Jakob Julius David Die Hanna Der neue Glaube Die Stube war sehr enge und niedrig, und es roch nicht gar gut darin, nach lauwarmem Wasser, nach gewürzigen Heiltränken und allem Zubehör eines Wöchnerinnenzimmers. Ein Stück schlechte Leinwand war vor das eine Fenster getan worden, damit die Sonne keinen Zugang zu dem frühverblühten und verhärmten Frauenangesicht finde, das müde und bleich auf buntgestreiften Kissen lag. Neben dem Bette stand ein Kinderwägelein, und darüber beugte sich Herr Johannes Sommermeyer und vergaß im seligen Anschauen des Neugeborenen alles, was die kleine Wohnung noch unwirtlicher erscheinen ließ, als sie sonst schon war. »Es ist ein schönes Kind, Johanne«, begann er endlich, nachdem er sich am Anblicke des kleinen Wunders genugsam ersättigt hatte, um auch Worte für sein Glück finden zu können. »Es hat lange auf sich warten lassen; aber es ist ein schönes Kind und hat braune Augen. Und ich denke, wir geben ihm einen recht ansehnlichen Namen, der auch dann noch paßt, wenn es zu etwas gekommen ist in der Welt. Glaubst du nicht auch, Johanne?« »Das stünde ihm wohl an, aber man könnte es uns leicht wie Hoffart auslegen«, flüsterte das blasse Weib. »Du solltest vielleicht doch lieber nicht sprechen, Johanne«, unterbrach sie der Mann. »Auch brauchen ja gerade armer Leute Kinder einen mächtigen Fürsprech im Himmel. Wir wollen ihn Andreas taufen. Das ist ein gar vornehmer Heiliger gewesen; man hat selbst Könige nach ihm genannt, und sogar unser Herr Bürgermeister heißt so. Am Ende, wenn ich ihn nämlich recht bitte, steht er mir vielleicht zu Pate; er kann mich wohl leiden und hat erst gestern meine saubere Handschrift über die Maßen gelobt. Glaubst du nicht auch, er tut's, Johanne?« »Du dienst ihm lange genug, daß du dir eine Freude bei ihm verdient haben könntest«, entgegnete sein Weib. »Sie redet mir schon wieder«, seufzte der Schreiber bekümmert. »Du solltest es doch lieber lassen; schon dem Kleinen zuliebe. Der soll mir was Rechtes werden! Wir werden ihn zum Studium geben, und müßten wir's uns abknappen - ich weiß freilich nicht, wo. Aber wenn er brav ist und der Herr Bürgermeister will sich seiner annehmen, dann kann er's schon vorwärtsbringen. Freilich, geistlich darf er mir nicht werden. Sonst könnte er ja nicht heiraten - und das soll er doch, was, Johanne?« »Das auch sonst nicht, soviel an mir liegt. Man spricht nicht gar zu gut von ihnen«, entschied die junge Mutter. Herr Sommermeyer sah sich ängstlich um. »Red nichts, davon schon gar nichts. Aber er darf uns auch nicht Arzt werden. Wir haben nur zu oft ein großes Sterben im Lande. Er soll ein Rechtsgelehrter sein. Und wenn er es dann recht hoch gebracht hat und ich bin sein Schreiber - und er ist ein gutes Kind und wird mich nicht hart anlassen, wenn ich etwas nicht so mache, wie ich sollte - und die Leute ziehen auf der Gasse den Hut vor ihm, dann wollen wir Gott lobpreisen und alles vergessen, was in unserem Leben nicht just so war, wie es sein gesollt hätte. Gelt, Johanne?« »Vielleicht nimmt er uns gar zu sich. Warum sollst du dich dein Leben lang plagen müssen?« meinte die mutigere Frau. »Daß die Weiber einmal nicht schweigen können! Oder nicht doch wenigstens klüger reden! Als ob das nur so ginge! Er wird doch ein Weib nehmen, und ein reiches und schönes noch dazu. Paßten wir ihm denn nachher noch? Das geht durchaus nicht, das mußt du ja einsehen. Oder begreifst du nicht einmal das, Johanne?« »Wir wollen's nehmen, wie Gott es schickt«, hauchte sie. Beide versanken in Betrachtung. Und während sie so angesichts der Wiege träumten, da drang ein behender Sonnenstrahl durch einen Riß des Vorhanges. Etwas wie Licht kam mit ihm in die Armseligkeit des engen Raumes – ihnen beiden aber wurde, als weiteten sich die engen Mauern und eine Zukunft voll Glanz bräche herein für sie, zumeist aber für dieses Kind ihres Alters ... An einem stillen Spätsommertage, an dem die Blätter so leise und sacht durch die unbewegte Luft herniederfielen, als sehnten sie sich, alles Grünens und Blühens müde, nach der endlichen Winterruhe, führte Herr Andreas Aestuarius Ungenaue Latinisierung von Sommermeyer. das Weib seines Herzens in das Heim, das er sich und ihr zubereitet hatte. Es lag nahe dem Marktplatze der ansehnlichen Stadt, zu deren Richter er kaum ernannt worden war. Von ihren Fenstern aus konnten die Jungvermählten die Burg des Landesherrn sehen, sie hatten die Leute vor Augen, die zur Kirche gingen, und alles war geräumig und wohlbestellt. Während er aber Frau Reginen mit Stolz durch die Gemächer geleitete, die wohl wert waren, der Tochter eines adeligen Geschlechtes zum dauernden Aufenthalte zu dienen, schwellte ein starkes Gefühl der Selbstzufriedenheit seine Brust, und ihm wurde, als wäre das dumpfe Leid seiner Knabenjahre ganz und für immer versunken. Verweht die Entbehrungen, die der Sohn der armen Schreibersleute auf der lateinischen Schule bei den Patres Jesuiten durchgemacht, wo die Eltern – sie bedeckte der Boden, sie waren ihm weggestorben so still und rasch, fast als dürfe nichts übrigbleiben, was ihn der traurigen Vergangenheit und jener Kreise gemahne, aus denen er aufgestiegen – auf den Zehen umgeschlichen waren, um ihn nicht zu stören, während er über den Büchern saß; die Sorgen auf den hohen Schulen von Wien – deren Glanz damals durch die Gärung der Zeiten allerdings arg gemindert war – und von Ingolstadt. Ein Zeichen seiner Siege war ihm das Weib, dessen Hand man ihm so lange verweigert. Bei einer Schulkomödie, wie die ehrwürdigen Väter den Bürgern der Stadt alljährlich eine von den besten Schülern vorspielen ließen, hatte er das Herz Reginens von Paumann gewonnen. Sie war ihm getreu geblieben, sie hatte jenen Eid gehalten, den sie ihm in der Abschiedsstunde unter den heimlichen Bäumen in ihrem elterlichen Garten geleistet, während er sie umschlang und zum ersten und für lange Zeit auch zum letzten Male ihre Lippen küßte. Kein Widerspruch des Vaters, nicht die heimlichen Quälereien der Verwandten vermochten etwas über sie; sie blieb fest dabei, sich dem Himmel zu verloben, wenn sie dem Manne ihrer Wahl nicht angehören könne. Nun war sie die Seine. Ingolstadt hatte ihn mit dem Doktorhute des gemeinen wie des heiligen Rechtes geschmückt; sein Wollen und sein nimmermüdes Streben, die Fürsprache seiner Lehrer, die ihm immer gewogen geblieben waren, nicht zuletzt aber auch das geheime Fürwort seines Paten, des Vaters Reginens, hatten ihn in raschem Fluge emporgehoben, und die Verlobte hatte er – so meinte er mindestens, und auch sie war seines Glaubens – ungewandelt wiedergefunden. Nun mochten sie glücklich werden. Sie wurden es auch, soweit das Menschen irgend möglich ist. Ein feines, anmutiges Mädchen war ihnen bald beschieden, das freilich das einzige Kind blieb. Er wollte es Regina genannt wissen, sie bestand auf Maria, der Himmelskönigin zu Ehren. Sie einigten sich auf Maria Regina. Und wenn sein Weib fortab noch eifriger, noch inbrünstiger zur Herrin der Himmelsscharen rief, als sie es schon früher gepflegt, dann lächelte Herr Aestuarius, so selten er das sonst tun mochte, weil es einem Richter nicht recht ansteht. Das Gebet konnte ja auch seinem Töchterlein gelten. Er teilte nämlich die schwärmerische Frömmigkeit seiner Gattin keineswegs, wenn er gleich verstand, wie sie in der jahrelangen Vereinsamung, in der steten Sorge um ihn und um ihr Glück groß und fast übermächtig in der Seele Reginens geworden war. Dawider konnte er auch nichts haben; es schmeichelte ihm sogar, daß man seinetwillen die Fürbitte aller Himmlischen angerufen, und der andächtige Geruch, in dem sein Weib stand, konnte ihm bei den Mächtigen im Lande nur förderlich sein. Zu der Erkenntnis aber, daß sie denn doch nicht so ganz sein eigen wäre, solange ihnen beiden ein Tiefstes, Heiligstes nicht gemeinsam sei, zu der Erkenntnis erschwang sich Andreas Aestuarius nicht; und wenn er, der Amtspflichten ledig, daheim saß und etwa von dem berichtete, was ihm der Tag gebracht, und Frau Regina hörte ihm ernst und sinnend zu – sie sprach nämlich selten und nie ungefragt –, während sich die Kleine enge und schmeichlerisch an ihn schmiegte, dann glaubte er manches Jahr hindurch, ihm bleibe nichts mehr zu wünschen. Das Kind erwuchs und blieb hold. Es war blond und sehr zart von Gliedern, dabei von aufmerkender Klugheit und am liebsten still für sich oder beim Vater, an dem es sehr hing. Auch Aestuarius liebte die Kleine zärtlich; freilich entwuchs sie ihm gemach, konnte ihm nicht mehr das Spielzeug, das allerliebste Püppchen bleiben, das sie ihm in ihrer ersten Jugend gewesen, während sie doch wieder noch nicht alt genug war, um seiner zur Pflege und Entwicklung ihres Geistes zu bedürfen. Zudem blieb sie die einzige; mit der Hoffnung, sich jemals eines Sohnes zu erfreuen, schwand dem Manne ein Teil der Freude am Besitze seines Weibes, selbst des Ansehens und der Würden, die er sich hart genug errungen. Es gab niemanden, der seinen Namen zu höheren Ehren bringen, der auf halbgebahnten Wegen größeren Zielen zuschreiten konnte. Seine eigene Laufbahn aber war zu Ende. Noch lebte die Kraft, die ihn so vieles erreichen lassen, in ihm; aber wozu sie gebrauchen? Das wußte er nicht mehr. Und das ist ein übel Ding; gefährlich ist dies tastende Suchen nach neuen Aufgaben, wie eine mitternächtige Wanderung auf ungebahnten Steigen. Er litt darunter, und alle, die ihm nahestanden, mit ihm. Häufig machte er seinem Groll Luft in heftigen Worten. Sein Weib ertrug sie schweigend. Dann kamen wieder Tage, wo er erkannte, wie ungerecht gegen sein Geschick er sei. So wurden seine Stimmungen schwankend und fast unberechenbar, wenngleich er gegen sie nie zornig oder verletzend wurde. Sie aber suchte ihren Trost im Glauben, wenn er ihr einmal weh getan; und in jener Frömmigkeit, die ihr in den schlimmen Tagen der Vergangenheit, in den Trübungen einer sonst durchaus glücklichen Ehe die einzige Stütze gewesen, erzog sie auch ihr Kind. Und wenn Aestuarius sonntags nicht zur Kirche gehen wollte, weil ihm der Zwang dazu unerträglich war, wenn er sich über das Späherwesen der Stadt, in der niemand dem Nachbar trauen durfte, erbittert ausließ, dann schickte sie Maria Regina um ihn. Sah er sie in ihrem hübschen Staat an der Schwelle, licht und zierlich, dann verschwand sein Unmut. Und wenn sie dann selig an seiner Seite trippelte, sich umsah, ob man ihr kleines Figürchen auch beachte, und alles grüßte und neigte sich vor ihnen, dann wurde er ganz fröhlich. Bei einem solchen Kirchgange nun ereignete sich etwas, das dem ganzen Orte schon damals viel zu reden gab und das in der Folge ganz besonders für Herrn Aestuarius und sein Haus wichtig werden sollte. Während nämlich die Glocken langsam und feierlich ausschwingend ihren Sang beendeten, während sich die Andächtigen, nachdem sie der Sorge um das Heil ihrer Seelen genügt, noch ein wenig lustwandelnd auf dem Platze vor dem Dome ergingen, sprang ein befremdlich aussehender Mann – er war hager, bleich und trug das Haar ganz kurz geschoren – auf das Fußgestell einer Mariensäule, die sich dort erhebt, und begann mit starker Stimme angesichts der Menge eine Rede. Fast augenblicklich verlief sich das Volk, sei es nun im Glauben, für einen Sonntag sei es an einer Predigt genug, sei es durch das Verfängliche des Gegenstands vertrieben; denn der Prädikant sprach voll Eifer über die Verderbnis der Christenheit und der römischen Kirche. Es störte ihn nicht, daß er keine anderen Zuhörer hatte als die Magd des Stadtrichters – sie hieß Ursula und war wohl stark im Glauben, aber nicht an Verstand – und einen Büttel namens Matthias, der ihn seinen Sermon ruhig beenden ließ, dabei aber doch seine Augen spähend nach jedem Fenster gehen ließ, das offenstand und hinter dem er Horchende vermutete. Als der Fremde aber endlich fertig war und sich zum Gehen anschicken wollte, da griff ihn der Matthias, küßte ihm, wie er's Geistlichen gegenüber gewohnt war, die Hand und sagte, während Ursula immer noch andächtig und ganz verzückt dastand: »Verlaub, Hochwürden! Ich habe Euch ausreden lassen, weil Ihr auch eine Freude haben wolltet und weil Ihr kaum mehr so bald dazu kommen werdet. Aber jetzt müßt Ihr mit mir, denn mir scheint, Ihr habet nicht gar katholisch gesprochen.« Und nachdem er so seiner Pflicht wie seinem guten Herzen Genüge getan, das jedem das Beste gönnte und ihn antrieb, sich selbst nach der scharfen Frage bei den Delinquenten zu entschuldigen, daß er ihnen einige Schmerzen bereitet, übergab er seinen Fang dem Kerker und ging hin, Herrn Aestuarius gebührlich von der wunderlichen Begebenheit Meldung zu tun. Es war das erstemal während seiner Amtstätigkeit, daß der Stadtrichter sich gezwungen fand, den weltlichen Arm einem gegenüber anzuwenden, der verpönte Glaubensmeinungen verkündigte. Zur Zeit der großen Austreibung der Protestanten war er noch ferne der Heimat gewesen; seither hielten sich die, welche im Herzen vielleicht noch der neuen Lehre anhingen, ganz still und vermieden ängstlich alles, was nur irgend die Augen der Herrschenden auf sie lenken konnte. So war Andreas Aestuarius denn recht eigentlich begierig, einen jener Schwarmgeister kennenzulernen, die in so vielen Ländern Verwirrung und Umsturz gestiftet hatten. Dabei empfand er doch wieder ein gewisses Mitleiden mit dem Manne, dem ohne allen Zweifel ein hartes Los bevorstand, und sprach beide Gefühle, die ihn bewegten, seinem Weibe gegenüber offen aus. Sie sah ihn nicht ohne Erstaunen an, denn er pflegte nur selten seine weicheren Regungen zu äußern; dann ließ sie die kleine Maria Regina ihre Tischgebetlein zu Ende sagen, schlang ihren Arm ganz unvermittelt um ihren Gatten und flüsterte: »Du bist gut.« Und so blieben denn die drei geraume Weile ganz stumm beisammen, sie hart neben ihm, das Kind zwischen beiden und alle ganz glücklich, ohne daß sie doch wußten, warum. Vielleicht war es bloß die Aussicht, daß dieses Ereignis weitverzweigte Wurzeln haben könne, was die Stimmung des Rechtsgelehrten so sehr erhöhte und dadurch allen einen friedenvollen Sonntag bereitete. Dann war ihm nämlich eine wechselvolle und seines Scharfsinnes würdige Tätigkeit für lange Zeit, im Falle eines Erfolges seiner Mühen sogar eine sichtbare Anerkennung dafür sicher. Noch am gleichen Tage schlug er alle Verordnungen nach, die für solche Vergehungen galten. Sie waren sehr klar, aber auch sehr strenge, und er wurde fast zornig über den Verblendeten, der um ein ganz aussichtsloses Unternehmen das Leben aufs Spiel setzte; denn es konnte geschehen, daß er dafür am Brandpfahle endigen mußte. Aber eine starke Neugierde ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Welche Beweggründe hatten den Prädikanten nur hieher, in ein Land, das für seine Glaubensgenossen so ungastlich war wie kein anderes deutscher Zunge, in die Stadt, unmittelbar unter die Augen eines eifervollen und gläubigen Herrn geführt, wo man seiner nicht einmal schonen konnte, wenn man's auch gewollt? Und so ließ er sich denn den Gefangenen schon am Montag vorführen. Es mißfiel ihm sehr, daß sich der Prädikant jedes Zeichens der Ehrerbietung vor seinem Richter enthielt. Er war gewohnt, daß die Angeklagten ihm demütig nahten; dieser aber stand ihm aufrecht gegenüber und sah ihm voll und ruhig ins Gesicht. So begann er denn sein Verhör schärfer, als er es selbst beabsichtigt: »Du heißest? Was und woher bist du?« »Osias Olearius. Ich bin Diener am Worte und ein Genfer.« »Und was trieb dich hieher?« »Meine Pflicht und der Ruf Gottes.« »Sprich deutlicher. Hofftest du Seelen zu gewinnen für das, was du den rechten Glauben nennst? Oder wolltest du die Leute aufwiegeln gegen ihren Herrn?« »Beides.« »Du sprichst dich um den Hals, Olearius!« rief der Richter entsetzt. »Und wenn? Es ist besser, ich sterbe, als daß ich den Jammer und das Elend der Gerechten länger mit ansehe. Ich bin durch das Land gezogen, und ich sah die Gezelte der Bedränger erhöht und die Hütten der Frommen erniedrigt. Ich sah, wie sie sich verbergen mußten und an die Diener ihrer Verfolger schimpflichen Zoll zahlen, damit man sie ihre Andacht auch nur im geheimen verrichten lasse. Mein Herz empörte sich darob; der Zorn Gottes sprach in mir; und darum lenkte ich meine Schritte her, Anklage zu erheben, wie es einst Moses vor Pharao getan.