Karl Emil Franzos Aus Halb-Asien Zweiter Band Land und Leute des östlichen Europa. 1889 III. Aus Rumänien. Rumänische Frauen. (1871.) Giftig grünes Schierlingkraut! Ach! was nützt die schöne Braut Und daß mein Getreide wächst, Es geht doch alles wie verhext! Und zu enden meine Pein, Schlag ein Donnerwetter drein! Rumänisches Volkslied. Ich erinnere mich noch lebhaft des Tages, an dem ich dieses Lied zum ersten Male gehört und wer es gesungen. An einem schönen leuchtenden Augustmorgen war's und die Sonne lag hell und fröhlich über der fruchtbaren, grünen Ebene und über den blauen Wellen der Suezawa und über der Stadt gleichen Namens, der alten Fürstenstadt der Moldau. Ich konnte alle Thürme zählen, als ich so durch die Ebene fuhr, von Itzkani nach Bordujeni. Mein junger Rosselenker pfiff und unterhielt sich mit den Pferden sehr geräuschvoll und plötzlich begann er zu singen und sang jenes Lied in melancholischen, langgezogenen Tönen. »Ilia!« fragte ich erstaunt, »wie kommst du auf dies traurige Lied?« Der Bursche sah mich verwundert an. »Hm! ich weiß selber nicht! Ich habe an Nichts gedacht – es ist mir nur so eingefallen ... die Sonne scheint so schön und das ...« »Macht dich traurig?« »O nein – aber – ich weiß nicht – ich bin ein Rumäne – wir Rumänen sind Alle so –« Mit dieser Erklärung mußte ich mich begnügen. In der That war es aber auch die bündigste, die er mir hätte geben können. »Wir Rumänen sind alle so«. In der Seele dieses Volkes liegt unsäglich viel Trauer und Ingrimm, freilich meist verklärt zu stiller, entsagungsvoller Wehmuth. Darum klingen auch die Lieder dieses Volkes, diese sichtbaren Aeußerungen der Volksseele, so ergreifend. Nicht aus der Reflexion, nicht aus der Betrachtung thatsächlicher Verhältnisse kommt dem Rumänen diese Stimmung, sondern, möcht' ich behaupten, aus angeborenem Instinkt, »'s geht doch Alles wie verhext«, singt mein Ilia, und die rumänischen Poeten singen von dem ›Fluche‹, der auf ihrem Volke lastet. Beide denken sich gleich wenig dabei, aber beide fühlen, daß dem so ist. Worin besteht nun dieser ›Fluch‹?! Wenn ich auf diese kurze Frage ebenso kurz antworten soll, so möchte ich sagen: in der traurigen ›Civilisation‹, die sich über dieses Land ergossen und in der Trägheit der Bewohner. Von beiden muß ich vorher sprechen, wenn ich mich anders nicht der Gefahr aussetzen will, von Lesern des Westens als – Lügner betrachtet zu werden. Denn das Frauenleben in Rumänien ist in Folge dieser beiden traurigen Einflüsse sehr eigentümlich, sehr sonderbar ... ›Civilisation!‹ Das ist ein schönes Wort und es bleibt auch eine schöne Sache, wie viel Unsinniges und Frevelhaftes auch immer schon in ihrem Namen versucht und begangen worden sein mag. Aber speziell um die ›Civilisation‹ des Ostens ist es noch ein ganz besonderes Ding. »Wir müssen uns aus dem Westen die Cultur holen«, sagten sich die Völker des Ostens und holten sich da nicht das, was ›Cultur‹ war, sondern vor Allem das, was ihnen so ›Cultur‹ schien. Dann schienen ihnen diese ›Culturreisen‹ etwas ungenügend und unbequem und sie eröffneten sich die Quellen der Civilisation im eigenen Lande, indem sie Fremdlinge aller Nationen des Westens als Lehrer oder Organisatoren dahin verpflanzten. Das war löblich. Aber diese Quellen waren leider häufig nicht allzu lauter und hatten sich zumeist nur deshalb entschlossen, im fremden Lande zu fließen, weil sie in der eigenen Heimat als überaus getrübt gegolten. Was aber etwa dennoch an echter Bildung und Gesittung hinüberflutete, das kam nicht allmählig und klärend, das war und blieb fremd, das verband sich nicht mit den nationalen Sitten und Verhältnissen zu einem harmonischen Ganzen. Was also hat die ›Civilisation‹ im Osten bisher gefruchtet?! Meiner Ueberzeugung nach nur Folgendes: sie hat in den höheren Kreisen der Gesellschaft jede bisher bestandene Besonderheit verwischt und an ihre Stelle die Herrschaft der Mode und der seichten Phrase gesetzt, in den niederen Schichten aber gar nichts zu wirken vermocht, so daß diese noch heute in althergebrachter Lebensanschauung und Barbarei verharren. Manchem mag diese Ansicht zu pessimistisch erscheinen, für mich steht sie als Wahrheit fest. Freilich muß hinzugefügt werden, daß sich diese einseitige, traurige Aeußerung des Culturlebens zwar im Allgemeinen bei allen Völkern des slavisch-romanischen Ostens findet (bei den Polen, Russen, Russinen, Rumänen, Serben u.s.w.), daß sie sich aber nach dem mehr oder minder bedeutenden Grade der nationalen Cultur modifizirt, die ein Volk der fremden ›Cultur‹ entgegenzusetzen vermochte. Wir finden sie daher z.B. bei den Polen und Russen weniger ausgeprägt. Am stärksten aber ohne Zweifel bei den Rumänen. Bei diesen aus zwei gleich wichtigen, gleich schwerwiegenden Ursachen. Einmal, weil hier der Strom der Bildung über ein rohes, barbarisches Volk hereinbrach, das der Halbmond in jahrhundertelanger drückender Herrschaft gehalten, das daher keine Spur nationalen Geisteslebens aufzuweisen vermochte, und zweitens, weil in den Donaufürstenthümern fast ausschließlich der Einfluß französischer Civilisation geltend gewesen. Diese hat auf Aeußerlichkeiten gewirkt, sie hat moderne, ja überaus moderne, ganz entsetzlich moderne Formen und Sitten gebracht, keineswegs wahre Bildung. Die höheren Klassen nach Außen civilisirt, im Innern ungebildet wie einst, die niederen in demselben traurigen Zustande, wie vor Jahrhunderten, so darf man – sine ira et studio – das rumänische Volt charakterisiren. Dieses Urtheil wurde 1871 geschrieben. Wie weit es heute – nach 17 Jahren – noch Geltung hat, hierüber enthält die Einleitung einige orientirende Bemerkungen. Ueber die soziale Stellung der Frau im Osten überhaupt gibt ein Abschnitt meiner Kulturbilder »Aus der großen Ebene« (Band II. S. 221 ff, »Frauenleben in Halb-Asien«) erschöpfenden Aufschluß. Manches, was hier, dem begrenzten Thema entsprechend, von der Rumänin berichtet wird, findet sich dort als typischer, bei vielen Völkern des Ostens wiederkehrender Zug nachgewiesen. (Anm. z. 3. Aufl.) Ein Hauptunglück des Rumänen ist ferner, wie erwähnt, seine Trägheit . ... Reich und fruchtbar ist das schöne Land an den Ufern der Donau, der Aluta und des Pruth, aber der Bewohner weiß den Segen nicht zu wecken, der im Boden schlummert und noch minder versteht er ihn zu nützen. Er ist stumpfsinnig, träge, gedanken- und arbeitsfaul. Versumpft ist das edle Blut, das in den Adern der Abkömmlinge der stolzen, thatkräftigen Römer rollt. Der rumänische Bauer bebaut und besäet im Frühling und Herbste von seinem Acker gerade so viel, um im Sommer und Winter nicht Hungers sterben zu müssen, und gerade so viel kümmert er sich um seine enge, niedrige Hütte, daß sie ihm nicht über dem Kopfe zusammenstürze. Wer durch dieses Land reist und die Hälfte der Felder brach liegen sieht und dann in die kleinen, schmutzigen Dörfer kommt und die Bewohner faul und matt vor den Hütten lungern sieht, könnte glauben, eine verheerende, verödende Krankheit sei eben durch das Land gezogen. Aber so sieht es in Rumänien immer aus, und diese Leute scheinen zu glauben, es müsse so sein. Und warum ist es so? Mein Ilia meint: »'s geht nun einmal Alles wie verhext und nur noch ein Donnerwetter kann helfen.« Und der Dichter Alexandri singt: »Es ist nun einmal ein alter Fluch, der auf unserm edlen Volke liegt.« Aber das sind ziemlich vage Erklärungsgründe für ein greifbares Uebel. Vielleicht gelingt es uns, stichhaltigere aufzufinden, wenn wir uns in unser Thema vertiefen. Zwei Typen kommen hauptsächlich in Betracht, wenn man die soziale Stellung und die Lebensweise der rumänischen Frauen zu schildern sucht: die Bäuerin und die Bojarin. Denn der Mittelstand ist eben erst in der Entwickelung begriffen. Wie jedes Volk, das erst kürzlich aus barbarischen Zuständen herausgetreten, dessen Handel und Gewerbe gänzlich darniederliegt und in seinen Anfängen vollständig von Nichteingeborenen usurpirt wird, haben die Rumänen, wie z.B. auch die, sonst auf viel höherer Stufe stehenden Polen, keinen eigentlichen Bürgerstand. Das ist das Hauptunglück des Landes. Der Lebenslauf der Rumänin ›aus dem Volke‹ ist fast immer derselbe, mag nun die Anitza oder Maritza schön oder häßlich, mag sie – natürlich nach den Begriffen des Dorfes – reich oder arm sein. In der niedern Hütte geboren, wächst das Kind fast ganz ohne Pflege und Aufsicht empor. Es macht seinen Eltern, außer der spärlichen Nahrung, keinerlei Sorgen und Ausgaben, auch nicht für die Bekleidung. Man muß es gesehen haben, daß ein grobleinenes Hemde in den rumänischen Dörfern für ein vier- oder fünfjähriges Mädchen noch ein Luxus ist, den ihm die Eltern höchstens an Sonn- und Feiertagen gestatten. Das Mädchen wächst heran, natürlich ohne Schulunterricht. Denn es gibt in Rumänien fast gar keine Dorfschulen, d.h. faktisch, auf dem Papiere mögen ihrer genug stehen; das Papier ist eben in Rumänien nicht ungeduldiger als anderwärts. Die Herren haben keine Zeit dazu, sich um das Schulwesen zn bekümmern; sie müssen in ihre Verfassung überaus freisinnige Bestimmungen hereinbringen; z.B. die Abschaffung des Adels. Es gibt keinen grellern Gegensatz auf Erden, als die Theorie und die Praxis im rumänischen Dorfschulwesen. Ich kann mcht umhin, an dieser Stelle ein einschlägiges persönliches Erlebnis zu erzählen, da es überaus charakteristisch ist. In einem Bukarester Salon hatte ich vor einiger Zeit die Ehre, dem damaligen Kultus- und Unterrichtsminister Rumäniens (die Herren wechseln bekanntlich rasch und der Betreffende ist jetzt wieder, was er früher war – Lebemann nämlich) vorgestellt zu werden. Da ich zu jener Zeit eben einige Reisebriefe in der ›Neuen freien Presse‹ hatte erscheinen lassen und er daher vermuthete, ich könnte auch diese meine Reise literarisch verwerthen, so schilderte er mir in liebenswürdigster, ausführlichster Weise den Stand seines Ressorts und schloß mit den Worten: »Sie sehen – unser Volksschulwesen ist dem der Schweiz ebenbürtig. Wenn Sie übrigens noch nähere Daten –« ... Ich dankte verbindlichst, da ich nicht die Absicht hatte, über das Thema zu schreiben, und ließ nebenbei durchschimmern, daß ich, als der Landessprache einigermaßen kundig und nicht zum ersten Male im Lande, über den wahren Stand der Sache hinreichend instruirt sei. Da sahen mich Se. Exzellenz zuerst verdutzt an und riefen dann lachend: »Nun – da habe ich Ihnen freilich umsonst blauen Dunst vorgemacht. Ich mußte es ja schandenhalber thun. In Wahrheit steht es schändlich – Sie haben Recht. Aber alle Mühe wäre nutzlos: unsere Bauern schicken nun einmal ihre Kinder nicht in die Schule ...« »Es käme auf die Probe an!« warf ich ein. – »Nun, dann mag ein Anderer probiren«, brach er lachend ab. Der einzige Unterricht, den das rumänische Dorfkind genießt, ist der Religionsunterricht. Aber auch den zieht es nur aus den unverstandenen, schwerfälligen Formen des griechisch-orientalischen Gottesdienstes und aus dem Köhlerglauben der Eltern. Dieser Köhlerglaube mag für den Culturhistoriker sehr interessant sein – es ist eigenthümlich, wie sich die ewig heiteren Heidengötter im Laufe der Jahrhunderte in diesen Landschaften in düstere Gespenster und Dämonen gewandelt – für den Menschenfreund jedoch ist er sicherlich nur sehr betrübend. Aber kümmern sich denn Seine Hochwürden der Herr Pope nicht um die Kleinen? Seine Hochwürden, der Herr Pope! Ach, dieser Mann ist in der Regel ein eigenthümliches Exemplar eines Seelsorgers. Der Sohn eines Popen oder Bauern, ist er – fast ohne jede Vorbildung – auf drei oder vier Jahre in eines jener zahlreichen Priesterseminare gesteckt worden, wo er Lesen und Schreiben, dann das Absingen der Ritualgebete gelernt und wo ihm als einzige Vorbereitung für seinen heiligen Beruf der Katechismus eingebläut worden. So ausgerüstet, wird er, nachdem er ein Weib genommen, zum Priester geweiht und erhält eine Dorfpfarre, um da vollständig zu verbauern. In seinen Predigten ist Gott ein strenger Herr, der außer dem obligaten Frommsein und Wohlthun der Menschen an einem Dinge besonderes Wohlgefallen hat: wenn man dem Verkündiger seines Wortes, dem Popen, den Zehnten und die Sporteln reichlich entrichtet und noch außerdem zuweilen eine milde Gabe in's Haus bringt. Das köstlichste Musterbild eines solchen Priesters des Herrn lernte ich auf meiner Eingangs erwähnten Fahrt in der Moldau, in der Nahe von Vordujeni, kennen. Seine Hochwürden fragten mich unter Anderm, ob die Deutschen wirklich Heiden seien, ob der Kaiser der Deutschen, Namens Bismarck, in der That zwölf Fuß hoch sei und in welcher Art ein Blitzableiter nützlich werden könne ... So seltsam diese Stichproben klingen mögen – ich verbürge mich hiermit für ihre Wahrheit. Und am Sonntag Nachmittags präsentirten sich mir Seine Hochwürden in einem Zustande so kolossaler Betrunkenheit, wie ich dergleichen selbst in den Hafenkneipen von Hamburg oder Odessa nie gesehen. Und das will bekanntlich etwas sagen. Von seinem neunten, zehnten Jahre an, oft noch viel früher, wird das Kind dazu angehalten, der Mutter bei ihren meist sehr schweren Arbeiten zu helfen. In ihrem dreizehnten, vierzehnten, höchstens fünfzehnten Jahre ist die Rumänin körperlich vollständig entwickelt. Und man findet da oft schöne, zierliche Gestalten. Der römische Typus, obwohl vielfach durch Heirathen mit Slaven verwischt, zeigt sich in der schön und stolz geschwungenen Nase, in dem fein und scharf gezeichneten Munde, in dem schwarzen, glänzenden Haare, in der eigenthümlichen, aber nicht unschönen Broncefarbe des Gesichts. Betrachtet man die junge Rumänin in ihrem Festschmuck, dem linnenen Hemde, das mit allerdings ziemlich kunstlosen Stickereien verziert ist, dem nationalen, aus einem Stücke geschnittenen, durch eine Spange zusammengehaltenen Tuchrock, der, in der Taille befestigt, sich dicht an die Hüften schmiegend bis an die Knöchel fällt, dem leichten, tunicaartigen, meist blauen Mäntelchen, lauscht man dazu ihrer Sprache, die fast in jedem Laute an jene des alten Rom erinnert, wahrlich – es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich die römischen Landmädchen aus den Zeiten Cicero's zu denken! Und schier wäre da vielleicht auch ein Schalk versucht, mit dem alten Flaccus zu sagen: ›Ne sit tibi pudori, amare ancillam ...‹ So geschmückt und – reinlich kann man die Mädchen freilich nur an Sonntagen, sowie an den übrigens sehr zahlreichen Festen ihrer Kirche sehen. Auf einem freien Platze, gewöhnlich vor dem Wirthshause, tanzt dann die Dorfjugend. Das Orchester besteht aus dunkelhaarigen, glutäugigen, meist scheußlich zerlumpten Zigeunern, einem Geiger und einem Cymbalschläger. Die Tänze des rumänischen Landvolkes sind besonderer Art; sie sind fast durchweg keine Rundtänze, sondern bestehen aus einer Reihe bunt abwechselnder hübscher Gruppirungen. Am beliebtesten ist die ›Romana‹. Nach dem Tanze begleitet – wie allüberall – der Bursche das Mädchen nach Hause. Die Liebenden werden gewöhnlich nach kurzer Frist Braut- und Eheleute. Auch hier bestimmt meist ein äußerer Umstand, nicht der Drang des Herzens, die Wahl. Auch hier stellen Reichthum und Besitz scharfe, unüberklimmbare Schranken auf. Es gibt überhaupt weniger Idyllen auf der Welt, als zarte Damen nnd langhaarige Poeten glauben. Das Mädchen ist zum Weibe geworden; es tritt sein Amt im Hause an. Aber es ist kein leichtes Amt. Mit der Stunde, wo das junge Mädchen unter eigentümlichen, sehr lebhaft an die Hochzeitsgebräuche der Römer erinnernden Ceremonien in das Haus des Gatten tritt, hat sie von den Freuden des Lebens so ziemlich Abschied genommen. Denn das rumänische Weib ist die Sklavin ihres Gatten. Nicht etwa darin nur, daß er ihr seine Liebe sehr häufig in bunten Striemen auf den Körper schreibt – das wäre keine Eigentümlichkeit der Rumänen, das findet sich bei allen Völkern des Ostens – , sondern hauptsächlich darin, daß ihr nun die Sorge für die Erhaltung des Hauses ausschließlich obliegt. Sie ist nicht die Gehilfin des Mannes, sie ist seine Dienerin. Jene empfindsame Gräfin, die vor einiger Zeit bei einem Wiener Frauentage, praktisch und vernünftig, wie alle Vorkämpferinnen der Frauen Emancipation, eine Motion für die armen Türkinnen einbrachte und sie besonders durch die Polygamie des Moslems begründete, hätte Gegenstände ihres Mitleids nicht so weit zu suchen gebraucht, sie hätte deren in den Karpathen und an der Donau genug gefunden. Denn der rumänische Bauer beschränkt seine Thätigkeit auf die Bestellung des Ackers; die Besorgung der Hausthiere, die Beschaffung der Lebensmittel, ja man darf sagen: alle und jede andere Sorge überläßt er seinem Weibe. Und in dieser harten, ungebührlichen Arbeit und Anstrengung ist auch der Grund dafür zu finden, daß die Rumänin mit fünfzehn Jahren blühend und schön, mit dreißig Jahren ein alterndes Weib, mit vierzig Jahren eine Greisin ist. Und kaum minder schnell geht es mit der Kraft des Mannes abwärts. Denn was bei dem Weibe die Arbeit, bewirkt bei ihm der – Schnaps! Trotz solcher Behandlung, trotz solcher Lebensweise ist das rumänische Bauernweib keine stumpfe, gedankenlose Arbeitsmaschine; sie hat ein eigen geartetes, charakteristisches Gedankenleben. Das rumänische Weib ist stets freundlich, heiter und sangeslustig. Nie läßt sie bei ihrer harten und oft so mühsamen Arbeit in trübem Schweigen den Kopf hängen; sie begleitet all' ihr Thun mit Gesang. Was sie singt ist unendlich mannigfaltig. Bald ist es nur die Melodie einer ›Doina‹, dieser eigentümlich ergreifenden, melodischen Klage des Rumänen; bald die eines fröhlichen Nationaltanzes, am häufigsten aber ein Volkslied. Denn wie eine wilde Blume, unbekannt, verachtet, aber schön, duftig und stark blüht das Volkslied in den Bergthälern der Karpathen, in den fruchtbaren Niederungen an der Donau. Noch hat es die Cultur nicht verdrängt, noch hat sie nichts an seinem Inhalt, seiner Form geändert. In dem Volksliede, vielleicht der einzigen wahrhaft schönen, wahrhaft reinen Blüthe, welches dieses Volksleben getrieben, liegt unverfälscht und unverdorben das Herz, das ›Sinnen und Minnen‹ des Rumänen; wer es kennt und versteht, hat darin den Schlüssel zu seinem Wesen. Das Volkslied aber, wie das Märchen wird in Rumänien hauptsächlich von dem Weibe gepflegt. Daher schmiegt es sich allen seinen Verhältnissen an, daher findet die Rumänin für jede Situation, für jedes Leid, für jede Freude in einem Liede den Ausdruck ihres Gefühls. Und ist der Ausdruck noch nicht geschaffen, nun – so schafft sie sich ihn selber. Es ist auf den ersten Blick seltsam: in dem Herzen dieses verachteten, von den Sorgen des Daseins fast erdrückten Weibes lebt ein reicher Schatz poetischer Empfindung: das rumänische Weib ist Dichterin! Das Lied freilich, das sie in dem einen Momente hinaussingt in die blühende Flur des Südens, um es im nächsten zu vergessen, ist sehr kunstlos, sehr einfach, aber – ich versichere es und könnte es beweisen – es lebt mehr, weit mehr ursprüngliche Poesie darin, als in den Versen so manches deutschen oder französischen Modedichters. Dieser Gabe, die natürlich je nach der Individualität der Einzelnen mehr oder minder intensiv ist, verdankt die Rumänin vielleicht die Elastizität ihres Wesens, vielleicht müßte sie ohne dieselbe verkommen oder zum Thiere hinabsinken. Diese Schöpfungen des Augenblicks verstieben freilich zumeist; aber die verhältnißmäßig wenigen, die im Volksmunde fortleben, bilden in ihrer Vereinigung eine so reiche, so anmuthige Volkspoesie, wie sie, als in der Gegenwart blühend, kaum eine andere Nation aufzuweisen vermag. ... Von Mutterliebe und Muttersorgfalt – wenigstens von einer derartigen, wie sie im Westen zu Hause – weiß das Herz der Rumänin wenig. Dies ist auch so natürlich! Sie behandelt ihre Kinder ebenso stumpf und gleichgiltig, wie sie einst von ihrer Mutter behandelt worden. Gleichwohl liebt sie sie im Grunde in ihrer Art innig. Dies zeigt sich namentlich, wenn eines der Kleinen krank wird und stirbt. Indeß der Vater in solchen Momenten vielleicht nur deshalb etwas dumpfer und betrübter in die Welt starrt, weil er der Begräbnißkosten gedenkt, die der Pope unbarmherzig einfordern wird, ist die Mutter aufgelöst in Schmerz und in tiefen, wahren Schmerz. Ist ihr doch das Kind auf ewig verloren, fehlt ihr doch der tröstende, erhebende Glaube an ein Wiedersehen nach dem Tode! Woher sollte ihr auch dieser Glaube kommen? Aber trotz alledem ist die Rumänin fromm, sehr fromm – freilich in eigenthümlicher Weise. Sie übt eben einen äußerlichen und formellen, nicht einen Cult des Herzens. Ihr ist Gott ein mächtiger Herrscher, aber ein sehr konstitutioneller, dessen Minister, die Heiligen, dessen erste Rathgeberin, die Heilige Jungfrau, eigentlich weit mehr vermögen, als er. Darum opfert sie ihnen häufig eine Wachskerze und sagt an ihren Festtagen, ihnen zu Ehren, unzählige Male das ›Vater unser‹ her, gewöhnlich zugleich das einzige Gebet, das sie kennt. In ihrer Vorstellung sind das eben gar hohe Herrschaften, mit denen man es nicht verderben dürfe. In gleich hoher Verehrung stehen bei ihr übrigens auch die Geister und Dämonen, unter welcher Gestalt in oft noch deutlich nachweisbarer Art – wie bereits oben angedeutet – die alten Heidengötter fortleben. Aber die eigentlichen Helfer sind ihr doch die wunderthätigen Heiligenbilder in Kirchen und Klöstern. Zu welcher sonderbaren Verzerrung des Christenthums solcher Glaube führt, mag folgende wahrheitsgetreue Erzählung darlegen. Ich wanderte einst an einem heißen Augusttage durch das Suczawathal der südlichen Bukowina. Da begegnete mir nächst dem Kloster Dragomirna, wo sich ein wunderthätiges Heiligenbild befindet, ein rumänisches Bauernweib, das mit großer Mühe ein bleiches, abgezehrtes, etwa zehnjähriges Mädchen auf dem Arme fortschleppte. Sie wolle nach dem Kloster zu Putna, zum dortigen Marienbilde, erzählte sie auf meine theilnehmende Frage; vielleicht könne dieses ihrem armen Kinde helfen. Und als ich darauf erstaunt meinte, warum sie so weit wolle, da doch im Kloster Dragomirna gleichfalls ein wunderthätiges Bild sei, da erwiederte sie mir wörtlich: »Ja, der Heilige in Dragomirna kann helfen, wenn ein Viehstück erkrankt oder um gestohlene Sachen wieder zu erhalten, aber für menschliche Krankheiten ist nur die heilige Jungfrau in Putna gut! ...« Noch zweier hervorragender Eigenschaften der Rumänin dieser Schichte sei hier Erwähnung gethan, einer guten und einer schlimmen. Die gute Eigenschaft ist die unerschütterliche eheliche Treue, die das Weib ihrem Gatten wahrt. Daß ein Bauernmädchen zu Falle kommt, gehört im rumänischen Dorfe zu den Alltäglichkeiten, die kaum der Erwähnung werth sind; Ehebruch hingegen ist äußerst selten. Es sei dies bei der Schilderung des Bauernweibes hervorgehoben, weil uns in den höheren Ständen, die nahezu entgegengesetzte, gewiß sehr betrübende Erscheinung begegnen wird. Eine schlimme Eigenschaft hingegen ist die innige, ewig schmachtende, ewig nach neuem Genuß begehrende Liebe, welche die Rumänin jedem geistigen Getränk, es mag nun Wein, Meth oder Branntwein heißen, in edler Eintracht mit ihrem Gatten entgegenträgt. Ein Rausch an den Nachmittagen der Sonn- und Festtage ist so hergebracht, daß es für unschicklich gelten würde, sich dessen zu enthalten. Die Gatten sinken gewöhnlich friedlich unter einen Tisch. Ob übrigens der Mann das Weib, oder das Weib den Mann zum Trinken verleite, diese Frage wollen wir offen lassen und uns zur Betrachtung der höheren Schichten der rumänischen Frauenwelt wenden, vorher aber auf die wenigen Gestalten des Mittelstandes einen Blick werfen. Hier sei zuerst der Popenfrau gedacht. Sie ist gewöhnlich zugleich die Tochter eines Popen und auf den heiligen Beruf des Vaters und des Gatten nicht wenig stolz. Ebenso auf ihre Kleidung, die eine seltsame, meist sehr komisch wirkende Mischung städtischer und ländlicher Tracht ist. Darum verkehrt sie auch mit den Weibern im Dorfe – von denen sie sich in Bildung und Aufklärung übrigens wenig unterscheidet – sehr von oben herab und würdigt höchstens das Weib des ›Dvornik‹ (Dorfrichters) ihres Umganges. An Sonn- und Festtagen pflegt sie in der Kirche mit einem mächtigen Gebetbuche ausgerüstet zu erscheinen, das zwar auf die versammelten Gläubigen sehr imponirend wirkt, dessen Inhalt ihr jedoch meist ein Räthsel bleibt, da sie in der Regel der Kunst des Lesens nicht mächtig ist. Beiläufig auf derselben Stufe der Bildung steht das Weib des kleinen Landbesitzers oder Pächters, nur daß dieses noch stolzer und schroffer auftritt, da es nicht mehr zu arbeiten braucht, sondern auch einigen Dienern gebieten kann. Etwas höher schon steht die Gattin des Krämers, des wohlhabenden Handwerkers, des niederen Beamten in den Städten und Städtchen der Donaufürstenthümer. In ihrer Tracht, die oft schreiend geschmacklos ist, ahmt sie die moderne Mode nach, ebenso sucht sie ihr Benehmen nach dem der Vornehmen einzurichten. Auch spricht sie manchmal sogar französisch, »aber fragt mich nur nicht – wie«. Von der Herrschaft des Mannes hat sie sich bedeutend emanzipirt – er ist oft ihr Sklave. Auch darin ahmt sie den vornehmen Frauen Rumäniens nach. ... In keinem andern Lande haben sich die gesellschaftlichen Zustände der höheren Klassen innerhalb weniger Jahrzehnte so verändert, wie in Rumänien; vielleicht kennt die Culturgeschichte keines andern Volkes eine so durchgreifende Umwälzung des socialen Lebens in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit. Die Stellung der Frau namentlich ward eine durchweg geänderte. Es war ein eigenthümliches Leben, das die Bojarin, die vornehme Rumänin überhaupt, noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts führte. Auf ihrem einsamen Edelhofe auf dem flachen Lande oder im ›Palais‹ in der Stadt lebte die Herrin des Hauses ein gleich einförmiges, gleich eng begrenztes Dasein, auf dessen Gestaltung das Familienleben der Türken und Phanarioten mächtig eingewirkt. Das Reich der Frau war das Haus, die vier Pfähle, innerhalb deren sie lebte – was außerhalb derselben lag, kümmerte sie nicht. Sie verließ ihre Gemächer nur, um eine Freundin zu besuchen, oder um im Hausgarten zu weilen. Konzerte, Bälle, Theater existirten nicht für sie, und sie hatte auch kein Bedürfniß darnach. Ihr Bildungsgrad war ein sehr geringer; der edlen Künste des Lesens und Schreibens war sie nur in den seltensten Fällen kundig. Ihr Wirkungskreis im Hause war ein sehr enger; im seltsamen Gegensatze zu den Verhältnissen, denen wir in den unteren Volksschichten begegnet. Den Abend brachte sie im häuslichen Kreise, d.h. mit den Kindern und Dienerinnen zu, indeß der Herr und Gemahl entweder bei seiner Maitresse weilte oder eine Spielhölle aufsuchte. So spann sich dies einförmige Leben ab, ein Leben, welches in vielen Zügen an das Haremleben erinnert, welches die bevorzugten Frauen reicher Türken führen. Wie so ganz anders lebt die vornehme Rumänin unserer Tage! Verschwunden ist die einfache, träumerische, ruhig und gleichmäßig dahinlebende Frau – die Rumänin von heute ist die glänzende, moderne, von Vorurtheil und hergebrachter Beschränkung emanzipirte Dame der vornehmen Kreise des Westens. Und doch wieder eine ganz eigenthümliche Dame, deren Besonderheit nicht allein darin liegt, daß sie in der Moldau geboren wurde, nicht in Frankreich, – daß sie in Jassy lebt, nicht in Paris. Der Schlüssel zur Erklärung dieser ihrer Eigentümlichkeit aber liegt in ihrer Erziehung. Es sind sonderbare Verhältnisse, in die das Kind rumänischer Vornehmer tritt, die es meist schon sehr früh erkennen lernt. Eine Amme hat es ernährt und gepflegt; nur selten hat sich die Mutter um ihr Kind gekümmert. Sie hat es höchstens zuweilen aus der Ammenstube in ihre Gemächer herübertragen lassen, um es anzusehen, wenn sie gerade eine freie Stunde hatte, d.h. wenn sie sich weder von ihrem Anbeter unterhalten ließ, noch einen Roman von Sue oder Kock las, wenn sie weder Karten spielte, noch auf dem Ball, im Concert oder in der Oper war. Bis in sein fünftes, sechstes Jahr bleibt das Kind in der Gesindestube, spielt mit den Kindern der Diener und lernt von diesen nicht gerade sehr Erbauliches. Da erinnern sich eines Tages die Eltern, daß die kleine Georgina oder Natalia oder Maritza bereits in dem Alter sei, wo man ihr eine standesgemäße Erziehung geben müsse. Das Mädchen, bisher in roher Umgebung aufgewachsen, erhält nun manchmal eine Gouvernante, in den meisten Fällen wird es in eines der französischen Erziehungsinstitute von Jassy oder Bukarest gegeben. Solche Institute aber werden in der Regel – wenige ehrenvolle Ausnahmen will ich gerne zugestehen – von Männern und Frauen geleitet, die Erzieher für die Kinder des rumänischen Adels geworden, nachdem ihnen sonst so ziemlich alles Mögliche in Frankreich und in anderer Herren Ländern mißglückt, die wahre und ernste Bildung nicht lehren können, eben weil sie ihnen selber fremd ist. Worin besteht nun der Unterricht im Institute? Von Sprachen wird hauptsächlich das Französische, daneben das Italienische und Englische gelehrt, die Muttersprache nur äußerst dürftig. Was wissenschaftliche Disziplinen betrifft, so wird das Mädchen zum Auswendiglernen einer kleinen » Histoire universelle « angehalten, der Unterricht in den Naturwissenschaften entfällt fast vollständig, der in sonstigen Realien ganz. Hingegen wird das Tanzen mit erschöpfender Gründlichkeit gelehrt. Im Klavierspiel schließlich pflegt die junge Rumänin, Dank ihrer angeborenen, musikalischen Begabung, einen hohen Grad technischer Fertigkeit zu erreichen. So ausgerüstet tritt das junge Mädchen in seinem sechzehnten, siebzehnten Jahre aus dem Institute und in den Kreis seiner Familie. Daß es in demselben nicht heimisch wird, darf uns nicht wundern, das war es ja nie. Es erblickt in seiner Mutter nur diejenige Person, deren Begleitung ihm die glänzenden Cirkel, die Bälle und Vergnügungen der Hauptstadt eröffnet; der Mutter ist die junge, schöne, heirathslustige Tochter eine unbequeme Gesellschafterin, die sie selbst vollständig in Schatten stellt. So wünscht die Mutter die Tochter bald verheirathet zu sehen und diese sehnt sich gleichfalls nach Selbständigkeit. Reichthum und Schönheit machen meist die Erfüllung dieses Wunsches sehr leicht. So tritt die junge Rumänin sehr bald nach ihrer Heimkehr aus dem Institute an den Traualtar, sie wird Gattin und Hausfrau. Aber nicht eine Gattin im guten, schlichten, deutschen Sinne, nicht einmal eine solche im Sinne der vornehmen Kreise des Zweiten Kaiserreichs oder der derzeitigen Republik. Zwar treffen wir fast alle die Verhältnisse wieder, in denen sich die Weltdame an der Seine bewegt, aber sie gestalten sich hier schärfer und verzerrter. Die Rumänin ist nur dem Namen nach »Hausfrau«, um das Hauswesen kümmert sie sich nicht und ebensowenig um ihre Kinder. Der Haushalt einer rumänischen Adelsfamilie bietet oft ein seltsames Bild. Deutsche Sauberkeit und Ordnung ist hier etwas Unbekanntes. Da herrscht eine Nachlässigkeit, von der wir uns schwer auch nur einen beiläufigen Begriff machen können. Die Diener, theils eingeborene Tölpel, theils aus Frankreich weggejagte Hallunken begehen den größten Unterschleif und thun, was sie wollen, aber am liebsten thun sie gar nichts. Der ordnende Blick der Hausfrau, die da ›waltet weise im häuslichen Kreise‹, fehlt eben überall. Wo fände sie auch Zeit zur Erfüllung ihrer Pflichten! Sie hat ja so viel, so unendlich viel zu thun, um den Ruf einer eleganten, fashionablen Dame in ihren Kreisen zu erwerben und festzuhalten. Und da hat man in Jassy oder Bukarest viele und darunter sehr eigenthümliche Anforderungen der ›Gesellschaft‹ zu erfüllen. Es sind eben Damen eigener Art, diese Bojarinnen, diese Frauen der reichen Handelsherren oder der höchsten Staatsbeamten. Die höchste Eleganz, die unbedingte Befolgung des Pariser Modemoniteurs ist natürlich erstes Erforderniß. Die vornehme Rumänin trägt immer, was gut und theuer und modern ist, freilich nicht immer das, was geschmackvoll ist. Dazu gehört bekanntlich angeborener Takt, Farben- und Schönheitssinn und der läßt sich nicht, wie all' die bunten Kleider und Hüte in den glänzenden Mode-Etablissements Bukarest's kaufen. Jene Geschmacklosigkeit, die ihren Grund hat in der übertünchten oberflächlichen Bildung, tritt auch in der Einrichtung des rumänischen Hauses oft sehr drastisch zu Tage. Gelingt es aber der Rumänin in dieser Beziehung nicht, ihr Musterbild an der Seine zu erreichen, so übertrifft sie es in einer andern, in der Leichtlebigkeit oder – ich will's offen sagen – in der Sittenlosigkeit. Ich habe ihrer frivolen Pflichtvergessenheit als Mutter und Hausfrau erwähnt; sie ist nicht minder pflichtvergessen in ihrem Verhältnisse als Gattin . Ich spreche nur eine jedem Kenner Rumäniens bekannte Wahrheit aus, wenn ich behaupte, daß in keinem andern Lande die Heiligkeit der Ehe so mit Füßen getreten, so zur Phrase herabgewürdigt wird, wie in Rumänien. Wie es für den deutschen Reichsfürsten des 18. Jahrhunderts absolut obligat war, eine Courtisane zu besitzen, so ist heute die vornehme Rumänin nicht ganz fashionable, wenn sie noch an dem in ihren Kreisen lächerlich gewordenen »Vorurtheil« der ehelichen Treue festhält. Der Grund dieser furchtbar betrübenden Erscheinung liegt nur zum geringsten Theile in der Gluth südlichen Blutes; er liegt hauptsächlich wieder in der schablonenhaften, blos formellen Erziehung, sowie in dem verderblichen Einflusse französischen Beispiels. Dieses Beispiel aber läßt die Rumänin meist unmittelbar auf sich wirken. Denn es gehört zum bon ton dieser Gesellschaft, wenigstens von einem einmaligen Aufenthalte in Paris sprechen zu können. Und in der üppigen Stadt an der Seine wird so Manches gelernt, was durch die angeborene französische Grazie gemildert, dann in den rumänischen Salons plump, offen und frech auftritt. Dazu kommt die fast unbegrenzte Vergnügungssucht der Rumänin, das Bestreben, sich geltend zu machen; die Herrschsucht, die leidenschaftliche Einmischung in politische Händel. Wenn irgendwo, so herrscht in Rumänien die Krinoline. Nur eine Haupttugend schmückt die vornehme Rumänin und um derentwillen mag ihr viel vergeben werden: die Barmherzigkeit, das Mitleid mit der Armuth. Das ist eine so tief wurzelnde Eigenschaft des weiblichen Herzens, daß sie selbst moderne Verschrobenheit und Entsittlichung nicht zu erschüttern vermocht haben. Als ich noch, wenn ich so sagen darf, meine Studien für diese Arbeit machte, als ich mich noch als heiterer Gymnasiast in den rumänischen Dörfern meiner zweiten Heimath, der Bukowina herumtrieb und darauf, als nicht minder heiterer Tourist, in den Straßen Bukarest's und Jassy's flanirte, da dachte ich gar nicht daran, daß das Leben und Wesen dieser hübschen, braunen schwarzäugigen Bäuerinnen und Bojarinnen doch ein so ganz eigenartiges und seltsames sei und daß man sich daüber in Wahrheit minder harmlose Gedanken machen müsse, als ich es damals gethan. Nun ist mir dies freilich klar geworden, ja klarer, als ich es im Interesse meiner angenehmen und – wie ich versichern darf – sehr unschuldigen Erinnerungen wünschen muß. Aber nun ich einmal darüber geschrieben, mußte ich auch die Wahrheit schreiben. Nur Eines will ich noch bemerken: ich habe Typen gezeichnet. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen. Aber Ausnahmen bestätigen nur die Regel ... Jancu, der Richter (1875.) Das Folgende ist streng den Thatsachen nacherzählt. Wer es liest, dem wird diese Versicherung fast überflüssig scheinen. Denn diese Geschichte trägt den Stempel ihres Autors, des Schicksals. Nur dieser größte, unbarmherzigste und sorgloseste Poet wagt so gräßliche und dabei so einfache Effekte. Ihm Solches nachzudichten, wäre für einen Novellisten vielleicht eine lohnende, aber sicherlich eine traurige Arbeit. Der Schilderer fremder Sitte aber steht auf anderm Standpunkt. Ihm darf nicht die Schönheit die höchste Göttin sein, sondern die Wahrheit. Es fällt ihm oft schwer, diesen Standpunkt festzuhalten, bitter schwer – gleichviel! er muß seine Pflicht erfüllen ... ... Vor einer rumänischen Jury sitzt auf dem Schemel des Angeklagten der Bauer Jancu. Sein brauner Serdak (Gürtelrock) ist zerrissen und durch dessen wie des Hemdes Ritzen sieht man die broncefarbene Haut schimmern. Das Haar fällt ihm in langen, wirren, mißfarbigen Strähnen in's fahle Antlitz, das Haupt ist auf die Brust gesenkt, das stumpfe Auge stier auf den Boden gerichtet. Kein Blick trifft das Publikum, die Geschworenen, die Richter. Der Gerichtsschreiber ruft die Sache auf, der Anklageakt wird vorgetragen. Der Bauer Jancu, Besitzer einer großen Wirtschaft, griechisch-rechtgläubig, 29 Jahre alt, derzeit, da er sein Weib ermordet, verwitwet, bisher durchaus unbescholten und drei Monate vor der That zum ›Aeltesten‹ (Richter) seines Dorfes gewählt, ist vollkommen geständig, sein Weib Xenia, 21 Jahre alt, seinen Knecht Alexa, 43 Jahre alt, und die Zigeunerin Mariula, unbekannten Alters, jedenfalls weit über die Fünfzig, in einer und derselben Nacht, Fastnacht-Sonntag auf Montag ermordet zu haben. Der Akt schildert die drei Verbrechen nach der Aussage des Angeklagten – Thatzeugen sind nicht vorhanden. Doch ist das Geständniß Jancu's, welcher unmittelbar nach der That seine Verhaftung selbst veranlaßt, sehr umfassend und durch die Ergebnisse der Obduktionen durchweg bestätigt. Demzufolge hat Jancu sein Weib durch eine Kugel ins Herz getödtet, den Knecht durch eine Ladung von drei Rehposten gegen den Kopf, die Zigeunerin hat er mit den Händen erwürgt. Ueber die Motive bemerkt der Akt, verweigere Jancu jegliche Auskunft – »ich hab's gethan, weil ich's thun mußte«; auch den Zeugen sei die That unerklärlich. Das Verhör beginnt. »Jancu«, sagt der Präsident, »Ihr habt Alles gehört – gestehet Ihr auch heute Eure Schuld?« Der Angeklagte erhebt sich. Aber sein Antlitz bleibt unbewegt und die Augen haften am Boden. »Ja, mein gnädigster Herr« erwidert er dumpf, »es ist Alles wahr.« Darauf sinkt er sogleich wieder auf den Schemel zurück. »Ihr müßt stehen bleiben, Jancu«, belehrt ihn der Präsident. »Ihr müßt uns nun Alles erzählen, was Ihr gethan und gedacht habt an jenem Sonntag und in der Nacht darauf. Ihr müßt uns erzählen; wie Ihr Eure Verbrechen begangen, und warum Ihr sie begangen.« Jancu schüttelt den Kopf und läßt ihn noch tiefer auf die Brust sinken. Dann erhebt er sich doch, unwillig, zögernd. Aber seine Stimme klingt dumpf und ohne Erregung, wie früher: »Nein, mein gnädigster Herr, das werde ich nicht thun. Denn wie ich's gethan, wißt Ihr schon und es ist unnöthig, daß ich's noch einmal sage. Und warum ich's gethan habe, werde ich Euch nicht sagen und keinem Menschen und in keinem Falle.« »Aber das Gesetz will es so«, sagt der Präsident. »Das Gesetz will, daß die Geschworenen das Geständniß aus Eurem Munde hören. Und wenn Ihr die That so reumüthig bekennt – warum nicht auch die Gründe? Das kann ja nur zu Eurem Vortheil sein, Jancu! Ihr seid ja kein gewöhnlicher Verbrecher! Alle Leute in Eurem Dorfe sagen einstimmig, daß Ihr der bravste, wackerste, nüchternste Mensch gewesen. Darum seid Ihr ja in so jungen Jahren Richter in Eurem Dorfe geworden. Auch der Fürst St., bei dem Ihr einst drei Jahre gedient, ist selbst zum Untersuchungsrichter gekommen und hat gesagt, er halte sich in seinem Gewissen verpflichtet, für Euch zu bezeugen, daß Ihr, Jancu, der ehrlichste, verständigste, treueste Mensch gewesen, den er je um seine Person gehabt. Wenn also ein Mensch, wie Ihr, plötzlich so gräßliche, unerhörte Verbrechen begeht, so ist er entweder wahnsinnig, und das seid Ihr nicht, oder er ist durch irgend Etwas, was ihm widerfahren, in die fürchterlichste Aufregung versetzt worden. Was war nun bei Euch dieses Etwas? Gestehet es doch! Das wird Euer Gewissen erleichtern und Eure Strafe vielleicht milder machen!« Aber wieder schüttelt Jancu den Kopf. Und wieder fallen die Worte langsam, ruhig, tonlos von seinen Lippen. »Mein gnädigster Herr, ich danke Euch und meinem guten Fürsten und den Nachbarsleuten, aber das paßt mir Alles nicht! Mein Geständniß war nicht reumüthig; ich habe nur Alles gesagt, was der Richter wissen mußte, damit man mich bestrafen kann, und ich habe es ganz nach der Wahrheit gesagt, weil ich noch niemals gelogen habe und auch in diesem Letzten nicht lügen wollte. Aber nicht aus Reue habe ich es gethan, denn ich bereue meine That nicht, ganz und gar nicht. Und wenn ich bis jetzt gewesen wäre, was ich einst war, ein ganz glücklicher, ganz friedlicher Mensch und wenn ich jetzt erkennen würde, was ich damals erkannt habe, ich würde die drei Menschen in der nächsten Stunde tödten, wie ich's in jener Nacht gethan. Darum brauche ich auch mein Gewissen nicht zu erleichtern, denn es ist leicht. Und was die mildere Strafe betrifft, o mein gnädigster Herr, was soll mir Milde?! Das Liebste wäre es mir, wenn diese Herren« – er deutet auf die Geschworenen – »sagen würden: Man soll ihn henken! Das kann aber leider nicht geschehen, weil bei uns das Henken aufgehört hat und man wird mich nur auf Lebenszeit in die Salzwerke nach Okna stecken. Soll ich etwa wünschen, wieder herauszukommen, – wozu, mein gnädigster Herr? Nein! Das wäre nichts für mich! Ich werde dort bleiben und die Arbeit, die Hundekost und die Schläge werden mich nach einigen Jahren tödten. Und so wird es gut sein. Denn ich sterbe sehr gern, mein gnädigster Herr, sehr gern sterbe ich!« Vielleicht empfängt, wer dies liest, von diesen Worten kaum einen seltsamen, geschweige denn einen erschütternden Eindruck. Aber wer sie gehört, dem werden sie unvergeßlich sein. Man fühlte es heraus, daß auf der Seele dieses Menschen in der That ein furchtbarer Druck lastete, der ihm den Tod als eine Wohlthat erscheinen ließ; nicht die Reue, nicht das Schuldbewußtsein, aber ein übermächtiges, rätselhaftes Etwas, unter dessen Einfluß er gehandelt, das ihn noch heute zu Boden drückte. Das Zeugenverhör begann. Der erste Zeuge war der greise Bauer Thodika, der vor Jancu Dorfrichter war und jetzt wieder das Amt provisorisch bekleidete, »bis sich ein anderer jüngerer Hansvater findet, der so brav wäre, wie der Jancu da.« Der kleine geschwätzige Alte, mit dem fahlen Gesichte, aus dem die Nase roth hervorglühte, wie ein Rubin, leistete den Eid und erzählte dann, wie folgt: »Nun, es war also am Fastnachtssonntag. Das ist ein besonders heiliger Tag, ich bin früh in der Kirche gewesen, dann fortwährend in der Schänke gesessen und am Abend bin ich heimgegangen. Weil ich aber einen Eid geschworen habe, so will ich die Wahrheit sagen: nämlich, daß ich nicht gegangen bin, sondern mein Weib und meine Söhne haben mich getragen, weil ich sehr betrunken war. Also gut, da legen sie mich hin und ich schlafe mich aus. Gegen die dritte Morgenstunde erhebt sich ein furchtbarer Sturmwind, ich höre nichts davon, aber mein Weib sagt zu meiner Tochter Anitza, welche bei mir im Hause war, weil ihr Mann sie zu Tode prügeln wollte – aber jetzt sind sie wieder versöhnt – also: »Anitza«, sagte sie, »da hat sich Jemand aufgehängt, oder es ist ein großes Verbrechen geschehen, der Wind weht gar so stark.« Und da klopft es auch schon sehr heftig an die Thüre. Die Weiber erschrecken. »Wer ist da?« – »Ich bin's, Jancu der Richter, öffnet, rasch, rasch!« Aber wie sie die Kienfackel anzünden und er hereintritt, da erschreckte er sie noch mehr; das war der Jancu und war's wieder nicht, um zwanzig Jahre älter war der Mensch plötzlich geworden. »Was willst Du?« stammelt mein Weib. Er aber tritt auf mich zu und rüttelt mich auf: »Thodika, Du mußt aufsteh'n!« Anfangs hör' ich nichts, weil ich wirklich ein Bischen zu viel getrunken hatte, dann fahre ich doch empor: »He, Jancu, was gibt's?« Aber wie ich ihn ansehe, bin ich schon vor Schreck halb nüchtern, und ganz nüchtern werde ich, wie er mir sagt: »Du warst vor mir Richter und bist Aeltester im Ausschuß. In Deine Hände lege ich mein Amt. Und nun verhafte mich, wie es jetzt Deine Pflicht ist, und liefere mich sogleich in die Stadt. Denn ich bin ein Mörder, ich habe mein Weib, meinen Knecht und die alte Hexe getödtet.« Da springe ich auf: »Jancu, Du bist wahnsinnig!« und dann fällt mir ein, daß ihm den Tag vorher sein einziges Kind gestorben ist, ein liebes, kleines Mädchen, die Aniula, und ganz plötzlich, an Krämpfen. Da denke ich mir: er hat ja das Kind so ungemein lieb gehabt; sein Sterben wird ihm das Hirn verbrannt haben und ich fage mitleidig: »Jancu, Dir träumt etwas Furchtbares. Vielleicht wegen Deines armen Kindes' Tröste Dich – es war Gottes Wille so!« »Nein!« ruft er wild, »es war nicht Gottes Wille, aber gleichviel – es ist gerächt! Ich habe im Namen Gottes Gerechtigkeit geübt – nun mögen die Menschen mit mir thun, was sie wollen – führe mich zur Stadt!« Und da erkannte ich, daß es wahr war, und mein Herz ist still, gestanden. Es war, um verrückt zu werden, aber es war doch so: unser Richter Jancu war ein Mörder! ... Nun – da habe ich ihn am Morgen in die Stadt geführt!« »Und hat er Euch nichts gesagt«, fragt der Präsident, »warum er die That verübt hat?« Thodika blickt zu Boden und dann verlegen auf Jancu hin. Mit diesem geht eine sonderbare Veränderung vor; sein Haupt hebt sich, seine Züge beleben sich und sein glühender Blick haftet halb drohend, halb flehend auf dem Antlitz des Zeugen. »Hohe Herren«, stammelt dieser verlegen, »es ist ihm so ein Wort entfahren, wider Willen, als wir zur Stadt fuhren. Aber ich habe ihm heilig versprochen, es Niemandem zu sagen. Und nun habe ich hier den Eid geschworen, die ganze Wahrheit zu gestehen. Ich weiß mir gar nicht zu helfen! Jancu, wenn Du mir erlauben wolltest ...« »Du wirst schweigen«, fährt dieser wild empor. »Jancu«, sagt der Präsident strenge, »noch ein Wort und eine Bewegung, und ich lasse Euch binden und wegführen.« »Mein Eid«, sagt Thodika weinerlich, »mein lieber Jancu, ich kann Dir nicht helfen. Also ...« »Schweige!« ruft der Angeklagte noch einmal wild, gebieterisch. Der Präsident winkt den Polizisten. Aber Jancu fährt fort: »Wenn schon meine ganze Schande offenkundig werden soll unter den Menschen, so soll es doch mindestens Keiner aussprechen, als ich selbst. Lasset dies schwatzhafte alte Weib zurücktreten – ich selbst will sagen, wie Alles kam ...« Es ist todtenstill geworden im weiten Saale. Und Jancu berichtet seine Geschichte, nicht dumpf und stumpf wie früher, sondern wild, leidenschaftlich, fast schluchzend. Kein Herz bleibt unbewegt, kein Auge trocken, als der arme unselige Mensch erzählt: »Ich will es selbst sagen, so schwer es mir fällt. Aber ich ertrüge es nicht, wenn es ein Anderer sagen würde. Ich habe nicht gedacht, daß ich so enden würde, und Niemand hat es gedacht. Denn ich bin einmal ein sehr glücklicher Mensch gewesen und ein guter, braver Mensch – ich darf das jetzt sagen, ich spreche ja nicht von mir selbst, sondern wie von einem Todten. Es ist mir Anfangs gar nicht gut im Leben gegangen, ich war der zweite Sohn, der ältere Bruder sollte Alles erben – ich mußte mir als Knecht mein Brod verdienen. Zwar in meines Vaters Hause, aber bei den eigenen Leuten dient sich's oft schwerer, als bei fremden – das könnt Ihr mir glauben. Nach dem Tode des Vaters bin ich als Diener in die Stadt gegangen; ich war sehr fleißig, sehr treu, Alle werden es mir bezeugen. Auch gelernt habe ich, Lesen und Schreiben, und weil ich gesehen habe, wie der Branntwein den Menschen zum Vieh macht, so habe ich niemals einen Tropfen Branntwein getrunken. Dann bin ich zu einem herrlichen Herrn gekommen, dem Fürsten, und bin mit ihm in Deutschland gewesen und in Frankreich. Dort ist ein anderes Leben, sogar der Bauer ist dort ein Mensch. Nun – der Fürst war mit mir zufrieden, er hat sich ja selbst jetzt meiner erinnert in meiner großen Noth. Ich habe mir damals gedacht: Jetzt bleibst du einige Zeit noch in der Stadt und sparst dir deinen Lohn zusammen und dann gehst du in dein Dorf und kaufst dir einige Aecker. Aber es kam anders. Wie ich heimkomme von den Reisen, ist mein älterer Bruder todt und an mich fällt das ganze große Bauerngut. Da setze ich mich nun hin und beginne zu wirtschaften. Aber die Leute sagen, daß mir noch etwas fehlt, und ich spüre es selbst. Unser Sprichwort sagt ganz recht: ›Ein Hauswesen ohne Frau ist wie eine Schänke ohne Schnaps‹. So habe ich denn angefangen nach einem Weibe auszulugen und die Xenia habe ich mir genommen. Nicht blos deshalb, weil sie sehr schön war und mir sehr gut gefallen hat, sondern auch so halb aus Mitleid. Sie war sehr arm und mußte im Hause ihrer älteren Schwester Magddienste thun – das hat mich an meine eigene Jugendzeit erinnert – ich weiß, wie das thut! Daß ich sie übrigens nur aus Edelmuth geheirathet habe, will ich auch nicht sagen; ich war auch sehr in sie verliebt. Die Xenia war ein stilles fleißiges Mädchen, dem Niemand im Dorfe etwas nachsagen konnte, und schon – freilich in einer andern Art, als unsere Mädchen sonst sind. Sie war zart, blond, und hatte stille blaue Augen. Vielleicht hat mir gerade das gefallen. Kurz – in vier Wochen waren wir Mann und Weib. »Es war – das Wort will mir nach dem, was nun kommt, schwer über die Zunge, aber ich muß es sagen, weil es die Wahrheit ist – es war eine ganz glückliche Ehe. Mein Weib hat selten gelacht und war nie besonders zärtlich, aber ich habe mir gedacht: das ist nun einmal ihre Art. Als Wirthin war sie besonders brav und ist mir treu zur Seite gestanden in meinem schweren Werke. Denn ich hatte meine Kraft daran gesetzt, eine Musterwirtschaft zu führen und Alles Gute nachzuahmen, das ich anderwärts gesehen hatte. Das war schwer mit unseren Knechten, die zu drei Viertheilen Schweine sind und nur zu einem Viertheil Menschen, aber was menschenmöglich war, habe ich gethan und Vieles ist mir gelungen, das sage ich stolz. Mein Besitzthum wuchs, mein Ansehen wuchs, und weil ich hilfreich war, wo ich konnte, so wuchs auch meine Beliebtheit. Nur eines fehlte mir zu meinem Glück: ich hatte keine Kinder. Da gebar mir mein Weib vor zwei Jahren ein Kind, ein holdseliges Mädchen, blond und blauäugig – so ein schönes, liebes Kind. O meine Aniula! ...« Dem Mann versagt die Stimme. Er starrt vor sich hin und schüttelt den Kopf. Dann fährt er fort: »Alles, Alles hat sich mir gut gefügt – Richter bin ich geworden in so jungen Jahren! Wenn mich am Samstag Mittag vor jenem Schreckenstage Jemand gefragt hätte: »Richter Jancu, was meint Ihr, wer ist der glücklichste Mensch auf der Welt?« – es ist wohl möglich, daß ich gesagt hätte: »Schier will mir scheinen, daß ich es bin.« Und etwas mehr als einen Tag darauf war ich der Unglücklichste unter der Sonne – so elend ist noch niemals Jemand gewesen, niemals! »Ich will kurz erzählen, wie das kam. Denn wenn ich daran denke, wirbelt mir das Hirn und meine Kraft will mich verlassen. Also Samstag Mittag war's. Ich komme heim vom Teich, wo ich Eis ausheben lasse für die Bukarester Bierwirthe, und setze mich zum Essen hin. Mein Weib trägt mir Suppe auf, Fleisch und dann einen süßen Reisbrei. Von dem mag ich aber nichts mehr essen, die Aniula jedoch, die auf meinem Schoße sitzt, greift gierig darnach. Ich lasse das Kind bei der Speise, ich selbst reite wieder rasch hinaus zu den Arbeitern. Etwa zwei Stunden bin ich dort, da kommt eine Magd gelaufen, schreckensbleich, das Kind liege im Sterben. Ich reite wie der Wind, aber wie ich komme, ist mein Töchterchen starr und todt. Mein Weib hält es im Schoße und ist selbst thränenlos, starr und blaß wie eine Todte. Die Mariula, die alte Zigeunerin, steht daneben und sagt: »Es waren Krämpfe, wie sie bei Kindern oft vorkommen!« Mir bricht fast das Herz, aber ich fasse mich, wie ein Mann soll. Ich ordne Alles bezüglich der Aufbahrung an und gehe zum Popen. Dann komme ich heim, das Weib schicke ich schlafen, ich selbst aber setze mich neben die Leiche hin und bleibe so die ganze Nacht. Nur die Kerzen knistern und zuweilen höre ich, wie mein Weib seufzt – so vergeht die Nacht. Am Morgen ordne ich Alles in der Wirtschaft, dann halte ich Gerichtstag in der Gemeindestube, wie meine Pflicht ist, und komme darauf heim. Da hockt mein Weib am Boden und starrt auf die Leiche – mit trockenen Augen, es ist etwas wie der Wahnsinn darin. Ich will sie aufheben und trösten, da schreit sie aber wild: »Rühr' mich nicht an!« und stürzt hinaus. Ich schaue ihr verwundert nach, dann denke ich mir aber: »Sie war immer so eigen und still, der Schmerz zeigt sich bei ihr auch in eigener Art.« Dann setze ich mich wieder hin und da löst sich mein Schmerz und ich habe lange geweint ... Thränen sind eine große Wohlthat – seitdem habe ich nicht mehr weinen können ...« Wieder starrt der Mann vor sich hin. Dann seufzt er tief auf und fährt fort: »Im Zwielicht mache ich mich auf und gehe zum Popen, das Letzte wegen der morgigen Bestattung zu besprechen. Ich gehe aber den Seitenpfad über die Aecker. Da höre ich hinter einer Hecke ein Wimmern. – »Wer ist da?« rufe ich. – »Ich bin's, Mariula«, erwidert die Hexe. »Dich führt Gott her, Jancu, oder der Teufel. Aber gleichviel – wenn ich auch selbst an den Galgen muß, er und sie sollen mit. Hier liege ich, halbtodt hat er mich geschlagen, der Alexa, weil ich mein ehrliches Geld von ihm gefordert habe, das Geld für das Gift, welches ich der Xenia gegeben habe. Ist's denn meine Schuld, daß das Kind gestorben ist und nicht Du – mein Gift war ja doch gut!« – »Hexe«, schreie ich auf, »was redest Du da!« – »O Du Kluger!« höhnt sie. »ahnst Du denn nichts? Weißt Du denn nicht, daß Dich Dein Weib haßt, daß sie Dich nur Deiner Wirtschaft wegen genommen hat? Jeder Andere ist ihr lieber, als Du, mit dem alten häßlichen Alexa hält sie's jetzt; sie haben Dich vergiften wollen, ich habe ihnen das Gift verschafft.« Mir steht das Haar zu Berge. »Du lügst!« schreie ich endlich. Sie lacht höhnisch. »Ueberzeuge Dich doch! Gehe heim und sage Deinem Weibe, daß Du wegen Deines Amtes in die Stadt mußt und erst morgen wiederkommst. Du aber, komm' dann in drei Stunden wieder und ich wette, Du findest die Beiden beisammen.« ... Wie mir zu Muthe war, beschreib' ich nicht – das läßt sich nicht sagen. Ich gehe heim, lade meine Pistolen, lasse den zweiten Knecht einspannen und sage meinem Weibe: »Ich komme erst zur Bestattung wieder.« Aber beim nächsten Feldwirthshaus lasse ich halten und gehe dann heim durch die Sturmnacht. Das Fenster der Schlafkammer ist matt erleuchtet, ich trete heran, es ist nur der Lichtschein, der vom Katafalk durch die offene Thür fällt. Und« – der Erzähler stockt, dann schreit er mit entsetzlich heiserer Stimme auf – »fünf Schritte von der Leiche sind die Beiden beisammen gewesen! ... Ich seh's, drücke die Scheibe ein, ziele und schieße, erst sie, dann er, blitzschnell – Beide verröcheln in ihrem Blute. Dann gehe ich hinein und zerre seine Leiche fort, damit Niemand den ungeheuren Frevel dieser Beiden gewahre. Und dann stehe ich lange, lange und starre auf die Leichen. Da kichert's neben mir: »Brav, Jancu, brav.« Die Mariula hatte sich hereingeschlichen. Da habe ich sie erwürgt, weil auch sie schuldig war. Dann bin ich zum Thodika gegangen ... Und nun bitte ich, wäre es nicht möglich, daß mir aus Gnade die Todesstrafe wird?« Es war nicht möglich ... Jancu wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Okna verurtheilt. Die Geschworenen hatten nach neun stündiger Berathung mit acht gegen vier Stimmen ihr Schuldig gesprochen. Es fehlte also nur eine Stimme zur Freisprechung. Wie hättest Du geurtheilt, Leser?! Gouvernanten und Gespielen. (1874, 1875, 1888.) Wer den Titel dieser Zeilen liest, erwartet vielleicht eine Schilderung der segensreichen Thätigkeit, welche die »Kulturträgerinnen« aus dem Westen in Rußland und Rumänien, in Galizien und Ungarn entwickeln, erwartet ein lieblich friedliches Genrebildchen, wie das treffliche fremde Mädchen im einsam wilden Karpathenthale zur Beglückerin der ganzen Gegend wird und von den dankbaren Eingeborenen wärmste Verehrung genießt. Das wäre ein Irrthum des Lesers: denn nicht einen Hymnus will ich hier anstimmen, sondern einen gellenden Warnruf, von dem ich wünsche, daß er Allen, die es angeht, erschütternd durch's Ohr in's Herz hinein klinge. Es gehen jährlich Tausende von Bonnen, Gouvernanten und Gesellschafterinnen aus den westlichen Kulturländern nach Halbasien. Verläßliche statistische Aufzeichnungen hierüber gibt es nicht; nach flüchtiger Schätzung bewegt sich dieser Export innerhalb der Ziffer von drei bis sechstausend Individuen. Einzelne kompetente Fachleute geben weit höhere Zahlen an; so viel ist gewiß, daß der Export wohl ein beständiger, aber gleichwohl von merkwürdig verschiedener Intensität ist. Die obigen numerischen Angaben sind also dahin zu verstehen, daß in Jahren geringer Nachfrage mindestens dreitausend, in jenen stärkeren Bedarfs mindestens sechstausend Mädchen, Wittwen, geschiedene Frauen, kurz, alleinstehende Individuen weiblichen Geschlechts als Bildnerinnen von Westen nach Osten gehen. Am stärksten sind Bonnen begehrt, nächst diesen Gouvernanten, die »Gesellschafterin« nimmt numerisch die letzte Stelle ein. Noch geringer ist die Zahl der »Gespielen«: Knaben, die gleichsam als lebendige Gramatiken der französischen Sprache nach dem Osten exportirt werden. Von ihnen soll hier zunächst nicht weiter die Rede sein; sprechen wir zunächst nur von den Damen. Faßt man die Heimathländer der Gouvernanten in's Auge und gruppirt dieselben nach den Zahlen, mit welchen sie an dieser Auswanderung betheiligt sind, so ergibt sich folgende Reihenfolge: Die Schweiz, Belgien, Frankreich, England, Deutschland, Österreich, Italien. Spanierinnen, Holländerinnen und Däninnen trifft man fast nirgendwo, und dann gewiß nur in Häusern ihrer eigenen Landsleute. Diese Länderskala ist schon deßhalb von Interesse, weil sie auf die Richtung der Kulturbestrebungen in den östlichen Ländern Europas helles Licht wirft. Die Gebildeten und Halbgebildeten dieser interessanten Nationalitäten, oder auch Jene, die es werden möchten, blicken nach Paris, als dem Mekka der Civilisation, halten die Kenntniß der französischen Sprache und Literatur für das Haupterforderniß, oft genug auch für das einzige Erforderniß der Bildung und wählen daher die Erzieherinnen ihrer Kinder, hauptsächlich unter dem Gesichtspunkte, daß denselben die Kenntniß dieses Idioms früh und ganz vermittelt werde. Bedürfte dieß noch eines Beweises, so gibt ihn die Thatsache, daß die drei Länder mit französischer Verkehrssprache in der Skala obenan stehen. Denn auch die Schweiz ist denselben beizuzählen, weil nur ihre westlichen Kantone, darunter hauptsächlich der Kanton Genf, an diesem Export betheiligt sind; daß sie sogar die erste Stelle einnimmt, findet seine Begründung theils in den sozialen Verhältnissen dieses Landes, theils darin, daß die Französin und nun gar die Pariserin nur ungern ihre Heimat verläßt, endlich auch darin, daß die Schulbildung in der Schweiz eine bessere und gründlichere ist, als in Frankreich. So kommt's, daß dieser große Staat erst an zweiter Stelle steht und auch diese gegen das kleine Belgien nur mühsam behauptet. Die beiden germanischen Staaten, die nun folgen, sind mit wesentlich geringeren Zahlen betheiligt. Seit etwa zehn Jahren sind dieselben übrigens in stetem Wachsen begriffen, insbesondere liefert Deutschland bereits ein stattliches Kontingent, welches jenes Englands bald überflügeln dürfte. Nur ganz minimal sind hingegen Oesterreich und Italien bei diesem Export interessirt. Beantworten wir nun die nächstliegende Frage, wie sich das Geschick dieser »Vorkämpferinnen der Civilisation« an den Stätten ihrer Wirksamkeit gestaltet, so kann die Antwort, wenn man die Wahrheit als eine Göttin ehrt, welcher man nicht aus Vorliebe für die oder jene Nation in's Gesicht schlagen darf, nur eine traurige und entmuthigende sein. Von all' den Schmerzen, welche nur weiche oder gar sentimentale Herzen empfinden könnten, sehen wir natürlich ab. Wer einen Posten annimmt, der dreihundert Meilen weit von der Heimath liegt, und dann darüber klagt, daß dieß gar zu weit sei, daß ihm das Heimweh das Herz breche, mit dem können wir nicht klagen. Das will eben früher überlegt sein! Aber gehört der Schmerz über die Vergeblichkeit der eigenen ebenso ernst gemeinten als geübten Thätigkeit etwa auch zu jenen, die nur empfindsame Herzen fühlen? Muß ihn nicht vielmehr jedes warme Gemüth empfinden, und zwar desto stärker, je braver und ehrlicher es ist?! Nun wird es aber wohl um wenige Erzieherinnen geben, welchen während ihrer Wirksamkeit im Osten dieses peinliche Gefühl erspart geblieben. Der Grund hiefür liegt in der geistigen Atmosphäre, in welche sie gerathen, dieser konsequent betriebenen Kulturheuchelei, die den Schein für das Sein nimmt, die Form will und sich um den Inhalt nicht kümmert. Die Gouvernante, welche in ein russisches, rumänisches, polnisches, magyarisches Haus berufen worden, wird in den meisten Fällen binnen kurzer Frist erkennen, daß man von ihr gar nicht fordert oder erwartet, sie werde ihren Zöglingen wahre Bildung, gründliches Wissen beibringen! Die jungen Fräulein sollen das Französische flott weghaben und famos parliren können, mit der Lektüre der französischen Klassiker darf man sie nicht langweilen oder gar mit den trockenen Daten der Geographie und Geschichte! Sie sollen einige Sensationsstückchen mit equilibristischer Gewandtheit auf dem Klavier pauken können, aber daß ihnen Sinn und Geschmack für den Adel und die Schönheit der Tonkunst aufgehe, wäre überflüssige Quälerei. Entweder fügt sich nun die Gouvernante in diese Bildungsmaximen und dann muß sie wohl Scham oder doch mindestens Unbehagen über die Art empfinden, in der sie ihren heiligen Beruf erfüllt, oder sie fügt sich nicht und dann kann sie eben in ihre Heimath zurückkehren, wo man so langweilige, schwerfällige und pedantische Erzieherinnen nicht blos duldet, sondern sogar schätzt. Wenn nur, ach! die Rückkehr nicht gar so schwer wäre! Man wende mir nicht ein, daß ich hiebei nur solche Frauen im Auge habe, die ihren Beruf ideal auffassen, und daß die Zahl derselben gering ist. Ich denke, so viel Idealismus hat doch fast jede Erzieherin, um es schmerzlich zu empfinden, wenn sie ihre Aufgabe nicht gründlich, sondern oberflächlich, nicht gewissenhaft, sondern gewissenlos lösen muß! Freilich ist dieser Uebelstand noch der geringere; weitaus schwerer wiegt die unwürdige soziale Stellung der Gouvernante in jenen Familien; die, nach europäischen Begriffen, schmähliche Behandlung, welche sie dort erduldet. Es gibt auch Ausnahmen, glänzende und erquickliche Ausnahmen, das gebe ich zu und darf es getrost, weil ich sie selbst beobachtet, aber andererseits könnte ich, gleichfalls auf Autopsie gestützt, Historien über Mißhandlung solcher unglücklichen Damen berichten, die die kältesten, gleichgültigsten Leser zu Grauen und Entrüstung hinreißen müßten. Ich unterlasse es, weil es doch wieder Ausnahmen nach der entgegengesetzten Seite sind und ich hier nur die Regel zu schildern habe. Die Regel ist, daß die Gouvernante im Hause des rumänischen Bojaren, des magyarischen Magnaten, des moskowitischen oder polnischen Edelmanns so gehalten und behandelt wird, wie sich die deutsche Hausfrau gegen ihr »Mädchen für Alles« benimmt. Von körperlicher Mißhandlung ist sie meist, wenn auch nicht immer bewahrt, aber man ertheilt ihr jeden Befehl kurz und barsch, man betrachtet sie als ein Wesen, dem man keinerlei Rücksicht der Höflichkeit schuldig ist, als eine Dienerin, die man bezahlt und füttert, damit sie ihre Schuldigkeit leiste, die aber in sozialer oder rein menschlicher Beziehung der Herrschaft so wenig ebenbürtig ist, als etwa eine Kuhdirne der Wirtschaft. So ist es und wer es anders sagt, hat entweder nur eine schöne Ausnahme kennen gelernt oder er lügt. Doch darf man zur Erklärung solcher Zustände nicht annehmen, als ob Bosheit etwa ein allgemeiner Zug im Charakter jener Völker wäre, die Behandlung der Gouvernante in Halbasien ist eben »ländlich sittlich,« oder richtiger »ländlich schändlich«. Was sollte auch die adeligen Herrschaften jener Lander dazu bestimmen, der Gouvernante in ihrem Hause menschenwürdige Behandlung zn gönnen? Daß dieses brave Mädchen arbeitet und sich durch Arbeit ehrlich ihr Brod verdient, während sie in ererbtem Besitz prassen? Aber Arbeit ist ja in ihren Augen nichts Achtenswerthes, jede Thätigkeit um des Erwerbes willen scheint ihnen eine erniedrigende. Daß die Fremde gebildeter ist, als sie? Aber Respekt vor der Bildung hat nur entweder der Gebildete oder ein reines, naives Gemüth, diese Adeligen gehören wahrlich in keine der beiden Kategorien! Daß sie die Erzieherin ihrer Kinder ist und keine Kuhmagd? Aber dafür wird sie ja bezahlt! Auch kann sie ja gehen, wenn es ihr nicht mehr gefällt. Wenn nur die Rückkehr, ach! nicht gar so schwer wäre! Und hier dürfte mir Niemand mehr, wenigstens kein Europäer, mit der Einwendung in's Wort fallen, daß ich diese Klage nur im Namen besonders empfindsamer und zimpferlicher Frauenzimmer anstimmte! Aber auch dies ist noch nicht das Schlimmste, sondern die furchtbare Thatsache ist's, daß unzählige dieser Geschöpfe, junge, hübsche, makellose Mädchen, Opfer der brutalen Sinnenlust jener Halbbarbaren geworden sind und noch werden. Man wende nicht beschönigend ein, daß sich Aehnliches wohl auch in verderbten Aristokratenfamilien des Westens an schutzlosen Geschöpfen begeben. Der Fall liegt anders! Denn in Europa haben diese armen Mädchen, so schutzlos sie auch sonst sein mögen, doch mindestens einen Schutz, der das Schlimmste von ihnen abwehrt oder an dem Thäter rächt, in Europa ist die Themis eine ernste, erbarmungslose Göttin, die ohne Ansehen der Person richtet, und nicht, wie in jenen Ländern, eine freche Dirne, die dem reichen Einheimischen vertraulich zublinzelt und die verlassene Fremde höhnisch fortweist. Ferner kommen bei uns solche Fälle nur eben vereinzelt vor, der Sohn oder Neffe des Hauses bethört ein leichtgläubiges Mädchen durch Schmeichelreden. Anders in Halbasien. Dort kann man – ich wiederhole diesen Ausdruck mit Absicht und kann ihn vertreten – unzählige Fälle dieser Art nachweisen; dort fügt sich auch die Schändlichkeit nicht zufällig, sondern sie ist im Vorhinein geplant. Ja! im Vorhinein! Unter jenen drei- bis sechstausend Mädchen, welche jährlich in den Osten ziehen, befinden sich auch jährlich vielleicht hundert, die man nur deßhalb dorthin kommen läßt, um sie zu Grunde zu richten. Und diese Hundert sind nicht minder brav und rein, wie die Uebrigen, und ziehen nicht minder ahnungslos dahin, wie die Uebrigen; auch sie sind berufen, nur ein ehrliches Brod und eine nützliche Thätigkeit zu finden, und man bereitet ihnen die Schande und den Tod! »Das neunzehnte Jahrhundert verdient den Namen des Jahrhunderts der Humanität. Denn jedem alten Schandfleck hat es ein neues, edel glitzerndes, vertuschendes Mäntelchen umgehängt. Wen kümmert's, daß der alte Schandfleck darunter erneuert und vergrößert fortbesteht?! Man sieht ihn ja nicht!