldern, in den Wolken. Ich weiß nicht zu sagen, wohin sie gegangen sind.« »Niemand weiß es, gute Sumach, Niemand weiß es,« fiel der Gefangne ein. »Wenn der Geist den Körper verläßt, geht er in eine Welt über, welche jenseits unsrer Erkenntniß liegt, und das Klügste für die Zurückgebliebenen ist: das Beste zu hoffen. Ohne Zweifel sind Eure beiden Krieger nach den glücklichen Jagdrevieren gegangen, und seiner Zeit werdet Ihr sie wieder sehen in ihrem bessern Zustand. Das Weib und die Schwester von Tapfern muß einem solchen oder ähnlichen Schluß ihrer Laufbahnen auf Erden entgegengesehen haben.« »Grausames Bleichgesicht, was hatten meine Krieger gethan, daß Ihr sie erschluget? Sie waren die besten Jäger und die kühnsten jungen Männer ihres Stammes; der Große Geist wollte, daß sie leben sollten bis sie verwitterten gleich den Zweigen der Tanne, und durch ihre eigne Wucht abfielen.« »Nein, nein, gute Sumach,« unterbrach sie der Wildtödter, dessen Wahrheitsliebe zu unbezwinglich war, um geduldig solchen Hyperbeln zuzuhören, selbst wenn sie aus dem zerrissenen Herzen einer Wittwe kamen, – »Nein, nein, gute Sumach, das heißt die Vorrechte der Rothhäute etwas übertreiben. Ein junger Mann war Keiner, so wenig als Ihr eine junge Frau genannt werden könnt; und was des Großen Geistes Willen anlangt, daß sie hätten auf eine andere Weise fallen sollen, als sie fielen, so ist das ein trauriger Irrthum, sintemal, was der Große Geist will, ganz gewiß in Erfüllung geht. Und dann weiter ist es zwar ganz klar, daß keiner Eurer Freunde mir ein Leid that; ich erhob aber meine Hand gegen sie wegen dessen, was sie mir zu thun trachteten , und nicht, was sie mir thaten. Das ist natürliches Gesetz: seine Hand gebrauchen, damit man nicht der Hand des Andern erliege.« »Es ist so. Sumach hat nur eine Zunge; sie kann nur eine Geschichte erzählen. Das Bleichgesicht erschlug die Huronen, damit nicht die Huronen ihn erschlügen. Die Huronen sind eine gerechte Nation, sie werden es vergessen, die Häuptlinge werden ihre Augen schließen und sich stellen, als hätten sie es nicht gesehen. Die jungen Männer werden glauben, der Panther und der Luchs seyen auf ferne Jagden gezogen; und die Sumach wird ihre Kinder bei der Hand nehmen, und in die Hütte des Bleichgesichts gehen, und sagen: Seht, das sind Eure Kinder – sie sind auch die meinigen; ernährt uns und wir wollen bei Euch wohnen.« »Die Bedingungen sind nicht annehmbar, Weib; und so sehr ich Eure Verluste bedaure, welche hart zu tragen seyn müssen, können doch die Anträge nicht angenommen werden. Euch Wildpret zu schaffen, falls wir nahe genug bei einander wohnten, das wäre keine so große Aufgabe, aber Euer Mann zu werden, und der Vater von Euren Kindern, dazu fühle ich, ehrlich mit Euch gesprochen, keinen Beruf in mir.« »Seht diesen Knaben an, grausames Bleichgesicht; er hat keinen Vater, der ihn lehren könnte, das Wild zu tödten, oder Skalpe zu nehmen. Seht dieß Mädchen; welcher junge Mann wird kommen, um sich ein Weib zu suchen in einer Hütte, die kein Haupt hat? Noch mehrere sind unter meinem Volke in den Canoe's, und der Tödter des Wildes wird so viele Mäuler zu füttern finden, als sein Herz wünschen mag.« »Ich sage Euch, Weib,« rief Wildtödter, dessen Phantasie keineswegs die Aufforderung der Wittwe unterstützte, und der bei den lebhaften Gemälden, welche sie entwarf, ungeduldig und städtisch zu werden anfing, »das Alles ist mir Nichts. Das Volk und die Verwandten müssen sich ihrer Vaterlosen annehmen, und die, die keine Kinder haben, ihrer Einsamkeit überlassen. Was mich betrifft, ich habe keine Sprößlinge und begehre kein Weib. Jetzt geht Eures Weges, Sumach laßt mich in den Händen Eurer Häuptlinge; denn meine Farbe und Gaben und meine Natur selbst schreien gegen die Idee, Euch zum Weib zu nehmen.« Es ist unnöthig, weitläuftig zu seyn über die Wirkungen dieser unumwundnen Ablehnung der Vorschläge des Weibes. Wenn etwas wie Zärtlichkeit in ihrem Busen war – und kein Weib vielleicht entbehrte je ganz dieser weiblichen Eigenschaft – so verschwand dieß ganz bei dieser einfachen Erklärung. Rachsucht, Wuth, gekränkter Stolz und ein Vulkan von Zorn brachen in Einem Erguß los, und verwandelten sie wie mit einer Zauberruthe in eine Art Wahnsinnige. Ohne ihn einer Antwort in Worten zu würdigen, machte sie die Wölbungen des Waldes von ihrem Gekreische erdröhnen, und dann stürzte sie auf ihr Opfer los, und ergriff ihn bei den Haaren, die sie ihm mit den Wurzeln auszureißen entschlossen schien. Es dauerte einige Zeit, bis man ihn von ihr losmachen konnte. Zum Glück für den Gefangnen war ihre Wuth blind, denn seine gänzliche Hülflosigkeit hätte ihn ihr völlig preisgegeben: wäre sie besonnener gewesen, so hätte sie ihm den Tod bringen können, ehe zu Hülfe zu eilen möglich war. So aber gelang es ihr nur, ihm ein paar Hände voll Haare auszuraufen, ehe die jungen Männer sie von ihrem Opfer wegrissen. Die der Sumach widerfahrene Beschimpfung galt als eine Beleidigung des ganzen Stammes, jedoch nicht sowohl wegen der Achtung, die man für das Weib hegte, als in Betracht der verletzten Ehre der Huronischen Nation. Sumach selbst galt allgemein für so herb und so sauer wie die Beere, von der sie ihren Namen hatte; und jetzt, nachdem ihre großen Beschützer, ihr Gatte und ihr Bruder beide dahin waren, gaben sich Wenige mehr Mühe, ihre Abneigung gegen sie zu verbergen. Doch aber war es ein Ehrenpunkt geworden, das Bleichgesicht zu strafen, das ein Huronisches Weib verschmähte, und zumal Einen, der ganz kaltblütig lieber sterben wollte, als dem Stamme die Last einer Wittwe und ihrer Kinder abnehmen. Die jungen Männer zeigten eine Ungeduld mit der Marter zu beginnen, welche Rivenoak verstand, und da seine ältern Genossen keine Neigung verriethen, einen längern Aufschub zu gestatten, sah er sich genöthigt, das Zeichen zu geben zum Anfang des höllischen Werkes. Neunundzwanzigstes Kapitel. Den zottigen Bär focht nicht an der Pfahl, Und nicht daß Zerren der grausamen Meute; Still lag der Hirsch in dem umbuschten Thal, Der schäumende Eber nicht den Jagdspieß scheute; Alles war still in Wildniß, Busch und Hag. Lord Dorset. Es war einer der gewöhnlichen Gebräuche der Wilden bei solchen Gelegenheiten, die Nerven ihrer Opfer auf die härtesten Proben zu stellen. Andrerseits war es ein Ehrenpunkt indianischen Stolzes, keine Anwandlung von Furcht und keine Schmerzempfindung zu verrathen: der Gefangene aber mußte seine Feinde zu solchen Mißhandlungen herauszufordern suchen, welche am ehesten den Tod zur Folge hatten. Man wußte von manchem Krieger, dem seine Qualen abzukürzen gelungen war durch höhnische Vorwürfe und eine beschimpfende Sprache, wenn er merkte, daß seine physische Organisation zu erliegen drohte unter dem Schmerz von Martern, ausgesonnen durch eine teuflische Erfindsamkeit, die wohl Alles verdunkeln mochte, was man von den höllischen Grausamkeiten religiösen Verfolgungseifers gesagt hat. Dieß glückliche Auskunftsmittel jedoch, gegen die Wildheit seiner Feinde ihre Leidenschaften selbst zu Hülfe zu rufen, war Wildtödtern versagt durch seine eigenthümlichen Begriffe von der Pflicht eines weißen Mannes; und er hatte den männlich festen Entschluß gefaßt, lieber Alles zu erdulden, als seiner Farbe Schande zu machen. Sobald die jungen Männer merkten, daß ihnen frei stand, anzufangen, sprangen Einige der kühnsten und dreistesten unter ihnen auf den Platz vor, den Tomahawk in der Hand. Hier schickten sie sich an, diese gefährliche Waffe zu schleudern, wobei die Absicht war, den Baum so nahe als möglich am Kopf des Opfers zu treffen, ohne doch dieses selbst zu verletzen. Dieß war ein so gewagtes Experiment, daß nur die als die Erfahrensten in Handhabung dieser Waffe Anerkannten überhaupt auftreten durften, damit nicht ein früher Tod der erwarteten Unterhaltung ein vereitelndes Ende mache. Selten, selbst unter der sichersten Hand, entging der Gefangene bei diesen Prüfungen aller Verletzung; und oft war der Tod die Folge, wenn dieß gar nicht der Zweck der Schleudernden war. Im jetzigen Fall bei unserem Helden fürchteten Rivenoak und die älteren Krieger, das Beispiel von des Panthers Schicksal möchte für hitzige Geister ein Beweggrund werden, dessen Ueberwinder rasch zu opfern, jetzt, wo die Versuchung locken konnte, es gerade in derselben Weise, und vielleicht gar mit derselben Waffe, durch welche der Krieger gefallen war, zu thun. Dieser Umstand machte an sich schon die Probe mit dem Tomahawk doppelt bedenklich für Wildtödter. Es schien jedoch, daß Alle, welche jetzt in die Schranken traten, wenn man so sagen kann, mehr darauf dachten, ihre eigne Geschicklichkeit zur Schau zu stellen, als den Tod ihrer Kameraden zu rächen. Alle schickten sich zu dem Versuche mehr mit den Gefühlen des Wetteifers, als mit Durst nach Rache an; und die ersten paar Minuten hatte die Sache für den Gefangenen nur so viel Bedeutung, als aus dem Interesse entsprang, welches eine lebendige Zielscheibe nothwendig erregte. Die jungen Männer waren lebhaft und munter, aber nicht erbittert, und Rivenoak glaubte noch aus einigen Anzeichen schließen und hoffen zu dürfen, er könne vielleicht noch das Leben des Gefangnen retten, wenn erst die Eitelkeit der jungen Männer befriedigt sey; vorausgesetzt natürlich, daß es nicht vorher bei den damit anzustellenden kitzlichen Experimenten geopfert wurde. Der erste Jüngling, der sich zu dem Versuch stellte, hieß der Rabe, da er bis jetzt noch nicht Gelegenheit gehabt, ein kriegerischer lautendes sobriquet zu erlangen. Er zeichnete sich mehr durch große Anmaßung, als durch Geschicklichkeit oder Thaten aus; und die seinen Charakter kannten, glaubten den Gefangnen in drohender Gefahr, als er seinen Stand einnahm und den Tomahawk schwang. Jedoch war der junge Mann gutmüthig, und in seiner Seele herrschte kein andrer Gedanke, als der Wunsch, einen bessern Wurf zu thun als irgend Einer seiner Genossen. Wildtödter bekam eine Ahnung von dem geringen Ruf dieses Kriegers dadurch, daß die Aelteren ihn dringend ermahnten und warnten; und sie würden sich in der That widersetzt haben, daß er überhaupt auf dem Plan auftrete, wäre nicht der Einfluß seines Vaters ihm zu Statten gekommen, eines bejahrten Kriegers von großem Verdienst, der damals in den Hütten des Stammes sich befand. Dennoch behauptete unser Held die Miene gefaßter Selbstbeherrschung. Er hatte sich darein ergeben, daß seine Stunde gekommen sey, und es wäre eine Wohlthat, nicht ein Unglück gewesen, durch die Unsicherheit der ersten Hand, die sich gegen ihn erhob, zu fallen. Nach einer ansehnlichen Menge von Schwenkungen und Gestikulationen, die weit Mehr versprachen, als er zu leisten vermochte, ließ der Rabe den Tomahawk seiner Hand entgleiten. Die Waffe schwirrte mit den gewöhnlichen Umdrehungen durch die Luft, schnitt einen Splitter von dem jungen Baum, woran der Gefangene gebunden war, einige Zoll von seiner Wange entfernt, und fuhr in eine große, einige Schritte weiter hinten stehende Eiche. Dieß war ein entschieden schlechter Wurf, und ein allgemeines Hohnlächeln erklärte es dafür, zur bittern Kränkung des jungen Mannes. Andrerseits erhob sich ein allgemeines, aber gedämpftes Murmeln der Bewunderung über die Standhaftigkeit, womit der Gefangene die Probe bestand. Der Kopf war das Einzige, was er bewegen konnte, und diesen hatte man absichtlich frei gelassen, damit die Peiniger die Belustigung, und der Gemarterte die Schande der Schwäche zu erdulden hätte, wenn er sich duckte, und sonst der Waffe auszuweichen suchte. Wildtödter vereitelte diese Hoffnungen durch eine Herrschaft über seine Nerven, die seinen ganzen Leib so unbeweglich machte, wie der Baum, an den er gebunden war. Nicht einmal die natürliche und gewöhnliche Erleichterung, die Augen zu schließen, benutzte er, und der älteste und kühnste Krieger unter den rothen Männern hatte niemals mit größerer Selbstverläugnung diese Wohlthat, unter ähnlichen Umständen, verschmäht. Sobald der Rabe seinen unglücklichen und kindischen Versuch gemacht hatte, folgte ihm Le Daim-Mose , oder das Elenthier: ein Krieger von mittlerem Alter, der besonders geschickt war in der Handhabung des Tomahawk, und von dessen Auftreten die Zuschauer mit Zuversicht eine nicht geringe Befriedigung sich versprachen. Dieser Mann hatte Nichts von der Gutmüthigkeit des Raben, sondern er würde gern den Gefangnen seinem Haß gegen die Bleichgesichter überhaupt geopfert haben, hätte nicht das Interesse bei einem glücklichen Erfolg im Handhaben einer Waffe, in deren Gebrauch er besonders geschickt war, überwogen. Er nahm ruhig, aber mit zuversichtlichem Wesen, seinen Stand, schwang sein kleines Beil nur einen Augenblick, trat rasch einen Schritt vor und schleuderte. Wildtödter sah die scharfe Waffe gegen sich schwirren und glaubte, es sey jetzt aus mit ihm; aber er ward gar nicht verletzt. Der Tomahawk hatte in der That den Kopf des Gefangnen an den Baum gepreßt, indem er einen Busch seines Haars gefaßt hatte, und tief in die weiche Rinde eindrang. Ein allgemeiner gellender Ruf verkündigte die Freude der Zuschauer, und das Elenthier fühlte sein Herz sich etwas erweichen gegen den Gefangenen, dessen Nervenstärke allein ihm möglich gemacht hatte, diese Probe seiner vollendeten Geschicklichkeit abzulegen. Auf das Elenthier folgte der Hüpfende Junge, oder Le Garcon qui bondit , der hüpfend in den Kreis kam, wie ein Hund oder eine spielende Ziege. Es war dieß Einer jener elastischen Jünglinge, deren Muskeln in immerwährender Bewegung zu seyn scheinen, und der sich, mochte es nun Affektation, oder wirkliche, fixirte Gewohnheit seyn, gar nicht mehr anders bewegte, als in der bezeichneten gauklerischen Weise. Trotzdem war er sowohl tapfer, als geschickt, und hatte sich die Achtung seines Volks sowohl durch Thaten im Krieg, als durch Glück auf der Jagd erworben. Ein weit edlerer Name hätte ihm längst zu Theil werden müssen, hätte ihm nicht ein Franzose von Rang dieses sobriquet unabsichtlich gegeben, das er nun gewissenhaft beibehielt, als von seinem Großen Vater kommend, der jenseits des großen Salzsee's wohne. Der hüpfende Junge tanzte vor dem Gefangnen herum und drohte ihm jetzt von dieser, jetzt von jener Seite, dann wieder von vorn mit dem Tomahawk, in der eiteln Hoffnung, durch diese Gefahrvorspiegelung ihm ein Zeichen der Furcht abzupressen. Endlich wurde Wildtödters Geduld durch all diese Gaukelei erschöpft, und er sprach zum ersten Mal, seit die Prüfung wirklich angefangen hatte. »Werft zu, Hurone!« rief er, »oder Euer Tomahawk vergißt seine Aufgabe. Warum tanzt Ihr denn immer so herum, wie ein Hirschkalb, das seiner Mutter zeigen will, wie gut es hüpfen kann, da Ihr doch selbst ein vollgewachsener Krieger seyd, und ein vollgewachsener Krieger Euch und all Euren läppischen Sprüngen Trotz bietet? Schleudert, oder die Huronischen Mädchen werden Euch in's Gesicht lachen!