« »Es leben also noch Ketzer im Lande?« rief Herr Aestuarius erfreut. »Wo sind sie?« »Frage deine Schergen, die mit ihrer Duldung Wucher treiben. Mein Mund bleibt stumm.« Der Stadtrichter ergrimmte: »Und wenn ich dich peinlich befragen lasse?« »Das ist mir nichts Fremdes mehr.« »Du hast also schon Ungemach erlitten um deinen Glauben?« »Vieles und großes! Sie haben mich in Paris verstümmelt; sieh her« – er wies nach seinem Haupte, dem die Ohren fehlten –, »in London haben sie mich gestäupt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich am Schandpfahl Psalmen gesungen, wie oft sie mich zum Holzstoß verdammten. Immer hat mich mein Richter und Erlöser errettet; ist es sein heiliger Wille, dann wird er auch diesmal meine Füße befreien aus den Schlingen, in die sie die Bösen verstrickten.« Er sprach tonlos, gelassen, wie man das Gleichgültigste berichtet. Herr Aestuarius erschauderte. Ihm schien, als wüchse die Gestalt vor ihm ins Riesenhafte mit den Leiden, die sie um eines Gedankens willen auf sich genommen. Und wie in einem letzten Versuche, die Wünsche des Mannes von dem Überirdischen, dem allein sie noch anzugehören schienen, wieder der Erde zuzulenken, sprach er milde: »Und hattest du niemanden, der dir lieb war? an dem dein Herz hing? dem du leben wolltest und der dich hielt?« Ein leises Flüstern kam zurück: »Ich habe ein Weib und fünf Kinder. Und ich weiß nicht, ob sie noch leben. Aber sie waren mir teurer als das Licht meiner Augen.« »Und du hast sie dennoch verlassen?« »Ich mußte!« Die Stimme des Prädikanten sank zum geheimnisvollsten Raunen herab. »Ich, mußte, denn der Herr hat mich gerufen. In der stärksten Stimme meines Innern sprach er zu mir. Ich hörte sie abends, wenn ich über seinem Worte saß und sann; denn darüber habe ich geforscht Tag und Nacht, wie er es gewollt und geboten hat. Sie erklang mir am Tage, wenn ich bei denen saß, denen meine Seele angehört. Sie wollte nicht verstummen, sooft ich auch betete: ›Herr! Nicht mich schicke, sende einen andern.‹ Und da zerriß ich, was mich hielt, wie Simson flächserne Stricke. Da ging ich hin und nahm das Kreuz auf mich, das Er seit Ewigkeiten für mich vorherbestimmt: denn Er allein weiß, was Ihm und Seinem Reiche frommen kann.« »Und woher wußtest du, daß es keine trügerische Verlockung war? Daß wirklich der Herr selbst zu dir geredet?« »Du wirst es erkennen, wie es jeder erkannt, dem es einmal in der Seele gesprochen.« »Ich? ...« Herr Aestuarius sprang auf. »Du!« Der Prädikant richtete sich voll auf, und der Richter sah nun erst, wie groß er von Gestalt sei und wie gebietend die Gluten seiner Augen loderten. »Du! Denn die Stimme in mir schreit, und ich weiß es: Du bist erlesen.« »Du bist ein Tor, und du könntest auch andere anstecken mit deiner Narrheit!« antwortete der Richter mühsam, nachdem er seine Fassung wiedergewonnen. »Du höhnst – aber deine Lippen zucken dabei, wie dein Herz erzittert. Du hast Augen, und du siehst, wie sie in Üppigkeit prunken, die das reine Wort verkündigen sollten; siehst Unwürdige erhöhen, die Frommen gedrückt. Du hast Ohren – du wirst sie nicht mehr dem Angstschrei der Gequälten verschließen können, nun ich ihn einmal vor dich hingetragen habe. Du bist Richter – wie darfst du nach Unrecht richten?« Ein letzter Zorn flammte in Aestuarius auf: »Wer zwingt mich, dein Gerede anzuhören?« »Gott, seine Wahrheit und deine Erkenntnis, daß du für Besseres bestimmt bist, als nun dein Los ist.« »Und was gäbe es Besseres als mein Geschick?« »Du wirst es erkennen«, entgegnete der Prädikant. »Es ist genug!« Der Richter rief dem Matthias. Er war sehr blaß dabei, daß es selbst dem Büttel auffiel. Und so endete das erste Verhör, das er mit Osias Olearius angestellt. In heftiger Gemütsbewegung kam Andreas Aestuarius heim und konnte sich doch nicht Rechenschaft darüber geben, was ihn eigentlich so sehr ergriffen. Sein Töchterlein kam ihm entgegengelaufen; er hob es zu sich empor, drückte es heftiger an sich, war wärmer und zärtlicher gegen sein Weib als schon seit langem. Mit leuchtenden Augen sah er sich in den behaglichen Räumen um, die sein Glück bewahrten; die behagliche Stille im Hause tat ihm wohl, fast als rege sich ein Mahnen in ihm, auch ihm könne das alles verlorengehen, wie es sein Gefangener dahingegeben. Er sprach viel von ihm, von jener sonderbaren Unterredung, die er mit ihm gehabt, wie wenn er sich diese merkwürdige Gestalt klarer machen müßte. Aber seiner Weissagung erwähnte er nicht; wenn er sich ihrer erinnerte, dann kam ihm ein Bangen, wie es jeden überfällt, dem ein düsteres Prophetenwort Einblick in eine trauervolle Zukunft gegeben. Schon der Gedanke daran, die Besorgnis, es könne vielleicht doch in Erfüllung gehen, lähmt und beengt. Immerhin, und das tröstete den Stadtrichter wieder, war es ja in seine Hand gelegt, dem ganzen Handel ein rasches Ende zu bereiten. Das Urteil, das er über Olearius zu sprechen hatte, war klar: auf dem, was der gewollt, stand der Tod. Kein Zweifel, daß er ohne alle Gnade über ihn verhängt würde, sowie erst ein rechtsgültiger Spruch dem Landesherrn unterbreitet war. Schon fühlte er dunkel, daß ihm dieser Mann zum Verhängnisse werden könne, und mochte sich dennoch nicht entschließen, ihn seinem Verhängnisse zuzuführen. Auch sein Selbstbewußtsein sperrte sich dagegen; er erkannte gut, wie Richter und Angeklagter einander bei jener ersten Begegnung eigentlich in ganz umgekehrter Rolle gegenübergestanden wären, als es von Rechts wegen hätte sein sollen. Das demütigte ihn; diese allererste Niederlage seines Lebens wollte er wettmachen. Und so beschloß er denn, alles daranzusetzen, diese Scharte auszutilgen. Das gelang ihm nicht. Mit jedem Male sah er klar und klarer, wie keine Gewalt der Erde etwas über den Prädikanten vermöge; keine Drohung, keine Gefahr hatten ein Schrecknis für ihn. Und das erzwingt Achtung. Dem Weltkind, das nur nach Geltung in der Welt gestrebt, trat hier ein Mensch entgegen, dem alle Reiche und alle Herrlichkeiten dieser Erde nichts galten neben dem Reiche Gottes, in dessen Dienst er sich gestellt. Das mußte er bestaunen. Eine große, tiefe Überzeugung lernte er hier kennen; sie riß ihn allmählich mit. Denn ein Gedanke mag sich neben dem andern behaupten; wer aber schwankend von Grundsätzen ist, nicht etwa ganz ohne sie, der wird sich der Macht eines freudigen Glaubens schwer entziehen können. Zu alledem war der Prädikant kein roher Eiferer. Nur an den argen Schäden, die er allenthalben in Stadt und Land, in Kirche und Amtsstube gewahrte, entzündete sich die Glut seiner Worte, und Aestuarius war Menschenkenner genug, um sich ihn so denken zu können, wie er seiner eigenen Schilderung nach einmal gewesen sein wollte: als stillen Gesellen, der nur den Forschungen lebte, die ihm wichtig erschienen, dem kleinen Kreise, der ihm das Beste der Welt bedeutete. Wie gewaltig mußte also das sein, was ihn so aufgerüttelt und verwandelt hatte! Die Wirkung seiner Beredsamkeit erhöhte der dunkle biblische Stil, in dem er sich, wie alle seine Amtsbrüder, gefiel. Prophetensprüche flossen von seinen Lippen, und er selbst glich einem Seher. Herr Aestuarius fühlte bald, wie er vom Banne des Unheimlichen mehr und mehr umfangen wurde; sich gewaltsam davon zu befreien war ihm schon sehr bald unmöglich. Er hatte das versucht, hatte begonnen, das Urteil über Olearius auszufertigen. Kaum daß er die üblichen Eingangsformeln niedergeschrieben, schob er es wieder von sich: starb dieser Mann, ehe es klar zwischen ihnen geworden, dann mußte ihn der Schatten des Toten verfolgen, dann – er machte sich selbst kein Hehl mehr daraus – war der Lebende seinem Zauber für ewiglich verfallen. Nur noch ein Mittel, sich davon loszureißen, sah der Richter: er mußte das geheimnisvolle Buch, aus dem jener, den er haßte und an dem er doch wieder hing, wie es jedem mit Menschen ergeht, die einen von tiefgewurzelten Meinungen loslösen wollen, seine Erkenntnis schöpfte, mußte das Wort Gottes besitzen, um dessen Unkenntnis ihn der Diener am Worte so hart und oft gescholten. Wie er es aber erlangen könne, das wußte er nicht. Oftmals sann er darüber nach, und da kam es ihm einmal, daß der Prädikant ihm vorgeworfen: die Büttel der Gerechtigkeit bereicherten sich an den Abgaben, die sie den Bekennern des reinen Glaubens dafür abpreßten, daß man sie im Lande dulde. Verhielt sich das so, dann mußte Matthias darum wissen. Er ließ ihn vor sich rufen und erkannte bald, daß Olearius wahr gesprochen. Denn anfangs sah der Fronvogt seinen Gebieter mißtrauisch an und brummte mürrisch: noch hätte kein Richter einen Anteil an diesem seinem Gewinne begehrt. Da war Andreas Aestuarius in jähen Zorn geraten. »Auch ich verlang nichts von solchem Sündengeld!« rief er. »Aber eine ihrer Bibeln muß ich haben.« Da seufzte Matthias halb kläglich und halb erleichtert und meinte, das wäre ein saures Stück Arbeit, weil die Art Menschen sehr an dem Buche hänge. Aber noch vor Abend brachte er es, und als ihn sein Gebieter fragte, wie es ihm denn dabei ergangen, da zuckte er die Achseln. »Es war ein harter Weg. Sie sind arme Leute, und sie können nicht viel zahlen. Aber sie haben's arg genug getrieben. Sie haben geweint und geschrien und wollten sich mit Geld loskaufen. Das ist denn nun diesmal nicht gegangen; aber sie haben mich erbarmt, und sie sollen eine gute Weile Ruhe haben vor mir.« Es war ein altes Buch, das der Matthias vor seinen Meister niedergelegt, und der Stadtrichter stand lange und in ernsthaftem Sinnen davor. Mit Drohungen war es denen abgezwungen worden, die eigentlich auch nicht das Recht hatten, es zu besitzen; es hatte armem Volke zugehört, das dennoch einen Teil seiner Habe hingeben wollte, nur um es weiter behalten zu dürfen. Es mußte eine große Gewalt darin beschlossen sein, würdig dessen, der es den Menschen gegeben. Wie wunderlich – niemand bestritt seinen göttlichen Ursprung: wie durfte man also den verfolgen, der darin forschte? Und er hatte selber dazu geholfen – wie konnte er das? Herr Aestuarius verstand das in diesem Augenblicke kaum mehr ... Es war ein altes Buch. Sein Einband war abgegriffen, an den Kanten war das Leder abgewetzt, daß das Holz des Deckels durchsah; die Spangen, welche es zusammenhalten sollten, schlössen nicht mehr. Er schlug es zögernd auf, als fürchte er die Geister, die darin schlummerten. Auf dem ersten Blatte stand der Name eines Besitzers: Marin Frohnleitner, Hübner Hofbesitzer von Peggau, hatte eine ungeübte Hand in ungeschlachten Zügen hingezeichnet. Er kannte die Peggauer Bauern fast alle, denn sie waren Streithänse, und sie gaben ihm viel zu tun. Er wußte keinen darunter, der sich so nannte. Wo waren die Sprossen dieses Stammes sämtlich hingekommen? Waren sie ausgetrieben worden, weil sie zu arm waren, sich Duldung zu erkaufen? Oder weil sie zu trotzig gewesen, ihren Glauben öffentlich abzuschwören, um ihn insgeheim weiter zu üben? Wo irrten sie jetzt, heimatferne und im Elend? Ein stilles Grauen befiel ihn bei diesen Fragen. Es war ein altes Buch. Seine Blätter waren stark zerlesen, das Papier war vergilbt, und dennoch sah er manches Mal einen rundlichen Flecken inmitten der Zeilen: das Zeichen von Tränen, die man darauf geweint. Geschlechter nach Geschlechtern mochten Trost und Erhebung darin gesucht und gefunden haben. Häufig begegnete ihm die Spur von Nadelstichen; man hatte es wohl oft nach Losungsworten für die Zukunft befragt. Was wollte es wohl ihm bringen und verkünden, der endlich mit klopfendem Herzen darin zu lesen begann? Es war ganz dunkel geworden, und sein Weib stellte ein Licht auf seinen Tisch hin. Er sah nicht auf und erwiderte kaum ihren Gruß. Die Zeit zum Abendbrot kam; er dachte nicht daran. Sein Kind erschien, ihm den Gutenachtkuß zu bringen; er winkte nur ungeduldig ab und beachtete nicht, daß sich ein rosiges Mündchen weinerlich und schmollend verzog, wie langsam die trippelnden Schrittchen sich der Tür zuwendeten. Das Licht verglomm; in atemloser Hast entzündete er ein neues und kehrte wieder zu seinem Buche zurück. Die ganze Nacht saß er darüber, und ein Fieber trieb ihn von Blatt zu Blatt. Und allenthalben ersah er nur eine Gestalt; er kannte den gottergebenen Hiob, die Eiferer Jesaias und Samuel – sie trugen ihm alle dieselben Züge: die des Prädikanten. Ihm mußten sie geglichen haben, die voll heiliger Strenge die Reinheit des alten Bundes überwacht; ihm aber auch, die dann den Lehren des Welterlösers gelauscht und hingegangen waren, die mildere Botschaft des Heils allen Völkern zu verkünden. Von rätselhafter Faust fühlte er sein Tiefstes erfaßt, sich wechselnd erhoben und zernichtet. Jede dunkle Drohung gegen die, welche Bilder anbeten und ihre Knie vor den Baalim Heidengötter. beugen, bezog er auf sich und sein Haus, sein Weib und sein Kind. Jede Stelle, deren Sinn ihm unverständlich war, behielt er, damit sie der einzige, der darum Bescheid wissen mußte, auslege. Es wurde licht, und er mußte zu Amte. Er erkannte selbst, daß er jenes Tages ein schlechter Richter war; heftig und achtlos auf das, darum es sich handelte. Er ersehnte die Stunde, in der er sich werde Olearius vorführen lassen können. Sie kam endlich, und der zu Gerichte hätte sitzen sollen, der war ein stiller, demütiger Schüler geworden, der unverwandt an den Lippen seines Meisters hing, jeder Deutung folgte und alles zu behalten versuchte, was ihm der vortrug. Und in jenen Stunden ist Andreas Aestuarius dem Banne des Calviners ganz und für immer verfallen. Noch rangen Zweifel in ihm; sie verstummten, und die neue Erkenntnis zerschnitt Messern gleich sein Innerstes. Aber als er endlich, gepeinigt von dem Gedanken, daß er ein ganzes Leben lang dem Falschen gedient haben sollte, dem immer stärker in ihm aufbrechenden Bewußtsein, wie alles um ihn schwanke und zu versinken drohe, aus der Angst seiner Seele aufschrie: »Du heißest dich einen Mann Gottes was suchst du mich dann heim mit Bitternissen und machst mein Herz erbangen?«, da lächelte der Prädikant traurig: »Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert. Durch die Schauer des Todes allein kannst du zur Wiedergeburt eingehen. Das lerne begreifen, Aestuarius!« Und sonderbar widersprachen einander der unbarmherzige Sinn der Worte und die Milde; mit welcher der Mann redete. Ein finsterer Geist der Verstörung durchzog das Haus des Stadtrichters. Alle empfanden ihn und sein unheimliches Schreiten. Frau Regina erkannte leidenvoll, wie sich das Gemüt ihres Gatten mehr und mehr von ihr abwendete. Die kleinen Künste, die sie als ehrbare Frau nützen konnte, ihn zu sich zurückzuführen, verfingen nicht mehr. Sie wagte kaum mehr zu beten, wenn sie ihn nahe wußte; er sah sie dann immer mit so fremden, fast feindseligen Blicken an, daß sie erschrak, und das Geheimnisvolle der Gründe jener Wandlung peinigte sie. Maria Regina begann sich allgemach vor dem Vater zu fürchten. Sie hatte, wie das oft bei Mädchen geschieht, mehr an ihm als an der Mutter gehangen. Nun fand sie ihre harmlosen Zärtlichkeiten zurückgewiesen; ihre Gegenwart, sonst immer erwünscht, war nun häufig unwillkommen. Einmal drängte sie ihr Köpfchen schweigend an seine Knie, während er über jenem Buche saß, das ihn so sehr fesselte. Er schob sie von sich, unsanft, finster, ohne ihr auch nur das linde, blonde Haar zu streicheln. Da überkam sie ein Schluchzen; er aber fuhr so in jähem Zorne auf, daß sie verstummte, daß sie, die großen, ängstlichen, kummervoll fragenden Augen unverwandt auf ihn gerichtet, rücklings gehend die Stube verließ und nicht eher zu weinen wagte, als bis sie an der Brust ihrer Mutter lag. Die seufzte tief: »Wir wollen beten, Kind! Vielleicht erhört dich, der das Flehen der Waisen vernimmt.