« So Nikolaj Gogol. Und das Wort des großen russischen Romanciers ist nicht blos eine glatte Pikanterie, es ist auch ein bitter ernstes Wahrwort. Vielleicht findet der Historiker der Zukunft für die gesammte Kulturgeschichte unserer Zeit kaum irgendwo ein passenderes Motto. Mindestens für jenes Capitel, welches wir hier aufschlagen, empfiehlt es sich mit drückender, schneidender Wucht. Ja, fürwahr! Motto und Inhalt stimmen zusammen. Denn Sclavenhandel – denkende, fühlende Geschöpfe als Waare – Ehre, Schönheit, Unschuld, Gesundheit feilgeboten und in's Haus geliefert nach bestimmtem Tarif – wem ballt sich nicht die Faust bei diesem Gedanken, wer empfände nicht diese Thatsache als einen Schandfleck unserer Zeit?! Aber – man sieht ihn nicht: ein nagelneues Mäntelchen ist ihm in unseren Tagen umgehängt worden. Und ein »edel glitzerndes« dazu. Denn wo gäbe es Edleres, als den Beruf, Menschen zu erziehen, wo achtungswerthere Thätigkeit, als Verbreitung westlicher Cultur in dem barbarischen Osten?! ... Und so werden alljährlich eine Anzahl Opfer nach Ungarn, Rußland und Rumänien verhandelt und bevölkern dort zuerst die Häuser reicher Wüstlinge und dann – die Glücklicheren unter ihnen die Friedhöfe, die Unglücklicheren die öffentlichen Freudenhäuser. Aber wen kümmert's? – sie gehen ja als »Gouvernanten« dahin! Und der Strom der Bildung fluthet nun einmal von West nach Ost, und man muß dem edlen Bildungsstreben der Herren Russen und Rumänen, Polen und Magyaren hülfreich entgegenkommen ... Ach ja, Nikolaj Gogol hat Recht: »Das neunzehnte Jahrhundert verdient den Namen des Jahrhunderts der Humanität!« »Das ist entsetzlich,« höre ich rufen, jedoch in demselben Athemzuge auch die Frage: »Ist es auch wahr? Ja, und ich habe dies bereits vor Jahren bewiesen. Als ich 1874 den Entschluß faßte, die Kulturzustände Halb-Asiens zu schildern, da sagte ich mir sofort, daß es mir eine der ersten Pflichten sein müsse, auf diesen »Gouvernantenhandel« hinzuweisen. Zwar wußte ich, daß kein einzelnes Menschenwort stark genug sei, um eine so tief eingewurzelte Schändlichkeit zu beseitigen, und nun gar das Wort eines jungen Autors, dem kein größeres Blatt zu Gebote stand. Aber diese Erwägung konnte mich der Erfüllung meiner Pflicht nicht entheben. Ich schrieb einen Artikel für ein österreichisches Blatt, in welchem ich das Unwesen im Allgemeinen schilderte. Er erschien und der praktische Erfolg, soweit ich ihn klar erkennen konnte, waren – drei Briefe aus dem Publikum. Zwei dieser Zuschriften machten sich über mich lustig, weil ich unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung picante Lectüre eingeschmuggelt, denn wahr könne die Sache nicht sein, weil man ja sonst auch anderweitig hievon gehört haben müßte. Der dritte Brief kam von einer besorgten »Mutter in Graz«, worin sich diese erkundigte, ob einer der bekanntesten und ehrenwerthesten Kavaliere Galiziens »auch so ein Mensch« sei, denn ihre Tochter Nanni diene in seinem Hause, zwar nicht als Gouvernante, aber als Küchengehilfin. Das war Alles. Ich dachte, daß Oesterreich zu wenig bei jenem Export betheiligt sei, ein Artikel in einem norddeutschen Blatte müsse bessere Wirkung thun. Ein Berliner Journal brachte ihn, und diesmal kam nur ein Brief: »Lügen Sie Andere an, wir Berliner sind zu gescheidt dazu!« Ich schrieb einen dritten Artikel für ein deutsches Blatt der Schweiz in der Voraussetzung, dort müsse er doch die meiste Wirkung thun. Aber auch dieser dritte Versuch hatte ein sehr bescheidenes Resultat, die betreffende Redaction druckte zwar meine Arbeit ab, schrieb mir jedoch, im Allgemeinen sei man dort natürlich bereits über das Unwesen unterrichtet und mehr als Allgemeines biete ja auch mein Aufsatz nicht. So geht es nicht, dachte ich, die Einen glauben mir nicht, was ich sage, und die Anderen wissen es bereits. Ich muß bewirken, daß die Einen mir glauben, und daß sich die Anderen nicht blos damit begnügen, um die Sache zu wissen, sondern auch dazu gedrängt werden, etwas dagegen zu thun. Ich will nicht mehr in's Blaue hinein klagen, sondern einzelne Fälle veröffentlichen. Diesem Zwecke dienten die Aufzeichnungen, welche ich 1875 zunächst in einem vielgelesenen Wiener Blatte, dann in der ersten Auflage dieses Buches erscheinen ließ. Ich berichtete kurz und schlicht von jenen unglücklichen »Gouvernanten«, von deren Loos ich zufällig während meines Jugendaufenthaltes, dann während meiner späteren Wanderungen im Osten genauere Kunde erhalten. Ich berichtete streng der Wahrheit gemäß; ich setzte nichts hinzu, aber ich beschönigte auch nichts. Da diese Darstellung auch heute noch nicht ganz gegenstandlos geworden ist, so lasse ich sie hier ohne Aenderung folgen. ... Es war im Jahre 1858, und ich damals ein zehnjähriger Bube. Aber ich erinnere mich noch genau – an Alles. Es war ein blühender, duftender Frühlingstag, und ich war mit meinem Vater, welcher Bezirksarzt zu Czortkow war, einem Städtlein in Ostgalizien, über Land gefahren, nach dem Dorfe K. Mein Vater hatte im Dorfe zu thun, mich setzte er im Edelhofe ab. Dort hauste Herr Ludwig von T– ski, der nächst seinem Bruder Henryk, welcher im benachbarten Dorfe Sz. wohnte, wohl der reichste Edelmann des Kreises war. Beide hatten früh geheirathet, Beiden war aus der Ehe je ein Söhnchen entsprossen, das sie nach ihrem Namen nannten. Der kleine Ludwig in K. war schon früher mein Spielkamerad gewesen, und auch an jenem Frühlingstage tollten wir Buben laut und wild genug umher. Dann war noch ein dritter Knabe mit uns, ein blasser, schüchterner Junge: der Cousin Ludwig's, der kleine Henryk von T– ski aus Sz. Seine Mutter war früh gestorben, der Vater viel auswärts, gleichwohl kam der arme Junge nur selten zu seinen Verwandten, die beiden Brüder harmonirten wohl nicht sonderlich. Aber diesmal war Henryk schon zwei Wochen auf des Onkels Gute. »Hier ist's lustig«, jauchzte er, als wir uns endlich müde gelaufen und nun auf der Haide nächst der Landstraße eine Burg aus Feldsteinen bauten, »ich habe es mir gar nicht so schön gedacht und wollte nicht vom Hause fort. Aber ich mußte – denn es ist gerade wieder eine neue Französin angekommen, welche mich unterrichten soll ...« »Du dummer Henryk!« lachte sein Cousin, »darum hättest Du ja gerade zu Hause bleiben müssen!« Aber der blasse Junge schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er, »ich weiß, was ich sage: eben darum mußte ich fort. Es war im vorigen Jahre nicht anders und vor zwei Jahren auch nicht; so oft ich eine neue Lehrerin bekomme, muß ich fort und darf erst nach einem Monat wieder kommen. Der Papa will es so. Als ich acht Jahre alt war, ist er aus Paris zurückgekommen, hat den Pater weggeschickt und gesagt: ›Morgen kommt Deine Lehrerin‹. Und am nächsten Tage ist sie gekommen, sie war hoch und blond und blaß. Und sehr ernst war sie, obwohl unsere alte Fruzia gesagt: ›Das ist ja selbst fast noch ein Kind, wie soll sie andere Kinder erziehen?‹ und immer hat sie schwarze Kleider getragen. Deshalb habe ich mich auch Anfangs vor ihr gefürchtet. Aber sie war so gut wie ein Engel und ich habe sie sehr lieb gehabt und der Papa auch, er hat immer sehr freundlich mit ihr gesprochen. Aber nach vierzehn Tagen ist er plötzlich furchtbar bös auf sie geworden. Das war an einem Abend, die Amelie hatte mich schon zu Bette gebracht, und ich war eingeschlafen, da wachte ich plötzlich auf, weil der Papa im Nebenzimmer die Amelie furchtbar auszankte und schrie. Sie aber hat nur still geschluchzt. Aber plötzlich reißt sie die Thüre auf und kommt auf mein Bett gestürzt und reißt mich hinaus. Und mein Papa hinter ihr her und in der Thüre steht sein Diener, der Janko. Da kauert sie in eine Ecke hin und preßt mich fest an sich und schreit meinem Papa Etwas entgegen. Da wird er ganz blaß und sagt zum Janko: ›Reiß' ihr das Kind weg‹. Aber dann besinnt er sich und sagt heiser: ›Gute Nacht‹ und lacht und geht weg. Sie aber hat mich fest auf dem Schooß gehalten und sehr geweint, und dann bin ich eingeschlafen. Und seitdem habe ich die Amelie nicht wieder gesehen, denn am nächsten Morgen bin ich spät in meinem Bette aufgewacht und die alte Fruzia hat mich angezogen und der Janko hat mich auf den Wagen genommen und in's Kloster geführt, zum Onkel Prior. Dort bin ich einen Monat geblieben. Und wie ich zurückkomme, ist die Amelie nicht mehr da. ›Wo ist sie denn?‹ frage ich. Und da sagt die Fruzia: ›Dein Vater hat sie nach Wien zurückgeschickt, zu der Frau, wo er sie abgeholt hat. Er hat ihr Weinen nicht vertragen können. Ich fürchte aber, sie wird sich am Weg ein Leid anthun, ich fürchte, Dein Vater wird nicht vor Gott verantworten können, was er an der Amelie verbrochen hat. Dein Vater ist ein schlechter Mensch‹. Das habe ich meinem Papa erzählt, und er hat die Fruzia dafür prügeln lassen.« »Aber wahr ist es doch«, sagte der kleine Ludwig, »meine Mutter sagt auch dasselbe«. Henryk aber erzählte weiter, und was mir etwa von seinem Knabengeplauder entfallen sein mag, ist mir weit später durch Erzählungen aus anderm Munde wieder aufgefrischt worden: »Dann ist im Winter eine zweite Französin gekommen, die hat Josefine geheißen. Aber am Tage, wo sie kommen sollte, hat mich mein Papa durch den Janko wieder zum Onkel Prior führen lassen – ›ich will nicht wieder ähnliche Scherereien haben‹, hat er gesagt. Also war ich wieder einen Monat im Kloster, und wie ich zurück war, hat der Unterricht begonnen. Aber ich habe bei der Josefine wenig gelernt. Sie war ganz anders, als die Amelie: recht launisch und klein und schwarz und ist immer herumgesprungen und hat immer gelacht. Aber die Fruzia hat mir erzählt, daß sie Anfangs auch sehr geweint hat. Auch später noch hat sie geweint, wenn sie allein war; da habe ich sie so oft Stunden lang schluchzen gehört: › 0 ma mère !‹ Aber das war nur, wenn Papa nicht zu Hause war; vor ihm ist sie immer ganz lustig hernmgesprungen. Aber deshalb hat sie sich doch vor ihm gefürchtet, noch mehr als ich. Uebrigens war er gut gegen sie, aber im Frühjahr ist er bös geworden und hat sie geschlagen, und sie hat sehr geweint. Und darauf hat sie der Janko nach Lemberg geführt. Und dann ist Papa ein Jahr auf Reisen gewesen, und bei mir war der Pater Ignatius als Hofmeister – ein sehr schlechter Kerl. Nun ist vor drei Wochen der Papa heimgekommen und hat den Pater weggeschickt, und zu mir hat er gesagt: ›Du bekommst wieder eine Französin. Die schaut auch ganz so aus wie die Amelie‹. Da war ich schon ganz froh, denn die Amelie war ja so gut wie ein Engel. Aber an dem Tage, wo sie kommen sollte, habe ich hierher fort müssen. Nun – hier ist es ja auch sehr lustig ...« Und wir bauten weiter an unserer Burg auf der blühenden duftenden Haide, bis wir hungrig wurden. Auch sank schon die Sonne. Aber just als wir heimlaufen wollten, kam ein Wagen in voller Carriere die Landstraße entlang gesprengt. »Das sind unsere Rappen«, rief Henryk und lief auf den Wagen zu, »das ist der Janko. Der kommt gewiß um mich. Nicht wahr Janko?« Aber der Bediente schüttelte den Kopf. »Wir fahren nach Czortkow – um den Doctor!« »Mein Papa ist ja hier im Dorfe«, lief ich, und wir drei Buben kletterten jubelnd auf den Wagen. Am Thore des Edelhofs stand mein Vater im Gespräche mit Herrn Ludwig von T– ski. »Herr Doctor«, rief Janko, »Sie möchten augenblicklich nach Sz. kommen – es ist ein Unglück geschehen ...« »Mein Bruder!« rief Herr von T– ski erblassend. »Nein!« erwiderte Janko, »die Französin hat sich vergiftet – ich fürchte, wir finden sie nicht mehr am Leben.« Rasch sprang mein Vater in den Wagen, Herr Ludwig folgte ihm. »Erlauben Sie, daß ich Sie begleite«, sagte er. »Ihr Knabe kann ja hier bleiben«. Aber mein Vater hob mich hinein. »Der Bube kann ja im Wagen schlafen.« Und dann fuhren wir davon, und die beiden Männer sprachen kein Wort mehr. Nur Herr von T– ski, der sehr blaß war, sagte einmal dumpf: »Ich wußte, daß es einmal so kommen würde.« Dann brach die Nacht herein, ich schlief ein und erwachte erst, als wir im Schloßhof zu Sz. hielten. Das Gebäude lag dunkel und still, nur im ersten Stockwerk waren einige Fenster erleuchtet – da huschten eilige Schatten hin und her. Die beiden Männer eilten in's Schloß. Ich blinzelte schlaftrunken nach den lichten Fenstern hin, dann hüllte ich mich in des Vaters Bunda und schlief abermals ein. Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen, noch auch, wovon ich erwachte. Als ich die Augen aufschlug, war Alles um mich wie früher. Aber die Pferde waren ausgespannt, ich war allein im dunklen Schloßhofe. Da begann ich mich in der wildfremden Einsamkeit zu fürchten, kletterte vom Wagen und ging in's Schloß, meinen Vater zu suchen. Im Portal begegnete mir Niemand. Auch auf der Treppe und im Corridor des ersten Stockwerks war keine Menschenseele. Immer zaghafter schlich ich durch den matt erleuchteten Flur. Endlich sah ich eine halbgeöffnete Thür, da stahl ich mich hinein. Es war ein großes, gleichfalls matt erleuchtetes Zimmer. In der Fensternische saß eine alte Dienerin und weinte bitterlich. Sie beachtete mich nicht. Ich schlich auf den Zehen über die Dielen an eine zweite offene Thür, aus der heller Lichtschein drang. Da steckte ich mich hinter den Thürvorhang und guckte hinein. Es war ein schönes, hell erleuchtetes Gemach, ein Schlafgemach. In einer Halbnische war ein Lager; da ruhte regungslos eine Frauengestalt. Ich sah wenig von dem Gesicht, ich konnte es kaum von den Kissen unterscheiden, so bleich war es. Aber um so deutlicher sah ich die Fluth blonden Haares; es lag wie eine lichte Wolke um das Antlitz. Mein Vater stand an dem Lager; sein Antlitz sah ich deutlich und erschrak fast, so düster hatte ich es nie gesehen. Dann waren die beiden Brüder im Zimmer. Ludwig lehnte in einer Fensternische, Henryk, ein schöner, stattlicher Mann in den Dreißigen saß in einem Fauteuil und schaute starr nach dem Lager hin. So blieb Alles regungslos – nur wenige Secunden lang. Ich glaube, wäre ich ein Maler geworden, ich könnte noch heute das Bild wiedergeben, Zug um Zug. So furchtbar tief haften ungewöhnliche Eindrücke im Kindergemüth. Und ebenso weiß ich, was nun folgte. Mein Vater beugte sich noch einmal über das Lager. »Sie ist todt«, sagte er dann, »sie muß ein ungeheures Quantum Arsenik eingenommen haben.« »Also Arsenik!« – knirschte Henryk und schnellte empor. »Nun weiß ich, woher sie das Gift bekam. Die Fruzia hält immer einen Vorrath davon gegen die Ratten. Oh! ich lasse die alte Vettel peitschen, bis ...« Aber Ludwig legte die Hand schwer auf die Schulter des Bruders, so schwer, daß dieser zusammenknickte und wieder in den Fauteuil sank. »Das wirst Du nicht thun«, sagte er dumpf, »denn deshalb hat doch nicht das alte Weib das Mädchen ermordet, sondern – Du ...« Henryk schwieg. Da fiel der Blick meines Vaters auf den Thürvorhang und entdeckte mich da. »Fort mit Dir«, rief er heftig und schritt auf mich zu. »Ich habe Dich suchen wollen«, stammelte ich. Da ergriff er meine Hand. »Ich kann gehen«, sagte er zu Herrn Henryk. »Es ist ja nichts mehr zu retten ...« »Ich danke Ihnen«, erwiederte Der und kam verlegen, die Rechte weit vorgestreckt, auf meinen Vater zu. »Trauriger Zufall ... hm! Bitte um Discretion!« Aber meines Vaters Rechte ließ meine Hand nicht fahren. »Ich muß meine Pflicht thun«, sagte er. Wir gingen. Hier endet meine persönliche Erinnerung an jenen Fall, die unauslöschlich in meinem Gedächtniß haftet. Ich füge nur noch hinzu: Mein Vater hat seine Pflicht gethan und das Gericht von jenem Selbstmorde in Kenntniß gesetzt. Darauf wurde er und ein Adjunct nach Sz. entsendet und die Obduction vorgenommen. Der Adjunct constatirte, daß wirklich ein Selbstmord vorliege und daß Charlotte G. das Gift aus dem Vorrathe der Haushälterin entwendet. Von den Motiven dieser That behaupteten Henryk und seine Dienerschaft keine Ahnung zu haben. Nur die alte Fruzia erklärte kurz und bündig: das Fräulein habe sich vergiftet, weil der Herr sie die Nacht vorher durch ein Schlafmittel betäubt und diesen Zustand zu schändlichen Zwecken benutzt habe. Aber schon nach der zweiten Vernehmung des alten Weibes mußte die Untersuchung eingestellt werden. Fruzia widerrief ihre erste Aussage, sie habe gelogen, um sich dafür zu rächen, weil der Herr sie nach dem Tode der Französin so sehr habe prügeln lassen. Aber nun sehe sie ein, daß sie die Prügel verdient, weil sie das Gift nicht gehörig verwahrt. Wie viele Gouvernanten aus Genf Herr von T– ski noch in der Folge für seinen Sohn bezogen, weiß ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß er noch heute in tausend Freuden lebt und in seinen Kreisen sehr angesehen ist. Ueberhaupt ein sehr ehrenwerther Edelmann ... ... Man hört in Südrußland häufig eine Redensart, welche recht drollig, jedenfalls aber sehr bezeichnend ist. Erzählt da Jemand eine unwahrscheinliche Geschichte und will man ihm andeuten, daß man sie nicht glaubt, so fällt man ihm ins Wort: ›Ah! – wie sie eine Metze geworden ist.‹ Man hält also seine Geschichte für gleich glaubwürdig, wie jene, welche die armseligen Dienerinnen der Venus Vulgivaga auszukramen pflegen, wenn man sie frägt, wie sie eigentlich auf die Bahn des Lasters gerathen. Das Sprichwort hat Recht. Diese Geschichten, meist sehr romantische, sehr rührselige Geschichten, pflegen in der Regel von Anfang bis zu Ende erlogen zu sein. Es ist dies auch so natürlich! – so tief sinkt selten ein Wesen, um nicht das Bedürfniß zu empfinden, in den Augen seiner Mitmenschen besser zu erscheinen, als es ist. Aber eben deshalb muß man wohl auf der Hut sein, um sich nicht etwa durch Historien dieser Art sein Urtheil über die socialen Verhältnisse eines Landes mit bestimmen zu lassen. Diese Erwägung hängt mit meinem Thema sehr eng zusammen. In den Freudenhäusern des gesammten Ostens bilden die Polinnen das Gros, die Französinnen die traurige Elite. Und jede der Letzteren, jede ohne Ausnahme, erzählt mit geringen Variationen dieselbe Geschichte ihres Unglücks: wie sie als Gouvernante in's Land gekommen, wie ein Bojar oder Magnat oder russischer Graf sie verführt oder gewaltsam entehrt, wie ihr schließlich nichts Anderes übrig geblieben, als ihre gegenwärtige entsetzliche Existenz. Wie gesagt, so erzählen Alle, und es mögen unter ihnen, wie man bestimmt annehmen kann, sehr viele sein, welche nicht lügen. Aber das sarkastische Wort des Südrussen hat deshalb auch hier seine gute Berechtigung. Darum unterlasse ich es, in diesen Zeilen, welche nur unbestreitbare Thatsachen wiedergeben sollen, die Geschichten solcher Gefallenen zu erzählen. Nur bezüglich der folgenden mache ich eine Ausnahme, weil ich hier die positive Ueberzeugung der Wahrheit habe. Ich kam im Jahre 1872, mit Empfehlungsbriefen reich versehen, in eine Mittelstadt der Moldau. Einer dieser Briefe lautete an einen jungen deutschen Kaufmann, welcher sich erst vor wenigen Jahren in gedachter Stadt etablirt hatte. Der Freund, der mir das Schreiben gegeben, hatte mir hierbei eine so enthusiastische Schilderung von der Liebenswürdigkeit, Bildung und Rechtlichkeit des Adressaten entworfen, daß ich beschloß, dieses Schreiben als das erste abzugeben. So that ich denn auch und hatte es nicht uu bedauern. Herr Friedrich – ich kann nur seinen Vornamen hierhersetzen – empfing mich überaus warm und herzlich und führte mich dann in seine Privatwohnnng im ersten Stock. Dort stellte er mich seiner Gattin vor, und hatte mich schon der Mann bezaubert, so that es nun noch mehr seine Frau. Wir Deutschen haben für derlei Frauengestalten einen bezeichnenden Ausdruck – eine Gretchen-Erscheinung, schlank, blauäugig und in jedem Zug und jeder Bewegung der Zauber keuschester, süßester Märchenhaftigkeit. Kaum mochte man glauben, daß dies holde Wesen schon Gattin und Mutter sei, noch minder, daß es – eine Französin sei. Und das war die Dame nach Erziehung und Abstammung von Vaters Seite; ihr ›Mütterli‹ freilich war, wie sie mir in gebrochenem ›Schwyzer-Dütsch‹ sagte, aus Bern gewesen. ›Bübeli‹ nannte sie auch ihren prächtigen, zweijährigen Krauskopf, der laut lachend in meine Hand patschte. Ich kann kaum sagen, welch' günstigen Eindruck das kleine blühende Hauswesen auf mich machte, und ich wäre auch gerne gleich zum Mittagessen dageblieben, wie die lieben Leute wollten. Aber ich hatte ja noch ein Dutzend Besuche zu machen. Ich sagte also für den nächsten Tag zu und setzte seufzend meine Rundfahrt fort: zu Beamten und Banquiers. Und sie waren leider alle zu Hause. So fand ich denn, als ich am späten Nachmittage im Stadtpark erschien – was man so in der Moldau einen Stadtpark nennt – um die Weisen der Militärkapelle anzuhören – was man so in Rumänien eine Militärkapelle nennt – sehr viele neue Bekannte. Aber ich suchte und suchte, bis ich Friedrich und seine Gattin fand. Zu denen setzte ich mich und plauderte, während ihr Büblein auf meinem Schoße mit meinem Schnurrbarte ein grausames Spiel trieb. Dazu spielte die Musik ohrenzerreißend und die stattlichen Honoratioren, denen ich meine ergebenste Aufwartung gemacht, defilirten langsam vorbei. Natürlich grüßte ich respectvoll. Aber – war das hier so Sitte, oder hatte ich Unglückseliger ohne mein Wissen in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit ein Verbrechen begangen, man – dankte mir nicht. Hier und da lüftete wohl ein Herr verlegen den Hut, die Damen aber blickten um sich, als wäre statt meines Leibes blaue Luft. Ich lachte Anfangs darüber, dann ärgerte ich mich doch leise und meinte schließlich zu Friedrich: »Aber Ihre Mitbürger sind ja, überaus – höflich.« Er wurde blaß, seine Frau erröthete heftig. »Die Unhöflichkeit gilt nicht Ihnen«, sagte er endlich gedrückt, »sondern uns. Ich bin ein Verfehmter, nicht in geschäftlicher, aber in socialer Beziehung.« »Und warum?« schwebte mir die Frage auf den Lippen. Aber ich schwieg – nach dieser Eröffnung mußte er ja noch gedrungen ein erklärendes Wort beifügen. Er that es dennoch nicht, und seine Frau blickte, nun todtbleich geworden, starr zu Boden. Ich begann darauf rasch von anderen Dingen zu sprechen. Aber das Ehepaar blieb gedrückt und einsylbig. Da wurde mir die Sache schließlich unheimlich, und ich verabschiedete mich. »Wir erwarten Sie morgen«, sagte Friedrich mit mühsamem Lächeln. »Und ich kann Ihnen kaum sagen, wie sehr es uns freuen wird, wenn Sie trotzdem kommen.« Trotzdem?! – Ich fuhr in seltsamer Stimmung in mein Hotel zurück. Warum lastete auf diesem lieben, jungen Paar ein Bann, so furchtbar, daß es selbst nicht einmal davon zu sprechen wagte?! Aber wen fragen?! Da fand ich auf meinem Tische eine Einladung für den Abend – von Herrn Adolf Veilchenblum. Zwar hatten Frau Veilchenblum und die beiden schönen Fräulein Veilchenblum mir heute Nachmittag nicht die Gnade erwiesen, mich zu bemerken, aber ich wußte ja nicht, ob ich ihnen das übel nehmen durfte, mindestens nach ihren eigenen Anschauungen, den Anschauungen moldauischer Provinz-Honoratioren! Und dann – dort erfuhr ich sicherlich das Geheimniß. Und ich fuhr zu Herrn Veilchenblum. Das stattliche Ehepaar empfing mich sehr freundlich. Madame begann gleich nach den ersten Worten von jener Begegnung im Stadtpark zu sprechen. Wie sehr es ihr leid gethan u.s.w., wie man als Fremder solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sei u.s.w., wie ich sicher keine Ahnung gehabt, mit wem ich da u.s.w, ... bis ich endlich nervös wurde und trocken fragte: »Ja – was ist's denn mit den Leuten?« Madame schlug verschämt die Augen zu Boden. Herr Veilchenblum aber flüsterte mir zu: »Herr Friedrich X. ist ein reeller, braver junger Kaufmann. Aber seine Frau war früher eine öffentliche Dirne. Und direct aus dem Freudenhause hat er sie zum Traualtar geführt!« Ich stand starr vor Staunen. »Unmöglich!« rief ich dann heftig, »diese Frau – .« Da rauschten aber schon die beiden Fräulein Veilchenblum in den Salon. Ich glaube, ich habe bei der Familie Veilchenblum entschieden nicht den Eindruck eines geistreichen Gesellschafters gemacht. Auch noch am nächsten Vormittage war ich sehr zerstreut. Meine Gedanken kehrten immer wieder, ob ich wollte oder nicht, zu jenem jungen Paar zurück. Wie hatte der Mann, welcher die verkörperte deutsche Ehrbarkeit war, sich zu solchem Schritte entschließen können?! Aber war es denn möglich, daß dieses mädchenhafte Weib, diese Verkörperung lieblichster Frauenwürde, in der That eine solche Vergangenheit hatte?! Ich dachte hin und dachte her und trat zur Mittagszeit den Weg in's Haus des jungen Kaufmannes an. Denn, sagt' ich zu mir, erstens bist du ein Mann und kein vierzehnjähriger Backfisch, zweitens ein Fremder, der sich um das Urtheil dieser guten Stadt den Henker zu scheeren braucht, drittens darfst du nicht eine dir zugedachte Freundlichkeit durch eine eclatante Grobheit erwidern. Und damit trat ich in Friedrich's Comptoir. Er drückte mir die Hand, als hätte ich ihm durch mein Erscheinen den größten Dienst erwiesen. »Meine Frau wird sich sehr freuen«, sagte er. »Auch das Bübeli hat schon mehrere Male Etwas vom deutschen Onkel gestammelt ...« Wir gingen hinauf. Frau Marie sah heute womöglich noch lieblicher aus als gestern. Aber befangen war und blieb sie doch, auch während des Mahls. Als es zu Ende, erhob sie sich rasch. Wir Herren traten in's Rauchzimmer. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig«, begann Friedrich, kaum daß wir Platz genommen. »Ich hätte sie Ihnen schon gestern gerne gegeben. Aber die Anwesenheit meiner Frau hinderte mich daran. So mußte ich es darauf ankommen lassen, daß Ihnen aus fremdem Munde eine Aufklärung zukomme. Wahrscheinlich ist dies auch geschehen, von wem und in welcher Form, ist gleichgültig. Ich selbst sage Ihnen, daß ich jenes brave reine Wesen, welches mich heute als mein Weib glücklicher macht, als ich verdiene, allerdings erst aus dem Hause einer Kupplerin loskaufen mußte, ehe ich es zu meinem Weibe machen durfte. Aber wie Marie in dieses Land und in dieses Haus gekommen, wird man Ihnen nicht gesagt haben. Gestatten Sie, daß ich Ihnen dies auseinandersetze. »Hier« – er zog einen Papierbogen aus der Brusttasche und reichte ihn mir entfaltet hin, »haben Sie einen Dienstvertrag vom März 1871, abgeschlossen durch die Vermittlung eines Wiener und eines Genfer Placirungs-Instituts, zwischen Fräulein Marie Ch. einerseits, und der Gutsbesitzers-Wittwe, Frau Sofia K. andererseits. Marie Ch. verpflichtet sich darin, gegen freie Station und ein jährliches Gehalt von 1800 Frcs. als Gesellschafterin bei Frau K. einzutreten. Insbesondere wird sie verpflichtet der Dame vorzulesen und in Krankheitsfällen die Leitung der Pflege zu übernehmen. Wie Sie sehen, ein streng juristisch stilisirtes, beiderseits gefertigtes, rechtsverbindliches Instrument und dennoch – die infamste Farce, die je in legalen Formen abgefaßt worden ist. Sofia K. ist allerdings Wittwe, aber nicht die eines Gutsbesitzers, sondern eines Lakaien, sie ist sehr gesund, braucht keine Pflege, noch minder aber eine Vorleserin französischer Lectüre, da sie keine Silbe davon versteht. Sie ist die ehemalige Geliebte und gegenwärtige Wirthschafterin des Gutsbesitzers Doxaki P– scu in S. bei Roman. Der Mann ist vielleicht der infamste Wüstling, der sich in Rumänien findet, und das will bekanntlich Etwas sagen. Der Edle lebte regelmäßig den Winter über in Paris und brachte den Sommer auf seinem Gute zu. Um sich, wie er sagte, in dieser Zeit entsprechend zu amüsiren und dabei auch im Französischen nicht außer Uebung zu kommen, bezieht oder vielmehr bezog er bis vor drei Jahren – denn seitdem habe ich ihm das Handwerk gelegt – in jedem Frühling eine – Gesellschafterin für seine Wirthschafterin. Er wandte sich hierbei im Namen der Sofia K. immer an ganz solide Vermittlungs-Institute, betonte als erstes Erforderniß die strenge Solidität der betreffenden Bewerberin und war so sicher, in der That immer ein bisher unverdorbenes Opfer seiner Lüste zu erhalten. In der That brachte er aber im Herbste regelmäßig vor seiner Abreise nach Paris einen Theil seiner Kosten wieder ein. Da verhandelte er nämlich die unglückliche »Gesellschafterin« an die Kupplerin Sarah P. in hiesiger Stadt ...« »Entsetzlich!« rief ich. »Sie fühlen sich«, fuhr der junge Kaufmann fort, »von der bloßen Erzählung grauenhaft berührt. Erwägen Sie nun, wie unsäglich schreckensvoll erst der armen Marie ihre Lage erscheinen mußte, als sie, eine elternlose Waise, aber bisher in der Obhut sorglicher Verwandten und von keinem Hauch des Lasters berührt, nun plötzlich im wildfremden Lande, allein und hülflos, sich der Gewalt dieser Bestie preisgegeben sah. Denn der wackere Doxaki sorgte dafür, daß selbst sie, die Arglose, innerhalb sehr kurzer Zeit zum Bewußtsein ihrer Lage kam. Die Verzweiflung, die Todesangst des armen Mädchens läßt sich nicht schildern. Da sie keine Hülfe sah, da sie kein anderes Mittel fand, sich den wiederholten Angriffen des Elenden ferner zu entziehen, so verrammelte sie sich in ihrem Zimmer und beschloß, sich zu Tode zu hungern. Wie ich ihren Charakter später kennen gelernt, bin ich auch fest überzeugt, daß sie diesen Entschluß unbedingt ausgeführt hätte. »Da wußte Herr Doxaki durch eine List die Verzweifelnde davon abzubringen. Er schrieb ihr einen langen sentimentalen Brief, worin er sie versicherte, er sei von ihrer Tugend und ihrem Heldenmuthe so gerührt, daß er nicht nur jeden sträflichen Gedanken aufgebe, sondern auch gerne bereit sei, ihr zur Heimkehr in die Heimat behülflich zu sein. Zu diesem Zwecke lege er ein Bankbillet von 500 Francs bei und bitte, die Summe als Sühne seines beabsichtigten Frevels von ihm anzunehmen. Der Brief schloß mit der Versicherung, der Wagen stehe dem Fräulein allstündlich zur Disposition, um es zur nächsten Bahnstation zu bringen. Die Arglose ging in die Falle und ließ Doxaki sogar ihren gerührten Dank sagen. In der nächsten Stunde stand denn auch der Wagen vor der Thüre, die Koffer wurden aufgepackt, das Mädchen schritt die Treppe herab. Da trat ihr Doxaki entgegen und bat nun auch mündlich um ihre Vergebung. Er bat so zart, so innig, daß man ordentlich gerührt werden mußte. Er dankte ihr, daß sie ihm einen Glauben wiedergegeben, der ihm in den Stürmen des Lebens längst verloren gegangen – den Glauben an Frauenehre. Und zum Schlusse erbat er als Zeichen der Versöhnung, daß Marie doch nicht so – halbverhungert aus seinem Hause gehe. Wer hätte solchem reuigen Flehen widerstehen können, besonders da die Tafel schon bereit stand, und das arme Kind wirklich entsetzlich hungrig war. Maria aß und trank und – der Elende hatte seinen Zweck erreicht. In die Speisen war in großer Quantität ein Mittel gemischt, welches die Sinne des Mädchens betäubte und es zum Opfer des Wüstlings werden ließ. ... »Als das Mädchen wieder zur Besinnung kam – wer schildert seinen Jammer?! Aber die Wucht dieses Jammers war zu groß, als daß ihm diese zarten Nerven hätten widerstehen können. Marie verfiel in ein hitziges Fieber und schwebte zwischen Leben und Sterben. Das paßte aber Herrn Doxaki schlecht in den Kram – starb das Mädchen, so hatte er doch vielleicht einige Unannehmlichkeiten zu befürchten. Darum ging er zu seiner würdigen Freundin Sarah P. und machte derselben den Vorschlag, ihr das Mädchen, so wie es jetzt sei, gratis in ihr Haus zu liefern. Frau Sarah ging das riskante Geschäft ein. Die Kranke ward hierher gebracht. Herr Dr . R., ein Deutscher, behandelte sie. Durch ihn erfuhr ich von dem Falle. Er interessirte mich sehr, aus Gründen, welche Ihnen gleichgültig sein können ...« Ein düsterer Schatten überflog das Antlitz des Erzählers. Dann setzte er doch hinzu: »Ich hatte eine Cousine, welche vor langen Jahren gleichfalls in der Fremde verkam. Und diese Cousine hatte ich sehr – genau gekannt ... Nun – ich lernte also die Genesende kennen und achten. Ich bemitleidete und liebte sie. Und darum machte ich sie zu meinem Weibe und bin sehr, sehr glücklich durch sie geworden ... ›Darüber kann kein Mann hinaus‹, sagt Hebbel in ähnlichem Falle. Nun – ich habe darüber hinaus können, und bin mir deshalb doch bewußt, ein Mann von Ehre zu sein ...« »Das dürfen Sie auch«, sagte ich und drückte dem Manne warm und herzlich die Hand ... ... Vor nun acht Jahren war's und zu Lipkany, einem kleinen schmutzigen Judennest in Bessarabien. Im besten Wirthshause des Ortes, einer niederträchtigen Spelunke, hielt ich am Abend einige Stunden Rast. Ich war am Morgen von Mohilew ausgefahren und von der langen Tagereise in dem elenden Miethwagen furchtbar ermüdet. Gleichwohl wollte ich noch in der Nacht weiter, um am nächsten Tage rechtzeitig die österreichische Grenze bei Nowosielica zu gewinnen. Da trat, nachdem ich die Zeche berichtigt, die alte jüdische Wirthin noch einmal an meinen Tisch heran. Sie habe eine Bitte, begann sie verlegen, aber nicht für sich. Das heißt: eigentlich auch für sich, denn das arme Mädchen liege nun da und hinauswerfen könne man es nicht und an Bezahlung sei auch nicht zu denken. Das Mädchen wolle nach Hause, aber das sei sehr weit. Ob ich es nicht wenigstens über die Grenze mitnehmen wolle? »Was ist's denn für ein Mädchen?« fragte ich. So eine Art Lehrerin, war die Antwort. Deutsch spreche sie nicht, aber etwas russisch und französisch ›wie Wasser‹. Der Armen sei ein furchtbares Unrecht geschehen, aber das solle sie mir selbst erzählen. Damit schob sich das gutmüthige Weib zur Thüre hinaus und kam bald mit ihrem Schützling wieder. Ich bin auf meinen Fahrten in aller Herren Ländern vielem Menschenelend begegnet. Ich kenne die Arbeiterviertel und Verbrecherhöhlen fast aller Großstädte aus eigener Anschauung. Aber ich bin nie, weder vor noch nach jener Stunde, einem Menschenwesen begegnet, dessen Anblick erschütternder zum Herzen sprach, als der jenes armseligen siechen Geschöpfes, das nun zögernd, wankend auf mich zugeschlichen kam. Es war ein sehr dürftig gekleidetes Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren. Schön war dieses todtblasse Gesicht sicherlich nie gewesen, aber nun war es peinlich entstellt durch die Spuren unsäglichen Grams. Etwas wie Todesangst lag darauf festgebannt; die Augen waren entzündet von tagelangem Weinen und unaufhaltsam quollen die Thränen über die Wangen. Um den Jammer voll zu machen, stand das arme Ding offenbar dicht vor dem Zeitpunkte, wo es – Mutter werden sollte. Meine Augen wurden feucht, als ich in dies Antlitz blickte. Ich sprach zu ihr – ich war unermüdlich in der Betheuerung, daß ich ihr hilfreich sein wolle. Die Arme war nicht ganz bei Besinnung – »nach Genf«, stammelte sie nur unaufhörlich und hielt die Hände gefaltet. Ich ließ ihr im Fond ein Lager bereiten und setzte mich zum Kutscher. Wir fuhren die Nacht über. Durch das Rasseln des Wagens hindurch hörte ich unablässig das Wimmern der Kranken. Gegen Mittag kamen wir in den russischen Grenzort Nowosielica. Da zwang ich sie, durch vieles Zureden eine Suppe zu nehmen. Dann fragte ich sie, ob sie einen Paß hätte. Sie brauchte ihn, den russischen Grenzkordon zu überschreiten. »Bei der Generalin«, stammelte sie, »mit den anderen Sachen.« Dann begann sie wieder heftig zu weinen und berichtete mir zwischendurch, stammelnd, schluchzend, wirr genug, den ungeheuren Frevel, den man an ihr verübt. Das Mädchen war die Tochter eines Genfer Schusters. Sie hatte keine Erziehung genossen, konnte daher nie hoffen, Gouvernante zu werden. Da kam zum Herbstaufenthalte eine russische Generalin nach Vevey, welche für ihr fünfjähriges Töchterchen eine Bonne suchte. Die Schusterstochter bekam den Posten und war ganz glücklich darüber; sie wurde gut behandelt, gewann das Kind lieb und ging darum gerne mit der Generalin auch nach Sicilien und dann auf das Gut bei Lipkany. Dann reiste die Generalin allein nach Baden-Baden, darauf nach Petersburg; die Bonne blieb mit dem Kinde allein auf dem Gute zurück. Da bekam sie im Spätherbste unerwartet glänzende Gesellschaft; der Sohn der Generalin, ein junger schöner Garde-Offizier, fand es für angezeigt, den Winter über Petersburg zu meiden – wahrscheinlich hatte er seine guten Gründe. Da er sich auf dem öden, bessarabischen Edelhofe langweilte, so verführte er, die Zeit todtzuschlagen, die arme Bonne. Im Frühling durfte er nach Petersburg zurückkehren; einen Monat darauf kam die Generalin heim. Das französische Mädchen hatte kein rechtes Bewußtsein seines Zustandes, bis das Gesinde zu höhnen und zu sticheln begann. Die Generalin erhielt davon Kunde und ließ das Mädchen rufen. Es gestand unter strömenden Thränen Alles. Da gerieth die Russin (ich habe, was ich unendlich bedauere, seinerzeit den Namen nicht notirt und er ist mir während der langen Jahre entfallen) in Raserei, nannte das arme Ding eine Metze, eine Verführerin ihres Sohnes und übte Justiz an ihr. Sie ließ sie im Hofe entkleiden und mit Ruthen streichen. Dem armen Opfer verging vor Scham und Schmerz die Besinnung. Als es wieder zum Bewußtsein kam, fand es sich auf der Landstraße liegen. Barmherzige Tschumaken (kleinrussische Salzfuhrleute) erbarmten sich der Unglücklichen und brachten sie nach Lipkany. Ich war empört, im tiefsten Herzen erschüttert, aber helfen konnte ich armer junger Bursche dem Mädchen wenig. Ich schmuggelte es mit Hilfe einiger polnischer Gulden, welche beim russischen Naczalnik den fehlenden Paß hinlänglich ersetzten, durch den Kordon nach Oesterreich. Dann nahm sich ein Engländer, welcher bei der Lemberg-Czernowitzer-Bahn in Czernowitz bedienstet war, werkthätig der Unglücklichen an und schaffte ihr Freikarten und Reisekosten nach Wien. Von da wollte sie mit Hilfe ihrer Landsleute heimkehren, nach Genf. Ob sie ihre Heimath erreicht, weiß ich nicht. ... ... Ich lebte im Winter von 1872 auf 1873 in Pest und verkehrte dort unter Anderm viel mit einem jungen Arzte, der sich trotz seiner Jugend bereits einer ansehnlichen Praxis erfreute. Als ich an einem schönen sonnigen Märztage um vier Uhr, wo seine Ordinationszeit zu Ende ging, die Treppe seiner Wohnung emporstieg, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen, kam ich an einer schwarz gekleideten Dame vorüber, welche regungslos, die Hand auf das Geländer gestützt, auf dem Treppenabsatz stand. Ich blickte sie an, während ich vorüberging und – erschrak heftig. Dieses Antlitz war jung und von edlem Schnitt, aber entsetzlich blaß, selbst die Lippen farblos, und verzerrt von dem Ausdruck höchster Verzweiflung, der darauf wie festgebannt lag. Die Mundwinkel herabgezogen, die Lippen halb geöffnet, als wäre ihnen eben ein Schrei des Entsetzens entflohen, die Augenbrauen hoch emporgezogen und die Augen starr, glanzlos und weit aus ihren Höhlen gequollen, als hätten sie eben das Furchtbarste geschaut. Das Weib durchlitt offenbar einen ungeheuren körperlichen oder seelischen Schmerz. Mich faßte Mitleid und Grauen ... »Sie sind unwohl?« – Ich wollte es nicht fragen, meine Lippen fragten es selbst. Die Dame zuckte beim Klange meiner Stimme zusammen, griff sich an die Stirne und schüttelte leise den Kopf. Dann wankte sie die Treppe hinab. »War das eine Patientin?« fragte ich oben den jungen Arzt und beschrieb ihm die Dame. »Ja!« sagte er. »Ein überaus unglückliches Geschöpf. Sie ist Erzieherin und stammt aus Belgien, wie sie behauptet – aus sehr ehrenwerther Familie. Sie kam im vorigen Herbste in das Haus eines hiesigen ältlichen, verwittweten Magnaten als Erzieherin seiner beiden kleinen Mädchen. Der Mann verführte sie und zwar, wie sie schwört, unter der Vorspiegelung, sie zu heirathen. Natürlich droht er ihr nun bei der bloßen Erwähnung dieses Versprechens mit schmählicher Entlassung. Aber damit nicht genug – er hat sie auch mit einer abscheulichen Krankheit behaftet. Das Mädchen hatte keine Ahnung von dem Charakter dieser Krankheit und hat erst heute, nach langen Monaten, ärztlichen Rath gesucht. Natürlich mußte ich ihr die ganze Wahrheit sagen und auch eröffnen, daß nur mehr wenig Hoffnung auf gänzliche Herstellung sei. Armes Ding!« Damit schloß er die Thüre seiner Wohnung und wir gingen hinab und im Sonnenschein den menschengefüllten Donauquai auf und ab, bis die Abendnebel aus dem Flusse aufstiegen. Da schieden wir. Der junge Arzt ahnte nicht, daß sich zur selben Stunde am gegenüberliegenden Ufer seine unglückliche Patientin in den Fluß gestürzt. Sie ertrank, weil der Nebel die Rettung verhinderte. So war mindestens am nächsten Tage in der lithographirten Lokalkorrespondenz zu lesen. ... Und das sei die letzte Geschichte – zwar nicht die letzte, welche zu meiner Kenntniß gelangt, aber die letzte, welche ich erzählen will. Nur von den ›Gespielen‹ erübrigt mir noch zu reden, von jenen Knaben, welche haufenweise nach dem Osten gebracht werden, angeblich, um dort in den Häusern der Reichen als lebendige Grammatiken zu dienen, in Wahrheit aber – mindestens zum nicht geringen Theil – um in eigenen Häusern als Gegenstand unnatürlicher Lüste mißbraucht zu werden. In Kiew und Odessa, Bukarest und Galatz, Konstantinopel und Athen bestehen solche Häuser. Mehr darüber zu sagen, ist an dieser Stelle unmöglich und wohl auch – überflüssig! Mögen diese Zeilen ihren Zweck erfüllen, aufmerksam zu machen und zu warnen. Möge die Zeit nicht ferne sein, wo man nur noch als einer Schmach der Vergangenheit des Handels zu gedenken braucht, der heute so entsetzlich blüht, des Handels mit Gouvernanten und Gespielen! Soweit meine Darstellung von 1876. Aufmerksam zu machen, zu warnen, war thatsächlich mein einziger Zweck. Daß mit der Erweckung moralischer Entrüstung wenig, blutwenig gethan sei, war mir klar – in der That ist es ein schöner Wahn zu glauben, daß je ein Schurke vor ihr die Waffen gestreckt. Und wäre die Sprache dieser Thatsachen, sagte ich mir, laut genug, jeden gebildeten Europäer mit tiefstem Abscheu zu erfüllen, deßhalb werden die Herren Bojaren in Halb-Asien doch fortfahren, zu thun, was ihnen beliebt. Aber jenen Mädchen, welche die Reise nach dem Osten wagen, ihren Eltern und Vormündern wollte ich die Augen öffnen, damit sie auf der Hut seien. » Exempla trahunt ,« heißt es sonst, vielleicht dachte ich, erreiche ich hier im entgegengesetzten Sinne meine Absicht und es darf von diesen Zeilen heißen: » Vestigia terrent .« In der That erreichte ich diesen Zweck, und zwar – nur allzusehr! Ich konnte dies aus dem Hagel von Zeitungsartikeln und Briefen schließen, welcher auf meinem Schreibtisch niederging. Daß ich da in allen Zungen des Ostens zu lesen bekam, ich sei ein Verleumder meiner Heimath, ein »Vogel, der sein eigenes Nest beschmutze,« und was der Höflichkeiten mehr waren, wunderte und kränkte mich nicht; auch der Vorwurf, daß ich ein »Kulturfeind« sei, welcher den Osten der fremden Bildungselemente berauben wollte, ließ mich gleichgültig; nachdenklich aber machte mich der Vorwurf, daß ich durch derlei Dinge den armen Mädchen das Herz schwer machte, denn daran war wirklich etwas; auch die Briefe, die mir zukamen, bestätigten es. Es war viel Thörichtes darunter – so fragte z.B. eine 55jährige Sprachlehrerin aus Genf bei mir an, ob sie ohne Sorge für ihre Tugend eine Stelle als Institutslehrerin in Bukarest annehmen dürfe, und eine Andere, die ihr Alter nicht nannte, wohl aber ihre Photographie beilegte, forderte von mir, offenbar um der Gefahr zu trotzen, ein Verzeichniß der Bojaren, die so gegen ihre Gouvernanten verführen; Dutzende von Briefen forderten Referenzen über bestimmte Familien; aber aus Hunderten von Briefen klang die erschütternde Klage: »Gut, nun sind wir gewarnt, aber was soll uns dies fruchten?! Wir müssen nach dem Osten gehen, unser Brod zu verdienen, weil wir es in der Heimat nicht finden können. Wir wollen die Gewähr haben, daß wir in ein anständiges Haus kommen, aber wer kann uns dieselbe geben?« Die Frage war berechtigt, aber wo die Antwort finden?! Anscheinend war sie ja leicht gegeben: »Die Gewähr hat Euch jene Agentur zu geben, durch deren Vermittlung Ihr engagirt werdet. Vermeidet also die schlechten und bedient Euch der gewissenhaften Agenturen.« Aber auch damit ist wenig gethan. Es gab und gibt keine Agentur, und zwar weder im Westen, noch im Osten, der sich irgendwie glaubhaft nachweisen ließe, daß sie sich berufsmäßig mit der Vermittlung solcher Schändlichkeiten befasse. Wenn eine Gouvernante, der sie eine Stelle vermittelt, hiedurch in schlechte Hände geräth, so trifft den Agenten in Genf, Brüssel, Berlin oder Wien höchstens der Vorwurf des Leichtsinns, aber auch dieser nicht immer. Bestünden solche Agenturen in Europa und bedürfte das Schandwesen derselben zu seiner Existenz, so wäre es bald vernichtet. Aber es bedarf ihrer nicht, ja noch mehr, es bedarf nicht einmal der Mithülfe der Agentur im eigenen Lande. Bestünden solche Agenturen in Rumänien, Rußland ec. so wären sie gleichfalls bald entlarvt, und wenn sie vielleicht auch nicht immer von ihren Behörden bestraft würden, so könnte man sie doch durch öffentliche Warnung und Brandmarkung unschädlich machen. Aber der Fall liegt meistens ähnlich wie der folgende: Der Gutsbesitzer, Herr v. X. in Volhynien, Wittwer und Vater zweier kleiner Mädchen, hat für diese eine Gouvernante bezogen. Er hat von vornherein keine schlimme Absicht; er will in der That nur eine Erzieherin für seine Kinder. Aber der Zufall bringt ihm ein junges, reizendes Mädchen in's Haus und dieser Versuchung vermag seine Brutalität nicht zu widerstehen. Dann schickt er die Aermste ruhig fort: er weiß, daß sich in seinem Gouvernement kein Ohr ihrer Klage oder Anklage öffnen wird. Diese Erfahrung ermuntert ihn zu weiteren Versuchen; er bestellt bei der Agentur in Warschau abermals eine Gouvernante, diesmal aus Deutschland oder Belgien. Jugend und »freundliches Aeußere« macht er vorsichtshalber diesmal bereits zur Bedingung. Aber solche Anforderung wird so oft und von so ehrenwerthen Leuten gestellt, daß der Agent daraus wahrlich noch nicht Verdacht schöpfen kann. Woraus sonst? Weitläufige Erkundigungen einzuziehen fällt ihm nicht bei. Er schreibt also an seinen Brüsseler oder Berliner Geschäftsfreund und dieser wieder ist vollends außer Stande, eine Nachforschung zu pflegen, selbst wenn er's wollte. Er schließt mit einer Dame, die den gestellten Bedingungen entspricht, einen Vorvertrag ab, sie erhält einen Reisevorschuß und geht nach Volhynien. Das Weitere – siehe oben! Und was hindert Herrn von X., die Schandthat beliebig oft zu wiederholen? Aber so schauerlich schon dieses Beispiel ist, der Leser weiß bereits, daß es noch schlimmere Fälle gibt; ich erinnere an die Geschichte der Marie Ch. Sowohl das Wiener, als das Genfer Placirungsinstitut, welche bei Schließung dieses Vertrages mitwirkten, waren achtbare Firmen; das Wiener gilt als das verläßlichste dieser Stadt. Der Agent kann sich nicht immer erkundigen, und angenommen, daß er es könnte – durch welche Mittel wäre ihm die Verpflichtung hiezu so bindend aufzuerlegen, daß er ihr nachkommen müßte ?! Wo die Kraft der einzelnen Individuen nicht hinreicht, ein gemeinschädliches Uebel auszurotten, da darf man mit Recht die Macht des Staates anrufen, auch wenn man im Uebrigen noch so entschieden der Ansicht sein mag, daß der »Racker von Staat« heutzutage nur allzuviel bemüht wird. Von den Staaten Halb-Asiens war freilich keine Abhilfe zu erwarten, wohl aber von jenen Europa's. Und so gab ich meinen Vorschlägen endlich die praktische Spitze: Es ist die Pflicht jedes Staates, seine Angehörigen auch in der Ferne vor Unbill zu schützen. Natürlich können die Schweiz oder das Deutsche Reich nicht jeder Genfer oder Berliner Bonne einen Wächter ihrer Ehre beigeben, noch ihren Gesandten auftragen, jede Einzelne im Auge zu behalten und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Was sie aber leicht vermögen, ist, ihnen die Sicherheit zu bieten, daß sie nicht in verruchte Hände fallen. Mit anderen Worten: den Konsulaten ist zur Pflicht zu machen, auf derartige Anfragen von Amtswegen sofort und mit aller Gewissenhaftigkeit Auskunft zu ertheilen. Dann sind wenigstens die grellsten Fälle, wie jener der Marie Ch. vermieden. Es ist mir eine hohe Freude, berichten zu dürfen, daß diese Anregung nicht fruchtlos blieb. Im Gegentheil – die praktische Wirkung war größer, als ich sie je zu erhoffen gewagt. Ich darf dies betonen, weil das Resultat nicht mir zu danken ist, sondern der Wucht der Thatsachen, weil ich nichts gethan, als meine Pflicht. Die Schweiz steht in jener Skala obenan und sie war es auch, die zuerst die Frage praktisch löste. Die Bundesregierung in Bern legte, wie mir der Gesandte der Schweiz, Herr Dr . von Tschudi in Wien, mitgetheilt, meine Aufsätze einer Enquêtekommission vor. Diese schlug eine höchst zweckdienliche Maßregel vor, die auch sofort acceptirt wurde. Unter dem Patronate der Regierung entstand nämlich eine Gesellschaft, welche sich den Schutz der jungen Schweizer Bürgerinnen im Osten zur Aufgabe macht. Es wird dies zum Theil dadurch erreicht, daß die Gesellschaft nicht bloß die Schweizer Konsulate des Ostens zu Hilfe nimmt, sondern auch private auswärtige Mitglieder in jenen Ländern ernennt und die Auswanderer an sie empfiehlt, insbesondere jedoch dadurch, daß man die Schutzlosen von vornherein nicht in schlechte Hände kommen läßt. Will zum Beispiel ein junges Mädchen in Lausanne als Gouvernante in ein moldauisches Haus treten, so erhält sie ihren Schweizer Paß nicht eher ausgefolgt, als bis sie in einer Filiale der Gesellschaft den Namen ihrer künftigen Herrschaft angegeben und bis die Erkundigungen, welche dann sofort auf telegraphischem Wege eingeholt werden, ein befriedigendes Resultat über den guten Ruf jener Familie ergeben. Ich halte dies für den einzigen richtigen Weg. So ist für die Schweizerin in Halbasien das Schlimmste verhütet. Wer aber schützt die Deutsche? Es ist nicht Zweck dieser Zeilen, selbstgefällig das eine Resultat zu vermelden, sondern diese Frage zu stellen an Alle, die es angeht, besonders an die belgische Regierung und an den deutschen Bundesrath in Berlin. Der Export von deutschen Gouvernanten, Bonnen und Gesellschafterinnen nach jenen Ländern wächst von Jahr zu Jahr. Hält es der deutsche Bundesrath in Berlin nicht für seine Pflicht, für die deutschen Mädchen denselben Schutz aufzurichten, dessen sich die Schweizerinnen bereits erfreuen? Todte Seelen. (1875.) »Ein seltsamer Handel, he! he!« sagt der Gutsbesitzer verlegen, »Man könnte darüber lachen, und es ist doch so schauerlich ...« N. Gogol Im heutigen Rußland gibt's keinen solchen ›Handel‹ mehr: die Aufhebung der Leibeigenschaft hat auch das scheußliche Geschäft jener Menschen todtgeschlagen, welche in ›todten Seelen‹ machten, wie Andere in Leder, Wein oder Zwirnwaaren. Der Handel ist aus, und nur so, wie im klaren Bernstein das häßliche Mücklein der Urzeit, nur so lebt er fort in dem größten Werke des größten Erzählers, der unter den Moskowitern erstanden – in den ›Todten Seelen‹ des Nikolai Gogol. Der Roman ist bekannt, freilich nicht in jenem Grade, wie er's verdient. Denn er ist einzig in seiner Vereinigung gewaltigen Talents in Beobachtung und Darstellung, herber, düsterer Weltanschauung, wilden patriotischen Schmerzes. Laut, hart, erbarmungslos erzählt der Dichter die tiefgeheimste Krankheitsgeschichte seines Volkes; nur zuweilen unterbricht er sich, um höhnisch aufzulachen oder blutig zu weinen. Das Buch muthet an wie ein ungeheurer Edelstein, den der Dichter seinem Volke ohne Schonung an den Kopf geworfen. Freilich, nicht recht geschliffen ist der Edelstein, denn des Dichters Herz war weicher als sein Stoff und ist darüber gebrochen.... Der Roman ist bekannt, und der Handel, den er geißelt. Bei der Conscription wird die Zahl der Leibeigenen ermittelt und der Kopfzins festgestellt. Der gilt nun unabänderlich bis zur nächsten Conscription und muß vom Besitzer an des Czaren Amt geleistet werden. Was inzwischen geboren wird, ist steuerfrei; stirbt aber ein Leibeigener oder läßt der Herr ihn todtprügeln, so muß der Kopfzins dennoch entrichtet werden: dem Herrn ist die »Seele« gestorben, dem Amte nicht. Das nützt nun der Speculant und kauft dem Herrn die »todten Seelen« ab. Für den Besitzer das beste Geschäft! – er erspart den weitern Zins, welchen nun der Käufer trägt, und erhält außerdem für das Gebein, das draußen auf dem Kirchhofe vermodert, einiges Baargeld. Aber auch für den Speculanten ein treffliches Geschäft, denn in der Kaufurkunde werden die todten Seelen lebendig, und das Amt bestätigt sie als lebendig, und man kann sie mit ungeheurem Nutzen weiterverkaufen! Kurz – ein schamloser, abgefeimter Betrug, nur möglich in einem Lande, wo die Seelen der Freien, besonders der hochverehrlichen Herren Beamten, just so käuflich sind, wie die armen »Seelen«, die Leibeigenen.... Unter Alexander Nikolajewitsch hat solche Käuflichkeit aufgehört – das heißt jene der Leibeigenen. Heute macht man in Rußland nicht mehr in »todten Seelen«. Aber noch gibt es ein Land Europas, wo solcher Handel blüht. Freilich in grundverschiedener Art, mit entgegengesetzter Tendenz. Aber auch hier bilden »todte Seelen« die Waare, und wenn auch die Preise keineswegs fix sind, so sind doch die Usancen feststehend und geheiligt, wie nur jene im Leder- oder Korngeschäft. Dieses Land hat die freisinnigste Verfassung auf Erden und das trefflichste Gesetzbuch – es präcisirt die Paragraphe über Betrug und Mißbrauch der Amtsgewalt so scharf, daß jedem Logiker und Juristen das Herz im Leibe lacht. ... Dieser Codex und diese Magna charta sind wahre Ideale, aber – hat einmal ein österreichischer Staatsmann gesagt, den ich gerne als geistvoll bezeichnen möchte, wenn ich nicht befürchten müßte, daß dies als Ironie ausgelegt wird – »Ideal ist, was nicht erreicht werden kann«. Du ahnungsvoller Engel, du! – Denn jenes Land ist – Rumänien .... Noch hat sich kein rumänischer Gogol gefunden, der diesen neuen Handel gegeißelt hätte; nur wo ein, noch im innersten Kerne gesundes Volksthum mit Krankheit ringt, kann als Arzt ein Mann so großer, so herber Art entstehen ... Kein Rumäne erzählt von den »todten Seelen«. So versucht's denn hiemit ein Deutscher – nicht in künstlerischer Form, sondern himmelweit entfernt von jeglicher Ambition, kurz und schlicht. Ich erzähle von den »todten Seelen«, weil ich glaube, daß es der Mühe werth. Und just jetzt thue ich's, weil die neueste »todte Seele« interessiren dürfte. Es ist ein guter Bekannter; man hat oft von ihm gelesen, wohl öfter, als Einem lieb war. Geschrieben Ende März 1875 für das Feuilleton der »Neuen Freien Presse« als sich das Gerücht verbreitete, daß, Getzel Wilkenfeld, der berüchtigte Wucherer, nach Rumänien entflohen. Das Gerücht erwies sich als unbegründet, aber was ich aus Veranlassung dieses Gerüchtes geschrieben, ist und bleibt wahr. Nicht an dieser Stelle, durchaus nicht! Zum allererstenmale und hierauf durch manches Jahr hat er weit hinten in der Türkei des »Localberichts« gespukt, wo die Betrunkenen auf einander schlagen und sonstige kleine Scherze verzeichnet werden, welche nur die heilige Hermandad schlichtet, nicht die heilige Themis. Dann hat er doch endlich einmal, vielleicht zu unserem, aber sicherlich nicht zu seinem eigenen Vergnügen eine vornehmere Rubrik erklommen: den »Gerichtssaal«. Anläßlich seiner Verurtheilung hat er sogar den Leitartikel gestreift. Und jetzt bringt ihn seine Flucht in das stille, stolze Reich unter den Strich. Er hat rasche Carrière gemacht – der Getzel Wilkenfeld... Aber, bemerke ich nebenbei, vielleicht hätte der Mann schon auf der allerersten Sprosse seiner Ehren verdient, auch einmal von dem Pinsel des Feuilletonisten vorgeführt zu werden, nicht blos von dem mechanisch geführten Bleistift des Reporters. Denn Getzel Wilkenfeld ist mehr als ein einzelner Gauner, er ist die unsäglich widrige Verkörperung widriger Verhältnisse. Dieser Mensch – aber mit diesem Namen verdient dies Wesen kaum mehr bezeichnet zu werden – dieses Raubthier predigt eine furchtbare Lehre. So wie es ist, konnte es nur auf dem Boden Galiziens gedeihen – wehe dem Boden, der solche Früchte trägt! Auf gesunder Erde und im Sonnenschein wachsen keine solchen Giftpflanzen, nur im Schlamm und Dunkel gedeihen sie. Ach, es ist eine traurige Frage, und nicht leicht ist, sie zu entscheiden, wer sich des Getzel mehr zu schämen hat, die polnischen Juden oder die christlichen Polen?! ... Wie Hund und Katze stehen sie einander gegenüber; hier die brutale Gewalt, dort die tückische List, beiderseits der grimmigste Haß – wie wird es enden? Mit dem Ruin des Landes, antworte ich, sobald man beide einander – abwürgen läßt! Freilich kann sie keine fremde Macht trennen, sie müssen selbst von einander lassen. Der Pole muß bedenken: wen ich wie ein Thier behandele, der wird ein Thier. Und der Jude muß bedenken: ward ich ein Thier durch fremde Schuld – wohlan! doppelt ehrenvoll, wenn ich wieder ein Mensch werde durch eigene Kraft! Aber rasch muß diese Einsicht kommen, sonst kommt sie zu spät! Zu spät! – das ist keine Phrase: die Kugel ist im Rollen, der Ruin vollzieht sich mit unerbittlicher Nothwendigkeit... Jedes Land hat die Juden, die es verdient – man wird vielleicht meine barocke Sentenz belächeln, wahr bleibt sie doch! Mir ist sie der Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden. Wer daran zweifelt, der erwäge die uralte Wahrheit, daß höchste Güte stets und allerorts zugleich größte Klugheit ist. Oder er frage sich, ob er sich den Getzel als englischen Juden denken könne!... Jedes Land hat die Juden, die es verdient , und Sir Moses Montefiore ist ein englischer, Reb Getzel Wilkenfeld ein polnischer Jude – nur in diesem Causalnexus ist der Unhold der Beachtung werth. In jeder andern Beziehung ist er wenig interessant – in psychologischer zum Beispiel gar nicht. Hier zeigt er durchweg typische Züge, nur eben in's Ungeheure gesteigert, in's Abscheuliche verschärft. Ein typischer Zug, aber nicht des Juden, sondern des abergläubischen Gauners, ist auch seine Frömmigkeit. Die Meisten halten sie für Heuchelei – mit größtem Unrecht! Getzel ist wirklich fromm, nur glaubt er nicht etwa an Gott, sondern nur an den Wunder-Rabbi von Neu-Sandec – ganz so wie der Bandit in den Abruzzen auch nur an »seinen« Capuziner glaubt. Und wie der gute Pietro seinem hochwürdigen Padre, sobald die Carabinieri verdächtig nahe streifen, einen Theil der Beute schenkt, damit die Sache gut ablaufe, so schickt Getzel seinem Rabbi vor der Verhandlung dreihundert Gulden. Auch das glaube ich der Frau Getzelin aufs Wort: ihrem Herrn Gemahl sei unter allen Schrecken des Kerkers das »Trefe-Essen« als der größte erschienen. Es stimmt! Auch Pietro bringt lieber zehn Menschen um, als daß er am Charfreitag Fleisch äße. Kurz – diese »Frömmigkeit« bleibt sich unter allen Breitegraden gleich, und es ist pure Geschmackssache, ob Einem der Wunder-Rabbi von Neu-Sandec besser gefällt oder der Capuziner des guten Pietro. Mir gefallen sie Beide nicht... Siehe Heine, »Disputation«, letzter Vers.... Doch – das hat uns hier nicht weiter zu kümmern. Getzel's Gott ist fern, Getzel selbst noch ferner. Denn nur sein Sohn Marcus ist in Krakau gefangen worden, er selbst ist nach Rumänien gegangen. Nach Rumänien! Wie doch große Dichterworte täglich neu werden! »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt!« ... Nach Rumänien! Man wird ihn suchen, ich zweifle nicht daran. Man wird ihn nicht finden, daran zweifle ich noch minder! Ihn nicht, wohl aber seinen Todtenschein. Und daran zweifle ich schon nicht im mindesten. Bald, in zwei, in drei Monaten kommt das düstere Document in eine unserer Consular-Agentien geflattert. Schwarz auf Weiß, in deutlicher Schrift steht darauf geschrieben, wann Getzel Wilkenfeld, seines Standes »Jude aus Radomyschl«, gestorben, wie er gestorben, an welcher Krankheit. Die Cultusgemeinde bestätigt es, die Communal-Behörde bestätigt es, die politische Behörde nicht minder. Die Cultusgemeinde hat ihr Siegel beigedrückt, die Communal-Behörde detto, detto die politische. Was bleibt der Consular-Agentie übrig, als ein viertes Siegel beizudrücken?! ... Ich sage: das geschieht in zwei, drei Monaten. Vielleicht dauert es diesmal länger, weil diese Zeilen störend dazwischentreten. Denn die »Neue Freie Presse« findet sich in den ödesten rumänischen Städtchen (Himmel, wie viel hundert saftige Flüche werden sich in den nächsten Tagen in all diesen Städtchen über meinem Haupte entladen!). Vielleicht dauert es diesmal länger, vielleicht stirbt Getzel erst in einem halben Jahre. Aber sonst genügt ein Drittheil dieser Zeit vollkommen, den Handel mit der »todten Seele« perfect zu machen. Warum auch nicht? Die Agenten sind ständig und zahlreich, über den Preis einigt man sich, die Usancen stehen fest. Ich versuche es, sie zu skizzieren. Es gibt bekanntlich viele Lumpe in der weiten Welt, sehr viele Lumpe, Leute, welche das dringende und wohlbegründete Bestreben haben, für immer aus dem Gesichtskreis ihrer verehrlichen Mitbürger zu scheiden. Auch ehrliche Leute können stellenweise dies Bestreben haben, zum Beispiel junge, fanatische Polen, denen die Temperatur in Sibirien etwas zu kühl scheint. Nun, am Pruth, an der Aluta und der »süßen Dombrovizza« ist es wärmer. Der Mann (ob nun Auswürfling oder Flüchtling, ist ganz einerlei) wünscht natürlich auch in dieser behaglichen Temperatur zu bleiben. Er erfragt einen Agenten, der in »todten Seelen« macht. Das ist nicht schwer; die Herren sind zahlreich und von der Bevölkerung gekannt. Gewöhnlich arbeitet jeder Agent nur in seiner Confesston. Juden vermitteln das mosaische, Armenier oder Rumänen das christkatholische oder griechisch-orientalische Hinscheiden aus diesem irdischen Jammerthale. Also der Würdige ist gefunden, und der Flüchtling eröffnet ihm seinen Wunsch: »Ich wünsche so bald als möglich zu sterben«. – »Wie Sie befehlen«, erwidert der Agent, »das heißt, wenn Sie die nöthigen Mittel haben. Das Sterben ist theuer.