Friedrich Wilhelm Hackländer Der letzte Bombardier Erster Band 1. Kapitel Welches den geneigten Leser statt eines Vorwortes davon unterrichtet, was er vom Titel dieser Erzählung zu halten hat. Es gibt Titel, welche man dem geneigten Leser zu erklären schuldig ist, wozu auch der der vorliegenden Geschichte gehört. Nicht, als ob ich einen Augenblick in Zweifel wäre, daß jeder unter dem letzten Bombardier den letzten in einer Reihe von Bombardieren verstehen wird; aber doch muß ich hinzusetzen, daß es sich hier um den zuletzt erschaffenen sämtlicher Bombardiere der Christenheit handelt, und nicht um jenen anderen letzten, der vielleicht dadurch eine lange, glänzende Reihe schloß, daß er sich als Unteroffizier entpuppte oder vielleicht als wirklich letzter in seiner Eigenschaft als Bombardier von dem kriegerischen Himmelspförtner gern und gastlich aufgenommen wurde. Es handelt sich also um jenen letzten Bombardier, nach welchem kein weiterer mehr erschaffen wurde, sei es, daß man die Bombardiere zu gut für diese Welt hielt oder die Welt zu gut für die Bombardiere, immerhin war es aber der letzte dieser glänzenden Reihe, und welcher Reihe, ah! wenn sie vor meinem inneren Auge vorüberfliegt, diese Reihe von Jugend, Kraft und Schönheit, von Schwäche und Häßlichkeit, von bestem Wissen und von der kläglichsten Dummheit, so faßt mich beinahe ein eben solcher Schwindel, als wenn ich eine Reihe phantastischer Wolkengebilde, vom Sturmwinde gejagt, gepeitscht, nebel- und schattenhaft an mir vorüber gleichfalls in die ewige Vergessenheit ziehen sehe. Auch jene glänzend strahlende Reihe hat sich aufgelöst, und es ist nichts von ihr übrig geblieben als ein Name, ein Begriff. Ja, sie haben aufgehört, jene eigentümlichen Wesen, welche man Bombardiere nannte, nicht Unteroffizier, nicht Gemeiner, nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Zwischengeschöpf, und deshalb wohl auch nicht fortpflanzungsfähig. Sie sind ausgestrichen aus den Listen der Armee – die Natur ist um eine Schöpfung ärmer. Es ist also der letzte dieses zahlreichen, gewaltigen Geschlechtes, um den es sich handelt, und wie wir vorhin schon angedeutet, nicht das letzte Glied einer noch bestehenden Kette, sondern der letzte, der je geschaffen wurde, und hinter dem, was die Bombardierschaft überhaupt anbelangt, ein kalter, trockener Schlußstrich wie ein Grabstein steht. Statt uns aber einer gewiß gerechtfertigten Wehmut hinzugeben, wollen wir es versuchen, dem geneigten Leser den Titel unserer Geschichte einigermaßen zu erklären, indem wir ihm sagen, was denn eigentlich ein Bombardier war. Mit der wissenschaftlichen Erklärung anzufangen, so besagt der Artillerie-Leitfaden, daß der Bombardier auf der untersten Stufe jener Leiter steht, welche das Unteroffiziercorps bildet, daß ihm bei der Geschützbedienung Nr. 3 zufällt, das Richten vermittelst der Aufsatzstange bei der Kanone und des Quadranten bei der Haubitze und dem Mörser, daß er eine Wache selbständig zu kommandieren hat, daß ihm beim Batteriebaue nach Umständen die Überwachung beim Anfertigen der Faschinen und Schanzkörbe anvertraut werden darf, und daß er beim Appell auf dem linken Flügel der Unteroffiziere vor der Front steht. Für alle diese Obliegenheiten hat er ein paar Pfennige täglicher Löhnung mehr wie der Gemeine, wird statt des traulichen »Du« mit »Sie« angeredet und gehört zu den Avancierten, weshalb er auch berechtigt ist, an dem Aermelaufschlage seines Waffenrockes eine goldene Tresse zu tragen. In den Augen des Brigadekommandanten, wenn er nach vortrefflicher Schießübung gut gelaunt war und vom Pferde herab in irgend einer Batterie oder draußen beim Kugelfange einige passende Worte sprach, war das Bombardiercorps die Pflanzschule der Artilleriewissenschaften. Schöne Keime, durch bessere Erziehung und einiges Wissen getrieben und ausgesät, um auf dem praktischen Boden des Dienstes zu kräftigen Stämmen heranzuwachsen, um das Unteroffiziercorps zu jener Blüte zu bringen, die dringend notwendig ist, um dadurch der ganzen Armee ein solides Fundament zu verleihen. Und gerade so erschienen die Bombardiere alsdann auch in den Augen des Majors und Abteilungskommandanten, der natürlich das getreue Echo des Herrn Obersten war, und daß jener noch zuletzt mit aufgehobenem Finger hinzusetzte: »Es wäre in der That eine wahre Freude, ein solches Bombardiercorps zu besitzen, wenn nicht in den Freistunden – bei allen Göttern – dies war eine Redensart, welche der Major und Abteilungskommandant stets gebrauchte – mit gewissen Dingen so viel Unfug getrieben würde. Sie werden mich verstehen, ohne daß ich gerade nötig habe, von der Mißachtung des Zapfenstreichs zu reden, vom ungehörigen Anzuge, wozu ich bei allen Göttern besonders Vatermörder rechne, und weiße Westen – pfui Teufel!« In den Augen des betreffenden Hauptmanns und Batteriechefs erschienen wir aber leider ganz anders, als uns die gute Laune des Brigadekommandanten bezeichnet. Ich sehe ihn alsdann immer noch vor der Front auf und ab rennen, die Hände auf dem Rücken, mit einer heftigen Wendung des Kopfes bald nach rechts, bald nach links, als wollte er etwas Unsichtbares beißen, wobei man deutlich das Klappern seiner falschen Zähne hörte, und sehe ihn alsdann vor uns hintreten, uns kopfnickend von oben bis unten messend, ehe er anfing: »Nun, das muß ich gestehen, ich hoffe nicht, daß einer von euch so vernagelt ist, um das Lob, welches der Herr Oberst in seiner unbegreiflichen Güte über das Bombardiercorps ausgoß, speziell auf euch zu beziehen; ist aber jemand unter euch, der in der That glaubt, eines solch hohen Wohlgefallens würdig zu sein, der trete vor, damit ich ihm sage, daß ich auf Gottes weiter Welt nichts Nichtsnutzigeres kenne, nichts Schlapperes in und außer dem Dienste, nichts Fauleres und Unwissenderes, nichts zu unverzeihlichen Streichen Aufgelegteres, als die Bombardiere, die ich in meiner Batterie zu kommandieren das Glück habe. Herr–r–r–r Bombardier Schmetterer, ich bemerke auf Ihrer Physiognomie ein aufsteigendes Lächeln und will Ihnen nur sagen, daß, wenn dieses Lächeln zum Ausbruch kommt, ich Sie drei Tage aufs Holz schicke, Herr–r–r–r, Ihnen soll das grüne Gewitter auf den Kopf fahren!« In den Augen des ersten Lieutenants waren wir eine unverbesserliche Schwefelbande. In den Augen des zweiten Lieutenants, eines dicken, alten, schlagflußfähigen Offiziers, dessen Züge vom Tiefrot ins Bläuliche übergingen, so oft er sein Pferd bestieg oder den Säbel zog, ja, überhaupt bei der geringsten Anstrengung, waren wir ebenso viele Nägel zu seinem Sarge. In den drei Augen des dritten Lieutenants – er trug nämlich beständig ein eingeklemmtes Glas –, eines jungen Barons, der bei der Garde gedient hatte, existierten wir gar nicht, was uns insofern am meisten verdroß, weil er sich häufig die Miene gab, einen Bombardier vom gewöhnlichen Kanonier nicht unterscheiden zu können. Für den Oberfeuerwerker, besonders wenn wir im Laboratorium zu arbeiten hatten, waren wir nichts weiter als der einschlagende Blitz oder als vorsätzliche Brandstiftung. Der Feuerwerker, welcher die Haubitze kommandierte, bei der zuweilen acht Bombardiere die Bedienungsmannschaft bildeten, sprach sich häufig dahin aus, daß es hart sei für einen Unteroffizier wie er, welcher tadellos gedient habe, durch die niederträchtigste Geschützbemannung zur auffallendsten Blamage verurteilt zu sein. »Aber das verspreche ich euch,« setzte er hinzu, »das schwöre ich euch – bei – bei – nun bei irgend etwas, das ich nicht aussprechen mag, weil ihr doch keinen richtigen Begriff davon habt, fällt wieder, wie gewöhnlich, eine Hauptschweinerei vor, so ruhe ich nicht eher, bis der Hauptmann Standrecht verfügt.« Was nun den Unteroffizier unserer Korporalschaft anbelangte, so war dies ein schon bejahrter Mann, der sehr leise sprach und dabei tief zu seufzen pflegte, wozu er auch einige Ursache hatte. Zum Avancement eingetreten, würde er es vielleicht auch zu den Epauletten gebracht haben, wenn er das Trinken hätte lassen können; so aber verharrte er, trotz sonstiger vortrefflicher Eigenschaften, bei der Wein-, später bei der Schnapsflasche und blieb ewiger Unteroffizier. Statt zu fluchen oder grobe Redensarten anzuwenden, benutzte er seltsame Gleichnisse oder sein sollende Wendungen, um uns seinen Unwillen zu erkennen zu geben, wobei er gewöhnlich bei Erschaffung der Welt anfing und uns bewies, daß jedes Geschöpf Gottes zu etwas nütze und zu gebrauchen sei. Wir hassen die Fliegen, sprach er seufzend, und den gemeinen Mistkäfer; auch die Kröten sind uns widerwärtig, und manchen Menschen die Maulwürfe. Aber alle diese Wesen haben die Berechtigung, da zu sein, ja, alles, was kreucht und fleucht, ist nach reiflicher Ueberlegung geschaffen, ein einziges Wesen ausgenommen – der Bombardier. Wozu nutzt er? Zu gar nichts. Was thut er Gutes? Nicht das Geringste aus eigenem Antriebe. Ist er pünktlich im Dienste? Ja, nur wenn moralisch die Karbatsche über ihm schwebt. Er ist gefräßig, aber ohne Nutzen, wie der Maikäfer, er ist faul, unordentlich, hinterlistig, boshaft, und wenn man sogar mit Wohlwollen irgend eine gute Eigenschaft an ihm sucht, so wird man doch keine finden, ja, man wird auf die gotteslästerliche Idee kommen, daß der Schöpfer bei Erschaffung des Bombardiers einen unverzeihlichen Fehler begangen hat. Für den Capitaine d'armes, das ist der Unteroffizier, der Monturen und Waffen unter sich hat, waren die Bombardiere schlimmer als Rostflecken und Schaben. Denn die letzteren harmlosen Tiere, wie er sagte, gehen doch nur ihrem Lebensunterhalte nach und ruinieren weder Monturen noch Mäntel aus Mutwillen, sind auch mit einem schmierigen Lappen zufrieden, während die Bombardiere immer geputzt sein wollen wie die Affen und den Paraderock gerade so gut und so schlecht behandeln wie die Montierung Nr. 4. Der Kanonier allein fühlte einige Sympathie für uns, denn auch er hatte immer noch die Hoffnung, unseresgleichen zu werden, und bewegte sich beim Exerzieren, besonders aber bei Batterie- und Schanzenarbeiten, behaglicher unter dem milden und nachsichtigen Kommando eines jungen, lebenslustigen, ja auch wohl leichtsinnigen Bombardiers, als unter dem strengen Ernste eines griesgrämigen, diensteifrigen Unteroffiziers. Um nun dieser tiefschattierten Schilderung einige gerechte Lichter aufzusetzen, so muß ich hinzufügen, daß, was in derselben von dem Bombardiercorps im allgemeinen gesagt wurde, allerdings für den Wert des Einzelnen nicht maßgebend war, daß aus demselben die bravsten Unteroffiziere, die tüchtigsten Offiziere hervorgegangen sind, brauchbar im Frieden, tapfer im Kriege, und daß ich selbst die Ehre gehabt, demselben anzugehören. Es war in diesem Corps eine eigene Zusammenstellung; was von Freiwilligen in der Hoffnung eintrat, später Offizier zu werden – und darunter war recht viel leichtes Tuch –, brachte in den meisten Fällen eine genügende Schulbildung mit, um rasch das Bombardierexamen machen zu können, war auch intelligent genug, um mit dem Eifer, den jeder anfänglich besitzt, auf dem Exerzierplatze, beim Unterrichte und im Laboratorium in kurzer Zeit brauchbar zu sein. Meistens waren es auch wohlgewachsene, gesunde, mitunter hübsche junge Leute aus guten Familien, welche Eigenschaften dazu beitrugen, ihnen das erste Avancement, und zwar zum Vizebombardier, so leicht wie möglich zu machen. Die Bombardiere erleichterten in vielen Beziehungen den Dienst der Unteroffiziere, waren bei den Schießübungen gut zu gebrauchen, und für manche, die zeichnen konnten und mathematische Vorkenntnisse mitbrachten, war es ein Leichtes, Batterien aufzustecken und Schanzen zu bauen; dagegen konnte man sich aber nicht darüber verwundern, daß diese zahlreichen jungen Leute, welche mit der allerdings nicht immer begründeten Hoffnung eintraten, in kurzem die Brigade- und die Kriegsschule besuchen zu dürfen und Fähnrich oder Offizier zu werden, nachdem sie Jahr um Jahr Bombardier blieben und sich die Aussicht auf die Zukunft immer mehr verfinsterte, endlich erlahmten, keine Freude mehr am Dienste, desto mehr aber an möglichst ungebundenem Leben hatten und sonach allerdings das Aergernis ihrer Vorgesetzten wurden. Hatten wir doch bei unserer Batterie achtzehn Freiwillige, welche nach und nach Bombardiere wurden, ohne daß ein einziger von ihnen zu den Epauletten gelangte! Aber trotz alledem sind bedeutende Männer aus ihnen hervorgegangen: Kaufleute und Fabrikanten, Aerzte und Schriftsteller, abgesehen von dem Erzähler dieser Geschichte, der häufig ein sehr reines Gewissen nur affektierte, wenn der Batteriechef die Absicht kundgab, nächstens unter uns treten zu wollen und fürchterliche Musterung zu halten. Ja, es sind große Männer aus diesen Bombardieren hervorgegangen, wovon mir glänzende Beispiele bekannt sind, während mir wahrscheinlich noch glänzendere unbekannt geblieben: große Künstler und bedeutende Schriftsteller, Doktoren der Rechten und der Linken, in politischer Hinsicht nämlich, der Medizin und der Philosophie, Konsuln großer Souveräne und mächtiger Republiken. Wie oft schon traf ich auf meinem Lebenswege gediegene Persönlichkeiten, Leute in Amt und Würden, die sich nach kurzem Gespräche durch gewisse geheimnisvolle Zeichen, wie bei der Freimaurerei, als ehemalige Bombardiere entpuppten! So erinnere ich mich speziell eines Falles, wo mir eine ansehnliche und angesehene Persönlichkeit, der Oberingenieur einer deutschen Eisenbahn, mit dem gewissen fuimus Troes entgegentrat und mich lachend daran erinnerte, daß ich ihn, der damals als ein blutjunger Mensch freiwillig eintrat, zum Waschen der Kasernenfenster kommandiert habe. – O, glückliche Vergangenheit dieser ersten Dienstjahre, wo wir nicht nur Stall und Pferde putzten, sondern auch Stubenboden und Kasernenfenster, um das praktisch selbst zu betreiben, wozu wir später in den Fall kamen, andere zu kommandieren! Wenn auch nun, wie oben des näheren auseinandergesetzt, mancher Batteriechef seine Bombardiere mit scheelem Auge betrachtete und mancher strenge, diensteifrige Unteroffizier im stillen seufzte, wenn ihm ein halbes Dutzend dieser Offizierspflanzen zur Munitionsanfertigung oder vielleicht auch zur Beaufsichtigung des Kugelfanges zugeteilt wurde, so gab es dagegen auch wieder andere Kreise der menschlichen Gesellschaft, wo unser Name einen besseren Klang hatte; so bei der Mutter unserer Batterie, der Frau des ältesten Feuerwerkers, welche in der Kaserne einer besonderen Restauration vorstand und die uns bei kleinen Manövern und besonders bei großen Schießübungen mit Wurst und Brot, sowie mit Rum oder altem Fruchtbranntwein, namentlich aber mit einem längeren Kredit thatkräftig zu Hilfe kam. Wieviel an Verzugszinsen wir ihr für ihre Gefälligkeit zu entrichten hatten, bin ich nicht genau anzugeben imstande, und nahm man diese Abrechnungen gegenseitig nicht so genau, das heißt von ihrer Seite in betreff der längeren Borgfrist und von unserer Seite in betreff der zu entrichtenden Summe. Kam die glückselige Zeit eines mit Geld beschwerten Briefes, so war der erste Gang zu Madame Wendler, worauf sie ihre alte Bibel hervorsuchte und so lange darin blätterte, bis das Conto des Betreffenden herausfiel und man alsdann mit traurigem Gefühle einsah, daß man in Summa um so und so viel Thaler leichter geworden war, dagegen mit der Aussicht auf einen flotten und freien Verzehr während mehrerer Monate. Und daß wir damit nicht kargten, sondern uns meistens das Beste geben ließen, was die Kasernenrestauration zu leisten vermochte, hielt uns in gehörigem Ansehen bei der Frau des Feuerwerkers. Ja, wir waren gewissermaßen ihre liebsten Gäste, und wenn in ihrem beschränkten Lokale sonst kein Platz mehr zu finden war, so räumte sie uns gutwillig ihr Bett ein, um das als Sofa zu benutzen. Was nun die Einwohnerschaft der Stadt, besonders den weiblichen Teil derselben, anbetraf, so waren wir für diese durchaus nicht das verabscheuungswürdige Corps wie intra muros , sondern galten für eine Gesellschaft lustiger junger Leute von anständigen Familien, jeder mit Anwartschaft, um Offizier zu werden, so bald es ihm gefällig war, voller Talente, welche auch jeder von uns, so gut er konnte, entwickelte. Jener war ein guter Tänzer, dieser wußte auf angeborgtem Pferde seine angenehme Fensterparade zu machen, ein dritter malte kleine Porträte, ein vierter spielte zum Entzücken Guitarre, und was das Bombardiercorps als solches anbelangt, so hatte es stets ein mehr oder minder gutes Gesangquartett, und wenn wir in einer schönen Nacht vor dem Fenster irgend welcher schönen Schlosserstochter mit Brummstimmenbegleitung sangen: Ich hör' meinen Schatz, Den Hammer er schwinget, Das rauschet, das klinget, Das dringt in die Weite Wie Glockengeläute Durch Gassen und Platz! da konnten wir sicher sein, als würdige Repräsentation des Bombardiercorps erkannt zu werden. Doch brauchten wir auch das Licht des Tages nicht zu scheuen, viel mehr aber das Auge unseres Kapitäns oder des ersten Lieutenants, wenn wir in unseren Freistunden auszogen, in einem so verbotenen Anzuge, als nur möglich: vom Waffenrocke nur den obersten Knopf geschlossen, unten eine weiße Weste sehen lassend, einen weißen Kragen über der schwarzen Halsbinde, um die Hüfte eine lackierte Offizierssäbelkoppel, die feine Mütze so dienstwidrig als möglich ausgeführt und so keck als thunlich auf den Kopf gesetzt; zum Ueberflusse als Verbotenstes noch eine Reitpeitsche in der Hand schwingend, aber gerade durch alles dies das ganze Ideal eines flotten Bombardiers. Und nach alledem – trotz alledem – es gibt keine Bombardiere mehr. Sie haben geendigt, ihr Name ist für das wirkliche Leben erloschen. Möglicherweise wird noch in einer alten Verrechnungstabelle diese Charge jahrelang fortgeführt, aber mit einem kalten Striche dahinter, zum Zeichen, daß sie aus der Reihe der Lebenden ausgestrichen ist. Vielleicht hängen auch noch hie und da im dunkeln Winkel einer staubigen Montierungskammer die Ueberreste einer Bombardieruniform. Ah, wenn sie erzählen könnte! Sie wäre vielleicht imstande, unser Buch zu bereichern; doch so wird sie still für sich fortträumen, um später zwischen den rohen Fäusten ausklopfender Kanoniere und stillem Mottenfraß in ein besseres Jenseits hinüberzuschlummern. Es ist also der letzte Bombardier, geneigter Leser, von dem diese Blätter handeln sollen; ja, es hat einen letzten gegeben, doch war es nicht leicht, ihn herauszufinden und genügend festzustellen, daß gerade dieser der letzte war. Nur ein Zusammentreffen eigentümlich günstiger Umstände ließ uns ihn auffinden, wobei wir es als ein Glück betrachten mußten, daß auch sein ferneres Leben interessant genug war, um es in diesen Blättern niederzuschreiben. Für Leute, die auf Aehnlichkeiten erpicht sind – es gibt solche unglückliche Wesen, die das Gesicht jedes Fremden, der ihnen begegnet, allsogleich lächerlich ähnlich finden mit den Physiognomien ihrer Bekannten, des Herrn Müller oder des Herrn Maier, die jeden Ton in einer neuen Oper schon in einer älteren gehört haben, die ein Buch achselzuckend bei Seite legen, weil sein Titel beinahe gerade so, wie sie ihn irgendwo gelesen haben –, für solche muß ich die feierliche Erklärung abgeben, daß der letzte Mohikaner des großen amerikanischen Schriftstellers mit dem letzten Bombardier auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit hat; spielte doch jener auf der damals noch ziemlich jungfräulichen Erde der Neuen Welt, auf der Prärie und dem Urwalde, während wir uns leider mit dem überkultivierten Boden unseres sehr civilisierten Deutschlands begnügen müssen. Wo die Geschichte spielt, errät nicht einmal der Verleger; wir sind es dem Leser und uns selbst schuldig, dies aufs ängstlichste zu verschweigen, um edeln Charakteren, deren in unserem Buche haufenweise vorkommen werden, nicht die Nöte tugendhafter Scham über zu frühes Erkanntwerden auf die Wangen zu jagen, sowie um das Zartgefühl schlechter Kerle, an denen es auch nicht fehlt, in der Hoffnung auf ihre schließliche Besserung nicht zu sehr zu verletzen. 2. Kapitel Handelt von den Eltern und der Heimat des Helden dieser Geschichte Wo der Held unserer Geschichte geboren wurde oder wer seine Eltern waren, brauchen wir eigentlich nicht zu verraten; wir könnten darüber ein gewisses bedeutsames Stillschweigen beobachten zur Spannung unseres Leserkreises, auch um uns freie Hand zu lassen, ihn später als den Sprößling irgend einer edeln und erlauchten Familie rasch und glücklich in die Arme irgend einer vornehmen Auserwählten zu führen, oder ihn zur Erhöhung des Interesses mit einer blutigen Kriminalgeschichte in Verbindung zu bringen, oder mit einem gestohlenen Vermögen, einem veruntreuten Testamente, oder gar mit einem Urahnherrn, der vor langen Jahren in seinem eigenen Schlosse von einem rebellischen Neffen lebendig eingemauert wurde. Von jenem alten Ritter, der das unter Hohngelächter mit sich geschehen ließ, dem entmenschten Neffen die Stelle verleugnend, wo er seine Schätze vergraben, ein Hohnlachen, welches in der Mitternachtsstunde häufig durch die Schloßgänge hallte und welches sich in einer Geschichte so vortrefflich ausnimmt, was alles uns dann die schönste Veranlassung gäbe, auf den wundersamsten Kreuz- und Querwegen Testament oder Vermögen wieder herbeizuschaffen, oder gar den eingemauerten Urahnherrn, der alsdann, in seinem linken Stiefelabsatze eingenäht, den Zettel mit der Angabe bei sich trüge, wo das kolossale Familienvermögen verscharrt wurde – doch fällt es uns nicht ein, der Wahrheit auf diese Art Gewalt anthun zu wollen, vielleicht weil wir auch schließlich über kein glückliches Wiederfinden zu berichten haben, noch über Ereignisse welterschütternder Bedeutsamkeit. Es ist eine harmlose Geschichte, die wir schreiben, beginnt in einem alten Hause mitten in einem dichten Grenzwalde, wo es auf einer ziemlichen Anhöhe lag, welche über majestätische Fichten und Tannen hinweg eine prachtvolle Fernsicht gewährte auf die malerischen Höhenzüge eines mächtigen Gebirges, auf einen weiten Landstrich mit Wiesen, Fruchtfeldern und ein paar blinkenden Seen. Das Haus war vor langen Jahren eine Försterswohnung gewesen, hatte einst einen weißen, freundlichen Anstrich gehabt, der aber später ins Kaffeebraune übergegangen war, wobei das Gebäude selbst so entschieden aus den Fugen ging, daß es, wie die Uhlandsche Säule, jede Nacht hätte einstürzen können; aber es stürzte nicht ein und ist vielleicht auch bis heute noch nicht eingestürzt, woran übrigens die Haltbarkeit des Mörtels und die locker gewordenen Zimmerholzverbände weniger die Schuld trugen, als eine alte, wohl unbegreifliche Anhänglichkeit zwischen Holz und Stein. Der Förster, der hier gewohnt, war weggezogen, weil das Haus eine entschiedene Neigung gezeigt, den Stürmen, die zuweilen um die Berge rasten, künftig nicht mehr widerstehen zu wollen. Und so wäre es auch wohl diesem Schicksale anheimgefallen, wenn sich nicht ein Bewohner gefunden hätte, mutig genug, es mit dem alten Hause aufzunehmen, und auch geschickt genug, um es durch einige praktisch angebrachte Balken wieder notdürftig zu stützen. Dieser Bewohner war ein ehemaliger Unteroffizier von der Artillerie, der nach langer und treuer Dienstzeit eine Civilversorgung als reitender Steueraufseher erhalten hatte. Da aber mit dieser Stelle ein geringes Gehalt, eine Pferderation, aber keine freie Wohnung verbunden war, so trachtete er, sich eine solche auf die oben beschriebene Art zu verschaffen, was ihm auch so leidlich gelang, daß er drunten im Wirtshause von seinem Schlosse droben im Walde sprach und mit vielem Selbstgefühl die Bemerkung abgab, daß ein tüchtiger Artillerist mit einem tüchtigen Manöver de force selbst das unglaublich Scheinendste zu leisten vermöge. »Wer wie ich,« pflegte er zu sagen, »vor dem alten Obersten von Tuchsen mit einem Geschütze im Feuer manövriert hat, dem das linke Protzenrad fehlte und welches statt des rechten Geschützrades einen Wegweiser untergebunden hatte, der wird sich gewiß nicht scheuen, es mit einer so alten Baracke aufzunehmen.« Selbstverständlich hatte der reitende Zollaufseher auch eine Frau gehabt, doch sie war gestorben, ehe er den Militärdienst und die Kaserne verließ; ja, wenn sie am Leben geblieben wäre, so würde er vielleicht doch noch nicht so bald eine Civilversorgung nachgesucht haben, denn sie war eine ordentliche, fleißige Frau, die ihrem Hauswesen aufs vortrefflichste vorstand, und das war keine Kleinigkeit, denn ihr Hauswesen bestand damals aus den sämtlichen Offizieren der Batterie, denen sie Frühstück und Wäsche besorgte, zuweilen auch das Abendessen, und ferner aus einigen zwanzig Kostgängern, Unteroffiziere, Bombardiere, Freiwillige und Gemeine. Diese Frau hatte zu allem das unglaublichste Geschick, und wo sie ihre Zeit hernahm, war niemand zu begreifen imstande; denn nicht nur, daß sie Freistunden hatte, in denen sie Putzarbeiten für einige Kunden der Stadt machte, so fand sie auch noch Muße, ihrem einzigen Sohne, dem Helden unserer Geschichte, abends an einem alten, rappeligen Klavier, welches dem Wachtmeister gehörte, den ersten Musikunterricht zu erteilen. Dabei war aber auch die Frau Unteroffizier Freiberg in allen anderen Dingen eine vortreffliche, brave Frau und von außerordentlicher Schönheit gewesen, wie sich manche aus damaliger Zeit her noch erinnerten, sogar der Batteriechef, der alte Kapitän Heinzelmann, der, wenn sie über den Kasernenhof ging mit leichten, tänzelnden Schritten, tadellos angezogen, sich nicht enthalten konnte, ihr nachblickend, seinem ersten Lieutenant zu sagen: »Sehen Sie, mein Lieber, wenn mir auf meinem Lebenswege, natürlich unter passenden Verhältnissen, eine ähnliche Frau begegnet wäre, so würde die Armee um eine Hauptmännin Heinzelmann reicher sein.« Was die Vergangenheit der Frau Freiberg anbelangt, so ist mit Sicherheit darüber nichts anzugeben: Einige behaupteten, sie sei, selbst von guter Familie, in einem adeligen Hause Kammerjungfer gewesen und habe sich durch einen sehr harten Dienst bewogen gefunden, den Bewerbungen ihres späteren Mannes, eines sehr hübschen Militärs, nachzugeben; andere aber wollten sich erinnert haben, sie sei eine Zeitlang, allerdings in einer untergeordneten Stellung, beim Theater gewesen, habe aber dort nicht durchdringen können und dann, wie es so zu gehen pflegt, aus Aerger den ersten, besten Mann geheiratet, der ihr in den Weg gelaufen. Was ihre letztere Carriere anbelangte, so stand so viel fest, daß sie ein entschiedenes Musiktalent hatte und namentlich in früheren Jahren Lieder sang, die sie selber sich auf dem Klavier begleitete, und zwar Lieder und Gesänge, die schon eine gewisse künstlerische Bildung voraussetzen. Als sie nun gestorben war – und leider starb sie sehr früh –, da vermochte es der Unteroffizier Freiberg nicht, länger in der Kaserne auszuhalten, und da er von seinem Batteriechef aufs beste empfohlen war, so wurde er denn auch nach einiger Zeit mit einer Civilanstellung begnadigt und erhielt einen Dienst, der nicht nur seine Zeit sehr in Anspruch nahm, sondern auch seiner Phantasie und seinem Ehrgeize schmeichelte. Konnte er doch, wie bisher, hoch zu Roß sitzend, seinen Dienst versehen, und zwar auf eigenem Pferde, wobei es nicht selten eine recht poetische Verfolgung, ja, Zusammentreffen mit Schmugglern und ähnlichem Gesindel gab. Und der ehemalige Unteroffizier war bis zu einem gewissen Grade für Poesie nicht unempfänglich. Wenn er bei der Morgendämmerung durch den grünen Wald ritt, so erfreute er sich an dem allmählichen Erwachen der Natur, ja, er zog oft seinem alten Braunen die Zügel an und ließ ihn vor einer malerisch gefärbten Felsenschlucht halten oder an einer Waldlichtung, die einen entzückenden Anblick bot auf die von der Morgensonne hell bestrahlte Ebene, aus der hervor der geschlängelte Lauf eines Flusses, sowie ein paar Landseen in blendendem Lichte förmlich aufloderten. Hatten doch selbst die dunkeln Nächte in Sturm und Regen, wenn er langsam die Grenze abritt oder auch stundenlang in einem Hinterhalte auf Verdächtiges lauerte, einen ganz besonderen Reiz für ihn, so daß er an solchen Abenden, wenn er nach Hause zurückkehrte und alsdann die grobe, warme Joppe angezogen hatte, besonders dazu aufgelegt war, seinem kleinen Sohne dieses Waldleben zu schildern und ihm auch wohl aus vergangenen Zeiten von großen Paraden und ganz besonders gelungenen Manövern zu erzählen. Der Knabe war damals zwölf Jahre alt und erfaßte alles, was vom Militär handelte, mit dem größten Interesse. Er war überhaupt ein Kind von ganz glücklichen Anlagen, auf den sich die Intelligenz sowie das sinnige Wesen der Mutter vererbt hatten, wobei ihm aber als Gegengewicht der etwas eigensinnige Charakter seines Vaters sowie dessen Energie, von der ebenfalls einiges auf ihn übergegangen war, sehr zu statten kam. Auch im Aeußeren hatte er eine angenehme Mischung beider Eltern: von der Mutter die seinen, fast zierlichen Bewegungen und dabei doch das sichere Auftreten, dazu einen fast mädchenhaft zarten Teint mit großen, dunkeln, ausdrucksvollen Augen, welche sich gar nicht übel machten zu des Vaters blondem, krausem Haar und die auch wieder mildernd eintraten gegenüber den kecken, fast übermütigen Gesichtszügen, mit denen, sowie in der jetzt schon kräftigen Gestalt, er ganz das Ebenbild seines Erzeugers war. Was seine Gemütsart anbelangte, so war eigentlich nichts Schlimmes darüber zu sagen, doch wäre es für ihn gewiß besser gewesen, wenn es der sanften, verständigen Mutter beschieden gewesen wäre, ihn in das Jünglingsalter hinüber zu leiten und über seine Erziehung zu wachen, während er nach ihrem Tode leider mit wenig mehr Pflege aufwuchs, als die Blume auf dem Felde oder das junge Reis im Walde. Der ehemalige Unteroffizier hatte eine alte Anverwandte zu sich genommen, welche das Hauswesen führte, eine Person wie tausend andere, nicht gut und nicht schlimm, die sich nur dadurch auszeichnete, daß sie beinahe vollständig taub war und man sich nur mit ihr verständigen konnte, wenn man sehr langsam, sehr deutlich und überlaut mit ihr sprach, was für den Knaben den Vorteil hatte, daß er sich ein sehr hörbares, verständliches Sprechen angewöhnte, mit lauter, tönender Stimme, ungefähr so, wie man vor der Front zu kommandieren pflegt, was der Vater nicht ohne Befriedigung vernahm, denn es stand fest bei ihm, daß sein Sohn ebenfalls die Militär-Carriere ergreifen solle, aber nicht um, wie er, als Unteroffizier zu vegetieren, sondern in der Blüte eines stattlichen Artillerieoffiziers. Etwas anderes für diesen zukünftigen Stand lernte der junge Freiberg ebenfalls im täglichen Verkehre mit der alten, tauben Liese, nämlich einen Hauptbestandteil der Subordination, das gänzliche Stillschweigen in Gegenwart älterer Leute und Vorgesetzten; denn für die alte Frau war es vollkommen gleichgültig, ob er den Versuch machte, ihr in irgend etwas zu widersprechen. Sie verstand kein Wort davon und fuhr ruhig in ihrem Gerede fort, weshalb der Knabe das Klügste that, was er thun konnte, geduldig ihre Rede hinzunehmen, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, sie durch eine Gegenbemerkung zu unterbrechen. Erich – diesen Namen hatte ihm der alte Hauptmann Heinzelmann, der sein Pate war, in der Taufe beilegen lassen – ging in die Schule des benachbarten kleinen Dorfes und empfing nebenbei den Privatunterricht des Lehrers Herrn Schmelzer in allerlei nützlichen Dingen, als Zeichnen, ein wenig Mathematik und den Anfangsgründen der französischen Sprache, und zwar bis zu der allerdings nicht weit gesteckten Grenze seines eigenen Wissens. Dabei angekommen, fingen beide wieder gemütlich mit ihrem Kursus von vorn an, wodurch unser Held ein Gelehrter wurde, leider aber nur in den ersten Buchstaben des großen Alphabets menschlichen Wissens. Desto ausführlicher aber und gründlicher war das, was ihn das tägliche Leben lehrte, der Wald, die Heide, der benachbarte tiefe und reißende Fluß. Für ihn war kein Baum zu hoch, kein Graben zu tief, kein Sprung zu gefährlich, und selbst wenn dieser Sprung von einem Felsstücke aus in die brausende Flut des vorhin erwähnten Stromes ging. Da tauchte er lachend unter, schwamm unter dem Wasser dahin, um weit, weit hinab wieder, lachend sich schüttelnd, an die Oberfläche emporzukommen. Auch das alte Pferd seines Vaters diente ihm zur Bereicherung seiner Kenntnisse; nicht nur, daß er nach den ersten Anleitungen in allen Gangarten auf der Decke und dem Sattel zu Hause war, er lernte auch die Pflege und Wartung des geduldigen Tieres, und wenn er es hie und da des Morgens geputzt hatte, so hatte der ehemalige Unteroffizier seine große Freude an den langen und regelmäßigen Staubstrichen, welche Erich mit dem Striegel auf das Pflaster klopfte. Doch erlitten alle diese Spielereien und Beschäftigungen an dem Tage einen bedeutenden Stoß, als Erichs Lehrer dem munteren, aufgeregten Knaben, zu dem sich der alte, sonst so mürrische Mann gewaltsam hingezogen fühlte, ein vergilbtes Notenheft öffnete, um ihm die Bedeutung und den Wert dieser seltsamen Zeichen mit den runden oder durchstrichenen Köpfen zu erklären. Darüber hatte ihn die Mutter allerdings nicht belehren können oder wollen; doch verwunderte sich der Schullehrer über die Fertigkeit, mit der ihm Erich ein paar kleine Stückchen vorspielte, und zwar auf der Orgel der Dorfkirche, da ein Klavier leider nicht zur Verfügung stand. Was nun diesen Musikunterricht anbetraf, so fühlte Herr Schmelzer hier einen ganz anderen und soliden Grund unter seinen eigenen Füßen und dabei einen so glücklichen Wiederhall in der Seele des Knaben, daß er überzeugt war, da ließe sich mit Geduld und Zeit ein stattliches Gebäude aufrichten, weshalb er nicht versäumte, alsogleich ein tüchtiges Fundament zu legen. Man hätte denken können, daß für einen vierzehnjährigen Knaben, der leidenschaftlich ritt, schwamm, schoß, der bei Tage und bei Nacht, so oft sich ihm eine freie Stunde darbot, durch die Wälder schwärmte, der mit lebendigem Gemüte für alle äußeren Eindrücke so empfänglich war, das trockene, abstrakte Studium der Grundzüge der Musiklehre durchaus nichts Anziehendes gehabt hätte und daß er sich je eher je lieber von dieser Plage wieder weggesehnt haben würde, aber im Gegenteil; er konnte es nicht erwarten, bis Herr Schmelzer nach beendigten Unterrichtsstunden in die kleine Kirche schlich, dort hinter sich abschloß und ihm auf den Tasten der Orgel, deren Blasbälge allerdings zu so profanen Studien nicht angezogen werden durften, das praktisch erklärte, was er ihn auf dem Notenblatte gelehrt. Ja, es war unbegreiflich, wie leicht es ihm wurde, die Intervalle, die Sekunden, Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, Septimen in verminderter oder übermäßiger Größe kennen zu lernen, die Dreiklänge auf den verschiedenen Stufen der Tonleiter zu bilden und aus diesen, fortschreitend, die Akkorde durch alle Kreuze und B 's zu lernen. Wie glücklich machte es den alten Mann, in seinem Schüler ein mehr als gewöhnliches Talent gefunden zu haben, ja, ein Genie, das durch ursprüngliche Begabung sicher und gewandt von Satz zu Satz mit Keckheit überging, die dem alten Schullehrer nicht selten Schwindel verursachte. Aber auch was die Wiedergabe des Gelernten auf der Orgel anbelangte, hatte Erich in Jahresfrist solche Fortschritte gemacht, daß der gute Schmelzer eines Tages ein altes, schwarzes, fadenscheiniges Ding anzog, welches er seinen Frack nannte, und damit dem gestrengen, hochwürdigen Herrn Pfarrer seine Aufwartung machte, um ihm die Bitte vorzutragen, an einem der nächsten Sonntage den jungen Erich Freiberg die Orgel spielen zu lassen. Daß dem Geistlichen bei dieser Zumutung fast das Weinglas aus seinen dicken Fingern gefallen wäre – ja, ein Glas voll echten wirklichen Weines, nach welchem der alte Schmelzer mit einem tiefen Seufzer geschielt –, darf uns nicht wunder nehmen, denn das Verlangen des sonst so bescheidenen Lehrers war doch zu ungereimt. Daß ein Anfänger allerdings einmal zum ersten Male die Orgel spielen mußte, begriff der geistliche Herr wohl, aber zwischen Anfänger und Anfänger in dieser Richtung war denn doch ein gewaltiger Unterschied. Ja, wenn es noch ein junger, magerer Schulamtskandidat gewesen wäre, hohläugig, bleich, mit glatt herabgefallenem Haar und himmelndem Blicke – aber der da, ein Schlingel erster Klasse – in den Augen des Herrn Pfarrers nämlich –, der sich nicht einmal scheute, die hochwürdigen Bienen des Pfarrgartens anzutasten und den fleißigen Hahn des Hühnerhofes schon in solche Nervenaufregung versetzt hatte, daß er auf das benachbarte Scheunendach geflogen war, der Sohn eines ehemaligen Artillerieunteroffiziers, dessen Vater in seiner jetzigen Eigenschaft als reitender Steueraufseher mit Schmugglern, ja, mit Räubern und vielleicht noch schlechterem Gesindel in bedenklicher Verbindung stand – »nein, nein, nein, lieber Schulmeister,« sagte er mit seiner fetten Stimme, »das wollen wir doch lieber bleiben lassen!« Herr Schmelzer aber, der in seiner langjährigen Schulmeisterpraxis recht hartschlägig geworden war, ließ sich nicht so leicht abweisen und wußte so viele triftige Gründe anzugeben, wobei er sogar die unbegreifliche Keckheit hatte, dem Herrn Pfarrer gegenüber von eigener Verantwortlichkeit in betreff des Orgelspiels zu reden. »Da hat Ihn einmal wieder eine Scheu angepackt, von der man Ihn nur dadurch losbringen kann, daß man Ihn, wie schon häufig geschehen, ad absurdum führt. – Nun, meinetwegen! Daß aber von einem Orgelspiel bei würdiger Sonntagsfeier nicht die Rede sein kann, das sollte Ihm nicht schwer werden, einzusehen. Um Ihm aber zu zeigen, daß ich auch diesmal in vollem Rechte bin, so will ich denn gestatten, daß der junge Mensch in meiner Gegenwart und in Seiner, Schulmeister, irgend etwas aufspielt, und nur darum gebe ich diese Erlaubnis, weil Ihm dadurch ein ganz besonderer Gefallen zu geschehen scheint. Ja, ich will noch mehr thun. Ich werde selbst ein Kirchenlied angeben, welches aufgespielt werden darf und wonach ich dann am besten beurteilen kann, ob besagter junger Mensch vielleicht in einigen Jahren so weit kommen dürfte, einem wirklichen Gottesdienst orgelspielend zu assistieren, und damit Gott befohlen, lieber Schulmeister!« So war doch wenigstens etwas erreicht worden, und Herr Schmelzer hatte nichts Wichtigeres zu thun, als die alte Orgel aufs sorgfältigste zu untersuchen, hie und da ein Leder an den Windladen festzukleben, dann am Pedal etwas einzuölen, und als der große Tag gekommen war, dem er nicht ohne Bangen, Erich aber mit großer Gleichgültigkeit entgegensah, zog er abermals seinen Frack an, um den Herrn Pfarrer zur Kirche abzuholen, der denn auch nach halbstündigem Wartenlassen vor der Thür des Pfarrhauses erschien, und zwar in Begleitung seines Neffen, eines jungen Kandidaten der Theologie. In dem Gotteshause angelangt, setzten sich beide geistliche Herren gegenüber der Orgel auf einen der ersten Sitze, worauf der Schulmeister einen barfüßigen Bauernbuben, der die Blasebälge zu treten hatte, aufs genaueste in seinem wichtigen Geschäfte unterwies. Erich saß auf der Orgelbank, aber durchaus nicht in der demütigen Haltung eines jungen, bescheidenen Menschen, der vor hoher Geistlichkeit seine Probe ablegen soll; vielmehr blätterte er leichtsinnig im Choralbuche hin und her, pfiff auch wohl leise eine Melodie aus demselben, und nachdem das hohe Auditorium Platz genommen, wandte er sein rundes, frisches Gesicht mit den lebhaften, gescheiten Augen gegen den Kirchenraum, und hätte dem Herrn Pfarrer gewiß freundlich zugenickt, wenn es ihm nicht Herr Schmelzer vorher ausdrücklich aufs strengste untersagt hätte. Daß Herr Freiberg Vater sich ebenfalls hinten in einem Winkel der Kirche befand, in schüchterner Zurückgezogenheit, weil er sich leider hier nicht so gut zu benehmen wußte, als an anderen Orten, die er häufig besuchte, versteht sich von selbst. »So nehme Er denn, um es dem jungen Menschen leicht zu machen, das Lied Nr. 144 vor: Eine feste Burg ist unser Gott! – eben so schön, als bekannt. Sage Er ihm aber, er solle sich eines hübschen, langsamen Taktes befleißigen, damit ich höre, ob er wenigstens so viel gelernt hat, um die Gemeinde in einem anständigen Tempo zu erhalten und sie nicht zum Schlusse gelange, wie eine wild durcheinander rennende Schafherde. Und nun soll er anfangen.« Und nun begann Erich unter Beihilfe sämtlicher Register mit kräftigen, lang ausgehaltenen Accorden, die wie ein Schlachtruf durch die leere Kirche drangen, wie eine Aufforderung zum Kampfe, an die er ein Adagio anreihte, sanft dahin tönend, das wie die Stille vor dem Sturme klang, wie ein Gebet vor der Schlacht, in welches er dann zuerst fast schüchtern, dann immer kräftiger anklingend, die gewaltige Melodie des schönsten aller Choräle eintreten ließ und hierauf, dem ruhigen Strome derselben folgend, obgleich mit sicher geführten Anschwellungen bis zum Fortissimo oder mit einem weichen Decrescendo , wo es passend war, mit so festem, strengem Takte durchführte, daß der Herr Pfarrer, der anfänglich bedeutsam mit dem Kopfe schüttelnd seinen Neffen angesehen, jetzt die Worte des Chorals vor sich hinzusummen begann. Der alte Schmelzer saß oben neben der Orgelbank auf einem niedrigen Schemel und blickte durch eine Spalte der Brüstung mit ängstlichem Auge nach dem hohen Auditorium, und seine Spannung löste sich erst dann in ein Gefühl der Sicherheit, zugleich aber auch der Wehmut auf, als er bemerkte, wie der Herr Pfarrer mit zufriedener Miene seinem Neffen einige Worte zuflüsterte. Auf die leise Frage Erichs, ob er jetzt aufhören solle, schüttelte der Schulmeister heftig mit dem Kopfe und versank dann, das Haupt in seine Hände gedrückt, in ein tiefes, schmerzliches Nachsinnen, wohl durch den Gedanken angeregt, was aus ihm selbst hätte werden können, wenn er mit gleichen Talenten und Fähigkeiten in die liebevolle Sorge eines tüchtigen Meisters gekommen wäre, der ihm erschlossen hätte die göttlichen Wunder der himmlischen Musika. Er, der den Drang in sich gefühlt, sich auf den Strömungen des Gesanges, gleich einem lichten Schmetterlinge im Sonnenschein, emporzuheben über das Gewöhnliche, Alltägliche, dem aber das traurige Los gefallen war, am Boden hinzuflattern wie ein dunkler, unscheinbarer Nachtschmetterling. Und sie wollten gar nicht aufhören hervorzuquellen aus der Seele des alten Schulmeisters, diese ernsten Gedanken, die aber dadurch ihren bitteren Stachel verloren, weil sie getragen wurden von den Tonwellen des Orgelwerkes. Doch wie er sich jetzt gewaltsam aus seinen Träumereien losriß, so vernahm er mit einigem Schrecken, daß Erich den ruhigen, soliden Gang des Chorals leichtsinnig verlassen hatte und jetzt, das Motiv desselben variierend, mit einer Fuge schloß, die, wenn auch nicht korrekt und fehlerlos, doch aus den bis jetzt verschlossenen Lippen des jungen Kandidaten da unten ein lautes Bravo hervorlockte. »Hm,« machte fragend der hochwürdige Herr an dessen Seite, »so bist du der Ansicht, man wird sich in seiner Stellung nichts vergeben, wenn man diesem jungen Menschen einige passende Worte der Anerkennung sagt?« »Gewiß nicht. Ja, ich würde mir ihn zum ständigen Orgelspieler heranziehen; dein alter Schmelzer hat von jeher sehr wenig geleistet, und ich sage dir, dieser junge Mensch hat in seinem Vortrage ein Taktgefühl entwickelt, das deine Bauern unfehlbar mit sich fortreißen muß – versuch's einmal.« »Ich würde es gern thun,« entgegnete der Pfarrer mit einem ernsten Kopfnicken, »scheue mich aber, ein so wildes Soldatenblut gegenüber der Kanzel, von der ich Gottes Wort verkünde, auf die Orgel zu placieren; hätte immer die Angst, der tolle Bursche führe mir einmal bei einer salbungsreichen Stelle mit einem ausgelassenen Schnetterengteng dazwischen oder triebe sonstige Allotria. Diesem Volke ist nicht zu trauen,« setzte er flüsternd hinzu – »Komödianten-, Schnurranten- und Soldatenvolk.« »Vielleicht wäre es möglich,« erwiderte nachdenkend der junge Kandidat, »ihn zum Schullehrergehilfen auszubilden, und dabei wäre sein gutes Orgelspiel recht brauchbar. Laß mich einmal mit ihm reden.« »Wenn du meinst, so kann man den Versuch machen, und ich will es mich recht gern ein paar eindringliche Worte bei dem alten Unteroffizier kosten lassen.« Nun waren aber diese eindringlichen Worte nicht eindringlich genug für das verstockte Gemüt des alten Herrn Freiberg, trotzdem Schmelzer mit der Kraft eines Cicero vorgearbeitet hatte, um jenen geneigt zu machen, den einzigen Sohn für die Stelle eines Hilfslehrers zu bestimmen, ihn, den der Vater im Geiste nicht anders sah, als mit den Epauletten geschmückt, einen Artilleriezug führend, ja, eine Batterie, wenn er sich gerade in seinen Träumereien eine besondere Verschwendung erlaubte. Ihn, diesen frischen, gesunden Burschen von so glänzenden militärischen Anlagen, ein kümmerliches Wesen werden lassen, wie Herr Schmelzer war – nimmermehr! »Ja, das ist alles recht gut und wohl,« hatte ihm der Schullehrer erwidert, »aber habt Ihr es denn schwarz auf weiß verbrieft und verstempelt, daß Erich einmal ein Offizier wird; ich gebe es zu, daß sein ganzes Naturell zum Soldaten paßt, daß man ihn gern dort annehmen wird, ihm auch die besten Hoffnungen macht, daß er sehr rasch das wird, was Ihr gewesen seid. Aber dann kommen die steilen Felsen auch in jener Carriere, wo Mut, Fleiß und Ausdauer nicht allein helfen, sondern wo man auch Protektionen braucht, wo man sehr viel wissen muß und wo es auch noch etwas anderes bedarf, was wir beide nicht besitzen – das Geld nämlich. Doch das wissen Sie besser, als ich, mein lieber Herr Steuerkontrolleur, es ist in jeder Stellung des Lebens traurig, wenn man nicht die Mittel hat, seinem Stande gemäß leben zu können; aber nun gar ein armer Offizier, und der auf sein tägliches Gehalt angewiesen ist, und der dabei so thun muß, als ginge er beständig mit gefüllter Geldbörse umher, wißt Ihr, der in einem fort genötigt ist, sich die Zähne zu stochern, auch wenn er mit einer mageren Suppe hat fürlieb nehmen müssen, nein, nehmt mir nicht übel, da noch lieber ein armer Schullehrergehilfe, der doch nicht nötig hat, zur Ehre seines doppelten Tuches mit Kummer und Not Versteckens zu spielen.« »Protektionen habe ich für ihn. Mein alter Batteriechef, der Hauptmann Heinzelmann, hat mir feierlich versprochen, sich des Buben anzunehmen, auch werde ich mir kein Gewissen daraus machen, einen Bruder meiner Frau, der sich allerdings nie um uns bekümmerte, in diesem besonderen Falle unsere Verwandtschaft ins Gedächtnis zu rufen.« »O ja, was den Hauptmann Heinzelmann anbelangt, würde er sich Erichs annehmen, aber er kann ihn nicht zum Examen vorbereiten, und was irgend eine Hilfe anderer Art anbelangt,« – hier schob Herr Schmelzer seinen Daumen wiederholt über seinen Zeigefinger – »davon wollen wir ebensowenig reden, als von einer Beihilfe aus der Verwandtschaft Eurer Frau – das kennen wir.« Am wirksamsten schienen noch immer die Vernunftgründe des jungen Kandidaten, die dieser noch obendrein in freundlich gewinnender Weise dem Vater aufnötigte. »Ich will Ihnen glauben,« sagte er, »daß Ihr Sohn Erich für den Soldatenstand schwärmt, wie sehr viele junge Leute, ja, wie die meisten, die sich in gleichen Verhältnissen finden. Sie sagen mir aber selbst, daß Sie lieber Ihren Sohn alles andere werden lassen, wenn Sie voraus wüßten, daß er es nicht über den Unteroffizier bringt; um aber dahin zu gelangen, ja, nur um ein gutes Examen in die Brigadeschule zu machen, muß er mehr wissen, als Erich kann; ich habe ihn ja gestern examiniert, und wenn ich auch in der That erstaunt bin über das, was er weiß, so fehlt ihm doch noch vieles, was ich am besten beurteilen kann, da ich Hauslehrer bei dem General von Schmidberg war und die jungen Herren in einigen Fächern so weit brachte, daß sie notdürftig ihr Examen machen konnten. Nun gut: Erich ist nächstens fünfzehn Jahre alt. Machen Sie einen Versuch mit ihm, ob ihm das Lehrerfach nicht zusagt. Mein Onkel, der Herr Pfarrer, glaubt, ihn bei einem Bekannten unterbringen zu können, wo er lehrend in seinen Freistunden selbst noch vieles lernen kann, ja, wo er sich das Mangelnde vielleicht noch anzueignen vermag, um, wenn es ihm gar nicht gefallen sollte, immerhin noch den Versuch eines Examens zu machen.« Daß auf solche Reden hin Herr Freiberg kopfschüttelnd mit einem trüben Lächeln seines Weges ging, nahm der Kandidat als ein gutes Zeichen. Um nun den jungen Erich für den Plan des Herrn Pfarrers zu gewinnen, mit dem Herr Schmelzer, nur auf ein ganz anderes Ziel lossteuernd, einverstanden war, manövrierte dieser ganz anders, als gegen den Vater, und wir müssen sagen, wirksamer, da das, was er sagte, aus voller Ueberzeugung und aus einem warmen Herzen kam. Beide saßen eines Tages am Rande einer bewaldeten Anhöhe, von der man auf das weite, ferne Land hinuntersah und auf die majestätische, tiefblaue Bergkette, die sich am fernen Horizonte träumerisch erhob. Eigentlich sah nur Herr Schmelzer; Erich lag auf dem Rücken und suchte vergeblich etwas Rhythmus und Melodie in dem jubilierenden Gesang einer aufsteigenden Lerche zu finden. Da sagte der Schullehrer: »Weißt du auch wohl, Erich, daß du den Herrn Pfarrer durch dein Orgelspiel gewonnen hast und daß er gar zu gern etwas für dich thun möchte?« »Ja, ja, ich hab' davon gehört. Sie wollen mich zum Schulmeister machen, und ich muß lachen, wenn ich daran denke, daß ich eine Schar wilder Buben kommandieren soll – kommandieren will ich allerdings, aber ein gutes Geschütz mit sechs Pferden und acht Bedienungsmannschaften. Batterie haalt – achthundert Schritt Distanze mit Kartätschen geladen – Feuer! Perrdauz – ich sage Ihnen, Herr Schmelzer, der Schuß hat dem Feinde eine ganze Kompagnie gekostet. Der Oberst reitet heran und ruft schon von weitem: Ah, das hat wieder der verfluchte Freiberg gethan; wir wollen ihn ganz besonders zum Avancement vorschlagen!« »Ho, und wer fabelt dir dergleichen vor?« »In diesem Augenblicke hat's die Lerche gethan; hören Sie nur, was sie singt: Offizier soll er werden und nicht Unteroffizier bleiben – Hauptmann und Major – vielleicht noch mehr – noch mehr – noch mehr!« »Ja, ja, man kann mit deiner Phantasie so etwas selbst in den harmlosen Lerchenschlag hineinlegen. Mir klingt das ganz anders; kommandieren sollst du einstens ganz gewiß, auch keine Schar schläfriger Bauernbuben, doch ebensowenig so ein dummes, fühlloses Geschütz, so eine tückische Mordmaschine.« »Meinetwegen auch eine Schwadron Kavallerie, darauf kommt mir's gar nicht an – ja, wenn wir Geld hätten!« »Auch dann wäre es schade um dich. Weißt du, was du später kommandieren sollst? Etwas ganz anderes, etwas Schöneres und Herrlicheres, als Artillerie und Kavallerie, etwas von schönerer und besserer Wirkung, etwas Herzerhebendes.« »Und das wäre? Aber alles, nur keine Infanterie!« »Höre mich an, mein lieber Erich; was du einst kommandieren sollst, das ist ein Orchester von vortrefflichen Musikanten, von Künstlern, denen du als der erste befiehlst, die du leitest und führst, mit ganz anderer Wirkung, als ein Hauptmann seine Batterie. Sieh, das stelle ich mir als das Höchste im Leben vor: du sitzest auf deinem Dirigierstuhle, du hast ein Buch vor dir, das man Partitur nennt, eine ganze Armee von Noten, in Züge, Kompagnien, Regimenter eingeteilt, und wie sie sich von dir leiten lassen, wenn du deinen Feldherrnstab erhebst; und nun denke dir – tausend Augen, die nach dir schauen, tausende von Ohren, die das Niederfallen deines Taktstockes erwarten, und alles um dich her in jubelndem Entzücken, dich mit Applaus und Bravo belohnend, denn das Musikstück, welches du vorführst, ist deine eigene Komposition, und die Kränze und Blumen, die dir zufliegen, gelten einem Werke, das dein Geist erschaffen und das deinen Namen tragen wird in die ferne Welt hinaus.« »Singt das auch die Lerche?« »Ja, die Lerche singt es, und mein Inneres sagt mir, daß du die Kraft in dir hast, Großes zu leisten. O, mein lieber Erich, ich habe es mit angesehen, als ich vor ein paar Jahren in der Residenz war, wie ein junger Komponist dergestalt sein eigenes Werk einem begeisterten, entzückten Publikum vorführte; da hab' ich mir gedacht, wenn man mir in die eine Wagschale legte alle Schätze der Welt, allen Ruhm, alle Würden, ja, alle Kronen, und in die andere jenen einfachen Taktierstock mit der Kraft, damit, wie jener, sein eigenes Werk vorzuführen, ich würde mich keinen Augenblick besinnen – ja, bei mir hätte der schlimme Versucher leichtes Spiel gehabt.« »Das wäre allerdings ein reizendes Ziel,« erwiderte der leicht erregbare Knabe mit leuchtenden Augen, »doch noch schwerer zu erreichen, als das, was ich mir vorgesteckt.« »Aber immerhin für dich zu erreichen, das schwöre ich dir zu, ich, wohl dein bester Freund, der selbst so viel gelernt hat, um eine Goldstufe vom tauben Gestein zu unterscheiden. Du kannst ein großer Musiker werden und ein tüchtiger Komponist – du lächelst, ja, ich will es dir gestehen, ich bin zufällig hinter deine Geheimnisse gekommen und habe das allerdings schlecht bekritzelte Notenpapier gefunden, welchem du deine Gedanken anvertraut, freilich inkorrekte, wilde Gedanken, aber ich habe sie zurecht geschrieben, ohne sie zu verändern, und werde sie dir vorspielen.« »O, dergleichen kommt mir immer,« sagte der Knabe nach einem längeren Nachsinnen, »wenn ich vor der Orgel sitze; aber ich habe nie gedacht, daß es was Rechtes sein könne.« »Es ist noch durchaus nichts Rechtes, aber es kann und muß etwas Rechtes werden, und ich bitte dich dringend, dazu den richtigen Weg einzuschlagen.« »Und der wäre?« »Weiter zu studieren in dem, was ich mit dir angefangen. Der leichte Weg wird allerdings der sein, dich in eine gute Musikschule aufnehmen zu lassen – aber woher dazu die Mittel nehmen?« »Ei, wenn ich einmal Soldat bin, so kann ich vielleicht Unterricht nehmen bei dem Kapellmeister des Regiments.« »Ja, wenn du einmal Soldat bist,« entgegnete traurig Herr Schmelzer, »dann ist es mit dem Lernen des anderen aus und vorbei, dann hast du auf dem Exerzierplatze und im Stalle so viel zu thun, daß dir zu Besserem keine Zeit bleibt, und deshalb möchte ich in dich dringen, einen anderen Lebensberuf zu wählen.« »Und Schullehrergehilfe zu werden – nein, davor graut mir.« »Was ich begreiflich finde, aber ebenso nützlich als Mittel zum Zwecke.« So bearbeitete der Lehrer das empfängliche Gemüt des Knaben; doch wenn auch manche ähnliche Worte, die er in sein Herz säete, keimten und ausschlugen, so waren das doch nur dürftige Pflänzchen, die aber nicht gedeihen konnten im tiefen Schatten des väterlichen Willens, welcher mit der Zähigkeit, die ihm eigen war, an dem schimmernden Bilde festhielt, seinen Sohn einstens als Offizier zu sehen. Daß er dabei noch ganz besonders gegen die Idee eingenommen war, seinen Sohn Musik treiben zu sehen, konnte man ihm von seinem Standpunkte nicht übel nehmen; denn unter Spielleuten schwebte ihm immer die Gestalt eines Batterie-Trompeters vor, der, seiner eigenen Korporalschaft zugeteilt, einer der nichtsnutzigsten und widerlichsten Blechpfeifer gewesen war, die der Himmel in seinem Zorne je erschaffen. 3. Kapitel Erichs Vater ist besorgt, seinen Sohn in die militärische Laufbahn zubringen. Zuweilen kommt es vor, daß der Himmel unsere schönsten und auch unsere besten Entwürfe, wie wir glauben, mit einem recht dicken schwarzen Striche durchstreicht, wobei er häufig anscheinend so rücksichtslos gegen alle Verhältnisse irgend ein Lebensblatt mit dem bekannten schwarzen Kreuze bezeichnet. So auch hier in unserer ganz besonders wahren Geschichte, wo an einem trüben Dezembermorgen der Zollkontrolleur Herr Freiberg von einem nächtlichen Dienste krank und elend nach Hause kam; er hing blaß und ziemlich entstellt auf seinem hinkenden Pferde, welches Mühe hatte, sich zum Stalle zu schleppen, wo es indessen geduldig stehen blieb, bis Erich und die alte taube Anverwandte dem Vater mühsam aus dem Sattel und in die Stube geholfen hatten, ja, recht mühsam, denn er konnte ebensowenig das linke Bein wie den linken Arm gebrauchen; ersteres war zerbrochen und letzterer an der Schulter ausgerenkt. Als man ihn zu Bette gebracht hatte, lief der Dorfbader, nachdem er die Verwundungen angesehen, selbst in das benachbarte Städtchen, um von dort einen geschickten Wundarzt herbeizuholen. »Denn,« hatte er mit aufgehobenen Händen zu der tauben Verwandten gesagt, »das getraue ich mir nicht zusammenzuflicken.« Und als ihm dann eingefallen, daß sie ihn ja nicht verstehen konnte, hatte er pantomimisch einen hilflosen Menschen dargestellt, der wie ein Taschenmesser zusammenknickte, und war dann mit immer noch aufgehobenen Händen davongerannt. Erich saß jetzt an dem Bette seines Vaters, welcher, nachdem er sich bis hierher mit einer verzweiflungsvollen Anstrengung aufrecht erhalten hatte, nun in eine tiefe Ohnmacht gefallen war, aus welcher ihn der rasch herbeigeeilte Schulmeister vermittelst Essigs und Salmiakgeist wieder zu sich selbst zu rufen versuchte; dies gelang aber erst nach vielen Anstrengungen. Dann öffnete der alte Freiberg seine Augen, und als er seinen Sohn Erich bleich und verstört mit gefalteten Händen neben sich sitzen sah, die großen dunkeln Augen starr und angstvoll auf sich gerichtet, da geschah etwas sehr Seltenes bei diesem sonst durchaus nicht weichmütigen Manne: er weinte wie ein Kind, wobei er den Knaben mit seinem rechten Arme an sich heranzog und seine Thränen über dessen blondes, krauses Haar dahinströmen ließ. Herr Schmelzer hatte sich indessen davongeschlichen, um nach kurzer Zeit mit einem Glase gewärmten und gewürzten Weines zurückzukehren, den er sich von dem Wirte im Dorfe erbeten. »Aber wie hat er gebeten,« sagte dieser später: »mit einer Miene und einem Blicke, die ihm ungefähr gerade so viel sagten, als: ›wenn du mir von deinem besten Weine nicht augenblicklich gibst, so schlage ich dich nieder‹ – er – mich!« So gestärkt, war der Steuerkontrolleur indessen im Stande, seinen Unfall, allerdings mit vielen Unterbrechungen, zu erzählen. Er hustete dabei, was er sonst nie zu thun pflegte, und das Atemholen war ihm schwer. Er hatte Schmuggler im Verdachte gehabt, daß sie gerade die gestrige finstere und stürmische Dezembernacht zu einem guten Geschäfte benutzen wollten, war auch auf ihre Fährte gekommen, hatte aber dabei den Weg verfehlt, und bei dem hart gefrorenen, glatten Boden rutschte der Braune, der sonst so sicher war, aus, und beide stürzten einen ziemlichen Abhang hinab. »Da lagen wir eine gute Weile und ich glaube,« sagte er mit matter Stimme, »es ist mehr als eine Stunde vergangen, bis ich meine fünf Sinne wieder bei einander hatte, daß ich um mich her schauen konnte. Der Mond schien gerade ein wenig durch die zerrissenen Wolken, und da sah ich Gestalten um mich stehen, Kerle, denen ich mich gar nicht gescheut hätte, im andern Falle meine Pistole vor das Gesicht zu halten. So aber mußte ich es geschehen lassen, daß sie mich recht manierlich aufhoben, wobei ich immer noch vor Schmerzen stöhnte, daß sie mich auf mein Pferd setzten und auf die breite Waldstraße brachten, die über Königsdorf hierher führt; dabei sprachen sie kein Wort mit mir, nur sagte einer zum andern flüsternd: ›Sollen wir nicht mitgehen bis zum Dorfe?‹ Worauf der erwiderte: ›Wie ich sehe, ist der Braune noch gut auf den Beinen und kennt auch seinen Weg.‹ Aber ich kannte den Weg nicht mehr, ich baumelte auf dem Sattel hin und her, ja, als wir endlich hier ans Haus kamen, da dachte ich, wir hätten einen Ritt um die ganze Welt gemacht. Und nun – wie Gott will!« Es dauerte nicht gar zu lange, bis der Arzt kam und mit Beihilfe des Baders seine Verbände machte; auch hatte er Arzneien mitgebracht und was sonst notwendig war, befahl alsdann die größte Ruhe für den Kranken, ließ die Fenster verdunkeln und nahm den Knaben mit sich ins Nebenzimmer, wohin auch Herr Schmelzer folgte. Dort gab er die nötigen Anweisungen für den Tag und die Nacht, versprach auch, morgen früh bei guter Zeit wiederzukommen, und sagte auf die Frage des Schullehrers achselzuckend: »Wissen Sie, bei der guten Gesundheit des Mannes werde ich mir aus einem Beinbruche nichts machen, noch weniger aus der verrenkten Schulter, aber hier – damit zeigte er auf seine eigene Brust – hier hat's bei dem Sturze einen Stoß gegeben, der mich alles befürchten läßt; vielleicht will es unser Herrgott, daß ich mich irre.« Aber der Wundarzt hatte sich dieses Mal nicht geirrt, und das fühlte niemand besser, als der Steuerkontrolleur selbst, und sprach das unverhohlen gegen Herrn Schmelzer aus, wenn Erich fern war. Auch mußte ihm dieser einige kleine Geschäfte, vor allem ein paar Briefe an ehemalige Kameraden und Vorgesetzte besorgen. So an den alten Hauptmann Heinzelmann, von dem aber lange keine Antwort kam, und dann nur eine sehr unbefriedigende. Er schrieb ihm: »Mein lieber Steuerkontrolleur, ehemaliger Artillerie-Unteroffizier Freiberg! Es hat wahrhaftig einige Zeit gedauert, ehe ich mich so recht auf Ihre Person besinnen konnte; es gehen einem, wie Sie selbst wissen, so viele Leute an der Nase vorüber, daß es der Erinnerung an Ihre Frau, unserer vortrefflichen und sogenannten Wirtin, bedurfte, um au fait zu kommen. Ja, was soll ich Ihnen nun in betreff Ihrer Anfrage sagen? Vor allen Dingen, daß ich selbst mit einer magern Pension in den Ruhestand versetzt bin und daß ich jeden Tag denke: hol der Teufel die langjährige Strafarbeit, die man Militärdienst nennt! Hätte ich einen Sohn, lieber Freiberg, so sollte er sich wahrlich nicht zu diesem glänzenden Elende bekennen dürfen, oder er müßte es selbst ganz absonderlich wollen, große Kenntnisse haben, militärischen Esprit besitzen und unter mächtigen Protektionen stehen. »Was dabei von Ihrem Sohne zutrifft, von dem kann ich natürlich nur wissen, daß, wenn er sich gar auf meine Protektion verlassen wollte, ich ihn bedauern müßte. Was habe ich selbst für mich herausgeschlagen? Gar nichts, nicht einmal den Majorstitel. Hauptmann, dir leb' ich, dir sterb' ich, und damit leben Sie wohl, und suchen was Gescheiteres für Ihren Jungen.« Die Antwort auf ein Schreiben an den Bruder seiner seligen Frau, welches Herr Freiberg ebenfalls dem Schulmeister diktiert, hat letzterer nicht einmal für gut befunden, dem Kranken mitzuteilen, denn der Schreiber, Kaufmann in einem fernen Landstädtchen, sagte in kurzen Worten, daß er nicht begreife, wie er zur Ehre eines Briefwechsels mit dem ehemaligen Unteroffizier Herrn Freiberg komme, denn wie er sich glaube zu erinnern, sei man schon vor langen Jahren stillschweigend übereingekommen, eine sogenannte Verwandtschaft gegenseitig zu ignorieren. Mit Hochachtung. Eigentümlich war es, daß Erichs Vater sich das erste Schreiben und damit ein Fehlschlagen des besten Teiles seiner glänzenden Luftschlösser nicht zu Herzen nahm, wie man wohl hätte glauben sollen. Ja, seine Leiden machten ihn nach und nach so teilnahmslos, daß er nicht einmal mehr fragte, ob sein Schwager ihn einer Antwort gewürdigt. Desto mehr aber hing er mit einer rührenden Liebe an der Person des Knaben selbst, und nur wenn dieser an seinem Lager saß, schien er Schmerzen, Leiden und Kummer vergessen zu haben, ja, dann konnte er zuweilen freundlich lächeln, sein Auge strahlte und seine zitternde rechte Hand suchte immer mit seinem Kinde in Berührung zu bleiben, sei es, daß er sie auf das blonde Haupt Erichs legte oder daß sie seine Finger zu umfassen suchte; wenn er auch früher nicht eigentlich barsch und rauh mit dem Knaben gewesen war, so hatte er doch eine gewisse soldatische Derbheit für den Respekt notwendig gehalten und sich auf diese Art bemüht, zwischen sich und seinem Sohne eine Schranke der Subordination zu ziehen. Was er dadurch in der Liebe seines Kindes versäumt, schien er jetzt einholen zu wollen, und Erich fühlte sich ebenfalls glücklich darin, denn ihm entgingen nicht die immer bedenklicher werdenden Blicke des Wundarztes; ja, eines Morgens hörte er eine Aeußerung desselben: »Geben Sie Achtung, Herr Lehrer, er wird einmal sanft hinübergeschlummert sein.« So geschah es auch an einem milden Märztage, wo Erich die Fenstervorhänge hatte beiseite schieben müssen, damit ein Sonnenstrahl in das Zimmer falle, und dieses freundliche Licht trug wohl die Schuld, daß sowohl der Lehrer, der leise eintrat, als auch der Knabe noch immer glaubten, der Kranke schlummere mit einem unaussprechlich zufriedenen Ausdrucke in den Zügen, als er in Wirklichkeit schon gestorben war. Was nun folgte, war so durch die Umstände bedingt, so ernst notwendig, so tief traurig, daß wir es für besser halten, nicht lange bei der Erzählung desselben zu verweilen. Der alte Steuerkontrolleur war gestorben, und der neue Steuerkontrolleur trat an seine Stelle; doch übernahm er nicht die Wohnung, weil sie ihm zu baufällig war, wohl aber den alten Braunen, dem es besser als seinem Herrn gegangen war, denn der Tierarzt war imstande gewesen, ihn wieder zusammenzuflicken, und er zog noch Jahre lang durch den Walddistrikt der Steuergrenze. Erichs taube Anverwandte hatte nach dem Begräbnisse ihr Bündel geschnürt, und die Frage des Knaben, wohin sie denn eigentlich wolle, mißverstehend, hatte sie ihm einen Trost zu geben geglaubt, indem sie an den Himmel hinaufblickend, mit dem Zeigefinger ein paarmal nach dort oben hinaufwies. Dann war sie trotz seiner Einreden geschieden, und er hatte das müssen geschehen lassen, da ihm Herr Schmelzer sagte, die Liese habe eine Schwester in der Stadt, von der sie erwartet würde. »Und ich – wen habe ich, der mich erwartet? Niemand – niemand – niemand!« Alsdann hatte ihn Herr Schmelzer mit sich nach Hause genommen, ihm in einem Verschlage neben dem Schulzimmer ein Lager zurecht machen lassen und ihn ermahnt, sich vor der Hand ruhig in sein Geschick zu fügen, damit man überlegen könne, was ferner mit ihm zu geschehen habe. Wie hatten sich seine herrlichen, glänzenden Aussichten verfinstert; es huschten seine strahlenden Soldatenbilder nur noch wie hinter trüben Schleiern an seiner Phantasie vorüber, eben so schön als unerreichbar. Wie sollte er allein ankämpfen gegen den Strom des Lebens, da alle, welche bereit waren, ihm zu helfen, ihm aus voller Ueberzeugung anrieten, den Strom zu verfolgen und, hübsch am Ufer bleibend, eine bescheidene, aber sichere Zukunft zu suchen? Eine für ihn allerdings trübe Aussicht, die aber Herr Schmelzer dadurch erweiterte und erklärte, indem er ihm immer und immer jenes hohe Glück als erreichbar darstellte, das er ihm einstens mit so glühenden Farben geschildert. Unter denen, die geneigt waren, dem jungen Menschen bedingungsweise Hilfe für sein Fortkommen zu gewähren, war der Pfarrer die wichtigste Persönlichkeit, und ihm gelang denn auch das fast Unmögliche, wie er selber sagte, Erich eine Stelle als Schullehrergehilfe zu verschaffen, ohne vorher durch die läuternden Flammen eines Seminars gegangen zu sein und ohne vorher bestandenes Staats-Examen, und zwar durch einen Amtsbruder, für den, wie wir später sehen werden, die soldatische Abkunft Erichs gewissermaßen eine Empfehlung war und der in seinem Schul- und Kirchenregimente absolutistisch genug herrschte, um trotz Dekanat und General-Superintendent einem jungen Menschen weiter zu helfen, wenn sich dieser willig und fügsam zeigte. Was Erichs Vater hinterlassen hatte, wurde verkauft, und nach Bezahlung einiger Schulden blieb immer noch so viel übrig, um den Sohn anständig zu kleiden, und zwar seiner künftigen Bestimmung gemäß in demütiges Schwarz, sowie um ihm auch das Nötige an Wäsche anzuschaffen; ja, auch etwas an musikalischen Werken hatte Herr Schmelzer vor den strengen Blicken des Herrn Pfarrers einzuschmuggeln gewußt, und so war er an einem schönen Morgen gerüstet, um, mit einem Empfehlungsbriefe versehen, in die Welt hinaus zu gehen. Bis zu dem alten, baufälligen Hause gab ihm der Schullehrer das Geleite – ach, wie sah es hier schon nach wenigen Monaten des Verlassenseins so gar trostlos aus! Wie hatte die Zerstörung durch ihre beiden wilden Gehilfen, Sturm und Regen, in dieser kurzen Zeit schon so traurige Fortschritte gemacht, und welchen Kontrast bildete damit die ewig sich verjüngende, alles mild vergleichende Natur! Hatte sie doch dem Winter ein kräftiges Halt zugerufen und war sie doch eben damit beschäftigt, Gras und Sträucher umzukleiden und die dürren Aeste der alten Bäume mit frischgrünem Laube zu schmücken! Sproßten doch Blumen auf, wo sich eben erst Schnee- und Eismassen verloren hatten, und strichen die muntern Vögel doch schon wieder zwitschernd und singend von Ast zu Ast, gerade so, als wollten sie jedes entrollte Blatt ganz besonders begrüßen! Und wie frühjährlich duftete dabei die Erde, wie stiegen aus den frischgerissenen Ackerfurchen Dankopfer empor gegen den wunderbar blauen Himmel, dem leichte, weiße Wolkenstreifen zu einer malerischen Verzierung dienten, und wie tröstlich klang heute wieder das Lied der Lerche: es wird alles gut werden! Verschwunden war sie hoch in den Lüften, und die Blicke Erichs senkten sich gegen die fernen, schneebedeckten Berge, denen er nun bald näher kommen sollte, nachdem er vorübergezogen war an jenem langgestreckten, dunkelblauen See, der mit seinem geheimnisvollen Aufleuchten und dem beständigen Wechsel seiner mannigfaltigen Farbentöne schon sehr oft und vielfach die Phantasie des Knaben beschäftigt. Besonders ein Teil desselben, den er bei klarem Wetter so deutlich überblickte, wo sich eine kleine Insel befand, die mit ihrem tiefen Grün von hier aus gerade so erschien, als habe eine spielende Hand einen zusammengebundenen Strauß dort hingeworfen oder einen runden Kranz auf die Wellen gelegt. Endlich mußte er scheiden unter Thränen von der Stätte, wo er so glücklich gespielt, von seinem treuen Lehrer, der es so gut mit ihm gemeint. Doch ehe er von dannen ging, schritt er nochmals um das ganze Haus herum und berührte mit der Hand die Mauer, das Holzwerk, zerbrochene Fensterscheiben, ja, vor der Hausthüre bückte er sich nieder und setzte sich, vielleicht zum letztenmale, auf die ausgetretenen Treppenstufen, wo er früher so oft gesessen, spielend mit Nachbarskindern oder seinen Vater erwartend. »Wenn es mir gut geht in der Welt,« gelobte er sich selbst, »so kehre ich einstens hierher zurück und baue mir ein stattliches Haus mit einem Turme, von dem herab ich weit sehen kann über Berg und Thal, über das Waldgebirge mit seinen Schluchten auf den leuchtenden See. Ein rüstiger Fußgänger hätte Zwingenberg – so hieß der neue Bestimmungsort Erichs – in einem tüchtigen Tagesmarsche erreichen können, das heißt vom Anbruch des Tages bis zur sinkenden Nacht. Doch hatte Herr Schmelzer seinem jungen Freunde geraten, in Königsbronn, einem kleinen Orte, den er gegen Abend erreichen würde, die Nacht über zu bleiben, damit er sich am andern Morgen zur passenden Zeit dem Herrn Pfarrer Wendler, an den sein Empfehlungsbrief lautete, vorstellen könnte. Der Schullehrer hatte ihm, was das Nachtlager anbetraf, ein paar Zeilen an einen Amtsbruder mitgegeben, der ihm nicht nur freundliche Unterkunft für die Nacht gab, sondern ihn auch einem Müller aus der Gegend von Zwingenberg empfahl, der Getreide-Einkäufe gemacht und ihn in einem Wägelchen nach der neuen Heimat mitnahm. Nebenbei hatte ihm auch noch die Frau des Schullehrers eine Partie Mundvorrat mitgegeben. Es ging auf einer guten Landstraße bergauf und bergab durch ein fruchtbares Land voll frisch aufkeimender Saaten und fast beständig unter einer Allee von weitästigen Obstbäumen dahin, von denen die Kirschen schon ihre bouquetartigen weißen Blüten zeigten. Über die Richtung seines Weges hatte sich Erich indessen gewaltig getäuscht, denn statt der hohen Bergkette, die mit ihren ernstzackigen, schneebedeckten Gipfeln in dem Gemüte des Knaben stets ein Gemisch von Grauen und Sehnsucht erweckte, näher zu kommen, war diese jetzt allgemach hinter ihm versunken, und er sah hier seinen Horizont nur noch begrenzt von sanft geschwungenen Anhöhen, auf denen sich hie und da kleine Dörfer zeigten, auch wohl weiß angestrichene Kirchen und Kapellen sowie altersgraue Türme aus der Römerzeit. Die Berge vermißte der Knabe eigentlich nicht so sehr, als den leuchtenden Spiegel des Sees mit dem kleinen, grünen Inselpunkte, der von jeher für ihn etwas unbegreiflich Rätselhaftes gehabt hatte, wo es zu seinen liebsten Träumen gehörte, später einmal dorthin zu kommen, auf einsamem Kahne die dunkelblaue Flut zu durchschneiden, um auf dem stillen Eilande höchst interessante Entdeckungen zu machen. Der Müller war schon ein alter Mann, nicht groß, aber von kräftigem, untersetztem Körperbaue, und hatte ein kluges Gesicht mit immer noch lebhaften Augen. Sein Kinn, seine Wangen und seine Oberlippen waren glatt rasiert, wogegen dichtes, weißes Haar rings unter der flachen Ledermütze, die sein breites Haupt bedeckte, hervorschaute. Was seine Kleidung anbetraf, so erinnerte diese allerdings an den ländlichen Schnitt, war aber dabei von guten, fast feinen Stoffen und ließ einen Mann erkennen, der dergleichen gewohnt war, es aber für passend hielt, nicht durch einen ganz städtischen Anzug von seinen Nachbarn abzustechen. Auch sein kleiner Wagen war besser und solider, als man ihn auf dem Lande zu sehen gewohnt war, fast elegant, sowie auch das Geschirr seines Pferdes, eines kräftigen Fuchses. Doch alles dies fiel Erich nur deshalb auf, weil der Lehrer, bei dem er übernachtete, allerdings von einem Müller gesprochen, der ihn mitnehmen würde, während er diesen Müller beim Abschiede mit »Herr Doktor« angeredet hatte, was aber gewiß nur eine scherzhafte Benennung war, obgleich der alte Müller nicht so aussah, als ob er leicht Spaß mit sich treiben ließe. So oft es bergauf und im Schritte ging, veranlaßte der Müller den jungen Menschen durch eine Bemerkung oder Frage, ihm Mitteilungen aus seiner Vergangenheit zu machen, welcher auch kein Hehl daraus machte, daß er auf einen Empfehlungsbrief hin an Herrn Pfarrer Wendler als Gehilfe bei dem Schullehrer in Zwingenberg angenommen zu werden hoffe. »Ja, ja,« hatte der Müller darauf geantwortet, nachdem er leise vor sich hingepfiffen, »das kann sich schon machen, aber – ja, wenn der Herr Pfarrer will und Sie, junger Herr, den gehörigen Magen dazu haben, aber – nun, aller Anfang ist schwer, und Lehrzeit ist saure Zeit. Wer hat das nicht schon erfahren! Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Übrigens ist der Schulmeister ein braver Mann, allerdings ein bißchen heruntergekommen durch eine langwierige Krankheit seiner Frau, mit der es aber endlich, und man kann sagen: Gott sei Dank, zu Ende geht, wenn es nicht schon zu Ende gegangen ist. »He, Fuchs, hopp, hopp! – Sie kennen den Pfarrer wohl noch nicht?« fragte der Müller nach einer Weile. »Richtig, Sie sagten mir ja, Sie wären zum ersten Male in dieser Gegend. – Nun, was den Herrn Pfarrer anbelangt, so ist schon mit ihm auszukommen; man muß sich nur nichts aus seinem barschen Auftreten und seinem ewigen Kommandieren machen. Was hätte er für einen Korporal gegeben oder auch für einen Offizier! Thut er doch immer so, als ob er die ganze Welt beißen wollte, nur nicht zu Hause, o, Gott bewahre, zu Hause ist er still und sanft wie ein Lamm – so sagen wenigstens die Leute, die das wissen können, und setzen hinzu, gerade der Zorn, den er zu Hause schlucken müsse und nicht verdauen könne, flöge von der Kanzel wie ein wildes Wetter über die Köpfe der Gemeinde dahin. Wissen Sie, ich habe das alles nur vom Hörensagen, denn da meine Mühle auch Sonntags laufen muß und ich auch noch andere wichtige Beschäftigungen habe, so kann ich oft nicht anders, als mir meinen Gottesdienst selbst halten. Bin deshalb aber nicht schlechter, als alle die Heuler und Kopfhänger, die uns über die Achsel ansehen, als ständen sie auf du und du mit unserem lieben Herrgott. – Pfui, Fuchs, ich glaube, du bist auch so ein Kerl, denn so oft du die Peitsche nicht merkst, stolperst du, daß es zum Erbarmen ist! Wart' ich will dir deine Ohren zurücklegen, alter Mucker!« und damit flog ein wohlgezielter Peitschenhieb über die Croupe des Gauls hin, daß dieser in einem lebhaften Galopp den vorliegenden Abhang hinabeilte, während der Müller in einem eigentümlichen Lächeln zu Erich gewandt fortfuhr: »Wissen Sie, junger, angehender Schulamtskandidat, von allen widerwärtigen Dingen sind mir Mucker und Scheinheilige die widerwärtigsten! ich habe von diesem Volk viel leiden müssen in meiner Praxis und beim Kornhandel, doch scheint's mit der Muckerei bei Ihnen keine Gefahr zu haben. Sie haben ein offenes, ehrliches Gesicht, auch wohl ein solches Herz, das Ihnen Gott erhalten möge!« »So hat der Pfarrer wohl auch häuslichen Kummer, wie der Herr Schulmeister?« fragte Erich nach einer Pause, während der Fuchs sich wieder zu einem ruhigeren Gange gesammelt hatte. »Ja und nein! Denn des Herrn Pfarrers Kummer ist ganz anderer Art, o, er ist ein wohlhabender Herr, mit einem fetten Einkommen! Aber sie, die Frau Pfarrerin nämlich, da spukt es gewaltig. Lang und hager, mit einer scharfen, bösen Zunge, verstehen Sie, was wir so einen Knochen im Fleisch nennen, und hält ihn in der Hand, daß er kaum wagt, zu Hause einmal seinen Kopf zu schütteln. Sie hat nicht nur das Geld beigebracht, sondern ihm auch das Studium bezahlt, und da hat er sie aus Dankbarkeit geheiratet. Ah, sie ist so vornehm, wie die Damen in der Stadt, trägt eben solche Kleider nach der neuesten Mode, und wenn sie einem auf der Straße begegnet und man hat eben noch gedacht: warte, dich grüße ich nimmer, weil du doch kaum einen Gegendank hast! – so langt man doch unwillkürlich an seinen Hut, wenn sie dir die spitze Nase zuwendet oder mit ihren frostigen, grauen Augen dich betrachtet. Vorigen Winter hatte man recht gesehen, wie leutselig selbst der Herr Pfarrer sein konnte, wenn er allein war, denn da befand sie sich bei ihrem Bruder in der Stadt, um ihre Tochter an den Mann zu bringen, um sie dort auf die Weide zu führen, wie die Bauern zu sagen pflegen; aber es ging nicht,« lachte er in sich hinein, »es ging durchaus nicht! Sie hatte ein bißchen rötliches Haar; das war's aber allein nicht, obgleich wir ein Sprichwort haben: ›Rot' Haar und Erlenholz wächst auf keinem guten Grund‹. Doch soll sie sich etwas gar zu plötzlich verliebt haben, und zwar in einen Lieutenant von der Infanterie, der weniger eine Frau als eine Heiratskaution gesucht. Das war selbst der Frau Pfarrerin zu arg, und sie kehrte mißmutig wieder heim, und zwar mit ihrem Sohne, der auf dem Polytechnikum in der Stadt war, dort aber nichts gethan hat, als in den Wirtshäusern herumzulungern und einen grauen Plaid auf den Schultern zu tragen, um, wie sie sich ausdrücken, die akademische Würde, wie sie der Herr Kultusminister erfunden habe, aufrecht zu erhalten. Ja, ja, es ist eine schlimme Welt, und der Herr Pfarrer hat bis jetzt so wenig Freude an seinen Kindern erlebt, daß man auch ein anderes Sprichwort auf ihn anwenden kann, ein Sprichwort, das ich wohl sagen darf, da es auch mir eins hinter die Ohren geben könnte, nämlich: Pfarrers Kinder und Müllers Küh' Geraten selten oder geraten nie. Und da haben wir Zwingenberg vor uns. Da rechts auf der Anhöhe, unter den großen Kastanienbäumen, schaut das Pfarrhaus mit seinem Schieferdache hervor, ah, neu gebaut vor ein paar Jahren, nicht weil das alte nur halb so baufällig war, als der Stall, welcher unsere Schule vorstellt, sondern weil in der Landesbehörde ein Vetter der Frau Pfarrerin sitzt. Das alte Gemäuer auf der Höhe ist die Zwingenburg, und links hinter dem Hügel, auf dem die kleine Kapelle steht, liegt die Thalmühle, wo ich zu Hause bin. Deshalb muß ich Sie jetzt absetzen, mein lieber, angehender Schulamtskandidat und künftiger Provisor, da ich von hier einen näheren Weg habe, als durch das Dorf. Ich wünsche Ihnen alles Glück, und wenn Sie einmal nichts Besseres zu thun wissen, so kommen Sie hinaus zur Königsbronner Mühle. Gelegentlich,« rief er lachend, »und wenn der Herr Pfarrer nichts dagegen hat, denn wir stehen gerade nicht besonders brillant miteinander!« Kaum hatte Erich Zeit, seinen Dank zu sagen, so war auch schon das leichte Fuhrwerk mit dem ungeduldigen Fuchs in dem Hohlwege verschwunden. Da stand er denn wieder ganz allein auf der Straße und, wie er sich gestehen mußte, trotz seines Empfehlungsbriefes auch ziemlich allein in der weiten, weiten Welt. Statt ins Pfarrhaus wäre er viel lieber mit dem Müller gegangen, denn dessen Gesicht war ihm durch die stundenlange Fahrt schon bekannt geworden. Ach, und er sehnte sich nach einem bekannten Gesichte, ja, nur nach einem bekannten Gegenstande, weshalb er auf der Höhe, auf der er stand, emsig nach Süden spähte, um wenigstens eine der hohen Bergspitzen zu sehen. Aber vergebens; rings umher ruhte der klare, durchsichtige Frühlingshimmel wie eine blaue Krystallschale auf sanften Anhöhen, und das hellglänzende Sonnenlicht zeigte eine fremde, allerdings lieblich weiche, aber dem Knaben nicht sympathische Gegend, und doch mochte er sich eine Zeitlang nicht trennen von dem Meilensteine, neben dem er stand und welcher ihm anzeigte, daß er von hier nach der Residenz zwanzig Meilen habe. Erich hatte ein Gefühl, daß er sich recht glücklich schätzen werde, wenn er wieder einmal hier stehen würde und, Abschied nehmend, nach Zwingenberg zurückblicke. Ja, um sich dieses Gefühls des heutigen Morgens später wieder recht lebhaft zu erinnern, nahm er ein kleines Geldstück aus der Tasche und versteckte es in eine Fuge am Fuße des Meilensteines. Eigentümlich war es dabei, daß es dort nicht halten wollte, sondern zweimal auf den Boden rollte und erst beim dritten Versuche fest stecken blieb. Er verschloß die Öffnung mit etwas Erde, und damit hatte er aber auch alle Sentimentalität abgeschüttelt und ging guten Mutes in das Dorf hinein, natürlicherweise zuerst nach dem Pfarrhause, um dort seinen Empfehlungsbrief abzugeben. Hier sah es sehr wohlhabend und behaglich aus; das Gebäude war von einem wohlgepflegten Blumen- und Küchengarten umgeben, wo auf sauber hergerichteten Beeten Erdbeeren blühten und Erbsen und Bohnen ihre saftig grünen Blätter emportrieben, alles nach der Schnur gerichtet. Hinten in der Ecke, an der sonnigsten Stelle, sah man einen Bienenstand, dessen umherschwärmende Bewohner den Garten mit ihrem Gesumme erfüllten, während aus einem offenen Fenster des Erdgeschosses ein Geräusch erschallte, wie von einem sich gleichförmig drehenden Kaffeeröster. Auf einem breiten Wege, dicht am Zaune, schritt ein junger Mann auf und ab, der ein Buch in der Hand hielt und emsig zu lesen schien. Doch blieb er zuweilen stehen und blickte über das Buch nach dem oberen Fenster des Hauses und jetzt, als Erich in den Garten getreten war, nach diesem hin mit einem langen, forschenden Blicke, und zwar so lange, bis Erich die Klingel der Hausthüre zog. Dann kam ein reinlich gekleidetes Dienstmädchen, welches sagte, der Herr Pfarrer sei in seinem Studierzimmer, er möge ein wenig im Vorderstübchen, dessen Thüre sie ihm öffnete, warten, sie wolle den Brief hineintragen und Antwort bringen. Vorher eilte sie aber in die Küche, wahrscheinlich um die Kaffeebohnen vom Feuer zu entfernen. Das Vorderstübchen stieß an das Studierzimmer, und obgleich die Thür desselben verschlossen war, vernahm Erich doch eine gewaltige Stimme, deren Klang, besonders aber die Worte, welche sie sprach, ihn in einiges Erstaunen versetzten: »Wenn ihr glaubt,« hörte er die Stimme sagen, »daß die himmlischen Heerscharen mit Posaunen, Cymbeln und anderen köstlichen Musikinstrumenten ausgerüstet sind, um euren Sinn mit süßer Musik zu kitzeln, so befindet ihr euch in einem gewaltigen Irrtume, denn ich kann euch die Versicherung geben, daß Cymbelnklang und Posaunenschall einstens nur dazu dienen werden, um mit ihren mächtigen Tönen durch eure Ohren zu dringen, die verstopft sind von Bosheit, Lüge und Heuchelei, um solchergestalt euer Gewissen aufzurütteln, damit es sich zitternd und bebend einfinde zum unvermeidlichen Gerichte des jüngsten Tages, ja, zum fürchterlichen, allerletzten Gerichte .... Was will Sie, Babette?« unterbrach sich hier die Stimme, indem sie aus dem donnernden Tone in eine menschlichere, aber immer noch laut tönende Sprachweise verfiel. »Einen Brief? Ha, ich verstehe, aus der Residenz!« »Nein, Herr Pfarrer, er wurde von einem jungen Menschen gebracht, der draußen wartet.« »Von einem jungen Menschen? Ha, ich verstehe! Er wird von meinem Freunde und Amtsbruder in Ringelheim sein. Gib ihn her.« »Der junge Mensch schien mir warten zu wollen, Herr Pfarrer, weshalb ich ihn ins Vorderstübchen geführt.« »Ha, ich verstehe! Er will eine Antwort haben – gut, er soll warten, bis ich gelesen.« Und Erich wartete, als nun die Stimme schwieg; dann vernahm er, wie sich ein paar schwere Tritte der Thür näherten, dann wurde diese aufgerissen, und er stand vor dem Herrn Pfarrer Wendler, einem großen, breitschulterigen Manne, dessen breites, viereckiges Gesicht von dichtem, langem, grau meliertem Haar wie von einer Löwenmähne umflossen wurde. Er hielt den geöffneten Brief seines Amtsbruders in der Hand, und nachdem er den jungen Mann mit einem strengen Blicke von oben bis unten gemessen, sagte er mit gemäßigter Baßstimme, die aber trotzdem klang wie das ferne Rollen des Donners: »Ha, ich verstehe! Sie sind das mir in diesem Schreiben empfohlene Subjekt. Sie wollen Schullehrergehilfe werden, und zwar so zu sagen ohne Sang und Klang, ohne Seminar und Examen. Junger Mann, Ihre Ansprüche sind nicht gering.« Hier wagte Erich, mit schüchterner Stimme die Bemerkung einzuflechten, daß seine Ansprüche so bescheiden als möglich wären, ja, daß er unter den allergeringsten Bedingungen sein erstes Wirken hier nur als eine Probezeit betrachten wolle, von der es abhängen müsse, ob man ihn behalten oder wieder wegschicken werde. »So treten Sie denn zu mir ein; ich werde mir die Sache einen Augenblick, aber gründlich überlegen.« Damit schloß der Pfarrer die Thür des Vorstübchens hinter Erich und ging alsdann tief nachsinnend mit großen, hallenden Schritten vor ihm auf und ab. Zur Erleichterung seines Nachdenkens nahm er ein breites Lineal von seinem Schreibtische, doch nicht in der Art, wie das gewöhnliche Sterbliche zu machen pflegen, vielmehr fing er es mit gewaltigem Schwunge wie eine Fliege von seinem Platze weg und fuchtelte alsdann damit in der Luft herum, als habe er ein Schwert in seiner muskulösen Rechten. Ja, er schien sich in dieser Idee völlig verfangen zu haben, denn ein paarmal sah Erich, wie er in einer Ecke des Gemaches stehen blieb und mit dem Lineal einen gelinden Stoß gegen die Wand führte, wobei er halblaut ausrief: »Ha, ich verstehe!« »Junger Mann,« sagte er alsdann, sich plötzlich umwendend, »ich glaube, daß ich Ihnen auf die Empfehlung meines Amtsbruders hin Beistand leisten kann und daß der Schulmeister demnach nicht abgeneigt sein wird, Sie als Gehilfen aufzunehmen. Wie in diesem Briefe steht« – damit schlug er auf das Papier, daß es patschte –, »so sind Sie der Sohn eines braven Unteroffiziers. Ha, und ich verstehe, warum mein Amtsbruder Sie gerade mir empfohlen! Ich bin nämlich keiner dieser engherzigen Zeloten, welche da glauben, daß Tugend und Sittenreinheit das Prärogativ gewisser Stände sein müßten, und ich stelle einen braven Unteroffizier auch als solchen höher, als einen heuchlerischen Pietisten, der einen frommen Lebenswandel gerade so als Geschäft betreibt, wie den Verkauf seiner Gewürz- und Ellenwaren. Ja, mehr,« fuhr er lächelnd fort, während er seine schwere Hand auf Erichs Schulter legte, »ich will sogar eine Vorliebe für den ehrenwerten militärischen Stand nicht verleugnen, die Wege des Menschen sind wunderbar, und ich erinnere mich aus meiner frühesten Jugend her eines Scheideweges, an dem ich stand: zur Rechten das Kleid des Pfarrers, zur Linken das Kleid des Soldaten – doch das bleibt ganz unter uns. Gut, ich werde Ihnen einige passende Zeilen für den Schulmeister geben, und Sie können mir glauben, daß er Sie aufnehmen wird. Allerdings werden Sie dort in bescheidenen Verhältnissen leben, finden im gegenwärtigen Augenblicke Leid und Bekümmerniß – doch wie sagt der Lateiner.... Sie verstehen doch Latein?« »Leider nein, Herr Pfarrer.« »Ha, ich verstehe! Thut aber nichts, denn bei diesen Bauernburschen brauchen Sie kein Latein, aber eine strenge Fuchtel. Sie müssen diese Kerle unter der Zuchtrute strengster Subordination halten, und davon wird hoffentlich etwas in Ihrem soldatischen Blute stecken. Subordination – Subordination und Pünktlichkeit, Pünktlichkeit und Subordination. Ich freue mich schon darauf, daß, wenn ich nächstens die Schule besuchen werde, Ihre sämtlichen Schüler a tempo von ihren Sitzen in die Höhe fliegen und nicht, wie nach dem bisherigen Schlendrian, komme ich heute nicht, dann komme ich morgen. Wollen Sie ihnen das beibringen?« »Gewiß, Herr Pfarrer, soviel als in meinen Kräften steht.« »Ha, ich verstehe! Sie werden sich Ihrem Geschäfte mit Eifer widmen. Hier lese ich auch, daß Sie im Zeichnen nicht unerfahren sind und in der Musik tüchtige Kenntnisse haben, ja, die Orgel zu spielen verstehen, und was letzteres anbelangt, so muß ich schon sagen, daß ich mir längst für meinen Orgelspieler militärischen Takt und Strenge gewünscht, denn es ist keine Kleinigkeit, so ein paar Hundert Bauernkehlen im Zaume zu halten.« Die letzteren Worte sprach er schreibend an seinem Stehpulte und schloß alsdann, indem er Erich das beschriebene Blatt hinreichte: »Und gehen Sie mit Gott und lassen Sie sich nächsten Sonntag nach dem Nachmittagsgottesdienste bei mir sehen.« Der junge Mann erhielt noch ein so gewaltiges Kopfnicken als Abschiedsgruß, daß die Löwenmähne des Pfarrers ordentlich in die Höhe wallte; dann nahm dieser, ohne sich weiter um Erich zu bekümmern, ein Heft von seinem Pulte, blickte hinein, und ehe noch Erich die Thür des Vorstübchens ganz hinter sich ins Schloß gezogen hatte, hörte er schon wieder, wie der Pfarrer eine unsichtbare Gemeinde andonnerte: »Wenn ihr glaubt, daß die himmlischen Heerscharen mit Posaunen, Cympeln und anderen köstlichen Musikinstrumenten ausgerüstet sind, um eure Sinne mit süßer Musik zu kitzeln, so....« Den Nachsatz hörte er nicht mehr, da er die Hausthür erreicht hatte und wieder in den Garten trat. Da war noch immer der junge, hagere Mann mit dem Buche in der Hand, nur näher am Hause stehend und nach einem der Fenster desselben hinaufblickend, von wo jetzt unter lautem Lachen ein Strauß Maiblumen herabflog, den jener hastig in Empfang nahm, dann aber offenbar mit einem affektierten verdrießlichen Gesichte betrachtete, als er des jungen Burschen ansichtig wurde, der ihn obendrein auf so naseweise Art anstarrte. Dies that Erich aber nur einen Augenblick, dann zog er höflich seinen Hut und ging darauf seines Weges in das Dorf hinab. 4. Kapitel Leiden und Freuden des Schullehrerstandes auf dem Lande. Erich beginnt sein neues Amt mit Glockengeläute und Naturgeschichte. Wo die Schule war, danach brauchte Erich nicht lange zu fragen, denn er begegnete bald einzeln, bald truppenweise seinen hoffnungsvollen künftigen Zöglingen, alle sehr einfach, manche ärmlich gekleidet, mit schmutzigen und gestickten Jacken, die meisten echte Barfüßler, fast alle ohne Kopfbedeckung, nur wenige mit einer gestrickten Zipfelmütze versehen. Sie zeigten ihre Gelehrsamkeit: Schiefertafeln oder mit einem Riemen zusammen gebundene, sehr defekte Schulbücher wurden auf die profanste Weise benutzt teils als Fangbälle oder als Waffen zum Angriffe und zur Verteidigung. Die meisten dieser kleinen Rangen mochten wohl ein ahnungsvolles Gefühl haben, daß der schwarz gekleidete junge Mensch, der ihnen mit so ernstem Gesicht als möglich entgegenkam, später in ein näheres Verhältnis zu ihnen treten würde, denn fast alle blieben mit aufgesperrten Mäulern stehen, als er vorüberging, manche griffen auch verstohlen nach ihrer Zipfelmütze, und als er einen nach dem Schulgebäude fragte, zeigte ein halbes Dutzend auf ein niedriges, unansehnliches, mit Stroh gedecktes Gebäude, das eher einem Stalle als einer Lehranstalt ähnlich sah. Erich war indessen durch das Äußere seiner väterlichen Wohnung nicht verwöhnt und betrat die Schwelle mit dem Entschlusse, hier alles gut, wenigstens erträglich finden zu wollen. Doch gehörte dazu die ganze Kraft, der ganze, glückliche Mut, ja, Übermut der Jugend. Herr Schmelzer hatte auch gerade in keinem Palaste gewohnt, aber der Hauseingang hier hatte doch gar etwas zu Verfallenes, zu Idyllisches. Auf der Thür, deren unterer Teil hinter den Schülern verschlossen worden war, saß ein Hahn mit drei, vier Hühnern, die gerade keine Spuren von Reinlichkeit hinterlassen hatten, als sie nun bei Erichs Annäherung gackernd ins Haus hineinflogen. Doch hatte ihr Geschrei das Gute, einen dürftig gekleideten, langen, hageren Mann herbeizuziehen, bleich und hohläugig, der sich mit leiser Stimme nach dem Begehr des Fremden erkundigte, dann aber hastig die Hausthür öffnete, sobald Erich den Namen des Herrn Pfarrers genannt, und ihn demütig bat, in ein Zimmer, dicht an dem Hausflur gelegen, zu treten. Auch schob er einen wackeligen Stuhl herbei; doch dankte Erich und bat ihn, das Schreiben zu lesen, welches er ihm übergab. Während der Schullehrer – denn dieser war es selbst – das Blatt auseinander schlug, warf Erich einen etwas scheuen Blick in dem Zimmer umher. Auch hier war alles dürftig und vernachlässigt über alle Beschreibung. Möbel waren allerdings vorhanden, ein Tisch, einige Stühle, in der Ecke sogar ein Ding, das wie ein Klavier aussah, aber alles beschädigt, abgeschunden, farblos, altersschwach, Tisch und Stühle weder aus dem gleichen Holze, noch in der gleichen Werkstatt entstanden – eine miserable Bettlerfamilie, die sich indessen hier behaglich zu fühlen schien zwischen diesen aschfarbigen, streifigen Wänden und den verblindeten Fensterscheiben, ja, die mit einer Art Schadenfreude auf das arme Klavier zu blicken schien, welches, mit einem roten, zerrissenen Teppich bedeckt, noch immer den Hochmut hatte, von besseren Jugenderinnerungen zehren zu wollen. Der Schullehrer hatte das Blatt gelesen, und wenn es möglich war, daß sich auf diesem abgekümmerten, durchfurchten, altersgrauen Gesichte, obgleich dieser Mann noch nicht fünfzig Jahre alt war, ein Lächeln hätte verirren können, so war dies jetzt der Fall. Wahrscheinlich aber war es nur eine Nervenzuckung. »Der Herr Pfarrer ist zu gütig,« sagte er, »für mich um einen Gehilfen besorgt zu sein, der mir allerdings bei meinen zahlreichen Schülern und bei meinem jetzt eingetretenen Unglücke erwünscht wäre. Wir haben zwei Klassen, jede von neunzig Kindern, von denen ich immer abwechselnd eine unterrichtete, während alsdann die andere ihre Aufgaben und Übungen unter der Aufsicht meiner armen Frau machte, welche immer dabei noch Zeit hatte, kleine häusliche Geschäfte zu besorgen, in denen sie auch zuweilen von den gutmütigen Kindern unterstützt wurde. Das kann nun die arme Frau nicht mehr thun, denn – denn –« hier nagte der Lehrer an den Nägeln seiner Finger und schaute mit einem starren Blicke in die Ecke des Zimmers – »denn sie ist gestern morgen gestorben – ja, sie ist gestorben, Gott habe sie selig.« »Ach, wie mich das schmerzt! O, wenn ich das gewußt hätte, wäre ich heute nicht gekommen!« »Der Herr Pfarrer hat es wohl gewußt und hat Sie mir gerade deshalb zur notwendigen Beihilfe gegeben. Ja, wissen Sie, mein lieber Herr Provisor – wie heißen Sie denn eigentlich?« »Erich Freiberg.« »Ein hübscher Name, Herr Provisor Freiberg. Ja, wissen Sie, es ist für einen armen Schulmeister so eine Sache mit einem Lehrergehilfen.« »O, meine Anforderungen werden recht bescheiden sein!« »Bescheiden! Aber der Mensch muß gegessen und getrunken haben und will auch in einem Bette schlafen!« »Mir wird jedes Lager recht sein; ich bin jung, habe einen guten Schlaf, und was Essen und Trinken anbelangt, so bin ich mit allem zufrieden.« »Mit allem – ja, mit allem; aber es muß doch – und dann erwähnte der Herr Pfarrer auch nichts von einem Gehalt für Sie, ob die Gemeinde oder der Herr Pfarrer selbst – ja, der Herr Pfarrer versteht das alles freilich sehr genau und liebt es auch, Bestimmungen und Verfügungen zu treffen, aber es geht doch nicht immer alles so, wie er sich es ausgedacht hat.« »Sollte es Ihnen in der That unlieb sein, mich dabehalten zu müssen, Herr Schullehrer?« »Das will ich gerade nicht sagen, aber was Ihr Gehalt anbetrifft, so muß ich doch mit dem Herrn Pfarrer reden.« »Thun Sie das vorläufig lieber nicht; ich habe immer noch so viel, um das andere erwarten zu können. Vielleicht später, wenn Sie sich von meiner Brauchbarkeit überzeugt haben.« Der Herr Schullehrer Wacker betrachtete seinen neuen Gehilfen mit einiger Verwunderung. War derselbe doch außerordentlich gut, ja, recht anständig gekleidet, ließ weiße Wäsche sehen, trug gute Stiefeln und wollte es mit einem baren Gehalt bis auf weiteres bewenden lassen! Dabei hatte derselbe ein frisches, aufgewecktes Auge und einen energischen Zug um den Mund. »Nun denn,« sagte Herr Wacker, jetzt in der That mit einem allerdings recht matten Lächeln, indem er dem jungen Manne seine magere Hand entgegenstreckte, »so wollen wir es ohne weiteres miteinander versuchen. Es ist, als wenn der Himmel Sie mir heute in meinem Leiden gerade geschickt hätte. Der Herr Pfarrer hat allerdings gemeint, ich solle trotzdem dennoch heute meine Schule halten, zur Zerstreuung meines Leides, wie er sagte, aber heute nachmittag ging es beim besten Willen doch nicht. Wissen Sie, da kommt der Schreiner, und da sollte ich von Rechts wegen doch dabei sein. Es thäte mir leid um die arme Frau, und ich bin fest überzeugt, sie hätte mich in einem ähnlichen Falle auch nicht ganz allein fremden Leuten überlassen. Nein, nein – gewiß nicht!« – Und dabei nagte er abermals an seinen Nägeln und blickte abermals und so anhaltend in die Zimmerecke, bis ihm die Augen überliefen und ein paar dicke Thränen auf seinen abgeschabten schwarzen Rockkragen tröpfelten. – »Und nun kommen Sie, ich will Ihnen die Schulzimmer zeigen.« Sie gingen auf die andere Seite des Hausflurs und traten in ein langes, breites und sehr niedriges Gemach mit zerkratzten und zerstoßenen Fachwerkwänden, mit einem Fußboden, von dem man weder durch das Gesicht noch durch das Gehör erraten konnte, ob er von Holz sei oder von gestampfter Erde, mit Fensteröffnungen, deren Fensterflügel man der warmen Witterung wegen und zur Schonung des Glases ausgehoben hatte, die aber zu klein waren, um genügend frische Luft in diesen Stall für Menschen einzulassen, denn es herrschte hier eine Atmosphäre, die unbeschreiblich war. Bänke und Tische waren unzertrennliche Möbel, und wo ihre Verbindung durch Zeit und Umstände etwas locker geworden war, da hatte man Leisten quer vorgenagelt und damit wieder einigen Halt gegeben. Dies war das Schulzimmer für neunzig Kinder von zehn bis vierzehn Jahren, daneben befand sich das für jüngere Kinder von sechs bis zehn Jahren. Hier war Schmutz und Einrichtung wie in der ersten Klasse, doch hatten nur die ersten vier Reihen Tische, während sich die anderen bloß mit einer Holzbank begnügen mußten. »Hier ist also Ihr Wirkungskreis, Herr Freiberg, und wenn Sie heute nachmittag die Aufsicht über beide Klassen führen wollten, so wäre ich Ihnen dafür sehr dankbar. In der letzten Zeit der schweren Krankheit meiner armen Frau that ich das auch, indem ich die Thür zwischen beiden Zimmern öffnete und mich mit meinem Stuhle auf die Schwelle setzte. Aber man kann das nicht lange so forttreiben, es ist zu ermüdend und die Kinder lernen nicht viel dabei, was doch auch in Betracht kommt. Um ein Uhr beginnt die Schule wieder, und will ich Ihnen auch meine Kinder zeigen. Arme Kinder, sie fühlen es am meisten, daß die Mutter tot ist! Sie können es sich gar nicht denken, was die Frau alles auffand und hervorsuchte, um ihnen hier und da eine kleine Freude zu machen, und wie sie darauf hielt, daß sie so ordentlich als möglich erschienen. Das hat in ihrer langen und schweren Krankheit etwas nachgelassen, und Sie müssen sich nicht daran stoßen, wenn es jetzt in dem anderen Zimmer, wo die Kinder sind, etwas drunter und drüber aussieht.« Es bedurfte nun allerdings dieser Einleitung, um Erich beim Eintritte zur Familie des Schullehrers nicht gar zu sehr zurückschrecken zu machen. Es herrschte hier eine Luft, die ihm fast den Atem benahm, die Luft eines verschlossenen Schlafzimmers, die mit übelriechenden Küchendünsten geschwängert zwar. Ja, die Atmosphäre hier erschien so unheimlich, daß er unwillkürlich einen scheuen Blick auf das in der Ecke stehende Bett warf, ohne glücklicherweise dort das zu sehen, was er gefürchtet. Vielmehr saßen auf diesem Bette zwei Knaben von sechs bis acht Jahren in sehr ärmlicher Kleidung, mit nackten Füßen, während ein Mädchen von zehn bis zwölf Jahren vor einem Waschzuber stand, mit so ernster und wichtiger Miene beschäftigt, daß es sich kaum Zeit nahm, die Eingetretenen mit einem Blicke anzusehen. Von den Buben hatte jeder um den Arm ein schwarzes Band gebunden, während das Mädchen eine schwarze baumwollene Schürze wie ein Umschlagetuch um seine Schultern trug. »Da sind sie alle bei einander,« sagte Herr Wacker mit einem traurigen Blicke, der von einem tiefen Seufzer begleitet war. »Das ist meine Tochter Anna, die sich, wie Sie sehen, schon der Haushaltung annimmt, und das ist der Max und der Paul.« »Siehst du, Anna,« wandte er sich an das kleine Mädchen, »dies ist Herr Provisor Freiberg, den der Herr Pfarrer so gütig war, für uns zum Lehrgehilfen zu bestimmen. Er wird bei uns bleiben – aber dabei fällt mir ein, Sie haben wohl noch nicht zu Mittag gegessen? Wie steht es damit, Anna? Hast du noch etwas übrig?« Als das kleine Mädchen hierauf fragend ihren Vater ansah, fuhr der Schullehrer achselzuckend fort: »Es wird damit heute schlecht aussehen; bei meinem traurigen Falle ist die Verwirrung groß im Hause und das Leid, Herr Freiberg, das Leid nimmt einem obendrein allen Appetit. Genieren Sie sich aber durchaus nicht, wenn Sie ins Wirtshaus dort gegenüber gehen wollen, wo Sie für Billiges etwas zu essen kriegen. Morgen wird schon besser gesorgt werden, nicht wahr, Anna?« »Der Bäcker hat ein weißes Brot geschickt und der Nachbar Völker einen Topf mit Milch; Kartoffeln sind auch noch da.« »Ach, so haben wir denn morgen einen Schmaus, wie er sich hier bei dieser Gelegenheit ziemt,« sagte der Schullehrer mit gefalteten Händen, wobei er mit einem sehr bitteren Blicke nach oben schaute, »wenn nur die Veranlassung dazu für uns nicht so gar trostlos wäre.« Das kleine Mädchen hatte große, dunkelblaue Augen, die aber jetzt so eigentümlich glitzerten und strahlten – sie hatte zu waschen aufgehört und drückte nun ihre Stirn fest auf den Rand des Zubers. »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Schullehrer, so gehe ich nicht in das Wirtshaus,« sagte Erich und lieh seine wohlgefüllte Reisetasche von der Achsel herab auf eine alte Kommode gleiten. »Ich war gestern bei guten Leuten über Nacht, die mich auch obendrein für heute mit mehr als notwendig ist, versorgten. Sehen Sie, da ist Brot und kaltes Fleisch und auch ein paar Aepfel. Sogar ein Fläschchen haben sie mir beigesteckt, in dem wahrscheinlich Wein enthalten ist. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir uns gemeinschaftlich darüber hermachen.« »O, nein, o nein,« entgegnete Herr Wacker, wobei er seine Blicke von dem lockenden Gegenstände abwandte; »wie können Sie nur so etwas denken – nein, gewiß nicht!« Doch schienen die beiden Knaben durchaus nicht der Ansicht ihres Vaters zu sein, denn sie rutschten eilfertig von dem Bette herab und stellten sich mit sehr lebhaft erregten Blicken vor der Kommode auf, und als Erich lächelnd sagte: »Es wäre vielleicht besser, wenn wir das im Nebenzimmer besorgten« – so folgten sie ihm auf dem Fuße nach; ja, auch die kleine Anna kam herbei, nur um eine alte Serviette über den Tisch zu decken, und ihr folgte Herr Wacker, einzig und allein in der Absicht, um seinem Gaste und Gehilfen die Honneurs zu machen, indem er fünf Stühle um den Tisch stellte. Es gibt Verhältnisse, unter denen die beste Einladung die ist, daß man gar keine macht, und so that auch Erich, indem er einfach seine Schätze auseinander breitete und hierauf durch den guten Appetit, mit dem er zugriff, das beste Beispiel zuerst für die Kinder und dann auch für deren Vater gab. Ah, es war ein köstliches Mahl, das sie hielten, und es war vielleicht auch ein guter Wein, den sie tranken und bei dem sie plaudernd sitzen blieben, bis ein aus den Schulzimmern herübertönender wüster Lärm von schreienden und quiekenden Kinderstimmen den Wiederbeginn der Lehrzeit verkündete. Paul und Max hatten sich in kurzer Zeit zu ihrem neuen Hausgenossen so hingezogen gefühlt, daß sie mit in die Klasse hinüber wollten, was aber Herr Wacker in Anbetracht ihrer Jugend nicht zugab; doch mußte Erich versprechen, wieder zu ihnen zu kommen, sobald er drüben fertig sei. Die Vorstellung des neuen Gehilfen fand bei den hundertundachtzig Schulkindern in angemessener Feierlichkeit und Würde statt, und zwar unter der geöffneten Thür zwischen den beiden Klassen, wobei der Schullehrer nicht verfehlte, auf die großen und umfassenden, ihm allerdings selbst noch unbekannten Kenntnisse Erichs aufmerksam zu machen, und ebensosehr dessen Milde und Freundlichkeit anpries für gute und fleißige Schüler, als seinen Ernst und seine Strenge für die unverbesserlichen Subjekte. Ja, er verschärfte diesen Schluß seiner Rede noch dadurch, daß er dem neuen Gehilfen ein gewisses, sehr biegsames Instrument, welches auf des Schullehrers Pult lag, feierlich wie ein Scepter überantwortete. »Dem Stundenplane nach,« fuhr er alsdann fort, »würden wir jetzt vermittelst der Violine Gesangsunterricht haben, doch wollen wir aus Gründen heute davon absehen und dafür eine Lehrstunde einschalten. Nehmt eure Lesebücher hervor, und der Herr Freiberg wird bestimmen, was er mit euch anfangen will.« So war denn Erich in Amt und Würde eingeführt, und das alles war so rasch gegangen, daß es ihn förmlich schwindeln machte. Gestern noch auf stolzen Rossen, und heute als Tierbändiger einer Schar von einhundertundachtzig Buben, in deren weit aufgerissenen Augen und vorgestreckten Hälsen für ihn, den jugendlichen Lehrer, noch unbekannt mit dem wilden Naturell dieser Herde, allerlei Unheil verborgen zu liegen schien. Und doch war es ihm gewissermaßen ein recht wohlthätiges Gefühl, das Bewußtsein, hier angestaunt zu werden von dreihundertundsechzig Augen und unumschränkt zu herrschen, er, der vor wenigen Stunden noch eingewandert und unter dem drückenden und auch vielleicht minder glücklichen Gefühle, vielleicht in der nächsten Stunde wieder auswandern zu dürfen. Und nun, als er seine Bestimmung erreicht hatte, als er seinen Rubikon überschritten, als er nun sicher war, hier bleiben zu müssen – war es ein glückliches Gefühl, welches seine Brust durchflog, oder ein schmerzliches? Er wußte es selbst nicht. Der Empfang bei dem energischen Pfarrer mit dem Löwenhaupte, das freundlich stille Haus desselben mit dem wohlgepflegten Garten und den lustig summenden Insekten, die sich alle da oben behaglich fühlten, hatte ihm nicht so übel gefallen, und von der Zeit an, als er darauf verschiedene Stufen tiefer herabgestiegen war, bis zu dem Schulhause, war ihm alles wie ein seltsamer Traum vorgekommen, gerade nicht schön, aber doch interessant und später beim Erwachen wohl einmal der Mühe wert, ihn geträumt zu haben. Das mußte er sich allerdings sagen: Hätte ihn sein alter Lehrer, Herr Schmelzer, vermittelst eines Zauberspiegels schon vorher einen Blick thun lassen können in sein neues Wirken und seine neuen Verhältnisse, wer weiß, ob er nicht auf gut Glück in die Residenz gewandert wäre zum Herrn Hauptmann von Heinzelmann, oder ob er nicht den fröhlichen Thalmüller um irgend eine Anstellung in dessen klapperndem Werke gebeten hätte. Vorderhand erschien ihm hier als einziger Lichtblick die freilich immerhin traurige Wohnstube des Schullehrers mit dem alten Klavier unter dem roten Teppich, und dort sah er sich schon in seinen Freistunden sitzen, von musikalischen Werken umgeben, Harmonielehre und Generalbaß studierend, um dann, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, in die weite, weite fröhliche Welt hinauszuziehen. Es war eigentümlich, daß ihn dieser Gedanke gerade jetzt beschäftigte, als er in dem schmalen Gange, der sich zwischen den Bänken und Tischen der beiden Schulzimmer befand und welcher diese miteinander verband, hin und her ging, staunend betrachtet von all den Kindergesichtern, die sein Nachsinnen natürlicherweise auf sich bezogen und mit einem nicht ganz sicheren Gefühle darauf hin irgend eine Explosion erwarteten. Dabei traf es sich äußerst glücklich für das Ansehen des künftigen Lehrers, daß er, an den Pulten auf und ab schreitend, fast unwillkürlich die Schiefertafel eines der ältesten und kecksten Schüler, welcher diese bei seinem Herannahen sanft umgewandt hatte, in die Hand nahm und darauf sein eigenes Ebenbild in einigen kühnen Strichen mit einem sehr dicken Kopfe und einem unnatürlich langen Rocke fand. Gerade diesen Schüler, einen bekannten unartigen Schlingel, sogleich erwischt zu haben, gab ihm in den Augen der Kinder ebenso eine gewisse Sicherheit, als sie seine Milde bewunderten, mit der er den Buben auf den Kopf pätschelte und dann ersuchte, hervorzutreten, um dieselbe Zeichnung mit Kreide an der großen Tafel zu wiederholen, damit alle den neuen Lehrer deutlich sehen könnten. Das war noch nicht dagewesen, und der jugendliche Künstler, der sich aus ein paar derben Kopfnüssen durchaus nichts gemacht hatte, stand da in seines Nichts durchbohrendem Gefühle und schämte sich sichtlich bei dem gellenden Gelächter der ganzen Klasse. Ja Erich hatte sich dadurch die Aufmerksamkeit sämtlicher Schüler gewonnen, da er jetzt nur noch das Lesebuch emporzuhalten brauchte und die Seitenzahl fünfzig anzugeben, um mit einem gewaltigen Scharren der Füße und einem rauschenden Umblättern der verschiedenen Seiten tiefe Stille um sich entstehen zu lassen. »Vom Maikäfer,« sagte er dann, nachdem er eine halbe Seite rasch durchgelesen. »Was ein Maikäfer ist, weiß wohl jeder von euch; sollte es aber einer nicht wissen, so stehe er auf, und ich will es ihm sagen.« Natürlich rührte sich niemand. Selbst die kleinsten lächelten im Gefühle ihrer tiefen Wissenschaft. »Der Maikäser ist ein Insekt, zuerst Ei, dann Wurm, dann Larve und später erst Käfer mit sechs Beinen und braunen Flügeldecken, der unbarmherzig das weiche, saftige Laub der Obstbäume abfrißt und so großen Schaden anrichtet.« »Wie das geschieht, sollst du,« damit wandte er sich an einen Buben mit aufgeweckten Gesichtszügen, »mir und den anderen vorlesen; aber ruhig und deutlich, damit wir dich alle verstehen.« »So ist es,« fuhr der junge Schullehrergehilfe nach einer Pause fort, die der Knabe mit Lesen ausgefüllt, »und demnach wäre mit dem Maikäfer nichts Gescheites anzufangen. Oder wüßtest du vielleicht etwas,« wandte er sich an einen anderen Knaben, der ihn mit einem frischen, blühenden Gesichte anlächelte. »O ja, Herr Provisor, man bindet ihnen Fäden an die Füße und macht Windmühlen daraus.« In den frischen, heiteren Zügen des Gesichtes dieses Knaben lag für Erich etwas so Bekanntes, daß keine Hexerei dazu gehörte, um ihm zu sagen: Du bist gewiß der Sohn des Thalmüllers! Ein neuer Beweis von Allwissenheit, dem eine fast ängstliche Stille im Schulzimmer folgte, sowie eine angestrengte Aufmerksamkeit, welche es dem jungen Gehilfen möglich machte, das höchst interessante und lehrreiche Kapitel von den Maikäfern zu allseitiger Zufriedenheit zum Schlusse bringen zu lassen, wobei er noch, anknüpfend an den so notwendigen Vertilgungskrieg des Menschen mit diesem Insekte, besonders hervorhob, auch hier sei es bösartig und streng verwerflich, dasselbe zu quälen, wie es wohl durch Binden von Fäden an die Beine desselben behufs Drehung kleiner Windmühlenflügel zu geschehen pflegte. »Und nun wollen wir für heute schließen,« sagte er, »und ich will einmal sehen, wer von euch am ruhigsten und stillsten die Schule verläßt; ihr wißt, daß die Frau eures Herrn Lehrers gestorben ist, und da schickt es sich durchaus nicht, daß man ein solches Haus lärmend und brüllend verläßt, und ebenso nicht, daß man auf der Straße rauft und schreit. Ihr werdet es eurem Herrn Lehrer zuliebe thun und auch der armen Frau, die euch ja alle gekannt hat.« Hierbei kam es Erich seltsam vor, daß fast sämtliche Kinder bei diesen Worten mit einem gewissen scheuen Ausdrucke nach der Wand des Schulzimmers der zweiten Klasse blickten, an der indessen nichts zu sehen war, als eine sehr kleine Fensteröffnung, die von rückwärts mit einem weißen Tuche bedeckt war, und später, als er nun allein in dem Schulzimmer stand, verursachte es ihm ein eigentümliches Gefühl, weil er nicht genau wußte, ob das, was er hinter dem weißen Vorhange vermutete, sich wirklich dort befände – und fragen mochte er nicht. Den Schullehrer fand er in dem ärmlichen Schulzimmer sitzend, einen Zettel in der Hand, geradeso wie der, welchen er am Morgen von dem Pfarrer gebracht. Es beunruhigte ihn fast, daß es derselbe sein könnte, den Herr Wacker nochmals durchstudiere; doch sagte dieser mit einem trüben Lächeln: »Der Herr Pfarrer beehrt mich häufig mit seinen Schreiben, wie Sie später sehen werden; da lesen Sie!« »Wenn ich auch verstehe,« schrieb Se. Hochwürden, »daß man seine Zeit um ein paar Sekunden versäumen kann, so muß ich es doch bei aller Milde unverantwortlich finden, daß das Gebetläuten heute morgen statt um vier Uhr erst ein Viertel auf fünf Uhr stattfand, und wenn ich auch geneigt bin, den augenblicklichen Verhältnissen Rücksicht zu schenken, so kann ich doch Nachlässigkeiten nicht dulden, die so offenbar das Ansehen der Kirche und der Schule untergraben.« »Was ist das Gebetläuten?« fragte Erich. »Nur ein schöner Name für eine alltägliche Beschäftigung, denn dieses Läuten mit der Turmglocke hat bei uns einzig und allein den Zweck, unserer Gemeinde das Aufstehen zu erleichtern. Daß dasselbe mir aber häufig selbst recht sauer wird, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, Herr Provisor; blicken Sie mich nur an, und Sie werden sehen, daß ich keiner der Kräftigsten bin. Woher sollte das auch kommen? Von der Freudigkeit, mit welcher ich mein Amt zu versehen imstande bin? Man sagt, auch das gäbe Kraft und Mut. O nein, ich habe diese Freudigkeit nicht mehr; leider muß ich es Ihnen gestehen, denn ich bin nur noch imstande, mein Tagewerk zu thun, wie ein altes Uhrwerk, dessen Räder nicht geschmiert werden, dessen Feder abgenutzt ist. »Das muß doch auch einmal besser kommen,« tröstete Erich. »Ja, besser – aber wann?« gab der Schullehrer zur Antwort, während er langsam seinen Kopf erhob und mit umflorten Augen das kleine Stückchen sonnbeglänzten Himmels betrachtete, dem selbst die trüb angelaufenen Fensterscheiben seine Heiterkeit nicht zu nehmen vermochten. »Doch ich will nicht vor Ihnen klagen,« fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort; »das nutzt alles nichts, wir können das Getriebe dieser Welt doch nicht ändern. Was liegt auch an armen Kreaturen, wie wir sind? Sind wir ja doch nur zum Ausfüllen da, oder zum Darstellen der ganzen Masse, oder um anderen Glücklicheren eine weiche Unterlage zu bereiten. Hier schon der Staub auf breitem Lebenswege, ein Schicksal, das wir später allerdings in Wirklichkeit teilen werden mit den Reichen und Mächtigen dieser Erde – immerhin eine Hoffnung, doch hätte ich mir auch schon für dieses Stückchen irdischen Lebens ein etwas besseres Los gewünscht. »So, meine heute besonders traurigen Geschäfte sind besorgt, meine Kinder ebenfalls, dank Ihrer Güte, und wenn es Ihnen recht ist, so machen wir jetzt einen Spaziergang um das Dorf herum, und will ich Sie zu einer Anhöhe führen, wo man eine hübsche Aussicht hat in eine ziemlich weite Ferne. Ich liebe diese Aussicht besonders bei Sonnenuntergang – und ganz besonders heute, denn es ist mir immer, als ließe mir das scheidende Licht einen freundlichen Gruß – auf Wiedersehen, vielleicht hier unten, vielleicht auch anderswo. Kommen Sie, zum Abendläuten sind wir zurück.« Daß sich Erich später ein ganz besonderes Vergnügen daraus machte, sich das Verfahren beim Abendläuten zeigen zu lassen, versteht sich von selbst, ebenso, daß er sich erbot, dieses Geschäft für den kränklichen Schullehrer wenigstens für die nächste Zeit zu besorgen, und zwar mit einer Pünktlichkeit, über welche selbst der Herr Pfarrer zufrieden sein sollte. Für die erste Nacht, die er unter dem ärmlichen Dache des Schulhauses zubrachte, wäre ihm das Aufstehen auch dann nicht sauer geworden, wenn er sich nicht schon von Jugend auf daran gewohnt hätte, vor Tagesanbruch auf den Beinen zu sein, denn bei aller Bescheidenheit seiner Ansprüche war das Lager, welches ihm, und zwar auf dem Boden des Wohnzimmers, bereitet wurde, so hart und mangelhaft, daß seine ganze frische Jugend dazu gehörte, um überhaupt einschlafen zu können. »Morgen,« hatte der Schullehrer gesagt, »werde ich imstande sein, Ihnen Ihr Schlafgemach dicht bei den Schulzimmern anzuweisen.« »Warum nicht heute?« hütete sich Erich wohl zu fragen, denn ihm schwebte der seltsame Blick der Schulkinder vor, mit dem sie die kleine Fensteröffnung und den weißen Vorhang betrachteten. Auch später, als alles vorüber war, vermied er es, sich Gewißheit zu verschaffen, obgleich er sich lange eines leichten Grauens nicht erwehren konnte, so oft er das Gelaß betrat, das er nun sein Zimmer nennen sollte. Ach, dasselbe war auch ohne alle anderen traurigen Erinnerungen armselig über alle Beschreibung! Es war ein Raum, der einem gewissen unaussprechbaren Gemache abgewonnen zu sein schien, der wohl eben dadurch zwei moderig feuchte, übelriechende Wände hatte und ein einziges Fenster, durch welches, wenn man es öffnete, die heiße, duftige Luft der Schulstube eindrang, und diese war immerhin noch besser, als andere Dünste, welche man bei offener Thür empfand. Was die Möbel anbelangt, so bestanden diese aus einem sogenannten Bettkasten mit einem Strohsacke, einem Heukopfpolster und einer Wollendecke, ferner aus einer kleinen Bank, auf der eine alte Holzkiste stand, welche beide zusammen höchst sinnreich eine Kommode darstellten, und schließlich aus einem von den Würmern zerfressenen Kirchenstuhle, der mit Ueberresten von Holzschnitzereien immerhin noch einen stattlichen Anblick bot. Das war sein Reich, und ein paar Tage später, nachdem sein Koffer, ein Erbteil des Vaters, mit Büchern, Wäsche und anderen Effekten gefüllt, angekommen war und dieser Koffer nun, wie so manche andere Dinge, recht lebhaft an die alte und bessere Heimat erinnerte, da gab es Augenblicke, wo es Erich vorkam, als sei er imstande, nach und nach auch dieses Gemach lieb zu gewinnen. Glückliche Täuschung der Jugend, glücklich, weil sie besonders die täglichen Wechsel des Lebens als etwas Interessantes begrüßt und jeder Lebensphase eine schimmernde Seite abzugewinnen weiß! Hier, wo ihm alles neu war, erschien ihm auch alles im höchsten Grade interessant und hatte alles für ihn seine schönen Seiten; seine tägliche Lastarbeit in der Schule, oft in beiden Klassen zugleich, da sich der Lehrer jetzt häufiger als sonst unwohl fühlte; das häufige Beisammensein mit den armen Kindern des Schullehrers, die ihm für alles, was er ihnen Angenehmes erzeigte, so außerordentlich dankbar waren, welche ihm sogar die spärlichen Mahlzeiten dadurch behaglich machten, daß sie sich mit rührender Anhänglichkeit an ihn drängten, alles thaten, was sie ihm an den Augen absehen konnten, und förmlich aufzuleben schienen in dem Glanze der neuen Erscheinung dieses wohlwollenden, freundlichen Schulgehilfen; und das Gebetläuten in der einsamen Kirche an stillen Abenden, wenn durch eine der Turmluken hoch oben ein letzter Strahl der scheidenden Sonne eindrang und mit der Glocke koste, während diese sich wohlbehaglich, hell klingend hin und her schwang. Auch morgens bei Tagesanbruch war es hier poetisch schön, besonders auf der Höhe des Turmes, wenn sich Erich durch eines der Fenster hinausbeugte und über die schlummernde und träumerische Erde hinblickte, oder wenn sein Auge mit einem unaussprechlichen Gefühle der Sehnsucht und Erwartung an jenem hellen Streifen im Osten hing und förmlich mit aufjauchzte, wenn dort nun die ersten, zitternden Strahlen emporschossen. An solchen Morgen war es ihm nun allerdings hart, wieder in das dunstige Schulhaus zurückzukehren, und er vermied es auch so viel als möglich, nahm ein Buch zu sich und kreiste auf weiten Spaziergängen die Umgegend des Dorfes ab, wobei er auch häufig zur Thalmühle gelangte und da jedesmal von dem freundlichen Müller eingeladen wurde, an der nahrhaften Morgensuppe teilzunehmen, eine nicht unliebe Abwechslung von dem, was ihm zu Hause vorgesetzt werden konnte. Es war wässerige Milch und ein Stück schwarzes Brot. Als wirkliche Lichtpunkte aber erschienen ihm die Stunden, wo es ihm erlaubt war, auf dem wirklich guten Orgelwerke in der Kirche zu spielen, besonders aber die Sonntage, wo es ihm denn auch bald gelungen war, sich durch kräftige Führung des Kirchengesanges die Zufriedenheit des strengen Pfarrers zu erwerben. 5. Kapitel Erzählt von einer Kaffeegesellschaft im Pfarrgarten, bei welcher wir die Bekanntschaft der blonden Selma und des Herrn Vikars machen. Von Erichs erstem Sonntage in seiner neuen Stellung müssen wir noch nachtragen, daß er es nicht versäumt hatte, sich beim Schlusse des Nachmittags-Gottesdienstes wohl gekämmt und wohl gebürstet im Garten des Pfarrers einzufinden. Hier war Se. Hochwürden im Kreise der Familie, und hier wurde er auch der Frau Pfarrerin vorgestellt, deren Porträt ihm, wie er schon heute morgen in der Kirche bemerkt, vom Thalmüller ohne Schmeichelei, aber auch ohne Uebertreibung geschildert worden war. Man saß in einer Laube von blühendem Flieder vor einem wohl arrangierten Kaffeetische, der Pfarrer mit der langen Pfeife, die Pfarrerin mit der summenden Kaffeemaschine beschäftigt, der junge Mann, den er neulich lesend im Garten gesehen, zu dem duftigen Flieder aufschauend, und eine junge Dame, die Tochter des Pfarrers, in einem feinen, hellblauen Gewande, das zu ihrem rötlichen Haare nicht schlecht stand, welche mit dem Zeigefinger mehr keck als graziös den Flug eines Schmetterlings nachahmte, der um ein benachbartes Blumenbeet flog. »Ha, ich verstehe,« rief ihm der Pfarrer mit seiner gewaltigen Stimme von weitem entgegen. »Sie haben es nicht vergessen, daß ich Sie heute zu sehen gewünscht!« Worauf er, gegen seine Frau gewandt, mit einer bedeutenden Verminderung seiner Brustregister hinzusetzte: »Dies, meine Liebe, ist der junge Mensch, welcher mir von unserem Amtsbruder Spitter bestens empfohlen wurde, der hilfreich bei dem Schulmeister Wacker eingetreten ist und der heute morgen, wie du selbst so gütig warst zu bemerken, die Orgel nicht ohne Verständnis gespielt. Nicht – ohne – Verständnis,« wiederholte er, da seine bessere Hälfte, mit der Kaffeemaschine beschäftigt, nicht sogleich eine Antwort gab. Dann aber schaute sie auf, und Erich, der sonst wohl imstande war, Blicke ruhig auszuhalten, fühlte sich doch bei diesem etwas unruhig bewegt, denn gar so durchdringend waren diese scharfen grauen Augen. »Sie wollen das Lehrfach ergreifen,« sagte sie nach einer Pause, »es auf praktischem Wege erlernen, ohne studiert zu haben; das ist ein schweres Unternehmen, und ich weiß nicht, ob Sie dabei viel profitieren werden. Der Schulmeister gefällt mir immer weniger,« wandte sie sich an ihre Tochter; »denke dir nur, ich habe mir erzählen lassen, er hätte für seine Kinder Trauerkleider angeschafft – du mein lieber Himmel, Trauerkleider, wenn man nichts zu nagen und zu beißen hat!« Wäre Erich nicht ein so unbefangener Neuling in der Welt gewesen, so würde er ein Zeichen der Beistimmung gemacht oder vielleicht auch gesagt haben, es sei allerdings unverantwortlich, wenn man über seinen Stand hinaus wolle, und Trauerkleider tragen, ohne dazu die Berechtigung zu haben. So aber konnte er sich nicht enthalten, der Frau Pfarrerin zu erwidern, »er habe nichts von Trauerkleidern bemerkt und müsse das eine Täuschung sein, entstanden durch eine armselige wollene Schürze, welche das kleine Mädchen als Umschlagetuch trüge.« Auch der Pfarrer setzte begütigend hinzu: »Es kann wohl sein, es kann wohl sein, daß es Täuschung ist oder Übertreibung, wie es häufig vorkommt; wenn das, was man gehört hat, vermehrt weiter erzählt wird – ha, ich verstehe!« »Nein, du verstehst gar nichts,« gab ihm die Pfarrerin mit großer Ruhe zur Antwort, »sonst müßtest du wissen, daß dergleichen Überhebungen dem Schulmeister sehr ähnlich sehen – doch lassen wir das jetzt. Hier ist Ihre Tasse,« sagte sie zu dem jungen, mageren Manne, der immer noch den Flieder betrachtete – »Selma, reiche dem Herrn Vikar den Zucker.« Dies also war der Herr Vikar und die Dame im blauen Kleide die Tochter des Pfarrers, welche, wie der Thalmüller erzählt hatte, so vergeblich in der Residenz auf die Weide geführt worden war. Jetzt lächelte sie den jungen Geistlichen an, und während sie ihm neckisch die Milch und den Zucker bot, tänzelte sie um ihn herum, wie vorhin der Schmetterling um die Blumen. »Wie Ihnen Ihre neuen Verhältnisse gefallen,« sagte der Pfarrer lächelnd, indem er den Löffel behaglich in seiner großen Kaffeetasse umdrehte, »muß ich Sie des Anstandes wegen doch fragen, obgleich ich mir vielleicht denken kann, daß Sie sich Schule und Wohnung in einem besseren Zustande gedacht. Aber Gott im Himmel weiß,« setzte er mit einem Augenaufschlagen hinzu, »unter dem Beistande des Höchsten thut die arme Gemeinde ihr möglichstes, und doch ist sie nicht imstande, die Schule in einen Zustand zu versetzen, der – in einen Zustand, welcher – in einen Zustand, daß man – ja, überhaupt in einen Zustand ...« Diese Variationen über den Zustand der Schule wurden Sr. Hochwürden durch einen außerordentlich strengen Blick seiner Gattin entlockt, ja, durch ein furchtbares, schlangenartiges Fixieren derselben, während sie mit weichem Tone, der aber unter dem Ausdrucke eines fürchterlichen Lächelns stand, sprach: »Willst du nicht so gut sein und dir lieber ein Stück Gugelhopfen nehmen?« wobei sie das Wörtchen »lieber« mit einer erschütternden Schärfe hervorhob. »Ich danke dir, meine Teure! Allerdings ist der Zustand der Schule nicht so trostlos ...« »Und braucht auch eigentlich gar nicht anders zu sein,« warf die Pfarrerin entschieden dazwischen; »es sind dort recht behagliche Räume, wie ich mir habe sagen lassen, ja, der Schulmeister besitzt sogar ein leerstehendes Wohnzimmer, und das ist ein Luxus, den wir uns nicht gestatten dürfen.« »Willst du nicht vielleicht, meine Liebe, den Herrn Provisor zu einer ....« »Wenn du überhaupt jemand ausreden ließest, so würdest du gehört haben, daß ich gerade die Vermutung aussprechen wollte, der Herr Provisor habe gewiß bereits seinen Kaffee zu sich genommen. Nicht wahr, Sie haben?« wandte sie sich an Erich. Doch war dieser auch jetzt wieder nicht klug genug, um so klug zu sein, eine Notlüge zu sagen, mochte auch denken, es sei für den Schulmeister ersprießlicher, wenn er die Versicherung gäbe, daß Kaffee dort ein nicht vorhandener Artikel sei. »Nun denn, Selma,« erwiderte die Pfarrerin sehr gedehnt, »so magst du dem Herrn Provisor eine Tasse bringen. Ich würde Sie zum Sitzen einladen, aber es ist so mühsam, Stühle aus dem Hause hervorzuschleppen.« Selma überbrachte die Tasse, wobei wir hervorheben müssen, daß sie es bis jetzt noch nicht der Mühe wert gefunden, ihre Aufmerksamkeit für den jungen Geistlichen dadurch zu verkürzen, daß sie Wackers Provisor, dem neuen Subjekte, einen Blick geschenkt. Jetzt aber, als sie vor ihm stand, schaute sie ihn an mit den gleichen grauen Augen, wie die der Mutter, nur daß der Ausdruck der ihrigen durch Jugend und ein hübsches Gesichtchen gemildert war. Ja, sie schaute ihn an, und zwar ein paar Sekunden lang, wobei sie überrascht schien, statt der traditionellen bleichen Züge eines jungen Schulgehilfen Erichs frisches, schönes Gesicht zu sehen und seinen dunklen, leuchtenden Augen zu begegnen. Ja, so überrascht war sie, daß sie Miene machte, ihm nicht nur die Tasse, sondern auch einen Stuhl anzubieten, und dies vielleicht gethan hätte, wenn sie nicht ein strenger Blick der Mutter zu ihrer Pflicht zurückgerufen und wenn nicht der junge Geistliche mit auf die Seite geneigtem Kopfe finster nach ihr hinüber geschielt hätte. So trank denn das Subjekt stehend seinen Kaffee und ohne Zucker, den die Pfarrerin vergessen hatte hineinzuthun; doch machte er sich nicht viel daraus. Auch fühlte er sich durchaus nicht befangen in dieser hohen Versammlung, und als er ausgetrunken hatte, stellte er seine Tasse mit sicherer Ruhe und einer kleinen Verbeugung auf den Kaffeetisch. »Du hattest, glaube ich, einen besonderen Zweck, als du den Herrn Provisor hierher kommen ließest, und solltest du nun auch reden, damit du die kostbare Zeit des Herrn Provisors nicht zu sehr in Anspruch nimmst.« »Ha, ich verstehe! Ja, ja, der Schuldienst ist nicht besonders anstrengend und es sind Freistunden auszufüllen, und da habe ich mir gedacht, es könnte Ihnen nicht schaden, wenn Sie meiner Tochter Selma zuweilen eine Musik- und Zeichenstunde geben würden. Meine Tochter Selma hat hübsche Kenntnisse im Klavierspiele, doch wäre es mir lieb, wenn sie Gelegenheit hätte, sich hier und da vierhändig zu üben.« Der Pfarrer nickte nach dieser seiner Rede würdevoll mit dem Kopfe, seine bessere Hälfte schaute geradeaus, weit vor sich hin, in unabsehbare Ferne, der junge Geistliche blickte scharf nach Selma hin, welche gerade damit beschäftigt war, ein Baumblatt vom Boden aufzuheben, während Erich sich verbeugte und sich mit großem Vergnügen bereit erklärte, den Wunsch Sr. Hochwürden zu erfüllen. »Wie und wann, werden wir Ihnen sagen lassen,« sprach die Pfarrerin, und da sie dabei mit ihrem Haupte nickte, während der Pfarrer sich erhob und ungefähr so that, als konnte er sich vielleicht zu der Herablassung entschließen, dem Subjekte den Zeigefinger seiner rechten Hand zu bieten, so zog Erich sich zurück, ohne diese Gnade abzuwarten. Er verließ den Garten, und da er sich, um die Thür desselben zu schließen, umwenden mußte, so sah er noch, wie die hochblonde Selma beschäftigt war, für den jungen Geistlichen, der neben ihr stand, einen Zweig des duftigen Flieders abzubrechen, wobei es ihm vorkam, als schaue sie rasch nach der Gitterthür hinüber, um zu sehen, ob der junge Lehrgehilfe dieselbe auch sorgfältig geschlossen habe. Daß Erich selbst durchaus nichts anderes dabei dachte, darauf können wir die Hand zum Schwure erheben. Trotz alledem ging er nach Hause und war nicht wenig erstaunt, hier ausnahmsweise zum Kaffee eingeladen zu werden; es war dies allerdings nur eine farblose, dünne Brühe, aber mit welcher Herzlichkeit und Liebe sprangen ihm die beiden Buben schon an der Hausthür entgegen, dieses große Ereignis verkündigend, und mit welcher Gravität goß ihm Anna ein, nachdem sie zuvor den besten der Stühle mit ihrer Hausschürze abgewischt hatte. Auch täglich in anderen Dingen bewiesen ihm die Kinder des Lehrers sowie dieser selbst, daß man ihn für einen wichtigen und sehr geachteten Hausgenossen halte, und wenn Herr Wacker mit Erich über des letzteren Zukunft sprach, so drückte er sich höchst bedauernd darüber aus, daß der junge Mann nicht das Seminar besucht hatte, noch sonst eine vollkommen korrekte Schulbildung erhalten. – »Leider wird das später Ihrem Fortkommen entgegenstehen, denn wenn auch ich oder ein anderer nach meinem – ein anderer nach mir Ihnen die glänzendsten Zeugnisse ausstellen muß und wird, so zieht man Ihnen doch jeden an sich noch so unbedeutenden Menschen vor, wenn er nur der Zeit nach seine Studien absolviert hat.« – Worauf ihm dann Erich eines Tages gestand, daß er das vollkommen einsehe und daß er den Anfang seiner Schulamts-Carriere hier nur als eine Übergangsperiode ansehe, um eine bescheidene Stelle in der Residenz zu erlangen und sich alsdann dort dem Studium der Musik vollständig hingeben zu können. Herr Wacker aber war selbst so wenig musikalisch gebildet, daß er diese Neigung nicht vollkommen begriff und kopfschüttelnd meinte, ein Lehrer sei schon ein miserables Geschöpf, aber ob so ein armer Musikant besser daran sei, wäre doch noch zweifelhaft. Gleichwie dem seligen Steuerkontrolleur Freiberg unter Musikanten nichtsnutzige Stabstrompeter vorgeschwebt, so dem Schulmeister hier die Mitglieder jener herumziehenden Banden, die auf Schützenfesten, Kirchweihen u.s.w. ihr kärgliches Brot verdienen. Selbst Erichs fertiges Orgelspiel war nicht imstande, ihn mit dessen Bestrebungen zu versöhnen, denn sein eigenes Orgelspiel war ihm eine Quelle beständiger Anfeindungen von seiten des Pfarrers gewesen. Wie oft hatte ihn der Pfarrer vor Beginn der Predigt in die Sakristei citiert und ihm dort eine gewaltige Nase erteilt, weil die Buben gegröhlt wie die Saatkrähen, oder weil er die Bauern, die gern in einem langsamen Tempo hinterdrein schlichen, nicht mit der nötigen Energie fortgerissen! Dies ging nun allerdings unter Erichs Leitung ganz anders, ja, er wagte es, die Tempi oft so rasch zu nehmen, daß der Pfarrer mit Schrecken die Augenblicke kommen sah, wo die Gemeinde mit ihrem Gesange gar nicht mehr nachkommen könne; doch hatte dieser junge Mensch dabei eine Kraft und Gewandtheit, selbst die schläfrigsten Seelen vorwärts zu peitschen, daß alle sich bemühten, öfters in einem wahren Sturmgalopp nachzukommen. Was der Pfarrer allenfalls zu tadeln gehabt, das waren seine oft sehr gewagten Vor- und Nachspiele. Ja, er hatte einmal seinen Ohren kaum getraut, als jener bei dem Nachmittags-Gottesdienste, wo die drückende Hitze drei Vierteilen der andächtigen Versammlung zu einem angenehmen Kirchenschlafe verholfen hatte, beim Schlusse brausend und sausend über Ohren und Köpfe hinfuhr, und zwar durch das Vorspiel mit der bekannten Melodie des alten Dessauers: »So leben wir, so leben wir alle Tage,« was aber von einer wahrhaft elektrisierenden Wirkung gewesen war und die Kirche so rasch wie nie geleert hatte. Herr Wacker räumte seinem Gehilfen bereitwillig das Wohnzimmer zu musikalischen Studien ein, und nachdem dieser das alte Klavier in eine möglichst erträgliche Stimmung versetzt, seine Bücher auf dasselbe geschichtet, ging er mit Lust und Freude in seinen Freistunden an die Aufgaben, die er sich selbst gestellt, oder die ihm brieflich von seinem alten Freunde und Schullehrer Herrn Schmelzer gestellt wurden. Als guter Orgelspieler und nicht schlechter Theoretiker wurde es seinem unermüdlichen Fleiße möglich, sich in kurzer Zeit auch die nötige Fertigkeit anzueignen, um auch im Pfarrhause die vierhändigen Uebungsstunden mit Selma beginnen zu können. Mit dem Zeichenunterrichte hatte er schon früher angefangen, und nicht nur zur Zufriedenheit des Herrn Pfarrers, der ihm sagte: »Ha, ich verstehe, daß meine Tochter bei so ausgezeichneter Leistung Fortschritte machen wird!« – sondern auch zur Beschwichtigung der Frau Pfarrerin, die es anfangs mit großem Widerwillen mitangesehen, daß ihre Tochter Selma so nahe bei dem ganz gewöhnlichen Schulgehilfen sein solle, obgleich es Erich bei diesen Unterrichtsstunden sehr liebte, zu stehen und nötige Korrekturen auf die zurückhaltendste Art zu machen. Ja er setzte sich überhaupt erst dann, nachdem er von seiner Schülerin, von deren Mutter oder von dem Herrn Pfarrer dazu eingeladen war. Letzterer liebte es sehr, den Unterrichtsstunden beizuwohnen, und dann ging er manchmal mit großen Schritten auf und ab, wobei er sein breites Haupt hin und her zu wiegen pflegte, was der langen Pfeife, die er frei zwischen den Lippen hielt, alsdann die sanften Schwingungen eines Elefantenrüssels verlieh; dabei war er meistens in tiefe Gedanken versunken, und wenn er, aus diesen auffahrend, oft mit lauter Stimme rief: »Ha, ich verstehe!« so fanden es seine Frau und seine Tochter nicht der Mühe wert, zu fragen, welches Verständnis ihm aufgegangen sei. »Da habe ich,« sagte er eines Morgens zu Erich, »eine Idee schon lange verfolgt, zu deren Ausführung Sie mir das geeignete Rüstzeug zu sein scheinen. Sie wissen, wie sehr ich in Kirche und Schule auf militärische Zucht und Subordination halte, und es kann mit dem Fundamente dieser unerläßlichen Eigenschaften bei den kleinen Rangen nicht früh genug angefangen werden. Daher glaube ich, sollte man den Versuch machen, Ihren Schülern etwas militärischen Geist beizubringen, indem man sie in den Freistunden zu regelrechtem Marschieren und Exerzieren anhielte, und würden sie dadurch auch abgehalten werden, die langen Nachmittage auf der Gasse herumzulungern. Was meinen Sie dazu?« Erich fand diese Idee nicht nur praktisch, sondern sie entsprach auch so sehr seinen Neigungen, daß er, sobald er sich vergewissert, auch der Lehrer habe dagegen nichts einzuwenden, daran ging, sie in Ausführung zu bringen. Die Buben waren natürlicherweise mit Leib und Seele dabei, und ebenso stieß er auch auf keinen Widerspruch von seiten der Eltern, ja, die meisten der Eltern machten sich ein Vergnügen daraus, aus Holz etwas zusammenzuschnitzeln, was entfernte Ähnlichkeit mit einem Gewehr hatte. Hierauf arrangierte Erich beide Klassen in zwei Glieder, lehrte sie stehen, wenden und marschieren und belohnte die intelligentesten Knaben dadurch, daß er sie zu Unteroffizieren avancieren ließ. Er brauchte keine vier Wochen, um imstande zu sein, seine Compagnie an einem Sonntag Nachmittage dem Pfarrer draußen auf der Gemeindewiese vorzuführen, der auch dieser Parade unter präsentiertem Gewehr mit einer Würde und einem Ernste anwohnte, die einem General Ehre gemacht haben würde. Und nachdem alles vorbei war, drückte er Erich seine Zufriedenheit aus, und sagte alsdann, während er seine Stimme so viel als es ihm möglich war, dämpfte: »Etwas fehlt noch, was den Eifer der Buben außerordentlich anregen würde: eine Trommel nämlich, und auch dazu könnte, wenn wir vorsichtig zu Werke gingen, Rat geschafft werden. Ich selbst bin im Besitze eines solchen Instrumentes, das ich, unter uns gesagt, einstens mit Vorliebe erlernt und welches ich gern für das allgemeine Beste hergeben würde. Lassen Sie mich darüber nachdenken, wie es zu machen ist, damit ich mich überzeugen kann, ob Ihre Jugend Sinn für dieses hinreißende Instrument besitzt. Lassen Sie mich darüber nachdenken – ja, ja, so wird es gehen – lassen Sie Ihre Compagnie am nächsten Sonntag, morgens um fünf Uhr, draußen bei dem Pfarrhause antreten, und seien Sie alsdann des Weiteren gewärtig.« Im Laufe der Woche erfuhr Erich durch seine Schülerin, daß die Zeichenstunde am nächsten Samstage ausgesetzt werden müsse, da Selma mit ihrer Mutter einen Verwandten in der benachbarten Stadt besuche und erst am Montag zurückkehren würde; es war ihm dies in betreff der sonntägigen Parade nicht unangenehm, da er leider die Abneigung der Pfarrerin für diese unnütze Zeitverschwendung, wie sie es nannte, erfahren, und führte er deshalb an dem betreffenden Morgen seine Compagnie leichteren Herzens nach dem Pfarrhofe, vor dem er sich, auf der Straße zugweise abgeschwenkt, aufstellte. Hinter den dichten Büschen der Fliederlaube sah er das mächtig umwallte Haupt des Pfarrers und bemerkte, näher tretend, zu seiner großen Verwunderung, daß Seine Hochwürden die erwähnte Trommel, und zwar in einem vollkommen ausgewachsenen Exemplare, kunstgerecht über die Schulter gehängt hatte und bereit schien, den Parademarsch, obgleich unsichtbar für die Knabenschar, selbsthändig zu begleiten. »Lassen Sie jetzt stillstehen,« sagte er, »die Züge richten und nach einem einleitenden Trommelwirbel die Compagnie auf der Straße hin und her marschieren, bis ich Ihnen durch einen zweiten Wirbel das Zeichen zum Aufhören gebe; dann lassen Sie die Buben nach Hause gehen und kommen wieder zu mir – geben Sie acht, wie elektrisierend diese Musik auf die Beine der Jungen wirken wird.« So war es denn wirklich auch, und die kleinen Soldaten stampften den Boden, daß der Staub wirbelnd emporflog und sie auf diese Art genau das Bild einer marschierenden Kolonne darstellten. Mit welcher Kunst wurde aber auch in der Fliederlaube die Trommel geschlagen! Wie scharf und genau dröhnte das Fell unter den kräftigen Schlägen! Welch entzückende Wirbel rasselten oft minutenlang dazwischen! Sowohl die Soldaten selbst als auch der Kommandant bedauerten aufrichtig, als endlich das Zeichen zum Aufhören gegeben und die jugendliche Schar nach Hause entlassen wurde. Ja, es war heute schon etwas ganz anderes gewesen bei dieser erhebenden kriegerischen Musik. Dann ging Erich nach der Laube zurück, in welcher der Pfarrer immer noch mit großen Schritten auf und ab marschierte und sich dabei so zufrieden erklärte über das, was er von dem Marsche durch die Zweige gesehen, daß er sich nicht enthalten konnte, dem jungen Manne als Beweis seines Wohlwollens eine erste Lektion auf diesem edlen Instrumente, das er mit so großer Kraft und Gewandtheit handhabte, zu erteilen. »Ich weiß wohl,« sagte er dabei, »daß die Trommel von all denen, welche sich einbilden, etwas von Musik zu verstehen, über die Achsel angesehen wird, und mit welch großem Unrechte. Ich will nicht reden über die erstaunlichen Wirkungen eines im Kriege zur richtigen Zeit angebrachten Trommelschlages, nicht von der Ermutigung, die ein exaktes Rataplan, Rataplan auf ermüdete Bataillone, ja, sogar auf abgemagerte Pferde ausübt, aber ich wage kühn zu behaupten, daß die Trommel, mit Geschick und Gefühl angewandt, für den menschlichen Gesang eine unvergleichliche Begleitung abgeben würde, nicht um das oftmals rohe Lied des Soldaten im Takt zu erhalten, sondern für einen wirklichen, gefühlvollen Gesang. Sie schauen mich staunend, zweifelnd an? Ha ich verstehe, kann Ihnen aber versichern, daß, wenn ich nicht Pfarrer geworden wäre, ich es auf der Trommel zu einer unglaublichen Virtuosität gebracht hätte!« »Ich habe mich davon überzeugt,« sagte Erich, »und war erstaunt, was Euer Hochwürden zu leisten vermochten.« »Ha, ich verstehe! Aber nicht des wilden Lärmes wegen schätze ich dieses Instrument, sondern weil auf ihm die feinsten Nuancen hervorzubringen sind. Hören Sie, hören Sie! Gibt es ein zarteres Decrescendo auf irgend einem anderen Instrumente, als ich hier mit diesem Wirbel hervorbringen kann? – Ist es nicht zuletzt noch ein leichtes Ersterben der Töne, nur noch ein poetischer Hauch? Was sagen Sie dazu?« »In der That, Herr Pfarrer, ich bin überrascht!« »Ha, ich verstehe, und wenn ich darauf die Töne unter der vollen Macht der Gefühle wieder anschwellen lasse, so – so – reißt es mich unwillkürlich hin, und fühlen Sie nicht Ihr Herz erschüttern bei den letzten, gewaltigen Schlägen? Rata –plan... »Schade drum,« fuhr er nach einer Pause unter einem leichten, schwärmerischen Wirbel fort, »daß mir heute die Zeit mangelt, Ihnen unser bekanntes Volkslied ›In einem kühlen Grunde‹ mit Trommelbegleitung meiner eigenen Komposition vorzutragen! In meiner Jugend habe ich Entzücken damit erregt; das Lied eignet sich aber auch vortrefflich zu dieser Begleitung. In weiter Ferne vernehmen Sie das melodische Klappern der Mühle, mit der rechten Hand ausgeführt, während ein hingehauchter Wirbel der Linken glücklich in die elegische Stimmung hineinleitet. »Nun Deklamation: In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad. »Dann wird eine Melodie intoniert, ein Rhythmus, den sie so gerne gehört: Mein Liebchen ist verschwunden Das dort gewohnet hat. »Ich kann Ihnen versichern, es war darin eine Wirkung und eine Steigerung bis zum Schlusse, daß bei den rasselnden und doch wieder kurz abgebrochenen Schlägen, mit denen ich begleitete: Sie hat die Treu gebrochen, Das Ringlein sprang entzwei – Thränen der Rührung in die Angen der Zuhörerinnen traten. Ah, welch schöne Zeit! Sie ist dahin, wie überhaupt nach und nach alle Poesie erstirbt.« Er nickte zum Abschiede gravitätisch mit dem Kopfe und schritt danach dem Hause zu, in festem Marschtempo, mit etwas auffallender Bewegung des linken Beines, wie das bei den Trommlern gebräuchlich ist, und verschwand dann im Hause unter den sonoren Klängen eines majestätischen Parademarsches, ungehört von Frau und Tochter, welche ja in der Ferne weilten, aber nicht ungesehen von dem jungen Geistlichen, der mit ebenso erstaunter als ergrimmter Miene von seinem Zimmer in den Garten hinabschaute. Wir dürfen hier nicht verschweigen, daß es auch der junge Geistliche war, welcher die Pfarrerin von der Trommelübung Seiner Hochwürden in Kenntnis setzte, wobei er die Sache so zu drehen wußte, als sei diese Entheiligung des Sonntags und ihres Gartens allein durch das Schulsubjekt hervorgerufen worden. – »Dieser Soldatenbalg!« hatte die Pfarrerin hierauf gesagt und war schon im Begriffe gewesen, es ein- für allemal feierlich auszusprechen, daß er nie mehr die Schwelle des Pfarrhauses überschreiten solle, als Selma sich ins Gespräch mischte, um ihren Zeichenlehrer kräftig und rücksichtslos in Schutz zu nehmen: »Du kennst ja Papas Leidenschaft für die Trommel,« sagte sie, »und daß er glückselig war, sie in unserer Abwesenheit befriedigen zu können, wozu er den jungen Menschen eingeladen, ja herbefohlen hat! Wie wäre es überhaupt denkbar, daß dieser so sehr bescheidene Schulgehilfe das Verlangen an Papa hätte stellen mögen, ihm etwas vorzutrommeln? Ach, geht mir doch mit euren Kindereien! Ich fühle es, daß ich bei seinem Unterrichte etwas Rechtes lerne, und muß dir offen gestehen, Mama, daß ich nicht Lust habe, wegen dergleichen Lächerlichkeiten meine Stunden zu verkürzen, im Gegenteil« – dieses letzte Wort war von einem scharfen Blicke aus ihren heißen, grauen Augen direkt gegen den jungen Geistlichen gerichtet gewesen, und mir müssen gestehen, daß Wort und Blick von der Mutter nicht ganz ohne Befriedigung empfunden wurden, denn in der benachbarten Stadt, wo sie gewesen waren, hatte sich ein hart am Assessor stehender Referendar aus adeliger Familie ziemlich auffällig mit der hochblonden Selma zu thun gemacht, und daß sie es vorzog, die Frau eines »Regierungsrates von« zu werden, statt die des Vikars ihres Vaters, war ihr eigentlich nicht übelzunehmen. Deshalb wurde Erich denn auch nicht von den Zeichenstunden entbunden, vielmehr kurze Zeit darauf auch zum vierhändigen Klavierspiel kommandiert, dessen erste Stunden im Beisein der Pfarrerin vor sich gingen, welche in steifer Unnahbarkeit auf dem Sofa saß, geradeaus schauend und emsig dabei strickend. Daß er diesen Unterricht von der ernstesten, strengsten Seite nahm, dürfen wir ebenso wenig verschweigen, als daß Selma zuweilen ein Geplauder über Musik im allgemeinen, oder gewisse Lieder vorzog; dann lehnte sie, sich vornüberbeugend, ihren Arm auf das Notenpult, stützte ihren hübschen Kopf auf die Hand, um welche alsdann ihre blonden Locken recht malerisch flossen, und schaute ihm freundlich in die Augen, die er aber nur zuweilen gegen sie erhob, während er es liebte, wenn sie so dies und das fragte, seine Finger über die Tasten gleiten zu lassen, um irgend ein Thema, von dem gerade die Rede war, melodramatisch zu begleiten. Daß Selma alsdann diese Variationen sehr hübsch und angemessen fand, konnte er nicht begreifen und verstehen, und ebensowenig, warum sie alsdann in einer unmutigen Bewegung ihren Platz wieder neben ihm einnahm, sobald er mit ruhigem Blicke auf die Stelle zeigte, wo man aufgehört. Dergleichen kleine Neckereien und Plänkeleien glitten machtlos an seiner gänzlichen Unerfahrenheit ab, auch führte sie Selma nur alsdann aus, wenn der Vater als rauchender Elefant ihre Stunde überwachte. War die Pfarrerin gegenwärtig, so hatte sie andere kleine Geschichten, um die Klavierstunde etwas pikanter zu machen und das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. So fand sie oft hartnäckig das Klavierpedal nicht und suchte es viel zu weit auf der linken Seite; auch fühlte sie sich bei Passagen à la Moscheles sehr leicht ermüdet und benutzte gern die Gelegenheit, um ihre Hand auf dem Arme des Lehrers auf Augenblicke ausruhen zu lassen. Wäre für Erich Gefahr vorhanden gewesen, so hätte dies alsdann eintreten müssen, wenn Selma, wie zuweilen vorkam, behauptete, es sei ihr rein unmöglich, diese oder jene Passage richtig herauszubringen, und Erich sich alsdann genötigt sah, ihr dieselbe, rechts gegen sie geneigt, vorzuspielen, weil sie sich dabei unmöglich so weit zurücklegen konnte, um ihn nicht mit ihrem vollen Körper sanft zu berühren. Wenn ihn auch dabei zuweilen ein eigentümliches Gefühl durchdrang, so war es ein Gefühl des Schreckens, dem er dadurch Ausdruck verlieh, daß er sich fast auf die Noten herabbeugte, um – besser sehen zu können. Zuweilen aber auch ging die Stunde in musterhafter Ruhe und Ordnung und ohne irgend welche der eben geschilderten Gefährlichkeiten vorüber, und das immer alsdann, wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin verhindert waren und sich in solchen Fällen der junge Geistliche als Posten vor dem Gewehr befand. Ah, dieser setzte sich niemals strickend auf das Sofa oder ging im Zimmer rauchend auf und ab, vielmehr war er mit Leib und Seele bei seinem Amte, und seinen beobachtenden Augen entging nicht die kleinste Bewegung des Lehrers oder der Schülerin. Gewöhnlich stand er so, daß er Hände und Pedal zu gleicher Zeit im Auge hatte, und wenn dann je einmal Passagen à la Moscheles vorkamen oder wenn Erich eine Passage Selmas spielen mußte, so näherte er sich mit vorgestrecktem Halse, stierem Blicke und einer verdächtigen Röte auf den Wangen, konnte auch wohl in letzterem Falle in einem finsteren Tone sagen: »Sie thäten besser, Fräulein Selma, diese gewisse Stelle für sich allein sorgfältig zu studieren.« »Für mich allein – Esel!« hatte sie einmal halblaut vor sich hingemurmelt. Daß aber der junge Geistliche seinen Zorn über diese Unterrichtsstunden auf das unschuldige Haupt Erichs häufte und ihm seine Leidenschaftlichkeit nicht verhehlte, war ebenso ungerecht als dumm; denn dadurch, daß er alles, was der junge Lehrer that, bekrittelte und bemäkelte, und obendrein in Selmas Gegenwart, brachte er die ganz entgegengesetzte Wirkung hervor, ja, eines Tages eine Wirkung, die wir uns scheuen, niederzuschreiben; denn als der junge Geistliche einstens, wo Erich eines Tages in der That eine falsche Note angeschlagen hatte, von der Unfähigkeit zum Lehramte im allgemeinen sprach und insbesondere von der unbegreiflichen Keckheit, Unterricht in Fächern erteilen zu wollen, die man selbst nicht verstehe, und als er darauf nach beendigter Lektion mit hochgeröteten Wangen und einem Zornesblicke auf Selma das Zimmer verlassen, hatte diese nach ein paar Atemzügen langsam aufstehend gesagt: »Machen Sie sich nichts daraus, Sie sind doch mein lieber Lehrer« – und dann war es ihm gewesen, als berühre irgend etwas heiß und blitzähnlich sein blondes krauses Haar. »Was mochte das wohl gewesen sein?« dachte er, als er nachdenkend nach Hause ging. »Hatte Selma ihre heißen Finger auf sein Haupt gedrückt, und warum das?« Keines seiner gelehrten Bücher war wohl imstande, ihm diese Frage zu beantworten, und doch wurde er auf eine sehr einfache Art ins Klare gesetzt, und zwar durch die kleine Anna, des Schulmeisters Töchterlein, die, als er später an seinem Tische saß und arbeitete, hinter ihn trat, ihr Ärmchen um seinen Hals schlang und ihr Gesicht an sein Haar drückte. »Was machst du da, kleine Maus?« »Ich habe dir einen Kuß gegeben, weil ich dich lieb habe!« »Weil ich dich lieb habe? – Weil ich dich lieb habe!« – Das war ein Gedanke, der ihm nicht aus dem Kopfe wollte, obgleich er sich noch durchaus keinen richtigen Begriff von demselben machen konnte. »Weil ich dich lieb habe!« – Aber es steckte etwas dahinter, das auf seine Unterrichtsstunden im Pfarrhause, welche er bisher voller Freiheit des Geistes erteilt, einen eigentümlichen, beengenden Einfluß ausübte. – »Weil ich dich lieb habe!« erklang ihm jetzt so oft aus der harmlosesten Melodie. »Weil ich dich lieb habe!« las er in den heißen Blicken Selmas. »Weil ich dich lieb habe!« fühlte er bei jeder Berührung ihres Körpers. Aber es war kein angenehmes Gefühl, welches so auf ihn einwirkte. Er hätte viel darum gegeben, von diesen Unterrichtsstunden befreit zu sein, und begrüßte deshalb beinahe mit Freuden eine allerdings traurige Veranlassung, welche ihm gestattete, seine Lektionen bei Selma wenigstens zu vermindern. Der Schullehrer hatte nämlich seit dem Tode seiner Frau gekränkelt, er aß und trank so wenig, daß es kaum der Rede wert war, er schlief, wie er sagte, oft ganze Nächte lang gar nicht und hatte besonders in den Frühstunden einen bösen Husten, daß er darauf aus lauter Ermattung nicht imstande war, des Morgens seinen Schulunterricht zu erteilen. Obgleich Erich sein Möglichstes that, so konnte er doch nicht beide Klassen beaufsichtigen, weshalb er bei dem Pfarrer das Gesuch stellte, bis zur hoffentlich baldigen Genesung des Herrn Wacker in der ersten Klasse vormittags bis zwölf Uhr, in der anderen nachmittags von ein bis fünf Uhr Unterricht erteilen zu können. »Ha, ich verstehe!« hatte der Pfarrer geantwortet. »Was Sie aber von der hoffentlich baldigen Genesung des Schulmeisters sagen, so muß ich mir darüber einige leise Zweifel erlauben, denn der Mann ist kränker, als er selbst weiß; unter uns gesagt, halte ich es für meine Schuldigkeit, die Schulbehörde darauf aufmerksam zu machen, um im Falle – nun, Sie werden diesen Fall verstehen – im voraus gesorgt zu haben.« »Welchen Fall denn, Herr Pfarrer?« fragte Erich angstvoll. »Sie werden doch nicht glauben, daß der Herr Schullehrer sterben könnte?« »Es ist dies alles für uns bestimmt in Gottes Rat, der eine später, der andere früher, und, wie gesagt, ich fürchte, ich fürchte.« Daß aber Herr Wacker etwas Ähnliches fürchtete, konnte Erich unmöglich glauben, denn seit er recht leidend war, war er auch recht heiter geworden; er konnte jetzt mit lächelndem Munde erzählen von dem Elende, von all den Sorgen, mit denen er vom Beginne seines Lebens an zu kämpfen gehabt. Und wenn er dabei die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aussprach, so leuchteten seine Augen voll Freudigkeit, ja, die ärmlichen Gestalten seiner Kinder betrachtend, setzte er hinzu: »Auch diesen armen Geschöpfen wird es alsdann viel besser ergehen,« worauf er mit einer fieberhaften Hast von einem Bruder sprach, von einem wohlhabenden Maurermeister, der kinderlos und nicht abgeneigt sei, später – später für sie zu sorgen. »Was Sie betrifft, mein lieber Herr Provisor, so wird es Ihnen hoffentlich später besser gehen, als es mir in diesem traurigen Leben ergangen. Glücklicherweise haben Sie ja keine Neigung, beim Schulfache zu bleiben, was mich für Sie freut, denn ich habe Sie recht lieb gewonnen – nur nicht beim Schulfache bleiben! Ah, das ist eine undankbare Geschichte, und je eher man davon loskommt, desto besser ist es!« – Diese letzten Worte hatte er mit einem eigentümlich aufzuckenden Blicke begleitet und dann leise in sich hineingelacht wie jemand, der sich aufs innigste freut über ein bevorstehendes glückliches Ereignis. 6. Kapitel Von der Schattenseite des Lebens, von hilfsbedürftigen Jungfrauen, von Verlobung und Tod. Seit der Schullehrer so krank war, schrieb der Pfarrer keine befehlenden Zettel mehr, kam aber häufiger selbst, meistens in Unterrichtsstunden, auch wohl bei der Abenddämmerung, und war dann eines Tages von Selma begleitet, die es nicht hatte unterlassen wollen, sich selbst einmal nach dem Befinden ihres Lehrers zu erkundigen. Wir brauchen hier wohl kaum hinzuzufügen, daß Erich schon seit einiger Zeit seine Unterrichtsstunden im Pfarrhause aufgegeben hatte: »hoffentlich nicht für immer,« sagte das junge Mädchen, »denn ich fühle es, wie ich nach und nach wieder alles verlerne, und das ist mir höchst schmerzlich – ach, wenn Sie es wüßten, mein lieber Herr Erich, wie sehr, sehr schmerzlich!« Sie stand neben ihm am Fenster des Schulzimmers, während der Herr Pfarrer bei Herrn Wacker in der Wohnstube war – »ach, so tief schmerzlich, daß ich nicht anders kann, als es Ihnen sagen, mein lieber Herr Erich!« Dabei lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter, und er fühlte zu seinem Schrecken an dem Zucken ihres Körpers, daß sie plötzlich und sehr heftig anfing zu weinen. »Um Gottes willen, was fehlt Ihnen, Fräulein Selma?« »Was mir fehlt,« rief sie schluchzend, »was mir fehlt – mir fehlt alles, alles auf der weiten Erdenflur! Ich bin ein bedauernswürdiges Geschöpf, ich werde geliebt, ohne wieder zu lieben, ich liebe, ohne geliebt zu sein! Doch Sie verstehen das nicht, nein, Sie können das nicht verstehen und brauchen es auch nicht zu verstehen. Aber Eines müssen Sie von mir anhören, aus der Tiefe meines zitternden Herzens, eine Wahrheit, die Ihnen vielleicht fürchterlich erscheinen wird und um deretwillen Sie mir wohl einst eine Thräne des Mitleids nachweinen werden – einstens, wenn ich nicht mehr da bin, wenn nur noch ein Geist der Erinnerung, sanft geschlungen um den Namen Selma, über diese Fluren, die mich einst so entzückten, schmerzlich trauernd dahinzieht – o, bemitleiden Sie mich, Erich, beklagen Sie mich, ein armes, wehrloses Opferlamm, denn ich werde geopfert, ja, von einem unerbittlichen Vater, von einer hartherzigen Mutter – geopfert!« Nun aber hatte Erich keinen rechten Begriff von einem solchen Opfer, und wenn er sich auch den gestrengen Pfarrer mit dem löwenartigen Haar und der lärmenden Stimme füglich als den Erzvater Abraham hätte vorstellen können, so doch durchaus nicht Fräulein Selma in der Rolle des Isaak; auch schien ihm so gar kein Grund vorhanden zu sein, um in unseren aufgeklärten Zeiten an eine solch greuliche That zu glauben, weshalb er auch in voller Überzeugung sagte: »O, Sie müssen sich irren, Fräulein Selma! Es kann durchaus nicht in der Absicht Ihres Herrn Vaters oder Ihrer Frau Mutter liegen, Sie in irgendwelcher Weise zu opfern. Sie müssen sich irren.« »Irren,« rief sie und schüttelte dabei ihre hochblonden Locken, »irren! Allerdings wird man sich irren, aber in mir, darauf können Sie sich verlassen! Nein, ich will es nicht dulden, daß man mich in die Arme jenes Moloch schleudert, daß ich allen Freuden dieses Daseins entsagen soll, ohne vorher anderweitig gelebt und geliebt zu haben! Doch ist hier nicht der Ort,« setzte sie mit sanfter Stimme hinzu, »auch habe ich nicht die Zeit, um Ihnen diesen schändlichen Verrat näher auseinanderzusetzen, der an meinem armen jungfräulichen Herzen begangen werden soll, wogegen es sich unter allen Qualen sträubt und auf Mittel und Wege denkt zu einer fürchterlichen Rache – und von Ihnen bin ich überzeugt, Erich, Sie werden mir in diesem Rachewerk beistehen – versprechen Sie mir, mich nicht ganz schutzlos zu lassen, ja, mir beizustehen, sobald ich es für nötig finde, einen Ruf an Sie ergehen zu lassen.« Erich befand sich in einer nicht geringen Verlegenheit, ein solches Versprechen zu geben, denn er hatte damals noch die Ansicht, daß Versprechen auch gehalten werden müßten, und konnte deshalb in eine sehr unangenehme Geschichte kommen, wenn er sich mit der aufgeregten Selma vereinigte, um Rache an dem Pfarrer, der Pfarrerin, vielleicht auch an dem jungen Geistlichen zu nehmen. Worin konnte eine solche Rache bestehen? Vielleicht daß man dem jungen Geistlichen abends irgendwo ein Bein stellte, damit er in einen schmutzigen Graben falle, oder daß man der Pfarrerin heimlicherweise Salz in ihren Kaffee thäte, oder daß man sogar ein großes Loch schlüge in das Trommelfell Seiner Hochwürden! Alles Dinge, zu welchen er doch nicht gern seine Hand bieten mochte. »Sie zaudern, Erich! Sie zaudern, mir das Versprechen Ihrer Hilfe zu geben!« rief das junge Mädchen leidenschaftlich, und da sie zu gleicher Zeit zu schwanken schien, auch ihre Augen schloß und alle Vorbereitungen traf, um ohnmächtig in seine Arme zu stürzen, so hatte er nichts Eiligeres zu thun, als ihr die Versicherung zu geben, daß er bereit sein würde, ihrem Rufe Folge zu leisten, worauf sie ungestüm seine beiden Hände ergriff, dieselben an ihr klopfendes Herz drückte und ihm zuflüsterte: »O, Erich, die Rache ist süß!« Glücklicherweise hörte man in diesem Augenblicke die schweren Tritte des Pfarrers, weshalb Selma mit einem sehr kalten, förmlichen Tone, dabei aber sehr laut zu ihrem jungen Begleiter sagte: »Ich danke Ihnen, ich werde meinen Weg allein finden! –« Worin das Opfer, von dem Selma gesprochen und zu dem sie auserkoren, eigentlich bestehe, darüber ging dem jungen Manne am nächsten Sonntage ein ziemlich klares Licht auf, als der Pfarrer nach gespendetem Segen am Schlusse seiner Vormittagspredigt einen kleinen Zettel entfaltete und der Gemeinde daraus verkündigte, daß sich in den Stand der heiligen Ehe begeben würden nachfolgende Personen, und zwar »Ernst Friedrich Schmelzig, Pfarrer zu Birnstetten, derzeit noch wohlbestallter Vikar dahier, und Jungfrau Selma Adelheide Leontine Wendler, eheliche Tochter des Pfarrers hiesiger Gemeinde.« Wer Hindernisse wüßte, daß gemeldete Personen nicht ehelich zusammenkommen könnten, der zeige es beizeiten an oder enthalte sich nachher, etwas dagegen einzuwenden. »Ihnen aber und uns allen,« schloß der Pfarrer mit tiefbewegter, dumpf dröhnender Stimme, »verleihe der allmächtige Gott seinen väterlichen Segen! Amen.« Vielleicht war es nicht ganz passend, daß der junge Schulmeister später zum Heimgange der Gemeinde, mit Beihilfe aller nur möglichen Register, eine großartige Fuge über das herrliche Kirchenlied: »Nun danket alle Gott!« spielte, obgleich er von dem Pfarrer darüber in wohlwollender Art belobt wurde. – Mittlerweile war der Sommer vergangen und der Herbst gekommen, der die Vorboten einer strengen Regierung, Nebel und scharfe Winde, jetzt häufig über Berg und Thal sandte und der hier und da schon begann, die qrünen Laubmassen mit gelben und roten Blättern zu schmücken, vielleicht um ihnen allgemach durch diese Vorbereitungen das Scheiden von der freundlichen Erde zu erleichtern, oder auch um sie festlich für das große Opfer zu schmücken, das des Winters eisiger Hauch zu halten bereit war, sobald er die Regierung angetreten. Und in der That festlich geschmückt war Wald und Heide. Förmlich wie in Flammen lodernd oder wie brennende Büsche standen die glänzenden, gelben Bäume und die wie glühend bestrahlten Sträucher da unter dem Strahle der milden Herbstsonne. Und wie beschäftigt war alles, was Hände hatte, in Garten und Feld, einzubringen in die Scheunen und Vorratskammern, was die gütige Erde gespendet und was der Herbst so herrlich verziert und freundlich lächelnd darbot! Erich hatte viele freie Zeit, denn es war Herbstvakanz, und konnte sich deshalb dem armen Lehrer widmen, mit dem es zusehends täglich schlechter ging. Vom Spazierengehen war bei diesem schon lange keine Rede mehr, und es hatte seinem jungen, kräftigen Gehilfen keine kleine Mühe gemacht, ihn nochmals auf seinen Lieblingsplatz zu bringen, wohin ihn der Lehrer am ersten Tage seines Hierseins geführt. Die Sonne senkte sich prächtig hinter Wolken, bei unbeschreiblich schöner Form und Färbung, weiß und lichtrot wie sanft geblähte Segel anzusehen, auf einem milden, seegrünen Grunde, während der jetzt unsichtbare Lichtkörper der Sonne einen gewaltigen Strahlenglanz in einem großen Halbkreise bis hinauf an den Himmel warf. Wer da so schmerz- und reulos in einen jener Wolkennachen mit einsteigen dürfte, langsam und immer weiter und weiter der Sonne folgend, mit unverwandtem Blicke an ihrem Strahlenantlitze hangend, bis dann endlich sanft und schmerzlos die ewige Nacht einträte! »Oder,« meinte er, als sie langsam nach Hause gingen durch eine kleine Waldung hindurch, wo unter den Stämmen das abgefallene buntfarbige Laub gleich einem dicken Teppiche die Schritte unhörbar machte, »wer so, von einem milden Lufthauche bewegt, sich von dem Lebensbaume ablösen und – ein verwelktes Blatt – dahinflattern konnte in die Unendlichkeit ohne Schmerz und Klage!« – Dabei war der Gang des Kranken so schwer und er schien so ermüdet, daß Erich ihn verschiedenemale am Wege niedersitzen ließ, was ihm ganz besonders zu gefallen schien und ihn förmlich fröhlich stimmte durch die freundlichen Begrüßungen der Bauern, der Männer, Weiber und Kinder, die von draußen heimgingen, auf Wagen und Handkarren, in Säcken und Körben Früchte und Obst mit sich führend. Alle freuten sich, den Schullehrer wieder draußen zu sehen, und prophezeiten ihm, daß es mit seiner Gesundheit gewiß bald besser gehen würde. »Ja, ja, das fühle ich auch,« sagte er alsdann, heiter in sich hineinlächelnd, »und wenn es einmal wieder recht gut gegangen ist, so werden wir uns froh und glücklich wiedersehen!« Zu Hause angekommen, setzte ihn Erich auf einen alten bequemen Stuhl, den er für ihn vom Thalmüller leihweise erhalten hatte; dann kamen die kleinen Buben, setzten sich ruhig zu seinen Füßen auf ein niedriges Bänkchen, und Anna mußte ihm aus der Bibel eine Stelle vorlesen, die er ihr bezeichnete. Erich ging ab und zu, und es freute ihn, zu sehen, mit welcher Milde, ja Heiterkeit das eingefallene Gesicht des Kranken bestrahlt war, und wie er zuweilen freundlich mit leiser Stimme sagte: »Sehr gut! Schön, schön!« – Er meinte damit ebensowohl die Worte der heiligen Schrift als die Fortschritte, welche seine kleine Tochter im Lesen gemacht. Später, als Erich wieder hereinkam, saßen die drei Kinder dicht bei einander und hatten flüsternd die Köpfe zusammengesteckt, »Bst, Bst,« sagte Anna, »der Vater schläft!« Ja, er schlief, aber es war jener Schlaf, der uns einstens allen beschieden ist, jener feste Schlaf, in dem uns weder gute noch böse Träume stören und aus dem es diesseits weder ein freudiges noch schmerzliches Erwachen gibt. »Kommt, Kinder,« sagte Erich, furchtbar erschüttert, ohne aber klugerweise die drei armen Waisen davon in Kenntnis zu setzen, was sie sahen und nicht verstanden, was sie vielleicht fühlten und nicht begriffen. »Kommt, Kinder, ihr sollt jetzt zu Nacht essen und dann geht ihr zu Bette und schlaft jedenfalls.« Er mußte sich über sich selbst wundern, wie ruhig und gefaßt er bleiben konnte, während die Kinder ihr spärliches Nachtessen bekamen und dann von einer alten Person, die gewöhnlich bei häuslichen Verrichtungen aushalf, zu Bette gebracht wurden, in das Bett ihres Vaters, wo sie immer geschlafen, während Anna auf einer kleinen Matratze am Boden lag. Daß er dabei zuweilen ein heftiges Schluchzen, das hastig in ihm aufstieg, gewaltsam unterdrücken mußte, war ebenso natürlich, als daß ihm, wie er später auf die Straße trat und an den sternbesäeten, klaren Himmel emporsah, die Thränen unaufhaltsam aus den Augen stürzten. Es war das so natürlich in seiner Lage und zu gleicher Zeit so wohlthuend und tröstend! Dann war sein erster, richtiger Gedanke, nach dem Pfarrhause zu gehen und dort den Tod des Schullehrers anzuzeigen. Wie linde und mild war der schöne Herbstabend! Die Leute sahen plaudernd und singend vor ihren Häusern; und durch die offenstehende Thür erblickte man die lodernde Herdflamme, um den mit Suppe oder Kartoffeln gefüllten Kessel. Häufig wurde ihm freundlich ein »guten Abend« geboten, häufig wurde er auch, wie das oft geschah, zum Mitessen eingeladen; doch setzte er, dankend, seinen Weg fort, ohne aber irgend jemand zu sagen, warum er noch so spät am Abend nach dem Pfarrhause ging. Im Pfarrhause angekommen, drückte Erich gewaltsam seine Thränen zurück, und als ihm das Dienstmädchen die Thür öffnete, fragte er mit einer ganz ruhigen Stimme nach dem Herrn Pfarrer. Dieser war mit der Pfarrerin über Land, und auch der junge Geistliche war ausgegangen; Selma aber, die den Ton seiner Stimme erkannt hatte, kam aus dem Wohnzimmer und nötigte ihn, dort einzutreten. »Um Gottes willen, was ist Ihnen geschehen?« rief sie leidenschaftlich aus. »Sie haben geweint!« »Mir selbst ist gerade nichts geschehen, Fräulein Selma, aber ich wollte Ihrem Herrn Vater nur sagen, daß der Schullehrer soeben gestorben ist.« »Ach, wie Sie mich dauern! Und nun sind Sie allein in dem Trauerhause?« »Allein nicht, die Kinder sind da und die alte Lisbeth, welche zuweilen aushilft.« »O, ich kann mir denken, lieber Herr Erich, wie schmerzlich für Sie das gewesen ist! Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir darüber oder plaudern mit mir, was Sie sonst wollen; das wird Sie zerstreuen und beruhigen. Mein Vater und meine Mutter sind nach der Stadt gefahren, von wo sie vor elf Uhr nicht zurückkommen können, und – er ist ihnen entgegengegangen. Ach, wenn Sie fühlen könnten, lieber Herr Erich, wie wohlthuend im Schmerze Ihr Leid zu meinem verwundeten Herzen paßt und wie ich so glücklich bin, mit Ihnen, der mich gewiß versteht, reden zu können! – Sie hatte seine Hand erfaßt und führte ihn nach dem alten Familiensofa, wo er neben ihr Platz nehmen mußte. Dann sagte sie mit weicher Stimme: »Doch nicht von mir wollen wir reden, sondern Sie müssen mir erzählen, was Sie bei jenem Verluste gelitten und was Sie nun zu thun gedenken. Sie bleiben wohl nicht hier. Nicht wahr, Sie bleiben wohl nicht hier?« Darauf vermochte nun Erich allerdings keine bestimmte Antwort zu geben, wußte auch in der That nicht, welches passendere Gesprächsthema er ergreifen sollte, als wenn er von dem großen Unglück spreche, welches nun die drei armen Waisen getroffen. Wie bewegt, gerührt hörte ihm Selma zu und wie innig schaute sie ihn dabei an mit ihren heißen, halb geschlossenen Augen, welche wie die seinigen von Thränen umflort waren! Wie schwer atmete sie durch die leicht geöffneten, üppig geformten Lippen! Wie begreiflich war ihr inniges Mitgefühl und der so verschiedenartige Ausdruck desselben, ihre tröstenden Worte, der leichte Druck ihrer Hand auf sein dichtes, krauses Haar, dann das Anlehnen ihres Hauptes an seine Schulter, während sie ihm unter Thränen versicherte, daß auch sie recht, recht unglücklich sei. »Damals, als ich bei Ihnen war,« sagte sie, indem sie seine Rechte auf ihr Herz drückte, »damals hatte sich mein Schicksal entschieden, ich befand mich im ersten Stadium meines tiefen Leides, das Ihnen, Erich, wohl noch unverständlich ist, dem Sie es aber zu gute halten müssen, wenn ich wilde Gedanken gegen Sie aussprach, vor denen ich heute selbst zurückschaudere. Was ist überhaupt das Los eines Weibes? Zu dulden und sich in die Verhältnisse zu schmiegen, und ich will das ja gewiß thun und gern thun, besonders jetzt, wo ich überzeugt bin, daß Sie freundlich an mich denken werden, wenn ich einst fern bin, wenn das Geschick uns weit, weit auseinander gerissen. Nicht wahr, das versprechen Sie mir, Erich? Sie werden so gewiß an mich denken, als ich Sie nie, nie vergessen will – nie – nie...« Sein Herz war in diesem Augenblicke so von Leid und Kummer erfüllt und er hatte sich besonders in letzterer Zeit so sehr nach einem mitfühlenden Herzen gesehnt, daß ihm die innige Teilnahme Selmas wohlthat. Es überkam ihn eine Erinnerung aus seiner frühesten Jugend, wo er mit einer Gespielin, der kleinen Tochter eines Nachbars, im Walde Beeren gesucht, wo sie, von einem Unwetter überfallen, unter reichlichen Thränen in einer mächtigen hohlen Eiche Schutz gesucht. Damals hatte sich das jüngere Mädchen an ihn, den älteren Knaben, weinend angeklammert, hatte ihre heiße Wange an sein Haar gedrückt, wie es jetzt Selma ebenfalls that, und er hatte mit tröstenden Worten sanft mit der Hand ihre Augen bedeckt, damals, daß die blendenden Blitze sie nicht erschrecken möchten, und jetzt that er wieder so, weil er sich fürchtete vor den leuchtenden Augen des jungen Mädchens – bis damals ein furchtbarer Wetterstrahl, unter dessen Wucht der Wald erbebte, die beiden Kinder aufschreckend aus ihrem Versteck trieb, und bis im gegenwärtigen Augenblicke etwas anderes die gleiche Wirkung auf ihn und Selma ausübte, allerdings kein zuckender Blitzstrahl, aber etwas noch viel Schrecklicheres – die Gestalt des jungen Geistlichen, welcher rasch und unvermutet die Stubenthüre öffnete und erstarrt auf der Schwelle stehen blieb. Erich, der wie Espenlaub zitterte, obgleich er durchaus nichts Böses gethan hatte, blickte ratlos auf Selma, die ebenfalls im ersten Augenblicke unangenehm überrascht schien; doch faßte sie sich mit einer erstaunlichen Schnelligkeit, schüttelte ihre Locken aus dem erhitzten Gesichte und sagte alsdann, sich wieder breit auf das Sofa niedersetzend: »Da ist der Herr Vikar, sagen Sie ihm, weshalb Sie hierhergekommen sind und warum ich mich veranlaßt sah, Sie in Ihrem grenzenlosen Kummer zu trösten.« Der junge Geistliche hatte sich langsam genähert, und die Hände auf dem Rücken krampfhaft zusammenfaltend, nagte er mit sehr bleichem Gesichte an der Unterlippe und sagte dann nach einem langen, tiefen Atemzuge: »Es wäre mir in der That sehr erwünscht, den genügenden Grund zu einer solchen Tröstung zu erfahren.« »Zu einer solchen Tröstung?« rief sie ihm rasch und heftig entgegen. »Zu einer solchen Tröstung? Was verstehen Sie unter dem Ausdrucke ›solcher Tröstung‹? Fangen Sie schon wieder an, nachdem Papa und Mama eben erst den Rücken gewandt, und nachdem Sie heute morgen noch versprochen haben, mich freundlich und milde zu behandeln? – Nennen Sie das, mich freundlich und milde behandeln, wenn Sie da ins Zimmer hereinstürzen und Augen machen, als wenn Sie mich ermorden wollten, und Sachen in Gegenwart eines dritten zu mir sprechen, die einer so häßlichen, schlimmen, abscheulichen Deutung fähig sind? – O, gehen Sie, lassen Sie mich in Ruhe, Sie sind unverbesserlich.« »Sie werden mir doch nicht abstreiten wollen, daß ich es gesehen, wie dieser – junge Mensch äußerst nahe noch bei Ihnen auf dem Sofa saß!« »Auf dem Sofa saß!« spottete sie ihm nach. »Das werde ich gewiß nicht leugnen, aber äußerst nahe, das ist eine große Lüge!« setzte sie mit weinerlichem Tone hinzu, indem sie mit dem Schnupftuche an ihre Augen fuhr. »Ja, eine große Lüge, und ich werde es Papa und Mama nicht verschweigen, wie Sie mit mir vor fremden Leuten umgehen, ja, ich werde es ihnen sagen und mich schon vor Ihrer Anklage, der ich entgegensehe, zu rechtfertigen wissen.« »Noch habe ich von keiner Anklage gesprochen,« versetzte der junge Geistliche mit vor Zorn bebender Stimme, »und es gibt Sachen, die man am besten unter sich ausmacht!« »Nun denn, so machen Sie es aus, mit wem Sie wollen! Ich will aber einmal nicht tyrannisiert sein, jetzt nicht, später noch viel weniger – nie – nie – nie!« Dann wandte sie ihr Taschentuch krampfhaft zwischen den Händen und verließ stürmisch das Zimmer. Der junge Geistliche drehte sich stumm gegen das Fenster, ohne mit dem Schulgehilfen ferner ein Wort zu reden, und blickte in die dunkle Nacht hinaus, und Erich that das Beste, was er thun konnte, nämlich langsam das Zimmer und das Pfarrhaus zu verlassen. Draußen blieb er noch einen Augenblick an dem Gitterthore stehen, ehe er dieses hinter sich zudrückte, und schaute zurück auf den vom Monde beschienenen Garten und auf das stille Haus, welches, scheinbar nur Frieden atmend, vor ihm lag. Jetzt erhellte sich dasselbe Fenster, aus welchem damals der Strauß Maiblumen herausgeflogen war; das war im Frühjahr gewesen, bei sprossendem Laube und duftenden Blüten, und jetzt, wo der Herbst gekommen, rauschte das verwelkte, abgefallene Laub unter seinen Füßen, recht passend für die traurigen Gedanken, die ihn bewegten, wenn er daran dachte, wie er diesen Sommer verlebt, sowie an das, was ihn in dem stillen Schulhause erwartete. Er hatte auf Beihilfe von dem Pfarrhause gerechnet, doch mußte er sich jetzt an ein paar Nachbarn halten, von denen er glücklicherweise auch einige fand, die noch, den schönen Abend genießend, vor ihrem Hause saßen. Er sagte es ihnen leise, daß der Schulmeister gestorben und der Pfarrer verreist sei, worauf die Leute sogleich mit ihm gingen, um das Notwendigste für die erste Nacht zu besorgen. Auch die nun folgenden recht traurigen Tage gingen vorüber, und zwar durch Arbeit und Sorge nicht minder rasch, als eine heitere Zeit; dann kam der Bruder des Verstorbenen, der kinderlose Maurermeister, und nahm die beiden kleinen Buben und das kleine Mädchen mit sich, zahlte auch die wenigen Schulden des Schullehrers und besorgte einen bescheidenen Denkstein auf das Grab seines Anverwandten; es war ein recht schmerzlicher Abschied, den die Kleinen von Erich nahmen, sie hingen sich an seine Arme und Hände und mochten lange nicht von ihm lassen. Ja, als sie endlich auf den kleinen Wagen gepackt wurden, der sie hinwegfühlen sollte, ging er rasch ins Haus und schloß die Thüre hinter sich zu, um diesen Abschied, bei dem es auf beiden Seiten nicht an Thränen fehlte, zu beendigen. Dann ging er lange in dem leeren Schlafzimmer auf und ab, betrat hierauf sein ärmliches Zimmer, dessen Möbel sowie auch die der Wohnstube von dem wohlhabenden Maurermeister als zu unbedeutend zurückgelassen worden waren. Erich hatte gerade keine glückliche Zeit hier verlebt, doch wenn er an den ersten Tag seines hiesigen Aufenthaltes dachte, so stahl sich ein tiefer Seufzer aus seiner Brust, und er hätte gern alles Leid, alle Entbehrungen noch länger getragen, nur um nicht allein sein zu müssen. Ein Zettel des Pfarrers brachte einige Abwechslung in seine düstern Gedanken. Se. Hochwürden schrieb ihm: da nun der Schullehrer, Herr Wacker, gestorben, und in den nächsten Tagen ein jüngerer, rüstiger Mann eintreten würde, so würde er selbst einsehen, daß alsdann seines Bleibens hier länger nicht sei. Vermehrten diese Zeilen seine Traurigkeit? Im Gegenteil, sie ließen ihn freier aufatmen und übten die Wirkung auf sein umdüstertes Gemüt, wie wenn sich an einem trüben Regenhimmel plötzlich das Gewölk zu verschieben anfängt und eine lichte blaue Stelle zeigt. Aus eigenem Antriebe hier fortzugehen, hätte er Herrn Schmelzer zu liebe nicht gethan. Diesen setzte er von allem, was ihn betraf, in Kenntnis, und sein alter, wackerer Lehrer hatte ihm auch in betreff der letzten Ereignisse geschrieben, er solle sich krampfhaft an seine jetzige Existenz anklammern, er solle alles thun, um sich die Gunst des neuen Lehrers zu verschaffen; wer das sei, hoffe er zu erfahren, und wolle er es alsdann bei demselben nicht an guten Ermahnungen fehlen lassen. »Du mußt in deiner Stellung aushalten,« schrieb Herr Schmelzer, »denn nur wenn du ein paar Jahre zur größten Zufriedenheit deiner Vorgesetzten gedient hast, wird es vielleicht möglich sein, dich nach der Residenz zu bringen.« Das war nun freilich alles vorbei, und wer den Zettel, den ihm der Pfarrer schrieb, eigentlich diktiert, darüber hatte er durchaus keinen Zweifel; ließ es sich doch die Pfarrerin angelegen sein, ihn auch in Kleinigkeiten ihren Haß fühlen zu lassen. War doch sein ehrfurchtsvollster Gruß nach dem Gottesdienste kaum imstande, ihr ein unbedeutendes Neigen mit dem Kopfe abzugewinnen, und wenn sie einmal nicht anders konnte, da der Pfarrer auf eine Erwiderung dieser Höflichkeitsbezeigung hielt, so hatte er feine Ohren genug, einige boshafte Bemerkungen über irgend etwas zu vernehmen, die er ohne allzu großen Scharfsinn auf sich beziehen konnte. Selma hatte er seit jenem Abende nicht wieder gesehen. Sie war verreist; sie sollte den Winter bei ihren Anverwandten in der benachbarten Stadt bleiben und dort das Kochen gründlich erlernen. Ein Zeichen, daß und wie sie sein gedenke, schien sie ihm allerdings noch nach ihrer Abreise geben zu wollen, und zwar durch einen losen Zettel aus ihrem Gesangbuche, das sie absichtlich in der Kirche vergessen und sich nun durch ihr Dienstmädchen von Erich, der die Schlüssel zur Kirche hatte, zurückerbitten ließ. Erich hatte das Buch gefunden und auch den Zettel gelesen, auf dem der Anfang des schönen Liedes von Freiligrath stand: O lieb', so lang du lieben kannst, O lieb', so lang du lieben magst, Es kommt die Zeit, es kommt die Zeit, Wo du an Gräbern weinst und klagst. Was die militärischen Uebungen der Schulbuben anbelangte, so hatten sie über die Zeit der Herbstferien geruht, und der Pfarrer fand sich nun auch bewogen, den Wiederbeginn bei veränderter Sachlage und beim Herannahen der strengen Jahreszeit vorläufig zu suspendieren. Zum guten Glücke war Erich während seines hiesigen Aufenthaltes mit seiner kleinen Barschaft sehr sparsam umgegangen und besaß noch die Mittel, um notdürftig leben zu können, denn seit dem Tode des Schullehrers bekümmerte sich niemand um seine Existenz. Es war ja die Zeit der Herbstferien, wo er nichts zu arbeiten hatte und wo er also auch nichts zu essen brauchte. Indessen hatte er Zeit genug, um über seinen Büchern zu sitzen; doch konnten bei den Mißtönen, die durch seine Seele zogen, selbst die Regeln der Harmonielehre in ihm keinen rechten Anklang finden. So hatte er an einem trüben Herbsttage mißmutig das betreffende Buch auf die Seite gelegt und hätte sich so gern an das Klavier gesetzt, um durch Variieren irgend eines Themas eine freundliche Stimmung zu finden. Doch hatte begreiflicherweise der Maurermeister das Instrument verpacken lassen und weggeschickt. Erich griff nach einem anderen Buche, als das, welches er eben weggelegt, und zwar nach einem ziemlich dicken Bande, der bisher unbeachtet in einem Winkel gelegen. Er kannte dieses Buch wohl. Es war noch ein Vermächtnis seines Vaters, und der Name: Joachim Freiberg, Unteroffizier, stand auf der rechten Seite in breiten, kräftigen Zügen geschrieben – der Leitfaden für Artillerie-Wissenschaften, in dem er als Knabe so gern gelesen, und auch jetzt wieder hatte er kaum ein Kapitel aufgeschlagen, das ihn von jeher besonders interessiert, nämlich: »Vom Verpacken der Shrapnels und Granaten,« als er mit einem wahren Heißhunger darüber herfiel und mit Lust die Zeichnungen der geöffneten Wagen betrachtete, wo eines der runden Geschosse neben dem anderen so zierlich verpackt war, die sorgfältig verklebten Zünder nach links gerichtet. Und dabei erweiterte sich plötzlich seine Phantasie. Er hörte wieder die Erzählungen seines Vaters, er sah die weite Heide vor sich mit der kleinen Schanze, nach der geschossen wurde, er vernahm die Kommandoworte bei der Haubitze, die ihm schon als Kind so geläufig waren, er sah das zischende Hohlgeschoß in die Luft hinauffliegen, sich von oben in einem zierlichen Bogen herabneigen, und hörte es dann mit einem dumpfen Knalle explodieren. Erich sah – nein, er hörte eine etwas rauhe Stimme hinter sich, welche sagte: »Ah, da findet man doch endlich jemanden in diesem verlassenen Hause, und zwar über Büchern sitzend. Auf Cerevis eine gute Vorbedeutung!« Erich sprang rasch auf und sah eine eigentümliche Gestalt vor sich stehen. Es war ein junger Mann in den zwanziger Jahren, breit, untersetzt, mit einem dicken, rötlichen Gesichte, etwas struppigem Haar, auf welchem eine so kleine dunkelfarbige Mütze saß, daß man kaum begriff, wie sie sich da oben zu halten vermöge. Die Gestalt war bekleidet mit einem grauen Flausrocke, mit einer schwarzen Weste, auf welcher sich ein dreifarbiges Band sehen ließ, mit ebenfalls schwarzen Beinkleidern, und in der rechten Hand trug sie einen derben Knotenstock, während sie in der linken ein Mittelding zwischen Reisesack und Ranzen hatte. »Mit wem habe ich das Vergnügen?« fragte Erich. »Ob es ein Vergnügen für Sie ist, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne,« gab die Gestalt mit einem gemütlichen Lachen zur Antwort, »weiß ich nicht ganz genau; doch ich bin weder ein so großer Mann, noch ein so ungeheurer Lump, um Ursache zu haben, meinen Namen zu verschweigen. Ich heiße Franz Färber, also aus dem FF, war candidatus theologiae , bis mich dieser Schmiß hier auf meiner Wange von aller zukünftigen Heiligkeit befreite und mich zwang, ein Schulamtskandidaten-Examen zu machen, und zwar so famos, daß ich zu einer Hilfslehrerstelle in der Residenz begnadigt wurde, dort aber wegen unbedeutender Dinge, die nicht hierher gehören, mit der heiligen Inquisition, zu Deutsch: Kirchenkonvent, in fatale Berührung kam und zur Ablösung meiner Sünden hierher in dieses Rattennest geschickt wurde. Sie staunen mich an, junger Mensch, ungewiß und zweifelnd, was ich bei der trostlosen Prosa dieses Dorfes begreiflich finde – Himmel, was ist das für ein Nest! – und will ich mich deshalb selbst ins Genießbare übersetzen, indem ich Ihnen sage, daß ich als Lehrer hierher geschickt wurde, um fern von Madrid darüber nachzudenken, ob denn die Liebe in der That ein gar so großes Verbrechen ist.« »Ah – der neue Herr Lehrer!« »Ja, so was Ähnliches; und Sie sind wohl die Hilfe meines Vorgängers?« »So ist es, Herr Lehrer. Erich Freiberg, seit einem halben Jahre hier in Zwingenberg.« »O Zwingenberg,« entgegnete der andere seufzend, »welch vortrefflich passender Name für mich! Und doch kann ich mir noch gratulieren, denn ohne einige Schürzenbekanntschaften, und zwar höchst anständige von seiten meiner achtbaren Frau Mama, hätten sie mich wahrscheinlich auf die Proskriptionsliste gesetzt und damit meiner künftigen Carriere einen unwiderruflichen Fußtritt versetzt. – Aber nun sagen Sie mir, Herr Erich Freiberg, wo kann ich etwas Vernünftiges zu essen und zu trinken herbekommen, denn ich habe Hunger und Durst? Hier ist kleine Münze. Machen Sie einige kleine Anschaffungen, was wohl notwendig sein wird, denn diese kahlen Wände sehen mir nicht danach aus, als seien im Keller Schätze vorhanden.« Dies war auch allerdings nicht der Fall, doch sorgte Erich für einen genügenden Imbiß und freute sich über den Heißhunger, mit dem der neue Lehrer über das Essen herfiel und das dünne Bier vertilgte. »So die Restauration wäre vollbracht, und nun werden Sie so freundlich sein, mir das Pfarrhaus mit seinen Bewohnern zu schildern und mir Scylla und Charybdis zu beschreiben. Gibt es einen diensteifrigen Vikar, der auf dem armen Schulmeister herumzureiten liebt? Und wie – sind die Pfarrerstöchter? Freundlich, von schöner Gestalt, oder alt und trostbedürftig?« Erich berichtete gewissenhaft und ohne Uebertreibung über das Pfarrhaus und dessen Bewohner, worauf Herr Färber achselzuckend sagte: »So komme ich also für die schöne Selma zu spät. Der Schatz ist verschwunden, aber der Drache, welcher ihn hütete, ist geblieben. Und was diesen Drachen anbelangt, so habe ich für denselben ein gewichtiges Briefchen aus der Residenz mitgebracht, in welchem auf die unverantwortliche Intrigue aufmerksam gemacht ist, welche mich hierhergetrieben und die so die Residenz eines ihrer tüchtigsten Lehrer beraubte. Suchen wir also die Pfarrerin zu gewinnen, denn was ihn, den Jupiter tonans , anbelangt, so scheint er mir, wie leider so oft, auch hier Nebensache zu sein. Vielleicht kann ich auch etwas für Sie thun,« setzte er gutmütig hinzu, »denn ich muß Ihnen gestehen, Sie gefallen mir, ebenfalls Ihre Lektüre dort. Ich schaute ein bißchen hinein, als Sie den Imbiß holten, und fürchtete schon, vom Handwerk begrüßt zu werden und Sie beim Katechisieren zu ertappen. Helfen Sie mir jetzt ein wenig meine Toilette machen, damit ich mich droben würdig vorstellen kann.« Darauf wurde der kleine Nachtsack ausgepackt, aus dem ein ziemlich anständig schwarzer Überrock zum Vorschein kam, auch ein Hemdkragen nach neuester Mode, eine hohe Krawatte von Lasting, ein Paar dunkle Handschuhe sowie ein weicher, runder, schwarzer Hut, der, gehörig aufgestellt, ein recht ehrbares Ansehen hatte. Erich brachte gefällig einen kleinen Spiegel herbei, auch etwas Wasser sowie ein Stück Baumwollzeug, welches als Handtuch diente; dann aber ging er diskreterweise auf die Seite, bis sich Herr Färber um- und angezogen hatte. Wie erstaunte er aber später, als er sah, daß vermittelst der obenbenannten Kleidungsstücke eine förmliche Umwandlung mit demselben vorgegangen war, und nicht nur im Äußeren, sondern auch was seinen Gang, seine Gebärden, ja, seine Sprache anbelangte! Sein struppiges Haar hatte er vermittelst eines Kammes und eines Stückchens Kosmetique so gewaltsam gebändigt, daß es nun melancholisch hinter seinen Ohren herabhing, den weichen Hut so gerade als möglich aufgesetzt, und als er nun obendrein seine Augen mit einer Brille bewaffnete und sich in demütiger Haltung, mit zusammengefalteten Händen und lispelnder Stimme erkundigte, ob er das außerordentliche Glück haben könnte, sich dem Herrn Pfarrer in geziemender Demut vorzustellen, da mußte Erich sich gestehen, daß er es mit einem jungen Manne von großen Talenten zu thun habe. »Wäre der militärisch donnernde Pfarrer droben,« sagte der Schullehrer, in seinen gewöhnlichen Ton verfallend, »der Herr im Hause, so würde ich es vielleicht wagen können, ihm mit einem ›Grüß Gott, alter Knabe!‹ unter die Augen zu treten; da aber sie das Regiment führt, so muß ich schon eines liebsamen Kontrastes wegen als stiller Demutspinsel auftreten. Nun behüte Sie der Himmel! Ich hoffe, Ihnen bald vermelden zu können, wie es droben ausgefallen ist.« Damit verließ er das Haus, und Erich sah ihm durch das Fenster nach, wie er mit demütig gesenktem Haupte, die Grüße der Bauern verbindlich erwidernd, zum Pfarrhause hinaufging. Auch kam er so bald nicht wieder und statt seiner ein Zettel des Pfarrers, worin dieser schrieb: »Der neue Schullehrer, Herr Kandidat Färber, werde für einige Tage im Pfarrhause bleiben, bis die Schulwohnung wieder in anständige Verfassung gesetzt worden sei.« Erich konnte nicht anders, als es schmerzlich empfinden, daß man den neuen Schullehrer für zu gut hielt, um in den allerdings ärmlichen Mauern zu Hausen, welche ihm selbst bisher lieb und wert gewesen. Und gerade dieser Mann, der ihm so eigentümlich erschien, der, gar kein Hehl daraus machte, daß er seines Vorteiles wegen vor dem Pfarrer und der Pfarrerin droben eine ganz andere Gestalt annahm, wurde mit Freundlichkeit, gewiß auch mit Achtung behandelt, während man ihn, der mit redlichem Streben hierher gekommen war, wenig besser als einen Hund angesehen hatte. Der arme Erich hatte eben auch keinen Begriff von Protektionen im allgemeinen und von gewichtigen Empfehlungsbriefen im speciellen, sonst hätte er jene Aufnahme des Herrn Färber begreiflich gefunden. Schrieb doch die Verwandte aus der Stadt an die Pfarrerin: »Gegenwärtige Zeilen bringt Dir Herr Färber, der Sohn des Dir bekannten Konsistorialrates, der ohne Neigung zur Theologie dieses Studium auf den Wunsch seiner Eltern ergriff, aber die erste beste Gelegenheit benutzte, dasselbe zu verlassen und zum Schulfache überzugehen. Er war Lehrer an der hiesigen Hauptschule und wurde vom Konsistorium durch Schikanen seiner strengen Vorgesetzten gewissermaßen zur Strafe nach Zwingenberg versetzt; doch kann ich ihn Dir als aus guter Familie sowie als einen jungen Mann von angenehmen gesellschaftlichen Talenten bestens empfehlen. Seine Mutter, welche noch lebt, besitzt einiges Vermögen, und wenn er einmal ein Jahr bei Euch gewesen ist, so kannst du ja Deinen Mann veranlassen, recht gute Zeugnisse über ihn einzuschicken, worauf ich alsdann nicht zweifle, daß er durch Verwendung guter Freunde hier eine erträgliche Stelle bekommt. Wäre das nichts für Dein Bäschen, die kleine Pauline? Alt genug wäre sie schon, um ans Heiraten zu denken. Die angenehme Nachricht über Deine Selma hat mich recht gefreut. Du bist doch eine gute Seele, das Muster einer liebenden Mutter! So hast Du also weder auf hohen Stand, noch auf großes Vermögen gesehen, da es galt, den Bund zweier liebenden Herzen nicht zu trennen. Mein Mann hat leider immer noch seine Kopfschmerzen. Herr Färber, der uns häufig besuchte, wird Dir sagen, was ich dadurch zu leiden habe.« Da in dem Zettel des Pfarrers an Erich auch noch stand, man solle von dem Gepäcke des Herrn Kandidaten nur dessen einen, schon geöffneten Nachtsack hinaufschicken, so kam der junge Gehilfe diesem Befehle pünktlich nach, was ihm sehr leicht wurde, da von anderen Gepäckstücken nicht das Geringste zu sehen war, man hätte denn den Knotenstock dazu rechnen müssen. Er stopfte den Flausrock mit hinein, auch was noch an Büchern herumlag: die schwäbischen Pfarrhäuser der Frau Ottilie Wildermuth, die Leiden des jungen Werther, die Jobsiade und die Räuber von Schiller. Dann verschloß er den Nachtsack und übergab ihn dem Boten sowie auch den Schlüssel, den er vorher sorgfältig in ein Papier gewickelt. Und was sollte er jetzt noch beginnen? Der Pfarrer schien es nicht einmal der Mühe wert zu halten, ihm einen förmlichen Abschied zu erteilen, da er sich den Anschein gab, als betrachtete er Erich als in keiner Weise angestellt, sondern nicht anders, wie die übrigen zurückgebliebenen erbärmlichen Effekten des verstorbenen Schullehrers. Bei diesem Gedanken warf er zuweilen trotzig den Kopf in die Höhe und faßte den Entschluß, hier zu bleiben und nur erst dann zu weichen, nachdem man ihm eine genügende Erklärung gegeben, warum man seine Dienste nicht mehr wolle, oder was noch besser sei, er beschloß, sich diese Erklärung droben im Pfarrhause selbst zu holen, wobei es ihm aber so wenig Ernst mit diesen Beschlüssen war, daß er sich gleich darauf vornahm, das Schulhaus abzuschließen, die Schlüssel ins Pfarrhaus {bild} zu schicken und mit seinen Effekten zum Thalmüller zu gehen, der ihn für einen ähnlichen Fall schon häufig freundlich eingeladen. Ehe er dies aber ins Werk setzte, schrieb er an seinen alten Freund, Herrn Schmelzer, erzählte ihm ausführlich die letzten Begebenheiten und teilte ihm den gefaßten Entschluß mit, wobei er die Hoffnung aussprach, bei dem Thalmüller so lange bleiben zu können, bis er in Beantwortung dieser Zeilen einen guten Rat erhalten. Dann packte er seine Effekten zusammen, um am anderen Morgen die Schule zu verlassen. Mit dem anderen Morgen kam aber auch Herr Färber vom Pfarrhofe herunter, und obgleich er auch hier wieder so ziemlich den burschikosen Ton von gestern anschlug, so sprach er doch mit großer Zurückhaltung von dem Pfarrhofe und dessen Bewohnern, wobei er schließlich bedauerte, daß es sich doch wohl nicht thun lasse, jetzt schon einen Gehilfen in Anspruch zu nehmen. »Auch fürchte ich, daß man mir unter keiner Bedingung gestatten würde,« setzte er mit aufgehobenem Finger hinzu, »Sie, mein lieber Freund, hier zu behalten, denn Sie haben sich da droben ein ganz verfluchtes Renommee gemacht; schon so jung und noch so lustig, könnte man sagen.« »Ich verstehe Sie in der That nicht,« versetzte Erich mit großer Ruhe. »Nun, wissen Sie, was mich anbelangt, so drücke ich bei den Schwächen meiner Nebenmenschen bereitwillig beide Augen zu, dieselbe Duldsamkeit auch für mich in Anspruch nehmend; aber nach so handgreiflichen Beweisen darüber, welch kleiner verfluchter Kerl Sie gewesen...!« »Darf ich bitten, mir zu sagen, worin diese Beweise bestanden?« »Oder, wenn Sie wollen, Anklagen, die aber von dem heiligen Trifolium droben unisono bestätigt wurden.« »Und welche Anklagen?« »Nun, daß Sie, anstatt sich mit dem Lesen und Schreiben Ihrer Kinder zu beschäftigen, mit denselben Soldatenspiele und sonstige Allotria getrieben, und, was man aber gütigst Ihrem mangelhaften Wissen, die Buben etwas Besseres zu lehren, zuschreiben wolle; daß Sie aber Unterrichtsstunden im Pfarrhause, die man Ihnen in wohlwollendster Absicht verschafft, dazu benutzt haben, um süße Augen an Selma zu machen, muß selbst ich ein bißchen stark finden!« Erich fand es nicht der Mühe wert, sich gegenüber diesen lächerlichen Vorwürfen irgendwie zu entschuldigen, sondern deutete als einzige Antwort auf seinen bereits verschlossenen Koffer, worauf Herr Färber lachend fortfuhr: »Ja, ja, Sie schleichen sich davon wie der Marder vom Taubenschlage, und ich will nicht einmal so indiskret sein, um mich nach Ihren Erfolgen zu erkundigen, doch nach dem Porträt der hübschen Selma zu urteilen, könnte ich fast bedauern, nicht an Ihrer Stelle gewesen zu sein.« Aufrichtig gesagt, müssen wir die wahrhaftige Versicherung abgeben, daß Erich durchaus nicht im klaren war über den Grund dieses Bedauerns, daß ihm aber schon gestern, und heute noch mehr, manches in den Reden des neuen Schullehrers so wenig gefiel, daß es ihm nicht schwer wurde, das Schulhaus zu verlassen. Auch jener nahm das Scheiden leicht, und so trennten sie sich auf der Schwelle des alten Hauses mit kurzem Wort und Gruß. {bild} 7. Kapitel Erich verläßt seine Stelle, wohnt einem militärischen Manöver bei und rettet eine Batterie vor feindlichem Ueberfalle. Da stand Erich denn wieder an dem Meilensteine, von wo er zum erstenmal Zwingenberg gesehen hatte, und abermals schaute er tief nachsinnend auf das Pfarrhaus mit seinen hohen Bäumen, auf die Kirche sowie auf das niedrige Dach des Schulhauses, welches er damals nicht erkannt, auf das aber heute sein erster und auch wieder sein letzter Blick fiel. War er trauriger als an jenem Tage, wo er die baufällige Hütte seines Vaters verließ? Im Gegenteil. Damals haftete ein viel schwererer Druck der Verlassenheit auf ihm, damals betrachtete er das Leben als ein trügerisches Meer, in dem man untergehen müsse, wenn man nicht sogleich schwimmend eine sichere Bucht erreichen könne. Er kannte noch nichts von jenen vergeblichen Versuchen, von jenem Ringen mit den Wogen, das nur dazu dient, unsere Kräfte zu erproben und zu stärken, von jenen mißlungenen Versuchen, die uns nach vergeblichem Kampfe an das Ufer zurückschleudern und uns so zwingen, unser Glück an einer anderen Stelle zu erproben – Versuche, die unseren Mut stählen, da wir erfahren, daß das Mißlingen eines Planes nicht gleichbedeutend ist mit bedingungslosem Untergange. Und gelernt hat er auch manches, sowie seine Kenntnisse vermehrt, sowohl die Kenntnisse, welche man aus Büchern schöpft, als solche, die man sich im Umgange mit Menschen aneignet, und letztere sind wahrlich nicht die schlechtesten. O, er war kein so unreifer Neuling mehr als an jenem Tage, wo er zum erstenmale, an diesen Meilenstein gelehnt, seinen zukünftigen Bestimmungsort vor sich sah. Er hatte Menschen kennen gelernt, und wenn er auch seines Nachfolgers Art und Weise zu handeln gerade nicht zu billigen vermochte, so hatte er leider doch sehr die Erfahrung gemacht, daß man auf dem geraden Wege nicht immer am leichtesten und unangefochtensten durch die Welt kommt. Er hatte sie gemacht als abschreckendes Beispiel, wie er sich selbst vorsagte, und seine Ehrlichkeit sowie seine Wahrheitsliebe wurzelten noch fest genug in ihm, um trotz alledem die krummen Wege verabscheuungswürdig zu finden. Aber was nun beginnen auf dem geraden Wege der Landstraße und dem der Tugend, die beide vor ihm offen lagen? Jetzt schon den Rest seiner Barschaft daran wenden und gleich einem verlorenen Sohne zu Herrn Schmelzer zurückzukehren und sich zu stellen vor dem strengen Auge des dortigen Pfarrers, dem sein Amtsbruder in Christo und von Zwingenberg gewiß schon das Nötige über ihn mitgeteilt – ein Weg, wohl zu überlegen, welcher auch in einigen Tagen noch einzuschlagen war, nachdem er auf die dringend freundliche Einladung des Thalmüllers ein paar Tage bei diesem verweilt und den klugen Rat des alten, vielerfahrenen Mannes angehört. Also zur Königsbronner Mühle. Doch wußte er nicht, warum es ihm so schwer wurde, den alten Meilenstein zu verlassen, warum es ihn gewaltsam zurückhielt und er sich veranlaßt sah, immer wieder nach Zwingenberg hinzuschauen, auf die Fluren und Wälder, welche dasselbe umgaben, sowie an den klaren, leicht von seinen Wolkenrändern gestreiften Himmel empor, an dem große Scharen Waldvögel gen Süden zogen. Ah – das war es, was ihn zurückhielt, das kleine Geldstück, welches er in die Steinfuge verborgen hatte und jetzt wieder hervorholte und es mit tiefer Empfindung, worein sich nun ein kleines Weh mischte, betrachtete. »Warst du allwissend?« fragte er. »Wolltest du mich damals vielleicht zurückhalten, nicht nach Zwingenberg zu gehen, weil du wie prophetisch zweimal zur Erde rolltest, ehe du dich in dem Steingefängnis zwingen ließest? Am Ende hattest du doch recht mit deiner Warnung, und es wäre besser für mich gewesen, wenn ich nach dem Wunsche meines Vaters lieber zum Säbel gegriffen, als den Haselstock in die Hand genommen hätte.« Er betrachtete aufmerksam die kleine Münze und fand, daß sie die Jahreszahl seiner Geburt trug. »Und gerade deshalb,« fuhr er, sie betrachtend, fort, »scheinst du für mich etwas zu bedeuten, und ich will es noch einmal versuchen, dich hier auszusetzen, dich nochmals einzusetzen in das Spiel des Lebens. Gehen ich und du verloren, was ist's alsdann weiter? Sollte es mir aber gelingen, mich aus der Tiefe heraufzuarbeiten, so wird es mir ein Festtag sein, dich, selbst mühsam, wieder zu suchen.« Er suchte ein noch verborgeneres Plätzchen, wo er die kleine Geldmünze sorgfältig wieder verbarg. »Wenn jetzt ein heller Geist über mich käme!« dachte er, indem er seine beiden Hände auf den Meilenzeiger legte, »passend genug wäre der Platz dafür; hier ein Opferstein, dessen Berührung mich einweihte in die geheimnisvollen Zeichen, um aus dem Fluge der Vögel mein künftiges Schicksal zu lesen.« Doch vergebens blickte er an den Himmel empor; es schien im Reiseprogramm der wandernden Vögel gerade eine große Pause eingetreten zu sein, und nichts zeigte sich, als hoch oben ein einzelner Punkt, den sein scharfes Auge für einen schwebenden Raubvogel erkannte. Jetzt schoß dieser herab, gefolgt von dem Blicke des jungen Mannes, dessen Erstaunen indes kein geringes war, als er nun hinter dem hügeligen Terrain, auf welchem der Raubvogel zwischen einer kleinen Gebüschgruppe verschwunden war, plötzlich einen dichten weißen Rauch emporqualmen sah, gleich darauf nebenan einen zweiten, und als nun nach einer Zwischenpause von einigen Sekunden ein paar dumpfe dröhnende Schläge sein Ohr trafen. Was war das? Für das Kaliber eines Jagdgewehrs waren Rauch und Knall hundertmal zu stark. Seine Blicke schweiften neugierig über das toupierte Terrain der Ebene hin, wo jetzt auf verschiedenen Punkten, aber in großer Entfernung ebenfalls weiße Rauchwolken aufstiegen, denen nach längeren Zwischenpausen gleichfalls dumpfe Schläge folgten. »A–a–a–ah!« sagte Erich nach einem freudig tiefen Atemzuge, »sollte der Flug jenes Raubvogels, an dem meine Blicke so erwartungsvoll hingen, für mich von Bedeutung gewesen sein? Sollte sein Niederstoßen, wenngleich unbegreiflich, im Zusammenhange stehen mit dem, was das Schicksal für mich bestimmt?« Doch lächelte er im nächsten Augenblicke über diese kindische Phantasie, um sich mit großer Lust der Wirklichkeit hinzugeben, zu welchem Zwecke er sich auf den Meilenstein schwang und mit weit aufgerissenen, funkelnden Augen vor sich in die Ebene hinschaute, wo jetzt aus zwei langen, weit voneinander entfernten Parallellinien, durch weiß aufquellenden Dampf gebildet, zahlreiche Schüsse empordröhnten. Ja, und hinter der diesseitigen Linie entdeckte Erichs scharfes Auge bald hier, bald da Bewegungen von Pferden und Menschen, das Gefunkel von Gewehrläufen, flatternde, buntfarbige Fähnchen an langen Lanzenschaften, in kleinen Trupps hier und ha bei einander haltend. Jetzt vernahm er auch den Ton der Signalhörner auf der ganzen diesseitigen Linie, allerdings sehr schwach und unbestimmt, und dann bemerkte er deutlich, daß diese Signale der Befehl zum Rückzüge gewesen waren. »Leider!« dachte Erich, der schön entschieden Partei genommen hatte für die Armee, welche vor ihm stand und der er beim Avancieren unbedingt durch dick und dünn gefolgt wäre. Der Rückzug erstreckte sich gegen die leichte Anhöhe, über welche die Landstraße lief, wo sich Erich aufgestellt hatte, und sein gieriges Ohr vernahm noch einige Zeit mit Wonne das Rasseln und Klirren der zurückkehrenden Batterien, das Schnauben der Kavalleriepferde, den kurzen, scharfen Trommelschlag der Infanteriekolonnen. Hell schmetterte nun abermals der Klang der Hörner und Trompeten, Halt gebietend, auf der ganzen Linie, und dann ging es von neuem los, wie vorhin, aber in viel schönerer Nähe. Pulverrauch und Knall der Geschütze folgten sich unmittelbar, zerrissen die Luft mit ihrem Donner und hätten unbedingt den Tod in die feindlichen Reihen geschmettert, wenn die Kanonen nicht blind geladen gewesen wären. Daher denn auch wohl abermaliges Zurückgehen der unglücklichen Freunde Erich's, und näher und näher rasselte es heran, und dort, wo die Landstraße bei Zwingenberg eine kleine Schwenkung machte, fluteten schon über sie hinweg lange Reihen Infanterie, Reiterschwadronen und Kriegsfahrzeuge jeder Art. Welch herrlichen, beneidenswerten Punkt hatte Erich besetzt! Befand er sich doch inmitten der ganzen Schlacht und hatte zu seiner Rechten einen schmalen Feldweg, aus dem jetzt eine ganze Batterie in vollem Galopp der Pferde hervorbrach. Wie schnaubten die Tiere, wie rasselten die Räder, wie dröhnten die schweren Geschütze auf ihren Lafetten, welch malerisches Durcheinander bildete jetzt die auf der Höhe der Chaussee angekommene Batterie, ein vielfarbiger, glänzender Knäuel von Reitern, Pferden, Protzen, Lafetten! »Batterie ha–a–a–lt! Mit Kugeln geladen, Rikoschettierschuß mit zweihundert Schritt Distanz!« Und nun wie rasch und prächtig entwickelte sich der Knäuel, wie standen nach ein paar Sekunden die Geschütze so wohl gerichtet nebeneinander, Protzen und Pferde der Bedienungsmannschaften hinter den Chausseedamm zurückgezogen, dort unter dem Schütze eines Zuges Ulanen haltend, wie flogen die Leute durcheinander und um die Kanonen herum! »Erstes Geschütz Feuerrr! Per-dautz–bum!« Wie krachte der Schuß des nächstliegenden Geschützes so prächtig um die Ohren Erichs! Doch wäre er beinahe von seinem Meilensteine heruntergefallen, denn er hatte wahrhaftig den Luftdruck gespürt und hielt es deshalb für keine Schande, von seinem Standpunkte herabzurutschen und sich neben den Stein zu stellen. Ja, er war mitten in der Schlacht, in einer hitzigen, hartnäckigen Schlacht. Denn obgleich die feindlichen Linien jetzt unter rollendem Kanonendonner, in den sich auch zuweilen das Knattern der Infanteriegewehre mischte, näher und näher herankamen, so schien doch die diesseitige Armee die feste Absicht zu haben, ihre allerdings günstige Position bis auf den letzten Mann zu behaupten, und dabei krachten die Schüsse so schön und folgten sich so rasch aufeinander zu Erichs unbeschreiblicher Freude. Nicht zehn Schritte von ihm entfernt hielt der Batteriekommandeur, Hauptmann von Brandt, ein magerer, streng aussehender Mann, mit einem gewaltigen, horizontalen, fuchsroten Schnauzbarte und grimmig blitzenden Augen. »Hol' der Teufel die Arrangements!« rief er seinem ersten Lieutenant zu, der, hinter den Geschützen auf und ab reitend, zuweilen in die Nähe seines Chefs kam und der nun als Antwort hinüberrief: »Arrangements, Herr Hauptmann? Ja, wenn man eine solche Kette fortlaufender Schnitzböcke Arrangements nennen kann. Hat sich nicht dort vor uns das feindliche Kürassierregiment aufgepflanzt, als wenn die Lümmel in ihren weißen Röcken sich nur so aus Hohn als Zielscheibe hinsetzten?« »Eine wohlfeile Bravour!« brummte der Hauptmann in seinen roten Bart. »Lassen Sie einmal die beiden Haubitzen bis dicht an den Chausseerand vorgehen, um diese unvernünftige Kavallerie mit Granaten zu bewerfen. Wenn man so darauf spekuliert, daß alles nur Manöver und Schein ist, da könnte unser Zug Ulanen da hinten ebensogut vorreiten, um das ganze Kürassierregiment zu attaquieren. Lassen Sie aber immerhin ein paar feste Granatwürfe hineinthun.« »Wird auch nichts nützen, Herr Hauptmann, und werden sie auch dann nicht zurückgehen oder sich wenigstens verdeckt aufstellen; denn ein Kind muß einsehen, daß wir sie aus unserer Stellung hier oben schon lange zu Brei zusammengeschossen hätten.« »Thut nichts, pfeffern Sie einmal mit Granaten hinein.« Die beiden Haubitzen wurden nun vorgeschoben, und zwar so nahe an den Meilenstein hin, daß der Lieutenant, der dieselben kommandierte, zu Erich hinüberrief: »Mach' Er, daß Er da fortkommt, sonst könnte Er was Schlimmeres in die Augen kriegen, als Sand und Staub!« Erich hätte seinen schönen Platz nicht um eine Million verlassen, weshalb er den erhaltenen Befehl dadurch umging, daß er sich hinter dem Meilensteine zusammenduckte. »Da unten hält der alte Oberst von Hain auf seinem hochbeinigen Rappen,« sagte der Hauptmann, nachdem die Haubitzen einige Würfe gethan; »ich meine, ich sehe ihn hohnlachend seinen Bart streichen. Schauen Sie einmal hinunter, Herr Premierlieutenant, es ist mir gerade, als rangierten sich die Kürassiere zu einer Attaque.