Nützliche und erbauliche Meinungen des Herrn Abbé Jérôme Coignard Gesammelt von seinem Schüler Jaques Tournebroche Veröffentlicht von Anatole France Autorisierte Übertragung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski Inhalt Der Abbé Jérôme Coignard Die Staatsminister I Der heilige Abraham Die Staatsminister II Der Mississippiskandal Die Ostereier Das neue Ministerium Die Stadtväter Die Wissenschaft Das Heer I Das Heer II Die Akademiker Die Empörer Die Staatsstreiche Die Historie Der Tugendbund Die Justiz Der Abbé Jérôme Coignard Der Herr Abbé Jérôme Coignard war Professor der Beredsamkeit am Colleg von Beauvais, Bibliothekar des Herrn Bischofs von Séez, Sagiensis episcopi bibliothecarius solertissimus , wie seine Grabschrift besagt, später Schreiber am Beinhaus Saint-Innocent und zuletzt Konservator der Astaraciana, jener Königin der Bibliotheken, deren Untergang ewig zu beklagen ist. Er wurde auf der Straße nach Lyon von einem kabbalistischen Juden namens Mosaides ermordet (Judaea manu nefandissima) und hinterließ mehrere unvollendete Werke und die Erinnerung an schöne vertraute Gespräche. Ich brauche sein Leben hier nicht von neuem zu schildern. Alle Umstände seines eigenartigen Daseins und seines tragischen Todes sind uns berichtet von seinem Schüler Jacques Ménétrier mit dem Beinamen Tournebroche, das ist »Bratenwender«, denn er war der Sohn eines Garkochs in der Rue Saint-Jacques. Dieser Tournebroche, der ihn seinen teuren Lehrer zu nennen pflegte, bezeigte ihm lebhafte und zärtliche Bewunderung. »Er war«, sagte er, »der liebenswürdigste Geist, der je auf Erden erblüht ist." Mit Treue und Bescheidenheit verfaßte er die Memoiren des Herrn Abbé Coignard, der in diesem Werke weiterlebt, wie Sokrates in den Memorabilien des Xenophon. Aufmerksam, gewissenhaft und wohlmeinend, entwarf er ein lebensvolles Bild von ihm, das von liebender Treue erfüllt ist, ein Werk, bei dem man an die Bilder des Erasmus von Holbein denkt, die sich im Louvre, im Museum von Basel und in Hampton-Court befinden und deren Feinheit man nie müde wird zu bewundern. Kurz, er hinterließ uns ein Meisterwerk. Man wird sicher überrascht sein, daß er nicht für dessen Drucklegung sorgte, obwohl er selbst Buchhändler in der Rue Saint-Jacques geworden war, im Laden »Zur Heiligen Katharina«, den er von Herrn Blaizot übernahm. Vielleicht fürchtete er, der unter Büchern lebte, dem furchtbaren Haufen geschwärzten Papiers, der bei den Buchhändlern im Dunkeln verschimmelt, auch nur ein paar Blättchen hinzuzufügen. Wir teilen seine Abneigung, wenn wir auf den Seinequais an den Ständen der Antiquare vorübergehen, wo Sonne und Regen langsam die Werke verzehren, die für die Ewigkeit geschrieben waren. Wie die ergreifenden Totenköpfe, die Bossuet dem Abt von La Trappe zur Unterhaltung in seine Einsamkeit sandte, ist auch dieser Umstand geeignet, einem Schriftsteller die Eitelkeit aller Schreiberei nahezulegen. Ich wenigstens wage zu behaupten, daß ich auf dem Quai zwischen dem Pont-Neuf und dem Pont-Royal diese Eitelkeit in vollstem Maße verspürt habe. Ich bin versucht zu glauben, daß der Jünger des Abbé Coignard sein Werk nicht drucken ließ, weil er als Schüler eines so guten Lehrers den Schriftstellerruhm richtig einschätzte, das heißt als so gut wie nichts. Er kannte ihn als ungewiß, launisch, allen Wechselfällen unterworfen und von Umständen abhängig, die selbst klein und kläglich sind. In der Einsicht, daß seine Zeitgenossen dumm, verleumderisch und mittelmäßig waren, fand er keinen Grund zu der Hoffnung, daß ihre Nachkommen urplötzlich weise, gerecht und zuverlässig sein würden. Er sah nur das eine voraus, daß die Zukunft, unsern Kämpfen entrückt, uns in Ermangelung von Gerechtigkeit ihre Gleichgültigkeit schenken würde. Wir sind fast sicher, daß sie uns, Große wie Kleine, in das gleiche Vergessen einschließen und über uns alle die friedliche Gleichheit des Schweigens breiten wird. Sollte diese Aussicht uns jedoch durch ein Wunder des Zufalls täuschen, sollten kommende Geschlechter einige Erinnerung an unsern Namen oder unsre Schriften bewahren, so ist vorauszusehen, daß sie unserm Denken nur infolge des segensreichen Mißverstehens und der falschen Auslegung Geschmack abgewinnen werden, wodurch allein die Werke der Genies die Zeiten überdauern. Das lange Leben der Meisterwerke beruht auf höchst kläglichen geistigen Prozeduren, wobei das Gefasel der Schulfüchse mit den treuherzigen Narrenspossen der Künstlerseelen Hand in Hand geht. Ich wage zu behaupten, daß wir zurzeit keinen Vers der Ilias oder der göttlichen Komödie in dem Sinne verstehen, wie er ursprünglich gemeint war. Leben heißt sich wandeln; und das Nachleben unsrer geschriebenen Gedanken ist von diesem Gesetze nicht frei; sie werden nur um den Preis weiterleben, daß sie von dem ursprünglichen Sinn, den sie beim Verlassen unsrer Seele hatten, immer mehr abkommen. Was man künftig an uns bewundern wird, das wird uns ganz fremd sein. Möglich, daß Jacques Tournebroche, dessen schlichte Einfalt man kennt, sich angesichts des Büchleins, das aus seinen Händen hervorging, nicht alle diese Fragen stellte. Es hieße ihn kränken, wenn man ihm irgendwelche Selbstüberschätzung zutraute. Ich glaube ihn zu kennen. Ich habe über sein Buch nachgedacht. Alles, was er sagt, und alles, was er verschweigt, verrät die hervorragende Einfalt seiner Seele. Wenn er trotzdem wußte, daß er Talent besaß, so wußte er auch, daß dieses am allerwenigsten verziehen wird. Gern sieht man hervorragenden Menschen niedrige Gesinnung und Erbärmlichkeit des Herzens nach. Man duldet es, daß sie feig oder boshaft waren, und selbst ihr Glück schafft ihnen nicht allzuviel Neider, wofern man nur erkennt, daß es unverdient war. Die Mittelmäßigen dagegen werden von der umgebenden Mittelmäßigkeit, die sich in ihnen selbst ehrt, sofort emporgehoben und getragen. Der Ruhm eines Durchschnittsmenschen verletzt niemand. Er ist vielmehr eine geheime Schmeichelei für die große Masse. Im Talent jedoch liegt eine Unverschämtheit, die nur durch dumpfen Haß und abgründige Verleumdungen gesühnt wird. Wenn Jaques Tournebroche weislich auf die schmerzliche Ehre verzichtete, die Menge der Dummen und Boshaften durch eine beredte Schrift zu reizen, so kann man seinen gesunden Verstand nur bewundern und ihn für den würdigen Schüler seines Lehrers halten, der die Menschen kannte. Wie dem aber auch sei: das Manuskript des Jacques Tournebroche blieb unveröffentlicht und war über ein Jahrhundert verloren. Ich hatte das seltene Glück, es bei einem Althändler auf dem Boulevard Montparnasse wiederzufinden, der hinter seinen schmutzigen Ladenfenstern Orden aus dem ancien regime, napoleonische Medaillen und Auszeichnungen der Julimonarchie feilhält, ohne sich klarzumachen, daß er der Menschheit auf diese Weise eine schwermütige Lehre der Resignation gibt. Dieses Manuskript habe ich im Jahre 1893 unter dem Titel: »Die Bratküche zur Königin Gänsefuß« veröffentlicht und verweise den Leser darauf. Er wird hier mehr Neuigkeiten finden, als man insgemein in einem alten Buche sucht. Doch es handelt sich hier nicht um dieses Werk. Jacques Tournebroche begnügte sich nicht damit, die Taten und Meinungen seines Lehrers in einer fortlaufenden Erzählung niederzulegen. Er befliß sich auch, verschiedene Reden und Unterhaltungen des Herrn Abbé Coignard zu sammeln, die in den Memoiren (denn dies ist der wahre Name, welcher der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« gebührt) keinen Platz gefunden hatten, und er vereinigte sie zu einem kleinen Hefte, das mir mit seinen Papieren in die Hände fiel. Dieses Heft veröffentliche ich heute unter dem Titel: »Meinungen des Herrn Jerome Coignard«. Die gute und freundliche Aufnahme, die das Publikum dem früheren Werke des Jacques Tournebroche bereitet hat, ermutigt mich, ihm diese Dialoge folgen zu lassen, welche den einstigen Bibliothekar des Bischofs von Séez von neuem in seiner nachsichtigen Weisheit und in jener Art von großmütigem Skeptizismus zeigen, welche seine Betrachtungen über die Menschen, dieses Gemisch von Verachtung und Wohlwollen, auszeichnen. Für die Gedanken dieses Philosophen über verschiedene politische und moralische Fragen kann ich keine Verantwortung übernehmen. Meine Pflicht als Herausgeber nötigt mich nur, die Gedanken meines Autors ins günstigste Licht zu stellen. Sein unabhängiges Denken trat die vulgären Anschauungen mit Füßen und pflichtete der landläufigen Meinung nie vorurteilslos bei, ausgenommen in Dingen des katholischen Glaubens, dem er unerschütterlich anhing. Im übrigen scheute er sich nicht, seinem Jahrhundert die Stirn zu bieten. Und das allein sichert ihm unsere Achtung. Den Geistern, welche die Vorurteile bekämpft haben, sind wir Dank schuldig. Aber es ist leichter, sie zu loben, als es ihnen nachzutun. Die Vorurteile bilden sich und verändern sich unaufhörlich, mit der ewigen Beweglichkeit der Wolken. Es liegt in ihrer Natur, erhaben zu scheinen, bevor sie der Verachtung verfallen; und selten findet man Menschen, die den Aberglauben ihrer Zeit nicht teilen und dem, was die große Masse nicht zu sehen wagt, ins Gesicht blicken. Der Herr Abbé Coignard war in seiner bescheidenen Lage ein freier Mann, und das reicht nach meiner Meinung hin, um ihn weit über Bossuet und all die großen Gestalten zu stellen, die im herkömmlichen Aufzuge der Sitten und Glaubensmeinungen an ihrem Platze glänzen. Doch wenn man es schon achten muß, daß der Herr Abbé Coignard frei und unabhängig von den allgemeinen Irrtümern lebte und daß die Gespenster unserer Leidenschaften und Befürchtungen keine Macht über ihn hatten, so muß man erst recht anerkennen, daß dieser erlesene Geist eigne Ansichten über Natur und Gesellschaft besaß, und daß ihm nur eines fehlte, um die Menschen durch ein schönes und mächtiges Gedankengebäude in Erstaunen und Entzücken zu versetzen: nämlich die Geschicklichkeit oder der Wille, die großen Lücken zwischen den Wahrheiten mit Sophismen zu verkitten. Denn nur so erbaut man die großen philosophischen Systeme, die bloß durch den Mörtel der Sophistik zusammenhalten. Ihm fehlte der systematische Sinn oder, wenn man will, die Kunst der symmetrischen Anordnung. Ohne diese erscheint er als das, was er ist, nämlich als der weiseste der Moralisten, als eine wunderbare Mischung von Epikur und dem heiligen Franz von Assisi. Diese beiden sind ja, wie ich meine, die besten Freunde, welche die leidende Menschheit auf ihrem Irrwege noch getroffen hat. Epikur befreite die Seelen von den nichtigen Ängsten und lehrte sie ihre Glücksvorstellung ihrer kläglichen Natur und ihren schwachen Kräften anpassen. Der gute heilige Franz, zärtlicher und sinnlicher, führte sie zum Glück durch träumerisches Sinnen und wollte, daß die Seelen sich nach seinem Vorbild fröhlich in die Abgründe einer zaubervollen Einsamkeit versenkten. Sie waren alle beide gut, der eine, weil er trügerische Illusionen zerstörte, der andere, weil er Illusionen erweckte, aus denen man nicht mehr erwacht. Doch man soll nichts übertreiben. Der Herr Abbé Coignard kam sicherlich weder in seinem Tun noch selbst in seinem Denken dem Kühnsten aller Weisen und dem Glühendsten aller Heiligen gleich. Er verstand es nicht, sich in die Wahrheiten, die er entdeckte, wie in einen Abgrund zu stürzen. Auch in seinen verwegensten Gedankengängen bewahrte er die Haltung eines friedlichen Spaziergängers. Von der allgemeinen Geringschätzung, die ihm die Menschen einflößten, nahm er sich selbst nicht genügend aus. Ihm fehlte jene wertvolle Selbsttäuschung, durch die sich Baco und Descartes hochhielten, der Glaube an sich selbst, verbunden mit dem Unglauben an alle ändern. Er zweifelte an der Wahrheit, die er in sich trug, und verstreute die Schätze seines Geistes ohne jede Feierlichkeit. Ihm fehlte jenes Selbstvertrauen, das allen Gedankenfabrikanten gemein ist: sich selbst für mehr zu halten als die größten Genies. Das ist ein Mangel, der nie verziehen wird, denn der Ruhm wird nur denen zuteil, die sich darum bewerben. Bei dem Herrn Abbé Coignard war es zudem eine Schwäche und eine Inkonsequenz. Da er die philosophische Kühnheit bis zu ihren letzten Grenzen trieb, so hätte er keine Bedenken tragen dürfen, sich für den größten Menschen zu erklären. Doch sein Herz blieb einfältig und seine Seele lauter, und der Mangel an geistiger Überhebung über die Welt setzte ihn für immer in Nachteil. Trotzdem muß ich gestehen, daß er mir so lieber ist. Ich stehe nicht an zu behaupten, daß der Herr Abbé Coignard, Philosoph und Christ zugleich, das Epikuräertum, das uns vor Schmerz bewahrt, mit der heiligen Einfalt, die uns zur Freude führt, unvergleichlich zu vereinen wußte. Es ist beachtenswert, daß er den Gottesgedanken, so wie der katholische Glaube ihn darbot, nicht nur hinnahm, sondern auch versuchte, ihn durch Vernunftgründe zu stützen. Nie ahmte er die Fingerfertigkeit der berufsmäßigen Deiisten nach, die sich einen moralischen, philanthropischen und schamhaften Gott nach ihren Bedürfnissen zurechtmachen, einen Gott, mit dem sie zu ihrer Genugtuung in völligem Einvernehmen stehen. Die engen Beziehungen, die sie zu ihm herstellen, verleihen ihren Schriften viel Ansehen und ihrer Person große Bedeutung beim Publikum. Und dieser gouvernementale, gemäßigte, ernste, weltmännische Gott, dem jeder Fanatismus fernliegt, empfiehlt sie in den Versammlungen, Salons und Akademien. Der Herr Abbé Coignard stellte sich keinen so nützlichen Herrgott her. Doch da es nun einmal unmöglich ist, die Welt anders als denkend zu erfassen, und man den Kosmos für gedanklich erfaßbar halten muß, und wäre es auch, um seine Sinnlosigkeit zu beweisen, so nahm er als erste Ursache einen Geist an, den er Gott nannte, indem er diesem Ausdruck seine unendliche Unbestimmtheit ließ und sich im übrigen an die Theologie hielt, die bekanntlich das Unerkennbare mit peinlichster Genauigkeit erörtert. Diese Zurückhaltung, welche die Grenzen seines Geistes bezeichnet, war glücklich; sie ersparte ihm, wie ich glaube, die Versuchung, auf irgendein leckeres philosophisches System anzubeißen, und bewahrte ihn davor, in eine jener Mausefallen zu geraten, in denen die freien Geister sich voreilig zu fangen pflegen. In der großen alten Rattenfalle heimisch, fand er mehr als einen Ausschlupf, um die Welt zu entdecken und die Natur zu beobachten. Ich teile seine religiösen Ansichten nicht und meine, daß sie ihn täuschten, wie sie die Menschen so manches Jahrhundert lang zu ihrem Glück oder Unglück getäuscht haben. Doch es scheint, als wären die alten Irrtümer weniger ärgerlich als die neuen und als wäre es – da wir ja doch irren müssen – das Klügste, uns an die abgenutzten Irrtümer zu halten. Zum mindesten steht eines fest: wenn der Herr Abbé Coignard die Grundsätze des katholischen Christentums auch vertrat, so erlaubte er sich doch die eigenartigsten Schlüsse daraus zu ziehen. In der Orthodoxie wurzelnd, blühte seine üppig wuchernde Seele in Epikuräertum und Demut. Wie ich schon sagte, trachtete er stets danach, die nächtlichen Spukgestalten und die eitlen Schrecknisse zu verscheuchen, oder wie er sie nannte, die gotischen Teufeleien, die das religiöse Leben des schlichten Bürgersmannes zu einer Art von täglichem und kläglichem Hexensabbath machen. Moderne Theologen haben ihn bezichtigt, daß er übermäßige, ja ausschweifende Hoffnungen auf die göttliche Gnade setzte. Diesen Vorwurf finde ich auch in der Feder eines hervorragenden Philosophen wieder. Herr Jean Lacoste schreibt in der »Gazette de France« 20. Mai 1893 : »Der Herr Abbé Coignard ist ein Priester voller Gelehrsamkeit, Demut und Glauben. Ich behaupte freilich nicht, daß sein Wandel stets seine Bäffchen geehrt habe und daß seine Soutane nicht manchmal hängengeblieben sei ... Doch wenn er der Versuchung unterliegt, wenn der Teufel in ihm eine leichte Beute findet, so verliert er doch nie das Vertrauen; er hofft durch Gottes Gnade nicht wieder zu fallen und in die Herrlichkeit des Paradieses einzugehen. Und in der Tat bietet er uns das Schauspiel eines erbaulichen Todes. So verschönt denn ein Fünkchen des Glaubens das Leben, und die christliche Demut steht den menschlichen Schwächen wohl an ... Der Herr Abbé Coignard ist kein Heiliger; er verdiente vielleicht das Fegefeuer. Er verdiente es sogar sehr lange und er hat Gefahr gelaufen, in die Hölle zu kommen. Denn zu seinen Akten der Demut trat fast nie die Reue. Er baute zu sehr auf Gottes Gnade und gab sich nicht die geringste Mühe, ihr den Boden zu bereiten. Deshalb fiel er auch stets in seine Sünden zurück. So diente ihm der Glaube zu nichts, und er war fast ein Ketzer, denn das hl. Konzil von Trient hat in den Kanons VI und IX seiner sechsten Session den Bannfluch über alle verhängt, welche behaupten, ›daß es nicht in der Macht des Menschen stehe, seinen schlechten Wandel aufzugeben‹, und die solches Vertrauen auf die Gnade Gottes haben, daß sie sich einbilden, sie allein könne den Menschen retten, ›ohne jegliche menschliche Willensregung‹. Darum ist die Ausdehnung der göttlichen Gnade auf den Herrn Abbé Coignard wahrhaft wunderbar und liegt außerhalb des gewöhnlichen Heilsweges.« Ich weiß nun freilich nicht, ob der Herr Abbé Coignard allzusehr auf die göttliche Gnade baute. Doch es steht fest, daß er die Gnade in weitem und natürlichem Sinne faßte und daß die Welt in seinen Augen weniger den Einöden der Thebaïs als den Gärten Epikurs glich. Und er lustwandelte in ihr mit der kecken Harmlosigkeit, die der Hauptzug seines Charakters und der Grundsatz seiner Lehre war. Nie war ein Geist von gleicher Kühnheit so friedfertig und dämpfte seine Menschenverachtung mit gleicher Milde. Seine Moral vereinigte die Geistesfreiheit der zynischen Philosophen mit der Lauterkeit der ersten Mönche des heiligen Franziskus. Er verachtete die Menschen mit Zärtlichkeit. Er versuchte ihnen beizubringen, daß sie nur etwas einigermaßen Großes besäßen, nämlich ihre Leidfähigkeit, und daß sie sich folglich nichts so Nützliches und Schönes zulegen können als das Mitleid; daß sie nur groß seien im Wünschen und Leiden und daß sie sich folglich nachsichtige und freudenbringende Tugenden aneignen müßten. So gelangte er dahin, den Stolz als Quelle der größten Übel und als einziges widernatürliches Laster anzusehen. Es scheint in der Tat, daß die Menschen durch die übertriebene Vorstellung, die sie von sich und ihresgleichen hegen, sich unglücklich machen, und daß sie bei einer bescheidneren und wahreren Auffassung der menschlichen Natur milder gegen sich wie gegen ihre Mitmenschen wären. Sein Wohlwollen also war es, das ihn dazu trieb, seine Nächsten in ihrem Empfinden, ihrem Wissen, ihrer Philosophie und ihren Einrichtungen zu demütigen. Es lag ihm am Herzen, ihnen zu zeigen, daß ihre blöde Natur nichts ersonnen noch erbaut hat, was sich kräftig zu verteidigen oder anzugreifen verlohnte, und daß sie bei einiger Einsicht in die gebrechliche Dürftigkeit ihrer größten Schöpfungen, als da sind Gesetze und Staaten, sich um ihretwillen nie ernstlich bekämpfen würden, sondern nur zum Spiel und zum Spaß, wie Kinder, die am Meeresstrande Schlösser von Sand bauen. Man sollte sich deshalb auch weder wundern, noch daran Anstoß nehmen, daß er alle jene Vorstellungen herabsetzte, auf welche der Mensch seinen Ruhm und seine Ehre auf Kosten seiner Ruhe begründet. Die Majestät der Gesetze imponierte seinem klarblickenden Geiste nicht, und er beklagte die Unglücklichen, die so vielen Pflichten unterworfen seien, deren Sinn und Ursprung sich zumeist nicht ergründen läßt. Alle Grundsätze schienen ihm gleich anfechtbar. Er war daher zu der Annahme gelangt, daß die Staatsbürger eine so große Anzahl von ihresgleichen nur deshalb zur Ehrlosigkeit verdammen, um die Freuden der Achtung als Gegensatz zu genießen. Infolge dieser Ansicht zog er die schlechte Gesellschaft der guten vor, nach dem Vorbilde dessen, der unter Zöllnern und Buhlerinnen gelebt hat. Er bewahrte sich dabei die Reinheit des Herzens, die Gabe des Mitgefühls und die Schätze des Erbarmens. Ich rede hier nicht von seinen Handlungen, die in der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« verbucht sind. Ich frage nicht danach, ob er besser war als sein Leben, wie man es von Madame de Mouchy gesagt hat. Unsre Handlungen sind nicht ganz unser; sie hängen weniger von uns als vom Zufall ab. Sie werden uns mit vollen Händen gegeben. Wir verdienen sie nicht immer. Unser unfassliches Denken ist alles, was wir wirklich besitzen. Daher die Nichtigkeit der Urteile der Welt. Immerhin stelle ich mit Genugtuung fest, daß alle geistreichen Menschen den Herrn Abbé Coignard ausnahmslos liebenswürdig und scherzhaft gefunden haben. Man müßte denn auch ein Pharisäer sein, wollte man in ihm nicht ein schönes Geschöpf Gottes sehen. Nachdem dies gesagt ist, kehre ich unverzüglich zu seinen Lehren zurück, auf die es hier allein ankommt. Was er am wenigsten besaß, das war der Sinn für Verehrung. Den hatte die Natur ihm versagt, und er tat nichts, um ihn zu erwecken. Er fürchtete, indem er die einen zu hoch stellte, die andern herabzusetzen, und sein allgemeines Mitleid erstreckte sich ebensosehr auf die Niedrigstehenden wie auf die Stolzen. Den Opfern wandte er sich besonders liebevoll zu; doch auch die Henker erschienen ihm zu mitleidswürdig, um Haß zu verdienen. Er wünschte ihnen nichts Schlimmes und beklagte sie nur, daß sie böse seien. Er glaubte nicht, daß die Gegenrache, gesetzliche oder persönliche, etwas andres täte, als Böses zum Bösen fügen. Ihm gefiel weder die pikante Schlagfertigkeit der Privatrache, noch die majestätische Grausamkeit der Gesetze, und wenn er gelegentlich lachte, weil man die Polizei durchprügelte, so war dies eine rein instinktive Regung angeborener Gutmütigkeit. Das macht: er hatte sich vom Bösen eine einfache und greifbare Vorstellung gebildet. Er ging dabei lediglich von den Organen des Menschen und seinen natürlichen Empfindungen aus, ohne sie mit all den Vorurteilen zu verquicken, die in den Gesetzbüchern eine künstliche Wesenheit annehmen. Wie ich sagte, hatte er sich kein System gebildet, da er wenig geneigt war, Schwierigkeiten durch Sophismen zu lösen. Offenbar hemmte sogleich eine Schwierigkeit den Lauf seiner Gedanken über die Mittel, das Glück oder auch nur den Frieden auf Erden zu begründen. Er war überzeugt, daß der Mensch von Natur ein sehr boshaftes Tier sei und daß die Gesellschaften nur deshalb abscheulich wären, weil er sie aus seinem eignen Geiste geschaffen hat. Folglich erwartete er sich von einer Rückkehr zur Natur kein Heil. Ich zweifle, ob sein Empfinden sich geändert hätte, wenn er lange genug gelebt hätte, um Rousseaus »Emile« zu lesen. Als er starb, hatte Jean Jacques die Welt noch nicht durch die wahrste Empfindsamkeit und die falscheste Logik in Aufruhr versetzt. Er war damals erst ein kleiner Landstreicher, der zu seinem Unglück andere Abbés als den Herrn Jérôme Coignard auf den Bänken der menschenleeren Promenaden von Lyon traf. Man kann es bedauern, daß Herr Coignard, der alle Arten von Menschen kannte, dem jungen Freunde der Frau von Warens Frau v. Warens war die erste Beschützerin Rousseaus. nicht zufällig begegnet ist. Doch das hätte nur eine amüsante Szene, ein romanhaftes Bild gegeben. Jean Jacques hätte an der enttäuschten Weisheit unsres Philosophen wenig Gefallen gefunden. Nichts gleicht der Philosophie Rousseaus weniger als die des Herrn Abbé Coignard. Die letztere ist durchtränkt mit wohlwollender Ironie. Sie ist nachsichtig und heiter. Auf die menschliche Schwäche begründet, hat sie eine solide Grundlage. Der Rousseaus fehlt der glückliche Zweifel und das leichte Lächeln. Da sie auf der imaginären Grundlage der natürlichen Güte unsres Geschlechtes fußt, so befindet sie sich in einer peinlichen Lage, deren ganze Komik sie selbst nicht empfindet. Sie ist eine Lehre von Menschen, die nie gelacht haben. Ihre Verlegenheit verrät sich durch schlechte Laune. Sie ist ohne Anmut. Das hätte freilich noch nichts auf sich; doch sie führt den Menschen zum Affen zurück und entrüstet sich über Gebühr, sobald sie sieht, daß der Affe nicht tugendhaft ist. Und darin ist sie widersinnig und grausam. Man erfuhr es bald, als die Staatsmänner den » Contrat social « auf die beste der Republiken anwenden wollten. Robespierre verehrte das Andenken Rousseaus. Den Abbé Coignard hätte er für einen bösen Menschen gehalten. Ich erwähnte diesen nicht, wenn Robespierre ein Ungeheuer wäre. Doch für den Weisen gibt es keine wirklichen Ungeheuer. Robespierre war ein Optimist, der an die Tugend glaubte. Staatsmänner von dieser Gemütsart tun so viel Böses wie möglich. Wenn man es unternimmt, die Menschen zu lenken, so darf man nicht aus den Augen verlieren, daß sie boshafte Affen sind. Nur unter dieser Bedingung ist man ein menschlicher und wohlwollender Politiker. Der Wahnsinn der Revolution bestand darin, daß sie die Tugend auf Erden begründen wollte. Wenn man die Menschen gut und weise, frei, maßvoll und hochherzig machen will, so kommt man notwendigerweise dahin, sie alle zu töten. Robespierre glaubte an die Tugend: er führte die Schreckensherrschaft ein. Marat glaubte an die Gerechtigkeit: er forderte zweihunderttausend Köpfe. Von allen Geistern des 18. Jahrhunderts ist der Abbé Coignard vielleicht der, dessen Grundsätze denen der Revolution am meisten zuwiderlaufen. Er hätte keine Zeile von der Erklärung der Menschenrechte unterschrieben, und zwar wegen der übertriebenen und ungerechten Trennung, die darin zwischen dem Menschen und dem Gorilla vollzogen wird. Vergangene Woche empfing ich den Besuch eines Anarchisten, der mich mit seiner Freundschaft beehrt und den ich liebe, weil er an der Regierung seines Landes noch keinen Anteil nimmt und sich daher viel Unschuld bewahrt hat. Er will nur deshalb alles in die Luft sprengen, weil er glaubt, daß die Menschen von Natur gut und tugendhaft seien. Er glaubt, wenn sie erst von ihrem Eigentum befreit, von den Gesetzen erlöst sind, so würden sie ihre Selbstsucht und ihre Bosheit abtun. So hat ihn der zärtlichste Optimismus zur brutalsten Wildheit geführt. Sein ganzes Unglück und Verbrechen besteht darin, daß er zum Berufe des Kochs, zu dem er verdammt war, eine paradiesische Seele mitbrachte, die für das goldene Alter gemacht war. Er ist ein sehr schlichter und ehrbarer Jean Jacques, der sich weder durch den Anblick einer Frau von Houdetot irreführen, noch durch die Herzenshöflichkeit eines Herzogs von Luxemburg erweichen ließe. Seine Lauterkeit überantwortet ihn seiner Logik und macht ihn blutdürstig. Er versteht das Beweisen besser als ein Minister, doch er geht von einem unsinnigen Prinzip aus. Er glaubt nicht an die Erbsünde, und doch ist dieses Dogma eine so feste und beständige Wahrheit, daß man darauf alles bauen konnte, was man wollte. Warum waren Sie mit ihm nicht in meinem Arbeitszimmer, Herr Abbé Coignard, um ihm die Verkehrtheit seiner Doktrin begreiflich zu machen? Sie hätten mit diesem hochherzigen Utopisten nicht von den Wohltaten der Kultur und von den Staatsinteressen gesprochen. Sie wußten, daß dies Scherze sind, die man mit Unglücklichen anständigerweise nicht machen darf. Sie wußten, daß die öffentliche Ordnung nichts ist als die organisierte Gewalt und daß ein jeder den Anteil, den er daran nehmen soll, selbst zu bestimmen hat. Doch Sie hätten ihm ein wahres und furchtbares Bild von der Ordnung der Natur entworfen, die er wiederherstellen will; Sie hätten ihm statt des Idylls, das er träumt, eine Unmenge von blutigen Tragödien gezeigt und seine glückverheißende Anarchie als den Anfang einer furchtbaren Tyrannei offenbart. Dies führt mich zur näheren Beleuchtung der Stellung, die der Herr Abbé Coignard in der Schenke »Zum Bacchusknaben« den Regierungen und Völkern gegenüber einnahm. Er achtete weder die Grundlagen der Gesellschaft, noch die Arche des Staates. Selbst die Kraft des heiligen Salbgefäßes zu Rheims, das zu seiner Zeit oberstes Staatsprinzip war, wie es heutzutage das allgemeine Stimmrecht ist, war für ihn dem Zweifel unterworfen und ein strittiger Gegenstand. Diese Freiheit des Denkens, die damals alle Franzosen verletzt hätte, erregt bei uns keinen Anstoß mehr. Doch es hieße unsern Philosophen mißverstehen, wollte man die Heftigkeit seiner Kritiken über die Mißstände im ancien régime entschuldigen. Der Herr Abbé Coignard machte keinen großen Unterschied zwischen den sogenannten absolutistischen und den sogenannten freien Regierungen; und hätte er in unsern Tagen gelebt, so dürfen wir annehmen, daß er auch in ihnen eine starke Dosis jener hochherzigen Unzufriedenheit bewahrt hätte, deren sein Herz voll war. Da er auf die Prinzipien zurückging, so hätte er ohne Zweifel die Eitelkeit der unsrigen entdeckt. Ich folgere dies aus einer seiner Bemerkungen: »In einer Demokratie«, sagte er, »ist das Volk seinem eigenen Willen unterworfen, und das ist eine harte Knechtschaft. In der Tat ist ihm sein eigner Wille ebenso fremd und zuwider wie der des Fürsten. Denn der Wille der Gesamtheit ist im einzelnen Menschen wenig oder gar nicht vorhanden, und doch muß sich der einzelne seinem Zwange voll und ganz fügen. Und das allgemeine Stimmrecht ist nur ein Köder für Dumme, genau wie das heilige Salbgefäß von Rheims, das eine Taube im Schnabel vom Himmel herabtrug. Die Volksherrschaft beruht ebenso wie die Monarchie auf Fiktionen und lebt von Kunstgriffen. Es kommt lediglich darauf an, ob die Fiktionen anerkannt werden und ob die Kunstgriffe gelingen.« Dieser Grundsatz genügt uns zu der Annahme, daß der Abbé auch in unsern Tagen jene lachende, stolze Freiheit bewahrt hätte, die seine Seele zur Zeit der Königsherrschaft zierte. Trotzdem wäre er nie zum Revolutionär geworden. Dazu besaß er zu wenig Illusionen, und er glaubte nicht, daß die Regierungen durch etwas andres als durch die blinden und tauben, langsamen und unwiderstehlichen Kräfte zerstört werden sollen, die alles mit sich fortreißen. Er war der Meinung, daß ein Volk zu einer bestimmten Zeit nur eine bestimmte Regierungsform haben kann, und zwar deshalb, weil die Völker Körper sind und ihre Funktionen somit vom Bau ihrer Glieder und der Struktur ihrer Organe abhängen, d.h. vom Boden und von der Rasse, aber nicht von den Regierungen, die dem Volk angezogen sind wie die Kleider dem Menschen. »Das Unglück«, setzte er hinzu, »liegt darin, daß es mit den Völkern geht wie mit dem Hanswurst auf dem Jahrmarkt. Sein Kleid ist zumeist zu weit oder zu eng, unbequem, lächerlich, milbig, voller Flecken und Ungeziefer. Man kann dem abhelfen, indem man es vorsichtig ausschüttelt und hier und da die Nadel und im Notfall auch die Schere anwendet, doch sehr behutsam, um nicht ein andres, ebenso schäbiges, anschaffen zu müssen. Andrerseits soll man das alte auch nicht um jeden Preis retten wollen, nachdem der Körper mit den Jahren seine Form verändert hat.« Man ersieht hieraus, daß der Herr Abbé Coignard Ordnung und Fortschritt zu vereinen wußte und daß er im ganzen kein schlechter Staatsbürger war. Er stachelte niemand zur Empörung auf und wünschte mehr, daß die staatlichen Einrichtungen sich durch steten Gebrauch abnutzten und abrieben, als daß sie umgestürzt und mit groben Schlägen zertrümmert würden. Unaufhörlich wies er seine Schüler darauf hin, daß die rauhsten Gesetze sich durch den Gebrauch wundersam glätten und daß auf die Gnade der Zeit mehr Verlaß ist als auf die der Menschen. Weder hoffte noch wünschte er, daß das plumpe Corpus juris mit einem Schlage erneuert würde, denn er erwartete wenig von den Wohltaten einer plötzlichen Gesetzgebung. Bisweilen fragte ihn Jacques Tournebroche, ob er nicht fürchtete, daß seine philosophische Kritik gegen notwendige und von ihm selbst als notwendig anerkannte Institutionen nicht das unerwünschte Ergebnis hätte, das zu erschüttern, was erhalten werden muß. »Warum,« fragte sein treuer Schüler, »warum denn, o bester aller Lehrer, die Grundlagen von Recht, Gerechtigkeit und Gesetz und allen bürgerlichen und militärischen Einrichtungen in den Staub zerren, da Sie ja doch zugeben, daß Recht und Gerechtigkeit, Heer, Beamte und Polizei nötig sind?« – »Mein Sohn,« antwortete der Herr Abbé Coignard, »ich habe stets bemerkt, daß die Übel der Menschen aus ihren Vorurteilen stammen, wie die Spinnen und Skorpione aus dem Dunkel der Keller und der Feuchtigkeit der Gärten hervorkriechen. Es ist gut, mit Wischer und Besen in diesen dunklen Winkeln herumzufahren. Es ist sogar gut, hier und da etwas mit der Hacke an die Keller- und Gartenmauern zu klopfen. Das erschreckt das Ungeziefer und bereitet den notwendigen Einsturz vor.« – »Das gebe ich gern zu,« antwortete der sanfte Tournebroche, »aber wenn Sie alle Grundsätze zerstört haben, o mein Lehrer, was bleibt dann übrig?« Worauf der Lehrer erwiderte: »Nach der Zerstörung aller falschen Grundsätze bleibt die Gesellschaft übrig, denn sie ist auf die Notwendigkeit gegründet, deren Gesetze, älter als Saturn, auch dann noch regieren werden, wenn Prometheus den Zeus entthront hat.