« Folgt eine langwierige, oft wochenlange Verhandlung über den Preis. Das Resultat ist natürlich ein sehr verschiedenes, je nach den Motiven der Flucht, je nach dem Vermögen des Flüchtlings. Endlich ist die Summe festgestellt und baar hinterlegt. Der Agent geht an's Werk. Er begibt sich zum Pfarrer oder zum Juden-Vorsteher: »Herr X. Y. aus Z. ist vorgestern gestorben und heute begraben worden.« Der betreffende Würdenträger ist darüber gar nicht erstaunt – alle Menschen müssen sterben, warum nicht Herr X. Y. aus Z.? Auch daß diese betrübliche Thatsache in amtlicher Form beglaubigt werden müsse, ist dem Manne vollkommen einleuchtend; minder einleuchtend ist ihm gewöhnlich der gebotene Preis. Aber schöne Seelen finden sich schließlich doch. Und der betreffende Communal-Beamte ist gleichfalls eine schöne Seele. Auch sind k. k. österreichische Randducaten eine hübsche Münze, womit ich übrigens den Napoleons nicht nahetreten will, sie sind eine ebenso hübsche Münze. Ich nehme an, daß der Herr Präfect, Sub-Präfect oder wer sonst eine hohe Regierung im Städtchen vertritt, derselben Ansicht ist, daß auch ihm Napoleons oder Ducaten nicht häßlich scheinen. Daraus folgt das dritte Siegel, die dritte Bestätigung. Und endlich kann der Agent vor seinen Auftraggeber treten und sagen: »Hier mein Herr, Sie sind todt!«. Die Verstorbenen machen natürlich von dem kostbaren Documente verschiedenen Gebrauch, je nach dem Motive der Flucht. Oft genügt es, dasselbe in die Heimat gelangen zu lassen, oft – besonders wenn ein Steckbrief droht – ist es nothwendig, dasselbe in unverfänglicher und glaubwürdiger Weise an die Consular-Behörde gelangen zu lassen. Auch das geht – der Agent kann Alles. Dann hört natürlich die Verfolgung auf, und der betreffende Polizei-Director in der fernen Heimat wischt sich gerührt den Thränenwinkel: de mortuis nil nisi bene . ... Aber damit ist die Historie noch nicht zu Ende. Der Todte muß weiter leben, und wer lebt, muß einen Namen und Papiere haben. Ist es ein Jude niedrigen Standes, so ist diese Notwendigkeit gerade keine unumgängliche; der verschwindet dann eben spurlos als eine Woge in dem Meer der anderen Kaftane und Schmachtlöcklein. Anders die Christen und diejenigen Juden, welche mehr Prätension haben. Die müssen selbstverständlich wieder geboren werden. Der Christ wird in der Regel rumänischer, der Jude französischer oder amerikanischer Unterthan. Wie das möglich ist? In Rumänien ist Alles möglich! Was aus Getzel Wilkenfeld wird, ob er nur eben schlicht als Getzel unter seinen Glaubensgenossen fortleben, ob er stolz als Mr. Gideon X. unter dem Schutze des Sternenbanners seine Tage genießen wird, überlasse ich der Phantasie des geneigten Lesers. Natürlich müßte er auch da sehr vorsichtig sein, denn wenn der Repräsentant Nordamerikas davon Wind bekäme, daß ein so berühmter Mann unter seinen Fittigen rastet, so würde er ihn schleunigst zu weiterer Rast nach Norden befördern lassen – nach Wien. Doch ist dazu wenig Aussicht vorhanden. Der Handel ist in so raffinirter Weise organisirt, daß die »todte Seele« sich in der Regel ungestört ihres Daseins freuen kann. Wenigstens hört man höchst selten von einer Entdeckung. Und doch gibt es so viele »todte Seelen«. Ich habe das Vergnügen, deren drei zu kennen. Ich berichte kurz von ihnen, um nebenbei auch zu zeigen, daß es oft zu seltsamen Konsequenzen führt, wenn man gleichzeitig lebensfrisch und mausetodt ist. ... Ich bin, wie ich bereits an anderer Stelle mitgetheilt, in einem kleinen podolischen Städtchen aufgewachsen, wo mein Vater als Bezirksarzt lebte. Zu den ständigen Patienten meines Vaters gehörte auch ein reicher jüdischer Gutspächter aus der Nachbarschaft. Fast keine Woche verging, in der nicht sein Sohn, ein junger, starker, rothhaariger Mensch, dahergefahren kam und meinen Vater holte. Der rothe Isaak geberdete sich dabei immer ganz verzweifelt; mein Vater nahm die Sache kaltblütiger. Er wußte, daß dem Alten im Grunde – nichts fehle. Die Leute waren Emporkömmlinge, rohe, orthodoxe Juden. Der Alte genoß seinen Reichthum gar nicht; sein einziger Luxus war, sich ein Leiden einzubilden und den Arzt möglichst oft um sich zu haben. Da kam eines Tages wieder die wohlbekannte Britschka dahergesaust. Aber diesmal saß nicht Isaak darin, sondern – sein Vater. Er beschwor meinen Vater, doch ja gleich zu kommen und Verbandzeug mitzunehmen; es sei draußen ein furchtbares Unglück geschehen. Isaak war mit einem Bauer in Streit gekommen. Der Bauer hatte sein Vieh in den Acker des Gutspächters getrieben und sah gemüthlich zu, wie es sich da gütlich that. Isaak kam zufällig dazu, gerieth in heftigen Zorn und wollte eines der Viehstücke pfänden. Der Bauer ließ es nicht zu und spie endlich dem jungen Menschen in's Gesicht: »Du bist doch nur ein Jud'!« Da übermannte den Jähzornigen die Wuth, er warf sich auf den Bauer und mißhandelte ihn dergestalt, daß der Mann nur noch eben zwischen Leben und Sterben in's Dorf zurückgebracht wurde. Da schickte der Gutspächter seinen Sohn eiligst fort, er selbst fuhr um den Arzt. Es war vergeblich; in der Nacht starb der Bauer. Die gerichtliche Anzeige wurde erstattet, die Untersuchung gegen den rothen Isaak eingeleitet, der Steckbrief erlassen. Aber man fand ihn nicht. Und ein halbes Jahr darauf präsentirte der alte Gutspächter düster, aber gefaßt, den Todtenschein des Flüchtlings. Isaak B. war in Galatz gestorben. Das Document war in Ordnung; die Untersuchung wurde eingestellt. Drei Jahre später, an einem prächtigen Frühlingstage, kam wieder die Britschka vor meines Vaters Thür. Den alten Juden habe der Schlag getroffen, meldete athemlos der Knecht. Mein Vater fand den Alten halb gelähmt, aber bei voller Geisteskraft. Durch Lallen, dann durch Schriftzeichen bat er den Arzt, doch sogleich eine Depesche aufzusetzen an Hirsch G. in Galatz. Hirsch möge augenblicklich hierherkommen. Wer Hirsch sei? fragte mein Vater. Aber darauf schüttelte der Alte nur den Kopf, so heftig er eben konnte. Sechs Tage später erfuhr es mein Vater; da fand er den rothen Isaak in der Krankenstube. Trotzdem ihn nun die Strafe für zweifaches Verbrechen erwartete, war er dennoch gekommen, seine Sohnespflicht zu erfüllen. Es sollte ihm zum Verderben werden. Eben als der alte Mann ausgeathmet, als sich der Flüchtling zur Rückkehr in's Asyl rüstete, kamen die Gendarmen und verhafteten ihn. Die Geschwister des Erschlagenen hatten die Anzeige erstattet. An die Thatsachen erinnere ich mich genau, auch die Gestalt des rothen Isaak steht mir klar vor Augen. Aber welche Strafe ihm wurde, weiß ich nicht zu sagen. Es sind nun an siebzehn Jahre her. Die zweite »todte Seele« habe ich im August 1874, in einem Dorfe der Bukowina, kennen gelernt. Es war ein höflicher, behäbiger Pole, ein so rüstiger Oekonom mit so gesunden rothen Backen, daß man ihm wahrlich nicht ansehen konnte, er sei schon einmal todt gewesen. Gleichwohl war dies der Fall. Er war nach dem Aufstand von 1863 in die Moldau geflüchtet. Die Russen forderten seine Auslieferung, er sei ein gemeiner Verbrecher, ein Meuchelmörder. Darum mußte unser Mann sterben und wurde französischer Unterthan. Jetzt hatte er das österreichische Staatsbürgerrecht erworben. Er selbst zeigte mir ein Duplikat seines Todtenscheins, und darauf stießen wir in gutem, feurigem Moldauer Wein auf langes Leben an. Der dritten »todten Seele« bin ich nur flüchtig begegnet – es war ein widriger Patron. Arthur, recte Aaron P. war ein junger Kaufmann in einer größeren Stadt Russisch-Podoliens. Ein beneidenswerther Mensch, er hatte ein blühendes Geschäft, und sein junges Weib war eines der reizendsten Geschöpfe, die ich je gesehen. Sie gab ihm wahrhaftig nicht den leisesten Grund zur Klage, aber er behandelte sie unsäglich roh, weil das so in seiner Natur lag. Nach zwei Jahren machte der Mann eine betrügerische Crida in großem Betrage, floh nach Rumänien und starb daselbst. Dann schrieb er an sein Weib, das wieder bei den Eltern wohnte, und forderte es auf, zu ihm nach Jassy zu kommen, sein Name sei nun Heinrich X. Aber das Weibchen erwiderte sehr resolut, einen Herrn Heinrich X. kenne sie nicht; ihr Gatte, Arthur P. sei todt, sie selbst habe das Document gesehen und trauere ihm noch jetzt nach, wie sich's für eine rechtschaffene Witwe gebühre. Arthur-Heinrich schäumte vor Wuth und wendete sich an den Rabbi und die orthodoxen Eltern seiner Gattin. Diese suchten mit allen erdenklichen Mitteln auf sie einzuwirken, aber die junge, schöne Frau blieb fest. Schließlich erklärte sie, sie werde die Hilfe der Behörde anrufen, damit diese wenigstens vorher konstatire, ob ihr verstorbener Arthur und dieser neue Heinrich wirklich – identisch seien. Das wirkte; die Scheidung wurde nun auch rituell vollzogen. Die prächtige Frau lebt jetzt als die glückliche Gattin eines Arztes im Gouvernement Cherson. Man sieht, selbst »todte Seelen« sind nie ganz todt... Wann aber der Handel aufhören wird und wie ihm zu steuern ist, das – weiß Gott und könnte höchstens noch die rumänische Regierung wissen. Gott ist stumm, die rumänische Regierung sagt auch nichts. Freilich wäre dagegen viel zu sagen, aber außer der Dummheit gibt es noch andere Dinge auf Erden, gegen welche die Götter selbst vergebens kämpfen. Und nun gar ein – einzelner Schriftsteller! Auch dieser, 1875 geschriebenen Skizze darf ich heute das freudige Bekenntniß folgen lassen, daß ich die Wirkung eines wahren und freimüthigen Wortes unterschätzt. Der Handel mit todten Seelen florirt nicht mehr; meine Enthüllungen haben ihn nahezu todtgeschlagen. Als diese Skizze erschien und dann auch in dem Buche ihren Platz fand, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch Rumänien und alle ehrlichen Leute riefen der Regierung und den Municipien zu: »Ihr seid öffentlich angegriffen – vertheidigt Euch öffentlich! Hat der Mann verleumdet, so zieht ihn vor seine Richter: die Jury am Wiener Landesgericht! Hat er Recht – so erstickt den Unfug – Eure und des Landes Ehre steht auf dem Spiele!« Ich meinerseits wünschte im Interesse der Sache nichts sehnlicher, als eine solche Anklage. Aber es kam nicht dazu – aus guten Gründen! Wohl aber wurden in aller Stille seitens der Regierung an ihre Organe, seitens der auswärtigen Mächte an ihre Konsulate Weisungen erlassen, welche es heute den nach Rumänien zugereisten Hallunken unmöglich machen, zu sterben, um weiter leben zu können. Unmöglich – oder doch sehr schwer! Denn einzelne solche Fälle kommen noch immmer vor und dieser Abschnitt meines Buches hat leider noch immer nicht blos historisches Interesse. Aber mit dem Zustand von einst verglichen, ist der heutige ein Fortschritt, wie ihn Niemand – wie gesagt, auch ich nicht – zu hoffen gewagt. IV. Die k. k. Reaction in Halb-Asien. Kossuth-Jagden. (1871, 1875.) Die Welt ist gar so lustig«, klagt ein feinfühliger deutscher Poet, »es wird doch Alles vergessen«. Und in geradem Gegensatze zu dieser Anschauung wird das, was er beklagt – die Vergeßlichkeit, die Leichtlebigkeit – derberen Naturen als höchstes Glück der Menschen erscheinen. Die Wahrheit aber mag auch hier in der Mitte liegen. Den grauen Schatten der Vergangenheit nachzujagen und darüber das goldige Licht des heutigen Tages zu vergessen, mag ebenso thöricht sein, als toll und blind in die Gegenwart hineinzurennen und sich über alles Vergangene mit der bekannten tiefsinnigen Wahrheit hinwegzusetzen, daß es ohnehin nicht mehr zu ändern. Und zwar gilt dies ebenso von den Individuen, wie von den Völkern. Hat jedes Volk das unbestreitbare Recht, seine Angelegenheiten im Lichte und Sinne der Gegenwart – und nur in diesem! – zu ordnen, so liegt ihm doch ebenso die unbestreitbare Pflicht ob, sich seiner Vergangenheit zu erinnern und dieselbe nimmer zu vergessen, am Allerwenigsten einer bestimmten Tendenz zuliebe. Freilich mag es, nach den factischen Verhältnissen zu schließen, leichter sein, diese Wahrheit auszusprechen, als sie zu üben. Von einem Extrem in das andere taumeln die Völker, von der unbedingten Bewahrung und Verehrung alles Vergangenen und Althergebrachten zu dessen unbedingter Verachtung und Vernichtung. So in Frankreich und Spanien. Aber auch da, wo die Extreme vermieden werden, wo sich die Geschicke der Völker in ruhigeren Bahnen vollziehen, wird jene richtige Mitte nur selten eingehalten. Auch in Oesterreich-Ungarn nicht. Und am Wenigsten bei der Betrachtung jener traurigen Tage, jener seltsamsten und verhängnisvollsten Periode der Geschichte dieses Staates, welche der gegenwärtigen Generation so nahe liegt, daß sie sich ihrer erinnern muß , und von welcher daher doppelt wünschenswerth wäre, daß man sich ihrer in richtiger und heilsamer Art erinnerte. Ich meine die unsäglich düstere Zeit, wo Säbel und Kutte Staat und Kirche »retteten«, das furchtbare Jahrzehnt (1850 – 1860), wo der »schwarzgelbe Schrecken« wie ein Alp über den Völkern lag, Niemand zum Segen, Allen zum Fluche. Zwei verschiedene Standpunkte werden in unseren Tagen in Oesterreich dieser jüngsten Vergangenheit gegenüber eingenommen. Die Einen suchen die Schrecken jener Tage geflissentlich in Nacht und Vergessenheit zu begraben. Die Anderen bestreben sich, die Erinnerung daran ebenso geflissentlich wach zu erhalten. Leitet die Ersteren die Furcht, daß sonst aus jenen Gräbern Gespenster aufsteigen könnten, welche die Macht hatten, die nur mühsam errungene Einigkeit zwischen Fürst und Volk, den ohnehin so wenig gefesteten Frieden zwischen den einzelnen Volksstämmen untereinander zu stören, so haben die Anderen das Motiv, die Flammen des Hasses, welche jenes Schreckensregiment entzündet, heute dazu wach zu erhalten, um daran die Waffen für den Parteikampf der Gegenwart zu schmieden. Beides ist wohl gleich thöricht und für die Dauer gleich vergeblich. Das Volk hat ein besseres Gedächtnis als manche Herren zu wissen scheinen, und Tage, wie die erwähnten, sind vollends unvergeßlich. Andererseits ist es aber unedel, ja frevelhaft, Haß zu schüren, dessen Gegenstand längst verschwunden, und so auf Unkenntniß und Begriffsverwirrung zu bauen. Ist doch heute selbst der Name – geschweige denn das Wesen! – des Staates verschwunden, in dessen Namen man jene Gewaltthaten verübt. Es gibt auf Europa's Karte kein »Kaiserthum Oesterreich« mehr! So ergibt sich denn den Ereignissen der Reaktionszeit gegenüber bei Vermeidung aller Extreme folgender Standpunkt als der, glaub' ich, einzig richtige: Gepflegt, mehr als bisher üblich gepflegt und aufgefrischt soll die Erinnerung an jene Tage werden, weil sie Geschichte sind, denkwürdige, lehrreiche Geschichte. Aber kein anderer Haß soll daran entzündet werden, als der Haß gegen Knechtschaft und Verdummung und keine andere Liebe, als die Liebe für Freiheit und Recht! In diesem Sinne bin ich seit geraumer Zeit bemüht gewesen, Daten zur Geschichte der Reaction in Oesterreich zu sammeln und sie in zahlreichen Skizzen an verschiedenen Orten zu veröffentlichen. Man hat diese Arbeiten Tendenz-Artikel genannt und ich habe nichts dagegen einzuwenden; jeder Artikel über politische Ereignisse ist im Grunde Tendenz-Artikel. Aber dagegen, daß mich hierbei eine andere Tendenz geleitet hat und leitet, als die eben entwickelte – dagegen muß ich mich verwahren. Es ist wahrlich nicht meine Schuld, wenn die Thaten. von denen ich berichte, meist grausam, gewissenlos und unverantwortlich sind. Nicht so schlimm ist der Gegenstand der vorliegenden Skizzen. Nicht von kolossalen Grausamkeiten des absoluten Regimes habe ich diesmal zu berichten, sondern von kolossalen Dummheiten. Denn nächst der Grausamkeit ist die Dummheit das sicherste und zutreffendste Charakteristikon jeglichen absoluten Regimes. Die Reaction ist nie ausschließlich Henker, sie ist stets zugleich Bajazzo, sie erschüttert nicht allein das Herz, sondern auch das Zwerchfell und dicht hinter einem ergreifenden Trauerspiel her inscenirt sie eine unglaublich groteske Posse. Wer in ihrer Geschichte blättert, dem muß sich oft genug die Faust ballen und das Herz schmerzlich zusammenziehen, aber oft genug wird er auch laut und lustig auflachen müssen. Denn es gibt keine Bestie auf Erden, die so grausam und zugleich so feig wäre, wie die Reaction, so trotzig und selbstbewußt und dabei in komischester Weise zusammenschauernd vor dem bloßen Schatten einer Gefahr. Für letztere Behauptung liefert das Nachstehende reichliche Belege. Denn bei den Treib-Jagden, die man zehn Jahre lang nach Ludwig Kossuth anstellte, zitterte man ja auch nur vor dem bloßen Schatten einer Gefahr. Nicht etwa, als ob ich behaupten wollte, daß die Herren vom reaktionären Handwerk mit Unrecht vor dem Mann auf der Hut gewesen. Gewiß, der große Agitator, der sein Volk über Alles liebte und von diesem über Alles verehrt wurde, der kühne, mit gewaltigen Geistesgaben ausgerüstete, von verzehrendem Ehrgeiz erfüllte Mann war für das reactionäre Oesterreich ein gefährlicher Feind. Darum erwartete ihn auch daheim der Galgen, darum ward er zum Exil gezwungen und in der Fremde durch ein Heer von Spionen sorgfältigst überwacht. Das waren Vorkehrungen gegen die wirkliche Gefahr und gewiß ausreichende, ja überreichliche Cautelen. Aber warum begnügte man sich damit nicht? Warum hetzte man die armen untergeordneten Priester der heiligen Hermandad an den Grenzen auf und ab, den Mann zu fangen, der sich wohl hütete, diesen Grenzen nahe zu kommen? Ja – warum? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, wie es denn überhaupt eitle Mühe wäre, bei den Verfügungen und Handlungen einer reactionären Regierung nach logischen Gründen zu forschen. Und so sei nur die Thatsache constatirt, daß die österreichischen Polizisten und Behörden zu derselben Zeit immer wieder mit der Personalbeschreibung Kossuth's – Gestalt: mager, geschmeidig. Gesicht: düster, hager. Kleidung: einfach (sic.). Sprache: spricht das Magyarische mit slovakischer Betonung (!) – gefüttert, zu derselben Zeit immer wieder zu äußerster Wachsamkeit und häufigen Streifungen angehalten wurden, zu welcher die Herren Bach und Kempen in Wien aus den täglichen Berichten ihrer Späher auf das Genaueste wußten, wie es ihrem fernen Freunde in London, später in Turin, erging und sogar, wenn es sie darnach gelüstete, erfahren konnten, welche Cravatte er an dem oder jenem Tage getragen und ob er lieber gesottenes Fleisch esse als gebratenes, oder etwa umgekehrt. Wenn man erwägt, daß sich die österreichische Polizei jener Tage ohnehin nicht besonders durch Geistesreichthum und Geistesklarheit auszeichnete, so wird man begreiflich finden, daß sich die Gedanken der »untergeordneten Organe«, der Treiber und der Jägerbursche bei dieser Menschenjagd, bei dem Fahnden an so verschiedenen Orten und durch so lange Jahre schließlich ganz verwirrten, daß die Persönlichkeit Kossuth's mit der Zeit nicht nur bei den Bauern des »Alföld« zum Mythus wurde, sondern auch bei den k. k. Polizeicommissären. Und dann wird man es auch begreiflich finden, wie sich hierbei Geschichten ereignen konnten, wie die nachfolgenden, für deren Wahrheit ich mich verbürge. Ich beginne mit der wunderbaren Historie, wie sie eines schönen Tages zu Aussig an der Elbe zwei Kossuth's auf einmal gefangen. Es war im Jahre 1853, welches bekanntlich ein sehr schönes, sehr stilles Jahr war. Wer sollte auch noch Lärm machen?! Die Freiheit hatte man getödtet und die Männer der Freiheit hatte man gehängt oder erschossen oder in die Verbannung gejagt, je nachdem man ungnädig gestimmt war, oder gnädig oder sehr gnädig. Mit dieser Arbeit war man fertig, die Galgen standen unbenutzt, die Gewehrsalven verstummten. Höchstens schoß man im Lombardischen einen jungen Burschen todt, weil er vor einer Wache eine Fratze geschnitten, oder prügelte in Ungarn ein Mädchen halbtodt, weil es roth-weiß-grüne Bänder in den Haaren trug. Aber im Uebrigen ward eine andere Arbeit begonnen, die des »Friedens»; man reconstruirte den Staat auf den »altehrwürdigen Grundlagen». Aber den Kossuth hatte man trotzdem leider noch nicht und mußte ihn daher suchen. An einem schönen, klaren Septembermorgen besagten Jahres also lichtete, wie alltäglich, auf dem Landungsplätze unterhalb der Brühl'schen Terrasse zu Dresden ein Elbdampfer die Anker und steuerte langsam flußaufwärts. Und wie alltäglich, so drängte sich auch diesmal auf dem Verdecke eine bunte fröhliche Menge, welche theils nach Böhmen wollte, theils in die sächsische Schweiz. Nur ein Mann drängte nicht, sondern stand abseits, an die Schiffswand gelehnt und starrte theilnahmlos in das Gewirre. Er trug dunkle Kleidung, sein Gesicht war düster, seine Gestalt mager und geschmeidig. Im Allgemeinen machte er einen fremdartigen Eindruck, und wenn man seine engen Stiefelhosen, die blanken Stiefel und die Sporen daran in Rechnung zog, so konnte man leicht auf einen Magyaren schließen. Wie gesagt – an die Schiffswand stand er gelehnt, der interessante Fremdling uud kümmerte sich scheinbar nicht um das, was um ihn vorging. Da gewahrte er plötzlich an der entgegengesetzten Schiffswand einen Mann, der da gleichfalls theilnahmlos lehnte und überhaupt gleichfalls ein interessanter Fremdling war. Auch er trug dunkle Kleidung, sein Gesicht war düster, seine Gestalt mager und geschmeidig. Stiefelhosen und Sporen trug er nicht, aber dafür einen scharf aufgewichsten Schnurrbart und in der Hand einen Knotenstock mit Messingbeschlag, der so beiläufig einem civilisirten »Buzogany« (altmagyarischer Streitkolben) ähnlich sah. Kurz – auch dieser Mann war unschwer als Magyare zu erkennen. So standen sie einander gegenüber, die beiden Fremdlinge, und sahen einander an, und ihre Gesichtszüge wurden immer gespannter und die Augen immer durchdringender. Und plötzlich standen sie, kaum wußten sie selber wie, einander dicht gegenüber. »Ein Landsmann?« fragte der mit den Stiefelhosen und lüftete seinen Hut. »Ja! – Gottlob! – ein Magyare!« erwiderte der mit dem Buzogany und bot treuherzig seine Rechte. »O welche Freude!« rief der Erste und schlug kräftig ein. Darauf schüttelten sie einander eine Minute lang warm die Hände und sahen sich dabei scharf prüfend an. Vielleicht fiel ihnen beide ihre Aussprache auf: sie sprachen das Magyarische mit stark slovakischer Betonung. »O – und woher kommen Sie?« fragte der Besitzer der nationalen Handwaffe. »O – aus Paris! Und Sie?« »Aus London!« »Aus London? – O – sollte ich wirklich das Glück haben, hier – doch – Sie kehren in die Heimath zurück?« »Ja! in das Vaterland! In das theure, langentbehrte Vaterland!« »Es lebe das Vaterland!« rief der Träger des engen Beinkleids begeistert. »Es lebe das Vaterland!« stimmte der Andere nicht minder begeistert ein. »Wie lange habe ich die theure Erde schon nicht gesehen!« »Sie mußten ihr wohl ferne bleiben?« »O – war das auch Ihr Fall? Hielt auch Sie die Gefahr für Freiheit und Leben zurück?!« »Also auch Sie – ?! O! Wie sich das herrlich trifft! Ja, im Vertrauen gesagt! – ein Magyare verräth den andern nicht! – ich habe vor vier Jahren für Recht und Freiheit unseres glorreichen, unglücklichen Vaterlandes Alles eingesetzt und mußte fliehen. Aber jetzt hat mich die Sehnsucht zurückgetrieben – ich muß die theure Erde wiedersehen und sollte es mich den Hals kosten!« »Ein Magyare verräth den andern nicht!« rief der mit dem Schnurrbart und schwang begeistert den Buzogany immer heftiger. »Auch ich bin in Ihrer Lage – ein politischer Flüchtling – vogelfrei – aber lieber den Tod, als die Verbannung! Ich kehre heim – trotz der schwarzgelben Schergen.« »Nieder mit den Schwarzgelben!« rief der mit den Stiefelhosen, vor Enthusiasmus fast außer sich. Dann aber beruhigte er sich und sagte: »Ich heiße Alexius von Bordányi, ich war Major bei den Honveds, ich bin aus dem Neutraer Comitat.« Der Andere sah ihn mit ganz sonderbarer Miene an, fast, als wäre er über diese Mittheilung erstaunt oder enttäuscht. Dann aber lächelte er und sprach: »Und ich heiße Béla von Markovski, war Districtscommissar der unabhängigen Regierung und stamme aus der Gegend von Trentschin!« Nun stutzte wieder der Erste. Dann aber rief er im höchsten Entzücken: »Da sind wir ja sogar spezielle Landsleute! ... Es lebe das Vaterland! O darauf müssen wir eine Flasche trinken!« »Ungarwein!« rief wieder der Andere und schwang den Buzogany wie einen Kreisel über dem Kopfe. »O – auch drei Flaschen!« Und der Ex-Honvéd Alexius von Bordányi stieg mit dem Ex-Commissar Béla von Markovski Arm in Arm die enge Cajütentreppe hinab, um drunten, die Gefahr vergessend, der sie sich mit jeder Umdrehung der Schiffsräder immer mehr näherten, einen frühlichen Trunk zu thun auf das Wohl des Vaterlandes. Und das geschah – geschah ausgiebig und reichlich. Die beiden Patrioten kümmerten sich weder um den Königstein, noch um die übrige sächsische Schweiz und fuhren unter häufigen Umarmungen und kräftigen Reden drunten in der Cajüte bis Bodenbach-Tetschen, bis an die österreichische Grenze. Wie viele Flaschen sie leerten, vermag ich nicht anzugeben und ebenso begnüge man sich bezüglich ihrer Gespräche mit der Versicherung, daß dieselben sehr begeistert und dabei sehr unvorsichtig waren – jedes Wort ein dreifach qualificirter Hochverrath. Und was nun gar erst die Toaste betrifft ... Zweierlei jedoch verdient hierbei hervorgehoben zu werden. Der Verkehr der beiden Herren war ein sehr herzlicher, sehr ungezwungener, wie es sich für Landsleute und Schicksalsgenossen, zumal in solcher Lage, wohl geziemt. Gleichwohl ließ sich eine Eigenthümlichkeit unschwer herausfühlen: jeder der beiden Patrioten glaubte offenbar, daß der andere ihm nicht seinen richtigen Stand und Namen genannt und daß er es hier in Wahrheit mit einem weit höher stehenden, weit berühmteren Landsmann zu thun habe. Darum behandelten sie sich, unbeschadet der größten Herzlichkeit, mit größter Hochachtung, und Jeder machte von Zeit zu Zeit seine Anspielungen auf das Incognito des Andern. Aber Keiner wollte diese Anspielungen verstehen und blickte nur den Gefährten einen Augenblick kopfschüttelnd an. So kamen sie nach Bodenbach-Tetschen, wo die Mauthrevision stattfindet und der Dampfer eine Stunde Aufenthalt hat. Und hier ereignete sich das Zweite, was hervorgehoben zu werden verdient. Beide Herren zogen hier ihre Pässe hervor und flüsterten einander mit schlauer Miene zu: »Gefälscht!« Beide Herren kamen merkwürdig gut durch – die Fälschungen waren wohl vortrefflich gelungen – denn das betreffende amtirende Organ machte hinter den Hochverräthern sogar tiefe Bücklinge. Und dann blieben Honvéd und Commissär stehen und blickten einander unschlüssig an. »Ich muß Sie leider einen Augenblick verlassen«, sagte der Soldat der Revolution. »Ja – auch ich habe ein kleines Geschäft –« »Ich muß nämlich in's Telegraphenamt.« »Dahin will ich ja auch«, rief Herr v. Markovski. »Ich möchte meine Verwandten avisiren...« »Und ich will an meine Schwester in Osen telegraphiren. Natürlich haben wir einen »schwabischen« Namen verabredet ...« »O! bei mir kommen die Schwarzgelben auch nicht dahinter. Ich telegraphire: »Das alte Weinfaß ist da ...»« »Hahaha! – Na, kommen Sie, Barátom!« Und Arm in Arm gingen die beiden Flüchtlinge in's nahe Telegraphenamt, gaben die Depeschen auf, kehrten Arm in Arm auf das Schiff zurück und fuhren dann in fröhlichem Gespräch, aber gleichwohl etwas aufgeregt und beunruhigt in drei Stunden nach Aussig. Bei ihrer Ankunft in dieser Stadt aber, wo die Dampferfahrt ihr Ende nimmt, geschah ein drittes Ereigniß, welches erzählt zu werden verdient, schon deshalb, weil es diese kleine Polizeigeschichte etwas jäh, vielleicht auch etwas überraschend abschließt. Der Dampfer nähert sich der Landungsbrücke, Bordányi und Markovski stehen in brüderlichem Gespräch auf dem Verdeck und blicken nach dem Ufer. Da – ha! – welcher entsetzensvolle Anblick bietet sich ihnen! Vor der Landungsbrücke steht eine halbe Compagnie Infanterie, auf der Brücke aber, des Dampfers harrend, ein Polizei-Commissär mit acht Gendarmen. Und ehe sich die Flüchtlinge noch gefaßt, hält der Dampfer und der Commissär steht vor ihnen und spricht, indeß die Gendarmen sie umringen: »Im Namen des Kaisers! – Sie sind Beide verhaftet! Wer sich rührt, wird niedergeschossen! Sie«, wendet er sich an den Mann mit den Stiefelhosen, »der Sie sich Alexius von Bordányi nennen, werden über telegraphischen Auftrag des Herrn k. k. Polizei-Kommissärs Wenzel M. als unter dem dringenden Verdachte stehend, Ludwig Kossuth zu sein, verhaftet. Ebenso werden Sie«, wendet er sich an den Besitzer des Buzogany, »über gleichzeitig eingelangtes dienstfreundliches Ersuchen des Agenten Jaroslav P. verhaftet. Sie haben diesem Agenten gegenüber selbst eingestanden, Districts-Commissär unter Kossuth gewesen zu sein, und der Agent ist aus gewichtigen Gründen der Ansicht, daß Sie – Kossuth selbst sind. Das Signalement stimmt bei Beiden. Wer von Ihnen der richtige Kossuth ist, wird sich später herausstellen.« Die beiden Flüchtlinge stehen starr vor Entsetzen. Herr v. Markovski faßt sich zuerst. »Was sind das für Tollheiten?« ruft er wüthend. »Ich bin ja der k. k. Commissär Wenzel M.« »Und ich«, winselt Herr von Bordányi demüthig und holt seinen ›Adler‹ hervor, »ich bin ja der Agent Iaroslav P.« Von der grünen Elbe an die blaue Suczawa ist ein weiter Sprung: Menschen und Gebräuche, Sprache und Sitten sind grundverschieden. Auch die Kossuthgeschichte, die ich von den Ufern des kleinen Karpathenflüßchens erzählen will, hat keinen Zug gemein mit jener Historie vom Elbdampfer. Gleichwohl wird sie den Leser verwandt anmuthen und zwar aus einem einzigen, aber schwerwiegenden Grunde: die k. k. Polizei jener Tage war überall gleich geistreich. An den Ufern der Suczawa, in einem entlegenen östlichen Winkelchen der Bukowina, liegt, hart an der Grenze der Moldau, die alte Suczawa, die ›Fürstenstadt‹, allen Rumänen heilig und ehrwürdig durch die Traditionen einer vielhundertjährigen Geschichte und als Ruhestätte ihres nationalen Heiligen, des h. Johannes Novi, allen Nichtrumänen aber als altes, verkommenes Nest mit schmutzigen Häusern und engen Gäßchen minder verehrenswerth. Aus der Bewohnerschaft dieser schmutzigen Häuser ließe sich eine wahre Musterkarte von Nationalitäten zusammenstellen: hier finden sich Rumänen und Ruthenen. Deutsche und Ungarn, Polen und Juden, Bulgaren und Russen, Armenier und Zigeuner. Und da schier jede Nationalität auch ihren eigenen Glauben hat, so findet sich in dem kleinen Neste auch eine wahre Musterkarte von Kirchen und Pfarrern. Die Gläubigen leben untereinander im Frieden, die Pfarrer aber, wohl aus Geschäftsneid, häufig im Streite. Unter diesen frommen Hirten ragte zu Anfang der fünfziger Jahre der römisch-katholische Pfarrer von Suczawa durch seinen Leibesumfang hervor. Von sonstigen charakteristischen Eigenschaften des Mannes ist nichts zu berichten. Denn wenn ich der Wahrheit gemäß hinzufüge, daß ihm eine stattliche Nichte den Haushalt versah, so geschieht es nicht, um den Mann zu charakterisiren, da ja dieses Charakteristikon auf überaus viele katholische Pfarrer paßt, sondern nur, weil es im Interesse dieser Geschichte nothwendig ist. Besagte Nichte also war ein gutmüthiges, stattliches Frauenzimmer, dessen Gesundheit freilich leider viel zu wünschen übrig ließ. Denn die Arme war genöthigt, fast alljährlich eine Erholungsreise zu ihrer in Czernowitz lebenden Schwester zn machen. Statt sich an diese regelmäßig wiederkehrenden Reisen zu gewöhnen, wie an andere Naturerscheinungen, z. B. den Frühling, waren die Bewohner von Suczawa im Gegentheil so boshaft, sich darüber eine Geschichte zu erzählen, die freilich auch anderswo passiren mag, da sie sogar sprichwörtlich geworden ist. Sie erzählen nämlich einander in Suczawa die Geschichte ›von dem Pfarrer und seiner Nichte‹. Aber böse Zungen vermögen reine Herzen wohl zu verwunden, doch nicht ihr festgegründetes Glück zu zerstören. Und so hätte wohl auch die Idylle im Pfarrhofe, die Erholungsreisen inbegriffen, noch lange fortgeblüht, wäre nicht plötzlich die Politik wie ein Donnerkeil dazwischen gefahren, speciell das Bedürfniß Oesterreichs, des Ludwig Kossuth habhaft zu werden. Und zwar ging dies folgendermaßen zu. Suczawa liegt, wie erwähnt, dicht an der Grenze, nur durch das Flüßchen gleichen Namens von dem Bojarenlande getrennt. Wenn man erwägt, wie nahe der Gedanke lag, Ludwig Kossuth könnte eines Tages seines sichern Asyls müde werden und sich durch Rumänien über Suczawa nach Oesterreich begeben, um sich allda hängen zu lassen, so wird man begreiflich finden, daß die österreichische Polizei besagtem Grenzort lebhafte Aufmerksamkeit zuwandte. Darum ward auch daselbst ein besonders tüchtiger Polizei-Commissär mit weitgehenden Vollmachten postirt. Aber mit Tüchtigkeit und Vollmachten allein fängt man noch keinen Kossuth – es muß auch einer da sein. Und das war leider nicht der Fall. Vom Ex-Dictator ganz abgesehen, ließ sich nicht einmal ein kleiner Hochverräther in Suczawa blicken. Dem armen, besonders tüchtigen Polizei-Commissär blieb nichts übrig, als in seinen allwöchentlichen Berichten zu versichern, vorläufig gebe es nichts, aber vorkommenden Falls werde er sicherlich nicht verfehlen u. s. w. Daß dies keine leere Versprechung, bewies der Mann, als ihm ein günstigerer Stern für sein Geschäft aufging. Besagter Stern erschien eines Vormittags in seinem Bureau in Gestalt des griechisch-katholischen Pfarrers von Suczawa, eines bärtigen Biedermannes, der alle Welt mit christlicher Liebe umfaßte, nur seinen römisch-katholischen Amtsbruder nicht – den haßte er glühend. Der Mann Gottes hielt an den Beamten eine lange und erbauliche Ansprache. Wie es seine Pflicht sei, loyal zu sein und wie er dieser Pflicht stets freudig nachgekommen. Wie der Staat jetzt mehr als je der Hülfe aller Gutgesinnten bedürfe. Wie insbesondere die Polen und Römisch-Katholischen gefährliche Hallunken seien. Wie er es daher für seine Pflicht halte, dem Herr Polizei-Commissär nachfolgende Verdächtigkeiten und Hochverräthereien ergebenst zu unterbreiten. Am Fuße des Schloßbergs, dicht am Flusse und nur durch diesen vom Moldau'schen Gebiete getrennt, liege ein verfallenes Häuschen, welches einem Menschen gehöre, der als Christ und Patriot gleich wenig tauge, dem römisch-katholischen Pfarrer nämlich. Dieses an sich verdächtige Haus nun sei seit einigen Tagen der Schauplatz verdächtiger Ereignisse. Bisher unbewohnt und immer mehr verfallend, sei es nun plötzlich von geheimnisvollen Insassen bezogen worden. Des Tages freilich seien die Fensterläden geschlossen, aber des Nachts blitze Licht durch die Sparren und unheimliches Stimmengeflüster werde hörbar ... Der Commissär horchte auf. »Und Sie meinen«, frug er, »daß der Pfarrer darum weiß?« »Natürlich!« versicherte der Griechisch-Katholische eifrig, »natürlich weiß es dieser Pole, dieser Heide, dieser Hochverräter! Habe ich es nun doch an zwei Abenden mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sich dieser Sünder nach zehn Uhr in Begleitung seiner alten Magd aus seiner Wohnung schleicht und wie sie dann beide einen schweren Korb in das Häuschen hinüberschleppen. Was kann darin Anderes sein, als Lebensmittel für die Hochverräther, die er dort verbirgt?« »Hochverräther!« Das Antlitz des Commissärs erhellte sich. »Sie meinen, es könnten Hochverräther sein?« »Ich bin fest davon überzeugt«, erwiderte der Pfarrer. »Hochverräther, Emissäre, wahrscheinlich« – mit vertraulichem Flüstern – »der Kossuth selbst. In einem Nachen sind sie Nachts über den Fluß gekommen und halten sich im Häuschen verborgen, bis man sie gefahrlos weiter schaffen kann. Ich bitte Sie – dieser dicke Sünder hat ohnehin immer auf Kossuths Wohl getrunken!« Der Commissär dankte dem Ruthenen warm für seine Mittheilung und versprach energische Schritte. Nur fragte er noch, ob Seine Hochwürden nichts weiter wüßten. »Freilich!« war die Antwort, »zwei nebensächliche, aber doch verdächtige Dinge. Erstens ist die Nichte des Dicken wieder einmal plötzlich abgereist. Zweitens weiß ich aus bestimmter Quelle, daß morgen der römisch-katholische Dechant aus Czernowitz auf Visitation hierher kommt. Das ist sehr auffällig, sonst pflegt er nie um diese Jahreszeit zu kommen.« Auch hiefür dankte der Commissär und versank, endlich allein gelassen in tiefes Nachdenken. Die beiden Nebenumstände freilich boten geringe Handhabe. Der Beamte war lange genug in Suczawa, um zu wissen, daß den Erholungsreisen der vielerwähnten Nichte just nicht hochverräterische Motive zu Grunde lagen. Ebenso kannte er den Dechanten persönlich als sittenstrengen Mann und vortrefflichen Oesterreicher. Aber die Hauptsache: dieses unheimliche Haus, diese verdächtigen Bewohner, diese nächtliche Verproviantirung – – wie, wenn sich da wirklich Emissäre verbargen? Wie, wenn Ludwig Kossuth selbst – sein k. k. Herz schlug hoch auf – er war ja auch ein »besonders tüchtiger« Polizeibeamter und wollte Carrière machen. Auch war es nicht seine Schuld, daß sich seine Gedanken unwillkürlich auf den großen Agitator concentrirten. Wem man schier allmonatlich sagt: fange den Ludwig Kossuth, der muß sich schließlich unwillkürlich in diesen Gedanken verrennen. So beschloß unser Mann, keine Minute zu zögern; er wollte sich, soweit dies thunlich, schon bei Tage von der Sachlage überzeugen. Was er da sah, war wirklich geeignet, seinen Verdacht zu vermehren. Das Häuschen lag einsam und abgelegen, etwa zehn Minuten von der Stadt, am Fuße des Berges, welchen die Trümmer der alten Moldau'schen Fürstenresidenz krönen. Ein Gewirr von Disteln und Bäumen, das vielleicht einst ein Garten gewesen, umgab die Hütte und verbarg sie neugierigen Blicken fast ganz. Hiezu kam die Lage, dicht am Flusse, an der Grenze, die hier beiderseits nicht überwacht wird. Wahrlich! ein sichereres Asyl konnten sich Hochverräther kaum wünschen. Aber waren da wirklich Menschen verborgen? Auch darüber sollte dem Commissär kein Zweifel bleiben. Wohl waren die Fensterläden dicht geschlossen, aber aus dem Rauchfang stieg leichter, blauer Rauch. Und als sich der Beamte bis auf einige hundert Schritte längs des Ufers dem Häuschen näherte, sah er, wie sich plötzlich eines der Fenster auf der Flußseite öffnete und wie sich ein Menschenarm daraus hervorstreckte, der ein räthselhaftes Etwas über dem Wasser hielt. Dieses Etwas war länglich, metallen und glitzerte hell in der Sonne. Was konnte dies anders sein, als – das k. k. Herz schlug hoch auf in Wonne und Aufregung – als ein Gewehrlauf?! Athemlos, spornstreichs kehrte der Beamte in die Stadt zurück und traf seine Dispositionen. Die beiden »Geheimen», die ihm zur Verfügung standen, wurden entsendet, das Häuschen bis zum Einbruch der Dämmerung zu überwachen. Dann consignirte er die acht Mann Gendarmerie in ihrer Kaserne und erbat sich vom Stadtcommandanten einen Zug Infanterie. Diese bewaffnete Macht dirigirte er, nachdem es dunkel geworden, still und unbemerkt in die Nähe des verdächtigen Hauses und gruppirte sie dort in strategischer Weise. Er selbst besetzte mit seinen acht Gendarmen den Fußsteig, der von der Stadt her zum Häuschen führte. Hier wollte er den Pfarrer überrumpeln und dann mit ihm zugleich in das Häuschen eindringen. Vielleicht ergaben sich dann die überraschten Hochverräther trotz ihrer Gewehre ohne blutigen Widerstand. Jedenfalls war, wenn man der Aussage eines der beiden »Geheimen« trauen durfte, nicht von Allen Widerstand zu befürchten. Der Mann gab an, in dem Häuschen, als er vorsichtig näher geschlichen, deutlich durchdringendes Kindergeschrei gehört zu haben. Hatte Ludwig Kossuth am Ende Weib und Kind mit sich genommen?! Die nächste Stunde mußte Klarheit bringen. Vorläufig stand der Kommissär mit seiner bewaffneten Macht klopfenden Herzens in der Dunkelheit und harrte und harrte ... Die zehnte Stunde schlug. Kein Laut ward hörbar. Nur zuweilen ging ein Flüstern durch die Bäume oder einer der Bewaffneten schneuzte sich. Da – da klang von der Stadt her ein seltsames Geräusch und kam näher und näher. Wie Keuchen klang's, dazwischen der Schall schwerer Tritte. Was da herankam, waren sicherlich wohlbeleibte oder schwerbepackte Hochverräther. Es war beides der Fall. Zwei dicke, unförmliche Gestalten wurden sichtbar, die keuchend und pustend einen schweren Gegenstand trugen. »Halt!« donnerte der Commissär und trat vor. »Jesus Maria!« klang mühsam der Angstruf zweier Stimmen. Der schwere Gegenstand polterte klirrend zur Erde. Eine der beiden unförmlichen Gestalten sank in die Kniee, die andere erhob die Hände entsetzt in die Luft und blieb wie angewurzelt stehen. »Halt!« donnerte der Commissär noch einmal und trat furchtlos näher. Der klirrende Gegenstand war ein großer Wäschkorb, die knieende Gestalt war die alte Magd des römisch-katholischen Pfarrers, die angewurzelte aber der dicke Pfarrer selbst. »Halt!« donnerte der Commissär zum dritten Male und winkte seiner Schaar. »Was schleppen Sie da? Wen halten Sie in dem Hause versteckt?« »Jesus Maria!« wimmerte die Magd. Aber den Pfarrer schien der Schreck der Sprache beraubt zu haben. »Sie antworten nicht?« rief der Commissär. »Das wird sich finden! ... Untersucht den Korb!« befahl er »aber vorsichtig – wer weiß, was darin ist.« »Wäsche und Lebensmittel!« meldete der Korporal. »Ha!« rief der Commissär, packte den armen dicken Diener Gottes beim Kragen und schleppte ihn, von den Gendarmen und Soldaten gefolgt, langsam gegen das Häuschen zu. »Wollen Sie gleich gestehen, wen Sie hier versteckt halten?« »Herr Commissär!« wimmerte der Pfarrer, »machen Sie mich nicht unglücklich – ich mußte es ja thun!« »Warum mußten Sie?« »O mein Gott, weil der Dechant –« »Lügen Sie nicht! Der Dechant ist ein guter Oesterreicher –« »Bei allen Heiligen«, wimmerte der Unglückliche und ließ sich geduldig immer näher gegen die Thüre schleppen, »ich mußte es des Dechanten wegen thun. Das Ereigniß ist früher eingetreten, als wir ausgerechnet hatten, und da fällt es gerade jetzt dem Dechanten ein, zur Visitation zu kommen, und wehe mir, wenn er sie so im Hause getroffen hätte. So habe ich sie hier versteckt – o Herr Commissär, haben Sie Erbarmen, ich konnte ja nicht wissen, daß die Polizei etwas dagegen hat ...« »Herr«, rief der Commissär, »die Polizei soll nichts dagegen haben, wenn Sie Kossuth in ihrem Hause beherbergen?« »Kossuth?!« fragte der Pfarrer erstaunt und entsetzt, indeß der Commissär an ihm vorbei in's Haus stürmte. Drinnen bot sich eine liebliche Idylle seinem Blick. In einem breiten Himmelbette lag die vielbesagte Nichte. Neben ihrem Lager stand eine freundliche, dicke Frau, welche ein rätselhaftes Etwas in der Hand hielt. Dieses Etwas war länglich, metallen und glitzerte hell im Kerzenlicht. Aber ein Gewehrlauf war es nicht. Und dann war noch ein drittes Individuum im Zimmer, das freilich nur mit spärlicher Hülle bedeckt war, beim Eintritt des Commissärs höchst unruhig wurde und auch keine Legitimationspapiere bei sich führte. Aber ein gefährlicher Feind Oesterreichs war dieses Individuum schwerlich, da es kaum einen Tag alt war. So hat man in Suczawa den Kossuth gefangen ... ... Wer zu Wien die Landstraßer Hauptstraße entlang geht, vom Invalidenhause gegen die Pfarrkirche zu, der sieht zur Linken, durch eine zerfallene Holzplanke von der Straße geschieden, halb abgebrochenes Mauerwerk emporragen und daneben einen riesigen Bauplatz. Hier stand, bis 1871, bis es der Bauwuth einer schwindelhaften Aktiengesellschaft zum Opfer fiel, ein behagliches, altes, lustiges Haus, nach der guten Sitte der Altvordern mehr in die Breite, als in die Höhe gestreckt, der Gasthof »zum goldenen Engel», dem wohl noch heute mancher Zecher und mancher Reisende dankbare Erinnerung bewahren mag. Denn es war noch ein Haus nach der alten Wiener Art, durchaus nicht elegant, aber reinlich, behaglich und billig. Es ließ sich gut sitzen in der großen grünen Gaststube mit den kleinen vergitterten Fenstern und selbst ein Studentlein mit karg gefülltem Beutel konnte sich hier den ganzen Monat lang gütlich thun, ohne gegen den Schluß hin eine allzu arge Ebbe in besagtem Beutel befürchten zu müssen. Ich spreche da aus Erfahrung – ich habe in dieser grünen Stube einen Winter verlebt, der mir unvergeßlich bleiben wird, wie etwa die Zeit der ersten Liebe. Denn dieser Winter von 1867 auf 1868 war meine Fuchszeit. Freilich wird diese Epoche Jedermann, der damals an deutsch-österreichischen Hochschulen studirte, an und für sich unvergeßlich bleiben. Denn damals ging eine so überaus gewaltige und dabei so überaus seltsame Strömung durch die deutsche Studentenschaft Österreichs, wie sie – ich spreche dies Wort wohlerwogen aus – die Geschichte vielleicht von der Jugend keines anderen Landes zu berichten weiß. Nur Weniges ist bisher hierüber an die Oeffentlichkeit gedrungen – das Wenige noch überdieß meist vom Parteihaß entstellt – und auch heute, nach so wenigen Jahren, ist es sicherlich noch nicht an der Zeit, unparteiisch und ausführlich darüber zu sprechen. Angedeutet mag hier nur sein, daß sich aus verschiedenen Motiven – aus dem Hasse, den die zertretene Jugend von 1848 ihren Nachfolgern vermacht, aus der Entrüstung über das brutale System Belcredi, aus der Begeisterung für die Macht, welche nach unsäglichem Kampf und Leid wieder den Grund zu einem einigen deutschen Staatswesen gelegt – in der deutsch-österreichischen Jugend die Ueberzeugung ausgebildet hatte, der Deutsche habe in Österreich keine Mission mehr und das, um was er hier streite und kämpfe, sei nicht der Rede werth. Aufgewachsen in einem wenig vertrauenerweckenden, ewig wankenden Staatswesen, unberührt von dem lebendigen Hauche eines starken Staatsbewußtseins, beugte sich diese Jugend – und wenn dies eine Schuld ist, so ist nicht ihr hiefür ein Vorwurf zu machen! – unbedingt der Macht, dem Erfolge, stellte sie alle Fragen der Nationalität hoch über alle Freiheitsfragen. Aber just die Freiheitsliebe und – wie soll ich's nur nennen?! – der »Sinn für das Bestehende« sind dem Deutschen so tief in's Herz gepflanzt, daß diese scheinbar so realistische, mit allen Zweifeln fertige Jugend innerlich gar nicht mit sich einig werden konnte und in dem Bestreben, in sich klar zu werden, immer tiefer in die Tagespolitik hinein gerieth. Natürlich stand sie dann den einzelnen Ereignissen erst recht haltlos, aber eben darum doppelt leidenschaftlich gegenüber. Die Meisten von uns sind in der Folge ebenso gute Deutsche geblieben, ohne jene Leidenschaftlichkeit beizubehalten, damals aber erschien sie uns von der Begeisterung für unser Volksthum unzertrennlich und wir sprachen in unserem Jugendmuthe ganz fürchterlich ins Blaue und – Rothe hinein. Und zwar zum großen Entsetzen des einen, zum großen Ergötzen des andern unserer beiden ständigen Zuhörer. Der erste war der brave, dicke, biedere »Schorsch« (George), der Zahlkellner, welcher jede freie Minute benutzte, um sich über unsere Politik so recht von Herzen zu ärgern. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in traurigem Sinnen die Serviette herabwallen läßt und dann halblaut tröstend zu sich sagt: »Oesterreich bleibt doch 's Höchste – 's gibt nix Zweit's! ..« Aber der Andere hatte sein Gaudium an unseren radikalen Tiraden. Dieser Andere war ein seltsamer Kauz. Er war gleichfalls Stammgast im »goldenen Engel« und saß allabendlich an unserm Tische, oder richtiger: wir saßen an dem seinen, denn auf diesen Tisch hatte er sich sein Recht durch ein Jahrzehnt ersessen. Er war ein Magyare, hieß Stefan v. M. und lebte von seinen Renten. Der Mann paßte eigentlich absolut nicht in unsere überlaute Tafelrunde. Denn er war der düsterste, schweigsamste Mensch, der mir je vorgekommen, dabei auch im Alter weit von uns geschieden. Wie alt er war, konnte man freilich kaum errathen: das graue Haar, das zerwühlte Antlitz wiesen auf den Greis, aber die Gestalt war ungebrochen, die Bewegungen waren elastisch. So saß er lange stumm unter uns, bis er endlich einmal die Lippen aufthat und uns versicherte, wie sehr ihn unsere politische Gesinnung freue. »Ihr seid anscheinend nicht wie die Achtundvierziger«, sagte er uns. »Ihr schwärmt nicht für die Freiheit. Es ist freilich eine Selbsttäuschung, wenn Ihr glaubt, deshalb klarer zu sein, als jene: Ihr schwärmt ebenso, nur für ein anderes Ideal – für Deutschland. Aber die Hauptsache ist dieselbe: Der Staat, in dem Ihr lebt, kann Euch nicht begeistern, und Ihr begeistert Euch deshalb für etwas Anderes.« Und daran knüpfte er eine haarscharfe Auseinandersetzung, daß und warum uns Oesterreich nicht begeistern könne. Wer da glaubt, daß der Mann durch diese Rede unser Herz gewann, der irrt sich. Erstens wirkt jeder starre, verbissene Fanatismus peinlich und ein solcher offenbarte sich in den Worten des Ungarn. Zweitens sind wir Oesterreicher seltsame Leute: wir schimpfen – so unter uns – gründlich auf unser Oesterreich los, aber tritt ein Fremder dazu und stimmt in unsere Melodie ein, so fühlen wir uns versucht, dieses selbe Oesterreich heftig zu vertheidigen. Warum? – es ist nun einmal so ... In der Folge freilich wurden wir allmählig schon bessere Freunde. Der anscheinend so finstere Mann benahm sich gegen uns grüne Gesellen wirklich gütig und freundlich, und als einmal einer unserer Couleurbrüder, ein armer Bauernsohn aus Kärnten, in schwere Krankheit verfiel, sorgte er für ihn, wie ein Vater. Dies brachte uns menschlich näher, obwohl uns die Politik oft genug weit auseinanderbrachte. Denn in dem, was wir auf diesem Gebiet liebten , gingen wir entgegengesetzte Wege. Uns war der norddeutsche Bund als der Kern eines deutschen Gemeinwesens theuer, Herrn von M. aber sein Ungarn; wir begeisterten uns für den kühnen Staatsmann, der mit harter, sicherer Hand verwirklicht, wofür die Herzen deutscher Jugend seit einem halben Jahrhundert geschwärmt, Herrn v. M. aber war Bismarck nur deshalb ein großer Staatsmann, weil er 1866 Ungarn hatte insurgiren wollen, eine Historie, über die wir aus unterschiedlichen Gründen nicht gerne sprachen. Aber auch in unserm Haß waren wir lange nicht so einig, als es schien. In jenen Winter fielen ja bekanntlich die Lenz-und Rosentage des Bürgerministeriums; es regnete kleine Freiheitsthaten und große Freiheitsworte, aber die Letzteren schlangen sich so dicht um die Ersteren, daß das, was da geschah, auch schärfer blickenden Politikern, als uns jungen Burschenschaftern bedeutungsschwer erschien. Und so schüttelten wir wohl ostentativ den Kopf und meinten verächtlich: »Alles Schwefel und Schwindel!« aber tief innen dachten wir doch: »Ach! es wäre ein schönes Ding um ein regenerirtes, gesundes, freiheitliches Österreich und der Himmel gebe seinen Segen dazu!« Und es kam der Tag, richtiger die Nacht, wo uns diese stillen Herzenswünsche auf die Lippen traten. Das war der Abend des 21. März 1868, und ich denke, jene Stunden werden Jedem, der damals in Wien weilte, unvergeßlich sein, nicht um dessentwillen, was man damals feierte, aber um der Art willen, wie man's feierte. Den Tag über hatte im Herrenhause die Debatte über die interconfessionellen Gesetze gewährt, über jene Vorlagen, welche, bei Lichte besehen, überaus vorsichtig und dürftig Das zusammenfaßten, was dem Rechtsstaate bezüglich Regelung seiner Grenzlinie gegen die Kirche aufzustellen unumgängliche Pflicht war. Aber – jene Vorlagen waren das erste »Loch in's Concordat«, diese furchtbar verhaßte Zwangskutte der Geister. Darum stand die Menge den ganzen langen Tag in fieberhafter Erregung Kopf an Kopf in der Herrengasse und harrte der Nachrichten über den Verlauf der Debatte. Drinnen wogte unentschieden der Redekampf hin und her, selbst die Siechen beider Parteien wurden in's Haus der Lords geschafft, und kaum war zu sagen, wem trotz des neuen Pairschubs der Sieg bleiben werde, ob dem besonnenen Fortschritt, ob dem sinnlosen Rückschritt. Die Dämmerung brach ein, die Debatte neigte dem Ende zu, nur die General-Redner beider Parteien hatten noch zu sprechen. Sie sprachen lange, sehr lange. Inzwischen wuchs in den Straßen der innern Stadt das Drängen und Wogen von Minute zu Minute, unabsehbar wälzten sich aus allen Vororten und Vorstädten Menschenmassen in die Stadt; bald zählte die Menge nach Hunderttausenden. Sie war fieberhaft erregt und schrie und drängte durcheinander. Da begann im Hause die namentliche Abstimmung, die Nachricht ging von Mund zu Mund, von Gasse zu Gasse, und die Hunderttausende standen plötzlich still und harrten. Drinnen fielen die »Ja« und »Nein« leise und monoton, wirr durch einander, da kam das letzte entscheidende »Ja!« – die Gesetze waren angenommen, das »Loch ins Concordat« gemacht. Zwei Minuten später wußte man's in den entlegensten Gäßchen, das ganze Menschenmeer wogte auf in einem betäubenden, wildbrausenden Jubelschrei! Was nun folgte, wird Niemand vergessen, der es mit angesehen, aber beschreiben läßt es sich nicht! Wie plötzlich alle Gassen erstrahlten im Glanze einer Illumination, an die wenige Minuten vorher Niemand gedacht – die erschütternden Scenen auf dem Josefsplatz – die stürmischen Ovationen für die populären Politiker – wo war da plötzlich die frivole »Phäakenstadt«?! ... Und wenn ich auch sehr wohl weiß, daß jener Erfolg kaum der Rede werth war, und daß es die Herren Giskra und Konsorten waren, denen man zujubelte – der Glanz jenes Abends haftet mir gleichwohl ungetrübt in der Erinnerung. Denn damals konnte man erkennen, daß die Begeisterung trotz alledem eine Macht ist unter diesen leichtlebigen Menschen; damals, vielleicht in jenem Momente allein, konnte man begreifen, wie sich einst unter diesen Menschen die Helden der März- und Octobertage gefunden! ... An jenem Abende also war's, da wir einander laut sagten: »Wenn es diesem Staate wirklich ernst ist um die Freiheit, dann wollen wir ihm treu anhangen und dienen mit jedem Gedanken unseres Geistes, mit jedem Schlag unseres Herzens!« Natürlich waren wir auch überall mitgewesen und kehrten erst spät nach Mitternacht heim auf die Landstraße, um in unserer Stammkneipe ein »letztes Seidel« zu trinken. In der großen grünen Stube waren noch alle Tische dicht besetzt, man schrie, man jubelte, man sang wirr durch einander, und ein Papierhändler von der Hauptstraße hielt sogar eine Rede, welche freilich nur aus einer unabsehbaren Reihe von »Hochs!« auf die Minister und die liberalen Abgeordneten bestand ... Nur ein Tisch war fast unbesetzt, der unsrige, nur ein Mann schrie nicht mit, Herr Stefan v. M., der düster wie sonst dasaß und mit unsäglich verachtungsvollem Blick in das Gewühl starrte. »Er ist fuxteuxelwild«, flüsterte uns Schorsch strahlend zu, »aber i gunn's ihm, daß er si' gift! Na, meine Herren, hab' ich Recht g'habt?! Österreich bleibt doch s'Höchste!« ... Wir setzten uns zu unserm düstern Tischgenossen und – weß' das Herz voll ist, geht der Mund über – wir erzählten von jenen Scenen. Der Ungar hörte uns schweigend und lächelnd zu; es war aber ein sehr beleidigendes Lächeln. »Ja, ja! meine Herren!« sagte er endlich, »Sie sind sehr consequente Politiker! Nun, ich habe, offen gesagt, kaum Anderes von Ihnen erwartet.« Und als wir entrüstet auffahren wollten, fügte er sehr ernst hinzu: »Ich will Ihnen nur noch ein Wort sagen, meine junge Herren, und das bleibt ein Wahrwort, welches Sie als solches erkennen werden, wenn Ihnen der Phrasenrausch aus den jungen Köpfen verflogen ist und einem gründlichen Katzenjammer Platz gemacht: dieser Staat kann seinen Bürgern nicht wahre, volle Freiheit bieten, selbst wenn er wollte, und das ist eben sein Unglück! Und ferner: dieser Staat kann nicht gedeihen, weil es eine ewige Gerechtigkeit gibt, weil er sich mit zu viel Blut und Fluch und Thränen beladen ...« Unser Senior schüttelte den Kopf. »Ueber das Erste ließe sich noch discutiren, aber was Sie da soeben von der »ewigen Gerechtigkeit« gesagt, klingt sehr – phantastisch. Der einzelne Mensch, der einen Frevel verübt, wird in der Folge nie mehr glücklich, der Arm der Themis erreicht ihn, oder sein Gewissen erwacht. Aber bei einem Staate, einer moralischen Person, kann ja von Beidem nicht die Rede sein ...« »Phantastisch?« wiederholte Herr v. M. und sah ihn starr an. »Sie würden nicht so sprechen, hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe!« Und darauf war's eine geraume Zeit sehr still an unserem Tische. »Ich will's Ihnen erzählen«, sagte der düstere Mann plötzlich laut in die Stille hinein. »Warum auch nicht? Es ist eine lehrreiche Geschichte, welche im Grunde auch sehr lustig ist. Ich war nämlich einmal ein sehr glücklicher Mensch, glücklich und lebensfreudig, und wäre es wohl bis an mein Lebensende geblieben. Aber da hat mich die Regierung mit einem Schlage Zum Unglücklichsten aller Menschen gemacht. Warum? Um meines Gesichtes willen: meine Wangen waren hochverrätherisch, meine Nase bedrohte den Bestand Österreichs. Sie blicken erstaunt? Ich meine es buchstäblich: meiner Gesichtsbildung wegen hat man mir mein Glück geraubt und gemordet. Warum lachen Sie nicht?! O! die Sache ist ja sehr lustig – entsetzlich lustig! ...« Stürmischer Jubel unterbrach ihn. Der Papierhändler und seine Gesellschaft brachten noch im Scheiden eine Reihe sehr patriotischer Toaste aus. Dann wankten sie schwer beladen heim. Auch die anderen Tische lichteten sich. Wir rückten näher zusammen und Herr v. M. erzählte uns seine Geschichte: »Sie wissen – ich bin Magyar, von altem Adel. Meine Eltern starben früh, ich ward noch als Knabe der Besitzer eines verhältnißmäßig sehr großen Vermögens. Ich verwendete es, ich darf's mir nachrühmen, in vernünftiger Weise. Seit ich denken kann, habe ich mein Vaterland über Alles geliebt, aber mein Patriotismus war von anderem Schlage, als er – leider! – in Ungarn, mindestens in meiner Jugendzeit, üblich gewesen. Ich hatte kein Vorurtheil gegen fremde Bildung – im Gegentheil, ich war sehr bestrebt, sie mir anzueignen. Ich spürte nicht das Zeug zum Gelehrten in mir, auch die Politik lockte mich wenig, aber ein tüchtiger, auch wissenschaftlich gebildeter Landwirth wollte ich werden und dachte meinem Vaterlande auf diesem Wege am Meisten nützlich zu sein. Ich studirte an deutschen Hochschulen Naturwissenschaften und Chemie und kam im Winter 1847 nach Wien. Ich wollte nur einige Wochen hier bleiben, zu meinem Amüsement. Aber aus den Wochen wurden Monate, und ich kam gleichwohl nicht dazu, mich in jener Weise zu amüsiren, welche ich vorgehabt. Denn ich fand hier mehr, als Sinnenreiz und flüchtige Zerstreuung – ich fand hier das größte Glück, welches dem Menschen auf dieser armseligen Erde gegönnt ist: ich lernte hier ein Mädchen kennen und lieben und verlobte mich mit ihr. Es ging dies scharf gegen jene Pläne, welche ich einst diesbezüglich gehegt; ich wollte nur in reiferen Jahren heirathen, natürlich eine Adelige, eine Magyarin. Aber meine Braut war ein blondes, schlichtes, deutsches Mädchen, die Tochter eines Fabrikanten aus dem nördlichen Böhmen, der wenige Jahre vorher in Wien eine Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen eröffnet. Zwischen meinen und meiner Braut Lebensanschauungen lag eine Welt. Aber ich kann nicht in Worten sagen, welch' ein edles, herrliches Geschöpf meine Johanna war, und darum kann ich auch nicht ausdrücken, wie glücklich ich war. Und vollends kannte mein Glück keine Grenzen, als sie in den letzten Carnevals-Tagen von 1848 mein Weib wurde ... »Wir reisten gleich darauf auf meine Güter im »Alföld«. Mitten in meine Flitterwochen klang die Kunde der Wiener, dann der Pester Märztage. Was da geschehen, mußte Jedem, der im vormärzlichen Oesterreich aufgewachsen war, als ein Ungeheures, kaum Faßbares erscheinen. Ihr Spätgeborenen könnt keinen Begriff haben von der elementaren, fast märchenhaften Wirkung dieser Geschehnisse auf die Mitlebenden. Nun, auch ich ward mächtig davon ergriffen, folgte mit erregter Theilnahme den Ereignissen, betheiligte mich nach Kräften, ja über meine Kräfte an jeder nationalen Subscription, aber im Uebrigen hielt ich glückseliger Ehemann mich still daheim bei meinem jungen Weibe. Inzwischen wogten die Ereignisse immer stürmischer heran, eine nationale Armee wurde organisirt, mein Vaterland stand bald in offenem Kampfe mit seinen Widersachern. Da duldete es auch mich nicht länger in meinen vier Mauern, und auch mein Weib, obwohl eine Deutsche, und obwohl sie blutige Thränen darüber weinte, erkannte doch, wacker und herrlich wie sie war, daß ich nun nicht länger hinter dem Ofen hocken dürfe. So küßte ich denn an einem Februarmorgen 1849 mein Weib und das Knäblein, das sie mir vor wenigen Wochen geboren, noch einmal herzlich ab, dann fuhren sie unter Obhut meines alten treuen Verwalters nach der böhmischen Heimathstadt meiner Gattin; ich aber ging da hin, wo sich bereits fast alle meine Bauern und Hirten, Knechte und Jäger befanden, zu den Honvéds. Auch wollte ich nicht mehr gelten, als sie; ich trat als gemeiner Soldat ein, brachte es freilich in einigen Tagen zum Corporal, aber das blieb ich auch bis zum traurigen Schlusse – bei Világos. »Sie verlangen von mir wohl keine Kriegsgeschichte jenes Jahres; auch war mein Posten als Corporal nicht gerade geeignet, Beobachtungen im großen Stil zu machen. Genug – ich that meine Pflicht, erhielt nur einmal eine leichte Verwundung und war auch bei meinen Kameraden wohlgelitten. Sie nannten mich stets nur den »Corporal Kossuth«. Diesen Spitznamen hatte mir ein blutjunger Freiwilliger, Gyula von Sz. aufgebracht. Der fröhliche Jurat war aus Debreczin seiner ängstlichen Mutter entlaufen und im Mai zu uns gestoßen. Es war in einer schönen Frühlingsnacht, unser Zug lag just um ein Wachtfeuer an der Donau, als der Jüngling zu uns kam. Er brachte uns die neuesten Nachrichten aus Debreczin vom Landtag und schilderte insbesondere lebhaft und feurig jene denkwürdige Sitzung vom 10. April, in der nach einer Rede Ludwig Kossuth's, welche unvergeßlich bleiben wird, solange Magyaren auf Erden leben, die Absetzung des Hauses Habsburg proclamirt wurde. Wir Anderen lauschten begeistert, aber just im besten Flusse stockte der Jurat, faßte mich schärfer in's Auge und rief dann erstaunt: »Teufel, Corporal, Ihr schaut ja dem Ludwig Kossuth ähnlich, wie ein Ei dem andern!« Meine Honvéds lachten laut, er aber zog ein Bild Kossuth's hervor und ließ es von Hand zu Hand wandern. Und da mußten's Alle und ich mit zugeben: ich hatte in der That eine ziemliche Aehnlichkeit mit dem Dictator. »Wie gesagt, »Corporal Kossuth« hieß ich von jener Stunde ab, und ich ahnte nicht, daß dieser Name einst, nach drei Jahren, der Fluch meines Lebens sein werde. Denn in der nächsten Folgezeit erging es mir gut oder doch mindestens erträglich. Nach der Katastrophe von Világos kehrte ich auf mein Gut zurück, wo bereits meine Frau und mein Knabe weilten, und die Oesterreicher ließen mich ungeschoren oder belästigten mich doch mindestens nicht mehr, als jeden andern magyarischen Edelmann in jenen traurigen Tagen. Denn der Belagerungszustand warf seine blutigen Schatten über das Land, die Kriegsgerichte arbeiteten an allen Ecken und Enden, und darum fanden auch die Henker reichlichen Verdienst. Mich jedoch ließ man, wie erwähnt, einige kleine Plackereien abgerechnet, unbehelligt. Notorisch wußten auch die Schwarzgelben gar nicht, daß ich in der nationalen Armee gedient, bis ich selbst es ihnen drei Jahre später sagte. Und so lebte ich denn, beglückt durch mein Weib, beglückt durch meine Thätigkeit, still und friedlich dahin, und wenn ich den unsäglichen Jammer ansah, der damals rings um mich so manchen meiner Standes- und Gesinnungsgenossen traf, so mußte ich mir sagen: »Stefan! Du bist ein glücklicher Mensch, Du darfst Deinem Gotte dankbar sein!