« »O, unbesorgt, Herr Hauptmann, dazu sind ihnen ihre Pferde zu lieb! Doch wenn Sie mit ihrem Glase ein bißchen mehr links halten wollten, so sehe ich da ein paar Züge roter Husaren eben in einem Hohlwege verschwinden, der wahrscheinlich hier hinauf auf die Chaussee führt.« »Richtig, richtig! Diesem leichten Gesindel sähe es ähnlich, hier auf wohlfeile Art eine reitende Batterie zu erwischen; wir wollen ihnen aber das Maul sauber halten. Das Beste ist, wir protzen auf, gehen auf die leichte Anhöhe dort hinter der Chaussee zurück und bedienen sie gehörig mit Kartätschen.« »Das können wir auch von hier thun, wenn es Ihnen gefällig ist, Herr Hauptmann,« sagte der erste Lieutenant nach einem Blicke auf die Landkarte, die er rasch auf dem Sattelknopfe vor sich ausgebreitet hatte. »Hier ist der Hohlweg allerdings angegeben, steht auch mit der Chaussee in Verbindung, führt aber vorher durch ein Stück dichten Tannenwaldes, das sie sich bei all ihrer Renommage doch zu betreten hüten werden.« Erich hatte von dieser Konversation kein Wort verloren, ja, er hatte ebenfalls mit seinem scharfen Auge die feindlichen roten Husaren in den Hohlweg drunten verschwinden sehen; doch wußte er mehr, als was auf des Offiziers Karte verzeichnet stand, daß jener Tannenwald nämlich vor kurzem abgeholzt worden war, und daß es raschen Pferden ein Leichtes sein würde, über die eben entstandene Lichtung in wenigen Minuten die Höhe der Landstraße zu erreiche». Das Vaterland war in Gefahr, und er besann sich keinen Augenblick, hinter seinem Steine hervorzukommen, um dem Batteriechef diese wichtige Mitteilung zu machen; ja, er bezeichnete einen Hügelrand links der Chaussee als den Punkt, auf dem die Husaren zum Vorschein kommen müßten, um steile Abhänge zu vermeiden, die dort mit jenem Thale, in dem sich Mühlen befänden, im Zusammenhange ständen. »Ja, ja, so muß es sein, Herr Hauptmann!« rief eifrig der erste Lieutenant mit einem abermaligen Blicke auf seine Landkarte. »Was meinen Sie, wenn wir die Batterie eine Schwenkung machen ließen, um jenen Hügelkamm in voller Front bestreichen zu können, sobald sich die Husaren dort oben in ihrem Siegesbewußtsein zeigen? Es sind das kaum dreihundert Schritte, und es kommt von ihnen kein Mann und kein Pferdeschwanz gesund nach Hause.« »Gut, gut,« antwortete freudig der Hauptmann, »wir wollen ihnen ein paar volle Kartätschenladungen verabreichen, drei wird genug sein, und dann sollen sich die Leute Mühe geben, so rasch als möglich aufzuprotzen, um auf die von mir vorher bezeichnete Höhe zurückzukehren, während unsere Ulanen sich damit beschäftigen werden, das, was allenfalls von Husaren noch übrig sein würde, wenn wir nämlich mit Kugeln schießen dürften, auf dem Boden zusammenzulesen. He, junger Mensch,« rief er alsdann zu Erich hinüber, »ich danke Ihnen! Wenn wir im Kriege wären, würde ich Ihnen zu einer besseren Belohnung verhelfen.« »Wäre auch alsdann unnötig, Herr Hauptmann, denn ich thäte auch dann nur meine Schuldigkeit, indem ich eine so schöne Batterie vor einem Überfalle warne.« »Sehen Sie etwas von den Husaren, Herr Premierlieutenant?« fragte der Hauptmann. »Nein,« entgegnete dieser, sich in dem Steigbügel aufstellend. »Haben Sie nichts dagegen,« fragte Erich, der entzückt war, hier dienen zu können, »wenn ich auf den Meilenstein klettere und mich umschaue?« »Immerhin,« lachte der erste Lieutenant, »die Belohnung wird um so größer.« Es sah eigentlich komisch aus, wie der junge Mensch in seinem langen schwarzen Rocke nun auf den Meilenstein stieg – »wie die Kuh auf 'nen Appelboom«, meinte ein alter Feuerwerker, der Kommandant der ersten Haubitze. Jedoch mit Unrecht, denn Erich that das mit einer bewundernswürdigen Fertigkeit; dann schaute er scharf in die betreffende Richtung, während sich die Geschütze der Batterie in aller Stille nach dem bezeichneten Hügelkamme drehten und während Unteroffiziere und Kanoniere in einer Spannung dastanden, als handle es sich nicht darum, gewöhnliche Manöverkartuschen zu verpuffen, sondern um einen naseweisen Feind mit einer Anzahl schöner, glatter Kugeln zu bedienen. Jetzt bemerkte Erich auf seinem hohen Standpunkte etwas von den Husaren, wie sie unten um die kleine Hügelkette herumschlichen, wobei sich jeder Reiter, um nicht gesehen zu werden, gegen den Hals seines Pferdes bückte, und bezeichnete dies dem Batteriechef durch eine so verständliche Pantomime, daß dieser ihn augenblicklich verstand und seinem ersten Lieutenant mit der Spitze des Säbels den Platz andeutete, wo die feindliche Kavallerie hervorbrechen würde. Nach der Art, wie die Batterie vor ihm aufgestellt war, wäre sie von den Husaren in der Flanke gefaßt und aufs unangenehmste überrascht worden; jetzt aber zeigte sie ihnen eine Reihe schöner Zähne, und jeder freute sich auf das Erstaunen der Angreifer, wenn sie mit einer prächtigen Lage bedient würden. Und dieser große Augenblick nahte. Säbelschwingend flog der erste Zug der roten Husaren über die Hügelkette herauf, und der Hauptmann der reitenden Batterie ließ ihn noch ein paar Pferdelängen weiter vorkommen, um sie dann mit so furchtbaren Kartätschenladungen zu überschütten, daß, wie er vorhin richtig bemerkt, kein heiler Mann, kein heiler Pferdeschwanz davongekommen wäre. Das mochte nun der ältere von den Husarenoffizieren, der die beiden Züge kommandierte, einsehen, denn er ließ zum Abschwenken blasen und verlor sich ebenso rasch, wie er gekommen war, hinter der Hügelkette, verfolgt nicht von einer weiteren Kartätschenladung, sondern von dem homerischen Gelächter der ganzen Batterie, in welches Erich, im höchsten Vergnügen Hände und Füße bewegend, mit einstimmte. »Sollen wir jetzt zurückgehen, Herr Hauptmann?« rief der erste Lieutenant. »Warten Sie noch einen Augenblick, ich sehe den Brigadeadjutanten herangaloppieren, vielleicht bringt er etwas Neues. – »Was haben wir?« rief er fragend dem heranreitenden Offizier entgegen. »Die Batterien,« gab dieser zur Antwort, »sollen die dritte Aufstellung nur markieren, ohne zu schießen, und sich dann zur {bild} vierten vor dem großen Defilee ausstellen, wo Seine Excellenz der Herr General selbst gegenwärtig sein werden! Guten Morgen, meine Herren!« »Da dauert sie schon wieder das bißchen Pulver, das verknallt wird,« bemerkte unmutig der Batteriechef, gegen seinen ersten Lieutenant gewandt. »Was thu' ich mit einer solchen stummen Aufstellung, das ist den Mäusen gepfiffen und kein Mensch lernt etwas dabei! Na, gehen wir zurück.« »Wir haben hier unsere Schuldigkeit gethan, und wenn mir später einer von den Husarenoffizieren in die Quere kommt, so werde ich nicht unterlassen, ihm obendrein noch tüchtig den Text zu lesen. – Batterie ha–a–a–lt! Zum Zurückgehen aufgeprotzt!« – Und abermals entstand für ein paar Augenblicke fast das gleiche, lebendige Durcheinander wie vorhin, als sich die Batterie entwickelte und zum Schießen aufstellte. Dann schwangen sich die Brigademannschaften auf ihre Pferde, die Trompeter gaben das Signal zum Abmarschieren, worauf sich rasch die Reihe formierte und die Batterie auf der Straße davontrabte, wobei es der Hauptmann unterdessen nicht unterließ, mit seinem Säbel nach Erich zurückzuwinken und ihm auf diese Art seinen Dank zu wiederholen. Auf der ganzen Ebene, besonders links von der Chaussee, war nun alles in lebendigster Bewegung; dort auf den gegenüberliegenden Anhöhen zog ebenfalls Artillerie und Kavallerie gegen Westen, und im Thale marschierten starke Infanteriekolonnen staubaufwirbelnd, so daß man häufig nichts anderes sah, wie das Glänzen des Sonnenlichtes auf den Gewehrläufen und Bajonetten; dazwischen Trommelwirbel, Trompeten- und Hornsignale, sowie auch von ferne herübertönend die vollen Klänge der Militärmusik. Die befreundete reitende Batterie, welcher der junge Schulgehilfe so gute Dienste geleistet, war schon ziemlich weit entfernt, als nun die feindlichen Truppen auf der Chaussee nachzuziehen begannen, und zwar als Vorhut derselben jene beiden Züge roter Husaren, die nun im langsamsten Schritte ihrer Pferde daherkamen. An der Spitze ritten drei Offiziere im eifrigsten Gespräche. »Ich kann Ihnen versichern, mein Herr,« sagte der ältere derselben, »daß der Hauptmann der reitenden Batterie ganz in seinem Rechte war, nicht vor uns zurückzuweichen, was er auch, glaube ich, nicht einmal gethan hätte, wenn wir ihm wirklich in die Flanke und zwischen sein Geschütz gekommen wären.« »Aber daß wir nicht wenigstens dort hineinkamen, ist jammerschade,« sagte ein anderer; »wir sind doch in so außerordentlich famoser Deckung um den Hügel herumgekommen, daß sie nichts von uns gesehen haben.« »Die von der Batterie selbst allerdings nichts!« rief der dritte Offizier und setzte rasch und unmutig hinzu: »Aber bemerken Sie wohl den verfluchten Schwarzrock dort oben auf dem Meilenzeiger? Ich habe diesen Kerl schon von unten bemerkt und auch gesehen, wie er mit Händen und Füßen gleich einem Telegraphen arbeitete! Schade, daß wir nicht im wirklichen Kriege sind, der Kerl müßte mir hängen, oder mich soll der Teufel holen! Aber fragen will ich ihn doch, was er da oben zu thun hat.« »Lassen Sie ihn, Graf Seefeld, Sie riskieren höchstens eine unartige Antwort.« »Nun, das wollen wir einmal sehen,« entgegnete der andere und warf sein Pferd, einen prachtvollen arabischen Schimmel, gegen den Meilenzeiger hinüber, auf welchem Erich stand, während er ihm schon auf einige Schritte Distanz zurief: »Was treibst du da oben mitten in der Manövrierlinie? Wahrhaftig, ich hätte große Lust, dich da von deinem Steine herunterzufuchteln! Steht die Vogelscheuche da oben und macht einem die Pferde scheu! Willst du augenblicklich herunter!« »Nein, ich will nicht,« gab Erich trotzig zur Antwort, indem er ruhig die Arme übereinanderschlug, »und wenn Sie selbst ein Recht hätten, mich von dem Meilensteine herunterzuweisen, so habe ich jetzt große Lust, zu warten, bis Sie anfangen werden, mich herunterzufuchteln!« »Bursche, weißt du, mit wem du redest?« »O ja, mit jemandem, der zu Pferde sitzt, während ich gerade so jemand bin, der auf einem Steine steht! Das ist vielleicht der einzige Unterschied.« Nach diesen Worten schauten sich die beiden jungen Leute mit zornfunkelnden Augen ins Gesicht, wobei sich jeder, vielleicht unbewußt, bemühte, die Züge des anderen fest in sich aufzunehmen. Beide mochten in gleichem Alter sein, jedenfalls war der Unterschied ihrer Jahre nicht groß, denn der Husarenoffizier war ebenfalls noch ein blutjunger Mensch, dem kaum ein leichter Flaum auf der Oberlippe sproßte. Er war kräftig und muskulös gebaut, hatte aber ein bleiches, sehr langes Gesicht von unreinem Teint und durchaus nicht einnehmenden Zügen, ja, von einem widerwärtigen Ausdrucke, der noch dadurch verschärft wurde, daß er seine Augen zusammenkniff und den langen Hals vorstreckte, wobei ein Zug unbeschreiblicher Verachtung um seine Lippen spielte. Im übrigen war er als Kavallerieoffizier eine brillante Erscheinung von seinem schönen Pferde an – das sein edles Blut in allen seinen Teilen kundgab und sich unwillig schüttelte unter dem reichen Muschel- und Quastengeschirre – bis hinauf zum Reiherbusche auf seiner Pelzmütze und hinab bis zu den Rädern seiner Sporen. Alles, seine Uniform, sein Pelz, seine Waffen zeugten von Reichtum und Eleganz. Und trotz alledem blickte ihm Erich, wenngleich aufs höchste gereizt, doch mit einer solchen Ruhe ins Gesicht, allerdings mit blitzenden Augen und leicht geöffneten Lippen, aber mit einem solchen Ausdrucke von Entschlossenheit in Miene und Haltung, daß vielleicht dieses vollkommene Bild eines kampfgerüsteten jungen Menschen, obgleich dieser nichts wie seine Fäuste hatte, ebensoviel schuld daran war, daß der junge Offizier in diesem Augenblicke sein Pferd wieder herumwarf gegen die dahinziehende Truppe, als die Worte des etwas näher herangerittenen Offiziers, der ihm in einem vorwurfsvollen Tone zurief: »Aber, Graf Seefeld, ich bitte Sie dringend, wie kann man sich so vergessen!« »Ja, Sie haben recht! Wer Pech angreift, besudelt sich! Aber ich will dieses Gesicht nicht vergessen und wenn ich ihm an passenderem Orte wieder begegne, so soll er Kapital und Zinsen haben!« Etwas Ähnliches dachte Erich, wobei er fest überzeugt war, daß dieses unangenehme, bleichgelbe Gesicht mit dem gehässigen Ausdrucke in Augen und um den Mund nie aus seinem Gedächtnis schwinden werde. Als nun die Husaren vorübergezogen waren, stieg er langsam von seinem Meilensteine herab und setzte sich auf das Fußstück desselben, so die anderen Truppen, die noch folgten, behaglich an sich vorbeiziehen lassend. Schwelgte er doch förmlich im Anblicke dieser bunten Mannigfaltigkeit, im Betrachten der verschiedenen Waffenarten, von denen er bis jetzt viele nur vom Hörensagen oder aus Bilderbogen kannte! Da kam ein Regiment stattlicher Kürassiere, kräftige Männer und kräftige Pferde. Wie lustig klirrten Pallasche, Bügel und Sporen zusammen, wie glänzten die Helme, wie leuchteten die Kürasse im Strahle der Sonne! Wenn auch das nachfolgende Jägerbataillon nicht so imposant und strahlend aussah wie die eben vorbeigezogenen Reiter, so war es doch für Erich ebenfalls von großem Interesse; hatte er doch noch keine lebendigen Jägertruppen gesehen, sich aber oft gewünscht, einmal die kurzen, gedrungenen Gestalten anstaunen zu dürfen, die Büchse an der Schulter hängend, die Hüte mit dem dunkeln Federbusche keck aufgesetzt, und wie sie so ungezwungen und doch so rasch vorüberzogen in lockeren Reihen, unter dem eigentümlichen Klange eines einzigen Hornes, lachend, plaudernd und singend. Ihnen folgten Dragoner und dann kam eine schwere zwölfpfündige Batterie. Bei dem Anblicke der letzteren erhob sich Erich, sowohl um sie besser betrachten zu können, als auch aus Ehrfurcht vor der Waffe, bei der sein Vater gedient. Und das mußte man schon sagen, so eine schwere Batterie zieht mit einem Ernste, einer Würde vorüber, die einem zu denken gibt, und nicht nur die dumpfdröhnenden Kanonen erscheinen sich ihres Wertes bewußt zu sein, sondern auch die starken, ruhigen Pferde, von der Mannschaft gar nicht zu reden – große, gesetzte Leute, die im Gefühle ihres Wertes ohne Sang und Klang, ohne Lachen und Plaudern vorüberzogen. Ja, zwischen ihnen und der nachfolgenden Infanterie welch bemerkenswerter Unterschied! Hier lief alles ziemlich unordentlich durcheinander, die ganze Breite der Chaussee einnehmend, das Gewehr auf der rechten Schulter oder auf der linken, oder auch vermittelst des Riemens an der Achsel hängend, manche schweigend, müde und verdrossen, andere Compagnien dagegen, in denen sich vielleicht viele ausgiebige Spaßvögel befanden, lustig und heiter, schlechte Witze machend und singend; so die letzte, welche an Erich vorüberzog und die ihm selbst, der an seinen Meilenstein gelehnt dastand, große Aufmerksamkeit schenkte, nachdem ein Hauptteil des ersten Zuges ihn, mit der Hand am Tschako, ehrerbietig gegrüßt und den Nachfolgenden als den »Generalfeldpater« vorgestellt hatte. Darauf regnete es lustige Bemerkungen über ihn und seinen langen schwarzen Rock, und als schon die Compagnie vorübergezogen war, wurde ihm noch ein Hurra gebracht und das bekannte und berühmte Lied angestimmt: Friedlich Wilhelm saß im Wagen, Zog mit uns ins Feld. Über sieben Jahr' wollen wir Frankreich schlagen, Lustig und fröhlich sein, juchhe Lustig und fröhlich sein. Und dieses »Lustig und fröhlich sein, juchhe!« klang noch lange in einzelnen Worten aus der Ferne zu ihm herüber, und er meinte es auch dann noch immer und immerfort zu vernehmen, als schon längst das ganze Kriegsgetümmel an ihm vorübergezogen war und als die ruhige Stille des schönen Herbsttages wieder die Herrschaft über Wald und Flur an sich genommen hatte. {bild} 8. Kapitel Worin mancher der geneigten Leser einen Bekannten aus früheren Jahren wiederfindet. Erich war noch lange in wacher Träumerei an dem Meilensteine sitzen geblieben und seine Phantasie beschäftigte sich lebhaft mit dem soeben gesehenen, aufregend malerischen Schauspiele. Ah, jetzt begriff er es wohl und erst recht wieder, daß sein Vater so mit Liebe und Enthusiasmus von jener Zeit erzählen mochte, wo er als Geschützführer ein Glied, und zwar ein kleines, bildete in jener buntfarbig glänzenden Kette, die soeben vor seinem gierigen Auge vorübergezogen war und mit deren Einzelheiten er sich noch immer beschäftigte! Dann blickte er seufzend an seinem langen schwarzen Rocke hinunter und beklagte es tief, daß er sich durch Herrn Schmelzer dahin hatte bringen lassen, statt sein Glück in den Reihen jener lustigen, glänzenden Gesellen zu versuchen, zahm unterzutauchen in dem Alltäglichsten, was das alltägliche Leben uns bieten könnte. Damals, im ersten Anlaufe, wäre es ihm vielleicht noch gelungen, bei jener Batterie als Freiwilliger angenommen zu werden, in welcher der Name seines Vaters noch einen so guten Klang hatte, damals, frisch vom Hause weg; wenn er sich gemeldet hätte mit der alten Dienstmütze seines Vaters auf dem Kopfe, die hinter einem alten Schranke neben einem rostigen Säbel hing, und wenn er zu dem betreffenden Hauptmann« gesagt hätte: »Mein Vater ist tot, ich bin ein Soldatenkind und will wieder Soldat werden« – damals noch, in der kurzen, grauen Juppe, in der er sich in Feld und Wald herumtrieb. Wenn er dagegen jetzt kam, in dem ehrbaren schwarzen Schulmeistersrocke, und auf die Frage »Woher?« von seiner verunglückten Lehrerlaufbahn berichten mußte, wobei es nun natürlich so herauskam, als wollte er jetzt nichts Anderes und Besseres wissen oder als ein junger, angehender Thunichtgut zum Kalbfelle schwören, so konnte er es dem Hauptmanne von der Artillerie – natürlich war es der mit dem roten Barte von vorhin, welcher jetzt in seinen Träumen eine Hauptrolle spielte – nicht übelnehmen, wenn er ihm zur Antwort gab: »Bleiben Sie lieber bei dem, was Sie zuerst ergriffen; der Lehrstand und Wehrstand passen nicht gut zusammen.« Erich war ratlos und tief betrübt, ja, es gab einen Augenblick, wo er sich fragte, ob es nicht am Ende besser wäre, nach Zwingenberg zurückzukehren, um zu versuchen, ob er nicht wenigstens so lange dort bleiben könne, bis ihm Herr Schmelzer geschrieben und ihm vielleicht eine andere Stelle verschafft hätte. Doch nein, tausendmal nein! Es erschien ihm als unmöglich, wieder zurückzukehren in jene Verhältnisse, jene Umgebung, die ihm jetzt als noch einmal so drückend, ja, als unerträglich vorkamen, nachdem soeben in dem frischen militärischen Lehen ein so schönes, herrliches, glänzendes Bild durch seine Seele gezogen war. Er verließ die Chaussee und hatte nach einer halbstündigen Wanderung die Königsbronner Mühle erreicht. Es war ein großes, stattliches Gebäude, das Haus, wo der Müller wohnte und wo sich die Mühlwerke befanden, dicht an eine steile Felswand geschmiegt, wo in einer halb natürlichen, halb künstlichen Wasserrinne ein mächtiger Waldbach aus einem schmalen Seitenthale hervortrat mit so ungebändigter Jugendkraft, daß es ihm ein Leichtes war, vier gewaltige Räder zu treiben. Gegenüber dem Hause lagen Ökonomiegebäude, Scheune, Stallungen, vor welchen das Abwasser der Mühlwerke einen ziemlichen Teich mit schönem, klarem Wasser bildete, dessen Überfluß erst jetzt als ruhig strömender Bach nach Zwingenberg hinabfloß. Auf dem Teiche und dessen Ufern trieb sich eine zahlreiche Geflügelwelt schnatternd und gackernd umher. Die Räder der Mühle standen still, denn es war um die Mittagszeit, und Erich scheute sich fast, gerade jetzt einzutreten. Doch blieb ihm keine Wahl, denn der große Hund des Müllers schlug so laut an, daß der älteste Sohn des Hauses unter die Thür trat und ihm freundlich mit der Hand winkte, näher zu kommen. »Das hat sich gut getroffen,« sagte der alte Müller, als Erich in die Stube trat; »mir scheint, eine dicke Nudelsuppe mit einem guten Huhne darin ist Ihre Lieblingsspeise, und wenn das auch nicht der Fall wäre, so haben wir noch etwas anderes, mit dem Sie fürlieb nehmen müssen – es ist gern gegeben.« Es wurde ein Teller für den Gast aufgesetzt, und da er wußte, wie es der alte Müller gern hatte, so griff er herzhaft zu, als ihm die vortreffliche Suppe mit einem tüchtigen Stücke schneeweißen Huhns vorgelegt worden war. An dem großen viereckigen Tische war die ganze Familie versammelt, lauter gesunde, schöne, kräftige Menschen, obenan der alte Müller mit seinem weißen Haar und buschigen Augenbrauen über den klaren, durchdringenden Augen, deren Ernst übrigens, sobald er zu sprechen anfing, dadurch gemildert wurde, daß sich alsdann, mit wenigen Ausnahmen, ein freundliches, fast schalkhaftes Lächeln auf seinen Lippen zeigte. Natürlich war er das Haupt der Familie und der unumschränkte Herr im Hause, letzteres um so mehr, da seine Frau schon vor Jahren, bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes, den wir bereits in Erichs Schule kennen lernten, gestorben war und die älteste Tochter Rosine, ein kräftiges Mädchen von vielleicht dreißig Jahren, dem Hauswesen vorstand. Rechts und links vom Müller saßen seine beiden Söhne Johannes und Gottfried, der erste älter, der zweite jünger als die Schwester, und unten am Tische, neben dem kleinen Friedrich, eine alte Anverwandte, Jungfer Lene, gewissermaßen das Faktotum des Hauses, die sich gern mit Träumeauslegen und Prophezeiungen abgab und dadurch den alten Müller stets veranlaßte, gerade von dem, wie sie im Schlafe oder im Kaffeesatze gesehen haben wollte, das Gegenteil zu thun. Alles in dem Zimmer, die alten, aber soliden Möbel, das feine Tischzeug mit dem schweren, gediegenen Porzellanservice, zeugte eben von Wohlhabenheit, und war alles einfach, aber im höchsten Grade reinlich, und doch sah man auch Luxusmöbel in dem weiten, geräumigen Gemache, dessen Decke sowie der untere Teil der Wände aus Holzvertäfelung bestand, die vor Alter dunkelbraun geworden war. So ein sehr bequemer Lehnstuhl neben dem großen Kachelofen und in der Ecke des Zimmers ein verschlossener Glasschrank mit einer Sammlung reich und stattlich aussehender Gewehre und anderer Jagdgerätschaften. Die fast städtische Kleidung des Müllers ist uns schon von früher her bekannt, und ebenso, obgleich sehr einfach, trug sie auch Rosine, während Gottfried, der jüngere Sohn des Hauses, in einem schmucken Jagdanzuge wie gerade aus der Residenz gekommen zu sein schien. Johannes allein zeigte an seinem weiß bestaubten Haar sowie an Mehlflecken auf seiner Jacke, die allerdings auch von gutem Tuche war, die Spuren der Arbeit. Nachdem die Mahlzeit beendigt war und Jungfer Lene den kleinen Friedrich fortgeschickt hatte unter dem Vorwande, er müsse den Katzen Heu aufstecken, lehnte sich der alte Müller in seinen Stuhl zurück und reichte Erich seine Hand, indem er sagte: »Jetzt heiße ich Sie noch einmal willkommen, Herr Provisor, und will auch jetzt gern hören, daß es nicht nur für ein einfaches Mittagessen ist, weshalb Sie zu uns kamen, sondern daß Sie eine Zeitlang hier bleiben wollen; da helfen keine Einwendungen, die Rosine wird eine Wohnung für Sie besorgen, zu der es bei uns wahrlich an Platz nicht fehlt.« »Dagegen will ich auch gar keine Einwendungen machen, sondern ehrlich gestehen, daß ich hergekommen bin mit der Bitte, ob Sie mich nicht ein paar Tage dabehalten wollen. Es ist drüben in Zwingenberg ein neuer Lehrer eingezogen, und der Herr Pfarrer findet, daß ein Gehilfe für denselben unnötig sei. Er hat mir deshalb angezeigt, daß ich das Schulhaus je eher je lieber räumen möge.« »Und der Lehrer war derselben Ansicht? Ist er verheiratet, hat er starke Familie?« »Er machte keine Miene, mich zu halten. Wie ich glaube, ist er ledig; auch würde ich mich gar nicht geniert haben, denn der Pfarrer, an den er Empfehlungsbriefe hatte, lud ihn ein, in dem Pfarrhause zu wohnen, bis die Lehrerwohnung wieder in einen guten Stand gesetzt worden sei.« »So, so – pfeift der Wind aus dem Loche? Nun, dann bekommen wir entweder etwas ganz außerordentlich Gediegenes oder einen Hauptlumpen! Waren die Empfehlungsschreiben an ihn oder an sie?« »An die Pfarrerin, wie ich glaube.« »Na, da wissen wir schon Bescheid; seien Sie aber froh, daß Sie drunten weg sind. Ehrlich gesagt, in Ihrem Gesichte steht geschrieben, daß sie nicht zum Schulmeister passen. Ich verstehe das; Sie schauen viel zu frei in die Welt hinaus und können Ihre Augen nicht zur gehörigen Zeit niederschlagen .... So, er hat Empfehlungsschreiben an die Pfarrerin! Dann wird diese am Ende bedauern, daß Fräulein Selma versorgt ist. Nun, mich geht's weiter nichts an. Also vor der Hand bleiben Sie hier, und wir wollen zu Ihrer Ankunft ein Glas Guten trinken. Jungfer Barbara,« fuhr er mit einem schalkhaften Lächeln und einem eigentümlichen Aufblitzen seiner Augen fort, »holen Sie mir eine Flasche von dem Gewissen.« »Gern, Herr Vetter,« gab die alte Anverwandte zur Antwort, sagte aber darauf mit einem leichten Achselzucken: »Der Herr Provisor könnte denken, daß ich wirklich Barbara heiße, und doch ist mein Name – Lene – Jungfer Lene . ...« »Ganz richtig, Jungfer Lene, und wir werden das nicht vergessen; aber ich muß Ihnen wiederholt versichern, Jungfer Lene, daß Sie so sehr etwas von einer Jungfer Barbara an sich hat, die ich früher einmal gekannt, daß mir der Name zuweilen unwillkürlich aus dem Mund kommt! Nix für ungut!« Jungfer Lene brachte gleich darauf die Flasche, aber von einer anderen Sorte, als der Müller gewünscht, »weil,« sagte sie mit großer Wichtigkeit und aufgehobenem Zeigefinger, »um die Flaschen, von denen Ihr gewollt, eine Spinne ihre Fäden gezogen, so daß man nichts herausnehmen konnte, ohne das Gewebe zu zerreißen, und das bringt Unglück, wenn man mit solchem Weine jemandes Willkommen trinkt.« »Dann hat die Lene recht,« versetzte der Müller mit großer Wichtigkeit, »und darum bitte ich Sie, diese eine Flasche wieder hinunterzutragen und dafür zwei von den anderen heraufzuholen, dann wird's nimmer schaden.« Die zwei Flaschen kamen denn auch und wurden von dem Müller, von Gottfried und von dem Gaste geleert, während Johannes in die Mühle gegangen war und sich die beiden Frauenzimmer zu ihren häuslichen Geschäften entfernt hatten. Dann erzählte Erich von dem Manöver, welches er heute morgen mit angesehen, sowie auch, auf welche Art er die reitende Batterie vor dem Überfalle der roten Husaren gewarnt und wie er dadurch mit einem der Kavallerieoffiziere, den die anderen Graf Seefeld genannt, in Wortwechsel geraten. »Ah, das ist der!« rief der alte Müller, indem er mit den Fingern einen Marsch auf dem Tisch trommelte. »Ja, ich glaub's wohl, einer von der Sorte, mit denen schlecht Kirschen essen ist, die des festen Glaubens sind, daß die Welt nur allein für sie da ist und daß alle anderen Menschen nur deshalb vorhanden, um ihnen auf die Köpfe zu treten, wenn's angeht – einer von denen, für die der Mensch erst beim Baron anfängt! Blaues Blut, blaues Blut!« »Kennen Sie die Familie Seefeld, Herr Burbus?« »Ob ich sie kenne! Drüben in dem Schöneichenwalde sind wir Nachbarn. Ich werde Sie einmal da hinaufführen; es ist lehrreich. Da haben die Seefeld einmal vor Jahren gegen alles klare Recht mit meinem Schwiegervater und mit mir einen Prozeß angefangen wegen einer an sich unfruchtbaren Schlucht, die aber einen vortrefflichen Wildwechsel hat. Sie behaupteten, die Schlucht gehöre ihnen; wir bewiesen ihnen aus Dokumenten das Gegenteil und gewannen auch nach hartem Streite den Prozeß. Dazumal waren alle Nachbarn erstaunt, daß wir gemeinen Leute es überhaupt gewagt, mit dem vornehmen Grafen zu prozessieren, ja, es waren unter diesen Nachbarn Subjekte genug, die uns aus dem Wege gingen. Aber wir gewannen den Prozeß, die Schlucht blieb unser und noch eine mächtige, hundertjährige Linde auf dem anderen Ufer, ein Baum, für den uns die Holzhändler schon öfter eine Masse Geld geboten; aber sie steht noch da und wird hoffentlich auch stehen bleiben, solange meine Kinder und Kindeskinder die Mühle im Besitze haben.« Der alte Müller lächelte vergnügt vor sich hin und trommelte stärker auf dem Tische, als er nach einer Pause sagte: »Damals, als ich noch jünger war, hatte ich noch heißeres Blut und war zu lustigen Streichen aufgelegt, weshalb ich denn auch die alte Linde zu einem Denkmale unseres Sieges machte und in die Linde auf der anderen Seite ein elegantes Z und T einhieb – zum Trutz, wie es heißen sollte und wie sie es auch verstanden. Freilich sagte mir einmal einer der Jäger von drüben, es wäre schade, wenn ein so schöner Baum einmal anfing zu kränkeln oder einginge, oder wenn er einmal durch Unvorsichtigkeit vom Feuer verzehrt würde, worauf ich ihm zur Antwort gab, das müsse man dem Himmel anheimstellen, der ebensogut einzelne Bäume verdorren oder verbrennen lassen könne als ganze Wälder bei einem soliden Nordwinde; das verstand er und ging davon.« »Und jener Husarenoffizier ist der Sohn des Grafen Seefeld?« fragte Erich. »O nein, er ist der Sohn eines jüngeren Bruders desselben, der aber schon lange tot ist, wurde indes von dem jetzigen alten Grafen adoptiert und wird einstens der Erbe des ganzen, ungeheuren Vermögens!« »So hat der jetzige Besitzer keine Kinder?« »Nein, war auch bis vor fünf oder sechs Jahren unverheiratet, ein alter Junggeselle, der nur zur Jagdzeit hierher kam, sonst aber in der Residenz lebte oder auf weiten Reisen in Italien, Frankreich und England sich befand. Und wie hat er gelebt! Wenn der nicht von seinem Vater und seiner Mutter neben Millionen eine unverwüstliche Gesundheit geerbt hätte, so müßte schon lange gar nichts mehr von ihm da sein! Freilich ist er auch jetzt nur noch der Schatten von einem Menschen, aber der lebt trotz alledem immer noch in den Tag hinein – in die Nacht hinein, sollte ich eigentlich sagen, denn am Tage schläft oder ruht er und wird erst mit den Fledermäusen lebendig, um alsdann erst wieder beim letzten Hahnenschrei in sein Bett zu kriechen. Dabei hat er noch, wie ich vorhin andeutete, vor fünf oder sechs Jahren geheiratet, und zwar eine junge, wenige zwanzig Jahre alte Dame, ebenfalls eine Gräfin Seefeld, damit auch deren Vermögen wieder bei der Familie bliebe. Diese junge Dame sollte oder wollte einen jüdischen Baron heiraten, was dem alten Grafen als eine solche Abnormität erschien, daß er sich selbst opferte, wie er sagte, um die erlauchte Familie vor einer solchen Mesalliance zu bewahren. – Doch was gehen uns diese Geschichten an! Gratulieren können Sie sich übrigens, daß der junge Graf trotz alledem heute morgen bei guter Laune war oder sonst durch etwas abgehalten wurde, sonst würde er sich nichts daraus gemacht haben, Sie wirklich von Ihrem Meilensteine herabzufuchteln.« »Und das hätte allerdings ein großes Unglück geben können,« erwiderte Erich, finster vor sich niederblickend. »Denken wir nicht mehr daran,« fuhr der alte Müller heiter fort; »trinken wir unseren guten Wein und loben Gott, daß wir so gestellt sind, um nicht jene Kreise berühren zu müssen.« Doch konnten Erichs Gedanken noch nicht so bald wieder loskommen von dem blassen, unangenehmen Gesichte des Husarenoffiziers mit dem verächtlichen Zucken um den Mund, und er sagte nachdenkend: »Nun hoffentlich werde ich ihm in diesem Leben nicht mehr begegnen, wüßte nicht, wie sich unsere Fahrt kreuzen sollte.« »O, das könnte, denk' ich mir, ganz leicht geschehen, wenn Sie, wie ich hoffe, eine Zeitlang bei uns bleiben; denn der junge Graf, dem es durch sein kolossales Vermögen auch nicht an der Liebe und Achtung seiner Vorgesetzten fehlt, verbringt einen guten Teil der Jahreszeit hier draußen bei seinem Onkel und Vormund, welcher selbst vom Anfange des Mai meistens bis Ende Dezember auf seinem Schlosse verweilt. Und das ist die einzige respektable Seite, die ich an ihm kenne, hat mir auch immer zu denken gegeben, daß, wenn man ihn in seiner Jugend zu besseren Dingen angehalten hätte, als allein zum Reiten, Fahren und Jagen – wissen Sie, die anderen Götter, Bacchus und Venus, kommen von selbst dazu – so hätte etwas Gescheites aus ihm werden können; denn Liebe zu der schönen Natur kann man ihm nicht absprechen, und wo die einmal ist, da ist auch nebenbei ein fruchtbares Feld, auf dem sich das Nützlichste und Beste ansäen läßt. Auch Sie haben Liebe zur Natur, das sehe ich an dem Glanze Ihrer Augen, mit dem Sie mich gerade jetzt anhören.« »Gewiß, und es sind meine schönsten Erinnerungen, die an Wald und Feld, an den klaren Himmel, an den Gesang der Vögel, besonders an den Schlag der Lerche.« »Na, das will bei Ihrer Jugend und Ihrem bißchen Erfahrung noch sehr wenig heißen!« lachte der Müller. »Aber sehen Sie mich einmal an, mich trieb es aus der engen, dumpfen Stadt wieder hinaus in Gottes freie Natur, unter den Dom von Bäumen, den sich der Schöpfer selber aufgebaut so hoch da droben, wie es in einem schönen Liede heißt – und das, nachdem ich zwanzig Jahre dort zugebracht, unter meinen Mitbürgern eine ehrenvolle Stellung eingenommen, eine Stellung, in der ich mir Vermögen erworben und in der ich, wie ich mit Stolz sagen kann, manches Gute gewirkt. Und aber trotz alledem fehlte uns immer etwas da drinnen, mir und meinem guten Weibe, und wenn wir in unserer behaglichen Wohnung saßen, selbst im Winter, wenn der Schnee unter den Rädern der Wagen knirschte oder der Sturmwind an der Ecke des Hauses brüllte, so erinnerten wir uns trotz der weichen Teppiche, auf denen wir gingen, trotz des flackernden Kaminfeuers und trotz der hell erleuchteten Straße so gern und lebhaft an die weite, freie Schneelandschaft da draußen, an die mächtigen Bäume, die jetzt allerdings mit dürren Ästen im Winde so geheimnisvoll rauschten, an den schäumenden Bach, der an einem hellen Wintersonnentage so unvergeßlich blinkte und strahlte, ja, an die Eiszapfen des alten Mühlenwehrs, die im Winkel hinter den großen Rädern eine Riesenorgel von Eiskrystallen bildeten, zwischen welchen der Wind auch keine schlechte Melodie pfiff!« »Ah, Sie erinnerten sich alles dessen! So waren Sie früher auch auf dem Lande?« »Das will ich meinen! Geboren und in den ersten Jahren erzogen, und zwar in derselben Mühle, in der wir jetzt sitzen; allerdings nicht unter dem gleichen Dache, denn das war damals etwas baufällig und von Stroh. »Wir Alten aber,« fuhr der Müller nach einer Pause fort, während welcher er ein Glas Wein behaglich ausgetrunken, »hätten der Kinder wegen diese Sehnsucht wahrscheinlich niedergekämpft, bis man uns den hölzernen Frack angezogen und dann allerdings auf andere Art der Natur zurückgegeben hätte. Aber gerade die Kinder waren es, die dabei den Ausschlag gaben, denn auf sie, auf die Buben nämlich, waren die Neigungen der beiderseitigen Großväter übergegangen – Müller vom reinsten Wasser, denn auch meine Frau, meine gute Sibylle, war eine Müllerstochter. »Johann, der Ältere, warf sich mit Leidenschaft auf die Mechanik, hauptsächlich auf den Mühlenbau, und der da, der Gottfried, wurde Land- und Forstwirt, besonders das letztere, wie Sie an seiner grauen Juppe bemerken werden, sowie an dem Jägerhute dort mit der Spielhahnfeder, und auch an der Gewehrsammlung in der Ecke, die sein specielles Eigentum ist. »Da wurde plötzlich diese alte Mühle, die schon längst in andere Hände übergegangen war, dem Verkaufe ausgeboten, und nicht nur diese allein, sondern auch ein benachbarter Bauernhof mit einem außerordentlich großen und sehr schönen Areal von Fruchtfeldern und Wald, weshalb ich zu meiner Alten sagte: ›Die Mühle will ich kaufen und daraus einen Sommeraufenthalt für uns beide machen.‹ Denn damals hatte ich schon vor, meine städtische Praxis zu vermindern. Bei dem Worte ›Praxis‹ sehen Sie mich erstaunt an; ja, ich habe in meiner Jugend allerlei gelernt, wie Sie später hören werden. Meiner Frau war es recht, daß ich die Mühle kaufte, aber nicht nur diese, sondern den Bauernhof dazu unter der Hand, und hatte ich daran sehr klug gethan, denn unsere Nachbarn, die Seefelds, ließen mir, als sie von dem Kaufe hörten, einen tüchtigen Nutzen bieten, wenn ich ihnen die Grundstücke abtreten wolle. Ich aber sagte quod non und legte dadurch allerdings den Grund zur Verstimmung gegen mich, die dann auch unter anderem zum Ausbruche kam bei dem früher erwähnten Prozesse um die Schlucht. Mit diesem Kaufe übrigens hatte ich einen Anker hier ausgeworfen, der unser Lebensschiff langsam aus seiner Bahn zog und hierher dirigierte. »Zuerst war es Johannes, der sich in das alte Mühlwerk festbiß und darin hantierte, daß im wahren Sinne des Wortes Trümmer und Späne umherflogen, ja, er fing an zu reparieren, bis beinahe kein Stein von den alten mehr auf dem anderen war und aus der ärmlichen Waldmühle das stattliche Gebäude, wie es heute dasteht, geworden, mit einem Mühlwerke, vor dem selbst die Bauern, die selten etwas Neues anerkennen, respektvoll den Hut zogen; ja, die Dreschmaschine, vielleicht die erste in Deutschland, die wir aufstellten, sahen sie als eine Art Hexenwerk an. »Dann kam der da, der Land- und Forstmann, und trieb es auf seine Weise, und nicht schlecht, wie ich zugestehen muß. So waren ein paar Jahre vergangen, und wir Alten waren absichtlich fern geblieben, um uns überraschen zu lassen. Auch drohte damals etwas über unserem Leben, was uns vielleicht für immer in der Stadt zurückgehalten hätte. Man bot mir nämlich die Oberleitung eines großen Spitales in der Stadt an.« »So waren Sie Arzt?« fragte Erich mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens. »Ja, mein Lieber, ich war so frei, mit tausend anderen gewiß ehrenwerten Männern an der Menschheit herumzupfuschen, mit verbundenen Augen nach dem gewissen Topfe zu schlagen und leider auch häufig den Kranken zu treffen, anstatt die Krankheit. Doch war ich vor allen Dingen Chirurg, und da sieht man schon mehr wie und wo, als bei dem Departement des Innern, bei dem man noch immer die große Frage aufwerfen kann, ob die Heilung eines tieferen Leidens oder das Mißlingen dieser Heilung ein Ungefähr ist. Man durchstudiert die groß' und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu lassen, Wie's Gott gefällt! hat ein sehr großer Mann gesagt, und unter den sehr kleineren Männern fand auch ich, wie Recht er damit hatte. Nebenbei hat alles seine Grenzen, auch die Ausübung der Chirurgie, selbst für eine geschickte Hand, wenn der Mann dieser Hand zu fühlen anfängt, daß dieselbe Momente des Zitterns hat. Doch genug davon. Ich ließ meiner Frau die Wahl, ob sie Medizinalrätin, später einmal Frau von Burbus werden wolle, oder Müllerin schlechtweg, und da sie sich ohne alles Bedenken mit tausend Freuden für letzteres entschied, so machten mir uns dieses Privatvergnügen und daneben auch den guten Leuten in der Residenz den großen Spaß, mich trotz alledem für einen erzdummen Kerl zu halten, was mir indessen sehr gleichgültig war, denn so viel kann ich Ihnen versichern, junger Schulamtsbeflissener,« setzte er jovial hinzu, »daß, wie beim Militär ein Feldzug für zwei gewöhnliche Dienstjahre zählt, so ebenfalls ein Jahr Landaufenthalt mit all seinen Freuden für zwei in der dumpfen Stadt. »So,« sagte der Müller, indem er bedächtig den Rest der zweiten Flasche verteilte, »das von meiner Lage habe ich Ihnen alles erzählt, weil auch Sie mir schon früher Ihr kurzes Leben geschildert, weil eine Ehre der anderen wert ist und weil Sie wissen müssen, unter wessen Dach Sie leben. »Daß der Herr Pfarrer Ihrem Zeugnisse,« setzte er lachend hinzu, »über fortgesetzten Lebenswandel noch ein paar dicke Striche zusetzt, wenn er erfährt, daß Sie bei mir sind, das haben Sie allerdings zu überlegen; ich will Ihnen aber auch, was dieses Verhältnis anbelangt, einen ebenso klaren, reinen Wein einschenken, als Sie in Ihrem Glase haben, und das ist bald geschehen. Daß ich auch hier außen das Recht zu praktizieren habe, versteht sich von selbst, ebenso, daß ich zum besten meiner Nachbarschaft davon Gebrauch mache. Nun aber ist der Arzt dieses Kreises ein Bruder der Frau Pfarrerin, und so können Sie denken, in welches Wespennest ich gestochen beim ersten Bauernburschen, dem ich einen gebrochenen Fuß einrichte, und nicht schlecht, darauf können Sie sich verlassen. Apropos,« unterbrach er sich plötzlich, aus seiner bequemen Stellung in Stuhle auffahrend, »sieh' doch mal nach, Gottfried, ob jemand droben bei unserem Gaste ist, das heißt, jemand, der ihn ermahnt, seine nassen Umschläge gewissenhaft zu erneuern.« »Ich werde nachsehen,« sagte der Angeredete aufstehend; »an den schlurfenden Fußtritten droben glaube ich aber zu hören, daß die Lene bei ihm ist.« »In dem Falle bin ich ruhig, denn sie wird schon dafür sorgen, daß der Umschlag statt alle zehn alle fünf Minuten erneuert wird. Hat es ihr doch von einem Unglücksfalle geträumt, und zwar daß eine Schwalbe auf den Boden niedergefallen und mit einem fürchterlichen Krachen in vier Stücke zerbrochen, worauf dieselben ins Wasser gesprungen seien und nicht nur plötzlich wieder ganz geworden, sondern als weiße Taube davongeflogen. »Also hat Wasser dieses Wunder bewirkt, und wird sie deshalb mit demselben auf die verschwenderischste Art umgehen; wie allerdings der Artillerieoffizier sich später in eine weiße Taube verwandeln soll, davon habe ich doch noch keinen rechten Begriff. »Sie sehen mich fragend an,« wandte er sich an Erich, nachdem Gottfried fortgegangen war, »es ist allerdings ein Artillerieoffizier, der droben bei mir in Pflege und Behandlung ist; sie machten gestern da drüben in dem coupierten Waldterrain allerlei halsbrechende Manöver mit ihren Kanonen, unter anderem ›Kehrt‹ in einem sehr schmalen Hohlwege, wobei das Pferd eines Offiziers so unglücklich stürzte, daß er sich das linke Handgelenk {bild} stark verrenkte. Da sie keinen Arzt bei sich hatten und er heftige Schmerzen litt, so ritt er hierher, und ich fand es für gut, ihn da zu behalten. »Jetzt wollen wir aber unsere lange Tafel aufheben,« sagte der alte Müller, trotz seiner Jahre rasch und lebhaft aufstehend, »und nun, nachdem Sie bei mir gegessen und getrunken, seien Sie mir noch einmal herzlich willkommen!« Er streckte Erich seine beiden Hände entgegen und fuhr alsdann in einem warmen, fast innigen Tone fort: »Nehmen Sie das nicht leicht, wenn ich Sie auf diese Art willkommen heiße, ich bin nicht so freigebig damit; doch sagen mir Ihre freie Stirn, Ihre klaren Augen und Ihr offenes Wesen, wes Geistes Kind Sie sind. Und ich weiß nicht, Sie erinnern mich in Ihrer ganzen Art, zu sein, an einen Jugendbekannten, der trotz mancher leichtsinniger Streiche ein tüchtiger Kerl geworden ist. Nun, die leichtsinnigen Streiche brauchen wir gerade nicht, wollen aber auf das andere hoffen.« Erich wollte ihm herzlich danken, doch verbat sich das der Müller, indem er sagte: »Wofür wollen Sie mir danken? Für das bißchen Essen und Trinken, das ich Ihnen gebe, oder für einen Platz in meinem Hause? Ist nicht der Mühe wert, hoffnungsvoller Provisor! Wenn Sie aber einmal einen recht guten Rat von mir kriegen, dann will ich Ihre Erkenntlichkeit annehmen.« Gottfried kam mit der Meldung zurück, daß allerdings die Lene droben sei und daß der Fußboden im Wasser schwimme. Auch habe der Lieutenant gebeten, einen Auftrag für ihn an seinen Batteriechef zu besorgen, der heute Nacht auf dem Heidenfeld mit den übrigen Truppen im Bivouac sei. »So reite hinüber und richte deinen Auftrag aus. Oder meinst du anders?« »Wenn es dir recht wäre, so nähme ich meinen Jagdwagen und führe mit Friedrich und unserem Gaste hinüber.« Erich's Augen strahlten vor Freude, was der Thalmüller bemerkte und sogleich zur Antwort gab: »Wenn es dir Vergnügen macht und den beiden jungen Leuten, so habe ich nichts dagegen. Nimm aber einen sicheren Knecht mit, denn deine Pferde sind unruhig, damit, wenn ihr absteigt und unter den Truppen umherlauft, nichts geschieht. Noch Eines,« setzte er hinzu, als Gottfried zum Weggehen schon die Thür in der Hand hatte – »du hast gewiß aus deinem Kleidervorrate noch eine Joppe für den angehenden Schulmeister. Er schont dadurch seinen langen, schwarzen, friedlichen Rock und hat auch heute Abend wärmer, wenn ihr nach Hause fahrt.« »Wir wollen ihn schon umkleiden,« sagte Gottfried lachend; »und dann will ich ihm auch sein Zimmer zeigen. Die blaue Stube, denke ich, neben meiner Wohnung?« »Ja, ja, gib ihm die blaue Stube,« pflichtete Herr Doktor Burbus bei und setzte alsdann, wie über etwas nachdenkend, hinzu: »Hatten Sie damals kein Gepäck bei sich, als ich Sie nach Zwingenberg mitnahm?« »Nein, damals nicht, ich....« »Thut auch nichts, in Ihrer Jugend braucht man nicht viele Geschichten. Etwas Wäsche steckt man in die Tasche.« »Ich hatte damals,« vollendete Erich mit einem Ausdrucke der Sicherheit seinen Satz, »meinen Koffer mit Kleidern und Büchern vorausgeschickt und habe ihn jetzt im Schulhause stehen lassen, weil ich nicht wußte....« »Ob wir Sie hier aufnehmen würden; ja, ja, ich begreife das. Der Andres soll nach dem Schulhause gehen und die Effekten des Herrn Provisors abholen; doch wird es gut sein, wenn Sie ihm etwas Schriftliches mitgeben wollen. Ordnung muß sein!« 9. Kapitel Von dem Leben im Bivouac, ein rein militärisches Kapitel, obgleich Zigeuner und Gaukler darin vorkommen. Die Truppenteile, von denen wir einige bei Zwingenberg manövrieren sahen, Artillerie, Infanterie, Kavallerie, auch ein Brückentrain, setzten dieses artige Militärvergnügen noch eine Zeit lang im Laufe des Tages fort und verknallten recht viel Pulver auf eingebildete Feinde; ja, es wurden auch mitunter Heldenthaten verübt, wunderbare Proben von Ausdauer und Standhaftigkeit abgelegt, sowohl beim Marschieren als Exercieren, sowohl beim Langsam- und Schnellfeuer als in der Attaque auf die Wagen und Körbe der Marketenderinnen bei den verschiedenen Halt- und Ruhepunkten. Auch hatte sich Se. Excellenz im allgemeinen mit dem heutigen Manövertage zufrieden erklärt, und darauf im speciellen ebenfalls die Führer der einzelnen Truppenteile bis herab zu den betreffenden Compagniechefs – eine Art von Vorgesetzten, die nie zufrieden ist – auf deren langer Brühe von Vorwürfen und Ermahnungen nur einzelne und sehr bedingte Lobsprüche als ziemlich dürre Lorbeerblätter schwammen. Darauf sollte das ganze Armeecorps bivouakieren, und zwar jeder Truppenteil auf der Stelle, wo die letzten Schüsse gewechselt worden waren. Daß während dieses Bivouacs noch das außerordentliche Vergnügen einer allgemeinen Allarmierung bevorstand, war ein großes Geheimnis, aber ein so öffentliches, daß beinahe jeder der Offiziere bis zum Hauptmanne herab wenigstens annähernd ganz genau die Stunde wußte, wo er überrascht werden sollte. Ein solches Bivouac, zumal bei erträglichem Wetter oder wenn man nicht gar zu dicht vor dem Feinde liegt, hat im Frieden seine recht behaglichen Seiten, wogegen das Bivouakieren im Kriege zu den unangenehmsten Dingen der armen Soldaten gehört, Soldaten hier in der weitesten Bedeutung des Wortes, mindestens bis zum Regiments-Kommandeur hinauf, der vielleicht unter dem Schutze eines alten Pferdeteppichs auch keine großen Annehmlichkeiten auszustehen hat. Doch waren es dazumal friedliche Zeiten. Der klare Himmel eines schönen Herbstabends spannte sich über einen recht trockenen Boden aus; Holz zu den Wachtfeuern war in Masse auf die verschiedenen Lagerplätze geschafft worden. Das Manöver des Abkochens für die Truppen sollte vermittels genügender Fleisch- und Kartoffelvorräte ebenfalls ausgeführt werden, und was zu dieser festen Nahrung der Soldaten die flüssige, geistige betraf, so waren neben der Sorge dafür von oben herab auch die Marketenderinnen mit gefüllten Wein- und Branntweinfäßchen zur Stelle. Das Bivouac der Brigade, zu der auch die Batterie gehörte, deren Premierlieutenant verwundet im Hause des Müllers zurückgeblieben, wie wir bereits wissen, lag eine gute Stunde von der Mühle entfernt auf einem recht passenden, ja, sogar behaglichen Platze. Es war dies ein ziemlich weites Thal, von niedrigen Hügeln umgeben, von der breiten Landstraße durchschnitten; deren eines Ende durch einen künstlichen Verhau gegen den Überfall des Feindes gesichert war, und wo sich zwei Geschütze, sowie ein Zug Kavallerie hinter einer doppelten Vorpostenkette von Infanterie als Vorwacht befanden. Hier wurde es für die armen Durchwanderer scherzhaft recht ernstlich genommen und sogar königliche Postwagen durch eine Kavalleriepatrouille zuerst an das Zelt des Kommandierenden geleitet und dann über die Grenze des Lagers gebracht. Andere Wagen und Equipagen, mit Neugierigen angefüllt, sowie auch Reiter und Fußgänger ähnlichen Schlages führte man unter gleicher militärischer Begleitung nach dem Aufstellungsplatze, der für sie bestimmt war, und hier ließ auch Gottfried Burbus seinen Wagen und seine beiden Pferde unter Andreas' Obhut, während er mit Erich und Friedrich durch das Lager schritt. Noch war es heller Tag und das Lagerbild zeigte sich eben in dem malerischen Durcheinander, da die Soldaten im Begriffe waren, sich für die Nacht so behaglich als möglich einzurichten. Die Kavallerie sattelte ab, die Artillerie schirrte aus, lange Reihen Pflöcke wurden in den Boden geschlagen, die Fouragierleinen herumgezogen und die Pferde daran gebunden, worauf man ihnen die Futterbeutel umhing. In der fernen Ecke, weit von den Plätzen, wo die Lagerfeuer angezündet werden sollten, richtete man den Artilleriepark ein, zu welchem Zwecke die Geschütze aufs genaueste gerichtet und in gleichen Intervallen nach der Schnur wie auf dem Exerzierplatze nebeneinander gestellt wurden. Die Infanterie hatte ihre Gewehre in Pyramiden zusammengestellt, Tornister und Lederzeug daneben auf den Boden gelegt, und hier bei dieser, die sich nicht mit der Wartung der Pferde abzugeben hatte, sah es am allerersten behaglich aus. Auf der entgegengesetzten Seite des Artillerieparks brannten schon die Kochfeuer und schmorten die Kartoffeln mit Speck, Reis und Wasser zu einer angenehmen Brühe zusammen, in Erwartung welches Nachtessens sich alle die von der Mannschaft, welche nicht mit einem der vielen Dienste, die es im Bivouac gibt, bedacht waren, in Gruppen zusammensitzend oder bäuchlings auf der Erde liegend mit aufgestützten Ellenbogen, plaudernd und rauchend unterhielten, auch wohl eine gefüllte Schnapsflasche herumgehen ließen oder ein heiteres Lied anstimmten; die Infanterie vielleicht: Ein Müller in seiner Mühle saß, Lauf, Müller, lauf u. s. w.; die Kavallerie: Wie kommen die Soldaten in den Himmel, Kapitän, Leutnant? Auf einem weißen Schimmel, So kommen die Soldaten in den Himmel, Kapitän, Leutnant, Fähndrich, Sergeant, Nehmt das Mädel bei der Hand, Kameraden, Solda–a–a–ten! wogegen die Artillerie ein anderes Lied hören ließ, mit dem Refrain: Wir führen ja den Donner Der heißen Schlacht! Wenn man zu diesen verschiedenen Gesängen ein gelegentlich jauchzendes Freudengeschrei aus irgend einem dichten Soldatenhaufen nimmt, das Schnauben und Wiehern der Pferde, irgend ein Hornsignal in der Ferne oder ein Trommelwirbel, und dann mit einem Male die vollen, prächtigen Klänge der Militärmusik vor dem Zelte des Obersten, so hatte das Ohr schon Beschäftigung genug, während sich das Auge nicht minder beschäftigte mit den oben erwähnten Bivouac-Zurichtungen, wozu noch das Aufrichten weißleinener Offizierszelte kam, die wie mit einem Zauberschlage aus dem Boden entstanden, hier und da mit einem bunten Fähnlein geschmückt, oder auch mit einem großen Eichenlaubkranze, den irgend ein poetisch gesinnter Offizierbursche an die Zeltstange aufhing. Das regste Leben und die wechselvollsten, malerischsten Bilder sah man begreiflicherweise in der Nähe der Holzbaracke des Kommandierenden, ein ganz anständiges Gemach, nach einer neuen Erfindung konstruiert, welche hier zum ersten Male probeweise in Anwendung kam. Vor demselben spielten, wie oben schon erwähnt, abwechselnd die verschiedenen Musikbanden, und um diesen Mittelpunkt schwärmte in engeren und weiteren Kreisen alles, was sich von seinem speciellen Lagerplatze entfernen durfte und gern entfernte, nachdem abgegessen war. Erich strich mit seinen beiden Begleitern auf dem weiten Platze hin und her, und seine Augen funkelten vor Lust und Entzücken, als er hier alles verkörpert bei einander sah, was schon seit frühester Jugend die Phantasie des Knaben erhitzt hatte. Bald zog es ihn zur Infanterie hin, die gar so vergnüglich bei einander saß, lachend und plaudernd, dabei aus kurzen Pfeifen rauchend, und wo die Flaschen immerfort in der Runde gingen. Gab es doch hier Wetten zu vertrinken und Einstände zu verzehren, besonders von Einjährigen und sonstigen Freiwilligen, die zum ersten Male Pulver gerochen und dabei glücklicherweise unverwundet geblieben waren. Dann blieb er auch wieder bei der Kavallerie stehen, wo Mann und Pferd in gegenseitiger Anhänglichkeit, in Beweisen von Sorgfalt und Pflege, sowie dafür in freundlicher Zuneigung eine einzige große Familie ausmachten, wo schon wegen der Sattelböcke und der großen Pferdedecken mehr Behaglichkeit herrschte, wo aus Gläsern getrunken wurde und statt der Pfeife häufig Cigarren geraucht. Am stärksten aber fesselte Erich der Anblick der Artillerie, die blanken und doch so ernsten Geschütze, denen er so nahe zu kommen trachtete, als es ihm nur die auf- und abschlendernden Wachtposten erlaubten. Ja, er fand auf dem Lagerplatze der reitenden Batterie eine Veranlassung, sich nützlich zu machen, indem sein scharfes Auge merkte, daß ein munterer Brauner durch Schütteln des Kopfes den Halfterstrick von der Fourageleine gelöst hatte und gerade im Begriffe stand, davonzugehen, um sich das übrige Lager ein bißchen anzusehen. Vorsichtig, aber rasch trat Erich an das Pferd und befestigte den Halfterstrick wieder, was ihm einen Lobspruch von dem herbeigeeilten Unteroffizier der Artillerie eintrug. Dann aber gingen sie miteinander nach der Baracke des Kommandanten, und der junge Forstmann sagte, als sie ziemlich nahe waren, lächelnd zu Erich: »Da werden wir auch Ihren Freund von heute Morgen finden. Richtig, dort steht er schon! Sehen Sie, neben den beiden Dragonern. Der Husarenoffizier Graf Seefeld!« »Ja, ja, der ist's!« »Und da haben Sie auch die ganze Familie bei einander, von der mein Vater heute mittag erzählte, die Seefelds nämlich. Kommen Sie etwas näher, das ist interessant für Sie!« Vor dem Gezelte des Kommandanten hielt in diesem Augenblicke ein schwerer, eleganter Landauer mit zurückgeschlagenem Verdecke, der, wie alle übrigen Equipagen, von einer Kavalleriepatrouille begleitet worden war und nun ebenfalls bei den übrigen Wagen Aufstellung nehmen sollte; doch sagte der General, der jetzt unter der Thür seiner Baracke erschien, mit einer freundlichen Handbewegung gegen den Ulanenoffizier, der die Patrouille kommandierte: »Lassen Sie es gut sein; wir wollen für dieses Mal eine Ausnahme machen.« Dann trat er an den Wagen, den schon verschiedene Offiziere umringt hatten, und reichte dem Darinsitzenden die Hand. Dies war ein sehr alter, in sich zusammengesunkener Herr; er ruhte mehr lang ausgestreckt in seinem Wagen, als er saß, und war dicht in einen weiten Pelz gewickelt, zwischen dessen Kragen von weichem Zobel ein gelbes, schattenhaftes Gesicht hervorschaute. Seine Mütze von Seelöwenfell hatte lange und breite Ohrenlappen, die er mit einer mageren und zitternden Hand zuweilen an der betreffenden Stelle zurückschob, um besser hören zu können. »Wie mich das freut!« rief der General, »daß Ew. Erlaucht trotz des kühlen Herbstwetters uns die Ehre Ihres Besuches schenken!« »Ja, ja,« gab der Angeredete mit einer Stimme zur Antwort, deren Klang man aus diesem eingeschrumpften, verschwindenden Körper nicht erwartet hätte, »habe deshalb auch gegen meine Gewohnheit verdammt früh aufstehen müssen, konnte es aber nicht unterlassen, noch einmal alte, vergnügte Zeiten vor meinen Augen erscheinen zu sehen. Ha, ha, mein lieber General,« lachte er, »Sie sehen ein altes, längst ausrangiertes Kavalleriepferd vor sich, das immer noch die Ohren spitzt, wenn es die Trommel hört! – Aber Sie haben sich da einen hübschen Platz ausgesucht.« »Es geht so, Erlaucht! Doch wären wir gern Ihrer Einladung gefolgt und hätten Ihr Schloß mit Sturm eingenommen, aber mein hochverehrter Chef, Freund und Divisionsgeneral fürchtete, Ihre reichen Kellervorräte möchten doch ein bißchen zu lustig auf die verehrten Offiziercorps einwirken!« »Unser verehrter Freund ist zu streng in und außer dem Dienste; wollen ihn aber,« setzte er mit einem heiseren Lachen hinzu, wobei er unter vertraulicher Schließung des linken Auges gegen den General eine abscheuliche Fratze machte, »wollen ihn aber doch so gut wie möglich hinters Licht führen. Habe einen hübschen Fourgon zusammenpacken lassen. Weiß der Teufel, {bild} könnte schon längst da sein; auch deine Tante, Dagobert,« wandte er sich gegen den jungen Grafen Seefeld, der an der anderen Seite des Wagens stand, wobei er langsam den Kopf herum drehte und dann einen matten Blick über das Feld zu der bewaldeten Anhöhe hinaufgleiten ließ. »Könntest einmal nach ihr sehen, wenn es der Herr General erlaubt; ihre Pferde standen bereit, als ich abfuhr.« »Reiten Sie, mein lieber Graf Seefeld,« sagte der General im freundlichsten Tone. »Ah, wir werden das Glück haben, die Frau Gräfin bei uns zu sehen – wie ich mich darauf freue! Reiten Sie, reiten Sie, es ist ein Dienstritt, zu dem ich Sie strengstens kommandiert!« Der junge Husarenoffizier schwang sich mit Leichtigkeit auf einen eleganten Braunen, hochbeinig, schlank, von englischer Abkunft, der neben demselben von einem Reiter gehalten wurde, grüßte die Zurückbleibenden, worauf das edle Pferd den breiten Chausseegraben mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit nahm. »Ein junger, tüchtiger Offizier!« sagte der General, ihm nachblickend. »Sehr jung allerdings, kann vielleicht noch einmal tüchtig werden.« »Hat alle Anlagen dazu, Erlaucht, das steckt im Blut. Hätte heute morgen mit seinem Zuge beinahe eine feindliche zwölfpfündige Batterie erobert. Würde es im wirklichen Gefechte auch gethan haben, aber wir kennen ja die Artillerie; das gibt bei einem Manöver auch nicht die brillanteste Chance zu, sondern klammert sich fest an den vorgezeichneten Operationsplan, bediente sich auch obendrein eines Spions, um das Herannahen der Kavallerie zu erfahren.« »Nicht schlecht das,« lächelte der alte Herr; »aber den Kerl hätte ich hängen lassen!« »Ja, im Kriege, Erlaucht – aber heutzutage! Nun, seine tüchtige Fuchtel soll er abgekriegt haben; aber wer weiß, ob wir diesen Akt der Gerechtigkeit nicht aufs empörendste verdreht, als Mißhandlung dargestellt in den nächsten Tagen in einer dieser naseweisen Zeitungen zu lesen bekommen. Eine schlechte Erfindung, diese Schmierblätter!« »Eine verruchte Erfindung, mein lieber General! Das war zu unserer Zeit doch ganz anders; zu meiner, sollte ich eigentlich sagen, denn Sie sind ein Jüngling gegen mich.« »Ah, Erlaucht haben sich vortrefflich konserviert!« »Für meine Siebenzig, vielleicht. Lebe aber auch wie ein Kartäuser. Bin ein förmlicher Betteinsiedler geworden und {bild} was mich allein aufrecht erhält, ist der Schlaf, wenigstens die Ruhe im Bette. Mache aber auch davon den ausgiebigsten Gebrauch.« Erich, der diese ganze Unterredung mit anhören mußte, stand zitternd vor Zorn neben dem jungen Forstmanne und sagte nun: »O, lassen Sie mich vor und ihm ins Gesicht sagen, daß der gelogen hat, welcher behauptete, ich sei auch nur mit einem einzigen Schlage angerührt worden!« »Kindereien!« erwiderte Gottfried, indem er den jungen Mann, welcher heftig vorwärts strebte, am Armgelenke faßte und zurückhielt. »Bleiben Sie ruhig da und machen Sie sich keine Ungelegenheiten. Das schwatzt in den Tag hinein und macht sich nichts aus ein paar Dutzend Worten, wenn auch jedes davon ein Schlag ist auf die Ehre seines Nebenmenschen; doch wäre es nicht der Mühe wert, sich derwegen Ungelegenheiten zu machen, und die könnten wir bei einem Zusammentreffen mit denen da wohl haben, wenigstens unseren vortrefflichen Platz hier verlieren, der uns manches Interessante sehen läßt. So unter anderem die Frau Gräfin, die da eben über dieses Feld gegen uns galoppiert. Ah, eine schöne Frau!« In der That sah man von der Anhöhe herab einen kleinen Reitertrupp sich im vollen Jagdgalopp nähern. An der Spitze eine Dame, eine kecke, verwegene Reiterin, das sah man an der Art, mit der sie ihr Pferd, einen schönen Rappen, über alle kleinen Hindernisse des Bodens, Gräben, Buschwerk, hinwegsetzen ließ. An ihrer rechten Seite befand sich Graf Seefeld, an der linken der Stallmeister des Grafen, während ein paar Reitknechte in gemessener Entfernung folgten. Der alte Graf hatte sich mühsam im Wagen umgedreht und sah der glänzenden Kavalkade mit seinen trüben Blicken entgegen, in welchen ein schwaches Feuer den vergeblichen Versuch machte, ein wenig aufzuleuchten. Dabei bewegten sich seine Lippen, als wenn er etwas sagen wollte; doch begnügte er sich mit einem freundlich grinsenden Lächeln, als nun die schöne Reiterin ihr Pferd neben dem Wagenschlage parierte, dann den Knopf ihrer Reitpeitsche eine Sekunde an den Mund drückte und diese hierauf grüßend gegen ihn neigte. »Bonjour, mon amie!« sagte Se. Erlaucht. »Wir waren besorgt um dich, und der Herr General hatte die Freundlichkeit, dir einen seiner Galopins entgegenzuschicken.« »Eine liebenswürdige Sorgfalt, Herr General!« sagte die schöne Frau, heiter lächelnd, wobei sie sich tief auf den Sattel verneigte. Dann warf sie die Zügel ihres Pferdes einem Reitknechte zu, stützte sich leicht auf die Schulter des Stallmeisters und sprang gewandt und elastisch auf den Boden. »Du bist ein beneidenswerter Neffe!« sagte einer der Dragoneroffiziere zu dem jungen Grafen Seefeld. {bild} »Aber immerhin Neffe!« gab dieser achselzuckend zur Antwort, wobei kein Zug auf seinem blassen Gesichte anzeigte, daß er diese Worte nicht aus voller Ueberzeugung sprach. »Ja, aber ein Neffe, der schon das Glück hat, um diese schöne Frau sein zu dürfen, ihr kleine Dienste zu leisten; sie anzuschauen, mit ihr zu plaudern, ist beneidenswert!« »Das will ich meinen!« pflichtete auch ein anderer, älterer Dragoneroffizier bei. »Ich werde ein wenig gegen das Zelt avancieren, um nur in ihre Atmosphäre zu kommen; das ist eine Frau zum Rasendwerden! Schau nur, diese eleganten, geschmeidigen Bewegungen, diese Taille, und dazu diese prachtvolle Büste!« »Ja, es ist eine höllische Erfindung, so ein glatt anliegendes Reitkleid! Wenn ich mich je verheirate, lasse ich in den Ehekontrakt setzen: ›Nie ein Reitkleid!‹ Denn meiner Ansicht nach braucht es nicht jedermann zu wissen, wie meine Frau gewachsen ist.« »Du bist als Neidhammel bekannt; es ist ein Glück, daß andere Leute erhabenere Ansichten haben.« »Und dazu noch,« sagte der ältere Dragoneroffizier, »diese Vogelscheuche von einem Manne! Und gerade so hat er schon ausgesehen, als sie ihn zur Vermählung in die Schloßkapelle geschleppt haben mit jenem schönen Geschöpfe, damals ein reizendes junges Mädchen, heute ein üppiges, glühendes Weib!« »Nur nicht das Weib ihres Mannes.« »So hat es allerdings den Anschein; aber wer kann sich rühmen, auch nur um eine Idee weiter, als bis zu einer freundschaftlichen Annäherung gekommen zu sein?« »Versuche doch einmal dein Glück im nächsten Winter, junger Don Juan, und du wirst eingestehen müssen, daß der Liebe Müh umsonst ist.« »Schade darum, schade, wenn du wahr sprächest!« »Doch soll uns das nicht abhalten, wie ein paar verliebte Schmetterlinge um den Blumenkelch der üppigen Rose wenigstens umherzuflattern, wenn es uns dabei auch geht, wie der Jäger im Nachtlager von Granada singt: Ich muß sie einem andern lassen. Mir blühet diese Rose nicht! »Dafür aber der Champagner; schau, wie vorteilhaft sich das Innere des gräflichen Fourgons entwickelt, der vor dem Zelte des Generals hält. Er winkte soeben mit dem vollen Glase speciell zu uns herüber.« »Bist du der Gräfin vorgestellt?« fragte der ältere Dragoneroffizier. »Noch nicht.« »So komm, das werde ich en passant besorgen.« Mittlerweile war der Fourgon in der That angekommen und die Bedienten Sr. Erlaucht beschäftigt, dessen vortrefflichen Inhalt auf einen breiten Teppich, den man auf dem Boden aufgerollt hatte, aufzustellen, und nicht nur schlanke Bordeaux- und dicke Champagnerflaschen, sondern auch eine Provision kalter Küche in Form von Pasteten, Wildpret und kaltem Geflügel aller Art, bei deren Anblick auch anderen Leuten als hungerigen Lieutenants das Wasser im Munde zusammenlief. Und mit welcher Grazie und Liebenswürdigkeit machte die Gräfin die Honneurs ihrer ländlichen Tafel, zu welchem Zwecke sie sämtliche Adjutanten und Ordonnanzoffiziere des Generals in Bewegung gesetzt hatte, um von den verschiedensten Truppenteilen des Bivouacs die Offiziere einzuladen, denen es Vergnügen mache, eine kleine Erfrischung zu sich zu nehmen. Und welchem Offizier macht es kein Vergnügen, nach einem Herbstmanöver dergleichen vortreffliche Erfrischungen unentgeltlich zu sich zu nehmen! Ah, es war ein heiterer Anblick, dieses Gouter vor der Baracke des Generals! Alle die jungen und älteren Offiziere durcheinander, das Leuchten der Uniformen, das Glänzen der Waffen und Epauletten, die heiteren Gesichter, die schäumenden Gläser an einander klingend, alles lachend und plaudernd, ein fröhlich summender Lärm, beinahe die Klänge der Regimentsmusik übertönend, welche, ebenfalls unter der Wirkung eines guten Weines, heiter und lustig darauf losspielte. Und dieser innere, glänzende, strahlende, brausende, rauschende Kreis, dessen Mittelpunkt der Wagen des alten Grafen Seefeld war, lockte auch Unteroffiziere und Soldaten von allen Waffen in Massen heran, die, rings umher in kleinen Trupps bei einander stehend, sich ohne Neid an der Lustigkeit ihrer Vorgesetzten erfreuten. Fast wirkte es hierbei störend, als nun wieder eine Reiterpatrouille von der Höhe der Chaussee herabkam, einen kleinen Leiterwagen begleitend, der, mit weißer Leinwand überzogen, von zwei kräftigen, gut gepflegten Ponies gezogen wurde. Wer diese Pferde leitete, konnte man nicht deutlich sehen, denn die Zügel reichten in das Innere des ziemlich langen Wagens, dessen Aeußeres indessen wohl berechtigt war, die Neugierde der Nachblickenden zu erregen. Hintenauf waren nämlich allerlei eigentümliche Gegenstände gepackt, als: ein paar kleine, bunt angestrichene Leitern, eine unförmlich große, weiße Kugel mit goldenen Sternchen, zusammengewickelte Flaggen in den verschiedensten Farben, ein paar Trompeten und eine große Trommel; auch liefen vier ausgezeichnet schöne, schneeweiße Pudel, leicht zusammengekoppelt, hinter dem Wagen. »Ei der Teufel, was haben wir da für Gäste?« sagte lachend der General, worauf der Ulanenoffizier meldete: »Es sind Künstler; wie sie sagen, kommen sie von Bergheim und wollen über Nacht in Zwingenberg bleiben. Werden wohl ohne weiteres durchpassieren können?« »Ja und nein!« rief jovial der Höchstkommandierende. »Es scheinen mir Künstler zu sein, die wohl zur Unterhaltung einer so vortrefflichen Gesellschaft, wie hier versammelt ist, etwas beitragen können. Erkundigen Sie sich doch, Graf Seefeld, wer die Leute sind und ob es ihnen nicht Freude macht, etwas zu verdienen.« »General, eine charmante Idee!« sagte die Gräfin. »Sehen Sie diese prächtigen Pudel, ich habe nie etwas Schöneres gesehen!« Der Ordonnanzoffizier hatte sich rasch dem Wagen, der in kleiner Entfernung hielt, genähert, und da sich im Innern desselben nichts rührte, so hob er die Leinwanddecke empor, konnte sich aber jetzt eines lauten Ausrufes der Überraschung nicht enthalten, denn er schaute in die großen, glänzenden Augen eines auffallend schönen jungen Mädchens von vielleicht achtzehn bis zwanzig Jahren, die in einer phantastischen Kleidung {bild} von verführerischer Unordnung in dem Stroh des Wagens ruhte und die, statt nur eine Bewegung zu machen, den Leinwandüberzug des Wagens herab- oder ihr geöffnetes Mieder zusammenzuziehen, mit einem erzwungenen Lächeln auf den jungen Offizier blickte, wobei sie eine doppelte Reihe weißer, glänzender Zähne zeigte. Obgleich ihre Gesichtsfarbe ziemlich dunkel war, so sah man doch die Röte des Blutes durch ihre feine, glatte Haut schimmern. Der junge Graf bemühte sich gar nicht, seine Untersuchung rasch zu beendigen, vielmehr steckte er seinen Kopf in den Wagen hinein, um sich auch von dem übrigen Inhalte desselben zu überzeugen. Da sah er denn, daß eine ziemlich schmierige alte Weibsperson, welche eine kurze, thönerne Tabakspfeife im Munde hatte, die Zügel führte und daß im Hinteren Teile noch eine andere, verhüllte Frau saß, über deren Schoß ein Mädchen von vielleicht zehn bis zwölf Jahren lang ausgestreckt lag. Diese Kleine öffnete schläfrig ihre Augen, ließ aber gleich darauf die Lider wieder zufallen und schmiegte sich wie fröstelnd in den Schoß der Frau und wurde darauf sorgsam von derselben mit einem alten Stücke Teppich zugedeckt. »Sprecht ihr deutsch,« fragte der Ordonnanzoffizier, »oder sonst eine Sprache, die nicht gar zu weit her ist?« »Wir sprechen gut deutsch,« sagte das junge Mädchen und setzte erst nach einer kleinen Pause hinzu: »Auch böhmisch ein weniges.« »Sie sind Künstler?« forschte Graf Seefeld weiter, der selbst nicht wußte, warum er vom Ihr zum Sie übergegangen war. »Wir bilden eine große Künstlerfamilie, aber unsere Männer sind nicht da, sondern vorausgeritten mit den anderen Wagen, auf einem Umwege.« »Aha,« lachte der Husarenoffizier, »um das Militär zu vermeiden, haben vielleicht kein ganz reines Gewissen! Aber 's ist schade, daß die große Künstlerfamilie nicht beisammen ist, um hier durch eine Vorstellung etwas Tüchtiges zu verdienen.« Bei dem Worte »verdienen« nahm die Alte ihre Pfeife aus dem Munde, wandte den Kopf rückwärts zu der Frau, die hinter ihr saß, und sprach einige für den Grafen Seefeld unverständliche Worte. Diese beugte sich alsdann zu dem Kinde hinab und flüsterte etwas mit ihm, worauf das kleine Mädchen die Augen weit öffnete und, sich rasch aufrichtend, in deutscher Sprache sagte: »Warum nicht, wenn es dir recht ist.« Die andere, welche sich bis jetzt noch keine Mühe gegeben hatte, ihren Anzug zu ordnen, und die furchtlos die feurigen Blicke des jungen Offiziers aushielt, sagte jetzt: »Wenn es die gestrengen Herren befehlen, können wir eine kleine Vorstellung geben, etwas spanischen Tanz und Kugelspiel von dem Wunderkinde. Für ein paar Reiterstücke taugt der Boden nicht; auch nähme es zu viel Zeit weg, die Ponies zu satteln und aufzuschirren.« »Ah, das läßt sich hören, meine schöne Esmeralda,« lachte der Husarenoffizier, »nur ist von Befehlen nicht die Rede, sondern von Wünschen! Aber wie die Erfüllung dieser Wünsche belohnt werden soll, davon will ich Ihnen im voraus schon eine kleine Probe geben.« – Er hatte rasch seine Säbeltasche emporgehoben, öffnete ein kunstvoll verschlossenes Etui in derselben und holte ein Goldstück heraus, das er aber so ungeschickt war, anstatt in die feinen Hände des jungen Mädchens, in dessen geöffnetes Mieder hinabgleiten zu lassen, die darauf mit einer unmutigen Bewegung zusammenfuhr, dann aber ruhig mit dem Kopfe nickte und nun erst daranging, ihr schwarzes, mit Gold verziertes Jäckchen über den fein gewölbten Busen zuzuhaken. Hierauf zog sie den Leinwandvorhang herab, und der Husarenoffizier, welcher die Unterhandlungen somit aufs günstigste beendigt sah, meldete, zurückkehrend, dem General, es seien nur Weiber und Kinder in dem Wagen, doch wollten dieselben, wenn es gewünscht würde, einen spanischen Tanz und etwas Kugelspiel aufführen. »Was meint die gnädige Frau dazu?« rief der alte General in der heitersten Laune. »Ganz einverstanden, General; machen wir uns den Spaß.« »Und Seine Erlaucht?« »O, was mich anbelangt,« gab der alte Graf Seefeld zur Antwort, »so nehme ich das Vorrecht meines Alters in Anspruch, um mich zurückzuziehen! Ich fürchte die Abendnebel, und wenn auch der Himmel glänzend klar ist, so wird es jedenfalls in Bälde kühl werden, aber was meine Frau anbelangt und Sie, General, so bitte ich Sie dringend, lassen Sie sich vorspielen und vortanzen. Isabella wird mir das heute Abend zu meiner Erheiterung erzählen. Adieu, General! Ich hoffe, Sie in den nächsten Tagen zu einer guten Jagd bei mir zu sehen. – Adieu, ma chère amie – bis später!« – »Den Wagen schließen,« befahl er alsdann, »und nach Hause fahren!« Während dieses kleinen Gespräches und bis darauf der Landauer fest verschlossen war und davonfuhr, hatte der junge Graf Seefeld ein paar seiner Husaren kommandiert, denen im Wagen beim Ausbreiten eines großen Teppichs sowie beim Herabnehmen der kleinen Leitern und der oben erwähnten Kugel behilflich zu sein. »Aber Musik fehlt uns,« sagte das junge Mädchen, »da die anderen, und besonders die Männer nicht bei uns sind.« »Nun, daran ist kein Mangel!« rief der General, der nähergetreten war und mit der Miene eines allerdings alten Kenners die reizende Gestalt und das frische, sinnliche Gesicht der schönen Zigeunerin betrachtete; doch sah er bei weitem nicht so viel, als sein Ordonnanzoffizier gesehen, denn die Esmeralda, wie sie dieser lachend genannt und dem Höchstkommandierenden vorgestellt, hatte ihren Anzug vollständig verbessert, auch ein rotes Tuch um ihr schwarzes, wellenförmiges Haar und eine goldgestickte Schärpe um ihre fein geformten Hüften geschlungen. »Es wäre in der That zu bedauern,« fuhr der General fort, indem er durch einen Wink den Kapellmeister der Musikbande zu sich heranrief, »wenn sechsunddreißig Mann Stabsmusiker nicht einmal dazu aufzuspielen vermöchten! He, mein Kind, was wünschen wir?« »Eine Cachucha.« »Also eine Cachucha, Herr Kapellmeister; Sie werden wissen, was eine Cachucha ist, obendrein einer meiner Lieblingstänze.« Und die Cachucha begann mit dem Lärm aller sechsunddreißig Instrumente, und die junge Zigeunerin fing an zu tanzen. Allerdings muß man dabei nicht den Maßstab einer Prima Ballerina anlegen, auch den unebenen Boden sowie das dämmernde Licht des scheidenden Tages in Abrechnung bringen. Wenn man aber so gerecht war, diesen verschiedenen Umständen Rücksicht zu tragen, so mußte man sich gestehen, daß das junge Mädchen ganz außerordentlich getanzt habe, leicht, graziös, und besonders das herausfordernde Schluß-Allegro mit einer ganz immensen Bravour. Diese Lobsprüche und Ausdrücke wurden wenigstens von den jungen Offizieren, die ringsumher standen, unter einem rasenden Beifallssturme und einer Menge von Bravos mit großer Sachkenntnis angewandt. Der junge Graf Seefeld hatte sich zu seinem eigenen Ergötzen und zu dem seiner Kameraden förmlich in den Impresario dieser kleinen Künstlerbande hineingelebt und in jeder Hinsicht für deren Bedürfnisse gesorgt. Er hatte ein paar Husaren zu den Ponies beordert, welche die hübschen Pferdchen, allerdings heimlicherweise, mit königlichem Hafer bewirteten, während sich die Alte seitwärts an einer Flasche Champagner und einer halben Wildpretpastete gütlich that. Auch die Frau im Wagen, die ihren Platz nicht verlassen hatte, nahm ein kleines Glas Wein sowie ein Stückchen Brot, alles andere lehnte sie dankend ab; da aber »nichts halb zu thun edler Geister Art ist«, so ließ der Husarenoffizier durch seinen Reitknecht ein halbes Dutzend gefüllter Flaschen, sowie was an Imbiß aller Art übrig geblieben war, in das Stroh des Wagens stopfen, wobei er immer noch Zeit hatte, jetzt, nach beendigter Cachucha, dem General mit der komischen Grandezza eines Cirkusstallmeisters zu melden, daß das Wunderkind nun die Ehre haben würde, seine Exerzitien auf der großen Kugel zu machen. »Ah, meine Herren, das Wunderkind!« rief der freundlich gelaunte Höchstkommandierende. »Geben Sie acht auf das Wunderkind!« Nun erschien das kleine Mädchen in weißen baumwollenen Tricots, roten Halbstiefelchen und einem blauen, eng anliegenden Jäckchen, um den Kopf und die dichten blonden Locken einen glänzenden Metallreifen. Wie alt mochte dieses Kind sein? Man konnte das unmöglich mit Sicherheit angeben; das blasse schmale Gesicht und die schönen großen Augen erschienen jünger als ihre Gestalt, die unter dem knapp anliegenden Leibchen schon die ersten zarten Spuren der beginnenden Entwickelung zeigten. Das arme Ding begrüßte die Versammlung auf jene graziös sein sollende Art, die besonders bei so armen Wesen durch ihre Unnatürlichkeit mehr unser Mitleid als unsere Freude zu erregen imstande ist; dann spielte die Musikbande eine rauschende Polka, und die Kleine machte, hoch oben auf der Kugel stehend, ihre uns wohlbekannten, aber hier ohne glatte Unterlage um so schwierigeren Kunststücke. Der Husarenoffizier war hinter den Wagen zu der Esmeralda getreten, und während er ihr ein schäumendes Glas Champagner darbot, von dem sie allerdings nur leicht nippte, fragte er mit leiser Stimme: »Und wo bleibt ihr heute abend?« »In einem Dorf«, das Zwingenberg heißt, mein schöner Offizier, nicht weit von hier.« – Wenn sie auch die Anrede »Mein schöner Offizier« mit einem freundlichen Gesichtsausdrucke sprach, so klang doch etwas wie Hohn oder Spott hindurch, wurde aber verwischt durch die nachfolgenden, in gleichgültigem Tone ausgesprochenen Worte: »Sie dort« – damit wandte sie den Kopf gegen die Alte hin – »kennt den Weg und das Dorf.« »Darf man dich dort aufsuchen?« »O nein! Dort sind die anderen und die Männer, es würde ein schlimmes Aufsehen geben! Was wolltet Ihr auch bei mir, einer armen Zigeunerdirne?« »Mir mein Goldstück von vorhin wiedersuchen,« flüsterte er ihr leise zu, »um es gegen zehn umzutauschen!« »O, ein Goldstück ist wie das andere, gnädiger Herr!« sagte sie, lachend die schönen weißen Zähne zeigend. »O nein, das da wäre, wenigstens für mich, unschätzbar! Es ist erwärmt von dem heißen Blute deines Herzens, deiner Brust.« »Glauben Sie das nicht,« sagte sie, einen Schritt zurücktretend; »ich habe kaltes Blut und kaltes Herz.« »Bravo, bravissimo!« tönte es drüben unter donnerndem Händeklatschen aus dem Kreise der Offiziere, und man vernahm die Stimme des Generals, der rief: »Das ist in der That ein Wunderkind! Allen Respekt, meine Herren, ähnliches habe ich noch nicht gesehen!« Das Wunderkind hatte, auf seiner Kugel stehend, diese mit einer unglaublichen Kraft und Behendigkeit im Kreise umhergetrieben und ließ sich nun, als sie in vollem Laufe war, sitzend auf dieselbe nieder, sie mit den kleinen Händen noch immer vorwärts treibend, wobei es aussah, als flöge die Kugel aus eigenem Antriebe noch ein paarmal im Kreise umher, um dem kleinen Geschöpfe Gelegenheit zu geben, sich für den gespendeten Beifall dankend zu verneigen. »Also nicht möglich, dich heute nacht in Zwingenberg zu sehen?« fragte der junge Husarenoffizier dringender. »Unmöglich.« »Und wohin geht ihr morgen?« »Ich weiß es nicht. Wir bleiben noch ein paar Tage in der Gegend, dann gehen wir nach der Residenz.« »Dort werde ich dich sicher finden,« flüsterte hastig der junge Offizier, denn er hörte drüben seinen Namen rufen, »vielleicht auch morgen oder übermorgen hier in der Gegend .... – Ich komme schon! Was gibt's denn?« Heiter lächelnd trat ihm der General entgegen. »Sie haben es alles vortrefflich arrangiert, und jetzt müssen Sie sich wahrhaftig noch der Mühe unterziehen, die Leute in meinem Namen zu belohnen! Darf ich bitten ....« – Er streckte seine Hand gegen den jungen Offizier aus, der aber, mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zurückweichend, sagte: »Wenn Sie es nicht ganz ungnädig aufnehmen würden, möchte ich wirklich ergebenst ersuchen, mir das im Namen meines Oheims zu überlassen. Wir sind auf seinem Grunde und Boden, und er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich seine werten Gäste auf diese Alt in Kontribution gesetzt hätte – niemals, Herr General.« »Streiten wir nicht darüber,« entgegnete dieser und ließ mit einer gewandten Handbewegung seine Börse in die Tasche seiner weiten Beinkleider zurückgleiten; »Ihr Herr Onkel ist ein zu vortrefflicher Mann und liebenswürdiger Wirt, als daß man nicht jede Rücksicht auf ihn nehmen sollte.« Die Gräfin Seefeld hatte dieser kleinen künstlerischen Vorstellung, besonders interessant durch die Improvisation und eigentümliche militärische Umgebung, unter dem klaren Herbstabendhimmel, an dem jetzt schon einzelne Sterne hervorsprangen, mit vielem Vergnügen scherzend und lächelnd zugeschaut, wobei sie dasaß wie eine Königin in ihrer Loge, von dem General, der sich meistens zu ihrer Rechten befand, aufs liebenswürdigste unterhalten und auf alles Bemerkenswerte aufmerksam gemacht, rückwärts umgeben von einem Halbkreise junger, glänzender Offiziere, von denen sich bald diese, bald jene der schönen Frau näherten oder vorstellen ließen. In einiger Entfernung hinter diesen befand sich ihr Stallmeister, ein großer schöner Mann, welcher, stets des Befehls seiner Herrin gewärtig, dieselbe auch hier und da nicht aus den Augen ließ, wenn er nach den Pferden blickte, die von den Reitknechten hinter der Baracke des Höchstkommandierenden auf und ab geführt wurden. Die Gräfin hatte es nicht unterlassen, das Wunderkind nach beendigter Vorstellung zu sich heranzurufen, um ihm ein kleines Goldstück zu geben und ihm ein paar freundliche Worte zu sagen. Es war ein merkwürdiges Kind, dieses kleine Mädchen, schlank und fein gebaut, mit einem allerdings blassen und eingefallenen, aber höchst edel geformten Gesichte. In seinem Wesen war eine auffallende Teilnahmlosigkeit an dieser doch für dasselbe ungewohnten Umgebung bemerkbar; mit dem gleichgültigsten Blicke schaute es die schöne Frau aus seinen großen klaren Augen an, wobei aber seine Blicke mehr auf das Reitkleid der Gräfin und deren Reitpeitsche, als auf das Gesicht derselben fielen. Als das Kind die Gabe in Empfang nahm, beugte es sich hinab, um das Kleid der Gräfin zu küssen, aber ganz mechanisch, mit einer eingelernten Bewegung, ohne daß sich auf seinem ruhigen Gesichte Teilnahme oder Freude blicken ließ; im Gegenteil, es schaute gleichgültig um sich her, wobei ein fast verächtliches Lächeln um seine Lippen flog. Jetzt erhob sich die Gräfin und sagte, dem General die Hand reichend: »Es ist wahrlich Zeit, daß ich nach Hause zurückkehre; wie rasch es in der letzten Viertelstunde dunkel geworden ist! Schade, daß ich nicht mit Muße dort das herrliche Bild dieser flackernden Wachtfeuer der lagernden Soldaten, kurz, dieses prachtvolle Durcheinander mit ansehen kann! Aber wenn auch unsere Wege nach Hause durchaus nicht unsicher sind, so möchte ich doch nicht gern zu tief in die Nacht hineinkommen.« »Wogegen ich mich glücklich schätzen würde,« gab der alte General galant zur Antwort, »Sie mit einer Schwadron Husaren selbst nach Hause zu eskortieren oder Freiwillige zu Ihrer Begleitung aufzurufen. Was meinen Sie, meine Herren?« Ein allgemeines Gemurmel, durch verschiedene Äußerungen, als: deliciös, charmant, süperbe, in der That unterhaltend! – veranlaßt, zeigte zur Genüge, daß ein solches Freiwilligencorps im Falle recht zahlreich werden würde; doch lehnte das die Gräfin dankend ab, und auf ihren Wink näherte sich nun der Stallmeister mit den Pferden, als sich mit einemmal das behagliche ruhige Bivouac mit den weithin leuchtenden Feuern, mit den plaudernden und singenden Soldatengruppen gänzlich veränderte. 10. Kapitel In welchem die schrecklichen Scenen geschildert werden, welche den Ueberfall eines Lagers zu begleiten pflegen. Während so, wie im vorigen Kapitel beschrieben, Scherz und Ernst in angenehmer Wechselwirkung die Einförmigkeit des Lagerlebens vertrieben, gingen und ritten Patrouillen zu den Vorposten hinaus, um für die Sicherheit des Bivouacs besorgt zu sein. Natürlicherweise bemerkte man auch nirgendwo etwas Verdächtiges, und die ins Lager heimkehrenden Kameraden hatten mit den draußen liegenden nicht nur vielleicht eine Flasche Wein gegen ein halbes Dutzend guter Cigarren ausgetauscht, sondern auch den Betreffenden gesagt: »Macht's euch bequem, so gut als möglich; die Alarmierung durch den feindlichen unvorhergesehenen Überfall wird nicht vor zwei bis drei Uhr stattfinden.« »Hol' der Teufel den Vorpostendienst!« hatte ein junger Lieutenant von den Dragonern geantwortet, der mit seinem Zuge jenseits der Chaussee ohne Feuer und Licht in einer Niederung lagerte. »Ihr treibt ja da unten ein wahres Luderleben! Mein Kamerad von der Infanterie daneben hat eine Schleichpatrouille hinabgeschickt und mir mitgeteilt, daß ihr da drunten Zigeunermädels tanzen laßt. Na, wenn der Alte hinter dem Berge davon eine Ahnung hätte, der würde euch die Suppe komisch versalzen!« »Lieber Freund, darüber sind wir vollkommen ruhig; bei so vortrefflichem Vorpostendienste, unter deiner schützenden Hand, können wir da drunten unbesorgt fortmachen und später ein wenig schlafen. – Also nichts Neues hier?« »Möchte wissen, was es hier Neues geben sollte – ein kühler Wind und ein schlechter Schnaps voilà tout! Der Kamerad von der Infanterie will allerdings soeben unten im Thale Fuhrwerk gehört haben; was wird es aber sein? Frachtfuhrleute oder Holzwagen! Ich habe zum Überflusse eine Patrouille vorgeschoben; mir scheint,« sagte der junge Dragoneroffizier, indem er die Hand wie einen Lichtschirm über die Augen hielt, »dort kommt sie zurück. – Den Teufel auch, das ist eine starke Patrouille, und wie die Kerls daherjagen!« »Höre, das Ding ist mir verdächtig, ich an deiner Stelle ließe zusammenblasen und aufsitzen.« »Was meinen Sie dazu, Wachtmeister Klingler?« rief der junge Dragonerofsizier. »Mit Verlaub zu sagen, Herr Lieutenant, mich soll der Teufel lotweise holen, wenn das nicht ein verdammter Überfall ist! Haben doch die Kerle Feldmützen auf! Blasen lassen und aufsitzen, Herr Lieutenant, wenn ich mir einen guten Rat erlauben darf, und zwar so rasch als möglich!« Nun hatte sich aber in diesem verhängnisvollen Augenblicke der betreffende Trompeter seitwärts in die Büsche geschlagen, und war dieser verfluchte Millionenhund nirgendwo zu finden. Auch fehlten Leute genug vom Zuge, die sich rückwärts geschlichen, um von der Höhe der Chaussee herab ein bißchen Musik zu hören. »Da sollen doch gleich zehntausend Kreuzdonnerwetter dreinschlagen!« rief der junge Offizier, indem er sich auf sein Pferd schwang, während der Wachtmeister es ebenso gemacht hatte, und die vorrätigen Leute sammelten sich so gut als möglich. »Was ist da zu thun?« »Für dich alles,« erwiderte lachend der andere Dragonerofsizier, indem er sein Pferd gegen das Bivouac herumwarf. »Du hast eine ganz immense Chance; natürlich erwartest du hier oben die Kavallerie, läßt dich zusammenhauen und stirbst den Heldentod, während ich hinunterreite, was die Pferde laufen können, um das Lager zu alarmieren. Auch ein Privatvergnügen.« »Meinetwegen!« rief ihm der andere halb verdrießlich, halb scherzhaft nach. »So will ich denn hier oben den Heldentod sterben – lebe wohl, Freund, zahle meine Schulden und grüße mir Lottchen!« Der andere jagte davon, was die Pferde laufen konnten, und als er auf der Höhe der Chaussee angekommen war, von wo er in das friedliche Lager hinabschauen konnte, wo so harmlos die Wachtfeuer loderten und wo die Musikbande gerade das idyllische, nervenberuhigende Lied spielte: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin – da schoß der Dragoneroffizier seine Pistolen in die Luft, und die Reiter machten es mit ihren Karabinern ebenso. Es traf dies aber mit dem Momente des Abschiednehmens zusammen, als die Gräfin von ihrem Pferde herab dem General die Hand reichte, welche dieser ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte, dann aber bei dem Krachen der Schüsse erschreckt zurückfuhr und, nach der Höhe blickend, sagte: »Da droben scheint ja der Teufel los zu sein, was hat's da gegeben?« Was es aber gegeben hatte, wurde im nächsten Augenblicke furchtbar klar, auch ohne die Meldung der im Carriere dahersausenden Dragoneroffiziere; denn oben auf der Landstraße, deren heller Streifen sowohl durch das Dunkel der Nacht leuchtete, als auch rechts und links auf den Anhöhen sich von dem immerhin noch glänzenden stahlfarbenen Himmel abhob, sah man ein Gemisch und Gewühl von Gestalten, die eine Zeitlang durcheinander wogten; dann leuchtete links ein scharfer, blitzender Strahl auf, dem der dumpfe Knall eines Geschützes folgte, gleich darauf ein zweiter Blitz, ein dritter, vierter, fünfter und sechster. »Das ist ja gegen alle Absprache und Kleiderordnung!« schrie der General, während seine Adjutanten und Ordonnanzoffiziere sich auf die Pferde geworfen hatten und die einzelnen Truppenteile alarmierten. »Wie kann man da in der gehörigen Verfassung sein, wenn ein vorher bekannt gemachter Überfall mehrere Stunden zu früh losbricht! »Entschuldigen Sie mich, gnädige Gräfin, ich muß diesen Banditen da oben rasch etwas Kavallerie entgegenwerfen. Meinetwegen sollen sie handgemein werden und diese naseweisen Artilleristen tüchtig um ihre langen Ohren karbatschen. Herr Oberst von Schwenkenberg,« rief er dem daherjagenden Kommandeur der Dragoner zu, »die Vorposten da oben sind von Ihrem Regimente, das müssen Sie untersuchen lassen und exemplarisch bestrafen! Hol' der Teufel diese Schlafmützenwirtschaft! Nehmen Sie aber jetzt Ihre sämtlichen Eskadronen zusammen und attaquieren Sie die Batterien da drüben! Ich werde Ihnen sogleich Infanterie nachschicken!« – Damit sprengte er, nach einem flüchtigen Gruße gegen die Gräfin, seiner Artillerie entgegen, die dem erhaltenen Befehle gemäß zurückjagte, um sich auf der gegenüberliegenden Höhe aufzustellen. Der Dragoneroberst von Schwenkenberg warf sein Pferd ergrimmt gegen den Regimentsadjutanten herum und schnauzte ihn an: »Welcher von den Windbeuteln hat uns da oben so vortrefflich bewacht? Ist das eine Wirtschaft, Herr Rittmeister von Blankenscheid! Da soll doch gleich ein Schock Schwernot dreinschlagen! Wer ist der Unglückliche? Doch kommen Sie, kommen Sie, daß wir rasch über sie herfahren. Wer ist dieses traurige Menschenkind?« »Lieutenant Graf Hörn,« antwortete der Adjutant, neben seinem Chef dahinjagend. »Er starb den Heldentod,« konnte sich der Dragoneroffizier, der die Patrouille geführt, nicht enthalten, einem Kameraden lachend zu sagen. »Friede seiner Asche.« »Und ein ehrliches Begräbnis beim Stabsprofoß.« Die schöne Gräfin hatte mit strahlenden Augen diesem prächtigen Wechsel der Scenerie zugeschaut und wie der glänzende Kreis der Offiziere so eilfertig nach allen Richtungen auseinander gestoben war. Mit leicht geöffneten Lippen horchte sie auf das Schmettern der Trompeten, auf das Wirbeln der Trommeln, auf den rollenden Kanonendonner, und dann, ohne sich um die fast ängstlich fragende Miene ihres Stallmeisters zu bekümmern, warf sie mit einem leichten Zungenschlage ihr Pferd herum und jagte den Dragonern nach, die jetzt in geschlossener Front gegen die Höhe avancierten. Daß die Zuschauer aus dem Civilstande, welche sich um die Baracke des Generals zusammengedrängt hatten, ebenfalls ihre verschiedenen Wagen und Pferde aufsuchten, und so auch der junge Burbus, der, um seine raschen Pferde bei dem allgemeinen Schießen besorgt, den kleinen Friedrich an der Hand mit sich fortzog und Erich zurief, sogleich nachzukommen, versteht sich von selbst. Der ehemalige Schulamtsgehilfe stand aber da wie angefesselt und sprachlos vor Entzücken über all das unsagbare Schöne, was sich rings um ihn her begab. Ja, so mußte es bei einem wirklichen Überfalle zugehen, bei einer echten und gerechten Schlacht, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß alsdann die Hiebe scharf fielen und die Geschütze und Gewehre ein klein wenig mit Kugeln geladen waren. Für einen so phantasiereichen Zuschauer aber bestand nicht einmal dieser kleine Unterschied, und er hätte es in dem Enthusiasmus, mit dem er rund um sich her nach allen Seite blickte, vielleicht nicht einmal bemerkt, wenn Kugeln rechts und links neben ihm einschlagend den Boden gefurcht hätten. Das nächtliche Gefecht hatte sich aber auch auf allen Seiten wunderbar entwickelt, und man konnte es wohl von keinem Punkte aus schöner betrachten, als hier in der Mitte des kleinen Thales aufblickend zu den Höhen rund umher, auf denen es nun überall hinüber und herüber krachte, daß es eine wahre Freude war. Und wie schön sich so eine einzelne Batterie und von dieser wieder jedes Geschütz ausnahm, jetzt eine dunkle Masse, dann gleich darauf beim Aufblitzen des Pulvers, freilich kaum eine Sekunde, die Kanoniere, Dämonen gleich, in dem hellen Lichte und dem weißqualmenden Rauche umherfahren zu sehen! Die Angreifer schienen indessen ein wenig zu voreilig oder mit zu kleiner Macht überfallen zu haben, und obgleich ihre Batterien auf der Höhe der Chaussee Schuß um Schuß thaten, so entwickelte sich doch nicht mehr Artillerie, während auf der anderen Seite nicht nur frische Batterien aufgefahren wurden, sondern die neu ankommenden auch vorgingen und jetzt in so bedenklicher Nähe über das Feld hinüber zu schießen begannen, daß Erich trotz allem Schönen, das ihn hier umgab, anfing, an seinen Rückzug zu denken. Schon wollte er querfeldein nach dem Wagen des jungen Forstmannes eilen, als er bemerkte, was er bis jetzt in der allgemeinen Lust übersehen, daß die Zigeunerweiber bei ihrem Ponywagen wie ratlos noch immer auf derselben Stelle hielten, und als er vernahm, daß eine heftig erregte Stimme in einer für ihn unverständlichen Sprache Vorstellungen, ja Vorwürfe zu machen schien. Er begriff die Lage dieser armen Leute und trat rasch näher, um ihnen seine Dienste anzubieten. Da stand das junge schöne Mädchen, das zu Anfang getanzt und welches die Offiziere Esmeralda genannt hatten, bebend vor Zorn neben den unruhig hin und her tretenden kleinen Pferden und sprach heftig, ja leidenschaftlich in das alte Weib hinein, die, eine Flasche in der Hand, mit einem stieren Lächeln, ja hin und her schwankend, um sich schaute. Aus dem Wagen heraus blickte das bleiche Gesicht einer kränklich aussehenden Frau, die mit dem Wunderkind redete, und zwar in deutscher Sprache, und ihm sagte: »Komm herein, Blanda, komm herein; sie reiten über dich hinweg, wenn du neben dem Wagen stehst, wogegen sie dem Fahrzeuge, das sie ja sehen müssen, ausweichen werden. Komm herein, Blanda, ich bitte dich!« Das Wunderkind aber blieb unbeweglich und ohne eine Antwort zu geben stehen, wobei es das wilde Schauspiel ringsumher wohl mit Interesse, aber auch mit einer großen Ruhe zu betrachten schien, einer Ruhe, welche vorteilhaft abstach gegen die immer heftiger werdenden Reden und Bewegungen der Esmeralda, die jetzt auf das alte Weib losfuhr und sie derb schüttelte, nachdem sie ihr die Flasche aus der Hand gerissen und weit in das Feld hineingeschleudert hatte. In diesem Augenblicke thaten die Ponies, die leinen Zügel mehr zu spüren schienen, einen Riß vorwärts und würden wahrscheinlich davongegangen sein, wenn Erich sich nicht gegen sie geworfen und sie festgehalten hätte. »Ah, mein schöner junger Herr,« rief das Zigeunermädchen weinend, »helfen Sie uns aus diesem Unglücke, helfen Sie armen Weibern, die schon längst in ihrem sicheren Lager wären, wenn man sie nicht aufgehalten hätte!« »Und wohin wollt ihr denn?« »Nach einem Orte, der Zwingenberg heißt und wo schon die anderen und die Männer sind. Wie sollen wir aber dahin kommen! Ich weiß weder Weg noch Steg und die Alte ist ganz betäubt von dem starken Weine, den man ihr gegeben!« »Viel Zeit ist allerdings nicht zu verlieren,« sagte Erich, indem er besorgt um sich blickte nach den Höhen, auf denen die befreundete Armee gestanden, wobei er bemerkte, daß die ganze Linie im Vorrücken gegen das Thal begriffen war. »Helft uns, schöner Herr, und der Himmel wird Euch dafür lohnen!« »So bringt vor allen Dingen die Alte in den Wagen, während ich das kleine Mädchen hinaufhebe. Komm, mein Kind,« sagte er zu diesem, »ihr seid in Gefahr, wenn ihr länger hier bleibt.« »O, ich fürchte mich durchaus nicht!« »Das ist wohl möglich, weil du die Gefahr nicht kennst; aber folge mir und laß dich in den Wagen heben.« »Meinetwegen!« Damit faßte Erich den seinen Körper des Kindes, hob es mit Leichtigkeit empor und legte es in die Arme der bleichen Frau, die ihm mit einem freundlichen Blicke dankte. Die Esmeralda hatte mit der Alten größere Mühe gehabt, um sie zum Einsteigen zu bringen, und dann fiel sie in das Stroh, welches auf dem Boden des Wagens lag, wo sie ruhig liegen blieb, während sich die junge Zigeunerin neben Erich setzte, der, die Zügel der Ponies haltend, einen Augenblick scharf vor sich hinspähte, welche Richtung am besten einzuschlagen sei. Auf der Chaussee fortzufahren, davon konnte gar keine Rede sein; also ins Feld hinaus. Glücklicherweise erinnerte er sich einer kleinen Brücke über den tiefen Chausseegraben, doch mußte er, um diese zu erreichen, eine gute Strecke gegen die Reihe der befreundeten Artillerie fahren, wodurch er so nahe an deren Linien kam, daß er nicht nur dadurch die Kommandoworte, sondern auch das Klirren der Geschirre und das Schnauben der Pferde deutlich hören konnte. Endlich hatte er die Brücke hinter sich und ließ nun die Ponies, welche ohnedies kaum zu halten waren, über das Feld dahinstreichen, wobei er sich bemühte, sie einen großen Bogen nach rechts beschreiben zu lassen, auf welche Art er sicher war, die Straße nach Zwingenberg wieder zu erreichen. Zu seiner Linken bemerkte er dichte Massen weit vorausgeschobener Infanterie, die auf das Kommando wartete, die vom Feinde besetzte Höhe zu erstürmen, und weiterhin stieß er beinahe auf einen Trupp Kürassiere, von wo ihm ein lautes, aber scherzhaft klingendes Halt zugerufen wurde. »Fliehende Weiber und Kinder!« gab er rasch besonnen zur Antwort, worauf die Stimme erwiderte: »Sollten eigentlich aufgehalten werden, besonders wenn sie hübsch sind!« – Doch hatte Erich in diesem Augenblicke seinen raschen, unruhigen Ponies tüchtig eins mit der Peitsche gegeben, und so flogen sie denn flüchtig über einen festen Wiesengrund dahin, jetzt eine kleine Anhöhe hinan, während alle mit Vergnügen bemerkten, wie nun der Lärm und das Schießen immer ferner und ferner hinter ihnen erklangen. Auch verlor der dunkle Abend jetzt sein Recht, denn drüben weit am Horizonte erhob sich die gelb leuchtende Scheibe des vollen Mondes, auf alles sein helles, mildes Licht ausgießend, und erleichterte es auf diese Art dem jungen Manne, um sich her zu spähen und die Gegend zu erkennen, wo er sich befand. Dank seiner Streifereien während des vergangenen Sommers fand er auch sogleich ein paar bekannte Punkte, vermittelst welcher er sich zurechtfinden konnte. Vor sich hatte er eine etwas holperige Halde, bei der er im Hinabfahren Baumstümpfe und einige Löcher vermeiden mußte; dann kam er unten auf einen Hohlweg, der auf einem nicht allzu großen Umwege wieder auf die Landstraße führte. Die junge Zigeunerin hatte bei dem vollen Lichte des Mondes verstohlen ihren Blick auf das Gesicht des jungen Mannes gerichtet, und schien sie der Ausdruck desselben vollkommen zu befriedigen; sie hüllte sich fröstelnd wieder fester in einen alten Teppich und lehnte nun, bei den heftigen Stößen des Wagens, als sie herabfuhren, ihren Körper gegen die Schulter Erichs, der ihr freundlich lächelnd sagte, sie solle sich durchaus keinen Zwang anthun und es sich so bequem als möglich machen; »sogleich,« setzte er hinzu, »haben wir auch besseren Weg.« »Und kommen wir dann nach Zwingenberg?« fragte die Esmeralda. »So Gott will, in einer starken Viertelstunde. Hier den Hohlweg hinauf müssen wir etwas langsam thun, von droben aber haben wir abwärts eine gute Landstraße. Wo soll ich Sie in Zwingenberg hinführen? In den Schwanen oder in die Traube?« – So hießen nämlich die beiden Wirtshäuser des kleinen Dorfes. Doch die Zigeunerin schüttelte lachend mit dem Kopfe und sagte: »Nichts Schwan und nichts Traube; wir haben unsere eigene Herberge, die viel schöner ist, namentlich in dieser herrlichen Nacht. Unten ein weicher, grüner Teppich, daneben wahrscheinlich ein murmelndes Wasser und über uns eine glänzende Decke mit Tausend und Tausenden von Sternen.« »Ah, jetzt verstehe ich,« antwortete Erich, »und ihre Beleuchtung ist das prächtige Mondlicht!« »Ja, das Mondlicht und die funkelnden Steine und das Leuchten der Feuer; aber nicht, wie die da hinter uns,« fuhr sie kopfschüttelnd fort, »umgeben von wilden Pferden und noch wilderen Soldaten, nein, friedlich sanft aufsteigende Feuer, um welche man sitzt und hineinschaut, und deren spielende Flammen uns erzählen von der fernen Heimat – ah, schön, ah, schön!« Da war die Landstraße, und Erich mußte still in sich hinein lächeln, als er nun, rasch abwärts fahrend, in kurzem den Meilenstein wieder erreichte, der jetzt den Zauberkreis eines Tages abschloß, in dem er das Unerhörteste und Interessanteste seines ganzen Lebens gesehen und erfahren. Und dazu noch die kleinen Lichtpunkte aus den Häusern von Zwingenberg! Ihm war es übrigens lieb, daß er weder bei dem »Schwan« noch bei der »Traube« vorzufahren brauchte, wäre doch diese Veränderung gar zu groß gewesen! Er, der heute morgen ausgezogen war, freilich als entlassener, aber immerhin ehrbarer Schulmeistergehilfe, im langen schwarzen Rocke, jetzt zurückkehrend in der Jägerjuppe und in Begleitung einer Zigeunerfamilie! Wohin nun aber mit diesen? Wo ihr Lager finden? Da war schon der Eingang des Dorfes; er sah seine Begleiterin fragend an, worauf diese, welche seinen Blick wohl verstand, ihm sagte: »Da links am Wege ist fließendes Wasser, und wo an demselben ein Wiesengrund ist, werden wir das Lager der Unsrigen finden.« Dazu war nun wohl der geeignetste Platz eine unfruchtbare Allmande, auf welcher Erich früher mit seinen Schulbuben exerziert, und als er, die Ponies dahin lenkend, eine Biegung des Weges am Ufer des Baches gewonnen hatte, sah er vor sich ein paar Feuer lodern, bei deren Erblicken die junge Zigeunerin freudig von ihrem Sitze emporfuhr und rasch einige Worte in den Wagen hineinrief. Erich fuhr in die Nähe des größten Feuers und war hier sogleich umringt von Männern, Weibern und Kindern, welche teils das Feuer verlassen und ihm rasch entgegengeeilt waren. – Ein eigentümliches Völkchen; wenn auch nicht so phantastisch und malerisch kostümiert, wie man es sonst in den Büchern schildert, oder wie wir es auf den Theatern zu sehen gewohnt sind, wich doch ihre Kleidung immerhin bedeutend von derjenigen der Einwohner Zwingenbergs ab, von denen der ehemalige Schulgehilfe gerade nicht zu seiner angenehmen Überraschung verschiedene in Trupps umherstehen sah, das Treiben der Zigeuner neugierig betrachtend. Ein großer, breitschulteriger Mann trat an den Wagen und hob, nachdem er die Zügel aus den Händen Erichs entgegengenommen, zuerst die Esmeralda herab, welche rasch und flüchtig in ihn hinein sprach, worauf sich seine finster« Züge etwas aufklärten. Dann warf er die Leinwanddecke des Wagens zurück, ließ einen gleichgültigen Blick über die fest schlafende Alte gleiten und reichte hierauf der bleichen Frau sorgsam seine beiden Hände, um ihr das Aufstehen zu erleichtern, hob sie alsdann wie eine Feder empor und setzte sie vorsichtig auf den Boden nieder. Blanda hatten ein paar jüngere Weiber zärtlich in ihre Arme genommen, trugen sie an das Feuer hin, setzten sie dort auf einen Haufen Decken und begannen ihr die kalt gewordenen Händchen und Füßchen zu reiben, was das kleine Mädchen mit großer Gleichgültigkeit geschehen ließ, ohne irgend welchen Dank dafür zu sagen. Das einzige Zeichen von Teilnahme gab sie dadurch, daß sie hier und da einem der Männer oder auch der Kinder flüchtig zunickte, die sich fragend und mit freundlichen Blicken um sie drängten. Erich hatte Mühe, sich der herzlichen Dankesbezeigungen der Esmeralda zu entziehen, sowie denen des breitschulterigen Mannes, der eine Art Autorität zu besitzen schien, wie auch den sanften Worten der blassen Frau, welche ihm beide Hände auf die Schultern legte und mit einem rührenden Ausdrucke ihrer sanften Stimme sagte: »Ich kann nichts für Sie thun, als den Himmel bitten, daß er auch Ihnen einmal einen treuen Führer senden möge, wenn Sie in Angst und Not sind!« Dabei war ihr bleiches, edles Gesicht vom hellen Mondlichte beschienen, und Erich sah jetzt an der auffallenden Ähnlichkeit zwischen ihr und der kleinen Blanda, daß sie ohne alle Frage die Mutter derselben sein müßte. Dann wollte er sich rasch in die Dunkelheit zurückziehen, als ein paar von den Kindern von dem Feuer herübergesprungen kamen und ihm schon von weitem zuriefen, er müsse zu Blanda kommen, die ihm auch ihren Dank sagen wolle. Nun dachte aber Erich, trotz seiner angeborenen Gutmütigkeit, es sei nicht weiter von dem Feuer zu ihm als umgekehrt, und wollte diese Dankesbezeigungen mit einemmal dadurch abmachen, daß er mit der Hand grüßend gegen das kleine Mädchen hinüberwinkte. Ehrlich gesagt, hatte er auch keine große Lust, sich dem hell flackernden Feuer zu nähern, da er dicht bei demselben Gestalten bemerkte, die nicht zu den Zigeunern zu gehören schienen, Bewohner des Dorfes, die von dem höchst seltsamen Schauspiele eines Zigeunerlagers herangelockt waren. Doch faßte die Esmeralda seine Hand und zog ihn fast mit Gewalt in den Schein des Feuers hinein, wo er allerdings einen Kreis von Zuschauern fand, den er am wenigsten erwartet. »Ha, ich verstehe!« hörte er eine dröhnende Stimme sagen, »das ist ganz so, wie wir in Büchern lesen oder auf dem Theater sehen. Ein Teil der Bande hat sich hier gelagert, die anderen eben heimkehren von ihren Gaukeleien, vielleicht auch vom Bettel. Siehst du, Selma, diese junge schöne Person könnte man füglich die Preciosa dieser Zigeuner nennen.« Alle Blicke richteten sich bei diesen Worten auf die junge, reizende Zigeunerin, die nun in ihrem phantastischen Kostüme voll von dem Feuer beleuchtet wurde und welche mit ihren Augen, ihrem schönen, ausdrucksvollen Gesichte und dem lächelnden Munde mit den weißen Zähnen allerdings eine prächtige Erscheinung bot. Wie verblaßt schien dagegen Selma, und wie erblaßte sie erst in Wirklichkeit, als sie nun den Begleiter jenes schönen jungen Mädchens erkannte, und zwar beim ersten Anblicke, trotz der grauen Juppe und seines Jägerhutes. »Ha – ich verstehe!« rief der Pfarrer und wollte gerade hinzusetzen: »Ganz Preciosa, denn da haben wir auch Don Alonzo!« Doch blieb ihm der letztere Name in der Kehle stecken, und statt dessen drangen die allerdings nicht christlichen Worte hervor: »Ei der Teufel, das ist ja Monsieur Erich!« Wer weiß, zu welchen Auseinandersetzungen es hier noch gekommen wäre, wenn es Selma nicht für gut befunden hätte, ihre Lippen aufeinander zu pressen und dann zu ihrem Vater zu sagen: »Laß uns gehen, Papa. Ich glaube nicht, daß es anständig ist, noch länger hier zu bleiben.« Auch wandte sie sich rasch nach diesen Worten ab, nicht aber, ohne vorher noch einen langen Blick auf den undankbaren Schulamtsgehilfen zu werfen, der jetzt so vorteilhaft aussah in der kleidsamen Jagdjuppe und dessen höchst moralische Gesinnungen sich nach Ablegung seines langen schwarzen Rockes so rasch und vollständig geändert zu haben schienen. – Pfui über diesen Heuchler! Blanda hatte sich rasch von ihrem Sitze am Feuer erhoben und trat nun auf Erich zu, wobei sie ihm sagte: »Ich danke dir, daß du so gut warst, uns hierher zu führen! Küsse mich, ich will dich nicht vergessen!« Dabei reichte sie mit ihren kleinen Händchen gegen seine Schulter hinauf, zog ihn rasch zu sich nieder und drückte einen Augenblick ihre feinen, kalten Lippen auf seinen Mund. – »Lebe wohl! Lebe wohl!« Von allem Danke, den er empfangen, hatte ihn keiner so bewegt, ja gerührt, als der des so teilnamlos scheinenden, finster blickenden kleinen Mädchens, und wenn er nun, rasch davoneilend, noch mehreremal zurückblickte, so that er das nur, um wiederholt dem Kinde freundlich zuzunicken, das, aufrecht am Feuer stehend, ihm nachschaute, bis er in der Dunkelheit verschwunden war. Er konnte das eigentümliche Bild lange nicht vergessen; das rötlich lodernde Feuer und daneben die lichte Gestalt des Kindes, dessen seines, edles Gesicht, hell vom Monde bestrahlt, so geisterhaft bleich, so ernst und traurig gewesen war. Gegen heute morgen gerechnet, brauchte Erich nicht viel Zeit, um die Mühle wiederzuerreichen; hatte er doch jetzt keine Veranlassung, sich unterwegs aufzuhalten, denn dort, wo am Morgen das Getümmel des Kampfes erschallte und die Linien der verschiedenen Truppenkörper hin und wieder zogen, lag jetzt eine stille, friedliche, vom Monde sanft beleuchtete Ebene. Auch drängte es ihn, zu den guten Leuten zu kommen, die ihn so freundlich aufgenommen, und sich vor allen Dingen bei Gottfried zu entschuldigen. Dieser aber empfing ihn lachend, unter der Thür der Mühle stehend, und er wußte schon um das Abenteuer des jungen Provisors. Natürlicherweise mußte dieser aber seine Erlebnisse in allen Einzelheiten dem Doktor Burbus mitteilen, der sich nicht wenig daran ergötzte, besonders an Erichs Zusammentreffen mit dem Pfarrer und mit Selma. »Daß aber damit,« sagte er, »der gründlichste Strich unter Ihre Schulamtscarriere gemacht worden ist, darauf können Sie in gemütlichster Weise Gift nehmen; denn er wird Sie dem hohen Kirchenkonvente darstellen als ein Kind nächtlicher Finsternis, als ein scheußliches Geschöpf der Nacht, welches nicht Wohlgefallen findet in dem Umgange gleich und herrlich gesinnter christlich evangelischer Seelen, sondern das sich behaglich fühlt im wüsten Gelage mit Heiden, Zigeunern und anderen Strolchen. Soll ich Sie bedauern, junger gewesener Provisor?« fuhr der Doktor nach einer Pause fort, während er ihn mit den hellen, klugen Augen durchdringend betrachtete. »Ich glaube kaum, daß das nötig ist. Wer so, wie Sie, schwärmerisch entzückt ist von einem Manöver, wie das heutige, wer mitten im feindlichen und freundlichen Kugelregen die aufopferndsten Kundschafterdienste leistet und dann mit fremden Pferden bei Nacht und Nebel eine Zigeunerbande durch Wald und Feld kutschiert, dessen Kopf und Hand sind am Ende auch noch zu anderem fähig, als den Haselstock zu führen und in einer dumpfen Stube zu verkümmern. Ja, mein Freund, es ist ein hartes Brot, das der Landschullehrer, besonders armer Gemeinden; wenn man auch noch so schöne Redensarten liest über die Verbesserung der Lage derselben, so wird man ihnen auch mit den kärglichen Zulagen, die man nach langen Debatten für sie herauspreßt, doch keine weichgebackenen Semmel vorzusetzen imstande sein. Diese Krankheit liegt tiefer und hängt gewissermaßen zusammen mit dem mehr oder minder starken Auftreten jenes Scharlachfiebers, das Sie heute morgen in der Gestalt eines Manövers beobachtet. Je höher die Wagschale des Staates dafür steigt, desto tiefer sinkt die der armen Landschullehrer mit Not und Elend gefüllt zur Erde. Jene verzehren die Mittel, mit denen von Staats wegen den Landschullehrern, diesen wichtigsten Beamten, das Leben wenigstens sorgenfrei gemacht werden sollte, und neben ihrer Armut in leiblicher Hinsicht wird ihre Stellung und ihr Ansehen noch viel mehr dadurch untergraben, daß sie gewissermaßen privilegierte Bettelleute sind; denn so sieht der in Geldsachen harte Bauer das Einkassieren des kärglichen Schulgeldes an und behandelt danach den Mann, der seinen ungezogenen Buben aus dem rauhen Klotze heraushauen und für sein ganzes Leben zuhobeln soll. »Ich sage Ihnen das nur,« sprach der alte Burbus weiter, nachdem er bedächtig sein Glas leer getrunken, »weil ich es für meine Pflicht halte und weil ich aus Ihren eigenen Worten weiß, daß ich dadurch in Ihnen keine Illusionen mehr zu zerstören imstande bin. Sagten Sie mir selbst doch schon öfter, wie sauer es Ihnen geworden, da unterzukriechen, und wie viel lieber Sie sich in die andere, scheinbar so – glänzende Lebensstellung geworfen hätten. Sie wissen wohl, was ich meine, das Militär. Schade, daß der gewisse Mephistopheles eines gewissen Goethe nicht auch Veranlassung nahm, dem wißbegierigen Schüler auch über dieses glänzende Elend ein kräftiges Wörtchen zu sagen, denn wir hätten dadurch wahrscheinlich eine wertvolle Vermehrung dieses geistreichen Katechismus erhalten.« »So lassen Sie mich wenigstens Ihre Ansicht darüber hören,« sagte der junge Mann; »o, Sie wissen nicht. Herr Doktor Burbus, wie gern ich Ihren kräftigen, für mich so verständlichen Worten lausche!« »Wenn Sie mich vollkommen verstehen, so soll mich das sehr freuen; doch wünsche ich auch insofern nicht mißverstanden zu werden, als beabsichtige ich in Ihnen eine Zuneigung oder Abneigung für diesen oder jenen Stand als solchen hervorzurufen. Das würde auch gar nichts nutzen, denn es gibt keinen größeren Schwindel, als den mir mit den Worten die ›Freiheit unseres Handelns und unseres Wollens‹ bezeichnen. Wir haben darüber durchaus keinen eigenen Willen, und wenn Sie später einmal in den Büchern des soeben von mir genannten gewissen Goethe lesen werden, was ich Ihnen seiner Zeit dringend anrate, so werden Sie in einem höchst klassischen Trauerspiele, Egmont, an eine Stelle kommen, welche heißt: ›Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Pferde wegzulenken.‹ Und diese Stelle sollte sich jeder als den ersten Grundsatz menschlicher Weisheit stets vor Augen halten; das, was wir Schicksal nennen, und was doch eigentlich nur Zufall ist, bestimmt über uns und unseren Lebensweg. Nehmen Sie sich vor, das Büchlein Ihres Daseins soll diesen oder jenen Weg durchlaufen, den Sie sich vorgezeichnet oder den gescheitere Leute, die ebensowenig in die Zukunft sehen können, Ihnen angewiesen, um da unten an einem gewissen Ziele anzukommen – Sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es tritt Ihnen auf einmal rechts eine Felsenwand entgegen, die Sie vollständig aus ihrer Bahn wirft, oder ein unvorhergesehener Abgrund, der Sie jäh in die Tiefe reißt, und wo Sie alsdann noch zufrieden sein können, wenn es Ihnen gelingt, einen Teil Ihres an Klippen zerschellten Lebens wieder mühsam zu ordnen. Sie erzählten mir von Ihrem Amtsnachfolger in Zwingenberg. Die Quart auf seiner Wange, das ist so ein Felsen, von dem ich vorhin sprach, der ihn aus seiner Bahn geworfen, und wir werden es noch erleben, daß er auch in Abgründe hineintaumelt, an die er vorher nicht gedacht. Sie selbst, mein junger Freund, wuchsen in dem Gedanken auf, ein braver Militär zu werden, wie es Ihr Vater gewesen, und bei Ihnen war Herr Schmelz mit seinem Orgelspiele der jähe Abhang, der Sie beinahe willenlos anstatt in die Kaserne nach Zwingenberg leitete. – Und wenn ich erst von mir selbst reden wollte, ich, der mit Verlaub zu sagen, in meiner Jugend ein lockerer Zeisig war, das, was man einen verdorbenen Studenten nennt, und der so weit von der Doktorpromotion entfernt war wie ein Kamel vom Seiltanzen! Wissen Sie, was mich wieder in die richtige Bahn zurückwarf? Ein menschliches Skelett. Sie können das ausführlich nachlesen in einem Buche unter dem Titel: »Handel und Wandel«, in welchem ein eigennütziger Freund verschiedene Druckbogen mit der Erzählung meines an sich sehr unbedeutenden Lebens ausfüllte. Doch das in Parenthese. Ich wollte nur noch sagen, daß, wer mir damals, als ich im Gefühle meiner ärztlichen Würde das erste Rezept schrieb, gesagt hätte, ich würde meine Tage als Müller beendigen, dem hätte ich unter die Nase gelacht, und wer weiß selbst jetzt noch, ob ich meine Tage hier beschließe oder nicht sonst wo als ein großes Tier noch viel von mir reden mache. »Doch Sie sind nachdenklich geworden, mein lieber Schulamtskandidat, trübe gestimmt; aber es lag durchaus nicht in meiner Absicht, Ihnen Ihre Zukunft als so ganz und bedingungslos durch den Zufall gelenkt darzustellen. Im Gegenteil, die Leitung liegt immerhin mehr oder minder in unserer Hand, nur sind wir von der Strömung des Lebens abhängig und können, wie gesagt, nichts thun, als .... Auch wollte ich Sie nur freundschaftlichst ersuchen, sich keinen allzu großen Kummer zu machen über das erste verfehlte Kapitel Ihres Lebensbuches, in welchem Sie ja mit redlichem Streben gearbeitet und aus welchem Sie ohne Ihre Schuld vielleicht in ganz andere Bahnen hineingedrängt werden. Ich kann mir wohl denken, welche Bahn das sein wird, und sollen Sie in mir dabei nach besten Kräften einen Beförderer finden.« Der alte Mann reichte bei diesen Worten Erich seine Rechte über den Tisch hinüber, welche dieser mit seinen beiden Händen ergriff und herzlich dankend drückte. »Morgen früh werde ich Sie meinem Gaste, dem Premierlieutenant in der Artillerie, vorstellen, den ich bestens für Sie eingenommen und der Ihren Kenntnissen ein bißchen auf den Zahn fühlen soll. Hält er Sie für befähigt, in die Brigadeschule aufgenommen zu werden, so wollen wir dafür sorgen, so viel als in unseren Kräften steht. Keinen Dank – um des Himmels willen, keinen Dank – ich kann es nun einmal nicht vertragen, und wenn ich feuchte Augen sehe, so werde ich grob! »Und nun wollen wir zu Bette.« {bild} 11. Kapitel Der Held unserer Geschichte thut die ersten Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. Die blaue Stube war eine recht hübsche Stube, und Erich lag behaglich in seinem warmen Bette; so gut hatte er es lange nicht gehabt, eigentlich nie. Und wenn er dabei an die Worte des alten Doktor Burbus dachte, so drückte er sein Gesicht mit einem seligen Gefühle in die Kissen. Dazu rauschten die Wasser des Mühlwehrs und erzählten so geheimnisvolle Dinge, denen die aufgeregten Sinne des jungen Menschen Farbe und Gestalt gaben. Auch vernahm er fort und fort das Drehen der schweren Mühlräder – denn die Werke gingen jetzt, vor Eintritt des Winters, beinahe unausgesetzt Tag und Nacht fort, um die großen Getreidevorräte bewältigen zu können – gleichförmig und einförmig, wie ein altes Wiegenlied, und dazu zitterte der Fußboden des kleinen Gemaches in so eigentümlicher Weise. Kein Wunder, daß er trotz der bunten Bilder alles dessen, was er heute erlebt hatte, bald in einen festen Schlaf verfiel und ebenfalls kein Wunder, daß er in diesem Schlafe Dinge träumte, die auch nicht im entferntesten Zusammenhange mit den Erlebnissen des heutigen Tages standen, wohl aber mit seiner Umgebung und dem, was ihm der Doktor von dem willkürlichen Laufe des Lebensstromes erzählt hatte; denn er hatte gewaltig viel mit stürzenden Wassern und milden Fluten zu thun, die er kämpfend durchschritt, in denselben schwer atmend, untersinkend, dann sich immer wieder empor arbeitend an die Oberfläche des wild bewegten Wassers und hinauf in das rosige Licht. Es waren ihm von den tollen, unbestimmten Gebilden keine Einzelheiten im Gedächtnis geblieben, nur des Endes seines Traumes erinnerte er sich noch nach Jahren mit großer Deutlichkeit: da ruhte er in einer behaglichen Ermüdung mit geschlossenen Augen in einem leise schaukelnden Nachen, und ein leichter Wind trieb ihn über die weite, leuchtende Fläche eines Sees. Auf einmal vernahm er auf allen Seiten ein seltsames Flüstern und Klingen, wie der Ton von Aeolsharfen oder wie das melodische Aneinanderschleifen schlanker Wasserbinsen, die vom Windhauche hin und her bewegt werden – dann stieß der Nachen ans Ufer, und trotz seiner geschlossenen Augenlider sah er das ernste, bleiche Gesicht der kleinen Blanda, sich über ihn beugend – aber nur im Traume – denn jetzt erwachte er in Wirklichkeit, um zu bemerken, daß er sich in seinem Bette befand, in der blauen Stube im Hause des Müllers Burbus, und daß das helle Tageslicht durch die Fenster hereinschien. Nach dem Frühstücke wurde er von dem Müller selbst zu dem verwundeten Offizier gefühlt, der in einem langen grünen Schlafrocke, eine Cigarre im Munde, mißmutig auf und ab ging. Er betrachtete einen Augenblick schweigend, mit finsterem Stirnrunzeln den jungen Menschen; dann sagte er: »Na, das sieht anständiger aus, als ich mir unter einem Schullehreramtskandidaten gedacht: hat auch frische Augen im Kopfe und stramme Glieder am Leibe. Wie alt?« »Sechzehn Jahre, Herr Premierlieutenant.« »Ihr Vater war Artillerieunteroffizier?« »Zu befehlen, Herr Premierlieutenant; Joachim Freiberg, bei der vierten Batterie siebenter Brigade, Herr Hauptmann Heinzelmann.« »Ich habe ihn gekannt, er ist mit Pension abgegangen. Und Sie wollen Soldat werden, vielleicht Offizier, und wissen nichts Gescheiteres mit Ihrem jungen Leben anzufangen?« »Schon mein Vater hatte den dringenden Wunsch, daß ich Soldat werden solle, und zwar bei der Artillerie, und auch ich habe dazu von jeher die lebhafteste Neigung empfunden.« »Wie viele junge Leute haben das nicht!« erwiderte der Artillerieoffizier achselzuckend; »ja, eine Uniform sieht gut aus, das glänzt, strahlt, rasselt und klirrt, und in den Büchern wird viel gelogen von dem lustigen, glücklichen, ungebundenen Soldatenleben. Na, was die Lustigkeit anbelangt, die wird Ihnen schon vergehen, nachdem Sie einmal ein halbes Jahr Kommißbrot gegessen; das Glück betreffend, so schauen Sie mich an, einen vierzigjährigen Premierlieutenant, der noch wenigstens acht Jahre zum Hauptmanne hat, und jetzt, nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit, vielleicht die Aussicht,« fuhr er unmutig fort, indem er seinen verwundeten Arm etwas in die Höhe hob, »mit zehn Thaler monatlicher Pension in den Ruhestand versetzt zu werden. Und nun gar das ungebundene Leben, das ist das sauerste Kapitel, und ich möchte wissen, woher die Ungebundenheit kommen sollte, wenn man der leibeigene Knecht von hundert Herren ist! Was so bei euch jungen Leuten für Ungebundenheit aussieht, das rangiert neben den unmutigen und widerspenstigen Bewegungen des jungen, frischen, eingefangenen Stieres, der sich eine Erleichterung zu verschaffen sucht, indem er sich trotzig gegen das Joch stemmt, das man ihm auferlegt. – Doch lassen wir es mit dieser Jeremiade genug sein, denn eine ähnliche hat bei mir nichts genutzt und wird bei Ihnen ebensowenig nutzen wie bei Tausenden Ihrer glückseligen Nachfolger. Gehen wir deshalb darüber hinweg und thun wir unserem freundlichen Hauswirte den Gefallen, ein bißchen nachzusehen, wie es mit Ihrem Wissen aussieht.« Das Resultat dieses ziemlich genauen Examens war nun kein allzu schlimmes, aber noch viel weniger ein allzu gutes. »Es könnte schon mit der Aufnahme gehen,« sagte später der Premierlieutenant zu Burbus, »wenn sie es mit der edlen Rechenkunst, in welcher der junge Mensch allerdings mangelhaft beschlagen ist, nicht zu genau nehmen. Haben Sie Bekannte?« »Nein, Herr Premierlieutenant; ich wüßte keine lebendige Seele, die Ursache hätte, sich meiner anzunehmen.« »Das hat auch sein Gutes, denn wenn einer anfänglich so durch Protektion fortgeschubt wird, so lernt er selten oder nie auf eigenen Füßen stehen. Etwas Vermögen?« »Noch weniger.« »Dann muß es verflucht wenig sein! Das ist schon schlimmer, und weiß ich nicht, ob es sich ohne alle Zulage auf der Schule thun wird. Sie haben allerdings Ihre einfache Löhnung, auch Brot und dergleichen; aber es gibt auch noch andere Bedürfnisse für junge Leute Ihres Alters, für die gesorgt sein muß, oder man fängt mit Schulden an, was in jeder Carriere schlimm ist, für einen Offizier geradezu trostlos.« »Nun, vielleicht ließe sich doch für ein erstes etwas Weniges zusammenbringen,« meinte der alte Müller gutmütig. »Sie sprachen mir doch von einer kleinen Verlassenschaft Ihres Vaters.« »Aber so klein,« erwiderte Erich achselzuckend, »daß wohl davon nichts mehr übrig sein wird, sobald ich die Reise nach meinem neuen Bestimmungsorte gemacht habe.« »Nun, das wird sich allenfalls finden,« sagte Burbus und setzte hinzu, indem er sein Gesicht stark gegen den Offizier wandte: »Vielleicht daß man dem Sohne eines braven, langgedienten Unteroffiziers eine kleine Zulage gibt.« Der Premierlieutenant wollte das ganz entschieden verneinen, doch verstand er noch zur rechten Zeit eine Grimasse, die der alte Müller schnitt, und sagte deshalb einlenkend: »Es ist das wohl nicht so leicht, als man denkt, aber unmöglich auch gerade nicht; man muß das Beste hoffen.« Erich schrieb über seinen neuen Plan an seinen alten Freund, Herrn Schmelzer, und als recht bald eine Antwort desselben einlief, scheute er sich fast, den Brief zu erbrechen, denn ihm ahnte der Inhalt. »Leider, daß es so gekommen ist,« schrieb denn auch der Schullehrer, »und wenn wir auch von allen Anschuldigungen des Herrn Pfarrers Wendler neunundneunzig Prozent abstreichen wollen, so bleibt doch immer noch so viel übrig, daß ich es unserem Pfarrer nicht übelnehmen konnte, daß er beim Durchlesen der Epistel förmlich seine Hände in Unschuld wusch und mich mit der Frage anging: ob ich auch jetzt noch geneigt sei, Häuser auf Dein Wohlverhalten zu bauen. Es ist nun allerdings stark, wenn man, anstatt die Kinder etwas Gutes zu lehren, Exerzierübungen mit ihnen treibt, was aber leider bei Dir im Blute steckt; daß man ferner die freundliche Aufnahme in einem höchst anständigen Hause, wie das des Herrn Pfarrers Wendler sein muß, mit Undank belohnt; daß man ferner einem neu einziehenden Schulmeister unziemliche Dinge über die Familie seines Seelsorgers und kirchlichen Vorgesetzten mitteilt; daß man nach erhaltenem Abschiede, statt reumütig um fernere Protektionen zu bitten, dem Soldatenspektakel nachläuft und schließlich mit den liederlichen Weibsbildern einer Zigeunerbande umhertreibt: das ist, wie gesagt, allerdings ein wenig zu stark, und wäre es Vermessenheit, ferner um eine ähnliche Stelle für Dich anzuhalten. Schade um die edle Musika, die unter den Trümmern und dem Schutte eines solchen Lebenswandels gewiß für immer und ewig tief begraben bleiben wird! Was kann ich sonst noch für Dich thun? Ich weiß es in der That nicht und halte es jetzt selbst für das beste, wenn Du den Versuch machst, irgendwo beim Militär anzukommen, zu welchem Zwecke ich Dir einliegend ein Taufzeugnis, Impfschein und Dein Konfirmationsattest beifüge. Solltest Du mir aus Deiner neuen Carriere Erfreuliches zu melden haben, so wird demselben allezeit ein freundliches Ohr leihen Dein ehemaliger Lehrer Lorenz Schmelzer.« Erich zeigte diesen Brief dem alten Müller, der ihm sagte: »Sehen Sie, das ist auch wieder eine solche Felsenecke, die Ihren. Lebenslauf aus der vorgezeichneten Bahn ablenkt; deshalb aber brauchen Sie nicht den Mut zu verlieren und den Kopf sinken zu lassen. Glauben Sie, hoffnungsvoller Zigeunerbeschützer, es wäre eigentlich langweilig, wenn sich unser Leben glatt abwickeln würde wie ein gut gedrehtes Garnknäuel; die Lasten, die der Magnet tragen muß, stärken seine Kraft, und nur die Berührung mit dem harten Schleifsteine schärft den Stahl. Ich habe alles das erfahren, ja, und noch Schlimmeres, und wer weiß, ob der Rest meines Lebens so sanft verfließen wird, wie es allerdings den Anschein hat, ob mein Dasein nicht noch kümmerlich versanden muß oder jämmerlich zerschellen an einem noch ungeahnten Felsensturze« Der Premierlieutenant, dessen Heilung erfreuliche Fortschritte machte, hatte es gern, wenn Erich ihn besuchte, mit ihm über dies und das plauderte oder ihm aus den Zeitungen oder auch aus Büchern vorlas. Er war ein ernster, schweigsamer Mann, an dem bittere Lebenserfahrungen stark gerüttelt hatten; doch liebte er es nicht, darüber zu reden, auch nicht über seine Militärcarriere und ebensowenig über die Zukunft des jungen Mannes, den er nicht ungern zu haben schien. Im geheimen aber hatte er an einen Freund geschrieben, der Lehrer an der Brigadeschule war und Erich von Nutzen sein konnte, hatte ihm die Verhältnisse desselben auseinandergesetzt, auch etwa den Grad von dessen Wissen angegeben, und legte nach wenigen Tagen ein nicht ungünstiges Resultat dieses Briefwechsels Erich vor, welcher daraus zu seiner großen Freude ersah, daß seine Aufnahme dort sich günstiger zu gestalten schien, als er in seinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt. »Mein lieber Freund!« schrieb der Oberfeuerwerker Doll an den Premierlieutenant Schramm. »Mit großem Leidwesen die Nachricht von Deiner Verwundung erhalten, wogegen mich sehr freue, daß Du Dich in so guter Pflege befindest. Kann Dir von meinem kärglichen Befinden, Gott sei Dank, nur das Beste mitteilen, beneide Dich aber trotz alledem um Deinen Aufenthalt, wie Du ihn mir geschildert – Waldeinsamkeit, herbstlich gefärbte Bäume, munter fließende Wasser und dergleichen. Sehne mich sehr nach Ähnlichem, um meinen Geist ein bißchen aufzufrischen und ihn gewaltsam hinauszuwerfen aus der geraden Linie, aus den stumpfen und spitzen Winkeln, aus den Halbkreisen und Spiralen, ja aus dem ganzen mathematischen Wirrwarr, in welchem ich ohne Erbarmen immer tiefer untergehe. Nächstens ist alles in dieser an sich so schönen Welt für mich nur noch da, um es zu vergleichen und zu berechnen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn man einmal bei der Sektion meines Schädels sämtliche Bossen des Gehirns zu lauter gleichseitigen Dreiecken ausgebildet fände. Was nun den jungen Menschen betrifft, von dem Du schreibst, so laß ihn nur kommen; Du schilderst ihn als eine frische Natürlichkeit, als ein offenes, gesundes, ehrliches Wesen, und das thut gut bei all dem Grobzeug, was sich zur Aufnahmeprüfung meldet, allerdings häufig vortreffliche Schulkenntnisse mitbringt, dagegen so wenig körperliche Anlagen zum Artilleristen hat als der Esel zum Lautenschlagen. Als Sohn eines ehemaligen brauen Unteroffiziers wird man ihm seine Aufnahme erleichtern, und was seine mangelhaften mathematischen Kenntnisse anbelangt, so bin ich der Mann dazu, ihm seinen Kopf in dieser Hinsicht zurecht zu stutzen. Glücklicherweise ist die Aufnahmeprüfung wegen baulicher Veränderungen in der Schule um vier Wochen hinausgeschoben worden; doch muß er spätestens bis 25. Oktober einrücken.« Erich fühlte sich jetzt viel glücklicher als damals, wo ihm durch sein Orgelspiel vor dem Pfarrer der Weg zur Schulamtskandidatur geebnet worden war. Ja, er fühlte sich wieder froh und frei wie in den Tagen seiner Jugend, wo er mehr draußen im Walde gewesen war als zu Hause in der engen Stube. Die ersten Tage, welche er auf der Mühle zubrachte, hatte er wenig Lust gezeigt, draußen mit Gottfried oder Friedrich umherzuschweifen, sondern viel lieber war er bei Johann gewesen, hatte dem emsigen Schaffen des Mühlwerks zugeschaut, und das gleichförmige Rauschen und Klappern der Räder, das Zittern des ganzen Werkes hatte für ihn etwas Sympathisches gehabt, und konnte er dabei besser träumen von der doch noch glücklichen Zukunft. Jetzt aber, wo sich so mit einemmal der Horizont derselben aufzuklären schien, da wunderte er sich fast, daß er lieber zwischen den Mauern des Hauses gesessen, als sich draußen bewegt hatte in der schönen Natur, die sich noch einmal aufs festlichste geschmückt zeigte, ehe sie an der Hand des Winters im Witwenschleier erschien, trauernd um den dahingegangenen frischrüstigen Herbst, oder um als Nonne im grauen oder weißen Bußkleide das Ableben des alten Jahres zu erwarten. Und welch prächtige Tage hatte man – wie frisch und erquickend morgens und abends, wie angenehm warm um die Mittagszeit, eine echte Nachsommerzeit mit all ihren Reizen, allerdings eine reife Schönheit, aber eine dankbare, fruchtspendende! Wie wohlig schwammen die weißen Sonnenfäden daher, lange, leuchtende Gespinste, und es war gerade, als bildeten sie den Anfang einer neuen Blütenperiode, denn wo sie sich um die roten und gelben Blättchen der Sträucher wickelten, da erschien es an den Zweigen derselben wie neu aufbrechende Knospen! Und wie eigentümlich klingt es zur Herbstzeit im Walde, hört man doch auf weite Entfernung den Schrei eines Raubvogels, den Schall der Axt, den Knall eines Schusses! Eines Tages fragte Gottfried Erich, ob er auch wohl wisse, was ein Gewehr für ein Ding sei, und als dieser mit einigem Selbstgefühl von den Streifereien erzählte, die er schon als Knabe mit den Söhnen des Försters ausgeführt, da gab ihm der junge Burbus eines seiner vortrefflichen Doppelgewehre in die Hand, auch Schrotbeutel und Pulverhorn, und ließ ihn wie im Exerzitium das Laden auf der Stelle, auch im Vor- und Zurückgehen durchmachen, ebenso wie auf ziemliche Entfernungen nach einem Blatte Papier oder nach einem in die Höhe geworfenen Hute schießen, und erst nachdem er sich von den Anlagen überzeugt, welche der junge Mensch auch für das edle Weidwerk hatte, nahm er ihn mit sich in den Wald hinaus, womit der alte Müller vollkommen einverstanden war, denn er meinte, das Aufsuchen und Ueberlisten des Wildes sei auch ein kleiner Krieg, allerdings mit weniger Gefahr verknüpft wie jener andere, und könne es einem angehenden Artilleristen durchaus nicht schaden, wenn er auch mit dem kleinen Feuergewehr sicher und vertraut sei. Nun wollen wir gerade nicht behaupten, daß Erich viel zur Bereicherung der Jagdbeute beigetragen hätte; auch betrieb er selbst während dem Jagen die Jägerei nur so nebenbei, und ihn ergötzte weit mehr das Hin- und Herziehen durch die Wälder, die prachtvolle Färbung und Beleuchtung derselben, der sonnig klare Herbsthimmel, das Leuchten der Sonnenstrahlen zwischen den gelben und roten Laubmassen und das Glitzern der klaren Bergwasser. Deshalb ging er auch so gern in Gottfrieds Gesellschaft, beim Pirschgang den Schweißhund an der Leine führend, oder mit ihm auf den Anstand bei sinkender Nacht, am liebsten aber beim Grauen des Morgens. Gab es doch auch wohl nichts Schöneres, als das allmähliche Erwachen der Natur im Spätherbste zu beobachten! Allerdings glich dieses Erwachen dem eines ernsten, sorgenvollen Mannes, wogegen man das des Frühlings mit dem ersten raschen Augenaufschlagen eines glücklichen, lebensfrohen Kindes vergleichen könnte, hier unter frischen, grünen Blättern, Blumen und Blüten, unter Amselsang und Lerchenschlag, während im Herbste das Erwachen nach der langen Nacht schwerer, langsamer vor sich geht, nicht ohne Kampf und Not mit den Nebeln, überall aus den Tiefen aufsteigend, jenen tückischen Gesellen, die, selbst wenn sie niedergebändigt werden, ihre Bosheit auszuüben wissen, indem sie von Haar und Bart der alten, grämlichen Baumriesen als schwere Wassertropfen herniederfallen. Wir stehen auf einer Waldhöhe; rings um uns her schauen wir auf die wellenförmigen, vielfarbigen Laubmassen mächtiger Bäume, zwischen denen dunkle Tannen und Fichten wie tiefe Schatten erscheinen, während blaugrüne Föhren und Kiefern so wohlthuend vermitteln zwischen dem grellen Gelb und dem leuchtenden Rot der Buchen und Eschen. Nicht weit von uns rauscht ein kleines Bergwasser der Niederung zu, das Geräusch unserer schleichenden Schritte verdeckend, während uns dort jene beiden mächtigen Eichen vor den Blicken des heranziehenden Edelwildes sicherstellen. Gehört haben wir es schon längst, als uns das aufdämmernde Tageslicht kaum erlaubte, die Kronen jener hohen Eichen vor uns zu unterscheiden; allerdings sind sie noch halb in Nebel gehüllt, der sich vom Boden empor wie ein aufwallender grauer Schleier durch die mächtigen Äste schlingt; auch hier ist dieser Nebel, vom Morgenwinde bewegt, wie ein kämpfender Riese anzusehen, der den Himmel stürmen will, um das freundliche Sonnenlicht von dort zu verdrängen. Und überall, wohin wir blicken, bemerken wir dergleichen kämpfende Nebelscharen, mit Macht aus den Thälern und Gründen aufwärts strebend, jetzt siegreich erscheinend und alles in dunstiges Grau hüllend, dann wieder zurückweichend vor dem schärferen Windhauche, niedergedrückt von der Gewalt der Sonne, wo dann plötzlich auf allen Seiten die leuchtenden Helmbüsche der kämpfenden Baumriesen sichtbar werden. Ja, wir hören schon lange das mächtige Schreien eines starken Hirsches, weithin dröhnende, trotzige Laute, kampfbereit und siegesgewiß. Endlich sehen wir ihn noch ziemlich fern von uns aus dem Dickicht hervortreten auf eine rings umschlossene Waldwiese, ruhig sich auf seinem Brunstplatze umschauend, lang gestreckt und mit hoch aufgehobenem Geweih, aus seinem stark gewölbten Halse immer und immer wieder seinen Schlachtruf erschallen lassend, wobei zugleich mit den tiefen Tönen der heiße Atem als eine leichte graue Dunstwolke in die frische, kalte Morgenluft hinausdringt und, von einem günstigen Winde in der Richtung gegen uns getrieben, noch eine Sekunde sichtbar bleibt. Wie klopft unser Herz, wenn er sich uns nähert, langsam und sicher vorwärts schreitend und nur zuweilen rasch und zornig den Kopf mit dem mächtigen Geweih herumwerfend, wenn es vielleicht ein Beihirsch oder gar ein lustiger Spießer gewagt, sich seitwärts durchs Gebüsch heranschleichend, der ihm anvertrauten Herde zu nahen, die, ruhig äsend, fortzieht! Vielleicht ist auch zuweilen ein kleiner Kampf erfolgt, wo man dann aus weiter Entfernung die dröhnenden Schläge der starken Stangen gegeneinander vernimmt. Doch ist dieser Kampf bald vorüber bei der ungleichen Kraft der beiden edlen Hirsche; der Platzhirsch hat sich schnell eines schwächeren Nebenbuhlers entledigt, und während der Besiegte zurück in das Dickicht flieht, läßt der Sieger ein neues und stärkeres Kampfgeschrei erschallen – armer, sieggekrönter Held, und doch wurdest du betrogen wie manch anderer mit weniger sichtbarem Geweih, denn während jenes heißen Kampfes von vorhin schlich sich jener lustige Spießer heran und naschte verbotene Früchte! Noch immer aber stand der Hirsch nicht schußgerecht vor dem lauernden Jäger, die Entfernung war zu groß, und wenn auch Gottfried seine Büchse erhoben hatte und den Lauf langsam hinabsinken ließ, so wagte er doch den Schuß von hier aus nicht, konnte sich aber nicht enthalten, Erich, der hinter ihm verborgen stand, zuzuflüstern, es wäre ein wahres Unglück, da zu fehlen oder unsicher zu schießen, denn dies sei der stärkste Sechzehnender meilenweit in der Umgegend, alle Jäger kennten ihn. Dem jungen Manne klopfte das Herz so gewaltig, daß er dessen Schläge zu hören glaubte, vielleicht war es aber auch das taktmäßige Herabtropfen des Nebels über seinem Haupte. Der Schweißhund saß regungslos vor ihm, mit seinen klugen Augen das langsame Vorschreiten des Hirsches betrachtend. Jetzt hatte sich dieser abermals genähert und stand nun da, mit hoch erhobenen Löchern suchend und windend, als finde er doch etwas Verdächtiges in seiner Umgebung. Hätte Erich auch rufen dürfen: »Schießen Sie!« – er hätte keinen Laut hervorgebracht, die Kehle war ihm wie zusammengeschnürt; doch war dies ja auch unnötig, der Lauf der Büchse senkte sich langsam und geräuschlos hinab. Kaum zwei Sekunden blieb Gottfried in festem Anschlage liegen, dann krachte der Schuß, und der Jäger machte, sich rasch unter den Pulverdampf bückend, ein Zeichen mit der Hand und rief: »Triumph; er hat gut gezeichnet!« – Erich hatte geglaubt, der Hirsch müsse im Feuer zusammenbrechen; doch that dieser einen mächtigen Riß vorwärts und brach dann, mit den Hinterläufen ausschlagend und prasselnd, mit zurückgelegtem Geweih in die Büsche, während seine Herde nach allen Richtungen auseinanderstob. »Er kommt nimmer weit,« rief Gottfried vergnügt, »und alles würde ganz vortrefflich gehen, wenn wir uns nicht zu nahe an der Grenze unseres Jagdreviers befänden! Folgen Sie mir mit dem Hunde so rasch als möglich!« Erich hatte aber Mühe, dem gewaltig vorwärts strebenden Tiere, obgleich es ihn fast an der Leine mit sich fort zog, nachzukommen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, wo der Hirsch angeschossen worden war, und hier ließ Gottfried den Hund los, der auch sogleich die Fährte des Hirsches aufnahm und bald darauf durch ein kurzes, scharfes Lautwerden ankündigte, daß er die Schweißspur gefunden habe. Beide eilten dem Hunde nach, so schnell sie konnten, den Hügel hinab, durch das Bett des Bergwassers, dann über eine Waldlichtung aufwärts. »Welches Glück, diesen Hirsch geschossen zu haben!« sagte der junge Forstmann im Dahinrennen, »und welches Unglück, das es gerade hier sein mußte!« »Sind wir so nahe an der Grenze?« »Verflucht nahe! Dort hinter jener Höhe liegt die Schlucht, von der Ihnen der Vater neulich erzählt; wenn er über die nicht hinausgekommen ist, so ist alles gut, finden wir ihn aber sehr weit im anderen Revier...« »So werden wir ihn doch wohl nicht liegen lassen!« rief Erich, den Jagd und Verfolgung aufs höchste erregt hatten, mit leuchtenden Augen. »Nicht gern, und wenn alles ruhig bleibt im Walde, wie es den Anschein hat, so kann es uns gelingen, ihn zurückzubringen; das heißt, wir beide allein sind dazu nicht imstande.« Da lag die Schlucht vor ihnen, doch war weit und breit kein Hirsch zu sehen, auch gab der Schweißhund nicht mehr Laut; wenigstens hörten sie nichts, als sie einen Augenblick stehen blieben. Das würde mich gerade nicht wunder nehmen,« bemerkte Gottfried; »der Packer ist so vortrefflich dressiert, daß er keinen unnötigen Ton von sich gibt, solange er weiß, daß ich ihm folge. – Doch horch, da haben wir ihn – hören Sie wohl? Ah, ich kann mir denken, wo er ist! Jenseits der Schlucht, dort, zwischen den mächtigen Buchen, die über das niedere Holz emporragen, ist ein See, dahin wird der verwundete Hirsch gegangen sein.« »Ist es sehr weit von hier?« »Weit genug für uns, wenn es heute morgen den Seefeldschen Jägern eingefallen ist, gerade dieses Revier abzusuchen; doch glaube ich das kaum, da sie gestern und vorgestern hier waren.« »Aber, nicht wahr, wir lassen den schönen Hirsch unter keiner Bedingung zurück?« fragte Erich dringend. »Freiwillig allerdings nicht!« erwiderte Gottfried lachend. Dann setzte er jubelnd hinzu: »Sehen Sie, wie recht ich hatte. Dort' schimmert der See, und da haben wir auch unseren Hirsch! Ah, wie begierig Packer sein Blut leckt und mit der Rute wedelt, aber schweigsam wie ein Trappist! O, es ist ein vortrefflicher Hund!« »Wo, wo? Ich sehe den Hirsch noch gar nicht!« »Dort neben der einzeln stehenden Birke; sieht allerdings aus wie ein großer Haufen dürrer Blätter.« »Ah ja, jetzt erkenne ich ihn, weil ich Packer sehe!« Gottfried hatte den abgeschossenen Lauf seiner Büchse wieder geladen, auch nach seinem Hirschfänger gesehen; doch erwies sich diese Vorsicht als unnötig. Der Hirsch, vortrefflich aufs Blatt geschossen, hatte verendet und lag ausgestreckt da, die starke Stange rückwärts gebogen, ein gewaltig stattliches Tier. »Bravo, Packer, bravo,« sagte der junge Forstmann, indem er leicht den Kopf des Hundes pätschelte, »so weit wären wir allerdings gekommen mit der Hilfe von Sankt Hubertus, aber was nun weiter?« – Er lauschte in den Wald hinein, der aber feierlich still rings um sie her lag. Man vernahm nichts als den scharfen Schrei eines Habichts und immer noch das Herabtropfen des Nebels auf die dürren Blätter, welche den Boden bedeckten. – »Glücklicherweise ist es noch früh, sieben Uhr. Ich möchte den Hirsch gern bis zu unserer Zurückkunft mit Laub bedecken, fürchte mich aber, Geräusch zu machen.« »Sie haben doch ein unleugbares Recht auf den Hirsch, den Sie in Ihrem Revier geschossen, wenn er auch erst hier über der Grenze niedergefallen ist.« »Allerdings würden, mir freundliche und wohlgesinnte Nachbarn dieses Recht ebensowenig bestreiten als ich, ihnen in gleichem Falle; doch leben wir ja in einer harten Fehde mit den Seefeldschen, auf deren Grund und Boden wir uns gerade befinden.« »Und wenn einige von ihren Jägern kämen, ehe wir den Hirsch fortgebracht hätten?« »So hätten wir erstens nicht mehr nötig, ihn fortzubringen, da sie ihn unfehlbar nehmen; obendrein würden dabei so bissige Redensarten fallen, daß weniger heißes Blut als das meinige dazu gehörte, um dabei ruhig zu bleibe». Wir können nichts thun, als nach Hause zurückkehren und Leute holen, um ihn wegzubringen.« »Und ihn ganz allein hier liegen lassen?« fragte Erich kopfschüttelnd. »Ohne alle Gefahr, ein Einzelner, ja zwei, drei tragen ihn nicht fort, und wenn ihrer mehrere kämen, um sich seiner zu bemächtigen, wäre das nur in dem vorhin erwähnten Falle. Wenn wir recht drauf losschreiten, so können wir in einer kleinen Stunde wieder zurück sein.« »So lassen Sie mich wenigstens hier,« bat der junge Mensch; »es könnten ja auch Wilderer oder sonst Leute kommen, die ihn ruhig liegen ließen, wenn man ihnen den Sachverhalt auseinandersetzt! Oder soll ich für Sie nach der Mühle zurückkehren, denn ich kann mir in der That nicht denken, daß Sie den schönen Hirsch hier ohne Bewachung zurücklassen wollen?« Gottfried dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Es ist am Ende wahr, weshalb soll ich Sie mit nach Hause sprengen und wieder hierher! Noch viel weniger kann ich Sie aber allein zurücksenden, da Sie den nächsten Weg nicht finden würden. Bleiben Sie also. Aber eines müssen Sie mir versprechen: sich nicht auf dieser Stelle hier aufzuhalten, sondern mit mir bis an den Rand der Schlucht nahe bei unserer Grenze zurückzukehren und da zu bleiben. Sie haben dort diesen Platz hier im Auge, und es würde sich doch nur darum handeln können, im schlimmsten Falle zu erfahren, wer den Hirsch gefunden und weggebracht hätte. Enthalten Sie sich aber aller und jeder Einmischung, selbst wenn ein einzelner Seefeldscher Jäger kommen und den Hirsch auf seine Schultern laden sollte!« setzte er lachend hinzu. Damit ließ er Erich am Rande der Schlucht stehen und verschwand, abwärts springend, mit seinem Hunde im Dickicht. Erich nahm seinen Auftrag von der wichtigsten Seite, schulterte sein Gewehr und spazierte, wie eine Schildwache auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Jagdbeute warf. »Prächtig wäre es,« dachte er dabei, »wenn sich noch so ein unvorsichtiger Hirsch heranschleichen würde und wir mit zweien nach Hause zurückkämen!« Doch war der Tag schon zu weit vorgeschritten, um noch an so etwas denken zu können. Glänzender Sonnenschein leuchtete schon über dem herbstlichen Walde und man hörte näher und ferner, hier und da etwas vom Geräusche des Tagesverkehrs, das Knarren eines Holzwagens, die Schläge einer Axt. Im übrigen war es ringsumher unter den hohen Bäumen still wie in einer einsamen Kirche, und Erich fühlte sich feierlich von der Idee des Alleinseins angeweht. Drüben auf der anderen Seite der Schlucht stand der Baum mit dem mächtigen Z T , von dem der Müller Burbus erzählt, frei mitten in einer kleinen Lichtung und zeigte so seine schöne Form und stattliche Größe. Heute aber, wo die prächtige Linde rings um sich her auf den Boden verstreut hatte die farbigen Gewänder ihres heiteren Sommerlebens, erschien sie mit den nackten, gen Himmel emporgestreckten Aesten wie eine trauernde Witwe, alles Schmuckes, alles eitlen Tandes entkleidet – horch, was war das? Regte sich dort nicht etwas hinter ihm, war es ein scheues Wild, ein Hase, ein Fuchs, das durch die dürren Blätter am Boden sprang, vielleicht ein herabfallender dürrer Ast, oder hatte er sich geirrt? Letzteres war nicht denkbar, denn er hatte das Geräusch zu deutlich gehört, doch war dasselbe wohl aus einer der oben erwähnten unschuldigen Ursachen herzuleiten. Erich blickte scharf und spähend in dem Halbkreise seines Horizontes, der sich von der einen Seite der Schlucht bis zu der andern erstreckte, jeden Gegenstand der Reihe nach an, ob er irgend etwas Verdächtiges zu entdecken imstande sei, doch bemerkte er nichts. Was ihm allein auffallend erschien, war dort der Schatten einer starken Buche, der am Boden einen Anwuchs zeigte, von dem an dem glatten Stamme nichts zu sehen war. Auch schien es ihm, als mache dieser Auswuchs jetzt eine kleine Bewegung – seltsam! Gar zu weit war er von jener Stelle nicht entfernt, und so beschloß er, die Ursache dieses beweglichen Schattens zu erfahren. Er nahm sein Gewehr schußbereit vor sich, die Läufe in die Höhe haltend, und näherte sich jenem Baume, wobei er um diesen herum einen etwas weiten Bogen beschrieb. Schon war er ziemlich nahe, als er bemerkte, daß sich jener Schatten allerdings nun auf eine auffallende Art bewegte, doch hatte er keine Zeit, länger dorthin zu schauen, da etwas Anderes und Ueberraschenderes plötzlich seine Aufmerksamkeit in Ausspruch nahm. Neben dem Baume nämlich löste sich ein langer, schmaler, dunkler Gegenstand ab, und ehe Erich noch Zeit zu überlegen hatte, blickte er auf nicht zwanzig Schritte Distanz in die Mündungen eines Doppelgewehrs, das in einer höchst verdächtigen Richtung nach seiner Brust angeschlagen war. Zugleich aber schob sich auch ein menschlicher Körper neben der Buche hervor, und eine rauhe, harte Stimme rief ihm entgegen: »Bürschlein, wenn dir dein Leben lieb ist, so lege augenblicklich dein Gewehr an den Boden! Ich sage eins, zwei, und wenn ich ohne Erfolg weiter zähle, hast du meine Kugel im Hirnkasten!« Was sollte Erich thun? Statt aller Antwort auf jenen schießen, der sich indessen sehr geschickt durch den dicken Stamm der Buche zu decken verstand? Er würde das nicht gethan haben, auch wenn er überzeugt gewesen wäre, daß er es mit einem Wilderer zu thun hätte. Was gingen ihn Wilddiebe auf der Seefeldschen Jagd an! Ueberdies schien es nur ein Einzelner zu sein, und es konnte nicht lange dauern, bis Gottfried mit den Leuten zurückkam. Man wird aus diesen Gründen begreiflich finden und es dem jungen Menschen nicht als Feigheit auslegen, daß er sein Gewehr bei Fuß nahm und den Unbekannten aufforderte, hinter seiner Buche hervorzukommen und sich über seine Gewaltthat näher zu erklären. Wir glauben kaum, daß ein alter, gewandter Schütze es in ähnlichem Falle anders gemacht hätte, denn Erich stand förmlich ungedeckt und war im höchsten Grade überrascht, während jener ihn wie ein Stück Wild hatte ruhig herankommen lassen. Der trat nun auch sogleich hinter der Buche hervor, ein großer, starker Mann, und war kein Wilderer, sondern seinem Aeußern nach, und wie sich auch sogleich herausstellte, einer der Seefeldschen Jäger. »So, so,« sagte er, den jungen Menschen mit finstern Blicken von oben bis unten messend, »das pirscht so ohne weiteres in unserem Revier herum, vielleicht ohne viel zu erlangen, kann aber doch Schaden genug thun und muß bestraft werden. Gib dein Gewehr ab, Bürschlein!« »Mit welchem Rechte verlangen Sie mein Gewehr?« »Zuerst mit dem Rechte des Stärkeren, weil ich dich sonst, ohne einen Schuß zu thun, mit meinem Gewehrkolben niederschlagen würde, und dann auch, weil es als gräflicher Revierförster meine verdammte Schuldigkeit ist, so junge Taugenichtse unschädlich zu machen!« »Gut,« sagte Erich nach einem bittern Kampfe und nachdem er rasch einen Blick auf die andere Seite der Schlucht geworfen, wo sich indessen noch nichts sehen ließ, »ich gebe der Gewalt nach, die allerdings auf Eurer Seite ist, auch wenn Ihr nicht gräflicher Revierförster wäret. Hier ist mein Gewehr – und was nun weiter?« »Das wird sich auf dem Schlosse finden, wohin Du mich zu begleiten hast.« »Ich habe nichts auf Eurem Schlosse zu thun.« »O, das glaube ich wohl! – Ruhig, Pluto!« rief der Jäger seinem Hunde zu, den er, an einen Riemen gekoppelt, bei sich hatte, indem er den unruhig zur Seite Drängenden heftig zurückriß, »ruhig! Was hat das Vieh?« – Dann wandte er sich wieder gegen Erich: »Man wird aber Euch ersuchen, sich über dieses Herumstreichen auf unserem Reviere auszuweisen.« »Das ist leicht geschehen; es wird wohl kein so großes Verbrechen sein, wenn man beim Spaziergange Eure Waldungen überschreitet.« »Bei einem Spaziergange!« lachte der Revierförster höhnisch. »Mit schußbereitem Gewehr und gespanntem Hahn vorwärts schleichend, das nennst du wohl einen Spaziergang! Na, komm nur, das wird sich alles finden – nicht dorthin, Pluto! Möchte doch wissen, was die Bestie auf den See erpicht ist, kann unmöglich durstig sein. Ah, das ist über den Spaß, reißt mich der Hund doch beinahe über den Haufen und windet in der Luft, als wenn es da etwas ganz Absonderliches gäbe! – Vorwärts, Bursche,« rief er Erich zu, »dort in der Richtung des Sees, und wenn du mir Miene machst, nebenaus zu springen, so fliegt dir eine Kugel nach, darauf kannst du dich verlassen, oder Pluto reißt dich nieder, den wir zu aller Vorsicht loslassen wollen!« Der Hund benutzte aber seine Freiheit augenblicklich in ausgedehntem Maße, indem er mit gewaltigen Sätzen dem kleinen See zueilte und in der Nähe desselben bei dem verendeten Hirsche heftig Laut gab. »Ah, da haben wir die Bescherung!« sagte der Jäger, mit einem raschen, sicheren Blicke die Wunde des Tieres betrachtend, worauf er seine grauen Augen mit einem Ausdrucke der Ueberraschung, ja des Staunens auf den jungen Menschen richtete und und dann dessen Gewehrläufe betrachtete. – »Habe ich doch einen Augenblick gedacht, das hättest du besorgt; da hat aber eine ganz andere Büchse gearbeitet als das Ding da! Hm,« machte er, plötzlich ernst werdend, wobei er vorsichtig rings um sich her spähte, »sollte diese Büchse wohl noch irgendwo in der Nähe sein?« »Möglich,« gab Erich trocken zur Antwort und setzte unüberlegt hinzu: »Wäre auch vielleicht imstande, sich ein anderes Ziel auszusuchen, wenn Ihr mich nötigen wollt, mit Euch zu gehen.« »In des Himmels Namen,« warf der Förster rasch hin, »doch soll dir deine Drohung schlecht bekommen, Bürschlein, darauf kannst du dich verlassen! Aber nun mach', daß du vorwärts kommst, dorthin, jenem Waldwege zu, und so rasch dich deine Beine tragen, wenn du nicht meinen Ladstock verspüren willst!« – Er warf einen verdrießlichen Blick auf die Gestalt des Sechzehnenders und brummte alsdann seufzend in den Bart: »Der hätte mir ein paar Dukaten eingetragen, wenn ihn der junge gnädige Herr oder einer der Gäste geschossen hätte, und jetzt muß ich ihn so schmählich im Stiche lassen; aber wartet nur, Canaillen!« – Damit schüttelte er seine geballte Faust nach der Richtung der alten Linde hin, auf deren Stamm ein leuchtender Sonnenstrahl gar deutlich das ausdrucksvolle Z T zeigte. 12. Kapitel Worin wir die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn machen, welcher den größten Teil des Tages in seinem Bette zubringt. Die Besitzung des Grafen Seefeld, wohin wir den geneigten Leser dem Laufe dieser wahren Erzählung nach hinführen müssen, die Waldburg, rechtfertigte ihren Namen insofern, als dieses Schloß am südlichen Ende ausgedehnter, stundenlanger Waldungen lag und hier zwar auf einer Anhöhe, allerdings mit beziehungsweise beschränkter Aussicht, aber mit einem Blicke auf ein liebliches Thal, welches von einem kleinen Flusse durchströmt wurde und das nur dort, wo es sich muldenförmig öffnete, den Blicken erlaubte, eine Fernsicht zu ahnen, die man indessen schon vom ersten Stockwerke des Schlosses in einer entzückenden Weise, und zwar über die niedrigen Höhen jenes Thales hinweg, genoß. Dort hatte man ein weites und reiches Panorama vor sich, Waldstrecken, Fruchtfelder, Wiesen in schöner Abwechselung, und fern am Horizonte eine lange Kette gewaltiger Bergriesen, von denen ein paar der höchsten beinahe während des ganzen Sommers mit Schnee bedeckt waren. Man wird sich nach dieser schwachen Schilderung gestehen müssen, daß die Lage des Waldschlosses umsichtig und mit großem Geschmacks gewählt war. Unten in den Anlagen vor demselben befand man sich sozusagen in einem engen gemütlichen Familienkreise von grünen Bergwänden, prächtigen Waldbäumen, murmelnden Wasser; wollte man aber in die Welt hinaus, so brauchte man nur eine Treppe hoch zu steigen und hatte alsdann in der weit ausgedehnten Landschaft einen möglichst großen Spielraum für Phantasie und Träume. Wenn nun auch das Schloß in seiner heutigen Gestalt und Umgebung ein Werk des jetzigen Besitzers war, des Herrn Christian Kurt Grafen von Seefeld-Waldburg, so war er doch nicht der glückliche Auffinder der Stelle gewesen, auf der es stand, sondern diese war schon zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts von frommen Klosterbrüdern zur Erbauung eines kleinen Kirchleins mit bescheidener Wohnung benutzt worden. Aus dem Kirchlein war aber im Laufe der Zeit eine Kirche geworden und aus dem bescheidenen Hause ein reich dotiertes, prachtvolles Kloster, welches von dem Vater des Christian Kurt mit Tausenden von Morgen an Fruchtfeldern und Wiesen und den schönsten Waldungen zu jener Zeit, als man die aufgehobenen Klöster, oft mit wenig Rücksicht auf die Kunst- und litterarischen Schätze, förmlich zu verschleudern pflegte, beziehungsweise um einen beispiellos billigen Preis gekauft worden war. Ein anderer Gewinn, auf den der Rentmeister des Grafen allerdings im Interesse seines Herrn bei diesem Kaufe spekuliert, hatte sich indessen nicht verwirklicht: die bedeutenden Klosterschätze an reichen Juwelen und kostbaren Gefäßen in Gold und Silber nämlich, welche bei Aufhebung des Klosters durch die betreffenden Kommissarien spurlos verschwanden; doch man war hier berechtigt, einen Unglücksfall der natürlichsten Art anzunehmen, da seine Kollegen, welche mit ihm die Beschlaglegung ausführten, aufs glaubwürdigste die Versicherung abgaben, daß der Betreffende ohne irgend welches Gepäck, oder sonst auffallend mit etwas beladen zu sein, das Kloster wie zu einem Spaziergange verlassen habe und weder mehr zurückgekehrt sei, noch sonst irgend etwas von sich habe hören lassen. Der Käufer hatte Kloster und Güter verpachtet, und erst dem Sohne blieb es vorbehalten, die Besitzung so umzuändern und herzustellen, wie sie sich jetzt befand, und man mußte gestehen, daß er das auf seine Art mit vielem Geschmacke sowie unter Anwendung großer Mittel gethan. Herr Christian Kurt war in die Armee eingetreten, um dort, wie er dachte, nur kurze Zeit zu seinem Vergnügen zu dienen; doch hatte ihn jene gewaltige Zeit der französischen Kriege begreiflicherweise nicht losgelassen, und er hätte wohl die ganze Partie, wie so mancher andere, bis zum Schach und Matt mit ausspielen müssen, wenn ihn nicht schon in einer der ersten Schlachten der Hieb eines Kürassiers vom Militärdienste, beinahe aber auch von allen Leiden und Freuden des irdischen Daseins befreit hätte. Doch hatte der Graf eine vortrefflich fundamentierte Gesundheit und erholte sich, allerdings nach längerer Zeit, wieder so weit, daß er größere Reisen unternehmen konnte, besonders nach dem damals ruhigeren England, wo er hauptsächlich die Landsitze des reichen Adels und das Leben auf denselben studierte, um später, voll von den Eindrücken dieser vortrefflichen Einrichtungen, nach der Heimat zurückzukehren und sich hier mit Eifer der Herstellung und Umänderung des ehemaligen Klosters nach den gesammelten Vorbildern zu widmen. Da er keine Kosten sparte und zu sparen brauchte, so brachte er denn auch mit Hilfe geschickter Architekten und Gärtner, wie schon oben bemerkt, etwas Schönes zustande, und wer hierher kam unter der Erinnerung des ehemaligen Klosters oder sich unter dem Namen Waldburg ein altes, ernstes, feudales Gebäude vorstellte, der fand sich gewaltig enttäuscht, wenn er hier ein weitläufiges, helles, freundliches Schloß fand, das mit seinen gewaltigen vier Flügeln eine allerliebste poetische Kirche gleichsam einrahmte, und wenn er schon eine Stunde vorher, sich von der Seite der uralten Wälder nähernd, gleichsam ohne Übergang in einen unermeßlichen Park trat, von breiten Kieswegen durchschlungen, mit festem, schönem Rasen, auf dem zahlreiche Viehherden weideten, und wo sich auch an den Grenzen Rudel von Edelwild und Rehen sehen ließen. Die höher liegenden Wassermassen der ausgedehnten Forsten waren aufs beste und geschickteste benutzt, bald hier und da Seen und Teiche bildend oder sanft geschlungene Bäche, deren ganzer Wasserreichtum dann später gesammelt von der einen Seite des Schlosses als reicher Wasserfall zwischen malerisch geformten Felswänden herabstürzte gegen Thal und Fluß zu, von denen wir oben sprachen. Noch gab es auch unterirdische Wasserleitungen zum Berieseln und Bespritzen der großen Wiesenstücke, die sich von dem Schlosse gegen den Abhang zu nach allen Seiten ausdehnten und deren reiche Wassermasse in einem der seitwärts zierlich angelegten Gärten hinter dem großen Palmenhause als Fontaine, wie es von solcher Höhe und Stärke keine zweite im Lande gab, emporsprang. Dabei war es eine Lust, zu sehen, wie das alles hier, allerdings von zahlreichen Händen, nicht nur in bester Ordnung erhalten wurde, sondern auch Jahr um Jahr Verschönerungen und Verbesserungen angebracht, wo dies nur eben möglich war, und behielt der alte Graf trotz seiner hohen Jahre und seiner Kränklichkeit die Leitung dieser seiner Lieblingsschöpfung fest in der Hand. Da es ihm zu mühsam war, häufig in dem Parke und den Gärten anordnend umherzufahren, so hatte er sich ein Plankabinet einrichten lassen, wo das Schloß mit seiner Umgebung en relief aufs genaueste dargestellt war, und hier verbrachte er manche Stunde, wobei er rings um das ganze Terrain auf einem Rollstuhle umherfuhr und mit seinem Sekretär Anordnungen und Verbesserungen besprach, die er mit einem langen Stocke, den er in der Hand hielt, auf der betreffenden Stelle und gewöhnlich mit großer Sachkenntnis und vielem Geschmacke angab. Der Sekretär hieß Herr Renaud, war der Sohn französischer Eltern, hatte Jurisprudenz studiert, dann Architektur und Gärtnerei getrieben und war ein schöner Mann von vierzig Jahren, von vielem Geiste, vielen Talenten und, wie schon oben bemerkt, von außerordentlichen Kenntnissen; dabei aber wollen wir gestehen, daß er sich Kenntnisse so verschiedener Art nicht ohne Absicht angeeignet, sondern in Voraussicht einer ähnlichen Stelle, wie er sie jetzt bei dem Herrn Christian Kurt nun schon seit Jahren ausfüllte. Der Vater des Sekretärs war bereits ein allerdings untergeordneter Beamter in dem gräflichen Schlosse gewesen und hatte mit der Erziehung seines talentvollen Sohnes aufs glücklichste spekuliert. Herr Renaud, oder Herr von Renaud, wie ihn die Bedienten selbst vor dem alten Grafen zu nennen pflegten, war in jeder Hinsicht die rechte Hand, das Faktotum desselben. Seine juristischen Kenntnisse befähigten ihn vollkommen zur Verwaltung des ungeheuren Vermögens, und sein Wissen in Betreff der kleinen Liebhabereien des alten Grafen machte es ihm leicht, sich auch hier aufs nützlichste zu beweisen, und da er nebenbei die große Kunst besaß, dem Herrn Christian Kurt entweder seine eigenen Gedanken zu soufflieren oder sich auch, wenn es sein mußte, stets mit heiterer Miene in alle Wünsche desselben scheinbar hineinzufinden, um alsdann auf Umwegen doch wieder zur Ausführung seines ursprünglichen Planes zu gelangen, so konnte man wohl sagen, daß die Macht des Herrn Renaud nicht unter, ja kaum neben der seines Herrn stand, ja daß er in diesem vornehmen und reichen Haushalte allmächtig war. Ob er das Vertrauen seines Herrn in irgend einer Weise mißbrauchte, wer konnte das wissen! Die Welt war natürlicherweise davon überzeugt, so wenig Veranlassung er auch zu all den Gerüchten über ihn gab. Daß Herr Renaud vortrefflich gestellt war, verstand sich wohl von selbst. Er bewohnte ein hübsches Appartement, wo sich auch seine Kanzlei befand, er hatte Pferd und Wagen zu seiner Verfügung, und würde wahrscheinlich auch mit der gräflichen Familie gespeist haben, wenn zu gewöhnlichen Zeiten überhaupt eine Familientafel auf dem Schlosse stattgefunden hätte. Diese aber stand der Lebensweise des alten Grafen, die er schon seit mehreren Jahren angenommen hatte, hindernd im Wege; Herr Christian Kurt hatte einst in einem medizinischen Werke gelesen, daß einem geschwächten Körper in vorgerückten Jahren nichts so zuträglich sei als unbedingte Ruhe, langes Schlafen und die Vermeidung aller geistigen Aufregung, weshalb er denn besonders bei nur einigermaßen kühler Witterung die meiste Zeit selbst des Tages in seinem Bette zubrachte, wo er indessen begreiflicherweise weder durch Besuche noch durch Berichte und Nachrichten irgend welcher unangenehmen Art gestört sein wollte. Hier hatte allein Herr Renaud Zutritt, auf den sich der Graf in dem, was unangenehme Nachrichten anbetraf, fest verlassen konnte, keine dergleichen von seinem Sekretär zu erhalten, sondern nur Berichte angenehmer oder heiterer Art. Wir wissen bereits, daß sich der Herr Graf Christian Kurt – so hörte er sich am liebsten nennen, wie auch bei wirklichen Souveränen der Geschlechtsname nicht unbedingt nachgesetzt zu werden braucht und wie sich auch die hohen geistlichen Würdenträger bescheiden mit ihrem Vornamen hinter ihrem betreffenden Titel begnügen – vor nicht allzu langer Zeit verheiratet halte, und zwar zum erstenmal in wirklich offizieller Weise. Allerdings hatte man vor langen, langen Jahren unter anderen ähnlichen und wichtigeren Geschichten von einem Verhältnisse gemurmelt, das erst nach einem Eheversprechen, ja erst nach einer wirklich geschlossenen Verbindung habe zustande kommen wollen; doch erfuhr man nie etwas Bestimmtes darüber, und schon seit Jahren, wo alle die, welche allerdings mit Sicherheit darum wissen konnten, diese schlimme Welt mit einer besseren vertauscht hatten, sprach und dachte niemand an das Gerede von damals, an jene Verbindung, welche, wenn sie in der That existiert, doch ohne alle Folgen geblieben sein mußte. Wir haben auch bereits erfahren, aus welchem Grunde der alte Graf bei so vorgerückten Jahren zur Vermählung mit seiner Nichte geschritten war, und müssen hinzufügen, daß der oben genannte Grund der einzige war und blieb und nichts in dem schon früher bestandenen kindlichen Verhältnisse der schönen jungen Gräfin zu ihrem schwachen, kränklichen Onkel geändert hatte, ja er pflegte darüber gegen alle Freunde zu scherzen und sagte: »Ich bin wie einer jener fabelhaften Drachen, welche das eigentlich undankbare Geschäft besorgen, kostbare Schätze für andere zu hüten.« Daß die Gräfin das unbestrittene Recht hatte, ihren Gemahl zu jeder Stunde des Tages zu sehen, versteht sich von selbst. Doch machte sie von diesem Rechte, da sie die Eigenheiten des Herrn Grafen Christian Kurt kannte, einen so mäßigen Gebrauch, daß Monate vergehen konnten, ehe sie ihn anders sah als abends acht Uhr, während seines Diners, welches er gleich nach dem Aufstehen einzunehmen pflegte. Ausnahmen, wie die im vorigen Kapitel beschriebenen, waren äußerst selten, und da hatte er sich zu dieser Extravaganz nur verleiten lassen, um dem kommandierenden Brigadegeneral, einem seiner Bekannten aus früherer Zeit, sowie dem hohen Vorgesetzten seines Neffen eine unerhörte Artigkeit zu bezeigen. Wir wollen damit nicht behaupten, daß er diesen Neffen zärtlich geliebt habe, doch trug dieser nun einmal den Namen Seefeld-Waldburg und war, wie schon gesagt, aus der legitimen Ehe seines einzigen jüngeren Bruders entsprossen, und zwar aus einer Ehe desselben mit der Fürstin Werdenstein, welche sehr viele Ahnen, aber sehr wenig Vermögen aufzuweisen hatte. Es ist nachmittags gegen vier Uhr, und Herr Christan Kurt, der, in seinem langen und breiten Bette ruhend, noch immer mit einer ungewöhnlichen Müdigkeit infolge jenes Manövertages zu kämpfen hatte und welcher, mit Ausnahme eines gegen Mittag eingenommenen sehr leichten Frühstücks, heute noch kein Lebenszeichen von sich gegeben, ließ jetzt eine silberne Glocke, die er durch einen höchst sinnreichen Mechanismus beinahe mit der Leichtigkeit des Gedankens bewegen konnte, dreimal anschlagen, worauf sich geräuschlos die Thür des Vorzimmers öffnete und der Kammerdiener des Grafen unhörbar in das Schlafzimmer trat. Von diesem Kammerdiener ist nur zu sagen, daß er ein wahrer Künstler in seinem Geschäfte, daß er nebst freier Station ein Gehalt von tausend Thalern hatte, das ihm auch später als Pension zugesichert war, daß er sich durch gelegentliche reiche Geschenke auf das Dreifache dieses Gehaltes stellte und daß er selbst das Ansehen eines vornehmen Mannes hatte. Sagte doch Herr Christian Kurt lachend von ihm, daß er, der Graf nämlich, auf seinen Reisen nach der Residenz oder von dort hierher zurück sich stets in acht nehmen müsse, um von Leuten nicht umgerannt zu werden, welche sich beeilten, seinem Kammerdiener ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Derselbe hieß mit seinem Vornamen Benjamin, welchen Namen aber der Graf, als von zu alttestamentlichem Anklänge sowie auch der Bequemlichkeit halber, in Ben verwandelt hatte. Ben also war in das Schlafzimmer getreten und wandte sich hier gegen das einzige hohe und breite Fenster dieses Gemaches, vor welchem ein Toilettentisch von einer fast unglaublichen Größe stand. Derselbe hatte vorn einen halbrunden Ausschnitt, so daß jemand, der vor demselben saß, all die unzähligen, unglaublichen und unbegreiflichen Gegenstände in Gold, Silber, Elfenbein und Schildkröte, womit dieser Toilettentisch bedeckt war, wie eine Ausstellung beinahe rings um sich her hatte. Man hätte in der That glauben können, es mit einer Ausstellung oder mit einem Warenlager zu thun zu haben, das hier zur Auswahl hergerichtet worden sei, denn da waren alle uns bekannten Toilettengegenstände, als Bürsten, Scheren, Kämme, gleich dutzendweise vorhanden, wobei allerdings immer ein Exemplar oft durch eine kaum merkliche Nuance von dem anderen verschieden war. Daneben sah man auch Gegenstände von eigentümlicher Form, deren Bestimmung ein Uneingeweihter sich nicht klar zu machen vermochte, die aber alle höchst notwendig waren, um das zu erreichen, was ein gewöhnlicher Mensch mit einem Kamme, einer Zahnbürste und höchstens mit einer Nagelfeile zu vollbringen pflegt. Im Bette regte sich indessen durchaus nichts, auch war dort nichts sichtbar als ein Paar geschlossene Augen, eine knöcherne Nase und ein faltiger Mund, alles Übrige war bedeckt teils durch eine seidene Nachtmütze, teils durch die schwellenden Kissen, in denen der Kopf des Grafen versunken lag, sowie durch eine weiche Decke von feinstem Kaschmir, die ihm bis unter das Kinn reichte. Ben hatte ein Batisttuch stark mit Eau de Cologne beträufelt, und während er damit leicht die Stirn des Grafen betupft, nachdem er die Nachtmütze sanft entfernt, sagte er mit leiser Stimme und in dem Tone, mit dem jemand eine auswendig gelernte Lektion wiederholt: »Das Wetter ist mild, zehn Grad Wärme, der Boden etwas feucht vom Nebel, den ein angenehmer Sonnenschein herabgedrückt« – worauf er, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder an den Toilettentisch zurückging, dort eine kleine goldene Dose holte, dieselbe aufschraubte und dem Grafen darreichte, nachdem er von dessen Armen und Händen die leichte Tibetdecke entfernt, unter welchen nun ein weiches, gestepptes Bettcouvert von amarantfarbener Seide zum Vorschein kam. Der Graf nahm aus der kleinen goldenen Dose ein paar stark und angenehm riechende Pastillen, die er in seinen Mund steckte und dann, die Augen öffnend, seinen Kammerdiener fragend anschaute. »Es ist heute Montag, Erlaucht, der sechzehnte Oktober, die Herren sind zur Jagd in den Wald geritten, die gnädige Gräfin haben sie zu Wagen eine kleine Strecke begleitet. Gemeinschaftliches Diner um acht Uhr in der großen Halle, wie Ew. Durchlaucht gestern befohlen haben.« »Gut, Ben, ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden.« »Befehlen Ew. Durchlaucht, mit der Toilette fortzufahren?« »Ja, Ben, aber ohne Übereilung, wenn ich Sie höflich bitten darf.« Wir müssen hier beifügen, daß letztere Redensarten täglich zwischen Herrn und Diener gewechselt wurden, und gewiß sehr unnötigerweise, denn die Art, wie der Kammerdiener bei der Toilette verfuhr, war die unglaublich langsamste. Das Bett des Grafen hatte eine mechanische Vorrichtung, um ihn in eine halb liegende, halb sitzende Stellung zu erheben, und sobald dies geschehen war, ließ Ben durch einen Zug die schweren Seidenvorhänge rings um das Bett herabfallen, so ein kleines, besonderes Bettgemach in dem Vorzimmer bildend, eine gewiß nicht unnötige Vorsorge, denn jetzt erschien, ohne gerufen zu sein, ein kleiner Lakai an der Thüre des Vorzimmers, der in seinen Händen eine silberne Schale voll lauwarmen Wassers trug und sich erst nach einiger Zeit, auf ein Zeichen des Kammerdieners, dem Bette bis auf wenige Schritte näherte. Welche Mysterien Ben unterdessen besorgt hatte, erfahren wir dadurch, daß er ein äußerst kostbares Rasierzeug wieder auf den Toilettentisch zurücktrug, und alsdann wieder, nachdem er duftenden Kräuteressig in das warme Wasser der silbernen Schale geträufelt, mit diesem hinter den Vorhängen verschwand, zugleich mit dem kleinen Lakaien, der in das Vorzimmer zurückeilte. Als sich aber nun kurz darauf die Bettvorhänge wieder öffneten, mußte man sich gestehen, daß die Toilette des Herrn Christian Kult einen bedeutenden Fortschritt gemacht hatte, denn derselbe saß jetzt fast aufrecht da, allerdings durch Kissen unterstützt, in einen blausamtenen Schlafrock gehüllt, und blickte mit geöffneten Augen in einen kleinen silbernen Handspiegel, welchen ihm Ben in die Hand gegeben hatte, woraus dieser alsdann an das wichtige Geschäft ging, mit den verschiedenen Gerätschaften, mit Pomaden und Kosmetik das graue spärliche Haar Sr. Erlaucht zu ordnen. Und abermals wurden hierauf die Zeltvorhänge nicht nur zurückgezogen, sondern auch dergestalt drapiert, daß sie eine Scheidewand bildeten zwischen dem Oberkörper des Herrn Christian Kurt und dessen Füßen, worauf der kleine Lakai ebenso rasch und ungerufen wieder erschien und jetzt in das Allergeheimste zugelassen wurde, um die Füße Sr. Durchlaucht mit stärkendem kölnischen Wasser zu waschen und alsdann die Fußsohlen desselben sanft mit wollenen Tüchern zu reiben, natürlicherweise unter spezieller Leitung des Kammerdieners. Ein weiterer Fortschritt der Toilette geschah jetzt wieder unsichtbar für die ganze übrige Welt, den kleinen Lakaien mit inbegriffen, und als sich danach die Vorhänge zum drittenmal öffneten, ruhte Herr Christian Kurt auch unten, mit weichen Pantoffeln und sanften Morgenkleidern bedeckt, auf seinem breiten Bette; auch gab er jetzt schon Lebenszeichen höheren Grades von sich, indem er mit dem Kopfe nickte und seine Augen auf das große Fenster richtete, dessen letzte Verhüllung nun von dem Kammerdiener weggezogen und so dem vollen, glänzenden Tageslichte Einlaß gestattet wurde. Die Vorbereitungen, welche von Ben jetzt getroffen wurden, hätten auf ein zweites Frühstück Sr. Erlaucht schließen lassen können; er schob einen Tisch, wie ihn Schwerkranke zu gebrauchen pflegen, quer über das Bett hin und bedeckte ihn mit einem feinen Tuche. Doch war das, was er auf demselben jetzt servierte, nicht auf die oben angedeutete Art zu gebrauchen, denn es war eine Menge kleiner Stahlscheren, Feilen verschiedener Größe und Stärke sowie in der Art, wie sie die Bildhauer zum Modellieren gebrauchen, aber sehr en miniature, und nachdem er alsdann einen Spiegel vermittelst einer Vorrichtung an dem Bette so befestigt, daß Se. Erlaucht, den Kopf nach der Wand gekehrt, bequem hineinschauen konnte, ging er nach der Thür des Vorzimmers, die er alsdann weit öffnete und den Herrn Renaud eintreten ließ, der sich nun dem Bette näherte, um sich hier auf ein Kopfnicken des Grafen in einen Stuhl niederzulassen. Während nun der Geschäftsmann in ruhigem Tone seinen täglichen Bericht erstattete, widmete sich Herr Christian Kurt dem wichtigen Geschäfte, seine Fingernägel vermittelst sämtlicher angedeuteten Werkzeuge aufs sorgfältigste zu behandeln – eine Arbeit, welche gewöhnlich ebenso lange dauerte als der Vortrag des Herrn Renaud. Dieser betraf nun bedeutende und unbedeutende Einkäufe und Korrespondenzen; doch mochte das Vorgetragene auch noch so wichtig sein, so brachte es der Sekretär so ruhig und leidenschaftslos vor, ja, die schwierigsten Punkte mit solcher Gewandtheit behandelnd, daß Se. Erlaucht damit weiter keine Mühe hatte, als höchstens beistimmend mit dem Kopfe zu nicken. Dabei schaute er aber nie Herrn Renaud selbst an, sondern nur zuweilen dessen Bild im Spiegel, und alsdann mit offenbarer Befriedigung, wenn er gewahrte, daß der Sekretär durchaus keine Miene machte, durch einen forschenden Blick im Gesichte seines Herrn lesen zu wollen, was ihm unbequem gewesen wäre. »Anordnungen Ew. Erlaucht in betreff der neuen Regulierung des Wasserfalles auf der Südseite des Schlosses sind pünktlich ausgeführt worden, und können sich der Herr Graf später im Plankabinett überzeugen, wie hübsch sich die kleine Brücke macht, welche oberhalb des Sturzes von einem Felsen zum andern geschlagen wurde. Es ist das eine sehr zweckmäßige Verbesserung, und Ihre Erlaucht die Frau Gräfin schienen entzückt zu sein, jetzt auf diese Art inmitten des brausenden und schäumenden Wassers stehen zu können.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete Graf Seefeld, »und bin so begierig auf diese Änderung, daß ich mir vielleicht erlauben werde, dieselbe in Wirklichkeit in Augenschein zu nehmen. Es muß ja heute ein prachtvoller Herbsttag sein?« »Unbeschreiblich schön, Erlaucht! Und dabei so angenehm warm, daß Sie sich mit Behagen im Freien bewegen werden – zu Wagen, Herr Graf?« »Natürlich, mein lieber Renaud. Ich weiß wohl,« setzte er lächelnd hinzu, »Sie möchten mich hier und da zu kleinen Spaziergängen verführen; aber es thut sich nicht mehr, gewiß, es thut sich nicht mehr. Hat mich doch neulich das Einsteigen in den Wagen und Rütteln auf diesen holprigen Feldern so arg mitgenommen, daß ich es heute noch in meinen Beinen spüre.« »Aber die Brücke werden Ew. Erlaucht doch betreten wollen?« »Will sehen, ob es sich thun läßt,« »Bis dahin sind die Gäste Ew. Erlaucht von der Jagd zurück, und es wäre erfreulich, wenn man Ew. Erlaucht so rüstig daherschreiten sähe.« »Ah, eine kleine Komödie, mein Lieber! Man soll in der Residenz wohl sagen: was ist das noch für ein verfluchter Kerl, der alte, siebenzigjährige Graf Christian Kurt, manövriert da in Feldern und Wäldern umher und klettert auf Wasserfälle! Haben wir vielleicht Hintergedanken, mein lieber Herr Renaud! Wollen am Ende meinem Neffen einen vielleicht heilsamen Schrecken einjagen?« Bei diesen Worten zuckte der Sekretär so bedeutsam mit den Achseln, daß Herr Christian Kurt für einen Augenblick die Nagelfeile ruhen ließ und seinen Blick statt dem Spiegelbilde seines vertrauten Beamten dem Originale selbst zuwandte. »He, und was weiter?« »Der junge Herr Graf brauchen recht viel Geld; ich habe unter meinen Papieren wieder einen Brief, in welchem mir die Bezahlung kleiner Posten, allerdings im Gesamtbetrage von zweiunddreißigtausend Thalern, angezeigt wird. Und wenn man daraufhin allerdings im Zusammenhange mit der, Gott sei Dank, vortrefflichen Gesundheit Ew. Erlaucht dem jungen Herrn einen kleinen, bedeutsamen Wink geben könnte, zu welcher Schuldenmasse seine Thorheiten noch anzuwachsen imstande sind, so glaube ich, wäre das gerade nicht unrecht.« »Unrecht wohl nicht, mein Lieber, würde aber bei Dagobert Kurt von keiner großen Wirkung sein. So ein Fideikommiß ist allerdings zu Zeiten ein guter Riegel, aber auch wieder eine prächtige Handhabe. Ja, wenn wir früh geheiratet hätten und uns der Himmel einen Sohn beschert! Doch meinetwegen, will mich zusammennehmen, daß man dem alten Christian Kurt noch viele Jahre prophezeit. Lassen Sie mir auch den Cäsar wieder einmal satteln.« Daß dieser letzte Befehl, der so seltsam klang, wenn man die eingehutzelte Gestalt des alten Herrn und die zitternde Bewegung betrachtete, mit der er an seinen Nägeln feilte, durchaus keine Miene der Verwunderung oder des Erstaunens auf dem Gesichte des Sekretärs hervorrief, lag darin, daß Se. Erlaucht es liebte, sich, wenn er einmal in die Gärten hinausschlich, eines seiner Reitpferde gesattelt vorführen zu lassen, um es mit der schwachen Hand zu streicheln und sich vielleicht jener Zeit – noch vor einigen Jahren – zu erinnern, wo er hier und da noch einen Spazierritt gewagt. Er that das gern, ohne irgend welche schmerzliche Empfindung, während er zuweilen lachend sagte: »Mit achtzig Jahren kann man doch noch am Bellen Vergnügen haben, wenn man auch nicht mehr beißt.« »Und sonst haben wir nichts Neues?« »Ein unbedeutender Vorfall. Eine kleine Wilddieberei, oder wenigstens eine Revierverletzung.« »Sacre bleu, und das sagen Sie mir mit einer so gleichgültigen Miene, als handle es sich um ein Garnichts, um eine Bagatelle. Ah, ich weiß schon, das kommt von dieser neumodischen Zeitrichtung unseres aufgeklärten Jahrhunderts, welche strenge Gesetze für Barbarei und notwendige Gerechtigkeit für tyrannische Härte erklärt.« »Es ist in der Thal ein ganz unbedeutender Vorfall, den ich Ew. Erlaucht gar nicht vorgetragen haben würde, wenn nicht der junge Herr Graf ausdrücklich darauf bestanden hätte, hier ein Beispiel zu statuieren.« »Ah, in dieser Richtung hält Dagobert auf die gute alte Sitte, und das freut mich! Nun, was ist's?« »Aber ich möchte um alles in der Welt nicht Ew. Erlaucht durch solche Nichtigkeiten aufregen.« »Was aufregen, mein Lieber! Das ist höchstens eine heilsame Blutwallung, die mir gut thut, wie der langweilige Doktor sagt. Also lassen Sie hören.« »Heute morgen suchte einer der Revierförster mit seinem Hunde durch den Wald.« »Welcher war's?« fragte der Graf, wieder emsig mit seinen Nägeln beschäftigt.« »Der Ketteler.« »Ein ruhiger Mann – weiter!« »Und bemerkte dabei in unserem Revier bei der Schlucht wo die alte Linde steht...« »Aha, die Linde unseres guten Freundes Burbus.« »Richtig, Erlaucht. Da bemerkte er einen jungen Burschen mit stattlichem Gewehr und Jagdzeug und sah, hinter eine Buche tretend, wie dieser junge Mensch gemütlich durch den Wald pirscht.« »Ah, nicht übel, und der Ketteier packte ihn?« »Ja, und nicht ohne Gefahr, denn der verwegene Bursche lag schon im Anschlage, als ihm Ketteler zuvorkam.« »Und ihn niederschoß?« fragte der alte Graf gleichgültig. »Nun, da werden die Gerichte wieder einmal unnötigerweise Papier und Federn en masse verschmieren. Ein garstiges Volk, diese Schreiber!« »Das ist wahr, Herr Graf,« entgegnete Renaud mit einem eigentümlichen Lächeln, »und deshalb war es doch wohl besser, daß Ketteler den jungen Wilddieb nicht niederschoß, sondern unversehrt einbrachte.« »Ja, ja, 's ist auch nicht so übel, und nun?« »Ihn einbrachte und vor den jungen Herrn Grafen führte, der den Burschen erkannte und ausrief: Ah, das ist derselbe nichtsnutzige, naseweise Schlingel!« »Also ein Wilddieb von Profession. Nun, in dem Falle wollen wir uns nicht an diese neueren absurden Gesetze kehren.« »Der junge Herr Graf befahl, ihn einzusperren, und wir erwarten die Befehle Ew. Erlaucht.« »Schön, erinnern Sie mich später daran; ich will das junge Ungetüm selbst sehen. Weiter haben Sie nichts?« »Für heute nichts, Erlaucht,« sagte der Sekretär aufstehend. »Also um acht Uhr große Abendtafel, und sagen Sie dem Haushofmeister: ich lasse ihn ersuchen, das mit der angemessensten Solennität vor sich gehen zu lassen. Es sind Gäste da, die ich ehren will!« Herr Renaud verbeugte sich schweigend, und da der alte Graf hierauf, ohne sich weiter um Original und Spiegelbild zu bekümmern, fortfuhr, seine Nägel zu bearbeiten, so zog er sich mit einer tiefen Verbeugung rückwärts gegen die Thür, hinter welcher er auf den Arzt des alten Grafen stieß, dessen heitere Miene ebensosehr abstach gegen das ernste, förmliche Wesen des Sekretärs, als dessen Kleidung, eine graue Jagdjuppe, gegen den schwarzen Frack und die weihe Halsbinde des Geschäftsmannes. »Was haben wir?« fragte Doktor Herbert, ein Mann stark in den Vierzigen, mit einem gesunden, lebensfrohen Gesichte, von kräftiger und untersetzter Statur, nachdem der andere die Thüre leise hinter sich zugezogen. »Gutes Wetter, wie mir scheint. Man will die neue Brücke besichtigen, Cäsar anschauen und seine Gäste in der großen Halle selbst bewirten. Alles Komplimente für Sie, Doktor!« »Vielmehr für Herrn Ben dort,« erwiderte dieser lächelnd, »er ist der wahre Konservator Sr. Erlaucht. Melden Sie mich ausnahmsweise an, mein lieber Freund, um hinzusetzen zu können, ich sei früher von der Jagd zurückgekehrt, um nach Herrn Christian Kurt zu sehen, ehe er heute die Gnade hat, sein Bett zu verlassen. Vielleicht werde ich auch gar nicht gewünscht.« Der Kammerdiener verschwand in dem Schlafzimmer, und als dieser darauf zurückkehrte, sagte er: »O ja, Herr Doktor, man will Sie sehen, gerade weil Sie von der Jagd zurückkommen und trotzdem sie sich noch in der Juppe befinden. Se. Erlaucht meinte lächelnd: der Doktor ist eine scharfe Zange, man muß ihn mit Handschuhen anfassen.« »Also sind wir vortrefflich gelaunt.« »Auf Wiedersehen, Herr Renaud!« Als der Doktor hierauf vor das breite Himmelbett trat, nickte Herr Christian Kurt in den Spiegel hinein und sagte: »Ah, Sie bringen Waldluft mit!« »Gewiß, Herr Graf, und die ist besser als alle Medizin.« »Sacre bleu, das weiß ich ebenfalls! Warum sorgen Sie mir alsdann nicht für Waldluft, Sie Egoist?« »Nun, weil ich es nicht für gesund halte, Ihr Bett in irgend einem Walddickicht aufschlagen zu lassen, und weil ich ebensowenig dieses Schlafzimmer mit Bäumen bepflanzen kann.« »Ja, dieses Bett ist Ihnen allerdings ein Dorn im Auge; wohlfeile Medizin, die sie nicht einmal verschrieben.« »Wohlfeil, vielleicht. Medizin, wer weiß? Doch den alten Streit, Herr Graf, wollen wir nicht fortsetzen, wenn es Ihnen gefällig ist. Dabei kommt gar nichts heraus. Ich freue mich aber in der That, daß es Ihnen besser geht als gestern? Sie fühlen sich heiterer, kräftiger und haben keine Schmerzen mehr in den Füßen?« »Gott sei Dank, nein! Und das verdanke ich alles meinem besten Freunde.« »Nun, ich liebe ihn auch, diesen Freund, aber nach Salomos Vorschriften – zu seiner Zeit.« »Wie war denn die Jagd?« fragte der alte Graf und setzte boshaft hinzu: »Um von etwas zu reden, lieber Doktor, was speziell in Ihr Fach schlägt.« »Nicht übel, Herr Graf. Ich schoß einen kapitalen Vierzehnender.« »Sie? Das ist mir weniger interessant. Und meine Gäste?« »Schossen viel, trafen so so. Ist aber immerhin eine Jagd, daß die Herren aus der Residenz vor Entzücken die Hände über dem Kopfe zusammenschlugen, besonders der General, der sich im Pudeln auszeichnete, dagegen aber ein Held war beim Frühstücksrendezvous. Wehe den Feinden, die unter seine mächtige Faust fallen! Und was dieses Frühstück anbelangt, Herr Graf, so möchte ich Sie geziemend bitten, ihrem vortrefflichen Haushofmeister darüber ein freundliches Wort zu sagen. Der Mann hat sich, wie immer, ausgezeichnet. Meinte doch der Herr General mit Thränen in den Augen, man habe diesem Haushofmeister alle seine Lieblingsgerichte verraten. Es war rührend anzusehen, wie er wirklich wehmutsvoll die Hände faltete vor einem Timbale de pâté de foie gras au faisan, und alles war deliciös arrangiert. Ich hätte Ihnen einen Blick auf alle diese Herrlichkeiten gewünscht.« »Ja, um mir Appetit zu machen,« erwiderte Herr Christian Kurt mit saurer Miene; »allerdings ein besseres Mittel als alle die Ihrigen.« »Seien Sie gerecht, Herr Graf!« versetzte der Doktor, heiter lachend. »Was würde ihnen ein guter Appetit nutzen bei der täglichen und sehr langen Unterhaltung mit ihrem besten Freunde?« – Damit klopfte er leicht auf die seine Bettdecke. – »Ich muß wirklich Gott danken, daß es gerade so ist, wie es ist.« »Und ich danke für diesen Kanzleitrost, hoffe Ihnen aber heute abend das Gegenteil zu beweisen. Haben Sie nach meiner Frau gesehen?« »Die gnädige Gräfin befinden sich außerordentlich wohl. Sie war bei dem Jagdfrühstücke gegenwärtig, sah alsdann dem Treiben zu von der Fichtenwaldung gegen den großen See hinab, und darauf hatte ich die Ehre, sie nebst ihrem Stallmeister nach dem Schlosse zurückbegleiten zu dürfen.« »Das Wetter ist angenehm?« »Angenehm und warm wie an einem Frühlingstage. Wenn ich nicht fürchten müßte, Ihren besten Freund zu beleidigen, so würde ich dringend einen Spaziergang in die freie Luft anraten.« »War schon beschlossene Sache, mein lieber Herr Doktor, und könnten Sie wohl sehen, wie sehr ich mich beeile, meine Toilette zu beendigen.« »So darf ich mir wohl erlauben, mich zurückzuziehen?« »Gewiß,« erwiderte der alte Graf mit einem leichten Lächeln auf die Jagdjuppe des Doktors, natürlicherweise im Spiegel, »damit auch Sie Zeit zu Ihrer Toilette haben.« Der Doktor hätte gern noch etwas erwidert; doch sah er hierauf das kurze Kopfnicken des Herrn Christian Kurt und zog sich deshalb mit einem muntern Gesichtsausdrucke zurück. Obgleich nun Graf Seefeld hierauf unter Bens Mithilfe seine Toilette in der That so beeilte, als es ihm nur immer möglich war, so dauerte es doch noch eine gute Stunde, bis er so weit gerüstet war, um in einem dunklen Samtrocke, der mit kostbarem Pelz gefüttert war, zum Ausgehen bereit zu sein; dann empfing er weiche Biberhandschuhe aus den Händen des Kammerdieners, sowie Hut und Stock und ging hierauf mit festeren und größeren Schritten in den Vorplatz hinaus, als man dies noch vor einer Stunde für möglich gehalten hätte. Oben an der Haupttreppe empfing ihn sein Stallmeister, dem er beim Herabsteigen der breiten, mit Teppichen belegten Stiege die rechte Hand auf den erhobenen Arm legte, und dann ging er unten durch eine weite Halle und ein Vestibül auf eine ausgedehnte Terrasse vor dem Schlosse, wo ihm Cäsar gesattelt und gezäumt vorgeführt wurde; auch überreichte ihm der Stallmeister hier eine Reitpeitsche, während, um die Komödie zu vollenden, ein Reitknecht das Pferd langgestreckt hinstehen ließ, indes der Stallmeister den Bügel hielt. In diesem Augenblicke aber hörte man die schwerseidenen Gewänder der Gräfin rauschen, und die schöne Frau erschien auf der Terrasse; heiter lächelnd näherte sie sich dem Grafen, legte ihm die Hand auf den Arm und bot ihm ihre weiße Stirn zum Kusse dar. »Ah, mon enfant! Du bist frühzeitig, wie immer, man könnte sagen, munter wie die Lerche in der Luft; warst schon so freundlich, unseren Gästen die Honneurs zu machen, und kommst jetzt, um mich zu Pferde steigen zu sehen!« »Wobei ich mich einer großen Vergeßlichkeit anklagen muß,« erwiderte die Gräfin. »Ich hätte dich fragen sollen, ob du mich vielleicht in den Wald hinauf begleiten wollest. Ich bin recht unbesonnen und muß es nun schon als Strafe hinnehmen, daß du ohne mich reitest.« »Der Himmel soll mich bewahren, dir diesen kleinen Kummer zu machen!« sagte Christian Kurt mit großer Entschiedenheit. »Nein, nein, ich will nicht reiten, unter keiner Bedingung, mein liebes Herz! Lassen Sie Cäsar zurückführen – ein andermal, vielleicht ein andermal.« Damit trat er dicht an das Pferd hin, klopfte ihm leicht auf den schlanken Hals und nahm alsdann ein paar Stücke Zucker, welche ihm der Stallmeister auf einem silbernen Teller präsentierte, um sie Cäsar zu geben. »Willst du mich vielleicht auf einer Spazierfahrt begleiten?« fragte die Gräfin. »Mit Vergnügen, mein Kind!« »Ich möchte gern die neue Brücke über den Wasserfall sehen. Vielleicht interessiert dich das ebenfalls?« fragte die schone Frau. »Jedenfalls – wie sich unsere Wünsche treffen! Fahren wir also.« »Mit meiner Pony-Equipage; ich fahre dich selber.« »Deliciös!« »Und unterwegs erzähle ich dir von der Jagd, auf der sich unsere Gäste ganz außerordentlich amüsiert haben und noch amüsieren.« 13. Kapitel Angenehme Fortsetzung der Manövertage. Die große Halle des Schlosses war ein Gemach in dem weitläufigen Gebäude, auf welches der Graf bei der Ausschmückung desselben die größte Sorgfalt verwandt und keine, auch die bedeutendsten, Kosten gescheut hatte, wobei er sich vernünftigerweise ein berühmtes Vorbild gewählt und dieses mit einigen notwendigen und glücklichen Abänderungen nachgebildet. Dieses Vorbild war die Halle von Warwick Castle in England, und wer diesen prächtigen und dabei doch so wohnlichen Räum einmal betreten und sich darauf hier umschaute, der mußte gestehen, daß die Kopie nur allenfalls darin nachstand, daß, was dort durch einen achthundertjährigen Familienbesitz und nach und nach gleichsam von selbst entstanden war, hier mit einemmal zusammengestellt wurde, woher es denn auch natürlicherweise kam, daß die ganze Einrichtung an Mobiliar, Gerätschaften, Waffen, welche dort aus Stücken bestand, die neben ihrem wirklichen auch noch einen historischen Wert hatten, hier größtenteils nur den ersteren beanspruchen konnten, obgleich Herr Christian Kurt auch auf der Waldburg aus anderen seiner Schlösser alles vereinigt hatte, was im Zusammenhange mit seiner ebenfalls sehr alten Familie stand. Allerdings konnte diese unter ihren Ahnen keinen Königsmacher Guy, wie die Warwicks, aufweisen, und hatten sich auch die regierenden Häupter des Landes niemals beeilt, als Gäste auf der Waldburg zu erscheinen. Wer aber, von alledem absehend, hier die große Halle betrat, auf den konnte das stattliche Gemach nicht verfehlen, nicht nur einen gewaltigen, sondern auch einen anheimelnden Eindruck zu machen. Dieser Raum, das ehemalige Refektorium des Klosters, war größer und höher, als man ihn sich trotz der stattlichen Ausdehnung des Schlosses hätte vorstellen mögen, und ausgedehnter, als damals, wo er den frommen Mönchen als Speisesaal gedient, denn Herr Christian Kurt hatte nicht nur eine anstoßende Galerie mit hineingezogen, sondern auch die ehemalige alte Decke des Saales zu einem sehr kunstvollen Gewölbe erheben lassen. Gegen Osten waren vier hohe und breite Fenster, welche so dicht aneinander stießen, daß man sie wohl ein einziges hätte nennen können, und obendrein befanden sich dieselben in einer Nische, die so geräumig war, daß, wenn man die schweren Vorhänge vor denselben zusammenzog, man sich gleichsam in einem weiten Gange befand. Das war eben jene Galerie, von der wir oben gesprochen und die nun auf diese Art benutzt worden war, und man mußte gestehen, mit großem Geschicke, denn von derselben, also jetzt von den hohen Bogenfenstern, blickte man einen steilen Abhang hinab, in dessen Tiefe die Flut rauschte, die wir früher erwähnt, und an dessen Ufer uralte Buchen und Eichen mit tiefdunkeln Fichten und Tannen zu einem höchst malerischen Ganzen sich verbanden, was besonders an Abenden, wenn über die jenseitige Höhe die helle Mondscheibe emporstieg und später das strömende Wasser versilberte, von außerordentlicher Schönheit war. Gegenüber diesen Fenstern befand sich das Prachtstück des Saales, ein riesenhafter offener Kamin, und zwar von einer Höhe und Weite, daß ein Mann mit dem Hute auf dem Kopfe nicht nur bequem darin aufrecht stand, sondern auch bei mäßigen Ansprüchen einige Bewegungen in demselben machen konnte. Der Aufsatz desselben war von weißem Marmor höchst kunstvoll gearbeitet und reichte, sich langsam zuspitzend, beinahe bis an die Decke des Saales. Rechts und links von diesem Kamine war der obere Teil der langen Wand mit alten Gobelins bedeckt, Jagdscenen darstellend, unter denen, und zwar ringsumher um alle vier Wände der Halle, ein kunstvoll in Holz gearbeiteter Lambris über Mannshöhe herumlief. Wo sonst etwas von der Wand über diesem Lambris sichtbar war, bemerkte man, daß dieselbe mit gepreßten, hier und da matt vergoldeten Ledertapeten bedeckt war; doch sah man nur wenig dergleiche freie Flächen, da die Masse der Gegenstände, welche alle Wände bedeckten, zu bedeutend war. Auf der kurzen Seite der Halle, die in das Innere des Hauses führte, waren Ahnenbilder der gräflichen Familie aufgehangen, aus deren Unterschriften man einesteils ersah, daß von den alten Herren im Atlaskleide sowie im eisernen Harnisch die meisten unter anderen Vornamen auch den Namen Kurt geführt, sowie andernteils an den Jahreszahlen bemerkte, daß die Seefelds in der That eine alte Familie sein mußten. Die gegenüberliegende Wand sowie auch die Flächen rechts und links an den Fenstern waren mit den herrlichsten alten und neuen Waffen bedeckt, mit Rüstungen und vergilbten Fahnen, mit Turnierschildern und Speeren, und zwar in so chronologischer Ordnung, daß, während auf dieser Seite die Sammlung mit der alten Sturmhaube, dem Kettenhemde und Streitkolben begann, dieselbe gegenüber aufhörte mit dem Hirschfänger und dem doppelläufigen Jagdgewehr neuester Konstruktion. Letztere, die neueren Feuerwaffen, befanden sich in reicher Auswahl neben der Ausgangsthür an der kurzen Wand, gegenüber den Ahnenbildern, welche Ausgangsthür mit zwei gewaltigen Flügeln beständig offen stand und dem Blicke erlaubte, in eine gotische Vorhalle zu dringen, in deren Mitte sich ein plätschernder Springbrunnen befand und wo verschiedene Thüren teils nach der Küche führten, teils auf Vorplätze, von denen man hinaus ins Freie gelangen konnte. Hier waren auch die Buffetts und Kredenztische aufgestellt, gewaltige Möbel aus geschnitztem Eichenholz, deren massive Formen aber nicht zu schwer erschienen, wenn man die Masse des Silbergeschirres sowie die Krystallgefäße und Majoliken betrachtete, welche sie zu tragen hatten. Was nun den Speisetisch für heute, wo sich ausnahmsweise eine zahlreiche Gesellschaft versammelt hatte, anbetraf, so war derselbe in erstaunlicher Ausdehnung, und zwar der Länge nach, mitten in der großen Halle hergerichtet, eine wahre Kunstausstellung der interessantesten und kostbarsten Gefäße und Tafelaufsätze in Gold und Silber, Krystall und Bronze. Da es unterdessen auch Abend geworden war und alle Vorbereitungen zu dem stattfindenden Diner beendet erschienen, so ist es uns vergönnt, die Halle, welche schon am Tage so reich und wohnlich erschien, jetzt bei Beleuchtung in vollster Parade zu erblicken, und man mußte gestehen, auch diese Beleuchtung war auf höchst sinnreiche Art angebracht, und zwar vermittelst langer, schwerer und doch wieder zierlicher Bronzeketten, welche hoch an der Decke getragen wurden von so kolossalen Hirschgeweihen, wie der Jäger heutzutage nicht mehr so glücklich ist, ihnen im Walde zu begegnen. Unten hingen an jeder dieser Ketten passende Träger mit einem strahlenden Bouquet von Wachskerzen, und zwar von solcher Anzahl und Stärke, daß dieser Strahlenkranz ringsumher den hohen und weiten Raum weit mehr und viel glänzender als selbst die Helle des Tages erleuchtete. Dabei herrschte eine milde, höchst angenehme Luft in dem Saale, was indessen nicht wunder nehmen konnte, wenn man jetzt den riesenhaften Kamin in voller Thätigkeit betrachtete, in welchem fußdicke, einmal gespaltene Eichenstämme senkrecht aufgeschichtet waren, an denen nun die gewaltigen Flammen, hoch emporlodernd, mit sichtbarer Gier zehrten. Um aber dieses Feuer rasch und ohne Zeitverlust beständig unterhalten zu können, lag neben dem Kamine eine ganze Klafter auf die oben beschriebene Art gespaltenes Eichenholz stets aufgeschichtet, und wenn wir sagen, daß sich diese Holzmasse in dem Räume wie ein kleines Häuflein ausnahm, so kann man sich von der Höhe und Ausdehnung desselben einen ungefähren Begriff machen. Was den Fußboden der Halle anbelangt, so bestand derselbe aus Marmorplatten, und da es unmöglich gewesen wäre, dazu einen Teppich von passender Größe zu finden oder anzufertigen, so waren hier nur unter den Tischen sowie unter allen Sitzgelegenheiten Teppichvorlagen und Ähnliches in den dicksten Wollenstoffen, in Bärendecken und anderen Pelzen, und zwar in solcher Masse ausgebreitet, daß der Fuß des Betreffenden tief darin einsank. Hierdurch wurde auch eine Einförmigkeit vermieden, die bei jedem anderen Teppichmuster unabweisbar gewesen wäre, und so wiederholten sich denn die lebhaften Farben an den Wänden, an der Decke, auf dem Fußboden gewissermaßen wieder: um so das Ganze zu einer würdevollen Harmonie zu vereinigen. Wir haben schon vorhin den Ausdruck gebraucht, daß sich die große Halle jetzt in voller Parade befand, und möchten noch hinzusetzen: und zwar in dem Augenblicke vor einer großen Parade, wo in Erwartung des kommandierenden Generals das Regiment, das Bataillon, die Compagnie, oder wie der Truppenkörper sonst heißen mag, vor den subalternen Offizieren noch einmal einer strengen Vorprüfung unterworfen wird. Diese Offiziere in der Halle des gräflichen Hauses wurden geführt von dem Sekretär Herrn Renaud, dem der Haushofmeister sowie der Kammerdiener Benjamin auf dem Fuße folgten, und etwas weiter rückwärts der Chef der Küche in voller, schneeweißer Paradeausrüstung, dann zwei Tafeldecker, der Silber- und Weißzeugverwalter, sowie ferner ein Schwarm von Lakaien. Herr Renaud hatte den Totaleindruck des Raumes recht gut gefunden. Er pflegte selten oder nie ein glänzenderes Prädikat zu gebrauchen, und wenn er auch dem ersten Tafeldecker dadurch einen Todesschrecken einjagte, daß er gesagt, es scheine ihm, als halte der Tisch nicht ganz genau die Mitte des Saales, so ließ er sich doch durch den herbeigeholten Maßstab eines Bessern belehren. Auch die Temperatur wurde so ziemlich als die richtige erkannt, nicht minder die Anordnung der Tafelgeschirre nach einer kleinen Abänderung, die darin bestand, daß Herr Renaud ein antikes Trinkhorn mit der Aufschrift: »Dem Tapfern gehört die Welt« vor das Couvert des Generals aufstellen und ein paar Bordeauxträger in Form von antiken Lafetten gegen ein Couvert auf der anderen Seite richten ließ. Die Menüs für den heutigen Tag, mit Jagdemblemen verziert, befanden sich richtig aufgelegt, und nachdem der Sekretär noch einmal mit wenigen Worten, aber dringend den Lakaien anbefohlen, sich beim Servieren jedes auch des allergeringsten Geräusches zu enthalten, entließ er seine Begleitung und blieb allein in dem Saale, mit dem Rücken gegen den Kamin stehend. Herr Renaud befand sich jetzt statt des Frackes im Ueberrocke, weil der Graf es in Anbetracht des heutigen zwanglosen Jagddiners ausdrücklich so gewünscht hatte. Bald erschienen auch von den jüngeren Gästen, alles Offiziere, teils in ihrer Uniform, teils ebenfalls im Civilüberrocke, welchen der Sekretär so lange die Honneurs machte, bis Graf Dagobert mit einigen seiner Kameraden lachend und plaudernd eintrat. Dann zog sich Herr Renaud an das untere Ende des Saales zurück. Eine Zeitlang hörte man nichts, als die Ausrufe: wundervoll! deliciös! superb! und es dauerte eine gute Weile, bis die Meisten von dem Schwarm der Offiziere, die Halle ringsum betrachtend, endlich vor dem großen Kamine vereinigt waren. »Hat niemand den seligen Horn gesehen?« fragte Graf Dagobert. »Seit wir von der Jagd zurück sind, ist er verschwunden,« antwortete jener Dragoneroffizier, der beim Manöver den Überfall des Feindes gemeldet. »Es ist das übrigens ein ganz verfluchter Kerl; er hat heute unbedingt deinen Oberförster bestochen, daß dieser seinen Chef, den Obersten von Schwenkenberg, an die besten Stellen placiert.« »Das ist richtig,« sagte ein Husarenoffizier lachend, »und ich möchte zehn gegen eins wetten, daß er selbst neben dem Obersten im Hinterhalte gelegen und mit seinem Chef à tempo jenen kapitalen Zwölfer schoß, der vor dem Obersten im Feuer zusammenstürzte und worauf sich derselbe nicht wenig einbildet.« »Wißt ihr auch, wer sonst noch vortrefflich geschossen hat?« rief ein junger Hauptmann von der Artillerie. – »Euer Doktor, und wie der beim Ausreiten alle Hindernisse mit seinem Pferde nahm, brillant, das muß ihm der Neid zugestehen!« »Reiten und Jagen gehört auch hier mit zu seinen Hauptbeschäftigungen,« sagte Dagobert etwas kurz und finster. »Herr Christian Kurt scheint es zu lieben, wenn sich alle seine Beamten so gut als möglich amüsieren. Ich denke darin schon anders. Wenn man mit diesen Leuten gar so vertraut thut, so leidet der Dienst, und es muß später wieder etwas militärische Zucht da hineinkommen.« Während der noch sehr junge Mann dies sagte, wiegte er sich auf etwas übermütige Art in seinen Hüften, wobei ein unangenehmer Zug sein ohnedies nicht schönes Gesicht überflog. »Ja, militärische Zucht, die fehlt, sonst wäre uns der kapitale Hirsch, von dem ich euch während der Jagd erzählte, heute morgen nicht verloren gegangen.« »Nicht wahr, ein starker Sechzehnender?« »Ich glaube fast, sogar ein ungerader Achtzehner, wie auch der Oberförster meint, der ihn schon einigemal gesehen und häufig gespürt.« »Ich verstehe die Milde nicht gegen diese Bauernlümmel! Revierförster Ketteier hätte dem jungen Burschen eins aufbrennen und dann bei dem Hirsche bleiben sollen; hätte doch sehen mögen, ob die Bauern ihn unter seiner Nase hinweggeholt hätten!« »Weiß man denn nicht, wer es gewesen ist?« »O ja, einer unserer saubern Nachbarn, ein verrufener, aufrührerischer Hund von einem Kerl, der schon mancherlei in der Welt probiert! Soll studiert haben, sei sogar Arzt gewesen, und macht sich nun ein Geschäft daraus, die dummen Bauern, wie er sagt, aufzuklären, das heißt, er hetzt sie auf gegen alle bestehenden Gesetze und gegen unsere wohlverbrieften Rechte.« »Aber den Burschen, um den es sich handelt, habt ihr in Gewahrsam?« »Fest, und wollen ihn nachher einmal betrachten, wenn Herr Christian Kurt nichts dagegen hat.« »Pah, was soll er auch!« »Nun, er hat so seine Anwandlungen, die ihm von Monsieur Renaud souffliert werden; doch hat selbst dieser im vorliegenden Falle gemeint, diese Angelegenheit würde sich schon mit einigem Erfolge betreiben lassen.« »Der Graf und die Gräfin!« Herr Christian Kurt erschien mit dem übrigen Teile seiner Gäste an der Seite der Gräfin am Eingänge des Saales. Er trug ein leichteres Kleid von schwarzem Samt, mit grauem Pelz besetzt, wogegen die schöne Herrin des Hauses, in einem langen, schleppenden Gewande von weißer matter Seide, leuchtend und strahlend aussah. Dieses Gewand hatte oben, unterhalb ihres schlanken weißen Halses, einen antiken viereckigen Ausschnitt, der nicht nur ihre volle Büste prächtig hervorhob, sondern durch welchen auch ihre ganze Erscheinung, im Verein mit der passenden Frisur des reichen, dunkeln Haares sowie mit dem blendenden Steingürtel, an dem eine kleine Ledertasche an goldener Kette hing, malerisch zusammenpaßte mit der mittelalterlichen Ausschmückung des weit erglänzenden Raumes. – Als nun zu gleicher Zeit am unteren Ende des Saales in der weit offenen Thür der Haushofmeister mit seinem langen Stabe erschien und hinter ihm vier Jägerburschen, die mit aufwärts gekehrten Waldhörnern eine rauschende Jagdfanfare bliesen, da schaute mancher der jüngeren Gäste an seinem einfachen Civilanzuge herunter und bedauerte lachend, nicht im farbigen Samtkleide erscheinen zu können, das Schwert an der Hüfte, mit Barett und lang wallender Feder. Doch machte sich auch ohne das die Tafelrunde lebendig und glänzend, denn wenn auch, mit Ausnahme der Gräfin und ihrer beiden Gesellschafterinnen, die Damen fehlten, so sorgten die Gäste insofern für eine bunte Reihe, als Uniform- und Civilrock so häufig als thunlich miteinander abwechselten. Dazu kam noch die reich galonierte Dienerschaft des gräflichen Hauses, ringsumher hinter den Stühlen geruht, die Lakaien, Kammerdiener, Jäger und Büchsenspanner in Gold und Silber strotzend, und um diese an den Wänden der reichstrahlende Lichterglanz der unzähligen Wachskerzen, so ein Ensemble darstellend, das dem Pinsel des vortrefflichsten Malers zum würdigen Vorwurfe hätte dienen können. Man kann sich wohl das behagliche Gefühl vorstellen, mit dem sich die Gäste, ältere und jüngere Offiziere sowie ein paar Herren der benachbarten Forstbehörde, nach einer anstrengenden Jagd hier an dieser mehr als reich besetzten Tafel niederließen, in dem weiten, glänzenden, sanft durchwärmten Räume, in welchem durch kaum merkliche Anwendung eines feinen aromatischen Odeurs ein leichter Tannenduft sich bemerklich machte. Die Offiziere waren teils aus der Residenz hergebetene Gäste, teils gehörten sie Truppenkörpern an, welche nach dem beendigten großen Manöver auf verschiedenen umliegenden Gütern des Grafen sowie in den dabei befindlichen Ortschaften Kantonierungsquartiere bezogen hatten, und deshalb sah man hier Infanterie, Kavallerie, Artillerie, alles durcheinander. »Noch niemals hat mich der Klang eines Hornes so ergötzt und so bereit zum Angriffe gemacht wie das Signal von eben,« sagte ein dicker Hauptmann von der Infanterie, »und betrachten Sie mir nur einmal die Batterien vor uns auf dem Tische, ob man dabei nicht eine wütende Lust zum Angriffe verspürt!« »Allerdings,« erwiderte sein Nachbar, »und ich bin entzückt darüber, daß der Graf an der alten, guten Sitte festhält und den Wein in Krügen und zahlreichen Flaschen vor seinen Gästen aufpflanzen läßt, während es jetzt Mode geworden ist, die Gläser nach Bedarf durch einen Diener, der hinter den Stühlen herumschleicht, hier und da vollfüllen zu lassen; doch hat das für mich immer etwas Peinliches, und ich bilde mir ein, er zählt die Gläser, die ich vertilge, oder macht seine Glossen darüber.« »Sie haben recht, Herr Kamerad; also tapfer zum Angriffe!« »Ich kann Ihnen diesen dunkeln Sherry zu einem Trunke nach der Suppe bestens empfehlen.« »Mein Herr,« rief ein alter Major vom Geniecorps über den Tisch hinüber, »betrachten Sie einmal diese prächtige Zusammenstellung seltener Gefäße, ein wahres Museum! Sehen Sie hier dicht vor mir die Bordeauxträger in Lafettenform – das erinnert mich lebhaft an eine kleine vorgeschobene Schanze bei der Belagerung von Mainz!« »Im vorigen Jahrhundert, nicht wahr, Herr Oberstwachtmeister?