« Seit den Tagen, wo der Abbé Coignard also sprach, hat Prometheus den Zeus mehrfach entthront, und die Prophezeiungen des Weisen haben sich so buchstäblich erfüllt, daß man heute zweifelt – so ähnlich ist die neue Weltordnung der alten – ob die Herrschaft nicht dem alten Zeus verblieben ist. Manche leugnen sogar die Heraufkunft des Titanen. »Man sieht ihn, sagen sie, nicht mehr mit der Wunde auf der Brust, durch die ihm der Adler der Ungerechtigkeit das Herz ausriß und die ewig bluten sollte. Er weiß nichts mehr von den Schmerzen und dem Grimm der Verbannung. Er ist nicht der Gott der Arbeit, der uns verheißen ward und den wir erwarteten. Er ist der fette Zeus des alten, lächerlichen Olymp. Wann wird er erscheinen, der kraftstrotzende Menschenfreund, der Entzünder des Feuers, der Titan, der noch an seinen Felsen geschmiedet ist? Ein furchtbares Getöse, das vom Gebirge herschallt, verkündet, daß er seine zerfleischten Schultern von dem ungerechten Felsen erhebt, und wir fühlen über uns die Glut seines fernen Atems.« Den Geschäften fernstehend, neigte Herr Coignard zu reinen Spekulationen und erging sich gern in allgemeinen Ideen. Diese Geistesrichtung, die ihm bei seinen Zeitgenossen schaden konnte, gibt seinen Gedanken nach anderthalb Jahrhunderten einigen Wert und eine gewisse Nützlichkeit. Wir können an ihnen unsre eignen Sitten besser kennenlernen und das Üble, das sie enthalten, leichter herausfinden. Ungerechtigkeit, Dummheit und Grausamkeit fallen nur dann in die Augen, wenn sie allgemein sind. Wir sehen die unsrer Vorfahren, aber nicht unsre eigne. Nun aber gibt es keine einzige Epoche der Vergangenheit, wo der Mensch uns nicht unsinnig, ungerecht und roh erschiene; es wäre also wunderbar, wenn unser Zeitalter das besondere Privileg hätte, jeder Dummheit, Bosheit und Roheit bar zu sein. Die Meinungen des Herrn Abbé Coignard könnten uns zu unsrer Gewissensprüfung frommen, wenn wir nicht jenen Götzenbildern glichen, deren Augen nicht sehen und deren Ohren nicht hören. Bei einiger Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit sähen wir sehr bald, daß unsre Gesetzbücher noch Brutstätten der Ungerechtigkeit sind, daß wir in unsern Sitten die ererbte Härte des Geizes und des Hochmuts bewahren, daß wir allein den Reichtum schätzen und die Arbeit nicht ehren. Unsre Gesellschaftsordnung erschiene uns als das, was sie wirklich ist: als unsichre und klägliche Ordnung, die, wo nicht durch die menschliche Gerechtigkeit, so doch durch die Gerechtigkeit der Dinge verurteilt wird und die schon zu wanken beginnt. Unsre Reichen erschienen uns ebenso stumpfsinnig wie die Maikäfer, die fortfahren, ein Blatt zu fressen, während der kleine Käfer, der in ihren Körper eingedrungen ist, bereits ihr Inneres zernagt. Wir ließen uns nicht mehr durch die falsche und platte Schönrednerei unsrer Staatsmänner täuschen; wir bemitleideten unsre Volkswirtschaftler, die sich über den Preis des Hausrates in dem brennenden Hause streiten. Die Aussprüche des Herrn Abbé Coignard zeigen uns eine prophetische Verachtung der großen Grundsätze der Revolution und der Volksrechte, auf die wir seit hundert Jahren, unter allen möglichen Gewalttaten und Rechtsbrüchen, eine unzusammenhängende Reihe von revolutionären Regierungen gegründet haben, die mit ernster Miene die Revolution verurteilten. Wenn wir diese scheinbar erhabenen und bisweilen blutigen Torheiten belächeln lernten, wenn wir inne würden, daß die modernen Vorurteile, genau wie die alten, in ihren Wirkungen lächerlich oder verächtlich sind; wenn wir die einen wie die andren in mitleidiger Skepsis richteten, so wären die inneren Kämpfe im schönsten Lande der Welt nicht so heftig und der Herr Abbé Coignard hätte für sein Teil an der allgemeinen Wohlfahrt mitgewirkt. Die Staatsminister I ... Heute nachmittag besuchte der Herr Abbè Jèrôme Coignard nach seiner Gewohnheit den Buchhändler Blaizot in der Rue Saint-Jacques, dessen Firmenschild das Bild der heiligen Katharina zierte. Er erblickte auf dem Tische die Werke von Jean Racine und begann nachlässig darin zu blättern. »Dieser Dichter«, sagte er zu uns, »war nicht ohne Genie, und wenn er seinen Geist soweit erhoben hätte, seine Tragödien in lateinischen Versen zu schreiben, so wäre er lobenswert, namentlich in betreff seiner ›Athalie‹, worin er gezeigt hat, daß er in der Politik ziemlich Bescheid wußte. Corneille ist im Vergleich zu ihm nur ein hohler Schönredner. Diese Tragödie, die den Aufstieg des Joas zur Macht schildert, enthüllt einige der Triebfedern, deren Spiel die Reiche erhebt und stürzt. Und man muß glauben, daß Racine eine Geistesfeinheit besaß, die wir mehr bewundern müssen, als alle Feinheiten der Poesie und Beredsamkeit, die ja in Wahrheit nur rhetorische Kunststücke zur Unterhaltung der Maulaffen sind. Den Menschen Erhabenheit anzudichten, ist die Eigenschaft eines schwachen Geistes, der sich über die wahre Natur der Söhne Adams täuscht, welche ausnahmslos elend und erbarmungswürdig ist. Wenn ich nicht sage, der Mensch sei ein lächerliches Tier, so geschieht es lediglich in Ansehung dessen, daß Jesus Christus ihn mit seinem kostbaren Blute erlöst hat. Der Adel der Menschheit beruht lediglich auf diesem unbegreiflichen Mysterium, und die Menschen, große wie kleine, sind an sich nichts als wilde und widerwärtige Bestien.« Als mein teurer Lehrer diese letzten Worte sprach, betrat Herr Roman den Laden. »Holla! Herr Abbé!« rief dieser geschickte Mann aus. »Sie vergessen, daß diese wilden und widerwärtigen Bestien wenigstens in Europa einem bewundernswerten Staatswesen angehören, und daß Staaten wie das Königreich Frankreich oder die Republik Holland von dieser Barbarei und Roheit, die Sie verletzt, weit entfernt sind.« Mein teurer Lehrer schob den Band Racine in das Regal zurück und antwortete Herrn Roman mit seiner gewohnten Anmut: »Ich gebe Ihnen zu, mein Herr, daß die Handlungen der Staatsmänner in den Schriften der Philosophen, die darüber handeln, einige Ordnung und Klarheit gewinnen; so bewundre ich in Ihrem Werke über die ›Monarchie‹ die Folgerichtigkeit und die Gedankenverkettung. Doch gestatten Sie mir, mein Herr, daß ich Ihnen allein die schönen Vernunftschlüsse zuschreibe, die Sie den großen Politikern des Altertums und der Gegenwart unterschieben. Sie besaßen den Geist, den Sie ihnen zulegen, nicht; und diese Hochmögenden, die anscheinend die Welt lenkten, waren selbst nur Spielbälle der Natur und des Glückes. Sie erhoben sich nicht über die menschliche Dummheit, und im Grunde waren sie nichts als glänzende Nullen.« Während Herr Roman dieser Rede ungeduldig zuhörte, ergriff er einen alten Atlas und begann ihn mit einem Lärm zu hantieren, der mit dem Schall seiner Stimme verschmolz. »Welche Verblendung!« rief er aus. »Wie kann man die Taten der großen Minister, der großen Staatsbürger so verkennen! Wissen Sie so wenig von der Geschichte, daß es Ihnen nicht in die Augen springt, wie ein Cäsar, ein Richelieu, ein Cromwell die Völker geformt haben wie ein Tongefäß? Sehen Sie nicht, daß der Staat wie ein Uhrwerk in den Händen des Uhrmachers läuft?« »Ich sehe es nicht,« entgegnete mein teurer Lehrer, »und in den fünfzig Jahren meines Daseins habe ich beobachtet, daß dieses Land mehrfach die Regierung gewechselt hat, ohne daß die Lage des Volkes sich verändert hätte, abgesehen von einem unmerklichen Fortschritt, der vom menschlichen Willen nicht abhängt. Woraus ich schließe, daß es fast einerlei ist, ob man so oder so regiert wird, und daß die Minister nur durch ihren Rock und ihre Equipage hervorragen.« »Wie können Sie so reden,« antwortete Herr Roman, »und dies einen Tag nach dem Tode eines Staatsministers, der solchen Anteil an den Staatsgeschäften hatte und der nun nach langer Ungnade in dem Augenblick stirbt, wo er die Macht mit Ehren wiedererlangt? An dem Rufe, der seinem Sarge folgt, können Sie die Wirkung seines Handelns ermessen. Diese Wirkung überdauert ihn.« »Mein Herr,« erwiderte mein teurer Lehrer, »dieser Minister war ein Ehrenmann, emsig und betriebsam, und man kann von ihm wie von Vauban sagen, daß er zu viel Höflichkeit besaß, um sie zur Schau zu tragen; denn er bemühte sich nie, einem Menschen zu gefallen. Ich lobe ihn vor allem, weil er sich in den Geschäften gebessert hat, im Gegensatz zu so vielen anderen, die darin herunterkommen. Er besaß eine starke Seele und ein lebhaftes Gefühl für die Größe seines Landes. Auch das ist lobenswert, daß er den Haß der Geschichtenträger und der kleinen Marquis ruhig auf seine breiten Schultern nahm. Selbst seine Feinde achten ihn insgeheim. Aber was tat er Bedeutendes, mein Herr; und wodurch erscheint er Ihnen als etwas andres denn als Spielball der Winde, die ihn umbliesen? Die Jesuiten, die er vertrieben hat, sind wiedergekehrt; der religiöse Kleinkrieg, den er entzündet hatte, um das Volk zu unterhalten, ist erloschen und hat nach dem Feste nichts hinterlassen als das stinkende Gerippe eines schlimmen Feuerwerks. Er besaß, das gebe ich Ihnen zu, den Sinn für Volksbelustigungen, oder besser für Zerstreuung und Ablenkung. Seine Partei, welche die des Zufalls und der Schachzüge war, hat seinen Tod nicht erst abgewartet, um Namen und Führer zu wechseln, ohne ihre Grundsätze zu ändern. Seine Kamarilla blieb ihrem Herrn und sich selbst treu, indem sie fortfuhr, den Umständen zu gehorchen. Ist das ein Werk, dessen Größe erstaunt?« »Es ist allerdings bewundernswert,« erwiderte Herr Roman. »Und hätte dieser Minister nichts getan, als die Kunst des Regierens aus den Wolken der Metaphysik herabzuholen und sie zur Realität der Dinge zurückzuführen, so würde ich ihn dafür mit Lob überschütten. Seine Partei, sagen Sie, war die des Zufalles und der Schachzüge. Aber was ist nötig, um in den irdischen Geschäften Hervorragendes zu leisten, wenn nicht dies: die Gelegenheit am Schopfe zu fassen und nützliche Schachzüge zu machen? Und das tat er, oder wenigstens: er hätte es getan, wenn der kleinmütige Unbestand seiner Freunde und die perfide Keckheit seiner Gegner ihm etwas Ruhe gelassen hätten. Aber er erschöpfte sich in dem fruchtlosen Bemühen, die letzteren zu besänftigen und die ersteren zu ermutigen. Es fehlte ihm an Zeit und an Menschen, dem notwendigen Werkzeug zur Befestigung eines heilsamen Despotismus. Er zeigte wenigstens bewundernswerte Absichten in der inneren Politik. Und nach außen hat er, das dürfen Sie nicht vergessen, sein Vaterland um weite, fruchtbare Gebiete bereichert. Und wir sind ihm dafür um so mehr Dank schuldig, als er diese glücklichen Eroberungen allein und gegen das Parlament machte, von dem er abhing.« »Ja mein Herr,« entgegnete mein teurer Lehrer, »in den Kolonialfragen zeigte er Energie und Gewandtheit, doch vielleicht nicht viel mehr als ein Bürgersmann, wenn er ein Landgut kauft. Und was mir alle diese überseeischen Unternehmungen verleidet, das ist die Aufführung der Europäer den Völkern Afrikas und Amerikas gegenüber. Wenn die Weißen mit den Schwarzen oder Gelben zusammenstoßen, so sehen sie sich gezwungen, sie auszurotten. Man bändigt die Wilden nur durch vollendete Wildheit. Dieses fatale Ende ist das aller kolonialen Unternehmungen. Ich leugne nicht, daß die Spanier, Holländer und Engländer einigen Nutzen daraus gezogen haben. Doch gewöhnlich stürzt man sich aufs Geratewohl in diese großen, grausamen Expeditionen. Was bedeutet die Weisheit und der Wille eines einzelnen in solchen Unternehmungen, an denen Handel, Ackerbau und Schiffahrt gleichzeitig beteiligt sind und die somit von einer Unzahl winziger Einzelwesen abhängen? Der Anteil eines Ministers an solchen Geschäften ist sehr klein, und wenn er uns bemerkenswert erscheint, so kommt das daher, daß unser Denken, das zur Mythenbildung neigt, allen geheimen Naturkräften Namen und Antlitz leihen will. Was hat Ihr Minister in kolonialen Dingen erfunden, was nicht schon den Phöniziern zu Zeiten des Kadmos bekannt war?« Bei diesen Worten ließ Herr Roman den Atlas fallen, und der Buchhändler hob ihn behutsam auf. »Herr Abbé,« sagte er, »ich entdecke mit Bedauern, daß Sie ein Sophist sind. Denn das muß man sein, um die kolonialen Unternehmungen des verstorbenen Ministers durch Kadmos und die Phönizier in Schatten zu stellen. Sie können nicht leugnen, daß diese Unternehmungen sein Werk waren, und Sie führen in kläglicher Weise den Kadmos ein, um uns irre zu machen.« »Mein Herr,« schloß der Abbé, »lassen wir Kadmos aus dem Spiele, da er Sie ärgert. Ich will nur dies sagen, daß ein Minister an seinen eignen Unternehmungen wenig Anteil hat und daß er weder Ruhm noch Schande verdient; ich will sagen: wenn es in der kläglichen Komödie des Lebens so aussieht, als ob die Fürsten befehlen und die Völker gehorchen, so ist das nur ein Spiel, ein trügerischer Schein; in Wirklichkeit werden beide von einer unsichtbaren Macht gelenkt.« Der heilige Abraham In dieser Sommernacht, als die Mücken die Laterne des Wirtshauses »Zum Bacchusknaben« umtanzten, saß der Herr Abbé Jérôme Coignard im Freien unter der Vorhalle von Saint-Benoit und hing wie gewöhnlich seinen Gedanken nach, als Katharina, die Spitzenklöpplerin, sich neben ihm auf die Steinbank setzte. Mein teurer Lehrer, der Abbé, neigte dazu, Gott in seinen Werken zu loben. Mit Wohlgefallen betrachtete er das hübsche Mädchen, und da er einen heiteren und feingebildeten Geist besaß, so hielt er ihr angenehme Reden. Er lobte sie, daß sie nicht nur auf der Zunge, sondern auch am Busen und an ihrer ganzen Gestalt Witz besäße und nicht nur mit den Lippen und Wangen lachte, sondern auch mit all den Grübchen und hübschen Fältchen ihrer Haut, so daß man den Hüllen gram sei, derentwegen man sie nicht ganz und gar lachen sehen könnte. »Und da man nun einmal«, sagte er, »hienieden sündigen muß, und keiner sich ohne Hoffart für unfehlbar halten darf, so möchte ich, mein Fräulein, daß die göttliche Gnade mich bei Ihnen im Stiche ließe, wenn anders es Ihnen so beliebt. Mir entstünden daraus zwei kostbare Vorteile, erstlich der, mit seltener Freude und einziger Wonne zu sündigen, und zweitens der, mich nachher mit der Macht Ihrer Reize entschuldigen zu können; denn sicherlich steht es im Buche des Gerichts geschrieben, daß Ihre Reize unwiderstehlich sind; das muß mir zugute gehalten werden. Man sieht Toren, die mit häßlichen, mißgestalteten Weibern buhlen. Diese Unglücklichen setzten mit solchem Beginnen ihr Seelenheil aufs Spiel, denn sie sündigen, um zu sündigen, und ihr beschwerlicher Fehltritt ist voller Bosheit. Hingegen eine so schöne Haut, Katharina, wie Ihre, ist in den Augen des Herrn eine Entschuldigung. Ihre Reize verringern die Schuld wundersam; sie wird als unfreiwillig verzeihbar. Um Ihnen alles zu sagen, mein Fräulein, so fühle ich, wie die himmlische Gnade mich verläßt und hurtig davonfliegt. In diesem Augenblick, wo ich mit Ihnen rede, ist sie nur noch ein kleiner heller Punkt dort über den Dächern, in deren Dachrinnen die Katzen mit wütendem Geschrei und kindlichen Klagelauten ihr Liebesspiel treiben, dieweil der Mond sich schamlos auf einen Schornstein setzt. Alles, was ich von Ihnen sehe, Katharina, spricht zu meinen Sinnen, und das, was ich nicht sehe, noch mehr.« Bei diesen Worten blickte sie in ihren Schoß; dann erhob sie die Augen helleuchtend auf den Herrn Abbé Coignard. Und mit sehr sanfter Stimme sprach sie: »Da Sie mir wohlgeneigt sind, Herr Coignard, so versprechen Sie mir eine Gefälligkeit, um die ich Sie bitten will und für die ich Ihnen sehr dankbar wäre.« Der Abbé versprach ihr zu willfahren. Wer hätte an seiner Stelle nicht ebenso gehandelt? Da sagte Katharina lebhaft zu ihm: »Sie wissen, Herr Jérôme, der Abbé La Perruque, Vikar von Saint-Benoît, beschuldigt den Kapuziner Ange des Diebstahls an seinem Esel und hat ihn vor dem Offizial verklagt. Doch das ist eine große Lüge. Der gute Bruder hatte sich den Esel ausgeliehen, um Reliquien in die Dörfer zu bringen. Unterwegs kam der Esel abhanden. Die Reliquien fanden sich wieder. Das ist, wie Bruder Ange sagt, die Hauptsache. Doch der Abbé La Perruque verlangt seinen Esel zurück und will von nichts hören. Er bringt das arme Brüderchen noch in den erzbischöflichen Kerker. Sie allein können seinen Zorn besänftigen und ihn bestimmen, daß er seine Klage zurückzieht.« »Aber, mein Fräulein,« entgegnete der Abbé Coignard, »ich habe weder Macht noch Lust dazu.« »Oh!« fuhr Katharina fort, indem sie sich an ihn anschmiegte und ihn mit geheuchelter Zärtlichkeit anblickte, »was die Lust betrifft, so wäre ich sehr traurig, wenn ich sie Ihnen nicht geben könnte. Die Macht aber haben Sie, Herr Jérôme, ja, Sie haben sie. Und nichts ist leichter, als das Brüderchen zu retten. Es genügt, wenn Sie Herrn La Perruque acht Fastenpredigten und vier Adventpredigten geben. Sie schreiben so schöne Predigten, daß es Ihnen ein Vergnügen sein muß, welche zu machen. Verfassen Sie diese zwölf Predigten, Herr Jérôme, verfassen Sie sie auf der Stelle. Ich hole sie mir selbst ab in Ihrer Bude bei Saint-Innocent. Herr La Perruque hat einen hohen Begriff von Ihrem Wissen und Ihren Verdiensten; er schätzt, daß zwölf Predigten von Ihnen einen Esel wert sind. Sobald er das Dutzend voll hat, will er seine Klage zurückziehen. Er hat es gesagt. Was sind zwölf Predigten, Herr Jérôme? Und ich verspreche, ich setze ans Ende der letzten Amen . Gelt, ich habe Ihr Versprechen?« schloß sie, seinen Hals umschlingend. »Was das betrifft,« sagte Herr Coignard unwirsch, indem er die hübschen Arme löste, die sich auf seinen Schultern verschränkten, »so lehne ich es glatt ab. Die Versprechungen, die man hübschen Mädchen macht, verpflichten nur den Leib, und es ist keine Sünde, sie zu brechen. Rechnen Sie nicht auf mich, mein schönes Kind, um Ihren bärtigen Liebsten aus den Händen des Offizials zu retten. Schriebe ich eine oder zwei oder zwölf Predigten, so geschähe es gegen die schlimmen Mönche, welche die Schande der Kirche und gleichsam das Ungeziefer sind, das dem Kleide Sankt Petri anhaftet. Bruder Ange ist ein Spitzbube; er läßt die braven Frauen Reliquien berühren, welche nur Ochsen- oder Schweinsknochen sind, die er mit ekler Gier selbst abgenagt hat. Ich wette, er hat auf dem Esel des Herrn La Perruque eine Feder des Erzengels Gabriel, einen Strahl vom Stern der Drei Könige und ein Fläschchen herumgeführt, das etwas vom Klange der Glocken enthielt, die im Turme des Salomonischen Tempels läuteten. Er ist unwissend, verlogen, und Sie lieben ihn. Das sind drei Gründe, weshalb ich ihn nicht leiden kann. Ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, mein Fräulein, welcher von ihnen der stärkste ist. Es kann dies der am wenigsten ehrbare sein; denn es drängte mich eben zu Ihnen mit einer Heftigkeit, die weder meinem Alter noch meinem Stande geziemt. Aber irren Sie sich nicht: ich empfinde sehr lebhaft die Schmach, die Ihr Liebhaber in der Kapuze der Kirche unsres Heilands antut, deren unwürdiges Glied ich bin. Und das Beispiel dieses Kapuziners flößt mir solchen Abscheu ein, daß mich plötzlich die Lust befällt, über eine gute Stelle bei Johann Chrysostomos nachzudenken, anstatt meine Knie an den Ihren zu reiben, mein Fräulein, wie ich es seit einer Viertelstunde tue. Denn das sündige Verlangen vergeht; Gottes Ruhm aber währet ewiglich. Ich habe die Fleischessünden nie überschätzt; diese Gerechtigkeit kann man mir erweisen. Ich entrüste mich nicht wie Herr Nikodemus über eine so geringfügige Sache wie die Kurzweil mit einem hübschen Mädchen. Doch was ich nicht leiden kann, das ist die Niedrigkeit der Seele, das ist die Heuchelei, die Lüge und die krasse Unwissenheit, die Ihren Bruder Ange zum vollendeten Kapuziner machen. Durch den Verkehr mit ihm nehmen Sie, mein Fräulein, pöbelhafte Gewohnheiten an, die Sie tief unter Ihren Stand herabdrücken, welcher der eines galanten Frauenzimmers ist. Ich kenne sein Elend und seine Demütigungen; trotzdem steht dieser Stand weit über dem eines Kapuziners. Dieser Schurke entehrt Sie, wie er selbst die Gossen der Rue Saint-Jacques entehrt, wenn er hineintritt. Denken Sie, mein Fräulein, an all die Tugenden, mit denen Sie sich in Ihrem ungewissen Handwerk noch schmücken könnten, und deren eine Ihnen vielleicht noch mal die Pforten des Paradieses öffnen könnte, wären Sie nicht dieser unsauberen Bestie untertan und versklavt. Wenn man Sie auch hier und da das nehmen läßt, was man Ihnen schließlich lassen muß, wenn man fortgeht, so könnten Sie doch, Katharina, in Hoffnung, Glauben und Barmherzigkeit blühen, die Armen lieben und die Kranken besuchen. Sie könnten barmherzig sein und Almosen geben und am Anblick von Himmel und Wasser, Feld und Wald sich keusch ergötzen. Sie könnten des Morgens, wenn Sie Ihr Fenster öffnen, Gott loben, während Sie dem Vogelsang lauschen. Sie könnten an Wallfahrtstagen zum Mont Valérien pilgern und dort am Kalvarienberg über Ihre verlorene Unschuld weinen, kurz, Sie könnten sich so aufführen, daß der, welcher allein in den Herzen liest, sagt: ›Katharina ist mein Geschöpf; ich erkenne es an den Funken eines schönen Lichtes, das in ihr nicht erloschen ist.‹« Katharina unterbrach ihn: »Aber Abbé,« sagte sie trocken, »Sie verzapfen mir da ja eine Predigt.« »Haben Sie mich nicht um ein Dutzend gebeten?« antwortete er. Sie wurde ärgerlich. »Nehmen Sie sich in acht, Abbé. Es steht bei Ihnen, ob wir Freunde oder Feinde werden. Wollen Sie die zwölf Predigten machen? Überlegen Sie sichs, ehe Sie antworten!« »Mein Fräulein,« sagte der Herr Abbé Coignard, »ich beging in meinem Leben manch Tadelnswertes, doch nie mit Überlegung.« »Sie wollen also nicht? Bestimmt nicht? Eins ... zwei ... Sie wollen nicht? Abbé, ich räche mich!« Sie schmollte eine Weile und blieb stumm und mürrisch auf der Bank sitzen. Plötzlich begann sie zu schreien: »Genug! Herr Abbé Coignard. In Ihrem Alter und in diesem ehrwürdigen Gewande so mit mir zu scharwenzeln! Pfui, Herr Abbé, pfui! Welche Schande, Herr Abbé!« Als sie am schrillsten keifte, sah der Abbé Fräulein Lecoeur, Krämerin »Zu den drei Jungfrauen«, an der Halle vorbeikommen. Sie ging zu dieser späten Stunde zur Beichte beim dritten Vikar von Saint-Benoît und wandte zum Zeichen tiefsten Abscheus das Haupt ab. Er mußte sich gestehen, daß Katharinas Rache rasch und sicher war, denn die Tugend von Fräulein Lecoeur, durch das Alter befestigt, war so stark geworden, daß sie über alle Sünden der Gemeinde herfiel und siebenmal täglich mit ihrer Zungenspitze die Fleischessünder der Rue Saint-Jacques durchbohrte. Doch Katharina wußte selbst nicht, wie vollkommen ihre Rache war. Sie hatte Fräulein Lecoeur über den Platz kommen sehen, doch nicht meinen Vater, der ihr nachfolgte. Er kam mit mir, um den Abbé aus der Vorhalle abzuholen und ihn zum »Bacchusknaben« zu geleiten. Mein Vater mochte Katharina gern. Nichts ärgerte ihn so, wie wenn er Liebhaber sich an sie herandrängen sah. Über ihren Wandel täuschte er sich nicht. Doch wie er sagte, ist Wissen und Sehen zweierlei. Nun aber war ihm Katharinas Geschrei sehr deutlich zu Ohren gekommen. Er war lebhaft und unfähig, sich zusammenzunehmen. Ich fürchtete sehr, sein Zorn möchte sich in groben Worten und brutalen Drohungen Luft machen. Ich sah schon, wie er sein Spickeisen, das er in der Strippe seiner Schürze trug, wie eine ehrbare Waffe zog, denn er setzte seinen Stolz in die Bratkunst. Doch meine Befürchtungen waren nur halb begründet. Ein Fall, wo Katharina Tugend bewies, überraschte ihn mehr, als er ihn verdroß, und die Zufriedenheit überwog in seiner Seele den Zorn. Er sprach meinen teuren Lehrer ziemlich höflich an und sagte mit spöttischem Ernst: »Herr Coignard, alle Priester, welche die Gesellschaft der galanten Mädchen aufsuchen, lassen dabei ihre Tugend und ihren guten Ruf. Und das ist recht, auch wenn keine Gewährung sie für ihre Unehre entschädigt« Katharina räumte das Feld mit der schönen Gebärde verletzter Scham, und mein teurer Lehrer antwortete meinem Vater mit sanfter, lächelnder Beredsamkeit: »Dieser Grundsatz, Meister Leonard, ist vortrefflich; trotzdem darf man ihn nicht wahllos anwenden und bei jeder Gelegenheit aufkleben wie ein Schild ›Für sechs Dreier‹, das der lahme Messerschmied auf allen seinen Messern anbringt. Ich will nicht untersuchen, inwiefern ich diese Anbringung eben verdiente. Genügt es nicht, wenn ich gestehe: ich habe sie verdient? Es ist unschicklich, von sich selbst zu reden, und es hieße meinem Schamgefühl zu große Gewalt antun, wenn man mich zwänge, über das zu reden, was mich allein betrifft. Ich ziehe vor, Meister Leonard, Ihnen als Beispiel den ehrwürdigen Robert d'Arbrissel zu nennen, der sich durch den Umgang mit Freudenmädchen große Verdienste erwarb. Man kann auch den heiligen Abraham, einen syrischen Anachoreten, anführen, der sich nicht fürchtete, ein verrufenes Haus zu betreten.« – »Wer ist dieser heilige Abraham?« fragte mein Vater, dem alle Gedanken wirr im Kopfe herumgingen. »Setzen wir uns vor Ihre Tür,« sagte mein teurer Lehrer. »Bringen Sie einen Krug Wein her, und ich erzähle Ihnen die Geschichte dieses großen Heiligen, wie sie uns der heilige Ephraim selbst berichtet hat.« Mein Vater nickte zum Zeichen des Einverständnisses. Wir setzten uns alle drei unter das Rebendach, und mein teurer Lehrer sprach also: »Der heilige Abraham hauste, schon hochbejahrt, einsam in der Wüste in einer kleinen Hütte, als sein Bruder starb und eine Tochter von großer Schönheit, namens Maria, zurückließ. Überzeugt, daß das Leben, welches er selbst führte, auch seiner Nichte zuträglich wäre, ließ Abraham für sie eine Zelle neben der seinen erbauen und steckte sie durch ein Fensterlein, das er in die Wand gebrochen hatte, hinein. Er wachte darüber, daß sie fastete, wachte und Psalmen sang. Doch ein Mönch, der wahrscheinlich ein falscher Mönch war, näherte sich Maria, während der Mann Gottes über die Heilige Schrift nachsann, und verführte das junge Mädchen zur Sünde. Danach sagte sich die Gefallene: ›Da ich für Gott tot bin, so ist es besser, ich gehe in ein Land, wo mich niemand kennt.‹ Und sie verließ ihre Zelle und ging in eine benachbarte Stadt namens Edessa. Daselbst waren frische Brunnen und köstliche Gärten, und sie ist noch heutigen Tages die angenehmste Stadt Syriens. Indessen blieb der Heilige in tiefes Nachsinnen versenkt. Seine Nichte war schon mehrere Tage fort, als er sein Fensterlein öffnete und fragte: ›Maria, warum singst du nicht mehr die Psalmen, die du so schön sangest?‹ Doch da er keine Antwort erhielt, ahnte er die Wahrheit und rief: ›Ein grausamer Wolf hat mein Schaf entführt!‹ Zwei Jahre lang verblieb er in Kummer und Trübsal. Danach erfuhr er, daß seine Nichte einen schlechten Wandel führte. Mit Vorbedacht handelnd, bat er einen seiner Freunde, nach der Stadt zu gehen und genau zu erforschen, ob es wahr sei. Der Bericht des Freundes bestätigte, daß Maria einen schlechten Wandel führte. Auf diese Meldung hin bat der heilige Mann seinen Freund, ihm ein Pferd zu besorgen und ihm Reiterkleider zu leihen. Um nicht erkannt zu werden, stülpte er sich einen großen Hut ins Gesicht und begab sich nach dem Wirtshause, in dem, wie man ihm gesagt hatte, seine Nichte wohnte. Er blickte sich allerseits um, in der Hoffnung, sie irgendwo zu sehen; doch da sie nicht erschien, sprach er zum Wirt mit geheucheltem Lächeln: ›Meister, man sagt, Ihr hättet ein hübsches Mädchen hier. Könnte ich es nicht sehen?‹ Der Wirt, der ein höflicher Mann war, ließ sie rufen, und Maria erschien in einem Aufzuge, der nach den eignen Worten des heiligen Ephraim hinreichte, um ihren Wandel zu offenbaren. Der heilige Mann ward darob von tiefem Schmerze ergriffen. Gleichwohl trug er Heiterkeit zur Schau und bestellte ein gutes Mahl. Maria war an jenem Tage in finstrer Laune. Freude zu bereiten macht nicht immer Freude; und der Anblick dieses Greises, den sie nicht erkannte, denn er hatte seinen Hut nicht gelüftet, stimmte sie keineswegs fröhlich. Der Wirt tadelte sie wegen dieses schlechten Benehmens, das ihren Berufspflichten so zuwider sei; doch sie sagte seufzend: ›Wollte Gott, ich wäre vor drei Jahren gestorben!‹ Der Heilige Abraham gab sich Mühe, die Sprache eines galanten Ritters zu führen, dessen Kleidung er ja trug. ›Mein Kind,‹ sprach er, ›ich komme nicht her, um deine Sünden zu betrauern, sondern um deine Liebe zu teilen.‹ Doch als der Wirt ihn mit Maria allein gelassen, legte er die Maske ab, lüftete seinen Hut und sprach unter Tränen: ›Meine Tochter Maria, erkennst du mich nicht? Bin ich nicht Abraham, der an dir Vaterstelle vertrat?‹ Er ergriff ihre Hand und ermahnte sie die ganze Nacht lang zur Reue und Buße. Vor allem hütete er sich, sie zur Verzweiflung zu treiben. Immerfort wiederholte er ihr: ›Meine Tochter, nur Gott ist sündlos.‹ Maria war von sanfter Gemütsart. Sie willigte darein, zu ihm zurückzukehren. Als es tagte, brachen sie auf. Sie wollte ihre Kleider und Schmucksachen mitnehmen. Doch der heilige Mann machte ihr begreiflich, daß es passender sei, sie zurückzulassen. Er setzte sie auf sein Pferd und führte sie zu den Zellen zurück, wo beide ihr vergangenes Leben wieder aufnahmen. Nur sorgte der heilige Mann diesmal dafür, daß Marias Zelle keinen Zugang von außen hatte und daß man sie nicht verlassen konnte, ohne durch die von ihm bewohnte Hütte zu gehen. Und also hütete er mit Gottes Hilfe sein Schaf. Dies ist die Geschichte vom heiligen Abraham,« schloß mein teurer Lehrer, sein Weinglas ergreifend. »Sie ist sehr schön,« sagte mein Vater, »und das Unglück der armen Maria hat mich zu Tränen gerührt.« Die Staatsminister II Heute waren wir, mein teurer Lehrer und ich, sehr überrascht, bei Herrn Blaizot, dem Buchhändler »Zur heiligen Katharina«, einen kleinen hagren, gelben Mann zu treffen, der niemand anders war als der berühmte Pamphletist Jean Hibou. Wir hatten allen Anlaß zu der Annahme, daß er in der Bastille säße, wo er sein Dasein zu verbringen pflegte. Und wenn wir ihn sofort erkannten, so war es, weil auf seinem Gesicht noch der Schatten und die Feuchtigkeit seines Kerkers lag. Mit zitternder Hand blätterte er unter den ängstlichen Blicken des Buchhändlers in den neuerdings aus Holland eingetroffenen politischen Schriften. Der Herr Abbé Coignard zog den Hut vor ihm mit natürlicher Anmut, die noch mehr aufgefallen wäre, hätte dieser Hut meines teuren Lehrers nicht am gestrigen Abend bei einer Prügelei in der Weinlaube des »Bacchusknaben«, die aber keine weiteren Folgen hatte, einen Puff davongetragen. Als der Herr Abbé seine Freude ausgedrückt hatte, einen so geschickten Mann wiederzusehen, antwortete Herr Jean Hibou: »Es wird nicht für lange sein. Ich verlasse dieses Land, in dem ich nicht leben kann. Ich vermöchte die Pestluft von Paris nicht länger zu atmen. In einem Monat bin ich in Holland. Es ist grausam, einen Fleury nach einem Dubois ertragen zu müssen, und ich bin zu tugendhaft, um Franzose zu sein. Wir werden nach falschen Grundsätzen von Dummköpfen und Schuften regiert. Das kann ich nicht ertragen.« »Allerdings«, sagte mein teurer Lehrer, »sind die öffentlichen Angelegenheiten in schlechten Händen, und es gibt viele Diebe in hohen Stellungen. Die Einfältigen und die Bösartigen teilen sich in die Macht, und wenn ich je über die gegenwärtigen Zustände schreibe, so gibt es ein kleines Buch in Art der Apokolokynthosis des Philosophen Seneca oder unsrer ›Satire ménippée‹ die ja ziemlich saftig ist Berühmte französische Spottschrift des 16. Jahrhunderts im Stil der antiken menippischen Satiren. . Diese leichte, scherzende Art stimmt besser zur Sache als die trübsinnige Steifheit eines Tacitus oder der geduldige Ernst eines de Thou De Thou (1533-1617), französischer Historiker, der eine Geschichte seiner Zeit schrieb. . Von diesem Pamphlet würde ich Abschriften machen lassen, die heimlich verbreitet würden, und worin man eine philosophische Verachtung der Menschen fände. Die Regierenden würden sich zumeist sehr darüber erbosen; doch einige fänden, so glaube ich, ein geheimes Vergnügen daran, sich hier mit Schimpf bedeckt zu sehen. So denke ich es mir nach dem, was ich von einer vornehmen Dame hörte, als ich in Séez Bibliothekar des Herrn Bischofs war. Sie war im Verblühen, vibrierte aber noch ganz von ihren zügellosen Ausschweifungen. Denn ich muß hinzusetzen, daß sie zwanzig Jahre lang das verliebteste Frauenzimmer der Provinz Normandie war. Als ich sie fragte, was ihr im Leben das größte Vergnügen gemacht hätte, antwortete sie mir: ›Mich entehrt zu fühlen.‹ An dieser Antwort erkannte ich, daß sie Feingefühl besaß. Ich will ein Gleiches bei diesem und jenem Minister voraussetzen, und wenn ich jemals gegen sie schreibe, so geschieht es, um ihren Lastern und ihrer Gemeinheit wunderlich zu schmeicheln. Doch wozu ein so schönes Vorhaben lange verschieben? Ich will Herrn Blaizot sogleich um ein Heft Papier bitten, um das erste Kapitel der neuen ›Ménippée‹ zu schreiben.« Er erhob bereits den Arm zu dem verblüfften Buchhändler. Doch Herr Jean Hibou hielt ihn zurück. »Herr Abbé«, sagte er, »heben Sie sich diesen schönen Plan für Holland auf und kommen Sie mit mir nach Amsterdam, wo ich Ihnen eine Stellung bei einem Limonadenverkäufer oder Bader ausfindig mache. Dort sind Sie frei; des Nachts können Sie am einen Tischende Ihre ›Satire ménippée‹ schreiben, dieweil ich am andern Ende meine Pamphlete verfasse. Sie sollen giftig genug ausfallen, und wer weiß, ob wir durch unsre Bemühungen nicht einen Wandel in den Zuständen des Königreiches herbeiführen? Die Pamphletschreiber haben am Sturze der Staaten mehr Anteil als man glaubt; sie bereiten die Katastrophen vor, welche die aufständischen Völker dann verwirklichen.« »Welch ein Triumph!