« »Da kam das Unglück über mich, jäh, Plötzlich, zermalmend, wie ein Wetterstrahl aus tiefem Blau ...« Wieder unterbrach wüstes Johlen den Erzähler. Die letzten Gäste rüsteten zum Gehen und gaben vorher noch einmal ihrer, durch unzählige »Pfiffe« sehr gesteigerten patriotischen Begeisterung überaus lauten Ausdruck. Dann torkelten auch sie zur Thüre hinaus, und wir blieben allein. »Es war im März 1852, als ich ein Telegramm erhielt, mein Schwiegervater, der Fabrikant, sei in Wien von einem Schlaganfall gerührt worden und liege in den letzten Zügen. Meine Frau war damals gesegneten Leibes, gleichwohl glaubte ich ihr die Schreckensnachricht nicht vorenthalten zu sollen. Wir trafen schleunigst unsere Anstalten und traten die Reise nach Wien an. Aber so sehr wir uns beeilten, wir sollten nicht mehr das Glück haben, den Vater am Leben zu treffen, ja nicht einmal das schmerzliche Glück, seine Züge noch einmal zu sehen. Die Wohnung war verschlossen, die Gerichtssiegel hingen daran, er war wenige Stunden vor unserer Ankunft begraben worden. Und so schaffte ich die Meinigen hierher in den »goldenen Engel« und durchwachte dann eine sorgenvolle Nacht am Lager meiner Frau. Denn der Trauerfall hatte sie furchtbar erschüttert, und diese Erschütterung konnte ihr in ihrem Zustande sehr gefährlich werden. Der Arzt, den ich am nächsten Morgen rufen ließ, redete ihr zu, sich – um ihrer Mutterpflicht willen! – nicht vom Schmerze übermannen zu lassen. Ich aber beschloß, schleunigst mit ihr heimzukehren; von der gewohnten Umgebung, von der Zeit hoffte ich für sie Milderung des Schmerzes. Darum ordnete ich gleich am Vormittag, was ja doch geschehen mußte, so wenig ich auch in jenem Momente an die Erbschaft dachte, alles Geschäftliche – ich ging zu einem Advokaten und übergab ihm die nöthigen Papiere, um die Ansprüche meiner Frau zu vertreten. Die Sache werde schnell geordnet sein, versprach er mir, da ja meine Frau die einzige Tochter des Dahingeschiedenen gewesen. »Der Advokat wohnte in der Habsburger Gasse. Just als ich aus dieser Gasse nach dem »Graben« bog, hörte ich, wie eine helle, fröhliche Stimme hinter mir »Kossuth«! rief. Und »Corporal Kossuth!« klang es noch einmal – im nächsten Augenblicke fühlte ich mich umarmt und geküßt. Es war Gyula v. Sz., der junge, leichtsinnige Jurat aus Debreczin. Gr war überaus erfreut, mich wiederzusehen; ich aber war wahrhaftig nicht in der Gemüthsstimmung, mich lange mit dem tollen Burschen zu unterhalten. Ich theilte ihm also nur in kurzen Worten die traurige Veranlassung meines Wiener Aufenthalts mit und sah dann zu, daß ich rasch auf die ›Landstraße‹ kam. »Im ›goldenen Engel‹ traf ich meine Frau abermals in nervösen Krämpfen; ich ließ wieder den Arzt rufen, und der gab wenig Hoffnung, daß sie schon am Abend werde abreisen können. Während wir so hin- und hersprachen, sprang plötzlich die Thüre auf, und herein traten der schreckensbleiche Wirth, ein Polizei-Commissär, ein Offizier und drei Soldaten; andere Soldaten hielten die Thür und den Corridor besetzt. Meine Frau stieß einen durchdringenden Schrei aus und fiel in tiefe Ohnmacht, mein Bübchen begann laut zu weinen, ich aber blieb starr, wie gelähmt stehen ... Man denkt unsäglich rasch in solchen Momenten: im Nu durchzuckte mich der Gedanke, daß ein ›Spitzel‹ in der Nähe gewesen, als mich der unvorsichtige Jurat ›Kossuth‹ genannt, daß er mir gefolgt und daß die Leute nun kämen, um sich in meiner Person des Dictators zu bemächtigen ... »Sie sind verhaftet!« sagte der Commissär kurz, zwei Soldaten ergriffen mich und hielten mich an den Armen fest. »Sträuben Sie sich nicht – Sie sehen, jeder Widerstand wäre thöricht ... Nehmt die Koffer!« fuhr er fort – im Nu war unser Gepäck herausgeschafft. »Das ist Ihre Gattin?« fragte er weiter und deutete auf die Ohnmächtige, um die sich inzwischen der Arzt mühte. »Ich habe gleichfalls den Auftrag, sie zu verhaften, das Kind kann sie mitnehmen.« – »Aber sie ist ja todtkrank!« rief der Arzt. Das gab mir Sprache und Leben zurück. »Herr Commissär!« rief ich, »das ist ein unglückseliges Mißverständniß, ich heiße Stefan v. M. ...« – »Ja!« sagte er höhnisch. »Sie belieben incognito zu reisen. Es ist nutzlose Mühe – Ihr Name steht Ihnen auf dem Gesichte geschrieben; es gibt viele gute Protraits von Ihnen, Herr Kossuth!« Dann fuhr er fort: »Die Frau mag unter Bewachung hier bleiben, bis der Polizeiarzt untersucht, ob sie transportfähig ist. Ihnen aber rathe ich, uns gutwillig zu folgen.« Da erkannte ich, daß jedes weitere Wort nutzlos sei, küßte noch einmal mein Bübchen, dann den blassen Mund meines ohnmächtigen Weibes und ging. Ich habe Beide nie wieder gesehen.« ... Der Erzähler schlug die Hände vor's Gesicht. Als er sie wieder sinken ließ, sahen wir, wie furchtbar bleich und entstellt dies Gesicht war. Uns krampfte sich das Herz in der Brust zusammen, als wir den Mann ansahen, der mit bebender Stimme weiter sprach: »Ich will's kurz machen. In die Salzgries-Caserne schafften sie mich und verhörten mich dort drei Stunden lang. Natürlich konnte ich nur immer wiederholen, ich sei Stefan v. M. und berief mich auf den Advocaten, auf einige Bekannte in Wien. Aber der Auditor meinte nur immer, eine solche Keckheit sei ihm noch nicht vorgekommen. Jedermann sehe ja, daß ich Kossuth sei, und zum Ueberfluß habe mich noch heute ein Anhänger auf der Straße mit diesem Namen begrüßt. Mein Einwurf, das sei ja ein Spitzname, wurde kurzweg als »infame Lüge« zurückgewiesen. Dann führte man mich in's Gefängniß zurück, und von da ab wurde ich acht Tage hindurch den ganzen Tag lang verhört und mit den verschiedensten Leuten, auch mit den von mir genannten Zeugen confrontirt. Natürlich sagten die Einen aus, ich sei nicht Kossuth und die Anderen, die mich kannten, fügten hinzu, ich sei Stefan v. M., und am Heftigsten betheuerte dies Gyula, der in derselben Stunde verhaftet worden, wie ich. Ich bin fest überzeugt, daß das Gericht bereits nach zwei Tagen klar einsah, daß hier ein Mißverständniß obwalte. Aber die Maxime jenes Regimes war: »Lieber einen Justizmord begehen, als einen Mißgriff eingestehen!« Und so behielt man mich in Haft und inquirirte an mir herum; wenn ich nach Weib und Kind fragte, so schwieg man hartnäckig. Schließlich concentrirte sich die Untersuchung hauptsächlich auf mein Verhältniß zu Gyula. »Wo sind Sie mit ihm früher zusammengetroffen, warum hat er Sie »Corporal« genannt?« fragte mich der Auditor. »Wenn Sie diese Frage beantworten, so erhalten Sie sogleich Aufschluß über das Befinden Ihrer Familie.« Und darauf gestand ich, daß ich Corporal bei den Honvéds gewesen und erzählte ausführlich, wie ich zu diesem Spitznamen gekommen. »Gut«, sagte der Auditor, als ich geschlossen, »ich will mein Versprechen halten; Ihr Kind befindet sich wohl, Ihre Frau ist nach dem Berichte der Polizei noch nicht transportfähig – mehr weiß ich selbst nicht. Was aber Ihr Geständniß anbelangt, so begründet dasselbe die Untersuchung wegen Hochverraths und Rebellion. Sie werden bald Näheres hören.« Aber ein Monat verging, ohne daß ich Etwas hörte. Da wurde ich eines Morgens aus der Zelle geführt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Procedur war sehr kurz. Der Auditor verlas mein Geständniß, und binnen einiger Minuten war mein Urtheil gefällt: zwei Jahre Festung. Hätte ich Kossuth nicht ähnlich gesehen, ich wäre wohl mit sechs Wochen Arrest davongekommen, aber eine mit so viel Eclat vollzogene Verhaftung mußte auch mit einer entsprechenden Verurtheilung schließen. Ich fügte mich in mein Schicksal und bat nur, mein Weib und Kind wiedersehen zu dürfen. Da rief aber der Auditor hastig: »Das geht nicht an!« Und dabei blieb's. Den Jammermenschen belästigte es, mir sagen zu müssen, daß mein Weib acht Tage nach meiner Verhaftung hier im Gasthofe an den Folgen des Schrecks gestorben ...« Wieder verstummte der Erzähler. Dann fügte er mit dumpfer Stimme hinzu: »Ich erfuhr's, nachdem ich meine zwei Jahre in Kufstein verbüßt. Auch mein Kind, welches das Gericht bei fremden, niedrigen Leuten in Pflege gegeben hatte, war todt. Ich aber habe fortgelebt und lebe noch – es ist fast ein Wunder. Freilich ist mein Dasein kein Leben mehr zu nennen ...« Stumm und erschüttert nahmen wir Abschied von dem Unglücklichen und gingen im nebeligen Dämmerschein des anbrechenden Tages aus einander ... Herrn v. M. habe ich seit langen Jahren nicht mehr gesehen; der ›goldene Engel‹, wo ich ihn hätte aufsuchen können, steht ja nicht mehr. Vielleicht hat der Tod den unglücklichen Mann von einer Existenz erlöst, von der er selbst mit Recht gesagt, daß sie kein Leben mehr zu nennen ... Spielt in dieser Jagdgeschichte neben dem einen Hauptcharakteristikon des reaktionären Regimes, der Dummheit, auch leider das andere, die Grausamkeit, eine Rolle, so sind hingegen die drei nachstehenden, mit denen ich meinen Cyklus schließe, wieder nur lustig und die P. T. Behörden, welche darin eine Rolle spielen, haben Niemand geschadet, als – dem Regime selbst! Auch diese drei Historien spielen übrigens in sehr verschiedenen Winkeln der österreichischen Monarchie, die eine in Ungarn, die andere am Lago di Garda, die dritte in Podolien. Nahe der Grenze Steiermarks liegt etwas abseits der Straße, die von Oedenburg nach Güns führt, der kleine Marktflecken Leka (Lokenhausen). Der Marktflecken hat natürlich auch ein Gasthaus und das Gasthaus natürlich auch eine Honoratiorenstube. In dieser Stube saßen nun eines schönen Abends im Jahre 1851 die Honoratioren von Leka und Umgebung beisammen. Die Mehrzahl bestand aus fürstlich Esterhazy'schen Beamten, dem Fiskal Ladislaus Berzsenyi, dem Hofrichter Joseph Nagy, dem Verwalter Rosenstingl, ferner aus dem Wirthe und mehreren anderen Bürgern von Leka. Die Herren besprachen unterschiedliche Dinge und kamen endlich auch auf Politik. Da diese aber in jenen Tagen ein heikles Thema war, so beschränkte sich die Unterhaltung darauf, daß einer der Herren laut aus einem deutschen Journale vorlas, so laut, daß man in der anstoßenden »Schwemme« jedes Wort verstehen konnte. Dort aber saß in einem Winkelchen ein fremder Gast und verzehrte sein Abendbrod. Es war dies ein Weinhändler aus Steiermark, der in Geschäften nach Leka gekommen. Bekanntlich pflegen die Steirer große Quantitäten ungarischer Landweine aufzukaufen, um durch Mischung ihre schlechteren Sorten zu verbessern. Dieser Zweck hatte unsern wackeren Pfahlbürger aus Radkersburg nach Leka geführt. Da bot ihm das Schicksal ein weit einträglicheres Geschäft: die Prämie, die auf Kossuth's Kopf gesetzt war. Und das Schicksal bot ihm dies geradezu noch auf dem Präsentierteller. Dieselbe sonore Stimme nämlich, die bereits den ganzen Abend über im Honoratiorenzimmer von Pacificirung, Windischgrätz, Radetzky, Kaiser Nikolaus und Lord Palmerston erzählt, verkündet plötzlich ganz vernehmlich: »Heute ist Kossuth hier angekommen.« »Kossuth?« fragten mehrere Stimmen. »Und wie ist er empfangen worden?« »Natürlich sehr freundlich!« erwiederte der Sonore. Dann ward das Gespräch zu einem eifrigen, aber unverständlichen Flüstern. Unserem Weinhändler wurde es heiß. Kossuth in Leka! – das war eine Entdeckung von pyramidaler Wichtigkeit! Wenn er diese Entdeckung der nächsten Behörde mittheilte, so konnte ihm eine glänzende Belohnung gar nicht entgehen. Und sogar in die Zeitung würde man ihn »setzen«. »Durch den Scharfsinn des wackeren Bürgers, Weinhändlers und Weingartenbesitzers Mathias Kipfelbacher aus Radkersburg ist es gelungen, des berüchtigten Rebellen Kossuth in Leka habhaft zu werden.« Er sah es schon förmlich vor den Augen, dazu einen Orden, vielleicht den Adel: Mathias Edler von Kipfelbacher! Zwar regte sich etwas leise in seinem Innern und raunte ihm zu: »Es ist nicht schön, ein Spitzel zu sein.« Aber war es nicht heilige Pflicht und Schuldigkeit gegenüber einer hohen Regierung? Handelte es sich nicht in der That um einen ganz besonders verruchten Rebellen? Sein Entschluß stand fest – es handelte sich nur noch um die nächste Behörde. Die nächste Behörde war natürlich der nächste Gendarm. Aber die k. k. Sicherheit von Leka war gerade zwei Mann hoch auf Streifung ausgezogen. Also dann der Ortsvorstand! Aber der saß – horribile dictu! – der saß drinnen in der Honoratiorenstube unter den anderen Hochverrätern. Was nun thun?! Wenn man Aussicht hat aus einem einfachen Kipfelbacher ein Edler von Kipfelbacher zu werden, ist kein Opfer zu groß. Unser Weinhändler entschloß sich kurz und gut: er spannte seinen Braunen vor sein Steirerwäglein und fuhr noch in der Nacht über die nahe Grenze und nach dem nächsten Marktflecken der Steiermark, Friedberg. Dort entdeckte er im Morgengrauen dem k. k. Bezirksvorsteher die Entdeckung. Die Amtsperson glaubte die wundersame Mär. Es darf uns dies nicht Wunder nehmen; es ist ein Charakteristikon jener Periode, daß selbst der klügste Beamte dem allerdümmsten Denunzianten glaubte. Uebrigens ist es auch nicht ausgemacht, daß der Bezirksvorsteher, der 1851, in Friedberg amtirte, sehr klug war. Genug, die k. k. Amtsperson gerieth in Ekstase, nahm mit dem Edelmann der Zukunft ein Protokoll auf und sandte eine »dienstfreundliche Anzeige« auf kürzestem Wege an die Behörde in Güns. Auf kürzestem Wege: sie machte den einzigen Arm des Gesetzes, der ihr im Augenblicke zur Verfügung stand, den Kanzleidiener, beritten. Freilich war der kürzeste Weg nicht auch der schnellste. Denn der Schimmel des Friedberger Kreuzwirths war kein sonderlich rasches Thier und der Kanzleidiener kein sonderlich gewandter Reiter. So erfuhr man denn in Güns die Schreckenskunde erst in der Frühe des nächsten Tages. Da aber entschloß man sich auch zu raschem und energischem Handeln. Eine Abtheilung Militär und Gensdarmen ward zu einem fliegenden Corps vereinigt und unter den Befehl zweier Offiziere gestellt. Diese sollten Kossuth und die kleinen Hochverräther »zu Stande bringen.« Die beiden Offiziere begannen ihre Thätigkeit bei den beiden Hochverräthern, die im Orte selbst wohnten, und nur an jenem Abend zufällig in Leka verweilt hatten, bei dem Fiskal Berzsenyi und dem Hofrichter Nagy. Das Korps rückte in den inneren Hof des Esterhazy'schen Schlosses und besetzte sämmtliche Ausgänge der Wohnungen der beiden Beamten. So waren die beiden Hochverräter sehr schnell zu Stande gebracht, aber leider nicht ihre Hochverrätherei. Denn die beiden Männer, sehr ruhige, sehr friedliebende Bürger, kümmerten sich um die Politik und Kossuth sehr wenig. So fand man unter ihren Briefen und Papieren keinerlei ›Inzichten‹. Auch ihr Verhör ergab kein Resultat. Beide Herren vernahmen die Kunde, daß der Rebell in ihrer nächsten Nähe weile, um von Leka aus den Kaiserstaat aus den Angeln zu heben, mit sichtlichem Erstaunen. Wenn das auch vielleicht Verstellung war, so konnte man ihnen doch nichts beweisen. Bei Nagy hatte man nichts, bei Berzsenyi nur wenig Verdächtiges gefunden: ein roth-weiß-grünes Schlafkäppchen und einen kleinen Vorrath ungarischen Landtabaks. Das waren allerdings an sich gravirende Dinge, aber ein Einverständniß mit Kossuth war dadurch dennoch nicht nachgewiesen, mindestens nicht direkt. So begnügte man sich denn, die Beiden unter Aufsicht zu stellen und das fliegende Korps flog auf Leiterwagen nach Leka. Dort ward zunächst in der Wohnung des Verwalters Rosenstingl das Unterste zu oberst gekehrt. Es war fruchtlos. Dann ward der Hauptschlag gegen das Gasthaus geführt – dasselbe ward umzingelt und vom untersten Keller bis zum obersten Dachboden sorgsamst durchschnüffelt. Aber hinter keinem der Fässer steckte irgend ein Kossuth, und wenn man oben in die Säcke stach, rieselte kein Blut hervor, sondern Hafer. So schritt man denn schließlich zu energischer Vernehmung des Gastwirths. Inquisit leugnete hartnäckig. »Wir haben Beweise,« schrie ihm der kommandirende Offizier entgegen. Inquisit verharrte in seiner Verstocktheit. »Das ist unverschämt!« schrie ihm der Offizier noch »energischer« zu. »Vorgestern ist Kossuth hier angekommen und sehr freundlich empfangen worden. Am Abend desselben Tages wurde hier, in Ihrer Gegenwart, über das Ereignis gesprochen.« Und was that Inquisit nun? Inquisit lachte, lachte herzlich, nahm von dem Fensterbrette eine alte Nummer der »Presse«, las die Telegramme nach und wies dann auf eines hin. Dasselbe lautete: »London am Soundsovielten. Kossuth ist heute hier angekommen und sehr freundlich empfangen worden.« Das fliegende Korps verzog sich geräuschlos. Matthias Kipfelbacher's Traum war zu Ende.... ... Es war im Spätherbst desselben Jahres 1851. Der schärfste Belagerungszustand lag düster und drohend, wie eine Wetterwolke, über Lombardo-Venetien. Aber deshalb spann die Sonne ihr goldiges Netz über den tiefblauen Lago di Garda wie sonst, auch war nicht zu bemerken, daß sich's die Trauben und Limonen verbieten ließen, zu reifen, und die Blumen, Zu blühen. Kurz – es waren so prächtige Oktobertage, wie sie selbst dieser gesegnete Gau nicht alljährlich zu erleben pflegt. Daneben war freilich auch obenerwähnte Wetterwolke sichtbar – auf Schritt und Tritt. An den Ufern wimmelte es von Gensdarmen, Soldaten und Kanonen, allüberall wurden neue Forts gebaut und die alten stärker armirt. Daneben wurde die Strandpolizei in unerhört strenger Weise gehandhabt: kein Kahn fuhr undurchsucht aus, kein Kahn legte undurchsucht an. Kurz – ein Hochverräther, der sich in jenen Tagen hierher gewagt hätte, hätte verdient, nicht blos seiner Hochverrätherei, sondern auch seiner Dummheit wegen gehangen zu werden. Aber deshalb glaubte der damals zu Riva stationirte k. k. Polizeicommissär es dennoch willig, als eines Abends der wackere Padrone Bartolomeo in seine Amtsstube stürzte und athemlos vermeldete: Ludwig Kossuth halte soeben in einer Felsnische über dem Seespiegel eine Konferenz mit einem wälschtirolischen Hochverräther ab. Dieser Bartolomeo war ein sehr gefälliger und vielseitiger Mann, Besitzer mehrerer Lastbarken auf dem See und gefährlicher Pascher, Spion der Oesterreicher wie nicht minder der Italianissimi des Trentino, ein dicker gemüthlicher alter Knabe und ein Erzschuft vom Scheitel bis zur Sohle. Trotzdem – oder darum?! – ist es ihm im Leben sehr gut gegangen und er hat seinen Kindern ein hübsches Erbe hinterlassen. Für die athemlose Meldung an jenem Oktoberabend hat er übrigens hinterher schwerlich etwas bekommen. Damals aber rapportirte er: »Signor Commissario – wir haben ihn, so wahr mir die heilige Jungfrau helfen möge, wir haben den » principe ungbarese «, den Ludwig Kossuth, für dessen Auffindung Ihr mir ein so schönes Stück Geld versprochen habt. Und er steckt in nächster Nähe, kaum eine halbe Meile von hier. Ihr kennt ja hier am See, auf der lombardischen Seite, dicht, vor den Ponalfällen, die Felsnische, kaum einen Fuß über dem Seespiegel, wo einst ein verrückter Padre, welcher ein großer Heiliger war, als Einsiedler gelebt hat und gestorben ist. Also in dieser Höhle drin steckt er gerade jetzt und spricht ungarisch mit einigen Hochverräthern aus Riva und Torbole ...« »Wie habt Ihr das erkundet?« fragte der Commissär. »Selber gesehen!« war die stolze Antwort. »Selber gesehen und selber gehört! Da fahre ich heute spät Nachmittags von Limone weg und hierher, immer am Ufer hin, und komme schon in der Dämmerung am Fall des Ponale vorüber und gegen jene Nische hin. Da sehe ich dort ein Boot müßig kreuzen und das kommt mir verdächtig vor und ich fahre darauf zu. Und wie ich erkenne, wer im Boot sitzt, da kommt mir die Sache noch verdächtiger vor. Denn, was meint Ihr, Signor, wer's war?! Der schwarze Antonio aus Torbole war's, der gefährlichste Hallunke am ganzen See, das Haupt der gottverdammten Pascher, welche dann mich verdächtigen, mich, den bravsten und kaisertreuesten Menschen unter der Sonne, mich, der ich vom Scheitel bis zur Sohle ein Austriaco bin!... »Was treibst Du Dich da allein und müßig auf dem See herum?« frag' ich ihn also. Und was antwortet mir der Hallunke? »»Dicker Wanst!« schreit er herüber, »das werde ich Dir just auf die Nase binden«, – und fährt lachend fort in den See hinaus. Natürlich schreie ich ihm die gehörige Antwort nach. Aber wie ich nun weiter fahren will, da sehe ich, wie von Riva her ein zweites Boot auf die Höhle zukommt. Das kommt mir natürlich noch verdächtiger vor und ich drücke mein Boot fein in den Schatten der Felswand und luge scharf aus. Und da sehe ich: es ist der alte Domenico aus Riva, gleichfalls ein sehr gefährlicher Mensch, der das Boot lenkt; drinnen aber sitzt eine vermummte Gestalt. Dicht an die Höhle fahren sie hin und da schwingt sich die Gestalt hinein und ruft dann dem Domenico zu: »Also in einer Stunde holst Du mich ab!« Und – was ich besonders sagen will – italienisch war das freilich – aber schändlich ausgesprochen – wie ein Fremder spricht, wie etwa con permesso! – Ihr zu sprechen pflegt, Signor Commissario! Nun, der Domenico zieht darauf ehrfurchtsvoll seine Kappe und fährt davon, gleichfalls in den See hinaus. Ich aber denke mir: ›Das ist eine höchst sonderbare Sache, der mußt du auf den Grund kommen‹ und fahre ganz leise an die Nische hin und lausche. Und da höre ich ganz deutlich, wie drin zwei Stimmen ungarisch sprechen ...« »Wie habt Ihr das erkannt?« frug der Commissär. »Nun«, erwiderte der Bartolomeo, »es gibt am See enghosige Soldaten genug, von denen man den Klang der Sprache hören kann. Und der ist nicht so leicht zu verwechseln – das klingt ja wie ein ewiges Poltern und Fluchen. Also verlaßt Euch darauf, Signor – es war ungarisch. Und eben so deutlich habe ich den Namen ›Kossuth‹ gehört. Und nun frage ich Euch, wie ist dies anders zu erklären, als daß da drinnen der Kossuth verborgen steckt und daß andere Hochverräther aus Riva und Torbole zu ihm gefahren gekommen sind? Beeilt Euch, Signor, und wenn Ihr Euch beeilt, so könnt Ihr das ganze Nest aufheben ...« Und der Kommissar beeilte sich sehr, ja ganz ungeheuer. Seine Gensdarmen flogen nach allen Seiten und schon eine Viertelstunde später ruderte eine kleine k. k. Armada in den See hinaus. Sie bestand aus zwei größeren, mit je zehn Kaiserjägern bemannten Booten und einem kleinern Kahn, in welchem der Commissär und vier Gensdarmen saßen. Herr Bartolomeo war nicht von der Partie, seinen Beruf als Spitzel hatte er ja schon erfüllt. Rasch flogen die Boote über die murmelnden Wogen dahin. Die Nacht war sehr dunkel; nur einzelne Sterne flimmerten am Himmel. »Halt!« rief plötzlich einer der Gensdarmen, ein Eingeborener, in die Nacht hinaus. Sein scharfes Auge hatte da ein kleines Boot erspäht. Aber der Zuruf hatte nur die Folge, daß der Flüchtling um so rascher ausgriff. Doch half ihm das wenig. Im Boote des Commissärs arbeiteten acht Ruder. Bald war der Flüchtling gestellt, es war der alte Domenico. »Was suchst Du hier?« herrschte ihn der Kommissar an. »Ich – ich fische ...«, stammelte der Erschreckte. »Du lügst!« donnerte abermals der Mann der Sicherheit. »Du hast vor einer Stunde einen Mann aus Riva bei der Einsiedler-Höhle abgesetzt und kommst nun, ihn abzuholen. Ich weiß Alles – Leugnen hilft nichts – nur ein offenes Geständnis kann Dich retten – wer war jener Mann?« »Das darf ich nicht sagen«, wimmerte der Fischer. »Warum nicht?« »Santa Maria!« war die klagende Antwort, »weil ich sonst ›Fünfundzwanzig‹ kriege ...« Fünfundzwanzig! Altehrwürdige k. k. Polizei- und Militär-Ziffer! Untrügliches Kriterium unverfälschten Oesterreicherthums! Fünfundzwanzig! ... fürwahr, wäre der Amtstscheche aus Riva ein Genie gewesen, aus dieser bloßen Andeutung hätte er theilweise bereits den Sachverhalt errathen können ... Aber – er war kein Genie, sondern im Gegentheil k. k. Polizeicommissär. Und darum sagte er nur barsch: »Das wird sich finden! – Bindet seinen Kahn an eine Barke, ihn aber werft in die Barke unter die Soldaten!« So geschah's. Weiter ruderte die k. k. Armada durch die schwüle, pechschwarze Nacht. Und zwar schlauer Weise immer stiller und vorsichtiger, denn nun näherte man sich dem Neste der Hochverräter. Jetzt – dem Commissär schlug das Herz heftiger – war die Einsiedlerhöhle erreicht. Die eine Barke postirte sich rechts, die andere links, der Kahn mit dem Commissär und den Gensdarmen fuhr gerade auf die Höhle zu. »Bist Du's, Domenico?« rief aus der Höhle eine kräftige Mannesstimme. »Freilich bin ich da«, brüllte der Fischer, »aber gebunden haben mich diese – –«, der Rest verklang unter der kräftigen Faust eines Kaiserjägers. »Bassama!« rief dieselbe Stimme. »Was geht hier vor? Was wollt Ihr Männer?« »Was wir wollen?« donnerte der Commissär und richtete sich todesmuthig empor – »das will ich Euch sagen: Im Namen des Kaisers! – ergebt Euch, Ihr Rebellen! Werft die Waffen fort, jeder Widerstand ist unnütz!« Nach dieser Rede scholl aus der Höhle ein schriller Schrei, wie aus einer Frauenkehle. Sollte Ludwig Kossuth sein Weib mitgenommen haben? »Ergebt Euch!« donnerte der Commissär noch einmal. »Bassama!« erscholl nun wieder aus der Höhle die kräftige Stimme, »was sind das für infame Späße!« Und dann setzte dieselbe Stimme in deutscher Sprache hinzu: »Verzeihung, wenn ich nicht irre, so habe ich die Ehre, mit dem Herrn Commissär N. N. aus Riva zu sprechen?« »Allerdings!« erwiderte dieser verdutzt. »Nun – da werden Sie mich ja auch vielleicht erkennen«, fuhr die Stimme fort. »Wir spielen ja im Café Andres oft genug Billard. Ich bin ja der k. k. Lieutenant Emmerich v. Sz. von Franz-Carl-Infanterie ...« »Das ist er wirklich!« flüsterte der scharfäugige eingeborne Gensdarm dem Commissär zu. Dieser schwieg einen Moment. Dann durchzuckte ihn ein neuer Gedanke: ›Franz Carl‹ ist ein ungarisches Regiment – Herr v. Sz. ist ein Magyare – Kossuth sucht österreichische Militärs zum Abfall zu verleiten ... »Und was treiben Sie hier, Herr Lieutenant?« fragte er. »Das kann ich Ihnen nicht sagen!« »Sie sind nicht allein! Wer ist bei Ihnen?« »Kann ich Ihnen ebensowenig sagen. Wohl aber kann ich Sie versichern, und zwar als Edelmann und Offizier auf mein Ehrenwort versichern, daß die betreffende Persönlichkeit kein Rebell ist, und daß hier überhaupt nichts getrieben wurde, was den Bestand der Monarchie gefährden könnte.« »Das wollen wir sehen«, brummte der Commissär, gab dem Gensdarm einen Wink und – im nächsten Augenblicke zischte ein weißes Sprühlicht auf und übergoß einen Moment lang Höhle und Barken mit taghellem Schimmer. In der Höhle der schrille Schrei einer Frauenkehle und das Fluchen des Lieutenants – auf den Barken das Gewieher der Mannschaft. Nein! – der Lieutenant hat Recht gehabt – nein! hier war nichts getrieben worden, was den Bestand Österreichs hätte gefährden können ... Stumm und tiefgebeugt kehrte der Commissär mit der Armada nach Riva zurück, nachdem er Domenico und seinen Kahn bei der Höhle gelassen. Der Abend war übrigens an verhängnisvollen Folgen reich. Am nächsten Tage schlug sich Lieutenant v. Sz. mit dem Hauptmann v. G., welcher in Torbole stationirt war, Frau Hauptmann v. G., eine üppige, blonde Magyarin, reiste zu ihren Verwandten nach Debreczin und die beiden Gatten sahen sich nie wieder. Nur Einer bewahrt dieser Kossuthjagd eine freundliche Erinnerung: das ist jener eingeborene Gensdarm, der heute übrigens kein Gensdarm mehr ist, sondern ein ältlicher, behäbiger Winzer im Sarca-Thal, welcher mir bei einer Foglietta eigenen Weines die Historie berichtet hat ... An meine letzte Historie weiß ich mich aus meiner Knabenzeit theilweise selbst zu erinnern. Sie spielt in meiner Heimath, in Podolien, im Dorfe Biala, über welches mein Freund Iwon Megega als Dorfrichter sein Szepter streckte, ein gar wackerer Mann, von dem ich in diesem Buche bereits des Ausführlichen erzählt habe. Es war im Jahre 1856. An alle Dorfrichter im Czortkower Kreise war der Befehl ergangen, auf verdächtige Reisende zu vigiliren, insbesondere auf solche aus Ungarn. Auch das Signalement Kossuth's war gewohnheitsgemäß wieder publizirt worden. Niemand kam diesem Befehle pünktlicher nach, als unser Iwon, denn er war sehr gut kaiserlich. Er stellte einen Sensenmann auf die Landstraße, einen andern vor das Wirthshaus. Sie hatten jeden Reisenden anzuhalten, bis Iwon seinen Paß untersucht. Lange ereignete sich nichts Auffälliges. Da kam an einem trüben, windigen Herbstnachmittage ein kleines Wägelchen durch das Dorf gefahren. Es gehörte einem jüdischen Lohnkutscher aus Drohobycz, welcher auch den Wagen lenkte. Im Wagen saß ein Mann von etwa vierzig Jahren. Er hatte schwarzes Haar, einen schwarzen Bart und war hager. Eingehüllt war er in einen verschossenen ungarischen Mantel, unter dem hohe Stiefel hervorlugten. »Halt!« rief der Sensenmann und hielt den Wagen an. »Herr – Ihren Paß!« Der Reisende verstand nicht ruthenisch. »Brüderchen!« sagte der Kutscher zu dem Sensenmann, »der Mann ist ein Kaufmann aus Ungarn, Du kannst uns ruhig fahren lassen.« »Aus Ungarn?! – hoho! – den Paß!« Der Reisende reichte ihn hin. Der Sensenmann entfaltete das Papier und besah sehr aufmerksam die Siegel. Doch beschränkte sich seine Prüfung nothgedrungen auf diese nebensächliche Beigabe: er konnte nicht lesen. Darum rief er einige Bauern herbei, bat sie, den Wagen zu bewachen und brachte selbst den Paß zu Iwon. Der Dorfrichter rieb sich die Augen und begann zu lesen – d. h. er hielt die Schrift nahe den Augen. Dann aber schüttelte er den Kopf und schimpfte über die undeutliche Schrift. Das werde nicht einmal der Herr Pfarrer lesen können, erklärte er. Dann trug er das Dokument zu diesem. Iwon hatte überhaupt das Unglück, daß ihm lauter undeutliche Schriften unterkamen. Was nutzte es ihm da, daß er, wie er oft mit heiligen Schwüren betheuerte, vortrefflich lesen konnte?! Heute hatte Iwon noch außerordentliches Unglück. Der Pfarrer sei in die Stadt, erklärte die Köchin, und komme erst am Abend wieder. Fluchend ließ Iwon das Dokument zurück und beschloß, den Reisenden bis zum Abend anzuhalten, jedoch vorläufig ein Verhör mit ihm anzustellen. Dabei ergaben sich freilich einige linguistische Schwierigkeiten. Der Reisende fluchte ungarisch und jammerte deutsch, der Dorfrichter inquirirte ruthenisch und ward immer aufmerksamer. Schon die Stiefel uud der Mantel erregten seinen Verdacht. Dazu kam, daß ihm der Reisende plötzlich einen Gulden bot, wenn er ihn ziehen lassen wollte. Iwon trat entrüstet zurück. »Um einen Gulden verkaufe ich meinen Kaiser nicht!« Dann dachte er nach: ungarische Kleidung – ungarische Flüche – Bestechung – dunkles Haar – magere Gestalt – das paßt ja auf ein Haar, das war ja – »Du bist der verdammte Herr Kossuth, den wir schon so lange suchen!« schrie er. »Kossuth!« rief der Reisende und sank todtenbleich auf seinen Sitz zurück. »Habt Ihr gesehen, wie er erschrocken ist?« rief Iwon den Bauern zu. »Das ist Kossuth! Hinunter mit ihm, hinunter vom Wagen und in den Gemeindekotter. Bindet ihn, sperrt die Thüre hinter ihm zu und stellt zwölf Männer umher. Ihr bürgt mir dafür, daß er nicht entwischt. Ich selbst reite nach Czortkow und hole die Schreiber des Kaisers.« Und so geschah's. »Kossuth in Biala!« Ich war damals ein achtjähriger Bube, aber ich erinnere mich noch ganz genau, welchen Eindruck die Kunde im Städtchen machte. Denn Iwon schrie es den Leuten zu, als er im Galopp durch die Straßen zum Bezirksamt sprengte. Man lief, man schrie, man jammerte durch einander. Die Einen wollten mit den Glocken läuten, Andere eilten nach Hause und packten ihre Sachen zusammen, und die Muthigen bewaffneten sich mit rostigen Schwerten. Und das Alles vor dem bloßen Klange des Namens! Der k. k. Bezirksvorsteher verlor Anfangs den Kopf. Dann raffte er sich auf. Die beiden Gensdarmen und den Gerichtsdiener packte er auf einen Wagen, sich selbst und seinen Schreiber auf einen zweiten. So kam der Zug vor unserm Hause an, und mein Vater mußte mit. Denn ein Arzt, meinte der Beamte, müsse immer dabei sein, wenn man einen großen Verbrecher verhafte. Nun ja, wie leicht kann sich ein solcher Mensch in der Verzweiflung ein Leid anthun! So fuhren die Herren in der Dämmerung, so rasch die Pferde laufen konnten, nach Biala. Iwon ritt neben ihnen her und kam erst jetzt dazu, keuchend die näheren Umstände der Verhaftung zu berichten. »Wo ist denn der Paß?« fragte der Vorsteher und befahl, als er's erfuhr, das Document sogleich vom Pfarrer zu holen. So kam die Kommission in Biala an und fuhr vor der Scheune vor, welche den Gemeindekotter repräsentirte. Da standen rings herum die zwölf Bauern und meldeten, der Rebell drinnen jammere fürchterlich. Schnell wurden einige Laternen herbeigeschafft, Iwon lief nach dem Paß, der Vorsteher ließ durch die Gensdarmen die Thür öffnen und rief dann aus gemessener Entfernung in die Scheune hinein: »Kommen Sie heraus!« »Gott über der Welt!« erwiderte eine jammernde Stimme, »wie kann ich kommen heraus, wenn die Bauern haben mir gebunden Händ' und Füß'!« Der Vorsteher und sein Schreiber sahen sich entsetzt an. Dann faßte sich die Amtsperson und befahl, dem Gefangenen die Fußfesseln zu lösen und ihn vorzuführen. Es geschah. Trotz der unsichern Beleuchtung der Laterne genügte ein Blick, um zu erkennen, daß das geknickte Menschenkind, welches man da vorschleppte, kein trotziger Rebell sei. Die Säbelbeine knickten und dicke Thränen rannen über die gebogene Nase und die näselnde Stimme schluchzte: »Gott, wohin schleppen Se mich! Gott, was wollen Se von mir! Ich bin nix Kossuth, ich bin ä Lederhändler, ich hab' bei Debreczin ä Weib und sieben Kinder.« »Hier ist der Paß!« keuchte Iwon gerade heran. Salomon Weiß, Lederhändler aus Debreczin – der Paß war in Ordnung. Hier schließt mein Bericht von den Kossuth-Jagden. Vielleicht sind in jenen Jahren noch viel lustigere Geschichten derselben Art geschehen. Denn, wiederhole ich meine Eingangs aufgestellte Behauptung, jegliche Reaction ist nie ausschließlich Henker, sie ist stets zugleich Bajazzo! ... Allerlei Hochverräther. (1872.) Es war ein Tag im Herbst, ein schöner, klarer Septembertag. Die Ofener Berge lagen in blauem Dufte, schier wie zur Sommerzeit, die blaue Donau schimmerte im Sonnenstrahl und am Pester Quai wogte der Strom geputzter Spaziergänger auf und ab. Es läßt sich gut wandeln hier am herrlichen Strome zwischen den beiden prächtigen Städten, und es gibt wenige Orte auf Erden, wo ein Blick des Auges so viel Farbenpracht und Fülle der Schönheit umfassen kann. Es gilt dies von Allem, von dem Strome, dem Verkehre, den Bauten und ganz insbesondere von den Frauen. Aber alle Pracht thut auf die Dauer dem Auge weh. Und so ging ich an jenem schönen, stillen Tage am Flusse hin und der Quai blieb hinter mir und die fashionable Promenade und die geputzten Menschen, und ich ging weiter und weiter, bis mir der sonderbare Blocksberg gegenüber lag. Hier bog ich in eine große öde Straße zur Linken ab und dann nahm mich ein Gewirr von Gassen und Gäßchen auf, in dem ich mich kaum mehr auskannte. Ein größerer Gegensatz zweier Stadtviertel ist kaum denkbar, als zwischen dem, woher ich kam, und jenem, in welchem ich umherirrte. Dort moderne Paläste und Zinsburgen, hier kleine, ärmliche, alterthümliche Häuslein; dort lautes Wogen und Treiben, hier nur selten ein Mensch. Die kleinen Gäßchen lagen wie ausgestorben – es war just Arbeitszeit und die Bewohner in den Häusern oder auswärts. Wenn ich auf einen Haufen von Leuten stieß, so waren es eben kleine Leute mit blonden Haaren und blauen Augen und putzensbedürftigen Näschen – junges, übermüthiges Germanenthum. Der Dialect, in dem sie sich sehr geräuschvoll unterhielten, wird freilich kaum irgendwo in deutschen Landen gesprochen, es ist eben ein sonderbares Gemisch aus baierischen, schwäbischen, fränkischen, niederrheinischen und ganz insbesondere urwienerischen Elementen, das Zeug klingt zuerst fast unverständlich. Aber hätte ich auch daran gezweifelt, daß dies deutsche Kinder seien, so wäre mir dies gleich darauf sonnenklar geworden; just, als ich vorüberging, erklärten einige, »nicht mehr mitzuthun«. Und richtig prügelten sie sich gleich darauf; soviel ich bei flüchtigem Rückblick bemerkte, stand auch kein Bismarck unter ihnen auf. Im Uebrigen achtete ich ihrer nicht mehr und studirte die Schilder, welche hier und da, klein, buntfarbig, oft mit sonderbarster Ausstattung und Schreibweise an den Häusern hingen. Da war z. B. ein phantastischer Stiefel mit einem Riesensporn und darunter stand: »Schwemminger János». Oder eine großmächtige Scheere mit der Unterschrift: »Haubele Mihály». Im Hause daneben an einer kleinen Gassenthüre eine ockergelbe Bretze, ein zinnoberrothes Bierglas und ein giftgrünes Schnapsfläschchen und darunter ein Name, der schlimm dazu paßte: »Wassermacher Zsigmond« ... Dann begegneten mir einige Mühlknappen, und als ich in eine Straße gelangte, wo von allen Seiten melodisches Kuhgebrülle an mein Ohr schlug, da wurde mir zur Gewißheit, was ich bisher nur geahnt: ich war in der Franzstadt. Es gibt wohl keine andere Stadt, deren Theile so grundverschiedenen Charakter aufweisen, wie die Hauptstadt Ungarns. Mehr oder minder findet sich dergleichen überall, nur wird es wenig beachtet: dem flüchtigen Touristen sticht es nicht grell genug in's Auge und der Einheimische nimmt es eben als Gewohntes hin, über das man sich weiter keine Gedanken macht. Wer aber Sinn und Auge für solche kleine Eigenthümlichkeiten hat, kann ganz interessante und ergötzliche Studien machen, insbesondere in Buda-Pest. Denn hier gleicht nicht allein keine Vorstadt der andern, sondern jede derselben zerfällt noch überdies in sehr verschiedene Bezirke. So ist in dem kosmopolitischen Gewirre der innern Stadt ganz deutlich ein kleines Gebiet mit specifisch magyarischer Physiognomie erkennbar, so scheiden sich in Ofen die Bewohner nach den Nationalitäten, in der Josefstadt nach dem Besitzthume und in der Franzstadt, die fast ganz von ärmeren Leuten deutscher Zunge bewohnt wird, nach der Berufsart. Da wohnen die Fiaker und die Wäscherinnen, die Müller und die Milchmeier, die Schuster und die Schneider, die Wagenbauer und die Schmiede und sie halten sich, ganz gegen alle Grundsätze moderner Volkswirtschaft, gern in eigenen Gassen zusammen. So kam ich in eine lange Zeile von Gärten, wo rechts und links an Stricken die gesammte Wäsche der vereinigten Hauptstädte schwankte, und wieder in eine andere Gasse, wo wohl an die dreißig Schuster wohnten, stattliche Schuhmacher mit stattlicher Werkstatt und stattlichem Schilde und kleine, dürftige Flickschusterlein. Und wo ein Schild zu sehen war, da war gewiß ein kerndeutscher Familienname darauf und dazu ein kernmagyarischer Vorname. Es berührt dies den Deutschen eigen und auch ich machte mir so meine Gedanken darüber an jenem stillen Herbstnachmittage. Aber zu dem gebräuchlichen Manöver: dem Faustballen in der Tasche gegen den magyarischen Chauvinismus konnte ich's nicht bringen. Etwas ist schon daran, aber ich denke, wir Deutschen hätten allen Grund, uns da auch an die eigene Nase zu fassen. Denn warum sind die Väter dieser Leute fortgezogen aus der liebvertrauten Heimat an der Donau, am Neckar oder am Rhein, fort in's fremde, wilde Land? Weil sie's daheim nicht mehr ertragen konnten, weil sie die Verhältnisse zu Boden drückten. Der Eine wollte Meister werden und durfte es nicht – das Zunftrecht stand entgegen, der Andere wollte heiraten und konnte es nicht – ein grausames Gesetz der Patrizier hinderte ihn daran, den Dritten, einen Landmann, trieb sein Herr durch Frohnden und Lasten schier zur Verzweiflung. So zogen sie fort. Und was nahmen sie mit – etwa einen deutschen Staatsgedanken; ein deutsches Volksbewußtsein!? Ach – damals gab's kein Deutschland, selbst der Gedanke an den ideellen Zusammenhang aller Deutschen dämmerte nur in erleuchteten Köpfen, und was sie mitnehmen konnten, war höchstens ein reichsstädtisch Ulmsches oder kurfürstlich Mainzsches oder reichsritterlich Katzenellenbogensches Bewußtsein. Solch' ein Bewußtsein aber verduftet leicht in der Fremde, und verduftet's nicht von selber, so ist man sehr gerne geneigt, es freiwillig von sich zu werfen! ... Was die Väter wirklich aus der Heimat mitgebracht: deutsche Sprache, deutsche Sitte, deutsche Tüchtigkeit, das haben die Söhne meistens bis heute bewahrt. Aber weil es ihnen hier gut ging, weil sie hier gedeihen durften im Schutze verhältnißmäßig freisinniger Gesetze, so nahmen sie gerne den neuen Staatsgedanken an und damit zugleich – unglückseliger-irrthümlicher-, aber sehr leicht begreiflicherweise! – das neue Nationalitäts-Bewußtsein. Diese Leute fühlen sich als Magyaren, auch wenn sie magyarisch nur »Eljen« zu rufen wissen und »hunczut a német«! ... Diese Erscheinung ist sicherlich sehr beklagenswerth, und geradezu peinlich wäre sie, könnten wir uns nicht mit dem Worte trösten, das Grabbe seinen Hermann von den abtrünnigen Sigambrern sprechen läßt: »Blätterabfall der Eiche, die in Europas Mitte prangt.« Sie kann viel entbehren und bleibt stark. Aber wer darüber empört ist, der richte seine Empörung nicht gegen diese Leute, mit denen es ging, wie es gehen mußte, sondern gegen – die Schuldigen. Und die Hauptschuldigen sind nicht die Bekämpfer des Deutschthums, sondern Diejenigen, die dafür eintraten, indem sie offiziell, wie man es eben verstand, »germanisirten« ... »Du schwarzgelber Hund!« Laut und gellend klangen mir die Worte in's Ohr – ich fuhr auf aus meinen Gedanken und blickte um mich. Ich war noch in der Gasse der Schuster. Daß der Schimpf mir galt, konnte ich nicht zweifeln. Denn die Straße lag im hellen Sonnenschein verödet, nur weiter oben balgten sich zwei flachshaarige Buben und ein altes Weiblein hinkte an den Häusern dahin. Aber wie kam just ich zu dem Ehrentitel?! Und wer war der Rufer? »Eljen Kossuth! ... Eljen Kossuth!« ... Ich wendete mich hastig um. Der Rufende mußte im kleinen Gassenladen stecken, vor dem ich stand. Es war die Werkstätte eines Flickschusters. Aber der alte Mann hockte mit überaus harmloser Miene auf seinem Dreibein und mühte sich emsig, eine lebensmüde Sohle zu fernerem Gange durch's Leben zu stärken. Er blickte erst auf, als ich dicht vor ihm stand. Derselbe, nicht schmeichelhafte Zuruf klang mir gleichzeitig aus dem Hintergrunde entgegen. Und nun konnte ich auch deutlich erkennen, daß das keine Menschenstimme war. »Ah! mein Staarl«, lachte der Meister und rief in einen Winkel: »Hansl, halt's Maul.« Da saß der stahlgrau schillernde Uebelthäter und blinzelte mich mit den klugen Aeuglein an. »Er meint's nöt bös!« tröstete mich sein Herr. »Wissen's, er hat's amal so g'lernt! ...« Ich mußte herzlich lachen. »Das ist ja ein seltenes Thier«, meinte ich dann, »man trifft kaum einen Staar, der so viele Worte kann und dabei so deutlich.« »Ja!« bestätigte der Schuster stolz, »a rares Stuck. »Eljen Kossuth« kann er rufen und »Du schwarzgelber Hund».« Und der Vogel bewies auch ununterbrochen, daß er das wirklich könne. »Sie sind wohl ein guter Patriot?« frug ich. »Na freili!« Der Mann blickte mich stolz an. »Und ob! und was für a Badhrot! Die Kontschtiduzion – dös ist das Höchste! ...« »Sie meinen wohl die von Achtundvierzig?« »Na – die neuche a – die vom Siebenundsechz'ger Jahr.« »Ich meinte, Sie wären von der Linken – weil der Vogel ›Eljen Kossuth!‹ schreit.« »Na – wissen's, das kummt daher, weil i's den Hansel noch im Sechz'ger Jahr g'lernt hab'. Da war noch der Kossuth 's Höchste. Später, im Siebenundsechz'ger Jahr, hätt' ich's gern g'sehn, daß er a ›Hoch der König!‹ lernt, oder weil er's Eljen noch vom Kossuth kann ›Eljen a Kiraly‹. Aber da is er z'dumm dazu – i hob' mi eh g'nug gift! Ja – wann mei' Michel noch lebet! Der hätt' 's ganze Badhernoster g'lernt, wann i g'wollt hätt'. Aber der is g'storben – schon im Sechsundfünfz'ger Jahr.« Der alte Mann wurde fast wehmüthig in der Erinnerung an den todten Liebling. Aber gleich darauf setzte er grimmig hinzu: »Die schwarzgelben Hund' haben ihn um'bracht!« »Wen?« fragte ich erstaunt. »Na – den Michl, wen denn sonst?« »Und den haben die Schwarzgelben getödtet?« »Freili ja! In Ofen haben's ihn eingesperrt und a Proceß haben's ihm g'macht und nacher um'bracht. Wissen's – wegen Hochverrath !« »Was? Einen Staar?« »Sie glauben's nöt? Wahr is doch! – Fragen's nur in der ganzen Pester Stadt! Wegen Hochverrath! – so a lieb's Thierl!« »Aber wie ist das nur zugegangen?« »Ja – segen's – das war a so!« Der alte Mann nahm die Hornbrille von der Nase und erzählte: »'s war grad a Tag wie heut, schön, zu heiß a nöt, da sitz i da mit mei Michel und mir plauschen halt. No ja – Jemanden muß der Mensch zum Plauschen hab'n – i hab kei Weib, i hab kei Kind – also plausch i mit'n Michel. I red und er plappert, was er g'lernt hat – ›Du schwarzgelber Hund!‹ und ›Eljen Kossuth‹! ... I sag Ihna, der Michel hat vastanden, was er g'sagt hat, und mi hat er a vastanden, besser wie a Mensch. Und wie mir so sitzen und plauschen, stürzt auf amal a blutjunger Leitnant herein, roth wie a Indian und schreit: »Wo ist der Hund? Wo ist der Kerl, der mich beschimpft hat?« Und dabei zittert er Ihna nur so vor Wuth ... »Herr Leitnant,« sag' i, »verzeihn's, mei Michel, das Staarl!« »Wo?« schreit der Officier, »wo ist die infame Bestie, ich dreh' ihr den Hals um!« ... Da werd' i a fuchtig. »Herr Leitnant,« sag' i, »a Beschtie is der Michel nöt und infam noch wen'ger und dös mit'n Halsumdreh'n – dös schon am Wenigsten! Das Thierl g'hört mein – vastanden, Herr Leitnant?« Da gibt er mir an Stoß in d' Brust und schreit alleweil vom Erschießen und Hängen. Dann lauft er weg und schreit noch zurück: »Du Rebell, ich will Dich schon Mohren lernen« ... »Meintswegn«, schrei i ihm nach, »i bin a Pester Bürger, ich fürcht' mich vor kan Mohren nöt!« Dann denk i aber nach, 's war halt gar so a schwere Zeit und die Böhmaken hab'n uns g'schunden, wie's g'wollt haben, und a Gerechtigkeit war nöt z'finden und da is mir angst und bang wor'n. »Michl,« sag i, »paß auf, mit dem sein wir noch nöt fertig! Michl! Da hast uns alle zwei in a schöne Patsch'n einibracht!« Und der Michel hat's a g'spürt, der is ganz dasig dag'sessen. Und richtig – zwei Stunden d'rauf komm'n so zwei Raderer, zwei vafluchtige Böhmaken und packen mich z'samm und 'n Michel a und schleppen uns alle zwei über d' Brucken nach Ofen, in d' Polizei-Direction. Und dort führen's uns uma, wie narrisch, bis m'r endlich zan Commissär kommen sein, zan Herrn v. M. Ich hab' ihn eh 'kennt, er war a Pester, aber mit die Schwarzgelben hat er's g'halten – der Schuft.« Der Schuster spuckte verächtlich aus. »No – der hat uns ausg'fragt, wie mir heißen und wie alt mir sein, der Michel und i und wie lang i den Vogel hab'. »Seit'n Siebenundvierz'ger Jahr,« sag i. »Und wann haben's ihm solche Niederträchtigkeiten g'lernt?« fragt er. Aber das war m'r z'viel! »Niederträchtigkeit?!« sag' i, »im Achtundvierz'ger Jahr war das ka Niederträchtigkeit nöt und heut is es auch ka Schlechtigkeit und wann's damals a Niederträchtigkeit war, so sein Sie, Herr v. M., a schlecht und niederträchtig g'wesen!« Wissen's, i bin halt gach! Und dös war a Unglück für mi und mei Michel. Denn der Herr v. M. is fuxteufelswild wor'n und hat g'schrien: »In den Arrest mit ihm!« Und da haben's mi fortg'schleppt und – mein Michel hab i sideradem nimmer g'sehn!« Dem alten Menschen traten wirklich und wahrhaftig die Thränen in die Augen. »Und wie war's nachher?« frug ich nach kurzer Pause. »I sag Ihna – dumm und schlecht sein die Schwarzgelben g'wesen – s'is nöt zan derzählen.« Aber dann erzählte er doch: »Acht Täg bin i in'n Arrest g'sessen und alle Tag haben's mi ausg'fragt und alle Tag hab i's Nämliche g'sagt: ›In Achtundvierz'ger Jahr – da hab i's dem Michel vorg'sagt und damals is dös ka Sünd g'wesen.‹ Aber alliweil haben's von mir a Geständniß g'wollt. ›Ich waß ja nix mehr‹, hab i g'sagt, aber g'nutzt hat's nix. Und dem Michel haben's gar an narrischen Namen geben – › horpus dixi ‹ haben's ihn all'weil g'nennt. Und nachher haben's mi ins Criminal g'steckt und erst drei Wochen drauf haben's mi wieder außag'lassen. ›Wo is mei Michel?‹ frag i den Kerkermeister. ›Der bleibt in Untersuchungshaft‹, sagt er, ›sein's froh, daß die Herrn Ihna laufen lassen!‹ – ›Herr Kerkermeister‹, wispel i, ›hier habend's an Zwanziger – sagen's ehrlich – wo is mein Michel?‹ – ›No‹, sagt er, ›wan's g'rad wissen wollen: todt is er. Die Herren haben a Sitzung g'halten und weil er so hochverrathisch g'redt hat, so haben's beschlossen: hin muß er wer'n. Und da hab ich ihm Ratzenpulver ins Futter g'mengt ...‹ Segen's – das war das End von mein Michel!« So erzählte der alte Mann, und ohne daß ich »die ganze Pester Stadt« zu fragen brauchte, konnte ich erkennen, daß er die buchstäbliche Wahrheit gesprochen. Es war eigentlich eine heitere Historie, die er mir erzählt, die Historie von dem Sturnus vulgaris , den im Jahr 1856 ein k. k. Gerichtssenat wegen hochverräterischer Reden zum Tode verurtheilt. Aber – ich weiß nicht – lachen konnte ich doch darüber nicht, als ich bei sinkender Sonne langsam wieder der Stadt zuschritt. ... Es war in der Steiermark, im stillen Jahr 1852. Ueberlaut war es in diesem Lande eigentlich nie gewesen. Es wäre auch schwer zu sagen, zu was in der Welt der wackere, gemüthstiefe, aber geistig langsame Steirer weniger passen würde, als zum Revolutionär. So war auch die Grazer Bewegung von 1848 nichts Anderes gewesen, als eine sehr verkleinerte und komisch in's Urgemüthliche verzerrte Kopie der Wiener März- und Oktobertage. Die militärische Reaktion hatte in diesem Lande keinen Anlaß zu Heldenthaten gefunden, und ihre würdige Nachfolgerin, die Reaktion im Beamtenrocke, fand gleichfalls verzweifelt wenig Stoff dazu. Niemand aber war über diese Thatsache verzweifelter, als der Mann, der damals den Posten eines öffentlichen Anklägers für den Grazer Gerichtssprengel bekleidete. Dieser k. k. Staatsanwalt war kein gewöhnlicher Mensch. In niedrigen Verhältnissen geboren und aufgewachsen, hatte er sich durch seltene Geistesschärfe, durch eisernen Fleiß, durch ungewöhnliche Energie in jüngeren Jahren schon zu einem so wichtigen Posten emporgearbeitet. Was ihn trieb, war ein schier wahnwitziger Ehrgeiz, – wenn anders sein Motiv diesen Namen verdient. Denn er geizte nach Ruhm, Macht und Ehren. Ueber die Lächerlichkeit, ein Herz zu haben, war er hinaus, an der Stelle desselben saß bei ihm eine Liste seiner Vordermänner, die er überspringen wollte um jeden Preis. Und diesen Mann hatte das neidische Schicksal auf einen Platz gestellt, wo man sich so ganz und gar nicht auszeichnen, wo man weder Staat noch Kirche auch nur ein Bischen retten konnte. Er mußte sich mit gewöhnlichen Dieben und Betrügern abplagen, indeß glücklichere Kollegen anderwärts in Hochverrathsfällen und Religionsstörungen schwelgten. Und doch hatten seine Vorgesetzten große Thaten von ihm erwartet. In seiner Instruktion stand geschrieben, daß er zwei Dinge vollbringen müsse: er müsse den Geheimbund der »Deutsch-Katholiken« entdecken und sprengen und ebenso die »hochverrätherischen Verbindungen mit den Magyaren«. Und da es so geschrieben stand, so mußt' es ihm auch gelingen. Es hatte aber Beides einige Schwierigkeiten. Ein Geheimbund der »Deutsch-Katholiken« bestand nicht; es lebten nur noch wenige vereinzelte Anhänger Johannes Ronge's im Lande, und die hielten sich fein still. Was aber vollends die »Verbindungen mit den Magyaren« anbelangt, so bestanden sie absolut nicht und hatten nie bestanden, auch nicht zur Revolutionszeit. Dies mag eine Thatsache bezeugen, welche als Kuriosum denkwürdig ist. Dasselbe »Sicherheits-Komité für Steiermark«, welches den aufrührerischen Wienern Hilfsmannschaften gesendet, berieth auch die Mittel, durch die man einem etwaigen Einfall der Ungarn vorbeugen könnte! Diese kleinen Schwierigkeiten also standen der Erfüllung der Instruktion entgegen. Aber unser Staatsanwalt achtete ihrer nicht: seine Karrière stand ja auf dem Spiele. Und es gelang ihm Beides. Ja! er sprengte den deutsch-katholischen Geheimbund, er deckte die hochverrätherischen Verbindungen der Steirer mit den Magyaren auf. Wie es ihm gelang, ist freilich eigenthümlich und sehr interessant. Die deutsch-katholischen Geschichten sind bereits genügend von Anderen behandelt worden, ich aber will hier erzählen, wie besagter k. k. Ehrenmann mindestens einen von Kossuth's Mitverschworenen entdeckte. Ich erzähle nach den Akten, die mir vorgelegen. Im Hochsommer 1852 machten zwei Grazer eine Fußtour durch Obersteiermark. Sie kamen hiebei auch in ein kleines, abgelegenes Bergdorf in der Nähe von Admont. Von hier aus beschlossen sie einen der nahen Bergriesen zu besteigen. Sie machten sich am Nachmittage auf und erreichten am Abend eine einsame, halb verfallene Hütte. Hier beschlossen sie über Nacht zu bleiben und in der Morgendämmerung den Gipfel zu ersteigen. Die Nacht war kühl, sie machten daher ein tüchtiges Feuer an. Das Material hiezu fanden sie reichlich vor, Reisig lag überall umher, die Hütte stand am Waldrande und war früher offenbar von Holzknechten bewohnt gewesen. Beim Scheine des Feuers nun entdeckten die beiden Touristen an einer der Holzwände nachfolgende Inschrift: Fifat die Rebublik! Salz muess pillig wern! Der Paur derf jagen! Hoch Fernand der Gitige! Diese Inschrift war halb verwischt. Darunter standen folgende, gleichfalls kaum noch lesbare Worte: Die Ungern und Deitsche wölln Koschut zum Kaiser!                 Mir wölnn unsern Hanns! Offenbar jüngeren Datums als die beiden anderen, und noch leicht lesbar, stand schließlich folgende politische Tagesneuigkeit: Die Ungern und Russen sein gut freind!           Koschut wird doch Kaiser!           Win wird plintert! Unsere Touristen entzifferten mit einiger Mühe diese Weisheitssprüche eines einsamen Politikers der Alpen, lachten herzlich darüber, notirten sie wörtlich und schliefen dann friedlich ein. Am nächsten Tage erwachten sie mit der Sonne, vollendeten ihre Partie und kehrten am Nachmittage fröhlich in das Wirthshaus des Bergdorfes zurück. Am Abend erzählten sie dem Wirthe und den anwesenden Bauern von ihrer Entdeckung, lasen die Inschrift vor und forschten nach dem Verfasser. Aber den wußte Niemand zu nennen. »Die Hütte steht in 'n Kreuzbauern sein Wald«, belehrte sie der Wirth, »seine Holzknecht' haben d'rein gewohnt, aber ob von die aner schreiben kinnt, waß i nöt.« Damit war das Thema erschöpft; weder die Bauern noch die Touristen dachten weiter daran. Anders aber war's mit einem anderen Gaste, der in einem Winkel der Stube saß und dort, anscheinend von der Ermüdung überwältigt, eingeschlafen war. Mindestens hielt er die Augen geschlossen und schnarchte vernehmlich. Das war der Gensdarmerie-Postenführer aus Admont. Nicht aus Ermüdung schnarchte er, sondern aus k. k. Amtseifer; auch die Augen hielt er nur kriegslistig geschlossen, damit sein Blick die beiden Touristen, die ja Emissäre der Revolution hätten sein können, nicht in der Verübung etwaiger Hochverräthereien geniere. Aber das Ohr des Gesetzes wachte um so aufmerksamer und vernahm wonnetrunken die Märe von der geheimnißvollen Kossuth-Inschrift. »Dahinter steckt was!« flüsterte das Gesetz, als es schlafen ging, »da sind fünfundzwanzig zu verdienen.« Fünfundzwanzig Gulden meinte der wackere Mann. Denn so viel war jedem Sicherheitsorgane, welches irgend etwas Hochverräterisches entdeckte, als Prämium zugesichert. Daß man just diese Zahl wählte, darf nicht verwundern; die Zahl fünfundzwanzig war damals in Oesterreich stark in Mode. Wie die Träume des Mannes gewesen, weiß ich nicht, es steht nichts davon in den Akten. Aber was nun folgt, ist ebenso prosaisch als wahr. Der Gensdarm stieg zur Hütte empor, nahm dort genaue Abschrift von den räthselhaften Worten und schickte dieselben sammt Rapport an sein Abtheilungskommando, von wo beide zum Flügelkommando in Graz wanderten. Und drei Tage später brütete bereits unser Staatsanwalt über ihnen. Es ist wohl kein Zweifel, daß der scharfsinnige Mann auf den ersten Blick erkannt haben mußte, er habe es hier mit den Aufzeichnungen eines armseligen, unwissenden Menschen zu thun, die für Niemand in der Welt Bedeutung haben konnten, außer für den Redakteur der »Fliegenden Blätter« in München. Aber andererseits wußte der Mann, daß er »Hochverrätherische Verbindungen mit den Magyaren« aufdecken müsse, und entschloß sich daher kurz. Hier hatte er doch mindestens einen Anhaltspunkt, wenngleich nur einen bodenlos lächerlichen. Aber »Hochverrath ist Hochverrath«, dachte er wohl und veranlaßte daher die Entsendung eines eigenen Untersuchungsrichters nach dem Dorfe, der den Auftrag erhielt, alle Erhebungen zu pflegen, den Verfasser unbedingt zu eruiren und ihn nach Graz zu bringen, »todt oder lebendig«. Der Untersuchungsrichter requirirte einige Gensdarmen als Assistenz, begab sich zur Hütte, ließ das sonderbare Corpus delicti – das Brett sammt Inschrift – herausheben und in's Dorf bringen. Dort inquirirte er zunächst den Wirth, der ihn aber an den Kreuzbauer wies, den Besitzer. Dieser wohnte etwa eine Stunde vom Dorfe in einem einschichtigen Gehöfte und war nicht wenig erschrocken, als der seltsame Zug: der Untersuchungsrichter, das Brett, die Gensdarmen und das halbe Dorf als Zuschauer, bei ihm anlangte. »Kennen Sie das? Haben Sie das geschrieben?« fuhr ihn der Untersuchungsrichter an. Aber der Kreuzbauer versicherte seine Unschuld unter Berufung auf einen gewichtigen Umstand: er war der edlen Schreibkunst nicht mächtig. »Leicht haben's d' Herrischen g'schrieben, die allweil auf'n Berg laufen«, meinte er. Aber der Untersuchungsrichter entschied kurz: »Das hat kein Städter geschrieben.« – »Dann hat's mei' Sepp! g'schrieben, mei' Knecht, er hat vier Jahr im Häus'l gewohnt«, verrieth der Kreuzbauer. Auf seine weiteren Fragen erfuhr der Beamte, daß besagter Seppl Holzknecht sei und das Lesen und Schreiben von den Benediktinern in Admont gelernt habe. »Also ein Mensch von einiger Bildung?« inquirirte er erfreut weiter. »Na,« lachte der Kreuzbauer, »dös net, mei' Seppl ist thörisch (taub) und ...« Und er wies mit dem Finger auf die Stirn, um anzudeuten, daß es im Oberstübchen des Verdächtigen nicht ganz richtig sei. Der Mann des Gesetzes stutzte einen Augenblick. Dann aber fiel es ihm ein, daß er ja nur einen Hochverräther überhaupt zu liefern habe. Daß der Mann bei Vernunft sein müsse, stand nicht in seinem Auftrage. »Wo ist dieser Seppl?« fragte er daher. Er erhielt zur Antwort, daß der Mann etwa eine halbe Stunde vom Hofe entfernt, auf einer Waldblöße arbeite. Der Untersuchungsrichter bot seine Getreuen auf und machte sich auf den Weg nach der Waldblöße. Er wollte sich nicht das Verdienst entgehen lassen, selbst den Hochverräther verhaftet zu haben. Aus Neugier zogen die Dörfler mit, verstärkt durch die ganze Bewohnerschaft des Kreuzbauerhofes. Es war wohl eines der seltsamsten Bilder, die je die alte gute Sonne beschienen, als nun der feierliche Zug auf der Waldblöße anlangte und sich um den gefährlichen Seppl gruppirte. Dieser zeigte sich äußerlich wenig als Revolutionär. Eine kleine untersetzte, etwas verkrüppelte Gestalt, bekleidet mit Bundschuhen, Lodenhosen und Lodenjoppe. Den Hals zierte ein überaus stattlicher Kropf, der bis auf die Brust herabfiel. Das eckige, häßliche Antlitz sah aus, als hätte es ein recht ungeschickter Meister aus sprödestem Holze geschnitzt. Die beiden kleinen Aeuglein schienen starr vor Erstaunen über die ehrenwerthe Versammlung. Staatsgefährlich mochte der Seppl schon sein, geistreich aber war er sicherlich nicht. Der Richter verlor keine Zeit, er schritt schnell auf Seppl zu und hielt ihm das Corpus delicti vor die Nase: »Kennen Sie das?« fragte er. Seppl nahm das Brett in die Hand und wendete es hin und her. Es machte ihm offenbar Mühe, sich zu vergegenwärtigen, daß dasselbe Brett, welches bisher einen Theil seiner Hüttenwand gebildet, nun plötzlich zu ihm in den Wald hinausspaziert war. Dann aber lächelte er blöde und verlegen, wies auf die Schriftzeichen und sagte: »Dös hob' ja i geschrieben!« Der Richter athmete auf. »Also Sie sind geständig, das geschrieben zu haben? Dann verhafte ich Sie im Namen des Gesetzes.« Das verstand der Seppl nicht ganz, aber klar wurde es ihm, als ihn die Gensdarmen nun in die Mitte nahmen, ihm die Hände auf den Rücken banden, und ihn aus dem Walde hinaus und in's Dorf führten. Der Richter schritt stolz an der Spitze, die Bauern folgten gedrückt und kopfschüttelnd, Seppl schluchzte. So kam der Zug vor dem Wirthshause an. In der Wirthsstube ward das erste legale Verhör mit Seppl aufgenommen. Schon die Feststellung des Nationale ging schwer; denn erstens war Seppl taub, zweitens war er überhaupt nicht ein Mann des raschen Denkens und Sprechens, und drittens war er bezüglich gewisser Dinge, wie z. B. bezüglich seines Alters, nicht mit sich selbst im Klaren. Wie er aber nun über die Inschriften Rede stehen sollte, stockte er vollends; nur daß er jene Worte vor drei, beziehungsweise vier Jahren geschrieben, gestand er ein. Aber im Uebrigen verhielt er sich mehr als lakonisch. Nur einmal erwiederte er: »Die Leut' haben so g'redt und aufg'schrieben hab' i's, daß i mir's mirk (merke).« Aber mehr war von ihm nichts herauszubringen. Oeffnete er überhaupt den Mund, so war es zu einem Stoßseufzer an seinen Schutzpatron, den heiligen Joseph. Der Richter schloß das Protokoll, nahm den Seppl und zwei Gensdarmen mit sich und lieferte den Hochverräter sammt dem Brette triumphirend an das Grazer Landesgericht ab. Die Untersuchung, deren sich unser Staatsanwalt persönlich eifrigst annahm, begann und dauerte volle drei Monate. Der arme Halbtrottel wurde unzählige Male verhört, man inquirirte an ihm herum, daß es ein Erbarmen war. Ein anderes Opfer hätte den Verstand verlieren können, beim Seppl war wenigstens dies Gottlob! nicht zu befürchten. Ich will diese Untersuchung, die tollste und erbärmlichste Farce, die je im Namen der Gerechtigkeit inscenirt worden, nicht in ihren Einzelheiten wiedergeben. Ich fasse nur kurz ihre Resultate zusammen. Seppl gestand, jene drei Inschriften zu verschiedenen Zeiten an der Wand seiner Hütte angebracht zu haben. Er habe die Mittheilungen sämmtlich in der Revolutionszeit im Wirthshause unten vernommen und sie niedergeschrieben, damit er sie nicht vergesse. Jene Sätze waren also Seppl's politisches Tagebuch – nicht mehr und nicht weniger. Auch bezüglich jeder einzelnen Inschrift »gestand« er Alles. Die erste habe er im Frühjahr vor vier Jahren geschrieben, also im April oder Mai 1848. Damals sei große Bewegung im Wirthshause gewesen, man habe getrunken, geschossen, die Volkshymne gesungen und »Vivat die Republik!« gerufen! Der Kaiser, erzählte Seppl, habe nämlich »a Republik geb'n«, welcher »Republik« zufolge alle Bedrückungen des Landvolks aufhören würden. Auch sei hierdurch der Preis des Salzes herabgesetzt, die Jagdfreiheit für die Bauern eingeführt worden. Seinen Gefühlen des Dankes für den Kaiser, dem man doch besagte »Republik« verdanke, habe er eben durch das beigefügte »Hoch Fernand der Gitige!« Ausdruck gegeben. Auch gestand er, selbst häufig, freudig und aus vollem Herzen »Vivat die Republik« gerufen zu haben. Die zweite Inschrift habe er im Sommer 1848 niedergeschrieben. Da habe man nämlich erzählt, daß die »Ungern und Deitschen« den »Koschut«, welcher ein »ungarischer Fürst« sei, zum Kaiser ausrufen wollten. Damit sei aber das ganze Dorf und auch er nicht einverstanden gewesen. Seppl und seine Mitbürger seien vielmehr der Ansicht gewesen, daß, wenn man schon einen neuen Kaiser brauche, man dazu »unsern Hans« wählen müsse, den Reichsverweser Erzherzog Johann nämlich, welcher sich im ganzen deutsch-österreichischen Alpenlande einer schier unbeschreiblichen Beliebtheit erfreute. Die dritte Inschrift endlich stamme aus dem Herbst 1848. Da sei ein »Kotscheber« (Südfrüchtehändler aus der Gottschee) durchs Dorf gekommen und habe die Neuigkeit gebracht, daß die Ungarn und Russen sich vereinigt, daß »Koschut« doch Kaiser werde, und daß die »Grobaten« (Kroaten) aus Rache Wien geplündert. Schließlich war Seppl geständig, die Inschriften jedem seiner Besucher gezeigt und die dort aufgezeichneten Neuigkeiten auch mündlich allen Holzknechten mitgetheilt zu haben. Das war das Material, das unserem biedern Staatsanwalt bei Abfassung des Anklageaktes vorlag. Und was wußte der geschickte Mann daraus zu machen? Er erhob gegen Seppl die Anklage wegen »Verbrechens des Hochverraths, begangen durch Verbreitung staatsgefährlicher Nachrichten und direkte Agitation gegen die bestehende Staatsordnung.