« Diese letzten Worte entflammten, so wenig der Redende eine solche Wirkung beabsichtigte, den ›Hüpfenden‹ Krieger zur Wuth. Dieselbe Nervenerregbarkeit, die ihn körperlich so beweglich machte, erschwerte es ihm, seine Empfindungen zurückzuhalten, und kaum waren jene Worte aus Wildtödters Mund, als der Tomahawk der Hand des Indianers entfuhr. Auch war er nicht ohne guten Willen und den grimmigen Vorsatz, zu tödten, geschleudert. Wäre die Absicht weniger tödtlich, so wäre die Gefahr vielleicht größer gewesen. Er zielte unsicher, und die Waffe zuckte an der Wange des Gefangenen vorbei und schnitt ihm bei ihren Umdrehungen leicht in die Schulter. Dieß war das erste Mal, daß eine andre Absicht, als die den Gefangnen zu ängstigen und die eigne Geschicklichkeit zu zeigen, an den Tag gelegt worden war; und der Hüpfende Junge ward sogleich von dem Platz weggeführt und mit Wärme gescholten wegen seiner ungezügelten Hitze, die beinahe alle Hoffnungen der Bande vereitelt hätte. Auf diesen reizbaren Mann folgten einige andere junge Krieger, die nicht nur den Tomahawk, sondern auch das Messer – ein viel gefährlicheres Experiment – mit rücksichtsloser Gleichgültigkeit schleuderten; doch zeigten sie Alle eine Geschicklichkeit, welche den Gefangenen vor ernstlichen Verletzungen bewahrte. Einige Male zwar wurde Wildtödter geritzt, aber nie erhielt er eine eigentliche Wunde. Die unbeugsame, unerschütterliche Festigkeit, womit er seinen Angreifern die Stirne bot, zumal in der Art von Kurzweil, womit diese Prüfung endete, erregte bei den Zuschauern tiefe Achtung; und als die Häuptlinge erklärten, der Gefangene habe die Probe mit dem Messer und dem Tomahawk gut ausgehalten, da war nicht Eine Seele unter der Truppe, die wirklich eine feindselige Gesinnung gegen ihn gehegt hätte, mit Ausnahme der Sumach und des hüpfenden Jungen. Diese beiden mißvergnügten Geister thaten sich allerdings zusammen, gegenseitig ihren Zorn schürend, aber bis jetzt waren ihre boshaften Gefühle großentheils auf sie selbst beschränkt, obwohl zu befürchten stand, daß binnen Kurzem auch die Andern durch ihre Anstrengungen zu jenem dämonischen Zustand aufgeregt würden, der gewöhnlich alle solche Scenen unter den rothen Männern begleitete. Rivenoak sagte jetzt seinen Leuten, das Bleichgesicht habe sich als ein Mann bewährt. Er möge unter den Delawaren leben, aber er sey nicht ein Weib geworden, mit diesem Stamme. Er wünschte zu wissen, ob es der Wille der Huronen sey, noch weiter zu gehen. Aber auch die Sanftesten unter den Weibern hatten bei den bisherigen Prüfungen zu viel Befriedigung empfunden, um ihren Aussichten auf ein ergötzliches Schauspiel zu entsagen, und daher wurde mit Einer Stimme verlangt, daß man fortfahre. Der politische Häuptling, der ein ähnliches Verlangen empfand, einen so berühmten Jäger in seinen Stamm aufzunehmen, wie ein europäischer Minister nach einem neuen, einträglichen Mittel der Besteurung, suchte alle irgend scheinbaren Gründe geltend zu machen, um der Sache noch zu rechter Zeit Einhalt zu thun; denn er wußte wohl, wenn man es einmal so weit kommen ließ, daß die wilderen Leidenschaften der Peiniger aufgeregt wurden, daß es dann eben so leicht wäre, die Wasser der großen Seen in seiner Heimath zu dämmen, als ihnen in ihrem blutigen Treiben Einhalt zu thun. Daher berief er vier oder fünf der besten Schützen zu sich, und gebot ihnen, den Gefangenen der Büchsenprobe zu unterwerfen, wobei er sie zugleich an die Notwendigkeit erinnerte, durch die gemessenste Aufmerksamkeit bei der Art, wie sie ihre Geschicklichkeit zeigten, ihren Ruf aufrecht zu erhalten. Als Wildtödter die erlesenen Krieger, ihre Waffen in schußfertigem Stand, in den Kreis treten sah, empfand er eine Gemüthserleichterung, wie etwa ein Dulder, der lange die Qualen der Krankheit ertragen, bei dem sichern Herannahen des Todes empfinden mag. Beim Zielen mit dieser furchtbaren Waffe wurde leicht jede kleine Abweichung tödtlich; denn da der Kopf die Zielscheibe war, oder vielmehr der Punkt, den man ohne wirkliche Verletzung streifen sollte, mußte ein Zoll oder zwei Unterschied in der Schußlinie auf einmal die Frage über Leben und Tod entscheiden. Bei der Tortur mit der Büchse war nicht einmal so viel Spielraum freigegeben, wie selbst in dem Fall mit Geßlers Apfel, denn ein Haar breit war in der That die äußerste Grenze, die sich ein erfahrener Schütze bei einer solchen Gelegenheit gestattete. Häufig wurde das Opfer von zu hitzigen oder ungeschickten Händen durch den Kopf geschossen; und oft geschah es auch, daß der Schütze, erbittert durch die Seelenstärke und die Herausforderungen der Gefangenen absichtlich in einem Augenblick unbändiger Aufregung ihm den Tod zusandte. Alles das wußte Wildtödter wohl, denn mit Erzählen von Ueberlieferungen solcher Scenen, wie von Schlachten und Siegen ihres Volkes, vertrieben sich die alten Männer die langen Winterabende in ihren Hütten. Er erwartete jetzt mit Bestimmtheit das Ende seiner Laufbahn, und empfand eine Art schwermüthige Freude bei dem Gedanken, daß er durch eine so geliebte Waffe, wie die Büchse, fallen sollte. Eine kleine Unterbrechung jedoch trat noch ein, ehe die Sache vor sich gehen konnte. Hetty Hutter war Zeugin von Allem was vorging, und das Schauspiel hatte zuerst auf ihren schwachen Geist völlig lähmend gewirkt; jetzt aber hatte sie sich erholt, und ihr Gemüth empörte sich über die unverdienten Leiden, womit die Indianer ihren Freund quälten. Obwohl schüchtern und scheu wie das Junge der Hirschkuh bei manchen Gelegenheiten, war doch dieß Mädchen von richtigem Gefühl immer unerschrocken, wenn es die Sache der Menschlichkeit galt; die Lehren ihrer Mutter, und die Antriebe ihres eigenen Herzens – vielleicht dürften wir sagen: die Eingebungen jenes unsichtbaren, reinen Geistes, der immer ihre Handlungen zu bewachen und zu leiten schien – vereinigten sich, die weibliche Furchtsamkeit niederzuhalten, und sie zu kühner Entschlossenheit zu kräftigen. Sie erschien jetzt in dem Kreis, sanft, weiblich, sogar verschämt in ihrem Wesen, wie gewöhnlich, aber ernst in ihren Worten und Mienen, und redend wie Eine, die sich durch die Vollmacht Gottes unterstützt weiß. »Warum martert Ihr den Wildtödter, rothe Männer?« fragte sie. »Was hat er gethan, daß Ihr mit seinem Leben spielt; Wer hat Euch das Recht gegeben, seine Richter zu seyn? Setzt den Fall, eins Eurer Messer oder ein Tomahawk hätte ihn getroffen: welcher Indianer unter Euch Allen könnte die Wunde heilen, die Ihr gemacht? Ueberdieß, wenn Ihr Wildtödter ein Leid thut, verletzt Ihr Euern Freund; als Vater und Hurry auf Eure Skalpe auszogen, weigerte er sich daran Theil zu nehmen, und blieb allein im Canoe. Ihr martert Euren Freund, wenn Ihr diesen jungen Mann martert!« Die Huronen hörten sie mit ernster Aufmerksamkeit an, und Einer unter ihnen, der Englisch verstand, übersetzte das Gesagte in die Sprache ihrer Heimath. Sobald Rivenoak den Sinn ihrer Anrede vernommen, beantwortete er sie in seiner Sprache, und der Dollmetscher übersetzte es dem Mädchen ins Englische. »Meiner Tochter steht es frei zu sprechen,« sagte der finstre, alte Redner, und gebrauchte so sanfte Töne und lächelte so freundlich, als spräche er mit einem Kind – »die Huronen hören gern ihre Stimme; sie lauschen Allem, was sie sagt. Der große Geist redet oft zu den Menschen mit solchen Zungen. Dießmal sind ihre Augen nicht weit genug offen gewesen, um Alles zu sehen, was vorgefallen ist. Wildtödter ist nicht gekommen unsere Skalpe zu nehmen, das ist wahr, warum kam er nicht? Hier sind sie, auf unsern Häuptern; die Kriegslocken sind bereit, daß man sie packen kann; ein kühner Feind soll seine Hand ausstrecken, sie zu fassen. Die Irokesen sind eine zu große Nation, um Männer zu strafen, welche Skalpe nehmen. Was sie selbst thun, das sehen sie gern auch an Andern. Meine Tochter möge sich umsehen und meine Krieger zählen. Hätte ich so viele Hände als vier Krieger, ihre Finger wären weniger als mein Volk war, als wir in Eure Jagdgründe kamen. Jetzt fehlt eine ganze Hand. Wo sind die Finger? Zwei sind abgeschnitten worden von diesem Bleichgesicht; meine Huronen wünschen zu sehen, ob er dieß gethan hat, in Kraft eines männlichen Herzens, oder durch Verrath; wie ein schleichender Fuchs, oder wie ein springender Panther.« «Ihr wißt selbst, Huronen, wie Einer davon fiel. Ich habe es gesehen, und Ihr Alle auch. Es war zu blutig, um hinzuschauen; aber es war nicht Wildtödters Schuld. Euer Krieger trachtete nach seinem Leben, und er vertheidigte sich. Ich weiß nicht, ob das gute Buch sagt, daß dieß recht gewesen, aber alle Menschen werden es sagen. Kommt, wenn Ihr wissen wollt, Wer von Euch am besten schießen kann, gebt Wildtödtern eine Büchse, und dann werdet Ihr sehen, wie viel erfahrener er ist, als irgend Einer Eurer Krieger; ja als Alle zusammen!« Hätte Jemand eine solche Scene unbefangen und gleichgültig beobachten können, so hätte er müssen belustigt werden durch den Ernst, womit die Wilden die Dollmetschung dieses ungewöhnlichen Verlangens anhörten. Kein Hohn, kein Lächeln mischte sich in ihr Erstaunen; denn Hettys Wesen hatte einen zu geheiligten Charakter, als daß ihre Schwäche der Gegenstand des Spottes der Trotzigen und Rohen hätte werden dürfen. Im Gegentheil, man antwortete ihr mit achtungsvoller Aufmerksamkeit. »Meine Tochter redet nicht immer wie ein Häuptling am Berathungsfeuer,« erwiederte ihr Rivenoak, »sonst würde sie das nicht gesagt haben. Zwei meiner Krieger sind gefallen von der Hand unsers Gefangenen; ihr Grab ist zu klein, einen Dritten aufzunehmen. Die Huronen häufen nicht gern ihre Todten aufeinander. Wenn noch ein Geist im Begriff steht, nach der fernen Welt aufzubrechen, so darf es nicht der Geist eines Huronen seyn, es muß der Geist eines Bleichgesichts seyn. Geht, Tochter, und setzt Euch zu Sumach, die in Trauer ist; laßt die Huronenkrieger zeigen, wie gut sie schießen können; laßt das Bleichgesicht zeigen, wie wenig er sich um ihre Kugeln kümmert.« Hettys Geist war der Fortführung einer Erörterung nicht gewachsen und gewohnt, sich den Anweisungen Weiterer zu unterwerfen, that sie wie ihr geboten, setzte sich willenlos auf einen Stamm neben die Sumach, und wandte ihr Antlitz ab von dem peinlichen Schauspiel, das innerhalb des Kreises aufgeführt wurde. Die Krieger nahmen, sobald diese Unterbrechung beseitigt war, ihre Sitze ein, und schickten sich wieder an, ihre Geschicklichkeit glänzen zu lassen, wobei sie einen gedoppelten Zweck im Auge hatten; den, die Standhaftigkeit des Gefangenen auf die Probe zu stellen, und dann ferner zu zeigen, wie stet und sicher die Hand der Schützen unter aufregenden Umständen sey. Die Entfernung war klein, und in Einem Sinn, Sicherheit versprechend. Aber je kleiner der von den Peinigenden genommene Abstand war, um so mehr wurde die Probe für die Nerven des Gefangenen wesentlich gesteigert. Wildtödters Gesicht war in der That nur eben weit genug von dem Ende der Gewehre entfernt, um von der Explosion des Pulvers nicht gefährdet zu werden, und sein stetes Auge konnte gerade in die Mündungen ihrer Büchsen hineinsehen, gleichsam im Voraus schon den tödlichen Boten erschauend, der aus jeder hervorbrechen sollte. Die schlauen Huronen hatten diesen Umstand wohl berechnet; und kaum Einer erhob sein Gewehr, ohne es zuerst so scharf als möglich auf die Stirne des Gefangnen anzulegen, in der Hoffnung, seine Seelenstärke werde ihn verlassen und die Bande werde den Triumph genießen, ein Opfer unter ihrer sinnreichen Grausamkeit zucken und sich winden zu sehen. Dennoch hüteten sich sämmtliche Schützen wohl, ihn zu treffen, da die Schmach, ihn vor der Zeit zu tödten, nur der nachstand, das Ziel ganz zu verfehlen. Schuß um Schuß fiel; alle Kugeln schlugen ganz nahe bei Wildtödters Kopf ein, ohne ihn zu berühren. Aber noch konnte Niemand auch nur das Zucken eines Muskels von Seiten des Gefangenen, oder das leiseste Blinzeln seines Auges wahrnehmen. Diese unbezwingliche Entschlossenheit, welche so weit alles Aehnliche übertraf, was irgend ein Anwesender je zuvor gesehen, konnte von drei besondern Ursachen abgeleitet werde. Die erste war: Ergebung in sein Schicksal, verbunden mit natürlicher fester Haltung und Fassung; denn unser Held hatte es ruhig mit sich abgemacht, daß er sterben müsse und zog diese Todesart jeder andern vor; die zweite war seine vertraute Bekanntschaft gerade mit dieser Waffe, wodurch sie für ihn alles Schreckliche verlor, was sich gewöhnlich schon an die bloße Form der Gefahr knüpft; und die dritte war eben diese auch praktisch erprobte Bekanntschaft, die so weit und fein ausgebildet war, daß das beabsichtigte Opfer bis auf den Zoll den Fleck anzugeben wußte, wohin jede Kugel treffen müsse, denn er berechnete ihr Ziel, indem er gerade in's Rohr hineinsah. So genau war Wildtödters Berechnung der Schußlinie, daß am Ende sein Stolz die Oberhand über seine Ergebung gewann, und er, nachdem Fünf oder Sechse ihre Kugeln in den Baum geschossen, sich nicht enthalten konnte, seine Verachtung über ihren Mangel an sichrer Hand und sichrem Auge auszusprechen. »Ihr mögt dieß Schießen nennen, Mingos!« rief er, »aber wir haben Weiber unter den Delawaren, und ich habe holländische Mädchen gekannt am Mohawk, die Eure größten Kunststücke zu Schanden machen konnten. Macht diese meine Arme los, gebt mir eine Büchse in die Hand, und ich will die dünnste Kriegslocke in Eurer Truppe an jeden Baum nageln, den Ihr mir bezeichnet, und das auf hundert Schritte; ja, oder auf zweihundert, wenn man das Ziel sehen kann, neunzehn Schüsse unter zwanzig, oder meinetwegen zwanzig unter zwanzig, wenn das Gewehr preiswürdig und zuverlässig ist!« Ein leises, drohendes Gemurmel folgte auf diesen kalten, herausfordernden Hohn; der Zorn der Krieger entzündete sich, als sie einen solchen Vorwurf hörten aus dem Mund eines Mannes, der ihr Beginnen so verächtlich ansah, daß er nicht einmal blinzelte, wenn man eine Büchse so nahe vor seinem Gesicht abschoß, als man konnte, ohne es ihm zu versengen, Rivenoak bemerkte, daß der Augenblick kritisch war, und noch immer die Hoffnung nicht aufgebend, einen so ausgezeichneten Jäger für seinen Stamm zu gewinnen, legte sich der schlaue, alte Häuptling, vermuthlich zur, rechten Zeit, in's Mittel, um zu verhüten, daß man nicht augenblicklich zu dem Theil der Marter schritt, der nothwendig durch äußerste körperliche Qual, wenn nicht in andrer Weise, den Tod zur Folge haben mußte. Er trat mitten unter die gereizte Gruppe, redete sie mit seiner gewohnten schlauen Logik und seiner gefälligen, gewinnenden Art an, und unterdrückte sogleich die heftige Bewegung, die schon begonnen hatte. »Ich sehe, wie es ist,« sagte er. »Wir sind gewesen wie die Bleichgesichter, wenn sie bei Nacht ihre Thüren schließen aus Furcht vor den rothen Männern. Sie brauchen so viele Riegel, daß das Feuer auskommt und sie verbrennen, ehe sie hinaus können. Wir haben den Wildtödter zu fest gebunden. Die Bande hindern seine Glieder zu zittern, und seine Augen, sich zu schließen. Lockert sie ihm: laßt uns sehen, aus welchem Stoffe sein eigner Körper wirklich besteht!« Es ist oft der Fall, wenn wir in einem Lieblingsplan uns getäuscht sehen, daß wir gerne zu jedem Auskunftsmittel, mag es auch noch so wenig Aussicht auf Erfolg verbürgen, greifen, ehe wir unsern Zweck ganz aufgeben. So war es bei den Huronen. Der Vorschlag des Häuptlings fand augenblicklich Beifall; und mehrere Hände waren sofort geschäftig, die Bastseile vom Leib unsers Helden wegzureißen und zu schneiden. Nach einer halben Minute stand Wildtödter so frei von Banden da, wie er eine Stunde zuvor seine Flucht am Berg hin begonnen hatte. Ein wenig Zeit brauchte es, bis er den Gebrauch seiner Glieder wieder erlangte, denn der Umlauf des Blutes war durch die Festigkeit der Bande gehemmt worden; und diese ward ihm von Rivenoaks Politik bewilligt unter dem Vorwand, daß sein Körper für Furcht und Schrecken empfänglicher seyn würde, wenn er seine rechte Stimmung wieder gewonnen habe; eigentlich aber war seine Absicht, den heftigen wilden Leidenschaften, die in der Brust seiner jungen Männer rege geworden waren, Zeit zu lassen, sich wieder zu legen. Diese List gelang; und Wildtödter, indem er sich die Glieder rieb, mit den Füßen stampfte, und sich Bewegung machte, stellte bald den Umlauf des Blutes wieder her, und gewann wieder seine ganze physische Kraft so vollständig, als wenn gar Nichts sie gestört und geschwächt hätte. Selten denken die Menschen an den Tod in dem stolzen Gefühl ihrer Gesundheit und Stärke. So war es bei Wildtödter. Nachdem er hülflos gebunden, und, wie er allen Grund gehabt zu glauben, so ganz kürzlich erst am Rande der andern Welt gewesen war, wirkte jetzt das, daß er sich so unerwartet befreit, im Besitz seiner Kraft, und völlig Herr seiner Glieder sah, auf ihn wie eine plötzliche Wiederbelebung, und fachte in ihm wieder Hoffnungen an, die er zuvor schon ganz aufgegeben hatte. Von diesem Augenblicke an änderten sich alle seine Plane. Hierin gehorchte er einfach einem Gesetz der Natur; denn wenn wir unsern Helden als ergeben in sein Schicksal darzustellen wünschten, war es doch entfernt nicht unsere Absicht, ihn als verlangend nach dem Tode zu schildern. Von dem Augenblick an, wo sein Kraftgefühl frisch wieder auflebte, waren seine Gedanken lebhaft auf die verschiedenen Entwürfe gerichtet, die sich ihm darboten, um mittelst ihrer den Anschlägen seiner Feinde sich zu entziehen; und er wurde wieder der besonnene, sinnreiche und entschlossene Waldmann, der aller seiner Kräfte und Hülfsquellen sich bewußt und sie zu benützen bereit war. Der Wechsel war so groß, daß auch sein Geist wieder seine Spannkraft gewann; und nicht mehr an Unterwerfung denkend, verweilte er nur bei den Listen und Anschlägen der Art von Kriegführung, worin er jetzt verwickelt war. Sobald Wildtödter losgebunden war, vertheilte sich die Bande in einen Kreis um ihn her, um ihn einzuhegen; und der Wunsch, seinen Muth und Geist zu brechen, wuchs in ihnen, je mehr sie Beweise von der Schwierigkeit sahen, ihn zu beugen. Die Ehre der Truppe stand jetzt bei dem Ausgang auf dem Spiel; und selbst das schöne Geschlecht verlor all' sein Mitgefühl mit menschlichem Leiden über dem Wunsch, die Ehre des Stammes gerettet zu sehen. Die Stimmen der Mädchen, sanft und melodisch wie die Natur sie geschaffen, hörte man mit den Drohungen der Männer sich mischen; und die der Sumach widerfahrenen Unbilden nahmen plötzlich den Charakter von kränkenden Leiden an, die jedes huronische Weib betroffen. Diesem sich erhebenden Tumult nachgebend, zogen sich die Männer ein Wenig zurück, den Weibern bedeutend, daß sie den Gefangenen eine Weile in ihren Händen ließen; denn es war bei solcher Gelegenheit ein gewöhnlicher Kunstgriff, daß die Weiber durch ihre Verhöhnungen und Schmähungen das Opfer in einen Zustand von Wuth zu versetzen suchten, und es dann plötzlich den Männern überlieferten, in einem Gemüthszustand, der wenig günstig war, den Qualen körperlicher Peinigung Widerstand zu leisten. Auch war diese Gesellschaft nicht ohne die geeigneten Werkzeuge, einen solchen Zweck zu erreichen. Sumach hatte einen großen Ruf als Keiferin und Schreierin; und ein paar alte Weiber, wie die Bärin, waren mit der Truppe ausgezogen, höchst wahrscheinlich als Wächterinnen des Anstands und der moralischen Disciplin; denn dergleichen kommt im wilden so gut wie im civilisirten Leben vor. Es ist unnöthig Alles zu wiederholen, was Wildheit und Unwissenheit zu diesem Behuf zu ersinnen vermochten; der