« zischte er zwischen seinen schwarzen Zähnen, die vom bittren Geifer seines Mundes angefressen waren, »welche Freude, wenn es mir gelänge, einen der Minister zu stürzen, die mich in die Bastille gesperrt haben! Wollen Sie, Herr Abbé, bei einem so schönen Werke nicht mittun?« »Durchaus nicht,« antwortete mein teurer Lehrer. »Es würde mich sehr ärgern, wenn ich etwas an der Staatsform änderte; und wenn ich dächte, daß meine ›Apokolokynthosis‹ oder ›Ménippée‹ eine solche Wirkung hätte, so bliebe sie ungeschrieben.« »Was!« rief der Pamphletist enttäuscht, »sagten Sie mir nicht hier eben, daß die Regierung schlecht wäre?« »Gewiß,« antwortete der Abbé. »Doch ich ahme die Weisheit jener alten Syrakusanerin nach, die zu der Zeit, wo Dionys der bestgehaßte Mann seines Volkes war, alle Tage in den Tempel ging und die Götter um das Leben des Tyrannen anflehte. Dionys erfuhr von dieser seltsamen Frömmigkeit, wollte ihren Grund wissen, ließ die gute Alte kommen und befragte sie. ›Ich bin nicht jung,‹ antwortete sie; ›ich habe unter vielen Tyrannen gelebt und stets bemerkt, daß auf einen schlimmen ein noch schlimmerer folgte. Woraus ich schließe, daß dein Nachfolger noch schlimmer sein wird als du, und ich bitte die Götter, ihn uns so spät wie möglich zu geben, wenn das sein kann.‹ Diese Alte war sehr verständig; und ich meine mit ihr, Herr Jean Hibou, daß die Schafe gut tun, sich von ihrem alten Hirten scheren zu lassen, damit nicht ein junger kommt und sie nochmals schert.« Durch diese Reden gereizt, floß die Galle des Herrn Jean Hibou in bittren Worten über: »Welch feige Reden! Welch unwürdige Grundsätze! Oh, Herr Abbé, wie wenig lieben Sie die öffentliche Wohlfahrt, und wie wenig verdienen Sie den Eichenkranz, den die Dichter den tapferen Bürgern versprechen. Sie hätten bei den Tartaren, bei den Türken zur Welt kommen müssen, als Sklave eines Dschingischan oder Bajazet, statt in Europa, wo man die Grundsätze des öffentlichen Rechts und der Philosophie lehrt. Wie! Sie fügen sich einer schlechten Regierung, ohne auch nur den Wunsch zu hegen, sie zu ändern! Solche Gefühle würden in einer Republik, wie ich sie mir denke, zum mindesten mit Exil und Ausweisung bestraft. Jawohl, Herr Abbé, in die Konstitution, die ich plane, und die nach den Grundsätzen der Antike gemacht werden soll, werde ich einen Paragraphen zur Bestrafung schlechter Bürger wie Sie aufnehmen. Ich werde Strafen gegen jeden verhängen, der den Staat verbessern kann und es nicht tut.« »Ha, ha!« lachte der Abbé, »auf die Weise machen Sie mir wenig Lust, Ihr Salent zu bewohnen. Was Sie mir davon erzählen, läßt mich glauben, daß dort großer Zwang herrschen wird.« »Nur Zwang zur Tugend,« antwortete Herr Jean Hibou spitzig. »Ach!« rief der Abbé aus, »wie recht hatte doch die alte Syrakusanerin, und wie sehr muß man fürchten, nach einem Fleury und Dubois Herrn Jean Hibou zu kriegen! Sie stellen mir, mein Herr, die Regierung der Gewalttätigen und Heuchler in Aussicht, und um die Verwirklichung dieser Zusage zu beschleunigen, laden Sie mich ein, Limonadenverkäufer oder Bader an einer Amsterdamer Gracht zu werden? Danke schön! Ich bleibe in der Rue Saint-Jacques, wo man kühlen Wein trinkt, dieweil man auf die Minister schimpft. Glauben Sie etwa, mich mit dieser Regierung der ehrlichen Leute zu ködern, wo die Freiheit mit so vielen Verboten umgeben ist, daß man sie nicht mehr genießen kann?« »Herr Abbé,« sagte Jean Hibou, sich erhitzend, »ist das redlich, eine Staatsverfassung zu bekämpfen, die ich in der Bastille entworfen habe und die Sie nicht kennen?« »Mein Herr,« erwiderte mein teurer Lehrer, »ich mißtraue den Regierungen, die in Kabalen und Aufruhr entstehen. Die Opposition ist eine sehr schlechte Schule für die Regierung, und die Politiker, die sie auf diesem Wege durchsetzen, regieren, wenn sie klug sind, wohlweislich mit dem genauen Gegenteil der Grundsätze, die sie früher vertraten. Dergleichen hat man in China und auch anderswo gehabt. Dieselben Notwendigkeiten, denen ihre Vorgänger sich fügten, leiten auch sie. Und das einzige Neue, das sie mitbringen, ist ihre Unerfahrenheit. Aus diesen und aus andren Gründen, mein Herr, sehe ich voraus, daß eine neue Regierung lästiger sein wird als die, an deren Stelle sie tritt, ohne sich von ihr sehr zu unterscheiden. Haben wir's nicht schon erfahren?« »Also«, sagte Herr Jean Hibou, »Sie sind für die Mißbräuche?« »Sie sagen es,« antwortete mein teurer Lehrer. »Die Regierungen sind wie die Weine, die mit der Zeit milder und klarer werden. Auch die strengsten verlieren auf die Dauer etwas von ihrer Härte. Ich fürchte einen Staat in seiner ersten Jugendkraft. Ich fürchte die herbe Neuheit einer Republik. Und da man doch nun mal schlecht regiert wird, so ziehe ich solche Minister und Fürsten vor, deren erster Eifer erlahmt ist.« Herr Jean Hibou drückte seinen Hut ins Gesicht und sagte uns in gereiztem Ton Lebewohl. Als er fort war, blickte Herr Blaizot von seinen Rechnungen auf, setzte seine Brille zurecht und sagte zu meinem teuren Lehrer: »Ich bin nun schon an die vierzig Jahre Buchhändler ›Zur heiligen Katharina‹, und es macht mir stets neue Freude, die Reden der Gelehrten zu hören, die meinen Laden betreten. Aber die Unterhaltungen über öffentliche Angelegenheiten mag ich nicht. Man erhitzt sich dabei, man zankt sich um nichts.« »Zumal«, sagte mein teurer Lehrer, »es in diesen Dingen keine sicheren Grundlagen gibt.« »Es gibt wenigstens eine, die kein Mensch bestreiten wird,« antwortete Herr Blaizot, »nämlich die, daß man ein schlechter Christ und ein schlechter Franzose wäre, wollte man die Kraft des heiligen Salböls von Rheims leugnen, mit dem gesalbt unsre Könige zu Stellvertretern Christi im Königreich Frankreich werden. Dies ist die Grundlage der Monarchie, sie wird nie erschüttert werden.« Der Mississippiskandal Wie bekannt, kam die Mississippi-Affäre im Jahre 1722 vor das Pariser Parlamentsgericht. Außer den Direktoren der Mississippi-Gesellschaft waren in diesen Korruptions-Skandal ein Staatsminister und Sekretär des Königs sowie mehrere Unterintendanten in der Provinz verwickelt. Die Gesellschaft war angeklagt, königliche Beamte bestochen zu haben, und diese hatten sie in der Tat mit jener Habgier ausgewuchert, die den Beamten unter schwachen Regierungen eigen ist. Waren zu jener Zeit doch alle Federn der französischen Regierung entweder entspannt oder falsch. Bei einem der Verhöre dieses denkwürdigen Prozesses wurde Madame de la Morangère, die Gattin eines der Direktoren der Gesellschaft, im großen Sitzungssaale vernommen. Sie sagte aus, daß ein Herr Lescot, Sekretär des obersten Strafrichters, sie heimlich ins Châtelet vorgeladen und ihr klargemacht hätte, daß es nur von ihr abhinge, ihren Gatten, der ein schöner, ansehnlicher Mann war, zu retten. Ungefähr folgendes waren seine Worte: »Madame, was die wahren Freunde des Königs bei dieser Sache verdrießt, ist der Umstand, daß die Jansenisten Die Anhänger des niederländischen Theologen Cornelius Jansen (1585–1638), die sog. Jansenisten, waren sittenstrenge, religiöse Denker und Feinde der Jesuiten. Sie wurden von Ludwig XIV. unterdrückt, vom Papste geächtet, und ihr Hauptsitz in Frankreich, Port Royal, wohin sich auch der gelehrte Pascal zurückgezogen hatte, ward aufgehoben und zerstört, weshalb viele nach den Niederlanden auswanderten. Der Übersetzer nicht darin verwickelt sind. Die Jansenisten sind die Feinde der Krone wie der Religion. Geben Sie uns die Möglichkeit, Madame, einen von ihnen zu verderben, und wir werden diesen dem Staate geleisteten Dienst belohnen, indem wir Ihnen Ihren Gatten mit all seinem Vermögen wiedergeben.« Als Madame de la Morangère diese nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Aussage gemacht hatte, sah sich der Gerichtspräsident genötigt, Herrn Lescot in den großen Sitzungssaal vorzuladen. Er versuchte zuerst zu leugnen. Doch Madame de la Morangère hatte schöne helle Augen, deren Blick er nicht zu ertragen vermochte. Er wurde verwirrt und gestand. Er war ein langer rothaariger Halunke, wie Judas Ischariot. Dieser Skandal, von den Zeitungen verbreitet, war das Tagesgespräch von Paris. In den Salons, auf den Promenaden, in den Barbierstuben und bei den Limonadenverkäufern war von nichts anderm die Rede. Und überall flößte Madame de la Morangère ebensoviel Sympathie ein, wie Herr Lescot Widerwillen. Die öffentliche Neugier war noch davon erregt, als ich meinen teuren Lehrer, den Herrn Abbé Coignard, zu Herrn Blaizot begleitete, der, wie ihr wißt, Buchhändler in der Rue Saint-Jacques ist. Sein Laden trägt das Schild »Zur heiligen Katharina«. Wir trafen daselbst den Privatsekretär eines Staatsministers, Herrn Gentil, der seine Nase in ein jüngst aus Holland eingetroffenes Buch vergrub, und den berühmten Herrn Roman, der mehrere geachtete Werke über die Staatsräson geschrieben hat. Der alte Herr Blaizot stand hinter seinem Kassenpult und las die Zeitung. Herr Jérôme Coignard drängte sich bis zu ihm durch, um die Tagesneuigkeiten, auf die er begierig war, über seine Schultern weg zu erspähen. So gelehrt und geistvoll er war, so hatte er doch keinen Teil an den Gütern dieser Welt; und wenn er im »Bacchusknaben« einen Schoppen Wein getrunken hatte, so blieb kein Heller in seiner Tasche, um sich die Tagesblätter zu kaufen. Nachdem er, hinter Herrn Blaizot stehend, die Aussage der Madame de la Morangère gelesen, rief er aus, das sei gut und er freue sich, daß die Ungerechtigkeit von schwacher Frauenhand von ihrem hohen Throne herabgerissen sei, wie es ja auch in der Heiligen Schrift durch wundersame Beispiele bezeugt ist. »Diese Dame,« setzte er hinzu, »obwohl mit den Zöllnern verbunden, die ich nicht liebe, gleicht jenen starken Frauen im Buche der Könige. Sie gefällt mir durch eine seltne Mischung von Redlichkeit und Verschlagenheit, und ich juble ihrem pikanten Siege zu.« Herr Roman unterbrach ihn. »Hüten Sie sich, Herr Abbé,« sprach er, den Arm ausstreckend, »hüten Sie sich, diese Affäre unter persönlichen, privaten Gesichtspunkten anzusehen, ohne an die damit verknüpften Staatsinteressen zu denken, wie es Ihre Pflicht wäre. Bei allen Dingen muß man auf die Staatsräson sehen; und diese höchste Rücksicht erforderte – das ist klar –, daß Madame de la Morangère ihre Aussage nicht machte oder daß ihre Worte keinen Glauben fanden.« Herr Gentil blickte aus seinem Buche auf. »Man hat die Bedeutung dieser Sache stark aufgebauscht,« bemerkte er. »Ach, Herr Sekretarius«, sagte Herr Roman, »wir glauben nicht, daß ein Ereignis, durch das Sie Ihre Stellung verlieren werden, bedeutungslos sei. Denn Sie werden dadurch fallen, Sie und Ihr Herr. Ich bedaure es lebhaft. Doch was mich über den Sturz der beteiligten Minister trösten könnte, das ist ihre Ohnmacht, diesem Schlag vorzubeugen.« Herr Gentil zwinkerte mit den Augen, zum Zeichen, daß er mit Herrn Roman einverstanden sei. Dieser fuhr fort: »Der Staat gleicht dem menschlichen Körper. Nicht alle seine Verrichtungen sind edel. Daher muß der Mensch auch manche darunter verbergen, sogar die allernotwendigsten.« »Ach, Herr Roman,« fiel der Abbé ein, »war es denn notwendig, daß Herr Lescot mit dem armen Weibe eines Gefangenen derart umging? Das war eine Gemeinheit.« »Oho,« erwiderte Herr Roman, »eine Gemeinheit war es nur, wenn es herauskam. Sonst war es gar nichts. Wenn Sie die Wohltat genießen wollen, regiert zu werden, die allein den Menschen vom Tier unterscheidet, so muß man den Regierenden auch gestatten, die Macht auszuüben. Und dazu gehört vor allem die Geheimhaltung. Deshalb ist auch die Volksherrschaft, welche die am wenigsten geheime ist, die schwächste. Glauben Sie denn, Herr Abbé, man könne die Menschen durch Tugend leiten? Das wäre eine große Träumerei.« »Ich glaube es nicht,« antwortete mein teurer Lehrer. »Ich habe in meinem wechselvollen Leben die Beobachtung gemacht, daß die Menschen boshafte Tiere sind, die man nur mit List und Gewalt im Zaume hält. Aber man muß dies mit einiger Mäßigung tun; sonst verletzt man die wenigen guten Gefühle, die neben den schlechten Instinkten in ihrer Seele wohnen. Denn schließlich ward der Mensch, so feig, dumm und grausam er ist, nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und es sind ihm einige Züge von seinem ursprünglichen Antlitz geblieben. Eine Regierung, die der gemeinen durchschnittlichen Redlichkeit untreu wird, ärgert die Völker und muß gestürzt werden.« »Reden Sie leiser, Herr Abbé,« riet der Sekretär. »Der Herrscher hat nie Unrecht,« fiel Herr Roman ein, »und Ihre Grundsätze, Herr Abbé, sind die eines Aufrührers. Sie und Ihresgleichen verdienten, überhaupt nicht mehr regiert zu werden.« »Oh!« rief mein guter Lehrer aus, »wenn das Regieren, wie Sie es uns zu verstehen geben, aus Schurkerei, Gewalttat und Erpressungen aller Art besteht, so ist nicht zu befürchten, daß diese Drohung zum Ereignis wird; und wir werden noch lange Zeit Staatsminister und Provinz-Gouverneure finden, die unsre Geschäfte besorgen. Nur möchte ich, daß diese durch neue ersetzt werden. Die neuen können nicht schlimmer sein als die alten, und wer weiß, ob sie nicht sogar etwas besser sind?« »Nehmen Sie sich in acht!« drohte Herr Roman. »Nehmen Sie sich in acht! Das Bewundernswerte am Staate ist just sein Zusammenhang und seine Stetigkeit; und wenn es auf Erden keinen vollkommenen Staat gibt, so kommt dies meines Erachtens daher, daß die Sintflut zu Noahs Zeiten die Erbfolge über den Haufen warf. Von dieser Verwirrung haben wir uns bis auf diesen Tag noch nicht erholt.« »Mein Herr,« entgegnete mein teurer Lehrer, »Ihre Theorien sind spaßig. Die Weltgeschichte ist voller Revolutionen; man sieht nichts als Bürgerkriege, Tumulte und Aufruhr infolge der Schlechtigkeit der Fürsten; und ich weiß nicht, was man heutzutage mehr bewundern soll: die Schamlosigkeit der Regierenden oder die Lammsgeduld der Völker.« Jetzt klagte der Sekretär, daß der Herr Abbé die Wohltaten der Monarchie verkenne, und Herr Blaizot hielt uns vor, daß es unpassend sei, die öffentlichen Angelegenheiten in einem Buchladen zu erörtern. Als wir draußen waren, zupfte ich meinen teuren Lehrer am Ärmel. »Herr Abbé,« sagte ich, »haben Sie denn die alte Syrakusanerin vergessen, daß Sie jetzt den Tyrannen zu wechseln wünschen?« »Tournebroche, mein Sohn,« gab er mir zur Antwort, »ich will zugeben, daß ich mich in einen Widerspruch verwickelt habe. Doch diese Doppelzüngigkeit in meinen Reden, auf die du mich mit Recht aufmerksam machst, ist nicht so schlimm wie die sogenannten Antinomien der Philosophen. Charron behauptet in seinem Buche über die Weisheit, es gäbe unauflösliche Antinomien. Ich für mein Teil erblicke, sobald ich über die Natur nachsinne, sofort ein halbes Dutzend dieser Teufelinnen, die vor meinen Augen aufeinander losfahren, als wollten sie sich die Augen aushacken; und man sieht sofort ein, daß man diese obstinaten Megären nie miteinander versöhnen wird. Ich gebe jede Hoffnung auf, sie in Einklang zu bringen; und es ist ihre Schuld, wenn ich die Metaphysik nicht um ein gutes Stück gefördert habe. Doch im vorliegenden Falle, Tournebroche, mein Sohn, ist der Widerspruch nur scheinbar. Mein Verstand ist stets auf seiten der alten Syrakusanerin. Ich denke heute so, wie ich gestern dachte. Nur ließ ich mich vorhin vom Herzen hinreißen und gab der Leidenschaft nach, wie das Volk.« Die Ostereier Mein Vater hatte eine Bratküche in der Rue Saint-Jacques gegenüber der Kirche Saint-Benoît Ich behaupte nicht, daß er die Fastenzeit liebte; dieses Gefühl wäre bei einem Bratkoch unnatürlich gewesen. Doch er beobachtete die Fastenregeln als guter Christ, der er war. Da er zu arm war, um sich im erzbischöflichen Palast Dispense zu kaufen, so aß er an Fasttagen zum Abendbrot Stockfisch mitsamt seiner Frau, seinem Sohn, seinem, Hund und seinen Stammgästen, deren treuster mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard war. Meine fromme Mutter hätte es nicht gelitten, daß Miraut, unser Wachhund, am Karfreitag einen Knochen benagte. An diesem Tage gab sie dem armen Tier weder Fleisch noch Fett in seinen Brei. Umsonst stellte der Herr Abbé Coignard ihr vor, daß dies unrecht wäre und daß Miraut, der an den heiligsten Mysterien der Erlösung keinen Anteil hätte, seine Portion gerechterweise nicht geschmälert werden dürfte. »Meine gute Frau,« sagte der große Mann, »für uns Glieder der Kirche ziemt es sich, Stockfisch zu essen; doch es liegt ein wenig Aberglaube, Gottlosigkeit, Vermessenheit, ja Lästerung darin, einen Hund in dieser Weise an Kasteiungen teilnehmen zu lassen, die nur deshalb von unendlichem Werte sind, weil Gott sie will, und die sonst verächtlich und lächerlich wären. Es ist dies ein Mißbrauch, den Ihre Einfalt entschuldigt, der aber bei einem Doktor der Theologie oder bei einem einfachen Christen von verständigem Geiste frevelhaft wäre. Ein solcher Brauch, meine teure Frau, führt gradenwegs zur fürchterlichsten Ketzerei. Er zielt auf nichts Geringeres ab als auf die Behauptung, daß Jesus Christus nicht nur für die Kinder Adams, sondern auch für die Hunde gestorben sei. Und nichts ist der Hl. Schrift mehr zuwider.« »Mag sein,« antwortete meine Mutter. »Aber wenn Miraut am Karfreitag nicht fastete, so würde ich ihn für einen Juden halten und ihn verabscheuen. Heißt das eine Sünde begehen, Herr Abbé?« Mein teurer Lehrer erwiderte sanftmütig, indem er einen Schluck Wein trank: »Ach, teures Wesen, ich will nicht entscheiden, ob Sie sündigen oder nicht; ich sage Ihnen nur, daß Sie wahrlich ohne Arg sind und daß ich an Ihr ewiges Heil fester glaube, als an das von fünf bis sechs Bischöfen und Kardinälen, die ich kenne und die doch so schöne Abhandlungen über kanonisches Recht verfaßt haben.« Miraut verschlang schnuppernd seinen Brei, und mein Vater machte mit dem Herrn Abbé Coignard einen kleinen Abstecher nach der Schenke »Zum Bacchusknaben«. Also verbrachten wir die heilige Fastenzeit in der Bratküche »Zur Königin Gänsefuß«. Doch mit dem ersten Ostermorgen, wenn die Glocken von Saint-Benoît die Freude der Auferstehung verkündeten, steckte mein Vater Hühner, Enten und Tauben zu Dutzenden auf den Bratspieß, und Miraut, der im Winkel des hellodernden Herdes hockte, schnupperte den lieblichen Duft des Fettes und wedelte in stiller und nachdenklicher Heiterkeit mit dem Schwanze. Alt, müde und fast blind, genoß er doch noch die Freuden dieses Lebens, indem er seine Leiden mit einer Entsagung hinnahm, die sie ihm weniger schmerzlich machte. Er war ein Weiser; und es verwundert mich nicht, daß meine Mutter eine so vernünftige Kreatur an ihren frommen Werken teilnehmen ließ. Nachdem wir dem Hochamt beigewohnt hatten, speisten wir in der duftenden Küche zu Mittag. Mein Vater brachte zu dieser Mahlzeit eine religiöse Freude mit. Er hatte zumeist ein paar Gerichtsschreiber und stets meinen teuren Lehrer, den Herrn Abbé Coignard zu Gaste. Zu Ostern im Jahre des Heils 1725 entsinne ich mich, daß mein teurer Lehrer uns Herrn Nikolaus Cerise mitbrachte, den er aus einem Hängeboden in der Rue des Maçons geholt hatte, allwo dieser gelahrte Mann Tag und Nacht für holländische Verleger Nachrichten aus der Gelehrten-Republik schrieb. Auf dem Tische erhob sich ein Berg roter Eier in einem Drahtkorbe. Und als der Herr Abbé Coignard das Tischgebet gesprochen, lieferten diese Eier den Gesprächsstoff. »Man liest bei Aelius Lampridius,« begann Nikolaus Cerise, »daß ein Huhn, welches dem Vater des Alexander Severus gehörte, an dem Tage, da dieser künftige Kaiser geboren ward, ein rotes Ei legte.« »Dieser Lampridius, der nicht sehr bei Verstand war,« erwiderte mein teurer Lehrer, »hätte solch eine Geschichte den Klatschbasen lassen sollen, die sie verbreiteten. Sie besitzen zuviel Urteilskraft, mein Herr, um aus diesem unsinnigen Märchen den christlichen Brauch abzuleiten, daß man am Ostertag rote Eier aufträgt.« »Allerdings«, entgegnete Herr Nikolaus Cerise, »glaube ich nicht, daß dieser Brauch vom Ei des Alexander Severus stammt. Der einzige Schluß, den ich aus der von Lampridius berichteten Tatsache ziehen möchte, ist der, daß ein rotes Ei bei den Heiden eine Vorbedeutung der höchsten Macht war. Übrigens«, schloß er, »muß dieses Ei irgendwie gefärbt worden sein, denn die Hühner legen keine roten Eier.« »Verzeihen Sie,« sagte meine Mutter, die am Herde stand und die Schüsseln garnierte, »in meiner Kindheit sah ich ein schwarzes Huhn, das bräunliche Eier legte. Ich glaube daher gern, daß es Hühner gibt, deren Eier rot oder von rötlicher Farbe sind, wie z. B. die Ziegelsteine.« »Das ist wohl möglich,« sagte mein teurer Lehrer, »und die Natur ist in ihren Hervorbringungen viel mannigfacher und abwechslungsreicher, als wir insgemein wähnen. In der Erzeugung der Tiere gibt es Wunderlichkeiten aller Art, und man sieht in den Naturalien-Kabinetten seltsamere Mißgeburten als ein rotes Ei.« »So gibt es«, fiel Herr Nikolaus Cerise ein, »im Kabinett des Königs ein fünffüßiges Kalb und ein Kind mit zwei Köpfen.« »Ich sah noch was Besseres in Auneau bei Chartres,« sagte meine Mutter, indem sie ein Dutzend Ellen Wurst mit Kohl auf den Tisch stellte, dessen lieblicher Duft bis an die Deckenbalken stieg. »Ich sah, meine Herren, ein neugeborenes Kind mit Gänsefüßen und einem Schlangenkopfe. Die Wehemutter, die das Kind entband, entsetzte sich so, daß sie es ins Feuer warf.« »Sehen Sie sich vor,« rief der Herr Abbé Coignard aus, »sehen Sie sich vor! Der Mensch wird vom Weibe geboren, um Gott zu dienen, und es ist unbegreiflich, daß er ihm mit einem Schlangenkopf dienen kann; und folglich gibt es keine Kinder der Art, und Ihre Wehemutter träumte oder hatte Sie zum besten.« »Herr Abbé,« sagte Herr Nikolaus Cerise mit flüchtigem Lächeln, »Sie sahen so gut wie ich im Kabinett des Königs einen Fötus mit vier Beinen und zwei Geschlechtern, der in einem Glasgefäß mit Spiritus aufbewahrt wird, und in einem andern Glasgefäß ein Kind ohne Kopf mit einem Auge über dem Nabel. Konnten diese Mißgeburten Gott besser dienen als das Kind mit dem Schlangenkopf, von dem unsre Wirtin spricht? Und was sagen Sie zu denen mit zwei Köpfen, von denen man nicht weiß, ob sie auch zwei Seelen haben? Gestehen Sie zu, Herr Abbé, daß die Natur, die an solchen grausamen Spielen Gefallen findet, die Theologen etwas in die Enge treibt?« Mein teurer Lehrer öffnete bereits den Mund zur Antwort, und ohne Zweifel hätte er den Einwand des Herrn Nikolaus Cerise völlig entkräftet, als meine Mutter, die, wenn sie redselig wurde, sich durch nichts hemmen ließ, ihm zuvorkam und mit lauter Stimme sagte, das Kind aus Auneau sei keine menschliche Kreatur gewesen und der Teufel hätte es mit einer Bäckersfrau gezeugt. »Und der Beweis ist,« setzte sie hinzu, »daß kein Mensch daran dachte, es zu taufen, und daß man es am Ende des Gartens, in ein Laken gehüllt, begrub. Wäre es eine menschliche Kreatur gewesen, so hätte man es in geweihtem Boden bestattet. Wenn der Teufel einer Frau ein Kind macht, so tut er es in Tieresgestalt.« »Meine liebe Frau,« antwortete ihr der Herr Abbé Coignard, »es ist seltsam, daß eine Bäuerin besser über den Teufel Bescheid weiß als ein Doktor der Theologie, und ich bewundere es, daß Sie sich in der Frage, ob die Leibesfrucht einer Frau der durch Gottes Blut erlösten Menschheit angehört oder nicht, auf die Alte aus Auneau berufen. Glauben Sie mir: diese Teufeleien sind nichts als schmutzige Wahnbilder, von denen Sie Ihren Geist säubern sollten. Bei den Kirchenvätern steht nichts davon geschrieben, daß der Teufel mit den Frauen Kinder zeugt. Alle diese Geschichten von teuflischer Buhlschaft sind widerwärtige Hirngespinste, und es ist eine Schmach, daß die Jesuiten und Dominikaner Abhandlungen darüber verfaßt haben.« »Wohlgesprochen, Abbé,« sagte Herr Nikolaus Cerise, indem er eine Wurst von der Schüssel aufspießte. »Aber Sie antworten mir nicht auf das, was ich sagte: daß die Kinder, die ohne Kopf zur Welt kommen, nicht sehr dem Daseinszweck des Menschen entsprechen, der nach der Lehre der Kirche darin besteht, Gott zu erkennen, zu lieben und ihm zu dienen, und daß hierin wie in der Unzahl von Keimen, die verloren gehen, die Natur offen gesagt nicht theologisch und christlich genug ist. Ich möchte hinzusetzen, daß sie in keinem ihrer Akte irgendwie religiös ist und daß sie ihren Gott nicht zu kennen scheint. Das ist es, was mich erschreckt, Abbé.« »Oh!« rief mein Vater, während er auf der Spitze seiner Gabel eine Geflügelkeule schwenkte, die er eben zerlegte, »oh, was sind das für finstere, garstige und wenig passende Reden am heutigen Feiertag! Die Schuld daran trägt meine Frau, die uns ein Kind mit Schlangenkopf auftischt, als wäre dieses Gericht für ehrbare Gäste erquicklich. Müssen denn aus meinen schönen roten Eiern so viele teuflische Geschichten auskriechen?« »Ja, lieber Wirt,« sagte der Herr Abbé Coignard, »in der Tat entstehen alle Dinge aus dem Ei. Über diesen Gedanken haben die Heiden sehr philosophische Fabeln ersonnen. Doch daß aus so christlichen Eiern in antikem Purpurgewand, wie wir sie eben verzehrt haben, ein solcher Schwarm wüster Gottlosigkeiten auskriecht, das nimmt mich Wunder.« Herr Nikolaus Cerise blinzelte meinen teuren Lehrer an und sagte zu ihm mit verkniffenem Lächeln: »Herr Abbé Coignard, diese Eier, deren Schalen, mit roten Rüben gefärbt, unter unsern Füßen auf dem Boden herumliegen, sind ihrem Wesen nach weder so christlich noch so katholisch, wie Sie anzunehmen belieben. Die Ostereier sind im Gegenteil heidnischen Ursprungs und erinnern zur Zeit der Frühlingsnachtgleiche an das geheimnisvolle Aufblühen des Lebens. Es ist ein altes Symbol, das sich in der christlichen Religion erhielt« »Man kann mit gleichem Rechte behaupten,« erwiderte mein teurer Lehrer, »daß es ein Symbol der Auferstehung Christi sei. Ich für mein Teil neige nicht dazu, die Religion mit symbolischen Spitzfindigkeiten zu belasten, und ich glaube daher gern, daß die Freude, Eier zu essen, die uns während der Fastenzeit verwehrt war, der einzige Grund ist, weswegen sie am heutigen Tage mit Ehren bei Tische erscheinen und mit dem Königspurpur angetan sind. Doch das ist einerlei, und dies alles sind Nichtigkeiten, mit denen die Gelehrten und Bibliothekare sich die Zeit vertreiben. Was in Ihren Reden von Bedeutung ist, Herr Nikolaus Cerise, das ist, daß Sie die Natur der Religion entgegensetzen und sie beide zu Feindinnen machen wollen. Das ist eine so furchtbare Gottlosigkeit, Herr Nikolaus Cerise, daß selbst dieser biedere Bratkoch erschaudert, ohne sie zu begreifen! Doch mich verwirrt sie nicht, und derartige Argumente können einen Geist, der sich des rechten Wegs bewußt ist, nicht einen Augenblick irreführen. Sie, Herr Nikolaus Cerise, sind freilich auf dem Wege der Vernunft und Wissenschaft vorgegangen, welcher nur eine enge, kurze und schmutzige Sackgasse ist, an deren Ende man sich ruhmlos die Nase einrennt. Sie urteilten wie ein philosophischer Apotheker, der die Natur zu kennen wähnt, weil er einige ihrer Äußerlichkeiten wittert Und Sie behaupteten, die natürliche Zeugung, welche Mißgeburten hervorbringt, gehöre nicht zu den Geheimnissen Gottes, der die Menschen erschaffen hat, um seinen Ruhm zu künden. Pulcher hymnus Dei homo immortalis. Sie waren so großmütig, nicht von den Neugeborenen zu reden, die noch am selben Tage sterben, von den Irrsinnigen, Blöden und allen denen, die Ihnen nicht – nach dem Ausdruck des Lactantius – als schönes Loblied Gottes, pulcher hymnus Dei , erscheinen. Aber was wissen Sie davon, und was wissen wir davon, Herr Nikolaus Cerise? Sie halten mich für einen Ihrer Amsterdamer oder Haager Leser, wenn Sie mir beibringen wollen, daß die Unbegreiflichkeit der Natur ein Einwand gegen unsern heiligen christlichen Glauben sei. Die Natur, mein Herr, ist in unsern Augen nur eine Abfolge unzusammenhängender Bilder, deren Sinn wir nicht zu enträtseln vermögen; und ich gebe Ihnen zu, daß ich, von ihr allein ausgehend und ihrer Spur folgend, in dem werdenden Kinde weder den Christen noch den Menschen, noch bloß das Individuum erkennen kann und daß der Leib eine völlig unentzifferbare Hieroglyphe ist. Doch das besagt nichts, und wir sehen nur die eine Seite des Gewebes. Hängen wir uns nicht daran und seien wir uns bewußt, daß wir von dieser Seite nichts erkennen können. Wenden wir uns ganz dem Intelligiblen zu, das ist die menschliche Seele in ihrer Vereinigung mit Gott. Sie sind spaßig, Herr Nikolaus Cerise, mit der Natur und der Zeugung. Sie machen mir den Eindruck eines Bürgersmannes, der die Geheimnisse des Königs zu kennen wähnt, weil er die Malereien sah, die den Sitzungssaal des Staatsrates zieren. Wie die Geheimnisse in den Reden des Monarchen und der Minister liegen, ebenso liegt das Schicksal des Menschen im Denken, das sowohl vom Geschöpf wie vom Schöpfer ausgeht Der Rest ist Kurzweil und Allotria zur Unterhaltung der Maulaffen, deren manche man in den Akademien sieht. Reden Sie mir nicht von der Natur, es sei denn von dem, was man davon im ›Bacchusknaben‹; sieht, in der Person von Katharina, der Spitzenklöpplerin, die rundlich und wohlgestaltet ist.« »Und Sie, lieber Wirt,« schloß der Herr Abbé Coignard, »geben Sie mir zu trinken, denn ich habe den Pips dank dem Herrn Nikolaus Cerise, der glaubt, daß die Natur gottlos sei. Ja, bei allen Teufeln, sie ist es und muß es gewissermaßen auch sein, Herr Nikolaus Cerise; und wenn sie trotzdem Gottes Ruhm kündet, so tut sie es unbewußt, denn es gibt kein Bewußtsein außer im Geiste des Menschen, der allein dem Endlichen und dem Unendlichen angehört. Zu trinken!« Mein Vater schenkte meinem teuren Lehrer, dem Herrn Abbé Coignard, ein volles Glas Rotwein ein, desgleichen dem Herrn Nikolaus Cerise und nötigte sie, anzustoßen, was sie gern taten, denn sie waren ehrbare Leute. Das neue Ministerium Mister Shippen, der in Greenwich als Schlosser lebte, speiste während seines Pariser Aufenthalts täglich in der »Bratküche zur Königin Gänsefuß« in Gesellschaft meines Vaters, des Wirtes, und meines guten Lehrers, des Herrn Abbé Jerôme Coignard. Zum Nachtisch verlangte er wie stets eine Flasche Wein, steckte sich die Pfeife an, zog die »Londoner Zeitung« aus seiner Tasche und begann seelenruhig zu trinken, zu rauchen und zu lesen. Dann faltete er seine Zeitung wieder zusammen, legte seine Pfeife auf den Tischrand und sagte: »Meine Herren, das Ministerium ist gestürzt.« »Oh!« machte mein guter Lehrer, »das hat nicht viel zu sagen.« »Pardon,« erwiderte Mr. Shippen, »es hat sehr viel zu sagen. Denn da das letzte Ministerium ein Toryministerium war, so wird das neue ein Wighministerium sein; überdies ist alles, was in England geschieht, wichtig.« »Mister Shippen,« entgegnete mein guter Lehrer, »wir haben in Frankreich größere Veränderungen erlebt als diese. Wir haben es erlebt, daß die vier Staatssekretäre durch sechs bis sieben Kollegien von je zehn Mitgliedern ersetzt wurden, so daß man die Herren Staatssekretäre also in zehn Stücke zerteilte, um sie nachher in ursprünglicher Form wieder herzustellen. Bei jeder dieser Veränderungen schwuren die einen, daß alles verloren, und die ändern, daß alles gewonnen sei. Und man machte Spottlieder. Was mich betrifft, so kümmre ich mich wenig um die Vorgänge in den Kabinetten, denn ich habe bemerkt, daß die Lebensgestaltung dadurch nicht verändert wird und daß die Menschen vor wie nach den Reformen selbstsüchtig, geizig, feig und grausam und abwechselnd stumpf oder wütend sind, und daß die Zahl der Geburten, Eheschließungen, Ehebrüche und Hinrichtungen sich wenig verändert, worin sich die schöne Ordnung der Gesellschaft erweist. Diese Ordnung ist beständig, mein Herr, und läßt sich durch nichts stören, denn sie beruht auf dem Elend und der Dummheit der Menschen, und diese Grundlagen werden nie erschüttert werden. Durch sie erhält der Gesellschaftsbau eine Festigkeit, welche dem Wüten der ärgsten Fürsten und dem ganzen Schwarm unwissender Beamten, die ihnen als Handlanger dienen, Widerstand leistet.« Mein Vater lauschte dieser Rede mit dem Bratspieß in der Hand; dann erhob er höflich aber bestimmt den Einwand, daß es auch gute Minister geben könne. Er besonders dächte an einen von ihnen, der kürzlich verstorben sei und der eine sehr weise Verordnung zugunsten der Bratköche gegen die erdrückende Konkurrenz der Schlächter und Bäcker erlassen hätte. »Schon möglich, Herr Tournebroche,« erwiderte mein guter Lehrer, »in der Sache müßte man freilich auch die Bäcker hören. Aber der springende Punkt ist dieser, daß die Staaten nicht durch die Weisheit einiger Staatssekretäre, sondern durch das Lebensbedürfnis mehrerer Millionen Menschen bestehen, die allerlei niedrigen und verachteten Künsten obliegen, als da sind Gewerbefleiß, Handel, Ackerbau, Krieg und Schiffahrt. All dieses private Elend macht die sogenannte Größe der Völker aus, und weder Fürsten noch Minister haben daran Teil.« »Sie irren sich, Herr Abbé,« sagte der Engländer, »die Minister beteiligen sich wohl daran; sie machen Gesetze, von denen ein einziges das Volk reich machen oder ruinieren kann.