« fragte ein junger Husarenoffizier. »Nein, mein Lieber, vielmehr in einer viel näher gelegenen Zeit – Sie hätten das nicht schon sollen vergessen haben!« »Ah, Herr Oberstwachtmeister, eine so unbedeutende Geschichte!« »Erlauben Sie mir, das bedeutendste Ereignis der damaligen Zeit! Sie wissen, daß die Franzosen ...« Wem der alte Major vom Geniecorps diese Geschichte eigentlich erzählte, sind wir nicht genau anzugeben imstande, können nur so viel sagen, daß seine Nachbarn sowie auch seine Gegenüber in ganz andere Gespräche verwickelt waren, wenn dieselben überhaupt sprachen oder sich nicht, wie der dicke Hauptmann von der Infanterie, mit aller Andacht dem Essen und Trinken hingaben. Dabei liebte es derselbe, kleine Brotkügelchen zu drehen und sie jedesmal, so oft er ein Glas geleert hatte, alsdann in zierlichem Haufen vor sich aufzustellen, welcher Kugelhaufen sich in gleichem Maßstabe vergrößerte, in welchem sich seine Nase zu röten begann. Der Graf hatte in der Mitte an einer der Langseiten der Tafel neben dem kommandierenden General Platz genommen, wählend ihm die Gräfin gegenüber saß, um so ihren sämtlichen Gästen näher zu sein, wogegen Graf Dagobert sich am oberen Ende des Tisches befand, sowie Herr Renaud am unteren, letzterer hier gewissermaßen den Dienst überwachend; doch ging dieser leicht, gewandt und geräuschlos von statten, wie das Herkommen in einem guten Hause ist. Da vernahm man kein Klappern der Teller, kein Aneinanderklingen der schweren silbernen Bestecke, keinen Fußtritt der aufwartenden Lakaien, alle schossen gewandt umher, aber wie körperlose Geister, von dem Haushofmeister, der unter der Thür des Vorsaales stand, mit Blicken regiert. Am lebhaftesten unter den Gästen ging es auf der Seite zu, wo Dagobert, umgeben von jungen Kavallerieoffizieren, saß, und dorthin wendete sich auch häufig der alte Graf Seefeld sowie die schöne Herrin des Hauses mit einem freundlichen Blicke oder Lächeln, sowie auch mit erhobenem Glase gegen diesen oder jenen genauen Bekannten des Hauses. Neben der Gräfin und gegenüber Herrn Christian Kurt befand sich zur Rechten der Oberst des Dragonerregiments, von Schwentenberg, sowie zur Linken der Kommandeur der Artilleriebrigade, ein langer, hagerer Wann mit einem ernsten, ausdrucksvollen Gesichte, stark ergrautem Haar und dazu mit einem Barte von solcher Schwärze, daß man hier künstliche Nachhilfe vermuten konnte. Den meisten Lärm bei den jungen Offizieren erregte das affektiert kummervolle Gesicht des seligen Grafen Horn – dieses Prädikat war ihm geblieben –, und wenn er zuweilen nach seinem Obersten hinüberschielte und einem Blick desselben begegnete, so zuckte er förmlich zusammen, zur größten Heiterkeit der um ihn sitzenden Kameraden, worauf dann der Oberst, ihm mit dem Finger drohend, scherzhaft hinüberrief: »Sie haben bei allem dem das kolossalste Glück gehabt, junger Herr!« »Doch auch ein klein wenig Verdienst,« warf der kommandierende General mit einem würdevollen Lächeln ein. – Wir müssen hier bemerken, daß Graf Horn, als ein sonst brillanter Offizier, das verzogene Kind des Regiments und der Liebling der sogenannten Gesellschaft war. Er war nämlich sehr reich, hielt vortreffliche Pferde und war bei den Hofbällen unschätzbar als Tänzer verschiedener Prinzessinnen sowie als Arrangeur der schönsten Cotillontouren; ihm konnte ein glänzendes Avancement nicht fehlen. »Und worin bestand das Verdienst dieses jungen Herrn?« fragte der ernsthafte Offizier der Artillerie mit dem schwarzen Barte. »Das soll er selbst erzählen,« rief Dagobert herüber, »wenn Seine Excellenz nämlich die Gnade haben, das zu erlauben!« »Warum nicht, und wir können alsdann, wenn die gnädige Gräfin es gestattet, ihn je nachdem mit einigen Gläsern Wein belohnen oder bestrafen!« »Erzählen Sie, Horn!« Der junge Dragoneroffizier erhob sich, wiegte sich ein paarmal kokett in den Hüften und nahm alsdann aus einem vor ihm stehenden Fruchtaufsatze eine Orange, die er mit der weißen Serviette anfaßte und als Zeichen seiner tiefen Trauer, in Ermangelung einer Citrone, hoch emporhielt, was von den Umsitzenden mit einem heiteren Lachen begleitet wurde. »Ruhig, meine Herren! Ehre dem tapferen Gefallenen!« »Der selige Horn spricht!« »Und hoch weg über mir ging die Gewalt der Rosse, keinem Zügel mehr gehorchend,« deklamierte der junge Dragoneroffizier, »und ich dachte in der That, von der reitenden Batterie des Hauptmanns von Brandt, welche Dagobert mit seinen Husaren an jenem Morgen beinahe genommen hätte, überritten zu werden, so wild jagte sie daher, und ich sah schon den roten Schnurrbart ihres grimmigen Chefs wie ein Irrlicht durch die Finsternis leuchten ...« »Da müssen Sie gute Augen haben, Herr Lieutenant,« bemerkte trocken der Kommandeur der Artillerie; »ich gönne es Ihnen für ein anderes Mal.« »Danke bestens, Herr Oberstlieutenant; doch waren mir in diesem Augenblicke erst die Augen so klar aufgegangen, daß ich deutlich sah, welch Unheil ich angerichtet, und um das wieder gut zu machen, schlich ich mich bei der herrschenden Dunkelheit und dem unglaublichen Gewühl der reitenden, abprotzenden Artillerie mit meinen Leuten zwischen Geschütz und Mannschaft hindurch und war auch so glücklich, rückwärts in den Büschen meinen Trompeter aufzufinden, alsdann ritten wir zurück, sammelten uns keine tausend Schritte vom Feinde entfernt, und dann ließ ich, in der feindlichen Flanke angekommen, auf meiner ganzen Linie Alarm blasen.« »Ja, ja,« sagte der Oberst von Schwenkenberg lachend, »von einem betrunkenen Trompeter vor circa zwölf Mann.« »Aber es gab aus, wie mir der Herr Oberst die Gnade haben werden zu glauben, auch brüllten meine Kerle wie zwölf Teu ... – bitte tausendmal um Verzeihung, enfin – sie schrieen dergestalt, daß der Feind stutzig wurde und die Batterie ihr Feuer einstellte.« »Ja, aber erst nachdem wir Ihnen gegenüber so gewaltige Geschützmassen aufgefahren hatten,« sagte der ernsthafte Artillerieoffizier. »Ganz richtig,« warf der Rittmeister von Blankenscheid, der Adjutant des Obersten der Dragoner, dazwischen, »und nachdem Ordonnanzoffiziere von drüben Ordres zur Einstellung des etwas voreilig engagierten Ueberfalles gebracht hatten.« »Und mit vollem Rechte,« bemerkte der kommandierende General. »Was zum Henker nützen mich vorausbestimmte Manöverpläne, wenn sie nicht streng eingehalten werden!« Hier flüsterte der selige Horn seinem Nachbar zu: »Das möchte ich auch fragen! Ueberhaupt, was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist!« »Nehmen wir also,« fuhr der General in heiterem Tone fort, »die Heldenthat dieses sonst so vortrefflichen Offiziers zu den Akten und gestatten wir ihm, ein großes Glas auszutrinken!« Daß diesem Ausspruche, der mit sehr lauter Stimme gethan ward, augenblicklich Folge geleistet wurde, und nicht nur von dem seligen Horn, sondern auch von der ganzen Tafelrunde, bedarf eigentlich keiner Erwähnung; dabei klirrten die Gläser zusammen, und ein animiertes Gespräch, größtenteils die Manöver betreffend, flog durch den Saal. Nur die jungen Kavallerieoffiziere bei Dagobert waren augenblicklich zu einem anderen Gesprächsthema übergegangen; dieser hatte nämlich seinem Nachbar gesagt: »Ich habe später für uns noch etwas extra besorgt.« »Einen Macao oder Landsknecht?« »Warum das? Warum sollten wir uns gegenseitig unser bißchen Geld abnehmen? Nein, etwas Besseres. Ich habe die Zigeuner aufspüren und hierher bringen lassen. Herr Christian Kurt machte allerdings zuerst Einwendungen; doch half mir die Gräfin, und so gab er denn schließlich seine Erlaubnis, daß uns die Mädels draußen im Vorsaale etwas tanzen dürfen.« »Eine vortreffliche Idee! Sind ihrer mehrere?« »Etwa fünf bis sechs hübsche Dirnen, allerdings keine so schön wie die Esmeralda.« »Welche du wohl für dich aufgehoben hast?« fragte der selige Horn, worauf Dagobert lachend erwiderte: »Ein körperloser Geist wie du sollte an so etwas gar nicht denken, doch kenne ich meine Pflicht als Wirt zu genau, um egoistische Hintergedanken zu haben; auch könnt ihr versichert sein, daß die Zigeuner ihre Dirnen, vor allen Dingen die reizende Esmeralda, nicht allein in der Welt herumfahren lassen. Nein, nein, die ganze Gesellschaft ist da und auf der anderen Seite des Schlosses in der alten Halle untergebracht. Dort haben sie ein Feuer angemacht, man hat ihnen Essen und Trinken im Ueberflusse gegeben, und daselbst befinden sie sich wahrscheinlich besser als heute bei der kalten Nacht unter freiem Himmel.« »Aber später wäre es ungeheuer amüsant, dort das Zigeunerlager zu besuchen, meinst du nicht auch, Dagobert?« »Vielleicht amüsant, aber nicht thunlich,« entgegnete dieser in sehr trockenem Tone; »sie haben sich alle dergleichen Besuche verbeten, und ich glaube, Herr Christian Kurt würde ein bitteres Gesicht machen, wenn er dergleichen erführe.« »Erfährt er alles, was im Schlosse passiert?« »So ziemlich – durch Monsieur Renaud.« »Schade drum! Nun, man muß sich mit dem Ansehen begnügen.« »Das denke ich auch.« »Aber jenen jungen Burschen, den Jagdfrevler, wirst du uns doch in der Nähe zeigen, wie du gesagt?« »Gewiß, mir wollen nachher dort ebenfalls im Vorsaale, ehe die Zigeuner kommen, ein kleines Verhör mit ihm anstellen.« »So ist's recht! Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.« Was nun das Vergnügen hier im allgemeinen anbelangte, so zeigte es sich nach und nach um die Tafel herum in recht lärmender Weise. Schon längst hatten die Diener die Tafel an verschiedenen Stellen, nach Abräumung der überflüssigen Geschirre, mit schweren silbernen Kühlgefäßen besetzt, die mit fein gehacktem Eise gefüllt waren und aus deren jedem die Hälse von sechs Champagnerflaschen hervorschauten, wobei sich dann alsbald das Knallen der aufsteigenden Pfropfen wie ein lebhaftes Pelotonfeuer vernehmen ließ. Herr Christian Kurt hatte ausdrücklich befohlen, bei diesem Jagddiner die Flaschen uneröffnet aufzustellen, und man mußte schon gestehen, daß dieses Geknatter ringsumher zur Belebung dieses reichen Gelages wesentlich beitrug. Die Gräfin mit ihren Damen hatte sich allerdings ohne Aufsehen zu erregen entfernt, dabei aber dem General, der um den Tisch herumgekommen war um ihr feierlich die Hand zu küssen, das Versprechen gegeben, daß sie später zum Thee wieder erscheinen würde, wogegen Herr Christian Kurt trotz seines hohen Alters nicht nur heiter lächelnd aushielt, sondern auch nicht selten den schäumenden Champagnerkelch leer trank; überhaupt war es höchst merkwürdig, wie der alte Herr auch körperlich frischer und lebendiger zu werden schien, je tiefer es in den Abend hineinging, und doch war es durchaus noch nicht spät geworden – hatte doch die tief dröhnende Kirchenglocke soeben erst die zehnte Stunde angezeigt! Oben am Tische sorgte Dagobert ausgiebig für die Gäste, unten Herr Renaud, und besonders aber Doktor Herbert, der nicht nur mit dem besten Beispiele voranging, sondern auch durch kleine Trinksprüche und Schwänke aller Art die Herren um sich herum so wirksam anregte, daß die Augen derselben leuchteten und strahlten, daß sich Wangen und Nase röter färbten und daß der dicke Hauptmann von der Infanterie, der sich nicht weit von dem Arzte befand, große Kugelhaufen um sich herum aufgeschichtet hatte und durchaus noch gar keine Miene machte, seine Bestrebungen in dieser Hinsicht zu mäßigen. {bild} 14. Kapitel Erich wird nächtlicherweise aus dem Gefängnisse geholt und vor seinen Richter gestellt. Wir halten es hier für unsere Pflicht, sowie wichtig für den folgerichtigen Lauf unserer Erzählung, um einige Stunden zurückzukehren und uns nach Erich umzuschauen, wenn wir auch, der Wahrheit gemäß, dadurch genötigt sind, den Leser aus der so glänzenden und behaglichen Umgebung des gräflichen Speisesaales in ein kaltes, ärmliches, halbdunkles Gemach mit vergitterten Fenstern und einer ganz gewöhnlichen Holzpritsche zu führen, kurz, in ein Gemach, das unseren gewöhnlichen Begriffen von einem Gefängnislokal aufs genaueste entspricht. Hier finden wir auch Erich wieder, und zwar in dem kahlen Gemache, mit grauen Wänden und Steinboden, auf und ab gehend, wobei er hier und da einen Blick hinaufwarf an das oben befindliche Fenster, durch welches er ein kleines Stückchen blauen Himmels sehen konnte, sowie die Aeste eines Baumes mit gelblichen Blättern, die sich zuweilen, vom Winde geschüttelt, hin und her bewegten. Dabei vernahm er öfter das Rauschen dieses Windes, und dann dachte er an die Waldstimmen verschiedenster Art, die er heute morgen an der Seite des jungen Forstmannes vernommen, ehe dieser den starken Hirsch geschossen, und wenn er in diesen Erinnerungen rascher auf und ab ging und seine Schritte so hohl durch den gewölbten Raum klangen, so konnte er sich nicht enthalten, lebhaft an Gottfried zu denken, sowie an die anderen Leute von der Mühle, die gewiß emsig nach ihm den Wald durchstreiften, deren Fußtritte durch das dürre Laub rauschten, deren widerhallende Stimmen seinen Namen riefen. Die Sorge, was der Doktor Burbus und die anderen von seinem plötzlichen Verschwinden mit Gottfrieds Jagdjoppe und Gewehr denken mochten, machte ihm viel mehr zu schaffen als seine eigene Gefangenschaft hier auf dem Schlosse des Grafen Seefeld; denn wenn ihm auch der feine, geschniegelte Herr, zu dem er heute morgen geführt worden war, der Sekretär Renaud nämlich, von seinem Vergehen – wenn es überhaupt ein Vergehen zu nennen war, daß er einen auf diesseitigem Revier angeschossenen Hirsch auf jenseitigem hatte suchen helfen – als von einem schweren Verbrechen gesprochen, so wußte er ja selbst am besten, daß er nicht im entferntesten daran gedacht, einen Jagdfrevel zu begehen, und daß selbst jene Zeit, wo man Wilddiebe gröbster Art auf Hirsche geschmiedet und dergleichen furchtbare Strafen über sie verhängt, längst vorüber war. Nur wenn er an jenen jungen Offizier von den Husaren dachte, jenen Grafen Seefeld, der ihn droben beim Meilensteine mit so gehässigen Blicken betrachtet und der ja ebenfalls hätte anwesend sein können, dann stieg der Gedanke in ihm auf, wie es doch so gar leicht sei, unverschuldet ins Unglück zu kommen; dieser Offizier brauchte ja nur darauf zu bestehen, ihn des Jagdfrevels anzuklagen, und wenn er auch aus einer solchen Anklage frei hervorging, so erschien er doch dadurch in einem Lichte, daß es ihm unmöglich gemacht wurde, in die Militärschule einzutreten – und was dann weiter? Hatte ja doch der Pfarrer Wendler dafür gesorgt, daß seine Schulgehilfencarriere durch einen dicken schwarzen Strich für immer abgeschlossen worden war! Glücklicherweise grübelt man in der Jugend nicht so tief und schmerzlich nach als in reiferen Jahren. Die Wogen unserer Gemütsstimmung, rasch erregt, ebnen sich wieder mit gleicher Schnelle, und wo wir soeben noch ein wild bewegtes Meer sahen, bereit, unser Lebensschifflein zu verschlingen, da schauen wir im nächsten Augenblicke eine glatte, hoffnungsreiche Fläche, tröstlich beschienen vom Glanze der Sonnenstrahlen, die sich Bahn gebrochen zwischen finster zusammengeballten Wetterwolken. So erging es auch Erich, und nachdem er stundenlang in dem weiten Gemache hin und her gegangen, hatte er sich so weit beruhigt, daß er die vergangene Zeit vergessen und sich seiner Zukunft in frohen Träumen zuwenden konnte. Er setzte sich auf die Holzpritsche, dann lehnte er sich darüber hin, wobei er seinen Kopf in die Hand stützte, und dann schlief er vor Ermüdung ein. Als er nach längerer Zeit wieder erwachte, fuhr er rasch in die Höhe und sprang empor, denn er wußte im ersten Augenblicke nicht, wo er sich befand; war doch alles um ihn her so dunkel, daß er nicht imstande war, den Raum zu erkennen, der ihm zum Aufenthalte diente! Erst als er aufwärts blickend eine zweifelhafte Helle durch das Fenster hoch an der Decke eindringen sah, erkannte er nach und nach seine Umgebung wieder. Ja, er hatte lange geschlafen; doch hatte ihn dieser Schlaf nicht erquickt, oder war es auch wohl das Gefühl von Hunger und Kälte, was ihn in eine weit unbehaglichere, weit unglücklichere Stimmung versetzte? Was hatte man mit ihm vor? War es doch bereits Abend geworden und niemand kümmerte sich um ihn – absichtlich, oder hatte man ihn vergessen? Er ging nach der Thür; er wußte, daß dieselbe verschlossen und verriegelt worden war. Er legte das Ohr an das Schlüsselloch. Ein kalter Wind drang ihm durch dasselbe entgegen, doch vernahm er nicht das Geringste, keinen Laut einer menschlichen Stimme. Wenn er die Holzpritsche aufrichten und dann hinaufklettern konnte, so war es ihm vielleicht möglich, durch das Fenster ins Freie zu sehen; das versuchte er, und es gelang ihm. Er hatte dabei auch an die Möglichkeit gedacht, durch das Fenster entfliehen zu können, doch war dasselbe mit dicken eisernen Stangen versehen. Auch war es draußen schon zu dunkel, als daß er hätte viel unterscheiden können. Was er vor sich sah, waren Bäume und Rasenplätze, hinter denen ein sanft ansteigendes Terrain begann, welches aber mit Wald gekrönt sein mußte, denn er bemerkte den helleren Himmel hinter einer bewegten dunklen Linie, die wahrscheinlich von der Krone alter Bäume gebildet war – und auch das hätte er nicht bemerken können ohne einen schwachen Schein am Himmel, mit dem sich der aufsteigende Mond verkündete. Er stieg von der Holzpritsche wieder herab und begann abermals, das Gemach mit seinen Schritten zu durchmessen. Alles, was er außer dem Schalle seiner eigenen Fußtritte hörte, war der tiefe Klang einer Turmuhr, welche Viertel und Halb anschlug und dann nach einiger Zeit die achte Abendstunde. Ja, es fror ihn, und er lief hastiger auf und ab, um sich zu erwärmen, und wenn ihm dies auch für Augenblicke gelang, so hatte er doch nichts, um seinen Hunger zu beschwichtigen, der auf recht unangenehme Art anfing, sich bei ihm einzustellen. Ja, Frost und Hunger, zwei trostlos geschickte Maler, um uns Gegenwart und Zukunft mit trüben grauen Farben auszumalen! Sein Mut schwand dahin, seine Hoffnung erblaßte, und als er sich jetzt wieder auf die Holzpritsche setzte, kauerte er sich frierend zusammen unter dem schweren Drucke einer recht kummervollen Stimmung. Wohl horchte er auf, als er jetzt draußen Geräusch vernahm, und die Hoffnung belebte ihn, daß man jetzt kommen werde, um nach ihm zu sehen. Doch zog der Schall zahlreicher Fußtritte vorüber. Dann hörte er das Rollen von Rädern sowie das Schnauben und Schütteln von Pferden; auch flog der Widerschein vom Licht durch das Fenster an der gewölbten Decke des Gemaches rasch dahin, um aber gleich darauf wieder eine scheinbar noch tiefere Finsternis entstehen zu lassen und noch eine unangenehmere Stille, als jetzt das Geräusch der Vorübergehenden draußen aufgehört. Wer konnte das gewesen sein? – Auch wenn er noch droben am Fenster gestanden hätte, wäre er doch der Eisengitter wegen nicht imstande gewesen, das zu unterscheiden. – Neun Uhr. – Dann lief er hastig auf und ab und dachte an das friedliche, angenehme Leben in der Mühle, wo jetzt wahrscheinlich in dem heimlichen Wohnzimmer die Lampe auf dem Tische stand, wo der Müller Burbus mit weiten Schritten auf und ab ging und wo vielleicht die alte Lene irgend eine Vorahnung erzählte, welche sie, das Verschwinden des armen jungen Menschen betreffend, gehabt haben wollte. Erich konnte freilich nicht wissen, daß das, was er so träumte, der Wahrheit nahe kam, und daß er in seinen Gedanken nur noch Gottfrieds vergessen hatte, der vor dem großen Ofen stand, nachdem er seine Büchse mißmutig in einen Winkel gestellt, und nun seinem Vater erzählte, daß er auf der Waldburg gewesen sei, daß ihm aber dort die Leute des Grafen Seefeld böswillig jede Auskunft verweigert und daß er nur durch Bestechung unter der Hand erfahren konnte, Erich sei von dem Revierförster Ketteler bei dem verendeten Hirsche gefunden und mitgenommen worden. Der alte Müller hatte darauf langsam mit dem Kopfe genickt und befohlen, daß man morgen früh um sechs Uhr für ihn einspannen solle, um auf das Gerichtsamt der benachbarten Stadt zu fahren. – Hätte Erich eine Ahnung davon gehabt, daß die Freunde seine richtige Spur gefunden, so würde er ruhiger, getrösteter gewesen sein; so aber überkam ihn jetzt ein unaussprechlich schmerzliches Gefühl des Verlassenseins, zugleich mit dem traurigen Gedanken, daß er eigentlich niemand auf der Welt habe, der die Verpflichtung in sich fühle, sich um ihn zu bekümmern, und daß er es ja eigentlich dem Müller Burbus sowie auch Gottfried und den anderen nicht übelnehmen konnte, wenn sie den fremden jungen Menschen, der sie ja eigentlich gar nichts anging, seinem Schicksale überließen. Dabei traten jene Tage so lebhaft vor seine Seele, wo er noch in dem alten Hause bei seinem Vater gewesen war, wo er krank in seinem Bettchen gelegen, wo man ihn so liebevoll gehegt und gepflegt, ihm Märchen erzählt, und wo die alte Base die Decke, unter welcher er sich mit einem angenehm schauernden Gefühle verkrochen, rings um ihn her fest eingesteckt hatte und vor ihm sitzen geblieben war mit einem Stocke in der Hand, um damit, wie sie sagte, die garstigen Träume zu verjagen, sowie das böse Fieber auf den Kopf zu schlagen, wenn es wiederkommen wolle. Damals war sein müder Körper unter einem Gefühle sanften Hin- und Herschwankens in einen erquickenden Schlaf gesunken, wobei es ihm gewesen war, als schaukle er im Nachen auf einer weiten, stillen Seefläche. Hatte er jetzt wieder geschlummert? Ja, es muhte so gewesen sein, denn er richtete sich rasch empor und öffnete hastig seine Augen, als er, ohne vorher ein Geräusch vernommen zu haben, nun bemerkte, wie heller Lichtschein durch die geöffnete Thür eindrang; dann vernahm er eine Stimme, die ihm zurief: »Komm einmal einen Augenblick daher, Bürschlein, man will dich sehen! Da, nimm auch deinen Hut mit dir, und wenn ich dir gut raten soll, so sei demütig und gib keine trotzigen Antworten, wie du mir heute morgen gegeben.« Der also sprach, war der Revierförster Ketteler, und als Erich auf diese barsche Anrede und auch wohl in der ersten Ueberraschung keine Antwort gab, sondern ruhig sitzen blieb, trat er näher und beleuchtete ihn mit der Fackel, die er in der Hand trug. »Nun, wird's bald?« »Und wohin soll ich Euch folgen?« fragte Erich nach einer Pause. »Das wird sich alles finden.« »Wenn ich aber nicht folgen will?« »Oho, Bürschlein,« erwiderte der andere mit einem rohen Lachen, »daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht, und im Ernste denkst du auch wohl nicht daran, denn du wirst gefunden haben, daß es bei uns mit deinem Willen nicht weit her ist!« »Allerdings nicht!« rief Erich, aufspringend. »Was kann ich thun gegen die rohe Gewalt, mit der man mich behandelt? Doch wird gegen diese auch noch eine Gerechtigkeit zu finden sein!« »Suche sie nur recht sorgfältig; ich aber fürchte, du findest sie nicht, wie du wohl glaubst, denn wir sind hier in unserem vollkommenen Rechte, wie man dir wohl beweisen wird. Aber vorwärts, vorwärts, man ist bei uns nicht gewohnt, auf sich warten zu lassen!« Was konnte Erich thun? Sich trotzig an die Pritsche klammern und sich vielleicht auf diese Art Mißhandlungen aussetzen, zu welchen ihm der Mann, der vor ihm stand, wohl fähig schien? Auch war ihm jede Veränderung in seiner Lage erwünscht, erfuhr er doch jedenfalls, was man mit ihm vorhabe. Er nahm seinen Hut, setzte ihn ruhig auf und folgte dem Jäger. Dieser hatte den starken Hund von heute morgen bei sich und ließ Erich vorangehen, eine Weile an langen, dunklen Gebäuden vorbei; dann rief er ihm zu, rechts in eine erhellte Pforte einzutreten. Doch war dies nur ein Durchgang, welcher auf einen weiten Raum führte, in dessen Mitte sich eine gotische Kirche befand. Gegenüber dem Portale dieser Kirche erhob sich der mittlere Teil des Schlosses hoch über die Seitenflügel empor, und hier bemerkte man große, breite, hell erleuchtete Fenster. Sie gingen bei der Kirche vorbei dem Schlosse zu und kamen dann in ein hell erleuchtetes Vestibül, wo reich galonierte Diener geschäftig hin und her liefen, glänzende Geschirre in Krystall und Metall sowie leere Flaschen forttragend, während andere silberne Gefäße herbeitrugen und mit denselben in einem anstoßenden Gemache verschwanden, wo Erichs Begleiter demselben einzutreten befahl und wo dieser sich aus der dunklen, stillen Nacht, aus dem kalten Gemache hinweg mit einemmal in eine so feenhafte Umgebung versetzt sah, daß er mit Staunen und Verwunderung um sich herschaute, und wo ihn das noch nie Gesehene auch förmlich geblendet haben würde, selbst wenn es mit seiner letzten Vergangenheit einen minder schroffen Gegensatz gebildet hätte. Er befand sich in einem hohen, achteckigen Gemache, in dessen Mitte die Wasser eines Springbrunnens, lustig plätschernd, den Glanz von Hunderten von Wachskerzen zurückwarfen, mit denen dieser Raum erfüllt war. Sein Fuß glitt über einen parkettierten Boden, und die warme, angenehme Luft, die hier herrschte, that seinem durchfrorenen Körper unendlich wohl. So reich ihm aber auch dieses Gemach erschien, so war es doch nichts im Vergleiche mit der hohen und weiten strahlenden Halle, in welche Erich durch breite, geöffnete Flügelthüren hineinblickte. Er glaubte zu träumen oder ein Märchen zu erleben – ein Märchen, in welchem sich vor dem armen, verirrten Wanderer plötzlich die Herrlichkeiten der ganzen Feenwelt aufthaten. Gab es wirklich solche Pracht, solchen Glanz, wie das, was sich da vor seinem flimmernden Blicke aufthat? Ja, es gab dergleichen, denn er träumte nicht und erlebte auch nicht die Wunder des Märchens; alles dies war Wirklichkeit, aber eine prachtvolle Wirklichkeit. Bemerkte er doch unter den Personen, die sich in dem Saale teils zu zwei oder drei auf und ab bewegten oder in Gruppen bei einander standen, militärische Uniformen, wie er sie von früher her wohl kannte und wie er sie neulich noch bei dem Manöver gesehen. Ja, da waren Artillerie- und Kavallerieoffiziere, unter den letzteren auch von jenen roten Husaren, welche die Batterie hatten überfallen wollen; und das allein war ihm unangenehm und drückte ihm das Herz zusammen, nicht die Furcht, jenem übermütigen Offizier wieder begegnen zu müssen, der ihm schon einmal mit körperlicher Mißhandlung gedroht. Vor all dem Glanze, welcher Erich umgab und den er mit dem höchsten Interesse anschaute, kam er indessen nicht dazu, seinen trüben Träumen weiter nachzuhängen, ja, alles hier erschien ihm so fremdartig und dann wieder so schön, daß es ihm oft vorkam, als sei er, durch den Lichterglanz angezogen, freiwillig aus dem dunklen Walde hierher gekommen, um sich diese Herrlichkeiten einer für ihn noch bisher unbekannten Welt in der Nähe anzuschauen. Doch riß es ihn bald wieder in die rauhe Wirklichkeit zurück. Unter lautem Lachen und Plaudern näherten sich jetzt einige junge Leute, fast alle Offiziere, der weit geöffneten Flügelthür, und Erich, welcher an der Spitze derselben jenen Offizier erkannte, dem zu begegnen ihm auch in diesem Augenblicke ein fast unerklärliches Gefühl von Haß und Bitterkeit erzeugte, wandte sich rasch, um, hinter den Springbrunnen tretend, vielleicht von jener ausgelassenen Truppe ungesehen zu. bleiben. Umsonst – hier vertrat ihm der Revierförster Ketteler den Weg, indem er mit einer gebieterischen Gebärde auf die Herankommenden zeigte. »Aha, da haben wir unseren Uebelthäter,« hörte er, abgewendet stehend, ohne umzuschauen, jene Stimme sagen, von der er wußte, wem sie gehörte – »und wendet uns trotzig den Rücken, als wenn er auch hier auf seinem eigenen Grund und Boden stünde. Ja, er versteht es, sich in fremdem Revier zu bewegen, das haben wir heute morgen erfahren. – Nun, wie steht es mit dem Burschen, Revierförster Ketteler, scheint noch nicht im geringsten mürbe geworden zu sein?« Erich sah, wie jetzt der Angeredete mit einer drohenden Gebärde gegen ihn trat, und da er die Berührung des rohen Menschen fürchtete, so wandte er sich langsam gegen die, welche soeben mit aufeinander gebissenen Lippen und zornglühenden Augen aus der Halle in den Vorsaal getreten waren. Von diesen stand ihm Graf Dagobert am nächsten, und kaum hatte derselbe seine Züge erblickt, als er, einen halben Schritt zurücktretend, laut ausrief: »Alle Teufel, das ist ja unser Jagdfrevler und der Spion von neulich in einer Person – ein süperber Fang, Ketteler, ich mache Ihm mein Kompliment! – Sehen Sie, meine Herren,« wandte sich der junge Offizier hierauf gegen seine Kameraden, wobei die Röte des Zornes mit der des Weines auf seinem Gesichte einen Augenblick kämpfte, »das ist jener Bursche, von dem ich Ihnen erzählt, der uns am neulichen Manövertage unseren süperben Ueberfall vereitelte. Damals hatte der Vogel allerdings andere Federn; jetzt möchte ich nur wissen, ob wir uns zuerst an den Spion oder an den Jagdfrevler wenden sollen.« »Ich denke mir,« sagte einer der Dragoneroffiziere lachend, »daß der Spion ältere Rechte hat, auch antipathischer ist für uns alle hier, mit Ausnahme für den seligen Horn, der sich bei seinem Ueberfalle vielleicht auch einen solchen Spion gewünscht hätte.« »Habe das durchaus nicht gebraucht,« entgegnete der, von dem soeben die Rede war; »hasse alle Spione und habe mich auch ohne solches Gesindel glänzend durchgeschlagen.« »Bravo, Horn!« rief Dagobert; »denn das thut meinem Herzen wohl. Und nun zu dir,« wandte er sich, einen Schritt vortretend, an Erich. »Wie konntest du dich neulich unterstehen, uns durch dein wüstes Geschrei zu verraten?« Erich gab keine Antwort und zuckte nur leicht mit den Achseln, wobei er aber seinen Blick fest auf das Gesicht seines erhitzten und aufgeregten Widersachers richtete. »Das ist ein verstockter Bursche!« meinte einer der anderen Husarenoffiziere, worauf ein schon älterer Rittmeister von den Dragonern begütigend hinzusetzte: »Gehen Sie über diese Manövergeschichte hinweg, Graf Seefeld – ja, wenn es eine ernstliche Affaire gewesen wäre!« »Erlauben Sie mir, Herr Rittmeister,« rief Dagobert, »diese Affaire kann zu einer ernstlichen gemacht werden; ich habe diesem Burschen da seine Fuchtel angelobt, und nun soll er eine doppelte Portion haben, da er jetzt obendrein noch als Jagdfrevler in meine Hände gefallen ist.« »Was das letztere anbelangt,« erwiderte der Rittmeister, sich achselzuckend abwendend, »so müssen Sie am besten wissen, was Sie darin zu thun haben.« »Und steht er nicht da und glotzt uns mit einer Frechheit an, als hätte er ein Recht dazu?« »Ha, Bursche,« sagte der selige Horn, »nimm dich zusammen, daß dir nichts Unangenehmes passiert!« »Ich fürchte nichts Unangenehmes,« brachte Erich mühsam hervor; »ich will aber sehen, wie weit man die Gewalt über mich mißbraucht.« »Hat man dich nicht mit geladenem Gewehr pirschend in unserem Revier angetroffen?« rief Graf Dagobert durch die aufeinander gebissenen Zähne und dem jungen Menschen so nahe tretend, daß dieser unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich. »Hat man nicht, Bursche?« »Man hat mich allerdings in einem fremden Revier festgehalten, man hat mir auch mein geladenes Gewehr, das ich bei mir hatte, mit Gewalt abgenommen; wer aber sagt, daß ich durch dieses Revier gepirscht, der spricht die Unwahrheit.« »Ah, Revierförster Ketteler!« »So wagst du, mich einen Lügner zu nennen?« rief dieser zornig herantretend. »Bist du nicht mit dem Gewehr im Anschlage vorwärts gedrungen? Ja, ich behaupte, Erlaucht, er hat mich hinter der Buche bemerkt und hatte wohl Lust, mir eins aufzubrennen, wenn es ihm nicht an Mut gefehlt hätte!« »Sagt, was ihr wollt,« rief Erich gegen den Jäger gerichtet und sich umwendend, »ich werde auf alles, dessen man mich beschuldigt, hier keine Antwort mehr geben! Man stelle mich vor ein Gericht, wohin ich gehöre, und dort werde ich mich schon verantworten!« »Ja, ja, wir kennen den Gang von dergleichen Gerichtsverhandlungen,« rief Graf Dagobert hohnlachend, »und du sollst auch demselben übergeben werden, Bursche, aber nicht eher, als bis ich mein Recht vorher an dir genommen, dann mögen sie ihr Urteil sprechen, wie sie wollen! Deine Fuchteln sollst du bekommen, und aus dem Salz, wofür Ketteler Sorge tragen wird – he, Ihr versteht mich!« wandte er sich gegen diesen mit einem raschen Aufwerfen seines Kopfes, wobei sich sein häßliches, widerwärtiges Gesicht zu einer unangenehmen Grimasse verzog. Hätte Erich in diesem Augenblicke seine Kaltblütigkeit zu bewahren vermocht und wäre er imstande gewesen, sich stillschweigend abzuwenden, so würde dieser gehässige Auftritt damit wohl sein Ende erreicht haben, obgleich der junge Graf, während er so bezeichnend mit seinem Revierförster sprach, die biegsame Reitpeitsche in seiner Hand unter einem wilden Blicke des Zornes so zusammenbog, als habe er die größte Lust, sein Recht, wie er es nannte, höchstselbst und eigenhändig zu nehmen. Nun gibt es aber Menschen, Gesichter, die imstande sind, einen so ausgesprochenen Widerwillen in uns hervorzurufen, daß wir es nicht vermögen, ihren Angriffen mit ruhiger Ueberlegung entgegenzutreten, sondern daß wir uns durch ein unerklärliches Gefühl des Hasses gezwungen sehen, ihnen selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen die Stirn zu bieten. So erging es Erich, der sich nicht enthalten konnte, sich rasch gegen den Offizier wendend, zu sagen: »Thun Sie mit mir, was Sie wollen; nur hoffen Sie in jeder Beziehung auf eine einstige Wiedervergeltung!« »Du drohst auch mir, Bursche,« rief Dagobert wütend, »du drohst mir mit Wiedervergeltung – da, nimm dies, Hund von einem Jagdfrevler, und dann will ich warten, wie du es heimzahlen wirst!« Er hatte rasch die rechte Hand mit der Reitpeitsche erhoben, doch wich Erich, der bleich vor ihm stand, nicht zurück vor dieser drohenden Gebärde; auch hatten seine blitzenden Augen das Gesicht des Angreifers verlassen und richteten sich rasch auf die Spitze der Peitsche. Dies thun, dann den linken Arm wie sich schützend emporheben sowie sich mit Blitzesschnelligkeit vorwerfen und die Reitpeitsche der Hand des Offiziers entreißen, ehe der verletzende Schlag niederfallen konnte, war das Werk einer Sekunde. Und nun hatten sich mit einemmal die Rollen zwischen den beiden so gänzlich geändert, daß Erich die Reitpeitsche in hoch erhobener Hand hielt, während der andere, zitternd vor Wut, mit der Hand nach der Hüfte fuhr, wo ihm aber der Säbel fehlte. Doch hätte keiner der Widersacher des jungen Menschen – und das waren sie alle, die um ihn herum standen und jetzt im Begriffe waren, gegen ihn zu stürzen – sagen können, er habe dagestanden mit einer drohenden Gebärde oder Bewegung; vielmehr schien er erschrocken über das, was er gethan, öffnete die Finger seiner rechten Hand und ließ die Reitpeitsche langsam an seinem Arme hinab auf den Fußboden niedergleiten, wobei er mit dumpfer, tiefbewegter Stimme sagte: »Ich lasse mich nicht schlagen!« Doch stand er dieser Mißhandlung näher, als er vermutet, denn der junge Graf wandte sich zähneknirschend mit der geballten Faust gegen ihn, als eine tiefernste Stimme unter den Offizieren sagte: »Dieser junge Mensch hat eigentlich recht, daß er sich nicht schlagen läßt. Pah, wer wird überhaupt unter diesen Verhältnissen daran denken! Sie gewiß nicht, Graf Seefeld!« Alle wandten sich rasch um, selbst Dagobert, und wichen zurück, als sie den erkannt, der also sprach. Es war jener ernste Oberst von der Artillerie, mit dem ruhigen Gesichte und dem schwarzen Barte, der nun mitten unter die Offiziere trat, dann die Hand des jungen Grafen faßte und ihm sagte: »Ihr Herr Onkel ersuchte mich, zu sehen, was hier draußen Ihre laute Fröhlichkeit – so glaubte er – veranlaßt; nun ich das gesehen, ersuche ich Sie dringend, meine Herren, mit mir in die Halle zurückzugehen.« »Aber, Herr Oberst, Sie wissen noch nicht, um was es sich handelt!« »O ja, Herr Lieutenant, ich sah und hörte genugsam davon auf dem kleinen Wege dort an der Thür bis hierher. – Und nun darf ich wohl bitten, meine Herren!« Es gibt eine Art zu bitten, namentlich in militärischen Verhältnissen, welche dasselbe bezweckt wie der strenge Befehl – und sämtliche Anwesende, zu denen der Oberst von der Artillerie gesprochen, folgten diesem schweigend, selbst Dagobert, doch nicht, ohne daß dieser seine Finger krampfhaft zusammenschloß und dem Förster zurief: »Schließen Sie ihn ein bis auf weiteres!« Was mit Erich in dieser Viertelstunde vorgegangen, war zu überwältigend, zu gewaltsam gewesen, als daß er seine ruhige Fassung sogleich hätte wiedergewinnen können. Wie gern hätte er dem ernsten Offizier seinen heißen Dank ausgedrückt, ja, ihm die Hand geküßt und unter heißen Thränen erzählt, was ihn hierher gebracht und wie man ihn behandelt! Doch hatte ja jener nur das Unpassende des lauten Wortwechsels selbst ins Auge gefaßt; was kümmerte ihn der armselige Gegenstand desselben! – Das fühlte Erich tief und schmerzlich unter den lauten Schlägen seines Herzens und unter leisem, unhörbarem Aufschluchzen. Er konnte sich nicht enthalten, seine Hände für ein paar Sekunden an die Augen zu drücken; ja, als ihn hierauf der Förster unsanft an der Schulter berührte, vermochte er nur, ihm mit flehendem Tone zu sagen: »O, lassen Sie mich, ich will ja ruhig und widerstandslos mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen!« »Das dank' dir der Teufel, Bursch, nachdem du so viel Unheil angerichtet – aber warte nur!« Dann gingen sie miteinander fort, Erich, ohne auch nur noch einen Blick in die glänzende Halle geworfen zu haben, unter dem Drucke eines tiefschmerzlichen, fast verzweiflungsvollen Gefühles, die Hände krampfhaft ineinander verschlungen, die Blicke auf den Boden gerichtet. Auch als er wieder draußen im Hofe angekommen, bemerkte er es hier nicht, daß derselbe von lodernden Fackeln erhellt und mit Gestalten in phantastischer Kleidung angefüllt war; ja, verworrene Laute in einer ihm unbekannten Sprache schlugen an sein Ohr wie das ferne Rauschen eines Waldbaches, und andere Töne, die dazwischen kamen, das leichte Rasseln eines Tamburins, sowie schüchterne Accorde einer Guitarre oder Mandoline, schienen ihm gleichbedeutend mit dem Sausen des Windes durch die dürren Aeste der Bäume. Aber es gab etwas anderes, eine leise Berührung, welche imstande war, ihn mit einemmal aus seinen Träumereien zu wecken, die Berührung feiner, warmer Finger mit seiner kalten Hand – eine Berührung, die ihn plötzlich in die jetzt so phantastisch erscheinende Gegenwart zurückwarf. Rasch aufblickend, erkannte er nun die Gestalten, die ihm soeben noch traum- und nebelhaft erschienen waren, hörte auch, deutlich prüfend, angeschlagene Accorde von Saiteninstrumenten, sowie das versuchsweise dazwischenklingende Tamburin in den Händen der Zigeunermädchen – und alles das durch die Berührung der feinen, warmen Hand Blandas, die neben ihm stand, die ihn mit weit geöffneten Augen staunend und fragend anblickte. O, hätte er nur einen Augenblick Zeit gehabt, ihr oder der herbeigeeilten Esmeralda zu sagen, was mit ihm vorgegangen und weshalb er sich hier befände! Doch trat sein barscher Führer zwischen ihn und die Zigeuner, drängte ihn fort und trieb ihn eilends über den Hof bei der Kirche vorbei, durch den Thorbogen zurück in den finstern, kalten, traurigen Raum, wo er früher gewesen und den Ketteler nun abermals hinter ihm verschloß und verriegelte. 15. Kapitel Während in der Vorhalle getanzt und gesungen wird, hat der Herr des Hauses Visionen und Erich treibt Sternkunde. Das glänzende, geräuschvolle Leben und Treiben in der Halle des Schlosses hatte sich in der letzten Zeit, während wir dieselbe verlassen, ziemlich umgestaltet. Die Tafel war aufgehoben worden, ohne daß man deshalb das Gelage unterbrochen hätte; ja, es hatten sich einzelne Gruppen an der Haupttafel gebildet oder an kleineren Nebentischen, wo es, besonders an den letzteren, recht kriegerisch herging. Dort befanden sich die tapferen Offiziere förmlich in Rauch eingehüllt, allerdings im Rauche der Cigarren, bei immer noch knallenden Champagnerflaschen, bei auffliegenden Stöpseln und aufregenden Redensarten. Einer stillschweigenden Übereinkunft gemäß hatten sich die jüngeren Offiziere sowie die Rauchenden an das untere Ende des Saales zurückgezogen, wodurch am oberen Teile desselben bei der Höhe der Halle eine ziemlich sturmfreie Atmosphäre herrschte. Dort befand sich Herr Christian Kurt in der Nähe des Kamins, und zwar mitten im großen Saale, sozusagen in einem eigenen Gemache, welches, um allen Zugwind abzuhalten, durch spanische Wände gebildet worden war, mit denen man in einem ziemlich weiten Kreise seinen Spieltisch sowie den runden Theetisch der Gräfin umgeben hatte. Die einzige Öffnung dieses großen Kreises spanischer Wände ging auf die Glut des Kamins, der eine angenehme, behagliche Wärme ausströmte. Der alte Graf spielte leidenschaftlich gern Whist mit dem Strohmanne, und seine Partie wurde heute abend gebildet durch seinen täglichen Spielgesellschafter, den Doktor Herbert, dann durch einen alten, stillen Obersten von der Infanterie, sowie den uns schon bekannten ernsten Kommandanten der Artilleriebrigade, den Oberstlieutenant Schirmer. Der jedesmal Austretende dieser Vier, mit alleiniger Ausnahme des Herrn Christian Kurt, welcher in seinem weichen Lehnstuhle sitzen blieb, begab sich in den Zwischenpausen regelmäßig an den Theetisch der Gräfin und vermittelte auch auf freundliche, gefällige Art die Unterhaltung zwischen beiden Parteien. Neben der schönen Frau des Hauses befanden sich der kommandierende General, der Oberst von Schwenkenberg und einige andere Kommandeure nebst einem halben Dutzend jüngerer Offiziere, meistens die Träger alter, bekannter Familiennamen, oder auch ein paar Durchlauchten, von welchen indessen als solchen hier keine besondere Notiz genommen wurde. Auch sah man Herrn Renaud, doch weder am Theetische teilnehmend, noch selbstthätig an der Whistpartie, zuweilen unhörbar verschwindend und darauf ebenso erscheinend, meistens aber hinter dem Stuhle des alten Grafen stehend, welcher alsdann hier und da bei einem besonders verwickelten Spiele fragend zu ihm aufschaute. »Diese jungen Herren,« bemerkte der General, auf den Auftritt von soeben im Vorzimmer anspielend, »sind nur zu oft geneigt, ihren Launen den Zügel schießen zu lassen. Sie haben ihnen doch gesagt, Herr Oberst Schirmer, daß ich, ihr General, dieses Lärmen absonderlich gefunden hätte?« »Nicht gerade mit diesen Worten, Herr General,« entgegnete trocken der Artillerieoffizier, »Ich nahm diese Sache mehr als zur Kompetenz unseres hochverehrten Wirtes gehörend und bemerkte ihnen, daß der Herr Graf sich nach der Veranlassung dieser heiteren Fröhlichkeit erkundige.« »Und danke Ihnen, Herr Oberst; es hätte aber auch nicht geschadet, wenn Sie gegen meinen Neffen schroffer aufgetreten wären. Der ist von unglaublichem Übermute, und wenn ich sein militärischer Vorgesetzter wäre, würde ich ihn hier und da in Arrest schicken, sacre bleu ! So aber,« setzte er achselzuckend hinzu, »bin ich nur ein alter, kränklicher Mann.« Wie man aber Herrn Christian Kurt jetzt so da sitzen sah, rüstig spielend, an der Unterhaltung beider Tische lebhaft teilnehmend, hätte man es kaum gewagt, das letztere Prädikat auf ihn anzuwenden, ja, ihn vielmehr noch für einen raschen Sechziger gehalten. Es war immer noch die Zeit vor Mitternacht, in welcher, wie aus einem langem Schlafe erwachend, seine Lebensgeister nach und nach in Funktion zu treten schienen und alsdann allmählich aus dem kranken, teilnahmlosen, schläfrigen, hinfälligen, alten Manne ein fast lustiger Gesellschafter wurde, der es, auf der Höhe seiner gesteigerten Laune angekommen, in gewisser Beziehung mit dem Jüngsten hätte aufnehmen können. Ebenso rasch verflackerte aber auch diese trügliche Flamme wieder. Wenn ihn alsdann Herr Ben gegen Morgen wie ein kleines Kind zu Bette gebracht, die Vorhänge fest verschlossen, die Nachtlampe angezündet hatte, hatte man es mit einem so teilnahmlosen, stillen Manne zu thun, daß man kaum noch ein Wiedererwachen desselben voraussetzte. Und doch hat sich dasselbe Spiel schon jahrelang wiederholt und schien sich auch noch fernere Jahre wiederholen zu wollen. War doch Herr Christian Kurt heute abend von einer besonderen Lebhaftigkeit und Munterkeit und warf seine guten und schlechten Bemerkungen unablässig unter seine Mitspielenden hinein, sowie hinüber auf den Theetisch. »Was ist denn jener Bursche eigentlich und was hat man mit ihm vor?« fragte er seinen Sekretär Renaud. » Sacre bleu, wenn er ein schlechtes Subjekt ist, hätte ihn der Pfarrer lieber behalten sollen!« »Er gibt an, der Sohn eines Artillerieunteroffiziers zu sein,« »Ah, das schlägt in Ihr Fach, Herr Oberst.« »Es gibt allerlei Artillerieunteroffiziere, Herr Graf,« antwortete der andere mit einem eigentümlichen Lächeln, »gute und schlimme Subjekte, wie in allen übrigen Ständen, und der Vater dieses Taugenichts konnte immerhin ein recht braver Mann sein. Es gibt ähnliche Beispiele genug. Wie heißt er denn?« »Der Bursche nennt sich Erich Freiberg.« »Freiberg – Freiberg – ich kann mich eines solchen Namens nicht erinnern, obgleich ich ein gutes Gedächtnis habe.« »Nachdem er in Zwingenberg entlassen wurde, begab er sich zu unserem guten Nachbar, dem Müller, Herrn Doktor Burbus,« sagte Herr Renaud mit einer ruhigen Stimme, die aber ein leichter Klang von Ironie durchzog, »und schoß alsdann vermutlich auf unserem Revier den kapitalsten Hirsch, den Se. Erlaucht in sämtlichen Forsten besitzen.« »Sehen Sie einmal dieses Ungetüm an,« rief Herr Christian Kurt, »und gerade aus Bosheit meinen stärksten Hirsch! O, ich sage Ihnen, es wäre nicht unchristlich, wenn ich den Wunsch ausspräche, daß der Teufel diesen Müller Burbus gelegentlich holen möge! Ein aufrührerischer Kerl, ein Beförderer sogenannter liberaler Grundsätze, ein Volksaufwiegler, ein ...« Hier legte Doktor Herbert ruhig seine Karten vor sich auf den Tisch und sah den alten Herrn lächelnd an, während er leise vor sich hin, allerdings kaum hörbar, die Melodie pfiff: Mironton-mironton-mirontaine. »O, ich weiß schon, was Ihr Gepfeife bedeutet, Herr Doktor, und hätte auch ohnedies meine Aufregung gemäßigt; aber Sie haben natürlich keinen Begriff davon, wenn man sich so vor der Nase den kapitalsten Hirsch durch diese verdammten Wilderer zusammenschießen lassen muß!« Mironton-mironton-mirontaine, pfiff abermals der Doktor und sagte alsdann: »Davon habe ich allerdings einen Begriff, und gerade was diesen Hirsch anbelangt; denn ich war es, der ihn schon öfter verhörte, dem er aber nie zu Schuß kommen wollte.« »Doktor, Sie sind ein gewaltiger Nimrod?« fragte der Oberst von der Infanterie; doch ehe der Doktor auf diese Frage antworten konnte, warf der General von drüben lachend dazwischen: »Aber ein ebenso vortrefflicher Arzt, wie man soeben gehört, und ich mache Ihnen über Ihre Erfindung, unseren verehrten Freund und Gönner zur Ruhe zu pfeifen, mein devotestes Kompliment.« »Die Ehre der Erfindung muß ich ablehnen, Herr General, die gebührt unbedingt dem Herrn Grafen. Ich bin hier nur die Exekutivbehörde. Se. Erlaucht selbst befahlen mir, bei vorkommenden Fällen der Aufregung den Refrain dieser Lieblingsarie zu intonieren.« »Allerdings, aber dieser Haustyrann braucht sie auch zuweilen als Kriegslist, wenn er mir das Wort vom Munde abschneiden will, wie soeben, wo ich mich in gebührenden Epitheta über seinem Busenfreund, den Müllerdoktor, erging.« »Busenfreund will ich gerade nicht sagen,« lächelte der Doktor, »aber er ist doch kein so übler Mann, dieser Burbus, und wer weiß, ob jener Hirsch nicht drüben geschossen wurde und bei uns nur verendet ist. Ich glaube so.« Jetzt pfiff der Graf leise vor sich hin: Mironton-mironton-mirontaine, und als hierauf alle lachten, sagte er: »Geben Sie zu, lieber Doktor, daß Sie ebenfalls ein bißchen Demokrat sind – wir schätzen Sie deshalb nicht weniger – und daß auch ich mich zuweilen bemühen muß, Ihre Aufregung niederzupfeifen.« »Ich werde mir das merken,« sprach heiter der Oberst von Schwenkenberg, »und meinem Adjutanten anbefehlen, ebenfalls den Marlborough zu pfeifen, wenn er es in gewissen Augenblicken für notwendig findet.« Einer der jüngeren Offiziere am Theetische meinte hierauf flüsternd: »Wenn das der selige Horn vor ein paar Tagen hätte thun können, so wäre er vielleicht einer bedeutenden Nase entgangen.« Herr Renaud war abermals hinter den Stuhl des Grafen getreten und sagte jetzt leise zu ihm: »Die Zigeuner sind im Vorsaale, Erlaucht. Haben Sie in dieser Richtung etwas zu befehlen?« »Ich für meine Person nicht das Mindeste; arrangieren Sie alles wie Dagobert es wünscht. Sehen Sie mir aber darauf,« setzte er leise hinzu, »daß kein Unfug geschieht, weder von dieser noch von jener Seite, und daß das Volk später auf eine sichere Weise untergebracht wird.« »Ich habe ihnen für diese Nacht die große, leere Halle im östlichen Flügel anweisen lassen.« » Bon ! Sorgen Sie auch, daß sie Feuer haben und zu essen und zu trinken. – Die Zigeuner sind da draußen im Vorzimmer,« rief der alte Graf alsdann mit lauter Stimme; »wer Lust hat, zu schauen, wird von der Gräfin freundlichst entlassen werden. Oder willst du sie selbst noch einmal betrachten, Isabella?« »Nein, nein, ich danke!« rief die schöne Frau. »Neulich bei der aufregenden militärischen Umgebung hat es mich recht interessiert, doch nicht so, daß ich eine Wiederholung wünsche; aber ich bitte die Herren, sich durchaus nicht zu genieren.« Einige der jüngeren Offiziere schlichen sich fort, und der General, der ihnen lächelnd nachschaute, sprach alsdann zu dem Spieltische hinüber: »Gestehe es nur, Schwenkenberg, du möchtest nur gar zu gern noch einmal das schöne Zigeunermädchen anschauen. Verzeihen Sie, Gräfin, aber ich habe deutlich gesehen, wie dieser alte Dragoner einen sehnsüchtigen Blick in die Halle hinaus warf – es ist das eben noch ein lediger junger Mensch.« »Ja, ja, Herr Oberst,« pflichtete auch Herr Christian Kurt bei, »lassen wir die Karten einen Augenblick ruhen und gehen Sie mit dem Doktor hinaus; der hat den Spektakel überhaupt noch nicht gesehen und kann seine Menschenkenntnis dadurch vermehren. Gehen Sie, Herr Doktor, wenn Sie zurückkommen, pfeife ich Ihnen schon den Marlborough.« »Einem solchen Befehle müssen wir gehorchen,« meinte der Oberst von Schwenkenberg achselzuckend, indem er seine Karten niederlegte. »Kommen Sie, Doktor.« Beide gingen miteinander fort, und dann wandte sich Christian Kurt an den General mit der Frage, ob es in der That der Mühe wert gewesen sei, was ihnen die Zigeuner neulich im Bivouac aufgeführt. »Ich habe schon Besseres und Schlechteres gesehen,« gab jener zur Antwort, »und wenn man annimmt, daß sie ihre Geschichten bei zweifelhaftem Tageslichte aufführten, ohne das Bestechende einer brillanten Beleuchtung, so mußte man gestehen, daß sie ganz hübsche Sachen machten, besonders die Kleine auf ihrer Kugel.« »Wer war denn die Kleine?« »Ein Kind, ein junges Mädchen von vielleicht zehn Jahren, von seinen Gliedern, allerdings mager und blaß, aber mit einem ausdrucksvollen und durchaus nicht gemeinen Gesichte. Nicht wahr, Gräfin Isabella?« »Gewiß, und mich dauerte das arme Geschöpf, das so gar nicht zu den übrigen stimmte. Ich dachte es mir vorteilhaft angezogen, in guter Umgebung, und alsdann passend in eine anständige Familie, ja in ein vormehmes Haus.« »Also eine kleine Preciosa?« »Die Zeiten der Preciosa sind wohl vorbei, und hätte ich auch die andere lieber mit jenem Namen belegen mögen, das auffallend schöne Zigeunermädchen nämlich, das so graziös tanzte.« »Die hätten Sie in der That sehen sollen, Graf Seefeld!« Draußen erklang jetzt lauter Applaus und lebhaftes Bravorufen, und da in diesem Augenblicke Herr Renaud an dem Kamine wieder erschien, so fragte Herr Christian Kurt, ob die jungen Leute draußen recht animiert seien. »Sehr, Erlaucht; es ist auch der Mühe wert; die Zigeuner in ihrem malerischen Kostüm nehmen sich vortrefflich aus bei der blendenden Beleuchtung in der Vorhalle.« »Willst du es dir nicht einen Augenblick anschauen?« fragte die Gräfin. »Ich für meine Person danke – wozu auch? Aber thue mir den Gefallen, Isabella, und führe unseren verehrten General und die anderen Herren dorthin; ich kann mir auch denken, daß heute bei guter Beleuchtung immerhin eine kleine Steigerung ist.« »Meinetwegen denn,« sagte der General, indem er der Gräfin den Arm bot und, gefolgt von den übrigen, der Vorhalle zuging. Der alte Graf lehnte in seinen Stuhl zurück, und nachdem er eine Weile in die lodernde Glut des Kaminfeuers geblickt, verschwand das freundliche Lächeln von seinem Gesichte und seine Züge wurden ernster und ernster, wahrscheinlich wie er, nach und nach in dem Buche seines Lebens rückwärts blätternd, sich jener Zeiten erinnerte, wo nichts imstande gewesen wäre, ihn in seinem Lehnstuhle am Kamine festzuhalten beim Klange der Mandoline und des Tamburins, welche im regelmäßigen Takte die Tanzschritte schöner Mädchen begleiteten. Und er hatte viel dergleichen gesehen in seinem langen Leben, welche Menge glänzender, leuchtender, ja glühender Mädchenaugen hatten ihm zugelächelt, sein eigenes Lächeln verstehend, oder hatten ihn auch wohl zürnend angeblickt, vorwurfsvoll und von Thränen umflort. Ja, auch an Augen dachte er jetzt, in denen Lust und Liebe erloschen war, ja sogar der Strahl des Lebens, welche langsam verdeckt wurden durch müde herabfallende Lider, nachdem sie ihn zuletzt noch mit einem unaussprechlichen Blicke angeschaut. – War es kühl in der Halle geworden, oder durchschauerte ihn nur innerer Frost? – Woher überhaupt mitten unter den Ausbrüchen einer lärmenden Lustigkeit, die allerdings gedämpft an seine Ohren schlug, diese trüben, unheimlichen Bilder? – Und dazu bewegte er taktmäßig seine weißen, hageren Finger auf dem Tische, dem Rhythmus folgend, welcher von draußen hereinklang, aber nicht der Melodie, die auch bei dem leisen Klingen der Mandoline und Guitarre, von den lärmenden Tamburins übertönt, verwischt wurde, und der er eine andere Weise unterlegte: Marlborough s'en va-t-en guerre, Mironton-mironton-mirontaine, Marlborough s'en va-t-en guerre, Ne sait quand il reviendra. Daß ihm gerade diese Melodie vorschwebte, finden wir nach der eben stattgehabten Unterredung begreiflich, und wenn sich dieselbe auch jetzt wieder als beruhigend erwies, denn der alte Mann atmete nur leise und sank immer tiefer in sich zusammen, so zauberte sie doch keine heiteren Bilder vor seine Seele, wenigstens keine solchen, die ihm in der Erinnerung heiter erschienen wären. Marlborough s'en va-t-en guerre. Sie hat etwas Einschläferndes, diese Melodie, wenn man sie leise vor sich hinsummt, und gerade sie hatte ihn in den glücklichen Tagen seiner Jugend so oft in den Schlaf eingelullt. Zuerst war es seine alte Wärterin, eine Französin, gewesen, welche dieses Lied aus der Heimat mitgebracht, dem Knaben vorgesungen und es ihn nach und nach, zum großen Vergnügen seines Herrn Papa, gelehrt, natürlicherweise zuerst den Refrain: Mironton-mironton-mirontaine. Später – manche Jahre später – war aus einem Lernenden ein Lehrender geworden, und als er jener Zeit gedachte, sank sein müdes Haupt noch tiefer auf die Brust herab. Ne sait quand il reviendra. Ach, jene glückselige Zeit, nachdem sie einmal verschwunden, war niemals wiedergekehrt, weder auf Ostern, noch auf Trinitat! Mironton-mironton-mirontaine. Ja, jene herrliche, glückliche Zeit seiner ersten Liebe, die so furchtbar geendet. Hatten sie doch beide zusammen gespielt, gelebt und geliebt wie ein paar harmlose, glückliche Kinder, waren doch ihre Tage dahingeflossen unter einem einzigen unaufhörlichen Sonnenscheine, und waren sie doch so von ihrem Glücke verblendet gewesen, daß sie nicht der finsteren Wetterwolken geachtet, die langsam und drohend am Horizonte ihres Glückes aufgestiegen waren. Monsieur Marlborough est mort, Mironton-mironton-mirontaine. So glücklich, – ach, so glücklich! Wie hatte sie gelacht, so herzinnig aus ihren großen, schönen Augen, und dabei so wunderlich komisch den Mund verzogen beim Aussprechen der oft so eigentümlich schweren Worte des Liedes. Madame à sa tour monte, Mironton-mironton-mirontaine, Madame à sa tour monte Si haut qu'elle peut monter. Und wie hatte sie darauf, wenn er herzlich mitlachte, seine Augen mit ihren kleinen Händen fest zugedeckt und ihm befohlen, er müsse jetzt schlafen nach dem anstrengenden Ritte durch Regen und Sturm. Mironton-mironton-mirontaine. Und wie gern war er ihr folgsam gewesen und hatte sich die Augen zudrücken, auch sie mit heißen Küssen verschließen lassen. Mironton-mironton- War er doch so sicher bei ihr, wie im Schoße der Engel, und selbst wenn sie dann leise von ihm wegtrat und sich an dem lodernden Kaminfeuer zu thun machte mit dem singenden Wasserkessel, der an einer zierlichen Bronzekette über der Glut hing, öffnete er zuweilen schlaftrunken seine Augen und sah sie halb wachend vor dem hohen, weiten Kamine stehen, und träumte dann von ihrer späteren liebenswürdigen Geschäftigkeit und von ihrem reizenden Geplauder, wenn sie nach seinem Erwachen wieder neben ihm saß und ihm von ihren Erlebnissen des Tages erzählte. Miron – – – Ja, er sah sie halb im Traume, so deutlich vor dem Kamine stehen, die feine schlanke Gestalt, fast immer noch mit den Formen eines Kindes. Miron – – ton – – So deutlich, als wenn die Bilder der Erinnerung, die sich bei jener Melodie fast verkörpert vor ihm zeigten, in der That zur Wirklichkeit geworden schienen. Mironton-mironton-mirontaine. So deutlich träumte der alte Mann, der jetzt, in seinem Lehnstuhle zusammengesunken, eingeschlafen war, ja, so lebhaft, daß er den Refrain des Liedes von ihren Lippen zu hören glaubte. Mironton-mironton-mirontaine. Sie stand abgewendet von ihm und schien sinnend in die Glut zu blicken; dann wandte sie langsam ihr Haupt, so daß, von dem Feuer bestrahlt, er jetzt deutlich ihre Züge sehen konnte. – Ja, es waren ihre Züge, – doch als Traumbild, seltsam bleich und eingefallen; auch ihre Gestalt erschien ihm so unvollkommen, so gar kindlich gegen damals. Mironton-mironton-mirontaine. sang sie deutlich. Doch schauderte es ihn jetzt, denn er hatte ihr Gesicht ja auch damals, an jenem schrecklichen Tage, so blaß und eingesunken und ihren Körper so zusammengefallen gesehen, so schattenhaft verschwindend unter dem weißen Tuche. Schrecklich, daß sie ihm jetzt erscheinen mußte, lebend, sich bewegend, und doch wie sie war, nachdem sie gestorben, oder wie sie vielleicht gewesen war in ihrer ersten Kindheit – schreckliche Erinnerung! Er seufzte tief auf, und das schien sie am Kaminfeuer zu hören, denn sie wandte ihren Kopf ganz gegen ihn hin, blickte ihn mit den großen Augen fast erschrocken an, und statt auf ihn zuzueilen, wie sie es zu jener Zeit gethan, wich sie langsam zurück und verschwand. – Welch furchtbar lebendiger Traum! Ja, er hatte ihn geträumt, nachdem er sich selbst in den Schlaf gesungen, unter den einförmigen Klängen der Mandoline draußen, welche in diesem Augenblicke übertönt wurde von lautem Händeklatschen und dem Bravorufen der jungen Leute; dann war alles wieder still geworden oder hatte sich vielmehr aufgelöst in das behagliche Summen eines allgemeinen Geplauders, welches näher und näher kommend, die Zurückkunft der Gesellschaft anzeigte. Die Vorstellung war beendigt, die Zigeuner hatten sich zurückgezogen, wie die Gräfin sagte, als sie nun neben den Lehnstuhl des alten Herrn trat, ihm ihre Hand auf die Schulter legte und hinzusetzte: »es sei eine ganz glückliche Idee von Dagobert gewesen, Gästen das hübsche Schauspiel zu arrangieren.« »Ein deliciöses Schauspiel, in der Thal!« rief der General enthusiastisch aus. »Es sind das sehr geschickte Leute, und ich habe sie dringend ersucht, ja recht bald nach der Residenz zu kommen.« »Nimm dich in acht, General,« meinte der Oberst von Schwenkenberg, »wenn die schöne Esmeralda sich in der Stadt als eine Bekannte von dir vorstellt – ich weiß doch nicht, ob das deinem Hausfrieden zuträglich wäre! Darin haben wir jungen, ledigen Leute es schon besser.« Er zog bei diesen Worten sein Kollett scharf in die Hüfte und drehte alsdann auf eine kokette Weise an seinem Schnurrbarte. »Ja, die Jugend,« sagte kopfnickend Herr Christian Kurt; »verzeihen Sie mir, lieber Oberst, wenn ich damit die wirkliche Jugend meine, um die es doch etwas Schönes, Redenswertes ist! Während sich die jungen Leute da draußen an den Augen schöner Zigeunerinnen ergötzten, bin ich hier eingeschlummert.« »Worüber wir uns Vorwürfe machen sollten!« meinte der General. » Du tout, du tout, der kleine Schlummer hat mir wohlgethan. Aber – ich – habe – auch – geträumt.« Er blickte einen Augenblick starr in die Glut des Kamins; dann aber raffte er sich gewaltsam auf und sagte mit heiterer Miene: »Nun, ich freue mich, daß es der Mühe wert war! Sie haben getanzt, sie haben Kunststücke gemacht?« »Und wie!« erwiderte der General. »Was mich am wenigsten heute abend angesprochen hat, das war die Kleine auf ihrer Kugel; das arme Geschöpf ist gar zu mager und blaß, und man sieht ihm an, daß es nicht mit Leib und Seele dabei ist, wie die Zigeunermädchen. Ah, wie charmant diese ihre spanischen Tänze ausgeführt haben, zu zweien, zu vieren und zuletzt die Esmeralda allein – deliciös, berauschend!« »Und wo sind sie jetzt?« fragte Herr Christian Kurt, indem er seine Augen gegen Renaud wandte, welcher neben dem Kamin erschienen war und der, herbeikommend, zur Antwort gab: »In der Halle, wie der Herr Graf befohlen; dort sind sie in jeder Hinsicht gut versorgt, und ich habe noch das runde Turmzimmer daneben öffnen lassen für die Weiber und Mädchen, die vielleicht unter sich bleiben möchten.« » Bon, bon, « erwiderte lächelnd der alte Graf; »man muß jedem Gelegenheit geben, die Dehors zu beobachten. Lassen Sie mir aber die jungen Leute nicht kalt werden, mein lieber Renaud; arrangieren Sie ihnen ein kleines Spiel, wenn es ihnen Vergnügen macht, und auch wir, denke ich, wollen unsere Whistpartie wieder aufnehmen. Es ist noch so früh, und jede Stunde, um die man den Schlaf bringt, ist eine Verlängerung des Lebens. Wo ist der Doktor?« »Dort kommt er.« »Mir scheint, der hat sich das Vergnügen noch eine Zeit lang verlängert und die Zigeunermädchen in den runden Turm begleitet. »Ja und nein,« erwiderte der Arzt, indem er an den Spieltisch trat, »ich war allerdings in dem runden Turme, um nach einer kranken Person zu sehen, die sie bei sich haben, ich glaube, die Mutter oder irgend eine Verwandte des kleinen Mädchens, denn diese umschlang den Hals der Kranken mit einer wahrhaft rührenden Sorge, während es sich die anderen bei ihrem Souper wohl sein lassen!« »Was fehlt der armen Frau?« fragte die Gräfin. »Sie leidet für den Augenblick wohl nur an einer leichten Erkältung, hat aber, wie mir scheint, eine unheilbare, abzehrende Krankheit.« »Armes Geschöpf, ohne Ruh' und Pflege bei diesem Umherwandern und dem Aufenthalte unter freiem Himmel bei Tag und bei Nacht – welches Schicksal! Nicht wahr, Herr Renaud,« wandte sich die Gräfin an den Sekretär, »Sie sorgen dafür, daß es dieser Unglücklichen an nichts fehlt, und Sie, Doktor Herbert, sind wohl so freundlich, mir morgen früh Näheres über das Befinden der Kranken zu sagen. Man könnte sie ja veranlassen, ein paar Tage zu bleiben!« »Daran habe ich auch schon gedacht, aber es hat seine Schwierigkeiten.« »Sehen Sie, was Sie thun können, Doktor, und nun zu unserem Spiel; der Oberst von Schwenkenberg hat den Strohmann und gibt aus der Hand.« Draußen in der Halle, das heißt, wir wollen damit nur den Raum außerhalb der spanischen Wände andeuten, war Herr Renaud dafür besorgt gewesen, daß sich ältere und jüngere Offiziere aufs vortrefflichste amüsierten. Er hatte einige Spielpartien arrangiert, allerdings keine harmlosen Whist, und wer von den Gästen keine Lust hatte, sich mit Makao oder Landsknecht zu beschäftigen, dem war auch ferner noch die Gelegenheit eines guten, stark gekühlten Trunkes geboten oder auch das beschwichtigende Mittel einer duftenden Tasse Thee, oder eines nervenerregenden, heißen Kaffees, alles das neben vortrefflichen Cigarren, von denen auch ein so ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde, daß sich im Laufe der Zeit der weite Raum verdunkelt haben würde, wenn derselbe nicht so ausnehmend hoch gewesen wäre. Daß Dagobert an einem der Spieltische beschäftigt war, verstand sich wohl von selbst; doch war er nicht mit Leib und Seel' dabei, wie man zu sagen pflegt. Seine Blicke glitten häufig über die Karten hinweg nach der Vorhalle, und oft pointierte er falsch, gar nicht oder mit so großer Gleichgültigkeit, daß man daran am besten den hohen Grad seiner Zerstreutheit abmessen konnte. Die Kameraden, welche sonst seine Leidenschaft für das Spiel wohl kannten, baten ihn vergebens, die Bank zu halten; er lehnte dies unter dem scheinbar richtigen Grunde ab, da er doch nun einmal verpflichtet sei, für Herrn Christian Kurt solch werten Gästen die Honneurs des Hauses zu machen, so müsse er auch zuweilen nach den anderen Tischen sehen, und würde es sehr unrecht finden, wenn er, auch nur als Bankhalter, den Versuch machte, ihnen ihr Geld abzunehmen. So sah man ihn denn bald hier, bald da an den Tischen stehen, jetzt einen Satz wagend, dann mit einem Bekannten anstoßen, dann unbemerkt in der Vorhalle verschwindend. Dort, am Ausgange des Vestibüls, welches auf den Hof führte, wo die gotische Kirche stand, nahm er aus den Händen eines Dieners einen dunkeln Mantel sowie seine Dienstmütze, warf ersteren über seine Uniform, schritt durch den Hof dahin längs den Gebäuden und ging hierauf unter dem Thorbogen hinweg, den auch Erich am heutigen Abende zweimal passiert hatte. Hier, an dem stillen, abgelegenen Teile des Schlosses bemerkte man nichts von dem immer noch geräuschvollen Leben und Treiben in der großen Halle auf der anderen Seite. Die langen Fensterreihen leer stehender Gemächer blickten öde und tot in die Nacht hinaus, und wo sich allenfalls hie und da ein zweifelhafter Schimmer auf ihnen zeigte, so war das kein inneres Leben, sondern nur der Wiederschein des bleichen Mondlichtes. Dagobert schritt auch an diesen Gebäuden vorüber bis ans Ende derselben, wo sich neben einem niedrigen runden Turme hell erleuchtete Fenster zeigten und wo das Geräusch von Stimmen, ja, auch Lachen und Singen in die Nacht hinausdrang. Auch in dem runden Turme war ein Fenster matt erleuchtet, doch hörte man von dort weder Stimmen, noch viel weniger Gesang. Der junge Offizier konnte diesem Turmfenster so nahe kommen, daß er sein Ohr an die Scheiben desselben zu legen vermochte, ohne fürchten zu müssen, von jemanden gesehen zu werden, der aus dem Nebengemache hervortrat; davor schützte ihn die Rundung des Turmes. Doch hörte er nichts, als dann und wann ein leichtes Husten; um zu sehen, was sich in dem Gemache befand oder was dort vorging, daran hinderte ihn ein Tuch, welches man von innen vor der Fensteröffnung befestigt. Dagobert trat zurück und warf das Ende seines Mantels mit einer mißmutigen Bewegung um seine linke Schulter. {bild} Es war eine kühle Nacht, der Himmel glänzend klar und wolkenlos, dabei tiefe Stille weit und breit, so daß man deutlich das Rauschen des Wasserfalles an der Ostseite des Schlosses hören konnte. Jetzt wandte er sich wieder, um abermals an der langen, stillen Gebäudereihe hinabzuschreiten, als er von dort her, und zwar aus dem oben erwähnten Thorbogen hervortretend, zwei Gestalten bemerkte, die, miteinander sprechend, sich langsam näherten. Dagobert, welcher nicht Lust hatte, gerade hier von jemandem gesehen zu werden, trat an die Gebäude zurück und drückte sich fest in eine Vertiefung, welche durch die Rundung des Turmes gebildet wurde und wo er, begünstigt vom tiefen Schatten der Nacht, unentdeckt bleiben mußte. Die beiden Gestalten von sehr verschiedener Größe, die eine lang und breit, die andere klein und schmächtig, näherten sich seinem Versteck, und er hörte, wie die größere sagte: »Es wäre jetzt dafür die richtige Zeit; die wievielte Thür ist es, Blanda?« – worauf das kleine Mädchen – denn diese war es, die an der Seite eines der Zigeuner langsam und vorsichtig heranschritt – erwiderte: »Die wievielte Thür es ist, weiß ich nicht ganz genau, wenn du aber spähend bei allen vorüberschreitest, so wirst du an der richtigen eines unserer gewöhnlichen Zeichen finden.« »Gut. Ich wiederhole, daß es jetzt die richtige Zeit ist; die ganze Dienerschaft ist in dem Saale neben der Küche versammelt, läßt uns nun wohl für einen Augenblick in Ruh', und ich traue ihnen schon zu, daß sie später das Gemach, wo wir uns befinden, von außen zu schließen versuchen, aus Furcht, wir könnten uns bei Nacht und Nebel empfehlen, auch am Ende Wachen aufstellen.« »Gut also, Zaregg, thue so, wie ich gesagt, es wird dir keine Schwierigkeiten machen, hineinzukommen; wäre es doch mir beinahe gelungen, aber es kamen Leute, weshalb ich mich zurückzog. Teile ihm auch mit, es sei aus Dankbarkeit geschehen und weil wir wüßten, wie ungerecht und gewaltthätig diese Leute sein können.« Diese letzten Sätze konnte der junge Offizier nicht verstehen, da die beiden schon bei ihm vorübergegangen waren und diese Worte auch wie alles übrige sehr leise gesprochen wurden. »Oho,« dachte er, »sollte das Wunderkind zu irgend einem Raube oder dergleichen Anleitung geben? Sie scheint mir in der That eine Art von Gebieterin, von Zigeunerkönigin zu sein, der die ganze Bande unbedingt Gehorsam leistet. Nun, man kann ja vorsichtig sein, und ich werde in der That Veranlassung treffen, daß man Wachen ausstellt, wie es jener lange Monsieur zu fürchten scheint.« – Jetzt aber, nachdem die Fußtritte der beiden anderen längst verklungen waren, trat er rasch aus seinem Versteck hervor und begab sich abermals in die Nähe jener erleuchteten Fenster, die er, neben dem mächtigen Stamme einer Kastanie stehend, beobachtete. Eine Zeit lang blieb dort alles unverändert, dann aber bemerkte er, wie sich in dem runden Turme, und zwar auf der Seite gegenüber, wo er sich vorhin befand, eine Thür öffnete, und sah im schwachen Lichtschimmer, welcher eine Sekunde lang die Finsternis erhellte, jemanden das Turmgemach verlassen und um die Rundung herum in den tiefen Schatten eilen, den hier die hohen Mauern warfen. Eilig folgte er und stand in kurzem neben der Esmeralda, denn diese war es, welche soeben das Turmgemach verlassen hatte und ihn hier zu erwarten schien, denn sie suchte beim Anblick des jungen Offiziers nicht zu entfliehen, litt es vielmehr, daß dieser eine ihrer Hände nahm, und hörte seine stürmischen Reden von langem Erwarten und glühendem Verlangen sowie von dem Glücke, sie jetzt zu sehen, stillschweigend, ja, wie es schien, mit großer Ruhe an. Als er aber darauf eine ungestüme Bewegung sowie den Versuch machte, seinen Arm um ihren schlanken Leib zu schlingen und sie an sich zu drücken, wandte sie sich behende von ihm weg und sagte in bestimmtem, wenn auch nicht unfreundlichem Tone: »Nicht so, nicht so, mein schöner Offizier! Nicht so und nicht hier – es kommen und gehen Leute, und wenn auch die Nacht dunkel genug ist, so müßte mich doch einer der Unsrigen aus weiter Ferne erkennen.« »So begleite mich, Esmeralda; du hast mir versprochen, daß du mich sehen wolltest und daß ich dir sagen dürfte, wie lieb ich dich habe – und ich hoffe, daß auch dein Herz ein wenig für mich schlägt! Doch du hast recht, hier ist kein Ort zu süßem Geplauder, folge mir.« Wenn es nicht gar so dunkel gewesen wäre oder wenn die Zigeunerin ihr Gesicht nicht zu Boden gesenkt hätte, so würde Dagobert das spöttische Lächeln gesehen haben, welches sich auf den Zügen des schönen Mädchens zeigte; doch so bemerkte er nichts davon, sowie auch nicht, daß der Ton ihrer Stimme durchaus nicht wie zarte Hingebung klang, als sie ihm erwiderte: »Und wohin soll ich Euch folgen, mein schöner Offizier?« »Wohin du willst; es sind Räume genug im Schlosse, wo wir verschwiegen und ungesehen eine Stunde verplaudern können – nur eine kleine, süße Stunde!« Sie schüttelte leicht mit dem Haupte, während sie ihm zur Antwort gab: »Ich fürchte mich vor den Räumen in diesem großen, großen Schlosse. Mir ist der klare Sternenhimmel lieber, als die Decke eines Zimmers, wenn sie auch so schön wäre wie jene, wo wir vorhin waren.« »Du bist ein eigensinniges Mädchen und traust mir nicht!« »Warum sollte ich Euch nicht trauen, mein schöner Offizier? Und wenn ich in der That nicht traute, so hätte ich recht, denn Ihr seid unvorsichtig, meine ich doch, ich hörte Schritte, die sich uns nähern!« – Sie wandte ihren Kopf herum und lauschte; es blieb aber alles still wie zuvor; doch benutzte Dagobert den Augenblick, wo sie in die Dunkelheit hinausspähte, rasch den Arm um sie zu schlingen und sie mit zartem Drängen von der Mauer weg gegen den Garten zu führen. Sie litt es nicht nur ohne Widerstreben, ja, ihre Bemühungen, seine Hand von ihrem schlanken Leibe zu entfernen, waren so schwach, daß er sie nicht nur fester an sich drückte, sondern es auch wagte, sie auf die kaum bedeckte Schulter zu küssen. Hinter dem Fahrwege, der auch hier das Schloß umgab, begann sogleich der Park mit seinen dichten, wenn auch jetzt fast ganz entlaubten Büschen mit mächtigen Bäumen, mit Marmorfiguren, welche hell durch die Nacht herüberleuchteten, mit Lauben und Ruhesitzen aller Art; zu einem der letzteren führte er das junge Mädchen, die ihm widerstandslos folgte und nur, wie leicht erklärlich, zuweilen den Kopf herumwandte, um ihre Blicke an der langen Linie der dunkeln Schloßgebäude hinunterfliegen zu lassen. Er ließ sich auf einer der Bänke nieder, zog die Esmeralda mit sanfter Gewalt auf seinen Schoß und warf einen Teil seines Mantels über ihren allerdings sehr leichten Anzug. »Du frierst ja,« sagte er, »in der kühlen Nacht, wogegen es mir ein Bedürfnis ist,« setzte er, schwer atmend, hinzu, »mich der warmen Verhüllung zu entledigen. Fühle nur, wie meine Stirn brennt!« – Er nahm ihre kleine Hand, führte sie flüchtig an seine Wangen und legte sie alsdann mit einem schmeichelnden Worte um seinen Hals. – »Esmeralda, wenn du wüßtest, welchen Eindruck du auf mein Herz gemacht, als ich dich neulich zum erstenmal gesehen, und wie unglücklich ich mehrere Tage war, da ich nicht erfahren konnte, wohin ihr euch gewendet – Esmeralda, meine süße Esmeralda!« Wenn auch ihre Bemühungen, sich seinen umschlingenden Armen zu entwinden, nicht so energisch waren, als man es von ihrer gewandten, kräftigen Gestalt sowie von den trotzig aufgeworfenen Lippen und dem blitzenden Auge hätte erwarten sollen, so duldete sie doch keine seiner allzu vertraulichen Annäherungen, und wenn sie zuweilen seine Hand entfernte, so geschah dies mit einer solchen Kraft und doch dabei wieder mit so großer Leichtigkeit, daß Dagobert wohl einsah, daß diese süße Frucht nicht so leicht zu brechen sei, sondern daß er abwarten müsse, bis sie ihm, hingebend, von selbst in den Schoß fallen würde. Aber all das gefährliche, wenn auch leichte Ringen, welches ihn trotz alledem in so verlockende Berührung mit ihrem weichen, heißen, elastischen Körper brachte, entflammte sein ohnehin durch das Gelage des heutigen Abends aufgeregtes Blut und erhitzte seine Phantasie, die sich unablässig mit ihren Reizen beschäftigt hatte. »Warum bist du so hart und grausam gegen mich, Esmeralda – du traust mir nicht, du denkst gewiß, ich würde gleich nachher oder morgen das Glück dieser kleinen Stunde vergessen haben – o, könnte ich dich überzeugen, daß ich dich wirklich liebe und daß ich dich auch fortan lieben werde! Ich bin unabhängig, ich bin reich, sehr reich, ich kann deine ausschweifendsten Wünsche erfüllen, ich kann und will dich zu einer gebietenden Herrin machen! Ich will Gold und Edelsteine zu deinen Füßen ausschütten – verstehst du mich, Esmeralda? Dein schöner kleiner Fuß soll auf weichen Teppichen wandeln, du sollst nicht mehr unter freiem Himmel wohnen, sondern in einem schönen Hause, du sollst für dein ganzes Leben reich und glücklich sein, und für alles das sollst du mich ein klein wenig lieb haben, jetzt und später, wann du willst – o, Esmeralda!« Sie antwortete auf alles das keine Silbe, doch bebte ihr Körper und zuckte zuweilen krampfhaft zusammen, aber nicht, wie er glaubte, weil sie seine Verheißungen verlockend fand, sondern vielmehr, weil sie jeden Augenblick im Begriffe war, seinen Arm von ihrer Hüfte wegzuschleudern und sich mit einer leichten Bewegung frei zu machen. – Hätte Dagobert ihr Gesicht sehen können, so würde er das, was ihre Seele bewegte, gewiß gelesen haben in ihren jetzt so hart erscheinenden Zügen, in dem festen Aufeinanderpressen ihrer Lippen, in dem düsteren Glänze ihrer Augen; aber er konnte nicht in ihr Gesicht schauen, so sehr er sich auch Mühe gab, die Abgewandte gegen sich zu wenden. Und warum vermied sie es wohl, ihn anzusehen, und riß sich bei allen Zeichen des Unmutes nicht gewaltsam von seiner Seite los? Warum blieb sie, während sich ihre Seele doch offenbar mit etwas anderem beschäftigte? Ja, so mußte es sein. Ihre Blicke drangen durch die Nacht gegen das Schloß hin, und sie schien alle Kraft ihres Sehvermögens aufzubieten, um dort an der dunklen, langen Linie der Gebäude etwas zu entdecken, was ihr von Wichtigkeit sein mochte. Doch gehörte schon das scharfe Auge der Zigeunerin dazu, um eine Gestalt zu bemerken, die langsam dort dicht an der Mauer hinschlich. Etwas anderes würde auch gleich darauf der junge Offizier gehört haben, wenn er nicht, aufs höchste erregt durch seine vergeblichen Bemühungen, jetzt sein Gesicht fest an ihre Brust gedrückt hätte – eine Bewegung, vor welcher sie plötzlich zurückschrak, dann dieselbe aber, obgleich mit sichtbarem Widerwillen, duldete – hörend und erkennend das Geräusch, dessen wir eben erwähnten – es war so, als wenn man Eisen gegen Eisen streicht – zweimal dasselbe Geräusch. Dann atmete die Esmeralda tief auf und warf nun den jungen Offizier mit einer Kraft zurück, über die er fast erschrak und welche ihm die Röte des Zornes in die Wangen jagte. »Genug, genug,« sprach sie alsdann zwar leise, aber mit so energischem und zornigem Ausdrucke, daß er überrascht in ihr Gesicht blickte, welches sie ihm jetzt schnell zuwandte – »ja, genug, tausendmal genug, und ich will nichts mehr hören!« »Sei doch gescheit, Mädchen, und laß ein vernünftiges Wort mit dir reden!« »O, ich habe von dem, was Ihr vernünftige Worte nennt, genug gehört! Laßt mich zurück zu den Meinigen, es ist mir gerade so, als hörte ich Schritte, die sich uns nähern!« »Pah, wer wird das sein, Esmeralda! Sei vernünftig, mein schönes Mädchen, vielleicht ist es einer von unseren Leuten, welcher sich klugerweise entfernen wird, wenn er mich hier erkennt.« »Aber es könnten auch von unseren Leuten sein,« sagte sie und setzte mit einer eigentümlichen Betonung hinzu: »und die, glaub' ich, würden sich nicht so ruhig wieder entfernen, wenn sie mich hier erkennen würden – laßt mich, Herr, gutwillig, oder...« Da aber der junge Husarenoffizier nicht geneigt schien, seine schon so sicher geglaubte Beute gutwillig fahren zu lassen, vielmehr das schöne Mädchen wieder fester umschlang, so ergriff die Zigeunerin seine beiden Hände und riß sie mit solcher Kraft auseinander, daß er fast das Gleichgewicht verlor und, ohne Macht, sich zu halten, mit vor Wut aufeinander gebissenen Zähnen sehen muhte, wie sie sich, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, mit raschen Schritten entfernte. – Er sprang empor, er wollte ihr nacheilen, doch bemerkte er jetzt, wie sie nicht weit von ihm an ein paar dunklen Gestalten vorüberhuschte, denen sie ein Wort in ihrer Sprache zurief, worauf die eine dieser Gestalten zurückblieb, die andere aber einen Fußweg einschlug, allerdings der Richtung zu, wo er stand, aber offenbar in der Absicht, um die breite Parkstraße zu gewinnen, die aufwärts südlich nach dem Walde zu führte. Es gibt Nervenaufregungen gewisser Art, unter denen man sich, zugleich unter dem Gefühle getäuschter Hoffnungen, einem Tiger in den Weg werfen würde, wenn dies von irgend einem Nutzen sein könnte, oder um unseren Zorn über ein verfehltes Unternehmen an jemand auszulassen, unter welchem Eindrucke denn auch der Husarenoffizier, da ihm obendrein der Dahinschleichende verdächtig erschien, rasch ein paar Verbindungswege übersprang, um auf diese Art früher wie der andere bei dem breiten Parkwege anzukommen. Fast fuhr er zurück, als er nun, ins helle Mondlicht tretend, den erkannte, welcher mit raschen Schritten daherkam – es war der junge Wilddieb, den er fest hinter Schloß und Riegel geglaubt, es war jener Taugenichts vom Meilensteine, der ihm damals seinen glänzenden Überfall vereitelt, wie er jetzt wieder seine Zusammenkunft mit der Esmeralda gestört hatte. Dagobert faßte an seine linke Seite, doch hatte er, wie alle übrigen, seine Waffen in der großen Halle abgelegt und nichts in der Hand, um sich jenem kecken Burschen, der sich jetzt nicht einmal beeilte, rasch vorüber zu kommen, entgegen zu werfen. Doch sprang er nichtsdestoweniger mitten auf den breiten Weg, und als ihm Erich auf drei Schritte nahe war und sie sich Auge in Auge mit gleicher Wut betrachteten, stieß er mühsam zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor: »Halt da und augenblicklich umgekehrt, oder ich rufe Hilfe herbei und lasse dich mit Hunden Hetzen!« »Thut das, wenn Ihr könnt und dürft,« erwiderte ihm Erich, entschlossen und mit geballten Fäusten vortretend; »aber ehe eure Leute herbeikommen, wird es sich entschieden haben, wer von uns beiden der stärkere ist, und bei all der Mißhandlung, die man mir zugefügt, schwöre ich, daß ich mit meinen beiden Händen an Euren Hals kommen werde und Euch würge, bis Ihr das Schreien bleiben laßt!« Es lag etwas so Wildes in den funkelnden Augen des jungen Menschen und in dem Knirschen seiner Zähne, daß der andere einen Schritt zurücktrat und, sich augenblicklich seiner gesellschaftlichen Stellung, sowie seiner Stellung als Offizier erinnernd, diesen jungen Vagabunden mit einem Blicke tiefster Verachtung anschaute, dann seine Hand drohend gegen ihn erhob und ihm zurief: »Bursche, ich finde dich wieder!« »Das hoffe ich zu Gott, daß wir uns wiederfinden und daß wir alsdann in der Lage sein mögen, unseren gegenseitigen Haß mit anderen Waffen auszukämpfen!« – Damit stieg er, ohne umzublicken, den breiten Weg mit langsamen Schlitten hinan, und erst als ihn der Schatten des Waldes umfing, eilte er so rasch als möglich dahin. Über die Richtung, welche er einzuschlagen hatte, war er nicht im Zweifel, denn der Zigeuner, der ihn aus seiner Haft befreit, hatte ihm gesagt: »Schau auf das Sternbild des Riesen, der die Keule in der Hand hat und den blitzenden Gürtel, dieser Richtung folge.« Er hatte damit den Orion gemeint, das schöne Sternbild an der südöstlichen Himmelsgegend, welches Erich nun tröstend über den Wipfeln der Bäume entgegenstrahlte und ihn nach Süden führte, wo er die Mühle finden mußte, und das ihm seit jener Nacht, so oft er es später sah, angenehm, lieblich und trostbringend in die Seele leuchtete. Wohl war Erich nicht ganz ohne Sorgen wegen der vielleicht nachsetzenden Hunde des gräflichen Schlosses, und oft blieb er; nach rückwärts horchend, stehen, hielt sich auch so viel als möglich in der Nähe schlanker, leicht besteigbarer Baume; doch lauschte er umsonst, nichts regte sich im nächtlich stillen Walde, als zuweilen ein leichter Windhauch, sowie das Rauschen seiner Fußtritte in dem dürren Laube, womit der Boden bedeckt war. Und wie gut hatte ihn das Sternbild geführt! Dort vor ihm leuchtete der kleine See, an welchem gestern der Hirsch verendet und von dem übrigens begreiflicherweise nichts mehr zu sehen war; hier war die Schlucht, und nach kurzem, hastigen Laufe hatte Erich die alte Linde erreicht, und wie gestern morgen der erste Sonnenstrahl, so beleuchtete jetzt der helle Schein des Mondes das eingehauene Z und T. Hier blieb der junge Mensch einen Augenblick tief aufatmend stehen, und wenn er mit dem glückseligen Gefühle der Befreiung aus widriger Gefangenschaft nach der Gegend hinblickte, wo die Waldburg lag, so stieg dabei die heiße Empfindung des Dankes in ihm empor gegen das arme, blasse Geschöpf, dem er eine Befreiung verdankte, wie ihm der Zigeuner gesagt. Den Weg zur Mühle hinab konnte er von hier nicht leicht mehr verfehlen und nach halbstündigem Laufe hörte er schon das Brausen des Wehres und gleich darauf das Anschlagen der großen Hunde. Allerdings brauchte es noch einige Zeit, bis die in der Mühle von dem anhaltenden und heftigen Gebelle aufmerksam wurden, bis sich ein Fenster in dem dunklen Hause erleuchtete und bis der Müller Burbus mit seiner mächtigen Stimme in die Nacht hinauslief, wer da sei und was man wolle. Damit hatte aber auch für heute alle Not ihr Ende erreicht und gleich darauf saß Erich in der noch behaglich warmen Wohnstube bei dem Müller und Gottfried, denen er die Erlebnisse des heutigen Tages erzählen mußte, nachdem er aber vortrefflich zu Nacht gegessen von dem besten Stücke des gewissen Hirsches, und zwar, wie der Müller Burbus sagte: »Zum Trutz!« {bild} 16. Kapitel Handelt von der Schreibstube des Artillerie-Brigadekommandos, von Ueberlistungen und einem unechten Examen. Es gibt in der militärischen Naturgeschichte die Art von Wesen, welche man nicht leicht in eine der uns bekannten Klassen einteilen oder in eine der uns gewöhnlich vorkommenden Species aufnehmen kann; es sind weder vollkommene Infanteristen, noch vollkommene Kavalleristen oder Artilleristen, und haben doch von allen diesen etwas an sich. Sie dienen weder zu Fuß noch zu Pferde, sie sind allerdings militärisch gekleidet, treiben aber im allgemeinen ein mehr bürgerliches Gewerbe. Sie werden gefürchtet und über die Achsel angesehen, gehaßt und geliebt, wie es gerade kommt; man schmeichelt ihnen ihres Verstandes und ihres Kopfes wegen und nennt sie doch wieder ruppiges Grobzeug, das zu nichts anderem zu gebrauchen ist, kurz, es find dies die Militärschreiber von minderer oder größerer Bedeutung, je nachdem sie auf der Regiments- oder Abteilungskanzlei oder auf dem Bureau eines ganz gewöhnlichen Batteriefeldwebels oder Wachtmeisters beschäftigt sind. Aber merkwürdigerweise haben alle eine eigentümliche Familienähnlichkeit und läuft durch die ganze Gattung der gewisse rote Faden, wie durch das Tauwerk der englischen Marine. Man erkennt einen Schreiber nicht nur, wenn er an seinem Pulte sitzt, Rapporte concipiert oder einen Straferlaß mit Behagen abschreibt, nicht nur auf der Straße und im Wirtshause, wo er in seinem Anzuge etwas genial Schlankelhaftes hat und es versteht, die Konversation an sich zu reißen, da er als Mitwisser großer Geheimnisse durch ein einziges unverständliches Wort die hohe, große Aufmerksamkeit seiner Kameraden auf sich zu lenken versteht; ja, man erkennt ihn auch auf dem Exerzierplätze oder in der Reitschule, wenn es seinem diensteifrigen Batteriechef einfallen sollte, das Federvieh einmal ausstauben zu lassen, und zwar erkennt man ihn hier, wie den Vogel an den Federn, an der hilflosen Art, mit der er zu Pferde sitzt, an seiner krankhaften Neigung für Mähne und Sattelknopf, sowie beim Zufußexerzieren an der chronischen Verwechselung des Wischers mit dem Ansatzkolben. Dies sind aber nur traurige Schalttage in dem sonst so gemütlichen Leben der militärischen Schreiber, hervorgerufen durch die augenblickliche Laune eines verdrießlichen, gallsüchtigen Kommandeurs oder ersten Lieutenants, der vielleicht bemerkt hat, wie droben auf der Schreiberei die Kanzleihengste ihre dicken Nasen an den Fensterscheiben des warmen Zimmers platt drücken, während die bei den Haubitzen drunten bei sechs Grad Kälte exerzieren mußten. Zu jenen militärischen Schreibereien wurden in der damaligen Zeit, von der wir reden, häufig Freiwillige gepreßt, wenn sie einen guten Kopf hatten, eine schöne Handschrift besaßen, sowie einen anständigen Lebenswandel führten, und zog man sie häufig gerade zu diesem Amte heran, wenn ihnen der Dienst auf der Reitbahn, im Stalle oder auf dem Exerzierplätze nicht besonders in den Kopf oder in die Finger wollte. Anfangs aber waren die meisten dabei in heftiger Opposition gegen ihren Chef und äußerten, in trügerischer Hoffnung nach den Offizierepauletten, eine totale Abneigung gegen Lineal und Tintenfaß, fühlten Heimweh nach dem göttlichen Leben der Batterie, und, um sich auf der Kanzlei so unmöglich als thunlich zu machen, verschrieben sie sich, wo sie nur konnten, und richteten dadurch greuliche Konfusionen an. Endlich aber wurden sie mürbe, und da man sie hie und da auch bedeutend maßregelte, so ergaben sie sich schließlich nicht nur mit stiller Resignation in ihr Schicksal, sondern fanden es auch behaglich auf der stillen Kanzlei, besonders nachdem sie, denen alle Rapporte durch die Finger laufen, die in alle Dienstgeheimnisse eingeweiht sind, aus denselben deutlich ersahen, wie wenig Hoffnung auch den anderen Kameraden für Erreichung des Zieles der goldenen Epauletten geblieben sei. Da sitzen sie nun in sehr mangelhaften Toiletten, gelockerten Hosenträgern und aufgeschnallten Halsbinden, sehr häufig auch mit Schlappschuhen an den Füßen, und schmieren, daß die Tinte vom Tische herabrinnt, wühlen in den Fascikelpyramiden nach einer verlorengegangenen Verordnung aus dem vorigen Jahrhundert, in der den Regimentskommandeuren eingeschärft worden war, das Fußzeug der Soldaten alle acht Tage mit Thran einschmieren zu lassen; sie wühlen, daß der Staub herumwirbelt, leider ohne sie zu finden. Leider, sagen wir, denn der Chef der zweiten zwölfpfündigen Fußbatterie, der dieses thranige Vergnügen liebte, hat sich auf besagte Verordnung berufen, und ihm sollte womöglich geholfen werden, da das Schmieren der Stiefeln viel bequemer und auch dem Leder zuträglicher ist, als das ewige Wichsen. Da sitzen sie nun, kopieren und mundieren, exhibieren, korrespondieren, rapportieren, concipieren, excerpieren, fascikulieren, rubrizieren, kollationieren, relationieren, revidieren und kalkulieren, indizieren und protokollieren und singen dabei, wenn zufälligerweise der betreffende Feldwebel oder Brigade- oder Abteilungsschreiber, besonders aber, wenn keiner der Adjutanten in der Nähe ist, in republikanischem Selbstbewußtsein: Ein freies Leben führen wir. Ein Leben voller ... Die Wonne aber wird plötzlich abgeschnitten, da man draußen ein trockenes Hüsteln vernimmt und der Brigadeschreiber eintritt, eine scharfe, ernste und sehr gefürchtete Persönlichkeit. Er hat für langjährige Dienstzeit Offiziersrang erhalten, wird aber auf der Schreibstube noch lange Jahre seine alte Kommißuniformen, allerdings mit den Epauletten, tragen; er hat einen ungewöhnlich langen Hals und eine noch längere Halsbinde, letztere von schwarzem Lasting, die in zwei kühnen Bogen seine Ohren zu unterstützen scheint und so fest zugeschnallt ist, daß man stündlich einen Erstickungsanfall bei ihm befürchtet; dabei hat er eine Habichtsnase, und da sein borstig gewölbter Schnurrbart einem Schnabel auch nicht unähnlich sieht, so erscheint der Brigadeoberschreiber im Profil förmlich als ein Vogelgesicht, und ist auch in der That ein böser Vogel, stets bereit, zuzuhacken und den spitzigen Schnabel und die scharfen Klauen zu gebrauchen. Die Kanzleistube, in der wir uns gerade befinden, ist die letzte in einer Reihe stattlicher Gemächer, in deren ganzem Komplex die Geschäfte des Generalkommandos der betreffenden Artilleriebrigade besorgt werden und in die uns der Lauf unserer wahrhaftigen Geschichte führt, da die Brigadeschule ebenfalls von hier aus verwaltet wird. Es befanden sich hier, als der Brigadeoberschreiber eintrat, vier junge Leute, die meisten an Stehpulten beschäftigt. Tiefe Stille herrschte in dem großen Zimmer, nur unterbrochen von dem eiligen Gekritzel ihrer Federn auf dem Papier und durch das Auf- und Zuklappen riesiger Protokolle. Es hätte keiner gewagt, aufzublicken, um nicht alsdann dem ungebührlich lang vorgestreckten Halse des eben erwähnten Vorgesetzten und dessen nichts weniger als freundschaftlich klingender Frage: »Was wünschen Euer Gnaden« zu begegnen, besonders heute nicht, wo seine spitze Nase und sein struppiger Bart fast zusammenstießen und seine Stirn furchtbare Runzeln zeigte. »Weiß der Teufel, wo das zu finden ist,« brummte er, an den hohen, mit Akten gefüllten Regalen emporsehend, »und doch weiß ich ganz genau, daß diese Verordnung erst vor sechs Jahren den verschiedenen Batterien wieder aufs strengste eingeschärft worden ist! Hätten wir nicht statt tüchtiger Hilfsarbeiter lauter junge Windbeutel, die alsdann erst lebendig werden, wenn es zwölf Uhr schlägt, so wäre es möglich, daß sich einer auf diese Verordnung besänne, die ihm ja zufällig durch die Hand gelaufen sein könnte!« »Darf man fragen, um was es sich handelt, Herr Lieutenant?« erlaubte sich schüchtern einer der jungen Schreiber zu fragen. »Nein, das darf man sich nicht erlauben, Bombardier Schmoller, aber ich will es Ihnen ungefragt sagen: Das Thema ist wichtig genug, daß man sich dessen erinnern könnte; es handelt sich darum, daß schon zu wiederholten Malen die Kompanieköche angewiesen worden sind, ihre blechernen Kochgeschirre mit Sand statt mit Asche zu putzen. – Nun, Herr Bombardier Schmoller, erinnern Sie sich auf etwas Ähnliches, oder Sie, Unteroffizier Block, der als der älteste etwas davon wissen könnte?« »Des Faktums erinnere ich mich wohl,« meinte der angeredete Bombardier, indem er verstohlen das linke Auge gegen den Nebensitzenden zukniff, »denn es gibt mehr aus, wenn man die Kochgeschirre mit Asche statt mit Sand putzt.« »Ja, es gibt mehr aus, junger Mensch,« antwortete hierauf der Brigadeschreiber mit einem sehr bezeichnenden Kopfnicken; »drei Tage Arrest mindestens für jeden dieser Schmierfinken, welche königliches Material auf so unverantwortliche, nichtsnutzige Art verderben! Sagt das euren guten Freunden in den betreffenden Küchen: der Teufel soll dieser Bande auf die Köpfe fahren!« Damit stellte er sich an ein leeres Stehpult, und concipierte in düsterem Nachsinnen die betreffende Verordnung, wobei man zuweilen, während seine Feder hastig über das Papier flog, die Worte vernahm: »Unverantwortliche Verschleuderung königlicher Gerätschaften, Mangel an guter Zucht in der betreffenden Batterie, unbegreifliche Mißachtung schon oft ergangener Befehle, Verantwortlichkeit des betreffenden Batterieoffiziers...« »So, Unteroffizier Block, das fertigen Sie auf die verschiedenen Abteilungskommandos aus und bringen es zur Unterschrift auf mein Zimmer; aber heute vormittag noch, wenn ich Sie ergebenst bitten darf, es ist erst neun Uhr.« Er machte Miene, das Gemach zu, verlassen; doch wandte er sich unter der Thür nochmals um und sagte: »Apropos, da ist mir gestern von einem Bombardier erzählt worden, der Ihnen, Schmoller, so ähnlich sieht wie ein faules Ei dem anderen, und welcher einen jungen Mann, der das Abteilungskommando suchte, in das Arrestlokal gewiesen und ihm versichert hat, der alte Schließer dort mit der schmierigen Jacke und der abgetragenen, Mütze sei der Herr Oberst – Gott steh' uns in Gnaden bei, wenn man über so etwas nicht species facti aufnehmen sollte, dann gibt es kein Verbrechen mehr, das dazu befähigt! Nehmen Sie sich aber in acht, Ihr Maß ist voll, gerüttelt voll!« – Dann verließ er mit finsterem Kopfnicken das Gemach. Eine, zwei Minuten vergingen in lautloser Stille, die Schmierer rührten sich nicht, denn sie kannten ihren Pappenheimer, sie wußten, daß er es liebte, an der Thüre lauschend stehen zu bleiben, und dann plötzlich sein Vogelgesicht noch einmal zur Thür hineinzustrecken. Endlich aber schlich sich Bombardier Schmoller leise an die Thür und blickte zuerst durchs Schlüsselloch und dann erst auf den Gang hinaus. »Ist das Untier fort?« fragte der Unteroffizier Block. »Verschwunden, nur stinkt es draußen noch ein bißchen nach Schwefel,« erwiderte der junge Bombardier; »ja, das muß schon wahr sein, er hat etwas vom höllischen Geiste an sich, denn sonst könnte er nicht wissen, daß ich gestern in der That den langen Labander, der auf das Brigadekommando wollte, nach Numero Sicher geschleppt; auch habe ich ihm dort einen hübschen Mittelarrest, der zufällig offen stand, als ein Schlafzimmer für die Freiwilligen bezeichnet. Es war recht hübsch anzusehen, was der Kerl für große Augen machte.« »Du hast immer Glück,« erwiderte der Unteroffizier, indem er sich seufzend daran machte, die erhaltene Verordnung, Kochgeschirr betreffend, dreimal abzuschreiben. »O, lieber Freund, das Glück allein thut's nicht, man muß auch gute Einfälle haben!« versetzte Schmoller. Damit erhob er sich geräuschlos und trat an das große Regal hinter dem Rücken des emsig schreibenden Unteroffiziers und nahm dort mit gewandter Hand hinter dem abgeblaßten Vorhänge einen Bierkrug hervor, den er in langen Zügen austrank, wobei er, zuweilen absetzend, dem ahnungslosen Unteroffizier freundlich lächelnd zunickte. »So,« meinte er alsdann, »jetzt hab' ich meine Pflicht gethan und kann für einen Augenblick austreten!« – Pfeifend verließ er das Gemach, und die anderen lachten still in sich hinein, denn sie freuten sich schon im voraus auf den Wutausbruch des geizigen Unteroffiziers. Der Zorn Blocks ließ auch nicht lange auf sich warten, nachdem er den ersten Kasus der Verordnung beendigt – unter strenger Rüge darauf zu wachen, daß königliche Kochgeschirre nicht mehr mit höchst verwerflicher Asche behandelt würden – griff er mechanisch hinter sich nach seinem Bierkruge, brachte ihn vor die Augen und schrie entsetzt: »Hol' Sie der Teufel, Kanonier Flattich, Sie haben mein Bier ausgesoffen!« Der Angeredete saß allerdings dicht hinter dem Unteroffizier, doch konnte er die feierlichste Versicherung abgeben, er habe dessen Eigentum nicht angetastet. »Auf Cerevis!« setzte er hinzu. »Gehen Sie zum Teufel mit Ihrem Cerevis, das klingt gerade wie Hohn hier bei meinem leeren Bierkruge!« »Nun denn, auf meine Ehre, wenn Ihnen das lieber ist!« Hier konnte sich der vierte, ein schlanker, hübscher, keck aussehender Bursche ebenfalls mit der Bombardiersauszeichnung, nicht enthalten, die Partei des jungen Flattich zu nehmen, indem er sagte: »Nun, er hat es nicht gethan; Flattich ist ein verliebtes Kamel, welches kein Bier trinkt, besonders in einem Augenblicke, wie der jetzige, wo er, statt das Protokoll der Geschützrevisionskommission abzuschreiben, Liebesbriefe auf rosa Papier schreibt!« »Nun, so war es der Schmoller. Säuft da dieser niederträchtige Kerl mein Bier!« »Und dann ist er ausgetreten!« sagte der andere Bombardier lachend. »Laßt es gut sein, sprecht nicht darüber,« sprach der Gekränkte, »man darf sich durchaus nicht merken lassen, daß man sich über seine schlechten Streiche ärgert; ich will ihn schon anders kriegen.« Der Betreffende erschien nun wieder mit dem heitersten Gesichte von der Welt und setzte sich zum Schreiben nieder. »Dieses Mal, sagte er nach einer Pause, »bekommt die Brigadeschule, wie ich denke, einen tüchtigen Nachschub; draußen auf dem Gange schwärmen wieder so ein paar Fliegen herum, die sich die Aufschriften an allen Thüren betrachten.« Während er diese Worte sprach, schielte er über das Papier hinüber nach dem Unteroffizier Block und freute sich unsäglich, als er sah, wie dieser jetzt langsam seine Hand nach dem Bierkruge ausstreckte. Doch schien sich derselbe gar nicht über die Leere desselben zu wundern, vielmehr goß er ganz ruhig das letzte Tröpfchen auf den Zeigefinger seiner linken Hand und fuhr dann mit demselben behutsam hinter seine Halsbinde, so tief er konnte gegen den Rücken hinab. Auch die anderen bemerkten das; doch sprach eine Zeitlang niemand, bis endlich Schmoller nicht mehr an sich zu halten vermochte und mit dem ruhigsten Tone von der Welt fragte: »Ist das Bier gut, Block?« »Ich weiß es nicht,« gab jener zur Antwort, indem er emsig fortschrieb; »ich habe keins davon getrunken.« »Aber warum hast du denn den gefüllten Krug hinter dir stehen?« »So, war er gefüllt? Ich hatte geglaubt, er sei den Morgen leer gewesen. Weißt du, ich brauche das Bier nur, um mir auf Anraten des Doktors ein böses Blutgeschwür anzufeuchten, das ich dahinten habe.« »Pfui Teufel,« sagte Schmoller mit Entsetzen, »bist du ein ekelhafter Kerl!« Nun brach aber der andere Bombardier und selbst der Liebesbrief schreibende Flattich in ein homerisches Gelächter aus, während Schmoller mit allen Zeichen des Mißbehagens zu widerholten Malen neben sich auf den Boden spuckte. Vielleicht würde es noch weitere Erörterungen über diesen eigentümlichen Fall gegeben haben, wenn nicht ein bescheidenes Klopfen an der Thür die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt hätte. Dieses Mal war es der Unteroffizier Block, nicht, wie gewöhnlich, der Bombardier Schmoller in seiner vorlauten Art, welcher ein lautes »Herein« erschallen ließ, vielmehr beugte sich dieser tief auf seine Papiere herab und schrieb mit ziemlich verdrießlicher Miene, ja, blickte nicht einmal in die Höhe, als nun drei junge Leute in Civilkleidern eintraten und sich einer derselben von außerordentlich großer Gestalt auf höfliche Art nach der Kanzlei des Herrn Brigadeadjutanten erkundigte. »Sie sind wohl gekommen, um Ihre Papiere behufs der Aufnahme in die Brigadeschule zu übergeben?« fragte Unteroffizier Block, noch immer sehr heiter über die glücklich ausgeführte Rache. »So ist es, mein Herr.« »Bitte, wenden Sie sich nur an jenen jungen Mann dort, der so eifrig schreibt. – »Herr Bombardier Schmoller, wollen Sie wohl die Freundlichkeit haben, diesen Herren mit Rat und That an die Hand zu gehen; es schlägt ja in Ihr Fach.« Nun aber hatte der Brigadeschreiber große Lust, mit dem Ersuchen, man möge sich seinetwegen zum Henker scheren, zu antworten; doch sah er, aufblickend, daß der große junge Mensch in Civilkleidung etwas so gar Sicheres oder so gar Dummdreistes in seinen Manieren hatte, daß er nicht widerstehen konnte, ihm auf seine Art ein bißchen auf den Zahn zu fühlen. Herr Schmoller war eine so leicht erregbare Natur, daß die Eindrücke sowohl des Schmerzes als des Ernstes nie lange bei ihm anhielten, und bei dem es nur des geringsten Gegenwindes bedurfte, um die Wellen seiner Gemütsstimmung in entgegengesetzte Richtung zu treiben. Er legte sich also in seinen Stuhl zurück, steckte seine Feder hinter das Ohr und betrachtete mit verschränkten Armen den vor ihm Stehenden langsam von oben bis unten. Es mochte das ein junger Mann von siebzehn bis achtzehn Jahren sein, doch sah er bei seiner außerordentlichen Größe und seinem feisten Gesichte, auf dem sich schon ein Anflug von Backenbart zeigte, älter aus. Er war gut, ja elegant gekleidet, und während der Musterung des Bombardiers »spitzte er den Mund, wie zu einem gelinden Pfeifen, ließ seine Augenlider halb herabfallen und spielte mit den Fingern seiner linken Hand an seiner schweren goldenen Uhrkette. Schmoller legte ein Blatt Papier breit vor sich hin, und nachdem er durch seine Mienen ausgedrückt, daß er mit der Musterung der drei Leute zufrieden war, tauchte er seine Feder in das Tintenfaß und sagte mit großem Ernste: »Ihre Namen, meine Herren; aber hübsch hintereinander, wenn ich bitten darf!« »Ich heiße Franz Werner,« sagte der große Mensch mit vieler Sicherheit, »bin der Sohn des Postmeisters Werner und habe hier meine Papiere, um zur Prüfung zugelassen zu werden.« »Ja, zur Prüfung. Allerdings zur Prüfung; aber wissen Sie wohl, Herr Franz Werner, daß man nicht so mir nichts dir nichts vor die hohe Obergeneralvrüfungskommission hintritt, sondern daß man nur dazu gelangen kann, wenn man vorher eine kleine Vorprüfung glorreich bestanden? Sind Sie zu einer solchen Vorprüfung gerüstet?« »Ich weiß nicht genau, ob ...« gab der Gefragte stotternd zur Antwort. »Ob Sie Ihren faulen Knecht in der Tasche haben. Ja, sehen Sie, mein lieber Herr Werner, es geht auch ohne das, und wenn Sie uns, ehe wir zum Examen schreiten, den Namen des Hotels, in dem Sie abgestiegen sind, angeben, auch hinzufügen wollen, um welche Zeit dort gewöhnlich gespeist wird, so wollen wir es mit diesem Vorexamen nicht so genau nehmen.« »Es – wird – mir – sehr – angenehm – sein; ich wohne in der ›Goldenen Ente‹, und man speist dort gewöhnlich um halb ein Uhr.« »Bis dahin sind wir wohl fertig?« wandte sich Schmoller mit lauter Stimme an seine Kameraden, von denen aber der Unteroffizier Block sagte, daß er für heute bei dem Obersten zu Tische gebeten sei, und der andere Bombardier nicht genau wußte, ob er erscheinen könne, da er seiner Frau nichts davon gesagt, während Flattich, im Schreiben begriffen, gar keine Antwort gab. »Thut nichts, so komme ich allein. Also, junger Mann, so wollen wir uns zuerst mit der Mathematik beschäftigen. Sie wissen doch, was das für ein Ding ist?« Herr Werner machte ein etwas verlegenes Gesicht und meinte: »Gerade mit der Mathematik habe er sich nie außerordentlich stark befaßt.« »Nun, etwas wird schon hängen geblieben sein. Können Sie mir vielleicht den pythagoräischen Lehrsatz erklären?« »Ja – ja – zu Hause könnte ich das wohl ...« »Wenn Sie Ihr Lehrbuch bei sich haben. Nun, mit der Antwort kann ich mich schon bei dem Vorexamen zufrieden erklären, und können Sie ganz beruhigt sein, denn auch beim großen Examen finden Sie Bücher genug, die zum Nachschlagen zu Ihrer Verfügung stehen; und dann haben Sie auch dort den Geheimen Obereinbläser, einen alten Herrn mit grauem Schnurrbart, den Sie freundlich von mir grüßen können. Aber noch eine Frage werden Sie mir erlauben: was eine Concru-Ente ist, wissen Sie ganz bestimmt?« »Doch nicht so ganz,« erwiderte der Examinand nach einer längeren Pause. »Das ist schade. Vor der Frage nehmen Sie sich in acht; denn der Herr Oberst ist ganz besonders darauf versessen; er liebt die Concru-Enten sehr, den sie schmecken vortrefflich, kommen aus dem indischen Staate Concru und sind besonders gebraten sehr schmackhaft. Doch will ich Sie nun nicht weiter plagen, nachdem ich mich von Ihren enormen Kenntnissen überzeugt habe; gehen Sie getrost zum Examen und erwarten Sie mich um halb ein Uhr bei Tische in der ›Goldenen Ente‹, selbst ohne Concru-Enten, die hier schwer zu haben sind.« Der Bombardier machte eine herablassende Handbewegung, an welche sich ein leiser Wink schloß, der dem zweiten galt und ihn ersuchte, vorzutreten. »Ihr Name?« »Erich Freiberg.« »Ein hübscher Name, Herr Erich Freiberg,« antwortete der Bombardier, nachdem er einen Augenblick in das offene, kluge Gesicht dieses jungen Mannes geblickt und ein kleines, schalkhaftes Lächeln in dessen klaren Augen entdeckt zu haben glaubte. »Sind Sie in der That hierher gekommen, Herr Erich Freiberg, um Ihr Examen zur Aufnahme in die Brigadeschule zu machen?« »Ganz gewiß, Herr Bombardier.« »Ah, ich dachte nur, Sie hätten vielleicht die Hausnummer verfehlt und Ihre Bestimmung sei das Seminar gewesen. Gewiß, Herr Erich Freiberg, Sie haben etwas so Ehrwürdiges, so Geistliches an sich, daß Sie es noch bis zum Feldpater bringen können. Doch finde ich soeben,« sagte er, sich erinnernd, »daß die Zeit verflossen ist, die ich bei meinen vielen Dienstgeschäften für die Vorexamen übrig habe. Gehen Sie also mit Gott, meine Herren, auf die Kanzlei des Brigadeadjutanten, und wenn Sie von diesem nicht als Zugabe zu seinem zweiten Frühstücke verschluckt werden, ehe Sie Ihr Anliegen vorgebracht haben, so wird er Ihre Namen notieren, Ihnen die Papiere abnehmen und alsdann Tag und Stunde bestimmen, wo Sie sich zu Ihrem zweiten Examen einzufinden haben. Kanonier Flattich, zeigen Sie diesen drei hoffnungsvollen angehenden Artillerieoffizieren den Weg nach der Brigadeadjutantur, und damit Adieu, meine Herren, und bis nachher, junger Herr Franz Werner!« Alle drei verließen hierauf in Begleitung des Kanoniers Flattich, der ihnen zum Führer diente, die Schreibstube, und da es mehr in unserem Interesse liegt, ihnen zu folgen, als zu sehen, wie der Bombardier Schmoller in dem nicht sorgfältig genug verborgenen Briefe des jungen Flattich eine höchst unpassende Korrektur anbrachte, so wollen wir im nächsten Kapitel erzählen, wie es ihnen weiter ergangen. {bild} 17. Kapitel Der Held der Geschichte lernt Einiges vom militärischen Leben, besucht die Wachtparade und geht zum wirklichen Examen. In dem Zimmer des Brigadcadjutanten befanden sich noch sechs andere junge Leute aus dem Civilstande, welche an dem demnächst stattfindenden Examen teilnehmen wollten, um dadurch ihre Befähigung zur Aufnahme in die Brigadeschule nachzuweisen. Diese Brigadeschule war in drei Klassen geteilt, und es wurde in den akademischen Stunden Unterricht gegeben in Mathematik, Zeichnen, Geschichte, Geographie, deutschen Aufsatz und französischer Sprache; daß nebenbei auch viele Artillerie-Wissenschaften getrieben wurden, verstand sich von selbst. Nach den Aufnahmeprüfungen stellte es sich heraus, ob die Aspiranten überhaupt angenommen wurden und ob sie der dritten oder der zweiten Klasse zugeteilt werden konnten. Das alles erfuhren sämtliche Anwesenden von dem eiligen Brigadeadjutanten, sowie auch, daß sie sich übermorgen um zehn Uhr hier in diesem Lokale einzufinden hätten, in Paradeuniform, wollte er sagen, doch verbesserte er sich und bemerkte: »in anständig reinlicher Kleidung«. Dann nahm er die Papiere eines jeden in Empfang und übergab sie zur Durchsicht dem Brigadeoberschreiber, der mit seinem scharfen Blicke jeden genau und ganz besonders anschaute, sowie er an ihn herantrat. Alle verneigten sich hierauf mit einer mehr oder minder gelungenen Verbeugung und verließen das Zimmer, mit alleiniger Ausnahme Erichs und des langen Franz Werner, mit dem sich der Brigadeadjutant herablassend unterhielt, während unser junger Mann den Brief aus der Tasche zog, welchen ihm der Premierlieutenant Schramm gegeben und mit dem er sich nochmals an den Brigadeoberschreiber wandte. »Ist nicht an mich,« entgegnete dieser scharf, »geht mich auch gar nichts an.« »Dürfte ich Sie wohl fragen,« forschte Erich schüchtern, »wo ich den Herrn Oberfeuerwerker Doll auffinden kann?« »Sehen Sie mich vielleicht für ein Adreßbuch an, junger Mensch?« erwiderte ihm der Schreiber mit dem Vogelgesichte und, hätte man sagen können, mit gesträubten Federn. »Schade, daß ich zu sehr beschäftigt bin, sonst würde ich mir den Arm und die Ehre Ihrer Begleitung ausbitten, um Sie hinzuführen. – Ist das ein naseweises Zeug!« brummte er in sich hinein, als Erich, den Brief in der Hand behaltend, eingeschüchtert das Zimmer verließ. Glücklicherweise fand er draußen auf dem Gange einen Unteroffizier, der ihm die Wohnung des Oberfeuerwerkers beschrieb, und diesen selbst zu Hause. Doll war ein kleines, mageres Männchen, rasch und lebendig in allen seinen Bewegungen; aus seinen Augen leuchteten Geist und Gutherzigkeit, und nachdem er den Brief, den ihm Erich überreicht, aufmerksam durchgelesen, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: »Nun, wie es mit den Kenntnissen steht, davon wollen wir uns übermorgen überzeugen; stellen Sie sich aber die ganze Geschichte nicht so gefährlich vor und antworten sie frisch heraus auf alle Fragen, die man Ihnen stellt, allerdings nicht unüberlegt, aber auch nicht so lange gezaudert. Lassen Sie sich auch nicht einschüchtern, wenn unser hochverehrter Herr Oberst vielleicht einmal mit einem barschen Worte dazwischen fährt; er meint das nicht so übel und ist ein Herr von großer Einsicht und dem vortrefflichsten Gemüte. Wo wohnen Sie?« »In einem sehr bescheidenen Wirtshause der Vorstadt, mit einigen anderen jungen Leuten, die gleichfalls ihre Aufnahme in die Brigadeschule nachsuchen, Herr Oberfeuerwerker.« »Ach ja, ich weiß, Ihre Mittel sind nicht brillant, und Sie müssen eben sehen, wie Sie sich durchschlagen; doch hoffe ich, daß Sie Ihr Examen bestehen und dann der Schulcompagnie zugeteilt werden. Es ist allerdings nicht viel, was Sie dort haben, aber es schützt Sie vor dem Verhungern, und wenn Ihnen die Artilleriewissenschaften bald in den Kopf gehen, so kann man Sie wohl in Bälde zu dem Bombardierexamen vorschlagen. Also bis übermorgen!« Erich verließ den freundlichen Oberfeuerwerker mit ziemlich gehobener Hoffnung, welche durch die schroffe Abweisung des Oberschreibers etwas verblaßt war. Er schlenderte durch die breiten Straßen der ihm unbekannten Stadt, ohne Zweck und Ziel, ja, ohne viele Aufmerksamkeit auf das, was ihn umgab, was wohl daher kommen mochte, daß seine Gedanken immer wieder zurückkehrten zu den so interessanten Erlebnissen der letztvergangenen Tage. Hatte die Geschichte mit dem geschossenen Hirsche weitere Folgen, oder wurde sie, wie ihm der Müller Burbus beim Abschiede versicherte, aus guten Gründen niedergeschlagen, so daß kein Hahn mehr danach krähen würde? Und wenn dem wirklich so war, hatte nicht sein persönlicher Feind, der junge Graf Seefeld, Veranlassung genug, sich seiner lebhaft zu erinnern und ihm in den Weg zu treten, wo ihm das möglich wurde? Allerdings hoffte er, durch seinen Eintritt in die Schule unter Anlegung der Uniform in der großen Menge gewissermaßen unterzugehen, und doch wieder konnte er gerade als Militär auf irgend eine Weise mit jenem in Berührung kommen. Ja, obgleich er wußte, daß die Residenz, wo das Husarenregiment stand, in dem der Graf diente, viele, viele Meilen von dieser Provinzstadt entfernt war, so beunruhigte es ihn in diesen Tagen doch jedesmal, wenn er einen Offizierssäbel klappern hörte und wenn er, wie hier, auf den Straßen häufig Husarenoffizieren, allerdings eines anderen Regiments, begegnete. Glücklich aber sind jene Tage der Jugend, wo uns leichter Sinn und frischer Mut nicht lange bei drückenden Gedanken verweilen lassen, wo wir uns gern von einer trüben Vergangenheit ab einer heiter scheinenden Zukunft zuwenden. Und schien ihn in der That seine Zukunft nicht heiter anzublicken? War er doch von einem wichtigen Manne der Examinationskommission, dem Oberfeuerwerker Doll, recht freundlich aufgenommen worden, hoffte er doch, wenn auch nicht glänzend zu bestehen, doch genügend durchzukommen, und hatte ihn nicht selbst das spaßige Vorexamen des jungen Bombardiers so heiter in jene lustigen Kreise eingeführt, denen er später ebenfalls angehören sollte? Ja, er sah sich schon im Geiste in der hübschen Uniform mit den blanken Knöpfen und goldenen Tressen, wie die jungen Leute, die ihm entgegen kamen und die er ehrerbietig grüßte. In wenigen Tagen war er berechtigt, sich ebenfalls als ein Glied jener schönen und großen Armee zu betrachten, von der soeben ein ansehnlicher Bruchteil, ein Bataillon Infanterie, die rauschend klingende Militärmusik an der Spitze, fest und dröhnend mit angezogenem Gewehr durch die Straßen marschierte, und dem er, wie viele andere Müßiggänger, in gleichem Schritt und Tritt zum Paradeplatze folgte. Welch neues, herrliches Leben und Treiben auch hier für ihn! Da standen die zur Wache kommandierten Truppenteile, von der Infanterie und Artillerie in einer langen Linie nebeneinander, und vor ihnen, auf der anderen Seite des Platzes, bewegte sich eine Menge zahlreicher glänzender Offiziere aller Waffengattungen durcheinander, so ungeniert plaudernd, als seien sie in einer Privatgesellschaft, bis sich an der nächsten Straßenecke ein schwarzer und ein weißer Federbusch zeigte, bis dann auf der ganzen Linie Stillstand und »Präsentiert das Gewehr« kommandiert wurde, sowie sich die beiden Federbüsche, langsam hin und her schwankend, näherten. Der schwarze gehörte einem mageren, kleinen Manne in der Uniform eines Obersten der Infanterie und Platzkommandanten, der weiße aber einem großen, breiten Artillerieobersten, der etwas breitspurig und schwankend ging, aber jedesmal mit einem einzigen Schritte zwei seines kleinen Kollegen überholte. Ja, dies war bei Erichs Unerfahrenheit ein recht feierlicher, nie zu vergessender Moment, die erste Wachtparade, die er mit anzusehen das Glück hatte! Ja, die Wachen präsentierten allesamt keiner vergaß das oder kam zu spät, die Offiziere griffen an ihre Helme und verharrten in dieser Haltung, bis der weiße und schwarze Federbusch auf der Mitte des Platzes angekommen waren, wobei, dröhnend an den Häusern widerhallend, die Regimentsmusik spielte, unter taktmäßigem Gebrumme der großen Trommel und dem Klingeln des großen Schellbaums – wahrhaftig prächtig! Die Glücklichen, dachte Erich, die jetzt schon da stehen dürfen, mit dem blanken Gewehr oder dem gezogenen Säbel, bereit, eine königliche Wache zu beziehen! Doch machten gerade nicht alle zufriedene Gesichter, besonders die Kommandanten der verschiedenen Wachen nicht, als sie nun vortreten mußten, um von dem Platzmajor inspiziert zu werden. Dieser war ein älterer Mann, lang und hager, in einer abgeschabten, etwas schlotterigen Uniform; seine Stimme klang äußerst heiser, wenn er nach vollendeter Revision kommandierte: »Ober- und Unteroffiziere, marschiert auf eure Posten,« wobei er so undeutlich sprach, als habe er gesagt: »Ober- und Unteroffiziere, es ist mir kein Spaß.« Dann machte er wankend Front gegen seinen Chef, den Platzkommandanten, griff grüßend mit einem äußerst kummervollen Gesichte an seinen Helm, worauf der Vorbeimarsch begann. Erich hatte zufällig einen so günstigen Platz eingenommen, daß er zu seiner Rechten die beiden vornehmen Federbüsche hatte, links aber eine Straße, nach welcher hin die meisten Wachen abmarschierten, besonders viel Artillerie, um den Dienst auf den Wällen der Stadt sowie den detachierten Forts zu versehen. Bei diesen, welche ungeniert den Säbel immer im rechten Arme trugen, nachdem sie den Platz, wo die beiden Obersten standen, im Rücken hatten, fehlte es nicht an eigentümlicher Konversation dieser jungen Wachtkommandanten unter sich oder mit Kameraden, die zufällig oder absichtlich dicht an ihrem Wege standen, flüchtige Unterhaltungen, von denen Erich wohl die Worte, aber nicht den Sinn verstand. »Nimm dich in acht, Schmitz,« rief einer, »der Alte jagt heute da draußen bei Nr. 4 herum, und ich bin überzeugt, statt durch das Thor nimmt er seinen Weg über die Lünette und die Ausfallbrücke.« »Er soll nur kommen, und wenn er in Civil ist und keine Erlaubniskarte bei sich hat, so arretiere ich ihn, darauf kann er Gift nehmen!« »Du,« rief ein anderer Abmarschierender, »sage dem Wallrevidierenden vom Seethore, er soll nicht vergessen, mir zwei Schoppen Rum heraus zu bringen und ein Spiel neuer Karten, auch es dem Wallrevidierenden vom Hochthore zu sagen.« »Nehmt euch in acht mit euren Whistpartien, der Alte hat ohnedies ein Auge auf euch!« »Meinethalben, wir wollen es auch nicht besser haben, als die anderen, und gehen so lange zum Wasser, bis wir auf dem Trockenen sitzen.« »Sage doch dem Fellinger draußen, der Alte habe ihm höchstselbst drei Tage Mittelarrest diktiert, weil er gesehen haben will, es sei gestern auf dem Glacis vom Fort Nr. 2 Wäsche getrocknet worden.« »Werd's besorgen; o, es sieht dem Fellinger ähnlich, daß er sich mit einer hübschen Wäscherin niedlich gemacht hat.« »Gewiß, gewiß, und deshalb drei Tage zur Abkühlung.« »Wer mag denn eigentlich der Alte sein,« dachte Erich, »der Alte, von dem so oft die Rede, und der, wie es scheint, nur drohend und strafend auftritt!« Und in diesem Augenblicke war es gerade, als sei jemand hinter ihn getreten, um ihm durch den halblauten Ausruf. »Sehen Sie, da steht der Alte,« die nötige Aufklärung zu geben. »Der mit dem weißen Federbusche!« »Ja, mit dem breiten, roten Gesichte. Hören Sie, jetzt spricht er in seiner Art recht freundlich mit dem jungen Artillerieoffizier, der sich bei ihm gemeldet, und doch dröhnen seine Worte wie ein fern hinrollender Donner. Ich versichere Ihnen, wenn er jetzt plötzlich aus dem FF einen Millionenhund losließe oder dergleichen, so würde das krachen, wie ein Wetterschlag, und könnte am Ende auch einschlagen. Ich habe Aehnliches erlebt. Ja, er ließ mir einmal beim Manöver, als ich in der Geschwindigkeit und Duselei statt das Zündloch zuzuhalten, frischweg am Aufpudern war, ehe noch die Kartusche angesetzt worden, seine Faust so derb auf den Helm fallen, daß ich meinte, er schlüge mich ungespitzt in den Boden hinein.« Erich wandte sich langsam, um den Sprecher anzusehen, und da er in ihm den spaßhaften Bombardier von heute morgen erkannte, sowie in seiner Gesellschaft den langen Freiwilligen, so zog er freundlich grüßend seine Mütze herab, was von jedem mit einem gnädigen Kopfnicken belohnt wurde. »Im übrigen,« fuhr Herr Schmoller mit der Miene eines Mannes fort, der alle Verhältnisse wie seine Tasche kennt, »ein Vorgesetzter, wie man sich ihn nur wünschen kann; sorgt für alle in der Brigade, wie ein Vater für seine Kinder, ist auch nicht auf den Gamaschendienst so erpicht, wie die anderen, allerdings bedeutend grob und heftig, aber nur beim langweiligen Garnisonsdienste, wenn es aber bei den Artillerieübungen und Manövern nur rasch entschlossen vorwärts geht und auf rechter Stelle und zur rechten Zeit bedeutend kracht, so ist es ihm gleichgültig, ob der Mantel ein bißchen schief auf dem Sattel sitzt oder ob die Knöpfe blank geputzt sind. Wie tapfer er im Felde war, zeigt das Kreuz auf seiner Brust; das ist eine Dekoration, mein Lieber, die wir beide keine Aussicht haben, je zu erlangen, und galt auch dazumal und gilt heute noch viel mehr, als ein ganzes Dutzend neuer Ordenszeichen.« »Es interessiert mich sehr, den Herrn Obersten zu sehen,« sprach der Freiwillige Herr Werner, »denn ich habe einen Brief an ihn von meinem Vater, welchen ich ihm kurz vor dem Examen übergeben soll.« »Ah, in der That!« sagte der Bombardier Schmoller, seinen Begleiter mit größter Ehrfurcht anschauend; »ein solcher Brief ist nicht übel, um sich den Magen warm zu halten, und jetzt mache ich mit noch größerem Vergnügen von der Einladung zum Mittagessen Gebrauch. Ein junger Mann von Ihrem Aeußeren und der obendrauf Briefschaften für den Alten besitzt, ist eine sehr achtenswerte Bekanntschaft; kommen Sie, ich sehe ohnedies, daß der weiße Federbusch auf uns zulenkt.« »Warten Sie doch, so können wir den Herrn Obersten ja in der Nähe anschauen, vielleicht, daß er mich an einer Aehnlichkeit mit meinem Vater erkennt.« »Sehr angenehm für Sie; doch gibt es Augenblicke, wo man sich hütet, dem Alten in den Weg zu treten, besonders zwischen der Parade und dem Mittagessen.« Eigentlich hätte er hinzusetzen sollen: oder wenn man ein Beinkleid von einer unvorschriftsmäßigen hellgrauen Farbe trägt, wie Herr Schmoller, welcher sich zu dem vorhabenden Diner fein gemacht hatte und der hastig entwich, den anderen mit sich fortziehend, wobei er ihm sagte: »Ersparen Sie dem Alten Ihren Anblick bis zum Examen; wenn Sie alsdann plötzlich mit dem Briefe Ihres Herrn Vaters vor ihn hintreten, so ist das jedenfalls von größerer Wirkung.« In seinem Inneren aber dachte Herr Schmoller: »Ich wäre ein rechter Narr, bei diesem dummen Teufel da stehen zu bleiben, der imstande ist, sogar den Obersten auf der Straße anzureden und ihm seinen Brief zu präsentieren!« »Kommen Sie, kommen Sie!« Damit eilten die beiden rasch in eine Seitenstraße hinein, und Erich blickte ihnen fast mit einem bitteren Gefühle nach. »Wie gut es doch manche Menschen haben,« dachte er; »so dieser junge Mann, welcher im ersten Gasthofe der Stadt wohnt, welcher sich augenblicklich Freunde von Einfluß erworben hat und der beim Examen, wenn wir schüchtern in einer Ecke stehen, mit einem Empfehlungsbriefe vor den Herrn Obersten zu treten imstande ist!« Um sich aber seinen künftigen Chef in der Nähe anzusehen, blieb er dicht an der Straße stehen, auf welcher dieser mit seinem Adjutanten den Platz verließ, und zog ehrerbietig seine Mütze zum Gruß, welcher denn auch von dem großen und breiten Offizier mit einem wohlwollenden Kopfnicken erwidert wurde. Von den jungen Leuten, die mit ihm in demselben Wirtshaus wohnten, sah er nicht viel in diesen Tagen; jeder hatte seine besonderen Gänge zu machen, manche verliehen auch ihre Zimmer nicht, um in der Bekanntschaft des alten Maier Hirsch einiges nachzuholen, sowie auch, um in der schrecklich gelehrten Oede von Kohlrauschs Geschichtstabellen hin und wieder seufzend spazieren zu gehen. So kam denn der große Morgen des Examens heran, und da in aller Frühe die Kirchenglocken läuteten, wie sie übrigens täglich thaten, so schien das für Erich doch heute nur zur Feier dieses großen Tages zu geschehen, zu welcher auch Erde und Himmel im Sonnenscheine ganz besonders glänzten, die Leute auf den Straßen festtäglich gekleidet und die Wachen mit ausnehmend blank geputzten Gewehren vor ihren Schilderhäusern hin und her spazierten. Ja, Erich war so davon überzeugt, alle Welt müsse sich ausschließlich mit diesem wichtigen Ereignisse beschäftigen, daß es ihn sehr verdroß, als ein Artillerieunteroffizier im Hofe der Brigadeschule ihm auf seine Frage, wo er sich hinwenden müsse, um zum Examinationssaale zu gelangen, zur Antwort gab, er wisse von keinem Examen und solle er sich bei dem Wachthabenden dort unter dem Thorbogen erkundigen. Auch dieser wollte sich auf nichts derart besinnen, und so stand Erich für einen Augenblick ratlos da, bis zu seinem Glücke der lange Freiwillige Werner, und zwar neben dem Bataillonsadjutanten, den Hof betrat. Quer über denselben folgte er ihnen die Treppe hinauf in einen großen Saal, wo sich links in der Ecke vielleicht schon ein Dutzend junger Leute befand, gleich wie er in Civilkleidern, schüchtern zusammengedrängt wie eine Schafherde, während einige Offiziere im Hintergrunde des Saales gleichgültig plaudernd auf und ab gingen. Auch hier war von besonderer Feierlichkeit keine Rede. Andere Offiziere, die nachher eintraten, sprachen mit denen, die schon da waren, oder setzten sich an eine Tischecke, um in einem Zeitungsblatte oder einem Buche zu lesen, und selbst als das Examen nun anfing, ging dieser bedeutungsvolle Akt ohne irgend welche Ceremonie vor sich, ohne eine feierliche Ansprache, wie Erich gehofft, ohne Hinweis auf die Pflichten und Tugenden dieser künftigen Kriegshelden. Es wurden einzelne Namen aufgerufen, und der Betreffende trat schüchtern vor, um sogleich von einem der Offiziere in Empfang genommen zu werden, der alsdann entweder plaudernd mit ihm auf und ab ging oder sich mit ihm in einer Fensternische besprach, um ihn später neben anderen Examinanden an einem großen Tische, mit Papier und Schreibzeug bedeckt, niedersitzen zu lassen. Endlich ertönte auch Erichs Name, und er fühlte bei dem Klange desselben, wie sich sein Herz zusammenzog und wie er mühsam atmete; doch schritt er aufrechten Hauptes zu einem freundlich aussehenden Offizier, der ihm in der allgemeinen Weltgeschichte auf den Zahn fühlte, ihn alsdann einem strenger aussehenden Kollegen übergab, dem er das Fluß- und Kanalsystem des gesamten Deutschlands angeben mußte, auch den Lauf und die Höhe der Gebirgsketten Europas und Asiens, worauf er dann von hier ebenfalls an jenen langen Tisch gesetzt wurde und die Aufgabe erhielt, einen wohlstilisierten kurzen Abriß seiner Lebensgeschichte zu geben. Erich hatte mit Zagen in die Augen seiner Examinatoren geblickt, und daß er von beiden mit einem kurzen, aber wohlwollenden Kopfnicken entlassen wurde, erhöhte seinen Mut und ließ ihn frei aufatmend an die für ihn leichtere schriftliche Aufgabe gehen. Unterdessen war auch der Oberfeuerwerker Doll mit dem Brigadeadjutanten eingetreten, und nachdem ersterer eine große, schwarze Tafel, die an der Wand hing, sorgfältig mit einem nassen Schwamme überfahren und der letztere einen Stoß Papiere auf einen kleinen Tisch, hinter dem ein breiter Lehnsessel stand, niedergelegt, zogen einige der Offiziere ihre Uniformen etwas fester auf die Hüften herab, drückten auch wohl an ihre Degen und griffen leicht an ihre Kragen, während andere, welche es sich bis jetzt auf einer Tischecke oder rücklings auf einem Stuhle bequem gemacht, herabrutschten oder aufstanden – alles Anzeichen, daß die Feierlichkeit des Examens jetzt endlich einen höheren Aufschwung zu nehmen schien. Und so war es auch in der That, als nun der Oberst und Brigadekommandant eintrat und mit ihm der Vorsteher der Schule, Hauptmann Wetter. Letzterer ließ sich von dem Brigadeadjutanten die verschiedenen jungen Leute mit ihren Namen bezeichnen und betrachtete hierauf die betreffenden Notizen, welche sich die einzelnen Examinatoren über die Kenntnisse der zu Prüfenden gemacht, während sich der Oberst in den Lehnstuhl setzte, seinen Helm neben sich legte und in die Papiere blickte, welche vor ihm lagen. Einen Augenblick durchblätterte er sie, dann schaute er auf und sagte mit seiner mächtigen Stimme: »Wo haben wir denn den Freiwilligen Werner? Lassen Sie ihn einmal vor mir hintreten! – So, Er ist also der Franz Werner,« fuhr er fort, nachdem ihm der Betreffende vorgestellt worden war; »nun, Er hat ja eine Größe, wie sie für den Flügelmann einer zwölfpfündigen Batterie paßt! Wat is denn dat für ein Papier, dat Er mir da unter die Nase hält?« »Ein Empfehlungsschreiben meines Vaters, Herr Oberst, welcher so glücklich ist, den Herrn Obersten zu kennen.« »Is wohl möglich. Ick glaube mir zu erinnern, und wenn Er mir dat Papier später nach einem guten Examen übergeben will, so habe ich nichts dagegen. Wie steht's mit ihm, Herr Lieutenant Kühne?« wandte er sich an den Offizier, der ihn gerade in der Arbeit gehabt. Dieser zuckte leicht die Achseln und erwiderte etwas von mangelhaften Kenntnissen und sehr oberflächlichem Wissen. »Hm,« machte der Oberst, »so wollen wir selbst einmal sehen, wie Er in der Mathematik beschlagen ist. Trete Er dort an die Tafel, mein Sohn, und sei Er vor allen Dingen nicht schüchtern; man hat hier nicht die Absicht, Ihn zu beißen.« Nun sah allerdings der Freiwillige Werner im gewöhnlichen Leben durchaus nicht schüchtern aus, ging aber jetzt doch mit etwas zaghaften Schritten auf die Tafel zu, wo ihn der Oberfeuerwerker Doll erwartete. »Er soll uns einmal den Pythagoras beweisen!« Werner machte ein paar zweifelhafte Striche an die Tafel, schrieb auch einige Zahlen daneben, doch las man wohl in dem erstaunten Gesichte des Oberfeuerwerkers, daß der Lehrsatz der großen griechischen Mathematik hier sehr in Gefahr sei, unbewiesen zu bleiben. Auch der Oberst bemerkte das, und man sah an seiner schwellenden Stirnader, sowie an der Art, wie er die Backen aufblies, daß ein Unwetter im Anzuge sei, wobei er ungeduldig bald »Ne,« bald »O!« herausstieß und endlich, auf den Tisch trommelnd, sagte: »Mir scheint, dat der junge Mensch den Pythagoras für ein böhmisch Dorf ansieht. Steigen Sie einmal weiter herab, Herr Oberfeuerwerker, und lassen Sie sich einmal von ihm erklären, wat ein gleichseitiges Dreieck ist!« Aber auch diese Erklärung gedieh nicht weiter, als zu einigen gänzlich unverständlichen Strichen, welche er mit einem kläglichen Blicke an die Tafel malte. Nun wurde das Gesicht des Obersten dunkelrot, wobei sich von fernher rollender Donner zu einem Einschlagewetter verstärkte. »Ja, wat is denn dat, wat will denn die lange Wischerstange, dat se sich da vor uns hinstellt, um Examens zu spielen! Hat Er denn gar nichts gelernt und ist Er wohl gar ein ausgemachter Nixnutz, wat? Kommt da mit Empfehlungsbriefen und will mir weismachen, er sei der Sohn meines alten Freundes Werner – schäme Er sich! Der Postmeister ist so ein braver Mann und Er selbst hat so eine respektable Mutter und so hübsche Schwestern, und kann nicht einmal den Pythagoras beweisen! Aber,« brüllte er in höchster Wut, »ick will mir nicht ärgern, und namentlich nicht wegen solchem Grobzeug – na, jetzt geh Er her und mal Er mir zwei Punkte auf die Tafel, etwas weit voneinander entfernt – so, dat is gut! Nun hoffe ich doch, daß Er irgend etwas von Mathematik verstehen wird! – Welches ist nun der kürzeste Weg zwischen zwee Punkten?« »Eine gerade Linie, Herr Oberst,« sagte Werner rasch, wobei er tief aufatmete. »Richtig, eine gerade Linie – nun denn, Er Millionenhund, so mache Er, daß Er auf der mathematisch geradesten Linie wieder nach Hause kommt! Hol' Ihn der Teufel!« Zu gleicher Zeit erhob sich der Oberst, nahm seinen Helm und schwenkte ihn hin und her, als könnte er damit die Gestalt des unmathematischen Freiwilligen schnell verwehen lassen, was aber auf natürliche Weise geschah, indem die betreffenden Offiziere dafür sorgten, daß er so rasch wie möglich aus den Augen ihres brausenden und schnaufenden Chefs entfernt wurde. »Sollte man nicht glauben,« brummte er vor sich hin, »dat sei eine Kleinkinderbewahranstalt, wo man nur so herläuft! Aber ich sage Ihnen, Herr Hauptmann Wetter, halten Sie mir fest uf die Mathematik!« Bei diesen Worten blickte der Oberst die übrigen Schlachtopfer wie ein Tiger an, und zwar wie ein Tiger, der Blut geleckt hat. Langsam ließ er seine Augen über die bange Schar dahinfahren, und der Ausdruck dieser Augen, welche vorher so wohlwollend und milde geglänzt hatten, drückte jetzt so schwer auf sämtliche Examinanden, daß man nichts vernahm, als das schüchterne Rascheln der Federn auf dem Papier. Eine Zeitlang ging übrigens alles weitere in Ruhe vor sich, und ein paar junge Leute, die nach Werner aufgerufen wurden, machten ihre mathematischen Aufgaben so ordentlich, daß der Oberst wieder anfing, beifällig mit dem Kopfe zu nicken. Jetzt aber zog er ein Blatt Papier aus dem Stoße hervor, in dem er kramte, las dann und rief hierauf mit lauter Stimme: »Erich Freiberg – wo haben wir Erich Freiberg? Ich möchte mir den auch einmal beim Tageslicht anschauen.« »Hier, Herr Oberst!« »Komm Er her, mein Sohn, und sei Er nicht schüchtern! Ick bin nur für die unangenehm, die ein schlechtes Gewissen haben, und Er schaut mir recht ehrlich aus seinen Augen, ist, wie ich hier aus dem Papiere sehe, der Sohn eines braven Artillerieunteroffiziers, und will ick Ihn deshalb mit besonderer Sorgfalt examinieren lassen. Sieht Er, mein Sohn, in der Hoffnung nämlich, dat Er etwas gelernt hat gegenüber manchen anderen, die daherkommen aus ihren höheren Schulen und Bildungsanstalten, wie sie es nennen, mit Empfehlungsbriefen in ihren Klauen und goldenen Ketten an der Uhr. Mach Er mir nun dat Vergnügen und zeig Er uns, dat Er von guter Art ist.« Damit wurde Erich mit einer Handbewegung gegen den Oberfeuerwerker diesem überantwortet, und wenn er ihn auch gerade im betreffenden Examen nicht schonte, so wußte er ihm doch anderenteils auch durch irgend einen Strich oder eine eingeworfene Ziffer, und zwar in solchen Augenblicken zu helfen, wo sich der Oberst mit dem Präses der Schule unterhielt, wobei dann das Facit herauskam, daß Erich Freiberg ein ganz erträgliches Examen gemacht hatte. »Nun, sieht Er, mein Sohn, dat freut mir!« sagte der Oberst mit einem wohlwollenden Lächeln, wobei er seine Hand so kräftig auf das Haupt des jungen Menschen legte, daß dieser sich zusammennehmen mußte, um nicht zu wanken. »Halte Er sich auch in allen anderen Dingen gut, und ich werde Ihn nicht aus dem Gesichte verlieren!« In ähnlichen Wechselfällen bewegte sich das Examen zur Aufnahme in die Brigadeschule noch eine Zeitlang hin und her und ergab als schließliches Resultat, daß neben Werner, der aber nicht mehr zum Vorschein gekommen war, noch drei andere vom Besuche der Schule zurückgewiesen wurden. Dann ließ der Oberst die sämtlichen Glücklichen um den Tisch herumtreten und hielt ihnen eine kurze, aber sehr kräftige und sehr wohlwollende Rede, deren Schluß also lautete: »Und ick sage euch, meine Kinder, und es kann allen anderen, die hier herum stehen, nichts schaden, wenn sie es ebenfalls nicht nur mit anhören, sondern och bei sich behalten wollen, nämlich dat meine Brigade sowie alles übrige militärische Wesen nur durch drei Dinge in Ordnung gehalten und zum Gedeihen gebracht werden kann. Dat is erstens Ordnung und zweitens Ordnung und drittens Ordnung – denn Ordnung muß sind!« Damit und zugleich mit einer freundlichen Handbewegung entließ er die Examinanden, welche sich nun wieder wie früher in die Ecke des Saales zurückzogen, um dort von dem Brigadeadjutanten die Weisung zu erhalten, wo und wann sie sich morgen früh zur Einkleidung zu stellen hätten. 18. Kapitel Von der Brigadeschule, von zarten Unterhaltungen der jungen Zöglinge, vom geheimnisvollen Bund des Hungers und des Durstes. Schon der Weg, um an den Fuß jener Leiter zu gelangen, von welcher der Wachtmeister sagt, daß sie zur höchsten Macht führe, ist so mit Schwierigkeiten aller Art bedeckt und unser Fuß verwundet sich so leicht an den Dornen und Disteln, die hier auf unserem Pfade wuchern, daß der ganze Mut und der ganze Leichtsinn der glücklichen Jugendzeit dazu gehört, um nicht schon anfangs zurückzuschrecken. In unseren Militärträumen sahen wir uns beständig verkörpert in der Gestalt eines schmucken Reiters oder Artilleristen, der sich plötzlich, wie durch Berührung eines Zauberstabes, aus der dunklen Civilpuppe entwickeln werde. Wir dachten nicht daran, daß diese Entwickelung so nach und nach, mit so unscheinbaren Fortschritten vor sich gehen würde; ebensowenig aber auch der Held unserer Geschichte, der indessen den Vorzug hatte, daß er aus seiner Jugendzeit schon wußte, was eine Montierungskammer sei und welch engherziger Tyrann auf derselben gebiete, der Selbstherrscher aller alten und neuen Hosen, mit dem deutschen Namen Capitain d'armes benannt, gewöhnlich ein alter Unteroffizier, verdrießlich, geizig, schlappig und nur dafür besorgt, daß ein warmer Kommißmantel niemals zu dem benutzt wurde, wozu er doch eigentlich erschaffen war, den Soldaten nämlich vor Kälte zu bewahren. Da standen nun an jenem Morgen die acht zum Einkleiden bestimmten jungen Leute in einer Reihe auf der halbdunklen Montierungskammer, die meisten hübsche, wohlgewachsene Burschen, welche, nachdem sie mit den ihnen verabreichten Hosen und Jacken bekleidet waren, wie ebenso viele Vogelscheuchen aussahen. Allerdings wurde der Schneider beauftragt, ihnen das Zeug zurecht zu machen, doch selbst als dies nach einigen Tagen notdürftig geschehen, waren sie von den oben erwähnten militärischen Idealen noch so weit entfernt, wie die graue Larve vom goldstrahlenden Käfer. Doch beugte auch das glücklicherweise nicht den jugendlichen Mut und Uebermut, ebensowenig wie das oft so pedantische Verfahren in der akademischen Stunde, wie die schmale Kost der Schulmenage, Bohnen, Erbsen, Kartoffeln mit Speck, oder zur Abwechselung Speck mit Bohnen, Erbsen und Kartoffeln, natürlicherweise ebensowenig ohne Vor- und Nachspeise, wie ohne Frühstück und Nachtessen, all die eben genannten Speisen in eine dicke, oft unschmackhafte Suppe verkocht, die in erkaltetem Zustande ein zäher, ungenießbarer Brei war. Lichtblicke in diesem Leben waren immer noch die rein militärischen Uebungen, besonders nachdem der Elementarunterricht, die Wendungen nach Zählen, die Griffe mit dem Seitengewehr beendigt waren; denn so ein Exerzieren am Geschütze hat gewissermaßen doch immer einen poetischen Anstrich, man kann sich dabei so leicht in jene Zeit hineindenken, wo der metallene Mund des Rohres, der uns jetzt so stumm anblickt, plötzlich unter Flammen und Rauch zu sprechen anfängt und uns beschützt, wenn wir recht sorgfältig für seine Nahrung und Beweglichkeit besorgt sind. Man faßt eine Anhänglichkeit für sein Geschütz, ja man liebt es mit seinem ernsten Anblicke wie ein fühlendes Wesen, und wenn man nach langen langen Jahren eine Batterie auf dem Pflaster daherdröhnen hört, so eilt man herbei und begrüßt jedes Stück wie einen alten, wohlbekannten Freund. Und aus welch zahlreicher Familie bestand diese Freundschaft, vom jugendlichen, schlanken Feldgeschütze und dem strammen Zwölfpfünder an bis zu jenen schwerfälligen alten Herren, den Dispositions- und Festungsgeschützen, mit dem Oberhaupte, der Familie, jenem dicken, unbehilflichen Vierundzwanzigpfünder! Und alle diese Nebenverwandten, Basen und Vettern, die Haubitzen und Mörser, vom kleinen Probemortier an bis zu jenem kesselartigen Metallstücke, welches hundertzwanzigpfündige Kugeln, ja, Körbe mit Steinen und ganze Familien Handgranaten schleudert! Auch war die Bekanntschaft mit eigentümlichen Seitenverwandten nicht uninteressant, aus der Sippschaft der Raketen und Leuchtkugeln, der Fanale-, Brand- und Stinkgeschosse, letztere allerdings ein etwas heruntergekommenes Geschlecht, das mit seinen üblen Ausdünstungen von einer wohlgerundeten Bombe mit stiller Verachtung angesehen wurde. Auch die Freuden des Laboratoriums waren nicht zu verachten, die Anfertigung all der Voll- und Sprengkugeln, sowie der Feuerwerksgegenstände der verschiedensten Art. Bei all diesen praktischen Dingen kam es Erich sehr zu statten, daß er von denselben in frühester Jugend schon so viel gesehen, von seinem Vater so manches darüber gehört und seinen Artillerieleitfaden nicht ohne großen Nutzen studiert hatte. Doch blieb er deshalb auch nicht in den Fächern der gewöhnlichen Schulwissenschaften zurück und erwarb sich auf solche Art die Zuneigung seiner Vorgesetzten, besonders aber die des Oberfeuerwerkers Doll, der sich auch keine kleine Mühe mit ihm gab, um ihn in die schönen Geheimnisse der Mathematik einzuführen. Mit seinen Bekannten von früher her blieb Erich in einem, wenn auch spärlichen, Briefverkehr, wenigstens mit den Söhnen des Müllers Burbus; denn was seinen alten, treuen Lehrer Schmelzer anbelangte, so kam ein Brief, worin Erich demselben anzeigte, daß er nach einem guten Examen in die zweite Klasse der Schule aufgerückt sei, unerbrochen und mit der kurzen, traurigen Bemerkung zurück, daß der Adressat gestorben sei. Schmerzlich fühlte er sich davon betroffen, und es war ihm gerade, als sei dadurch das letzte Band zerrissen, das ihn an jenes stille Dörfchen knüpfte, wo das Grab seines Vaters war und wo vielleicht immer noch die armselige Hütte stand, die er bis jetzt als seine Heimat angesehen. Hier hatte er gehofft, Herrn Schmelzer einst besuchen zu können, alle die Orte wiederzusehen, die für ihn in einem hervorragenden Baume, einer eigentümlich geformten Felswand, einem kleinen Wasserfalle und tausend anderen Dingen ebensoviele Erinnerungen an seine Jugend waren, und sich wieder in jene Fernsichten versenken zu können, die ihm gerade dadurch, daß sie für ihn unerreichbar geschienen, mit so geheimnisvollem Reize umwoben waren, vor allem die leuchtende Fläche jenes, schönen See's mit der grünen Insel, an die er so oft im Wachen dachte und von der er im Schlafe nicht selten träumte, wobei er aber den See eigentümlicherweise oftmals unter nächtlichem Himmel sah, leise schlummernd, liegend zwischen den tiefdunklen Bergen, die ihn umgaben und über welchen er auf einmal das schöne Sternbild des Orion leuchtend emporsteigen sah. Da hatte er sich denn lebhaft an jene Nacht erinnert, als er von dem gräflichen Schlosse floh, und dabei begreiflicherweise auch der Zigeunerin, die ihm bei der Flucht behilflich gewesen, und vor allem des kleinen, blassen Mädchens mit dem ernsten, kummervollen Blicke. Daß der Geschichte seiner angeblichen Wilddieberei nicht mehr gedacht worden war, hatte ihm Georg Burbus geschrieben, und Erich wunderte sich eigentlich nicht darüber, mehr aber über eine andere Nachricht, daß nämlich der alte Graf Seefeld eine Annäherung an Doktor Burbus gesucht und dieser einer Einladung auf das Schloß bereitwilligst und ohne viel Bedenken Folge geleistet, ja, daß er seit jener Zeit Herrn Christian Kurt mit voller Zustimmung des Doktors Herbert häufig besuchte und daß vielleicht infolge hiervon die alte Linde mit dem Z T eines schönen Morgens umgehauen wurde. Begreiflich finden wir es übrigens bei dem empfänglichen Gemüte Erichs für alle neuen Eindrücke und besonders für die Eindrücke seiner militärischen Umgebung, daß jene andere Zeit, die für ihn ja doch eine recht kummervolle gewesen war, so rasch verblaßte und ihm in kurzem erschien wie ein trüber, verschwommener Traum, aus welchem allein mit einiger Klarheit hervortraten das Bild des kleinen bleichen Mädchens und das leuchtende Gestirn des Orion. Alles, was er über die Zigeuner erfahren hatte, bestand darin, daß die kranke Frau mit dem kleinen Mädchen von der Gräfin Seefeld noch ein paar Tage auf dem Schlosse behalten worden sei; von da ab wußte man aber auch dort nichts weiter von ihnen. Wer kümmerte sich auch darum! Dergleichen kommt und geht und wird mit derselben Gleichgültigkeit betrachtet wie ein Windzug, der heute von Süden, morgen von Osten herüber streicht und ebenso spurlos wieder verschwindet. Auch Erich war nun in den Jahren, wo alles, was nicht unmittelbar seine täglichen Kreise berührte, wenig Eindruck auf ihn zu machen vermochte, in jenen Jahren, wo wir auch unsere vergangene Jugend so leicht vergessen und an Vorfälle nicht mehr denken, die aber alsdann Jahre später wieder so lebendig vor uns treten, als hätten sie erst gestern stattgefunden. Wenn man Erich heute sah, nach abgelaufenem ersten Schuljahre, und damit seine Erscheinung im langen, schwarzen Schullehrergewande oder auch in jenen alten Montierungsstücken, die ihm am ersten Tage verabreicht worden, verglich, so mußte man sich gestehen, daß man einigen Zweifel haben konnte, ob dieser junge, schmucke Soldat wirklich derselbe sei. Er hielt viel auf sich und war, wie wir wissen, von der Natur auch in äußeren Gaben reichlich bedacht. Selbstverständlich war es dagegen, daß er in Kleidung und Vergnügungen keinen Aufwand treiben konnte wie manche seiner bemittelten Kollegen; doch war er dagegen selbst ein so vortrefflicher, liebenswürdiger und gesuchter Kamerad, daß die anderen es ihm auf alle Weise möglich zu machen suchten, an ihren Vergnügungen teilzunehmen, wogegen er dann auch nicht ermangelte, alle lustigen, ja, tollen Streiche nicht nur mitzumachen, sondern häufig genug anzuführen. So war er der Erfinder jenes schönen Manövers, durch welches es ihm und gleichgesinnten Kameraden möglich wurde, die Brigadeschule, ein ehemaliges Kloster, dessen Hof und unbedeutender Garten mit einer hohen Mauer umgeben war, auch nach neun Uhr abends noch zu verlassen. Man nahm nämlich ein halbes Dutzend von den kleinen Schemeln der Schlafstube mit, band an jeden einen Bindfaden und stellte sie an die Mauer übereinander, um auf dieser allerdings gebrechlichen Leiter in die Höhe zu klettern, worauf nun der letzte von der Gesellschaft die Schemel in die Höhe ziehen mußte, welche alsdann auf der anderen Seite sorgfältig verborgen wurden. Wozu diese nächtlichen Streifereien dienten, brauchen wir eigentlich nicht zu sagen; war Geld vorhanden, so trieb sich die lockere Bande bis zu dem letzten Pfennig in Wirtshäusern herum, um schließlich noch den ruhigen Bürger durch Streiche der verschiedensten Art in Angst oder wenigstens in Aufregung zu versetzen. So wurden Wirtshaus- und andere Schilder auf die ergötzlichste Art verwechselt und verhangen; so wurden Dachrinnen bei Regenwetter unten zugestopft, damit sich das Wasser einen anderen und oft sehr belästigenden Weg suche; da wurde die Wissenschaft des Anläutens an den Häusern durch Verbindung mehrerer Klingelzüge neben- und gegenüberliegender Häuser in allen Variationen mit dem größten Raffinement betrieben; da wurde beim nächtlichen Umhertreiben der beliebte, gespensterhafte Gänsemarsch geübt, wo einer hinter dem anderen, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf tief herabgebeugt, als suche man etwas auf der Erde, im langsamsten Schritte dahinschlich, dabei harmlos Begegnende, am liebsten Damengesellschaften, in weiten Kreisen und Schlangenlinien umzog, bis sich vielleicht ein Begleiter dieser jungen Damen, nachdem er dem Treiben staunend zugeschaut, plötzlich als Offizier entpuppte und dann die ganze Bande mit einem sauve qui peut auseinander stob. Aber es gab auch nächtliche Unterhaltungen zarterer Art, wenn beim Namensfeste irgend einer Schönen Ständchen zur Guitarre gesungen wurden, oder auch vierstimmig, und hier war es hauptsächlich wieder Erich, der mit seinem großen musikalischen Talente dergleichen in Scene setzte, doch, wie wir hinzufügen müssen, bis jetzt noch beständig für fremdes Interesse. Erich war mit Leib und Seele Soldat, sowie aufs ernstlichste mit seinen Studien beschäftigt, die auch selbst bei den oben erwähnten kleinen und an sich recht unschuldigen Ausschweifungen insofern keinen Schaden litten, als sein kräftiger, gestählter Körper und sein frischer Geist Spannkraft genug besaßen, um selbst nach durchschwärmter Nacht wieder unverdrossen an die Arbeit gehen zu können. Es wurde ihm das leicht, da, wie wir eben angedeutet, sein Herz noch keine Eindrücke empfangen hatte, die imstande waren, seine Gedanken lebhafter, wärmer zu beschäftigen, als es bis jetzt der Exerzierplatz und seine Bücher gethan; fühlte er doch auch durchaus keinen Drang danach, Leidenschaften kennen zu lernen, für die manche seiner Kameraden aufs glühendste schwärmten, ja, er fand es lächerlich, wenn bei jenen Serenaden der Betreffende mit gespannter Erwartung an ein schwach erleuchtetes Fenster hinaufsah oder in unverkennbarem Entzücken versicherte, es habe sich droben ein Schatten gezeigt oder ein weißer Vorhang sanft bewegt! Bei solchen Partien spielte Herr Bombardier Schmoller eine Hauptrolle, denn er ließ es sich angelegen sein, auf seine Art für die Ausbildung der jungen Brigadeschüler zu sorgen. Als Beamter der Brigadeadjutantur, wie er sich gern zu nennen pflegte, stand er natürlicherweise in bedeutendem Ansehen, welches dadurch aufs Höchste gesteigert wurde, daß niemand so wie er alle Schliche und Ränke kannte, um irgend ein Verbot zu umgehen und verbotene Früchte zu pflücken. Er nahm häufig Serenaden seinetwegen in Anspruch, und wenn man aus diesen Ständchen an den verschiedensten Namensfesten auf seine intimen Bekanntschaften schließen konnte, so mußten diese höchst zahlreich sein. Daraus machte er auch kein Hehl, und der hundertste Teil der Liebesabenteuer, die er erzählte, würde ihn zu einem zweiten Don Juan gemacht haben, wenn sie wahr gewesen wären. Auch Erich wurde bei ähnlichen Plaudereien häufig zu Mitteilungen aufgefordert und schämte sich fast, daß er eigentlich gar nichts zu sagen wußte. Endlich einmal erzählte er, gedrängt von den anderen, seine Begegnungen mit der Zigeunerin, sowie aus seinem Leben in Zwingenberg ein paar unbedeutende Scenen, die er mit Selma gehabt, begriff aber nicht, als ihm hierauf Herr Schmoller sagte – wobei er mit einer gewissen heroischen Bewegung durch sein borstiges Haar fuhr –, daß er sich, Erich nämlich, damals mit einer unbegreiflichen Borniertheit benommen. »Mir sollte so eine Selma mit hochblonden Haaren kommen!« meinte er, siegreich lächelnd. Daß nach den nächtlichen Vergnügungen der oben erwähnten Art die Aufmerksamkeit in den Schulstunden nicht immer die genügendste war, braucht man kaum zu sagen, wobei es alsdann häufig geschah, daß einer oder der andere der jungen Leute, der bei den ernsten Vorträgen in festen Schlaf gesunken war, auf eine unangenehme Art geweckt und zum Nachexerzieren oder einer Kasernenstrafe verurteilt wurde, wogegen indessen der Lehrer der Mathematik, Oberfeuerwerker Doll, es vorzog, durch recht schöne, verwickelte Aufgaben die Schläfrigkeit seines Auditoriums zu vertreiben. Erich war sein Lieblingsschüler geworden und schien es auch bleiben zu wollen, wenigstens solange er die Schule besuchte; auch hatte ihm der alte Oberfeuerwerker in verschiedenen anderen Sachen, bei Anschaffung von Büchern, durch Einladung in seine bescheidene Wohnung und dergleichen allen möglichen Vorschub geleistet, ihn in seinen Studien auf jede Art ermuntert, kurz, sich als einen wahren Freund gegen ihn bewiesen. Um so schmerzhafter war für Erich denn auch ein Vorfall im zweiten Jahre seines Schulaufenthaltes, welcher diese Freundschaft des Oberfeuerwerkers nicht nur ganz und gar fraglich machte, sondern ihn selbst als sehr undankbar darstellte, ein Vorfall, an dem er obendrein gänzlich unschuldig war. Der Oberfeuerwerker nämlich hatte, neben vielen guten Eigenschaften, die etwas komische einer allzu großen Beweglichkeit und Lebendigkeit, besonders wenn er, einigermaßen erregt durch die mangelhaften Antworten seiner unaufmerksamen Zöglinge, mit einem mächtigen Schwämme in der Linken und einem großen Stück Kreide in der Rechten, förmlich vor der Tafel hin und her tanzte und auf einer kleinen Treppe auf und ab fuhr. Die ausgelassene Jugend hatte schon häufig hinter ihm in solchen Augenblicken Bewegungen eines Hampelmanns gemacht; er hatte dies auch schon bemerkt, doch nichts darüber gesagt, ob es gleich seine Eitelkeit, die er in hohem Grade besaß, verletzte. Da hatte er eines Tages die halbe Klasse, und darunter auch Erich, wegen gründlicher Unaufmerksamkeit an dem Beweise nachexerzieren lassen, und als am anderen Morgen darauf die mathematische Stunde wieder begann und mit ihr der Oberfeuerwerker Doll, bemerkte er auf der großen schwarzen Tafel ein kolossales, kühn geschwungenes Wurzelzeichen, an dessen einem, weitgekrümmten Arme die Figur des Oberfeuerwerkers bedeutend zappelnd hing, während darunter die Worte standen: »Rein mathematisch war Dolls Lebenslauf, Drum hing er sich an diesem Wurzelzeichen auf.« Erich aber erschrak, denn die Schriftzüge waren wie von seiner Hand gemacht, und ein eigentümlicher Blick, welchen ihm der Lehrer der Mathematik herübersandte, schien die gleiche Vermutung auszusprechen; doch nahm er ruhig die kleine Hasenpfote, welche beständig im Bereiche seiner Hand lag, um damit über die Karikatur wegzufahren, als die Thür des Saales weit aufgerissen wurde und der Oberst, um einmal wieder nachzusehen, »wat das junge Volk lernt und ob se och noch sonstige Streiche machen,« eintrat. Leider fiel dabei sein erster Blick auf die Tafel, und daß er sich eines augenblicklichen komischen Gesichtsausdruckes nicht erwehren konnte, war wohl das, was den Oberfeuerwerker am meisten kränkte. Gleich darauf aber runzelte der Alte finster seine Stirn, schob seinen Helm mit einem kräftigen Rucke von der linken auf die rechte Seite des Kopfes, legte die Hände auf den Rücken und brüllte die Erschreckten an, während er wackelnd durch den breiten Gang zwischen den Bänken vorwärtsschritt: »Na, dat muß ich sagen, da mache sich ener enen verjnügten Morgen, wenn er dieses Grobzeug besucht! Hören Se, Herr Oberfeuerwerker, ick mache Sie selber verantwortlich, daß Sie mir diesen Millionen-Hund, der dat gethan, herausbringen! So enen Kerl sollte man von Rechts wegen aus der Schule entfernen! O, o – und wie se alle so unschuldig dreinschauen! Sollte man nicht jloben, kener von denen allen wäre imstande, det Wasser zu trüben! Aber ick werde euch Possen treiben mit eurem Lehrer, mit eurem Lehrer, der« – hier berührte er seinen Helm wie zum Gruße ein wenig – »ein höchst respektierlicher Mann und Professor ist, der« – damit berührte er den Helm zum zweitenmale – »dat Portepee wie euer Oberst trägt, der« – und hiermit zog er seinen Helm mit einem gewaltigen Schwunge tief herab – »von Seiner Majestät unserem allergnädigsten König und Herrn daher gesetzt wurde, um sein Leben damit zu vergeuden, daß er sich die vergebliche Mühe macht, ener ruppigen Schwefelbande, wie ihr seid, mathematische Kenntnisse beizubringen – ja, ener nixnutzigen Schwefelbande!« schrie er einen der Zöglinge speciell an, der vielleicht mit einem lächelnden Gesichtsausdrucke zu ihm emporgeschaut hatte und der sich nun vergeblich alle Mühe gab, die gefährliche Aufmerksamkeit von sich abzulenken, indem er rasch den Kopf niederduckte und in seinen Papieren kramte. Aber vergeblich; schon hatte ihn die schwere Hand des Obersten am Kragen gefaßt, und er mußte ihm an die Tafel folgen, wo er ihn vor den Oberfeuerwerker mit dem Befehle hinstellte, diese Pflanze »emal durch die Kreuz und Quer zu examinieren« und ihm dadurch Gelegenheit zu geben, wegen Faulheit und Unaufmerksamkeit ein abschreckendes Beispiel zu statuieren. Glücklicherweise aber hatte der Oberst gerade einen herausgesucht, der in der Mathematik vortrefflich gesattelt war und das Kreuzfeuer der Fragen des gekränkten Oberfeuerwerkers so befriedigend aushielt, daß der Alte anfing, mit dem Kopfe zu nicken und nach verschiedenen Na, Na! und O, O! den Betreffenden nicht gerade ungnädig nach seinem Platze entließ, glücklicherweise für die ganze Klasse nur nicht für Erich, denn wenn sich der Zorn des Obersten nicht gelegt hätte, so würde er wahrscheinlich durch eine strenge Untersuchung, wie er sie zu führen verstand, den wirklichen Thäter entdeckt haben, und der Verdacht wäre nicht auf einem Unschuldigen haften geblieben. Daß aber Erich unter diesem Verdachte stand, merkte er von der Stunde an aus dem Benehmen des Oberfeuerwerkers, und wenn auch Erich eines Tages seine Unschuld versicherte, so erhielt er nur den bekannten Spruch zur Antwort: » Qui s'exuse s'accuse !« Ueberhaupt war es eigentümlich, daß Erich Freiberg bei allen ähnlichen Veranlassungen als Rädelsführer seiner Klasse angesehen wurde, was er indessen nicht war; nicht als ob er ein Ausbund von Weisheit gewesen wäre: nahm er doch häufig genug Veranlassung, von diesem oder jenem tollen Streiche abzuraten, ja, sich von seinen Kameraden zu trennen und so die Ausführung zu verhindern, ohne aber irgend welchen Dank dafür zu haben, denn bei seinen Vorgesetzten hieß es alsdann gewöhnlich: »Wenn auch obendrein der Freiberg dabei gewesen wäre, so würde es noch toller zugegangen sein!« Erichs Aeußeres hatte sich in den letzten Jahren außerordentlich und sehr vorteilhaft entwickelt; er war nicht nur größer geworden, sondern erschien mit seinen breiten Schultern, seiner gewölbten Brust, die neben seiner schlanken Taille fast zu stark hervortrat, von einnehmender, eleganter Gestalt, wozu sein Kopf mit den wohlgeformten und doch nicht zu regelmäßigen Gesichtszügen, seinen klaren, glänzenden Augen, seiner hohen Stirn und dem blonden, lockigen Haare vortrefflich paßte und die Erscheinung des wirklich schönen jungen Mannes harmonisch ergänzte. Daß ihm manch sinnender Mädchenblick nachschaute, wußte er kaum, denn er war in diesem Punkte von einer so merkwürdigen Unbefangenheit, daß Herr Schmoller, an seinem Geschlechte zweifelnd, {bild} zuweilen zu sagen pflegte: »Entweder ist dieser Freiberg ein ausgemachter, verstockter Sünder oder in gewisser Beziehung ein blitzdummer Kerl!« – Dabei war er sowohl in seinen Studien auf der Schule als in seinen Kenntnissen auf dem Exerzierplatze, in der Reitbahn oder auf dem Fechtboden einer der ersten, ja, hier so sehr der Liebling des Maitre d'Escrime , eines alten Franzosen, daß dieser mit Stolz zu sagen pflegte: , Ce jeune homme sera un jour une fine lame d'épée !« – Begreiflich aber war es bei seiner Körperkraft, seiner Größe und Gewandtheit, daß er, wie oben schon bemerkt, bei allen vorkommenden Ausschweifungen als Anführer der übrigen galt, und hatte er sich dieses Renommee hauptsächlich dadurch erworben, daß, wenn er sich einmal mit seinen Kameraden in ein zweifelhaftes Unternehmen eingelassen, er es alsdann auch mit ebenso viel Mut wie Ausdauer und Geschicklichkeit zu Ende führte. Ja, auch sogar um andere, die sich in Not befanden, aus derselben zu befreien, hatte er sich schon häufig in verdrießliche Händel verwickelt. So, als er eines Nachts ziemlich spät mit einigen Kameraden nach Hause zog, bemerkten sie in einer etwas verrufenen Kneipe eines entlegenen Stadtviertels durch die Fenster des Lokales eine bedeutende Schlägerei, und zwar von einer Uebermacht von Civilisten, gegen wenige Leute von der Artillerie, die, in einer Ecke zusammengedrängt, sich mit Mühe ihrer Haut wehrten. Die Brigadeschüler, Erich an der Spitze, wollten sogleich zu Hilfe in das Haus dringen; doch war die Thür verschlossen und verrammelt, worauf sich der junge Freiberg nicht lange besann, einen tüchtigen Stein von der Straße aufhob, von außen auf die niedrige Fensterbank sprang, alsdann mit dem Rücken zuerst durch Fenster und Glas in die Stube einbrach, zum Schrecken der Civilisten und zur Ermunterung der anderen, die nun unter Erichs Beihilfe ihrerseits zum Angriffe übergingen, und zwar so erfolgreich, daß die Feinde in kurzem das Zimmer durchs offene Fenster hindurch räumten. Leider aber erschien in diesem Augenblicke eine von dem Wirte herbeigerufene Infanteriepatrouille, vor welcher Erichs Kameraden draußen am Fenster nach allen Richtungen ausrissen und die ihn mitsamt seinen geretteten Artilleristen festnahm und auf die Hauptwache brachte. Freilich wurde er am anderen Morgen von der Brigadeschule reklamiert, um von dem Präses derselben, Hauptmann Wetter, mit vierzehn Tagen Stubenarrest und mit zweimonatlicher Entziehung jeder Erlaubnis zum Ausgehen bestraft zu werden. Und zwar aus besonderer Gnade entging er dieses Mal einem schärferen Arreste, weil der Schulvorstand anzunehmen geneigt war, daß an der Erzählung Erichs, wie er in die Schlägerei hineingekommen, doch vielleicht etwas Wahres sein könne. Dabei aber war und blieb er harmlos, wie der Jüngste der Klasse, und wo es neben thörichten Geschichten kindische Streiche auszuführen galt, da fehlte er gewiß nicht, und hierbei konnte man mit Recht sagen, daß er der Anführer war. So saß die ganze Stubenkameradschaft an einem trüben Sonntagnachmittage im Winter verdrießlich bei einander, weil keiner mehr einen Kreuzer Geld hatte und weil auch der Kredit in verschiedenen Wirtshäusern über die Gebühr angestrengt worden war. Nach verschiedenen, meist sehr chimärischen Projekten, um die leere Kasse zu füllen, machte Erich den Vorschlag, eine Theatervorstellung zu geben und dazu die wohlhabenden Kameraden der benachbarten Stuben gegen ein Eintrittsgeld von drei Kreuzern einzuladen. Publikum, das sich zu Hause gehörig langweilte, war ringsumher genug vorhanden, denn der Hauptmann hatte wegen verschiedener grober Excesse der ganzen Klasse Stubenarrest gegeben. Ein langer, hagerer junger Mensch mit einer dünnen Fistelstimme, welche noch außerdem bei jedem dritten Worte überzuschlagen pflegte, mußte sein Hemd über die Beinkleider anziehen, wurde mit einem Fouragierstrick umgürtet, mit einem spitzigen Hute von blauem Papier geschmückt und dann mit einer Trompete, welche zuerst von der Musikstube entwendet werden mußte, auf den langen Korridor hinausgeschickt, wo er nach einigen mißlungenen Versuchen, dem Instrument einen kläglichen Ton zu entlocken, mit lauter Stimme einem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum verkünden mußte, daß mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auf dem Zimmer Nr. 8 nach Verlauf von einer halben Stunde ein noch nie dagewesenes Schauer- Trauer- und Thränenspiel unter dem vielversprechenden Titel: »Der Bund des Hungers und des Durstes«, aufgeführt werden sollte, wobei man für die Kleinigkeit von drei Kreuzern nicht nur zusehen, sondern auch handelnd mitwirken dürfe. Natürlicherweise wurde diese Ankündigung mit schluchzender Stimme vorgetragen und aufs gierigste angehört. Die Vorbereitungen zu dem unerhörten Trauerspiele waren noch nicht einmal ganz beendigt, da drängte sich schon das ausgewählteste Publikum vor der Thür Nr. 8. Diese Vorbereitungen, von Erich geleitet, bestanden darin, daß vier der aufgeprotzten, das heißt aufeinander gestellten Betten so in die Stube hineingezogen wurden, daß sie einen schmalen Gang bildeten, der hinten durch ein quer vorgeschobenes Bett geschlossen war. Von den Seitenbetten hingen Leintücher herab, was schon einen eigentümlichen, geheimnisvollen Anblick bot, zu dessen Erhöhung es aber wesentlich beitrug, daß hinter dem quergestellten Bette drei Schemel aufeinander gestellt emporragten, ebenfalls weiß drapiert, und auf diesem befanden sich übers Kreuz zusammengestellt zwei Säbel und eine Pistole, wobei der Lauf der letzteren als Lichtträger diente, und zwar eines dünnen Talglichtes, dessen Schein noch obendrein durch eine Papiertüte gedämpft wurde. Der Gang zwischen den Betten war mit einem der langen Teppiche belegt, welche sonst zur Unterlage des Sattels dienten, und ein Ende dieses Teppichs verlor sich unter der quer vorgestellten Bettlade, wo es von kräftigen Händen festgehalten wurde. Auf diesem Bette saß Erich Freiberg, wunderlich in Leintücher vermummt und zusammengekauert, während ein anderer seiner Kameraden vor der Thür des Zimmers stand, um die Schaulustigen nach Bezahlung des Eintrittsgeldes, und zwar nur immer einen derselben, einzulassen. Dieser wurde angewiesen, sich dem Tempel des Hungers und des Durstes zu nähern, worauf er lautlos auf dem Teppich bis zu der vermummten Gestalt hinschritt, die ihm mit einer Grabesstimme sagte: »Jüngling, du bist also gesonnen, in den ewig bestehenden Bund des Hungers und des Durstes einzutreten? Prüfe dich genau, denn die Enttäuschung ist fürchterlich!« Natürlicherweise bekräftigte jeder seinen Wunsch der Aufnahme durch ein lautes »Ja«, worauf ihn die Gestalt aufforderte, näher zu treten, und ihm einen fürchterlichen Schwur, die unverbrüchlichste Verschwiegenheit betreffend, vorsagte, ihm alsdann seinen Kopf tief herabdrückte und ihn aufnahm in den Bund mit den Worten: »So betrachte dich denn als Mitglied einer Verbrüderung, die seit Beginn der Welt bestanden, und auch bestehen muß, solange gegessen und getrunken wird. Hilf dem Schwachen, teile dem Armen mit und fahre am Ende deines Lebens getröstet ab!« Bei dem letzten Worte »ab« wurde ihm von den obenerwähnten unsichtbaren Händen die Decke unter den Füßen weggezogen, worauf er dröhnend auf den Rücken niederfiel. Da nun aber bei diesem Schauspiele jeder so viel Corpsgeist und auch nebenbei Schadenfreude hatte, um den draußen Harrenden von dem, was er gehört und gesehen, nichts zu verraten, so erschien jeder auf dem Gange mit Miene und Ausdruck der höchsten Befriedigung, so daß es gelang, ungefähr sechzig Mitglieder a drei Kreuzer in den Bund des Hungers und des Durstes aufzunehmen, und wäre die Sache wohl noch weiter fortgegangen, wenn die Wache nicht Veranlassung genommen hätte, sich nach dem beispiellosen Spektakel an einem Sonntagnachmittage zu erkundigen; doch wurde Ruhe gelobt und die Sache dadurch wieder gütlich beigelegt. Nicht ganz so glimpflich verlief eine andere Episode aus diesem Zusammenleben eines Dutzends dieser jungen, sprudelnden Köpfe, die so manche Stunde für sich hatten, wo sie sich, wie es eben gehen wollte, zu entschädigen suchten für ihren Mangel an Freiheit, durch moralisches Zerren und Reißen an der ihnen durch den Schulzwang angelegten harten, oft unerträglich scheinenden Kette. Die Sache mit den Schemeln, welche zur Uebersteigung der Mauer dienten, war verraten worden, und ein paar Infanterieposten, die nun allabendlich ringsumher ihren Spaziergang machten, verhinderten das Ausgehen ohne Erlaubnisschein. Karten- und sonstige Spiele waren nicht gestattet, das Rauchen verboten und wurde nur hie und da an unnennbaren Orten betrieben. Daß die Schüler es in den sogenannten Freistunden nicht liebten, besonders wenn die vorgeschriebenen Aufgaben notdürftig gemacht waren, abermals die langweiligen Bücher vorzunehmen, mit denen man den ganzen Tag geplagt wurde, verstand sich ebensosehr von selbst, als daß der unruhige Geist dieser eingesperrten jungen Leute auf die tollsten, extravagantesten Streiche geriet. Gewöhnlich aber, und immer, wenn sie von Erich Freiberg ausgedacht wurden, waren sie so harmloser Art, daß man sie für einen Zeitvertreib für Knaben von zwölf Jahren hätte halten können. So an einem Feiertage, als des schlechten, nebeligen Wetters wegen jede Erlaubnis zum Spazierengehen verweigert wurde und nicht einmal so viel Kasse vorhanden war, um die langsam schreitende Zeit durch irgend ein erregendes Getränk rascher dahineilend zu machen, und deshalb Erich an dem trüben, langweiligen Spätnachmittage ein künstliches Artilleriemanöver {bild} vorschlug, welches darin bestand, daß einer aus der Gesellschaft, und zwar ein kurzer, dicker Freiwilliger, in Decken eingewickelt und eingenäht, das Geschützrohr vorstellen muhte, und von vier anderen, welche die Lafette bildeten, auf die Schultern genommen und im scharfen Trabe im Zimmer umhergeführt wurde, bis man auf: »Batterie halt!« das Geschütz auf dem Tische abprotzte und nach allen Regeln der Kunst bediente, wozu Nr. 1 den Stubenbesen in der Hand hatte, Nr. 3 aber das Schüreisen des Ofens. Welcher Höllenlärm dabei entstand, kann man sich wohl denken, besonders als das arme Geschützrohr durch eine zu rasche, unvorsichtige Wendung vom Tische herabrollte und aus vollem Halse zu schreien und zu schimpfen anfing. Doch half ihm das alles nichts, er wurde aufs neue auf die Lafette befördert und im Carriere weiter geführt, was aber einen so heillosen Lärm verursachte, daß die Kasernenwache heraufkam, um sich nach dessen Ursache zu erkundigen und Ruhe zu gebieten – aber vergebens. Man war so im Eifer des Gefechtes, daß der Vorschlag, auch noch im Feuer zu exerzieren, von allen, mit Ausnahme des unglücklichen Schlachtopfers, jubelnd begrüßt wurde. Das Schüreisen wurde heimlicherweise heiß gemacht und beim abermaligen Kommando: »Geschütz Feuerrrr!« wurde es unter einem unauslöschlichen Gelächter an die betreffende Stelle gehalten, worauf aber der eingenähte Freiwillige so verzweifelnde Anstrengungen machte, daß er seine Bande sprengte, aufsprang und die Quälgeister mit einer wahren Flut von Vorwürfen überschüttete, wobei er sich einen gewissen Körperteil so anhaltend und mit so komischen Gebärden rieb, daß die ganze Geschützbedienung unter einem brüllenden Gelächter auf Schemel und Betten zurückfiel – um gleich darauf aber mit einer merkwürdigen Schnelligkeit wieder in die Höhe zu fahren. Keiner hatte es bemerkt, daß die Thür geöffnet worden und unter derselben nicht nur der Hauptmann Wetter, sondern auch der alte Oberst selbst erschienen war, der, seine beiden Fäuste in die Hüften gestemmt mit zornglühendem Gesichte und einem bedenklichen Kopfschütteln diese Entweihung einer königlichen Kaserne sowie der geheiligten Stubenutensilien betrachtete. Was geschehen war, wußte der Hauptmann Wetter bereits durch die Wache und meldete es dem Obersten achselzuckend, worauf dieser mit drei langen Schritten in die Mitte der Stube trat, sich hier rings umschaute und dann mit der Nase in die Luft schnüffelte, da sich ein allerdings bedeutender Brandgeruch bemerklich machte. »So,« rief, er, »ihr habt also exerziert; na dat könnte ick mir schon gefallen lassen und müßte es loben, wenn ich euch unten in dem Geschützschuppen angetroffen hätte. Aber hier« – dabei erhob sich seine Stimme, sehr unangenehm anschwellend, als er fortfuhr: – »auf der Stube einer königlichen Kaserne, wo Ruhe und Ordnung, Zucht und Sitte herrschen soll, hier, wo die Herren Freiwilligen und Brigadeschüler über ihren Büchern sitzen sollen, und zwar in einem anständigen Anzuge, während diese Schwefelbande aussieht, als sei sie einer Jahrmarktsbude entloofen!« Und das mußte wahr sein, der Anzug der sämtlichen Beteiligten sah ungemein phantastisch aus, denn die Geschützbedienung war nur bekleidet mit ihren Stiefeln, hatte den Säbel über das Hemd geschnallt und den Helm auf dem Kopfe, während sich Erich Freiberg als Kommandierender dadurch auszeichnete, daß er seinen Waffenrock wie eine Husarenjacke auf die linke Schulter gehangen hatte. Das unglückliche Geschütz aber in Hemd und Unterhosen suchte seine Blöße zu bedecken, indem es sich in diesem fürchterlichen Augenblicke in die wollene Bettdecke wickelte, die aber hinten ein bedeutendes Brandloch zeigte. »Und bei all dem Unfug haben se obendrein noch mit Feuer gespielt, denn ick rieche dat deutlich; forschen Se mir nach, Herr Hauptmann Wetter, wat diese Millionenhunde angestellt haben! Und Er da hinten,« schrie er auf einmal im höchsten Zorne, »ick werde Ihm helfen, das Schüreisen vor seinem Obersten zu verheimlichen – hervor damit! – Nun, wat haben Se gefunden, Herr Hauptmann Wetter?« Dieser, ein wohlwollender Offizier und gutmütiger Vorgesetzter, konnte nun nicht anders, als achselzuckend sagen, daß man wahrscheinlich auf gar zu natürliche Art das Abbrennen des Geschützes vorgestellt. »Mit einem Schüreisen – seh einer dat Grobzeug an!« rief der Oberst. »Und wohin haben se dir gehalten?« fragte er den kleinen dicken Freiwilligen, der denn auch nicht genug von einem Mucius Scävola an sich hatte, um seine Schmerzen zu verbeißen, sondern mit der Hand an die betreffende Stelle fuhr, worauf ihn die kräftige Faust des Obersten rasch herumdrehte und dieser das große verbrannte Loch in der Bettdecke sah. »Ne, hören Se, Herr Hauptmann Wetter,« rief er nun, vor Zorn blaurot im Gesicht, »wat zu toll is, dat is zu toll! Ick hätte große Lust, über diese Bande species facti aufnehmen zu lassen, sie von der Schule wegzuschicken nach irgend einer Batterie, wo sie gezwiebelt würden, dat se Christum erkennen lernen sollten! Ist Ihnen je so ene Geschichte vorgekommen? Mich noch nicht, Gott straf' mir, und ich diene doch schon über vierzig Jahre! Lächeln Se mir nicht, Herr Hauptmann Wetter, ick kann dat in diesem Augenblicke durchaus nich ertragen! Es is allerdings wahr, daß dieser korpulente Freiwillige eine sehr klägliche Figur spielt, aber ick bitte Se, Herr Hauptmann Wetter, es kann och nich anders sind, wenn man jemand auf so unverantwortliche Art mit dem Schüreisen abfeuert! – Aber wer is hier der Rädelsführer? Ick will den Rädelsführer haben, um ihn exemplarisch zu bestrafen!« . Eine Sekunde lang meldete sich niemand; dann aber trat Erich Freiberg vor, senkte den gezogenen Säbel salutierend gegen den Boden und sagte: »Ich, Herr Oberst, war es, der das Geschütz zusammengestellt, der es kommandiert und der auch den Befehl gab, im Feuer zu exerzieren.« »So – Er! Ah, schon wieder dieser Freiberg! Ick kann Ihm versichern, dat Er so tief in meiner Gunst herabsinkt, dat et ihm nimmer gelingen wird, die Epauletten zu erlangen!« »Es ist eigentlich schade um ihn,« sagte begütigend der Chef der Schule; »er ist sonst nicht unaufmerksam, und auch über seine Aufführung ließe sich manches Gute sagen, wenn nur nicht dieser unüberlegte Hang zu allen tollen Streichen bei ihm vorherrschend wäre!« »Dat is derselbe Freiberg, der neulich schon wegen einer Schlägerei bestraft wurde – Herrr, finden Se dat nich unwürdig von einem Brigadeschüler?« »Allerdings, Herr Oberst, aber was die Schlägerei anbelangt. ..« »Ick weiß schon, dat der Herr Hauptmann Wetter mildernde Gründe annahm, und wir wollen nich weiter darüber reden; aber wie Se entschuldigen wollen, königliche Decken mit einem heißen Schüreisen zu verbrennen und zugleich einem Kameraden – dat möcht ick mir erklären lassen.« »Ich weiß leider keine Entschuldigung, Herr Oberst.« »Na, dat freut mich, und da ick ooch keene weeß, so wird der Herr Hauptmann Wetter, Ihr Chef, wohl nix dagegen haben, wenn ick Se drei Tage aufs Holz schicke bei Wasser und Brot – drei Tage Mittelarrest! – Verstanden, Herr Hauptmann?« »Zu befehlen, Herr Oberst!« »Und sogleich abzuführen!« Der Vorstand der Schule legte stillschweigend die Hand an seinen Helm und folgte alsdann dem Obersten, der mit seinem gewöhnlichen wackeligen Schritte hierauf zur Thür hinausging, nicht ohne daß er vorher noch einmal den Zurückbleibenden zu Gemüte geführt, daß aller militärische Dienst nur durch Ordnung aufrecht zu erhalten sei und daß Ordnung unter allen Umständen gehandhabt werden müsse. Nun ist drei Tage Mittelarrest beim aktiven Militär eigentlich keine besonders hohe Strafe, obgleich es auch hier nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, drei Tage und drei Nächte in einem hölzernen Käfig zu sitzen, der vielleicht vier Schritte lang und zwei Schritte breit ist, mit einer hölzernen Pritsche, einem Wasserkruge und einem schmutzigen Eimer versehen, in einem Käfig, der selbst am Tage nur dämmerig erhellt ist durch ein kleines, vergittertes Loch an der Thür, welches auf die trübe Wand eines großen Gemaches geht, in welchem sich diese Käfige, zehn bis zwölf an der Zahl, befinden. Dabei hat man zur Nahrung ein Stück schwarzes Brot und Kälte genug, denn wenn auch der Vorschrift gemäß das Arrestlokal während der Winterszeit abends geheizt werden soll, so erfüllen doch die paar Stückchen Holz, welche der gewöhnlich sehr eigennützige Arrestaufseher in den großen Ofen schiebt, durchaus nicht diesen Zweck. Ja, wie oben schon gesagt, es ist bei der Truppe sehr leicht, auf einige Zeit in Nummer Sicher eingesponnen zu werden, für ein vorlautes Wort, für einen bedeutenden Fehler beim Exerzieren, für einen mangelhaft angenähten Knopf an der Uniform, für einen Rostflecken am Säbel oder an der Kinnkette des Pferdes, für einen fehlenden Hufnagel oder dergleichen, wogegen es für einen Zögling der Brigadeschule schon ein Ereignis war, drei Tage Mittelarrest zu erhalten, auch weil diese Strafe als solche in das Abgangszeugnis gesetzt wurde. Doch war hier nichts dagegen zu machen. Der Befehl ging unmittelbar von dem Obersten aus, unter dem die Schule stand, und es war an kein Zurücknehmen desselben zu denken, obgleich der nachsichtige Hauptmann Wetter hierzu einen Versuch machte, während er den Obersten die Treppe hinabgeleitete. »Es wird ihm durchaus nich schaden,« hatte der Alte zur Antwort gegeben und sich alsdann entfernt, indem er die rechte Hand, mit derselben einen weiten Bogen beschreibend, an seine Mütze gelegt; »und ick muß bitten, daß es heute abend noch geschieht.« Der Vorstand der Schule ging verdrießlich in das Zimmer des dienstthuenden Feldwebels, um ihn den Befehl des Obersten ausführen zu lassen. Erich hatte sich achselzuckend in sein Schicksal ergeben und war in kurzer Zeit zu dem bevorstehenden unliebsamen Ausgange angekleidet, wobei sich ihm die Kameraden unter Dankesbezeigungen, daß er sich bereitwillig für sie geopfert, so erkenntlich als möglich bewiesen; und dazu hatten sie vollkommen Ursache, denn was den schwärzesten Punkt der Anklage betraf, das Heißmachen des Schüreisens, so war diese Illustration des Geschützexerzierens ihm ja ganz gegen seinen Willen eingeflochten worden. Alle aber bewegten sich ziemlich betäubt ob der ungeheuren Strafe von drei Tagen Mittelarrest, für einen Brigadeschüler nämlich, um den Kameraden herum; jeder bot ihm irgend etwas an, was er sich der harten Pritsche wegen um den Leib wickeln sollte, und der dicke Freiwillige, der das Geschütz vorgestellt hatte, trieb die Selbstverleugnung so weit, daß er unter Verpfändung eines vergoldeten Ringes, eines Familien- und Erbstückes, wie er sagte, einen Schoppen Rum auftrieb, der in einer platten Flasche zwischen Stiefel und Strumpf Erichs verborgen wurde, um so in das Arrestlokal eingeschmuggelt zu werden. Es gilt in diesen betreffenden Fällen ebensowohl um die Kälte der Nacht zu vertreiben, sowie auch als Schlaftrunk, und ist sehr probat. Eine schlechte, defekte Jacke oder Uniform, wie sie bei der Truppe zum Arrest angezogen wird, besaß Erich als Brigadeschüler nicht, und so hätte man ihn, als er nun fertig zum Abholen war, ebensowohl für einen hübschen jungen Mann halten können, der in eine Abendgesellschaft geht, als für einen zu drei Tage Mittelarrest Verurteilten, der gerade im Begriffe ist, dorthin abgeführt zu werden. Da öffnete sich die Thür und herein trat der Bombardier Schmoller, ausnahmsweise mit einem recht verdrießlichen Gesichte. »Hol' euch der Henker alle miteinander!« rief er, auf der Schwelle stehend, »treibt ihr das tollste Zeug, und nicht nur zum Schaden eurer eigenen Dickköpfe, sondern auch zum Verdruß anderer ehrlicher Leute, die durch euch geschunden und geplagt sind.« Schmoller hatte den Säbel umgeschnallt und befand sich, ungewöhnlich zu dieser Tages- oder vielmehr Abendzeit, unter der {bild} Pickelhaube, was jedenfalls etwas zu bedeuten hatte; auch zog er gerade seine Handschuhe an, während er unter den linken Arm einen Zettel geklemmt hatte, den er noch nicht Zeit gefunden, irgendwo hinzustecken. »Was hat's denn eigentlich gegeben?« Ein halbes Dutzend erzählte, durcheinander rufend, die ganze Geschichte, und auch wie Erich Freiberg alles auf sich genommen. »Wofür er jetzt drei Tage brummen muß,« sagte Schmoller; »es geschähe übrigens euch Kindsköpfen allen miteinander recht, wenn ihr heute nacht auf der harten Pritsche liegen müßtet! Aber so komm denn, Erich, damit wir keine Zeit verlieren!« »Mit dir – wohin?« »Komische Frage. Siehst du mir denn nicht an, daß ich in Amt und Würden bin? Hatte deshalb auch wohl ein Recht, mich über eure kindischen Streiche zu beklagen? Will da vorhin auf meiner Schreibstube noch rasch eine Arbeit vollenden, um dann ganz gemütlich meiner Wege zu ziehen, als mich der Feldwebel aufgreift, um, weil sonst kein Unteroffizier um den Weg ist, einen Taugenichts wie du in Arrest zu bringen. Ich sage dir, es nimmt mir das eine kostbare Zeit weg, die ich anderswo besser hätte anwenden können. Aber nur vorwärts. Hier – damit schlug er auf den Zettel – ist ›der Vorzeiger dieses‹, eine Eintrittskarte für dich zu jenem erhabenen Orte, wo da ist Heulen und Zähneklappern!« 19. Kapitel Der Held unserer Geschichte begibt sich zu den Kunstreitern, sieht dort die schöne Kolma und gerät bei Bombardier Schmoller in einen schlimmen Verdacht. Bombardier Schmoller und Erich Freiberg verließen miteinander die Kaserne und schritten anfänglich schweigend nebeneinander dahin. Der erstere war verdrießlich; daß er eine kostbare Abendstunde opfern mußte, der andere aber in tiefes Nachdenken versunken, als er das Kasernenzimmer mit den Gesichtern seiner Kameraden hinter sich und seine Aufregung, hervorgerufen durch das tolle Spiel, noch mehr aber durch die Scene mit dem Obersten, sich jetzt infolge des Spazierganges in der naßkalten Nacht rasch gelegt hatte. Allerdings regnete es nicht mehr, doch lag ein so dicker Nebel auf der Straße, daß man nur auf wenige Schritte die Gegenstände erkennen konnte und alle Dinge unheimlich schattenhaft vergrößert erschienen. Dazu leuchteten die nahen Gaslaternen in mattroter Glut und schrumpften die weiter entfernten zu kleinen, glühenden Punkten zusammen. Uebrigens bemerkte man viel Leben und Treiben auf den Straßen, denn es war um die Zeit, wo Theater und Abendgesellschaften zu beginnen, oder wo sich die Familienkreise um den Schein der strahlenden Lampe zu versammeln pflegen, oder wo, wie der Bombardier Schmoller in einem Anfluge von Poesie sagte, ein Wesen, das uns liebt, häufig nach der Thür zu blicken pflegt. Unangenehme Erinnerungen für jemand, der fröstelnd durch die Straßen dem Gefängnis zuwandelt! Doppelt unangenehm für Erich, der beinahe alle diese Dinge nur vom Hörensagen kannte und doch tief in seinem Herzen fühlte, welch unbeschreiblicher Reiz darin liegen müsse, auch so in einen traulichen Familienkreis gezogen, mit heiteren Blicken und mit den freundlichen Worten: »Bist du endlich da?« empfangen zu werden. Ihm war es in seinem Leben noch nie so geworden, und deshalb fühlte er eine gewaltige Sehnsucht nach einem solchen Glücke, und gerade an diesem Abende! Das heutige Ziel der beiden jungen Leute lag von der Brigadeschule, einem ehemaligen Dominikanerkloster aus, ganz am andern Ende der Stadt, und waren es ebenfalls Räume, in denen einst Mönche gewandelt, Söhne des heiligen Augustinus, welche nun im Wechsel der Zeiten zu einem Militärarrestlokale umgewandelt worden waren, weshalb sich auch der schlechte Witz eingebürgert hatte, beim Betreten dieser heiligen Hallen, wenngleich leise, den Gesang anzustimmen: »O, du lieber Augustin, alles ist hin!« Da lag es nun vor ihnen mit seinen hohen Mauern, so finster und anscheinend so unbewohnt, und selbst als sich auf das Anläuten Schmollers am großen Thore einiges Leben zeigte, war dieses durchaus nicht gemütlicher, sondern recht unfreundlicher Art. Ein alter Unteroffizier in Mantel und Mütze, mit finsterem Gesichte und großem Barte öffnete das Thor und hielt den beiden, ohne zu sprechen, seine Laterne entgegen, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagte er kopfnickend: »Das ist spät genug, um noch jemand einzusperren, nur rasch herein! Wo ist der Zettel?« Voranschreitend trat er in ein kleines Lokal dicht beim Thore, setzte dort seine Laterne auf den Tisch, worauf er den Arrestschein aus den Händen des Bombardiers entgegennahm. Er entfaltete ihn, hielt ihn hinter die Laterne, und nachdem er einen Augenblick hineingesehen, schaute er mit noch finstererem Gesichtsausdrucke in die Höhe. »Na, was soll denn das heißen?« sagte er barsch. »Ich glaube, der junge Bombardier von der Artillerie hat nicht übel Lust, ein bißchen Schindluder mit mir zu treiben – da, lesen Sie einmal!« Schmoller nahm das Blatt, und schon während seine Augen es überflogen, entfuhr seinem Munde ein gelindes: »Kreuzdonnerwetter – ja, was ist denn das?« »Das möchte ich Sie fragen, am allerwenigsten aber ein Arrestzettel – lesen Sie doch!« Schmoller las achselzuckend: »Bei der Minerva hat sich überhaupt gefunden, daß ihr ganz wackeliges Untergestell einer gründlichen Reparatur bedarf.« »He, Herr Bombardier?« »Da ist allerdings ein Irrtum vorgegangen, und daran bin ich selbst schuld, das heißt, eigentlich du, verfluchter Kerl,« wandte sich der Bombardier an Erich; »denn wenn man so aus seiner gemütlichen Schreiberruhe aufgeschreckt wird und eilig zusammenpacken muß, um einen so nichtsnutzigen Kerl noch spät abends in Arrest zu bringen, da kann es wohl vorfallen, daß man die Zettel verwechselt. Das da ist allerdings ein Auszug aus dem letzten Protokolle der Geschützrevisionskommission.« »Und was ist da zu machen?« »Ohne gehörig ausgefertigten Zettel bei mir gar nichts. Mit Verlaub, ich kenne diese jungen Herren von der Artillerie mit ihren Streichen und habe nicht Lust, mir daran die Pfoten zu verbrennen!« »Aber, Herr Unteroffizier, es kann doch keinem vernünftigen Menschen einfallen, sich ohne Befehl auf drei Tage einsperren zu lassen!« »Möglich, sogar wahrscheinlich.« »Nun denn, so lasse ich Ihnen meinen Kameraden hier und bringe Ihnen morgen in aller Frühe den Arrestzettel.« Nun war aber der alte Unteroffizier eine echte, gediegene Kommißnatur, weshalb er zur Verneinung mit dem Kopfe schüttelte und seine Leuchte sowie den Schlüsselbund mit einer bezeichnenden Bewegung nach der Thür aufnahm. »Da soll doch ein siebenzölliges Granatendonnerwetter dreinschlagen!« »So müssen wir also den weiten Weg nach der Brigadeschule zurückrennen um dieses verfluchten Zettels willen?« »Ja, und müssen sich recht eilen«, bemerkte der Schließer des Arrestlokals, indem er auf eine Schwarzwälder Uhr blickte, die in der Ecke des Zimmers leise und schläfrig pickte. »Es ist in einer halben Stunde achte, und dann braucht es eines Kommandanturbefehls, um noch jemand einzuschließen.« »So komm denn, fataler Kerl!« rief der Bombardier Schmoller zornig, und als er auf der Straße in den längsten Schritten vor Erich herlief, fuhr er fort: »Das hat man davon, wenn man ordentlich und fleißig ist! Wäre ich am heutigen Feiertage herumgebummelt, wie der Block oder der süße Flattich, so hätte mich der Feldwebel nicht erwischt, um dich einzuspinnen!« »Du bist aber in der That ungeheuer komisch!« gab Erich zur Antwort. »Ich bin das arme Schlachtopfer mit drei Tagen auf dem Kerbholze, werde hier in Nacht und Nebel durch die schmutzigen Straßen geschleppt, weil du den Arrestzettel vergessen hast! Ist das nicht ebenso grausam, als wenn man jemand, der gerade geköpft werden sollte, noch einen Aufschub von ein paar Tagen verkündet? Warum hast du den Schein nicht genauer angesehen?« Nun war Schmoller im Grunde ein guter Kerl und sein Zorn im nächsten Augenblicke verraucht, so daß er lachend erwiderte: »Hast recht, und damit du siehst, wie gut ich's mit dir bei alledem meine, so tritt, während ich allein nach Hause trabe, in das Kaffeehaus dort an der Ecke des großen Platzes und warte da, bis ich zurückkomme; du kannst für die kalte Nacht ein bißchen Durchwärmung brauchen.« »Ein vortrefflicher Rat,« sagte Erich, »und sehr ausführbar, wenn ich nur auch einen Kreuzer Geld in der Tasche hätte!« »Und war doch erst vorgestern Löhnungstag! Höre, Freiberg, du bist wirklich auf dem Wege, eine liederliche Fliege zu werden!« »Jawohl, mit einem Thaler monatlich, ohne Zulage!« »Allerdings, und bei aller Freundschaft für dich kann ich dir im vorliegenden Falle nicht helfen; wenn ich alles, was ich besitze, zusammenscharre, so komme ich höchstens noch zwei Tage über Hunger und Durst hinweg!« »Trotzdem daß vorgestern Löhnungstag war?« »Lieber Freund, unsereiner, in einer gewissen Stellung gesellschaftlicher Verpflichtungen! Doch tritt immerhin in das Kaffeehaus, laß dir ein Glas Wasser und die englische Zeitung geben und sage, du wartest hier auf einen vornehmen Freund, der dich in kurzer Zeit zu einer ausgezeichneten Abendunterhaltung abholen wolle.« »Das sei Gott geklagt mit dieser Abendunterhaltung!« gab Erich mit einem Anfluge üblen Humors zur Antwort, als sie nun den weiten Platz und das strahlend erleuchtete Kaffeehaus erreicht hatten; »doch habe ich eine andere Idee, um mir unterdessen die Zeit zu vertreiben. Dort vor uns in der großen Bude hat soeben die Vorstellung der Kunstreiter begonnen; da werde ich mich langsam umherschlängeln, die Leute betrachten, die hineingehen, vielleicht auch einmal die Nase in den Stall stecken, die Anschlagezettel lesen, und kann mir alsdann heute nacht auf der harten Pritsche einbilden, ich hätte die Vorstellung mit angesehen.« »Gut denn, aber brenne mir nicht durch!« »Lächerlicher Kerl, ich möchte wissen, wohin!« »Ich finde dich also dort bei der Kunstreiterbude?« »Gewiß!« Damit trabte Herr Schmoller der Brigadeschule zu, und Erich betrat den Platz, in dessen Mitte, undeutlich durch den Nebel schimmernd, die große Bude sich erhob. Sie erschien ihm mit ihren kleinen, rotglühenden Fensteröffnungen, eingehüllt in Nebel und Rauch, aus allen Fugen dampfend durch die Hitze in ihrem Inneren, wie ein riesenhafter, glimmender Kohlenmeiler, wie er sie in seiner Jugend so häufig auf den Waldlichtungen gesehen. Ach, jene Zeit, die trat ihm jetzt so lebendig wehmütig vor die Seele. Wie oft hatte er stundenlang in die sinkende Nacht hinein mit den rußigen Köhlern geplaudert, sich von ihren Seltsamkeiten aus dem einsamen Waldleben erzählen lassen, daraus Märchen zusammengesetzt für die alte taube Lise, die er zu Hause am Spinnrade traf und die ihm freundlich zunickte, wenn sie auch von seinen Erzählungen nicht viel verstand. Deshalb aber war sie gerade das dankbarste Publikum, das sich der lebhafte Knabe nur wünschen könnte, denn bei den ungeheuerlichsten Dingen, die er vorbrachte und meistens selbst erlebt haben wollte, Abenteuern mit Drachen, Feen und Kobolden, nickte sie ihm gemütlich beistimmend zu und schien die ganze Pracht der Märchenwelt mit ihm zu empfinden. Gewöhnlich handelten dieselben von armen verlassenen Kindern, wie er ja selber eines war, von unschuldig Verfolgten, Mit Not und Kerker Bedrohte, eine Lage, in die Erich sich besonders am heutigen Abende so recht lebhaft hineindenken konnte. Da sah er sich wieder wie damals, fliehend im dichten, düsteren, naßkalten Walde, nirgends ein Obdach, nirgends eine Zuflucht, bis ihm der gutmütige Köhler verriet, daß er nur geradeaus zu gehen habe, um das Schloß der guten Feenkönigin zu erreichen. – Richtig, dort stieg es vor ihm empor, geheimnisvoll erleuchtet durch Dunst und Nebel schimmernd und jetzt mit einem Mal, wie ihm zum Willkommen, schmetterten die Trompeten, dröhnten die Pauken und drang eine herrliche Musik aus der Feenburg weithin hallend ihm entgegen. Auch öffneten sich in diesem Augenblicke die breiten Flügelthüren, er blickte in eine glänzend erleuchtete Halle und sah dort phantastische Gestalten sich bewegen, Gestalten in den seltsamsten Gewändern, mit Goldstickereien und wehenden Federn. – Aber nur einen Augenblick sah er das, dann schlossen sich die Flügelthüren, und er fühlte, daß er ausgeschlossen sei von all der. Pracht und Herrlichkeit, von jener in der Feenburg, sowie von dieser in der Kunstreiterbude, und daß er nichts war, als nur ein armer junger Mensch, der fröstelnd durch die Nacht schlich in Erwartung, auf drei Tage und drei Nächte in einen düsteren Turm gesperrt zu werden. Herrliche Aussichten! – Und deshalb war es wohl so begreiflich, daß er, um den Cirkus herumschreitend, alle diese frohen, freien, glücklichen Menschen beneidete, die eilig daherkamen, zu Fuß und zu Wagen, und erwartungsvoll in das hell erleuchtete Haus strömten. Und in welch dichtgedrängten Scharen zogen sie herbei und wandten sich mühsam durch die Haupteingangspforte oder belagerten förmlich die beiden Kassen rechts und links vor derselben! Es mußte heute abend etwas ganz Außerordentliches in der Vorstellung stattfinden; aber was konnte das eigentlich Erich kümmern, der schon so zu sagen mit einem Fuße im Arrest war, und doch las er den großen Anschlagzettel dort neben der Gaslaterne. Da kamen all die gewöhnlichen und ungewöhnlichen Geschichten, die Schulpferde, Bravourstücke, Sprünge über Bänder und Pferde, durch Reifen zugleich, mit dem Pferde über vier Barrieren und Aehnliches, da waren die verschiedenen Clowns, gewöhnlich als die ersten der Welt gepriesen. Halt, und hier zeigten zwei große, auf einen Fleck hindeutende Hände gewiß etwas ganz Besonderes, und doch wieder nur einen einzelnen, aber sehr groß gedruckten Namen: »Demoiselle Kolma Tiezka«. Doch was war ihm alles das! Er wandte sich mißmutig vom Haupteingange des Cirkus wieder ab, der anderen, ruhigeren Seite zu, wo sich zuweilen die schon oben erwähnte Doppelthür öffnete, um Pferde aus und ein zu lassen, welche dicht mit Decken verhängt waren und gewöhnlich von einem nicht weit entfernten großen Stalle gebracht wurden. Welch eigentümlicher Anblick bot sich ihm dar, wenn er alsdann hier hineinblickte und eine Vorhalle voll gesattelter und aufgeschirrter Pferde, wo sich bunt kostümierte Reiter und glänzende Reiterinnen hin und her bewegten, plaudernd und lachend mit ihren Kollegen und Kolleginnen oder auch mit jungen Leuten aus dem Bürgerstande und ab und zu gehenden Offizieren! Erich fühlte sich von diesem eigentümlichen Leben, sowie von der wohlthuenden Wärme, welche hier herrschte, so angezogen, daß er gern einen Augenblick hineingetreten wäre, wenn ihn nicht die Furcht abgehalten hätte, von seinem Freunde Schmoller nicht aufgefunden zu werden, sowie einigermaßen die Besorgnis, von einem der Offiziere befragt zu werden; doch war das eigentlich wenig zu befürchten, denn die Lehrer der Brigadeschule waren viel zu ernst und gesetzt, um sich so zu sagen hinter die Coulissen eines Kunstreitercirkus zu begeben, und die übrigen Artillerieoffiziere der Besatzung, die vielleicht mit Dragonern und Husaren hier aus und ein gingen, achteten wenig auf einen einfachen Kanonier. Diesen Betrachtungen sich hingebend, war Erich dem Zufall nicht undankbar dafür, daß er ihn in diesen, für jeden jungen Menschen so anziehenden Raum hineinstieß, und zwar auf die einfachste Art von der Welt, da einer der Reiter, mit sechs gekoppelten Pferden vom Stalle drüben bei der Thür ankommend, den jungen Artilleristen bat, ihm die Thür zu öffnen und auch hinter ihm wieder zu schließen. Dazu kam noch, daß der Reiter, ein alter Mann, alsdann Erich einen bezeichnenden Wink mit dem Kopfe gab, ihm doch zu folgen, und ihm nun im Inneren des Raumes die Zügel zweier Pferde zuwarf, um diese für einen Augenblick zu halten, während er sich selbst aus dem Sattel herabschwang. So klein und unbedeutend sind oft die Ursachen, deren sich der Zufall bedient, um irgend jemand aus der kalten, dunklen Nacht, wo ihm vielleicht besser gewesen wäre, nach Licht, Wärme und Glanz hinüberzuziehen. Wohl dachte Erich in diesem Augenblicke an Herrn Schmoller, doch war er überzeugt, daß dieser Bombardier, welcher sich, wo es nur möglich war, bei {bild} allen dergleichen Vergnügungen herumtrieb, ihn wohl suchen und auffinden würde. Der Reiter, welchem Erich die Pferde gehalten und der nun die Zügel wieder aus seinen Händen nahm, befand sich, wie schon gesagt, in ziemlich vorgerücktem Alter, hatte krauses, starkes, graues Haar, und erschien vielleicht gerade dadurch seine Gesichtsfarbe so dunkel, sowie seine Augen lebhaft und leuchtend. Er sagte dem jungen Manne in freundlichem Tone: »Auch ich bin einmal bei der Artillerie gewesen und denke heute noch gern daran, freue mich auch immer, wenn ich die Uniform sehe; bleiben Sie nur da, wenn es Ihnen Spaß macht, und gehen Sie nur dreist da vor in die Stallgasse, da können Sie schon etwas sehen, und wenn Sie jemand fragt, so sagen Sie nur, Sie hätten dem alten Marechal geholfen, und er hätte Sie ersucht, da zu bleiben.« Erich, der wohl schon einmal den Produktionen anderer und geringerer Kunstreiter, und zwar von einem sehr entfernten Platze des Cirkus aus, zugesehen, war erstaunt, hier, auf der Rückseite dieses Glanzes, alles in so großartigem Stile eingerichtet und nirgends etwas Aermliches oder gar Gemeines zu finden. Die Halle, in der er sich bewegte und welche an das runde Gebäude angebaut war, hatte auf der linken Seite zwölf Pferdestände, wo sich die Tiere befanden, welche zur jedesmaligen Nummer des Programms gebraucht wurden. Rechts waren Garderoben, und im Zwischenraume befanden sich die nicht augenblicklich beschäftigten Stallmeister in einfachem, aber elegantem Kostüme, sowie verschiedene Habitués des Cirkus, junge, reiche Leute aus dem Bürgerstande, Offiziere, mit den Damen plaudernd und lachend und meist sehr gleichgültige Dinge scherzhaft oder auch wohl im ernsten Tone und mit wichtiger Miene verhandelnd. Erich, der sich aufs höchste angezogen fühlte von dieser fremdartigen, so eigentümlichen, verlockenden Welt, betrachtete die reizenden Reiterinnen im Tricot und leichten, kurzen, bauschigen Kleidern, gewöhnlich mit unendlich langen und sehr feinen Taillen, die schönen Büsten in Gold- oder Silberstoff flimmernd, mit um so größerem Interesse, als sie sich hier natürlich gehen ließen, Frage und Antwort stellten wie andere, gewöhnliche Menschen, mit natürlichem Ernste sowie natürlichem Lächeln auf den Lippen, statt des gewaltsam freundlichen Grinsens mit jener stereotypen Freundlichkeit, mit der sie im Cirkus erscheinen, den rauschenden Beifall in Empfang nehmen und mit der sie auch jene Gleichgültigkeit heucheln, wenn sie kein Mund willkommen heißt und keine Hand ihnen Beifall klatscht. »Caramba!« rief eine hochgewachsene, nicht mehr ganz junge Spanierin mit blauschwarzem Haar, blitzenden Augen und jener tiefen Altstimme, die den Kunstreiterinnen häufig so eigen ist, »man sollte streng darauf halten, daß keine Zettel auf die Brüstung gelegt werden; Federigo hatte genug zu thun, um mein Pferd glücklich bei den Logen links vorüber zu bringen. Ich fühlte jedesmal, wie es stutzte.« »Und sprangen doch so wunderbar und sicher, Sennora Maritana!« entgegnete ein junger Husarenoffizier in verbindlichstem Tone! »Aeußerlich ja; aber es ist ein garstiges Gefühl, wenn man so denken muß, vielleicht beim nächsten falschen Tritte herunterzufliegen. Ich danke dafür und werde mit dem Maestro darüber reden.« Damit schritt sie den Garderoben zu, und als sie außer Hörweite war, sagte eine junge, blonde Polin: »Das arme Pferd soll immer alles gethan haben; hätte man sie empfangen, applaudiert, wie sie es vor Jahren gewohnt war, so würden sie zwei Dutzend Programmzettel nicht im geringsten geniert haben.« »Schon recht,« meinte eine dritte, die, mit ihrem Anzuge fertig, herbeitrat und sich stark in ihren Hüften wiegte, wobei sie die schlanke Taille mit ihren beiden Händen fest umspannte; »aber ich kann das auch nicht leiden, und ebensowenig wenn die Herren da« – bei diesen Worten machte sie ein leichtes Kompliment gegen die Offiziere – »gar zu arg mit ihren Säbeln rasseln.« Die also sprach, hatte etwas Keckes, Herausforderndes und that dabei sehr gleichgültig gegen ihre begeisterten Freunde, während sie hinzusetzte: »Sie, Graf Barring, muß ich noch ganz besonders und dringend bitten, sich bei Ihren Blumenverschwendungen, auch wenn sie mir gelten, künftig ein wenig mehr in acht zu nehmen.« – Damit hatte sie ihnen den Rücken zugewandt, den rechten Fuß auf einen niedrigen Schemel gestellt und nestelte etwas an ihren roten Stiefelchen. – »Ich habe wahrlich mein Pferd nicht schlecht in der Hand,« fuhr sie in dieser Stellung fort, »liebe auch nur die lebhaften Tiere, aber wenn ihm eines Ihrer lächerlich großen Bouquets, wie neulich, an den Kopf fliegt, so ist es wahrhaftig nicht zu verwundern, wenn es aus dem Tempo fällt und beinahe wieder umkehrt.« Der also Angeredete, ein junger, hübscher Dragoneroffizier, that ganz entzückt über diese Vorwürfe und entgegnete, die Sporen klirrend zusammenschlagend, mit einem lächelnden Gesichte: »Wunderbare Leonie, Ihr gehorsamster Diener ist schon glücklich, von Ihnen wiedererkannt worden zu sein, und nimmt selbst Ihre Vorwürfe – solche Vorwürfe mit Enthusiasmus entgegen!« »Aber Sennora Maritana hatte vorhin ganz recht, als sie sich ausließ über die störende, rücksichtslose Manier, Programmzettel oder, was noch schlimmer ist, Damenmantillen und dergleichen über die Brüstungen zu hängen. Neulich hatte ich große Lust, als ich, mich im Carriere vom Pferde herabbiegend, die Blumenkränze vom Boden aufnahm, eine dieser Mantillen abzustreifen und in den Cirkus zu schleudern.« »Man muß unter seinen Bekannten darauf halten, daß dergleichen nicht vorkommt,« sagte ein langer, junger, etwas bleicher Mann, der mit einem Zungenanstoß sprach und sein Gesicht komisch verzerrte, während er sich Mühe gab, ein ziemlich grobes Stück Glas in das rechte Auge festzuklemmen, »ja, muß sich bemühen, auch das Publikum in dieser Richtung zu erziehen. Göttliche Leonie,« fügte er hinzu, »wie schön Sie heute abend wieder sind!« »Und wie Sie in der ersten Abteilung geritten haben!« »Welche Grazie, welcher Aplomb!« »Auf Ehre, zum Rasendwerden!« »Himmlische Leonie!« »Wundervoll, über alle Beschreibung!« »Ich habe wahrhaftig gute Nerven, aber mich soll der Teufel holen,« rief der Husarenoffizier hastig, »als Sie sich herabbogen, um mit Ihren schönen Zähnen das Schnupftuch vom Boden aufzunehmen, da überlief's mich ganz kalt!« »Ach, und diese himmlischen Zähne!« So stand dieser Kreis junger alter und alter junger Herren um das in der That schöne Mädchen herum, und wo die enthusiastischen Worte nicht auszureichen schienen, um sie gehörig zu preisen, da wurden, sie unterstützt durch einen gelegentlichen Blick an die Decke der Halle empor oder durch eine Pantomime, bei der man eine Hand auf jenen Teil der Brust legte, wo man sein Herz vermutete. Es ist eigentümlich, daß sich diese Art von Krähen sogleich zusammenfinden, wo eine größere Kunstreitergesellschaft sich für einige Zeit aufhält, die Habitués der Manege, welche bei Lob und Tadel maßgebend zu sein scheinen, welche unter der Teilnahme im allgemeinen oder unter der Passion für Pferdedressur dieser oder jener der Damen den Hof machen und deren häufig stark abgestumpfter Sinnenreiz hier zuweilen noch belebt wird, wo sich üppige Schönheiten mit glänzenden Kostümen, fremdklingender Sprache und das Gefährliche des Metiers auf so reizende Art verbinden. Vielfach sind aber ihre Bemühungen um die gefeierten Künstlerinnen vergeblich, denn gewöhnlich hat jeder dieser Bewunderer einen glücklichen Nebenbuhler bei der Truppe. Hier bei der Demoiselle Leonie schien dies der erste Clown Mr. Howten zu sein, der mit einem kolossalen, hahnenartigen Schritte mitten in den Kreis hineintrat und dann die ganze Gesellschaft mit einer unnachahmlichen komischen Miene ringsum betrachtete, die sich um so drolliger ausnahm, als sich auf dem völlig weiß gemalten Gesichte nur ein Paar kleine, intensiv rote Backen zeigten, sowie Schönheitspflästerchen von Schwarz und Gold, während sein Haar aus einer leuchtend roten borstigen Perücke bestand. So anzusehen, war er ein scheußlicher Kerl, aber dabei ein großer Künstler, besonders im Violinspiel. »Gehen Sie,« sagte Leonie lachend, »Sie sehen in der That abscheulich aus, Howten! »Ich bin auch gar nicht gekommen, um Sie durch meinen Anblick zu erfreuen, ma plus belle ,« erwiderte der Clown lachend, wobei sich seine komisch erstaunte Miene in ein heiteres Lächeln verwandelte, »sondern ich komme nur, um mich in Ihr Gespräch mit diesen Herren einzumischen und Ihnen zu sagen, daß ich mir vorhin ein Vergnügen daraus gemacht, mit meinem Violinbogen ein paar dieser naseweisen Programmzettel, sowie auch eine leuchtend rote Mantille, die auf der Brüstung kokettierte, aufzuspießen zum unendlichen Vergnügen des Publikums.« »Und warum thaten Sie das, Howten?« fragte die Kunstreiterin in einem beinahe ärgerlichen Tone. »Mich geniert's heute abend nicht mehr, oder sorgen auch Sie für die Ticzka? Ah, wenn ich das wüßte!« »Was geht mich die Ticzka an! Aber ich meine, es wäre vor ihrem Auftreten Wichtigthuerei genug, daß der Prinzipal mit vier Stallmeistern und allen vorrätigen Eleven die ganze Bahn abschreitet, nachdem der Sand aufs neue aufgelockert ist, um sich zu überzeugen, daß für die Preziosa sich alles in Ordnung befindet. Ich ärgere mich, daß dann obendrein noch einer der Stallmeister die an der Brüstung Sitzenden höflich ersuchte, doch bei der verzweifelt gefährlichen Nummer der berühmten Ungarin alles zu vermeiden, was die Pferde scheu machen könnte. Schwindel, wo man die Hand hineinstreckt!« – Diese letzten Worte sagte er leise zu Leonie, während er dicht an sie herantrat, wobei der Kreis von deren Bewunderern scheinbar Partei für die Anmaßung der Ticzka im allgemeinen zu nehmen schien. »Was sie macht, ist allerdings außerordentlich unbegreiflich,« meinte der Dragoneroffizier, »aber immer dasselbe – toujours perdrix – ah, da lobe ich mir doch eine Vielseitigkeit wie die unserer angebeteten Leonie!« »Aber mit Unrecht, Graf Barring. Ich versichere Ihnen, es ist eine kluge Idee dieser überaus klugen Ungarin, die doch gerade so thut, als wenn sie durchaus nichts vom Metier verstünde ...« »Als nur das eine: ungeheure Gagen einzuziehen,« unterbrach sie lachend der Clown. »Sich nur mit einem einzigen Hauptstücke zu beschäftigen, eine Spezialität zu sein, durch welche ihr ein glänzender Ruf nach Paris und London nicht fehlen kann.« »Aber nun, meine Herren«, fuhr sie mit einem graziösen Rundkomplimente gegen ihre Verehrer fort, wobei sie den Knopf ihrer Reitpeitsche zierlich gegen ihre Brust legte, »sind Sie für jetzt in Gnaden entlassen. Die schöne Kolma, die erste Reiterin dieses Jahrtausends, wird sogleich erscheinen, und ich möchte niemand von Ihnen in Verlegenheit bringen.« »Grausam!« rief ihr Graf Barring nach, und er, welcher der Begünstigtste von allen zu sein schien, eilte ihr nach bis zur Thür der Garderobe, wo er denn auch so glücklich war, ihr die Hand küssen zu dürfen, ehe sie verschwand. Erich war unterdessen von dem freundlichen Marechal, der sich, wie er gesagt, stets an einer Artillerieuniform erfreute, in einen schönen Winkel am Eingange gestellt worden, wo er alles vortrefflich sehen konnte, ohne fürchten zu müssen, entdeckt zu werden. Eigentlich hatte er auch keine besondere Angst in dieser Richtung; der Alte ging niemals in einen Cirkus, Hauptmann Wetter ebensowenig, und selten einer der anderen Lehrer. Seine einzige Besorgnis war, von Schmoller verfehlt zu werden, weshalb er sich häufig nach der Thür umblickte, wo er hereingekommen, und jetzt in der Pause zwischen der ersten und zweiten Abteilung auch so glücklich war, seinen Freund, den Bombardier, zu entdecken, der den Kopf zur Thür hereinstreckte und sich mit einem zweifelhaften Blicke umschaute. Hier war es nun wieder der Stallbeamte Marechal, welcher auch diese zweite Artillerieuniform protegierte und dem Bombardier auf seine Frage sagte, wo er den anderen zu finden habe. »Du bist ein netter Kerl,« sagte Schmoller, »läßt mich da durch Wind und Nässe nach Hause patschen, während du hier hinter den Coulissen stehst und zuschaust!« »Ich bin eben der Wärme nachgegangen, in Anbetracht der kalten Nacht, die mir bevorsteht.« »Das ist eine verfluchte Geschichte!« antwortete der andere, sehr ernst werdend. »Denke dir, ich habe deinen Arrestzettel nicht bekommen, die Bureauthüren fest verschlossen und euer Feldwebel ausgegangen – das ist eine saubere Bescherung! Ich dachte schon daran, selbst einen Zettel zu schmieren; aber der Teufel ist ein Eichhörnchen, er hüpft dir auf die Schulter, wo du ihn am wenigsten erwartest, und es könnte leicht geschehen, daß sie mich für einen nachgemachten Zettel selbst beim Essen behielten, und dafür möchte ich danken. Ich habe für eigene Rechnung genug Striche am schwarzen Brette des Brigadeschreibers.« »Was ist aber da zu machen?« »Ja, wenn ich das wüßte! Nach Hause darfst du nicht, denn auf jeder Stube ist irgend eine kalfakterische Seele, die es herumzubringen wüßte.