einzige Unterschied zwischen diesem Ausbruch weiblichen Zorns und einer ähnlichen Scene unter uns bestand mir in den Redefiguren und den Prädikaten; – die huronischen Weiber benannten ihren Gefangenen mit den Namen der niedrigsten und verachtetsten Thiere, die ihnen bekannt waren. Aber Wildtödters Geist war zu sehr beschäftigt, als daß er hätte durch das Schimpfen erbitterter Hexen sollen gestört werden; und da ihre Wuth nothwendig mit seiner Gleichgültigkeit stieg, so wie seine Gleichgültigkeit mit ihrer Wuth, wurden die Furien bald durch das Uebermaß unfähig, weiter fort zu machen. Die Krieger, als sie bemerkten, daß dieser Versuch gänzlich fehlgeschlagen, traten ins Mittel und machten der Scene ein Ende; und dieß um so mehr, da man jetzt ernstlich Vorbereitungen machte zu dem Anfang der wirklichen Martern, derjenigen, welche die Seelenstärke des Dulders auf die Probe heftiger, körperlicher Schmerzen stellen sollten. Eine plötzliche, unvorhergesehene Meldung jedoch, die Einer der ausgestellten Kundschafter, ein Knabe von zehn oder zwölf Jahren, brachte, hemmte für einen Augenblick das ganze Beginnen. Da diese Unterbrechung in engem Zusammenhang mit dem dénoucment unserer Geschichte steht, wollen wir sie in einem besondern Capitel berichten. Dreißigstes Kapitel. So meinst Du – wie wohl Jeder meint Das Gleiche, weil's dem Aug' so scheint;     Doch andre Ernte sank, Als die des Bauers Sichel fällt, Vor härtrer Hand auf diesem Feld,     Durch Speer und Klingen blank. Scott. Es ging über Wildtödters Vermögen, zu erfahren, was den plötzlichen Stillstand in den Bewegungen seiner Feinde veranlaßt hatte, bis die Sache sich im ordentlichen Verlauf der Ereignisse offenbarte. Er bemerkte, daß große Unruhe besonders unter den Weibern herrschte, während die Krieger in einer Art würdevoller Erwartung auf ihre Waffen gelehnt blieben. Es war klar, daß kein Allarm entstanden, obwohl nicht eben so augenfällig war, daß ein erwünschtes Ereigniß die Verzögerung herbeiführte. Rivenoak war sichtlich von Allem unterrichtet, und durch eine Bewegung seines Arms schien er dem Kreise zu bedeuten, er solle unaufgelöst bleiben, und Jedes solle den Ausgang der Sache in der Stellung abwarten, in der es sich gerade befinde. Es bedurfte nur ein paar Minuten, um die Erklärung dieser sonderbaren und geheimvollen Pause zu bringen, welche bald dadurch ihr Ende erreichte, daß Judith hinter der Linie von Huronen erschien, und sofort in den Kreis eingelassen wurde. Wenn Wildtödter erstaunt war über diese unerwartete Ankunft, da er wohl wußte, daß das gescheute und geistesgegenwärtige Mädchen keineswegs Ansprüche hatte auf die Befreiung von den Leiden und Folgen der Gefangenschaft, die man ihrer schwachsinnigen Schwester so gerne bewilligte, so war er nicht minder betroffen über den Aufzug, worin sie erschien. Ihr ganzer gewöhnlicher Waldanzug, so sauber und passend dieser in der Regel war, war vertauscht worden mit dem schon erwähnten Brokatkleid, das schon einmal an ihrer Person eine so große und zauberhafte Wirkung hervorgebracht hatte. Dieß war noch nicht Alles. Gewohnt die Lady's der Garnison in der förmlichen Galatracht des Tages zu sehen, und vertraut mit den feinern, genauern Zierlichkeiten in diesen Dingen, hatte das Mädchen ihren Anzug dergestalt zu vervollständigen gewußt, daß kein auffallender Mangel im Detail sichtbar wurde, und nicht einmal ein Mangel an Uebereinstimmung hervortrat, der einer in die Geheimnisse der Toilette Eingeweihten hätte auffallen müssen. Kopf, Füße, Arme, Hände, Büste und Faltenwurf – Alles war in Harmonie, – was man damals am weiblichen Anzug reizend und harmonisch fand; und das Vorhaben, auf das sie ausging, nemlich den ungelehrten, sinnlichen Wilden zu imponiren, indem sie sie glauben machte, ihr Besuch sey eine Frau von hohem Stand und Bedeutung, hätte ihr gar leicht gelingen können bei Solchen, die vermöge ihrer Lebensgewohnheiten zwischen den Personen derlei Unterschiede zu machen gelernt hatten. Neben ihrer seltenen, natürlichen Schönheit besaß Judith eine ausgezeichnete Grazie in ihrem Wesen, und ihre Mutter hatte ihr genug von ihrer Haltung und ihrem Anstand beigebracht, um aus ihrem Benehmen jeden anstößigen oder auffallenden Zug von Gemeinheit zu verbannen; so daß, die Wahrheit zu gestehen, der prächtige Anzug beinahe in jedem andern Falle übler an seinem Platze gewesen wäre. In einer Hauptstadt hätten ihn Tausend tragen können, ehe sich Eine gefunden, die den lebhaften Farben, dem schimmernden Atlaß, und den reichen Spitzen mehr Ehre gebracht hätten, als das schöne Wesen, deren Person er jetzt schmücken half. Die Wirkung einer solchen Erscheinung war nicht übel berechnet. Im Augenblick, wo Judith sich innerhalb des Kreises befand, ward sie einigermaßen für die furchtbare persönliche Gefahr, der sie sich aussetzte, entschädigt durch den unzweideutigen Eindruck von Ueberraschung und Bewunderung, den ihre Erscheinung hervorbrachte. Die grimmigen alten Krieger ließen ihren Lieblingsruf: ›Hugh!‹ hören. Die jüngern Männer waren noch stärker hingenommen, und selbst die Weiber blieben nicht zurück, ihr Wohlgefallen durch offene Aeußerungen kund zu geben. Nur selten hatten diese rohen Kinder des Waldes andere weiße Frauen, als von der niedrigsten Classe, gesehen, und was Kleider betrifft, so hatte ihr Auge noch nie so viel Glanz und Schimmer erblickt. Die lustigsten Uniformen von Franzosen und Engländern erschienen matt, verglichen mit dem schillernden Brokat; und während die seltne körperliche Schönheit der Trägerin die Wirkungen der Farben noch erhöhte, verfehlte der Anzug nicht, diese Schönheit noch hervorzuheben in einer Art, welche selbst die Hoffnungen des Mädchens übertraf. Wildtödter selbst war ganz verblüfft, und dieß ebenso sehr über das glänzende Bild, welches das Mädchen darbot, als über die Gleichgültigkeit gegen die Folgen, womit sie der Gefahr des gethanen Schrittes trotzte. Unter solchen Umständen warteten Alle ab, bis der Besuch seine Absicht erklären würde, die den Meisten der Zuschauer ebenso unbegreiflich schien, wie dessen Erscheinung. »Welcher von diesen Kriegern ist der vornehmste Häuptling?« fragte Judith den Wildtödter, sobald sie merkte, daß man von ihr die Eröffnung der Unterredung erwartete; »mein Auftrag ist zu wichtig, um an Einen von niedrigerem Rang bestellt zu werden. Zuerst erklärt den Huronen, was ich sage; dann gebt mir Antwort auf die Frage, die ich gethan.« Wildtödter gehorchte ruhig, und seine Zuhörer horchten begierig auf die Dollmetschung der ersten Worte aus dem Mund einer so außerordentlichen Erscheinung. Das Verlangen schien vollkommen im Charakter einer Person, die selbst allem Anschein nach einem hohen Stand angehörte. Rivenoak ertheilte eine geeignete Antwort, indem er sich seinem schönen Besuch in einer Art vorstellte, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er zu all der Achtung berechtigt sey, die er in Anspruch nahm. »Ich kann das glauben, Hurone,« begann Judith wieder, und spielte ihre angenommene Rolle mit einer Festigkeit und Würde, die ihrem Nachahmungstalent Ehre machte, denn sie war bemüht, ihrem Benehmen die herablassende Artigkeit zu verleihen, die sie einmal bei der Gattin eines Generals bei einer ähnlichen, obwohl friedlicheren Scene beobachtet hatte; »ich kann glauben, daß Ihr die wichtigste Person dieser Truppe seyd; ich sehe in Eurem Angesicht die Züge des Nachdenkens und der Besonnenheit. An Euch also muß ich meine Mittheilung richten.« »Möge die Blume der Wälder sprechen,« erwiederte der alte Häuptling höflich, sobald ihre Anrede so gedollmetscht war, daß Alle sie verstehen mochten. »Wenn ihre Worte so lieblich sind wie ihr Aussehen, werden sie nie meine Ohren verlassen; ich werde sie noch hören, lange nachdem der Winter von Canada alle Blumen des Sommers getödtet und alle seine Reden erstarren gemacht hat.« Diese Bewunderung schmeichelte Judith bei der ihr eignen Gemüthsart, und sie trug ebensoviel bei, ihr ihre Selbstbeherrschung zu erleichtern, als sie ihre Eitelkeit befriedigte. Sie lächelte unwillkürlich, oder trotz ihrem Vorsatz, zurückhaltend zu erscheinen, und fuhr nun weiter in ihrem Gewerbe fort. »Nun, Hurone,« sprach sie, »hört meine Worte. Eure Augen sagen Euch, daß ich kein gewöhnliches Weib bin. Ich will nicht sagen, daß ich die Königin dieses Landes sey; die ist weit weg von hier, in einem fernen Lande; aber unter unsern großmächtigen Monarchen sind viele Abstufungen des Ranges, und eine davon nehme ich ein. Welches dieser Rang sey, ist unnöthig, so genau anzugeben, denn Ihr würdet es doch nicht verstehen. Euch darüber zu belehren müßt Ihr Euern sehenden Augen überlassen. Ihr schaut , was ich bin; Ihr müßt fühlen, indem Ihr meine Worte höret, daß Ihr Eine höret, die Eure Freundin oder Eure Feindin zu seyn vermag, je nachdem Ihr sie behandelt.« Dieß ward ganz angemessen vorgetragen, mit gebührender Rücksicht auf ihr Benehmen und mit einer sichern Festigkeit des Tones, die in der That überraschend war, in Betracht aller Umstände des Falles. Auch ward diese Rede gut, obwohl einfach, in die indianische Sprache übersetzt, und mit einem Ernst und einer Achtung aufgenommen, die für den Erfolg des Mädchens nur Gutes weissagten. Aber die Gedanken der Indianer lassen sich nicht so leicht bis auf die innerste Quelle ergründen. Judith wartete mit ängstlicher Spannung auf die Antwort, ebenso sehr von Hoffnung als von Zweifel erfüllt. Rivenoak war ein fertiger Sprecher, und er antwortete so rasch, als sich mit den Begriffen von indianischem Wohlstand vertrug; denn dieß eigenthümliche Volk scheint eine kurze Verzögerung der Antwort für ein Zeichen der Achtung zu halten, sofern dadurch an den Tag gelegt wird, daß man die vernommenen Worte auch gebührend erwogen hat. »Meine Tochter ist schöner als die wilden Rosen am Ontario; ihre Stimme ist lieblich für das Ohr wie der Gesang des Zaunkönigs,« antwortete der vorsichtige und schlaue Häuptling, der allein unter der ganzen Bande sich nicht ganz hinnehmen ließ von der prächtigen und ungewöhnlichen Erscheinung Judiths, und der bei seiner Verwunderung doch noch Mißtrauen hegte; »der Colibri ist nicht viel größer als die Biene, und doch sind seine Federn so glänzend wie der Schweif des Pfauen. Der Große Geist verleiht manchmal sehr prächtige Kleider sehr kleinen Thieren. Und doch bedeckt er das Elenthier auch mit groben Haaren. Diese Dinge gehen über das Verständniß von armen Indianern, die nur begreifen können, was sie sehen und hören. Ohne Zweifel hat meine Tochter einen sehr großen Wigwam irgendwo in der Nähe des See's, die Huronen haben ihn nicht gefunden in ihrer Unwissenheit.« »Ich habe Euch gesagt, Häuptling, es wäre unnütz, meinen Rang und meinen Aufenthaltsort zu nennen, da Ihr doch davon Nichts verstehen würdet. Ihr müßt Euern Augen glauben, was diese Kunde betrifft! welcher rothe Mann ist hier, der nicht sehen könnte? Dieß Tuch, das ich trage, ist nicht das Tuch einer gewöhnlichen Squaw; diese Schmucksachen sind von der Art, wie nur die Frauen und Töchter der Häuptlinge darin erscheinen. Jetzt horcht auf und vernehmt, warum ich allein unter Euer Volk gekommen bin, und achtet auf das Anliegen, das mich hieher geführt hat. Die Vengeese haben junge Männer, so gut wie die Huronen, und zwar haben sie deren genug; das wißt Ihr wohl!« »Der Vengeese sind so viele, als Blätter auf den Bäumen! das weiß und fühlt jeder Hurone,« »Ich verstehe Euch, Häuptling. Hätte ich eine Truppe mit mir genommen, so hätte Euch das in Unruhe setzen können. Meine jungen Männer und die Eurigen würden einander zornig angeschaut haben; zumal wenn meine jungen Männer dieß Bleichgesicht gesehen hätten, das Ihr zu Martern bestimmt habt. Er ist ein großer Jäger und sehr geliebt von allen Garnisonen in der Nähe und Ferne. Es hätte einen Kampf um ihn gegeben, und der Weg der Irokesen heim nach den Canada's wäre mit Blut bezeichnet worden.« »Es ist schon so viel Blut darauf,« versetzte der Häuptling finster, »daß es unsre Augen blendet. Meine jungen Männer sehen, daß es alles Blut der Huronen ist.« »Ohne Zweifel; und noch mehr Huronenblut würde vergossen werden, wenn ich umgeben von Bleichgesichtern gekommen wäre. Ich habe von Rivenoak gehört, und habe gedacht, es würde besser seyn, ihn im Frieden in sein Dorf heimzuschicken, daß er seine Weiber und seine Kinder daheim ließe; wenn er dann Lust hätte, unsre Skalpe zu holen, würden wir ihm entgegen treten. Er liebt Thiere aus Elfenbein gemacht und kleine Büchsen. Seht; ich habe einige mitgebracht, sie ihm zu zeigen. Ich bin seine Freundin. Wenn er diese Dinge zu seinen Gütern gepackt hat, wird er nach seinem Dorfe aufbrechen, ehe Einer von meinen jungen Männern, ihn einholen kann; und dann wird er seinem Volke in Canada zeigen, welche Schätze sie hier suchen können, jetzt nachdem unsre großen Väter über dem Salzsee einander die Kriegsaxt zugeschickt haben. Ich will zurück mit dem großen Jäger, dessen ich bedarf, um mein Haus mit Wildpret zu versorgen.« Judith, mit der indianischen Phraseologie hinlänglich vertraut, bemühte sich, ihre Gedanken in der diesem Volke eignen sententiösen Weise auszudrücken, und es gelang ihr sogar über ihre eigne Erwartung. Wildtödter ließ ihr in seiner Dollmetschung alle Gerechtigkeit widerfahren, und das um so bereitwilliger, als das Mädchen sich sorgfältig hütete, eine eigentliche Unwahrheit vorzubringen,– eine Huldigung, die sie der ihr bekannten Abneigung des jungen Mannes gegen Lügen zollte; denn diese hielt er für eine der Gaben eines weißen Mannes ganz unwürdige Niederträchtigkeit. Das Anbieten der zwei noch übrigen Elephanten und der früher erwähnten Pistolen, deren eine freilich durch den Unfall vor Kurzem ziemlich gelitten hatte, brachte eine lebhafte Aufregung unter den Huronen im Ganzen hervor; Rivenoak aber nahm es kalt auf, trotz des Entzückens, womit er zuerst die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer Creatur mit zwei Schwänzen entdeckt hatte. Mit Einem Wort, dieser kühle und scharfsichtige Wilde ließ sich nicht so leicht imponiren wie seine Genossen; und mit einem Ehrgefühl, das die Hälfte der civilisirten Welt übertrieben gefunden haben würde, lehnte er die Annahme einer Bestechung ab, die er nicht gemeint war durch Erfüllung der Wünsche der Geberin zu verdienen. »Behalte meine Tochter ihr zweischwänziges Schwein, es zu essen, wenn es an Wildpret fehlt,« antwortete er trocken, »und auch das kleine Gewehr mit zwei Mündungen. Die Huronen werden Wild tödten, wenn sie hungrig sind; und sie haben lange Büchsen, damit zu kämpfen. Dieser Jäger kann jetzt meine jungen Männer nicht verlassen: sie wünschen zu wissen, ob er so tapfern Herzens ist, als er prahlt.« »Das läugne ich, Hurone,« unterbrach ihn Wildtödter mit Wärme; »ja, das läugne ich schnurstracks, da es gegen Wahrheit und Vernunft ist. Kein Mensch hat gehört, daß ich prahle, und soll es auch Keiner, und wenn Ihr mich auch lebendig schindet, und dann das zuckende Fleisch röstet, mit Euren höllischen Tücken und Grausamkeiten! Ich bin wohl niedrig und unglücklich, und Euer Gefangner; aber ich bin kein Prahler ; schon vermöge meiner Gaben.« »Mein junges Bleichgesicht prahlt , er sey kein Prahler,« versetzte der schlaue Häuptling; »er muß Recht haben. Ich höre einen seltsamen Vogel singen. Er hat sehr prächtige Federn. Kein Hurone hat je solche Federn gesehen! Sie werden sich schämen, zurückzukehren in ihr Dorf, und ihrem Volke zu sagen, sie haben ihren Gefangnen ziehen lassen wegen des Gesangs dieses fremden Vogels, ohne im Stande zu seyn, den Namen dieses Vogels anzugeben. Sie wissen nicht zu sagen, ob es ein Zaunkönig ist oder ein Katzenvogel. Das wäre eine große Schmach; man würde meine jungen Männer nicht in die Wälder ziehen lassen, ohne daß sie ihre Mütter mitnähmen, ihnen die Namen der Vögel zu sagen!« »Ihr könnt Euren Gefangnen nach meinem Namen fragen,« versetzte das Mädchen. »Er ist Judith; und es steht viel von der Geschichte der Judith in der Bleichgesichter bestem Buch, der Bibel. Wenn ich ein Vogel mit schönen Federn bin, so habe ich auch meinen Namen.« »Nein,« antwortete der schlaue Hurone, seine lange geübte List und Verstellung verrathend, indem er mit ziemlicher Richtigkeit Englisch sprach, »ich nicht Gefangnen fragen. Er ermüdet; der Ruhe bedürfen. Ich frage meine Tochter mit dem schwachen Geist. Sie die Wahrheit sprechen. Kommt her, Tochter; Ihr antworten. Euer Name Hetty?« »Ja, so nennt man mich,« antwortete das Mädchen, »obwohl er in der Bibel Esther geschrieben ist.« »Es ihn auch in die Bibel schreiben! Alles in die Bibel schreiben. Einerlei – was ihr Name?« »Der ist Judith, und er ist so in der Bibel geschrieben, obgleich der Vater sie manchmal Jude nannte. Das ist meine Schwester Judith, Thomas Hutters Tochter – Thomas Hutter's, den Ihr Bisamratze nanntet, obgleich er keine Bisamratze war, sondern ein Mensch wie Ihr – er wohnte in einem Haus auf dem Wasser, und das war genug für Euch !