« Und während der Kleinen – seltsam genug – nichts beifiel als ein kurzes Sprüchlein, das sie in ihrer ersten Kinderzeit gelernt, und sie es, oft von Tränen dabei unterbrochen, herstammelte, tat die Frau, die sie geboren, die höchsten Gelübde zu allen Heiligen, wenn sie nur das Unwetter, das so drohend über ihrem späten Glücke aufgestiegen war, vorüberbrausen lassen wollten, ehe alles zernichtet und zugrunde gegangen sei. Nur Herr Aestuarius selbst sah den Dämon nicht, der sich in seinem Heim eingenistet, dessen Flügel wie die Fittiche eines ungeheuren Raben alles verdüsterten, was licht gewesen. Tagsüber hielten ihn die Aufgaben seines Amtes, das ihn gerade damals sehr in Anspruch nahm. Denn die Kunde von fernen Kriegsereignissen durchlief die Welt, unruhiger bewegten sich die Geister, verlaufenes Volk zeigte sich im Lande und übte Gewalttat, die Bekenner der neuen Lehre erhoben trotziger die Häupter, nun der Erzherzog, durch größere Aufgaben ferngehalten, nicht mehr bedrohlich in ihrer unmittelbaren Nähe verweilte. Dann, sobald der Richter frei war, horchte der Neubekehrte den Worten seines Meisters. Einsam übersann er sie. Und das finstere Bekenntnis, das jener verkündete, umspann ihn ganz und völlig. Er glaubte fest daran, daß alle Menschen verdammt und verworfen seien durch den Spruch eines Richters, der nach unerforschlichen Gesetzen richtet, dessen unendlicher Gnade allein sie es danken mußten, gab er sie nicht der ewigen wie der zeitlichen Pein dahin. Taten sie Gutes, dann war das sein Werk, und seine Barmherzigkeit allein lieh ihnen die Gabe dazu. Wie durften sie noch Lohn dafür begehren? Übten sie Böses, dann war es ihnen so vorherbestimmt; man durfte urteilen, nicht aburteilen über sie. Dieser Glaube war auch sein einziger Halt in dem schweren Zwiespalt von Pflichten, in den er geraten. Sein Verhängnis hatte es gewollt, daß sein häusliches Glück dahinschwand, die Achtung mehr und mehr verlorenging, die er sich hart genug errungen. Man munkelte nämlich in der Stadt allerhand über seinen geheimen Verkehr mit dem Prädikanten, klagte ihn ohne Hehl an, daß er das Recht beuge zugunsten der Reformierten. Der Büttel Matthias, der am meisten darum wußte, erlaubte sich manches dreiste Wort, manche unziemliche Vertraulichkeit seinem Gebieter gegenüber, der sich nicht zu helfen wußte, sich an seine Stellung klammerte, weil sie ihm Gelegenheit gab, denen insgeheim beizustehen, mit denen er sich im Glauben eins wußte. Aber auch der letzte Rest von Besonnenheit schwand Andreas Aestuarius so; das ewige Denken, die rastlose Beschäftigung in der Gerichtsstube, dann mit dem Worte Gottes, diese unheimlichen Erwägungen zerrütteten die Klarheit seines Geistes. Jener Ruf, von dem Olearius gesprochen, die Stimme des Höchsten, das Zeichen der Erwählung, wollte nämlich noch immer nicht in ihm erklingen – er war also wohl verloren und verworfen für alle Ewigkeit. Ein geheimer, feiger Groll gegen sein Geschick fraß an ihm. Und dennoch konnte er nicht mehr umkehren, nur noch größere Opfer mußte er bringen, damit sich sein gestrenger Gott vielleicht doch seiner erbarme. Sein Stolz, sein Ehrgeiz trieben ihn weiter in jener Richtung, die ihm sein Lehrer gewiesen; selbst diesen mußte er zu überbieten trachten, wie er immer der Erste unter seinesgleichen gewesen war. Aber jede Tatkraft für die Gegenwart schwand ihm über dem Sinnen von unerhörten Taten, die er in der Zukunft vollbringen wollte. Ein Reskript des Hofes kam, das wegen eines Urteils in Sachen des Prädikanten drängte. Er zerknüllte es zornig und schleuderte es von sich. Frau Regina war dabei zugegen. Sie hob es auf, durchlas es und legte es dann abermals vor ihn hin. Die Gefahr, in der sie alle schwebten, die Erkenntnis, in was ihr Mann verstrickt sei, wurden ihr plötzlich offenbar; das lieh dem zagen Weibe Mut, der Schweigsamen Beredsamkeit. Sie sprach ihm herzlich zu. Er horchte ihr, versunken in Brüten. Sie, die wohl fühlte, daß von dieser Stunde alles abhänge, ließ nicht ab, mit Bitten in ihn zu dringen, mahnte ihn dessen, was er den Seinen schulde, der unverbrüchlichen Treue, die sie einander einmal gelobt. Sie hätte die ihre gehalten – er aber ...? Den Vorwurf und seine Berechtigung fühlte er sehr, aber er wurde nur noch grimmiger darüber. Und als sie ihn endlich anflehte, nicht einem Fremden zuliebe seine Nächsten, das Gute, das ihnen vom Herrn geworden, dahinzugehen, ihm errötend die Bilder vergangener Seligkeit heraufbeschwor, da sprang er auf, da wurde er fahl, da ballte sich seine Faust, da schrie er: »Herodias! begehrst du das Haupt des Täufers?« Frau Regina zuckte zusammen. Dann erhob sie sich und verließ mit ihrem Kinde das Gemach. Sie erkannte nun, daß mindestens sie nicht mehr imstande war, das Geschick ihres Hauses zu wenden. Etwas von der Art des Löwen, der nur einmal zum Sprunge ansetzt, schlief bei allem Anscheine von Milde in ihr. Für ihr ehrliches Wollen war ihr ein unerhörtester Schimpf ins Angesicht geschleudert worden, und die Roheit, die dabei im Wesen ihres Gatten ausgebrochen, hatte sie unsäglich verletzt. Sie begriff nicht, wie sie so urplötzlich in ihm wach geworden; aber Ströme, die sonst still und schön durch die Gefilde schreiten und in ihren Fluten den Himmel widerspiegeln, werden trübe und zornig, wenn die Frühlingsstürme sie aufrühren. Es ist immer das Häßliche, das sonst in den Tiefen der Seele schlief, was in ihren Ungewittern zuerst an ihre Oberfläche kommt. Am nächsten Tage war der Prädikant verschwunden. Die Stadt verlassen, wie es sein Wille war, hatte er darum doch nicht. Andreas Aestuarius hielt ihn verborgen und bewog ihn zum Bleiben; denn der Genfer wollte sich nach Böhmen wenden, zu dessen König eben ihr Glaubensgenosse, der Pfälzer Friedrich, gewählt worden war. Feinde umdrängten seinen Thron; die Zeit des Wortes schien vorüber, die der Taten gekommen. Aestuarius gedachte sich ihm anzuschließen; vorher aber wollte er noch etwas vollbringen, das ihm nunmehr zumeist am Herzen lag, nachdem er erkennen gemußt, daß ihm ein Martyrium nicht beschieden sei. Er hatte es freilich darauf angelegt, mit den unbedachtesten Reden, aber man wollte einen immer noch angesehenen Mann schonen, um nicht böses Blut zu machen. Mit dem Werke, über dem der weiland Stadtrichter sann, gedachte er selbst sein Vorbild zu übertreffen: er wollte die Seele seines Kindes wider den Willen der Mutter dem Glauben zuführen, den er als den wahren befunden. Es wurde ihm nicht schwer, Maria Regina wieder an sich zu ziehen. Sie war freilich nicht mehr, wie sie gewesen. Unter den Zwistigkeiten im Elternhause, die sie mitfühlte, die fröstelnd durch ihr warmes und liebegewohntes Herz zogen, litt sie sehr. Sie wagte nicht mehr zu lachen – und wie gerne, wie hell hatte sie's getan! vor dem ewigen Ernste von Vater und Mutter. Sie konnte sich nicht mehr von einem zur anderen wenden, denn sie waren immer getrennt. Nun rief sie der Vater; sie folgte ihm freudig. Vielleicht mußte sie in Hinkunft nicht mehr soviel beten wie jetzt, nicht mehr von Kirche zu Kirche gehen, bis ihr die Füße weh taten; vielleicht legte die Mutter das häßliche schwarze Kleid ab, das ihr so gar nicht gefiel, und sprach nicht mehr von den Freuden derer, die sich allein dem ewigen Leben widmen. Sie wußte, das waren die Nonnen, und sie mochte keine werden. Vielleicht wurde sie die Brücke, über der sich Getrennte wiederfanden; vielleicht kamen die sonnigen, stillen Tage wieder, die ihr nun so ferne, so weltenferne schienen! Es ist anders gekommen. In der Zeit, die er einsam verbracht, abgeschieden von den Seinen, preisgegeben finsteren Grübeleien, hatte Andreas Aestuarius verlernt, wie man mit einem Kinde betet, spricht, es erzieht. Eine Welt war teilweise in ihm in Trümmer gefallen, eine neue aus der Tiefe gestiegen; ihm war nichtig geworden, was er zuvor heiß begehrt, allein erstrebenswert, was er für nichts geachtet. Und sein Töchterlein sollte geblieben sein wie zuvor? So trug er ihr denn die Lehrsätze des Schweizer Kirchenreinigers vor, wie sein Lehrer sie ihm verkündigt. Er berichtete ihr, sie dürfe nicht mehr zu den Heiligen beten – aber gerade dazu hielt die Mutter sie fast unablässig an. »Auch zur Mutter Gottes nicht?« fragte sie ungläubig und wies auf ein Amulett, das Bild der Gnadenreichen von Mariazell, das sie, seit sie denken konnte, trug. Er entriß es ihr und zertrat es im jähen Grimme, ungeachtet ihrer Bitten. Er schmähte Mönche und Nonnen – sie aber wußte, daß ihre Mutter sie dem Kloster zugedacht, damit sie einmal fürbitten könne für ihre Eltern. Was dem einen heilig, das schalt der andere – wer hatte recht, wenn er den Gegenpart in Ewigkeit verloren hieß? Wohin sollte sie sich kehren? Sie wußte sich keinen Rat; aber sie siechte hin über so unkindlichen Erwägungen. Die Lehre von der Gnadenwahl wollte er ihr begreiflich machen: »Du bist schlecht und verworfen, Maria Regina«, herrschte er ihr zu. »Ich mag es aber nicht sein; ich war ja gut, immer gut!« entgegnete sie. »Du bist es nicht! Denn das Trachten des Menschen ist übel und sein Dichten böse vom Mutterleib an!« rief er zorniger. Da faltete sie die Händlein: »Ich will es gewiß nicht mehr sein, Vater, lieber Vater! Nur tu mir nichts!« Denn der Stadtrichter sah dann so verstört aus, in seinen überwachten Augen, die kaum mehr den Schlaf kannten, lag eine so düstere Glut, daß auch Erwachsene ein Grauen vor ihm überkommen durfte. Und nur die Furcht war es noch, daß Maria Regina ihm klaglos folgte, wenn er rief; nur das Bangen neben der echt weiblichen Scham, Fremden, Mitleidlosen die Zerstörung ihres armen Glückes zu zeigen, was Frau Reginen noch davon abhielt, das Haus ihres Gatten zu verlassen. Aber schon empfanden beide, daß ein Dach zu enge sei, als daß es sie beide länger beschirmen könne, und zumal in Herrn Aestuarius keimte ein tiefer Haß gegen sein Weib. Denn ihr allein rechnete er es zur Schuld, wenn alle seine Bemühungen um das Heil Maria Reginas fruchtlos blieben. Ihm war seine Gattin nicht mehr Herodias; nur noch Jesebel, die ein ganzes Volk verderbt, konnte ihr verglichen werden. Weil er aber dieser Empfindung nicht Ausdruck zu geben wagte, fraß sie sich desto tiefer in seine Brust ein. Ein letztes, dünnes Band verknüpfte ihn noch mit ihr: die Erinnerung an altbewährte Treue. Das riß bald genug. Denn seine Stellung hatte er niedergelegt, weil er sich dazu gezwungen sah; er wußte, daß sie nur noch vom Gelde seines Weibes lebten, verachtete sich selbst darum und wollte ihr wiederum beweisen, wie wenig diese Abhängigkeit über seine Entschlüsse vermöge. Ein halber Müßiggang, nach angestrengtester Tätigkeit, füllte nun seine Tage aus; da blieb ihm Zeit genug, die finstersten Entschlüsse hin und her zu wälzen im Geiste. Das bleiche Gesichtchen seines Kindes, das ihm ab und zu vorüberhuschte, war ihm ein nagender Vorwurf – durch eine Tat, die zeigen mußte, wie mächtig der neue Glaube in ihm gebiete, wollte er sich von allem befreien, was ihn peinigte, und dann mit dem Prädikanten, der unablässig zur Wanderung drängte und trieb, unter neuen Sternen ein neues Sein beginnen. So war es wieder einmal dunkel geworden. Herr Aestuarius war heimgekehrt vom Besuche bei dem einzigen Menschen, dessen Umgang er noch ertrug. Verstohlen wie ein Dieb der Nacht war er durch die Straßen geschlichen, damit ihn niemand sähe, damit nicht etwa ein Gruß, den man ihm nicht mehr bot, ihn daran erinnere, wie rasch sich die Geltung in der Welt verloren, die er besessen. Zu Hause hieß ihn niemand willkommen; er betrat sein Gemach, es war kalt darin, und ihn fröstelte sehr. Er ließ kein Licht entzünden, denn seine Augen schmerzten; kein Feuer entfachen, denn die verdrossenen Gesichter der Dienstleute empörten ihn. Er stützte das Haupt in die Hand und starrte mit ohnmächtigem Zorne in die Nacht. Über seine Zukunft sann er nicht, über Vergangenes nachzudenken, hatte er verlernt. Wozu? Schickung und Fügung war alles. Aber Bibelsprüche klangen ihm unablässig im Ohre; er dachte des Elias, der die Propheten des Baal zu Hunderten geschlachtet am Bache Kison; des Moses, der das Goldene Kalb zerschlug, und ihn verlangte sehr, ein Gleiches zu tun. Aus dem Nebengemache aber drang ein fernes Raunen. So leise, so unhörbar es war, so sehr verstörten ihn diese Flüsterlaute. Sie drängten sich in seine Gedanken, sie ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, sie bereiteten ihm körperliche Pein. Er wußte, was sich neben ihm begab: vor dem marmornen Marienbildnisse, das er selbst einmal Frau Reginen zum Angebinde gemacht, knieten zu dieser Stunde sein Weib und sein Kind. »Sie beten Götzen an, zermalme sie, Herr!« stöhnte er in seiner Qual. Und plötzlich – er wußte nicht, kam's aus ihm, klang's um ihn – drang wie eine Stimme zu ihm: »Und du leidest es, Andreas?« ... War das der Ruf? Eine Tür stieß er auf. Er sah einen langen, schmalen Raum, von ahnendem Dämmerlichte erhellt, denn nur eine Ampel brannte darin. Ihr rötliches Licht fiel auf das Antlitz der Gebenedeiten, auf zwei Häupter, die sich, demütig und enge aneinandergeschmiegt, vor dem Angesichte der Himmelskönigin beugten. Der Anblick raubte ihm alle Besinnung; die Bibel hoch erhoben, mit Katzenschritten schlich er vorwärts. Die Diele knisterte; vier Augen schauten entsetzt um bei diesem Laute, zwei Kniende erhoben sich. »Andreas!« rief Regina erschreckt. Er schritt vorwärts wie ein Nachtwandelnder. »Andreas!« Sie warf sich ihm in den Weg, sperrte sich mit schwachen Kräften. Er schob sie beiseite: »Schütt aus die Schale deines Zornes! Rott aus die Götzen, Herr!« stöhnte er heiser. Schon holte er wuchtig zum Hiebe aus, da bückte sich das Weib. Mit letzter Anstrengung, blitzschnell, riß es das Kind in die Höhe: »Triff diese ...« Es war zu spät. Die Macht des Schlages, der dem Bildnisse gegolten, riß seinen Arm vorwärts. Schwer schlug die Bibel wider ein angstverzerrtes Kindergesichtchen. Ein geller Aufschrei vor entschwindendem Bewußtsein: »Es tut weh, Mutter. War ich so schlimm, Mutter?« Dann Totenstille. Die Bibel entfiel plötzlich kraftlos gewordenen Händen; mit hartem Klange schlug das heilige Buch zu Boden. Unter dem Sternenkranze hervor, mit dem es der Künstler geschmückt, sah das Antlitz der Schmerzensreichen unbewegt das alles: nur Leben schien es zu gewinnen, wie das Ampellicht flackerte. Es sah einen Mann, immer noch wahnwitzigen Trotz im Auge, vor dem gebietenden Fingerwink eines Weibes zurückweichen; sah dieses mächtig und ragend dastehen, während sich ihr Kind ängstlich an ihren Busen duckte und nur manchmal einen scheuen Blick nach dem warf, den es so sehr geliebt und der ihm so weh getan. Es hörte dann die vorwurfsvollen Worte, die ihm galten: »Dir war sie bestimmt und deinem Dienste. Was hast du sie nicht beschirmt, Mutter der Gnaden?« – sah, wie die stille, blasse Frau das blutende Köpfchen der ohnmächtigen Kleinen in die weißen Kissen ihres Lagers bettete – wie oft war es mit heißen Tränen benetzt worden während endloser, kummervoller Wochen! –, vernahm dann schluchzende Gebete und törichte Gelübde. Der Engel des Todes war eingebrochen in das Haus des Stadtrichters. Seine Schwingen sausten gewaltig und immer mächtiger. Ein junges Leben, das schon lange unter Zwistigkeiten und Fragen gelitten, die es nicht verstand, das der jähe Schrecken vielleicht mehr noch als der Schlag im Tiefsten getroffen, erlosch wie ein Lichtlein vor ihrem Wehen. Während aber Maria Regina dahinsiechte und schwand, machte das, was ihren Tagen ein so frühes Ende bereitete, machte der alte Hader an ihrem Sterbebettchen immer noch nicht halt. Umsonst drängte und trieb der Prädikant zur Flucht; eine unsichtbare Macht, gegen die er nicht mehr ankämpfen könnte, hielt Aestuarius. Nur nach Stunden zählte noch das Leben seines Kindes; er kannte sein Weib genug, um zu wissen, daß sie ihn niemals, schon aus Stolz nicht, dem weltlichen Gerichte übergeben würde. Der Name, den sie so lange getragen, durfte nicht durch die Gossen gezogen werden. So blieb ihm eine Frist; sie mußte er nützen, um das Seelchen zu retten, um das er gerungen. Immerwährend weilte er am Lager der Kleinen, mit gütigen Worten sprach er ihr zu, die bei seinem Nahen zuerst bang und ängstlich aufgeschrien. Frau Regina aber wehrte ihm nicht. Die Grausamkeit, die in jedem Weibe schläft, war in ihr erwacht. Ihr Kind war nun einmal verloren so sollte mindestens der, der es gemordet, erkennen, wie nutzlos er es hingeopfert; es erkennen und darüber verzweifeln ... So waren denn die drei wiederum vereint. Zu Füßen Maria Reginas stand der Vater und sprach ihr das Bekenntnis des Glaubens vor. Sie sagte es leise mit stockenden Lippen nach. Dann mahnte die Mutter: »Bet ein Ave Maria, Kind!