« »Oh, was das anbetrifft,« entgegnete der Abbé, »so ist das Glückssache. Die Geschäfte eines Staates sind so umfangreich, daß ein Menschengeist sie nicht umspannt; man muß es den Ministern also zugute halten, daß sie sie blindlings führen. Man darf ihnen weder das Gute noch das Böse nachtragen, das sie vollbringen, und muß einsehen, daß sie Blindekuh spielen. Überdies dürfte uns dieses Gute und Böse gering erscheinen, wenn wir es ohne Aberglauben abschätzen; und ich zweifle, mein Herr, ob ein Gesetz oder eine königliche Verordnung die von Ihnen behauptete Wirkung haben kann. Ich schließe dies aus den Freudenmädchen, die allein in einem Jahre mit mehr Edikten bedacht werden, als alle anderen Korporationen des Königreiches seit hundert Jahren; und doch liegen sie ihrem Gewerbe mit einer Zuverlässigkeit ob, die an die Naturkräfte gemahnt. Sie spotten der keuschen Ränke, die ein Beamter, namens Nikodemus, gegen sie schmiedet, und lachen über den Bürgermeister Baiselance, der mit mehreren Fiskalen und Staatsanwälten ein ohnmächtiges Bündnis zu ihrem Verderben geschlossen hat. Ich kann Ihnen versichern, daß Katharina, die Spitzenklöpplerin, nicht mal den Namen dieses Baiselance kennt, und sie wird ihn bis an ihr hoffentlich christliches Ende nicht kennen. Und daraus schließe ich, daß all die Gesetze, mit denen ein Minister sein Portefeuille vollstopft, wertloses Papier sind, das uns weder das Leben geben, noch es nehmen kann.« »Herr Coignard,« sagte der Greenwicher Schlosser, »man merkt es an der Niedrigkeit Ihrer Sprache, daß Sie in Knechtschaft geboren sind. Sie redeten von den Ministern und Gesetzen anders, wenn Sie das Glück hätten, eine freie Regierung zu besitzen wie ich.« »Mister Shippen,« sagte der Abbé, »die wahre Freiheit ist die Freiheit einer Seele, welche die Eitelkeiten dieser Welt abgetan hat. Was die öffentlichen Freiheiten betrifft, so lache ich darüber wie über ein Kinderspiel. Das sind Illusionen und Köder für die Eitelkeit der Dummköpfe.« Mister Shippen erwiderte: »Sie bestärken mich in der Meinung, daß die Franzosen Affen sind.« »Verzeihen Sie,« rief mein Vater dazwischen, seinen Bratspieß schwingend. »Es gibt unter ihnen auch Löwen.« »So fehlen also nur die Staatsbürger,« entgegnete Mr. Shippen. »Im Tuileriengarten politisiert zwar alle Welt, aber bei diesem Gezänk kommt doch kein vernünftiger Gedanke heraus. Ihr Volk ist nichts als eine geräuschvolle Menagerie.« »Mister Shippen,« fiel mein guter Lehrer ein, »es ist wahr, daß die menschlichen Gesellschaften auf einer bestimmten Stufe der Gesittung zu Menagerien werden. Der Fortschritt der Sitten besteht darin, daß sie im Käfig leben, statt elend in den Wäldern herumzuirren. Und dieser Zustand ist allen Völkern Europas gemeinsam.« »Herr Abbé,« entgegnete der Greenwicher Schlosser, »England ist keine Menagerie, denn es hat ein Parlament, von dem die Minister abhängen.« »Mister Shippen,« sagte der Abbé, »es kann sein, daß auch Frankreich eines Tages ein Parlament hat, dem die Minister unterstehen. Mehr noch. Die Zeit bringt den Staatsverfassungen große Veränderungen; und man kann sich denken, daß Frankreich in ein- – zweihundert Jahren zur Volksherrschaft gelangt. Dann, mein Herr, werden die Staatssekretäre, die heute wenig bedeuten, vollends in Nichts versinken. Denn anstatt vom Monarchen abzuhängen, von dem sie Macht und Dauer empfangen, werden sie der Meinung des Volkes untertan sein und an dessen Unbestand teilnehmen. Es ist zu beachten, daß die Minister nur in absoluten Monarchien kraftvoll regieren, wie z.B. Joseph, Jakobs Sohn, welcher Pharaos Minister war, und Aman, der Minister des Assuerus, die beide großen Anteil an der Regierung hatten, der erste in Ägypten, der andere bei den Persern. Es bedurfte eines starken Königtums und eines schwachen Königs, um Richelieus Arm in Frankreich zu waffnen. Im Volksstaate dagegen werden die Minister so schwach sein, daß weder ihre Bosheit noch ihre Dummheit Schaden tun kann. Sie werden vom Parlament nur eine unsichere und schwankende Macht erhalten, werden sich weder der langen Hoffnungen, noch großen Plänen hingeben können und ihr Eintagsdasein in kläglichen Machenschaften verzetteln. Sie werden dahinsiechen in dem traurigen Bemühen, auf den fünfhundert Gesichtern einer Volksversammlung Befehle zum Handeln zu lesen; sie werden umsonst ihre eignen Gedanken in denen einer unwissenden und geteilten Menge suchen und in ruheloser Ohnmacht dahinwelken. Sie werden die Gewohnheit verlernen, irgend etwas vorzubereiten und vorherzusehen, werden sich nur noch in Lügen und Ränken ausbilden. Sie werden aus so geringer Höhe herabstürzen, daß sie dabei nicht zu Schaden kommen; die Schulbuben werden ihre Namen mit Kohle an die Wände malen und das Volk wird darüber lachen.« Bei dieser Rede zuckte Mr. Shippen die Achseln. »Möglich,« sprach er; »und ich stelle mir die Franzosen ohne Mühe in diesem Zustand vor.« »Oh!« fuhr mein guter Lehrer fort, »auch in diesem Zustand wird die Welt weitergehen. Die Menschen wollen essen. Das ist die große Notwendigkeit, die alle andren erzeugt.« »Inzwischen«, erwiderte Mr. Shippen, seine Pfeife ausklopfend, »steht uns ein Minister bevor, der die Agrarier begünstigen, aber den Handel zugrunde richten wird, wenn man ihn schalten läßt. Doch dem werde ich schon vorbeugen, denn ich bin Schlosser in Greenwich. Ich werde die Schlosser versammeln und ihnen eine Rede halten.« Damit steckte er seine Pfeife in die Tasche und ging, ohne uns Guten Abend zu sagen.   Da der Abend schön war, so machte der Herr Abbé Coignard nach der Mahlzeit einen kleinen Gang durch die Rue Saint-Jacques, in der just die Laternen angesteckt wurden; und ich hatte die Ehre, ihn zu begleiten. An der Vorhalle von Saint- Benoît blieb er stehen; dann wies er mit seiner schönen fleischigen Hand, die sowohl für belehrende Gebärden wie für zärtliche Liebkosungen geschaffen schien, auf eine der Steinbänke, die beiderseits unter den gotischen, von Bubenhand beschmierten Steinbildern standen. »Tournebroche, mein Sohn,« sprach er zu mir, »wenn's dir recht ist, so setzen wir uns ein wenig ins Freie auf diese alten abgescheuerten Steine, auf denen so viele Bettler vor uns in ihrem Elend Ruhe fanden. Vielleicht haben zwei, drei von diesen zahllosen Unglücklichen dort treffliche Reden gewechselt. Vielleicht kriegen wir dort auch Flöhe. Doch da du im Alter der Liebe stehst, mein Sohn, so wirst du dir einbilden, sie kämen von Jeannette. der Leierfrau, oder von Katharina, der Spitzenklöpplerin, die ihre Liebhaber zur Dämmerstunde dort hinzulocken pflegen, und ihre Stiche werden dir hold dünken. Das ist eine Täuschung, die deiner Jugend gestattet ist. Ich, der das Alter des holden Wahns hinter sich hat, werde mir sagen, daß man sein Zartgefühl nicht zu weit treiben darf und daß der Philosoph von den Flöhen kein Aufhebens machen soll, denn sie sind, wie die übrige Welt, ein großes Mysterium Gottes.« Mit diesen Worten setzte er sich und vermied es vorsichtig, einen kleinen Savoyarden mit seinem Murmeltier aufzustören, die auf der alten Steinbank den Schlaf der Unschuld schliefen. Ich nahm neben ihm Platz, und da mein Geist noch voll von der Unterhaltung war, die bei Tische geführt worden, so fragte ich meinen teuren Lehrer: »Herr Abbe, Sie sprachen vorhin von den Staatssekretären. Die Minister des Königs imponierten Ihrem Geiste weder durch ihr Staatskleid, noch durch ihre Equipage, noch durch ihre Talente; und Sie urteilten über sie mit der Freiheit eines Geistes, den nichts in Erstaunen setzt. Denn als Sie das Los dieser Beamten im Volksstaate erörterten (falls es je dazu kommt), stellten Sie sie uns als höchst jämmerlich und nicht sowohl lobenswert als erbarmungswürdig dar. Sollten Sie ein Feind der freien Regierungen sein, die eine Erneuerung der antiken Republiken sind?« »Mein Sohn,« antwortete mein teurer Lehrer, »ich neige von Natur zur Volksherrschaft. Die Niedrigkeit meines Standes und die Lektüre der Bibel, in der ich ein wenig Bescheid weiß, haben mich in dieser Vorliebe bestärkt, denn der Herr sagt im Buche Ramatha: ›Die Ältesten Israels wollen einen König, auf daß ich nicht allein über sie herrsche. Aber siehe, solches wird das Recht des Königs sein, der über euch herrschen wird. Er wird eure Kinder vor seine Wagen spannen und wird sie vor seinen Streitwagen laufen lassen. Er wird eure Töchter zu seinen Weihrauchbereiterinnen, Köchinnen und Bäckerinnen machen‹. Filias quoque vestras faciet sibi unguentarias et focarias et panificas. So heißt es ausdrücklich im Buche der Könige, wo man weiterhin sieht, daß der König seinen Untertanen noch zwei verderbliche Gaben bringt: den Krieg und den Zehnten. Und wenn es wahr ist, daß die Monarchien göttliche Einrichtungen sind, so ist es nicht minder wahr, daß sie alle Merkmale menschlicher Dummheit und Bosheit tragen. Und man kann glauben, daß der Himmel sie den Völkern zur Strafe gegeben hat: Et tribuit eis petitionem eorum. »Oft nimmt er unsre Opfer an im Groll Und seine Gaben sind der Sünde Sold.« Ich könnte dir, mein Sohn, mehrere schöne Stellen aus den alten Schriftstellern zitieren, welche den Tyrannenhaß mit wunderbarer Kraft ausdrücken. Schließlich glaube ich auch stets einige Seelenstärke bewiesen zu haben, indem ich die weltliche Größe verachtete, desgleichen die Soldatenfratzen, worin es mir der Jansenist Blaise Pascal zuvortat. Alle diese Gründe machen mein Herz und Hirn der Volksherrschaft geneigt. Ich habe Betrachtungen über dies Thema angestellt, die ich eines Tages in einem Buche herausgeben werde, auf welches das Wort paßt: \>Man muß den Knochen zerschlagen, um das Mark zu finden.\< Ich will dir gestehen, daß ich ein neues \>Lob der Torheit\< plane, welches den Spöttern frivol dünken wird; aber die Weisen werden darin die Weisheit entdecken, die sich klüglich unter der Schelmenkappe verbirgt. Kurz, ich werde ein neuer Erasmus sein; nach seinem Vorbild werde ich die Völker durch gelehrte und scharf sinnige Kurzweil belehren. Und in einem Kapitel dieses Buches, mein Sohn, sollst du Aufklärung über den Gegenstand finden, der dir am Herzen liegt. Du sollst die Abhängigkeit der Minister von den Volksregierungen erfahren.« »Ach, Herr Abbé,« rief ich aus, »wie drängt es mich, dieses Buch zu lesen. Wann denken Sie, daß es fertig sein wird?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte mein guter Lehrer. »Und offen gesagt glaube ich, daß ich es nie schreiben werde. Die Pläne der Menschen werden oft durchkreuzt. Wir verfügen nicht über den kleinsten Teil der Zukunft, und diese Ungewißheit, die allen Adamskindern gemein ist, steigert sich bei mir durch eine lange Verkettung von Mißgeschicken ins Grenzenlose. Daher glaube ich, mein Sohn, daß ich diese ehrbare Kurzweil nie schreiben werde. Doch ohne dir auf dieser Bank einen politischen Vortrag zu halten, will ich dir nur sagen, wie ich dazu kam, in mein erträumtes Buch ein Kapitel über die Schwäche und Bosheit derer aufzunehmen, welche dem biedren Demos dienen werden, wofern es dazu kommt, daß er Herr wird, was ich nicht entscheiden will; denn ich bin kein Prophet und überlasse diese Sorge den Jungfrauen, welche nach Art der Sibyllen orakeln, als da sind die kumäische, tiburtinische und persische Sibylle, quarum insigne virgintas est et virginitatis praemium divinatio. Kehren wir also zu unsrer Sache zurück. Vor etwa zwanzig Jahren wohnte ich in der lieblichen Stadt Séez, woselbst ich Bibliothekar des Herrn Bischofs war. Umherziehende Komödianten, die der Zufall dorthin verschlug, spielten in einer Scheune ein ganz gutes Trauerspiel, das ich mir ansah. Ich erblickte dort einen römischen Kaiser, dessen Perücke mit mehr Lorbeeren geziert war als ein Jahrmarktsschinken. Er setzte sich in einen Chorstuhl; seine beiden Minister, im Hofkleid mit großen Ordensbändern, ließen sich rechts und links auf Sesseln nieder, und alle drei bildeten einen Staatsrat angesichts der Rampenlichter, welche abscheulich stanken. Im Verlauf ihrer Beratung entwarf einer der Räte ein satirisches Bild der Konsuln in den letzten Zeiten der Republik. Sie konnten es nicht abwarten, ihre vergängliche Macht zu brauchen und zu mißbrauchen; sie waren Feinde der öffentlichen Wohlfahrt, eifersüchtig auf ihre Nachfolger, mit denen sie nichts verband als die Mitschuld bei ihren Räubereien und Unterschlagungen. Dies waren seine Worte: »Die kleinen Könige auf Jahresfrist, Deren Gewalt so kurz bemessen ist, Die schönsten Pläne bringen sie zu Falle, Damit die Frucht dem Nächsten nicht zufalle. Da klein ihr Teil am öffentlichen Gut, So wuchern sie es aus bis auf das Blut. Auf andrer Nachsicht bau'n sie mit Bedacht, Da jeder sich die gleiche Hoffnung macht« Diese Verse, mein Sohn, mit ihrer pointierten Schärfe sind, was den Sinn angeht, weit besser als der Rest des Trauerspiels, das gar zu sehr an die prunkhaften Frivolitäten der Frondezeit gemahnt und gänzlich verunstaltet ist durch heroische Galanterien im Stil der Herzogin von Longueville, die darin als Emilie auftritt. Ich habe diese Verse auswendig gelernt, um recht darüber nachzusinnen. Denn selbst in Theaterstücken findet man schöne Lebensregeln. Was der Poet in diesen acht Versen von den Konsuln der römischen Republik sagt, das paßt ebenso auf die Minister der Demokratien und ihre unsichre Macht. Sie sind schwach, mein Sohn, weil sie von einer Volksversammlung abhängen, die ebenso unfähig ist zu den großen und tiefen Plänen eines Politikers, wie zu der harmlosen Blödigkeit eines nichtstuenden Königs. Minister sind nur dann groß, wenn sie, wie Sully, einen klugen Fürsten unterstützen oder wenn sie, wie Richelieu, an Stelle des Monarchen treten. Und wer sähe nicht ein, daß der biedre Demos weder die zähe Klugheit eines Heinrich IV., noch die vorteilhafte Trägheit eines Ludwig XIII. besitzen kann? Angenommen, er weiß, was er will, so weiß er doch nie, wie sein Wille ausgeführt werden soll, noch ob er ausführbar ist. Da er schlecht befiehlt, so wird ihm schlecht gehorcht, und er hält sich stets für verraten. Die Deputierten, die er ins Parlament schickt, werden ihm Sand in die Augen streuen, bis zu dem Augenblick, wo sein ungerechter oder berechtigter Argwohn sie stürzt. Das Parlament aber, aus der verworrenen Mittelmäßigkeit der Volksmassen hervorgegangen, wird sein wie sie. Es wird obskure und verwickelte Fragen erörtern. Es wird den Häuptern der Regierung aufgeben, unbestimmte Strebungen zu vollstrecken, über die es sich selbst nicht klar ist, und seine Minister werden, minder glücklich als Ödipus, von der hundertköpfigen Sphinx vertilgt werden, weil sie das Rätsel nicht errieten, dessen Lösung die Sphinx selbst nicht kennt. Ihr größtes Elend aber wird darin bestehen, daß sie zur Ohnmacht verdammt sind und reden müssen, statt zu handeln. Sie werden Volksredner werden, und herzlich schlechte, denn das Talent, dem einige Klarheit eignet, würde sie stürzen. Sie werden lernen müssen zu reden, um nichts zu sagen, und je weniger einfältig sie sind, desto mehr werden sie zum Lügen verdammt sein, so daß also die Gescheitesten am verächtlichsten sein werden. Und wenn sich unter ihnen noch solche finden, die befähigt sind, Verträge abzuschließen, die Finanzen zu ordnen und die Staatsgeschäfte zu führen, so werden ihre Kenntnisse ihnen nichts nützen, denn sie werden keine Zeit haben, und die Zeit ist der Stoff, aus dem die großen Unternehmungen gemacht werden. Diese demütigende Bedingung wird die Guten entmutigen und die Schlechten mit Ehrgeiz erfüllen. Von allen Seiten, aus den kleinsten Nestern, werden ehrgeizige Stümper zu den ersten Staatsämtern herandrängen, und da die Redlichkeit keine angeborene Menschentugend ist, sondern nur durch langes Bemühen und stete Nachhilfe anerzogen wird, so werden Scharen von Dieben über die öffentlichen Gelder herfallen. Durch den Ausbruch von Skandalen wird das Übel noch ärger werden, denn bei einer Volksregierung ist es schwierig, irgend etwas zu verheimlichen, und durch die Sünden einiger werden alle verdächtig. Daraus schließe ich jedoch nicht, mein Sohn, daß die Völker dann unglücklicher sein werden als heutzutage. Wie ich in imsern Gesprächen oft genug betonte, glaube ich nicht, daß das Geschick eines Volkes vom Fürsten und seinen Ministern abhängt; ja man schriebe den Gesetzen zu viel Kraft zu, wenn man sie als die Quellen der öffentlichen Wohlfahrt oder des öffentlichen Elends ansieht. Dessenungeachtet ist eine große Zahl von Gesetzen verderblich, und ich fürchte, die Parlamente werden mit ihrer gesetzgeberischen Macht großen Mißbrauch treiben. Es ist die Lieblingssünde von Hans und Kunz, Gesetze zu machen, die ihnen nichts kosten, und dabei zu sagen: ›Ja wenn ich König wäre!‹ Wenn Kunz König sein wird, so wird er in einem Jahre mehr Verordnungen erlassen als der Kaiser Justinian in seiner ganzen Regierungszeit. Auch in dieser Hinsicht erscheint mir die Herrschaft von Kunz und Hans bedenklich. Doch die Regierung der Könige und Kaiser war insgemein so schlecht, daß es nicht schlimmer kommen kann, und Kunz wird vermutlich nicht viel mehr Dummheiten und Schlechtigkeiten begehen, als alle die Fürsten mit doppelter oder dreifacher Krone, welche die Welt seit der Sintflut mit Blut und Trümmern bedeckt haben. Ja, just seine quirlige Unfähigkeit hat das Gute, daß sie die sinnreichen Beziehungen zwischen den Staaten vereitelt, welche man Diplomatie nennt und welche nur dazu führen, unnötige und verhängnisvolle Kriege künstlich zu entflammen. Die Minister des biedren Demos werden unausgesetzt mit Füßen getreten, gepufft, gedemütigt, angerempelt, über den Haufen gerannt und mehr mit Bratäpfeln und faulen Eiern beworfen werden, als der schlechteste Harlekin auf dem Jahrmarktstheater; und so werden sie gar keine Zeit finden, am grünen Tisch und im Geheimnis der Kabinette Schlächtereien vorzubereiten, die das sogenannte europäische Gleichgewicht erhalten sollen, in Wahrheit aber nur den Diplomaten zugute kommen. Es wird dann keine auswärtige Politik mehr geben, und das wird für die unglückliche Menschheit ein großes Glück sein.« Nach diesen Worten stand mein guter Lehrer auf und sagte: »Es wird Zeit, heimzukehren, mein Sohn; denn ich fühle, wie die Abendkühle mir durch die Kleider dringt, denn sie sind an verschiedenen Stellen durchlöchert. Auch würden wir bei längerem Verweilen in dieser Vorhalle die Liebhaber Jeannettes und Katharinas verscheuchen, welche hier der Schäferstunde harren.« Die Stadtväter An jenem Abend ging mein teurer Lehrer mit mir in den »Bacchusknaben«, wo wir uns unter das Rebendach setzten. Wir fanden dort meinen Erzeuger, den lahmen Messerschmied und Katharina, die Spitzenklöpplerin. Sie saßen zu dritt an einem Tische beim Kruge Wein, von dem sie genug getrunken hatten, um fröhlich und gesellig zu sein. Es waren zwei neue Ratsherren ernannt worden, und mein Vater erörterte dies Ereignis, wie es seinem Stande und seiner Denkart entsprach. »Das Schlimmste ist,« sagte er, »daß die Ratsherren Juristen und keine Bratköche sind wie ich und daß sie ihr Amt vom König und nicht von den Kaufleuten haben, insbesondere nicht von der Zunft der Pariser Bratköche, deren Bannerträger ich bin. Hätte ich sie gewählt, so würden sie den Zehnten und die Salzsteuern abschaffen, und wir wären alle glücklich. Doch wenn die Welt nicht im Krebsgange weitergeht, so wird ein Tag kommen, wo die Ratsherren von den Kaufleuten gewählt werden.« »Daran ist kein Zweifel,« sagte der Herr Abbé Coignard. »Die Ratsherren werden eines Tages von den Meistern und Gesellen gewählt werden.« »Achten Sie auf Ihre Worte, Herr Abbé,« erwiderte mein Vater ungeduldig und runzelte die Stirn. »Wenn die Gesellen sich an der Wahl beteiligen, dann geht alles drunter und drüber. Als ich noch Geselle war, hatt' ich nichts im Sinne, als meinen Meister an Hab und Weib zu schädigen. Doch seit ich selbst Weib und Laden habe, verstehe ich was von der öffentlichen Wohlfahrt, die mit der meinen zusammenhängt.« Lesturgeon, der Wirt, kam mit einem neuen Kruge Wein. Er war ein rothaariges Männlein, lebhaft und grob. »Sie reden von den neuen Ratsherren,« sagte er, die Fäuste in die Hüften stemmend. »Ich wünschte nur, sie verstünden soviel wie die alten, obwohl die von der öffentlichen Wohlfahrt nicht viel verstanden. Aber sie fingen doch an, ihr Geschäft zu lernen. Wie Ihr wißt, Meister Leonhard,« sagte er zu meinem Vater, »ist die Volksschule für die Kinder der Rue Saint-Jacques ein Holzbau; ein Funke und ein Hobelspan genügen, um das schönste Johannisfeuer anzubrennen. Ich habe die Herren Stadtväter darauf aufmerksam gemacht. Mein Brief war tadellos, denn ich hatte ihn von einem Schreiber im Val-de-Grace für sechs Weißpfennige aufsetzen lassen. Ich stellte den Herrn Stadtvätern darin vor, daß alle Buben des Stadtviertels täglich Gefahr liefen, wie die Leberwürste gebraten zu werden, was in Ansehung des Kummers der Mütter zu bedenken sei. Der Ratsherr, der die Schulen unter sich hat, antwortete mir nach einem Jahre sehr höflich, daß die Gefahr, in der die Buben der Rue Saint-Jacques schwebten, ihm große Sorge bereite und daß er eifrig bestrebt sei, ihr abzuhelfen; aus diesem Grunde schickte er den genannten Schülern eine Feuerspritze. »Da der König«, so schloß er, »die Gnade gehabt hat, zweihundert Schritt von der Schule einen Springbrunnen zum Gedächtnis seiner Siege zu errichten, so ist an Wasser kein Mangel, und die Schüler werden die Bedienung der Spritze, welche die Stadt ihnen liefert, binnen wenigen Tagen erlernen.« Als ich diesen Brief las, sprang ich bis an die Decke. Ich ging abermals zu dem Schreiber im Val-de-Grace und diktierte ihm folgende Erwiderung: »Edler Herr Rat! Ew. Hochgeborenl Im Schulhause der Rue Saint-Jacques sitzen zweihundert Knaben, von denen der älteste sieben Jahre ist. Das sind schöne Spritzenmänner, Ew. Hochgeboren, zur Bedienung von Dero Feuerspritze! Nehmen sie selbige zurück und lassen Sie ein steinernes Schulhaus bauen!« Dieser Brief nebst Siegel kostete mir abermals sechs Weißpfennige, genau wie der erste. Doch mein Geld war nicht umsonst vertan, denn nach einunddreiviertel Jahren erhielt ich ein Antwortschreiben, worin der Herr Rat mir versicherte, daß die Buben der Rue Saint-Jacques der Fürsorge des Pariser Stadtrates würdig seien, und daß dieser für ihre Sicherheit sorgen werde. So weit bin ich nun. Kommt ein neuer Ratsherr an seine Stelle, so muß ich von vorn anfangen und dem Schreiber im Val-de-Grace wieder zwölf Weißpfennige zahlen. Deshalb, Meister Leonhard, hege ich gar kein Verlangen, neue Gesichter ins Rathaus einziehen zu sehen, – obwohl ich sicher bin, daß manche, die man dort erblickt, sich besser als dummer August auf dem Jahrmarkt ausnähmen; – und so möchte ich denn den Herrn mit der Feuerspritze behalten.« »Ich«, sagte Katharina, »bin auf die Sittenpolizei böse. Sie duldet, daß Jeannette, die Leierkastenfrau, sich täglich zur Dämmerstunde in der Vorhalle von Saint-Benoit herumtreibt. Das ist eine Schande. Sie trägt sich wie ein Gassenmädel und schlampt in Röcken herum, die sie durch alle Gossen geschleift hat. An den öffentlichen Orten sollte man nur Mädchen dulden, die so nett gekleidet sind, daß sie sich mit Anstand sehen lassen können.« »Oho!« warf der lahme Messerschmied dazwischen, »ich meine, die Straße ist doch für jedermann da; und ich werde eines schönen Tages nach dem Vorbild unsres Wirtes Lesturgeon zu dem Schreiber im Val-de-Grace gehen und mir eine schöne Bittschrift zugunsten der armen Straßenhändler aufsetzen lassen. Kann ich doch mit meinem Wagen nie in gute Gegenden fahren, ohne von der Polizei schikaniert zu werden. Kaum daß ein Lakai oder ein paar Dienstmädchen vor meinen Waren stehenbleiben, gleich ist so ein langer schwarzer Halunke da und befiehlt mir im Namen des Gesetzes, meinen Kram wo anders feilzuhalten. Bald gerate ich in den Bezirk, den die Marktleute für sich haben, bald in die Nähe von Herrn Leborgne, der zünftiger Messerschmied ist. Ein andermal muß ich dem Staatswagen eines Bischofs oder Prinzen Platz machen. Dann lege ich mich ins Geschirr und bin heilsfroh, wenn die Lakaien und Dienstmädchen sich meine Verlegenheit nicht zunutze gemacht und mir nicht eine Nadelbüchse, eine Schere oder ein schönes Messer mit Holzgriff und Solinger Klinge stibitzt haben. Ich hab es satt, unter der Tyrannei zu leiden; ich hab es satt, unter der Ungerechtigkeit der Rechtsvertreter zu leiden. Ich habe ein tiefes Bedürfnis nach Empörung.« »Daran merke ich,« sagte mein guter Lehrer, »daß Ihr ein hochherziger Messerschmied seid.« »Ich bin gar nicht hochherzig, Herr Abbé,« antwortete der Lahme bescheidentlich, »sondern ich bin rachsüchtig; und aus Rachsucht verkaufe ich insgeheim Spottlieder auf den König, seine Mätressen und seine Minister. Ich hab 'ne feine Sammlung davon in der Plandecke meines Wagens. Verraten Sie mich nur nicht. Das von den zwölf Perücken ist famos.« »Ich werde Euch nicht verraten,« entgegnete mein Vater; »mir gilt ein gutes Lied gleichviel wie ein Glas Wein, ja noch mehr. Auch gegen die Messer habe ich nichts; und es freut mich, alter Junge, daß Ihr die Euren los werdet; denn schließlich will doch jeder leben. Aber das müßt Ihr mir zugeben: es kann nicht geduldet werden, daß die Straßenhändler den Kaufleuten, die einen Laden haben und Steuer zahlen, Konkurrenz machen. Nichts geht mehr gegen Ordnung und Gerechtigkeit. Die Dreistigkeit dieser Hungerleider ist unerhört. Wie weit gingen sie erst, wenn man sie nicht unterdrückte! Verwichenes Jahr war ein Bauer von Montrouge so frech, sich mit einem Karren voller Tauben just vor meiner Bratküche aufzupflanzen und die gebratenen Tauben für zwei Heller feilzubieten, – einen Sou billiger, als ich sie verkaufe. Und der Bauernkerl brüllte, daß meine Ladenfenster barsten: ›Schöne Tauben, fünf Sous das Stück!‹ Zwanzigmal drohte ich ihm mit meinem Bratspieß; er antwortete mir ganz dreist, die Straße wäre für jedermann da. Ich zeigte ihn bei der Polizei an und bekam recht, denn man schaffte mir den Schurken vom Halse. Was mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht; jedenfalls hab ich einen Haß auf ihn, denn er hat mich geschädigt. Als ich so sah, wie meine alten Kunden ihm die Tauben paarweise, ja zu halben Dutzenden abkauften, kriegte ich die Gallsucht und blieb lange Zeit schwermütig. Ich wollte, man striche ihn mit Leim an und klebte ihm so viele Federn an den Leib, als er den gebratenen Tauben ausgerupft hat, die er mir vor der Nase verkaufte; und so vom Kopf bis zu den Füßen befiedert, führe man ihn auf seinem Karren durch die Straßen.« »Meister Leonhard,« sagte der lahme Messerschmied, »Ihr seid hart gegen die armen Leute. Auf die Weise treibt man die Mittellosen zur Verzweiflung.« »Herr Messerschmied,« lachte mein guter Lehrer, »ich rate Euch, laßt Euch von irgendeinem Lohnschreiber ein Spottgedicht auf Meister Leonhard verfassen und verkauft es mit Euren Liedern auf die zwölf Perücken des Königs Ludwig. Freilich müßt Ihr unsrem Freunde dann ein kleines Wappen zulegen, dieweil er als schlichter Handwerksmeister nicht nach Freiheit, sondern nach Tyrannei trachtet. Ich ersehe jedoch aus all euren Reden, ihr Herren, daß die Stadtverwaltung eine schwierige Kunst ist, die allerlei widerstreitende Interessen unter einen Hut bringen muß; ferner, daß die öffentliche Wohlfahrt aus einer Unzahl privater Unbilden besteht und daß es im Grunde schon ein Wunder ist, wenn die Menschen, die in einem Mauerkreise zusammen hausen, sich nicht gegenseitig auffressen. Das ist ein Segen, den man ihrer Kleinmütigkeit zugute rechnen muß. Der öffentliche Friede beruht lediglich auf der Zaghaftigkeit der Bürger, die sich durch die einander eingeflößte Angst gegenseitig im Zaume halten. Und der Fürst, der ihnen allen Schrecken einflößt, sichert ihnen dadurch die unschätzbare Wohltat des Friedens. Was aber eure Ratsherren betrifft, deren Macht gering ist und die euch weder ernstlich schaden noch nützen können, ja deren Verdienst vornehmlich in ihrem langen Stock und in ihrer Perücke besteht, so klagt nicht zu sehr über ihre Ernennung durch den König, der sie neuerdings zu seinen Beamten gemacht hat. Als Fürstenfreunde sind sie allen Bürgern unterschiedslos gleich feind, und diese Feindschaft wird durch ihre völlig gleichmäßige Verteilung für jedermann erträglich. Sie ist wie ein Regen, von dem wir alle nur wenige Tropfen abkriegen. Dereinst, wenn sie wieder vom Volke gewählt werden (wie es in den ersten Zeiten des Königtums geschehen sein soll), werden die Stadtväter in der Stadt selbst Freunde und Feinde haben. Von den Kaufleuten gewählt, die Miete und Steuern entrichten, werden sie die Hausierer drücken. Von den Hausierern gewählt, werden sie die Kaufleute schuriegeln. Von den Handwerkern gewählt, werden sie gegen deren Meister und Brotherren vorgehen. Auf diese Weise wird ewig Streit und Zank herrschen. Im Stadtrate wird es dann wild hergehen, und jeder wird die Interessen und Leidenschaften seiner Wähler verfechten. Trotzdem glaube ich nicht, daß man sich dann nach unsren jetzigen Ratsherren zurücksehnen wird, die nur vom König abhängen. Die geräuschvolle Eitelkeit der von den Bürgern Erwählten wird diese belustigen, und sie werden in ihnen ihr eigenes Ebenbild wie in einem Vergrößerungsspiegel sehen. Sie werden ihre beschränkte Macht beschränkt ausüben. Dem Volke entstiegen, werden sie gleich ohnmächtig sein, es zu zähmen und es höher zu bilden. Die Reichen werden sich über ihre Dreistigkeit entsetzen, und die Armen werden sie der Zaghaftigkeit zeihen, wo doch nur ihre geräuschvolle Ohnmacht Anerkennung verdiente. Im übrigen werden sie zu mäßigen Aufgaben befähigt sein und für die öffentliche Wohlfahrt mit der wichtigen Nichtigkeit sorgen, die man stets erreicht und über die man nie hinauskommt.« »Uff!« machte mein Vater. »Sie haben schön geredet, Herr Abbé. Nun trinken Sie mal!« Die Wissenschaft Eines Tages ging ich mit meinem guten Lehrer nach dem Pont-Neuf, dessen Nischen voller Büchergestelle waren, auf denen die Straßenantiquare Romane und Erbauungsschriften nebeneinander zur Schau stellen. Man findet dort für zwei Sous die ganze »Asträa« und den »Großen Cyrus«; fettig und abgegriffen von den Händen der Provinzleser, daneben »Mittel gegen Brandwunden« und verschiedene Werke der Jesuiten. Mein guter Lehrer pflegte im Vorbeigehen ein paar Seiten in diesen Büchern zu lesen, ohne sie zu kaufen; denn er war mittellos und hob sich die sechs Weißpfennige, die er von ungefähr in seiner Hosentasche fand, klüglich für die Zeche im »Bacchusknaben« auf. Im übrigen gelüstete ihn wenig nach den Schätzen dieser Welt, und die besten Bücher lockten ihn nicht zum Kauf, wenn er nur die schönsten Stellen herausklauben konnte, um sie nachher mit bewundernswerter Weisheit zu erörtern. Was ihm an den Büchern auf dem Pont-Neuf besonders gefiel, das war, daß sie durch die Nähe der Pfannenbäcker nach gebacknen Fischen dufteten, so daß der große Mann dort zugleich die holden Düfte der Küche und der Wissenschaft einschlürfen konnte. Er setzte seine Brille zurecht und betrachtete die Auslage eines Althändlers mit der Zufriedenheit einer glücklichen Seele, der alles anmutig erscheint, weil alles sich mit Anmut in ihr spiegelt. »Tournebroche, mein Sohn,« sagte er zu mir, »unter den Büchern dieses Biedermannes sind einige zu einer Zeit gedruckt, wo die Buchdruckerkunst sozusagen noch in den Windeln lag; und man merkt ihnen die Roheit unsrer Voreltern an. Ich sehe dort eine barbarische Chronik von Monstrelet, der, wie man sagt, beißender ist als ein Topf voll Senf, und zwei oder drei Lebensbeschreibungen der hl. Margarethe, welche die Weiber dereinst in Geburtswehen als Kompresse auf ihren Leib legten. Unfaßlich wäre es, daß die Menschen so blödsinnig gewesen sind, derartige Abgeschmacktheiten zu schreiben, wenn unser heiliger Glaube uns nicht lehrte, daß sie mit einer Anlage zur Blödigkeit auf die Welt kommen. Und da das Licht des Glaubens mich nie verlassen hat, zum Glück nicht einmal in den Verirrungen der Tafel- und Liebesfreuden, so begreife ich ihren früheren Stumpfsinn besser als ihre gegenwärtige Vernunft, die mir, um alles zu sagen, als täuschend und trügerisch erscheint, so wie sie den künftigen Geschlechtern erscheinen wird; denn der Mensch ist seinem Wesen nach ein dummes Tier, und die Fortschritte seines Geistes sind nichts als eitle Sprünge seiner Ungeduld. Darum, mein Sohn, mißtraue ich der sogenannten Wissenschaft und Philosophie, welche nach meinem Gefühl nichts ist als ein Mißbrauch von trügerischen Vorstellungen und Bildern und gewissermaßen die Übermacht des bösen Geistes über die Seelen. Du weißt, daß ich weit entfernt bin, an alle die Teufelsgeschichten zu glauben, vor denen das leichtgläubige Volk sich ängstigt. Ich bin mit den Kirchenvätern der Meinung, daß die Verführung in uns liegt, und daß wir selbst unsre Teufel und Zauberer sind. Aber ich bin auf Herrn Descartes und auf alle die Philosophen böse, die nach seinem Vorbild unsre Lebensregeln und die Grundsätze unsres Erdenwandels in der Natur gesucht haben. Denn, Tournebroche, mein Sohn, was ist schließlich die Natur, wenn nicht eine Phantasmagorie unsrer Sinne? Und ich bitte dich, was bringt ihnen die Wissenschaft, was alle Gelehrten seit Gassendi, der doch kein Esel war, und seit Descartes mitsamt seinen Schülern bis zu dem liebenswürdigen Herrn von Fontenelle? Brillen, mein Sohn, Brillen wie die, welche auf meiner Nase sitzt. Was sind alle Mikroskope und Ferngläser, auf die wir so stolz sind, in Wahrheit anders als Brillen? Sie sind nur schärfer als die meine, die ich vergangenes Jahr beim Brillenhändler auf dem Jahrmarkt gekauft habe, und deren linkes Auge, auf dem ich am besten sehe, im letzten Winter leider zersprungen ist, damals, als der lahme Messerschmied, der mich in Verdacht hatte, Katharina, die Spitzenklöpplerin, zu küssen, mir einen Schemel an den Kopf warf; denn er ist ein Flegel, und die Trugbilder der Begierde verblenden ihn völlig. Ja, Tournebroche, mein Sohn, was sind diese Instrumente, mit denen die Gelehrten und Wißbegierigen ihre Flure und Zimmer vollstopfen? Was tun Fernrohre, Astrolabien und Kompasse anders, als die Sinne in ihren Illusionen zu bestärken und die schicksalsvolle Unwissenheit über die Natur, worin wir uns befinden, zu steigern, indem sie unsre Beziehungen zu ihr mehren? Die Gelehrtesten unterscheiden sich von den Unwissenden lediglich durch das anerworbene Vermögen, sich an vielfältigen und komplizierten Irrtümern zu weiden. Sie sehen die Welt durch einen Topas mit Facettenschliff, statt sie einfach, etwa wie deine Frau Mutter, mit dem bloßen Auge zu sehen, das der liebe Gott ihr gegeben hat. Aber andre Augen bekommen sie durch ihre Brillen nicht; sie werden nicht größer noch kleiner, indem sie den Raum mit Instrumenten messen; sie verändern ihr eignes Gewicht nicht, indem sie mit empfindlichen Wagen hantieren, sie entdecken bloß neue Scheinbarkeiten und werden so zum Spielball neuer Illusionen. Das ist alles! Wäre ich, mein Sohn, nicht von den Heilswahrheiten unsres Glaubens durchdrungen, mir bliebe bei meiner Überzeugung, daß alles menschliche Wissen nichts ist als ein Fortschritt in der Phantasmagorie, nichts übrig, als mich von diesem Geländer in die Seine zu stürzen, die schon manchen Ertrunkenen sah, seit sie in ihrem Bette dahinfließt, oder aber bei Katharina, der Spitzenklöpplerin, jene Art von Vergessen der Irdischen Mängel zu finden, das man in ihren Armen findet und das dort zu suchen meinem Stande und mehr noch meinen Jahren nicht ansteht. Inmitten der Instrumente, deren machtvolle Lügen den Trug meines Blickes ins Maßlose steigern würden, wüßte ich nicht, was ich glauben sollte, und ich würde einen recht kläglichen Akademiker abgeben.