« Ein triumphirendes Lächeln blitzte über das hartgefurchte Gesicht des Häuptlings, als er sah, wie vollständig ihm der Versuch gelungen, die wahrheitsliebende Hetty zum Sprechen zu bringen. Judith selbst, im Augenblick, wo ihre Schwester befragt wurde, erkannte, daß Alles verloren war, denn kein Winken, kein Bitten selbst, hätte das redlich gesinnte Mädchen vermocht, eine Lüge zu reden. Daß der Versuch, eine Tochter der Bisamratze den Wilden als eine Fürstin oder als eine vornehme Dame auszugeben, mißlingen mußte, wußte sie; und sie sah ihren kecken und sinnreichen Einfall zur Befreiung des Gefangnen durch eine der einfachsten und natürlichsten Ursachen, die man sich denken konnte, scheitern. Sie richtete daher ihr Auge auf Wildtödter, ihn gleichsam anflehend, sich der Sache anzunehmen, um sie Beide zu retten. »Es wird nicht gehen, Judith,« sagte der junge Mann, auf diese stumme Aufforderung antwortend, die er wohl verstand, aber als fruchtlos erkannte; »es wird nicht gehen. Es war eine kecke Idee, und passend für eine Generalsfrau; aber der Mingo dort –« Rivenoak hatte sich in einige Entfernung zurückgezogen, so daß er ihn nicht verstehen konnte – »aber der Mingo dort ist kein gewöhnlicher Mann, und nicht zu täuschen durch unnatürliche Listen. Die Dinge müssen in ihrer rechten Ordnung vor ihn kommen, um eine Wolke vor seinem Auge zu verbreiten! Es war zu Viel, ihm vorspiegeln zu wollen, daß eine Königin oder vornehme Lady in diesen Bergen lebe, und ohne Zweifel denkt er, die schönen Kleider, die ihr tragt, seyen von dem Raube Eures Vaters – oder wenigstens dessen, der für Euren Vater galt; was auch gern wahrscheinlich ist, wenn Alles wahr ist, was man sagt.« »In jedem Falle, Wildtödter, wird meine Anwesenheit hier Euch eine Zeit lang fristen. Sie werden schwerlich versuchen, Euch vor meinen Augen zu martern!« »Warum nicht, Judith? Meint Ihr, sie werden mit einem Weib von den Bleichgesichtern zärtlicher verfahren, als mit ihren eignen? Es ist wahr, Euer Geschlecht wird Euch selbst höchst wahrscheinlich gegen die Martern schützen, aber Euch nicht Eure Freiheit und Euren Skalp sichern. Ich wollte, Ihr wäret nicht gekommen, meine gute Judith; es kann mir keinen Vortheil, aber Euch großes Unheil bringen!« »Ich kann Euer Schicksal theilen,« antwortete das Mädchen mit großherzigem Enthusiasmus. »Sie sollen Euch kein Leid thun, so lange ich dabei bin, wenn es in meiner Macht steht, es zu verhindern – zudem –« »Zudem, was, Judith? Welche Mittel habt Ihr, indianischer Grausamkeit Einhalt zu thun, oder indianische Teufeleien abzuwenden?« »Vielleicht keine, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit Festigkeit, »aber ich kann mit meinen Freunden leiden – mit ihnen sterben, wenn's nöthig ist.« »Ach! Judith – leiden werdet Ihr vielleicht; aber sterben werdet Ihr nicht, als bis die vom Herrn bestimmte Stunde kommt. Es ist unwahrscheinlich, daß Eine von Eurem Geschlecht und Eurer Schönheit ein härteres Schicksal trifft, als daß sie das Weib eines Häuptlings wird, wenn anders Eure weißen Neigungen sich zur Ehe mit einem Indianer bequemen. Es wäre besser, Ihr wäret in der Arche oder im Castell geblieben; aber was geschehen ist, ist geschehen. Ihr wolltet Etwas sagen, als Ihr stocktet bei: zudem –?« »Es möchte nicht gerathen seyn, es hier auszusprechen, Wildtödter!« antwortete das Mädchen hastig, wie nachlässig an ihm vorbeigehend, um leise reden zu können; »eine halbe Stunde gilt uns Alles. Keiner Eurer Freunde ist müssig.« Der Jäger antwortete nur mit einem dankbaren Blick. Dann wandte er sich zu seinen Feinden, seine Bereitwilligkeit zeigend, den Martern wieder die Stirne zu bieten. Eine kurze Berathung war zwischen den Aeltern der Bande gepflogen worden, und mittlerweile waren sie mit ihrer Entscheidung gefaßt. Die milde Gesinnung Rivenoaks war durch Judiths List sehr geschwächt worden, welche statt ihren wahren Zweck zu erreichen, gerade die entgegengesetzten Ergebnisse von den beabsichtigten zu liefern drohte. Dieß war natürlich: denn zum Uebrigen kam noch die Erbitterung eines Indianers, der sah, wie nahe er daran gewesen, sich von einem unerfahrnen Mädchen überlisten zu lassen. Inzwischen hatte man Judiths wahre Verhältnisse vollkommen erkannt, und der weitverbreitete Ruf ihrer Schönheit trug zu der Entdeckung bei. Was den ungewöhnlichen Anzug betrifft, so wurde er mit dem tiefen Geheimniß der zweischwänzigen Thiere in Verbindung gebracht, und verlor für den Augenblick allen Einfluß. Als daher Rivenoak den Gefangnen wieder in's Auge faßte, war der Ausdruck seines Gesichts sehr verändert. Er hatte den Wunsch, ihn zu retten, aufgegeben, und war nicht mehr geneigt, die ernsten Martern noch länger zu verschieben. Diese veränderte Stimmung hatte sich in ihrer Wirkung den jungen Männern mitgetheilt, welche schon rüstig ihre Vorbereitungen für die beabsichtigte Scene trafen. Stücke trocknen Holzes wurden rasch um den jungen Baum her gesammelt – die Splitter, die man dem Opfer in's Fleisch stoßen und dann anzünden wollte, waren alle gesammelt, und die Bastseile schon in Bereitschaft, um ihn wieder an den Baum zu binden. Dieß Alles geschah in tiefem Schweigen; Judith beobachtete jede Bewegung mit athemloser Erwartung, während Wildtödter selbst anscheinend so unbeweglich dastand, wie eine der Fichten auf den Bergen. Als jedoch die Krieger, um ihn zu binden, vortraten, warf der junge Mann Judith einen Blick zu, wie fragend, ob Widerstand oder Ergebung das Rathsamste sey. Durch eine bedeutungsvolle Geberde rieth sie zur letztern; und in einer Minute war er wieder an den Baum gebunden, eine hülflose Zielscheibe jeder Schmähung oder Mißhandlung, die man ihm bieten mochte. So eifrig waren jetzt Alle, zu handeln, daß kein Wort gesprochen wurde. Sofort ward der Scheiterhaufen angezündet, und mit gespannter Erwartung sah man dem Ende von Allem entgegen. Es war nicht die Absicht der Huronen, ihrem Opfer mittelst des Feuers geradezu das Leben zu nehmen. Sie beabsichtigten nur, seine physische Kraft und Ausdauer auf die härteste Probe zu stellen, die sie, ohne ganz zu erliegen, ertragen könnte. Am Ende hatten sie den Plan, seinen Skalp mit sich in ihr Dorf zu nehmen, aber sie wünschten vorher seine Entschlossenheit zu brechen und ihn zum klagenden Dulder zu erniedrigen. Zu diesem Behufe war der Haufen von Zweigen und Gestrüppe in einer geeigneten Entfernung aufgethürmt worden, wo, wie man berechnete, die Hitze bald unerträglich werden würde, ohne geradezu auch schon gefährlich und tödtlich zu seyn. Aber wie es bei solchen Gelegenheiten oft geschah, die Entfernung war nicht richtig berechnet und die Flammen begannen schon dem Opfer so nahe in's Gesicht zu züngeln, daß der nächste Augenblick den Tod hätte bringen können, wenn nicht Hetty durch den Haufen gedrungen wäre, mit einem Stecken bewaffnet, und den lodernden Scheiterhaufen nach allen Richtungen auseinander geschleudert hätte. Mehr als Eine Hand erhob sich, um die anmaßende Störerin zu Boden zu schlagen; aber die Häuptlinge verhinderten eine Mißhandlung und erinnerten ihre aufgebrachten Leute an ihren Geisteszustand. Hetty selbst war der Gefahr, die sie lief, sich nicht bewußt, und sobald sie diese kecke That vollbracht, stand sie da, und sah sich mit finsterm Mißfallen und Unwillen um, als wollte sie dem Schwarm der sie aufmerksam betrachtenden Wilden ihre Grausamkeit vorrücken. »Gott segne dich; liebste Schwester, für diese muthige und besonnene That!« flüsterte Judith, selbst so abgespannt, daß sie zum Handeln unfähig war; «der Himmel selbst hat dich mit seiner heiligen Vollmacht gesandt!« »Es war gut gemeint, Judith,« fiel das Opfer ein; »es war trefflich gemeint, und es kam zur rechten Zeit, obwohl es am Ende doch unzeitig gewesen seyn mag. Was eintreten soll, muß bald eintreten, sonst wird es in Kurzem zu spät seyn. Hätte ich beim Athmen einen Mundvoll von dieser Flamme eingesogen, so könnte keine menschliche Macht mein Leben retten; und Ihr seht, sie haben mir dießmal die Stirne so fest gebunden, daß mein Kopf nicht die mindeste Freiheit und Wahl hat. Es war gut gemeint; aber es wäre vielleicht eine größere Barmherzigkeit gewesen, die Flammen ihr Werk vollenden zu lassen.« »Grausame, herzlose Huronen!« rief die noch immer empörte Hetty; »wolltet Ihr einen Mann, einen Christen verbrennen, wie ein Scheit Holz? Lest Ihr nie in Euern Bibeln, oder meint Ihr, Gott werde solche Dinge vergessen?« Eine Geberde Rivenoaks gebot, die zerstreuten Brände wieder zu sammeln; frisches Holz ward gebracht, und selbst Weiber und Kinder waren eifrig und geschäftig, trockne Stecken herbeizuschaffen. Die Flamme loderte eben zum zweitenmal auf, als eine Indianerin durch den Kreis sich drängte, auf den Haufen zuschritt und mit dem Fuß noch zu rechter Zeit die brennenden Zweige bei Seite stieß, um das Aufflammen des Ganzen zu verhindern. Ein gellender Schrei folgte auf diese zweite Störung: aber als die Thäterin sich gegen den Kreis wandte, und Hist's Angesicht erkannt wurde, erfolgte ein allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschung. Eine Minute lang blieb jeder Gedanke, das vorliegende Geschäft fortzusetzen, vergessen, und Alt und Jung drängten sich hastig um das Mädchen, eine Erklärung ihrer plötzlichen, unerwarteten Zurückkunft begehrend. In diesem kritischen Augenblick sprach Hist mit leiser Stimme zu Judith, gab ihr einen kleinen Gegenstand ungesehen in die Hand, und wandte sich dann, um die Begrüßungen der Huronischen Mädchen zu erwiedern, bei denen sie persönlich sehr beliebt war. Judith gewann ihre Fassung wieder und handelte rasch. Das kleine, scharfschneidende Messer, das Hist ihr in die Hand gedrückt hatte, ward von Judith in die Hand Hettys befördert, als die sicherste und am wenigsten verdächtige Vermittlerin an Wildtödter. Aber der schwache Verstand der Letztern vereitelte die wohlbegründeten Hoffnungen von allen Dreien. Statt zuerst die Hände des Opfers loszumachen, und ihm dann heimlich das Messer in die Kleider zu stecken, damit er im günstigsten Augenblick sich desselben bedienen könnte, machte sie sich selbst mit Ernst und Einfalt an's Wert, die Teile zu zerschneiden, welche seinen Kopf gebunden hielten, damit er nicht wieder in Gefahr komme, Flammen einzuathmen. Natürlich sah man dieß bedächtliche Beginnen, und that Hettys Händen Einhalt, ehe sie Mehr als den obern Theil von des Gefangnen Leib, die Arme unter den Ellbogen nicht miteingeschlossen, befreit hatte. Diese Entdeckung erweckte sofort Mißtrauen gegen Hist; und zu Judiths Erstaunen zeigte dieß kluge Mädchen, als man sie darüber zur Rede setzte, keine Neigung, ihre Theilnahme an dem, was vorgegangen war, zu läugnen. »Warum sollte ich dem Wildtödter nicht helfen?« fragte das Mädchen im Ton eines Weibes von festem Willen und Gemüth. »Er ist der Bruder eines Delawarenhäuptlings; mein Herz ist ganz Delawarisch. Kommt hervor, erbärmlicher Briarthorn, und wascht die Irokesenbemalung von Euerm Angesicht; steht vor die Huronen hin, als die Krähe, die Ihr seyd; Ihr würdet eher das Aas Eurer eignen Todten essen, als Hunger leiden. Stellt ihn Wildtödter gegenüber, Stirn gegen Stirn, Häuptlinge und Krieger, ich will Euch zeigen, welch einen großen Schurken Ihr in Eurem Stamme geduldet habt.« Diese kühne Rede, in ihrer eignen Sprache und mit dem zuversichtlichsten Benehmen vorgetragen, machte einen tiefen Eindruck unter den Huronen. Verrätherei zieht immer Mißtrauen nach sich; und obgleich der Ueberläufer Briarthorn dem Feinde gut zu dienen sich bestrebt hatte, hatten seine Bemühungen und sein Eifer ihm doch wenig mehr als Duldung gewonnen. Sein Wunsch, Hist zum Weibe zu bekommen, hatte ihn zuerst veranlaßt, sie und sein eignes Volk zu verrathen; aber ernste Nebenbuhler in Betreff seines ersten Zweckes waren unter seinen neuen Freunden erstanden, deren Sympathie für den Verräther nun noch geringer wurde. Mit einem Wort, man hatte Briarthorn nur noch im Huronenlager sich aufzuhalten gestattet, wo er so genau und eifersüchtig bewacht wurde, wie Hist selbst; er ließ sich selten vor den Häuptlingen blicken, und hielt sich geflissentlich ferne von Wildtödters Auge, der bis auf diesen Augenblick gar Nichts von seiner Anwesenheit gewußt hatte. So aufgefordert aber konnte er sich unmöglich mehr im Hintergrund halten. »Die Irokesenbemalung von seinem Gesicht abwaschen« – das that er nicht; denn als er inmitten des Kreises dastand, war er durch die neuen Farben so entstellt, daß ihn der Jäger anfänglich nicht erkannte. Er nahm aber doch eine trotzige, herausfordernde Miene an, und fragte hochmüthig: Wer irgend etwas gegen Briarthorn sagen könne. »Das fragt Euch selbst,« fuhr Hist lebhaft fort, obwohl ihr Benehmen etwas minder gesammelt erschien; ein Anflug von Zerstreutheit oder Abwesenheit wurde dem Wildtödter und Judith, wo nicht auch andern, bemerklich. »Fragt das Euer eigenes Herz, kriechendes Wiesel der Delawaren; tretet nicht hier auf mit der Miene eines unschuldigen Mannes. Geht, schaut in die Quelle; seht die Farben Eurer Feinde auf Eurer lügenden Haut; dann kommt zurück und prahlt, wie Ihr Eurem Stamme entflohen seyd, und das Tuch der Franzosen zu Eurer Bekleidung machtet! Malt Euch immerhin so bunt an wie der Colibri, Ihr bleibt doch schwarz wie die Krähe!« Hist war während ihres Aufenthalts unter den Huronen so gleichmäßig sanft gewesen, daß sie jetzt ihre Sprache mit Erstaunen anhörten. Dem Angeschuldigten selbst kochte das Blut in den Adern; und es war gut für die hübsche Sprecherin, daß es nicht in seiner Macht stand, die Rache auszuüben, die er, trotz seiner vorgeblichen Liebe, ihr anzuthun vor Begierde brannte. »Wer will Etwas von Briarthorn?« fragte er finster. »Wenn das Bleichgesicht des Lebens überdrüssig ist; wenn es indianische Martern fürchtet, so sprecht, Rivenoak! ich will ihn den Kriegern nachsenden, die wir verloren haben.« »Nein, Häuptling: nein, Rivenoak,« unterbrach ihn Hist lebhaft. »Wildtödter fürchtet Nichts; am allerwenigsten eine Krähe! Bindet ihn los – zerschneidet die Bastseile – stellt ihn Stirn gegen Stirn diesem krächzenden Vogel gegenüber; dann laßt uns sehen, wer des Lebens überdrüssig ist.« Hist machte eine rasche Bewegung vorwärts, als wollte sie einem jungen Mann ein Messer aus der Hand nehmen, und in eigner Person dem Gefangnen jenen Dienst leisten; aber ein bejahrter Krieger verhinderte es auf einen Wink Rivenoaks. Dieser Häuptling beobachtete mit Mißtrauen Alles, was das Mädchen that; denn während sie mit der entschlossensten Haltung die prahlerischste Sprache führte, war in ihrem Wesen doch etwas Unsichres und Erwartungsvolles, was einem scharfen Beobachter nicht entgehen konnte. Sie spielte ihre Rolle gut; aber zwei oder drei von den ältern Männern waren gleicherweise überzeugt, daß es nur eine Rolle war. Daher ward ihr Vorschlag, Wildtödter loszubinden, verworfen; und die in ihren Erwartungen getäuschte Hist sah sich in dem Augenblick von dem Baume zurückgewiesen, wo sie schon ihr Vorhaben gelungen wähnte. Zur gleichen Zeit ward der Kreis, der nachgerade wirr und eng geworden, wieder erweitert und in Ordnung gebracht. Rivenoak verkündigte jetzt die Absicht der alten Männer, weiter im Werke zu schreiten, da die Verzögerung jetzt lange genug gedauert habe und zu keinem Ergebnis führe. »Halt, Hurone! halt, Häuptlinge!« rief Judith, kaum wissend was sie sagte, oder warum sie sich dareinlegte, als etwa um Zeit zu gewinnen; »um Gottes Willen, nur noch eine Minute –« Die Worte wurden ihr im Munde abgeschnitten durch eine neue und noch außerordentlichere Unterbrechung. Ein junger Indianer kam durch die Reihen der Huronen gesprungen, und hüpfte mitten in den Kreis hinein, in einer Weise, welche die höchste Zuversicht, oder eine an Tollkühnheit grenzende Verwegenheit bezeichnete. Fünf oder sechs Schildwachen standen noch am See an verschiedenen und entfernten Punkten; und es war der erste Gedanke Rivenoaks, Einer von diesen sey mit wichtigen Zeitungen angekommen. Aber die Bewegungen des Ankömmlings waren so hastig, und sein Anzug, der ihm kaum mehr Gewandung ließ als eine antike Statue hat, hatte so wenig Auszeichnendes, daß es auf den ersten Anblick unmöglich war, zu bestimmen, ob er ein Feind oder Freund sey. Drei Sprünge brachten diesen Krieger an Wildtödters Seite, dessen Seile in einem Nu zerschnitten waren, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche den Gefangenen sogleich zum freien Herrn seiner Glieder machte. Ehe dieß vollbracht, warf der Ankömmling keinen Blick auf einen andern Gegenstand; dann wandte er sich, und zeigte den erstaunten Huronen die edle Stirne, die schöne Gestalt und das Adlerauge eines jungen Kriegers in der Bemalung und Waffenrüstung eines Delawaren. Er hielt in jeder Hand eine Büchse, die Kolben beider auf dem Boden aufstehend, während an der einen seine Tasche und sein Horn hing. Diese war Killdeer, den er, während er sich keck und mit herausforderndem Trotz im Kreise umsah, in die Hände seines wahren Herrn fallen ließ. Die Gegenwart zweier Bewaffneten, obwohl in ihrer Mitte, machte die Huronen betroffen. Ihre Büchsen standen ringsumher zerstreut an verschiedene Bäume gelehnt, und ihre einzigen Waffen waren ihre Messer und Tomahawks. Doch hatten sie zu viel Selbstbeherrschung, um Furcht zu verrathen. Es war wenig wahrscheinlich, daß eine so kleine Macht eine starke Bande angreifen würde, und Jeder erwartete, ein außerordentlicher Vorschlag werde auf einen so entschiedenen Schritt folgen. Der Fremde schien geneigt, ihrer Erwartung zu entsprechen. Er schickte sich an zu reden. »Huronen,« sagte er, »diese Erde ist sehr groß, die großen Seen sind auch geräumig; jenseits derselben ist Platz für die Irokesen, diesseits ist Platz für die Delawaren. Ich bin Chingachgook, der Sohn des Unkas; der Vetter Tamenunds. Diese ist meine Verlobte; das Bleichgesicht ist mein Freund. Mein Herz war schwer, als ich ihn vermißte; ich folgte ihm in Euer Lager, zu sehen, daß ihm kein Leid geschehe. Alle Delawarenmädchen warten auf Wah! sie wundern sich, daß sie so lange ausbleibt. Kommt, laßt uns Lebewohl sagen, und unserer Wege gehen.