« Begründet war diese Anklage durch Seppl's »Geständnisse«. Derselbe gestehe, häufig »Vivat die Republik« gerufen zu haben und habe sich hiedurch offen als »Anhänger der Umsturzpartei und Gegner des monarchischen Prinzips« manifestirt. Derselbe sei ferner geständig, Gerüchte bezüglich der bevorstehenden Absetzung des legitimen Monarchen verbreitet, und sogar direkt für einen bestimmten Prätendenten (Erzherzog Johann) agitirt zu haben. Ein besonderes Gewicht legte der Anklageact auf die letzte Inschrift. Der »Kotscheber« sei wohl ein Emissär der magyarischen Revolutionspartei gewesen, dazu ausgesandt, um durch tendenziöse Entstellungen (Abschluß einer Allianz zwischen den Ungarn und Russen) den gesunkenen Muth der Anhänger dieser Partei in den übrigen Provinzen zu beleben, und durch die Lüge, die kroatischen Soldaten hätten die Reichshauptstadt geplündert, den Haß gegen das k. k. Heer zu entflammen. Durch den Eifer, mit dem der Angeklagte in jeder ihm möglichen Form diese Nachrichten verbreitet, sei er dringend verdächtig geworden, selbst ein Anhänger der Kossuthpartei zu sein! ... Das ist lustig, nicht wahr mein Leser?! Aber was nun folgt, ist noch ergötzlicher. Seppl wurde vor ein Fünfrichter-Kollegium gestellt. Unter diesen fünf Männern gab es sicherlich gewissenhafte, ehrliche Menschen, die die ganze jämmerliche Komödie durchschauten. Aber damals durfte kein Hochverrathsprozeß mit einer Freisprechung enden; man mußte Staat und Kirche in möglichst eklatanter Weise retten. Und Seppl ward schuldig gesprochen und »in Anbetracht zahlreicher Milderungsumstände« zu nur sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt. Seppl's Verteidigungsrede bei der Schlußverhandlung wirft das charakteristischeste Licht auf jenes »Schuldig«. Als ihn nämlich der Präsident fragte, was er zu seiner Vertheidigung vorbringen könne, wies er schluchzend auf den Staatsanwalt: »Der Herr hot eh' schön g'redt ... i sog nix ... i bin a Hulzknecht!« Er hatte keine Silbe von der Anklage verstanden und geglaubt, der Staatsanwalt spreche für ihn! ... Seppl wanderte in den Kerker, die »hochverrätherischen Verbindungen mit den Magyaren« waren »entdeckt und gesprengt!« Der Staatsanwalt hat seinen Lohn empfangen, er wurde, nachdem er seine Instruktion erfüllt, in den Adelstand erhoben und stieg rasch von Stufe zu Stufe. Unter Schmerling wurde er »liberal« und Reichsrathsabgeordneter, unter dem Bürgerministerium avancirte er zu hohen Würden. Derzeit ist er noch immer »liberal«, wenngleich nicht mehr Abgeordneter, einer der ersten Justizbeamten Österreichs ... Es war ein Jahr später, im Frühling 1853. Alle Spuren der Erhebung waren verwischt; im Lande herrschte die Ruhe eines Friedhofs. Mit der Verschwörung im Szeklerlande – der Bund hieß bekanntlich »das Jahr« – war man fertig, ebenso mit dem Komplote Mackh's in Wien. Die Polizei hatte viele Mußestunden und ein richtiger Polizist sucht auch diese nützlich zu verwerthen. Das System der Spionage ward zu seltener Vollendung gebracht, so arbeitete z. B. auch das »schwarze Kabinet«, in welches sämmtliche Briefe vor Abgabe an die Adressaten wanderten, mit unvergleichlicher Präzision. Aber auch so konnte man nur harmlose Mücken entdecken, keine politischen Elephanten. Was geht daraus hervor? Für einen Polizisten, der Mußestunden hat, nur Eines: giebt's keine Elephanten, so muß man aus den Mücken Elephanten machen. Eine solche harmlose Mücke war ein in Pest wohnender Maler, Namens S. Er lebte ruhig seiner Kunst und seiner Familie. Er sprach nie über Politik, er hatte keinen Umgang mit »Verdächtigen«. Aber er war ein Ungar von Geburt, er war ein Schüler des »verbrecherischen« Rahl, er war der Gatte der Kousine eines »Hochverräthers«, des Generals Vetter. Das waren drei Todsünden. Der Mann sollte die Sünden furchtbar büßen – eine Veranlassung ergab sich bald. S. erhielt eines Tages einen Brief von dem obengenannten General. Der Brief hatte rein familiären Inhalt, von Politik stand keine Silbe darin. Unter Anderem fand sich auch folgende Stelle darin: »Was macht Therese? Ist sie von ihrer Schwäche genesen, nimmt sie an Kräften zu? Werde ich bald Erfreuliches von ihr hören? Sage ihr, daß ich, obgleich fern, innigsten Antheil an ihr nehme.« Therese hieß nämlich die Gattin des Malers, die Kousine des Generals. Sie hatte erst kürzlich eine Krankheit überstanden. An demselben Tage erhielt S. eine Vorladung zur Polizei und zwar in direktester Form: zwei handfeste Herren czechischer Nationalität ersuchten ihn um die Ehre seiner Begleitung. Im Gefühle seiner Unschuld tröstete er seine erschreckte Frau und nahm nur flüchtigen Abschied von ihr. Er sollte sie nie wiedersehen. Die czechischen Herren führten ihn vor einen Polizei-Commissär. Dieser sah den Maler lange schweigend an. Dann brach er plötzlich los: »Nennen Sie augenblicklich die Mitglieder der ›Therese‹ ...« S. sah ihn erstaunt an. »Wie – was?« »Die Mitglieder der ›Therese‹, die Mitglieder und die Statuten – augenblicklich!« »Ich verstehe Sie nicht!« »O, Sie verstehen mich nur zu gut. Sie haben heute einen Brief vom berüchtigten General Vetter erhalten. Darin erkundigt er sich nach dem Erstarken des Geheimbundes ›Therese‹. Er ist auswärtiges Mitglied. Er fragt, wann er Erfreuliches hören wird. Nun – wann gedenkt ›Therese‹ loszuschlagen?« »Therese ist meine Frau – ich schwöre es Ihnen. Ich kann Ihnen den Taufschein bringen.« »Könnte Jeder sagen! Leugnen Sie nicht! Es nützt Ihnen nichts! Wir verstehen schon Ihren Jargon.« »Mein Herr – ich schwöre Ihnen.« »Sie sollen nicht schwören, Sie sollen gestehen. Was ist der Zweck der Therese?« Der Maler schwor und betheuerte, es nützte ihm nichts, »Therese« war und blieb ein »Geheimbund«. Als der Maler trotz allen Schimpfens und Polterns die »Mitglieder« nicht zu nennen vermochte, ward er in's Gefängniß geworfen. Acht Tage ließ man ihn darin, um ihn mürbe zu machen. Dann ward ein neues Verhör mit ihm aufgenommen. Diesmal handelte es sich hauptsächlich um den Präsidenten der »Therese«. Natürlich konnte der Unglückliche auch über diesen keine Auskunft geben. Der Polizei-Commissär war wüthend. Ein so hartgesottener Sünder war ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Dazu kam, daß die Frau des Unglücklichen in ihrem grenzenlosen Jammer von Pontius zu Pilatus lief, und daß man auch von oben her »Resultate der Untersuchung« verlangte. Die Wuth des Mannes ward vielleicht auch dadurch vermehrt, daß er inne ward, einen riesigen Bock geschossen zu haben. Was sollte er thun? Den Maler freilassen? Nimmermehr! Eine kaiserlich-königliche Amtsperson durfte sich niemals irren. Die »Untersuchung« mußte also fortgesetzt werden. Der Maler ward auf zwei Monate in einen abscheulichen Kerker in Einzelhaft gesetzt. Als er nach zwei Monaten zum Verhör vorgeführt wurde, gab er nur verwirrte Antworten. Der Unglückliche war wahnsinnig geworden. Zwei Jahre später starb er im Irrenhause. Was aus seiner Familie geworden, habe ich nicht erfahren können. Diese Geschichte ist buchstäblich wahr. Ich wage es nicht, sie mit irgend einer Betrachtung zu beschließen. Sie ist geschehen – das ist genug! ... ... »Vier Worte, Signor! Wegen vier Worten haben sie mir den theueren Knaben erschossen! Weh mir, weh!« Ob ich den Ton je aus meinem Ohre werde bannen können?! Wer durch fremde Lande wandert und ist's auch der Sorglosen einer, der's nur des lieben Wanderns wegen thut, und der Begnadeten einer, dem feines Empfinden gegeben, nur selten fügt sich's doch, daß ihm am Wege ein fremdes Geschick wirklich tief durch's Herz geht, so recht durch's tiefste Herz. Sehr selten! – beladene Menschensöhne sind wir ja allesammt, und so frei ist keiner gestellt, daß er nicht sein eigen Leid mittrüge in die Welt, und die Fremde bleibt doch die Fremde – was ist uns Hekuba, daß wir um sie weinen sollten?! Aber zuweilen weinen wir doch um sie, wir müssen's! Jäh, urplötzlich, vielleicht mitten im Sonnenschein heiterster Wanderlust tritt uns ein großes Menschenleid in den Weg und uns erbebt das Herz, als hätte es der Abprall des Blitzes gestreift, welcher das arme, wildfremde Herz dicht neben uns zerschmettert – »o, wär' ich todt, Signor!« ... Greifbar klar steht der stolze, schöne Campo Santo am Fuße der Alpen vor meinem Blick und von dem geborstenen Grabhügel richtet sich die todtblasse Greisin auf und streicht sich das wirre weiße Haar aus der Stirne und ruft gellend: »Die feigen Henker! vor einem Kinde haben sie gezittert! Was blickt Ihr mich an, Signor? Ich bin nicht wahnsinnig! – leider! – Gott ist nicht so barmherzig ...« Das war zu Brescia – Eine seltsame Laune hatte mich von Mailand her in die düstere Stadt geführt, wo Blut und Thränen geflossen sind, wie Bäche. Ich hatte sie nie zu schauen gedacht, in stürmischer Märznacht war ich an ihren Mauern vorbeigesaust und schwamm nun schon mehrere Wochen behaglich im Treiben der heiteren lombardischen Metropole: wie lebt's sich so lieblich, wie lebt's sich so süß im weißen prächtigen Milano! Einen wackeren Cicerone hatt' ich da, einen jungen Gelehrten, gelehrt genug, um mir die dunkelsten Palimpseste der Ambrosiana zu erläutern, doch auch jung genug, um gründlichsten Aufschluß zu geben über jenen Strom warmlebendiger, glutäugiger Schönheit, welcher täglich durch Porta Venezia am Corso entlang an uns vorbeifluthete. Aber am liebsten schwelgten wir selbander im Genusse jener Schönheiten, welche nie launisch sind, nie runzlich werden, welche seit Jahrhunderten Jedem gleich holde Freude in's Herz hineinlächeln – in der Gemäldesammlung der Brera. Und da war's, wo ich das Täfelchen fand, das mich nach Brescia trieb. Es war nur ein armseliges Sandstein-Täfelchen, welches einst wohl weiß geblinkt, aber nun, in währendem Zeitenlauf und weil es so viele Fliegen in der Brera giebt, schier schwärzlich geworden. Und unter einem Gemälde war's befestigt, von dem mir nur erinnerlich, daß es kein Gemälde war, sondern recht viele Farben, auf ein großes Stück Leinwand aufgetragen. In diesen Sandstein waren einst vergoldete Buchstaben eingelöthet gewesen, welche dem Beschauer verkündeten, wer das Gemälde in den zwanziger Jahren der Stadt Mailand geschenkt: »Francesco I. Imperatore.« Aber heute konnte man diese Pracht nur noch ahnen, denn gewaltsam herausgerissen waren die Buchstaben, der Stein jämmerlich zerhackt und nebst den Fliegen hatte sich auch der Menschengeist in Versen und Zeichnungen darauf verewigt. Kurz – das arme Täfelchen sah aus, wie in Parva die hinterste Schulbank, wo die schlimmsten Buben sitzen. Gleichwohl war die Inschrift noch ziemlich erkennbar. Denn jenen Raum, welchen die Buchstaben eingenommen, hatten die Fliegen einst nicht mit den Spuren ihres Daseins schmücken können, und so hoben sich diese Streifen schmutziggrau ab von dem tiefbraunen Hintergrunde. Es war eine seltsame Inschrift ... Eine seltsame Inschrift und lange mußt' ich davor stehen und mancherlei ging mir im Schauen durch Herz und Hirn. Just nichts Lustiges! Dieses armselige Täfelchen predigte ein düsteres Stück unserer Geschichte; vielleicht auch ein Stück Nemesis. Aber dann konnt' ich doch wieder lächeln. Das Geschenk haben sie behalten, nur den Namen des Schenkers verwüstet – und wie ! ... Nein! das deutete doch nur auf Jugendlichkeit ... »Sicherlich ist's auch nur in der ersten » furia « geschehen«, entschuldigte mein Freund. »Wohl im Hochsommer 1859. Was damals in uns Lombarden kochte und jählings aufflackerte, war ein Unsägliches – ich hab's als junger Bursche mitgefühlt, ich finde kein Wort, jene Tage zu schildern. Unsägliches hatten wir ja auch gelitten. Und wen wüthender Durst peinigt, prüft das Getränk nicht lang. Damals mußt' es mit diesem Täfelchen just so kommen, wie's eben kam. Aber heute? Heute paßt es nicht mehr hierher, minder um Euret- als um uns'retwillen. Der alte Haß ist verflogen, was soll noch die kleinliche Spur? Möge sie bald verschwinden ...« » Cosi sia !« klang es laut, langgedehnt hinter uns; giftigste, grimmigste Ironie lag in dem beistimmenden Wort. Wir wandten uns hastig um. Vor uns stand ein blutjunges, elegantes Paar, offenbar Bruder und Schwester, sie ein üppiges, nettes Persönchen von sechszehn Jahren, mit einem rosigen, vorwitzigen Gesichtchen und blitzenden Schelmenaugen, die man sogleich mit Küssen hätte schließen mögen; er etwa vier Jahre älter, dieselben Gesichtszüge in's Männliche übersetzt und um ein trotziges Schnurrbärtchen vermehrt. »So sei's!« wiederholte er so ironisch, als es dem guten Jungen nur eben gelingen wollte. »Der alte Haß ist verflogen, wir segnen die Oesterreicher, so oft wir ihrer gedenken. Zu einem Denkmal für Haynau ist es freilich noch nicht gekommen, aber es bedürfte nur der Anregung: besonders in meiner Vaterstadt Brescia bürge ich für einen glänzenden Ertrag der Subscription! Darum fort mit diesem Täfelchen; es ist ein schreiender Beweis unserer Undankbarkeit und beleidigt überdies die Gefühle irgend eines Herrn Fremden! ...« Das sprudelte nur so hervor. Und das »straniero« sprach er mit einem Ton und Blick, als wäre ich mindestens des seligen Haynau entfernter Anverwandter. Die hübsche Signorina aber schwieg zwar, doch die Augen blitzten, das Fäustchen ballte sich, daß das hellgraue Dänenleder krachte, und als sie's jählings wieder öffnete, mußt' ich unwillkürlich denken: Madonna! was mögen für scharfe Nägel an diesem weichen Tätzchen sein! ... Mein Freund ward nicht heftig, er war ein kühler, glatter Turiner. Er lächelte sogar, allerdings etwas spöttisch. Dann aber erwiederte er sehr ernst: »Sie sind aus Brescia? Dann wundern mich Ihre Worte nicht. Ich habe auch nichts dagegen einzuwenden. Addio Signor !« Wir gingen. Die Geschwister sahen uns verdutzt nach; auch ich war ein wenig betreten. »Sie staunen?« fragte mein Freund. »Brescia ist die einzige Stadt Italiens, wo noch der Haß gegen Ihr Vaterland gleich glühend fortlebt. Dort saugt ihn das Kind mit der Muttermilch ein, dort predigen ihn die Steine. Es giebt eben Dinge auf Erden, die sich nimmermehr vergessen lassen ...« Wir traten auf die Gasse und flanirten langsam an der Scala vorbei auf den Domplatz. Der junge Gelehrte plauderte vergnüglich, wie hübsch die Kleine in ihrem Zorn gewesen, und dann von tausend anderen Dingen. Aber ich hörte ihm wenig zu und gab spärliche Antwort. Endlich, als wir bei Biffi über unserem Frühstück saßen, fiel's ihm auf: »Was quält Sie nur?« – »Mich?« erwiederte ich und fuhr auf wie aus einem Traume, »ich – ich werde morgen nach Brescia fahren.« ... Es war ein blitzender blauer Frühlingstag, da ich's that. Der Thau schimmerte auf den tiefgrünen Saatfeldern der Ebene; rosig blinkten in der Morgengluth die stolzen weißen Häuser von Cassano, dann donnerte der Eilzug über die blaue Adda, nordwärts den Bergen zu, den violetten Bergen, die sich von der eisigen Höhe des Monte Cadella jäh, wie sehnsüchtig hinabstürzen in's blühende Welschland hinein. Dann Bergamo, das seltsame, zwiegetheilte, droben am Fels die düstere Altstadt, drunten in der Ebene der reiche, nüchterne Handelsplatz. Und wieder grüne Saaten und duftverklärte Gipfel, der stürmische grüne Oglio – endlich Brescia. Ein Gewirre von Thürmen, Dächern und Basteien, anmuthig um den Fuß der Berge geschmiegt. Aber der Blick haftet kaum darauf; ihn fesselt vor Allem das mächtige finstere Castell, welches die Stadt überragt, dann die Stätte der Todten, an welcher der Zug vorbeisaust: unzähliges weißes Gestein, aus grünen Büschen hervorlugend, dazwischen eine schlanke, weiße Säule, welche wie ein Siegeszeichen ob all' der Verwesung in den lichten Himmel hineinragt. So muß, wer diese Stadt von fern ersieht, an Krieg und ruhmverklärtes Sterben denken. Daran denkt auch, wer sie durchwandert. Aber auch noch auf andere, viel düsterere Gedanken kommt er, nein! sie kommen über ihn und halten ihn gebannt. Oder mußt' es sich nur mit mir so fügen, der ich schon mit einem bestimmten Gefühle in der Brust diese Stadt betrat? Aber es wuchs in mir bei jedem Schritte, Alles bestärkte mich darin und es war ein sonderbares Gefühl, zu wild, um es Wehmuth, zu mild, um es Grauen zu nennen. Ich sah allerorts begrabenes Leid, verschollen und begraben und doch lebendig! In dieser Stadt gehen die Gespenster am hellen Tage umher, nicht blaß und schreckhaft, sondern greifbar und verständig. Alles Schimmern und Leuchten des Lenzes konnte mich nicht vor ihnen retten. Es war ein Tag von heiterer, unsäglicher Klarheit, aber fast schmerzhaft empfand ich all' seine Schöne. Das war nicht das rechte Licht, diese Stadt zu betrachten. Und welches wäre dies rechte Licht? Etwa der Mond, in dessen zittrigem Strahl uns die schwarzen steilen Gäßchen Genua's, die breiten, ausgestorbenen Palaststraßen Ferrara's so seltsam an's Herz rühren? Nein, noch minder! Denn wohl sind jene Städte düster, aber zugleich alterthümlich und phantastisch – um all' ihre dunkle Oede breitet sich der Schleier melancholischer Schönheit. Brescia jedoch ist nur düster, sehr düster, und zugleich von nüchterner Häßlichkeit, häßlicher Nüchternheit. Der Raum ist kostbar in einer Festungsstadt, darum sind die Häuser hoch, die Gäßchen eng. Nur zwei Platze gewähren, wenn nicht anmuthigen, so doch stilvollen Anblick, sonst stehen diese Häuser aufmarschirt wie Soldaten, eintönige, finstere Nutzbauten, endlose Reihen, hoch und schmutzig; schnurgerade laufen diese Gäßchen, von schnurgeraden Quergäßchen werden sie durchschnitten. So der Eindruck für das Auge. Und jener für's Ohr bestärkt nur dasselbe Gefühl in des Wanderers Brust. Denn von all' jenem tollen, überquellenden Leben, welches in diesem wunderreichen Land Italien dem Nordländer vielleicht als das Wundersamste erscheinen will, grüßt und lockt hier kaum eine Spur. Hier singt man nicht, hier lacht man nicht, selten sogar tönt – ich spreche von einem Weichbild Welschlands und daher wird man mir's kaum glauben wollen – das Gejammer eines Bettlers. Aber schier jedes Haus ist eine Werkstätte, die Hämmer dröhnen, die Bälge pusten, in der Luft schwimmt allimmer und wohin der Fuß sich wenden mag, ein gewaltiges, dumpfes, schüttelndes Schwirren und Sausen – das ist das Lied, welches diese Stadt dem Fremdling zusingt, die Eisenstadt: » Brescia armata! « ... Die Eisenstadt – der Name paßt! Das Eisen ist ein schlichtes, düsteres Metall, sehr nützlich, aber es kann auch fürchterlich werden. Diese Leute sind keine heiteren Schwärmer, sondern kalt, ruhig, fanatisch. Sie arbeiten zum eigenen Nutzen, indem sie Waffen für das Vaterland schmieden, und wenn es Noth thut, so schwingen sie diese Waffen in der eigenen Faust und sterben für das Vaterland. Erbarmungslos gegen den Feind, wie gegen sich selbst, haben sie ebenso ungerührt in den Tagen ihrer momentanen Befreiung wehrlose Deutsche niedergemetzelt, als sie dann ungerührt ihre Jugend auf den Wällen zerschmettert dahinsinken gesehen. Sie haben keinen Pardon gegeben, noch genommen ... Wer etwa in der Ferne von der Art gelesen, wie Brescia 1848 seine Befreiung begangen, und dann von jenem 1. April 1849, da Haynau sich den scheußlichen Beinamen verdient, – wem diese Bilder vor der Seele stehen, und seine Phantasie sucht sich nun den Hintergrund hiefür zu verschaffen, einen passenderen findet sie nicht, als ihn die Wirklichkeit bietet: diese düstere, graue, nüchterne Stadt, durchsaust, durchbraust, durchzittert von dumpfem Hammerschlag ... Fünfundzwanzig Jahre sind eine kurze Frist für Menschen solcher Artung; noch lebt überall die Spur jener schaurigen Lenztage. Vielleicht übersieht das, wer leichtmüthig durch die Straßen geht, ungekränkt von aller Vergangenheit; aber wem sie das Herz belastet, dem schärft sich das Aug' für jegliche solche Spur. Da traf ich auf Häuser, die aussahen wie Krüppel, ein Theil unversehrt, ein anderer nur nothdürftig zusammengeflickt und statt der Steinsäulen Stelzfüße aus Holz. Oder das ganze Haus war heil, nur ein Erker lag in Schutt uud Asche und »1849« hatten sie zierlich darunter hingemalt. Derlei verfehlt nun freilich leicht die Wirkung, denn vor der Narbe des Veteranen mag man sich gerne beugen, ob aber auch vor dem künstlich offen erhaltenen – Renommirschmiß?! ... Aber mehr als an den Häusern rührte mich die Spur jener verschollenen Leiden im Antlitz der Bewohner, besonders der Frauen. Man trifft kaum irgendwo noch so viele blasse, stolze, herbe Angesichter, so tief und traurig sinnende Augen, solchen gar nicht anmuthigen, aber schier majestätischen Gang. Ich weiß wohl, daß die Frauen, welche im Glanze des schönen Frühlingstags unter den Arkaden der » Piazza vecchia « an mir vorbeipromenirten, nicht deshalb traurig und herb blickten, weil sie just Haynau's gedachten. Aber wenn solche Schicksale über eine Stadt gekommen, so prägen sie sich unvergänglich auch in das sprödeste, beweglichste, vergänglichste Metall, das Menschenantlitz. Diesem blühenden Geschlecht sind einst auf das weiche Kindesgesicht die glühenden Thränen der Mütter gefallen, und solche Thränen lassen, auch längst vertrocknet, noch eine Spur zurück ... Stolz und herb und muthig mögen übrigens die Frauen Brescias stets gewesen sein, wie hätten sie sonst an jenem Bluttage den Muth gefunden, lieber den Tod zu umarmen, als den Feind?! Nur Eine hat diesen Muth nicht gefunden, und diese ist vielleicht die größte Heldin gewesen. Auf eine seltsame Weise ist mir die Kunde von ihr vermittelt worden. Da kam ich auf der Wanderung von San Clemente, dem Kirchlein, wo sich Moretto durch seinen Pinsel das Grab reicher geschmückt, als dies je ein Fürst vermocht, in ein graues Gäßchen, etwas schadhaft, und an einem Menschen vorbei, der gleichfalls grau und etwas schadhaft war: ein Ohr war ihm glattweg abgehauen. Es war ein Messerschmied; er stand in der Thüre seines Ladens, neben der ärmlichen Auslage, und starrte vor sich hin. Ich stellte mich vor die schmutzige Scheibe, that, als bewunderte ich die Klingen und schielte nach der Narbe. Natürlich nützte dies der Greis, mich zu versichern, dies seien die allerbesten Messerchen von Brescia. So kamen wir in langes Prüfen und Feilschen, und als ich eins der Dinger erworben, fand ich den Muth, zu fragen, wo er sein Ohr gelassen? – Draußen im Stadtgraben, war die ruhige Antwort, dicht bei » San Pietro in Oliveto «, da liege es anstatt des ganzen Leibes – ein Tausch, bei dem er eigentlich wenig profitirt; deß sei er immer überzeugt gewesen, und jetzt, wo er ganz alt und ganz einsam, nun schon gar! ... Wer es abgehauen? ... Lächerlich! wie man nur so fragen könne, natürlich der Oesterreicher! Der Lieutenant habe ihm nämlich das Erschießen erlassen, weil die Rita so schön gewesen ... Wer die Rita gewesen? Margherita, seine Tochter, ein braves Mädchen, erst fünfzehnjährig und schön – o, so schön! – und sein einzig Kind. Zwei Tage und zwei Nächte sei sie neben dem Vater auf dem Wall gestanden, ladend und schießend, bis der Oesterreicher hereingebrochen und die Haufen zusammengetrieben, zur Füsillade. Aber der junge Lieutenant habe zur Rita gesagt: »Du gefällst mir, Dich lass' ich nicht erschießen, und mach' auch Du keine Dummheiten mit Deinem Dolch da, sondern lass' Dich in mein Quartier führen. Wenn der Mensch, an den Du Dich klammerst, Dein Vater ist, so soll er auch nur mit einem Denkzeichen davonkommen, wenn Du mir ein freundliches Gesicht machst.« Da hätten die Soldaten ihm das Ohr abgehauen und die Tochter fortgeschleppt ... Was aus der Rita geworden? Genau wisse er's nicht, die Leiche sei nicht zu finden gewesen, was kein Wunder, da damals hier so sehr, sehr viele Leichen umhergelegen. Aber er lebe und sterbe der fröhlichen Gewißheit, daß die Rita rein gestorben, oder doch ihre Schande nicht überlebt. Denn sie sei so brav als schön gewesen, seine Rita ... ... Unter dem Eindruck der Geschichte der Rita habe ich mir die Merkwürdigkeiten von Brescia besehen: die prächtige, weißglänzende Kathedrale und daneben ihre erniedrigte, altersgraue Schwester, das Kirchlein » la Rotonda «; das Museum, in welchem sie in buntem Gemisch werthvolle Reste einer begrabenen schönen Welt und werthlosen Trödel bergen, die Bibliothek des Quirini und die Gemäldesammlung des Grafen Tost. Aber mit mir gingen die Gespenster der Vergangenheit, und vor einem Bilde des del Sarto erlebte ich's, daß der heilige Josef nur ein Ohr hatte und einen grauborstigen Kopf und mich ansah mit kalten, umdüsterten Augen. Kurz – es war doch nur immer die Stadt des Haynau, die ich durchschritt, und es ist auch übrigens allerorts redlich dafür gesorgt, daß man's nicht so leicht vergißt. Da zeigten sie mir z. B. im letzten Stüblein der Bibliothek die heiligen Schätze: ein Stück von dem Kreuze, an das sie einst auf Golgatha den größten Dichter aller Zeiten geschlagen, und auch Reliquien der Dichterschule, die er gestiftet und die sein Wort verkehrt und verwässert, wie dies leider immer die Art solcher Epigonen ist, Reliquien der Apostel und Heiligen. »Aber«, fuhr der Custode fort, »das Allerheiligste, das wir bewahren, ist dieses Blatt hier.« Es war eine Erklärung der Frauen und Mädchen Brescia's, daß ihnen der Tod ihrer Väter und Gatten, ihrer Brüder und Verlobten minder schmerzlich sein werde, als die Knechtschaft; daß äußerster Widerstand ihr einziger Wunsch sei, die Befreiung Italiens ihr einziges Gebet. Sorgfältig kalligraphirt ist diese Erklärung, aber auch von den unzähligen Unterschriften ist keine mit zitternder Hand hingeschrieben ... Oder im Herkules-Tempel, wo sie das » Museo patrio « aufgestellt, da führte mich der Aufseher durch eine ganze Allee verstümmelter Statuen flüchtig hin und litt kaum, daß ich die herrliche Victoria betrachtete, aber vor einem trübseligen Stücklein Säule blieb er stehen; das möge ich betrachten. Nun, ich that ihm den Gefallen, es war ein Säulenstumpf korinthischen Styls, viel war d'ran nicht zu bewundern. »O, sehen Sie's nur an!« rief der Mann, »was Sie sonst hier zerbrochen sehen, ist schon so hierher gebracht worden, aber dieses Säulchen ist einst ganz hier gestanden. Aber da kam eines Tages ein Hund und stieß daran und zerbrach es.« – »Ein Hund?« – »Ja, hehe, wissen Sie, ein ungarischer Hund mit einem so großen Schnurrbart und Sporen an den Füßen.« – Dieses Säulchen und dieser grimmige Witz waren überhaupt das Steckenpferd des biederen Trinkgeldmenschen; als ich mir später seitab die Medaillen besah, hörte ich, wie das Steckenpferd auch einer dünnen Dame und dann einem dicken Herrn vorgeritten wurde. Aber ich ärgerte mich darüber nicht, im Gegentheil, ich war dem Menschen aufrichtig dankbar. Denn bei dieser rohen und widrigen Uebertreibung eines an sich berechtigten Gefühls konnte ich wieder lächeln. Und noch dankbarer war ich dem Bildhauer, welcher auf des Königs Auftrag und Kosten vor der uralten, gewaltigen » Torre del Orologio « das Denkmal aus Sandstein und Marmor zu Ehren der heldenmüthigen Brescianer geschaffen. Denn da sah ich nicht mehr die Gespenster der Vergangenheit, da sah ich nur noch ein schlechtes Denkmal. Ein sehr schlechtes! – Diesem Denkstein unvergänglicher Thaten ist rascheste Vergänglichkeit zu wünschen. Die Hauptfigur, ein Trauerengel, hält schlaff einen Lorbeerkranz in der Rechten und empfindet, wie ihm deutlich am Gesichte abzulesen, da oben in seiner Vereinsamung ganz außerordentliche Langeweile. Aber noch schlimmer sind die vier Hautreliefs am Sockel. Sie stellen eine Barrikade dar, einen Kampf auf offener Straße, eine österreichische Colonne und ein Begräbniß. Die streitenden Parteien sind sehr glücklich charakterisirt. Die Italiener tragen sämmtlich wallende Gewänder, haben durchweg hübsche, etwas einfältige Gesichter, scheinen auch nahe Verwandte zu sein, da sie durchweg dieselben Gesichter haben, und sehen überaus munter d'rein. Besonders die Jungfrau, welche der stürmenden Colonne entgegentanzt, und eine Andere, welche mit gesenkter Fackel hinter dem Sarkophage einherhüpft, zeigen ungestüme Heiterkeit in den hübschen frechen Alltagsgesichtern ... Was aber die Oesterreicher betrifft, so sind sie gleichfalls sämmtlich nahe Verwandte, aber eine häßliche Familie mit viereckigen Köpfen und verthierten Angesichtern, wahre Scheusale in k. k. Campagne-Uniform. Doch ist diese Uniform nicht ganz getreu wiedergegeben, sondern der Künstler hat sie in sinniger, patriotischer Symbolik stark in's Vitzliputzlihafte gezogen ... Lange stand ich vor diesem Denkmal, und was der lenzhelle Tag nicht vermocht, vermochte diese Stümperei: mir sanken die Schatten von der Seele. Wohl blieb's mir auch jetzt lebendig, daß jenes andere Denkmal auf dem Friedhofe zu St. Leonhard in Graz, an dem ich in Jünglingstagen so oft vorbeigegangen, trotz seines Prunks keine Ehrensäule ist, und trotz seiner Inschrift: »Mit Staunen werden künftige Geschlechter der Thaten gedenken, die er auf den Schlachtfeldern Ungarns und Italiens vollbracht.« ... Mit »Staunen« nicht nur, sondern auch mit Abscheu und Entsetzen, das vergaß ich auch jetzt nicht. Aber wie ich so die armen k. k. Vitzliputzli's im Hautrelief betrachtete, mußt' ich mir sagen: Es war eben der Krieg! Und ein Krieg war's, in welchem beiderseits alle Waffen galten! Und die da hinabzogen in's heiße, tödtliche Welschland hinein, waren doch eigentlich keine Teufel, sondern ehrliches, wackeres Soldatenblut, welches seine Pflicht that, indem es seinem Kriegsherrn das Land vertheidigte ... Ach ja! jedes Ding hat zwei Seiten und das Beste ist, von jenen unsäglichen Kämpfen und Nöthen zu schweigen. Vergessen, tiefstes Vergessen und für die Zukunft die freudige Gewißheit, daß mindestens auf diesem Boden und aus gleicher Veranlassung solcher Kampf und solche Noth sich nimmer erneuern könne! ... So bin ich denn erleichterten Herzens von dem seltsamen Denkmal geschieden. Aber diese schönere Stimmung sollte mir nicht ungetrübt bleiben. Just bei meiner letzten Wanderung im Weichbilde dieser düsteren Stadt, am zweiten Tage, nachdem ich sie betreten, sollte ich einen Eindruck empfangen, so seltsam, so schmerzlich, daß er mir noch in der Erinnerung peinlich ans Herz rührt ... »wegen vier Worten!« – Und hier versagt mein Trostsprüchlein: »Es war der Krieg!« Denn im Jahre 1856 war's und mitten im tiefsten Frieden, da sie den armen Sandro erschossen ... ... Der Friedhof von Brescia ist vielleicht die anmuthigste Stätte in dieser reizlosen Stadt. Blühendes Strauchwerk umsäumt die weißen Columbarien, wo die Reichen ruhen, blühendes Strauchwerk neigt sich über die Grabhügel der Armen. Nichts erinnert an die Schauer der Verwesung, alles an süße, schmerzlose Rast. Still und bewegt ging ich die Gräberreihen entlang, über denen nichts laut war, als die leisen, holden Stimmen des Lenzes: Vogelgezwitscher und Wehen des Windes in den Blüthenzweigen. Dann wieder war's ein prächtiger Frühlingstag, und als die Sonne hoch stand und nun, da sie sank, blieb die lindbewegte Luft kühl und klar, als wollte dieser ganze gesegnete Tag ein lenzheller Morgen bleiben. Und als die Abendsonne die weißen Steine umglühte, da war's, als schwimme rothe Morgengluth über ihnen. Es war eine Stunde voll unsäglichen Friedens. Und was auf den Denksteinen zu lesen war, störte diesen Frieden nicht. In wüstem Kampf, in bittrer Noth sind viele dieser Herzen gebrochen, aber das Gold und Erz ob ihrer Hülle spricht von Frieden und Versöhnung. Nur daß sie in anderen Städten ihren Theueren als höchstes Lob auf's Grab setzten: » modello di virtù « oder » tresore di bontà «, hier aber kurz und stolz: » amante della patria « ... Unzählige Male las ich das Wort und ward nicht müde, in diesem Garten des Todes auf- und abzuwandeln, bis mich die ersten leisen Schatten der Dämmerung und das Schlüsselgeklirr des Custoden an den Abschied gemahnten. Ich schritt auf das Thor zu. Neben dem Thor, zur Linken, wo die Armen und Namenlosen ruhen, saß auf einem Grabhügel eine Matrone, das Haupt tief auf die Brust gesenkt. Kein Kreuz war ob dem Hügel, doch lag darauf ein frischer Strauß. Ich blickte flüchtig im Vorbeigehen auf die kauernde Gestalt und dann unwillkürlich noch einmal zurück – es war ein bleiches, feines, edles Matronenantlitz, um welches sich breit und licht das weiße Haar legte. Und man sieht jenseit der Alpen so selten eine schöne, ehrwürdige Greisin! Sie sah kaum auf und streckte mir die Hand nicht entgegen, aber weil ihr Gewand so sehr ärmlich war, so glaubt' ich nicht fehlzugehen, wenn ich eine Münze neben sie hinlegte. Sie dankte, lauter und wortreicher, als es zu ihrem Wesen paßte, aber das ist nun schon die welsche Art. »Und«, rief sie, »daß Ihr glücklich heimkommt, Signor Inglese!« – »Ich bin aber ein Deutscher«, sagte ich lächelnd und ging weiter. Aber im nächsten Augenblicke wandte ich mich überrascht, verblüfft um. »Bestie! Verfluchter!« hatte die Greisin plötzlich schrill aufgeheult; die frommen Züge waren widrig verzerrt, die stillen Augen funkelten mich unsäglich grimmig an und mein Geldstück kollerte mir vor die Füße. »Nimm und geh' zur Hölle!« ... War das Weib wahnsinnig? – ich blickte fragend den Custoden an. Er verstand meinen Blick und trat mit süßsaurem Lächeln näher. »Wahrscheinlich ein Mißverständniß!« meinte er zögernd. » »Tedesco« heißt bei uns in der Lombardei ein Schwarzgelber. Einen Deutschen nennen wir »Prussiano« . Die Frau glaubt, daß Sie ein Oesterreicher sind ...« – »Und wenn ich einer bin?« – »Dann«, sagte er und seine Stimme klang herb, ohne jede Rücksicht des bevorstehenden Trinkgeldes, »dann dürfen Sie sich nicht beklagen, Ihnen ist recht geschehen, – das heißt – hm! – natürlich – nur vom Standpunkt dieses Weibes da. Ja, glauben Sie mir, Herr! – meine oder Ihre Mutter hätte sich kaum anders betragen ... Aber«, fügte er mit devotem Flüstern hinzu, »gestatten Sie mir, die Sache in Ordnung zu bringen.« Er trat auf die Greisin zu, die wieder auf dem Grabhügel kauerte, das Antlitz iu die Hände geschmiegt und zitternd, als schüttelte Fieberfrost die siechen Glieder. »Ziata!« sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter, »der Herr ist ja aus Berlin. Ihr habt ihm Unrecht gethan, Ziata! Ihr müßt ihn um Verzeihung bitten. Sagt ihm doch, warum Ihr die Oesterreicher so haßt!« . .. Nun – sie hat es mir gesagt. Allerdings erst nach einer Weile und zögernd. Und oft ließen sie Thränen oder Grimm nicht weiter sprechen. Es ist ein Wagniß, wenn ich versuche, hier ihre Worte wiederzugeben und eigentlich ein vergebliches Wagniß. Denn nur die Worte kann ich hierhersetzen, nicht aber den Ton aus tiefstem, armen Herzen .... »Ja – es war thöricht von mir, sich so zu irren! Selbst, ohne daß ich gebeten, habt Ihr mir eine Gabe gereicht – wie könntet Ihr ein Tedesco sein! Diese Schwarzgelben sind lauter Tiger, und wo sie uns in's Herz treffen können, da thun sie's jauchzend ... Ach, und wir selbst haben ihnen die Waffen geschmiedet! Ja, das kann ich meinem Tonio noch heute nicht vergeben. Aber ein guter Mensch war er, gewiß! und wie er's nur gekonnt hat, da hat er mich zu seinem Weibe gemacht, obwohl ich gar nicht mehr die Jüngste war damals und auch nicht schön mehr und meine Marietta war schon zwölf Jahre alt. Nämlich das war nicht sein Kind, aber es ist keine Schande dabei und ich darf es sagen; mein erster Verlobter starb, ehe er mir sein Wort halten konnte, als Soldat starb er, in Polen; zu den Bären und in die ewige Kälte haben ihn die Oesterreicher geschleppt und da verkam er im fremden Elend – ach, an allem meinem Unglück ist dieses verdammte Volk schuldig! Nun, dann lernte ich den Tonio kennen und war ihm treu, als wäre ich sein Weib, und dann bekam er sein sicheres Brod und wir konnten heirathen. Das waren glückliche Jahre, obwohl der Lohn sehr gering war – und nur ein dürftiges Stübchen hatten wir bei Porta Torlunga, aber wir hatten doch das nöthige Brod. Auch die Kinder gediehen, nämlich meine Marietta und dann gebar ich dem Tonio noch ein Knäblein, Sandro, und ihm, dem guten Menschen, waren beide Kinder gleich lieb und Alles war gut. Da kam das wilde Jahr und die Österreicher jagten wir fort und nun erst erschien uns das Leben doppelt schön. Aber da kamen sie wieder. Und da sagt mein Tonio: »Jetzt heißt es sich wehren.« Seine Büchse nimmt er fröhlich und lacht: »Nie waren sie recht mit unsrer Arbeit zufrieden, aber jetzt beweisen wir's ihnen, daß die Büchsen doch prächtig taugen!« Und ich und die Marietta gehen mit ihm, zu laden und die Verwundeten zu pflegen und selbst der Sandro, unser sechsjähriges Bübchen, war nicht weit vom Wall. So standen wir d'rin, mitten im Sterben, und da kam auch die Kugel und riß meinem Tonio den Kopf weg und der blutige Rumpf kollerte mir vor die Füße – o weh' ... Aber ich habe nicht geweint, sondern seine Büchse genützt und ausgeharrt, bis Alles verloren war. Und dann sind wir in unsrem Stübchen gesessen, die Marietta und ich, todttraurig und todtbereit, wie schon gestorben bei lebendigem Leibe, ohne Hoffnung und ohne Furcht. Nur der Sandro hat sich gefreut, wie draußen die Trommeln und Hörner der Sieger immer deutlicher erklungen sind. Und sie raubten und mordeten und wir hörten sie herankommen und da standen sie schon in unserer Stube. Aber da war nichts als die Armuth und nur ein Schatz: die Schönheit und Jugend meines Kindes ... Oh, ich war ihre leibliche Mutter und ich habe zusehen müssen, ich – einen Knebel im Mund und die Glieder gefesselt – wie sie sie zu Grunde gerichtet haben ... Oh, ich wollte, ich wäre todt, um nicht mehr d'ran zu denken ... Im Oktober habe ich dann die Marietta begraben – sechs Monate hat ihr Sterben gewährt – hier neben an ist ihr Grab ... Ich hatte mir das Leben genommen an jenem Tage und vor Gott hätte ich mich nicht gefürchtet, denn ich wäre vor ihn getreten und hätte ihm gesagt: »Herr! ich rechte nicht mit Dir über mein Leben! – rechte Du mit mir nicht über meinen Tod!« Aber da war noch mein Bübchen, der Sandro, für den mußt' ich ja weiter leben! Und es schien, als erbarmte sich Gott nun meiner: ich fand guten Verdienst als Wäscherin und der Knabe gedieh und ein Prachtbub' war es. Das sagte auch immer unser Pfarrer zu Santa Eufemia, und er sagte: »Das ist ein Kopf! – studiren muß der Bub!« Also studirte er und mit den Kindern der besten Leute ging er um und Alles liebte ihn – ein so hübscher, braver, muthiger Junge. O, mein Sandro! Aber da kam ein schwarzer Tag! Acht Jahre war's, seit mein Tonio gestorben und vierzehnjährig war mein Junge; da ging er einmal durch die Stadt spazieren, mit seinem Kameraden, der heutigen Tags ein Advokat ist in Mailand – ach, was wäre erst mein Sandro geworden! Aber da kamen sie am Broletto vorbei, an der »Torre del Popolo« und sahen zu, wie just die Wache der Schwarzgelben abgelöst wurde. Und da rief der Sandro seinem Kameraden zu: »Sono stanco del governo!« – nichts als diese vier Worte rief er. Aber da faßten sie ihn und führten ihn in's Broletto. Und da läuft der andere Knabe zu seinen Eltern und die schicken zu mir und ich laufe in Todesangst auf die Wache: »Habt Erbarmen – ein Kind! – gebt ihn frei!« Aber da sagen sie: »Er kommt vor ein Kriegsgericht – es ist ein Verbrechen, welches unter das Standrecht fällt.« ... Das Standrecht! – mir ist das Herz still gestanden – ich wußte, was das für ein Recht war – der Aelteste hat »Tod!« gesagt, die Anderen haben zugestimmt – das war das Recht, welches uns die Oesterreicher gegönnt haben ... Zum Pfarrer laufe ich und mit ihm zu einem Hauptmann, den er kennt, und wir flehen ihn an und er geht mit uns ... »Wartet,« sagt er, und erkundigt sich im Broletto. »Er ist nicht mehr hier,« kommt er zurück, »schon im Castell – noch heute tritt das Gericht zusammen!« – »Ueber einen Knaben!« ruf ich. – »Ja!« meint er, »die Soldaten und ein Agent haben ausgesagt, daß er die Wache verhöhnt hat. Nun – das wäre nicht so gefährlich! Aber er hat auf offener Straße und vor Zeugen gerufen, daß er dieser Regierung müde ist, und das ist Hochverrath!« – »Und was geschieht mit ihm?« – Da zuckt der Hauptmann die Achseln und wendet sich schweigend ab. Ich aber eile zum Castell – sie lassen mich nicht ein. Und dann kommt die Dunkelheit und ich liege die Nacht hindurch vor dem Thor und stammle zu Gott in meiner großen Noth. Und dabei tröste ich mich: »es sind ja doch Menschen – sie werden ein Kind wegen vier Worten nicht tödten!« Die Greisin richtete sich hoch auf, todtbleich war ihr Antlitz, stammend die Augen, heiser, fast unverständlich ihre Stimme: »Aber es waren keine Menschen – es waren Tiger! Als die Sonne aufging, hörte ich drinnen Schüsse fallen und ich ahnte, was sie bedeuteten ... Ich hatte richtig geahnt – seinen Leichnam gaben sie mir – hier liegt er, unter dieser Erde. – Ein Kind – wegen vier Worten ... O Gott! ich zürne Dir nicht, aber Eines fordere ich von Dir als mein gutes Recht: daß Du diese Menschen nicht barmherziger richtest, als sie einst mein Fleisch und Blut gerichtet haben ...« ... So die Greisin. Und ich fühle: es ist das Beste, wenn ich ihren Worten nichts hinzufüge. War doch auch in mir nichts, als der dumpfe, schmerzliche, betäubende Nachhall dieser Worte, als ich den Campo Santo verließ und bald darauf die düstere Stadt, die Stadt des Eisens, des Blutes, der Thränen ... Der lateinische Kanonier. (1873.) Es sind zwölf Jahre seitdem verflossen, lange, volle, schwere zwölf Jahre, aber wär' ich ein Maler, ich könnte doch Alles aufzeichnen, Zug um Zug, so überaus deutlich steht es vor meinen Augen. Sogar an das graue Röcklein weiß ich mich zu erinnern, das mein Nachbar zur Linken trug, der Moses Salzmann, und an die Stiefelhosen des Theodor Bohusiewicz. Aber ich bin leider nur ein Zeichner in Worten geworden und muß es daher so versuchen. Denkt Euch also einen recht düstern, regnerischen Februartag und in seinem Lichte ein recht düsteres, verregnetes Städtlein und in einer der kotherfüllten Straßen ein großes, graues, unheimliches Haus und in diesem Hause eine große, graue, unheimliche Stube. Freilich zittert für mich, wahrend ich dies niederschreibe, hellgoldiger Sonnenschein über dies düstere Bild, der Sonnenschein der Erinnerung an die eigene Jugend. Denn ich sehe ja auch mich unter den vielen fünfzehn-, sechzehnjährigen Jungen, die da auf niedrigen Schulbänken beisammensitzen in jener grauen Stube. Bang und klopfenden Herzens sitzen wir da und blinzeln nur zuweilen scheu nach dem Katheder hin, als stände dort ein Tiger oder ein Gespenst oder gar der Herr Director. Es steht aber nichts Aehnliches dort, sondern im Gegentheil ein hübscher, freundlicher, junger Mann, der eben lächelnd den Knoten einer Schnur löst, durch die ein Haufe von Heften zusammengehalten wird. Das ist der Professor des Latein, Herr Wilhelm Lang, und diese Hefte sind unsere Hauspensa. Er lächelt – weh' uns! – wir kennen dieses Lächeln. Wer die Aufgabe schleuderhaft gearbeitet, erbleicht, und wer sie gar von anderen abgeschrieben, knickt zusammen, wie ein Taschenmesser. Aber selbst durch die Reihen der »Vorzugisten« geht leises Beben. Denn wer kann sich rühmen: »Ich bestehe vor Professor Lang«, und wer darf von sich sagen: »Ich bin ein Gerechter in seinen Augen?!« Er lächelt – ach! er lächelt immer stärker. Und nun ergreift er eines der Hefte und hält es hoch empor. »Rathen Sie«, fragt er, »wer hat die Aufgabe am Besten gearbeitet?« Tiefste Stille. Nur einige Seufzer werden hörbar. »Nun – Niemand? ... Also – die beste Arbeit ist die unseres weisen Aristides, Aristides Lewczuk.« Das ist ein Witz. Und darum wird in den ersten drei Bänken, wo die braven Schüler sitzen, pflichtschuldigst gelacht und in den mittleren Banken, wo die minder braven Schüler sitzen, minder pflichtgemäß gekichert. In den letzten Bänken aber, wo die Trotzigen und die Faulen hocken, die verkannten Genies und die Species, der immer »Unrecht geschieht« – dort lacht man nicht und kichert man nicht, wenn ein Professor einen Witz macht. Dort bleibt's grabesstill ... Aber, warum ist das mit dem weisen Aristides ein Witz? Und wer ist Aristides Lewczuk?! Quintaner, Quintaner des Gymnasiums zu Czernowitz. Aber noch Manches dazu. Seht ihn Euch nur einmal an, den großen, plumpen, sechsundzwanzigjährigen Menschen – dort, nahe an der Wand, auf der hintersten Bank. Er hat den Spitznamen »das Faulthier«, und wer ihn so in seiner Bank, in welcher er Alleinherrscher ist, lümmeln sieht, das gelblich aufgedunsene Antlitz mit den schwarzen, glotzigen Aeuglein auf beide Arme gestützt, wird die Bezeichnung nicht so ganz unpassend finden. Er ist soeben durch einen freundschaftlichen Nasenstüber seines Vordermannes aus sanftem Dusel aufgewacht und blickt nun nicht sonderlich geistreich um sich. Geistreich sein ist überhaupt nicht seine Sache. Der arme Junge! Bis zu seinem vierzehnten Jahre hat er selig und zufrieden zu Mamornitza gelebt, dem schmutzigen Rumänendörflein an der Grenze, allwo sein Vater Ortsrichter ist, und kein Drang nach dem Höhern hat ihn gequält. Aber das war leider bei seinem Vater der Fall: Aristides mußte studiren und Priester werden. Und so ist der arme dumme Junge zur Stadt gekommen und hat da die Volksschule absolvirt – ach! nur Gott hat die Thränen und die Schläge gezählt! Darauf freilich hat Aristides dem Vater erklärt, ihm scheine, er habe »keinen Kopf für das Lateinische«. Aber der Herr Ortsrichter waren anderer Ansicht und so hat sich Aristides in sein Schicksal gefügt, eine Leuchte der griechisch-nicht-unirten Christenheit zu werden. Freilich scheint sich gleichzeitig die Ueberzeugung bei ihm ausgebildet zu haben, besagte Christenheit habe es nicht so eilig. Denn er hat sich nicht überstürzt und genau acht Jahre für das Unter-Gymnasium gebraucht. Und nun sitzt er in Quinta, in der letzten Bank, der arme, tölpelhafte, vielgehänselte »ultimus ultimorum« ... »Lewczuk!« sagt der Professor – Aristides erhebt sich zögernd und kratzt sich hinter dem Ohr – »daß ein Anderer die Aufgabe abgefaßt hat, ist klar. Denn sie ist nicht blos grammatikalisch richtig, sondern in fast elegantem Latein geschrieben. Und darum begnüge ich mich nicht damit, Ihnen eine »Dritte« einzuzeichnen und dazu die Note »Hat zu betrügen versucht« – Aristides kratzt sich stärker – »sondern ich frage Sie auch sehr ernst: wer ist der Autor?! Ein Gymnasiast ist's nicht!« Aristides schweigt. »Nun – wird's bald?« »Ich kann nicht sagen, wer ist«, stammelt Aristides endlich weinerlich in seinem schwerfälligen Deutsch, »ich kann nicht.« »Warum nicht?« »Weil er kriegt sonst gleich fünfundzwanzig.« Wir brechen in stürmisches Lachen aus, auch der Professor lächelt. Nur Aristides bleibt todesernst. »Herr Hauptmann laßt ihm gewiß geben«, fügt er bestätigend hinzu. »Kommen Sie her, Lewczuk«, ruft Lang ungeduldig. Aristides avancirt langsam, bis er endlich vor dem Katheder steht. »Ist denn Ihr bischen Verstand auch noch rebellisch geworden? Wer hat die Aufgabe gemacht?« » Der lateinische Kanonier hat gemacht ... Ich weiß nicht, wie er heißt ... Andere Soldaten sagen immer »Lateiner«. Herr Hauptmann ruft auch »Lateiner«. Sag ich auch »Lateiner«.« »Und wo haben Sie diese merkwürdige Bekanntschaft gemacht?« »Bei uns – im Hof – bei der Frau Terlecka. Da wohnt auch Herr Hauptmann mit Pferde. »Lateiner ist Privatdiener vom Herrn Hauptmann – bedient Pferde ...« Die Classe windet sich in Lachkrämpfen. »Und dieser Pferdeknecht hat die Aufgabe verfaßt?« ruft der Professor. »Wer ist denn dieser Mensch?« »Sehr guter Mensch!« versichert Aristides. »Brave Seele. Aber ist immer traurig, immer traurig – krank, so auf der Brust. Kommt er neulich zu mir, sagt: Sie sind Student? Sag ich ja! Sagt er: Ich bitte, leihen Sie mir Bücher. Sag' ich: Ich hab' nur Schulbücher. Sagt er: Leihen Sie mir Schulbücher. Geb' ich Mathematik. Fragt er: Vielleicht Klassiker? Frag'ich: Können Sie lateinisch, griechisch? Sagt er: Ja! Geb' ich ihm Ovid, liest er Ovid. Geb' ich ihm Xenophon, liest er Xenophon. Geb' ich ihm Homer, liest er Homer. Ohne Wörterbuch – kann sehr gut! Frag' ich: Warum sind Sie gemeiner Soldat? Sagt er: Schon fünfzehn Jahre – erzählt mir – wegen Packet, wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen ...« »Wie?« unterbrach ihn der Professor erstaunt. »Wegen Packet«, wiederholte Aristides unerschütterlich, »wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen. Wissen Sie – Prager Revolution. Hör' ich zu, Herz thut mir weh, sag' ich: ist traurig! Frag' ich: Aber könnens vielleicht diese Aufgabe machen? Sagt er: Ja! Sag' ich: Also machens! Macht er. Schreib' ich ab ...« Der Professor war ernst und nachdenklich geworden. »Wohnt Jemand von Ihnen in der Nähe des Lewczuk?« fragt er dann. Ich meldete mich. »Bitte – lassen Sie sich von Lewczuk hinführen. Sprechen Sie mit dem Manne und berichten Sie mir dann darüber. Vielleicht läßt sich etwas für ihn thun ...« Die drei Schulstunden des Vormittags waren vorüber. Ich ging mit Lewczuk durch die kothigen, schmutzigen Gäßchen, auf denen der dicke Nebel lag, seiner entlegenen Wohnung zu – in der »russischen Gasse«. Mein Mitschüler war so aufgeregt, als es nur überhaupt möglich war bei so glücklicher Naturanlage. »Verflucht, wann aufkommt«, meinte er in seinem sonderbaren Deutsch. »Hauptmann bekommt Wind – wird bös – laßt fünfundzwanzig geben – Mensch ist krank – wird hin – wer ist Schuld? – ich!« Dann aber meinte er: »Was ich? – Nicht ich! – Er selbst! Sag' ich ihm gleich: Ich bin kein Primus – ich bin kein Vorzugist – ich bin schlechter Schüler. Machen's also Fehler hinein – vier Fehler – »genügend« – oder fünf – »hinreichend« – oder sechs – »zur Noth ausreichend«. Aber so – er verspricht – macht doch ohne Fehler – natürlich! – Lang riecht Braten!« Ich erlaubte mir bescheiden zu fragen, warum mein geehrter Herr Collega nicht bestrebt sei, durch eigene Kraft nur sechs Fehler in einer Aufgabe zu machen. »Nutzt nichts,« meinte er in fatalistischer Ergebung, »bin ja erstes Jahr in Quinta, muß ja ohnehin repetiren. Kein Kopf – zu dumm. Aber schadet nichts! Will ich denn ein Doktor werden? – Nein! – Oder Advokat? – Nein! – Oder Professor? – Nein! Also – nur Pfarrer, – Dorf, Bauern – Kopf gut genug! ...« Dieses Bekenntniß legte er mir an der Pforte seiner Wohnung ab. Wir wateten durch den Koth des Hofes. »Dort Stallung«, sagte Aristides und wies auf einen kleinen, halb verfallenen Bau, »dort wirst finden. Ich geh Schlaf machen – bis Mittag. Servus!« Und fort war er. Ich trat in die Stallthüre. Zwei glänzend gestriegelte Pferde wieherten mir entgegen, an den Wänden hingen Waffen und Monturstücke. Schon wollte ich mich zurückziehen, da klang mir aus dem Hintergrunde, wo ein Lager sein mochte, heftiges Husten entgegen und dann die Frage: »Was wünschen Sie?« Ich blickte hin, vermochte aber im düstern Lichte dieses Tages nichts wahrzunehmen. So rührte ich an den Hut und sagte so in die Dämmerung hinein: »Ich wünsche den Herrn lateinischen Kanonier zu sprechen.« Der Mann erhob sich und trat mir entgegen. Er war ziemlich hoch gebaut, aber die Haltung war schlaff, die Gestalt verfallen. Er mußte sehr krank sein, hoffnungslos krank. Man sah es auch an dem Gesichte. Es war fahl und eingesunken und düster, so entsetzlich düster. Und noch etwas Anderes las man aus diesem Gesichte, daß Reithose und Stalljacke nicht die rechte Bekleidung für diesen Menschen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber – ich zog den Hut. »Ich bin der Kanonier, den Sie suchen.« Ein leises, leises Lächeln spielte dabei um seine Mundwinkel. Hiedurch wurde ich erst inne, daß ich, der Wildfremde, ihn eigentlich bei seinem Spitznamen genannt. Dies machte mich so verlegen, daß ich die Erzählung von dem Hauspensum unseres Aristides und dem Auftrage Lang's nur sehr verwirrt hervorbrachte. Er sah mich dankbar an mit seinen traurigen blauen Augen. »Ich danke dem Herrn Professor für seine Freundlichkeit und Ihnen für die Mühe – ich danke Ihnen herzlichst. Es thut mir leid, daß der arme Lewczuk Verdruß gehabt hat, aber die »sechs Fehler« habe ich wirklich vergessen. Ich hab's überhaupt nicht gerne gethan, aber ich war ihm auch Revanche schuldig für die Bücher, die er mir geliehen hatte. Und die Aufgabe war richtig?« »Und wie! der Herr Professor hat gleich gesagt: das hat kein Gymnasiast geschrieben!« »Ja«, sagte er, »wenn man einmal sein Leben an Etwas gewendet hat, so vergißt man's nicht so leicht wieder.« Er hustete krampfhaft und ich sah entsetzt, wie ihm einen Augenblick lang blutiger Schaum auf die Lippen trat. Dann ließ der Anfall nach und er fuhr fort: »Seit fünfzehn Jahren habe ich kein lateinisches Buch in der Hand gehabt. Nur den Homer hatte ich.« Er ging nach seinem Lager und brachte mir das kleine, dicke, abgegriffene Büchlein – eine alte Duodez-Ausgabe der Iliade und Odyssee. »Das hatte ich in jener Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1849, da sie mich zu Prag aus dem Bette rissen, zu mir gesteckt und seitdem, wie durch ein Wunder, überall durchgeschmuggelt. Ich sollte dem Buche eigentlich zürnen«, fuhr er mit entsetzlichem Lächeln fort, »es hat mich am Leben erhalten.« »O, ich weiß«, rief ich, »Sie waren bei der Prager Revolution!« Er schüttelte den Kopf. »Nein! Ich habe mich nie um Politik gekümmert. Ich war ein stiller, fleißiger Student der Philologie, der nur seinen Studien lebte. Mein Verbrechen war ein anderes: Ich habe einmal Einen gekannt, der sich um Politik kümmerte.« »Wie?!« rief ich entsetzt. »Und darum hat man Sie so behandelt?!« »Ja – darum!« Dann aber meinte er ablenkend: »Sagen Sie, ich bitte nochmals, dem Herrn Professor, daß ich ihm herzlich danke. Aber ich wüßte kaum, was sich noch etwa für mich thun ließe.« »Aber Sie sind ja krank! Sie können ja unmöglich länger hier bleiben – in dem feuchten Stalle!« »Es wird ja bald Frühling!« erwiderte er mit einem Lächeln, welches mir durch's Herz schnitt. »In der schönen Zeit wird mir immer besser. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, mein junger Freund, so werde ich sogar in diesem Frühlinge gesund – ganz gesund!« Mir schossen die Thränen in die Augen. »Sprechen Sie nicht so!« bat ich. »Es kann ja noch Alles gut werden! Wir haben ja jetzt den Schmerling!« Ich erinnerte mich, wie drei Jahre vorher, Ende Februar 1861, die ganze Stadt und insbesondere das Gymnasialgebäude zu Ehren der Februar-Verfassung beleuchtet gewesen und wie wir Schüler auf Anweisung unseres Klassenlehrers damals ein riesiges Transparent angefertigt: » Libertas et justitia Austriae fundamenta «. Und darum fuhr ich fort: »Wir haben ja jetzt eine Constitution. Jetzt darf Niemandem länger Unrecht geschehen. Jetzt ist ja Oesterreich auf Freiheit und Gerechtigkeit erbaut ...« Er lächelte, lächelte so sonderbar, daß ich stockte. Ich habe mich oft dieses Lächelns erinnern müssen – am 30. Juli 1865 – am 6. Februar 1871 ... und seither noch oft, sehr oft ... »Vielleicht können wir«, schloß ich, »Ihnen einstweilen Ihr Loos erträglicher machen. Sie wünschen Bücher?« »O!« rief er erfreut, »das wäre freilich sehr schön! Wenn Sie diese Güte haben wollten! Sie wissen gar nicht, wie viel Sie da an mir thäten!« Er war wie elektrisirt, seine Augen glänzten. »Wenn mir der Herr Professor einen tüchtigen Kommentar zum Homer leihen könnte! Oder ist vielleicht eine neue bedeutende Streitschrift über die Entstehung dieser Epen erschienen? Ich bin in dieser Frage ein Anhänger des Alten von Halle, Friedrich August Wolf. Dann vielleicht Horaz. Sehen Sie, wie ich gleich unersättlich bin! ... Und dann – Schiller's Gedichte möchte ich auch noch einmal gerne lesen, bevor ich – bevor es Frühling wird! ...« »Alles will ich besorgen«, versprach ich eifrig. »Die Klassiker hole ich Nachmittags vom Herrn Professor. Aber den Schiller habe ich selbst – den hole ich gleich!« Ich lief heim und brachte ihm das Buch. Die Art, wie er danach griff und zitternd die erste Seite aufschlug und halblaut zu lesen begann, werde ich niemals vergessen. Darauf ging ich zu Lang und erzählte ihm Alles. Er war tief erschüttert und zeigte die lebendigste Theilnahme. Damals sah ich erst, wie edel und gut der Mann war und seine Schärfe gegen uns nur das Ergebniß eines vielleicht nicht ganz richtigen pädagogischen Calculs. Er hätte mir gerne gleich seine ganze Bibliothek mitgegeben. Beladen wie ein Maulesel trabte ich in die »russische Gasse«. Gleichzeitig überbrachte ich eine Einladung des Professors, ihn doch ja baldmöglichst zu besuchen. Der arme Kanonier war bis zu Thränen gerührt. Alle Bücher schlug er auf und las die Titel und rief einmal über das Andere: »O! daß ich das noch erlebe!« ... Dann brachten wir Alles in Lewczuk's Stube – hier, im ärarischen Stalle, waren die Bücher nicht vor Konfiskation sicher. Der wackere Aristides begriff zwar die Freude des armen Lateiners nicht recht, aber er theilte sie. »Freut sich über Bücher!« sagte er erstaunt zu mir, »ich freu' mich nie über Bücher. – Aber wann sich nur freut – armer, kranker Mann – freu' ich mich auch!« Auch die Einladung nahm der Kanonier dankbar an. »Am nächsten Sonntag«, sagte er, »wenn mein Hauptmann auf der Jagd in Zuczka ist!« Ich führte ihn an gedachtem Tage in das Haus des Professors und durfte auch dableiben. Es war ordentlich rührend, zu sehen, wie der gebrochene todtkranke Mann gleichsam neu auflebte im Verkehre mit einem gebildeten Manne, der lebhaftesten Antheil an ihm nahm und überdies dieselben gelehrten Studien betrieb, wie einst er selbst. Und an jenem Tage erzählte er uns die Geschichte seines Lebens, eine schlichte, hausbackene Geschichte und doch voll zermalmender Tragik. »Ich heiße Franz Bauer und bin im südlichen Böhmen, bei Budweis, geboren. Meine Eltern waren sehr arme Leute und ich mußte mich ganz durch eigene Kraft emporringen. Schon während der Gymnasialzeit erhielt ich mich von Privatlectionen und half mir dann auch durch die beiden philosophischen Jahrgänge und später auf der Universität auf gleiche Weise fort. Ich bezog die Prager Hochschule 1847 und studirte Philologie. Die Klassiker waren mir schon früher lieb und werth gewesen, jetzt vollends wurde mir mein Studium zur Leidenschaft, die mein ganzes Sinnen und Trachten ausfüllte. An der Bewegung von 1848 nahm ich so gut wie gar keinen Antheil; den Prager Junitagen stand ich ganz fern. Nicht etwa als ob ich stumpf gewesen wäre für die Ideale, die man damals verfocht – es waren die Ideale der Nationalität und der Freiheit und die hatten mir auch meine Alten gepredigt, wenn auch in ihrer Weise. Aber ich war keine Natur, die für lautes Treiben, für Demonstrationen und Agitationen paßte. Ich war ein stiller, scheuer Mensch und kannte mich eigentlich nur in meinen Büchern aus. Damals begann ich auch die Vorarbeiten für eine große Abhandlung: »Ueber die Entstehung der homerischen Epen». Der Winter verging mir in rastloser Arbeit, der Frühling von 1849 kam. Da entlud sich das Unglück über mich – jäh und plötzlich wie der Blitz. »Ich verkehrte damals hie und da mit einem Landsmann und Studiengenossen, der Mitglied der damaligen Burschenschaft »Marcomannia« war. Er war ein braver, fleißiger Mensch, dabei schwärmerisch und den revolutionären Ideen mit Leib und Seele ergeben. Der kam nun eines Tages im März zu mir und erzählte mir, es habe sich ein großer Geheimbund gegen die »schwarzgelbe Tyrannei« gebildet, dem auch er angehöre. Der Bund bestehe aus jungen Leuten aller Stände, Deutschen und Czechen, und habe Fühlung mit dem Landvolk und durch einige Officiere böhmischer Regimenter auch mit dem Militär. Zweck des Bundes sei, sich des Prager Hradschins und sämmtlicher Festungswerke zu bemächtigen – auf dieses Signal hin werde sich das ganze Land erheben. Er lud mich ein, dem Bunde beizutreten, was ich rundweg abschlug; auch warnte ich ihn, sich nicht in so gefährliche Dinge einzulassen. Er aber meinte, erstens sei es Pflicht, das Vaterland zu befreien, zweitens könne die Sache gar nicht fehlschlagen, denn der Prager Bund stehe nicht allein, er habe durch den russischen Agitator Bakunin Fühlung mit einer großen revolutionären Liga in Dresden und unterhalte Beziehungen zu Görgey, der ja die k. k. Truppen ununterbrochen schlage und sehr bald in Pest, bald auch in Wien sein werde. Ueberdies stehe der Bund unter der Leitung bewährter und erfahrener Patrioten. »Natürlich blieb ich trotzdem bei meiner Weigerung und Warnung und er brach verstimmt ab, nachdem er mir noch das Versprechen abgenommen, nichts von den anvertrauten Geheimnissen zu verrathen. Wir sprachen auch in der Folge nicht wieder über das Thema und ich vergaß fast die Sache. Sonderlich viel interessirt hatte sie mich überhaupt nicht; sie war mir mehr als eine thörichte, knabenhafte Schwärmerei erschienen, denn als etwas Ernstes. Da sollte ich fürchterlich daran erinnert werden. »Mein Freund und Landsmann hatte mich auch in der Folge, während des Aprils, mehreremale besucht. Er pflegte mich gewöhnlich am späten Nachmittage abzuholen, worauf wir bis in die Nacht hinein einen größeren Spaziergang machten. So kam er auch in der Abenddämmerung des 9. Mai zu mir, wie wir schon früher verabredet. Er trug ein großes versiegeltes Packet unter dem Arme. »Da bin ich«, sagte er. »Aber nun mußt Du mich auf meine Stube begleiten – da will ich das Packet in Sicherheit bringen. Dann stehe ich zu Deiner Disposition.« Da er aber in einem entlegenen Gäßchen der Kleinseite wohnte, und wir einen Spaziergang in entgegengesetzter Richtung geplant hatten, so meinte ich lachend: »Laß doch Deinen Schatz bis morgen hier – hier ist er auch in Sicherheit. Was ist denn drin?« – »Allerlei Papiere«, erwiderte er und ging auf meinen Vorschlag ein. Wir gingen fort und verbrachten einige recht angenehme Stunden. Gegen zehn Uhr kehrte ich heim, las noch einige griechische Verse und schlief dann ein. »Es mochte gegen drei Uhr Morgens sein, da weckte mich Gepolter an meiner Thüre. Erschreckt fuhr ich auf – ich hörte draußen den Jammerruf meiner alten Hausfrau, die barsche Frage: »Wo schläft er?« und dazu das Geklirre von Waffen. »Die Soldaten!« rief ich entsetzt und sprang auf. Mein erster Gedanke war das verhängnißvolle Packet – das mußte ich beiseite bringen. Aber es war zu spät – da war schon die Patrouille im Zimmer. Ich ward verhaftet, meine Bücher flüchtig durchstöbert, meine Papiere, darunter das Packet, welches ich noch immer in der Hand hielt, zusammengerafft und fortgeschleppt. Dann zerrte man mich die Treppe herab und führte mich auf einem Wägelchen durch die dämmerigen Gassen zum Hradschin. An den Straßenecken der Stadt, die noch im tiefen Schlafe lag, war eine Proklamation angeschlagen, welche die Einführung des Belagerungszustandes verkündete. Auch sah ich, wie eben aus einem Hause eine Escorte heraustrat, in ihrer Mitte ein junger Mensch, ein Student. Er war todtenblaß, aber er hielt das Haupt aufrecht und seine Augen leuchteten. »Hoch die heilige Sache!« rief er mir begeistert zu. Ich erwiderte nichts, ich war wie betäubt. »Droben waren die Kanonen auf die Stadt gerichtet, der Hradschin glich einem Feldlager ... Ich ward in ein Gefängnis geworfen. Hier erst kam ich allmählig zum Bewußtsein meiner Lage. Kein Zweifel, jene Verschwörung, von der mein Freund gesprochen, war entdeckt, ich als Mitschuldiger verhaftet. Man hatte die Papiere bei mir gefunden – ich wußte nicht, wie man darauf gekommen – aber ich war verloren! – Dann aber richtete ich mich wieder auf; ich war ja unschuldig, und wenn ein Gott im Himmel lebte, so konnte er nicht dulden, daß ich ein Verbrechen büßte, welches ich nicht begangen ...« Der Erzähler hielt inne. »Und ich habe es doch gebüßt!« rief er laut und verzweiflungsvoll, »gebüßt mit meinem ganzen Leben.« Dann beruhigte er sich wieder und setzte hinzu: »Die näheren Umstände haben für Sie wohl wenig Interesse. Ich war durch jenen Freund in's Unglück gekommen, aber nicht mit seinem Willen. Er war kurz nach Mitternacht verhaftet worden. Er war noch wach gewesen, hatte die Thür verriegelt und in fliegender Hast einen Zettel an mich geschrieben: »Vernichte die Papiere!