« Also sprach mein teurer Lehrer vor der ersten Nische der Brücke linker Hand, wenn man von der Rue Dauphine kommt, und der Buchhändler erschrak bereits, denn er hielt ihn für einen Teufelsbeschwörer. Mit einem Male ergriff er ein altes Geometriebuch, das von Sebastian Leclerc mit ziemlich häßlichen Figuren geschmückt war Das Buch, von dem Jacques Tournebroche spricht, ist von Sebastian Leclerc mit Figuren geschmückt, deren Feinheit, Eleganz und Präzision ich sehr bewundere. Doch man muß Widerspruch ertragen können (Anatole France). . »Vielleicht«, fuhr er fort, »würde ich, statt mich in der Liebe oder im Wasser zu ertränken, – falls ich kein katholischer Christ wäre – mich in die Mathematik stürzen; denn in ihr findet der Geist die Nahrung, nach der er am heftigsten begehrt, nämlich Zusammenhang und Folgerichtigkeit. Und ich gestehe, daß dieses kleine Buch, so gewöhnlich es ist, mir einigen Respekt vor dem Menschengeist beibringt.« Bei diesen Worten schlug er das Lehrbuch des Sebastian Leclerc an der Stelle, wo die Dreiecke sind, so weit auf, daß es beinahe durchbrach. Doch alsbald warf er es verächtlich wieder hin. »Ach!« murmelte er, »die Zahlen hängen von der Zeit ab, die Linien vom Raum – auch sie sind menschliche Illusionen. Außerhalb des Menschengeistes gibt es weder Mathematik noch Geometrie; sie ist im Grunde eine Wissenschaft, die uns nicht aus uns herausführt, obwohl sie eine recht anspruchsvolle Objektivität zur Schau trägt.« Mit diesen Worten drehte er dem aufatmenden Buchhändler den Rücken und schöpfte tief Atem. »Ach, Tournebroche, mein Sohn,« fuhr er fort, »du siehst mich an einem Übel leiden, das ich mir selbst zugelegt habe, dank dem glühenden Gewande, womit ich mich geflissentlich schmückte und kleidete.« Er meinte dies aber nur bildlich, denn in Wirklichkeit trug er einen elenden Kittel, der nur noch zwei bis drei Knöpfe besaß, die überdies verkehrt zugeknöpft waren; und wenn man ihn darauf aufmerksam machte, so pflegte er dies lachend einen ehebrecherischen Anzug und ein Abbild der städtischen Sitten zu nennen. Jetzt redete er voller Eifer. »Ich hasse die Wissenschaft,« sprach er, »weil ich sie zu sehr geliebt habe, wie die Wollüstigen den Frauen vorwerfen, daß sie den Traum, den sie von ihnen hegten, nicht wahrgemacht hätten. Ich wollte alles wissen, und ich leide heute an diesem sündigen Wahnsinn. Glücklich,« setzte er hinzu, »oh, selig sind die guten Leute, die dort jenen Quacksalber umstehen!« Und er wies auf die Lakaien, Kammerzofen und Lastträger vom Hafen Saint-Nicolas, die einen Marktschreier umstanden, der mit seinem Knecht eine Schaustellung gab. »Schau, Tournebroche,« sagte er zu mir, »sie lachen von Herzen, wenn einer der beiden Narren dem andern einen Tritt auf den Hintern gibt. Und das ist in der Tat ein spaßhaftes Schauspiel, das für mich durch das Nachdenken ganz verdorben wird; denn wenn man das Wesen dieses Fußes und des übrigen ergründet, so lacht man nicht mehr. Als Christ hätte ich früher einsehen müssen, wieviel Bosheit in dieser heidnischen Regel liegt: ›Glücklich, wer die Ursachen ergründen kann.‹ Ich hätte mich in die heilige Einfalt wie in einen umfriedeten Garten einschließen und wie die Kinder bleiben sollen. Dann hätte ich mich zwar nicht an den rohen Späßen dieses Mondor erfreut, wohl aber an den Pflanzen in meinem Garten, und ich hätte Gott in den Blumen und Früchten meiner Apfelbäume gepriesen. Maßlose Wißbegier hat mich fortgerissen, mein Sohn; in der Unterhaltung mit Büchern und Gelehrten verlor ich den Frieden des Herzens, die heilige Einfalt und jene Reinheit der Schlichten und Demütigen, die um so bewundernswerter ist, als sie weder in Spelunken noch in Kneipen sich ändert, wie das Beispiel des lahmen Messerschmieds zeigt, oder auch, wenn ich so sagen darf, das deines Vaters, des Garkochs, der sich auch in Trunk und Ausschweifung viel Unschuld bewahrt. Wer aber in den Büchern studiert hat, dem ist sie entschwunden. Ihm bleibt für immerdar ein bitterer Hochmut und eine stolze Schwermut.« Das Heer I Als wir so auf dem Pont-Neuf standen, hörten wir Trommelwirbel. Es war das Aufgebot eines Werbe-Unteroffiziers, der, die Faust in die Hüfte gestemmt, breitspurig auf dem Uferdamm stand, gefolgt von einem Dutzend Soldaten, die Brote und Würste auf ihre Bajonette aufgespießt trugen. Ein Kreis von Bettlern und Gassenbuben glotzte ihn offnen Mundes an. Er drehte sich den Schnurrbart hoch und ließ seinen Aufruf erschallen. »Hören wir gar nicht hin,« sagte mein guter Lehrer. »Das wäre verlorene Zeit. Dieser Sergeant redet im Namen des Königs; es kann nichts Vernünftiges sein. Willst du über dieses Thema etwas Gescheites hören, so mußt du in eine der Werbestuben am Quai de la Ferraille gehen, wo die Werber die Lakaien und Bauern beschwatzen. Diese Leute sind Halunken und müssen beredt sein. Ich entsinne mich, in jungen Jahren, zur Zeit des verstorbenen Königs, die wunderbarste Rede aus dem Munde eines dieser Menschenhändler gehört zu haben; er hatte seinen Laden im Vallée-de-Misère, das du von hier siehst, mein Sohn. Er warb Leute für die Kolonien an. ›Ihr jungen Leute, die ihr mich umsteht,‹ sagte er zu ihnen, ›ihr habt gewiß schon vom Schlaraffenland gehört; nach Indien müßt ihr, um dieses gesegnete Land zu finden; dort hat man alles in Hülle und Fülle. Wünscht ihr euch Gold, Perlen, Diamanten? Die Straßen sind damit gepflastert; man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Doch ihr braucht euch nicht mal zu bücken: die Eingeborenen werden es für euch tun. Ich rede nicht von dem Kaffee, den Apfelsinen, Granatäpfeln und Zitronen, den Ananas und den abertausend köstlichen Früchten, die da wild wachsen, wie im irdischen Paradiese. Hätte ich mit Weibern und Kindern zu tun, ich priese ihnen alle diese Leckereien; aber ich rede zu Männern.‹ Ich will nicht wiederholen, mein Sohn, was er alles vom Ruhme geredet hat; aber glaube mir: er kam Demosthenes an Energie und Cicero an Wortschwall gleich. Durch diese Rede verlockte er fünf bis sechs Unglückliche zur Fahrt nach den Sümpfen, wo sie am gelben Fieber starben. Wahrlich, die Beredsamkeit ist eine gefährliche Waffe, und der Geist der Künste zeigte seine unwiderstehliche Macht im Guten wie im Bösen. Danke Gott dafür, Tournebroche, daß er dir keinerlei Gaben verliehen hat und daß du folglich nicht Gefahr läufst, eines Tages eine Geißel der Völker zu werden. Gottes Lieblinge, mein Sohn, erkennt man daran, daß sie keinerlei Geist besitzen; und ich habe es an mir selbst erfahren, daß der lebhafte Verstand, den der Himmel mir verliehen, mir ein unaufhörlicher Anlaß zur Gefährdung meines irdischen und himmlischen Friedens ward. Was würde geschehen, wenn Herz und Denken Cäsars in meinem Kopf und Busen wohnten? Meine Gelüste würden kein Geschlecht achten, und ich wäre dem Mitleid verschlossen. Ich würde unauslöschliche innere und äußere Kriege entzünden. Und der große Cäsar besaß doch eine feingebildete Seele und eine Art von Milde. Sittsam starb er unter den Dolchstößen seiner tugendhaften Mörder. Oh ihr Iden des März, ewig verhängnisvoller Tag, wo brutale Tugendhelden dieses reizende Ungeheuer umbrachten! Ich bin würdig, den göttlichen Julius an der Seite der Venus, seiner Stammmutter, zu beweinen, und wenn ich ihn Ungeheuer nenne, so geschieht es aus Zärtlichkeit; denn in seiner harmonischen Seele war nichts übermäßig als der Wille zur Macht. Er besaß natürliches Gefühl für Maß und Rhythmus. In seiner Jugend ergötzte er sich ebenso an der Völlerei wie an der Grammatik. Er war ein Redner, und gewiß zierte seine Schönheit die gewollte Nüchternheit seiner Reden. Er liebte Kleopatra mit der gleichen mathematischen Genauigkeit, die er bei all seinen Plänen offenbarte. In seinen Schriften wie in seinen Taten waltet der Geist der Klarheit. Bis in den Krieg hinein war er ein Freund der Ordnung und des Friedens, empfänglich für Harmonie und so geschickt im Gesetzemachen, daß wir noch heute, bei all unsrer Barbarei, unter der Majestät seiner Herrschaft leben, welche die Welt so gemacht hat, wie sie jetzt ist. Du siehst, mein Sohn, ich versage ihm weder Lob noch Liebe. Feldherr, Diktator und Hohepriester in einer Person, hat er die Welt mit seinen schönen Händen geknetet. Ich für mein Teil war Professor der Beredsamkeit am Kolleg von Beauvais, Sekretär einer Opernsängerin, Bibliothekar des Herrn Bischofs von Séez, öffentlicher Schreiber am Beinhaus Saint-Innocent und Lehrer von deines Vaters Sohn in der Bratküche ›Zur Königin Gänsefuß‹. Ich habe einen schönen Katalog wertvoller Manuskripte verfaßt, etliche Broschüren geschrieben, von denen wir lieber nicht reden wollen, und ein paar Betrachtungen auf Fließpapier hingeworfen, von denen die Verleger nichts wissen wollten. Trotzdem möchte ich mein Dasein nicht mit dem des großen Cäsar vertauschen. Meine Unschuld litte zu sehr darunter. Und ich will lieber ein armer, obskurer, verachteter Mann sein, wie ich es in Wahrheit bin, als jenen Gipfel zu erklimmen, von dem man der Menschheit neue Geschicke auf blutigen Bahnen vorschreibt. Jener Werbe-Unteroffizier dort, der den Bettlern, wie du hörst, täglich einen Sou nebst Brot und Fleisch verspricht, bringt mich, mein Sohn, auf tiefe Gedanken über Heer und Krieg. Ich habe alle Berufe ausgeübt, außer dem des Soldaten, welcher mir stets Abscheu und Schrecken einflößte, wegen der Knechtschaft, des falschen Ruhmes und der Grausamkeit, die von ihm unzertrennlich sind und denen meine friedliche Natur und meine wilde Freiheitsliebe ebenso widerstrebt wie mein Geist, der den Ruhm der Flinte in gerechter Erkenntnis nicht überschätzt. Ganz zu geschweigen von meinem unbezwinglichen Hange zum Sinnen, der durch den Gebrauch von Säbel und Flinte zu sehr gelitten hätte. Da mir nichts daran liegt, Cäsar zu sein, so kannst du dir denken, daß ich noch weniger ein Bramarbas sein will. Und ich gestehe dir, mein Sohn, daß der Militärdienst mir als die schrecklichste Pestilenz der Kulturmenschheit erscheint. Dies Gefühl ist philosophischer Art. Es ist also wenig wahrscheinlich, daß es je von einer größeren Anzahl von Menschen geteilt wird. Und in der Tat werden die Könige und Republiken stets so viele Soldaten finden, als sie zu ihren Paraden und Kriegen beanspruchen. Ich las bei Herrn Blaizot im Laden ›Zur Heiligen Katharina‹ die Traktate von Macchiavell, die sich dort in prächtigen Pergamentbänden vollzählig vorfinden. Das verdienen sie, mein Sohn, und ich für mein Teil schätze jenen Florentiner Sekretär sehr hoch: war er doch der erste, der den Handlungen der Politiker jenen Nimbus der Gerechtigkeit nahm, unter dessen Schutze sie stets nur ehrenvolle Verbrechen begingen. Dieser Florentiner, der sein Vaterland in der Abhängigkeit der Söldner sah, die es verteidigen sollten, kam zuerst auf den Gedanken eines Volksheeres. Irgendwo in seinen Büchern sagt er, es sei gerecht, daß alle Bürger zur Sicherung ihres Vaterlandes beitrügen und daß sie alle Soldaten würden. Ein Gleiches hörte ich bei Herrn Blaizot von Herrn Roman, der, wie du weißt, voller Eifer für die Rechte des Staates ist. Ihm liegt nichts so am Herzen wie die Allgemeinheit, und er wird erst dann zufrieden sein, wenn alle Privatinteressen den öffentlichen geopfert sein werden. Macchiavell und Herr Roman wollen also, daß wir alle Soldaten werden, da wir alle Staatsbürger sind. Ich will ihnen nicht beipflichten und sagen, daß dies gerecht sei, aber auch nicht, daß es unrecht sei, aus dem einfachen Grunde, weil Recht und Unrecht eine Sache des Denkens sind und über dieses Thema nur die Sophisten entscheiden.« »Wie, mein guter Lehrer!« rief ich schmerzlich überrascht aus, »Sie behaupten, die Gerechtigkeit hinge von den Gründen eines Sophisten ab, und unsre Taten wären recht oder unrecht, je nach den Argumenten eines geschickten Mannes? Dieser Grundsatz verblüfft mich mehr, als ich sagen kann.« »Tournebroche, mein Sohn,« erwiderte der Abbé Coignard, »bedenke, daß ich von der irdischen Gerechtigkeit rede, die von der göttlichen verschieden ist, ja ihr zumeist widerspricht. Die Menschen haben den Begriff von Recht und Unrecht immer nur mit ihrer Beredsamkeit verfochten, die dem Für und Wider unterliegt. Vielleicht, mein Sohn, willst du die Gerechtigkeit auf das Gefühl begründen, aber sieh dich vor; du wirst auf diesem Fundament nur eine schlichte Hütte erbauen, die Hütte des alten Evander, die Hütte, in der Philemon und Baucis lebten. Der Palast der Gesetze, der Turm der Staatseinrichtungen erheischt andre Grundfesten, deren ungerechte Last die harmlose Natur nicht allein zu tragen vermöchte; und so erheben diese uralten Mauern sich denn auf einem Grunde uralter Lügen, kraft der feinen und doch so brutalen Kunst der Gesetzgeber, Beamten und Fürsten. Tournebroche, mein Sohn, es ist eine Albernheit, ergründen zu wollen, ob ein Gesetz gerecht oder ungerecht sei; und mit dem Kriegsdienste steht es nicht anders als mit den andern Institutionen, von denen man nicht sagen kann, ob sie im Grunde gut oder schlecht sind, denn es gibt keinen andren Grund als Gott, aus dem alles hervorgeht. Du mußt dich, mein Sohn, aus der Knechtschaft der Worte befreien, welcher die Menschen sich am willigsten fügen. Vernimm denn, daß das Wort Gerechtigkeit keine andere Bedeutung hat als die theologische, und da ist es furchtbar bedeutungsvoll. Vernimm, daß Herr Roman nur ein Sophist ist, wenn er dir beweist, daß man dem Fürsten Kriegsdienste schulde. Trotzdem glaube ich, wenn der Fürst je alle Bürger zu den Waffen riefe, so würden sie seinem Rufe nicht nur willfährig, sondern freudig folgen. Ich habe beobachtet, daß das natürlichste menschliche Handwerk das Kriegshandwerk ist; zu ihm zieht es den Menschen am ersten, dank seinen Instinkten und seinem Geschmack, welcher nicht immer der beste ist. Von einigen seltnen Ausnahmen, wie ich bin, abgesehen, kann man den Menschen als flintentragendes Tier bezeichnen. Man gebe ihm eine schmucke Uniform und die Aussicht auf eine Schlacht, und er ist zufrieden. Deshalb machen wir den Soldatenstand auch zum vornehmsten Stande, und das trifft auch insofern zu, als er der urälteste ist, da schon die ersten Menschen Krieger waren. Auch darin paßt der Soldatenstand zur Menschennatur, daß man als Soldat nie denkt; und es ist klar, daß wir nicht zum Denken gemacht sind. Denken ist eine besondre Krankheit gewisser Individuen, die, wenn sie sich ausdehnte, das Ende unsrer Art herbeiführen müßte. Die Soldaten leben in Herden, und der Mensch ist ein geselliges Tier. Sie tragen zweierlei Tuch, Bänder, Federn und Kokarden, die ihnen den Weibern gegenüber das Vorrecht des Hahns vor der Henne sichern. Sie ziehen auf Krieg und Raub aus, und der Mensch ist von Natur räuberisch, gierig, zerstörerisch und ruhmsüchtig. Namentlich wir Franzosen lassen uns durch den Ruhm bestimmen, zu den Waffen zu greifen. In der öffentlichen Meinung ist der Kriegsruhm fraglos der einzig glänzende. Um das zu erkennen, braucht man nur in der Geschichte zu lesen. Man verzeiht es La Tulipe, daß er kein besserer Philosoph war als Titus Livius.« Und mein teurer Lehrer schloß mit diesen Worten: »Man muß bedenken, mein Sohn, daß die Menschen durch die Flucht der Zeiten eine Kette bilden, von der sie selbst nur wenige Ringe sehen. Daher verknüpfen sie den Gedanken der Vornehmheit mit Gewohnheiten, deren Ursprung bescheiden und barbarisch war. Ihre Unwissenheit leistet ihrer Eitelkeit Vorschub. Sie gründen ihren Ruhm auf uraltes Elend; und das Ansehen der Waffen stammt lediglich aus der Wildheit der Urzeit, deren Andenken die Bibel und die Dichter bewahrt haben. Ja, was ist dieses säbelrasselnde Junkertum, das sich so hochmütig über uns erhebt, in Wirklichkeit anders als das entartete Überbleibsel jener unglücklichen, in den Wäldern hausenden Jäger, die der Dichter Lukrez derart schildert, daß man nicht recht weiß, ob er Menschen oder Tiere meint? Es ist erstaunlich, Tournebroche, mein Sohn, daß Krieg und Jagd, deren bloße Vorstellung uns mit Scham und Reue erfüllen sollte, indem sie uns an die elenden Notwendigkeiten unsrer Natur und unsre uralte Schlechtigkeit gemahnt, im Gegenteil den Hochmut der Menschen befördert, daß die christlichen Völker fortfahren, das Handwerk des Schlächters und Mörders zu ehren, wenn es nur altangestammt ist, ja daß man das bürgerliche Ansehen der gesitteten Völker nach der Anzahl der Morde und Metzeleien bemißt, die sie sozusagen im Leibe haben.« »Herr Abbé,« fragte ich meinen guten Lehrer, »glauben Sie nicht, daß das Waffenhandwerk für vornehm gilt, weil es voller Gefahren ist und Mut erfordert?« »Mein Sohn,« erwiderte mein guter Lehrer, »wenn ein Stand in dem Maße vornehm ist, als er Gefahren mit sich bringt, so stehe ich nicht an zu behaupten, daß die Bauern und Arbeiter die Edelsten der Nation sind, denn sie laufen täglich Gefahr, vor Erschöpfung und Hunger zu sterben. Die Gefahren, denen sich die Soldaten und ihre Führer aussetzen, sind an Zahl wie an Dauer geringer; sie währen nur wenige Stunden im ganzen Leben und bestehen darin, den Kanonen- und Musketenkugeln Trotz zu bieten, welche nicht so todbringend sind wie das Elend. Die Menschen müssen recht eitel und leichtfertig sein, mein Sohn, daß sie das Kriegshandwerk für rühmlicher halten als die Künste des Friedens.« »Herr Abbé,« sagte ich weiter, »glauben Sie nicht, daß die Soldaten zur Sicherheit des Staates nötig sind, und daß wir sie wegen ihrer Nützlichkeit ehren sollen?« »In der Tat, mein Sohn, gehört der Krieg zu den Notwendigkeiten der Menschennatur, und man kann sich keine Völker vorstellen, die nicht morden, plündern und brennen. Ebensowenig kann man sich einen Fürsten vorstellen, der nicht Macht vor Recht gehen ließe. Man würde ihm sonst Vorwürfe machen und ihn verachten, weil er den Ruhm zu wenig liebt Der Krieg ist also eine Notwendigkeit des Menschenlebens; er liegt den Menschen näher als der Friede, der nur eine Ruhepause ist. Daher sieht man die Fürsten denn auch ihre Heere aus den schlechtesten Vorwänden, aus den nichtigsten Gründen gegeneinander loslassen. Sie berufen sich auf ihre Ehre, die äußerst empfindlich ist. Ein Hauch kann sie beflecken, und sie läßt sich nur mit dem Blute von zehn-, zwanzig-, dreißig-, ja hunderttausend Menschen reinwaschen, je nach der Größe ihres Staates. Freilich sieht man nicht recht ein, wieso die Ehre des Fürsten durch das Blut dieser Unglücklichen reingewaschen werden kann; oder man sieht vielmehr ein, daß dies alles nur Worte ohne Sinn sind; aber die Menschen lassen sich für Worte ja gern totschlagen. Eins aber ist noch wunderbarer, daß ein Fürst durch den Raub einer Provinz viel Ehre gewinnt und daß ein Verbrechen, das bei einem schlichten Bürgersmann mit dem Tode bestraft würde, löblich wird, wenn ein Fürst es durch seine Söldner mit wütendster Grausamkeit ausführen läßt.« Nachdem mein guter Lehrer also gesprochen, zog er seine Schnupftabaksdose und schnupfte die paar Körner Tabak, die noch darin waren. »Herr Abbé,« fragte ich ihn, »gibt es keine gerechten Kriege für eine gute Sache?« »Tournebroche, mein Sohn,« antwortete er mir, »die gesitteten Völker haben die Ungerechtigkeit des Krieges zu weit getrieben und das Kriegführen ebenso unbillig wie grausam gemacht. Die ersten Kriege wurden geführt, um Volksstämme auf fruchtbarem Ackerland anzusiedeln. So eroberten die Kinder Israel, vom Hunger getrieben, das Heilige Land. Doch seit dem Fortschreiten der Kultur hat man den Krieg zur Eroberung von Kolonien und Handelsplätzen benutzt, wie man es an Spanien und Holland, an England und Frankreich sehen kann. Schließlich hat man gesehen, wie Könige und Kaiser Provinzen ohne zwingendes Bedürfnis raubten und sie verödeten, ohne Nutzen für sich und ohne andern Vorteil als den, Triumphbögen und Denkmäler darin zu errichten. Und dieser Mißbrauch des Krieges ist der abscheulichste, so daß man entweder glauben muß, daß die Völker mit dem Fortschritt der Kultur immer schlechter werden, oder daß man, da Kriegführen eine Notwendigkeit der Menschennatur ist, die Kriege um ihrer selbst willen führt, ohne jeden vernünftigen Grund. Diese Betrachtung betrübt mich tief, denn Beruf und Neigung führen mich zur Menschenliebe. Und was mich vollends betrübt, Tournebroche, mein Sohn, das ist die Beobachtung, daß meine Tabaksdose leer ist, und der Tabak ist die Stelle, wo ich meine Armut am empfindlichsten spüre.« Sowohl um seine Gedanken von diesem persönlichen Ungemach abzulenken, wie um mich belehren zu lassen, fragte ich ihn, ob der Bürgerkrieg ihm nicht als die abscheulichste Form des Krieges erschiene. »Er ist«, antwortete er, »recht verwerflich, aber nicht allzu töricht, denn wenn die Bürger miteinander handgemein werden, so wissen sie meist besser, warum sie dies tun, als wenn sie gegen fremde Völker ins Feld ziehen. Aufruhr und heimische Zwistigkeiten entstehen meist aus dem großen Elend der Völker. Sie sind die Folge von Verzweiflung und der einzige Ausweg, der den Unglücklichen bleibt, um ein besseres Leben und wohl gar ein Stückchen Herrschaft zu gewinnen. Aber man muß eins beachten, mein Sohn: je mehr die Aufrührer vom Elend getrieben und somit entschuldbar sind, um so geringer ist ihre Aussicht auf Erfolg. Verhungert und blöde, nur von Wut gestachelt, sind sie zu großen Plänen und klugen Maßregeln unfähig, so daß der Fürst sie ohne Mühe zu Paaren treibt. Schwerer ist es, den Aufstand der Großen niederzuwerfen, der verabscheuungswürdig ist, da die Not ihn nicht entschuldigt. Kurz und gut, mein Sohn, ob Bürgerkrieg oder auswärtiger Krieg, der Krieg ist immer verwerflich und von einer Schändlichkeit, die ich verabscheue.« Das Heer II »Mein Sohn,« fuhr mein guter Lehrer fort, »ich will dir am Stande dieser armen Soldaten, die dem König dienen, des Menschen Schmach und Ruhm in einem zeigen. In der Tat führt und zieht uns der Krieg zu unsrer angeborenen Brutalität zurück; er ist die Folge einer Wildheit, die wir mit den Tieren gemein haben, nicht allein mit den Löwen und Hähnen, die darin ganz Hervorragendes leisten, sondern auch mit den kleinen Vögeln wie die Elstern und Meisen, deren Sitten so kriegerisch sind, ja selbst mit den Insekten, den Wespen und Ameisen, die sich mit einer Hartnäckigkeit bekriegen, von der selbst die Römer hätten lernen können. Die Haupttriebfedern des Krieges sind bei Mensch und Tier die gleichen; beide kämpfen, um Beute zu machen oder sie zu beschützen, um Nest und Höhle zu verteidigen oder um ein Weibchen zu erringen. Da ist kein Unterschied; und der Raub der Sabinerinnen gemahnt mich durchaus an jene nächtlichen Kämpfe der Hirsche, die unsre Wälder mit Blut färben. Nur haben wir diese gemeinen, natürlichen Gründe mit Ehrbegriffen ausgeschmückt, die wir planlos darauf anwenden. Und wenn wir uns heute einbilden, aus sehr edlen Gründen Krieg zu führen, so liegt dieser Adel lediglich in der Unbestimmtheit unsrer Gefühle. Je weniger klar, einfach und deutlich der Zweck eines Krieges ist, um so verwerflicher und verächtlicher ist er. Und wenn es wahr ist, mein Sohn, daß man heute so weit gekommen ist, sich nur der Ehre wegen zu töten, so ist das eine grenzenlose Ausschreitung. Das übertrifft noch die Grausamkeit der wilden Bestien, die sich nicht ohne triftigen Grund umbringen. Und es ist wahr, wenn man sagt, daß der Mensch in seinen Kriegen böser und naturwidriger ist als die Stiere und Ameisen in den ihren. Das ist aber nicht alles; und ich verachte die Heere weniger deshalb, weil sie den Tod säen, als wegen der Unwissenheit und des Stumpfsinns, der ihnen nachfolgt. Es gibt keinen ärgeren Feind der Künste als einen Führer von Söldnern oder Freischaren; und ihre Bildung ist zumeist nicht besser als die ihrer Soldaten. Die Gewohnheit, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen, macht den Kriegsmann sehr ungeschickt zur Beredsamkeit, die auf dem Wunsche zu überreden beruht. Und so trägt der Soldat denn auch stets Verachtung des Wortes und der schönen Künste zur Schau. Ich entsinne mich, in Séez, als ich dort Bibliothekar des Herrn Bischofs war, einen alten Hauptmann gekannt zu haben, der unter den Waffen ergraut war und für einen tapferen Mann galt. Er trug eine breite Schmarre quer durchs Gesicht und war ein Lüderjahn, der viele Männer getötet und unterschiedliche Nönnlein vergewaltigt hatte, und das ohne jegliche Bosheit. Er verstand sein Handwerk recht gut und gab große Stücke auf die Haltung seines Regiments, das besser als ein andres defilierte. Kurz, er war ein Biedermann und ein guter Kamerad, wenn es galt, einen Humpen zu leeren. Das habe ich im Wirtshause ›Zum weißen Rössel‹ erfahren, wo ich ihm manches Mal Widerpart hielt. Nun geschah es eines Nachts, daß ich ihn begleitete (denn wir waren gute Freunde), als er seine Leute instruierte, wie man sich nach den Sternen richtet. Er sagte ihnen zunächst die Vorschrift des Herrn von Louvois auf, und da er sie seit dreißig Jahren herbetete, so machte er nicht mehr Fehler als beim Vaterunser und beim Ave-Maria. Er fing also damit an, daß die Soldaten zunächst den Polarstern suchen müßten, der allein von allen Gestirnen fest am Himmel stünde, während die ändern ihn umgekehrt wie ein Uhrzeiger umkreisten. Aber was er da sagte, verstand er selbst nicht recht. Denn nachdem er sein Sprüchlein zweimal, dreimal in ziemlich gebieterischem Ton hergesagt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: ›Verdammt! Abbé, zeigen Sie mir doch das Luder von Polarstern. Wenn ich ihn aus dem Lichtergeflacker da oben herausfinde, dann soll mich der Teufel frikassieren!‹ Ich brachte ihm sogleich bei, wie man ihn findet, und wies mit dem Finger darauf. ›Oh! Oh!‹ rief er, ›das Biest sitzt aber hoch! Von hier aus kann man ihn nicht sehen, ohne sich den Hals zu verdrehen.‹ Und sogleich gab er seinen Offizieren Befehl, die Soldaten fünfzig Schritte zurücktreten zu lassen, damit sie den Polarstern besser sehen könnten. Was ich dir da erzähle, mein Sohn, das habe ich mit eignen Ohren gehört; und du wirst mir zugeben, daß dieser Haudegen eine recht naive Vorstellung vom Weltsystem und besonders vom wahren Stand der Gestirne hatte. Trotzdem trug er eine schöne bestickte Uniform mit den Orden des Königs darauf und war im Staate mehr geehrt als ein gelehrter Priester. Diese Unbildung ist's, die mir das Heer verleidet.« Bei diesen Worten war mein guter Lehrer stehen geblieben, um Atem zu schöpfen, und ich fragte ihn, ob er trotz dieser Unwissenheit des Hauptmanns nicht glaubte, daß viel Geist dazu gehörte, um Schlachten zu gewinnen. Er antwortete mir folgendes: »Tournebroche, mein Sohn, wenn man bedenkt, wie schwer es ist, Heere zusammenzubringen und zu führen, wieviel Kenntnisse der Angriff oder die Verteidigung eines festen Platzes, wieviel Geschicklichkeit ein guter Schlachtbefehl erfordert, so sieht man leicht ein, daß nur ein fast übermenschliches Genie wie das Cäsars zu solchem Unterfangen imstande ist; und man erstaunt, daß es Geister gegeben hat, die fast alle Fähigkeiten eines wahren Kriegsmannes vereinten. Ein großer Feldherr kennt nicht nur das Antlitz der Länder, sondern auch die Sitten und den Gewerbefleiß der Völker. Er behält eine Unzahl winziger Tatsachen, aus denen er sich einfache und großzügige Anschauungen bildete. Die Pläne, die er reiflich bedacht und im voraus gefaßt hat, kann er mitten im Handeln durch plötzliche Eingebung verändern, und er ist zugleich sehr verwegen und sehr besonnen; sein Denken kriecht bald mit der blinden Langsamkeit des Maulwurfes dahin, bald schwingt es sich mit Adlerflügeln empor. Aber bedenke, mein Sohn, wenn zwei Heere einander gegenüberstehen, so muß eins besiegt werden, woraus sich mit Notwendigkeit ergibt, daß das andre siegen muß, ohne daß sein Anführer alle Eigenschaften eines großen Feldherrn zu besitzen braucht, ja vielleicht nicht eine einzige. Es gibt gewiß geschickte Feldherren; es gibt auch solche, die Glück haben und die nicht minder Ruhm ernten. Wie soll man im Würfelspiel der Schlachten entscheiden, was Erfolg der Kriegskunst, was Glück ist? Doch du bringst mich von meinem Gegenstand ab. Tournebroche, mein Sohn, ich wollte dir zeigen, daß der Krieg heute die Schande der Menschheit ist und daß er ehedem ihre Ehre war. Die Notwendigkeit zwang ihn den Staaten auf, und er ward der große Erzieher des Menschengeschlechtes. Durch ihn lernten die Menschen alle staatsbildenden und staatserhaltenden Tugenden, lernten sie Geduld, Willenskraft, Verachtung der Gefahr und den Ruhm der Selbstverleugnung. An dem Tage, wo die Hirten Felsblöcke zur Mauer zusammenwälzten, hinter der sie ihre Weiber und Herden verteidigten, entstand die erste menschliche Gesellschaft, und die Künste wurden geboren. Das große Gut, das wir besitzen, das Vaterland, die Stadt, das, was die Römer als Urbs höher verehrten als die Götter, ist eine Tochter des Krieges. Die erste Stadt war ein Mauerring, und in dieser rauhen, blutigen Wiege entwickelten sich die erhabnen Gesetze und die schönen Gewerbe, die Künste und die Weisheit. Und darum wollte der wahre Gott, daß man ihn den Gott der Heerscharen nennt. Was ich dir hier sage, Tournebroche, mein Sohn, das bezweckt nicht, daß du dich von dem Werbe-Unteroffizier dort anwerben läßt und den Wunsch faßt, ein Held zu werden – mit durchschnittlich sechzig Stockschlägen pro Tag auf den Buckel. Denn der Krieg ist in unsren Gesellschaften nur noch ein ererbtes Übel, eine lüsterne Rückkehr zur Wildheit, eine verbrecherische Kinderei: Die Fürsten unsrer Zeit, insbesondre der verstorbene König, werden immerdar die hehre Schmach tragen, daß sie den Krieg zum Spiel und zur Kurzweil der Höfe herabgewürdigt haben. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, daß wir das Ende dieser planvollen Schlächtereien nicht mehr erleben werden. Was aber die Zukunft betrifft, mein Sohn, die unerforschliche Zukunft, so erlaube mir, daß ich sie mehr im Geiste der Sanftmut und Gerechtigkeit träume, der mir innewohnt. Die Zukunft ist ein bequemer Ort für Träume. Dort wie in Utopien baut der Weise sich gern seine Luftschlösser. Ich möchte annehmen, daß die Völker dereinst friedliche Tugenden üben werden. Gerade das Anwachsen der Rüstungen ist mir eine ferne Verheißung des Weltfriedens. Die Heere werden an Zahl und Stärke unablässig zunehmen; ganze Völker werden von ihnen verschlungen werden. Dann wird das Untier an Überfütterung sterben; an Fettleibigkeit wird es krepieren.« Die Akademiker Wir erfuhren, daß der Bischof von Séez in die französische Akademie gewählt worden sei. Vor zwanzig Jahren hatte er eine schöne Lobrede auf den heiligen Maclou gehalten, die für eine gute Leistung galt; und ich will es gern glauben, daß sie schöne Sitten enthielt: hatte doch mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard, selbst Hand daran gelegt, bevor er den erzbischöflichen Palast in Gesellschaft der Kammerzofe der Frau Amtmännin verließ. Herr von Séez war vom besten normannischen Adel. Seine Frömmigkeit, sein Weinkeller und sein Stall waren im ganzen Königreiche berühmt, und sein eigner Neffe hatte die Verwaltung der Pfründen. Seine Wahl verwunderte also niemand. Sie ward allgemein gebilligt, ausgenommen von den Schöngeistern des Café Procope, die ja stets unzufrieden sind. Das sind Rebellen. Mein teurer Lehrer tadelte sie sanft ob ihres Widerspruchsgeistes. »Worüber beklagt sich Herr Duclos Charles Duclos (1704 – 1772), seit 1755 Sekretär der französischen Akademie, Moralist und Historiker, auch Romanschriftsteller (»Confessions du Gomte de ***«, 1742). Hauptwerk: »Mémoires secrets sur le Règne de Louis XIV, la Régence et Louis XV« (1791). Seine »Voyage en Italie en 1762« (Paris 1791) war ein Lieblingswerk Beyle-Stendhals. ?