« »Huronen, das ist Euer Todfeind, die große Schlange von denen, die Ihr haßt!« schrie Briarthorn. »Wenn er entkommt, werden die Fußtapfen Eurer Moccasins blutig seyn von hier bis nach den Canada's. Ich bin ganz Hurone!« Wie er die letzten Worte sprach, schleuderte der Verräther sein Messer nach der nackten Brust des Delawaren. Eine rasche Bewegung Hists, die in der Nähe stand, mit dem Arm, lenkte den Wurf ab, und die gefährliche Waffe fuhr mit der Spitze in eine Fichte. Im nächsten Augenblick zuckte eine gleiche Waffe aus der Hand der Schlange, und zitterte im Herzen des Ueberläufers. Kaum eine Minute war verflossen von dem Augenblick an, wo Chingachgook in den Kreis gesprungen war, bis zu dem, wo Briarthorn todt wie ein Klotz auf dem Platze niederstürzte. Die Schnelligkeit der Ereignisse hatte die Huronen nicht zur That kommen lassen, aber diese Katastrophe erlaubte keinen längern Verzug. Ein allgemeiner Aufschrei folgte, und die ganze Bande war in Bewegung. In diesem Augenblick ward ein in den Wäldern nicht gewöhnlicher Ton vernommen, und alle Huronen, Männer und Weiber, standen horchend stille; mit angestrengtem Ohr und erwartungsvollen Gesichtern. Der Ton war regelmäßig und dumpf, wie wenn mit Klöppeln auf den Boden gestampft würde. Jetzt zeigten sich Gegenstände zwischen den Bäumen im Hintergrund, und man sah eine Schaar Truppen im Taktschritt anrücken. Sie zogen zum Angriff fertig daher, und der Scharlach der königlichen Uniformen glänzte durch das hellgrüne Laub des Waldes. Die jetzt folgende Scene ist nicht leicht zu schildern. Wilde Verwirrung, Verzweiflung und wahnsinnige Anstrengungen waren dabei so durcheinander gemengt, daß alle Einheit und Klarheit des Handelns vernichtet wurde. Ein allgemeiner, gellender Ruf entfuhr den eingeschlossenen Huronen, darauf folgte das herzhafte freudige Jauchzen der Engländer. Doch ward noch keine Muskete oder Büchse abgefeuert, obgleich der stetige, taktmäßige Schritt fortwährend vernommen wurde, und man die Bajonette glänzen sah vor einer Linie, die etwa sechzig Mann zählte. Die Huronen wurden in entsetzlich ungünstiger Stellung überfallen. Auf drei Seiten war Wasser, während auf der vierten ihre furchtbaren, wohlgeübten Feinde ihnen die Flucht abschnitten. Jeder Krieger rannte nach seinen Waffen, und dann suchten alle auf dem Vorsprung Befindlichen, Männer, Weiber und Kinder hastig einen Versteck. In dieser Scene der Verwirrung und des Entsetzens jedoch ging Nichts über die Kaltblütigkeit und kluge Besonnenheit Wildtödters. Seine erste Sorge war, Judith und Hist hinter Bäume zu bringen, und er sah sich nach Hetty um; aber sie war von einem Schwarm Huronen-Weiber mit fort gerissen worden. Nach diesem warf er sich auf eine Flanke der zurückziehenden Huronen, welche nach dem südlichen Rande des Vorsprungs sich wandten, in der Hoffnung, durch das Wasser zu entkommen. Wildtödter wartete seine Gelegenheit ab, und als er zwei seiner bisherigen Peiniger in Schußweite vor sich fand, brach seine Büchse zuerst die Stille der schrecklichen Scene. Die Kugel streckte Beide auf Einmal nieder. Dieß veranlaßte ein allgemeines Feuern der Huronen, und man hörte die Büchse und das Kriegsgeschrei der Schlange in dem Getümmel. Noch aber erwiederten die disciplinirten Truppen mit keiner Salve, und man vernahm nur das Jauchzen und die Büchse Hurry's, der neben ihnen herzog, und das kurze, rasche Befehlshaberwort, und die schweren, drohenden Taktschritte. Bald jedoch folgten die Verwünschungen und das Kreischen und Stöhnen, welche gewöhnlich die Anwendung des Bajonetts begleiten. Diese schreckliche, tödtliche Waffe schwelgte jetzt in Rache. Die nun folgende Scene war eine von denjenigen, die so häufig auch in unsern Zeiten vorkommen, wo weder Alter noch Geschlecht ein Ausnahme von dem Schicksal eines barbarischen wilden Kriegsgebrauchs begründet. Einunddreißigstes Kapitel. Die Blume, die heute lacht,     Ist morgen verblüht; Was gern wir ewig gedacht,     Lockt uns und flieht. Was ist die Lust der Welt? Ein Blitz der spottend erhellt Die Nacht, und glänzt, und fällt. Shelley. Das Bild, welches zunächst die von den unglücklichen Huronen zu ihrem letzten Lagerplatz gewählte Landspitze darbot, braucht kaum dem Auge des Lesers vorgeführt zu werden. Zum Glück für die Zarterfühlenden und Furchtsameren, hatten die Baumstämme, das Laub und der Pulverdampf Viel von dem, was vorging, verborgen, und bald darauf zog die Nacht ihren Schleier über den See und die ganze, dem Anschein nach grenzenlose Wildniß, die sich, kann man sagen, mit entfernten und unwesentlichen Unterbrechungen von den Ufern des Hudsons bis an die Küsten des stillen Oceans erstreckte. Unsere Aufgabe führt uns zu dem folgenden Tag, wo das Licht auf die Erde wiederkehrte, so sonnig und lächelnd, als wäre nichts Außerordentliches vorgefallen. Als am nächsten Morgen die Sonne sich erhob, waren alle Anzeichen von Feindseligkeit und Kriegslärm von dem Becken des Glimmerglas verschwunden. Das entsetzliche Ereigniß des vorigen Abends hatte keine Spuren auf dem friedlichen Wasserspiegel zurückgelassen, und die unermüdlichen Stunden verfolgten ihren Lauf in der harmlosen Ordnung, die ihnen von der mächtigen Hand, welche sie in Bewegung setzte, vorgezeichnet war. Die Vögel schwammen wieder auf dem Wasser, oder schwebten von ihren Schwingen getragen hoch über den Wipfeln der höchsten Fichten der Berge, lustig ihre Bahnen auf und nieder beschreibend, gehorsam den unwiderstehlichen Gesetzen ihrer Natur. Mit Einem Wort, Nichts war verändert, als die Art und Weise des Treibens und Lebens, das in dem Castell und darum her herrschte. Hier war in der That ein Wechsel eingetreten, der dem mindest scharfen Auge auffallen mußte. Eine Schildwache, in der Uniform eines königlichen leichten Infanterie-Regiments schritt mit gemessenen Schritten auf der Plattform hin und her, und einige zwanzig Mann von demselben Corps lungerten in dem Gebäude herum, oder saßen in der Arche. Ihre Waffen waren unter dem Auge ihres wachhaltenden Cameraden aufgestellt. Zwei Officiere standen da und untersuchten die Küste mit dem ofterwähnten Schiffsglas. Ihre Blicke waren nach dem verhängnißvollen Landvorsprung gerichtet, wo man noch Scharlachröcke zwischen den Bäumen durchschlüpfen sah, und wo die Vergrößerungskraft des Instruments auch Spaten zeigte, womit gearbeitet und die traurige Pflicht der Beerdigung erfüllt wurde. Einige der Gemeinen trugen Zeichen an ihrem Leibe davon, daß ihre Feinde nicht ganz ohne Widerstand waren überwältigt worden; und der Jüngere von den zwei Officieren auf der Plattform trug einen Arm in der Schlinge. Sein Genosse, der die Truppe kommandirte, war glücklicher gewesen. Er war es, der das Glas handhabte bei den Rekognoscirungen, welche Beide anstellten. Ein Sergeant näherte sich, um einen Rapport zu machen. Er redete den Aeltern der Officiere als Capitain Warley an, während der Andere als Mr. – gleichbedeutend mit Fähnrich – Thornton angesprochen wurde. Der Erstere war, wie der Leser sich erinnern wird, der Officier, welcher bei dem Abschiedsgespräch zwischen Judith und Hurry mit so großer Lebhaftigkeit und Aufregung genannt worden war. Es war in der That das Individium, mit welchem die lästernde Nachrede der Garnisonen den Namen dieses schönen aber unvorsichtigen Mädchens am freisten und kecksten in Verbindung gebracht hatte. Er war ein Mann von harten Zügen und rothem Gesicht, und etwa von fünfunddreißig Jahren, aber von militärischer Haltung und Benehmen, und mit einem Anstrich von vornehmer Lebensart, welcher der Phantasie eines mit der Welt so unbekannten Mädchens, wie Judith war, wohl imponiren konnte. »Craig überhäuft uns mit Segenswünschen,« bemerkte dieser Mann gegen seinen jungen Fähnrich, mit einem gleichgültigen Wesen, indem er das Glas zumachte, und es seinem Diener einhändigte; »und die Wahrheit zu sagen, nicht ohne Grund; es ist gewiß angenehmer, hier der Miß Judith Hutter aufzuwarten, als Indianer auf einem Landvorsprung am See zu begraben, wie romantisch auch die Lage, und wie glänzend der Sieg seyn mag. Ei, beiläufig bemerkt, Wright, lebt Davis noch?« »Er ist vor etwa zehn Minuten gestorben, Ew. Ehren,« versetzte der Sergeant, an den diese Frage gerichtet war, »Ich wußte, daß es so kommen würde, sobald ich fand, daß die Kugel den Magen berührt hatte. Ich habe nie von einem Mann gehört, der es lang ausgehalten, wenn er ein Loch im Magen hatte.« »Nein; er ist dann gar zu ungeeignet, um etwas sehr Nahrhaftes fortzuschaffen,« bemerkte Warley gähnend. »Das Wachen und Aufseyn zwei Nächte hintereinander, Arthur, spielt den Kräften eines Mannes übel mit. Ich bin so dumm, wie Einer von den holländischen Pfaffen am Mohawk. Ich hoffe, Euer Arm schmerzt Euch nicht, mein guter Junge?« »Er erpreßt mir einige Grimassen, Sir, wie Ihr wohl bemerken werdet,« antwortete der Jüngling, und lachte in demselben Augenblick, wo sich sein Gesicht vor Schmerz etwas verzog. »Aber, es ist schon zum ertragen. Ich denke, Graham kann bald ein paar Minuten erübrigen, um nach meiner Verletzung zu sehen.« »Es ist eigentlich doch ein anmuthiges Geschöpf, diese Judith Hutter, Thornton; und es soll nicht mein Fehler seyn, wenn sie nicht in den Parks gesehen und bewundert wird!« begann Warley wieder, der sich wenig um seines Genossen Wunde kümmerte. – »Euer Arm, he? Ganz wahr! Geht in die Arche, Sergeant, und sagt Dr. Graham, ich wünsche, er möchte nach Mr. Thorntons Verletzung sehen, sobald er mit dem armen Kerl mit dem gebrochnen Bein fertig ist. Ein liebliches Geschöpf! und sie sah aus wie eine Königin in dem Brokatkleid, worin wir sie trafen. Ich finde hier Alles verändert; Vater und Mutter Beide todt, die Schwester sterbend, wo nicht todt, und Keines von der Familie übrig, als die Schöne! Das ist ein glücklicher Zug gewesen im Ganzen, und verspricht einen bessern Ausgang, als gewöhnlich Scharmützel mit Indianern.« »Darf ich vermuthen, Sir, daß Ihr gesonnen seyd, Eure Fahnen in dem großen Corps der Junggesellen zu verlassen, und den Feldzug des Ehestandes anzutreten!« »Ich, Tom Warley, ein Benedikt werden! Wahrlich, mein lieber Junge, Ihr kennt das Corps wenig, von dem Ihr sprecht, wenn Ihr Euch solche Dinge einbildet! Ich denke, es gibt Frauen in den Colonien, die ein Capitain von der leichten Infanterie nicht zu verschmähen braucht; aber sie sind nicht hier, auf einem Gebirgssee zu finden, oder auch drunten an dem holländischen Fluß, wo wir postirt sind. Es ist wahr, mein Oheim, der General, erwies mir einmal die Gunst, eine Frau für mich zu wählen, in Yorkshire; aber sie war ohne Schönheit – und ich würde nicht eine Fürstin heirathen, wenn sie nicht hübsch wäre.« »Aber eine Bettlerin, wenn sie hübsch wäre?« »Ja, das sind die Begriffe eines Fähnrichs! Liebe in einer Hütte – mit Thüren und Fenstern – die alte Geschichte zum hundertsten Mal! Das Zwanzigste heirathet nicht! Wir sind kein heirathendes Corps, mein lieber Junge. Da ist jetzt der Oberst, der alte Sir Edwin – –; obgleich ein kompleter General, hat er doch nie an ein Weib gedacht; und wenn ein Mann es zum Lieutenant-General bringt, ohne Ehestand, so ist er ganz sicher. Dann der Oberstlieutenant ist konfirmirt , wie ich meinem Vetter, dem Bischofe, zu sagen pflege. Der Major ist ein Wittwer, der es in seiner Jugend einmal zwölf Monate mit dem Ehestand versucht hat, und wir betrachten ihn jetzt als einen unsrer zuverlässigsten Männer. Unter den zehn Capitains ist nur Einer in dem bösen Dilemma, und er, der arme Teufel, wird immer beim Hauptquartier des Regiments zurückbehalten, als eine Art von memento mori für die jungen Leute, wenn sie eintreffen. Von den Subalternen hat noch nicht Einer die Keckheit gehabt, davon zu sprechen, ein Weib im Regiment einzuführen. Aber Euer Arm macht Euch Schmerzen, und wir wollen selbst gehen, und sehen, was aus Graham geworden ist.« Der Wundarzt, der die Truppe begleitet hatte, war ganz anders beschäftigt, als der Capitain vermuthete. Als der Angriff vorüber war, und die Todten und Verwundeten zusammengesucht wurden, fand man unter den Letzteren die arme Hetty. Eine Büchsenkugel war ihr durch den Leib gegangen, und hatte ihr eine Verletzung beigebracht, die man auf den ersten Blick für tödtlich erkannte. Wie sie diese Wunde erhalten, wußte Niemand; wahrscheinlich war es einer jener Zufälle, wie sie immer Scenen von der Art der im letzten Kapitel geschilderten, begleiten. Die Sumach, alle älteren Weiber und Einige von den Huronen-Mädchen waren durch das Bajonett gefallen, entweder in der Verwirrung des Handgemenges oder wegen der Schwierigkeit, bei solcher Einfachheit des Anzugs, die Geschlechter zu unterscheiden. Bei weitem der größere Theil der Krieger war auf dem Platz geblieben; einige Wenige jedoch waren entkommen, und Zwei ober Drei waren unverletzt gefangen. Bei den Verwundeten ersparte das Bajonett dem Wundarzt viele Mühe. Rivenoak war mit dem Leben und ganzen Gliedern davongekommen, war aber verwundet und gefangen. Als Capitain Warley und sein Fähnrich in die Arche traten, kamen sie an ihm vorbei, der in würdevollem Schweigen am einen Ende der Fähre saß, Kopf und Fuß verbunden, aber durch sein sichtbares Anzeichen Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung verrathend. Daß er über den Verlust seines Stammes trauerte, ist gewiß, aber er that es in der Weise, die einem Krieger und Häuptling am besten geziemte. Die beiden Soldaten fanden ihren Wundarzt in dem Hauptgemach der Arche. Er verließ eben das Bett Hettys mit einem Ausdruck kummervollen Bedauerns in seinen harten, pockennarbigen, schottischen Zügen, die hier zu sehen etwas Seltnes war. Alle seine Bemühungen waren fruchtlos gewesen, und er sah sich genöthigt, widerstrebend der Hoffnung zu entsagen, das Leben des Mädchens noch über einige Stunden gefristet zu sehen. Dr. Graham war gewohnt an Sterbe-Scenen, und gewöhnlich machten sie keinen großen Eindruck auf ihn. Er war in Allem, was die Religion betrifft, Einer von den Geistern, die in Folge davon, daß sie viel über materielle Dinge mit scharfer und bündiger Logik nachdenken und forschen, und den gänzlichen Mangel an sichern Voraussetzungen und Ausgangspunkten übersehen, der einer solchen Theorie jederzeit anhaften muß, weil es ihr immer an einer bewegenden und beseelenden Urkraft fehlt– skeptisch werden; es blieb ihm nur eine unbestimmte, schwankende Meinung über die Entstehung der Dinge, die bei hohen anmaßenden Ansprüchen, Philosophie zu seyn, im ersten aller philosophischen Prinzipien, in Grund und Ursache, im Dunkeln tappte. Ihm erschien religiöses Abhängigkeitsgefühl als eine Schwäche; aber als er ein so zartes und junges Wesen, wie Hetty, mit einem Geist, der nicht zu dem gewöhnlichen Maß ihrer Gattung sich erhob, in einem solchen Augenblick aufrecht erhalten sah durch diese frommen Gefühle, und zwar in einer Weise, daß mancher tapfere, derbe Krieger und gepriesene Held sie mit Neid hätte betrachten dürfen, da fühlte er sich von diesem Anblick gerührt in einem Grade, daß er es sich selbst zu gestehen, sich halb würde geschämt haben. Edinburgh und Aberdeen lieferten damals wie jetzt, dem Brittischen Dienst einen nicht geringen Theil seiner Aerzte; und Dr. Graham war, wie sein Name und Gesicht gleicherweise anzeigten, von Geburt ein Nordbritte. »Das ist etwas Außerordentliches für eine in Wäldern Lebende und nur halb mit Vernunft Begabte,« bemerkte er mit entschieden schottischem Accent, als Warley und der Fähnrich eintraten; »Ich hoffe nur, Gentlemen, daß, wenn wir Drei abberufen werden vom Zwanzigsten, wir dann so darein ergeben seyen, zum Halbsold eines andern Daseyns überzugehen, wie dieß arme unkluge Mädchen!« »Ist keine Hoffnung, daß sie davonkomme?« fragte Warley, sein Auge auf die blasse Judith richtend, auf deren Wangen jedoch, sobald er eingetreten war, zwei große rothe Flecken erschienen waren. »So wenig als für Charlie Stuart! Tretet selbst näher und urtheilt, Gentlemen; Ihr werdet ein Beispiel von Glauben sehen in einer außerordentlichen und wunderbaren Weise. Es ist eine Art von arbitrium zwischen Leben und Tod in wirklichem Kampf in des armen Mädchens Gemüth, das sie zu einem interessanten Studium für einen Philosophen macht. Mr. Thornton, ich stehe jetzt zu Euern Diensten; wir können den Arm gleich im nächsten Gemach besichtigen, während wir so viel uns beliebt über die Operationen und die verschlungenen Eigenschaften des menschlichen Geistes speculiren.