« »Aber ich kann doch nicht bei der kalten Nacht auf der Straße herumlaufen, bis der Tag kommt, und dann bitten, daß man die Gnade hat, mich einzusperren!« »Deshalb ist es, wie ich vorhin schon sagte, eine verfluchte Geschichte und will überlegt sein, und das wollen wir nachher bei einem Glase Wein thun.« Erich sah seinen Freund mit einem zweifelhaften Blicke an. »Nun ja, ich bin ein Freund, wie es wenige gibt; nicht nur, daß ich aus allen Taschen und Winkeln meine letzten Kreuzer zusammengescharrt habe, um dich nicht Hungers sterben zu lassen, nein, ich muß auch noch ein allerliebstes Rendezvous im Stiche lassen, um in deiner amüsanten Gesellschaft zu bleiben. Hoffe aber auf Wiedervergeltung.« »Gewiß,« versetzte Erich lachend, »und dieselbe fängt jetzt schon an, denn du mußt gestehen, daß ich dir durch meine Bekanntschaften hier im Cirkus einen vortrefflichen Platz verschafft habe. Da vor uns,« setzte er flüsternd hinzu, »sehe ich Leute ebenfalls stehen, die gewiß einen Thaler für ihr Billet bezahlt haben, und so viel, vermute ich, gedenkst du nicht für mein Nachtessen aufzuwenden.« »Ich wiederhole, du bist ein verfluchter Kerl und dabei ein Heuchler! Sage mir, wie kommst du zu Cirkusbekanntschaften?« »Pah, wie man zu so was kommt! Dort kommt mein Protektor, derselbe, der dich hereingelassen.« In der That trat Marechal zu den beiden und sagte wohlwollend: »Da bleiben Sie nur stehen, drücken Sie sich nur ein bißchen auf die Seite, wenn beim Beginne der zweiten Abteilung die wilde Ticzka durchpassiert. Haben Sie Angst vor Pferden?« »Ah, bitte recht sehr, wir sind von der Artillerie!« »Aber wer ist die wilde Ticzka?« »Sie haben das noch nicht gesehen?« fragte Marechal verwundert. »Auch nicht den Zettel gelesen?« »Ja,« sagte Erich, »darin steht aber nichts als einfach der Name Kolma Ticzka.« »Und das ist beim Henker genug, der Name allein! Schauen Sie, das Haus ist zum Brechen voll, anderthalbmal ausverkauft; da oben drängen sie sich zusammen wie die Heringe in der Tonne, und das alles nur, weil heute die Ticzka reitet.« »Macht sie auch solche Sachen wie vorhin die schöne schwarze Dame, welche in der Carriere die Schnupftücher mit den Zähnen vom Boden aufhob?« »Ah, die Maritana ist nichts dagegen! Allerdings etwas Bravour, doch wenig Grazie!« »Und was thut denn die Ticzka, von der ich allerdings schon gehört?« setzte der Bombardier Schmoller renommierend hinzu. »Lassen Sie sich überraschen und gebrauchen Sie Ihre Fäuste zum Applaudieren, die verdient's – ob!« setzte er hinzu, indem er kopfaufwerfend davonging. Nun sah man aber auch dem großen, dichtgefüllten Hause an, daß sich etwas ganz Außerordentliches vorbereitete. Man rückte auf den Plätzen hin und her und man bog sich vornüber, man suchte sich Platz zu machen, wie man konnte, man putzte Gläser und Lorgnetten, Tausende von Blicken richteten sich nach dem Eingange, der zu der oben erwähnten Vorhalle führte, während wenige sich um den Prinzipal der Kunstreiter bekümmerten, der, im einfachen, eleganten Anzüge, gefolgt von einem großen Schweife von Stallmeistern und Eleven, sorgfältig prüfend, wie es schien, den Boden der Manege betrachtete und mitten in der Bahn stehen blieb, um auf ein gegebenes Zeichen mit der Hand sein sämtliches Gefolge bis auf vier der besten zu entlassen, die später in den gewissen kleinen Kreisen hinter ihm dahingehen mußten, während er selbst die Leitpeitsche führte – natürlicherweise für die Ticzka, dachten die Kolleginnen achselzuckend. Nun fing die zweite Abteilung an, und zwar durch das volle Orchester, mit einem rauschenden Csardas. Die Gasse, in der unsere Freunde standen, war durch Herren und Damen von der Truppe, durch Offiziere und tägliche Besucher vom Civil so besetzt, daß nur eben Platz blieb für den Viererzug prachtvoller ungarischer Pferde, die jetzt hier erschienen in kurzem, anmutigen Galopp, gelenkt von einer jungen Dame, die ebenso gleichgültig wie anmutig auf dem Sattelpferde stand, hoch aufgerichtet, die lange Peitsche in der Rechten, während sie mit der Linken die strammen Zügel hielt, um die unruhig mit den Köpfen schüttelnden Vorläufer bis zum Eintritte in den hell erleuchteten Kreis zurückzuhalten. Da scholl ihr ein tausendstimmiger Jubelruf und ein betäubendes Händeklatschen entgegen: »Ah, die Ticzka! Brava, brava! Hoch die Ticzka! Brava, brava!« Und dazwischen erklang hier und da ein begeistertes Eljen. Es war aber auch der Mühe wert, die Reiterin einsprengen zu sehen. Die Zügel nachlassend, sauste ihre Peitsche über die Köpfe der Vorläufer dahin, die, mit einer Lançade ansetzend, um mit fliegender Mähne in einer so tollen Carriere, wie auch bei den großen Bravourstücken hier und da am Schlüsse vorkommt, fünf- bis sechsmal den Kreis zu nehmen und darin, auf einen {bild} Zungenschlag ihrer Lenkerin plötzlich parierend, da standen, der Ticzka keine andere Bewegung verursachend, als die eines anmutigen Grußes ringsumher, eines Dankes für den freundlichen Empfang. Dann kam die gewöhnlich wohlberechnete Pause, in der hier bei der gefeierten Künstlerin der Prinzipal selbst an das Sattelpferd trat, während sich der Stallmeister mit den übrigen damit beschäftigte, noch einen letzten Blick nach den Geschirren, besonders den Kreuzzügeln, zu werfen. Währenddessen stand sie hoch aufgerichtet da, wie um ihren Verehrern für ein paar Augenblicke das ruhige Betrachten ihrer Schönheit zu gestatten. Und schön war dieses Mädchen, das mußte selbst der Neid, oder die Kolleginnen, was eigentlich gleichbedeutend ist, zugestehen. Schön von Gesicht, reizend und elegant von Gestalt; hier waren die schlanksten, kraftvollsten Körperformen von einer bewunderungswürdigen Harmonie, fein, ohne mager zu sein, und dabei doch von einer entzückenden, aber vollkommenen jungfräulichen Fülle. Das waren Glieder wie von Stahl, und daß dieselben von eisernem Willen bewegt wurden, sah man an ihren schönen, energischen Gesichtszügen, an ihren fast trotzig aufgeworfenen starken Lippen, an dem Blicke ihrer dunklen Augen, deren wilder, melancholischer Ausdruck gemildert wurde durch eine eigentümliche Stellung derselben, zuweilen einem Verschwimmen der Blicke ähnlich, die ihnen etwas ungemein Pikantes gaben. Ihr Anzug war der einfachste, den man sich denken konnte, und imponierte eben gerade durch diese Einfachheit. Es war das Tschikos-Kostüm, für eine Dame arrangiert, weiß mit einfachen, roten Stickereien, und statt von Leinwand, vom feinsten Wollenstoffe; auf dem Kopfe hatte sie den einfach aufgekrempten ungarischen Hut mit einer Adlerfeder, in dem ledernen Gürtel ein schön gearbeitetes Fogosch, an den zierlichen Füßchen ziemlich lang heraufreichende Cismen. Sie hatte sich jetzt auf den Sattel niedergelassen, und nachdem sie die Zügel ihrer Vorläufer am Sattelknopfe des Handpferdes festgebunden, saß sie da mit zusammengelegten Händen, den Kopf herabgebeugt, während sich die vier Pferde auf einen leichten Zungenschlag in einen kurzen, anmutigen Galopp gesetzt hatten. Es war das Bild einer durch die ungeheure Ebene des Banats nach Hause heimkehrenden Reiterin. Sie träumt von der fernen Heimat, deren mit Stroh bedeckte flache Häuser sowie das Wahrzeichen der Pußta, der hoch emporragende Ziehbrunnen, in kurzer Zeit vor ihrem Horizonte auftauchen mußte. Zuweilen belebte sich ihr melancholisches Auge, dann beschattete sie es mit der Hand, um weit, weit vor sich hinaus oder rings um sich her zu spähen. Und dazu ging die Musik in einer jener eigentümlich einschläfernden Weisen, die nur zuweilen wie durch einen leuchtenden Blitz unterbrochen werden von dem plötzlichen Auftauchen der ersten Violine, aber ebenso rasch und in Molltönen wieder ersterbend. Jetzt aber scheint die Ungarin etwas um sich her zu vernehmen, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ihre zusammengesunkene Gestalt richtet sich hoch im Sattel auf, ihr Auge belebt sich, sie späht aufmerksam rings um sich her – glaubt sie doch Hufschlag hinter und neben sich zu vernehmen! Rasch beugt sie sich von dem Sattel nieder, daß ihr Haupt fast den Sand des Bodens berührt, um zu lauschen, und dann gewinnen ihre Züge wieder jenen energischen Ausdruck, mit den, wir sie vorhin einreiten sahen. Auch der Gang der Pferde {bild} animiert sich, ohne weiteren Zungenschlag, ohne weitere Hilfe der Peitsche. Die Vorläufer werfen ihre Köpfe in die Höhe und greifen rascher aus, ihnen folgen die beiden anderen, und nun fliegt auch schon die Ticzka rasch wie ein Blitz in die Höhe und steht mit einer Sicherheit, im Fluge die Zügel ihrer Vorläufer ergreifend, auf dem Rücken ihres Pferdes, daß ein lauter Ausruf des Erstaunens ringsumher erschallt. Schon haben wir auch die Ursache ihrer Aufmerksamkeit erfahren: es ist ein wildes Pferd der Pußta, das nun über die Barriere in den Cirkus setzt, gegen die vier der Reiterin hingaloppiert, um gleich darauf vor denselben in den tollsten Sprüngen zu entfliehen. Ah, nun beginnt die wilde Jagd der Ticzka! Sie drückt ihr kleines Hütchen in die Stirn, sie läßt einen kurzen, scharfen Ruf erschallen, und dahin fliegen ihre vier Renner zur Verfolgung, daß der Sand emporwirbelt, und dabei steht sie mit einer Sicherheit da, sich bald rechts, bald links wendend, vornüber und rückwärts beugend, und dabei so elegant und graziös, daß es nicht Wunder nehmen kann, wie zuweilen kurzer, aber rauschender Beifallssturm die Luft zerreißt. Bei ihr ist die höchste Natürlichkeit und die höchste Kunst vereinigt; zuweilen treibt sie ihre beiden Hauptpferde dicht zusammen, um auf beiden zugleich zu stehen; zuweilen bückt sie sich tief herab, irgend etwas an ihrem Sattelzeuge zu ordnen, zuweilen wirft sie plötzlich ihren Vorläufer herum, den Kreis durchschneidend, um dem flüchtigen Pferde vor ihr den Weg zu verlegen – aber umsonst. Es ist das ein überraschend tolles Dahinjagen, zuweilen ein regelloser Knäuel der Pferde, ein beständiges Changieren derselben, so daß man in jedem Augenblicke fürchten muh, die wilde Reiterin herabfliegen zu sehen. Aber unbesorgt! Sie steht da oben fest und sicher mit einem zuversichtlichen Lächeln, aber kopfschüttelnd mit einem bitteren Lächeln, da es ihr noch nicht gelungen ist, den Flüchtling einzufangen. Jetzt läßt sie sich auf ein Knie nieder, befestigt abermals die Zügel ihrer Vorläufer wie des Handpferdes und löst vom Sattelknopfe des letzteren einen zusammengerollten Lasso, mit dem sie jetzt wieder emporspringt, ihn hoch in der rechten Hand haltend, während ihre Linke das Ende desselben gefaßt hat, frei stehend, ohne Zügel auf den dahinsausenden Pferden. Ringsumher scheint von den Tausenden niemand zu wagen, auch nur den geringsten Laut von sich zu geben, tiefe Stille liegt auf dem Hause, denn man weiß, was nun kommt, die Ticzka hat das schon öfter gemacht; aber der Sachverständige weiß auch, daß es nur des geringsten Versehens bedarf, nur eines falschen Trittes der Pferde, nur einer zu frühen oder zu späten Gegenwirkung des Gewichtes ihres eigenen Körpers, um sie rettungslos zwischen die Pferde hinabzureißen. Alle Herzen schlagen in höchster Aufregung, nur das ihrige scheint so ruhig wie möglich, denn auch nicht das geringste Zucken ihres Körpers oder ihres schönen Gesichtes zeigt eine andere Aufregung als die Begierde, den Flüchtling vor ihr zu erreichen. Nun fliegt der Lasso – die Schlinge sitzt um den Hals des seitwärts galoppierenden Pferdes, alle Muskeln der Reiterin spannen sich an, ihr Auge flammt, sie wirft sich rückwärts, daß {bild} man glaubt, sie müsse auf die Kruppe ihres Pferdes stürzen, um im nächsten Augenblicke, unter einem rasenden Beifallsstürme des ganzen Hauses, wieder aufrecht, lächelnd dazustehen, den gefangenen Flüchtling langsam zu sich heranziehend. Ob das ein Applaudieren war, ein wildes Bravo- und Eljenschreien aus Hunderten und Hunderten von Kehlen! Ob das wohl ein Blumenregen genannt werden konnte, diese unzählige Menge von großen und kleinen Bouquets, die von allen Seiten in den Cirkus flogen und für welche Spende sich die Ticzka, nun wieder quer auf einem ihrer Pferde sitzend und langsam herumreitend, mit anmutigem Neigen des Kopfes bedankte! – Eljen! Eljen! – Ob wohl irgend jemand da war, der dem schönen, wilden Mädchen nicht mit unverkennbarem Interesse in die dunklen, leuchtenden Augen blickte? Und Erich? Er stand in der Menge verborgen, aber nicht minder aufmerksam wie alle anderen; doch war es anfänglich nur ein allgemeines Interesse gewesen, mit dem er der schönen Reiterin zugeschaut, bis er, als sie zum erstenmal langsam im Kreise herumritt, und als es ihm so möglich geworden, ihr Gesicht zu sehen, sie erkannt und gewaltsam an sich halten mußte, um einen lauten Aufschrei zu unterdrücken. Ja, sie war es – es war die Esmeralda, es war die schöne Zigeunerin, die er damals nach jenem Manöver heimwärts geleitet, die sich an seine Seite geschmiegt, die er später im Schlosse des Grafen Seefeld gesehen – die Esmeralda, welche damals schuld an seiner Befreiung war! Ja, sie war es, oder es mußte eine Aehnlichkeit geben, die ihm aber unmöglich erschien; doch hatte er nicht Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen, die Gegenwart wirkte zu heftig auf ihn ein, denn da in der Manege hatte dasselbe Spiel wieder begonnen; ein zweites zügel- und sattelloses Pferd, ein drittes und viertes setzte über die Barriere in den Cirkus, wurden von der Ticzka unter verschiedenen pikanten Abänderungen ihres Spieles eingefangen und ihrem Viererzuge angekoppelt, worauf dann der Schluß ihrer Vorstellung in einer letzten, tollen Carriere sämtlicher Pferde bestand, während welcher die Zuschauer in der Stallgasse ersucht wurden, diese schleunigst zu räumen. Kaum war dies geschehen, kaum waren Erich und sein Freund mit anderen in die Vorhalle zurückgewichen, als auch schon die wilde Reiterin, mit ihren sämtlichen Pferden über die Ausgangsbarriere setzend, hinter ihnen dreinraste, die Ticzta hoch und sicher dastehend, ohne sich zu regen, ohne zu wanken. Daß ein tausendstimmiges Bravo und nicht enden wollendes Händeklatschen sie zurückrief, versteht sich von selbst; doch erschien sie, nach Damenart sitzend, auf einem der ungesattelten Pferde, welches nun, rasch mit einer Trense versehen, abermals sowohl beim Ein- als beim Ausreiten mit einer bewundernswürdigen Sicherheit und Grazie die Barriere nahm, während die schöne Reiterin durch anmutige Handbewegungen ihren Dank ausdrückte. Die Zuschauer im Cirkus setzten ihren rasenden Beifallssturm wohl noch ein paar Minuten lang vergeblich fort, und erst als sie sahen, das die Ticzka nicht wiederkam – denn sie pflegte sich nie mehr als einmal nach jeder Produktion zu zeigen –, beruhigten sie sich allmählich, aber immer noch unter sporadisch wieder ausbrechendem Tumulte. Sie ließ sich jetzt in der Halle langsam von ihrem Pferde herabgleiten und mußte hier, wohl oder übel, stillhalten, um sich für ein paar Augenblicke die begeisterten Exklamationen der jüngeren und älteren Herren gefallen zu lassen, welche vorhin den Anbeterkreis der Demoiselle Leonie gebildet hatten. Wie sehr dies aber die Ticzka langweilte, sah man wohl an ihren Mienen, sowie an der angelegentlichen Art, mit der sie dem edelsten Pferde aus ihrem Viererzuge, das, welches sie hauptsächlich getragen, schmeichelte, es auf den schlanken Hals klopfte und ihm mit einem leichten ironischen Lächeln erlaubte, den Kreis ihrer Bewunderer zu vermehren. Mit einemmal verschärfte sich ihr hier so gleichgültiger Blick zur Aufmerksamkeit, ja zum unverkennbaren Interesse. Sie warf den Zügel ihres Pferdes einem Reitknechte zu, sie durchdrang den dichten Kreis, der sich um sie gebildet hatte, um einen scheinbar ganz unbedeutenden Menschen in der Uniform eines Gemeinen von der Artillerie, welcher allerdings sehr anhaltend herübergeblickt, ihre Hand auf die Schulter zu legen, ihm forschend ins Auge zu blicken und alsdann laut und freudig auszurufen: »Ja, Sie sind es! Ah, wie mich das freut!« Erstaunt blickten ihr alle nach, und es war ein fast mißbilligendes Gemurmel über diesen eigentümlichen Vorfall. »Was hat die Ticzka nur schon wieder?« fragte einer den anderen. »Wieder eine ihrer sonderbaren Launen, vielleicht eine Bekanntschaft von früher her ... Pah, ein Mensch, der fast jünger ist! Auch darin ist sie extravagant, diese merkwürdige Person! Ja, wenn sie nur nicht eine so wunderbare Reiterin wäre und dabei von einer so pikanten Schönheit... Ah–a–a–ah!« Die Ticzka bekümmerte sich um all dieses Gerede auch nicht im mindesten. Erich, ebenso entzückt wie alle anderen von dieser wunderbaren Künstlerin, hatte natürlicherweise durchaus keine Lust und Ursache, sich selbst zu verleugnen, ja, er freute sich über dieses Wiedersehen, welches ihm eine so interessante Episode seines Lebens ins Gedächtnis zurückrief, und als ihn die Ticzka, ohne sich um alle anderen zu bekümmern, aufforderte, {bild} ihr in die kleine Garderobe zu folgen, zögerte er keinen Augenblick, nachdem er Herrn Schmoller gebeten, nur ein paar Minuten hier auf ihn zu warten. Von dem Bombardier, der über diese Begegnung gewiß nicht weniger erstaunt war als alle übrigen, finden wir es begreiflich, daß er, den beiden mit der höchsten Verwunderung nachblickend, achselzuckend sagte: »Da bewährt sich doch einmal das alte Sprichwort von den stillen Wassern, und wenn dieser Erich Freiberg nicht ein ausgemachter Duckmäuser und Heuchler ist, so will ich ein Ochse sein – ich, der hübsche und interessante Schmoller, nach dem schon so viel anerkennenswerte Mädchen geschmachtet, wenngleich keine Kunstreiterinnen!« 20. Kapitel Während Bombardier Schmoller seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, besucht Erich die schöne Kolma. »Das macht die wilde, zigeunerhafte Vergangenheit dieser – Dame,« sagte der Premierlieutenant Graf Barring, achselzuckend zu dem Husarenoffizier, während beide thaten, als habe sie nur das wirklich schöne Pferd veranlaßt, hier einen Augenblick stehen zu bleiben. »Ist aber bei alledem sehr rücksichtslos,« meinte der junge blasse Mann mit dem gelinden Zungenanstoße im Sprechen, wobei er vermittelst einer prächtigen Grimasse das Stück Glas aus seinen Augenwinkeln herausfallen ließ; »die da sollte sich eine Ehre daraus machen, wenn Leute unseres Schlages ihr ein Wort der Anerkennung zollen! Werde aber nicht ermangeln, nach Hause an ein paar Bekannte darüber zu schreiben, sollen sich allen Enthusiasmus ersparen, wenn sie in der Residenz auftritt – ist ohnedies alles nur höllisch Blendwerk mit ihrer Kunst!« »Das kann man ansehen, wie man will, aber die in der Residenz werden toller mit ihr sein als wir hier, darauf können Sie sich verlassen, mein lieber Regierungsassessor. Weiß ich doch ganz genau, daß ihr Renz für diesen Herbst schon fabelhafte Summen bot und daß er bei ihrem Auftreten dreifache Preise ansetzen darf!« »'s ist allerdings viel Schwindel dabei, aber ein nervenaufregender Schwindel. Man muß doch, um einen Gaul mit dem Lasso zu fangen, gehörig im Sattel sitzen bleiben können und mit fest angelegten Schenkeln und Waden; während die da oben steht mit ihren feinen, spannenlangen Füßchen und so thut, als führe sie ein Lamm an einem seidenen Bande.« »Man muß aber auch nicht die Dressur der Pferde vergessen, welche eingefangen worden,« meinte der Regierungsassessor. »Hat sich was von Dressur, wenn die Bestien ohne Sattel und Zeug in den Cirkus gejagt werden, und die Schlinge um den Hals wird ihnen auch nicht besonders schmecken. Beim zweiten Pferde sah ich deutlich, wie es einen Riß that, der einen ordentlichen Reiter bügellos gemacht hätte, und da ließ sie einfach ihren Lasso durch die Hände gleiten, um ihn darauf anzuziehen mit einem zweiten Rucke, für den ich meine Kehle nicht hergeliehen hätte. Nein, es ist schon eine fabelhafte Gewandtheit.« »Und ein Körper wie aus Stahlfedern zusammengesetzt,« sagte der Husar. »Und ein so schöner Körper!« seufzte der Regierungsassessor. »Ihr Vetter Seefeld ist wahrlich zu beneiden!« »Ich glaube kaum, daß er zu beneiden ist,« versetzte Graf Barring achselzuckend, »denn soviel ich erfahren, kam er noch nicht besonders weit mit ihr – was ich auch in der That begreiflich finde; Seefeld ist gerade kein Adonis, und aus Gold macht sie sich gar nichts.« »Aber Sie wissen doch so gut wie ich,« lächelte der Regierungsassessor, »daß sie schon vor geraumer Zeit mit ihm liiert war, als die Ticzka noch mit einer obskuren Bande herumzog. Sie sahen sie ja selbst damals bei dem Manöver.« »Ganz richtig, und auch auf dem Schlosse meines Vetters,« erwiderte Graf Barring. »Nun, und da soll er sie genau kennen gelernt haben.« »Allerdings ließ Dagobert darüber einige Aeußerungen fallen, doch wir kennen uns; ich weiß ziemlich genau, was er an jenem Abend getrieben, natürlich nur so viel mit Sicherheit, daß er von einer gewissen Expedition nicht mit dem Aussehen eines Siegers zurückkam. Und noch in derselben Nacht brach die Truppe auf, bei der sich die schöne Kolma damals befand, mit Ausnahme einer kranken Frau und eines kleinen schwächlichen Mädchens, die, glaube ich, noch ein paar Tage auf der Waldburg blieben.« »Ich hoffte, deinen Vetter hier zu finden,« sagte der Husarenoffizier. »Auch ich wundere mich, daß er noch nicht da ist. Er hat auf der Waldburg wie jeden Herbst die großen Jagden abgehalten, und sein Weg zur Residenz führt ihn ohne Umweg über hier; auch den würde er nicht scheuen, da er weiß, daß die Ticzka hier ist. Es muß ihn sonst was zurückgehalten haben, denn er hätte wahrscheinlich keine Vorstellung versäumt.« »Richtig, und so oft ich einen Postvierspänner heranrasseln höre, was die Pferde laufen können, meine ich immer, er müßte drin sitzen. Es wäre doch ein verfluchter Spaß, wenn er gerade heute abend hier gewesen wäre, um zu sehen, wie angelegentlich sich die spröde Ticzka in militärische Angelegenheiten einläßt!« »Im Grunde halte ich die Geschichte nicht wichtig genug, um die Hand darüber umzudrehen; sieht mir doch die Ticzka nicht aus, als wenn sie mit so etwas anbandeln könnte!« sagte der Regierungsassessor. »Aber eine frühere Anbandelei fortsetzen!« »Für eine frühere Geschichte sah der Bursche verflucht jung aus!« »Pah, die Weiber haben seltsame Launen, besonders die Künstlerinnen!« meinte der Husar. »Wer mag dieser glückliche Vogel sein?« »Den Federn nach ein Gemeiner von der Artillerie; doch können wir das genau erfahren, wenn es uns interessiert. Da steht ein anderer von derselben Farbe. – He, Bombardier,« rief ihn der Dragoneroffizier an, »bitte, kommen Sie einen Augenblick daher!« Herr Schmoller näherte sich eiligst, worauf der andere fortfuhr: »Wer ist hier der andere von der Artillerie?« Nun wußte aber der Gefragte nicht, ob es bei den obwaltenden mißlichen Verhältnissen klugerweise geschehen konnte, Erichs Namen anzugeben, weshalb er sich eines Bessern besann und den ersten besten Namen nannte, der ihm gerade einfiel: »Kanonier Flattich vom Brigadebureau.« »Flattich, Flattich,« wiederholte der Regierungsassessor in geringschätzendem Tone, während er sein Glas etwas fester einklemmte, um den Bombardier zu betrachten; »ein eigentümlicher Name, der so gar nichts verspricht und gar nichts bedeutet. Nun, mir kann's gleichgültig sein.« »Mir auch,« bemerkte der Dragoneroffizier; »es ist höchstens eine Handhabe, um diesen teuren Dagobert vorkommenden Falles ein wenig zu schrauben. Kommt, sehen wir den Schluß der Vorstellung, Kavalleriemanöver von zehn sehr hübschen Mädchen, die Kerls nicht gerechnet, angeführt von der schönen Leonie!« »Das ist doch noch eine Person, die zu leben versteht und sich und ihre Bekanntschaften achtet!« Damit gingen sie zusammen durch die Stallgasse nach dem Cirkus, worauf, weil sich alles, was hier unbeschäftigt war, ebenfalls am Eingange zusammengedrängt hatte, die Vorhalle ziemlich leer verblieb. Nur Marechal befand sich mit ein paar Stallknechten in den Ständen und ließ die ungeduldigen Pferde der Ticzka tüchtig abreiben, ehe sie, in ihre wollenen Decken eingehüllt, nach dem Stalle abgeführt wurden. Jetzt trat der Alte an den Bombardier heran und sagte, auf die Garderobe der Ungarin deutend, deren Thür indessen nicht fest verschlossen war, sondern eine Spalte von etwa einem halben Fuß Weite zeigte: »Ich habe es doch gescheit gemacht, den jungen Herrn da in die Halle einzulassen. Scheint mir ein Bekannter der Demoiselle Ticzka?« »Ich glaube so, ein sehr genauer Bekannter!« »Freut mich in der That, hat ein offenes, ehrliches, angenehmes Gesicht und wäre mir schon lieber als die ganze Bande miteinander. Ich versichere Ihnen, wenn man dieses Scherwenzeln und Schönthun so jeden Abend mit ansehen und das Sporengeklirr und Säbelgerassel und die abgedroschenen Redensarten hören muß: ›Superbe, auf Ehre, magnifique, wunderbar, unvergleichlich!‹ – da kriegt man es schon satt bis hierher und möchte ihnen gern einmal sagen, daß sie doch alle tausendfältig zum Narren gehalten werden. Nun, was die Ticzta anlangt, so bin ich überzeugt, daß keiner Ursache hat, sich besondere Illusionen zu machen, am allerwenigsten der, von dem vorhin die Rede war, dieser Graf Seefeld mit seinem häßlichen, unangenehmen Gesicht.« Die letzten Worte sprach der Alte mehr zu sich selber, während er wieder zu den Pferden hinging. Vielleicht hatte er auch gesehen, daß sich die gewisse Garderobenthür nun ganz geöffnet hatte, der junge Artillerist heraustrat, um zu seinem Freunde zu eilen, der, mit gespreizten Beinen dastehend, seinen Säbel an dem weißen Bandelier zwischen die Kniee genommen hatte, beide Hände darauf stützte und nun kopfnickend sagte: »Du bist in der That ein netter Kerl, das muß dir selbst der Neid lassen! Machst im flotten Leben und in aller Unschuld die riesenhaftesten Fortschritte – ja, in aller Unschuld, wiederhole ich, denn ich halte dich bei alledem nicht für duckmäuserisch genug, daß du mit Absicht hierher gingst, um zu finden, was du gefunden – oder war vielleicht alles abgekartet, und hast mir am Ende gar deinen eigenen Arrestzettel gestohlen! Ist dies aber in der That der Fall, so gib ihn schleunigst wieder, denn es ist notwendig, dich so bald als möglich hinter Schloß und Riegel zu bringen, junger Don Juan!« »Laß es gut sein, Schmoller,« erwiderte Erich begütigend, »und wenn es dir recht ist, so gehen wir.« »Und wohin, wenn ich fragen darf? Du hast mich da in eine schöne Brühe hineingebracht!« »Vorderhand in den stillen Winkel irgend eines heimlichen Wirtshauses. Da will ich dir auch erzählen, was ich dir über die Geschichte von vorhin sagen kann.« »Wahrscheinlich Dichtung und Wahrheit – o, du bist in der That ein abgeschlagener junger Mensch! Doch was will ich Aermster machen – komm nur, damit es kein größeres Aufsehen gibt und wir nicht neben der Kavallerie auch noch Artillerie auf den Hals kriegen. Ich habe dich hier eben schön herauslügen müssen und dich für einen sicheren Flattich ausgegeben, was übrigens diesem verliebten Zuckerwasser nicht schaden kann. Aber komm jetzt.« Ein heimliches Wirtshaus war in kurzer Zeit in der Nähe gefunden und dort auch ein heimlicher Winkel, wie ihn sich die beiden nur wünschen konnten, in einer Ecke am Fenster, an einem Tischchen zu zweien, wo sie obendrein noch durch eine dicht belaubte Epheuwand von den übrigen Gästen abgesondert saßen. Schmoller speiste mit großem Appetit seinen Sauerbraten und seine Kartoffeln, während Erich so wenig Hunger hatte, daß er sich nur eine halbe Portion geben ließ und auch diese kaum berührte. Mit dem Getränke war es ebenso, und Schmoller meinte achselzuckend, wenn es das schlechte Gewissen Erichs sei, was ihm seinen sonst so guten Appetit geraubt, so habe er nichts dagegen einzuwenden. »Denn ich versichere dir, Junge,« sprach er nach dem dritten Seidel Bier, »ich fürchte in der That, wir haben uns da eine wunderbare Suppe eingebrockt! Sage mir nur um Himmels willen, was ich heute nacht mit dir anfangen soll?« »Nun, das ist doch sehr einfach,« versetzte Erich, allerdings nach einer Pause, welche länger war, als zu einer einfachen Sache nötig schien; »ich gehe mit auf dein Zimmer, du gibst mir ein Drittel von deinem Bette, die Hälfte will ich nicht einmal in Anspruch nehmen, und morgen früh suchst du den verfluchten Zettel und bringst mich in Arrest, wobei ich nun allerdings eine Nacht profitiert habe, denn du wirst es veranlassen können, daß ich dem Zettel nach zu meiner richtigen Zeit wieder abgeholt werde.« »Du weißt, ich bin aufopfernd bis zum Exceß für meine Freunde,« erwiderte Schmoller kopfschüttelnd, »doch kann ich dich wahrhaftig nicht mit auf unsere Stube nehmen! Du weißt wohl, bei mir wohnt der Block, der Schmitz und der Flattich, und wenn die beiden Erstgenannten auch fest zu schlafen pflegen, so ist dagegen der verliebte Flattich ein Nachtwandler und ein Mondkalb und kann auch sein Maul nicht halten. Dann habe ich aber auch noch einen anderen Grund, der es mir unmöglich macht, deinen Wunsch zu erfüllen, nämlich den, daß ich selbst vorderhand nicht nach Hause gehe. Du wirst einsehen, junger Mensch, daß man gesellschaftliche Verpflichtungen hat, die allerdings aufgeschoben, aber nicht aufgehoben werden können. Verstehst du mich?« »Ich glaube dich so genau zu verstehen,« erwiderte Erich mit großer Entschiedenheit, »daß also weiter keine Rede davon ist. Abgemacht – und ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich gehe auf die Kasernenwache, der Bombardier Hellwig ist dort, ein guter Kerl und braver Kamerad, mit dem ich ohne Gefahr eine Nacht verplaudern kann.« »Das ist eine gesunde Idee, und wenn es dir recht ist,« sagte der Bombardier Schmoller, »so brechen wir jetzt auf; es ist gleich zehn Uhr, und man darf weder die Arbeit noch das Vergnügen übertreiben.« An der Straßenecke trennten sie sich, und nachdem jeder vielleicht hundert Schritte gemacht, blieben beide noch einen Augenblick stehen, um zu horchen, ob sich die Schritte des anderen in der Ferne verlören oder ob vielleicht dieser andere geneigt sei, jenen anderen zu belauschen; da aber alles ruhig blieb, so ging jeder mit großer Sicherheit seines Weges. Zu wissen, wohin Herr Schmoller seine Schritte wandte, wird leider für die Nachwelt verloren gehen, da es nicht zum Laufe unserer wahrhaften Geschichte gehört; doch sind wir überzeugt, daß er seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkam und seine Zeit aufs beste verwandte. Erich aber schien durch ein paar Straßen in der That den Weg zu verfolgen, der ihn zur Kaserne führte, wo er auf der Wachtstube die Nacht zubringen wollte, und obgleich er auf diesem Wege nicht nur einigemal nachdenkend stehen blieb, sondern auch hier und da ein paar Schritte that, um durch eine Seitenstraße eine ganz entgegengesetzte Richtung zu verfolgen, so setzte er doch jedesmal wieder, wenn auch mit zögerndem Gange, seinen Weg weiter fort; ja, er kämpfte offenbar einen schweren Kampf mit sich selber, ob er sich nach der Wachtstube begeben solle, um dort in dem räucherigen Lokale auf der harten Pritsche die ganze Nacht zuzubringen, oder ob er, wie versprochen, der Einladung der Esmeralda folgen sollte, die ihn freundlich und liebevoll gebeten, heute abend doch einige Stunden mit ihr zu verplaudern. Allerdings fühlte er sich mächtig angezogen, dieser Einladung Folge zu leisten, um so mehr, als sie ihm zugesagt hatte, einiges aus ihrem Leben mitzuteilen, sowie zu erzählen, wie es ihr ergangen seit jener Nacht im Parke des Schlosses Waldburg. Anderenteils blieb er jedesmal wieder unentschlossen stehen, so oft er sich von seinem Wege abgewandt, und zögerte, jenem Rufe Folge zu leisten, der doch stets so hübsch und einladend in ihm erklang. Doch hatte die Ticzka in der That gar nichts gethan, um Befürchtungen in ihm rege zu machen, über die er sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte und die ihm nur in unbestimmter Gestalt vorschwebten, wenn er das schöne Mädchen vor sich sah, wie sie in der kleinen Garderobe des Cirkus, nachdem er mit ihr eingetreten, seine beiden Hände genommen hatte, sie sanft gedrückt, ihn mit ihren leuchtenden Blicken betrachtet und ihm froh gesagt, sie freue sich unendlich, mit ihm ein paar Stunden verplaudern zu können. Dabei war ihm dann unwillkürlich jene Scene eingefallen, wo er mit der hochblonden Selma im Pfarrhause auf dem Sofa gesessen und wo – wer weiß, wenn nicht gerade der Herr Vikar eingetreten wäre – das erregte junge Mädchen noch mehr seltsames Zeug an ihn hingesprochen hätte. Wenn die Esmeralda vielleicht auch ... Doch hatte er im nächsten Augenblicke gute Lust, sich für diese höchst dummen Gedanken selbst einen tüchtigen Puff zu versetzen. Die Esmeralda, diese gefeierte Künstlerin, für welche Barone und Grafen schwärmten und die sich aus der Höhe ihrer Kunst herab aus keinem was zu machen schien! Ja, wie stellte er es sich jetzt so behaglich vor, ihr gegenüber zu sitzen und sich von ihr erzählen zu lassen! Welcher Kontrast, wenn er an das Kloster des heiligen Augustin dachte, wo er sich von Rechts wegen jetzt von einem hölzernen Käfig eingeschlossen befinden sollte! – »Und gerade deshalb,« rief er trotzig, nachdem er nicht nur in Sicht der Dominikanerkaserne gekommen war, sondern auch die trüb erhellten Fenster des Nachtlokals durch die Nacht schimmern sah, »gerade deshalb! Bin ich doch für heute nacht mehr oder minder vogelfrei erklärt!« Damit machte er eine so entschiedene Wendung nach rechts und eilte so rasch von dannen, daß noch nicht alle Uhren der Stadt die zehnte Stunde ausgeschlagen hatten, als er schon wieder in der Nähe des großen Platzes vorüberkam, wo sich der Cirkus befand, in welchem aber jetzt, nach geschlossener Vorstellung, die Lichter zu erlöschen anfingen und von wo noch eine Menge Zuschauer ihm entgegenströmte. Doch beeilte er sich, hier vorüberzukommen, denn er hörte Säbel klirren und sah weiße Federbüsche durch die Nacht leuchten. War doch zehn Uhr vorüber, und wenn er zufällig hier von einem bekannten Offizier angehalten worden wäre, so hätte ja seine ganze Missethat augenblicklich entdeckt werden müssen. Er, der sich im Arrest befinden sollte, hier auf der Straße umherflankierend, lange nach dem Zapfenstreich, und obendrein ohne Erlaubniskarte – eine ganze Kette von Verbrechen! Rasch schlüpfte er deshalb an einem Wagen vorüber, blieb aber hinter demselben einen Augenblick stehen, um die vier im Schritte dahinschleichenden Pferde zu betrachten, welche müde die Köpfe hängen ließen und von denen der Dunst infolge ihres raschen Laufes sichtbar emporstieg und wie ein dünner Schleier an der benachbarten Gaslaterne vorüberzog. Dann eilte er rasch weiter. In der zurückgeschlagenen Kalesche saß ein einzelner Mann, der mit einem der von Erich bemerkten Offiziere sprach, welch letzterer die Hand auf den Drücker der einen Wagenthür gelegt hatte. »Hol' der Henker ein solches Pech,« sagte der im Wagen, »wenn man mit im voraus bestellten Postpferden reist und dann dennoch warten muß, weil eine Extrapost vor uns so gütig war, uns unsere Pferde wegzunehmen! Also war es eine brillante Vorstellung?« »Die Ticzka war brillant; alles übrige schon oft dagewesen.« »Und wie es mich gefreut hätte, aus dem tollen Dahinjagen in der finsteren, kalten Nacht so auf einmal in den hell erleuchteten Raum zu treten und sie zu sehen; es gibt wahrhaftig kein vollkommenes Glück auf Erden!« »Nun, man muß dem Zufalle für jede noch so kleine Gunst dankbar sein,« sagte der andere, »und du bist der Mann des glücklichen Zufalls.« Durch diese letzten Worte klang etwas wie leichte Ironie. »Gut denn, überlassen wir uns dem Glücke und dem Zufalle, aber vorderhand soupieren wir miteinander. Ich habe meine Zimmer und ein gutes Nachtessen, schon im voraus auf euch rechnend, im Hotel du Nord bestellt. Wollt ihr mitfahren?« »Danke, danke,« riefen ein paar Stimmen von rückwärts; »eile nur voraus, wir kommen schon nach, bis du fertig bist!« Auf ein Zeichen des Herrn im Wagen hob der Postillon seine Peitsche, und die vierspännige Kalesche rollte davon. Erich konnte nicht fehlen; sie hatte ihm das kleine Haus, in welchem sie allein mit ihren Leuten wohnte, zu genau beschrieben, und als er jetzt gegen dasselbe trat, sah er sogleich, daß er am rechten Ort war, denn unter der trüb erleuchteten Thür stand der alte Marechal, welcher dem jungen Manne, sobald er ihn bei der nächsten Gaslaterne erkannte, entgegenging und ihn ins Haus führte. Hier unten blickte er in eine offen stehende Küche hinein, auf deren Herd ein helles Feuer loderte, und es war ihm gerade, als habe er beim Scheine desselben eines jener Gesichter wiedergesehen, die er damals an dem Feuer auf der Wiese bei Zwingenberg erblickt. Sein Begleiter führte ihn die Treppe hinauf über einen Vorplatz, wo sich auf Tischen und Stühlen eine Menge Sattelzeug, Geschirre und dergleichen befanden und wo er leise, aber scharf den Ruf eines durch die Dämmerung flatternden Raubvogels erschallen ließ, welcher gleich darauf in einem anstoßenden Gemache durch einen hellklingenden Wachtelschlag erwidert wurde; dann öffnete Marechal eine Thür und ließ den jungen Mann eintreten. Er befand sich in einem behaglich erwärmten, angenehm erleuchteten Zimmer, dessen Meublement allerdings von einem zweifelhaften Komfort war, denn es paßte hier von den verschiedenen Tischen, sofaähnlichen Sitzen, Fauteuils und dergleichen nichts zusammen, als vielleicht eine große Anzahl seiner persischer Decken und Teppiche, womit die meisten der eben genannten Mobilien, besonders aber die Dielen des Fußbodens wahrhaft verschwenderisch bedeckt waren. Die Esmeralda, er konnte sich dieses Namens, den man damals bei den Manövern dem jungen Mädchen und gewiß fälschlich beigelegt hatte, trotz alledem nicht entschlagen, denn mit diesem Namen stand sie in seiner Erinnerung, und sein erster Ausruf, in Gedanken nämlich, war »Die Esmeralda« gewesen – sie reichte ihm beide Hände entgegen, sie hatte eine unbeschreibliche Freude, daß er Wort gehalten und zu ihr gekommen sei, sie führte ihn zu einem der Sofas und ließ ihn dort niedersitzen, worauf sie bedauernd seine Uniform befühlte, sowie sein krauses blondes Haar, welches vom Regen und vom Staubnebel naß geworden war und welches sie sich nicht nehmen ließ, mit einem feinen weißen Tuche zu trocknen und dann mit einem Kamme, den sie aus ihren Haaren zog, zu glätten und zierlich zu ordnen. Dabei war sie lose und durchsichtig angezogen, kam ihm auch bei ihren freundlichen Bemühungen recht nahe, schien sich durchaus nichts daraus zu machen, wenn ihr leicht bekleideter Busen an seine Brust oder an seine Schulter stieß, und schaute ihn dabei so natürlich, mit einem so gutmütig heiteren, kindlich offenen Blicke an, daß ein befremdendes Gefühl, welches ihn anfänglich zu überschleichen gedroht, von selbst und rasch wich und einem Wohlbehagen Platz machte, wie man es nur dann empfindet, wenn man sich bei langjährigen und ganz vertraulichen Freunden weiß. Und das war ihm die Esmeralda geworden und er ihr durch eine gewiß seltsame Verkettung der Umstände, obgleich sie bis jetzt noch nicht manches Dutzend Worte miteinander gewechselt. »In jener Nacht,« sagte das junge Mädchen, als es nun seine Toilette so gut wie möglich beendet und ihn ein wenig aus der Entfernung betrachtete, »stand ich im tiefen Schatten des Schlosses auf der Lauer, um zu sehen, ob jener es wagen würde, die Hand gegen Sie zu erheben. So stand ich da,« sagte sie mit blitzenden Augen und die weißen zusammengebissenen Zähne zeigend, während ihre rechte Hand an den Gürtel fuhr, als faßte sie dort den Griff eines Dolches, »und wenn ich nicht gleich darauf gesehen hätte, wie Sie durch den Mondschein dem Walde zugingen, sichtbar unverletzt, hätte es ein großes Unglück geben können.« »Und woher nahmen Sie die Teilnahme an mir, einem jungen, unbedeutenden Menschen, und nehmen Sie heute noch, wo Ihnen doch, wie ich weiß, so viele enthusiastisch zu Füßen liegen möchten?« »Thäten sie das nur in Wirklichkeit, damit ich sie so mit dem Fuße von mir stoßen könnte! Woher ich die Teilnahme für Sie nehme? Ich weiß es eigentlich nicht; sie war da, gleich an jenem Abende, wo Sie sich unser annahmen, und auch die kleine Blanda, die eigentlich gar nichts gern hatte, dachte und sprach oft von Ihnen.« »Ach ja, das kleine blasse Mädchen, nach ihm wollte ich schon vorhin fragen. Wo ist es geblieben? Ueberhaupt, wo sind alle die Leute hingekommen, mit denen Sie damals waren?« »Sie ziehen in der Welt umher, rast- und ruhelos, wie sie es ihr ganzes Leben gethan und auch wohl thun werden, bis sie ihre Augen schließen unter irgend einem flimmernden Sterne; nur Blanda ist nicht mehr bei ihnen, und als sie uns der Krankheit ihrer Mutter wegen verließ...« »Sie blieb, wie ich hörte, damals auf dem Schlosse des Grafen Seefeld zurück.« »Ja – weil die Mutter zu krank, zu schwach war, um uns folgen zu können – so sagte sie wenigstens – wogegen ich überzeugt bin, daß sie mit Freuden die Gelegenheit ergriff, um sich von uns zu trennen. Auch die kleine Blanda,« fuhr die Esmeralda nach einer Pause des Nachsinnens fort, »paßte so gar nicht zu uns, wenigstens nicht zu den meisten, schloß sie sich doch an niemand an als an mich.« »Was ich begreiflich finde,« sagte Erich lächelnd, »denn sie wußte es ja wohl, daß Sie sie lieb hatten.« »Findest du das wirklich begreiflich, meine kleine Puppe?« rief die Esmeralda mit einem herzlichen Lachen. »Nun, so wirst du dich auch zu mir hingezogen fühlen, denn du weißt ja, daß ich dich auch gut leiden mag – verstehe mich recht – gut leiden mag – vielleicht gerade so wie die Blanda, wenn auch ein klein bißchen anders – und nun frage weiter, denn du wolltest etwas fragen, ich sah das in deinem Schelmenauge – da, mache dir's bequem und lehne dich nur in die Kissen zurück So ist's recht, meine Puppe! Soll ich den Teppich über dich decken, wie ich es bei Blanda that, wenn es sie fror?« »Mich friert aber durchaus gar nicht; es ist hier so behaglich warm, und wie angenehm das Feuer dort im Kamine lodert!« »Ja, ich habe das gern,« erwiderte sie, ihre leuchtenden Blicke in die Glut versenkend; »es erinnert mich an so manches, weshalb ich auch die Fensterläden dort nicht schließe. Könnte man nicht glauben,« fuhr sie, die Augen erhebend, fort, »wenn man da droben, wie jetzt eben, Sterne flimmern sieht und drunten das lodernde Feuer, man befände sich auf weiter Heide – wo es auch zuweilen sehr, sehr schön war? Was wollten Sie vorhin fragen? Ah, nach der Blanda, für welche Sie sich denn noch mehr interessieren wie für mich. Ich las das damals in Ihren Blicken und auch noch manches andere. Was sagte ich doch vorhin? Ja richtig, sie gehörte nicht zu uns, und das sah jeder auf den ersten Anblick. Man brauchte nur ihr prächtiges blondes Haar zu betrachten, von einem Glanze, wie Silber und Gold gemischt. Das war es auch hauptsächlich, sowie ihr vornehm verschlossenes Wesen, was den Szandor bewog, sie bei uns aufzunehmen. Wir trafen sie in einem kleinen Städtchen, gerade als ihr Vater, wenigstens schien er der Mann jener kranken Frau zu sein, in einer Scheune gestorben war. Er reiste und machte seine Kunststücke mit sechs vorzüglichen weißen Pudeln; doch wußte nach seinem Tode niemand mehr etwas mit diesen Tieren anzufangen; sie schienen alle Dressur verlernt zu haben, weshalb sie Szandor mit Einwilligung der Frau verkaufte, und dann zogen die beiden mit uns. Die Kleine machte gute Einnahmen und war gern gesehen; ich glaube aber, mehr ihrer eigentümlichen Erscheinung als ihrer Kunststücke wegen. – Nicht wahr,« wandte sie sich rasch mit der Frage an Erich, »man vergißt sie nicht leicht, wenn man sie einmal gesehen, die Kleine? Ja, man erinnert sich ihrer gern, und es war ein seltsames, stolzes, verschlossenes und doch wieder so anhängliches Herz in dem kleinen Mädchen – anhänglich an mich, ja, an alle, auch an Szandor, der den klugen Einfall hatte, später einmal aus ihr eine Herzogin des Stammes zu machen – später, ja später,« fuhr sie fort, nachdem sie ein paar Sekunden lang mit düsteren Blicken vor sich niedergeschaut, »später – später, nachdem ich beseitigt war.« »Und wer konnte wohl daran denken, Sie, die Esmeralda, zu beseitigen,« sagte Erich, indem er seine Hand auf die ihrige legte, um sie aus dem finsteren Dahinstarren aufzuwecken. Doch zog sie ihre Hand heftig zurück, während sie ausrief: »Nennen Sie diesen Namen nicht, er ist mir verhaßt wie der, welcher ihn zum erstenmal gegen mich gebrauchte, jener häßliche Mensch mit dem bösen Blicke, der sich unterstand, mich damals mit seinem kalten Golde zu beschmutzen, damals, als ich wehrlos, schutzlos vor ihm stand – ich hasse diesen Menschen, der es nicht unterläßt, mich zu verfolgen; ja, ich hasse ihn,« wiederholte sie mit einem dämonischen Aufblitzen ihrer Augen, »und zuweilen, wenn ich im Cirkus im Begriffe bin, meinen Lasso zu schleudern, und ihn dastehen sehe mit vorgestrecktem Halse und den heißen, widerlichen Augen, da hat schon öfter in meinen Fingern die Begierde gezuckt, den Strick um seinen Hals zu schleudern und ihn zuzuziehen, fest, fest, recht fest– so!« Sie machte eine zuckende Bewegung mit den Händen, und dann schnellte sie vom Sofa empor, machte ein paar rasche Schritte durch das Zimmer, worauf sie an den Kamin hintrat, dort die lodernden Holzstücke mit dem Schüreisen zusammenstieß, um alsdann wieder auf ihren vorigen Sitz zurückzukehren. »Meine Puppe,« sagte sie alsdann schmeichelnd, »kehre dich nicht daran, wenn ich zuweilen einmal heftig aufspringe, das liegt im Blute; ich bin kein Wolf, ich beiße auch nicht, wenn ich auch scharfe Zähne habe. Apropos! wenn du mich morgen besuchst – ah, du kannst mich doch morgen und jeden Tag, solange wir hier sind, besuchen?« fragte sie mit einem Ernste, als ob es sich um etwas ganz absonderlich Wichtiges handle. Erich lächelte eigentümlich, was ganz seiner Lage angemessen, wie jemand mit der Aussicht auf drei Tage bei dem heiligen Augustin lächeln muß; auch nickte er mit dem Kopfe und warf eine Frage ein, um dadurch die Wiederholung der ihrigen abzuschneiden. »Sie sagten vorhin, man hätte die kleine Blanda zur Herzogin des Stammes machen wollen, nachdem Sie beseitigt gewesen; wie war das zu verstehen?« »Das ist sehr einfach. Man wollte mich verheiraten, und das wollte ich nun gerade nicht. Dann verließ uns die Blanda, wie schon gesagt, und das alles gab eine solche Leere und ein solches Gefühl der Mißstimmung in meinem Herzen, daß ich mich auf ein paar Jahre von Szandor beurlaubte.« »Und man ließ Sie ziehen? Das wundert mich.« »Man kann eine Herzogin des Stammes nicht halten,« sagte das schöne Mädchen mit Hoheit und Würde; »ich hatte das Recht, von ihnen mitzunehmen, was mir gefiel, und ich nahm nichts als den alten Marechal, den Sie drunten gesehen, und mein eigenes Pferd, das ich aufgezogen und gelehrt. Es war auch etwas Hochmut und Stolz dabei,« fuhr sie lächelnd fort; »denn ich sah jene Mädchen und Weiber des Reitercirkus in ihren unechten und flitterhaften Kleidern, ich, hörte, wie sie mit Beifall überschüttet wurden und wie sich manche von ihnen Künstlerinnen nennen liehen, die mit Aufbietung aller ihrer Kraft und Gewandtheit nicht den hundertsten Teil von dem zu leisten imstande sind, was ich spielend betrieb. War es mir doch von Kindheit auf ein Leichtes, auf einem ungesattelten Pferde stehend über die Fläche dahinzujagen, und Spielerei, das auf einer wohlgeebneten runden Bahn zu thun. Sie sagten freilich, ich könne nur das einzige, allerdings Schwierige, das Werfen des Lassos; nachdem ich ihnen aber gezeigt, daß ich alle ihre Kunststücke nachmachen könne, wenn ich nur wolle, die gewandtesten Männer unter ihnen aber nicht imstande waren, auf dem Pferde stehend auch nur einen Hund mit dem Lasso zu fangen, da hatte ich gewonnenes Spiel und bin überall, wo ich mich sehen lasse, die Erste, die Gefeierte. Schön bin ich auch, das weiß ich, und hier so gestählt und fest verschlossen,« lachte sie, indem sie ihre Hand auf das Herz drückte, »daß ich mit der gleichen Sicherheit und ohne alle Gefahr meinen Lasso ebensogut, wie nach Pferdeköpfen, nach Männerherzen werfen könnte, wenn ich wollte – aber ich will nicht. So, meine kleine Puppe, jetzt weißt du alles, und jetzt höre auch noch, daß es mir ein unbeschreibliches Vergnügen macht, mit dir so zu plaudern, wie ich's früher mit meiner lieben Blanda gethan, die mich aber häufig dabei mit ihren großen schönen Augen recht unverständlich anblickte. Du scheinst mich aber schon ein bißchen besser zu verstehen – halt –darauf will ich keine Antwort, will vielmehr von dir wissen, wie du eigentlich in dieses Kleid der Knechtschaft hineinkamst; sage mir das langsam und ausführlich.« Darauf erzählte nun Erich von seiner Kindheit, von seinem Vater, der ebenfalls Soldat gewesen, dann von seinem Aufenthalte in Zwingenberg; auch verschwieg er ihr in einem kleinen Anfluge von Eitelkeit die Geschichte mit Selma nicht, worüber sie kopfnickend sagte: »Es sind das arme Geschöpfe, diese Mädchen mit heißen Herzen und ohne die glückliche Gabe der Zurückhaltung. Nimm dich vor dieser Selma in acht, wenn du ihr wieder begegnen solltest.« Als er nun weiter erzählte von jenem Manövertage und seiner ersten Begegnung mit dem jungen Grafen Seefeld, wie dieser ihn einen Spion geheißen und mit Schlägen bedroht, da glänzte ihr Auge und sie sagte, tief aufatmend: »So hat er auch Sie beschimpft, wie er mir gethan, und damals schon stand es in den Sternen geschrieben, daß wir, die beiden Wehrlosen, uns zusammenfinden würden zu gegenseitigem Schutze. Darauf gib mir die Hand, meine kleine Puppe!« Alsdann berichtete Erich weiter, wie er mit großer Begeisterung in die Brigadeschule getreten, daß aber diese Begeisterung nicht mehr ganz die gleiche sei wie vor fast zwei Jahren, als er eintrat, daß er jedoch alles hoffe vom wirklichen aktiven Dienste, wenn er nach beendigter Zeit hier, vielleicht später im Kriege, mit seinem Geschütze gegen den Feind wirken könne. Begreiflicherweise kam er dann auch auf die Erlebnisse der letzten Tage zu sprechen, auf seinen dreitägigen Arrest, sowie auf den glücklichen Zufall, der ihn sowohl von seiner Stube als auch von dem Kloster des heiligen Augustin ausgeschlossen und ihn am Eingange so freundlich in die Hände des alten Marechal geführt. Darüber lachte nun das schöne Mädchen laut und fröhlich und konnte nicht aufhören, sich den Unterschied auszumalen, der zwischen ihrem doch ganz behaglichen Gemache mit dem wärmenden Kaminfeuer und jenem finsteren, kalten Raume bestand, wie Erich ihn ihr beschrieben; auch malte sie sich das Erstaunen des Obersten ganz natürlich aus, wenn er erführe, daß ein Zögling der Brigadeschule, statt beim heiligen Augustin zu beten, bei der Ticzka zu Nacht speise – »denn das wollen wir sogleich thun,« setzte sie hinzu – »Bassa – würde er sagen und sich so seinen Schnurrbart streichen. Aber was geschieht nun weiter heute nacht mit Ihnen?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Ich thue, was ich schon früher thun wollte, und bleibe bei meinen Kameraden auf der Kasernenwachtstube bis morgen früh, wo mich mein Freund, der Bombardier Schmoller, abholt und ohne weiteres in Arrest führt; vielleicht daß sich der Aufseher doch bewegen läßt, diese Nacht mit einzurechnen.« »Pah!« erwiderte sie, den Kopf aufwerfend, »und warum auf der garstigen Wachtstube die Nacht zubringen? Sie bleiben hier bei mir, oder vielmehr bei Marechal, wenn Sie wollen; ich habe Platz genug da, zwei bis drei leere Zimmer, und möchte nicht gern,« setzte sie schmeichelnd hinzu, »meine arme kleine Puppe auf einer trübseligen Wachtstube wissen.« »Ich danke bestens für Ihre Güte, aber morgen nacht bin ich sicher in einem noch unangenehmeren Aufenthalte.« »Ich werde den Gefangenenwärter bestechen oder mich mit einer Bitte an Ihren Obersten wenden.« »Beides gleich unausführbar – nein, nein, lassen Sie mich mit dem für mich recht angenehmen Gedanken, Sie wiedergesehen zu haben, auf meine Wachtstube gehen!« »Heute nacht unter keiner Bedingung! Wozu auch, da Sie hier so gut aufgehoben sind? Was morgen nacht geschieht, das kann ich vielleicht nicht ändern; aber jetzt lasse ich Sie nicht, es wäre mir schmerzlich, wenn Sie gingen!« 21. Kapitel Obgleich in diesem Kapitel unter eigentümlichen Verhältnissen soupiert wird, ist doch die Ankunft eines dritten schuld daran, daß das Souper ein Ende mit Schrecken nimmt. Der alte Marechal hatte schon einmal den Kopf zur Thür hereingesteckt, und als er jetzt wieder erschien, rief ihm die Ticzka zu: »Es ist recht, wir wollen jetzt zu Nacht essen!« Dann sprang sie auf, nahm den Arm des jungen Mannes und führte ihn in ein kleines Nebenzimmer, wo ein gedeckter Tisch bereit stand, an dem sie sich beide niederließen. Auch hier war, was Meublement und Tischgeräte anbelangt, alles wohl vollzählig, aber auch von einer großen, nicht recht zusammenstimmenden Mannigfaltigkeit. In der Ecke befanden sich auf einem breiten Diwan ein paar elegante Damensättel und reich verzierte Pferdedecken. Auch das Souper, zu dem sich Erich am Ende nicht ungern nötigen ließ, war eigentümlich zusammengesetzt; aus einem jener ungarischen pikanten Gerichte, wie sie sich die Hirten auf der Pußta zuzubereiten pflegen, von dem aber die Ticzka nur sehr unbedeutend nahm, dann aus einer kalten Pastete, aus einer wahren Profusion der feinsten Zuckerwaren, sowie aus überaus schönen Früchten. Dazu stand zwischen beiden eine Flasche Wein mit einem silbernen Halse, welche der alte Marechal geräuschlos entkorkt hatte, mit einem köstlich schäumenden Weine, den Kolma ihrem Gaste aus einem silbernen Becher zutrank. Wir müssen hier sagen: es war das erste Mal, daß Erich Champagner versuchte, sowie auch, daß ihm dieses verräterische Getränk besser behagte als das schale Bier, welches er vor einer Stunde in Gesellschaft seines Freundes Schmoller getrunken. Ja, seines Freundes Schmoller, und wenn er sich hier so sitzen sah, in Gesellschaft dieses schönen und liebenswürdigen Mädchens, und er an das Gesicht dachte, welches der Bombardier machen würde, wenn auch dieser ihn sehen könnte, so überflog ein vergnügliches Lächeln seine Züge. Es war ein eigentümlicher Zufall, daß Herr Schmoller, ebenfalls in recht behaglicher Umgebung, im gleichen Augenblicke fast dasselbe dachte und sich im Tone des Mitleids des armen Erichs, jenes guten Kerls erinnerte, der auf der harten Pritsche der Wachtstube seufzte, während er – – Doch wir wollen uns die Ausmalung dieses Bildes für später, wo sie zur Vervollständigung unserer wahren Geschicke dient, aufheben und für jetzt der Ticzka folgen, die nun mit ihrem Gaste in das größere Zimmer, wo sie ihn empfangen, zurückging, nachdem sie Marechal vorher einige Worte auf ungarisch gesagt. Hier loderte immer noch das behagliche Kaminfeuer, und durch das Fenster in der Nähe desselben glänzten jetzt noch mehr und hellere Sterne herein, da die Wolken am Himmel verschwunden waren und es kälter geworden. Sie blickte, neben Erich am Fenster stehend, in die sternenhelle Nacht hinaus und zeigte nach dem Bilde des Orion, das in prächtiger Klarheit soeben über einer seitwärts vom Hause gelegenen Baumgruppe emporgestiegen war. »Wie das schön ist,« sagte sie, »und zugleich unser Leitstern und Kompaß, denn er führt uns nach dem warmen Süden, dem wir ja entstammen und den wir beide verlassen mußten, um uns hier, im kalten Norden, einsam, fast verlassen zu fühlen. Ja, verlassen, freund- und freudlos unter diesen kalten, vernünftigen, berechnenden und doch wieder so dumm leidenschaftlichen Menschen. Sie legte leicht ihren Arm auf seine Schulter, als sie fortfuhr: »Und deshalb war ich auch so hoch erfreut, dich hier wiederzufinden, der mich einmal aus gutem Herzen beschützt, dem ich vergalt, so gut ich konnte, und dessen Leben, wie ich in deinen Augen und in den Sternen gelesen, so viel Aehnlichkeit mit dem meinigen hat und haben wird.« »Und wann hätten Sie für mich in den Sternen gelesen?« »Nenne doch meinen Namen, wenn du mit mir sprichst – Kolma, Kolma! Wann ich für dich in den Sternen gelesen hätte? Schon am Morgen nach jener Nacht, als du uns zu den Zelten zurückführtest, ja, schon während der Nacht, wo der Orion wie heute am Himmel erschien, ein Sternbild, in dem sich dein Leben verkörpert und das auch du nicht ohne Interesse betrachten wirst.« »Gewiß nicht, Kolma; zeigte es mir doch schon damals den Weg, nachdem ich durch Ihre Hilfe aus dem Gefängnis befreit worden war.« »Es gibt kein besseres und schöneres Sternbild als den Orion,« fuhr sie, aufblickend, fort; »ein gewaltiger Krieger, gewappnet vom Helm bis zur Fußspitze, mit strahlendem Zaubergürtel, und dabei hat er Doppelsterne, glückliche Sterne, aber auch nebelhafte Flecken – hüte dich vor den nebelhaften Flecken! – Und nun will ich dich in dein Bett bringen, meine kleine Puppe, dir auch noch ein Wiegenlied singen und dann gute Nacht sagen!« »Was mein Bett anbelangt,« entgegnete Erich lächelnd, »so wird es wohl die harte Pritsche der Wachtstube sein, und deshalb wollen wir hier voneinander Abschied nehmen.« Ihr Auge umdüsterte sich, und sie warf fast ärgerlich den Kopf empor, als sie erwiderte: »Was, Abschied nehmen, in dieser Stunde! Du bleibst diese Nacht hier in meinem Hause, das habe ich fest beschlossen, und ich lasse dich heute nacht nicht mehr auf die kalte Straße und noch viel weniger auf das harte Lager der Wachtstube – ich will nicht! Sei doch nicht kindisch,« fuhr sie schmeichelnd fort; »ich habe so lange die Blanda nicht mehr in meiner Nähe gehabt und sollte dich, dessen Sternbild das ihrige zu kreuzen bestimmt ist, so rasch wieder von mir lassen? Nimmermehr! Und dann fürchte ich mich auch, heute nacht allein zu sein.« »Mit Marechal und Ihren Leuten?« Er ist im Nebenhause bei den Pferden, und die anderen ziehen sich ihre Decken über den Kopf und schlafen wie die Murmeltiere, sobald das Licht ausgelöscht ist.« – Sie strich mit der Hand ihr schwarzes Haar aus der Stirn, dann lachte sie schallend, aber nicht fröhlich hinaus und rief mit lauter Stimme: »Welch ein dummer, dummer Mensch du bist, Erich! Weißt du wohl, daß der Gedanke, hier in meinem Hause sein zu dürfen, manchen schwindlig machen würde vor Glück und Freude? – Aber daß es dich nicht schwindlig macht,« fuhr sie plötzlich in einem wehmütig weichen Tone fort, während sie einen Arm um seinen Hals schlang und ihren Kopf auf seine Schulter legte, »das ist es ja gerade, was mich wieder glücklich und zufrieden machen könnte, wenn der Gürtel des Orion nicht gar so hell herüber funkelte, und was mich doch wieder glücklich macht. Deshalb komm und laß dich zu Bette bringen, wie ich früher die kleine Blanda zu Bette gebracht habe – dort, dort,« sagte sie, die Thür des Nebenzimmers aufstoßend, wo sie zu Nacht gegessen, »ist dein Lager; allerdings kein Bett nach euren Begriffen, aber es wird sich gut darauf liegen, und dann kannst du morgen früh mein Haus doch auf anständige Weise am hellen Tage verlassen. Mache es dir so bequem, als du willst, ich komme noch, dir gute Nacht zu sagen.« Sie ließ ihn allein, nachdem sie eines der Lichter auf den Boden des Zimmers gestellt hatte. Von dem Diwan hier hatte man das Sattelzeug abgeräumt und mit den weichen Decken ein Lager hergestellt, wie sich der junge Soldat kein besseres wünschen mochte. Ein paar Augenblicke blieb er noch überlegend stehen, und alles das, was er heute abend erlebt, erschien ihm so eigentümlich, so seltsam, daß er sich nicht darüber gewundert hätte, wenn er plötzlich beim heiligen Augustin erwacht wäre und sich dort auf der Holzpritsche liegend gefunden. Doch es war kein Traum, es war Wirklichkeit; hier neben ihm auf dem Boden stand das brennende Licht, dort im Winkel lag das Sattelzeug der schönen Ticzka, deren Kunst, Mut und Gewandtheit er heute abend mit tausend anderen angestaunt, und dort war sein Lager, auf das er sich endlich kopfschüttelnd ausstreckte, allerdings vollständig angezogen, doch ohne Stiefeln und mit gelockerter Halsbinde; eine der weichen Decken warf er halb über sich und fand, daß er hier vortrefflich liege. Nach ein paar Minuten schaute Kolma in das Zimmer hinein und sagte kopfnickend: »So ist's recht; folgsam müssen die Kinder sein, und nun will ich dir gute Nacht sagen, und dann kannst du ruhig schlafen und träumen.« Sie setzte sich neben ihn auf den Diwan, fuhr mit der Hand durch sein lockiges blondes Haar und ließ alsdann dieselbe auf seiner ruhig atmenden Brust liegen, gerade so, als wolle sie seinen Herzschlag erforschen, und es mochte wohl sein, daß die Wärme dieser rasch pulsierenden Hand, sowie ihres lebhaften elastischen Körpers, dessen weiche Formen er so nahe bei sich fühlte, schuld daran war, daß sein Herz schneller schlug als gewöhnlich. »Wirst du schlafen können, meine Puppe?« fragte sie tief aufatmend mit leiser Stimme und herabgesenkten Augenlidern. »Ich glaube wohl, daß ich es kann,« gab er zur Antwort, »denn jetzt, wo ich liege, fühle ich wohl, daß ich müde bin.« »So behüte dich der Himmel und schlafe gut!« antwortete sie, sich erhebend, beugte sich alsdann noch einmal rasch auf ihn herab, küßte seine frischen, schwellenden Lippen und ging dann, ohne umzusehen, aus dem Zimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß, den Schlüssel abzog und gedankenvoll, an das Fenster trat, um an den Himmel emporzuschauen, der, in wunderbarer Klarheit und aufs prächtigste mit Sternen geschmückt, leuchtend auf die dunkle Erde herabsah. Der Orion war schon hoch emporgestiegen und fing an, sich auf die Seite zu neigen, als sei er nun ebenfalls müde geworden, den schlafenden Menschen unnötig zu leuchten, und sehne sich nach der Ruhe seines Niederganges. Da unten an dem kleinen Hause schien aber auch die größte Ruhe zu herrschen. Kolma hatte das Fenster geöffnet, und die frische Luft that ihr wohl, obgleich sie leicht bekleidet war und obgleich der Wind sichtbar mit ihren aufgelösten Haaren spielte. »Warum nur der Wind?« dachte sie, sich auf die feinen Lippen beißend. »Doch ist es besser so, und damit mich selbst nicht noch einmal ein wildes, thörichtes, ja fast sündhaftes Verlangen ergreift, will ich ...« Ohne diesen Satz auszusprechen, öffnete sie leicht ihre Finger und ließ den Schlüssel, den sie noch in der Hand hatte, auf die Straße niederfallen; darauf berührte er, leise klingend, einen Stein, und dann war alles wieder ruhig wie zuvor. »Marechal wird ihn morgen früh schon finden; es thut nichts, wenn er ihn findet, ja, es ist besser so!« Erich war in kurzer Zeit fest eingeschlafen, und man wird dies bei seinem kindlichen, fast kindischen Gemüt, trotzdem oder auch vielleicht weil er erst achtzehn Jahre alt war, begreiflich finden; doch träumte er schwer und lebhaft, und zwar gingen die Bilder des vergangenen, für ihn so interessanten Tages und Abends, allerdings in einer unbeschreiblichen Konfusion, an seinem Geiste vorüber. So betrat er die Halle des heiligen Augustin und wurde dort von der schönen Kunstreiterin, der Kolma Ticzka, empfangen, und zwar in Gesellschaft des Heiligen selbst, der gerade so, wie er aus Holz geschnitzt über dem Thore stand, herabgestiegen war und ihm die Versicherung gab, er möge ruhig nach Hause gehen, denn es sei hier kein Militärgefängnis mehr, und sie wüßten Besseres zu thun, als Brigadeschüler auf drei Tage einzuschließen. Dann war er im Cirkus gewesen und hatte dort eine unsägliche Angst ausgestanden; denn plötzlich kam das hölzerne Schulpferd aus der Reitbahn der Brigadeschule hereingaloppiert, und auf demselben stand der alte dicke Oberst mit seinem weißen Federbusche, so wacklig als möglich, und warf seinen Lasso nach ihm und nach dem Bombardier Schmoller, die in der Manege herumgepeitscht wurden, daß es eine Freude oder vielmehr ein Entsetzen war. Glücklicherweise aber entgingen ihre Hälse der Schlinge, und dafür wurde ein anderer eingefangen, für den es ihm aber selbst im Traume durchaus nicht leid that. Dies war nämlich der Husarenoffizier Graf Seefeld, der seinen langen Hals gar zu weit über die Brüstung herausgestreckt hatte und nun von dem Lasso gefangen wurde; aber merkwürdigerweise war es nicht mehr der Oberst, der auf dem hölzernen Schulpferde in dem Cirkus umhergaloppierte, sondern es war die Ticzka selbst auf ihrem ungarischen Vollblutrenner. Ah, er sah sie so deutlich, so klar und deutlich, so schön und deutlich, und darauf wickelten sich jetzt im Traume die wirklichen Begebenheiten des vergangenen Abends so rasch und folgerichtig ab, daß es zum Erstaunen war. Er plauderte mit ihr, er trank ihr gegenüber den schäumenden, erhitzenden Wein, er wurde von ihr zu Bette gebracht, sie küßte ihn und wollte fortgehen, doch hatte er den Mut – im Traume nämlich, in der Wirklichkeit hätte er ihn nicht gehabt –, sie bittend zurückzuhalten, ihre Hände zu ergreifen, sie um seinen eigenen Hals zu schlingen, und als sich ihre feinen Finger dort zuckend ineinander schlossen und sich ihr heißer Körper damit fest an den seinigen schmiegte, so drückte er sie innig, unauflöslich an sich und fühlte schaudernd, daß er verloren sei, denn zwischen ihren Lippen hervor drang eine verzehrende Glut, die sein Herz entzündete und rettungslos untergehen ließ in wild lodernden Flammen, die hoch über beiden emporschlugen. – Alles im Traume; doch sollte er nicht in ihren Armen rettungslos verloren sein, es gab noch eine Rettung, aber eine Rettung durch eine höchst unangenehme Ueberraschung, denn er vernahm eine Stimme, für ihn so bekannt, so widrig bekannt, daß er hastig seinen Kopf von ihrem heißen Gesichte zurückwarf, daß er rasch seine Arme löste, um sie wie ein Phantom entschwinden zu lassen – alles im Traume, auch die Stimme, die widrige Stimme! Dann mühte er sich ab, aufzuspringen, um dem Träger jener Stimme entgegenzutreten. Lange vergeblich, denn der Schlaf hielt ihn fest wie mit eisernen Klammern, während die Stimme fort und fort sprach – noch im Traume – jetzt aber auch im Wachen, als er, aufgerichtet lauschend, auf seinem Lager saß. Rings um ihn her war es finster, aber er vernahm die Stimme klar und deutlich, unverkennbar dieselbe Stimme, die ihn einen Spion genannt und die ihm mit Mißhandlung gedroht. Rasch sprang er empor, ordnete so schnell als möglich seinen Anzug und trat an die Thür des Nebenzimmers, von woher jene Stimme erscholl. Jetzt aber war es die Stimme der Ticzka, welche, wenngleich leise, doch mit scharfem, energischem Ausdrucke sagte: »Und ich habe Ihnen niemals Veranlassung gegeben, mich auf so wahrhaft räuberische Art zu überfallen, ja, mich in die furchtbarste Verlegenheit zu bringen – ist das eine ritterliche That gegen ein wehrloses Weib?« Die andere Stimme klang heiser und sprach die Worte, welche sie sagte, bebend, wenn auch nicht unentschieden, wie in großer Bewegung, aber doch furcht- und rücksichtslos. – »Ei,« sagte er, »wenn dieses wehrlose Weib so schön und reizend ist und wenn es keinen Ritter um sich dulden mag, sondern nur Sklaven, die zu ihren Füßen liegen, so hat sie es sich selbst zuzuschreiben, wenn nach zerrissener Kette allerlei Greuel entstehen!« »Fort, fort!« rief die Ticzka; »fort auf demselben Wege, auf dem Sie zu mir eingedrungen!« »Durch das Fenster etwa?« erwiderte er höhnisch lachend. »Nun, auch darauf soll es mir nicht ankommen, ehe der Tag graut; aber sei gescheit, Kolma! – Weiß der Teufel,« fuhr die Stimme gepreßt, fast zitternd fort, so daß der Zuhörer zornig aufblitzende Augen und zusammengebissene Zähne zu sehen glaubte, »verstehe einer eure thörichten Launen! Habe ich dir nicht gestern geschrieben? Hast du nicht meinen Brief erhalten? O, ich weiß, daß du ihn erhalten hast, denn deine Hand hat den Empfang bescheinigt!« »Habe ich geantwortet? Konnte ich auf ein Schreiben ohne Adresse, konnte ich heute antworten? – O, sonst hätte ich es wahrlich gethan, und so unzweideutig, daß sich selbst die Raserei jeden neuen, vergeblichen Versuch erspart hätte!« »Wie hatte ich mich darauf gefreut, deine Antwort im Cirkus durch einen einzigen Blick zu erfahren!« »Durch einen Blick des Hasses – nein, der Verachtung!« »Traue einer dem Schicksal!« – Vielleicht nach einem gelinden Achselzucken fuhr die Stimme des Betreffenden weniger heftig fort: »Ohne früher abkommen zu können, hatte ich Station um Station aufs überflüssigste berechnet und mußte zwei Stunden von hier von irgend einem Kerl die für mich bestellten Pferde wegnehmen lassen! Verflucht sei er, und wird hoffentlich damit umgeworfen haben! Doch wozu die Redereien bei so kostbarer Zeit,« fuhr er in brutalem Tone fort; »du hast meinen Brief erhalten, ich deine Antwort!« »Meine Antwort?« rief sie so rasch und durchdringend, daß man zu sehen wähnte, wie sie sich in diesem Augenblicke heftig gegen ihn wandte. »Wagen Sie noch einmal, mir das zu sagen!« »Deine Antwort,« wiederholte er ruhig, »allerdings nicht zierlich auf Papier geschrieben; nennen wir es eine Antwort in Hieroglyphen, zu der ich hier im wahren Sinne des Wortes den Schlüssel habe. – Noch einmal, sei gescheit, Kolma! Du weißt, wie ich dir jahrelang auf Schritt und Tritt gefolgt bin, wie ich dir die glänzendsten, nahezu lächerlichsten Propositionen machte, wie ich ...« »Meine Antwort?« »Zum Henker denn, ist das nicht Antwort genug; was du gethan? Ich schildere dir in einem langen Briefe noch einmal alle Qualen der Liebe und der rasendsten Eifersucht, ich beschwöre dich um eine Unterredung, um dir das und anderes wiederholen zu können, ich komme hier an, leider zu spät, um in Bewunderung für dich mein Blut noch mehr zu erhitzen, ich schleiche um dein Haus herum, dessen erleuchtetes Fenster, dieses da, mir sagt, daß ich vielleicht erwartet werde. Ich bin zu anständig, um an deine Thüre zu klopfen, ich zwinge mich, bebend vor Liebe und Verlangen nach dir, um dieses Haus herumzugehen, nach dem Fenster auszuschauen, das, obgleich hell erleuchtet, doch eine Ewigkeit stumm für mich bleibt, ebenso wie es jahrelang deine leuchtenden Augen für mich geblieben sind; dann aber belebt sich das Fenster, du beugst dich heraus, und ich hätte laut aufschreien mögen vor Entzücken, denn du läßt diesen Schlüssel da aus deiner Hand niederfallen, zum Zeichen für mich, von dem du wissen mußt, daß er drunten zitternd vor Erwartung steht!« »Heilige Jungfrau, das ist entsetzlich!« »Daß es kein Hausschlüssel ist, sah ich sogleich, weshalb ich dieses Zeichen symbolisch nahm, wie es gegeben wurde, und an dem Nebenspalier emporkletterte; auch hattest du die Vorsicht, das Fenster nicht fest wieder zu verschließen. Und nun, Kolma,« fuhr die Stimme in leisem Tone fort, »sei lieb und gnädig, wie rasch ist die Nacht verronnen!« Das alles hörte Erich und ein eigentümlicher Schauer, der ihn überflog, bannte ihn fast regungslos auf die Stelle, wo er sich befand. Er wußte nicht, was für ein Gefühl es war, das durch sein Blut strömte und tobte – war es der Haß gegen jenen, war es das Gefühl einer unaussprechlichen Angst, jener dort sei imstande, der Ticzka ein Leid zuzufügen? Er war im Begriffe, gegen die Thür zu stürzen und den Versuch zu machen, das Schloß gewaltsam aufzureißen. Da hörte er die Stimme abermals, jetzt aber in ruhigem, schmeichelndem Tone sagen: »Du weißt es, Kolma, wie ich jahrelang treu um dich gedient, wie ich dir nach Möglichkeit gefolgt bin, dich und deine Schritte überwacht habe!« »O ja, o ja, als schwarzer Schatten meiner Tage!« »Meinetwegen behalte diese Ansicht auch, nachdem du erfahren, wie ich bemüht war, dein oft armes Leben zu erhellen. Glaubst du denn, es wäre dir ohne meine Hilfe gelungen, dich auf den Standpunkt zu erheben, auf dem du dich jetzt befindest? Glaubst du in Wirklichkeit, alle Pfade hätten sich vor dir selbst geebnet?« »Entsetzlich, wenn es durch Ihre Mithilfe geschehen?« »Es geschah durch meine Mithilfe. Ich, der ich dich nie aus den Augen ließ, sorgte dafür, daß du, als du deine Lehrzeit begannst, statt mit Argwohn und Eifersucht, mit offenen Armen empfangen wurdest. Ich warf alle die kleinen Intriguen nieder, die sich dir in den Weg stellten; ich sorgte dafür, daß dein Name, wie er es allerdings verdiente, sogleich bei deinem Auftreten als leuchtender Stern genannt wurde, ja, ich kann und will es dir nicht verschweigen, ich war es, von dem du die besten deiner Pferde durch Vermittelung eines Unterhändlers erhieltst, denn es war mir ein seliges Vergnügen, die edeln Tiere unter deiner Hand zu wissen, nachdem sie in meinem Besitze gewesen. Ja, ich war es auch, der endlich eines deiner Reitzeuge um eine fabelhafte Summe an sich brachte.« »Verflucht sei das Gold, womit man mich so umstrickt, verflucht die goldene Kette, die, statt mich emporzuziehen, mich so tief, so tief herabreißt!« »Ermesse aus allem dem,« fuhr die Stimme in bebendem Tone fort, »meine Liebe zu dir, meine Leidenschaft für dich! O, wärest du imstande, ihre Tiefe zu ergründen, du würdest schaudern vor Entzücken oder vor Entsetzen!« »Vor Entsetzen – ja, vor Entsetzen!« »Sprich nicht so, Kolma! Du weißt nicht, was du sagst, du weißt nicht, was du fühlen wirst in meiner glühenden Liebe! Du hassest mich in diesem Augenblicke, weil du fühlst, daß ich dich im nächsten in meinen Armen halten werde!« »Nimmermehr, nimmermehr!« »Pah! du bist ein Kind, du weißt nicht, was du sagst! Du hassest mich, weil dein freies Herz sich noch dagegen sträubt, mich zu lieben! O, nicht diese Bewegung, ich weiß es, dein Herz ist vollkommen frei!« Was sie jetzt sagte, konnte Erich nicht vollkommen verstehen, trotzdem er sich mit Schultern und Kopf gegen die Thür preßte, um wenigstens den Versuch zu machen, im entscheidenden Augenblicke, der kommen mußte, das Hindernis zwischen sich und dem anderen zu beseitigen. Aber, was sie auch gesagt hatte, es mußte etwas Fürchterliches gewesen sein, das konnte Erich hören aus der Antwort, die er gab. Es war kein ausgesprochenes Wort, nicht einmal ein verständlicher Ausruf, es war ein wüster Laut, zusammengepreßt wie aus einem Geheul der Wut und einem Knirschen der Zähne, ein Ausdruck heftigster und wildester Leidenschaft, durch welchen dann jetzt ihre Stimme wieder hell und siegreich klang, indem sie ausrief: »Ja, das verschloß jener Schlüssel, den Sie unbefugterweise fanden, aufhoben, dessen Bedeutung Sie, wie so vieles, mißverstanden – der mein Glück, meine Seligkeit verschließt!« »Hinweg von deinem Glück und deiner Seligkeit, daß ich auch die Bekanntschaft desselben mache! Hinweg von dieser Thür – nun denn, hinweg – du ...« »Ah, das ist Ihr wahres Gesicht,« lachte sie wild und höhnisch, »wie das echt und schön ist!« »Sei verflucht ...« Erich stand entsetzt da, er hatte das Gefühl, wie wenn eine eiskalte Hand ihm über den Rücken hinabfahre, so daß es ihn fröstelnd durchschauerte und er zu fühlen glaubte, wie sich seine Haare emporsträubten. Vernahm er doch von drüben aus jenem Raume, der nur durch ein dünnes Brett von ihm geschieden war, jetzt einen ebenso kurzen als scharfen Schrei, der mit einem tiefen und eigentümlich endigenden Seufzer schloß; vernahm er doch gleich darauf –, das war es gerade, was ihm den furchtbaren Eindruck machte – als wenn jemand schwer und unbehilflich gegen die Thür fiel und sich vergeblich bemühte, sich an der glatten Fläche derselben festzuhalten! Er vernahm das Herabrutschen der Hände an derselben, dann den eigentümlichen, nervenaufregenden Ton kratzender Nägel – dann war alles still. Noch einen Augenblick lauschte er, dann riß er an dem Schloß der Thür, um es aufzusprengen – vergeblich; er warf sich mit aller Kraft dagegen, die Bretter dröhnten nur, aber sie brachen nicht – wo einen anderen Ausweg finden? Er erinnerte sich, neben dem Diwan, wo er gelegen, eine Tapetenthür bemerkt zu haben; dorthin tappte er angstvoll, fast verzweifelnd, stieß einen Stuhl um, stolperte über das Sattelzeug in der Ecke und war dann erst so glücklich, die Tapetenthür zu finden, sowie einen Riegel, den er hastig zurückschob, auf den Gang hinausstürzte und hier fast mit dem alten Marechal zusammenstieß, der schreckensbleich mit einem Lichte in der Hand die Treppe hinaufrannte, an ihm vorüber nach dem Zimmer seiner Herrin eilen wollte. »Sie – sie ist von einem Unglücke betroffen worden, wie ich es schon lange befürchtet! O, ich hatte erst diese entsetzliche Gewißheit, als ich ihn am Fenster herabgleiten sah – konnte ihn auch nicht aufhalten, da ich mich im Hause befand – arme Kolma, arme Kolma!« Damit war er in der Thür des anderen Zimmers verschwunden, und Erich folgte ihm bebend und schaudernd. Da war er wieder in demselben Zimmer, in dem er bei ihr am Abend gewesen war, das Fenster neben dem Kamin stand weit geöffnet, die Nachtluft drang kältend herein. Sie sah er im ersten Augenblicke nicht, denn der alte Marechal kniete vor ihr am Boden, hielt ihren Kopf mit seinem Arme unterstützt und neigte sein Ohr gegen ihren Mund, der ihm mit schwacher Stimme etwas zuflüsterte. Jetzt wandte er sich gegen Erich und sagte ihm hastig: »Rufen Sie die beiden Weiber herauf, die unten neben der Küche sind – sie sollen keinen Lärm machen und die Hausthür verschlossen halten!« Rasch sprang Erich die Treppe hinab und kehrte gleich darauf mit den Gerufenen, die unten zitternd und angstvoll lauschend beisammen standen, zurück, während Marechal unterdessen das junge Mädchen kräftig in seine Arme genommen, es aufgehoben und auf den Diwan gelegt hatte. Kolma hatte die Augen geöffnet, und als Erich eintrat, sich nun rasch gegen sie wandte und sich vor ihrem Lager mit thränenerfüllten Augen auf die Kniee niederwarf, lächelte sie ihn an und sagte nach einem tiefen Atemzuge: »Es ist nichts, mein Freund, wenigstens nicht viel, und ich – trage ganz allein – die Schuld. Dort – am Boden liegt – mein kleiner Dolch – mit dem es geschah – weil ich – ungeschickt war ...« »Ja, ja,« stieß Marechal mit leiser, dumpfer Stimme hervor, »vielleicht zu ungeschickt, das ist möglich!« »Und nun,« fuhr sie fort, »verlassen Sie mich, mein Freund.« »Nimmermehr, Kolma, nimmermehr!« »Es muß sein – gewiß – es muß sein! Marechal wird Sie begleiten, um nach einem Arzte zu sehen.« Der alte Mann hatte sich rasch erhoben und als er jetzt auf das bleiche Gesicht seiner jungen Herrin herabblickte, füllten sich seine Augen mit Thränen. »Gehen – Sie – mit Marechal. Gehen Sie – ich – brauche Hilfe.« – Sie erhob matt ihre Hand, welche sie Erich darreichte, der sie mit heißen Küssen bedeckte und dann von Marechal fortgezogen wurde, nachdem dieser den beiden Frauen Verhaltungsbefehle gegeben hatte. »Noch ist alles ruhig,« sagte der alte Mann, als er die Thür des Hauses hinter sich verschlossen und einen Augenblick lauschend stehen geblieben war, »aber ich fürchte immer, man hat die lauten Worte und jenen entsetzlichen Schrei gehört. Eilen Sie, daß Sie nach Hause kommen, es wäre jedenfalls höchst unnötig, wenn Sie in dieser Unglücksnacht hier in der Nähe unseres Hauses getroffen würden! Gehen Sie, ich bitte Sie darum!« »Haben Sie Hoffnung, Marechal? Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit!« »Ja, ich habe einige Hoffnung; ich war,« setzte er zögernd hinzu, »schon einmal bei einem ähnlichen Falle, und da zeigte sich kurz nach demselben im Gesichte des Getroffenen jener eigentümlich bekannte Zug, den ich, Gott sei es gedankt, bei Kolma noch nicht wahrgenommen.« »Noch nicht, Marechal – aber?« Doch war der Alte mit raschen Schritten davongegangen, und Erich stand allein vor dem kleinen Hause. Er konnte es nicht verlassen, ohne nach der anderen Seite gegangen zu sein und noch einmal nach ihrem Fenster aufzuschauen. Es war hell erleuchtet und sah so ruhig und unverdächtig in die schweigende Nacht hinaus, als wenn da oben nichts wie Glück und Friede geherrscht, und doch ... – Er wandte sich mit einem schmerzlichen Seufzer ab und wollte dahingehen, als er auf dem Boden vor sich etwas Weißes schimmern sah, wonach er sich bückte und ein zusammengefaltetes Papier emporhob, das jener wahrscheinlich beim Herabsteigen verloren. Rasch steckte er es mit einem letzten Blick auf das erleuchtete Fenster zu sich und eilte durch die Nacht davon. 22. Kapitel Von den gesellschaftlichen Verpflichtungen Schmollers mit unliebsamen Unterbrechungen. Die Nacht, welche im Begriffe war, unter einem aufs neue umflorten Himmel, im falben Zwielichte, unter dem Schleier dichter Nebel, in den Tag überzugehen, war nicht nur für Erich verhängnisvoll gewesen, sondern hatte auch dem Bombardier Schmoller nicht die erwarteten und gewünschten Rosen gebracht. Anfänglich allerdings hatte sich der Abend bei ihm fast ebenso vortrefflich angelassen, wenn auch in ganz anderer Art, wie bei Erich, und wenn er auch, statt wie jener offen aufzutreten, von vornherein auf Schleichwegen ging, so wurden diese Schleichwege doch erhellt von einer angenehm brennenden Küchenlampe und er selbst aufs freundlichste geführt durch die gerade nicht zu harte Hand eines weiblichen Wesens, das ihn unter der halbgeöffneten Thür eines nicht unansehnlichen Hauses erwartet und welche ihre Sympathie schon dadurch kundgab, daß beide mit einem gewaltigen Katarrh behaftet schienen; denn wie sie die hellen Knöpfe durch das Dunkel der Nacht blinken sah, hustete sie ziemlich anhaltend und geräuschvoll, worauf er sich so stark räusperte, als habe er die Absicht, einen hartnäckigen Katarrh mit einmal und auf ewige Zeiten zu entfernen. Dann schloß sich die Thür des erwähnten Hauses hinter beiden geräuschlos, und in dem sanft erwärmten Hausgange angekommen, schnüffelte Herr Schmoller behaglich in der Luft, denn seiner liebenden Seele ahnte etwas von Bratenduft und von dem Schmoren süßer Aepfel, wahrscheinlich mit Mandeln und Rosinen, denn das war sein Lieblingsgericht. Weit entfernt aber sei es von uns, einen so bedeutenden Helden unserer Geschichte in einer ganz gewöhnlichen Küche seinen Aufenthalt nehmen zu sehen, vielmehr führte ihn die nicht allzu harte Hand unter dem Scheine besagter Küchenlampe nach einem allerliebsten Hinterstübchen, das mit dem Reiche, in welchem die Besitzerin der Hand herrschte, nur insoweit in Verbindung stand, als man auch hier den Bratenduft und den der schmorenden Aepfel durch die geöffnete Thür einatmete. Auch war hier ein Tisch aufs beste mit zwei Gedecken belegt, zwischen welchen eine Flasche Wein prangte, sowie eine Schüssel mit süßem Backwerk, um später, wenn alles vorüber, auch daran zu knabbern. Herr Schmoller that übrigens, wie wenn er verdrießlich wäre. Er hatte seine Augenbrauen herabgezogen und ließ die Unterlippe hängen. »Hol der Teufel den Dienst bei Tag und bei Nacht!« brummte er, seine allerdings sehr beschmutzten Stiefeln betrachtend. »Da sollte man sich doch einbilden, es sei endlich einmal genug, wenn man sich die Finger krumm und lahm geschrieben hat! Nein, da muß ich heute, noch obendrein an einem Feiertage, dazu ausgesucht werden, um einen Arrestanten, einen etwas gefährlichen, verdächtigen Kerl, in Arrest zu schleppen!« »Du lieber Himmel, dabei hätte dir ja wohl ein Unglück zustoßen können!« »Ja–a–a, es ging auch hart daran vorbei, aber unsereins macht nicht viel Federlesens, das weißt du selbst am besten, Lisette; er wollte sich widersetzen, aber eins, zwei, drei – da hatte ich ihn schon am Kragen!« »Laß doch gehen,« bat sie, sich scheinbar sträubend, »ich widersetze mich auch nicht und bin ja kein Arrestant!« »Nein, aber ich bin der deine, süße Lisette, will mich aber jetzt der unbequemen Embleme meines nächtlichen Dienstes, des Säbels und der dicken Brieftasche, entledigen, um mich alsdann mit aller Freiheit deiner Liebe zu erfreuen.« »Ich weiß nicht,« fuhr er affektiert seufzend fort, während Lisette die besagten Embleme auf ein Tischchen in der Ecke legte, »wie du es mir angethan hast und wie ich dazu gekommen bin! Eigentlich wollte ich höher hinaus, wenigstens so hoch wie meine Kameraden von der Schreibstube, von denen der eine, der Unteroffizier Block, einer verwitweten Hauptmännin die Cour macht, und der junge Flattich sogar süße Briefe an eine angehende Schauspielerin schreibt. Doch das ist gleichviel – ich liebe dich, du liebst mich, und wenn es dir recht ist, so wollen wir jetzt zu Nacht essen. – Sind wir auch völlig sicher?« »So sicher, wie in Abrahams Schoß. Er und sie sind des Besuches wegen, den wir haben, zu einem Thee gegangen, bei welchem getanzt wird. Er wenigstens allein des Besuches wegen, denn er haßt alles das, was er, wie andere ähnliche Dinge, weltliche Vergnügungen nennt. Wäre auch heute noch zu Hause geblieben, wenn sie nicht den Besuch zum Vorwande genommen hätte und kazorisch, wie sie sich auszudrücken pflegt, verlangt ...« »Du wolltest wohl kategorisch sagen?« »Wieder einmal zu tanzen oder wenigstens dem Tanze zuzusehen. Man hat ja doch in diesem Hause nicht die mindeste Unterhaltung, sagte sie,« fuhr Lisette fort, indem sie sich bemühte, die Redeweise und Kopfhaltung ihrer Gebieterin nachzuahmen – »man lebt ja doch bei dir wie in einem Kloster, und wenn ich das gewußt hätte, so wäre ich allbereits viel lieber in ein wirkliches Kloster gegangen, wenn das möglich gewesen wäre!« »Also gibt es auch häusliche Scenen bei solch einem frommen Manne?« sagte der Bombardier kopfschüttelnd, indem er sich ein großes Glas Wein eingoß. »Wenn man dergleichen erfährt, sollte man das Heiraten abschwören.« »Sie ist die Schuld, wahrhaftig, sie ist allein die Schuld, und was ich mit dieser Frau auszustehen habe, davon kannst du dir gar keinen Begriff machen – sie mißgönnt mir alles!« »Erzähle mir das ausführlich, nachdem du den Braten hereingebracht hast.« Dies war so rasch geschehen, daß Lisette schon in der nächsten Minute fortfuhr, während Herr Schmoller ihr mit kauenden Backen zuhörte. »Alles mißgönnt sie mir; zum Beispiel, daß ich gut aussehe.« »So ist sie selber häßlich?« »Das kann man gerade nicht sagen; nur ist sie für eine junge Frau ein wenig zu stark.« »Das würde ich gerade nicht hassen.« »Während ich sehr viel auf eine schlanke Taille halte. Merke dir das, Schmoller.« »Gewiß, meine Liebe, ich will das bei keiner Gelegenheit vergessen.« »Sie mißgönnt mir auch, daß ich heiter und lustig bin und zuweilen singe, während sie den ganzen Tag, besonders wenn er da ist, aussieht, als wollte sie alles um sich herum beißen; auch mißgönnt sie mir meine Bekanntschaft mit dir.« »Was ich allenfalls begreiflich finde, wenn sie mich nämlich einmal gesehen.« »Ja, neulich, als wir vor dem Spezereiladen beisammen standen, sagte sie: ›Lisette, Lisette, nimm dich vor dem Militär in acht!‹« »Die Frau muß in der That einen neidischen Charakter haben. Du hast ihr aber doch wohl geantwortet, daß ich nicht eine so gewöhnliche Küchen- oder Brunnenbekanntschaft bin!« »Gewiß habe ich ihr das gesagt; auch wäre wohl Aussicht vorhanden, daß wir uns später heiraten könnten.« Dem Bombardier Schmoller mußte in diesem Augenblicke einer der geschmorten Aepfel im Halse stecken geblieben sein, denn er hustete so lange und anhaltend, daß es begreiflich war, er habe vergessen, was sie vorhin gesagt, denn er gab erst nach einer langen Pause zur Antwort: »Die Aepfel weißt du wirklich auf eine ganz famose Art zuzubereiten!« »Und nicht wahr, Schmoller,« fuhr sie fort, wobei sie ihren hübschen, runden Arm auf seine Schulter legte, »du hast redliche Absichten mit mir?« »Das will ich meinen! Sehe ich wie jemand aus, der unredliche Absichten hat?« – Da er bei diesen Worten mit vollen Backen kaute, so gab er allerdings ein gemütliches Bild der Häuslichkeit und des guten Appetits, dem man es durchaus nicht ansah, daß er erst vor einer Stunde eine tüchtige Portion Sauerkraut und Kartoffeln verschlungen – würdevolle Eigenschaft eines Bombardiermagens – sagte aber erst nach dem Hinunterschlucken eines außerordentlich großen Stückes des wirklich vortrefflichen Kalbsbratens: »Du mußt mich nur nicht verwechseln, liebe Lisette, mit einem so gewöhnlichen Menschen aus der Kaserne, so einem, der den Dienst bei der Batterie thut; der hat allerdings ebenfalls Tressen am Aermel, aber es ist rohes, gewaltthätiges, ungebildetes Volk. Wir dagegen von der Schreiberei, wir kalkulieren, wir concipieren, wir kollationieren, wir repetieren – alles verwickelte, wichtige Geschäfte, die uns aber gewissermaßen einen feinen Schliff geben; auch treiben wir Litteratur, lesen Bücher in fremden Sprachen, und durch alles das habe ich mir den Grundsatz eines berühmten indischen Weisen zur Richtschnur meines Lebens gemacht.« – Er stopfte sich nach diesen Worten beide Backen voll Zuckerwerk, und nachdem er dies vermittelst eines vollen Glases Rotweins hinabgespült, sagte er mit großer Wichtigkeit: »Der Wahrspruch dieses berühmten indischen Weisen heißt: ,Thue, was du willst, es wird dich gereuen!‹ Hast du mich vollkommen verstanden, Lisette?« »Nicht so ganz, aber das kann ich dir versichern, Schmoller,« setzte sie mit einem herzlich bittenden Tone hinzu, »du wirst es gewiß niemals bereuen!« »Das habe ich auch bis jetzt nicht gethan und fühle mich in der That wohl dabei.« Daß dies die Wahrheit war, sah man an seinem vergnüglich lächelnden Gesichte und hörte es auch an dem behaglichen Schmatzen seiner fettigen Lippen, wobei er die Weinflasche prüfend gegen die gewisse Küchenlampe hielt und dann mit einem zärtlichen Augenaufschlage sagte: »Es ist ein durstiges Jahr, Lisette, und so jung und vergnügt wie heute sitzen wir so bald nicht wieder bei einander – Apropos, wenn du deine andere Flasche herbeischaffst, wirst du wohl nichts dagegen haben, wenn ich mir eine Cigarre anzünde?« »Meinetwegen, bis sie nach Hause zurückkehren, kann ich schon wieder auslüften, auch könnten wir hier das Fenster im Stübchen ein wenig offen stehen lassen.« »Thu das immerhin,« bemerkte Herr Schmoller mit einem vorsichtigen Blicke nach der Küchenthür, zu welcher er hereingekommen. »Es ist für alle Fälle gut, wenn man sich eine Rückzugslinie offen hält; es ist das, was wir wissenschaftlich gebildeten Soldaten Strategie nennen, und diese Strategie befiehlt mir, mich umzuschauen, wohin dieses Fenster in nächster Nähe und dann folgerichtig weiter führt.« »In nächster Nähe führt es dich auf unseren kleinen Hof, wenn du hinausgesprungen bist,« sagte Lisette lachend, »und am Ende dieses Hofes befindet sich eine Thür, welche diesseitig mit einem Riegel verschlossen ist und von wo du auf den Kirchenplatz von St. Ursula gelangst. Sei aber unbesorgt, du wirst später zur selben Thür hinausgehen können, wo du auch hereingekommen bist; so eine Tanzpartie dauert bis Mitternacht, und außerdem wird gegessen, wie auf den Einladungskarten steht.« »Du wirst mir hoffentlich keine Furcht zuschreiben,« erwiderte Herr Schmoller mit hoch emporgehobenen Augenbrauen – »ich bin Marcel, wie er in der Oper heißt – Furcht, möchte wissen, vor wem – pah!« Er nahm bei diesen Worten seine Cigarrendose, aus einem alten, zerknitterten Zeitungspapier bestehend, aus der Tasche seines Waffenrockes, und während Lisette nach dem Keller ging, zündete er seine Cigarre mit einem Stücke des eben genannten Etuis an; dann streckte er die Beine lang von sich, legte die Fäuste breit auf den Tisch und trommelte, höchst behaglich ausschauend, einen Siegesmarsch. Es war aber auch ein allerliebster Aufenthalt, dieses Küchenstübchen, ebenso sauber und nett als die Beherrscherin desselben, heute sanft durchwärmt, sanft durchduftet und so heimlich und verborgen gelegen! Hatte doch sogar das kleine Fenster, welches in den Hof ging, einen dichten, grünen, baumwollenen Vorhang! Doch horch, was war das? Klang es nicht wie ein Geräusch an der Hausthür? War es nicht geradeso, als werde dort leise und vorsichtig ein Schlüssel eingesteckt? – »Vielleicht Räuber und Mörder?« dachte Schmoller, wobei er sich mit einem etwas verstörten Gesichte langsam aus seiner behaglichen Stellung erhob, die Hände auf den Tisch gestützt, lauschend nach der Küchenthür blickend. Ja, man machte den Versuch, das Haus zu öffnen, und als Lisette soeben mit der zweiten Flasche auf der Kellertreppe erschien, lenkte Herr Schmoller ihre Aufmerksamkeit durch hastige, verständliche Pantomimen auf das Geräusch, welches er eben gehört und welches auch sie jetzt zu hören schien; doch winkte sie beruhigend mit der Hand, setzte aber die Flasche rasch nieder und flüsterte ihm zu, während sie die Küchenlampe ergriff, um draußen nachzusehen: »Es kann der Junge mit der Zeitung sein, er kommt oft so spät – jedenfalls war ich so vorsichtig, die Kette vor die Hausthür zu legen. Sollte aber ... – was aber unglaublich ist – so werde ich laut genug werden.« »Ei,« dachte Herr Schmoller, als er nun allein in dem jetzt dunkeln Hinterstübchen stand, »es kann allerdings der Zeitungsjunge sein, doch hat dieses Wörtchen einen verflucht weiten Begriff. Schöpfen wir indessen ein wenig frische Luft.« Schmoller ergriff vorsorglich seine Mütze, die er neben sich auf den Tisch gelegt hatte, und schlich sich nach dem Fenster hin, dessen Flügel er langsam aufzog und in den kleinen Hof hinausblickte, während er angstvoll gegen die Hausthür lauschte. Und seine Angst war nicht ohne Grund, denn er hörte jetzt Lisette sehr laut und verwunderungsvoll ausrufen: »Ach, Madame, wie Sie mich erschrecken, daß Sie so früh heimkommen! Ist denn etwas vorgefallen?« Die Antwort verstand Herr Schmoller allerdings nicht, denn er hatte sich eilig auf das Fensterbrett geschwungen und hörte nur noch, wie Lisette jetzt ausrief: »Das Fräulein Bertha ist krank geworden? Lieber Himmel, da will ich Ihnen nur rasch hinauf leuchten, Madame, und sogleich einen Thee kochen!« Worauf eine andere Stimme in ärgerlichem Tone sagte: »Ja, leuchte nur hinauf, ich will schon selbst in die Küche gehen!« Rasche Schritte näherten sich, während Herr Schmoller mit Anwendung der praktischen Strategie in den Hof hinabflog. Im gleichen Augenblicke aber fühlte er sich festgehalten, und war schon im Begriffe, einen Schrei des – Mutes auszustoßen, als er durch ein Krachen hinter sich sowie durch ein plötzliches Loslassen dieser Mühe überhoben wurde, aber auch zugleich der Mühe, unverletzte Beinkleider nach Hause zu tragen, da ein tückischer eiserner Fleischhaken, der unterhalb des Fensters hing, dieselben gefaßt und so schonungslos zerrissen hatte, daß er nur den kalten Einflüssen der Nacht dadurch zu trotzen imstande war, daß er mit der linken Hand die klaffende Tuchwunde zusammenhielt, während er mit der einigermaßen zitternden Rechten die kleine Hofthür suchte, fand und öffnete und sich nach wenigen Minuten, sicher vor allen Nachstellungen, auf dem Kirchenplatze von St. Ursula befand. Hier aber, anstatt eilig davonzulaufen, wie es in seiner Absicht gelegen, blieb er plötzlich stehen, schlug sich mit der Hand vor die Stirn und sprach ingrimmig: »Da stehe ich allerdings auf dem Platze der heiligen Ursula, aber wenn sie selbst käme mit allen ihren elftausend Jungfrauen, sie könnte mir doch nicht helfen, denn ich Esel habe meinen Säbel und meine Brieftasche liegen lassen – da wollte ich doch gleich, daß ein Sternkreuztausendschockdonnerwetter drein schlüge! Kann man solches Pech haben! Und verletzt bin ich auch!« rief er nach einer Pause im Tone des höchsten Schreckens; es brennt mich da hinten ganz teufelsmäßig, ja, es ist richtig ich blute.« »Und doch bei allem Unglücke,« sagte er nach einer sorgfältigen Visitation, »ein eigentlich unverdientes Glück. Ich schaudere, wenn ich daran denke, was mir hätte geschehen können, wenn ich tiefer in diesen verfluchten Fleischhaken hineingesprungen wäre; das soll mir eine Lehre sein – wahrhaftig, ich schaudere!« Was war nun weiter zu thun? In den Hof zurückkehren und den Versuch machen, Lisette zu sprechen, um seinen Säbel und seine Brieftasche wieder zu erlangen, wäre Vermessenheit gewesen, denn als er sich leise der Thür in der Hofmauer näherte und dort lauschte, vernahm er ziemlich laute Stimmen, die in einer nichts weniger als freundschaftlichen Unterhaltung begriffen schienen. Er mußte die Embleme seines Standes, er mußte seine Liebe im Stiche lassen, und wer ihn so hätte dahinwandeln sehen im langsamsten Schritte, der Kaserne zu, mit der linken Hand die gefährliche Blöße deckend, die Rechte geballt und sie zuweilen in zornigem Selbstgespräche in die Höhe hebend, der hätte nicht geglaubt, daß es derselbe Bombardier Schmoller wäre, der vor einer Stunde siegesbewußt dahingezogen war, um seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Und wohin sollte er sich wenden bei dieser herbstlich rauhen Nacht? Fürchtete er sich doch vor seiner Stube, da er überzeugt war, der Unteroffizier Block habe noch Licht und freue sich jetzt schon darauf, den spät nach Hause Kommenden zu hänseln; auch war es ihm leibhaftig, als sehe er schon das dumm lachende Gesicht des jungen Flattich vor sich und höre dessen unpassende Bemerkungen von gemeinen Liebschaften und dergleichen. Eine glückliche Idee schien es ihm deshalb, auf die Kasernenwachtstube zu gehen, um sich dort mit Erich, der ja eigentlich daran schuld war, über das Weitere zu benehmen, sowie auch diesem jungen, leichtsinnigen Menschen sehr eindringliche und sehr gerechte Vorwürfe zu machen. Bald hatte er denn auch die Dominikanerkaserne erreicht und sah das Licht aus dem Fenster der Wachtstube schimmern. Der Posten vor dem Gewehr machte ihm als Bombardier und Schreiber auf der Brigadeschule keine Schwierigkeiten, und so trat er zuerst an das Fenster der Wachtstube, um vorher das Terrain zu rekognoszieren, beständig mit vorgehaltener linker Hand und fortwährend darüber innerlich polternd und fluchend. Da saß der wachthabende Bombardier Hellwig und las in einem Buche, da lagen die beiden Kanoniere auf der Pritsche, aber von Erich war keine Spur zu sehen. »Sonderbar, wo mag sich dieser Kerl herumtreiben? Hat vielleicht den Leichtsinn soweit getrieben, ist auf seine Stube gegangen und in sein Bett gekrochen; dann sollte ihn aber gleich ein siedendes Donnerwetter – na, davon muh ich mich überzeugen!« Er öffnete geräuschvoll die Thür der Wachtstube und sagte, ohne einzutreten, zu dem erstaunt aufblickenden Kommandierenden: »Du, Hellwig, war niemand da, der nach mir gefragt hat?« »Keine Seele.« »Auch nicht der Kanonier Freiberg?« »Dummer Kerl,« war die Antwort, »mir scheint, du hast einmal wieder gehörig getrunken! Ist der Freiberg nicht von dir selber in Arrest gebracht worden? Geh in dein Bett und schlaf deinen Rausch aus!« Schmoller war in der heutigen Nacht so gedemütigt, ja, so zerknirscht, daß er ruhig zur Antwort gab: »Ja, darin hast du eigentlich recht, ich will auf mein Zimmer gehen.« Auch zog er die Thür wieder sanft ins Schloß, ging aber nicht auf sein Zimmer, sondern schlug sich ingrimmig die beiden Fäuste vor die Stirn, auf die Gefahr hin, sich zu erkälten, und dann rannte er wieder zum Kasernenthor hinaus auf die finstere Straße, wo er zornig auf und ab lief mit dem Gefühle eines jungen Kettenhundes, dem man den Schwanz abgehackt. »Nein, diese Lehre, diese Lehre! Aehnliches soll mir noch einmal geschehen! Da renn' ich herum in der kalten Nacht, wie ein besoffenes Rindvieh, und könnte in meinem warmen Bette liegen; und mein Säbel und meine Brieftasche, letztere mit Papieren, die eigentlich niemand lesen sollte, o, o–o! Und meine neue Hose, die mich drei Thaler und zwanzig Silbergroschen kostet, das heißt, wenn sie einmal bezahlt sein wird! Auch das noch, und wo sich dieser unverantwortliche Kerl herumtreibt! In seinem Zimmer ist er nicht, dazu ist er zu ehrlich, denn wenn er heimgekommen wäre, so würde er auf die Wachtstube gegangen sein, wie er mir versprochen. – Kommt da nicht etwas? Nein, es ist nur so ein verfluchter Nachtwächter!« Zwanzigmal war er im Begriffe, auf sein Zimmer zu gehen, und zwanzigmal hielt ihn die Furcht und Scham davon ab. Auch nahm er sich ebenso oft fest vor, allen taufend Teufeln zu trotzen, auch dem Block und dem Flattich, ja, ins Zimmer hineinzutreten und, um sie auf einmal ins klare zu setzen, keck und frei ihnen den verletzten Teil seines Anzuges zu präsentieren; aber er trotzte nicht, er schäumte nur ein wenig, fluchte in sich hinein, lief jedesmal eine Weile wie toll hin und her, um darauf eine andere Weile vergeblich in die finstere Straße zu stieren. Die Uhren schlugen Viertel, Halbe und Ganze, und das häufig in dieser richtigen Reihenfolge, worauf denn endlich die Zeit erschien, in welcher Erich daherkam mit ähnlichen, aber doch ganz anderen Gefühlen, als denen, mit welchen ihn sein Freund erwartete, schaudernd, entsetzt, aufs fürchterlichste erregt. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß die ganze Flut von Vorwürfen und Verwünschungen, welche Herr Bombardier Schmoller über sein Haupt ausschüttete, an ihm spurlos vorüberging – an ihm herabfiel, wie Schmoller wütend, aber sehr treffend sagte, »gleich dem Regen am Felle des Hundes. Schäme dich, Kerl, noch so jung und schon so verdorben.« »Aber was ist dir denn geschehen?« »Mir? – Da, schau her, Kerl, was mir geschehen ist, und alles durch deine Schuld! Und meinen Säbel habe ich verloren, auch die Brieftasche mit meinem ersparten Vermögen, und renne hier nun schon drei geschlagene Stunden herum, um auf einen Kerl, wie du bist, zu warten! Ist das nicht schmählich, unverantwortlich?« »Und an allem dem bin ich schuld?« »Du und kein anderer, denn wenn dich der heilige Augustin um acht Uhr behalten hätte, so wäre ich früher imstande gewesen, meinem dringenden Geschäfte nachzugehen – und wäre alsdann nicht – und wäre nicht so – kurz, ich wäre nicht so, wie ich wäre, und läge jetzt beruhigt in meinem Bette. – Nein, ich kann dir versichern, Freiberg, ich bin ein guter Kerl, aber wenn man mir so ans Leben geht, so werde ich rabiat und bin ganz des Teufels!« »Dadurch erfahre ich aber nicht im geringsten, was dir begegnet ist!« »Soll ich vielleicht hier in der finsteren Nacht auf der kalten Straße auskramen?« »Gut denn, gehen wir in die Wachtstube, mich friert's ebenfalls.« »Soll ich vielleicht bei dem langweiligen Hellwig meine Blöße aufdecken?« »So wollen wir denn in des Himmels Namen auf deine Stube gehen; Block und Flattich sind gute Kameraden und werden uns nicht verraten.« »Verraten allerdings nicht, aber du weißt, ich bin sehr empfindlich, ich hasse alle Sticheleien, worin besonders der naseweise Flattich sehr stark ist. – Aber im Grunde hast du recht, ich bin so durchfroren, daß alle Pfeile des Spottes von mir abprallen müssen, und wenn sie es zu arg machen, so präsentiere ich ihnen eine Scheibe, mit der sie zufrieden sein sollen!« Damit traten sie in den Kasernenhof zurück, drückten sich an dem Wachtposten so gut als möglich vorbei, tappten sich dann über die finsteren Treppen und den langen, dunklen Korridor, wo alle Lampen längst erloschen waren, bis zur Stube Schmollers, welche dieser alsdann so leise als möglich öffnete. Wie behaglich schlug ihnen hier der angenehme, warme Dunst entgegen, wobei das sanfte Schnarchen der drei Bewohner etwas Nervenberuhigendes hatte. »Wenn sich die Kerle nur nicht verstellen!« flüsterte Schmoller, indem er, in die Luft schnüffelnd, hinzusetzte: »Es ist gerade, als hätten sie eben erst ihre übelriechende Talgkerze ausgeblasen; nun, meinetwegen, sie sollen mich – kennen lernen. Komm – ganz leise, hier sind wir an meinem Bette, mich fröstelt wie einen Hund. Verflucht, das Ausziehen macht mir keine Mühe, ich könnte mit beiden Beinen hinten 'raus, und es war meine neue Hose! So, jetzt will ich zuerst hinein, warte einen Augenblick, bis ich liege. – Himmelsternsakerment, was ist denn das? O – o – oh, wollt ihr Käme...« Doch weiter vernahm man nichts mehr von seinen Worten, weil alles übrige von einem furchtbaren Gepolter verschlungen wurde; es krachte und rutschte, es schlug dumpf auf dem Boden auf, dann klirrte es, wie von einer zerbrochenen Waschschüssel, und zwischen Kichern und Lachen aus den anderen Betten heraus vernahm man die ruhige Stimme des Unteroffiziers Block, welche sagte: »Höre, Schmoller, alles hat seine Zeit, du hättest dein Manoeuvre de force bis morgen aufsparen können; halte dich ruhig Kamel, wir wollen schlafen!« 23. Kapitel Berichtet, wie Erich durch aufopfernde Freundschaft für den Bombardier Schmoller ins Unglück kommt. Nachdem sich der Bombardier Schmoller sowohl aus den Trümmern seiner Bettstelle als auch aus denen seiner mit Wasser gefüllten Waschschüssel so gut als möglich gerettet hatte, allerdings mit Durchnässung seiner hinteren Körperseite, welche heute ohnedies schon stark in Angriff genommen worden war, nachdem er so einen Augenblick, wollen wir sagen, fröstelnd, schaudernd, wütend, rachesüchtig, wie ein angeschossenes Rhinoceros, mit zusammengeballten Fäusten dagestanden, that er das Klügste, was er in seiner Lage thun konnte: er brach in ein allerdings etwas konvulsivisches Lachen über diesen ganz famos gelungenen schlechten Witz aus. »Ihr seid verflucht lustige Kerls,« sagte er, indem ihn das Vergnügen zu schütteln schien, »und war die Erfindung dieses Attentats, wenn auch nicht ganz neu, doch auch nicht so verbraucht, wie eure übrigen Ideen; schade aber, daß es nicht mich allein getroffen hat, sondern auch einen Gast, den ich mitgebracht, mit dem ich gastfrei, wie die Araber, Lager und Gezelt teilen wollte, ein Vergnügen, dessen ihr Murmeltiere mich nun allerdings zur Schande der Menschheit beraubtet! Machen wir indessen Licht und sehen wir, wie wir uns helfen können.« Bei dem Scheine der nun wieder angezündeten Talgkerze sah man allerdings eine greuliche Verwüstung, und der Bombardier war kaum imstande, aus dem Wirrwarr von Strohsack, Matratze, ein notdürftiges Lager herzustellen; endlich aber gelang ihm dies dennoch, indem er die Mäntel sämtlicher Attentäter in Anspruch nahm, welche, aus ihren Betten heraus grinsend, nichts dagegen einzuwenden wagten, denn Schmoller, obgleich scheinbar ganz guter Laune, machte doch höchst exzentrische Bewegungen und that, wenn einer gar zu laut kicherte, verdächtige Griffe nach einem Schemelbeine oder einem Stiefelknechte. Darauf war die Ruhe ziemlich wieder hergestellt, und als einige Stunden darauf das falbe Licht des späten Herbsttages aufzudämmern begann, erklang ein beruhigendes, vielstimmiges Schnarchen durch das Zimmer. Das nun später erfolgende Lever zu beschreiben, halten wir für überflüssig, können aber nicht verschweigen, daß das Erstaunen der Stubengesellschaft kein kleines war, als man nun Erich Freiberg erkannte, der nach allen menschlichen Berechnungen in den Hallen des heiligen Augustin hätte sein sollen, und als auch der junge Flattich die furchtbar zerrissene Hose des Bombardiers hervorbrachte; doch komponierte Schmoller einen artigen kleinen Roman über die Begebenheiten der vergangenen Nacht, viel Dichtung, wenig Wahrheit, von letzterer eigentlich nur, daß er den betreffenden Arrestzettel auf der Kanzlei habe liegen lassen und daß der junge Flattich wohl so gefällig sein würde, diesen so bald als möglich dort unter herumliegenden Papieren zu suchen und herbeizubringen. »Das beste alsdann ist,« fuhr er fort, »daß ich mich für heute morgen krank melde und mich so bald als möglich zur Kaserne hinausschleiche, um diesen unglücklichen Kerl in Arrest zu bringen. Was nun euch anbelangt,« setzte er mit erhobener Stimme hinzu, indem er unter einer schwungvollen Handbewegung auf die Trümmer seines Bettes wies, »so hoffe ich, ihr werdet daran genug haben und nebenbei so anständige Kameraden sein, um über die anderen Geschichten eure ehrenwerten Mäuler zu halten.« Unteroffizier Block verbürgte sich in dieser Richtung allen Ernstes für die übrigen, welche denn auch erklärten, daß sich keiner eines solch gemeinen Verrates schuldig machen würde, worauf auch der junge Flattich, sobald dies möglich war, auf der Kanzlei den Arrestzettel suchte und fand; derselbe war zwischen andere Papiere geraten. Dann begaben sie sich auf die Schreibstube, wo es dem Unteroffizier Block das größte Vergnügen machte, heute, wo gerade sehr dringende Arbeiten vorlagen, den Bombardier Schmoller beim Brigadeschreiber krank melden zu können. Erich und der Bombardier blieben auf der Stube zurück und beratschlagten, was weiter zu thun sei. »Vor allen Dingen,« sagte Schmoller, »muß ich meinen Säbel und meine Brieftasche wieder zu erlangen suchen; letztere enthält kompromittiernde Geheimnisse, und ich zittere bei dem Gedanken, daß sie in unrechte Hände fallen könnte.« Darauf legte er ein ziemlich wahres Geständnis seiner Erlebnisse des gestrigen Abends ab und ersuchte schließlich seinen Freund, sich in das bezeichnete Haus begeben zu wollen, um dort Säbel und Brieftasche zurückzuverlangen. »Ich werde so lange in dem kleinen Wirtshaus« warten, wo wir gestern waren, und da es mich wahrhaft anekelt, hier in diese« trostlosen Umgebung etwas zu genießen, so verspreche ich dir ein solides Frühstück, sobald du mit meinen Effekten zurückkehrst. Vorher aber wollen wir uns so fein als möglich machen, und während mein Bursche hereinkommt, um deine Uniform und Stiefeln zum Putzen zu holen, kannst du dich hinter einem der Betten verkriechen, damit dich dieser Kerl nicht sieht, was jedenfalls unnötig ist.« So geschah es, und eine gute halbe Stunde später schlichen sich beide zum Zimmer hinaus, gewannen glücklich eine Nebentreppe und erreichten, draußen längs der Mauer hinschleichend, die Hintergebäude der Dominikanerkaserne, Stroh- und Holzmagazine, wo sie durch ein nicht zu hoch gelegenes Fenster auf die Straße gelangten. Auch kamen sie ohne weitere Schwierigkeiten in das betreffende Wirtshaus, wo sie in derselben Ecke, {bild} die sie gestern abend beherbergt, einen Augenblick verblieben, und wo Grich neben den letzten Instruktionen noch ein Paar frischgewaschener Handschuhe des Bombardiers empfing, sowie dessen feinere Mütze, um auch im Aeußeren würdig als Gesandter einer solchen Großmacht auftreten zu können. Dann ging er seiner Wege; doch ehe er das that, kapitulierte er mit Schmoller noch wegen einer kleinen halben Stunde zur Besorgung eines eigenen dringenden Geschäftes – wer hätte auch die Dringlichkeit desselben nicht begreiflich gefunden? Wer, der um die Vorfälle des gestrigen Abends gewußt? Ach, wie oft war er während des kurzen Nachtschlummers erwacht, hatte an die arme Ticzka gedacht und sich halb träumend, halb wachend mit ihr beschäftigt! Wie zitterte er bei dem Gedanken, wieder in das kleine Haus einzutreten, dort vielleicht bleiche, verstörte Gesichter zu sehen und den alten Marechal zu finden, der ihn hinausführte in das Zimmer, wo die schöne Kolma – lag! Vielleicht aber auch, daß ihm der alte Mann mit glücklichem Gesichtsausdrucke zuflüsterte: »Es geht besser, es geht gut, sie hat schon mehreremal nach Ihnen gefragt!« So oder so. Darum mußte er Gewißheit haben und deshalb verlangte er vorher eine kurze halbe Stunde für eine dringliche Dienstangelegenheit. Aber Erich hätte ebensogut einen Nero erweichen können, als den Bombardier Schmoller in diesem Augenblicke; schon bei der einfachen Zumutung hatte sich alles in ihm emporgesträubt, wie bei dem erzürnten Hahne, ja, er kollerte auch zornig, wie dieser und ließ Erich bei irgend etwas Furchtbarem schwören, geradeswegs zu gehen, seinen Auftrag auszuführen und geradeswegs wieder zurückzukehren. »Wenn ich erst meinen Säbel und meine Brieftasche wieder habe,« hat Herr Schmoller gesagt, »dann wollen wir sehen, was in deiner dringlichen Angelegenheit zu thun ist.« Wenn dieser Gang auch Erich keine große Gemütsbewegung verursachte, so war er doch an dem heutigen Morgen infolge der gestrigen Erlebnisse, sowie einer fast schlaflosen Nacht in einer aufgeregten, etwas gereizten Stimmung, leicht empfänglich für Angenehmes und Unangenehmes und in dieser Verfassung hatte er sich vorgenommen, dem Herrn des betreffenden Hauses allerdings mit Höflichkeit entgegenzutreten, aber mit Festigkeit die Zurückgabe der fraglichen Gegenstände zu verlangen und im günstigen Falle des Gelingens allerdings seine und des anderen herzlichsten Gefühle der Dankbarkeit nicht vorzuenthalten. »Hoffentlich versteht der Mann einen Scherz und hat nicht die blutdürstige Absicht, meinen Freund ins Unglück zu stürzen; möglich aber auch, daß die betreffende Person selbst so gescheit und glücklich gewesen ist, Säbel und Brieftasche auf die Seite {bild} zu bringen. Jedenfalls ist das Ganze für mich eine unangenehme Kommission, und dazu der Hintergrund meiner drei Tage, während ich jetzt so gern in einem behaglich warmen Winkel sitzen möchte, am liebsten am Bette der armen Ticzka, um mich nach ihrem Zustande zu erkundigen, um sie sanft zu trösten, wenn das Unglück, wie ich hoffe, nicht zu arg ist, oder im anderen Falle mit dem allen Marechal bitterlich um sie zu weinen! Ja, ich gäbe in diesem Augenblicke viel darum, natürlich, wenn ich etwas zum Geben hätte, wenn es noch um diese Zeit wäre, wie damals vor Jahren, und ich mich an irgend ein freundliches Herz schmiegen könnte, an das Herz des guten Doktors Burbus oder an das des treuen Jugendlehrers, oder wenn ich mich zu den Kindern des guten Wacker hinsetzen könnte in das ärmliche Wohnstübchen, fern von der lärmenden Welt, und ihnen Märchen erzählen, bis wir alle miteinander einschliefen, was damals wohl vorzukommen pflegte – oder selbst wenn ich bei ....« Er verscheuchte in seinen Gedanken rasch den Namen Selmas sowie ihr Bild, welches ihn in diesem Augenblicke so eigentümlich anlächelte – Selma. Er hatte so lange nicht an sie gedacht, ja, er hatte sie fast vergessen, und jetzt auf einmal erinnerte er sich so lebhaft ihrer hübschen, schmachtenden Augen, ihrer starken Lippen, ihrer vollen Gestalt. – Pah, dummes Zeug! Da war das bezeichnete Haus, auf welches er, dicht an der Mauer hingehend, nun zutrat und dann die Klingel anzog. Es dauerte auch nicht lange, so näherten sich Tritte, die Thür wurde aufgeschlossen, aber nur soweit geöffnet, als es die von innen vorgelegte Kette erlaubte, und dann erscholl durch diese Spalte ein leiser Schrei der Verwunderung oder des Schreckens. »Vor allen Dingen,« flüsterte Erich, »ersuche ich Sie, mich ins Haus zu lassen, damit mein Davorstehen kein unnötiges Aufsehen macht. Seien Sie gescheit, hübsche Lisette, ich bin gewiß nicht gekommen, Ihnen Ungelegenheiten zu machen!« »O, Maria Joseph, was wollen Sie denn eigentlich? Ich kenne Sie gar nicht!« »Aber Sie kennen meinen Freund Schmoller.« »Leider, und ich wollte, ich hätte ihn nie kennen gelernt!« »Vielleicht denkt der ebenso,« dachte Erich und setzte laut hinzu: »Das ist möglich, aber ich habe ein paar dringende Worte mit Ihrer Herrschaft zu reden, und wenn Sie mich nicht herein lassen, so muß ich so lange anläuten, bis jemand anders kommt!« Die Kette fiel, und Erich trat in das Haus, welches sogleich hinter ihm verschlossen wurde. »Ich weiß schon, weshalb Sie kommen,« sagte das hübsche Dienstmädel, »aber es ist unmöglich, rein unmöglich!« »Und was ist rein unmöglich, wenn ich fragen darf? Seien Sie doch gescheit, es läßt sich alles Mögliche möglich machen!« »O, ich kann mir's denken, der Schmoller hat gestern abend etwas zurückgelassen, und das wollen Sie abholen; aber, wie ich schon sagte, das ist rein unmöglich, denn der Herr hat es gestern abend gleich mit hinauf genommen!« »Den Säbel?« »Ja, den Säbel. Ach, ich unglückliche Person, so meine Reputation zu verlieren! Ich, die nie ein Verhältnis gehabt hatte, ja, die von der Madame nur deshalb in den Dienst genommen wurde, weil ich früher nie ein Verhältnis gehabt, denn die Madame sagt, das könne der Herr durchaus nicht leiden. Und nun muß der Herr einen Säbel bei mir finden, und ich konnte ihm doch nicht weismachen, daß dieser Säbel allein ins Haus gelaufen sei!« »Das ist allerdings wahr – und die Brieftasche?« »O, die hab' ich glücklicherweise in meine Tasche gesteckt! Glück–lich–er–weise!« fuhr sie mit einem recht schnippischen Ausdrucke fort. »Das können Sie Ihrem Freunde, dem Herrn Schmoller, sagen, denn ich hätte in dieser Brieftasche Beweise gefunden, wie schlecht er war, jemand zu betrügen, der so treu an ihm gehangen – so treu, so treu!« Während sie mit ihrem Schürzenzipfel an die Augen fuhr, sah Erich deutlich ein, daß Schmoller wirklich ein Ungeheuer sein mußte, verschwieg diese Ansicht auch nicht, indem er hinzusetzte, »es müßte ihr, als einem so hübschen Dienstmädchen, alles daran gelegen sein, die Zeugen des unterbrochenen Opferfestes dadurch zu entfernen, daß sie ihm auch die Brieftasche übergebe.« Doch ließ Lisette bei dieser Aufforderung ihren Schürzenzipfel fallen und erklärte fest und bestimmt, »das sei eine Sache, die sie Aug' in Auge, wie auch noch andere, mit dem Herrn Schmoller selbst regeln wolle.« »Gut denn, ich kann dagegen nichts einwenden, bitte aber, mich jetzt Ihrem Herrn zu melden, damit ich ihn um die Herausgabe des Säbels bitten kann – wohl verstanden. Ich fange damit an, zu bitten, und der Herr wird wohl begreifen, daß es eine Unmöglichkeit ist, ein königliches Eigentum zurückhalten zu wollen.« »Der Herr wird es aber nicht begreifen können,« erwiderte das hübsche Dienstmädchen in einem etwas schnippischen Tone, »denn er ist heute in der Frühe verreist.« »Alle Teufel, das ist sehr ungeschickt! So muß ich mich an die Frau vom Hause wenden, was am Ende noch günstiger ist,« setzte er galant hinzu, »denn sie wird nicht so hartherzig sein.« Ob es hier absichtlich geschah, daß das hübsche Dienstmädel den hübschen Soldaten mit einem längeren Blicke, der von einem eigentümlichen Lächeln begleitet war, betrachtete, als dies bisher geschehen, sind wir nicht imstande, anzugeben; doch knickste sie etwas auffallend und sagte, indem sie ihren Kopf in die Höhe warf: »O, ich kann es schon versuchen, bei der Madame zu fragen, ob sie den Herrn sehen will, den Herrn – Bombardier – oder wie habe ich die Ehre, Sie anzumelden? Glaube aber doch nicht,« setzte sie mit einem zweiten Knickse hinzu, »daß die Madame sich beeilen wird, den Herrn heraufkommen zu lassen. Wen soll ich also anmelden?« »Sagen Sie meinetwegen: einen Freund Ihres Schmollers.« »Mei–nes Schmollers? O, ich bitte, das hat nach dem, was ich durch die Brieftasche erfahren, sehr aufgehört!« »Nun, so sagen Sie meinetwegen: ein Brigadeschüler Namens Freiberg wünsche die Frau des Hauses zu sprechen.« »Ah, ein Herr Brigadeschüler! Nun, ich will es versuchen, weil Sie so manierlich sind und so anständig aussehen.« Nach diesen Worten hüpfte sie kokett, mit schwänzelnder Bewegung ihrer Röcke die Treppe hinauf, blieb auch nicht lange aus und rief ihm schon von der Treppe entgegen: »Die Madame will Sie wahrhaftig sehen; ach, Herr Brigadeschüler, wenn es Ihnen gelingt, den Säbel Ihres Freundes zurückzuerhalten, so bereuen Sie ein gutes Wort für mich nicht, sagen Sie meinetwegen: dieser Schmoller sei ein ebenso anständiger Mensch und habe die ehrlichsten Absichten.« »Trotz der Brieftasche? Nun, ich will sehen, was ich thun kann.« »So – bitte – treten Sie hier herein und gedulden Sie sich nur einen Augenblick. Madame ist ein bißchen spät zu Bette gegangen und auch ein bißchen spät aufgestanden. Ach, Herr Brigadeschüler, ich verlasse mich ganz auf Sie!« Das hübsche Dienstmädchen hielt bei diesen Worten dem jungen Manne so herausfordernd die Hand entgegen, daß er nicht anders konnte, als diese ergreifen und sie nochmals seines besten Willens zu versichern. Dann war Erich allein und schaute sich in dem nicht reich, aber behaglich eingerichteten Wohnzimmer um. Da war auf dem Boden ein weicher Teppich, da stand in der einen Ecke ein Sofa und davor ein kleiner Fauteuil, in der anderen Ecke ein weißer Porzellanofen, der eine angenehme Wärme verbreitete, da duftete es nach Blumen und nach Kaffee, beides sehr natürlich, weil sich unter dem Spiegel eine Porzellanschüssel voll kleiner Veilchenbouquets befand, die nachgeborenen Kinder der letzten Herbstsonnentage, und weil auf dem Tische eine brodelnde Kaffeemaschine stand. Das ganze Bild, ein so reizendes Ensemble, daß Erich bei seiner regen Phantasie sogleich das wonnige Gefühl empfand, sich dort in dem Fauteuil ausstrecken zu können und von dem Kaffee und dein einladenden Backwerk zu frühstücken – lächerliche Träume für ihn, der selbst mit drei Tagen Mittelarrest behaftet hierher gekommen war, um den Säbel eines anderen, nicht minder schweren Verbrechers zurück zu erbetteln. Wie war die Dame des Hauses beschaffen? War es eine alte, gediegene, mürrische Persönlichkeit, klapperdürr, mit spitziger Nase, welche die günstige Gelegenheit wahrnahm, diesen jungen, leichtsinnigen Leuten einmal eine Predigt aus dem FF zu halten? War es – Doch da öffnete sich die Thür und die Herrin des Hauses trat ein. Keine klapperdürre Persönlichkeit mit spitzigen Schultern, soviel bemerkte der junge Mann beim ersten Blicke, ohne ihr Gesicht sehen zu können, da sie dieses abgewandt hatte, während sie die Thür hinter sich verschloß. Es war eine hübsche, etwas starke Gestalt in einem hellgrauen Morgenkleide, welches sich bei der oben erwähnten Bewegung so fest an ihren Körper anschmiegte und Formen zeigte, daß alle Ideen von dürrer, gefühlloser Grausamkeit sogleich entschwinden mußten. Dann wandte sie sich gegen den jungen Mann, ein Lächeln auf den Lippen. »Selma...« »Herr Freiberg! Was verschafft mir endlich das Vergnügen, Sie bei mir zu sehen?« Sie betonte das »endlich« so stark, daß Erich sich gedrungen sah, es zu wiederholen, und dann hinzuzusetzen: »Sehen Sie, wie ich überrascht bin; ich hatte keine Ahnung, Sie hier zu finden.« »Das ist doch seltsam,« gab sie zur Antwort, während das Lächeln nicht von ihrem Gesichte wich; »und doch ließen Sie sich unter Ihrem Namen bei mir anmelden.« »Bei der Dame dieses Hauses, ja, aber im Auftrage eines Freundes.« »Sollte ich diesen Auftrag und Ihren Freund vielleicht erraten? – Doch halt,« fuhr sie, ihm rasch nähertretend, fort, »ist vielleicht Ihr Freund und Sie eine und dieselbe Person?« – Dabei war aber das Lächeln gänzlich von ihrem Gesichte verschwunden. »Daß wir zwei, mein Freund und ich, in der That verschiedene Personen sind, dafür kann ich in Ihrem Hause selbst die gültigsten Zeugnisse beibringen.« »Gewiß? Erich, ist das wahr? O, es hätte mich sehr, sehr geschmerzt, denn ich weiß, welche Bitte Sie an mich zu stellen haben, und es hätte mich tief betrübt, von einem Jugendfreunde so – gewöhnliche, mehr als leichtsinnige Dinge zu erfahren! Doch nein, Sie sprechen die Wahrheit, Sie schauen mich ehrlich und offen an, wie ehedem, Sie sehen so gut und unschuldig aus, wie damals – deshalb seien Sie mir herzlich willkommen!« – Sie reichte ihm ihre beiden Hände, und er fühlte den leisen Druck derselben. – »Wie danke ich dem an sich recht unangenehmen Vorfalle, der Sie endlich zu mir geführt! Wissen Sie, geführt! Wissen Sie, Erich, daß es recht schlecht von Ihnen ist, eine gute Freundin, wie ich Ihnen stets war, nicht schon lange aufgesucht zu haben? Oder hätten Sie nicht gewußt, daß wir schon seit einem halben Jahre hier sind?« »Darauf kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben, gewiß, ich hatte keine Ahnung davon! Werden wir doch in unserer Schule fast wie Gefangene gehalten und kommen mit der Welt, die außer unserer militärischen Sphäre liegt, so gut wie in gar keine Berührung!« »Sonst hätten Sie mich aufgesucht? O, gewiß, Sie hätten das gethan, Sie hätten Selma nicht vergessen, die stets so freundlich für Sie war, bis zu jener Zeit, wo« – sie hob halb drohend ihren Zeigefinger empor – »wo Sie sich aus einem schüchternen Schulamtsgehilfen so plötzlich in einen Begleiter hübscher Zigeunermädchen verwandelten! O, Erich, wie Sie uns alle, und besonders mich getäuscht haben! Doch genug davon, reden wir nicht mehr darüber, sondern beschäftigen wir uns, freundschaftlich plaudernd, mit der Gegenwart. Und nun kommen Sie und setzen sich zu mir.« Da saß er denn nun wirklich in dem Fauteuil, wie er vorhin geträumt, ja, behaglich ausgestreckt, so hatte es Selma verlangt, wobei sie schmeichelnd bat, ganz so zu thun, wie damals, als sie noch auf dem Sofa des elterlichen Hauses gesessen, ein Paar harmlose, unschuldige Kinder – damals, ehe er jene düster blickende Zigeunerin kennen gelernt. »Doch wir wollen nicht mehr darüber reden, obgleich ich dieses Mädchen gehaßt habe, so schön sie auch war. Das liegt aber alles weit hinter uns, nicht wahr, Erich? Sie verzeihen, wenn ich Sie von meinem Vaterhause her noch so nenne – ach, es waren doch schöne Zeiten!« Wahrend die schöne Frau so plauderte, beschäftigte sie sich mit ihrer Kaffeemaschine, nicht ohne dabei Erich häufig mit ihren blitzenden Augen anzuschauen und nicht ohne ihrer Freude dieses Wiedersehens und des Anschauens dadurch noch einen größeren Ausdruck zu verleihen, daß sie ihn heiter anlächelte, ja, daß sie ihre seine weiße Hand auf sein krauses Haar legte und ihm dabei versicherte, dasselbe sei noch viel stärker geworden als früher. Dann schob sie die Tasse vor ihn hin und setzte sich in die Ecke des Sofas, ihm so nahe als möglich. »Und nun wollen wir plaudern.« Auch der zweite Teil seines Traumes war erfüllt, und er ließ sich nicht lange nötigen, das süße, duftige Getränk zu schlürfen und von dem guten Backwerke zu essen. Hatte er doch Hunger und Durst und fühlte sich so angenehm durchwärmt nach dem Genusse des heißen Kaffees! Dann erzählte sie von ihrem vergangenen Leben, wie sie den ihr von den Eltern bestimmten, ja aufgezwungenen Bräutigam nach vielem Widerstreben endlich doch geheiratet, wie sie weder glücklich noch unglücklich geworden, wie sie mit ihm in einer Mittelwegsehe lebe, dergleichen es tausende in dieser traurigen Welt gäbe – was Erich indessen nicht ganz zu verstehen schien – und wie sie durch alles das ein freud-, aber auch ein leidloses Leben führe. »Er hätte eine Pfarre antreten sollen,« fuhr sie fort, »aber in einem so elenden Dorfe des Gebirges, daß Mama ihn Zustimmung dazu nicht geben wollte und uns durch ihre Bekanntschaften hier installierte, wo er als Gymnasiallehrer Unterricht in alten Sprachen erteilt –, ach, er ist stark in alten Sprachen,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »was aber gerade keine Eigenschaft ist, daß sich eine junge Frau davon beglückt fühlen könnte! Heute morgen ist er nach der Residenz abgereist, wo er mit Papa und Mama zusammentrifft, um den Versuch zu machen, daß ihm die Nachfolge in Zwingenberg für später gesichert werde. – Da haben Sie den ganzen Roman meines Lebens, das heißt die trockene Geschichte eines trockenen Daseins, denn was allenfalls Romanhaftes über mein Leben hinglänzte, liegt hinter mir wie jene Tage, von denen ja auch Sie zu erzählen wissen. Aber nichts von jenen Tagen sollen Sie mir erzählen,« fuhr sie eifrig fort, indem sie sich rasch gegen ihn neigte mit einer Bewegung, als wollte sie ihre Hand auf seinen Mund legen – »nichts von dem Damals, wo wir so kindisch und so dumm waren; doch berichten sollen Sie mir, wie es Ihnen seit jener Zeit ergangen, bis heute, bis zu diesem Augenblicke, bis jetzt, wo ich das Vergnügen habe, Sie bei mir zu haben, lieber Erich!« – Sie stützte den Arm auf die Lehne des Sofas, und während er ihr erzählte, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen, streckte sie ihren runden Arm über die Sofalehne hinaus und wühlte gedankenvoll oder gedankenlos in seinem Haar. Bei seiner Erzählung folgte er dem Grundsatze, daß, was man sagt, wahr sein soll, aber daß man nicht alles zu sagen braucht, was wahr ist, weshalb sein Bericht über die Begebenheiten auf Schloß Seefeld lückenhaft war und er über die letztvergangene Nacht als eine ganz gewöhnliche, gut verschlafene hinwegglitt. Dann kam er zu dem Kapitel Lisette, Säbel und Schmoller, und da im gleichen Augenblicke das Bild des letzteren vor seine Seele trat, wie er mit allen Zeichen der Ungeduld in dem kleinen Wirtshause hin und her rannte, so stellte nun Erich in aller Form seine Bitte um Zurückgabe des corpus delicti . Ueber dieses Abenteuer, das gestern in ihrem Hause gespielt, brach Selma in ein so heiteres Lachen aus, daß sie nicht anders konnte, als aufstehen und zur Erholung einen raschen Gang durch das Zimmer machen. Diesen Gang dehnte sie bis zur Thür aus, zu welcher Erich hereingekommen war, ja, sogar bis vor die Thür, bis an die Treppe, wo sie einen Augenblick stehen blieb und wo sie Lisette in ihrer Küche hantieren hörte. Dann kehrte sie zurück, etwas schwer atmend, wahrscheinlich von dem anstrengenden Lachen und der raschen Bewegung, und sich auf den Fauteuil, in welchem Erich sah, stützend, sagte sie, sich zu ihm herabbeugend: »Ihre Bitte will ich erfüllen unserer früheren innigen Freundschaft wegen, ja, einer Freundschaft, die hätte gefährlich werden, ja, in ein anderes Gefühl hätte ausarten können, wenn wir nicht damals abends... »Hatten Sie damals nicht auch das Gefühl,« unterbrach sie sich selber, »daß wir in Gefahr standen, uns mehr zu sein, als wir uns sein durften, hatten Sie nicht, Erich?« Nun war er aber damals durchaus nicht zum Bewußtsein einer Gefahr gekommen und auch jetzt nur zu dem Bewußtsein eines Gefühles, das ihm aber auch durchaus nicht gefährlich erschien; seine Nerven bebten noch leise nach von den Begebenheiten der vergangenen Nacht. Aus einem rauhen, frostigen Morgen, aus einem ungemütlichen Kasernenzimmer hinweg, aus dem bitteren Gefühle, einen unangenehmen und vielleicht doch vergeblichen Gang machen zu müssen, war er plötzlich in dieses behagliche Kapua gekommen, nach der heimlichen Insel einer Zauberin, die ihn vom Schiffbruche errettet, die nun mit sanfter Hand sein Haar glättete und jetzt bemüht war, seine eigentümlich kalten Finger zwischen ihren beiden Händen zu erwärmen – ja, einer Zauberin, deren volle hochblonde Locken so kokett auf den schneeweißen Nacken niederfielen, jetzt auf die runden Schultern und weiter hinab, da ihr leichtes Gewand nur um die Taille durch eine seidene Schnur zusammengehalten wurde, die sogar keinen festen Knoten hatte, was sie selbst, aber zu spät, mit einem kurzen koketten Aufschrei zu bemerken schien. Für Erich verschwammen die Bilder der vergangenen Nacht und des gegenwärtigen Morgens auf eine seltsame Art durcheinander. Er dachte an die arme Ticzka, während er sich von Selmas heißem Atem angehaucht fühlte, und aus der Tiefe eines weißen, verräterisch wogenden Meeres sah er beinahe schaudernd die so eigentümlich leuchtenden Augen Kolmas, ihn fast vorwurfsvoll anblickend. – – Darum schloß er lieber seine eigenen, wie es der kühne Schwimmer oder der rettungslos Verlorene wohl zu machen pflegt, wenn er genötigt ist, sich in die brausende Tiefe zu stürzen, untersinkend, mit einem beängstigenden, schmerzlichen und doch wieder unaussprechlich seligen Gefühle. Ist er ein guter Schwimmer, so wird er ohne Mühe das Ufer wieder erreichen, dort ermattet hinsinken unter Gras und Blumen, deren duftenden Kelche an zierlich geneigten Stengeln auf ihn herabnicken. – – Hier waren es indes keine Blumen, sondern langes kühles blondes Haar, während er wie im Traume mit halb geschlossenen Augen immer noch das Leuchten und Wogen des Sees vor sich sah. Dann sprang er rasch empor und zog sie mit sich in die Höhe, wobei ihr glühendes Gesicht gegen den Boden gewandt war, so daß er ihre thränenfeuchten Augen nicht sehen konnte. »Ich fühle, wieviel ich verloren,« hauchte sie kaum verständlich; »ach hätte uns das Leben früher und bindend zusammengeführt, während jetzt jedes für sich einzeln seine Straße wandeln muß und während man nur vielleicht rechnen darf auf ein baldiges freudiges Wiedersehen – nicht wahr, Erich?« »O gewiß, gewiß!« gab er zur Antwort, während seine Gedanken ganz wo anders waren; er sah die arme Ticzka blutend am Boden liegen, er hörte sie sagen: »Wenn du bei mir geblieben wärest, so wäre das alles nicht vorgefallen! Du wärest recht undankbar, mich zu verlassen – wenn das alles die kleine Blanda wissen könnte!« »Ja, ja,« tönte und dröhnte es in ihm, »ich war recht undankbar, grenzenlos undankbar, und es ist eine gerechte Strafe, daß ich meine Undankbarkeit verzweiflungsvoll fühle, ja, verzweiflungsvoll...« – Er starrte vor sich hin, und nagte an der Unterlippe, während Selma leise von seiner Seite weggetreten war und, am Fenster stehend, an den grauen Himmel emporblickte. Es dauerte eine gute Weile, ehe er imstande war, scheu zu ihr hinüberzublicken, fürchtend, auch hier düsteren, vorwurfsvollen Blicken zu begegnen. Sollte er sich freuen, daß dies nicht der Fall war, daß sie sich jetzt heiter lachend gegen ihn wandte, dann auf die grauen Wolken zeigte, die, von einem scharfen Winde getrieben, vorüberflogen, und dabei sagte: »Wir werden Schnee oder Regen haben in kurzer Zeit.« »Ja, Schnee oder Regen, und ich habe noch einen recht weiten Weg zu machen.« »So muß ich dich entlassen, mein süßer Erich, so schmerzlich mir dies auch fällt; doch ehe ich dir das Bewußte übergebe, mußt du mir versprechen, mich so bald wieder zu besuchen, als es dir möglich ist.« »So bald als es mir möglich ist,« antwortete er, in Gedanken versunken, und jetzt zum erstenmal schwebten die drei Tage, die er in den Hallen des heiligen Augustin zubringen sollte, wie ein Lichtpunkt vor seiner Seele – fest verschlossen hinter Mauer und Riegel, abgesperrt von dieser eigentümlichen Welt, büßend auf hartem Holzlager bei Wasser und Brot – ja, es gab doch noch Gerechtigkeit auf Erden. Er hatte es nicht einmal bemerkt, daß Selma lächelnd aus einer Ecke des Zimmers den Säbel Schmollers hervorgeholt, die fürchterliche Waffe, welche so viel Unheil angestiftet, und ließ es nicht nur geschehen, daß sie ihm das Bandelier um seine Schultern legte, sondern er befestigte gedankenlos die Achselklappe darüber und griff nach seiner Mütze, die neben ihm auf dem Boden lag. »Adieu, mein Freund, denke an mich und laß dich bald wieder bei mir sehen, in den nächsten Tagen!« »Ja, o ja!« Dann leuchtete es noch einmal um ihn her wie Seegestade mit Wellen und Blumen, und er fühlte, wie Selma einen kurzen heißen Kuß auf seine Lippen drückte; noch einmal zog sich sein Herz krampfhaft zusammen, dann befand er sich an der Thür, vor der Thür, an der Treppe, und vernahm die Stimme der Frau vom Hause, welche hinabrief: »Lisette, öffne dem Herrn Freiberg die Thür und sage dann dem Fräulein droben, es möchte jetzt zum Frühstück kommen!« Drunten empfing ihn das hübsche Dienstmädchen, und erst als sie sagte: »Sie sehen ja aus, als wenn alles schlecht gegangen wäre, und haben ja doch den Säbel wieder!« – versuchte er, ein klein wenig zu lächeln; dann aber machte sie ein affektiertes betrübtes Gesicht und seufzte ein wenig, während sie aus ihrem Rocke die bewußte Brieftasche hervorzog: »Nehmen Sie das auch mit und geben Sie es ihm wieder, es würde für mich eine zu schmerzliche Erinnerung sein. Ach, Herr Brigadeschüler, wie traurig ist es für uns arme Mädchen, daß ihr Männer alle so entsetzlich treulos seid!« Die Thür fiel hinter ihm ins Schloß und die Kette rasselte darüber hin, während er mit einem unaussprechlich bitteren Gefühle an den grauen Himmel emporschaute und sich darüber freute, daß ihm der scharfe Wind einen Regenschauer in das erhitzte Gesicht jagte. Als er hierher gegangen war, hatte er sich mit ängstlicher Vorsicht an den Mauern und Häusern vorbeigeschlichen, jedes kleine Seitengäßchen, jede abgelegene Straße benutzend; wogegen er jetzt, mit ernsteren, wichtigeren Gedanken beschäftigt, diese Vorsicht nicht mehr beobachtete. Er ging geradeaus quer über die Straße, vor sich niederstarrend, zuweilen mit den Zähnen knirschend, sich unmutig schüttelnd, die linke Hand krampfhaft um den Griff des Säbels geballt; dann kam er über einen kleinen, aber belebten Platz, dann an einem Hause vorbei, vor dem eine Schildwache auf und ab ging, die er auch nur wie im Traume sah, dann fühlte er, daß jemand auf ihn zutrat, dann hörte er die barsche Anrede: »Na, dat muß ick sagen, et könnte mir mit demselben Effekt ein Toter auf der Straße begegnen, als der da! – Herr Hauptmann von Lindenbaum, globen Sie mir, wir stoßen da auf eene ganz unerhörte prächtige Geschichte!« Erich, auf diese Weise furchtbar aus seinen Träumereien aufgerüttelt, hatte emporschauend den Oberst erkannt, welcher breit vor ihm stand, die rechte Hand in die Seite gestemmt, mit der Linken unmutig den Säbel schüttelnd. »Sehen Sie mir diesen Mann an,« brüllte er über den Platz hinweg, daß die Leute erstaunt stehen blieben, andere hinüberschauten. »Diesen selbigen Mann, einen Brigadeschüler, habe ich gestern abend für drei Tage aufs Holz kommandiert und finde ihn nun hier auf der Gasse in frecher Weise vor dem Hause seines Obersten herumstreichend! Wenn dat nit en Fressen für dat Standrecht ist, so soll mich selbst gleich en Millionen Schock ... – na, wir wollen nit fluchen; sage Er, Mensch, wat hat Er mir zu antworten?« Das war nun allerdings eine böse Frage, und Erich that das Klügste, was er thun konnte, nämlich stillzustehen, ohne daß eine Muskel in seinem Gesichte zuckte, und den Oberst anzuschauen. Die Blässe seines Gesichts, sowie die unverkennbare Bestürzung, in der er sich befand, machten die Hand des Obersten sinken, der diese schon erhoben hatte, um den Frevler am Lederzeuge zu packen und ein bißchen zu schütteln; ja, sie machten, daß er ihn ein paar Sekunden kopfnickend betrachtete und dann den Worten des Brigadeadjutanten Gehör gab, der ihm, mit einem schüchternen Blicke auf die umstehenden Leute, sagte: »Wollte der Herr Oberst nicht die Gnade haben, einen Augenblick in das Ordonnanzzimmer zu treten, und dort könnte man ...« »Ja, dort könnte man, dort soll man, dort wird man, und ick bin der Mann, um diesem nichtsnutzigen Gelichter zu zeigen, dat alle diese tollen, verrufenen Streiche ihre Grenzen haben, wo da ist Heulen und Zähnklappern!« Dann wackelte er in das Haus zurück, Erich folgte ihm auf eine Einladung des Brigadeadjutanten vermittelst gefälliger Handbewegung, worauf dieser selbst kam und so die Prozession zum Richtplatze schloß. 24. Kapitel Erich hat sich selbst erhöht, wird erniedrigt und von dem heil. Augustin freundlich aufgenommen. Bombardier Schmoller gebraucht eine Kohlenschaufel als Mandoline. Der Bombardier Schmoller spazierte in dem kleinen Wirtshause mit allen Zeichen der Ungeduld ziemlich genau in der Richtung von Ost nach West und umgekehrt, während in dem Ordonnanzzimmer im Hause des Obersten dieser ebenfalls mit allen Zeichen der Ungeduld, die Hände auf dem Rücken, von Nord nach Süd und umgekehrt hin und her schritt, so also auch in dieser Hinsicht und Richtung die Wünsche des eben genannten Bombardiers rechtwinklig durchschneidend. Was Erich anbelangte, so war er ziemlich bei der Wahrheit geblieben, mit einziger Ausnahme, daß er vom Cirkus hinweg einen Sprung in die Stube Schmollers machte, weil er sich gefürchtet habe, sein eigenes Zimmer zu betreten, was allerdings richtig war; dann aber sei er einstweilen vorausgegangen, den Bombardier erwartend, der ihn ins Arrestlokal führen solle, und deshalb auch so langsam und träumerisch durch die Straßen geschlichen. So weit wäre alles gut gegangen, und der Brigadeadjutant, der kein böser Mensch war, hatte, wie er gern in Momenten des Erstaunens zu thun pflegte, die Hände kreuzweise auf seinen dünnen Leib übereinander gelegt und schaute nun den Oberst mit einem Gesichte an, welches je nach Umständen ebenso eines gemütlichen Lächelns als eines finsteren Grolles fähig war. Doch schien ein paar Sekunden lang die Gemütlichkeit die Oberhand gewinnen zu wollen, denn der Oberst brummte etwas vor sich hin von verfluchten Kerls, von allerdings sehr unüberlegten und dummen Streichen, die er aber verzeihen könne, wenn nichts Gemeines und Schlechtes mit unterliefe und wenn kein Frevel geschehe gegen allerhöchste Anordnungen Seiner Majestät des Königs – bei den letzten Worten lüftete er wie gewöhnlich seinen Helm, nach irgend etwas Unsichtbarem hin salutierend. »Aberrrrr hören Sie, Herr Hauptmann von Lindenbaum,« schrie er auf einmal mit erneuerter Wut, »ick globe, diese Geschichte verwickelt sich doch aufs Standrechtliche! Schauen Sie mir einmal den Säbel dieses nichtsnutzigen Flederwischs an! Bin ick blind geworden oder sehe ick mit meinen beiden erstaunten Augen, dat diese Kreatur, die ohnedies mit keinem Säbel geschmückt sein sollte, gar das Portepee der Avancierten trägt – sehe ick in der That recht, Herr Hauptmann von Lindenbaum? Bitte, unterstützen Sie meine schwachen Augen, denn ick möchte mir, was dieses anbelangt, nicht irren!« »Es ist so, Herr Oberst,« antwortete der Brigadeadjutant förmlich schaudernd. »Und nun, he! und nun, Er Millionenhund von einem Brigadeschüler, wie kann Er sich unterstehen, dat Portepee zu tragen, dat Seine Majestät der König« – mit abermaligem Salutieren des Helmes – »für solche erschaffen, die durch Fleiß, gute Aufführung, Kenntnisse und vor allem durch Ordnung etwas in der Welt geworden sind! Rede Er, aber mit Vorbedacht, daß Er alles später vor dem Standrechte so wiederholt, wie Er es hier vor Seinem Oberst aussagt – rede Er!« Nun geriet aber Erich auf dem abschüssigen Pfade des Lügens durch diesen neuen Anstoß immer tiefer hinein, und als er erzählt, der Bombardier, der zurückgeblieben sei, habe ihm seinen Säbel zum Tragen gegeben und er denselben eigentlich unbewußt umgehängt, fühlte er wohl, daß ihm die Flut bis an den Hals ginge und er unter dem Drucke der zornigen Augen des Obersten, sowie der finsteren Blicke des tief erschütterten Brigadeadjutanten nur noch mühsam nach Atem schnappen konnte. Der Oberst war durch die ungeheure Schuld äußerlich wenigstens ruhiger geworden und ging überlegend mit dröhnenden Schritten hin und her, wobei er aber in Wirklichkeit einer auf dem Boden dahinrollenden Kugel glich, die beim ersten Hindernisse, welches sie berührt, wieder in einem hohen Bogen durch die Luft davongeht. Und dieses Hindernis, welches sich ihm darbot, war der unglückliche Schmoller selbst, den er bei einem Blicke durchs Fenster spähend an der Ecke des Platzes stehen sah. Diesem Unglücklichen war die Zeit zu lang geworden, er hatte sich auf Schleich- und Kreuzwegen vorgewagt, um nach Erich zu sehen, und hatte klugerweise zu einem Lauerposten jene Ecke, wo er stand, ausgesucht, von wo er drei Straßen übersehen konnte, auf deren einer Erich unfehlbar erscheinen mußte. Da ereilte ihn das Verhängnis in Gestalt einer der Ordonnanzen des Obersten, ein ordentlicher Kerl und guter Kamerad, und dieses Verhängnis sprach zu ihm in dumpfem Tone: »Bombardier Schmoller, es ist das eine verflucht wüste, Suppe, die ihr euch eingebrockt habt! Da drinnen ist der junge Freiberg von der Brigadeschule, und ich bin beauftragt, dich ebenfalls dahin zu bringen!« An ein Ausreißen war nicht zu denken, ebensowenig an ein ferneres Leugnen, und Schmoller, der keinen vernünftigen Grund dafür anzugeben wußte, warum er dort an der Ecke herumgelungert, anstatt seinem Arrestanten augenblicklich nachzugehen, sagte zum Schrecken Erichs insofern die Wahrheit, als er erzählte, er habe gestern abend seinen Säbel in einem Hause vergessen und den jungen Freiberg gebeten, ihm denselben zu holen. Bei dieser neuen Verwickelung arbeiteten die Arme des Obersten wie zwei wahnsinnig gewordene Windmühlenflügel, offenbar in dem Bestreben, sich diese unerhörten Frevel auch nur einigermaßen klar und faßlich zu machen. Da ihm aber dies nicht zu gelingen schien, er auch die Unthat für zu groß halten mochte, um hier noch ein Wort weiter zu verlieren, so schlug er mit der Faust auf den Schreibtisch der Ordonnanz und befahl, sogleich einen Arrestzettel zu schreiben für den Bombardier Schmoller, einen jener faulen Schreiberknechte, welche unserem Herrgott die Zeit und dem königlichen Aerar Tinte und Papier abstehlen, sowie für den Brigadeschüler Freiberg, einen unverbesserlichen Taugenichts, und zwar für Untersuchungshaft, auf Befehl des Obersten. »Melden Sie dat auch dem Hauptmann Wetter, damit er erkennt, welche Schwefelbande er zu kommandieren die Ehre hat, und dann treffen Sie alle Einleitungen, Herr Hauptmann Lindenbaum, dat diese Angelegenheit ihren richtigen Weg geht!« – Nach diesen Worten ging er, ohne die beiden Verbrecher eines ferneren Blickes zu würdigen, und der Brigadeadjutant folgte ihm, nachdem er rasch den verhängnisvollen Zettel unterschrieben. Und da waren sie nun wieder auf demselben Wege wie gestern abend, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß Schmoller mitleidend eingetreten war und daß sich die Halle des heiligen Augustin jetzt ohne die mindeste Schwierigkeit gastfreundlich für sie öffnete. Ein Trost war es noch, daß ihnen ein gemeinschaftliches Zimmer angewiesen wurde, in welchem sich zwei allerdings ärmliche Betten befanden, sowie ein Ofen, der nach Verlauf einer halben Stunde eine spärliche Wärme verbreitete, von der übrigens beide nichts merkten, denn jeder hatte sich auf sein Bett geworfen, jeder hatte sein Gesicht der Wand zugekehrt und jeder war alsbald eingeschlafen. So hatten sie ein artiges Duett in den Tag hineingeschnarcht, und es mochte um die Mittagsstunde sein, als Schmoller durch Erwachen, nach vorhergegangenem langen Recken und Gähnen, wieder in dieses jetzt so freudlose Leben eintrat, und bald nach ihm sah sich auch Erich, durch einige tief ausgestoßene Seufzer erweckt, ebenfalls dem gleichen freudlosen Dasein zurückgegeben – freudlos in dem Bewußtsein ihrer Gefangenschaft und eines hungrigen Magens, aus welch letzterem Grunde denn auch der Bombardier nach kurzer Zeit sein Bett mit einer heftigen Bewegung verlieh und, im Zimmer hin und her rennend, einen wahrhaft ergreifenden Monolog hielt, der sich nur zuweilen in einen Dialog verwandelte, wenn nämlich Erich, wie zuweilen geschah, Bemerkungen einwarf, wie zum Beispiel, daß er noch niemals gehört habe, die im Untersuchungsarreste Befindlichen seien auch zugleich zum Hungertode verdammt. »Hat sich was vom Hungertode,« knurrte ihn Schmoller an; »aber es ist auch nicht besser, wochenlang mit Menagesuppe und Kommißbrot geätzt zu werden, und das sehe ich schaudernd vor mir – oder hast du vielleicht Geld, um für uns aus irgend einem benachbarten Gasthofe ein anständiges Essen holen zu lassen?« »Sonderbare Frage für dich, der du meine Verhältnisse kennst.« »Nein, ich kenne deine Verhältnisse durchaus nicht, fürchte aber, ich habe mich in dir getäuscht.« »Wie so, Schmoller?« »Nun, nachdem ich aus deiner gestrigen Aufführung im Cirkus ein anständig solides Verhältnis mit jener – wie heißt sie denn gleich? – voraussetzte, ein lukratives Verhältnis, das sogar imstande ist, eine harte Gefangenschaft einigermaßen zu versüßen.« »Ja, darin hast du dich allerdings in mir und in meinem Verhältnisse getäuscht,« gab Erich kurz zur Antwort, während der andere fortfuhr, in dem kleinen Zimmer hin und her zu rennen und um zuweilen einen Blick an den grauen Himmel hinzuwerfen, wie um Gerechtigkeit zu verlangen für das Unrecht, welches ihm hienieden geschah. »O Lisette,« seufzte er, »ohne diese unglückselige Brieftasche würde es genügen, dich unter Beteuerung meiner fortdauernden treuen Liebe von meinem Aufenthalte in Kenntnis zu setzen! – Ja, lache nur. ich habe in der That schöne Gefühle für sie gehegt: Ich habe sie geliebt und liebe sie noch. Und stürzte der Erdball zusammen –« Er hatte den Kopf gegen den Fensterrahmen gestützt und ließ eine ziemliche Zeit vergehen, ehe er den Schluß jener Strophe von sich gab: »Aus seinen Trümmern stiegen doch Hervor meiner Liebe Flammen!« Auch deklamierte er nicht mit der Innigkeit im Ausdrucke, wie es wohl jene feurigen Worte verdienen; ja, er trennte das Wort Flammen so auffallend voneinander, daß Erich, aufmerksam geworden, sich nicht enthalten konnte, nach ihm hinzuschauen, worauf er alsdann bemerkte, daß der Bombardier, am Fenster stehend, einen süß lächelnden Blick mit schmachtendem Augenaufschlage in den kleinen Gefängnishof hinabwarf. »Und gesetzt auch,« fuhr Erich fort, nachdem er sich wieder auf sein Bett ausgedehnt, »du hättest noch volle Berechtigung, sie von deiner Kerkerhaft in Kenntnis zu setzen, wie wolltest du das zuwege bringen?« »O, es gibt überall fühlende Herzen,« antwortete Schmoller mit weichem Tone, »und gute Wesen, die jedes armen Gefangenen Unglück zu lindern vermögen! – Doch horch, die Riegel unseres Kerkers klirren, es wird unser Mittagessen sein.« Und so war es auch in der That, wenn anders die irdene Schüssel, mit Menagesuppe gefüllt, diesen Namen verdiente. Es war dies ein steifer, ungenießbarer Brei, zusammengesetzt aus gekochten Erbsen, Kartoffeln und einigen spärlichen Stücken borstigen Schweinefleisches, und hatte derselbe durch den Transport über die kalte Straße oben eine solche zähe Haut angesetzt, daß der Löffel, den der Bombardier verachtungsvoll hineinstieß, aufrecht stehen blieb. Und dabei hatten sie nicht einmal den Trost, von dem Kanonier, der das Essen aus der Kaserne gebracht, bedient zu werden, der ihnen vielleicht Neuigkeiten erzählt oder entgegengenommen hätte, sondern der ernste, brummige Gefängniswärter in eigener Person stellte die Schüssel auf den Tisch, legte zwei im Verhältnis zur Suppe sehr appetitlich aussehende Kommißbrote daneben und entfernte sich mit dem Wunsche einer gesegneten Mahlzeit. »Hast du denn gar nichts von Geldeswelt, oder was des Versetzens würdig wäre?« fragte Schmoller mit kummervollem Blicke. »Nicht ein Geschmeide, nicht einen Ring, Meine liebe Buhle damit zu zieren? O Freiberg, wir sitzen erbärmlich in der Patsche, abgesehen von dieser trostlosen Untersuchungshaft, die allein schon imstande ist, uns elend herabzubringen – wer weiß, was uns darauf später blüht! Mich anlangend, so bin ich überzeugt, daß der Brigadeschreiber, dieses boshafte Tier, mein curriculum vitae mit Pfeffer und Salz einreibt, und daß dich der Hauptmann Wetter, so gut er auch sein mag, gegen den Willen des Obersten doch nicht durchschlüpfen läßt, darauf darfst du Gift nehmen!« »Gut, nehmen wir etwas Gift darauf,« erwiderte Erich, indem er mit dem Löffel in die Schüssel fuhr und einiges von dem kalten, jetzt doppelt geschmacklosen Brei hinunterwürgte. Dann sagte er, nachdem er sein Mittagessen durch ein Stück von dem nahrhaften Kommißbrote beendigt: »Und ich bin der schlaflosen Nacht recht dankbar für die Müdigkeit, die noch immer in meinen Gliedern liegt, und will den Versuch machen, noch während ein paar Stunden das Versäumte nachzuholen.« »Woran du sehr unrecht thust, denn wenn alsdann der dunkle, langweilige Abend kommt, kannst du nimmer schlafen.« »Dann erzählen wir uns Gespenstergeschichten, das heißt nachdem wir zu Nacht gespeist.« »O weh, o weh!« – Der Bombardier trat abermals an das Fenster, legte den Arm gegen den Fensterrahmen und seinen Kopf mit einem melancholischen Ausdrucke darauf, während sich Erich wieder auf sein Bett warf, um wenn auch nicht zu schlafen, so doch über den gestrigen Tag nachzudenken. Als er aber das Gesicht der Wand zukehrte, fühlte er etwas in seiner Brusttasche knittern und besann sich sogleich, daß dies das Papier sei, welches gestern abend vor dem Hause der armen Ticzka aufgehoben; doch vergegenwärtigte ihm das so die traurige Lage, in der er das unglückliche Mädchen verlassen, und ließ ihn so innig, so schmerzlich, ja, so reuevoll an sie denken, daß er sein Gesicht in das Kissen drückte und so eine Zeit lang in schmerzlichster Aufregung {bild} liegen blieb. An etwas anderes zu denken, schien ihm eine Sünde zu sein, und wenn die Erinnerung an den heutigen Morgen je einmal den Versuch machte, vor ihn hinzutreten, so flehte er die guten Augen der Kolma um Schutz an und erinnerte sich mit tiefer Wehmut ihres kindlichen Geplauders, das sie mit ihm, ihrer lieben Puppe, gehalten. Und wie rasch hat diese liebe Puppe alles das vergessen! Nein, nicht vergessen aus freien Stücken, aber man hatte ein heißes, betäubendes Vergessen über sie ausgegossen, dem sie erlegen war und unter welchem sie, so oft sie daran denken mußte, schmerzlich leidend aufstöhnte; und sie wollte nicht mehr daran denken, wenigstens jetzt nicht, wo so viel Unangenehmes und Tolles durch ihren Kopf fuhr, wo sie die kahlen Mauern der Gefängniszelle ohnedies trostlos genug anblickte. Deshalb zog er das Papier aus seiner Brieftasche hervor und betrachtete es. Es war ein großes Couvert mit einem Siegel, das aber nicht von ihm und nicht durch Zufall aufgerissen war und welches er überschrieben fand: »An Seine Erlaucht den Grafen Seefeld. Eigenhändig.« Unten in der linken Ecke, unter einem geschwungenen Striche sehr klein geschrieben, stand der Name des Sekretärs Renaud. Hätte Erich dieses Couvert nicht gerade da gefunden, wo er es fand, und nach dem, was vorgefallen war, so würde er wahrscheinlich den Versuch gemacht haben, es unbewußt dem Verlierer wieder zuzustellen, ja, er hätte das trotz alledem auch dann gethan, wenn er sich auf freiem Fuße befunden; so aber konnte er sich nach allerdings längerem Ueberlegen nicht zurückhalten, die Papiere, welche im Couvert waren, näher anzuschauen, dabei aber in der festen Absicht, sie ungelesen wieder zusammenzustecken, sobald sie sich, wie er nicht anders erwartete, auf Geschäftliches bezögen. Es waren drei einfach zusammengelegte Briefe, sowie ein mit zwei Siegeln verschlossenes Couvert in ein besonderes Papier gewickelt, auf dem flüchtig geschrieben die Worte standen: »Gut und sicher zu deponieren.« Schon die ersten Zeilen des ersten Briefes, die er las, das Datum desselben verscheuchten jenen guten Vorsatz und ließen seine Augen mit größtem Interesse über die Zeilen fliegen. Der Sekretär des alten Grafen Seefeld meldete in jenem ersten Briefe, welcher schon über zwei Jahre alt und genau aus jener Zeit war, wo Erich, der Wilddieberei verdächtig, nach der Waldburg gebracht worden, daß er die Zigeuner, die noch in derselben Nacht das Schloß verlassen hätten, nicht aus den Augen verlieren würde und daß es ihm gelungen sei, einen von der Truppe durch eine allerdings beträchtliche Summe zu gewinnen. der ihm versprochen, ihn von Zeit zu Zeit von dem Aufenthaltsorte derselben zu benachrichtigen.... »Was die kranke Frau anbetrifft, so wurde derselben auf Befehl der Frau Gräfin ein Zimmer im Schloßflügel angewiesen und Doktor Herbert wußte sie zu bestimmen, eine Zeit lang da zu bleiben, bis sich ihr sehr gefährlicher Krankheitszustand wieder etwas gemildert; von einer völligen Genesung konnte übrigens keine Rede sein, da sie an einem vernachlässigten, unheilbaren Brustübel litt, und war es überhaupt schwer, sie längere Zeit da zu halten, da sie, wie alle Kranken ähnlicher Art, durchaus nicht krank zu sein glaubte und ihre tiefe Erschöpfung nur einem vorübergehenden leichteren Unwohlsein zuschrieb. »Die Frau Gräfin, deren oft eigentümliche excentrische Träume Eurer Erlaucht wohl bekannt sind, sorgte selbst aufs angelegentlichste für sie, und man mußte es geschehen lassen, daß sie täglich mehrere Stunden lang bei der Kranken und deren Tochter blieb. Hatte sie es doch aufs strengste verboten, dem Herrn Grafen über den Aufenthalt der kranken Frau im Schlosse Mitteilungen zu machen, ein Befehl, der bei der bekannten Anhänglichkeit der Beamten und Dienerschaft an die Person der Frau Gräfin aufs genaueste erfüllt wurde. Daß Doktor Herbert diese Verheimlichung aufs eifrigste befürwortete und betrieb, versteht sich von selbst, und Euer Erlaucht können versichert sein, daß es mir keine kleine Mühe machte, nur ein paarmal zu der Kranken gelassen zu werden. Ich fand in ihr eine junge Frau von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren, mit Spuren großer Schönheit, natürlich verwischt durch ihren leidenden Zustand, dabei von einer Bildung, die wohl meine Verwunderung rechtfertigen konnte, sie in einer Lebensstellung zu sehen, die so gar nicht dazu paßte. Ob sie in dieser Richtung der Frau Gräfin oder dem Doktor Herbert Konfidenzen gemacht, kann ich natürlicherweise nicht sagen; mir erzeigte sie wahrlich kein Vertrauen, ja, meine Besuche, so spärlich sie auch waren, schienen ihr unangenehm zu sein, ein Gefühl, welches auch das kleine Mädchen gegen mich durchdrang, wobei es förmlich lächerlich war, welches Ansehen sich dieselbe unbedeutende Person zu geben versuchte – ja, ich hätte beinahe gesagt, gab. Sowie sie mich das Zimmer betreten sah, und trotzdem ich in der That gern gelacht hätte, so lag doch etwas in dem strengen Ausdrucke dieses eigentümlichen Gesichtes, was mich unwillkürlich abhielt, ihr zuweilen spaßhaft meine Meinung zu sagen, wenn sie, wie sie zu thun pflegte, mitten im Zimmer stehend, mich anstarrte, leicht mit dem Kopfe nickend, als teile sie Gnaden aus, und dann mit ihren ernsten, fast düsteren Blicken, ohne ein Wort zu reden, allen meinen Bewegungen folgte, bis ich wieder hinausgegangen war. »Euer Erlaucht werden aus diesen mehr als notwendigen Worten, welche ich über dieselbe blonde Zigeunerin verschwendet, ersehen, daß dieses junge Wesen, so bizarr und lächerlich es sich auch benahm, doch einen eigentümlichen Eindruck auf mich hervorbrachte, und bitte deshalb um Entschuldigung, sie hier erwähnt zu haben. Daß sie Doktor Herbert aus Oppositions- und Widerspruchsgeist charmant fand, brauche ich wohl nicht hinzuzufügen; auch fand er sie höchst mitteilsam, er, wohl der einzige im ganzen Schlosse, und versicherte auch, sie habe eine reizende Stimme zum Singen. Letzteres bewies mir noch am deutlichsten, daß dieser große Gelehrte bemüht war, sich über uns kleine, unwissende Leute lustig zu machen, denn von den Bedienten und der Kammerfrau Ihrer Erlaucht erfuhr ich, daß sich die Kleine vor ihm ebenso schweigsam und finster gezeigt und daß man von ihr nur höchst selten einen singenden Ton gehört, und zwar ein melancholisches Gesumme des bekannten Liedes: Marlborough s'en va-t-en guerre .« So war der wesentliche Inhalt des ersten Schreibens, welches sich in dem Couvert befand. Und nachdem Erich dasselbe durchflogen, warf er verstohlen einen Blick auf seinen Leidensgefährten, durch welchen er aber zu seiner Zufriedenheit wahrnahm, daß sich Schmoller auf eine allerdings etwas eigentümliche Art mit Dingen zu beschäftigen schien, welche außerhalb der gemeinschaftlichen Kerkersphäre lagen. Er hatte beide Hände auf das Fensterbrett gestützt und blickte holdselig lächelnd auf den Hof hinunter, blies zuweilen seine Backen auf, spitzte auch wohl seinen Mund und schaute einigemal mit einem sehr affektierten Augenaufschlage gen Himmel, wobei er alsdann mit seiner rechten Hand gegen die linke Brust schlug, aber letzteres durchaus nicht mit dem Gesichtsausdrucke, als bereue er alte Sünden, sondern vielmehr, als sei er im Begriffe, die Einleitung zu neuen zu treffen. Da Erichs Bett beim Herumwerfen krachte, so blickte der Bombardier um und sagte in gleichgültigem Tone: »Wahrscheinlich liest du Liebesbriefe.« »Und du konzipierst welche.« »Vielleicht,« war die durch einen Seufzer einigermaßen verwischte Antwort, »denn sie scheint jung und schön zu sein.« Erich nahm unterdessen den zweiten Brief vor, in welchem Herr Renaud meldete, daß er in Erfahrung gebracht, die schöne Esmeralda habe die Zigeunerbande verlassen, und er sei aber noch nicht imstande gewesen, ihre Spur wieder aufzufinden. »Solange sie bei den anderen war,« schrieb Herr Renaud, »gab mir der Zigeuner, den ich gewonnen, häufig und immer gute Nachrichten; nachdem sie aber verschwunden, versicherte er mir achselzuckend, keine Macht der Erde sei imstande, etwas aus ihm herauszubringen, was – er selbst nicht wisse. Doch habe ich bereits andere Fäden angeknüpft und hoffe, nächstens imstande zu sein, Ihnen Auskunft über die Verschwundene zu geben. »Es interessiert Ew. Erlaucht vielleicht, zu erfahren, daß die Frau Gräfin, wie ich ganz genau weiß, noch immer, wenn auch sehr im geheimen, in das Schicksal des kleinen blonden Zigeunermädchens handelnd eingreift. Dieses hatte sich mit seiner Mutter, welche jedoch inzwischen starb, ebenfalls von den Zigeunern getrennt, und gerade in diesem Faktum glaube ich das edle, wohlwollende und uneigennützige Herz der Frau Gräfin zu entdecken.« – Die Worte »wohlwollend« und »uneigennützig« waren zweimal unterstrichen. – »Gewiß, daß sie Ursache hatte oder zu haben glaubte, sich um das fernere Schicksal dieses jungen Mädchens zu bekümmern. Sollte Ew. Erlaucht es, wie ich, für notwendig halten, hierüber zu Gewißheit zu kommen, so will ich dazu den Versuch mit allen Mitteln machen.« Der dritte Brief, welcher wieder mehrere Monate später geschrieben war, behandelte ganz andere Interessen, als die verschwundene Esmeralda oder das kleine blonde Zigeunermädchen obgleich von letzterem insofern die Rede war, als der Briefschreiber sagte, ebensosehr als er die feste Ueberzeugung habe, daß die Frau Gräfin den Aufenthalt der kleinen Zigeunerin wisse, ja, daß sie sich völlig ihrer angenommen habe, ebensowenig sei er selbst imstande gewesen, etwas über derselben Aufenthaltsort zu erfahren. Doch war das alles im Vorübergehen, sozusagen in Parenthese, bemerkt, und der Hauptinhalt des Briefes betraf eine Erkrankung des Herrn Christian Kurt, die aber so ernstlich war, daß die Courierpferde Tag und Nacht gesattelt im Stalle standen, die Leute dabei, mit einem Fuße im Bügel, leider vergebens; und hieran knüpfte sich die unglaublichste Geschichte, die sich seit zehn Jahren auf der Waldburg zutrug. »Die Frau Gräfin und Doktor Herbert wußten es nämlich möglich zu machen, den Herrn Grafen zu bestimmen, daß er seinen alten feindlichen Nachbar, den Bauerndoktor Burbus, von der Mühle zu einer Konsultation in das Schloß holen ließ. Und als er kam, als er durch das Vorzimmer ging und mich und andere unter seinen buschigen Augenbrauen mit einem so eigentümlichen und doch beinahe wohlwollenden Lächeln unter einer hastigen und kurzen Verbeugung grüßte, sagte ich zu dem Kammerdiener: Da wird sich jemand bei uns einbürgern, der manchem unbequem ist! – Dazu mußte es sich denn auch noch fügen, daß sich Herr Christian Kurt, wenige Tage nachdem Doktor Burbus bei ihm gewesen war, nicht nur bedeutend besser fühlte, sondern sich auch entschloß, sein Bett früher zu verlassen, als er bisher gethan, da ihm der Doktor Burbus gesagt: ›Schauen mich Ew. Erlaucht an, ich bin beinahe ebenso alt, wie Sie, und wenn ich vielleicht frischer aussehe und mich leichter bewege, so kommt das wahrscheinlich nur davon her, daß ich, anstatt meinen Körper in der Bettwärme zu ermatten und anstatt Medizin zu nehmen, früh morgens und spät abends frische Luft kneipe.‹ – Solche Ausdrücke erlaubte er sich und wurden dieselben zu unserm größten Erstaunen von Sr. Erlaucht mit beifälligem Lächeln angehört. O, dieser Burbus ist ein alter, schlauer Fuchs! Neulich, an einem allerdings schönen Tage, überredete er Herrn Christian Kurt zu einer Spazierfahrt und brachte ihn nach jener bekannten Linde, d. h. zu der Stelle, wo sich jene Linde befunden, denn dieselbe war mit Z T umgehauen und an der Stelle befand sich eine behagliche Ruhebank, wo sich Se. Erlaucht nicht nur lachend niederließ, sondern huldvollst das Prozeßobjekt von damals, die bewußte Schlucht, zum Geschenke annahm, ein Geschenk, das er allerdings am anderen Tage dadurch vergalt, daß er den großen Wiesenkomplex oberhalb der Waldmühle auf den Namen des Doktors Burbus schreiben ließ, wobei ich allerdings zur Ehre desselben nicht vergessen darf hinzuzufügen, daß er von dem Rentamtmann die Ueberlassung der ihm notwendigen Wiesen annahm, aber nur gegen Erlegung des Anschlages, woran man meinetwegen, sagte er, den Wert jener Schlucht, wenn es der Herr Graf nicht anders thun will, abziehen kann. Da ich aus diesen, sowie aus ähnlichen, allerdings sehr uneigennützig aussehenden Geschichten die Ueberzeugung gewonnen habe, daß Doktor Burbus keine Aussichten auf dergleichen Vorteile zu bestimmen scheinen, die Freundschaft – ich kann dieses Verhältnis bei dem besten Willen nicht anders benennen – des Herrn Christian Kurt zu kultivieren, jener schlaue Alte dagegen gewiß nicht ohne triftigen Grund an der ausgeworfenen Angel des Doktors Herbert angebissen hat, einer Angel, deren Stiel sich nota bene in den Händen der Frau Gräfin befindet, so heißt es hier allen seinen Scharfsinn zusammennehmen, um gewiß auch im Interesse Ew. Erlaucht das Positive zu erfahren. Sollten mir Ew. Erlaucht darüber Verhaltungsbefehle zu geben haben, so wäre ich dafür sehr dankbar.« Eine Nachschrift dieses Briefes besagte, daß Doktor Burbus, um Herrn Christian Kurt zu unterhalten, ihm seinen, des Doktors, eigentümlichen Lebenslauf erzählt, und daß dagegen der alte Herr Graf, sehr gegen seine sonstige Gewohnheit, auch dem Doktor einiges von seinen, des Grafen, früheren Verhältnissen mitgeteilt. Wörtlich fügte Herr Renaud die Frage bei: »Gäbe es irgend etwas im vergangenen Leben des Herrn Kurt, was Ew. Erlaucht unbekannt wäre, was aber für die Frau Gräfin oder für andere Interesse hätte? Da ich das Glück habe, Ew. Erlaucht zu den bevorstehenden Jagden erwarten zu dürfen, so werden Ew. Erlaucht vielleicht die Gnade haben, mir zu gestatten, Ihnen mündlich noch Näheres und Wichtigeres mitzuteilen.« Das war der Inhalt der drei Briefe, welche der Graf Dagobert Seefeld, von den Jagden auf der Waldburg zurückkehrend, bei sich getragen und beim Herabgleiten vom Fenster der Ticzka verlor. Was mochte wohl das kleine, doppelt verschlossene Couvert enthalten, welches mit der schriftlichen Weisung bei den Briefen lag, es gut und sicher zu deponieren? Hatte er ein Recht oder war nur ein halbwegs triftiger Entschuldigungsgrund zu finden, wenn er dieses Siegel erbrach? – Nein, gewiß nicht! Was konnte er auch zu finden hoffen? Gewiß wenig mehr und nicht viel Interessanteres, als den Inhalt der drei Schreiben. Für Erich hatten die Briefe nur insofern Interesse, als er sich freute, zu erfahren, daß die unangenehmen Streitigkeiten zwischen dem Grafen und dem Doktor Burbus beseitigt, wobei er sich nicht enthalten konnte, lächelnd darüber nachzudenken, wie ihm selbst, wenn dieses Verhältnis früher eingetreten wäre, dadurch allerdings eine unangenehme Nacht erspart worden, er aber auch alsdann die Bekanntschaft Kolmas nicht erneuert und nicht von dieser erfahren, daß damals die kleine Blanda die eigentliche Ursache von seiner Befreiung gewesen war. Dadurch, sowie auch durch das, was er aus den Briefen gelesen, trat ihm das Bild jenes kleinen, ernsten Mädchens wieder so deutlich vor die Seele, daß, wenn er jetzt seine Augen mit der Hand bedeckt, die nächtliche Scene auf dem Gemeindewasen bei Zwingenberg, wo sie ihm zum Abschiede mit der Hand gewinkt, gerade so vor ihm erschien, als sei das gestern abend gewesen, statt daß schon zwei Jahre darüber hingegangen waren. Und wo mochte sich dieses arme Geschöpf jetzt befinden? Es war vielleicht zu Grunde gegangen, nachdem seine Mutter gestorben, es verdiente vielleicht sein elendes Brot bei irgend einer anderen Gauklerbande, nachdem es sich von den Zigeunern getrennt; es wuchs, es reifte heran, aber wahrscheinlich nicht zur duftigen Blüte, sondern vielleicht zur geistig verkrüppelten Blume, mit dem zerstörenden Wurme im Kelche. Was Erich nicht begreifen konnte, war, daß die Ticzka, die doch selbst in glänzenden Verhältnissen lebte, sich ihres Lieblings, wie sie Blanda nannte, nicht angenommen. – Ach, die schöne, unglückliche Ticzka, die vielleicht jetzt sterbend auf ihrem Lager ruhte oder sogar schon gestorben war – eine martervolle Ungewißheit, welche ihm mehr als alles andere sein Gefängnis zur verzweiflungsvollen Qual machte! Erich sprang rasch auf und durchmaß den kleinen Raum mit hastigen Schritten, mußte aber trotz der trüben, traurigen Gedanken, die ihn bestürmten, unwillkürlich staunend stehen bleiben, als er Schmoller betrachtete, der sich immer noch am Fenster aufhielt, jetzt sehr eigentümlich beschäftigt. Er hatte nämlich, leicht und, wie er sich einbildete, höchst elegant am Fenster lehnend, die Kohlenschaufel nach Art einer Guitarre oder Mandoline vor seine Brust genommen, und während er hierzu die nötigen Fingerbewegungen machte, bewegte er, aufwärts blickend, seine Lippen wie zu einem innigen Liede. Ja als Erich näher trat und ihn verwundert anblickte, ließ er sich durchaus nicht stören, sondern sagte nur in kleinen, taktmäßigen Intervallen: »Du, Kamel, siehst's allerdings nicht ein, daß ich mich auch für dich damit abplage! Da drunten, an dem Fenster gegenüber, habe ich eine empfindsame Schöne, eigentlich zwei empfindsame Schönen, entdeckt; wahrscheinlich Kerkermeisters Töchterlein mit einer Gespielin. Das mit Recht vermute ich, weil die letztere soeben erst gekommen ist und nach einiger Nötigung ihren Hut abgelegt. Du siehst, wie wunderbar ich kombiniere!« »Ja, aber bis jetzt noch unverständlich für mich!« »Begreiflich, weil du nie weiter siehst, als deine Nase reicht!« »So erkläre mir deine tiefsinnigen Kombinationen!« antwortete Erich, trotz seiner trüben Gedanken beinahe lächelnd, denn Schmoller sah gar so komisch aus, während er sprach, da er seine prosaischen Worte mit so begeisterten Blicken begleitete, welche an den grauen Winterhimmel gerichtet waren und nur zuweilen nach hochgeschwellter Brust für einen Augenblick herabsanken zu Kerkermeisters Töchterlein. »Das könnte ein Schaf einsehen!« sagte er jetzt. »Wir haben da unten eine jedenfalls gefühlvolle Seele, ein gelangweiltes weibliches Wesen, welches nicht abgeneigt scheint, mit einem Gefangenen, wie ich bin, weißt du, einem hübschen jungen Bombardier – Untersuchungshaft unter pikanten, erschwerenden Umständen, geheimnisvolle nächtliche Unthat, verlorener Säbel, Arrestation durch den Obersten selbst, alles das hat sie unbedingt schon längst erfahren –, die, wie ich wiederhole, nicht abgeneigt scheint, eine kleine Kerkerliebschaft einzugehen, vorderhand allerdings nur per Distance, aber das andere findet sich.« »Und zu welchem Zwecke?« »Unschuldige Frage! Vor allem, um durch sie mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Meinst du, ich wolle hier wochenlang Menagebrei und Kommißsuppe fressen? Und es wird wochenlang dauern, darauf kannst du dich verlassen! Ich habe {bild} vor, irgendwie, wo, weiß ich allerdings noch nicht, eine kleine Anleihe zu machen, und wenn es dir vielleicht gefällig wäre, hier bei meiner Fensterpantomime handelnd einzutreten, so werde ich dich auch später an dem Ergebnis derselben teilnehmen lassen. Natürlicherweise nimmst du die Gespielin über dich, die auch nicht übel ist.« »Meinetwegen, was habe ich zu thun?« »Du trittst an meine Seite, ohne aber vorderhand hinüberzuschauen, und lehnst dich mit gesenktem Haupte an meine Schulter, so, als wenn du meinem wehmütigen Gesange lauschtest.« »Deinem Gesange mit Ofenschaufelbegleitung!« »Dann schaust du plötzlich auf, scheinst entzückt, begeistert, legst darauf wie geblendet, deine Hand vor die Augen, worauf ich dich aus Zartgefühl schleunigst entferne.« »Gut, ist dir mein Aussehen recht?« »Es ist ordentlich. Jetzt sprich zu mir: Aber, Schmoller, das sind ein paar wunderhübsche Mädchen – ah, der Teufel! – Gut; jetzt die Blendung vor die Augen, nun die Blendung fort, schieße ein paar mörderische Blicke hinüber, und dann verschwinde!« Vielleicht war der Eindruck, den dies alles auf die beiden jungen Mädchen gegenüber machte, doch nicht ganz so, wie ihn Herr Schmoller erwartet; sie schienen lustig aufzulachen, um aber hierauf von dem Fenster zu verschwinden. »Aller Anfang ist schwer,« meinte der Bombardier achselzuckend, indem er die eiserne Schaufel wieder in das Kohlenbecken warf; »doch sind ja einzelne Tropfen imstande, den Stein auszuhöhlen, warum solche Blicke nicht ein Mädchenherz? – Ja, aller Anfang ist schwer, auch in diesem garstigen Untersuchungsarrest, und obgleich es erst vier Uhr sein kann, so ist es mir gerade, als wären wir schon ein Jahr in diesem verdammten Loche; auch fängt es schon an, dämmerig zu werden, und wie wir diesen ersten langen Abend und diese eiste lange Nacht ohne Licht und Bücher herumbringen werden, davon habe ich noch keinen rechten Begriff. Morgen werden wir zur Abwechslung ein Verhör haben, und will ich dabei, wie ich mir vorgenommen, etwas wie Melancholie, wie Zerstreutheit, ja, wie Geistesabwesenheit heucheln, um wenigstens Bücher und Licht herauszuschlagen. – Ach, Erich,« fuhr er nach einer Pause, tief aufatmend, fort, »dieser Kontrast, gestern und heute!« »So warst du in der That gestern so glücklich?« »O, über alle Beschreibung! Bis die Katastrophe eintrat, bis ich entfliehen mußte, mit leichtsinniger Nichtachtung nachlässig angebrachter Fleischhaken – ah, das schmerzt!« »Wie, der Fleischhaken oder der Kontrast?« »Dummer Kerl, der Kontrast! Aber von so etwas hast du ja gar keine Idee, du, der sich mit beschränktem Horizonte, wie des Färbers Gaul im Ringe, herumtreibt!« »Jawohl, jawohl!« erwiderte Erich aufseufzend. »Doch,« sagte er nach einer ziemlich langen Pause, während Schmoller schweigend hin und her geschritten war, »glaubst du wohl, daß unser Kerkermeister mir eine Frage beantworten wird?« »Danach sie ist,« gab er mürrisch zur Antwort, sagte aber gleich darauf, stehen bleibend, mit lebhafterem Ausdrucke: »Deshalb möchte ich ja gerade da drüben anbandeln, um nicht von der Außenwelt so trostlos geschieden zu sein. Was möchtest du denn eigentlich fragen?« »Ob die Kunstreiter heute abend eine Vorstellung geben und ob....« »Die berühmte Ticzka mitwirkt. Das kann ich dir allenfalls beantworten.« »Du? So sprich, ich bitte dich!« »Du nimmst ein gewaltiges Interesse daran; doch ich bin nicht hartherzig, noch viel weniger von Neid erfüllt. Als ich heute morgen so ungebührlich lange auf dich warten mußte, dort in jener kleinen Kneipe, las ich den Zettel der Kunstreiter für heute abend; allerdings ist Vorstellung, aber ohne die Ticzka, die sich, wie es ausdrücklich hieß, einer leichten Verletzung wegen für einige Tage schonen muß.« »Einer leichten Verletzung wegen? Gott sei es gedankt!« »Höre, Erich,« sagte der andere, indem er mit gespreizten Beinen und einem mißtrauischen Blicke vor ihm stehen blieb, »du nimmst wirklich ein ungewöhnliches Interesse an dieser Kunstreiterin – hast du sie vielleicht selbst verletzt?« »Dummes Zeug! Ich kenne sie nur sehr oberflächlich, ich glaube, ich habe dir von unserer Begegnung vor Jahren erzählt.« »Nein, das hast du nicht, Duckmäuser!« »Es ist auch so wenig des Erzählens wert, daß ich mich in der That wunderte, als sie mich gestern abend wieder erkannte.« »Und dann?« forschte Schmoller weiter. »Nun, und dann? Was willst du mit dem: Und dann?« »Dann hast du sie gestern abend nicht wieder gesehen?« »Nein,« erwiderte Erich mit Festigkeit, »sonst würde ich ja vielleicht wissen, daß sie verletzt worden sei!« »Höre, Bürschlein,« gab Schmoller mit aufgehobenem Zeigefinger zur Antwort, »ich fange an zu glauben, daß ich mich in dir gewaltig geirrt habe und daß du ein arger Geselle und schlechter Kamerad bist; denn sonst würdest du keine solche Streiche machen und sie nicht vor deinem besten Freunde verheimlichen wollen! Ich dachte mir schon gestern abend im Cirkus: dieser Freiberg hat mehr Glück, als Ver – gnügen. Oder hast du vielleicht beides gestern abend ausgestanden? – Schau um dich her,« fuhr er mit komischem Pathos fort, unsere Kerkerzelle füllt sich mit dem zweifelhaften Scheine des herabsinkenden Abends. Stern der dämmernden Nacht, Schön funkelst du im Westen. Wie könnte es etwas Traulicheres geben, als jetzt eine angenehme Erzählung deiner erlebten Abenteuer von gestern abend! Komm, wir wollen unsere Kommißbetten besteigen, und du erzählst mir das, lullst mich dadurch vielleicht in sanften Schlummer – willst du?« »Nein, Schmoller, das ist mir unmöglich; ich wüßte nichts, das interessant genug wäre, um dir zur Unterhaltung zu dienen.« »Geh, du bist ein Heuchler! Aber nichtsdestoweniger werde ich mich aufs Bett legen, und wenn du dich irgendwie nützlich machen willst, so trabe auf und ab, wenn der Kerkermeister erscheint, und sage alsdann, ich hätte verdächtige Leibschmerzen, einen Zustand, der mich zuweilen befiele und der am besten durch Bier und Wein zu kurieren sei.« »Vielleicht erweicht sich sein Herz und er läßt sich anpumpen; doch ist das immerhin zweifelhaft,« fuhr er nach einer Weile, ausgestreckt, auf dem Bette, fort, »und deshalb sei so gut und wirf mir das Kommißbrot herüber. O Gott, wer mir ein solches Lied an meiner Wiege vorgesungen hätte, an meiner Wiege, wo meine hochverehrte Mutter, die Frau von Schmoller, mich lächelnd betrachtete, sobald mein respektabler Vater, der Herr von Schmoller, sie gefragt: Wie befindet sich Ludwig, der Stolz der Familie? – O, o, und nun in Ketten und Banden, ausgestoßen von der Welt, mit dem Abschaum der Menschheit zusammengeschmiedet – was du indessen nicht auf dich beziehen mußt, Erich, es ist nur so eine poetische Floskel – allein – allein – allein – unter Larven die einzige fühlende Brust!« Da wurden die Riegel zurückgeschoben, da rasselte der Schlüssel im Schlosse, da öffnete sich die Thür, und der Gefangenenwärter trat mit einer Laterne herein, deren Schein die beiden Gefangenen so blendete, daß sie augenblicklich nicht sehen konnten, wer ihm folgte, und um so mehr überrascht waren, als sie nun die Stimme des jungen Flattich erkannten, der ihnen lustig einen »Guten Abend« bot und dann sagte: »Ich konnte es nicht unterlassen, noch heute zu euch zu kommen, um euch anzuzeigen, daß eure so verdrießlich erscheinende Geschichte heute beim Appell eine unerwartet gute Wendung genommen; der Oberst selbst hat – ich glaube indessen sehr, auf Zureden des guten Hauptmanns Wetter – einen Brigadebefehl heruntergelangen lassen, worin er sagt, da es von jeher sein Grundsatz gewesen sei, einen leichtsinnigen Streich gelinde anzusehen, wenn nur kein Vergehen im Dienste oder etwas Unehrenhaftes mit unterlaufen sei, so wollte er die ganze Geschichte niedergeschlagen haben; da auch, wie bekannt, seine Brigade und die ihm anvertraute Brigadeschule nur durch drei Sachen in Ordnung gehalten werden könne ...« »Das ist erstens Ordnung,« sagte Schmoller. »Und zweitens Ordnung,« lachte Freiberg. »Und drittens Ordnung,« fügte der junge Flattich hinzu – »so müsse er nur dieser Ordnung wegen auf einer exemplarischen Strafe, aber ohne Stand- und Kriegsrecht, für euch de stehen.« »O weh, o weh, ich sehe acht Tage Mittelarrest!« »Macht elf Tage zu meinen dreien, die ich schon habe.« »Dieses Mal habt ihr euch getäuscht und könnt niederknieen und der heiligen Barbara, der Schutzpatronin gesamter Artillerie, irgend etwas zum Danke versprechen; es ist dieses Mal von gar keinem Arrest die Rede.« »Hurra!« schrie Schmoller, von seinem Bette auffahrend. »Aber doch etwas, das dem Freiberg vielleicht sehr unangenehm ist. Du, Schmoller, bist als räudiges Schaf aus den heiligen Hallen der Brigadeschreibstube verstoßen.« »Hurra zum zweitenmal!« »Und kommst zur Festungscompagnie nach der Residenz.« »Hurra zum drittenmal! Ich achte und liebe den Festungsartilleriedienst, er ist harmlos und bequem – Gott segne den Oberst!« »Und ich?« fragte Erich beklommen. »Du thust mir leid, armer Kerl, aber es ist doch nicht so schlimm, wie du wohl glauben magst; du bist von der Brigadeschule entlassen.« »O, mein Gott, das thut mir weh!« »Laß mich doch ausreden! Bis auf weiteres entlassen und ebenfalls nach der Residenz versetzt.« »Also nicht weggeschickt? A–a–ah!« »Nach der Residenz versetzt zu der dort befindlichen reitenden Batterie.« »Schrei Hurra!« rief Schmoller. »Denke dir, aus der Schulstube, von den staubigen Büchern hinweg, zu einer reitenden Batterie!« »Und« – ergänzte der junge Flattich in einer feierlichen Miene, ja, mit einem Anfluge von Rührung – »als Bombardier!« »Hurra!« schrie nun auch Erich, und »Hurra!« brüllte Schmoller, und »Hurra!« rief Flattich, was aber zusammen einen so gewaltigen Spektakel gab, daß der Gefängniswärter, der sich zurückgezogen hatte, hereinlief, um sich nach diesem ungebührlichen Lärm in den Hallen des heiligen Augustin zu erkundigen. Doch wußte ihn Flattich durch einige passende Worte und auch sonst durch noch etwas zu besänftigen, daß er nicht nur seine Laterne da ließ, sondern auch den jungen Flattich selbst – der allerdings zu einem Besuche bei den Gefangenen schriftlich autorisiert war – und obendrein noch versprach, diesen nach zwei Stunden aus dem Arrestlokale zu lassen. Dann brachte Flattich aus der linken Tasche seines Mantels eine halbe Flasche Rum zum Vorschein, aus der rechten aber ein Fläschchen Spiritus und ein altes Kochgeschirr, und da in dem Lokale ein Wasserkrug und ein Glas vorhanden waren, so saßen alle drei nach kurzer Zeit um eine famose Grogbowle herum und freuten sich ihres Lebens, wobei Schmoller nur allein bedauerte, daß es ihm jetzt nicht mehr möglich sei, das so famos angeknüpfte kleine Verhältnis mit den jungen Mädchen drüben zu einem erfreulichen Resultate heranwachsen zu lassen. 25. Kapitel Stubenarrest und Beförderung. Erich wird zu einer reitenden Batterie versetzt. Wenn auch die Begnadigung Erichs und des Bombardiers Schmoller von Untersuchungsarrest und Standrecht geradeso umfassend vor sich ging, wie der junge Flattich dieselbe berichtet, ja, wenn auch Freiberg wirklich zum Bombardier der reitenden Batterie ernannt war, so hatte der Oberst es doch für gut befunden, über die beiden Verbrecher bis zu deren Abgang einen strengen Stubenarrest zu verhängen, um, wie er sich in dem Brigadebefehle aussprach, fernere Excesse dieser jungen Leute in hiesiger Stadt unter seinen eigenen Augen zu verhüten, sowie um ihnen Zeit zum Nachdenken zu geben über einen künftigen geregelteren Lebenswandel. Was den Bombardier Freiberg anbelangt, hieß es weiter, so soll derselbe wissen, daß von seinem künftigen Batteriechef vierteljährlich ein Führungszeugnis über ihn eingereicht wird, wonach sich bestens zu achten, da es von dem Facit dieser Führungsatteste am Schlusse eines Jahres abhängen wird, ob der benannte Bombardier Freiberg wieder in die Schule aufgenommen werden kann. Daß dieser Stubenarrest streng gehandhabt würde, dafür hatte auch, was Erich anbelangte, Hauptmann Wetter gesorgt, indem dieser ihm nach einigen freundlichen, ermunternden Worten, worin er ihm gesagt, daß es für seine zukünftige Carriere durchaus nicht schaden würde, wenn er ein Jahr lang praktischen Dienst thue, das Versprechen abgenommen hatte, diesem Stubenarreste auf das gewissenhafteste nachzukommen. Nur in einem Punkte war dies hart für den Betreffenden: er hätte so gern etwas über Ticzka erfahren, hatte aber niemand, dem er sich anvertrauen konnte und mochte. So viel erfuhr er allerdings, daß die Kunstreitertruppe noch einige Vorstellungen gab, aber ohne die berühmte Kolma, deren Unwohlsein immer noch nicht gehoben war. Allerdings fand er einigen Trost gerade in diesem Unwohlsein, denn er hatte Schlimmeres befürchtet – ob aber am Ende nicht noch Schlimmeres zu befürchten war? Wer vermochte ihm das zu sagen? Und so gab es für ihn Stunden, wo ihm diese Ungewißheit fast unerträglich wurde. Nicht als ob er ein innigeres Gefühl liebender Zuneigung für die schöne Ticzka empfunden, nein, es war vielmehr, als er sie hier wiedersah, das Gefühl der Dankbarkeit, verbunden mit der Bewunderung über die großartigen Leistungen, was ihn stolz machte, von ihr gekannt zu sein, was ihn antrieb, sie aufzusuchen, was ihn an sie fesselte und was ihn auch wieder von ihr trennte. Ja, so hatte er für sie gedacht und gefühlt an jenem Abende, bevor die unglückliche Katastrophe eintrat, und wenn auch zuweilen einer ihrer warmen Blicke, einem Blitze ähnlich, blendend in sein Herz fiel, so zündeten doch diese Blitze nicht, sondern erschienen ihm wie fernes Wetterleuchten, wie die Ahnung eines herrlich abkühlenden Gewitters, das vielleicht später einmal über die Landschaft hinziehen werde, dessen Blitze zwar jetzt nur, allerdings ahnungsvoll, seinen Horizont erleuchteten, ihn aber veranlaßten, sich wie zum Schutze gegen die Wirklichkeit und wie am Herzen einer Schwester an die schöne Kolma anzuschmiegen. Unter diesen Gedanken und Empfindungen war er auch von ihr gegangen, trostlos, tief ergriffen über das Unglück, welches sie betroffen, und wenn er sie, wie während der Nacht im Traume und Wachen oft geschah, vor sich sah, bleich, mit geschlossenen Augen auf ihrem Lager, und er mit innigem Drucke ihre Hand ergriff oder sich über sie beugte, um ihre bewegungslosen, kalten Lippen zu küssen, da hatte er das Gefühl, eine teure Schwester plötzlich kennen gelernt und ebenso plötzlich wieder verloren zu haben, und bei allem Schmerze um sie war ihm dieses Gefühl doch ein mildes, tröstliches gewesen, bis – ihm Selma entgegentrat, wie die Schlange im Paradiese, und ihm eine Frucht reichte vom Baume der Erkenntnis, worauf er denn aus seinem eigenen Paradiese, aus allen seinen Himmeln hinausgeworfen worden und allerdings zur Erkenntnis gekommen war, daß es vielleicht thöricht von ihm gewesen wäre, sich gestern vor dem heranziehenden Gewitter zu verbergen. – Ah, die schöne, wilde und doch so gute Ticzka, und ihr gegenüber jene andere, jene Selma, deren herausforderndes Wesen ihn schon damals abgestoßen hatte! Wenn er daran so lebhaft dachte, und das geschah ihm häufig in diesen Tagen, so preßte er den Kopf zwischen seine Hände, murmelte ein Wort des Hasses gegen die hochblonde Pfarrerstochter und flüsterte wohl vor sich hin: Vergib mir, Kolma, daß ich mir das angethan! Übrigens dauerte der Zimmerarrest der beiden jungen Leute nur kurze Zeit, und schon nach vier Tagen erhielten sie beim Appell ihre nötigen Papiere eingehändigt, sowie auch eine Marschroute mit Verpflegungsanweisungen und dem Befehl, am anderen Morgen nach ihrem neuen Bestimmungsorte abzugehen. Damit war auch der Arrest aufgehoben, und Schmoller beeilte sich, in der Stadt umherzutraben, um seine dringendsten Privatverhältnisse abzuwickeln, während sich Erich auch gleich von dem Appell hinweg auf den großen Platz begab, wo sich wohl noch die Bude der Kunstreiter befand; aber sie selbst waren nach ihrer letzten Vorstellung gestern abend heute in aller Frühe abgezogen. An dem öden Cirkus vorbei führten ihn seine raschen Schritte nach dem kleinen Hause, wo die Ticzka gewohnt; doch sah er auch schon hier von weitem an den offen stehenden Fenstern und Thüren, an Stroh und Papier vor dem Hause, daß er zu spät komme. Und in der That fand er eine alte Frau, die damit beschäftigt war, die Räume des leeren Hauses notdürftig in Ordnung zu bringen. »Seit wann haben die Bewohner dieses Haus verlassen?« fragte er die Alte, worauf sie ihm entgegnete: »Dienerschaft und Pferde sind heute morgen mit den anderen abgezogen, während die kranke Dame mit ihrem Begleiter, einem alten Manne, schon vorgestern in einem bequemen Reisewagen abgereist ist.« »War die Dame noch sehr krank?« »So, so – blaß genug sah sie allerdings aus; die Leute erzählten, die Dame hätte sich bei einer Probe durch den Sturz ihres Pferdes verletzt. Doch so arg gefährlich glaube ich nicht, daß es gewesen ist, wenigstens ging sie, nur leicht auf den Arm ihres Begleiters gestützt, ohne Anstand die Treppe hinunter.« »Vorgestern war das?« »Ja, junger Herr.« »Und wohin sie fuhren, wißt Ihr nicht?« »Wahrscheinlich den anderen voraus, die heute morgen nachgereist sind. Doch ist das wohl leicht zu erfahren.« »Ja, das wird wohl leicht zu erfahren sein. Ich danke Euch.« Erich hatte so gut wie gar keine Bekannte in der Stadt, da ihn der strenge Schulzwang verhinderte, welche zu machen. Heute war er nicht nur von diesem befreit, sondern wenn er auf die goldenen Tressen an seinen Aermelaufschlägen blickte und die ehrfurchtsvollen Grüße der ihm begegnenden Gemeinen bemerkte, so fühlte er nicht ohne Stolz, daß er der Welt etwas geworden sei. Ja, das Bewußtsein, jetzt die erste, wenngleich sehr kleine Stufe erklommen zu haben, ließ ihn seine Verweisung von der Schule nicht so bitter empfinden, als dies sonst wohl der Fall gewesen wäre. Der Hauptmann Wetter hatte recht, dachte er bei sich; es kann mir nur von Nutzen sein, ein Jahr lang praktischen Dienst zu thun, und wenn ich dann wieder als Bombardier hierher zurückkehre und, wie es sich von selbst versteht, in die höchste Klasse aufrücke, da ich bei der Batterie tüchtig über meinen Büchern sitzen werde, so wird sich auch alsdann das langweilige Schulleben anders gestalten. Ja, er freute sich auf seine neue Bestimmung, wie jeder andere Schüler auf eine beginnende Ferienzeit. Es war ein kalter, aber trockener Novembertag, und ohne Zweck und Ziel streifte er ein paar Stunden in der Stadt umher; Privatverhältnisse abzuwickeln, wie Schmoller, hatte er nicht, auch brauchte er keine Schulden zu bezahlen oder seine Gläubiger auf die Zukunft zu vertrösten. Die einzigen Orte, die er absichtlich aufsuchte, waren die Hallen des heiligen Augustin, an denen er sozusagen glücklicherweise nur hart vorbeigestreift war, denn es war auch von den diktierten drei Tagen Mittelarrest weiter keine Rede mehr gewesen, sowie ferner die Wohnung des Obersten, die er sich allerdings nur schüchtern aus der Entfernung betrachtete, sich aber dabei lebhaft des Morgens erinnernd, wo er von dem Brigadechef allerhöchstselbst festgenommen worden war; gern hätte er den guten alten Kommandeur noch einmal gesehen, allerdings in nicht gar zu großer Nähe, und wurde ihm dieses Glück auch gänzlich unverhofft, doch nicht gerade so, wie er es gewünscht, zu teil. Denn nachdem er das besagte Haus mit der vor demselben auf und ab wandelnden Schildwache, sowie die Fenster des Ordonnanzzimmers, schaudernd in der Erinnerung, einen Augenblick betrachtet und dann um die nächste Straßenecke gebogen war, sah er den Oberst keine drei Schritte entfernt, auf sich zuwackeln, und er konnte nichts thun, als in der ersten besten militärischen Haltung Front machen. Fast wäre der Oberst an ihm vorbeigegangen; doch sagte ihm sein Begleiter, der Adjutant Lindenbaum, lächelnd ein paar Worte, worauf er stehen blieb und den jungen Mann mit einem majestätischen Blicke betrachtete und dann zu sich heranwinkte. Glücklicherweise war Erich so vorschriftsmäßig wie möglich angezogen, hatte auch den Säbel, wie es der Oberst gern sah, beinahe ganz auf den Rücken geschoben, dazu blank gewichste Stiefel und blank geputzte Knöpfe, reine Handschuhe und hell leuchtende Tressen, glücklicherweise auch statt seiner eigenen besseren Kopfbedeckung eine ordonnanzmäßige Dienstmütze auf dem Kopfe. »Aha,« rief der Oberst, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet, in launigem Tone, »dat is der Eene von den zwee Beeden, der Freiberg, den ick zur reitenden Batterie versetzt habe. Ja, sieht Er, mein Sohn, Ordnung muß sind, und Er wird mir zugeben, dat ick bei allem dem sein gnädigster Oberst gewesen bin. Doch hätte ick diese Gnade nicht gehabt, wenn sein Herr Hauptmann Wetter und sein Herr Oberfeuerwerker Doll ihm nicht die besten Zeugnisse erteilt. Und nun kann Er sich trösten, denn wenn et auch sehr schön ist, drei Jahre lang über den Büchern zu sitzen und Federfuchser zu sind, so kann et doch eenen jungen Mann nich schaden, wenn er ein Jahr lang dazwischen den praktischen Dienst erlernt. Hat Er mir verstanden und begriffen?« »Zu Befehl, Herr Oberst, und ich bin dem Herrn Oberst für die gnädige Strafe dankbar!« »Dat freut mir, und wir werden ihn im Auge behalten, nicht wahr, Herr Hauptmann Lindenboom? Und wir haben ihn ooch zu eener ganz passenden Batterie gethan, zu dem Herrn Hauptmann Freiherrn von Manderfeld« – bei dem Worte Freiherr hob der Alte mit komischer Gravität die Hand grüßend an die Mütze –, »ein Mann, der seine Manieren hat und der eenen Premierlieutenant besitzt, der, wat den Dienst anbelangt, den Teufel im Glase fängt, der Premierlieutenant nämlich. Nun, gehab Er sich wohl, mein Sohn, und wenn ick ihn wiedersehe, hoffe ick, nur Gutes über ihn zu hören!« Gern hätte Erich die Rechte des guten, alten, biedern Offiziers, so tapfer im Kriege und so wohlwollend für seine Untergebenen, der gediegenste, prächtigste Kern in allerdings rauher Schale, mit seinen beiden Händen ergriffen und an seine Lippen gedrückt; doch wäre ein solches Unterfangen gerade so gut gewesen, wie eine schon unterschriebene Anweisung für die Hallen des heiligen Augustin. Deshalb stand er so regungslos wie möglich, in schönster Haltung, den kleinen Finger an der Hosennaht, wie es damals zu einer untadelhaften militärischen Stellung erforderlich war, und that nur das Erlaubte, dem Oberst nämlich mit langsam gewendeten Augen nachblicken, würde auch vielleicht in einem leicht begreiflichen Gefühle der Verehrung länger stehen geblieben sein, als gerade notwendig war, wenn ihn nicht ein leichter Schlag auf die Schulter hatte umschauen machen, wo er dann in das heitere Gesicht Schmollers blickte, der ihm lachend versicherte, daß die eben stattgehabte Scene, von weitem gesehen, sich recht vortrefflich gemacht habe. – »Gerechter Himmel, wenn das mir passiert wäre, ich glaube, ich wäre abermals zum heiligen Augustin gesandt worden!« Und wenn je eine Befürchtung wahr gewesen wäre, so diese; denn etwas Dienstwidrigeres wie Schmollers Anzug, in welchem er seine privaten Verhältnisse abgewickelt hatte, war nicht leicht denkbar: sein eigenes, wieder zusammengeflicktes Beinkleid von viel zu Heller Farbe, eine weiße Weste unter der halbzugeknöpften Uniform, einen Hemdkragen über der schwarzen Halsbinde und Sporen an den Stiefeln – Sporen für den Bombardier einer Festungscompagnie! »Du bist wirklich ein unverbesserlicher Geselle!« sagte Freiberg. »Was willst du?« entgegnete Schmoller, die Achsel zuckend. »Man ist es sich schuldig, einen vorteilhaften Eindruck zurückzulassen. Meine Marschroute habe ich in der Tasche, und wenn es mir auch allerdings nicht angenehm gewesen wäre, dem Alten in die Finger zu laufen, so hat es mir doch wohlgethan, mit meinem Anzuge ein paar Freunde zu ärgern. Ich sage dir, der Brigadeschreiber ist gelb geworden vor Neid, wie er mich so angesehen, und sämtliche Kerls da oben, der Block und der junge Flattich, hätten viel darum gegeben, wenn sie ebenfalls zu einer Batterie nach der Residenz versetzt worden wären. Doch mußt du mir einen Gefallen thun; ich muß noch einmal an jenem Hause vorbei, wo ich so glücklich gewesen, und da es sich viel schöner macht, wenn man zu zweien lachend und plaudernd flaniert, so wirst du mich begleiten.« Erich that das nicht gern, denn für ihn hatte jenes Haus keine angenehmen Erinnerungen; doch hatte Schmoller schon seinen Arm in den Erichs gelegt und zog ihn mit sich fort. Da war das betreffende Haus, dem sich Freiberg nicht ohne Herzklopfen näherte. Sehr angenehm war es ihm aber, von niemand gesehen, wenigstens nicht erkannt zu werden, ein Gefühl, das sich Schmoller den Anschein gab, mit ihm zu teilen, denn dieser sagte achselzuckend: »Es thut mir eigentlich leid um das hübsche Mädchen, das jetzt in seiner Küche sitzt und wahrscheinlich um mich weint – das ist nun einmal nicht anders!« Ein bekanntes Gesicht hatte aber Erich, schüchtern aufwärts blickend, dennoch bemerkt, das des Herrn Professors, der am Fenster stand und an den Himmel hinaufblickte. Seine ganze Vergangenheit in Zwingenberg trat damit in einer so unangenehmen Lebendigkeit, zugleich mit einer anderen Erinnerung, vor seine Seele, daß er froh war, im nächsten Augenblicke das Haus hinter sich zu haben und am anderen Morgen die Stadt. In jenen glücklichen Zeiten, wo es noch keine Eisenbahnen gab, welche einen versetzten Militär mit oft so unangenehmer Geschwindigkeit an seinen neuen Bestimmungsort liefern, wo Post- und Eilwagen nur als großer Luxus betrachtet wurden, strich man gemütlich an der Hand der Marschroute und unter dem Schutze des »Vorzeiger dieses« zu Fuß durch einen guten Teil der Monarchie und nahm das meistens wie eine Ferien- oder Vergnügungsreise aus der Jugendzeit hin, besonders in guten, wohlhabenden Gegenden, wo sich der Ortsvorsteher eine Ehre daraus machte, ein paar einzeln anlangende Militärs in seine eigene Wohnung und abends mit sich ins Wirtshaus zu nehmen, wo der hübsche Unteroffizier und Soldat die Augen der Dorfschönen auf sich zog und wo er häufig nach einem Ruhetage mit unruhigem Gemüte weiterzog, Thränenspuren, Versprechungen hinter sich lassend, heiße Wünsche und sonst noch allerlei mit sich davonnehmend. Leider war es schon sehr spät im Herbste, als unsere beiden Freunde über Berg und Thal ihrem neuen Bestimmungsorte entgegenzogen, was sie diese an sich hübsche Tour nicht so genießen ließ, als wenn sie dieselbe im Frühjahre oder Sommer, gemacht hätten; doch hatte es trotz Morgennebel und kühler Nächte immer noch hie und da kleine Abenteuer, die der Erinnerung wert waren, gegeben. So versicherte wenigstens Schmoller seinem Freunde, wenn sie das betreffende Dorf eine Stunde oder so etwas hinter sich gelassen hatten, wobei alsdann der ältere Bombardier, von einem Hügel oder sonstiger Anhöhe rückwärts schauend, irgend einen beliebigen Kalendernamen seufzend zurückrief. Erich aber, der wohl wußte, wie gern sein Freund in Erzählung ähnlicher Abenteuer übertrieb, hatte deshalb auch wenig Mitleid mit all den gebrochenen Herzen, welche nach Schmollers Versicherung hinter ihm zurückblieben. Da indessen auf dieser kleinen Reise nichts besonders Bemerkenswertes vorfiel, was von Interesse für den Lauf unserer Erzählung gewesen wäre, so wollen wir den Faden der Begebenheiten wieder aufnehmen am letzten Tage ihres Marsches, wo sie aus ihrem letzten Quartier, statt der Chaussee zu folgen, die sich an der Seite eines breiten Flusses auf Umwegen durch ein weites Thal dahinzog, den näheren Weg über einen bewaldeten Gebirgskamm nahmen, von dessen Höhe sie um die Mittagszeit einen herrlichen Anblick genossen auf die in der Ferne vor ihnen liegende, weit ausgedehnte Stadt mit ihren Kuppeln und Türmen. Leichte Anhöhen umgaben sie in einem Halbkreise, und diese Anhöhen waren mit kleinen Festungswerken gekrönt. »Leider wird wohl eines davon der Schauplatz meiner künftigen Thaten sein,« meinte Schmoller mit bedenklichem Kopfschütteln; »es ist ein ziemlicher Weg von da in die Stadt, und da hätte man ebensogut ins Kloster geschickt werden können. Nun, wir wollen sehen, was uns die Zukunft da unten bringt.« – Sie lagerten sich auf der Höhe unter einer mächtigen Eiche und blickten in die prachtvoll herbstlich gefärbte Landschaft, die von der glänzenden und noch immer warmen Sonne eines echten Altweibersommertages bestrahlt wurde. Ringsumher sah man die lebendigsten und buntesten Farben, eine wahre Musterkarte von Rot und Gelb, während sich der klare Himmel tiefblau darüber ausspannte und die reine, durchsichtige Luft die sonderbaren Verschlingungen der Aeste und Zweige bis zu den höchsten Spitzen der Bäume hinauf aufs deutlichste sehen ließ. »Welch herrliches Jagdwetter!« meinte der ältere Bombardier, worauf Erich hinzusetzte: »Und wird auch zu diesem Vergnügen benutzt, wie mir scheint, denn ich habe schon mehrere Male das Knallen der Gewehre gehört und sah leichten Rauch zwischen den entlaubten Büschen aufsteigen. Sieh, dort gerade wieder und da rechts, und dorthin weiter auch – es ist wie ein Treibjagen, wie ein Halbkreis um uns her, und ich glaube, wir sollten trachten, eine breitere Straße aufzufinden, damit wir nicht selbst in den Trieb eingeschlossen werden, um selbst mitzujagen oder als Wild zu dienen – danke für beides!« Sie hatten auf diesem Lagerplatze ihre wohlgefüllten Brotbeutel abgelegt und behaglich gefrühstückt von dem, was ihnen im letzten guten Quartier eine freundliche Wirtin mitgegeben. »Hier möchte ich ein paar Stunden träumen,« meinte Schmoller, indem er die Hände unter den Kopf legte und sich selbst, so lang er war, auf die weichen, dürren Blätter ausstreckte; »hier möchte ich mich in Phantasie ergehen, was mir wohl da unten beschieden ist, ob ich einstens, wenn ich dieser Stadt wieder den Rücken kehren muß und abermals auf dieser Höhe hier angekommen, von freundlichen oder traurigen Erinnerungen erfüllt bin. Denkst du nicht auch so, Erich?« Wohl dachte dieser Ähnliches und hatte sich schon längst in ähnlichen Gedanken verloren, ja, er fühlte sich tief bewegt, wenn er an seine Zukunft dachte, und schon zuckte seine Hand nach jenem kleinen Geldstücke, das er immer bei sich trug, um es abermals zu einem Spiel des Zufalles zu verwenden und es, von Schmoller ungesehen, einer tiefen Spalte des Baumes anzuvertrauen. Doch schämte er sich im nächsten Augenblicke, so zweimal auf gleiche Art das Schicksal zu versuchen, und verbarg die kleine Münze wieder an ihrem früheren Platze. »Und nun wollen wir heiter und froh den letzten Rest unseres Weges machen!« rief er aus. »Komm, Schmoller, erhebe dich! Ich fürchte in der That, wir sind mitten in einen Jagdtrieb hineingeraten; hörst du jetzt das Hallo der Treiber und ihr Anschlagen an die Bäume? Komm, wenn wir uns jetzt links wenden und jenem kleinen Fußwege folgen, erreichen wir wahrscheinlich eine breitere Straße.« »Was geht mich die ganze Treiberei an, ich habe weder Treiber noch Jäger eingeladen und bekümmere mich den Teufel um sie – schau, Erich, was ist das da vor uns?« Dieser beugte sich rasch zu seinem Kameraden herab, legte ihm die Hand auf den Mund und flüsterte ihm zu: »Ein kapitaler Hirsch, der weit vor den Treibern vorausgegangen ist! Gib acht, wie er abstreicht, wenn er uns hier oben merkt!« »Siehst du denn etwas?« »Nein, ich höre ihn nur durch die Büsche brechen und mit den Stangen die Äste streifen. Sprich nicht mehr, Schmoller, und bleib unbeweglich liegen!« Nach diesen Worten kauerte sich Erich geräuschlos hinter ihm an dem Stamme der Eiche nieder, und nun hörten sie beide das Herannahen des edlen Tieres, ja, Erichs geübtes Auge erkannte es im nächsten Augenblicke zwischen den grauen Stämmen hervorbrechend und hielt fast den Atem an, um es nicht zu verscheuchen. Nicht so Schmoller, welcher den kapitalen Hirsch nun ebenfalls erblickte und darüber vor Vergnügen mit den Beinen strampelte, aber nur die Idee einer Sekunde, während welcher das edle Tier stehen blieb, um gleich darauf seinen Lauf zu ändern. In diesem Augenblicke krachten hinter den beiden Bombardieren zwei Schüsse rasch nacheinander, und zwar in solcher Nähe, daß Schmoller sich mit seinem Kopfe tief in die dürren Blätter hineinduckte, und dies um so mehr, da gleich darauf von seitwärts her ein dritter Schuß knallte, dessen Kugel, wie der Bombardier später versicherte, er an seinem Ohr habe vorbeipfeifen hören. »Ah, das geht über den Spaß,« rief er aufspringend, »mir scheint, man ist hier in der Nähe der Residenz im offenen Walde seines Lebens nicht sicher! Erlauben Sie mir,« wandte er sich an einen jungen Mann in Jagdkleidung, der, seine Flinte schulternd, rasch aus den Büschen hinter ihm hervorkam, »das ganz merkwürdig zu finden!« »Und ich finde es ebenfalls merkwürdig,« antwortete der andere in hochfahrendem Tone, »wie man, gelinde gesagt, so unbesonnen sein mag, sich mitten in den Bogen eines Treibjagens zu legen – verstanden?« »Allerdings verstanden, aber nicht recht begriffen!« gab Schmoller trotzig zur Antwort. »Ich habe nirgendwo ein Plakat gelesen, daß es gefährlich sei, diesen Waldweg zu benutzen! Im gewöhnlichen Leben wird man doch vor Fußangeln und Fallgruben gewarnt, auch benachrichtigt, wo man einen Hemmschuh einzulegen hat!« »Sie sind ein Narr!« gab der andere kurz zur Antwort, indem er sich gegen einen der Jäger umwandte, der von der anderen Seite herkam und mit verdrießlicher Miene sagte: »Hätte der Hirsch noch ein paar Schritte weiter gemacht, so wäre er mir angelaufen, wie nie etwas Aehnliches! Fast fürchte ich, ich habe ihn weidwund geschossen – wäre schade drum, ein so kapitales Tier, unfehlbar ein starker Vierzehnender!« »Und daß er nicht näher kam, haben wir diesen beiden Burschen da zu verdanken, die da in aller Gemütsruhe mitten im Treiben liegen bleiben und das Wild verscheuchen – hol sie der Teufel!« »Den Wunsch heg' ich auch,« sagte der zweite Jäger, näher tretend. – Dieser war ein Mann vielleicht hoch in den Dreißigern, mit einem feinen, aber verlebten Gesichte, zierlich gedrehtem Schnurrbarte und mit eingeklemmtem Augenglas, um sich die Betreffenden näher anzuschauen. Er sprach in einem scharfen, etwas näselnden Tone, sehr bedächtig und langsam, wobei er seinen Kopf sehr hoch erhoben hielt und dazu unter den halb geschlossenen Lidern hervorschaute. – »Ei der Tausend,« sprach er jetzt, »wen haben wir denn da eigentlich?« »Zwei herumstreichende Bombardiers, wie mir scheint, trotzige Bursche, wenigstens der eine, der mir soeben eine recht naseweise Antwort gab.« Schmoller blickte auf Erich, vielleicht in der Absicht, sich auf dessen Gesichte Rat zu erholen; doch hatte sich jener auffallenderweise abgewendet und blickte, mit dem Arme an den Stamm der Eiche gelehnt, ganz wo anders hin, als wo die beiden Jäger standen. »Wollen Sie mir sagen, was Sie hier treiben?« fragte der mit dem Augenglase in hochmütigem Tone. »Wir treiben eigentlich gar nichts; doch es scheint mir fast, als ob wir selbst getrieben worden wären, und finde ich das im höchsten Grade sonderbar!« Auf diese Worte trat der erste der beiden Jäger rasch vor Schmoller hin, betrachtete ihn von oben bis unten und herrschte ihn an: »Lassen Sie Ihr dummes Gerede, Sie haben einen Offizier vor sich, der, obgleich in Civil, doch imstande ist, Sie irgend wohin spazieren zu schicken, wohin es Ihnen wahrscheinlich nicht angenehm wäre!« »Gut so, Herr Graf,« fügte der andere mit einem unangenehmen Lächeln hinzu, »diese Herren da werden Vernunft annehmen und mich nicht zwingen, ihnen Aehnliches zu sagen. Ich fürchte fast, ich werde später das Vergnügen haben, Ihre Bekanntschaft zu erneuern.« Daß er einen Offizier vor sich habe, war dem Bombardier Schmoller recht unangenehm in die Glieder gefahren; auch glaubte er aus Erichs Stillschweigen schließen zu dürfen, daß es besser sei, hier klein beizugeben und sich seitwärts sachte in die Büsche zu schlagen, ja, er grüßte militärisch und wandte sich zum Gehen. Erich, halb durch den Baum gedeckt, schien noch einen Augenblick unentschlossen zu sein, ob er ihm folgen solle; doch wandte auch er sich jetzt, wobei Schmoller zu seinem größten Erstaunen sah, wie furchtbar bleich die Gesichtszüge seines Kameraden waren. Aber dieses Erstaunen wuchs, als er zu gleicher Zeit bemerkte, daß der erste der beiden Jäger, der jüngere, mit einem halbunterdrückten Ausrufe einen Schritt zurücktrat; dann schritten sie langsam an den beiden Jägern vorüber und hörten hinter sich die Worte sagen: »In der That, das ist seltsam!« Schweigend verfolgten sie den kleinen Fußweg, der sie in kurzer Zeit auf eine Fahrstraße brachte, und erst hier, als Schmoller Raum hatte, neben seinem Freunde zu gehen – er war ihm bisher gefolgt – blickte er ihn von der Seite an und sagte dann in fragendem Tone: »Nun, Freiberg, was war denn das eigentlich?« »Ich denke mir,« gab dieser ruhig zur Antwort, »das waren unangenehmerweise für uns ein paar Offiziere von der Garnison da unten in Civil, ein Zusammentreffen, das schwerlich angenehme Folgen für mich haben kann.« »Für mich und für dich. – Kennst du einen derselben? – es schien mir fast so.« »Ja, ich glaube, ich kenne einen derselben näher, bin aber nicht imstande, dir heute etwas darüber mitzuteilen.« »Höre, du bist in der That, wie ich schon oft gesagt, ein heimlicher Kerl und ein Duckmäuser, ich aber ein viel zu anständiger Mensch, um mich in anderer Leute Geheimnis drängen zu wollen! Reden wir daher von etwas anderem und erwarten, was kommt.