« Sie tat es ängstlich. Und plötzlich beugte sich Andreas Aestuarius zu ihr: »Zu wem willst du, zum Vater oder zur Mutter?« Da gingen ihre Augen in trauriger Frage vom einen zur andern. Ein mächtiges Zucken durchlief ihre Glieder; mit tastenden Händchen griff sie ins Leere. »Zu Gott, zu Gott!« hauchte sie müde. Frau Regina schnellte auf und riß sie an sich. »Sie wird dir keine Antwort mehr geben, Andreas«, sprach sie dann hart und stark, »sie ist tot.« »Tot! Und sie starb nicht im rechten Glauben!« schrie er auf. »Sie starb im rechten Glauben. Nun aber fahr hin und laß uns allein. Ich weiß nichts mehr, was du noch zu verwüsten oder zu töten hättest. Oder gelüstet es dich nach meinem Leben? Nimm es – ich wehre dir nicht.« Sie war vorgetreten und stand groß, schön und stolz vor ihm. Er wich zurück: »Es war Schickung, Regina!« »Schickung?« – sie lachte grell und laut. – »Schickung? Und es war guter Dinge gewesen. Immer, immer. Es hat gelacht – oh? um sein Lachen! – und war gesund, bis dich der mörderische Wahnsinn ergriffen. Schickung? Nein, denn es war lieb und süß und hätte leben können. Schickung? Du bist feig, du warst es, du, du, du und nichts anderes.« »Der Zorn Gottes und sein Eifer haben mich getrieben. Er allein hat meine Hand geführt, und was ich traf, das mußte ich treffen.« »Du mußtest? Geh! Du mußtest? Und warf ich mich dir nicht entgegen? Bat ich dich nicht: ›Halt ein und kehr um‹, als es noch an der Zeit war? Du wolltest es nicht anders, und nun geh! Nun, wo du nicht einmal weißt, ob du sie jemals wiedersehen wirst. Ich aber weiß, daß ich sie im Himmel finde, denn ich will beten und büßen und mich kasteien, und vielleicht erbarmt sich der Heiland meiner bald. Du aber? Du hast sie getötet, und ich weiß keinen Ort, an dem der Mörder dem begegnen dürfte, den er geschlachtet. Ich habe sie diesem Leben geboren und für das ewige Heil gerettet. Du hast gar kein Teil mehr an ihr. Ich will allein ihr Grab schmücken und bei den frommen Frauen für sie beten. Nun weißt du, was ich werde – nun geh!« Er sah sich verstört um. Sein Auge fiel auf ein altes Schwert, das noch von der Zeit her an der Wand hing, da Herr Andreas von Paumann hier gewaltet. Das konnte er gebrauchen, wenn er mit dem Prädikanten nach Böhmen zog. Wie nur um etwas zu tun, nahm er es an sich und gürtete es linkisch: »Ich gehe für immer, Regina! Erwäge, daß alles Vorherbestimmung dessen ist, ohne dessen Willen nicht ein Sperling vom Dache fällt. Laß uns nicht im Grolle für alle Zeiten scheiden!« »Geh!« kam es dumpf zurück. Er näherte sich ihr wieder: »Meine Hand ist des Schwertes ungewohnt, mein Mund der Bitten. Gib mir die Hand, Regina!« »Geh!« »Wir waren selig gewesen, lange Jahre selig, Regina, bis der Ruf des Herrn uns schied. Denke an jene Zeit zurück!« Sie hatte die Händchen des Kindes ineinandergelegt und tat nun ein Kreuzlein dazwischen. Von ihrem Halse nestelte sie eine Reliquie und legte sie auf die Brust des Mädchens. Kerzen, so viele irgend im Zimmer waren, entzündete sie. Nun sah sie ihr Werk prüfend an, nickte still und schloß mit einem Kusse die immer noch weit offenen Augen der Toten. Dann trat sie hart an ihn heran, und beide standen einander zum letzten Male gegenüber: sie noch immer hold, vielleicht schöner als je, nun ein Leidenszug sich tief in ihre Stirne grub und ihr ganzes Angesicht durchgeistigte und adelte, er aber hager, verhärmt, mit ergrauendem Schläfenhaar und verstört im Tiefsten: »Erinnere mich nicht daran, du hast das alles vernichtet. Geh!« rief sie strenge; dann aber, kaum daß von der Tür her ein Knarren fern und schwach an ihr Ohr geklungen, sank sie vor dem Bettchen in die Knie: »Maria Regina, bitt für uns!« betete sie leise. Längst hatte sich über einer Kindesleiche in einer stillen Stadt die Erde geschlossen, und eine blasse, hohe Frau in Novizentracht kniete täglich am Hügelchen nieder und schmückte es und ließ es bepflanzen, daß es einem Blumengarten gleichen mußte, wenn der Frühling erst wieder einmal ins Land kam, als zwei Reiter durch das Böhmerland gen Prag zogen. An einem grauen Tage war es; ein leises, trauriges Windeswehen ging, die Nebel rieselten, ängstliche Sperlinge piepten kläglich am Wegerain, und kahle Bäume mit dem ersten, ahnenden Grün an Rinden und Geäst streckten ihr laubloses Gezweige wie um Licht flehend gen Himmel. Die Gäule der beiden Geharnischten waren abgetrieben; ihre Gewänder zeugten von langer Reise, die Züge ihres Angesichtes von manchem Ungemach des Weges in einem Lande, dessen Sprache sie nicht kannten. Die Rüstung saß ihnen so schlecht, daß man leicht erkennen konnte, wie wenig sie gewohnt waren, gewaffnet einherzuschreiten. Da, während sie mühsam auf grundloser Straße dahintrotteten, zerriß der Nebel. Aus seinem Wallen tauchten düstere Türme auf; weitgedehnte Häuserreihen sahen sie, von einer starken Mauer umfangen; eine gewaltige Burg, würdig eines Königssitzes, erhob sich ernst und beherrschend darüber. Das Nebelbrauen schwand, die Sonne brach hell und kalt durch, und tief im Tale lag das blaue Leuchten der Moldau. Da verhielt der eine sein Tier; seine Augen stierten ins Leere, seine ganze Gestalt versank in sich. »Was ist dir, Andreas?« fragte sein Genosse. »Was starrst du? Was siehst du wieder in dich?« – »Ich sehe ein kleines Grab, und ich habe kein Teil daran, nicht hier und nicht dort; und dennoch waren die, welche es bedeckt, und die, welche es pflegt und daran betet, alles, was ich je im Leben besessen.« Da hob sich der Prädikant im Bügel: »Lasse die Toten ihre Toten begraben, Andreas! In dir trägst du das Leben!« Der Letzte Abseits von der kleinen Stadt selbst war noch eine Ansiedlung. Um ein Hügelchen herum war sie entstanden, und es waren die Häuser und Hütten der Allerärmsten, die sie bildeten. Nicht einmal zu einer ordentlichen Straße hatte es der Vorort gebracht, sondern die Baulichkeiten krochen, liederlich durcheinandergewürfelt, die Anhöhe empor, meist in ungeselligem Elend recht weit voneinander getrennt. Einige waren ganz hoch emporgeklommen; diese standen nun, wie erschöpft von der Anstrengung des Steigens, ganz windschief und geduckt wie schweratmende Menschen da. Auf dem Gipfel aber erhob sich ein ansehnliches Kloster, das fast den ganzen Raum für sich in Anspruch nahm mit seinem mächtigen Mauernviereck, mit seinem Kirchlein, das mit einem dreisten und spitzigen Türmchen in den Himmel stach und dessen Glocke nach dem Glauben aller einen vornehmlich wohllautenden und tröstlichen Klang besaß. Man sah von da aus weithin in das Land, und vielleicht um dieser Fernsicht willen hatten sich vormals Benediktiner hier angesiedelt, um so leichter, auch als sie zu Wohlstand und selbst Reichtum gekommen waren, die allgemeine Not und die große Armut ringsum zu übersehen. In den hussitischen Stürmen aber, die über diesen Strich Mährens besonders grimmig dahingefahren waren, verarmte das Kloster. Müde der ewigen Bedrängnisse, zogen die frommen Väter davon. Sie kehrten auch nicht wieder, als endlich nach vielen Jahren wiederum Frieden im Lande war. Andere kamen an ihre Stelle; wie es etwa Turmschwalben mit einem verlassenen Falkenneste tun, so nisteten sich bettelnde Barfüßer in dem weitläufigen Gebäude ein. Sie lebten mit dem Volke und gewannen sich manche Liebe als Tröster in Drangsal und duldsame Berater in Gewissensnöten; man konnte ihnen nicht neidig sein, denn es erging ihnen allen selber gerade kümmerlich genug. So verfiel denn auch das Haus des Klosters mehr und mehr; gebrach es im Winter an Holz, dann hieb man einen der wunderschönen Bäume des großen Gartens um. Man verkleinerte die Zellen, damit man's leichter warm hätte in frostigen Tagen, so daß ein übles Winkelwerk entstand. Nur die Kirche blieb immer noch schön geschmückt, und der Kreuzgang mit seinen hallenden Fliesen, darunter die Brüder bestattet wurden, dem kühlen, rinnenden Brunnen und den schönen, spitzbogigen und gemalten Fenstern bezeugte den alten Glanz. Zerbrach eine Scheibe vor dem Ungestüm des Windes oder der Achtlosigkeit eines Fraters, dann wurde freilich häßliches und gemeines grünes Glas eingesetzt. Das gab dann ein mißfärbiges Flickwerk. Zur Zeit nun, als der zweite Maximilian mit unsicherer Hand und gar im Verdachte heimlicher Hinneigung zu Ketzerei und Luthertum über Österreich gebot, stand der Pater Zachäus Kühreiter dem Kloster und dem Dutzend Mönchen vor, die es noch beherbergte. Er war ein stiller, friedlicher Mensch, von ansehnlicher Größe und Fülle des Körpers und mit einem mächtigen Barte begabt. Vordem hatte er gar eifervoll und mit starker Stimme zu predigen gewußt, und wenn er von der höllischen Glut sprach und er strich dabei seinen Bart nach vorwärts, dann nahm ihn manche zerknirschte Seele für ein Abbild und ein Vorzeichen des Feuers, das nie verlischt, ging heim, besserte sich, so daß dem Kloster manche ansehnliche Spende zufiel, deren es in seiner Bedürftigkeit sich gewiß mit allem Rechte erfreuen durfte. Pater Zachäus aber war Büßenden gegenüber ein milder Richter, wie er denn, bei all seiner wahren und tiefen Frömmigkeit, nur auf der Kanzel zu eifern vermochte. Sonst ließ er gerne jeden seiner Wege gehen und bemengte sich durchaus nicht mit Dingen, die nicht unbedingt seines Amtes waren; er scherzte gerne und hegte nur noch den einen Wunsch, seine Tage so mit Frieden zu beschließen, wie ihr größter Teil aller menschlichen Voraussicht nach schon in Ruhe verronnen war. Und hatte ihn bei seiner Wahl zum Guardian Klostervorsteher. eines gefreut, dann war es nur, daß er nicht mehr gar so oft in Bittgängen auf das Dorf oder in die Stadt mußte; so viele Jahre hatte er das getan, daß er dessen müde war und es anderen und jüngeren Beinen gerne überlassen durfte. Wenn sich aber Pater Zachäus einmal in der Umgegend erging, dann hatte er unablässig denselben Gefährten. Das war ein noch rüstiger und junger Bruder, hübsch von Angesicht und stark von Gliedern, sonst aber fast so verschlossen, wie der Prior mitteilsam war. Ihn terminieren Gaben sammeln. schicken konnte man nicht; er verstand keinen jener geistlichen Späße, mit denen man die Leute kirre und gebelustig macht. Sondern finster kam er, und unbedankt und mit leeren Händen mußte er zumeist wieder gehen. Man sendete ihn auch nur noch aus, damit er sich in Gehorsam und evangelischer Demut übe. Es half aber ihm sowenig zu jenen Tugenden als den Brüdern zu besseren Bissen. Sie mochten ihn darum auch nicht; der Prior aber liebte ihn ausnehmend, und Berchtold Bayer erwiderte dies Gefühl mit der dumpfen Treue eines Hundes und der bewußten Neigung eines Menschen, der einem andern alles und von Kindesbeinen ab – denn er war noch als ein halber Knabe aufgenommen worden – schuldig zu sein sich bewußt ist. So ergingen sich die beiden denn auch an einem recht grauen Spätherbsttage. Eine frühe Dämmerung war eingebrochen; am Himmel bewegten sich hastige Wolken, schoben sich drängend und eilfertig übereinander, so daß die Umrisse einer jeden unbestimmt und verschwommen durch das allgemeine Wallen durchschienen, und entsendeten einen ganz feinen und unentrinnlichen Sprühregen. Dazu raschelte der Wind im braunen und stark duftenden Fallaub, in einsamem Rot leuchteten einzelne Hagebuttenbeeren, so daß die große Trostlosigkeit der Welt durch dies bißchen Farbe erst recht ersichtlich wurde. Das verstimmte sie, und auch Zachäus wurde schweigsam und kehrte sich mit seinem Genossen früher als sonst heimwärts. Durch die Stadt wanderten sie und hüllten sich dichter in ihre Kutten. Dabei aber befremdete sie eine sonderbare Belebtheit der Straßen des Ortes; denn viele gingen mit ihnen dem Hauptplatze zu, in den die eine lange Gasse mündet, welche sie durchschritten. Aber mancher darunter sah die Mönche fast feindselig an; nur wenige rückten die Kappen. Und das schwirrende Geräusch der Webestühle war allenthalben um sie verstummt, ob es gleich noch lange nicht die Stunde war, zu der sich sonst die Weber von ihrem Tagewerke zu erheben gewohnt sind. Auf dem Marktplatze verlief sich das Volk; in den Lauben, die ihn umgeben, suchte es Schutz vor dem Rieseln und wogte dort stumm und in fast andächtiger Ernsthaftigkeit durcheinander. Erwartungsvoll verweilten sich auch Berchtold und Zachäus. Da läutete die Hauptkirche zur Abendmette; fein und hell antwortete die Glocke des Klosters. »Wie hübsch sie singt!« sagte Zachäus. Berchtold aber schüttelte den Kopf; denn in die Leute war eine Bewegung gekommen. Sie traten ins Freie und sammelten sich alle in einem Halbkreise vor der Kirche. Mancher aus ihnen schaute die Brüder neugierig, mancher fast spöttisch an. Berchtold merkte das wohl, wagte aber kein Wort, weil er seine Stimme hätte zu laut erheben müssen, um dem schwachhörigen Zachäus vernehmlich zu werden. Der uralte und wilde Wenzel Prokupek, der Schmied, aber kehrte sich plötzlich und sah den Prior mit seinen unter den weißen und buschigen Brauen glühenden bösen Augen an: »Willst du auch die reine Lehre hören und annehmen, Pfaff?« rief er. Und als Zachäus den Kopf schüttelte, weil er sich erst besinnen mußte, was antworten, da lachte der Riese gell, und andere taten's ihm nach, so daß Zachäus still in seiner Verlegenheit blieb. Plötzlich Totenstille. Auf einem Prellsteine stand ein Mann, der unversehens aus der Menge aufgetaucht war. Seine hagere Gestalt zeichnete sich scharf vom grauen Gemäuer der Kirche ab; mit heller Stimme begann er einen deutschen Psalm, und die feierliche Weise schwebte getragen durch die schwere Luft. Dann sprach er heftig, eifervoll von den Entbehrungen, die sich die Bekenner des wahren Glaubens auferlegen müßten – und er zeigte dabei, wie um des Gegensatzes willen, auf die beiden Mönche, die im gleichen Augenblicke aller Blicke ganz feindselig auf sich ruhen fühlten –, denn es sei besser, dem Falschen zu dienen, als das Wahre zu künden. »In Höhlen hausen wir, und in den Einsamkeiten schreien wir zu unserem Gotte; mit Glocken rufen sie, und mit Myrrhen und Rauchwerk wollen sie ihn betäuben. Er aber hört uns, uns, uns!« – »Uns, uns, uns!« rief die Menge feierlich erwidernd und schlug sich an die Brüste. Von der ewigen Verdammnis sprach er und von der Schuld derer, die das reine Wort fälschen. Schon stieg ein Kreischen von Frauenstimmen und ein heißes Aufschluchzen mit unsinnigen Ausrufungen gen Himmel. Dann ward noch ein Choral in solcher Andacht abgesungen, daß sich Berchtold und Zachäus nicht zu entfernen wagten. Dann Totenstille wieder; der Platz schwieg, verschwunden waren, die ihn kaum noch erfüllt, und beide standen einsam und schauten sich an. Endlich brach Berchtold los: »Und du? Was sagst du zu solcher Kasteiung?« Zachäus schwieg. »Um Gott und die gnadenreiche Jungfrau! Was sagst du zu solcher Lästerung und Schmähung des Heiligen?« Zachäus schwieg. »Bist auch du abtrünnig oder irre im Glauben? So sprich!« »Er hat gut gesprochen.« Da flammte Berchtold auf: »Ich verstehe dich nicht ...« »So komm!« Sie gingen ein Weilchen schweigsam nebeneinander. Dann hub Zachäus an: »Er hat gut gesprochen: denn die Leute haben ihn verstanden und waren ergriffen im Herzen und andächtiger als bei uns. Daß er sich gegen den wahren Glauben und den dreimal einigen Gott vergangen hat, dieses fühle und weiß ich. Aber – ich habe mich nicht Gottes anzunehmen. Er ist stärker als ich und wird ihn treffen, wenn er es will und an der Zeit hält. Ich kann und will ihm nicht vorgreifen. Verstehst du, Berchtold?« »Ich verstehe; aber dies widerspricht allem, was unsere heilige Kirche sonst kündet und von ihren Priestern begehrt!« »Kann sein. Ich aber bin alt und müde.« »Und was willst du tun? Wie, wenn die Irrlehre um sich greift?« »Sie wird's.« »Und wenn sie im Kloster Boden faßt?« »Sie wird's. Ich kann niemandem entgegen sein. Ich aber werde nicht abfallen, und wär ich der Letzte, der zum wahren Glauben steht.« »Und willst du nicht den weltlichen Arm anrufen?« Da lächelte Zachäus: »Hast du nicht Prokupek gehört? Er ist Bürgermeister, und auf wessen Seite wird sich der stellen? Und soll Blut fließen?« »Du bist zu milde und zu gütig, Zachäus.« »Kann sein. Ich bin, wie ich war.« Berchtold wurde verlegen: »Ja, du bist, wie du warst. Ich kenne dich. Du warst gütig all die Tage deines Lebens. Ich hab's nicht vergessen, wie du den verirrten Knaben, den du im überschneiten Felde gefunden, zwei Stunden weit auf deinen Armen ins Kloster getragen und aufgezogen hast mit aller Liebe. Ich weiß es wohl.