« Den hatte er seinem gleichfalls aus dem Schlafe gestörten jammernden Hausherrn zur Besorgung übergeben. Und dieser, ein seltener Biedermann, hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihn sammt meiner Adresse dem Führer der Patrouille zu übergeben. Es ging sehr rasch. »Nicht so rasch ging es mit dem Verfahren gegen mich. Erlassen Sie es mir, Ihnen meine Qualen zu schildern, glauben Sie mir, es würde Ihnen das Herz schwer machen. Die Verhandlung rückte langsam vor und ich erfuhr eigentlich erst während der unzähligen Verhöre vom Auditor, was für ein gefährlicher Mensch ich war. Meine Unschuld kam nicht an den Tag; die Herren vom Kriegsgericht sprachen mich schuldig. Ich ward zum Tode verurtheilt. Die Strafe ward im Gnadenwege zu zwanzigjährigem Dienste im Fuhrwesencorps gemildert. Was so die Menschen Milde und Gnade nennen! ... Fünf Jahre später lernte mich mein Hauptmann kennen. Er war Vorsitzender eines Militärgerichts, welches mich wegen Aufhetzung meiner Kameraden – ich hatte ihnen meine Geschichte erzählt – zur Versetzung in eine Strafcompagnie verurtheilte. Mein Schicksal rührte ihn, er nahm mich als Privatdiener zu sich und behandelt mich ziemlich menschlich, das heißt, wenn er nüchtern ist ... Sehen Sie – das ist mein Leben!« Und leise, sehr leise fügte er noch hinzu: »Ach! wenn es nur schon Frühling wäre!« Ich will nicht beschreiben, was wir beiden Zuhörer bei dieser Erzählung empfanden. Der Professor suchte das Loos des Mannes zu mildern, wo er nur immer konnte, und ich trug ihm wenigstens fleißig Bücher zu, da ich doch nichts Anderes für ihn zu thun vermochte. Seine Ahnung, seine Hoffnung, er werde im Frühling genesen, hat ihn nicht getäuscht. An einem sehr schönen Maitage – es war ein Sonntag – ging ich mit mehreren Mitschülern die »russische Gasse« hinab. Wir wollten nach dem Wäldchen von Horecza. Da kam uns Aristides entgegen. Er schlenderte der Stadt zu. »Hei!« riefen wir, »komm mit, Lewczuk« – er war uns als Sündenbock immer willkommen. Aber Aristides schüttelt ernst das Haupt. »Ich geh' auf Begräbniß«, sagte er, und zu mir gewendet, fuhr er fort: »Komm mit – »Lateiner« ist todt – armer, kranker Mann – thut nichts mehr weh. Donnerstag bekommt Blutsturz – Hauptmann laßt ihn in Spital schleppen – Freitag früh gestorben. Heute vier Uhr ist Begräbniß – ich hab' Sanitätssoldat Schnaps gezahlt – hat mir erzählt.« Wir gingen zum Militärhospital. Punkt vier Uhr kam der traurige Zug geschritten – der Leichenzug eines gemeinen Soldaten. Nur ich und Aristides mochten Leid empfinden. Die Ceremonie auf dem Friedhofe war sehr kurz. Der Seelsorger sprach ein kurzes Gebet, dann ward der Sarg in's Grab gesenkt und zwei czechische Sanitätssoldaten schaufelten es lustig zu. Ich kann nicht sagen, was ich dabei empfand ... Auch Aristides war sehr bewegt. »Wegen Packet«, murmelte er. »Warum hat Gott zugelassen?« Warum?! Ich weiß keine Antwort darauf. Aber der liebe Gott wohl auch nicht und ebenso wenig die – österreichische Regierung. V. Aus der Bukowina. Von Wien nach Czernowitz. (1875.) Bitte, mein Herr, ist die asiatische Grenze schon passiert?« Sie sprach es mit einem eigenthümlichen Lächeln und jenem sonderbaren heisern Timbre, welches dem Kenner beweist, daß sein Gegenüber nicht leicht etwas übelnimmt. Wer sie war, hatte ich auf den ersten Blick weg: eine Dame, die im Osten ihr Glück versuchen wollte, nachdem sie im Westen sehr viel Glück gegeben und empfangen. Uebrigens nicht ohne Witz und Bildung, wahrscheinlich ein gefallener Bildungsengel, eine ausgeglittene Gouvernante. »Wo denken Sie hin – erst am Ural ...« »Ja – wie diese Geographen sagen. Aber blicken Sie doch hinaus ...« Das that ich. Es war hinter Lemberg. Der Zug wand sich durch ödes, ödes Haideland. Zuweilen war ein abscheuliches Hüttchen zu sehen; das modrige Strohdach stand dicht über der Erde auf: eine rechte Troglodyten-Höhle. Zuweilen ein Ochs vor einem Karren oder ein Haufe halbnackter Kinder. Und wieder die unendliche Oede der Haide, und der graue Himmel hing trostlos darüber. »Wir sind bereits in Asien«, wiederholte sie mit größter Bestimmtheit. »Ich könnte drei körperliche Eide darauf schwören ...« Und sie begann sich im Waggon einzurichten, als ob wir in Asien wären. ... Das war vor vier Jahren. Unmittelbare Folgen hatte es nicht, daß wir damals bereits in Asien waren. Ich benahm mich auch ferner gegen sie, als wären wir in Europa. Aber indirecte Folgen hatte es: diese Zeilen. So oft ich wieder nach Osten fuhr, fiel mir die galante Asiatin ein, und nun treibt es mich, auch einmal mit der Feder in der Hand zu untersuchen, inwiefern sie Recht gehabt. Daß »diese Geographen« Unrecht haben, steht fest. Das weiß Jeder, der jemals die Steppe zwischen Don und Wolga durchmessen. Geographisch und ethnographisch gehört dieser unendliche Tummelplatz von Nomaden zu Asien. Von dem westlichen Anland Sibiriens gilt dasselbe. Also westwärts zurück mit den Grenzpfählen des kleinsten Welttheils! Aber wie weit?! Darüber sind verschiedene Menschen sehr verschiedener Ansicht. Alexander Herzen meint, bei Eydtkuhnen stehe der Grenzpfahl Europas ... »es ist Zeit, der geschickten Lüge des Czars Peter ein Ende zu machen.« Dem Fürsten Metternich erschien der Linienwall von St. Marx als Schranke – das dürfte etwas zu eng sein; es war überhaupt eine Eigenthümlichkeit des Mannes, zu enge Schranken aufzurichten ... In einem südslavischen Feuilleton habe ich einmal gelesen, Wien sei ein asiatisches Babel; freilich können wir nicht Alle so gebildete Europäer sein, wie die Morlaken ... Die polnischen Geographen lassen im äußersten Falle den Don als Grenze gelten, und in der Klosterschule zu Barnow in Podolien habe einmal ich oder vielmehr eine ansehnliche Partie von mir einige Unannehmlichkeiten erduldet, weil ich der Ansicht war, daß Moskau in Europa liegt. »In Asien!« rief der Pater Marcellinus und applicirte mir einigen polnischen Patriotismus an jene Körperstelle, welche er wahrscheinlich für dies Gefühl besonders empfänglich hielt. ... Wenn »diese Geographen« und die galante Asiatin, Pater Marcellinus und Fürst Metternich, ja sogar ein südslavischer Feuilletonist ihre eigenen Hypothesen haben dürfen, so ist wohl auch noch Raum für den Flügelschlag meiner geographischen Ueberzeugung. Nach meiner Ansicht laufen die Grenzen beider Welltheile sehr verwickelt ineinander. Wer zum Beispiel den Eilzug von Wien nach Jassy benützt, kommt zweimal durch halbasiatisches, zweimal durch europäisches Gebiet. Von Wien bis Dzieditz Europa, von Dzieditz bis Suiatyn Halbasien, von Suiatyn bis Suczawa Europa, von Suczawa bis zum Pontus oder zum Ural Halbasien, tiefes Halbasien, wo Alles Morast ist, nicht blos die Heerstraßen im Herbste. In diesem Morast gedeiht keine Kunst mehr und keine Wissenschaft, vor Allem aber kein weißes Tischtuch mehr und kein gewaschenes Gesicht. Wie gesagt, zweimal trifft man da auf Europa, zweimal auf Halbasien. Und dabei braucht man nirgendwo Halt zu machen. Der Blick aus dem Coupéfenster genügt, höchstens auch noch das Betreten der Bahnhof-Restaurationen und der Genuß der landesüblichen Speisen und Getränke. Ein Genuß übrigens, der meist wahrhaftig kein Genuß ist. Ich habe diese »Culturstudie im Fluge« unzähligemale in Wirklichkeit gemacht. Warum nicht auch einmal auf dem Papier? Nordbahnhof zu Wien. Halb 10 Uhr Vormittags. So lehrt die Uhr in der Halle. Freilich ist es derzeit nirgendwo so viel an der Zeit, weder in Wien, noch sonst wo. Es ist die »mittlere Ortszeit«. Eine recht sinnige Anordnung des Dr. Vanhans, da er noch Handelsminister war. Sie bewährt sich vorzüglich, insbesondere werden sehr viele Menschen von voreiligen Reisen abgehalten, indem sie den Zug versäumen. Gegenwärtig geht die Uhr am Nordbahnhof zu Wien, wie so ziemlich Alles in Österreich, nach – »Prager Zeit« Anm. zur 3. Aufl. Also: Halb 10 Uhr. Einsam leuchtet der marmorne Rothschild in das stille Treppenhaus hinab. Einsam wimmelt vor dem Eingang ein Lastträger hin und her. Die beiden Damen in der Nachbarschaft Rothschild's, die junge, welche Zeitungen verkauft, und die alte, welche Schlüssel vermiethet, unterhalten sich. Man hört es bis an den geschlossenen Schalter, bis in die verödete Gepäckhalle hinein. ... Ein Wagen kommt herangerollt, der elegante Miethwagen eines großen Hotels. Was darin liegt, ist minder elegant, wenigstens die Emballage ist es nicht. Zuerst sieht und riecht man nur sehr viel Schafpelzwerk. Dann wird eine unförmliche Gestalt sichtbar, ein blasses weitläufiges Gesicht, geschlitzte Aeuglein, welche mißtrauisch die fünfundzwanzig Packträger anblinzeln, die urplötzlich wie aus dem Boden herausgewachsen sind. »Podwoloczysk», sagt die Gestalt, dies einzige Wort aus dem gesammten Sprachschatz der Menschheit scheint ihr geläufig. Darum wiederholt sie es aber auch recht häufig. Ein Großgrundbesitzer ans Südrußland, der wie ein dickes Mammuth nach Marienbad gegangen und wie ein etwas dünneres Mammuth zurückkehrt. Ein Fiaker. Sehr viele Koffer und Schachteln darin. Ueberdies zwei Damen. Blaue Kleider, grüne Mäntel, rothe Hüte, gelbe Handschuhe. Oder gelbe Kleider, rothe Mäntel, grüne Hüte und blaue Handschuhe. Ein Regenbogen ist gegen diese Anzüge ein monotones Ding. Die eine Dame ist überaus dick, gelbes Gesicht, schwarze Augen. Die andere überaus dünn, gleichfalls gelb und schwarz. »Itzkany« sagen sie und steigen die Treppe empor. Was dabei an Unterröcken sichtbar wird, mag vielleicht zuletzt im Jahre des Heiles 1873 gewaschen worden sein. Sie setzen sich in die Restauration, trinken Kaffee und rauchen Cigaretten. Dabei werfen sie sehr begehrliche Blicke. Es ist zwar Niemand im Saale, als ein Bierjunge, die Buffetdame und das Mammuth aus Südrußland. Aber sie thun es auch nur der lieben Gewohnheit wegen oder um nicht aus der Uebung zu kommen. Im Uebrigen zwei rumänische Bojarinnen, die aus Franzensbad heimkehren. Ein Einspänner kommt mühsam herangekeucht. Drinnen sehr viel Gepäck und vier Personen, ein Herr und eine Dame, ein Knabe und ein Mädchen. Alle Vier lang, blond und mager. Der Herr feilscht auf Tod und Leben mit dem Kutscher. Aber es handelt sich auch um eine Differenz von zwanzig Kreuzern. Zehn Kreuzer zahlt er endlich, aber er schimpft dabei gewaltig auf das verlotterte Oesterreich. Dann gibt er dem Lastträger fünf Kreuzer für den Transport ebenso vieler Koffer. Das leuchtet dem Manne nicht ein. Der Herr feilscht mit ihm auf Tod und Leben. Endlich gibt er ihm fünf weitere Kreuzer, aber er schimpft dabei auf das verlotterte Oesterreich. Am Schalter will er Karten dritter Klasse lösen. Aber der Eilzug führt nur zwei Klassen. Der Herr löst Karten zweiter Klasse, aber er schimpft dabei auf das verlotterte Oesterreich. So schimpft er noch einige Male, bis er sich auf den Perron durchschimpft. Die Familie unterstützt ihn kräftig. Vielleicht sind die armen Leute nur deshalb so mager, weil sie sich so viel über Oesterreich ärgern. Im Uebrigen sind es Berliner und reisen nur zu ihrem Vergnügen. Die Omnibusse! ... Da sind Handlungsreisende, die nach Rußland gehen, nach Preußen, nach Rumänien. Dieser Zug ist stets sehr stark mit solchen Herren gesegnet. Da gibt es Mercure, die in Seide machen oder in Papier, oder in Tuch, oder in wollenen Strümpfen und Glanzleder. Ganz besonders häufig aber solche, die in Wein machen. Die Herren sind sehr verschieden, arm oder wohlhabend, – kurz oder lang, dünn oder dick, aber in Einem gleichen sie einander: sie Alle sind sehr geistreich und sehr jovial, und es gibt keinen, der nicht mindestens 23757 Anekdoten wüßte. Aber mindestens so viel! Mit dem Omnibus kommen auch polnische Juden, bessarabische Ochsenhändler, russische Getreidemakler, schlesische Kaufleute. Vielleicht kommt auch hie und da ein Mädchen mit diesem bescheidenen Gefährt zum Krakauer Eilzug – ein blondes, blasses, schüchternes Mädchen in ärmlicher, dunkler Kleidung. »Itzkany« sagt sie, indem sie ihr kleines Kofferchen aufgibt. – Armes Kind, welches die Noth zwingt, sein kümmerliches Brot als Erzieherin in wildfremdem Lande zu suchen, wie wird es dir ergehen?! Armes Kind! Mehr als eine Stunde ist vergangen, und der Portier stimmt in höchst eigenthümlichem Rhythmus und mit überaus gewaltiger Stimme sein Lied an: »Oderberg-Krakau-Podwoloczysk-Itzkany». Und noch einmal und zum drittenmale. Die Passagiere werden in die Waggons gepackt. Nirgendwo ist man mit Waggons sparsamer, als bei diesem Eilzug. Vielleicht geschieht es nur, um die Geselligkeit unter den Reisenden zu fördern. Wir sind ja in Europa! Und wir bleiben's, auch wenn sich der Zug in Bewegung setzt. Fabriken, stattliche Wohnhäuser fliegen an uns vorbei. Das Riesenwerk des neuen Donaubettes. Dann gesegnete Felder, so üppig, wie sie selten der Blick erschauen kann, jede Scholle unendlich fleißig ausgenützt. Das ist das Marchfeld. Stattliche Dörfer, blühende Gärten. Und in Gänserndorf Frankfurter Würste und Schwechater »Lager«. Ja, wir sind in Europa! ... Sanft hügelt sich das Gelände; wir brausen nach Mähren ein. Das ist aber nur eine neue Provinz, kein neuer Welttheil. Ueberall die lichten Spuren der Kultur. Da rauscht der wohlgepflegte Wald, da gedeiht auf den Fluren die reiche Saat. Der Berliner sieht sich's an und sagt zu seiner bessern Hälfte: »Ja, das Land ist gesegnet! Wenn nur die verlotterten Oesterreicher etwas arbeiten wollten. Es wächst hier nämlich Alles von selber!« – »Von selber!« sagt sie, »o diese Oesterreicher!« ... Aber das sind ja Vergnügungs-Reisende und daher müssen sie sich ärgern. Die Fabriken mehren sich, Schlot an Schlot, in den Lüften schwimmt dichter Kohlendunst, was wohl für die Nase kein lieblicher Duft ist, desto mehr jedoch für den Verstand. Wie Schlösser sehen die Fabriken und wie Städte die Dörfer aus. Jede zehnte Minute saust irgend ein Zug vorbei: Passagiere, Kohlen, Ochsen, Kohlen, Waaren, Kohlen – die Kohle ist der häufigste und beliebteste Passagier der Nordbahn, und diesem rußigen Gesellen wird darum auch auf dieser Bahn große Achtung erwiesen. Auf das Mammuth aus Südrußland ist hingegen weit weniger Rücksicht genommen worden. Es ist mit fünf anderen Herren in ein Coupé eingepackt. Das Mammuth ärgert sich, aber vielleicht hätten seine fünf Mitdulder weit mehr Grund dazu. Denn ihnen hat Gott den Leib nicht so wunderbarlich gestaltet, auch haben sie sich in ein anderes Gewand gehüllt, als in frischduftendes Schafpelzwerk. Darum ziehen auch vier von ihnen schiefe Gesichter. Aber der fünfte lächelt, seine Nase leidet fürchterlich, aber das geschniegelte Männchen schmunzelt. Denn das unförmliche Stück Menschheit ihm gegenüber sieht stark danach aus, als könnte man ihm straflos mindestens hundert Anekdoten versetzen. ... Das Mammuth ahnt nichts von der Gefahr. Harmlos blickt es auf das blühende Dorf, an dem der Zug vorübersaust, und dann auf sein Gegenüber. »Sehr – schöner – Stadt«, bemerkt es in sehr schlechtem Deutsch. »Eine Stadt?!« Das geschniegelte Männchen lächelt überlegen. »Sie irren – ein Dorf. Aber Irren ist menschlich. Wissen Sie, welcher Irrthum einmal mir passirt ist? Da komme ich in ein ungarisches Schloß. Die wunderschöne Gräfin –« »Dorf?« Das Mammuth wundert sich. »So – großer – Dorf! Hier Deutsche?« »Czechen!« tönt es stolz aus einer Ecke und hinter einer Nase hervor, die stark gegen Himmel gerichtet ist. »Aber – Sklaven – Czechen?!« stammelt das Mammuth. Es erinnert sich, sehr oft gehört zu haben, wie arm und unglücklich die Czechen in Oesterreich sind. Und nun wohnen diese Heloten in Häusern, wie sie in Südrußland kanm ein Adeliger hat. Es sind Fenster darin, wirkliche leibhaftige, gläserne Fenster! ... Auch die beiden schwarzgelben Damen in den geschmackvollen Toiletten wundern sich. Wo der Zug hält, da gehen Weiber und Kinder die Wagen auf und ab und halten Wasser, Früchte, Würste feil u. s. w. Im Osten kommt Niemand auf solche Gedanken. Und dann: diese Weiber und Kinder sind vollständig bekleidet und tragen sogar Schuhe. Schuhe! Bauernkinder, welche Schuhe tragen! In der »süßen Heimat«, in Rumänien, kommt solcher Unfug nicht vor. Dort tragen sogar die Kammerzofen keine Schuhe, und manchmal sogar die – Bojarinnen selbst ... Prerau! Fünfzehn Minuten Aufenthalt! Dich grüß' ich in Ehrfurcht, ragende Halle, dir beuge ich mein Haupt, dicker Zahlkellner von Prerau, der du der letzte Pfeiler europäischer Speisecultur bist für Jeden, welcher den Krakauer Eilzug benützt. Hier sind noch die Tischtücher weiß, die Gläser rein, die Speisen genießbar. Und darum wird hier durch eine Viertelstunde gewüthet – »nicht eine Schlacht, ein Schlachten ist's zu nennen«. Der dicke Südrusse leert fünf, die magere Rumänin sechs Schüsseln. Nur eine Reisende hat nicht den Waggon verlassen. Da sitzt die blonde, schmächtige Gouvernante und ißt betrübt ein Stücklein Wurst und ein groß Stück Brot. Wurstessen ist keine poetische Thätigkeit, und doch! – wenn ich das arme, todtbange Kind so recht hinzumalen verstünde, dem härtesten Menschen müßte das Auge sich feuchten. ... Weiter geht's durch's blühende »Kuhländchen« – nach Oderberg. Hier ist der Aufenthalt zu kurz, sonst wäre hier vielleicht in einem andern dicken Zahlkellner ein anderer Eckpfeiler deutscher Kultur zu entdecken. Aber diesmal sicherlich der allerletzte. Hier verlassen die Berliner Vergnügungsreisenden das verlotterte Österreich. Alles Uebrige läßt sich durch die gesegnete schlesische Ebene gemächlich vorwärtsschleppen. Schon vor Dzieditz verschwinden auf den Stationen die Verkäufer. Daß ein Reisender Hunger und Durst haben könnte – auf diesen sonderbaren, unerhörten Gedanken kommen hier die Leute nicht mehr. Dzieditz – ein kleines Nest, aber als Grenze Europas bemerkenswerth. Hier führt ein Schienenstrang nach Bielitz und Biala. In dieser letzteren Stadt, welche durch eine boshafte Laune des Zufalls zu Galizien gehört, wohnen liebe, muthige, deutsche Menschen, welche um die Wahrung ihres Volksthums einen Kampf ausfechten müssen, wie man ihn fünf Jahre nach Sedan und vier Jahre nach Besiegung Hohenwart's kaum für möglich halten sollte. Sie stehen einsam in diesem Kampfe und machen nicht viel Aufhebens von ihrem Heldenthum. Das gilt noch heute. Wohl aber mußte ein nächster Absatz, welcher die Bedeutung der Thätigkeit Rudolf Seeliger's, des Bürgermeisteis von Biala, für das Deutschthum in Westgalizien betonte, entfallen. Seeliger ist 1884, von seinen Freunden verehrt und selbst von seinen Feinden geachtet, als hochbetagter Mann gestorben. Gäbe es einen Kranz für deutsche Bürgertugend, dieser Mann hätte ihn verdient, wie Wenige innerhalb der schwarzgelben Pfähle. Anm. zur 3. Aufl. Aber sollen wir fortfahren, thatlos zuzusehen, wie hier ein vorgeschobener Posten des Deutschthums langsam von polnischem Uebermuthe zu Grunde gerichtet wird?! ... In Dzieditz fängt »Halb-Asien« an. Nur zögernd habe ich mich zur Schaffung dieses eigenthümlichen geographischen Terminus entschlossen. Er ist aber nothwendig. Manches erinnert in Galizien allerdings an Europa: zum Beispiel das wahrhaft kunstvoll ausgebildete System der Wechselreiterei, das nicht minder kunstvolle Steuersystem und was solcher Kultursegnungen mehr sind. Aber ein Land, in welchem man auf schmutzigen Tischtüchern ißt, von anderen Dingen ganz abgesehen, kann man unmöglich zu unserem Welttheile rechnen ... Krakau! Die Italiener geben jeder Stadt einen klingenden Beinamen, Genova la superba, Firenze la bella und so weiter. Wäre diese Sitte auch in Halb-Asien gebräuchlich, dann könnte das heilige Krakau nicht anders heißen als »Cracovia la stincatoria« ... Pardon, verehrte Leserin, aber der Name würde passen. Ich habe nie in dieser Stadt geweilt, ohne mir einen ausgiebigen Schnupfen zu wünschen, um dieses Duftes nicht gewahr zu werden. Uebrigens war dies ein bescheidener Wunsch, welcher erfüllt wurde; der Duft war so stark, daß ich den Schnupfen bekam. Daß die Menschen, welche in dieser Stadt zu leben verdammt sind, nicht alljährlich von einer Epidemie decimirt werden, ist wahrhaftig ein besonderes Wunder Gottes. Warum es in Krakau so fürchterlich duftet, darüber sind die Bewohner verschiedener Ansicht, und zwar je nach ihrer Confession. Die Juden behaupten, das sei Schuld der Klöster, insbesondere der Bettelmönche. Die Christen behaupten, das jüdische Proletariat mit Kaftan und Schmachtlöcklein sei daran schuld. Der Streit könnte wahrlich ruhen, denn sie haben Beide Recht ... An heißen Sommertagen duftet es aus der Stadt bis in den Bahnhof hinein, in den übrigen Jahreszeiten bestreitet der Bahnhof seinen Odeur aus Eigenem. Jene würdige Dame, welche im Wiener Nordbahnhofe in der Nähe Rothschild's ihren Sitz hat, hat in Krakau keine Collegin ... In der Restauration sieht es wesentlich anders aus, als in Europa. Wohl tragen die Kellner noch Fräcke, sogar recht ehrwürdige und durch ihr Alter Respect einflößende Fräcke; aber wahrlich, es wäre besser, sie trügen keine. Denn ein Frack läßt sehr viel von der sonstigen Bekleidung und besonders von der Wäsche sehen ... Es ist vielleicht ein frommer Wunsch, aber er ringt sich mir ungestüm aus der Brust empor: »O, möchten die Krakauer Kellner doch lieber in dichtgeschlossenen Oberröcken serviren!« Für reisende Geographen werden die Tischtücher von Interesse sein; sie finden darauf alle erdenklichen Grenzen in verschiedenen Saucen ausgeführt. Wen etwa der Abgang des Zuges an eingehenden Studien hindert, der mag sich trösten: er wird nach drei Monaten, wenn er wieder hier sitzt, dasselbe Tischtuch mit denselben Saucen wiederfinden! Die Verkehrssprache ist die polnisch-deutsche. Zum Beispiel: »Befehlen Sie poledwica?« – »Prosze Bier oder Wein?« – »Rynski und zwanzig Kreuzer!« Auch das Publicum, welches hier neu hinzukommt, den Eilzug bis Lemberg zu benützen, spricht zum großen Theil diesen Mischmasch. Seit die Polen die deutschen Bildungsanstalten vergewaltigt, sprechen sie statt eines guten Deutsch ein erbärmliches Deutsch. Das ist der einzige Unterschied zwischen Einst und Jetzt. Denn Deutsch sprechen sie auch jetzt noch, sie fühlen instinctiv, daß es ein Wahnsinn, ein geistiger Selbstmord wäre, sich dieser Kultursprache zu verschließen. Heute hört man in Galizien von Jahr zu Jahr weniger deutsch sprechen und das Wenige um so schlechter! Ach ja! die nationale Kultur macht ganz überaus herrliche Fortschritte. Anm. zur 3. Aufl. Wer in der Krakauer Bahnhof-Restauration dicht an der Thür sitzt, hört draußen ein verworrenes Lärmen, Toben und Jammern, wie es etwa Dante vernahm, als er sich der Hölle näherte. »Ausgang« steht über dieser Thüre geschrieben, aber passender wäre jenes: »Lasciate ogni speranza ...« Weh' dir, der du, ein harmloser Reisender, in die Vorhalle dieses Bahnhofs trittst! Urplötzlich umgibt dich ein Knäuel streitender, schmeichelnder, brüllender, flüsternder, stoßender, zerrender Gestalten, Juden in Kaftan und Schmachtlöcklein, so fürchterlich schmutzig, daß du kaum begreifst, warum sie nicht an einander kleben bleiben, sobald sie zusammenstoßen. »Sie Alle sind erschienen, dich herrlich zu bedienen,« wie's im Studentenlied heißt. Es sind »Factoren«, zu Deutsch Vermittler. Der Eine erzählt Dir von einem wundervollen Hotel, der Zweite von einem eleganten Wagen, der Dritte von Krakau's Königsgräbern, der Vierte von Wieliczka, der Fünfte will dir Thaler wechseln, der Sechste Geld auf deine Uhr leihen. Und wenn du dies Alles nicht brauchst, dann beginnen sie flüsternd das Sirenenlied von einer jungen Krakauer Dame, welche vor Sehnsucht brennt, dich in ihren Salons zu empfangen. Halb-Asien! In Europa hätte doch wohl die Polizei der schamlosen Kuppelei im Bahnhofe zu steuern gewußt. Die Glocke läutet zum drittenmale. Der Zug geht nach Lemberg ab. Es ist 9 Uhr Abends, im Morgengrauen sind wir in der galizischen Hauptstadt. Wahrlich, es ist überaus menschenfreundlich von der Karl-Ludwigsbahn, daß sie den Eilzug Nachts gehen läßt. Denn einen trostloseren Anblick hat man kaum aus dem Coupé irgend einer Bahn des Kontinents. Oede Haide, spärliches Gefild, zerlumpte Juden, schmutzige Bauern. Oder irgend ein verwahrlostes Nest und auf dem Bahnhofe ein paar gähnende Local-Honoratioren, einige Juden und einige andere Geschöpfe, denen man kaum noch den Titel Mensch zuwenden kann. Wer auf dieser Bahn, welche übrigens derzeit sehr gut administrirt wird, bei Tage reist, wird vor Langeweile sterben, wenn er nicht vor Hunger stirbt. Wohl gibt es einige Restaurationen auf dieser Strecke ... aber der Mensch begehre sie nimmer und nimmer zu schauen ... Ich selbst habe in Przemysl einmal das allersonderbarste Kalbsschnitzel meines Lebens gegessen. Es war ein gefülltes Kalbsschnitzel, und zwar fand ich da: einen Nagel, stark verrostet, eine Stahlfeder und ein Büschel Haare. Als ich dem Restaurateur die Corpora delicti unter die Nase hielt, meinte er höchst gleichmüthig: »Ich weiß nicht, warum Sie sich so ereifern. Habe ich Ihnen gesagt, daß Sie sollen essen das alte Eisen? Sie sollen essen das Fleisch!« Als Curiosum sei zu diesen Zeilen bemerkt, daß mir dieselben um ein Haar die Freude eines angesichts des Wortlauts der incrimirten Stelle jedenfalls sehr heiteren Preßprozesses bereitet hätten. Im Jahr 1876 reichte nämlich der damalige Restaurateur am Bahnhofe zu Przemysl eine Preßklage beim Wiener Landesgerichte gegen mich ein, weil ich ihn an seiner Geschäftsehre gekränkt. Er verlangte nicht blos meine exemplarische Bestrafung, sondern auch die Confiscation des Aufsatzes. Leider lehnte das Wiener Landesgericht die Klage wegen Mangels eines Thatbestandcs von vornherein ab! Anm. zur 3. Aufl. Aber wir machen ja die Reise Nachts. Wir verschlafen alle Schrecken dieser Landschaft und dieser Kalbsschnitzel. Erst im Morgengrauen weckt uns der Ruf: »Lemberg!« Ein fahler, grauer Herbstmorgen lugt in die hohen, von Schmutz erblindeten Bahnhof-Fenster. Vielleicht ist dies das einzig passende Licht für diese trostlosen Räume. Ich habe selten irgendwo einen so verwahrlosten Raum gefunden, wie die Restauration zu Lemberg. Und diese verschlafenen Kellner, die in ganz unsäglichen Toiletten verdrießlich einherschlurfen! Und diese Tassen, aus denen man den Kaffee trinken muß! Man kämpft wahrhaftig mit sich selbst, bis endlich das Bedürfniß siegt, etwas Warmes in den Leib zu bekommen. Die Leute um uns scheinen freilich nichts von solchen Scrupeln zu empfinden. Es ist ein lebhafter Verkehr in dieser Station, und das Bild verdient wohl mindestens in flüchtigen Strichen fixirt zu werden. Freilich ist das Gewühl noch größer, wenn hier zu Mittag gespeist wird. Da drängen die Menschen durcheinander, wie bei einer Recrutirung oder einem Jahrmarkt oder vielleicht am richtigsten: wie bei einem Fastnachtsballe. Himmel, was für Menschen kann man da sehen, und wie speisen sie zu Mittag! In der Restauration drinnen, da sitzen an den wackligen Tischen, welche gleichfalls, wie in Krakau, mit Landkartentüchern bedeckt sind, die vornehmen Reisenden und werden von schmutzigen Schlingeln mit ölgetränkten Haaren bedient. Da sitzen Bojaren aus der Moldau mit schwarzen verschmitzten Gesichtern, schweren Goldringen und Uhrbehängen und mit ungewaschenen Händen. Da sitzen feine, glatte, elegant gekleidete Herren, welche drei Brode nehmen und eines ansagen und dann vielleicht einen Gulden Trinkgeld geben. Da sind herrliche, dunkeläugige Frauen in schweren Seidenkleidern und schmutzigen Unterröcken. Dazwischen civilisirte Reisende aus Deutschland und England, emancipirte polnische Juden, welche gern jüdische Polen sein möchten und in der Speisekarte vor Allem nach dem Schweinebraten suchen; langbärtige, ruthenische Popen in fettglänzenden Kaftanen, elegante Husaren-Officiere, abgeblühte Cocotten, die nach Bukarest und Jassy gehen, um dort »ihr Glück zu machen«. Und sie Alle essen à la carte aus der französischen Hexenküche des jüdischen Restaurants und zahlen ein Heidengeld dafür. Draußen ist das Gewimmel noch größer. Jüdische Obstweiber preisen schreiend die saftigen Früchte der Ebene, kleine Judenmädchen betreiben einen schwunghaften Handel mit Wasser und kleine Judenknaben desgleichen mit Süßigkeiten. Sie sind sehr regsam. Aber glotzend und theilnahmlos stehen die russischen Bauern und Kleinbürger hinter ihren Verkaufsbuden, wo sie Früchte feilbieten oder Brot und Wurst. Dazwischen drängen lange, magere, zerlumpte Jungen, die aus großen grünen Flaschen in kleinen grünen Gläschen Schnaps feilbieten. Derartiges genießen die Reisenden der dritten Klasse: schmutzstarrende polnische Juden mit langen Bärten und Wangenlöckchen, unter denen euch oft in typischer Schärfe ein edler Christuskopf in die Augen sticht oder ein grinsender Judaskopf; streitende, schreiende italienische Bahnarbeiter; stumpfe, gleichmüthig vor sich hinstarrende podolische Landleute. An den Thüren aber stehen die Elegants von Lemberg und näseln Bemerkungen über die Damen. Polnische Gepäckträger schleppen kleine Kofferchen unter Aechzen und Stöhnen ab und zu; jüdische Lohndiener preisen die prachtvollen Hotels des Ortes, und jüdische Lohnkutscher ihre überaus vortrefflichen Wagen. Dazwischen brüllt eine volhynische Ochsenheerde, die man eben nach Wien verladet. Kurz – ein Hexensabbath und ein Höllenconcert. ... Heute, im Morgengrauen ist es weit stiller. Das Ungeziefer, welches den Reisenden in der Krakauer Vorhalle anfällt, die »Factoren«, fehlen gänzlich. Auch bei Tage sind sie in Lemberg minder sichtbar. Lemberg ist auch in dieser, wie in jeder andern Beziehung reinlicher als Krakau. In der galizischen Hauptstadt liegt wenig Unrath auf den Straßen. Desto dichter ist er leider in den Spalten mancher Blatter aufgehäuft, die in Lemberg erscheinen. ... Der Eilzug nach Czernowitz geht ab. Die Fahrt ist trostlos langweilig, und was zwischen Krakau und Lemberg die Nacht milde verhüllt, das zeigt hier in Ostgalizien der Tag erbarmungslos klar: die kahle Haide, die ärmlichen Hütten, den Mangel jeglicher Industrie und Kultur. Es ist gut, wenn man sich in Lemberg mit Lectüre versorgt. Freilich ist die Auswahl, welche man dort im Bahnhofe treffen kann, eine sehr beschränkte. Es werden zwei Sorten Literatur feilgeboten: Obscönitäten und Hetzschriften gegen die Juden. Man hält eben auf Lager, was Absatz findet! Aber wie charakteristisch ist der kleine Broschürenschatz für die Verhältnisse in Halb-Asien! Auch auf dieser Strecke kann man sich im Hunger üben. Ein österreichischer General und ich, wir waren bereits in gelinder Verzweiflung, als wir endlich in Stanislau einfuhren. Aber auch da bekamen wir nichts, als ein Glas Branntwein und ein Stück Brot. Noth lehrt Schnaps trinken. Das ist aber auch die letzte Prüfung. Die Haide bleibt hinter uns, den Vorbergen der Karpathen braust der Zug entgegen und über den schäumenden Pruth in das gesegnete Gelände der Bukowina. Der Boden ist besser angebaut und die Hütten sind freundlicher und reiner. Nach einer Stunde hält der Zug im Bahnhofe zu Czernowitz. Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe. Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Muthe: er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischzeug zu finden. Und will er wissen, wer dies Wunder vollbracht, so lausche er der Sprache der Bewohner: sie ist die deutsche. Und er sehe zu, zu welchem Feste sie rüsten; Zu einem Feste des deutschen Geistes. Geschrieben im September 1875, vor der Czernowitzer Jubiläumsfeier. Vgl. die Skizze »Ein Kulturfest«. Der deutsche Geist, dieser gütigste und mächtigste Zauberer unter der Sonne, er – und er allein! – hat dies blühende Stücklein Europa hingestellt, mitten in die halbasiatische Kulturwüste! Ihm sei Preis und Dank! Zwischen Dniester und Bistrizza. (1875.) »Zwischen Dniester und Bistrizza« ... wer weiß, wer das alte Jubellied ersonnen und zu welches Woden Ruhm? Sein Angedenken ist verklungen, sein Name steht nicht eingeschrieben in der Welt Geschichten, verrauscht ist längst der Jubel, aber noch singen sie, droben auf den felsigen Höhen, zwischen denen der wilde Czeremosz schäumt, und in der grünen Wüstenei des Lungul und drunten im lachenden Sereth-Thal: Zwischen Dniester und Bistrizza Freu'n sich alle braven Leute, Und in Waffen geh'n die Männer Und in Seide geh'n die Frauen, Geh'n in Seide und in Blumen, Und sie rufen: Heil uns, Heil! Preis und Dank dem großen Woden, Der uns aus der Noth gerettet ... War's Polennoth? War's Türkennoth? Und wer war der große Wode? ... Unverstanden, inhaltlos klingt das Lied durch den Karpathenwald, durch die Buchenhaine der Niederung. Aber heute Die Skizze ward zum 7. Mai 1875 geschrieben, zum hundertsten Jahrestag der Vereinigung der Bukowina mit Österreich. Sie darf heute leider nur mehr den Werth beanspruchen, die Culturverhältnisse der Bukowina, wie sie vor dreizehn Jahren bestanden, wahrheitsgetreu darzustellen. Daß sich das erste Decennium des zweiten Jahrhunderts, welches die Bukowina unter österreichischer Herrschaft verbringt, für das Land weniger segensreich gestaltet, und aus welchen Gründen, hierüber mag man die Einleitung dieses Buches nachlesen. Ich will mich hier auf diesen Hinweis beschränken und, um Wiederholungen zu vermeiden, jede berichtigende Bemerkung zu der folgenden Schilderung unterlassen. Traurig genug, daß man diese letzte Epoche nicht mehr »eine Zeit währenden, wachsenden Gedeihens« nennen kann. »Wir Oesterreicher«, sagte mir einmal einer unserer bedeutendsten und edelsten Patrioten, mit bitterem Lächeln, »haben ein Talent zum Zerstören, wie sonst Niemand auf der Erde; was wir heute nicht ruinirt haben, das ruiniren wir morgen!« Anm. zur 3. Aufl. ist wieder einmal ein Tag, da das alte Lied wieder zu schöner Wahrheit wird, da neuer Geist und Sinn in die alten Reime kommt! Denn heute ist ein Tag des Gedächtnisses, an dem in der That Alle, Alle, die drüben im schönen entlegenen »Hochland im Ost« in Licht und Frieden wohnen dürfen, aus ganzem Herzen rufen: »Heil uns, Heil!« Alle , nicht etwa blos ergebenste Loyalitätsmenschen, sondern jeder Vernünftige, der seine Augen zum Sehen gebraucht, der Umschau hält in der eigenen Heimat und dann über die Grenze hin, nach Ost und Süd: in's verödete Bessarabien, in's unglückliche Rumänien! ... Ja, Preis und Dank dem »großen Woden«, der seine Hand über dieses Land gestreckt und es aus der Noth der Barbarei gerettet, dem Herrscher, der in der That ein großer, edler Mensch gewesen, dessen eiserne Hand »den Völkern eine Rose bot« – Preis und Dank dem »Woden« Josephus! Seines Namens war er der Zweite, seines Herzens und Geistes für alle Zeit der Erste! Lebendig gilt er der Sage, und sein Gedächtniß wird nie ersterben; aber inniger denkt Niemand seiner, als die »braven Leute zwischen Dniester und Bistrizza«! Und nun gar heute ! Denn heute sind es hundert Jahre, da des Herrschers Mühen und Ringen um diese Landschaft endlich Abschluß und Erfolg gefunden: am 7. Mai 1775 ist die Bukowina an Oesterreich gekommen. In Allem ist das uralte Lied wieder neu und giltig geworden, nur in Einem nicht: heute gehen drüben am Pruth und der Suczawa die Männer nicht im Waffenschmucke, die Frauen nicht in »Seide und Blumen« – es ist eine stille Feier, und laut und prächtig soll sie sich erst in jenen Tagen entfalten, da das Reich der Provinz nachträglich zu ihrem Festtage das Ehrengeschenk darbringt, das schönste und nützlichste, was man auszusinnen vermocht: die neue deutsche Hochschule im Osten, die »Universitas Czernoviciensis!« ... »Prächtig«, sagte ich, würde das Fest jener Herbsttage sein, und ich weiß doch gut, daß das ferne Hochland wohl schön ist, aber nicht eben reich und gar so abgeschieden von der großen Welt, daß die armen Leute beim besten Willen nicht solchen Prunk und Glanz aufbringen können, wie sie sicherlich gerne möchten! Aber das Wort nehme ich nicht zurück. Denn eine Feier, bei der sich jede Brust stolz hebt und jedes Auge freudig leuchtet, bei der kein Hochruf erzwungen ist und kein begeistertes Wort erlogen, eine solche Feier darf man wohl prächtig nennen, ohne Rücksicht auf die Zahl der Teppiche und Fahnen! Und solcher Geist wird durch jene Herbsttage wehen; dieses Land ist dankbar und treu und verdient seine Bezeichnung als »Tirol Ostösterreichs« nicht blos seiner landschaftlichen Schönheiten wegen ... Wohl gibt es Menschen im Lande, welche anders denken und der Säcularfeier die Todtenfeier für irgend einen dakischen dunklen Ehrenmann demonstrativ entgegenstellen; zwei ganze Dutzend dürften es sein – »nationale Politiker« nennen sie sich selbst; »Hochverräther« werden sie von den Anderen genannt. Aber beide Namen scheinen mir überaus unpassend. Ein nationaler Politiker ist ein achtungswerther Mann, der beharrlich und besonnen ein Edelstes und Höchstes erstrebt: Sicherung und Blüthe seines Volksthums – und selbst zu einem ganzen Hochverräter gehören ganze fünf Sinne! Aber wer heute, im Jahr des Heils 1875, ernstlich anstrebt, daß die deutsche Kultur in der Bukowina ausgerottet werde, daß das Land an Rumänien falle, der ist kein Hochverräther, welcher Strafe verdient, der ist von Gott gestraft genug und verdient im Gegentheil eine tägliche ausgiebige Douche und den kostenfreien Aufenthalt in der einsamen Zelle eines nützlichen sanitären Instituts, zu dem es das Buchenland freilich leider noch nicht gebracht hat ... Eine Landes-Irrenanstalt also haben sie drüben noch nicht, aber ein schönes Kulturleben haben sie und Rechtssicherheit und geordnete Sitte und bürgerliche Freiheit! Wie eine Oase liegt dies Ländchen mitten in der Wüste östlicher Uncultur. Wahrlich, wenn der Bukowinaer so dankbar und so treu ist, so hat er auch allen Grund dazu – mehr Grund, sag' ich offen, als der Bürger eines andern Kronlandes! Nicht etwa, daß hier die k. k. Verwaltung durchwegs von besserem Geist erfüllt gewesen, als anderwärts – auch hier blieb sie sich gleich in ihren geringen Vorzügen und großen Schwächen. Aber zwei Dinge gibt's, für welche der Bukowinaer dem österreichischen Staate allezeit verpflichtet bleiben muß: Erstens für – den 7. Mai 1775! Ja, schon die Thatsache, daß dies Land nicht bei der Moldau blieb, sondern an Oesterreich kam, wiegt schwer genug! Zweitens für die treffliche Art, in der Kaiser Joseph das Land colonisirt, für den genialen Blick, mit dem der große Monarch das Verhältniß der Nationalitäten festgestellt. Die Bukowina ist ein kleines Ländchen, und was Joseph dafür gethan, steht in keinem Geschichtsbuch zu lesen, aber wer sich in die vergilbten Acten aus jener Zeit vertieft, in die Berichte der k. k. Militär-Verwaltung und des Herrschers Entscheide hierüber, dem tritt es fast überwältigend entgegen, wie weit, wie scharf, wie weise diese Kaiseraugen geblickt ... Das kann man von den Augen der k. k. Verwalter, der Herren Kreishauptleute und Landes-Chefs freilich nicht immer sagen. Einiges haben sie gefördert, Manches wohl auch gehindert – die Hauptarbeit haben sie wahrhaftig nicht gethan! Es war dies auch zum Glück nicht nöthig, denn wenn es nöthig gewesen wäre, dann – siehe Ostgalizien, siehe Oberungarn ... Aber hier war ein richtiger Grundstein gelegt, und die Erbgesessenen und die Colonisten schafften selber fröhlich weiter, und es war Segen über ihrem Werke, weil sie dabei Frieden hielten und sich nicht um Glauben oder Sprache die Köpfe blutig schlugen. So war das Jahrhundert, welches heute voll wird, für die Bukowina eine Zeit emsigsten, gesegnetsten Fleißes, eine Zeit währenden, wachsenden Gedeihens. Und so mag der Bürger dieses Landes heute dankbar jenes Tages gedenken, da für die Bewohner ein menschenwürdiges Dasein begann, aber noch dankbarer der Arbeit seiner Ahnen und Väter, und stolz der eigenen Arbeit. Wohl wird sich auch die ferne, düstere Vergangenheit vor sein Auge stellen, und dann, wie sich jener 7. Mai 1775 gefügt, aber lieber wird er bei der schöneren Gegenwart verweilen. Und genau so will ich's halten in diesem Gedenkblatt zum Festtag des schönen, merkwürdigen Berglandes ... Düster und traurig ist die ferne Vergangenheit des Gaues zwischen Dniester und Bistrizza, der »obern Moldau« – der Name »Bukowina« wird auch just heute erst hundert Jahre alt. Düster und traurig! Unsäglich viel ward auf diesem Boden gedrängt und geschlagen; hier ging die große Völkerstraße von Ost gegen West. Hier wanderte – wer mißt, seit welchen Tagen? – das sarmatische Nomadenvolk der Skythen von Trift zu Trift, bis die Geten, vielleicht ein germanisches Kriegervolk, sie schützend und knechtend zugleich unter ihnen Wohnsitze nahmen – die »Königsskythen« Herodot's. In diesem Hügellande staute sich die wüste grimme Völkerwelle der Bastarner, immer wieder in römisches Gebiet hinabfluthend, dann eingedämmt, endlich spurlos verfluthend im Völkermeere des Weltreiches. Das hatten zuerst oberflächlich die Waffen der Legionen bewirkt, dann gründlich jene der Cultur. Wo dem Cäsarenstaate die Marken gestanden, ob dies oder jenes Stücklein noch dazu gehört, darüber wird noch heute mit großer Galle und Gelehrsamkeit gestritten; gewiß ist, daß mindestens die Landschaft südlich des Hierasos – Pruth heißt heute der rasche, blaue, wilde Bergfluß – dem Einfluß römischer Cultur nicht entrückt gewesen. Freilich war es nur dünner Firniß, den die Weltgebieter schlau, rasch und energisch den Unterjochten aufgedrückt, und er barst und fiel ab, als nun von Osten her, dröhnend, verderbend, reinigend wie ein Gewitter, die neuen Herren der Welt gezogen kamen – die Germanen, die Gothen. Auf der Stätte des heutigen Suczawa hielten ihre Könige Hof, Wenigstens ist dies eine Hypothese, welche viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Daß aber »Suczawa« ein gothischer Ortsname sei (Suozawe = süße Aue, Schönau) ist sicherlich nur ein Philologen-Traum. Ner Name ist zweifellos slavischen Ursprungs. Anm. z. 3. Aufl. das Christentum erblühte und mit ihm auf dem Boden eines starken unverderbten Volksthums allmählig eine neue Cultur. Aber sie endete jäh und gräßlich unter den Hufen der Hunnenrosse, und was nun vom vierten bis ins vierzehnte Jahrhundert folgt, ist eine Kette unsäglicher Gräuel: ein Volk drängte und mordete das andere, bis es selbst ertränkt ward von einer neuen Völkerwelle von Osten her. So sind Gepiden und Avaren, Bulgaren und Chazaren, Magyaren und Petschenegen, Kumanen und Uzen, Mongolen und Tataren gekommen und gegangen; wie eine einzige, ewig lange, grauenvolle Nacht liegt dies Jahrtausend dem Blicke des Spätgeborenen, von einem kümmerlichen Lichtblitz erhellt: dem heldenmüthigen, selbstlosen Kampfe des deutschen Ritterordens für Bildung und Christentum. Aber über die Trümmer seiner Burgen zu Niamtz und am Zezin, über die Leichen der Ritter flutheten die Horden der Mongolen. Als sie sich verlaufen, da war das Land eine Wüste, überaus spärlich bewohnt von Ueberbleibseln all der Völker, welche diesen Boden mit ihrem Blute gedüngt. Doch den Herrenlosen kamen bald, diesmal von Westen her, neue Gebieter: rumänische Hirten und Jäger stiegen aus der Marmaros in das Thal der Moldawa hinab und gründeten hier unter Dragosch, dem Häuptling, ein neues, von Felsen umfriedetes Gemeinwesen. Aber die Ebene lockte sie, aus den Hirten wurden Krieger, das Völker-Bruchgestein am Sereth und Pruth konnte ihnen nicht widerstehen, und so entstand, anfangs fast genau in den heutigen Grenzen der Bukowina, ein streitbarer Staat: die Moldau, der bald mächtig gegen Ost und Süd wuchs. Unter Stephan dem Alten erreichte der Rumänenstaat die größte Blüthe, welche ihm bisher gegönnt gewesen, und so mag sein Volk diesen Fürsten immerhin den Großen nennen: er schlug den Feind in Nord und Süd, in Ost und West – dem Polen und dem Türken, dem Ungar und dem Kosaken war der »Kara Bogdan« (der »schwarze Stephan«) gleich fürchterlich. Aber auch in Dingen des Friedens war er stark und weise, er vollendete muthig alles Gute, was die Ahnen schüchtern begonnen, er mehrte die Bevölkerung seines Landes durch Aufnahme von Armeniern, Pokutiern und Zigeunern, er gab Gesetze und handhabte sie gerecht. Seine Regierung ist der Glanzpunkt rumänischer Geschichte, und einsam ragt aus diesem Volksthum diese groß, kühn und stolz geartete Heldengestalt, furchtbar einsam! – so sehr es dieses Volk bedurft hätte, ein » Stefan cel mare « ist ihm nicht wieder geboren worden! ... Was der gewaltige Mann geschaffen, hat kurz gewährt; unter seinen nächsten Nachfolgern schon brach Alles zusammen: die Moldau ward zur türkischen Provinz, die Landschaft zwischen Dniester und Bistrizza zum Schlachtfeld, auf dem sich der Türke mit dem Polen maß oder der abgefallene tatarische Hospodar mit seinem osmanischen Zwingherrn. Oder es erhoben sich einige Bojaren, zogen vereint gegen Suczawa, die Fürstenstadt, schlachteten vereint den Hospodar ab sammt Weib und Kind, schlugen sich dann aber grimmig herum, wer nun Hospodar sein, zu deutsch: wer nun das Land aussaugen und zertreten dürfe. Denn ärger als die Kriegsnoth war jene des Friedens, das scheußliche, entnervende, durch und durch verderbte und verderbende Walten der eingeborenen, im Namen des Sultans gebietenden Machthaber. Jede Zeile in den Geschichten jener Tage kündet unsägliche Gräuel, es war ein beispielloses Morden, beispiellose Verderbniß. Alle Bande des Volksthums, alle Bande der Familie lösten sich, es war ein Wüthen Aller gegen Alle. Grauenvolle Nacht lag über dem Lande. Da brach jäh und unverhofft ein Lichtstrahl herein: die Besetzung durch die Oesterreicher. Das war am 1. October 1774. Zunächst schafften sie mit eiserner Hand Ordnung, steuerten dem Rauben und Morden, schützten die Sicherheit des Besitzes. Sieben Monate darauf folgte die formelle Erwerbung: vor hundert Jahren, durch den Vertrag zu Konstantinopel, abgeschlossen zwischen dem Großvezier Izzed Mechmet Pascha und dem Gesandten Freiherrn v. Thugut. Dieser listige Diplomat hat damals, wie überhaupt während seines Wirkens am Goldnen Horn, seinem Namen Ehre gemacht; später freilich und zu Wien hat er's verdient, daß ihn der Volksmund den Thunichtgut taufte. Diese Besetzung und diese Erwerbung – es ist eine etwas eigenthümliche Historie. In solcher Art, wie die Bukowina, ist kein anderes Land an Oesterreich gekommen. Und es gibt überhaupt in aller Geschichte nicht viele solche Fälle! Denn daß befreundete Souveräne einander im Frieden Pferde oder Edelsteine bescheeren, kommt vor; aber daß einer dem andern ohne jegliche äußere Veranlassung einhundertundachtzig Quadratmeilen schenkt, ist doch etwas curios. Die Bukowina ist ein Geschenk des Sultans an Joseph, selbst nach strengster juristischer Definition ein Geschenk, weil ganz freiwillig gegeben, aber – es ist doch eine eigenthümliche Historie, so recht eine Staatsaction im Geiste jenes Säculums.... Man weiß, damals rangen mit einander zwei Richtungen der Politik in Oesterreich, beide durch groß angelegte Herrschernaturen repräsentirt; rücksichtsvoll rangen sie, aber es war doch ein ewiges Ringen zwischen der großen Kaiserin und ihrem größeren Sohne. Maria Theresia hing an den alten Traditionen und dem alten Haß; Joseph erkannte, daß im Bündniß mit Preußen, in der Verständigung mit Rußland die Gewähr für das Erstarken Österreichs liege, und vor Allem für dessen Vergrößerung. Vor Allem hiefür: nach Mehrbesitz stand sein Sinn, aus Stolz wie aus Staatsraison. Heute denken wir anders; nicht in der Zahl, sondern in der Harmonie der Massen und ihrer Homogenität liegt uns der Quell der Macht, und gewaltig schreitet die Idee der Nationalitäten durch unser Jahrhundert. Dem großen Kaiser lag sie ferne – sehr begreiflich, nicht weil er ein Oesterreicher, sondern weil er ein Sohn seiner Zeit war; hatte sie doch auch der Preuße nicht, der große König. Aus Stolz wie aus Staatsraison, sagt' ich, strebte Joseph nach Mehrbesitz, und überdies lockte die leichte Gelegenheit. Da lag im Südosten der ohnmächtige Osmanenstaat, da lag im Osten das doppelt ohnmächtige Polen, nur noch durch die Eifersucht der drei Nordmächte im elenden Dasein geschützt. Heftig rangen Mutter und Sohn, bis Joseph die Theilnahme an Polens Theilung erstritt. So kam Halicz und Wlodimir an Österreich, das bergige Pokutien dazu und ein Stück Podoliens. Aber anders dachte der Kaiser bezüglich der Mittel, türkisches Gebiet zu erlangen. Nur bezüglich der Mittel! – er hat später mit dem Schwerte um Bosnien gekämpft und schon in den Siebziger-Jahren erstrebte er zuerst das Tiefland an der Aluta, später jene Landschaft, deren Erwerbung allerdings sehr wünschenswerth geworden, da sie sich wie ein Keil zwischen Siebenbürgen und das neugewonnene Dniesterland einschob, eben die Bukowina. Hatte er Galizien durch den Bund mit Rußland und Preußen erworben, so erlangte er die Bukowina durch den Bund mit der Türkei, auch diesmal wieder mühsam der Mutter Einwilligung erringend. Als Katharina II. 1768 den Krieg gegen die Osmanli begann und ihre Heere Sieg auf Sieg erfochten, da gönnte Maria Theresia im frommen Herzen den Ungläubigen ehrlich alle die Hiebe, indeß Joseph in schwerer Besorgniß den mächtigen Rivalen siegen sah. Darum suchte er Friedrich zu bestimmen, mit ihm vereint bei Katharina für die Vielgeschlagenen zu interveniren. Aber nach langwierigen Verhandlungen versagte Preußen endgiltig seine Hilfe. Indeß war die Gefahr immer drängender geworden, die russischen Hiebe immer wuchtiger. Denn wohl waren die Feldherren der Czarin erbärmliche Strategen, aber die ihrer Gegner noch viel erbärmlichere – den »Krieg des Einäugigen mit dem Blinden« hat es Friedrich II. spöttisch genannt. Es hat da Facta gegeben, die wie Märchen klingen; so ergab sich z. B. die stärkste Veste des Ostens, Chotin, mit 184 Geschützen armirt, an – acht Kosaken. Aber Joseph nahm mit Recht die lustigen Facta sehr ernst und schloß am 6. Juli 1771 mit der Türkei ein geheimes Schutz- und Trutzbündniß, welches ihr den Besitz der Moldau und Walachei garantirte. Die fromme Mutter entsetzte sich über den Bund mit den Ungläubigen, aber Joseph hatte recht gehandelt; der Tractat war ein Meisterstück, er verpflichtete die Türkei zur Dankbarkeit, ohne daß Oesterreich Opfer brachte. Denn am 21. Juli 1774 kam zu Kutschuk-Kainardschi der Friede zwischen Rußland und der Türkei zu Stande; die Türkei behielt die Donaufürstenthümer, die Russen räumten die Moldau. Aber kaum daß sie abzogen, rückten die Oesterreicher ein. Stillschweigend rückten sie ein, ohne Proklamation, vielleicht weil sie ohnehin nur Wenige im Lande hätten lesen können, vielleicht weil es – sonst seine Schwierigkeiten gehabt hätte ... Und nun arbeitete Thugut rastlos, dem Fait accompli gesetzliche Form zu geben. Was mehr auf den armen Izzed Mechmet gewirkt, ob die Vorstellung, daß die Dankbarkeit eine schöne Tugend, ob jene, daß die österreichischen Soldaten recht zahlreich – gleichviel! die Türkei trat die Bukowina freiwillig an Oesterreich ab, und aus dem Besitz ward Eigenthum. Ganz freiwillig, im ersten Artikel des Vertrages steht es klar und deutlich: » Pour donner une preuve non équivoque d'amitié, d'affection et de bon voisinage la Sublime Porte donne et abandonne et cède à la cour impériale les terres contenues d'une part entre le Dniester, le confin de Pocutie, de Hongrie et de Transylvanie.« Man sieht: ganz klar und deutlich steht es da. Und wann hätten je diplomatische Schriftstücke gelogen! ... Sehen wir uns nun die » preuve non équivoque « näher an. Einhundertundeinundachtzig Quadratmeilen waren's, und so mag das Höflichkeitswort des guten Izzed Mechmet immerhin als Wahrwort gelten. Aber das Land war eine Wüste, die spärliche Bewohnerschaft roh und verwildert, die Hauptstadt Suczawa eine Trümmerstätte, das uralte Sereth verödet, das junge Czernowitz ein Haufe Lehmhütten. Es fehlte an Gesetzen und Aemtern, an Straßen und Schulen, nur an Noth und Räubern war Ueberfluß. Besonders aber fehlte es an – Bewohnern ... An Allem fehlte es, und für Alles sorgte Joseph, und trefflich kam die Militär-Verwaltung seinen Aufträgen nach. Ganz genau kann man dabei verfolgen, was dem großen Monarchen vorschwebte; nicht blos aus der Barbarei überhaupt wollte er das Land reißen, sondern es auch als würdiges Glied für das Zukunftsreich gestalten, welches er plante. Kein deutscher Nationalstaat sollte Oesterreich werden, aber ein deutscher Culturstaat und alle Nationalitäten sollte ein versöhnendes Band umschlingen: eine gleichartige Bildung. Darum schaffte er zunächst deutsche Schulen und deutsche Colonisten in's Land. Daneben kamen aus allen Windrichtungen auch andere Leute daher, Leute jeder Sprache und jedes Glaubens. Allen ward die Wohlthat der Steuer- und Militärfreiheit bis in's neue Jahrhundert hinein; willkommen war Jeder, der arbeiten wollte und dem Gesetze gehorchen und seine Kinder in die Schule schicken. Czernowitz ward Hauptstadt und als solche Sitz der höchsten Bildungsanstalt des Landes, einer – vierclassigen Normalschule (1778 gegründet). Kurz – Alles, was das Land heben konnte, geschah rasch und weise. Sogar für einen geordneten – Adel ward gesorgt, denn das gab's vorher nicht im Lande; »Bojar« nannte sich jeder Reiche, jeder Ochsenhändler und Gutsbesitzer, wie dies ja auch heute noch in Rumänien üblich. Nun erhielten einige dieser Bojaren den österreichischen Adelsbrief und ein Wappen dazu. Auch später sind noch einige reiche Ochsenhändler vom Kaiser Franz geadelt worden. Daher wird es auch erklärlich, warum die Söhne und Enkel dieser guten Leute mit solcher Beharrlichkeit hochfeudale Politik treiben. Sie können nichts dafür: das Blut spricht in ihnen! Noblesse oblige .... Ueberaus viel dankt die Bukowina der Militär-Verwaltung, weniger, wie erwähnt, der Civil-Administration. Hauptsächlich war es Ein Umstand, welcher die volle Entfaltung des Ländchens verhinderte: seine Anschweißung an Galizien. Wohl war es damals noch das deutsch und vernünftig administrirte Galizien, in welchem noch polnischer Uebermuth nicht seine Allotria treiben durfte. Aber beide Länder sind doch so grundverschieden, daß bei einer gemeinsamen Verwaltung unbedingt das kleinere leiden mußte. Darum war es immer ein stiller Herzenswunsch der Bukowinaer, von Galizien loszukommen. Erst im Jahre 1848, wo ja alle stillen Wünsche laut wurden, kam auch dieser zum Ausdruck. Im »tollen Jahr« waren ja die Revolutionen in Mode, und so machten auch die »guten Leute zwischen Dniester und Bistrizza« ihre Extra-Revolution. Etwas eigentümlich war diese Erhebung und ganz unblutig, nämlich so: Einige setzten eine Petition auf und Alle unterschrieben sie, und das Schriftstück ging nach Wien. Und was forderten sie darin, etwa Preßfreiheit und Volksbewaffnung? Ach nein! Nichts forderten sie, sondern sie baten ergebenst: erstens, der Kaiser möge sie gefälligst künftig nicht auf dem Umwege über Lemberg regieren, sondern direct von Wien aus und durch einen Landes-Chef in Czernowitz; zweitens, er möge dem Lande einen Titel und ein Wappen geben, und drittens – hier erheben sie sich zu drohendem Drängen – er möge doch in seiner Huld geruhen, diesen Titel dem seinen beizufügen und das Landeswappen in das Reichswappen aufzunehmen. Das gaben sie recommandirt auf die Post, steckten das Recepisse in die Tasche, und die Czernowitzer Revolution von 1848 war zu Ende. Die Leute bekamen auch, um was sie gebeten: einen Landes-Chef nach Czernowitz und für die Bukowina den Titel »Herzogthum« und als Wappen jenes der Moldau: den goldenen Stierkopf im blaurothen Felde. Seitdem heißen auch Österreichs Monarchen »Herzoge der Bukowina«, und im Reichswappen findet sich auch der goldene Stierkopf. Alles haben sie bekommen. Ja, wenn man sich so gründlich auf's Revolutioniren und Rebellischsein versteht! ... Und dann kamen und gingen einige Landes-Chefs, und dann ging Einer, welchem keiner mehr folgen sollte; so plante es Herr Graf Agenor Goluchowski. Aber die ganz unsinnige und ungerechte Maßregelung, die Ankettung an Galizien, dauerte nur so lange, wie die Minister-Herrlichkeit des Herrn Grafen; er ging und im Februar 1861 kam wieder ein Landes-Chef. Mehrere sind seitdem wieder gekommen und gegangen, aber nur Einer verdient hier dankbar hervorgehoben zu werden, der aber voll und ganz: der Freiherr von Myrbach . Denn er waltete ebenso weise als gerecht und energisch, er war mehr als ein pflichteifriger Chef der Verwaltung, er war ein wahrer Vater für das Land und hat der Regierung mehr Sympathien erworben, als alle seine Vorgänger und Nachfolger zusammengenommen. Myrbach fiel, weil er als energischer Förderer der Reichseinheit den rumänischen Föderalisten ein Dorn im Auge war. Was jede andere Regierung durch wärmste Anerkennung belohnt hätte, vergalt die Wiener durch – den »blauen Bogen«, die vorzeitige Pensionirung. Wie dieser Grund zu Myrbach's Sturz für unser Staatswesen charakteristisch war, so auch die Veranlassung: ein baronisirter Ochsenhändler aus der Bukowina, der Führer der Rumänen, Petrino , war – Ackerbau-Minister geworden und verweilte auf einer Urlaubsreise einen Tag in Czernowitz. Er ließ dem Landeschef ausdrücklich mittheilen, daß er lediglich als Privatmann da sei, was Myrbach natürlich nur dahin verstehen konnte, daß der neue Herr Minister seinen Besuch nicht wünsche. Als er nun aber den Besuch unterließ, wurde er wegen Unhöflichkeit gegen seinen Vorgesetzten vom Amte gejagt. Kaum glaublich, aber buchstäblich wahr. Nach Myrbach kam Herr v. Pino als Landeschef nach Czernowitz; er war's, der das Kunststück zu Stande brachte, unter Hohenwart den bis dahin verfassungstreuen Landtag der Bukowina in einen föderalistischen umzugestalten und dann unter Auersperg den föderalistischen Landtag in einen verfassungstreuen. Wie wesentlich er sich schon dadurch um Rechtsgefühl und politische Sittlichkeit des Ländchens verdient machte, so war dies doch nicht der einzige Weg, den er zu diesem Ziele einschlug, und der Scandal wurde schließlich so groß, daß sich die Regierung veranlaßt sah, den vielgewandten Mann – nicht etwa zu entlassen, sondern vielmehr als Statthalter nach Triest zu setzen. Zum Landeschef der Bukowina aber wurde Herr v. Alcsani ernannt, ein Mann, der bezüglich seiner Wirksamkeit auf dem schwierigen Posten zu freudigen Hoffnungen berechtigte. Einer italienischen Familie Dalmatiens entstammend und gleich seinen anderen dalmatinischen Landsleuten entschieden verfassungstreu, ja centralistisch gesinnt, ein Mann von deutscher Bildung und deutschem Wesen zugethan, hatte er schon durch die Eindrücke seiner Jugend volles Verständnis für die Bedürfnisse einer polyglotten Provinz gewonnen und sich zuletzt in einer überaus schwierigen Stellung, als Leiter der Statthalterei-Expositur in Trient, voll bewährt: er war den Italianissimi energisch, aber taktvoll entgegengetreten und hatte, ohne durch überflüssige Härte zu verletzen, die Interessen des Reichs in dem bedrohten und von politischen Leidenschaften zerwühlten Grenzländchen trefflich zu wahren gewußt. Ich hatte während des Winters 1873-74, den ich zum größten Theil in Wälschtirol verbrachte, Gelegenheit gehabt, diese seine Thätigkeit kennen zu lernen, und gehörte daher zu Jenen, die seine Ernennung mit am freudigsten begrüßten. Auch darf ich ihm auf Grund eines Briefwechsels und zahlreicher mündlicher Unterredungen nachsagen, daß seine Absichten die besten waren und daß er namentlich für die Cultur-Bedeutung der neuen Universität Czernowitz nicht blos in der Theorie volles Verständnis hatte, sondern auch wohl begriff, daß kein Geldopfer gescheut werden dürfe, um mindestens einige Männer von wirklicher, wissenschaftlicher Bedeutung nach Czernowitz zu ziehen. Ob er seine Vorschläge nicht energisch genug vertrat oder wirklich, wie er mir oft klagte, auf unübersteigliche Hindernisse stieß, vermag ich nicht zu beurtheilen; Thatsache ist, daß die Universität, als sie ihre Wirksamkeit begann, ein ganz anderes Bild bot, als wir gehofft und erwartet. Ich habe diesen Punkt schon in der Einleitung berührt und werde in Folgendem darauf zurückkommen; hier sei nur berichtet, daß auch aus den anderen schönen Dingen, die Herr v. Alesani zum Heile der Bukowina plante, nichts geworden ist. Culturarbeit läßt sich eben leider nicht im Handumdrehen verrichten; es gehört nicht blos Energie und Fleiß dazu, sondern auch Genügsamkeit; Großes kann ein Landeschef nicht selbstständig schaffen, aber Kleines und Kleinstes, was doch auch zum Segen wird; das hätte Alesani von dem edlen Myrbach lernen können. Dann hätte er sich auch nicht in der kleinen Stadt gelangweilt und wäre, gleich Myrbach, der Versuchung widerstanden, sich zum Reichraths-Abgeordneten wählen zu lassen. Daß er Statthalter einer Provinz auf seinem Posten bleibe, statt durch sein Erscheinen im Parlament lediglich zu beweisen, daß es in seiner Provinz wenig unabhängige und viele respektvolle Leute gibt, ist sonst überall Brauch, ja ein Gebot der Schicklichkeit, nur in Oesterreich nicht. Man hat es Alesani sehr verargt, daß er, ein ehemaliger Anhänger des Centralismus, unter dem »Versöhnungs«-Ministerium im Amte blieb, aber dafür gibt es viele Beispiele, und von einem politischen Beamten dieselbe rückhaltlose Ueberzeugungstreue zu verlangen, wie von einem unabhängigen Manne, ist vielleicht eine zu ideale Forderung; aber daß er auf seinem Posten bleibe und seine Pflicht thue, darf man sicherlich von ihm verlangen. Seit 1879 habe ich Herrn v. Alesani nicht mehr gesprochen; unser Briefwechsel war schon weit früher eingerostet; ich weiß daher auch nicht aus eigener Kenntniß zu sagen, wie sich seine, im Interesse des Landes nicht genug zu beklagende Amtsführung im laufenden Jahrzehnt – er starb 1887 – erklärt. Baron Alesani – er war in den Freiherrnstand erhoben worden – that allmählig nichts mehr, in des Wortes verwegenster Bedeutung nichts ; er kümmerte sich um die Geschäfte überhaupt nicht mehr und ließ seine Beamten thun und lassen, was ihnen irgend beliebte. Welchen unermeßlichen Schaden dies dem Lande brachte, kann an dieser Stelle nicht im Detail nachgewiesen werden; Thatsache ist, daß da schließlich Zustände herrschten, wie man sie in einem Cultur- und Rechtsstaat für ganz unmöglich halten sollte. Wie Baron Alesani angeblich seine Zeit ausgefüllt haben soll, würde in eine Chronique scandaleuse von Czernowitz, nicht in ein ernsthaftes Buch gehören; wer ihn entschuldigen will, behauptet, daß er in den letzten Jahren geistesschwach oder geradezu gemüthskrank gewesen. So kann man nur mit tiefster Wehmuth jener Zeit gedenken, als er, dreizehn Jahre vorher, in's Land gekommen: ein junger, tüchtiger, von den besten Absichten erfüllter Mann. Es sei mir gestattet, hier ein Curiosum mitzutheilen, welches sich auf meinen persönlichen Verkehr mit Alesani bezieht. Viele meiner Bukowinaer Landsleute konnten es durchaus nicht fassen, daß ein junger Schriftsteller nicht die persönliche Freundlichkeit eines Landeschefs dazu ausnützen sollte, um auch ein Aemtchen für sich zu ergattern, und da die Redaction des Bukowinaer Amtsblättchens, der »Czernowitzer Zeitung«, der einzige literarische Posten war, den Alesani zu vergeben hatte, so hatte ich, dem seine Thätigkeit und sein Ehrgeiz wahrlich ein anderes Ziel anwiesen, als in Czernowitz das Amtsblatt zu redigiren, eines Tages die angenehme Aufgabe, das lächerliche Gerücht dementiren zu müssen. Gleichwohl bekam ich erst jüngst wieder, in einer sehr wohlgemeinten biographischen Skizze, welche ein junger Landsmann über mich veröffentlichte, zu lesen, es sei doch eigentlich sehr schade, daß meine Bewerbung um das Czernowitzer Amtsblatt vergeblich gewesen, und so dementire ich denn hiemit nochmals: Nein! ich habe nie daran gedacht und ebensowenig Herr von Alesani ... Doch zurück zu unserem Thema! Während Alesani die Bukowina verwaltete, stieg Herr von Pino immer höher; er wurde Baron, Geheimer Rath, schließlich sogar Handelsminister. Aber man weiß, wie diese Ministerschaft endete, denn der Sturz Pino's in Folge von Enthüllungen über die Reinlichkeit und Selbstlosigkeit seiner Amtsführung, war ja nicht blos ein österreichischer, sondern geradezu ein europäischer Skandal! Mit Schmach beladen zog sich