« »Wir werden nichts Besseres thun können, als erwarten, was kommt,« meinte Erich, denn an dem Reden über andere Gegenstände schien er für jetzt keinen besonderen Gefallen mehr zu finden, sondern schritt schweigend und einsilbig neben Schmoller dahin. Ihn hatte dieses Wiedersehen in der That furchtbar erregt, das gelblich unangenehme Gesicht hatte ihn mit verbissener Wut und dabei wieder so höhnisch lächelnd angeblickt. Wie war es doch so traurig, daß er immer wieder und wieder mit diesem zusammentreffen mußte, und jetzt in Verhältnissen, die ihn fürchten ließen. Er fühlte es tief, wenn ihm je eine traurige, unheilvolle Katastrophe bevorstand, so mußte sie durch diesen kommen, durch diesen herbeigeführt werden, und er, Erich, mußte unterliegen bei der hohen Stellung und der Macht des anderen. Nach dem Marsche einer guten Stunde hatten sie, beständig abwärts steigend, die breite Landstraße im Thale wieder erreicht und dann eine vierfache Allee hoher Platanen, die sie an zierlichen Landhäusern, sowie an entfernter liegenden großartigen Fabrikgebäuden vorüberführte; dann durchschritten sie eine kleine Vorstadt, kamen durch Parkanlagen auf einen großen, breiten, links mit Bäumen bepflanzten Platz, in dessen Mitte sich eine kolossale, bronzene Reiterstatue befand, und erreichten endlich die Thorwache, wo sie sich bei dem Wachthabenden nach ihrem Bestimmungsorte erkundigten. Erich hatte nicht sehr weit mehr zu gehen, da sich die Kaserne der reitenden Artillerie seitwärts von dem eben erwähnten großen Platze befand, wogegen Schmoller die ganze Stadt durchschreiten mußte, um zu einer jener kleinen, außerhalb liegenden Festungen zu gelangen, wo sich seine Compagnie befand und wo ihn, wie er seufzend sagte, wahrscheinlich ein sehr langweiliges Klosterleben erwartete. Zweiter Band 26. Kapitel Läßt uns die Bekanntschaft der reitenden Paradebatterie Nr. 4 machen, vom Wachtmeister mit Mißtrauen empfangen, wird Erich von seinen Kameraden mit Ehrfurcht betrachtet. Erich betrat mit großen Erwartungen die stattlichen Gebäude, in welchen die vierte reitende Batterie lag. Räume, welche eigens zu dem Zwecke gebaut worden waren und welche man nicht, wie die mancher ähnlichen Anstalten, mit schroffem Wechsel alles Irdischen, alten Klöstern abgewonnen hatte. Hier war alles größer, neuer, weitläufiger und luftiger, ohne deshalb gemütlicher auszusehen, wie zum Beispiel in jener alten Dominikanerkaserne, wo die Brigadeschule war, wo die inneren Seiten der großen, im Dreieck liegenden Gebäude mit luftigen Arkaden versehen waren, unter denen man zu Fuße exerzierte oder wo auch bei Regenwetter der Appell abgehalten wurde. Hier war nichts zu sehen von dergleichen luftigen Arkaden oder von kleinen, gemütlichen Spitzbogenfenstern, oder von einer verschnörkelten Treppe, wo der Mittelpunkt der Schnecke vielleicht einen kolossalen gemeißelten Steinrömer zeigte, oder auch die Gestalt eines alten Kapuziners; hier war nichts von heimlichen Kreuzgängen mit ehemaligen Blumengärten, in welchen jetzt, allerdings zum Besten der Menageküche, Zwiebeln, Lauch, Petersilie, Sellerie oder andere Küchengewächse wucherten. Hier war alles geradlinig, rechtwinkelig, stramm aufrecht; hier schienen die poesielosen, viereckigen Fenster mit Wohlgefallen auf den Hof hinabzuschauen, wenn nach Zählen rechts- und linksum gemacht wurde; hier schienen die glatten, hellen Mauern mit höchstem Interesse auf das helle glatte Lederzeug der bei großen Gelegenheiten im Hofe aufgestellten Batterie hinabzublicken, auch wohl Vergleiche anzustellen über gegenseitige Propretät; hier war nichts Verschnörkeltes an den Dachtraufen und Regenrinnen, sondern letztere liefen in gleichen Intervallen so regelmäßig an der Außenseite der Gebäude hinunter, daß man sie von weitem für Schildwachen in äußerst tadelloser Stellung hätte halten können. Auch in den Höfen, welche das Gebäude umgaben und es mit den dahinter liegenden Stallungen verbanden, sah man nicht das geringste Willkürliche oder Unordentliche. Die Düngergruben im Viereck, eingefaßt mit hellen Steinen, ließen auch nicht die Spur eines Strohhalmes außerhalb ihrer Einfassung sehen; die Schubkarren, mit denen das Betreffende herbefördert wurde, waren in eine regelmäßig gerade Linie geschoben, und selbst die Sperlinge, welche sich hier aufhielten, schienen von dem allgemeinen Ordnungssinne etwas profitiert zu haben und flogen nicht, wenn sie aufgestört wurden, leichtsinnig im Hofe umher, sondern verfügten sich sein säuberlich auf das benachbarte Dach der Geschützremise, um dort zu warten, bis es ihnen erlaubt werde, aufs neue zuzugreifen. Und diese Geschützremise, welches Bild der Ordnung und Sauberkeit bot sie! Wie scharf waren die nebeneinander aufgestellten Geschütze gerichtet, welche vollkommen gleichmäßige Hebung der Deichsel, welche vollkommen gleiche Senkung der Geschützröhren, alle scharf auf Visier und Korn niedergeschraubt, mit Zündlochdecker und Mundpfropf, und dazu die metallenen Röhren so blank, daß man sich in ihnen hätte spiegeln können! Ja, wer alles das mit richtig verständigem Auge ansah, dem mußte das Herz im Leibe lachen, und wenn er auch Poesie besaß, würde er sich gar nicht gewundert haben, die Kaserne bei einer großen Parade selbst mit aufmarschieren zu sehen, so vollkommen und gänzlich untadelhaft parademäßig sah sie aus. Aber auch im Innern des Gebäudes herrschte dieselbe Sauberkeit, das gleiche fast pedantische Streben, überall Ordnung zu zeigen. Diese Ordnung schien nicht nur in dem gehandhabt zu werden, was das Auge sieht und die Nase riecht, sondern auch in dem, was das Ohr hört, denn hier vernahm man aus den Zimmern heraus kein lustiges Lied, kein lautes Geplauder auf den Gängen, vielmehr bemühten sich alle, die man hin und her wandeln sah, eines fast ängstlichen Stillschweigens, verbunden mit ernsten, würdevollen Mienen, gewiß die Frucht des Bewußtseins eigenen Wertes und ganz besonderer Vortrefflichkeit. Erich betrat die Schreibstube des Wachtmeisters und wurde von einem hier befindlichen Kollegen in das Nebenzimmer verwiesen, wo er den Gewaltigen beschäftigt fand, das Haar und den vorschriftsmäßigen Backenbart, vor dem Spiegel stehend, mit einer Bürste zu bearbeiten; doch legte er dieses profane Instrument augenblicklich beiseite, indem er es seinen beiden Händen überließ, den mächtigen, weit abstehenden Schnurrbart ein wenig zu kräuseln. Der Wachtmeister Pinkel war ein großer und schöner Mann, mit dem Anstande mindestens eines Stabsoffiziers. »Ah,« sagte er, Erich mit einem leichten Blinzeln betrachtend, »wahrscheinlich der Bombardier Freiberg! Nun, Ihr Äußeres ist nicht so übel, als ... Doch glaube ich, es würde Ihnen leichter gewesen sein, in irgend einer Fußbatterie zurecht zu kommen; es ist für einen Vorgesetzten – und die Bombardiere zählen nun einmal zu den Vorgesetzten – etwas mißlich, wenn sie, was die Reitkunst anbelangt, nicht einmal mit ihren Untergebenen konkurrieren können.« »Allerdings bin ich stolz darauf,« gab Erich bescheiden zur Antwort, »einer reitenden Batterie zugeteilt worden zu sein, doch war ich nicht imstande, hierzu etwas beizutragen. Ich hatte keine Ahnung, wie über mich verfügt worden, als ich den Befehl bekam, mich hier zu melden, was ich damit pflichtschuldigst gethan haben will. Was die Reitkunst anbelangt, so glaube ich darin einige Vorkenntnisse zu besitzen.« Über das Gesicht des Wachtmeisters flog ein leichtes Lächeln und er erwiderte kopfnickend: »Ja, ja, der Herr Oberst haben gedacht, daß es Ihnen nicht schaden könne, besonders fest zur Ordnung angehalten zu werden, und was das betrifft, kommen Sie in die rechte Schmiede. Haben Sie Mittel, das heißt, haben Sie eine kleine Zulage von Hause?« »Nein,« sagte Erich kurz, worauf sich der Wachtmeister, leicht mit den Achseln zuckend, etwas gegen das Fenster wandte und erst nach einer Pause sagte: »Gut, es ist das auch gleichgültig. Gehen Sie mit meinem Schreiber draußen auf Zimmer Nr. 16 zu Unteroffizier Wenkheim; der Herr Premierlieutenant wird wahrscheinlich befehlen, daß Sie bei dessen Geschütz eingeteilt werden; Wenkheim wird Sie auf die Kammer führen und einkleiden lassen. Sie, Bombardier Schwarz,« rief er dem Schreiber im Vorzimmer zu, »Wenkheim soll das Einkleiden genau nehmen, daß wir diesen jungen Mann morgen zum Appell dem Herrn Hauptmann in einer anständigen Gestalt vorstellen können! Adieu!« Erich machte vorschriftsmäßig kehrt, und während er das Zimmer verließ, wandte der Wachtmeister seine Sorgfalt aufs neue seinem in der That wunderschönen Backenbarte zu. Der junge Bombardier, welcher Erich begleitete, eine kleine, dürftige Gestalt, aber mit einem intelligenten Gesichte, ging die ersten Schritte schweigend an seiner Seite, ihn ein paarmal scheu betrachtend, und erst als beide anfingen, die Treppe des zweiten Stockes zu ersteigen, sagte er: »Sie kommen von der Brigadeschule – das ist wohl ein lustiges Leben in einer solchen Brigadeschule?« »Nun, wie man's nimmt; es kann auch sehr ernst und langweilig sein. Jedenfalls wird es hier bei der Batterie im praktischen Dienste mehr Unterhaltung geben, als bei uns in den trockenen Lehrsälen.« »Aber in den Freistunden nimmt man es bei Ihnen wohl nicht so genau und sieht man Ihnen mancherlei durch die Finger?« – Während der Bombardier Schwarz das sagte, mit einem pfiffigen Lächeln, welches sich in einen Ausdruck der Bewunderung verwandelte, fuhr er fort: »Von Ihren Freistunden, Bombardier Freiberg, haben wir aus den Akten einiges erfahren, worüber wir uns recht amüsiert haben. Donnerwetter, muß das ein Leben auf so einer Brigadeschule sein! Ja, wenn wir uns hier so etwas herausnähmen ...« »Und was denn, wenn ich fragen darf?« Ehe aber Herr Bombardier Schwarz die nötigen Aufklärungen gab, faßte er rasch die Hand des anderen, schüttelte sie herzlichst und sagte ihm flüsternd: »Alle Bombardiere der Batterie werden entzückt sein, Sie kennen zu lernen, Ihre Geschichten sind gar zu famos, sie haben sich unter der Hand wie ein Lauffeuer verbreitet.« »Ich fürchte fast, daß mir Ihr Lob nicht angenehm sein wird.« »O, famos!« rief der ankere enthusiastisch. »Wir sind alle entzückt darüber, und da haben wir einen ganz verfluchten Kerl unter den Bombardieren, einen gewissen Wibert, er hat halb und halb studiert und will auch Offizier werden, wie wir alle, der hat versichert, er würde es nächstens einmal gerade so machen!« »Nun, was denn, wenn ich fragen darf?« »O, statt in Arrest zu gehen, den Sie durch Ihren heillosen, aber ganz famosen Kasernenskandal allerdings verdient, den Gefängniswärter zu bestechen, dann mit dem Unteroffizier, der Sie auf Numero Sicher bringen sollte, die Nacht durchzukneipen und zu randalieren, dann bei einem philisterhaften Kerl einzudringen – o, famos! – mit einem hübschen Dienstmädel Kaffee trinken, dabei Ihre Brieftasche vergessen und wieder zurückkehren, um sie von dem Philister herauszutrotzen – o, famos! – dann...« »Ich meine, es könnte genug sein, Bombardier Schwarz,« erwiderte Erich halb lächelnd, halb entrüstet. »Es hätte allerdings genug sein können, aber das Famoseste war doch, daß Sie alsdann vor der Wohnung des Obersten auf den Alten selber gewartet, um ihm in die Zähne zu sagen, Sie seien nicht in Arrest gegangen, weil Sie diese Strafe ungerecht erhalten – o, famos! Ist es denn wahr,« fragte er alsdann dringend neugierig, »daß der Alte seinen Säbel gezogen hat und nur durch den Brigadeadjutanten daran verhindert wurde, Sie zusammenzuhauen?« »Ich kann Ihnen versichern, daß das nicht wahr ist, daß überhaupt die ganze an sich unbedeutende Geschichte Ihrer Erzählung nach arg übertrieben worden ist.« »O, ich weiß das besser, ich weiß das besser!« entgegnete der schmächtige Bombardier, sich vor Vergnügen die dürren Hände reibend. »Wir alle wissen das besser – o, famos!« »Es wäre schlimm,« sagte Erich in ernstem Tone, »wenn solche Nachrichten hier über mich cirkulierten; denken Sie sich doch, in welchem Lichte ich beim Hauptmann und den Offizieren erscheinen muß!« »Ja, das thun Sie auch!« rief der andere vergnügt. »Doch hat Wibert gesagt: ›Paßt nur einmal auf, Burschen, der läßt sich weder von dem Hauptmann, noch von dem Krummstiefel auf der Nase herumtanzen!‹« »Wer ist denn der Krummstiefel?« »Pst!« machte der Bombardier Schwarz, indem er scheu um sich herblickte, »das ist nur so ein Beiname für den Premierlieutenant; er hat nämlich Reiterbeine, geht sehr einwärts und tritt deshalb seine Stiefelabsätze beständig schief, eigentlich Chef der Batterie, ein älterer, famoser Offizier – o, famos, famos! – während der andere so zu sagen nur zum Staat da ist –« »Der Kapitän?« »Pst, ja; doch sagte Krummstiefel gestern dem Wachtmeister, als von Ihrer Ankunft die Rede war, daß – auf ›dass‹ legte er einen besonderen Nachdruck – der Barsch – damit meinte er Sie – den Teufel im Leibe hat, geniert mich im Grunde gar nicht, wollen nur sehen, ob er sich auch im Dienst teufelmäßig anläßt. – Doch hier ist Nr. 16, und ich mache mir eine Ehre daraus, Sie dem Unteroffizier und den beiden Bombardieren, die schon in der Korporalschaft sind, vorzustellen. Der Unteroffizier ist durch und durch Kommiß, aber die anderen sind ordentliche Kerls.« Damit öffnete er die Thür so weit als möglich und sagte in lauterem Tone, als gerade notwendig: »Herr Unteroffizier Wenkheim, ich soll Ihnen diesen jungen Mann vorstellen, und Sie möchten ihn sorgfältig einkleiden lassen! Es ist der Bombardier Freiberg von der Brigadeschule!« – Als er letzteres sagte, zitterte seine dünne Stimme förmlich vor Rührung und Bewunderung. Der Unteroffizier speiste gerade etwas Wurst und Brot, legte aber sein Messer nieder und blickte den Gemeldeten unter seinen buschigen Augenbrauen mit einem finsteren Blicke an, wobei er ihm entgegenknurrte: So? Nun, es ist gut. Gehört haben wir schon von Ihnen, hätte Sie mir aber anders vorgestellt. Dort in der Ecke ist ein leeres Bett, dahin legen Sie Ihre Siebensachen, und wenn ich hier fertig bin, wollen wir auf die Kammer gehen.« Erich that, wie ihm geheißen, ließ sich dann von seinem Begleiter mit den beiden anderen Bombardieren bekannt machen, was Schwarz mit einem Anfluge von Hochmut that und so, als seien er und Freiberg, schon genaue Freunde geworden, wobei er seine kleine Figur um einen ganzen Zoll streckte. Das Kammergeschäft, das heißt das Einkleiden des Neuangekommenen, ging nun vor sich, wie dieses Geschäft immer vor sich zu gehen pflegt. Der betreffende Unteroffizier verlangte für seinen Einzukleidenden immer das Beste, und der Capitain d'armes wollte nur das Schlechteste geben, ja, er wehrte sich um eine halbwegs anständige Reithose und um einen erblindeten Säbel und rostige Sporen, als wollte man ihm die eigene Haut abziehen, war dabei barsch und bissig wie ein böser Hund, den man beim Fressen stört, und so scharf ihm auch der Unteroffizier Wenkheim entgegentrat und auf die Finger schaute, so übervorteilte er ihn und seinen Schutzbefohlenen doch auf die schlaueste Weise, indem er ihm unter anderem, kunstvoll zusammengelegt, einen Waffenrock gab, an dem einige Haken und Knöpfe fehlten, sowie eine Reithose mit einem großen Teerflecken, gerade auf dem rechten Knie. Da aber der allgewaltige Wachtmeister befohlen hatte, daß der neue Bombardier am anderen Tage beim Appell in guter Uniform vorgestellt werde, so hatte der Capitain d'armes , trotz seiner verzweifelten Gegenwehr, eine bessere Uniformsgarnitur ebenfalls von der Kammer heruntergeben müssen. Da sämtliche Kanoniere von Nr. 16 mithalfen, wie auch die Bombardiere, welche ihn mit Bewunderung anschauten, so war am anderen Vormittage alles, was zu einem anständigen Bombardier gehört, in bester Ordnung, und Erich konnte sich beim Appell schon sehen lassen. Allerdings machte ihm das Tragen und Halten des schweren Schleppsäbels einige Mühe, doch nachdem ihm seine speciellen Kameraden, zu denen sich auch der famose Wibert gesellte, einigen Unterricht erteilt, gelang es ihm, ziemlich tadellos dazustehen, um später dem Hauptmann die Meldung machen zu können: »Von der königlichen Brigadeschule zur vierten reitenden Batterie versetzt!« Einiges Herzklopfen verspürte Erich allerdings, wenn er an den Empfang bei seinem neuen Vorgesetzten dachte und an den schlimmen Ruf, der ihm vorausging und den er doch gewiß nicht verdient hatte. Was war zu thun? Er hatte während einiger schlaflosen Stunden der vergangenen Nacht darüber nachgedacht, und da er überzeugt war, daß alles Leugnen seinerseits den Kameraden gegenüber doch nichts helfen würde, so beschloß er, da es nicht zu ändern war, in ihren Augen als jener verfluchte Kerl auch ferner zu gelten, sich aber seinen Vorgesetzten gegenüber durch Pünktlichkeit und Ordnung im Dienste zu bemühen, deren gute Meinung zu erringen und zu verdienen. So wurde zum Appell geblasen, und die Batterie trat auf dem parademäßig rein gefegten Kasernenhofe an; Erich etwas seitwärts hinter der Fronte, wie ihn der Wachtmeister angewiesen, aufs höchste gespannt, seine neuen Vorgesetzten, von denen ja nicht nur das Schicksal seiner nächsten Zeit, sondern vielleicht seines ganzen Lebens abhing, kennen zu lernen. Von den Ställen her kamen jetzt ein paar Offiziere in langsamem Schritte, und konnte er sich über einen derselben durchaus nicht täuschen. Es war das eine mittelgroße, gedrungene Persönlichkeit, langsam und schwer auftretend, mit allerdings etwas verschobenen Absätzen; er hielt seinen schweren Säbel mit beiden Händen gefaßt auf dem Rücken und schien seinem Begleiter mit wenig Aufmerksamkeit zuzuhören, denn während dieser in einem fort plauderte, wandte er den Kopf bald rechts, bald links, und seine Blicke fuhren rastlos von einer Ecke des Kasernenhofes in die andere, hoben sich auch zuweilen zu den Fenstern des Gebäudes empor oder blieben auf Augenblicke an den weit geöffneten Geschützschuppen haften. Sein Begleiter war ein blutjunger Lieutenant neuester Ausgabe, an dem alles neu und glänzend war, von den Sporen bis zum Knopfe der Pickelhaube in noch ganz untadelhafter Feuervergoldung, die strahlende Säbelscheide ohne Beule und Schramme, an der Uniform noch einzelne Tuchfalten sichtbar, blank von oben bis unten, ein glückseliges Geschöpf in stets gehobener Stimmung, förmlich flatternd in und außer dem Dienste, und bei Spaziergängen durch die Straßen nur bedauernd, daß sein Anblick in unzähligen Mädchenherzen so namenloses Unglück anrichte. Auch jetzt flatterte er neben dem Premierlieutenant dahin, und wenn dieser nicht gerade so ernst und brummig gewesen wäre, so würde er bei den lustigen Geschichten, die jener erzählte, unfehlbar mitgelacht und ihm nicht das saure Geschäft allein überlassen haben, sich über seine eigenen Witze zu freuen. »Stillgestanden!« kommandierte der Wachtmeister vor den herannahenden Offizieren. Doch winkte der Premierlieutenant mit der Hand und sagte in langsamem, etwas schnarrenden Tone: »Lassen Sie es gut sein, bis der Herr Hauptmann kommt;« und setzte dann leise für seinen Begleiter hinzu: »Mein lieber Herr Lieutenant Müller, sehen Sie sich Ihren Zug ein bißchen an; es wäre mir lieb, wenn wir heute keine Explikationen wegen nicht ganz blank geputzter Knöpfe hätten, es ist mir das höchst langweilig.« Und nun abermals: »Stillgestanden!« Diesmal blieb es auch bei diesem Befehle, denn es war der Herr Hauptmann selbst, der in Begleitung des ältesten Sekondelieutenants den Hof betrat. Erich konnte das Gesicht seines neuen Chefs nicht deutlich sehen, doch war die Figur desselben wahrhaft blendend – in voller Parade, mit Schärpe, Säbel und Kartusche, ja, auf der Brust hatte er vier glänzende Orden, und wenn ihn der flatternde Lieutenant mit einigem Neide betrachtete, so konnte man ihm das nicht übelnehmen, denn gegenüber jenem glänzend illustrierten und vergoldeten Prachtwerke war er, obgleich in einer funkelnagelneuen Uniform, doch nur eine armselige Makulaturausgabe. Der Hauptmann hatte in seinem Gange etwas Eigentümliches, man hätte sagen können, etwas affektiert Gespreiztes. Er setzte seine Füße, an denen er glänzende Lackstiefeln trug, sehr stark auswärts, wiegte sich beim Gehen ein wenig in den Hüften, und während er mit der linken Hand leicht zierlich den Säbel trug, faßte er zuweilen mit der rechten an seinen Schnurrbart oder an seine Augen, deutlich konnte Erich das nicht sehen. »Der Herr Hauptmann sieht wirklich blendend aus!« sagte der junge Lieutenant mit anerkennender Wärme. »Welches Glück, bei seinen Jahren schon vier Orden zu besitzen – o, beneidenswert!« Damit seufzte er schmerzlich und hörte, in den Anblick seines Chefs versunken, kaum, daß der Premierlieutenant brummend sagte: »Und welches Glück, daß für diese vier Orden der Herr Baron nicht den kleinsten Teil seiner Nagelspitze oder seines Schnurrbartes in Gefahr zu bringen brauchte!« »Allerdings, aber er sieht wundervoll aus.« »Gewiß,« versetzte der andere, wobei er leicht seine Kriegsdenkmünze, aus erobertem feindlichem Kanonenmetall bestehend, berührte. »Diner- oder Gratulationsorden,« sprach er alsdann achselzuckend zu sich selber, »Toilettenstücke, leichte Ware, wie sie leicht verdient sind.« Der junge Lieutenant war indessen vor die Fronte geeilt, und begrüßte nun den herannahenden Chef mit ausgezeichneter Diensthaltung, zwei Finger der rechten Hand an die Pickelhaube gelegt, mit kokett und so weit als möglich abgebogenem Arme. »Guten Morgen, meine Herren! Sie verzeihen, wenn ich Sie einen Augenblick warten ließ, aber man ist auch außerhalb des Dienstes oft so mit Geschäften überladen, daß man seine Zeit nicht immer einhalten kann. Da ist gestern abend der Prinz Georg angekommen, zu dem ich heute morgen zur Audienz befohlen war – bitte, entschuldigen Sie mich!« »Wir sollten eigentlich um Entschuldigung bitten, Herr Hauptmann,« sagte der Premierlieutenant in trockenem Tone, aber mit einem kurzen, humoristisch sein sollenden Lächeln, »daß wir so alltäglich aussehen, während der Herr Hauptmann in voller Parade erscheint.« »Sie scherzen, und daß Sie das einmal thun, kommt mir in der That spaßig vor. – Was gibt es von oben herab Neues Wachtmeister?« Da der Kommandantur- sowie der Abteilungsbefehl wenig oder nichts Bemerkenswertes enthielt, so wurde zu den Haushaltungsgeschäften der Batterie übergegangen, das Exerzieren für den Nachmittag und für den nächstfolgenden Tag bestimmt, ein paar Rügen erteilt, auch einige Strafen diktiert; doch war der Hauptmann offenbar mit etwas anderem als diesen Dingen beschäftigt. Er blickte im Hofe umher, und es kam Erich vor, als klemme er zuweilen sein Glas ins Auge und blicke scharf nach ihm herüber. »Und sonst nichts Neues, Wachtmeister?« »Der Bombardier Freiberg von der Brigadeschule, um sich beim Herrn Hauptmann zu melden.« »A–a–a–ha! Könnte füglich für heute unterbleiben; wenn er aber einmal da ist, so mag er kommen.« Gar zu gern hätten sämtliche Bombardiere das Herannahen des Betreffenden beobachtet, doch standen sie so starr und unbeweglich, als seien selbst ihre Augen aus Steifleinen fabriziert. Jetzt stand Erich vor der Fronte und meldete: »Bombardier Freiberg von der Brigadeschule zur vierten reitenden Batterie versetzt!« Der Hauptmann hatte sich in diesem Augenblicke abgewandt und wischte seine Nase mit einem seinen Battisttuche. Als er sich nun langsam wieder herumdrehte und den jungen Mann voll anschaute, zeigte sich ein vergnügliches Lächeln auf seinen Zügen, sonst aber durchaus nichts von Erstaunen und Ueberraschung, während Erich aus ähnlichen Beweggründen beinahe zurückgefahren wäre, denn er erkannte in dem Hauptmann {bild} von heute den zweiten Jäger von gestern, den mit den seinen, aber verlebten Zügen. »A–a–ah– ça !« rief der Freiherr von Manderfeld – »ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu erneuern, haben sich da vortrefflich bei Ihrem neuen Chef eingeführt, mach' Ihnen deshalb mein Kompliment! Bleiben wenigstens konsequent, und das ist immer schon etwas wert!« »Die Avancierten,« wandte er sich mit lauter Stimme an die Unteroffiziere, »rechts und links anschließen, Kreis formieren!« – Und da diesem Befehle augenblicklich Folge geleistet wurde, so sah sich Erich sogleich von höchst erwartungsvollen Gesichtern umgeben, dicht vor dem Hauptmann, vor dem ersten Sekondelieutenant und dem jungen, flatternden Offizier stehend, während der Premierlieutenant zur Compagnie getreten war und dort wahrscheinlich Wichtiges zu verhandeln hatte, denn er sprach oft so laut, daß der Hauptmann ein paarmal erstaunt hinüberblickte. »Dies also ist,« sagte er alsdann mit einer angenehmen Handbewegung gegen Erich, »der Bombardier Freiberg, wegen sehr lockeren Lebenswandels von der Brigadeschule entlassen und zu meiner reitenden Batterie versetzt. Es ist das Brigadebefehl, also nichts dagegen zu erinnern; auch bin ich weit entfernt davon, Ihnen Ihre früheren Streiche nachzutragen; muß Ihnen aber in Erinnerung bringen, daß ich und die Herren Offiziere ein besonders scharfes Auge auf Sie haben werden, und will Ihnen heute, am ersten Tage Ihres Dienstes, die vertrauliche Mitteilung machen, daß Sie bei meiner Batterie nicht zu Ihrem zweiten liederlichen Streiche kommen werden, denn, Herrrr, verlassen Sie sich auf mich, nach dem ersten werde ich Sie vollkommen unschädlich machen, darauf können Sie sich verlassen! – Wo ist er eingeteilt, Wachtmeister?« »Bei dem Unteroffizier Wenkheim.« »Gut; dort ist er gut aufgehoben,« wandte er sich an diesen. »Sie sollen mir ohne alle Schonung und Rücksicht mit diesem jungen Herrn verfahren, auch vierteljährlich Ihrem Herrn Zugführer einen speciellen Rapport über ihn machen, den ich dann von Ihnen, Herr Lieutenant Müller, ergänzt erwarte. – Ich bewundere Sie in der That, daß Sie die Kühnheit hatten,« sagte er nach einer Pause, während welcher er seine Arme übereinander geschlagen hatte, »sich hierher zu meiner Batterie versetzen zu lassen, es wäre wirklich besser gewesen, wenn Sie demütigst gebeten hätten, in irgend eine Festungscompagnie eingereiht zu werden! Doch begreife ich das,« fuhr er mit einem plötzlichen, aber durchaus nicht angenehmen Lächeln fort, »Sie bilden sich ein, etwas ganz Besonderes zu sein, nicht nur als entlassener Brigadeschüler, sondern auch wegen der Vorgänge Ihres früheren Lebens, die mir, dem Himmel sei es gedankt, nicht unbekannt geblieben, und haben alle Ursache, sich etwas einzubilden, denn dieser junge Herr,« wandte er sich speciell an die beiden Offiziere, sprach aber dabei so laut, daß man es auf dem ganzen Kasernenhofe hören konnte, »ist einzig in seiner Art und wird einzig in seiner Art bleiben; da nämlich das berühmte Corps der Bombardiere laut hohem Kriegsministerialbefehl künftig nicht mehr ergänzt werden soll, so ist er der letzte Bombardier, und ich bin überzeugt, daß er dem Prädikate dieses Titels alle Ehre machen werde und in meiner Batterie,« sprach er jetzt direkt zu Erich, »nichts anderes sein wird als der ›letzte Bombardier‹ – auseinandertreten!« Damit war Erichs erster Appell beendigt, und nachdem die Mannschaft schon nach allen Seiten auseinander gegangen {bild} war, stand er noch immer bleich, regungslos, mit zusammengepreßten Lippen allein auf seinem Platze. Er hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz und Zorn, und dann wieder mußte er die Augen schließen, um schwere Tropfen zurückzudrängen, die, sein tiefes Weh verratend, hervorquellen wollten. Fühlte er doch nach diesem Empfange, daß es über kurz oder lang mit seiner militärischen Laufbahn zu Ende sein würde, empfand er doch die kalte Hand, die in sein Leben eingriff, und wußte er doch nach allem dem, daß er seine ganze Kraft aufbieten müsse, nur um sich vor dem gänzlich rettungslosen Untergange zu bewahren, nachdem sein Schifflein an sichtbaren und verborgenen Klippen – wie unfehlbar geschehen würde – zerschellt war! – Danach in die Höhe blickend, sah er den klaren, blauen Himmel so gleichförmig und unparteiisch über alles ausgespannt und die Sonne so glänzend herablächeln, über den mit Orden bedeckten Kapitän wie über ihn, den letzten Bombardier, und das war so viel Trost in seiner Seele, daß er sich mit großer Fassung umwenden und der Kaserne zuschreiten konnte. Ehe er aber dieselbe betrat, hörte er sich angerufen und erblickte den Premierlieutenant, der neben den Geschützschuppen stand und ihm heranzukommen winkte, nachdem er den Wachtmeister durch eine Handbewegung verabschiedet. »So,« sagte der erste stellvertretende Offizier der Batterie, »jetzt machen Sie mir auch einmal Ihre Meldung, die ich vorhin ebensowenig genießen konnte, wie die feierliche Rede des Herrn Hauptmanns, da ich zufällig mit Schlechterem beschäftigt war; oder meinetwegen lassen Sie Ihre Meldung auch bleiben, da ich ohnedies schon ziemlich genau weiß, wer Sie sind und was Sie gesündigt haben.« Er sagte das kopfnickend mit einem wohlwollenden Tone, während er mit der Reitpeitsche an seine Beinkleider klopfte, als wollte er diese von hartnäckigem Staube befreien; ja, er lächelte ein klein wenig und nicht gerade unfreundlich, als er jetzt wieder aufschaute und in Erichs ernstes, ja, kummervolles Gesicht blickte, weshalb sich dieser nicht enthalten konnte, ihm zur Antwort zu geben: »Wenn der Herr Premierlieutenant in der That wissen, wer ich bin und was ich gesündigt, so werden Sie mir zugeben, daß der Herr Hauptmann mich doch in der That zu unfreundlich empfangen.« »Und was würde Ihnen das nützen, wenn ich Ihnen das zugäbe, junger Mann? Ein Herr Hauptmann hat seiner Compagnie gegenüber beständig recht – ich hoffe nicht, daß Sie daran zweifeln werden – vollends ein Herr Hauptmann, dessen Brust mit verdienten Orden bedeckt und der obendrein von so alter und guter Familie ist. Ich hoffe, daß Ihnen darüber kein Zweifel aufstößt, denn sonst würden Sie dem Herrn Hauptmann Veranlassung geben, in Bezug auf Sie noch früher zu dem glänzenden Resultate zu kommen, das er sich vorgenommen zu haben scheint. Doch lassen wir das jetzt; ich wollte Ihnen nur sagen, und nicht gerade unfreundlich wollte ich es Ihnen sagen, daß ich in der That genau über Sie unterrichtet bin, und zwar durch einen alten Bekannten auf der Brigadeschule, den Oberfeuerwerker Doll, der Ihnen immer noch wohl geneigt ist, obgleich Sie ihm in Ihrem jugendlichen Übermute auch etwas mitgespielt haben.« »Ich gewiß nicht,« rief Erich, schmerzlich bewegt, aus, »ich war gewiß nicht der, welcher sich jenen Scherz mit dem Oberfeuerwerker erlaubte, konnte mich nur leider nicht entschließen, den Ankläger gegen meine Kameraden zu machen!« »Es ist möglich,« erwiderte der Offizier in gutmütigem Tone; »ich weiß das aus Erfahrung, wenn einer einmal als schwarzes Schaf gilt, hält man ihn sogar für fähig, dem Teufel den Schwanz auszureißen. Doch sei dem, wie ihm wolle, die feierliche Rede des Herrn Hauptmanns wird, hoffe ich, die Wirkung auf Sie haben, daß Sie sich in allem hier donnermäßig zusammennehmen, denn der Herr Baron von Manderfeld wird Ihnen auf die Finger passen, sei es auch nur, um seinen Ausspruch von wegen des letzten Bombardiers zu rechtfertigen.« Er grüßte kurz und verließ Erich, der aber jetzt mit einem ganz anderen Gefühle, wie vorhin, noch ein paar Augenblicke stehen blieb, um ihm nachzuschauen; also hatte er doch einen Vorgesetzten bei der Batterie, der ihn nicht so gänzlich zu den Verlorenen warf, wie es der Hauptmann gethan. Das richtete ihn wieder ein wenig auf und ließ ihn gefaßt auf seiner Stube erscheinen, wo ihn der Unteroffizier Wenkheim, eine sehr gewöhnliche Kommißnatur, mit barscher Stimme darüber belehrte, daß sich die Bombardiere nach beendetem Appell augenblicklich zu ihrem Geschützführer zu begeben hätten, um dort das Nötige über den Dienst des Tages zu erfahren. »So geschieht es bei uns,« schloß er, seine Säbelkoppel durch einen scharfen Ruck herabrückend; »wie es in der Brigadeschule Mode ist, das weiß ich nicht. Können Sie mich vielleicht darüber belehren?« »O ja,« entgegnete Erich ruhig; »es ist in der Brigadeschule Mode, daß man anhört, was einem ein vorgesetzter Offizier zu sagen hat, und dies war bei mir der Fall, da mich der Herr Premierlieutenant im Hofe zurückhielt.« Die beiden Bombardiere, welche im Zimmer waren, lächelten über diese Antwort, und der Unteroffizier räusperte sich, ehe er weiter sprach: »Verlieren wir darüber kein Wort mehr. Sie haben heute nachmittag von drei bis fünf Uhr Ihren ersten Reitunterricht und wird es Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie sich schon vorher in den Stall bemühen und sich zeigen lassen wollten, wie man einem Gaule Decken und Trense auflegt.« Erich hätte ihm gern gesagt, daß er über diese Anfangsgründe der edlen Reitkunst längst hinaus sei; doch dachte er bei sich, es sei wohl ersprießlicher, alles das unter der vortrefflichen Leitung des Unteroffiziers Wenkheim sehr rasch zu erlernen, eine kleine, aber unschuldige Heuchelei, die ihm indes gute Früchte eintrug. Schmoller sah er erst am nächsten Sonntage wieder, und erschien dieser vortreffliche Bombardier in seiner eigenen, feinen Uniform, mit höchst verbotenen Zuthaten, als zierlichem Hemdekragen und seidenem Portepee, hierdurch kein geringes Aufsehen in der Stube Nr. 16 verursachend. Er war wieder ziemlich bei Kasse und lud den Freund zu einem Spaziergange mit Erfrischungen ein, und ehe sie miteinander fortgingen, verwunderte er sich sehr darüber, daß sich Erich in seinem Anzuge auch nicht die kleinste Ausschweifung erlaubte, sondern so korrekt dienstmäßig anzog, daß er sich zu einer Besichtigung bei dem Hauptmann von Manderfeld hätte anmelden lassen können, wobei aber Schmoller mit einigem Neide versicherte, daß er immerhin noch das Ansehen eines verflucht hübschen Burschen habe. Da saßen sie nun miteinander in dem stillen Winkel eines sehr eleganten Cafés, und als Erich seine Erlebnisse bis heute erzählt, auch berichtete, wie er sich die größte Mühe gebe, den Dienst zu erlernen und sich auf der Reitbahn auszuzeichnen, wobei Schmoller über den letzten Bombardier nicht schlecht gelacht, unterdrückte dieser einen leichten Seufzer und sagte achselzuckend: »Du hast recht, dich in den Strudel des Dienstes zu stürzen; jeder thut nach seiner Neigung oder wie es ihm vom Schicksale bestimmt ist. So hat nach mir die Schreibstube abermals sehnsüchtig ihre Arme ausgestreckt, und ich bin an den hölzernen Busen des Pultes gesunken, exerziere mit der Feder und vergieße Tinte statt Schweißtropfen. Es hat sich das eigentlich ganz natürlich gefügt; kaum erfuhr der Feldwebel unserer Compagnie, daß ich jahrelang auf der Brigadekanzlei gearbeitet, so spannte er mich nicht nur ein, sondern fand auch mein Talent und meine Fähigkeit so enorm, daß er mir eine kleine Zulage aus der Compagniekasse bewilligte.« »So habt ihr wohl einen angenehmen Hauptmann?« fragte Erich. »O, ein guter, vortrefflicher alter Herr, teilt seine Zeit ein zwischen Lachen und Schnupfen! Ihm kommt alles heiter und gemütlich vor, und wenn die Kerls bei den Wallgeschützen sich mit den Gelenkwischern so ungeschickt benehmen, daß sie sich hier und da ihre eigenen dummen Köpfe blutig stoßen, so lacht er, daß ihm die Thränen aus den Augen stürzen, und schnupft darauf anhaltend heftig, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn nicht der Premierlieutenant Schramm die Sache ernsthafter betriebe, so glaube ich, hätten wir bald jene glückselige Zeit, die uns auf dem kleinen Bildchen: ›Das Soldatenleben im Frieden‹, so reizend erschienen, wo ein junger Bombardier schlafend ruht am Fuße eines Wallgeschützes, dessen Richtmaschine und Zündloch mit glänzenden Spinngeweben überzogen sind, oder worin die Sperlinge nisten.« »Wer ist dieser Premierlieutenant Schramm?« fragte Erich nachdenkend. »Ein noch junger und tüchtiger Offizier, wie mir der Feldwebel erzählte, der vor ein paar Jahren bei den Manövern mit dem Pferde stürzte und sich dergestalt verletzte, daß man ihn bei einer Festungscompagnie einteilte.« »Ich glaube, daß ich ihn kenne. Sei so gut, Schmoller, und nenne ihm gelegentlich meinen Namen und erinnere ihn dabei an die Mühle des Doktor Burbus.« »Soll nicht vergessen werden. Was nun meinen unmittelbaren Chef, den Feldwebel, anbelangt, so ist das ein altes Lagerbuch, nicht nur den Dienst, sondern auch die militärische Chronik betreffend. Natürlich forschte ich ihn aus über die Verhältnisse deiner Batterie und erfuhr, daß dein Hauptmann so eine Art von Protektionskapitän ist; der Sohn einer wohl gelittenen Staatsdame, heiratete er eine Cousine des Kriegsministers und wäre durch diese enormen Protektionen schon lange auf geradem Wege zum Regimentskommandeur, wenn er das Lernen in der Jugend nicht für gar so schwer gefunden hätte und das Brett vor seiner Stirn nicht gar so dick wäre. Deshalb versuchte man es mit der Schlangenlinie, machte ihn vom Infanteriefähndrich zum Lieutenant in der Kavallerie, dann zum Ordonnanzoffizier bei des Kriegsministers Excellenz, schob ihn von dort außer der Tour als Premierlieutenant in ein Husarenregiment, kommandierte ihn alsdann zur Dienstleistung zur zweiten Artilleriebrigade und verlieh ihm hierauf die schöne reitende Batterie, wobei es sehr erklärlich ist, daß ein so tüchtiger Offizier, dessen Brust mit Orden geschmückt ist und der schon bei allen Waffengattungen gedient hat, eine Zierde des Generalstabes sein wird, und man es nach diesem Umwege sehr natürlich findet, ihn an der Spitze eines Kavallerieregiments zu sehen.« »Alles das verstehe ich, nur die Orden sind mir unbegreiflich!« »Spatzenkopf! sagt Bansen in Goethes Egmont, ein pfiffiger Kerl, obgleich auch nur ein Schreiber, wie ich; doch erfahren wir so mancherlei in der Schreibstube, wenn man sich harmlos in unserer Nähe unterhält, ebenso dabei uns wie Tinte und Papier für Dinge haltend. Dergleichen Orden, wie sie euer Kapitän trägt, sind durchaus keine Beweise irgend welchen Verdienstes; sie werden nach dem Grundsätze erteilt: manus manum lavat was auf deutsch soviel heißt als: Dekorierst du meinen Juden, dekoriere ich deinen Juden! Es ist das ein ewiges Börsen- und Tauschgeschäft: ein Großkreuz hinüber, drei Kommandeurkreuze herüber, jenem den Sonnenorden mit Krokodilsschwänzen, diesem dafür den Stern zum Vergißmeinnicht in himmelblauer Emaille.« »Aber es sieht hübsch aus.« »Das ist aber auch alles, und ein Gescheiter lächelt darüber. Ja, allen Respekt vor jenen Auszeichnungen, auf dem Schlachtfeld verdient, oder für Werke des Friedens, dem Erfinder, dem Gelehrten, dem Künstler und Schriftsteller; aber das Sterngefunkel auf der Brust junger Leute, die kaum ihre Schuldigkeit gethan, sollte nur dann gestattet sein, wenn jeder auch mit einer Extradevise versehen wäre, zum Beispiel für Gratulationen oder Kondolationen.« »Ich staune über deine Art, diese Dinge anzuschauen, beneide dich aber nicht darum, halte es auch für mich ersprießlicher, die Orden auf der Brust meines Kapitäns als Beweise tapferer und verdienstlicher Thaten anzusehen.« »Und mit vollem Rechte, mein lieber Freund,« gab Schmoller zur Antwort, wobei er sich mit einer Protektionsmiene die spärlichen Anfänge seines Schnurrbarts strich, »nach dem, was du mir von deinem Empfange erzählst, der dir zu teil geworden. Also er war einer der beiden Jäger, denen wir auf so lästige Weise ins Revier kamen. Sage mir doch auch, wer der andere war, denn daß du ihn gekannt, darüber war ich beim ersten Blicke nicht im Zweifel.« »Allerdings kenne ich ihn, doch von einer Zeit her, die mit unserer Gegenwart eigentlich in, keiner Verbindung steht und deshalb für dich uninteressant ist. Es ist ein Graf Seefeld und steht als Lieutenant bei einem hiesigen Husarenregimente. Ich erzählte dir früher einmal, daß ich mich auf der Mühle eines Freundes befand, dessen Güter an die gräflichen Besitzungen stießen, und dort kam ich zufälligerweise mit ihm in eine für mich nicht sehr angenehme Berührung.« »Darin scheinst du mir die Wahrheit zu sagen, und ich bin überzeugt, er hat diese Berührung nicht vergessen, denn der Blick, mit dem er dich betrachtete, hatte durchaus nichts Freundschaftliches.« »Willst du ihn kennen lernen?« »Wen – deinen Graf Seefeld? Vielleicht mit einer Empfehlung von dir? Dafür muß ich danken!« Erich dachte eine Zeitlang nach. Die Papiere, welche er damals gefunden, die er im Untersuchungsarrest gelesen und bis jetzt sorgfältig aufbewahrt, hatten ihm schon lange gewissermaßen auf der Seele gelegen. Er hätte sich ihrer auch schon längst entledigt, wenn er nur eine passende Gelegenheit gefunden. Etwas ihm selbst Unerklärliches hielt ihn ab, sie zu vernichten, was vielleicht das Klügste gewesen wäre. »Aber wenn ich dir,« sagte Erich alsdann, »eine Empfehlung an ihn gebe, wofür du seiner Erkenntlichkeit gewiß sein könntest?« »Nein, nein, ich danke wirklich; mit diesen vornehmen Herren ist schlecht Kirschen essen!« »Aber wenn du mir einen Dienst damit erzeigen könntest?« »Das ließe sich allenfalls hören; doch müßtest du vorher deine Duckmäuserei ablegen, damit ich möglichst klar in diese Geschichte hineinsehen könnte.« »Möglichst klar allerdings, und doch wäre es nicht anders möglich, als daß noch vieles, wie für mich, auch für dich dunkel bliebe.« Nun erzählte Erich einiges und Wesentliches von seinem früheren Zusammentreffen mit dem Grafen Dagobert Seefeld, ohne indessen sowohl der Esmeralda, als auch später der Ticzka dabei zu erwähnen, verschwieg auch die nächtliche Scene im Hause der letzteren vollständig, und was das Paket mit den Briefen anbelangte, so blieb er allerdings insofern bei der Wahrheit, daß er versicherte, es zufällig auf der Straße gefunden zu haben. »Und nun weißt du alles, und kannst mir deinen guten Rat geben, sowie nach Umständen deine Bereitwilligkeit ausdrücken, diese Papiere ihrem rechtmäßigen Eigentümer zuzustellen.« »Ich will dir etwas sagen, mein lieber Erich: vor allen Dingen muß ich diese Papiere lesen, um zu beurteilen, ob sie überhaupt der Mühe wert sind, zurückgegeben zu werden, oder ob es nicht besser ist, sie einfach verschwinden zu lassen. Du hättest dich an niemand besser wenden können, als an mich, denn für alles, was Schreibereien betrifft, bin ich so kompetent als möglich; jedenfalls aber ist mein Rat, daß wir uns mit der Herausgabe dieser Papiere nicht unnötig übereilen. Sind sie ihm wichtig...« »Was ich nicht glaube,« warf Erich ein. »Was weißt du davon, was das versiegelte Paketchen, von dem du sprachst, Wichtiges enthält? Vielleicht genug, um dafür einen Gegendienst zu verlangen. Ich bin stets für Gegenleistungen eingenommen, beruht doch der Verkehr der ganzen Welt auf gegenseitigen Leistungen. Ergo conclusum , wie jener Stadtschultheiß gesagt hat, übergib mir die Papiere, die auf meiner Kanzlei jedenfalls besser aufgehoben sind, als in deinem Waffengerüste, und dann will ich sie sorgfältig prüfen und darüber referieren.« »Aber ich bitte mir aus, daß das kleine, versiegelte Paket vorderhand ungeprüft bleibt.« »Gut, das verspreche ich dir, da ich fest überzeugt bin, daß der Inhalt an Wert verliert, sobald wir den Stöpsel aus bloßer Neugierde öffnen, gerade wie bei einer Champagnerflasche, die nicht sogleich ausgetrunken wird.« Schmoller begleitete hierauf seinen Freund nach dessen Kaserne, die heute in der Ruhe des Sonntags, bei gänzlicher Abwesenheit auch des geringsten Strohhalmes und Papierschnitzels im Hofe, in feiertäglicher Stille, noch viel parademäßiger aussah als gewöhnlich. An einem anderen Sonntag ging Erich nach dem kleinen Fort hinaus, um dem Bombardier die bewußten Papiere zu überbringen und sich bei ihm umzuschauen. Hätte er das Gefühl des Neides gekannt, so würde dasselbe bei ihm hier rege geworden sein. Welch prachtvollen Blick hatte man von hier auf die ganze große Stadt, ja, auf die Landschaft, stundenweit ringsumher! Wie entzückend muhte es hier im Frühjahre sein, wenn die mit Bäumen und Buschwerk bewachsenen Glacis einen kleinen Wald bilden, in dem das schloßähnliche Fort mit seinen ausgedehnten Wällen und Gräben, mit den krenelierten Mauern, seinen Türmen und Schießscharten, seinen Zugbrücken und gotischen Thoren wie die Königsburg in einem alten Märchen prangte! Ah! ein solcher Aufenthaltsort hätte ihn glücklich gemacht! Und dabei die kleinen Willkürlichkeiten – Unordnungen konnte man es füglich doch nicht nennen – die der kommandierende Artillerieoffizier hie und da duldete, wenn nicht gar selber ins Leben rief. So zum Beispiel kleine Blumengärtchen auf den Wällen, zwischen den alten, ehrwürdigen Positionsgeschützen, die alsdann von rankenden Pflanzen aller Art so respektlos behandelt wurden, daß diese naseweisen Dinger sich ohne Scheu um Räder und Laffette eines Vierundzwanzigpfünders wanden, ja, ironisch das Zündloch desselben mit einer frischgetriebenen Ranke überspannten – Horreur für jeden anderen Artillerieoffizier, aber der Hauptmann von Walter fand in einer solchen Zusammenstellung ein so reizendes Bild des Soldatenlebens im Frieden, daß er um alles in der Welt nicht erlaubt hätte, dasselbe zu zerstören. Damals aber sah es ja auch so friedlich in der ganzen Welt aus, daß die schwarzen, eisernen Dinger da oben mit den weiten Mündungen, oder die langen, weithin glänzenden Kanonen auf alle Welt den Eindruck machten, wie andere überwundene Standpunkte, wie zum Beispiel eine fest umwallte mittelalterliche Stadt oder ein geharnischter Reiter auf geharnischtem Pferde in irgend einer Waffensammlung. Kriegszeug – Unsinn! – Kinderschreck! – Wie kann ein Vernünftiger auch daran glauben, daß die Geschütze da oben noch einmal anders ihren Mund aufthun würden, als um die Geburt eines Thronerben oder sonst ein wichtiges Ereignis würdig zu feiern. Hätte man damals die sinnigen Kugelhaufen gefragt, ob sie einen Krieg überhaupt noch für denkbar hielten, sie würden diese Fragen verneint haben; ebenso die ehrlichen Flinten, mit den braven langsamen Steinschlössern, ja, die alten Bronzekanonen mit den ehrenvollen Wunden und Schrammen aus den Befreiungskriegen würden mit Entrüstung gesagt haben: Wozu denn Krieg führen, da alle Welt zufrieden ist? Ja, glückliche Zeit des Friedens, mit umrankten Vierundzwanzigpfündern, mit bestaubten Steinschloßgewehren und fest verschlossenen Mundpfropfen an den stillen Festungsgeschützen, wo es noch keinen feindlichen Nachbar gab, der mißgünstig zu uns herüber schielte, wo noch keine Zündnadeln erfunden waren, keine gepanzerten Schiffe, und wo sich alle Kanonen noch in harmlos kindlicher Ungezogenheit ihres Lebens freuten. Wie gern hätte Erich mit seinem Freunde Schmoller getauscht, besonders wegen dessen freundlichem Kommandanten! Der Hauptmann von Walter hatte die beiden jungen Leute, auf dem Walle spazieren sehen, darauf eine starke Prise genommen und Schmoller zu sich herangewinkt, worauf dann der junge Freiberg in bester Form vorgestellt wurde, und zwar als »der letzte Bombardier!« – ein Witz, der übrigens dem heiteren Kommandeur der Festungscompagnie schon bekannt geworden war und der sich auch sonst nach allen Richtungen hin wie ein Lauffeuer verbreitet hatte: gewiß nicht ohne Zuthun des Freiherrn von Manderfeld, der sich auf diese Geistesblüte nicht wenig einbildete und sogar Mittel und Wege wußte, sie vor einen kleinen, intimen Zirkel des Allerhöchsten Hofes zu bringen, wo er denn so glücklich war, es zu erleben, daß selbst Se. Majestät kopfnickend über die Erfindung des letzten Bombardiers gelacht, jedoch mit dem Zusatze: »In der That, recht gut für den Manderfeld!« »Siehst du, dort hinauf,« sagte Schmoller zu Erich, »liegt jene bewaldete Anhöhe, wo wir gejagt wurden; da unten glänzt die Sonne auf das bronzene Reiterbild, an dem wir vorüber kamen, und dort links ist deine Kaserne.« »Eine große, schöne Stadt, und welche Masse von Kirchen!« »Dort in der Mitte auf dem freien Platze liegt das königliche Schloß, umgeben von einem wahren Häusermeere, das saust und rauscht und braust wie die wirkliche See.« »Ach, wie schön, wie von einer einsamen, glücklichen, stillen Insel da hinabzuschauen!« »Besonders mit einem guten Tubus, wie ihn der Herr Hauptmann von Walter hat, und mit welchem man von hier oben die schönsten Entdeckungen macht; ich freue mich schon auf das Frühjahr, wenn Sonnenschein und milde Luft die schöne Welt häufiger ins Freie locken, als jetzt – ich fürchte nur,« setzte Schmoller seufzend hinzu, »daß ich eines Tages mein Herz per Fernrohr verlieren werde! Schau, dort rechts am Flusse gibt es zur schönen Sommerzeit allerliebste Badeanstalten; es cirkulieren darüber unter den Kameraden die wunderlichsten Traditionen.« »Also hast du dich mit deinem Schicksale, bei einer Festungscompagnie eingereiht zu sein, so ziemlich wieder ausgesöhnt?« »Unter solch einem liebenswürdigen, vortrefflichen Chef gewiß, vorderhand wenigstens. Zuweilen gibt es allerdings Augenblicke, wo ich die ganze Spielerei satt habe und mich selbst gern dort hinauf von dannen ziehen sehen möchte, wohin weiß ich freilich nicht. Hast du nie ähnliche Gedanken?« »O ja,« sagte Erich, »besonders heute hier oben, wo ich im Gegensatze zu unserem ernsten Kasernenhofe fast frei in die Welt hinausblicke; wenigstens möchte ich mich nur für einen Augenblick hoch und immer höher erheben können, um über jene Berge hinüber zu sehen, sowie vielleicht über andere, die dahinter liegen, zu einem See hinab, auf dessen leuchtender Fläche ein einzelner Blumenstrauß ruht und welchen zu erreichen schon ein Lieblingstraum meiner Kindheit war!« – Er sagte das in einem so eigentümlich träumerischen Tone, daß ihn der andere erstaunt anblickte und erst nach einer Pause lachend versetzte: »Warum in die Ferne schweifen, wenn uns das Schöne, wenigstens Interessante so nahe liegt? Ich habe auch meine kleinen Träume, aber ganz anderer Art, wie ich dir schon vorher andeutete, recht poetische Träume, und bin hier imstande, mir aus unbedeutenden Gründen recht artige Romane zusammenzustellen. Betrachte dir doch einmal da unten rechts, fast außerhalb der Stadt, am Fuße unseres Hügels, den großen Garten mit einem einzelnen, ansehnlichen Hause in der Mitte. Du mußt erkennen, was ich meine, da das Schieferdach dieses Hauses jetzt förmlich in der Sonne leuchtet. Siehst du es?« »O ja, ich glaube es zu sehen.« »Auch den großen Garten ringsumher?« »Auch den.« »Das ist ein Kloster, oder ein Damenstift, oder eine Pension für noch junge Mädchen.« »Wohl möglich, und ich finde darin nicht besonders viel Interessantes.« »Weil dir die rechte Phantasie fehlt; für mich aber nicht, der ich diese unglücklichen, eingeschlossenen Wesen täglich in langen Reihen dort unten spazieren gehen sehe. Habe mir schon allein dadurch den Anfang eines kleinen hübschen Romans zusammengestellt. Die da unten seufzen wahrscheinlich nach Glück und Freiheit. Eine von ihnen blickt häufig zu uns herauf.« »Thut sie das wirklich?« »Nein, aber eine könnte es thun, und sähe dann zu gewissen Stunden immer hier oben einen höchst interessanten jungen Mann stehen, der ihr pantomimisch sein Mitgefühl zu erkennen gäbe. Was sagst du dazu? Wäre ein solcher Anfang nicht der Fortsetzung wert?« »Gewiß,« gab Erich lachend zur Antwort, »und wenn der Anfang einmal gemacht ist und du ein paar hübsche Fortsetzungen erlebt hast, so bist du vielleicht so freundlich, mir darüber Mitteilungen zu machen.« »Warum nicht? Mit aller Diskretion. Aber da du jetzt gerade hinuntergehst und hart an dem Garten vorüberkommen mußt, so könntest du von unten zu mir heraufblicken, um mir anzudeuten, ob du eine von meinen vielversprechenden Pantomimen richtig erkannt hast. Ich werde mich an die Brüstung des Walles lehnen, mit der rechten Hand meine Augen beschatten, was so viel heißt, als: Ich bin von deinem Anblicke geblendet. Hast du diese Blendung verstanden, so leg du die Hand auf dein Herz, woraus ich dann ersehen kann, ob im Falle mit dieser Art von Telegraphie etwas zu machen wäre. Willst du?« »Mit Vergnügen!« »So leb denn wohl, und was deine Papiere anbelangt, so werde ich sie mit dem Compagniesiegel verschließen und darauf schreiben: ›Für den Fall meines Todes dem Herrn Grafen {bild} Dagobert Seefeld zu übergeben‹ Das wird mir noch übers Grab hinaus ein gewisses Ansehen geben.« Erich verließ ihn lachend, und als er unten an dem großen Garten ankam, welcher rings mit einer hohen Mauer umgeben war, erinnerte er sich seines Versprechens und blickte zu Schmoller empor. Daß dort irgend jemand an der Brüstung lehne, konnte man allenfalls entdecken, nicht aber, ob er seine Augen, wie geblendet über den Anblick irgend einer holden Erscheinung, mit der Hand beschatte; er hätte sich ebensogut die Nase putzen oder am Kopf kratzen können. Doch versäumte Erich es nicht, seine Rechte mit einer großen Bewegung auf die Brust zu patschen, worauf denn der andere seine beiden Hände in die Höhe hob, und dadurch aussah wie ein Telegraph, der in Verwunderung geraten ist über ein sehr merkwürdiges oder erfreuliches Ereignis. Dann wandte sich der Bombardier der reitenden Artillerie, nachdem er noch einen Abschiedsgruß hinauf gewinkt, lächelnd ab, um die breite Straße nach der Stadt wieder zu gewinnen, und ging zu diesem Zwecke um die hohe Gartenmauer herum, bis er an ein eisernes Gitterthor gelangte, welches den Einblick auf einen kleinen, gepflasterten Hof, sowie auf das am Ende desselben liegende stattliche Gebäude gewährte. Dieses war von ziemlicher Ausdehnung und hatte mit seinen hohen Fenstern, seinem frischen hellen Anstriche, mit dem Schieferdache ein wohlhabendes, fast vornehmes Aussehen. Hinter demselben erhoben sich die jetzt allerdings kahlen Aeste mächtiger Bäume; dort hinaus und gegen die Festung lag auch der Garten, wahrscheinlich mit Terrasse und Treppen, während sich diesseits nur eine hohe und breite Eingangsthür zeigte. Dieselbe schien durch zwei Drähte mit dem hohen Gitterthore der Umfassungsmauer in Verbindung zu stehen, und so war es auch in der That, denn wo hier außen diese Drähte in Klingelzügen mit kupfernen Knöpfen endigten, las man unter dem einen derselben: »Glocke für die Dienerschaft«, und unter dem anderen: »Glocke für die Direktorin«. Schmoller hatte also insofern wohl recht, als dieses Haus, wenn auch kein Kloster, doch ein Stift für junge Damen oder eine Pensionsanstalt für Töchter höherer Stände zu sein schien; und nicht nur, daß diese durch die sehr hohe Mauer, sowie durch das ernste eiserne Gitterthor beschützt und bewacht waren, sondern sie waren es noch außerdem von einem riesigen Hofhunde, der ein kleines Sonnenfleckchen im Hofe zu seinem Lager benutzte, wobei er mit verdrießlicher Miene den jungen Mann draußen beobachtete und, als sich dieser, um sich den Hof etwas näher anzuschauen, dem Gitterthore näherte, murrend und knurrend näher kam. Da aber Erich durchaus keine Phantasie hatte, wie sein Freund Schmoller droben, und ihm Haus und Garten deshalb außerordentlich gleichgültig waren, so wandte er sich, um des Hauses redlichen Hüter nicht weiter zu belästigen, und kehrte nach der Stadt zurück. 27. Kapitel Blicke in das Leben einer Pension für Töchter höherer Stände. Wir machen die Bekanntschaft der Vorsteherin, sowie des Premierlieutenants mit der gespenstischen Stimme und erfahren etwas über Vergehungen und ihre Strafen. Ein paar Wochen später, in welchen durchaus nichts geschehen war, was für den Lauf unserer wahren Geschichte von Wichtigkeit gewesen wäre, wenn wir nicht vielleicht sagen wollen, daß sich der Bombardier Freiberg sowohl auf dem Exerzierplatze als in der Reitbahn die erstaunlichste Mühe gab, um sich die Zufriedenheit seines unmittelbaren Vorgesetzten, des Unteroffizier Wenkheim, zu verdienen, sehen wir uns genötigt, den geneigten Leser an jenes Haus mit dem großen Garten zurückzuführen, um dort eine Bekanntschaft anzuknüpfen; aber gewiß nicht im Schmollerschen Sinne, sondern nach dem naturgemäßen Gange dieser einfachen Geschichte. An dem Gitterthore brauchen wir weder die eine noch die andere Klingel zu ziehen, um uns hierauf vor den innerhalb erscheinenden Bedienten zu legitimieren und nach Erfund zugelassen oder abgewiesen zu werden. Wir brauchen auch den bissigen Hofhund nicht zu scheuen, der sich abermals auf einer Sonnenunterlage ausruht und an dem wir unbeachtet vorübergehen; ja, wir brauchen an der Thür des Hauses nicht ein zweites Verhör mit einer alten, mürrischen Haushälterin zu bestehen, welche, ein mächtiges Schlüsselbund am Gürtel, ganz das Aussehen einer Klosterpförtnerin hat, sondern wir treten auch hier frei und frank in den angenehm erwärmten Vorplatz und steigen die mit Teppichen bedeckte Haupttreppe empor, die unmittelbar vor eine Thür führt, welche die Aufschrift trägt: »Frau Direktorin von Welmer«. Ohne anzuklopfen, ohne die Thür zu öffnen, befinden wir uns in einem behaglichen, fast elegant eingerichteten Eckgemache des großen Hauses, und zwar in dem Zimmer der Vorsteherin einer Pensionsanstalt für Töchter der vornehmen und hohen Stände. Ein breites Fenster gewährt uns nicht nur einen Ueberblick über den schönen, großen, parkartig angelegten Garten, sondern läßt uns auch ein kleines Stück der entfernt liegenden kleinen Festung sehen mit ihrem Wallgange und der gleichgültig hin und her schlendernden Schildwache. An dem eben erwähnten Fenster steht ein großer Schreibtisch mit einem ziemlichen Aufbau für Bücher, und vor diesem Schreibtische, der mit Papieren aller Art bedeckt ist, sitzt die Vorsteherin selber, eine ziemlich große, ansehnliche Frau, mit einem hart aristokratischen Gesichte, welches alsdann nur von einem Zuge von Wohlwollen günstig erleuchtet wird, wenn die Dame lächelt; aber sie lächelt höchst selten, und in diesem Augenblicke thut sie gerade das Gegenteil, wo sie, halb gegen das Zimmer gewendet, eine Feder in der Hand, ihre Worte gegen ein gedrückt aussehendes Wesen, eine der Unterlehrerinnen, richtet. Diese steht in der Ecke des Zimmers, mit zusammengelegten Händen, welche sie hie und da ineinander reibt, besonders in solchen Augenblicken, wo sie es wagt, mit einem ergebungsvollen, demütigen Blicke in die Höhe zu schauen. Diese Unterlehrerin hat wohlwollende, herzliche, gute Züge, auf denen man Spuren von ehemaliger großer Schönheit sieht; doch hat die rauhe Hand des Lebens davon weggewischt, was möglich war, und es ist fast nichts übrig geblieben, als der Glanz der Augen und einige Erinnerungen in der Gestalt. Noch eine dritte Person ist in dem Zimmer anwesend, und wenn wir nicht schon die Direktorin als solche erkannt hätten, so würden wir jene für die Vorsteherin des Hauses halten, so ungeniert benimmt sie sich und so ungeniert geht sie umher. Es ist dies eine lange, dürre Dame, von jenen Jahren, in denen man jede Aeußerung der Jugend bei anderen unbegreiflich findet, denn die eigene ist schon vor so langer Zeit dahingegangen, daß man sich wenigstens ihrer Freuden durchaus nicht mehr erinnern kann. »Gibt es überhaupt noch eine Jugend?« könnte sie fragen. »Hat man überhaupt noch Lust, zu singen, zu tanzen, zu lachen – und zu lieben?« – Lächerlich, thörichte Einbildungen! Jeder Zug im Gesichte der eben erwähnten Dame ist eine dreifache Verneinung jener eben gestellten Fragen. Bei jedem ihrer harten, weiten Schritte, welche sie durch das Gemach thut, ist es gerade so, als suche sie eine in der Einbildung hervorgesproßte Blume zusammenzutreten; nur wenn sie vor die Unterlehrerin hintritt, so thut sie das mit einem Aplomb, als trete sie auf den Nacken einer Sklavin. Sie hält ihre beiden Arme auf dem Rücken und bewegt ein langes Lineal in ihren dürren Fingern. »Mamsell Stöckel,« sagt sie jetzt, indem sie vor der Unterlehrerin so scharf wendet, daß ihre Röcke beiseite fliegen, »kann nun einmal das Protegieren nicht lassen, und es gibt denn doch in Ihrer Stellung nichts Lächerlicheres, als zu protegieren. Habe ich recht, Mamsell?« »O, gewiß, Fräulein von Quadde,« erwiderte die Unterlehrerin demütig, »und wenn ich je etwas gethan, was dem Protegieren nur im entferntesten ähnlich sah, so ist das gewiß unwillkürlich geschehen.« »Aber doch geschehen,« entgegnete Fräulein von Quadde, deren Organ eine so eigentümlich dumpfe Tiefe hat, daß es fast wie das eines Bauchredners klingt. Ja, sie muß etwas von dieser Kunst besitzen, denn ihre Worte klingen oft, als kämen sie ganz wo anders hervor, meistens wie aus der Tiefe des Kellers, wobei es denn von großer Wirkung ist, daß sie in Augenblicken hohen Affekts bis auf das Hausdach zu klettern vermag, um alsdann mit dem Gekreische einer Windfahne zu endigen. Wollen wir die vorhandenen drei Damen nach ihrer Stellung in der Töchterpension unserer militärischen Geschichte gemäß charakterisieren, so wäre Frau Direktor von Welmer der Hauptmann der Batterie, Fräulein von Quadde der alles dirigierende Premierlieutenant und Mamsell Stöckel der letzte der Unteroffiziere, obgleich sie Kenntnisse genug hat, in diesem weiblichen Corps gleichfalls Offizier zu sein. »Aber ich wiederhole es,« sagte die Quadde aus dem Parterrestocke ihrer Stimme heraus, »wenn Sie dieses Protegieren nicht lassen, so wird die Frau Direktor ein Einsehen haben müssen und dieser Bestrebung ein für allemal ein Ziel setzen.« – Jetzt war sie tief unten im Keller. »Ja, Mamsell, Fräulein von Quadde hat recht,« sagte die Vorsteherin; »Sie protegieren alles mit einer Auswahl, die etwas Verletzendes hat, Sie protegieren die Köchin, obgleich dies eine naseweise, unausstehliche Person ist, Sie protegieren von den Stubenmädchen nur die, welche sich durch unehrerbietiges, schnippisches Betragen auszeichnen. Sie protegieren den Gärtner, der ein Trunkenbold ist und niemals in die Kirche geht!« »Ach, Frau Direktorin,« erlaubte sich hier die Unterlehrerin schüchtern zu sagen, »was Sie Protektion des Gärtners nennen, so ist das gewiß nur, weil ich Mitleiden habe mit dessen kranker Frau und sie zuweilen besuche, um ihr ein freundliches Wort des Trostes zu sagen.« »Sehe mir einer an,« sagte der Premierlieutenant der Erziehungsanstalt, in seinem heftigen Gange durch das Zimmer plötzlich parierend, »ist das nicht schon wieder ein gänzliches Verkennen Ihrer Stellung? Sind Sie vielleicht von der Frau Direktorin oder gar von der allerhöchsten Protektorin dieser Anstalt dazu berufen worden, den kranken Frauen versoffener Dienstleute hilfreiche Trostesworte zu sagen? Ei, Mamsell, mir scheint, Sie sind zu was ganz anderem da, aber Sie scheinen überhaupt noch nicht zu wissen, zu was Sie da sind – he?« – Hier schaute die Stimme des Fräuleins von Quadde verwunderungsvoll zum oberen Stockwerke hinaus. – »Wüßten Sie das, so würden Sie sich des Protegierens und auch des Einmischens anderer Art enthalten!« »Ja, Mamsell, des Einmischens anderer Art!« pflichtete die Direktorin bei. »Dürfte ich bitten,« fragte das demütige Wesen an der Thür, »worin diese andere Art noch besteht?« »Ei, Mamsell, wie Sie vergeßlich sind!« sagte die Quadde. »War das nicht ein Einmischen ganz unberufener Art, als Sie vor vierzehn Tagen die gerechte Strafe, die man der Waldow diktiert, dadurch abschwächten, daß Sie ihr heimlich ein Nachtessen zutrugen, und nicht genug damit, sondern daß Sie ihr auch noch während der Nacht im Arrestzimmer Gesellschaft leisteten? Thaten Sie das nicht, Mamsell?« »Ja, ich habe das gethan!« sagte Mamsell Stöckel mit mehr Festigkeit, als man ihr zugetraut hätte. »Und warum thaten Sie das, wenn man fragen darf?« Die Unterlehrerin warf einen Blick an den blauen Himmel empor, als wolle sie sich wenigstens in der Einbildung eines höheren Schutzes versichern; dann drehte sie ein paarmal ihre Hände krampfhaft umeinander und sagte hierauf: »Ich that das, wenn ich offen reden darf und soll, erstens, weil ich die Strafe an sich für ungerecht hielt ...« »O–o–o–oh, Mamsell!« »Weil ich,« wiederholte, wie um sich selbst Mut zu machen, die andere mit hochgerötetem Gesichte, schwer atmend, mit sichtbarer Erregung, »diese Strafe für ungerecht hielt – weil ich – nein, weil die Waldow, sonst ein gutes, folgsames Mädchen, die Angegriffene war, und es sie notwendig schmerzen mußte, daß manche der anderen jungen Mädchen, ja, einige der Lehrerinnen es sie hier sogar fühlen ließen, wie ihre Stellung in der Welt nach dem Tode ihres Vaters, des allmächtigsten Mannes, plötzlich so eine ganz andere geworden sei – und weil, was den vorliegenden Fall anbetraf, die Hellwig ihr das auf die brutalste Art zu verstehen gab, indem sie ihr neulich beim Spaziergange durch die Vorstadt höhnisch den Rat gab, sich in einer der kleinen Hütten dort eine Wohnung für ihre Frau Mama Excellenz auszusuchen!« »Kleinigkeiten, kindisches Geschwätz!« sagte die Direktorin, während die Quadde mit übereinandergeschlagenen Armen in der Mitte des Zimmers stehen blieb und die Unterlehrerin von oben bis unten und dann wieder von unten bis oben betrachtete. »Gewiß, Kindereien, Nadelstiche, wenn Sie erlauben wollen, Frau Direktorin, die aber, wenn sie fortgesetzt werden, am Ende das ruhigste, folgsamste Gemüt zur Verzweiflung treiben können.« »Sie plaidieren wohl jetzt mehr für sich selber, als für die Waldow?« fragte der Premierlieutenant mit einem so angenehmen Tone in der Stimme, als liege er in einer schönen Beletage am Fenster und schaue in eine friedliche Abendlandschaft hinaus. »Ja, es waren Nadelstiche, die unaufhörlich erfolgten, kleine boshafte Bemerkungen beim Mittagessen, im Schlafzimmer, beim Lesen der Journale, wo nur eine Anspielung möglich war, und die endlich das Gemüt des Kindes so verbitterten, daß es zu jenem allerdings unangenehmen Auftritte kam, infolgedessen die Angegriffene bestraft wurde, während die Angreiferin vollkommen unbehelligt blieb, und darum nannte ich die Strafe ungerecht.« »Wissen Sie auch, Mamsell,« brauste die Direktorin auf, »daß es an Empörung Ihrerseits grenzt, Ihre Vorgesetzten des ungerechten Strafens zu beschuldigen?« »Wenn ich das vor den Untergebenen thäte, könnte es vielleicht unter Umständen so genannt werden, so aber muß es mir bei meiner Verteidigung gestattet sein.« »Bitte, bitte,« sagte die Quadde mit einer Handbewegung gegen die Vorsteherin, »wollen wir nicht diese Verteidigung zu Ende hören? Denn da Mamsell Stöckel mit einem Erstens anfing, so wird sie auch ein Zweitens für uns in Bereitschaft haben. Bitte, nennen Sie Ihr Zweitens.« »O, gewiß, Fräulein von Quadde, ich werde es Ihnen nicht vorenthalten! Zweitens nahm ich mich der armen Waldow an jenem Abende an und blieb bei ihr in ihrem dunklen Arrestzimmer, weil sie mich flehentlich, fußfällig darum bat. Das arme Geschöpf kam vom Sterbebette ihres Vaters, aus dem düstern Trauerhause, und ihre erregte Seele war erfüllt mit Phantasien und Bildern schrecklicher, unheimlicher Art. Ich bin überzeugt, Frau Direktorin,« fuhr sie nach einer Pause mit festerer Stimme fort, nachdem sie vorher einen tiefen Atemzug gethan, »die Waldow hätte in der Nacht, wenn sie allein geblieben wäre, entweder eine fürchterliche Scene gemacht, oder wir hätten sie am anderen Morgen aus dem Arrestzimmer ins Krankenzimmer bringen können.« »Das ist alles möglich,« entgegnete Frau von Welmer, »aber in dem Falle wäre es Ihre Schuldigkeit gewesen, eine Ihrer Vorgesetzten von diesem Zustande zu benachrichtigen.« Hierauf gab die Unterlehrerin in einem so leisen Tone zur Antwort, daß es nur die dicht vor ihr stehende Quadde vernehmen konnte: »Habe ich das vielleicht nicht gethan?« Worauf diese geräuschvoll zu der Vorsteherin des Hauses ging und ihr sagte: »Wie ich Ihnen vorhin schon bemerkt, das entschuldigt sich und hat immer recht gehabt, und wird uns am Ende noch begreiflich machen, daß wir selbst im Unrechte sind; es ist mit diesen Leuten nichts anzufangen, und statt freundliche Worte an sie zu verschwenden, thut man am besten, kategorisch zu befehlen, bis man alles anders machen kann, was doch auch über kurz oder lang kommen wird.« »Ja, Positives, Positives!« sagte die Vorsteherin, indem sie einen beschriebenen Bogen Papier vor sich nahm und dann, nachdem sie darin etwas gesucht und gefunden, fortfuhr: »Richtig, das war's! Wie können Sie auf dem Ihnen anvertrauten Schlafsaale dulden, daß die jungen Mädchen, nachdem die Zeit ihres Zubettegehens da ist und sie ausgezogen sind, unter allerlei lächerlichen Vermummungen groteske Tänze und dergleichen aufführen? Wollen Sie denn nie lernen, was das Reglement des Hauses, wie es ausdrücklich von der hohen Protektorin bestimmt wurde, vorschreibt? Kennen Sie vielleicht dieses Reglement nicht?« »Oder finden Sie dasselbe vielleicht auch ungerecht?« fragte der Premierlieutenant. »Ich kenne es und finde es auch nicht ungerecht, bestehe auch mit besten Kräften darauf, daß es gehalten wird, konnte aber in besagtem Falle die harmlose, ebenso plötzlich ausbrechende, als rasch wieder aufhörende Lustigkeit der jungen Mädchen nicht verhindern, aber kaum hatte ich ihnen einige ernste Worte gesagt, so lagen sie auch alle in ihren Betten und thaten, als wenn sie fest schliefen.« »'s ist doch eigentümlich,« sagte die Quadde höhnisch, wobei sich ihre Stimme hoch im Hause zu befinden schien, »daß dergleichen Skandale immer in Ihrer Abteilung vorkommen; so die Geschichte von gestern abend mit Miß Price!« »Was war denn das wieder?« fragte die Vorsteherin in bekümmertem Tone. »Auch wieder wegen dieser Waldow, nicht wahr, Mamsell Stöckel? Wobei natürlicherweise Ihre Lieblinge wieder vollkommen im Rechte sind!« »O – meine Lieblinge – ich habe keine, Fräulein von Quadde. Aber allerdings betraf dieser wieder die ewigen Sticheleien, die man an der Waldow ausläßt und für welche Miß Price, wie so oft, Partei nahm.« »O, das nennen Sie mit dem harmlosen Worte Parteinehmen, wenn diese junge, wilde Person auf die Welten losfuhr und sie zu erdrosseln drohte?« »Leider, leider, nachdem aber die Price fünf bis sechsmal gebeten, endlich Ruhe zu halten, und nachdem auch ich strengstens darum ersucht. Doch wollte die Welten nicht aufhören, ja, sie mischte absichtlich Miß Price in ihre Neckereien, indem sie meinte, es sei am besten, wenn diese und die Waldow die Pension junger, vornehmer Mädchen verließen und sich auf die Bänkelsängern verlegten. Beide wurden gerechterweise bestraft.« »Die Price ist ein Kobold der schlimmsten Art,« sagte Fräulein von Quadde, indem sie abermals im Zimmer auf und ab ging. »Wenn von einem Gemüte das Sprichwort gilt, stille Wasser sind unergründlich, so von diesem, und dabei gibt sie aus ihrer Ruhe heraus die schärfsten und verletzendsten Antworten, ohne alle sichtbare Leidenschaft, und ich bin überzeugt, wie sie gestern auf die Welten losgefahren ist, that sie das mit unverändertem, ja lächelndem Gesichte. Ist's nicht so, Mamsell?« »Ich konnte das nicht bemerken, da nur die Nachtlampe brannte, doch drückte die Stimme der Price tiefe Erregung aus.« »Natürlicherweise sagen Sie nur Gutes von ihr.« »Und wenn ich auf der Folter läge, ich könnte im allgemeinen nichts Schlimmes über sie sagen; sie ist gewöhnlich still und bescheiden, sie lernt wie keine, sie hat ein vortreffliches Herz, und was ihre zuweilen schroff hervortretende, allerdings wilde Leidenschaftlichkeit anbelangt, so wissen Sie besser wie ich, daß es nur Folge ihrer arg vernachlässigten Erziehung ist.« »Ich glaube, bei ihr ist alles Verstellung,« sagte die Quadde; »denn trotz ihrer arg vernachlässigten Erziehung, worauf man so vieles schiebt, und trotz ihrer wilden Natürlichkeit wirft sie mit boshaften Witzen um sich, die einen scharfen Verstand und tiefe Ueberzeugung beurkunden. War sie es doch, die das Wort erfunden hat,« fuhr sie achselzuckend fort, – »ich habe nicht darüber reden wollen, um nicht ihre ewige Anklägerin zu machen – meine Stimme, welche allerdings großer Modulationen fähig ist, sei ein umherwandelndes Gespenst und erschrecke am meisten, wenn man ihr auf dem Dachboden begegne.« Die Vorsteherin zuckte mit den Achseln und las dann von ihrem Zettel den Namen der Gräfin Haller. »Was ist's mit dieser?« »O,« meinte Fräulein von Quadde mit einem Tone, der so lieblich klang, als dränge er durch die Zweige einer Geißblattlaube, »sie wird wegen des Lobes dort vorgemerkt sein – das gute Geschöpf!« »Diesmal nicht,« erwiderte Frau von Welmer lächelnd; »nein, ich erinnere mich, der hochwürdige Herr Kaplan hat sie strengstens bei mir verklagt, weil sie in der Stunde des Religionsunterrichts in einem anderen Buche gelesen. Sehen Sie, hier ist das Buch – ich habe es nicht einmal betrachtet.« »Bitte, lassen Sie sehen,« sagte Fräulein von Quadde rasch und nahm das Buch aus den Händen der Vorsteherin, ehe diese noch den Deckel aufschlagen konnte. »Ach, es ist an sich etwas ganz Unschuldiges – ›Vergißmeinnicht. Almanach für Frauen und Jungfrauen‹ – allerdings recht unpassend für die Religionsstunde! Sie werden mir erlauben, der Gräfin Haller darüber eine Rüge zu erteilen.« – Damit steckte sie, ohne Erlaubnis abzuwarten, das Buch, auf dessen erster Seite der Name der Besitzerin, »Bertha von Quadde«, geschrieben stand, in die Tasche ihres Kleides. – »Es ist jetzt elf Uhr,« fuhr sie gegen die Unterlehrerin gewendet fort, »die jungen Damen werden frühstücken und dann ihren Morgenspaziergang im Garten machen, Mamsell Erbe und Sie werden dieselben begleiten; es versteht sich von selbst, daß die Price und die Waldow zur Strafe auf ihrem Zimmer bleiben.« »Die erstere wollten wir ja einen Augenblick sehen,« meinte Frau von Welmer mit einem fragenden Blick auf ihren Premierlieutenant, und als diese ihre Zustimmung gegeben hatte, verließ die Unterlehrerin das Zimmer, um wenige Minuten nachher die Gerufene eintreten zu lassen, worauf sie sich selber wieder zurückzog. Miß Price war eine junge Dame von über fünfzehn Jahren, doch hätte man sie ihrer ausgebildeten Gestalt nach für wenigstens sechzehn bis siebzehn Jahre halten können. Sie trug das gewöhnliche Kleid der Pensionärinnen der Anstalt, ein Gewand von hellgrauem, feinem Wollenstoffe, das, fest an ihrer schlanken Taille, sowie am Oberkörper anliegend, ihre schönen, eleganten Formen zeigte. Ihr Gesicht verband mit dem hellen, durchsichtigen Teint, der gewöhnlich den Engländerinnen eigen ist, eine hohe, breite Stirn, geistvolle, sehr bestimmt blickende Augen, eine seine, gerade Nase und einen zierlich geschnittenen Mund. Kurz, dieses Gesicht war von einer edlen, vornehmen Schönheit. Ihr Haar war hellblond, aschfarbig, von seltener Fülle und hing ihr tief auf die Schultern und den Nacken herab, obgleich es kunstlos zweimal um ihren Kopf, dort nur von einem einfachen weißen Kamme gehalten, herumgelegt war. »Sie können sich wohl denken, warum ich Sie rufen ließ, Miß Price,« sagte die Vorsteherin höchstselbst, während sich der Premierlieutenant hinter ihren Stuhl zurückgezogen hatte. »Jawohl, Madame, ich kann mir das allenfalls denken.« »Kommen aber leider nicht mit einer Miene zu mir, welche Ihr Bedauern über den Vorfall ahnen läßt, oder fühlen Sie vielleicht kein Bedauern darüber?« »O doch, Madame! Es thut mir leid, daß ich mich vom Zorne so weit fortreißen ließ, und wünsche sehnlich, daß ich mich begnügt hätte, mit gleichen Waffen zu kämpfen!« »Mit welchen Waffen, wenn ich fragen darf?« »Mit bösen, verletzenden Worten, die oft weher thun, als jede andere Waffe.« »Die aber nicht gegen Sie gerichtet waren.« »Ich kann das allerdings nicht beweisen, und doch fühlte ich, daß die Baronin Welten Worte sagte, welche die Absicht hatten, mich tief zu kränken.« »Welche Worte denn?« »Ich habe sie vergessen, und auch wenn sie mir erinnerlich wären, würde ich sie doch hier nicht wiederholen; man hat mir eine gerechte Strafe diktiert, und damit wird wohl diese Sache vorderhand zu Ende sein.« Das junge Mädchen sprach mit wohlklingender, ruhiger, leidenschaftsloser Stimme, und auch der Blick ihrer großen Augen schien nichts anderes auszudrücken, abgerechnet einen tiefen Ernst, etwas Düsteres, welches aber diesen Blicken gewöhnlich war und deshalb auch von den beiden Damen nicht weiter beachtet wurde. »Sie wissen wohl, Miß Price,« sagte die Vorsteherin nach einer Pause, »daß ich Sie gern habe und Ihren guten Eigenschaften alle Gerechtigkeit widerfahren lasse, aber dieses Wohlwollen, das ich Ihnen beweise, ja, welches Ihnen mit wenig Ausnahmen alle im Hause förmlich entgegentragen und aufdrängen, muß nicht zu einem schroffen Benehmen verleiten, wie Sie es leider an sich haben und das Sie, wie mir scheint, sich schwer abgewöhnen können. Ja, Miß, damit erwirbt man im Leben keine Freunde, überwindet auch nicht die Schwierigkeiten, die sich uns entgegensetzen. Gewiß, Sie müssen sich Ihr schroffes Wesen abgewöhnen, sonst genügen Ihnen für Ihr späteres Fortkommen auch nicht einmal die mächtigen Protektionen, deren Sie sich zu erfreuen haben.« Die Lippen der jungen Dame kräuselten sich leicht, unmerklich, ob schmerzlich, ob verächtlich, man konnte das nicht genau unterscheiden, vielleicht beides; wenigstens verdüsterte sich ihr Auge noch mehr, als sie hierauf sagte: »Ich habe noch nie auf die mächtigen Protektionen meine Zukunft gebaut, Protektionen, die zu verdienen ich gewiß nicht wert genug bin. Was aber mein schroffes Wesen, wie Sie es nannten, anbelangt, so fühle ich es wohl, daß ich allerdings nicht bin wie andere, heitere, ich möchte fast sagen, gerade dadurch glückliche Mädchen. – Ich werde mir aber Mühe geben,« setzte sie nach einer Pause hinzu, während welcher ihre Brust von einem leichten Seufzer gehoben wurde, »freundlicher, nachgiebiger zu sein – glücklicher, wenn das möglich ist,« setzte sie leise flüsternd hinzu. »Thun Sie das, mein liebes Kind,« erwiderte d»e Direktorin in wohlwollendem Tone. »man meint es so gut mit Ihnen, man will ja nur Ihr Bestes! Gestern noch hatte ich die Ehre, Ihre Excellenz die Frau Obersthofmeisterin Gräfin Baring zu sehen. Sie erkundigte sich so liebreich nach Ihnen und trug mir freundliche Grüße auf, auch von seiten der Gräfin Seefeld, von der sie Briefe hat.« »Ich danke Ihnen, Madame! Es freut mich sehr, wenn ich höre, daß sich die Frau Gräfin Seefeld, der ich so vielen Dank schuldig bin, meiner erinnert!« – Als sie das sagte, klang ihre Stimme etwas bewegt, doch blickte ihr Auge ruhig, ja kalt, wie vorher. »Glauben Sie mir,« fuhr die Vorsteherin fort, »daß ich Ihrer gegen die Frau Obersthofmeisterin mit bestem Lobe erwähnte, und kann ich auch nicht anders, als Ihrem Betragen im allgemeinen, sowie den Fortschritten, die Sie machen, nur das Beste nachrühmen, und, wie schon früher gesagt, wäre ich ganz mit Ihnen zufrieden, wenn Sie in Ihrem Benehmen etwas wärmer, herzlicher, teilnahmsvoller, sowohl gegen Ihre als besonders gegen Ihre Lehrerinnen sein wollten. Geben Sie sich Mühe darin, und Sie werden sehen, es geht schon! Wollen Sie es versuchen?« »O ja, Madame!« »Wollen Sie nicht damit anfangen, der Baronin Welten ein freundliches Wort zu sagen? Wenn dieselbe auch mit unangenehmen Worten gegen Sie begann, so waren Sie doch die Angreiferin auf eine Art, die eigentlich unerhört ist.« »Hätte die Baronin Welten mich allein mit ihren Worten verletzt,« sagte das junge Mädchen in ruhigem, festem Tone ihrer Stimme, »so würde ich durchaus keinen Anstand nehmen, sie um Verzeihung zu bitten; ich aber trat nur für die arme Waldow ein, die von der Welten aufs tiefste beleidigt wurde, und solange sich jene nicht zuerst gegen die Waldow entschuldigt, würde ich mich kaum dazu entschließen können, ihr ein freundliches Wort zu sagen.« »Das gäbe eine ganze Kette von Entschuldigungen,« sagte jetzt Fräulein von Quadde tief aus dem Keller heraus, »und wer wollte herausfinden, welche von diesen jungen Damen gerechterweise damit anzufangen hätte?« »Nun, die arme Waldow wenigstens nicht,« sprach Miß Price in einem etwas lebhafteren Tone, wobei sie ihre Augen einen Moment auf dem Gesichte der ersten Lehrerin ruhen ließ. Diese zuckte mit den Achseln und wandte sich offenbar gelangweilt gegen das Fenster, worauf denn die Vorsteherin mit einer Handbewegung und einem kurzen Kopfnicken die Miß Price verabschiedete. Als sich die Thür hinter ihr geschlossen, wandte sich Fräulein von Quadde lebhaft um und sagte, ihr nachschauend: »Das ist ein ganz eigentümliches Geschöpf, es wäre in der That besser gewesen, wenn man sie nicht bei uns aufgenommen hätte; ich weiß nicht, auf mich macht dieses unausstehliche schroffe Wesen, machen diese düsteren Augen einen ganz unheimlichen Eindruck. Vielleicht, daß ich ihr unrecht thue, aber ich kann mich nun einmal des Gedankens nicht erwehren, daß, wenn diese junge Person Ursache zu haben glaubte, irgend jemand zu hassen, ihr es nicht darauf ankäme, sich mit irgend einer Waffe Recht zu verschaffen.« »Ach, gehen Sie doch, meine liebe Quadde, Sie haben nun einmal eine Antipathie gegen das Mädchen, und ich weiß ja wohl, nicht ganz mit Unrecht! Es ist eben mit ihr, wie mir auch die Gräfin Seefeld damals sagte: Sie verlebte damals eine traurige, freudlose Jugend, sie wurde zuweilen mit Härte behandelt, vielleicht ungerechterweise mit Härte, sie wuchs empor unter Mangel und Entbehrungen.« »Und beweist sich für diesen glänzenden Umschwung ihres Schicksals dankbar,« sagte die Quadde in ironischem Tone, »daß sie mit dem Hochmute einer schlecht erzogenen Prinzessin auf alles neben sich hinabschaut!« »Sie nennen ihr stilles, abgeschlossenes Wesen Hochmut; ich möchte es viel lieber mit dem Ausdrucke Mißtrauen bezeichnen, Mißtrauen gegen einen gesellschaftlichen Kreis, von dem sie sich früher ausgestoßen fühlte.« »Vielleicht mit Recht,« sagte die Quadde halblaut und mit einem Tone, der wie tief aus einem Burgverließ heraufklang. »Wer ist sie denn eigentlich. Eine Frage, die ich allerdings nur in Ihrer Gegenwart laut werden lassen möchte, eine Frage, die ich zweifelnd thue und mit welcher ich meine Aeußerung von vorhin motivieren würde, warum wir sie eigentlich aufgenommen, da weder die Gräfin Seefeld, noch die Obersthofmeisterin, im Grunde eine und dieselbe Quelle, die erste und notwendigste Bedingung zur Aufnahme erfüllen wollten oder konnten, nämlich gültige Familienpapiere über dieses junge Mädchen vorzulegen.« »Sie vergessen, liebe Quadde,« versetzte die Vorsteherin mit sanfter Stimme, »daß Ihre Hoheit, die Frau Herzogin, unsere allergnädigste Protektorin, unsere Bedenken dadurch abschnitt, daß sie sich für die Aufnahme der jungen Person aussprach, und darauf hin muß ich sie schon halten, als ob es etwas ganz Absonderliches wäre.« »Und dieses Absonderliche wäre im besten Falle vielleicht gerade das Natürliche.« »Möglich; dafür sprechen auch ihre hohen Protektionen, und daß sie vom Blute einer guten, ja, vornehmen Familie ist, darüber kann niemand im Zweifel sein, der Menschenkenntnis besitzt, und dieses im Aeußeren so tadellos schöne Mädchen mit ihrem aristokratischen Anstande betrachtet.« »Blaues Blut allerdings,« erwiderte die Quadde, »aber mit anderem gemischt, das häufig in ihren Extravaganzen zu Tage tritt. Diese junge Person fürchtet sich nämlich vor gar nichts; ebensogut wie sie ohne die geringste Emotion die Nacht in einer Kirche oder auf einem Friedhofe zubringen würde, betrachtet sie mit Entzücken die erschütterndsten Ausbrüche eines schweren Gewitters und greift bei anderen Gelegenheiten augenblicklich und keck und sicher zu, wo sich Männer besinnen würden. Erinnern Sie sich noch, wie bei einer Ausfahrt im vorigen Sommer die Pferde mit dem schweren Gesellschaftswagen den Berg hinabrasten, als der Kutscher im Begriffe war, den Hemmschuh einzulegen?« »Ich denke mit Schaudern daran!« »Wie sie sich damals rasch der Zügel bemächtigte und die Tiere mit einer Kraft und Gewandtheit bändigte, welche alles in Erstaunen setzte? Doch will ich das alles noch nicht einmal zu den Schattenseiten ihres eigentümlichen Wesens zählen, wie den Angriff auf die gute Welten von gestern oder wie ihren übermütigen Eigensinn vor ein paar Tagen, als sie beim Spaziergange trotz des Zurufens der Lehrerinnen so dicht an der Straße blieb, daß sie von der vorüberrasselnden Batterie und den toll galoppierenden Pferden mit Sand und Schmutz bespritzt wurde. Hätte sie einen Bruder oder sonst einen Verwandten zufällig unter den Offizieren entdeckt, sie hätte ihm nicht mit mehr Interesse nachschauen können.« »Ich will nicht hoffen, nein, ich bin davon überzeugt, liebe Quadde, daß dieses Nachschauen keinem jener Reiter galt – der Himmel soll uns in Gnaden vor so etwas bewahren! Ah, Sie gehen zu weit, viel zu weit, und sind darin ungerecht gegen die junge Person! Was das anbelangt, meine Liebe, müßte man auf andere ein schärferes Auge haben, so auf Ihren Liebling, die Gräfin Haller; diese ist gefallsüchtig bis zur Möglichkeit und treibt ihre kleinen Koketterien, wo sich nur eine Gelegenheit dazu darbietet! Betrachten Sie nur ihren Anzug und wie sie es nie versäumt, an ihrem Haar irgend etwas Auffallendes anzubringen, so zwar, daß Ihre Hoheit unsere allergnädigste Protektorin das neulich sogar bemerkte!« »'s ist eben ein junges, hübsches Mädchen von lebhaftem Temperament.« »Ja, ja, die während des Religionsunterrichts in anderen Büchern liest; wir wollen ihr das diesmal nicht so hingehen lassen und kann sie, statt nachher im Garten spazieren zu gehen, den beiden anderen auf dem Arbeitszimmer Gesellschaft leisten. Sagen Sie ihr das.« Da die Vorsteherin hierbei mit dem Kopfe nickte und sich gegen ihren Schreibtisch wandte, so endigte hierauf die Unterredung der beiden Damen, und Fräulein von Quadde verließ das Gemach mit einem zweifach unangenehmen Gefühle. {bild} 28. Kapitel In welchem vom blonden Haar der Genoveva, von Richard Löwenherz und dem treuen Blondel die Rede ist. Ein Kapitel voll zarter Geständnisse, welch letztere aber durch ein Ereignis unterbrochen werden, das die Pension sehr aufregt Vorhin, als Miß Price das Zimmer der Direktorin verlassen, war sie rasch den Korridor entlang geeilt zur Treppe, die in den oberen Stock führte, mußte aber hier ein paar, und für sie nicht gerade angenehme Augenblicke stehen bleiben, da es nämlich um die Zeit war, daß die jungen Damen der Pension zu ihrer Zerstreuung und Bewegung in den Garten gelassen wurden. Dies pflegte gewöhnlich nach dem Frühstücke zu geschehen, besonders bei zweifelhaftem Wetter wie heute, wo trübe Wolken oder boshafte Windstöße auf Reger oder gar Schnee deuteten. Das junge Mädchen blieb dicht an dem Treppengeländer stehen, ohne auch nur im geringsten zurückzuweichen, als sie die ersten der Pensionärinnen von oben herabkommen sah und hörte. Manche, besonders unter den älteren, thaten, als sei sie gar nicht da, andere nickten ihr gleichgültig zu, wieder andere freundlich, und wohl der größte Teil der jungen Damen. Einige sprangen auch hinter dem Rücken der vorausschreitenden Lehrerin an sie hin, klopften sie freundlich auf die feinen, weißen Finger oder legten einen Augenblick die Hand auf ihre Schulter; dann flog wohl ein freundliches Lächeln über die sonst so ernsten Züge des jungen Mädchens, ja, sogar zuletzt ein herzlicher Ausdruck, als zum Beschluß die Unterlehrerin Mamsell Stöcke! kam, an deren leicht geröteten Augen man deutlich sah, welch tiefen Eindruck die vorhin gehabte Unterredung auf sie ausgeübt. Hierauf war die Schar der jungen Mädchen im Treppenhause verschwunden und befand sich gleich darauf in dem weiten, schönen Garten, in dem sie sich mit Ballschlagen oder ähnlichen kleinen Spielen beschäftigten. Miß Price stieg die Treppe vollends hinauf und trat oben in eines der geräumigen Arbeitszimmer, welches für ähnliche Fälle, wie heute, als Strafsaal benutzt wurde, allerdings nur für ganz leichte Vergehen, weshalb denn auch die ganze Strafe darin bestand, daß sich die jungen Damen abgesondert an einen der Tische setzen mußten, um Aufgaben auszuarbeiten oder sich mit Handarbeiten zu beschäftigen. Es befanden sich hier schon drei dieser Unglücklichen, und zwar in drei Ecken des Zimmers, von denen die schwarz gekleidete Waldow mit Briefschreiben beschäftigt war, aber mit häufigen Unterbrechungen, welche darin bestanden, daß sie ihr auf dem Tische befindliches Tuch zuweilen an die Augen drückte. In der Ecke, am entferntesten von ihr, saß die Baronin Welten, mit einer großen Stickerei beschäftigt, die sie zuweilen mit triumphierenden Blicken vor sich ausbreitete, um sich an dem Leuchten der hellen Farben, sowie an dem Glanze der Gold- und Silberperlen zu erfreuen. Diese junge Dame hier schien überhaupt von dem glücklichsten Humor zu sein, und ehe sie nach solchen kleinen Unterbrechungen wieder in ihrer Arbeit fortfuhr, zählte sie vorher die nötigen Stiche genau ab, und that sie das weder leise, noch in gewöhnlicher Art, sondern intonierte irgend eine bekannte Melodie zu den Worten eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs – sieben, acht, neun – zehn, elf, zwölf – wobei sie es am Schlusse selten unterließ, nach der betrübten Briefschreiberin hinüberzuschauen. Diese Baronin Welten hatte weder ein schönes, noch ausdrucksvolles Gesicht, und alles, was man zu letzterem hätte rechnen können, war ein mokanter Zug um den Mund, sowie ein hochmütiger Blick aus ihren unbedeutenden Augen. Die dritte im Zimmer, die Gräfin Haller, stand an einem Fenster, hatte beide Arme auf die Stange desselben gestützt, aber durchaus nicht im niederdrückenden Gefühle ihres Zimmerarrestes, wie sie eben auch mit lauter Stimme versicherte, sondern einzig und allein, um den Himmel zu betrachten, der ihr in seiner grauen Alltäglichkeit millionenmal amüsanter erschien, als boshafte Gesichter junger, unbedeutender Personen, selbst wenn diese jungen, unbedeutenden Personen mit den lächerlichsten Ostentationen ihre harlekinartigen Stickereien sehen ließen. – »Weißt du,« hatte sie hierauf zur Waldow hinübergerufen, »aus so einem Zimmerarrest werde ich mir gar nichts machen, und wenn er ein halbes Jahr dauerte, nicht soviel« – dabei schnippte sie mit den Fingern – »aber man müßte dann unter gleichgesinnten Seelen sein, in guter Gesellschaft, und nicht,« fuhr sie in pathetischem Aufschwunge fort, »gefesselt wie der Sklave, an gleicher Kette mit irgend etwas Unausstehlichem!« Hierauf hatte die Baronin Welten laut und höhnisch gelacht und hätte wahrscheinlich eine scharfe Erwiderung gegeben, wenn nicht in diesem Augenblicke Miß Price in das Zimmer getreten wäre, worauf jene sich damit begnügte, ihr Taschentuch zu ergreifen und sich auf sehr auffallende Art frische Luft zuzufächeln. »Gut, daß du endlich kommst, Blanda!« rief ihr die Gräfin Haller zu, indem sie ihr rasch ein paar Schritte entgegenging, den Arm um ihren Nacken schlang und sie an das Fenster zog, worauf sie fortfuhr: »Fast wäre ich hier verzweifelt, weil es so gar einsam war! Die arme Waldow ist tief in ihre Schreiberei versunken, und sonst war kein menschliches Wesen im Zimmer.« Man konnte nicht leicht zwei schönere junge Mädchen sehen, wie diese beiden, die hier beisammen am Fenster standen, und auch nicht leicht einen größeren Gegensatz, als den sie miteinander bildeten. Miß Price war der vollendetste und reizendste Typus einer Blondine, während die Gräfin Haller in ihrem schwarzen Haar, in ihren tiefdunklen Augen, sowie in ihren raschen leidenschaftlichen Bewegungen und der gleichen Art zu sprechen, südliches Blut repräsentierte; und mit vollem Rechte, da ihre Mutter eine Spanierin war. Auch mochte dieses südliche Blut wohl Ursache sein, daß sie, obgleich kaum sechzehn Jahre alt, schon die vollkommen ausgebildeten Formen einer Achtzehnjährigen hatte. An dem einfach hellgrauen Gewande, wie es die übrigen Pensionärinnen trugen, hatte sie einige Koketterien angebracht, so ein rotes Gürtelband mit lang herabhängenden Enden, an welchen anstatt der Tasche, wie man sie im Alter zu tragen pflegte, ihr zusammengelegtes Taschentuch eingeknöpft hing, während sie ihr schwarzes Haar, mit tiefroten künstlichen Blumen geschmückt, scharf aus der Stirn gestrichen hatte. »Warst du bei der Inquisition, mein Herz,« fragte sie lachend, »und wie ist mein besonderer Freund, der Großinquisitor Quadde mit dir umgegangen? Wirst du sogleich verbrannt oder vorher noch ein klein wenig gerädert? Das Auditorium,« wandte sie sich mit einer graziösen Verbeugung gegen die Baronin Welten, »ist zu diesem köstlichen Schauspiele eingeladen!« »Laß das sein, Klothilde,« bat die andere mit leiser Stimme, »warum immer und immer wieder anfangen! Auch weißt du ja, daß sie jedes Wort hinterbringt!« »Gerade deshalb, und ich kümmere mich gar nichts darum, ob sie mich beim Großinquisitor verklagt – nein, ich sage dir,« flüsterte sie leise, »diese Welten ist eine so böse Person, davon kannst du dir gar keinen Begriff machen! Schade, daß du sie gestern nacht so rasch wieder losgelassen!« »Um Gottes willen, sprich nicht darüber, es ist mir entsetzlich! Ich habe heute keine Idee mehr davon, wie ich dazukam!« »Gutes Herz, du bist mir nur zuvorgekommen; ich hatte meine Decke schon halb abgeworfen, und wenn ich über sie gekommen wäre, so würde es ihr schlechter gegangen sein! Du weißt gar nicht, mein gutes Kind, welche tief überlegten Bosheiten sie gesagt – du hast das alles nicht verstanden!« »O, manches doch!« »Auch daß sie dich die natürliche Tochter irgend wessen genannt? »Das habe ich allerdings nicht verstanden und verstehe es noch nicht.« »Glaub's wohl, Närrchen – wie kannst du auch so etwas verstehen, wenn du keine Bücher liest? O, ich sage dir, das bildet den Geist und schärft das Verständnis! Ach, diese göttlichen Bücher! Allerdings bin ich heute hier als Schlachtopfer dieser Leidenschaft, habe aber den geliebten Gegenstand in meiner Tasche und würde trotz alledem fortfahren zu lesen, wenn dort die Spinne nicht ihr Netz spänne. Ach, und ich hasse die Spinnen,« sagte sie mit lauter Stimme, »ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie! – Nur die einzige wundervolle Geschichte solltest du lesen,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, während welcher ihr furchtbarer Haß ebenso rasch wieder verflogen schien, als er gekommen war, »nur die einzige Geschichte, denn es ist mir gerade so, als sähe ich mich selbst in der Geschichte! Als er sie zum erstenmal sah, es war auf der Burg ihres Vaters, stand sie in einem hohen Bogenfenster, von wo hinab sie in die Ebene geschaut, den glänzenden Reitertrupp gesehen, wie er sich heranbewegte, und an dem Klopfen ihres warmen Herzens gefühlt, daß sich hier etwas Bedeutungsvolles nahe, etwas, was tief eingreifen werde in ihr künftiges Leben – ungefähr so, aber viel schöner ist es gesagt. Sie hatte eine schlanke, aber doch volle Figur, so wie ich – sich mich nur an! – auch trug sie ein Gewand von silbergrauer Farbe und hatte in ihrem schwarzen Haare eine einzige dunkelrote Granatblüte. Schau her, mein Herz, ich habe mich gerade so geschmückt wie sie, als der Geliebte zu ihr herantrat, und gestehe, daß die Granatblüten, allerdings künstliche, mir nicht schlecht stehen!« »O gewiß, liebe Klothilde – sehr gut! – Aber sage mir, fragte Blanda so leise hingehaucht, daß die andere es kaum verstand, »warum nannte sie mich eine natürliche Tochter? – Nun ja, ich glaube, daß ich das bin, so gut wie du es bist.« »Ich – mein Herz? Ah, daß ich nicht wüßte!« »O ja, gewiß! Ich würde mich schämen, meiner armen Mutter eine unnatürliche Tochter gewesen zu sein – o ich habe sie so sehr geliebt, so innig!« »Ja so, ja so,« erwiderte die Gräfin Haller mit einiger Verwunderung, »ja, auf diese Art hast du recht, mein Herz, auf diese Art bin ich auch eine natürliche Tochter!« »Gibt es denn noch eine andere Art, das zu sein?« »Ich glaube fast,« sagte die andere und setzte zurückhaltend hinzu: »doch weiß ich das nicht ganz genau, was das betrifft,« fuhr sie boshaft fort, »solltest du die Welten fragen.« »Also hat sie mich in einem anderen Sinne eine natürliche Tochter genannt – sage mir das, Klothilde, ich bitte dich!« »Vielleicht hat sich die Welten selbst von ihrer Höhe herab als deine Mutter angesehen und dich, weil du dich sträflich gegen sie vergangen, ihre unnatürliche Tochter genannt.« »O nein, o nein!« »Warum denn o nein? Bei der ist alles möglich!« »O nein, sie wollte etwas anderes damit sagen.« »Möglich, aber ich weiß nicht, denke nicht mehr daran. Laß uns von etwas anderem reden; ich habe dir etwas mitzuteilen, was mir schon lange auf dem Herzen liegt. Willst du mich aufmerksam anhören?« »Gewiß, Klothilde, später, gewiß, aber ich muß noch einmal auf das Wort zurückkommen. Ich weiß, daß ich dir vertrauen kann, du bist heftig, aber gut, und was ich dir sagen möchte, steht im Zusammenhange mit jener Bezeichnung.« »Aus deinem früheren Leben?« »Ja, aus meinem früheren Leben, aus jener traurigen Zeit, als meine gute, arme, unglückliche Mutter starb. Ich kniete neben ihrem Bette, und die Gräfin Seefeld, die zugegen war, hatte sich über meine Mutter hingebeugt, hatte sie auf die Stirn geküßt und fragte dann: ,Und Sie haben gar keine Beweise dafür, daß Sie nicht die natürliche Tochter Ihres Vaters sind?«' »Wie sagte sie? Ihres Vaters sind oder Ihres Vaters ist? Das wäre nämlich ein großer Unterschied, da die Gräfin Seefeld im ersten Falle deine Mutter, im zweiten Falle dich gemeint hätte.« »O, ich weiß es deutlich! Sie fragte: ›Und Sie haben gar keine Beweise dafür, daß Sie nicht die natürliche Tochter Ihres Vaters sind?‹« »Und was antwortete deine Mutter?« »Sie richtete sich mit ihrer letzten Kraft in die Höhe, hob ihre gefalteten Hände empor und erwiderte: ›Blanda ist mein Kind und seine rechtmäßige Enkelin – Gott weiß es und ich schwöre es Ihnen! Alle Beweise liegen in seiner Hand und der meines Vaters, dem die ewige Gerechtigkeit verzeihen möge, daß er so und nicht anders an uns gehandelt!‹ – Es waren fast ihre letzten Worte,« fuhr das junge Mädchen nach einem schmerzlichen Stillschweigen und mit flimmernden Blicken fort; »ich warf mich über sie und küßte den letzten Hauch von ihren Lippen. Aber, nicht wahr, Klothilde, du wiederholst nie jemand, was ich dir hier gesagt?« »Ich schwöre es dir, mein armes Geschöpf, und bedaure nur,« fuhr sie fort, indem sie schmeichelnd mit ihren beiden Händen das schwere, blonde Haar Blandas streichelte, »daß ich mit daran schuld war, dir diesen Schmerz zu verursachen, indem ich noch einmal die Worte jener dummen Person wiederholte! Doch laß uns jetzt etwas Heiteres plaudern. Komm, setze dich hier auf den Stuhl, und ich lasse mich neben dir auf dieses Bänkchen nieder. Ich kann so heimlicher in dich hineinreden, und dabei haben wir noch das besondere Vergnügen, der da den Rücken zu kehren. Setze dich, mein Herz.« Blanda that so, und als die Gräfin Haller nun hinter ihr stand, sagte diese, nachdem sie ein paar Sekunden auf ihre Freundin hinabgeschaut: »Was du doch für ein wunderbares Haar hast! Es ist gerade so wie das der Feenkönigin im Märchen oder jener adeligen Jungfrauen, die mit aufgelösten blonden Locken auf milchweißen Zeltern durch die Wälder streifen, gefolgt von Pagen und Dienertroß.« »Laß mein Haar in Ruh',« bat Blanda lächelnd; »treibst du wieder deine Kindereien?« »Sei nicht so neidisch, Blanda, und laß mich einen Augenblick deinen weißen Kamm herausziehen.« »Damit ich später große Mühe habe, mein Haar wieder aufzustecken?« »Ich helfe dir dabei. Ach, wie das schön ist!« – Damit hatte sie am Kopfe ihrer Freundin herumgenestelt, den Kamm entfernt, und nun fiel die wundervolle Fülle prachtvollen, lichtblonden, im edlen Sinne goldig schimmernden Haares über Brust, Schulter und Nacken hinab, sie wie in einen glänzenden Schleier einhüllend. Daß die Stickerin darüber ein kurzes, höhnisches Lachen nicht unterdrücken konnte, finden wir in ihrer Lage begreiflich. War es doch lächerlich von den beiden jungen Mädchen dort, mit einer solchen Fülle von Haar zu kokettieren ihr gegenüber, die auch darin von der Mutter Natur einigermaßen vernachlässigt worden war! Doch dachten beide gewiß so etwas nicht, schienen überhaupt die Anwesenheit der anderen ganz vergessen zu haben, besonders Klothilde, die auf dem kleinen Bänkchen neben ihrer Freundin hingekauert sah, ihren Arm um deren schlanken Leib gelegt hatte und nun lachend mit dem Kopfe die leuchtenden Haarwellen auseinanderwarf, um sich unter denselben wie unter einer Laube zu verbergen. – »Jetzt denke ich mir,« sagte sie heiter, »du seiest die Genoveva und ich der kleine Schmerzenreich« – worüber auch Blanda laut lachte und ihr zur Antwort gab: »Von Schmerzenreich hast du durchaus nichts an dir, du, mit deiner ewig heiteren, ja, oft übermütig tollen Laune!« Ein leichter Seufzer, der allerdings etwas affektiert klang, war vorderhand die ganze Antwort, welche die Gräfin Haller gab, und es dauerte eine gute Weile, ehe sie hinzusetzte: »Ach, das ist alles nur äußerlich, gute Blanda – hier in meinem Inneren ist es wirklich oft recht ernst, feierlich, ja schmerzlich erregt! »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin –« oder: »Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute –« oder: »O Herz sei endlich stille. Was schlägst du so unruh'voll? Es ist ja des Himmels Wille, Daß ich dich lassen soll! –« Blanda schaute sie fast erstaunt an, doch da sie das lebhafte Temperament der Freundin kannte, so lächelte sie ein wenig, als sie ihr zur Antwort gab: »Die Frau Direktorin hat recht, daß sie dir für das viele Lesen unnützer Bücher wieder einmal Zimmerarrest gab; aber ich glaube, du kannst es nicht lassen und es nutzt bei dir nicht viel!« »Es nutzt gar nichts bei mir,« entgegnete Klothilde mit großer Wärme, »im Gegenteil, je mehr sie es mir verbieten, die herrlichen Bücher zu lesen, um so mehr sehne ich mich nach denselben und muß meiner Phantasie Spielraum lassen, deren Inhalt ins Leben zu übersetzen.« »Ei, talentvolle Übersetzerin, hast du deshalb mein Haar gelöst, um dich unter demselben zu verstecken und mir so auf die heimlichste Art kleine Mitteilungen zu machen?« Ein schwerer Seufzer, von einem bedeutsamen Kopfnicken unterstützt, wurde als vorläufige Antwort vorausgeschickt, und erst nach einer Pause, während welcher Seufzer und Kopfnicken ihre Wirkung auf das Herz Blandas ausgeübt haben sollten, fuhr die andere fort: »Ach ja, mein Herz, es gibt in diesem Leben Dinge, Sachen, Begebenheiten so süß rätselhaft, so wundervoll anheimelnd, daß sie uns wie ein Traum umfangen, aber wie ein Traum, von welchem wir beim Erwachen nur noch unbestimmte Erinnerungen haben!« »So laß etwas von diesen unbestimmten Erinnerungen hören, damit ich urteilen kann, was diese bösen Bücher an meiner guten Klothilde alles verschuldet.« »Ach, die Bücher haben keine Schuld – nur eine kleine Geschichte, die ich neulich mit allerhöchster Erlaubnis las, von dem gefangenen König Richard Löwenherz nämlich und dem treuen Blondel, der verkleidet am Turme des Gefängnisses erschien und durch Zeichen und Mienen zu verstehen gab, daß ein treues Herz sich nahe.« »Darin sehe ich noch durchaus keinen Zusammenhang mit dir, mein Lieb; du bist weder gefangen, wie der König Löwenherz, noch braucht sich dir irgend ein Blondel verkleidet zu nähern.« »Sei nicht so prosaisch; es ist nur die Lage im allgemeinen, die sich gleicht. Wir sind doch auch hier eingeschlossen, wie verwunschene Prinzessinnen, und werden gehütet von einem Drachen mit einer fürchterlichen Stimme. Sollte deshalb derjenige, der sich uns nähern wollte, nicht ebenfalls gegründete Ursache habe», verkleidet zu kommen?« »Ja – allerdings – aber...« »Bst!« machte Klothilde, indem sie ihren Kopf fester an die Brust der Freundin drückte und ihr von unten herauf in die jetzt ausnahmsweise ernsten Augen schaute; »du verstehst es allerdings nicht, und ich verstehe es auch nicht genau, aber es ist doch ein Zusammenhang da.« »Womit, mein Herz?« »Ich weiß es nicht ganz genau,« erwiderte die Gräfin Haller flüsternd, »aber es muß jemand sein, der mich irgendwo gesehen, vielleicht auf dem Spaziergange, oder neulich im Theater, oder bei meiner Tante, als ich dort zum Besuch war, irgend jemand, auf den ich großen Eindruck gemacht...« »Was ich begreiflich finde; doch sprich weiter, wenn ich dich verstehen soll.« »Nun, dieser Jemand sucht sich mir unter einer Verkleidung zu nähern.« »Ach, das ist arg, Klothilde; nimm dich in acht, du weißt, wie streng Frau von Welmer ist.« »Wenn ich sage: nähern,« fuhr die andere fort, »so will ich damit nicht gesagt haben, daß dieser Jemand sich mir in den Weg stellt, oder daß er gar so unvernünftig wäre, die Hausglocke zu ziehen, um mir einen Brief oder dergleichen zu überreichen, nein, er nähert sich nur auf die zarteste Art, aus weiter Entfernung.« »Das verstehe ich nicht!« »Ach, ich habe es anfänglich auch nicht verstanden! – Kann ich dir ganz vertrauen, Blanda?« »Ich denke, daran zweifelst du nicht!« »O gewiß, ich bin fest davon überzeugt!« fuhr die Gräfin Haller fort, wobei sie ihren Arm fester um den Leib ihrer Freundin schlang. »O, ich weiß, wie sehr man dir vertrauen darf und wie ernsthaft du bist, wie schweigsam, wie verständig! So höre denn! Ich bin überzeugt, daß es jemand aus der Gesellschaft ist, auf dessen Herz ich einen großen Eindruck gemacht. Es könnte auch vielleicht ein junger Künstler sein, die haben oft hohe Ideen, enfin , er kann und will sich mir nicht in seiner gewöhnlichen Gestalt nähern und erscheint mir nun in der Kleidung eines jungen, hübschen Soldaten.« »Ah, Klothilde, du gehst doch ein bißchen weit!« »Bst, Genoveva, plage deinen armen Schmerzenreich nicht mit so unmütterlichen Bemerkungen! Ich fürchte mich so schon genug vor deinen ernsten Blicken und ziehe deshalb diese goldenen Bettvorhänge so eng als möglich zusammen, damit wir beide wenigstens von allen Lauschern auswärts abgeschnitten und heimlich bei einander sind, wie zwei Feenkinder im Walde unter einem golddurchwirkten Schleier. O, dein Haar ist so schön, Blanda, und duftet so süß, daß ich dir's gar nicht sagen kann! Laß aber auch dein Herz so liebenswürdig sein und mich ruhig anhören; ich spreche nur allein zu deinem Herzen, du selbst brauchst das gar nicht zu hören. Da droben auf der kleinen Festung, die vor unseren Fenstern liegt, haust der Werwolf, der sich gewiß eines Tages in einen glänzenden Prinzen verwandeln wird.« »Wenn ich dich recht verstehen soll, mein Herz, so ist es besser, wenn du in ganz gewöhnlichen Redensarten sprichst; gib dir Mühe, ganz prosaisch zu sein, damit ich richtiger urteilen kann.« »Meinetwegen, aber ohne den Reiz der Poesie wird es dir am Ende alltäglich vorkommen.« »Desto besser, so kann ich richtiger urteilen.« »Also – es ist häufig da oben auf der kleinen Festung jemand, der sich für mich interessiert; ich habe ihn schon bemerkt, wenn wir zur Promenade auszogen, wenn wir weggingen oder heimkehrten, da stand er oft da droben, hart am Rande der Mauer, hob die Arme gen Himmel, breitete sie auch wohl aus, kurz, machte Bewegungen, die meine Aufmerksamkeit erregen mußten.« »Und warum gerade die deinige?« »O, man fühlt sein und genau in gewissen Dingen, meine liebe Blanda! Mir sagte es eine innere Stimme, daß der verkleidete junge Mann auf diese Art die Gefühle seines Herzens ausdrücken wolle, und kurze Zeit nachher wußte ich es ganz genau. Weißt du, vorige Woche, als wir nahe an der Mauer droben vorübergingen, da stand er malerisch an eines der alten Geschütze gelehnt, hatte einen Epheuzweig in der Hand, gerade so, wie ich einen auf meinem Hute trage, und wand ihn sich um das Haupt; das war doch deutlich genug. Ich muß gestehen, daß ich mich ein paarmal recht auffallend vor ihm am Fenster sehen ließ; ich wollte Gewißheit haben.« »Und die erhieltst du?« »Ich wage kaum, dir zu gestehen: ja; ich hob mein Taschentuch und er das seinige,« »Aber das ist arg, Klothilde!« »Ich weiß es, verzeihe mir, aber ich konnte nicht anders; mein Herz war gerührt von so viel Liebe und Aufopferung! Es ist doch wahrhaftig keine Kleinigkeit, sich da oben in der garstigen Festung verkleidet aufzuhalten, nur um mich zuweilen zu sehen!« »Weißt du denn bestimmt, daß er verkleidet ist?« »Natürlich! Was denkst du, Blanda? Pfui, du glaubst doch nicht, daß ich mich so täuschen könnte? O nein! Er hat auch etwas Bekanntes für mich, etwas angenehm Bekanntes; ich meine immer, er wäre der junge Graf Bleiden oder Baron Pürker, von dem mir meine Tante häufig nicht ohne Beziehung erzählte, die ich beide vor Jahren, allerdings nur flüchtig, sah. Fändest du es nicht reizend, wenn sich einer von ihnen mir auf so zarte Art zu nähern suchte für ein späteres glückliches Wiedersehen?« »Und warum denn für ein späteres glückliches Wiedersehen? Das verstehe ich wieder nicht. Wie kannst du dich für jemand interessieren und sogleich wieder an Trennung denken?« »Ach, du liebes Närrchen, darin liegt ja aber der Reiz dieses alltäglichen, langweiligen Lebens – scheiden und meiden und wiedersehen! Ach, und die süßen Gefühle, die uns so recht beim Scheiden kommen müssen, wenn wir daran denken, daß wir ihn verloren, und nicht wissen, ob wir ihn wiedersehen werden! Hangen und bangen In schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt. Glücklich allein ist die Seele, die liebt. Und daß ich an ein dereinstiges glückliches Wiedersehen denke, ist doch so natürlich, mein kleiner Schatz! Denn ebensogut, als ich weiß, daß wir beide hier bei einander sitzen, ebenso sicher ist es auch, daß der junge, hübsche Mann sich droben auf der traurigen Festung aufhält, um hier auf unser Kloster herabzusehen – ganz Rolandseck und Nonnenwerth – Bis die Liebliche sich zeigte. Und er wird so lange herabschauen, bis er Gelegenheit findet, sich mir zu nähern, ach, und ich fühle es an dem bangen Klopfen meines Herzens, daß er diese Gelegenheit finden, eines Tages vor mich hintreten, mir in bebenden Worten seine Liebe gestehen, vielleicht diese Granate aus meinem Haar entwenden und mir alsdann, entfliehend, zurufen wird: ›Diese Blüte zum Pfande, daß ich dich wiedersehe!‹« »Aber Klothilde,« fragte Blanda in fast erschrecktem Tone, »wo hast du all diese Geschichten und Ausdrücke her?« »Ach, das steht in all den schönen Büchern, in denen ich so gern lese, wenn ich Sonntags bei meiner Tante bin! Da lege ich mich nach Tisch auf den Diwan und lese, lese, bis es dunkel wird. Bekämst du nur einmal Erlaubnis, mich zu begleiten, ich wollte dir so süße Sachen vorlesen, daß dein kleines Herz vor Entzücken schaudern sollte! Jetzt gerade habe ich etwas erwischt, heimlich allerdings, was ja zu schön ist, wo er sich ebenfalls verkleidet der Geliebten naht, um sie aus den unerträglichen Banden zu erlösen. Leider mußte ich vorigen Sonntag gerade am interessantesten Punkte und da aufhören, wo er an der Pforte, deren Schloß er durchgefeilt, mit den Pferden wartet, um sie zu entführen – es ist Nacht, am Himmel lagern schwere Gewitterwolken, und durch die alten Föhren, von denen die umherliegenden Hügel bedeckt sind, saust klagend der Wind, falbe Blitze begleitend, während man fernher das Murren des Donners hört – da sieht er ihren weißen Schleier durch die Büsche blinken, und – gerade da mußte ich aufhören, weil ein langweiliger Besuch kam, der mich sehen wollte – doch was hast du, Herz, warum wendest du deinen Kopf zur Seite?« »Ich horchte.« »Auf was denn?« »Eben rollt ein Wagen in den Hof. Hörst du, wie es dröhnt? Freilich ist das nichts, was mich betrifft, o, ich weiß das ganz genau und bin trotzdem immer so kindisch, an einen Besuch zu glauben, der mich zu sehen wünschte.« »Was geht uns der Wagen an?« »Es sind zwei, die rasch nacheinander eingefahren sind.« In diesem Augenblick näherte sich den beiden die schwarz gekleidete Waldow und sagte mit leiser Stimme: »Es sind da eben zwei Wagen in den Hof gefahren, und ich glaube, es wird Ihre Hoheit die Frau Herzogin sein; soeben ist auch die Welten aus dem Zimmer geschlichen, nachdem sie zum Fenster hinausgeschaut, und wird wahrscheinlich zu Fräulein von Quadde hinaufeilen, um sie rasch zu benachrichtigen und sich ein Lob zu verdienen.« »Mag sie thun, was sie will, die Stickerin!« sagte die Gräfin Haller mit einer unmutigen Bewegung ihrer Schulter. »Was kümmert uns jetzt die ganze Wirtschaft inklusive Herzogin und Quadde? Sind wir doch Gefangene und sitzen, unsichtbar für jedermann, hinter Schloß und Riegel!« »Da bist du sehr im Irrtume,« erwiderte Blanda ernst, indem sie sich bemühte, ihr Haar aus der Stirn zu streichen, dasselbe zusammenzudrehen und notdürftig wieder aufzuheften; »wir müssen ebenfalls erscheinen. Vielleicht ist man so gnädig, uns nicht als entlassene Gefangene vorzuführen, vielleicht aber auch nimmt man die Gelegenheit wahr, uns, oder auch nur mir allein, recht eindringlich unsere Vergehen vorzuhalten.« »Uns – uns!« rief die Gräfin Haller lustig. »Mir wird es den größten Spaß machen, mich einmal angesichts des ganzen Hofes,« fuhr sie mit Pathos fort, »vor der Herzogin verteidigen zu dürfen!« »Wenn sie ihre Migräne hat, wäre es gerade kein Spaß. Aber komm, Klothilde, laß uns helfen, Blandas Haar aufzustecken, und so dicht als möglich an den Kopf hin, denn ich kann euch versichern, die Herzogin hat einen wahren Abscheu vor allem schönen und dichten Haar.« »Weil sie selbst nie welches hatte!« lachte die Gräfin Haller. »Aber trotz alledem wollen wir denn wirklich das Haar Blandas recht fest eindrehen. Adieu, mein süßer, goldener Traum!« rief sie mit liebevoller Herzlichkeit, indem sie einen Teil des Haares ihrer Freundin mit beiden Händen ergriff und an ihre Lippen drückte. »Macht fort, macht fort,« sagte die Waldow ängstlich, »ich höre Schritte vor der Thür; wenn es Fräulein von Quadde ist, so gibt es neue Vorwürfe!« Glücklicherweise aber war es nicht die erste Lehrerin des Instituts, die nun unter der Thür des Saales erschien, sondern Mamsell Stöckel mit einem etwas ängstlichen Gesicht. »Kinder,« sagte sie, »die Frau Herzogin ist gekommen und will die ganze Anstalt besichtigen.« »O weh, o weh!« sagte die Waldow. »Sie war ja erst vor acht Tagen da – was will sie denn heute schon wieder?« fragte trotzig die Gräfin Haller. »Hat vielleicht Migräne und will sich bei uns zerstreuen – doch meinetwegen, was geht das uns an, wir sind Gefangene – Frei in den Lüften ist unsere Bahn, Wir sind nicht dieser Herzogin unterthan.« »Das ist recht widersinnig und unvernünftig gesprochen, Gräfin Haller, und wenn Sie sich auch nicht viel daraus machen, ob die Frau Herzogin Ihnen ein Kompliment sagt, so sollten Sie doch an andere denken, zum Beispiel an unsere gute Blanda, und behilflich sein, daß wir ihr Haar rascher in Ordnung bringen! Beschauen Sie sich auch selbst in dem Spiegel – wollen Sie mit der Blume im Haar vor Ihrer Hoheit erscheinen?« »Und warum denn nicht?« fragte die junge energische Person, indem sie ihren Kopf übermütig hoch aufrichtete. »Diese Blume soll da bleiben, oder man müßte sie mir mit Gewalt wegnehmen – als ein Kompliment für die Frau Herzogin!« »Sie sind unverbesserlich!« sagte die gutmütige Stöckel, indem sie sich selbst daran machte, das Haar Blandas, so gut es in der Geschwindigkeit ging, recht dicht um deren Kopf zu befestigen. »Als ein Kompliment,« wiederholte hartnäckig die Haller, »als einen Beweis, daß die Frau Herzogin niemals unrecht haben kann! Hat sie doch einmal von meiner guten Mutter gesagt, dieselbe sei eine kokette Spanierin, und ich will ihr beweisen, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt – und selbst wenn die Quadde käme oder Madame la directrice in höchst eigener Person, ich würde es doch nicht thun!« Da tönte es wie tief aus dem Keller herauf ins Zimmer: »Begreiflicherweise steht Mamsell Stöckel hier bei ihrem Liebling und plaudert über unnütze Dinge, während sich das ganze Haus in größter Bewegung befindet! Ei, Mamsell, wollen Sie nicht die Gnade haben und sich vielleicht in die Ankleidezimmer verfügen, damit die jungen Damen so vor der Herzogin erscheinen können, wie es der Anstand und die Ehre des Hauses verlangt!« »Müssen wir auch erscheinen?« fragte die Haller in einem sehr trockenen Tone, während sie sich dabei bemühte, Blandas Haar zu glätten, eine Beschäftigung, welche wohl schuld war, daß die erste Hauslehrerin ihr ausnahmsweise mit einem finsteren Blicke und in einem Tone antwortete, der gerade so klang, als käme er aus irgend einem düsteren Schachte hervor: »Unnütze Frage, Gräfin Haller, ob Sie erscheinen müssen – nur so nicht!« setzte sie ärgerlich hinzu, indem sie mit dem Zeigefinger auf die Granatblüte in dem tiefschwarzen Haare des schönen Mädchens zeigte, worauf sie sich rasch und heftig gegen die arme Stöckel wandte und ihr zurief: »Statt sich unnötigerweise an dem widerspenstigen Haar der Miß Price aufzuhalten, hätten Sie sich um die Frisur der Gräfin bekümmern sollen – und nun rasch, rasch, man versammelt sich im Speisesaal und wird von da in den großen Konversationssaal geführt!« Damit rauschte sie hinaus, ohne ihrem Liebling, der Gräfin Haller, auch nur einen einzigen freundlichen Blick zu gewähren. »Ein schlimmes Zeichen,« sagte diese lachend; »wie die Stirn der guten Quadde bewölkt war! Entweder leidet Ihre Hoheit die Frau Herzogin an äußerst starker Migräne, oder Mignon hat den Schnupfen, was letzteres noch schlimmer wäre – so, nun kommt, wir sind fertig!« »Und Ihre Granatblüte im Haare, Gräfin Haller, die nun auf meine Verantwortung geht?« fragte Mamsell Stöckel mit einigem traurigen Lächeln. Klothilde stampfte heftig mit dem Fuße auf den Boden, dann riß sie die rote Blume aus ihrem Haar. »Gut, ich gebe nach, Ihnen zuliebe; aber sie soll die kokette Spanierin noch zu sehen kriegen!« 29. Kapitel Die Protektorin des adeligen Damenstiftes, sowie ihr Hund Mignon halten blutiges Strafgericht über jugendliche Verbrecherinnen. Blanda wird anständig frisiert. Die beiden Hofwagen, deren wir im vorigen Kapitel erwähnt haben und welche rasch in den Hof vor die breite Freitreppe fuhren, die nach dem Garten führte, hatten sich langsam ihres Inhaltes entleert – und welches Inhaltes! Zuerst erschien eine kleine, etwas gebeugte Dame, deren rechte Schulter höher war als die linke, mit einem gelben Gesichte voller Runzeln und Furchen, einem Paar scharfer, kluger Augen und mit einem eigentümlichen Lächeln um die fest zusammengekniffenen dünnen Lippen. Diese Dame trug einen kostbaren Pelzüberwurf, darunter noch einen Mantel von schwerstem dunkelvioletten Samt und hatte die Freitreppe des Hauses, über die man in aller Eile einen Teppich geworfen, nicht eher betreten, als bis eine Kammerfrau, die sich im zweiten Wagen befand, rasch herbeigeeilt war, um ihre Füße mit einem Paar dicker Pelzüberschuhe zu versehen. Dann blieb sie auf der untersten Stufe der Treppe stehen, ohne die geringste Notiz zu nehmen von der Directrice oder von Fräulein von Quadde, die mit halbgekrümmtem Oberkörper in der ersten Positur eines tiefen Knickses dastanden, während sie aufmerksam, ja mit ihrem Lorgnon an den Augen, nach dem zweiten Wagen blickte, dem jetzt ein Lakai entstieg, welcher sorgsam auf seinen Armen einen kleinen Hund hielt, der mit einem leichten Schweifwedeln und einem kurzen, heiseren Gebell nach seiner Herrin blickte. » Ah, mon bien chérie! « sagte diese schmeichelnd. »Warte, mein guter Mignon, droben darfst du deine Freude äußern, es ist hier so kalt und naß auf dem Boden!« – Dann erst, als der Lakai mit dem Hunde auf dem Arme dicht an ihrer Seite stand, und nachdem sie letzteren sanft auf den Kopf gepätschelt, wandte sie sich an die Directrice des adligen Fräuleinstiftes mit den Worten: »Guten Tag, meine liebe Welmer!« und reichte die Hand zum Kusse, welcher dann auch glücklich nach dem tiefsten Knickse, der nur möglich war, appliziert wurde, während Fräulein Quadde, ohne zum Handkusse zu kommen, die gleiche ehrfurchtsvolle Begrüßung machte. »Gehen wir hinauf in Ihren Konversationssaal, meine Liebe, wo es, wie ich hoffe, hübsch warm ist, und dann wollen wir sehen, was Ihre jungen Damen machen. Ich hatte heute morgen einen kleinen Anfall von Migräne und brauche etwas Aufregung und Zerstreuung.« Hinter der Herzogin war eine ihrer Hofdamen dem Wagen entstiegen, eine ziemlich lange, dürre Dame von gesetztem Alter und sehr gesetztem Wesen. Sie hielt sich ganz aufrecht, wie ein Bolzen, und wenn sie grüßte, so geschah das ohne jede Neigung des Kopfes, indem sie die Augenbrauen hoch emporzog und das Kinn etwas herabdrückte. Lächeln sah man sie selten oder nie, und wenn sie einmal aus Pflichtgefühl so thun mußte, so sah ihr Lächeln aus wie ein konvulsivisches Zucken; übrigens war sie das Muster einer Hofdame, nie anderer Meinung als ihre Herrin, nie übler Laune, weil sie auch nie eine gute Laune zeigte, und hatte dabei die wunderbare Eigenschaft, so behaupteten wenigstens ihre Bekannten, zwölf Stunden neben oder hinter dem Fauteuil der Frau Herzogin stehen zu können, ohne die geringsten Spuren irgend einer Ermüdung zu zeigen. Während man nun sehr langsam die Freitreppe hinaufstieg, um in den Konversationssaal zu gelangen, der sich zur Bequemlichkeit der hohen Protektorin zu ebener Erde befand, wollen wir rasch einen Blick in den Saal werfen, der, sehr groß und geräumig, bei allen feierlichen Veranlassungen, als dem Geburtstage des Landesherrn und dem der Frau Herzogin, sowie dem Stiftungstage der Anstalt, zu angemessener Feierlichkeit diente. Hier befand sich an der einen Seite das Bild Sr. Majestät des Königs, an der anderen das der Frau Herzogin, unter welchem ein rotsamtener Lehnsessel stand, während sich rings an den Wänden schmale Banketts befanden, auf denen die jungen Damen Platz zu nehmen pflegten, wenn in diesem Saale ein paarmal während der Winterzeit kleine, sehr harmlose Tanzvergnügungen abgehalten wurden. Die Herzogin ließ sich auf ihrem Sessel nieder, dann stellte der Lakai ein Taburett daneben, auf welches Fräulein von Quadde in aller Geschwindigkeit noch ein Sofakissen legte, als weiche Unterlage für Mignon; doch war dieser treue Hund offenbar übler Laune, denn er knurrte verdrießlich gegen die erste Lehrerin und ließ sich erst dann häuslich auf seinem Kissen nieder, als ihn seine hohe Herrin eigenhändig unter sanften Schmeichelworten am Kopfe gekraut. Vor sie hin wurde alsdann ein Tischchen gestellt und auf demselben die Hefte der jungen Damen, sowie die Konduitenliste ausgebreitet, in welche sie sich nur einige Minuten vertiefte. »Im allgemeinen gar nicht übel,« sagte die hohe Dame alsdann; »allerdings sehe ich hier einige Namen bedeutsam angemerkt, worüber wir später reden wollen. Auch finde ich die Hefte,« fuhr sie nach einer längeren Pause fort, während welcher sie ein paar derselben durchblättert, »meistenteils mit erfreulichen Bemerkungen der Lehrerinnen versehen – schön, ich bin damit zufrieden und will den jungen Damen, die es verdient haben, später ein freundliches Wort sagen.« Sie lehnte sich behaglich in ihren Sessel zurück und sagte dann mit ihrem eigentümlich scharfen Lächeln: »Es ist mir immer eine angenehme Aufregung, wenn ich zu Ihnen komme.« Dabei streichelte sie den Hund, indem sie, zu diesem gewendet, fortfuhr: »Nicht wahr, mein guter Mignon, wir fahren gern hierher zu den jungen Damen, und freuen uns, wenn wir Gutes über dieselben hören?« Mignon ließ ein behagliches Knurren hören und wedelte mit dem Schweife, weshalb die Herzogin heiter hinzusetzte: »Ich versichere Ihnen, liebe Welmer, dieses Tier hat Menschenverstand und fühlt mit mir, daß es wahrhaft rührend ist; ja, er versteht mich so genau, daß, wenn ich je einmal gezwungen bin, jemand ein rauhes Wort zu sagen, er sogleich seine Antipathie zeigt. Nicht wahr, liebe Saalfeld?« Diese Worte galten der starren Hofdame hinter der Frau Herzogin, welche durch ein hartes Zucken in den Mundwinkeln und ein trockenes »Gewiß, Hoheit!« ihre Zustimmung zu erkennen und dadurch Mignon Veranlassung gab, etwas Antipathie gegen sie selbst an den Tag zu legen; denn er schaute mit einem bösen Blicke um sich und knurrte dazu, worüber Ihre Hoheit herzlich lachte und dann zur Directrice sagte: »Nun lassen Sie mich auch etwas über Ihre räudigen Schäflein vernehmen.« Die Directrice der Anstalt wechselte in diesem Augenblicke einen bedeutungsvollen Blick mit ihrem Premierlieutenant, welcher sich ebenfalls hinter dem Sessel der hohen Protektorin befand, und erst als dieser sehr energisch mit dem Kopfe genickt, sagte sie: »Ach, Ew. Hoheit, es kommt bei so vielen jungen, mutwilligen Mädchen immer etwas vor, und wenn es nicht gerade bedeutend ist, so würde ich mir nie erlauben, Ew. Hoheit damit zu belästigen.« »Also einmal etwas recht Bedeutendes!« gab die alte Herzogin mit einem vergnügten Zwinkern ihrer Augen zur Antwort, indem sie sich behaglich die Hände rieb, ohne dem Hunde aber ein größeres Zeichen der Teilnahme abzulocken, als daß er den Kopf etwas in die Höhe hob und ein wenig mit dem Schweife wedelte. »Doch hoffe ich,« fuhr die Protektorin des adligen Damenstiftes darauf mit großem Ernste fort, »daß nichts geschehen ist, was den Anstand verletzt; bei Gott, ich will das nicht hoffen! Ich möchte Ähnliches wie bei Ihrer Vorgängerin, der Frau von Stranz, nicht zum zweitenmal erleben, und dazu die allergnädigsten Bemerkungen meines Herrn Neffen, Sr. Majestät des Königs – erinnern Sie sich daran, meine Damen?« »Mit Schaudern!« sagte Frau von Welmer, worauf Fräulein von Quadde einen Ton von sich gab, als öffne man die knarrende Thür irgend einer sehr tief gelegenen Familiengruft, was Mignons Gefühle so in Aufregung brachte, daß er laut hinausheulte. »Beruhige dich, mein süßes Tier, mein guter Mignon, so etwas wird gewiß nicht mehr vorkommen – das entsetzlichste Faktum, die erschütterndste Tragödie, die je in den Mauern eines adligen Damenstiftes gespielt, ein Lieutenant von den Gardehusaren über eben diese Mauer hinweg mit einer der Pensionärinnen verliebtes Zeug plaudernd – Horreur! Aber nun reden Sie, meine liebe Welmer! Was können Sie mir sagen, arg genug, daß es mir eine kleine, wohlthätige Aufregung ersetzt, und doch nicht so schlimm, daß es mich in meinen heiligsten Gefühlen für diese mir anvertraute Anstalt verletzen könnte – wen trifft es zumeist?« »Wieder einmal diese Miß Price, die zuweilen unerklärliche Gemütsbewegungen und Aufwallungen hat.« Die Herzogin nickte mehreremal sehr langsam und tief mit dem Kopfe, ehe sie sagte: »Man soll nie Ausnahmen machen von fest bestehenden sehr vernünftigen Bestimmungen; ich habe mich da durch diese Gräfin Seefeld verleiten lassen, eine Ausnahme von der Regel zu machen, weil mir diese Gräfin Seefeld durch die Obersthofmeisterin der Königin die Versicherung geben ließ, das junge Mädchen gehöre einer englischen Familie der höchsten Gentry an; doch weiß man, was es selbst in diesem Falle in dem lustigen Altengland auf sich hat. Nun, was hat die Price wieder einmal angegeben?« »Wenn Ew. Hoheit erlauben,« sagte die Vorsteherin, »so wird Fräulein von Quadde darüber berichten.« »Gut – lassen Sie hören, Fräulein von Quadde, aber schonen Sie mir die Price nicht!« Daß dazu keine Befürchtung vorhanden war, weiß der geneigte Leser, wußte ebenfalls die Herzogin, Frau von Welmer, die starre Hofdame und selbst Mignon, welcher bösartig knurrte, sowie er die Stimme der ersten Lehrerin vernahm, obgleich diese Stimme im Anfange des Berichtes so lieblich, war, als töne sie zwischen süß duftenden Rosen hervor, dann aber, je mehr sich das Verbrechen entwickelte, langsam in die Tiefe hinabsank und zuletzt – als sie erzählte, wie Miß Price auf die sanfte, liebenswürdige Welten losgestürzt sei mit der Äußerung: sie wolle sie erdrosseln – wie aus einem eingestürzten Bergwerkschachte heraufklang. »Horreur, meine Damen,« rief die alte Herzogin, »das grenzt fast, wenn auch in anderer Art, an die eben erwähnte furchtbare Geschichte, und ich will hoffen, daß die Bestrafung exemplarisch gewesen ist!« »Es waren allerdings mildernde Umstände da,« meinte Frau von Welmer schüchtern. »Ei was, mildernde Umstände, wenn eine solche unbekannte Größe sich dergleichen Drohungen gegen die Tochter eines so bedeutenden und beliebten Mannes, wie der Freiherr von Welten ist, erlaubt! Seien Sie nicht zu weich, meine Liebe, und holen Sie mir das Versäumte durch eine tüchtige Strafe nach! Ah, das hat mich in der That angegriffen, und so wohlthätig mir auch eine kleine Aufregung ist, so muß ich mich sehr vor allem Ärger in acht nehmen, und ich war schon wirklich nahe daran, mich zu ärgern!« »Das wolle Gott verhüten!« hauchte die Direktorin im Tone des höchsten Erschreckens, worauf die ganze Antwort in einem Achselzucken bestand, nach welchem sich die Herzogin gegen ihre Hofdame wandte und sie um ihre kleine goldene Dose mit den auflösenden Pillen bat, von denen sie bedächtig eine nahm, sich dann in den Sessel zurücklehnte und hierauf durch Kopfnicken ein Zeichen gab, daß die Präsentation der jungen Damen zu beginnen habe. Diese ging nach althergebrachtem ehrwürdigen Brauche also vor sich, daß von dem Portier des Hauses in breitem Hut und Stock mit dickem goldenen Knopfe – man hatte ihn zu diesem Zwecke rasch aus dem Garten holen müssen, wo er im Gewächshause beschäftigt gewesen war – von außen die Thür geöffnet wurde, worauf alsdann die jungen Damen, nicht nach Alter und Klasse, sondern nach dem Range ihrer Familien paarweise erschienen, so zuerst zwei Fürstinnen, dann ein halbes Dutzend Gräfinnen, eine ziemlich lange Reihe von Baronessen, dann die gewöhnlichen Adligen, hierauf Töchter hoher Staatsbeamten, einiger reicher Bankiers, die mit dem persönlichen Adel behaftet waren, und ganz zuletzt kam Miß Price, etwas hinter ihr, den Zug schließend, Mamsell Stöckel. Die jungen Damen stellten sich gegenüber dem Sessel der Frau Herzogin auf, dann wurden einige, die sich durch besonderen Fleiß, außerordentlich musterhaftes Betragen, auch wohl durch den Rang ihrer Familien oder durch Protektion auszeichneten, namentlich vorgerufen, um der hohen Dame die Hand zu küssen, währenddessen Fräulein Quadde hinter den Reihen langsam vorüberschritt, um mit ängstlicher Miene darauf zu sehen, daß alle in ihrem Anzüge korrekt und namentlich in den Frisuren keine Extravaganzen zu sehen waren, worauf die Frau Herzogin ganz besonders hielt und dergleichen mit ihren scharfen Gläsern sogleich zu entdecken pflegte. »So ist's recht,« flüsterte die Quadde der Gräfin Haller zu, als sie an derselben vorüberschritt und deren schmuckloses, allerdings etwas zerzaustes Haar betrachtete; »denken Sie nur selbst, was es gegeben hätte, wenn Sie da mit der Granatblüte erschienen wären!« »Die sie doch noch zu sehen kriegen soll!« sagte die hartnäckige junge Person leise zu ihrer Nachbarin, nachdem die andere vorübergegangen war. »Ich mache mir nichts daraus, wenn sie sich auch ärgert, wenn sie schreit und wenn sich der süße Mignon darob heiser bellt! Du,« wandte sie sich hierauf an die junge Dame, die vor ihr stand und welche erst seit wenigen Tagen im Stifte war, »das ist der berühmte Herr Mignon, der Busenfreund der Frau Herzogin!« »Ja,« sagte eine andere, »und wenn du nachher vorgestellt wirst, so kommt alles darauf an, ob Mignon ein freundliches Gesicht macht oder ob er dich anbellt!« »Ach, geht mir doch,« erwiderte die Betreffende mit einiger Ängstlichkeit, »das wird doch sehr gleichgültig sein, Hund ist Hund!« »Nein, nein, das wissen wir besser,« flüsterte die Gräfin Haller und setzte hinzu, indem sie sich bemühte, den Ton und die Sprechweise der Frau Herzogin nachzuäffen: Dieses Tier hat Menschenverstand!« »Und wird auch wie ein Mensch behandelt; in dem Zimmer, wo er schläft, brennt ein Nachtlicht.« »Und wenn er unpäßlich ist, wird er in einer Kalesche spazieren gefahren.« »Wobei der Lakai alle Viertelstunde an den Schlag treten muß, um zu sehen, wie sich Herr Mignon befindet und ob derselbe etwas wünscht.« »Dummes Zeug!« »Es ist so, wie wir dir sagen,« versicherte die Haller ernstlich; »doch ruhig jetzt, der Parademarsch beginnt; sieh nur zu,« sagte sie zu der neu Eingetretenen, »wie wir anderen unseren Knicks machen, und wenn die Alte mit dem Finger winkt, so gehe nur dreist auf sie zu und küsse ihr die Hand – gehe mir voraus, damit von dem finsteren Gesichte, welches ich bekomme, kein Schatten auf dich fällt.« – Nach diesen Worten griff sie rasch in die Tasche ihres Kleides, holte die Granatblüte hervor und steckte sie hinter die dichten schwarzen Flechten ihres Haares. Der Vorbeimarsch begann, und wie die jungen Damen paarweise in die Nähe der hohen Protektorin kamen, dann das vorgeschriebene Kompliment machten, so wurden sie von seiten der Betreffenden mit vielen und vortrefflich ausgedrückten Nuancen begrüßt, mit freundlichem und sehr freundlichem Blicke, mit einem huldvollen Lächeln, zuweilen noch verstärkt durch eine gnädige Handbewegung, welcher dann plötzlich bei der Nächstfolgenden eine frostige Miene folgen konnte, ein steifes Kopfnicken, ja sogar ein trockener Husten. Als sich aber die Gräfin Haller sehr frei und ungeniert näherte – es war vor ihr ein weiter Raum dadurch entstanden, daß die Frau Herzogin die neu Eingetretene zu sich herankommen ließ –, da hob sie mit einem Ausdrucke des Erstaunens ihr Lorgnon an die Augen und sagte, zu Frau von Welmer gewendet: »Was ist denn das für ein auffallend koketter Kopfputz bei dieser Gräfin Haller?« »Ja, was ist denn das, Fräulein von Quadde?« fragte die Vorsteherin in höchster Angst. Auch die erste Lehrerin verlor einen Augenblick das Gleichgewicht über die unerhörte Frechheit ihres Lieblings; doch faßte sie sich sehr rasch wieder und erwiderte halblaut, doch so, daß es die Frau Herzogin deutlich hören konnte: »Es ist unglaublich, welche Not man mit dieser Unterlehrerin hat! Diese Stöckel ist in der That nicht zu gebrauchen!« Ihre Hoheit hustete sehr scharf und sehr trocken, brachte dann ihr Schnupftuch an die dünnen Lippen und sagte hierauf zu Mignon, der unruhig und heiser zu bellen anfing: »Ruhig, mein Lieber, wir wollen uns jetzt noch nicht ärgern – und Sie,« wandte sie sich an Frau von Welmer, »sorgen mir dafür, daß diese junge Dame für ihre höchst auffallende Koketterie bestraft werde.« »Spanische Koketterie,« flüsterte die Betreffende lächelnd, indem sie vorüberschritt. Miß Blanda Price beschloß die Reihe ganz allein, da sich Mamsell Stöckel, wie es der Brauch war, und zwar sehr schüchtern und demütig, hinter den Sessel der Frau Herzogin zurückgezogen hatte, wo ihr übrigens die starre Hofdame so freundlich zunickte, als es ihr nur möglich war; und wie denn ein Unglück selten allein kommt, so geschah es der armen Blanda, daß, als sie sich mit einer sehr ruhigen Miene näherte und die vorgeschriebene Verbeugung gemacht hatte, ihr nur locker aufgesteckter Kamm das Gewicht des Haares nicht zu halten vermochte, sondern zugleich mit diesem herabfiel und auf dem glatten Parkett bis dicht vor den Stuhl glitt, auf welchem Mignon ruhte, der nun erschreckt in die Höhe fuhr und unter einem gräßlichen Geheul das Ding vor ihm, welches seine zarten Nerven so in Aufregung gebracht, anstierte. Rasch eilte Mamsell Stöckel hinzu, um den Kamm aufzuheben, kam aber, indem sie sich bückte, unglücklicherweise dem bösen Hunde so nahe, daß er, um sich beißend ihren Oberarm faßte, wo dann auf dem hellen Zeuge des Kattunkleides sogleich eine blutige Spur erschien. Blanda, welche wenige Schritte vor der Herzogin stand, von ihrem dichten aschblonden Haar, welches über ihre Schultern herabwallte, wie von einer Glorie umgeben, erbleichte furchtbar, und ihre starren dunkeln Augen nahmen einen fast geisterhaften Ausdruck an, als sie nun sah, wie die Herzogin den Hund schmeichelnd zur Ruhe wies, ohne auch nur ein Wort des Bedauerns für die arme Unterlehrerin zu haben; doch hatte sich das junge Mädchen hoch aufgerichtet zugleich mit der hohen Dame, welche nun mit einer trockenen, scharfen Stimme sagte: »Da haben wir also wieder einmal diese Miß Price, die zum Dank für alles, was man an ihr thut, so übermütig ist, in einem solchen Karnevalsanzuge mit gelöstem Haar vor uns zu erscheinen, statt bescheiden und demütig, wie es sich doch wahrlich nach den letzten Vorfällen für Sie geziemt hätte. – Haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung zu sagen über Ihr unverantwortliches Benehmen, eine junge Dame, welche in jeder Beziehung hoch über Ihnen steht, wahrhaft mörderisch anzufallen – haben Sie?« »Nein!« sagte Blanda in kurzem, entschiedenem, etwas rauhem Tone. »Pfui, pfui, Sie sollten sich schämen, Ihrer großmütigen Beschützerin, der Gräfin Seefeld, solchen Kummer zu machen. Denn Sie werden sich doch nicht einbilden, daß man derselben Ihre Aufführung nicht meldet?« Blanda zuckte zusammen und ihre Augen füllten sich mit Thränen, ohne sie aber deshalb nur eine Sekunde zu schließen und ohne deshalb ihren starren, unheimlichen Ausdruck zu verlieren. »Auch sollten Sie es nicht dulden,« wandte sich die Protektorin des Damenstifts an Frau von Welmer, »daß das Haar dieser jungen Person in so auffallender Art verwildere; ich will das nicht, nein, ich will das nicht! Es wird überhaupt hier eine Koketterie in den Coiffuren getrieben, die hier, an diesem Orte, mindestens ganz erstaunlich ist – sehen Sie da die Gräfin Haller und die dort im schwarzen Kleide – wie heißt sie doch? – die Waldow mit ihrem schwarzen Schleierzipfel im Haar – ah, Madame,« fuhr die Herzogin fort, wobei ihre Redeweise heftiger wurde, »ich mag das nicht leiden, und es sollte mich betrüben, wenn Sie das nicht zu ändern imstande wären!« »Ew. Hoheit mögen die Gnade haben, meiner unterthänigsten Versicherung zu glauben, daß es an meinen Ermahnungen, sowie an denen des Fräuleins von Quadde nicht fehlt.« »Daß aber gerade die eben genannten, höchst gerechten Ausstellungen Ew. Hoheit dem Leichtsinne jener Unterlehrerin zuzuschreiben sind, deren Name ich schon vorher Ew. Hoheit nennen mußte,« nahm die erste Lehrerin das Wort, »es ist förmlich wie ein Komplott gegen unsere Autorität.« »So ändern Sie das, meine Damen, und was dort Mamsell Price anbelangt, so will ich, daß deren Haar auf anständige Weise und sehr bedeutend verkürzt werde, der guten Sitte wegen und ihr selbst zur Strafe!« »Mein Haar!« sagte das junge Mädchen mit einem schmerzlich klagenden Ausruf, wiederholte aber gleich darauf mit blitzenden Augen in einem ganz anderen Tone: »Mein Haar?« Doch schien die Herzogin diese Worte nicht gehört zu haben, jedenfalls beachtete sie dieselben nicht, sondern sagte wie vorhin, gegen die unglückliche Stöckel gewendet, die mit gefalteten Händen seitwärts vor ihr stand: »So ändern Sie das, Madame, und nehmen Sie Leute, auf die Sie sich verlassen können.« Wie sie so sprach, streckte sie etwas heftig ihre Hand aus gegen das arme Schlachtopfer Quaddescher Bosheit, und mochte nun der teure Hund Mignon dies als eine Aufforderung ansehen, seinen Unwillen ebenfalls auf das eklatanteste an den Tag zu legen; genug, er sprang rasch in die Höhe, drehte sich ein paarmal bellend wie toll im Kreise umher und fuhr alsdann vom Stuhle herab mit unverkennbarem Ingrimme gegen die Füße der armen Unterlehrerin und würde sie sicher auch ein zweites Mal verletzt haben, wenn in diesem Augenblicke Blanda nicht wie ein Blitz dazwischengefahren wäre, gewandt und schnell das Halsband des Hundes ergriffen, ihn kräftig daran emporgerissen, derb geschüttelt und dann weit von sich ab auf den Boden geschleudert hätte. Es geschehen zuweilen, allerdings höchst selten, Dinge vor unseren Augen, die so unerhört sind, daß sie, anstatt bei den Betreffenden einen Ausbruch des Zornes hervorzubringen, dieselben in eine Art von starren, düsteren Erstaunens versetzen, ja, die auf Augenblicke förmlich lähmend wirken wie der Gorgone furchtbar Haupt – so hier das Attentat auf Seine hündische Herrlichkeit. Die Herzogin winkte schrecklich großartig mit dem Haupte, wobei ihre scharfen, jetzt durchdringenden Blicke Blandas Bewegungen folgten, bis diese wieder ruhig auf ihrem früheren Platze stand. Frau von Welmer preßte die Hände vor das Gesicht, und selbst Fräulein von Quadde fühlte eine leichte Erschütterung in ihren Knieen, während dieser Vorfall am eigentümlichsten auf die starre Hofdame zu wirken schien, indem sich auf ihrem Gesichte das konvulsivische Lächeln, dessen wir früher erwähnten, mit einer fast erschreckenden Schärfe ausgeprägt zeigte, wie ein grelles Wetterleuchten hinter knorrigen, entlaubten Baumstämmen, und zeigte dieses Lächeln einen schwachen Wiederhall durch eine beinahe unfreiwillige Bewegung in den Reihen der jungen Damen, ja, bei den mutigsten unter ihnen durch ein beifälliges Murmeln, das sich allein bei der Gräfin Haller zu einem furchtlosen »Bravo« steigerte. Nach dem dritten Kopfnicken sagte die Frau Herzogin endlich: »Es ist da ein böser Geist unter die jungen Damen gefahren, den wir uns bemühen müssen mit aller Schärfe auszutreiben, wenigstens niederzudrücken.« »O, Hoheit, ich kenne diesen bösen Geist!« schluchzte Frau von Welmer, während Fräulein von Quadde mit einem majestätischen Stirnrunzeln in einem Tone sagte, so dumpf und hohl, als brause der Nachtwind auf öder Heide beim Hochgerichte vorüber: »Austreiben – austreiben!« »Zuerst aber kräftig niederdrücken zum Wohl der Menschheit,« meinten Ihre Hoheit, »und nicht nur an der einen da; es sind, wie mir scheint, mehrere unter den jungen Damen, die ein sehr ernstes Wort verdienen. Wer ließ dort soeben ein wahrhaft revolutionäres Bravo ertönen?« »Das war ich, Hoheit,« sprach die Gräfin Haller, indem sie rasch vortrat und dicht neben Blanda hin; »ich sagte Bravo, weil es mich freute, daß der Hund daran verhindert wurde, zum zweitenmal die arme, unschuldige Mamsell Stöckel zu beißen – unschuldig an meiner koketten Coiffure und noch unschuldiger daran, daß der Kamm der armen Blanda auf den Boden fiel!« »Ah, die Gräfin Haller!« sagte die Herzogin mit einem nichts weniger als freundlichen Blicke; »fast ebenso strafbar in ihrer Aufführung, da wir hier eine gute Erziehung voraussetzen können, nicht wie bei der anderen – und, wie ich sehe,« setzte sie nach einer Pause mit erhobenem Augenglase hinzu, »voller Widersetzlichkeiten, denn dort in ihrem Haar prangt noch immer die rote Blume! Es könnte auch dieser jungen Dame nicht schaden, wenn wir ihr zur Strafe das Haar ein wenig kürzten, und ich will Ihnen darüber meinen Willen kund thun, Frau von Welmer!« »Mit dir das gleiche Schicksal, Blanda – wie mich das freut!« sagte Klothilde, indem sie, ohne sich im geringsten zu genieren, ihren Arm um den Hals der heißgeliebten Freundin schlang und sie alsdann hinter die Reihen der übrigen führte. Eine Handbewegung der Frau Herzogin befahl, daß sich sämtliche junge Damen zurückziehen sollten, ein Befehl, dem augenblicklich Folge geleistet wurde, und zwar unter Vorantritt des Fräuleins von Quadde, die sich mit den Pensionärinnen in den Arbeitssaal begab und ihnen dort eine solche Rede hielt, ihnen samt und sonders so furchtbare Strafen androhte, Entziehung der Spaziergänge außerhalb des Gartens, Verbot jedes Besuches im elterlichen Hause oder bei befreundeten Familien, Strafarbeiten jeder Art und, wenn auch alles das nicht helfen sollte, Einzelhaft im dunkeln Zimmer. Doch war alles das, was sie mit einer unglaublichen Modulation ihrer Stimme sagte, meistens aber wie aus einem tiefen Keller heraus, heute nicht dazu gemacht, die aufgeregten Gemüter der jungen Damen zu beruhigen, und es hätte nur eines zündenden Wortes, einer laut ausgesprochenen Bemerkung bedurft, um den Unmut gegen die verhaßte erste Lehrerin zu einem Tumulte hell auflodern zu lassen, und mehr als ein Blick wandte sich fragend an die Gräfin Haller. Doch hatte diese Blanda in eine Ecke gezogen und sprach tröstend in sie hinein, ohne sich im geringsten um die Rede des Fräuleins von Quadde zu bekümmern. Nur als man jetzt drunten das Geräusch der davonrollenden Wagen hörte, horchte Klothilde auf und sagte nach einer Pause mit einem zornigen Blicke auf die erste Lehrerin: »Sei nur ruhig, mein Herz, wenn sie es wirklich wagen, unser Haar zu berühren, vor allem das deinige, so soll es der da teuer zu stehen kommen!« 30. Kapitel In welchem ein Opfer fällt und die Verschwörung bis zum »Bund der Rache« wächst. Gräfin Haller treibt Gefühlsaustausch sehr gefährlicher Art und macht Fortschritte in der Lehre der Telegraphie. Nach dem im vorigen Kapitel geschilderten Vorfalle herrschte unter den jungen Damen des adligen Stifts eine dumpfe Gärung, die sich von Tag zu Tag vermehrte, indem alle von Fräulein von Quadde angedrohten Strafen in richtiger Wechselwirkung und auf einen scharfen schriftlichen Befehl der hohen Protektorin pünktlich in Erfüllung gebracht wurden. Ja, es war dafür gesorgt worden, daß für alle die, deren Führungsliste mit schlechten Noten versehen war, Briefe der betreffenden Eltern oder sonstigen Angehörigen einliefen, worin die heilsamen Maßregeln der hochgeachteten Vorsteherin aufs entschiedenste gebilligt wurden, Briefe, zwischen deren Zeilen man lesen konnte, daß man vollkommen überzeugt sei von der Zweckmäßigkeit jener Maßregeln gegen die böse Rotte jugendlicher Verbrecherinnen. Daß die Gräfin Haller dabei nicht zu kurz kam, brauchen wir kaum zu erwähnen, und wohl am wenigsten unverdient; hatte sie es doch durch trotziges Betragen und Widersetzlichkeit zuerst zu einem Tage Dunkelarrest gebracht, sowie auch dazu, daß sie von Fräulein von Quadde fast mit demselben Abscheu betrachtet wurde, wie die weit unschuldigere Blanda! Diese erhielt allerdings keine Briefe von Angehörigen, hatte ja auch nie dergleichen erhalten, und das war es wohl, was sie am tiefsten schmerzte: denn wenn sich auch die Gräfin ihrer Erziehung und Ausbildung angenommen hatte, so war das Interesse derselben doch nie so weit gegangen, um ihr hier und da durch ein paar liebevolle Zeilen einen wirklichen frohen Augenblick zu machen. Alles, was für sie geschah, ging durch die Hände des Herrn Renaud, des Sekretärs des alten Grafen Seefeld, der sich auch ein einziges Mal während Blandas Aufenthalt im Damenstifte persönlich nach ihr erkundigte. Doch war gerade die Unterredung mit diesem Geschäftsmanne in seiner glatten, kalten, teilnahmlosen Weise gegen sie Ursache gewesen, daß sie alles, was für sie geschah, mit einem schmerzlichen, ja mit einem bitteren Gefühle hinnahm und sie fast unwillkürlich zwang, mit einer sehnsuchtsvollen Wehmut an ihre früheren ärmlichen, kummervollen Verhältnisse zu denken, an ihr freies Leben in Wald und Feld und in Gemeinschaft mit Menschen, die dem kleinen Mädchen durch jedes Wort, durch jede Miene die unbegrenzteste Liebe und Verehrung an den Tag legten. Daß man ihrer Wohlthäterin, der Gräfin Seefeld, ihre Aufführung in den schwärzesten Farben geschildert hatte, davon war sie ebensosehr überzeugt, als daß Herr Renaud nichts thun würde, um der Gräfin diese Berichte in schonender Weise für sie vorzutragen. Mamsell Stöckel war allerdings noch im Hause, wurde aber bis zum Ablauf ihres Termines nur zu untergeordneten Geschäften verwandt und hatte mit Beaufsichtigung der jungen Damen in den Schlafzimmern oder den Arbeitssälen nichts mehr zu thun. Dieses Geschäft besorgte Fräulein von Quadde selbst und führte auch hier ihr Regiment mit eiserner Strenge. Da konnte keine Rede mehr sein von dem früheren harmlosen Lachen und Plaudern während der Arbeitsstunden, und noch weniger von jenen kindlichen, oft kindischen Unterhaltungen zur Zeit des Schlafengehens. Mit dem Schlage der Uhr mußten die Pensionärinnen jetzt ihr Lager aufsuchen, und nachdem die erste Lehrerin eigenhändig die Lichter ausgelöscht, war jeder Scherz, jedes Geplauder bei Strafe verboten. Daß mit wenigen Ausnahmen alle jungen Damen der höheren Klassen geduldig und gleichmäßig, ohne Murren und Klagen, unter dieser verschärften Zucht litten, müssen wir zur Ehre derselben sagen; doch gab es allerdings auch Ausnahmen, die sich bei der ersten Lehrerin dadurch verdient zu machen suchten, daß sie jede Übertretung der verschärften Vorschriften hinterbrachten und so die erste Lehrerin häufig veranlaßten, später, nachdem die Lichter in den Schlafsälen längst gelöscht waren, plötzlich noch einmal zu erscheinen, um kleine Unordnungen, als Plaudern und Lachen, sowie ein Wiederanzünden der Lichter, aufs strengste zu rügen oder zu bestrafen. Begreiflich ist es, daß durch alles dies der einmal entstandene Unmut in den Herzen der lebhaften jungen Mädchen stets wieder neue Nahrung erhielt, sich zu einem bedenklichen Hasse gegen ihre Quälerin steigerte und beinahe seinen Gipfelpunkt erreicht hatte, als, nachdem schon acht Tage seit dem Besuche der hohen Protektorin verflossen waren, die Kürzung von Blandas schönem Haar, und zwar in Gegenwart der jungen Damen ihrer Klasse, mit der Feierlichkeit einer Exekution vor sich ging, wobei selbst der Henker, in Gestalt des Hoffriseurs, tiefes Mitleid mit dem armen Schlachtopfer menschlicher Grausamkeit an den Tag legte und mit einem tiefen Seufzer eine der schweren Locken um die andere abschnitt und vor sich hinlegte. Sämtliche junge Damen zeigten sich so tief erschüttert, als wenn sie einer wirklichen Hinrichtung beigewohnt hätten, mit alleiniger Ausnahme der Betreffenden selbst, die, sobald der Augenblick wirklich gekommen war, eine bewunderungswürdige Fassung zeigte und, obgleich etwas bleich, doch lächelnd um sich schaute und nachher versicherte, es sei ihr so wohlthätig leicht um den Kopf wie noch nie, und wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte, wie schwer sie an ihrem Haar tragen müsse, so würde sie es schon früher haben abschneiden lassen. Ganz außer sich dagegen war die Gräfin Haller, und so oft der scharfe Schnitt der Schere eine Partie des prächtigen blonden Haares ihrer heiß geliebten Freundin abtrennte, stürzten reiche Thränenströme aus ihren Augen, und obgleich sie ihre Lippen fest zusammenpreßte, vernahm man doch jedesmal einen sich immer mehr verstärkenden schmerzlichen Ausruf tiefen Leides, bis sie endlich, ehe noch alles vorüber war, mit einem lauten Aufschrei besinnungslos in die Arme der Umstehenden sank. Man war sehr besorgt um sie, brachte sie sogleich zu Bette und fürchtete, daß sie in eine schwere Krankheit verfalle. Doch so heftig die momentanen Eindrücke bei dem so leicht empfänglichen und leicht reizbaren Gemüte dieses jungen Mädchens zu sein pflegten, so rasch verschwanden sie auch wieder, um irgend einer anderen Erregtheit Platz zu machen, welche diesmal darin bestand, daß Klothilde, sobald sie wieder wohl war, allen Ernstes verlangte, man solle auch ihr Haar abschneiden, und zwar nach den Befehlen der Frau Herzogin, die ihr vor allen jungen Damen damit gedroht, worauf sie in ihrer übermütigen Laune hinzusetzte: »Und damit wir beide, Blanda und ich, auch äußerlich durch etwas ausgezeichnet sind.« Bei fast sämtlichen von den älteren jungen Damen hatte die gegen Blanda begangene rücksichtslose Grausamkeit weniger einen heilsamen Schrecken verbreitet, wie man geglaubt, als vielmehr die schon bestehende Erbitterung gesteigert, welche sich hauptsächlich gegen Fräulein von Quadde richtete, von der man wußte, daß sie es war, welche die gutmütigere Direktorin dazu veranlaßt hatte, den Befehl der Frau Herzogin in betreff Blandas endlich auszuführen. Ja, die jungen Damen hatten es sehr gut bemerkt, mit welch wohlgefälliger Miene sie jene Exekution geleitet, und hatten es nicht vergessen, daß sie am Schlusse sehr bestimmt gesagt, so könne es noch mancher von den übrigen ergehen, welche durch Trotz, ja durch Widersetzlichkeit fortwährend Ursache zu Klagen gäben. Und wenn man bis zu jener Scene seinem Hasse gegen die erste Lehrerin durch häufig und plötzlich ausbrechenden lärmenden Mutwillen einer ganzen Klasse oder der sämtlichen Bewohnerinnen eines Schlafzimmers hier und da auf ungefährliche Weise Luft gemacht hatte, so änderten die Betreffenden jetzt ihr Betragen insofern, als sie auf Verabredung alles vermieden, was zu einer Klage gegen sie hätte Veranlassung geben können, wobei sie aber wiederum ungeniert alles thaten, um durch einen bösen Blick oder ein schneidendes Wort ihren Haß gegen die erste Lehrerin an den Tag zu legen. Aus der stillschweigenden Empörung war ein Komplott geworden, dessen Seele die Gräfin Haller war, und die dabei aufs eifrigste unterstützt wurde von einigen fast gleich lebhaften Damen des Stifts, während sich die Masse der übrigen, wie das in ähnlichen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt, mit fortreißen ließ, und zwar unter steter Wiederholung der ganz unnötigen Härte, sowie der schreienden Ungerechtigkeit, mit der sie von der ersten Lehrerin behandelt würden, sie, junge Damen aus den besten und reichsten Familien, die mit noch größerem Rechte als der französische König sein bekanntes Wort » l'état c'est moi « hier sagen konnten: das Damenstift sind wir – und es hätte unfehlbar geschlossen werden müssen, ja, die Direktorin und auch die Quadde wären vielleicht vor Kummer ins Wasser gesprungen, wenn sämtliche junge Damen es bei ihren Eltern durchgesetzt hätten, aus der Anstalt zurückgenommen zu werden, was aber seine Schwierigkeiten hatte, wie man verschiedenen unter ihnen auf schüchterne Anfragen unverhohlen zu verstehen gegeben hatte. »Deshalb müssen wir uns selbst Recht verschaffen,« sagte Gräfin Klothilde Haller, und um die Verschwörung für die lebhafte Phantasie der jungen Damen recht anziehend zu machen, hatte Klothilde einen geheimen Bund der Rache gestiftet, in welchen man nur nach einem furchtbaren Schwur aufgenommen wurde, der so strenge Vorschriften und Gesetze hatte, auch eine eigene Sprache durch Worte und geheimnisvolle Zeichen, zu deren Erlernung und Vervollkommnung sich die Pensionärinnen leider viel mehr Mühe gaben als beim Studium der französischen oder englischen Sprache. Aber zu ihrem Zwecke war dieser Geheimbund mit seiner Gaunersprache von großer Wichtigkeit; denn es gab allerdings perfide Seelen unter ihnen, die alles, was sie erlauschen konnten, der ersten Lehrerin hinterbrachten, und wenn diese auch nicht zu erfahren vermochte, welchen Zweck man eigentlich verfolge, so fühlte sie wohl den Haß der jungen Damen gegen sich und vergalt ihn aufs reichlichste und vorderhand mit besserem Erfolge. Der Zweck der ganzen Verschwörung ging dahin, Fräulein von Quadde aus dem Damenstift zu entfernen, und hier war es Blanda, welche wie gewöhnlich mit ruhiger Überlegung zum Vernünftigeren riet und die Gräfin Haller veranlaßte, statt des ursprünglich gefaßten, sehr gewaltthätigen Planes, den wir später erfahren werden, zuerst den Versuch zu machen, durch eine Deputation der jungen Mädchen bei der Direktorin ihren unbezwinglichen Haß gegen Fräulein von Quadde auszusprechen und um deren Entfernung zu bitten. »Das ist allerdings ein Vorschlag, der sich hören läßt,« sagte Klothilde, »und werde ich bei dieser Deputation die Sprecherin sein.« Blanda schüttelte ihren Kopf, indem sie sagte: »Das möchte ich widerraten, denn ich fürchte, daß du dich von deiner Heftigkeit fortreißen läßt, Worte zu sprechen, die von vornherein alles verderben müßten.« »Wer von den anderen würde den Mut dazu haben, Blanda? O, du kennst sie ja alle so gut wie ich! Nicht einmal bis zur Thüre des Zimmers würden sie ohne uns gehen, geschweige denn ein freies Wort vor der Direktorin zu sagen wagen! Und entscheiden muß sich etwas, so oder so,« rief sie heftig aus, »denn ich habe es satt, daß wir wie Gefangene stundenlang hinter den hohen Mauern des Gartens hin und her getrieben werden! Und trotzdem,« setzte sie flüsternd hinzu, »habe ich dir heute nacht viel, viel mitzuteilen – doch jetzt rate mir, wer soll vor der Direktorin reden?« »Das würde ich selbst übernehmen,« erwiderte Blanda mit großer Ruhe. »Du, mein Herz,« rief Klothilde verwundert, »du, meine arme, still duldende Genoveva, du, mit deiner Bescheidenheit, deiner Ruhe?« »Ich, mit meiner Bescheidenheit, meiner Ruhe, und gerade deshalb! Mich schüchtert weder die hochmütige Art ein, mit der mich Frau von Welmer seit kurzem behandelt, und noch viel weniger die feindseligen Blicke des Fräuleins Quadde und ihre barschen Worte. Auch habe ich,« setzte sie mit einem traurigen Lächeln hinzu, »von euch allen am wenigsten zu wagen, was ich ganz genau weiß.« »Ja, ja, ich habe es schon längst gefühlt, wie feindselig man dich behandelt; aber gerade deshalb wäre es Sünde, dich dem Wolf in den Rachen zu jagen. Nein, nein, ich will sprechen – ich will,« rief Klothilde mit großer Entschiedenheit, »oder ich mache eine Kabinettsfrage daraus, wie Papa zu sagen pflegt!« »Sei doch gescheit, Klothilde, und spare deinen Mut und deine Energie für eine andere Gelegenheit, die gewiß kommen wird, denn, aufrichtig gesagt, ich verspreche mir nicht viel von unserer Unterredung mit Frau von Welmer, doch muß der Versuch gemacht werden, ehe ...« »Ehe wir anders handeln.« »Ganz richtig, ehe wir anders handeln, und wenn es dann dazu kommt, so lasse ich dir den Vortritt. Thue alsdann streng nach deiner Anordnung, und auch da wirst du mit meiner Energie und mit meinem Mute zufrieden sein.« »Daran habe ich nie gezweifelt und es zweifelt niemand daran, mein Herz, auch die Quadde nicht, wie ich neulich ganz unter der Hand erfahren; es war bei der Direktorin die Rede von uns beiden, und da sagte die Quadde von mir, ich sei wie ein unschädliches Pulverfeuer, das flamme allerdings heftig auf, verpuffe aber im nächsten Augenblicke ohne alle Gefahr – o, sie kennt mich nicht!« »Und was sagte sie von mir?« »Nun – von dir – sagte sie ...« »Sei ehrlich, Klothilde!« »Gewiß, mein Herz, obgleich es mir weh thut, ihre Worte zu wiederholen – sie sagte, es sei die höchste Zeit, dich aus dem Stift zu entfernen, sie hielte dich zu allem fähig.« Ein eigentümlicher Blitz leuchtete in den Augen Blandas, während sie die Zähne aufeinander biß, langsam mit der Hand über ihr kurzes, lockiges Haar fuhr und dann sagte: »Nun, bei dieser Meinung, die sie doch einmal von mir hat, schadet es nichts, wenn sie mich auch an der Spitze derer sieht, die gekommen sind, die Entfernung des Fräuleins Quadde zu verlangen; das geht dann in einem hin, und sie treiben mich noch rascher fort, als sonst geschehen würde.« »Sie sollen dich aber nicht forttreiben!« rief Klothilde heftig. »Wir wollen alle, daß du bleibst, wenigstens die meisten wollen es, und wenn du doch gehen müßtest, so gehe ich mit dir, darauf kannst du dich verlassen!« »Aber wohin, Klothilde?« »Nun, wohin du selbst gehst!« »Weiß ich doch wahrlich nicht, wohin ich in dem Falle gehen müßte!« sagte Blanda mit einem kurzen, harten Lächeln und setzte dann mit weicher Stimme hinzu: »Und doch habe ich so unendlich viel Platz, wohin ich gehen kann, so weit der Himmel blau ist und so weit nachts die Sterne funkeln; ach, und sie glänzen so schön, wenn man nichts über sich hat als den Himmel selbst!« »Hast du das schon erlebt? Ach, das muß schön sein!« »O, ich habe das oft, sehr oft erlebt! So glaube ich wenigstens, vielleicht aber hat es mir auch nur geträumt von herrlichen Frühlings- und Sommernächten, wenn Gras und Blumen duften, wenn die Leuchtkäfer so geheimnisvoll auf den Rasen und in den Büschen schimmern, schöner als die schönsten Brillanten; wenn dann weitab die stillen Feuer lodern und einer zur Mandoline singt – ach, das waren schöne Träume, wenn man aufwärts blickte an den dunkeln Nachthimmel und droben dem geharnischten Manne, dem Orion, zuschaute, wie er mit seinem Schwerte nach Süden weist!« »Das hast du geträumt oder erlebt?« ,Vielleicht beides; und dabei denke ich so gern an eine wilde Nacht, wo ich mit meinen tollen kleinen Pferden über das Feld fuhr und wo ich immer nach dem sehen mußte, der die Pferde lenkte.« »Siehst du, Närrchen, du hast auch deine kleinen Geheimnisse,« sagte die Gräfin Haller, die, sich an ihre Freundin schmiegend, aufmerksam zugelauscht hatte; »nur bist du so erschrecklich verschwiegen! Wer war denn der, welcher die Pferde an deiner Seite lenkte?« »Er sah aus wie ein Jäger, und war es auch vielleicht.« »Und wo blieb er zuletzt?« »Er verschwand in der Nacht, als wir all das schöne Getümmel hinter uns hatten.« »Welches Getümmel?« »O, es war sehr arg und doch schön! Reiter, die dahersprengten in hellen Mänteln mit blanken Säbeln, andere, die schossen, und dann fuhren Kanonen an uns vorüber mit einem Spektakel, der das Herz so angenehm erbeben machte!« »Das war ja wie im Kriege.« »Nein, im Kriege bleiben die Menschen tot, aber hier geschah keinem ein Leides, und deshalb war es auch so herrlich, mit anzusehen, wie alles drunter und drüber ging, und zu hören, wie die Hörner klangen und wie die Schüsse krachten!« »Ach, ein Feldmanöver?« »So etwas; ich werde es nie vergessen,« sagte Blanda, träumerisch vor sich niederblickend; »besonders nicht, als einmal eine Reihe Kanonen an uns vorüberrasselte und unseren kleinen Wagen beinahe überfahren hätte; aber, Gott sei Dank, es ging gut! Doch so oft ich heute noch die Geschütze umherfahren sehe, so denke ich daran, wie prächtig mir damals die nächtlichen dunkeln Gestalten auf ihren schnaubenden Pferden erschienen und wie die Kanonen so dumpf dröhnten, als sie dicht an uns vorüberfuhren!« »Ach, deshalb bliebst du auch neulich wie festgebannt stehen, als die Artillerie an uns vorüberfuhr, was dir einen tüchtigen Verweis von der Quadde eintrug!« »Ja, deshalb blieb ich stehen; aber ich hatte noch eine andere Ursache, denn es war mir gerade, als hätte ich in einem der Reiter den jungen Jäger wiedererkannt, der damals in der Nacht meine Pferde führte.« »Ei, mein Herz, das wäre allerliebst und gerade so, wie man in den schönen Büchern liest – davon hast du mir nie etwas erzählt! Wie fällt dir das jetzt auf einmal wieder ein?« »Weil mir jener Jäger damals und auch später, als ich ihn wiedersah, wie ein guter Freund erschien.« »So, du hast ihn wiedergesehen?« »Ja, aber es war trauriger: ich erzähle dir das später einmal – jetzt sage ich es nur flüchtig, weil ich fast glaube, daß ich in kurzem den Rat eines guten Freundes gebrauchen kann.« »Mache dir keine Grillen, Blanda, sie werden sich schon hüten, dich von hier weg und nach Hause zu schicken!« »Nach Hause – wo bin ich zu Hause?« »Oder zur Gräfin Seefeld; man hat mir auch schon mit Aehnlichem gedroht.« »Wird sich aber bei mir nicht scheuen, Wort zu halten.« »Pah, die Gräfin Seefeld wird für dich eintreten!« »Vielleicht auch nicht, da man nicht ermangeln wird, mich als ein böses Geschöpf, als verdorben und undankbar zu schildern; denke doch daran, was Fräulein von Quadde über mich gesagt!« »Ah, dem muß man zuvorkommen! Glaubst du denn, Närrchen, daß man über mich Besseres nach Hause berichtet? Aber ich habe dagegen einen sehr ausführlichen Brief geschrieben und ihn glücklich hinausspediert; das mußt du ebenso machen.« »An wen sollte ich schreiben?« »An die Gräfin Seefeld.« »Weiß ich doch nicht einmal genau, wohin ich den Brief zu richten hätte, und wenn er wirklich abginge und auch in ihr Haus käme, so fürchte ich doch – nein, ich bin davon überzeugt, daß er dort in die Hände von jemand fiele, der ihn gar nicht vor die Gräfin kommen ließe.« »Das wäre abscheulich, das wäre ja Betrug, Unterschlagung – aber versuche es, schreibe immerhin!« »Ich habe kein Recht dazu, ich bin weder Tochter der Gräfin Seefeld noch ihre Anverwandte!« »Aber wer bist du denn?« »Das weiß ich selbst nicht!« »So will ich dir's sagen,« rief Klothilde in herzlichem Tone, indem sie ihren Arm um Blandas Hals schlang; »du bist ein liebes, gutes Mädchen! Du bist mein kleines Herz und meine Seele, und wenn sie uns beide fortschicken, so gehst du mit mir nach Hause, denn ich lasse dich nicht, das schwöre ich dir zu! – Aber bei allem dem,« fuhr sie nach einer Pause mit einem leichten, etwas koketten Seufzer fort, »bist du doch viel glücklicher als ich mit dem, was du mir da von dem jungen, hübschen Jäger erzählt hast!« »Habe ich gesagt, daß er jung und hübsch war?« »Nein, nein, aber es ist das nicht anders möglich! O, ich bitte dich, Blanda, laß ihn jung und hübsch sein, es ist das ein so reizendes Abenteuer und für dich so glücklich! Er saß an deiner Seite, e« sprach mit dir, du nahmst einen gewiß herzlichen Abschied von ihm, während ich ...« »Nun, während du?« »Ach, während ich mich nur aus sehr weiter Entfernung für ihn interessieren kann!« »Ah, für deinen verkleideten Prinzen auf der Festung droben?« Sie nickte mit dem Kopfe und sagte dann mit leiserer Stimme: »Und doch ist ein kleiner Schritt weiter geschehen!« »Nimm dich in acht, Klothilde, du erschreckst mich! Ich meine auch, du hättest Ursache, gerade im gegenwärtigen Augenblicke mit doppelter Vorsicht zu Werke zu gehen!« »Und ich sage dir, ängstliches Närrchen, es ist vollkommen rührend, wie ich vorsichtig bin und wie zart er sich mir zu nähern wußte!« »Er selbst – das hätte er gewagt?« »Ach, nicht doch; nur durch ein geschriebenes Blatt, wie solche Geschichten beständig auf ganz richtige Art anzufangen pflegen und wie es in allen guten und lehrreichen Büchern über diesen Gegenstand heißt. Neulich gingen wir im Garten spazieren, es lag ein wenig Schnee auf dem Boden vom Tage vorher; denn der Himmel war wieder goldig klar geworden, und zu ihm hinauf blickte ich, auch zuweilen auf das Festungswerk droben schauend, von dem man noch eine kleine Spur über unsere langweilige Mauer entdecken kann, und da dachte ich, wie sehnsuchtsvoll er jetzt droben wohl stehen würde und sich, wie im Märchen, einen geflügelten Drachen wünschen oder einen Luftballon, um irgend ein Zeichen seiner Zuneigung auf mich herabflattern zu lassen, wobei ich dann zuletzt an eine solch reizende Botschaft auch auf natürlichem Wege dachte und dabei ganz zufällig auf dem Boden spähte und mit meinem scharfen Blicke nach wenigen Schritten links an unserem Wege etwas bemerkte, was genau so aussah wie ein Papier, das um einen Stein herumgewickelt war. Doch wie es erlangen, da die Quadde beständig neben uns her spazierte, auf drei Schritte Distanz, mit ihren schärfsten Brillen bewaffnet. Dreimal spazierten wir so an der verhängnisvollen Stelle vorüber, ohne daß es mir möglich war, mich dem Papier zu nähern, ohne auffallend zu werden, bis endlich beim viertenmal eine dichte Schar lärmender Krähen über den Garten dahinzog und alle veranlaßte, nicht nur in die Höhe zu sehen, sondern auch weiter in den Garten hineinzugehen, um ihnen nachzuschauen, wobei es sich glücklich traf, daß ich mit meinem Fuße dicht neben das Papier treten und dann, ohne Aufsehen zu erregen, mein Taschentuch darüber fallen lassen konnte – hier ist es, lies, Blanda, lies!« Und Blanda las, was auf dem kleinen Papier geschrieben stand: »Wir träumten voneinander Und sind davon erwacht, Wir leben, um uns zu lieben, Und sinken zurück in die Nacht. Du tratst aus meinem Traume, Aus deinem trat ich hervor, Wir sterben, wenn sich eines Im andern ganz verlor. Auf einer Lilie zittern Zwei Tropfen, rein und rund, Zerfließen in eins und rollen Hinab in des Kelches Grund.« »Nun was denkst du darüber, Blanda?« »Sage mir zuerst, was du darüber gedacht hast.« »Ich erschrak doch ein klein wenig darüber und mußte gestehen, es war bei allem dem ein wenig keck, solche Verse zu schreiben, und um ihm dies zu sagen, antwortete ich mit ein paar anderen Versen, die ihm deutlich zu verstehen geben sollen, daß man doch nicht so rasch zu Werke geht und was von Träumen eigentlich zu halten ist; übrigens ein paar Verse, die sehr im allgemeinen gehalten sind, eigentlich auf nichts eingehen und besonders am Schlusse sehr hoffnungslos klingen, was ich für nötig fand, ihm auszudrücken: es ist das Gedicht von Heine: Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt' es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feindlich Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten sich endlich und sah'n sich Nur noch zuweilen im Traum, Sie waren längst gestorben Und wußten es selber kaum.« »Nun, etwas sagst du ihm doch darin!« meinte Blanda lächelnd. »Aber nur im Anfange und ganz im allgemeinen,« versetzte Klothilde sehr ernsthaft, »wogegen das: Sie trennten sich endlich und sah'n sich Nur noch zuweilen im Traum – ihm doch deutlich genug sagt, daß es nicht so leicht sei, meine Liebe zu erringen.« »Und das hast du ihm gesandt?« »Ja, auf die gleiche Weise und um denselben Stein gewickelt, warf ich es an der Seite über die Mauer, wo er sein Gedicht wahrscheinlich hereingeworfen – und er hat es gefunden und gelesen.« »Und woher weißt du das?« »Ich sah ihn ein paar Tage nachher droben auf der kleinen Festung, wie er die Arme dreimal nacheinander in die Höhe hob und die Hände an seine Augen legte, dann gegen das Herz drückte. Das heißt doch deutlich: er dankt dem Himmel für die erhaltene Antwort, er hat sie mit den Augen gelesen und in sein Herz aufgenommen. Weißt du auch wohl,« fuhr sie nach einer längeren Pause fort, während Blanda gedankenvoll vor sich niederblickte, »daß ich immer denke, es könnte bei den gegenwärtigen Verhältnissen für uns von großem Nutzen sein, draußen einen Ritter zu wissen – wenn ich mich dieses poetischen Ausdruckes bedienen darf –, der bereit ist, für seine Dame jedes Wagestück zu unternehmen? Ich habe schon daran gedacht, ihn aufzufordern, die Quadde, wenn sie an einem Abende wieder ausgeht, zu entführen und droben bei Wasser und Brot in einem der Turme einzuschließen; wenn er sie nur drei Tage festhielte bei Wasser und Brot, so könnte sie sich bei uns nicht mehr mit Ehren sehen lassen.« »Du hast ganz merkwürdige Ideen,« sagte Blanda lächelnd, »aber schwer auszuführen, und man würde wenig damit erreichen. So gefällt mir auch, ehrlich gesagt, der Gedanke nicht, mit der Frau von Welmer förmlich zu unterhandeln, und es würde auch nichts dabei herauskommen; ich wäre sogleich für das andere gewesen.« »Das bleibt uns immer noch und ist gut vorbereitet.« »Hoffentlich!« gab Blanda in einem dumpfen Tone zur Antwort, während sie dabei, wie zur Erleichterung, heftig den Atem von sich stieß. »Aber wir versuchen es doch mit der Deputation?« »Wenn ihr denn nun einmal wollt, ja; aber unter der Bedingung, daß ich vor Frau von Welmer rede!« 31. Kapitel Besprechungen sehr unangenehmer Art über Blanda in Gegenwart eines fremden Herrn werden unterbrochen durch eine Deputation, welche zum Ausbruche der Empörung führt. Die Direktorin des adligen Damenstifts hatte Besuch bei sich, und zwar den Besuch eines fein, ja elegant gekleideten Mannes, der vor ihr saß und sie aufmerksam anhörte, wobei er nur zuweilen sein glattes, ruhig lächelndes Gesicht gegen Fräulein von Quadde erhob, die in dem ziemlich großen Gemache mit hastigen Schritten eine Kometenbahn beschrieb und, so oft sie dabei in die Nähe der Frau von Welmer und jenes Herrn kam, ein mehr oder minder leidenschaftliches Wort in die Unterhaltung warf. So sagte jetzt die Direktorin: »Sie können sich denken, mein verehrter Herr Renaud, daß wir aus Rücksicht gegen eine so vortreffliche und liebenswürdige Dame, wie die Gräfin Seefeld ist, alles anwandten, um mit Güte und Milde auf das etwas verwilderte Gemüt dieses jungen Mädchens einzuwirken.« »Ohne allen und jeden glücklichen Erfolg!« schnaubte die erste Lehrerin im Vorübersausen, worauf der Sekretär des Herrn Grafen Christian Kurt still vor sich hinlächelte. »Und wenn es nur allein das gewesen wäre,« fuhr Frau von Welmer fort, »daß unsere so vortreffliche Erziehungs- und Lehrmethode an diesen harten Steinen beständig ohnmächtig abglitt! Aber es begab sich viel Schlimmeres, und es hat dieses früher gewiß sehr verwahrloste Geschöpf ...« »Ein ganz richtiger Ausdruck!« lächelte Herr Renaud. »Aufs nachteiligste gegenüber den anderen jungen Damen gewirkt.« »So verderblich,« warf Fräulein von Quadde mit dem schrillen Tone einer Wetterfahne dazwischen, »daß sich jetzt das ganze Damenstift in einer förmlichen Rebellion befindet!« »Unerhört, meine Damen!« »Allerdings unerhört!« vernahm man jetzt die Quadde aus der Ecke des Gemachs, wohin sie gesaust war. »Und deshalb, mein verehrter Herr Renaud, können wir uns, so leid es uns auch thut, nicht dazu entschließen, jenes ...« Hier schwieg Frau von Welmer achselzuckend einen Augenblick, und erst als Herr Renaud sie freundlich ersuchte, sich durchaus nicht zu genieren, vollendete die Dame ihren Satz durch die heftig hervorgestoßenen Worte: »jenes widerspenstige, verdorbene Geschöpf noch länger in der Gesellschaft von Töchtern aus den angesehensten Familien des Landes zu lassen! In der That, ich bedaure das mit Rücksicht auf die verehrte Gräfin Seefeld, und es thut mir leid, daß in dieser Richtung Ihr Besuch kein günstiges Resultat haben kann.« Herr Renaud hatte bei diesen Worten so freundlich vor sich hingelächelt, daß Frau von Welmer nicht umhin konnte, einen verwunderungsvollen Blick mit ihrer vorüberstürmenden ersten Lehrerin zu wechseln, einen Blick, der sich aber in den Ausdruck höchster Befriedigung verwandelte, als der Sekretär des Grafen nun sagte: »Weit entfernt, mit Ihrer vorhin gethanen Aeußerung unzufrieden zu sein, stimme ich für meine Person derselben nicht nur vollkommen bei, sondern bin auch von der Gräfin Seefeld beauftragt, Ihnen deren ganz gleiche Meinung auszudrücken – war das auch anders möglich, nachdem wir Ihr so klares, allerdings strenges und ernstes, aber dabei gewiß liebevoll unparteiisches Schreiben gelesen und beraten? Gewiß nicht! Man würde Ihnen, verehrte Frau, auch vollkommen alles ganz allein überlassen haben, wenn ich nicht zufällig hier zu thun gehabt hätte und deshalb beauftragt wurde, Ihnen persönlich den Dank der Frau Gräfin zu bringen und zugleich im allgemeinen über das Weitere zu reden.« »Gott lohne Ihrer Erlaucht diese Einsicht und diese Gerechtigkeit!« »Wobei Sie uns vielleicht eine indiskrete Frage erlauben?« hörte man die Quadde fragen, während sie herbeischoß. »Mit großem Vergnügen!« »Ist dieses Mädchen in irgend welcher Weise, sei es noch so weitläufig, mit dem gräflich Seefeldschen Hause verwandt?« »Gott sei Dank – nein!« »A–a–a–ah, wie mir das die Brust erleichtert!« hörte man die Direktorin sagen. »Wahrscheinlich aber sind ihre Eltern auf irgend eine Weise mit jenem erlauchten Hause eng befreundet?« fragte die Quadde in einem Tone, daß es klang, als spräche sie vorsichtig aus einer Thürspalte heraus. »Eltern?« sagte Herr Renaud mit einem nicht zu verkennenden Achselzucken. »Es ist das ein sehr schöner, ehrwürdiger, ja, ich möchte sagen, heiliger Begriff, um so trauriger es auch also für jemand ist, der von diesem Begriffe sich so recht keinen Begriff machen kann.« »Herr Renaud, ich will hoffen, daß es diesem jungen Mädchen, welches die Ehre hatte, in ein Stift adliger junger Damen aufgenommen zu werden, das unter dem Protektorate Ihrer königlichen Hoheit der Frau Herzogin Henriette steht, und dessen Vorsteherin zu sein ich die Ehre habe, nicht an dem sehr notwendigen Begriffe fehlt, was man unter Eltern versteht!« »Vielleicht, daß sie diesen Begriff nur zur Hälfte hat ...« »Ah, empörend!« »Daß sie ihre Mutter kennt – Vater dagegen vor der Hand gänzlich unbekannt!« vollendete Herr Renaud seinen Satz, worauf er behaglich seinen Mund spitzte und sich dann mit der Hand um das glatt rasierte Kinn strich. Frau von Welmer hatte heftig ihr Taschentuch vor die Lippen gepreßt, wie um einen Aufschrei des Entsetzens zu unterdrücken; doch wurde derselbe pantomimisch durch einen fragenden Blick gen Himmel ausgedrückt, worauf sie ihre Augen gegen die Quadde richtete, die aber nicht imstande war, ihrer Vorgesetzten durch ein linderndes Wort zu Hilfe zu kommen. Ja, beide Damen schienen von einer Art von Starrsucht befallen zu sein, welche durch die nun folgenden Worte des Sekretärs, die er mit großer Ruhe sprach, eher gesteigert, als vermindert wurde. »Es thut mir leid,« sagte er, »daß ich mich durch mein Gewissen genötigt sehe, der Wahrheit vollkommen die Ehre zu geben; vielleicht gegen den Willen Ihrer Erlaucht, der Frau Gräfin Seefeld, die in ihrer außerordentlichen Herzensgüte so gern vergleicht und vermittelt, und die auch hier, trotz alledem, was vorgefallen ist, die Zukunft dieses jungen Mädchens mit einem freundlichen Fürworte noch ferner in Ihre Hand zu legen versuchen würde, wogegen ich, als ruhiger, parteiloser Geschäftsmann, diese Angelegenheit auch in Ihrem Interesse als ein allerdings undankbares Geschäft behandeln möchte. Stellen wir also Thatsachen einander gegenüber. Dieses junge Mädchen von mehr als zweifelhafter Herkunft ...« »Mehr als zweifelhafter Herkunft!« wiederholte die Quadde in einem Tone, als wenn ein Scharfrichter zu seinem Opfer sagen würde: »Machen Sie es sich auf diesem Stühlchen recht bequem!« »Von Ihnen mit Liebe und Herzlichkeit aufgenommen, vergalt sie alles, was Sie an ihr gethan, mit Widerspenstigkeit, Trotz und Ungehorsam, und kann diesem Betragen nicht einmal den Namen erlaubter oder achtbarer Eltern oder Anverwandten gegenüberstellen, in welchem Falle allerdings Nachsicht zu üben wäre; ja, ein Freund, der es mit Ihrer berühmten Anstalt gut meint, macht Ihnen die ganz vertrauliche Mitteilung« – die drei letzten Worte sprach Herr Renaud mit einem besonderen Nachdrucke – »daß Sie es hier mit einem Wesen zu thun haben, welches durch ein angenehmes Aeußere eine vornehme Dame zu bestechen wußte, darauf aber genau das hielt, was sie ihrem Herkommen gemäß zu halten versprochen. Soviel, wie gesagt, im engsten Vertrauen; dann aber muß der Geschäftsmann, der die Ehre hat, Ihnen gegenüber zu sitzen, dem erhaltenen Befehle gemäß an Ihr gutes Herz appellieren und Sie bitten, die kindlich kindischen Vergehungen des jungen Mädchens mit Ihrer bekannten Milde und Herzensgute zu beurteilen und im Notfalle zu bestrafen.« Nachdem Herr Renaud also gesprochen, klopfte er mit der rechten Hand ein paar Stäubchen von dem Aermel seines schwarzen Rockes, wobei er angelegentlich dorthin schaute und so nichts sehen konnte von dem schrecklich großartigen Mienenspiele der beiden Damen, welche indessen in kurzem über die schwebende Frage vollkommen im reinen zu sein schienen, denn als hierauf die Direktorin sprach, nickte ihre erste Hilfslehrerin nach jedem Satze bedeutsam mit dem Kopfe. »Nachdem wir Ihren Auftrag gehört, Herr Renaud,« sprach Frau von Welmer, »so werden wir thun, was die Ehre der Anstalt erheischt und für alle Zeiten ein Beispiel statuieren, welche gerechte Strafe jede erwarte, die unsere Milde und Herzensgüte, unsere mehr als mütterliche Sorgfalt auf ähnliche Weise vergilt!« »Auf ähnliche Weise vergilt!« wiederholte die Quadde wie tief aus einem Folterturme heraus. »Haben Sie Befehle oder Anweisungen in betreff der Zukunft dieses jungen Mädchens?« »Nur sehr unbestimmte,« antwortete der Sekretär achselzuckend, »da man eine Katastrophe als noch nicht so nahe bevorstehend ansah.« »Die Katastrophe klopft schon an die Pforten meines sonst so versöhnlichen Herzens,« sagte die Direktorin mit großer Würde, »und da der gerechte Pförtner »Verstand« sie nicht abzuweisen vermag, wird sie in kurzem eintreten – und dann – mag geschehen, was da will, wir waschen unsere Hände in Unschuld!« »Eine Wäsche, der ich mich mit großem Vergnügen anschließe!« sagte Herr Renaud geschmeidig. »Doch bleibt mir immerhin ein kleines Bedenken, das ich auf eigene Gefahr hin zu lösen versuchen muß. Schon die Ehre und der Ruf der Anstalt erfordern es, daß man sich vor einem Schritte hüte, der Aufsehen erregen müßte, und werde ich mich deshalb bemühen, eine notdürftige Unterkunft für das junge Mädchen zu finden, bis Ihre Erlaucht die Frau Gräfin Seefeld nach meinem getreuen Vortrage endgültig zu entscheiden geruht.« »Wir danken Ihnen für Ihre freundliche Beihilfe, Herr Renaud, und seien Sie überzeugt, daß wir Ihr Vertrauen aufs vollkommenste rechtfertigen werden und auch mit keiner Miene...« Hier wurde die Direktorin durch den mehr als hastigen Eintritt der jungen Baronin Welten unterbrochen, die sich in solcher Aufregung befand, daß ihr an sich unreiner Gesichtsteint förmlich getupft und getigert erschien, und daß sie, noch ganz besonders verwirrt durch den Anblick eines fremden Herrn, kaum die Worte hervorbringen konnte: »Verzeihen Sie, Frau von Welmer, daß ich so ungerufen und unangemeldet bei Ihnen eintrete; aber ich erfuhr es soeben erst, daß sie zu Ihnen kommen wollen als eine Art von Deputation, um Klage gegen Fräulein von Quadde zu führen!« »Wer – sie? Was soll das heißen, Baronin Welten?« fragte die Direktorin der Anstalt mit angenommener Ruhe und einer etwas künstlichen Gravität. »Ihrer sechs oder acht, darunter die Gräfin Haller, die Waldow und vor allem Miß Price, haben beschlossen, sich über die Härte der Fräulein von Quadde, wie sie es nennen, über die wir anderen doch gewiß nicht klagen können, zu beschweren.« »Das grenzt ja an Rebellion!« rief die Direktorin, während Fräulein von Quadde unter einem großartigen Lächeln sich in majestätisches Stillschweigen hüllte. »Sie gestatten mir wohl, daß ich mich wieder entferne?« fragte die Baronin Welten etwas ängstlich. »Sie können jeden Augenblick erscheinen.« »Gehen Sie dort ins Kabinett, mein Kind, und ich danke Ihnen – und was meinen Sie, Fräulein von Quadde? Sollen wir dieser sauberen Gesellschaft zuvorkommen und ihnen eine exemplarische Strafe diktieren?« »Ich glaube, wir sollten sie hören,« war die erhabene Ansicht der ersten Hilfslehrerin, welche aber etwas verkleinert wurde durch den Nachsatz: »Sie werden ihre Worte nicht auf die Wagschale legen, namentlich diese Price, und uns so Veranlassung geben, gegen sie vorzugehen.« »Und Sie, Herr Renaud?« »Wenn Sie mir erlauben wollten, als Zuhörer ebenfalls dort in Ihrem kleinen Kabinette zu bleiben, würde ich Ihnen um der guten Sache willen zu Dank verpflichtet sein.« »Gewiß; bitte, treten Sie nur dort ein, und ich hoffe, später Ihre Ansicht zu hören über einen Vorfall, der noch nie dagewesen ist, solange ich die Ehre habe, Vorsteherin dieser Anstalt zu sein, und der sich auch hoffentlich niemals wiederholen wird – ah, da sind sie schon!« Ja, sie waren es, acht junge, mehr oder minder schöne, mehr oder minder entschlossene Mädchen, unter Anführung Blandas, dicht an deren Seite sich die Gräfin Haller hielt, während die anderen etwas zurückblieben, ja, ein paar Schüchterne unter der Thür, als sie nicht nur die Direktorin sahen, sondern, neben ihr stehend, auch Fräulein von Quadde. Das Erstaunen auf dem Gesichte der Frau von Welmer war außerordentlich natürlich und ebensosehr die Steigerung desselben, welche in der Frage lag: »Was bedeutet dieser Aufzug? Wer hat Sie zu mir gerufen oder, wenn dies nicht der Fall ist, wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, so ohne weiteres zu mir einzutreten?« Blanda war einen Schritt vorgetreten und erwiderte nach einer ehrerbietigen Verbeugung: »Wir würden diese Erlaubnis schwerlich erhalten haben, fühlen deshalb auch unser Unrecht, so unangemeldet hierher zu kommen, konnten aber nicht anders, da wir uns vorgenommen hatten, Klage über Fräulein von Quadde zu führen, die uns mit unverdienter Härte behandelt.« Miß Price, die nicht bleicher als gewöhnlich aussah, wogegen ihre leuchtenden Augen einen ruhigen, festen Ausdruck hatten, sprach diese Worte ehrerbietig, aber bestimmt und ohne sich durch den mehr als zerschmetternden Blick der Quadde einschüchtern zu lassen. Doch fuhr die Direktorin heftig empor und sagte mit bebender Stimme: »Wissen Sie auch, Mademoiselle, daß das, was Sie hier unternehmen, die sträflichste Empörung ist, und daß ich mich gegenüber unserer hohen Protektorin zu Ihrer Mitschuldigen machen würde, wenn ich noch ein weiteres Wort anhörte – besonders von Ihnen anhörte? Deshalb keine Silbe mehr, die Sie auf sich beziehen möchten, Mamsell – mit Ihnen ist man fertig! Aber noch einige Worte zu jenen anderen, die, von Ihnen verführt, hoffentlich jetzt schon einsehen werden, welch grenzenloses Vergehen sie sich zu schulden kommen ließen!« »Das werden wir alles anhören, Madame,« sagte hierauf die Gräfin Haller heftig erregt, indem sie rasch vortrat, »aber erst, nachdem Sie gehört, weshalb wir uns endlich zu diesem allerdings eigentümlichen Schritte entschließen mußten.« »Schweigen Sie, Gräfin Haller!« Doch warf diese trotzig den Kopf in die Höhe und sagte mit lauter Stimme, wobei ihre schönen Augen funkelten: »Wir führen Klage über die unverdient harte, ja, unwürdige Behandlung, die wir in der letzten Zeit erduldeten! Wir sind keine kleinen Kinder mehr, die man nach Belieben einsperrt, denen man Luft und Sonne entzieht, weil sie unartig waren, die man zu gänzlich ungewohnter Stunde ohne Licht zu Bette gehen läßt und ihnen sogar das Sprechen verbietet, die man an ihrem ohnehin schon kargen Essen verkürzt und die man gar auf Wasser und Brot setzen, sowie mit der Rute bedrohen würde – wenn das möglich wäre!« »Und das ist alles möglich,« rief die Direktorin, indem sie heftig erregt aufsprang – »nach einer solchen Sprache, wie Sie sich soeben erlaubt! Wir haben Vollmacht von der hohen Protektorin dieser Anstalt, sowie auch von Ihren achtbaren Eltern und Verwandten, Ihren Ungehorsam, Trotz und Widersetzlichkeit mit den härtesten Strafen zu belegen – und noch ein Wort, Gräfin Haller, und ich mache bei Ihnen den Anfang!« »Nein, Frau von Welmer,« rief jetzt Blanda, indem sie rasch vor ihre Freundin trat, »lassen Sie es bei mir zu einem solchen Anfange kommen oder zu einem Ende, wie Sie es für gut finden, denn ich wage es, Ihnen noch ein Wort zu sagen: Sie haben das Recht, uns zu bestrafen, hart zu bestrafen, aber weder Sie, noch die hohe Protektorin, noch viel weniger aber Fräulein von Quadde hat das Recht, Strafen über uns zu verhängen, wie bei mir geschehen!« – Sie schüttelte bei diesen Worten heftig ihr Haupt, so daß die kurzen, blonden Locken desselben um ihr erhitztes Gesicht flogen. – »Und selbst, wenn Sie sich das Recht anmaßen, uns für kleine Vergehen auf solche Art zu bestrafen, so wird es doch weder in dem Willen der hohen Protektorin liegen, noch in dem Ihrigen, Frau von Welmer, alle diese Strafen durch kleinlichen Hohn, durch boshafte Härte zu verschärfen, wie es Fräulein von Quadde bei jeder Veranlassung thut!« »Genug, genug – es ist mehr als genug!« rief die Direktorin in höchster Aufregung. »Fräulein von Quadde, rufen Sie sämtliche Lehrerinnen, rufen Sie das Hauspersonal – Gott im Himmel, ich bin gezwungen, zum Aeußersten zu schreiten!« Wir dürfen hierbei nicht unerwähnt lassen, daß sämtliche junge Damen, während Blanda, allerdings erregt, aber mit ebenso großer Festigkeit als Ruhe sprach, ihren Platz an der Thür verlassen und sich dicht um ihre mutvolle Freundin geschart hatten, während Klothilde diese mit den Armen umschlang und alsdann mit blitzenden Augen der Direktorin zurief, wobei ein fast wildes Lächeln um ihre Lippen spielte: »O, es braucht noch nicht solcher Entfaltung der öffentlichen Macht gegen uns; noch stehen wir hier nur als Bittende und werden die uns wohlbekannten Schranken nicht überschreiten, wenn Sie es etwa nicht vorziehen, uns durch die eben angedeuteten Maßregeln in die der offenen Widersetzlichkeit zu treiben. Sie haben unsere Klagen und Wünsche gehört,« setzte sie stolz und mit aufgeworfenem Kopfe hinzu, »und wir sind dagegen bereit, in geziemender Demut und Unterwürfigkeit Ihren Entscheid darauf in unseren Zimmern zu erwarten!« Ihre Arme um Blandas schlanken Leib lösten sich, und ohne weiter durch ein Wort, einen Blick oder nur den leisesten Gruß ihre Demut und Unterwürfigkeit anzuzeigen, verließ sie an der Spitze sämtlicher jungen Damen die sprachlos, wie erstarrt dastehende Direktorin des Damenstiftes. Fräulein von Quadde faßte sich zuerst wieder, indem sie laut lachend um sich schaute. Doch hatte dieses Lachen etwas sehr Erkünsteltes und klang wie das Kreischen einer halb eingerosteten Windfahne, wogegen Frau von Welmer den eben ohne Scheu vor ihrer Hilfslehrerin stattgehabten Auftritt weit ernster nahm, ihr Taschentuch vor die Augen hielt und wirkliche Thränen weinte. Herr Renaud trat leise aus dem Kabinette hervor und zuckte bedeutsam mit den Achseln, ehe er sagte: »Unter Ihren jungen und liebenswürdigen Zöglingen ist allerdings eine tüchtige Portion Unkraut gesäet worden und wucherisch aufgegangen, was mich indessen nicht wunder nimmt, nachdem ich gehört, wie vortrefflich jene junge Dame, von der ich vorhin die Ehre hatte, mit Ihnen zu reden, in ihrer Entwickelung vorgeschritten ist.« »Ja, nur sie – nur sie ganz allein!« rief Fräulein von Quadde. »Sie ist es, welche unter der Maske der Sanftmut und Ruhe alles das verschuldet, und ich hoffe, Frau von Welmer, daß Sie unerbittlich sein werden und an ihr ein strenges Beispiel statuieren.« »Gewiß, liebe Quadde,« erwiderte die Direktorin, nachdem sie sich auf ihren Stuhl niedergelassen und mit gefalteten Händen vor sich niedergeblickt, »glaube aber nicht, daß es heute möglich sein wird, ein derartiges Beispiel zu geben. Sie sehen selbst, wie aufgeregt diese jungen Mädchen waren, besonders die excentrische Haller; wollen wir es erleben, daß die Widersetzlichkeit einiger in offene Empörung beinahe der ganzen Klasse ausartet? Nein, nein, wir müssen vorsichtig zu Werke gehen, und erst, wenn es uns gelungen, jene junge Landstreicherin sowie die Gräfin Haller von den übrigen zu trennen, dann erst haben wir es in der Hand, diese beiden exemplarisch zu bestrafen, um mit den übrigen leicht fertig zu werden. Was meinen Sie, Herr Renaud?« »Ich kann Ihnen nur vollkommen beipflichten und freue mich, daß wir insofern ohne Schwierigkeit auf den Ihnen vorhin angedeuteten Weg gelangen; denn die richtige Fortsetzung einer Bestrafung dieser sogenannten Miß Price kann nur ihre schleunige Entfernung aus dieser höchst achtbaren Erziehungsanstalt sein, und nach dem, was ich staunend soeben gehört und der Gräfin Seefeld zu berichten habe, wird man auch diesen Schritt vollkommen gerechtfertigt finden.« »Wie dankbar werden wir Ihnen für diese Freundlichkeit sein und wie sehr werden auch wir uns dagegen bemühen, in unserem Berichte an die Gräfin Seefeld ganz in Ihre Ansicht einzugehen!« »Eine Ansicht, die sich ganz von selbst ergibt,« sagte Herr Renaud in gleichgültigem Tone und setzte dann mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu: »Daß man ein junges Mädchen, für welche sich eine so vornehme Dame wie die Gräfin Seefeld nun einmal interessiert, nicht ohne weiteres wieder zurück auf die Landstraße versetzen kann, ist sehr begreiflich.« »Wieder zurück auf die Landstraße,« sagte die Quadde in einem Tone, als heulte der Wind um eine scharfe Hausecke; »ich habe nie etwas Aehnliches gedacht.« »Leider kann ich meinen Ausdruck nicht mildern, und deshalb Vorsicht, meine Damen, aber dann Energie! –« Während so in dem Zimmer der Frau Direktorin der Feldzugsplan gegen die jungen Damen und besonders gegen die beiden Rädelsführer festgestellt wurde, waren letztere auch nicht müßig, über ihre Sendung zu berichten, und weitere Entschlüsse zu fassen, wobei man denn sah, wie außerordentlich gut organisiert, geleitet und bis ins kleinste Detail vorbereitet diese Mädchenempörung war; denn so sehr sich auch die Unterlehrerinnen Mühe gaben, ein allgemeines Gespräch über diesen gefährlichen Gegenstand zu verhindern, so konnten sie es doch nicht verhüten, daß von der nach dem großen Arbeitssaal zurückgekehrten Deputation ein recht aufgeregter Bericht gegeben wurde, und daß alsdann durch für sie unverständliche Worte, gesprochene und geschriebene, unter ihren Augen weiter konspiriert wurde, ohne daß sie dem Laufe dieser Konspiration zu folgen vermochten. Was hätten sie zum Beispiel aus den Worten eines Zettels entnehmen wollen, der unter den jungen Mädchen von Hand zu Hand lief und welcher lautete: »Nur unmöglich machen ist das einzige Mögliche, was möglich ist;« aus einem anderen, worin es hieß: »Wer nicht in die Wellen stürzt, kann auch das andere Ufer nicht erreichen;« oder einem dritten mit den Worten: »Wenn es dunkelt, geht der Mond auf, und wenn der Mond aufgeht, soll es dunkel werden« – wobei sie es obendrein nicht zu verhindern vermochten, daß eine der anderen erläuternde Worte ins Ohr flüsterte. So ging dann die Zeit vorüber, wie an jedem anderen Tage, und unter den gleichen Beschäftigungen, nur daß nicht spazieren gegangen wurde, nicht einmal in dem abgeschlossenen Garten. Doch lag hiervon die Schuld an dem außerordentlich ungünstigen Wetter; denn es stürmte und schneite, und konnte deshalb auch kein Verdacht entstehen, als sei es von oben herab beschlossene Sache, die jungen Damen in ihren Zimmern zu halten. Das Abendessen verlief ganz wie gewöhnlich und unter keinerlei Einschränkungen; ja, die Unterlehrerinnen hielten sich auffallenderweise entfernter als gewöhnlich und schienen nicht einmal darauf zu achten, daß die Gräfin Haller bald hier, bald dort eifrig flüsternd in einer Gruppe gesehen wurde. Diese aber sowie Blanda, wenn sie auch überzeugt waren, daß morgen der große Tag des Gerichts anbrechen würde, hatten doch keine Ahnung von der heute abend schon im stillen heranschleichenden Gerechtigkeit und daß im gleichen Augenblicke, wo sie sich dazu anschickten, das Werk ihrer Empörung durch ein Attentat auf die verhaßte Quadde zu krönen, diese würdige Dame sorgsam beschäftigt war, zwei abgesonderte Zimmerchen für Blanda und die Gräfin Haller einzurichten, um dann morgen, nach Absonderung dieser beiden Gefährlichen, mit den übrigen leicht fertig zu werden, auch dadurch einen öffentlichen Eklat zu vermeiden, der notwendig nach einer gefürchteten, vielleicht tumultuarischen Scene unter Anführung der eben Genannten erfolgen müßte. Ja, selbst die sonst so energische und rücksichtslose Quadde hatte eine solche Scheu, eine weitere Scene herbeizuführen, daß sie sich herabließ, nach dem allgemeinen Nachtessen im Saale zu erscheinen, um der Gräfin Haller und Blanda mit einigen nicht ungütigen Worten zu sagen, daß Frau von Welmer sie heute noch bei sich sehen wolle, um ihnen in freundlich mütterlicher Weise ihr Vergehen von heute morgen ans Herz zu legen, und daß man sie, sobald die anderen sich in ihren Schlafsälen befänden, abholen werde. Klothilde, obgleich lebhaft und heftig, aber auch arglos wie sie war, hatte bei diesen Worten nichts Verdachterregendes gefunden und auch nichts Aehnliches in den scharfen Blicken der ersten Lehrerin zu lesen vermocht; wohl aber Blanda; der es nicht entgangen war, daß Fräulein von Quadde mühsam Atem schöpfte, ehe diese sich in ihrer Rede an sie wandte, und daß dabei ihre grauen Augen eigentümlich flimmerten und sich das wohlwollende Lächeln um ihre Mundwinkel etwas gar zu auffallend sehen ließ. Blanda hatte deshalb später Gelegenheit gefunden, mit der sicheren Gewandtheit, die ihr in allen Bewegungen eigen war, den Saal zu verlassen, um draußen, in einen dunkeln Winkel neben der Treppe geschmiegt, einem glücklichen Zufalle zu vertrauen, um die gute Mamsell Stöckel, die, wie wir bereits wissen, nicht mehr zu den Pensionärinnen gelassen wurde, einen Augenblick zu sehen oder zu sprechen, wenn sie von den unten befindlichen Haushaltungsräumen, wo sie noch bis zu ihrem Austritte beschäftigt wurde, nach ihrem kleinen, unter dem Dache befindlichen Zimmer ging. Das Glück war Blanda in der That günstig, und nachdem sie eine kleine Viertelstunde gewartet und gelauscht, sah sie Mamsell Stöckel, aber nicht, wie sie erwartet hatte, die Treppe hinaufsteigend, sondern von oben herabkommend, in Mantel und Hut, ein kleines, tragbares Köfferchen in der Hand. Zuweilen blieb sie lauschend stehen, und es erschien alsdann dem jungen Mädchen, als erwarte sie, jemand aus einer der im zweiten Stocke befindlichen Thüren hervorkommen zu sehen. »Bst!« sagte Blanda so leise als möglich und setzte dann flüsternd hinzu: »Ich bin es – Blanda – die Sie gar zu gern ein paar Augenblicke sprechen möchte!« »Dem Himmel sei Dank, daß ich Sie hier noch sehe!« entgegnete ebenso leise die frühere Unterlehrerin. »Folgen Sie mir auf mein Zimmer, und wenn uns das Glück günstig ist, wird Sie niemand sehen!« Nach diesen Worten kehrte sie rasch zurück, und Blanda huschte leicht und geräuschlos wie ein Schatten an ihr vorüber, um sie droben am Eingange ihres kleinen Zimmerchens zu empfangen. »Ach, was ihr für böse Sachen macht!« sagte Mamsell Stöckel mit trauriger Stimme. »Mir thut es in der Seele weh, daß ihr so gerechte Veranlassung zu Klagen gehabt – ja, senken Sie nur Ihren Kopf, Blanda, Sie sind doch immerhin noch die Klügste und Besonnenste von allen, und haben sich doch mit fortreißen lassen – ja, ja, ich weiß wohl,« fuhr die gute Person nach einer kleinen Pause und nachdem sie die ernsten, ja, düsteren Blicke Blandas bemerkt hatte, fort, »daß Manches geschehen ist, was Ihnen weh that und besser unterblieben wäre. Aber trotz allem dem ist es viel heilsamer, Unrecht leiden, als Unrecht thun. – Doch haben wir jetzt keine Zeit, darüber zu reden, meine liebe Blanda,« fuhr sie fort, nachdem sie ängstlich nach der Thür geblickt – »ich danke dem Himmel, daß es mir vergönnt war, Sie nochmals zu sehen, ehe ich dieses Haus verlasse!« »Wie, Sie verlassen das Haus?« fragte Blanda mit einer tiefen Bewegung in der Stimme. »Noch diesen Abend – sogleich – auf Befehl der Frau von Welmer, welche durch Fräulein von Quadde aufmerksam gemacht wurde, daß ich bei allem dem, was heute vorgefallen ist, wahrscheinlich die Hand im Spiele habe.« Blanda stampfte heftig mit dem Fuße auf den Boden und biß die Zähne fest aufeinander. »Ach, und es war mir deshalb so lieb, Sie, meine teure Blanda, nochmals unverhofft zu sehen!« Sie zog bei diesen Worten das junge Mädchen an sich und legte ihr Gesicht auf deren blondes Haar, wobei Blanda deutlich fühlte, daß heiße Thränen ihre Stirn benetzten: doch weinte sie nicht mit ihr, sie starrte mit ihren großen glänzenden Augen in eine Ecke des Zimmers, sie biß ihre Zähne fest auf die Lippen, während sie ihre Hände krampfhaft ballte. »Und auch für Sie ist es gut, daß ich Sie noch gesehen. Heute war jener Herr bei Frau von Welmer, der sich schon früher einmal nach Ihnen erkundigte.« »Ah, Herr Renaud!« »Derselbe, und ich habe erfahren, daß man Sie Ihrer Wohlthäterin, der Gräfin Seefeld, von einer sehr schlimmen Seite geschildert. Dann erschienen Sie selbst mit den anderen, und er wohnte im Nebenzimmer dem ganzen Auftritte bei, fand auch infolge davon alles gerechtfertigt, was über Sie und die anderen, besonders über die Gräfin Haller, verhängt werden soll, und wird Sie in seinem Berichte an die Gräfin Seefeld nicht schonen.« »Das erwarte ich von ihm. Wissen Sie, welche Strafe über uns verhängt worden?« »Nicht genau; aber man beschloß, Sie und die Gräfin Haller heute abend noch von den übrigen zu trennen, um so mit den anderen leichter fertig zu werden.« »A–a–a–ah, so las ich doch richtig in den Augen des Fräuleins von Quadde!« »Und nun behüte Sie Gott, mein liebes, teures Kind!« sagte Mamsell Stöckel mit ängstlicher Stimme, nachdem sie einen Augenblick gelauscht, da Tritte auf der Treppe hörbar wurden, die sich aber wieder verloren. »Vergessen Sie mich nicht und seien Sie überzeugt, daß ich herzlich an Sie denken werde. Sollte ich Ihnen je nützlich werden können, so lassen Sie es mich wissen; hier ist meine Adresse, unter der ich zu finden sein werde – und nun leben Sie recht wohl, teure Blanda!« Das junge Mädchen schlang in diesem Augenblicke in lebhafter Erregung ihre Arme um den Hals der guten, freundlichen Lehrerin, drückte sie heftig an sich und stieß dabei einen kurzen Weheruf aus, der wie ein schmerzhaftes Aufschluchzen klang; dann war sie aus dem Zimmer verschwunden und glitt die Treppe hinab, rasch, unhörbar, um gleich darauf wieder in den Arbeitssaal zu treten, wo ihre Abwesenheit um so weniger bemerkt worden war, da sämtliche junge Damen ihre Arbeit, womit sie beschäftigt gewesen, zusammenräumten, um sich in die Schlafzimmer zu begeben. »Und wir?« fragte Klothilde leise, wobei sie Blanda mit dem Ellbogen anstieß. »Du bist doch nicht der Ansicht, daß wir hier allein im Saale warten sollen, um alsdann wie arme Sünderinnen durch die Quadde vor Frau von Welmer geschleppt zu werden? Mir kommt das überhaupt verdächtig vor, und deshalb habe ich für heute alles geordnet und alle sind bereit, wenn du nicht widerstrebst, wie du schon ein paarmal gethan hast!« »Ich widerstrebe nicht mehr.« »Dank dafür!« flüsterte Klothilde. »Mir ahnt, daß sie die ganze Geschichte totschweigen wollen, nachdem sie auf uns beide, als die Anstifterinnen, alle Schuld gewälzt, worauf dann die Sache nach wie vor ihren Weg gehen wird – also heute gehandelt!« »Du siehst mich zu allem bereit.« »Gut denn; so gehe ins Schlafzimmer und wünsche jeder eine angenehme Nacht – so habe ich's mit ihnen abgeredet.« »Und du?« »Ich lege mich in den Kleidern unter meine Decke, wie du es auch machen wirst, und dann soll die Quadde nur kommen, um uns zu holen!« Nach dieser Verabredung geschah es denn auch, und die jungen Mädchen gingen mit einer Eilfertigkeit zu Bette, wobei sich die wenigsten, wie sonst immer zu geschehen pflegte, auszogen und ihre Nachtkleider anlegten, daß das jedenfalls die Aufmerksamkeit der beaufsichtigenden Unterlehrerinnen erregt haben würde, wenn diese nicht bei Frau von Welmer versammelt gewesen wären, um dem vorhabenden Strafakte gegen Klothilde und Blanda die größtmögliche Feierlichkeit zu verleihen. In der Mitte des Schlafzimmers, in dem sich achtzehn der ältesten unter den jungen Damen befanden, hing eine Lampe, die so lange hell brennend erhalten wurde, bis Fräulein von Quadde ihre Runde gemacht und die letzte Strafpredigt des betreffenden Tages über allenfallsiges Plaudern oder unordentlich zusammengelegte Garderobestücke gehalten hatte, eine Strafpredigt, die heute sehr verschärft ausgefallen sein würde, wenn die erste Lehrerin fast auf sämtlichen Stühlen vor den Betten den gänzlichen Mangel an Unterkleidern bemerkt hätte; denn wie oben schon angedeutet, hatten fast sämtliche junge Damen nur ihre grauen Oberkleider abgestreift, und obgleich alle diese mutig und kampfbereit waren, wollen wir doch nicht verschweigen, daß unter den festgeschnürten Leibchen manches Herz heftiger klopfte, als gewöhnlich. »Wer hat das Licht auszulöschen?« fragte Blanda. »Ich habe es der Waldow aufgetragen,« entgegnete Klothilde, die damit beschäftigt war, einen langen Bettteppich wenige Schritte vor der Eingangsthür auf den Fußboden auszubreiten. Dann sprang sie in ihr Bett, lauschte, nachdem sie allen ein Zeichen gegeben hatte, still zu sein, gegen die Thür und sagte nun: »Es ist Zeit, hurtig, Waldow!« Kaum war die Lampe erloschen, so vernahm man Schritte auf dem Gange, dann wurde die Thür geöffnet. Es trat jemand mit raschen Schritten in das Zimmer, dann hörte man die wohlbekannte Stimme der Ouadde, welche in einem sehr erstaunten Tone fragte: »Wer hat sich unterstanden, gegen den ausdrücklichen Befehl die Lampe des Schlafsaales auszulöschen?« Es erfolgte keine Antwort, doch vernahm man das leise Krachen einiger Betten, dann das Schließen der Thür sowie das Umdrehen des Schlüssels im Schlosse. »Gut, gut,« hörte man Fräulein von Quadde, in einem Tone sagen, als spräche sie aus einem leeren Fasse heraus, wobei aber ihre Stimme nicht so fest wie gewöhnlich klang, denn ihr scharfes Ohr hatte wohl das Zuschließen der Thür vernommen – »gut das wird sich morgen durch eine Untersuchung herausstellen lassen. Wo ist die Gräfin Haller und Miß Price? Die Antwort, welche aber die verhaßte Lehrerin auf diese Frage erhielt, war wohl die überraschendste und niederschlagendste, die in einem ähnlichen Falle je gegeben worden ist; denn Fräulein von Quadde, die sonst sehr fest auf ihren Füßen zu stehen pflegte, fühlte plötzlich mit einem heftigen Rucke den Boden dahingleiten und stürzte der Länge nach auf das Gesicht nieder, wobei es ihr nicht einmal gelingen konnte, ihre Nase vor einem sehr heftigen Aufschlagen zu bewahren. Daß sie dabei einen lauten Schrei ausstieß, finden wir ebenso durch ihren unverhofften Fall motiviert, als dadurch, daß nun plötzlich von allen Seiten die verschiedensten Gegenstände: Fußschemel, Stühle, Bücher, Stiefelchen und Schuhe auf sie niederhagelten und sich dann sogar nach einer augenblicklichen Pause, in welcher man ein geschäftiges Umherschleichen gehört, Wasserströme in solchen Massen über sie ergossen, daß sie ein paar Sekunden lang mühsam nach Atem schnappte, ehe sie imstande war, einen lauten Hilferuf erschallen zu lassen. Dann war plötzlich im Inneren des Zimmers alles still, während draußen auf dem Gange sich um so größere Aufregung und Lärm kundgab. Nicht nur Frau von Welmer war auf das vernommene Geschrei und den Spektakel mit ihren Unterlehrerinnen herbeigeeilt, sondern auch das Haus- und Küchenpersonal raste unter Anführung des handfesten Gärtners die Treppen herauf, in Erwartung furchtbarer Dinge, denn es hatten sich im Laufe des Tages und Abends durch das ganze Haus unbestimmte Gerüchte verbreitet von einer bevorstehenden furchtbaren Exekution und sich infolge davon in dem Küchendepartement eine starke Partei contra Quadde gebildet, die entschlossen war, nötigenfalls für ihre Lieblinge einzustehen. Diese standen nun alle erwartungsvoll vor der verschlossenen Thür des Schlafzimmers, hinter welcher dem wilden Tumulte eine so beängstigende, tiefe Stille gefolgt war, daß Frau von Welmer mit bleichen, bebenden Lippen nach dem Hauptschlüssel verlangte, den der Gärtner dann auch augenblicklich herbeiholte und die Thür damit öffnete. Welcher Anblick zeigte sich den erstaunten und vor Schrecken fast erstarrten Blicken, nachdem zwei der beherztesten Dienstmädchen eingetreten waren, und die grause Scene mit ihren Lichtern beleuchteten, da erhob sich vom Boden aus einem Chaos aller möglichen Gegenstände hervor eine von Wasser triefende Gestalt, anzuschauen wie ein vorsündflutliches, graues Ungeheuer, eben im Begriffe, aus dem angeschwemmten Boden ans trockene Land zu steigen; gerade so anzuschauen war die Quadde, nachdem sie sich mit aufgestütztem Arme halb erhoben hatte und sich durch Schütteln einiger der auf ihr lastenden Gegenstände zu entledigen suchte. Nie gab es einen kürzeren Schritt vom Erhabenen oder vom Schrecklichen zum Lächerlichen. Da aber bei diesem Anblicke Frau von Welmer mit einem lauten Aufschrei in Ohnmacht fiel, so war für diesmal das Erhabene gerettet, und die minder Beherzten der Uebelthäterinnen zitterten unter ihren Bettdecken, wohin sie sich schleunig gerettet hatten, um sich, als im tiefen Schlafe befangen, wie ebenso viele Bilder der Unschuld darzustellen. Aber Fräulein von Quadde sah fürchterlich und doch wieder höchst lächerlich aus, als sie nun, durch Hilfe der Dienstboten aufgerichtet, zwischen diesem Hügel der verschiedenartigsten Dinge mit ihrer langen, hageren Gestalt, mit schlaff herabhängenden Locken dastand, die rechte Hand drohend erhoben, und als sie sich hierauf durch einen großen Schritt aus den Hindernissen befreite und unter der Thür verschwand, in Begleitung der Direktorin, welche, ratlos über das unerhörte Geschehene, das Schlachtfeld mit seinen Trümmern den verwegenen Siegerinnen überließ. 32. Kapitel Handelt vom Kasernenleben. Dem langen Wibert wird eine Grube gegraben. Wenn der schmächtige Bombardier Schwarz von der vierten reitenden Batterie häufig mit einem Anfluge von Bewunderung und Rührung zu seinen Kameraden sagte: »Gebt nur Achtung, der letzte Bombardier wird doch noch mit allen, selbst mit Manderfeld fertig!« so schien er vollkommen recht zu haben, wenn dieses Fertigwerden auch nicht so zu verstehen war, als trete Erich Freiberg seinen Vorgesetzten, einschließlich dem Batteriechef, schroff oder gar trotzig entgegen; im Gegenteil, er hatte sich selbst das Versprechen gegeben, durch Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit in jeder Beziehung sich auszuzeichnen, und er hielt dieses Versprechen auf eine Art, daß er darin, wenn auch in anderer Richtung, die Erwartung seiner Kameraden als etwas ganz Famoses rechtfertigte. Da er es für unnötig hielt, dem Unteroffizier Wenkheim zu sagen, daß er mit Pferden sehr gut umzugehen wisse und des Reitens nicht unkundig sei, so mußte es dieser strenge Vorgesetzte als einen Beweis seines außerordentlichen Lehrtalentes ansehen, daß Erich nach den ersten Anleitungen von seinem Pferde die verlangten zehn dicken Staubstriche mit Leichtigkeit abputzte, daß er das Auflegen und Festgurten der Decke sogleich begriff, ebenso das Aufzäumen mit Trense und Kandare, daß er das Aufsitzen mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit lernte, und daß er die Erwartungen seiner Kameraden, ihn beim erstmaligen Antraben baldmöglichst nach der Mähne greifen zu sehen, aufs wunderbarste täuschte. Ja, nach einigen Reitstunden sagte der Unteroffizier Wenkheim, als er mit den anderen Bombardieren seines Beritts bei einem Frühschoppen zusammenkam: »Dieser Freiberg hat den Teufel im Leibe, und wenn er vier Wochen so fortmacht, so gibt er jedem von euch etwas zu raten auf, besonders Ihnen, Bombardier Wibert, der Sie sich mit Ihrem Reiten so viel zu gute gethan und heute noch auf dem Gaul hängen wie der Mehlsack auf dem Esel!« »O, famos!« lachte der kleine Schwarz, was ihm aber keinen freundlichen Blick von Wibert eintrug. Dieser war von einer ziemlich langen, etwas schlottrigen Gestalt und als Freiwilliger zu einer reitenden Batterie gegangen, um mit blank gewichster Lederhose, klingenden Sporen und klirrendem Säbel recht durch die Straßen fegen zu können. Da er früher ein paar Semester auf einer Universität zugebracht, eigentlich ausschließlich auf der Kneipe und dem Fechtboden, da er den Hörsaal fast nur vom Hörensagen kannte, so hatte er bei den Kameraden eine etwas bevorzugte Stellung eingenommen, indem er, wie eben schon erwähnt, mit seiner Reitkunst viel renommierte, sowie mit seiner Sicherheit auf der Mensur, für welch letztere er ein allerdings etwas zweideutiges Zeichen in Gestalt einer tüchtigen Schramme auf der rechten Wange trug. Doch war es gefährlich, besonders für die jüngeren und schwächeren unter den Kameraden, seinen Mut oder seine Geschicklichkeit in Führung der Waffen zu bezweifeln. Gefährlich insofern, weil er alsdann mit einem Ueberflusse grober und polternder Redensarten Händel suchte, um diese aber nie zu einem erwünschten Ende zu bringen, was, wie er bedauernd behauptete, gegen die Kasernenvorschriften und gegen das Dienstreglement sei und ihm, als einem erfahrenen Raufbolde und Fechtbodenkönig, durchaus keine Ehre eintragen könne. Gegen Erich Freiberg allein betrug er sich etwas zurückhaltender, und wenn er es auch nicht unterließ, ihn den älteren Kameraden und wahrscheinlich baldigen Vorgesetzten, da er nächstens Unteroffizier zu werden hoffte, fühlen zu lassen, so hatte er es doch sorgfältig vermieden, in einen Streit mit dem letzten Bombardier zu geraten, da, wie Wibert hochmütig sagte, man nicht genau wisse, wes Geistes Kind dieser sei, und da man sich in dieser Stellung hüten müsse, Pech anzugreifen, um sich nicht zu besudeln. Da aber der ehemalige Student, wenn sich Erich gerade nicht in der Nähe befand, über diesen kein Blatt vor den Mund nahm, so zuckte er mit einer verächtlichen Miene die Achseln über die Bemerkung des Unteroffiziers und ließ über den letzten Bombardier, wie besonders er Erich gern zu benennen pflegte, die Aeußerung fallen, daß man es mit einem allerdings schlauen Burschen zu thun habe, der sich in Hinsicht dessen, was er bereits auf der Konduitenliste führe, sehr zusammennehme, der aber jedenfalls hier bei der Batterie nicht seinen ersten Reitunterricht erhalten habe, was man wohl aus dem spöttischen Lächeln sehen könne, mit dem er auf der Reitbahn jedesmal die Anleitungen des Unteroffiziers Wenkheim zu beantworten pflege. Nun war der Letztgenannte sehr mißtrauischer Natur und runzelte die Stirn, als er den langen Wibert so reden hörte. »Glaubt mir nur,« fuhr der Bombardier fort, »dieser Freiberg ist eine verschlagene Katze und dabei ein feiger Gesell, der unverdienterweise zu einem Renommee als verfluchter Kerl gekommen und der hier seine Krallen vorsichtig einzieht, da er wohl fühlt, daß er es mit Männern zu thun hat und nicht mit Schulbuben!