« »So sprich nicht davon. Ich war damals jünger.« »Und ich soll dich nur um dein Kleid schmähen hören?« »So trifft's nicht mich.« Sie standen vor dem Kloster, und mit geneigten Häuptern und sich bekreuzend, wie es sich gehört, betraten sie das Haus des Herrn. In derselben Nacht erwachte der älteste Enkel des Bürgermeisters Prokupek von einem jähen Scheinen, das ihm auf die Lider fiel. An seinem Bette stand der Großvater; er war völlig angekleidet und sah im ungewissen und flackernden Lichte, das die gewaltige Gestalt überlief und rötlich von einer alten, blankgemachten Sturmhaube zurückgeworfen ward, so unheimlich und geisterhaft drohend aus, daß der Knabe erschrak und sich in die Kissen drückte. Wenzel aber rüttelte ihn. »Fürchte dich nicht, steh auf und komm«, flüsterte er heiser, und das Kind gehorchte. Die beiden gingen zuerst in die Werkstatt; unter altem Gerumpel suchte der Greis und hob mit erstaunlicher Kraft Eisenstangen und legte sie wieder sachte nieder, daß sie nicht klirrten. Ganz unten lag ein wuchtiges Schwert. Das band er sich um die Hüfte: »Die Zeichen sind da.« Die Klinge glitzerte hell und scharf, als er sie aus der Scheide zog, und der Junge begriff, was der Ahn oft und oft einsam und nach Feierabend in der Werkstatt zu schaffen gehabt. Dann ward ihm ein Spaten in die Hand gedrückt, einen zweiten nahm der Bürgermeister in die Hand, warf den Kienspan fort, trat ihn sorgfältig aus und schloß darnach bedachtsam wieder die Schmiede. Er kehrte sich aber nicht der Wohnung zu, sondern ging ins Freie. Ein heftiger Sturm schlug ihnen mit starken und schweren Fittichen entgegen. Es war sehr dunkel; die Häuser standen ihnen unförmig zur Seite. Das Kloster auf dem Hügel ragte ungeheuer in die Luft; ihr Weg führte sie daran vorüber, und Prokupek schüttelte ingrimmig die Faust darnach. Dem Knaben wurde bang, und er wagte kein Wort; er fühlte sich ermatten und traute sich nicht, einen Laut der Klage über seine Lippen zu bringen; die häufigen Windstöße beengten ihm die Brust. Der Neunzigjährige aber hatte kein Auge für sein Leid und empfand nichts von all den Beängstigungen, welche die Seele seines Enkelkindes durchfröstelten. Ein Wald empfing die Wandernden. Schwarzföhren bildeten ihn und hielten, ernste und dunkle Wächter, den Anfall des Novemberwindes ab. So war unter ihnen eine leidliche Ruhe; nur in den Gipfeln sauste, sang und knackte es, dürre Zweige fielen krachend zu Boden, und ein Rieseln erstorbener Nadeln war, die den Boden übersäten und glatt und ungewiß für den Fuß machten. Mitten unter ihnen stand eine Buche und schimmerte mit ihrer weißen, blanken Rinde fast gespenstisch durch das starke Dunkel. An ihr machte Prokupek halt; er bückte sich und sammelte Fallholz, dessen genug umherlag; ein Brand ward entzündet und stieg glosend mit schwerem Rauch gen Himmel. Dann maß er zehn Schritte vom Stamm; ein ganz von Moos überwachsener Feldstein lag da. »Dies ist der Ort; zehn Schritte nach Norden«, murmelte der Wilde. Beide wälzten den Stein nicht ohne Mühe von seiner Stelle. Dann, eine alte, finstere Weise, die wie der Schlag von Schwertern auf Schilde klang, summend, hub Prokupek zu graben an, und sein Enkelkind tat's ihm nach. Ein »Halt!« Der Bürgermeister kniete nieder und wühlte mit der bloßen Hand weiter. Ein Ding, in verblaßte und verschlissene Seide gehüllt, zog er hervor. Er warf die Fetzen fort, und ein goldener Becher leuchtete ... »Dies ist der Kelch!« sprach er ernst und feierlich. »Dies ist der Kelch«, wiederholte der Knabe ehrfürchtig. »Und wie schön er ist, und wie sein Gold blank ist und schimmert!« Prokupek setzte sich auf einen Wurzelknorren. »Komm her, Bub. Dies ist der Kelch, habe ich dir gesagt, und hier habe ich ihn vergraben helfen. Just in deinen Jahren war ich, und gerade so alt, wie ich jetzt bin, war mein Großvater.« »Und was ist der Kelch?« »Das Sinnbild unseres Glaubens. Denn nur unsere Lippen sind katholisch, unsere Herzen aber sind Hussiten geblieben.« »Und was ist der Unterschied, Großvater?« »Wir mögen keine Mönche. Ich weiß nicht, wie viele Klöster mein Großvater selig mit angezündet hat. Das muß wieder sein. Aus dem reinen Kelche muß wieder der reine Wein des Glaubens gespendet werden. Nicht allein für die Geschorenen hat Christus sein Blut vergossen. Auch wir wollen seiner teilhaftig werden. Also hat der Fremde heute gepredigt. Und daß er das zum dritten Male durfte, ohne daß sie ihn brannten, dies ist ein Zeichen, daß die Zeit gekommen ist und der Kelch wieder wandern wird. Hinter ihm aber ziehen wir durch die Lande mit dem Schwert an der Hüfte. Verstehst du, Bube?« »Ich verstehe, Großvater.« Prokupek erhob sich. Er barg den Kelch an seiner Brust und wendete sich heimwärts. Und in Sinnen versunken, merkte er lange nicht, daß ihn der Bube am Gewand zupfte; endlich blieb er stehen. »Was willst noch?« »Du sprichst von Kampf und Haß; aber der Prädikant hat nichts davon geredet.« Der Bürgermeister lachte: »Du Narr, davon schweigt man. Man verkündigt die Liebe und die reine Lehre, und das andere kommt schon von selber.« Und wie er fürbaß schritt, stimmte er ganz laut und mit voller Stimme das grimmige Schlachtlied an: »Für den heiligen Kelch, für die reine Lehr', Für das Blut, das am Kreuze geflossen, Im Kampfe zu sterben ist unser Begehr, Nur suchen im Tod wir Genossen. Wir wünschen in Schlachten und währendem Streit Der Seligen Himmel zu erben, Und hinter uns schweige die Einsamkeit, Und vor uns brause Verderben. Und die Städte so wüst, und die Fluren so leer, Von Gottes Zorn übergossen. Unser Werk! Unser Werk! Für den Kelch, für die Lehr', Für das Blut, das am Kreuze geflossen!« Noch hatte er's nicht zweimal wiederholt, da fiel die helle Knabenstimme ein und einte sich mit der seinen. Prokupek nickte beifällig; und einträchtig und singend kamen sie heim, der Vertreter eines uralten Hasses gegen die Kirche aus vergangenen Zeiten, das Kind, dem er kaum erst und für alle Zukunft eingeflößt worden war. Aber schon ballte es im Vorübergehen am Kloster die Faust, wie es das kurz vorher von seinem Ahn tun gesehen hatte. Am nächsten Tage fehlte der Prädikant. An seiner Stelle stand der Bürgermeister auf dem Prellstein und predigte. Voll ingrimmigen und giftigen Grolles war sein Wort; vor dem Ende hob er den verborgenen Kelch empor, und das Stadtvolk, das seine hussitischen Erinnerungen so lange und so zäh bewahrte, wie es sonst nirgends geschehen, sank auf die Knie und brach in hallenden Jubel aus. Schon dachten manche an Angriff und Plünderung gegen das Kloster. Das war aber Prokupeks Wille nicht, der sich scheute, im Gau das Zeichen zu Gewalttat zu geben. »Wie bringt man den Fuchs aus seinem Unterschlupf?« fragte er. »Man hungert ihn aus, man hungert ihn aus!« kam es vielstimmig zurück. »Also das Mittel wißt ihr.« Von dieser Stunde ab floß nicht das mindeste mehr in das Kloster von milden Spenden. Kamen die Brüder, Gaben zu heischen, dann wurde ihnen kaum erwidert. Man tat ihnen in der Stadt mindestens nichts zuleide; aber kleine Tücken ließ man an ihnen aus. Man hob in einigen Häusern auf, was verdorben war und dennoch den Anschein der Genießbarkeit hatte; das steckten dann die Weiber heimlich, als müßten sie's vor ihrem Gatten verhehlen, den Fordernden zu, die dann doch nichts davon hatten als die Mühe, das eilfertig Zusammengeraffte heimzutragen, dann den Verdruß und vielleicht gar noch üblen Geruch. Anfangs dachte man an Zufall; als aber der Pater Küchenmeister sich verwunderte, daß die Hühner so gar keine frischen Eier mehr legen wollten, da erkannte man bekümmert den üblen Willen der Städter und mied sie. Nun aber wurden diejenigen, welche terminieren gingen, offen verhöhnt. Die Buben riefen ihnen das: »Kahlkopf!« des Propheten Elisa nach, und kein rächender Bär erschien und zerriß sie, wie es einer seiner Vorfahren an den frechen Spöttern des Alten Testaments getan. Das verdroß manchen, daß so gar kein Wunder mehr geschehen wollte; er begriff nicht, warum er sich zu Ehren Gottes abmühe, wenn ihm der in keiner Weise beistand, zog aus und kam nicht wieder. Auch wurde es immer mühseliger, selbst nur das Notdürftigste zu erlangen; denn der Abfall ging wohl von der Stadt aus, griff aber rasch und immer weiter um sich. Zugvögel, die den Wechsel der Zeiten und das Wehen ihnen günstiger Winde vermerken, so waren die Prädikanten allenthalben aufgetaucht. Einem Bruder war es widerfahren, daß sie ihn im Dorfe bei Nacht hart schlugen und die Hunde auf ihn losließen. Dazu schien er sich nach seinem Gelübde nicht verpflichtet, sagte das dem Prior, nahm seinen Stecken und ging. Anderen war die Plage zu groß, der Gewinn zu gering; dazu waren sie nicht im Kloster. Der Pater Küchenmeister kam sich bald gänzlich überflüssig vor; er entfloh diesem Gefühle und zugleich den wenigen, die noch treu geblieben waren. Der Pförtner tat's ihm nach; der Mesner verließ seinen Dienst, denn niemand kam sich Beichte hören lassen oder in eine Messe, wenn nicht kümmerliche Weiblein, die früher hier Gutes genossen, oder halbwüchsige Kinder. Auch diese schlichen ängstlich in die Kirche und stahlen sich vorsichtig von der Stätte fort, an die sie nur noch alte Gewöhnung, die Hoffnung auf die Wiederkehr besserer Zeiten und eine geheime Furcht banden, man möchte sie dann ihren Abfall entgelten lassen. Sonst aber hegte niemand eine solche Besorgnis; offen hatte die neue Lehre gesiegt, und die Hauptkirche faßte kaum die Zahl ihrer Bekenner. Durch das Haupttor zogen sie ein, wie sie früher vor dem Tore stehen gemußt. »Das ist das Neue«, sagte Zachäus trübe zu Berchtold, der ihm allein geblieben, sagte es, damit ein Laut das große Schweigen breche, das über das Kloster gefallen war und durch das sonst nur die Stimme der Glocke klang, um fast unbeachtet nach kurzem und ängstlichem Läuten zu verstummen ... Eine leidenvolle Zeit war für die beiden letzten Brüder angebrochen. Zachäus trug sie mit der Geduld des Alten, der die Zeiten und ihren Wandel kennt und dem alles nur noch Übergang zu einem letzten und ungewissen Ziele scheint. Anders Berchtold. Seine junge Kraft empörte sich gegen die Wehrlosigkeit, zu der er sich verdammt sah; ihn bedrückte das zwecklose Sein, das er führte, das Stehen auf aufgegebenem und verlorenem Posten, ohne daß auch nur auf Ablösung zu hoffen war. Dazu war der Winter mit strengen Frösten und mit endlosen Abenden geschritten gekommen. Manchmal gebrach es ihnen am Nötigsten und selbst am Lichte. Und saßen sie dann beisammen in dem einen Gemache, das sie beide beherbergte, und die eintönige Stimme des Alten, der aus dem Breviarium leierte, war verstummt, so daß kein Laut mehr rege war, nur das Krachen des grünen Holzes, das im Ofen sich warf und knisterte, und das traurige Summen und singende Sausen des nächtigen Wehens im Schornstein, dann kamen Berchtold ganz zornige und sündhafte Gedanken, und er haderte mit Gott. Das heiße Blut, das ihn in frühen Jahren aus dem Elternhause geführt und in der Welt umgetrieben hatte, bis er im Frost am Wegeraine niedergesunken war und den Tod mit Augen zu sehen gemeint hatte, schrie in ihm. Es war wohl stiller geworden durch die jahrelange und innige Gemeinschaft mit Zachäus, aber gänzlich gebändigt war es nicht. Manchmal quoll der Rauch durch das Gemach; dann geriet Zachäus in ein großes Husten, preßte die Hand wider die Brust, und die geröteten Augen sahen aus einem schmerzlich verzerrten Gesichte den Gefährten leidenvoll und klagend an. Berchtold aber empfand seine Kümmernisse mit, und die Sorge, was werden solle, wenn der Alte diese Erde verlasse, wich nicht aus seiner Seele. Ein geheimer Vorwurf, daß er so gar nichts für den Bruder getan, der ihm das Leben gerettet und die Tage gehütet, fraß an seinem Herzen. Was aber beginnen? Ausharren bis zuletzt und zuschauen? Die Not wuchs, und alles, was noch aus besserer Vergangenheit herübergerettet war, ging zur Neige. Und eines Tages nahm Berchtold den Bettelsack und trat vor den Prior: »Ich will mein Glück versuchen!« – »Du?« antwortete Zachäus. »Du hast es ja nie gekonnt?« – »Ich will es versuchen«, entgegnete der Junge; »es geht nicht länger, wie es gegangen ist. Oder sollst du mit hinaus in Stürme und Schneetreiben?« - »So segne der Herr deinen Weg und erweiche die Herzen der Menschen. Denn wir sind in seiner Hand, und er allein kann uns beschirmen. Und vergiß nicht, daß ich einsam bin und mich leicht ängstigen könnte um dich, mein Bruder. Sei nicht heftig, sondern lerne bitten. Höhnt man dich, so denke dessen, der für uns Spott und Schimpf auf sich genommen hat und der doch Gottes einiger Sohn war. Scherze mit den Kindern, dann gewinnst du die Eltern. Und nun: der Friede Gottes sei mit dir, Berchtold!« – »Mit dir sei der Friede, Zachäus!« Es war ein rauher Wintertag und ein harter Gang für Bruder Berchtold. Stapfte er durch den spröden und klingenden Schnee, dann hemmte ihn die Kutte im Schreiten. Er schürzte sie höher, und der Wind, der ihn umsauste, verfing sich in ihren Falten. Dazu wagte er es nicht einmal, im Städtchen vorzusprechen; den Dörfern, aus deren Schornsteinen ein gastlicher Rauch aufstieg, kräuselnd und grau in die reine Luft emporklimmend, bis er mit dem Grau des Himmels in eines verrann, wich er in großem Bogen aus. Am schwarzen Forst, in dem damals der finstere Prokupek den Kelch ausgegraben, kam er vorüber; hinter dem lagen einsame und verstreute Gehöfte an den Lehnen des Hügellandes, das da allmählich zur Grenze Schlesiens ansteigt. Dort konnte sich in der Einöde vielleicht noch das Bekenntnis des alten Glaubens erhalten haben, mindestens jene Abneigung mußte nicht aufgeschossen sein, die ihm nur um sein Kleid von den wenigen bezeigt ward, denen er begegnete. Denn er fand Anlaß genug, sich im schweigenden Ertragen zu üben, wie es ihm sein Meister empfohlen hatte; nicht ein Kind lief ihm zu, ihm die Hand zu küssen, wenn ihm das vormals nur zu oft geschehen war. Sie schnitten ihm häßliche Grimassen oder starrten ihm stumpf und frech ins Gesicht. Endlich, die Mittagsstunde war vorüber, kam er zu einem einsamen Gehöft. Es lag breit und selbstgenügsam da; an das hintere Tor schloß sich ein weiter, weißer Strich, der auf dem Hügelkamme von einem stattlichen Wäldchen abgeschlossen ward, das die Feldmarke bezeichnen konnte. Ein feister Hund lag breit und mit verschlafen blinzelnden Augen auf der Schwelle, über die eine Strohmatte gebreitet war. Er erhob sich vor dem Nahenden, schnupperte friedlich und neugierig an ihm herauf und streckte sich dann wieder faul und gleichmütig aus. Schon das schien Berchtold ein gutes Zeichen; beherzt trat er ins Haus, klopfte an eine Tür und öffnete. Eine große Stube, fast drückend schwül, lag vor ihm; um einen mächtigen Tisch saßen Knechte und Mägde beim Essen. Ein Kichern und Zischeln flog auf, als er eintrat. »Was will der Pfaff? Der Schwarzrock! Der Kahlkopf! Sieh, sieh!« Ihn aber hatte schon ein Blick auf die gänzlich schmucklosen Wände belehrt, daß er irregegangen und in ein evangelisches Haus geraten sei; scheu und schnell wollte er sich zurückziehen, als eine tiefe Stimme erklang: »Rückt zusammen und schweigt. Er soll mitessen, der Pfaff.« Berchtold zögerte. »Setz dich, hab ich gesagt. Du bist hungrig, und du sollst mitessen. Ich habe befohlen!« wurde ihm wieder zugerufen. Er gehorchte. Während des Essens ward kein Wort mehr gewechselt. Dann erhob sich eines um das andere, wischte seinen Löffel ab, legte ihn auf den Tisch und ging mit einem frommen Gruße davon. Auch er wollte also heim; da hörte er wieder: »Warte, ich habe mit dir noch zu reden. Der Bettelsack scheint dich nicht sehr zu drücken, du hast ihn nicht einmal beim Essen abgelegt?« Er wurde verlegen. »Ich vergaß!« »So? Vergessen hast du?« Ein gewisser Hohn und ein leises Lauern waren in der Frage. »Haben nicht vielleicht die Leute vergessen? Sie sind klüger geworden und wollen sich nicht mehr von euch schätzen lassen. Recht haben sie. Ich sag's, die Ludmila Prokupek.« Und sie schlug mit der Faust hart und nachdrücklich auf den Tisch. »Prokupek?