« Der Wundarzt und der Fähnrich entfernten sich, und Warley hatte Gelegenheit, sich mit mehr Muße und mit besserem Verständniß der Eigenthümlichkeit und der Gefühle der in der Cajüte versammelten Gruppe umzusehen. Die arme Hetty war auf ihr eignes, einfaches Bett gebracht worden, und lag in halbsitzender Stellung da, die Zeichen des herannahenden Todes in ihrem Antlitz, jedoch eigenthümlich gemildert durch den Glanz eines Ausdrucks, in welchen alle Intelligenz ihres Wesens zusammengedrängt schien. Judith und Hist waren in ihrer Nähe; die Erstere saß da, in tiefer Betrübniß. Die Letztere stand, bereit ihr die zarte Aufmerksamkeit weiblicher Sorgfalt und Pflege zu widmen. Wildtödter stand zu Füßen des Lagers, auf Killdeer gelehnt; er war ganz unverletzt geblieben; all das schöne kriegerische Feuer, das vor Kurzem auf seinem Angesicht geglüht, hatte wieder der gewohnten ehrlichen und wohlwollenden Miene Platz gemacht, – ein Ausdruck, der jetzt mit männlicher Wehmuth und Mitgefühl sich sanft mischte. Die Schlange stand im Hintergrund der Scene, aufrecht und regungslos wie eine Statue; aber so aufmerksam und beobachtend, daß nicht ein Zucken des Auges seinem scharfen Blicke entging. Hurry vervollständigte die Gruppe; er saß auf einem Stuhl in der Nähe der Thüre, als fühlte er sich in einer solchen Scene nicht am Platze, und schämte sich doch, sich unaufgefordert zu entfernen. »Wer ist der im Scharlach?« fragte Hetty, sobald ihr Auge auf die Uniform des Capitains fiel. »Sage mir, Judith, ist es der Freund Hurry's?« »Es ist der Officier der Truppen, die uns Alle aus den Händen der Huronen befreit haben,« war die leise Antwort der Schwester. »Bin ich auch befreit? – Ich meinte, sie sagten, ich sey erschossen und dem Tode nahe. Mutter ist todt, und Vater auch; aber Du lebst, Judith, und so auch Hurry. Ich fürchtete, Hurry werde getödtet werden, als ich ihn unter den Soldaten schreien hörte.« »Laß es gut seyn – laß es gut seyn – liebe Hetty,« unterbrach sie Judith, ängstlich besorgt um die Bewahrung von ihrer Schwester Geheimniß, und vielleicht in diesem Augenblick mehr als je sonst. »Hurry ist wohl, und Wildtödter ist wohl, und der Delaware auch.« »Warum schossen sie ein armes Mädchen, wie ich bin, und ließen so viele Männer unverletzt durchkommen? Ich wußte nicht, daß die Hurouen so ruchlos seyen, Judith!« »Es war ein Zufall, arme Hetty; ein trauriger Zufall war es! Niemand hätte Dir absichtlich ein Leid zugefügt!« »Das freut mich. – Es kam mir sonderbar vor; ich bin schwachsinnig, und die rothen Männer haben mir nie zuvor ein Leid gethan. Es würde mich bekümmern, wenn ich denken müßte, sie hätten ihren Sinn geändert. Es freut mich auch, Judith, daß sie Hurry nicht verletzt haben. Wildtödtern, glaube ich, wird Gott von Niemand ein Leid widerfahren lassen. Es war ein großes Glück, daß die Soldaten gerade in dem Augenblick kamen, denn das Feuer muß brennen.« »Es war in der That ein Glück, meine Schwester; Gottes heiliger Name sey immerdar gepriesen für diese Barmherzigkeit!« »Ich glaube fast, Judith, Du kennst Einen oder den Andern von den Officieren; Du kanntest ja immer so Viele!« Judith antwortete nicht; sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und stöhnte. Hetty schaute sie verwundert an; aber natürlich voraussetzend, ihr eigner Zustand sey der Grund dieser Betrübniß, suchte sie ihre Schwester freundlich zu trösten. »Sey wegen meiner unbekümmert,« sagte das gefühlvolle und herzensreine Geschöpf. »Mir widerfährt nichts Schlimmes, wenn ich sterbe; sind ja Vater und Mutter Beide todt, und was ihnen geschah, mag mir immerhin auch geschehen. Du weißt, es ist an mir weniger gelegen, als an Einem von der Familie; daher werden Wenige an mich denken, wenn ich einmal im See liege.« »Nein, nein, nein – arme, liebe, liebe Hetty!« rief Judith in einem unbezähmbaren Ausbruch von Jammer, – »Ich wenigstens werde immer an dich denken; und freudig, oh! wie freudig würde ich mit Dir tauschen, um das reine, herrliche, sündenlose Geschöpf zu seyn, das Du bist!« Bis jetzt war Capitain Warley an die Thüre der Cajüte gelehnt gestanden; als dieser Ausbruch von Schmerz, und vielleicht von Reue, das schöne Mädchen übermannte, schritt er langsam und nachdenklich weg, und ging selbst an dem Fähnrich, der eben die Behandlung des Wundarzts zu erdulden hatte, vorüber, ohne von ihm Kunde zu nehmen. »Ich habe meine Bibel hier, Judith !« erwiederte ihre Schwester mit triumphirender Stimme. »Es ist wahr, ich kann nicht mehr lesen; es ist Etwas vor meinen Augen; Du erscheinst mir fern und dämmernd – und so auch Hurry, wenn ich ihn jetzt anblicke; – ei, ich hätte nie geglaubt, daß Henry March so matt und grau aussehen könnte! Was mag der Grund seyn, Judith, daß ich heute so schlecht sehe? ich, Von der Mutter immer sagte, ich hätte die besten Augen in der ganzen Familie? Ja, das war es, mein Geist war schwach – was die Leute halbklug nennen – aber meine Augen waren so gut,« Judith stöhnte wieder; dießmal war es kein auf sie selbst Bezug habendes Gefühl, kein Rückblick in die Vergangenheit, was sie schmerzlich ergriff. Es war der reine, herzinnige Jammer schwesterlicher Liebe, erhöht durch das Gefühl von der sanften Demuth und vollkommnen Wahrhaftigkeit des Wesens, das vor ihr lag. In diesem Augenblick hätte sie gern ihr eignes Leben hingegeben, um das Hettys zu retten. Da aber dieß außer dem Bereich menschlicher Macht lag, fühlte sie, daß ihr Nichts übrig bleibe, als Trauer und Kummer. In diesem Augenblick kam Warley wieder in die Cajüte zurück, gezogen von einem geheimen Antrieb, dem er nicht widerstehen konnte, obgleich es ihm eben jetzt zu Muthe war, als würde er gern den amerikanischen Continent für immer verlassen, wenn es thunlich wäre. Statt an der Thüre stehen zu bleiben, trat er jetzt so nahe an das Lager der Leidenden, daß er ihr deutlicher sichtbar wurde. Hetty konnte noch größere Gegenstände unterscheiden, und ihr Blick heftete sich bald auf ihn. »Seyd Ihr der Officier, der mit Hurry kam?« fragte sie. »Wenn Ihr es seyd, so sind wir Euch alle Dank schuldig; denn wenn auch ich Verwundet bin, ist doch das Leben der Uebrigen gerettet. Hat Euch Harry March gesagt, wo wir zu finden und wie bedürftig wir Eurer Hülfe seyen?« »Die Nachricht von der Bande Huronen kam uns durch einen gutgesinnten Eilboten zu,« versetzte der Capitän, froh, seinen Gefühlen Luft machen zu können durch diesen Anschein von freundschaftlicher Mitteilung; »und ich ward augenblicklich abgeschickt, um sie abzuschneiden. Gewiß war es ein Glück, daß mir Hurry Harry begegnete, wie Ihr ihn nennt, denn er diente uns zum Führer, und nicht minder war es ein Glück, daß wir ein Feuern hörten, das, wie ich jetzt erfahren, blos ein Schießen nach dem Ziel war, denn es beschleunigte nicht nur unsern Marsch, sondern führte uns auch auf die rechte Seite des See's. Der Delaware sah uns an der Küste durch das Fernglas, wie es scheint; und er und Hist, wie diese Squaw, so höre ich, heißt, thaten uns treffliche Dienste. Es war in der That ein ganz glückliches Zusammentreffen von Umständen, Judith.« »Sprecht mir Nichts von Glück und glücklichen Umständen, Sir,« erwiederte das Mädchen mit dumpfer Stimme, und verbarg wieder ihr Antlitz. »Mir ist die Welt voll Elend und Jammer. Ich wünschte, nie wieder von Ziel, noch von Büchsen, noch Soldaten, noch Männern zu hören.« »Kennt Ihr meine Schwester?« fragte Hetty, ehe der zurückgewiesene Soldat Zeit hatte, sich zu einer Erwiederung zu sammeln. »Woher wißt Ihr denn, daß ihr Name Judith ist? Ihr habt Recht, Judith ist ihr Name; und ich bin Hetty, – Thomas Hutter's Töchter.« »Ums Himmels willen, theuerste Schwester, um meinet willen, geliebte Hetty,« fiel Judith stehend ein, »sprich nicht mehr hievon!« Hetty schien erstaunt; aber an Gehorsam gewohnt, ließ sie von ihren ungelegenen und peinlichen Fragen an Warley ab, und richtete ihr Auge auf die Bibel, die sie noch in ihren Händen hielt, wie etwa Einer an ein Kästchen mit Edelsteinen bei einem Schiffbruch oder Brand sich anklammern würde. Ihr Geist kehrte jetzt zur Zukunft zurück, und verlor die Scenen der Vergangenheit zum größten Theil aus dem Gesicht. »Wir werden nicht lange getrennt bleiben, Judith,« sagte sie; »wenn Du stirbst, mußt Du auch im See neben der Mutter begraben werden.« »Wollte Gott, Hetty, daß ich schon jetzt dort läge!« »Nein, das kann nicht seyn, Judith; die Leute müssen sterben, ehe sie das Recht haben, begraben zu werden. Es wäre eine Sünde, dich zu begraben, oder gar wenn Du Dich selbst begraben wolltest, so lange Du noch lebst. Einmal dachte ich daran, mich selbst zu begraben; Gott bewahrte mich vor dieser Sünde.« »Du! – Du, Hetty Hutter, an eine solche That denken!« rief Judith, in nicht zu bemeisterndem Erstaunen aufschauend, denn sie wußte wohl, daß kein Wort, das nicht gewissenhaft wahr gewesen wäre, über den Mund ihrer streng redlichen Schwester kam. »Ja, ich, Judith, aber Gott hat es vergessen – nein, er vergißt Nichts, aber er hat es vergeben,« erwiederte das sterbende Mädchen, mit dem zerknirschten Wesen eines reuigen Kindes. »Es war nach der Mutter Tod; ich fühlte, daß ich die beste Freundin auf der Erde verloren hatte, wo nicht die einzige Freundin. Es ist wahr, du und Vater, Ihr wart freundlich gegen mich, Judith, aber ich war so schwachsinnig; ich wußte, ich würde Euch nur Unlust machen; und dann schämtet Ihr Euch so oft einer solchen Schwester und Tochter; und es ist hart, in einer Welt zu leben, wo Alle Einen ansehen als unter ihnen stehend. Ich dachte damals, wenn ich mich an der Mutter Seite begraben könnte, würde ich glücklicher seyn im See als in der Hütte.« »Vergieb mir – verzeih mir, liebste Hetty, auf meinen Knieen liegend bitte ich Dich, mir zu verzeihen, süße Schwester, wenn irgend ein Wort oder eine Handlung von mir Dich zu einem so wahnsinnigen und grausamen Gedanken trieb!« »Steh auf, Judith, kniee vor Gott – kniee nicht vor mir. Gerade so war mir zu Muth, als Mutter starb. Es fiel mir Alles ein, womit ich sie in Worten und Werken betrübt hatte, und ich hätte ihr die Füsse küssen können, ihre Vergebung zu erlangen. Ich glaube, es ist so bei allen Sterbenden; doch, wenn ich mich besinne, so erinnere ich mich nicht, solche Empfindungen bei Vater gehabt zu haben.« Judith stand auf, verhüllte ihr Gesicht in ihrer Schürze, und weinte. Eine lange Pause – von mehr als zwei Stunden – trat nun ein, während welcher Warley verschiedene Male in der Cajüte aus- und einging; es war ihm sichtlich unbehaglich, wenn er weg war, und doch vermochte er nicht zu bleiben. Er ertheilte verschiedene Befehle, welche seine Leute sofort vollzogen; und es war eine unruhige Bewegung unter der Truppe, zumal da Mr. Craig, der Lieutenant, mit der unangenehmen Pflicht, die Todten zu beerdigen, fertig geworden war, und von der Küste um Instruktionen nachsuchte, und zu wissen verlangte, was er mit seinen Leuten thun solle. Während dieser Zeit schlief Hetty ein wenig; und Wildtödter und Chingachgook verließen die Arche, um sich mit einander zu besprechen. Aber nach Verfluß der genannten Frist trat der Wundarzt auf die Plattform; und mit einer Gemüthsbewegung, die seine Cameraden noch nie an einem Mann von seiner Art und seinem Beruf gesehen hatten, kündigte er an, daß die Leidende ihrer Auflösung rasch entgegen gehe. Auf diese Nachricht hin, versammelte sich die Gruppe wieder; die Neugier, Zeugen eines solchen Todes zu seyn, – dero auch ein edleres Gefühl, – zog Männer, die erst vor so kurzer Zeit handelnd aufgetreten bei einer Scene, welche dem Anschein nach von so unendlich wichtigerem Interesse war – nach jener Stelle. Judith hatte inzwischen vor Betrübniß jede Thätigkeit aufgegeben; und Hist allein besorgte die kleinen Dienste weiblicher Aufmerksamkeit, welche am Krankenbette so sehr am Platz sind. Bei Hetty selbst war keine andere sichtbare Veränderung eingetreten, als jene allgemeine Schwäche, welche das Herrannahen der Auflösung verkündigte. Was sie von Geisteskräften besaß, war so klar als nur je, und in mancher Hinsicht war vielleicht ihr Geist kräftiger als gewöhnlich. »Betrübe dich nicht so sehr um mich, Judith,« sagte die sanfte Dulderin, nachdem sie eine Zeit lang nicht gesprochen; »ich werde bald Mutter sehen; ich glaube, ich sehe sie jetzt ; ihr Angesicht ist gerade so hold und lächelnd, wie es immer war! Vielleicht wenn ich gestorben bin, gibt mir Gott meinen ganzen Verstand, und ich werde dann eine passendere Gesellschaft für Mutter, als ich ehemals war.« »Du wirst ein Engel im Himmel seyn, Hetty,« schluchzte die Schwester; »kein Geist wird seines heiligen Aufenthalts würdiger seyn!« »Ich verstehe es nicht ganz; doch weiß ich, es muß Alles wahr seyn; ich habe es in der Bibel gelesen. Wie dunkel es wird! Kann es so bald schon Nacht seyn? Ich kann dich kaum mehr sehen; wo ist Hist?« »Ich hier, armes Mädchen; warum Ihr mich nicht sehen?« »Ich sehe Euch; aber ich konnte nicht unterscheiden, ob Ihr es wäret oder Judith. Ich glaube, ich werde Euch nicht lange mehr sehen, Hist!« »Mir leid thun das, arme Hetty. Bekümmert Euch nicht darüber; Bleichgesichter einen Himmel haben für Mädchen, wie für Krieger.« »Wo ist Schlange? Laßt mich mit ihm sprechen – gebt mir seine Hand – so; ich fühle sie, Delaware, Ihr werdet diese junge Indianerin lieben und hegen; ich weiß, wie zärtlich sie Euch liebt, und Ihr müßt auch sie lieben. Behandelt sie nicht so, wie Manche von Eurem Volk ihre Weiber behandeln; seyd ihr ein rechter Gatte! Jetzt bringt Wildtödter zu mir her; gebt mir seine Hand!« Dieß Verlangen ward erfüllt, und der Jäger stand neben dem ärmlichen Lager, mit der Willigkeit eines Kindes den Wünschen des Mädchens sich fügend. »Ich fühle, Wildtödter,« begann sie wieder, »obgleich ich nicht angeben könnte warum – aber ich fühle, daß Ihr und ich nicht für immer scheiden. Es ist ein sonderbares Gefühl! Ich hatte es nie früher; ich möchte wissen, woher es kommt.« »Es ist Gott, der Euch in der letzten Noth stärkt, Hetty; als solches muß es gehegt und geachtet werden. Ja, wir werden uns wieder sehen, obgleich noch lange Zeit vorher vergehen mag, und in einem weitentfernten Lande!« »Denkt Ihr auch in dem See begraben zu werden? Wenn dieß ist, so könnte es dieß Gefühl erklären.« »Das ist wenig wahrscheinlich, Mädchen, das ist nicht wahrscheinlich; aber es gibt ein Reich für christliche Seelen, wo es weder Seen noch Wälder gibt, wie sie sagen; wiewohl ich mir nicht erklären kann, warum die letztern nicht da seyn sollten; angesehen daß es doch um Friede und Lustsamkeit zu thun ist. Mein Grab wird im Walde seyn, höchst wahrscheinlich, aber ich hoffe, mein Geist wird nicht fern seyn von dem Eurigen!« »So muß es also seyn. Ich bin zu schwachsinnig, um diese Sachen zu verstehen, aber ich fühle , daß Ihr und ich uns wiedersehen werden. Schwester, wo bist Du? Ich sehe jetzt Nichts mehr als Finsterniß. Es muß gewiß Nacht seyn!« »Oh! Hetty, ich bin hier, an deiner Seite; das sind meine Arme, die Dich umschlingen,« schluchzte Judith. »Sprich, Theuerste; hast Du Etwas zu sagen, wünschest Du Etwas in diesem ernsten Augenblick?« Inzwischen war Hettys Gesicht ganz vergangen. Dennoch nahte der Tod nicht mit seinen gewöhnlichen Schauern, als wollte er ein geistig nur halb begabtes Wesen zarter behandeln. Sie war bleich wie eine Leiche, aber ihr Athem war leicht und ununterbrochen, während ihre Stimme, obwohl fast zu einem Flüstern herabsinkend, klar und vernehmlich blieb. Als aber ihre Schwester diese Frage an sie that, ergoß sich eine Röthe über das Angesicht des sterbenden Mädchens, so zart jedoch, daß sie kaum wahrnehmbar war, – mehr jenem Rosenfarb ähnlich, das man für das Symbol der Bescheidenheit nimmt, als der Glut dieser Blume in ihrer üppigeren Blüthe. Niemand außer Judith bemerkte dieß Zeichen eines innern Gefühls – eine der leisen Offenbarungen weiblicher Erregbarkeit noch in der Nähe des Todes. Ihr aber blieb es nicht verborgen, und sie verhehlte sich auch den Grund davon nicht. »Hurry ist hier, liebste Hetty,« flüsterte die Schwester, und beugte sich so nahe über das Gesicht der Leidenden hin, daß kein andres Ohr die Worte vernahm, »Soll ich ihm sagen, daß er herantrete, und deine Segenswünsche empfange?« Ein leiser Druck der Hand beantwortete die Frage bejahend, und jetzt ward Hurry an das Lager gefühlt. Vermuthlich hatte sich dieser hübsche aber rohe Waldmann noch nie zuvor in einer so peinlichen Lage befunden, obwohl die Neigung, welche Hetty für ihn fühlte, (eine Art geheime Nachgiebigkeit gegen die Instinkte der Natur mehr als ein ungeziemender Trieb einer ungeordneten Einbildungskraft) zu rein und zurückhaltend war, als daß die geringste Ahnung davon in seiner Seele geweckt worden wäre. Er ließ Judith seine harte, kolossale Hand in Hetty's Hände legen, und stand in verlegenem Stillschweigen, des Ergebnisses harrend da. »Das ist Hurry, Theuerste,« flüsterte Judith, sich über ihre Schwester beugend, sich schämend die Worte nur so laut auszusprechen, daß sie selbst es hörte; »sprich zu ihm und entlaß ihn dann.« »Was soll ich ihm sagen, Judith?« »Ha, was dir immer dein reiner Geist eingibt, meine Liebe! Vertraue dem, so brauchst du Nichts zu fürchten.« »Lebt wohl, Hurry,« flüsterte das Mädchen und drückte sanft seine Hand – »Ich wünschte, Ihr versuchtet es und würdet mehr Wildtödtern ähnlich.