« – eine Bemerkung, welche ein paar jüngere und sehr leibarme Bombardiere mit einem beifälligen Lächeln aufnahmen; denn Erich hatte allerdings in gewisser Beziehung das nicht gehalten, was er versprochen, und nicht den Ruf gerechtfertigt, der ihm von der Brigadeschule vorausgeeilt war. Man hatte allermindestens geglaubt, er werde, ehe acht Tage vergingen, Veranlassung nehmen, dem dicken Wachtmeister auf die Hühneraugen zu treten, vielleicht sogar dem Premierlieutenant Krummstiefel Opposition zu machen oder sonst etwas zu thun, was dem Hauptmann von Manderfeld gegründete Ursache gegeben hätte, ein Species facti über ihn aufnehmen zu lassen, und das langweilige Kasernenleben auf eine angenehme Art unterbrochen hätte. »Ich versichere euch, Burschen,« fuhr Wibert mit tiefer Stimme in spottender Art zu sprechen fort, »daß man sehr unrecht gethan hat, diesen Freiberg als etwas Außerordentliches zu beschielen; das ist eine ganz gewöhnliche Natur, die vielleicht auf solche Knaben, wie sie auf der Brigadeschule hinter den Büchern sitzen, irgend einen Eindruck hervorbringen kann, die aber zusammenschmilzt, wie Schnee bei einem Frühlingsregen, wenn tüchtige Kerle sie mit einem festen Blicke anschauen!« Dabei blickte der Sprecher unter seinen buschigen Augenbrauen herausfordernd um sich her, und wenn man ihn so sah mit dem großen fuchsroten Schnurrbarte, den er behaglich drehte, mit der langen, obgleich schlaffen Gestalt, freilich etwas unproper in seinem ganzen Aeußeren, und wenn man vernahm, mit welcher Herablassung und Sicherheit er den genossenen Schnaps und das Brötchen mit Wurst ankreiden ließ, so konnte man nicht anders, als auf die Vermutung kommen, daß er sich selbst für einen der tüchtigsten Kerle hielt, wohl geeignet, jedermann den Daumen auf das Auge zu drücken. Trotzdem er niemals korrekt war, weder in seinem Dienste noch in seinem Anzuge, und stets wie ein ungeleckter Bär aussah, so war er doch vielleicht gerade durch den Gegensatz ein Liebling des zierlichen und geschniegelten Hauptmanns von Manderfeld, der ihm nicht nur manches hingehen ließ, sondern ihn auch in Schutz nahm vor dem Premierlieutenant, der den langen Bombardier, diesen »schlappen Labander«, wie er ihn zu nennen pflegte, bedeutend auf dem Striche hatte. Besser Unterrichtete aber wollten wissen, daß die Zuneigung des Hauptmanns einen ganz anderen Grund hatte und daß er diesem als eine Art von Spion diente, um über alles, was sich in der Batterie begab, besonders aber über Reden, die dem gestrengen Chef galten, unterrichtet zu sein, wobei dem Freiherrn von Manderfeld bloß daran gelegen war, allenfallsige Aeußerungen des Premierlieutenants, mit welchen dieser in seiner offenen, geraden, etwas rücksichtslosen Art zuweilen nicht sparsam war, zu erfahren. Der Kapitän war gewaltig eifersüchtig auf seine Untergebenen, da er wohl selbst am besten wußte, auf welche Art er Kommandeur einer so schönen Batterie geworden war, bei welcher er von seinen Vorgesetzten nur als eine unnötige, allerdings hübsche und schillernde Verzierung betrachtet wurde. Hatte ihm doch der alte Oberst in seiner barschen Art bei Inspizierung der Batterie einmal gesagt: »So, Herr Hauptmann von Manderfeld, ick danke Ihnen bestens für Ihren schönen Rapport; nun lassen Se mir aber einmal durch Ihren Premierlieutenant zeigen, wat die Batterie eigentlich kann!« Daß sich der Bombardier Wibert infolge dieser Protektion gegen die Unteroffiziere und Feuerwerker, ja, selbst gegen den Wachtmeister manches herausnahm, dürfen wir ebensowenig verschweigen, als daß er grob und rücksichtslos gegen die übrigen Bombardiere, sowie ein unausstehlicher, kleinlicher Tyrann beim Exerzieren der Gemeinen, beim Stall- und Wachtdienst war. Der Hauptmann von Manderfeld hatte ihn anfänglich dazu bestimmt, dem Bombardier Freiberg im Exerzieren am Geschütze nachzuhelfen; doch hatte der Premierlieutenant das als unpassend gefunden, da beide in der Charge gleichstehend seien, und den ältesten Feuerwerker, einen strengen, aber ruhigen Mann, mit Erichs Ausbildung beauftragt. Gern hätte er ihn auch dem Beritt dieses Feuerwerkers zugeteilt; doch bestand der Hauptmann streng darauf, daß er auf der Stube des Unteroffiziers Wenkheim bleibe, wo sich neben ein paar anderen Bombardieren auch Wibert befand. Wie sich Erich auf der Reitbahn hervorthat, so war dies auch der Fall beim Exerzieren an den verschiedenen Geschützen, bei der Munitionsfertigung und Verpackung, besonders aber beim Vortrag in den Artilleriewissenschaften, wo ihm das, was er auf der Brigadeschule gelernt, sehr zu statten kam. Und hier war es einmal, wo ihm der Premierlieutenant mit einem wohlwollenden Lächeln sagte: »Lassen Sie sich den Namen eines letzten Bombardiers nicht anfechten; wenn Sie so fortmachen, so wird man doch noch genötigt sein, Ihnen den eines ersten Bombardiers beizulegen.« Als sie hierauf beisammen in ihrer Stube waren, gab diese Aeußerung dem langen Wibert Veranlassung, seine hämischen, verdeckten Witze und Anspielungen zu machen und indirekt seinem Unmute darüber freien Lauf zu lassen, daß ihn der Premierlieutenant, und zwar mit vollem Rechte, eine faule Seele sowie einen verschossenen Charakter genannt, der viel besser in ein Zeughausdepot passe, als in eine so schöne reitende Batterie. »Hol mich der Teufel,« rief der lange Wibert, als er mit auf die Hüfte gestemmten Armen mitten im Zimmer stand, »wenn ich begreife, was Krummstiefel mit seinem verschossenen Charakter sagen wollte! Soll verschossener Charakter so viel heißen als ein zweifelhafter Charakter, so lache ich darüber, denn jedermann kennt meinen festen, entschlossenen Charakter, und wer ihn kennen zu lernen wünscht, der soll nur seine Nase gegen mich aufheben!« – Bei diesen Worten ging er mit dröhnenden Schritten an sein Waffengerüst und streifte dabei so derb an den Schemel, auf welchem Freiberg, in einem Buche lesend, saß, daß dieser unwillkürlich zu ihm aufblicken mußte, um sich aber gleich darauf wieder ruhig in seine Lektüre zu vertiefen. »Immerhin aber,« fuhr Wibert fort, indem er sich ein Stück Brot herunterschnitt, um es mit Butter zu bestreichen, die ihm, von dem Stubenkalfakter auf einem Stück Papier serviert worden war, »ist es besser, einen verschossenen Charakter zu haben, als gar keinen; und alle solche Weichlinge, die sich durch Scherwenzeln und Augendienerei zum Schaden ihrer Kameraden in die Gunst ihrer Vorgesetzten einzuschleichen wissen, haben keinen Charakter, sind charakterlose Kerls, mögen sie nun die ersten oder die letzten sein! – Weg da, Sie junger Mensch,« herrschte er hierauf den Nachbar Erichs an, einen jungen und sehr dünnen Bombardier, »Sie wissen wohl, daß an dieser Seite des Tisches mein Platz ist!« Der Angerufene, welcher Weitberg hieß, rückte auch eilig beiseite, worauf der Bombardier Schwarz lachend rief: »Oh, famos, so haben wir wohl heute ausnahmsweise die Ehre Ihrer Gesellschaft, Wibert? Ich dachte, Sie würden wie gewöhnlich bei irgend einer Gräfin zu Nacht speisen!« »Es ist besser, wenn Sie Ihr loses Maul halten,« lautete die giftige Antwort des langen Bombardiers, »und nichts über Sachen reden, von denen Sie keine Ahnung haben!« »Oh, was das anbelangt, so kann ich Ihnen schon dienen! Ich habe sogar eine herzogliche Bekanntschaft – allerdings ist diese Frau Herzog nur eine brave Wäscherin, hat aber, wie jeder von uns weiß, nicht nur eine niedliche Tochter, sondern auch ausgiebige Seifenlauge!« Darüber lachten alle am Tische; denn man kannte eine Geschichte, wo der Bombardier Wibert eines Abends ganz durchnäßt nach Hause gekommen war, und nicht von einem Regenwasser, wie er behauptet, sondern von einer Flüssigkeit, die stark nach schwarzer Seife roch. Für heute abend genügte diese launige, keck hingeworfene Bemerkung des kleinen, aber mutvollen Schwarz, um Wibert zu veranlassen, nicht einmal gründlich mit Erich Freiberg anzubinden, wie er vorgehabt, oder wenigstens den Versuch zu machen, ihn ein für allemal einzuschüchtern und so die Oberhand in der betreffenden Stube wieder zu gewinnen, eine Herrschaft, die seit Erichs Erscheinen zweifelhaft geworden; denn wenn dieser auch noch nicht ein einziges Mal gegen den übermütigen Wibert direkt aufgetreten war, so bildete er doch jetzt schon für die Kleineren und Schwächeren eine Alt Bollwerk, hinter welchem sie sich, wenn auch vorderhand noch im Geiste, bei den oft unmotivierten Angriffen des ungeschlachten Wibert zurückzogen. »Hören Sie, mein Bürschlein,« sagte dieser jetzt, indem er an den Tisch herantrat, seine mächtige Rechte aufstützte und den kleinen Schwarz mit einem durchbohrenden Blicke anschaute, »wenn Sie sich noch einmal eine solche naseweise Bemerkung oder sein sollende geringe Anspielung erlauben, so muß ich wieder einmal etwas zu Ihrer Dressur beitragen, Sie junger Hund, und Sie windelweich durchklopfen, selbst auf die Gefahr hin,« fuhr er mit einem Seitenblicke auf Erich fort, »anderer Leute Gefühle dadurch zu verletzen!« »Worüber Sie sich weniger zu beunruhigen brauchten,« rief der kleine Schwarz, »als über meine Versicherung, die ich halten werde, darauf können Sie sich als gewiß verlassen, meine Versicherung nämlich, daß es mir gar nicht darauf ankommen soll, Sie mit meinem Säbel über die Nase zu hauen, wenn Sie mir noch einmal auf eine so brutale Art kommen, wie Sie es schon einmal versucht – Sie Charakterspieler!« Hätte der kleine Schwarz die letzte Benennung nicht gebraucht, so würde der lange Wibert sich wahrscheinlich begnügt haben, hohnlachend seinen langen Schnurrbart zu drehen, während es jetzt zornig durch seine Lippen zuckte, er den anderen am Kragen nahm und so tüchtig schüttelte, daß sich der Tisch stark bewegte und hierdurch eine Portion sehr dünnen Kaffees, mit welchem sich der arme Weitberg gerade laben wollte, über den Tisch ausgegossen wurde, in einem zierlichen Bächlein dicht am Buche Erichs vorbeifließend, der mit einem ernsten Blicke aufschaute und sich Ruhe ausbat. Wer weiß, wie lange die Scene noch gespielt hätte, wenn nicht Unteroffizier Wenkheim, der in der Ecke auf seinem Bette ausgestreckt lag, mit einem »Kreuzmillionendonnerwetter« dazwischengefahren wäre und der ganzen Bande befohlen hätte, endlich einmal Frieden zu halten. »Sollte man doch glauben,« rief er, »ihr wäret statt königlicher Bombardiere ein Rudel bissiger Köter, unter welche ein fetter Knochen gefallen! Und Sie, Wibert, obgleich der älteste, sind stets der, welcher die Stänkereien anfängt – ja, schauen Sie nur herüber! Wenn Sie Lust haben, noch ein Wort zu verlieren, so melde ich Sie augenblicklich dem Wachtmeister, und es soll mir ein wahrer Genuß sein, Sie heute abend noch nach Nummer Sicher zu bringen! Weiß der Teufel,« fuhr er hierauf brummend fort, »was ich für Sünden begangen habe, um mit diesen Freiwilligen bestraft zu sein!« Wibert mochte indessen den Unteroffizier genugsam kennen, um kein Wort weiter zu verlieren, und nachdem er vor einem handgroßen Spiegel sein Haar und seinen Bart in Ordnung gebracht, schnallte er seinen Säbel um und verließ das Zimmer, während er im Weggehen seine Toilette durch ein Paar frisch gewaschene Handschuhe vervollständigte. »Das ist ein arger Kerl,« sagte der Bombardier Schwarz, Wibert nachblickend, »Und es gibt doch nicht eher Ruhe, bis wir uns einmal zusammenthun und ihn tüchtig durchklopfen – was Sie, Freiberg, allerdings schon allein hätten besorgen können und wozu er Ihnen schon Ursache genug gegeben hat.« »Ich hasse alle dergleichen Prügeleien,« entgegnete Freiberg; »weiß aber wohl, daß er auch mit mir beständig Händel sucht, und wenn er es mir einmal gar zu arg macht, so werde ich ihm doch mit dem Säbel in der Faust entgegentreten müssen.« '»Thun Sie das um Gottes willen nicht,« ermahnte der kleine Schwarz, »das ist ein gefährlich Ding und bringt das Unglück! Da heißt es gleich von Species facti wegen Duells, und wenn sie einem von oben herab nicht wohl wollen, da kann man ein Jahr zur Strafcompagnie versetzt werden. Es ist bei diesem Säbelhauen auch kein Verhältnis zwischen Zweck und Mittel, und wenn ich mir Genugthuung verschaffen kann, indem ich einem so unverschämten Burschen tüchtig die Nase zerklopfe, so ist es doch besser, als wenn ich ihn mit einem scharfen Säbel verwunde; ja, wenn wir das nach Art der Studenten machen könnten, die bei ihren Paukereien kaum etwas freigeben, als ihr Gesicht, um dann später mit einer tüchtigen Schramme paradieren zu können, das ließe ich mir noch gefallen!« »Nutzt aber auch nichts, wie man an Wibert deutlich sieht,« sagte Weitberg, »denn er hat eine solche Schmarre im Gesicht, daß er wohl zufrieden sein könnte – ach, wenn ich stark genug wäre, diesen unverschämten Kerl einmal durchzuhauen!« »Schade, daß es keine Banditen gibt, welche das Durchhauen für fünf Silbergroschen besorgen!« lachte der kleine Schwarz. »O, was das anbelangt,« meinte Weitberg mit leiser Stimme, indem er sich vornüber beugte, den Finger auf den Mund legte und sehr geheimnisvoll that, »so wüßte ich schon ein Mittel, um ihm die schönsten Schläge umsonst zu verschaffen!« »Wie so? Laß hören.« »Was der Schwarz vorhin erzählte von der Wäscherstochter und dem Seifenschaum hat insofern seine Richtigkeit, als er vom letzteren erhalten hat, ohne von der ersten etwas erhalten zu können; denn das schlaue und allerdings sehr hübsche Mädchen trieb mit seinen Fensterparaden und sehnsuchtsvollen Blicken, wenn er ihr auf der Promenade oder in der Kirche begegnete, so lange ihren Scherz, bis er sich näher ans Haus wagte, ja, sogar bis ins Haus hinein, unter dem Vorwande, ein paar alte Hemdkragen, die er noch obendrein geliehen hatte, waschen zu lassen. Da machte ihm die Kleine bei seinen Salbadereien ein sehr ernstes Gesicht und gab ihm eine recht schnippische Antwort, ohne ihn aber abzuschrecken; denn er versuchte es darauf häufig, sie abends an der Thür oder am Fenster zu sehen und zu sprechen, bis er dann einmal auf Veranlassung des mutwilligen Mädchens den durchnässenden Guß von Seifenwasser erhielt.« »Doch es war ihm zum Heil, es riß ihn nach oben!« lachte der kleine Schwarz. »Wieso?« fragte Erich, der, aufmerksam geworden, sein Buch hingelegt hatte. »Nun – Mutter Herzog war doch nicht ganz einverstanden, und als Wibert mörderisch zu fluchen und zu wettern anfing, ließ sie ihn durch eines ihrer Waschmädchen ins Haus einladen, um sich einigermaßen putzen und trocknen zu lassen, wobei sich dann zwischen Wibert und der jugendlichen, strammen Wäscherin im stillen, verschwiegenen Raume der Waschküche, an dem sanft wärmenden Herdfeuer ein kleines, trautes Verhältnis anspann, welches der lange Wibert fortan kultivierte.« »Das ist alles richtig,« sagte Schwarz; »aber du holst verdammt weit aus, um auf besagte Prügel zu kommen!« »Nichts einfacher als das; man muß nur die Lokalität kennen, um die Sache leicht ausführbar zu finden, und muß vor allen Dingen wissen, daß das junge Wäschermädchen einen früher Begünstigten in ihrer Nähe wohnen hat, der in glühender Eifersucht schon häufig dem langen Wibert aufpaßte, ohne ihn je erwischen zu können, da er die Vorsicht gebraucht, nur in dunklen Nächten, wie die heutige, und zu der späten Stunde mit seinen langen Beinen über die Zäune der verschiedenen Gärten zu steigen, an denen die Häuser liegen, das der Frau Herzog und das, in dem dicht daneben jener junge, handfeste Gärtnersknecht wohnt.« »Nun, und wie wolltest du ihm jene Prügelsuppe einbrocken?« »Auf die einfachste Art von der Welt; ich will es jedesmal wissen, wenn er hinausschleicht, denn nachdem er, hier bei uns gewaltig mit dem Säbel rasselnd, das Zimmer verlassen hat, so geht er auf Nummer 4, stellt dort seinen Säbel ab und leiht sich den Mantel des Einjährig-Freiwilligen, den er exerzieren läßt, mißbraucht auch noch dessen Kredit zu einer halben Flasche Rotwein, den er sich bei der Markedenterin holt, und dann erst zieht er zu seinem Liebesabenteuer aus, wodurch man Zeit genug hätte, ihm vorauszukommen.« »Nun, und dann?« fragte der kleine Schwarz begierig. »Was gäb' es dann Einfacheres und Unbefangeneres? Man brauchte nur seinen Säbel umzuschnallen und dort, wo sie wohnt, ein paarmal mit etwas Geklapper an den Gärten und Häusern vorüber zu gehen, um den armen Gärtnersknecht zur größten Aufmerksamkeit zu veranlassen – und seid gewiß, das übrige würde sich von selbst machen!« »Stille Wasser sind tief!« sagte der Bombardier Schwarz lachend; »das sieht man wieder einmal bei dir, Weitberg. Aber der Plan ist vortrefflich und soll unter allen Umständen ausgeführt werden.« »Wird auch geschehen beim nächsten Male, wo er sich wieder unverschämt gegen mich benimmt!« versprach Weitberg, indem er den kleinen Rest übriggebliebenen Kaffees mit seinem Kommißbrot austunkte. »Und wenn sie ihm alsdann, wie ich hoffe, seine dicke Nase recht zerschlagen, so kann er dem Kapitän vorlügen, wie man von jenem Rekruten erzählt, der bei einer ähnlichen Veranlassung vorgab, sich selbst in die Nase gebissen zu haben und, als man ihm sagte, es sei das ja unmöglich, hinzusetzte, er sei zu diesem Zwecke auf einen Stuhl gestiegen.« »Nicht ganz schlecht,« sagte Erich, »Ihre Geschichte nämlich, denn was das andere anbelangt,« setzte er in seiner Gutmütigkeit hinzu, »so wäre doch zu überlegen, ob man dem Wibert, ein so unausstehlicher Kerl er auch ist, nicht eine gar zu starke Suppe einbrockte.« »Das nehme ich auf mich,« versicherte Weitberg; »doch werde ich ihn vorher noch großmütig warnen, und wenn er mich noch einmal einen unmündigen, nackten Wurm schimpft, ihm sagen: er solle sich in acht nehmen, denn auch der Wurm krümme sich, wenn er getreten werde!« Eine Gelegenheit, die Rache Weitbergs zu beschleunigen, fand sich indessen schon in den nächsten Tagen, wenn auch durch eine ganz andere Veranlassung; denn es fügte sich, daß fünf Bombardiere wegen groben Fehlern bei der Geschützbedienung von dem Premierlieutenant zu einem kleinen Nachmittagsvergnügen eingeladen wurden, welches darin bestand, von zwei bis vier Uhr bei vielleicht acht Grad unter Null auf dem Kasernenhofe an einer der Haubitzen nachzuexerzieren. Zur Gesellschaft gehörten: der lange Wibert, Weitberg, Schwarz und noch ein paar andere, zu denen der Kapitän nach dem Grundsatze: schlägst du meinen Wibert, so schlage ich deinen Freiberg, den letzteren ohne alle Veranlassung, nur um ihn möglichst rasch auszubilden, wie er sagte, zugesellte, was der Premierlieutenant achselzuckend zugeben mußte. Unteroffizier Wenkheim, der, statt in der warmen Kasernenstube zu sitzen und in einem Romane von Spieß oder Kramer zu lesen, das Glück hatte, die sechs Bombardierlappen striegeln zu dürfen, that das mit raffiniertester Bosheit und beteuerte schon beim Herabsteigen der Treppe: an ihm solle es wahrhaftig nicht liegen, wenn nicht alle sechse den Himmel für einen Dudelsack und den Abendstern für ein himmlisches Nachtlicht ansehen. »Still gestanden! – Gott straf mich, Wibert, wenn Sie noch einmal seitwärts schielen, sowie ich ›Still gestanden‹ kommandiert habe, und ich lasse Sie nicht so lange in die Sonne schauen, bis Sie darauf schwören, daß es in Strömen regne, Thränen nämlich aus Ihren duckmäuserischen Augen!« »Zum Avancieren!« »Schlecht gemacht – richt' euch! Es wäre ja kein Unglück, wenn sechs Bombardiere von der reitenden Artillerie vielleicht schon wüßten, daß sie auf das Kommando: ›Zum Avancieren‹ wie ein siediges Donnerwetter an das Geschütz stürzen müssen, vier an den Lafettenschwanz, zwei an die Räder – und dabei fest anpacken, wissen Sie, mein lieber Herr von Schwarz, fest anpacken, nicht nur so thun, als kriegte man schmutzige Finger, wenn man in die Speichen greift! Sie – werden – keine – schmutzigen – Finger – kriegen, Herr – Bombardier Freiberg – es sind das propere königliche Räder und ein properer königlicher Lafettenschwanz – und Sie, Weitberg, passen Sie mir auf, daß die Kette nur so herunter fliegt, oder ich lasse Sie extra vierundzwanzigtausendmal die Kette lösen!« »Zum Avancieren – richt' euch! Sollte man nicht glauben, man hätte es mit sechs Rekruten zu thun! Oder regiert vielleicht wieder einmal der Bosheitsteufel? Schockschwerenot, seit wann tritt man mit dem rechten Fuße an? Wenn unser angenehmes Exerzieren so fortgeht, wie es angefangen hat, so werden wir den Mond aufgehen sehen, ehe wir noch einen einzigen richtigen Granatenschuß zustande gebracht, wobei ihr wenigstens das Glück habt, nicht frieren zu dürfen, denn ich will euch herumtreiben, daß die Brühe an euch herunterläuft!« »Zum Avancieren!« Dieses Mal flogen die sechs Bombardiere an das Geschütz, daß es eine wahre Freude war, und sie würden endlich glücklich zum Abprotzen gekommen sein, wenn die Kette des Protzkastens nicht so verflucht eigensinnig gewesen wäre, um sich erst nach zwei Sekunden lösen zu lassen, wogegen sie aus dem Ringe hätte fliegen müssen, wie der Blitz aus den Wolken. Deshalb nochmals: »Richt' euch!« um wieder eine donnernde Rede des erbosten Unteroffiziers Wenkheim auszuhalten, zu welcher sich ein kräftiges Echo, allerdings unhörbar für den Geschützführer, in den Reihen der Bombardiere fand; denn der lange Wibert, ohne das Gesicht zu verziehen oder auch nur die Lippen zu bewegen, flüsterte vernehmlich genug für seinen Nachbar Weitberg, der dieses Mal allerdings schuld an dem »Richt' euch« war: »Wenn Sie, junger Hund, nicht , aufpassen, so renne ich Sie das nächste Mal in den Dreck, daß Sie die Beine in die Luft kehren!« Und als der Betreffende nach dem nächsten Kommando wiederholt, aber ohne seine Schuld nicht zur rechten Zeit seine Stelle am Lafettenschwanz einnahm, denn er glitt auf dem hartgefrorenen Boden aus, so machte der lange Wibert seine Drohung zur Wahrheit und rannte beim nächsten Male mit seinem Kopfe so gewaltig gegen Weitberg an, daß dieser rücklings hinstürzte, den kleinen Schwarz mit sich riß und so Veranlassung zu einem allerdings sehr eigentümlichen Anblicke wurde. Ja, es hätte ein Unglück geben können, da der Lafettenschwanz schon vom Protznagel abgehoben war, wenn Erich mit großer Anstrengung diesen nicht allein festgehalten hätte. Neben einer speciellen Einladung des im höchsten Grade zornigen Wenkheim an irgend einen beliebigen Donner, dieser Schwefelbande auf die Köpfe zu fahren, hatte Weitberg bei dem Anpralle noch eine tüchtige Beule davongetragen und sagte zähneknirschend: »Geben Sie Achtung, Sie langer, feiger Kerl, wie ich Ihnen das heimgeben werde!« Für den geneigten Leser würde es nur langweilig sein, diesem Strafexercitium durch fast drei Stunden zu folgen, können ihm aber die Versicherung geben, daß es die sechs Bombardiere gerade so arg mitnahm, als hätten sie auf einem frisch geackertem Felde nach Zählen »rechts- und linksum kehrt« gemacht, was auch eine höchst angenehme Gegend ist und vor welcher das Haubitz-Exerzieren bei acht Grad Kälte vielleicht nur noch den Vorteil der höchst schmerzhaft frierenden Finger hat, wenn nämlich der Kommandierende so freundlich ist, das Einheben der Granate ein paar dutzendmal wiederholen zu lassen, oder die Erhöhung durch den Quadranten recht sorgfältig vorzunehmen. Der Abendstern hatte sich schon recht glänzend erhoben und die weißblinkende Mondsichel lugte eben hinter einem der Kasernenschornsteine hervor, als der Premierlieutenant über den Hof schritt und das Einstellen des Exerzierens befahl, auch, nähertretend, hinzufügte, daß der Bombardier Freiberg nachher zu ihm kommen solle, worauf denn das Geschütz zur Ruhe und in den Schuppen gebracht wurde und alle in sehr mißmutiger Stimmung ihre Stube betraten, mit Ausnahme des Unteroffiziers Wenkheim, welcher sich direkt in die Kasernenrestauration begab, um durch ein Gemisch von heißem Wasser, Branntwein und Zucker einer Erkältung vorzubeugen, dessen es bei den jungen Leuten indes nicht bedurfte, denn diese glühten, sobald sie die warme Stube betraten, wetteifernd mit dem glühenden Ofen. »Mich freut es nur,« sagte der lange Wibert, nachdem er sich an einer Ecke des Tisches niedergelassen und mit seinen langen Beinen und seinem hingerekelten Oberkörper zwei Seiten desselben völlig in Beschlag nahm, »daß der brave Weitberg aus diesem Haubitzenfeldzuge mit der Tapferkeitsmedaille zurückgekommen ist, die er aber eigentümlicherweise statt auf der Brust an seiner Stirn trägt und die ihn recht gut kleidet – ja, ja, mein Bürschlein,« fuhr er lachend fort, »wenn man die Ehre hat, mit älteren Leuten zu exerzieren, so muß man sich donnermäßig zusammennehmen!« »Das habe ich mir auch vorgenommen, zu thun,« entgegnete Weitberg mit einer so ausfallenden Freundlichkeit, daß der andere, welcher eine heftige Erwiderung erwartet hatte, ihn fast erstaunt betrachtete, während der kleine Schwarz, pfiffig lächelnd, mit einer Brotkruste seinen dünnen Kaffee umrührte. »Hören Sie, Wibert,« sagte Bombardier Weitberg alsdann, »man muß sich in einem fort Ihre Grobheiten gefallen lassen, und thut auch hin und wieder geduldig, weil Sie ein himmellanger, bösartiger Kerl sind; was aber den Zusammenstoß von vorhin und meine Beine anbetrifft, so will ich das als zufällig geschehen annehmen und Ihnen keine Schuld beimessen!« »O, Sie sind ein guter, vortrefflicher Kerl!« höhnte der andere. »Gewiß – und so milde, daß es mich häufig selber wundert und es mir nur leid thut, wenn andere Leute sich um mich Sorge machen. Thun Sie das ja nicht, mein lieber Herr Wibert, damit auch ich nicht in den Fall komme, Sie in einem ähnlichen Falle bedauern zu müssen!« »Trösten Sie sich darüber; wer mit mir zusammenstößt, um mich zu verletzen, der muß einen verflucht dicken Schädel haben!« »Davon bin ich überzeugt,« entgegnete der andere, seine Beule befühlend, »aber da es trotzdem doch einmal passieren könnte, so nehmen Sie mein herzlichstes Bedauern im voraus an!« »Recht gern, wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, Sie milder junger Mensch! Thun mir aber vielleicht einen anderen Gefallen dagegen, indem Sie den Kalfakter rufen, damit er mir einen Schoppen Bittern hole; ich brauche Stärkung für heute abend.« Der schmächtige Schwarz hatte eine alte Guitarre aus der Ecke hervor geholt, und während er, dem Gespräche der beiden lauschend, so gut als möglich die Saiten stimmte, kicherte er in sich hinein und sprach leise vor sich hin: O, famos, famos, famos! – Dann trat er ans Fenster und besang das glänzende Abendgestirn, welches sich, eine haarscharfe, leuchtende Sichel, schon hoch über die Häuserreihen empor geschwungen hatte. Guter Mond, du gehst so stille Durch die Abendwolke hinne, Stichst mit deiner weißen Spille Mir in meine Fenster rinne. »Er hat aber heute abend ein kurzes Vergnügen, denn in einer Stunde geht er schon wieder unter, und dann ist es stockfinster,« meinte Weitberg, worauf der lange Wibert nach dem Himmel hinauf schaute, und sich alsdann erkundigte, wieviel Uhr es sei. {bild} 33. Kapitel Ein sehr lehrreiches Kapitel; handelt schließlich vom Abendstern und einer zerschlagenen Nase. Erich hatte unterdessen eine bessere Uniform und weiße Handschuhe angezogen, auch seinen Säbel umgeschnallt, und ging nun, dem Befehle des Premierlieutenants gemäß, nach dessen Zimmer. Der Bursche des Offiziers ließ ihn ohne weiteres in das angenehm erwärmte und durch eine kleine Lampe spärlich erleuchtete Vorzimmer treten, wo er dann sogleich die Stimme des Premierlieutenants vernahm, der ihm zurief, näher zu kommen, aber seinen Säbel draußen zu lassen. Erich hatte selten oder eigentlich noch nie ein so behagliches Gemach gesehen. Es war ziemlich groß und hoch, wie alle Kasernenzimmer, hatte einen Bodenteppich, auf dem man so weich und angenehm trat, und war aufs reichste besetzt mit Diwans, Stühlen und sonstigen bequemen Sitzgelegenheiten; in der Ecke auf einem großen, runden Tische summte und brodelte es in einem kochenden Wasserkessel, neben welchem man Tassen erblickte, schönes, weißes Brot, Butter, einen angeschnittenen saftigen Schinken, sowie daneben Eier, die in einer Schüssel mit Wasser lagen. Der Premierlieutenant lag in einem bequemen Lehnsessel, wobei er die Füße auf ein kleines gepolstertes Bänkchen ausgestreckt hatte, und schien in einem Buche gelesen zu haben, das nun neben ihm auf dem Tische lag, während er in der rechten Hand eine lange Pfeife mit bunten Quasten hielt. Er trug einen langen Schlafrock von hellgrauer Farbe, dazu rote Morgenhosen und gelbe Pantoffeln, hatte somit alles Militärische abgestreift, sowohl von seinem Aeußeren als von seinem Inneren, denn er winkte dem Bombardier freundlich mit der Hand und sagte: »Nun, rücken Sie sich dort den kleinen, niederen Sessel heran und setzen Sie sich zu mir – rauchen Sie?« »Zu Befehl, nein; ich habe es bis jetzt nie versucht, Herr Premierlieutenant.« »So lassen Sie es auch heute bleiben, aber ebenfalls Ihr ›Zu Befehl‹, sowie die Nennung meines Ranges in der Armee. Trinken Sie Thee?« »Ich hoffe, daß ich das kann!« »Es ist nicht so schwer; dort steht er schon aufgegossen. Schieben Sie mir die Kanne herüber – so – nun nehmen Sie Zucker und Milch und was das andere anbelangt, so will ich Ihnen mit gutem Beispiele vorangehen.« Er bestrich ein großes Stück weißes Brot mit Butter, legte eine Schnitte Schinken darauf und deckte denselben mit einer Schnitte schwarzen Brotes zu, worauf er ein Aehnliches für Erich machte, ihm aus dem kalten Wasser einige Eier heraus fischte und dann mit Behagen seinen Thee schlürfte. Der junge Bombardier war erstaunt über diesen Empfang. Wenn er sich auch bewußt war, durch nichts in den letzten Tagen einen Verweis verdient zu haben, so hatte er nach den Vorgängen doch immerhin erwartet, von dem strengen Premierlieutenant irgend welche ernste Ermahnungen zu erhalten, vielleicht im allerbesten Falle über den Inhalt eines der Bücher examiniert zu werden, die er von ihm von Zeit zu Zeit geliehen erhielt. Und nun nichts von alledem, sondern eingeladen zu werden, an einem für ihn außerordentlich reichen Mahle teilzunehmen, und daß er sich dazu nicht zweimal nötigen ließ, brauchten wir bei seinem offenen, freimütigen Wesen kaum zu erwähnen; ja, dem ersten Butterbrote folgte ein zweites, das er sich auf die Aufforderung seines freundlichen Vorgesetzten sehr gelungen selbst anfertigte, und bald war auch von den Eiern nichts mehr als die Schalen übrig. »Ich hatte mir schon lange vorgenommen, mit Ihnen einiges zu reden,« sagte nun der Premierlieutenant, »und thue das heute um so lieber, da ich einen Brief meines Freundes, des Oberfeuerwerkers Doll, erhielt, der sich um so mehr und aufs freundschaftlichste nach Ihnen erkundigte, da, wie er am Eingange seines Schreibens sagt, auch die letzte Verstimmung gegen Sie verschwunden ist, weil sich endlich herausgestellt, daß Sie es nicht gewesen sind, der ihn in effigie an den Galgen gehängt.« »Wie mich das freut!« »Doll denkt sehr freundlich über Sie und läßt Ihnen seine besten Grüße sagen; auch habe ich kürzlich noch jemand anders kennen gelernt, der sich Ihrer wohlwollend erinnert.« Erich sah ihn fragend an. »Jemand, ebenfalls vom Handwerk, der sich draußen auf dem Fort Prinz Maximilian befindet.« Freiberg dachte an den Bombardier Schmoller; doch war es zu unwahrscheinlich, daß dieser würdige Freund mit einem so abgeschlossenen Manne, wie der Premierlieutenant Schaller im gewöhnlichen Leben war, auf eine solche Art bekannt geworden wäre. Auch klärte sich dieser Irrtum in der nächsten Minute auf, als jener nach einem langen Zuge aus der Theetasse fortfuhr: »Vielleicht erinnern Sie sich eines Offiziers, der vor Jahren das Unglück hatte, bei einem Manöver den Fuß zu brechen, und in einer Mühle, wo Sie sich gerade befanden, von dem Besitzer, der nebenbei ein ausgezeichneter Arzt war, vortrefflich behandelt wurde.« »Ah, der Herr Premierlieutenant Schramm!« rief Erich erfreut. »Derselbe. Er wurde allerdings nach bestem Vermögen des Arztes wieder hergestellt, behielt aber doch eine Schwäche in seinem Fuße und ließ sich deshalb von der reitenden Batterie weg zu der Festungscompagnie auf Fort Maximilian versetzen, deren Hauptmann, der alte, liebenswürdige, joviale und sehr gelehrte Walter, ein genauer Freund von ihm ist. Vor ein paar Tagen war ich bei Schramm, und da kam die Rede auf Sie, wo er sich denn wohlwollend nach Ihnen erkundigte und über Ihre verunglückte Brigadeschulzeit sprach. – Sie sehen mich erstaunt an, aber ich kann dieser Geschichte doch beim besten Willen keinen anderen Namen beilegen und hatte mir schon längst vorgenommen, mit Ihnen freundlich darüber zu reden. Ob Sie an all den einigermaßen tollen Streichen, die man auf Ihre Rechnung schreibt, die volle Schuld tragen, weiß ich in der That nicht, bin aber dagegen überzeugt, daß Ihr Conto dorten mit einer solchen Menge schwarzer Striche gesegnet ist, daß es Ihnen, auch wenn man Sie wieder zur Brigadeschule einberuft, schwer halten wird, zu dem Ziele zu gelangen, das Sie sich vorgesteckt haben.« »Das wäre sehr traurig für mich!« »Bedingungsweise, wenn Sie wollen, ja; wogegen ich es andererseits wieder für kein Unglück halten würde, wenn Sie sich beizeiten darauf angewiesen sähen, einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Schramm sagte mir, er hätte Sie dort auf der reizend gelegenen Mühle in so angenehmen Verhältnissen gefunden, und der Besitzer derselben wäre von den wohlwollendsten Gesinnungen gegen Sie beseelt gewesen; Sie hätten sich dort praktisch zum Landwirte ausbilden, dann vielleicht ein paar Jahre lang eine landwirtschaftliche Schule besuchen und so einen ebenso ehrenvollen Weg machen können, als den anderen, den Sie vorgezogen. Ich weiß wohl, daß Ihre Neigung etwas im Blute steckt, da Sie ein Soldatenkind sind, und verstehe es recht gut, wie der Glanz der Epauletten, das Klirren des Säbels, die ganze militärische Wirtschaft ein junges, empfängliches Gemüt zu blenden und zu bestechen vermag; aber wenn das nur anhaltend wäre, wenn nicht jeder, sowie er die militärische Bühne betritt, sogleich einen sehr ernüchternden Blick hinter die Coulissen thun würde, und wenn diese Coulissen nicht noch viel trügerischer wären, als jene der gewissen anderen Bretter. Ja, für jemand mit schönem Namen und großem Vermögen ist es schon recht amüsant und lohnend, sich mit dem Lieutenantstitel ohne allzu große Mühe einen anständigen, sogar ehrenvollen Rang in der menschlichen Gesellschaft zu erwerben, um in einer kurzen Reihe von Jahren auf dem schillernden Strome mit dahin zu schwimmen, um hier und da in hübschen Buchten Blumen aller Art zu pflücken und dann nüchtern, oft sehr enttäuscht, in einen stillen Hafen einzulaufen, behaglich zuschauend, wie dann jener schillernde Strom immer und immerfort in gleich trügerischem Glanze an uns vorüber zieht. Oder es sei Krieg und wir aus langer, drückender Schulzeit endlich einmal frei und mündig geworden, und da kommt es noch sehr darauf an, für welche Ideen wir den Säbel ziehen oder unsere Kugeln entsenden müssen – nach dem Kriege ist und bleibt es doch wieder die alte Geschichte. Wir haben Wunden erhalten, die uns vielleicht unser ganzes Leben zu schaffen machen, und sind dafür mit einem kleinen Stückchen, häufig sehr unverdienten Kanonenmetalls belohnt worden, ohne ein tröstendes Bewußtsein aus dem Feldzuge mit nach Hause gebracht zu haben; denn wenn wir dort etwas erworben haben, Orden, Beförderungen, so ernteten wir auf den ruinierten Feldern unserer Mitmenschen, und unser ganzes Werk bestand darin, andere Werke, sogar das schönste aus der Schöpfung Gottes, mutwillig zu zerstören.« »Gewiß ein trauriges Handwerk!« »Es kommt Ihnen gewiß sonderbar vor, lieber Freiberg, mich so reden zu hören; aber wenn ich so, wie jetzt, in meinen angenehmen Feierstunden nur als Mensch in meinem Lehnstuhle sitze – der abgestreifte Premierlieutenant hängt in meinem Vorzimmer – habe ich das schon häufig vor jungen Leuten Ihres Schlages gethan, wenn mir dieselben würdig genug dazu erschienen, und konnte und kann das thun, da ich mich in zwei Feldzügen so benommen, daß Se. Majestät der König mich des Tapferkeitskreuzes für würdig erachtet. – O, ich weiß wohl, was Ihr leuchtender Blick sagen will, mein lieber junger Freund, und bin überzeugt, daß Sie sich ebenfalls brav und tüchtig schlagen würden; aber um das für eine große Idee zu thun, haben Sie ja nicht nötig, Ihr ganzes Leben jenem mehr als zweifelhaften Glanze zu widmen. Das können Sie, wenn eine ernste Zeit eintritt, besonders bei unseren wunderbaren Heereseinrichtungen, frischweg vom Pfluge her leisten, die Büchse auf der Schulter, mit der Sie soeben den lustigen Wald durchstreift.« Erich schlug die Augen nieder und konnte sich eines bitteren Gefühles nicht erwehren, welches die Worte des Premierlieutenants, so wohlwollend sie auch klangen, in ihm hervorriefen. »Sehen Sie mich an,« fuhr der andere fort, »der unter besseren Aussichten als Sie ins Militär trat, der Gelegenheit hatte, die vortrefflichsten Kriegsschulen zu benutzen, und sie fleißig benutzt hat, ich, der ich nun schon jahrelang auf dem Punkte stehe, endlich einmal eine Batterie zu erhalten, dann aber recht wohl fühle, daß damit meine Carriere als abgeschlossen zu betrachten ist, und ich nur danach trachten muß, noch einige Jahre bis zu einer kleinen Pension oder bis zu einer mageren Civilversorgung, mitzulaufen, um dann, zurückblickend, mit Schrecken einzusehen, welch furchtbaren Umweg ich gemacht, welche Verschwendung an Zeit, Fleiß und Lebenskraft ich getrieben, um dahin zu gelangen. – Wir wollen nun das, was ich Ihnen hier nur im allgemeinen gesagt, speciell auf Sie anwenden, und ich bin dazu imstande, da ich neulich von Ihnen selbst, in diesen Tagen aber auch durch den Premierlieutenant Schramm Genügendes aus Ihren Verhältnissen und aus Ihrem früheren Leben weiß, und da ich noch viel besser beurteilen kann, auf welch schwachen Füßen Ihre Hoffnung auf ein rasches Avancement steht. Sagen Sie mir aber aufrichtig, mein lieber Freiberg, ob Sie mich für grausam halten, wenn ich so mit Ihnen rede und vielleicht dazu beitrage, Ihre glänzenden Hoffnungen zu zerstören.« »O gewiß nicht, Herr Premierlieutenant,« antwortete Erich mit einer allerdings etwas gepreßten Stimme; »ich fühle ja aus allem, daß Sie es gut mit mir meinen, und kann Ihnen nur dankbar sein für jede wohlmeinende Aufklärung!« »Gut gesprochen, wenn Ihnen das auch ein bißchen schwer vom Herzen kommt,« sagte der Offizier mit einem kurzen, aber nicht unfreundlichen Lächeln und fuhr alsdann nach einer kleinen Pause fort, während welcher er ein paar Papiere, die neben ihm auf dem Tische lagen, mit der Hand durcheinander geworfen: »Auch habe ich eine kleine Verpflichtung übernommen, so mit Ihnen zu reden, und zwar auf Veranlassung Schramms, der seit der Zeit seines damaligen Unfalles mit jenem Mühlenbesitzer, wie mir scheint, in stetem und lebhaftem Briefwechsel geblieben ist.« »Ach, mit dem guten Herrn Doktor Burbus,« rief Erich erfreut – »von dem ich leider seit lange nichts mehr gehört, obgleich ich mir wohl erlaubte, ihm hier und da zu schreiben! Er hatte mir das anbefohlen, gab mir aber seit Jahren keine Antwort.« »Es muß das überhaupt ein sonderbarer Kauz sein,« bemerkte der Premierlieutenant; »doch schätzt ihn Schramm ganz außerordentlich, und da das, was der vorsichtige Schramm schätzt, wirklich schätzenswert ist, so möchte auch ich gar gern einmal die Bekanntschaft jenes alten Herrn machen.« »So hat er sich meiner erinnert?« rief freudig der junge Bombardier. »Gewiß, und auf die freundlichste und vorsichtigste Art. Durch den Oberfeuerwerker Doll, an den er durch Schramm gewiesen wurde, erhielt er häufig Nachrichten von Ihnen, die ihn allerdings nicht immer erfreuten, besonders jene Geschichte mit dem Wurzelzeichen – ja, damals war es, wo ihn Ihr scheinbarer Mangel an Dankbarkeit sehr betrübte; doch hat sich diese Sache genügend aufgeklärt, und es folgte darauf ein Brief des Doktors Burbus an Schramm, der hier vor mir auf dem Tische liegt, infolgedessen ich mit Ihnen geredet, wie ich gethan.« Erich blickte mit einem fragenden Ausdruck den Sprecher an, im Begriffe, etwas zu entgegnen. Doch winkte ihm jener mit der Hand, wobei er sagte: »Lassen Sie mich noch etwas hinzusetzen: Daß Sie ebensowenig auf der Brigadeschule als hier beim hohen Chef unserer Batterie mit Glück debütiert haben, darüber brauchen Sie sich keinen Illusionen hinzugeben; ja weil ich es gut mit Ihnen meine, will ich Ihnen sagen, daß der Hauptmann von Manderfeld nur darauf lauert, Ihnen tüchtig eins ans Bein zu geben, sobald er dazu die allergeringste Veranlassung findet, deshalb nehmen Sie sich in acht! Und wie trotz aller Mühe, die Sie sich geben mögen, und trotz aller Beihilfe Ihre ganz besonders und vielleicht in guter Absicht befohlene Konduitenliste ausfallen wird, kann ich mir allenfalls denken. Denn der Herr Hauptmann hat das Recht, die gefährliche Rubrik der allgemeinen Bemerkungen nach eigenem und bestem Ermessen auszufüllen; er hat Sie, wie man so zu sagen pflegt, tüchtig auf dem Striche, und in solchen Fällen pflegt niemand eine schärfere Bürste zu führen als er. Sie sagten mir damals, seine Abneigung rühre von einer Begegnung her, die Sie, hier in der Gegend angekommen, mit ihm draußen im Walde gehabt?« »Ja, dort traf ich mit dem Herrn Hauptmann zusammen, und unglücklicherweise in einem Augenblicke, wo er sich gerade in Gesellschaft eines anderen Herrn befand, der Ursache zu haben glaubt, mich ganz besonders zu hassen.« »Ah, der Herr Graf Dagobert Seefeld,« entgegnete der Premierlieutenant mit einer spöttischen Miene, »mein Herr Kamerad von den Husaren, ein höchst vornehmer und sehr reicher Offizier, der, wenn er sich nur ein wenig Mühe gibt, eine glänzende Carriere schon machen wird, der, obgleich er einige zwanzig Jahre kürzer dient, als ich, doch früher eine Schwadron kommandieren wird, als ich eine Batterie, ein genauer Freund des Herrn Hauptmanns, und wenn der Ursache hat, Ihnen Steine in den Weg zu werfen, so können Sie sich darauf verlassen, daß der Freiherr von Manderfeld die Hand dazu bietet. Wann, wie und wo Sie ihm in den Weg getreten, sagten Sie mir nicht ganz genau, es ist auch gleichgültig; aber das Faktum genügt, um Sie über Ihre Zukunft ernstlich nachdenken zu lassen. Ich gebe zu, es ist gerade kein Glück für Sie, daß Sie unter diesen Umständen zu unserer Batterie kommen mußten; aber wenn auch anderenfalls Ihrem Avancement kein solcher Prügel in den Weg geworfen würde, sähe es doch unerfreulich damit aus. Wir sind mit einer Unmasse von Freiwilligen gesegnet, die teils bei der Batterie, teils bei den Brigade- und Artillerieschulen nach den Epauletten trachten. Allerdings ist sehr viel leichte Ware, sehr viel Schund darunter und vergeht wie Schaum auf dem Wasser; aber auch tüchtige Kerle, worunter ich Sie rechne, werden von den Verhältnissen hinabgedrückt, bleiben als Unteroffiziere oder Feuerwerker hängen, bringen es, wenn's hoch kommt, zum Wachtmeister oder Feldwebel und streifen so ihr lebenlang etwas weniges über dem Boden der Alltäglichkeit, statt, wie sie in ihrer Jugend geträumt, ihren Flug nach den Spitzen des Ruhmes und Glanzes nehmen zu können, häufig ein miserables Leben, wo es ihnen dann im glücklichen Falle noch wie unsereinem geht und sie auf dem gleich großen Wege eine kleine Civilversorgung erhalten, zu welcher sie vielleicht, gerade hinstrebend, weit eher gelangt sein würden. Nun will ich aber den günstigen Fall setzen: Sie wären wirklich Offizier geworden, hätten nun diese äußerlich so glänzende Stellung erreicht und versuchten es, auch ohne Protektionen, ohne Zulagen sich, tapfer schwimmend, oben zu erhalten – es geht das am Ende, es gibt brave, achtungswerte Leute, die das fertig bringen; aber es ist ein verzweifelter Kampf mit dem Leben, wo man beständig, um in dem Gleichnisse eines Schwimmers fortzufahren, den Krampf in einem Beine spürt und stets gewärtig sein muß, unterzusinken, wo man am Ende nichts thun kann, als mit zwei gleich schlimmen Gesellen zu kokettieren, dem Kummer und dem Leichtsinn. Eine Chance bietet allerdings der Krieg, Feldzüge, besonders wenn sie glücklich und glorreich sind, wenn man das Glück hat, sich auszeichnen zu können, wenn irgend eine kühne That gelingt, wenn ein anderer uns nicht das Verdienst derselben nimmt und wenn wir dabei nicht gar zu jammervoll angeschossen werden. Sie sehen, mein lieber Freiberg, auch dabei sind eine solche Menge ›Wenn‹, die sich über sämtliche Züge, Compagnien und Regimenter der Armee zahllos verteilen, so daß es dabei wie in einer Lotterie geht: ein Gewinn auf tausend Nieten. – So, das habe ich Ihnen teils aus eigener Anregung, teils im Auftrage meines Freundes Schramm als Mittelsperson jenes alten Doktor Burbus gesagt, und nun hören Sie, was dieser letztere in betreff Ihrer schreibt.« Der Premierlieutenant nahm den Brief, welchen er vorhin leicht mit der Hand berührt, vom Tische, entfaltete ihn und sagte, einiges mit den Augen überfliegend: »Nachdem Doktor Burbus seine Befriedigung darüber ausgesprochen, daß Sie es nicht gewesen seien, welcher den alten, ehrlichen Oberfeuerwerker Doll an dem Wurzelzeichen aufgehängt, schreibt er nun wörtlich: ›Es hat mir von jeher Freude gemacht, mit solchen jungen Leuten zu experimentieren und in guter Absicht solch losen Vögeln einen unsichtbaren Faden ans Bein zu binden, um sie, wenn sie auch scheinbar frei davonfliegen, doch gewissermaßen in meiner Hand zu behalten. Entdeckte ich dann an ihnen, was ich nicht zu finden gewünscht und gehofft, so schnitt ich meinen Faden beruhigt entzwei und grüßte sie auf Nimmerwiedersehen; fand ich aber, wie hier, einen guten, edlen, anständigen Stoff, ein Fundament, welches einen tüchtigen Kerl in irgend einer Lebensstellung versprach, so wußte ich meinen Faden sachte wieder anzuziehen, so daß der Vogel wie von selbst ins Garn lief und dankbar und freiwillig dem Pfade folgte, den ich ihm vorzuzeichnen für gut fand. Ich habe auf die Art schon manchem zu seinem Glücke verholfen, ohne mich ihm als Helfer aufgedrängt zu haben, und so werde ich es auch mit dem jungen Freiberg machen, wenn ihn mir ein glücklicher Zufall wieder in den Weg führt. Sagen Sie ihm davon, mein wertester Herr, so viel, als Ihnen gut dünkt, um ihn über dem Wasser zu erhalten, wenn ihn die drückenden Verhältnisse, von denen Sie mir geschrieben, am kräftigen Vorwärtsdringen hindern sollten; oder noch besser ist es, wenn Sie ihm das nicht selbst sagen, damit er darin keine Aufforderung sieht, sich mir durch Ihre Vermittlung ohne triftige Veranlassung nähern zu wollen. Er soll seine Kraft versuchen und selbst zu der Erkenntnis kommen, ob es nicht besser ist, in Gottes freier Natur Bäume zu fällen oder die Scholle umzuackern, als ...– – – doch hier schenken Sie mir wohl gern den Schluß meines Gleichnisses, der vielleicht nicht angenehm wäre einem so hoch verehrten Herrn und Freunde. »Und nun weiß ich bei alledem doch nicht,« sagte der Premierlieutenant in seinem gewöhnlichen Tone, wobei er den Brief wieder zusammenfaltete, »ob ich nicht aus eigener Machtvollkommenheit meinen Auftrag überschritten und Ihnen in jeder Beziehung zu viel gesagt habe. Es ist aber gleichgültig, denn ich halte Sie für fähig, vernünftig zu überlegen und selbst zu prüfen und zu wählen; vor allen Dingen aber bin ich überzeugt, daß Sie Ihren Dienst mit gewohnter Pünktlichkeit thun werden und in Ihrem Fleiß und guten Betragen nicht nachlassen. Steigen dann an Ihrem Lebenshorizonte die schwarzen Wetterwolken auf, welche gewiß nicht ausbleiben werden, so bleibt Ihnen doch die Gewißheit, daß Wolken allerdings imstande sind, unseren Blick in eine heitere Ferne zu trüben, daß aber diese heitere Ferne oder Zukunft deshalb doch unwandelbar stehen bleibt und rastlosem, gutem Streben erreichbar ist. »Und nun behüte Sie der Himmel, mein lieber Freiberg – es würde den Unteroffizier Wenkheim unruhig machen, wenn Sie ohne Urlaub länger ausblieben. Merken Sie sich aber mein Zimmer für alle Fälle, und wenn Sie je etwas Dringendes haben, besonders etwas, das mehr den Menschen als den Premierlieutenant angeht, so suchen Sie mich um diese Stunde auf, aber, wie gesagt, nur in dringenden Fällen, damit man nicht eine Vertraulichkeit zwischen uns argwöhnt, die Ihnen von keinem Nutzen sein könnte und mich verhindern würde, Ihnen einmal irgendwo zu helfen.« Erich war eigentümlich und tief bewegt, nachdem er die Wohnung seines freundlichen Vorgesetzten verlassen und den langen, halb dunklen, stillen Korridor entlang ging. Recht tief waren ihm die Worte des Premierlieutenants ins Herz gedrungen, und er hätte sehr viel darum gegeben, wenn er, statt hier in der dumpfigen Kaserne zu sein, nur eine Stunde im Walde, das heißt zu einer Zeit, wo dieser frisch und grün war, nicht wo wie jetzt die kahlen Aeste im scharfen Nordwinde seufzten, hätte verträumen können. – Ach, alles das, was er gehört, hatte er schon selbst unbewußt gefühlt, und jetzt hatten jene wohlgemeinten Worte einen Damm zerstört, den er mühsam zwischen jene Zeit und jetzt aufgebaut, und als er nun, an einem einsamen Fenster lehnend, an den Himmel emporblickte, wo langgestreckte Wolken ruhig vorüberzogen, kaum erkennbar auf dem glänzenden, mit leuchtenden Sternen besetzten Hintergrunde, da nahmen diese Wolken Gestaltungen an, wie sie zu den Bildern seiner Seele paßten, und alles, was er damals erlebt, zog in für ihn erkennbaren Bildern still und geisterhaft an seinem Auge vorüber! Da war der Jagdgrund, auf welchem er dabei gewesen war, als der junge Burbus jenen Kapitalhirsch schoß – und wie deutlich! Sogar die Schlucht, wo die riesenhafte Linde gestanden! Und das zog wie ein Panorama an ihm vorüber, die Waldfläche, wo ihn der gräfliche Förster ergriffen, o, so deutlich! Dann das Schloß, etwas im Nebel verschwimmend, und hinter demselben erschien ein Stück klaren Nachthimmels, besetzt mit den gleichen Sternbildern, zu denen er damals aufgeschaut, als er in hastiger Flucht durch den Wald die schützende Mühle zu erreichen suchte. Nur einen einzigen, wunderbar leuchtenden Stern von unaussprechlich mildem und wohlthuendem Glanze, der hier vor ihm stand, erinnerte er sich nicht, damals gesehen zu haben, und doch schien er ihm so bekannt, so anmutig freundlich zuzulächeln, ja, ihn mit seinen zitternden Strahlen zu fragen: »Erinnerst denn du dich meiner nicht mehr? Ach, wie traurig!« – Und als der Stern so zu sprechen schien, verschwand er halb und halb hinter einer seltsam geformten Wolke, so eine schwebende Gestalt annehmend mit langen, flatternden Gewändern, mit langem, flatterndem Haar, und als hierauf durch einen Riß des Wolkenschleiers das klare wundervolle Himmelsauge wieder zu ihm herüberblitzte, da erkannte er mit einem Male Stern und Gestalt und rief entzückt: »Blanda, Blanda, ja, du bist es! Wo du auch in der weiten Welt herumschweifen magst, in diesem Augenblicke gedenkst du meiner, wie ich an dich denke, du seltsames, wunderbares, herzig liebes Kind – o, Blanda, Blanda!« Damit war der Stern, als hätte er seinen Zweck erreicht, nun plötzlich hinter dichteren, schweren Wolkenmassen verschwunden, hinter seltsam geformten Gestalten, welche wie dahinjagende, phantastisch nebelhafte Reiterscharen erschienen – ah, die Ticzka wild dahinstürmend als Wolkengebieterin! Wie sich die Gestalt, welche sie trug, unter ihrer starken Hand aufbäumte! Wie alles um sie her, neben und unter ihr wallte und ihre Form zu verändern strebte, und wie sie allein hoch oben stand, unerschüttert, unverändert – siegreich vorüberziehend! Dann erschienen in den Wolkengebilden phantastische Landschaften, Bergeshöhen, Felsenstürze, Waldflächen mit mächtigen Schlössern, eine ungeheure, meilenweite Hochebene, die sich zuerst etagenförmig in schroffen Felsterrassen gegen die Ebene, hier der klare Nachthimmel, senkte und sich hierauf wie eine sanft abfallende Niederung verflachte. Dorthin schwang sich Erichs Geist, strebend, so rasch als möglich das Ende jener langgestreckten Landzunge zu erreichen, wo er überzeugt war, aus dem unbegrenzten Meere dieser Himmelsfläche etwas Herrliches, etwas Tröstliches, etwas für seine ganze Zukunft Entscheidendes auftauchen zu sehen – jetzt mußte es erscheinen, jetzt, am Ende jener langsam dahinziehenden, haarscharf endenden Linie. Erich hatte die gefalteten Hände gegen seine Brust gedrückt und starrte fast atemlos dorthin, überzeugt von einer Offenbarung, die auf sein ganzes zukünftiges Leben Einfluß haben mußte. Dann kam es zuerst wie ein sanfter Schein hinter der dunkeln, geheimnisvoll vorüberziehenden Wolkenschicht; dann lugte es blitzend um die Ecke, dann stand es blitzend und strahlend vor ihm – Blandas Stern. Zugleich aber auch trat die trübere Wirklichkeit langsam hinter ihn und verscheuchte mit einem Male seine prächtigen Phantasiegebilde, und zwar in einer sehr prosaischen Gestalt, als wachthabender Kanonier der Kasernengänge, in dir Stalljacke, den gezogenen Säbel im Arme, Pantoffeln an den Füßen. »Ah, Sie sind es, Herr Bombardier! Ich habe nur sehen wollen, wer sich da so lange am Fenster zu schaffen macht!« »Ja, ich bin es,« gab Erich mit einem Seufzer zur Antwort, »und will nun auf meine Stube gehen – gute Wacht!« Doch war es ihm nicht möglich, auf dem geraden Wege durch die dumpfigen Gänge nach seinem Quartier zu gehen, welches auf der anderen Seite der Kaserne lag, weshalb er die Treppen hinabstieg und über den Hof schritt, um nochmals den nun wieder klaren Himmel mit seinen lieblichen, freundlichen Sternen zu schauen. Da sah er auch den Orion, der ihm von der Erklärung der guten Ticzka Kolma her unvergeßlich war, dieses herrliche, wohlthuende Sternbild, welches uns wie eine tröstliche Hoffnung nach dem warmen, prächtigen Süden zeigt und zu welchem hinauf Erich wie auch ein anderer braver Mann, den wir genau kennen, selten versäumte, freundlich mit der Hand zu grüßen. Als er dann weiter gegen den anderen Teil der Kaserne ging, sah er eine Gestalt in einem langen Mantel von dem Eingange herkommen und den gleichen Weg wie er selber nehmen. Wahrscheinlich der Einjährig-Freiwillige, der sich vielleicht ohne Urlaub verspätet und sich deshalb bemühte, nicht erkannt zu werden, denn er hielt das Taschentuch vor sein Gesicht und huschte so rasch als möglich in den Eingang. Erich war viel zu diskret, um ihn, wie er wohl gekonnt hätte, auf der Treppe einzuholen, weshalb er absichtlich langsamer ging und erst sein Zimmer erreichte, als er von droben her das Schließen der Thüre vernommen. Dann in seine eigene Stube tretend, war er überrascht, hier noch jemand außer Bett zu finden, der gerade im Begriffe war, ein Licht anzuzünden, und in welchem er alsdann zu seinem Erstaunen jene Gestalt im Mantel erkannte, die ihm aber den Rücken zukehrte und sich an Wiberts Waffengerüste zu schaffen machte. Näher kommend, sah er aber, daß es der lange Bombardier selber war, welcher auf seinen freundlichen »Guten Abend« nur einige brummige, unverständliche Worte erwiderte, dann von dem Tische in der Ecke Wasserkrug und Waschschüssel herbeitrug und sich schweigend vor diesen Gerätschaften an den Tisch setzte, nachdem er sich vorher seufzend in einem kleinen Handspiegel betrachtete. »Herrgott, Wibert, wie sehen Sie aus!« »Nun, wie werde ich aussehen – wie jemand, der das Unglück gehabt hat, über einen verdammten Steinhaufen zu stürzen!« »Das ist ja sehr arg – es müssen scharfe Steine gewesen sein.« »Wie Pflastersteine gewöhnlich sind, oder glauben Sie vielleicht, man hätte sie für mich extra abgerundet?« »Kann ich Ihnen irgendwie beistehen?« »Nein; lassen Sie mich ins Teufels Namen zufrieden!« – Dann betupfte er mit einem nassen Tuche leicht sein Gesicht, griff nun aber auf seinen Kopf und betrachtete hierauf unter einem halblauten Ausruf des Zornes seine mit Blut befleckten Fingerspitzen. Erich begriff plötzlich den ganzen Zusammenhang, und um so mehr, als er jetzt aus einem der hinteren Betten ein leises, unterdrücktes Kichern vernahm. Auch Wibert hörte es und blickte wild nach der Richtung hin; doch gerade daß der gutmütige Freiberg hier Ursache und Wirkung in so unangenehmem Zusammenhange vor sich sah, bestimmte ihn, dem anderen nochmals nachdrücklich seine Hilfe anzubieten, die denn auch nach einigem Zögern angenommen wurde. Als hierauf Wiberts Gesicht abgewaschen war, stellten sich die Verwundungen wohl als sehr häßlich aussehend, aber durchaus nicht als gefährlich dar, wobei es von dem Betreffenden immerhin eine eigentümliche Art zu fallen gewesen sein mußte; denn außer einigen sehr unbedeutenden Schrammen bestand der größte Schaden aus einer bereits sehr stark angeschwollenen und noch immer heftig blutenden Nase, sowie aus einem geröteten und verdächtig glänzenden Fleck unter dem rechten Auge, der alle Hoffnung gab, den anderen Tag in sämtlichen Regenbogenfarben zu schillern, wozu noch die oben erwähnte Wunde auf dem Kopfe kam, die sich indessen als unbedeutender Hautritz darstellte. Am meisten schmerzten den Betreffenden die Beschädigungen seines langen Schnurrbartes auf der rechten Seite und veranlaßten ihn, mit einem sehr derben Fluche auszufahren, als ihm bei genauer Berührung einige der schönsten Barthaare in der Hand blieben, worauf sich jenes Kichern und unterdrückte Lachen wieder von neuem vernehmen ließ und von dem langen Bombardier mit der Versicherung beantwortet wurde, daß er bei nochmaligen ähnlichen Beweisen von Teilnahme dem Betreffenden ohne weiteres den Wasserkrug ins Bett schleudern würde, worauf man die Stimme des Bombardiers Schwarz vernahm, welcher zur Antwort zurückrief: »Das muß man Ihnen lassen, Wibert, Sie sind ein famoser Kerl – kommen da mitten in der Nacht nach Hause, randalieren uns aus dem Schlafe, und wenn man dann in Erinnerung an einen höchst angenehmen Traum ein wenig lächelt, so fangen Sie sogleich Händel an!« »Halten Sie Ihr Maul, Sie sind ein naseweiser, junger Mensch!« »Besser als ein nasendicker alter Mensch!« scholl die Antwort zurück, und wenn man näher hinblickte, sah man, wie Schwarz mit lachenden Augen aus dem Dunkel seiner Ecke herüberschaute. »So, du hast einen so schönen Traum gehabt?« fragte Weitberg, der vor Lachen kaum reden konnte. »Famos – und du?« »O, ich habe sehr schön geträumt – mir träumte von einem Liede, das wir häufig singen: »Im Dörfchen, nicht weit ist's von hier, Da lag ich einmal im Quartier –« sang der kleine Weitberg, der eine ganz gute Stimme hatte und besonders gut jodeln konnte: »Jo-hio–hio-hio-hoh –« worauf Schwarz, so gut als er vor Lachen konnte, wiederholte: »Da lag ich einmal im Quartier–« und dann der andere im Wechselgesange wieder anfing: »Und ganz in der Stille Schlich ich zu der Mühle, Lieb Röschen, lieb Röschen, lieb Röschen, mach auf!« »Jetzt muß ich aber schon sagen,« hörte man die Stimme des Unteroffiziers Wenkheim aus der fernsten Ecke her und wie aus tiefstem Schlafe erwachend, »daß mir ein solcher Skandal und Höllenspektakel in einem königlichen Kasernenzimmer bis jetzt noch nicht vorgekommen ist! Kreuzmillionendonnerwetter, Sie sollten sich schämen, Schwarz und Weitberg, und was Sie anbelangt, Bombardier Wibert, so könnten Sie füglich Ihr schönes Gesicht am Tage im Spiegel beschauen, anstatt während der Nacht unnütz das Licht zu verbrennen und uns im Schlafe zu inkommodieren – ist das eine Bande!« »Er hat aber Ursache, sein Gesicht im Spiegel zu beschauen,« lachte Schwarz. »Er ist in die Brennesseln gefallen,« meinte Weitberg. »Nein, auf einen Haufen Pflastersteine.« »Und ein anderer ist ihm hoch vom Himmel herab auf den Kopf gefallen.« »Er sieht greulich aus!« »Wer?« fragte der Unteroffizier, indem er sich im Bette aufrichtete. »Nun, der Bombardier Wibert –« »Denn ganz in der Stille Schlich er zu der Mühle, Lieb Röschen, lieb Rüschen, lieb Rö . ..« Daß der Wasserkrug dem Spötter nicht an den Kopf flog, konnte Erich, wenngleich nur durch Anwendung seiner ganzen Kraft, verhindern; nicht aber, daß der wütende Wibert eines der Kommißbrote ergriff, die vom Abendessen her noch auf dem Tische lagen, und mit solcher Gewalt nach Weitberg warf, daß es sowohl über dessen Bett, als auch über das des Bombardiers Schwarz hinweg rikoschettierte und dem Unteroffizier Wenkheim mit voller Wucht gegen den Bauch flog, und obendrein war es noch Brot mit Zubehör, bestehend aus einem kleinen Stücke Butter, welches sich der sparsame Weitberg zum Frühstücke aufgehoben hatte. »Wuh!« stöhnte der Unteroffizier und dann sprang er mit gleichen Füßen aus dem Bette, um in höchster Wut nach seinem Säbel zu greifen, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn Erich ihm nicht entgegengetreten wäre und mit hoch erhobenem Lichte des langen Wibert jetzt schwarz bepflastertes Gesicht beleuchtet hätte. »Ah, der Teufel!« rief der Unteroffizier, indem er bestürzt zurücktrat – »aber deshalb wirft man doch nicht gänzlich unschuldige, ruhige, schlafbeflissene Leute mit Kommißbrot auf den Magen!« »Aber wenn man so gereizt wird, Herr Unteroffizier Wenkheim,« sagte Erich begütigend. »Ja, das ist wohl wahr – aber wartet nur, ihr da drüben,« entgegnete der Vorgesetzte, indem er mit der Faust nach dem Bette hinüberdrohte, »wir wollen euch die Geschichte morgen schon eintränken – ja, schnarcht nur, es ist das beste, was ihr heute abend thun könnt, denn wenn ihr noch einen Muckser macht, so soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht jetzt noch zum Herrn Wachtmeister hinuntergehe und dafür sorge, daß ihr noch in dieser Nacht auf Nummer Sicher kommt! – Aber wirklich, Wibert, Sie sehen ganz außerordentlich aus! Was war es denn so eigentlich?« »Er ist über einen Steinhaufen gefallen,« sagte Erich in gutmütigem Tone; doch mochte er sich dabei wohl nicht ganz eines kleinen Lächelns enthalten haben, denn der lange Bombardier schaute ihn plötzlich mit einem finsteren, mißtrauischen Blicke an, worauf er achselzuckend sagte: »Ihnen scheint es allerdings besser gegangen zu sein auf Ihren nächtlichen Promenaden!« »Das beste wird wohl sein,« meinte der Unteroffizier, »daß Sie sich morgen früh zum Lazarett melden; denn wie ich aus Erfahrung weiß, wird Ihre Nase morgen früh aussehen wie eine dicke rote Kartoffel, und von Ihrem Auge wird jedermann sagen, es sei mit einem tüchtigen Faustschlage in Berührung gekommen – sind das Geschichten! Aber R–R–R–Ruhe will ich jetzt haben, R–R–R–Ruhe von allen Seiten!« 34. Kapitel Von der behaglichen Schreibstube des Bombardiers Schmoller. Erich glaubt, Blanda zu sehen, und kommt ins Unglück, weil man ihn für betrunken hält. An einem der nächsten Sonntage ging Erich nach dem Fort Maximilian, um den Bombardier Schmoller zu besuchen. Er hatte seinen Kameraden lange nicht gesehen, da vielerlei Beschäftigungen ihn in der Kaserne zurückhielten, und da Schmoller hauptsächlich durch das ganz ungünstige Wetter abgehalten worden war, von draußen hereinzukommen. Der Winter, der zu Ende ging, schien seine noch im Vorrate habenden groben Schnee- und Regensorten toll durcheinander gemengt, verschwenderisch aufbrauchen zu wollen, wozu dann noch kam, daß der langsam heranrückende Frühling mit schweren, stürmischen und dunstigen Winden schon anfing, gegen seinen Freund kräftig zu plänkeln. Die Menschen sagten, es sei ein Hundewetter, was aber eigentlich eine falsche Benennung ist, da die klugen Geschöpfe, welche hierzu ihren Namen leihen müssen, klüger als manche Menschen, zu Hause bleiben und sich hinter dem warmen Ofen oder in ihren behaglichen, mit Stroh angefüllten Hütten verkriechen. An dem Tage, wo Erich nach dem Fort Maximilian ging, war es indes etwas erträglicher geworden. Schnee und Regen hatten das Feld geräumt und der siegreiche Wind heulte nur noch grimmig hier und da um die Häuserecken herum wie ein böser Kettenhund, der dem vertriebenen Feinde seine Wachsamkeit zeigen will. Zwischen den weißen, zerrissenen, rasch dahinziehenden Wolken sah man wieder Stücke des blauen Himmels, ja, zuweilen blitzte sogar ein freundlicher Sonnenstrahl durch, wie mit einem zweifelhaften rasch wieder verschwindenden Lächeln die Landschaft erhellend, sowie plötzlich aufleuchten lassend die durchnäßten Straßen mit ihren großen Wasserpfützen, deren Oberflächen häufig von scharfen Windstößen bewegt und durchfurcht wurden. Und doch lag schon eine Frühlingsahnung in der Luft und fand einen freudigen Widerhall in dem Herzen Erichs; mochte das nun daher kommen, daß er, langsam aufwärts steigend, seit einigen Tagen zum erstenmal wieder so recht mit Innigkeit an den Himmel hinaufschaute, wo ihm bei den vorüberziehenden Wolken die Gebilde jener Nacht wieder lebhaft vor die Seele traten mit Blandas Stern, oder gab ihm der Gedanke an sie selbst das Gefühl der Erinnerung an einen schönen, milden Frühlingstag? Aber auch die Erde duftete schon ganz eigentümlich ahnungsvoll; die dicken Knospen der Bäume schienen erwartungsvoll zu glänzen und die zarten, schlanken Knöspchen an den niedrigen Sträuchern fragten offenbar: »Nun, wird's bald?« Rückwärts blickend, sah er die ganze, große Stadt ausgebreitet vor sich liegen, in ihrem Inneren für ihn fast eben noch so fremd und unbekannt wie vor Monaten, als er mit Schmoller von der gegenüberliegenden Höhe hinabgestiegen war – dort hinten war ein kleiner, sehr beschränkter Kreis, die Artilleriekaserne, über welchen er noch so gut wie gar nicht hinausgekommen war, und in seiner Stellung auch wohl schwerlich hinauskommen würde. Das gab ihm zu denken, wenn er jenen kleinen Kreis in seinen Gedanken, ja, sogar mit seinen Augen gegen jene gewaltige Aussicht verglich, die sich seinem Blicke ringsumher öffnete; jene weite Gegend mit ihren Wäldern und Feldern, Hügeln und Thälern, lang gestreckten Hochebenen und tief eingerissenen Schluchten; wenn er dabei bedachte, wie ganz anders ein Leben für ihn sein würde, das ihm gestattete, frei durch jene Thäler, über jene Höhen zu ziehen, und wenn er also dachte, so schwangen sich seine Gedanken hoch in die Luft, um sich dort im stillen, anmutigen Mühlthale niederzulassen. Doch riß er sich seufzend von der weiten Aussicht und jenen Bildern los und stieg die letzte Krümmung des Weges hinauf, welche ihn in kurzer Zeit vor das hohe und feste Thor der kleinen Festung führte. Ein Artillerist, der auf der Brücke hin und her spazierte, zog den Säbel an, als er vorüberging, und ein anderer, der an der Brüstung lehnte und wahrscheinlich mit der Schildwache geplaudert hatte, sagte ihm, der Bombardier Schmoller würde sicher droben auf der Schreibstube anzutreffen sein. Hier oben war alles so sonntäglich still und friedlich heiter; auf der Bank der Wachstube saßen die Kanoniere behaglich rauchend und dicht zusammengedrängt in einem schmalen Streifen Sonnenschein, und wenn man noch ein paar Schritte höher stieg, so sah man über den Wallgang hinaus in die entzückend schöne, jetzt durch Sonnenlicht und Wolkenschatten vielfach belebte Gegend, und verstand es vollkommen, warum die gewaltigen, schweren, ernsten Festungsgeschütze so unausgesetzt träumerisch in das Weite starrten. Der Bombardier Schmoller befand sich in der That in der Schreibstube der Kommandantschaft des Forts. Es war das ein großes, geräumiges Gemach mit einem hohen Bogenfenster, durch welches man einen Teil der Stadt übersah; neben dem Ofen, in welchem, trotzdem es nicht sehr kalt war, ein tüchtiges Feuer brannte, saß der Bombardier, hatte aber, vielleicht wegen der angenehmen Luft draußen, einen Teil des Fensters geöffnet, an welchem man einen sehr langen Tubus stehen sah. »Ah, grüß' dich Gott, leichtes Geschütz!« rief Schmoller dem eintretenden Freunde entgegen, »Sieht man dich endlich einmal? Ich hatte wahrhaftig heute morgen schon halb und halb Lust, meine behagliche Klause hier oben zu verlassen, um mich in den Dunst der Stadt und der Ställe zu begeben!« »Daß hättest du schon längst thun können, da es dir wahrlich an Zeit nicht gefehlt hat.« »Aber an Lust, mein Lieber, abgesehen von der Sehnsucht nach dir; es ist hier oben so behaglich, so still poetisch angenehm, daß man sich durchaus nicht nach den zweifelhaften Freuden eurer Stadt sehnt.« »Gott sei Dank,« sagte Erich lachend, »daß du dich so mit deinem Schicksal ausgesöhnt hast! Ich weiß noch, mit welch trübem Gefühl du bei unserer Ankunft nach diesen Höhen hinschautest, seufzend über die Ungunst des Schicksals, die dich zu jener Einsamkeit verdammte!« »Ich wußte nicht, was mir gut war,« entgegnete Schmoller; »aber setze dich doch,« fuhr er fort, nachdem er einen Stuhl herbeigeholt und sich alsdann nach dem Bogenfenster begeben, um einen Blick auf die Stadt zu werfen – »geniert dich das offene Fenster, so will ich es schließen.« »Mich durchaus nicht, es ist ja ordentlich warm draußen. Also du bist noch immer zufrieden?« »Ganz außerordentlich.« »Und dein Chef?« »O, ein liebenswürdiger alter Herr, freilich etwas mehr Professor als Artilleriekapitän, aber von einer Freundlichkeit, einer Güte und Milde, welche das Gemüt erhebt und das Herz veredelt! Ich habe darin schon große Fortschritte gemacht. Ueberhaupt ist es etwas Eigentümliches um dieses halb einsame Leben auf Bergeshöhen, in der schönen Natur; es hat das hier allerdings um so mehr etwas Klösterliches, als auf dem ganzen Fort kein einziger weiblicher Unterrock zu finden ist. Ich sage dir, auch das veredelt gewissermaßen und gibt unseren Gedanken einen höheren Schwung.« Er war unter diesen Worten abermals an das Fenster getreten und blickte dort sogar durch den Tubus auf die Stadt hinab. Erich sah ihm lächelnd zu, wie er durch das Zimmer schritt mit dem unverkennbaren Bemühen, seiner kleinen Figur sowie seinem unbedeutenden Gesichte würdevoll Haltung und Ausdruck zu verleihen. »Um deinen Chef bist du nach dem, was ich über ihn gehört, allerdings zu beneiden, ebenfalls um deinen Premierlieutenant, den ich von früher her kenne.« »Richtig – Schramm; er sprach noch vor kurzem über dich. Schade, daß beide abwesend sind, sonst würde ich um die Erlaubnis gebeten haben, dich zu ihnen zu führen – aber ein andermal,« Schmoller sagte das, indem er wieder vor dem Tubus stand, hierauf einen Blick nach der Schwarzwälder Uhr warf, die neben einem hohen Aktenständer unermüdlich tickte, und dann mit einem mißmutigen Gesichtsausdrucke das Fenster schloß. »Was den Dienst hier oben anbelangt,« sagte er an den Ofen tretend, »so wird derselbe auf die leichteste und angenehmste Art versehen: ich selbst habe nicht viel damit zu thun, da ich fast den ganzen Tag hier auf der Schreibstube beschäftigt bin, meistens in Privatangelegenheiten des Herrn Hauptmanns.« »Ah, in Privatangelegenheiten!« »Ja man kann es so nennen, obgleich es doch auch wieder zum allgemeinen Dienste gerechnet werden kann. Du wirst wissen, daß sich auf dem östlichen Turme eine astronomisch-meteorologische Station befindet, und zwar unter Oberaufsicht des Herrn Hauptmanns von Walter, der auf diesem Steckenpferd lieber herumreitet als auf den alten Wallgeschützen, und dabei muß ich ihm als Schreiber und in Besorgung mathematischer Berechnungen an die Hand gehen.« »Ah, Schäker, und in deinen Freistunden treibst du, wie ich eben gesehen, auf eigene Faust astronomische und meteorologische Beobachtungen!« Schmoller zuckte mit den Achseln, und nachdem er ein paarmal im Zimmer auf und ab gegangen war, blieb er vor Erich stehen und sagte mit einem leichten Seufzer: »Ich habe von jeher keine Geheimnisse vor dir gehabt.« »Besonders nicht, wenn du mich gebrauchen konntest – denk' an den Fleischhaken und deinen Säbel.« »Pfui, über diese prosaischen Erinnerungen! Du bist bei dem Pferdsvolke da drunten gewaltig verwildert – doch ganz anders fühlt mein Herz,« setzte er mit einem schwärmerischen Blicke hinzu. »Ah, du hast wohl Fortschritte in jener höheren Telegraphie gemacht, in der du mir damals eine kleine Anleitung gabst – ja richtig, bei solch einer Geschichte per Distance läutern sich die Gefühle und es kann kein unedler Gedanke aufkommen.« »Sehr wahr,« seufzte Schmoller – »ich habe auch schon Gedichte gemacht: Hier oben steh' ich einsam Auf meiner kahlen Höh, Es schläfert mich, ich schlummer Wohl unter Eis und Schnee; Da denk' ich dein; o Palme, So blühend und so schlank, Die schweigend einsam trauert Auf schneeigter Gartenbank!« »Nicht so übel,« sagte Erich lachend; »doch erinnert dieses kühle Lied etwas an Heine.« »Vielleicht ja, doch ohne mein Zuthun, denn was kann ich dafür, daß Heine vor mir schon Aehnliches gesagt hat!« »Richtig, und da es manchem braven Manne nicht anders ergangen ist, so kannst du dich darüber trösten. Aber wie steht's mit den Geheimnissen, von welchen du vorhin sprachst? Das heißt, ich bin durchaus nicht neugierig, und wenn du darüber schweigen willst, so ist mir's auch recht.« »Nein, es ist mir eine Erleichterung, darüber zu reden.« »So ist also wirklich noch etwas geschehen, das wert ist, besprochen zu werden?« fragte Erich mit einigem Erstaunen. Schmoller zuckte leicht mit den Achseln, dann warf er einen schwärmerisch kummervollen Blick, der aber in seinem affektierten Ernste etwas außerordentlich Komisches hatte, in die Höhe und sagte: »Kannst du das stürmische Bergwasser zurückhalten, wenn es einen Weg gefunden hat, um sich über blumenbedeckte Wiesen hinweg in die herrliche Ebene zu ergießen, sich dort vereinigend mit dem still fließenden, majestätischen Strome?« »Sehr schön und poetisch gesagt, stürmisches Bergwasser; aber ich hoffe sehr, daß bis jetzt noch keine Vereinigung stattgefunden hat.« »Bildlich allerdings, in Wort und Schrift, im Austausch schöner, edler Gedanken.« »Wie versteh' ich das, bildlich?« »Ich erhielt ihre Photographie, wir wechseln Briefe.« »Wirklich, Schmoller? Du belügst mich nicht?« »Lächerlicher Gedanke – sieh hier!« Er nahm aus der Brusttasche seiner Uniform ein schon etwas abgegriffenes und beschmutztes Briefcouvert und zog daraus die Photographie einer nicht mehr ganz jungen Dame hervor, die aber ein angenehmes Gesicht, mit mildem, etwas demütigem Ausdrucke hatte. »Nicht so übel,« meinte Erich; »was schreibt sie dir dazu?« »Einen wahren Mädchenbrief, etwas konfus, einigermaßen überspannt, aber mit deutlichen Anspielungen, daß ich einen tiefen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Dabei spricht sie von dunklen Verhältnissen, die sich nach und nach aufklären müßten, und sagt, ich werde es später begreiflich finden, daß sie mir bis jetzt nur gewissermaßen verschleiert erschienen, unter einer notwendigen Maske, daß diese Maske aber fallen würde, sowie ich mich selbst entschleiert hätte.« »Hm, das versteh' ich nicht recht.« »Mit einiger Aufklärung wirst du dahinter kommen: wenn man das Glück hat, die Aufmerksamkeit einer jungen Dame aus einem adeligen Stifte auf sich zu ziehen, so stellt man sich doch nicht gern von vornherein als der ganz gewöhnliche Bombardier einer Festungscompagnie dar, sondern man spielt ebenfalls ein bißchen Versteckens und läßt es durchblicken, daß man wohl das Recht haben könne, unter einer siebenzackigen Krone zu schreiben, besonders wenn das Papier, das man erhalten hat, eine neunzackige Grafenkrone trägt.« »Und ist unterschrieben?« »Nur mit dem einfachen Namen Klothilde.« »Du warst von jeher in solchen Dingen ein Glückspilz; aber auf welche Art besorgt ihr eure Korrespondenz?« »Es ist das etwas schwierig; ich werfe meine Briefe, um einen Stein gewickelt, in einen bestimmten Winkel hinter die Gartenmauer, sie läßt die ihrigen in dunkler Nacht aus einem gewissen Fenster des Hauses fallen, wo ich sie alsdann aufhebe, dabei natürlich aber manchen vergeblichen Gang thue, wie besonders in den letzten acht bis zehn Tagen,« setzte er seufzend hinzu. »Ich weiß nicht, was da unten vorgefallen sein muß; aber es ist nicht alles in Ordnung, wie es sein sollte. Es finden die herkömmlichen Spaziergänge nicht mehr statt, selbst nicht mehr hinter der hohen Gartenmauer, und auch sonst ist da unten ein Gefahre von Equipagen, was mir durchaus nicht gefallen will.« »Das siehst du alles von hier oben aufs deutlichste?« »Durch meinen vortrefflichen Tubus; ja, ich bin imstande, bis in die Zimmer hineinzuschauen, wenn gerade nicht die Vorhänge herabgelassen sind.« »Glücklicher Kerl! Du könntest mir deine Stelle am Tubus wohl hier und da überlassen! Laß mich doch einmal durchschauen!« »Mit Vergnügen, aber du wirst jetzt nicht das Geringste entdecken; es ist die Zeit des Frühstückes, wo das Haus bis nach zwölf Uhr wie ausgestorben erscheint; dann kommen die Spaziergänge, und sehe ich alsdann in der Art, wie sie ihren Mantel trägt, besonders aber, wie sich ihr Sonnenschirm bewegt, was mir zu wissen notwendig ist.« »In der That ein ganz ausgezeichnetes, vortreffliches Glas!« meinte Erich hindurchschauend. »Mit ihm kann man ja die Gesichter der unten Vorbeiwandelnden erkennen!« »Du Glücklicher, mit deinen scharfen Augen allerdings; ich dagegen muß mich bis jetzt mit den allgemeinen Umrissen begnügen, ach, und deshalb würde es mich so außerordentlich glücklich machen, wenn ich endlich einmal so weit käme, mit ihr reden zu können!« »Da bin ich glücklicher; es ist mir eine Kleinigkeit, die Hausnummer zu lesen. Welch reines, prächtiges Glas!« »Allerdings einer der besten Fraunhofer, die es gibt; der Herr Hauptmann benutzt ihn zum Austausche der Zeichen mit der Sternwarte der Universität und mir dient er zum Betrachten anderer, schönerer Sterne – aber, wie gesagt, es ist jetzt da unten bis nach zwölf Uhr nichts mehr zu sehen, und wenn es dir recht wäre, so führe ich dich in unserer kleinen Festung umher, um dir an manchem zu zeigen, welch angenehmes, ja mitunter idyllisches Leben wir hier oben genießen. Stelle dein Heldenschwert dort in die Ecke, wir halten hier oben nicht viel auf Säbelgerassel.« Dann gingen sie miteinander fort, und Schmoller zeigte seinem Freunde die Schlafsäle der Mannschaft, vor allen sein eigenes, kleines, aber behagliches Zimmer in einem der runden Türme; dann den Speisesaal, einen großen, gewölbten Raum, daneben ein Zimmer zur Unterhaltung und Belehrung der Mannschaft, mit Büchern und Modellen von Geschützen der verschiedensten Arten, Artilleriefahrzeugen, aber auch von landwirtschaftlichen Maschinen, welch letztere Erich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit betrachtete. Dabei hatte alles hier nichts von jenem oft unangenehmen, kasernenmäßigen Anstriche, von jener oft peinlichen Ordnung und gezwungenen Sauberkeit, so daß man an allem, besonders in den hochgewölbten, geräumigen Schlafsälen, namentlich aber in der mit den verschiedensten Bequemlichkeiten ausgerüsteten und sehr reinlich gehaltenen Küche, einen milden Geist erkannte, der hier wohlwollend und freundlich alles regiere, und diesem milden Geiste begegneten die Bombardiere in Gestalt des Hauptmanns von Walter, als sie das innere Fort verließen, um die Wälle und das Glacis in Augenschein zu nehmen. Schmoller konnte sich auf den freundlich fragenden Blick des Kommandanten hin schon erlauben, seinen Freund durch Nennung von dessen Namen in Erinnerung zu bringen, worauf der wohlbeleibte Artilleriehauptmann mit freundlichem Lächeln sagte: »Ich erinnere mich ganz genau, vergesse nicht leicht berühmte Persönlichkeiten, hatte auch in diesen Tagen Gelegenheit, einiges, durchaus nichts Schlimmes über den letzten Bombardier zu vernehmen. Der Premierlieutenant Schramm kennt Sie von früher und hat mir Freude gemacht mit der Versicherung, daß alles das, was mein Herr Kamerad, der Freiherr von Manderfeld, über Sie losgelassen, doch noch zu schanden werden wird.« – Damit grüßte er freundlich, blieb aber nochmals stehen und rief dem Bombardier Schmoller nach: »Wenn Sie auf den Wall gehen, so schauen Sie nach unserer Veilchenplantage!« »Zu Befehl, Herr Hauptmann, ich war gerade auf dem Wege, das zu thun!« gab Schmoller zur Antwort und setzte, gegen Erich gewendet, hinzu: »Damit lüge ich nicht, denn ich kann dir in der That nichts Schöneres und Lieblicheres zeigen, als unsere Veilchenbeete – allerdings eine seltsame Idee auf dem Walle einer Festung. Da sind wir schon. Sieh, wie der Platz zwischen diesen beiden Traversen vortrefflich gewählt ist! Durch sie geschützt gegen Nord- und Ostwind, der Sonne zugänglich und mit alten Magazinfenstern zugedeckt, die während der Nacht noch mit dicken Strohmatten versehen werden. Ist das nicht eine Pracht? Dieser Geruch schon von weitem! Ich finde das als eine ganz begreifliche Liebhaberei von dem Herrn Hauptmann, die auch unsereinem zu statten kommt, denn daß hier und da ein kleiner Veilchenstrauß mit zur Stadt hinab läuft, kannst du dir denken. Da, setz dich einmal auf die kleine Bank von Stein, blick in die sonnenbeglänzte, herrliche Landschaft hinaus, die allerdings noch etwas winterlich kahl aussieht, aber gerade dadurch einen so prächtigen Kontrast bildet mit dem reichen Frühlinge um uns her, und sage selbst, ob man sich hier nicht ganz anders, poetischer gestimmt fühlt, als drunten in den Düften der Stadt oder gar im Dunste eines Stalles. O, unsere Gedanken hier oben nehmen deshalb auch einen ganz anderen, weit höheren Flug, und selbst,« setzte er mit einem etwas affektierten Seufzer hinzu, »wenn die Grafenkrone auf dem Papier echt wäre, sollte mich das gar nicht in meinen Bewerbungen aufhalten!« »Und warum sollte sie nicht echt sein?« meinte Erich lächelnd. »Du hast einmal dieses rasende Glück bei den weiblichen Herzen!« »Ja, trotz alledem glaube ich es auch in der That, daß sie eine sehr vornehme junge Dame ist, obgleich sie mir schreibt, sie sei nichts als eine arme Lehrerin, die sich glücklich fühle in der Zuneigung eines so hoch gestellten jungen Mannes.« »Das hat sie aus Märchenbüchern, wo Prinzessinnen und Feenköniginnen gern im Gewande gewöhnlicher Sterblicher zu erscheinen pflegen, um dann plötzlich in aller Pracht zu kommen und den Heißgeliebten zu beglücken. Werde in dem Falle nur nicht hochmütig und vergiß deinen armen Kameraden nicht!« »Deine Spöttereien beiseite lassend, lieber Freund,« erwiderte Bombardier Schmoller mit einiger Wichtigkeit, »so könnte sich allenfalls schon etwas ereignen, was dich in Erstaunen setzen, mir es aber sehr erleichtern würde, den in der That höchst angenehmen Aufenthalt hier oben zu verlassen.« »Für eine Gräfin wäre allerdings hier oben nicht der richtige Aufenthalt.« »Gewiß, aber ich ginge ungern fort, das kann ich dir allen Ernstes versichern; denn der Hauptmann von Walter ist mir sehr gewogen, will mich nächstens zum Unteroffizierexamen eingeben und hat mir bei meinen Fähigkeiten in Schreiberei und Rechnungswesen nicht undeutlich in Aussicht gestellt, daß er mich nach einiger Zeit zum Feldwebel vorschlagen würde, und hätte ich das erreicht – versteh mich wohl, unter gewöhnlichen Verhältnissen – so wüßte ich mir keine angenehmere Zukunft und würde behaglich ein Auge zukneifen, wenn ich euch alle mit funkelnagelneuen Epauletten vorübergehen sähe.« Erich zuckte leicht mit den Achseln, indem er an seine Unterredung mit dem Premierlieutenant Schaller dachte. »Natürlich, wenn sie eine Gräfin wäre,« fuhr Schmoller fort, indem er träumerisch in die weite Ferne blickte – »und reich, so wäre das 'was anderes; dann wäre es eine Kleinigkeit, mich zum Offizier in irgend einem Kavallerieregimente zu machen, wo man nicht viel zu wissen brauchte – mein Name Schmoller ließe sich bequem umwandeln, zum Beispiel in von Schmolinski, polnische Abkunft – und das Geld meiner Gemahlin anbelangend, würde es mir keine Sorge machen, dasselbe mit sehr großem Anstande auszugeben.« »Ja, ja, ich traue dir das zu!« »Aber Offizier sein, weißt du, ohne alle Zulage, darüber hört man hier oben, wo man vertraulicher zusammen lebt, gar manches, das einem die Geschichte verleidet. Brachte doch neulich der Herr Hauptmann von Walter so ein naseweises Zeitungsblatt aufs Bureau und las dem Herrn Premierlieutenant Schramm lachend daraus eine Berechnung vor, daß ein Offizier ohne Zulage, der sich morgens nicht einmal ein warmes Frühstück gönnt, der äußerst gering zu Mittag ißt, abends aber für gewöhnlich gar nicht speist, am Ende des Monats mit vier Thaler Schulden abschließen muß.« »Traurig, aber wahr, und deshalb freue ich mich über deine schönen Aussichten.« »Wenigstens in der Hoffnung, und solange man nichts Positives hat, ist es höchst angenehm, wenigstens von der Hoffnung zu leben.« Schmoller sagte das mit einem leichten Seufzer, indem er einen Blick auf die große Uhr warf, die man an einem viereckigen Turme bemerkte, der wenige Fuß über die Hauptgebäude der kleinen Festung emporragte, aber so gelegen war, daß man ihn jenseits des Glacis nicht zu entdecken vermochte. »Gleich zwölf Uhr,« fuhr er fort und setzte rasch hinzu: »Wenn es dir gleichgültig ist, so gehen wir nochmals in die Schreibstube hinauf; ich habe da noch etwas nachzusehen.« »O, ich kann es mir denken, du machst auf deine Art astronomische Beobachtungen!« »Auch das – vielleicht – nebenbei – dort habe ich in der That noch ein Aktenstück durchzusehen, und begleite dich dann nach der Stadt hinunter, um dir auch Mitteilungen zu machen, auf welche Art ich deinen Auftrag in betreff jener Papiere, die dem jungen Grafen Seefeld gehören, ausgeführt habe. – Du hättest keine bessere Mittelsperson, wie mich, zu diesem delikaten Geschäfte finden können,« plauderte er, gemütlich neben Erich gehend, während er ihn von Zeit zu Zeit noch auf eine praktische Vorrichtung aufmerksam machte, »Anlagen von schattigen Wegen auf dem Glacis und in den Wallgräben, oder zum Ansammeln des Regenwassers in großen Quantitäten, welches der Herr Hauptmann von Walter auf eine höchst sinnreiche Art filtrieren, dann in ein Sammelbassin leiten ließ, das sich in einer sehr tief gelegenen Kasematte befand und dergestalt einen großen Vorrat sehr guten Trinkwassers bildete. Aber alle diese Herrlichkeiten hier werden nicht gar zu lange mehr dauern, fürcht' ich,« sprach Schmoller in einem vertraulichen Tone, »denn, wie wir vernahmen, soll der Hauptmann von Walter mit seiner Compagnie nach der Festung I. versetzt und dort Kommandant der Citadelle werden, wo er sich allerdings auf einem ausgedehnteren und sehr schön gelegenen Terrain ganz am Platze befände, um seinen Neigungen für Gartenanlagen und dergleichen ungestörter nachhängen zu können.« »Also die Papiere hast du besorgt?« fragte Erich, den das andere weniger kümmerte. »Und wie wurdest du aufgenommen?« »O, ich kann dir versichern, auf die charmanteste Art von der Welt, das heißt weniger von dem jungen Grafen Seefeld selbst, den ich eigentlich nur sah, indem er durch das Zimmer schritt, in welchem ich stand, wo er mich allerdings etwas auffallend von oben bis unten betrachtete und dann mit einem leichten Kopfnicken wieder ging.« »So, das nennst du auf eine charmante Art empfangen worden sein? Ich glaube, Kerl, wenn dich seine Bedienten hinausgeworfen hätten, du würdest das für eine angenehme Beförderung gehalten haben – es thut mir leid, daß ich dir den Auftrag gab!« »Ohne alle Ursache, mein Lieber; denke nicht, daß unsereins sich auf dem Kopfe herumtanzen läßt – nie – und auch bei jener Gelegenheit nicht; denn ehe der Herr Graf das Zimmer verlassen konnte, hüstele ich so vernehmlich und ausdrucksvoll, daß er sich umwandte und mir zu sagen gezwungen war: »Ich werde Ihnen meinen Sekretär schicken, er soll mit Ihnen reden.« »Bravo, du scheinst ihm in der That sehr imponiert zu haben – nun, mir wäre es auch wohl nicht besser ergangen!« »Im Gegenteil, weit schlechter, darauf kannst du dich verlassen; ich kenne deine Art, gleich alles übelzunehmen, und besonders diesem Herrn gegenüber, mit dem du ja schon ein paarmal auf unangenehme Art zusammengetroffen.« »Und dann kam der Sekretär?« »Ja, ein höchst angenehmer, feiner Mann, und von ihm wurde ich denn auch, wie ich vorhin schon sagte, auf eine höchst charmante Art empfangen. Ich mußte mich zu ihm setzen, er fragte mich dies und das – auch über dich.« »Das kann ich mir denken; und du sagtest ihm alles, was du über den Fund jener Papiere wußtest?« »Alles, aber nicht mehr, obgleich er noch weiteres zu erfahren wünschte. Besonders forschte er sehr höflich, aber zu wiederholten Malen, ob nicht damals auch noch andere Papiere gefunden worden seien; er spielte offenbar auf jenes versiegelte Couvert an.« »Dessen du aber doch mit keiner Silbe erwähntest?« »Gewiß nicht – wo denkst du hin!« antwortete Schmoller mit großer Entschiedenheit; doch hätte jedem anderen als gerade dem arglosen Erich diese Entschiedenheit verdächtig erscheinen müssen, zugleich mit dem Bestreben seines guten Freundes, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, indem er sagte: »Natürlicherweise erwähnte ich dich als den Finder, und ich kann dir versichern, daß, trotzdem, was damals vorgefallen sein mag, du durchaus in keinem so schlimmen Andenken stehst, als du dir einbildest; ja, der Herr Sekretär sprach in betreff der Papiere von der Erkenntlichkeit des Herrn Grafen und,« warf Schmoller leicht hin, »bot auch mir dergleichen Erkenntlichkeiten an.« »Wieso?« »Nun, in Form von ein paar Zehnthalerscheinen, was ich aber mit Indignation zurückwies – gewiß, mit großer Indignation, indem ich mich bemühte, diesem Herrn meine goldenen Armtressen zu zeigen und mir leicht mit der Hand durch die Haare fuhr – du kennst meine Art, zu sein.« »O, vollkommen!« lachte Erich, und da er sich ganz wohl des Schürzenstipendiums erinnerte, welches jener zur Brigadeschulzeit zu genießen nicht verschmähte, so konnte er sich nicht enthalten, die mit Entrüstung ausgeschlagenen Zehnthalerscheine in Zusammenhang zu bringen mit einer feinen und flott aussehenden Uniform, welche Bombardier Schmoller trug. Natürlicherweise äußerte er keine Silbe darüber, versicherte sich aber noch einmal durch eine Frage, ob Schmoller in der That nichts von jenem im Couvert versiegelten Papiere gesagt habe, worauf jener im Tone der Beteuerung erwiderte: »Du wirst von mir überzeugt sein, daß ich mich eher totschlagen ließe, als irgend etwas zu sagen, was ich nicht sagen soll!« »Und doch hätte ich fast gewünscht, auch jenes Couvert zurückgegeben zu haben. Trüge es die Adresse des Grafen, so hätte ich es auch unbedingt gethan; aber ich denke immer, daß jenes Couvert, welches ja auch ein ganz anderes Siegel trägt, als die übrigen Briefschaften, in irgend welchem Zusammenhange mit der armen Ticzka steht, ja, vielleicht deren Eigentum ist, und der Gedanke allein hielt mich ab, es mit jenen anderen Papieren und vielleicht in die ganz unrichtigen Hände auszuliefern.« »Jedenfalls ist es sicher in deinen Händen,« sagte der Bombardier Schmoller, »und solltest du je Lust haben, es zu übergeben, so könnten wir, soviel ich gemerkt habe, schon eine tüchtige Forderung dafür stellen. Wo hast du jenes kostbare Papier aufgehoben?« »Mit anderen Briefen in meinem Waffengerüste.« »Nun, bei dir wird niemand Schätze vermuten, und ich glaube, du hast auch eine anständige Kameradschaft.« »In dieser Richtung gewiß.« Damit hatten beide die Schreibstube wieder erreicht, und während sich Schmoller an den Tubus begab und ihn nach der Stadt richtete, schnallte Erich seinen Säbel um und nahm seine Feldmütze. »Ich weiß nicht,« sagte der andere, indem er durch den Tubus sah, »was das unten für ein Getreibe und Gethue ist! Da fährt schon wieder ein Fiaker vor, auf den hinten ein Koffer befestigt wird – wenn ich nur nicht so verdammt schwache Augen hätte! Schau einmal her, Erich; von dem Hause gegen das Gitterthor kommen ein paar weibliche Gestalten, und sowie ich glaube, ihre Gesichtszüge unterscheiden zu können, so schwimmt es mit im selben Augenblicke wie ein Nebel vor den Augen. Sieh du einmal hindurch und schildere mir die Personen.« »Soviel ich bis jetzt sehe,« berichtete Erich nach einer kleinen Pause, »sind es zwei junge Damen, die sich vom Hause her dem Wagen nähern; es ist eine blaue Droschke mit roten Rädern!« »Was geht mich die Farbe der Droschke an! Könntest du unterscheiden, ob eine jener beiden Damen Ähnlichkeit hat mit der Photographie, die ich dir gezeigt?« »Vielleicht, sowie sie mir das Gesicht zuwenden; eine trägt Hut und Mantel und die andere scheint diese an den Wagen zu geleiten.« »Also eine Abreise irgend einer?« »So scheint es, wobei sich die ohne Hut ganz leidenschaftlich benimmt und die andere zu wiederholten Malen an sich drückt; warte, jetzt blicken beide in die Höhe – um des Himmels willen, was ist das!« »Was gibt's denn?« »Ich kann mich doch auf meine Augen verlassen –« rief Erich in höchster Aufregung – »und auch meine Erinnerung trügt mich nicht – ja, sie ist's!« »Wer denn? Ich bitte dich!« »Es ist Blanda, die im Begriffe ist, in den Wagen zu steigen!« »Wer ist Blanda?« »Das sag' ich dir ein andermal!« rief Erich hastig, indem er sich umwandte und zur Thür hinausstürzte, ohne das grenzenlose Erstaunen des Bombardiers Schmoller zu beachten, der ihm mit weit aufgerissenen Augen zuerst einen Augenblick nachschaute und ihm dann so rasch als er konnte, bis an das Thor der kleinen Festung folgte. Dort sah er aber, daß Erich schon ziemlich weit entfernt war und in tollen Sätzen zur Stadt hinabraste. Wenn er aber dabei auch, um keine Zeit zu verlieren, die Windungen des Fahrweges quer durchschnitt, so kam er doch erst unten an, als der blaue Wagen mit den roten Rädern schon um die Ecke der langen Straße bog, welche von dem Hause da unten in gerader Linie nach der Stadt führte. Erich nahm seinen Säbel fester in den Arm, drückte die Feldmütze in die Stirn und flog rascher dahin, als die Mietgäule zu laufen vermochten. Was er aber mit diesem tollen Wettlaufe bezweckte, darüber war er nicht imstande, sich selbst Rechenschaft zu geben. Sein einziger Gedanke war, Blanda, mit deren Bild er sich in den letzten Tagen so innig beschäftigt, zu sehen, und alles, was er wollte, war, ihre kaum wiedergefundene Spur nicht zu verlieren, vielleicht zu gleicher Zeit mit dem Wagen das Haus zu erreichen, wohin er fahre. Doch schien die blaue Droschke ein anderes Ziel zu haben, als irgend ein Haus in der Stadt; denn ohne diese zu berühren, bog der Wagen in einen mit Bäumen besetzten, breiten Promenadenweg, der gegen die Landstraße führte, und hier, wo Erich das Fahrzeug fast erreicht hatte und zugleich zu dem Entschlusse gekommen war, den Kutscher anzuhalten, um mit Blanda zu reden, hatte er das Unglück, mitten in eine Gruppe Offiziere zu prallen, welche, langsam daher schlendernd, seinen Blicken durch die Mauer eines Landhauses bis zu diesem Augenblicke verdeckt worden waren. Und selten kommt ein Unglück allein; denn an der Spitze dieser Offiziere befand sich sein eigener Batteriechef, der Hauptmann von Manderfeld, im Gespräche begriffen mit dem Grafen Dagobert Seefeld. »Nun, das muß ich gestehen,« brauste der erstere auf – »eine solche Flegelei ist mir noch in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen; mir scheint, Bombardier, daß Sie schon vormittags betrunken sind!« »Ich bitte den Herrn Hauptmann inständig um Verzeihung!« keuchte atemlos der also Angeredete. »Ich wollte nur mit einem Bekannten reden, der sich dort in jener Droschke befindet, bin aber gewiß nicht betrunken, Herr Hauptmann!« »Sie sind betrunken, Herrrrrr; wenn das nicht schon bewiesen wäre durch Ihre unverschämte Art, sich hier herumzutreiben, so würde das doch schon aufs deutlichste bezeugt durch die Röte Ihres Gesichtes und durch Ihre lallende Zunge!« »Aber, Herr Hauptmann, ich kann versichern ...« »Schweigen Sie; machen Sie, daß Sie ohne weiteren Unfug in die Kaserne kommen, und melden Sie sich dort beim Wachtmeister zu einem dreitägigen Mittelarreste, der augenblicklich angetreten werden soll. Haben Sie mich verstanden?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Ohne ihn weiter eines Wortes oder auch nur eines Blickes zu würdigen, ging der Hauptmann von Manderfeld mit elastischen, eleganten Bewegungen, die man an ihm gewohnt war, an der Seite des finster blickenden Husarenoffiziers davon, und nachdem Erich noch einen sehnsüchtigen Blick der blauen Droschke nachgeschickt, welche jetzt, da der Weg etwas aufwärts stieg, im langsamsten Schritte dahin fuhr, wandte er sich seufzend nach der Stadt zurück, um dort eine Stunde später dreitägigen Arrest anzutreten, dieses Mal aber nicht in den Hallen des heiligen Augustin, sondern in dem ehemaligen Kloster von St. Agatha, wo sich das Arrestlokal befand. 35. Kapitel In welchem der letzte Bombardier Unrecht bekommt, weil er Recht behalten wollte, und worin der Bombardier Weitberg eingesperrt wird, weil Erich zum Arrest verurteilt wurde. Der Arrest, zu welchem Erich, wie wir im vorigen Kapitel erfahren, und in der That ganz unschuldigerweise verurteilt wurde, war die erste Strafe des letzten Bombardiers, seit er sich bei der reitenden Batterie befand. Schon häufig hatte der Hauptmann von Manderfeld allerdings versucht, ihm, wie man so zu sagen pflegt, etwas am Zeuge zu flicken, aber bis jetzt keinen, auch nur halbwegs triftigen Grund bei Erichs ruhigem Betragen, bei seinem Fleiße und bei seiner strengen Ordnung in allen seinen Obliegenheiten hierzu finden können. Auch hatte sich der Batteriechef stets ein wenig gescheut vor den trockenen Bemerkungen seines Premierlieutenants, wenn er, wie häufig geschah, kleine Strafen ohne besonderen Grund verhängte. und was nun seinen speciellen Liebling, den letzten Bombardier, anbelangte, so fand es der verehrte Manderfeld nicht der Mühe wert, mit einer gelinden Strafe bei ihm anzufangen, hatte aber schon längst auf einen Augenblick, wie den im vorigen Kapitel erzählten, gewartet. »Totale Betrunkenheit – pfui Teufel, und noch dazu schon am Vormittag!« hatte er dem dicken Wachtmeister gesagt, den dabei natürlicherweise ein pflichtgemäßer, fast sichtbarer Schauder überflog, obgleich er selbst in seinen vormittägigen Kanzleistunden häufig etwas in seinem im Schlafzimmer befindlichen Aktenschranke nachzusehen hatte, aber nicht in einem Fascikel, sondern in etwas, das einer Rumflasche außerordentlich ähnlich sah. »Totale Betrunkenheit,« wiederholte der Freiherr von Manderfeld, indem er sich mit seinem parfümierten Taschentuche den feinen Bart wischte – »und in diesem Rausche flegelhaftes Anrennen seines eigenen Chefs; so 'was ist, glaub' ich, noch gar nicht dagewesen, solange es überhaupt Batterien auf dieser Welt gibt! Nun, Sie werden sehen, wie sich unser letzter Bombardier entwickeln wird! Das ist ein schlauer Fuchs, der seine Krallen bis jetzt vortrefflich einzuziehen verstand, um nun auf einmal über die Stränge zu schlagen; aber er soll an mir seinen Kutscher finden, und ich werde ihn dem Teufel zufahren, darauf kann er sich verlassen! – So bin ich auch vollkommen überzeugt,« fuhr er nach einer kleinen Pause in vertraulicherem Tone fort, »daß das Malheur, welches neulich dem armen Wibert passierte, in einem Anstiften jenes Freiberg seinen Grund hat – ein so guter Kerl, wie dieser Wibert ist! Wird er bald aus dem Lazarett entlassen?« »Ich glaube, in den nächsten Tagen, Herr Hauptmann.« »Wie ich von Wibert selbst erfahren, ist er da draußen infolge einer niederträchtigen Verräterei überfallen worden, hat sich gegen drei verdächtige Kerle gewehrt, denen er es tüchtig gegeben, bis er selbst zu Boden geschlagen wurde. Ich würde die Sache gern genau untersuchen lassen, aber wie Sie mir neulich schon sagten, hat das seine Schwierigkeit. Leider, denn der Unteroffizier Wenkheim berichtete mir, daß Freiberg an jenem Abende lange genug fort gewesen sei, um jenen Ueberfall ins Werk zu setzen – halten Sie ihn für so etwas nicht fähig?« »O doch, besonders weil ich von den anderen Stubenkameraden ganz genau weiß, daß er mit Wibert häufig in Hader lebt, der schon beinahe ein paarmal in Tätlichkeiten ausgeartet wäre.« »Geben Sie mir Achtung, wenn so etwas wieder vorfällt, und greifen mir alsdann fest zu; ich möchte gern diesen Menschen auf eine schickliche Art ein für allemal unschädlich machen. Ich kann es mir nicht verzeihen, daß ich neulich so unverantwortlich milde war und ihn mit drei Tagen Arrest schlüpfen ließ; ich hätte Standrecht über ihn verhängen sollen, denn ich bin überzeugt, sein Anrennen an uns geschah nicht ohne Absicht. Es ist das ein höchst bösartiger Mensch, wie ich ganz genau aus Vorgängen weiß, die ich Ihnen indes vorderhand nicht mitteilen kann.« Dann versenkte er sich einen Augenblick in tiefes Nachdenken, um hierauf plötzlich den Wachtmeister zu fragen: »Was müßte auf einer Kasernenstube vorgefallen sein, um das Recht zu haben, sämtliche Waffengerüste und verschließbare Kisten der Mannschaft zu untersuchen?« Der dicke Wachtmeister zuckte mit den Achseln und blickte seinem Chef einigermaßen erstaunt ins Gesicht, ehe er zur Antwort gab: »Das ist ein Fall, Herr Hauptmann, der glücklicherweise noch nicht vorgekommen ist, solange ich in meiner jetzigen Stellung bin; doch erinnere ich mich an etwas Aehnliches während meiner Dienstzeit bei der achten Fußbatterie, wo gegründeter Verdacht des Diebstahls an einem Kameraden vorlag.« »Wer nahm damals jene Untersuchung vor?« »Der Herr Hauptmann selbst mit dem Herrn Zugführer und dem betreffenden Feldwebel – aber ohne Resultat, wie es häufig bei dergleichen Untersuchungen geht, wo es sich um bares Geld handelt.« »Was allerdings leichter verschwindet als andere Gegenstände; aber, um wieder auf jenen Freiberg zu kommen, den ich über meine Frage von vorhin fast vergessen hätte,« sagte der Freiherr von Manderfeld mit einiger Heuchelei, »so nehmen auch Sie sich des jungen Menschen mit aller Schärfe und Strenge an, und wenn es gar nicht mit ihm geht, so ist es besser, man macht der Sache ein Ende so bald wie möglich; es ist überhaupt eine Lächerlichkeit mit den hochgespannten Erwartungen dieser Freiwilligen, als wenn nicht noch anderes dazu gehörte, als diese Vielwisserei und eine pedantisch gute Aufführung, um Sr. Majestät Epauletten zu tragen!« Er legte hierauf seine Hand zum Gruße flüchtig an die Mütze und verließ das Zimmer, worauf der Wachtmeister, der, wie alle dicken Leute, eine starke Portion Gutmütigkeit besaß ihm kopfschüttelnd nachsah, dann den oben genannten Aktenfascikel einer ziemlich genauen Einsicht würdigte und hierauf zu sich selber sprach: »Daß Wibert, jener lange, unverschämte Schlingel, seine tüchtige Tracht Schläge gekriegt hat, freut mich über alle Maßen, und daß unser letzter Bombardier schon vormittags betrunken gewesen sein soll, glaube ich nun einmal nicht. Allen Respekt vor dem Herrn Hauptmann, werden aber hören, was Freiberg selbst darüber zu melden hat.« Und darauf brauchte er nicht lange zu warten, denn da der dreitägige Arrest Erichs mit dem heutigen Mittage zu Ende ging, er auch durch den Bombardier Schwarz eine Stunde früher, als es ihm gestattet war, abgeholt wurde, so meldete er sich mit dem Schlage der Mittagsstunde bei dem Wachtmeister »aus Arrest zurück«. »Ja, das wär' alles recht gut und recht schön,« gab dieser ihm zur Antwort, »aber ich hätte mir doch an Ihrer Stelle eine passendere Veranlassung gesucht, um zum erstenmal in Arrest zu kommen, statt wegen Betrunkenheit und Anrennen Ihres Batteriechefs.« »Letzteres kann ich allerdings nicht leugnen, aber was ersteres anbelangt, so war ich gerade so nüchtern, wie jetzt; ich lief mit aller Hast einer Droschke nach, um jemand zu sprechen, der darin saß, sah leider die Offiziere nicht, da sie hinter einer Mauer her plötzlich in meinen Weg traten, und stieß mit dem Herrn Hauptmann zusammen.« »Nüchtern?« »Ganz nüchtern, Herr Wachtmeister, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf!« »Na, es ist möglich, aber wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll, so nehmen Sie auch Ihren Rausch geduldig hin, die Strafe dafür haben Sie ja überstanden.« Hätte Erich diesen klugen Rat befolgt, so würde es ihm jedenfalls besser ergangen sein, als er beim nächsten Appell sich dem Herrn Hauptmann als aus dem Arrest zurückgekehrt meldete und dabei die Unklugheit beging, die ihm zur Last gelegte Trunkenheit nicht auf sich nehmen zu wollen. »Sie waren betrunken, Herrrr, ich habe Ihnen das zu deutlich angesehen!« »Der Herr Hauptmann werden verzeihen, aber das ist unmöglich, da ich an jenem Morgen auch nicht einen einzigen Tropfen irgend eines geistigen Getränkes über die Lippen gebracht hatte.« »Das Widersprechen in Ihrem jetzigen Zustande zeugt aufs bündigste dagegen, denn auch heute morgen scheinen Sie mir stark gefrühstückt zu haben; oder wollen Sie mir weismachen, Sie hätten auch heute morgen keinen Tropfen geistigen Getränkes über Ihre Lippen gebracht?« »Das kann ich allerdings nicht behaupten.« »Sehen Sie, Herrrr, und nun haben Sie die Frechheit, Ihrem Hauptmann und Batteriechef vor der ganzen Compagnie im angerissenen Zustande zu widersprechen! Wachtmeister Pinkel, lassen Sie mir diesen Mann noch für vierundzwanzig Stunden dahin führen, woher er soeben kam, und dann wollen wir morgen sehen, ob er vollkommen nüchtern geworden ist.« Darauf grüßte der Freiherr von Manderfeld die Offiziere der Batterie in der verbindlichsten, freundlichsten Art, wie er es zu thun gewohnt war, und schritt gegen den Ausgang des Kasernenhofes zu, während ihm der Premierlieutenant Schaller mit einem düsteren Blicke nachschaute. Erich fühlte sich von einem tieferen, schmerzlicheren Gefühle, aber ganz anderer Art, bewegt, wie an jenem Tage seines ersten Appells; wenn ihm auch schon damals durch die harten Worte des Batteriechefs großes Unrecht geschehen war, so konnte er doch diesen Empfang auf Rechnung der schlimmen Empfehlungen schreiben, mit denen er hierher gekommen war. Nun aber hatte er sich bis jetzt musterhaft aufgeführt und sah sich trotzdem für ein leichtes Vergehen nicht nur auf schwere Art bestraft, sondern auch noch eines Lasters verdächtigt, welches er stets verabscheut hatte und von dem er wohl wußte, daß es seine Konduitenliste aufs schwerste belasten mußte. Das Blut stieg ihm rasch in den Kopf, und nicht allein infolge des eben erwähnten Vorfalles, sondern auch als Nachwirkung eines kleinen Frühstücks, mit dem ihn seine Kameraden Schwarz und Weitberg empfangen hatten, und so war er einen Augenblick im Begriff, etwas recht Unüberlegtes zu begehen: seinem Hauptmann nämlich nachzueilen und ihn, allerdings in bester Form, zu bitten, ihm den Beweis zu erlauben, daß er an dem betreffenden Morgen vollkommen nüchtern gewesen sei, wobei er nicht nur auf das Zeugnis des Bombardiers Schmoller, sondern auch auf das des Herrn Hauptmanns von Walter rechnete, den er ja das Glück gehabt hatte, kurz vorher zu sprechen. Glücklicherweise aber rief ihn der Wachtmeister Pinckel in diesem, vielleicht entscheidenden Augenblicke zu sich heran und sagte ihm in freundlichem Tone, während er ihm aber, den anderen sichtbar, mit dem Finger drohte: »Sehen Sie wohl, wie richtig ich Ihnen geraten! Mußte Sie denn der Teufel plagen, daß Sie vor dem Herrn Hauptmann recht behalten wollten!« »Wenn ich aber vollkommen recht hatte, Herr Wachtmeister?« »Streiten mir nicht über dergleichen Dummheiten und vergessen Sie wenigstens für die Zukunft nicht den ersten und Hauptgrundsatz des ganzen Militärlebens: das Maul halten und weiter dienen! Und da ich nun nicht anders kann, als Sie heute nachmittag wieder in Arrest schicken, so richten Sie sich langsam dazu ein, und dann kann Sie der Bombardier Schwarz meinetwegen gegen Abend nach St. Agatha bringen.« Wir haben schon in früheren außerordentlich schönen Geschichten ein solches Militärarrestlokal zum Nutz und Frommen unserer jungen Leserwelt beschrieben, weshalb wir uns Aehnlichem um so mehr enthalten können, als alle diese gemeinnützigen Anstalten eine scharf ausgeprägte, aber unangenehme Familienähnlichkeit haben: kleine Kasten, wenige Schritte lang und noch wenigere breit, alles inklusive der harten Lagerpritsche aus weichem Tannenholze dargestellt und deshalb ein verlockender Aufenthalt für gewisse blutdürstige Tierchen, die zur größten Qual der Eingesperrten wie Nachtgespenster zu erscheinen pflegen, um, gleich diesen, mit dem ersten Hahnenschrei wieder zu verschwinden; und dazu haben diese geheimen Departements des Kriegsministeriums fast alle die gleich aussehenden Tyrannen mit den gleichen Vorzügen und den gleichen Fehlern, zum Beispiel eine Sparsamkeit im Einheizen, die den armen Arrestanten zur Winterszeit zur Verzweiflung treiben kann, und eine Freigebigkeit in den ausgesuchtesten, anzüglichsten Redensarten, sind äußerst mildthätig im Spenden von häufig recht schlechtem Trinkwasser, sowie hartherzig, wo es gilt, einem armen Arrestanten die flache Schnapsflasche zu entwenden, die er noch so kunstreich zwischen Stiefel und Reithose versteckt; und doch gelingt es zuweilen der glücklichen Erfindungsgabe, diesen Cerberus zu überlisten, besonders in wohl zubereitetem Brote worin man es damals zu einer solchen Fertigkeit gebracht hatte daß eine mäßige Schnapsflasche, etwas Butter, ja, obendrein zu weilen ein Stück Wurst, so in dem glatt abgeschnittenen Brotlaib versteckt war, daß man ihn zerbrechen mußte, um die verbotenen Gegenstände zu finden. Der kleine Schwarz war mit einem solchen Kunstwerke beschäftigt, als Erich, welcher den wohlwollenden Premierlieutenant Schaller vergeblich in seiner Wohnung aufgesucht hatte, seine Stube betrat, und der schmächtige Bombardier halte gerade die letzte Hand angelegt und warf den Brotlaib nun wie einen Fangball in die Höhe, um dessen Festigkeit zu prüfen; dann kniff er ein Auge gegen Weitberg zu und sagte zu dem Eintretenden, der unwirsch seinen Säbel in die Ecke warf: »Hier ist Brot für dich auf heute abend; ich hatte noch ein schönes Stück übrig, das du mir zulieb mitnehmen mußt, da mir aller Appetit vergangen ist.« »Und meinst du, mir nicht auch,« rief Erich heftig aus, »wenn man so auf die ungerechteste Art bestraft wird! Ich war neulich so nüchtern wie jetzt und wie ich es immer bin – das Zeugnis muß mir jeder geben – und komme nun zweimal nacheinander wegen Trunkenheit in Arrest, was mir wegen der Strafe gleichgültiger ist als wegen meiner Konduitenliste! Ich weiß, wie sehr der Herr Oberst, und mit vollem Rechte, gerade gegen dieses Vergehen eingenommen ist!« »Im Dienste, lieber Freund, im Dienste, und darin hat er recht; aber wenn man aus dem Betrunkensein keine Gewohnheit macht, so hat sich doch niemand darum zu bekümmern, wenn wir uns für unser bißchen Geld hier und da ein wenig erheitern, und das wollen wir heute nachmittag thun, ehe wir dich in Arrest bringen. Ich habe ein paar Thaler von meinem Vormund erhalten, und davon opfere ich die Hälfte, um dir zu einer guten Nachtruhe zu verhelfen,« Erich war in seiner Erbitterung gegen die ungerechte Strafe zu jenem Trotze gelangt, wo man sich nichts daraus macht, das Schicksal herauszufordern, und deshalb willigte er ein, den Weg nach St. Agatha durch ein ihnen wohl bekanntes Weinhaus zu nehmen, wo die drei – auch Weitberg war mitgegangen – nicht gerade zu viel, aber zu hastig tranken, um dann mit etwas beschwertem Kopfe, ein Zustand, den die kalte Nachtluft indessen bedeutend verstärkte, Arm in Arm dem Arrestlokale zuzuschlendern. Dies aber hätte an sich noch nichts zu sagen gehabt, wenn es nicht dem jungen Weitberg, der sehr wenig vertragen konnte, eingefallen wäre, ein lustiges Lied anzustimmen, welches in seinem Refrain Dann ade, ade, ade, dann ade, ade, ade, Fein's Lieb, vergiß mich nicht! gar zu verlockend für die anderen war, um nicht wenigstens mit Brummstimmen einzufallen. »O, famos,« sagte der schmächtige Schwarz mit lallender Zunge, »wie das Mondlicht trügt! Sollte man nicht darauf schwören, dort, gerade vor uns, am Ende der Straße, wanke der alte Oberst dahin, der doch ruhig auf seiner Brigadeschule sitzt und Lieutenants ausbrütet!« »Wenn er es wäre,« meinte Weitberg mit glucksender Stimme, »so müßte er einen Kapitalrausch haben, denn er wackelt furchtbar hin und her!« »Mal den Teufel nicht an die Wand,« sagte Erich, der noch immer am besonnensten war; »es ist die Zeit der Inspektionsreisen, und es könnte der Alte in der That sein, der gekommen ist, sich unsere Abteilung ein bißchen anzusehen. Ja, er könnte auch von oben herab zu einem anderen Zwecke hierher beordert sein! Nehmt euch wenigstens zusammen, bis wir dort drüben, wo einer der ersten Gasthöfe der Stadt liegt, vorüber sind!« »Ach was, vorhin da vorne, das war gerade so wenig der alte Oberst, als die Gaslaterne hier ein Besenstiel ist!« »Ja, das mein' ich auch, und was du für seinen weißen Federbusch angesehen, ist nur eine weiße Serviette gewesen, die irgend ein hübsches Dienstmädchen aus dem Fenster heraus – auf die Straße hinaus – heraus – ausgeschüttelt hat!« »Oder womit sie ihrem Schatz gewinkt –« Drum ade, ade, ade, drum ade, ade, ade. Fein Liebchen, gedenk an mich! »Möglich auch; aber es wäre besser,« sagte Erich, »wenn ihr wenigstens eure Mäuler so lange hieltet, bis wir dort vor dem Gasthofe vorüber wären – es sind da immer Offiziere!« »Und jetzt – steht dort – ein Wagen,« lallte der Bombardier Schwarz; »meinst du wohl, Weitberg, daß uns der Wagen aus dem Wege gehen wird?« »Seid doch gescheit,« mahnte Erich, »und macht, daß ihr ruhig vorüber kommt!« »Pfui, Erich,« sagte Schwarz, »du bist doch sonst kein Feigling und willst diesem unverschämten Wagen aus dem Wege gehen? Ich will gerade hindurch, und alles andere ist mir einerlei!« »Aber ich bitte dich, Schwarz, sei doch vernünftig!« »Alles einerlei!« – Damit stand er schon an dem Schlage, den er öffnete und in den breiten eleganten Wagen hineinstieg, um auf der anderen Seite wieder hinauszuspringen. Glücklicherweise für die Unbesonnenen war hier der Wagen geöffnet und der Bediente ins Haus gegangen, vielleicht um etwas Vergessenes zu holen, während sich der Kutscher vorn über die Pferde gebeugt hatte, um irgend eine Kleinigkeit an den Zügeln zu ordnen. Dem schmächtigen Bombardier Schwarz folgte der kleine Weitberg, nicht um Erich für einen Feigling zu erklären, wenn er ihnen nicht augenblicklich folge, sondern um das mit durchzumachen, was sie ja nur ausgesonnen, um seinen Arrestgang zu verherrlichen. Erich, welcher einen neuen Skandal befürchtete, und das Schlüpfen durch den Wagen am leichtesten bewerkstelligen konnte, da er als Arrestant ohne Säbel und Sporen war, schwang sich dann ebenfalls hinein und hatte dabei die ruhige Besonnenheit, den Schlag hinter sich leise zuzuziehen, dessen feines Schloß dann auch augenblicklich und geräuschlos zuschnappte. Doch wie war ihm zu Mute, als er, eben im Begriff, auf der anderen Seite wieder hinauszuspringen, eine Dame erblickte, die in Begleitung eines Offiziers rasch aus dem Gasthofe trat, und als er in diesem Offizier zu seinem doppelten Schrecken den Grafen Dagobert Seefeld erkannte! – Was nun thun? Er war verloren, wenn beide einstiegen, und war es vielleicht auch nicht minder, wenn die Dame einen fremden Menschen in ihrem Wagen erblickte, natürlicherweise aufschrie und so eine Entdeckung herbeiführte. Glücklicherweise sprach sie ein paar Worte mit dem Husarenoffizier, während welcher Zeit Erich, der ratlos um sich schaute, auf dem Rücksitze des Wagens einen großen Plaid erblickte, den er rasch über sich warf und sich alsdann in die Ecke des langen und tiefen Wagens so fest als möglich hineinschmiegte – und wenigstens für den Augenblick rettete ihn das; denn die Dame stieg ein, der Bediente schloß hinter ihr rasch den Schlag, und die Pferde zogen an. An der Ecke des Gasthofes aber standen die beiden Bombardiere und warteten auf ihren Kameraden. Weitberg behauptete, daß Erich hinter ihm eingestiegen sei, und Schwarz wollte gesehen haben, wie er auf der anderen Seite wieder herausgesprungen sei. »Und wo ist er nun geblieben?« sagte Schwarz mit etwas starrem Blicke. »Vielleicht liegt er am Boden und steht langsam wieder auf.« Aber der Vermißte lag weder am Boden, noch stand er langsam wieder auf, noch war er in den Gasthof hineingegangen, worüber sie der barsche Portier desselben belehrte, der jetzt unter der Thüre erschien und an den sich Schwarz mit einer demütigen Frage wandte. Weitberg hatte sich auf einen Eckstein niedergelassen und schüttelte sein Haupt auf die duseligste Art hin und her. – »Weißt du wohl,« lallte er nach einer Pause, »daß mir das unheimlich vorkommt!« »Dummer Kerl, du denkst doch nicht, daß Erich vom Teufel geholt worden sei? Mir kommt eine andere viel gescheitere Idee. Bist du vollkommen überzeugt, daß Erich mit uns aus dem Weinhause gegangen ist, daß er überhaupt bei uns war? Ich meine, ich hätte ihn zuletzt im Kasernenzimmer gesehen, als er seinen Säbel abschnallte, um sich ins Bett zu legen; denke einmal darüber nach, wenn du nicht gar zu besoffen bist.« »Ich bin so nüchtern als möglich und denke eben darüber nach – es kann am Ende doch möglich sein, daß Freiberg ins Bett gegangen ist.« »Auf alle Fälle. Du weißt, daß er heute aus dem Arrest kam, aus einem dreitägigen Mittelarrest, und in solchen Fällen pflegt man sich früh zu Bett zu legen – ich mach' es immer so.« »Ich auch, und da ich mich heute abend nach meinem Bette sehne, so wollen wir nach Hause gehen.« Der Bombardier Schwarz stierte einen Augenblick in die hellleuchtende Flamme eines vor ihm stehenden Gaskandelabers, dann faßte er an die dicke Brieftasche, die er sich anstandshalber ins Kollet gesteckt hatte, und sagte mit aufgehobenem Zeigefinger: »Mit dem Zubettgehen ist es für dich vorderhand nichts, Männeken, denn jetzt fällt es mir deutlich ein, daß ich auf dem Wege bin, jemand in Arrest zu bringen, und das will ich auch ausführen, sonst würde morgen früh der Wachtmeister Pinckel, oder auch vielleicht der Premierlieutenant Krummstiefel, jedenfalls aber der Herr Hauptmann von Manderfeld sagen, daß ich wohl vorigen Abend einen sehr starken Rausch gehabt haben müßte – und da das der Wahrheit vielleicht ziemlich nahe käme, aber einer Wahrheit, die des militärischen Anstandes wegen, wie der Hauptmann zu sagen pflegt, vertuscht werden muß, so wollen wir unsere Pflicht thun und jemand in Arrest bringen.« »Ja, aber wen willst du denn eigentlich in Arrest bringen?« fragte Weitberg mit einem bedenklichen Glucksen. – »Ja, wenn wir noch Erich bei uns hätten! Das ist ein guter Kerl, der thut einem schon etwas zu Gefallen!« »Was das anbelangt, so wollen wir nicht mehr darüber reden. Der Erich hat seine drei Tage hinter sich, und es ist billig, daß jetzt einer von uns an die Reihe kommt. Ich will gerade nicht behaupten, daß du es sein mußt, aber es scheint mir, als wenn du es doch sein müßtest. Ich habe den Säbel umgeschnallt und meine Brieftasche vorgesteckt, geradeso wie der Wachtmeister Pinckel; du aber hast das Arrestbrot unter dem Arme, also mußt du es auch wohl sein. Gib dich in dein Schicksal, Männeken, denn verdient hast du es, das kannst du gar nicht leugnen. Gestern morgen hast du dich aus dem Stalle weggedrückt, um Kaffee zu trinken, und daß der lange Wibert seine Schläge gekriegt hat, daran bist du auch schuld.« »Wenn ich mich nur daran erinnern könnte,« erwiderte Weitberg in schläfrigem Tone, »daß mich Krummstiefel oder der Herr Hauptmann aufs Holz geschickt hat, so würde ich mir nichts daraus machen.« »Komm nur, komm, das findet sich morgen früh alles beim Auskehren – und wenn ich mich nicht irre,« sagte Bombardier Schwarz, indem er einen Augenblick stehen blieb, »so höre ich schon irgendwo den Zapfenstreich blasen – das wäre eine ver– ver–fluchte Geschichte, wenn wir zu spät kämen!« Damit wankten sie rascher die Straße hinab, und weil sie sich glücklicherweise nicht weit vom Arrestlokale befanden, so gelang es ihnen, noch vor dem gefürchteten Zapfenstreich, nach welcher Zeit in den Hallen der heiligen Agatha niemand mehr aufgenommen wurde, diese zu erreichen und bei des Rattenkönigs Majestät – so hieß der Aufseher des Militärgefängnisses – vorgelassen zu wenden, wobei es den beiden zum ganz besonderen Heile gereichte, daß dieser würdige Beamte nach des Tages Last und Hitze ebenfalls ein Glas über den Durst getrunken haben mochte und deshalb die etwas unsichere Haltung des meldenden Bombardiers Schwarz auf Rechnung der eigenen schwachen Beine schrieb und mit einigem Brummen über die späte Einsperrung den armen Weitberg glücklich hinter Schloß und Riegel brachte, wo sich dieses Schlachtopfer trauriger Verwechslung alsbald auf die Pritsche ausstreckte und sogleich wie ein Murmeltier zu schlafen begann. Der Bombardier Schwarz verließ das Arrestlokal, wobei er sich so steif hielt, als es ihm nur möglich war, und gelangte auch unangefochten ins Freie, sowie glücklich in die Kaserne zurück, wo er sein Lager aufsuchte und viel rascher und viel sanfter entschlummerte, als er bei seinem schuldbeladenen Gewissen verdient hatte. 36. Kapitel Erich, von einer fremden Dame entführt, erneuert eine alte Bekanntschaft und erfährt einiges aus den letzten Tagen des adeligen Damenstiftes. Erich hatte, nachdem der Wagenschlag geschlossen war und die raschen Pferde davontrabten, wohl die peinlichsten Sekunden seines Lebens verbracht, eine Ewigkeit quälendster Besorgnis in weniger als dem Zeiträume einer Minute zusammengedrängt und deshalb so furchtbar auf ihn einwirkend, daß er mühsam nach Atem rang und überzeugt war, die Dame ihm gegenüber müsse trotz des Lärmens der rollenden Räder das wilde Klopfen seines Herzens vernehmen. Und hätte sie es nur vernommen! Hätte sie den Plaid entsetzt von ihm herabgerissen und wäre nur der erste fürchterliche Moment der Aufklärung vorüber gewesen! – So aber schien die Dame gar keine Ahnung von ihm zu haben, sondern ruhte in der Ecke auf der anderen Seite des Wagens tief im Schatten, und es war um so weniger etwas von ihren Zügen zu erkennen, da sie einen Schleier um ihr Haupt gewickelt hatte. Da – jetzt auf einmal schien ihr Blick auf ihn zu fallen; ja, es war, als bemerkte sie jetzt erst mit Erstaunen und Schrecken das unförmliche Plaidpaket sich gegenüber, richtete sich rasch auf, und ihre Hand langte nach der Schnur, die zum Kutscher führte, um diesem und ihrem Bedienten ein Zeichen zu geben. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo Erich sich entschließen mußte, seine Hülle abzuwerfen, und er that dies so langsam als möglich, wobei er mit der sanftesten Stimme, die ihm zu Gebote stand, ja, in einem flehentlichen Tone die Worte hervorbrachte: »Ach, gnädige Frau, machen Sie um Gottes willen keinen Lärm, ich bin weder ein Dieb, noch ein Räuber, noch sonst etwas Schlimmes dieser Art!« – Dabei richtete er sich in die Höhe, um durch Vermittlung eines vorüberhuschenden Lichtstreifens, ausgehend von einem der Gaskandelaber, sein hübsches und nichts weniger als räubermäßiges Gesicht sehen zu lassen. – »Ach, gnädige Frau, verzeihen Sie einer kleinen Unbesonnenheit, einer Tollheit, die mir jetzt selbst ganz unerklärlich erscheint!« Die Dame aber hatte trotz alledem einen kleinen Ausruf des Erstaunens, ja, des Schreckens nicht unterdrücken können; doch machte sie von der Schnur keinen Gebrauch, ließ vielmehr ihre Hand rasch wieder herabsinken und sagte nach einer kleinen, für Erich sehr peinlichen Pause mit leiser Stimme: »Gut, ich will meine Leute nicht rufen, ich will Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, will aber wissen, auf welche Art Sie in meinen Wagen kamen, und ersuche Sie, mir das mit aller Wahrheit zu erzählen. Zuerst aber sagen Sie mir, wer Sie sind.« »Nur ein Bombardier der reitenden Artillerie, Erich Freiberg.« »Gut, das sehe ich an Ihrer Uniform,« sagte die Dame nicht ohne einige Bewegung in ihrer Stimme, während sie den Schleier so fest um ihr Gesicht zog, daß der junge Mann ihr gegenüber kaum das Leuchten ihrer Augen sehen konnte. »Mit zwei Kameraden,« fuhr Erich fort, »war ich auf dem Wege, durch einen derselben in Arrest gebracht zu werden.« »Ah, Herr Bombardier,« warf die Dame leicht hin, »ich hätte am Ende doch besser gethan, meine Leute zu rufen!« »Gewiß nicht, gnädige Frau! Sie haben allerdings keinen Begriff davon, wie leicht es ist, in Arrest geschickt zu werden, besonders unter meinem Chef, der uns nicht wohl will, und wenn ich je von mir sagen konnte, daß ich auf ungerechte Art in Strafe verfiel, so war dies am heutigen Abend der Fall. Meine Kameraden fühlten das mit mir, und wir alle drei suchten uns bei einem Glase Wein über die bevorstehende dunkle Stunde zu trösten. Daß ich dabei nicht zu viel gethan, davon werden sich die gnädige Frau durch meine ruhigen und wohl überlegten Worte überzeugen.« »Aber nicht durch Ihre Thaten; denn es geschah doch wohl in einem fast unverzeihlichen Anfluge froher Weinlaune, daß Sie hier meinen Wagen zum Schauplatze derselben machten?« »Allerdings; aber es sollte nur ein vorübergehender Schauplatz freilich sehr leichtsinniger Thaten sein, was auch meinen Kameraden, die vor mir durch den Wagen stiegen, gelang, während ich, gnädige Frau, durch Ihr plötzliches Erscheinen in dieser allerdings sehr schönen Falle gefangen wurde – und nun bitte ich herzlich, lassen Sie die ausgestandene Angst meine Strafe sein, und haben Sie die Gnade, mich zu entlassen, damit ich meine Kameraden wieder finden kann, um sie vielleicht von einem thörichten Schritte abzuhalten!« »So gern ich auch Ihre Bitte erfüllen möchte, so werden Sie begreifen, daß das im Augenblicke nicht angeht. Ich kann doch nicht mitten in den Straßen der Stadt halten und vor den Augen meiner Leute einen jungen Menschen aussteigen lassen, von dem es ihnen alsdann durchaus nicht glaublich erschiene, daß er sich heimlich in den Wagen geschlichen. – Macht es Ihnen denn so großen Kummer, noch eine kurze Weile in meinem Wagen zu fahren?« Lag etwas im Tone der Stimme, mit welcher die Dame das sagte, oder in der Frage selbst, was Erich eigentümlich bewegte und ihn veranlaßte, schärfer auf den dichten Schleier zu blicken, sowie Erinnerungen wachzurufen, um sich von ihnen sagen zu lassen, ob und wo er früher schon einen ähnlichen Klang wie den dieser Stimme vernommen – aber vergebens. Der Schleier war zu dicht, und wenn es ihm auch zuweilen vorkam, als habe er bekannte Töne gehört, so mußte er sich doch gleich darauf gestehen, daß er sich geirrt habe und daß ihm diese schwache, ja, kränkliche und zuweilen von leichtem Husten unterbrochene Stimme gänzlich unbekannt sei. »Wir werden gleich die Straßen verlassen und vor die Stadt gelangen, wo ich einen Besuch zu machen habe, und so lange werden Sie sich zur Strafe Ihres Leichtsinnes schon noch in meiner Gesellschaft gefallen müssen. – Sie kennen wohl die Stadt genau?« fragte sie alsdann rasch, um Dankesworte von Erichs Lippen abzuschneiden, worin er seine Erkenntlichkeit für die gütige Verzeihung eines tollen Streiches aussprach. – »Wissen Sie, wo wir sind? Ich sehe hier an meiner Seite etwas wie ein Schloß oder ein Festungswerk – was ist es?« Erich, der sich bis jetzt noch keine Zeit genommen hatte, auf den Weg zu achten, den sie gefahren, neigte sich jetzt so stark er vermochte nach der Seite, wo die Dame saß, und erkannte augenblicklich das Fort Maximilian, welches sich, eine dunkle Masse, von dem hellen Abendhimmel abhob und dessen Namen er nannte. »Also ist das eine kleine Festung dort oben, vielleicht Ihre Wohnung?« »O, nein, gnädige Frau, die liegt ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt! Dort oben ist nur Festungsartillerie.« »Aber es muß schön dort oben sein – welch freien Blick über den Himmel man dort oben wohl hat – ja, wir hier unten schon, nachdem wir die beengten Häuser der Stadt hinter uns gelassen! Betrachten Sie dort diesen prachtvollen Sternenhimmel! Fühlen Sie auch Sympathie für eines jener funkelnden Bilder dort oben? – Setzen Sie sich an meine Seite, damit Sie besser sehen können! – Ach, wie schön ist das, welche Erinnerungen diese nächtliche Pracht in uns erweckt, angenehme und höchst schmerzliche!« Was die Dame Erich gegenüber mit ihrer sanften, fast zu weich klingenden Stimme sagte, klang in seinem Herzen wider, als dächte er es selbst, ohne es von jemand anderem zu hören. Ja, wie viele Erinnerungen, angenehme und schmerzliche, sah er verkörpert in jenen tausend und aber tausend funkelnden Lichtpunkten dort oben, besonders in dem Bilde des Orion, der mit blitzendem Gürtel, mit Keule und Schwert dort neben dem Fort Maximilian äußerst kennbar unter allen Sternbildern hervor hell an dem dunklen Nachthimmel leuchtete. Da sagte sie wieder etwas, was er selbst dachte und was er wie im Traume hörte; denn es kam ihm vor, als hätte das, was sie jetzt zu ihm sprach, ihm schon früher jemand mit den ganz gleichen Worten gesagt: »Ja dort glänzt der Orion! Es gibt kein besseres und schöneres Sternbild! Ein gewaltiger Krieger, gewappnet vom Helm bis zur Fußspitze, mit strahlendem Zaubergürtel, und dabei hat er Doppelsterne, glückliche Sterne, aber auch nebelhafte Flecken – o, wer sich stets hüten könnte vor den nebelhaften Flecken!« Sie sagte das mit einem ganz eigentümlichen, melancholischen Tone, weich und doch klingend, fast singend, daß es ihm klang wie ein Wiegenlied und daß er, seine Augen fest auf das Sternbild heftend, schwer und tief atmend an eine Nacht dachte, wo ihn ein schönes, glühendes Weib wie ein kleines Kind in Schlaf gesungen. »O Kolma – Kolma!« – Diesen Ruf stieß Erich fast erschreckt aus, als er seine fragenden Blicke von dem gestirnten Himmel ab wieder gegen die Dame gewandt hatte, als er sah, wie diese langsam ihren Schleier zurückwarf und er in ihrem blassen, eingefallenen Gesichte, hauptsächlich aber in den fast noch stärker als früher leuchtenden schönen Augen die Ticzka erkannt hatte. – »Kolma, Kolma!« Sie streckte ihm stumm ihre beiden Hände entgegen, sie lächelte ihm zu, ebenso lieb und herzlich wie damals, und doch war es ein trauriges Lächeln und schnitt ihm tief ins Herz, besonders als sich nun ihre großen, dunklen Augen mit Thränen füllten und als sie, ausrufend: »Erich, mein lieber Erich!« – einen schluchzenden Ton tiefen Schmerzes vernehmen ließ. Doch dauerte ihre heftige Aufregung nur ein paar Sekunden, während welcher sie ihre Hände fest vor das Gesicht preßte, dann aber die seinigen hastig ergriff, ihn rasch an sich zog und auf die Stirn küßte. »Wenigstens hast du mich wieder erkannt, meine liebe Puppe, und nach allem, was ich ausgestanden und gelitten, muß mir das schon genügen – sage mir aufrichtig, ob du meine Züge wirklich erkannt hättest, auch wenn ich deinem Gedächtnis durch meine Schwärmerei für den Orion nicht zu Hilfe gekommen wäre?« »O gewiß, gewiß, Kolma!« Sie seufzte tief auf und sagte erst nach einer kleinen Pause: »Ich will dir glauben, lieber Erich, denn unmöglich war es ja, daß du den Ton meiner Stimme hättest wieder erkennen sollen. Es hat sich ja so vieles und so sehr in mir verändert – nicht wahr, das wirst du nicht leugnen wollen?« Wer hätte vermocht, das zu leugnen, wer, wie Erich, die Kolma früher gekannt! Jenes wilde, heiße, wunderbar schöne und dämonisch glühende Weib, jene elastische Gestalt voll Kraft und Jugendfrische, den übermütigsten Trotz zeigend, sobald es ihr beliebte; in den trotzig aufgeworfenen Lippen und dazu neben der unglaublichsten Kraft und Gewandtheit den tollkühnsten Mut, um jedem noch so trotzigen und heftigen Gedanken gerecht zu werden – und nun – nicht einmal mehr der Schatten der Kolma von damals, jener kühnen, wilden Reiterin, die mit ihrem Lasso das Pferd der Steppe einfing und zugleich Tausende von Herzen vor sich niederwarf! Wohl sah man noch Spuren der schönen Züge, wohl war es noch der fein geschnittene Mund, die herrlichen Zähne, vor allem die schönen Augen, aber es waren das alles wohl dieselben, gleichen Teile ihres ehemaligen Gesichtes, denen aber in gewisser Beziehung der kräftige, geistige Zusammenhang fehlte. Wohl blickten ihre Augen wieder freundlich lächelnd wie damals, doch waren die ehemals so schwellenden Lippen nicht mehr imstande, diesen Ausdruck zu verstärken und schienen einer anderen Macht zu gehorchen, die sich ihrem heiteren Lachen widersetzte. Bei den ersten Worten, die sie an Erich richtete, nachdem sie ihren Schleier zurückgeschlagen, hatte die heftige Aufregung ihr Gesicht gerötet, es lebhafter erscheinen lassen, ja, ihre Stimme verstärkt; doch bei alledem war gleich darauf eine um so heftigere Abspannung gefolgt, und als sie jetzt, stumm in ihrer Ecke ruhend, während sie seine Hände hielt, ihn mit einem traurigen Lächeln anblickte, erschien sie ihm, besonders im bleichen Scheine des aufsteigenden Mondes, so gänzlich verwandelt, so krank und lebensmüde, daß es ihm unmöglich war, seine Thränen zurückzuhalten und er still auf ihre weichen, dünnen Finger weinte. »Davon ein andermal, Erich,« sagte sie nach einer Pause, sich aufraffend; »wir wollen die ersten Augenblicke des Wiedersehens nicht mit traurigen Erzählungen verdüstern – was ist's auch weiter! Mein Auge wird sich etwas früher verdunkeln, als ich damals gedacht, vielleicht auch gehofft, aber immerhin nicht zu früh nach dem, was ich von diesem armseligen Leben erfahren.« »O, Kolma, reden Sie nicht so, das wird vorübergehen – eine schwere Krankheit hat Sie allerdings etwas verändert, aber Sie werden sich erholen!« »Du weißt zu genau den Grund meiner schweren Krankheit, wie du das nennst, um nicht auch zu wissen, daß, weil mir damals ein plötzlicher Tod nicht beschieden war, ich nun jahrelang einen sehr langsamen sterben muß; doch, wie aber schon gesagt, laß uns später darüber reden. Es beschäftigen mich jetzt wichtigere Dinge – ich suche Blanda auf, von der ich zu meinem großen Schmerze erfahren, daß es ihr nicht gut gegangen sein soll.« »Blanda? Ich habe sie vor einigen Tagen gesehen!« rief Erich mit einer Hast, welche die rasche Frage Kolmas hervorrief: »Sahst du sie zufällig, oder wußtest du ihren Aufenthaltsort und hattest Gelegenheit, sie öfter zu sehen?« »Das letztere muß ich leider verneinen; ich sah sie nur zweimal ganz zufällig. Das erste Mal, als ich sie sah, zweifelte ich, daß sie es sei. Wir ritten mit der Batterie vom Exerzierplatze nach Hause bei einer Reihe junger Damen vorüber, und erst als wir sie schon hinter uns gelassen hatten, sagte einer der Offiziere zum anderen: ,Wer mag wohl die schöne, blonde, junge Dame gewesen sein, die uns so aufmerksam betrachtete? Ich wandte mich rasch auf dem Sattel um, und da war es mir gerade, als hatte ich Blanda erkannt.« »Sie wird es auch gewesen sein, und blieb vielleicht absichtlich stehen, als ihr vorüberzoget, weil sie dich zu erkennen glaubte; das sähe ihr ähnlich und ich weiß, daß sie dich nicht vergessen hat.« »Wie mich das freuen würde! Das zweite Mal, als ich Blanda sah und erkannte, war ganz vor kurzem. Es sind nur wenige Tage; doch war ich damals zu weit von ihr entfernt, um auch nur den Versuch machen zu können, mit ihr zu reden. Doch erkannte ich sie augenblicklich, als sie vor einem Hause hier ganz in der Nähe in den Wagen stieg und davonfuhr.« »Darin wirst du dich doch getäuscht haben,« entgegnete Kolma, nicht ohne Besorgnis in ihren Zügen – »oder machte sie vielleicht eine Spazierfahrt mit den anderen jungen Damen?« .»Nein, so sah es nicht aus; es war keiner von den Wagen, in denen man spazieren zu fahren pflegt, es war eine einfache verschlossene Droschke, blau mit roten Rädern, und ehe Blanda einstieg, besorgte man einiges Gepäck in den Wagen.« »So sollte ich zu spät kommen? – Unmöglich; ich würde es gewiß erfahren haben, wenn die Gräfin Seefeld sie so rasch aus dem Damenstifte hätte entfernen lassen – oder sollte Herr Renaud voreilig gewesen sein? Möglich – Gott, wie langsam die Pferde laufen!« »Da sind wir schon,« sagte Erich, »wenn nämlich Ihr Besuch dem Hause gilt, wo Blanda in die blaue Droschke stieg.« Damit hielt der Wagen und der Bediente zeigte sich am Schlage, um von Kolma eine Karte in Empfang zu nehmen, vermittelst welcher er sie in dem Damenstifte anmelden sollte. Er kam auch bald darauf zurück und sagte, der Besuch werde angenehm sein. »Du hast wohl noch etwas Zeit für mich, um mich hier zu erwarten?« sagte Kolma zu Erich. »Bleibe nur im Wagen sitzen, ich werde nicht lange dort im Hause zu thun haben.« Damit schritt sie durch das Gitterthor über den Hof dahin, und Erich blickte ihr mit trüben Gedanken nach, als er bemerkte, wie sie so langsam und gebeugt ging; dann schaute er an dem Hause in die Höhe. Er hatte es früher schon oft betrachtet mit seinen vielen hell erleuchteten Fenstern, wenn er abends nach einem Besuche bei Schmoller von dem Fort Maximilian herunter gegangen war. Ach, hätte er damals gewußt, daß Blanda hier lebte, mit welchem Interesse würde er in jedem der erleuchteten Fenster ihr Zimmer gesucht haben! – Doch nun war sie fort und man sah es dem Hause wohl an, daß es, in Erichs Gedanken, sein Bestes verloren hatte; denn heute schien kein freundlicher Lichtstrahl in die Straße hinaus. Das Gebäude lag ganz dunkel vor ihm und blickte mit den geschlossenen Läden den Beschauer so teilnahmlos an. Kolma war von dem Portier, der ihr das Gitterthor geöffnet hatte, über den Hof geleitet worden, dann ins Haus hinein und die spärlich beleuchtete Treppe hinauf, wobei sie sich wunderte, daß sie hier überall, statt von Zeugen regen Lebens, von einer tiefen Stille empfangen wurde, die auf beinahe unheimliche Art ein fast gänzliches Verlassensein ausdrückte. Da klang aus keinem der Zimmer munteres Lachen oder der behagliche Lärm plaudernder Stimmen – alles schien öde und leer. Droben im ersten Stocke öffnete eine alte Dienerin ein Zimmer und bat die Dame, einen Augenblick zu warten, die Direktorin, Frau von Welmer, werde augenblicklich erscheinen. Es dauerte auch nicht lange, so trat die Gerufene ein und ersuchte, nicht ohne die Spur einiger Verlegenheit, die fremde Dame, Platz zu nehmen. »Ich komme etwas spät,« sagte Kolma, »was ich bitte, meiner Ungeduld zu gute zu halten, die mir nicht gestattete, bis morgen zu warten, um einige Erkundigungen einzuziehen.« »Sollte es sich dabei um die Aufnahme einer jungen Dame in das Stift handeln,« gab Frau von Welmer rasch zur Antwort, »so bedaure ich sehr, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie einen vergeblichen Weg gemacht. Vielleicht hat Ihnen die Stille des Hauses schon angezeigt, daß dasselbe im gegenwärtigen Augenblicke fast gänzlich unbewohnt ist.« »Allerdings hat mich diese Stille überrascht.« »Das Damenstift,« fuhr die ehemalige Direktorin unter einem etwas tiefen Atemzuge fort, »wurde vor wenigen Tagen nach reiflicher Ueberlegung aufgelöst und die jungen Damen ihren Eltern und Verwandten zurückgegeben. Es ist allerdings die Rede davon, dasselbe auf anderen Grundlagen neu erstehen zu lassen, aber es dürfte bis dahin für Ihre Wünsche doch zu viel Zeit vergehen.« Kolma hatte die Dame ruhig ausreden lassen, dann erst sagte sie: »Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft, die mir um so wichtiger ist, da ich nur in der Absicht hergekommen, um mich nach einer jener jungen Damen zu erkundigen, für die ich das höchste Interesse fühle.« Frau von Welmer schaute jetzt mit größerer Aufmerksamkeit in das bleiche Gesicht der fremden Dame, die nach ihrem ganzen Benehmen, nach ihrer Haltung, sowie nach ihrer einfachen, aber höchst elegant gewählten Kleidung den vornehmsten Ständen angehören mußte; dann sagte sie mit einer leichten Verbeugung: »Ich erinnere mich nicht, das Glück gehabt zu haben, die gnädige Frau bei mir zu sehen; auch ist mir, ich muß es gestehen, der Name auf dieser Karte ein gänzlich fremder.« »Ich glaube das wohl,« entgegnete Kolma, und setzte dann im Tone so großer Ueberlegenheit hinzu: »Ich hatte meine guten Gründe, früher nicht selbst hierher zu kommen und so zu handeln, wie ich gehandelt« – daß die Direktorin durch ein bezeichnendes Niederschlagen ihrer Augen die vollkommene Richtigkeit jener Gründe zugab, worauf die fremde Dame fortfuhr: »Es handelt sich um ein junges Mädchen, welches hier im Hause nicht so behandelt worden ist, als man hätte hoffen können, daß es behandelt werde.« Frau von Welmer zeigte die größte Ueberraschung oder affektierte wenigstens eine solche, indem sie zur Antwort gab: »Ich würde trostlos sein, gnädige Frau, wenn Ihre Angabe nicht auf Entstellungen und Mißdeutungen gegründet wäre.« »Im Gegenteil, auf keines von beiden, und wenn ich Ihnen den Namen jener jungen Dame nenne, so müßte ich mich sehr wundern, wenn derselbe nicht schwer auf Ihr Gewissen fiele.« »Gnädige Frau, ich habe stets meine Schuldigkeit gethan, und da ich dies mit gutem Gewissen von mir sagen kann, so wäre ich Ihnen sehr verbunden für die rasche Nennung jenes Namens.« »Recht gern, Madame; das junge Mädchen, welches hier nicht zum besten behandelt wurde, obgleich es sowohl seinem Stande nach, als wegen seiner Herzensgüte, seiner Liebenswürdigkeit, in jeder Hinsicht seines seltenen Charakters wegen verdient hätte, auf den Händen getragen zu werden, befand sich hier unter dem Namen Miß Blanda Price.« Hatte die Direktorin diesen Namen nicht erwartet ober hielt sie es für geraten, sich in hohem Grade überrascht zu zeigen, genug, sie zuckte förmlich in die Höhe, um dann mit einem kalten Lächeln zu sagen: »Diesen Namen hatte ich gerade nicht erwartet!« »Vielleicht nicht gehofft, ihn aus meinem Munde mit dem Zusätze zu vernehmen, daß ich Sie dringend ersuchen muß, mir zu sagen, was aus dem jungen Mädchen geworden ist!« »Ich nehme an, daß die gnädige Frau ein Recht hat, danach zu forschen, und da mir von anderer Seite, von welcher ich vollkommen überzeugt bin, daß ein Recht besteht, über das Schicksal jenes jungen Mädchens zu bestimmen, nicht verboten wurde, ihren jetzigen Aufenthalt zu nennen, so will ich keinen Anstand nehmen, Ihnen denselben mitzuteilen, wenn Sie mir vorher eine Frage gestatten wollen.« »Mit Vergnügen.« »Ueber Ihre gewiß ungerechten Vorwürfe in betreff jenes jungen Mädchens hinweggehend, belieben Sie mir vielleicht einige Aufklärung zu geben über das, was Sie vorhin erwähnten von dem höchst vornehmen Stande der Miß Price, der mir bisher gänzlich unbekannt war und mir heute noch nicht ganz glaublich erscheint, da sie, allerdings von sehr hochansehnlicher Seite protegiert, nur allein durch jene Empfehlungen Zutritt in dem hiesigen Damenstift erhielt, unter den Töchtern der ersten Familien des Landes.« »Was Sie sie wahrscheinlich fühlen ließen, und wodurch Blanda, wie ich ihren Charakter kenne – und ich kenne ihn sehr genau – vielleicht verschlossen, trotzig, widerspenstig wurde, da sie zu stolz war, mit nur wenigen Worten jene Schranken zusammenzuwerfen, die das junge Mädchen in Ihren Augen von den anderen hochadeligen Zöglingen trennten.« »Und diese Worte – ich wäre dankbar, sie aus Ihrem Munde zu vernehmen!« entgegnete Frau von Welmer mit einem kühlen Lächeln. Um Kolmas Lippen zuckte es heiter und ihre Augen strahlten wieder einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, mit der ganzen ehemaligen Lebendigkeit; dann sagte sie: »Daß hier Gründe vorlagen, den Namen Blandas nicht zu nennen und daß der einer Miß Price ein angenommener war, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, muß aber hinzufügen, daß ebensowenig mir als jener hochansehnlichen Beschützerin des jungen Mädchens es heute noch gestattet ist, jenen Namen zu nennen, wogegen ich mir die Frage wohl erlauben darf: ob Ihnen, einer Dame von solcher Weltkenntnis, die jahrelang im innigsten Verkehr stand mit den Töchtern der besten Familien des Landes, je ein Zweifel kommen konnte, als gehöre Blanda nicht einem der vornehmsten Häuser an? – Bitte, beantworten Sie mir diese Frage, indem Sie sich gefälligst die ebenso schöne, aristokratisch feine Gestalt Blandas, ihre edlen Gesichtszüge, vor allem aber die wahrhaft gebietende Art ihres Benehmens ins Gedächtnis zurückrufen!« »Allerdings muß ich diese Vorzüge des jungen Mädchens bedingungsweise zugestehen, und waren sie es gerade, welche Blanda in innigen Verkehr mit den meisten der anderen jungen Damen treten ließen, wogegen ich Ihnen nicht verschweigen kann, daß ein zu Zeiten scheues und verschlossenes Wesen des jungen Mädchens, welches dann mit einem Male wieder in zügellose Wildheit umschlagen konnte, ebensosehr unsere, von guter Seite bestätigte Annahme einer geringen Herkunft, als auch einer sehr vernachlässigten Erziehung bekräftigte. Glauben Sie mir dabei, daß ich mich persönlich zu jenem eigentümlichen Wesen trotz alledem hingezogen fühlte und daß, wo ich mit Härte gegen Blanda auftreten mußte, dies nur geschah, um meine Autorität, vor allem aber jene der mir untergebenen Lehrerinnen aufrecht zu erhalten – und daß mir dies dennoch nicht gelungen ist,« setzte sie mit einem kummervollen Blicke hinzu, »mag Ihnen die trostlose Stille dieses Hauses bestätigen; erlassen Sie es mir, weiter darüber zu reden, aber glauben Sie mir, es ist mehr als gewöhnliche Neugierde, wenn ich Sie bitte, mir etwas Näheres über Blandas Herkunft zu sagen.« Da zuckte es abermals heiter und fast schelmisch um Kolmas Lippen, während sie erwiderte: »Wie ich Ihnen schon vorhin sagte, ist es auch mir heute noch nicht gestattet, Blandas Familiennamen zu nennen; aber glauben Sie meiner Versicherung, die ich mit einem feierlichen Schwure bekräftigen könnte, daß Blanda einer der mächtigsten Familien, einem der mächtigsten Stämme angehört, und daß es ihre Bestimmung ist, einst als Fürstin, als gebietende Herzogin über einen zahlreichen Volksstamm, über ausgedehnte Länderstrecken zu herrschen.« Frau von Welmer blickte staunend auf die Sprecherin und konnte nicht anders, als den Worten, die sie soeben vernommen, Glauben beimessen. – Eine Herzogin hatte sich unter ihrem Dache, unter ihren Zöglingen befunden! Eine Herzogin war es gewesen, die von der abscheulichen Quadde so gehaßt und gequält worden war, der man ihr reiches, blondes Haar abgeschnitten, die man mit etwas weniger als Schimpf und Schande aus dem Damenstifte entfernt hatte! – Und warum hätte .sie den Worten jener fremden Dame mißtrauen sollen? Konnte dieselbe doch durchaus von keiner zweideutigen Absicht getrieben sein, ihr etwas über die Vergangenheit jenes jungen, gewiß so interessanten Mädchens mitzuteilen! Blanda war ja fort; weder sie, die Direktorin, noch die garstige Quadde, wenn diese noch da gewesen, wäre mehr imstande gewesen, sie zu hassen oder zu protegieren – ja, wenn sie diese Nachricht nur um einige Wochen früher erhalten hätte, statt jener gänzlich falschen Berichte aus dem Munde des Geschäftsmannes der Frau Gräfin Seefeld, jenes ruhig und behaglich lächelnden Herrn Renaud – und daß sie jenem vollkommen getraut und in seine Ansichten über das junge Mädchen eingegangen war, hatte sie auch wieder dieser Quadde zu verdanken, welche ein so großes Interesse an diesem Herrn Renaud genommen – pfui über die alte Jungfer! »Und Blanda?« Diese Frage that die fremde Dame, nachdem sie eine Zeitlang, nicht ohne ein eigentümliches Leuchten ihrer Augen, zugesehen hatte, wie die Direktorin in tiefen Gedanken verloren dasaß. »Ja so – ich versprach Ihnen, über den jetzigen wahrscheinlichen Aufenthaltsort jener jungen Dame mitzuteilen, was ich weiß; ganz Genaues leider nicht, aber jedenfalls genug, um ihre Spur aufzufinden – wir folgten pünktlich den Anordnungen jenes Geschäftsmannes der Gräfin Seefeld,« setzte sie achselzuckend hinzu, als sie den ernsten Blick der anderen und das mißbilligende Kopfschütteln derselben bemerkte. – »Hier im Hause war eine Unterlehrerin, eine – wie ich jetzt immer mehr einsehe – brave und verständige Person, Mamsell Stöckel, an der Blanda mit großer Zärtlichkeit hing, und die sich erbot, Blanda bei sich aufzunehmen, bis nähere Weisung ihrer Angehörigen eingetroffen sein würde.« »Und die Adresse dieser Mamsell Stöckel?« »Leider kann ich Ihnen das nicht ganz bestimmt sagen, doch vermute ich, daß sie sich im gegenwärtigen Augenblicke bei ihrem älteren Bruder aufhält, einem Förster in der Nähe der Residenz, auf dem sogenannten Jagdschlößchen, zu Wagen in einer halben Stunde erreichbar.« Kolma erhob sich mit einem so trockenen: »Ich danke Ihnen, Frau Direktorin!« daß diese mit allen Zeichen des Unbehagens, ja der Verlegenheit entschuldigende Worte sagte, von gänzlicher Unkenntnis der wirklichen Sachlage sprach und ihr innigstes Bedauern ausdrückte, nicht früher zu Blandas Bestem, wie auch zu ihrem eigenen, durch eine so wohlwollende Freundin der jungen Dame – bei diesen Worten verbeugte sie sich gegen Kolma – unterrichtet worden zu sein. Dann geleitete Frau von Welmer die Fremde bis an die Treppe vor dem Hause, und während letztere ihrem Wagen zuschritt, ging sie in ihr stilles, einsames Zimmer zurück, um dort, hastig auf und ab gehend, ihrer früheren ersten Lehrerin, des Fräulein von Quadde, in durchaus nicht freundlicher Weise zu gedenken, wobei sie sich einer grimmigen Freude darüber nicht erwehren konnte, daß die allerhöchste Ungnade, welche ihr eigenes Haupt getroffen, noch viel zerschmetternder auf das der Quadde gefallen war, die infolge der Vorfälle in dem adeligen Damenstifte für alle Zeiten und für die weitesten Kreise gänzlich unmöglich geworden war, und die später ihr Leben dadurch fristete, daß sie kleinen Mädchen armer Leute Unterricht im Stricken erteilte und ihnen die Anfangsgründe des Alphabetes beibrachte. 37. Kapitel Erscheint etwas märchenhaft, zeigt uns eine verwunschene Prinzessin auf einsamem Jagdschlosse, erzählt von Zitherklängen, von Wiederfinden und Trennung. Kolma fragte den Kutscher, ob er den Weg nach dem sogenannten Jagdschlößchen wisse, wie derselbe beschaffen sei und wie weit es dorthin wäre, worauf sie die befriedigendsten Antworten erhielt und den Befehl gab, dorthin zu fahren. Erich hatte sich vorhin in die Ecke des Wagens gedrückt, von wo aus er das stille, dunkle Haus vor sich, sowie nach einer leichten Neigung des Kopfes droben das Fort Maximilian sah. Was mochte wohl Schmoller gedacht haben, wenn dieser bei seinen Beobachtungen durch den Tubus das Leben des Hauses hier unten so langsam abnehmen und verschwinden sah, Wagen um Wagen anfahrend, um irgend eine der jungen Damen mit ihrem Gepäcke zurückzunehmen, wie ja wahrscheinlich in diesen Tagen geschehen war! – Oder was würde er da droben sagen, wenn er Erich jetzt hier unten sehen könnte, vor dem Hause, welches Schmollers thörichte Wünsche einschloß, in einem prachtvollen Wagen und im Begriffe, von einer schönen, eleganten Dame Nachrichten über das Innere jenes einsamen, fast gänzlich menschenleeren Hauses zu erhalten! Kolma stieg langsam in den Wagen, nachdem sie dem Bedienten ein paar Worte gesagt, der hierauf den Schlag schloß und, anstatt sich wieder zum Kutscher auf den Bock zu begeben, zu Fuß nach der Stadt zurückging. Der Wagen aber setzte seinen Weg fort, und zu Erichs großer Freude auf demselben Wege, den vor ein paar Tagen die blaue Droschke mit den roten Rädern genommen hatte. Da war schon die Mauer, neben welcher er so unglücklich gewesen war, zwischen die Offiziere zu rennen. Was für ein Kontrast zwischen damals und jetzt! Er in dem weichen, sanft schaukelnden Wagen, Kolma gegenüber, dem einzigen Wesen, das von allen auf dieser weiten Welt so inniges Interesse an ihm nahm, das ihm herzlich zugethan war, das ihn liebte, wie man nur einen Bruder zu lieben vermag! Und dazu auf demselben Wege zu fahren, wohin ihm Blanda entschwunden war! Sie, das liebliche und doch so eigentümliche Mädchen, die er sich, wenn er recht innig an sie denken wollte, stets in dem Augenblicke vergegenwärtigte, wo sie nachts auf der Wiese bei Zwingenberg an dem lodernden Feuer der lagernden Zigeuner mit ihren kleinen Händen die seinigen ergriff, sich an ihn schmiegte und ihn küßte! Kolma war gegen früher recht schweigsam geworden, aber sie lächelte ihm freundlich, fast heiter zu, als sie ihm beim Einsteigen die Hand auf die Schulter legte und dabei sagte: »Hoffentlich werden wir Blanda in kurzem finden – aber wo und wie!« »Wie innig freue ich mich darauf, das Kind wieder zu sehen!« »Das Kind – wie so? – Ach, ich verstehe, es sind einige Jahre her, daß du nicht mehr in ihre Nähe kamst – gib acht, meine Puppe, du wirst sie gerade so verändert finden – nur auf ganz andere Art, wie mich!« Dann drückte sie sich fest in ihre Ecke und blickte in das dämmerige Licht hinaus, welches die weite Landschaft erfüllte und dadurch entstanden war, daß leichte, feine Nebel aufstiegen, vom Boden emporziehend, sich durch die kahlen Aeste der Bäume schlangen, hoch an den Himmel hinauf, wo der Mond nun gleichfalls tief verschleiert einsam seiner Wege ging, aber, äußerst geschäftig, stets in einer gewissen Entfernung dem rasch dahin rollenden Wagen voraus, und gerade so aussah; als habe er etwas sehr Geheimnisvolles zu vollbringen, vielleicht droben in dem alten Jagdschlosse die Ankunft der beiden anzukündigen, wobei er sich außerordentlich in acht nahm, mit langgestreckten Wolkenmassen, die ihn neugierig umgaben, in keine Berührung zu kommen. Dazu klangen die Hufschläge der Pferde auf der harten Landstraße so gleichförmig und taktgemäß, wie die Begleitung zu einem Wiegenliede und schienen auf Kolma so einzuwirken, denn sie hatte die Augen geschlossen, als wenn sie schliefe. Jetzt bog der Wagen von der breiten Straße ab und es ging einen Waldweg ziemlich steil hinauf; dann vernahm man Hundegebell, sah hierauf Lichter durch die Zweige blinken, und nun hielten die dampfenden Pferde vor einem alten, hölzernen Thore, das sich in einer von Epheu überwachsenen Umfassungsmauer befand und hinter welchem die Hunde heftig anschlugen. Man hörte gleich darauf, wie sie von einer kräftigen Stimme zur Ruhe verwiesen wurden, worauf sich langsam das Thor öffnete und ein Mann in einer grauen Juppe sichtbar wurde, der den Kutscher fragte, ob der Besuch dem Jagdschlößchen gelte oder ob er vielleicht irre gefahren sei. »Wenn hier der Förster Stöcke! wohnt, so haben wir uns nicht geirrt,« gab Kolma zur Antwort. »Der wohnt allerdings hier, ist aber noch im Revier draußen.« »So ist vielleicht seine Schwester zu sprechen, oder das fremde Fräulein, welches hier oben wohnt?« »Ah so, nun versteh' ich,« sagte der Mann in freundlichem Tone; »das fremde Fräulein wußte vielleicht darum, daß Sie kommen würden, denn sie sagte vorhin zur Schwester des Herrn: Gib acht, wir bekommen heute abend noch Besuch!« »Kann ich in den Hof hineinfahren?« fragte der Kutscher. »Bei der Dunkelheit nicht ganz gut, das Thor ist ein bißchen eng.« »So bleibe ich hier draußen,« sagte der Kutscher. »Und da es vielleicht etwas länger dauert,« setzte er, gegen Kolma, welche mit Erich ausgestiegen war, gewendet hinzu, »so will ich den warm gewordenen Pferden die Decken überhängen.« Kolma, Erich und der Mann, der das Thor vorhin geöffnet und jetzt wieder verschlossen hatte, gingen über den Hof, dem am Ende desselben liegenden Jagdschlößchen zu, das sich mit seinem Turme und den scharf zugespitzten Dächern deutlich von dem hier oben noch klar gebliebenen Nachthimmel abhob. »Die Nebel sind drunten im Thale geblieben,« meinte Kolma nach einem tiefen Atemzuge – »ich wollte, sie wären es in jeder Beziehung! Ist es nicht schön hier oben in dieser herrlichen Mondnacht?« sagte sie zu Erich. »O, über alle Beschreibung schön,« gab dieser zur Antwort, »und es kommt mir wie ein Traum vor, daß wir aus dem Dunste und dem Gewühle der Stadt so wie mit einem Male hier oben sind! Es ist mir gerade, als läse ich das in einem Märchenbuche, oder als wäre ich gerade im Begriffe, hier selbst ein Märchen zu erleben.« »Wer weiß – doch horch, was ist das?« Es waren leise, weiche Zitherklänge, die von dem Jagdschlößchen herüber drangen, doch so unbestimmt, daß man sie für das melodische Säuseln der Nachtluft durch die kahlen Zweige der mächtigen Buchen hätte halten können, die vor dem Eingange standen. Dort hinein eilte der Mann in der grauen Juppe, und da es hier auf dem Vorplatze ziemlich dunkel war, so öffnete er geschäftig eine große Flügelthür, wodurch es Kolma und Erich ermöglicht wurde, sogleich mit einem Blicke die ziemlich große und hell erleuchtete Halle des Schlößchens, welche zugleich als Wohnzimmer des Försters diente, zu überschauen, ohne selbst gesehen und erkannt zu werden; und was sie hier sahen, war so überraschend und eigentümlich schön, daß Erich mit hochklopfendem Herzen alles Ernstes glaubte, es thue sich nun in Wirklichkeit ein hübsches Stück Märchenwelt vor ihm auf. Im Hintergründe des altertümlichen Gemaches, dessen Wände mit riesenhaften Geweihen, mit Jagdemblemen und Waffen aller Art verziert waren, loderten mächtige Holzklötze in einem hohen und weiten Kamine, deren spielende Flammen zugleich mit einer von der Decke hängenden Ampel nicht nur ein eigentümlich wechselndes Licht gaben, sondern auch mit rötlicher Glut alles ringsumher auf die wunderbarste Art bestrahlten, wozu noch von der einen Seite das kalte, weiße Mondlicht kam, welches durch das einzige Fenster der Halle, ein breites Bogenfenster, herein fiel und in so eigentümlichem Kontraste stand mit der eben erwähnten dunklen Glut der Holzflamme. Neben dem Kamine war die Wand bis hoch hinauf mit dichtem, grünem Epheu bedeckt, jetzt ein mächtiger Stamm, hundertfach verzweigt, welcher vor langen Jahren als winziges Pflänzchen durch eine Mauerspalte ins Innere gekrochen war, sich hier neugierig in der Behausung der Menschen umschauend, wo der junge Epheu es vielleicht behaglich fand und deshalb beschloß, sich hier anzusiedeln, zu eigenem Wohlbehagen und zum Vergnügen der Menschen, die hier vor und unter ihm saßen, wie in einer prächtigen Laube. Heute abend aber war diese Laube ganz besonders lieblich anzusehen, denn in ihr neben dem Kaminfeuer saß auf einem schweren, altmodischen Lehnsessel ein junges Mädchen mit prächtig lockigem, hellblondem Haar, das Gesicht der Glut zugekehrt und von dieser rosig geküßt, während in den aufwärts gerichteten, träumerisch blickenden, großen, schönen Augen ein Strahl des weißen Mondlichtes schimmerte; ein schöner Jagdhund mit langem, weichem, glänzendem Haar kauerte vor ihr und hatte seinen Kopf zutraulich auf ihr Knie gelegt. Vor dem Kamine saß ein junges Mädchen und spann, und die Töne der Zither kamen aus der fernsten Ecke des Gemaches, wo es indessen zu dunkel war, um den Spielmann erkennen zu können. Dies alles war aber auch nur Nebensache und wirkte alles, die Glut des Herdfeuers, das weiße Mondlicht, das Surren des Spinnrades, die sehnsuchtsvollen Zitherklänge, zusammen, um das Bild des jungen Mädchens noch lieblicher, märchen-, ja zauberhafter zu machen. Dann trat Kolma langsam in den Lichtkreis ein, und zuerst ruhten die Augen Blandas ein paar Sekunden lang mit Erstaunen, ja mit Erschrecken auf deren bleichen, ihr beinahe fremd gewordenen und doch wieder so bekannten Gesichtszügen; dann sprang sie auf und warf sich leidenschaftlich an den Hals ihrer ehemaligen Freundin und Gefährtin. »O, Kolma, Kolma, wie unendlich glücklich bin ich, dich endlich wiederzusehen!« Erich stand noch im Schatten und blickte entzückt auf Blanda, die er sich doch nicht so schön, so ganz anders geworden vorgestellt hatte. Wohl fand man in ihrem Gesichte noch die edlen, lieben Züge des jungen Mädchens von damals, noch war dies derselbe schöne und tiefe Blick; doch war sonst alles an ihr ganz anders geworden, und der junge Mensch, der wie im Traume drein blickte, stand, wie schon mancher vor ihm, hier wieder einmal dem Wunder der Rose gegenüber – der Knospe, die er so unscheinbar verlassen und die er jetzt wiedersah, schwellend und glühend! »Und Erich,« sagte Kolma, indem sie ein wenig auf die Seite trat – »kennst du ihn nicht wieder?« »O doch, o doch,« entgegnete das junge reizende Wesen, indem sie ihre Arme ausstreckte, um ihre beiden Hände in die seinigen zu legen, worauf sie ihn einen Augenblick mit glücklich leuchtenden Augen betrachtete, um sich dann rasch gegen ihn zu neigen, ihm ihre Stirn zum Kusse darbietend, während sie sagte: »Begrüße mich heute, nach Jahren, wieder, wie ich damals, in jener Nacht, an dem lodernden Feuer von dir Abschied nahm!« Die Klänge der Zither waren plötzlich verstummt, wie es schien, abgerissen mitten in der Melodie, und das Spinnrad hatte zu surren aufgehört, aber nicht mit einem Male, sondern langsam und behaglich, ganz passend zu dem wohlwollend lächelnden Gesichte der Spinnerin, die, aufwärts blickend und dann aufstehend, jetzt von Blanda sogleich in den Kreis ihrer vertrautesten Freunde gezogen wurde. »Sieh doch,« sagte sie zu ihr, »das ist meine liebste Freundin und Beschützerin, soweit ich in den Jahren zurückdenken kann, und dies ist mein lieber Freund und Beschützer, zugleich aber auch mein Schützling, allerdings noch nicht von so lange her, aber mir wert – sehr wert – und dies, Kolma,« fuhr sie hierauf fort, indem sie einen Arm um den Leib der Spinnerin schlang – »dies ist meine liebe, gute Stöckel, auch wieder eine gute, treue Beschützerin aus der letzten, etwas traurigen Zeit her – auch meine Lehrerin, der ich so vieles verdanke, und namentlich dieses schützende Asyl, wo ich mich so wohl und behaglich fühle.« Als Mamsell Stöcke! nach einer freundlichen Begrüßung Kolmas den jungen, hübschen Soldaten aufmerksam betrachtete, sagte Blanda lachend: »Ja, es ist derselbe, um den Fräulein von Quadde gegen Sie so unangenehm wurde, als ich auf dem Spaziergange plötzlich stehen blieb, während er mit den anderen vorüberritt.« »Ohne Sie zu kennen, Blanda, das heißt, ohne Sie sicher zu erkennen, da ich ja keine Ahnung davon hatte, daß Sie sich in jenem Hause hier in der Stadt befänden, nicht die geringste Ahnung, bis ich Sie neulich sah, als Sie in den Wagen stiegen.« »Da sahst du mich – und wo das? Bemerkte ich doch weit und breit niemand, und ich habe vortreffliche Augen!« »Dazu hätten auch die besten Augen nicht ausgereicht, denn ich sah Sie von der kleinen Festung herab, die vor eurem Hause liegt.« »Von dort herab?« fragte sie, indem sich ihre so klaren und freundlichen Blicke verdüsterten. »So lebtest du dort oben und sahst von dort häufig auf uns herab?« »O nein, Blanda, ich besuchte nur einen Freund, der auf der Festung wohnt, und es geschah ganz zufällig, daß ich auf seine Veranlassung zu euch hinunter blickte.« »Ah so,« gab sie mit einem tiefen Atemzuge zur Antwort, wobei wieder ein lichter, herzlicher Strahl in ihren Blicken schimmerte – »so, du warst nicht da oben?« »Nur sehr selten.« Dann lachte sie laut und herzlich und rief: »Später, später mehr davon; jetzt wollen wir nichts von fremden Leuten wissen, auch nichts von der Vergangenheit und nicht einmal etwas von der Zukunft, sondern, uns gegenüber sitzend, nur von dem Glücke der Gegenwart plaudern! Kommt dein Bruder bald zurück?« fragte sie, worauf Mamsell Stöckel zur Antwort gab: »Ich glaube, wir können ihn jeden Augenblick erwarten. Was meinst du, Joseph?« Diese Frage war an einen jungen Menschen gerichtet, welcher in einer Ecke des Gemaches saß und der vorhin auf der Zither gespielt hatte. Jetzt lehnte er in dem Winkel zurück und betrachtete mit einem etwas finsteren Blicke die plaudernde Gruppe am Kaminfeuer. »Kommen Sie her, Joseph,« sagte Blanda, »damit ich Sie mit meinen Freunden bekannt mache.« »Es ist meines Bruders einziger Sohn, ja, sein einziges Kind,« bemerkte Mamsell Stöckel dazu, als sich nun der Angeredete langsam näherte und in den hellen Feuerschein trat; »seine Mutter starb infolge eines großen Schreckens, kurz nachdem er geboren worden war, und von diesem Schrecken,« setzte sie leiser hinzu, »blieben auch ihm traurige Spuren.« Joseph war ein großer, ziemlich gut gewachsener, junger Mensch von vielleicht neunzehn Jahren, mit einem eigentümlichen Zuge des Schmerzes oder eines, ihm vielleicht am allerbesten bekannten Leidens in dem sonst wohl geformten Gesichte. Er verbeugte sich etwas unbehilflich vor den Fremden, und als er hierauf ein paar freundliche Worte Blandas, die seinem hübschen Zitherspiele galten, beantworten wollte, gelang ihm dies nur unvollkommen, trotz unverkennbar mühsamer Anstrengungen seines Gesichtes, die sich bis zu heftigen Nervenzuckungen steigerten, und als er hierauf nach einem kurzen Kopfnicken gegen seine Ecke zurückschlich, bemerkte man deutlich, wie er das linke Bein etwas kraftlos nachschleppte. Wenige Minuten darauf trat der Förster rasch in das Zimmer und war sichtbar erstaunt über die seltene Gesellschaft, welche sich in seinem Hause eingefunden. Daß dieses Erstaunen ein freudiges war, können wir gerade nicht behaupten, denn seine Worte: »Ich hatte wahrhaftig schon geglaubt, draußen halte bei so später Nacht der Wagen des Oberjägermeisters!« klangen etwas hart und rauh, und als er hierauf sein Gewehr unter einem der Hirschgeweihe aufgehängt, trat er, ohne weiter etwas zu sagen, vor den lodernden Kamin, stellte seine Füße mit den schweren Stiefeln abwechselnd auf die eiserne Stange vor dem Roste und schaute alsdann mit einem sehr gleichgültigen Blicke über die Gruppe der nun schweigend um den Tisch Sitzenden hinweg. Mamsell Stöckel ließ eine Minute oder so etwas vorüber gehen, ehe sie sich an ihn wandte: »Hier ist eine fremde Dame, die gekommen ist, Blanda zu sehen.« »Recht spät am Abend!« war die kurze Antwort. »Und was will die Dame sonst noch?« »Mit Ihnen ein Wort reden, Herr Förster, wenn Sie vielleicht Zeit und Lust hätten, mich anzuhören,« sagte Kolma, indem sie aufstand und zu ihm ans Feuer trat. »Warum nicht? Ein gescheites Wort zu hören, habe ich gern die Laune und gerade jetzt auch ein wenig Zeit, bis das Nachtessen kommt, worauf ich nicht gern noch lange warten möchte.« Die letzten Worte galten seiner Schwester, die sich augenblicklich erhob und die Halle verließ, gefolgt von Blanda, welche auch Erich aufforderte, mitzugehen. »Sie waren so freundlich, zu erlauben,« sprach Kolma hierauf, »daß das junge Mädchen, das ich wie eine Schwester, wie eine Tochter liebe, für eine kurze Zeit hier oben in Ihrem Hause sein könne, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin und Ihnen meinen Dank gern in jeder Richtung beweisen möchte.« »Meine Schwester hat mich darum gebeten, und da es nicht gar zu lange dauern soll, so will ich es in Geduld abwarten, bis beide wieder ihrer Wege gehen. – Sie müssen mich recht verstehen, Madame,« fuhr er nach einer Pause fort, als er gesehen, daß bei seinen Worten ein Schatten über die Züge der Dame flog – »es ist hier oben so recht kein Aufenthalt für Frauenzimmer, das heißt, es könnte mir anders ausgelegt oder von oben herab nicht gern gesehen werden, wenn sich hier bei mir Fremde aufhielten, ohne daß man darüber ein langes und breites gefragt oder gesprochen hätte. Ich bin eben nur der Förster dieses Waldes und der Aufseher in diesem herrschaftlichen Jagdschlößchen; das alles habe ich bereits der Schwester gesagt, die mich verstanden und nicht gar zu lange hier oben zu bleiben gedenkt. Was dann aus der anderen wird, weiß ich nicht.« »Deshalb bin ich gerade gekommen, um das junge Mädchen, das mir sehr nahe steht, zu mir zu nehmen, und wenn Ihnen so viel daran liegt, daß dies baldigst geschieht, so könnte es auch schon heute abend sein, oder in den nächsten Tagen.« Kolma sagte dies hörbar aufgeregt, wobei sie etwas mühsam atmete und sich eine plötzliche Röte auf ihrem Gesicht zeigte, die aber ebenso rasch wieder verschwand. »So pressiert's gerade nicht,« gab der Förster zur Antwort, indem er einen finsteren, fast unwilligen Blick nach der Ecke des Gemaches sandte, wo sein Sohn Joseph saß und, scheinbar unbekümmert um das Gespräch der beiden, wieder angefangen hatte, seinem Instrumente leise, klagende, zitternde Accorde zu entlocken. – »He,« rief er alsdann unwirsch hinüber, »weißt du denn gar nichts Gescheites mehr aufzuspielen, oder meinst du vielleicht, wenn man so stundenlang allein in dem schweigenden Walde umhergelaufen ist, es mache einem ein besonderes Vergnügen, solches Zeug da zu hören, welches gerade so klingt wie der Gesang der Unken drunten im Teiche oder wie das Klagen des Nachtwindes zwischen den Bäumen? – Wie gesagt,« fuhr er hierauf gegen Kolma gewendet, mit etwas milderer Stimme fort, »so arg pressiert's nun gerade, nicht; auch habe ich es meiner Schwester versprochen, das junge Mädchen so lange hier oben zu behalten, bis sie selber wieder geht – besser wäre es freilich gewesen,« murmelte er zwischen den Zähnen, indem er sich zu dem Kaminfeuer hinabbeugte und in die Flamme spuckte, »sie wären beide geblieben, wo sie waren!« »Da es mir heute abend oder morgen, oder in den allernächsten Tagen allerdings fast unmöglich wäre, das junge Mädchen mit mir und gänzlich zu mir zu nehmen, wie natürlich geschehen wird, sobald ich einige notwendige Arrangements getroffen habe, so bin ich Ihnen sehr dankbar, daß es für diese Zeit unter der Aufsicht Ihrer vortrefflichen Schwester, die ja schon seit Jahren mit Blanda bekannt und befreundet ist, hier bleiben kann und Sie werden überzeugt sein, Herr Förster, daß Sie diesen großen Dienst keiner Undankbaren erzeigen.« »Pah,« sagte der Förster, »der Dienst ist eben so groß nicht, und Sie brauchen kein solch Aufhebens davon zu machen! Vielleicht,« setzte er mit einem düsteren Blick hinzu, »wäre mir die Gegenwart des jungen Mädchens hier oben in der Einsamkeit selbst ein Vergnügen, wenn manches bei mir anders wäre – aber so – ist es besser, wir hausen selbander hier oben ganz allein, so kommen wir auch nicht auf andere Gedanken, die, wie die Sache nun einmal liegt, von großem Uebel wären – und,« fuhr er leiser fort, indem er, die buschigen Augenbrauen tief herabgedrückt, in die Glut des Feuers schaute, »man kommt hier oben in der Einsamkeit gern auf dergleichen seltsame Gedanken, wenn man sonst beinahe nichts thun kann, als Zither spielen und träumend an den Himmel hinauf blicken – es ist das eben ein Unglück!« Kolma verstand wohl, was er damit meinte, konnte sich aber nicht enthalten, mit einem leichten Kopfschütteln nach der Ecke zu blicken, wo der Sohn des Försters saß, immer noch scheinbar mit seinem Instrumente beschäftigt, obgleich man nach den harten Worten des Vaters keinen Ton mehr vernommen. »Ja,« fuhr der Förster kopfnickend und so leise sprechend fort, daß nur Kolma seine Worte verstehen konnte, »seine Mutter war auch so eine Schwärmerin, zusammengesetzt aus unfruchtbaren Phantasien und schwachen Nerven, weshalb denn auch ein jäher Schrecken das zarte Gebäude zusammenwarf. Sie hatte eben kein Gemüt für das Weib eines Jägers, und als man mich eines Abends blutend nach Hause brachte – ein Wilderer hatte mich schwer an der Seite verwundet – da war das doppelte Unglück fertig!« »Und seit jener Zeit ist er leidend?« »Wie Sie ihn da sehen, ziemlich klar bei Verstand, schwächlich am Körper und beinahe unfähig, fünf oder sechs Worte hintereinander ruhig auszusprechen – das alles verkümmert mir das Leben und läßt mich verdrießlicher erscheinen, als ich es eigentlich bin; deshalb nehmen Sie meine Worte von vorhin nicht so schwer und lassen mich Ihnen wenigstens für heute abend bieten, was dieses kleine, einsame Haus vermag. – Ich weiß aber in der That nicht, wo sie so lange bleiben,« setzte er, nach der Thür blickend, hinzu. »Ich will nach ihnen sehen,« erwiderte Kolma rasch, da es ihr nicht unlieb war, hier das Gespräch mit dem Förster abbrechen zu können, und ehe er sie zurückzuhalten vermochte, wenn das auch in seiner Absicht gelegen hätte, war sie durch dieselbe Thür verschwunden, die sich vorhin hinter den anderen geschlossen. Der Förster nahm eine schwere eiserne Zange, die neben dem Kamine an einem Nagel hing, und wandte damit die halb verkohlten Klötze um. Als er mit dieser Arbeit zu Ende war und aufblickte, sah er seinen Sohn Joseph dicht vor sich stehen und bemerkte wohl, wie ihn dieser mit einem lebhaften, unruhigen Blicke betrachtete. »Nun, was soll's, Joseph?« fragte er in einem weicheren Tone, als wohl zu diesen Worten paßte. Der junge Mensch, dessen leidendes Gesicht nicht ohne Intelligenz war und dessen regelmäßige, angenehme Züge selbst durch das häufige, schmerzliche Zucken des Mundes nichts Abstoßendes erhielten, blickte einen Augenblick nach der Thür, dann wieder auf seinen Vater, welcher Bewegung der Augen er mit seinem Zeigefinger folgte, dann mit demselben leicht die Brust seines Vaters berührte und hierauf nach einigen vergeblichen Anstrengungen mühsam das Wort »gesprochen« hervorbrachte. »Allerdings habe ich gesprochen mit der fremden Dame – klar und deutlich, wie es sein muß.« »Hier – bleiben.« »Wer soll hier bleiben? Jene fremde Dame?« Joseph schüttelte mit dem Kopfe und zuckte die Achseln, wodurch er ausdrücken wollte, daß es ihm wohl gleichgültig sei, ob jene bleibe oder gehe. »So meinst du deine Tante Katharine?« »Ja – und ...« »Ei, Joseph, mir scheint, du hast gehört, was ich jener fremden Dame sagte.« Der junge Mensch nickte mit dem Kopfe, während er den Zeigefinger der rechten Hand quer an den der linken legte. »So, halb hast du es gehört – es ist immer schlimm, wenn man etwas halb hört, besonders etwas, das man gar nicht hören sollte! Ja, ja, ich glaube es schon, daß du deine Ohren nicht zugehalten hast, und ich habe dir auch angeraten, dein Zitherspiel zu unterbrechen, was ich hätte bleiben lassen können – doch da du so willst, so muß ich dir ohne weiteres wiederholen, was ich jener fremden Dame gesagt. Ich sagte ihr nämlich, es sei mir lieb, wenn sie je eher, je lieber jene andere junge Dame von hier fortnähme, da ich sie hier oben nicht gebrauchen kann. Hast du vielleicht etwas dagegen?« Bei dieser Frage zuckte es schmerzlich über das bleiche Gesicht des jungen Menschen, und nachdem unter heftigen Bemühungen, einen längeren Satz deutlich auszusprechen, eine fliegende Röte auf seinen Zügen erschienen und wieder verschwunden war, brachte er mühsam die Worte hervor: »Glücklich sein.« »Ei der Tausend, Joseph,« erwiderte der Förster mit einem lauten Lachen, das ihm aber nicht frisch weg vom Herzen kam, »du möchtest glücklich sein? Wie bringst du denn das zusammen mit jenem jungen Mädchen, welches deine Tante da heraufgeführt hat? Sei doch gescheit! Das ist vor ein paar Tagen gekommen, unverhofft und wird uns nach ein paar Tagen wieder verlassen, ebenso unverhofft und auf Nimmerwiedersehen! Was schüttelst du mit dem Kopfe? Kam sie nicht gänzlich unverhofft?« »Nein – nein,« sagte Joseph rascher und deutlicher, als er bis jetzt etwas hervorbrachte. »Wie versteh' ich denn das? Wußtest du vielleicht, daß sie kommen würde, oder hast du sie früher schon gesehen?« »Ja, ja.« »Der Tausend, und wo denn?« Zur Antwort strich sich der junge Mensch leicht mit der Hand über die Stirn, wobei sein Gesicht einen so heiteren Ausdruck annahm und seine jetzt gänzlich ruhigen Lippen so glückselig lächelten, daß sich der Förster mit traurigem Blicke rasch gegen das Feuer wandte, um in den spielenden Flammen eine Erinnerung vergehen zu lassen, die ihm schmerzlich auf die Seele drückte – die Erinnerung an die Urheberin jenes glückseligen Lächelns. »Und wo hast du sie denn früher gesehen?« Joseph trat an das Fenster und nahm von dort ein Buch, das er aufgeschlagen seinem Vater vor Augen hielt. Es waren deutsche, künstlerisch schön illustrierte Märchen, und auf dem Blatte, welches er ihm zeigte, sah man Dornröschen im Lehnstuhle vor der spinnenden Alten sitzen, wobei ein schlanker Jagdhund den schönen Kopf schmeichelnd auf die Knie des jungen Mädchens gelegt hatte, und dabei war eine so unverkennbare Aehnlichkeit zwischen Dornröschen und Blanda, daß man hätte glauben können, diese habe dem Zeichner dazu gesessen. Der Förster gab das Buch, nachdem er das Blatt aufmerksam betrachtet, mit einem leichten Achselzucken zurück, wobei er sagte: »Das hier bleibt dir ja immer, und was das andere anbelangt, so scheint es mir auch nicht viel anderes zu sein, als das Bild aus einem Märchen, von dem ich übrigens wünschte, es hätte sich anderswo gezeigt, als gerade hier – und deshalb ...« »Des–halb ...« Da flog die Flügelthür auf, durch welche die anderen verschwunden waren, und alle kamen wieder herein, irgend etwas tragend, Blanda voran mit einem Henkelkruge und Gläsern, und ganz eigentümlich, ja, wunderbar lieblich aussehend, da ihr Erich eine Epheuranke um die blonden Locken gewunden hatte und da ihr feines Gesicht leicht gerötet war und ihre schönen Augen heiter und glückselig glänzten. Der helle Jagdhund schritt stolz an ihrer Seite, dann folgte Kolma mit Brot, die Stöckel mit einer dampfenden Schüssel und zuletzt kam Erich mit Tellern und Tischgeräte auf dem Arme. Zuerst hatten sich die Augenbrauen des Försters finster zusammengezogen, dann aber brach ein freundlicher Blick unter ihnen hervor wie ein Sonnenstrahl zwischen Regenwolken, worauf er sich hoch aufrichtete und mit freundlichem Kopfnicken zusah, wie die lustige Gesellschaft den Tisch deckte und besorgte. Joseph, der wie geblendet nach dem jungen Mädchen hingestarrt hatte, zog sich dann rasch nach seiner Ecke zurück, und auf der Zither ertönte eine jener eigentümlich melancholischen Liedermelodien, die geradeso klingen als aus einem schmerzlich bewegten Herzen kommend, das sich über sich selbst lustig macht oder das sich im tiefen Leide doch immer wieder mit einer Hoffnung zu trösten vermag. Bald darauf saßen alle um den Tisch, und wer, wie Kolma und Joseph, keine Lust zum Essen bezeigte, der mußte sich doch den Wünschen und Befehlen Blandas fügen, die es über sich genommen hatte, für alle zu sorgen, und das mit einer so lieblichen Geschäftigkeit that, daß trotz alledem nicht nur Joseph und Erich Essen und Trinken darüber vergaßen, sondern daß selbst der Förster häufig und unverwandt auf dieses reizende Wesen blicken und dabei des Märchenbildes gedenken mußte, welches ihm sein Sohn vorhin gezeigt. Der Kuckuck in der alten Uhr kam hervor und meldete die zehnte Stunde; dann erhob sich Kolma und reichte dem Förster dankend ihre Hand. »Schon jetzt gehst du?« fragte Blanda, indem sie sich an ihre Freundin drängte, die ihr die Arme um den Hals schlang und das Gesicht auf ihrer Brust verbarg – »schon jetzt?« »Um baldigst wiederzukommen, vielleicht morgen früh.« »Jedenfalls, und doch ist es schade, daß wir uns jetzt schon trennen sollen! Ich war so glücklich wie nie in meinem Leben, da ich dich wieder gesehen und auch Erich – nicht wahr, auch du kommst morgen zu uns?« wandte sie sich an ihn und blickte ihn sehr erstaunt an, als er, den Kopf schüttelnd, sagte: »Morgen werde ich wohl nicht kommen können, aber so bald als möglich.« Joseph stand an dem Kaminfeuer und schaute mit düsterem Auge zu, wie Blanda beide Hände des jungen Soldaten nahm und dieser sie dann abwechselnd an seine Lippen drückte. Der Förster hatte schweigend seine Mütze genommen, um die fremde Dame an ihren Wagen zu begleiten, während Mamsell Stöckel nun, Blanda herzlich an sich ziehend, zu Kolma mit leiser Stimme sagte: »O ja, kommen Sie recht bald wieder, aber nicht, um sie mit fortzunehmen – ich wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte, ohne sie zu sein!« Zu diesen Worten nickte Joseph mehreremal heftig mit dem Kopfe; doch achtete niemand auf ihn und auch niemand schien es zu bemerken, daß er mit hinausging in die klare, mondbeglänzte Nacht und daß er sich an der Mauer in einem Winkel aufstellte, um unverwandt in Blandas hell erleuchtetes Gesicht zu schauen. Der Kutscher fuhr langsam und vorsichtig den steilen Waldweg hinab und erst auf der breiten Landstraße angekommen, ließ er seine Pferde rascher laufen. Kolma ruhte schweigend in ihrer Ecke, und selbst als Erich nach einiger Zeit von dem mächtigen und doch wieder so lieblichen Eindrucke sprach, den alles da droben auf sein Herz gemacht, nickte sie stumm mit dem Kopfe und brach dann plötzlich, nachdem er noch eine Zeitlang mit Begeisterung von Blanda gesprochen, in heftiges Weinen aus. »Was ist Ihnen, Kolma? Ich bitte, reden Sie mit mir, wenn es Ihnen möglich ist!« Doch gab sie darauf lange keine Antwort, und erst als Erich dringender und schmeichelnder zu ihr sagte, ihm doch nicht so weh zu thun durch diesen Ausdruck ihres Schmerzes, zugleich mit diesem trostlosen Stillschweigen, raffte sie sich aus ihrer Ecke empor, lehnte den Kopf an seine Schulter, da er jetzt neben ihr saß, und sagte, häufig unterbrochen durch tiefes Aufschluchzen: »Das gilt ja nicht dir, meine süße Puppe, auch nicht meiner guten Blanda – eigentlich gilt es niemand von allen mir bekannten Wesen, nicht einmal ihm, den du wohl kennst und der die Schuld trägt, daß der Schmerz um ein zerknicktes Leben die heißen Thränen aus meinen Augen preßte – aber nicht wegen dieses Lebens selbst, was liegt daran, ob ich es fortführe, zehn, zwanzig, dreißig Jahre länger, oder ob ich es in der nächsten Stunde endigte! Ich habe mich nie glücklich gefühlt, und wenn ich früher – du weißt, zu der Zeit, als du in jener Nacht bei mir warst – die Leute zu mir aufblicken sah mit bleichen, angsterfüllten Gesichtern, jeden Augenblick einen Sturz zum Tode fürchtend, der auch beim geringsten Fehltritte wohl hätte kommen müssen, so beunruhigte mich das wenig; nicht weil ich die Gefahr nicht kannte, sondern weil mir auch das Schrecklichste gleichgültig war, und darin lag der Reiz, der damals Tausende hinriß.« »Aber warum gerade jetzt diese trüben Gedanken, Kolma – jetzt, wo wir uns alle auf so glückliche Art wieder gefunden haben? Ich kann wohl sagen: »Wir«, denn ich gehöre zu euch. War es doch ein armer, eltern- und heimatloser junger Mensch, der sich damals gedrungen fühlte, euch zu helfen, was ihm in eurer Dankbarkeit einen so schönen und reichen Lohn brachte!« »Gerade dieses glückliche Wiederfinden jetzt, und wie ich Blanda und dich wiedergefunden, ist es, was mich mit so tiefem Schmerze erfüllt. Ich fürchte, ich fürchte, Erich,« sagte sie mit einem so tiefen Weh, daß es ihn förmlich durchschauerte, »es ist ein Wiedersehen vor langer, vielleicht ewiger Trennung!« »Kolma, wie können Sie so reden!« »Weil ich nur zu richtig fühle. Du wirst mir gestehen, Erich, daß du heute abend bei meinem Anblicke erschrocken warst, und doch sahst du mich, wie ich zufällig war, lebhaft aufgeregt infolge eines Gespräches.« »Mit jenem Offizier, dem Grafen Seefeld?« fiel er rasch ins Wort. »Mit ihm; dann aber freudiger bewegt durch dein Erscheinen auf so seltsame, eigentümliche Art, welches mir als Beweis galt, daß uns ein freundliches Schicksal absichtlich zusammengeführt, dann Blandas Wiederfinden – noch zittern diese freudigen Aufregungen in meiner kranken Brust wieder und halten mich aufrecht, zugleich mit meinem Willen, der noch ebenso fest ist wie damals, aber später, vielleicht in wenig Stunden, morgen früh jedenfalls, werde ich wieder, wie so oft, in mich zusammensinken und mein flatterndes Leben dann nichts mehr sein wie das Gaukeln des Schmetterlings um die ihn nährende Blüte; er kann sich wieder mit ihr, wenn auch nur auf kurze Zeit, vereinigen, er kann aber auch davonfliegen ins unbestimmte, unbekannte Blaue hinaus auf Nimmerwiedersehen. Vielleicht klingt das rätselhaft für dich, lieber Erich, aber ich wollte dir damit nur das Gefühl ausdrücken, welches mich faßt, welches mich peinigt, wenn ich morgen in meinem Sessel ruhe, schwer und mühsam nach Atem ringend, dem gaukelnden Schmetterlinge meines Lebens ängstlich mit den müden Augen folgend, jede Sekunde fürchtend, daß er sich in dem weiten, öden Räume verliere.« »Schrecklich, Kolma, wenn ich Sie recht verstanden habe!« »Es ist nicht so unbegreiflich für dich, der du mich vor Jahren gekannt und jetzt wiedergesehen – ach, und jetzt, wo mich dieses Wiedersehen und das meiner guten Blanda mit so tiefem Schmerze erfüllt, da ich fühle, welch Glück es für mich wäre und wie notwendig, mit Rat und That in euer Leben einzugreifen!« Er hatte ihre Hand erfaßt, welche heiß und feucht unter dem Handschuh anzufühlen war; er hatte sie innig gedrückt und versucht, sie an seine Lippen zu führen, doch hatte sie das nicht gelitten, ihn vielmehr hastig an sich gezogen und ihr glühendes Gesicht gegen sein kühles, krauses Haar gepreßt; ja, so blieb sie eine kurze Weile, während er sagte: »Fort mit diesen finsteren Gedanken, Kolma! Wenn ich auch Ihre Worte verstehe, so kann ich es doch nicht begreifen, ja, ich halte es für unmöglich, daß wir uns nur sollten wiedergefunden haben, um uns zu verlieren. Das sind nichts als quälende Aufregungen Ihrer Phantasie – beruhigen Sie sich, Kolma.« »Es wäre allerdings entsetzlich, wenn meine Befürchtungen wahr würden!« sagte sie nach einer Pause. »Und wenn ich auch, an Blandas Wiederfinden denkend, ausrufen müßte: Zu spät, zu spät! – so dürfte ich es doch thun, ohne im Tone des Vorwurfes gegen mich selber. War ich doch damals durch die dritte Hand davon unterrichtet worden, daß die Gräfin Seefeld die Sorge für Blanda übernommen, wobei sie aber zur Bedingung mache, daß besonders ich mich gänzlich enthalte, je nach dem jungen Mädchen zu forschen, mich ihr zu nähern, sei es unter welchem Vorwande es wolle. Ihr Glück hing an dieser Bedingung, das Glück meiner Blanda, und du kannst dir denken, Erich, daß ich sie nicht erkannt haben würde, und wenn ich dicht an ihr vorüber gegangen wäre. Da kam vor wenig Tagen eine Botschaft an mich, ganz anders lautend, mich tief erschreckend, worin man von Täuschungen jeder Art sprach, in denen man über jenes junge Mädchen befangen gewesen sei, worin man mich aufforderte, mich um Blandas Zukunft zu bekümmern, wenn ich noch irgend ein Interesse daran habe, und wie du siehst, raffte ich mich auf aus tiefem Leiden, Erich, und eilte hierher. – Laß mich dir noch etwas sagen, da ich im gegenwärtigen Augenblicke noch die Kraft zum Reden habe: Du sahst mich heute abend aus dem Gasthofe treten, in Begleitung jenes Mannes, der so unheilvoll, so verderbend in mein Leben trat. Ihn suchte ich bei meiner Ankunft in der Residenz auf, das heißt, ich ersuchte ihn um eine Unterredung auf jenem neutralen Grund und Boden. Er kam, ohne zu wissen, wer ihn zu sprechen verlangte – er kam, Erich, und als ich ihm plötzlich gegenüber trat, ihm nach jener furchtbaren Stunde zum erstenmal wieder in die Augen schaute, da, als er mich erkannte, kaum erkannte, erhielt ich Genugthuung für einen Teil dessen, was ich um ihn gelitten, furchtbar in jeder Beziehung um ihn gelitten, weil um einen Mann, den ich unwillkürlich gehaßt, als ich ihn zum erstenmal sah. Er stand mir, schreckhaft erbleichend, gegenüber; von ihm herabgeglitten waren im jähen Schrecken all die erleichternden gesellschaftlichen Manieren, welche jenes Volk wie einen Mantel um seine Laster und Verbrechen wirft, und was ihn vollends niederschmetterte, war, daß ich ihm wie eine gänzlich Fremde gegenübertrat, ohne ein Wort, ohne ein Zeichen des Wiedererkennens, mich nur danach erkundigend, ob er, als Verwandter der Gräfin Seefeld, in irgend einer Beziehung zu Blanda stehe. Er schien nichts von ihr zu wissen, schien nur, da er wohl von ihr wußte, obgleich er mir versicherte, daß er Ursache habe, sich um das Thun und Lassen seiner Tante nicht zu bekümmern.« »Ob er von Blanda wußte!« rief Erich, der in höchster Spannung gehört. »Er wußte von ihr – und durch mich!« »Durch dich, Erich? Welches Rätsel!« Nun erzählte dieser mit geflügelten Worten, wie er in jener schrecklichen Nacht vor dem kleinen Hause, in welchem Kolma gewohnt, jene Papiere gefunden, Briefe des Geschäftsmannes des alten Grafen Seefeld an den Grafen Dagobert, deren Inhalt Erich so gut im Kopfe hatte, daß er ihn fast wörtlich wiedergeben konnte. »Diese Briefe,« fuhr er alsdann fort, »über welche ich nie mehr Gelegenheit hatte, mit Ihnen zu reden, Kolma, ließ ich vor kurzem durch einen meiner Bekannten dem Grafen Dagobert Seefeld zustellen, behielt aber ein versiegeltes Couvert, das bei den Briefen lag, zurück, weil es keine Aufschrift trug und weil ich darin Wichtiges für Blanda vermutete. That ich darin unrecht?« »Jenem Menschen gegenüber und im Interesse Blandas handeltest du klug und richtig, das Couvert zu behalten, und hättest noch klüger gehandelt, wenn du auch die Briefe nicht zurückgegeben hättest. – O, mein Gott,« flüsterte sie dann nach einem schmerzlichen Ausrufe, »gib mir nur noch kurze Zeit und vollkommene Kraft, um durch Blandas Glück seines zu begründen!« – Dann sprach sie in unruhig hastiger Weise weiter, während sie zuweilen Pausen zwischen ihren Worten machte: »Wir haben in kurzem die Stadt erreicht, wo wir uns trennen müssen, aber, so Gott will, nur für ganz kurze Zeit.« »Kann ich Sie morgen nicht wiedersehen, Kolma?« »Leider unmöglich, lieber Erich; nach all meinen Aufregungen von heute abend, die gewaltig in meinem Herzen nachzittern, würde ich doch keine Sekunde Ruhe finden. Auch drängt's mich, nach Hause zu kommen, um dort meine Sachen zu ordnen und dann so rasch als möglich zurückzukehren, um mit Treue und Liebe für Blanda zu sorgen. O, wie ich mich darauf freue – wie ich mich darauf freue – wie ich mich darauf freue! Ich werde deshalb sogleich weiterfahren!« »Allein, in der Nacht, Kolma? Und bei Ihrem Leiden?« »Im Gasthofe erwartet mich eine treue Dienerin, die in jeder Hinsicht für mich sorgt.« »Marechal ist nicht mehr bei Ihnen, Kolma?« warf Erich plötzlich ein. »Er ist tot, sonst würde er mich nicht verlassen haben – ich fahre dann die Nacht hindurch und ruhe bequem im Wagen aus – bald, bald, mein lieber Erich, wirst du wieder von mir hören – sieh nach Blanda, sobald es deine Zeit erlaubt, und nun laß uns hier Abschied nehmen, Erich; es ist besser, als wenn du mich zurück an den Gasthof begleitetest, wo dadurch nach dir und mir unnötiges Gefrage entstünde. Ja, hier laß uns scheiden, im Angesichte des klaren Nachthimmels, unter dem Gefunkel meiner lieben, lieben Sterne! O, Genossen meiner Kindheit, flammende Welten dort oben, mein Spielzeug, meine Bilderbücher! Wie glückverheißend blickt ihr mich an! – Gewiß, Erich, wir sehen uns baldigst wieder!« Sie schaute ihn an mit thränenglänzenden Augen, dann hielt der Wagen, da sie es so befohlen. Erich sprang hinaus, und nun dicht vor ihr stehend, schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn bedächtig zuerst auf die Augen, dann wiederholt auf die Stirn und zuletzt auf den Mund. »Und das that ich nicht ohne Absicht gerade so,« sagte sie heiter lächelnd, »es war ein glückbringendes Zeichen, das ich so mit Küssen auf deinem Gesichte bildete – dort steht es, dort am Horizont, mein treuer Begleiter in mancher Nacht – der herrliche Orion! Und nun leb wohl, meine Puppe – leb wohl, Erich – auf Wiedersehen!« Da stand er in der stillen Nacht allein; weithin rollte schon der Wagen, ehe er seine Blicke von dem Sternbilde des Orions abwenden konnte, das auch ihm lieb und wert war. Doch neigte es sich schon zum Untergange, und der geharnischte Ritter, endlich ermüdet, schien auch zur Ruhe gehen zu wollen. Das alles stimmte ihn so weich, so traurig, auch der Ort, wo er sich befand, gerade wieder an jener Gartenmauer, wie vor wenig Tagen! Dort in der Höhe lag das Fort Maximilian, vor ihm das dunkle Haus der Pension, und ihm war gerade zu Mute, als sähe er Blanda, wie damals gegen jene Höhen ziehend, verschwinden, Kolma aber ihn in der entgegengesetzten Richtung verlassend, während er einsam und traurig zurückbleiben mußte. 38. Kapitel Fortsetzung des vorigen beim Lichte des Tages, ein ziemlich wichtiges Kapitel voll ernster und heiterer Erinnerungen. Der kleine Bombardier Weitberg war schon häufig in Arrest und machte sich aus einer solchen Strafe nicht besonders viel, vorausgesetzt, daß sie nicht über vierundzwanzig Stunden dauerte, oder in eine Jahreszeit fiel, wo man unmittelbar durch die strenge Kälte zu leiden hatte, oder in eine andere, wo ihm die Hitze mittelbar noch andere, höchst unangenehme Plagen auf den Leib schickte. Rascher wie der letzte Arrest war ihm gestern noch keiner vorübergegangen. Er hatte sich ziemlich duselig auf die Pritsche gelegt und war, unter der ausgezogenen Jacke wie ein Igel zusammengekauert, augenblicklich eingeschlafen, auch während der Nacht nicht durch böse Träume oder gar durch den Besuch des Rattenkönigs aufgeschreckt worden, sondern hatte geschlafen bis zur Reveille, dann, da es ihn fröstelte, einen tüchtigen Zug aus der eingeschmuggelten Schnapsflasche gethan, um alsdann wieder weiter zu schlummern, bis das Dämmerlicht eines trüben Tages sehr gebrochen durch die verschiedenen Wände der hölzernen Käfige in seine Zelle drang. »Gott sei getrommelt und gepfiffen!« hörte er einen Nebenmann in sehr verdrießlichem Tone hervorstöhnen, während ein anderer sehr glücklich das Krähen des Hahnes nachahmte und ein dritter Nachbar deklamierte: »Auf, sprach der Fuchs zum Hasen, Auf, hörst du nicht den Jäger blasen!« »Schon wieder eine vorüber – krieg' die Kränk' Offenbach!« »Wieviel Tage hast du noch?« »Zwei – sechs sind vorüber!« »Gott sei Dank,« hörte man eine andere Stimme etwas kläglich sagen, »da kann man schon zufrieden sein, wenn man auf der Höhe steht und abwärts geht! Ich fange leider erst an aufzusteigen – Eins von zehn!« »Br–r–r–r...« Diese Gespräche wurden geführt, ohne daß einer den anderen, da sie alle in Einzelhaft saßen, hatte sehen, ja kaum notdürftig verstehen können, und meistens unterhielt man sich auch nur ein paar Augenblicke während der Morgendämmerung oder vielleicht abends nach dem Zapfenstreich. Es war im Militärarrestlokale streng verboten, sich einander etwas zuzurufen; auch wußte man in seltenen Fällen, wen man zum Nachbar hatte. Bald darauf, als es ziemlich Tag geworden war, klirrten die Riegel an Weitbergs Kasten, und er wurde von dem Rattenkönig herausgelassen, der ihm mit verdrießlicher Miene sagte: »Man muß es verdammt eilig haben, Sie wieder nach Hause zu kriegen, daß man zu so früher Morgenstunde einen alten, gedienten Sergeanten, wie ich bin, so eines Grünschnabels wegen heraustrommelt; aber die Artillerie meint immer, daß sie etwas ganz Apartes haben müsse – na, komm Er nur herunter, Er kann sich unterwegs striegeln und putzen.« Damit schlurfte der alte Rattenkönig in seinen weiten Pantoffeln hüstelnd vor Weitberg her ins Inspektionszimmer hinab, während er mit einer Bewegung des Kopfes nach rückwärts, ungefähr wie ein böser Hund, der zornig um sich schnappt, brummend sagte: »Werde doch noch einen Kommandanturbefehl durchsetzen, daß niemand mehr nach Dunkelwerden gebracht oder vor der Mittagsstunde abgeholt wird! Treiben da Spielerei mit der königlichen Militärarrestanstalt! Hätte Lust, das der Kommandantur zu melden, und die Kommandantur spaßt nicht – gibt drei Tage Mittelarrest, daß die Seele pfeift!« Drunten stand der Bombardier Schwarz in sehr dienstmäßiger Haltung und überreichte ebenso den Abholungszettel für den Arrestanten. »Hm,« machte der Rattenkönig, nachdem er den Zettel durchgelesen und dann Weitberg mit einem boshaften Blicke forschend betrachtete – »wie heißt Er denn?« »Weitberg,« antwortete dieser auf die plötzliche Frage, ohne das rasche Zeichen seines Kameraden zu beachten und ohne daran zu denken, daß er ja nicht als der Bombardier Weitberg eingesperrt worden sei. »Schau, Weitberg, schau, mein Söhnchen! Ei, ei, ei, kommt man so hinter eure Schliche! Was steht hier auf dem Zettel? Freiberg steht da! – So will man einen königlichen Militärarrestinspektor und alt gedienten Sergeanten anführen, und erinnere ich mich jetzt, den Bombardier Freiberg gestern, nach drei Tagen, entlassen zu haben! Das gibt eine Meldung für die Kommandantur, Er aber spaziert in seinen Käfig zurück!« »Gut dann!« sagte der Bombardier Schwarz rasch entschlossen, »und ich werde diesen Vorfall augenblicklich dem Herrn Hauptmann melden, und da wird sich die Frage herausstellen, wie es kommt, daß der Herr Inspektor den Bombardier Freiberg auf einen ganz richtigen Abholungszettel nicht herausgeben will, da er ihn doch gestern abend auf denselben Namen eingesperrt!« »Das wollen wir erst sehen!« schrie erbost der Inspektor, indem er zu seinen Papieren rannte und den Zettel von gestern abend durchlas, »Bombardier Freiberg! Und wie hat Er gesagt, daß Er heißt?« »Freiberg, Herr Inspektor.« »Hol Ihn der Teufel! Er hat anders gesagt, aber es ist mir im Grunde gleichgültig, ganz gleichgültig, und will mich nicht am frühen Morgen schon ärgern mit solchem Grobzeug von der Artillerie – hinaus!« Dann waren sie glücklich entronnen, und nun kam es darauf an, den echten Freiberg wieder aufzufinden. Doch hatte Erich alles, so wie es ungefähr kommen mußte, vorausgesehen und sich danach eingerichtet. Als er heute nacht wieder in die Stadt zurückgekommen war, trat er in das Passagierzimmer der Post und that, als wolle er mit einem Eilwagen in aller Frühe abreisen oder jemand, der ankomme, erwarten, setzte sich in die Ecke des alten, ledernen Sofas, wo er in dem behaglich warmen Räume, übermüdet wie er war, in kurzen fest einschlief und erst erwachte, als draußen das Posthorn lustig erklang. Dann ging er hinaus und betrachtete sich bei anbrechendem Morgen den ankommenden Eilwagen mit seinen dampfenden Pferden und übernächtig aussehenden Passagieren, die teils hier in der Residenz blieben, teils ihre Reise in die östlich gelegenen Berge, wohin noch keine Eisenbahnen führten, zu Wagen fortsetzten. Es waren Morgennebel aufgestiegen, welche dem Tageslichte kaum erlaubten, sich bemerkbar zu machen, obgleich die Herrschaft der Nacht vorüber war, was der bunt bewegten Scene auf dem Posthofe bei dem Ungewissen Lichte der herbeigebrachten Laternen einen eigentümlichen Reiz verlieh. Die Pferde schienen wie in weiße, aufwallende Schleier gehüllt, und die Passagiere, wie sie nach und nach zum Vorschein kamen und dann fröstelnd den Wagen umstanden, wie schattenhafte gespenstische Wesen, bereit, beim ersten Hahnenrufe zu verschwinden. Und doch waren sehr körperhafte Gestalten darunter, besonders eine schwarzgekleidete Dame, die mit etwas koketter Aengstlichkeit unter der Beihilfe eines jungen Mannes zuletzt, als alle schon den Wagen verlassen hatten, Anstalten zum Aussteigen machte, indem sie mit dem kleinen Fuße prüfend den Wagentritt betastete, ehe sie sich mit einem leichten Aufschrei jenem jungen Manne in die Arme warf und dann auf den Boden niederglitt. Der Postdiener mit der Laterne hatte sorgfältig dazu geleuchtet und ließ nun den Schein der Laterne auf das Gesicht dieser Dame fallen, und wen erblickte Erich, der aus einem dunklen Winkel neben dem Wagen diesem Treiben zuschaute? – Selma. Ja, sie war es; er hätte sie unter Tausenden wieder erkannt, und doch hatte sie sich sehr verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen. Die lebhaften, unruhigen Augen waren dieselben geblieben, auch das volle, rötlich blonde Haar, doch schien ihr Gesicht stärker und breiter geworden, und die Lippen, welche man früher mit dem Ausdrucke »schwellend« hatte bezeichnen können, traten jetzt beinahe etwas zu weit hervor und gaben ihren Zügen, wenn sie lachte – und sie lachte häufig mit jenem jungen Manne – einen unangenehmen, fast gemeinen Ausdruck. Erich hatte sich noch mehr zurückgezogen, und obgleich er sich eines peinlichen Gefühls bei Selmas Anblick nicht erwehren konnte, ruhten doch seine Blicke auf ihr, und Erinnerungen vergangener Tage beschäftigten ihn so ausschließlich, daß er wie im wachen Traume dastand, um dann plötzlich erschreckt zusammenzufahren, als er die Stimme eines großen Herrn vernahm, der aus dem Postbureau zu Selma und jenem ihm unbekannten jungen Manne trat. »Ha, ich verstehe,« stöhnte die Stimme des Pfarrers Wendler aus Zwingenberg – »gewiß, ich verstehe es vollkommen, daß Sie, mein wertgeschätzter Herr, sich nach durchfahrener Nacht auf ein warmes Zimmer mit behaglichem Bette freuen, während es uns armen Sterblichen nicht so gut wird! Wie ich eben auf dem Postbureau erfuhr, geht es mit uns nach einer Stunde weiter, und wir haben noch bis gegen Mittag zu fahren, ehe ich an meinen neuen Bestimmungsort komme!« »Aber warum machen Sie hier nicht eine Pause von ein oder zwei Tagen? Es wäre doch wohl der Mühe wert, sich die Residenz wieder einmal anzuschauen, auch für Ihre Frau Tochter nicht zu anstrengend, wenn sie sich hier ausruhen könnte.« »Gewiß, und wenn meine Zeit nicht so bemessen wäre, würde mich Ihre liebenswürdige Gesellschaft unbedingt verführen, ein paar Tage zuzugeben; auch sehnt sich Selma nach Ruhe, um sich in der Einsamkeit besser sammeln zu können, ja, einigen Trost zu finden über den Verlust eines immerhin sehr geliebten Mannes.« »Dazu würde ich lieber etwas anständige Zerstreuung anraten,« sagte der junge Herr. »Ha, ich verstehe auch das und gedenke auch so bald als möglich mit Selma nach der Residenz zu gehen, werde aber leider drüben heute auf das bestimmteste erwartet.« »Das ist recht schade – wenn ich Ihnen nur sonst mit etwas dienen könnte!« »Das könnten Sie allerdings, vortrefflicher junger Mann, wenn Sie so freundlich wären, mir ganz in der Nähe irgend einen Gasthof zu bezeichnen, wo ich mit Selma ein gescheites Frühstück einnehmen könnte.« »Was mich anbelangt, Papa, so danke ich dafür,« gab Selma zur Antwort, wobei sie ohne alles Aufsehen eine so geschickte Bewegung machte, wie in gleichgültiger Betrachtung des immer noch dunklen Posthofes, daß es ihr möglich wurde, mit ihrem Arme den des jungen Mannes zu streifen. »Das haben Sie ganz in der Nähe,« sagte dieser, »zwei Häuser von hier; Sie erlauben, daß ich Sie hinbegleite?« »Ach nein,« entgegnete der andere in einem etwas verdrießlichen Tone, »Selma will mich nicht begleiten, und ich kann sie doch nicht allein hier im Posthofe stehen lassen!« »So will ich jenen Postdiener herbeirufen, den ich kenne und der Sie hinbegleiten wird; Sie aber werden mir vielleicht freundlich gestatten, Ihrer Frau Tochter Gesellschaft zu leisten, bis Sie zurückkehren.« »Ha, ich verstehe und nehme Ihren Vorschlag mit großem Vergnügen an! Ich begreife übrigens nicht, Selma, daß du nicht den Drang in dir fühlst, dich mit einem guten Kaffee zu erwärmen.« »Es ist mir zu früh, Papa,« erwiderte die junge Witwe in einem fast ungeduldigen Tone, »auch brauche ich keinen Kaffee, um mich zu erwärmen – ich glühe von dem langen Fahren.« »Nun denn, jeder nach seinem Willen; ich habe noch gut drei Viertelstunden zu meinem Frühstück und werde pünktlich zur Zeit da sein, auch um Ihnen, mein wertgeschätzter junger Freund, meinen tiefgefühlten Dank für alle Ihre Aufopferung zu wiederholen.« Dann ging er mit dem herbeigerufenen Postdiener davon und war sogleich in dem immer dichter werdenden Morgennebel verschwunden. Der junge Mann bot Selma seinen Arm, den sie annahm und, sich an ihn schmiegend, dann ein paarmal neben dem Wagen hin und her ging, so nahe an Erich vorüber, daß Selmas Mantel im Umwenden ihn beinahe streifte. »Glühen Sie wirklich, schöne Selma?« fragte der freundliche junge Herr, nachdem er so tief geatmet, daß man es für einen Seufzer hätte halten können. »Soeben noch,« gab sie zur Antwort; »jetzt aber durchschauert mich die Kälte des Morgens doch ein wenig.« »Dann würde ich Ihnen dringend raten, in die Passagierstube zu treten, es ist da behaglich warm – Sie sind gänzlich ungestört, da wir dort jedenfalls ganz allein sein werden.« »Gut, gehen wir. –« Die beiden verschwanden in demselben Raume, wo Erich sich kurze Zeit vorher aufgehalten, und dieser verließ mit ganz eigentümlich gemischten Empfindungen den Posthof. Tief aufatmend, dachte er lebhaft an Kolma, aber an die Kolma jener Nacht, wo sie bleich und blutend zu seinen Füßen lag, und wo er dann jene dort drüben wieder gesehen, wobei er sich glücklich pries, daß sich der heutige Tag, obgleich unter einiger Aehnlichkeit mit damals, doch für ihn ganz anders gestalten werde. Er eilte jetzt rasch nach der Kaserne, in deren Nähe sich ein kleiner Spezereiladen befand, wo die Kanoniere ihre kleinen Bedürfnisse kauften und wo sich die Avancierten feinere Lebensgenüsse, wie eine sogenannte Havannacigarre oder einen erschrecklich echten Cognak, zu verschaffen wußten. Hier wartete Erich, bis er Schwarz und Weitberg daherkommen sah, worauf er dann den letzteren unter Bezeigung seines herzlichsten Dankes ablöste. »O, famos!« sagte der kleine Schwarz – »ich glaube doch, daß der Hauptmann von Manderfeld recht hat und du ein Hauptgauner bist! Sage mir nur, wohin bist du gestern abend plötzlich geraten? Es war das eigentlich sehr leichtsinnig gehandelt, denn wenn der gute Weitberg nicht dagewesen wäre, so hätte ich mich wahrhaftig selbst müssen einsperren lassen, was doch von sehr komischer Wirkung gewesen wäre.« »Ich erzähle dir alles, was du wissen willst, später einmal ausführlich; aber jetzt bin ich müde und es fröstelt mich; ich will mich aus dem Arrest melden und dann sehen, ob ich noch eine Stunde schlafen kann.« Letzteres that denn auch Erich – wir vermuten, die beiden anderen ebenfalls – und hatte Mühe, früh genug zu erwachen, um sich zum Appell so schön, als es ihm möglich war, herauszuputzen. »Wenn der Herr Hauptmann Ihnen jetzt wieder etwas vom starken Frühstücken sagt,« meinte der Wachtmeister Pinckel, als die Batterie auf dem Kasernenhofe zum Appell angetreten war, »so halten Sie gefälligst Ihren Schnabel und geben ihm keine Veranlassung, weiter mit Ihnen anzubinden, besonders heute nicht, wo sich der lange Wibert zurück aus dem Lazarett meldet und wo dessen immer noch wundes Gesicht einen unangenehmen Eindruck auf ihn machen und nicht zu Ihren Gunsten sprechen wird.« »Aber, Herr Wachtmeister, was geht mich Wiberts wundes Gesicht an?« »Na, na, reden wir lieber nicht darüber – Still gestanden!« Der Hauptmann trat schweigend zwischen die Compagnie und die Avancierten, und als sich ihm der lange Wibert mit einem allerdings noch sehr scheckigten Gesichte präsentierte, blinzelte er aus seinen Augenwinkeln nach Erich hinüber, während er mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand seinen zierlichen Schnurrbart drehte. Dann meldete sich jener aus dem Arrest, wobei er in so dienstgemäßer Haltung, als es ihm nur möglich war, vor seinen Chef hintrat. Dieser wandte sich halb von ihm ab und sagte ungefähr gegen die Wolken hinauf: »Nun, ich hoffe, Herrrr, daß Ihnen das eine Lehre für die Zukunft sein wird, sich der Trunkenheit in und außer dem Dienste zu enthalten!« »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« »Ueberhaupt rate ich Ihnen zu einer ganz anderen Führung, denn die Milde, mit der ich Ihnen bisher entgegenkam, ist vorüber, und es soll jetzt alles zwischen uns streng dienstlich verhandelt weiden; merken Sie sich das, Herrrr, und sehen Sie zu, was Sie in anständigem Betragen, wozu ich auch ein verträgliches Leben mit den Kameraden rechne, leisten können!« »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Nach Beendigung des Appells wetterte der lange Wibert wie ein angeschossener Eber in der Stube herum, und als Erich eintrat, hatte er es gerade mit dem schmächtigen Schwarz zu thun, dem er ins Gesicht hinein schrie: »Wenn Sie mich noch einmal mit Ihren dummen Augen anglotzen und dazu sagen: ›O famos!‹ so schlage ich Sie zu Boden, darauf können Sie sich verlassen!