« rief Berchtold erschreckt. Sie lachte: »Aha, bist du aus dem verrückten Webernest? Fürchtest du dich vor dem größten Narren? Meinem Schwiegerväterchen Wenzel? Der ist toll und möchte alle machen, wie er ist. Hat sein Enkelchen schon fertiggemacht. Hat mich auch herumkriegen wollen – ist noch keine Woche her. Da ist er gesessen, wo du sitzest, mit seinem muffigen Kelch. Und wie ich ihn frag: ›Was soll das Ding, wenn nicht zum Verkaufen?‹, da schwatzt er mir was vor, vom Inbegriff dessen, was man sich verlangt und doch nicht recht auszusprechen weiß. Unsinn! Ich begehre nichts, was ich nicht kenne, und ich lasse mich nicht betrügen mit alten Geschichten. Ich mag keine Sinnbilder; leben will die Ludmila und schaffen, und niemand soll ihr was dreinreden. Das hab ich ihm gesagt, aber tüchtig; mich freut's, wenn ich ihm so was tun kann, dem närrischen Narren!« Sie war im Sprechen aufgestanden; ein leises Rot war ihr in die braunen Wangen gestiegen, wie es manchmal, noch ehe sie völlig purpurn aufglühen, die Blätter des wilden Weines überfliegt. Ihr Mundwinkel mit dem schwarzen Mal darunter, das auf dem Halse wiederkehrte, zuckte heftig; groß, stark und völlig ohne Tadel vom schwarzhaarigen Haupt bis zu den Füßen stand sie vor dem Mönche, der sie fast verwundert und mit einiger Scheu anstarrte. In ihren nächtigen Augen leuchtete es gewitternd. Dann, ruhiger, fügte sie noch hinzu: »Du mußt mich nicht für wild halten. Ich bin's sonst nicht, und meine Leute haben es gut bei mir, wenn sie folgen. Aber ich mag kein Gefasel, ich habe genug davon schon gehabt, wie noch mein Mann gelebt hat. Das war auch so einer mit Psalmsingen und mit Beten. Was heißt das? Hast du was angestellt, so häng dich auf, hast du nichts getan, so ist der Herrgott auch ein Mensch und will seine Ruh haben. Hab ich recht oder nicht? Ja so! Dich darf ich so was nicht fragen! Das ist ja dein Geschäft. Ist auch ein sauberes!« Sie lächelte verächtlich, und ihm schnitt's in die Seele. »Na, gottlob, es geht auch von Tag zu Tag schlechter. Und jetzt komm. Deine Predigt hast einmal anhören müssen, statt sie zu halten, Pfaff! Ich geb dir was; ich hab's, und den Prokupek könnt's ärgern, wenn er was davon hören möchte. Seid ihr viel?« »Nur noch einer neben mir.« »Ist eh zuviel, noch ein Tagedieb.« »Er ist alt und der beste Mensch«, wendete Berchtold ein. »Also ist wenigstens schade um ihn, daß er nichts Ordentliches geworden ist.« Sie füllte ihm seinen Zwerchsack reichlich, und der Mönch empfing nicht ohne Scham, was sie ihm gab. Er freute sich beinahe, fort von dem heftigen Weibe zu kommen, das jeden Dank und jeden Segensspruch ablehnte. Auch war ihm bange nach Zachäus, und dennoch, als er mit dem Einsamen beisammensaß, flogen seine Gedanken zurück nach dem Hof in der Einöde und zu Ludmila, also daß er nicht mit vollem und innigem Herzen in das Dankgebet einstimmen konnte, welches Zachäus anhob dem Herrn zum Preise, der die Gemüter lenkt und ihre Rauhigkeit sänftigt. Er kam wieder; nicht ohne Kampf mit sich, nicht ohne vorher an mancher Tür vergeblich angepocht zu haben. Ihn trieb die bittere Not. Aber er wurde diesmal unwirsch genug empfangen. Ja, was er denn denke! Einmal sei genug; aber sich Müßiggänger heranzufüttern, dazu sei sie nicht auf der Welt. Ob denn für ihn allein Gottes Gebot nicht gelte, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen müsse? »Was, beten willst du für mich? Ich mache meine Sachen gern allein ab. Arbeit! Ein Drescher ist mir krank, tu du das Seine!« »Ich hab's aber nicht gelernt«, meinte Berchtold, der sich ihr gegenüber gar nicht zu benehmen oder zu helfen wußte. Sie lachte: »Nicht gelernt! Sie werden dir's schon zeigen. Es ist nicht schwer. Probier's wenigstens, zeig guten Willen, und ich werde dir ihn auch beweisen. So ein starker Kerl bettelt!« Er gehorchte, und es sah wunderlich genug aus, wie sich die schwarze Kutte mit dem weißen Gürtelstrick unter die Drescher mengte, wie die schwarzen Ärmel mit den weißen Leinenärmeln sich in gerechtem Dreitakt zu bewegen mühten. Frau Ludmila aber sah zu, und in ihren schwarzen Augen lachten Übermut und Schadenfreude, wenn er ihr gegenüberstand, und auch die Knechte verhielten nur mühsam ihr Lachen über den wunderlichen Helfer. Aber er benahm sich geschickt und wacker genug, bis die Zeit zum Mittagmahl gekommen war. Danach entließ ihn die Frau; sie gab ihm nicht soviel wie das letztemal, immerhin noch reichlich. Und ihn drückte diesmal ihre Spende nicht, ihn freute, daß sie doch, wenn auch nur zu geringem Teile, erworben worden war. Dem alten Zachäus aber berichtete er nichts von seinem Abenteuer, nur daß er die Schwielen an seinen Händen heimlich und nicht ohne Vergnügen betrachtete. Denn wer irgend dem Bauernblute entsprossen ist, in dem lebt meist eine Sehnsucht und eine Freude zu diesem Berufe, die nicht leicht erstirbt. Es wäre überflüssig zu erzählen, wie häufig fortab der Bruder Berchtold den Weg nach Ludmilas Hof in der Einöde zurücklegte. Es geschah oft genug; immer aber gab sie ihm Arbeit, und einmal, da er sich mit Holzhacken abmühte, lachte sie: »In der Kutte muß das sein? Wird das Holz geweiht dadurch?« Er sah sie fragend an. »Was du tun sollst? In der Kammer hängen noch allerhand Kleider von meinem Seligen, ihr habt's in der Größe gleich. Probier's einmal an!« Das Bauerngewand ließ ihm gut, und sie machte kein Hehl daraus, daß er ihr darin gefalle; nur die Tonsur verriet noch den Mönch, und sie spottete viel darüber, und die Knechte mußten ihr helfen dabei. Auch ihr Kind lernte er kennen, es war ein grobknochiger Bursche mit stumpfem Gesicht, ungelenk von Gliedern und mürrisch. Berchtold tat ihm schön. Ludmila aber wehrte ab: »Ich weiß genau, er ist häßlich. Ich habe ihn gerne, aber niemand muß tun, als möchte er ihn. Du sollst nicht lügen, und du mußt es nicht mehr, denn du bettelst nicht.« Er ließ doch nicht ab, bis es ihm gelungen war, die Zuneigung des störrischen Knaben zu gewinnen; denn sonst waren ihm alle gut, und weil er in ihren Augen ein Gelehrter und dabei doch anstellig und von ungemeiner Kraft war, so achteten sie ihn sogar. Er aber war heiter und staunte manchmal selbst über sich und seine Fröhlichkeit, die ihm so lange fremd gewesen. So führte denn Berchtold Bayer ein Doppelleben, das in zwei Teile geschieden war, die nicht das Kleinste miteinander gemein hatten: nicht Tracht, nicht Lebensführung noch sonst etwas. Zachäus aber ahnte nichts davon; sobald sein Gefährte heimkehrte ins Kloster, so fiel wieder der alte dumpfe Sinn und die alte Verschlossenheit über ihn. Sie waren nunmehr noch verstärkt durch die Sehnsucht nach dem freien und mannhaften Leben, dessen Reize er kostete und nicht mehr missen konnte. Es freute ihn wohl, daß er für den Alten sorgen konnte und mehr dazu aus eigenster Kraft tat, als der ahnte; aber ihm wurde doch allgemach bange zumute bei so zwieträchtigem Dasein, ohne daß er absehen konnte, wohin oder zu was für einem Ende das führen wollte. Sollte auch ihm ein dumpfes Hinbrüten, bittere Not und einsames Elend am Ziele der Tage stehen, wie er sie über Zachäus hereinbrechen sah? Solcherlei Gedanken waren ihm früher allerdings nicht gekommen. Aber der Sturm, der über die Welt hereingekommen war, der diesen ein mächtiges Lenzen, ein Keimen und Treiben von ungeahnter Kräftigkeit bedeutete, jenen aber den Fall und das Verwehen ihrer schönsten Hoffnungen brachte, hatte diesem einen beides vereinigt. Die Gemeinschaft war zerfallen, der er angehört und die ihn geschirmt hatte; nur in einem lebte sie noch fort, allerdings in dem, an den sich Berchtold unlösbar gebunden fühlen mußte. Noch war seine Anhänglichkeit an die alte Kirche unberührt, noch galten ihm ihre Gebote. Aber das Kleid, das er trug, war ihm widrig geworden, und er empfand es als lästige Mummerei, wenn er es wieder anlegen mußte. Dunkel fühlte er herandrohende und schwere Kämpfe; ihm unbewußt zog es ihn zu dem Weibe, dem er sich nur dankbar für die Rettung vielleicht vom Hungertode, für manche Freundlichkeit und selbst für die Offenbarung eines neuen und manneswerten Lebens glaubte. Aber – er fürchtete sich vor Ludmilen und ihrer stolzen und herrischen Art und litt dennoch wieder, wenn er sie nicht sah ... Ein Zwiespalt war in ihm, und ihn entwirren konnte er nicht. Er suchte seine Seele mit starker Peinigung heim, und diese ließ ihn manchmal in öden und schaudernden Dämmerstunden aufstöhnen. Dann antwortete ihm ein Echo. Zachäus seufzte. Sonst schwiegen sie beide fast immer; der vom Jammer aller müde, der vor der Kümmernis des eigenen Herzens. Und der Zwang, sein eigenstes Gefühl verhehlen und totschweigen zu müssen, fraß in der Brust des Jungen, der sich wie ein Betrüger an Freund und Freundin, je nach Ort und Zeit, vorkam ... Es ging zu Ende des Winters. Mit jeder Stunde, die der Tag gewann, freute sich Berchtold, als sei sie ihm allein geschenkt und mehr zugemessen worden. Schon rüstete man auf dem Hofe für die beginnende Feldarbeit; ein warmer Hauch freudiger Tätigkeit zog durch das ganze Haus und reizte zu traurigen Vergleichen mit dem, wie es in seinem Heim bestellt war. Da, als er eben sich einmal anschickte zu gehen, winkte ihm Ludmila. »Ich habe mit dir zu reden. Du darfst mir nicht mehr kommen. Verstehst du?« »Und warum nicht?« rief er erschreckt. »Weil ich dir's verbiete! Ich lasse dich hinauswerfen! Die Hunde hetze ich auf dich, die Knechte schick ich über dich, verstehst du?« Ja, aber ich habe dich nie beleidigt, Ludmila.« »Das auch noch? Wer traut sich's? Aber ich will mich nicht Pfaffenliebchen heißen lassen. So schimpfen sie mich. Mach fort, hörst du?« »Aber bist du es denn?« »Ich mag's auch nicht werden.« Er ergriff ihre Hand: »So dank ich dir für deine Güte. Ich wäre verdorben ohne dich, und ich werde es jetzt wohl. Dir segne Gott alles.« »Hätt ich dich nur verhungern lassen, mir wäre besser!« »So hassest du mich?« sprach er klagend. »Und ich weiß nicht, wie ich werde leben können ohne dich. Du bist mir wert, sehr wert.« »Und wenn du mir es auch bist? Was nützt es? Soll ich den Schimpf verdienen? Mich noch mehr ausschreien lassen?« Ihre Augen blitzten, ihre Faust stemmte sich in die Hüfte. Sie war sehr schön in ihrer Erregung, und Berchtold sah sie staunend und stumm an. »Du hast wohl recht«, erwiderte er traurig. Sie aber wurde noch zorniger: »Also das ist ein Mann?« schrie sie. »Geht fort und läßt sich wegjagen wie das Pferd von der Krippe? Und fragt gar nicht: Hab ich müssen? O pfui!« »Ja, aber was soll ich tun?« Sie trat ihm so nahe, daß sich seine Augen spiegelten in den ihren. Der heiße Atem ihres Mundes wehte über ihn hin und bewegte das Haar seiner Schläfen. »Was du tun sollst? Die Haare laß dir wachsen, die Kutte wirf weg.« »Und dann?« Sie lachte. »Dann? Dann komme mich freien.« »Ludmila! Mein Gelübde?« »Es gilt nicht. Du hast der Kirche geschworen. Nährt dich die Kirche? Ich hab's getan. Ein Gelübde?« Sie zuckte die Achseln darüber, sie schnellte es mit einem Finger vom andern. Sie lachte ihn mit weißen, starken Zähnen an; ihre ganze Haltung fragte, wer mehr wert sei – sie und ihr lebendiges Leben oder eine abgestorbene Satzung und ein alter Eid. Ein Taumel stieg ihm heiß zu Kopf: »Ich werde also handeln! ...« »So bleibe da.« »Ich kann es nicht. Ich muß von Zachäus Abschied nehmen und Urlaub empfangen.« Sie faßte seine Hände mit starkem Druck: »Er wird dich nicht lassen, Berchtold.« »Er wird es. Und nicht zu viel Untreue, Ludmila! Nicht mehr, als sein muß, möchte ich in die Ehe bringen. Nicht die gegen den Freund zu der gegen den Glauben!« Sie küßten einander; eine Leidenschaftlichkeit, die lange still und unter Asche geglommen, lag in dem Kusse. Dann schieden sie; sie stolz und fröhlich, er gedrückt. Die vergrämte Gestalt Zachäus' stand ihm in der Sonne seines Glückes und warf einen schweren Schatten hinein. Er dachte mit Scham seiner eifervollen Ruhmredigkeit an jenem Tage, da der Prädikant zuerst gepredigt, und der stillen Art des Freundes, der doch nicht gewichen war vom Glauben, während er selber abgefallen und meineidig geworden war in der Stunde der Versuchung. Aber konnte er ihn nicht vielleicht; bewegen, am Glücke teilzunehmen, das für den Gefährten so vieler Jahre erblüht war? Er vermochte nicht recht daran zu glauben; er wußte auch nicht recht, ob ein solcher Gast Ludmilen willkommen sein werde, und schalt sich darüber, daß er nicht sofort und ganz bestimmt gefordert habe, ihn mitbringen zu dürfen. Und dennoch – er sah klar, daß er von dem Weibe nicht lassen könne, nun er um sich und um sie und ihre Empfindungen Bescheid wußte. Noch war er im Banne ihrer Gegenwart; er konnte ihr nicht mehr entrinnen, und er wollte es kaum. Aber mit Bangen hat er dennoch Zachäus Bericht von dem gegeben, was er erzählen mußte. Der hörte stumm zu; nur noch mehr in sich sank er zusammen, nur noch kümmerlicher und trübseliger wurde er während der stürmischen und verworrenen Rede seines Bruders und einzigen Freundes. Er erwiderte auch nichts, als dieser seine Bitte vortrug und ihn eigenmächtig beschwor, ihm zu folgen und sein Los zu teilen. Sein Schweigen aber war Verneinung. Dann sprach er nach einer peinlichen Weile und müde und tonlos: »Ich habe alte Beine; sie passen nicht unter neuen Tisch, und sie können keinem andern Geschick mehr nachlaufen. Ich bleibe, wo ich bin und wo ich so lange war. Du aber gehe. Mir ist weh um dich, mein Jonathan.« »So komm, Zachäus.« Wieder dasselbe greisenhafte Kopfneigen. Dann: »Gehe, und möge dir's geraten, wie du es hoffst und wie ich dir's wünsche.« »So gib mir die Hand!« Er tat's; und noch einmal: »Du siehst mir fremd aus. Das ist die Tracht, die du anhast von morgen ab. Ich sehe sie schon an deinem Leibe. Du bist mir fremd geworden. Das macht die Zeit – denkst du noch des Tages, da ich's dir zum ersten Male sagte?« »Du tust mir weh, Zachäus!« »Ich will es nicht. Leb wohl, mein Bruder!« »So segne mich, damit es mir wohl ergehe!« Er zuckte zusammen. »Darf ich's denn? Dich? Ich müßte dich schelten. Ich tu's nicht; der Eifer Gottes ist nicht in mir. So knie nieder. Ich war dein Vater. Nicht der Guardian, der Vater, der nun in die Einsamkeit geht, gibt dir seinen Segen zu den neuen Pfaden, die du fortab beschreiten willst. Leb wohl, und der Segen Gottes über dein Haupt!« »Tausendfach über deines, Zachäus! Und darf ich nicht?« ' »Nein, du darfst nicht! Es sei denn, mich führe der Zufall vor dein Tor. Aber das wird mir, ich hoffe, doch erspart sein.« Zachäus war allein. Er hörte Schritte sich entfernen, erst zögernd, dann schnell und schneller. Endlich fiel eine Tür irgendwo weit ins Schloß. Er aber sank in die Knie und betete. Und unterm Beten weinte er ungestüm wie ein Kind und bitter und ohne Trost, wie ein Mann, den die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung aufs Herz geschlagen haben. Es wurde Nacht, und die Frühe stieg auf. Der Tag verrann, und nicht ein Laut von Menschenstimme drang in sein Ohr. Wiederum schattete die Nacht über der Welt, und wieder floh sie vor dem Andrängen der Sonne. Da fiel ihm ein, daß heute der Tag, des Schirmheiligen seines Klosters sei. Er wartete, bis die Stunde der Messe nahte; dann stieg er mit müden Füßen und mit zitternden Knien in den Turm. Mit schwacher Hand läutete er die Glocke; ihre ungleichen Klänge drangen verirrt und träge in die Luft, die grau und nebelvoll war. Danach stieg er nieder; keine Seele war dem Rufe zur Andacht gefolgt, nicht einmal ein Knabe, der ihm bei der heiligen Handlung hätte behilflich sein können. Er aber verrichtete sie, so gut er's als Einsamer konnte. Dann schloß er die Kirche; er nahm seinen Bettelsack auf die Schulter, wiewohl ihm einen Augenblick der Gedanke durch den Kopf schoß, ob es nicht besser wäre, still und ergeben auf das Ende zu harren, das nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Das aber erachtete er als sündig, und als frömmer und würdiger, den Becher bis zur Neige zu leeren, der ihm verhängt und kredenzt ward. Er hat einen weiten und traurigen Weg an jenem Tage gemacht. Nur ab und zu ein Sonnenstrahl am Himmel, der ihm die Trostlosigkeit seines überschneiten Weges erst recht zeigte; nirgends ein Wort des Grußes oder eine milde Spende. Ihn hungerte, und als er vor Mattigkeit und Schwäche taumelte auf einer Dorfstraße, da rief ihm ein Knecht nach: »Seht den betrunkenen Mönch!