« Diese Worte sprach sie mit Mühe; eine schwache Röthe folgte dann, die nur einen Augenblick währte; dann ließ sie die Hand fahren, und Hetty wandte ihr Angesicht ab, als sey sie mit der Welt fertig. Das geheimnißvolle Gefühl, das sie an den jungen Mann gebunden hatte, eine so leise Empfindung, daß sie sich ihrer selbst kaum bewußt geworden war, und die gar nicht hätte bestehen können, wenn ihre Vernunft mehr Herrschaft über ihre Sinne gehabt hätte, verlor sich für immer in Gedanken höherer, obwohl kaum reinerer Art. »Was denkst du, meine süße Schwester?« flüsterte Judith, – »sag' es mir, damit ich dir beistehen kann in diesem Augenblick.« »Mutter – ich sehe Mutter, jetzt, und glänzende Wesen um sie her im See. Warum ist nicht Vater dort? – Es ist seltsam, daß ich Mutter sehen kann, während ich dich nicht sehen kann! – Fahrewohl, Judith!« Die letzten Worte wurden nach einer Pause gesprochen, und ihre Schwester hatte sich einige Zeit in angstvoller Beobachtung über sie hingebeugt, ehe sie bemerkte, daß der sanfte Geist entflohen war. So starb Hetty Hutter, – eines der rätselhaften Wesen, die Kettenglieder gleichsam zwischen der materiellen und immateriellen Welt, die – während sie so viel zu entbehren scheinen, was für diesen Zustand des Daseyns werthvoll und nothwendig ist, der Wahrheit, Reinheit und Einfalt eines andern so nahe kommen und ein so schönes Bild, eine so rührende Anschauung davon gewähren! Zweiunddreißigstes Kapitel. »Du kannst nicht mit! Hör' an, ich bitt',     Hör' an und laß es seyn. Was ist der Wald für Aufenthalt     Für Dich, du Mädchen fein! In Frost und Schnee, in Durst und Weh,     In Hunger, Furcht und Schmerz; Nein, Mädchen, nein! es kann nicht seyn,     Bleib' hier und still' dein Herz. Was wird die Stadt, die Zungen hat,     So scharf wie Spieß und Schwert, Für bittre Schmach dir reden nach     Wenn sie die Flucht erfährt?« Das nußbraune Mädchen (nach Herder's Bearbeitung.) Der noch übrige Tag ward ein sehr melancholischer, obgleich es nicht an lebhafter Thätigkeit fehlte. Die Soldaten, welche vor Kurzem beschäftigt gewesen, ihre Opfer zu beerdigen, hatten jetzt die Aufgabe, ihre eigenen Todten zu bestatten. Die Scene des Morgens hatte einen trüben Eindruck bei all' den Gentlemen der Truppe zurückgelassen; und die Uebrigen empfanden den Einfluß einer ähnlichen Stimmung in verschiedener Weise, und in Folge verschiedener Ursachen. Stunde um Stunde schleppte sich hin bis der Abend anbrach, und dann kamen die letzten traurigen Pflichten zu Ehren der armen Hetty Hutter. Ihr Leichnam ward in den See versenkt, neben dem der Mutter, die sie so geliebt und geehrt hatte; und der Wundarzt, obwohl in der That ein völliger Ungläubiger, bequemte sich so weit dem hergebrachten Anstand und Brauch, daß er über ihrem Grabe das Leichengebet las, wie er früher schon über dem Grabe der andern gefallenen Christen gethan hatte. Es war gleichgültig, – das allsehende Auge, das in den Herzen liest, wußte dennoch wohl zu unterscheiden zwischen den Lebendigen und den Todten, und die sanfte Seele des unglücklichen Mädchens war schon weit erhaben und entrückt über die Irrthümer oder Täuschungen irgend eines menschlichen Rituals. Es fehlte jedoch diesen einfachen Bräuchen nicht ganz an geziemender Begleitung und Zuthat. Die Thränen Judiths und Hists flossen ungehemmt, und Wildtödter starrte in das klare Wasser, das jetzt über Einer wogte, deren Geist noch reiner sogar war, als seine eignen Gebirgsquellen, mit glänzenden Augen. Selbst der Delaware wandte sich ab, seine Rührung zu verbergen, während die gemeinen Soldaten der Ceremonie mit staunenden Augen und ernsteren Empfindungen zusahen. Mit dieser frommen Pflichterfüllung schloß sich das Geschäft des Tages. Auf Befehl des kommandirenden Officiers begaben sich Alle früh zur Ruhe, denn es war der Plan, mit Tagesanbruch den Rückmarsch wieder anzutreten. Eine Abtheilung, welche die Verwundeten, die Gefangnen und die Trophäen mit sich führte, hatte wirklich schon im Laufe des Tags, unter Hurrys Führung, das Castell verlassen, mit der Absicht, in kürzern Märschen das Fort zu erreichen. Sie war auf dem oft erwähnten Vorsprung, den wir auf den ersten Blättern beschrieben haben, ans Land gesetzt worden; und als die Sonne unterging, lagerte sie schon auf der Höhe der langhingestreckten, unterbrochnen, unebnen Hügel, die gegen das Thal des Mohawk hin abfielen. Der Abmarsch dieser Abtheilung hatte die Pflichten des folgenden Tages sehr vereinfacht, indem er den Marsch um das Gepäck und die Verwundeten erleichterte, und überhaupt dem Befehlshaber größere Freiheit in seinen Bewegungen ließ. Judith sprach nach dem Tode ihrer Schwester mit Niemand als mit Hist, bis sie sich für diese Nacht zur Ruhe begab. Man hatte ihren Kummer geachtet, und die beiden Mädchen mit dem Leichnam, bis auf den letzten Augenblick, ungestört allein gelassen. Das Rasseln der Trommeln unterbrach die Stille dieses friedlichen Wassers, und man vernahm sobald nach dem Schluß der Ceremonie das Echo des Zapfenstreichs in den Bergen, daß man keine Störung zu besorgen hatte. Der Stern, welcher Hists Führer gewesen war, stieg über einer so stillen Scene auf, als ob die Ruhe der Natur nie durch das Treiben oder die Leidenschaften der Menschen wäre gestört worden. Eine einfache Schildwache, zu Zeiten abgelöst, schritt die Nacht über auf der Plattform hin und her; und der Morgen ward, wie gewöhnlich, durch das kriegerische Schlagen der Reveille eingeleitet. Militärische Genauigkeit war jetzt an die Stelle des unsteten, fahrigen Treibens der Grenzmänner getreten, und als ein hastiges und frugales Frühstück eingenommen war, begann die Truppe nach der Küste aufzubrechen mit einer Regelmäßigkeit und Ordnung, welche weder Lärm noch Verwirrung aufkommen ließ. Von allen Officieren blieb nur Warley. Craig führte die vorangegangne Abtheilung; Thornton war bei den Verwundeten, und Graham hatte natürlich seine Kranken begleitet. Auch Hutter's Schrank, nebst allen seinen werthvolleren Habseligkeiten, war weggebracht worden, und Nichts zurückgeblieben, was sich der Mühe des Transports verlohnte. Judith war froh, zu bemerken, daß der Capitän ihre Gefühle achtete, und sich ganz mit den Pflichten seines Commando's beschäftigte, während er sie ihren Empfindungen und ihrer eignen Einsicht und Klugheit überließ. Es war die allgemeine Voraussetzung, daß der Platz ganz verlassen werden solle; aber außer diesem wurden keine Aufklärungen weder verlangt noch gegeben. Die Soldaten schifften sich auf der Arche ein, ihren Capitän an ihrer Spitze. Er hatte Judith befragt, in welcher Weise sie zu reisen wünschte, und als er ihren Wunsch vernahm, mit Hist bis zum letzten Augenblick zu bleiben, belästigte er sie weder mit Bitten, noch verletzte er sie durch Ertheilung von Rath. Es war nur Ein sichrer und bekannter Weg an den Mohawk; und dort zweifelte er nicht, daß sie sich zur geeigneten Stunde in guter Freundschaft, wo nicht in erneuertem vertrauterem Verkehr wieder begegnen würden. Als Alle an Bord waren, wurden die Ruder besetzt, und die Arche bewegte sich in ihrer schwerfälligen Weise dem fernen Landvorsprung zu. Wildtödter und Chingachgook zogen jetzt zwei der Canoe's aus dem Wasser und brachten sie in das Castell. Thüren und Fenster wurden dann verriegelt, und das Haus wurde mittelst der Fallthüre auf die schon beschriebene Weise verlassen. Beim Verlassen der Palisaden sah man Hist in dem übrigen Canoe, wo der Delaware alsbald sich zu ihr gesellte und fortruderte, so daß Judith allein auf der Plattform stehen blieb. In Folge dieser raschen Bewegungen fand sich Wildtödter allein mit der schönen, und noch immer weinenden Leidtragenden. Zu unbefangen, um irgend einen Verdacht zu hegen, ruderte der junge Mann sein leichtes Boot herum, und nahm darin seine Herrin auf, worauf er dieselbe Richtung wie sein Freund einschlug. Die Fahrt nach dem Vorsprung führte schräg, und zwar in nicht großer Entfernung an den Gräbern der Todten vorbei. Als das Canoe dort vorüber glitt, redete Judith, zum ersten Mal diesen Morgen, mit ihrem Begleiter. Sie sprach nur Wenig, – sie that nur die einfache Bitte an ihn, ein paar Minuten zu halten, ehe er die Stelle verließe. »Ich sehe diesen Platz vielleicht nie wieder, Wildtödter,« sagte sie, »und er enthält die Leichen meiner Mutter und meiner Schwester! Ist es nicht möglich, was meint Ihr, daß die Unschuld des Einen dieser beiden Wesen in den Augen Gottes für das Heil Beider gutspreche?« »Ich verstehe es nicht so, Judith; aber ich bin kein Missionär und nur dürftig unterrichtet. Jeder Geist steht ein für seine eignen Fehltritte; obwohl eine herzliche Reue Gottes Gesetzen genügen kann.« »Dann muß meine arme, arme Mutter im Himmel seyn! – Bitter – bitter hat sie ihre Sünden bereut; und gewiß, es sollten ihre Leiden in diesem Leben Etwas von ihren Leiden im andern abziehen!« »Alles das geht über meine Einsicht, Judith, – Ich bestrebe mich, hier recht zu handeln, als das sicherste Mittel, im künftigen Leben Alles recht und tröstlich zu finden. Hetty war ein ungewöhnliches Wesen, wie Alle gestehen müssen, die sie kannten, und ihre Seele war in der Stunde, wo sie ihren Körper verließ, so geeignet mit Engeln zu verkehren, als die irgend eines Heiligen in der Bibel!« »Ich glaube, Ihr laßt ihr nur Gerechtigkeit widerfahren! – Ach! ach ! daß es so große Unterschiede geben soll zwischen Solchen, die an derselben Brust genährt wurden, in demselben Bett schliefen, unter demselben Dache wohnten! Doch lassen wir das – führt das Canoe etwas weiter östlich, Wildtödter; die Sonne blendet meine Augen so, daß ich die Gräber nicht sehen kann. Das ist Hetty, zur rechten Seite meiner Mutter?« »Gewiß – Ihr verlangtet das von uns; und Alle freuen sich, Eure Wünsche zu erfüllen, Judith, wenn Ihr wünscht was recht ist.« Das Mädchen starrte ihn beinahe eine Minute in schweigender Aufmerksamkeit an, dann wandte sie ihre Augen rückwärts nach dem Castell. »Dieser See wird bald ganz verlassen seyn,« sagte sie – »und das in einem Zeitpunkt, wo er ein sichrerer Aufenthaltsort seyn wird als je. Was ganz kürzlich vorgefallen ist, wird die Irokesen auf lange Zeit hinaus von einem neuen Besuch abschrecken!« »Das wird es! – ja, das kann man als ausgemachte Sache behaupten. Ich gedenke nicht wieder des Weges zu kommen, so lange der Krieg dauert; denn nach meiner Meinung wird kein Huronen-Moccasin seine Spuren den Blättern dieses Waldes mehr eindrücken, bis ihre Ueberlieferungen vergessen haben, ihren jungen Männern von ihrer Schande und Vernichtung zu erzählen.« »Und habt Ihr eine solche Freude an Gewaltthat und Blutvergießen? Ich hatte besser von Euch gedacht, Wildtödter – hatte Euch für einen Mann gehalten, der sein Glück finden könnte in einer ruhigen, heimlichen Häuslichkeit, mit einem ergebenen, liebenden Weib, das bereit wäre, auf alle Eure Wünsche zu achten, und gesunden, pflichtmäßigen Kindern, bestrebt in Eure Fußtapfen zu treten, und so redlich und gerecht wie Ihr selbst.« »Herr Gott, Judith, was für eine Zunge wißt Ihr zu führen! Sprache und Schönheit gehen Hand in Hand, gleichsam; und was die eine nicht kann, das leistet desto gewisser die andere! Ein solches Mädchen könnte in einem Monat den mannhaftesten Krieger in der Colonie verderben!« »Und irre ich mich denn so sehr? Liebt Ihr wirklich den Krieg mehr, Wildtödter, als den häuslichen Heerd und die zärtlichen Gefühle?« »Ich verstehe Eure Meinung, Mädchen – ja, ich verstehe, glaube ich, was Ihr meint, obwohl Ihr mich, so denke ich, nicht ganz versteht. Einen Krieger darf ich mich jetzt nennen, denke ich, denn ich habe gekämpft nicht nur, sondern auch gesiegt, und das ist genug, um diesen Namen zu führen; auch will ich nicht läugnen, daß ich eine Neigung für den Beruf habe, der männlich sowohl als ehrenvoll ist, wenn man ihn übt nach natürlichen Gaben; aber ich habe kein Verlangen nach Blut. Indeß, Jugend ist Jugend, und ein Mingo ist ein Mingo. Wenn die jungen Männer dieser Gegend müssig ständen, und die Vagabunden das Land überschwemmen ließen, ha! so könnten wir eben so gut Alle auf einmal Franzmänner werden, und Land und Leute preisgeben. Ich bin kein Feueresser, Judith, oder Einer, der den Kampf um des Kampfs willen liebt; aber ich kann keinen großen Unterschied sehen zwischen dem, daß man das Land abtritt vor einem Krieg, aus Furcht vor einem Krieg, und dem, daß man es abtritt, nach einem Krieg, weil man nicht anders kann – wenn nicht der, daß letzteres das Mannhaftere und Ehrenhaftere ist.« »Kein Weib würde je wünschen, zu sehen, daß ihr Gatte oder Bruder ruhig hinstände und sich Schimpf und Hohn gefallen ließe, Wildtödter, wie sehr sie auch darüber trauerte, wenn er in die Gefahren der Schlacht sich stürzte. Aber Ihr habt schon genug gethan, diese Gegend von den Huronen zu säubern; denn Euch vornämlich verdankt man den Ruhm unsers letzten Sieges. Jetzt hört mich geduldig an, und antwortet mir mit der angeborenen Redlichkeit, welche bei Einem von Eurem Geschlecht zu sehen eben so erfreulich als selten ist.« Judith hielt inne; denn jetzt, wo sie gerade auf dem Punkte stand, sich zu erklären, behauptete natürliche Sittsamkeit ihre Macht, trotz der ermuthigenden Zuversicht, welche die große Unbefangenheit und Treuherzigkeit von ihres Gesellschafters Charakter ihr einflößte. Ihre Wangen, die erst noch so bleich gewesen, flammten, und ihre Augen leuchteten fast wieder mit ihrem frühern Glanze. Ihre Gemüthsbewegung gab ihrem Angesicht Ausdruck und ihrer Stimme Weichheit, und machte sie, die immer so schön war, dreifach einnehmend und verführerisch. »Wildtödter,« begann sie wieder nach einer ansehnlichen Pause, »dieß ist nicht ein Augenblick für Verstellung, Täuschung oder Unoffenherzigkeit irgend einer Art. Hier, über meiner Mutter Grab, und über dem Grabe der wahrheitsliebenden, wahrheitredenden Hetty scheint alles versteckte, unredliche Verfahren nicht am Platze. Ich will daher ohne Zurückhaltung, und ohne alle Furcht, mißverstanden zu werden, zu Euch sprechen. Ihr seyd mir nicht ein Bekannter von einer Woche her, sondern es ist mir, als kennte ich Euch seit Jahren. So Viel, und so viel Wichtiges ist in dieser kurzen Zeit vorgefallen, daß die Bekümmernisse und Gefahren und Rettungen eines ganzen Lebens in wenige Tage sich zusammengedrängt haben; und die miteinander bei solchen Scenen gelitten und gehandelt haben, dürfen sich nicht als einander fremd fühlen. Ich weiß, daß, was ich zu sagen im Begriff bin, von den meisten Männern mißverstanden werden würde; aber von Euch hoffe ich eine großmüthige Auslegung meiner Handlungsweise. Wir befinden uns hier nicht inmitten der Künste und Täuschungen der Ansiedlungen, sondern wir sind junge Leute, welche keine Gelegenheit haben, einander in irgend einer Weise oder Form zu betrügen. Ich hoffe, ich rede verständlich.« »Gewiß, Judith; Wenige konversiren besser als Ihr, und wohl Keine angenehmer. Eure Worte sind so gefällig wie Euer Aussehen.« »Die Art und Weise, wie Ihr dieß Aussehen so oft gerühmt habt, ist es, was mir Muth gibt fortzufahren. Dennoch, Wildtödter, ist es nichts Leichtes für Eine von meinem Geschlecht und meinen Jahren, alle Lehren ihrer Kindheit, all' ihre Angewöhnungen und ihre natürliche Schüchternheit zu vergessen, und offen herauszusagen, was ihr Herz fühlt!« »Warum nicht, Judith? Warum sollten nicht Frauen so gut wie ein Mann offen und redlich mit ihren Mitmenschen verkehren? Ich sehe keinen Grund, warum Ihr nicht so geradeheraus sprechen solltet, wie ich, wenn Ihr Etwas wirklich Wichtiges zu sagen habt.« Die unüberwindliche Bescheidenheit, welche den jungen Mann noch immer die Wahrheit nicht ahnen ließ, würde das Mädchen ganz entmuthigt haben, wäre nicht ihre Seele, wie ihr ganzes Herz entschlossen und begierig gewesen, einen verzweifelten Versuch zu wagen, um sich vor einer Zukunft zu retten, welche sie mit einem Abscheu fürchtete, der nicht minder lebhaft war, als die deutliche Sicherheit, womit sie dieselbe vorherzusehen wähnte. Dieser Beweggrund nun erhob sie über alle gewöhnlichen Rücksichten, und sie blieb bei ihrem Vorhaben, zu ihrem eigenen Erstaunen, wo nicht zu ihrer großen Beschämung. »Ich will – ich muß so offen mit Euch sprechen, wie ich es mit der armen, lieben Hetty thäte, wäre das süße Kind noch am Leben,« fuhr sie fort, und wurde blaß, statt roth. Denn die kühne Entschlossenheit, von der sie getrieben wurde, hielt die sichtbare Wirkung, welche ein solcher Schritt in der Regel bei Einer ihres Geschlechts hätte hervorbringen müssen, zurück, »ja, ich will alle anderen Gefühle in dem Einen ersticken, das jetzt das mächtigste in mir ist. Ihr liebt die Wälder und das Leben, das wir hier in der Wildniß führen, fern von den Wohnungen und Städten der Weißen?« »Wie ich meine Eltern liebte, Judith, als sie noch lebten! Dieser Platz wäre mir wie die ganze Schöpfung, wäre nur einmal dieser Krieg ordentlich vorüber, und hielten sich die Ansiedler entfernt!« »Warum dann ihn verlassen? Er hat keinen Eigentümer – wenigstens keinen, der ein besseres Recht als das meinige geltend machen kann, und das trete ich Euch freiwillig ab. Wäre es ein Königreich, Wildtödter, ich glaube, ich würde mit Freuden dasselbe sagen. Laßt uns dann dahin zurückkehren, nachdem wir erst den Priester im Fort aufgesucht haben, und ihn nie wieder verlassen, bis Gott uns abruft in jene Welt, wo wir die Geister meiner armen Mutter und Schwester finden werden.