« – Dann eilte er an sein Waffengerüst, untersuchte das Schloß sorgfältig und brummte mit einem Blicke auf Erich: »Ich werde doch meinen Schlüssel verändern lassen müssen, denn ich fürchte, auch ein anderer schließt hier auf! – Das Wort »anderer« betonte er so ausdrucksvoll, als es ihm möglich war. Doch ließ sich Erich das nicht anfechten, sondern setzte sich ruhig an den Tisch und lachte mit, als er die anderen lachen sah. Wibert sah übrigens auch gar zu komisch aus! Sein ganzes Gesicht war noch immer gefleckt und seinen ehemals so langen Schnurrbart hatte er bei den vielen Pflastern und Umschlägen zu zwei kleinen Punkten zusammen rasieren müssen. Wahrscheinlich wäre es heute noch zu ärgeren Händeln gekommen, wenn der Unteroffizier Wenkheim nicht mit der Faust derb auf den Tisch geschlagen und nach allen Seiten hin Ruhe geboten hätte. Daß der letzte Bombardier trotz dieses Namens bald einer der ersten Bombardiere der Batterie war, haben wir früher schon andeutungsweise gesagt. Er begriff jede Art des Exerzierens leicht und spielend; er war in kurzer Zeit tüchtig und zuverlässig in der Anfertigung der verschiedenen Munitionen, besonders im Verpacken der Kugel- und Granatwagen, welches stets als ein großer Beweis artilleristischer Befähigung angesehen und vom ältesten Feuerwerker geleitet wurde. Was die mündlichen Vorträge anbelangte, so hatte Erich den ganzen Leitfaden im Kopfe und wurde von dem Premierlieutenant nicht selten dazu kommandiert, den Rekruten die ersten Anfänge der Artilleriewissenschaften beizubringen. Auch den praktischen Felddienst hatte er sich bald zu eigen gemacht, und da er schon früher ein kecker Reiter war und ihm deshalb bei dem bespannten Exerzieren der Batterie sein Pferd durchaus nichts mehr zu schaffen machte, so wurde er häufig von dem Offizier seines Zuges für einen Exerziermorgen zum Geschützführer ernannt und zeigte er sich auch darin ebenso gewandt als tüchtig. Alles dies zusammen genommen, ließ es ganz natürlich erscheinen, daß ihn der Premierlieutenant nach kürzerer Zeit mit ein paar anderen dem Hauptmanne zum Unteroffiziersexamen vorschlug, wozu dieser aber erst nach langen und hartnäckigen Kämpfen mit seinem ersten Offizier seine Zustimmung gab, dabei aber versichernd, daß es wahrlich seiner Empfehlung nicht zuzuschreiben sei, wenn der letzte Bombardier trotz so liederlicher Aufführung doch noch zum Unteroffizier gelange. Worauf der Premierlieutenant im Vertrauen zu Erich sagte: »Ich zweifle, daß man Sie, auch beim besten Examen, baldigst zum Unteroffizier machen wird. Man wird das schon zu hintertreiben wissen, und es ist ja auch sehr gleichgültig; jedenfalls aber sieht das Brigadekommando aus einem glänzenden Examen, welches Sie hoffentlich machen werden, daß Sie etwas gelernt haben, und das kann auf alle Fälle nichts schaden, ob Sie nun aufs Geratewohl mit sehr wenig Aussicht weiter dienen wollen oder ob Sie etwas anderes und für Sie jedenfalls Solideres ergreifen werden.« Erich hatte ihm aufs herzlichste gedankt für diesen neuen Beweis von Wohlwollen und dann mit den anderen das Unteroffiziersexamen gemacht und, wie er hörte, glänzend bestanden. Die Papiere wurden an das Brigadekommando geschickt und Erich sowohl von seinem Zugführer als auch von dem Premierlieutenant um so häufiger zu Unteroffiziersdiensten verwendet. Natürlich nahm dies aber besonders jetzt bei den Frühjahrsexerzitien seine Zeit so sehr in Anspruch, daß ein paar Tage vergangen waren, ehe er einen Nachmittag für sich hatte, um nach dem Jagdschlößchen hinauf zu eilen; auch war es ein recht weiter Weg dorthin und Erich daher um so dankbarer dem glücklichen Zufalle, welcher ihm eine vortreffliche Reitgelegenheit verschaffte. Der Premierlieutenant sagte ihm nämlich nach dem Appell, er habe seinen Burschen ins Lazarett schicken müssen, und da er selbst keine Lust zum vielen Reiten hätte, möchte Erich eine Zeitlang nach seinen Pferden sehen. »Ich kann mich auf Sie verlassen,« sagte er, »und wenn Sie besonders den Rappen ein wenig anstrengen, so schadet ihm das gar nichts; reiten Sie auch mit dem Säbel, er gewöhnt sich so schlecht an die klirrende Scheide.« Der Rappe war ein schönes, gutes Pferd, ein wenig unruhig allerdings, weshalb er denn auch mit Erich in weiter Lancade zum Kasernenhof hinausflog, sehr zur unangenehmen Ueberraschung des Hauptmanns von Manderfeld, der mit dem langen Wibert zufällig in der Straße stand; doch kam Erich glücklich an ihm vorüber, das wild vorwärts strebende Pferd fest zurückgehalten, den Ellbogen an den Leib, die rechte Hand herabhängend und so fort, bis er ihm aus den Augen war, worauf der Rappe auf einer breiten, makadamisierten Straße große Neigung zu einem Galopp an den Tag legte, der ihm auch gnädigst bewilligt wurde. Da war er schon mitten in der bekannten Umgebung: dort oben das Fort Maximilian, vor ihm das Haus, wo Blanda gewohnt, dort der Weg zum Jagdschlößchen hinauf, den er in einer recht animierten Gangart nehmen wollte. Plötzlich hörte er seinen Namen rufen und sah, sich umwendend, den Bombardier Schmoller, der eilig gegen ihn kam und ihm schon von weitem zurief: »Ich wollte zu dir; es ist mir aber auch recht, daß ich dich hier treffe.« »So komme ich um deinen Besuch und kann dir nicht die Honneurs eines Schnapses machen.« »Ein andermal – mit dir zu plaudern, ist mir die Hauptsache und wenn du nicht gar zu eilig hast, gehe ich ein paar Schritte neben deinem Pferde. Wohin willst du eigentlich?« »Nur dem Pferde unseres Premierlieutenants etwas Bewegung machen,« erwiderte Erich, indem es ihm nicht recht behagte, dem Freunde sogleich die ganze Wahrheit zu sagen. »Vor allen Dingen,« fuhr Schmoller fort, »sage mir aber, weshalb du neulich droben plötzlich, wie Schafleder, ausgerissen bist, nachdem du durch den Tubus zu dem Hause dort hinabgeschaut hattest?« »Zu dem Hause hinab? – Ja so – so daß ich davonlief, geschah ohne allen Zusammenhang mit jenem Hause; ich erinnerte mich plötzlich, daß ich zum Premierlieutenant befohlen war!« »So – so –« sagte Schmoller mit einem pfiffigen Lächeln, »und statt nach der Richtung eurer Kaserne zu laufen, ranntest du wie besessen hier denselben Weg hinauf, den du jetzt reitest, pralltest da an eine Schar Offiziere und bliebst dann wie ein begossener Pudel stehen, nachdem du dem davonrollenden Wagen nachgeblickt – o, du Heuchler! Du wußtest freilich nicht, daß dir unser vortrefflicher, vier Fuß langer Tubus nachgerichtet wurde und daß ich dich auf dem Korn hatte und behielt, wie der Jäger einen Hasen. Ich hätte nur loszudrücken gebraucht, und im Feuer hättest du in der Luft ein Rad geschlagen! Aber, Erich, sei ehrlich, wie ich es stets gegen dich war, sei es besonders in diesem Falle, denn du kannst mir vielleicht auf eine Fährte helfen, wo mir jede Spur verloren gegangen ist! Siehst du dort das Haus mit seinen verschlossenen Läden? So ist es nun schon fast eine Woche lang! Kein Leben mehr dann, und ebenso still und finster, wie es dort vor uns liegt, sieht es auch in meinem Herzen aus!« »Armer Kerl – auf diese Art hat dein Verhältnis mit der Gräfin oder Fürstin geendet!« »Gänzlich – rein abgeschnitten, und wenn du nicht ehrlich gegen mich bist, so werde ich an einem gebrochenen Herzen zu Grunde gehen!« »Pah, ein Bombardier!« »Gestehe, daß du einem Wagen nachgelaufen bist, der von der Pension wegfuhr, daß eine junge Dame in dem Wagen war, die dich interessiert – so, das gibt dein Kopfnicken zu und du bist, hoffe ich, auch gesonnen, etwas für deinen Freund zu thun.« »Mit Vergnügen, wenn ich etwas für dich thun kann!« »Dort hinauf fuhr der Wagen, dorthin reitest du, bist also im Begriffe, jener jungen Dame einen Besuch zu machen – ach, du Glückspilz! Auf diesem schönen Rappen, herausgeputzt wie nur möglich! Doch fühle ich deshalb keinen Neid, Erich; der Geschmack ist verschieden, und sie, für und an welche ich aus der Entfernung schwärmen durfte, schrieb so zart und bescheiden, daß ich überzeugt bin, dein glänzender Rappe würde auf sie nicht den geringsten Eindruck machen. Aber fragen kannst du sie, warum das Haus da unten so gänzlich geschlossen ist, fragen, wo alle geblieben sind, forschen nach ihr, die ich in meinem Herzen trage und die mich durch Uebersendung ihres Porträts zum glücklichsten Menschen machte! Willst du mir diesen Gefallen erzeigen?« »Mit Vergnügen, wenn ich die junge Dame sehe, mit welcher ich übrigens durchaus nicht so vertraut bin, als du wohl denkst. Sie steht hoch über mir, und ich bin nicht so, wie du, kühn und von mir selbst überzeugt, um mich mit einem Sprunge über alle Schranken hinwegzusetzen!« »Geh doch, Egoist! Du warst schon auf der Brigadeschule der ausgemachteste Heuchler und Duckmäuser und hast dich hier noch sehr darin vervollkommnet! Läßt sich da von meiner Gutmütigkeit über das Haus da unten erzählen, während er in demselben Verbindungen angeknüpft hat!« »Darin irrst du sehr!« »Nun, laß es gut sein, Neid kenne ich keinen; aber nicht wahr, du forschest für mich und fuchst etwas über die Entschwundene zu erfahren?« »Gewiß, wenn es mir möglich ist.« »Weißt du was – da, nimm die Photographie, zeig sie der Dame, das wird deinen Worten zu Hilfe kommen; aber bewahr sie wie ein Heiligtum – ich habe keine zweite zu versenden!« Schmoller betrachtete nochmals wehmütig die stillen Züge; dann reichte er das Bild an Erich, welcher es einschob und, da er zu gleicher Zeit dem ungeduldig drängenden Rappen etwas Zügelfreiheit gab, in der nächsten Sekunde seinen Freund hinter sich gelassen hatte. »Auf Wiedersehen, Schmoller!« Rascher, als neulich mit dem Wagen, hatte er den Waldweg droben erreicht, der zum Jagdschlößchen führte, kurz darauf dieses selbst und ritt dann durch das heute offen stehende Thor in den Hof. Da stand der Förster vor der Thür des Gebäudes, das Gewehr auf der Schulter, und schien eben aus dem Walde zurückgekehrt zu sein. Er schaute den Absteigenden mit keinem recht freundlichen Blicke an, ja erwiderte dessen Gruß kurz und mürrisch. »Kann ich mein Pferd für eine halbe Stunde einstellen, Herr Förster?« »Stallung haben wir keine bei der Hand, die ist weiter im Walde. Was hier herauf reitet, bringt meistens Dienerschaft mit, welche für die Pferde sorgt.« Glücklicherweise war es ein milder, stiller Tag, wie man sie im Vorfrühlinge zuweilen hat, bei leicht bedecktem Himmel ohne Sonne, aber auch ohne Wind, ein träumerisch stilles Wetter, bei welchem man förmlich zu sehen glaubt, wie die Knospen in wohligem Behagen anschwellen. Auch hatte Erich eine Decke aufgeschnallt, die er nun über den Rappen warf, nachdem er ihn an einer Ecke der Mauer festgebunden. »Ihr kommt wohl im Auftrage jener Frau, mit der Ihr neulich hier oben wäret?« fragte der Förster, als Erich wieder zu ihm trat. »Ja und nein; ich komme, um mich nach dem Befinden der jungen Dame zu erkundigen, die hier oben bei Euch ist.« »Wollt derselben vielleicht sagen, wann man sie abholen wird?« »Nein, ich weiß darüber nichts Näheres.« »So – dann ist's schon recht – sie sind hinter dem Hause in dem Garten, und Ihr werdet nicht unwillkommen sein, denn die junge Dame ist gestern und vorgestern ein paarmal an die Straße gelaufen, um nach Euch oder sonst jemand zu sehen.« »Hoffentlich kommt doch bald jemand, den sie sehnlicher erwartet, als mich, der sie mit sich fort nimmt und Euch, Herr Förster, von der Unbequemlichkeit befreit, die Euch das hier oben macht.« »Hm – ja,« brummte er und setzte dann kaum vernehmbar hinzu: »Hätte übrigens nicht gedacht, daß man sich so bald an eine solche Unbequemlichkeit gewöhnen könnte – sagt das jener Frau, wenn Ihr sie wieder seht – da sind die Frauenzimmer.« Es war ein kleiner, in seinen Umfassungen, sowie in Spielereien, die man hier und da sah – die Reste einer Sonnenuhr, zerbrochene Vasen, umgestürzte Steinbilder – etwas verwahrloster Gartenraum, in welchem nur die neu hergerichteten Beete sauber und hübsch gehalten waren, sowie eine kleine Laube im Hintergrunde, ein ehemals von Säulen getragener Pavillon, dessen eingestürztes Dach man auf malerische Weise durch roh zugehauene Baumstämme ersetzt hatte und welche dicht überrankt waren von wildem Wein und Geißblatt, jetzt allerdings noch eine wirre Masse kahler Zweige bildend. Doch sah man schon überall die grünen Knospen treiben, sowie an den Syringen, freilich noch dicht zusammengerollt, die späteren Blütendolden in zarten, grünen Blättchen schlummern. Aus der schwarzen, lockeren Erde drangen hie und da besonders in der Nähe mächtiger Stämme, schon Crocus, Schneeglöckchen und Lilien, letztere wie hellgrüne, spitze Pfeile, siegreich hervor an die Frühlingsluft. In der Laube saßen Mamsell Stöckel und Blanda. Letztere hatte in einem Buche gelesen, das nun vor ihr auf dem Tische lag, während sie erwartungsvoll nach dem Hause blickte und, als Erich nun erschien, diesem mit lebhaften Schritten entgegenging. Er war etwas verlegen, wie er sie begrüßen sollte, und darüber mit sich noch nicht recht ins klare gekommen, obgleich er auf dem Ritte hierher fleißig darüber nachgedacht. Hatte ihm doch Kolma neulich schon angedeutet, daß Blanda kein Kind mehr sei, daß sie sich wahrscheinlich sehr verändert habe, was er aber neulich abends bei dem zweifelhaften Lichte und bei der Ueberraschung durch das liebliche Märchenbild nicht so sehr bemerkt hatte, wie jetzt, da die schlanke und doch so reizend volle Mädchengestalt mit dem schönen, edlen Gesichte ihm entgegeneilte, würdevoll bei aller Herzlichkeit, vornehm elegant bei all ihrer Zutraulichkeit, abermals eines Märchens verkleidete Prinzessin. Erich hätte sich fast seiner groben Uniform geschämt, als er sah, wie zart sich ihre feinen, weißen Finger auf dem derben Tuche ausnahmen, als sie dieselben auf seine Schulter legte, während sie mit der anderen Hand die seinige ergriff; auch hatte er gefürchtet, klein neben ihr zu erscheinen, weshalb es ihn glücklich machte, daß sie, dicht vor ihm stehend, aufwärts schauen mußte, um in seine Augen zu sehen. Aehnliches schien sie ebenfalls zu denken, denn sie sagte lächelnd: »Neulich abends, bei der Freude des Wiedersehens, habe ich es nicht einmal gemerkt, daß du so groß geworden bist.« Dann führte sie ihn zu ihrer Freundin; er mußte sich zwischen beide setzen und erzählen: von seinem früheren Leben, auch von seinem Aufenthalte in Zwingenberg, und wie es ihm seit jenem Abende, wo ihn Blanda zuletzt auf dem Schlosse des Grafen Seefeld gesehen, ergangen sei. Was er alles sagte, war streng der Wahrheit gemäß; doch erzählte er bei einigen Vorfällen seines Lebens begreiflicherweise nicht die ganze Wahrheit, immerhin aber genug, um Blanda zu veranlassen, ihre schönen, ernsten Augen mit einem fast traurigen Ausdrucke auf ihm ruhen zu lassen und ihm zu sagen: »Du kannst nicht ganz glücklich in deinen Verhältnissen sein!« »Aber zufrieden, Blanda, bis ich etwas Besseres erringen kann; o, im gegenwärtigen Augenblicke sehr zufrieden, da ich euch wiedergefunden, dich und Kolma, die einzigen Wesen auf der ganzen, weiten Welt, an die ich stets so innig, so herzlich denken mußte!« »Du hast das Recht,« gab sie mit einem traurigen Lächeln zur Antwort, »wenigstens in den Gedanken glücklich zu sein, dir selbst einen Weg zu bahnen, Hindernissen zum Trotz, während wir uns aber von der Flut müssen dahin treiben lassen, wohin es dem Schicksale gut deucht, uns zu führen – oder es faßt uns auch zuweilen eine Gegenströmung, die uns plötzlich von unseren Wegen ab in eine ganz andere Bahn wirft, ohne daß wir darum glücklicher, zufriedener wären. So ist es mir ergangen, lieber Erich, und damals, als wir uns zum erstenmal sahen, trat kurz darauf dieser Wendepunkt meines Lebens ein. Ich habe hier vor meiner Freundin keine Geheimnisse, und auch du wirst dich des kleinen, ärmlichen Mädchens erinnern, wie es vor den Menschen tanzte, seine Kunstfertigkeiten zeigte, und wie es dafür, selbst von seinen eigenen Leuten, angestaunt, von diesen fast vergöttert wurde. Ich war die kleine, heranwachsende Herzogin des Stammes, und man erwies mir als solcher die größte Ehre. – Ah, ich kann das nicht so leicht vergessen, wie ich nur zu wünschen brauchte, um jene wilden, widerspenstigen Männer, jene eigensinnigen Weiber nach meinem Willen zu lenken – dann kam es plötzlich anders. Meine arme Mutter starb, Kolma war verschwunden, unsere Leute fingen an, sich hier- und dorthin zu zerstreuen. ›Ja, wenn du jetzt nur zwanzig Jahre alt wärest,‹ sagte mir damals Zarregg, ›du würdest den Stamm zusammenhalten, wie die mächtigste Königin!‹ Und obgleich ich noch ein Kind war, hätte ich es doch vielleicht vermocht, wenn nicht meine arme Mutter in dem seligen Gefühle gestorben wäre, daß ihr Kind unter dem mächtigen Schutze jener vornehmen Dame glücklich werden würde. Mir aber war zu Mute wie einem gefangenen Waldvogel, und wenn ich auch, wie dieser, all die schönen Weisen lernte, die man mir beständig wiederholte, all die nützlichen Dinge, welche mir meine Lehrer vortrugen, so fühlte ich doch schmerzlich meine Gefangenschaft in den Banden jener geordneten Welt, that, was ich that, weil ich es thun mußte, und wenn ich je einmal glücklich sein wollte, so träumte ich mich weit hinweg über Berg, und Thal, am liebsten auf eine grüne Wiese hin, die von murmelndem Wasser umflossen war, wo unsere Zelte standen, wo nachts unsere Feuer loderten. Weißt du, Erich, wie damals, als du in jener Nacht von mir Abschied nahmst –a–a–a–ah, damals war es dort schön!« Mamsell Stöckel schaute mit einem ernsten Blicke in die strahlenden Augen des jungen Mädchens, worauf diese mit der Hand schmeichelnd über den Arm ihrer ehemaligen Lehrerin fuhr und dann sagte: »Gewiß, ich verstehe deinen Blick, und es ist ja auch nichts als eine Erinnerung, die aus mir spricht; keine Sehnsucht, nicht einmal ein Wunsch – es sind nur Gedanken, vorüberschwebend, wie dort oben die lichten Wölkchen, die ich gern eine Zeitlang verfolge, um sie dann ihres Weges ziehen zu lassen – wohin, das weiß ich ebensowenig, als woher sie kamen – ganz das Bild meines Lebens. – Doch wir wollen heute nichts Trauriges reden, das kommt ohnedies häufig genug; ich will dir nur noch berichten, wie sich darauf mein Leben wieder änderte und wie ich aus der Gefangenschaft – so erschien mir mein Leben in der ersten Zeit nach dem Tode meiner Mutter – ins wirkliche Gefängnis kam, in das Gefängnis des Hauses da unten, das ihr, Kolma und du, neulich abends besucht – o, da war es zuweilen so arg, daß mir mein Leben vorher wie das freieste auf der Welt erschien und daß ich an das Umherwandern während meiner Jugendzeit nur mit einem Schauer denken konnte!« »Gewiß eine wohlthätige Reaktion!« sagte die Stöckel. »O ja, wenn ich nicht durch so vieles absichtlich daran erinnert worden wäre, daß ich dabei doch gewissermaßen immer noch vogelfrei geblieben sei: ein fremdartiges Geschöpf unter so viel wohl bekannten, glänzend befiederten Wesen, von denen denn auch eine gute Partie auf den eingedrungenen Vogel loshackte! O ich habe das an tausend Kleinigkeiten bemerkt und darüber manche kummervolle Stunde in meinem Bette verweint!« »Das war anfänglich so, Blanda; dann erwarbst du dir nicht nur Freundinnen, sondern übtest sogar eine Art von Herrschaft über die anderen aus.« »Als gewesene kleine Herzogin,« erwiderte das junge Mädchen lächelnd, »war doch auch nichts natürlicher; doch ist es mir gegangen, wie mancher, die unbewußt, ja, ohne das zu wollen, zu Macht und Hoheit kam und schwer dafür büßen mußte; wenn sie mir auch nicht mein Haupt abschlugen, so haben sie es mir doch arg verstümmelt!« Erich blickte sie fragend an, und erst als sie mit der Hand recht auffallend und ihn dabei anlächelnd, zu ihren dichten, blonden Locken fuhr, rief er aus: »Ach, dein langes Haar, Blanda! Warum hast du es abgeschnitten?« »Es fiel als ein Sühnopfer zur Zeit einer schweren Revolution; ich werde dir die Einzelheiten darüber später einmal erzählen, habe dir aber jetzt Notwendigeres zu sagen. Du weißt, daß die Gräfin Seefeld sich meiner annahm, nachdem meine Mutter gestorben. Warum that sie das? Es ist möglich, aus Herzensgüte, aus Mitleid mit dem verlassenen Kinde, von dem sie sich dann wieder abwandte, als sie erfahren, daß es so wenig ihren Erwartungen entsprochen – ja, Erich, wie du mich hier vor dir siehst, bin ich ein sehr bösartiges Geschöpf gewesen, das Wohlthat mit Undank belohnte, das einer großen Gesellschaft junger Mädchen zum schlechtesten Beispiel diente, ein Geschöpf, von dem man sich mit Widerwillen und Abscheu wandte – frage nur meine liebe Stöckel – trotz alledem aber ein armes Wesen, das gänzlich allein in der Welt stehen würde, wenn nicht die beste ihrer Lehrerinnen der armen Verlassenen hier oben ein Asyl verschafft hätte!« Bei diesen letzten Worten zuckte es eigentümlich schmerzlich um die Lippen Blandas; dann warf sie sich rasch an die Brust ihrer Freundin, wobei das Zusammenzucken ihres Körpers deutlich zeigte, daß sie heftig weine. »Du bist ein närrisches Kind,« sagte die gute Stöckel – »freue mich aber in der That, daß du jetzt erleichternde Thränen findest für all den Schmerz, der sich in deinem Herzen festgesetzt; weine nur, weine nur!« Das that sie denn auch in der leidenschaftlichsten Weise, mit der sie all ihre Empfindungen kundgab, sobald einmal eine gewisse Schranke der Zurückhaltung ihres eigenen Willens gebrochen worden war. Dann schüttelte sie ihre Locken heftig aus der erhitzten Stirn, legte ihre beiden zusammengefalteten Hände in die Rechte Erichs und sagte mit immer noch thränenden Augen: »Daß ich bis jetzt von Kolma nichts gesagt, darf dir kein Beweis sein, Erich, als hätte ich mich nicht aufs herzlichste über ihre Anhänglichkeit und Liebe gefreut, mit der sie kam, mich aufzusuchen; und doch will ich dir nicht verhehlen, daß ihr Erscheinen mir wie ein fremder, zu greller Ton erklang in der sanften Melodie dieser Waldeinsamkeit, daß es mir wie eine Störung besserer Gedanken erschien, wenn ich mich mit der Idee vertraut machen wollte, ihr zu folgen, mit ihr zu leben. Du wirst mich lächerlich finden, Erich! Du hast das Recht, mich erstaunt zu fragen: ›Was willst du denn sonst auf dieser Welt beginnen?‹ Und ich gebe dir darauf mit einigem Stolze die Antwort, daß mir meine gute Stöckel die Versicherung gab, ich hätte in den letzten Jahren so viel gelernt, daß ich mir selbst eine Stellung, in der Art, wie die ihrige, zu schaffen vermöge – was siehst du mich dabei so verwunderlich und ungläubig an?« »Weil ich überzeugt bin, daß das nicht deine Bestimmung ist, Blanda, daß ich mir das wenigstens nicht zu denken vermag. Lache du über mich, wenn ich dir sage, daß ich mich einer eigentümlichen Phantasie nicht erwehren konnte, so oft ich dich noch gesehen, daß es mir dann gerade so ist, als müßten fremde, unbekannte Leute erscheinen, atemlos herbeistürzen, da sie dich jahrelang vergeblich gesucht, müßten dir zu Füßen sinken, dir die Hände küssen und dich im Triumphe alsdann mit sich davonführen.« »Du denkst an die kleine Herzogin von damals,« sagte sie durch Thränen lächelnd, »oder an die wiedergefundene Prinzessin eines Märchens.« »An das letztere vielleicht – du wirst sehen, Blanda, wie man dich eines Tages findet, dich inmitten eines glänzenden Gefolges davonführt und wie du uns, die wir traurig zurückbleiben, zum letztenmal ein Lebewohl zurufst.« »Das letzte gewiß nicht,« erwiderte sie in einem so herzlichen Tone und mit einem so innigen Blicke, daß es ihn durchschauerte – »und auch das andere nicht,« rief sie lachend, »obgleich ich selbst schon dergleichen thörichte Träumereien hatte! Aber ich wollte noch etwas von Kolma sagen: sie will mich mit sich nehmen, ich soll bei ihr leben, und das ist es, was mir widerstrebt, wenigstens so lange, bis ich es möglich gemacht, vor jene Gräfin Seefeld hinzutreten und ihr zu beweisen, daß ich weder unwürdig noch undankbar gegenüber ihren Wohlthaten war; daß ich aber wissen möchte, aus welchem Grunde sie sich des verlassenen Kindes angenommen, ob ihre Gründe nur die des Mitleids, der, Barmherzigkeit gewesen, ob ihr Interesse für mich nur eine Spielerei war, die sie wegwarf, als man das Spielzeug bei ihr verdächtigte.« »Was du denkst und fühlst, ist richtig, und ich könnte es auch wohl nicht verständlicher ausdrücken,« sagte Mamsell Stöckel. »Ach, der Anblick Kolmas,« fuhr das junge Mädchen nach einer Pause fort, »hat alle die schönen Plane zerstört, die wir beide hier oben gemacht! Wie hat sich Kolma verändert, wie leidend sieht sie aus! – Warst du nicht ebenfalls bei ihrem Anblicke erschrocken, Erich?« »Ich kann das nicht leugnen, obgleich ich durch Nachrichten, die ich zufällig über sie erhielt, auf ihren Anblick vorbereitet war.« – Er mochte nichts davon sagen, wie er sie vor dem letzten Mal gesehen. »Welch traurige Aenderung in wenig, Jahren!« rief Blanda, nachdem sie eine Weile sinnend vor sich niedergeblickt, schmerzlich bewegt aus – »und das bewog mich auch, rückhaltslos in alles zu willigen, was sie verlangte! Doch fürchte ich fast ihr Wiedererscheinen – ich fühle mich so glücklich hier oben, besonders jetzt, da ich dich wieder gesehen, Erich, an den ich beständig und aufs herzlichste in den schwersten Augenblicken gedacht; dann erinnerte ich mich immer, wie du meine kleinen Pferdchen in jener Nacht so sicher durch die wilden Soldatenhaufen gelenkt – denke dir aber mein Erstaunen, als ich dich vor nicht gar zu langer Zeit nun selbst inmitten ähnlicher Reiter erkannte, die mit den dumpfdröhnenden Geschützen an uns vorüberzogen!« »Hattest du mich in der That erkannt, Blanda?« »Frage die gute Stöckel, was ich ihr von dir sagte, als sie mein auffallendes und unanständiges Stehenbleiben streng verweisen mußte.« »Und anderes noch,« meinte die ehemalige Lehrerin lächelnd. »Woran ich aber sehr unschuldig war.« »Aber als Hehlerin doch nicht ganz ohne Schuld.« »Was war denn das, Blanda?« fragte Erich. »Du verzeihst meine Neugierde, da ich mir auch diesen Vorwurf als mit mir in einigem Zusammenhange denken muß.« »Auf der Höhe vor unserem Hause erhob sich eine kleine Festung,« sprach Blanda unter einem schelmischen Lächeln gegen die Stöckel. »Fort Maximilian!« rief Erich, dem nun plötzlich Schmoller einfiel und die ganze Geschichte, welche er von diesem erfahren. »Mir war diese kleine Festung sehr gleichgültig, und wenn ich sie, nachdem ich dich gesehen, mit einigem Interesse betrachtete, so geschah das nur, weil ich durch eine Freundin erfahren, daß dort oben ebenfalls Artillerie liege.« »Für welche sich deine Freundin lebhafter interessierte.« »Mehr als billig war,« sagte ernst die ehemalige Lehrerin der Pension. »O, ich kenne den Gegenstand dieses Interesses!« rief Erich lachend. »Ich möchte lieber nichts mehr davon hören,« meinte Mamsell Stöckel; »es gibt denen ein Recht, denen ich gerade darin kein Recht geben möchte; jedenfalls war es von der Gräfin Haller unverantwortlich, dich zur Vertrauten zu machen.« »So war es in der That eine so vornehme junge Dame,« fragte Erich erstaunt, »die mit einem meiner Kameraden Briefe wechselte und ihm ihr Porträt sandte?« »Davon weiß ich nichts,« sagte Blanda eifrig. »O, es sieht der leichtsinnigen Haller ähnlich!« »Einem deiner Kameraden, Erich?« »Einem einfachen Bombardier der Festungscompagnie des Forts Maximilian. »Aber von guter und bekannter Familie?« »O, ich glaub' wohl, daß seine Familie in ihren Kreisen als sehr gut gilt und dort auch wohl gut bekannt ist; wenn du aber unter dieser Bezeichnung eine vornehme und adelige Familie verstehst, so thut es mir leid, dir sagen zu müssen, daß deine Gräfin Haller sich arg täuschte. Schmoller kann durchaus keine Ansprüche machen auf eine vornehme Familie oder auf Reichtümer irgend welcher Art.« »Er heißt Schmoller?« fragte Mamsell Stöckel. »Schade, daß ich das nicht früher gewußt habe, es wäre auch das ein Mittel gewesen gegen diese Kindereien der Gräfin Haller! Denn wer weiß für welch poetischen Namen sie geschwärmt – hat aber hoffentlich alles das total vergessen in den ersten Tagen, welche sie zu Hause zubrachte.« »Und mich dazu,« meinte Blanda mit einem trüben Lächeln; »doch gleichviel. – Sage mir, Erich,« fuhr sie alsdann in heiterem Tone wieder fort, »wie ist dein Freund Schmoller, wie sieht er aus? Ich möchte ihn wohl einmal sehen!« »O, er ist ein ganz anständiger junger Mann, gut aussehend, wenn ich auch nicht begreife, wie er imstande gewesen, bei jener jungen Dame so großes Interesse zu erregen!« »Aus weiter Entfernung, Erich; ich glaube, daß sie ihn nie in der Nähe gesehen hat, und wenn auch vielleicht einmal, so war doch ihr Köpfchen so mit romanhaften Schwärmereien angefüllt, daß sie das an ihm, was vielleicht nicht in ihre Phantasie paßte, für Verstellung und Maske hielt. Sie schwärmte für einen jungen, hübschen und sehr vornehmen Kavalier, der sich ihr zuliebe in die Verkleidung eines Soldaten geworfen.« »Die böse Frucht müßiger Stunden,« sagte die Stöckel, »und des Lesens verbotener Bücher, was Fräulein von Quadde der Gräfin Haller gern hingehen ließ, solange sie ihr Liebling war – aber einem fremden jungen Menschen seine Photographie zu schicken!« »Die ich hier zufällig bei mir habe. Schmoller gab sie mir, um vielleicht auf eine oder die andere Art zu erfahren, wo die ihm so plötzlich Entschwundene geblieben ist.« »Laß sehen, Erich!« Dieser hatte damals auf dem Fort Maximilian die Photographie nur sehr flüchtig angesehen, heute morgen aber gar nicht, und, als er sie jetzt aus dem kleinen Couvert hervorzog und betrachtete, konnte er sich eines leichten Erschreckens nicht erwehren. Blanda nahm ihm das Blatt aus der Hand, und kaum hatte sie einen Blick darauf geworfen, so lachte sie laut und fröhlich hinaus, um aber gleich darauf mit etwas angenommenem Ernste zu sagen: »Ach, das ist doch recht abscheulich von Klothilde!« »Was gibt's denn?« fragte Mamsell Stöckel. »Das hat sie dem jungen Manne als ihr Bild geschickt!« »Das meinige!« rief die ehemalige Lehrerin mit großer Entrüstung. »Sie hatte kein Herz, diese Haller – sie haben alle kein Herz, diese Vornehmen! Mein Bild, das ich ihr freundlich und liebevoll gab, so förmlich wegzuwerfen – pfui!« Erich befand sich in Verlegenheit und suchte sich so gut als möglich mit der Wahrheit zu entschuldigen, besonders mit seinem allzu flüchtigen Betrachten der Photographie. Ja, es konnte kein Zweifel daran sein, die leichtsinnige junge Gräfin hatte das Bild ihrer Lehrerin an Schmoller geschickt, und dieser fühlte sein Herz gerührt durch die freundlich stillen Züge der guten Stöckel. »Jetzt verlange auch ich, Ihren Freund zu sehen,« sprach die Stöckel mit größerer Energie, als man sonst an ihr gewohnt war, »um ihm meine Empfindungen auszudrücken über das taktlose Benehmen jenes jungen Mädchens; und was diese Photographie anbelangt, so werde ich sie behalten.« Sie entfernte sich etwas aufgeregt mit gerötetem Gesichte aus der Laube und dem Garten, die beiden jungen Leute allein lassend, wodurch aber eigentümlicherweise der bisher so muntere Redestrom im Sande zu verrinnen schien; vielleicht auch wohl, weil Erich mit herzlicher Freude schweigend in Blandas liebe, schöne Augen blickte, während sie unverwandt etwas in den langsam dahinziehenden Wolken zu suchen schien. Dann besann er sich plötzlich darauf, daß sein Spazierritt schon sehr lange gedauert habe, und diesem Gedanken Worte gebend, erhob sie sich mit ihm, und dann ging sie, die Hand auf seine Schulter gestützt, an seiner Seite vor das Jagdschlößchcn, wo er den Rappen bestieg und ihr dann zum Abschiede die Hand reichte. »Nicht wahr, du kommst recht bald wieder, Erich?« »O gewiß, recht bald, Blanda!« 39. Kapitel Bombardier Schmoller entdeckt im glücklichsten Augenblicke seines Lebens, daß man ihn betrogen hat, und Erich ist unbesonnen genug, seinen Feind zu Boden zu schlagen. Wie gern hätte Erich sein Versprechen, Blanda recht bald wieder zu besuchen, schon am anderen Tage erfüllt, und wie prächtige Gelegenheit hätte er hierzu durch die Pferde des Premierlieutenants gehabt, wenn der Hauptmann von Manderfeld es nicht als eine thörichte Zeitverschwendung erklärt hätte, daß ein junger Mensch, der noch in vielen Dingen der letzte sei, so stundenlang auf dem Sattel herum bummle, und dann zu seinem ersten Lieutenant gesagt: »Lassen Sie das durch einen der älteren Unteroffiziere besorgen, oder nehmen Sie meinetwegen Wibert; das ist ein gesetzter Mensch und ordentlicher Reiter.« Worauf der Premierlieutenant in trockenem Tone erwiderte: »Ich danke Ihnen für den guten Rat, Herr Hauptmann; bis mein Bursche wieder gesund ist, können meine Pferde auch durch den Bombardier Freiberg unter meiner Aufsicht in der Reitbahn geritten werden, wobei der junge Mensch etwas lernt und wogegen Sie wohl nichts einzuwenden haben werden!« Dann hatte er mit seiner Hand leicht an seine Dienstmütze gelangt und war ohne weiteres davon gegangen, worauf dann Erich das zweifelhafte Vergnügen genoß, den Rappen in der Reitbahn herumzutummeln, wobei die Aufsicht des Premierlieutenants darin bestand, daß er zuweilen einen Augenblick zuschaute, wenn der Bombardier aufsaß. Dieser überließ sich bei solchen stillen Reitvergnügen seinen Phantasien und stellte die Länge der Reitbahn in Verhältnis zu dem Wege nach dem Jagdschlößchen, wobei er sich diesen recht lebhaft vergegenwärtigte, jetzt in seiner Phantasie das Fort Maximilian vor sich sah, dann das Haus der Pension, hierauf, natürlich immer in Gedanken, die Landstraße in einem animierten Galopp dahinflog und dann, die Reitbahn in Diagonale nehmend, in voller Karriere vor seinem Luftschlosse anlangte. Statt aber am Ende einer solchen Phantasietour Blandas liebliche Züge zu sehen, blickte er plötzlich in das Gesicht Schmollers, der über die hohe Holzeinfassung der Bahn herüberschaute. »So, bist du es? Ich will noch ein paar Minuten im Schritt herum reiten, dann bin ich zu deinen Diensten; gehe indessen auf meine Stube.« »Ich will lieber hier warten,« meinte der andere; »ich war schon droben, da lungern alle die Kerls um den Tisch herum, so daß man doch kein vernünftiges Wort reden kann.« »Gut, ich komme sogleich.« Schmoller verschwand, und Erich, welcher seinen Freund nicht mehr gesehen, seit ihn dieser vor ein paar Tagen auf der Landstraße begleitet, überlegte, was er ihm, jene Photographie betreffend, mitteilen könne und dürfe. Die ganze Wahrheit, daß man ihn eigentlich zum besten gehabt, wäre für den armen Schmoller zu schmerzlich gewesen. Doch welche Entschuldigung dafür finden, daß er ihm das hochverehrte Bildnis nicht wieder zurückbringen konnte? Glücklicherweise fand Erich, als er gleich darauf mit seinem Freunde im Kasernenhofe zusammentraf, daß Schmollers Geist mit etwas anderem beschäftigt war, denn er fragte nur flüchtig nach dem Ergebnis von Erichs Spazierritt und sagte dann: »Da ist mir gestern abend etwas ganz Absonderliches begegnet; es war prachtvolles Wetter, wie heute, und da ich nichts zu thun hatte, setzte ich mich mit einem Buche auf den Wall des Forts.« »Natürlich an der Nordseite?« »An der Nordseite,« bestätigte Schmoller mit einem leichten Seufzer. »Es umgab mich eine warme, balsamische Luft, zu meinen Füßen sproßten Frühlingsblumen, hoch über mir jubelte schmetternd die Lerche; ich lehnte an der Böschung und blickte träumerisch ins Thal hinab.« »Ganz Toggenburg,« lachte Erich – »Blicktest stundenlang Nach dem Fenster deiner Lieben.« »Wo ich aber leider nichts sah, als geschlossene Fensterläden – ein trostloser Anblick! Da, auf einmal hörte ich den Klang von Pferdehufen und sah, aufblickend, jenen Husarenoffizier, bei dem ich damals war und ihm deine Papiere übergab.« »Ah, den Grafen Seefeld!« »Denselben; aber er war nicht allein, ihm zur Seite ritt ein älterer Herr, während beiden eine junge Dame in langem Reitkleide, den kleinen Hut mit wallender Feder keck auf dem Kopfe, um einige Pferdelängen voraussprengte, dann nicht weit von dem Platze hielt, wo ich mich befand, und aufmerksam zur Stadt hinabblickte. Ein Bedienter in reicher Livree folgte. Natürlich erhob ich mich aus meiner liegenden Stellung, um dem Husarenoffizier die Honneurs zu machen, die aber von demselben durchaus nicht beachtet wurden, was ich indessen sehr begreiflich fand, da ihn die junge Dame mit einer reizend klingenden Stimme an ihre Seite rief. ›Schauen Sie dort hinab, lieber Graf Seefeld,‹ sagte sie, ›da ist der Schauplatz meiner Thaten! Lassen Sie uns ein paar Schritte weiter rechts reiten, so kann ich Ihnen das Fenster meiner Gefängniszelle zeigen!‹ »Dabei kamen sie nahe an mich heran, daß mich fast das lange Reitkleid der Dame streifte, als sie ihr Pferd wieder gegen die Brüstung wandte. Ach, sie war schön, Erich, blendend schön! Ein herrlich geformtes Gesicht, glänzende Augen, schwarzes, lockiges Haar, und dabei eine Weichheit und Elasticität in dem feinen Körper, etwas so Reizendes und Elegantes in allen Bewegungen, daß man Pferd und Sattel hätte beneiden können! Dabei war es mir ganz eigentümlich zu Mute, als sie vom Schauplatze ihrer Thaten da unten sprach und die Zelle ihres Gefängnisses bezeichnen wollte, worauf ich so begierig war, daß ich nicht vom Platze gegangen wäre, wenn auch der Blick aus dem unangenehmen Gesichte des Husarenoffiziers noch deutlicher gefragt hätte: ›Was willst du denn eigentlich hier, gemeiner Kerl, und verschwindest nicht augenblicklich, wenn du Leute, wie wir, herankommen siehst?‹ – Aber ich war hier zu Hause, deshalb in meinem Rechte, und obendrein voll eines Gefühls wie Neugierde, Spannung, Erwartung auf irgend etwas, was ich mir selbst klar zu machen nicht getraute. »Du kannst mir aber glauben, Erich, daß ich fast erschreckt zusammenfuhr, als sie nun mit der Reitpeitsche, die sie ausgestreckt in der rechten Hand hielt, anfing, die Fenster des Hauses drunten von links nach rechts abzuzählen, und als sie nun bei dem sechsten im zweiten Stocke anhielt und sagte: »›Das war es, da habe ich manche lange Stunde verseufzt.‹« »Eigentümlich!« meinte Erich mit einem etwas erkünstelten Erstaunen, fuhr aber gleich darauf lachend fort: »Nun, du warst doch nicht am Ende der Ansicht, es sei diese reizende Amazone die gewesen, die früher mit dir Schriftliches gewechselt? Ah, Schmoller, ich halte deine Eigenliebe nicht für so groß, weiß auch ganz gewiß, daß du dich geirrt hast! In dem Zimmer des sechsten Fensters hat wahrscheinlich mehr als eine junge Dame gewohnt.« »Es ist in dieser Welt vieles möglich, was uns ganz unglaublich erscheint. – Nachdem die schöne junge Dame so ihre ehemalige Wohnung bezeichnet, stützte sie sich mit beiden Händen auf den Hals ihres Pferdes und sagte: »›Wie oft habe ich von da drunten nach dieser Höhe hinauf geschaut und nicht gedacht, daß ich sie so bald, so frei und fröhlich betreten würde!‹ »›Und so gegen alles Verdienst,‹ sagte der ältere Herr lächelnd; ›eine Wohnung in den Kassematten hier unter uns wäre für euch alle viel richtiger gewesen!‹ »›Böser Papa!‹ schmollte sie, wandte sich aber gleich darauf mit einem leuchtenden Blicke an den Husarenoffizier und sagte ihm: ›Ich will es nur gestehen, diese kleine Festung war häufig der Tummelplatz unserer Mädchenphantasie, und unsere Gedanken gingen oft auf diesen Wällen spazieren; wir bevölkerten uns das zuweilen mit bekannten Gestalten ...‹ »›Und gingen auch mit diesen spazieren,‹ flüsterte der Graf Seefeld leise. »›Pfui, Sie sind unausstehlich, Graf Seefeld, und verdienen es nicht, daß ich Ihnen gesagt, wie ich dabei einigemal an Sie gedacht! Gewiß,‹ fuhr sie mit einer lieblichen Naivetät fort, ›wenn Sie mir nicht versichert hätten, Sie wären nie hier oben gewesen, so würde ich mit Bestimmtheit sagen, ich hätte Sie gerade hier auf dieser Stelle ein paarmal gesehen!‹ »Und das war gerade die Stelle,« fuhr der Bombardier Schmoller mit einem leichten Seufzer fort, »wo ich stundenlang gestanden und hinab gestarrt.« »Bis das Fenster klang.« »Ja, bis das Fenster klang, bis die Liebliche sich zeigte – und wenn ich nun über mein Buch hinweg in ihr schönes Gesicht sah, so war es mir gerade, als erinnerte ich mich trotz alledem dieser lieblichen Züge.« »Und damit ist diese romanhafte Begegnung zu Ende?« »Noch nicht, Erich, es kommt noch Erschütternderes für mich und tief Ergreifendes. – Der alte Herr machte den Vorschlag, rings um den Wallgang der kleinen Festung zu reiten, vorher aber unserem Festungskommandanten, dem Herrn Hauptmann von Walter, einen Besuch zu machen. Zum ersten gab die junge Dame auch ihre Zustimmung, bei der letzteren Partie aber behauptete sie, unnötig zu sein und auf die Rückkehr der beiden hier, wo sie sich gerade befand, warten zu wollen, um, wie sie sagte, noch einige Augenblicke zu schwärmen in der Erinnerung an vergangene Tage.« »Das fandest du begreiflich, Schmoller?« »Ja, und mir klopfte das Herz gewaltig; ich war schon im Begriffe, mich davon zu schleichen, blieb aber trotzdem an die Böschung gelehnt stehen und that, als ob ich eifrig in meinem Buche läse. Da hörte ich plötzlich die schöne, klangvolle Stimme der jungen Dame fragen: »›Sind Sie hier oben als Wache?‹ »Das konnte nur mir gelten, denn der Bediente hielt ziemlich weit zurück mit seinem Pferde; auch sah ich, als ich aufblickte, daß ihre Augen auf mich gerichtet waren. Rasch näherte ich mich deshalb, und dicht neben ihrem Pferde stehend, erwiderte ich: ›Nein, gnädiges Fräulein, ich bin hier oben nicht auf Wache, sondern nur hierher gegangen, um die milde Frühlingsluft und die herrliche Aussicht zu genießen.‹ »›Ich hätte es mir auch denken können, daß Sie hier nicht auf der Wache sind, denn sonst würden Sie nicht mit Ihrem Buch da stehen. Sieht man von hier aus den Königsplatz?‹ »›Dort links, gnädiges Fräulein, dort, dicht bei der Kuppel mit dem goldenen Kreuze.‹ »›Ach ja, wie deutlich erkenne ich jetzt alle Gebäude! Welch prächtigen Blick man von hier auf die Stadt hat!‹ »›Wohl den ausgedehntesten von allen benachbarten Höhen, vom westlichen Ende der Stadt, wo die Sternwarte steht, bis zum östlichsten hier vor uns, dort mit dem Hause, dessen Fensterläden seit einigen Tagen fest verschlossen sind – einem ehemaligen adeligen Damenstifte!‹ erlaubte ich mir mit einem etwas ausdrucksvollen Tone zu sagen. »Sie schaute mich mit einem großen Blicke an und entgegnete erst nach einer Pause: ›Ja, das ist jetzt verlassen und sieht recht traurig aus!‹ »›Gewiß, recht traurig!‹ »›War wohl sonst für die hier oben ein willkommenes Ziel der Beobachtung?‹ sagte sie mit einem heiteren Lächeln. »›Ach ja, und erscheint jetzt nur noch als eine trübe Erinnerung!‹ »Das schien sie nicht zu verstehen, denn sie schaute über mich hinweg mit ernstem, nachsinnendem Blicke zu den Waldhöhen hinauf und sprach erst nach einer Weile, wie zu sich selber: »›Es ist sehr schön hier oben, und ich will es nicht vergessen, daß ich endlich auch einmal hier oben war und nicht nur in Gedanken!‹ »Dann glitten plötzlich ihre Blicke wieder auf mich herab, und ich sage dir, Erich, die volle Glut ihrer dunklen Augen gab mir einen entzückenden und doch schmerzlichen Stich ins Herz, und ich mußte diese volle Glut mindestens sechs Sekunden aushalten, wobei ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg! »›Was lesen Sie denn da?‹ fragte sie rasch. »›Gedichte, gnädiges Fräulein!‹ – Und siehst du, Erich, wenn es mich meinen Kopf gekostet, ich hätte es nicht anders gekonnt, als ihr diese Lüge zu sagen – um va banque zu spielen, denn es war eine Lüge; ich las in einem Romane von Spindler, that aber so, als ob ich aus dem Buche läse, als ich ihr die Verse von Heine recitierte, die ich einstens, auf ein Stückchen Papier geschrieben, drunten an der Gartenmauer aufgehoben hatte. Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt' es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feindlich Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten sich endlich und sah'n sich Nur noch zuweilen im Traum, Sie waren längst gestorben Und wußten es selber kaum.« »Und sie ließ dich diese Deklamation zu Ende bringen?« fragte Erich. »Ja,« antwortete Schmoller nach einem tiefen Atemzuge, »sie hörte mich ruhig an, sie beugte sich auf den Hals ihres Pferdes nieder, und als sie sich hierauf wieder aufrichtete, bemerkte ich, daß ihre schönen Züge gerötet waren.« »Schmoller, du betrügst dich selber!« »Laß das gut sein; ich weiß zu genau, daß diese Verse einen großen Eindruck auf sie machten. Ich kann dir das ebensowenig ausführlich beschreiben, als wie den Ausdruck des Blickes, den sie auf mich warf; höre nur noch ruhig den Schluß dieses wunderbaren Abenteuers, und dann urteile. Sie neigte ihr Haupt gegen mich, wie zum Danke oder zum Gruße, zog dann die Zügel etwas heftig an, so daß sich ihr Pferd vorn erhob und dann auf ein leichtes Berühren mit der Reitgerte in einer Lancade an mir vorüber flog, wobei sie ihre rechte Hand mit einer raschen Bewegung gegen ihre Brust erhob – absichtslos, wie ich dachte, bis ich zu meinem freudigsten Erschrecken etwas durch die Luft fliegen und auf den Boden fallen sah – ein Veilchenbouquet, welches sie zwischen den Knöpfen ihres Reitkleides getragen. Der rasch folgende Bediente bemerkte das um so weniger, als seine Augen auf die beiden Herren gerichtet waren, die jetzt auf der Biegung des Wallganges wieder erschienen, und als alle verschwunden waren, hob ich rasch die duftenden Blumen auf und verbarg sie auf meinem Herzen.« Erich konnte nicht anders, als ungläubig lächelnd seinen Kopf schütteln und so den großen Unmut Schmollers erregen, der achselzuckend vor ihm stehen blieb und ziemlich heftig sagte: »O, ich hab' es wohl gewußt, daß du alles das für übertrieben oder gar für eine Phantasie halten würdest! Es ist mir im Grunde gleichgültig, und würde ich dir gar nichts davon erzählt haben, wenn ich dir nicht nach dem, was du neulich erfahren, mein ganzes Vertrauen schuldig zu sein glaubte.« »Ja, nach dem, was ich neulich von dir erfahren, kann ich nun einmal nicht anders, als dir meine ehrliche Meinung sagen, daß ich glaube, man hat dich zum besten gehabt, oder war die Photographie, die man dir gesandt, das Bild der jungen Dame, von welcher du soeben mir erzählt?« »Das nicht, aber du wirst mir zugestehen, daß es vielleicht ein Akt der Klugheit war, mir, einem fremden Menschen, eine falsche Photographie zuzusenden.« »Wenn ich dir nun aber sage, daß ich das Original jener Photographie gesprochen und daß dieses Original, ein angenehmes, verständiges Mädchen, deine Bekanntschaft zu machen wünscht!« – Darin sagte Erich nun gerade nicht die Unwahrheit, obgleich Mamsell Stöckel Schmoller nicht in der Absicht zu sehen wünschte, um ihm jene kleine Verräterei, die mit ihrem Porträt vorgegangen war, in freundlichen oder gar herzlichen Worten zu erklären. »Wenn dem so ist, so bin ich in einer peinlichen Lage,« versetzte Schmoller mit großem Ernste; »es ist gewissermaßen ein Unglück zu nennen, wenn man so ein allgemeines Interesse einflößt.« »Du kommst mir vor wie Herkules am Scheidewege, solltest dich aber sehr rasch entschließen, an jene glänzend trügerische Erscheinung nicht mehr zu denken, und das kann dir eigentlich nicht schwer werden nach der Leidenschaftlichkeit, mit welcher du noch vor wenig Tagen die allerdings höchst angenehmen und milden Züge jener Photographie betrachtet. Lerne das Original erst kennen, und du wirst mit mir übereinstimmen, daß hier etwas Positiveres ist, als bei jenem leuchtenden Blitze, der deine Augen vorübergehend geblendet.« »Ja, ich will sie kennen lernen,« entschied sich endlich Schmoller nach einem tiefen Seufzer. »Aber indem du ruhig und natürlich auftrittst, denn die junge Dame hat ein stilles, gesetztes Wesen, welche die leidenschaftlichen Deklamationen, in denen du stark bist, kaum verstehen würde, ja, welcher schon deine Art, von dem Fort Maximilian herunter zu telegraphieren, recht auffallend erschienen sein mag und die wohl imstande wäre, dir bei der ersten Unterredung recht offen ihre Meinung darüber auszusprechen.« So, damit hätten wir einigermaßen vorgebaut, dachte Erich, indem er sich dem Freunde gegenüber ein sehr ernstes und würdevolles Ansehen zu geben wußte, welches auch seine Wirkung nicht verfehlte, denn Schmoller fragte hierauf etwas kleinlaut: »Wann glaubst du, daß wir zusammen jenen Besuch machen können?« »Wir haben morgen einen Feiertag,« gab Erich zur Antwort, »und wenn mich heute nicht irgend ein Unglück nach St. Agatha verschlägt, was man bei der Liebe des Herrn Hauptmanns für mich nie zu wissen vermag, so wäre ich morgen nachmittag bereit, mit dir hinaufzugehen.« »Also zu Fuße?« »Anders wird sich's nicht thun lassen, da ich dem Rappen des Herrn Premierlieutenants auf hohen Befehl, wie du vorhin gesehen hast, hier auf der Reitbahn Bewegung machen muß.« Hierauf trennten sich die beiden Freunde, ohne daß Schmoller glücklicherweise nach seiner Photographie verlangt hätte. Trug er doch an derselben Stelle, wo er jene aufbewahrt, jetzt das gefundene Veilchenbouquet, und wenn ihm auch Erichs Bemerkungen etwas von seiner Sicherheit benommen hatten, so glaubte er doch noch immer an Zeichen und Wunder auf dem Gebiete der Liebe und konnte sich nun einmal nicht entschließen, selbst das Außerordentlichste für unmöglich zu halten; er war darin ganz Königin von Golkonda, und mit jedem Schritte, den er langsam und träumend seinen Berg hinauf machte, erhob er sich von einer schwindelhaften Position zur anderen und war – vor dem Thore der Festung angelangt – so weit gekommen, daß ihn Seine Majestät der König auf dringendes Bitten der Eltern seiner Braut zum Grafen Schmoller von Schmollershausen ernannte, und ließ erst von diesen Träumereien, nachdem ihm ein scharfer Windstoß seine neue Mütze in einen recht unsauberen Winkel des Festungsgrabens geweht hatte. Erich war langsam die Treppe hinaufgestiegen und vernahm, als er in die Nähe seiner Stube gelangte, einen heftigen Wortwechsel, bei welchem er die Stimme Wiberts unterschied, welcher übrigens nicht mit jener brutalen Sicherheit sprach, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wogegen sich die andere Stimme, die des Unteroffiziers Wenkheim, in so scharfen Aeußerungen erging, wie sie dieser bis jetzt noch nicht gegen den Liebling des Hauptmanns von Manderfeld gebraucht. »Und wenn es nur ein Papier war,« rief der Unteroffizier, »das Sie sich nur ein wenig in der Nähe betrachten wollten, so war es immerhin ein strafbarer Eingriff in das Waffengerüst Ihres Kameraden, wozu Sie nach Ihrer Ansicht den passendsten Augenblick erwählt, da Sie geglaubt, es befände sich außer Ihnen niemand im Zimmer und nachdem Sie vorher die Thür sorgfältig zugeschlossen!« »Die Thür schloß ich zu, weil alle anderen auswärts beschäftigt sind und weil ich mich umziehen wollte.« »O, ich kenne Ihre Schamhaftigkeit!« hohnlachte der Unteroffizier. »Sie irrten sich auch wahrscheinlich im Waffengerüste und sahen das Papierpaket für ein reines Hemd an!« »Das erste ist allerdings der Fall, und wenn Sie mir nicht glauben wollen, so will ich Ihnen sogleich zeigen, daß ich ein ganz ähnliches Papierpaket in meinem Waffengerüste habe, wodurch ein Irrtum erklärlich wird.« »Na, Her–r–r–r, wir wollen doch sehen, ob Sie damit durchdringen!« Jetzt öffnete Erich rasch die Thür, und wenn ihm nicht das, was Wibert hatte ausführen wollen, sehr ernst und bedenklich vorgekommen wäre – denn er wußte wohl, um welches Papierpaket es sich handle – so hätte er in ein lautes Lachen ausbrechen müssen über den Anblick des Unteroffiziers Wenkheim, welcher, nur mit dem Ersten und Unentbehrlichsten, womit ein Mensch bekleidet sein kann, vor Wibert stand und zornrot in ihn hineinschrie. »Ja,« rief er, nachdem er die Thatsache mit dem Waffengerüste vor Erich wiederholte, »ich lag in meinem Bette mit der Decke über den Kopf, weil ich mich nicht ganz wohl fühle, und da glaubte er sich allein im Zimmer! Augenblicklich aber werde ich mich anziehen und diese Geschichte dem Herrn Premierlieutenant melden!« »Meinetwegen,« knurrte Wibert, dessen Trotz beim Anblicke Erichs wieder gewachsen war, »melden Sie es, wohin Sie wollen, und jeder vernünftige Mensch wird mir zugeben, daß hier ein Irrtum möglich ist – da ist das Paket aus meinem Waffengerüste.« Erich warf einen raschen Blick darauf und eilte dann an seinen eigenen, kleinen Schrank, um zu sehen, ob die gewissen Papiere, die sich dort versiegelt befanden, noch da seien, und sah sie allerdings, wenn auch etwas herausgezerrt aus Wäsche und sonstigen Dingen, worunter er sie sorgfältig versteckt. Ob er wohl leichtsinnigerweise vor einer Stunde vergessen, sein Waffengerüste zu verschließen – er konnte sich nicht mehr genau darauf besinnen; aber es war ihm klar, daß hier ein durchdachter Plan zu Grunde lag und daß Wibert ein ganz ähnliches Paket nur deshalb bereit hielt, um es in einem günstigen Augenblicke mit dem seinigen vertauschen zu können. Woran er früher nicht gedacht, that er jetzt, und schrieb auf das Paket seinen eigenen Namen, ehe er es sorgfältig wieder verdeckte und dann das Waffengerüst abschloß. Mit Wibert über diesen Vorfall ein weiteres Wort zu wechseln, hielt er überflüssig, ja er trat zu dem Unteroffizier, der sich hinter seinem Bette eiligst anzog, und bat ihn dringend, die Sache auf sich beruhen zu lassen. »Besser ist das am Ende allerdings,« polterte Wenkheim, »denn es möchte mir schier das Herz abdrücken, wenn ich melden müßte, das sei auf meiner Stube passiert! Hol der Teufel diesen langen Labander! Sehen Sie selbst zu, wie Sie mit ihm fertig werden! Ich muß in die Luft, sonst erstick' ich vor Zorn!« Dann eilte er hinaus, nachdem er sich rasch angezogen, und Erich trat ein paar Augenblicke nachher völlig ruhig und gesammelt an den Tisch, wo sich Wibert niedergelassen hatte und unbekümmert Brot und Butter zu einem Stücke Wurst schmauste; er ließ ihn sogar dieses Frühstück ruhig beenden, während er zum Fenster hinausschaute, und wandte sich erst dann gegen ihn, indem er sagte: »Den schlechten Streich, den Sie da eben ausführen wollten, dem Hauptmann zu melden, wäre vielleicht vergebliche Mühe, Sie werden mich wahrscheinlich verstehen; aber das sage ich Ihnen, sowie Sie sich noch einmal unterstehen, sich für mein Waffengerüst zu interessieren, sei es auch nur mit einem Ihrer unverschämten Blicke, so schlage ich Sie zu Boden!« »Oho,« schrie der andere aufspringend, »stützen Sie sich vielleicht auf die dumme und lächerliche Anklage des Unteroffiziers Wenkheim, um so mit mir zu reden? Warte, Bürschlein, wenn mir meine Faust nicht zu lieb wäre, um sie in Berührung zu bringen mit dem Gesichte eines so hergelaufenen Strolches, eines Spions und Verräters, so ...« Weiter vermochte er im Augenblicke nicht zu reden, denn Erichs Faust hatte ihn so gewaltig an der Halsbinde gepackt, die er rasch ein wenig herumdrehte, daß ihm das Wort in der Kehle stecken blieb, worauf in größter Geschwindigkeit ein paar klatschende Maulschellen auf seiner Wange brannten; dann ließ er ihn los, und Wibert, der um einen halben Kopf größer war und wie ein wildes Tier schnaubte und wütete, würde feige genug gewesen sein, es dabei zu belassen, wenn er jetzt nicht die Stimme des kleinen Bombardiers Schwarz vernommen hätte, der mit Weitberg in die Stube trat und der in entzücktem Tone ausrief: »O, famos – o, famos!« Das mußte ihn natürlich antreiben, sich auf Erich zu stürzen, wobei Wibert diesem von oben herab einen so tüchtigen Faustschlag {bild} auf den Kopf gab, daß ihm die Ohren sausten und ihm feurige Ringe aus den Augen sprangen; doch schien er nur eine Sekunde lang wie betäubt zu sein, dann unterlief er den langen Bombardier, preßte ihn fest an sich, um ihn darauf mit einer kraftvollen Schwenkung auf den Boden zu schleudern, daß die Planken krachten. Aber damit war es noch lange nicht genug, wie sich die schrille Stimme des kleinen Schwarz vernehmen ließ und wie auch Erich selbst dachte, gegenüber all den Unverschämtheiten, die sich Wibert täglich gegen die ganze Stubenkameradschaft zu schulden kommen ließ. Rasch langte er nach seinem Säbel, der zufällig am Tische lehnte, riß ihn aus der Scheide und fuchtelte mit der flachen Klinge einen gewissen Teil des langen Bombardiers so rasch und nachdrücklich, daß dieser alle Gegenwehr aufgab und in ein wahrhaft kannibalisches Gebrüll ausbrach, wozu Schwarz und Weitberg im höchsten Entzücken einen ausdrucksvollen Kriegstanz ausführten. Plötzlich aber fühlte Erich seinen Arm gehalten und sah, sich umwendend, in Weitbergs schreckensbleiches Gesicht, dessen Augen nach der geöffneten Thür starrten, in welcher der Hauptmann von Manderfeld mit dem Premierlieutenant Schaller standen. Da war nun nichts zu machen – sich durch irgend etwas zu entschuldigen, hätte Erich jedenfalls unter seiner Würde gehalten, weshalb er kaltblütig ein wenig auf die Seite trat und den Säbel wieder in die Scheide steckte, nachdem er vorher mit demselben salutiert, was allerdings wie der größtmöglichste Hohn ausgelegt werden konnte und gewiß auch so, ja noch viel schlimmer ausgelegt wurde. Der Hauptmann von Manderfeld schien nur mit großer Mühe seine aristokratische Ruhe beibehalten zu können, und selbst der Premierlieutenant schüttelte bedenklich mit dem Kopfe; doch überwand der erstere jeden Ausdruck eines gemeinen Zornes, zog ruhig sein Batisttuch hervor, wischte langsam seinen Schnurrbart nach beiden Seiten und sagte dann erst in einem affektiert gleichgültigen Tone: »Sie haben wohl die Güte, Herr Premierlieutenant, den Wachtmeister Pinckel zu veranlassen, daß dieser Mann da in Untersuchungsarrest gebracht wird, und werde ich über die Aufnahme des species facti das Nähere selbst befehlen.« Damit verließ er die Stube, wo sowohl Schwarz als Weitberg in der größten Bestürzung zurückblieben. Ersterer kratzte sich hinter den Ohren, und statt seinen Lieblingsausdruck zu gebrauchen, sagte er in kläglichem Tone: »O weh, o weh!« Der lange Wibert war, sich tüchtig reibend, hinter den Betten verschwunden, und Erich dachte: »Was ist's weiter – einmal hat es doch so kommen müssen!« – Nur als er hierauf an das Jagdschlößchen und an Blanda dachte, konnte er sich eines schmerzlichen Gefühles nicht erwehren. Aber die schwere Wetterwolke sollte noch einmal gefahrlos über seinem Haupte dahinziehen; denn es waren kaum zehn Minuten nach diesem Vorfall vergangen, als der Unteroffizier Wenkheim hastig mit hochrotem Gesichte in das Zimmer trat und ausrief: »Der Bombardier Freiberg wird auf einen neuen Befehl des Herrn Hauptmanns nicht in Untersuchungsarrest abgeführt, der Bombardier Wibert aber ist auf die Stube Nr. 8 versetzt!« Da fing der schmächtige Weitberg vor Freuden an zu jauchzen und zu tanzen, und der kleine Schwarz, nachdem er gellend: »O, famos – o, famos!« geschrieen, eilte zur Markedenterin, um den Rest seiner Barschaft gegen Schnaps und Wurst umzusetzen. 40. Kapitel Unangenehme Botschaften werden unterbrochen durch einen Besuch der Gräfin Haller bei Blanda, mit welchem ein zartes Abenteuer seinen Abschluß erhält. Als Erich und Schmoller am anderen Tage nach dem im vorigen Kapitel erwähnten Vorfalle zusammen nach dem Jagdschlößchen hinaufgingen und ersterer seinem Freunde dieses Zusammentreffen mit Wibert und dem Hauptmann von Manderfeld erzählte, sagte Schmoller: »Darin kann durchaus kein Zweifel obwalten, daß dich der Unteroffizier Wenkheim durch den Rapport, den er über Wiberts Beschäftigung gemacht und als rechtlicher Mann machen mußte, von dem gefährlichen Untersuchungsarreste befreit; sei aber dagegen versichert, daß dir dein Batteriechef die Behandlung seines Lieblings betreffend gehörig ins Wachs drücken wird, und nimm dich aufs äußerste zusammen, um ihm keine Veranlassung zu geben zu neuem Untersuchungsarrest, mit species facti verzinst.« Was kann ich dagegen thun?« entgegnete Erich achselzuckend. »Er hat hundert Wege, um mir beizukommen!« »Dich unter keinem Vorwande mehr in solche Geschichten einlassen wie die mit Wibert. Wie hättest du dagestanden, wenn du das ruhig und vernünftig angepackt hättest! Denn ich will nicht leugnen, daß ich auch fast vermute, der Kerl hat ein Gelüste nach deinen Papieren gehabt, doch nicht aus eigenem Antriebe, und deshalb hättest du klüger sein sollen.« »Möglich; aber ich hätte dich an meiner Stelle sehen wollen, ob dich nicht auch der Zorn übermannt hätte!« »Auch war es leichtsinnig, das Paket in deinem Waffengerüste zu lassen; ich hätte es dir besser aufgehoben. Wo hast du es jetzt?« »Hier, bei mir, um es in die Hände einer der Damen zu legen, die wir auf dem Jagdschlößchen besuchen werden.« »Auch nicht übel, denn wer weiß, ob ich es hätte lang bei mir behalten können, da seit gestern wieder stark die Rede ist von der baldigen Versetzung unserer Festungscompagnie.« Unter diesen Gesprächen hatten sie die Stelle erreicht, wo der Waldweg von der Chaussee ab nach dem Jagdschlößchen führte und wo man schon das Dach desselben durch die kaum mit dem ersten zarten Grün bekleideten Bäume hervorschimmern sah. Schmoller kürzte hier auffallend seine Schritte und wurde sehr schweigsam, sowie sie sich ihrem Ziele näherten. Von Erich deswegen befragt, gab er zur Antwort: »Ich muß schon gestehen, daß ich da droben nicht mit meiner gewöhnlichen Sicherheit auftreten werde, was du begreiflich finden wirst; denn mag man es nehmen, wie man will, ich befinde mich da in einer sonderbaren Lage – vor eine Dame hinzutreten, mit der ich Briefe und Gedichte gewechselt, ohne sie je Auge in Auge gesehen zu haben, die auch ebensowenig genau weiß, wie ich aussehe, und die mich statt mit einem freundlichen A–a–a–ah! ebensogut mit enttäuschendem O–o–o–oh! empfangen kann.« Erich, der es nicht für zweckmäßig hielt, seinem Freunde den wahren Sachverhalt mitzuteilen, begnügte sich, seine Worte von gestern ungefähr zu wiederholen, daß man es mit einem sehr einfachen, aber höchst liebenswürdigen Wesen zu thun habe, {bild} deren Gunst zu erringen sich Schmoller glücklich schätzen könnte, und damit hatten sie die Hofmauer erreicht. Es war ein milder, aber etwas trüber Tag, der Himmel mit leichtem Gewölk überzogen, durch welches zuweilen ein Lichtstrahl zuckte, als mache die Sonne vergebliche Anstrengung, durch die grauen Dünste zu brechen. Hie und da zeigten sich auch dunklere Streifen, aus denen man Regen erwarten konnte, und da nirgendwo ein bewegender Lufthauch zu spüren war, standen Bäume und Sträucher ohne die leiseste Regung, ernst, erwartungsvoll, trübe, weil ohne Licht, und gaben so der ganzen, sonst im Sonnenglanze so heiteren Waldlandschaft etwas Ernstes, ja Trauriges, wozu das eben erwähnte wechselnde Licht in den Wolken wie ein schmerzliches Zucken erschien und vortrefflich paßte. Dazu kam noch die tiefe Stille, welche auf dem ganzen Gehöfte lag. Da es Feiertag war, so befanden sich die Knechte in der Kirche des benachbarten Dorfes; der Förster war in den Wald gegangen, und leise Zithertöne, die vom Garten herüberzudringen schienen und die wie der melancholische Hauch einer Aeolsharfe klangen, vermehrten noch das eigentümlich Feierliche der Stimmung. »Es ist hier gerade so,« flüsterte Schmoller, »als wenn man ein verzaubertes Schloß beträte, und wenn dort ein trotziger Knecht mit Lederwams und Armbrust oder einer Hellebarde in der Faust erschiene, würde ich mich gar nicht wundern.« »Ja, oder wenn ein kleiner Zwerg hervorträte,« pflichtete Erich bei, »um uns zu melden, daß die Fee, welche hier gehaust, gestern auf einem Drachenwagen abgeholt worden sei – doch ist es trotz alledem so arg nicht; da öffnet sich die Thür des Hauses, und wir werden etwas ganz Natürliches zu sehen bekommen.« Und so war es auch in der That. Auf der Schwelle erschien Mamsell Stöckel, sichtbar in einiger Verlegenheit, als sie die jungen Leute sah und gewiß beide erkannte, wobei Erich sich nicht enthalten konnte, die Aufmerksamkeit Schmollers durch einen Ellbogenstoß anzuspornen; dann näherte er sich rasch der Thür und stellte seinen etwas schüchtern folgenden Freund vor, daran eine Frage nach Blanda knüpfend. »Sie ist hier im Zimmer,« antwortete die ehemalige Lehrerin etwas errötend, während sie es auffallend vermied, den Freund Erichs anzublicken, der seine Mütze abgenommen hatte und in einer demütigen Haltung vor ihr stand; »Blanda wünscht Sie zu sprechen,« setzte sie alsdann rasch hinzu – »ich glaube, allein zu sprechen –, und wenn mich Ihr Freund unterdessen in den Garten begleiten will, wo auch mein Neffe ist, so werden Sie uns dort später mit Blanda finden.« – Sie zeigte mit der Hand auf den Weg, der um das Haus in den Garten führte, und ging dann voraus, während ihr Schmoller in nicht ganz sicherer Haltung folgte. »Wohl bekomm ihm die Predigt!« dachte Erich in übermütiger, glücklicher Laune, die gesteigert wurde durch das Bewußtsein, daß ihn Blanda erwarte und daß er sie allein sehen werde. Rasch trat er über den Vorplatz in die Halle und eilte in herzlicher Freude zu Blanda hin, die in dem großen Stuhle unter dem Epheu saß. Doch erschrak er, als er in ihre heute so außerordentlich bleichen Züge blickte und als er an ihren geröteten Augen sah, daß sie geweint habe – heftig geweint »Was ist dir geschehen, Blanda?« »Vieles, vieles, und deshalb bin ich so glücklich, daß du kommst – o, es war gestern für mich ein recht trauriger Tag!« »Erzähle mir das ruhig und ohne dich aufzuregen.« »Das ist unmöglich, ja die erste Mitteilung, die ich dir zu machen habe, wird dich ebenfalls in große Aufregung versetzen – Kolma ist tot!« »Kolma tot! Unmöglich, Blanda! Woher wüßtest du es auch?« »Durch Schlimmeres, was mich betroffen: jener Mann war gestern hier oben, der seit Jahren, so oft ich an dich freundlich dachte, wie ein garstiges Gespenst neben dir stand, jener Mann, der dich damals verfolgte, der dich ins Gefängnis warf, woraus Kolma dich auf meine Veranlassung errettete.« »Graf Seefeld?« »Er selbst; es war gestern morgen ungefähr um diese Zeit, als wir im Garten saßen, die gute Stöckel und ich, da hörten wir ein rasch galoppierendes Pferd, und ich will es nicht leugnen, Erich, daß ich vor das Haus eilte, um dich herzlich zu begrüßen, aber erkannte meinen Irrtum erst, als es zu spät war, zurückzutreten, und mußte es deshalb geschehen lassen, daß er sein Pferd dicht vor mir gewaltsam zum Stehen brachte, und mußte es mit anhören, daß er im Tone höchster Ueberraschung ausrief: ›Welche Erscheinung!‹« »O, er hat gewiß noch weiteres zu sagen gewagt!« sprach Erich mit zusammengebissenen Zähnen. »Es ist möglich; doch da ich ihn augenblicklich wieder erkannte, war ich so bestürzt, daß ich kaum jene Worte vernahm. Dann schwang er sich aus dem Sattel, warf die Zügel seinem Reitknechte zu und blieb einen Augenblick vor mir stehen, mich mit einem Lächeln anblickend, als wolle er in ähnlicher Weise, wie er mich begrüßte, fortfahren. Doch besann er sich eines Bessern; seine Züge nahmen einen andern Ausdruck an, dann legte er seine Hand an die Mütze und sprach in einem ernsten, fast ehrfurchtsvollen Tone: ›Könnten Sie es sein, mein Fräulein, der ich eine Nachricht zu überbringen habe?‹ »Glücklicherweise kam in diesem Augenblicke die gute Stöckel heran, der er seinen Namen nannte und hinzusetzte, er suche eine junge Dame Miß Price, die bis vor kurzem in dem adeligen Fräuleinstifte der Residenz gewesen sei, worauf sie mich ihm durch eine Handbewegung bezeichnete.« »Und er war es, der die Nachricht von Kolmas Tod überbrachte?« fragte Erich schmerzlich bewegt. »Er war es, und was er mir von ihrem Tode erzählte, trug so den Stempel der Wahrheit, daß leider nicht daran zu zweifeln ist.« »Er konnte allerdings von Kolma wissen,« sprach Erich traurig vor sich hin, »denn an dem Abend, wo wir beide hier oben waren, hatte er sie in der Stadt gesprochen. O, wie ich sie an jenem Abend sah, nach Jahren zum erstenmale wieder sah, hat mich ihr Anblick aufs tiefste erschüttert! Gewiß, gewiß, sie litt tief und hoffnungslos, und dieses Bewußtsein sprach auch häufig aus ihren Worten – aber entsetzlich ist es, daß gerade er dich von ihrem Tode benachrichtigen mußte – und wie starb sie?« »In jener Nacht auf der Fahrt nach Hause, in ihrem Wagen – wohl sanft und schmerzlos, wie er mir sagte; denn als ihre Dienerin den Schlag geöffnet, habe sie anfangs geglaubt, sie schlafe.« »Die arme, arme Kolma! Wie glücklich bin ich, sie noch gesehen zu haben, und auch dir, Blanda, wird das eine liebe Erinnerung sein!«– Seine Augen hatten sich mit Thränen gefüllt, und als sie ihm nun ihre beiden Hände reichte, drückte er diese an seine Lippen und zog dann das weinende Mädchen sanft an sich. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, und ihr gewaltsames Schluchzen fühlte er deutlich an dem heftigen Zucken ihres Körpers. Erst nach einer langen Pause sagte sie, sich aufrichtend: »Jetzt fühle ich es erst recht schmerzlich, wie völlig einsam ich in der Welt stehe, o, entsetzlich einsam – ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne – einen Namen!« »Wie kommst du jetzt darauf, meine gute, gute Blanda?« »Durch eine Äußerung jenes Mannes, durch eine Frage, die er halb an mich, halb an meine liebe Stöckel that, die aber klang, als spräche er ungläubig mit sich selber. ,Und Sie heißen wirklich Miß Price?' sagte er einmal im Laufe des Gespräches. Ich vermochte nicht darauf zu antworten; denn wenn auch die Stöckel jene Frage eifrig bejahte, wußte ich es selbst doch zu genau, daß ich ja keinen Namen habe.« »Aber einen Freund, der dich nie, nie verlassen wird!« rief Erich glückselig aufjauchzend, denn es durchdrang ihn ein seliges Gefühl bei dem, was sie eben gesagt; ja der für sie so schmerzliche Gedanke, daß sie niemand auf der weiten Welt habe, ließ ihn vor Freude erbeben. Durfte er es alsdann doch wagen, ihr Beschützer zu sein, durfte er alsdann doch hoffen, daß sie sich fest und innig an ihn schlösse, ihn als ihren Verwandten, ihren Bruder, als einen lieben, trauten Freund betrachte und auf seine Meinung, seinen Rat höre – dann war ja auch er nicht mehr allein auf der Welt, dann hatte er ein Wesen, dem er herzlich gut sein, für das er später vielleicht einmal sorgen durfte! Wie reich und glücklich fühlte er sich durch diesen Gedanken! Er hätte in diesem Augenblicke mit keinem Könige getauscht, ja wenn der Versucher an ihn herangetreten wäre, um ihm für Blandas Freundschaft die glänzenden, heiß ersehnten Epauletten zu bieten, er würde sie höchst wahrscheinlich von sich geworfen haben. Sie blickte durch Thränen lächelnd zu ihm auf und sagte: »Ich danke dir, Erich, dafür, daß du mein Freund sein willst, ich bin stolz darauf und werde gewiß bald in den Fall kommen, deinen Schutz, deine Hilfe anzurufen – ach, ich werde es notwendig brauchen!« »So hat er dir noch Schlimmeres gesagt,« rief Erich mit funkelnden Augen, »so haßt und verfolgt er dich?« »O nein, man haßt und verfolgt mich nicht, im Gegenteil, man gibt sich die Miene, mir sehr wohlzuwollen, sich sehr lebhaft für mich zu interessieren.« »O, das ist viel schlimmer!« sagte er mit leiser Stimme und einem Gefühle, welches ihm schmerzlich durch die Seele schnitt. »Und woraus erfuhrst du das?« »Aus einzelnen Worten, Blicken und Mienen, und dann fühlte ich es – hier.« Sie legte bei diesen Worten die Hand auf das Herz und fuhr dann mit niedergeschlagenen Augen fort: »Ich habe nie eine solche Angst, ein solches Weh empfunden, als bei seinen Blicken und Worten.« »O, ich verstehe dich, Blanda!« rief er mit aufloderndem Zorn und mit krampfhaft geschlossenen Händen. »Und gerade dieser Mensch, der mir schon so viel Leides zugefügt – und was sagte denn die Stöckel dazu?« »Als er endlich fort war und ich mich weinend in ihre Arme warf, da suchte sie mich allerdings zu trösten, aber mit Worten, die doch eigentlich kein Trost für mich waren. Vorher schon hatte sie höflich, fast ehrerbietig gelächelt, als er zu uns sprach, und ängstlich nach ihrem Bruder, dem Förster, hinübergeblickt, der dazukam, schon von weitem seinen Hut abnahm und sich mit tiefen unterwürfigen Bücklingen Seiner Erlaucht näherte.« »Und was sagte sie dir dann, Blanda?« rief Erich heftig, fast rauh. »Sie sagte, man müsse sich nicht gleich so trotzig abwenden, wenn Leute, deren Hilfe wichtig für uns werden könne, freundlich, sogar scherzend mit uns sprächen; sie sagte, es könne mir eigentlich nichts schaden, wenn ich mir das Wohlwollen meiner früheren Beschützerin, der Gräfin Seefeld, das ich doch verloren zu haben schiene, wieder gewänne.« »Durch ihn? Das Wohlwollen der Gräfin, die gewiß eine gute und edle Dame ist – o, wie dumm ist diese Stöckel!« »Verstehst du nun, Erich, daß mich alles das recht unglücklich macht?« »Ob ich dich verstehe, meine gute Blanda!« »Und daß mir hierdurch mein Aufenthalt hier oben, wo ich so glücklich war, beinahe verhaßt geworden – auch ...« »Sprich doch, Blanda, was hast du sonst noch?« bat er, als sie plötzlich schwieg. »Auch beunruhigt es mich, daß der arme Sohn des Försters sich gar so viel um mich bekümmert, daß er mir wie sein Schatten folgt und daß seine traurigen Augen so lebhaft zu mir sprechen, wenn auch sein Mund fast stumm ist – ich muß fort von hier, Erich,« rief sie schmerzlich aus, in Thränen ausbrechend, »aber ich weiß nicht, wohin! O, wüßte ich nur, wo jene Leute sind, die mich liebten und verehrten, die ich nie hätte verlassen sollen, mit ihnen leben, mit ihnen sterben – wüßt' ich Zaregg zu finden, jenen kühnen, gewaltigen Mann, der mir, dem Kinde, auf Schritt und Tritt folgte, der seine starke Faust, seine weißen, zusammengebissenen Zähne trotzig und drohend gegen den Wind kehrte, wenn dieser zu unsanft durch mein Haar fuhr – aber wo sind sie geblieben? Zerstreut in alle Welt, gestorben, verdorben! – Viel durch die Schuld der armen Kolma, die ihre Hand und ihren Geist von ihnen abzog, die, wenngleich nicht unmittelbare, Veranlassung war, daß auch wir jene verließen. – An die Gräfin Seefeld schrieb ich aus der Pension und erzählte ihr ausführlich, ohne jeden Rückhalt, die Veranlassung, weshalb man mich von dort entfernt, erhielt aber keine Antwort und werde auch von dort nie eine erhalten.« Darüber konnte Erich nicht anders als eine heimliche Freude empfinden; allerdings eine etwas eigennützige Freude, aber begreiflich, beinahe verzeihlich. Er sah es wieder vor sich, jenes große Schloß mit seinen weiten Gemächern und langen, öden Gängen, und in seiner Phantasie zog sich rings umher ein Zauberbann, den er nie mehr übertreten dürfe; dort einmal hineingeraten, durfte er nie hoffen, Blanda wieder zu sehen – so dachte er, war aber doch nicht egoistisch genug, diesen Gedanken Worte zu verleihen, und selbst dann nur annähernd und vermittelnd, als ihm plötzlich die Mühle des Doktors Burbus vor Augen schwebte und das segensreiche Walten jenes wohlwollenden, thatkräftigen Mannes. Ja, diesem beschloß er sich anzuvertrauen, ihm Blandas ganze Geschichte mitzuteilen und sich seinen Rat, seine Hilfe zu erbitten. Allerdings war dann wohl anzunehmen, daß der Doktor, der mit den Verhältnissen der Familie Seefeld genau bekannt war, auch dort seine Erkundigungen einziehen würde, ja, es vielleicht vermöge, das Wohlwollen der Gräfin für das arme junge Mädchen wieder zu erwecken, und dann – und dann stand er selbst wieder verlassen vor jenem Zauberkreise, der ihn ewig von dort fern halten mußte. O, wie tief schmerzte {bild} ihn dieser Gedanke, der nach allem Nachsinnen stets wiederkehrte! Vielleicht bekümmerte sich der Doktor Burbus in seiner derben, geraden Weise auch nicht im geringsten um die Seefeldsche Familie, vielleicht ließ er sich für Blandas Schicksal interessieren, wußte in diesem Falle Rat und Hilfe – und dann – vielleicht – blieb auch ihm die Hoffnung, Blanda nicht zu verlieren. Weiter mochte und durfte Erich nicht träumen, es schwindelte ihn; weiterhin verlor sich all sein Denken und Fühlen in ein wunderliches Gemisch von Leid und Freude, sowie in Wirklichkeit in das Anschauen von Blandas schönen, klaren Augen, mit denen sie ihn fast erstaunt ob seines langen Schweigens betrachtete. Da hörte man draußen vom Hofe herein mit einem Male das rasche Rollen eines Wagens, der vor dem Jagdschlößchen hielt, dann wurde die Hausthür geöffnet, dann vernahm man rasche Tritte auf dem Vorplatze und dann erschien auf der Schwelle des Gemaches, worin die beiden sich befanden, eine junge, sehr elegant gekleidete Dame, die sich mit dem Ausrufe: »O, meine arme Genoveva!« in Blandas geöffnete Arme warf – »Hab' ich dich endlich gefunden, mein Herz, was mir wahrlich Mühe genug gemacht hat, denn du bist hier oben versteckt, wie eine gefangene Prinzessin! Ach, meine Blanda, wie lange haben wir uns nicht gesehen! – Freust du dich auch, daß ich endlich zu dir gedrungen bin?« »Ob ich mich freue, Klothilde!« antwortete Blanda mit glänzenden Blicken. »Ich dachte schon, auch du hättest mich völlig vergessen!« »Ich dich vergessen? O, ich vergesse niemand, den ich einmal geliebt, aber von dir ist es nicht recht, dich so zu verstecken! Weißt du wohl, daß ich schon vor einigen Tagen den sauren Gang zur Frau von Welmer that, um mich nach dir zu erkundigen? – Wie hat sich das Haus da droben verändert! Ich sage dir, es ist so still und unheimlich, als sei es nur von Gespenstern bewohnt, und ich bin auch überzeugt, daß der Geist der Quadde um die Mitternachtsstunde weherufend durch unseren Schlafsaal schwebt – aber wen hast du denn da, mein Herz?« flüsterte sie mit einem Blicke auf Erich, welcher sich beim Eintreten der jungen Dame nach der Thür zurückgezogen hatte. »Einen Jugendbekannten, den ich dir sogleich vorstellen will.« »Auch von der Artillerie?« lachte die Gräfin Haller schelmisch. »Ein hübscher Mensch – ich werde nächstens ganz an dir irre werden, Blanda. Aber denke dir nur, die boshafte Welmer wollte mir nicht sagen, wo ich dich finden könne, und da fiel mir denn glücklicherweise ein, daß du ja mit der Gräfin Seefeld liiert gewesen, weshalb ich mich an ihren Vetter, den Grafen Dagobert, wandte, der mir denn auch sogleich verriet, wo du zu finden seist; der mir auch auf meine vorwitzige Frage gestand, daß man dich hier oben ein bißchen zur Strafe in der Einsamkeit halte und mir darum allergnädigst nur diesen einzigen Besuch erlauben wollte, wobei ich ihm versprechen mußte, deinen Aufenthalt niemand zu verraten. – Aber weißt du auch,« fuhr sie, ihren Ton in einen erkünstelten Ernst verändernd, fort, »daß mich diese Geheimnisthuerei eifersüchtig machen könnte, wenn mir das Geringste an den Galanterien des häßlichen Grafen gelegen wäre – aber nicht so viel!« – Dabei schnippte sie mit dem Finger. – »Doch stelle mir jetzt deinen Freund vor, er ist im Begriffe sich zur Thür hinauszuschleichen.« »Recht gern – Herr Erich Freiberg von der reitenden Artillerie – Gräfin Haller.« »Ich freue mich sehr,« sagte diese, »einen Freund meiner guten Blanda kennen zu lernen; Sie sind drunten in Garnison, doch wohl nicht auf dem Fort Maximilian?« »Ja und nein,« erwiderte Erich, mit einer zwanglosen Verbeugung näher tretend; »eigentlich sollte ich sagen, um Ihre Frage folgerichtiger zu beantworten: nein und ja, denn ich bin allerdings drunten in Garnison, habe aber nicht das Glück, auf dem Fort Maximilian zu wohnen.« »Ist das ein Glück?« »Der schönen Aussicht wegen, gnädige Gräfin.« »Vielleicht früher,« sagte sie lustig lachend, »um in Blandas Fenster schauen zu können« – und setzte leise, gegen ihre Freundin gewendet, hinzu: »Oh über dich, meine kleine Heuchlerin! Meine Geheimnisse nahmst du, ohne mir deine dafür mitzuteilen! Ach, es war doch eine hübsche Zeit, als wir noch so unbefangen und harmlos uns mit kindischen Dingen beschäftigten!« »Wenn Sie erlauben, so suche ich meinen Freund bei Fräulein Stöckel auf,« sagte Erich, konnte aber von Blanda nicht sogleich eine Genehmigung erhalten, da die Gräfin Haller ihr eifrig ins Wort fiel: »Was, unsere gute Stöckel ist auch hier – wahrscheinlich als deine Gouvernante? Kind, du bist ja hier oben recht praktisch eingerichtet, wenn auch ein bißchen streng! Ich würde mir das verbeten haben! Papa sprach mir auch von einer Gouvernante, doch gab ich ihm sehr ernst zu verstehen, daß ich über dergleichen kindische Zwangsmittel hinweg sei. – Aber die Stöckel möchte ich sehen; bitte, Herr von Freiberg, der guten Person zu sagen, daß eine ihrer ehemaligen Schülerinnen sie später einen Augenblick begrüßen möchte.« »Bis nachher, Erich,« sagte Blanda, dem jungen Manne die Hand reichend, welcher sich nach einem ehrfurchtsvollen Gruße zurückzog. »Das ist in der That ein recht hübscher junger Mann,« sagte Klothilde, ihm nachblickend, und auch ein hübscher Name: Erich von Freiberg.« »Nur Freiberg, ohne ›von‹,« berichtigte Blanda lächelnd. »Wenn es dir so genehm ist, will ich es glauben; aber man weiß nie, wie man bei dir daran ist. Vielleicht in kurzer Zeit entwickelt sich aus diesem Herrn Freiberg ein Baron oder Graf Erich, und das wäre dann immer noch nicht zu viel für meine herzige Genoveva!« »Ich verstehe dich in der That nicht, Klothilde, du sprichst in Rätseln für mich!« »Du bist selbst das größte Rätsel, mein Herz, oder besser gesagt, du hast noch nie gewußt, was du eigentlich wert seiest für mich, die ich dich so herzlich liebe und für die du in jeder Lebenslage die gute treue Blanda sein wirst, mehr als für alle anderen!« »Ich begreife dich wahrhaftig nicht!« »Ich wollte damit nur sagen, daß es mir nur um dein Herz zu thun und sonst gleichgültig ist, ob aus der einfachen Hülle der Miß Price später einmal eine Baronin, eine Gräfin oder gar eine Herzogin emporflattert!« Jetzt konnte sich Blanda nicht enthalten, herzlich zu lachen, worauf sie zur Antwort gab: »Du bist zu komisch, Klothilde, du bauest in einem fort die glänzendsten Luftschlösser für dich und für andere; glaube mir aber, ich weiß nur zu genau, daß ich ohne Familie, ein armes, unbekanntes, in der Welt alleinstehendes Mädchen bin!« »Streiten wir nicht darüber, liebe Genoveva; ich habe stets die Geheimnisse der Anderen geachtet und achte vor allen die deinigen, meiner lieben, guten Freundin!« »Aber wie kommst du auf solche närrische Ideen?« »Um dir zu beweisen, daß ich weniger zurückhaltend bin, als du, will ich dir darüber mitteilen, was ich dir zu sagen imstande bin. Daß ich, aus der Pension heimkehrend, nach allem, was vorgefallen ist, zu Hause nicht so empfangen wurde, wie es mir lieb gewesen wäre, wirst du verstehen; aber meinen guten Papa kannte ich zu genau, um nicht ein verdächtiges Zucken in seinen Mundwinkeln zu bemerken, als er mir eine massive Strafpredigt hielt über das ungeheure Verbrechen, welches wir gegen die Quadde begangen; auch wußte ich ihm das Ganze so ergötzlich zu schildern, daß er sich rasch umwandte, um mich zur ferneren Abkanzelung meiner Tante zu übergeben, welche denn auch dieses fruchtlose Geschäft mit gehöriger Energie betrieb, wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit ich das Klügste that, was ich thun konnte, nämlich alle fünf Minuten lang mit einem tiefen Seufzer die Worte einzuschalten: Ja, meine liebe Tante! Und das paßte vortrefflich, da sie in lauter meistens höchst indiskreten Fragen zu mir sprach: ob ich von meinem tiefen Unrecht überzeugt sei, ob ich mich nicht als strafwürdige Anstifterin betrachten müsse, ob es nicht eine Schande für die ganze Familie sei und dergleichen mehr. Schließlich machte sie alsdann meinem wieder eintretenden Papa einige Strafvorschläge für mich: das Unterbringen in einer neuen Pension, eine sehr strenge Gouvernante; und als zu allem dem Papa, der froh ist, mich wieder zu Hause zu haben, den Kopf schüttelte, bestand sie auf dem nach ihrer Ansicht Allergelindesten, eine Audienz bei der alten Frau Herzogin nachzusuchen, um dort nach einer de- und wehmütigen Bitte um Verzeihung wieder zu Gnaden aufgenommen zu werden. »Dem konnte ich nun nicht entgehen und wurde vor ein paar Tagen, ein armes, wehrloses Opferlamm, in das Palais der Frau Herzogin geschleppt, um eine zweite, ebenfalls gesalzene Strafpredigt zu empfangen. Doch ging es besser, als ich es erwartet, woran indessen meine Klugheit schuld war. Ich hielt nämlich ein kleines Stückchen Zucker zwischen den Fingern, und als der berühmte Hund Mignon, seiner Herrin weit voraus, dahersprang, war ich so glücklich, mir durch den Zucker seine Gunst in solchem Grade zu erkaufen, daß er schweifwedelnd vor mir stehen blieb und meinen Handschuh beleckte. Fast hätte ich laut hinausgelacht, als ich trotz meines tiefen Komplimentes sah, wie sich die ernsten, finsteren Züge der Frau Herzogin – meine Tante ging neben ihr und stopfte alles mögliche Schlimme über mich in sie hinein – beim Anblicke des gnädigen Mignon freundlich verwandelten und sie dann mit aufgehobenem Zeigefinger zu dem Hunde sagte: »Mignon, Mignon, du scheinst mir in der That keine Menschenkenntnis zu besitzen, denn das ist ein sehr böses Fräulein!« »Natürlich faltete ich in Demut meine Hände und verneigte mich so tief, daß ich kaum sehen konnte, wie die alte Herzogin auf mich zuhumpelte, schrak auch sehr natürlich zusammen, als sie nun meinen Kopf aufrichtete, mich dann mit dem Handschuh leicht auf die Wange schlug, wobei sie sagte: »,Strafe muß sein, Strafe muß sein; ist mir das nicht ein kleines, unartiges Geschöpf! Revolutionen in meinem Stifte anzuzetteln, pfui! Revolutionen – ganz Demokratin – und das eine Gräfin Haller!' »Daß meiner Tante diese Art von Strafpredigt durchaus nicht die richtige schien, sah ich an ihrer sehr ernsten Miene; doch was wollte sie machen? Und sie hatte ihr Spiel total verloren, als mich die alte Herzogin die Vorgänge im Stifte erzählen ließ. . Daß ich die Quadde nicht schonte, darauf kannst du dich verlassen, wogegen ich von Frau von Welmer alles mögliche Gute sagte, besonders da ich augenblicklich fühlte, daß ich der Frau Herzogin einen Gefallen that. Mehrmals lachte diese laut auf, und ich sah, wie das jedesmal meiner Tante einen Stich ins Herz gab. Dann traten die beiden Damen ans Fenster, und ich spielte mit dem liebenswürdigen Mignon so unbefangen als möglich, verlor aber dabei wenig Worte von der Unterhaltung der beiden, wobei es dann förmlich lustig war, daß die alte Herzogin mein Benehmen bei meiner eigenen Tante entschuldigte und sie schließlich ersuchte, die ganze Sache nicht so schwer zu nehmen, besonders da die Quadde allerdings eine unausstehliche Person gewesen sei. Das Stift werde sie weiter von der Stadt verlegen, es aber jedenfalls in der Hand der vortrefflichen Welmer belassen.« »Das freut mich!« sagte Blanda. »Jetzt aber kommt für dich die Hauptsache, mein Herz,« fuhr Klothilde fort – »mit einem Male hörte ich deinen Namen nennen.« »Meinen Namen, aber gewiß nicht im Guten?« »Deinen Namen: Miß Price – von der Herzogin: sie sagte: Mir thut es leid, daß die Gräfin Seefeld das junge Mädchen unter einem angenommenen, gänzlich unbekannten Namen dort ließ und so ein Geheimnis um sie wob, das zu enthüllen erst vor ein paar Tagen der Welmer gelang!« »Darauf wäre ich selbst sehr begierig!« warf Blanda lächelnd ein. »Eine fremde Dame habe die Welmer vor kurzem besucht und sich dringend nach dir erkundigt.« Ah Kolma! dachte Blanda, welche, die Unterredung derselben mit der Direktorin des adeligen Stiftes kennend, wohl wußte, was nun kommen würde. »Jene Dame habe der Welmer nach langem Drängen und Bitten endlich anvertraut, daß du, mein Herz, von sehr hoher Geburt seiest – eine Herzogin.« »O, du närrisches Kind!« konnte Blanda hier nicht unterlassen, auszurufen. »Jene fremde Dame, die ich kenne, hat ihre Gründe gehabt, der Frau von Welmer ein Märchen zu erzählen!« »Wie du willst, mein Herz; ich glaube alles, was du verlangst, und wenn du mir heute einreden willst, dein Vater sei ein Schuhflicker gewesen, achte ich deine Gründe zu sehr, um dir zu widersprechen, muß dir aber doch noch mitteilen, daß die alte Herzogin schließlich zu meiner Tante sagte: »›Dem sei nun, wie ihm wolle, jedenfalls hat dieses junge Mädchen ein feines, hocharistokratisches Air, was mich auch bestimmte, sie ins Stift aufzunehmen, und wenn die zänkische Quadde nur eine Spur von Menschenkenntnis gehabt hätte, müßte sie im täglichen Umgange das jedenfalls herausgefühlt haben. Ein solch edles Blut verleugnet sich nicht.‹ »Und nun, meine Herzogin, bin ich gekommen, dir unter dem Ausdrucke meiner Liebe auch den der tiefsten Ehrfurcht zu Füßen zu legen.« Blanda fühlte sich durch das, was ihre Freundin zuletzt gesagt, tief bewegt, fast erschüttert, nicht als ob sie auch nur im entferntesten daran geglaubt hätte, einer vornehmen Familie anzugehören; erinnerte sie sich doch deutlich daran, daß ihre Mutter, die im Elende gestorben war, so oft ihres Vaters als eines {bild} braven Mannes erwähnt, ohne Vermögen, ohne jegliche vornehme Familienverbindung, ein allerdings ehemals fleißiger und geschickter Maschinenarbeiter, der aber durch Unglücksfälle, hauptsächlich durch den Verlust dreier Finger der rechten Hand, mit seiner Familie ins Elend geraten und so heruntergekommen, daß er seine letzten Lebensjahre mit den Zigeunern herumziehend, diesen bei ihren Metallarbeiten geholfen. – Kolma hatte ja das ebenso gut gewußt, und Blanda hatte ihr schon damals ein unangenehmes Gefühl nicht verhehlt, als ihr Kolma jene scherzhaften Worte wiederholte, die sie der Frau von Welmer gesagt. – Und dennoch – und dennoch fühlte sie, wenn auch kein edles Blut im Sinne der Frau Herzogin durch ihre Adern fließend, doch ein Blut, das ebenso sein und edel dachte, das alles Gemeine haßte und vermied, und in dem Sinne hätte sie besser eine Herzogin sein können als manche andere, durch deren Adern das unverfälschte blaue Blut strömte. »Ich habe dich durch mein Geplauder nicht verstimmen wollen, meine herzige Genoveva,« schmeichelte Klothilde, als sie bemerkte, daß jene ernst, beinahe trübe vor sich hinblickte, »und um dich wieder aufzuheitern, will ich dir nun etwas Lustiges erzählen; denke dir nur, ich habe neulich meinen verkleideten Prinzen vom Fort Maximilian wieder gesehen – wie mich das ergötzt hat!« »Doch nur in der Entfernung, Klothilde, hast du ihn hoffentlich gesehen?« fragte Blanda besorgt. »Und er wird wohl in dir nicht jenes leichtsinnige Mädchen aus der Pension erkannt haben?« »Im Gegenteil, ich sah ihn nicht nur ganz nahe, sondern sprach auch mit ihm und bin überzeugt, das unbedeutende Fräulein aus dem Stifte recht tüchtig aufgefrischt zu haben. Ich war mit Papa und – einem Bekannten zu Pferde bei einem Spazierritte auf Fort Maximilian; die beiden Herren wollten dem Festungskommandanten einen Besuch machen, ließen mich unverantwortlicherweise allein, und da war nun der Zufall so freundlich, jenen jungen Mann gerade in meinen Weg zu führen; aber offenherzig gesagt, mein Lieb, war ich doch ein wenig enttäuscht, er hatte etwas Gewöhnliches, Grobes in seinem Gesichte.« »Dein verkleideter Prinz?« »Ja, verkleidet zum Nichtwiedererkennen!« lachte Klothilde. »Und woran erkanntest du ihn denn?« »Er las in einem Buche, und da ich ihn ganz gleichgültigerweise darum befragte, so deklamierte er mir jene Verse, weißt du: Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt' es dem andern gesteh« – Damit aber hatte ich genug, ich ließ mein Pferd dahin gehen, und so schloß sich wohl für immer unser kleines Abenteuer.« – Von dem Veilchenbouquet sagte sie nichts, setzte aber nach einer kleinen Pause Nachdenkens hinzu: »Ja, wenn er noch so hübsch und elegant gewesen wäre, wie dein Erich!« »Wie mein Erich?« wiederholte Blanda in einem Tone des Vorwurfs. »O, mein Herz, täusche dich selber nicht, oder lerne besser lesen in den glänzenden Augen jenes jungen Herrn, in seinen Blicken, die er mit so eigentümlichem Ausdrucke auf dich richtete!« »Du bist eine gefühlliche Lehrmeisterin!« erwiderte Blanda errötend, indem sie sich erhob, um ein ihr selbst unerklärliches Gefühl von Verlegenheit zu verbergen, worauf sie hinzusetzte: »Komm, ich zeige dir unseren kleinen Garten, wo wir auch wahrscheinlich Fräulein Stöckel finden werden.« »Wie Ew. Hoheit befehlen!« lachte Klothilde. »Ja, komm und laß mich dein kleines Reich sehen, meine schöne Herzogin!« Damit verließen sie das Haus, die beiden eleganten, jugendlichen Gestalten, beide schön, und doch im Aeußeren wie verschieden! Blanda in ihrem einfachen grauen Pensionskleide, voller, stattlicher, als die Gräfin Haller, diese seiner und beweglicher, und als letztere beim Betrachten des Jagdschlößchens scherzhaft sagte: »Ein hübscher Aufenthalt, Herzogin!« so hätte man diese Worte beim Betrachten der Beiden für Wahrheit nehmen können, so sicher schritt Blanda an der Seite ihrer elastischeren, oft allzu lebendigen Freundin. Aehnliches mochte auch Joseph Stöckel denken, der ihnen hinter einem Vorsprunge des Hauses mit düsteren Blicken nachschaute, und wenn er auch keine Idee von Herzoginnen und Gräfinnen hatte, so übersah er doch die eine gänzlich neben der anderen, und in seinem Herzen tönte es schmerzlich: Jene ist die Schönste auf der ganzen, weiten Welt! In der Gartenlaube befand sich Fräulein Stöckel und neben ihr saß der Bombardier Schmoller, während Erich am Eingange lehnte. Alle nötigen Auseinandersetzungen waren vor seiner Ankunft bereinigt worden, und Schmollers vielsagender, ja, sehr erfreuter Blick bewies deutlich, daß die wohlverdiente Strafpredigt, welche ihm die ehemalige Lehrerin des adeligen Damenstiftes gehalten, doch mit einem Akte der Versöhnung geschlossen. Hatte er doch in seiner leicht erregbaren Weise feierlichst die Versicherung gegeben, daß die ihm übersandte Photographie mit den angenehmen, milden Zügen einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Herz gemacht, und daß er jetzt nicht mehr imstande sei, seine frühere Verblendung zu begreifen. Allerdings sagte er das nicht in dieser bestimmt ausgedrückten Weise, wie wir es hier wiedergeben, sondern mit so zarten Umschreibungen, daß Fräulein Stöckel höchstens den Eindruck ahnen konnte, den sie auf das Herz eines jungen Mannes gemacht, der freilich bis jetzt nur Bombardier war, der aber Aussicht hatte, als Feldwebel das silberne Offiziersportepee zu erhalten, sowie als solcher und noch als Privatsekretär des Batteriekommandanten eine recht hübsche und einträgliche Stellung in der menschlichen Gesellschaft einzunehmen. {bild} Da zuckte ein abermaliger blendender Blitz und drohte, sein Herz, sowie alle seine edeln Gefühle in ihren Grundfesten zu erschüttern – der Anblick der beiden jungen Damen, in deren einer er nicht nur die schöne Reiterin von neulich, sondern auch die verräterische Briefschreiberin, sowie die leichtsinnige Spenderin von anderer Leute Photographie erkannte. Ja, sie war das alles in einer Person und zugleich eine genaue Bekannte von Mamsell Stöckel; denn kaum hatte sie diese in der Laube entdeckt, so sprang sie quer über ein paar Blumenbeete auf sie zu, drückte sie in ihre Arme und küßte sie aufs herzlichste. »Ach, gute Stöckel,« rief sie alsdann, »wie freut sich Ihre wilde, tolle Klothilde, Sie wiederzusehen! Wie erinnere ich mich bei Ihren guten, lieben Gesichtszügen an all die vergangene Zeit, wo wir so unartig waren, ich wenigstens, während sich Blanda immer gesetzt betrug! – Sie können es mir glauben, Herr von Freiberg,« wandte sie sich mit einem verbindlichen Lächeln an Erich, während Schmoller für sie die reine Luft zu sein schien, »daß wir oft sehr leichtsinnige Streiche machten – die gute Stöckel weiß davon zu erzählen. Doch ohne alle Ueberlegung,« fuhr sie mit affektiertem Ernste fort – »aus purem Mutwillen und Langerweile – ach, es war schrecklich langweilig da unten! Die hohen Gartenmauern, und über dieselben hinausragend die kleine, widerwärtige Festung auf dem Berge – verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, Herr von Freiberg –, widerwärtig, langweilig für uns als point de vue , obgleich es oben für Sie wahrscheinlich sehr amüsant war.« »Ich war selten oben, gnädige Gräfin.« »Aber doch zuweilen; ich habe vortreffliche Augen und ein ausgezeichnetes Lorgnon, ich bin sicher, Sie droben auf dem Walle schon gesehen zu haben, ja, je mehr ich Sie betrachte, weiß ich ganz genau, daß ich mich darin nicht irre. Sie standen häufig auf dem Walle und blickten nach der Stadt hinab.« Erich konnte nichts anderes thun, als gegenüber dieser Behauptung, welche dem Tone nach keinen Widerspruch litt, sich mit einem leichten Achselzucken verbeugen, während Mamsell Stöckel einen bezeichnenden Blick auf Schmoller warf, der sich langsam aus der Laube zurückzog und hinter derselben verschwand, ohne daß eine der beiden Damen Notiz davon genommen hätte, am allerwenigsten aber die Gräfin Haller. »Und nun muß ich dich verlassen, mein Herz,« sagte diese – »meine Kammerfrau im Wagen könnte ungeduldig werden; auch erwartet man mich zu Hause. Du kommst wohl selten in die Stadt?« »Nie,« gab Blanda in entschiedenem Tone zur Antwort – »was sollte ich auch da unten?« »So werde ich dich in den nächsten Tagen wieder besuchen, und wir durchstreifen dann ein bißchen den Wald – vielleicht in Begleitung und unter dem Schutze deines Herrn Erich,« setzte sie leise hinzu, aber laut genug, daß der Betreffende ihre Worte verstehen konnte. »Adieu, liebe Stöckel! Bleiben Sie ruhig hier, Blanda begleitet mich an den Wagen, vielleicht auch Herr von Freiberg.« Erich verbeugte sich und ging in einiger Entfernung hinter den jungen Damen nach dem Schloßhofe zurück, wo die Gräfin Haller, nachdem sie Blanda herzlich geküßt und dem jungen Manne freundlich zugewinkt, in ihren Wagen stieg und davon fuhr, noch einigemal zurückschauend, bis sie an dem steilen Waldwege verschwunden war. Der Förster, aus der Gegend zurückgekehrt, stand im Hofe, hatte sich mit dem Kutscher der eleganten Equipage unterhalten und ehrerbietig seine Mütze abgezogen, als die beiden jungen Damen herankamen, auch dieselbe nicht wieder aufgesetzt, so lange als sich Blanda in seiner Nähe befand. Erst als diese mit Erich nach dem Garten zurückgegangen war, bedeckte er sich wieder und sagte kopfschüttelnd, seiner ihm rätselhaften Hausgenossin nachblickend: »Das da scheint mir ein eigentümlicher Magnet zu sein, und die Gesellschaft, welche sie anzieht, wird immer vornehmer. – He, Joseph!« rief er mit lauter Stimme. Der Gerufene schleppte sich aus seinem Verstecke hervor, wo er auf die Zurückkunft Blandas gelauert. »Dachte es mir gleich, daß er irgendwo herumlungern würde – he, was treibst du da im Winkel?« Der arme junge Mensch schlug die Augen zu Boden, und nachdem er ein paarmal heftig mit den Achseln gezuckt, brachte er mühsam das Wort hervor: »Wa–gen!« wobei er zur Verdeutlichung die Räder in der Luft durch eine Handbewegung zeichnete. »Ja – Wagen!« brummte der Fürster, indem er einen ernsten, aber milden und schmerzlichen Blick auf ihn warf. »Es wäre schon recht, wenn du nur den Wagen betrachtetest, oder besser wäre es noch, wenn Wagen genug kämen, um alles das von hier wegzuführen. – Komm, wir wollen ins Revier gehen; hole dein Gewehr, du verlernst ja ganz und gar mit der Büchse umzugehen.« Gehorsam ging Joseph dem Hause zu, aber verstohlen nach seinem Vater blickend, und als dieser einen Augenblick in das Nebengebäude getreten war, bückte er sich rasch gegen den Griff der Hausthür, auf dem vorhin Blandas Hand ein paar Sekunden geruht, und küßte aufs innigste das kalte Eisen. Im Garten sagte Erich zu Blanda, als sie nebeneinander hingingen: »Auch ich muß dich jetzt verlassen, möchte dich aber um etwas bitten. Ich habe hier ein kleines Papierpaket, das mir sehr wichtig und bei mir drunten nicht sicher aufgehoben ist; möchtest du es wohl zu dir nehmen und mir aufbewahren, oder noch besser, möchtest du mir wohl einen Rat geben in betreff dieser Papiere?« »Gewiß, Erich, wenn ich dir raten kann!« Er zog das Paket aus seiner Brusttasche und hielt es mit einiger Verlegenheit in den Händen. Konnte er ihr doch nicht gut mitteilen, auf welche Weise er dazu gekommen – und doch, er log ja nicht, wenn er ihr sagte, daß er es auf der Straße gefunden; aber wie konnte er ihr alsdann glaubwürdig machen, daß diese Papiere, wenn er sie wirklich auf der Straße gefunden hatte, für ihn vom geringsten Interesse sein könnten? Daran hatte er früher nicht gedacht, und jetzt, wo sie, seine Bitte bejahend, ihn so freundlich fragend anblickte, konnte er diese Bitte nicht mehr ungeschehen machen und setzte deshalb rasch ohne viel Ueberlegung hinzu: »Kolma hat um diese Papiere gewußt, und ihr würde ich sie übergeben haben, wenn das nicht leider jetzt unmöglich wäre.« »So hatten sie vielleicht für Kolma Interesse?« »Das glaube ich nicht, Blanda; viel eher könnten sie, wie ich vermute, mit deiner Vergangenheit in einem Zusammenhange stehen.« »Mit meiner Vergangenheit – woher wußtest du das?« »Weil ich weiß – weil ich glaube – ja, weil man mir sagte ....,« stockte und zappelte Erich in den Maschen des Lügengewebes, das er eigentlich absichtslos um sich gewoben, dessen er sich aber schämte und schon im Begriffe war, dasselbe zu zerreißen, wenn Blanda nicht gesagt hätte: »Laß es gut sein, Erich, du bist so freundlich gegen mich gesinnt, daß du alles, was von Kolma kommt oder mit ihr in Berührung gestanden, auf mich beziehen möchtest, und doch stand meine früheste Vergangenheit gar nicht, meine spätere nur in einem sehr losen Zusammenhange mit ihr. Gib mir aber dein Paket, und ich werde es dir getreulich aufbewahren, bis du es zurückverlangst.« Er reichte ihr zögernd das Paket; es war ihm gerade, als müsse er sie auffordern, die Siegel zu zerbrechen und den Inhalt wie ihr Eigentum zu betrachten. Vielleicht hätte er das auch gethan, wenn nicht in diesem Augenblicke der Bombardier Schmoller, mit Fräulein Stöckel durch den Garten kommend, an sie heran, getreten wäre, wobei ein Blick, den der erstere auf seine Uhr warf, sehr deutlich eine Mahnung zum Aufbruche war. Deshalb verließen sie das Jagdschlößchen und wurden von Blanda und Mamsell Stöckel den steilen Waldweg hinab bis zur Landstraße begleitet. {bild} 41. Kapitel Alte Erinnerungen bei einem Artilleriemanöver. Erich rekognosciert und macht der feindlichen Kavallerie mit Erfolg eine schöne Beute streitig. Es war die Zeit der Frühjahrsexercitien mit bespannten Geschützen, und da zugleich in kurzem eine Inspektion sämtlicher Batterien entweder durch den Brigadekommandeur oder gar durch den Generalartillerieinspekteur in Aussicht stand, so gab es in der nächsten Zeit weder Feiertage noch Freistunden, und der Hauptmann von Manderfeld wußte seine reitende Batterie so angenehm zu beschäftigen, daß, wenn man spät am Nachmittage zurückkehrte, Geschütze, Mannschaft und Pferde dicht mit Staub bedeckt, jeder zu ermüdet war, um auch nur daran zu denken, einen Fuß vor die Kaserne zu setzen. Dabei hatte der Batteriechef stets ein freundliches, aufmerksames Auge auf seinen letzten Bombardier und bewilligte ihm für kleine Mängel beim Manövrieren oder für irgend welche oft sehr unbedeutende Nachlässigkeit, die er trefflich zu finden wußte, einen winzigen Rostflecken an irgend einem Eisenteile, irgend etwas Malproperes beim Anzuge eines der Kanoniere, recht gern eine Strafstallwache oder ein sonntägliches Nachexercieren; ja eines Tages, als beim raschen Vorgehen der Batterie durch einen ziemlich tiefen Graben das Stangenhandpferd von Erichs Geschütz, wenn auch nur ganz momentan, stürzte, diktierte er ihm einen Kasernenarrest für unbestimmte Zeit. Erich hätte verzweifeln mögen, da er auf diese Art auch gar keine Gelegenheit hatte, nach Blanda zu sehen, und schätzte sich deshalb um so glücklicher, daß er hie und da durch Schmoller, der bei seiner Schreiberei vollkommen Zeit hatte, das Jagdschlößchen zu besuchen, spärliche Nachrichten erhielt. Sehr Erfreuliches erfuhr er indessen keineswegs von seinem Freunde, welcher ihm sagte, er habe die junge Dame nachdenkend, ernst, traurig gefunden, und welcher Erich Blandas dringenden Wunsch mitteilte, ihn recht bald wieder einmal bei sich zu sehen. Daran war aber nicht eher zu denken, als bis die Artillerieinspektion vorüber war, die allerdings in den nächsten Tagen stattfinden und mit einem kleinen kombinierten Feldmanöver schließen sollte. Letzteres bot Erich einen schwachen Hoffnungsstrahl, Blanda für einen Augenblick zu sehen; denn das Manöver konnte nur auf der Seite gegen das Jagdschlößchen zu stattfinden, wo sich hinter den mit Wald gekrönten Höhen lange Strecken Heide ausdehnten. Und so war es auch; man disponierte, daß sich der Feind mit starken Artilleriemassen der Stadt nähere, um zur Belagerung derselben zu schreiten, sobald die Besatzung, die dem Feinde entgegenging, zurückgedrängt sei, und da die leitende Batterie des Hauptmanns von Manderfeld einen Teil der angreifenden Armee bilden sollte, so zog dieselbe eines Tages gegen Abend, nach glücklich vorübergegangener großer Parade und Inspektion, gegen die Anhöhen hinauf, um droben zu bivouakieren und dann in der ersten Morgendämmerung gegen die Stadt vorzugehen. Erich hatte dabei noch das Glück, zu dem Haubitzzuge des Premierlieutenants Schaller als Geschützführer kommandiert zu werden, weil einer der Feuerwerker unwohl geworden war, und da er sich mit der Gegend droben teils in Wirklichkeit, mehr noch aber durch das Studium vortrefflicher Karten, bei welchem ihm das Jagdschlößchen stets als Mittelpunkt diente, sehr vertraut gemacht hatte, so wußte er augenblicklich, auf welcher Seite rückwärts von der Försterwohnung sich der Lagerplatz der Batterie befand und daß das Jagdschlößchen von hier aus in weniger als einer halben Stunde, allerdings durch dick und dünn gehend, zu erreichen sei. Doch nützte ihm diese Kenntnis nur so viel, daß er seine sehnsüchtigen Gedanken an Blanda nach einer bestimmten sichtbaren Richtung aussenden konnte; denn von einem Verlassen des Bivouacs konnte in den ersten Stunden der Nacht keine Rede sein, und was hätte es ihn auch genutzt? Das Jagdschlößchen war ringsum gut verschlossen, und selbst wenn alle Thüren offen gestanden wären, würde er es doch nicht gewagt haben, sich in so unpassender Stunde dem Hause zu nähern, wo Blanda wohnte, wenn es ihn andererseits auch wieder glücklich gemacht hätte, in tiefer, schweigender Nacht die Mauern zu sehen, hinter denen sie wohnte, oder vielleicht auch nur den Lichtschein aus ihrem Fenster oder das Glitzern des früh untergehenden Mondes auf den Scheiben. An alles das dachte er sehr lebendig, aber wie an Dinge, welche ganz unerreichbar fern, fern ab von ihm lagen, und begnügte sich damit, dem Lagerleben den Rücken zu kehren und soweit als möglich gegen die mit Wald bewachsenen Höhen vorzudringen. Zu thun hatte er ja nichts, war auch nicht von der liebevollen Aufmerksamkeit des Hauptmanns von Manderfeld bedroht, der sich mit seiner halben Batterie auf einem weit seitwärts gelegenen Dorfe befand, und obendrein hatte ihm der wohlwollende Premierlieutenant Schaller angeraten, bis zur Kavallerie und Infanterie hinüber zu schweifen, um sich auch dort das Lagerleben anzuschauen. Das that er denn auch von Zeit zu Zeit, und bei den lebendigen Bildern, die er rings um sich her sah, überkamen ihn ganz eigentümliche Erinnerungen, und er dachte an jenes erste Bivouac, dem er als ein ganz junger Bursche beigewohnt und das mit dem heutigen in landschaftlicher Scenerie, Leben und Färbung des Ganzen so viel Aehnlichkeit hatte. Auch hier erhob sich die Heide auf drei Seiten kesselförmig empor, den Lagerplatz im Halbkreise umgebend, und droben auf dem Rande der Höhe bemerkte man zuweilen streifende Kavalleriepatrouillen, ein paar vorgeschobene Geschütze, sowie die Postenkette der Infanterie, alles das im hellen Lichte des schon tief {bild} am Horizonte schwebenden Mondes. Aus der Mitte der lagernden Infanterie, vor dem Zelte des kommandierenden Generals erklang rauschende Militärmusik, und wenn auch dort so wenig wie sonst wo ein Lagerfeuer brannte, so bemerkte man doch die rote Glut eines tragbaren Herdes, auf welchem das Souper für die hohen und höchsten Offiziere zubereitet wurde, wobei der Besuch des Generalinspekteurs der Artillerie selbst mit einigen Prinzen des königlichen Hauses in Aussicht stand. Dort drüben herrschte ein reges Leben; dort wogten Offiziere und Mannschaften massenhaft hin und her, und auch Erich näherte sich mit langsamen Schritten, wobei er mehr als je an jenen Abend dachte, wo Kolma in ähnlicher Umgebung getanzt und Blanda mit ihren zierlichen Füßchen auf ihrer großen Kugel gestanden. Doch bemühte er sich rasch, gerade dieser Erinnerung los zu werden, und verweilte viel lieber bei den späteren Vorfällen jenes Abends, bei der Fahrt aus dem Lager, als er die kleinen Ponies gelenkt und glücklich war, die ängstlichen Mädchen aus dem Getümmel gebracht zu haben. Damals und jetzt! – Damals, wo ihm alles das, was er auch heute wieder vor sich erblickte, so poetisch schön erschien und auch in der That für ihn war, wo er noch nicht, wie jetzt, an den Umkreis seines Geschützes gefesselt war, sondern wo es in seinem Willen gelegen hätte, mit jenen Zigeunern frei und lustig in die Welt hinaus zu ziehen; damals hätte er das aber um keinen Preis zu thun vermocht, trotz dem lebhaften Interesse, das er an dem kleinen Mädchen mit den schönen, lieben Augen genommen; damals zog es ihn mächtig zurück nach seinem Soldatenleben, bei dem er das Glück seiner Zukunft sah. – Jetzt blickte er seufzend um sich, und wenn er jenen kleinen Ponywagen mit Kolma und Blanda wieder erblickt und die Möglichkeit gesehen hätte, in ihrer Gesellschaft für immer diesem trügerischen Glänze zu entfliehen, wie glücklich würde er gewesen sein! Ach, es gab aber ringsumher keinen Wagen, der ihn gleich einem Zaubermantel entführt hätte! – Kolma, die damals so lebensfrisch und warm an seiner Seite gesessen, ruhte in kühler Erde, und wenn er an Blanda dachte, so durchzuckte ihn ein schmerzliches Gefühl, und er konnte nicht anders, als, vor sich hinstarrend, sich in den Gedanken vertiefen, daß sie wohl ebenso unerreichbar für ihn sei, als dort der bleiche Mond, der sich eben anschickte, hinter den fernen Bergen zu verschwinden. »Sind Sie es, Freiberg?« fragte ihn eine Gestalt, welche im Mantel auf ihn zutrat und die er erst beim Näherkommen erkannte. »Zu Befehl, Herr Premierlieutenant!« »Vergessen Sie nicht, zuweilen nach den Pferden zu sehen; unsere junge Mannschaft weiß noch nicht recht mit dem Ankoppeln umzugehen, und ich möchte nicht, daß gerade bei uns eine Nachlässigkeit vorkäme und sich die Pferde schlügen oder gar ein paar flüchtig würden.« »Darüber können der Herr Premierlieutenant ganz ruhig sein; es ist alles in bester Ordnung, und die Pferde stehen so ruhig wie im Stalle.« »Sollte aber je etwas vorfallen, so wissen Sie mich zu finden; hier, bei der großen Eiche habe ich mir einen Lagerplatz gemacht und will ein paar Stunden ruhen – man wird eben älter. Sie fühlen wohl keine Lust zum Schlafen?« »Nicht die geringste, Herr Premierlieutenant.« »Ist mir auch recht, denn der alte Feuerwerker Becker dort drüben schnarcht, daß man es bis hierher hört.« »Glauben der Herr Premierlieutenant, daß früh alarmiert wird?« »Jedenfalls vor Tagesanbruch; doch da wir nur im Bivouac und nicht im Lager stehen, so wird von einem Alarmieren im eigentlichen Sinn des Wortes nicht die Rede sein, da wir jeden Augenblick bereit sein sollen, vorzugehen, und das sind wir doch, wie ich hoffe!« »Gewiß, Herr Premierlieutenant, die Haubitzen sind in weniger als zwei Minuten bespannt und zum Gefecht bereit.« »So ist's recht, denn Se. Königliche Hoheit, Prinz Georg, der die Kavallerie drunten kommandiert, ist wohl imstande, ein keckes Reiterstücklein auszuführen und wenigstens den Versuch zu machen, uns hier oben mit ein paar Schwadronen zu überrumpeln. Einer meiner Freunde von der Infanterie, der die Postenkette dort am Abhange kommandiert, sagte mir vorhin, daß die Husaren- und Dragonerpatrouillen von drunten sehr naseweis seien und sich sehr weit herauf wagten; deshalb habe ich auch unsere beiden Haubitzen im Kernschuß dorthin gegen die Waldecke richten lassen, um diese vorwitzigen Reiter tüchtig mit Kartätschen zu bedienen, sobald sie so unverschämt wären, sich blicken zu lassen.« »Dürfte ich mir die Frage erlauben, Herr Premierlieutenant, warum Sie die Haubitzen gerade nach jener Waldecke richten ließen.« »Mein lieber Freund, das ist eine Frage, die ich von Ihnen gerade nicht erwartet hätte, nachdem ich Ihnen neulich auf Ihren Wunsch meine vortrefflichen Specialkarten dieses Terrains gegeben!« »Der Herr Premierlieutenant werden mir verzeihen, wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß ich genau den ziemlich bequemen Weg kenne, der vom Thale heraufführt und dort an der Waldecke auf das Plateau tritt.« »Nun – also?« »Vor kurzem durchstreifte ich die Gegend dort vor uns« – um sie mit der Karte zu vergleichen, log Erich mit ziemlicher Dreistigkeit – »und fand, daß dieser Weg dicht oberhalb eines kleinen Gebäudes, welches man das Jagdschlößchen nennt; mit gefüllten Bäumen angefüllt und kaum für Fußgänger zu passieren ist.« »Ei, das konnte ich nicht wissen!« »Wogegen ein anderer Waldweg, der mehr in südlicher Richtung auf die Höhe führt und ungefähr dort mündet,« – Erich zeigte nach der Richtung hin – »viel sanfter und bequemer aufwärts führt und jedenfalls von der Kavallerie bei einer Attaque benutzt würde.« »Den kenne ich auch, aber der andere ist kürzer, und trotzdem eine Holzbarrikade, wie Sie eben angegeben, unsere Flanke vor diesen leichtsinnigen Husaren und Dragonern schützen würde, wäre sie mir doch andernteils unbequem; denn es war meine Absicht, auf dem Wege dort an der Waldecke hinab zu kommen, um die große Chaussee in der Nähe des sogenannten Jagdschlößchen von oben herab bewerfen zu können; jedenfalls aber sollte man wissen, ob die gefällten Bäume dort noch im Wege liegen oder nicht.« Erichs Herz bebte; wenn er sich zu diesem Rekognoszierungsdienste anbot, so hatte er das Recht, heimlich bis zum Waldschlößchen vordringen zu können, und wenn er auch nicht so ausschweifend in seinen Erwartungen war, um sich der Hoffnung hinzugeben, als sei es möglich, Blanda jetzt noch, in tiefer Nacht, zu sehen, so gelangte er doch wenigstens in die Nähe des Hauses, sah vielleicht ihr Fenster, ein entzückender Gedanke für einen jungen Mann seines Alters; deshalb zögerte er auch nicht, seinem Vorgesetzten zu sagen, es würde ein Leichtes sein, nachzuforschen, ob hier der Weg praktikabel sei oder nicht. »Nehmen Sie sich aber vor den streifenden Husarenpatrouillen in acht; es würde denen ein großes Vergnügen machen, mir einen Geschützführer abzufangen!« »Unbesorgt, Herr Premierlieutenant,« versetzte Erich lachend; »ich bin das Waldschweifen gewohnt und des Jägerhandwerks so kundig, daß mich keine Kavalleriepatrouille erwischen wird! Es wäre das allerdings auch schlimm, denn sie könnte mich als Spion behandeln!« »Pah, das würden sie wohl bleiben lassen; Sie sind ja in Uniform und untersuchen einfach das Terrain vor unseren Linien. Wenn Sie mir also die Gewißheit verschaffen können, würde es mir recht angenehm sein. Warten Sie aber jedenfalls, bis sich der Lärm dort beim Zelte des Kommandierenden gelegt und bis der Mond vollständig drunten ist – Sie wissen, wo ich zu finden bin, wenn Sie mir etwas ganz Besonderes zu melden hätten.« Der Premierlieutenant ging den Eichen zu, die er früher als seinen Lagerplatz bezeichnet, und Erich trat zu den beiden Haubitzen, um nach den Pferden zu sehen. Hier war alles in bester Ordnung und der kleine Schwarz befand sich mit drei Kanonieren auf Geschützwache, während der Feuerwerker Becker, in seinen Mantel gehüllt, auf der Erde lag und fest schlief. »Vorhin kam etwas da herum, was dem langen Wibert ähnlich sah, wie ein faules Ei dem anderen.« »Möglich, daß ihn der Hauptmann zum Kundschaften ausgeschickt hat, um sich von unserer Wachsamkeit zu überzeugen.« »O famos, er soll nur ankommen; ich habe schon eine Wischerstange gelockert, um ihm mit dem Ansatzkolben auf den Bauch zu stoßen, wenn er den Versuch machen sollte, sich heranzuschleichen!« »So ist's recht. Ich trete ein wenig das Terrain da vor uns ab; der Herr Premierlieutenant meint, die feindlichen Patrouillen wären naseweis genug, bis zur Schlucht dort vorzudringen. Schlafen kann ich ohnedies nicht – also gute Wache!« Erich ging bis zu der oben erwähnten Waldecke, wo sich ein starker Infanterieposten unter den Befehlen eines Lieutenants befand. Diesen fand er, behaglich eine Cigarre rauchend, und zwar hinter einem gegen die Schlucht zu aufgespannten Mantel, {bild} um den Nachtwind abzuhalten, sowie auch um das Feuer der Cigarre nicht sichtbar werden zu lassen. Erich war nach Abgabe des Feldgeschreis von dem Posten vor dem Gewehr an den Wachkommandanten gewiesen worden, den er von seinem Vorhaben in Kenntnis setzte, nämlich zu sehen, ob der Weg, der hier oben münde, nicht weiter unten durch Holzstämme unpraktikabel gemacht sei. »Soweit unsere Postenkette hinabreicht und auch noch ein gutes Stück darüber hinaus ist der Waldweg ohne jedes Hindernis,« antwortete der Infanterieoffizier freundlich und herablassend; »weiter unten aber könnte er allerdings verstopft sein, denn sonst hätte wahrscheinlich die Postenkette schon längst streifende Kavalleriepatrouillen gemeldet, die sich nach einer Anzeige von unserer südlichen Feldwache dort so nahe an die Infanterieposten wagen, daß man sie wie die Lerchen aufspießen könnte. Es ist ein arrogantes Volk, diese Kavallerie; mir wäre es schon recht, wenn man ihnen auch einmal einen Schabernack spielen konnte, um ihnen das Maul zu stopfen, wenn sie morgen von gar zu großen Heldenthaten renommieren. Melden Sie mir doch, ob der Weg verbarrikadiert ist und was Sie sonst da unten sehen, besonders wie hoch herauf Sie Patrouillen bemerkt; sie haben gar kein Recht, vor Beginn der Feindseligkeiten morgen früh über die Demarkationslinie herüber zu kommen.« »Und wie ist diese gezogen worden, Herr Lieutenant?« »Dergestalt, daß sie noch ungefähr zweihundert Schritte unterhalb des sogenannten Jagdschlößchens läuft, dieses also noch auf unserem Terrain liegt.« Erich wußte sich nicht ganz genau Rechenschaft darüber zu geben, warum ihn diese Nachricht sehr angenehm berührte. »Ich schlug meinem Hauptmann vor, das Jagdschlößchen zu besetzen, und er berichtete auch darüber an den Herrn Obersten; doch unterblieb es, weil man nicht wollte, daß die Vorposten so nahe aufeinander ständen. Aber die von unten kehren sich den Teufel daran und plänkeln uns mit Husaren und Jägern dicht vor der Nase herum!« »Würden Sie mir einen Vorschlag erlauben, Herr Lieutenant?« »Warum das nicht, wenn ich etwas Gescheites zu hören bekomme,« antwortete der Infanterieoffizier mit Würde – »reden Sie.« »Mir nämlich, wenn ich in einer starken halben Stunde nicht zurück bin, eine Streifpatrouille nachzuschicken, die mich aufnehmen könnte, wenn ich vielleicht von feindlichen Reitern bedrängt würde.« »Das ist so eine Sache,« erwiderte der Wachthabende bedenklich; {bild} »der Henker halte diese Kerls zurück, wenn sie einmal zu nahe aneinander geraten, und es wäre eine hübsche Ueberraschung für Seine Excellenz den Herrn General, wenn der Teufel hier am Berge losginge, ehe er aus den Federn und im Sattel wäre! Eine Streifpatrouille könnte ich mir nur in einem sehr wichtigen und ganz absonderlichen Falle erlauben.« »Zum Beispiel, Herr Lieutenant, wenn ich drunten fände, daß der Weg, der noch vor wenigen Tagen unpraktikabel war, hergestellt worden und dort feindliche Truppen vorgeschoben wären, welche vielleicht einen Ueberfall oder dergleichen beabsichtigten?« »Das wäre allerdings ein solcher Fall, wenn sich die Burschen ohne Fug und Recht diesseits der Demarkationslinie breit gemacht hätten.« » Nur in einem solchen Falle,« sagte Erich. »Ich erwarte in kurzem den Major du jour und werde ihm das vortragen; sollten Sie etwas Außergewöhnliches drunten finden, so könnten Sie mir ja rasch eine Meldung darüber machen.« »Wenn ich aber gar zu weit entfernt wäre, Herr Lieutenant?« »So geben Sie mir ein Zeichen. Sind Sie Jäger, können Sie den Ruf des Käuzchens nachmachen?« »O ja, Herr Lieutenant.« »Gut, so lassen Sie, im Falle Sie etwas Außergewöhnliches finden, diesen Ruf jedesmal dreimal in ziemlichen Intervallen hören; ich werde Ihnen jemand bis zur Postenkette mitgeben, daß von dort Ihr Zeichen hierher gemeldet wird. – Unteroffizier Raffleur, geleiten Sie diesen Bombardier der reitenden Artillerie bis zu irgend welchem von unseren Leuten, der den Schrei des Käuzchens von einem Wachtelschlage oder Aehnlichem zu unterscheiden vermag – wissen Sie jemand?« »O ja, Herr Lieutenant, der Gefreite Huber.« »Gut; der Gefreite Huber soll mir augenblicklich melden, wenn er den Ruf eines Käuzchens hört, ungefähr so: K-r-r-r-r, K-r-r-r-r, K-r-r-r-r, dann Pause und dann wieder: K-r-r-r-r, K-r-r-r-r, K-r-r-r-r.« Der Infanterieoffizier that sich etwas darauf zu gute, den Ruf des Käuzchens außerordentlich täuschend nachmachen zu können, und wurde auch belohnt durch das beifällige Lächeln Erichs, sowie durch die aus Respekt immer strammer werdende Haltung des Unteroffiziers Raffleur. Die Vorpostenkette war in kurzem erreicht, auch der Gefreite Huber gefunden und rasch instruiert, worauf Unteroffizier Raffleur den Abhang wieder gerade hinaufkletterte und Erich weiterschlich. Dem Waldwege folgte er begreiflicherweise nicht, sondern hielt ihn zu seiner Rechten, wobei er sich, wie auf der Hirschjagd, stets aufs sorgfältigste an irgend einen Gegenstand heranpirschte und bei jedem Geräusche, das er vernahm, sogleich unbeweglich stehen blieb. Bis jetzt aber hatte keines dieser Geräusche einen verdächtigen Charakter gehabt, sondern entstand vielleicht nur durch das Rollen eines losgewordenen Steinchens auf dem Pfade hinter ihm oder das Auffliegen eines Nachtvogels, worauf der durch den Abschwung bebende Ast ein trockenes Reis oder dürre Blätter auf den Boden fallen ließ. Jetzt aber hörte er etwas anderes, und zwar unverkennbaren Hufschlag ruhig gehender Pferde – diesseits der Stelle, wo der Weg verbarrikadiert gewesen, also ein Beweis, daß man ihn wieder praktikabel gemacht. Erich lehnte sich langsam an eine mächtige Buche, neben der er sich zufällig befand, und schwang sich alsdann langsam und ohne Geräusch hinter dieselbe. Es waren Husaren, die daherkamen, im Schritte hinter einander reitend, und der vorderste sagte, nicht gerade so leise, als hätte er gefürchtet, daß jemand in der Nähe sei, der ihn hätte hören können: »Da möchte ich doch einen Schoppen Rum gegen ein Glas des schlechtesten Bittern wetten, daß die ganze Bagage auf ihren faulen Bäuchen liegt und schnarcht – 's ist ein faules Pack, solche Infanterie! Denken nicht daran, von ihrer Höhe herab zu klettern – 's ist auch bequemer so.« Jedenfalls haben die Husaren kein Recht, hier herum zu streifen, dachte Erich, und daß sie es doch thun, muß schon einen Grund haben. »Weiter haben wir nicht vorzugehen,« hörte man dieselbe Stimme wieder sagen; »wir sind ja eine gute Viertelstunde von dem Jagdschlößchen entfernt, und ich bin überzeugt, wenn wir noch einmal so weit vorwärts ritten, wir träfen doch auf keine feindliche Infanterie, das schläft den Schlaf des Gerechten – Kehrt, marsch!« Für Erich war es jetzt sehr leicht, bei dem Klange der Pferdehufe der Patrouille seitwärts zu folgen und in kurzem mit derselben die Stelle zu erreichen, welche neulich noch die {bild} gefällten Baumstämme ausgefüllt hatten, wo aber jetzt die mittleren weggeräumt waren und so viel Platz gaben, um einen einzelnen Kavalleristen oder Infanteristen durchzulassen, wogegen der Weg für Geschütz noch immer ganz unpraktikabel blieb. »Unteroffizier Schwebbler,« fragte der Husar, der zuletzt durch das Defile ritt, »sollte man nicht wieder ein paar Stämme da hinein wälzen?« »Unnötig,« entgegnete der Gefragte, »die Schlafmützen da oben denken nicht daran, uns zu belästigen; auch wette ich zehn gegen eins, daß der Herr Rittmeister Graf Seefeld noch ein paar Patrouillen da hinauf gehen läßt – er möchte sehr ungern überrascht werden.« Diese Bemerkung im Verein mit dem Namen des verhaßten Offiziers erregte ein recht widerliches Gefühl in dem Herzen des jungen Bombardiers. Es war ihm gerade zu Mute, als wenn man, harmlos dahinwandelnd, plötzlich eine aufzuckende giftige Natter erblickt. Warum mußte es unter einer Unzahl von Offiziersnamen gerade dieser sein, der genannt wurde, und was hatte gerade er hier oben so Wichtiges vor, daß er um keinen Preis überrascht sein wollte? – Wenn nicht vielleicht im Jagdschlößchen ... Doch verwarf Erich gleich darauf diesen Gedanken als ausschweifend – als lächerlich. – Was sollte er jetzt gerade hier oben zu suchen haben, an einem Orte, der mitten in der Manövrierlinie lag und neutraler Boden war? – Ja, wenn es an jedem anderen Abende gewesen wäre! – Uebermütige Thorheit und herausfordernde Frechheit traute er dem Grafen Dagobert genug zu, um das Unmögliche wenigstens zu versuchen. So träumend in Gedanken versunken, sah Erich mit einem Male eine verfallene Mauer vor sich, und ein genauer Blick belehrte ihn, daß er sich dicht vor dem Garten befand, welcher zum Jagdschlößchen gehörte. Die Husaren ritten rechts ab, um das Gehöft herum, und Erich blieb mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten plötzlich stehen, als er den Unteroffizier sagen hörte: »Hier an der Ecke halten, während ich in den Hof hineinreite, um dem Rittmeister zu melden, daß wir nichts Verdächtiges bemerkt.« Also befand er sich doch im Jagdschlößchen! In welcher Absicht war er dort? Was hatte er da zu suchen, er, dessen Regiment wohl eine halbe Stunde jenseits bivouakierte? So sehr Erich noch vor kurzem den Gedanken verworfen oder nur mit Zagen daran gedacht hatte, sich dem Jagdschlößchen zu nähern, ebenso fest war er jetzt entschlossen, wenigstens den Garten zu betreten und das Haus zu umspähen. War es ihm doch jetzt zu Mute, als höre er Blandas Stimme, die seinen Namen riefe, ja, er konnte sich dieser Täuschung so lebhaft hingeben, daß er in dem Garten, dessen Mauer er rasch übersprungen, zuweilen lauschend stehen blieb. Doch hörte er begreiflicherweise nichts, als seine eigenen, tiefen Atemzüge, oder zuweilen das leise Rauschen des Nachtwindes in den Zweigen, oder das Schnauben und Schütteln eines der Pferde der Husarenpatrouille, die keine hundert Schritte entfernt von ihm hinter der Mauer hielt. Ihm war übrigens diese Nähe des Feindes jetzt ganz gleichgültig; denn wenn ihn wirklich jetzt jemand von denen da drüben entdeckt hätte, so konnte er als zum Hause gehörend betrachtet werden, was im Walde draußen nicht der Fall gewesen wäre. Vielmehr hatte er sich jetzt vor den Hausbewohnern selbst in acht zu nehmen, besonders vor den nachts umherstreifenden Hunden, und es erschien ihm ganz eigentümlich, daß von diesen, obgleich er sich ganz nahe am Schlößchen befand, noch keiner laut geworden war. Dagegen vernahm er andere Töne, als er die Ecke des Gebäudes erreicht und noch wenige Schritte bis zum vorderen Hofraume hatte: den leisen Klang männlicher Stimmen sowie das Wischen, das Scharren und Auftreten von Pferdehufen gerade im Hofe selbst. Es wäre doch eine sehr unangenehme Geschichte, dachte der junge Bombardier, wenn sich der Infanterielieutenant mit seiner Demarkationslinie getäuscht hätte und ich hier einem feindlichen Kavallerievorposten gerade in die Hände liefe, und obendrein einem Vorposten, der von dem Grafen Seefeld kommandiert wird! Deshalb umschlich er vorsichtig das Haus von der Gartenseite, wo er in die Höhe blickend nur ein einziges großes Bogenfenster erhellt sah, dasjenige von Blandas Zimmer, welches sie ihm neulich vom Garten aus gezeigt hatte. Einen innigen Blick warf er hinauf und schritt dann behutsam weiter, um die Ecke des Schlößchens, wo er nun das ebenfalls hell erleuchtete Fenster des großen Parterregemaches, der sogenannten großen Halle, neben sich sah, dem er sich, von der Umfassungsmauer geschützt und dicht an der Hausmauer schleichend, unbemerkt nähern konnte. Was er hier sah, erfüllte ihn mit großem Erstaunen; da befanden sich vielleicht fünf bis sechs Kavallerieoffiziere, von den Husaren oder Dragonern, in dem hell beleuchteten Räume und überließen sich so sorglos den Freuden einer wohlbesetzten Tafel, als wenn auf hundert Stunden kein Feind gewesen wäre. Geschirr und Tafelgerät war allerdings sehr einfach, aber alles, was aus Körben, die am Boden standen, auf die irdenen Schüssen des Försters von den Offizierburschen gebracht worden war, bestand in ausgesuchten und pikanten Leckereien, wie sie sich vortrefflich zu den langhalsigen Champagnerflaschen mit vergoldetem Kopfe eigneten, deren Pfropfen aufs vorsichtigste und geräuschloseste abgedreht wurden, was ein junger Dragonerofsizier selbst überwachte, wobei er lachend sagte: »Es hat mir keine kleine Mühe gekostet, den Schabel im heimlichen Abmucksen der Flaschen zu unterrichten; der Kerl will immer springen lassen, doch wäre dieses Knallen der Pfropfen sehr zur Unzeit hier bei unserem verschwiegenen Vorpostensouper.« Deutlich vernahm Erich jedes Wort, da einer der Fensterflügel offen stand, und als er die Bezeichnung dieses Soupers als ein heimliches und unerlaubtes hörte, war er sogleich mit sich darüber im klaren, daß der Infanterieoffizier mit seiner Demarkationslinie recht gehabt und sich jene ebensowenig hier oben befinden durften, als er selber. Leider war es ihm nicht möglich, den ganzen Raum zu übersehen und den zu entdecken, den seine Augen am eifrigsten suchten; dafür aber erblickte er den Förster Stöckel, der an einer Ecke des Tisches saß, ein großes Glas des schäumenden Weines vor sich; auch hörte er gesprächsweise verschiedene Namen nennen, die ihm aber unbekannt waren, so den eines Grafen Baring, dem der junge Dragoneroffizier, welcher das Entkorken der Flaschen besorgte, sechs Kelche nacheinander vortrank, worauf jener Bescheid that und dann lachend sagte: »Wir alle sollten uns vereinigen, dem seligen Horn jeder eine Flasche Sekt vorzutrinken, bis er auftaut!« »Es ist die neue Würde, die sich Mühe gibt, bei ihm gewaltsam zum Durchbruch zu kommen!« rief lachend eine andere Stimme. »Trink' und sei lustig! Wenn du morgen nach dem Manöver dein Rittmeister-Patent erhältst, so kannst du dich ganz diesem entzückenden Gefühle hingeben!« »Und doch auch dann noch nicht unter Kameraden und langjährigen Freunden!« rief eine andere Stimme. Von dem Grafen Seefeld war keine Rede, auch vernahm Erich dessen rauhe Stimme nicht unter den Sprechenden, was ihn zu seltsamen Gedanken veranlaßt« – zu Phantasien, welche ihm das Blut ins Gehirn trieben. »Also – seliger Horn, der du Lieutenant warst, Premierlieutenant bist und durch die Gnade Seiner Majestät und große Verdienste der verschiedensten Art morgen Rittmeister sein wirst, ich bringe dir dieses Glas, das, gut gemessen, eine halbe Flasche halt!« »Halt,« sprach jetzt eine Stimme, die Erich noch nicht gehört, »ich werde dir deine halbe Flasche nachtrinken und auch sonst noch allerlei, womit ihr für gut findet, mich zu fetieren, aber unter einer Bedingung: daß wir mit dem Premierlieutenant auch den ›Seligen‹ begraben, welches Prädikat ich lange genug mit mir herumgeschleppt – seid ihr damit einverstanden?« »Wenn du nicht anders willst – warum nicht?« »Es ist kein unbilliges Verlangen!« »Das meine ich auch!« sagte der, welcher dieses Verlangen gestellt hatte, und fügte in einem ausdrucksvollen Tone hinzu: »Teilt's auch sonst den Leuten mit und sagt jedermann, ich wünschte so dringend eine Aenderung, daß ich nach einer kurzen Galgenfrist, die ich der süßen Gewohnheit noch geben will, auf die Fortdauer dieser Benennung einen festen Trumpf setzen würde!« »Was wird Seefeld dazu sagen?« Also befand sich der Graf Seefeld nicht im Zimmer, vielleicht gar nicht im Jagdschlößchen, dachte Erich nach einem tiefen Atemzuge, oder ... »Er hat diesen Namen für dich erfunden!« »Leider, denn ich habe ihn lange genug gehört, weshalb es mir auch sehr gleichgültig ist, was Seefeld davon denkt! Meinetwegen kann er ihn selbst übernehmen, denn er sieht bisweilen einem Seligen ähnlicher, als einem Lebendigen!« Alle lachten; dann hörte man die Stimme des jungen Dragoneroffiziers sagen: »Sie werden mir zugeben, Herr Rittmeister Graf Horn, daß ich mir nie erlaubt habe, jene Benennung gegen Sie zu gebrauchen, verzeihen über jetzt wohl, wenn ich Sie bitte, mir dieselbe, da sie nun auf ewig verschwinden soll, zu erklären!« »Nein, das muß ich thun,« rief ein anderer – »Horn würde dabei zu egoistisch oder zu bescheiden zu Werke gehen! Es war vor Jahren, als nach einem außerordentlich schönen Manöver uns der alte Graf Seefeld auf seinem Schlosse ein prächtiges Bankett gab – einige von euch werden sich daran erinnern!« Auch Erich erinnerte sich schmerzlich bewegt daran. »Wer hätte das vergessen!« sagte Graf Horn. »Es war ein Festin de Balthasar – ich habe lange die reizenden Zigeunermädchen {bild} nicht vergessen können, welche Dagobert Seefeld vor uns tanzen ließ.« »Diesel verfluchte Kerl! Er weiß immer etwas aufzuspüren – auch jetzt habe ich ihn stark im Verdacht!« Das Herz des jungen Mannes am Fenster bebte. »Damals war auch die reizende Kolma dabei!« »Doch nicht die Kolma Ticzka, die später so berühmte Kunstreiterin, welche kürzlich gestorben ist?« »Dieselbe,« sagte Graf Horn und setzte mit einem Seufzer hinzu: »Bei ihr wäre ich gern einmal der Selige gewesen!« »Ja, wenn dir Seefeld nicht zuvorgekommen wäre!« »Jetzt aber bitte ich, meine Neugierde zu befriedigen!« sprach der heimliche Flaschentöter. »Während jenes Soupers sprach man über die Manövertage und erwähnte einer Kavallerieattaque, wo Horn etwas toll und wild hineingegangen war, ja, so in eine Ueberzahl hinein, daß er bei einem ernstlichen Gefechte ...« »Wenn du erlaubst, war es ein Ueberfall, den wir abschlugen!« »Meinetwegen; aber das wirst du mir zugeben, daß weder du noch einer von deinen Leuten einen unzerhauenen Schwanzriemen mit nach Hause gebracht hätte! Da sagte der kommandierende General, der ihn sehr gut leiden konnte: Laßt mir meinen armen Horn zufrieden, er starb den Heldentod – und hierauf brachte Dagobert Seefeld einen Toast aus auf den Seligen, daher die Benennung!« »Seefeld hätte jedenfalls etwas Gescheiteres thun können, aber es ist so seine Art, andere Leute hineinzuhetzen und sich dann lachend die Hände zu reiben! Wo, zum Teufel, mag er jetzt wieder stecken? Er ist hinausgegangen, um frische Luft zu schöpfen – wer weiß, ob er nicht davongeritten ist und sich darüber freuen würde, wenn man uns hier unten unvermutet überfiele.« »Damit hat's gute Wege; wir haben nur Infanterie uns gegenüber, und wie mir vorhin der Unteroffizier Schwebbler meldete, ist's im Walde weit hinauf so ruhig wie in einem Kirchhofe, auch sah ich Seefelds Pferde noch soeben ruhig bei den unsrigen im Hofe stehen!« Also war Graf Seefeld noch irgendwo im Schlosse. »Jedenfalls war es eine vortreffliche Idee von ihm, hier oben dieses kleine Souper zu arrangieren, und weit behaglicher für uns, als draußen auf dem Felde herumzulungern!« »Ich möchte nur das Gesicht des Generals Schwenkenberg, sehen, meines ehemaligen Obersten, wenn er uns hier so hübsch bei einander fände!« »Pah, er würde sich nicht so viel daraus machen – ja, wenn es noch ein großes Manöver wäre! Aber hier, wo wir dieser langweiligen Artillerie als Folie dienen müssen, und um dem Generalinspekteur das Uebergewicht dieser ersten aller Waffengattungen, wie er zu sagen beliebt, glänzend feststellen zu helfen, wird es nicht s« genau darauf ankommen – deshalb angestoßen und ausgeleert!« Die Gläser klangen; dann sagte Graf Horn: »Jedenfalls ist es langweilig von diesem Seefeld, diesem Heimlichthuer, uns so lange seine schätzbare Gesellschaft vermissen zu lassen – ich glaube, daß wir ihm als Folie dienen oder wenigstens als Ausrede. He, Herr Förster,« rief er diesem zu, »haben Sie vielleicht ein hübsches Dienstmädchen im Hause, das die Augen Seiner Erlaucht auf sich gezogen hat? Ich weiß, er treibt sich in jüngster Zeit häufig hier oben herum!« Erichs Blut kochte und er blickte mit starren Augen auf den Förster, der, den Kopf schüttelnd, etwas in den Bart brummte und dann Miene machte, sich zu erheben. »Holla, nein, so ist es nicht gemeint,« rief Graf Horn – »sitzen geblieben, alter Herr! Das wäre ja gegen alle Kameradschaft, auch muß man eine solche Frage über den schäumenden Champagner hinüber nicht so genau nehmen! Singen wir lieber den Refrain des bekannten Liedes: Thu' ich das Meine, thust du das Deine, So thut ein Jeder das Seine!« »Singen wir lieber nicht,« mahnte ein anderer; »man kann doch nicht wissen, ob so ein hartgesottener Stabsoffizier der Infanterie freundlicher- oder feindlicherseits nicht auf die Idee kommt, den neutralen Grund, wo wir uns gerade befinden, durch Patrouillen unsicher zu machen.« – Bis hierher hatte Erich mit starren Augen gelauscht, immer noch hoffend und fürchtend, es werde noch mehr von dem Grafen Dagobert Seefeld und seinen häufigen Besuchen hier oben auf dem Jagdschlößchen die Rede sein; doch täuschte er sich. Die Woge des Gespräches rollte lärmend über diesen Gegenstand hinweg und ließ ihn, als vor der Hand gleichgültig, verschwinden. Also Dagobert Seefeld war im Schlosse, dachte Erich; aber wo war er, wo konnte er sein, wo durfte er sein? Nach jeder dieser Fragen preßte der junge Mensch heftiger seine Lippen mit den Zähnen zusammen, und als er sich dann mit der Hand über den Mund fuhr, waren seine Finger blutig; dabei kam es ihm vor, als sei er von hohnlachenden, häßlichen Gestalten umgeben, die ihm um so unheimlicher erschienen, als er nicht imstande war, ihre Formen genau zu erkennen, während sie, an seinem Ohr vorüberschwebend, ihm zuflüsterten: Komm mit mir, ich zeige dir den rechten Weg! Wo aber war dieser rechte Weg? dachte er mit zuckendem Munde und ratlosem Umherblicken. Wo war überhaupt der Weg, der in des Hauses obere Räume führte? Er wußte ihn nicht; er wußte nicht mehr, als daß das Fenster, welches er soeben erhellt gesehen, Blandas Zimmer sei – sie hatte es ihm neulich gesagt – und dorthin zog es ihn unwiderstehlich, um die dunkle Hausecke, von dem zitternden Lichtscheine Rat und Hilfe zu verlangen. Dort war ihr Fenster noch immer erhellt, und als er nach einigem Betrachten desselben seine Blicke ratlos rings umherschickte, entdeckte er etwas so Außergewöhnliches, daß er in tiefer Bestürzung regungslos stehen blieb. Nicht weit von dem Hause befand sich ein alter, starker Nußbaum, dessen mächtige Aeste beinahe die Mauern des Jagdschlößchens erreichten. Besonders einer dieser Aeste, fast horizontal aus dem Stamme treibend, reichte bis dicht vor das erleuchtete Fenster, und auf diesem sah Erich eine menschliche Gestalt lang ausgestreckt liegen, deren Füße einen festen Stützpunkt fanden in rechts und links abzweigendem schwächeren Astwerke. Jetzt hob die Gestalt ihren Kopf in die Höhe, um in das Fenster zu blicken, aber nicht so hoch, daß der Lichtschein, der aus demselben drang, ihr Gesicht erreicht und dasselbe hätte erkennen lassen – jetzt erhob sie sich höher, und Erich sah mit großem Erstaunen, daß es des Försters Sohn war, der da oben zwischen den Zweigen lauernd lag, und bemerkte dann zu seinem heftigen Schrecken, daß Joseph eine Büchse im Arme hatte, deren Schaft er langsam und zielend gegen seine Wange erhob. Es durchlief ihn fröstelnd, und er war schon im Begriffe einen lauten Ruf auszustoßen, als er sah, wie das Gewehr wieder langsam herabsank, wogegen der junge Mensch seine Augen starr auf das Fenster gerichtet hielt. Was war es, das jener dort im Zimmer erblickte? Es mußte etwas Furchtbares sein; das bewies nur zu deutlich das erhobene Gewehr. Aber was, aber was? Bei dieser Frage fühlte er sein Herz von einer namenlosen Angst, von einem wilden Schmerze erfüllt, von einem Gefühle der Wut, welches ihm das Blut in die Augen trieb, welches den furchtbaren Wunsch in ihm entstehen ließ, den Blitz und Knall des Gewehres zu vernehmen. Da schien aber die Gefahr vorübergegangen zu sein, und nun, da ihm die ruhige Besonnenheit wiederkehrte, sprang er so dicht als möglich unter den Ast und rief mit leiser, gepreßter Stimme, aber so deutlich, als es ihm möglich war, den Namen Joseph. Dieser blickte um sich, entdeckte aber erst, nachdem der Ruf zum zweitenmale wiederholt wurde, den unter ihm Stehenden und beugte sich alsdann rasch herab, um dessen hastig ausgestoßene Worte zu vernehmen: »Ich bitte um Gotteswillen, komm herunter und zeige mir den Weg ins Haus hinauf!« »Ja – ja,« war die mühsam hervorgebrachte Antwort; dann richtete sich Joseph noch einmal hoch empor, starrte in das erleuchtete Zimmer, und da er durch das, was er sah, befriedigt schien, so glitt er von dem Aste herunter, und gleich darauf neben Erich stehend, zerrte er ihn heftig gegen das Haus hin, wobei er sich bemühte, verständlich die Worte hervorzubringen: »Du, Blandas Freund – darfst hinauf.« Dann öffnete er rasch die Thür, die an der Gartenseite des Schlößchens war und hinter welcher sich eine Wendeltreppe befand, welche er Erich heftig hinaufstieß – »Thür oben – Thür oben!« Da zuckte dem jungen Bombardier plötzlich der glückliche Gedanke durch den Kopf, Joseph zu veranlassen, statt seiner in den Wald hinaufzueilen und dort den Ruf des Käuzchens in der verabredeten Weise erschallen zu lassen – du kennst diesen Ruf?« Joseph nickte eifrig mit dem Kopfe. »Gut, so thue so, um Blanda zu retten.« Erich tappte nun die dunkle Stiege hinauf, und erst in der letzten Windung sah er Lichterschein durch die Risse und Sprünge einer Thür, hörte aber auch zu gleicher Zeit eine ihm bekannte, verhaßte Stimme Worte ausstoßen, welche er deutlich vernahm, obgleich der, welcher leidenschaftlich erregt sprach, seine Stimme gewaltsam zu dämpfen schien: ... »Ich gehe nicht, wenn du dich auch in meinen Armen windest wie eine Schlange, und wenn auch deine scharfen Zähne meine Hand bis auf den Knochen durchbeißen – wart' nur, büßen sollst du es mir, süße, wilde Katze!« Da warf sich Erich so gewaltig gegen die Thür, daß Stücke des Schlosses und der Riegel ins Zimmer flogen und er selbst {bild} so heftig gegen den tödlich Gehaßten, daß er ihn unwillkürlich in die Ecke des Zimmers schleuderte, und dann erst Blanda in seinen Armen auffing, die mit dem Ausrufe: »Erich, Erich!« – an seine Brust sank. Stand der andere, schon allein durch diese unvermutete und gewaltsame Unterbrechung sowie durch seine leidenschaftliche Erregung zur Wut getrieben, zähneknirschend, mit zuckenden Händen da, so verzerrten sich jetzt auf einmal seine Gesichtszüge in greulichem Hasse, und seine Augen sprühten Blitze, als er seinen Angreifer erkannte – seinen Angreifer im Kleide des Untergebenen, der es gewagt, die Hand gegen ihn zu erheben, ja, der die Rechte jetzt noch gegen ihn erhob, während er mit dem linken Arme das heftig atmende, leise stöhnende Mädchen an sich drückte – und gerade daß er ihren Ausruf: Erich, Erich! gehört hatte und sehen mußte, wie sie sich leidenschaftlich in seine Arme geworfen und nun, ihn fest umklammernd, an ihm hing, das raubte ihm vollends alle Besonnenheit, und er sprang nach einem Stuhle in der Nähe der Thür, wo sein Säbel lehnte, den er rasch aus der Scheide riß; doch warf sich Blanda in diesem Augenblicke mit einem lauten Aufschrei vor Erich, ihn mit ihrem Körper deckend. Vielleicht war es der Anblick des schönen, mutigen Mädchens, vielleicht ihre beinahe unheimlich leuchtenden Augen, ihre fest aufeinander gebissenen weißen Zähne, ihre starren, herausfordernden Blicke, deren seltsame Glut sich steigerte, während sie ihren Oberleib vornüberbeugte und so Miene machte, selbst zur Angreiferin zu werden, oder war es seine Furcht, ihr gellender Schrei sei jetzt bei der geöffneten Thür vielleicht drunten gehört worden was ihm seine Besinnung wiedergab – genug, er richtete sich hoch auf und sagte mit keuchender Stimme: »Was uns anbelangt, mein würdiger Held und Beschützer, so werden wir uns wiedersehen, wo Ihnen das unangenehm genug sein soll! Lächerlicher Gedanke,« sagte er, sich der Thür nähernd und den Säbel in die Scheide stoßend, »so einen Vagabunden und hergelaufenen Landstreicher behandeln zu wollen!« »O, wenn Sie ihn einmal so behandeln wollten,« rief Erich, indem er mit blitzenden Augen vor ihn hinsprang, »wenn Sie nur dieses eine Mal die Gnade haben wollten, Ihren Rang, Ihren Stand, die Ungleichheit unserer Kleider zu vergessen! Ursache hätten Sie genug, einmal, nach Ihrer Ansicht, recht tief herabzusteigen und mir zu gestatten, Ihnen mit dem Säbel in der Hand entgegenzutreten – und selbst den ungleichen Kampf, den Sie soeben beginnen wollten, würde ich Ihnen gegenüber nicht einmal scheuen!« Erich sagte das glühend vor Aufregung, mit trotzig, mutvoll blickenden Augen, mit erweiterter Brust, unter sichtbarer Anspannung der Muskeln seiner hohen, kraftvollen Gestalt; er sagte das in dem stolzen Selbstbewußtsein seiner Kraft und seines guten Rechtes; er sagte das, indem er mit einem fast verächtlichen Blicke auf die schon ziemlich verlebte Gestalt seines Feindes hinzusetzte: »Nehmen Sie zu dem Säbel auch noch den Dolch, den Sie ja zu führen wissen!« War es vielleicht das Bild Kolmas, welches in diesem Augenblicke vor die Seele des Grafen Dagobert Seefeld trat, oder war es vielleicht der vernünftige Gedanke, hier nicht weiter gehen zu dürfen, um nicht in eine Lage zu geraten, die ihn in jeder Hinsicht alles mußte befürchten lassen, was ihn veranlaßt«, das Gemach zu verlassen, um dieser peinlichen Scene, deren Schluß wohl vorauszusehen war, ein Ende zu machen – doch hatte er langsam und bedächtig seinen Säbel an sich genommen und umgeschnallt, hatte zu Blanda gesagt: »Auch wir sehen uns ebenfalls wieder!« – und stieg dann langsam die gewundene Treppe hinab, wobei er zuweilen, lauschend stehen blieb, um zu hören, ob durch die krachende Thür und darauf durch den Schrei Blandas nicht drunten im Hause Lärm entstanden sei. Doch war dies nicht der Fall; die mächtigen Mauern des alten Schlößchens hatten jeden Schall gedämpft, und als Graf Seefeld auf den Hof trat, sah er die Dienerschaft der Offiziere unbekümmert wie früher plaudernd bei den Pferden stehen. Er selbst aber fand es nötig, eine Zeitlang die kühle Nachtluft einzuatmen, um das gewaltige Erbeben seines Innern ruhiger werden sowie die Röte des Zornes und der heftigen Aufregung auf seinen Gesichtszügen verschwinden zu lassen; auch trat er an den laufenden Brunnen, der sich in einer Ecke des Hofes befand, spülte das Blut von seiner Hand und wickelte sein Taschentuch darum. Gern hätte er die Handschuhe angezogen, doch hatte er diese in seinem Kalpak gelassen, der sich drunten bei den Kameraden befand; dann erst betrat er wieder die Halle, wo er das Lachen und die Spöttereien der sehr lustig gewordenen Offiziere durch vielsagendes Lächeln und gleichgültiges Achselzucken beantwortete. – Blanda hatte ihren Kopf an Erichs Brust verborgen, während ihre Arme fester seinen Hals umschlangen, wobei nun zum erstenmale seit dem Beginne jener schrecklichen Scene Thränen, und zwar unaufhaltsam strömend, zwischen ihren langen, tief herabgesenkten Wimpern hervorquollen. »Und wo war denn die Stöcke!?« fragte Erich, als Blanda endlich mit schwimmenden Augen, aber unter Thränen lächelnd, zu ihm aufblickte. »Sie wurde heute morgen zu ihrer kranken Tante nach der Stadt gerufen, versprach auch, im Laufe des Abends wiederzukommen, konnte aber wahrscheinlich ihr Wort nicht halten, da die Kranke schlimmer geworden.« »Und jener – Ueberfall, Blanda, wie begann er? Wie führte sich jener bei dir ein?« »Ich weiß das selbst kaum; ich war noch spät im Garten {bild} gewesen, schlich dann leise über die kleine Treppe in mein Zimmer und hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, die Thür zu verschließen, da stand er vor mir – anfänglich ruhig sprechend, in aller Form des Anstandes und der Höflichkeit, dann aber mit einem Male anders redend und mich zu heftiger, aber nutzloser Erwiderung zwingend. Ich rief nach dem Förster, nach Joseph, und wenn jener wüste Mensch auch nicht versucht hätte, mein Rufen gewaltsam zu unterdrücken, so wußte ich doch, daß es schwerlich drunten bei dem Lärm, den die Offiziere machten, gehört werden würde; auch spottete er meiner und sagte: ›Rufe nur Leute herbei; man wird mich bei dir finden und wird überzeugt sein, daß du mich eingeladen – wenigstens eingelassen!‹« Erich knirschte mit den Zähnen und verwünschte es jetzt, daß es nicht zu einem Kampfe gekommen, wäre auch das Schlimmste daraus entstanden. »Er sprach noch viel und allerlei,« fuhr Blanda fort, »von dem ich nur das wenigste verstand, aber es waren gewiß furchtbare Dinge, die er sagte; denn seine Lippen bebten und seine Augen vergrößerten sich auf eine schreckliche Weise. – Ich schaute ihm aber fest in die Augen und mich behutsam Schritt um Schritt vor ihm zurück, immer hoffend, die Thür zu erreichen. Da sprang er auf mich zu, wand seinen Arm um mich und faßte gewaltsam meine Hand; doch stieß ich ihn zurück, fühlte aber wohl, wie der wilde Zorn, der mich zuweilen überfällt, meine Sinne bemeisterte, und nachdem ich ihm ein paarmal zugerufen, mich nicht mehr mit seiner Hand zu berühren, sah ich, wie das Blut von seinen Fingern herablief – wäre ein Messer in der Nähe gewesen, ich hätte davon Gebrauch gemacht!« sagte sie mit bebenden Lippen und flammenden Augen. »Da kamst du, Erich, und ich danke Gott dafür! Aber was soll nun werden?« Ihre plötzliche Erregung wich ebenso rasch, wie sie gekommen war, einer tiefen, schmerzlichen Wehmut; ihre Thränen flossen aufs neue, und Erich fühlte an seinem Herzen das gewaltsame Wogen ihrer Brust, das leichte Zucken ihres Körpers, was ihn mit einer unaussprechlichen Empfindung erfüllte. Enthalten konnte er sich nicht, seine Lippen auf ihr blondes Haar zu senken und sie fester in seine Arme zu schließen; doch nur für die Dauer weniger Sekunden; dann machte er ihre Hände sanft von seinem Halse los und sagte mit bebender Stimme: »Laß uns jetzt ruhig überlegen, Blanda, was zu thun ist – für heute abend hast du nichts mehr zu befürchten. »Und für morgen oder auch für die nächsten Tage ist mein Entschluß gefaßt, und da rechne ich auf deinen Schutz, auf deine Hilfe.« »O, könnte ich mein Leben für dich lassen, Blanda, du bist überzeugt, daß ich es thun würde!« Daß sie seinen Worten glaubte, zeigte sie ihm durch einen innigen, seelenvollen Blick. – »Ob du mir aber helfen, mich schützen kannst,« sagte sie, »das ist eine andere Frage, Erich; vielleicht aber findest du ein Mittel. Ich kann nicht länger in diesem Hause bleiben, du hast das soeben selbst erfahren, und du wirst mir glauben, wenn ich dir sage, daß mir auch sonst der Aufenthalt hier unerträglich wird. Was sollte ich auch da von der Barmherzigkeit fremder Menschen leben, da ich überzeugt bin, mich auch sonst auf ehrliche Art durch das Leben schlagen zu können – ich habe in den letzten Jahren genug dazu gelernt. Vorher aber muß ich jene Frau aufsuchen, die sich meiner sterbenden Mutter mitleidsvoll annahm und die auch sonst noch Ursache zu haben schien, mich eine Zeitlang zu beschützen. Ich muß die Gräfin Seefeld sehen und sprechen,, ich muß ihr, zugleich mit meinem heißen Danke für ihre Wohlthaten, sagen, daß sie dieselben an keine Unwürdige verschwendet hat – muß ich das nicht, Erich?« »Gewiß, gewiß; du mußt sie auch fragen, ob sie andere Gründe gehabt als nur das Mitleid, indem sie sich deiner armen Mutter und deiner, des verlassenen Kindes, annahm. Du mußt alsdann jenes Briefpaket in ihre Hände legen, welches ich dir neulich gab.« – Das sagte Erich rasch, hastig, mit leuchtenden Augen, und setzte nach einer kurzen Pause des Nachsinnens hinzu: »Diese Papiere sind jedenfalls wichtig für die Gräfin Seefeld, und ich muß jetzt meine Vermutung von neulich als Gewißheit aussprechen, daß der Inhalt derselben auch mit deiner Vergangenheit oder Zukunft im Zusammenhange stehen könnte.« »Wie wäre das möglich? Doch gleichviel, ich will diese Papiere getreulich aufbewahren und sie verwenden, wie du glaubst, wenn die Umstände es günstig fügen, daß ich mit jener Dame Worte des Vertrauens reden kann. Wie aber zu ihr gelangen? Nach dem Vorfalle von heute abend darf ich mich selbst der Stöckel nicht mehr rücksichtslos anvertrauen, noch viel weniger ihrem Bruder oder dessen Sohne, von welch letzterem ich am meisten überzeugt bin, daß er jeden meiner Schritte beobachtet, bespäht, vielleicht auch verrät; ich muß diesem Hause entfliehen, um nicht in die Lage zu kommen, mit Güte, vielleicht sogar mit Gewalt zurückgehalten zu werden.« »Ja, du mußt fliehen, Blanda,« sagte Erich, finster vor sich niederblickend, »und ich werde dich auf deiner Flucht begleiten, bis du in Sicherheit bist.« »O, wenn das möglich wäre!« »Pah, vieles ist möglich, wenn man nur den festen Willen dazu hat! Es wird sich um eine Nacht, um einen Tag handeln, bis ich dich an einen Ort geführt, wo du in voller Sicherheit deinen Weg fortsetzen kannst; laß mich darüber Erkundigungen {bild} einziehen; ich kenne ja das Ziel deiner Reise, und wenn es dir so recht ist, so glaube ich, wäre am besten die nächste Nacht zu wählen, wenn du nämlich bereit bist.« »O, ich werde bereit sein!« »Die Manöver, die morgen stattfinden, werden bis in den Nachmittag dauern, und da ich nicht daran zweifle, daß sie gut ausfallen, so erhalten sämtliche Truppen übermorgen einen Ruhetag; die Reihe der Wache ist noch lange nicht an mir, und vor Arrest hoffe ich mich schon in acht zu nehmen – ist's dir so recht, oder werde ich von dir noch eine Nachricht erhalten?« »Wie danke ich dir für deine Bereitwilligkeit! Ich atme freier auf, und wenn du mir sagst, wo ich dich morgen treffen soll, so wirst du mich, dich erwartend, finden.« »Warten sollst du nicht, gute Blanda, ich werde vor dir an der Stelle sein, die ich dir jetzt bezeichnen will. Wenn du am Ende eures kleinen Gartens in den Wald trittst, so erreichst du nach wenig Schritten einen Waldweg, der dich, sanft ansteigend, in kurzem zu einer Stelle führt, wo geschlagenes Holz die Straße versperrt; dort wirst du mich finden, wenn du das Hau) nach neun Uhr abends verlaßt – ist's dir so recht?« »Gewiß, Erich.« »Aber wenn es regnen sollte, Blanda?« »Sei auch alsdann nicht besorgt, du weißt, daß ich schon in frühester Kindheit gewohnt war, bei jedem Wetter unter freiem Himmel zu sein, – und aus jenen oft so glücklichen Tagen, Erich, wollen wir ein Stück Wald- und Wanderleben aufführen.« »Wie mich das glücklich machen wird! – Bist du aber auch – bist du aber auch mit Geld versehen?« setzte er zögernd hinzu. »Genügend – durch Kolma.« »Gut dann; so Gott will, findest du mich morgen an der bezeichneten Stelle. Jetzt aber muß ich dich verlassen, um zu meiner Batterie, die droben auf der Höhe liegt, zurückzukehren; ich bin ganz im geheimen gekommen, Blanda, nur um dich einen Augenblick zu sehen, wenigstens das Jagdschlößchen. O, ich glaubte in der That nicht, daß ich so glücklich sein würde, mit dir reden zu können!« »Wenn man aber deine Abwesenheit droben entdeckte?« fragte sie ängstlich. »Darüber beunruhige dich nicht; ich habe meine Vorsichtsmaßregeln zu gut getroffen – aber horch! Was ist das? –« Er eilte rasch ans Fenster, und sein Ohr an eine kleine Spalte des schnell geöffneten Fensterflügels legend, hörte er das Geräusch einer wenngleich behutsam und nicht gleichmäßig marschierenden Menschenmasse. »Was bedeutet das, Erich?« »O, nichts als ein wahrscheinlich gut gelungener Manöverscherz – Adieu, meine gute Blanda! Sei ganz ruhig, wenn du auch drunten ein klein wenig Lärm und lautes Gerede hören würdest; denke dabei freudig an morgen nacht und dann auch ein klein wenig an mich.« Sie reichte ihm beide Hände und duldete es gern mit glücklichem Blicke, als er sie hierauf rasch an sich zog und seine frischen roten Lippen auf ihren rosig schwellenden Mund drückte. {bild} 42. Kapitel Worin das Gelage der Kavallerieoffiziere einen unvorhergesehenen Abschluß findet und worin der letzte Bombardier, nachdem er sich vortrefflich benommen, den dümmsten Streich seines Lebens macht. Joseph hatte indessen den Ruf des Käuzchens sehr natürlich und in den angegebenen Zwischenräumen erschallen lassen, worauf der Gefreite Huber sogleich dieses Zeichen gegen die Höhe hinauf weiter gab und den Unteroffizier Raffleur veranlaßte, den kommandierenden Lieutenant des Wachtpostens sogleich aus festem Schlafe zu erwecken und ihm zu melden, daß drunten etwas ganz Absonderliches vorfallen müsse, da der Bombardier der reitenden Artillerie das verabredete Zeichen gegeben. Augenblicklich war der Infanterielieutenant munter und auf den Füßen, zog Schärpe und Säbel fester um den Leib, warf seine Pickelhaube auf den Kopf, schaute aber alsdann seinen Untergebenen, einen altgedienten Unteroffizier, fragend an: »Das ist alles recht schön und gut, Raffleur, aber was nun weiter? Eine Streifpatrouille da hinabzuschicken, ist so eine Sache; denn statt daß wir damit etwas ausrichteten, könnten unsere Leute selbst in die Patsche kommen, und doch darf man den Bombardier nicht im Stiche lassen. Wissen Sie was, eilen Sie zur Compagnie, die ja nicht tausend Schritte von hier lagert, und melden die ganze Geschichte dem Herrn Hauptmann.« Schon war der Unteroffizier ein paar Schritte davongelaufen, als er plötzlich stehen blieb und sich tief bückte, wie man in der Nacht zu thun pflegt, wenn man irgend etwas erkennen will, das in der Dunkelheit auf uns zukommt und sich alsdann von dem helleren Himmel besser abzeichnet. Rasch eilte er hierauf mit der Meldung zurück, daß ein Trupp Reiter nahe, wahrscheinlich der Major du jour , zum Visitieren der Wachtposten. Und so war es auch; nur kam der diensthabende Major nicht allein, sondern in Gesellschaft des kommandierenden Brigadegenerals, sowie eines ganzen Schwarmes von Adjutanten, Ordonnanzen und anderen Offizieren. Statt nach dem eingenommenen vortrefflichen Souper sein Lager zu suchen, hatte es der Brigadegeneral bei der schönen Nacht vorgezogen, nochmals sämtliche Positionen abzureiten. War es doch das erste kombinierte Manöver, welches er unter den Augen des Allerhöchstkommandierenden zu leiten hatte, und hatte er auch sonst noch verschiedene Ursachen, auf keiner unrichtigen oder falschen Fährte ertappt zu werden! Der Brigadegeneral nämlich, einer unserer Bekannten dieser wahrhaftigen Geschichte, der frühere Dragoneroberst von Schwenkenberg, war bei seiner Beförderung zum General mit einer Infanteriebrigade betraut worden, worüber seine ehemaligen Kameraden von der Kavallerie einigermaßen die Achseln gezuckt hatten und worüber seine jetzigen Kameraden von der Infanterie noch immer fortfuhren, bedeutsam die Achseln zu zucken. Jene behaupteten, als echter Kavallerist hätte er lieber seinen Abschied nehmen, als sich solchergestalt zurückdienen sollen, und die vom Fußvolk waren überzeugt, daß so ein Reiteroberst sich nie zu den Feinheiten der Infanterietaktik aufschwingen könne. Und so werden wir es denn begreiflich finden, daß sich der General von Schwenkenberg die erstaunlichste Mühe gab, um bei dem Manöver glänzend zu bestehen, wobei er sich noch fest vorgenommen hatte, seinen ehemaligen Kameraden, die jetzt Miene machten, ihn etwas von oben herunter anzuschauen, dieser übermütigen Kavallerie, womöglich tüchtig eins auszuwischen. Dies war der Mann, der gegen den Wachtposten des Infanterieoffiziers ritt und von diesem Meldung erhielt über das, was zwischen ihm und dem Bombardier der reitenden Artillerie vorgefallen, und hinzusetzte, das Erschallen des verabredeten Zeichens müsse jedenfalls etwas Außergewöhnliches zu bedeuten haben. »Welche feindliche Truppenteile glauben Sie da unten vor sich zu haben?« »Kavallerie, Herr General, Husaren und Dragoner, wie wir ganz genau wissen; denn die Patrouillen derselben streifen dicht an der Nase unserer Vorposten vorüber, ohne sich um die bezeichnete Demarkationslinie im geringsten zu kümmern.« »Ah, das sieht ihnen ähnlich! Ich kenne diese Dragoner, und es würde ihnen durchaus nicht schaden, wenn es möglich wäre, ihnen ein bißchen Respekt vor dem Bajonett einzuflößen! Was glauben Sie, Herr Lieutenant, wenn wir ein ziemlich starkes Detachement da hinabschickten, um zu sehen, was es gäbe? Wie stark ist Ihr Vorposten hier?« »Achtzig Mann, Herr General.« »Und Ihre Postenkette drunten läßt in der Sicherheit für unser Bivouac nichts zu wünschen übrig?« »Ich bin überzeugt, daß sich kein Fuchs durchschleichen könnte.« »So wollen wir denn mit Ihren achtzig Mann einen Handstreich versuchen, wenigstens genau rekognoszieren, was es drunten eigentlich gibt. Herr Major Klemmer,« wandte er sich an einen der ihn begleitenden Stabsoffiziere, »Sie hätten wohl die Freundlichkeit, dieses allerdings kleine, aber nicht unwichtige Kommando zu übernehmen; ich möchte dabei gern einen umsichtigen Offizier haben, auf den ich mich unter allen Umständen verlassen kann.« »Zu Befehl, Herr General; ich werde das aber mit Ihrer Erlaubnis zu Fuß abmachen.« »Gewiß, mein lieber Herr Major, und Sie, Herr Lieutenant, lassen Sie Ihre Leute antreten – wir, meine Herren,« wandte er sich an seine Suite, »bleiben indessen hier oben hübsch beisammen, bis wir erfahren, was sich drunten begeben.« Die Leute waren augenblicklich zusammengetreten und freuten sich sichtlich auf die kleine Expedition, weshalb sie auch unter Anführung des Majors Klemmer so geräuschlos und vorsichtig als möglich den Waldweg hinabgingen und gleich darauf im Schatten der Nacht verschwunden waren. Major Klemmer war ein Mann, der von der Pike auf gedient hatte, und dem es erst nach manchem vergeblichen Anlaufe gelungen war, über die Scheidewand hinwegzusetzen, welche den Unteroffizier von den Epauletten trennt, streng in und außer dem Dienste, ehrgeizig und diensteifrig; einer armen und sehr bescheidenen Familie entstammend, hatte er sich von jeher ohne die geringste Zulage behelfen müssen, was alles seinem Charakter viel Härte und Schroffheit beigemischt hatte, die auch sein äußeres Benehmen sehr rauh und schartig machten, wobei er, hauptsächlich ein scharfes Augenmerk den jungen Offizieren seines Bataillons zuwendend, es unbegreiflich fand, wie sich diese jungen Herren so nichtigen Dingen, als Spazierengehen, Kaffeehäuser, Gesellschaften, Bälle besuchen, Trinken und Spielen, hingeben mochten. Vielleicht daß er dabei nicht ganz ohne Neid war, wenn er in Erfahrung brachte, daß da oft in einer Nacht in Austern und Champagner Summen verschlampampt wurden, mit welchen er selbst Monate gelebt hätte. Genug, ein Tiger konnte nicht leichter seine Beute gieriger packen und festhalten, als er, wenn es sich um leichtsinnige Dienstvergehen oder gar um Schuldenmacherei handelte. Zu allem dem hatte Major Klemmer eine ältere Jungfrau von etwas Vermögen zu seiner Gemahlin gemacht, und diese, ein wahres Kratzeisen, äußerlich und innerlich, stand mit allen bösen Eigenschaften eines keifenden Weibes zu ihrem Gemahl in gleichem Verhältnis wie der Stahl zum Messer und schliff durch ihr ewiges Gezänk seine ohnedies schon harten und schneidigen Eigenschaften zu einer sehr gefährlichen Schärfe. Groß, lang und hager von Gestalt, hatte Major Klemmer eine gewaltige, scharfe Habichtsnase, kleine, finsterblickende Augen und einen langen fuchsigen Schnurrbart, der, gerade herabgekämmt, Mund und Kinn fast gänzlich verbarg, und so war innerlich und äußerlich der Mann beschaffen, der sich jetzt an der Spitze von achtzig Mann so geräuschlos als möglich dem Jagdschlößchen näherte und an der hinteren Gartenmauer von dem rasch herbeigeeilten Bombardier der reitenden Artillerie empfangen und von der Gegenwart der feindlichen Kavallerieoffiziere in Kenntnis gesetzt wurde. Mit einem raschen Blicke, der durch eilige Erläuterungen Erichs unterstützt wurde, übersah Major Klemmer hier die Lokalität, besetzte den hinteren Ausgang des Gartens mit einem tüchtigen Posten und umkreiste hierauf die Mauer bis zum Eingangsthore des Hofes, welches er ebenfalls stark besetzte, die Offiziersburschen mit ihren Pferden zu Gefangenen erklärte und dann dem Hause zuschritt. Hier hatte das lustige Leben und Treiben der Offiziere seinen Höhepunkt erreicht, und waren es besonders die teils versteckten, teils offenen Anspielungen und Neckereien gegen den Grafen Seefeld, was die Lust zu wahrer Ausgelassenheit gesteigert; doch bemühte sich der von allen Seiten Angegriffene längere Zeit, als einzige Abwehr und Entgegnung eine behaglich lächelnde Miene anzunehmen und sich den Schein zu geben, als könne er, im Bewußtsein eines glücklich zu Ende geführten Abenteuers, recht gut die von Neid erfüllten Bemerkungen der Kameraden ertragen. »Aber das mußt du zugeben, Seefeld,« sagte Graf Horn, »daß du nicht vollkommen siegreich aus jener Affaire zurückgekehrt bist und daß die tüchtige Schramme an deiner Hand ebensogut einen abgeschlagenen Sturm bedeuten kann als das Aufziehen der weißen Fahne.« »O, es gibt auch welche, die aus Liebe beißen,« lachte Baring, »und damit laßt's für jetzt genug sein! Seefeld hat sich uns als Sieger vorgestellt, und warum sollten wir ihm nicht glauben? – Seid nicht undankbar für alles, was er heute abend für uns gethan, und trinkt auf die glückliche Beendigung des morgenden oder vielmehr heutigen, gewiß sehr langweiligen Manövers!« »Wenn ich nur mit meiner Schwadron vor den Augen des Prinzen zu einer recht flotten Attaque komme, über ein paar tüchtige Gräben und Verhaue hinweg – du, Seefeld, kannst, wenn sich eine solche Gelegenheit bietet, mir zuliebe schon um ein paar Pferdelängen zurückbleiben!« »Und dir als Relief dienen – recht gern! Was du erwartest, habe ich erreicht, und mich freut ohnedies schon lange die ganze, friedliche Soldatenspielerei nicht mehr!« »So wär' es doch am Ende wahr, was man sagt, daß du quittieren wolltest?« »Und heiraten?« lachte ein Anderer. »Das erste vielleicht, doch was das zweite anbelangt, so hat's damit noch gute Wege!« »Das würdest du nicht in Gegenwart der kleinen, reizenden Gräfin Haller sagen!« erwiderte Graf Horn und sang dann nach der bekannten Melodie aus Teil: »Klothilde, ach Klothi-ilde!« Ohne dieses letztere einer Beachtung zu würdigen, fuhr Graf Seefeld fort: »Mein verehrter Oheim, der alte Herr Christian Kurt, fällt rasch zusammen, und wenn sich da etwas ereignet, so daß ich die Güter übernehmen muß, ist es wohl selbstverständlich, daß ich alsdann nicht mehr fortdienen kann!« »Und wirst als Major à la suite zur Disposition gestellt, glücklicher Kerl, mit dem Bewußtsein, vom Soldatenleben den lustigen Schaum getrunken zu haben!« »Ein volles Glas auf dieses Avancement, denn es ist jedenfalls das beste alleweg!« »Mir ist darum auch dieses langweilige Manöver, wobei wir doch nur die Handlanger der Infanterie spielen,« bemerkte Seefeld nach einer Pause, »unangenehm in die Quere gekommen! Ich wollte heute früh schon nach der Waldburg abreisen, und muß nun warten bis morgen nacht, bis nach dem großen Souper, das der Prinz dem kommandierenden General gibt; da kann es spät werden, oder vielmehr sehr früh, und daher war' es mein Rat, jetzt zum Bivouac zurückzukehren und sich dort noch ein paar Stunden, in den Mantel gehüllt, niederzulegen!« »Ei was,« meinte Graf Horn, »zum schlafen hat man immer noch Zeit! Ich finde es hier viel behaglicher, oder, wenn ihr je eine Veränderung wollt, so sitzen wir auf und rekognoszieren zu unserem Privatvergnügen die feindlichen Vorposten! Wir haben nur Infanterie vor uns, und ich bin überzeugt, daß wir manchen finden, der, an irgend einem Baume lehnend, eingenickt ist!« »Es wäre doch ein Hauptspaß,« rief der ganz junge Dragoneroffizier – derselbe hatte noch nicht alle Eierschalen abgestreift –, »wenn wir gänzlich unbeachtet bis auf die Höhe kommen könnten und auf einmal wie Geister der Nacht in ihrem Bivouac erschienen – der Schrecken!« Da klang es draußen auf dem Vorplatze, als wenn sämtliche Offizierburschen und Ordonnanzen, die im Hofe die Pferde hielten, in ziemlich regelmäßigem Schritte herankämen, um irgend etwas zu melden – da öffnete sich langsam die Thür der Halle, und auf der Schwelle erschien, schauerlich anzusehen, wie eines jener Gespenster, dessen der junge Dragoneroffizier soeben erwähnt, ein langer, hagerer Major der Infanterie, mit der Schärpe um den Leib, gezogenem Säbel und auf dem Kopfe den Helm, der ihn als von den feindlichen Truppen kennzeichnete, und hinter diesem düster blickenden Major blitzten zahlreiche Gewehrläufe und Bajonette. »Bei allem dem, was im Exerzier- und Dienstreglement steht,« sagte der finster blickende Major nach einer peinlichen Pause, »das ist eine sehr kuriose Geschichte! Die Herren von der Kavallerie sind, soviel ich sehe, aus dem feindlichen Bivouac, haben es sich hier mit Nichtachtung der Demarkationslinie äußerst bequem und behaglich gemacht« – hier streifte sein düsterer Blick die zahlreichen Champagnerflaschen, welche auf dem Tische standen – »und die Herren von der Kavallerie,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »haben nicht einmal Wachen ausgestellt, um zu verhüten, daß sie vom Feinde überrascht und zu Gefangenen gemacht würden!« »Herr Oberstwachtmeister,« entgegnete ihm Graf Seefeld, der nach dieser allerdings sehr unangenehmen Ueberraschung zuerst wieder seine volle Fassung erlangt hatte, »Sie scheinen unsere harmlose Unterhaltung hier ver ... – sehr ernst nehmen zu wollen?« »Nicht ernster als notwendig, Herr Rittmeister; ich habe ein feindliches Detachement hier glücklich aufgehoben, mache es zu unseren Gefangenen und muß Sie als solche ersuchen, mich nach unserem Lager zu begleiten!« »Ah, Sie werden doch nicht – den Teufel auch! – Das ist ja gegen alle Kameradschaft – bei einem Manöver!« riefen die Offiziere aufspringend und nach ihren Mützen und Säbeln greifend, während Graf Seefeld ruhig sagte: »Setzen Sie sich lieber zu uns, Herr Oberstwachtmeister, und acceptieren ein Glas Champagner!« »So etwas wäre doch in der That unerhört, bei einem Manöver, unter Truppen desselben Armeecorps!« »Was ist ein Manöver, meine Herren von der Kavallerie?« erwiderte der Major mit großer Würde. »Eine möglichst genaue Nachahmung des Kriegs – und Sie werden mir doch zugeben, daß man im Kriege in einem solchen Falle gerade so handeln würde, wie ich hier thue und die Herren Offiziere von der Kavallerie zu Gefangenen mache.« »Gerade vielleicht deshalb, weil es Offiziere von der Kavallerie sind!« rief Graf Horn mit Bitterkeit. »So, es läge wirklich in Ihrer Absicht, Herr Oberstwachtmeister, es in diesem Falle so genau zu nehmen?« sagte Graf Seefeld, indem er die Kameraden mit der Hand zur Ruhe winkte. »So genau, als möglich!« antwortete der unbeugsame Major der Infanterie. »So will ich Ihnen einen Vorschlag machen: Sie entlassen meine Kameraden ungehindert zu ihren Truppenteilen, während ich mir eine Ehre daraus mache, Sie bis zu Ihrem kommandierenden Herrn General zu begleiten, um demselben auf Verlangen die Namen der sämtlichen hier Anwesenden mitzuteilen.« »Das nehmen wir nicht an, Seefeld, gewiß nicht – eine solche Aufopferung – zum Teufel, wenn der Herr Major ein Manöver ernstlich nehmen will, so können wir auch den Versuch wagen, uns durchzuschlagen!« Das riefen die Kavallerieoffiziere halblaut durcheinander, indem sie Seefeld umringten und während sich zu gleicher Zeit der Unteroffizier Raffleur durch die Reihen der Infanteristen bis zu dem Major durchdrängte: »Herr Oberstwachtmeister, es lassen sich dicht am Hause Kavalleriepatrouillen sehen, welche beim Anblicke der Infanterie am Thore Reiter in vollem Galopp rückwärts sandten; ich glaube, wir haben hier keine Zeit zu verlieren!« Diese Meldung geschah auf Erichs Veranlassung, der mit Joseph das Jagdschlößchen rings umspäht hatte, und die Husaren und Dragoner entdeckte. »Gut dann, ich nehme Ihren Vorschlag an, Herr Rittmeister, bitte aber, mir sogleich zu folgen!« »Sie werden mir doch wenigstens gestatten, mein Pferd zu besteigen?« »Es thut mir sehr leid, Ihnen das abschlagen zu müssen! Droben wird der Herr General bestimmen, wie es später damit gehalten werden soll, zu welchem Zwecke Ihre Pferde nachgeführt werden sollen – verstehen Sie, Unteroffizier Raffleur? Und das kann unter Aufsicht des Bombardiers von der reitenden Artillerie geschehen, der uns so vortrefflich geführt hat!« Bei Erwähnung des Bombardiers von der reitenden Artillerie verdüsterten sich plötzlich die Blicke des Grafen Seefeld; er erbleichte furchtbar, preßte heftig die Lippen aufeinander und rief alsdann mit rauher Stimme: »Gut, Herr Oberstwachtmeister, ich folge dem Zwange! Vorwärts also, wenn es Ihnen gefällig ist!« Er drückte die Kameraden, die ihn umringen wollten, leicht auseinander, indem er, sich gewaltsam zu einem leichten Lächeln zwingend, sagte: »Man muß jedem sein Vergnügen lassen! Auf Wiedersehen morgen früh – und du, Baring, melde dem Major, ich hätte mich an der Hand verletzt, deshalb seien wir hier heraufgeritten auf neutralen Grund und Boden und von der feindlichen Infanterie überrascht worden, welche indessen ebensowenig als wir die Demarkationslinie geachtet hätte!« – Dann mit einer sehr kalten Begrüßung an dem Major vorübergehend, verließ Graf Seefeld scheinbar ruhig, aber innerlich kochend vor Wut und Ingrimm, inmitten des Infanteriepiquets das Haus und den Hof. Erich folgte mit dem Husaren, welcher die Pferde des Grafen Seefeld führte. In der That hatten die zurückgekehrten Kavalleriepatrouillen, durch die feindliche Infanterie im Hofe aufmerksam gemacht, Reiter mit der Meldung davon ins Bivouac geschickt, und kaum hatte Major Klemmer die Stelle erreicht, wo die geschlagenen Baumstämme den Waldweg verengten, als eine halbe Schwadron Husaren in den Hof des Jagdschlößchens sprengte, um die Offiziere dort aufzunehmen und vielleicht auch dem Feinde seine Beute wieder abzujagen. Doch hatte der Bombardier der reitenden Artillerie den Major Klemmer darauf aufmerksam gemacht, wie mit einigen wenigen weiter herabgerollten Baumstämmen der Weg gänzlich zu versperren sei, worauf dies sogleich geschah und die Truppe alsdann ihren Weg ungehindert die Anhöhe hinauf fortsetzte, auch deshalb, weil die Husaren, durch die Barriere stutzig gemacht, die Verfolgung bei der finsteren Nacht aufgaben. Droben angekommen, erstattete der Major dem General von Schwenkenberg Bericht über die Expedition und ließ dann seinen Gefangenen vortreten, der von dem Kommandierenden augenblicklich erkannt und mit einem lauten Lachen bewillkommt wurde. »Ah, Major Klemmer,« rief er alsdann, »Sie haben einen guten Fang gemacht, und wenn sich der Graf Seefeld ranzionieren muß, so können Sie zufrieden sein!« Worauf der Major mit ernster Stimme entgegnete: »Herr General, ich habe nur meine Schuldigkeit gethan und würde derselben im wirklichen Kriegsfalle noch kräftiger und ausgiebiger nachgekommen sein!« – Ihn hatte das Lachen des Generals verdrossen, sowie auch der Händedruck, den jener mit dem Gefangenen wechselte, und indem er nach seinen Pferden ging, murmelte er zwischen den Zähnen: »Es ist und bleibt ein wahres Sprüchwort: ›Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus‹ – und zu einem tüchtigen Infanteristen muß man geboren sein, sonst bleibt man allerweg ein Stümper!« »Uebrigens, Major Klemmer,« rief der General von Schwenkenberg, »danke ich Ihnen sehr für die umsichtige Führung dieser Expedition und werde sie betreffenden Ortes zu rühmen wissen! Wo ist der Bombardier der reitenden Artillerie?« Erich trat vor. »Auch mit Ihnen bin ich zufrieden, mein Lieber; von welcher Batterie sind Sie?« »Von der vierten reitenden.« »Ah, Kapitän von Manderfeld! Melden Sie ihrem Batteriechef, daß ich Sie belobt hätte, – und nun, mein lieber Graf Seefeld,« wandte er sich an diesen, »steigen Sie zu Pferde und nehmen Sie bei mir eine Tasse Kaffee, ehe Sie zu Ihrer Schwadron zurückkehren.« Daß Erich nicht im entferntesten daran dachte, später das ihm vom General gespendete Lob seinem Batteriechef zu wiederholen, bedarf kaum der Erwähnung; doch erzählte er die ganze Geschichte sogleich dem Premierlieutenant Schaller, dabei meldend, daß der Waldweg, um den es sich gehandelt, wie er auch schon früher gesagt, für Geschütze und Fahrzeuge nicht zu passieren sei. Der Tag der Schlacht brach an und unter dem Schleier der Dämmerung formierten sich Compagnien und Bataillone, Schwadronen und Batterien; Adjutanten und Ordonnanzen schossen wie die Schwalben hin und her. Der Kommandierende befand sich mit seiner Suite auf einem Hügel, von wo er die Hochebene übersehen konnte, umgeben von Offizieren aller Waffen und Grade, von denen mancher, wenn auch nur pro forma eine Landkarte vor sich auf dem Sattelknopfe hatte. Wohlgenährte Stabsoffiziere der Infanterie pätschelten freundlich die Hälse ihrer Pferde, um sich deren Wohlwollen zu versichern, strenge Hauptleute, den gezogenen Säbel in beiden Händen auf den Rücken haltend, schritten vor ihrer Compagnie auf und ab, wobei sie vermittels einzelner Redebrocken den Eifer ihrer Untergebenen zu entflammen suchten, während diese Untergebenen heimlich an ihrem Morgenbrote kauten und ihre Rührung mit dem letzten Schlucke Schnaps hinunter in den Magen spülten. Am Rande der Höhe sah man, ungewiß durch den Schleier der Morgennebel, Artilleriemassen dahinziehen und hier und da Position nehmen, wobei jede Batterie zuerst einen unordentlichen Knäuel von Menschen, Pferden und Fahrzeugen, dann acht einzelne, in gleichen Intervallen von einander abstehende Punkte bildete, welche nun beim Beginne des großen Schauspiels vom rechten Flügel an zu blitzen fingen und sich schon eine Sekunde lang in dichten, weihen Rauch gehüllt hatten, ehe der Schall des krachenden Schusses die Tausende von Männerherzen erschütterte, die erwartungsvoll dem bevorstehenden Kampfe entgegensahen. Dieser entspann sich nun und nahm seinen Fortgang nicht gerade nach dem Willen des Lenkers der Schlachten, sondern wie es auf dem Papiere vorgezeichnet war, und die Batterien, nachdem sie eine gute Portion von dem Pulver Sr. Majestät verpufft hatten, protzten auf und gingen in gleichem Maße vorwärts, wie sich die feindliche Artillerie zurückzog. Daß es dabei den einzelnen Batteriechefs, Zugskommandanten, ja, glücklichen Geschützführern vergönnt war, durch eine vortreffliche Aufstellung oder Deckung ihr Licht leuchten zu lassen, versteht sich von selbst, wobei es sich ganz besonders angenehm für den Premierlieutenant Schaller traf, daß Se. Excellenz der Generalinspecteur der Artillerie, welcher mehrmals sämtliche Artilleriepositionen abritt, dazu kam, wie sich der Haubitzenzug des eben genannten Offiziers, wobei sich auch Erich befand, neben dem Jagdschlößchen so prachtvoll aufgestellt hatte, daß ihre Granaten, die seitwärts zum Angriffe vorgehenden feindlichen Husarenschwadronen mit Stumpf und Stiel vom Erdboden vertilgt hätten, wenn es Ernst gewesen wäre, was den Betreffenden eine wohlwollende und sehr gnädige Bemerkung eintrug. Dicht oberhalb der Stadt nahm die Artillerie eine dritte und letzte Position, um unter ihrem Schutze die Infanterie und Kavallerie vorgehen zu lassen und die Feinde über einen kleinen Fluß zurück und in die Vorstädte hineinzuwerfen, womit das Manöver beendigt war und worauf die Truppen, welche von auswärts gekommen waren, in ihre Kantonierungen, die Garnison der Residenz aber in ihre Kasernen zurückkehrte. Unter der letzteren befand sich auch die vierte reitende Batterie, die sich auf einem vorher bestimmten Platze gesammelt hatte und nun unter Führung des Hauptmanns von Manderfeld selbst heimwärts zog, und während alle Leute, im Bewußtsein, einen schweren Tag glücklich hinter sich zu haben, lustig und guter Dinge waren, ritt der Batteriechef mit einem sehr finsteren Gesichte an der Spitze. Es war ihm nämlich gelungen, seine sechs Kanonen gleich zu Anfang der Schlacht in ein sumpfiges Terrain zu führen, und das leider unter den Augen des Generalinspecteurs, welcher denn auch nicht ermangelte, ihm durch einen seiner Adjutanten etwas wenig Schmeichelhaftes sagen zu lassen. So gelangte man in den Kasernenhof. Die Batterie fuhr auf, und der Hauptmann schien gute Lust zu haben, noch eine kleine Parade abzuhalten, um nachträglich vielleicht noch etwas zu finden, wo eine Strafe zu verhängen sei; doch kam ihm ein anderer Gedanke und er fragte den Premierlieutenant mit sehr lauter Stimme, wer denn eigentlich der Bombardier gewesen sei, der es heute nacht gewagt, sein Geschütz zu verlassen, um in der Welt herumzufahren. »Man hat mir das berichtet,« setzte er hinzu – »und wenn das den Herren von der Infanterie auch als ein höchst gelungenes Stücklein erscheint, so denke ich doch, anders und will einmal sehen, ob man so mir nichts dir nichts ein Recht hat, sein Geschütz zu verlassen! Wer war es?« Daß er das ganz genau wußte, sah man deutlich an dem finsteren Blicke, den er aus den zusammengekniffenen Augen gegen Erich sandte; auch lächelte er vergnüglich, als dieser nun aus der Linie herausritt und sich meldete. Doch sprengte zu gleicher Zeit von der anderen Seite der Premierlieutenant herbei, legte die Hand an den Helm und sagte: »Das geschah alles auf meinen Befehl, Herr Hauptmann.« »Alles – auf Ihren Befehl, Herr Premierlieutenant? Und wie lautete Ihr Befehl?« »Nachzuforschen, ob ein Waldweg, der ins Thal hinabführte, passierbar sei oder mit Holzstämmen verbarrikadiert, wie man mir gemeldet.« »Schön, aber Sie gaben doch wohl diesem jungen Menschen keinen Befehl, bis beinahe in das feindliche Bivouac zu laufen, unterwegs in ein Haus einzufallen und ruhige Bewohner – Bewohnerinnen sollte ich eigentlich sagen – im Schlafe zu stören?« »Ob das geschehen ist, weiß ich nicht, wenn aber, so geschah es vielleicht im Drange der Notwendigkeit, um zu erfahren, ob sich feindliche Kavallerie in jenem Hause festgesetzt habe, und auch dazu habe ich dem Bombardier Freiberg speziellen Befehl gegeben.« – Dies sagte der Premierlieutenant in einem etwas barschen Tone, während ihm die Röte des Zornes ins Gesicht stieg, und setzte hinzu: »Sollte also jemand zu tadeln sein, so wäre ich es, Herr Hauptmann, und nicht der Bombardier!« »Gestatten Sie mir, Herr Premierlieutenant, darüber anderer Ansicht zu sein, und wenn ich auch in Anbetracht Ihres vielleicht nicht ganz bestimmt ausgesprochenen Befehles mildernde Umstände annehmen will, so werden Sie mir doch erlauben, diesem Manne – den ich genügend zu kennen die Ehre habe – meine Unzufriedenheit dadurch zu erkennen zu geben, daß ich ihn bis morgen abend auf die Strafwache schicke.« Ein Donnerschlag für den armen Erich; denn eine Strafwache während der bevorstehenden Nacht war ihm ebenso gleichbedeutend, wie vierzehn Tage Arrest zu jeder anderen Zeit. Er schaute mit einem flehenden Blicke auf den Premierlieutenant, der sein Pferd rasch herumwarf, dem davonreitenden Batteriechef folgte und, allerdings zu entfernt von der Mannschaft, um diese ein Wort verstehen zu lassen, eine kurze, aber heftige Unterredung mit dem Hauptmann von Manderfeld hielt, worauf dieser achselzuckend den Kasernenhof verließ, der Premierlieutenant aber mit sehr bleichen Gesichtszügen zur Batterie zurückkehrte, die Mannschaft absitzen und auseinandertreten ließ, worauf er den Bombardier Freiberg zu sich rief und ihm in bedauerndem Tone sagte: »Die Strafwache kann ich Ihnen leider nicht abnehmen – doch das übrige wird sich finden!« Erich mußte sich Gewalt anthun, um in seinem tiefen Schmerze nicht kindisch vor dem wohlwollenden Offizier zu erscheinen; ihn nochmals um Erlassung der Strafe zu ersuchen, wäre fruchtlos gewesen. Auch entfernte sich der Premierlieutenant rasch, nachdem er Erich nochmals freundlich mit der Hand gewinkt, weshalb dieser, außer sich vor Schmerz und Zorn, nach dem Stalle eilte, sein Pferd im Ständer anhing, und dann so that, als beaufsichtigte er das Absatteln der Bedienungsmannschaft der Haubitze. In Wirklichkeit aber dachte er ganz was anderes, als er in der Stallgasse auf und ab schritt, und die heftigen Zornesworte, welche er hie und da murmelnd von sich stieß, galten gewiß keinem ungeschickten oder fahrlässigen Kanonier. »Das unangenehmste bei allem dem ist noch,« sagte Bombardier Schwarz, als er auf ihn zutrat, »daß du den langen Wibert ablösen mußt! Dieser faule Schlingel hat sich unter dem Vorgeben eines bösen Fußes vom Bivouac und vom Manöver gedrückt und soll nun auch durch dich noch obendrein von der Stallwache erlöst werden.« »Hol' ihn der Teufel und die ganze Wirtschaft miteinander!« rief Erich die Zähne zusammenbeißend und indem er sich die größte Gewalt anthat, den Kameraden keinen unmännlichen Ausdruck des Schmerzes sehen zu lassen. Doch hätte er viel darum gegeben, wenn er ganz, ganz allein gewesen wäre und wenn er hätte wüten und toben, ja, heimlich ein paar Thränen vergießen dürfen, die er kaum zurückdrängen konnte, deren Last ihm aber förmlich die Kehle zuschnürte, so daß er ein leichtes Schluchzen unmöglich unterdrücken konnte. – »Du weißt, ich mache mir aus einem Arreste oder einer Strafwache für gewöhnlich nicht so viel, aber heute bringt es mich zur Verzweiflung, und wenn ich wirklich da bleiben muß, so stehe ich nicht dafür ein, ob ich nicht mit dem Kopfe gegen die Wand renne!« »Ein herrliches Mittel – und was hast du denn eigentlich vor?« »Ich kann es dir nicht sagen, aber wenn ich auf der Wache bleiben muß, so bin ich der unglückseligste Mensch von der Welt!« »Nun, wenn das ist,« sagte der gutmütige Schwarz, »so will ich nach eingebrochener Dunkelheit kommen und dich ablösen; früher fangen deine wichtigen Geschäfte doch wohl nicht an. Sei aber jetzt so gut und schneide ein anderes Gesicht; der lange Wibert lauert wie ein Fuchs herüber, und ich möchte ihm nicht das Vergnügen machen, ihm zu zeigen, daß dir die Strafwache so unangenehm sei!« »Darin hast du recht, und deinen Freundschaftsdienst will ich dir wahrhaftig nicht vergessen!« »Nun, was ist weiter dabei, eine Nacht auf Stroh schlafen – und vor Entdeckung sind wir ziemlich sicher; der Hauptmann kommt vormittags nie in den Stall, oder wenn ihn doch der Teufel dahinführte, so müßte man ihm melden, du seist an einer heftigen Kolik erkrankt und ich hätte dich abgelöst. Jetzt geh' und mache deine Wachtoilette und löse mir alsdann den Wibert mit einem freundlichen Gesichte ab!« Erich ging auf sein Zimmer, wo er sogar von dem Unteroffizier Wenkheim mit einigen bedauernden Worten empfangen wurde, jetzt aber so that, als mache er sich durchaus nichts aus der Strafstallwache, ja, um derselben alle Ehre anzuthun, wie er scherzend sagte, zog er nicht seinen alten Exerzieranzug, sondern seine eigene Uniform an, steckte alsdann alles Geld, welches er besaß, sowie ungesehen von den andern ein kleines, doppelläufiges Terzerol zu sich, welches eigentlich Schmoller gehörte und das der faule Schreiber seinem Freunde mit der Bitte gegeben hatte, den einen ausgeschossenen Lauf reinigen zu lassen und. dann wieder zu laden. Der Bombardier Schwarz, welcher vorausgelaufen war, hatte für einen soliden Kaffee mit Butter und Brot gesorgt und auch für Erich Schreibmaterialien hergerichtet, um die er gebeten hatte. Mußte Erich doch einen sehr wichtigen Brief an Doktor Burbus verfassen, worin er ihn in möglichster Kürze und doch wieder so dringlich als möglich von den Schicksalen Blandas in Kenntnis setzte und ihn bat, sich des armen, verlassenen Mädchens anzunehmen. Klugerweise hatte der Bombardier heute morgen während des Manövers und besonders beim Heimreiten sorgfältig diesen Brief im Kopfe concipiert und brauchte ihn nur niederzuschreiben, sah sich aber doch währenddessen noch zu bedeutenden Aenderungen veranlaßt, da Worte und Redewendungen über Blanda, welche ihm heute morgen ganz unverfänglich erschienen, sich auf dem Papiere ganz anders ausnahmen und gegenüber einem so klugen alten Herrn wie der Doktor war, unmöglich gebraucht werden konnten, ohne den Briefschreiber und sein brüderliches Interesse an dem jungen, schönen Mädchen arg zu kompromittieren – ja, Erich sah den alten Herrn mit dem forschenden Blicke in den hellen, klaren Augen deutlich vor sich und hörte ihn sagen: »Die Schale, so appetitlich und reinlich sie auch aussieht, wollen wir doch vorsichtig anfassen, ehe wir wissen, wie der Kern beschaffen ist!« Und wer konnte wissen, ob der Doktor durch die Gräfin Seefeld nicht gegen Blanda eingenommen war. Aber gleichviel, das mußte gewagt werden, und Erich wußte wohl, daß der Doktor selbst dann noch vorurteilsfrei prüfen und mit seinem klaren und gesunden Verstande das Richtige treffen würde. Deshalb beendigte Erich getrost seinen Brief, und sagte am Schlusse noch, er sei sehr glücklich gewesen, durch seinen ihm wohlwollenden Vorgesetzten, den Premierlieutenant Schaller, zu erfahren, daß der Herr Doktor Burbus ihm bis jetzt ein freundliches Andenken erhalten, und daß er hoffe, desselben auch für die Zukunft würdig zu bleiben. Dieser Brief wurde gesiegelt, überschrieben und dann dem jungen Schwarz anvertraut, der damit augenblicklich zur Post flog. Als Erich hierauf den langen Wibert im Stalle ablöste, konnte dieser in jenes Mienen auch nicht die Spur von Mißmut entdecken, ja, der letztere warf leicht hin, die Ruhe im Stalle werde ihm wohl thun nach dem aufregenden Leben des letzten Tages, und setzte dann boshaft hinzu: »Wogegen Sie, Herr Bombardier Wibert, die Bivouac- und Manöverscenen recht bald aus den Erzählungen der anderen kennenlernen können!« Dann übernahm er die Wachmannschaft, gesunde und kranke Pferde, und hätte sich gern für ein paar Stunden auf die Pritsche geworfen, wenn er nicht gefühlt hätte, daß die Aufregung, in der er sich befand, ihn doch nicht zum Schlafe werde kommen lassen – und wie langsam schlich die Zeit vorüber! Er hatte ein Buch mitgebracht und versuchte zu lesen. Umsonst – zwischen jeder Zeile erschien ihm Blandas Name, oder die Worte gestalteten sich unwillkürlich zu Sätzen, welche von dem Zusammentreffen heute abend handelten. Er schritt in der Stallgasse auf und ab und gab sich Mühe, etwas anderes zu denken. Alles vergeblich – jeder seiner Gedanken, mochte er auch noch so fern von ihr zu liegen scheinen, kam alsbald, wenn auch auf dem größten Umwege, in Zusammenhang mit ihr, und Erich that dadurch mit ängstlicher Scheu nach einem tiefen Atemzuge einen Blick in sein Inneres, vor dem er anfänglich zurückbebte. Wie war das so rasch gekommen! Wie hatte er sich in seinen Gesinnungen seit gestern nacht so gänzlich gegen Blanda verändert! Wie war es möglich, daß er das junge Mädchen, das er bisher mit den Gefühlen einer herzlich lieben Schwester oder Freundin betrachtet, jetzt mit einemmale so unsäglich, so leidenschaftlich liebte? Waren die Worte des anderen zündend in sein empfindliches Herz gefallen, oder hatte ihr Pulsschlag, als Blanda an seiner Brust ruhte, seinem heiß entgegenklopfenden Herzen allerlei wilde und gefährliche Mitteilungen gemacht? Etwas derart mußte geschehen sein, denn er kannte sich in seinen Träumereien, in seinem Verlangen nicht wieder. Er hätte sein Leben darum gegeben, wenn er das geliebte Mädchen jetzt – noch einmal – sogleich wieder an sein Herz hätte drücken können. Er warf, da er sich in dem halbdunklen Räume ungesehen wußte, seine Arme in die Höhe und rief unzähligemal ihren Namen. Dann trieb er ein anderes Spiel; es überfiel ihn eine unbeschreibliche Furcht, daß irgend etwas ihn verhindern könne, mit Blanda zusammen zu treffen und um sich einigermaßen zu beruhigen, befragte er auf seine Art das Schicksal, ob er Blanda heute abend sehen werde oder nicht; er zählte die Knöpfe seiner Uniform, mit Ja anfangend, und der letzte Knopf sagte ebenfalls Ja. Er machte es ebenso mit den Pferden im Stalle, mit den Fenstern desselben, mit den Gliedern an einer der Aufhaltsketten, alles sagte Ja, und so lächerlich das auch war, so beruhigte es ihn doch. Endlich kam der Abend, und dann dauerte es auch nicht mehr gar zu lange, bis man den Zapfenstreich auf verschiedenen Seiten trommeln und blasen hörte. Das Abendfutter war den Pferden längst gereicht worden, und hatte Erich ganz besonders dafür gesorgt, daß die Nachtstreu so reichlich herbeigeholt und so hoch aufgelockert wurde, daß die Pferde bis an den Bauch in weichem, reinlichem Stroh standen und der Stall auf diese Art so wie auch mit seiner behaglichen Wärme und dem gedämpften Scheine der Laterne ein gar angenehmes Bild der Ruhe bot. Das meinte auch der Bombardier Schwarz, der jetzt langsam herein schlich, um Erich abzulösen, und welcher ihm sagte: »O, famos, wenn du nicht einem ganz bequemen Vergnügen entgegen gehst, so beneide ich dich gar nicht! Es weht draußen ein verdächtiger Wind, und ich glaube nicht, daß das Wetter sich günstig anläßt zu einer Stehpartie an einem Ecksteine oder unter irgend einem Fenster. Wann gedenkst du zurückzukommen?« »Ich kann das leider nicht so genau sagen.« »Brauchst dich auch gar nicht zu genieren, wenn du nur morgen vor der Ablösung, also gegen elf Uhr da bist.« »Das hoffe ich sehr und sage dir nochmals meinen herzlichsten Dank, lieber Schwarz!« Damit händigte Erich dem Kameraden seinen Säbel ein, verließ den Stall und schlich um die Gebäude desselben so wie um den Geschützschuppen, so ungesehen das Kasernenhofthor erreichend. Einmal draußen und in der Stadt, war er vorläufig vor Entdeckung ziemlich sicher, vermied aber dennoch die breiten, belebten Straßen und eilte durch lauter kleine Gäßchen, die Stadt hinter sich zu bekommen, was ihm auch in kurzer Zeit gelang. Dort rechts sah er schon das Fort Maximilian über sich, in der Tiefe die Pension, wo Blanda gewohnt, und ging nun mit raschen Schritten die Landstraße aufwärts. Was er hier allein hätte fürchten können, wäre ein wißbegieriger Gendarm gewesen, der Lust gehabt, sich nach dem Zwecke seiner nächtlichen Expedition oder nach einem Legitimationspapier, seinem ›Vorzeiger dieses‹ zu erkundigen; doch erschien vorderhand nichts dergleichen, und Erich konnte mit freierem Geiste seinen Träumereien nachhangen, wobei Blanda augenblicklich etwas in den Hintergrund trat, indem er sich genau die Wege nach dem kleinen Dörfchen Nordheim ins Gedächtnis zurückrief, wie er sie heute morgen auf der Spezialkarte des Premierlieutenants Schaller genau studiert und wie ihm Unteroffizier Wenkheim, der als heimisch hier der Gegend vollkommen kundig war, auf seine Frage erklärt hatte. Nordheim war vermittels Wald- und Feldwegen vom Jagdschlößchen droben in ungefähr drei Stunden zu erreichen und dort kam um fünf Uhr in der Frühe der Eilwagen vorbei, den Blanda benutzen sollte, um nach einer allerdings recht langen Fahrt in dem kleinen Städtchen Königsbronn einzutreffen, welches in der Nähe von Zwingenberg lag und das auch nicht sehr entfernt von der Waldburg war. Dort angekommen, konnte Blanda so lange bleiben, bis der Doktor Burbus, der alsdann Erichs Brief ebenfalls erhalten hatte, gewiß das that, was für das arme Mädchen das beste und klügste war. Zwischen diesen Gedanken schaute der Bombardier zuweilen besorgt zu dem tiefdunkeln Nachthimmel empor, an welchem schwere Wolken, von scharfen Windstößen gejagt, dahinzogen. Hier und da war es ihm auch, als flögen einzelne Regentropfen gegen sein Gesicht, und diese Ungunst der Witterung, an die er früher nicht gedacht, erregte in ihm jetzt ein recht peinliches Gefühl. Wie konnte er die arme Blanda vor durchnässenden Regengüssen bewahren und wie konnte er sie vor allzu großer Ermüdung schützen, wenn er sie auch noch so sorgfältig führte auf den schlüpfrigen und gewiß oft recht steilen Waldwegen, denn sie hatten tüchtige Berge zu überschreiten! Dazu kam noch die finstere Nacht und seine Besorgnis über die Richtigkeit der Karte sowie der eingeholten Erkundigungen. Zum Glück war's nicht kalt, vielmehr umgab ihn eine dunstig schwere Luft, wie sie einem Gewitter vorauszugehen pflegt. Der Himmel wird uns gnädig sein, dachte Erich, als er nun von der Landstraße abbog und geräuschlos den steilen Waldweg zum Jagdschlößchen hinaufschritt. Wie ruhig war es hier oben im Vergleich mit gestern! Alles schien in tiefem Schlafe begraben, und selbst der Hund im Hofe schlug nur leicht und träumerisch an, als Erich, das Thor ziemlich weit zur Rechten lassend, längs der Umfassungsmauer dahin schlich, um den hinteren Teil des Gartens und dann den Waldweg zu gewinnen, welcher zu der Stelle führte, wo er sie erwarten wollte. Das Fenster von Blandas Zimmer war völlig dunkel, und sein Herz schlug heftiger bei dem Gedanken, ob es ihr auch wohl gelingen werde, das Haus ungesehen zu verlassen. 43. Kapitel Erinnerungen und Erklärungen bei Sturm und Regen, und obgleich Blanda totmüde ist, begeht Erich ein Verbrechen, weil ihr ein bequemer Wagen angeboten wird. Da hatte Erich die Stelle erreicht. Aus dem Dunkel, welches ringsum herrschte, schimmerte ihm das helle Holz der beschlagenen Bäume, entgegen, und jetzt, wo er horchend stehen blieb, hörte er auch zu seinem großen Entzücken leise seinen Namen nennen. Es war Blanda, die nun an seine Seite trat und ihm freundlich die Hand bot. »Du hast mich erwartet, und ich hatte mich so darauf gefreut, vor dir da zu sein!« »Du hattest den weiteren Weg, lieber Erich, und ich mußte den günstigen Augenblick abpassen.« »Gott sei Dank, daß du da bist! Du hattest keine Schwierigkeiten?« »Nicht die geringsten; alles glaubte mich auf meinem Zimmer, während ich, im Garten versteckt, hörte, wie der Förster die kleine Thür an der Wendeltreppe verschloß und verriegelte. Joseph allein erregte mir einige Besorgnis, denn als ich aus dem Garten in den Wald schlich, meinte ich, seine Schritte noch in den Gartenwegen vernommen zu haben; doch ist das nicht auffallend, da er sich dort häufig bis tief in die Nacht aufhält.« »Wenn es dir jetzt recht ist, Blanda, so treten wir unseren Weg an; es ist eine ziemlich weite Tour, die wir vor uns haben, und ich fürchte, du wirst müde werden. Gib mir dein Päckchen, und glaube mir, es wird mir das größte Vergnügen machen, wenn du dich jetzt schon auf meinen Arm stützen willst.« »Wo denkst du hin, Erich,« entgegnete das junge Mädchen heiter – »ich freue mich so sehr darauf, wieder einmal einen weiten Weg machen zu können, und sollte mich führen lassen? Später vielleicht; aber sage mir, hat es dir Mühe gemacht, drunten loszukommen, und brauchst du nicht zu fürchten, wenn man deine Abwesenheit erfährt?« »Pah, wer wird sich überhaupt fürchten, besonders ein Soldat! Und was die Bewilligung meiner Vorgesetzten anbelangt, so habe ich allerdings keine; aber es gilt auch bei uns noch in manchen Dingen die alte Regel: »Was nicht verboten ist, ist erlaubt! Gehen wir nicht zu rasch für dich, Blanda?« »O nein, o nein, es drängt mich, aus dem Walde auf die Höhe zu kommen! Dort, auf der Hochebene, haben wir am wenigsten zu befürchten, einem von den Jägern zu begegnen.« »Sind welche unterwegs?« »O, beinahe jede Nacht, der Wild- und Holzdiebe wegen.« »So wollen wir nicht mehr reden, Blanda, bis wir droben sind; es ist besser!« Damit stiegen sie rüstig aufwärts und hatten in kurzem die Stelle erreicht, wo Erich gestern Abend hinabgestiegen war. – Er zeigte ihr die Stelle, auch wo seine Haubitzen gestanden, und knüpfte daran die Erzählung, wie man den Grafen Dagobert Seefeld gefangen genommen und hierher ins feindliche Lager geführt. Das aber wußte Blanda schon von Joseph, der ihr darüber berichtet, wobei er seine mühsame Art, zu sprechen, durch Pantomimen unterstützte, wie er häufig zu thun pflegte. »Dabei fiel es mir auf,« sagte das junge Mädchen, »daß er mit einem bösen, wilden Gesichtsausdrucke oft so that, als ziele er mit einem Gewehr, und er schien mir darüber etwas sagen zu wollen, als die Stöckel herbeikam und ihn wegschickte.« »Hast du ihr von dem Grafen Seefeld gesprochen?« fragte Erich. »Nein – wozu auch?« antwortete Blanda kurz. »Hatte ich ihr doch früher schon häufig von seinen Zudringlichkeiten und seltsamen Reden erzählt, was sie mit Achselzucken angehört und keinen großen Wert darauf zu legen schien. Doch das liegt jetzt glücklicherweise alles hinter mir, und ich habe mir Gewalt angethan, um von der Stöckel mit einer guten Meinung zu scheiden – sie hatte mich früher so lieb!« setzte das junge Mädchen mit einem tiefen Atemzuge hinzu und sagte dann lebhaft: »Lassen wir die Vergangenheit und denken an die Zukunft, wozu vor allen Dingen gehört, daß du mich genau unterrichtest über den Weg, den ich später einzuschlagen habe.« »O, könnte ich mit dir gehen, Blanda, bis dorthin, wo du in völliger Sicherheit bist; leider aber ist das unmöglich, weniger wegen meiner, als wegen deiner! Es wäre nicht gut, wenn ich dort mit dir gesehen würde – doch kannst du auch so deine Reise mit Sicherheit fortsetzen. Ich führe dich nach Nordheim; das ist ein kleines Dorf, allerdings noch zwei Stunden von hier, wo wir den Eilwagen finden, der dich glücklich ans Ziel bringen wird. Dort, in dem kleinen Städtchen, nicht weit von der Waldburg, läßt du dir ein Zimmer auf der Post geben und wartest, bis der Freund, von dem ich dir neulich schon sagte, zu dir kommt, was gewiß alsbald geschehen wird, und dir rät, was du weiter thun sollst. Vertraue ihm vollkommen, ja gerade so, wie du deinem Vater vertrauen würdest.« Dann gingen sie eine Zeit lang schweigend über die Hochebene dahin, dem Dörfchen zu, welches Erich gestern abend auf der Höhe hatte liegen sehen und längs welchem hinab ihr Weg führte. Warum sie plötzlich schwiegen, das hatte eine ganz eigentümliche Ursache. Als sie so dicht nebeneinander gingen, berührten sich ein paarmal leicht ihre Hände, und dann wagte es Erich schüchtern, ihren kleinen Finger festzuhalten, was sie nicht nur geschehen ließ, sondern voll ihre Hand in die seinige legte. Noch glücklicher wären sie dabei gewesen, wenn der Himmel nicht gar so drohend und finster auf sie herabgeblickt hätte – aber kein einziger Stern ließ sich sehen. Der scharfe Wind schien die Wolken immer dichter zusammen zu wehen, und als Erich besorgt zur Seite blickte, sah er, allerdings noch fern am Horizonte, Wetterleuchten, ja ein paarmal kam es ihm vor, als hörte er schon leise grollenden Donner. Bald hatten sie das Dorf hinter sich gelassen, dessen Turmuhr in langsamen Schlägen die Mitternachtsstunde anzeigte, und nachdem sich Erich auf einem Kreuzwege orientiert, schritten sie wieder abwärts gegen das Thal durch eine Schlucht, in welcher tief unter ihnen ein Wildwasser brauste. »Wenn das da auch recht unheimlich klingt,« sagte Erich zu dem jungen Mädchen, das sich jetzt dichter an ihn schmiegte, »so hat es doch für uns das Gute, daß ich weiß, wir sind auf dem rechten Wege. Dem Wasser folgend, erreichen wir endlich Fruchtfelder und Wiesengründe, folgen dann dem Fußwege durch ein langgestrecktes Thal bis zur einer zweiten, dieser ähnlichen Schlucht und treten hierauf bei einer Mühle auf die große Landstraße, vermittels welcher wir dann in kurzer Zeit Nordheim erreichen. Bist du recht müde, Blanda?« »O nein, obgleich ich wohl fühle, daß ich des Wanderns, besonders in dunkler Nacht, nicht mehr so gewohnt bin, wie früher.« »Willst du einen Augenblick ausruhen? Hier unter dem überhangenden Felsen bemerke ich einen Baumstamm zu einer allerdings sehr kunstlosen Bank hergerichtet.« »Wenn es dir recht ist und die Zeit nicht drängt, möchte ich wohl eine Viertelstunde sitzen.« »O, Zeit haben wir genug, wir werden noch lange in Nordheim warten müssen!« Er legte Blandas Plaid, den er auf der Schulter trug, für sie auf dem Baumstamme zusammen; dann setzte sich Blanda und legte ihren Kopf an seine Schulter, worauf er sie mit seinem Arme umschlang und sanft an sich drückte. – »Du frierst doch nicht, Blanda?« »O nein, aber das Ausruhen erregt mir ein so behagliches Gefühl, daß es mich leicht durchschauert!« So saßen sie still nebeneinander, ohne zusammen zu sprechen, wie ein paar harmlose Kinder, und fühlten sich so glücklich, wie sie in ihrem Leben nicht gewesen waren. Zu ihren Füßen rauschte und toste das Wildwasser, vor ihnen fegte der Wind die Schlucht hinab, nicht nur dünne Buchen und Birken beugend, sondern selbst hohe, schlanke Tannen bewegend, und schien recht zornig zu sein, daß er den beiden nichts anhaben konnte, welche, von der muldenförmigen, ausgehöhlten Steinwand geschützt, wie in einem kleinen Häuschen saßen. Hoch oben zogen die Wolken und wurden jetzt durch die stark leuchtenden Blitze in ihren einzelnen Schichten sichtbar; dazu rollte der Donner über ihren Häuptern und klang um so majestätischer, da ihn ein vielfaches Echo aus den Felswänden nachbrüllte und wiederholte. »Dabei fällt mir meine Jugendzeit ein,« sagte der glückliche Erich, wenn ich mir in der Nähe unseres Dorfes mitten im Walde ein kleines Hüttchen gebaut hatte von Baumstämmen, Zweigen und Moos und darin saß, wenn, wie jetzt, ein schweres Gewitter über den Wald zog; aber so glücklich, wie heute, war ich doch nie – nie!« »Meine arme Mutter fürchtete sich so sehr vor dem Donner und Blitze, und auch die Zigeuner, selbst der kühne Marechal und der wilde Zaregg; auch Kolma konnte nicht begreifen, wie ich so aufmerksam und furchtlos zuschauen mochte, wenn die ganze Welt in Feuer gehüllt erschien. O, ich fürchtete mich damals nicht, und heute, da ich bei dir bin, noch weniger!« »Bei mir, bei mir, du bei mir und ich bei dir! Wie das so selig klingt, Blanda! Ach, wenn mir nur nicht so oft der traurige Gedanke käme, daß ich dich vielleicht niemals wiedersehen werde!« Den Gedanken habe ich nicht, Erich; o, ich weiß ganz genau, daß wir uns wiedersehen werden und uns dann oft, sehr oft sehen!« »Glaubst du das wirklich, Blanda? O, wenn wir uns wiedersehen, wollen wir an die heutige Nacht denken, wenn dich alsdann das Wiedersehen ebenso glücklich und selig macht, wie mich!« »Das wird es, Erich, denn ich habe dich lieb, das weißt du ebenso genau, als ich dasselbe von dir weiß und wenn es dir recht ist, so will ich dir hier beteuern, ja, ich will dir feierlich schwören, daß ich niemals von dir lassen werde, nie, nie – und dasselbe wirst auch du mir sagen!« »O, meine Blanda, womit kann ich dir es begreiflich machen, wie selig ich mich jetzt fühle! Auch ohne daß du es mir versprochen, hätte ich dich doch niemals vergessen können, hätte dich wieder aufgesucht, und wenn es mir je gelungen wäre, etwas in der Welt zu erstreben, so würde mir das nur mit dem Gedanken an dich gelungen sein!« Dazu stürmte und sauste der Wind immer heftiger, das Wildwasser brauste toller als je, und das schwere Gewitter schien sich mit ganzer Wucht in die Schlucht hineinzudrücken, als wolle es den Versuch machen, die Felswände auseinanderzusprengen; auch mischte sich der Regen in den Aufruhr der Elemente und jagte seine schweren Tropfen mit solcher Gewalt durch die Schlucht hinab, daß sie prasselnd über die zitternden Baumblätter herfielen – aber den beiden hinter ihrem Felsvorsprunge ebensowenig etwas anhaben konnten, als der grimmige Wind. Sie rückten näher zusammen, selig in dem Bewußtsein des Geständnisses ihrer reinen, unschuldsvollen Liebe, Hand in Hand geschlungen fest aneinander geschmiegt, und als Blanda jetzt ihr Haupt erhob, ihn mit einem glücklichen Blicke anschauend, da lächelte sie mild und freundlich, als er Miene machte, seinen Mund auf ihre leicht geöffneten Lippen zu drücken, und litt es gern und willig, daß er sie küßte. »Bist du doch mein und ich dein,« sagte sie dann, sich aufrichtend – »und der Himmel hat es gehört und zürnt uns nicht, denn der Donner rollt nur noch schwach dahin und der Wind ist kaum mehr imstande, mein Haar zu bewegen – sieh'!« – Blanda war aufgestanden und vor ihn hingetreten. – »Deshalb komm', Erich, und laß uns weiter gehen – die Stelle hier wird in meiner Erinnerung stehen wie ein geheiligter Ort, und um ihn nicht durch ein anderes Gespräch zu entweihen, wollen wir nicht eine Minute länger bleiben!« Er stand rasch an ihrer Seite, nahm ihren Plaid und das Päckchen wieder auf und sie hängte sich in seinen Arm, da der Weg hier recht steil und schlüpfrig war. Doch schritten sie munter abwärts, und es schien, als habe das Gewitter, welches die schwere dunstige Frühlingsluft erfrischt und elastisch gemacht, auch ebenso auf die Spannung in ihrer Brust eingewirkt. Sie plauderten heiter und scherzend miteinander und machten die wunderlichsten Plane für die Zukunft. »Es fällt mir ja nicht ein,« sagte Blanda, »wieder um das Wohlwollen und die Gnade der Gräfin Seefeld zu bitten, nachdem sie mich ihrer Güte für unwürdig gehalten. Sie soll nur aus meinem Munde die Wahrheit hören und wenn ich sie um etwas bitte, ja, flehe, so ist es nur, um von ihr zu hören, was sie damals über meine arme Mutter erfahren hat, und ob es vielleicht auf der weiten Welt noch jemanden gibt, der durch die Bande des Bluts mit mir verwandt ist; aber ich glaube es nicht. Und dann will ich deinen Freund um einen vernünftigen Rat für die Zukunft bitten. O, ich habe etwas gelernt und bin sicher, mir durch die Welt zu helfen!« »Bis auch ich etwas gelernt habe,« sagte Erich rasch – »und das will ich, bei Gott, ich schwöre es dir, Blanda! Ich will nicht beim Militär bleiben und weiß schon, was ich treibe. Ich will die Landwirtschaft erlernen, ich will Bauer werden und nicht eher rasten und ruhen, bis ich mir ein Stück Land und ein kleines Häuschen verdient habe!« »Aber es muß in einer schönen Gegend liegen und eine prachtvolle Aussicht haben, denn ich liebe die weiten prachtvollen Aussichten!« »Ach, Blanda, Blanda, wie hätte ich gedacht, heute noch so glücklich zu werden!« Unter solchen Gesprächen hatten sie das langgestreckte Wiesenthal durchschritten, und nun kam die Schlucht mit der Mühle und hinter derselben die große Landstraße, wie Erich vorausgesagt. Die Räder der Mühle standen still und das Wasser unter denselben floß so ruhig und geräuschlos ab, daß man deutlich hörte, wie eine Kuckucksuhr in der Mühle die zweite Stunde nach Mitternacht verkündete. »Bist du jetzt recht müde?« fragte Erich. »Ich fange an, es zu werden, und freue mich nun in der That, wenn ich bald irgendwo ausruhen kann. Ich will dir nur gestehen, daß ich einen leichten Schmerz an meinem Fuße habe; meine Stiefelchen waren zu dünn für diesen Nachtmarsch.