Pino in das Dunkel des Privatlebens zurück; daß er je wieder daraus emportauchen und abermals irgend eine amtliche Stellung erlangen könnte, schien ganz undenkbar. Aber Oesterreich ist das Land der Unwahrscheinlichkeiten und Baron Pino, derselbe Pino, der sich und sein Vaterland in bis dahin unerhörter Weise bloßgestellt, wurde nach Alesani's Tod wieder, was er einst gewesen, Landeschef der Bukowina! Und er ist es noch heute! So werden in Oesterreich die Interessen einer Provinz wahrgenommen, welche nichts, als ein wenig Thatkraft und Wohlwollen der Verwaltung bedurft hätte, um eine Oase des geistigen und materiellen Wohlstands zu werden! Anm. zur 3. Aufl. Das wäre in nuce des Ländchens Geschichte. Und wer dies Hochland, ob auch nur eiligen Fußes durchstreift, dem tönt diese Geschichte auf Schritt und Tritt entgegen, die ferne wie die nahe, die dunkle wie die lichte, nicht aus todten Denkmalen – die Wucht ewigen Kriegssturms hat die alten hinweggefegt und neue sind nicht errichtet worden – sondern aus Sprache und Typus der Bewohner. Seltsam, in unerhörter Mannigfaltigkeit, für welche die Völkerkunde kaum ein ähnliches Beispiel bietet, setzt sich diese Bewohnerschaft mosaikartig aus dem Bruchgesteine all der Nationen zusammen, welche einst über diesen Boden gezogen. Hier sitzt, als der jüngste und fleißigste Bürger, als Handwerksmann, Kaufherr und Gelehrter in den Städten, als Bauer, Winzer und Bergmann in den Dörfern, der Deutsche aller Stämme: aus der Zips und vom Königsboden, vom Neckar und vom Niederrhein, aus der Pfalz und vom bairisch-böhmischen Grenzwald. Hier haust, an Kopfzahl am stärksten, der Kleinrusse (Ruthene), immer mehr nach Süden herabrückend und schrittweise der einst zahlreichsten Nationalität des Landes, dem Rumänen, das Wohngebiet beschränkend. An diese beiden Haupt-Nationalitäten schließen sich, mit ihnen eins in der Sprache aber so verschieden in Typus und Sitte, daß nur beschränkte Eitelkeit diese Besonderheit zu leugnen vermag: an die Russinen das rauhe Bergvolk der Huzulen, der alten Uzen räthselhafte Söhne, an die Rumänen Volkssplitter der Tataren und Mongolen. Ferner in compacten Massen Moskowiter und Magyaren, zahlreich, aber zerstreut Armenier und Zigeuner, auch Polen; ebensowenig fehlen Griechen und Türken, Bulgaren und Slovaken. Und schließlich ist noch, von kleinen Häuflein anderer Nationen abgesehen, ein Theil der Juden, die Orthodoxen, nicht blos als Religions-Genossenschaft zu erwähnen, sondern auch als Nationalität. Wer sich die ethnographische Karte des Ländchens ansieht, dem flimmert's bunt genug vor den Augen, aber noch bunter sind die Wege, auf denen diese halbe Million Menschen dem ewigen Heil zusteuert – römisch-, griechisch-, armenisch-katholisch; armenisch- und griechisch-orientalisch; augsburgisch, helvetisch und calvinisch; türkisch und jüdisch, kurz nach jeglicher Façon wird man hier selig, oft nach sonderbarer, wie Popowzen, Unitarier und Bezpopowzen beweisen, oft nach gar keiner – es gibt unter den Zigeunern im Süden erklecklich viele Heiden! Wunderbar mannigfaltig wie die Leute ist auch das Land. Das baumlose, weiherreiche Tiefland zwischen Dniester und Pruth und die Urwaldnacht der Luczyna, die fruchtbare Ebene am Sereth und das wildschöne Waldthal der Putna, das sanft gehügelte Gelände um Suczawa und die unheimliche Felsenöde des Rareu und Dzumaleu – selten mag ein größerer Gegensatz in gleich enge Grenzen gebannt sein! Aber nicht blos die äußere, auch die innere Gestaltung der Erdrinde ist unerhört wechselnd; von dem ausgebrannten Krater des Duschor im äußersten Süden bis zu den Kalkbergen, welche an der Nordgrenze den Lauf des Dniester geleiten, fehlt kaum irgend eine hervorragende Gesteinsart oder Formation. Selbst Gold findet sich da und jegliche Gattung edlen Metalls. So ist die Bukowina auch geognostisch eine Musterkarte. Wer all dies zusammenfaßt, wird wohl selbst zu dem Schlusse gelangen, daß sich im Laufe dieser Geschichte auf solchem Boden und bei solchem Völkergewirr Leben und Verkehr, Sitte und Gesinnung höchst eigenartig gestaltet. Aber das warmlebendige Leben übertrifft auch hier, wie allimmer und allerorts, jegliche Vorstellung, und die Bukowina ist – ich spreche dieses Wort wohlerwogen aus – vielleicht in culturhistorischer Beziehung das interessanteste Land in Europa. Man kann nicht sagen, daß sich die einzelnen Volkswellen hier in einen einzigen, seltsam schillernden Strom vereinigt – im Gegentheil! jede hat ihre Besonderheit festgehalten. Aber wenn sie sich auch nicht in einander gemischt, so haben sie sich doch in einander gefügt, und eigenartige Form, eigenartige Färbung des socialen Lebens ist hiedurch entstanden. Und zwar sind im Ganzen und Großen Form und Färbung erfreulich und gedeihlich, so unbehaglich, ja faul auch Einzelnes daran sein mag. Freilich hätten sich die widerstrebenden Elemente nicht so friedlich in einander gefunden, freilich würde das Ländchen nicht, wie jetzt der Fall, seine Nachbarn rings umher in jeglicher Richtung menschlichen Strebens überragen, wäre nicht ein Factor hiebei rastlos spornend, klärend und veredelnd thätig gewesen: das Deutschthum. Es ist in gewissem Sinne das herrschende Element des Landes; es unterdrückt die anderen Nationalitäten nicht, aber es bietet ihnen den versöhnenden, bildenden Einigungspunkt. Es mag auf den ersten Blick erstaunlich sein: Deutsch sind in dem entlegenen, zwischen slavischen und rumänischen Nachbarn eingekeilten Ostländchen Amt und Schule, Deutsch ist ausnahmlos unter allen Gebildeten die Sprache des Verkehrs, und wer an den Ufern des Pruth und der Suczawa den Drang verspürt, zu dichten – und es verspüren hier auffallend Viele diesen Drang, Berufene und Unberufene – der thut's in deutscher Sprache. »Hier muß kräftig germanisirt worden sein«, wird Mancher denken. Aber mit Unrecht, sofern man unter »Germanisirung« das Erdrücken eines Volkes versteht oder gar jene traurige k. k. Polizei-Arbeit, welche anderwärts, z. B. in Ungarn, den Namen des Deutschthums geschändet. Wäre das Deutschthum hier auf denselben faulen Grundlagen errichtet gewesen, es wäre auch hier zusammengebrochen wie in Ungarn. Aber hier ruht es auf ethischer und darum unverrückbarer Grundlage, auf ernster, steter, selbstloser Culturarbeit. Manches mag fördernd eingewirkt haben, so insbesondere, daß es keine allzu mächtige Nationalität, keine allzu mächtige Kirche im Lande gab. Aber die Hauptsache war doch, daß hier die Deutschen selbst gearbeitet, für sich und für die Anderen, und nicht sie allein, sondern mit ihnen alle Guten und Verständigen der anderen Stämme. ... Es war mir eine liebe Aufgabe, eine rechte Herzensfreude, von dem Lande meiner Jugend, von meiner geliebten zweiten Heimat so viel Schönes und Lichtes berichten zu können. Wohl wäre noch Manches hinzuzufügen. Wohl wäre es lustig und erbaulich, zu schildern, wie sich in den Köpfen dieser so überaus verschiedenen Menschen ihr Verhältniß zu Land und Reich spiegelt, und auch die neue Hochschule verdiente ausführliche Würdigung. Aber man soll nicht Alles auf Einmal sagen wollen. Nur ein Wort, nur einen Wunsch will ich hier noch beifügen. Wenn wir auf die Vergangenheit dieses Landes zurückblicken, so quillt uns daraus sicherlich eine wohlberechtigte freudige Zuversicht für die Zukunft. Möge diese Zuversicht nicht trügen! Mögen all die Gaben und Gnaden, welche in dieser Landschaft und in diesen Menschen schlummern, zu voller Entfaltung kommen! Mögen all die guten Geister, die es bisher behütet, auch ferner darüber sein: der Friede, die Arbeit, der deutsche Geist! ... Ein Culturfest. (1875.) Das schöne, von äußerem Glanz, wie von innerer Begeisterung erfüllte Fest, welches die entlegene Ostmark Österreichs, die Bukowina, in der ersten Oktoberwoche von 1875 gefeiert, hat weit über die schwarzgelben Grenzpfahle hinaus Beachtung und warme Würdigung gefunden. Auch diesen Aufsatz, soweit er die Culturverhältnisse der Bukowina von 1875 schildert, muß ich mit derselben Bemerkung begleiten, wie den vorstehenden. Auch hier beschränke ich mich, indem ich auf die Einleitung verweise, blos auf die Hinzufügung thatsächlicher Details über die Zustände von heute. Anm. zur 3. Auflage. Man darf wohl ohne Ueberschwänglichkeit sagen, daß jene ganze schöne, stille Gemeinde, deren Glieder durch Raum und Sprache geschieden, aber im Geiste geeint sind, daß alle Gebildeten dieser Feier ihre herzlichen Sympathien geschenkt. Und mit Recht! Denn das Czernowitzer Ottoberfest galt jener lichten, sieghaften Macht, der alle Guten gern dienen, der Cultur , und jenem Geiste, der zauberkraftig und selbstlos ist, wie kaum ein Anderes auf Erden, dem Geiste der deutschen Wissenschaft. Eine Doppelfeier war's, die da in der jungen, kräftig aufblühenden Stadt am Pruth begangen wurde. Am 7. Mai 1875 waren es hundert Jahre geworden, seit die Bukowina an Oesterreich gefallen. Es ist wohl begreiflich, daß die Enkel begeistert rüsteten, die Erinnerung an den Tag festlich zu begehen, an dem ihre Ahnen aus Heloten zu Bürgern, ihre Heimath aus einer Wüste zur geschützten und sorglich umhegten Provinz eines civilisirten Staates geworden. Weil aber das Reich dem Lande zu seinem Freudentage das herrliche Ehrengeschenk einer Hochschule darbieten wollte, so verschob man die Jubiläumsfeier und ihren hervorragendsten Act, die Enthüllung des Austria-Denkmals auf den Oktober, weil man da zugleich das Gründungsfest der neuen Hochschule begehen konnte. Man that recht daran, denn beide Feste gehörten zusammen, und gleicher Geist hat sie durchweht, wie sie ja auch aus gleichem Geist geboren wurden. Dieselbe Kulturarbeit im Osten ist's, die in doppelter Gestalt gefeiert wurde, und während das Jubiläum uns vor Augen stellt, was diese Bestrebungen bisher gefruchtet, veranlaßt uns die Gründung der Hochschule zu einem Ausblick auf deren Zukunft. In beiden Fällen sind es Lichtbilder, die sich uns vor Augen stellen und mit gerechtem Stolze mag sie besonders jeder Deutsche betrachten. Als Kaiser Josef II. im September 1774 seinem Reiter-Obristen v. Metzler den Befehl gab, den obern District der Moldau zu besetzen und vorläufig militärisch zu administriren, als er vernahm, wie dieser Befehl am 1. Oktober jenes Jahres ausgeführt worden und daß »die Verpflegung des Kriegsvolks so schwer sei in dieser Einöde», da träumte er wohl nicht, daß einzig in diesem verwüsteten Ländchen sich erfüllen werde, was er für seine gesammten Staaten so heiß erstrebte: die Blüte der gleichartigen, deutschen Bildung. Wie bereits erwähnt, ist der geniale Gedanke des Monarchen, aus Oesterreich einen deutschen Culturstaat zu machen, nur in der Bukowina zur That geworden. Auch die Gründe dafür finden sich auf den vorstehenden Blättern bereits angedeutet und so mag hier eine knappe Zusammenfassung genügen. Vor allem war es jungfräulicher Boden, den man hier gewonnen. Er hatte keine andere Signatur als jene des Elends und der Oede, und so konnte man ihm jede beliebige aufdrücken. Nun ward diese Signatur durch die mächtige Colonisation aus Deutschland gleich von vornherein eine deutsche, oder doch intensiver deutsche, als sie dem gesammten übrigen Osten der Monarchie aufgedrückt wurde. So ward hier die deutsche Sprache nicht blos jene des Beamtenthums und der Verwaltung, sondern zum nicht geringen Theil auch Volkssprache. Darum fand die Regierung hier auch keinen Widerstand bei Ausführung ihrer Pläne; ferner gab es ja auch keine nationale Bildung und darum war deutsche Bildung hochwillkommen. Was anderwärts ähnliche Bestrebungen geschädigt und lahmgelegt: historisch-politische Eigenthümlichkeiten, religiöser Fanatismus, Eifersucht der anderen Nationalitäten, dies Alles fehlt hier gänzlich. Als ein Hauptmotor des Erfolgs ist endlich die rührige Kulturarbeit der eingewanderten Deutschen zu betrachten, welche selbst für ihr Volksthum sorgten und nicht dem lieben Gott, noch der lieben Regierung Alles überließen ... Es ist interessant und hocherfreulich, zu sehen, wie sich unter diesem milden starken Einfluß germanischer Cultur während eines Säculums österreichischer Herrschaft alle Verhältnisse des Ländchens zum Guten oder doch zum Bessern gewandelt. Wer die Culturverhältnisse von 1775 mit jenen von 1875 vergleicht, kann eine Wandlung konstatiren, wie sie für europäische Verhältnisse nicht häufig ist. Freilich läßt sich der Beweis hiefür nur durch Zahlen-Colonnen antreten. Aber »Zahlen beweisen«, sagt Benzenberg, und in diesem Falle ist der Beweis der Mühe werth. Ich beginne mit dem Schulwesen. Wie es da 1775 aussah, läßt sich sehr kurz zusammenfassen: es gab auch nicht eine einzige Schule. Zwar behauptet Andreas Mikulicz in einer sonst ganz vorzüglichen Uebersicht der damaligen Culturzustände, welche im Herbst 1875 als Festgabe erschienen ist, daß in den neununddreißig Klöstern des Landes das Lesen und Schreiben der cyrillischen Schrift gelehrt wurde, aber das wird wohl eine sehr vereinzelte Erscheinung gewesen sein. Denn diesen hochwürdigen Herren war ja meist die geheimnißvolle schwierige Kunst des Buchstabirens verschlossen und jedes Buch ein Buch mit sieben Siegeln. Als Oberst Metzler die Grenzregulirung in der Bukowina durchführte und sich hiebei einiger dieser Klostergelehrten als Schriftführer bedienen wollte, machte er die unliebsame Bemerkung, daß sie eigentlich nur ein Kreuzlein als Namensfertigung hinzumalen wußten. Wer Priester werden wollte, brauchte nur einen sechsmonatlichen Unterricht in den Ritualien zu genießen und etwas Gesang zu erlernen und er konnte geweiht werden. Einige Bojaren im Lande sollen sich griechische Hauslehrer gehalten haben, die mindestens fertig lesen konnten. Mehr aber auch nicht! Und hundert Jahre später! Von der neuen Hochschule abgesehen, blühen im Lande drei Gymnasien (zu Czernowitz, Nadantz, Suczawa). In Wahrheit sind es aber fünf Anstalten, denn zwei dieser Gymnasien haben Parallelklassen bis zur obersten Klasse. Das Gymnasium in Czernowitz hat eine Schülerzahl, welche jene mittlerer Universitäten übersteigt; diese Zahl schwankt zwischen 600 – 700 und darüber. Ganz dasselbe gilt von der Oberrealschule in Czernowitz, welche schon 1875 in ihrem ersten Jahrgang 150 Schüler hatte! Außerdem gibt es noch eine Realschule zu Sereth. Ferner finden sich in Czernowitz noch folgende Anstalten mit durchweg überstarker Frequenz: Eine höhere Gewerbeschule, eine landwirtschaftliche Lehranstalt, eine Lehrerbildungsanstalt, ferner eine Anstalt für Heranziehung weiblicher Lehrkräfte, eine höhere Töchterschule, eine große Anzahl Volksschulen, deren es im ganzen Lande an zweihundert gibt. Derzeit (1888) bereits über zweihundert. Doch ist es in der Zeit von 1875 bis heute mit der Gründung neuer Schulen leider nicht in gleich raschem Tempo gegangen, wie in der Epoche von 1860 bis 1875. Anm. zur 3. Aufl. Das kleine Czernowitz hat mehr Schulen, als manche größere Provinzialstadt des Westens, und bringt relativ größere Opfer hiefür, als irgend eine andere Kommune des Reichs, Wien vielleicht ausgenommen. Greifen wir einen andern Punkt zur Vergleichung heraus zwischen Einst und Jetzt: die Bevölkerungsziffer. Zur Zeit der Erwerbung durch Oesterreich gab es da, wie erwähnt, im Ganzen 75,000 Einwohner, vielleicht nicht einmal so viel, da die erste Volkszählung erst einige Jahre nach Uebernahme des Landes erfolgte. Hievon waren 55,000 Rumänen, 12,000 Ruthenen, 8000 Menschen verschiedener Nationalitäten. Juden, Armenier, Zigeuner, letztere in besonders großer Zahl. Auch wohnten in den drei Städten Czernowitz, Sereth und Suczawa einige deutsche Kaufleute, namentlich Sachsen aus Siebenbürgen. Unter den damaligen »Städten« hat man sich übrigens nichts weiter zu denken, als Orte, wo Lehmhütten zahlreicher zusammenstanden als anderwärts. In Czernowitz gab es keinen einzigen Steinbau, und als da 1776 die Huldigungsfeier erfolgte, mußte hiefür ein Zelt aufgeschlagen werden; es gab keine einzige Stube in dieser »Landeshauptstadt«, welche auch nur zehn Menschen hätte fassen können. Solcher Orte, wo zwar auch Lehmhütten zusammenstanden, aber nicht so zahlreich, also Dörfer, gab es 239. Die Zahl der Lehmhütten im ganzen Lande betrug vier Jahre nach der Erwerbung 12,000, die Zahl der Familien 12,500. Hundert Jahre später stellte sich die Bevölkerungssumme der Bukowina auf 543,420 Einwohner, welche in 120,380 Familien vereinigt waren. Ein Wachsthmn also, wie es für amerikanische Begriffe freilich geringfügig, in Europa jedoch selten ist. Der Nationalität nach lebten da: 221,726 Rumänen, 202,700 Ruthenen, 95,091 Deutsche christlicher und jüdischer Konfessionen, ferner 9238 Ungarn. 3260 Lipowaner. 1087 Slovaken, ferner 10,307 Einwohner der verschiedensten Nationalitäten, von denen die Zigeuner und die Polen mit beiläufig je 2000 Seelen am zahlreichsten vertreten waren, während die Türken mit nur 17 Seelen den geringsten Bevölkerungsbruchtheil repräsentirten. Derzeit (1888) dürfte sich die Bevölkerung auf rund 620000 Seelen stellen; die Verhältnißziffern der Nationalitäten haben sich theilweise verschoben. Die Zahl der Ruthenen kommt nun jener der Rumänen mindestens gleich, dürfte jedoch die letztere sehr bald erheblich übertreffen. Diese Erscheinung erklärt sich nicht nur durch die vermehrte Einwanderung der Ruthenen von Galizien her, sondern auch durch den Umstand, daß sich da, wo Ruthenen und Rumänen beisammen wohnen, der Mischungs- und Entnationalisirungs-Prozeß stets zu Gunsten des slavischen Elements entscheidet. Ebenso ist die Zahl der Polen in stetem Wachsthum begriffen, und zwar einerseits in Folge vermehrter direkter Einwanderung aus Galizien, anderseits aber deshalb, weil sich unter den heutigen politischen Verhältnissen mancher als Pole deklarirt, der sich noch 1875 für einen Ruthenen oder Deutschen hielt. Anm. zur 3. Aufl. Mächtig haben sich die Städte gehoben. Der Lehmhüttenhaufe, der vor hundert Jahren »Tschernauz« hieß, ist heute die freundliche, zivilisirte deutsche Stadt Czernowitz. Auch Sereth ist aufgeblüht, nur Suczawa nicht; die alte Fürstenstadt der Moldau bietet auch heute noch einen trostlosen Anblick. Zwei Marktflecken, Radautz und Kimpolung, wurden zu Städten erhoben. Die Gesammtzahl der Städte stellt sich also jetzt auf 5, ferner jene der Märkte auf 19, Dörfer gibt es 295, Weiler 193. Die Anzahl der Häuser stellt sich auf 99,245. Werfen wir einen vergleichenden Blick auf die Verkehrsmittel, auf Handel und Gewerbe. Im Jahre 1775 gab es, wie erwähnt, weder Straßen noch Brücken. Selbst die Einrichtung der Ueberfuhren ließ Alles zu wünschen übrig. Die Landwege hatten nur den Zweck, den Verkehr von Dorf zu Dorf zu vermitteln; die Flüsse waren unregulirt und daher als Transportwege gar nicht im Gebrauch. Posten gab es nicht; wer dem Andern etwas zu sagen hatte, kam selbst oder schickte einen Boten. Handel und Gewerbe lagen gänzlich darnieder. Die Bauern waren ausschließlich auf das angewiesen, was sie selbst erzeugten; sie aßen, was sie hatten, und wenn sie nichts hatten, so verhungerten sie. Im Jahre 1875 durchzieht hingegen die Eisenbahn bereits in einer Ausdehnung von 17.4 Meilen das Land und wenn sie u. A. auch über die viel berufenen Mihuczeni-Dämme führt, so wird sie doch von Vielen benutzt. Auch wird der Süden des Landes wohl nicht allzulange auf eine neue Bahn, die Verbindung mit Siebenbürgen, zu harren haben. Diese Hoffnung hat sich leider, so begründet sie auch war, in den letzten dreizehn Jahren nicht erfüllt. Eine Bahnverbindung zwischen der Bukowina und Siebenbürgen wäre von größter volkswirthschaftlicher Bedeutung für beide Länder und würde in ihrer Fortführung über Bistritz nach Klausenburg dem entlegenen Ostlanden auch die Wohlthaten einer neuen, kürzeren und direkteren Verbindung mit der Reichshauptstadt Wien bringen; während jetzt die Bahnverbindung nur auf dem Umwege des großen Bogens über Krakau und Lemberg möglich ist, wäre durch den Ausbau der Strecke Klausenburg-Suczawa gleichsam die Sehne dieses Bogens gezogen. Auch strategisch wäre die Bahn von großer Wichtigkeit, und da dem Bau keine übergroßen technischen Hindernisse im Wege stünden, so darf man es wohl den vielen Unbegreiflichkeiten, an denen unser armes Vaterland so reich ist, beizählen, daß die Sache bisher von keiner Seite energisch angeregt, geschweige denn gar in Angriff genommen wurde. Was von 1875 bis heute an neuen Bahnen in der Bukowina gebaut wurde, sind Lokal-Strecken von untergeordneter Bedeutung, deren Werth für die Allgemeinheit recht fraglich ist. Die erste, 53 Kilometer lang, zweigt bei der Station Hliboka der Lemberg-Czernowitzer Bahn ab und geht westwärts über Karapcziu nach Berhometh am Szereth. In Karapcziu schließt eine kleine Zweigbahn an, welche, 19 Kilometer lang, nach dem Dorfe Czudin führt. Eine andere Lokalbahn, welche bei Hatna von der Lemberg-Czernowitzer Bahn abzweigt, führt, 67 Kilometer lang, nach Kimpolung. Eine dritte führt von Czernowitz nordöstlich, 33 Kilometer lang, nach dem russischen Grenzorte Nowosielica. Nie beiden erstgenannten Bahnen Hliboka – Berhometh und Karapcziu – Czudin sind nicht blos derzeit Sackbahnen, sondern werden es auch stets bleiben, und ihr volkswirthschaftlicher Werth, mit den Kosten der Anlage verglichen, ist leider nicht so unbedingt zu erkennen als jener Nutzen, den sie ihren Konzessionären gebracht haben. Die beiden anderen Bahnen sind mindestens vorläufig noch Sackbahnen. Jene nach Nowosielica könnte nur dann zu Bedeutung kommen, wenn Rußland hier einen Anschluß von Süden her durch Bessarabien bauen würde. Die nun in Kimpolung endende Bahn aber ist eben als der erste Ansatz zu der Verbindung mit Siebenbürgen zu betrachten, ist jedoch leider ein Anfang, an dessen Fortsetzung niemand denkt. Anm. zur 3. Aufl. Die Reichsstraßen, die trefflich erhalten werden, betragen 54 Meilen, die Konkurrenzstraßen 69 Meilen, die chaussirten Gemeindestraßen 101 Meilen. Vier große und zahlreiche kleine Brücken, ferner Ueberfuhren erleichtern den Verkehr. Die Flüsse des Landes sind in einer Ausdehnung von nicht weniger als 86 Meilen mit Flößen schiffbar und auf diesen Wasserstraßen wandern insbesondere die herrlichen Buchen und Tannen dieses Berglandes an die untere Donau hinab und in die Schiffswerften am schwarzen Meer. – Ferner besteht im Lande eine Postdirektion mit 78 Postämtern und eine Telegraphendirektion mit 18 Telegraphenstationen. Handel und Gewerbe blühen und haben insbesondere in den letzten Jahren fröhlichen Aufschwung genommen. Die bereits erwähnte fleißige Arbeit von Mikulicz gibt die Zahl der Handeltreibenden mit 3718, die Zahl der Gewerbetreibenden mit 5227 an, von denen 141 sich mit dem Transport beschäftigen. Es sind 22 Dampfmaschinen im Betriebe und 56 Dampfkessel in Branntweinbrennereien. Der lebhafte Handel hat eine internationale Bedeutung und über Czernowitz geht größtenteils der Verkehr Rumäniens mit Deutschland. Die letzten zwei Jahre haben diesbezüglich einen traurigen Rückschlag gebracht. Der Handel von Czernowitz liegt in Folge des Zollkrieges zwischen Rumänien und Österreich arg darnieder, und die Klagen über wachsende Verarmung, wenn sie auch vielfach übertrieben sein mögen, entbehren doch unzweifelhaft nicht einer gewissen Begründung. Anm. zur 3. Aufl. Erwähnen wir ferner, was bei einem Agrikulturlande unerläßlich, wie sich der Stand des Ackerbaus von 1775 zu dem von 1875 verhält. Von der Gesammt-Area von 1,816,163 Joch entfielen auf verbaute Flächen, auf Gärten und Aecker 375,729 Joch, von denen aber mehr als die Hälfte regelmäßig brach lag; es fehlte gleichermaßen an Arbeitslust wie an Arbeitskraft. Auf Wiesen entfielen 140,000, auf Hutweiden 240,000, auf Waldungen 920,000 Joch, während 69,000 Joch von Sümpfen bedeckt waren, und der unproduktive Boden einen Flächenraum von 71,454 Joch einnahm. Produzirt wurden 700,000 Metzen Mais, 100,000 Metzen Hirse. 80,000 Metzen sonstiges Getreide (besonders Weizen). Der Ertrag der Obst- und Gemüsegärten war ein geringer, edlere Obstsorten kannte man gar nicht. Die prächtigen Wälder lagen ohne jeden Ertrag, ganz sich selbst überlassen, keine Spur von einer Forstcultur, nicht einmal von einer rohen Ausnutzung; achtlos liest man die herrlichsten Baumstämme vermodern. Der Viehstand betrug 12,000 Pferde, 91,000 Rinder, 130,000 Schafe und Ziegen, 10,000 Schweine, 6000 Bienenstöcke. Der Bergbau wurde nicht rationell betrieben, man hieb nur auf, was zu Tage lag, und das gab etwa 150 Centner Eisen. Sehr primitiv war die Benutzung der zahlreichen Salzquellen des Landes; das Salzwasser wurde geschöpft und gleich in dieser Form als Würze benutzt; an ein Versieden dachte Niemand. Uebrigens war dieses Salzwasser von den moldauischen Hospodaren mit einer hohen Steuer belegt. Diese Leute besteuerten Alles; es ist ein wahres Wunder, daß sich diese Blutegel nicht jeden Athemzug Luft bezahlen ließen. Im Jahr 1875 umfaßten die Bauparzellen, dann Gärten und Aecker 481,185 Joch. Also anscheinend nur eine Vermehrung um ein Drittheil, in Wahrheit aber um circa 75 Perzent, denn nun lagen nur 4 Perzent der Aecker brach. Auf Wiesen entfielen 1875 281,896 Joch, auf Hutweiden 198,540 Joch. Die Waldungen hatten sich etwas vermindert, auf 810,820 Joch. An Sümpfen waren blos 381 Joch verblieben; durch diese Kulturarbeit haben sich insbesondere die Lippowaner große Verdienste um das Land erworben. Der unproduktive Boden bedeckte 1875 nur noch 43,341 Joch, und zwar mit Einschluß der Gewässer, Straßen, Wege, Schotterbänke, Felsen u.s.w. Der Ackerbau produzirte 1875 an Weizen 173,240, an Roggen 577,255, an Mais 1,648,992, an Gerste 476,442, an Hafer 652,894, an Heidekorn 104,693, an Hülsenfrüchten 38,143, an Kartoffeln 2,301,120, an Oelsamen und Anis 59.285, an Kleesamen 12,397 Metzen. Ferner an Tabak 1349 Zentner, an Heu und Grummet 3,968,790 Zentner, an Kleeheu 769,987 Zentner. An edlem Obst wurden 25.778 Metzen gewonnen. Auch der Weinbau wird nun eifrig betrieben. Die Bukowinaer Traube ist sehr süß, was sich vom Wein gerade nicht sagen läßt. Wahrscheinlich liegt dies an der unrationellen Art der Pressung und Klärung. Die Waldungen gaben nach einer Angabe von 1875 jährlich 511,767 Kubikklafter Brennholz und 16,036 Kubikklafter Bau- und Werkholz. An Vieh wurden gezüchtet: 42,813 Pferde, 242,424 Rinder, 216,699 Schafe und Ziegen, 135,885 Schweine. 17,091 Bienenstöcke. Der Bergbau wird rationell betrieben, freilich werden die Schätze, die in diesem Boden schlummern, noch lange nicht so ausgenützt, wie sie es verdienen und reichlich lohnen würden. Der Bergbau lieferte im Jahr 1875 21,095 Zentner Kupfererze. 200,621 Zentner Eisenerze, 6627 Zentner Braunstein, 28,982 Zentner Steinsalz. Der Jahreswerth der durch die Urproduction gewonnenen Produkte erreichte 36,269,434 fl. ö. W. Stellen wir ferner die Cultus-Verhältnisse von Einst und Jetzt in Parallele. Die griechisch-orientalische Kirche war im Jahre 1775 die unbedingt herrschende, zu ihr bekannten sich etwa 67,000 Einwohner. Der Rest, also etwa 8000 Seelen, gehörte verschiedenen Konfessionen an, die Mehrzahl waren Juden, einige Hundert (Zigeuner) waren Heiden. Die Katholiken hatten (noch aus der Polenzeit her) eine einzige Kapelle in Suczawa, die Juden hingegen durften keine Synagoge errichten. Um so üppiger florirte der Cult der herrschenden Religion, sie hatte einen Bischof zu Radautz, ferner 186 Pfarrer und 140 Hilfspriester. Aber das ist noch lange nicht Alles! In dem armen Ländchen bestanden 39, sage neununddreißig Klöster, so daß beiläufig auf je 1500 Gläubige ein Kloster kam, ein Verhältniß, welches nicht auf dem ganzen Erdball und zu keiner Zeit seines Gleichen findet! Von diesen Klöstern waren 31 zur Aufnahme von Mönchen (sämmtlich nach der Regel des heil. Basilius) bestimmt, in den übrigen 8 Klöstern hausten nach derselben Regel Nonnen. Im Ganzen gab es im Lande zur Zeit der ersten Erbhuldigung, also zwei Jahre nach der Occupation und nachdem die frommen, aber rohen und stark verkneipten Väter massenhaft nach der Moldau geflüchtet und den größten Theil der Kirchenschätze mitgenommen, 466 Mönche und 88 Nonnen, für das Jahr 1775 aber kann man ihre Anzahl mindestens auf 2000 anschlagen, sodaß beiläufig jedes dreißigste Männlein oder Weiblein Mönch oder Nonne war. Dieses Heer von Nichtsthuern wurde aus den Klostergütern erhalten – zwei Drittheile des Landes gehörten den Klöstern oder waren an sie verpfändet oder verliehen! Natürlich hat der Josefinismus in diesem Augiasstall gehörig aufgeräumt. Die Nonnenklöster wurden sämmtlich, die Männerklöster bis auf drei gesperrt. Die letzteren bestehen noch heute, doch stellt sich die Zahl der Mönche in allen zusammen nur auf 30 – 40; das hervorragendste ist Putna, geringer an Zahl und Gut sind Suczawiza und Dragomirna. Das Vermögen der Klöster wurde eingezogen und daraus der griechisch-orientalische Religionsfond gegründet, einer der reichsten Fonds der Monarchie mit ungeheurem Guts-, Haus- und Bergwerkbesitz. Aus den Erträgnissen werden nicht nur sämmtliche Cultusbedürfnisse der griechisch-rechtgläubigen Bewohnerschaft bestritten, sondern auch viele Schul- und Wohlthätigkeits-Institute, welche allen Konfessionen zu Gute kommen, erhalten. Auch heute ist die griechisch-orientalische Kirche an Bekennern (im Jahr 1875 407,311 Köpfe, deren Seelsorge von einem Erzbischof und etwa 300 Pfarrern besorgt wurde) die stärkste, aber sie ist nicht die herrschende; es gibt keine herrschende Konfession in der Bukowina und eben darum herrscht ungetrübtester religiöser Friede im Land trotz (oder wegen?) der Vielfältigkeit der Glaubensbekenntnisse. Außer den Griechisch-Orientalen lebten 1875 noch im Lande 84,481 Seelen anderer christlicher Confessionen: Römisch-Katholische (in 31 Pfarreien), Griechisch-Katholische (in 16 Pfarreien), Armenisch-Orientalische (1 Pfarre), Protestanten A. C. (4 Pastorate), Protestanten H. C. (1 Pastorat). Ferner Unitarier, Bezpopowzen und Popowzen, letztere gar sonderbare Christen, welche in diesem Buche unter dem stolzen Namen, den sie sich selber beilegen, als »Leute vom wahren Glanben« nähere Würdigung finden. Von einem confessionellen Hader oder Vorurtheil findet sich, wie erwähnt, im Lande keine Spur, Es gehört zu den betrüblichsten Thatsachen, von welchen diese neue Auflage zu berichten hat, daß auch dieser Satz einer Einschränkung bedarf. Schon haben auch in der Bukowina die Hetzereien zwischen der »allein selig machenden« und der griechisch-orientalischen Kirche begonnen und das zu größerer sozialer Bedeutung gelangende Polentum versucht sich zunächst durch Kraftübungen auf diesem Gebiete. Auch an Zeichen für den erwachenden Antisemitismus fehlt es nicht. Noch immer sind die Religions-Verhältnisse der Bukowina, was Friede und Duldung betrifft, im Vergleich zu jenen der Nachbarländer als günstig zu bezeichnen, aber – wie lange noch? Anm. zur 3. Aufl. auch die 50,000 Juden erfreuen sich der vollständigsten sozialen Gleichberechtigung und vergelten dies durch redliche und erfolgreiche Arbeit in allen Zweigen des öffentlichen Lebens. Der Jude in der Bukowina steht sozial, politisch und moralisch ungleich, ja unglaublich höher, als der polnische oder rumänische Jude, und ich habe Gelegenheit, da wieder einmal von ganzem Herzen mein Sprüchlein anzubringen: »Jedes Land hat die Juden, die es verdient«. Den schärfsten Contrast jedoch bieten Verfassung uud Verwaltung von 1775 und von heute. 1775 war die Bukowina ein Theil des Fürstenthums Moldau, einer türkischen Provinz also, die an habgierige Hospodare vermiethet wurde. 1875 ist die Bukowina das gleichberechtigte Glied eines konstitutionellen Culturstaates! Wer die Verhältnisse der Bukowina mit jenen ihres Stamm- und Nachbarlandes Rumänien vergleicht, der wird den Enthusiasmus begreiflich finden, mit dem die Bewohner des gesegneten Ländchens die Erinnerung an den Tag begingen, der sie aus jenem unseligen Staatswesen löste und dem Kaiserstaate einfügte. Aber in gleichem Grade galt dieser Enthusiasmus auch der Gründung der neuen Hochschule. Die Stiftung der Francisco-Josephina, bildete den würdigen Höhepunkt und Markstein der abgelaufenen hundertjährigen Kultur-Epoche und gibt die Gewähr eines dauernden geistigen Ringens und Strebens. Nicht als politisches Experiment ist diese Stiftung zu betrachten, nicht als der Versuch, im entlegenen Osten neuerdings eine Politik zu inauguriren, welche in Galizien und Ungarn gescheitert. Es ist ein wirkliches, tatsächliches, dringendes Bedürfniß, dem die neue Hochschule entsprechen soll. Die Bukowina ist ein ansehnliches Land mit deutscher Verkehrssprache und – die nächste deutsche Hochschule war bisher fast 150 Meilen fern! Wenn der deutsche oder deutschsprechende Sohn dieses Landes nicht an der polnischen Universität Lemberg oder an der magyarischen Universität Klausenburg studieren wollte, so blieb ihm nichts übrig, als sich nach dem fernen, kostspieligen Wien zu wenden. Das konnten aber Viele nicht und das Land litt tatsächlich Mangel an eingeborenen Aerzten, Lehrern und Richtern. Schon als Landesuniversität also ist die Universität Czernowitz vollkommen berechtigt und notwendig und die Mittelschulen in der Bukowina allein sind im Stande, ihr eine Frequenz zu sichern, welche die kleiner deutscher Hochschulen weit übersteigt. Aber auch als friedliche Schutzwehr für das bedrohte deutsche Volksthum im Osten ist die neue deutsche Hochschule aufgerichtet. Der Sohn des galizischen Deutschen, der Sprosse des wackern siebenbürgischen Sachsenstammes, der Deutsche in den ober-ungarischen Comitaten war gezwungen, entweder an eine Hochschule West-Oesterreichs zu gehen oder, sofern er dies nicht konnte, sich wohl oder übel entnationalisiren zu lassen. Man sage nicht, daß es ihm ja wohl möglich war, seine Studien in anderer Sprache zu betreiben und deshalb doch ein Deutscher zu bleiben. Es war dies bei dem nationalen Fanatismus, der sich insbesondere an den polnischen Hochschulen breit macht, in der That nicht so leicht möglich, und übrigens ist auch unter uns Deutschen nicht Jeder ein Hermann oder Cato. Unser Volksthum hat auf diese Weise manchen herben Verlust erfahren. Nun ist diesem Unheil ein starker Riegel vorgeschoben. Aber nicht blos als eine Erhalterin und Mehrerin der deutschen Kraft im Osten kommt die neue Hochschule in Betracht, auch als eine Erhellerin den anderen Völkern. Und hierin liegt wohl ihre Hauptbedeutung. Das politische Moment, welches ihr innewohnt, ist kein allzu bedeutendes, aber das culturhistorische Moment ein unermeßliches. Dem Ruthenen aus Galizien, dem Rumänen aus Siebenbürgen oder den Donaufürstenthümern, dem Südrussen aus Bessarabien und Volhynien wird die neue Hochschule die Ergebnisse deutscher Wissenschaft vermitteln und ihn somit nicht seinem Volke entreißen, sondern zu einem doppelt nützlichen Sohne desselben herausbilden. Auch hierin wird sich die selbstlose deutsche Art bewähren. Es ist mir nicht leicht gefallen, diese unmittelbar nach der Gründung der neuen Hochschule hingeschriebenen und kurz darauf veröffentlichten Betrachtungen über ihre zukünftige Bedeutung hier wiederzugeben, und dürfte ich bloß meinen persönlichen Empfindungen folgen, ich hätte sie gern unterdrückt, um nicht auch der schmerzlichen Thatsache gedenken zu müssen, wie weit die Resultate der dreizehn Jahre, die dazwischen liegen, hinter allen, auch den bescheidensten Erwartungen zurückgeblieben. Aber die Wahrheitsliebe gebietet es, dem Leser den Vergleich zwischen jenen Hoffnungen, welche einst an dieses Culturwerk geknüpft wurden, und der Art, wie sie sich bisher erfüllt haben, zu ermöglichen, auch wenn diese Begleichung Jedem, der für die Culturbedeutung Oesterreichs Verständniß und für seine Geschicke ein Herz hat, bitter wehe thun muß. Wie überschwänglich heute auch die obigen Ausführungen klingen mögen, sie waren es niemals. Sie faßten lediglich zusammen, was vor und bei der Gründung der neuen Hochschule nicht blos die Deutschen in Oesterreich, sondern überhaupt alle Anhänger des Staatsgedankens von ihr erwarteten. Ja, noch mehr! wären diese Erwartungen geringer gewesen, so hätte niemals an die Gründung gedacht oder gar geschritten werden dürfen. Daß es anders kam, liegt nicht daran, weil die Verwirklichung einer Utopie versucht wurde, sondern daran, weil die Ausführung von vornherein in der dürftigsten und unzulänglichsten Weise geschah und kurz nach Gründung der Hochschule, vier Jahre spater, ein trauriger Wechsel in der inneren Politik Österreichs eintrat. Als die österreichische Regierung sich entschloß, im fernen Osten auf nichtdeutschem, sondern nur durch Kulturarbeit errungenem Boden eine deutsche Hochschule zu gründen, welche nicht bloß als »eine Erhalterin und Mehrerin der deutschen Kraft im Osten«, sondern auch als »eine Erhellerin der anderen Völker« in Betracht kommen sollte, da mußte es ihr klar sein, was allen Gebildeten klar war: daß das große Werk nur durch große Mittel gelingen könne, und daß man es lieber ganz unterlassen müsse, als statt eines stattlichen und großen Baues ein armseliges Flickwerk herzustellen. Ich glaube auf Grund jener Mitteilungen, welche mir damals aus den maßgebenden Kreisen wurden, dem zu jener Zeit am Ruder befindlichen Ministerium nachsagen zu dürfen, daß es diese Alternative wohl begriff und sich darüber klar war, daß bei der Gründung der Universität Czernowitz die Ehre und Machtstellung Österreichs in ähnlicher Weise engagirt sei, wie etwa bei der Wiedererrichtung der Straßburger Hochschule jene des jungen deutschen Reiches. Man wollte thatsächlich nicht bloß eine deutsche Universität mehr, sondern eine solche von wirklicher Bedeutung schaffen. Aber auch hier erfüllte sich jener Erbfluch unseres Staates, den unser größter Dichter in die Worte gebannt hat, daß es sein Schicksal sei, »mit halben Mitteln zu halben Thaten zögernd hinzustreben«. Gewiß, man wollte nach Czernowitz Kräfte ersten Ranges berufen, nur war man sich leider nicht darüber klar, daß dazu sehr viel Geld und sehr viel Ausdauer in der Verhandlung gehöre. Was sich jeder Laie von vornherein sagen mußte: daß berühmte akademische Lehrer nur dann für die entlegene Stadt im Osten gewonnen werden könnten, wenn man sie durch besondere materielle und moralische Vortheile für diesen Tausch gegen die altberühmten und ihnen gewohnten Stätten ihrer bisherigen Thätigkeit entschädige, scheint die österreichische Regierung nicht gewußt zu haben, sonst wäre sie nicht so maßlos erstaunt darüber gewesen, daß sich keiner der berühmten Männer, an welche sie herantrat, bereit fand, gegen kärgliches Gehalt und ohne jedwede sonstige Entschädigung seine Zelte an der Donau, am Neckar oder an der Spree abzubrechen und sie, nur einzig der deutschen Kulturidee zulieb, am Pruth aufzuschlagen. Aber nicht blos an Geld fehlte es, sondern auch an Geschick und an dem rechten Eifer. Ausgezeichnete Kräfte hätten sich innerhalb jenes Budgets, welches der Regierung zur Verfügung stand, nicht gewinnen lassen, aber immerhin bewährtere als jene, die man nun berief. Es soll hier nicht geleugnet, im Gegentheil, hervorgehoben sein, daß sich unter den Lehrern der neuen Hochschule mancher tüchtige Mann fand, der seinen Platz voll ausfüllen konnte, aber es ist andererseits eine Thatsache, die nicht geleugnet werden darf, daß dieser Lehrkörper schon in seiner ersten Zusammensetzung keineswegs ein durchaus erfreuliches Bild bot und recht deutlich Zeugniß davon ablegte, wie wenig die Regierung ihre hochstrebenden Absichten praktisch auszuführen verstand. Wenn sich dies nun zu einer Zeit begab, da noch die leitenden Staatsmänner an den deutschen Culturberuf Oesterreichs glaubten und der neuen Hochschule als ihrer eigensten Schöpfung liebevolles Interesse entgegentraten mußten, wie mußte es erst dann um die Fürsorge von Wien aus stehen, als 1879 jene Richtung zur Herrschaft kam, welcher das deutsche Kulturwerk im Osten naturgemäß gleichgültig, wo nicht gar ein Dorn im Auge sein mußte! Die Universität Czernowitz besteht, weil es trotz alledem noch immer an dem Muthe fehlt, ein 1875 mit allem Pomp der Staatsgewalt eingeweihtes Unternehmen schon einige Jahre später wieder aufzugeben. Aber man wendet ihr jene Fürsorge zu, wie man sie eben einem notwendigen Uebel erweist: man läßt es fortbestehen, weil man es nicht beseitigen kann noch darf, aber man sorgt dafür, daß es von Jahr zu Jahr nicht etwa größer sondern kleiner wird. Die Lücken des Lehrkörpers werden nur durch zweierlei Arten von Bewerbern ausgefüllt: durch junge Männer, die nach Czernowitz gehen, um eben einmal einen Anfang in ihrer akademischen Carriere zu machen, und durch ältere, die sich dorthin berufen lassen, weil sie auf einen Ruf von anderwärts vergeblich harren würden. Die ersteren gehen wieder fort, sobald sich anderwärts auch nur die geringste Aussicht bietet, und nur die letzteren bleiben. Das mag hart klingen, aber es ist die Wahrheit, und die wenigen Ausnahmen, die sich darunter finden, bestätigen eben nur die traurige Regel. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen von irgend einer Culturbedeutung der Czernowitzer Hochschule für die Länder Halb-Asiens von vornherein wenig die Rede sein konnte und nun fast gar nicht mehr sein kann. Der Südrusse oder der Rumäne geht nur dann nach Czernowitz, wenn ihm ganz und gar die Mittel fehlen, irgend eine größere Hochschule des Westens zu beziehen, und da sich das Vorurtheil festgesetzt hat, daß man dort nicht viel Besseres gelehrt erhalte als an den heimischen Hochschulen, so wird die Zahl dieser Ausländer eine immer geringere. Ganz ebenso steht es um die Frequenz aus den österreichischen Nachbarländern, auf welche zudem die immer fortschreitende Polonisirung und Magyaiisirung ungünstig einwirkt. Das Facit aber ist, daß die Czernowitzer Universität, was Frequenz betrifft, mit der Krakauer um die Palme ringt, die schwächstbesuchte österreichische Hochschule zu sein, daß sie im Wesentlichen eine Bukowinaer Landes-Universität geworden ist, welche noch obendrein selbst diese Aufgabe nicht ganz zu erfüllen vermag, da sie ja blos aus zwei Fakultäten, der juristischen und der philosophischen besteht, während die medizinische ganz fehlt und die theologische nur durch das ehemals bestandene griechisch-orientalische Seminar ausgefüllt wird. So hat an dem heutigen Zustande niemand eine rechte Freude, weder der Feind noch der Freund des deutschen Kulturgedankens, und es ist lediglich ein heißer Herzenswunsch, aber nicht mehr der Ausdruck einer zuversichtlichen Hoffnung, wenn ich wünsche, daß die künftige Entwicklung des einst mit so flammender Begeisterung begonnenen Werkes mehr dem letzteren als dem ersteren zur Genugtuung gereiche. Anm. zur 3. Aufl. Und nun von jenen Festtagen. Hei! wie schimmert es uns in der Erinnerung entgegen, das prächtige Bilderbuch, in dem wir damals festtrunken geblättert, Blätter, so gewaltig, so sinnverwirrend bunt und dabei so schlicht und herzerfreulich! Wir hatten es uns nicht so schön gedacht, wir Alle nicht, die wir gekommen, das Fest im fernen Ostlande mitzufeiern. Und mag immerhin in währendem Zeitlaufe hier eine Farbe verblassen, dort ein Umriß verschwimmen, ganz wird Keinem sein Bilderbuch entschwinden. Dafür ist gesorgt. All Jenen, die nicht dabei gewesen, oder Jenen, die gerne eigene Eindrücke mit fremden vergleichen, sei hier ein oder das andere Blatt aus dem Buche aufgeschlagen, das ich mir selbst in den unvergeßlichen Tagen angelegt. Das Fest galt der Erinnerung an die Verlobung, die einst hier der Geist des Westens mit dem Osten gefeiert, und nun, da hundert Jahre gesegneten Brautstandes ins Land gegangen, ward er zum jubelnden Hochzeitsfeste der Beiden. Wie der Strom des Westens den Osten befruchtet, trat in tausend lichten Spuren zu Tage. Aber auch in unvermitteltem Nebeneinander waren sie zu sehen: hier höchste Cultur, dort unverfälschteste Natur. Die drei Octobertage von 1875 zu Czernowitz waren das heiterste, angenehmste und interessanteste Compendium der Culturgeschichte, welche je erschienen ist. Halb ein Bilderbuch zur Unterhaltung, halb ein Stücklein Kulturgeschichte Zur Orientirung – so laßt euch denn die flüchtigen Skizzen gefallen ... Vor Allem der ständige Hintergrund: Czernowitz. Du liebe, junge, unfertige Stadt am Pruth, vielleicht bin ich nicht der rechte Mann, dich zu schildern. Die Stätte, wo man als Jüngling geweilt, hat man lieb wie seine Jugend. Da liegt Alles in Duft und Sonnenschein, wenn man zurückblickt. Wer recht seiner Jugend gedenkt, dem liegt über der kältesten Nacht im Dachstübchen warmer Goldschimmer und über dem härtesten Stück Brotes Bratenduft. Vielleicht geht es mir nicht anders mit dir, du liebe Stadt! Vielleicht habe ich dich zu lieb, deine Schwächen zu sehen. Aber ich denke, Jeder, der unbefangen diese Stadt besieht und kennen lernt, wird ihrer freundlich gedenken. Auch die Erfahrung bestätigt dies. Nur muß man freilich die Verhältnisse des Ostens kennen. Für den ersten Eindruck, welchen Czernowitz macht, ist es entscheidend, ob man früher eine andere Sadt des Ostens gesehen und ge– rochen oder nicht. Ist Letzteres der Fall, so wird ein Wiener leicht die feine Beobachtung machen, daß nicht aller Comfort des Westens hier zu finden ist. Auch sind in der That am Graben zu Wien die Häuser viel höher und stattlicher als am Ringplatz zu Czernowitz. Aber wer langsam die umliegenden Landschaften durchzieht, hierher zu gelangen; wer Stanislau oder Jassy, Mohilew oder Biftritz gesehen, wird freudig erstaunt diese Cultur-Oase betreten. Er sieht wieder einmal eine Stadt, nicht mehr einen wirren Knäuel von Häusern und Hütten; er sieht Straßen, nicht mehr im Zickzack laufende Zwischenräume, auf denen der Unrath der umliegenden Häuser abgelagert wird; er sieht schöne, wohnliche Häuser, ihn grüßt mancher neue, stilvolle Prachtbau; er sieht wieder gepflasterte Straßen und Plätze, und die Straßen werden beleuchtet und gekehrt. Und vor Allem: wieder einmal kann man in den Straßen wandeln, ohne sich das Sacktuch vor die Nase halten zu müssen. Freilich, diese Stadt wird, und selten hat sich in Europa eine so jähe Entwicklung vollzogen wie hier. Im Laufe eines Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung um das Siebenunddreißigfache vermehrt! Im Jahre 1775 ein Haufe Lehmhütten, 1860 ein stilles galizisches Kreisstadtchen, ist Czernowitz heute die hübscheste, freundlichste Stadt des österreichischen Ostens, zugleich die Stätte und noch mehr die Vermittlerin eines gewaltigen Verkehrs. Alljährlich wachsen neue Straßenzüge aus dem Boden, schwinden Ruinen und Gärten, neuen Bauten Platz zu machen. Hier brauchte Chidher, der ewig junge, nicht so lange Pausen zu machen, um Alles gründlichst verändert zu finden! Heute beträgt die Einwohnerzahl von Czernowitz, die Vororte mit einbegriffen, 53,000 Seelen. Der Zuwachs beträgt von 1875 bis heute etwa 17 – 18,000 Seelen und ist erst in allerletzter Zeit, eben infolge der traurigen volkswirthschaftlichen Verhältnisse, etwas in's Stocken gerathen. Anm. z. 3. Aufl. Aber wüchse die Stadt auch noch so gewaltig, die gegenwärtigen Grenzen ihres Gebietes wird sie deshalb nicht hinauszurücken brauchen. Czernowitz bedeckt mit seinen Vorstädten den Flächenraum einer Quadratmeile. Jene Stadt, welche so regsam und sieghaft einer blühenden Zukunft entgegenringt, nimmt hievon kaum ein Zwölftheil in Anspruch. Das Uebrige ist Garten, Dorf, Acker. Wer diese Stadt durchwandert, dem treten so merkwürdig verschiedene, so überaus bunte Bilder vor die Augen, daß er sich immer wieder verwundert fragt, ob es dieselbe Stadt ist, in der er wandelt. Ost und West, Nord und Süd und alle erdenklichen Culturgrade finden sich da vereinigt. Alle erdenklichen! – wiederhole ich. Der Fond eines Czernowitzer Fiakers kann uns zu Faust's Zaubermantel werden, der uns binnen wenigen Stunden Bilder vor die Augen zaubert, die sonst durch Raum und Zeit unendlich weit geschieden liegen. Da hebt sich gegen Süden ob der Stadt ein schöner Berggipfel, den grüner Wald umkränzt und die Sage zauberhaft umfließt, der Caecina. Eine tiefe Schlucht trennt ihn von dem Hochplateau, auf dem das liebe Stück Europa liegt mit seinen ragenden Thürmen. Die Schlucht birgt freundliche Häuser, und auch den Bergabhang klimmen sie empor und grüßen aus tiefem Grün freundlich herüber. Wer dies sieht und je im Schwarzwald gewesen, dem wird schier traumhaft zu Muthe. Das ist ja ein Schwarzwaldthal, wie es leibt und lebt! Und fährt er durch die Gäßchen und sieht sich die Menschen an, oder klopft er an eines dieser Häuser, so umwebt ihn der Traum immer dichter. Die Leute tragen die Tracht und reden die Mundart, die zwischen Kinzig und Neckar so behaglich-naiv und freundlich-komisch im Schwung ist. Ein Schwarzwalddorf – aber dabei ein Theil der Landeshauptstadt Czernowitz. Weiter führt uns Faustens Zaubermantel, weiter, so rasch es seine mageren Gäule gestatten. Schließet ein Viertelstündchen nur die Augen, haltet das Bild des freundlichen Bergdorfes fest. Und nun, da der Wagen hält, öffnet sie wieder! Wieder umklingen euch deutsche Laute, aber widrig verzerrt. Und statt des frischen Waldduftes sehr eigentümliche Gerüche. Vor euch ein düsterer, grauer Steinbau und rings kleine, dumpfige, erbärmliche Häuser, die Straße ein Schlammpfuhl. Und um euch schmutzige, blasse Menschen in Kaftan und Schmachtlöcklein und früh verwelkte Frauen mit sonderbarer Kopftracht. Ihr steht in der Judenstadt, vor der Synagoge der Orthodoxen. Ein podolisches Ghetto, wie es leibt und lebt, aber dabei ein Theil – der älteste Theil – von Czernowitz. Aber nicht alle Söhne des »auserwählten Volkes« sind hier geblieben in Schmutz und Dunkelheit, die meisten sind emporgezogen, den Berg empor, wo bessere, reinere Luft weht, und wohnen da vereint mit ihren Mitbürgern, durch nichts von ihnen unterschieden, als durch die Confession. Den Juden gehört ein gut Theil der Häuser im Centrum der Stadt. Dieser Theil bietet gleichfalls ein eigenartiges Bild, dessen Charakter sich am besten feststellen läßt, wenn ich an die jungen Stadttheile deutsch-österreichischer Provinzstädte erinnere. So etwa sieht es in den Vierteln Geidorf oder Leonhard zu Graz aus. Freundliche, regulirte Straßenzüge, aber noch nicht völlig ausgebaut. Hier eine Zinskaserne, daneben ein Garten, ein kleines Häuschen und wieder ein mächtiger Bau. Gebaut wird überall, die Häuser wachsen nur so aus der Erde. Rolle ostwärts, Zaubermantel, und rüttle uns nicht zu stark! ... Wollt ihr nächst der jungen deutschen Provinzstadt ein kleines russisches Landstädtchen sehen? Hier habt ihr die kleinen weißen Häuser, die breiten Gassen, die Gärten, das russische Bad, die byzantinische Kirche. Dort wo der Weg nach Horecza biegt, liegt das Städtchen, als hätte es ein Zauberer aus irgend einem westlichen Gouvernement herausgehoben und hierher gepflanzt. Oder wollt ihr ein ruthenisches Dorf, ein echtes? Die Hütten im Knäuel liegend, strohgedeckt, die Arme der Schöpfbrunnen hochauf zum Himmel ragend. Rings Maisfelder, braune Haide, im Hintergrunde ein Wald. Man könnte sich tief in Podolien wähnen oder tief in der Ukraine. Aber wir find im Stadtgebiete von Czernowitz und noch lange nicht an seiner Grenze. Und nun wieder westwärts. Vom alten Byzanz klingt die Sage, wie seine Paläste herrlich ragten und mächtig seine Kuppeln strahlten; aber dazwischen stand ein griechisches Holzkirchlein, ehrwürdig durch sein Alter, und elende Häuschen, ebenso dumpf und niedrig, wie jene Bauten stolz und herrlich, und vielleicht just darum so niedrig. Wollt ihr ein Stück Byzanz sehen? Hier hebt es sich: die bischöfliche Residenz, ein Prachtbau, so gewaltig und merkwürdig, daß er allein Kunstverständigen eine Reise ins entlegene Ostländchen reichlich lohnt, in seiner Nähe der stolze Kuppelbau der Synagoge. Selbst die altehrwürdige Holzkirche fehlt nicht und noch minder die elenden Häuschen. Ein Bild, glänzend und ärmlich zugleich, und auch in dieser Richtung ein echtes Stück Orient. Aber nicht weit davon liegt ein Stück Amerika. Ich bin leider noch nicht drüben gewesen jenseits des »großen Wassers«, und kann mir nur aus Berichten und Zeichnungen das Bild einer werdenden Stadt zusammensetzen. Aber so mag es am Rande der Prairie aussehen, wie zu Czernowitz auf dem »Austriaplatz«. Dicht hinter den Häusern des Platzes beginnt die unbewohnte Haide und dehnt sich meilenweit fort. Und auf dem Platze, da steht ein schönes, stilvolles Gebäude, wackelige Nothbauten, Hütten, umfriedete Bauplätze, Alles bunt durcheinander gewürfelt. In der Mitte das Denkmal. Aehnliches findet man wahrhaftig in Europa nicht. Auch ein kleines Stück England findet sich in Czernowitz: die Fabrikstadt in der Pruth-Ebene. Da stehen die massiven Steinbauten und schwarz rauchen die Schlote. Die Luft ist von Kohlendunst geschwängert; aber mehr, noch weit mehr dieses Dunstes wünsche ich meiner Jugendstadt von ganzem Herzen. Hebung der Industrie muß ihr erstes und wichtigstes Bestreben sein, nun, da für geistige Interessen vorläufig genügend gesorgt ist. Noch manches seltsame Bild könnte ich aus dieser Stadt der Gegensätze herausgreifen. Aber das Bisherige mag genügen. Die wachsende Cultur, der Segen zukünftiger Tage, dem die junge Stadt entgegenblüht, werden wohl manche Besonderheit verwischen. Insbesondere hört das Stück Amerika wohl bald auf, amerikanisch zu sein. Aber eine interessante Stadt wird Czernowitz immer bleiben – durch das Gewirre der Culte und Nationalitäten. Letztere geben sich in dieser Stadt freilich, was die Gebildeten betrifft, nur durch den Typus kund, nicht durch die Sprache. Dieser Aller Sprache ist die deutsche. Eine interessante Stadt und eine liebliche dazu. Viel dichtes Grün erfreut hier das Auge, und wer aus der Ebene kommt und die ragende Höhe sieht, muß unwillkürlich denken: Stünde hier keine Stadt, man müßte sie hier erbauen. Dieser günstigen Lage verdankt die Stadt nicht blos ihre Existenz, sondern auch ihre Dauer durch die Nacht sturmvoller Jahrhunderte. Czernowitz, als Stadt so jung, ist als Wohnstätte überhaupt uralt. Mögen sie nun die Römer oder die Gothen gegründet haben, gewiß ist, daß hier unzählige Geschlechter geblüht und gewelkt. Schwere Schicksale trafen die Stadt am Karpathenfluß; wohl an die dreißig Mal ward sie geplündert, verbrannt, von der Erde vertilgt. Und schier ein Jahrhundert lang lebte nichts von ihr, als die Sage, daß hier einst Menschen gehaust. Aber der Zauber ihrer Lage erwies sich wunderkräftig, er belebte noch einmal die verödete Stätte, und außer dem Fleiß der Bewohner hat Czernowitz dieser überaus günstigen Lage sein fabelhaft rasches Wachsthum zu danken. Dies der Hintergrund für die Bilder jener Octobertage. Und wie ich ihrer gedenke, treten sie vor mich hin, so überaus bunt und wechselvoll, so von sonderbarstem, eigenartigstem Leben durchfluthet, daß mir wahrlich die Zuversicht schwindet, sie in schwachem Wort festhalten zu können, und die Wahl schwer wird, welches genauerer Ausführung am meisten werth. Denn über diese Tage ließe sich ein Buch schreiben, und es wäre wahrlich nicht das uninteressanteste, welches je geschrieben wurde ... Ich beginne mit dem buntesten, eigenartigsten Bilde, dem Volksfest. Dort, wo die letzten Häuser stehen, an der Heerstraße, die von Czernowitz gegen Süd führt, grünt ein Garten voll kühler Bosquets und sonniger Wiesen und lauschiger Irrgärten, wie er in keiner andern Stadt des Ostens so groß und wohlgepflegt zu finden ist: der städtische Volksgarten. Hier promeniren am Sabbath die jüdischen, am Sonntag die christlichen Honoratioren, an Wochentagen aber klingt nur zuweilen durch die stillen Alleen räthselhaft und dumpf Getön: das sind die Gymnasiasten von Czernowitz, die hier für den nächsten Tag das eingezeichnete Stück Wissenschaft auswendig lernen. Sonst quakt hier nur noch zuweilen ein Frosch, oder einer der dreihundert zwanzig Lyriker, mit denen die Stadt gesegnet, gebiert unter halblautem, angstvollem Stammeln ein Lied ... Auch manches Fest ist hier schon gefeiert worden, manches hübsche Volksfest. Aber ein solches wie am ersten Sonntag des October noch nicht. Und schwerlich mehr wird ein solches hier gefeiert werden, außer etwa wieder am 3. October 1975. Aber das liegt ja just nicht dicht vor uns. Freuen wir uns, daß wir diesmal recht die Gelegenheit genützt. Es war wahrlich der Mühe werth. Denn es gibt keinen andern Ort der Welt, wo man Aehnliches sehen könnte, in Europa mindestens gewiß nicht. Weder die Pracht des Festes, noch die Zahl der Theilnehmer dictirt mir diesen anscheinend sehr überschwänglichen Ausdruck. Aber schwerlich anderswo wird man so vielen Sprachen, Trachten, Nationen begegnen. Das war sinnverwirrend im allerbuchstäblichsten Sinne des Wortes. Es blendete das Auge, es betäubte das Ohr. Gegen die Mittagsstunde waren die Abgeordneten der Bauernschaft des Landes, an die zwölfhundert Mann, mit ihren Weibern und Töchtern, Müttern und Bräuten in den Garten eingezogen. Vom kalkigen Felsufer des Dniester und den blauen Waldhöhen am Czeremosz bis hinab zum goldumsäumten Rande der Bistrizza und den Wiesen, durch welche lässig die Suczawa rinnt; von der unermeßlichen Urwaldnacht, welche zwischen diesem Lande und seinem magyarischen Nachbar aufgerichtet ist, bis tief in's fahle Haideland im Osten, durch welches die rumänische Grenze schneidet – aus allen Dörfern, Weilern und Höfen waren sie gekommen, ihrem Staate zu huldigen und seiner Verkörperung: dem Fürsten. Aber das sollte morgen geschehen. Hierher, in diesen Garten, waren sie nur gekommen, sich zu freuen. Und Freude geben dem Naturmenschen drei Dinge: Essen, Trinken, Tanzen. Vielleicht noch andere Dinge, aber diese stehen nirgendwo auf dem offiziellen Programm, auch haben sich die Festordner nicht dafür zu bemühen. Also: gegessen, getrunken, getanzt wurde auch im Volksgarten zu Czernowitz. Und über die beiden ersten Dinge ist nicht viel zu sagen. Man trank Schnaps und Bier und aß Ochsen- und Hammelbraten, die eben an freien Feuern gar geworden. Aber dieser Tanz, aber diese Musik! Wer je dieses Land, ob auch nur flüchtigen Fußes, durchschritten, der weiß, daß hier Bruchgestein all der Völker haust, die jemals über diesen Boden gegangen; daß hier kaum ein Dorf ganz dem andern gleicht, an Bauart der Häuser, an Sprache, Tracht, Sitte und Typus der Bewohner. Aber auf seinen Fahrten waren ihm noch all die Bilder durch Raum und Zeit geschieden. Hier jedoch hallte Alles in derselben Sekunde in sein Ohr, und ein Blick des Auges konnte Alles umfassen. Was mir auch bisher in aller Herren Ländern zu schauen gegönnt war, Interessanteres als dieses Volksfest im Stadtgarten zu Czernowitz habe ich nicht gesehen, und mit gespannteren Sinnen habe ich nichts betrachtet. Denn eine tausendjährige Geschichte tanzte da vorbei, und die Kulturgeschichte des Ostens johlte aus tausend und aber tausend Kehlen. Wohin sich zuerst wenden? ... Dort, vom Rande der Wiese, klingt jäh, heulend, langgezogen ein Ton in unser Ohr und schwebt vernehmlich über dem andern Getön: eine Bergpfeife aus dem Czeremosz-Thal. Ein junger Bursch bläst sie, und um ihn her strampfen im Kreise, eng aneinandergeschlossen, langhaarige, sonderbar gekleidete Männer. Eintönig kreischt die Pfeife, eintönig geht das Gestrampfe, und aus rauhen Kehlen heulen sie ein Lied dazu, es klingt wie ein ewiges »Urraj!« Sie blicken nicht auf, sie halten sich eng aneinander. Denn vielleicht zum erstenmale sind sie in einer Stadt und sicherlich zum erstenmale in der Hauptstadt. In vereinzelten Hütten, begraben in der grünen Wüstenei des Bergwaldes an der Grenze gegen Pocutien, hausen sie sonst, ihre Heerden ihr einziger Schatz und das einzige Tauschmittel des Verkehrs. Und mitten im Karpathenwald hausend, sind sie gleichwohl eine Reiternation, die mehr auf dem Rücken ihrer kleinen, zähen, flinken Rosse wohnt, als in den erbärmlichen Hütten. Vielleicht ist dies auch ein Erbtheil ihrer Vater, des verschollenen, räthselhaften Stammes der Uzen, der einst von Osten kam und gen West strömte, so daß nur im Bergthal eine Woge haften blieb. Huzulen heißt man sie, und weil sie Ruthenisch sprechen, nennt sie die Statistik Ruthenen. Aber ihr Typus deutet nicht darauf; diese kleinen, schwarzhaarigen Menschen mit dem kühn und scharf geschnittenen, gelblichen Antlitz schauen nicht aus wie Slaven. Auch ihre Tracht ist merkwürdig: grellrothes enges Beinkleid, brauner kurzer Reitrock, kleines keckes Federhütchen, um den Leib ein mächtiger Gurt, in dem mindestens eine Pistole blinkt und mindestens ein breites Messer. Sie machen oft davon Gebrauch, nicht blos dem Bären gegenüber. Wie die Kinder sind diese Menschen, just so gutmüthig, aber just so jäh und launisch und wild. Sie verachten die Ruthenen der Ebene und nennen sich selbst stolz »Söhne der Uzen«. In der That ist zwischen ihnen und ihren Sprachgenossen im Flachlande in allen Dingen ein gewaltiger Unterschied. Wenige Schritte davon könnt ihr sie tanzen sehen, die Ruthenen aus der Ebene zwischen Dniester und Pruth. Sie sind nicht so genügsam wie die einsamen Leute aus den Bergen, denen ihre Schalmei genügendes Orchester ist. Ihnen spielen Geiger auf und Cymbalschläger. Und da drehen sie sich nun in den buntesten Gangarten und Gruppirungen: »Porusku« ist ein Gemisch von Rundtanz und Cotillon. Sie sind ein schöner, starker Menschenschlag, hoch, breitschulterig, mit lichter Haut- und Haarfarbe. Unter den Mädchen finden sich neben entsetzlich soliden Schönheiten, die einige Ellen im Umfang haben, auch auffällig graziöse Gestalten mit lieblichem, feingeschnittenem Antlitz. Für Männer und Frauen ist der Schafpelz das Festkleid, was eigenartig aussieht und eigenartig riecht. Die Aermeren tragen den braunen »Serdak«, einen breit und weit geschnittenen Rock. In der Kopftracht unterscheiden sich scharf die Vermählten von den Ledigen und auch beim Tanze sondern sie sich darnach. Das Weib trägt ein weißes Tuch um den Kopf, das Mädchen die Haare frei herabwallend und einen Kranz oder eine ganz sonderbare, mit Füttern besteckte Tuchkrone ums Haupt. Sie sind ein phlegmatisches, melancholisches, zähes Volk, diese Ruthenen. Auch hier könnt ihr's sehen. Unermüdlich drehen sie sich, wie sie denn überhaupt Alles gern langsam und gründlich thun. Aber ihre Gesichter bleiben stumpf und traurig. Keuchend, aber todesernst drehen sich die Bursche und Mädchen. Der Contrast zwischen den heiteren Weisen und diesem Gesichtsausdrnck wirkt unwiderstehlich komisch. Aber im Uebrigen darf man wahrlich nicht über sie lachen. Zäh und beharrlich haben sie sich das Land erobert und drängen die ursprüngliche Hauptbewohnerschaft, die Rumänen, immer weiter nach Süd. Wo Rumänen und Ruthenen zusammengrenzen, herrscht binnen zehn, zwanzig Jahren der Letztere. Und der Besiegte nimmt des Siegers Sprache an. Da drüben, der Wiese nah, wo die Heerdfeuer stammen, vergnügt sich eine solche Gruppe. Dunkeläugige, schlaublickende Juden spielen ihnen auf, und was sie tanzen, ist ein echt rumänischer Tanz, der Harcanu. Ihre Hautfarbe ist bronceartig, und die magere, bewegliche Gestalt verräth das romanische Blut. Aber horcht den Rufen, mit denen sie sich in immer tollere Freude hineintanzen – sie klingen ruthenisch. Und werden sie rumänisch angesprochen, so erwidern sie kopfschüttelnd: »Ne ponemaju«. Sie haben die Sprache der Väter verlernt. Also Ruthenen, die eigentlich Huzulen, Ruthenen, die eigentlich Rumänen sind, und daneben sehr, sehr zahlreich echte Ruthenen. Auch sie selbst unterscheiden sich von einander durch Tracht und Dialekt, je nachdem sie aus Pocutien oder Podolien eingewandert, je nachdem sie ihren Wohnsitz im Flachlande oder im Hochlande genommen. Unter den Hunderten finden sich kaum je zehn, die in Sprache und Tracht vollständig übereinstimmen. So gibt es in einer und derselben Hauptgruppe erst recht ein kleines Babel. Dasselbe gilt von den Rumänen. »Söhne Romas« nennen sie sich stolz, und aus ihrer Sprache lassen sich bei einiger Mühe ganze Sätze zusammenstellen, die wortwörtlich mit dem Lateinischen zusammenklingen. Aber das Blut ist stark gemischt mit slavischem, mongolischem, tatarischem Blut. Tagelang kann man im Lande reisen, ohne reinblütige Rumänen zu treffen. Hier freilich, wo Alles zu sehen, kann man auch sie treffen. Aus dem Hügellande, wo Österreich an die Fürstenthümer grenzt, sind sie hergekommen. Abseits, ganz abseits halten sie sich; ein sonderbarer Stolz ist diesen Menschen angeboren, und sie haben viel natürliche Würde, so lange sie – nüchtern sind. Hier sind sie's noch. Zigeuner spielen auf, überaus zerlumpte Zigeuner, aber ihre Fiedeln singen zaubertönig – ein echter Rumäne tanzt nach keiner andern Musik. »Romana« tanzen sie, den Nationaltanz, phantastisch und figurenreich, oder »Oleadru«, einen Cotillontanz, wie ihn selbst die hochverehrliche »deutsche Tanz-Akademie« – bei aller Achtung vor dieser gelehrten Gesellschaft sei es ausgesprochen – nicht graziöser und kunstvoller austüfteln könnte. Aber das entspricht ja der Art dieser schlanken, beweglichen Söhne des Südens mit dem scharfgeschnittenen braunen Antlitz und den dunklen, blitzenden Augen. Und was vollends diese Mädchen betrifft, so wäre es bei ihrem Anblick gar nicht schwer, sich an die Ufer des Tiber zu träumen. Auch auf dem Tusculum des Cicero haben sich die latinischen Mägde nicht anders getragen: in Linnen und bunter Stickerei, und zur Festtracht um die Schultern eine blaue Tunica. Und nicht anders haben sie dem Horaz das Aug' erfreut: schlanke, üppigstolze und doch schmiegsame Gestalten, im süßen, dunklen, halbverschleierten Auge wildesten Sinnenbrand. Aber auch viel Mischlingsblut spricht die dakischlatinische Mundart. Hier eine Gruppe, auf welcher der Blick nicht gerne ruht: die Leute sind gar zu häßlich. Kleine Menschen mit gelben Gesichtern, schiefgeschlitzten Aeuglein, schier verkümmerten Nasen. Und die Beine bilden das schönste, regelmäßigste, lateinische 0. Rumänisirte Mongolen, die in den Bergen sitzen geblieben, durch welche einst die Raub- und Heerstraße ihres Volkes ging. Sie brauchen keine Musik, sie heulen sich selber ein Lied vor, nach dessen Tact die Säbelbeinchen regelmäßig zusammenknicken und wieder aufschnellen. Unermüdlich hüpfen sie, wie die Frösche – es wäre zu komisch, wenn es nicht so unheimlich wäre. »Hup! Hup!