« sagte er. »Seit gestern ist Herr von Séez seinesgleichen; und er hat doch das schönste Bistum und die schönste Meute im Königreich. Denn die Akademiker sind kraft ihrer Statuten Gleichstehende Der Herr Abbé Coignard lebte im ancien régime . Damals sagte man, daß die Akademie ihren Mitgliedern eine Gleichheit verliehe, die sie vor dem Gesetz nicht hätten. Trotzdem wurde sie 1793 »als letzter Schlupfwinkel der Aristokratie« vernichtet – Vgl. auch Saint-Evremont, » Die Akademiker «: Godeau : Wie geht's, mein Lieber? Colletet : (niederkniend) : Herr Bischof von Grasse, Was soll ich tun? Beliebt's der Eminenz, Daß ich den heil'gen Fuß ihr küsse? Godeau : Wir Sind alle gleich als Jünger in Apoll. Stehen Sie auf. Colletet : Will Eure Eminenz Mir solche Freiheit huldvoll zugestehn? Godeau : Nichts kann die Art, wie wir verkehren, ändern. Bischof in Grasse, für Sie bin ich Godeau. ! Allerdings ist diese Gleichheit die freche Gleichheit der Saturnalien, die nach der Sitzung ein Ende hat, wenn der Herr Bischof seine Equipage besteigt und Herr Duclos in seinen Leinenstrümpfen durch die Gosse patscht. Aber wenn er sich dem Herrn Bischof in dieser Weise nicht gleichstellen will, warum verkehrt er dann mit den Diätenempfängern Die Akademiker empfangen Diäten für jede Sitzung. ? Warum setzt er sich nicht in eine Tonne, wie Diogenes, oder wie ich in eine Schreiberbude am Beinhaus Saint-Innocent? Nur in einer Tonne oder in einer Bude steht man über den Größen dieser Welt. Nur da ist man wirklich Fürst und einziger Herr. Glücklich, wer seine Hoffnung nicht auf die Akademie gebaut hat! Glücklich, wer ohne Furcht und Wünsche lebt und die Nichtigkeit aller Dinge erkennt! Glücklich, wer da weiß, daß es gleich eitel ist, Akademiker zu sein und es nicht zu sein! Er führt ein dunkles und verborgenes Leben voller Seelenfrieden. Die schöne Freiheit folgt ihm überall. Im Schatten der Vergessenheit feiert er die stillen Orgien der Weisheit, und alle Musen lächeln ihm als ihrem Jünger zu.« Also sprach mein teurer Lehrer, und ich bewunderte die keusche Begeisterung, die seine Stimme schwellte und in seinen Augen glänzte. Doch das Ungestüm der Jugend riß mich fort. Ich wollte mich in den Kampf stürzen, wollte für oder gegen die Akademie Partei nehmen. »Herr Abbé« fragte ich, »hat die Akademie nicht die Pflicht, die besten Geister des Königsreiches zu berufen, anstatt des Onkels des Pfründenbischofs?« »Mein Sohn,« entgegnete mein teurer Lehrer mild, »ist Herr von Séez in seinen Verordnungen streng, in seinem Wandel prächtig und galant, kurz die Zierde der Geistlichkeit, und hat er jene Lobrede auf den heiligen Maclou gehalten, deren Anfang, die Heilung der Skrofeln des Königs von Frankreich, sich nobel ausnahm, so kann ihn die Akademie doch nicht aus dem einzigen Grunde beiseiteschieben, weil er einen ebenso mächtigen wie liebenswürdigen Neffen hat! Das hieße mir eine barbarische Tugend und eine unmenschliche Bestrafung des Herrn von Séez für die Größe seiner Familie. Die Akademie hat darüber hinweggesehen. Schon das, mein Sohn, ist hochherzig.« Ich wagte eine Widerrede auf diese Erklärung, so sehr hatte die jugendliche Hitzigkeit mich fortgerissen. »Herr Abbé,« sagte ich, »verzeihen Sie, wenn mein Gefühl Ihren Gründen widerspricht. Alle Welt weiß, daß Herr von Séez nur durch die Biegsamkeit seines Charakters hervorragt und daß man an ihm nichts bewundert als die Kunst, sich zwischen den Parteien durchzuwinden. Man hat gesehen, wie er sich zwischen den Jesuiten und Jansenisten sanft hindurchschlängelte und seine bleiche Vorsicht mit den Rosen der christlichen Liebe färbte. Er glaubt genug getan zu haben, wenn er niemandes Verdruß erregt hat, und er benutzt seine Pflicht und Schuldigkeit dazu, seinen Vorteil zu betreiben. Es war also nicht sein großes Herz, was ihm die Stimmen der erlauchten Schützlinge des Königs eingetragen hat Der König war Protektor der Akademie. , ebensowenig sein schöner Geist. Denn außer jener Lobrede auf den heiligen Maclou, die er, wie jedermann weiß, nur vorlas, hat dieser friedliche Bischof nichts als die traurigen Verordnungen seiner Vikare vom Stapel gelassen. Hervorgetan hat er sich nur durch die Gefälligkeit seiner Sprache und die Höflichkeit seiner Umgangsformen. Sind das Titel genug für die Unsterblichkeit?« »Tournebroche,« entgegnete der Herr Abbé Coignard höflich, »du denkst mit jener Schlichtheit, die deine Frau Mutter dir bei deiner Geburt mitgab, und ich sehe, du wirst diese angeborene Treuherzigkeit lange bewahren. Ich beglückwünsche dich dazu. Doch die Unschuld sollte dich nicht ungerecht machen; genug, wenn sie dich unwissend erhält. Zu der Unsterblichkeit, die man Herrn von Séez verliehen hat, ist weder ein Bossuet noch ein Belzunce gelangt; sie ist nicht ins Herz der erstaunten Völker geschrieben, sondern in eine große Liste eingetragen, und du begreifst wohl, daß diese papierenen Lorbeeren nicht so viel wert sind wie die auf Heldenköpfen. Wenn unter den vierzig Unsterblichen mehr Männer von Höflichkeit als Genie sitzen – was kann es schaden? In der Akademie herrscht die Mittelmäßigkeit. Wo herrschte sie nicht? Siehst du sie weniger mächtig in den Parlamenten oder im Kronrate, wo sie sicherlich weniger am Platze wäre? Muß man denn ein Ausnahmemensch sein, um an einem Wörterbuche zu arbeiten, das den Sprachgebrauch regeln will und ihm nicht einmal zu folgen vermag? Die Akademie ward, wie du weißt, begründet, um den schönen Stil der Rede festzulegen und die Sprache von allen veralteten und volkstümlichen Schlacken zu säubern, damit kein neuer Rabelais und Montaigne erstünde, der ganz nach Pöbel, Schulfuchserei und Provinz stinkt. Zu diesem Zweck vereinigte man Edelleute, die den guten Sprachgebrauch kannten, und Schriftsteller, denen daran lag, ihn kennen zu lernen. Es stand zu befürchten, daß die Akademie die französische Sprache tyrannisch reformieren würde. Doch bald merkte man, daß diese Befürchtung eitel war und daß die Akademiker dem Sprachgebrauch folgten, statt ihn zu diktieren. Trotz ihres Verbotes sagt man nach wie vor: ›Ich schließe meine Tür Die Akademie verwarf diese Redensart tatsächlich. Siehe Saint-Evremont: »Der Sprachgebrauch ist mächtig, doch nicht immer Genau. So sagt man falsch: »Ich schließe meine Tür.« Um nicht zu frieren, mache man hinfür Die Türe zu , doch schließe man das Zimmer .« ‹. Die Akademie beschränkte sich bald darauf, die Fortschritte des Sprachgebrauches in einem dicken Wörterbuche festzulegen. Das ist die einzige Beschäftigung der Unsterblichen. Haben sie diese vollbracht, so haben sie reichlich Muße, sich miteinander zu ergötzen. Dazu aber bedürfen sie witziger, gewandter, anmutiger Gefährten, liebenswürdiger, verständiger, weltmännischer Kollegen. Bei starken Talenten sind diese Eigenschaften nicht immer zu finden. Das Genie ist oft ungesellig. Ein Ausnahmemensch ist selten ein Gesellschaftsmensch. Die Akademie hat einen Pascal und Descartes übergangen. Wer will behaupten, sie hätte ebensogut Herrn Godeau und Herrn Conrart oder irgendeinen andren von schmiegsamem, geselligem und klugem Geist übergehen können?« »Ach!« seufzte ich, »so ist sie denn kein Senat göttergleicher Menschen, kein Konzil von Unsterblichen, kein erhabener Areopag der Poesie und Beredsamkeit?« »Nein, mein Sohn. Sie ist eine Gesellschaft, die sich der Höflichkeit befleißigt; und dadurch steht sie in großem Rufe bei den fremden Völkern, insbesondere bei den Moskowitern. Du hast keine Ahnung, mein Sohn, wie die französische Akademie von den deutschen Baronen, den Obersten des russischen Heeres und den englischen Lords bewundert wird. Diese Ausländer schätzen nichts so sehr wie unsre Akademiker und unsre Balletteusen. Ich kannte eine sarmatische Fürstin von großer Schönheit, die bei ihrer Ankunft in Paris mit Ungeduld auf einen beliebigen Akademiker fahndete, um ihm ihre Scham zu opfern.« »Wenn es so ist,« rief ich aus, »wie können die Akademiker ihren guten Ruf dann bei Neuwahlen aufs Spiel setzen und Mißgriffe tun, die hier allgemein gerügt werden?« »Holla, Tournebroche, mein Sohn!« rief mein guter Lehrer, »schimpfen wir nicht auf die Mißgriffe bei den Wahlen. Zunächst muß man, wie bei allen menschlichen Dingen, dem Zufall seinen Anteil lassen, denn er ist im ganzen genommen der Anteil Gottes auf Erden und der einzige, durch den sich die göttliche Vorsehung auf Erden deutlich kundgibt. Denn du begreifst wohl, mein Sohn: was man so die Launen des Schicksals nennt, das ist in Wahrheit nichts andres als die Rache der göttlichen Weisheit an den Plänen der falschen Weisen, mit denen sie ihr Spiel treibt. Zweitens geziemt es sich bei allen Gesellschaften, der Laune und Phantasie einige Zugeständnisse zu machen. Eine durchaus vernünftige Gesellschaft wäre durchaus unerträglich; sie würde unter der kalten Herrschaft der Gerechtigkeit dahinwelken. Sie würde sich weder für mächtig noch selbst für frei halten, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit den köstliehen Genuß hätte, der Vernunft und der öffentlichen Meinung ins Gesicht zu schlagen. Es ist die Lieblingssünde der Mächtigen dieser Welt, wunderlichen Launen zu fröhnen. Warum sollte die Akademie keine Schrullen haben, wie der Großtürke oder die hübschen Damen? Viele gegensätzliche Leidenschaften vereinigen sich zu diesen Mißgriffen bei den Wahlen, über die sich schlichte Gemüter ereifern. Es ist eine Kurzweil für ehrbare Leute, einen Unglücklichen am Wickel zu kriegen und ihn zum Akademiker zu machen. Ebenso erhebt der Gott des Psalmisten den Armen von seinem Misthaufen. Erigens de stercore pauperum, ut collocet eum cum principibus, cum principibus populi sui . Derartige Streiche verblüffen die Völker, und die, welche sie treffen, müssen sich im Besitz einer geheimnisvollen, furchtbaren Macht wähnen. Und welche Freude liegt darin, den Armen im Geiste von seinem Misthaufen zu erheben, während man irgendeinen Despoten im Reiche des Geistes im Dunkeln läßt! Das heißt, in einem Zuge eine seltene und köstliche Mischung von befriedigtem Mitleid und gesättigtem Neid trinken. Das heißt, mit allen Sinnen genießen und den ganzen Menschen befriedigen. Und du willst, daß die Akademiker der Süße eines solchen Trankes widerstehen! Überdies mußt du bedenken, daß die Akademiker, indem sie sich diese raffinierte Wollust bereiten, in ihrem eigensten Vorteil handeln. Eine Gesellschaft aus lauter großen Männern wäre wenig zahlreich und dürfte trübsinnig ausfallen. Die großen Männer können einander nicht riechen, und sie sind durchaus nicht geistreich. Es ist gut, ihnen kleine Geister beizugesellen. Das macht ihnen Spaß. Die kleinen profitieren von der Nachbarschaft, die großen vom Vergleich; so kommen beide Teile auf ihre Rechnung. Bewundernswert ist es, mit wie sichrem Spiel, durch welchen scharfsinnigen Mechanismus die französische Akademie manchen ihrer Mitglieder die Bedeutung verleiht, die sie den andren entlehnt. Sie ist ein System von Sonnen und Planeten, in dem jedes Gestirn durch eignen oder fremden Glanz leuchtet. Genug. Die Mißgriffe bei der Wahl sind eine Daseinsbedingung dieser erlauchten Körperschaft. Fiele sie bei ihren Wahlen nie in Schwächen und Irrtümer, gäbe sie sich nicht bisweilen den Anschein, aufs Geratewohl zu wählen, so machte sie sich so verhaßt, daß sie nicht mehr existieren könnte. Sie stände in der Gelehrten-Republik wie ein Gerichtshof inmitten von Verurteilten. Wäre sie unfehlbar, so wäre sie hassenswert. Welche Kränkung für die Übergangenen, wenn die Erwählten stets die Trefflichsten wären! Richelieus Tochter Die Akademie wurde von Richelieu gegründet. D. Übers. muß sich etwas leichtfertig zeigen, sonst erschiene sie zu anmaßlich. Daß sie Launen hat, ist ihre Rettung. Ihre Ungerechtigkeit entsühnt sie, und weil wir wissen, daß sie launisch ist, so kann sie uns übergehen, ohne uns zu verletzen. Es ist für sie manchmal so vorteilhaft, einen Mißgriff zu tun, daß ich trotz des Augenscheins zu dem Glauben neige, daß sie ihn absichtlich tut. Sie macht bewundernswerte Kunststücke, um die Eigenliebe der Übergangenen zu schonen, und manche ihrer Wahlen entwaffnen den Neid. In ihren scheinbaren Fehlern muß man ihre wirkliche Weisheit bewundern.« Die Empörer An jenem Tage machten wir, mein teurer Lehrer und ich, unsern gewohnten Besuch im Buchladen »Zur heiligen Katharina«, wo wir den berühmten Mister Rockstrong trafen. Er stand oben auf einer Leiter und zog Bücher, auf die er begierig war, aus den Regalen. Denn bekanntlich macht er sich in seinem bewegten Leben das Vergnügen, kostbare Druckwerke und schöne Stiche zu sammeln. Vom englischen Parlament zu lebenslänglichem Kerker verurteilt, weil er am Anschlag von Monmouth teilgenommen »Ich finde diesen Mister Rockstrong in den Memoiren über den Anschlag von Monmouth nirgends erwähnt«, setzt Anatole France als Fußnote hinzu. Mit andern Worten, er ist seine freie Erfindung. – Der Herzog von Monmouth (1649 bis 1685), ein natürlicher Sohn Karls II. von England, erhob als Gegner Jakobs II. Anspruch auf die Thronfolge von England, landete 1685 mit Emigranten in England, wurde gefangen genommen und enthauptet. – D. Übers. , wohnt er in Frankreich, von wo er ununterbrochen Aufsätze an die Zeitungen seines Vaterlands schickt. Mein teurer Lehrer, der Herr Abbé Coignard, ließ sich nach seiner Gewohnheit auf einen Schemel sinken; dann erhob er die Augen zu der Leiter, auf der Mister Rockstrong sich mit der eichkätzchenhaften Behendigkeit regte, die er bis in sein vorgerücktes Alter bewahrt hat. »Gott sei Dank!« sprach er, »ich sehe, Herr Rebell, daß es Ihnen gut geht und daß Sie immer noch jung sind.« Mister Rockstrong blickte meinen teuren Lehrer mit Glutaugen an, die in einem galligen Gesicht glänzten. »Warum, dicker Abbé,« fragte er, »nennen Sie mich Rebell?« »Ich nenne Sie Rebell, Herr Rockstrong, weil Sie keinen Erfolg hatten. Rebell ist man, wenn man unterliegt. Die Sieger sind nie Rebellen.« »Abbé, Sie reden mit widerlichem Zynismus.« »Sehen Sie sich vor, Herr Rockstrong, dieser Grundsatz stammt nicht von mir, sondern von einem sehr großen Manne. Ich fand ihn in den Schriften von Julius Cäsar Scaliger.« »Nun, das sind schändliche Schriften, Abbé; und dieses Wort ist ruchlos. Unser Mißerfolg kam von der Unschlüssigkeit unsres Führers und seiner Schlaffheit, die er mit dem Tode bezahlte. Er ändert nichts an der Güte unsrer Sache. Und Ehrenmänner, die von Schuften besiegt werden, bleiben Ehrenmänner.« »Herr Rockstrong, es ist mir peinlich, daß Sie in politischen Geschäften von Ehrenmännern und von Schuften reden. Diese einfachen Ausdrücke reichen vielleicht hin, um die gute und die böse Partei bei den Kämpfen der Engel zu bezeichnen, die im Himmel stattfanden und die Ihr Landsmann Milton mit außerordentlicher Barbarei besungen hat. Doch auf diesem Erdenball sind die Lager nicht im entferntesten so scharf geteilt, daß man das Heer der Guten vom Heer der Bösen ohne Vorurteil noch Beschönigung scheiden könnte, ja nicht einmal die Seite, auf der das Recht und das Unrecht steht. Somit kann es nicht anders sein, als daß der Erfolg der einzige Richter über die Güte einer Sache ist. Ich erzürne Sie, Herr Rockstrong, indem ich sage, daß man Rebell ist, wenn man unterliegt. Trotzdem duldeten Sie die Rebellion nicht, als Sie selbst zur Macht aufstiegen.« »Abbé, Sie wissen nicht, was Sie sagen. Ich habe mich stets beeilt, auf die Seite der Unterlegenen zu treten.« »Allerdings, Herr Rockstrong, sind Sie ein geborener und beständiger Feind des Staates, verhärtet in Ihrer Feindseligkeit durch die Kraft Ihres Geistes, der an Trümmern Gefallen hat und gern zerstört.« »Abbé, machen Sie mir ein Verbrechen daraus?« »Herr Rockstrong, wäre ich ein Staatsmann und Fürstenfreund nach Art des Herrn Roman, so hielte ich Sie für einen illustren Verbrecher. Doch ich bekenne die Religion der Politiker nicht so inbrünstig, daß mich der Glanz Ihrer Schandtaten und Anschläge sehr erschreckt, welche mehr Lärm als Böses hervorrufen.« »Abbé, Sie sind unsittlich.« »Tadeln Sie mich dafür nicht zu hart, Herr Rockstrong, wenn anders man nur um diesen Preis nachsichtig sein kann.« »Mir liegt wenig an einer Nachsicht, dicker Abbé, die Sie zwischen mir, dem Opfer, und den Frevlern des Parlaments teilen, die mich mit empörender Ungerechtigkeit verurteilten.« »Sie sind scherzhaft, Herr Rockstrong, von der Ungerechtigkeit der Lords zu sprechen!« »Schreit sie nicht gen Himmel?« »Allerdings, Herr Rockstrong, wurden Sie auf eine lächerliche Anklage des Lordkanzlers hin verurteilt, wegen einer Reihe von Pamphleten, deren keines, für sich genommen, unter die englischen Gesetze fiel. Allerdings wurden Sie in einem Lande, wo man alles schreiben kann, für ein paar witzige Schriften verurteilt; allerdings wurden Sie in ungewohnten und eigentümlichen Formen bestraft, deren majestätische Heuchelei umsonst die Unmöglichkeit zu verdecken suchte, Sie mit gesetzlichen Waffen zu treffen; allerdings hatten die Milords, die Sie verurteilten, ein Interesse an Ihrem Sturze, denn Monmouths und Ihr Erfolg hätte sie unweigerlich von ihren Stühlen gestoßen. Allerdings war Ihr Untergang eine beschlossene Sache im Kronrat; allerdings entgingen Sie durch die Flucht einem, wenn auch mäßigen, so doch peinlichen Martyrium. Denn lebenslänglicher Kerker ist eine Pein, selbst wenn man vernünftigerweise hoffen kann, ihm bald zu entrinnen. Doch in alledem liegt weder Recht noch Unrecht. Sie wurden aus Staatsrücksichten verurteilt, was äußerst ehrenhaft ist. Mehr als einer der Lords, die über Sie zu Gericht saßen, hat vor zwanzig Jahren selbst konspiriert. Ihr Verbrechen bestand darin, den Machthabern Angst einzuflößen, und das ist etwas Unverzeihliches. Die Minister und ihre Freunde berufen sich auf das Staatswohl, wenn ihr Glück und ihr Amt bedroht ist. Und sie halten sich gern für unentbehrlich zur Erhaltung der Staaten, denn sie haben zumeist selbst ein Interesse daran, und nicht nur ein philosophisches. Deswegen sind sie noch keine Schurken. Sie sind Menschen, und das genügt, um ihre klägliche Mittelmäßigkeit, ihre Einfalt und ihren Geiz zu erklären. Doch wen stellten Sie ihnen entgegen, Herr Rockstrong? Andre Menschen, gleich mittelmäßig und noch habgieriger, weil noch hungriger. Das Volk von London hätte sie ertragen, wie es jene ertrug. Es wartete Ihren Sieg oder Untergang ab, worin es eine seltsame Klugheit bewies. Das Volk weiß Bescheid, wenn es meint, daß es beim Wechsel seiner Herren nichts zu gewinnen noch zu verlieren hat.« Also sprach der Abbé Coignard, und Mister Rockstrong stand mit glühendem Gesicht, brennenden Augen und flammender Perücke oben auf seiner Leiter und rief mit großen Gebärden herab: »Abbé, ich begreife die Diebe und alle Sorten von Schuften im Parlament und in der Staatskanzlei. Doch ich verstehe Sie nicht, Sie, der ohne sichtliches Interesse, aus reiner Bosheit, Grundsätze verficht, die jene nur zu ihrem Vorteil bekennen. Sie müssen boshafter sein als jene, denn Sie sind dabei selbstlos. Sie übersteigen meinen Verstand.« »Das beweist, daß ich Philosoph bin,« antwortete mein teurer Lehrer sanft. »Es liegt in der Natur der wahren Weisen, die übrige Menschheit zu empören. Anaxogoras ist ein berühmtes Beispiel dafür. Von Sokrates rede ich nicht, denn er war nur ein Sophist. Doch wir sehen, daß zu jeder Zeit und in allen Landen das Denken der beschaulichen Seelen Ärgernis erregte. Sie halten sich, Herr Rockstrong, für sehr verschieden von Ihren Feinden und für ebenso liebenswert, als jene hassenswert sind. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß dies lediglich die Folge Ihres Hochmutes und Ihres stolzen Sinnes ist. In Wahrheit teilen Sie mit denen, die Sie verurteilt haben, alle menschlichen Schwächen und Leidenschaften. Wenn Sie rechtschaffener sind als viele unter ihnen und einen Geist von unvergleichlicher Lebhaftigkeit besitzen, so sind Sie dafür in einer Weise von Haß und Zwietracht beseelt, die Sie in einem Kulturstaat sehr unbequem macht. Der Stand des Zeitungsschreibers, in dem Sie hervorragen, hat die wunderbare Parteilichkeit Ihres Geistes bis zur höchsten Vollendung gedeihen lassen, und als Opfer der Ungerechtigkeit sind Sie doch kein Gerechter. Was ich da sage, entzweit mich sowohl mit Ihnen wie mit Ihren Feinden, und ich bin gewiß, daß ich vom Pfründenbischof nie eine fette Sinekure bekommen werde. Doch ich schätze die Freiheit des Denkens höher als eine gute Abtei oder ein großes Priorat. Ich habe schließlich alle Welt geärgert, aber mein Herz befriedigt und ich werde ruhig sterben.« »Abbé,« erwiderte Mister Rockstrong halb lachend, »ich vergebe Ihnen, da ich Sie für etwas verrückt halte. Sie machen keinen Unterschied zwischen Ehrenmännern und Schurken und Sie ziehen einen freien Staat nicht einer despotischen und pflichtvergessenen Regierung vor. Sie sind ein Narr von besondrer Art.« »Herr Rockstrong,« sagte mein teurer Lehrer, »wir wollen gehen und einen Krug Wein im ,Bac- chusknaben' leeren. Beim Bechern werde ich Ihnen erklären, warum ich gegen die Regierungsform ganz gleichgültig bin und aus welchen Gründen ich mich nicht darum bemühe, den Herrn zu wechseln.« »Gern,« sprach Mister Rockstrong; »ich bin begierig, mit einem so argen Klugredner zu zechen.« Damit sprang er behend von der Leiter herab, und wir gingen alle drei ins Wirtshaus. Die Staatsstreiche Mister Rockstrong grollte meinem teuren Lehrer nicht länger für seine Aufrichtigkeit, denn er war ein Mann von Verstand. Als der Wirt vom »Bacchusknaben« einen Krug Wein hereingebracht hatte, erhob der Pamphletist seinen Becher auf die Gesundheit des Herrn Abbé Coignard und nannte ihn mit äußerst jovialer Miene einen Schuft und Banditenfreund, eine Stütze der Tyrannei und einen alten Hundsfott. Mein teurer Lehrer erwiderte diese Höflichkeit freundlich und beglückwünschte sich dazu, daß er auf das Wohl eines Mannes tränke, den nie ein Hauch von Philosophie berührt habe. »Was mich betrifft,« fuhr er fort, »so merke ich wohl, daß mein Geist durch Nachdenken total verdorben ist. Und da es nicht in der menschlichen Natur liegt, etwas tiefer zu denken, so bekenne ich, daß mein Hang zum Nachsinnen eine wunderliche und höchst unbequeme Schrulle ist. Er macht mich erstlich ungeeignet zu allen Unternehmungen; denn man handelt nur mit beschränkten Ansichten und engen Gedanken. Sie würden sogar erstaunen, Herr Rockstrong, wenn Sie sich der armseligen Einfalt der Genies bewußt würden, welche die Welt bewegt haben. Die Eroberer und Staatsmänner, die das Antlitz der Erde veränderten, haben über das Wesen derer, die sie so hart anfaßten, nie nachgedacht. Sie schlossen sich völlig in die Enge ihrer großen Pläne ein, und die Weisesten faßten nur sehr wenige Gegenstände zugleich ins Auge. So wie Sie mich sehen, Herr Rockstrong, wäre es mir unmöglich, die Eroberung Indiens zu betreiben, wie Alexander, noch ein Reich zu gründen und zu regieren, noch ganz allgemein mich in eine der gewaltigen Unternehmungen zu stürzen, die den Stolz einer ungestümen Seele reizen. Das Nachdenken würde mich schon bei den ersten Schritten daran hindern, und bei jeder meiner Bewegungen würde ich Gründe zum Haltmachen entdecken.« Dann wandte mein teurer Lehrer sich zu mir und sagte seufzend: »Das Denken ist eine große Schwäche. Gott beschütze dich davor, Tournebroche, mein Sohn, wie er seine größten Heiligen davor bewahrt hat und die Seelen, die er mit seltsamer Vorliebe für die ewige Seligkeit bestimmt. Die, welche wenig oder gar nicht denken, erledigen ihre Geschäfte in dieser und in jener Welt gleich gut, wohingegen den Nachdenklichen unablässig ewiges und zeitliches Verderben droht. Soviel Bosheit liegt im Denken! Erwäge schaudernd, mein Sohn, daß die Schlange im Paradiese der älteste der Philosophen und ihr ewiger Fürst ist!« Der Herr Abbé Coignard trank einen starken Schluck Wein und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Daher habe ich auch zu meinem Heile mein Denken wenigstens an einem Gegenstande nicht geübt. Ich habe meine Vernunft nicht an den Wahrheiten des Glaubens erprobt. Leider habe ich über die Taten der Menschen und die Sitten der Staaten nachgesonnen; darum bin ich nicht mehr würdig, eine Insel zu regieren wie Sancho Pansa.« »Das ist auch sehr segensreich,« erwiderte Mister Rockstrong lachend, »denn Ihre Insel würde ein Schlupfwinkel für Banditen und Gauner sein, wo die Frevler die Unschuldigen verurteilten, wenn solche zufällig vorhanden wären.« »Das glaube ich, Herr Rockstrong,« erwiderte mein teurer Lehrer, »das glaube ich. Wenn ich eine andere Insel von Barataria zu verwalten hätte; so würden die Sitten dort wahrscheinlich so sein, wie Sie sagen. Sie haben da mit einem Zuge alle Reiche der Welt geschildert. Ich fühle, das meine würde nicht besser sein als die andern. Ich hege keine Illusionen über die Menschen; und um sie nicht zu hassen, verachte ich sie. Herr Rockstrong, ich verachte sie mit Zärtlichkeit. Doch sie wissen mir dafür keinen Dank. Man ärgert sie, wenn man ihnen das sanfteste, nachsichtigste, barmherzigste, anmutigste und menschlichste Gefühl zeigt, das sie einflößen können: die Mißachtung. Trotzdem wäre die gegenseitige Mißachtung der Friede auf Erden; und wenn die Menschen sich untereinander ehrlich verachteten, so täten sie sich nichts Böses mehr an und lebten in holder Eintracht. Alle Übel der zivilisierten Gesellschaften stammen daher, daß die Bürger sich übermäßig achten und daß sie die Ehre als etwas Ungeheures über das Elend des Fleisches und Geistes erheben. Dieses Gefühl macht sie stolz und grausam, und ich verabscheue den Hochmut, der sich und andre ehren will, als ob irgendwer von Adams Geschlecht Ehre verdiente! Ein Tier, das ißt und trinkt (geben Sie mir zu trinken!) und liebt, ist erbarmenswürdig; vielleicht ist es interessant, bisweilen sogar erfreulich. Ehrenwert ist es nur durch das widersinnigste und wüsteste Vorurteil. Dieses Vorurteil ist die Quelle aller Übel, an denen wir leiden. Es ist eine abscheuliche Art von Abgötterei, und um den Menschen ein sanfteres Dasein zu sichern, müßte man damit anfangen, daß man sie zu ihrer natürlichen Demut zurückführt. Sie werden glücklich sein, wenn sie, zum wahren Gefühl ihrer Stellung zurückgeführt, einander verachten, ohne daß irgendwer sich von dieser trefflichen Verachtung ausnähme.« Mister Rockstrong zuckte die Achseln. »Mein dicker Abbé,« sprach er, »Sie sind ein Schwein.« »Sie schmeicheln mir,« antwortete mein teurer Lehrer; »ich bin nur ein Mensch, und ich spüre in mir selbst die Keime dieses bittren Hochmuts, den ich verabscheue, und dieses Stolzes, der das Menschengeschlecht zu Kriegen und Zweikämpfen treibt. Es gibt Augenblicke, Herr Rockstrong, wo ich mir für meine Meinungen die Gurgel durchschneiden ließe, und das wäre eine große Narrheit. Denn schließlich: wer beweist mir, daß ich besser schlußfolgere als Sie, der äußerst schlecht schlußfolgert? Geben Sie mir zu trinken!« Mister Rockstrong füllte den Becher meines teuren Lehrers in zuvorkommender Weise. »Abbé,« sagte er zu ihm, »Sie sind von Sinnen, doch ich liebe Sie, und ich möchte gern wissen, was sie an meinem öffentlichen Auftreten tadeln und warum Sie gegen mich die Partei der Tyrannen, der Fälscher, Diebe und pflichtvergessenen Richter ergreifen.« »Herr Rockstrong,« antwortete mein teurer Lehrer, »gestatten Sie zunächst, daß ich über Sie, Ihre Freunde und Feinde, mit milder Gleichgültigkeit jenes holde Gefühl ausgieße, das allein den Zwistigkeiten ein Ende setzt und Beruhigung gibt. Gestatten Sie, daß ich weder die einen noch die andern hoch genug schätze, um sie der Rache der Gesetze zu empfehlen und Strafen auf ihr Haupt herabzurufen. Die Menschen sind, was sie auch tun mögen, höchst unschuldig; und ich überlasse dem Lordkanzler, der Sie verurteilen ließ, die schönen Reden frei nach Cicero über die Staatsverbrechen. Ich habe wenig Geschmack an den Catilinariern, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Ich bin nur betrübt, einen Mann wie Sie damit beschäftigt zu sehen, die Regierungsform zu ändern. Es ist dies der leichtfertigste und eitelste Gebrauch, den man von seinem Geiste machen kann; und die Machthaber zu bekämpfen, ist nur eine Albernheit, wofern es nicht ein Mittel, zu leben und Karriere zu machen, ist. Schenken Sie mir ein! Bedenken Sie, Herr Rockstrong, daß die plötzlichen Staatsumwälzungen, die Sie vorhaben, bloße Vertauschungen von Menschen sind, und daß die Menschen, im ganzen betrachtet, alle gleich sind, ebenso mittelmäßig im Guten wie im Bösen. Wenn Sie also zwei- bis dreihundert Minister, Provinz-Gouverneure, Intendanturbeamte und Oberpräsidenten durch zwei- oder dreihundert andre ersetzen, so heißt das soviel wie nichts tun und nur Philipp und Barnabas an Stelle von Paul und Xavier setzen. Was aber die Änderung der Lebenslage, der einzelnen Menschen betrifft, die Sie erhoffen, so ist das ganz unmöglich; denn diese Lage hängt nicht von den Ministern ab, die nichts sind, sondern von der Erde und ihren Früchten, vom Gewerbefleiß und Handel, von den Reichtümern, die im Staat aufgehäuft sind, vom Geschick der Bürger in Handel und Wandel – lauter Dingen, die weder vom Fürsten noch von den Beamten der Krone abhängen.« Mister Rockstrong unterbrach meinen teuren Lehrer heftig. »Wer erkennt nicht, mein dicker Abbé,« rief er aus, »daß die Lage von Handel und Gewerbefleiß von der Regierung abhängt und daß nur unter einer freien Regierung die Finanzen gut sind!« »Die Freiheit,« erwiderte der Herr Abbé Coignard, »ist nur eine Folge des Wohlstandes der Bürger, die sich frei machen, sobald sie mächtig genug sind, um frei zu sein. Die Völker nehmen sich soviel Freiheit wie sie brauchen, oder besser gesagt: sie fordern gebieterisch Institutionen als Anerkennung und Gewähr für die Rechte, die sie durch ihren Gewerbefleiß errungen haben. Alle Freiheit kommt von ihnen und ihren eignen Bewegungen. Ihre unwillkürlichsten Gebärden erweitern die Form des Staates, die sich über ihnen bildet. Zur Zeit des Herrn Abbé Coignard hielten die Franzosen sich bereits für frei: Im Jahre 1670 schrieb Herr von Alquié: »Drei Dinge machen einen Menschen auf Erden glücklich, das sind: die Sanftmut der Unterhaltung, die schmackhaften Speisen und die ganze und völlige Freiheit. Wir haben gesehen, wie unser erhabenes Königreich die beiden ersten völlig befriedigt hat; also daß jetzt nur noch zu zeigen bleibt, daß die dritte ihm nicht mangelt und daß die Freiheit darin nicht minder herrscht als die beiden genannten Vorzüge. Die Sache wird euch zunächst wahrhaftig scheinen, wenn ihr den Namen unsres Staates, den Anlaß seiner Gründung und seinen Brauch aufmerksam betrachtet; denn erstlich bemerkt man, daß der Name Frankreich nichts andres bedeutet als Freiheit und Unabhängigkeit; also wollten es die Gründer dieser Monarchie, welche, mit einer edlen und hochherzigen Seele begabt, weder Sklaverei noch die geringste Knechtschaft leiden konnten und sich also entschlossen, das Joch jeglicher Gefangenschaft abzuschütteln und so frei zu sein, wie die Menschen es sein können: darum kamen sie nach Gallien, welches ein Land war, dessen Völker nicht weniger kriegerisch, noch weniger eifersüchtig auf ihre Freiheit waren, als sie es vermochten. Was den zweiten Punkt betrifft, so wissen wir, daß sie, abgesehen von den sonstigen Neigungen und Absichten, die sie bei der Gründung dieses Staates hatten, stets Herren ihrer Selbst zu bleiben wünschten; denn sie gaben ihren Herrschern Gesetze, die deren Macht begrenzten und ihnen ihre Privilegien erhielten: also daß sie, wenn man sie ihnen nehmen will, wütend werden und so geschwind zu den Waffen greifen, daß nichts sie zurückhalten kann, wenn es sich um diesen Punkt handelt. Drittens sage ich, daß Frankreich die Freiheit so sehr liebt, daß es keinen Sklaven duldet, also daß die Türken und Mohren, noch gar die christlichen Völker nie Eisen tragen noch in Ketten gehen dürfen, so lange sie in diesem Lande weilen. Daher geschieht es auch, daß Sklaven, wenn sie in Frankreich sind, noch nicht den Fuß an Land gesetzt haben und schon voller Freude ausrufen: Es lebe Frankreich mit seiner holden Freiheit!« (»Les Délices de la France«, par François Savinien d'Alquié, Amsterdam, 1670; Kapitel 16, betitelt: »Frankreich ist ein Land der Freiheit für alle möglichen Personen,« S. 245 f.) Man kann also sagen: so verabscheuungswürdig die Tyrannei ist, so gibt es doch nur notwendige Tyrannei, und die despotischen Regierungen sind nur die enge Hülle eines blöden und allzu schmächtigen Körpers. Und wer sähe nicht, daß die äußeren Regierungsformen wie die Haut sind, die die Struktur eines Tieres offenbart, ohne deren Ursache zu sein? Sie halten sich an die Haut, ohne sich um die Eingeweide zu kümmern. Und darin zeigen Sie, Herr Rockstrong, wenig angeborene Philosophie.