« »Daran hätte ich denken sollen,« antwortete Erich in recht traurigem Tone und wenn ich dich auch glücklich hierher geführt, so bin ich recht besorgt, ob wir um diese Stunde ein Obdach finden, wo wir bis zur Ankunft des Eilwagens verweilen können. Hoffentlich ist das Posthaus in Nordheim zugleich ein Gasthof, und dann will ich sie schon herausklopfen.« Leider aber ging diese Voraussetzung nicht in Erfüllung, und als sie auf der breiten und guten Landstraße allerdings bequemer gehend, das Dorf erreicht hatten, erfuhren sie dort von einem schlaftrunkenen Nachtwächter, daß sich das Posthaus noch eine Viertelstunde weiter, dort auf der Höhe befände, wo sich zwei Wege kreuzten und allerdings ein großer Wagen- und Pferdeverkehr, aber kein Wirtshaus sei. Es schnitt ihm ins Herz, da er Blanda bei dieser Nachricht leicht aufseufzen hörte, und als er ihren Arm fest in den seinigen zog, fühlte er wohl, daß ihr Körper zuweilen erbebte, wie unter einem Frostschauer. »Du frierst, Blanda?« fragte er besorgt. »Ein wenig – es ist die kühle Morgenluft.« »So nimm deinen Plaid um. Doch – doch – ich will es, Blanda; dann wollen wir recht langsam gehen und haben nach einer Viertelstunde unser Ziel erreicht, wo ich überzeugt bin, daß man uns bereitwillig für ein paar Stunden Obdach gibt, wenn es auch kein Wirtshaus ist. Es wird doch da oben etwas wie eine Stallwache geben.« – Er dachte dabei unwillkürlich an den warmen, behaglichen Raum, den er am Abende verlassen und wo der Bombardier Schwarz, in Erichs Mantel gehüllt, gewiß einen festen und gesunden Schlaf that. Mit einem solchen Orte wäre er sogar für das ermüdete junge Mädchen von seiner Seite zufrieden gewesen. Da lagen die Postgebäude vor ihnen an der Kreuzung der beiden Landstraßen, ein hübsches, stattliches Haus auf drei Seiten von Stallungen umgeben, wo Erich zu seiner größten Freude bemerkte, daß eine der Thüren offen stand und Lichtschimmer in die Nacht hinausdringen ließ. Sollte es später sein, als er geglaubt, oder sollte der Eilwagen früher kommen, als man ihm gesagt? – Er trat mit Banda näher und sah beim Scheine der Laterne einen Postillon, beschäftigt, sein Horn über die Uniform zu werfen, vor seinen vier vollständig aufgeschirrten Pferden stehen. »Kommt der Eilwagen schon so bald?« »O nein, das braucht noch zwei gute Stunden; ich führe eine Extrapost, für welche die Pferde bestellt worden sind.« »Hier auf der Station ist wohl kein Passagierzimmer, wo man sich bis zur Ankunft des Eilwagens aufhalten könnte?« »Ne, das gibt's nich; am Tage ist wohl so ein Gelaß drüben im Hause, wo die Reisenden während des Umspannens unterstehen können, aber bei Nacht wird da drüben niemand nich aufstehen, um euch einzulassen.« »So können wir hier vielleicht im Stalle warten,« sagte Erich seufzend, »bis der Eilwagen weiter geht?« »Wird auch nicht gut gehen, Herr Unteroffizier, so gerne ich Ihnen das erlauben möchte, da auch ich bei der Artillerie gedient; aber sehen Sie, wir haben hier keine Stallwache, wie dazumal bei der Artillerie, und wenn ich und meine Pferde hinaus sind, dann schließt der andere, der den Vierspänner bringt, den Stall zu, sobald er seine Ross' abgeschirrt; bis dahin kann sich aber das Jüngferchen wohl im Stalle wärmen und sich hier auf die kleine Futterkiste setzen – so – und wenn der Herr Unteroffizier den Versuch machen will, ob man ihn drüben einläßt, so könnte das am Ende nichts schaden. Ich sah vorhin Licht droben im Zimmer des Schreibers und vermute fast, er fertigt die vornehme Extrapost selber ab.« »Ich will wenigstens versuchen, nicht wahr, Blanda, das erlaubst du? Denn du kannst unmöglich noch zwei Stunden in der kalten, scharfen Morgenluft bleiben.« Das junge Mädchen sah ihn mit einem freundlich dankenden Blicke an und nickte ein wenig mit dem Kopfe, weshalb Erich rasch in das Haus eilte, um dort ein Obdach für sie zu finden. Da hörte man aber auch schon das lustige Klingen des Posthorns durch die stille Nacht, gleich darauf das Stampfen der munter dahertrabenden Pferde und dann das dumpfe Rollen eines schweren Reisewagens. Jetzt bog er mit seinen blendenden Laternen um die Ecke des Hauses und fuhr dann mit einer scharfen Kurve dicht an die geöffnete Stallthür vor, worauf zwei Bediente, die draußen am Rücksitze saßen, rasch herabsprangen, um das Wechseln der Pferde zu beschleunigen. »Gelt,« rief der Postillon, der sich von den dampfenden Pferden schwang, dem anderen zu, »so rasch hättest du mich nicht erwartet?« »Und hättest eine Freude gehabt, wenn du mich aus dem Bette hättest klopfen müssen! Aber wenn man bei der Artillerie gedient hat, läßt man sich von einem ganz gewöhnlichen Dragoner nicht fangen – hüh, Bläß!« Dieser Ausruf galt einem der Vorderpferde, worauf sich alle vier langsam gegen die Stallthür in Bewegung setzten. Blanda erhob sich rasch, aus Furcht, von den Tieren gestreift zu werden, und trat ins Freie. Da stand der Reisewagen dicht vor ihr, und das strahlende Licht der einen Laterne beleuchtete hell ihr bleiches Gesicht, während sie zu ihrer Verwunderung sah, daß das Fenster des ihr zugekehrten Wagenschlages rasch herabgelassen wurde, dann die Thür aufgestoßen und ein Mann eiligst heraussprang. Doch wie erstarrte sie jetzt vor Schrecken, als sie in dem Reisenden, der dicht vor sie hintrat, den Grafen Dagobert Seefeld erkannte. »Ei,« rief dieser erstaunt und erfreut, »das ist ja ein ganz merkwürdiges Zusammentreffen, Kleine! Du wirst mir immer rätselhafter! Ich glaube wahrhaftig, die Kraft meiner Gedanken habe dich hierher gezaubert, denn auf dem ganzen Wege hierher träumte ich von nichts, als von dir, du kleines, trotziges Geschöpf!« – Er wollte ihre Hand ergreifen, doch riß sie sich heftig los und war im Begriffe, davonzueilen, als er sie fest am Arm faßte und ihr zuflüsterte: »Keine weitere Ziererei, Kleine! Trotzdem es einigermaßen verdächtig ist, dich hier in der Nacht allein auf der Straße zu finden, so will ich mich doch darüber hinwegsetzen und biete dir zum bequemeren Fortkommen die Hälfte meines Wagens an.« »Ich bin aber nicht allein,« rief Blanda heftig, indem sie sich loszureißen versuchte, »mein Begleiter, den ich dort kommen höre, wird mich auch heute wieder vor Ihnen zu schützen wissen!« »Dein Begleiter – auch heute wieder?« rief Graf Seefeld, indem sich sein unangenehmes Gesicht häßlich verzerrte. »Sollte das möglich sein? Bei Gott, er ist es schon wieder!« Dieser Ausruf, wild und zornig ausgestoßen, galt Erich, der, rasch vom Hause herkommend, jetzt in den Schein des Lichterkreises trat, die Hände krampfhaft geballt, bleich, mit weit aufgerissenen Augen. »Ha, Bursche,« rief ihm der Husarenoffizier entgegen, »diesmal sind wir hier nicht auf neutralem Boden! Diesmal soll es Ihnen nicht gelingen, unter dem Deckmantel eines Manöverspielers anmaßend und unverschämt zu sein! Woher kommen Sie?« herrschte er ihn in einem strengen Tone an. »Wer gab Ihnen die Erlaubnis, stundenweit von Ihrer Garnison entfernt sich hier in der Nacht herumzutreiben? Wo sind Ihre Ausweispapiere?« Dergleichen hatte Erich nun allerdings nicht und fühlte die ganze Schwere der Lage, in der er sich hier auf einmal befand; vor ihm stand ein Offizier und um diesen her Zeugen genug, die jedenfalls Partei nahmen für jenen wohlbekannten, angesehenen und vornehmen Herrn. Ja, dies drückte der ebenfalls herbeigeeilte Posthalter mit trockenen Worten aus, indem er sagte: »Euer Erlaucht haben ganz recht, diesen Menschen da zurechtzuweisen, der in meinem Hause fast mit Gewalt Einlaß verlangte, trotzdem ich ihm sagte, daß hier weder Wirtshaus noch Herberge sei.« »Darum handelt es sich jetzt nicht,« gab Erich mit dumpfer Stimme zur Antwort, und aus dem Beben derselben klang deutlich die Gewalt hervor, die er sich anthat, um ruhig zu bleiben – »ich will ja auch dem Herrn Rittmeister ruhig aus dem Wege gehen, ja, dankbar sein für die Gnade, die Sie mir erweisen, indem Sie mir gestatten, hier mit meiner ermüdeten Begleiterin auf die Ankunft des Eilwagens zu warten.« »Wie ihn das böse Gewissen andere Saiten aufziehen läßt,« entgegnete ihm achselzuckend Graf Dagobert Seefeld. »Danken Sie Gott, wenn ich Ihnen erlaube, allein Ihres Weges zu ziehen, und seien Sie versichert, daß ich bei der geringsten Widersetzlichkeit Sorge dafür tragen werde, daß man Sie auf sehr gezwungene Art zu Ihrem Regiment einliefert!« »Es ist ein Gendarmerieposten im Dorfe,« flüsterte der Posthalter. »Braucht's vorderhand nicht; Sie kennen mich genügend, Herr Posthalter, um überzeugt zu sein, daß ich jede Verantwortlichkeit auf mich nehme. Ich kenne das junge Mädchen dort und bin überzeugt, daß dieser Bursche sie zu einem thörichten Schritte verleitet hat.« »Nein, nein!« rief Blanda, die vor Schreck und Ermüdung einer Ohnmacht nahe war und gewaltsame Anstrengungen machte, um sich Erich zu nähern. Diesem leuchte der Atem in der Brust; seine Finger öffneten und schlossen sich krampfhaft, und unwillkürlich senkte er seine Rechte in die Tasche, welche das geladene Terzerol enthielt. »Und was dich anbelangt,« wandte sich Graf Seefeld in kaltem, rauhem Tone zu Blanda, »so weißt du ganz genau, daß ich ebensogut dich kenne als auch angesehene Personen, die sich bisher um dein Schicksal bekümmerten und denen es heute noch nicht gleichgültig sein kann, wenn du mit Soldaten auf der Straße umherläufst!« Blanda warf einen trostlosen, verzweifelten Blick gen Himmel, dann preßte sie mit einem unbeschreiblich schmerzlichen Wehlaute ihre Hände vor die thränenerfüllten Augen. »Endigen wir diese Komödie!« sagte Graf Seefeld barsch. »Jenen Personen, die Sie wohl kennen, bin ich es schuldig, Sie hier nicht auf der Straße zu lassen! – François, Joseph, führt die Dame nach meinem Wagen – und Ihnen,« wandte er sich drohend gegen den Bombardier der reitenden Artillerie, »rate ich wohlmeinend, jetzt noch ungehindert Ihres Weges zu gehen!« Beinahe willenlos wurde das junge Mädchen in den Wagen gehoben, und Erich, zurückgehalten, zurückgeschreckt durch die strengen, eisernen Regeln der Subordination, vermochte nichts zu thun, als mit starren Augen zuzuschauen, wie sich nun der, den er am meisten auf dieser Welt haßte, dem Wagen näherte, welcher alles umschloß, was ihm auf dieser Welt teuer und heilig war – – Da krachte ein Schuß, und Graf Dagobert Seefeld, der eben den Fuß auf den Tritt des Wagens gesetzt hatte, zuckte zusammen, schwankte und fiel dann unter dem Ausrufe: »Verflucht, ich bin getroffen!« – in die Arme eines der Diener, die neben ihm am Schlage standen. Erich aber fühlte sich im gleichen Augenblicke von einem der Postillone sowie von dem Posthalter ergriffen, welch letzterer ihm das Terzerol aus den krampfhaft geschlossenen Fingern wand. Eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung und Bestürzung folgte; so etwas Unerhörtes hatte sich seit Menschengedenken nicht {bild} begeben. Der neue Postillon, der schon auf seinem Sattelpferde saß, wäre vor Bestürzung fast auf die Erde gefallen, wenn er sich nicht gewaltsam hätte zusammennehmen müssen, um seine vier Pferde zurückzuhalten, die, von dem Schuß erschreckt, einen gewaltigen Riß nach vorwärts thaten, eine Bewegung, welche Blanda es unmöglich machte, dem Wagen zu entspringen, und welche den Grafen Seefeld mehr, als es die erhaltene Wunde gethan, in die Arme seines Dieners warf, denn diese zeigte sich bei rascher Besichtigung ziemlich ungefährlich; die Kugel hatte seinen linken Arm allerdings heftig gestreift und war dann durch die Vorderwand des Coupés in einen dort aufgeschnallten Koffer gedrungen. »Das ist noch ziemlich gut abgelaufen!« sagte Graf Seefeld mit einer seltsam tief klingenden Stimme, während ihm sein Kammerdiener mit kundiger Hand rasch einen Verband anlegte. »Es hat in der That nichts zu bedeuten, Herr Posthalter,« wandte er sich an diesen, der herbeigeeilt war, nachdem er den unglücklichen Erich unter den Händen des einen Postillons und einiger handfester Stallknechte gelassen hatte, die auf den Lärm herbeigeeilt waren. »Der Wille war gut,« fuhr er zähneknirschend fort, »aber ich kann meinen Arm bewegen, es ist also kein Knochen verletzt, und obgleich ich teufelmäßig Schmerzen habe, bin ich doch im Stande, meinen Weg fortzusetzen! Was den Burschen da anbelangt, so werden Sie dafür sorgen, daß er in die Residenz abgeliefert wird!« Ein schmerzlicher Aufschrei Blandas ließ ihn jetzt an das junge Mädchen denken, die fast besinnungslos in der Ecke des Wagens lag. Er biß heftig seine Zähne aufeinander, teils in dem Gedanken an sie, teils auch durch den Schmerz, den ihm das Anziehen des Mantels verursachte; er zauderte, einzusteigen, er schien sich zu besinnen, dann aber warf er den Kopf heftig in die Höhe und stieg rasch in das Coupé, dessen Thür sogleich hinter ihm geschlossen wurde. »Fort!« Postillon und Bediente schwangen sich auf, und in vollem Galopp der unruhig gewordenen Pferde flog der Wagen dahin, in kurzem nur noch erkennbar an dem zitternden Scheine der Wagenlaternen, welcher über Steinhaufen und an Bäumen vorüberhuschend, von Erichs starren, verzweiflungsvollen Blicken wie ein auf ewig entschwindendes Glück verfolgt wurde. »Uff,« rief der zurückgebliebene Postillon nach einer längeren Pause, »wer einem das vor einer halben Stunde gesagt hätte oder dem hier prophezeit, als er mit dem Jüngferchen davonlief!« »Ja, ja,« meinte der Posthalter, »so weiß man nie, was die nächste Viertelstunde bringt, und ich bin nur froh, daß es so gut abgelaufen ist! Peitschenelement, wenn ich bedenke, daß wir jetzt Seine Erlaucht hier steif und starr vor uns liegen haben könnten! Mich gruselt's – hast du das Pistol, Matthies?« »Fest, Herr Posthalter, aber mir graut's ordentlich vor dem Ding da, wenn ich bedenke, daß es soeben beinahe einem Menschen das Lebenslicht ausgeblasen, und noch dazu einem Menschen, der auf jeder Station zwei Thaler über die Taxe Trinkgeld gibt – 's ist fürchterlich! Aber wart', Bürschlein, dich wird man warm setzen!« Diese letzten Worte, von einem gelinden Puff begleitet, galten dem teilnahmlos vor sich hinstarrenden Erich; doch empfand er in seinem tiefen Unglücke nichts davon, ebensowenig hörte er, was um ihn gesprochen wurde; ja, als man ihn jetzt unter einem derben Stoße aufforderte, nach dem Dorfe zurückzumarschieren, setzte er, zwischen den Stallknechten gehend, nur ganz mechanisch einen Fuß vor den anderen. »Aha,« rief der Postillon Matthies, als sie eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, »die Gendarmen haben den Schuß gehört und sind schon auf den Beinen – das Volk hat einen geheimen Instinkt und schläft nur mit einem Auge!« »Nein, sie haben's im Geruch wie die Krähen!« lachte einer der Stallknechte. Der unglückliche Erich seufzte tief auf, als er diese Worte und, sich rasch nähernd, das Traben von Pferden hörte. Sein Bewußtsein tauchte plötzlich aus einer Flut wilder, unheimlicher Gedanken klar empor; ja, das Schreckliche, was in den letzten Minuten mit ihm vorgegangen war, hatte er nicht nur geträumt, nein, es war alles so vorgefallen, wie es der Posthalter jetzt dem Gendarmerieunteroffizier ausführlich erzählte – und doch konnte er es selbst nicht glauben, daß er auf den Grafen Seefeld geschossen habe. Nein, nein, das war ja nicht möglich! Auch wenn er nicht die Uniform getragen hätte; ja wenn er ihm gegenübergetreten wäre, eine gleiche Waffe in der Hand oder den blanken Säbel in der Faust, so würde er mit einer wilden Freude Gang um Gang mit ihm gemacht haben! Aber auf einen wehrlosen Menschen schießen – nie, nie! Und doch ließ sich von der Erzählung des Posthalters kein Jota ableugnen, und doch begriff Erich zu seinem Entsetzen, daß es so geschehen sein mußte, wie jener sagte und wie die Stallleute auf die ruhigen Fragen des Gendarmerieunteroffiziers bezeugten. Dieser hatte das Terzerol in der Hand und untersuchte es beim Scheine der Laterne genau. »Der linke Lauf ist abgeschossen, der rechte aber noch geladen,« sagte er. »O, Gott sei gelobt und gedankt!« rief Erich nun plötzlich und mit dem Ausdrucke unbeschreiblichen Glückes in seiner Stimme, daß alle ihn verwundert anschauten. »Wenn der eine Lauf noch geladen ist, so ist es ja klar, daß ich nicht geschossen habe!« Auf das hin zuckte der Gendarmerieunteroffizier leicht mit den Achseln und sagte: »O ja, junger Mensch, wir kennen dergleichen Einreden! Aber der linke war ebenfalls geladen und der ist abgeschossen worden, das riecht man deutlich; doch wird sich, alles das später finden. Es entsteht nur noch die Frage, ob Sie anständig und gescheit genug sind, um auf dem Wege nach der Residenz keine Geschichten zu machen. Verstehen Sie mich recht, junger Mensch – auch ich habe gedient, und ich möchte es der Uniform, die Sie tragen, nicht zu leid thun, Ihnen Handfesseln anzulegen.« Erich schauderte. So war er vielleicht doch der Verbrecher, für den man ihn hielt! So hatte er vielleicht doch den Schuß gethan! Aber nein, nein, das war ja unmöglich, trotz des wilden Kampfes, den er mit sich selbst gekämpft, als man Blanda in den Wagen hob! Wußte er doch zu genau, daß er seine Rechte, deren Finger allerdings krampfhaft das Terzerol umspannten, nicht erhoben hatte! »Nun, wie ist's,« fragte der Gendarmerieunteroffizier, »wollen wir uns selbst keine gegenseitige Ungelegenheit machen und wollen Sie ruhig mit uns gehen, ohne den thörichten und vergeblichen Versuch zu machen, irgendwo zu entwischen?« »Gewiß – ich gebe Ihnen mein Wort darauf!« »Und denken das auch hoffentlich zu halten – es sollte mir leid thun, wenn ich Ihnen eine Kugel nachschicken müßte.« – Bei diesen Worten wickelte der Gendarmerieunteroffizier das Terzerol sorgfältig in sein Schnupftuch und verwahrte es in der Satteltasche. – »Und nun, Herr Posthalter,« wandte er sich an diesen, »könnte es nicht schaden, wenn Sie den Vorfall heute Morgen noch recht pünktlich und ausführlich zu Papier brächten, auch von Ihren Leuten, als Zeugen, unterschreiben ließen; man vergißt so leicht dies und das, und es erleichtert später das Verhör.« »Daran soll's nicht fehlen, Herr Wachtmeister.« »Also denn auf Wiedersehen, wahrscheinlich heute abend! – Und nun vorwärts, junger Mensch! Wenn wir tapfer ausschreiten, so können wir die Stadt erreichen, ehe es noch gar zu lebendig auf den Straßen ist, was Ihnen auch recht sein muß.« Doch war dem Unglücklichen in diesem Augenblicke alles vollkommen gleichgültig. Es hatte sich seiner eine förmliche Gefühllosigkeit bemeistert; die furchtbare Anspannung seiner Nerven ließ mit einem Male nach, und da sich jetzt auch die Ermüdung durch die beiden schlaflosen Nächte und den gestrigen Manövertag geltend zu machen anfing, so schritt er mit gesenktem Haupte, beinahe schwankend auf der Chaussee dahin, achtete nicht auf den langsam aufdämmernden Tag, auch nicht auf einzelne Begegnende, die ihn und seine Begleitung verwunderungsvoll anschauten, und erst als er nach zweistündigem Marsche die Stadt im Glanze der Morgensonne vor sich liegen sah, drüben Fort Maximilian erkannte und links die bewaldeten Berge erblickte, wo das Jagdschlößchen lag, da schluchzte er laut, aber schmerzlos auf, unter einem erleichternden Strome von Thränen. In den Straßen der Stadt war zu so früher Morgenstunde glücklicherweise noch nicht viel Verkehr, und die Gendarmen, welche an der ganzen Haltung ihres Gefangenen wohl bemerkt hatten, daß es nicht in seiner Absicht lag, irgend welche Seitensprünge zu machen, hatten nichts dagegen, daß Erich auf dem Trottoir längs den Häusern ging, während sie in der Mitte der Straße ritten. Beim Betreten des Kasernenhofes war allerdings ein großes Aufsehen nicht zu vermeiden; der Posten unter dem Gewehr blickte erschreckt auf, als sehe er Gespenster, und einige Kanoniere, die an dem Brunnen beschäftigt waren, eilten, so rasch es ihre Pantoffel und Wasserkrüge erlaubten, die Treppe hinan, um die unerhörte Neuigkeit so schnell als möglich zu verbreiten. Der Wachtmeister Pinckel, zu welchem nun Erich von dem Gendarmerieunteroffizier geführt wurde, saß in seinem rot karierten Schlafrocke behaglich beim Kaffee, und es fehlte nicht viel, so wäre der dicke Mann vor Alteration vom Stuhle gefallen. Ein Bombardier seiner Batterie des mörderischen Attentats auf einen Offizier angeschuldigt, ja überführt, von Gendarmen eingebracht! – So etwas war noch niemals vorgekommen, und der Wachtmeister faßte in Verzweiflung rechts und links seinen großen Schnurrbart, als wolle er seinen Kopf und sich selbst gewaltsam aufrecht erhalten. War doch nach dem Berichte, des Gendarmerieunteroffiziers die Sache zu klar, als daß irgend ein Zweifel hätte obwalten können! Der Wachtmeister sagte sechsmal hintereinander: Gräßlich, gräßlich! – während er mit zitternder Hand über den Empfang des Verbrechers quittierte. »Und nun, wissen Sie, unglücklicher junger Mensch,« sagte der Wachtmeister Pinckel tief erschüttert, »wohin Sie das führen wird? Zwanzig Jahre Ketten, das ist so sicher als der Weck auf dem Laden!« – Das Terzerol hatte der Gendarmerieunteroffizier auf den Schreibtisch gelegt, ehe er das Zimmer verlassen, und der Wachtmeister Pinckel betrachtete das Mordinstrument mit scheuem Blicke, während er recht ungläubig lächelte bei der klaren und wahren Erzählung Erichs. »Ja, das ist alles recht schön und gut,« jammerte er alsdann, »aber das glaubt Ihnen ja niemand!« »Das wäre ja schrecklich, Herr Wachtmeister!« »Freilich schrecklich – gräßlich, haarsträubend, entsetzlich!« »So könnte man wirklich glauben, ich hätte diese That begangen?« »Glauben? Nach so klaren Zeugenaussagen, wie der Gendarmerieunteroffizier berichtet? Wahrhaftig, ich bedaure Sie, Freiberg, aber machen Sie sich auf das Allerschlimmste gefaßt!« – Im Stalle der Batterie, wo beinahe die ganze Mannschaft beim Putzen beschäftigt war, hatte sich die Nachricht, daß der Bombardier Freiberg durch Gendarmerie, und zwar geschlossen eingeliefert worden sei, wie ein Lauffeuer verbreitet, und als bald nachher der Bombardier Schwarz von der Stallwache abgelöst wurde, um ebenfalls in Untersuchung und Arrest gebracht zu werden, blieb ihm sein Lieblingswort: »O, famos!« – halb in der Kehle stecken. Hauptmann von Manderfeld aber rieb sich bei der Meldung die Hände und sagte zu Wachtmeister Pinckel: »Ich hätte bei alledem nicht gedacht, daß es ein so rasches und glänzendes Ende nehmen würde mit dem letzten Bombardier.« {bild} 44. Kapitel Reiseplaudereien unangenehmer und angenehmer Art; von einem freundlichen Feinde verlassen, findet Blanda einen feindlichen Freund und wird schließlich von diesem entführt. Unterdessen rollte der bequeme Reisewagen des Grafen Dagobert Seefeld auf der Chaussee dahin und ließ rasch Station um Station hinter sich; überall standen die Pferde bereit und überall beeilten sich die Postillone sowohl beim Umspannen als bei der Erzählung der unerhörten Begebenheit, besonders nachdem sie schüchterne Blicke in das finstere Gesicht des Husarenoffiziers geworfen, der sich zuweilen beim Wechseln der Pferde vorbeugte, um düster in die langsam sich erhellende Gegend zu schauen. Nur selten hatte einer dieser Blicke seiner Nachbarin gegolten, welche, fest in die andere Ecke geschmiegt, fast gänzlich bewegungslos verharrte und nur zuweilen durch ein kurzes, schmerzliches Aufschluchzen ein Lebenszeichen von sich gab. Endlich aber war es hell genug geworden, um ihre bleichen, verstörten Gesichtszüge deutlich erkennen zu können, sowie ein eigentümliches Zucken ihrer gefalteten Hände und ein fröstelndes Erbeben ihres Körpers zu bemerken. Bei diesem Anblicke, der allerdings jammervoll und traurig genug war, verwandelte sich langsam der düstere Groll in den Zügen ihres Nachbars in einen wohlwollenderen Ausdruck und er fragte, freilich noch in ziemlich rauhem Tone: »Nun, Sie werden jetzt bemerkt haben, daß ich weder beabsichtige, Sie zu beißen, noch Ihnen sonst ein Leides zuzufügen; wäre auch bei meinem verwundeten Arme selbst bei der schlimmsten Laune nicht zu dergleichen aufgelegt – es wäre in jeder Richtung klüger von Ihnen, irgend etwas mit mir zu reden und mir zu sagen, wie Sie auf die verfluchte Idee kamen, mit jenem Menschen davonzulaufen!« Ein Schauer überflog Blandas Körper und machte ihre bleichen Lippen erbeben. »Frieren Sie vielleicht?« »Ja,« hauchte sie leise. Ein rascher Zug an der Schnur, die rückwärts zur Dienerschaft ging, brachte den Wagen nach ein paar Minuten zum Halten, worauf der Kammerdiener von seinem Sitze herabflog und an den Schlag trat. »Geben Sie meinen Pelz und Fußsack herein dort für das Fräulein und helfen Sie ihr, da ich selbst nicht imstande bin.« »O nein, ich danke Ihnen, ich habe ja meinen Plaid!« »Aber ich will es so – rasch, François!« Im nächsten Augenblicke erschien der Kammerdiener an dem anderen Wagenschlage, öffnete denselben behutsam, und während der Lakai, der ebenfalls herbeigeeilt war, den Pelz des Grafen hielt, bemühte sich François mit der zarten Sorgfalt und Geschicklichkeit eines vortrefflich geschulten Dieners, Blandas Füßchen in die warme Umhüllung zu bringen; doch blickte er dabei seinen Herrn mit einem fragenden Ausdrucke an. »Was gibt's, François?« »Das gnädige Fräulein müssen tief ins Wasser getreten sein, und da weiß ich doch nicht, ob ...« »O, ich bitte Sie, Herr Graf, lassen Sie mich, wie ich bin!« flehte Blanda. »Und ich bitte Sie ebenfalls,« erwiderte dieser in sehr entschiedenem Tone, »sich nicht auf lächerliche Art zu zieren! Ich {bild} sehe ganz genau, wie Sie der Frost schüttelt, und wenn wir noch eine Stunde dahinfahren, so habe ich eine Kranke an meiner Seite und das will ich nicht – bei Gott, das will ich nicht!« Das junge Mädchen fuhr zusammen bei dem, rauhen Tone, in dem er sprach, und blickte ihn scheu von der Seite an. Was konnte sie thun? Sie fühlte wohl, daß aller Widerstand vergebens sei. »Schließ deinen Schlag, François, und warte, bis das Fräulein ihre nassen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Füße mit ihrem Plaid umwickelt hat!« – Das befahl Graf Seefeld wie jemand, der überzeugt ist, daß von allen Teilen ohne Widerrede gehorcht werde, und um diese Ueberzeugung noch zu schärfen, ließ er das Wagenfenster an seiner Seite herab und lehnte sich hinaus, um in die Gegend zu schauen. »Sind Sie fertig?« »Ja. Herr Graf.« »Es ist von Ihnen sehr klug, daß Sie gehorsam waren Francis, den Fußsack – so; nun decke den Pelz über das Fräulein und dann mache, daß wir weiterkommen! Sage auch dem Postillon mein Kompliment, und er möge die Güte haben, den Aufenthalt wieder einzubringen!« Dahin flog der Wagen mit erneuerter Schnelligkeit, und es schien, als ob es den Pferden selbst darum zu thun wäre, dem Wunsch des Reisenden nachzukommen und so bald als möglich den warmen Stall zu erreichen; denn jetzt, bei Sonnenaufgang, wurde es empfindlich kalt, und Dagobert Seefeld, der zuweilen einen flüchtigen Blick auf seine Nachbarin warf, bemerkte zu seinem Vergnügen, daß unter der warmen, schützenden Hülle auf den eben noch so verstörten Zügen des jungen Mädchens sich eine angenehme Ruhe, der sichtliche Ausdruck von Wohlbehagen, gelagert hatte; ja, es zeigte sich auf denselben eine leichte, freundliche Röte, vielleicht auch hervorgebracht durch den Reflex auf den Fensterscheiben der im Rücken der Fahrenden glühend aufsteigenden Sonnenscheibe. Aber auch ihre Atemzüge hatten das Unruhige, Schluchzende verloren, und nachdem Blanda, aus einem leichten Halbschlummer auffahrend, noch einmal hastig, beinahe scheu um sich geblickt, sank sie in einen tiefen Schlaf, wie ihre nun ganz regelmäßig sanften und langen Atemzüge verkündeten. Dagobert Seefeld hatte sich fest in seine Ecke gedrückt und betrachtete das schlummernde Mädchen mit großem Interesse. Noch nie war ihm die edle Form des Kopfes, die regelmäßige, gänzlich untadelhafte Schönheit ihrer Gesichtszüge so aufgefallen. Wie frei und prächtig war ihre breite, offene Stirn! Wie anmutig senkten sich die Augenlider mit den langen, seidenartigen Wimpern herab! Wie reizend geformt waren ihre leicht geöffneten Lippen, zwischen denen man die weißen Zähne hervorschimmern sah! Er bedeckte mißmutig seine Augen mit der Hand und konnte sich eines unangenehmen bitteren Gefühls nicht erwehren, während er vorwurfsvoll zu sich selber sagte: Das habe ich wieder einmal recht dumm, recht tölpelhaft angegriffen – sehen wir, was gut zu machen und was bei einer ganz entgegengesetzten Behandlung zu erreichen ist. Dann kam eine neue Station, und als sich François hier sogleich am Schlage zeigte, legte Graf Seefeld mit einem strengen Blicke den Zeigefinger auf den Mund, worauf das Umspannen mit einer Ruhe vor sich ging, als seien Postillone und Pferde nur Schattengestalten gewesen, ebenso auf der nächsten Station, wogegen auf der übernächsten zuerst eine lange Holzbrücke über einen Fluß zu passieren war und der Wagen alsdann in die engen Straßen eines kleinen Städtchens einfuhr, worauf bei dem ersten Klange der Hufeisen auf dem Pflaster Blanda die Augen aufschlug und verwundert, erschreckt um sich blickte. »Sie haben mehrere Stunden recht gut geschlafen,« sagte der Husarenoffizier in ruhigem, freundlichem Tone, »und befinden sich, hoffe ich, besser?« »O ja – aber...« sagte sie auffahrend und mit einem fragenden Blicke ängstlich um sich schauend. »Beruhigen Sie sich vollkommen; Sie sehen, daß ich eigentlich doch kein Werwolf und auch kein Menschenfresser bin, und wenn Sie die Güte haben wollen, bei sich zu überlegen, daß ich Sie nach dem, was heute früh vorgefallen, doch nicht auf der Landstraße lassen konnte, so werden Sie mir, wenn mir nachher weiterfahren, wohl ein paar Worte der Ueberlegung gönnen.« »O mein Gott – ja, es ist Entsetzliches vorgefallen, und wir sind recht, recht unglücklich geworden!« »Sagen Sie nicht: wir,« gab Dagobert Seefeld mißmutig zur Antwort – »wer Böses säet, muß erwarten, daß Schlimmes aufgeht.« Warum wandte er die Augen rasch von ihr ab, als Blanda ihn nach diesen Worten mit einem traurigen Blicke betrachtete? »Wenigstens jetzt hier lassen Sie diese Erinnerungen, die auch mir unangenehm genug sind – später, an einem andern Orte, ist vielleicht darüber zu reden. Sie werden mir das Zeugnis geben, daß ich Sie aufs rücksichtsvollste behandle, was allerdings, wie ich leider bekennen muß, nicht immer geschehen ist. Stellen Sie sich meinetwegen vor, wir seien ein paar feindliche Parteien, die einen Waffenstillstand geschlossen, aus welchem vielleicht nach glücklicher Uebereinkunft später ein dauernder Friede entstehen kann.« Sie sagte nichts darauf, blickte vielmehr mit düsterem, starrem Blicke vor sich nieder. »Geben Sie wenigstens meinen Leuten,« fuhr er in einem bitteren Tone fort, »nicht durch fortgesetzte allzu große Unfreundlichkeit Ursache zu weiteren unnötigen Betrachtungen.« »Seien Sie überzeugt,« erwiderte sie leise, »daß ich Ihnen für das Gute, welches Sie mir erzeigt, gewiß dankbar sein werde, aber, – wäre es nicht auch für Sie angenehmer und besser, wenn Sie mich hier in dem Städtchen, das wir so eben erreicht haben, meinem Schicksale überließen – o, ich flehe darum!« »Nein,« antwortete er kurz und barsch – »wozu auch? Hätten Sie vielleicht die thörichte Idee, zurückzukehren, um... – Doch wozu das wieder erwähnen! Beantworten Sie mir lieber eine Frage offen und ehrlich: Sind wir hier nicht auf demselben Wege, den Sie beabsichtigten, mit dem Eilwagen zu verfolgen?« – Ich vermute fast, ja, ich vermute noch mehr, ich denke, daß wir ein und dasselbe Reiseziel haben.« »Aber meines verändert sich vollkommen, wenn wir es gemeinschaftlich erreichen.« »Das hat was für sich,« versetzte er mit einem kurzen Lächeln, »und wäre zu überlegen, wie denn überhaupt manches zu überlegen und in Ordnung zu bringen wäre, wenn Sie mir ein wenig Vertrauen schenken wollten. – O, ich verstehe Ihren Blick, doch denken Sie an meinen Vorschlag, daß wir zwei feindliche Parteien sind, die aber behufs Unterhandlungen einen Waffenstillstand geschlossen haben – bitte, denken Sie daran.« »Ich will thun, was mir möglich!« – Diese Worte rangen sich mit einem schmerzlichen Seufzer kaum hörbar aus ihrer Brust. Damit hielt der Wagen, und der geschäftige François erschien am Schlage, um seinem Herrn zu melden, daß das befohlene Frühstück im Posthause bereit stehe. »Ich will nicht aussteigen, mag auch den Leuten hier wegen meines Armes keine weitere Veranlassung zum Reden geben, ersuche dich überhaupt, dem Postillon zu sagen, daß wenn er seinem neuen Kollegen Mitteilungen über jenen Vorfall schuldig zu sein glaubt, er sich auch von diesem für diese Mühe das Trinkgeld soll bezahlen lassen. Hast du mich verstanden?« »Gewiß, Erlaucht, und habe das auf der letzten Station schon aus eigenem Antriebe besorgt.« »Danke.« »So befehlen Erlaucht, daß das Frühstück in Ihrem Wagen serviert wird?« »Ja, etwas Weniges für mich, und was das Fräulein befiehlt« .... »O, ich danke für alles, Herr Graf!« »Das Fräulein wird wohl ebenfalls eine Tasse Thee wünschen – also mach' hurtig, François!« Rasch wurde das Verlangte gebracht, und auch Blanda konnte sich ferner nicht weigern, von dem angenehm duftigen Thee, sowie einigen Zwieback zu nehmen, wobei sie aber einen schüchternen Blick auf ihren Nachbar warf; nicht aus Furcht oder Verlegenheit, sondern weil sie sah, wie schwer es ihm bei seinem verwundeten Arme wurde, die Tasse zu halten, worauf das Mitgefühl sie veranlaßte, ihm ihre Hilfe anzubieten. Er nahm das auch an, und als er hierauf seinen Dank sagte, klang der Ton seiner Stimme ernst, ja ehrerbietig. Weiter rollte nun der Wagen, und während Blanda jetzt mit gefalteten Händen dasaß und mit trübem Blicke in die Gegend schaute,– sie hatte den Pelzüberwurf, der ihr zu warm geworden, von ihren Schultern herabgleiten lassen – lehnte sich der Graf in seine Ecke zurück und schien augenblicklich einzuschlafen, wenigstens sprachen dafür seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge. Dann nahm Blanda, nachdem sie einen forschenden Blick auf den Schlafenden geworfen, ihr Hütchen ab und ordnete ihr prächtiges, blondes Haar, zuweilen scheu auf die Seite blickend, aber beruhigt durch seine fest geschlossenen Augenlider. Und doch hatte er alle ihre Bewegungen belauscht, und es war ein seltsam angenehmes Gefühl, welches ihn überschlich, als {bild} er das schöne junge Mädchen so neben sich sitzen sah in dem einfachen, fast ärmlichen grauen Kleidchen, das aber, besonders als sie ihre Arme emporhob, um mit den seinen Fingern ihr volles Haar aufzustecken, so recht ihre schönen Formen zeigte. Doch hütete er sich wohl, auch nur durch eine Bewegung, durch einen Blick ihr Vertrauen zu täuschen; denn trotz des rücksichtslosen Leichtsinnes, der ihn von jeher beherrscht, fühlte er sich mehr und mehr von einer ehrerbietigen Scheu gegen das junge Mädchen erfüllt, ja, er begriff es selbst nicht, wie jetzt an ihrer Seite so ganz eigentümliche Phantasien in ihm auftauchten, wie er es mit einem Male für ein ganz beneidenswertes Los hielt, wenn dieses schöne junge Wesen auf die natürlichste und zugleich verständigste Art neben ihm hätte sitzen können. Er hatte immer noch Poesie genug, um sich das in seinen Folgen mit den glühendsten Farben auszumalen, und es kam ihm der Gedanke, wie glücklich er vielleicht sein könne, wenn sie jetzt ihr edles, schönes Gesicht ihm freundlich zuwenden, vielleicht ihre Hand auf die seinige legen und ihm ein freundliches Wort zuflüstern würde. Daß aber dies in Wirklichkeit ganz anders war, ließ ihn jetzt mit einem Seufzer aus seinem Scheinschlafe auffahren. Trotzdem die Straße etwas aufwärts stieg, trabten die Pferde lustig davon, waldbewachsenen, nicht mehr fernen Höhen entgegen. »Das ist für mich schon eine recht bekannte Umgebung,« sagte Dagobert Seefeld, »und dort vor uns, wo die Wälder anfangen, beginnt das Jagdrevier der Waldburg. Wir haben noch zwei Stationen, und ich muß gestehen, daß wir nicht schlecht gefahren sind – in zwei starken Stunden habe ich mein Reiseziel erreicht, und jetzt wäre es nicht übel, Fräulein Blanda, wenn Sie mich mit Ihren Plänen bekannt machten.« Sie hatte diese Frage schon längst erwartet und sich nach reiflicher Erwägung entschlossen, ihm ohne Rückhalt den Zweck ihrer Reise mitzuteilen, wobei es ihr von Wert erschien, in schlichten Worten von ihrer Vergangenheit zu reden. Konnte sie auch anders, ohne daß es erschien, als wolle sie ihm absichtlich Unwahres sagen! War es nicht auch eine Fügung des Schicksals, daß gerade dieser Mann es war, den ein allerdings schrecklicher Vorfall in ihren Weg geführt! Auch war die zarte, rücksichtsvolle Behandlung, die er gegen sie angenommen, nicht ohne Eindruck auf ihr gutes, empfängliches Herz geblieben, und dann lag es schließlich auch mit in seiner Hand, das Los des unglücklichen Erich, der ja allein um ihretwillen so elend geworden war, zu mildern, wenn nicht wieder ganz zum Guten zu wenden. Thränen hatte das arme Mädchen während der Nachtfahrt zur Genüge vergossen, und wenn jetzt, während sie sprach, ihre Augen heiß, trocken, unbewegt erschienen, so waren sie darin nur der Spiegel ihres Herzens, das ebenfalls nach dem erduldeten furchtbaren Schmerze nur noch teilnahmlos sich zu bewegen schien, für die Außenwelt gleichgültig, krampfhaft umschließend ein heiß geliebtes Bild, über dessen Haupt Blitz und Donner in verschiedener Gestalt hinweggegangen war. Von dem, was sie ihm, wie oben schon erwähnt, in schlichten, einfachen Worten erzählte, schien er vieles zu wissen, auch über ihre Erlebnisse in dem adeligen Stifte; denn er nickte zuweilen beistimmend mit dem Kopfe, sagte auch wohl: »Ja, ja« – und: »Ich hörte davon« – auch wuchs mit allem, was sie sprach, sein Interesse an ihrer Erzählung und an der Erzählerin, und zuletzt konnte er sich des Ausrufes nicht enthalten: »Ach, wenn ich das alles vorher erlebt, vorher erfahren hätte! – Doch ist darin noch viel wieder gut zu machen – wollen Sie mir vertrauen, Blanda?« Sie sah ihn zweifelnd an. »Wagen Sie es immerhin.« fuhr er in einem Anfluge von Treuherzigkeit fort, den man höchst selten an ihm gewahrte – »vergessen Sie alles, was geschehen ist, und lassen Sie aus dem Waffenstillstande einen lang dauernden Frieden werden.« Da zuckte es schmerzlich über Blandas Gesicht; sie hob die gefalteten Hände empor und preßte sie fest gegen ihren Mund, um das Beben ihrer Lippen zu verbergen, konnte aber deshalb doch nicht ihre Thränen unsichtbar machen, die nun rasch und heftig aus ihren Augen tropften: »Und er, der für mich so unglücklich geworden ist!« »Erinnern Sie mich in diesem Augenblick nicht daran,« sprach Graf Seefeld unmutig, »das kann vielleicht in zweiter und dritter Linie kommen; was jener erduldet, muß er auf seine eigene Rechnung nehmen und ist schon im voraus überreich bezahlt durch Ihre Teilnahme. Lassen Sie uns ohne Bedingungen Frieden schließen; Sie müssen mir doch das Zeugnis geben, daß ich mich heute gegen Sie benommen, wie – wie ein Bruder gegen seine Schwester; leider darf ich keinen anderen Vergleich wählen. Deshalb reichen Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung.« »Und mit meinem heißesten Danke,« rief sie, in lautes Weinen ausbrechend, »wenn Sie mir dabei eine Bedingung gestatten!« »Lassen wir das für heute gut sein,« bat er dringender, »ich bin ja kein Unmensch und werde gewiß thun, was in meinen Kräften steht – alles, was ich kann, für einen freundlichen Blick {bild} aus Ihren schönen Augen, für das Glück, Ihre Hand in der meinen halten zu können – also Frieden, Blanda!« »Ja – Frieden unter Bedingungen.« Dann mußte sie es wohl geschehen lassen, daß er ihre Hand ergriff und sich niederbeugte, um einen Kuß auf ihre zarten, feinen Finger zu drücken. »Und nun lassen Sie uns überlegen. – Ich weiß, daß meine Tante, die Gräfin Seefeld, sehr gegen Sie eingenommen worden ist, und es soll an mir nicht fehlen, diesen bösen Eindruck zu verwischen; doch muß ich dabei sehr klug und behutsam zu Werke gehen, um,« setzte er mit einem bedeutsamen Lächeln hinzu, »nicht alles zu verderben, denn die Frau Gräfin Seefeld und ich sind nicht immer die besten Freunde gewesen, wahrhaftig ohne meine Schuld! Mein Oheim, der Herr Christian Kurt, wird ohne direkte Nachkommen sterben, weshalb auf mich das Majorat des großen Vermögens übergeht und weshalb böswillige Zwischenträger sich bemühten, mich meiner Tante als ihren gefährlichsten Feind darzustellen. Ich kenne diese Zwischenträger wohl, bin aber leider noch obendrein gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bis ...« – hier überflog ein häßlicher Schatten seine Züge – »ja, ich bin sogar gezwungen, mich dieser Zwischenträger zu Ihren Gunsten zu bedienen.« »O nein, Herr Graf, nicht wegen meiner – meine Sache ist so einfach und klar! – In meiner Absicht liegt es ja nur, die Frau Gräfin von Seefeld zu überzeugen, daß sie ihre Wohlthaten an keine Unwürdige verschwendet; dann um eine kleine Auskunft zu bitten über meine arme Mutter. Weiter will ich nichts erreichen, nicht das Allergeringste – Gott ist mein Zeuge – um alsdann wieder spurlos zu verschwinden.« »Um wieder spurlos zu verschwinden?« sagte er mit einem Lächeln und nachdem er, von Blanda unbemerkt, einen heißen Blick auf sie geworfen. »Ueberlassen wir das der Zukunft und mir, zu überlegen, wie Ihre Sache am besten anzugreifen ist. Ihr Reiseziel war Königsbronn, welches Städtchen, eine kleine Stunde von der Waldburg entfernt, vor uns liegen wird, sobald wir jene Höhe erreicht haben; gut, dort bleiben Sie, bis ich droben mein Terrain untersucht habe und Ihnen Nachricht gebe.« Blanda hatte dagegen nichts einzuwenden, da es ja geradeso in dem Plane lag, den sie mit Erich besprochen, und da sie hoffen durfte, dessen bewährten Freund und Beschützer, den Doktor Burbus, in Königsbronn zu sehen und seinen Rat zu hören. »Halten Sie mir indessen ein freundliches Andenken, Blanda,« sagte Dagobert Seefeld, »und vergessen Sie nicht, daß alle unangenehmen Erinnerungen ausgelöscht sein müssen. Da wir uns aber Ihrem Ziele sehr rasch nähern und Sie dort leider gezwungen sind, meinen Wagen zu verlassen,« fuhr er heiter fort, »so werde ich mit größter Diskretion mich bemühen, einen Blick in die Landschaft zu werfen, um Ihre Toilettengeheimnisse nicht zu stören, kann aber nicht umhin, Ihnen die Versicherung zu geben, daß ich glücklich in dem Gedanken sein werde, Sie an meiner Seite so beschäftigt zu wissen.« Eine tiefe Röte flog bei diesen Worten über das Gesicht des armen, jungen Mädchens; doch als sie sah, wie sich ihr Nachbar gänzlich aus dem Wagenschlage lehnte, Umschau in der Gegend haltend, da nahm sie rasch ihr kleines Reisetäschchen hervor, um unter dem verhüllenden Reisepelze ihren Anzug wieder zu vervollständigen. Der Graf hatte unterdessen seinen Kammerdiener gefragt, ob er glaube, daß man von der Waldburg Relais für ihn nach Königsbronn geschickt habe, was jener mit der Bemerkung verneinte, daß Seine Erlaucht ja ausdrücklich befohlen hätten, die Zeit ihrer Ankunft nicht anzugeben. »Es ist mir auch lieber so; sage dem Postillon, er soll mir in Königsbronn keinen unnötigen Lärm mit seinem Horn machen und mit dem Wagen in den Thorweg zur Post einfahren – das Fräulein will dort aussteigen.« »Gut, Erlaucht.« »Darf ich jetzt wieder hereinkommen?« fragte er hierauf lachend und halb gegen Blanda gewendet. »Gewiß, Herr Graf, und ich danke Ihnen herzlich.« »Vielleicht auch Ihrem Schutzengel, daß unsere gemeinschaftliche Fahrt zu Ende ist?« fuhr er fort, wobei sich sein Lächeln in einen ernsten, fast trüben Ausdruck verwandelte. »Warum sollte ich das? Sie waren so gütig und freundlich gegen mich!« »Also keine Rancune mehr – ehrlicher Friede!« »Gewiß, und mit der herzlichsten, dankbarsten Erinnerung, wenn Sie nicht vergessen wollen, Herr Graf, daß Sie mir eine Bedingung zugestanden.« »Mit Ihren Bedingungen, Blanda! Verbittern Sie mir doch dadurch nicht den letzten glücklichen Augenblick! Nun ja, ich will thun, was in meiner Macht steht – reichen Sie mir aber noch einmal Ihre kleine Hand zum Abschiede – der Postillon da draußen rast doch, als ob er des Teufels wäre!« rief er hierauf unmutig, als beim Ueberfahren einer Brücke dicht vor dem Städtchen der Wagen einen Stoß erhielt, der ihn nötigte, die Hand des jungen Mädchens früher loszulassen, als er wahrscheinlich beabsichtigt. Dann rasselte und dröhnte es durch die engen Straßen des Städtchens, und nach einigen Minuten fuhr der Postillon in vollem Laufe der Pferde unter den Thorbogen des Posthofes, dort vor der Eingangsthür ins Gasthaus so scharf parierend, daß er jedenfalls ein dreifaches Trinkgeld verdient hätte. Da stand auch schon der Wirt, die Mütze ehrerbietig in der Hand, und verbeugte sich aufs tiefste vor Sr. Erlaucht. »Sind ein paar der besten Zimmer Ihres Hauses unbesetzt?« »Unbesetzt wohl, Erlaucht, aber für heute abend bestellt.« »So bitte ich Sie, die Zimmer dieser jungen Dame anzuweisen und den Besteller meinetwegen eine Treppe höher hinauf zu logieren.« »Ich will thun, was ich kann, Erlaucht, wenn ...« »Bitte, kein Wenn und Aber; ich werde heute mittag noch herüber reiten, um nachzusehen, wie das Fräulein untergebracht ist – und hoffe,« sagte er leise zu Blanda, »daß Sie mich alsdann freundlich empfangen werden!« Mit herzlichen Worten das bejahend, dankte sie ihm nochmals für seine Güte und ließ sich dann von dem Wirte auf ihr Zimmer führen, wo sie ans Fenster trat, um ein paar Minuten später mit seltsamen Gefühlen dem davonrollenden Wagen nachzublicken, tief und schmerzlich erregt, wenn sie daran dachte, wie furchtbar der Augenblick gewesen war, der ihrer Fahrt vorangegangen. War das alles nur ein beängstigender Traum oder war es die entsetzliche Wirklichkeit? – Doch war an letzterem nicht zu zweifeln, denn da stand sie allein, in einem ihr unbekannten Hause einer fremden Stadt – dort lagen ihr Plaid und ihre kleine Reisetasche, und jetzt, so deutlich in der Erinnerung, tauchte wieder die entsetzliche Scene vor dem Posthofe in ihrer Seele auf, zugleich mit dem furchtbaren Gedanken, daß sie Erich verloren, vielleicht für immer verloren habe. Blanda warf sich in die Ecke des Sophas und verharrte dort lange, lange Zeit schweigend, träumend, sich selbst beschwichtigend, um sich gleich darauf wieder aufs heftigste selbst anzuklagen, daß sie sich von ihm hatte wegreißen lassen, daß sie es nicht versucht, ihn mit ihren Armen, mit ihrer Brust vor einer schmachvollen Gefangenschaft zu decken – eine Anklage, von der sie sich indessen gleich darauf mit trübem Lächeln wieder lossprechen mußte, da das ja doch alles unmöglich gewesen wäre, und von der nach langem Sinnen und Denken als einziges Resultat nur die traurige Gewißheit übrig blieb, daß sie ihn durch ihre Aufforderung, sie zu begleiten, wahrscheinlich ins tiefste Unglück gestürzt habe. Und was nun weiter – was konnte sie für ihn thun? – An sich selbst dachte sie in diesem Augenblicke nicht. – Was vermochte sie zu seinen Gunsten zu wirken? – Durch den Grafen Seefeld schwerlich, durch die Gräfin noch weniger! – Ah, vielleicht durch jenen Freund Erichs, durch den Doktor Burbus! Und bei diesem Gedanken sah sie einen Lichtschein in dem traurigen Dunkel ihrer wirren Träume. – Ihn mußte sie aufsuchen, um ihm alles zu erzählen, was mit Erich vorgefallen war. Dieser Vorsatz entriß sie ihrem dumpfen Hinbrüten und führte sie hoffend und mutig in die Gegenwart zurück. Sie nahm aus ihrem Reisetäschchen, was sie brauchte, um ihre durch den langen und beschwerlichen Weg von gestern nacht gänzlich schadhaft gewordenen Stiefelchen notdürftig zu ersetzen, fühlte aber dabei jetzt erst zu ihrem Schrecken, wie sehr sie die Länge ihrer Reise unterschätzt und in welch unangenehme Lage sie nun kommen mußte, da es ja dem armen Erich unmöglich geworden war, ihr das, was sie an notwendigen Dingen besaß und vorläufig auf dem Jagdschlößchen gelassen hatte, wie verabredet, heute noch nach Königsbronn nachzuschicken. – Allerdings hatte sie das Allernotwendigste bei sich, und als sie, vor dem Spiegel stehend, ihr graues Kleidchen zurechtzog und glättete, auch mit größerer Sorgfalt als vorhin im Wagen ihr Haar aufsteckte, da beschlich sie ein Gedanke von beinahe hochmütiger Gleichgültigkeit. Ihre feinen Lippen wölbten sich trotzig, ihre Blicke erschienen düster und herausfordernd {bild} und ihr Bewußtsein wurde neu erhoben und gestärkt von dem Gedanken, daß sie ja nicht notwendig habe, als demütig Bittende zu erscheinen, sondern daß sie nur gekommen sei, um Gerechtigkeit zu verlangen – für sich und auch für Erich, den man ja gewaltsam in das Unrecht, wenn er wirklich eines begangen, hineingetrieben hatte. Dieser Gedanke für ihn, den Blanda solchergestalt hartnäckig festhielt, gab ihr die völlige Sicherheit wieder, und sie öffnete die Thüre ihres Zimmers, um jemand herbeizurufen, bei dem sie sich nach dem Doktor Burbus erkundigen könne. Da vernahm sie, wie zwei Männer sprechend die Treppe herauf stiegen, und um nicht für eine Lauschende angesehen zu werden, drückte sie langsam die Thür bis auf einen kleinen Spalt wieder zu und hörte nun, wie der eine mit einer sehr tiefen, aber wohlklingenden Stimme sagte: »Theuerster Wirt und Posthalter, das ist alles recht schön und gut, aber es gibt etwas im Leben, welches bürgerlicher Mut heißt, und dieses Etwas hätte Sie veranlassen sollen, daß, wenn für jemand Zimmer bestellt sind, durch mich, den wohlbekannten Doktor Burbus ...« »Doktor Burbus!« hauchte Blanda. »... ich nicht der Mann bin, der es so ruhig hinnimmt, wenn diese Zimmer, selbst nur vorübergehend, durch junge Damen besetzt werden, welche der Herr Graf zu ihrem erlauchtigen Vergnügen auf dero Reisen mit sich herumführt!« Der Wirt murmelte etwas, welches das durch die letzten Worte auf das schmerzlichste berührte junge Mädchen nicht verstand, worauf der andere erwiderte: »Eh, vortrefflicher Posthalter und Bärenwirt, so lassen Sie das grimmige Tier auf Ihrem Wirtshausschilde, das Sinnbild von Mut und Kraft, herabnehmen und dafür ein zartes Lämmlein aufsetzen – ei was, Graf Seefeld, hier bei Ihnen heißt es auch, wie bei uns in der Mühle: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Und nun zeigen Sie jener jungen Dame dann die anderen, ebenfalls vortrefflichen Zimmer; ich bestehe auf meinem Rechte, da ich heute abend mit dem Eilwagen auch eine junge Dame erwarte, die aber für mich den Wert einer Prinzessin von Geblüt hat!« Der Bärenwirt zuckte mit den Achseln und machte ein recht verlegenes Gesicht, als er nun vor der betreffenden Thür stand, den Finger gekrümmt, um anzuklopfen. Doch überhob ihn Blanda dieser Mühe, denn es deuchte ihr gut und richtig, die Thür weit zu öffnen und die Herren zu ersuchen, bei ihr einzutreten. Doch war der Bärenwirt klug und feige genug, dies nicht zu thun; er ließ vielmehr den Doktor voranschreiten und zog dann die Thür sachte zu, worauf er sich rasch davon machte, und Blanda sah sich hierauf einem alten Herrn gegenüber mit wohlwollenden Gesichtszügen, weißem, buschigem Haare, dessen kluge scharfe Augen sie forschend betrachteten, während ein vielbedeutendes Lächeln um seinen Mund spielte. »Herr Doktor Burbus? fragte das junge Mädchen, und dann {bild} ersuchte sie ihn durch eine Handbewegung, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Und das wollte er denn auch schon thun, wobei er den Mund eigentümlich spitzte, als sei er im Begriffe, eine Melodie zu pfeifen; doch besann er sich eines anderen und nahm rasch einen Stuhl, auf welchen er sich, dem Sofa gegenüber, setzte, während das junge Mädchen ohne weiteres sich auf dieses niederließ. »Wie ich soeben, eigentlich unfreiwillig, vernommen,« sagte Blanda, »so sind Sie gekommen, Herr Doktor, um den Wirt zu veranlassen, mir ein anderes Zimmer anzuweisen.« »Da Sie das gehört haben, so ersparen Sie mir die unangenehme Mühe der Wiederholung.« »Und werde Ihrem Wunsche sogleich Folge leisten.« »Das heißt, ganz nach Ihrer Bequemlichkeit; denn was ich zu diesem Wirte sagte, galt eigentlich mehr dessen Rücksichtslosigkeit, Zimmer, die ich ausdrücklich bestellt hatte, so ohne weiteres wegzugeben – ja, Mamsell, ich habe diese Zimmer bestellt für eine Dame, die ich in ein paar Stunden erwarte.« Blanda konnte sich eines leichten Lächelns nicht enthalten, welches aber auf den Doktor keinen angenehmen Eindruck hervorzubringen schien; er fuhr hastig mit der Hand durch sein dichtes, weißes Haar und meinte dann in gleichgültigem Tone: »Sie werden durch diesen Wechsel nicht viel verlieren, und auch mir würden die anderen Zimmer den gleichen Dienst leisten, wenn ich es diesem Wirte und – anderen gegenüber nicht für notwendig hielte, auf meinem Rechte zu bestehen, ja, ehrlich gesagt, wenn der andere noch ein anderer wäre, würde ich vielleicht diesen Schein der Unhöflichkeit nicht auf mich geladen haben.« »Das bedarf durchaus keiner Entschuldigung,« erwiderte Blanda, indem sie aufstand und Miene machte, ihr Reisetäschchen zu ergreifen. »Sie erlauben mir aber wohl noch die Frage, ob es vielleicht außer Ihnen in hiesiger Gegend noch einen anderen Herrn Doktor Burbus gibt.« »Nicht, daß ich wüßte.« »Das ändert allerdings die Sache,« sagte Blanda, wobei sie sich zum großen Erstaunen des Doktors wieder in ihre Sofaecke niederließ und dann mit einigermaßen bewegter Stimme fortfuhr: »Wenn Sie der einzige Herr Doktor Burbus in hiesiger Gegend sind und vielleicht jener Herr Doktor Burbus, der die Freundlichkeit hatte, sich vor Jahren eines armen jungen Menschen Namens Erich Freiberg anzunehmen, so habe ich vielleicht Ursache, dieses Zimmer so rasch nicht wieder zu verlassen.« Das Erstaunen, die Überraschung des alten Herrn wuchs bei diesen Worten zusehends, zeigte sich aber nicht von angenehmer Art; vielmehr zog er seine buschigen Augenbrauen finster zusammen und brach dann in die wenig erfreulichen Worte aus: »Ei, das wäre ja eine verfluchte Geschichte – ah, Mamsell oder mein Fräulein, das hätte mir dieser Erich nicht anthun sollen!« »Und ist also auch für mich genügend, um dieses Zimmer sogleich zu verlassen.« Der Doktor war hastig aufgesprungen, hatte seine Hände auf, dem Rücken zusammengelegt und durchmaß kopfschüttelnd das Zimmer mit großen Schritten, wobei er abgebrochene Sätze hören ließ, wie: »Das ist denn doch zu stark – das hätte ich nimmer erwartet – so ist er getäuscht worden– so wurde ich getäuscht!« »Und am meisten ich selber!« sagte Blanda in traurigem Tone. Der Doktor blieb mit einem plötzlichen Rucke stehen. – »Oder Sie? Sie sind doch keine andere, als die vor einer Stunde nach nächtlicher Fahrt mit Sr. Erlaucht, von dem wohlbekannten Herrn Grafen Dagobert Seefeld hier abgeliefert wurde, ehe er nach der Waldburg weiter fuhr?« »Ich verstehe nicht ganz den Sinn Ihrer Worte, aber was ich davon verstehe, ist genug, um mich mein unaussprechliches Unglück übersehen zu lassen!« – Sie preßte ihre Lippen aufeinander, und in ihren Augen zuckte es schmerzlich. Der Doktor betrachtete sie rasch mit einem durchdringenden Blicke, und da er ebenso gutmütiger Natur als ein großer Menschenkenner war, so mochte er in der rührenden Gestalt des jungen Mädchens, in ihrer jetzt so hülflosen Haltung, in dem Ausdrucke ihrer schwimmenden Augen etwas lesen, das er einer näheren Untersuchung für wert hielt. Genug, er trat dicht vor sie hin und sagte mit einer Stimme, die nicht mehr so rauh klang, als soeben: »Ich bin Arzt, Fräulein, verstehe mich auch ziemlich auf Seelenzustände, und wenn ich einem Kranken, der mich rufen läßt, helfen soll, so verlange ich, daß er mir seine Leiden von ihrer ersten Entstehung an genau, offen und ehrlich schildert; dann verschreibe ich ihm ein Rezept oder sage ihm ebenso ehrlich: Freund, dir ist nicht zu helfen.« »Und so wollen Sie auch mich anhören?« »Gewiß, und Ihnen auch ebenso antworten durch Rezept oder Achselzucken.« »Aber ich kann meine Erzählung nicht in die Zeit von zehn Minuten zusammendrängen.« »Zum Henker, das habe ich auch nicht verlangt! Und wenn Ihre Erzählung, wie ich hoffe, mich interessiert, besonders in gewissen Beziehungen interessiert,« sagte der Doktor Burbus mit Nachdruck, »so soll es mir gehen, wie dem Glücklichen, für welchen auch keine Stunde schlägt.« Darauf hin dankte ihm Blanda herzlich und erzählte ihm alsdann einfach und bescheiden, was sie von ihrer Jugend wußte; doch schien dies den Doktor nur von dem Augenblicke an zu interessieren, wo sie von jenem Manövertage als Vorspiel des Abends auf der Waldburg sprach, wo sie Erichs zum erstenmale erwähnte, dessen Gefangenschaft und Rettung sowie auch von den nun folgenden Ereignissen ihres Lebens. Von der Krankheit ihrer Mutter auf der Waldburg und von dem Tode derselben schien er allerdings schon einiges erfahren zu haben, aber auch das, was er wußte, sorgfältig mit der Erzählung Blandas zu vergleichen und dabei zu einem befriedigenden Resultate zu kommen. Er nickte ein paarmal mit dem Kopfe, er ließ einigemale »Hm, hm« hören, ja, er verließ gleich darauf den Stuhl, auf dem er nicht allzu bequem gesessen, und ließ sich neben dem jungen Mädchen auf dem Sofa nieder, sie zuweilen so aufmerksam betrachtend, als halte er es für nötig, ihre kindlich reinen und dabei so edel schönen Züge wie eine Illustration ihrer Erzählung anzusehen. Für uns und den geneigten Leser alles schon bekannte Dinge, die ihn aber mehr und mehr zu interessieren schienen, besonders die Vorfälle in dem adeligen Damenstifte, bei deren Schilderung er ein paarmal herzlich lachte, dann aber sehr ernst wurde, als sie von den Ereignissen auf dem Jagdschlößchen berichtete und nun Erichs Person sehr in den Vordergrund trat. Bei ihrem Entschlusse, das Jagdschlößchen zu verlassen, nickte Doktor Burbus beistimmend mit dem Kopfe, und als sie nun an die Schilderung ihrer gestrigen Reiseerlebnisse kam, rückte er in ihre Nähe und schien jedes Wort, ehe sie es aussprach, von ihren Lippen ablesen zu wollen. Seine Blicke verfinsterten sich, er schüttelte heftig mit dem Kopfe, und als sie nun des entsetzlichen Vorfalles auf der Poststation erwähnte, wobei unbemerkt aus ihren weitgeöffneten, schönen, klaren Augen die Thränen wie Perlen herabrollten, da sprang der Doktor von dem Sofa auf, fuhr sich mit beiden Händen durch sein buschiges Haar und rief aus: »Wenn es dieser Herr Graf Dagobert Seefeld schier darauf angelegt hatte, daß so etwas erfolgen mußte, so ist es doch eine ganz erschütternde Wendung, die ich wahrhaftig nicht vorausgesehen – armer Erich!« »Und das ist alles,« schloß Blanda, nachdem sie noch erzählt, wie man sie fast mit Gewalt in den Wagen gehoben und {bild} wie sie deshalb mit dem Grafen Seefeld statt mit dem Eilwagen hier angekommen sei. »Zum Henker, das ist vollständig genug!« rief der Doktor, im Zimmer auf und ab eilend; »Stoff für einen ganzen Roman, von dem aber vielleicht der Leser sagen würde: wie kann man so unglaubliches und verrücktes Zeug erfinden! In unserer Zeit, bedenken Sie doch, Fräulein Blanda, in unserer aufgeklärten und civilisierten Zeit! Aber daß Sie mich so außer mir sehen, muß Ihnen den besten Beweis liefern, wie sehr mich Ihre Erzählung aufgeregt, und da sie mich aufgeregt, muß ich auch für die Wahrheit derselben einen feierlichen Eid ablegen können, wozu ich denn auch – hol mich der – jeden Augenblick erbötig bin – armes Kind!« Er reichte ihr seine beiden Hände hin und zog sie dann ohne weiteres von dem Sofa empor in seine Arme, um sie herzlichst auf die Stirn zu küssen. »Das ist die Bekräftigung meines Schwurs, und jetzt kommt der Kriegsrat – was haben wir zuerst zu thun und was zuletzt? »O, lieber Herr Doktor,« sagte Blanda, indem sie ihre gefalteten Hände bittend emporhob – was kann für Erich geschehen, wie ist ihm zu helfen?« »Zweite Linie, mein Kind, zweite Linie oder gar dritte,« antwortete der Doktor, nachdem er, seine Hände auf dem Rücken zusammengelegt, seinen Spaziergang wieder aufgenommen hatte und dann nicht nur den Mund zum Pfeifen spitzte, sondern wirklich ein paar Töne pfiff, dies aber ebenso rasch abbrach wie seinen Spaziergang und dann vor Blanda stehen bleibend sagte: »In erster Linie der Beratung kommen Sie selbst, ohne daß wir Erich aus den Augen verlieren; für Sie muß gesprochen und gehandelt und manches aufgedeckt werden, was noch keinen rechten Zusammenhang hat – da fällt mir eben ein, Sie erzählten auch von einem Briefpaket, das Ihnen Erich übergeben und von dem er vermutete, sein Inhalt könne mit Ihrer Vergangenheit irgend einen Zusammenhang haben; diese Papiere sind doch nicht verloren gegangen oder mit Ihren übrigen Sachen auf dem Jagdschlößchen zurückgeblieben?« »Da Erich sie mir zum Aufbewahren gegeben, so glaubte ich, sie mit mir nehmen zu müssen – hier sind sie.« Sie nahm das Paket aus ihrem Reisetäschchen und reichte es dem Doktor, der es ein paar Sekunden lang mit einem nachdenkenden Blicke in der Hand wog. »Vielleicht ist das sehr unnützes Geschreibsel für uns, vielleicht aber wertvoll – jedenfalls aber wertvoll für einen dritten,« setzte er nach einer Pause, wie in tiefes Nachsinnen versunken, hinzu – »für einen respektabel« dritten, der mir einmal von dem rätselhaften Verschwinden eines Briefpakets, wie dieses da, gesprochen; jedenfalls betrachte ich es aber als kein Verbrechen, ja, nicht einmal für eine Indiskretion, den Inhalt dieser Papiere näher zu betrachten.« »Sie wollten, Herr Doktor ....« »Das Paket öffnen? Allerdings, da ich fest überzeugt bin, daß es in der Absicht des armen Erich lag, mir, dem Doktor Burbus, an den er Sie, mein Fräulein, gewiesen, aus dem Inhalte dieser Papiere kein Geheimnis zu machen. Wer weiß,« setzte er mit ungemeiner Wichtigkeit hinzu, »ob nicht Sachen darin sind, die für Erichs Angelegenheit von großem Nutzen sein können.« »Ja, wenn Sie das glauben, Herr Doktor!« »Ich glaube daran,« sagte er mit komischem Ernste, »fest und unverbrüchlich, wie an manches andere, was minder glaubwürdig ist. Damit Sie aber, mein teures Fräulein, an dem, was ich thun will, durchaus keinen Anteil haben, so bitte ich, sich ruhig in ihre Sofaecke niederzulassen und nicht einmal zu mir herüber zu schauen.« Nach diesen Worten nahm er einen Stuhl, setzte sich ans Fenster und öffnete ohne weiteres den Umschlag des Papierpakets. Blanda that, wie er befohlen, und warf keinen Blick hinüber, wozu wir aber keine Verpflichtung haben und deshalb sagen, daß der Inhalt des Pakets aus einer Menge vergilbter Papiere bestand, welche hie und da mit sorgfältig zusammengelegten Bogen von frischerem und weißerem Papier untermischt waren. Der Doktor legte das ganze Paket behutsam vor sich auf die Fensterbank und begann von oben herab in den Briefen zu lesen. Ach, die ersten waren von so altem Datum, daß er beim Durchsehen derselben bedenklich mit dem Kopfe schüttelte; auch schien der Inhalt aller im allgemeinen ziemlich der gleiche zu sein. Dann kam der Leser an einen frischeren, größeren Papierbogen, und hier zogen sich seine Augenbrauen schon aufmerksamer in die Höhe; es mochten das vielleicht Bekenntnisse irgend einer schönen Seele sein, eine Art Tagebuch, das den Zusammenhang bildete zwischen den Briefen, in denen sich oft große Zeitlücken vorfanden. Eine neue Folge dieser Briefe blätterte der Doktor mit größerem Interesse durch, welches dann beim Durchlesen eines zweiten Papierbogens so zu wachsen schien, daß er sich unwillkürlich ein paar Zoll von seinem Stuhle erhob, aber gleich darauf, ohne sein Lesen zu unterbrechen, wieder niederließ. Beim Durchlesen des dritten Tagebuchblattes warf er zum erstenmale einen langen und ausdrucksvollen Blick nach Blanda hinüber, die das aber nicht bemerkte, weil sie mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen in der Sofaecke lehnte, offenbar mit den Erlebnissen der vergangenen Nacht beschäftigt. Weitere Briefe glitten durch die Hand des Lesenden, der den Inhalt meistens nur flüchtig, immer aber mit großem Interesse betrachtete und jetzt beim nächsten Tagebuchblatte sich rasch gegen Blanda umwandte und mit einem grinsenden Lächeln, welches er offenbar als Maske gebrauchte, um seine tiefe Bewegung zu verbergen, fragte: »Sagten Sie mir nicht, daß man Sie in dem adeligen Damenstifte Miß Price genannt?« »Ja, Herr Doktor.« »O–o–o–oh, so war das wahrscheinlich der Name Ihres Vaters!« »Leider weiß ich das nicht genau, aber es ist möglich.« »Sehr möglich – außerordentlich möglich,« versetzte der Doktor gedankenlos, da er schon wieder im Lesen des nächsten Tagebuchblattes vertieft war – »sehr möglich – wahrscheinlich – gewiß – o, Price ist ein sehr schöner Name!« Obgleich Blanda diese Versicherung mit keiner Silbe beantwortete, sondern nur eine leichte Bewegung auf dem Sofa machte, so schüttelte doch der Doktor eifrig seine rechte Hand gegen sie, als wolle er sie dringend ersuchen, ihn mit gar nichts zu unterbrechen, worauf er das letzte Tagebuchblatt zu Ende las, dann die Hand mit demselben auf das Knie sinken ließ, und dabei mit einem überaus heiteren Blicke an den Himmel hinauf schaute. Doch dauerte es nicht lange; dann griff er mit unruhigen Fingern nach einem in Papier gewickelten Gegenstande, welcher den Rest des Pakets bildete, nahm ihn aus seiner Umhüllung, brachte ihn vor die Augen und fuhr dann mit einem lauten, freudigen Ausrufe von seinem Stuhle empor. Hatte ihn Blanda schon nach der Frage, die er vorhin gethan, erstaunt betrachtet, so wußte sie jetzt in der That nicht, was sie von dem Benehmen des alten Herrn zu halten habe; er hielt den Gegenstand, den er soeben besehen, vor sich hin, wobei ihn seine Augen betrachteten, bald mit der größten Aufmerksamkeit nach Blanda hinüber schweiften. Dann legte er ihn wieder sorgfältig auf das Briefpaket, drückte ein paar Sekunden lang seine Rechte auf die Stirn, wobei er laut zu sich selber sprach: »Soll ich, oder soll ich nicht? – Nein, ich soll nicht – nicht eher, als bis alles im klaren ist! O himmlische Güte, wer mir das vor einer Stunde gesagt hätte, als ich diesem feigen Posthalter und lammherzigen Bärenwirte den verdienten Rüffel erteilte – Gott ist groß!« – Dann packte er mit zitternden Händen die Papiere wieder rasch zusammen, steckte sie in die weite Tasche seines Ueberrockes; und vor Blanda hintretend, klopfte er mit den Fingern leicht auf die Stelle, wo sich sein Herz befand sowie die für ihn so wichtigen Papiere, und lächelte mit dem glücklichen Gesichtsausdrucke eines Vaters, der es in der Freude seines Herzens nicht unterlassen kann, auf ein kostbares Geschenk, welches er bei sich trägt, solchergestalt aufmerksam zu machen. – »Alles gut – alles gut und vortrefflich, Fräulein Blanda, und in den besten Händen! Aber sehen Sie mich um Gotteswillen mit Ihren schönen Augen nicht so fragend an, denn ich darf es Ihnen doch jetzt nicht sagen, sondern muß alles auf natürliche Weise sich abwickeln lassen – aber es ist schön – zum Schreien!« »Auch für Erich, Herr Doktor?« Diese paar Worte, welche das junge Mädchen mit so innigem Gefühle aussprach, machten vielleicht gerade dadurch den Eindruck auf den Doktor Burbus, als werde er plötzlich mit kaltem Wasser übergossen. – »Weiß Gott, an den habe ich gar nicht mehr gedacht!« »So würde er keinen Anteil an dem Glücke haben können, das Sie mir eben prophezeit?« »Schwerlich, schwerlich, um ehrlich zu antworten, wie ich immer zu thun pflege!« rief der Doktor mit einem Gesichtsausdrucke, der dem jungen Mädchen deutlich sagte, wie überzeugt er von seinen Worten war. »Doch kann auch ihm vielleicht dadurch gewissermaßen noch geholfen werden. Stellen Sie um des Himmels willen jetzt keine weitere Frage an mich, ich sagte Ihnen vorhin schon, daß Erichs Schicksal erst in zweiter oder dritter Linie kommen kann; aber vertrauen Sie mir, Fräulein Blanda, glauben Sie mir, daß ich seine Angelegenheit so in die Hand nehmen werde, als sei er mein eigener Sohn! Aber nun raffen Sie Ihre Habseligkeiten zusammen und folgen mir getrost!« Wohin denn, Herr Doktor?« »Ei, nach der Waldburg – fürchten Sie nichts – dort kommt Graf Dagobert Seefeld auch erst in zweiter oder dritter Linie! Ich führe Sie zur Gräfin, vielleicht auch zu dem alten Herrn Christian Kurt, bei dem ich schon früher etwas galt. Kommen Sie, Fräulein Blanda, kommen Sie, mein Wagen hält drunten vor dem Hause!« 45. Kapitel Von Erscheinungen, welche Christian Kurt am hellen Tage hatte, von Liedern verschiedener Art und angenehmen Dingen, wie man sie gern am Schlusse eines Buches liest In Blanda lebten eigentümliche Erinnerungen auf, als sie, in dem leichten Jagdwagen des Doktors sitzend, dessen beide Pferde er selbst lenkte, nun eine gute Strecke hinter Königsbronn von der breiten Chaussee, die nach Zwingenberg führte, abbogen, um auf näheren Feld- und Waldwegen das Schloß des Grafen Seefeld zu erreichen; ja, sie fand sich hier wieder zurecht, obgleich schon manche Jahre zwischen heute und jenem Tage lagen, wo sie dort in dem ziemlich ausgedehnten Thale vor dem Zelte des hohen Offiziers als Wunderkind auf ihrer Kugel getanzt hatte, wo alsdann das Lager von den feindlichen Reitern überfallen worden und wo Erich es gewesen war, der sich ihrer und der anderen angenommen, der, ihre Ponies mit sichrer Hand lenkend, sie glücklich zu den Ihrigen zurückgebracht hatte. Ja, dort rechts neben ihr lag die Ebene, während der leichte Wagen dahinrollte auf der gleichen Höhe, von der damals die feindliche Artillerie so schrecklich herabgeschossen hatte. Aber wie hatte sich der Platz da unten verändert, wie lag heute die Fläche da, so einsam und still, bedeckt mit üppig grünen Saaten, auf denen das Sonnenlicht spielte, während hoch oben in der Luft die Lerche unsichtbar ihre Lieder trillerte. »Wir hätten auf der Straße weiter fahren können bis nahe bei Zwingenberg, wo ein breiterer Weg über mein Gut, die Königsbronner Mühle, nach der Waldburg führt,« sagte der Doktor; »doch war mir meine Zeit heute zu kostbar, um zu Hause anzuhalten. Auch haben wir hier einen kürzeren Weg, welcher jetzt, da es in der letzten Zeit nicht viel geregnet hat sehr gut zu fahren ist, und dabei den Vorteil, ziemlich ungesehen an die hintere Seite des Schlosses zu gelangen, was heute für mich von Wichtigkeit ist. – Erinnern Sie sich noch etwas von der Waldburg?« »O, ja,« sagte Blanda; »doch wenn ich wie damals bei Nacht hinkäme, wo alles so schön und prächtig erleuchtet war, würde ich mich vielleicht noch viel besser zurecht finden, denn alles, was ich dort gesehen und erlebt, steht als ziemlich düsteres Nachtbild vor meiner Seele – da ist ein großer Hof, in dessen Mitte eine kleine Kirche steht, neben welcher sich ein Durchgang befindet, der zu einer Reihe langer Gebäude führt.« »Ganz richtig; letzteres sind Dienstbotenwohnungen, Magazine, leere Räume.« »In einem der letzteren, das Gemach war rund, wie in einem Turme gelegen, verbrachten wir die Nacht; ich unruhig und schlaflos, wenigstens bis zu jener Stunde, wo Kolma den armen Erich aus seinem Gefängnis errettet hatte. Eigentlich war es Zaregg, der die Thüre erbrach, während die gute Ticzka den Grafen Dagobert Seefeld zurückhielt; das war in einem weiten Garten, der hinter den Gebäuden liegt, in welchem sich weiße Marmorfiguren befanden und der bis an den Wald hinaufging – o, ich sehe das noch so deutlich vor mir!« »Ja, ja, so ist es; dem armen Erich hätte es noch schlecht ergehen können, wenn er nicht durch Sie gerettet worden wäre. – Dann aber wurden Sie in den großen Saal geführt?« fragte der Doktor nach einer kleinen Pause. »Wo es mir förmlich vor den Augen flimmerte, als wir aus der dunkeln Nacht in den Glanz der Hunderte von Lichtern traten, bei der wilden, rauschenden Musik und bei der lärmenden Fröhlichkeit aller der Offiziere; doch habe ich davon nicht viel einzelnes behalten, auch nicht, wie ich getanzt und meine Kunststücke gemacht habe. Nur etwas anderes ist mir lebhaft in der Erinnerung geblieben, o, so lebhaft, wie wenig aus jener Zeit.« »Und was war das, Fräulein Blanda?« »Als die Ticzka mit den Zigeunerinnen tanzte und die Herren alle außer sich waren, wie immer, wenn Kolma gut gelaunt war oder es der Mühe wert fand, sich besonders hervorzuthun, da verlor ich mich hinter dem Gedränge der Offiziere in den weiten Saal hinein und betrachtete staunend all den Glanz, der ihn erfüllte, die prächtigen Kronleuchter, die Vergoldungen, die Malereien, vor allem den Tisch mit seinen wundervollen Geschirren. Kolma hat nachher mit mir gezankt, daß ich so ohne weiteres alles das betrachtet; aber ich konnte damals nicht anders, ich fühlte durchaus keine Scheu oder Furcht, und es war mir gerade so zu Mute, als sei das für mich so ausgestellt, daß ich es ansehen könne. Deshalb ging ich immer weiter und kam zuletzt an einen großen Kamin, in dem ein gewaltiges Feuer loderte und neben dem man mit spanischen Wänden einen kleinen, behaglichen Winkel geschaffen, wie für jemand, der in der großen Halle und doch wieder in derselben für sich allein oder mit wenigen abgesondert sein wollte. Aufrichtig gesagt, da gefiel es mir am besten, und die behagliche Glut, die den brennenden, gewaltigen Holzklötzen entströmte, that mir wohl; nicht als ob ich gefroren hätte, sondern ich dachte an meine arme Mutter, die jetzt draußen in dem runden Turmgemache krank im Fieber lag und der ich so gern die Wärme dieses Feuers gegönnt hätte. Dabei kam mir die Erinnerung an längst vergangene Tage; aber aus diesen Erinnerungen erschien nichts vor meiner Seele, als ebenfalls die freundliche Glut eines Kaminfeuers, vor welchem meine gute Mutter stand und unser Nachtessen kochte, während sie leise vor sich hin eine bekannte Melodie summte, mit der sie mich häufig einschläferte.« »Und was war das für eine Melodie?« fragte der Doktor, nachdenkend vor sich hinblickend, wobei er wie unwillkürlich mit seiner Peitsche spielte und die Schnur durch leichte Schwingungen um den Stiel wickelte. »Es war die Melodie des alten Liedes: ›Marborough s'en va-t-en guerre‹« »Ja so, das dachte ich mir.« »Und diese Melodie sang ich unwillkürlich vor mich hin, erschrak aber beinahe, als ich hinter mir mit einer leisen, zitternden Stimme den Refrain: Mironton, mironton, mirontaine,‹ wiederholen hörte. Rasch blickte ich mich um und sah in einem Lehnstuhle, der in der Ecke an der spanischen Wand stand, einen alten Mann sitzen? der mich mit erstaunten Blicken betrachtete und dabei seine dünnen, blassen Lippen bewegte, als wiederhole er noch immer das ›Mironton, mironton, mirontaine‹. Da schlich ich mich langsam zurück und war froh, daß der alte Herr mit den starren Augen mich nicht angerufen hatte.« Der Doktor antwortete auf diese Erzählung keine Silbe, nickte aber mehrmals mit dem Kopfe und pfiff die gleiche Melodie vor sich hin, während er seine Peitschenschnur wieder abwickelte und dann unter einem leichten Zungenschlage die Flanke des Sattelpferdes sanft damit berührte. Hatte man doch jetzt einen besseren Weg erreicht, und die Pferde trabten dahin, daß es eine Freude war. »Was ist denn das?« fragte Blanda, nachdem sie eine Waldecke umfahren und nun in kleiner Entfernung vor sich aus den dichten, grünen Laubmassen einen riesenhaften schneeweißen Wasserstrahl sahen, der hoch über alle Gipfel der Bäume emporfuhr. »Das ist die große Fontaine aus dem Garten der Waldburg, und dort zwischen den uralten Buchen tritt das Dach des Schlosses hervor; wir sind sogleich an Ort und Stelle, und wenn Sie die Güte haben wollten, Fräulein Blanda, für einen Augenblick die Zügel zu nehmen, so will ich das Verdeck des Wagens aufschlagen; ich habe auch dazu meine guten Gründe.« Das junge Mädchen nahm bereitwillig Zügel und Peitsche und faßte beides so kunstgerecht mit ihren kleinen Händen, daß der Doktor Burbus, nachdem er die Verdeckfedern vorgedrückt, mit einem außerordentlich beifälligen Lächeln auf seine schöne Nachbarin blickte. »Ei, Sie führen das, wie etwas Wohlbekanntes!« »Ist auch nichts neues für mich, Herr Doktor.« »Reiten auch vielleicht?« »O, gewiß!« »Hm,« sagte er mit einem fröhlichen Lächeln, »so wäre auch Ihre Erziehung in diesen edeln Künsten, so wie man es sich nur wünschen könnte; aber so leid es mir thut, muß ich Sie jetzt ersuchen, mir Zügel und Peitsche zurück zu geben und sich fest in die Ecke zu drücken – da sind wir schon!« Nur für einen Augenblick sah Blanda die gewaltigen Massen des Schlosses sowie ihnen zur Seite den Turm der Kapelle hinter den grünen Laubmassen hoch emporragen, dann tauchten Pferde und Wagen in diese ein; noch ein paar Minuten lang ging es auf einem sanft geschlungenen, tiefschattigen Wege aufwärts, dann hatten sie die Waldburg auf der Rückseite erreicht –, gerade an jenem runden Turme, von dem das junge Mädchen vorhin gesprochen. Mit einem unaussprechlich wehmütigen Gefühle drückte sie ihre gefalteten Hände vor die Brust. Da war auch zu ihrer Rechten der große Garten mit seinen weißen Marmorfiguren, dort sogar die Bank, vor der Kolma gestanden; in der Ferne erhob sich der dichte Wald, durch den Erich damals geflohen war – aber bei allem Schmerze, der die Seele des jungen Mädchens erfüllte, bei aller zärtlichen Erinnerung an Erich und auch an Kolma erschien ihr jetzt, wo Schloß und Garten in dem blendenden Tageslichte vor ihr lagen, wo das glänzende Sonnenlicht auf den prachtvollen Blumenbeeten strahlte, wo es die Marmorfiguren goldig anhauchte, wo es auf den kleineren und größeren Fontainen, die, man erblickte, Millionen von Brillanten hervorzauberte – erschien ihr heute, jene Nacht wie ein unheimlicher Traum, aus welchem erwacht sie sich fast getröstet fühlte beim Anblicke dieser heiteren, lachenden Umgebung, die sich, Glück verheißend vor ihren Blicken aufthat; ja, sie vermochte es über sich, jetzt mit einem milderen, weicheren Schmerze an den unglücklichen Erich zu denken, da sie, ihre glänzenden Augen zu dem tiefblauen Himmel des herrlichen Frühlingstages erhebend, wie betend vor sich hinflüsterte: »Ach, die Welt ist zu schön, um nicht glücklich in ihr zu sein, und der sie erschaffen, zu gerecht, um nicht auch für dich, mein armer, teurer Freund; zu sorgen!« Da rollte der leichte Wagen auch an jener Thür in dem langgestreckten Seitengebäude vorüber, wo Erich festgehalten worden war; doch hatte Blanda nicht die Zeit, aufs neue ihren Träumereien nachzuhängen, denn der Doktor hielt jetzt seine raschen Pferde an, und zwar am Fuße eines runden Turmes, ähnlich dem anderen am Ende der Schloßgebäude, und da hier sogleich ein Diener erschien, so warf er diesem die Zügel zu, faßte den Arm des jungen Mädchens und geleitete es eine breite und sehr bequeme Wendeltreppe hinauf, welche sich im Turme befand und oben auf einen langen Korridor führte. Dicke Teppiche dämpften hier den Schritt der Gehenden, und während hohe Bogenfenster zuweilen einen Blick auf den großen Garten erlaubten, waren die Zwischenräume sowie die gegenüberliegende Wand mit unzähligen Kupferstichen, Jagddarstellungen, abwechselnd mit Rehkronen, verziert, während sich oben eine fast unabsehbare Reihe großer, stattlicher Hirschgeweihe befand. Jetzt erreichte Blanda mit ihrem Begleiter ein kleines Vorzimmer am Ende des Ganges und trat von diesem in ein größeres Gemach, wo sie der Doktor sanft auf einen Sitz in der tiefen Fensternische führte und sie bat, hier seine Zurückkunft zu erwarten. Er blieb aber so lange aus, daß es Blanda in dem weiten Gemache beinahe unheimlich geworden wäre, wenn nicht gerade das Alleinsein hier und die tiefe Stille, welche sie umgab, beruhigend, fast erheiternd auf ihr Gemüt gewirkt hätte. Auch war der Blick von hier aus in die Landschaft über alle Beschreibung großartig und schön: im Vordergrunde dichter Wald, dessen riesige Buchen und Eichen sanft einen Abhang hinabstiegen, hinter dem sich das Thal öffnete, um eine entzückende Fernsicht auf eine weite Ebene sowie auf fernliegende tiefblaue Berge zu bieten. – Waren dies vielleicht auch dieselben, deren Ausläufer sie gestern Nacht mit Erich überschritten?« Sie wußte es nicht, sandte aber dennoch träumerische Grüße der innigsten Liebe dorthin, die, von der Kraft ihrer Gedanken getragen, wohl den Weg an sein Herz zu finden vermochten. »Das hat etwas lange gedauert,« sagte Doktor Burbus, mit lächelndem Gesichte näher tretend; »es war aber auch für mich keine Kleinigkeit, aus dem, was Sie mir heute morgen so herzlich lieb erzählt, passende Bruchstücke herauszunehmen und passend aneinander zu reihen. Kommen Sie jetzt, Fräulein Blanda, die Gräfin Seefeld ist begierig, Sie wiederzusehen.« Zwar nicht ängstlich, aber doch mit klopfendem Herzen folgte das junge Mädchen durch eine Reihe großer und schöner Gemächer, alle so still und feierlich, daß die langsame Bewegung der mächtigen Laubmassen hier und da vor den hohen Fenstern schon eine angenehme Abwechslung bot; dann kamen sie auf ein breites, prächtiges Vestibül, in das eine riesige, doppelläufige Treppe mündete, und erst nachdem sie diesen großen Vorplatz überschritten, gelangten sie zu den Gemächern der Gräfin Seefeld und zuletzt in das kleine Boudoir derselben, mit hellen, freundlichen Wänden und zierlichen Möbeln, von einer einzigen kolossalen Fensterscheibe erhellt, welche einen Blick auf die hoch emporsprühende Fontaine des beträchtlich tiefer liegenden Schloßparkes gewährte. Dort, an diesem Fenster, stand Gräfin Isabella, über deren immer noch auffallend schöne Züge die Jahre, welche zwischen jenem Manövertage und heute lagen, doch nicht ganz spurlos vorübergegangen waren – jene Jahre eines so einsamen und abgeschlossenen, um nicht zu sagen, freudelosen Lebens, allerdings in Glanz und Herrlichkeit, aber an der Seite des Herrn Christian Kurt, wie wir ihn in früheren Kapiteln dieses Buches kennen gelernt haben. Die Gräfin hielt beim Eintritte Blandas einen Gegenstand in der Hand, den sie aufmerksam betrachtete, dann auf ein Tischchen an ihrer Seite legte und dem jungen Mädchen mit einem so unverkennbaren Ausdrucke von Wohlwollen, ja, von Liebe entgegen eilte, daß sich die gewaltige Spannung in der Seele Blandas in wohlthätige Thränen auflöste, welche reichlich auf die Hände der schönen Frau flossen; doch hob ihr diese den Kopf sanft in die Höhe, küßte sie auf die helle Stirn, auf die feinen Lippen und schloß sie dann mit einer fast mütterlichen Zärtlichkeit in ihre Arme. Daneben, in einiger Entfernung stand der Doktor, rieb sich die Hände und schnitt dabei so seltsame Grimassen, daß Gräfin Isabella bei seinem Erblicken, trotzdem auch ihre Augen feucht geworden waren, doch den kleinen Blitz eines ganz leichten Lächelns nicht unterdrücken konnte. Dann sagte sie zu ihm, indem sie ihm die Hand reichte: »Lassen Sie jetzt Blanda bei mir und suchen Sie Ihren Freund und Kollegen, den Doktor Herbert, auf; wie ich Ihnen schon vorher sagte, lautete sein Bericht heute morgen so günstig, daß das, was geschehen soll, sogleich geschehen muß.« »Das ist auch meine Ansicht, Frau Gräfin, und da ich in wichtigen Dingen von jeher ein Feind aller Zögerung war, so eile ich, Ihrem Befehle nachzukommen.« Doktor Burbus verließ rasch das Boudoir, um dann, durch die Gemächer eilend, die Treppe hinabzusteigen und vor dem Schlosse zu einem kleinen Nebengebäude zu gelangen, das in der lieblichen Gestalt eines mit Schlingpflanzen dicht umwachsenen Cottage dicht an dem großen Garten lag. Hier war die Wohnung des jovialen Leibarztes Sr. Erlaucht des Herrn Grafen Christian Kurt und der Doktor selbst eben im Begriffe, den Sattel eines prachtvollen englischen Jagdpferdes zu verlassen, mit dem er eine Streiferei durch den taufrischen, herrlichen Frühlingsmorgen gemacht. »Botanisiert, he?« rief ihm Burbus schon von weitem entgegen, worauf der andere erwiderte: »Allerdings, aber nicht in so schöner Gesellschaft, wie Ihr, Kollega; meint Ihr, ich hätte Euch vor einer Stunde in Eurem offenen Wagen nicht bemerkt, das Schloß sachte umkreisend? Ja, lieber Freund, mir und meinem guten Glase entgeht nichts!« »Vortrefflich, wenn Ihr die junge Dame an meiner Seite bemerkt habt und Euch dadurch, was begreiflich ist, für sie interessiert; denn dieser jungen Dame wegen,« setzte der Doktor Burbus dicht herantretend, hinzu, »wollen wir eine wichtige Beratung halten.« »Doch keine Konsultation nach dem medizinischen Begriffe dieses Wortes; dazu sind wir beide doch ein paar zu kluge und gescheite Leute.« »Gewiß, und haben beide keine Lust, uns wie jene Auguren heimlich lachend anzuschauen.« »So kommt mit mir hinauf, Kollega, und nehmt an meinem frugalen Frühstück teil.« »Nachher mit Vergnügen; vorher aber tretet mit mir dort in die schattige Lindenallee und wählet Euch einen soliden Stamm als Stütze, damit Ihr nicht umfallt aus Erstaunen über das, was ich Euch mitzuteilen habe.« Nun brachte die geflügelte Erzählung des Doktors Burbus, wenn auch gerade nicht die eben befürchtete Wirkung auf den Doktor Herbert hervor, so doch eine solche, daß er zuerst sprachlos seinen Kollegen anstarrte, dann einen kleinen Freudensprung that, wobei er zu gleicher Zeit mit den Fingern ein schallendes Schnippchen schlug und heiter lachend die Frage stellte: »Aber unser junger Gönner, Graf Dagobert Seefeld?« »Wird dadurch gerade nicht so außerordentlich berührt, daß es fühlbar für ihn ist; das große Majorat bleibt ihm ja doch nach dem Tode des Herrn Christian Kurt.« »Aber die Waldburg,« jubelte der Doktor, »die Waldburg, diese herrliche Besitzung, diese Welt im kleinen, gehört ebensowenig zum großen Majorat wie zum Wittum der Gräfin Isabella! Der alte Herr hat das gegenüber seinen Erben, vielleicht auch gegenüber der Frau Gräfin, recht schlau einzurichten gewußt.« »Und wie befindet er sich heute morgen?« »Ganz leidlich, ja, außerordentlich gut, wie überhaupt seit jener Zeit, wo Ihr mir ins Gehege kamt, Kollega, und die Liebe zu seinem besten Freunde erschüttertet.« »Zu seinem Bette?« »Ja,« rief Doktor Herbert lachend; »er hat mich nach seinem Frühstücke zu einer Partie Billard kommandiert, damit er sich vor seiner Siesta eine Bewegung mache – dabei könnt Ihr assistieren.« »Vielleicht – und nach seiner Siesta, wo er seine frischeste und auch bestgelaunteste Stunde hat, könnten wir ihn einen Blick in die Vergangenheit thun lassen. Doch habe ich dabei ein Bedenken: glaubt Ihr nicht, Kollega, daß ihn diese plötzliche Entdeckung zu sehr erschüttern könnte?« »Unbesorgt; es ist eigentümlich, wie oft der alte Herr von einem seltsamen Vorfalle spricht, den ich Euch früher schon einmal erzählte, wo er vor Jahren zu jener lustigen Manöverzeit während des Banketts in der großen Halle allein am Kamine saß, als in der Vorhalle das Zigeunervolk tanzte. Ich glaubte damals, Herr Christian Kurt sei eingenickt, obgleich er – mit vollem Rechte, wie ich durch Euch erfahren – das Gegenteil behauptete und mir die Versicherung gab, er habe ein Wesen, das ihm in den Tagen seiner glücklichen Jugend das Teuerste gewesen und auch stets das Teuerste geblieben sei, leibhaftig vor sich gesehen, am Kamine stehend und jene Melodie singend, die heute noch beruhigender auf ihn wirkt, als Morphium, Narzin, Haschisch und ähnliche Teufeleien miteinander.« » Mironton, mironton, mirantaine ,« sagte der Doktor – und er hatte ein liebliches Wesen, jener glücklichen Jugendzeit entstammt, wirklich vor sich gesehen.« »Und jetzt zu unserem Frühstück, für welches ich eine Flasche extra bestellen will!« rief Doktor Herbert lustig, um gleich darauf, sehr ernst werdend, hinzuzusetzen: »Alle Teufel, da fallen mir einige Konsidenzen ein, die mir Graf Dagobert, seine gestrige Nachtfahrt betreffend, gemacht!« Burbus' Gesicht umdüsterte sich, als er hierauf rasch fragte: »Und welcher Art waren diese Konsidenzen?« »An sich sehr unschuldiger Art; er versuchte es nicht einmal, mir gegenüber zu renommieren, was ihm auch bei seiner tiefen Wunde am Arme schlecht genug bekommen wäre. Doch fühlte ich aus seinen Reden heraus, daß jene junge Dame einen merkwürdigen Eindruck auf ihn gemacht haben muß.« »Wenn Ihr das Fräulein sehet, werdet Ihr es sehr begreiflich finden.« »Glaub's; aber wenn er darauf und auf anderes hin die wahnsinnige Idee faßte, sie heiraten zu wollen?« »Das wäre allerdings das Schlimmste, was ich mir denken könnte!« erwiderte Doktor Burbus in sehr bekümmertem Tone. »Na, kommt Zeit, kommt Rat; darin würde sie auch ein Wort mitzureden haben, und wie Ihr mir das Fräulein geschildert, scheint sie keine Natur zu sein, welche Lust hat, Nachfolgerin zu werden in dem schon viel geplagten Herzen des edlen Grafen Dagobert. Vorderhand und für einige Tage sind wir seiner los; er liegt mit einem ziemlichen Wundfieber im Bette. Doch mußte ich gewaltsam in ihn hineinsprechen, denn er hatte schon ein Pferd befohlen, um nach Königsbronn hinüber zu reiten.« »Ueberlassen wir das denn in Gottes Namen der Zukunft...« »Und stärken wir uns in unserem schönen Vorhaben durch eine kühle Flasche Champagner,« sagte lustig Doktor Herbert, als er mit seinem Freunde in das schattige Speisezimmer des kleinen Hauses trat. – Der Herr Graf Christian Kurt, welcher, dank den immer sorgfältiger werdenden Bemühungen seines vortrefflichen Kammerdieners Ben, jetzt, wo er angezogen, frisiert und gemalt war, nicht viel älter aussah, als vor einigen Jahren, hatte mit großem Behagen ein paar Partien Billard gegen den Doktor Herbert gewonnen und war in die fröhlichste Laune geraten, da dieser, allerdings mit einiger Affektation, seinen Unmut darüber nicht zu verbergen vermochte; auch hatte Graf Seefeld den Doktor Burbus, der dabei gewesen war, zum Zeugen aufgerufen, daß er Herbert gegenüber durchaus nicht vom Glücke begünstigt gewesen sei, sondern alles seiner Geschicklichkeit zu verdanken habe, und dabei lachend gesagt: »Das schmerzt ihn ganz außerordentlich, wenn man ihm, eine seiner nobeln Passionen anbelangend, einmal scharf durch die Parade haut; ja, wenn es seine sogenannte Wissenschaft, die Medizin, betrifft, da nimmt er den Nachweis über einen faux pas allergnädigst und leutselig auf – drolliger Mensch, der Herbert! Na, behüt Sie der Himmel, Doktor Burbus, hoffe, Sie bald wiederzusehen!« Hierauf trat Herr Christian Kurt für ein paar Minuten an das breite Bogenfenster, wo er fast die gleiche Aussicht hatte, wie sie vorhin Blanda auf dem andern Flügel des Schlosses bewundert. Dicht vor dem Fenster, den Abhang hinunter riesenhafte Buchen, deren Gipfel trotz ihrer enormen Höhe doch eben nur bis an das Fenster reichten, einen herrlich grünen, angenehm duftenden, leicht hin und her wogenden Vordergrund bildend, über den hinaus man das langgestreckte Thal mit den schimmernden Schlangenwindungen des Flusses scheinbar bis zu den fernen, blauen Bergen sah. Eine kurze Weile blickte der alte Graf Seefeld nachdenklich dort hinaus, dann versenkte er seine träumerischen Blicke in das leise Gewoge der Blättermassen vor dem Fenster, um hierauf mit einem Ausdrucke der Ermüdung, ja, einem leichten Gähnen nach dem Hintergrunde des Gemaches zu gehen, wo der Kammerdiener Ben schon neben einem äußerst bequemen Lehnstuhle stand, auf welchen Herr Christian Kurt sich nun niederließ, und alsdann von dem vortrefflichsten aller Kammerdiener die Füße, nachdem diese auf einem niedrigen Schemel in eine bequeme Lage gebracht worden waren, bis zu den Knieen mit einer weichen, gesteppten seidenen Decke wohl verwahrt wurden. »Ist Renaud draußen?« »Jawohl, Erlaucht.« »So laß ihn für einen Augenblick herein kommen.« Der Sekretär, Herr Renaud, erschien hierauf in seiner geräuschlosen und doch so sicheren Art, aufzutreten, mit behaglichem, ja, mildem Gesichtsausdrucke, wobei man keinen Zug bemerkte, der auch nur im entferntesten hätte andeuten können, daß der Geschäftsmann irgend etwas Wichtiges oder auch nur mehr als ganz Alltägliches vorzutragen gehabt hätte. Dazu wäre auch jetzt, kurz vor der Siesta Sr. Erlaucht, der Zeitpunkt nicht gut gewählt gewesen; höchstens konnte jetzt etwas in Erinnerung gebracht werden, was Herr Christian Kurt in seinen Gedanken behaglich weiter ausspinnen konnte, um aus solchen Träumereien in einen wohlthuenden Schlaf überzugehen. Aus diesem Grunde nur klang auch jetzt die Stimme des Herrn Renaud ganz anders, weicher, leiser, als wenn er am Morgen vor dem Aufstehen Sr. Erlaucht seinen großen, streng geschäftlichen Bericht zu machen hatte. »Haben wir etwas Neues, mein lieber Renaud? Mit Dagobert soll es ja ganz leidlich gehen, wie mir Doktor Herbert sagte; allerdings etwas Wundfieber, doch unbedeutend. Soll sich recht pflegen und ausruhen, was ihm überhaupt bei solch fortgesetztem Lebenswandel nicht schaden könnte – ja, die Jugend, die Jugend will nie verstehen, daß sie auf solche Art von dem kostbarsten Kapital, dem der Kraft und Gesundheit, zehrt, statt sich mit den reichlichen Zinsen, die eine kräftige Konstitution bietet, zu begnügen! – Apropos, mein Lieber, ich bin sehr begierig, recht bald etwas zu erfahren, wo er sich seine Wunde am Arme geholt; Sie versprachen mir darüber eine genaue und, wenn ich nicht irre, pikante Mitteilung.« »Morgen hoffe ich, Ew. Erlaucht etwas darüber sagen zu können.« »Schön,« sagte Christian Kurt schläfrig, »und was das Verhältnis anbelangt, welches er mit der Tochter meines alten Freundes Haller angeknüpft, so habe ich durchaus nichts dagegen einzuwenden – sehr im Gegenteil, ich bin entzückt von dem Gedanken, die Tochter meines lieben Freundes als Nichte zu begrüßen!« »Erlaucht werden mir verzeihen,« antwortete Herr Renaud mit seinem mildesten Lächeln, »die Gräfin Haller, um die es sich handelt, ist doch wohl die Enkelin von dem Freunde Ew. Erlaucht, von Sr. Excellenz dem Herrn General Grafen Haller?« » Sacre bleu , darin haben Sie recht! Teufel, man wird alt, lieber Renaud, man überspringt da in Gedanken auf die leichtsinnigste Art ganze Generationen und nimmt die Enkelin für die Tochter – die des alten Generals wäre allerdings eine zu reife Schönheit für Dagobert, aber die kleine Haller soll eine schöne Person sein. Was sagt man, Renaud?« »Wollen mir Ew. Erlaucht einen etwas vulgären Ausdruck gestatten?« »Immer zu, unter vier Augen gestatte ich allerlei.« »Wie ich aus eigener Anschauung weiß, ist die Gräfin Klothilde von blendender Schönheit, aber wie ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr, soll sie ein heftiger, wilder, eigensinniger, ausgelassener Sprühteufel sein.« »Sehr gut, mein lieber Renaud,« antwortete Herr Christian Kurt mit einem äußerst behaglichen Gesichtsausdruck, »das ist die richtige Mischung für Dagobert; so eine Frau würde ein wahrer Segen für ihn sein, die fest auf ihrem eigenen Kopfe beharrt und sich nicht unterkriegen läßt. Nach Ihrer Schilderung hat sie was von so einer verteufelten Französin an sich. O, ich habe solche Weiber gekannt, die einem die Thür vor der Nase zuschließen und erst aufmachen, nachdem man sie auf den Knieen um Verzeihung gebeten! So eine wäre der richtige Kappzaum für unseren guten Dagobert! Ich danke Ihnen für diese angenehme Mitteilung!« »Mit dem Vermögen der Haller ist es, wie Ew. Erlaucht wissen, nicht weit her.« »Schadet nichts, mein Lieber; auch ohne die Waldburg mit ihrem kolossalen Güterkomplexe erhält er später einmal mehr als genug – nur muß man dafür sorgen,« fuhr Herr Christian Kurt fort, nachdem er eine längere Pause dazu benutzt, eifrig und herzlich in sich hinein zu lachen, – »daß die arme kleine Person für alle Fälle sicher gestellt wird – glänzend sicher gestellt wird, und für alle erdenklichen Fälle – notieren Sie das genau, obgleich auch ich es gewiß nicht vergessen werde. Haben wir heute jemand bei Tische?« »Ich glaube nicht, Erlaucht.« »Sagen Sie der Gräfin, es wäre mir lieb, wenn sie den Doktor Burbus veranlassen könnte, da zu bleiben. Mein alter Freund hat in seinen derben Reden und gescheiten Bemerkungen stets etwas Anregendes für mich.« Dann nickte Herr Christian Kurt mit dem Kopfe, und Herr Renaud verschwand so ohne jegliches Geräusch, als wäre er durch irgend einen unsichtbaren Mechanismus oder wie ein Schatten dem Zimmer entschwebt. Die kleine Unterredung schien für den alten Grafen von einer behaglichen, recht beruhigenden Wirkung gewesen zu sein. Ein freundliches Lächeln flog noch ein paarmal über seine Züge, dann ließ er den Kopf auf die Brust sinken und entschlief, worauf Ben, der nur auf diesen Augenblick gewartet hatte, einen grünen Vorhang, nicht weit vom Lehnstuhle, sanft herabgleiten ließ. Ueber eine volle Stunde mochte Herr Christian Kurt geschlafen haben, und so tief und ruhig, daß kaum ein leichtes Traumbild an seiner Seele vorüber geglitten war; nur einmal, und zwar gegen das Ende seines Schlummers, war derselbe von einer lieblichen Erinnerung unterbrochen worden, welche wie die Melodie eines ihm bekannten und teuren Liedes vor seinem inneren Auge elfenhaft erschienen war: Mironton, mironton, mirontaine – alte, süße, längst verblichene Bilder hervorzaubernd. Mironton – – Aber mit welcher Kraft in Gestalt und Farbe erschienen ihm diese Bilder heute wieder einmal! Mironton – – Seltsam, er konnte aus dem Schlafe erwachen, die Augen öffnen, ohne das liebliche Bild, welches vor seiner Seele stand, zu verscheuchen. Mirontaine – – Höchst sonderbar und eigentümlich – oder war es kein Traum, was ihn in längst vergangene Zeiten zurückgeführt hatte? Wachte er in der That, wenn er jetzt, die Augen weit und starr geöffnet, vor sich hinblickte und sah, was er sah – hörte, was er hörte? Mironton, mironton, mirontaine. Unmöglich – oder – ein leichter Schauer überflog ihn – hatte er vielleicht den Schlaf mit dessen düsterem Zwillingsbruder vertauscht – war er im Schlafe entschlafen und wurde er nun wunderbar begnadigt durch jene himmlische Erscheinung – da, vor ihm am Fenster lehnte die Gestalt des Wesens, das er mit aller Glut der Jugend geliebt – lehnte die feine, schlanke Gestalt des einst so geliebten Weibes – ja, sie war es – sie war es selbst; nicht nur ihre unvergeßlich rührende Gestalt, auch die lieblichen, edlen Züge, das dichte, blonde, lockige Haar – ihr seelenvolles Auge – Und er träumte ja nicht mehr, auch war er nicht gestorben, denn er befand sich ja in seinem Zimmer auf der Waldburg – ratlos, sich nach Möglichkeit vergeblich zwingend, das Unmögliche zu glauben. Er preßte die Hände ein paar Sekunden lang vor das Gesicht, fürchtend, er habe doch geträumt – aber als er wieder nach der lieblichen Erscheinung blickte, stand diese nicht nur an derselben Stelle, sondern bewegte sich – wandte sich langsam um – bewegte sich gegen ihn – sie selbst, ihr Gang, ihr Wuchs, die Haltung ihres schönen Körpers, ihr liebes, unvergeßliches Gesicht – »Mary – o, meine Mary!« Er streckte ihr seine Arme entgegen, und wenn ihn auch ein leicht begreifliches Bangen durchzitterte, als sie ihm nun näher und näher kam, so war es doch ein glückliches Bangen, so lag doch für ihn ein Gefühl unaussprechlicher Seligkeit in dem Gedanken, von dieser lieblichen Erscheinung berührt, das Ende seines langen Lebens zu erreichen. Wie freudig aber durchzuckte es ihn, als er nun fühlte, daß sich lebenswarme Hände in die seinigen legten, daß ihn nach einem tiefen Atemzuge aus ihrer zarten, schwellenden Brust der lebendige Hauch ihres Mundes berührt, daß es ein körperhaftes Wesen sei, welches nun neben ihm auf dem Boden niederglitt, und ihn mit wohlbekannten, lieblichen Zügen, mit unvergessenen, schönen klaren Augen sanft lächelnd anblickte. »Mary, Mary, rede zu mir! Bedenke, daß die Freude mich töten kann!« »Ich heiße Blanda,« sagte das junge Mädchen mit einem Klange in der Stimme, der ihn erbeben machte – »ich heiße Blanda, nicht Mary, wie meine Mutter.« »Und wer war deine Mutter?« brachte er mühsam hervor. »War sie es denn – sie – o, unmöglich – sage, wer war deine Mutter?« »Sie nannten sie Mistreß Mary Price – damals, als sie noch lebte.« »O, Mary, Mary, meine Tochter Mary!« rief der alte Mann, indem er seine zitternden Hände auf Blandas Haupt legte und dazu gen Himmel schaute, wobei seine Züge einen unaussprechlich edlen Ausdruck annahmen, seine Augen wie in Verklärung leuchteten. – »O, Mary, so war ich deiner und meiner Tochter nahe, ohne sie selbst auffinden zu können, so sollte ich nie begnadigt werden, deine und meine geliebte Tochter wiederzusehen, um jetzt in den Zügen meiner Enkelin dein unvergeßliches Bild wiederzufinden!« Rasch senkte er jetzt den Kopf auf Blanda nieder, und sie empor an sein Herz ziehend, sagte er mit rührend ängstlicher Stimme: »Niemand hat ein Recht auf dich, als nur ich allein – nicht wahr? Sage mir das – versprich mir das – Niemand hat ein Recht, dich von mir zurückzuverlangen!« »Niemand, niemand; meine arme Mutter ist tot, und auch mein Vater, den ich nie gekannt!« »Es ist besser so,« sagte er nach einem tiefen, schmerzlichen Atemzuge; das alles mußte vorüberziehen, untergehen, wie ein schweres, düsteres Gewölk, aus dem du, mein geliebtes Kind, nun wie ein heller Stern emporstrahlst – o, ein lieblicher Stern, sanft und tröstend, meine letzten Tage erhellend – Blanda ist dein Name?« »Blanda.« »Und wie nennst du mich?« fragte er hastig, dringend während seine Augen eigentümlich glänzten, indem er ihr die blonden Locken aus der schönen Stirn strich. »Wer bin ich dir, ich, der Vater deiner Mutter?« »Mein Großvater, mein lieber Großvater!« »Und ich will das sein im vollsten und schönsten Umfange des Wortes!« rief Herr Christian Kurt mit glücklich strahlenden Augen, indem er einen solchen Riß an der Klingelschnur that, daß Ben, ganz gegen seine Gewohnheit, hörbar die Thür öffnete und eintrat. – »Sage meiner Frau,« rief er dem Kammerdiener zu, »ich lasse sie bitten, einen Augenblick zu mir herüber zu kommen, denn ich fühle, daß es mir fast unmöglich ist, jetzt zu ihr zu gehen; es liegt mir seltsam schwer in allen Gliedern.« »Ihre Erlaucht sind nebenan in der Bibliothek mit dem Herrn Doktor Burbus.« »Desto besser, so bitte sie, einzutreten.« Die Gräfin Isabella näherte sich rasch dem Stuhle, auf dem Herr Christian Kurt saß, und als sie sanft beide Hände Blandas ergriff, sie in ihre Arme zog und herzlich küßte, sah man die Wahrheit ihrer Empfindung an dem unverkennbar glücklichen Ausdrucke ihres Gesichtes. Der Doktor Burbus aber stand da mit gerunzelter Stirn, die buschigen Augenbrauen finster zusammengezogen, wie er gern zu thun pflegte, wenn er fühlte und fürchtete, daß ihn die Rührung übermanne. Er hielt ein Paket Papiere in der rechten Hand und klopfte mit den Fingern der linken darauf, als sei es noch besonders nötig, dadurch die Aufmerksamkeit des Herrn Christian Kurt auf seine Person zu lenken. Doch hatte ihn dieser bereits ins Auge gefaßt und sagte lachend: » Sacre bleu , Doktor, in Ihrem Gesichte zeigt sich wieder einmal die ganze Widerhaarigkeit Ihres Charakters; statt, wie wir alle hier, Ben mit einbegriffen, vor Glückseligkeit zu strahlen oder mir zuliebe eine Gavotte zu versuchen, machen Sie ein Gesicht, daß man sich vor Ihnen fürchten sollte – was gibt's denn?« »Geschäfte, Herr Graf,« antwortete der andere barsch und mit rauhem Tone, »und ich würde es mir als eine Gnade ausbitten, wenn Sie trotz alledem und alledem ein paar Minuten für mich übrig hätten.« »Geschäfte – jetzt? Doktor, gehen Sie zum Henker mit Ihren Geschäften, oder meinetwegen zu Renaud, und lassen mich ungeschoren – ich will ja alles bewilligen, was Sie wollen! Brauchen Sie Geld für eine neue Schule, für eine baufällige Kirche oder für ein Kinderspital? Recht gern, soviel Sie wollen, je mehr, desto besser; aber Geschäfte – mit mir jetzt!« setzte er mit einem innigen Blicke auf Blanda hinzu. »Aber Geschäfte, die gerade Sie – betreffen; wenn wir uns auch alle überglücklich fühlen, daß die Stimme des Blutes so rückhaltlos und wahr gesprochen, so bringe ich doch auch noch andere Beweise.« »Er läßt mich nicht los,« klagte Herr Christian Kurt – »nun denn, ich gebe Ihnen fünf Minuten!« »Braucht nicht so lange,« erwiderte der Doktor rauh, nachdem Gräfin Isabella mit Blanda an das Fenster getreten war und dort ihre Arme um das schöne Mädchen schlingend, in die von der Abendsonne herrlich beleuchtete Gegend hinausblickte. »– Dies ist das Paket, Herr Graf, welches vor Jahren auf so unbegreifliche Art verloren ging; fragen Sie mich aber nicht, wie und auf welche Art es in meine Hände gelangte. Auch werden Sie wohl jetzt keine Lust haben, sämtliche Papiere und Tagebuchblätter durchzulesen?« »Nein, nein, aber das Bild anschauen will ich – hier ist es; haben Sie je eine größere Aehnlichkeit gesehen?« »Nein!« sagte der Doktor barsch. »Dieselben süßen, seelenvollen Augen, nicht wahr?« »Ja,« erwiderte Burbus noch barscher. »Und die edle Form des Kopfes, die feinen Lippen – ist da ein Zweifel möglich?« »Nein, nein, tausendmal nein!« rief der andere rauher und barscher wie er bisher gesprochen. »Sie bezeigen Ihre Freude in einem seltsamen Tone, oder – o, Sie alter Heuchler!« Herr Christian Kurt sprach, aufblickend, diese letzten Worte mit einem so unverkennbaren Schluchzen, von dem man nicht wußte, ob es ihm die Freude seines Herzens auspreßte, oder ob er dazu verleitet wurde durch die dicken Thränentropfen, welche trotz des grimmigen Gesichtsausdruckes über die Wangen des Doktor Burbus herabflossen. – Das war ein Ereignis auf der sonst so stillen und beziehungsweise ereignislosen Waldburg – ein Ereignis, das, so wollte es Herr Christian Kurt, sämtlichen Bewohnern des Schlosses auf die offiziellste Weise kund gethan wurde, allerdings mit einigen Modifikationen für die verschiedenen Schichten dieser Bewohner, und während man in dem vertraulichen Kreise der gräflichen Familie selbst dem glücklichen Zufalle sein Recht angedeihen ließ, wußte man in den unteren Regionen ganz genau, daß das gnädige Fräulein sich schon seit Jahren als solches, als Enkelin des Herrn Christian Kurt, als eine der reichsten Erbinnen des Landes in dem adeligen Damenstifte der Residenz befunden hatte. Und wie waren alle, auch die letztgenannten unteren Regionen, mit dieser neuen Herrin zufrieden! War es doch, als sei hier eine neue Sonne aufgegangen, die merkwürdig belebend auf den alten Grafen Seefeld einwirkte, die das Herz der Gräfin Isabella mit einer innigen mütterlichen Zärtlichkeit für Blanda erwärmte, die sogar den allvermögenden Herrn Renaud förmlich in den Schatten stellte und welche in den stillen Räumen des Schlosses überall ein neues, heiteres Leben aufblühen ließ. Besonders befand sich das Stalldepartement in einer fieberhaften Aufregung, da Herr Christian Kurt selbst, oder auch zuweilen die Gräfin oder Doktor Burbus halbe Tage unterwegs waren, um Blanda mit der prachtvollen Umgebung der Waldburg bekannt zu machen. Dabei waren alle entzückt und begeistert von dem Verstande und der Liebenswürdigkeit Blandas, deren Erziehung auch in Wissenschaften und Sprachkenntnissen eine vollendete genannt werden konnte, worauf die Gräfin Isabella sehr viel gab; Herr Christian Kurt etwas weniger, welcher aber in den nächsten Tagen um so entzückter war, als die schöne Blanda seinen Wagen auf einem der schönsten Reitpferde der Gräfin Isabella begleitete und sich dabei als eine vollendete Reiterin zeigte. Ja, der Stallmeister Seiner Erlaucht, ein alter, mürrischer Herr, war bis auf diesen Augenblick mit Beweisen seiner vollkommensten Hochachtung etwas zurückhaltend gewesen; heute aber, als er sah, wie das gnädige Fräulein im Sattel saß, wie sie die Zügel führte, wie sie auf dem nicht ganz leicht zu reitenden, edlen Pferde der Frau Gräfin zum Schloßhofe hinaussprengte, da machte er den Hut in der Hand drei tiefe Bücklinge. Graf Dagobert Seefeld hatte sich auf die klügste Art in die neue Veränderung gefunden; seine Wunde hatte ihm während einiger Tage vollkommen Zeit gelassen, über sein zukünftiges Betragen nachzudenken, und als er zum erstenmale der schönen Cousine seinen Glückwunsch darbrachte, wobei er hervorhob, daß sich eigentlich das gräflich Seefeldsche Haus so wie er selbst nur zu gratulieren habe, that er das wohl in der ehrerbietigsten Form, jedoch nicht, ohne, allerdings auf sehr zarte Art, in verwandtschaftlicher Vertraulichkeit und heiter lächelnd früherer Tage zu gedenken, wobei er sich bei Vorfällen, die er zu vergessen wünschte, mit der Stimme des Blutes zu entschuldigen versuchte. Blanda war gewandt und unbefangen genug, darüber ebenfalls lächelnd hinwegzugehen, wobei sie es bei ähnlichen Gelegenheiten ganz vortrefflich verstand, den Vetter Dagobert in jeder Hinsicht von sich ab in den gehörigen Schranken zu halten. Was ihr alles durch die zärtliche Liebe des Großvaters zu teil wurde, nahm sie mit innigstem Danke auf und erwiderte es durch Anhänglichkeit und herzliche Liebe gegen Herrn Christian Kurt, sowie Gräfin Isabella. Der alte Graf hatte kein Hehl daraus gemacht, daß er in den nächsten Tagen Bestimmungen treffen werde, um die Waldburg mit den dazu gehörigen Gütern als Erbe seiner Enkelin zu erklären, wogegen weder Gräfin Isabella noch Graf Dagobert etwas einwenden konnten oder wollten. Als aber bei den Beratungen über diesen Punkt Herr Christian Kurt im Beisein Blandas von seinem Entschlüsse sprach, der Enkelin statt des Namens, der für ihn immer einen unangenehmen Klang gehabt, den des altadeligen Hauses der Grafen Seefeld-Waldburg beilegen zu lassen, bat das junge Mädchen schüchtern, aber bestimmt, ihr nicht auf diese Art das einzige Erbteil zu rauben, was sie ihrer armen Mutter zu verdanken habe, eine Bitte, und so rührend vorgebracht, die dem alten Grafen Seefeld zu Herzen ging und ihn veranlaßte, diese Angelegenheit wenigstens vorläufig oder doch in Blandas Gegenwart fallen zu lassen. Wenn Gräfin Blanda, wie sie trotzdem vom ganzen Hause genannt wurde, sich auch in kurzem hier heimisch fühlte, wenn es sie auch glücklich machte, sowohl von Gräfin Isabella, besonders von Herrn Christian Kurt mit Zärtlichkeit und Liebe behandelt zu werden, und wenn sie zum Danke dafür meistens ein heiteres und glückliches Gesicht zeigte, so gab es doch auch wieder Stunden des Alleinseins für sie, wo man hätte sehen können, daß der Ausdruck von Glück und Zufriedenheit auf ihrem schönen Gesichte häufig nur eine Maske war, hinter der sich ernste, traurige Gedanken schmerzlicher Erinnerungen oft nur sehr mühsam verbargen. Konnte das auch anders sein bei der innigen Liebe, mit der sie des unglücklichen Erich gedachte, von welchem ihr zuverlässiger Freund, der Doktor Burbus, ihr, und zwar vorderhand nur durch spärliche Nachrichten, die er durch Dagobert Seefeld erhalten, etwas mitgeteilt hatte! War doch der alte Doktor der Einzige, mit dem sie über Erich reden konnte, weshalb sie sich auch so glücklich fühlte, wenn es ihr, wie häufig, vergönnt war, mit dem alten Herrn durch Feld und Wald zu streifen! Ja, dieser kannte das Gesprächsthema, welches sie dann augenblicklich anzuschlagen pflegte, so genau, daß er meistens lächelnd ein Uebereinkommen mit ihr traf und sich zu einer halben oder ganzen Zeitstunde verstand, in welcher er geduldig ihre Klagen und Befürchtungen anhören wollte, um dann aber etwas – Vernünftiges mit ihr zu reden. »Pfui, Doktor, wie herzlos Sie sein können!« »Durchaus nicht; ich habe Ihnen schon unzählige Male wiederholt, daß alles, was möglich ist, für Erich geschehen wird. Warum aber wollen Sie sich immer wieder selbst so tief betrüben, indem Sie stets diese traurige Angelegenheit wieder durchsprechen? Gewiß, beruhigen Sie sich, Fräulein Blanda – Burbus allein nannte sie niemals Gräfin – wenn sich auch Ihre Stellung zu unserem armen jungen Freunde vollkommen verändert hat, verändert haben muß, so ist, neben dem großen Interesse, das ich wegen Erichs selbst an seinem Schicksale nehme, auch die herzliche Teilnahme, die Sie, und mit vollem Rechte, für ihn empfinden, Grund genug für mich und alle, sich seiner aufs wärmste und aufs nachdrücklichste anzunehmen. Ja, hätte Graf Dagobert in jener Nacht nicht so rasch gehandelt, hätte er gewußt, was er jetzt weiß, so würde man alles zur vollen Zufriedenheit haben abmachen können!« »Alles?« »Alles, was thunlich und vernünftig ist.« Darauf hatte sie ihn mit ihren großen, glänzenden Augen angeschaut, ohne weiter ein Wort zu sagen. Schon ein paarmal hatte Blanda den Wunsch ausgedrückt, die Wohnung des Doktor Burbus, die Königsbronner Mühle, zu sehen, was man um so begreiflicher fand, da Burbus nach dem letzten Ereignisse noch mehr als ein treuer und bewährter Freund betrachtet wurde. Auch hatte sich selbst Dagobert Seefeld angeboten, sie zu Pferde dorthin zu begleiten, was aber mit ihren Wünschen nicht übereinzustimmen schien, denn sie ließ die Sache fallen, um ein paar Tage danach dem Doktor Burbus das Versprechen abzunötigen, sie selbst in seinem kleinen, leichten Wagen, und zwar durch den Wald, nach der Mühle zu führen. Auch dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, und so gingen denn die beiden an einem prächtig sonnigen Morgen – Burbus war allein in der Absicht gekommen, um die junge Dame abzuholen – Arm in Arm durch die langen Gänge des Schlosses und zwar genau denselben Weg, den sie bei ihrer Ankunft hierher mit dem Doktor gemacht, durch die hohen Gemächer, in deren letztem Blanda in der tiefen Fensternische gewartet und träumend auf die dicht belaubten Bäume geschaut, deren Blättermassen auch heute wieder langsam hin und her wogten, dann durch die lange Galerie mit den Reh- und Hirschgeweihen, die Wendeltreppe des Turmes hinab, wo sie drunten, von einigen Stallleuten gehalten, den Wagen des Doktors fanden. »Steigen Sie zuerst ein, Doktor,« sagte das junge Mädchen lächelnd. »Wozu das, meine Gnädige?« »Weil ich Sie führen möchte und so imstande bin, meinen eigenen Weg zu machen. Mißtrauen Sie mir?« »Was Ihre Kunst der Führung anbelangt, durchaus nicht; aber über den Weg selbst könnten wir vielleicht uneinig werden.« »Möglich, weshalb ich selbst Zügel und Peitsche nehme.« »Wissen Sie wohl, Doktor,« sagte Blanda in einem traurigen Tone, als sie bei den langen Wirtschaftsgebäuden vorüberfuhren, »daß ich mir vorgestern das Zimmer hier öffnen ließ, wo man Erich in jener Nacht gefangen hielt?« »War ebenso unnötig, Teuerste, als daß Sie jetzt schon wieder mit diesem Erich anfangen.« »Ich fürchte, Sie werden heute Geduld mit mir haben müssen.« »Gut, so will ich Ihnen dann in Gottes Namen wieder eine halbe Stunde bewilligen, um über ihn zu reden, sogar drei Viertelstunden, wenn Sie mir erlauben, Ihnen keine Antwort zu geben.« »Heute, da ich Sie führe, nehme ich durchaus keine Bedingungen an; ich werde fragen, was ich will, und Sie werden so freundlich sein, mir zu antworten.« »Eine schöne Führung!« rief der Doktor, indem er Miene machte, in die Zügel zu greifen. »Sie führen mich in den Schloßgarten hinein – sacre bleu! würde Herr Christian Kurt sagen, wenn er das sähe.« »Aber er sieht es nicht, und ich will nun einmal diesen Weg fahren!« »Wozu denn?« »Das sage ich Ihnen, wenn Sie mir eine Frage beantworten wollen,« gab Blanda nach einer kleinen Pause zur Antwort, während sie die raschen Pferde genau auf der Stelle aufhielt, wo an jenem Abend Kolma mit dem Grafen Dagobert gesprochen hatte. »Sie sind ja ein Mann, der alles weiß, auch ein Sternkundiger – so geben Sie mir genau die Richtung an, wo im Spätherbste der herrlich strahlende Orion zu sehen ist.« »Wissen Sie was, Fräulein Blanda, geben Sie mir die Zügel, es ist besser so.« »Nicht um die Welt! – Wo stand an jenem Abend der Orion?« »Nun denn – dort, wo am Walde die Gruppe riesenhafter Tannen steht,« murmelte er in einem etwas affektiert unwilligen Tone, wobei er sich aber trotz allem dem nichts enthalten konnte, heimlich einen Blick des innigsten Wohlgefallens auf die prächtige Gestalt und das schöne, edle, entschlossene Gesicht des jungen Mädchens zu werfen, das in gleichgültigem Tone sagte: »So wollen wir uns dorthin einen Weg suchen.« – Damit ließ sie den ungeduldigen Pferden die Zügel schießen, die nun in kurzem Galopp den breiten Weg hinaufflogen gegen ein Ausgangsthor, das ein rasch herbeigeeilter Gärtner öffnete. – »So,« sagte Blanda, »nun sind wir in dem schönen, schönen Walde, und ich glaube, daß dieser Waldweg so ziemlich dieselbe Richtung hat, die ich mir nun einmal vorgenommen habe, und daß er auch nach der Königsbronner Mühle führt – nicht wahr, Doktor?« »Alle Wege führen nach Rom.« »Schön; nun werde ich Ihre Pferde ein bißchen laufen lassen.« »Aber mit Schonung der Achse meines leichten Wagens.« »Sie brauchen mir nur etwas Tröstliches über Erich zu sagen, so fahre ich langsamer.« Da das aber der Doktor Burbus nicht sogleich that, so ließ Blanda die Pferde laufen, wobei sie lächelnd auf ihren Nachbar schaute, der manchen mißtrauischen Blick gegen Wurzeln und Baumstämme sandte, die ihm in allzu verdächtige Nähe mit den sausenden Rädern zu kommen schienen. Doch führte Blanda die Pferde sicher und gewandt und hatte dabei noch Muße genug, nach tiefen, wohlthuenden Atemzügen in den herrlich beleuchteten Wald zu blicken, in das wunderbare Gemisch der hellen und dunkeln Blätter und Nadeln, der zitternden, spielenden Sonnenstrahlen, die hier schlanke Stämme liebkosten, dort mit farbigen Blumen buhlten, ja, trübe Wasserlachen hell aufleuchten ließen. Jetzt blickte der Doktor besorgt dem Wagen voraus, denn er wußte, daß sie nun bald an die tiefe Schlucht kämen, welche die Seefeldschen Güter von seinem Besitztum trennten und wo früher die alte Linde mit dem trotzigen Z T gestanden hatte, und da er die einzige Bedingung nicht vergessen hatte, unter welcher ihm Blanda versprochen hatte, langsamer zu fahren, so sagte er: »Hier an dem kleinen Weiher ist die Stelle, wo Erich damals von dem gräflichen Förster gefaßt und fortgeschleppt wurde.« Augenblicklich standen die Pferde, und zwar so rasch, daß sie, wie verwundert über dieses plötzliche Anhalten, heftig mit den Köpfen schüttelten. »A–a–a–ah – hier!« sagte Blanda. »Wie eigentümlich, daß jener Vorfall, der so schreckliche Folgen für ihn hätte haben können, doch beziehungsweise noch so glücklich endete! Das arme, kleine Zigeunermädchen fand dadurch Gelegenheit, ihn wieder zu sehen und etwas für ihn thun zu können.« »Ob das auch späterhin bedeutend zu seinem Glücke beitrug, wollen wir dahingestellt sein lassen,« gab der Doktor in trockenem Tone zur Antwort. »Sie sind heute in einer bösen Laune.« »Die sich vielleicht bessern kann, wenn wir, ohne etwas gebrochen zu haben, glücklich die Tiefe erreichen, in welcher die Königsbronner Mühle nun einmal die Untugend hat, zu liegen. Ich zweifle aber daran, wenn Sie so fortfahren, Gnädigste, denn von hier aus ist der Weg steil und ziemlich schlecht.« »So wollen wir vernünftig fahren und plaudern. Welchen Weg soll ich nehmen?« »Den, der sich hier scharf rechts wendet und der um die Schlucht herumführt. – So, und nun halten Sie die Pferde ein bißchen kürzer, dann brauchen wir keinen Radschuh einzulegen.« »Wie kam Erich nach jener Nacht zu Ihnen?« »Natürlich zu Fuß und ziemlich müde und zerzaust.« »Erzählte er Ihnen alles ausführlich und sprach er auch von mir?« »Er sprach von einer jungen, schönen Zigeunerin mit dunkelschwarzem Haar und leuchtenden Augen, die sich seiner aufs herzlichste angenommen.« Blanda hob die Peitsche und machte eine Bewegung, als wollte sie die mühsam aufhaltenden Pferde damit berühren; doch faßte der Doktor rasch ihre Hand, indem er lachend sagte: »Nur keine Kindereien, Gnädigste; soviel ich mich erinnere, sprach er auch noch von einem armen, kleinen Mädchen, mit blassem, eingefallenem Gesichte und großen, gespenstischen Augen.« »Und sprach in herzlichem Tone von ihr?« »Meinetwegen, ja.« »Wie er immer von ihr sprechen, ihrer immer gedenken wird, herzlich und in treuer Liebe; gerade so, wie jenes Mädchen auch von ihm denkt und ewig an ihn denken wird. – Vergessen Sie das nicht, mein lieber, guter Freund,« fuhr sie in einem Tone tiefer Empfindung fort – »vergessen Sie das nicht und glauben Sie mir, daß, wenn ich je fürchten müßte, es könne zwischen uns beiden, zwischen Erich und mir, anders werden, es mir lieber wäre, dort unten zerschmettert, tot im Abgrunde zu liegen!« »Vorderhand wollen wir darüber nicht weiter reden,« gab der Doktor nach einer Pause zur Antwort, während welcher er ihre ruhigen, entschlossenen Züge kopfschüttelnd betrachtet. »Fahren Sie jetzt noch die kleine, steilste Strecke mit großer Behutsamkeit, wenn ich bitten darf – später....« Da unten auf ebenem Wege, dachte er am Schlusse seines Satzes, oder wenn wir uns auf glattem Zimmer wohlbefinden, will ich dir deinen jetzigen Standpunkt doch einmal klar zu machen versuchen. Da lag die Mühle vor ihnen – In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebster ist verschwunden, Der dort gewohnet hat! flüsterte Blanda mit so innigem Ausdrucke, daß es den Doktor Burbus gerührt haben würde, wenn er sich nicht Mühe gegeben hätte, dieses Gefühl zu unterdrücken und in lustigem Tons fortzufahren: Er hat mir Treu' versprochen, Gab mir 'nen Ring dabei, Er hat die Treu' gebrochen. Das Ringlein sprang entzwei! »Ja lassen Sie jetzt nur die Pferde laufen, so rasch Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, indem er mit Behagen auf den hier so ebenen und glatten Weg blickte; »ich habe nicht einmal Angst, daß Sie in den Mühlkanal hineinfahren. Denn sehen Sie wohl, wie die vernünftigen Tiere gegen das Haus hinschwenken, wo sie sogleich halten werden – Brrrr – ja, so ist's recht!« Heiter sprang er alsdann vom Wagen herab und half auch Blanda aussteigen und führte sie ins Haus, wo die junge Dame von den beiden jüngeren Söhnen des Hauses, Gottfried und Friedrich – letzterer war indessen zu einem langen, jungen Menschen herangewachsen – aufs herzlichste bewillkommt wurde. Die älteste Tochter, Rosine, war nicht mehr im Hause, indem sie den jahrelangen Bewerbungen des königlichen Oberförsters, der bei Zwingenberg in einem kleinen Jagdschlosse hauste, endlich doch noch nachgegeben hatte. Johannes ließ sich für heute ebenfalls nicht sehen, da er gerade in den Mühlgebäuden kräftig mit Hand anlegte, um eine Maschine neuester Konstruktion zusammensetzen zu helfen. Dafür aber war Jungfer Lene sichtbar und ließ es sich nicht nehmen, die junge, schöne Dame aufs herzlichste zu bewillkommnen, wobei sie in einem fort knickte und dem alten Doktor zuflüsterte: »Ich habe es heute morgen dem Gottfried und dem Friedrich gesagt, daß uns etwas absonderlich Angenehmes bevorstände, denn mir hat heute nacht von einem Wegweiser geträumt, auf dem eine weiße Taube saß, und das bedeutet allemal eine freudige und ehrenvolle Begegnung. – Ach, gnädige Gräfin, wie mich das glücklich macht, Sie endlich einmal bei uns zu sehen!« Blanda reichte ihr freundlich die Hand, und dann führte der Doktor sie in die oberen Zimmer, mußte ihr aber das ganze Haus zeigen, vor allen Dingen die blaue Stube, wo Erich damals gewohnt. Doch hielt sie sich auch hier nicht lange auf, sondern es trieb sie ruhelos bald da- und bald dorthin; jetzt betrachtete sie flüchtig die Bilder an den Wänden, um sich alsdann für ein paar Sekunden in den großen Lehnstuhl des Hausherrn niederzulassen und gleich darauf wieder zur Weiterfahrt zu drängen. – »Es soll das ja nur ein ganz kleiner und kurzer Besuch heute sein, Doktor, nur ein rascher Blick auf Orte, die mir wert und teuer sind; ich werde später noch so oft kommen und so lange bleiben, daß Sie meiner noch am Ende überdrüssig werden.« »So fahren wir – natürlich auf einem anderen und besseren Wege – nach der Waldburg zurück.« »Nicht sogleich, lieber Herr Doktor!« bat Blanda schmeichelnd. »Nicht wahr, Sie thun mir heute den Gefallen und zeigen mir auch das Dorf Zwingenberg? Ich möchte das zum erstenmale allein in Ihrer Gesellschaft sehen.« »Meinetwegen denn, aber nur unter einer Bedingung: daß ich selbst meine Pferde führe und daß ich reden kann, was mir gut deucht.« »Das sind harte Bedingungen, aber ich muß mich denselben sowie Ihnen, lieber Doktor, auf Gnade und Ungnade unterwerfen.« »Woran Sie am klügsten thun,« antwortete der alte Herr mit einem ausnahmsweise sehr ernsten Tone, nachdem er an der Seite Blandas Platz genommen und die Pferde auf der breiten Landstraße dahintraben ließ. – »Sie wissen ganz genau, wie gut ich es mit Ihnen und auch mit dem anderen meine; aber Sie werden ebensogut verstehen, daß Verhältnisse wohl imstande sind und unter Umständen imstande sein müssen, unsere Ansichten vollkommen zu ändern.« »So denken Sie für Erich nicht mehr so gut und freundschaftlich wie früher?« fragte sie in einem erschrockenen Tone. »So wollen Sie sich des Unglücklichen, der genug für mich leidet, nicht aufs wärmste und nachdrücklichste annehmen? – O, wie schlecht wäre das!« »Nur zu, nur zu,« erwiderte der Doktor mit seinem eigentümlich schalkhaften Lächeln; »ich kann mir das alles sagen lassen jetzt, wo ich wieder Peitsche und Zügel in der Hand habe.« »Wie ungroßmütig, Doktor! Sagen Sie mir ein freundlicheres Wort, oder ich springe zum Wagen hinaus und lasse Sie allein fahren!« »Ein vernünftiges will ich Ihnen allerdings sagen, was jenen jungen Menschen anbelangt, und dann möchte ich aber wünschen, daß Sie endlich einmal aufhörten, ihn in Ihren Gedanken, ja, in Ihren Reden stets mit sich in Verbindung zu bringen.« »Ich will hören.« »Zuerst soll alles geschehen, um ihn aus seiner jetzigen, allerdings trostlosen Lage zu befreien, und zu dem Zwecke werde ich selbst in den nächsten Tagen den Herrn Grafen Dagobert Seefeld nach der Residenz begleiten, versehen mit gewichtigen Briefen des Herrn Christian Kurt, wodurch es uns hoffentlich gelingen wird, Milderung seiner Strafe, vielleicht Begnadigung für ihn zu erlangen; letzteres am Ende unter der Bedingung, daß man ihm genügende Mittel gibt, um nach Amerika auszuwandern und sich dort eine neue Existenz zu gründen.« »Glauben Sie?« fragte Blanda in einer eigentümlich kurz und scharf abgestoßenen Weise. »Es wird sich nicht anders machen lassen, obgleich es mir gewissermaßen recht leid für ihn thut, denn ich hatte andere Plane mit diesem talentvollen jungen Menschen, ganz gewiß. Ich hätte ihn damals gern bei mir behalten und würde es auch gethan haben, wenn seine unbezwingliche Lust für den Militärstand nicht gewesen wäre. Ihm das auszureden, war unmöglich; er mußte selbst zur Erkenntnis kommen, daß es viel besser sei, sich auf andere Art eine ehrenvolle Existenz zu gründen, allerdings auch mit dem Eisen in der Hand, aber mit dem Eisen in Gestalt einer Pflugschar oder eines Jagdgewehrs. Ah, das ist ein ganz anderes Leben, als auf Kommando rechts und linksum zu machen oder um etwas zu erlernen, das unsere unschuldigen Nebenmenschen auf die rascheste Art ins Jenseits spediert! Zu dieser Erkenntnis war er denn gekommen, da wurde ihm und uns ein garstiger Strich durch die Rechnung gemacht.« »Durch meine Schuld.« »Wie man's nimmt; es war eben sein Schicksal, dem ja niemand entlaufen kann.« »Und wenn mildernde Umstände für ihn aufzufinden wären, die seine Begnadigung ohne jene Verbannung möglich machten?« »Hm,« ließ sich der Doktor Burbus vernehmen, indem er verstohlen einen Blick auf das Gesicht des jungen Mädchens warf, »dann wäre ich doch noch immer für Amerika.« »Ja ja,« erwiderte sie träumerisch, »es könnte auch auf diese Art gehen – hier oder dort.« »Dürfte ich mir über diese Worte eine Erklärung ausbitten?« »Sie steht Ihnen mit Vergnügen zu Diensten. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Erich liebe, und füge hinzu, daß ich ihm das mit einem teuren Eide geschworen.« »Pah –neulich, als Sie heimatlos waren, ohne Familie!« »Daß ich ihm versprochen, ihn nie zu verlassen, was er mir ebenfalls versprach, und wenn ich auch nicht überzeugt wäre, er werde sein Wort halten, so würde ich dennoch mein Versprechen erfüllen. Sie hören, daß ich ganz ruhig zu Ihnen rede, Doktor, ohne Leidenschaft, und das mag Ihnen beweisen, daß ich es mit der ruhigsten Ueberlegung thue.« »Die Ueberlegung eines jungen, exaltierten dankbaren Gemütes – ich kenne das und weiß ebenso genau, daß Sie mit der Zeit schon zur Erkenntnis kommen werden, was Sie Ihrer neuen Stellung schuldig sind – Sie, jetzt eine Gräfin Seefeld!« »Das bin ich nicht und will es niemals werden, so wahr mir Gott helfe!« »Aber Sie sind die Enkelin des Grafen Seefeld.« »Solange man mir erlaubt, die einfache Blanda Price zu bleiben. Nehmen Sie meine Worte, wie Sie wollen, Sie werden gewiß einen Sinn darin finden, und wenn Sie den gefunden haben und mein treuer Freund und Ratgeber bleiben wollen, so sollen Sie überzeugt werden, daß es eine Eingebung des Himmels war, die mich bestimmte und immer bestimmen wird, zu bleiben, was ich bin, um in einem Falle, der eintreten könnte, leichter Rang, Reichtum und eine hohe Stellung in der Welt wieder zu verlassen, um arm aber glücklich, aufs neue wieder ins Leben hinaus zu wandern.« – Sie sagte das mit großer Ruhe und großer Entschlossenheit, die Blicke aufwärts gewandt und zugleich ihre linke Hand wie zum Schwure erhebend. »Amen!« sprach der Doktor mit leiser Stimme, und wenn er auch ein wenig ernst blickte, so war doch auf seinem Gesichte keine Spur von Mißmut oder gar Zorn zu lesen. Nach einigen Augenblicken pfiff der Doktor leise vor sich hin und bemerkte dann, mit der Peitsche in die Gegend hinausdeutend: »Dort unten begannen die Manöver am Morgen desselbigen Tages, an dem Sie selbst abends im Bivouac waren.« »Auch von diesem Anfange hat mir Erich erzählt und wie er dort zufällig eine Bekanntschaft gemacht, die stets, wo sie sich erneuerte, ungünstig in sein Leben eingriff. Es war gewiß hier auf dieser Stelle, von wo er damals zuschaute? Dort ist der alte Meilenstein, den er mir beschrieben – bitte, Doktor, halten Sie an und lassen mich hier einen Augenblick aussteigen.« »Zu welchem Zwecke, Gnädigste, da Sie doch von hier oben noch besser in die Landschaft schauen, als dort an dem Steine?« »Lassen Sie mich immerhin, es wird nicht lange dauern.« »Wollen Sie etwa dort Ihre Morgenandacht verrichten?« fragte er spöttisch. »Vielleicht etwas Aehnliches, indem ich mich hier lebhaft eines teuren Freundes erinnere und ihm die Worte wiederhole, die ich vorhin zu Ihnen gesagt.« »Nun, meinetwegen opfern Sie der Erinnerung, und ich will unterdessen ausspähen, was der Flug der Vögel vielleicht über Ihre Zukunft spricht.« So leicht und in einem immer noch spöttischen Tone er diese Worte auch hinwarf, so blickte er doch mit Interesse auf das junge Mädchen, das nun neben dem alten, bemoosten Steine stand und nach Zwingenberg hinüberblickte, dessen spitzer Turm dort aus den großen Kastanienbäumen hervorblickte, die Kirche und Pfarrhaus umgaben. Es war kein Gebet, das sie vor sich hinsprach, aber es waren bittende Worte, und als sie am Schlusse ganz leise flüsterte: »Laß ihn und mich glücklich werden, gib mir ein Zeichen!« – da leuchtete plötzlich ihr Auge hell und freudig auf, da ihre gesenkten Blicke etwas in einer Fuge des alten Meilensteines glänzen sahen und als sie, sich danach bückend, eine kleine Silbermünze fand, die von den vielen Vorüberwandelnden nie bemerkt worden war und sich gerade ihr so plötzlich, wie ein glückverheißendes Zeichen darzubieten schien, weshalb sie mit großem Interesse das Gepräge und die Zahl des längst vergangenen Jahres betrachtete. »Nun, was haben Sie in den Lüften gesehen?« fragte Blanda heiter, nachdem sie ihren Sitz neben dem Doktor Burbus wieder eingenommen hatte. »Spricht der Flug der Vögel günstiger für mich, als Ihre vorhin so verdrießliche Miene, die sich glücklicherweise ein bißchen aufgeheitert hat?« »Es hat sich droben nichts zu Ihren Gunsten gezeigt,« entgegnete er achselzuckend, »und ich fürchte deshalb, Ihre ganze Schwärmerei wird ohne glückliches Resultat bleiben.« »Und ich bin jetzt mehr als je vom Gegenteil überzeugt,« sagte Blanda, indem sie mit einem Ausdrucke stillen Glückes vor sich hin schaute und dabei unbemerkt mit der Hand jene heimliche Stelle berührte, wo sie die kleine silberne Münze rasch und unbemerkt verwahrt hatte. »Das da ist Zwingenberg.« »O ja, ich habe es gleich wieder erkannt! Bitte, lieber Doktor, fahren Sie dort drunten über die kleine Brücke auf die Gemeindewiese; Sie wissen wohl, warum ich jenen Ort gern noch einmal betrachten möchte.« »Ich kann es mir allenfalls denken; hätte ich aber vor ein paar Stunden gewußt, daß Sie eine so empfindsame Erinnerungsfahrt vor hätten, so würde ich mich schon gehütet haben, Sie zu begleiten.« »Dort stand mein kleines Zelt; davor loderte ein gewaltiges Feuer, und hier hielt unser kleiner Ponywagen. Wie freute sich der alte Marechal und der gute Zaregg, als sie mich glücklich zurückkommen sahen! Wie unvergeßlich ist mir die herzliche Teilnahme, mit der man mich vom Wagen hob und am Feuer wärmte! Hier stand ich, als Erich von mir Abschied nahm. Das könnte mich alles recht traurig machen, wenn ich nicht von einem glücklichen Wiedersehen überzeugt wäre. – Doch vorbei, vorbei!« sagte Blanda nach einer Pause mit ernster, fast trauriger Stimme. »Lassen Sie uns weiterfahren, Doktor, die große weite Fläche hier in dem hellen, glänzenden Sonnenlichte nimmt mir alle meine süßen Erinnerungen. Es war damals viel heimlicher im Dunkel der Nacht, an dem lodernden Feuer oder in meinem kleinen, traulichen Zelte.« – »So sehen wir hier denn Wirklichkeiten, die Ihnen trotz aller Erinnerungen und allem, was Sie darüber gehört, recht prosaisch vorkommen werden,« sagte Doktor Burbus, nachdem sie die winkeligen Gassen des Dorfes erreicht hatten. »Sehen Sie dort jenes Gebäude, welches nicht viel besser aussieht als ein baufälliger Kuhstall; es liegt am Fuße einer malerischen Mistpfütze, in welcher sich ein borstiger Gebieter amüsiert – hier waltete, das heißt in dem baufälligen Hause zur Zeit Ihrer süßen Erinnerungen, Herr Erich Freiberg als Schullehrergehilfe.« »Pfui, Doktor, Sie sind abscheulich!« »Ich berichte nur die Wahrheit, und wenn Herr Erich Freiberg strebsamer gewesen wäre und dem Herrn – Pfarrer wohlgefälliger, so hätte er dasselbe glänzende Ziel erreichen können, wie sein Nachfolger, der dort vor dem neu erbauten Schulhause steht, der auf Empfehlung der Frau Pfarrerin Wendler heiratete und, wie Sie sehen, neben Kindererziehung auch sehr stark in Landwirtschaft macht.« Wie sie rasch vorbeifuhren, grüßte der Doktor lächelnd mit der Peitsche den Herrn Schullehrer Färber, dessen struppiges Haar immer noch ungebändigt neben seiner kleinen Mütze hervorsah und der in einem alten, abgeschabten Frack und in ausgetretenen Pantoffeln seinem Knechte behilflich war, einen Wagen mit Seele der Landwirtschaft zu beladen. »Vorbei, vorbei!« sagte Blanda in bittendem Tone. »Da ist Kirche, Pfarrhaus und Pfarrgarten, welches aber für Sie in keiner Hinsicht etwas Interessantes bietet; alle, die zu jener Zeit hier gehaust, haben mit anderen die Plätze gewechselt, ja einige, wie die Pfarrerin Wendler und ihr Schwiegersohn, dieses irdische Jammerthal mit einem besseren Jenseits. Was aber den Pfarrer anbelangt, der sich hoher Protektion erfreute, so ist er irgendwo Garnisonprediger geworden, und hat seine Tochter Selma dadurch Gelegenheit erhalten, ihre Lebenserfahrungen zu bereichern; denn deren Mann, ein stiller, Dulder, ist gestorben, und muß sie es nun mit dem Witwenstande probieren. Doch sind das gleichgültige unverständliche Dinge für Sie, die ich auch gerade nur hier erwähne, weil sie mir beim Anblicke des Pfarrgartens ins Gedächtnis kommen, und rufe ich nun, wie Sie es soeben thaten: Vorbei, vorbei! – und wollen wir dieses Buch nicht immer angenehmer Erinnerungen ein für allemal hinter uns zuklappen lassen.« – Auf einem besseren Wege und deshalb in weit kürzerer Zeit erreichten sie die Waldburg wieder, wo sich Doktor Burbus, nachdem er Blanda ins Schloß begleitet, zu dem Grafen Dagobert Seefeld begab, mit dem er in den nächsten Tagen nach der Residenz reisen sollte. Der Husarenoffizier saß an seinem Schreibtische, war aber nicht gerade in der rosigsten Laune. »Da soll ich nun,« rief er dem Eintretenden entgegen, »auf Wunsch des Herrn Christian Kurt selbst eine Eingabe an Seine Königliche Majestät machen und um Begnadigung jenes jungen Verbrechers bitten! Ich erscheine allerdings dadurch in strahlendem Lichte fast übermenschlicher Großmut, aber bei so einem Schreiben ist es immer sehr schwer, nicht zu wenig und nicht zu viel zu sagen!« »Lassen Sie einmal sehen, Graf Dagobert.« Dieser erhob sich bereitwillig, worauf sich der Doktor vor den Schreibtisch setzte, das Bittschreiben überlas und dann um Erlaubnis bat, etwas Weniges zu ändern. Dieses Wenige, welches ihm bereitwillig zugestanden wurde, bestand aber in einem dicken Striche über die ganze, vollgeschriebene Seite, und dann begann er, auf der zweiten eine neue Bitte aufzusetzen. Graf Dagobert war, um ihn nicht zu stören, beiseite getreten, hatte sich eine Cigarre angezündet und ging hinter dem Rücken des Schreibenden hin und her, wobei er einen kleinen Gegenstand, den er von einem Tischchen genommen, in der Hand wog und zuweilen in die Höhe warf. »Nachher will ich Ihnen etwas zeigen, Doktor.« »Ich bin im Augenblicke fertig – o, da haben Sie Ihr Schreiben, wie ich es aufsetzen würde: lesen Sie es durch, und dann machen Sie, was Sie wollen.« »Sie werden gewiß wieder das Richtige getroffen haben – ich danke Ihnen bestens! Aber sehen Sie einmal dieses Ding da.« »Eine Bleikugel.« »Ja, und dieselbe, welche mir wahrscheinlich das Lebenslicht ausgeblasen hätte, wenn sie ein paar Zoll weiter links gegangen wäre.« »A–a–a–ah, das ist dieselbe Kugel, die jener unglückliche Mensch auf Sie geschossen?« »Dieselbe. Als François am andern Tage meinen Koffer auspackte, fand man sie zwischen der Leinwand, wo sie unter meinen besten Hemden und Schnupftüchern keine schlechte Verheerung angerichtet hatte. Und für einen solch vielfachen Mörder soll ich noch Bittgesuche entwerfen! Das ist wahrhaftig viel von Herrn Christian Kurt verlangt, und ich würde mich auch geweigert haben, wenn mich nicht diese wunderliche Blanda so dringend darum gebeten hätte!« »Dies ist dieselbe Kugel?« fragte der Doktor mit einer eigentümlich klingenden Stimme. »Dieselbe. – Wenn ich nur aus dieser Blanda klug werden könnte! – Pah, es wäre Unsinn, zu denken, daß jener unbedeutende junge Mensch einen tiefen Eindruck auf sie gemacht! Aber ich mag thun, was ich will, so bin ich doch nicht imstande, den unangenehmen Eindruck zu verwischen, mit dem die Erinnerung jener Nacht heute noch auf sie einwirkt – ich fühle das.« »Und Ihr Kammerdiener François war dabei, als man diese Kugel in der Wäsche fand?« »François und Jakob packten aus und zeigten mir sogleich die saubere Bescherung.« »Sagten Sie mir nicht, Graf Dagobert, der Schuß sei aus einem Terzerol abgefeuert worden?« »So hörte ich, ich habe das Ding nicht gesehen; aber dem Blei nach muß es von einem ganz verfluchten Kaliber gewesen sein!« »Würden Sie mir einen Gefallen thun, Graf Dagobert?« fragte der Doktor Burbus in einem Tone, dem man deutlich anhörte, wie er sich Gewalt anthat, um diese Frage ruhig, fast gleichgültig zu stellen. »Mit Vergnügen.« »So lassen Sie François und Jakob kommen.« »Das ist sogleich geschehen; sie sind nebenan mit Einpacken beschäftigt.« Während Graf Seefeld nach diesen Worten die Thür des Nebenzimmers öffnete und die Diener hereinrief, hatte sich der Doktor rasch auf den Stuhl vor den Schreibtisch geworfen, nahm einen Bogen Papier und schrieb hastig einige Zeilen. Dann reichte er das Blatt dem Grafen, und bei seiner Frage: »Würden Sie das unterschreiben und mit Ihrem Siegel versehen, auch von Ihren beiden Leuten unterschreiben lassen?« – bebte seine Stimme vor gewaltiger Aufregung. »Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, recht gern.« Auf dem Papier standen folgende Worte: »Wir, die Unterzeichneten, bezeugen, daß die unten eingebogene und mit dem gräflich Seefeldschen Wappen eingesiegelte Kugel die gleiche ist, die wir am Morgen des 16. Mai dieses Jahres eingedrungen in dem Wagenkoffer fanden, nachdem sie in der Nacht auf den Grafen Dagobert Seefeld abgeschossen, dessen Arm gestreift und die Vorderwand des Wagens durchbohrt hatte.« »Was Sie damit wollen, begreife ich nicht recht,« sagte Dagobert Seefeld achselzuckend; »doch ist hier meine Unterschrift, wie Sie gewünscht, und das Einsiegeln können Sie selbst besorgen.« »Nachdem Sie erlaubt,« entgegnete der Doktor nach einem tiefen, erleichternden Atemzuge, »daß Ihre Leute ebenfalls unterschreiben.« Als das geschehen war, siegelte der Doktor sorgfältig, wobei seine Finger ein klein wenig zitterten; dann schob er Papier und Kugel in ein großes Couvert, versah auch dieses vor den Augen der anderen mit dem gräflichen Siegel und sagte: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Graf, so nehme ich dieses Papier in meine Verwahrung und mit nach der Residenz, wo es, wie ich zu Gott hoffe, Ihr Bittschreiben kräftig unterstützen oder – vielleicht ganz unnötig machen soll.« 46. Kapitel In welchem der wahrheitliebende Autor nicht anders kann, als von Erichs Unglück zu berichten, sowie um Verzeihung zu bitten, wenn Kapitel und Buch nicht so schließen, wie es der geneigte Leser gewünscht oder vorhergesehen. Indessen hatte die still waltende Gerechtigkeit schwer ihre Hand auf den armen Erich niederfallen lassen und sich bemüht, ein so gefährliches Mitglied der militärischen Gesellschaft für immer unschädlich zu machen und als Spreu von dem Weizen zu sondern. Daß dabei alles mit strenger Unparteilichkeit und gemäß wirklich vortrefflicher Militärgesetze gründlich und ohne Uebereilung, sogar in mancher Beziehung milde für den Angeklagten vor sich gegangen sei, möchten wir gern ganz besonders solchen versichern, die vielleicht achselzuckend ein militärisches Spruchgericht als ein Ding ansehen, dessen Resultat in den meisten Fällen mit den Wünschen oder der Ansicht des Vorsitzenden Präses in Einklang gebracht wird; dies ist aber durchaus nicht der Fall, und bei der Verurteilung eines Kameraden oder Untergebenen sind nicht nur die bestimmtesten, ja, schroffsten Meinungsäußerungen erlaubt, sondern es werden diese verlangt und den verschiedenen Klassen des Kriegsgerichtes bei den abgesonderten Beratungen über den vorliegenden Fall Zeit genug gegönnt, um in ihrer Ansicht einig zu werden. Ja, noch mehr; wenn eine solche Einigung der Klassen nicht erfolgt, so werden die Stimmen derselben einer andern Klasse zugeteilt, und zwar einer solchen, die sich am mildesten über das begangene Verbrechen ausgesprochen hat. Dabei ist es noch bemerkenswert, daß sich häufig der Fall ereignet, wo bei einem Kriegsgerichte über einen Unteroffizier oder Gemeinen die Klassen der Kameraden oder niedrigeren Chargen bei einem wirklichen schweren Falle auf strengere Bestrafung dringen, als die verschiedenen Klassen der Offiziere. Was nun den armen Erich anbelangte, so war er wegen der Schwere seines Verbrechens der höheren Militärgerichtsbarkeit verfallen, wo anstatt des Brigadekommandeurs das Korpskommando seine Untersuchung einzuleiten hatte, die aber erst alsdann begann, nachdem der nächste Vorgesetzte des Bombardiers Freiberg, also der Hauptmann von Manderfeld, das species facti , eingereicht und den Thatbestand festgestellt hatte. Daß dieses species facti aber in keiner Weise günstig für den Angeklagten lautete, braucht kaum erwähnt zu werden; ja, der Hauptmann von Manderfeld hatte mit Wahrheit und Dichtung einen erschreckenden Lebenslauf unseres Helden dargestellt, dabei sogar in frühere Jahre zurückgegriffen, seines Vagabundierens mit schlechten Zigeunern erwähnt, besonders aber jenen Fall von Wilddieberei hervorgehoben, bei dem, sowie schon vorher während des Manövers auf der Chaussee bei Zwingenberg, sich ein ganz begreiflicher Haß in dem Herzen des verdorbenen jungen Menschen gegen den Grafen Seefeld entwickelt, der dann, genährt und vergrößert durch einige zufällige Begegnungen bei dem verstockten und bösartigen Gemüte des Angeklagten fast notwendigerweise zu jenem schrecklichen Resultat führen mußte. Was nun die militärische Laufbahn Erich Freibergs anbelangte, so war es selbstredend genug, welch Geistes Kind dieser sein mußte, da man es ja für notwendig gefunden hatte, ihn wegen schlechter Streiche von der Brigadeschule zu entfernen, und was schließlich seine Führung bei der Batterie anbelangte, so bedurfte es wohl nichts weiter, als Erichs Strafverzeichnis beizufügen. Dieses so kräftig gesalzene spezies facti hatte indessen dem Mitarbeiter an demselben, dem Wachtmeister Pinckel, einen so unbehaglichen Eindruck gemacht, daß er sich nicht enthalten konnte, dem Premierlieutenant Schaller darüber seine Bedenken mitzuteilen, worauf dieser Veranlassung nahm, ehrerbietig aber ernst dem Hauptmann von Manderfeld darüber Vorstellungen zu machen. Diese Unterredung war indessen sehr kurz, doch nicht ohne wichtige Folgen, obgleich ohne Nutzen für den armen Erich; denn das spezies facti wurde eingereicht, wie es geschrieben war, und wenn auch der Premierlieutenant Schaller durch seinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Hauptmann von Manderfeld, sowie durch den Abteilungskommandanten die Erlaubnis erhielt, die Verhältnisse in der Batterie unmittelbar dem Brigadekommandeur vortragen zu dürfen, so ging das verhängnisvolle Aktenstück fast zu gleicher Zeit an das Korpskommando, von wo dann sogleich das Untersuchungsgericht bestellt und die fortdauernde Verhaftung Erichs anbefohlen wurde. Das Untersuchungsgericht, aus dem betreffenden Auditor und, des schweren Falles wegen, aus zwei Lieutenants bestehend, trat dann auch alsbald zusammen und vernahm die vorgeladenen Zeugen, das Personal des betreffenden Posthauses, einen Diener des Grafen Seefeld sowie den Gensdarmerieunteroffizier und die Bombardiere Wibert und Schmoller, von denen der letztere allerdings der Wahrheit gemäß angab, daß er Erich ein doppelläufiges Terzerol geliehen, von dem aber nur der eine Lauf geladen gewesen sei – ein günstiges Zeugnis, das aber durch die Aussage des langen Wibert sogleich wieder verwischt wurde, da dieser, und leider der Wahrheit gemäß, bezeugte, daß Erich an dem Nachmittage, ehe er seine letzte Stallwache bezog, eine Infanteriepatrone, da er sich im Zimmer allein geglaubt und nicht gewußt, daß er, Wibert, sich auf seinem Bette befunden, entzweigeschnitten und das Pulver aufbewahrt hatte. Leugnen konnte dies Erich nicht; er hatte diese Patrone bei dem Manöver gefunden und zu sich gesteckt. Wenn dies aber auch nicht der Fall gewesen wäre, so konnte er sich ja mit Leichtigkeit auch sonstwo Pulver und eine Kugel verschafft haben, um den zweiten Lauf des Terzerols wieder zu laden, und daß dies der Fall gewesen und der Lauf kurz vorher, ehe das Terzerol in die Hände des Gensdarmerieunteroffiziers gelangte, abgeschossen worden sei, dafür legte letzterer das vollgültigste Zeugnis dadurch ab, daß er aussagte, nicht nur das frisch abgeschossene Pulver gerochen, sondern sich auch seine Handschuhe geschwärzt zu haben. So rätselhaft dies für Erich war und so sehr es ihn in Bestürzung versetzte, so leicht wäre es ihm gewesen, darüber eine Erklärung abzugeben, wenn er sich erinnert hätte, daß es wahrscheinlich Regentropfen gewesen seien, die bei dem Gewitter, vor dem er Blanda geschützt, während er sich selbst preisgegeben, in den Lauf des Terzerols gedrungen und dort das vertrocknete Pulver wieder angefeuchtet. Oft aber geschieht es uns in entscheidenden Augenblicken, daß wir an das ganz Natürliche nicht denken und einen Zusammenhang in der Ferne suchen, der uns doch so nahe liegt. Den übrigen sehr erschwerenden Zeugenaussagen, daß Erich sich in großer Aufregung befunden, daß er das Terzerol hervorgezogen, daß hierauf aus nächster Nähe Blitz und Knall erfolgt sei und Graf Seefeld von der Kugel getroffen worden, konnte er nur die Behauptung entgegensetzen, daß er nicht geschossen habe, sondern die Pistole ohne jede sonstige Bewegung mit seiner rechten Hand gehalten. Wenn auch die Art, wie er diese Aussage machte, sowie seine ganze Erscheinung eines günstigen Eindrucks auf den Untersuchungsrichter nicht verfehlte, so konnte dies doch nicht verhindern, daß der Auditor mit einem leichten Achselzucken und sehr ungläubiger Miene diese Schlußerklärung des Angeklagten zu Protokoll nahm. Nachdem solchergestalt die Untersuchung beendigt worden war, wurde von dem Gerichtshofe, hier der kommandierende General, das Spruchgericht bestellt, welches dann auch wenige Tage nachher mit der Feierlichkeit, welche die Würde eines solchen Aktes verlangt, zusammentrat; sämmtliche fünf Klassen des Kriegsgerichtes in großer und Paradeuniform, ein Major der Infanterie als Präses, zwei Rittmeister, zwei Lieutenants, drei Sergeanten und drei Unteroffiziere, denen der Angeschuldigte vorgeführt und ihm das Recht freigestellt wurde, gegen die Zusammensetzung des Gerichtes, die Persönlichkeiten desselben betreffend, Einwendungen zu machen – eine Erlaubnis, die aber der Bombardier Freiberg begreiflicherweise unbenutzt ließ. Waren ihm doch sämtliche Anwesenden gänzlich unbekannt, mit Ausnahme des Präses, des Majors Klemmer, den er in jener Nacht nach dem Waldschlößchen geführt hatte und von dessen strenger Unparteilichkeit er vollkommen überzeugt war! Blickte er ihn doch aus seinen kleinen, schwarzen Augen nicht ohne Wohlwollen an, und lag doch etwas wie Wehmut auf der hageren Stirn des Offiziers, sowie in dem melancholisch herabhängenden, langen fuchsigen Schnurrbarte! Gewiß hatte er in Erich jenen tüchtigen Bombardier wieder erkannt, der ihn so vortrefflich geführt zur Gefangennahme der feindlichen Kavallerieoffiziere. Von diesen glaubte er allerdings einen in einem der Dragonerrittmeister zu erkennen und hatte sich nicht getäuscht, da es der selige Graf Horn war, dem er hier wieder, wie damals auf der Waldburg, in fast gleicher Eigenschaft gegenüberstand. Doch da ihm dies ebenso gleichgültig war, als er diesem seinem Richter hier erschien – denn der junge Rittmeister war viel zu sehr beschäftigt, Gratulationen der Kameraden entgegenzunehmen und auf seine beiden neuen Epauletten zu schielen, um dem Delinquenten, der ja ohnedies nur ein ganz gemeiner Bombardier war, große Aufmerksamkeit zu schenken – so erklärte er sich mit der Zusammensetzung des Kriegsgerichtes einverstanden, hörte mit großer Ruhe die Vorlesung der Akten durch den Auditor an, halte auch weiter nichts hinzuzufügen, als seine nochmalige Erklärung, daß er das Terzerol allerdings in großer Aufregung hervorgezogen, aber nicht geschossen habe, worauf er abgeführt wurde und die fünf Klassen des Kriegsgerichtes, jede besonders, zur Beratung zusammentraten. Da saß nun der arme Erich in einer ziemlich leeren, kahlen Stube der großen Infanteriekaserne. Es befand sich nur ein kleiner Holztisch mit zwei Stühlen da, in einem düsteren Lokale mit stark vergitterten Fenstern, welches den Angeklagten während der kriegsgerichtlichen Verhandlungen stets zum Aufenthalte angewiesen wurde, und als man nun draußen die Riegel vorschob, war es ihm bei dem Geräusche geradeso zu Mute, als schnitte jemand den Strick entzwei, der sein Lebensschiffchen noch am Ufer festhielt, und ließe dieses treiben ohne Steuer und Kompaß auf stürmischem, nebelbedecktem Meere, wo die Flut dieses Meeres, die wilde Flut seiner Gedanken den zerbrechlichen Nachen seiner Hoffnung gänzlich zu zertrümmern drohte. Was war ihm geblieben von all den glänzenden Erwartungen, von der schönen Zukunft, die er geträumt und die zu erreichen er nach besten Kräften so sehr bemüht gewesen war, daß er jetzt, wo die vergangene Zeit rasch an seiner Seele vorüberflog, nicht vieles anders hätte machen können, als er es in der That gemacht hatte! Und wenn er der letzten, unglückseligen Katastrophe gedachte, so wallte sein Blut heiß auf wie in jener Nacht vor dem Posthause, und er ballte seine Finger zusammen, als faßte er die verhängnisvolle Waffe fester, als hätte er wirklich und wiederum die Absicht, von derselben Gebrauch zu machen. Ja, er hatte die Absicht gehabt, seinen Feind, jenen Mann, den er so grimmig haßte und der ihm das Teuerste von der Seele riß, unschädlich zu machen, ihn an einem neuen Frevel gegen die heiß geliebte Blanda zu verhindern. Damals hätte er sterben mögen, untergehen in dem wahnsinnigen Schmerze seiner Seele, nicht mehr aufwachen aus der Erstarrung; die sich seiner auf Augenblicke bemächtigt hatte. Was war ihm noch das Leben, besonders nachdem er die Anklage vernommen, die auf ihm lastete und die nicht nur seiner militärischen Laufbahn, sondern auch jeder anderen bürgerlichen Existenz ein gebieterisches ›bis hierher und nicht weiter!‹ zurief! {bild} Und Blanda, Blanda? – Vielleicht, daß er sie später doch noch einmal wiedersah, vielleicht daß sie ihn dann erkannte, erkennen mochte – vielleicht daß sie gefallen war, um scheinbar hoch zu steigen, und daß sie ihn alsdann mit einem verletzenden Mitleid betrachtete, sich auch wohl, verlegen lächelnd, der vergangenen Zeiten erinnerte – vielleicht aber auch ... und das war dann wohl das Beste, sah er sie niemals wieder, und konnte sie dann um so besser in seinem Gedächtnis behalten, wie sie in jener Gewitternacht schön, hold und rein an seinem Herzen geruht. Bei diesem letzten Gedanken legte er den Kopf in die Hände und fühlte es kaum, daß schwere Thränentropfen durch seine Finger drangen; ja, er hatte es nicht einmal bemerkt, daß der Unteroffizier der Infanterie, der ihn hierhergeführt, wieder eingetreten war, ihm nun die Hand auf die Schulter legte und in einem gutmütigen Tone sagte: »Mut gefaßt, Bombardier, es ist Zeit, halten Sie Ihren Kopf aufrecht, und die Sinne beisammen! man muß dem Unglück sogleich und recht fest ins Auge sehen, dann erschreckt es einen weniger und man gewöhnt sich rascher daran – bringen Sie Ihr Haar in Ordnung und wischen Sie die Augen aus; man muß gefaßt scheinen, wenn man es auch nicht ist.« Und Erich trat ziemlich gefaßt in den Saal ein, wo das Kriegsgericht wieder versammelt war, und verneigte sich militärisch vor dem Präses desselben, Major Klemmer, auf dessen hagerem und sonst so strengem Gesichte etwas Mildes, Wehmütiges zu sehen war und dessen gewöhnlich so harte und rauhe Stimme in einem ziemlich weichen Tone klang, als er dem Bombardier Erich Freiberg verkündete, daß derselbe durch Stimmenmehrheit des Kriegsgerichtes wegen thätlichen Angriffes mit der Waffe in der Hand gegen einen Offizier zur Degradation vor der Fronte der Batterie sowie zu einem zehnjährigen Festungsarrest verurteilt sei. Daß die Strafe auf Festungsarrest, nicht auf die viel schärfere Festungsstrafe lautete, bei welch letzterer der Betreffende in die Festungsabteilung eingestellt, mit Festungs- und sonstigen Militärarbeiten beschäftigt und außer der Arbeitszeit eingeschlossen gehalten wird, war eine Milderung, zu der sich die Mehrzahl der Richterklassen vereinigt hatte und welche besonders dadurch gerechtfertigt war, daß Erich Freiberg auf Beförderung zum Offizier diente und weil sein Verbrechen nicht der Art war, um ihn in die zweite Klasse des Soldatenstandes zu versetzen. Was Erichs Herz am schmerzlichsten schlagen ließ, war die Strafe der Degradation vor der versammelten Batterie, besonders da er wußte, daß ihm der Hauptmann von Manderfeld von dieser peinlichen Ceremonie auch nicht das Geringste schenken würde. Doch kam dies anders, als er es sich gedacht, und müssen wir hier nachholen, daß die Schritte, welche der Premierlieutenant Schaller frei und offen gegen den Batteriechef gethan, so viel zu Tage brachten, daß der Hauptmann von Manderfeld trotz Protektionen und Orden in aller Stille zur Disposition gestellt wurde und der Premierlieutenant in das Kommando der Batterie vorrückte. Daß dieser Erich, ehe derselbe seine Strafe antrat, nochmals zu sich kommen ließ, erwähnen wir nur deshalb, um hinzuzufügen, daß der letzte Bombardier den wohlwollenden und vortrefflichen Offizier getröstet verließ. Dann kam der Tag der Degradation vor der Fronte der Batterie, und auch hier handelte der Premierlieutenant Schaller sowie der Wachtmeister Pinckel mit solcher Schonung für den unglücklichen Erich, daß die peinliche Handlung sich so gestaltete, als nehme ein geliebter Kamerad von seiner militärischen Familie einen herzlichen, wenngleich traurigen Abschied. Das Herunterreißen der Tressen wurde dadurch vermieden, daß Erich Freiberg vor der Fronte als Kanonier erschien, worauf der Wachtmeister in kurzen Worten die Strafe Erichs verlas; dann kommandierte der Premierlieutenant zum Auseinandertreten, nicht ohne absichtlich die Worte beizufügen, daß er durchaus nichts dagegen einzuwenden habe, wenn jeder von Freiberg recht freundschaftlichen Abschied nehme. Das thaten denn auch alle Kanoniere, Bombardiere und Unteroffiziere, sogar die ersten Feuerwerker und nicht minder der Wachtmeister Pinckel, wobei er seltsam grinsend seinen langen Schnurrbart strich und dann auf dem Absatze Kehrt machte. Nur der lange Wibert fehlte, was dem geneigten Leser aber auch selbst dann begreiflich erscheinen würde, wenn wir nicht der Wahrheit gemäß sagen müßten, daß der ehemalige Liebling des Hauptmanns von Manderfeld wegen fortgesetzter Malpropretät und Nachlässigkeit im Dienste für das letzte Halbjahr seiner Dienstzeit in die Batteriemenage kommandiert worden war. Rührenden Abschied von Erich aber nahmen der kleine Bombardier Weitberg sowie der schmächtige Schwarz, der mit dem schwachen Geheule eines jungen Hundes, dem man auf den Schwanz getreten, und mit feuchten Augen einmal über das andere rief: »O famos, o famos, du bist wirklich der echte und gerechte Bombardier, Freiberg! Denn ein Kerl wie du, der so wunderbare Streiche macht und dadurch dem Namen unserer Charge einen solchen Glanz verleiht, kommt niemals wieder – niemals, niemals, niemals!« Was nun die Abführung Erichs auf die kleine Festung anbelangt, wohin er bestimmt war, so hatte auch darin der Premierlieutenant Schaller aufs beste für ihn gesorgt, und statt als Gefangener transportiert zu werden, wurde ihm gestattet, den Weg nach seinem künftigen Bestimmungsorte mit der Kompagnie des Hauptmanns Walter zurückzulegen, der dorthin versetzt worden war; ja noch mehr, er war dabei der persönlichen Obhut seines Freundes, des zum Unteroffizier beförderten und den wichtigen Posten eines Feldwebels versehenden Unteroffiziers Schmoller übergeben, der sich seiner freundlich annahm und dem es auch während des Marsches hie und da gelang, ein leichtes Lächeln auf den bleichen Zügen Erichs hervorzubringen, besonders wenn er ihn an ihren gemeinschaftlichen Marsch von damals erinnerte, an die kleinen Erlebnisse auf dem Fort Maximilian, und ihm dabei seufzend versicherte, daß ihn die Erinnerung an die reizende Gräfin Haller immer noch verhindere, sein Herz gänzlich der vortrefflichen Mamsell Stöckel zuzuwenden, in deren Liebe er indessen große Fortschritte gemacht und welche, im Besitze eines kleinen Vermögens, nicht abgeneigt sei, die Frau des künftigen Feldwebels Schmoller zu werden. »Glücklicher Freund,« entgegnete Erich mit traurigem Lächeln, »du schwimmst einem für dich behaglichen Hafen zu, während ich jahrelang zu einer trostlosen Unthätigkeit verdammt bin, um dann Gott weiß wohin geschleudert zu werden, aber hoffentlich weit, weit hinweg – so weit als möglich, damit ich alles vergessen kann, was mir einst lieb und teuer war!« Am dritten Tage erreichten sie ihren Bestimmungsort, die kleine Festung, welche in einer weiten, allerdings fruchtbaren Ebene lag, die aber mit ihren gewaltigen Mauern, tiefen Wassergräben und hohen, mächtigen Wällen um so mehr auf Erich den Eindruck eines großen Gefängnisses machte, als die menschenleeren Straßen so gar nichts von dem Leben und gewerblichen Treiben der großen Stadt zeigten, in der er bis jetzt gewesen, und doch war es noch ruhiger und stiller in der Citadelle, wohin er gebracht wurde und wo ihm ein schweigsamer Unteroffizier ein kleines Gemach in einer der Kasematten anwies, aufs dürftigste möbliert, das schmale Fenster mit einem schweren, eisernen Gitter versehen und mit der Aussicht auf einen feuchten Festungsgraben und auf die hohe, dunkle Mauer einer gegenüber liegenden Lunette. An diesem Fenster lehnte er stumm und verstört; unwillkürlich war er an dasselbe getreten, wie nach Luft und Licht ringend, nachdem die schwere Thür der Halbdunkeln Zelle hinter seinem wieder davoneilenden Begleiter ins Schloß gefallen war. In der Hand hielt er das kleine Bündel, welches seine geringen Habseligkeiten enthielt, und in dem Gedanken, als müsse sein Aufenthalt hier ja doch nur ein kurz vorübergehender sein, umfaßte er es krampfhaft mit seinen Fingern, während er, tief unter allen lebenden Wesen, die sich droben im Sonnenscheine und linder Luft freuten, mit weiten, trockenen Augen auf die grauen Festungsmauern und den sumpfigen Graben blickte. Die erste Viertelstunde von zehn Jahren, eine fürchterliche Zeit schrecklichen, regen Denkens, in der sich alles das zusammendrängt, was man sonst nur in Tagen, Wochen, Monaten zu erleben pflegt! Eine Quintessenz jahrelangen Elends, jede Sekunde eine Reihe schleppender Stunden, jede Minute eine Ewigkeit! – Furchtbarer Gedanke, entsetzliches Gespenst, das uns noch jahrelang in stillen Augenblicken angrinst – der düstere Geist der ersten Viertelstunde von zehn Jahren. Erich glaubte wahnsinnig werden zu müssen, nachdem er das Fenster rasch geöffnet, um frische Luft herein zu lassen, als dabei das Bündel seinen Händen entfallen war, und als er hierauf mit den Fingern die schweren Eisengitter umfaßte und unwillkürlich daran rüttelte, als seine Blicke an den glatten, düstern Mauern vorüberglitten und sich seine Gedanken weite hinausschwangen um die nächste Ecke des Walles herum, dann um eine andere Ecke bis an ein Thor, das nun für ihn volle zehn Jahre verschlossen sein sollte. – Volle zehn Jahre, der beste Teil seines Lebens, jene Zeit, wo man säet, um später zu ernten, die Zeit des Lernens und Strebens, die, wenn wir sie unbenutzt vorübergehen lassen, uns mit furchtbarer Sicherheit eine trostlose Zukunft in späteren Jahren vorhersagt! – Und er mußte sie unbenutzt vorübergehen lassen, nicht weil es ihm an Lust und Liebe, an Kraft zum Lernen und zur Arbeit fehlte, sondern weil ein unglücklicher Zufall, ein Mißverständnis schuld daran waren, daß diese besten Jahre seiner Jugend nutzlos aus seinem Leben gestrichen werden sollten. – Zehn Jahre, zehnmal zwölf Monate, zehnmal dreihundert Tage! Welche Ewigkeit, nachdem die erste Viertelstunde mit so entsetzlicher Langsamkeit an seinem Geiste vorübergeschlichen war! Er setzte sich auf das schmale, ärmliche Bett nieder, er stützte die Arme auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände; er dachte an die schöne, weite Welt draußen, an Berg und Thal, Feld und Wald, leuchtend im Sonnenscheine; er dachte an seine Kindheit, an die ärmlichen Verhältnisse in dem Hause seines Vaters, und was er bisher erlebt, stand vor ihm in hellem, strahlendem Lichte, während um ihn selbst her alles trostlos finster war, während er gefangen saß zwischen steinernen Mauern, tief unter der Erde, und mit seinen düsteren Gedanken immer tiefer hinabsank, so daß zuletzt von allem Lichtglanze, der durch seine Phantasie seine Seele aufs schmerzlichste erfüllte, nichts mehr übrig blieb als ein kleiner, zitternder Stern – die Erinnerung an Blanda –, dessen stiller, trauriger Glanz ihn aber dann mit neuem, wilderem Schmerze erfüllte. So war er eine lange Zeit gesessen; er glaubte wohl, viele, viele Stunden, obgleich die Zeit ihm zuliebe nicht so freundlich gewesen war, mehr zu eilen. Da vernahm er, wie die Thür seiner Zelle geöffnet wurde und sich ihm jemand, ziemlich hart auftretend, näherte. Wer es war, konnte er bei der Dämmerung, die des sinkenden Tages wegen in der Zelle herrschte, nicht sogleich unterscheiden, blieb aber trotzdem und zu seiner größten Ueberraschung nicht länger im Zweifel, wer dieser Besuch sei, als eine laute, schallende Stimme zu ihm sprach: »Ha, ich verstehe, daß man sich so niedergedrückt und zerknirscht hier befinden kann, wohl daran denkend, seine Vergangenheit zu beweinen!« Obgleich der arme Erich lieber jeden anderen vor sich gesehen hätte, als seinen ehemaligen Vorgesetzten, den Herrn Pfarrer Wendler von Zwingenberg, so war doch die schallende Stimme desselben so passend zu den Erinnerungen aus seiner Jugendzeit, denen er sich noch vor kurzem aufs lebhafteste hingegeben, daß er nicht anders konnte, als laut schluchzend die Hand des Pfarrers zu ergreifen und sie krampfhaft zu drücken. »Ei, ei, mein Sohn,« sagte dieser mit einer etwas milderen Stimme, »ich hätte nicht geglaubt, wenigstens nicht gehofft, daß wir uns so wiedersehen würden, und wenn ich auch nicht befugt war –, Sie werden mich in dem, was ich Ihnen sage, in meiner ganzen, natürlichen Offenheit wiedererkennen –, wenn ich auch nicht befugt war, oder wenn schon eine größere Phantasie dazu gehörte, Sie mir als auf dem Wege des militärischen Avancements als weit vorgeschritten vor Augen zu bringen, so hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß unser Wiedersehen ein derartiges sein werde.« Erich wollte sprechen, wollte ihm in kurzen, überzeugenden Worten seine Unschuld versichern; doch wenn ihn auch die heftige Bewegung, in der er sich befand, nicht sogleich am Sprechen verhindert hätte, so würde er doch vor der Handbewegung des alten Geistlichen verstummt sein, sowie vor dessen rasch eingeworfenen Worten: »Ha, ich verstehe, daß Sie auch mir jene seltsame Ausrede glaublich machen wollen, mit der Sie aber vor den würdigen Mitgliedern des Kriegsgerichtes nicht bestanden sind! Wir hier sind von Ihrem Falle durch die Akten aufs vollständigste unterrichtet, und wenn ich sage: wir, so meine ich damit den vortrefflichen Herrn Kommandanten der Festung, meinen speziellen Gönner, ich möchte sagen, Freund, den Sie morgen beim Appell der Gefangenen sehen werden und der, wie ich zu Ihrem Troste sagen kann, von irgend einer Seite für Sie eingenommen worden ist. Daß ich nichts gethan habe, diesen guten Eindruck abzuschwächen, beweist mein Besuch bei Ihnen, denn – hier erhob der Pfarrer Wendler seine Stimme zum Kanzeltone – als königlicher Garnisonprediger hiesiger Festung hätte ich meine Pflicht vollkommen erfüllt, wenn ich mir am nächsten Sonntag nach der Nachmittagspredigt Ihren Namen von dem betreffenden Unteroffizier hätte nennen lassen!« »Wie danke ich Ihnen für Ihre Teilnahme, Herr Pfarrer,« sagte Erich mit Wärme, »und wenn Sie meiner in der That ohne ungünstige Rückerinnerungen gedenken, so hoffe ich, daß es mir doch noch gelingen wird, Sie, was den schwersten Teil meiner Anklage betrifft, von meiner Unschuld zu überzeugen!« »Darüber sind die Akten geschlossen,« erwiderte der Garnisonprediger in trockenem Tone, und ich darf Ihnen leider nicht verschweigen, daß das Urteil höheren Ortes vollkommen bestätigt worden ist.« »Zehn Jahre meines jungen Lebens!« rief Erich, aufs neue erschüttert, in klagendem Tone, indem er seine Hände an die Schläfen preßte – »zehn Jahre!« »Leider ist es so,« sprach der Geistliche und fuhr in jenem offiziell salbungsvoll tröstlichen Tone fort: »Und ich verstehe es vollkommen, mein junger Freund, daß dieser allerdings lange Zeitraum, besonders heute, am ersten Tage Ihres Strafantrittes, wie mit Keulenschlägen auf Ihre Seele fällt – aber Mut gefaßt und zuversichtlich aufwärts geblickt zu dem, der unsere Lose abwägt und unsere Geschicke lenkt, zu ihm, von dem wir mit christlichem Vertrauen sagen, daß er die ganz besonders liebt, welche er züchtigt – und nun,« fuhr er in seinem gewöhnlichen Tone fort, »will ich Ihnen mitteilen, daß ich heute abend schon zu Ihnen gekommen bin, um einen kleinen Lichtstrahl in Ihre Seele zu tragen, indem ich Ihnen sage, daß der Herr Kommandant gnädigst genehmigt hat, Sie hier auf der Festung mit schriftlichen Arbeiten zu beschäftigen, und daß, in der Hoffnung auf ein künftiges, streng geregeltes Betragen, ich Ihnen auch wohl gestatten könnte, zuweilen von nützlichen Büchern meiner Bibliothek Gebrauch zu machen und Sie hie und da in meinem Hause zu sehen.« – Er sagte dies in einem ziemlich trockenen Tone, wie wenn das, was er sagte, ihm gerade kein besonderes Vergnügen machte. – »Ja, in meinem Hause wollen wir Sie zuweilen sehen – in meinem Hause, welches leider das eines Witwers ist, da es dem Herrn gefallen hat, die treue Lebensgefährtin von meiner Seite zu reißen; stehe aber deshalb doch nicht ganz allein, da meine Tochter, die ebenfalls vom gleichen, harten Schicksal betroffen wurde, die Stelle der Hausfrau versieht.« »A–a–a–ah, Selma! Wie würde ich mich freuen, sie wieder zu sehen!« »Allerdings Selma, die jetzige verwitwete Frau Doktorin Schwarzer, die ebenfalls noch zuweilen an Jugenderinnerungen leidet und mich in ihrer Herzensgüte ersucht hat, Ihnen den ersten Abend Ihrer Gefangenschaft minder schmerzlich zu machen, daß ich Sie zu einem Besuche in meinem kleinen Familienkreise einlade – kommen Sie also.« Erich verließ wie im Traume die jetzt fast schon ganz dunkle Zelle und schritt unter eigentümlichen Gedanken neben dem Garnisonprediger durch die stillen, düsteren Kasemattengänge, dann eine Treppe hinauf, und als ihn droben die warme Luft des Sommerabends so wohlthätig anfächelte, erschien ihm das milde Licht des scheidenden Tages wie eine glänzende Beleuchtung und ihm war zu Mute, als steige er nach jahrelangem Aufenthalt in finstrer Zelle wieder zu lebendigen Wesen empor. Da war die Kirche und neben derselben das kleine Haus des Garnisonpredigers. Eine alte Magd öffnete die Hausthür, worauf Erich tief aufatmend hinter dem Pfarrer eine Treppe hinanstieg und dann von diesem in ein behagliches Zimmer geführt wurde, dessen breites Fenster einen freien Blick ließ über den Wall hinaus auf die weite Ebene, auf ferne, tiefdunkle Berge, die scharf auf dem goldglühenden Abendhimmel abgezeichnet erschienen. Dann trat Selma auf ihn zu, das schöne, üppig volle Weib in einem eng anschließenden, einfach grauen Kleide, ihr hochblondes Haar leicht gelöst und gelockt über den Nacken hinabfallend, reichte ihm ihre beiden Hände und sagte in einem innigen Tone: »Wenn ich Sie trotz alledem hier aufs herzlichste willkommen heiße, so können Sie mir glauben, daß dieses Wort aus einem Herzen kommt, welches vergangener Zeiten gern gedenkt und dem es Vergnügen macht, seine Freunde wieder zu sehen.« Erich fürchtete sich fast vor dem heißen Drucke ihrer Hand, vor dem leuchtenden Blicke ihrer schönen Augen. War er doch in einer Stimmung, um von allem dem mehr als je berührt und bewegt zu werden. Der plötzliche Wechsel aus der dumpfen, finsteren Kasemattenzelle in dieses behaglich eingerichtete Gemach, erfüllt vom zauberischen Reflexlichte des prächtig glühenden Abendhimmels und von dem Glanze dieser verführerischen Augen, – er mußte gewaltsam alle Erinnerungen hervorrufen aus seiner und ihrer Jugendzeit; ja, er zwang sich, und nicht ohne gehässige Farben die nächtliche Scene auf dem Posthofe, wo er Selma zum letztenmale gesehen, in seinem Innern auszumalen, um so eine Scheidewand zwischen ihr und sich aufzuführen. Bald aber, als sie eine Zeitlang um den runden Tisch beisammen gesessen, bei nun geschlossenen und verhüllten Fenstern, beim traulichen Scheine der Lampe, da glaubte er zu sehen, daß Selma so gar anders geworden sei, als sie in seiner Erinnerung gelebt und als sie auch früher gewesen war. Sie erzählte, gänzlich unbefangen in Gegenwart ihres Vaters, aus ihrem früheren Leben, aus ihrer freudelosen Ehe, wobei sie indessen weit entfernt war, sich von aller Schuld loszusprechen, wogegen sie aber ihre ganze, verfehlte Existenz dahin zurückführte, daß es ihr in ihrer Jugend versagt gewesen sei, sich ihr Glück selbst zu suchen, zu wählen und zu nehmen. Erich wurde in diesem Augenblicke durch einen Einwurf des Garnisonpredigers vollkommen in Anspruch genommen, so daß er den Blitz aus Selmas Augen sowie ihr tiefes Atmen nicht bemerkte, was beides ihre letzten Worte begleitete. »Ha, ich verstehe,« rief Selmas Vater, und muß leider bekennen, daß der starke unbeugsame Wille deiner Mutter nicht immer das richtige traf! Doch lassen wir die vergangenen Zeiten ruhen und freuen uns des Daseins im rosigen Lichte!« »Das wollen wir.« Nach ein paar Stunden, welche dem jungen Gefangenen von einem Tage, rasch wie Minuten verflogen waren, dankte er aufs herzlichste für die freundliche Aufnahme und bat um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, wobei ihm der Pfarrer trotz aller Weigerung das Geleite gab, indem er, wie er sagte, so lange für ihn verantwortlich sei, bis er morgen einer Abteilung zugewiesen werde. Im nächsten Augenblicke war denn auch das freundliche Zimmer des Pfarrhauses und die schöne Selma, die ihm mit sinnendem Blicke nachschaute, hinter ihm verschwunden und Erich hatte seine finstere Zelle wieder erreicht. Von allem Erlebten der letzten Tage wie betäubt, warf er sich auf das dürftige Lager und träumte, eingeschlafen, was er im Wachen gedacht, daß er nämlich soeben erst das Pfarrhaus in Zwingenberg verlassen und, an die schöne Selma denkend, wieder in dem engen Verschlage des Schulmeisters Wacker ruhe. – Aber es waren das finstere, beängstigende Träume, die ihn unruhig umherwarfen, und erst verschwanden, als er, mitten in der Nacht aufwachend und von seinem niederen Lager emporblickend, über dem dunkeln Rande des Walles einen hell leuchtenden, weiß glänzenden Stern stehen sah – Blandas Stern. Der zweite Tag seiner Gefangenschaft ging Erich scheinbar rascher vorüber, als die erste Minute, welche er gestern in seiner Zelle zugebracht; hatte ihm dieser Tag doch auch vieles, und gerade nichts Unangenehmes gebracht. Er war einer der Strafabteilungen zugewiesen und zu vielleicht zehn anderen in einem hellen Räume untergebracht worden; und wer diese anderen waren, er erfuhr es nicht sogleich. Ein gegenseitiges Vorstellen war hier nicht Gebrauch, und die meisten schienen es zu vermeiden, ohne besondere Notwendigkeit von ihrer Vergangenheit zu reden. Beim Appell wurde er dem Festungskommandanten vorgestellt, einem Generalmajor der Infanterie, von einer ganz außerordentlichen Körperlänge, mit einem roten, wilden Gesichte und schon ergrautem Barte; trotzdem aber hätte man sich wundern können, diesen Offizier mit dem Rufe eines tüchtigen Soldaten und im kräftigsten Mannesalter auf einem solchen Ruheposten zu sehen, denn die kleine Festung war sehr unbedeutend, wenn man nicht gewußt hätte, daß der Gouverneur derselben, früher Kommandeur einer Gardebrigade und aus einem alten, vornehmen Hause eigentlich nichts mehr und weniger war, als sein eigener vornehmster Gefangener, wozu ihn eine maßlose Heftigkeit gegen Untergebene und auch gegen Vorgesetzte gemacht. Bei der geringsten Dienstwidrigkeit, mehr aber noch bei einer Miene, die nur im entferntesten verriet, als habe der Betreffende die Absicht, selbst nur im Innern zu räsonnieren, schwoll ihm die Zornader auf der Stirn, sein Bart sträubte sich wie der eines wilden Katers, und wenn der Ausbruch des Gewitters nicht noch glücklich durch irgend etwas vermieden wurde, so folgten sich häufig Blitz und Schlag in sehr unangenehmer Weise. Im übrigen war der General Graf Semmering, wie schon früher bemerkt, ein vortrefflicher Offizier, dabei {bild} bei jovial, heiter, ein aufopferungsfähiger Freund, einer der besten Kameraden und Vorgesetzten. Da stand er, mit auseinander gespreizten Beinen, die Hände auf dem Rücken, in einem langen Militärüberrocke, ohne Epauletten, inmitten des kleinen Exerzierplatzes, der auf einer Seite von der Kommandantur, auf der anderen von der Garnisonkirche mit der Pfarrerswohnung begrenzt wurde, und lachte heiter mit dem Hauptmanne von Walter, der sich soeben bei ihm gemeldet hatte; dann, nach einer Reihe verschiedener Meldungen und Anfragen der betreffenden Offiziere, kam die Reihe an Erich, und für einen Augenblick verfinsterte sich des Lachenden Gesicht. »Ah,« rief er mit einer dröhnenden Stimme – »das ist ja wohl der berühmte letzte Bombardier, den wir das Vergnügen haben, hier unter unsere Aufsicht zu bekommen! Ein kecker Bursche, sieht aus, wie wenn er nie ein Wasser getrübt hätte; nun, wir werden schon sehen, was an ihm ist. Gerechtigkeit vor allen Dingen, mein Sohn, und in der Gerechtigkeit suche ich meinesgleichen. Führst du dich auf, wie es sich für einen vernünftigen und reumütigen Menschen schickt, gut, so werden wir dir in Gnaden gewogen sein; machst du aber auch hier deine Sprünge, so sollst du die Bekanntschaft eines guten Freundes machen, der dich schon zahm kriegen wird!« Da der General bei den letzten Worten eine Bewegung mit seiner Reitpeitsche machte, daß diese einen zischenden Laut von sich gab, so war nicht schwer einzusehen, wen er mit dem angedrohten Freunde eigentlich gemeint wissen wollte. Erich, welcher von dem wohlwollenden Unteroffizier seiner Abteilung, den General und Festungsgouverneur betreffend, aufs beste instruiert worden war, hatte bei dieser Empfangsfeierlichkeit auch nicht in Gedanken mit einer Muskel seines Gesichtes gezuckt und regungslos dagestanden, wie eine Statue, der Vorschrift gemäß, kein Auge von dem Gesichte seines Vorgesetzten abwendend, wobei es ihm eigentümlich vorgekommen war, daß der General trotz der strengen Worte, die er an ihn richtete, ihn höchst selten anblickte, sondern seine Augen meistens etwas zu fixieren schienen, was sich seitwärts von Erich und viel höher befand; ja, trotz der ernsten Worte lächelten nicht selten Augen und Mund des gestrengen Offiziers, und schließlich nahm er sein Taschentuch hervor und wischte sich auffallend und sehr langsam den langen, grauen Schnurrbart. Erich wurde durch eine Handbewegung entlassen, und als er hierauf nach der Vorschrift linksumkehrt machte, streiften seine Blicke die Garnisonkirche und das Pfarrhaus, in welch letzterem er die schöne Selma, an einem Fenster lehnend, sah. Was seine Festungsarbeiten anbelangte, so wurde er zu Schreibereien auf das Bureau der Kommandantur befohlen, und fand hier, wie auf allen dergleichen Kanzleien, keine besonders angestrengte Thätigkeit. So weit wäre er auch mit seinem Lose zufrieden gewesen, wenn er nicht begreiflicherweise gar zu häufig Stunden gehabt hätte, wo ihn in Erinnerung an seine Vergangenheit und besonders an Blanda die trostlosesten Gedanken, völlige Verzweiflung erfaßten. Was war aus ihr geworden? Er wußte es nicht. Vergeblich schrieb Schmoller für ihn an den Doktor Burbus und an Mamsell Stöckel; er hatte von ersterem keine Antwort, von der letzteren, Blanda betreffend, keine Auskunft erhalten. Mit Selma darüber zu sprechen, wagte er nicht; vermied diese es doch, so wohlwollend sie und ihr Vater sich auch sonst gegen ihn bewiesen, über Vergangenes mit ihm zu reden, besonders über Dinge, welche Zwingenberg betrafen oder gar die Bewohner der Waldburg, welche Erich auf Umwegen schon häufig in die Unterhaltung zu ziehen versucht hatte. Wenn Selma sich überhaupt stets freundlich gegen ihn benahm, so war doch in ihrem Betragen eine Zurückhaltung unverkennbar, und nicht nur in Gegenwart ihres Vaters, sondern auch, wenn sie, was häufig genug vorkam, mit dem jungen Manne allein war. Da saß dieser an einem stillen Sonntagnachmittage in seinem Schreibzimmer auf der Kommandantur, die Glocken der Garnisonkirche hatten eben ausgeklungen, und bei der tiefen Stille, die ringsum herrschte, sowie bei den offenstehenden Fenstern vernahm Erich hie und da deutlich eines der laut tönenden Worte aus der Predigt, welche der Herr Pfarrer Wendler hielt. Erich hatte einen Brief an den Doktor Burbus angefangen, in welchem er ihm sein ganzes Inneres darlegte und ihn beschwor, doch noch so viel Freundlichkeit für ihn zu haben, um ihm ein tröstliches Wort über Blandas Schicksal zu sagen. Mitten im Schreiben aber hatte ihn begreiflicherweise seine Empfindung überwältigt; er hatte das Papier mit seinen Thränen benetzt und war dann, seine Augen trocknend, aufgesprungen, um durch Hin- und Herschreiten wieder ruhiger zu werden. Dabei blickte er unwillkürlich auf den Platz hinaus und sah dort den Festungskommandanten mit einem sehr roten Gesichte und etwas hastigen Bewegungen das Pfarrhaus verlassen sowie mit langen und eiligen Schritten gegen die Kommandantur gehen. Drüben waren wegen des grellen Sonnenscheines die weißen Vorhänge niedergelassen und es regte sich auch nichts in dem Hause, was wohl begreiflich war, da sich sämtliche Bewohner in der Nachmittagspredigt befanden. ›Was aber hatte der General drüben zu thun gehabt?‹ Erich vermochte nicht, darüber nachzudenken, da er die gereizte Stimme des Generals auf der Treppe vernahm, der bei ›allen zehntausend Teufeln‹ fluchte und polternd befahl, daß der Posten vor dem Gewehre augenblicklich abgelöst und auf drei Tage in strengen Arrest gebracht werde. »Ein Kerl,« rief er, »der bei hellem Tage mit halbgeschlossenen Augen dasteht, wie ein Murmeltier!« – Dann verlangte er nach seinem Reitpferde, und Erich sah ihn kurze Zeit darauf über den Platz davonsprengen. Was mochte das alles bedeuten? Diese Frage stellte sich Erich und wiederholte sie noch erstaunter, als er jetzt bemerkte, wie sich drüben im Pfarrhause einer der weißen Vorhänge erhob und Selma dort erschien, ihm hastig winkend, herüber zu kommen. Sie hatte das zwar schon öfter gethan, doch hatte er noch nie dieser Einladung unter einem so eigentümlichen Gefühle Folge geleistet, wie gerade jetzt; drunten auf den breiten Steinen des Platzes brannte die sengende Nachmittagssonne, und als Erich aus dem Hause trat, sagte der Posten vor dem Gewehr: »Wenn der Alte nicht einen Sonnenstich gekriegt hat, so soll mich der Teufel holen! Dort kam er mit einem wilden Gesichte um die Ecke und glotzte mich an, wie wenn er mich beißen wollte; da habe ich vielleicht auch die Augen geschlossen, das ist möglich – nun, mir ist es gleichviel, im Arrest in der kühlen Kasematte ist es besser als hier im Sonnenscheine!« Es war aber auch eine drückende Hitze auf dem Platze zwischen den heißen Mauern, und rings nichts Lebendiges zu sehen, als unzählige summende Bienen, schwärmend um die mächtige Linde, die still träumend vor der Kirche stand und vielleicht der Stimme des Herrn Pfarrers Wendler lauschte, dessen Worte man deutlich vernahm: »Ha, ich verstehe – daß es euch schwer wird, daran zu glauben, um wieviel leichter – ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe – als – Reicher – will sagen, Gottloser – Himmel – komme.« »Kommst du, Erich?« fragte Selma oben an der Treppe, als der junge Mann in dem kühlen Hause stand und die Thür hinter sich ins Schloß gedrückt hatte. »Hänge die Kette vor und komme herauf.« Stärker klopfte ihm das Herz, als er die Treppe hinanstieg und nun in das verdunkelte Zimmer trat, wo Selma, leicht und weiß gekleidet, mit heftigen Schritten auf und ab ging. »Es ist ein Glück,« rief sie ihm entgegen, ohne ihren Spaziergang zu unterbrechen, »daß Sie gerade drüben waren, daß ich Sie rufen konnte und daß Sie gekommen sind – ach was, Sie, warum soll ich ›Sie‹ sagen, setzte sie leidenschaftlich hinzu, indem sie vor ihm stehen blieb, ihre beiden Arme auf seine Schultern legte und die Finger in seinem Nacken mit einer krampfhaften Bewegung zusammenflocht – warum soll ich ›Sie‹ zu dir sagen, da wir uns doch so lange und so gut kennen, auch, wenn ich nicht irre, früher – einmal wenigstens ›Du‹ zu einander gesagt haben – ist's nicht so, mein Erich?« – Sie legte ihr Haupt an seine Brust, und es war ihm, als hörte er sie schluchzen. – »Und wenn es auch nicht gewesen wäre, so müßte ich doch zu dir ›Du‹ sagen, um mit dir zu sprechen, wie ich will, und weil ich dich einmal herzlich geliebt habe und noch liebe! Du dagegen hattest mich wohl ganz vergessen,« fuhr sie fort, nachdem sie ihr Haupt emporgehoben und ihn mit thränengefüllten Augen ein paar Sekunden lang angesehen – »ja du hattest mich vergessen, bei anderen vergessen, und ich nehme dir das nicht übel, denn die Zigeunerin war schön und wußte nicht nur Knabenherzen, sondern auch die Herzen gereifter Männer anzuziehen – und die andere, o, die andere ist noch viel schöner und gefährlicher, weil sie feiner war und reiner!« »Aber, Selma, sagte er mit erregter Stimme, während er sanft versuchte, ihre Finger in seinem Nacken zu lösen, was ihm auch gelang – »was soll das alles? Haben Sie mich deshalb herüber gerufen, um mir das zu sagen?« »Ja, ja – und um dir noch mehr zu sagen, um mit dir zu reden, Erich, wie ich mit dir reden muß, weil ich nicht anders kann; aber ich will es ruhig thun, nicht leidenschaftlich. Deshalb setze dich dort in die Ecke des Sofas, während ich mich in die andere setze, weit genug von dir entfernt, um nicht einmal meine Hand in die deine legen zu können – so – nun höre mich ruhig an, nachdem ich dir noch einmal wiederholt, daß ich dich innig, herzlich, glühend, leidenschaftlich liebe, und daß ich unglücklich sein werde, gänzlich verloren, wenn ich fühlen muß, daß du mich ganz vergessen hast! Vor dir, soeben, war ein anderer Besuch bei mir – hier in diesem Zimmer.« »Ich weiß es,« sagte Erich ruhig; »ich sah den Herrn General, kurz zuvor, als Sie mich riefen, das Haus verlassen.« »Du sagst das in sehr ruhigem Tone.« »Weil – weil – der Herr General mir nichts weniger als ruhig erschien, vielmehr sehr unangenehm erregt.« »A–a–a–ah so,« entgegnete Selma, wobei ein freudiger Strahl in ihren Augen zuckte – »er hatte Ursache dazu, mich unzufrieden zu verlassen – und daß er mich so verließ, daran trägst du die Schuld, Erich, und es liegt in deiner Macht, ihn unzufrieden zu erhalten, mich aber zufrieden und glücklich zu machen – zufrieden, glückselig, wenn du mich lieben, wenn du mein sein willst – höre mich ruhig an, ich verlange ja nichts Unrechtes von dir; durch den Tod meines Gatten bin ich frei, wie du es ja auch bist.« »Ich, Selma?« fragte er mit einem traurigen Lächeln – »ja frei, vielleicht nach zehnjähriger, zerstörender Festungshaft!« »Ja, ja, daran denke wohl,« erwiderte sie mit leuchtenden Augen, indem sie sich, ohne ihren Platz zu verlassen, gegen ihn neigte – »daran denke wohl und sei überzeugt, daß man dir nach dem, was du begangen, von diesen zehn Jahren auch nicht eine Stunde schenken wird. Denke, Erich, zehn lange Jahre deiner schönsten Jugendzeit, zehn Jahre in diesen trostlosen Mauern, die mehr als hinreichend sind, um tiefe Furchen in dein schönes, liebes Gesicht zu graben, vielleicht dein krauses Haar zu bleichen; ich habe Aehnliches gehört aus den Erzählungen meines Vaters, wie die Langeweile, die Hoffnungslosigkeit, die Sehnsucht nach der schönen Welt draußen bis zum Lebensüberdruß sich steigern und fast wahnsinnig machen kann – das könnte, das müßte auch deine Zukunft sein, wenn ich dir keine andere böte!« »Du, Selma?« fragte er verwundert, aufmerksam werdend, und dabei erregt durch den heißen Atem ihres Mundes, den er deutlich fühlte, wenn sie sprach, da sie sich immer mehr gegen ihn geneigt hatte und ihr dichtes Haar schon an seiner Schulter ruhte. »Ja, ich will dich frei machen, hoffentlich auch glücklich, wenn du mir folgen und dein Schicksal unauflöslich an das meinige schließen willst – ich bin vollkommen selbständig,« fuhr sie hastig fort, indem sie ihre Blicke in die seinigen versenkte – »und ich liebe dich – das Vermögen meiner Mutter sowie das – sowie seines ist unbestritten in meinen Händen – meinem Vater bin ich eine Last, und ich sehne mich nach Freiheit – mit dir!« »Verstehe ich dich recht, Selma?« »O, du mußt mich verstehen – zwei Stunden von hier ist die Grenze; für deine ungehinderte Flucht bin ich zu sorgen imstande, und dann soll es uns ein Leichtes sein, in ein freies, unabhängiges Land zu gelangen, wo wir vereint unserer Liebe und unserem Glücke leben können!« »Glück, Selma, und Liebe?« erwiderte er, sie erschreckt und starr anblickend. »Ja, allerdings, ohne Liebe wäre kein Glück möglich – und gerade das fühle ich schmerzlich!« »O, Erich, du hast mich einstens geliebt, ich weiß das genau, und auch du kannst es nicht vergessen haben und darfst es nicht vergessen – wohl aber anderes, was für dich unerreichbar ist! – Wenn die Mitteilung, die ich dir zu machen habe, grausam klingt, so ist sie doch zu deinem Glücke, so zerstört sie eine Hoffnung, um dich vielleicht der Freiheit rascher entgegen zu treiben – du forschtest bei uns schon öfters nach dem Schicksale Blandas, nicht direkt, aber durch Umwege und Anspielungen.« »Und was weißt du von ihr?« fragte Erich mit bebenden Lippen. »Ich weiß von ihr, daß sie glücklicher ist, als du, und daß sie sich willig und zufrieden in ihr Glück findet; ich weiß, daß sie auf der Waldburg ist, geliebt und hochgeehrt, weil ein Zusammentreffen seltsamer Umstände sie erkannt werden ließ als die Enkelin des Grafen Seefeld.« Blanda – Blanda!« »Ich weiß, daß sie dem Wunsche des alten Grafen nachgeben wird, um die Frau von dessen Neffen Dagobert zu werden.« »Blanda – Blanda!« Dieses Mal klang dieser Ausruf, statt freudig erregt, wie soeben, schmerzlich traurig, während Erich seine beiden Hände vor das Gesicht preßte und tief erschüttert dasaß. – »Verloren – verloren!« Tiefer Orgelton, der von der Kirche herüberdrang, war wohl schuld daran, daß sich sein Schmerz um Blanda in linde Wehmut und Thränen auflöste, wirkte aber auf Selma in ganz anderer Art; sie näherte sich Erich, sie schlang ihren Arm um seinen Hals, sie küßte ihn sanft auf das krause Haar und sagte zart, aber doch dringend: »Entschließe dich, Erich, entschließe dich zu deinem Glücke, und was geschehen soll, muß bald geschehen; entschließe dich, statt in zehnjähriger Gefangenschaft dein junges Leben hoffnungslos zu vergeuden, in meinen Armen frei und glücklich zu sein!« »O, Selma – entschlossen bin ich und kann nicht anders!« rief er, hastig aufspringend. »Laß Blanda geliebt und hochgeehrt, ja, glücklich als Gattin des Mannes leben, der mich so grenzenlos unglücklich gemacht, laß es wahr sein, daß die zehnjährige Haft meine besten Kräfte verzehrt und mich früh alt werden läßt, ich will doch aushalten, was über mich verhängt ist, und wäre es auch nur, um den guten, fleckenlosen Namen meines Vaters in Ehren zu halten, da ich doch sonst nichts mehr thun kann, um seinen heißesten Wunsch zu erfüllen!« »Erich, du bist grausam und undankbar!« »Gewiß nicht, Selma!« antwortete er, ihr näher tretend und sanft ihre beiden Hände ergreifend. Ich sage dir heißen, heißen Dank für deine Teilnahme und will dir diese Dankbarkeit Zeit meines Lebens, so viel in meinen Kräften steht, beweisen; aber ich kann nicht zu meinen anderen Vergehen noch das schimpflichste der Desertion fügen – ich kann und will nicht!« Das schöne, vor Aufregung glühende Weib hatte seine beiden Arme umklammert und rankte sich langsam bis zu seiner Brust empor, wo sie ihren schwer atmenden Busen fest auf sein Herz drückte und mit zitternden Lippen und halb geschlossenen Augen {bild} sagte: »Wenn du nicht mit mir fliehen willst, Erich, so – liebe – mich – und sei es auch nur aus Barmherzigkeit!« »Ich habe nur einmal geliebt, Selma, und kann trotz alledem dieser Liebe nicht entsagen!« »Du liebst Blanda!« »Ja, ich liebe sie und werde sie lieben, obgleich ich weiß, welch tiefe Kluft mich für immer von ihr trennt!« »Amen!« klang es deutlich von der Kirche herüber, wie Erich wenigstens glaubte, aber so klar und hörbar, daß Selma erschreckt aufblickte, um gleich darauf mit einem lauten Schrei in das Sofa zurückzusinken. Es stand jemand unter der Thür, der mit einem eigentümlichen Lächeln sagte, er habe ein paarmal vergeblich angeklopft und müsse schon dieser unwillkommenen Störung wegen um Verzeihung bitten.« »Herr Doktor Burbus!« »Ja, mein Junge, ich bin es,« sagte der alte Mann gerührt, obgleich er sich durch einige Grimassen Mühe gab, diese Rührung nicht merken zu lassen – »ich bin es und gekommen, um dich aufzusuchen; schon am Thore dieser kleinen Festung, die so still und öde ist, wie ein verwunschenes Schloß, forschte ich nach dir und erfuhr, daß du wahrscheinlich auf einem der Bureaux der Kommandantur sein würdest, von dort aber habe man dich in dieses Haus eintreten sehen, und da versuchte ich mein Glück und kam auch richtig zum Ziele, dich zu finden und zugleich unsere Bekanntschaft aus früherer Zeit zu erneuern. – Nichts für ungut,« wandte er sich an Selma, indem er ihr treuherzig die Hand reichte; »wir Aerzte sind wie die Geistlichen, welch letztere ich sehr genau kenne, wir sehen und hören je nach Bedürfnis, und hier, kann ich Ihnen versichern, hörte ich nur sehr Erfreuliches, weshalb ich mir denn auch erlaubte, so recht von Herzen ›Amen‹ zu sagen.« »Mein Vater wird sich recht freuen, Sie zu sehen, Herr Doktor,« sagte Selma, nachdem sie nur sehr kurze Zeit gebraucht, sich vollständig zu fassen und zu sammeln – »wie oft sprechen wir von den Bekannten auf Zwingenberg – er kommt soeben aus der Kirche,« fuhr sie fort, indem sie ans Fenster eilte und dort die kalten Scheiben benutzte, um ihre heiße Stirn etwas daran zu kühlen. Gleich darauf trat der Garnisonprediger in seinem langen, schwarzen Predigerrocke in das Zimmer und hob beim Anblicke des Doktors Burbus seine Hände erstaunt in die Höhe, wobei er sich ziemlich unlogisch seines Lieblingsausdruckes: ›Ha, ich verstehe!‹ bediente, denn er verstand in Wahrheit durchaus nichts von der Anwesenheit Erichs sowie des Doktors Burbus. Letzterer aber bemühte sich alsbald, ihm seine Ankunft als eine glückbringende für den jungen Gefangenen zu erklären, und übergab ihm Papiere, aus denen der Pfarrer deutlich sah, daß Erich Freiberg infolge weiterer Aufklärungen, die dem hohen Corpskommando übermittelt worden, auf ganz besonderen Befehl Sr. Königlichen Majestät begnadigt worden und sogleich in Freiheit zu setzen sei. Es ist dies eine zuweilen vorkommende Art, einen begangenen Justizfehler wieder gut zu machen, ohne diesen Fehler eingestehen zu müssen. »Ha, ich verstehe!« rief der Pfarrer, jetzt mit etwas größerem Rechte, obgleich er das Vorgefallene mit seinen Folgen noch immer nicht so gut verstand, als seine Tochter Selma, welche Erichs Hand ergriff und ihm mit bewegter Stimme sagte: »Ich freue mich, daß Sie frei geworden sind; leben Sie wohl und denken Sie mit Freundschaft an mich!« Damit verschwand sie aus dem Zimmer, welches auch Doktor Burbus und Erich bald darauf verließen, um sich zum Festungsgouverneur zu begeben, der soeben in langsamem Schritte beim Pfarrhause vorüber von seinem Spazierritte kam und, nachdem er dort einen Augenblick gehalten und mit Selma ein paar flüchtige Worte gewechselt, viel besser, ja, heiter gelaunt erschien. Er empfing die notwendigen Papiere aus den Händen des Doktors Burbus und war wohlwollend genug, seine Freude über die glückliche Wendung von Erichs Schicksal auszusprechen, worauf er lachend hinzufügte: »Und da Sie nun nichts mehr bei uns zurückhält, so werden Sie diesem unheimlichen Orte so bald als möglich den Rücken kehren. Viel Glück auf die Reise!« Nur einen einzigen Besuch hatte Erich noch zu machen, nachdem er seine wenigen Habseligkeiten zusammengebunden und mit sich genommen, und zwar bei seinem Freunde Schmoller, der drunten in der Festung in der Artilleriekaserne wohnte und wohin ihn Doktor Burbus gern begleitete. Doch hatten sie kaum ein Drittel des Weges zurückgelegt, als ihnen der Unteroffizier schon mit langen, hastigen Schritten entgegen kam, das Gesicht gerötet und vor Freude strahlend. »Da bist du ja,« rief er schon von weitem – »und weißt schon alles?« »Alles, alles, und du kannst dir denken, wie glücklich ich bin!« »Du weißt, daß du frei bist?« »O, gewiß!« »Auch, auf welche Alt deine Unschuld an den Tag gekommen ist?« Erich schaute fragend auf den Doktor Burbus, der, mit den Achseln zuckend, lächelnd sagte: »Ich hätte dir das alles nachher umständlich erzählt, doch will ich deinem Freunde die Freude nicht verderben.« »Man fand nämlich,« rief Schmoller mit einem vor Entzücken fast weinerlich grinsenden Gesichte, daß die Kugel, welche auf den Grafen Seefeld abgefeuert wurde, viel zu groß war für den Lauf meines, deines, unseres Terzerols – o jeh, o jeh, Erich, ich möchte wie ein Kind weinen!« Erich drückte ihm stumm die Hand, worauf der brave Schmoller nun mit wirklich nassen Augen fortfuhr: »Also mußte jemand anders den Schuß abgefeuert haben – und wer das gewesen ist, weiß ich auch.« »Sie?« fragte der Doktor verwundert. »Ich – ich – bis jetzt hier noch ganz allein, aber bald werden es alle wissen, denn es soll kein Geheimnis bleiben – wie mir hier meine Braut, wie mir Fräulein Stöckel schreibt, ihr Bruder, der Förster vom Jagdschlößchen, hat es selbst beim Auditeur angegeben; sein Sohn, der arme Joseph, ist euch in jener Nacht nachgeschlichen, und als er hinter dem Posthause versteckt, mit ansah, wie Blanda mit Gewalt in den Wagen gehoben wurde, schoß er auf den Grafen Seefeld.« »Gott sei gelobt,« sagte Doktor Burbus erschüttert, »daß alles dadurch so vollkommen klar geworden! Mich dauert nur der Unglückliche!« »Mich dauert der Vater, denn den Sohn haben die Aerzte für gänzlich irrsinnig und deshalb für unzurechnungsfähig erklärt. – Du aber,« fuhr Schmoller, heiter gegen Erich gewandt und dessen kleines Bündel betrachtend, fort, »hast dich in aller Schnelle reisefertig gemacht, und das kann ich dir nicht übelnehmen.« »Mein Wagen hält vor dem Wirtshause drunten,« sprach der Doktor, »und nach einem Abschiedstrunke, wozu ich den Herrn Unteroffizier Schmoller freundlichst einlade, wollen wir unsere Fahrt antreten.« »Der Herr Unteroffizier« – Schmoller sagte dies mit einem pfiffigen Lächeln – »bedauert sehr, diese Einladung nicht annehmen zu können; doch wird« – hier machte er eine auffallende Schwenkung nach rechts und ließ den geraden Degen mit dem neuen, glänzenden Offiziersportepee sehen – der Herr Feldwebel Schmoller mit großem Vergnügen die Ehre haben, dieser Einladung zu folgen.« »Zugleich mit unserem herzlichsten Glückwunsche!« Wie schmeckte unter der kleinen Laube im Hofe des Posthauses der kühle Wein in den kalten, dunstig angelaufenen Gläsern, mindestens dem Doktor Burbus und dem jungen Feldwebel, während Erich, von einer ihm selbst unerklärlichen, anderen aber, sehr begreiflichen Unruhe getrieben, kaum von dem Weine genoß, um sich gleich darauf wieder von dem Tische zu entfernen, an dem er sich soeben erst niedergelassen; dann betrachtete er, tief aufatmend und mit einem Blicke voll Sehnsucht, durch die wehenden Ranken der Laube hindurch den tiefblauen Himmel, um gleich darauf den Wagen, der Doktor Burbus hierher gebracht hatte, zu umkreisen, ein solides, aber trotzdem elegantes Fahrzeug, das mitten im Hofe stand, frischer Postpferde gewärtig. Erich faßte mit den Händen die Räder, ließ seine Finger über das glänzend lackierte Leder gleiten und hätte gern seine heißen Wangen daran gekühlt, um alsdann den Wagenkasten selbst auf seinen Federn leicht schaukeln zu lassen und jetzt mit einem wahrhaft kindischen Entzücken das kleine, zierliche S mit der Grafenkrone darüber an dem Schlage zu entdecken. »Mir pressiert es eigentlich nicht so sehr,« lachte der Doktor auf eine Frage Schmollers herüber, »und wenn Erich es vorzieht, die Nacht hier zu bleiben, so habe ich nichts dagegen einzuwenden.« »Ich?« erwiderte der junge Mann fast bestürzt. »O nein, ich ziehe es gewiß nicht vor, da zu bleiben, und wenn Sie erlauben, sehe ich, wo der Postillon so sehr lange steckt!« Darauf verschwand er eilig, um gleich nachher in Begleitung des Gesuchten und der Pferde zurückzukehren, aber als diese angespannt wurden, verließ Erich seine Unruhe nicht, und er trat zuweilen an das Hofthor, um sich mit großer Zufriedenheit in der gänzlich menschenleeren Straße umzuschauen. Endlich saß der Doktor im Wagen und endlich durfte Erich folgen, nachdem er noch vorher den guten Schmoller stürmisch an sein Herz gedrückt; dann rollte der Wagen zum Hofe hinaus, an den stillen Häusern vorüber, wo nur hie und da, von dem Tone des Posthorns angelockt, sich ein gelangweiltes Sommersonntagnachmittagsgesicht sehen ließ. Draußen zwischen den Festungswerken war es schon lebendiger und teilnehmender; wie klang der dumpfe Widerhall unter den gewölbten Thoren, wie geheimnisvoll klirrten die Ketten der Zugbrücken und welch gutmütig polternden Gruß riefen die zitternden Bohlen der langen Brücken dem enteilenden Flüchtlinge nach – und draußen in der weiten Landschaft, beleuchtet vom Abendscheine war es erst so schön und herrlich, daß Erich nicht anders konnte, als die Hand des Doktors ergreifen, um heiße Thränen darauf zu weinen. Dann erzählte dieser, als sie auf einer geraden Straße durch die endlos scheinende Fläche rollten, einiges von dem, was sich in den letzten Wochen zugetragen – manches verschwieg er auch, und schließlich sagte er zu Erich: »Und so bist du denn einer der freiesten und hoffentlich auch glücklichsten Menschen, welche es auf dieser Welt gibt, verschiedene Wege stehen dir offen, um etwas Tüchtiges zu werden. Da ist dir zum Beispiel von dem Brigadekommando gnädigst gestattet worden, sogleich wieder in die Schule einzutreten, um deine Studien zu vollenden.« »Nein, nein!« rief Erich mit einer abwehrenden Handbewegung. »Man ist aufmerksam auf dich geworden, man will dir wohl, und du kannst versichert sein, daß dir der Weg zu den Epauletten thunlichst abgekürzt wird.« »O nein, o nein, ich will lieber alles andere ergreifen, ich will auf einem Bauernhofe arbeiten oder zu einem Förster in die Lehre gehen!« »Wenn du aber Offizier würdest, teurer letzter Bombardier, so hast du mächtige Freunde, die dich in jeder Hinsicht unterstützen und für dein rasches Fortkommen sorgen würden.« »O, nein, auch unter diesen Aussichten nicht!« »Du weißt,« fuhr der Doktor achselzuckend fort, »daß deine ehemalige Freundin jetzt eine sehr reiche und vornehme Dame geworden ist; vielleicht daß es ihr später weniger hart sein würde, sich deiner Freundschaftlichkeit zu erinnern, wenn du durch Degen und Epauletten auch so etwas wie ein halb vornehmer Mann geworden wärest.« »Wenn mich Blanda später, wenn wir uns vielleicht einmal wieder sehen sollten, nicht wiedererkennen würde, weil ich den Arbeitsrock oder die graue Joppe trüge, so wäre auch nichts daran verloren.« »Gut denn, so gehen wir zum Bauernhofe und zum Walde über.« »Zu meinem Heile, zu meinem Glücke,« gab Erich eifrig zur Antwort und hörte mit stiller Seligkeit zu, wie ihm alsdann sein väterlicher Freund einen wohl überdachten Studienplan in der ruhigen Art und Weise, die ihm eigen war, entwickelte. Er sollte während eines oder zweier Jahre eine der großen landwirtschaftlichen Akademien besuchen, und sich auch praktisch mit den Forstwissenschaften bekannt machen, dann irgendwo, wenn er etwas Tüchtiges gelernt habe, die Verwaltung großer Güter, vielleicht später einmal einen Teil der gräflich Seefeldschen übernehmen – denn dem alten Grafen, Herrn Christian Kurt, bist du großen Dank schuldig, da dieser es ist, der aufs reichlichste die Mittel zu deiner Ausbildung angewiesen hat.« »O, wie dankbar werde ich ihm sein,« rief Erich in schwärmerischer Begeisterung – »und vor allen Dingen Ihnen, mein edler, teurer Freund, ohne den sich alles das nicht so glücklich gefügt hätte! O übermitteln Sie vorläufig dem Herrn Grafen meinen heißen Dank und sagen ihm, wie fest ich entschlossen bin, mich seiner Güte würdig zu erweisen! Vielleicht darf ich es ihm später selbst wiederholen, und dann – dann – vielleicht auch Blanda wiedersehen, wenn sie in ihren neuen Verhältnissen, an der Seite eines hoffentlich geliebten Gatten mich nicht ganz vergessen hat.« »Hm,« machte der Doktor mit hoch emporgezogenen Augenbrauen, indem er Erich von der Seite ansah, von einem Gatten Blandas ist mir vorläufig nichts bekannt, und möchte wohl erfahren, woher du diese Wissenschaft hast.« »Selma sprach mir davon.« »Sie sagte, Blanda würde sich verheiraten?« »Ja, mit ihrem Vetter, dem Grafen Dagobert Seefeld.« »Dummes Zeug,« brummte der Doktor – »eher noch mit mir! Das allein Wahre an der ganzen Geschichte ist, daß sich Graf Dagobert Seefeld zu verheiraten gedenkt, aber nicht mit Blanda, sondern mit einer Gräfin Klothilde Haller.« Darauf drückte sich der Doktor in eine Ecke des Wagens und lächelte in sich hinein, wie man zu lachen pflegt, wenn man über eine Idee, über ein Projekt nachdenkt, das uns außerordentlich viel Vergnügen verspricht. Ach, es war ein herrlicher Abend, durch den der glückliche Erich fuhr, Konzert im Grase, Konzert in den Büschen; lustig singende Vögel und schrillende Cikaden wurden durch den melodisch zusammenstimmenden Ruf der Frösche in entfernten Teichen abgelöst, und diese verstummten dann später wieder aus Ehrfurcht und Zuneigung vor der süßen Stimme der schluchzenden, klagenden Nachtigall. Dabei träumt es sich so süß, wenn man aufwärts blickt an den nach und nach dunkler werdenden Nachthimmel, wo, wie unseren lebhaften Gedanken folgend, immer wieder neue Sternbilder hervorspringen und so unsere Phantasien aufs glänzendste verwirklichen. – – Erich träumte von einer glücklichen Zukunft, die er sich aber selbst begründet hatte durch einen ungeheuren Fleiß, durch eine so riesenhafte Ausdauer im Lernen und Arbeiten, daß er nach kaum beendigter Lehrzeit von mindestens einem Dutzend reicher Gutsbesitzer, mit deren Söhnen er studiert, unter allen ihm beliebigen Bedingungen gewonnen werden wollte. Doch war es nur das Gefühl der Dankbarkeit, welches ihn antrieb, seine Zeugnisse und diese Schreiben dem guten Doktor Burbus einzusenden, ihn für sich wählen zu lassen oder sich ihm sonst gänzlich zur Verfügung zu stellen. Natürlich wurde er hierauf für die Seefeldschen Güter erworben, und da konnte es dann nicht fehlen, daß er an einem schönen, duftigen Morgen, während er die Waldungen besichtigte, und merkwürdigerweise gerade an der Stelle, wo er damals von dem gräflichen Jäger gefangen genommen worden war, Blanda begegnete, die, schöner und lieblicher geworden, als sie selbst vor seiner treuen Seele gestanden, ihm entgegenstürzte, seine beiden Hände ergriff, um gleich darauf willenlos an seiner Brust zu ruhen und ihm zuzuflüstern, daß sie ihn jetzt nimmer, nimmer von sich lasse. Man erlebt oft merkwürdige Dinge im wirklichen sowie im wachen Traume, und hier, am Schlusse unserer Erzählung vom letzten Bombardier angekommen, dürfen wir den geneigten Leserinnen, die sich für dergleichen ganz besonders interessieren, die Versicherung geben, daß Erichs Traum nicht nur beinahe buchstäblich in Erfüllung gegangen ist, sondern auch zu seinem und Blandas Glück und Heil. Für solche unserer geneigten Leser aber, die sich nicht begnügen wollen, an Träume zu glauben, deren Erfüllung wir auch noch so feierlich garantieren können, für Leser, die gern alles Schwarz auf Weiß besitzen, wollen wir noch ein paar Bruchstücke mitteilen aus Briefen der Gräfin Klothilde Seefeld an ihre Freundin Blanda sowie aus einer Antwort von Blanda Freiberg an die Gräfin Klothilde Seefeld, zwei Bruchstücke von Briefen, welche eigentümlicherweise im Anfange und am Ende von einer merkwürdigen Aehnlichkeit sind, obgleich der Inhalt gänzlich verschieden ist. ›Meine teure, inniggeliebte Genoveva‹ schrieb die Gräfin Seefeld, ›ich habe es denn in diesem Frühjahre trotz alledem wieder durchgesetzt, das reizende Baden-Baden zu besuchen – warum auch nicht? Was kann ich dafür, daß Dagobert diesen lieblichen Ort mit seinen angenehmen gesellschaftlichen Verhältnissen unleidlich findet! Ich zwinge ihn ja nicht, mich zu begleiten, lasse ihm überhaupt seinen freien Willen so largement , als er es von einer vernünftigen Frau nur verlangen kann. Ob es für ihn behaglich ist, daß gerade ich seine Frau geworden bin, will ich nicht behaupten, verschweige ihm das auch nicht bei den häufigen peinlichen Scenen, die er mir macht, und nahm noch bei meiner Abreise vor ein paar Tagen Veranlassung, von ihm mit dem großen Worte zu scheiden: Tu l'as voulu, Georges Dandin ‹ Blanda Freiberg aber schrieb an ihre Freundin: ›Ich habe es in diesem Frühjahre trotz alledem durchgesetzt, daß mich Erich mit auf das alte Försterhaus nehmen mußte, in dessen Nähe er großartige Sägemühlen anlegt, ja, ich habe nicht eine meiner Frauen mitgenommen, um so recht mit ihm den stillen Aufenthalt, in unserem herrlichen heiligen Walde genießen zu können. Dabei ist er wahrhaft komisch in seiner rührenden Sorgfalt, wenn ich mit ihm durch Dick und Dünn reite, auch bei beschwerlichen Wanderungen durch unwegsame Gründe, die er zu machen hat und wobei ich ihn so gerne begleite, oder wenn uns ein trüber Regentag in die engen Zimmer bannt, und ich mir alsdann ein Vergnügen daraus mache, für unseren kleinen Mittagstisch selbst zu sorgen. Könntest Du von Deinem eleganten Baden das nur einmal mit ansehen, gewiß, Du würdest lachen, wenn Du die ernste Miene sähest, mit der Erich meine feinen, weißen Hände betrachtet, oder ihn hören, wenn er so recht kummervoll mit einem tiefen Seufzer sagt: Du hast es gewollt, mein liebes Herz! ›Ja, ich habe es gewollt, ich sehe dadurch meine süßesten Wünsche in Erfüllung gehen und bin so glücklich geworden, wie ich nie, nie hoffe»konnte, es zu werden!‹ –