« Zachäus wendete sich und sah den Spötter an, daß der vor seinem Blicke verstummte. Gänzlich in der Irre ging er, und endlich konnte er nicht fort vor Erschöpfung aller Kräfte. Der noch leere Bettelsack auf seiner Schulter drückte schwerer, als er es, noch so voll, jemals vorher getan hatte. In den Schnee setzte er sich nieder; stumpf und ergeben harrte er, einem großen Bauernhofe gegenüber, ob er wieder Atem gewinne oder hier das Ende finde, allein und verschmachtend wie ein gehetztes und weidwundes Rotwild. Da klang die Tür des Vorgartens, ein starkes Weib trat heraus. Es ersah den Müden und stutzte. Dann winkte es ihm: »Noch einer? Komm!« Er ward in die Stube geführt und wohl bewirtet; mancherlei gab sie ihm dann. Als er aber die Frau segnen wollte, da lachte sie: »Laß das; bei mir gilt's nicht. Ich bin evangelisch. Aber der mein Mann wird – er ist heute in der Stadt drin, alles vorbereiten, was so einer tun muß –, der war selbst einmal Schwarzrock wie du. Ich hab's seinetwillen getan!« ›Wirf's ihr vor die Füße!‹ rief es in Zachäus. Aber er zwang sich. War das nicht die letzte Neige? ›Leere sie, um der tiefsten Demut willen, die dir geboten ist!‹ sprach er zu sich. Und laut: »So nimm meinen Dank, wenn dir mein Segen nicht zupaß kommt. Und der Herr, an den wir beide glauben, sei mit dir.« Und so, mit einem Händedruck, schied Zachäus Kühreiter aus Ludmila Prokupeks Hause ... Es war noch hoch am Tage, und dennoch ging schon ein Grauen durch die Welt. Grau war der Himmel, grau die Nebel, die in der Ferne wogten, grau und mißfarben selbst der alte Schnee zu seinen Füßen; graue Krähen zogen in dichten Flügen ihm zu Häupten oder flogen vor seinen Schritten auf. Sonst begegnete ihm nichts Lebendes; nur als er, die Feldwege verlassend, auf die Straße einbog, da erhoben sich zwei, die dort im Graben gekauert hatten. Ein Weib und ein Mädchen; sie küßten seine Hand und knieten vor ihm nieder. Er segnete sie staunend; also gab es überhaupt noch Menschen, denen sein Kleid und seine Lehre ehrwürdig war? Er legte die Hand auf ihre Häupter und ging weiter. An umgestürzten Heiligensäulen vorüber, deren Anblick ihm weh tat. Und dennoch war wieder eine leise Hoffnung für die Zukunft in ihm eingekehrt. Er kam ins Kloster; und die graue Verödung und die Trostlosigkeit befielen ihn wieder, als er durch das Schweigen des Kreuzganges hinschritt, durch das der Nachhall seiner Tritte geisterhaft und dennoch gewaltig tönte. Er sah zu Boden; Kreuz an Kreuz grüßte seine Blicke, und eine starke Sehnsucht zog in sein müdes und gepeinigtes Herz. Hier schliefen seine Vorgänger, eine lange Reihe, deren Letzter er war und die durch Jahrhunderte hindurch – er wußte in seiner Ungelehrsamkeit nicht einmal, durch wie viele – nicht einmal unterbrochen worden war. Nun drohte sie abzureißen für immer. Und ihn verlangte sehr, bei ihnen zu liegen und ihren Schlaf zu teilen. Noch tiefer und traumloser, als der ihnen geworden war, hoffte er seinen. Denn er wußte, niemand würde ihn daraus aufstören, war er einmal hier beigesetzt; kein Klappern von Sandalen andächtiger Ordensbrüder konnte ihm zu Häupten mehr erklingen. Zwei Tage danach trieb den früheren Mesner eine Neugierde, zu sehen, was wohl noch im Kloster lebe. Er fand den Pater Zachäus Kühreiter in seiner Zelle. Seine reglosen Hände hielten den Rosenkranz, und sein Gesicht war unverzerrt. Er war gestorben, still und, wie es schien, friedlich, nach seiner Sitte und der Gewohnheit seines Lebens. Er war der Letzte, und nach ihm ist das Kloster gänzlich verfallen. Die stille Margareth Am Feste Allerheiligen des Jahres 1585 ist der Pfarrer von Klein-Krasna im Gebirge gestorben. Er war mürrisch und wohl gar etwas vergrämelt darüber worden, daß er die ganze Zeit seiner Kraft also in der Einöde und in solchem Elend zubringen gemußt, und ließ endlich die Dinge gehen, wie sie konnten und wollten. Und weil er überdies alt und fast bis zur letzten Grenze der Tage gekommen war, so hat ihm niemand nachgeweint. Schon um die Mitte desselben Monats begann der Winter, und zwar so grausam und wider alle Ordnung der Natur, daß niemand etwas Ähnliches erdenken konnte. Denn zuerst kam ein harter und klingender Frost und verwandelte das wilde Wasser der Betschwa, die durch den Ort rinnt, in hartes und blinkendes Eis, das eine kraftlose Sonne mit nutzlosem Glanze übergoldet. Danach fing ein unendliches, trockenes Schneewehen an und währte ohne Unterbrechung bis nahe an die Christzeit. Es füllte recht ebenmäßig die ganze Schlucht aus, die sich der tolle Fluß im Erdreiche aufgewühlt, so daß eine reinliche und glatte Straße durch das Weberdorf ging, die doch niemand befuhr. Noch trostloser als sonst sahen die Häuser und Hütten aus, die längs der steilen Bergeshalde emporklommen. Sie glichen Geängstigten: immer späht einer über den Kopf des anderen nach Hilfe aus, die doch von keiner Seite her naht. Und zu der Bedrängnis des Augenblicks, die manchen beten lehrte, gesellte sich, nun die Saaten gänzlich erfroren sein mußten, die Furcht vor einer trostlosen Zukunft ... In diesem wüsten Wetter haben denn auch einige ihren Tod gefunden, die ausgegangen waren, durch den Verkauf von Leinwand sich und die Ihrigen vor dem Hungertode zu erretten, der sie mit stieren Augen näher und schrecklicher anstarrte. Es gab viel Wehklage, und des Weinens ward kein Ende bei der großen Anzahl der Kinder, die verwaist zurückblieben. Ganz zuletzt kam der Mesner um sein Leben. Er war nach der Hanna gegangen, sich dort etwas zu erbetteln. Man weiß nicht, ob er auf dem Rückwege der Ermüdung von dem vielen Erklimmen von Höhen und Hügelchen, ob er dem Froste oder dem Hunger erlegen ist. Sie haben ihn im Gesträuche an der Betschwa gefunden, in sich gekauert, wie etwa ein Wild, das sich ins Gestrüppe verkriecht, damit es sich dort erwärme, und haben ihn neben seinem Herrn bestattet. Da er auch ein weniges Schule bei den Reicheren gehalten, damit er noch etwas zu dem gewinne, was ihm Weben und Kirchendienst eintrugen, so waren durch sein Ableben Unterricht wie Seelsorge gänzlich verwaist. Als es dann endlich Frühling geworden war, begannen neue Nöte. Die Betschwa trat aus, sie unterwusch die Häuschen, durchbrach den Karrenweg und vermurte Mit Schlamm und Geröll bedecken. die wenigen fruchtbaren Felder im Ebenen. Stumpf und traurig saßen die Männer von Klein-Krasna an ihren Webstühlen und sahen zu, wie sich die Weiber und das junge Volk abmühten, die Äcker wenigstens insoweit vom Gerölle zu säubern, daß man sie mit Sommerfrucht bestellen könne. Es ging nicht recht vorwärts, und inmitten so trübseliger und fast zweckloser Arbeit hielt ihr neuer Seelsorger, hielt Pater Felician Felix, der Sohn des Chropiner Bauernkönigs Victorin Stiaßny, seinen unfestlichen Einzug in das Dorf. Man zog ihm allerdings mit dem wehenden Banner der Kirche entgegen, man überreichte ihm feierlich an der Grenzmark die Schlüssel zum Gotteshause, aber die Gestalten, die ihm entgegentraten, waren so kraftlos, und auf ihren Schultern saßen so abgehärmte Gesichter, daß ihm bange ward nach der Heimat und ihren mächtig schreitenden Männern, die er vor kurzem erst bei seiner Primiz breitbeinig und selbstbewußt an der Tafel seines Elternhauses aufrücken gesehen. Denn er war noch jung und kaum ausgeweiht; nur die Ungunst der Zeiten und der Abfall vieler vom alten Glauben brachten ihm so zeitige Selbständigkeit. Er aber wäre lieber irgendwo im Unterlande Kaplan als hier Pfarrherr gewesen, und einzig der Gedanke, daß er sich hier bewähren müsse, ehe er anderwärts auf besserem Posten der Kirche dienen dürfe, hielt ihn in den ersten, endlosen Tagen eigentlich in Klein-Krasna zurück. Auch war ihm von seinen Oberen in Olmütz ein ganz bestimmter Auftrag mitgegeben worden, an dessen Ausführung sie seinen Eifer und seine Fähigkeiten prüfen wollten. Unmöglich konnte die notgedrungene, monatelange Vernachlässigung aller seiner Glaubensbedürfnisse ganz ohne üble Folgen bei dem Volke geblieben sein, das sich so oft in solcher Verzweiflung und immer vergeblich an den Gott gewendet, den es bekannte. Nichts aber bereitet dem Unglauben so sehr den Boden als Enttäuschung. Zudem war Ober-Ungarn mit seinen Lutheranern nahe genug; manche Verwandtschaft oder sonstige Beziehung mochte zwischen den Anhängern der katholischen Lehre und den Neuerern bestehen. Es galt zuzugreifen und zu steuern, solange noch überhaupt etwas zu richten war. Und darum hatte man einen jungen, fähigen und ehrgeizigen Mann hingesendet, den überdies eine ansehnliche ererbte Habe der Notwendigkeit enthob, allzusehr auf das Erträgnis seines Amtes bedacht zu sein, dessen leichte Hand eher erwarten ließ, er werde aus Eigenem dazutun, wenn es Armen zu helfen und so Schwankende durch die Erinnerung genossener Wohltaten oder die Hoffnung künftiger Hilfe in der Gemeinschaft der Gläubigen erhalten galt. Und mit Gedanken darüber, wie er wohl am besten Zugang zu den Herzen seiner Pflegebefohlenen gewönne, mit dem Nachholen lange versäumter heiliger Handlungen, endlich damit, daß er den Hausrat in Ordnung bringen und mit Eigenem ausschmücken, die Wohnung, die weitläufig, aber sehr verwahrlost war, instand setzen ließ, verging ihm die bängliche erste Zeit, und er gewöhnte sich in seiner neuen Heimat ein, ehe er es selber noch recht gewahrt. Freilich, mit ihren Bewohnern kam er dafür in keinerlei Weise in rechte Beziehung oder gar zu einem Ende. Umsonst spannte er auf der Kanzel und im Beichtstuhle alle seine Kräfte und seine beste Beredsamkeit an. Er vermochte nichts über diese von kleinen Kümmernissen ewiger Not verdumpften Seelen. Was er ihnen Gutes tat, das wurde ihm nicht gedankt; es war viel, aber ein heimlicher Neid fraß an aller Herzen. Er blieb ihnen immer der fremde und reiche Herr. Das grobe, flatternde Leinenhemd und der schwarze Talar wollten nicht Freunde werden; sie wurden es bei dem Mißtrauen der Armut sogar desto minder, je mehr und je sichtbarer sich Pater Felician darum bemühte. Sie fürchteten ihn, dem der weltliche Arm ausgiebige Strafmittel gegen Ungehorsam zur Genüge zu Gebote stellte; sie verhielten sich mit ihm, weil sie sich Vorteile davon erwarteten. Aber sie faßten kein Vertrauen zu ihm, und Pater Felician, der sonst zu gewinnen verstand und das wußte, wollte verzagen. Mochten seine Vorgesetzten immerhin damit zufrieden sein, daß er offenem Abfalle steuerte und die Leute wiederum zu Kirchengang und Lippenandacht gewöhnte – ihm, seiner Jugend und ihrem Eifer gemäß, konnte das mitnichten genügen. Eines aber verletzte ihn vornehmlich und tat ihm weh: die Regellosigkeit in der Messe und beim Gesange. Er selber war ein feiner Musikus; er wußte die Laute zu schlagen und zu seinem eigenen Geigenspiel mit angenehmer Stimme ein frommes oder weltliches Liedlein anzuheben, soferne es anders nur ehrbar war. Auch war das Hochamt in Olmütz immer feierlich und selbst mit vielem Prunke begangen worden. Etwas Ähnliches vermochte der kleine Ort allerdings nicht; aber selbst durch das wirre Miteinanderschreien im Gottesdienste, das sein geschultes Ohr verletzte, hörte er bei den Jüngeren manche wohllautende Stimme heraus. Konnte er sich diese schulen, so gewann er vielleicht zweierlei dabei: einmal die Abstellung des ihm unleidlichen Lärmens, dann aber mit der Zeit möglicherweise einen ihm ergebenen Anhang in der Gemeinde. Die Alten gab er verloren; aber sein Nachfolger konnte die Früchte seiner Mühen genießen und einmal leichteres Spiel finden, als er gehabt hatte. Schleunig nach seiner Gewohnheit setzte er alles ins Werk. Ein großes Gemach im Pfarrhofe wurde hergerichtet; er hielt Rücksprache mit den Eltern derer, die er sich zu werben gedachte. Nicht ohne großes Verwundern und Kopfschütteln hörten die von einem so sonderbaren und seltsamen Beginnen. Aber: es wagte auch keiner eine Widerrede; einen Nutzen sah allerdings niemand dabei, aber etwas Gefährliches schien hinwieder auch nicht zu befürchten. Man wurde somit bald einig; an zwei Abenden der Woche, immer nach dem Feierabend der Weber, sollte Pater Felician seine Singschule halten mit denen, die er sich dazu ausgelesen hatte. So zog denn ein neues, fremdes und bald auch ein freudiges Leben in das Widdum Pfarrhaus ein. Harte Holzschuhe klapperten und trappten vergnüglich durch seine Gänge zu einer Zeit, zu der sonst schon das Schweigen darinnen geherrscht, wenn nicht gerade eine der traurigsten Pflichten seines Amtes den Pfarrherrn abberufen. Viele Kienspäne brannten; ihr rötliches und ungewisses Licht überfloß die blondhaarigen Köpfe der Weberkinder, die anfangs immer scheu zusammengeduckt blieben. Nur daß manchmal ein rascher und verstohlener Blick herüberflog zum jungen Pfarrherrn, der die Geige strich, um den Ton des Liedes anzugeben, das sie anstimmen sollten, und dabei das braune Haupt leicht gesenkt hielt, damit er jeden Ton des Instrumentes voll vernehme, so daß die blanke Tonsur erschimmerte. Dann leuchteten seine dunklen Augen auf in innerer Freudigkeit, wie bald der, bald jene die Weise festhielt und begriff, bis endlich das Ganze vielstimmig und fast zu mächtig für die Stube erbrauste. Es ging; nicht umsonst floß slawisches Blut in den Adern der Lernenden wie des Meisters. Die Lust am Gesang und die Begabung für Musik war ihnen allen eingeboren. War aber Felician damit zu Ende, so entließ er seine Gäste darum noch nicht. Er vergaß nicht einen Augenblick daran, daß dies alles eigentlich nur Mittel zu einem ferneren, höheren Zweck war. So erzählte er ihnen denn hernach mancherlei: vom Leben der Heiligen, von ihren Werken und Wundern, um seinen Hörern auch so zu zeigen, wie ein höherer Willen sogar die Erlesenen prüft, um ihnen erst später nach ihren Taten zu lohnen, um seinen Jüngern Gelegenheit zu geben, sich mit stärkerer Gläubigkeit über das zu trösten, was ihnen im Leben Übles verhängt war. Mit jener Herzlichkeit, die nur ein frommer Glauben und die Hoffnung auf gedeihliche Wirksamkeit verleihen, sprach er; so blieb denn sein Tun auch nicht ohne Frucht. Stumm und innig horchten sie; viele blaue Augen hingen an seinen Lippen, und kein Laut und keine Regung wurden derweilen vernehmlich. Nur die Kienspäne knisterten leise; nur ein ahnungsvoller, harziger Geruch schwebte wölkend durchs Gemach, bis sich das dunkle Haupt wieder aufrichtete. Dann schraken sie auf, aus der Welt der Martern und der Gnaden in die verstoßen, in der sie lebten; vielleicht flüsterte noch die stille Margareth ihrer Nachbarin ein gehauchtes: »Es war wie in der Kirche!