« »Also Sie machen keinen Unterschied zwischen einem freien Staate und einer tyrannischen Regierung, und das alles ist für Sie, dicker Abbé, nur das Fell des Tieres? Und Sie sehen gar nicht, daß die Ausgaben des Herrschers und die Räubereien der Minister die Auflagen erhöhen und so den Ackerbau zugrunde richten und den Handel erschöpfen können?« »Herr Rockstrong, für ein Land ist in einem bestimmten Zeitalter nur eine bestimmte Regierungsform möglich, wie ein Tier zu gleicher Zeit nur ein einziges Fell haben kann. Woraus sich ergibt, daß man der Zeit, welche ein galantes Frauenzimmer ist, die Sorge überlassen muß, die Staaten umzuwandeln und die Gesetze zu erneuern. Sie arbeitet daran mit unermüdlicher und milder Langsamkeit«. Herr Hugues Rebell hat in der »Ermitage« (April 1893) ganz ähnliche Gedanken entwickelt, deren Autorschaft ich hier in Anspruch nehmen möchte. Sie entstammen zwar nicht den »Meinungen des Herrn Abbé Coignard«, wohl aber einigen andern Schriften aus dem gleichen Gedankenkreise. Ein paar davon seien hier wiedergegeben: Die Organisation einer Gesellschaft hängt nicht von dem Einzelwillen ab, sondern vom Willen der Natur oder einfacher: von der Summe der intelligenten Minderheiten, die diese Gesellschaft bilden und die notwendig die angenehmste Lebensform wählen. Die Menschen einer Epoche, die den gleichen Organismus und die gleichen Leidenschaften haben, wie die Menschen einer andren Epoche, können nicht völlig verschiedene Institutionen haben. Daraus folgt, daß eine politische Revolution nur eine Kreisbewegung des Volkes um seine alten Gewohnheiten ist, um zu seinem Ausgangspunkte zurückzukehren; sie ist also eine Krankheit, eine Unterbrechung der Entwicklung der Menschheit. Aus diesen Gesetzen ergibt sich auch, daß alle Gesellschaften in gleicher Weise leben und sterben. »Und Sie glauben nicht, mein dicker Abbé, daß man dem Greise, der mit der Sichel bewehrt auf den Uhrgehäusen sitzt, nachhelfen müsse? Sie meinen nicht, daß eine Revolution wie die englische oder niederländische für den Zustand der Völker etwas bedeutet? Nein? Sie verdienten, alter Tor, daß man Ihnen eine Narrenkappe aufsetzte!« »Die Revolutionen«, erwiderte mein teurer Lehrer, »finden statt, um die erworbenen Güter zu erhalten, und nicht, um neue zu gewinnen. Es ist der Wahnsinn der Völker und der Ihre, Herr Rockstrong, auf den Sturz eines Fürsten gewaltige Hoffnungen zu setzen. Die Völker sichern sich von Zeit zu Zeit durch Aufstände ihre bedrohten Freiheiten. Sie erwerben sich auf diesem Wege aber niemals neue Freiheiten. Doch sie entschädigen sich durch Worte. Es ist bemerkenswert, Herr Rockstrong, daß die Menschen sich gerne für sinnlose Worte umbringen lassen. Schon Ajax hat diese Wahrnehmung gemacht. ›In meiner Jugend‹, läßt der Dichter ihn sprechen, ›glaubte ich, daß die Tat mächtiger sei als das Wort. Doch heute sehe ich, daß das Wort stärker ist.‹ Also sprach Ajax, des Oileus Sohn. Herr Rockstrong, ich habe großen Durst!« Die Historie Herr Roman legte ein halbes Dutzend Bände auf den Ladentisch. »Ich bitte Sie, Herr Blaizot,« sagte er zu dem Buchhändler, »mir diese Bücher zuzuschicken. Es sind unter andern »Mutter und Sohn«, die »Memoiren des französischen Hofes« und das »Testament Richelieus«. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die historischen Neuerscheinungen, die Sie bekommen, hinzufügen wollten, besonders alles über Frankreich seit dem Tode Heinrichs IV. Auf solche Werke bin ich äußerst begierig.« »Sie haben recht,« sagte mein teurer Lehrer. »Die Geschichtsbücher sind voll von Kleinigkeiten, die zur Zerstreuung eines Ehrenmannes ausgezeichnet sind; und man kann sicher sein, eine Unmenge angenehmer Erzählungen darin zu finden.« »Herr Abbé,« antwortete Herr Roman, »was ich bei den Historikern suche, ist keine leichtfertige Zerstreuung, sondern ernstes Studium; und ich bin in Verzweiflung, wenn ich die Wahrheit mit Irrtum vermischt finde. Ich studiere die menschlichen Handlungen in Hinsicht auf die Leitung der Völker und suche in der Geschichte nach Regeln für die Regierung.« »Das ist mir wohl bewußt, mein Herr,« erwiderte mein teurer Lehrer. »Ihre Abhandlung über die Monarchie ist bekannt genug, daß man weiß, daß Sie Ihre Politik aus der Geschichte genommen haben.« »Ja,« sagte Herr Roman, »ich habe als Erster den Fürsten und den Ministern Grundlinien gezogen, die sie nicht ohne Gefahr übertreten dürfen.« »Deshalb auch sieht man Sie, mein Herr, auf dem Titelblatt Ihres Buches in Gestalt der Minerva, wie Sie einem jugendlichen König den Spiegel vorhalten, den Ihnen die Muse Clio, über Ihrem Haupte schwebend, darreicht, und dies in einem mit Büsten und Gemälden geschmückten Arbeitszimmer. Doch gestatten Sie, mein Herr, daß ich Ihnen sage: diese Muse ist eine Lügnerin und sie reicht Ihnen einen trügerischen Spiegel. Es gibt wenig Wahrheiten in der Geschichte; und die einzigen Tatsachen, in denen man übereinstimmt, sind die, welche aus einer einzigen Quelle stammen. Die Historiker widersprechen sich jedesmal, wenn sie sich begegnen. Mehr noch! Wir sehen, daß Flavius Josephus, der dieselben Ereignisse in seinen ›Antiquitäten‹ und in seinem ›jüdischen Krieg« berichtet, sie in beiden Werken verschieden darstellt. Titus Livius ist nur ein Sammler von Fabeln; und Tacitus, Ihr Orakel, macht mir ganz den Eindruck eines starken Lügners, der sich mit ernster Miene über die Welt lustig macht. Thukydides, Polybius und Guicciardini achte ich ziemlich hoch. Was unsern Mezeray betrifft, so weiß er nicht, was er sagt, desgleichen Villaret und der Abbé Vely. Doch ich gehe mit den Geschichtsschreibern ins Gericht und ich muß es mit der Geschichte selbst tun. Was ist die Geschichte? Eine Sammlung von moralischen Erzählungen oder vielmehr ein beredter Mischmasch von Erzählungen und Reden, je nachdem der Historiker Redner oder Philosoph ist. Man kann schöne Proben von Beredsamkeit darin finden, aber man soll keine Wahrheit darin suchen; denn die Wahrheit hat die notwendigen Beziehungen zwischen den Dingen aufzuzeigen; und der Historiker kann diese Beziehungen nicht aufdecken, weil er die Kette der Ursachen und Wirkungen nicht verfolgen kann. Bedenken Sie, daß jedesmal, wo die Ursache eines historischen Faktums in einem nichthistorischen Faktum liegt, die Geschichte nicht wahrnehmbar ist. Und da die historischen Fakta eng mit den nichthistorischen Fakten verknüpft sind, so ergibt sich, daß die Ereignisse in den historischen Werken sich nicht natürlich verketten, sondern durch bloße rhetorische Kunstgriffe. Bedenken Sie auch, daß die Unterscheidung zwischen historischen und nichthistorischen Fakten rein willkürlich ist. Woraus sich ergibt, daß die Geschichte, weit entfernt, eine Wissenschaft zu sein, durch ein angebornes Laster zur Unbestimmtheit der Lüge verdammt ist. Stets wird ihr der Zusammenhang und die Folgerichtigkeit fehlen, ohne die es kein wirkliches Wissen gibt. Und so sehen Sie auch, daß man aus den Annalen eines Volkes keine Vorhersage auf seine Zukunft ziehen kann. Die Eigenart der Wissenschaften besteht darin, daß sie prophetisch sind, wie man es auf den Tabellen sieht, wo die Mondphasen, die Ebbe und Flut und die Mondfinsternisse im voraus berechnet sind, während die Kriege und Revolutionen der Rechnung entgehen.« Herr Roman stellte dem Herrn Abbé Coignard vor, daß er von der Historie nur verworrne, ja, unsichre und mit Irrtum durchsetzte Wahrheiten verlangte, die aber durch ihren Gegenstand, den Menschen, unendlich wertvoll seien. »Ich weiß,« setzte er hinzu, »wie sehr die menschlichen Annalen mit Fabeln vermischt und verstümmelt sind. Doch wenn auch ein strenger Zusammenhang zwischen Ursachen und Wirkungen fehlt, so entdecke ich darin och einen Plan, den man verliert und wiederfindet, wie die Ruinen eines halb im Sande verschütteten Tempels. Dies allein wäre mir von unschätzbarem Wert. Und noch schmeichle ich mir, daß die künftige Geschichtsschreibung bei reicheren Quellen und strengerer Methode mit den exakten Wissenschaften wetteifern wird.« »Was das betrifft,« sagte mein Lehrer, »so rechnen Sie nicht darauf. Vielmehr neige ich zu dem Glauben, daß die zunehmende Fülle der Memoiren, Korrespondenzen und Archivschätze den künftigen Historikern ihre Aufgabe erschweren wird. Herr Elward, der sein Leben dem Studium der englischen Revolution widmet, versichert, daß ein Menschenleben nicht hinreichte, um die Hälfte von dem zu lesen, was während der Unruhen geschrieben wurde. Mir fällt da ein Märchen ein, das der Herr Abbé Blanchet mir über diesen Gegenstand erzählte, und das ich Ihnen so wiedergeben will, wie es sich in meinem Gedächtnis vorfindet. Es tut mir leid, daß der Herr Abbé nicht anwesend ist, um es selbst zum Besten zu geben, denn er ist geistreich. Dies ist das Gleichnis: Als der junge Fürst Zemir seinem Vater auf dem persischen Throne folgte, berief er alle Gelehrten seines Reiches, und nachdem er sie versammelt hatte, sprach er also zu ihnen: »Der Doktor Zeh, mein Lehrer, hat mich gelehrt, daß die Menschen sich weniger Irrtümern aussetzen würden, wenn sie durch das Beispiel der Vergangenheit erleuchtet wären. Darum will ich die Annalen der Völker studieren. Ich befehle Ihnen, eine Weltgeschichte zu schreiben und nichts zu verabsäumen, um sie vollständig zu machen.« Die Gelehrten versprachen dem Wunsche des Fürsten zu willfahren, und nachdem sie sich beurlaubt hatten, gingen sie unverzüglich ans Werk. Nach Verlauf von zwanzig Jahren erschienen sie wieder vor dem Hause, gefolgt von einer Karawane von zwölf Kamelen, deren jedes fünfhundert Bände trug. Der Sekretär der Akademie warf sich vor den Stufen des Thrones nieder und sprach also: »Herr, die Akademiker Eures Reiches beehren sich, die Weltgeschichte, die sie für Eure Majestät geschrieben haben, Euch zu Füßen zu legen. Sie umfaßt sechstausend Bände und enthält alles, was wir über die Sitten der Völker und die Wechselfälle der Königreiche zu ermitteln vermochten. Wir nahmen die alten Chroniken auf, die sich glücklicherweise erhalten haben, und erläuterten sie durch zahlreiche Anmerkungen über die Geographie, die Chronologie und die Urkunden. Die Einleitung allein bildet die Last eines Kamels, und die Nachträge werden nur mit großer Mühe von einem ändern Kamele getragen.« Der König erwiderte: »Meine Herren, ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Doch ich bin von Regierungssorgen in Anspruch genommen. Überdies wurde ich während ihrer Arbeit älter. Ich bin, wie der persische Dichter sagt, zur Hälfte des Lebensweges gelangt, und vorausgesetzt auch, daß ich hochbetagt sterbe, so kann ich doch vernünftigerweise nicht hoffen, die Zeit zu finden, eine so lange Geschichte zu lesen. Sie soll in den Archiven des Königreichs niedergelegt werden. Wollen Sie mir bitte einen Auszug davon machen, welcher der Kürze des menschlichen Daseins besser Rechnung trägt.« Die persischen Akademiker arbeiteten abermals zwanzig Jahre; dann brachten sie dem König fünfzehnhundert Bände auf drei Kamelen. »Herr,« begann der lebenslängliche Sekretär mit schwächerer Stimme, »hier ist unser neues Werk. Wir glauben, nichts Wesentliches ausgelassen zu haben.« »Mag sein,« erwiderte der König, »doch ich werde es nicht lesen. Ich bin alt; lange Unternehmungen ziemen meinen Jahren nicht, kürzen Sie noch mehr und zögern Sie nicht.« Sie zögerten so wenig, daß sie nach Verlauf von zehn Jahren wiederkehrten, gefolgt von einem jungen Elefanten, der fünfhundert Bände trug. »Ich schmeichle mir, kurz und bündig gewesen zu sein,« sprach der lebenslängliche Sekretär. »Sie waren es noch nicht genug,« antwortete der König. »Ich stehe am Ende meines Lebens. Kürzen Sie, kürzen Sie, wenn ich vor meinem Tode die Geschichte der Menschen noch kennenlernen soll.« Nach Verlauf von fünf Jahren erschien der Sekretär auf Lebenszeit abermals vor dem Palaste. Er ging auf Krücken und führte einen kleinen Esel am Zügel, der ein dickes Buch auf seinem Rücken trug. »Eilen Sie,« sagte ein Offizier, »der König liegt im Sterben.« In der Tat lag der König auf seinem Sterbebett. Er warf dem Akademiker und seinem dicken Buche einen fast erloschnen Blick zu und seufzte: »So werde ich denn sterben, ohne die Geschichte der Menschen zu kennen!« »Herr,« entgegnete der Gelehrte, dem Tode fast ebenso nahe wie der König, »ich will sie Euch in drei Worten zusammenfassen: Sie wurden geboren, sie litten, sie starben. « Also erfuhr der König von Persien an seinem Lebensende die Weltgeschichte.« Der Tugendbund Dieweil mein guter Lehrer im Buchladen »Zur heiligen Katharina« auf der höchsten Leitersprosse saß und mit Wonne im Cassiodor las, trat ein alter Mann mit hochmütiger Miene und strengem Blick ein. Er ging stracks auf Herrn Blaizot los, der seinen Kopf hinter dem Kassenpult lächelnd hervorreckte. »Mein Herr,« sprach er zu ihm, »Sie sind vereidigter Buchhändler, und ich muß Sie für einen Mann von guten Sitten halten. Trotzdem liegt in Ihrem Schaufenster ein Band der Werke von Ronsard aus, dessen aufgeschlagenes Titelblatt ein nacktes Weib darstellt. Und das ist ein Anblick, dem man nicht ins Gesicht schauen kann.« »Verzeihen Sie mir, mein Herr,« antwortete Herr Blaizot sanft; »dieses Titelblatt stammt von Leonard Gautier, der zu seiner Zeit für einen recht geschickten Kupferstecher galt.« »Mir liegt wenig daran,« antwortete der Greis, »ob der Kupferstecher geschickt ist. Ich sehe nur, daß er Nacktheiten dargestellt hat. Diese Gestalt ist nur mit ihren Haaren bekleidet, und ich bin, mein Herr, schmerzlich überrascht, zu sehen, daß ein Mann, bejahrt und verständig, wie Sie es anscheinend sind, vor den Blicken der jungen Leute, die durch die Rue Saint-Jacques gehen, so etwas zur Schau stellt. Sie täten gut, es zu verbrennen und dem Beispiel des Paters Grasse zu folgen, welcher seine Habe zum Ankauf zahlreicher Bücher wider die guten Sitten und die Gesellschaft Jesu verwandte, die er alsdann ins Feuer warf. Zum mindesten wäre es ehrbar, dergleichen an der geheimsten Stelle Ihres Ladens zu verstecken, die, wie ich fürchte, manches Buch birgt, das sowohl seinem Inhalt wie seinen Figuren nach geeignet ist, die Seelen zum Laster zu verleiten.« Herr Blaizot erwiderte errötend, daß ein solcher Verdacht ungerecht wäre und daß er ihn betrübte, da er von einem Ehrenmann käme. »Ich muß Ihnen sagen,« erwiderte der Greis, »wer ich bin. Sie sehen vor sich Herrn Nikodemus, den Vorsitzenden der Sittlichkeitskommission. Mein Ziel ist, die Sittlichkeit strenger zu fassen, als die Vorschriften des Herrn Polizeileutnants es tun. Unterstützt von einem Dutzend Parlamentsräten und zweihundert Kirchenschreibern der größten Gemeinden, bemühe ich mich, aus den öffentlichen Orten, als da sind Plätze, Boulevards, Straßen, Gassen, Kais, Sackgassen und Gärten, alle zur Schau gestellten Nuditäten zu entfernen. Und nicht genug, den Anstand auf offener Straße zu fördern, trachte ich danach, ihn auch in die Salons, Wohn- und Schlafzimmer, aus denen man ihn nur zu oft verbannt hat, einzuführen. Vernehmen Sie, daß die von mir gegründete Gesellschaft Aussteuern für Hochzeitspaare besorgt. Dazu gehören lange, weite Hemden mit einem kleinen Schlitz, der dem jungen Paar die Ausübung von Gottes Gebot: ›Seid fruchtbar und mehret euch‹, in keuscher Weise gestattet. Doch um das Strenge mit dem Zarten zu paaren, wenn ich so sagen darf, so sind diese Öffnungen mit hübschen Stickereien verziert. Ich schmeichle mir, auf diese Weise intime Kleidungsstücke erfunden zu haben, die in höchstem Maße geeignet sind, aus jedem neuen Paar einen Tobias und eine Sarah zu machen und so das Sakrament der Ehe von der Unreinheit, die ihm leider anhaftet, zu läutern.« Mein guter Lehrer, der bei seiner Lektüre im Cassiodor diese Rede vernahm, antwortete von seiner Leiter herab mit allertiefstem Ernst, daß er diese Erfindung schön und lobenswert fände, jedoch eine noch trefflichere im Sinn hätte. »Ich möchte,« sprach er, »daß die Neuvermählten vor ihrer Vereinigung von oben bis unten dick mit pechschwarzem Wachs überzogen würden, so daß ihre Haut wie Stiefelleder aussähe. Das täte den sündigen Wonnen und den gleißnerischen Verlockungen des Fleisches großen Abbruch und wäre ein peinliches Hindernis für die Küsse, Zärtlichkeiten und Liebkosungen, welche die Liebenden insgemein zwischen ihren Betttüchern vollbringen.« Bei diesen Worten blickte Herr Nikodemus auf, sah meinen teuren Lehrer auf seiner Leiter und erkannte an seiner Miene, daß er sich lustig machte. »Herr Abbé,« antwortete er ärgerlich und betrübt, »ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie mich allein lächerlich machten. Doch in mir verspotten Sie zugleich den Anstand und die guten Sitten, und damit begehen Sie eine große Sünde. Trotz Ihrer schlechten Scherze hat die von mir gegründete Gesellschaft bereits Großes und Nützliches geleistet. Spotten Sie nur, mein Herr! Wir haben sechshundert Wein- und Feigenblätter an den Statuen in den königlichen Gärten angebracht.« »Das ist bewundernswert, mein Herr,« antwortete mein teurer Lehrer, sich seine Brille zurechtsetzend; »und wenn Sie so weiter machen, werden bald alle Statuen beblättert sein. Doch – da die Dinge für uns nur insofern Sinn haben, als sie Gedanken in uns auslösen – so heften Sie, indem Sie die Statuen mit Wein- und Feigenblättern begaben, diesen Blättern den Charakter des Unanständigen an, so daß man künftig keinen Weinstock und keinen Feigenbaum auf dem Felde wird ansehen können, ohne ihn mit etwas Unzüchtigem in Verbindung zu bringen; und das ist eine große Sünde, mein Herr, harmlose Sträucher derart mit Unzüchtigkeit zu beladen. Gestatten Sie noch ein Wort: es ist gefährlich, in der Weise, wie Sie es tun, gegen alles vorzugehen, was die Sinne verwirren und beunruhigen kann. Wenn auch manches Bild geeignet sein mag, Anstoß bei den Seelen zu erregen, so trägt doch ein jeder von uns das Urbild davon in sich und müßte also Anstoß bei sich selbst erregen, wofern er nicht ein Eunuch ist, was ein entsetzlicher Gedanke wäre.« »Mein Herr,« entgegnete der alte Nikodemus etwas erregt, »ich erkenne an Ihrer Sprache, daß Sie ein Freigeist und ein lasterhafter Mensch sind.« »Mein Herr,« sagte mein teurer Lehrer, »ich bin ein Christ; und was das lasterhafte Leben betrifft, so kann ich keines führen, dieweil ich Mühe genug habe, mir das tägliche Brot samt Wein und Tabak zu verdienen. Wie Sie mich hier sehen, mein Herr, kenne ich keine andren Orgien als die stillen Orgien des Nachsinnens, und die einzige Tafel, an die ich mich setzte, ist die der Musen. Doch da ich verständig bin, halte ich es für schlimm, in Dingen der Sittlichkeit über die Lehren des katholischen Glaubens hinauszugehen, der in dieser Hinsicht manche Freiheit verstattet Es ist ein Rokoko-Abbé, der über die Sittlichkeit so frei denkt! Der Übersetzer und gern den Sitten und Vorurteilen der Völker nachgibt. Ich glaube, mein Herr, Sie sind mit Kalvinismus befleckt und neigen zur Ketzerei der Bilderstürmer. Denn man weiß schließlich nicht, ob Ihre Wut nicht so weit gehen wird, die Bilder Gottes und der Heiligen zu verbrennen – aus Haß gegen das Menschliche, das in ihnen zutage tritt. Die Worte Anstand, Sittlichkeit und Schicklichkeit, mit denen Sie den Mund voll nehmen, haben in der Tat keinen bestimmten, bleibenden Sinn. Die Gewohnheit und das Gefühl allein können sie mit Maß und Wahrheit bestimmen. In diesen heiklen Dingen erkenne ich als Richter nur die Dichter, die Künstler und die schönen Frauen an. Welch seltsamer Gedanke, eine Schar von Juristen als Richter über Anmut und Wollust einzusetzen!« »Aber mein Herr,« erwiderte der alte Nikodemus, »es handelt sich hier weder um Anmut noch um Freuden und noch weniger um die Bilder Gottes und der Heiligen; und Sie suchen in unschöner Weise Streit mit uns. Wir sind Ehrenmänner, die den Augen ihrer Söhne unzüchtige Anblicke entziehen wollen; und man weiß sehr wohl, was anständig ist und was nicht. Ist es denn Ihr Wunsch, Herr Abbé, daß unsere Jugend auf der Straße allen Versuchungen ausgesetzt werde?« »Ja, mein Herr,« rief mein teurer Lehrer aus, »man muß versucht werden! Das ist das Los des Menschen und Christen auf Erden. Und die furchtbarste Versuchung kommt von innen und nicht von außen. Sie gäben sich nicht solche Mühe, ein paar Zeichnungen von nackten Weibern aus den Schaufenstern entfernen zu lassen, hätten Sie wie ich über das Leben der Wüstenheiligen nachgedacht. Sie hätten dann gesehen, daß die Anachoreten in furchtbarer Einsamkeit, fern von jeder gemalten oder gemeißelten Figur, vom Büßerhemd gepeinigt, von der Buße zermürbt, vom Fasten erschöpft und sich auf einem Lager von Dornen wälzend, vom Stachel der Fleischeslust bis aufs Mark durchbohrt wurden. In ihrer armseligen Zelle erblickten sie tausendfach wollüstigere Bilder als die Allegorie dort im Schaufenster des Herrn Blaizot, die Sie beleidigt. Der Teufel (die Freidenker sagen ›die Natur‹) ist ein größerer Maler lüsterner Szenen als Giulio Romano. Er übertrifft alle italienischen und flandrischen Meister in Stellungen, Bewegung und Farben. Ach! gegen seine glühenden Gemälde vermögen Sie nichts. Die, welche Ihr Ärgernis erregen, sind im Vergleich dazu wenig; und das Klügste wäre, Sie überließen dem Herrn Polizeileutnant die Sorge für die öffentliche Sittlichkeit, so wie es die Bürgerschaft wünscht. Wahrlich, Ihre Sittenstrenge setzt mich in Erstaunen! Sie haben wenig Begriff davon, was der Mensch ist, was die Gesellschaft ist und wie das Fleisch in einer Großstadt siedet. Ha! die harmlosen Graubärte! Inmitten aller Laster Babels, wo die Vorhänge sich überall lüften, um Augen und Arme der Buhlerinnen zu zeigen, wo die Leiber, eng anein- andergeschmiegt, sich auf den öffentlichen Plätzen pressen und erhitzen, – klagen und seufzen Sie über ein paar schlimme Bilder, die in den Buchläden aushängen, und bis ins Parlament des Königreichs tragen Sie Ihre Jeremiaden, wenn ein Mädchen auf dem Balle den jungen Burschen ihre Beine zeigt, die für sie doch die geläufigsten Dinge sind!« Also sprach mein teurer Lehrer, auf seiner Leiter stehend. Doch Herr Nikodemus hielt sich die Ohren zu, um nicht zuhören zu müssen, und wehklagte über seinen Zynismus. »Himmel!« seufzte er, »was ist abstoßender als ein nacktes Weib, und welche Schmach, sich wie dieser Abbé der Unsittlichkeit anzubequemen, die das Ende eines Landes ist, denn die Völker erhalten sich nur durch die Reinheit ihrer Sitten!« »Allerdings, mein Herr,« entgegnete mein teurer Lehrer, »sind die Völker nur dann stark, wenn sie sittlich sind; aber das bezieht sich auf die Allgemeinheit der Grundsätze, Gefühle und Leidenschaften und auf eine Art hochherzigen Gehorsams gegen die Gesetze, und nicht auf die Kleinigkeiten, mit denen Sie sich abgeben. Sehen Sie sich vor, daß die Scham, wenn sie nicht anmutvoll ist, nicht tölpelhaft wird, und daß die finstere Sittenstrenge Ihrer Entrüstung nicht lächerlich wirkt, Herr Nikodemus, und auch etwas unanständig.« Doch Herr Nikodemus hatte schon das Lokal verlassen. Die Justiz Der Herr Abbé Coignard hätte es verdient, vom dankbaren Vaterland im Prytaneum gespeist zu werden. Trotzdem verdiente er sich sein tägliches Brot als Briefschreiber für Dienstmägde in einer Bude am Kirchhof Saint-Innocent. Einst geschah es, daß er für eine portugiesische Dame schrieb, die mit ihrem Negerboy durch Frankreich reiste. Für jeden Brief an ihren Gatten zahlte sie einen Heller und einen Doppeltaler für jeden an ihren Liebhaber. Das war der erste Taler, den mein guter Lehrer seit Johanni verdient hatte. Da er freigebig und großmütig war, so lud er mich unverzüglich in den »Goldenen Apfel« am Grèvekai Der Grèveplatz war der Richtplatz in Paris. ein, wo der Wein ungefälscht und die Würstchen vorzüglich sind, weshalb denn auch die Großhändler, die auf der Promenade Äpfel kaufen, hier um Mittag einzukehren pflegen. Es war im Frühling, und die Luft war lind zu atmen. Mein guter Lehrer ließ uns das Essen im Freien am Seineufer auftragen, und während der Mahlzeit hörten wir das frische Schlickern der Ruderschläge im Wasser. Ein leichtes, heiteres Lüftchen umspielte uns mit sanften Wellen, und wir saßen glückselig unter dem sonnigen Himmelszelt. Während wir gebackene Gründlinge aßen, erhob sich in unsrer Nähe plötzlich Hufschall und Stimmengewirr, und wir drehten uns um. Ein kleiner schwarzhaariger alter Mann, der am Nebentisch speiste, erriet den Anlaß unsrer Neugier und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Es ist weiter nichts, meine Herren; man fährt eine Dienstmagd zum Galgen, weil sie ihrer Herrin Spitzen gestohlen hat.« Während er so sprach, sahen wir in der Tat ein recht hübsches Mädchen hinten auf einem Karren sitzend und von berittenen Polizeidienern umgeben. Sie blickte verstört drein, und ihre auf dem Rücken zusammengebundenen Arme spannten ihr die Brust. Der Zug kam rasch vorbei, und doch werde ich das Bild nie vergessen: dieses bleiche Gesicht und diesen Blick, der schon nichts mehr sah. »Jawohl, meine Herren,« fuhr der kleine Schwarzhaarige fort, »das ist die Dienstmagd der Frau Rätin Josse, die ihrer Herrin ein Häubchen aus Alençonspitzen stahl, um bei Ramponneau schöngeputzt neben ihrem Liebsten zu sitzen, und die nach diesem Diebstahl das Weite suchte. Sie wurde in einer Wohnung am Pont-au-Change gefaßt und gestand ihr Verbrechen sofort ein, weshalb sie denn auch nur ein bis zwei Stunden gefoltert wurde. Was ich Ihnen da sage, meine Herren, weiß ich bestimmt, denn ich bin Gerichtsdiener am Parlamentsgericht, von dem sie verurteilt wurde.« Der kleine Schwarzhaarige aß ein Würstchen auf, um es nicht kalt werden zu lassen; dann fuhr er fort: »Jetzt eben muß sie auf der Leiter stehen, und in fünf Minuten, vielleicht etwas länger, vielleicht etwas kürzer, wird die Diebin tot sein. Manche Galgenvögel machen dem Henker gar keine Umstände. Sobald sie den Strick um den Hals haben, sterben sie ganz ruhig. Andre dagegen führen, wenn man so sagen soll, das Leben von Gehenkten und zappeln ganz fürchterlich. Am meisten vom Teufel besessen war ein Priester, den man verwichenes Jahr hinrichtete, weil er den Namen des Königs auf Lotterielosen gefälscht hatte. Er tanzte über zwanzig Minuten wie ein Karpfen am Ende des Strickes. Ha, ha!« setzte der kleine Mann hohnlachend hinzu, »der Herr Abbé war bescheiden. Er begehrte durchaus nicht danach, zum Bischof auf freier Flur erhöht zu werden. Ich sah zu, wie man ihn aus dem Henkerkarren holte. Er weinte und sträubte sich dermaßen, daß der Henker sagte: ›Herr Abbé, benehmen Sie sich doch nicht wie ein Kind!‹ Das Merkwürdigste aber war, daß er, mit einem andren Verbrecher zum Tode geführt, vom Henker zuerst für den Beichtvater gehalten worden war und daß der Gefreite alle Mühe hatte, ihn eines Besseren zu belehren. Ist das nicht spaßhaft, mein Herr?« »Nein, mein Herr,« erwiderte mein guter Lehrer und ließ dabei ein Fischlein, daß er zum Munde geführt hatte, auf seinen Teller zurückfallen. »Nein, das ist nicht spaßhaft; und der Gedanke, daß das hübsche Mädchen da in diesem Momente den Geist aufgibt, verdirbt mir das Vergnügen, Gründlinge zu essen und den schönen Himmel anzuschauen, der mir noch eben zulachte.« »Na, Herr Abbé, wenn Sie so zartfühlend sind,« sagte der kleine Gerichtsdiener, »dann wären Sie in Ohnmacht gefallen bei dem, was mein Vater als Junge in seiner Vaterstadt Dijon gesehen hat. Haben Sie mal von Helene Gillet gehört?« »Nein,« erwiderte mein guter Lehrer. »Dann will ich Ihnen ihre Geschichte erzählen, so wie mein Vater sie mir manches Mal erzählt hat.« Er trank einen Schluck Wein, wischte sich mit einem Zipfel des Tischtuches den Mund und erzählte folgende Geschichte:   Helene Gillet, Tochter des Königlichen Kastellans von Bourg in Bresse, zweiundzwanzig Jahre alt, die mit ihren minderjährigen Brüdern im Elternhause lebte, verriet im Monat Oktober des Jahres 1624 so deutliche Spuren ihres gesegneten Zustandes, daß sie zum Gespött der Stadt wurde und die Frauenzimmer von Bourg den Verkehr mit ihr abbrachen. Später bemerkte man, daß ihre Lenden wieder eingefallen waren; und es wurde darüber so viel geredet, daß der Strafrichter ihre Untersuchung durch ehrbare Frauen anordnete. Diese stellten fest, daß sie in gesegnetem Zustande gewesen und vor noch nicht vierzehn Tagen niedergekommen war. Helene Gillet wurde verhaftet und von den Parlamentsrichtern verhört. Sie sagte folgendes aus: »Vor einigen Monaten kam ein junger Mann aus der Nachbarschaft, der bei meinem Oheim wohnte, zu meinem Vater, um die Knaben im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er vergewaltigte mich mit Beihilfe einer Magd, die mich in ein Zimmer mit ihm einschloß.« Als man ihr vorhielt, warum sie nicht um Hilfe gerufen, antwortete sie, daß sie vor Schrecken die Stimme verloren hätte. Von den Richtern in die Enge getrieben, gestand sie, daß sie infolge dieser Gewalttat schwanger geworden und vor der Zeit niedergekommen sei. Zu dieser Frühgeburt hätte sie durchaus nichts beigetragen; sie hätte nicht einmal gewußt, was ihr bevorstand, wenn ihr nicht eine Magd die Augen geöffnet hätte. Die Richter waren von dieser Antwort wenig befriedigt, wußten jedoch nicht, was sie ihr entgegenhalten sollten, – als ein unverhofftes Zeugnis bestimmte Belastungsmomente lieferte. Ein Soldat war am Garten des Königlichen Kastellans, Herrn Peter Gillet, vorbeigegangen und hatte in einem Graben am Fuße der Mauer einen Raben bemerkt, der mit seinem Schnabel an einem in Leinen gewickelten Päckchen zupfte. Er trat näher, um zu sehen, was es war, und fand die Leiche eines kleinen Kindes. Er machte der Justiz sofort Anzeige. Das Kind war in ein Hemd eingewickelt, das am Halse die Buchstaben H. G. trug. Man stellte fest, daß es keine Frühgeburt war; und Helene Gillet, des Kindsmords überführt, wurde nach dem Brauche zum Tode verurteilt. In Ansehung der ehrenvollen Stellung ihres Vaters ward ihr das Vorrecht des Adels zugebilligt, und der Spruch lautete, statt auf den Strang, auf Enthauptung. Sie legte beim Parlament in Dijon Berufung ein und ward unter Bedeckung von zwei Hartschieren in die Hauptstadt von Burgund gebracht, wo sie in der Conciergerie des Justizpalastes eingekerkert ward. Ihre Mutter, die sie begleitet hatte, zog sich zu den Bernhardinerinnen zurück. Die Sache kam am Montag, den 12. Mai, vor dem Parlament zur Verhandlung; es war die letzte Sitzung vor dem Pfingstfeste. Auf den Bericht des Gerichtsrats Jakob ward der Spruch des Landgerichtes von Bourg bestätigt, mit dem Zusatz, daß die Verurteilte mit dem Strick um den Hals zum Tode geführt werden sollte. Die öffentliche Meinung tadelte diese entehrende Zusatzstrafe, die in merkwürdigem und ungewohntem Gegensatz zu der adligen Hinrichtung stand; man fand, daß diese Härte gegen die Formen verstieß. Doch das Urteil war unwiderruflich und mußte sofort vollstreckt werden. In der Tat führte man Helene Gillet noch am selben Nachmittag um drei Uhr zum Schafott, während die Glocken läuteten. Der Zug wurde von Trompetern eröffnet, die so schmetterten, daß alle guten Bürgersleute es in ihren Häusern vernahmen und auf die Knie sanken, um für das Seelenheil der Verurteilten zu beten. Dann kam der Vertreter des Staatsanwaltes hoch zu Roß, von Gerichtsdienern gefolgt, hinterdrein die Verurteilte im Henkerkarren, den Strick um den Hals, wie das Urteil besagte. Das Geleit gaben ihr zwei Jesuitenpatres und zwei Kapuziner, die ihr das Kruzifix vorhielten. Dann folgte der Scharfrichter mit seinem Stutzsäbel und sein Weib mit einer großen Schere. Eine Kompanie Hartschiere umgab den Karren. Hinterdrein drängte sich die Menge der Schaulustigen, darunter viele Gewerbetreibende, Bäcker, Schlächter und Maurer, mit großem Geschrei. Auf der Place Morimont machte der Zug Halt, nicht, wie es scheint, weil hier die Verbrecher gerichtet werden, sondern zur Erinnerung an die Äbte mit Krummstab und Mitra von Morimont, die dort einst ihre Behausung hatten. Allda war das hölzerne Blutgerüst auf steinernen Stufen errichtet, welche zu einer niedrigen Kapelle führten, in der die Mönche für das Seelenheil der Gerichteten zu beten pflegten. Helene Gillet erstieg die vier Stufen mit den vier Mönchen, dem Scharfrichter und dessen Frau. Diese nahm der Verurteilten den Strick vom Halse, schnitt ihr mit ihrer langen Schere die Haare ab und verband ihr die Augen, während die Mönche Gebete hersagten. Da begann der Scharfrichter zu erbleichen und zu zittern. Er hieß Simon Grandjean und war ein Männlein von schmächtigem Aussehen, ebenso sanft und ängstlich, wie sein Weib wild und hart erschien. Am Morgen hatte er im Kerker kommuniziert, und dennoch fühlte er sich verwirrt und mutlos, dieses junge Mädchen zu töten. »Vergebt mir alle,« sprach er, sich zum Volke herabneigend, »wenn ich schlecht verrichte, was ich soll. Ich habe seit drei Monaten das Fieber.« Er wankte, rang die Arme, blickte gen Himmel; dann warf er sich vor Helene Gillet nieder und bat sie zweimal um Verzeihung. Hiernach bat er die Mönche, ihn zu segnen; und nachdem sein Weib das Haupt der Verurteilten auf den Block gelegt hatte, zückte er seinen Stutzsäbel. Die Jesuiten und Kapuziner riefen »Jesus Maria!«, und ein tiefer Seufzer entrang sich der Menge. Doch der Schlag, der das Haupt vom Rumpf trennen sollte, verursachte nur eine tiefe Wunde an der linken Schulter, und die Unglückliche fiel auf die rechte Seite. Da wandte sich Simon Grandjean wieder zur Menge und rief: »Laßt mich sterben!