« Eine lange nachdenkliche Pause trat nun ein; Judith hatte sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, nachdem sie sich gezwungen, einen so offenen Antrag auszusprechen, und Wildtödter sann eben so bekümmert als erstaunt nach über die Meinung der Sprache, die er so eben gehört. Endlich brach der Jäger das Schweigen, und sprach in einem Tone, der bis zur Zartheit gedämpft war durch seinen Wunsch nicht zu beleidigen. »Ihr habt das nicht wohl bedacht, Judith,« sagte er – »nein, Eure Gefühle sind aufgeregt durch Alles was sich jüngst zugetragen, und weil Ihr Euch ohne Verwandte und Freunde in der Welt glaubt, seyd Ihr allzu hastig, Jemand zu finden, der die Stellen der Verlorenen ausfülle.« »Lebte ich in einem ganzen Schwarm von Freunden und Verwandten, Wildtödter, ich würde dennoch denken wie ich jetzt denke – sagen was ich jetzt sage,« erwiederte Judith, die noch immer mit den Händen ihr liebliches Angesicht verhüllte. »Dank Euch, Mädchen, Dank Euch von Grund meines Herzens. Indessen ich bin nicht der Mann, der den Vortheil eines schwachen Augenblicks benützen sollte, wo Ihr Eure eigenen großen Vorteile vergeht, und meint, die Erde mit Allem, was sie enthält, sey in diesem kleinen Canoe. Nein – nein – Judith, es wäre ungroßmüthig von mir; was Ihr mir angeboten habt, kann nie in Erfüllung gehen!« »Es kann wohl, und das ohne daß Eines Ursache zur Reue hätte,« versetzte Judith mit einer Heftigkeit des Gefühls und Benehmens, die sie auf einmal die Hände von den Augen wegziehen machte. »Wir können die Soldaten veranlassen, unsere Habseligkeiten auf dem Weg zurückzulassen, bis wir zurückkehren, wo wir sie dann leicht in's Haus schaffen können; der See wird nicht mehr vom Feind heimgesucht werden, während dieses Krieges wenigstens; alle Eure Häute könnt Ihr leicht bei der Garnison verkaufen. Dort könnt Ihr die wenigen uns nothwendigen Lebensbedürfnisse einkaufen, denn ich wünsche jenen Ort nie wieder zu betreten; und, Wildtödter,« fuhr das Mädchen fort, und lächelte mit einer Holdseligkeit und Natürlichkeit, daß es dem jungen Mann schwer wurde, ihr zu widerstehen, – »zum Beweis, wie gänzlich ich die Eurige bin und zu seyn wünsche, wie gänzlich ich wünsche, Nichts zu seyn als Euer Weib, soll gleich das erste Feuer, das wir nach unsrer Rückkehr aufmachen, angezündet werden mit dem Brokatkleid, und unterhalten werden mit allen Sachen, die ich besitze, und die Ihr für das Weib, mit dem Ihr zu leben wünscht, nicht passend findet!« »Ach, weh! – Ihr seyd ein einnehmendes und liebliches Geschöpf, Judith; ja, das Alles seyd Ihr, und Niemand kann das läugnen, der Wahrheit unbeschadet. Diese Bilder sind den Gedanken gefällig, aber sie möchten nicht so glücklich ausfallen, als Ihr jetzt meint. Vergeßt daher Alles, und laßt uns Schlange und Hist nachrudern, als ob von der Sache gar nicht die Rede gewesen wäre.« Judith war tief gekränkt, und was Mehr ist, tief betrübt. Es lag eine Ruhe und Festigkeit in Wildtödters Benehmen, welche ihre Hoffnungen gänzlich erstickte, und ihr zeigte, daß dießmal ihre außerordentliche Schönheit doch verfehlt hatte, die Bewunderung und Huldigung zu erwecken, die ihr sonst immer entgegenkamen. Man sagt, Frauen vergeben denen selten, die ihr Entgegenkommen mißachten; aber dieß hochsinnige und heftige Mädchen hegte nie, weder damals noch später, auch nur einen Schatten von Erbitterung gegen den offenen und freimüthigen Jäger. Im Augenblick war das vorwiegende Gefühl der Wunsch, sich zu vergewissern, ob kein Mißverständniß obwalte. Nach einer weitern, peinlichen Pause brachte sie daher die Sache zu einem Ende durch eine Frage, die zu einfach war, um eine Mißdeutung zuzulassen. »Gott verhüte, daß wir uns für's spätere Leben Reue bereiten durch einen Mangel an Offenheit jetzt,« sagte sie. »Ich hoffe, wir verstehen einander wenigstens. Ihr wollt mich nicht zum Weib nehmen, Wildtödter?« »Es ist besser für Beide, wenn ich Eure unüberlegte Hast mir nicht zu Nutze mache, Judith. Wir können uns nimmermehr heirathen.« »Ihr liebt mich nicht, – Euer Herz ist vielleicht nicht im Stande mich zu achten, Wildtödter!« »Alles und Jedes in guter Freundschaft, Judith – Alles, meine Dienste und mein Leben selbst. Ja, ich wollte so Viel für Euch wagen, in diesem Augenblick, als für Hist selbst; und das ist so Viel gesagt, als ich nur zu Gunsten einer Tochter des Weibes sagen kann. Ich glaube, ich fühle mich gegen Keine von Beiden so gesinnt – merkt es, Judith, ich sage Keine ! – als möchte ich Vater und Mutter verlassen – wenn Vater und Mutter noch lebten, was jedoch nicht der Fall ist – ober wenn Beide noch lebten, so fühle ich mich gegen kein Weib so gesinnt, daß ich Jene verlassen möchte, um ihr anzuhängen.« »Das ist genug,« antwortete Judith mit beschämter und erstickter Stimme. »Ich verstehe ganz, was Ihr meint. Heirathen könnt Ihr nicht ohne Liebe; und diese Liebe fühlt Ihr für mich nicht. Antwortet nicht, wenn ich Recht habe, denn ich verstehe Euer Schweigen. Dieß schon für sich wird peinlich genug seyn.« Wildtödter gehorchte und antwortete nicht. Länger als eine Minute hielt das Mädchen ihre glänzenden Augen auf ihn geheftet, als wollte sie in seiner Seele lesen; wählend er im Wasser spielend da saß, wie ein gestrafter Schulknabe. Dann senkte Judith selbst ihre Ruderschaufel in's Wasser, und trieb das Canoe von der Stelle weg, mit einer so widerstrebenden Bewegung, als die Gefühle, welche sie dazu veranlaßten. Wildtödter jedoch unterstützte ruhig ihre Anstrengung und bald waren sie auf der spurlosen Bahn, die der Delaware eingeschlagen. Auf der Fahrt nach dem Vorsprung ward kein Wort mehr zwischen Wildtödter und seiner schönen Begleiterin gewechselt. Da Judith im Vordertheil des Canoe's saß, wandte sie ihm den Rücken zu, sonst hätte vermuthlich der Ausdruck ihres Gesichts ihn veranlaßt, einige begütigende, tröstende Worte der Freundschaft und Achtung gegen sie zu wagen. Was man kaum hatte erwarten sollen – sie empfand noch immer keine Bitterkeit gegen ihn, obwohl ihre Farbe häufig von der flammenden Röthe der kränkenden Beschämung zur Blässe der getäuschten Erwartung überging. Kummer, tiefer herzinniger Kummer jedoch war das vorwaltende Gefühl, und dieser verrieth sich auch in einer nicht zu mißdeutenden Weise. Da Keines von Beiden sich sehr anstrengte mit Rudern, war die Arche schon angekommen und die Mannschaft ausgeschifft; ehe das Canoe mit den zwei Nachzüglern den Vorsprung erreichte. Chingachgook war ihr vorgekommen und befand sich schon in einiger Entfernung waldeinwärts auf einer Stelle, wo die beiden Pfade, der nach der Garnison und der zu den Dörfern der Delawaren führende, sich trennten. Auch die Soldaten hatten sich schon in Marschlinie gestellt, nachdem sie zuvor die Arche hatten wegtreiben lassen, gänzlich gleichgültig gegen ihr Schicksal. Alles das sah Judith, aber sie beachtete es nicht. Der Glimmerglas hatte keine Reize mehr für sie; und als sie den Fuß an's Land gesetzt, schlug sie sogleich den Pfad der Soldaten ein, ohne einen einzigen Blick hinter sich zu werfen. Selbst an Hist ging sie vorbei, ohne von ihr Kunde zu nehmen; und dieß bescheidene junge Geschöpf scheute vor Judiths abgewandtem Gesicht zurück, wie wenn sie selbst eines Unrechts sich schuldig wüßte. »Wartet Ihr hier, Schlange,« sagte Wildtödter, der dem Schatten der niedergeschlagenen Schönheit folgte, als er an seinem Freund vorbeikam. Ich will nur Judith zu ihrer Gesellschaft geleiten, und dann Euch wieder treffen.« Hundert Schritte hatten das Paar dem Auge sowohl der Voranziehenden als der Nachkommenden entzogen, als Judith sich umwandte und sprach. »Das wird genügen, Wildtödter,« sagte sie traurig. »Ich verstehe Eure Güte und Freundlichkeit, werde ihrer aber nicht bedürfen. In wenigen Minuten werde ich die Soldaten erreichen. Da Ihr nicht mit mir die Reise des Lebens antreten wollt, wünsche ich nicht, daß Ihr mich auf dieser weiter begleitet. Doch halt! ehe wir scheiden, möchte ich Euch noch Eine Frage vorlegen. Und ich verlange von Euch, wie Ihr Gott fürchtet und die Wahrheit ehrt, daß Ihr mich mit Eurer Antwort nicht täuschet. Ich weiß, Ihr liebt keine Andere: und ich sehe nur Einen Grund ab, warum Ihr mich nicht lieben könnt, nicht lieben wollt . Sagt mir den, Wildtödter,« das Mädchen stockte, und die Worte, die sie im Begriff war zu sagen, schienen sie ersticken zu wollen. Dann all ihre Entschlossenheit aufbietend, fuhr sie mit einem Angesicht, in welchem stammende Röthe und Blässe mit jedem Athemzuge wechselten, fort: »sagt mir denn, Wildtödter, ob nicht vielleicht etwas Leichtfertiges, was Henry March von mir gesagt, Einfluß aus Eure Gefühle gehabt haben mag?« Die Wahrheit war Wildtödters Polarstern, den er immer im Auge behielt; und es war ihm beinahe unmöglich, das Aussprechen derselben zu vermeiden, selbst wenn die Klugheit Schweigen gebot. Judith las seine Antwort in seinem Angesicht; und mit einem Herzen, das beinahe brach durch das Bewußtseyn unverdienten Unrechts, winkte sie ihm ein Lebewohl zu, und begrub sich in den Wäldern. Einige Zeit war Wildtödter unschlüssig, was er thun solle, am Ende aber wandte er seine Schritte rückwärts, und schloß sich an die Delawaren wieder an. In dieser Nacht kampirten die drei an den obern Wassern ihres Stromes, und am folgenden Abend langten sie in dem Dorfe des Stammes an; Ghingachgook und seine Verlobte im Triumph, ihr Begleiter geehrt und bewundert, aber mit einem Kummer, welchen zu vertilgen es Monate der rüstigsten Thätigkeit brauchte. Der Krieg, der damals begonnen, war heftig und blutig. Der Delawarenhäuptling stieg in seinem Volke so hoch empor, daß sein Name nie ohne Lob und Ruhm genannt wurde; während ein neuer Unkas, der letzte seines Stammes, der langen Linie von Kriegern sich anschloß, welche diesen ausgezeichneten Namen trugen. Wildtödter seinerseits, unter dem sobriquet »Falkenauge,« machte seinen Ruf weit und breit bekannt, bis das Krachen seiner Büchse den Ohren der Mingo's so furchtbar wurde, wie die Donner Manitou's. Seine Dienste wurden bald von den Officieren der Armee in Anspruch genommen und er schloß sich im Feld insbesondere an Einen an, mit dessen späterem Leben er in einem engen und wichtigen Verhältnis stand. Fünfzehn Jahre waren verstrichen, ehe Wildtödter wieder Gelegenheit fand, den Glimmerglas zu besuchen. Friede hatte inzwischen geherrscht, und es war am Vorabend eines neuen, noch wichtigeren Krieges, als er und sein beständiger Freund Chingachgook nach den Forts eilten, um sich ihren Verbündeten anzuschließen. Ein junges Bürschchen begleitete sie, denn Hist schlummerte schon unter den Fichten der Delawaren, und die drei Ueberlebenden waren jetzt unzertrennlich geworden. Sie erreichten den See gerade als die Sonne unterging. Hier war Alles unverändert, der Fluß rauschte noch durch sein Gewölbe von Bäumen dahin; der kleine Fels verwitterte allmählig unter dem langsam wirkenden Einfluß des Wassers, das ihn seit Jahrhunderten bespülte; die Berge standen in ihrem natürlichen dunkeln, reichen und geheimnißvollen Gewande da, während der See in seiner Einsamkeit schimmerte, ein schöner Edelstein des Waldes. Am folgenden Morgen entdeckte der Jüngling eines von den Canoe's, das an's Ufer getrieben und im Zustand des Verfalls war. Einige Arbeit stellte es in dienstfähigen Stand her, und Alle schifften sich ein, um den Platz in Augenschein zu nehmen. An allen Vorsprüngen fuhren sie vorbei, und Chingachgook bezeichnete seinem Sohn die Stelle, wo die Huronen zuerst sich gelagert hatten, und den Punkt, von wo es Ihm gelungen war, seine Braut wieder zu entführen. Hier landeten sie auch; aber alle Spuren des frühern Besuchs waren verschwunden. Sodann begaben sie sich nach dem Schauplatz der Schlacht, und hier fanden sie einige der Spuren, welche längere Zeit an solchen Lokalitäten zu treffen sind. Wilde Thiere hatten viele Leichname ausgewühlt, und Menschenknochen bleichten in den Sommerregen. Unkas betrachtete sich Alles mit Ehrfurcht und Rührung, obwohl schon die Ueberlieferungen seinen jungen Geist mit dem Ehrgeiz und Trotz des Kriegers aufregend erfüllten. Von dem Vorsprung aus nahm das Canoe seinen Weg nach der Sandbank, wo die Ueberreste des Castells noch sichtbar waren, eine malerische Ruine. Die Winterstürme hatten längst das Haus seines Daches beraubt, und Fäulniß hatte die Stämme angefressen. Alle Bande und Riegel waren unversehrt, aber die Jahreszeiten trieben ihr Spiel in dem Hause, des Versuchs, sie auszuschließen, gleichsam spottend. Die Palisaden verfaulten, wie auch die Pfeiler; und es war augenscheinlich, daß noch ein paar Winter, noch einige Stürme und Gewitter Alles in den See fegen und das Gebäude von der Oberfläche dieser prächtigen Einsamkeit wegwischen würden. Die Gräber waren nicht zu finden. Entweder hatten die Elemente ihre Spuren verwischt, oder hatten die Suchenden die genauere Lage derselben in der langen Zeit vergessen. Die Arche ward entdeckt, gestrandet an der östlichen Küste, wohin sie längst von den vorherrschenden Nordwestwinden getrieben war. Sie lag auf dem sandigen Endpunkte eines langen, niedern Landvorsprungs, etwa zwei Meilen von der Ausströmung gelegen, der selbst durch die Wirkung der Elemente rasch verschwindet. Die Fähre war mit Wasser angefüllt, die Kajüte ohne Dach, und das Holz in Verfall. Einiges von dem roheren Geräthe war noch vorhanden, und Wildtödters Herz pochte höher, als er ein Band Judiths an einem Holzblock flattern sah. Es erinnerte ihn an alle ihre Schönheit, und, dürfen wir hinzusetzen, an alle ihre Fehler, Obwohl das Mädchen sein Herz nie eigentlich gerührt hatte, war doch dem Falkenauge, denn so müssen wir ihn jetzt nennen, ein aufrichtiges und inniges Interesse an ihrem Schicksal geblieben. Er riß das Band weg und machte daraus eine Schleife am Schaft seiner Büchse, Killdeer, welche ihm das Mädchen selbst geschenkt hatte. Einige Meilen weiter aufwärts am See entdeckten sie ein weiteres Canoe; und auf dem Ausläufer, wo die Gesellschaft am Ende landete, fand man die hier an der Küste zurückgelassenen. Das; in welchem die gegenwärtige Fahrt gemacht wurde, und das an der östlichen Küste gefundene waren durch den zerstörten Boden des Castells durchgebrochen, waren an den zusammenfallenden Palisaden vorbei getrieben und als herrenlose Sachen an den Strand geworfen worden. Aus allen diesen Anzeichen wurde wahrscheinlich, daß der See seit den Vorfällen der letzten Scene unsrer Erzählung nicht mehr besucht worden war. Zufall oder Ueberlieferung hatten ihn wieder zu einem der Natur geheiligten Platz gemacht, und die häufigen Kriege und die schwache Bevölkerung der Colonieen beschränkten noch die Ansiedlungen auf enge Grenzen. Chingachgook und sein Freund verließen den Platz mit schwermüthigen Gefühlen. Es war die Gegend ihres ersten Kriegspfades gewesen, und rief den Seelen Beider das Bild zärtlicher rührender Scenen und Stunden des Triumphes zurück. Sie setzten jedoch schweigend ihren Weg nach dem Mohawk fort, um sich in neue Abenteuer zu stürzen, so merkwürdig und aufregend, wie diejenigen, welche den Anfang ihrer Laufbahn an diesem lieblichen See begleitet hatten. Zeit und Umstände haben einen undurchdringlichen Schleier über Alles geworfen, was mit dem Schicksal der Familie Hutter zusammenhängt. Sie lebten, irrten, starben und sind vergessen. Keine der mit ihnen in Berührung Gekommenen haben so viel Antheil an den mit Unehre Bezeichneten genommen, um den Schleier zu lüften, und ein Jahrhundert verwischt bald das Gedächtniß selbst ihrer Namen. Die Geschichte des Verbrechens ist immer empörend, und es ist ein Glück, daß Wenige gerne bei ihren einzelnen Begebenheiten länger verweilen. Die Sünden der Familie sind längstens vor den Richterstuhl Gottes gezogen worden, oder sind eingetragen für die furchtbare Abrechnung des letzten großen Tages. Dasselbe Schicksal erwartete Judith. Als Falkenauge die Garnison am Mohawk erreichte, erkundigte er sich angelegentlich nach diesem lieblichen aber irregeleiteten Geschöpf. Niemand wußte von ihr – selbst einer Person ihres Namens erinnerte man sich nicht mehr. Andere Officiere waren zu wiederholten Malen an die Stelle der Warley's, Craigs und Grahams gerückt, aber ein alter Sergeant der Garnison, der kürzlich von England gekommen, war im Stand, unserm Helden die Nachricht zu geben, daß Sir Robert Warley auf seinen väterlichen Gütern lebe, und daß eine Dame von seltner Schönheit in dem Landhaus sich befinde, welche großen Einfluß auf ihn ausübe, obwohl sie nicht seinen Namen trage. Ob dieß Judith war, zurückgefallen in ihre frühere Verirrung, ober ein andres Opfer des Soldaten, erfuhr Falkenauge nie, auch wäre eine Nachforschung weder angenehm noch ersprießlich gewesen. Wir leben in einer Welt der Uebertretungen und der Selbstsucht, und keine Gemälde, die sie uns anders darstellen, sind wahr, obwohl zum Glück für die menschliche Natur, Strahlen jenes reinen Geistes, nach dessen Bilde der Mensch erschaffen ist, sichtbar sind, welche ihre Mißgestaltungen verhüllen und mindern, und ihre Verbrechen mildern, wenn nicht entschuldigen.