« tönt uns noch lange das Geheule nach. Aber nun dringen uns freundlichere Töne ins Ohr; es ist ein Ländler, ein wahrhaftiger Ländler von Lanner. Wie das sonderbar anmuthet, ist kaum zu sagen. Rasch biegen wir um die grüne Hecke – da, vor der Schänke, ein Bild aus dem Renchthal oder von der Schwäbischen Alb. Da sitzen an den Tischen die alten Schwabenbauern, in den langen stattlichen Kaputröcken aus blauem Tuch mit silbernen Knöpfen, und neben ihnen die Weiber im geblümten mächtigen Reifrock. Da tanzen die jungen Bursche im knöpfeschimmernden Spenser, die Mädchen im bunten Mieder und kurzen Röcklein, daß darunter die Waden im schwarzen Strumpf wie mächtige Pilaster zu sehen. Hier haben sich die Deutschen gelagert, die Schwaben aus Rosch, die Deutschböhmen aus Fürstenthal, die Zipser aus Jakubeny, die Pfalzer und Niederdeutschen aus dem Anland der Suczawa. Zehn verschiedene Dialekte, zehn verschiedene Trachten aus allen Gauen Deutschlands. Aber sie verstehen sich gut und halten treu zusammen, die versprengten deutschen Landsleute. Freilich tanzt der Zipser nur mit seiner schlanken Zipserin und der Mann aus Rosch mit seinem runden, rothbackigen »Moidele«. Aber vielleicht ist auch dies deutsche Art. Uebrigens geht es hier nicht allzu laut zu. Alles mäßig, ehrbar, aber gründlich. Nur zuweilen schlägt die Lust in hohen Wogen auf. Denn während der Ruthene beim Tanz aussieht, als begrübe er just sein Liebstes, lacht und frohlockt der Deutsche und schmettert zuweilen ein Trotz- und Tanzlied in die Lüfte. Huzulen und Mongolen, Rumänen, Ruthenen, Deutsche – auch dies Gewühle wäre verwirrend genug. Aber was Alles kann man hier nicht noch außerdem tanzen und johlen hören! Hier Slovaken im spärlichen Linnengewand, den runden weichen Filzhut auf dem langhaarigen Haupte. Heute ungemessen in der Freude, wie sonst ungemessen in der Klage, Söhne eines Volkes, dem auch auf diesem gesegneten Boden dasselbe Loos gefallen wie anderwärts: die Aermsten unter den Armen zu sein. Hier sitzt der Slovake nicht etwa als Drahtflechter, sondern als Ackerbauer, aber er gedeiht nicht recht. Heute freilich johlen sie entsetzlich, und ihre Weiber in buntem Drillich kreischen. Diesem Volke, besonders seiner zarten Hälfte, wäre es nicht gut, zu predigen, daß Gott sie nach seinem Ebenbilde geschaffen: sie würden sich sonst den ließen Gott mit einer Stumpfnase ausstatten und mit einem Munde, der die Aufgabe hat, zwischen beiden Ohren eine wulstig klaffende Oeffnung zu ziehen. Schön und kräftig, schlanke braune Bursche, dralle, feueräugige Dirnen – so präsentiren sich ihre Nachbarn, hier im Garten und in der Wirklichkeit: die Magyaren. Aus dem armen, bergigen Szeklerlande sind sie einst hinabgestiegen in das Tiefland und haben hier ein reiches, blühendes Heim gefunden. Darum jauchzen auch ihre »Eljen« zum Himmel auf wie Raketen – die Leute wissen, was der heutige Tag bedeutet. Hui! wie die Fiedel klingt; hui! wie der »Csárdás« dröhnt! Die Sporen klirren und die weiten weißen Pumphosen fliegen nur so im Kreise. Nur die Reicheren tragen das eng verschnürte Beinkleid. Aber eine bunte Feder hat sich Jeder auf den Hut gesteckt und eine rechte Festfreude ins Herz hinein. Und wie sie so am Rande der Haide tanzen, ist es ein Bild, wie aus der Puszta zauberhaft hierhergestellt. Aber es gibt auch Viele, die nicht tanzen. Da wandelt, bald scheu abseits, bald näher herandrängend als just nothwendig, der orthodoxe Jude in seiner altpolnischen Tracht. Da geht sein Concurrent im Handel, der Armenier, langsam und gemessen einher – aus Suczawa oder Kimpolung; dort allein hat sich die armenische Tracht erhalten, ein langes, seidenes Untergewand, bis auf die Knöchel herabwallend, darüber ein sammt- oder pelzgeschmückter Kaftan. Da wandelt düster und mürrisch der Lippowaner daher in altmoskowitischer Tracht, neben ihm sein dickes Eheweib in grellem, rothgeblümten Kleide. Er ist Einer der »Leute vom wahren Glauben«. Zur Huldigung ist er gekommen; aber was soll ihm die Freude mit dem unreinen Gewürm, das an Götzen glaubt?! Dann elegante Herren und Damen, Bürger aus den Czernowitzer Vorstädten mit ihren Weibern – Pardon! Gemahlinnen – in rothen Umhängtüchern und grünen Handschuhen, Soldaten, Bergknappen, rumänische Popen mit langem Bart und Gewand, böhmische Spielleute, Akrobaten – ich glaube, ich schriebe es nicht aus, und schrieb' ich noch so lange fort. Und dies Alles zusammengedrängt auf dem Raume einiger Gartenplätze und Alleen – es war ein Lärmen und Treiben, daß man sich hätte die Ohren stopfen und die Augen schließen mögen, und wieder, daß man sich tausend Augen und Ohren wünschte, Alles recht in sich zu fassen! Und erst als es Abend wurde und Alles durcheinanderdrängte! Und wieder, als das Feuerwerk begann und bengalisches Licht die unsäglich bunte Gruppe der Harrenden zauberhaft umfloß! Es war ein märchenhaft schönes Bild! ... Schöneres haben diese Festtage nicht geboten. Aber andern interessanten Anblick noch, von dem man gern berichten und vielleicht auch – hören mag. ... Wer in dieser Landschaft zusieht, wie ein Fluß in den andern mündet, kann ein eigen Farbenspiel gewahren. Verschiedenfarbig sind sie, weil der Boden verschieden, durch den sie fließen. Und wenn sie sich mischen; so hält doch jeder seine Farbe fest, so lange er vermag. Da ziehen in demselben Bette Streifen grünlichweißen und tiefblauen Wassers dahin, lange, lange, bis sie endlich verfließen. Schier dasselbe Farbenspiel kann gewahren, wer in das sociale Leben dieser Landschaft blickt. All die Bäche verschiedener nationaler Cultur und Uncultur fließen friedlich in Einem Bette. Aber noch nicht lange genug, um sich ganz gemischt zu haben. Wenn diese Wasser dereinst zu einem mächtigen Culturstrome geworden, wird Niemand ahnen, welche eigen gefärbten Streifen sie einst geziert oder verunziert. Heute sieht man's noch. Und vielleicht nirgendwo deutlicher konnte man's sehen, als bei dem Huldigungszug. Er war riesig lang gedehnt und so zusammengestellt, daß er keinen malerischen Anblick gewähren konnte. Was das Volksfest so reichlich geboten: blendendste, sinnverwirrendste Farbenpracht, hier fehlte es ganz und gar. Wie absichtlich war es auseinandergezerrt, jeder Effect zerrissen. Wahrscheinlich durch Ungeschicklichkeit. Aber wir wollen sie nicht beklagen. Just an diese Gruppirung knüpfen sich am besten die Fäden, ein Culturbild des Landes im Fluge zu zeichnen. Huzulen eröffneten den Zug, ein Fähnlein Ruthenen aus dem nördlichen Karpathenwald und ein Fähnlein rumänischer Bergbewohner aus den Thälern der Dorna und Bistrizza. Nicht eben elegant hockten die kühnen, verwegenen Bergmenschen auf ihren mageren Kleppern. Vielleicht können diese Rößlein und diese Art des Reitens einem Fremden ein Lächeln abgewinnen. Aber wer je auf einem Huzulenklepper durch unsere Berge getrabt, wird ihn nicht verachten. Er ist von einer so fabelhaften Ausdauer, von einer so ungemeinen Treue, Klugheit und Vorsicht, daß man ihm mehr vertrauen kann, als vielen Menschen. Er ist, um ein keckes Dichterwort zu gebrauchen, von vernünftiger Viehigkeit, indeß viele Menschen bloß von viehischer Vernunft sind. Nur Eine Eigenthümlichkeit muß man dabei schonen: den Sporen verträgt kein Huzulenroß, und mit dem Zügel muß man so wenig als möglich hantiren. Wer ihm vertraut, ist am Abgrund sicher, und wer es einzuengen sucht, kann mitten in der Thalsohle straucheln. Kein Huzulenroß verträgt Sporen und Zügel und – kein Huzule. Frei lebt er in seiner Bergöde, ein einsamer Nomade, der mit seiner Heerde von Trift zu Trift zieht. Ihn bindet nichts als der eigene Wille. Denn wen nicht die Natur bindet, wen nicht sein eigen Herz bindet, den bindet keine Menschenmacht in dieser ungeheuren grünen Wüstenei der Berge und Wälder. Will er ein Räuber werden, er kann es; hier findet ihn kein Richter, kein Soldat. Aber er wird es selten. Wen sollte er auch berauben? Und was er braucht, bietet ihm sein Wald und seine Heerde. Der wandernde Hirt, der Nomade, der Mensch im Urzustande! Schwerlich hat die löbliche Festordnerschaft daran gedacht, aber für unsere Zwecke hätte sich kaum eine bessere Eröffnung des Zuges finden lassen. ... Folgt eine Militärkapelle und schmettert den Radetzkymarsch. Das wäre nicht erwähnenswerth, böte es uns nicht ein Steinchen für unsere Mosaik, diesmal ein dunkles. Wer die riesigen Menschenmassen sah, welche sich stauten, als die Capelle zum erstenmal spielte, hätte leicht über den naiven Enthusiasmus der P. T. Provinzialmenschen spötteln mögen. Aber es war den guten Leuten zu vergeben; es war seit langen Jahren die erste Militärmusik, welche sie hören durften. Czernowitz hat keine Capelle, weil es sich weigert, eine Kaserne zu bauen. Die Stadt baut mehr Schulen, als ihr obliegt, vielleicht mehr, als in ihrer Kraft liegt; aber eine Kaserne will sie nicht bauen. Sie glaubt, daß man dies nicht mit Recht von ihr fordert, und daher thut sie's nicht. Man straft dies durch Entziehung der Genüsse türkischer Musik. Ein dunkles Steinchen in der Mosaik dieses Culturbildes habe ich dies genannt, aber das war nicht wohl erwogen. Die zwerghaft kleine Affaire ist im Grunde ein helles Zeichen. Seht, diese Stadt ist loyal, so ungemein, so ganz überaus loyal. Selbst der schwarzgelbste Schwarzgelbe müßte sich hier wohl fühlen. Und dennoch finden die Bürger dieser Stadt den Muth, auf ihrem Rechte zu bestehen. Folgen Turner, höchst seltsamlicherweise im Frack, und die Feuerwehren mit ihren Fahnen. Auch ein Veteranenverein mit sehr schönen goldenen Litzen und Troddeln erfreut das Auge. Holdes Soldatenspiel ältlicher Knaben, so hast du denn auch hier deine Heimstätte gefunden! Vereine in Frack und Rock, mit oder ohne Fahnen, mit oder ohne Abzeichen, sehr, sehr viele Vereine. Czernowitz allein hat ihrer sehr viele, und das ist kein schlimmes Zeichen. Wenn irgendwo, so bedarf es auf diesem jungfräulichen oder kaum erst umrodeten Boden der geeinten Kraft. Sie findet sich auch zusammen. Nur Einer der Vereine ging in sehr geringer Mitgliederzahl daher, die »Deutsche Lesehalle«. Sie ist der einzige nationale Vereinigungspunkt der hiesigen Deutschen. Unter Hohenwart blühend, siecht sie nun dahin. Seitdem ist die »Deutsche Lesehalle« eines sanften Todes verblichen. Die Deutschen in der Bukowina sind seither in die bittere Lage gekommen, dies schmerzlich zu beklagen. Aber zu einer neuen nationalen Vereinigung ist es deßhalb doch meines Wissens noch nicht gekommen. Anm. zur 3. Aufl. Das ist so überaus bezeichnend für deutsche Art im Osten, daß man wohl länger dabei verweilen muß. Der Deutsche ist der Allerweltsbeglücker und Allerweltsschoner. Treu und stet für sich und Andere die Culturarbeit verrichten – das versteht sich von selbst. Aber dabei sagen: »Ich bin ein Deutscher!« – bewahre! ... Nur wenn der Deutsche in diesem Lande getreten wird, findet er den Muth dazu. Unter Hohenwart fand er ihn. Aber nun, da er wieder rastlos schaffen darf, in seinem Interesse allerdings, aber auch noch weit mehr im Interesse der Anderen, scheint ihm jede, auch die leiseste Betonung seines nationalen Bewußtseins sündhaft. Er fürchtet, schon dadurch die Anderen zu verletzen, wenn er sich überhaupt nur zu seinem Volke bekennt. Der Rumäne und der Ruthene, auch diejenigen, welche gern die deutsche Culturarbeit würdigen und fern von allem nationalen Fanatismus sind, sind nicht so zartfühlend. Und mit vollem Rechte! Ich bin weit davon entfernt, den Deutschen zuzumuthen, durch übermüthige Betonung ihrer dominirenden Stellung, durch überflüssige nationale Demonstrationen Andere zu verletzen oder zu ähnlichen Demonstrationen zu verleiten. Das Herrlichste an und in diesem Lande ist und bleibt der nationale und confessionelle Friede, und kein Hauch darf ihn trüben, am wenigsten ein Hauch aus deutschem Munde. Das wäre nicht blos unklug, sondern verächtlich und des deutschen Geistes am mindesten würdig. Aber sich zu seinem Volksthum bekennen, das kann kein anderes Volksthum beleidigen. Wehe dem Deutschthum im Osten, wenn es sich in sublimen Kosmopolitismus auflösen würde – es wäre nicht blos sein eigenes Verderben, sondern auch das Verderben für alle Culturbestrebungen in diesem Lande! Nur wem aus dem Born seines eigenen Volksthums die Kraft quillt, kann für sein eigen Volk und Andere nützlich schaffen! Der Tag, an dem die Deutschen des Ostens dies vergessen würden, wäre der Beginn ihres Unterganges. Viele Herren in kurzen und langen, modischen und unmodischen Fräcken. Und nun die Vertreter aller Confessionen. Da schreitet der Prediger der Reformjuden neben dem Chassid, der griechisch-orientalische Priester neben dem römisch-katholischen Pfarrer, der unirte neben dem nichtunirten Armenier, der katholische Russinen-Pope neben dem Abt der Altgläubigen, der helvetische Pfarrer neben dem evangelischen Prediger. Hier gehen sie friedlich, und friedlich gehen sie im Leben. In diesem Lande hat noch kein Mensch, mindestens seit hundert Jahren nicht, für seinen Glauben gelitten. Jeder schreitet seine Bahn dahin, weil er sie für die rechte hält; aber es ist noch Keinem zu Sinne gekommen, dem Nachbar seine Bahn mit Steinen oder Unrath zu verrammeln! Warum? Warum blüht hier tiefster Friede, indeß ringsumher der Glaube den Menschen zum Fluche wird, der sie in tiefes, grimmiges Hassen und Wüthen hineinpeitscht?! War es ein Act edelster, freier Entschließung von Priesterschaft und Volk? Dictirte die Notwendigkeit solche Toleranz? Es wäre schön und erhebend, könnte man das Erstere bejahen, schön und erhebend wär's, aber nicht richtig. Das Letztere ist die Wahrheit. Kein Glaube war stark genug, den andern zu unterdrücken. Wer sich über und gegen seine Brüder und Nichtbrüder in Christo erhoben hätte, hätte sich besagte Brüder und Nichtbrüder curios auf den Hals gehetzt. Stillzuhalten und zuzusehen, daß die eigene Heerde zusammenblieb, war die einzig mögliche Handlungsweise. So kamen Gleichberechtigung und Friede ins Land. Und daraus keimte allmählig ein milder Geist. Hatte man sich anfangs vertragen müssen, so vertrug man sich später von Herzen gern. Vielleicht wäre es trotzdem nicht gelungen, wäre die römisch-katholische Confession im Lande nicht so spärlich vertreten gewesen. Und sicherlich wäre es nicht gelungen, wäre sie so zahlreich gewesen, als es die griechisch-orientalische Kirche ist. Seht euch diese würdigen, vorüberwandelnden Popen mit lang herabwallendem Haupt- und Barthaar wohl an, zieht den Hut vor ihnen – es sind brave und gute Menschen! Sie sind in der Bukowina gebildeter als die Priester anderer Confessionen. Und sie sind wahre Priester, vielleicht weil sie Weib und Kind haben, weil es ihnen geboten und nicht verboten ist, rein menschlich zu empfinden. Es ist ein lehrreich Capitel, das Capitel von der Toleranz in der Bukowina. Tröstlich für andere Landschaften ist es freilich nicht. Priester verschiedener Confessionen vertragen sich nur, wenn sie sich vertragen müssen. Und die Völker?! Seht her! Dichter und geschlossener wird der Zug: da wimmeln sie heran in tausend bunten Trachten, die zwölfhundert Abgeordneten der Bauernschaft dieses Landes. Aber nicht nochmals will ich sie schildern in ihrer tausendfältigen Verschiedenheit, sondern aussprechen, was sie geeint. Ringsumher, und namentlich in den Nachbarlanden im Norden und Westen, bitterster, wüstester Groll eines Volkes gegen das andere, hier allein Friede und Eintracht! Was hat diese Menschen geeint? Wieder die Nothwendigkeit. Die heilige Anauke ist die mächtigste Göttin; sie wirkt ihre Wunder, wo alle andere Genien verbleichen. Auch die Nationen einten sich hier anfangs nur deßhalb, weil sie mußten. Die beiden an Kopfzahl stärksten Völker hielten Frieden aus gegenseitigem Respect, die anderen aus Respect vor den mächtigen. Aber allmählig ward freier Wille, was anfangs nur Zwang der Notwendigkeit gewesen. Nur die Noth kann die angeborenen Instincte brechen oder biegen; aber hat sie es vollbracht, dann wirken auch mildere Genien: die Menschlichkeit, die Liebe. Es gibt zwei Länder in Europa, wo sich Solches gefügt: die Schweiz und die Bukowina. Freilich durch die Nothwendigkeit allein wäre es in beiden Ländern nicht erreicht worden. Sie ist die materielle Kraft, welche den Trotz bricht, zu ihr muß eine geistige Kraft treten, die Menschen zu verbrüdern. In der Schweiz war es der Geist der Freiheit, und in der Bukowina ein verwandter und gleich herrlicher Geist: die Cultur, oder was dasselbe sagen will, das Deutschthum. Versöhnend, vermittelnd trat es zwischen die anderen Nationalitäten, und hier war es ihm gegönnt, so viel Segen zu spenden, als es spenden kann, weil es nicht roh zurückgewiesen wurde. Anderwärts geschah dies. Und darum und aus anderen, gleich traurigen Gründen kann man, wenn man nach den Ländern fragt, wo die Vereinigung verschiedener Nationalitäten schön gelungen, nicht antworten: Die Schweiz und Österreich. Nur in der Bukowina hat sich erfüllt, was einst der große Joseph so heiß ersehnt und so kräftig angestrebt: einen Staat, zusammengehalten durch die gemeinsame Bildung, keinen deutschen Nationalstaat, aber einen deutschen Culturstaat. Auf dem Basrelief des Austria-Denkmals ist der große Kaiser zu sehen, wie er milde auf das jüngste Glied des Reiches hinabblickt. Und wahrlich! milde und weisheitsvoll haben diese Kaiseraugen auf dies Land geschaut, und Vieles von dem, was sich heute segensvoll entfaltet, das Meiste hat diese starke Hand gepflanzt. Darum haben auch die Leute dieser Landschaft anfangs daran gedacht, ihn in der Hauptstadt im Bilde zu erheben. Dann haben sie ein gleich passendes Symbol erwählt: die Austria. Wie sie enthüllt wurde, das ist ein leuchtend Blatt in dem Bilderbuche dieser Festtage. Und eine weihevolle Minute war es, als das Gold der October-Sonne zum erstenmale den Marmor umfloß und ein stürmisch Hoch aus tausend und abertausend Kehlen erschallte. Eine weihevolle Minute, und insbesondere jedes Deutschen Brust mochte sich da stolz heben. Denn wenn hier der österreichische Staatsgedanke einen Triumph feierte, wem anders hatte er es zu danken, als der Culturarbeit seiner deutschen Bürger?! Manchem, der viel zu fern war, diese stürmischen Hochrufe zu vernehmen, mag es gleichwohl im selben Augenblicke seltsamlich im Ohr geläutet haben. Manchem Nachbar im Norden, manchem Nachbar im Süden und manchem hochedelgeborenen Herrn im Buchenlande. Manchem Nachbar im Norden. Ich meine die Herren Polen. Sie haben dieser Feier gegenüber eine Haltung eingenommen, als wäre es das Triumphfest ihres bittersten Feindes und nicht des Staates, der auch über sie seine schützenden Fittige streckt. Nirgendwo geht es den Polen so gut, wie innerhalb der schwarzgelben Pfahle, und nirgendwo werden diese Farben bitterer gehaßt als in Lemberg und Krakau. Es wäre dies unbegreiflich und wird wohl nur dann erklärlich, wenn man an das düstere, antike Wort denkt: » Quem Deus perdere vult, obcoecat !« ... Jenem Polenthum freilich, welches Andere unterjocht, für sich selbst Sonderrechte beansprucht, war dies Fest in der That ein feindliches. Es galt der Bildung und der Gleichberechtigung der Nationen, den Todfeinden nationalen Dünkels. Manchem Nachbar im Süden. Aber wir wollen uns die Erinnerung der herrlichen Tage nicht dadurch trüben, daß wir der Herren Rumänen ausführlich gedenken oder gar des eklen Geifers, mit dem sie diese Tage zu beflecken versucht. Hätten sie sich darauf beschränkt, ernst und würdig zu klagen, daß hier einst ein Theil ihres Gebiets unter fremde Herrschaft gelangt, man hätte ihnen ebenso ernst erwidern können: »Segen darf man nicht beklagen. Nicht, wie der Staat heißt, sondern was er seinen Bürgern bietet, das allein entscheidet. Blickt euch an und dann die Bewohner dieses Landes, und freut euch mit ihnen, daß eure Stammesgenossen in Oesterreich glücklicher sind als ihr!« Aber vor dem Unflath, wie er von dort herübergeschleudert wurde, deckt man sich am besten mit dem Schweigen der Verachtung. Ein anderes Schweigen sei den hochedelgeborenen Herren entgegengesetzt, welche still auf ihren Gütern saßen und sich nicht mit den anderen Bewohnern des Landes freuen wollten – das Schweigen geduldiger Nachsicht. Sind sie doch ehrenwerthe und überaus harmlose Leute, welche sich zudem derzeit in bemitleidenswerther Verlegenheit befinden. Es ist für Politiker keine Kleinigkeit, ihr Princip nicht zu wissen und nun angstvoll nach ihrem Princip suchen zu müssen. Hoffentlich gefällt ihnen dasselbe Princip, welches die gesammte Bewohnerschaft des Landes zu Licht und Segen geführt. Man muß ihnen nur Zeit lassen, es zu finden. Das war 1875, unter dem deutschfreundlichen Ministerium. Heute jubeln die »Hochedelgeborenen« und die Polen, die Deutschen aber haben den Kampf für den Staatsgedanken gegen die – österreichische Regierung zu führen! Anm. zur 3. Aufl. ... Noch manches schöne Bild drängt sich vor mein Auge, und kaum dämme ich die Neigung zurück, es nachzuzeichnen. Besonders jene beiden Lichtbilder in des Wortes ureigenster Bedeutung, die Beleuchtung der Stadt und dann den Festcommers, schilderte ich gerne. Und die Auffahrt der Studenten, dies farbenprächtige Decorationsstück, welches auf raschen Wagen an den erstaunten Augen der Czernowitzer vorbeizog und an den blitzenden, glühenden Augen der Czernowicienserinnen ... faciles, formosae ... ein »west-östlich« Bild wär's auch, wollte und könnte ich der Frauen dieser Stadt gedenken. Auch in ihnen fließt West und Ost eigen zusammen. Man findet hier sehr viele üppige, viele schöne Gestalten, oft genug ein sinneentflammendes, selten ein edel schönes Antlitz. Wer aus der Fremde kommt oder kehrt, dem wird in der ersten Zeit die Schönheit dieses Frauenschlages überraschend und erfreulich ins Auge treten. Es ist jenes üppig-frische Blühen, welches sich überall da entfaltet, wo verschiedene Racen zusammentreffen. Die Frauen einer Mischlingsrace haben gewisse stereotype Fehler im Gemüth, aber fast immer sind sie schön und anmuthig. Das gilt auch von den Frauen dieser Stadt. Aber wohin gerath' ich da? Just vom Gegentheil wollt' ich reden, von Schlichtem und Ernstem. Und von einem nüchternen und doch so herrlichen Wort, in welchem sich für mich all die Eindrücke der Festesfreude einen. Es war am 1. Mai 1872, einem gar lenzfröhlichen Tag. Da standen ihrer viele Hunderte – ergraute Kämpen der Wissenschaft, blutjunge Studentlein und viel festlich Volk – in einer luftigen Halle, und wie die Banner ob ihren Häupten im Frühlingswinde rauschten, ging auch durch ihre Herzen ein lenzhaft Wehen und rührte sie an in lichter Freude. Aber auch wie ein heiliger, ernster, unerschütterlicher Entschluß stand es auf ihrem Antlitz geschrieben. Als nun einer der Männer zu sprechen begann, da faßte er jene Freude und Festigkeit in ein einzig Wort zusammen, und es wird Jedem, der in jener Halle gestanden, für sein Leben unvergeßlich sein. Das Wort hieß: »Deutsch sein heißt arbeiten!« Jene Halle war der Hof im alten Bischofsschlosse zu Straßburg am Rhein, und die Feier galt der Eröffnung der Argentina, der deutschen Hochschule in der Westmark. Es war ein harter Boden, in den sie das junge Reis pflanzten. Aber nicht ungewiß waren sie über sein Loos. Sie wußten, daß der herrliche deutsche Geist, der eben zu den stolzesten Siegen geführt, von denen die Geschichte berichtet, sich im Frieden doppelt stolz und stark bewahren werde. Denn er ist ein Geist des Friedens und der Arbeit. »Deutsch sein heißt arbeiten.« Drei Jahre später, am 4. Oktober 1875, hatten sich einige jener Männer, die damals jenes Wort in der Halle zu Straßburg vernommen, wieder in einer Aula zusammengefunden, und wieder standen da Hunderte: ergraute Kämpen der Wissenschaft, blutjunge Studentlein und viel festlich Volk. Wer da aus den Fenstern blickte, sah nicht den gothischen Münster ragen, sondern einen byzantinischen Prachtbau, und nicht ins lachende Rheinthal konnte er blicken, sondern in die fahle Ebene des Ostens. Aber wieder galt die Feier der Eröffnung einer Hochschule in einer Grenzmark deutschen Geistes, und wieder war's harter Boden, in den sie das junge Reis senkten. Aber in stolzer Zuversicht thaten sie es, in lichter Freude. Und seltsam! auch dasselbe Wort fand sich wieder ein, und als sie jubelten, da es erklang, klang die Zustimmung auch wie ein Gelöbniß. »Deutsch sein heißt arbeiten!» War das nur Zufall? Ich glaube, innerste Nothwendigkeit. Und mehr als eine Phrase war es, es war ein Wahrwort, als der Rector von Straßburg es aussprach: dieselbe Aufgabe, welche seine Hochschule im Westen habe, habe die Francisco-Josephina im Osten. Zwischen Straßburg und Czernowitz liegen Hunderte von Meilen, wohnen viele Völker, heben sich trennende Grenzpfähle. Aber mächtig fluthet zwischen seinen beiden Grenzwarten der deutsche Geist. Er ist ein Geist der Arbeit, vor Allem der selbstlosen Arbeit im Interesse der Cultur und der Menschlichkeit. »Deutsch sein heißt arbeiten!« In diesem Zeichen wirst du siegen, junge Hochschule im Ost! Die »Leute vom wahren Glauben«. (1875.) ... So haben wir diese biederen, fleißigen Narren verloren. Kaum weiß man, wohin sie sich gewendet – nach Oesterreich, hört man, doch fehlt jede genaue Kunde. Schade! Aber das ist nun so in unserem heiligen Rußland: man darf nicht einmal nach eigener Façon verrückt sein. Alexander Herzen. Auf dem kleinen Bahnhofe zu Czerepkouz war es – im Herzen der Bukowina liegt das ärmliche Dörflein, nahe den vielberufenen Mihuczeni-Dämmen. Es war wieder sehr still geworden im Stationshäuschen, nachdem der Zug langsam weitergedampft, über die Serethbrücke, nach Süden. Nur der Pfiff der Locomotive hallte gedämpft durch die heiße, schwere Luft zu uns herüber und das schmutzige rumänische Bauernbübchen, das vorhin mit Glas und Wasserkrug den Zug auf und ab gelaufen und die mühsam erlernten drei deutschen Silben: »Frisch Wasser«! geschrien, zählte auf dem Perron die erworbenen Kreuzer. Sonst kein Laut und keine Seele. Und da standen wir drei wanderlustigen Menschen und schauten uns und unser Handgepäck rathlos an, zuerst auf dem Perron, dann im Wartesaal und endlich besonders ausgiebig auf dem freien Felde hinter dem Bahnhofe. Aber dadurch ward die Sache nicht besser: ein Gefährt ließ sich nicht blicken. Da rauschte es im Kukurutzfelde, ein Cylinder glänzte im Sonnenschein, und vor uns stand jählings ein deutscher Volksschullehrer. Denn das war das hagere Männlein mit dem schwarz bekleideten, dürftig gerathenen Oberkörper; auf seinem Antlitz war der Stand zu lesen, wie auf einer Visitenkarte. Bitterster Kampf steht auf solchem Antlitz geschrieben; der Kampf mit dem eigenen Magen, ferner die verdrießliche Beschäftigung mit fremder Rangen Hirn und Hinterbacken, aber auch ein Schimmer jener Flamme, durch welche unser deutsches Volk groß geworden ist vor allen Völkern der Erde, der Begeisterung für die Ideale ... Dann noch ein Blick auf diesen Cylinder – ja, das konnte nur ein deutscher Schulmeister sein! »Herr Lehrer«, trat ich an das Männlein heran, welches sich den Schweiß von der Stirne wischte, »Sie sind ja wohl aus der Umgegend; wo gäb's hier einen Miethwagen?« Der Kleine lächelte freundlich. »Aus der Gegend bin ich wohl«; er deutete mit dem Daumen nach rückwärts und nannte den echt tatarischen Namen eines Dorfes, wo heute deutsche Kolonisten sitzen, »aber – und hier überfluthete sein Dialekt allen Damm des Hochdeutschen – »wo's hier ein Miethwägele gebe thät, wüßt' ich bei Gott net. Wisset, hier ischt so: d'Edelleut', d'Bojare und d'Pope hawe eigene Pferd, wir andere Menschenkinder awer« – hier tauchte das Hochdeutsche wieder siegreich hervor – »reiten eben auf unseres Schusters Rappen. Awer wo wolle Sie hin?« »Nach Fontina Alba, zu den »Leuten vom wahren Glauben«, den Popowzen ...« »Aepfele kaufe?« Wir lachten. »Nein – in's Kloster ...« »Ei du mei lieb's Hergöttle!« Das Männlein stand starr vor Erstaunen. »Was suche Sie dort ?« »Das Kloster ist ja höchst interessant – das einzige, welches diese merkwürdige Secte überhaupt auf Erden besitzt.« »Awer das sind ja wüschte Pfaffe. Den ganze Tag fresse sie Caviar und singe dazu! Und dann: es nützt Ihnen ja nichts! Die Fanatiker lassen ja doch keinen Andersgläubigen in's Kloster. So können Sie höchstens die Gemeinde anseh'n, die Lippowaner, »Lippowaner« nennen sich die Anhänger dieser Secte nach ihrem einstigen Führer, dem Bauer Philipp Pustowiat; ferner auch » Starowerski « (Altgläubige), am liebsten aber bezeichnen sie sich stolz als die »Leute vom wahren Glauben«. und die sehen Sie ja ohnehin auf allen Straßen, bei jedem Wochenmarkt und in den Obstkellern von Czernowitz ... Ei du mei Jesu!« unterbrach sich der gute Mann erschreckt und eilte zur Kasse. Der Zug nach Norden fuhr eben in die Station ein. Da standen wir drei Wanderer wieder im Sonnenbrande am Rande des Kukurutzfeldes und sahen uns wieder an, noch rathloser als früher. Wohl trugen wir wohlverwahrt ein moskowitisches Empfehlungsschreiben an den hochwürdigen Olympi Miloradow, Archimandriten und Abt zu Fontina Alba, bei uns, aber es war doch problematisch, ob die »wüschte Pfaffe« darauf reagiren würden. Und um den Anblick gewöhnlicher Lippowaner konnte es uns allerdings nicht zu thun sein. Denn man kann den seltsamen Leuten wirklich allüberall im Lande begegnen. Sie sind die Nachkommen jener hartnäckigen, unbeugsamen Altrussen, an denen der kühne, gewaltsame Mensch, Czar Peter der Große, vergeblich seine Scheere, Seife und – Knute geübt. Sie wollten ihren Kaftan und Bart nicht stutzen, sie wollten vom Patriarchen von Konstantinopel nicht lassen, und auch ihre einhundertsechsundachtzig Fasttage im Jahre galten ihnen als unantastbares Heiligthum. Aber der Czar ließ lustig darauf losscheeren und den leidenschaftlichen Fastern Fleisch in den Mund stopfen. Da fügte sich der größte Theil und übte nur heimlich den alten, starren Glauben; die frömmsten »Starowerski« aber flohen über die Grenze in die Türkei, nach der Krim und Moldau. Dort lebten sie achtzig Jahre still und friedlich, mit Obstbau beschäftigt, von Scheere und Fleischtopf unbedroht und immer eifriger und absonderlicher weiterer Gottgefälligkeit nachstrebend. Hier erst wurden sie eine seltsame, von allen übrigen Christen schärfstens geschiedene Secte, mit eigenen, theilweise schier unglaublichen Bräuchen. Dann fiel es einer Gemeinde ein, sie bedürfe keines Mittlers zwischen sich und Gott; sie entledigte sich unsanft ihres Popen, und die Bezpopowzen ( Bezpopowczyki ) traten in Gegensatz zu Jenen, denen der Pope ein unentbehrliches Bedürfniß blieb, den Popowzen ( Popowczyki ). Uebrigens vertrugen sich beide Secten, einige Verwünschungen als »ketzerische Hunde« abgerechnet, ganz gut. Da fegte wilder Kriegssturm dies friedliche Stilleben hinweg; die Russen besetzten die Krim. Und wieder einmal hielten die Lippowaner ihr geistlich Heil höher, als ihr weltlich Gut, und wanderten mit Kind und Kegel aus – eine Erscheinung, imponirend auf den ersten Blick, aber immer kläglicher zusammenschrumpfend, je näher man ihr tritt, und fast lächerlich, erfährt man zuletzt, daß diese Menschen eigentlich nur vor Assentplatz und Impflanzette geflohen! ... In der eben von Oesterreich erworbenen menschenleeren Bukowina fanden sie im Spätherbst 1785 Aufnahme; auch Joseph II. gestattete, gleich seinem großen Zeitgenossen, seinen Unterthanen, in jeder ihnen beliebigen Façon selig zu werden. Und da leben denn Popowzen und Bezpopowzen – fleißige, sittliche, nüchterne Bürger – bis heute mitten unter den andersgläubigen Bewohnern des Landes, aber nicht mit ihnen. Es ist eine seltsame, unheimliche Erscheinung: um diese Menschen hat ihr Glaube (und dieser allein!) einen Bann so tiefer Vereinsamung, so unsäglichen Fremdseins, so entsetzlicher Abgeschlossenheit gezogen, daß selbst alltäglicher, tausendfältiger Geschäftsverkehr keinen Hauch rein menschlicher Annäherung gebracht! Der Lippowaner gräbt dir deinen Teich, miethet dir deinen Obstgarten ab und verkauft dir seine Aepfel; im Uebrigen kümmert er sich nicht um dich, und es würde dir wenig frommen, wolltest du dich um ihn kümmern. Auf jede nicht rein geschäftliche Frage hat er nur ein stummes Kopfschütteln oder er starrt vor sich hin, als wäre da blaue Luft, nicht ein neugieriger oder teilnehmender Mitmensch. So geht er fremd, von abenteuerlichem Gerücht umgeben, unter den Uebrigen einher, auch schon in Tracht und Erscheinung scharf von ihnen geschieden. Doch ist die Bekleidung nicht absonderlich, sie unterscheidet sich wenig von der moskowitischen Nationaltracht. Ueber dem Linnenhemd und dem Tuchbeinkleid trägt der Mann ein Oberhemd aus gestreiftem Zwilch, in der Mitte gegürtet, bis auf die hohen Stiefel hinabreichend, darüber einen langen und breiten, in der Mitte roth gegürteten Kaftan aus blauem Tuch, auf dem Haupte aber, um welches Bart und Haupthaar, ein nie durchforsteter Urwald, üppig wuchern, einen sonderbaren Filzkegel oder eine Pelzkappe. Ueberaus plump ist das Kleid der Weiber, gewöhnlich aus buntem großgeblümtem Stoffe: eng den Hals umschließend, dicht unter dem Busen gegürtet und in langen, unförmlichen Falten auf die Knöchel herabfallend. So sind sie Alle, reich und arm, gleichförmig uniformirt, aber von ihrer geistigen Drillung, von ihrer innern schier märchenhaften Uniformität weiß kaum Jemand – auch im Lande selbst – Genaueres. Und so dürfen wir drei Wanderer: Historicus, Archäolog und Schriftsteller, uns fast etwas darauf einbilden, daß wir den seltsamen Menschen näher treten, daß wir sogar in ihrem Allerheiligsten verweilen durften, in ihrem Kloster. Und daß wir – Hallelujah! und mirabile dictu ! – vom Caviar kosten durften, vom dreimal heiligen Caviar! ... Aber halt! – da greif ich vor. Wir stehen ja noch rathlos auf dem Kukurutzfeld und schauen die staubige Straße auf und ab und harren, daß uns der Himmel einen Wagen sende oder sonst ein Zeichen seiner Huld. Und er sendete es. Von fern wirbelte eine Staubwolke auf, und eine Kibitka kam lässigen Trabs heran. Drinnen saß ein lippowanisches Ehepaar mit seinen beiden Töchtern. Sehr üppige Schönheiten, beide zusammen kaum unter drei Centner Liebreiz. »Halt!« riefen wir und stürzten auf das Gefährt zu. Der bärtige Pater familias hielt; er mußte wohl, wollte er uns nicht überfahren. »Hört mich an, Väterchen«, bat russinisch Adalbert, der Historiker. »Wir müssen in Euer Kloster. Wollt Ihr uns für gutes Geld mitnehmen, Väterchen?« »Der Teufel ist Euer Väterchen«, sagte der Alte dumpf, ohne Erregung. »Geht beiseite oder –« »Aber wir haben hier einen Brief an den hochwürdigen Olympius –« »Der hochwürdige Kaluger braucht weder Euch, noch Euren Brief. »Vielleicht doch«, schmeichelte Adalbert. »Der Brief ist von meinem Vater Andreas M.«. Es war der Name eines greisen Ehrenmannes, den Jeder im Lande, selbst der Bauer im ödesten Bergthale, kennt und achtet. Auch der grimme Altgläubige kannte ihn. »Wenn der Brief wirklich vom alten Herrn Andreas ist«, erwiderte er, »so wird ihn der hochwürdige Vater gerne lesen. Aber mitnehmen kann ich Euch nicht, weil ich etwas im Wagen führe, was –« »Oh«, lachte Jaroslaw, der Archäolog, »wenn Ihr Eure Töchter meint, da könnt Ihr ruhig sein ...« »Hoho!« grollte der Starowerze. »Wer sagt, daß ich meine Töchterchen meine?! Was könnten Ihr meine Täubchen angehn? (»Das wär' auch gräßlich!« brummte der unverbesserliche Alterthumsmensch.) Aber ich führe hier heiliges Oel für die heiligen Väter im Kloster. Und da kann ich auf denselben Wagen keine Ungläubigen aufladen! Hist – he!« Und die Kibitka setzte sich trotz der beiden schweren Täubchen in rasche Bewegung. Aber nach wenigen Secunden hielt sie abermals, und das bärtige Haupt wendete sich uns wieder zu. »Wenn der Brief wirklich vom alten Herrn Andreas ist«, scholl es herüber, »so will ich Euch einen Rath geben. Geht dieser Straße nach, dann kommt ihr in das Dorf Czerepkouz. Gleich in der zweiten Hütte wohnt Wassilj Tudak; wenn er nicht betrunken ist, so wird er Euch fahren ...« Und eine Staubwolke verschlang die heilige Familie. Laut lachend folgten wir dem Rathe, trotz Sonnenbrand und Handgepäck. Aber schon nach zehn Minuten senkte sich die Straße in eine sanfte Thalmulde und nahm ein Bad; seicht, aber fünfzig Schritte breit floß da unten der Sereth. Freilich tauchte sie just gegenüber schimmernd wie reingewaschen wieder auf und schlängelte sich zum Dorfe empor – aber wie kommt man über das Wasser, so es keine Balken hat? ... Die Wellen kamen und gingen und spannen sich im Sonnenschein wie ein tausendfarbig Netz über die runden Kiesel, und mit tausend Stimmlein plätscherte und gurgelte es uns daraus entgegen, aber eine vernünftige Aufklärung, warum man hier keine Brücke gebaut, war nicht daraus zu entnehmen. Da faßten wir uns und einen Entschluß und zogen Stiefel und Hose aus und hingen beides über den Rücken und wateten hindurch. Aber wie schön das aussah, kann ich nicht sagen – Hier verstummt das arme Menschenwort ... Eine halbe Stunde später standen wir vor der zweiten Hütte von Czerepkouz, und Wassilj Tudak war nicht betrunken, und bald fuhren wir in seinem Leiterwäglein über Stock und Stein, gepufft und gebeutelt, über fruchtbares Hügelland und öde Haide gegen Südwest dem Kloster zu. Wassilj Tudak war nicht betrunken, sagte ich. Aber sanft gerührt war er, und seine Aeuglein glänzten und schluchzend sang er in langgezogenen Tönen den Pferden sein Leid zu. »Ach, ihr Bräunlein«, gröhlte der Russine, »ach, ihr meine Lieben, wohin müßt ihr traben? In das Kloster müßt ihr, weil mich diese verrückten Deutschen dazu gemiethet haben, zu den bärtigen Pfaffen, zu den Selbstverbrennern, zu den Fischfressern, welche so sehr ... (folgt eine Bemerkung über Klosterduft.) Ach! ihr Bräunlein, ihr kriegt dort keinen Hafer und ich keinen Schnaps, und diese Herren wird man hinauswerfen, hist, he! obwohl es Herren sind, hist, he!« So umklang uns düster und schnapsduftig Wassilj's Schicksalslied. Wir verrückten Deutschen aber lachten und sangen in den blauen Sommertag hinein, bis fern am Horizonte zwei blitzende Thurmknäuflein emportauchten. Da wurden wir still und sahen zu, wie uns das Kloster mächtig entgegenwuchs. Aber jählings war es wieder verschwunden: in eine enge Sattelung stürzte sich der Weg und stieg dann wieder einen Bergrücken empor. Oben, wo sich die Markung der Lippowaner von der ihrer Nachbarn scheidet, ließen wir halten. Wahrlich! – die rastlos fleißige Hand dieser seltsamen Menschen hat dafür gesorgt, daß man die Markung deutlich erkenne: größerer Gegensatz zweier Landschaften ließe sich kaum ersinnen. Dort, woher wir kamen, fahles Haideland, spärliche Aecker, armselige Hütten, vor uns aber fruchtbares, gesegnetes Gelände, herrliche Nutzgärten, goldwogende Weizenfelder, dazwischen, kaum eine Viertelstunde von einander entfernt, zwei mächtige Obstwälder, zwischen deren Aesten stattliche Hütten hervorlugten: die Dörfer Klimouz und Fontina Alba. Vielleicht hat unser Wassilj unwillkürlich die richtige Ursache dieses Gegensatzes gefunden, als er, die Bräunlein wieder antreibend, tief aufseufzte: »Und in zwei so schönen Dörfern gibt's keine einzige Schänke!« ... Ueber Klimouz, dem Dorfe der Bezpopowzen, schimmert selbstverständlich auch kein Kirchendach, aber dafür glänzten uns deren drei von Fontina Alba her entgegen. Mitten im herrlichen Obstwald liegen die reinlichen wohlgepflegten Hütten, und lustig trabten die Bräunlein die schattige Bergstraße hinab und an der mächtigen, grün und weiß bemalten, vielkuppeligen Dorfkirche vorüber. Die Straße lag still und todt, nur ein altes dickes Weib begegnete uns, und das machte schleunigst Kehrt und schlug ein Kreuz. Ihre Lippen bewegten sich hastig: ein Segensspruch war es schwerlich. An einer ewig langen Holzplanke fuhren wir dahin. Endlich ein weitgeöffnetes Holzthor mit seltsamer, buntbemalter, kreuzgeschmückter Wölbung: das Klosterthor. Wassilj zögerte. »Rasch hinein!« befahlen wir. »Und noch rascher hinaus!« murmelte der Trunkenbold. Aber dazu hatte es mindestens vorläufig keinen Anschein. Wir durchfuhren den ersten, den zweiten Hof, an Obstbäumen, Scheunen und verfallenen Hüttlein vorüber, jedoch keine Menschenseele ließ sich blicken. Endlich eine dritte Mauer, ein drittes, fest geschlossenes Thor und darin ein kleines Pförtlein. Da ließen wir Wassilj zurück und traten durch das Pförtlein gebückt in den innern Klosterhof. Die Sonne schien, die Vögel sangen, und der Himmel spannte sich so tiefblau und glänzend über diesen Steinhof und das graue Gebäu ringsum, wie draußen über das lachende Gefilde, aber doch war's uns zu Muthe; als wäre es plötzlich kalt und düster um uns geworden. Um dies Kirchlein, um dies langgestreckte Zellenhaus mit den grauen Holz-Erkern und Dächlein lag ein Hauch unsäglicher Oede und dumpfer, verdumpfter Trauer. Aber mehr als die grauen Wände, diese erblindeten Fenster, diese graubraune Moderdecke griff uns die entsetzliche Stille erkältend ans Herz. Wir standen still, wir jungen fröhlichen Menschen, und blickten um uns und verstummten. Kein Tritt erklang, keine Stimme scholl, die Stille währte fort. Da brach sie sich – jäh, plötzlich, schreckhaft: in der linden Luft schwamm ein gellender Ton und schlug zweimal an unser Ohr. Und nun noch einmal. Wie ein schriller Aufschrei klangs, wie ein Hilferuf. Wir lauschten. Und die Stimme fuhr fort und schrie, stoßweise, bald laut, bald leise, bald näselnd, bald voll, nach einer Melodie, die schnurrig geklungen hätte, wäre sie nicht so schauerlich gewesen. Wir folgten dieser Stimme und traten an eine halbgeöffnete Thür. Drinnen war ein großer, niedriger, wüster Raum, die Mauern grünlich von Moder, lange Holztische und Bänke standen da: wohl das Refectorium. Ein ekler Dunst, halb von Schimmel, halb von ranzigem Oel, erfüllte den Raum. In einer Ecke war ein angedunkeltes Heiligenbild, davor schwankte und knixte seltsam eine dunkle Gestalt und schrie jene Töne. Es war ein Gebet gewesen, was wir gehört ... »Was sucht Ihr hier, Herren?« Wir wendeten uns hastig um. Vor uns stand ein schöner kräftiger Mann im schwarzen enganliegenden Mönchsgewande, ein rothverbrämtes Mäntelchen darüber, auf dem haarumstarrten Haupte ein Käppchen. Sein Blick war nicht allzu freundlich. »Dem hochwürdigen Olympius«, erwiderte Adalbert und übergab sein Schreiben. »Ich will's bestellen«, erwiderte der junge Mönch kurz. »Aber wartet draußen.« Und als wir ihn erstaunt ansahen, fuhr etwas wie ein Lächeln der Entschuldigung über sein Antlitz. »Verzeiht – die Regel will's so. Wir suchen ja nichts in der Welt, was hätte die Welt bei uns zu suchen?« Wir standen im Freien; das Pförtlein klirrte hinter uns zu. Wassilj fuhr aus seinem Dusel empor. »Schnell genug!« gröhlte er halblaut. Aber kaum zwei Minuten später klirrte das Pförtlein wieder. Derselbe Mönch erschien, das Antlitz merkwürdig ins Freundliche verzogen. »Kommt nur!« rief er uns entgegen, »der hochwürdige Vater freut sich sehr.« Wieder durchschritten wir den Steinhof, über den noch immer die Töne des seltsamen Gebetes hinzitterten, dann die Gänge des Zellenhauses. Es lag todtenstill. »Die Mönche sind in ihren Zellen«, erklärte unser Führer, »es ist die Stunde der stillen Betrachtung.« Nur Einer betrachtete laut. Aus einer Zelle hervor tönte ein Schnarchen, brausend, tactfest, als würde ein Urwaldsbaum mit tausend Knollen von einer Dampfsäge zerschnitten. Am Fuße eines Treppchens blieb der Führer zurück. »Da oben wohnt der Abt«, sagte er. »Aber da müßt Ihr allein hinaufgehen. Wir treten nur vor sein Angesicht, wenn es unumgänglich ist. So will's die Regel.« Zögernd blieben wir am Fuße des Treppchens stehen, nachdem uns der Mönch verlassen. Fast wollte es uns unheimlich werden in der tiefen Stille und dem sonderbaren Zwielicht. Langsam, sehr langsam stiegen wir die engen Stufen zu des Abtes Klause empor. Aber es kam besser, als wir gehofft. Schon auf den Klang unserer Schritte kam droben ein freundlicher kleiner Greis in verschossenem Mönchsgewande aus einer niedrigen Thür hervor und winkte uns, näher zu treten. Das war der Abt der »Leute vom wahren Glauben«, Olympi Miloradow. Nur an den tiefen Fältlein des blassen Gesichtes konnte man sehen, daß der Mann sehr alt sein mußte. Aber die braunen Augen blickten scharf und klug, und in das dunkle Haar mischten sich kaum einige Silberfäden. »Seid mir willkommen«, rief er uns freundlich entgegen. »Euch schickt ein guter Mann. Kommt nur« – er öffnete die Thür, wir traten ein – »setzt Euch.« Es ging etwas schwer in der engen Zelle mit dem geringen Geräth, aber es ging doch. »Ja«, lächelte der Greis, »auf Besuche bin ich freilich nicht eingerichtet. Nun – lacht mich nur nicht aus! Aber bewirthen will ich Euch doch, so gut ich kann. Ihr werdet ja hungrig sein. Wartet nur – bald bin ich wieder da!« Und rasch eilte der Greis hinaus. Wir blickten uns im kleinen Räume um. Da war nur dürftiges Geräth zu sehen, in einer Ecke ein Hausaltar in russischer Art: das große Heiligenbild mit Messingbeschlag bedeckt, der nur des Heiligen Haupt im Ausschnitt sehen läßt, endlich Bilder und Urkunden an den Wänden. Da hingen die Verfügungen seliger k.k. Kreishauptmänner in schweren Rahmen unter Glas neben den Edicten lebendiger k.k. Bezirkshauptleute. Staunend besahen wir uns dies merkwürdige Archiv. »Was wundert Ihr Euch?« klang hinter uns die Stimme des Greises. »Daß ich so sorgfältig bewahre, was uns des Kaisers Schreiber schicken?! Ach, Ihr vergeßt, daß wir Fremde sind in Eurem Lande. Neunzig Jahre leben wir da und sind noch Fremde und werden es immer, immer bleiben. Und in der Fremde ist man wie auf dem Wasser und muß Balken haben, um schwimmen zu können. Diese Privilegien und Gesetze sind eben unsere Balken. Aber«, fuhr er fort und deckte den Tisch, »nun setzt Euch – die Eier sind schon fertig, und auch sonst bringe ich Alles, was ich habe. Ja, ich selbst, ich, der Abt, will Euch bedienen. Denn warum? Weil Ihr meine Gäste seid. Und dann, weil es bei uns nicht so zugeht, wie bei den Katholiken oder bei den verruchten Neugläubigen: bei uns hat auch der Abt keinen Diener, sondern Alle dienen nur Gott. Nun aber – greift zu.« Und das Mahl begann, und es war das allerseltsamste, das ich bisher in aller Herren Ländern hinter die Cravatte zu bringen gezwungen war. Da war köstlicher Caviar – feinerer und frischerer hat nie eines Fürsten Tisch geziert – aber das Oel, mit dem es uns der freundliche Wirth anrichtete, war von einem Ge– ruch, den ich, fürcht' ich, nie wieder aus der Nase bringe. Da war herrliches Obst – das edelste Tafelobst des Ostens – aber das Messerlein, mit dem es der Abt schälte, hatte sich offenbar kurz vorher mit der Verkleinerung von Talglicht beschäftigt. Und mit demselben Messer wurden die frischen, appetitlichen Eier zerschnitten, und unser leises Remonstriren half nichts. »Ihr lieben Gäste«, sagte der gute Alte, »ich muß Euch ja bedienen.« Dann prächtiges, eigenartig conservirtes Fischfleisch aus der Wolga und schimmeliges Brot dazu, und als Getränk ein Apfelmost, auf dessen blaßroter Flut zahllose weiße Pünktlein schwammen: Madenhäuflein. ... »Nun – wohl bekomm's, wohl bekomm's!« lächelte der alte Herr und stellte noch vor Jeden ein Schälchen dampfenden Thee's. »Daß ich Euch nicht mit Fleisch bewirthe, müßt Ihr verzeihen – unter allen Klöstern der Erde herrscht in diesem die strengste Regel. Wir essen niemals Fleisch, wir leben von Fisch und Eiern und an den strengsten Fasttagen von Brot und Obst. Unsere Gläubigen draußen im Dorfe haben es besser, die dürfen an mehr als hundert Tagen des Jahres Fleisch essen. Ja, ja – welchen Geruch Fleisch hat, weiß ich wohl noch, denn die Nase hat das beste Gedächtniß, aber welchen Geschmack es hat, hab' ich vergessen – sind's doch mehr als fünfzig Jahre her, seit ich's zuletzt verkostete. Das war im Jahre 1825 und ich ein blutjunger, reicher Kaufherr zu Cherson, der viel Geld verdiente und Tag und Nacht fraß und trank und den Schürzen nachlief. Da kam ich einst Nachts heim von einem tollen Gelage, und wie es stille um mich war und ich nicht schlafen konnte, da erweckte Gott mein verludertes Herz, und Welt und Weiber erschienen mir als das, was sie sind: als ein Sündenpfuhl und Misthaufen. Ein Mönch beschloß ich zu werden in selbiger Nacht; aber die neugläubigen Mönche in unseres Czaren Land sind auch Lumpe und die Klöster dort Schweineställe der Sünde. Da lenkte Gott mein Herz zur Altgläubigkeit, und ich fand durch seine Gnade das enge Pförtlein, durch welches man sich in den Himmel hineinzwängen kann. Am nächsten Morgen raffte ich mein Geld zusammen und floh hieher. Was half's dem Czar Nikolaj Pawlowitsch, daß er seine Häscher hinter mir hersendete, was half's ihm, daß er mein liegend Gut einzog, was half's ihm, daß er beim Wiener Kaiser um meine Auslieferung bettelte?! Die ganze Welt hat sich vor Nikolaj Pawlowitsch gebeugt – ich nicht, ihm zum Trotz bin ich hier geblieben! ...« Stolz hatte sich der Greis emporgerichtet, seine Augen blitzten. »Und es war gut, Ihr jungen Leute, es war gut, daß ich hier blieb. Denn was hätte sonst das Häuflein der Rechtgläubigen gethan, führerlos im fremden Lande, arme, unwissende Obstgärtner und Deichgräber?! Ich aber ward ihr Führer und Berather, ich habe ihr Recht erhalten und gemehrt. Vor Allem habe ich ihnen das Recht erwirkt, daß hier ein Kloster sein darf – immer wieder bin ich nach Wien gefahren, und 1844 hab' ich's endlich erhalten.« Er wies stolz auf die betreffende Urkunde an der Wand. »Eine eigene Schule wird uns da verbrieft und ein Kloster mit achtzig Mönchen nach der strengen, unverfälschten Regel des heiligen Basilius. Wohl sind jetzt nur fünfundfünfzig Mönche im Kloster, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf: wie Gott mich aus dem Staub hervorzog, wird er noch Andere begnadigen und ich erlebe noch, daß die Zahl voll wird. Aber dieses Kloster ist nicht blos heilsam und unser Duft dem Herrn angenehm, sondern es ist auch nothwendig, weil wir sonst keinen Geistlichen mehr weihen könnten. Denn Geistliche kann nur ein Bischof weihen, und nur ein Mönch kann bei uns, wie bei allen orientalischen Christen, Bischof werden. So mußten wir uns zuerst von dem Patriarchen von Konstantinopel, der zwar auch nicht ganz beim wahren Glauben ist, aber doch so beiläufig, einen Bischof weihen lassen, und der weihte dann Weltgeistliche und Mönche und aus den Mönchen wieder Bischöfe, so daß wir jetzt gar nicht mehr in Verlegenheit kommen können. Ich selbst bin nur Igumen (Abt), aber unter meinen Mönchen sind mehrere Bischöfe, und einer, Kiril Timofijow, ist unser Erzbischof und Metropolit. Drüben im Erker ist seine Zelle.« »Und könnten wir nicht auch dem Herrn Erzbischof unsere Aufwartung machen?« »Nein, das könnt Ihr nicht. Denn erstens ist Kiril ein einfacher Mann, der nicht mit Gästen zu reden versteht, und zweitens seid Ihr Ungläubige, die nicht werth sind, mit dem höchsten Priester derjenigen zu reden, die allein auf Erden den wahren Glauben haben.« »Sehr verbunden!« dankte ich gerührt. »Aber so viel ich gehört habe, unterscheidet sich dieser Glaube doch nur durch Kleinigkeiten von dem der anderen orientalischen Christen?« »Durch Kleinigkeiten?« kreischte der alte Herr und wurde krebsroth. »O Herr, das haben Dir gewiß die Moldauer Pfaffen gesagt, die Gottverdammten! Durch Kleinigkeiten – hoho! Was haben wir denn gemeinsam? Die Dogmen – das ist wahr! und den Tauf-Ritus und die Priester-Ordination und die Anrufung der Heiligen und die Verehrung der Bilder. Dann sind auch die gottesdienstlichen Gebräuche dieselben, sowie die Feiertage. Aber deßhalb sind wir doch von ihnen geschieden, wie Heilige von Säuen. Denn erstens sind sie lau und fressen und trinken mit Juden und Papisten zusammen und setzen sich auf denselben Stuhl, den so ein ketzerischer Hund warm gesessen hat. Da ist's bei uns anders: was so ein Hund berührt hat, ist unrein und muß erst wieder blank gescheuert werden ...« »O hochwürdiger Vater«, sagte Adalbert sanft, »welche Mühe werden Sie hinter uns her haben?« »Ja!« erwiderte der Greis gleichmüthig, »es wird ein gut Stück Arbeit sein. Aber ich muß Euch den Unterschied weiter erklären. Wißt Ihr, unter welchen Worten diese Neugläubigen, welche sich in ihrer Frechheit Orthodoxe nennen, das Kreuz schlagen? Sie sagen – o mögen sie Alle daran ersticken – : »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Ja, frage ich, war denn etwa die ganze Dreifaltigkeit am Kreuze?! Nein! – nur Gott Sohn war es. Und darum handeln wir allein recht, weil wir allein beim Kreuzschlagen sagen: ›Höre, Jesu Christ, Sohn Gottes, erbarme dich unser!‹ Ist das ein Unterschied wie zwischen Himmel und Hölle? – sagt selbst – ja oder nein?« Wir blickten uns an. Dann thaten wir dem Mann den Gefallen und nickten. »Drittens«, fuhr er fort, » tanzen diese »Orthodoxen« – nicht blos die Laien, auch die Priester tanzen – Männer mit Weibern! O mögen sie dabei die Beine brechen! Bei uns tanzt Niemand – weh' dem Bauer, dem das einfiele! Denn nicht zur Fröhlichkeit ist man auf Erden, sondern um sich für den Himmel zu bereiten. Viertens rauchen diese Kerle! Von unseren Gläubigen raucht Niemand, und wir dulden auch nicht, daß ein Fremder in unserer Stube rauche, ja nicht einmal in der Einfriedung unseres Ackers. Denn im heiligen Testamente steht nur vom Weihrauch geschrieben, nicht vom weltlichen Rauchen, und vom Tabak steht nichts d'rin.« ... Wir bissen uns krampfhaft in die Lippen. » Sancta simplicitas «, rief halblaut der Archäolog. »Wie meinst Du?« frug der Abt. »Ich habe die Schutzpatronin der Mönche angerufen.« »Fünftens«, demonstrirte der Abt weiter, »leisten sie den Eid auf das Crucifix und vor brennenden Lichtern. Wir schwören nie; uns gilt als höchste Betheuerung unser Handschlag und dazu die Worte: »Jey Bohu.« Anfangs wollten die Gerichtsschreiber des Kaisers das nicht gelten lassen. Jetzt haben sie sich schon überzeugt, daß ein Lippowaner nie falsch aussagt. Auch haben wir nur als Zeugen mit dem Gerichte zu thun, als Angeklagte fast nie. Fraget in den Städten nach, man wird es Euch bestätigen.« Wir haben nachgefragt, der Mann hat wahr gesprochen. »Sechstens«, fuhr der Abt fort, »lassen diese Menschen ihre Kinder impfen !! ... Das schreit zum Himmel! Steht etwas vom Impfen in der Bibel? Kann es Gottes und seines heiligen Sohnes Wille sein, daß der Mensch etwas von einer Kuh aufgepfropft bekommt? Nein – dreimal nein! Und dann – auf Erden geschieht nur, was Gott will. Jede Krankheit kommt von ihm – wie sollten wir Menschen wagen, uns gegen Gott zu schützen?! Noch nie hat eine Impflanzette den Arm eines Lippowaner Kindes berührt – eher mag es sterben, ehe solcher Frevel geschieht! Die Regierung hat Impfärzte geschickt – wir haben sie bestochen! Dann andere, unbestechliche Commissionen – zu denen haben wir gesagt: »Tödtet uns, aber wir thun's nicht!« Da hat man uns mit großen Geldbußen gestraft – wir haben sie geleistet! Und dann zürnte uns Gott und eine Blatternseuche kam über uns. Die Hälfte unserer Kinder starb, ganze Familien starben, kaum gab es Hände genug, die Todten zu begraben. Aber als im nächsten Jahre die Commission kam, da sagten wir wieder: »Tödtet uns, aber wir thun's nicht!« »Entsetzlich!« rief ich. »Dann ist es wohl auch gegen Euer Gewissen, den Arzt zu holen und die Kranken zu pflegen?« »So ist es«, nickte der Greis. »Noch nie hat ein Arzt unsere Schwelle betreten. Und sollten wir die Kranken pflegen?! Von wem kommt die Krankheit? Von Gott! Was ist sie? Eine Strafe! Wen straft Gott? Dem er zürnt! Und wir sollten uns dessen erbarmen, dem Gott zürnt?« Stumm wendete ich mich ab. Draußen blickte vom Capellenfirst goldig das Kreuzeszeichen herab. O Rabbi von Nazareth, du lichtester, größter, gütigster Mensch, was haben sie aus deinem Wort der Liebe gemacht?! Und dennoch wagen sie es, sich nach deinem Namen zu nennen ... »Ihr wundert Euch wohl?« fragte der Greis. »Was würdet Ihr erst zu unseren Nachbarn in Klimouz sagen, zu den Bezpopowzen! Bei denen ist Jeder selbst Geistlicher, und die Gemeinde-Aeltesten, die »Stariks«, sind die Vorbeter. Wenn dort zwei einander heirathen wollen, so brauchen sie dies nur mit Zustimmung ihrer Eltern auszusprechen. Aber Ehebruch gilt als schwerstes Verbrechen, und Geschiedene dürfen nie wieder heirathen. Unverehelicht zu leben, gilt ihnen und uns als löblich, sich für Gott zu opfern, als höchstes Verdienst; aber wenn man uns deshalb nachsagt, daß Entmannung, Entweihung und Selbstverbrennung unter uns vorkommt, so« – er stockte und ein unheimliches, halb schlaues, halb scheues Lächeln überflog seine Züge – »so hat man uns dies noch nie nachweisen können. Wir thun nichts gegen die Gesetze«, fügte er hastig hinzu. »Aber dafür«, fuhr er fort, »sollte der Kaiser auch nichts von uns fordern, was gegen unsere Gesetze ist. Wir können und wir werden nie Soldaten werden, nie! Wer Soldat wird, kann kein Altgläubiger mehr sein, denn er kann Gott nicht mehr so dienen, wie ihm dies allein wohlgefällig. Und dann streitet es gegen unsere Privilegien.« Er holte aus einer Truhe ein Päckchen hervor, schälte aus Tüchern uud Papieren eine alte Urkunde heraus und hielt sie hoch empor. »Höret«, sagte er finster und feierlich, »höret, wie sie uns bedrücken und schädigen wollen! Höret Alles. In unsere Colonie in der Krim, im Jahre des Heils 1782, kam eines Tages ein halbtodter Mann, ein Flüchtling, den die Türken bis zu unseren Hütten gehetzt. Er war nicht unseres Glaubens, aber doch ein Christ, und die ihn hetzten, waren Türkenhunde, darum bargen wir ihn vor seinen Verfolgern. Da erzählte er uns, wie er ein vornehmer Mann sei aus des Wiener Czaren Gefolge, und wie ihn die Türken aufgegriffen, und wie er ihnen an unserem Strande entronnen. Wir aber erzählten ihm, wie große Noth und Sorge uns bedrücke, wenn der Moskowiter Herr würde über die Krim. Da sprach der vornehme Mann: »Unser Czar Josephus ist groß und gut; es ist ihm gleich, was seine Unterthanen glauben. Er hat viel ödes Land; kommet in sein Reich; er wird Euch Wohnsitze geben und Euren Glauben schützen.« Und er versprach uns, vor seinem Czaren für uns zu reden, sofern er nur wieder zu Hause wäre. Da geleiteten wir ihn mitten durch das Bessarabien an die Grenze. Ein Jahr verfloß, wir hörten nichts von ihm. Da kam eines Tages ein Brief an unsere Häupter: sie möchten nach Wien kommen und dort aus des Czaren eigener Hand die Freibriefe erhalten. So thaten sie und standen vor dem großen Josephus, und zu seiner Linken stand der General, dem sie das Leben gerettet, und Josephus lächelte mild über ihr seltsames Kleid und gab ihnen diesen Brief hier. Leset!« Und wir lasen aus dem kaiserlichen Privilegienbriefe, gegeben zu Wien, 10. October 1783: »Gestatten Wir ihnen 1. das vollkommen freie Religions-Exercitium für sie Alle, ihre Kinder und Kindeskinder nebst ihren Geistlichen. 2. Gestehen Wir ihnen die Befreiung vom Militärstande ein.« »Der große Josephus selbst«, fuhr der Greis fort, las dies vor. Und dann ließ er es unseren Häuptern übersetzen und fragte sie, ob sie damit zufrieden wären. »Ja!« erwiderten sie freudig. »Dann soll es gelten für ewige Zeiten«, sagte er. »Für ewige Zeiten«, sagten unsere Häupter. Und auf diesen Brief und Spruch gestützt, verließen wir unsere Heimat und zogen hierher in Urwald und Oede und rodeten und pflanzten und gründeten fünf blühende Dörfer: Fontina Alba, Klimouz, Sokolince, Mihidra, Lukawetz, jetzt zusammen 5000 Seelen. Und wir erfüllten unsere Steuer, genau und rasch, wie Niemand im Lande, und gedachten hier zu bleiben »für ewige Zeiten!« Ich fürchte, es wird anders kommen ...« »Wie?« riefen wir erstaunt. »Man hat das Gelöbniß gebrochen«, sagte der Greis finster, »das Gelöbniß des großen Josephus ist dem heute lebenden Geschlechte nicht heilig gewesen. Im Jahre 1868 ist das Gesetz gekommen, daß Jeder Soldat werden muß, auch der Lippowaner. Da brachen sie über uns herein und wollten unsere Jünglinge zum Assentplatz schleppen. Aber sie zerstoben: in die Moldau, in die Berge, unter die Erde. Nur Zwei fing man. Wir eilten nach Wien, wir flehten um unser verbrieftes Recht. Es hat nichts genützt. Alljährlich erneut sich die Jagd und die Flucht, die Noth und die Bedrängniß ...« »Und wie wird's enden?« frug ich. »Die Regierung darf nicht nachgeben, sie darf nicht Euch allein von der allgemeinen Wehrpflicht ausnehmen.« »Nun wohlan«, sagte der Abt mit dumpfer, bebender Stimme, »dann werden wir thun, was wir vor neunzig Jahren gethan. Lieber irdisch Gut verlieren, als den Himmel.« ... Der Conflict hat sich seither friedlich gelöst. Die Lippowaner unterziehen sich der Assentirung, aber – es werden ihrer nur sehr wenige tauglich befunden. So können beide Theile zufrieden sein und sind es auch. Anm. zur 3. Aufl. Darauf war es eine Weile sehr still in der Zelle, die ganz vom Abendsonnengold erfüllt war. Dann klang der Ton des Vesperglöckleins herüber, der Abt trat an den Hausaltar und betete. Als er sich wieder aufrichtete, traten wir auf ihn zu und verabschiedeten uns herzlich. Aber er ließ es sich nicht nehmen, uns noch seine Kirche zu zeigen. Es ist nichts darüber zu berichten: ein Kirchlein, wie man es allüberall in Rußland findet. Als wir, noch immer von dem Abte geleitet, unsern Wagen bestiegen, kam eben der Zug der Mönche über den Hof geschritten. Meist greise, sieche Gestalten, stumpfe, ausdruckslose Gesichter, nur auf Einiger Antlitz das Leuchten unheimlicher, fanatischer Schwärmerei. »Es sind so Viele krank!« sagte ich. »Weit über die Hälfte!« »Und dennoch kein Arzt?!« »Merke Dir's, Herr«, erwiderte der Abt, »lieber Gut und Geld, lieber Leib und Leben verlieren, als – den Himmel!« Stumm fuhren wir davon und in den dämmerigen Abend hinein ... Vieles, was wir gesehen und gehört, war komisch gewesen, aber kein Scherzwort kam über unsere Lippen, noch minder ein Gelächter. Vielleicht fühlst du, mein Leser, nach, was uns damals das Herz belastet, wenn du das Leben und Wähnen dieser armen, entsetzlich armen Leute überdenkst, der »Leute vom wahren Glauben«! ...