« Hohnrufe erklangen, und etliche Steine flogen auf das Schafott, während die Scharfrichtersfrau ihr Opfer abermals auf den Block legte. Ihr Gatte zückte von neuem seinen Stutzsäbel und schlug jetzt tief in den Hals der Ärmsten, die auf das seinen Händen entfallende Richtschwert sank. Diesmal erhob sich ein furchtbarer Tumult in der Menge, und die Steine hagelten so dicht auf das Schafott, daß Simon Grandjean, die beiden Jesuiten und die Kapuziner herabsprangen, sich in die niedrige Kapelle flüchteten und sich darin einschlössen. Nur die Scharfrichtersfrau blieb mit der Verurteilten auf dem Schafott und suchte nach dem Richtschwert. Da sie es nicht fand, so ergriff sie den Strick, den Helene auf dem Gange zur Richtstatt trug, schlang ihn ihr um den Hals und versuchte sie zu erdrosseln, indem sie ihr den Fuß auf die Brust setzte. Helene griff mit beiden Händen nach dem Strick und wehrte sich blutüberströmt; da schleifte Simon Grandjeans Weib sie an dem Strick, mit dem Kopfe nach unten, bis an den Fuß des Schafotts, und suchte ihr mit der Schere die Kehle durchzuschneiden. Indessen hatten die Schlächter und Maurer die Gerichtsdiener und Hartschiere über den Haufen gerannt und waren bis an das Schafott und die Kapelle gedrungen. Ein Dutzend kräftiger Arme ergriffen Helene und trugen sie ohnmächtig in die Barbierstube von Meister Jacquin, welcher Wundarzt und Bader war. Die Volksmenge, die sich gegen die Tür der Kapelle drängte, war so groß, daß sie diese fast eingedrückt hätte. Doch die beiden Jesuiten und Kapuziner öffneten sie voller Schrecken und bahnten sich mit großer Mühe einen Weg durch die aufrührerische Menge, indem sie ihre Kruzifixe mit erhobenen Armen emporhielten. Der Scharfrichter und sein Weib wurden mit Stein- und Hammerwürfen getötet, und ihre Leichen durch die Straßen geschleift. Inzwischen kam Helene Gillet bei dem Bader wieder zu sich und verlangte zu trinken. Dann fragte sie, während Meister Jacquin sie verband: »Wird mir weiter nichts geschehen?« Sie hatte nicht weniger als zwei Säbelhiebe, sechs Scherenschnitte, die ihr Lippen und Busen zerrissen hatten, und tiefe Wunden in den Hüften infolge des Liegens auf dem Stutzsäbel, als die Scharfrichtersfrau sie über das Schafott geschleift hatte, um sie zu erdrosseln. Endlich war ihr ganzer Körper voller Beulen von den Steinwürfen, welche das Volk gegen das Schafott gerichtet hatte. Trotz all dieser Verletzungen genas sie. Man ließ sie bei dem Bader Jacquin unter Bewachung eines Gerichtsdieners. Sie fragte immerfort: »Ist es noch nicht zu Ende? Werde ich noch hingerichtet?« Der Bader und einige barmherzige Seelen, die sie pflegten, bemühten sich, sie zu beschwichtigen. Doch die Begnadigung konnte nur der König gewähren. Der Advokat Févret verfaßte eine Bittschrift, die von mehreren Notabein Dijons befürwortet und Seiner Majestät unterbreitet ward. Man feierte damals bei Hofe große Feste zu Ehren der Heirat Marie Henriettes von Frankreich mit dem König von England. Zugunsten dieser Heirat gewährte Ludwig der Gerechte die erbetene Gnade und erließ dem armen Mädchen alle Strafe, dieweil sie, wie der Gnadenbrief besagte, Qualen erduldet habe, welche der Strafe der Hinrichtung gleichkämen, wo nicht sie überträfen. Nach ihrer Begnadigung zog Helene Gillet sich in ein Kloster von Bresse zurück, wo sie bis zu ihrem Tode in größter Frömmigkeit lebte. »Das ist«, schloß der kleine Gerichtsdiener, »die wahre Geschichte von Helene Gillet, die in Dijon stadtbekannt ist. Finden Sie sie nicht amüsant, Herr Abbé?«   »Ach!« seufzte mein guter Lehrer, »mein Frühstück wird nie ein Ende finden. Mir dreht sich das Herz um, sowohl von der furchtbaren Geschichte, mein Herr, die Sie mir so kalt erzählt haben, wie vom Anblick jener Magd der Frau Rätin Josse, die man soeben zum Galgen fuhr und die man doch zu etwas Besserem hätte brauchen können.« »Aber, Herr Abbé,« wandte der Gerichtsdiener ein, »hab' ich Ihnen denn nicht gesagt, daß dieses Mädchen seine Herrin bestohlen hat; und sollen die Diebe nicht gehenkt werden?« »Das ist freilich so Brauch,« entgegnete mein guter Lehrer. »Und da das Beharrungsvermögen unüberwindbar ist, so achte ich in meinem Leben zumeist nicht darauf. Schrieb doch schon Seneca, der Philosoph, dessen Herz zur Milde neigte, elegante Abhandlungen in Rom, dieweil man vor seinen Augen Sklaven wegen geringer Vergehen ans Kreuz schlug, wie zum Beispiel den Sklaven Mithridates, der mit angenagelten Händen starb, nur weil er die Gottheit seines Herrn, des ruchlosen Trimalchio, gelästert hatte. Unser Geist ist so beschaffen, daß nichts, was alltäglich und gewöhnlich ist, ihn verwirrt, noch verletzt. Und der Brauch verbraucht sozusagen unsere Empörung und nicht minder unsre Verwunderung. Wache ich doch allmorgendlich auf, ohne, wie ich gestehen muß, an die Unglücklichen zu denken, die am Tage gehenkt oder gerädert werden. Aber wenn der Gedanke der Hinrichtung mir vor die Sinne tritt, so wacht mein Herz auf; und weil ich das schöne Mädchen sah, das zum Galgen geführt ward, schnürt sich meine Kehle derart zusammen, daß dieser kleine Fisch nicht hindurch kann.« »Was liegt an einem schönen Mädchen?« sagte der Gerichtsdiener. »Es gibt in Paris keine Straße, wo sie nicht allnächtlich zu Dutzenden geboren werden. Warum hat dieses Mädchen seine Herrin, die Frau Rätin Josse, bestohlen?« »Ich weiß es nicht, mein Herr,« antwortete mein guter Lehrer ernst. »Sie wissen es ebensowenig, und die Richter, die es verurteilt haben, wissen es auch nicht. Denn die Gründe unsrer Taten sind dunkel, und die Triebfedern unsres Handels bleiben tief verborgen. Ich halte den Menschen für frei in seinen Handlungen, denn mein Glaube lehrt es so; aber abgesehen von der Kirchenlehre, die feststeht, hat man wenig Grund, an die Willensfreiheit zu glauben, und ich schaudre bei dem Gedanken an die Urteilssprüche über Handlungen, deren Ursachen, Folgen und Gründe uns gleichermaßen verhüllt sind. Denn der Wille spricht dabei oft wenig mit; ja sie geschehen bisweilen gänzlich unbewußt. Aber wenn wir auch schließlich die Verantwortung für unsre Handlungen auf uns nehmen müssen, dieweil unser heiliger Glaube auf der geheimnisvollen Übereinstimmung zwischen Willensfreiheit und göttlicher Gnade beruht, so wäre es doch ein Mißbrauch, aus dieser dunklen und heiklen Freiheit all den Zwang, all die Martern und Leibesstrafen folgern zu wollen, an denen unsre Gesetzbücher reich sind.« »Ich sehe mit Bedauern, Herr Abbé,« sprach der kleine Schwarzhaarige, »daß Sie es mit den Spitzbuben halten.« »Ach, mein Herr,« seufzte mein guter Lehrer, »auch sie gehören zur leidenden Menschheit und sind gleich uns Glieder Jesu Christi, der zwischen zwei Schächern starb. Ich glaube, in unsren Gesetzen Grausamkeiten zu sehen, die erst später deutlich als solche erkannt werden und über die unsre Nachkommen empört sein werden.« »Ich verstehe Sie nicht, Herr Abbé,« sprach der andere, einen Schluck Wein trinkend. »Aus unsren Sitten und Gesetzen ist alle gotische Barbarei verbannt; und die Justiz ist heutzutage von übertriebener Milde und Menschlichkeit. Die Strafen entsprechen genau den Verbrechen; Sie sehen, daß die Diebe gehenkt, die Mörder gerädert, die Majestätsbeleidiger von vier Pferden zerrissen, die Gottesleugner, Zauberer und Sodomiten verbrannt und die Falschmünzer gesotten werden, – worin die Strafjustiz außerordentliche Mäßigung und größtmögliche Milde bezeigt.« »Mein Herr, die Richter haben sich zu jeder Zeit für wohlwollend, gerecht und mild gehalten. In den gotischen Zeiten des heiligen Ludwig, ja Karls des Großen bewunderten sie ihre eigene Güte, die uns heute als Härte erscheint; und ich sehe voraus, daß unsre Enkel uns ebenso hart finden und gleichfalls etwas von den Martern und Leibesstrafen, die wir anwenden, ausmerzen werden.« »Herr Abbé, Sie reden nicht wie ein Richter. Die Tortur ist nötig, um Geständnisse zu erpressen, die man in Güte nie erlangte. Die Strafen selbst sind auf das Notwendigste beschränkt, um Gut und Leben der Bürger zu sichern.« »So geben Sie also zu, mein Herr, daß die Rechtspflege nicht auf Gerechtigkeit, sondern auf Nützlichkeit hinausläuft und daß sie lediglich von den Interessen und Vorurteilen der Völker abhängt. Nichts ist wahrer; und die Vergehen werden nicht nach Maßgabe ihrer Ruchlosigkeit bestraft, sondern im Hinblick auf den Schaden, den sie den wahren oder vermeintlichen Interessen der Gesellschaft antun. So werden die Falschmünzer in einen Kessel siedenden Wassers gesteckt, obwohl es keine große Ruchlosigkeit ist, Taler zu prägen. Aber das Publikum und besonders die Finanzleute erleiden dadurch eine empfindliche Einbuße. Für diese rächen sie sich mit unerhörter Grausamkeit. Die Diebe werden gehenkt, weniger wegen der Verworfenheit, die darin liegt, Brot oder Kleider zu stehlen – denn die ist gering, – als weil die Menschen von Natur an ihrer Habe hängen. Man muß die menschliche Gerechtigkeit auf ihren wahren Ursprung zurückführen, welcher das materielle Interesse der Staatsbürger ist, und sie all der hohen Philosophie entkleiden, mit der sie sich in prunkhafter, eitler Heuchelei umgibt.« »Herr Abbé,« erwiderte der kleine Gerichtsdiener, »ich verstehe Sie nicht. Mich dünkt, die Gerechtigkeit ist um so gerechter, je nützlicher sie ist; und just die Nützlichkeit, derentwegen Sie sie verachten, sollte sie in Ihren Augen hehr und heilig machen.« »Ja, Sie verstehen mich nicht,« wiederholte mein guter Lehrer. »Herr Abbé,« fuhr der kleine Gerichtsdiener fort, »ich sehe, daß Sie gar nichts trinken. Ihr Wein ist nach der Farbe zu schließen gut. Darf ich ihn vielleicht kosten?« In der Tat ließ mein teurer Lehrer zum erstenmal in seinem Leben eine Neige Wein in der Flasche zurück. Er goß sie in das Glas des Gerichtsdieners. »Auf Ihr Wohl, Herr Abbé,« sagte dieser. »Ihr Wein ist gut, aber Ihre Gründe sind schlecht. Die Gerechtigkeit – ich wiederhole es – ist um so gerechter, je nützlicher sie ist; und just diese Nützlichkeit, die, wie Sie sagen, ihr Urgrund und ihr Prinzip ist, sollte sie Ihnen hehr und heilig machen. Aber Sie müssen doch ebenso zugeben, daß das Wesen der Gerechtigkeit das Recht ist, wie das Wort es besagt.« »Mein Herr,« entgegnete mein guter Lehrer, »wenn wir sagen, daß die Schönheit schön, die Wahrheit wahr und die Gerechtigkeit das Recht ist, so haben wir nichts gesagt. Ihr Ulpian, der sich klar und deutlich ausdrückte, hat gesagt, die Gerechtigkeit sei der feste und beständige Wille, jedem das Seine zu geben, und die Gesetze seien gerecht, wenn sie diesen Willen heiligten. Leider aber besitzen die Menschen gar nichts, und infolgedessen zielt die Gerechtigkeit der Gesetze nur darauf ab, ihnen die Früchte ihres ererbten oder selbst gemachten Raubes zu sichern. Sie gleichen darin jenen Vereinbarungen von Kindern, die mit Murmeln spielen und zu denen, die ihnen die gewonnenen wieder abnehmen wollen, sagen: »Das ist gegen das Spiel«. Der Scharfsinn der Richter beschränkt sich auf die Unterscheidung zwischen den Aneignungen, die nach den ausgemachten Spielregeln stattfinden, und denen, die gegen das Spiel sind, und diese Unterscheidung ist ebenso schwierig wie kindisch. Vor allem ist sie willkürlich. Das Mädchen, das gegenwärtig an einem Hanfstrick hängt, hat, wie Sie sagten, der Rätin Josse ein Spitzenhäubchen gestohlen. Aber womit begründen Sie es, daß dieses Häubchen der Rätin Josse gehörte? Sie werden mir antworten, sie habe es entweder von ihrem Gelde gekauft oder in ihrer Aussteuer vorgefunden oder von einem Liebhaber geschenkt bekommen – lauter ehrliche Mittel, zu Spitzen zu kommen. Doch einerlei, wie; ich sehe nur, daß sie sie wie eins jener Glücksgüter, benutzt hat, die der Zufall einem zuträgt und wieder entführt und auf die man kein natürliches Recht hat. Ich gebe selbstredend zu: die Spitzen gehörten ihr nach den Regeln des Eigentumspieles, das die Menschen in Gesellschaft spielen, wie die armen Kinder mit Murmeln spielen. Sie hing an diesen Spitzen und hatte tatsächlich nicht weniger Anspruch darauf als ein anderer. Es wäre gerecht gewesen, sie ihr wiederzugeben, aber nicht, sie so hoch zu schätzen, daß man wegen ein paar elender Alençonspitzen ein Menschenleben vernichtet.« »Herr Abbé,« sagte der kleine Gerichtsdiener, »Sie sehen nur die eine Seite der Gerechtigkeit. Es genügte nicht, der Frau Rätin Josse ihr Recht werden zu lassen, indem man ihr die Spitzen zurückgab; man mußte auch der Magd ihr Recht werden lassen, indem man sie aufknüpfte. Denn die Gerechtigkeit besteht darin, daß man jedem das Seine gibt. Und insofern ist sie erhaben.« »In diesem Falle,« entgegnete mein guter Lehrer, »ist sie noch schlechter als ich dachte. Der Gedanke, daß sie dem Schuldigen Strafe schulde, ist von äußerster Roheit. Er ist eine gotische Barbarei.« »Herr Abbé,« sagte der kleine Gerichtsdiener, »Sie verstehen nichts von der Gerechtigkeit. Sie schlägt ohne Zorn; sie hegt keinen Haß gegen das Mädchen, das sie zum Galgen schickt.« »Vorzüglich!« rief mein guter Lehrer aus. »Doch ich sähe es lieber, wenn die Richter zugäben, daß sie die Schuldigen bloß aus Notwendigkeit und wegen des abschreckenden Beispiels strafen. Denn dann begnügten sie sich mit dem Notwendigen. Bilden sie sich jedoch ein, daß sie dem Schuldigen, den sie strafen, das Seine geben, so ist leicht einzusehen, wie weit diese Gewissenhaftigkeit führen kann. Ja, es ist just ihre Redlichkeit, die sie unerbittlich macht; denn man darf den Leuten nichts versagen, was man ihnen wissentlich schuldet. Dieser Grundsatz, mein Herr, flößt mir Entsetzen ein. Er wurde mit äußerster Schroffheit von einem geschickten Philosophen namens Medardus aufgestellt, welcher behauptete, einen Schuldigen nicht zu strafen, hieße ihm unrecht tun und ihn schnöde des Rechts berauben, seine Schuld zu sühnen. Er behauptete, daß die athenischen Richter, welche den Sokrates zum Giftbecher verurteilten, an der Läuterung der Seele dieses Weisen trefflich mitgearbeitet hätten. Das sind entsetzliche Hirngespinste. Ich wünsche der Strafjustiz weniger Erhabenheit. Der Gedanke der bloßen Rache, den man insgemein mit der Bestrafung der Missetäter verbindet, ist zwar an sich schlecht und niedrig, doch in seinen Konsequenzen nicht so furchtbar wie diese wütende Tugend der quälerischen Philosophen. Ich lernte einst in Séez einen jovialen und biedren Bürgersmann kennen, der seine kleinen Kinder allabendlich auf den Schoß nahm und ihnen Märchen erzählte. Er führte einen strengen Wandel, ging zum Tische des Herrn und hielt sehr auf peinliche Redlichkeit in dem Kornhandel, den er seit sechzig und mehr Jahren betrieb. Da geschah es, daß seine Magd ihm etliche Dublonen, Dukaten, Rosenobel und andre schöne Goldstücke stahl, die er merkwürdigerweise in einer Schachtel in der Tiefe einer Schublade bewahrte. Sobald er den Diebstahl bemerkt hatte, erstattete er beim Gericht Anzeige, woraufhin die Magd gefoltert, vor Gericht gestellt, verurteilt und hingerichtet wurde. Der Biedermann, der sein Recht kannte, verlangte die Haut der Diebin heraus und ließ sich davon eine Hose machen. Und oft geschah es, daß er sich auf den Schenkel schlug und rief: ›Die Schurkin! Die Schurkin!‹ Das Mädchen hatte ihm seine Goldstücke genommen, er nahm ihr die Haut. So rächte er sich wenigstens unphilosophisch in seiner offenherzigen bäuerischen Wildheit. Er dachte nicht daran, eine hehre Pflicht zu erfüllen, indem er fröhlich auf seine Hose aus Menschenhaut schlug. Und so wäre es auch besser, wenn man einen Dieb aufknüpft, zuzugeben, daß dies aus kluger Vorsicht und zur Abschreckung andrer geschieht, als um jedem das Seine zu geben, wie jener wollte. Denn philosophisch gesprochen, gehört keinem etwas, außer das Leben selbst. Behaupten, man schulde den Verbrechern Strafe, heißt in einen wilden Mystizismus herabsinken, der schlimmer ist als die nackte Gewalttat und der bloße Zorn. Die Strafe für Diebstahl aber ist ein Gesetz der Gewalt und nicht der Philosophie. Diese lehrt uns im Gegenteil, daß alles, was wir erworben haben, durch Gewalt oder List unser wurde. Und Sie sehen ja auch, daß die Richter es billigen, wenn wir ausgeplündert werden, wofern der Räuber nur mächtig ist. So gestattet man dem König, uns unser Silbergeschirr fortzunehmen, um seine Kriege zu führen, wie es unter Ludwig XIV. geschah, wo die Eintreibungen so streng gehandhabt wurden, daß man sogar die Fransen an den Betten abschnitt, um das eingewebte Gold aus der Seide zu entfernen. Dieser König legte Hand an vielen Privatbesitz, ja an Kirchenschätze; und als ich vor zwanzig Jahren in Notre-Dame-en-Liesse in der Picardie meine Andacht verrichtete, hörte ich einen alten Sakristan klagen, daß der König den ganzen Kirchenschatz eingezogen habe, um ihn einschmelzen zu lassen – sogar die goldne Brust mit Schmelzflüssen, welche die Frau Pfalzgräfin dereinst mit großem Pompe dort niedergelegt hatte, nachdem sie auf wunderbare Weise vom Krebs genesen. Die Justiz stand dem König bei seinen Eintreibungen bei und verhängte strenge Strafen über alle, die irgend etwas zurückbehielten. Sie war also nicht der Meinung, daß diese Güter von ihren Besitzern untrennbar wären.« »Herr Abbé,« sagte der kleine Gerichtsdiener, »diese Einziehungen geschahen im Namen des Königs, der über allen Besitz seiner Untertanen nach Gutdünken verfügt, sei es zu Kriegszwecken oder zu Bauten oder zu sonst etwas.« »Das stimmt,« sagte mein guter Lehrer, »und es ist ausdrücklich in die Spielregeln aufgenommen. Die Rechte des Fürsten, durch Schweizer und allerlei Kriegsvolk verbürgt, stehen obenan. Und die arme Gehenkte hatte keine Schweizer, um auf die Spieltafel schreiben zu lassen, daß sie ein Recht hätte, die Spitzen der Frau Rätin Josse zu tragen. Das ist völlig richtig.« »Herr Abbé,« erwiderte der kleine Gerichtsdiener, »ich hoffe, Sie vergleichen den Sonnenkönig, der das Geschirr seiner Untertanen beschlagnahmte, um seine Soldaten zu besolden, nicht mit jener Kreatur, die eine Spitze stahl, um sich damit zu schmücken.« »Mein Herr,« erwiderte mein guter Lehrer, »es ist weniger harmlos, Krieg zu führen, als mit einem Spitzenhäubchen zu Ramponneau zu gehen. Doch die Justiz sichert jedem das Seine nach den Regeln des Gesellschaftsspiels, welches das ungerechteste, widersinnigste und am wenigsten unterhaltsame ist, das es gibt. Leider müssen alle Staatsbürger dabei mittun.« »Das ist notwendig,« sagte der kleine Gerichtsdiener. »Deshalb,« erwiderte mein teurer Lehrer, »sind die Gesetze auch nützlich. Aber sie sind nicht gerecht und können es nicht sein, denn der Richter sichert den Bürgern den Genuß dessen, was ihnen gehört, ohne Unterschied zwischen wahren und falschen Gütern . Dieser Unterschied fehlt in den Spielregeln; er steht nur im Buche der göttlichen Gerechtigkeit, in dem niemand zu lesen vermag. Kennen Sie die Geschichte von dem Engel und dem Einsiedler? Ein Engel stieg mit Menschenantlitz und Pilgerkleid auf die Erde hernieder, wanderte durch Ägyptenland und pochte des Abends an die Tür eines guten Einsiedlers; der hielt ihn für einen Reisenden, setzte ihm Abendbrot vor und kredenzte ihm Wein in einem güldnen Becher. Dann bereitete er ihm sein Lager und schlief selbst am Boden auf einer Schütte Maisstroh. Dieweil er schlief, stand sein himmlischer Gast auf, nahm den Becher, aus dem er getrunken, verbarg ihn in seinem Mantel und entschwand. Solches tat er nicht, um den guten Einsiedler zu schädigen, sondern im Gegenteil zum Heil seines Wirtes, der ihn so barmherzig aufgenommen. Denn er wußte, daß der heilige Mann sich durch diesen Becher, an den er sein Herz gehängt hatte, die Seligkeit verscherzte; denn Gott will, daß man nur ihn liebe, und duldet nicht, daß ein Mönch an den Gütern dieser Welt hängt. Dieser Engel, der ein Ausfluß der göttlichen Weisheit war, unterschied die wahren und die falschen Güter. Die Richter kennen diesen Unterschied nicht. Wer weiß, ob die Frau Rätin Josse ihre Seligkeit nicht durch die Spitzen verliert, die ihre Magd ihr gestohlen und die ihr die Richter zurückerstattet haben?« »Einstweilen«, sagte der kleine Gerichtsdiener, sich die Hände reibend, »ist jetzt eine Diebin weniger am Leben.« Dann klopfte er sich die Brotkrumen vom Rocke, grüßte und ging fröhlich von dannen.   Mein teurer Lehrer wandte sich zu mir und fuhr dieserart fort: »Ich habe die Geschichte von dem Engel und dem Einsiedler nur erzählt, um den Abgrund aufzuzeigen, der zwischen Gott und Welt klafft. Nun aber erstreckt sich die menschliche Gerechtigkeit nur auf die Welt, welche eine niedrige Stätte ist, wo die großen Prinzipien keinen Raum haben. Die grausamste Kränkung, die man unserm Herrn Jesus Christus antun konnte, war die, sein Bild in den Gerichtssälen aufzuhängen, wo Richter die Pharisäer freisprechen, die ihn gekreuzigt haben, und die Magdalene verurteilen, die er mit seinen göttlichen Händen emporhob. Was tut er, der Gerechte, unter diesen Menschen, die nicht gerecht sein könnten, auch wenn sie es wollten, dieweil es ihre traurige Pflicht ist, die Handlungen ihrer Nächsten nicht an sich und in ihrer Wesenheit zu betrachten, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkt des sozialen Nutzens, d. h. auf Grund jener Fülle von Selbstsucht, Geiz, Irrtümern und Mißbräuchen, welche die Staaten schuf, deren blinde Erhalter sie sind? Beim Abwägen der Schuld fügen sie die Furcht oder den Zorn hinzu, welche ihnen die feige Menge einflößte. Und das alles steht in ihrem Buche geschrieben, also daß ihnen der alte Text und der tote Buchstabe als Geist, Herz und lebendige Seele dienen. Und alle ihre Vorschriften, deren etliche bis auf die verruchten Zeiten von Byzanz und auf die Kaiserin Theodora hinabreichen, stimmen nur darin überein, eine Welt, die sich nicht ändern will, mit allem, Tugenden wie Lastern, zu erhalten. In den Augen des Gesetzes gilt die Übertretung an sich so wenig und die äußeren Umstände so viel, daß ein und dieselbe Handlung unter solchen Umständen rechtmäßig, unter andren unverzeihlich wird; wie man es z. B. an einer Maulschelle sehen kann, die ein Mann dem andern austeilt. Unter Bürgersleuten erscheint sie bloß als Ausfluß zornwütiger Laune, wogegen sie beim Soldaten zum todeswürdigen Verbrechen wird. Diese Barbarei, die noch besteht, wird uns zur Schmach späterer Jahrhunderte dienen. Wir achten nicht darauf; doch man wird sich dereinst fragen, welche Wilden wir waren, um den Tod auf die hochherzige Wallung des Blutes zu setzen, wofern sie aus dem Herzen eines Jünglings kommt, den die Gesetze den Gefahren des Krieges und dem Elend des Kasernenlebens aussetzen. Und das ist klar: wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, so hätten wir nicht zwei Gesetzbücher, ein bürgerliches und ein militärisches. Die Militär Justiz, deren Ergebnisse wir täglich sehen, ist von unerhörter Grausamkeit, und wenn die Menschen dereinst gesitteter sind, so werden sie es nicht glauben wollen, daß es einmal mitten im Frieden Kriegsgerichte gegeben hat, welche die Majestät der Korporale und Sergeanten durch den Tod eines Menschen rächten. Sie werden es nicht glauben wollen, daß Unglückliche wegen Fahnenflucht vor dem Feinde Spießruten laufen mußten, und dies bei Unternehmungen, wo die französische Regierung nicht einmal kriegführende Parteien anerkannte. Das Wunderbarste aber ist, daß derartige Greuel sich bei christlichen Völkern ereignen, welche den heiligen Sebastian, einen aufrührerischen Krieger, ehren, und die Märtyrer der thebäischen Legion, deren ganzer Ruhm darin besteht, daß sie dereinst die Härte des Kriegsgerichtes verspüren mußten, als sie sich weigerten, gegen die Bagauden Gallische Landleute, die sich 286 n. Chr. unter Diokletian empörten. – Der Übersetzer zu kämpfen. Aber lassen wir das; reden wir nicht mehr von der Justiz der Kriegsleute, welche dereinst verschwinden werden, wie Gottes Sohn es prophezeit hat, und kehren wir zu den bürgerlichen Gerichten zurück. Die Richter prüfen nicht die Nieren und lesen nicht in den Herzen, und so ist denn auch ihre gerechteste Justiz hart und oberflächlich. Aber es fehlt zumeist noch viel daran, daß sie sich an diese rauhe Rinde der Gerechtigkeit halten, auf der die Gesetze verbucht sind. Sie sind Menschen, d. h. schwach und bestechlich, nachsichtig gegen die Starken und unbarmherzig gegen die Schwachen. Sie heiligen durch ihre Rechtssprüche die grausamsten sozialen Ungerechtigkeiten, und es ist bei dieser Parteilichkeit schwer zu unterscheiden, was von ihrer persönlichen Niedrigkeit stammt und was ihnen durch ihre Berufspflicht auferlegt wird, welche darin besteht, den Staat im guten wie im schlimmen zu erhalten, über die Erhaltung der öffentlichen Sitten, ob sie rein oder verächtlich seien, zu wachen und neben den Rechten der Bürger die tyrannischen Gelüste des Fürsten zu schirmen, gar nicht zu reden von den lächerlichen und grausamen Vorurteilen, die unter dem Lilienbanner ein unverletzliches Asyl finden. Der strengste Richter kann just wegen seiner Unbestechlichkeit Rechtssprüche fällen, die ebenso empörend, ja vielleicht noch unmenschlicher sind als die eines pflichtvergessenen Richters; und ich für mein Teil weiß nicht, wen von beiden ich mehr fürchten würde, den, dessen Seele nur aus Gesetzesvorschriften besteht, oder den, der diese Vorschriften mit einem Rest von menschlichem Empfinden dehnt. Der letztere wird mich seinem Vorteil oder seinen Leidenschaften opfern, wogegen der erstere mich kaltherzig dem Buchstaben opfert. Auch muß man bedenken, daß die Richter von Amts wegen nicht sowohl die neuen Vorurteile beschirmen, denen wir alle mehr oder minder unterworfen sind, als vielmehr veraltete Vorurteile, die im Gesetzbuch Unterstatt finden, sobald sie aus unsren Seelen und Sitten verschwunden sind. Und während jeder etwas nachdenkliche und freie Geist sogleich all die gotische Barbarei im Gesetze spürt, darf der Richter sie nicht einmal merken. Doch ich rede, als ob die Gesetze, so barbarisch und roh sie sein mögen, wenigstens klar und deutlich wären. Aber daran fehlt viel. Das Zauberbuch eines Hexenmeisters scheint leicht faßlich neben manchem Paragraphen unsrer Gesetzbücher und Weistümer. Diese Schwierigkeiten der Auslegung haben viel dazu beigetragen, daß wir mehrere Instanzen der Rechtsprechung besitzen; und man nimmt insgemein an, daß das, was der Amtsrichter nicht verstanden hat, von den Herren Parlamentsrichtern aufgeklärt werden wird. Das heißt fünf Männern in roter Robe und eckigem Barett viel zutrauen; denn sie bleiben, selbst nachdem sie das Veni creator spiritus gebetet haben, dem Irrtum unterworfen; und man täte gut, einzugestehen, daß die Urteile des höchsten Gerichtshofes lediglich deshalb unwiderruflich sind, weil man sein Recht schon in allen andren Instanzen gesucht hat, bevor man sich an ihn wandte.« Mein guter Lehrer sah traurigen Blicks das Wasser vorüberfließen, als das Abbild dieser Welt, in der alles vergeht und nichts sich ändert. Eine Weile blieb er in Sinnen versunken; dann fuhr er mit leiserer Stimme fort: »Schon das eine, mein Sohn, bereitet mir unüberwindliche Verlegenheit: daß es Richter geben muß, die Recht sprechen. Es ist klar, daß ihnen daran liegt, den Verdächtigen für schuldig zu erklären. Der Korpsgeist, der bei ihnen so stark ist, treibt sie dazu; und so sieht man sie denn auch während des ganzen Verfahrens bestrebt, die Verteidigung als etwas Lästiges auszuschalten und ihr erst dann Bewegungsfreiheit zu geben, wenn die Anklage gerüstet und fertig dasteht und infolge von mancherlei Kunstgriffen die Miene einer schönen Minerva angenommen hat. Just ihr Berufssinn macht sie geneigt, in jedem Angeschuldigten einen Schuldigen zu sehen, ja manchen Völkern Europas dünkt dieser Eifer so furchtbar, daß sie ihnen bei großen Prozessen ein Dutzend Bürgersleute, nach dem Los gezogen, zu Beisitzern geben. Woraus sich ergibt, daß der blinde Zufall das Leben und die Freiheit der Angeschuldigten immer noch besser beschirmt, als das aufgeklärte Gewissen der Richter. Allerdings werden diese bürgerlichen Richter, die vom Los bestimmt sind, dem Verfahren selbst ferngehalten, so daß sie nur seinen äußeren Prunk sehen. Auch sind sie in Unkenntnis der Gesetze nicht dazu berufen, sie anzuwenden, sondern bloß mit einem Worte zu entscheiden, ob sie anzuwenden seien oder nicht. Wie man sagt, geben diese Schwurgerichte oft wunderliche Sprüche ab; trotzdem hängen die Völker, die sie besitzen, an ihnen wie an einer kostbaren Bürgschaft. Ich will es glauben. Und ich begreife, warum man Rechtssprüche, die derart zustande kommen, gutheißt. Sie mögen grausam oder einfältig sein; aber ihr Widersinn und ihre Barbarei sind doch sozusagen niemandes Schuld. Die Ungerechtigkeit scheint erträglicher, wenn sie so unlogisch ist, daß sie als unfreiwillig erscheint. Der kleine Gerichtsdiener von vorhin, der einen so ausgeprägten Rechtssinn hatte, argwöhnte, daß ich es mit den Dieben und Mördern halte. Ich verabscheue im Gegenteil Mord und Diebstahl derart, daß ich nicht mal ihr gesetzlich geregeltes Abbild ertragen kann, und es ist mir schmerzlich zu sehen, daß die Richter zur Bestrafung der Diebe und Mörder nichts Besseres gefunden haben, als sie nachzuahmen; denn Hand aufs Herz, Tournebroche, was sind Geld- und Todesstrafe anders als Diebstahl und Mord, mit peinlicher Genauigkeit verbrochen? Und siehst du nicht, wie unsre Justiz in all ihrer Hoffart nur nach der Schmach trachtet, Böses mit Bösem, Unbill mit Unbill zu vergelten und die Vergehen und Verbrechen aus Liebe zu Symmetrie und Gleichgewicht zu verdoppeln? Man kann hierbei wohl eine Menge von Redlichkeit und Selbstlosigkeit verausgaben. Man kann ebensogut ein L'Hospital Michel de L'Hospital (1507-1573), berühmter französischer Staatsmann und Jurist, 1560-68 Kanzler von Frankreich, suchte die Religionskriege zu dämpfen und Blutvergießen zu verhindern. Kurz nach der Bartholomäusnacht starb er aus Gram. wie ein Jeffryes Jeffryes, Großkanzler von England unter Karl II. und Jakob II., wegen seiner Grausamkeit und Ungerechtigkeit verabscheut, starb 1689 im Tower zu London. – Der Übersetzer sein, und ich für mein Teil kenne einen sehr rechtschaffnen Richter. Nur wollte ich auf die Grundlagen der Justiz zurückgehen, um den wahren Charakter dieser Einrichtung aufzudecken, welche der Hochmut der Richter und der Schrecken der Völker mit einem falschen Nimbus umkleidet haben. Ich wollte die ursprüngliche Niedrigkeit der Gesetzbücher dartun, die durchaus erhaben sein sollen und die in Wahrheit nur ein wunderliches Gemisch von Notstandsgesetzen sind. Ach, die Gesetze sind Menschenwerk; das ist eine dunkle und elende Herkunft! Sie verdanken ihre Entstehung zumeist dem Zufall. Unwissenheit, Aberglaube, Fürstenhochmut, Selbstsucht des Gesetzgebers, Launen und Phantastereien – das sind die Quellen: jener großen Gesetzbücher, welche ehrwürdig werden, sobald man sie nicht mehr versteht. Die Dunkelheit, die sie umgibt, von den Kommentatoren vermehrt, verleiht ihnen die Majestät der antiken Orakel. Ich höre immerfort sagen und lese es tagtäglich in den Zeitungen, daß wir jetzt Gelegenheitsgesetze machen. Das ist eine kurzsichtige Anschauung von Leuten, die nicht sehen, daß wir darin dem urältesten Brauche folgen und daß die Gesetze zu allen Zeiten Zufallsschöpfungen waren. Auch klagt man oft über die Unklarheit und die Widersprüche, in die unsre jetzigen Gesetzgeber fortwährend verfallen. Und man merkt nicht, daß ihre Vorgänger ebenso unklar und widerspruchsvoll waren. Alles in allem, Tournebroche, mein Sohn, sind die Gesetze gut oder schlecht, nicht sowohl um ihrer selbst willen, als vielmehr durch die Art ihrer Anwendung; und manche ungerechte Verordnung tut keinen Schaden, wenn der Richter sie nicht in Kraft treten läßt. Die Sitten sind stärker als die Gesetze. Die Gesittung der Lebensgewohnheiten und die Sanftmut der Geister sind die einzige vernünftige Abwehr gegen die Barbarei der Gesetze. Denn Gesetze durch Gesetze verbessern, heißt einen langsamen und ungewissen Weg einschlagen. Nur in Jahrhunderten wird das Werk von Jahrhunderten aufgehoben. Und es ist wenig wahrscheinlich, daß einst ein neuer Numa im Walde von Compiègne oder in den Felsschluchten von Fontainebleau eine neue Egeria findet, die ihm weise Gesetze diktiert.« Lange blickte er nach den blauen Höhenzügen am Horizont Er sah ernst und traurig drein. Dann legte er sanft seine Hand auf meine Schulter und sprach mit so tiefem Ausdruck, daß es mir bis auf den Grund der Seele ging. »Tournebroche, mein Sohn,« sagte er, »du siehst mich auf einmal ungewiß und verwirrt, stammelnd und blöde bei dem bloßen Gedanken, das zu verbessern, was ich verabscheuenswert finde. Glaube nicht, dies sei Zagheit des Geistes; die Verwegenheit meines Denkens schrickt vor nichts zurück. Aber achte wohl auf das, was ich dir jetzt sagen will, mein Sohn. Die Wahrheiten, die der Verstand entdeckt, bleiben unfruchtbar. Nur das Herz vermag seine Träume zu befruchten. Es gießt Leben in alles, was es liebt. Durch das Gefühl ward die Saat des Guten in die Welt gestreut. Der Verstand besitzt solche Tugend nicht. Und ich gestehe dir, ich war bisher in der Kritik der Gesetze und Sitten zu verstandesmäßig. Darum wird diese Kritik auch fruchtlos niederfallen und verdorren, wie ein Baum im Lenzfrost. Wer den Menschen dienen will, der muß alle Vernunft als lästigen Ballast über Bord werfen und auf den Schwingen der Begeisterung emporfliegen. Wer denkt, wird nie fliegen lernen.«