« zu, und die Kinder boten sich gute Nacht und traten aus dem heimlichen und wärmenden Obdach hinaus unter den frostklaren und sterndurchschimmerten Winterhimmel ... Während sich aber die anderen gesellten und gepaart oder gar in Rudeln heimschlenderten und unterwegs vielleicht die erbaulichen Weisen, die sie kaum gelernt, vor sich hin sangen, ging die stille Margareth immer für sich und allein. Man war es von ihr nicht anders gewöhnt, und an ihrer Gesellschaft lag auch keinem gar viel; denn sie gehörte ganz armen Leuten, die sich eben nur eine Geiß halten konnten, weil die keinen eigenen Grund braucht, auf dem man sie ernähre. Nicht einmal ihre eigene Hütte besaßen die Eltern der stillen Margareth. Die ganze zahlreiche Familie wohnte in einer Stube, und der Raum, der ohnedies kaum für die Menschen ausreichte, mußte auch noch den Webstuhl aufnehmen, an dem der alte Pelař sich und den Seinen ein kümmerliches und schlechtes Brot zu gewinnen suchte. So gab es denn tagsüber immer ein großes Lärmen, und vielleicht davon war die Margareth so sehr in sich gekehrt und so verschlossen geworden. Sie mochte das laute Wesen um sich nicht noch vermehren. Darum nun galt sie für unklug; sie war es aber keineswegs. Auch hatte sie früh für andere zu sorgen gehabt. Kaum daß sie zu gehen vermochte, so mußte sie die Ziege hüten: Dann und noch daneben war ihr die Sorge für jüngere Geschwister anvertraut worden, deren es bald kaum weniger gab, als sie selber Jahre zählte. Sie selber aber überließ man ihrem eigenen Sterne; und so kannte sie denn vom Leben eigentlich nichts anderes als Not und Sorgen und dachte kaum mehr, das könne anders sein oder werden. Auch war sie nicht hübsch und wußte das genau, ohne daß ihr Herz dadurch beschwert worden wäre. Ihr lag wenig an den Menschen, denen sie den Umgang mit ihrem Tiere beinahe vorzog. Sie war das verdumpfte Kind des Elends; wie mit grauer Asche war alles an ihr überflogen: das Haar, das ihr gerne wirr in die Stirn hing, bis sie's mit müder Hand daraus zurückstrich; die Farbe des Gesichtes selbst, dann ihre Kleidung, weil sie fast nur ungebleichtes Linnen am Körper trug. Nur zweierlei hatte sie, das gewinnend war: ihre Stimme, die zumeist allerdings einen schläfernden und eintönigen, einen schier weinerlichen Klang hatte, wie sie ihn vom Einsummen der Kleinen her gewohnt war. Sang sie aber, dann lag große Fülle und seltener Wohllaut darin, daß man sie aus allen heraushörte und sich die anderen fast wider Willen nach ihr richteten. Das zweite aber war ihr Auge; es stand still in dem vergrämelten Antlitz und glich an Farbe dem Winterhimmel, wenn ihn leise Schneewolken umhängen und ein ahnendes Sternenlicht durchfließt. Und wie dort oft geheime und rätselhafte Glut aufflammt, die niemand zu deuten vermag, so bei ihr. Dann lag Seele auf ihren Zügen, nie aber so stark und so schön, als wenn Pater Felician erzählte oder vorsang und sie ihm stumm und selbstvergessen horchte. Es war überhaupt eigen, welchen Einfluß dieser Mann über sie gewonnen hatte. Freilich nicht allein über sie; vermehrte Andacht und stärkerer Zudrang beim Gottesdienste bezeugten bald das Ersprießliche und Kluge dessen, was er begonnen, und erfüllten ihn mit hoher Freude. Aber die stille Margareth hing ihm wohl am meisten an; sie wußte es nicht, und ihre Gefährtinnen hatten es schon längst bemerkt, daß sie in seiner Nähe ordentlich verzückt war. Man lachte heimlich darüber, über die Inbrunst, mit der sie ihm die Hand küßte, und ließ sie dennoch gewähren aus Freude am Spaße, den man sich davon verhieß, aus Furcht vor ihrer Erregbarkeit, die durch ihre verträumte Ruhe nur schlecht verhüllt ward. Sie aber dachte kaum mehr etwas anderes als Musik und den Priester, der sie in die Übung dieser Kunst eingeführt hatte. Saß sie zu Hause, dann umklangen sie gespenstig und nur ihrem Ohre vernehmlich Tonfiguren, immer neu und immer reizvoll. Sie sangen sie in den Schlaf, und an jede knüpfte sich ihr die Vorstellung eines bestimmten Menschen. In einem Eckchen der Stube, auf Wergabfällen, war ihr Lager, und dort, in jenem Halbschlummer, der hellhöriger ist als das Wachen, spann sie ihre Träume, freute sich, wenn ihr der tiefe und kräftige Mollton anklang, bei dem sie den Pfarrherrn zu denken gewohnt war, ärgerte sich über die schrillen Töne, die ihr ihre einzige Feindin, die freche Schmied-Barbara, bedeuteten. Das ging ihr so, bis sie darüber entschlief, und eigentlich war sie eine gute Zeit glücklich dabei. Allmählich aber erwachte doch ein neues Wünschen in ihr. Sie sah, wie gut es der Pfarrer hatte, wie übel und kümmerlich trotz aller Arbeit es zu Hause ging. Und sie war eigentlich eine Last; man brauchte sie nicht mehr so recht. Spulen, nunmehr ihr Handwerk, konnte eine Jüngere auch, und Feldarbeit gab es keine zu verrichten, wo man nicht einmal ein Äckerlein besaß. Konnte sie nicht fort? Konnte sie nicht im Pfarrhofe ankommen und Dienst und Erwerb finden? Die Hauserin, welche für Pater Felician die Wirtschaft führte, war alt und sehr mürrisch; mit seiner Stellung hatte sie der junge Pfarrherr übernommen, und so wurde ihm denn im eigenen Hause bei jedem Anlasse der Vorgänger als Muster vorgerückt. Vielleicht brauchte sie eine frische Kraft für die gröbere Arbeit; vielleicht war ihr Gebieter ihrer gar müde und froh, wenn ihn jemand von der Lästigen befreite. Die stille Margareth bedurfte einer ziemlichen Frist, ehe sie alle diese Gedanken in sich zu Ende gedacht, denn sie war unschlüssig von Natur und hatte niemanden, mit dem sie sich beraten konnte: nicht die Mutter, die für nichts mehr Sinn hätte als für ihre Arbeit und Plage, deren für sie zuviel war, nicht den Vater, der nur für seine Weberei lebte, ewig schwieg oder, wenn er ja einmal den Mund auftat, mit eintönig näselnder Stimme ein Kirchenlied absang oder über seine beiden Finken sprach, auf die er stolz war und die ihm wichtiger bedünkten als Weib und Kinder, endlich nicht einmal eine Freundin. Und so sehr ihr dieser Plan einleuchtete und so verheißend er ihr immer schien, sie konnte dennoch nicht recht zu einer Entscheidung kommen, und eine geheime Stimme warnte sie davor. So hat sie lange genug in sich geschwankt. In ihrem fünfzehnten Lebensjahr war Felician nach Klein-Krasna gekommen; sie näherte sich dem siebzehnten, als sie sich endlich auf den Weg machte, und der wurde ihr sauer genug. Sie litt überhaupt viel an Herzklopfen; und oft mußte sie an jenem Februartage auf der Straße stehenbleibend abwarten, bis sich das stürmische Pochen in ihr beruhigt. Endlich war sie am Ziele. Mit einem scheelen Blick ließ die Hauserin das Mädchen, dem die Erregung ein ungewisses Rot in die fahlen Wangen getrieben, in das Zimmer des Pfarrherrn, der gerade, über seiner Maria-Lichtmeß-Predigt grübelnd, auf und nieder ging. Er erschrak schier bei ihrem Eintreten, sie aber überfiel ihr Leiden so heftig, daß sie davor, vor Erregung und Bängnis, ob ihr sehnlichster Wunsch überhaupt Gewähr finden möge, ganz und gar keines Wortes mächtig war. So starrten sie sich eine gute Weile verdutzt und schweigend an; endlich, als sie – wie er glaubte, vor Scham, als Bittende zu erscheinen – gar keine Miene zu reden machte, fragte er sie freundlich: »Willst du etwas von mir, Margareth?« Sie blieb immer noch stumm; er aber: »Steht es schlecht bei euch zu Hause? Ist wer krank? Oder soll ich sonst helfen?« Sie schüttelte nur den Kopf. Da geriet er in Eifer: »So sprich! Ich habe gerade heute zu tun und sehe nicht ab, was du von mir willst, und erraten kann ich's wahrhaftig auch nicht!« Sie zuckte zusammen vor seinen heftigen Worten und senkte die Augen, mit denen sie ihn bislang unverwandt und ernsthaft angesehen. »Ich kann alles«, hauchte sie. Er mußte lächeln. »Gut für dich! Aber ich sehe nicht ein, was ich davon habe.« »Ich kann alles«, flüsterte sie zum andern Male und noch nachdrücklicher, »alles, Hochwürden!« »Nun, und was soll mir das?« Sie empfand den leisen und gutgemeinten Spott schmerzlich. Aber sie bezwang sich noch, und fingernd eines um das andere, fuhr sie fort: »Ich kann kochen, waschen und nähen, und was sonst nur von Arbeit ist im Hause und auf dem Felde. Ich kann alles und tue alles gern. Hochwürden kann fragen im Dorf.« »Ja, aber was geht das mich an? Ich will dich doch nicht dingen!« rief er fast ärgerlich. Ihr schossen die Tränen, mit denen sie lange genug gekämpft, in die Augen. »Nun eben, das ist's ja!« Pater Felician erkannte ihre tiefe Bewegung und fühlte das Bedürfnis, sie zu trösten. Er strich ihr das graublonde Haar, faßte ihre rauhe und unkindlich harte Hand. Sie bebte in sich zusammen und schloß die Lider bei der Berührung. Dann drückte sie einen heftigen Kuß auf seine Hand, und »Das ist's ja!« flüsterte sie wieder mit ihrem leisen und fast kläglichen Ton. »Niemand will mich dingen. Niemand braucht mich. Und zu Hause? Ja! Da sind wir viele, so viele!« Sie streckte gespreizt die Hände von sich und haschte gleich wieder nach seinen. »Nein, noch mehr sind wir. Und wir hungern alle. Eine weniger, hab ich mir gedacht. Eine, die arbeiten möchte und es kann. Und Ihr könnt eine brauchen, Hochwürden! Nehmt mich zu Euch, um Christi Barmherzigkeit, nehmt mich!« Er schüttelte mitleidig den Kopf: »Das geht nicht, Margareth!« »Und warum nicht, hochwürdiger Herr? Wenn ich darum bitte und Sie mich wollen?« Sie schrie in ihrer Seelenangst. Er sah wohl, was sich in ihr begab, erkannte es schon daraus, daß sie seine Hand immer stärker umklammert hielt. Aber daß ein Herz in seiner Verzweiflung zu ihm rief, das begriff er noch nicht. Nur seine Güte antwortete ihr, und vielleicht darum wurde ihm die Entgegnung so leicht: »Es darf nicht sein, Margareth. Ich will sonst sehen, wie ich euch helfen kann. Aber du bist noch zu jung für den Pfarrhof.« »Zu jung?« Sie staunte. »Aber ich bin es nicht! Was hab ich nicht schon alles arbeiten müssen! Probiert's wenigstens mit mir! Taug ich Euch nicht, so jagt mich immer fort. Aber probiert's zuvor, aber ...« »Es darf nicht sein«, unterbrach er. »Du bist in anderem Sinne zu jung für mich. Es gäbe Redereien.« »Anders? Was heißt das? Ah!« Sie stöhnte, eine tiefe Flamme schlug ihr ins Gesicht, und ließ seine Rechte los. »So ...« Und schleunig und wie gehetzt wendete sie sich zur Tür. »Behüte dich Gott und seine Heiligen.« Keine Antwort kam mehr. Während neue Gedanken sich in ihr stürmend erhoben, war die stille Margareth fort und eilte nach Hause. Die Wirtschafterin schnitt ihr im Hausflur ein höhnisches Gesicht, und sie schüttelte dafür zornig die Faust gegen ihre Widersacherin. Ein ungeheurer Ingrimm, dem sie sich willenlos hingab, war in ihr. Und dabei klang Pater Felicians: »Du bist zu jung!« in ihr unablässig nach. Noch begriff sie es nicht recht; aber das Wort gellte in ihr, eine Wetterglocke, die nicht schweigen wollte. Die Margareth war in der nächsten Zeit wie ausgetauscht. So verträumt sie immer gewesen sein mochte, sie hatte früher geräuschlos, aber sicher im Hause geschafft. Das war vorbei; sie saß gern müßig. Dann wieder übernahm sie sich mit Arbeit. Sie sprach kaum mehr; stundenlang brütete sie mit ineinandergekrampften Händen, während ihre Lippen unablässig zuckten. Danach lief sie wieder zu Walde um Fallholz. Einmal begegnete ihr der Pfarrer, wie sie ein Bündel Reisig heimschleppte, das einem Manne fast zuviel gewesen wäre. »Du hast zu schwer aufgeladen, Margareth!« rief er ihr zu. Sie antwortete nicht; nur mit feindseliger Trauer, wie ein Hund, den ein Fremder geschlagen hat, schaute sie ihn an und beeilte sich desto mehr. Daheim brach sie zusammen und war fast ohnmächtig von dem heftigen Pochen in ihrer Brust. Die Gesangschule im Pfarrhofe hat sie nicht mehr betreten; in die Kirche ging sie nicht mehr und malte sich mit böser Schadenfreude Pater Felicians Verdruß über beides aus. Vorwürfe halfen nichts; und wenn die Mutter sie schlug, in der Besorgnis, es könne bemerkt werden und ihnen gesamt vergolten, so trug sie's stumpf, oder es brachen so grimmige Schmähungen gegen Gott und den Glauben aus ihrem Munde, daß die alte Pelař erschrak und, Böses befürchtend, wenn sich das Mädchen etwa gar öffentlich so vernehmen lasse, von ihm abließ und seines Daheimbleibens schier froh war. Aber hätte sie das Auge dazu besessen oder vielmehr es nicht in Not und Elend eingebüßt, dann hätte sie wohl bemerken müssen, wie sich etwas Fremdes und Unheimliches in ihrem Kinde begab. Die Alten waren zu müde von der Tagesarbeit, die Jugend schlief noch zu gut; so vernahm denn kein Ohr das wirre Klagen und das gedämpfte Schluchzen, das sich Nacht für Nacht vom Lager der stillen Margareth her erhob und erst in der Morgenfrühe zum Schweigen kam. Und dennoch rang die Unselige eigentlich immer noch gegen die Erkenntnis dessen, was sie bedrängte ... So nahte die österliche Zeit. Pater Felician hatte ein neues und schönes Auferstehungslied erhalten, das er seinen Getreuen beizubringen gedachte. Ihm fehlte aber die Margareth dabei allerenden; er vermißte auch in der Kirche die leuchtenden Augen, die ihn so gläubig und hingebend anzuschauen gepflegt. Er wußte auch keinen Grund für die Art, in der sie sich ihm gegenüber benahm; an jene Unterredung als letzte Ursache des Ganzen dachte er nicht. Aber ihm mußte daran gelegen sein, keinerlei Auflehnung gegen sein Ansehen aufkommen zu lassen. Und so machte er sich denn eines Tages – es war kurz vor der Stillen Woche Karwoche. , und nur noch auf den Bergen lag der Schnee – zu den Eltern des Mädchens auf, die ganz oben auf der Leiten wohnten, dort, wo Klein-Krasna ein Ende nimmt und der Wald beginnt. Ein unbändiges Lärmen war in der Stube, die er betrat. Da schrien die Kinder durcheinander; da rasselte das Weberschiffchen; die beiden Finken waren so aufgehängt, daß sie sich sahen; nun spürten sie die Frühlingssonne und wetteiferten mit mächtigem Geschmetter. Auf dem offenen Feuerherde stand ein großer Topf und brodelte; ein dünner Geruch entstieg ihm, und eine feuchte und dumpfe Luft durchschwelte den Raum. Von nacktem Elend sprachen die nackten Wände. Hinter dem Webstuhle stand die Margareth und stierte ins Leere; das blasse, blanke Gesicht mit den schönen Augen schimmerte geisterhaft zwischen den aufgespannten und sich kreuzenden Fäden hervor. Und während die alte Pelař herzustürzte, um dem vornehmen Gast die Hände zu küssen, und einen ordentlichen Tanz um ihn aufführte, während der Weber aufsprang und sich nicht zu halten wußte in seiner Überraschung, blieb sie ohne jede Regung. Umsonst sah sie die Mutter ganz wütend an, umsonst gab ihr der Vater einen heimlichen Puff; die Margareth beachtete das gar nicht, und als der Blick des Pfarrers den ihren traf, senkte sich ihre Wimper nicht. Er bot ihr die Hand; sie aber tat, als gewahre sie das gar nicht, und verschränkte ihre Arme auf dem Rücken. Pater Felician fühlte sich peinlich berührt; er wollte ihr Vorwürfe machen und traute sich nicht recht zu sprechen und fand das gehörige Wort nicht. Und endlich fuhr er heraus: »Warum kommst du nicht in den Gottesdienst oder zum Singen? Du gehst mir ab.« »Geh ich dir ab, Pfaff?« kam es von einer fremden und unnatürlich heiseren Stimme zurück. Ein Aufruhr entstand. Der Pfarrer fuhr auf: »So sprichst du mit mir? Warum? Weil ich dich nicht in Dienst nehmen will?« – »Um Jesu willen, rechnen Sie's ihr nicht an!« kreischte die Weberin; der alte Pelař schlug mit aller Kraft nach ihr und traf sie vor den Kopf. Sie zuckte ein wenig und fuhr sich nach der schmerzenden Stelle; aber ruhig antwortete sie: »Ja, nur weil du nicht mich hast dingen wollen.« Der Pfarrer beschwichtigte und kam sich dabei unendlich edel vor: »Schlagt sie nicht! Sie spricht im Unverstand. Zum Singen kommst du also nicht mehr?« »Nein.« »Aber du wirst doch wenigstens zur Osterbeichte kommen?« Sie dachte nach. Über ein Weilchen: »Ja, ich werde kommen!« Und ein trauriges Licht irrte dabei in ihren Augen. Die Tür kreischte, und kaum daß Felicians letzter Schritt verhallt war, so fielen sie wieder über das Mädchen her, das alles ohne Gegenwehr, nur schwer atmend und fast röchelnd ertrug. Man ließ endlich von ihr ab, und sie, als wäre nichts gewesen, versank wieder in sich und ihre Gedanken. Am Palmsonntag kam die stille Margareth zur Beichte. Er war recht hell angebrochen, und viele Menschen bewegten sich im Freien. Mehrere Gespielinnen begegneten ihr, mit denen gepaart, die sich im Winter in Spinnstube oder beim Tanze zu ihnen gesellt hatten. Mancher grüßte; sie schien niemanden zu beachten und sah doch jeden mit starkem Neid. Über die Bohlenbrücke, welche die Betschwa überspannt, ging sie. Durch die Zwischenräume der Balken hindurch sah sie die raschen, lehmfarbenen, hochgeschwellten Wasser schießen und lauschte nachdenklich ihrem Murmeln und Murren, dem leisen Grollen und Knirschen des Geschiebes, das auf dem Grunde des Flusses fortgewälzt ward. So lange stand sie da, bis ihr schwindlig ward und ihr schien, als wandere der Steg mit ihr der Strömung entgegen. Dann endlich riß sie sich mit einem Rucke los; in der Kirche kniete sie vor Pater Felician nieder und bekannte ihm gewohnheitsgemäß ihre kleinen Sünden. Während er sie aber schon entlassen wollte – er hatte es eilig, denn es war nicht mehr lange bis zum Hochamte –, verharrte sie noch immer auf den Knien. »Ich habe noch eine Sünde auf dem Herzen«, raunte sie und krampfte vor der Brust die Hände ineinander, »ich habe einen Mann lieb ...« »Hast du dich mit ihm vergessen«, fragte Pater Felician, der nun zu begreifen glaubte, warum sich das Mädchen so sehr verändert hatte. »Schlimmer! Hochwürden! Ich darf ihn nicht liebhaben.« »Und warum nicht? Ist er dir zu nahe verwandt?« »Nein! Schlimmer, er ist ein Priester des Herrn.« Pater Felician horchte auf. Aber er war abgespannt vom vielen Beichthören, war ganz im Amte, und dies Bekenntnis war so unerwartet gekommen, daß er unmöglich an etwas Persönliches denken konnte. »Reiß ihn aus, Margareth, reiß ihn aus«, sagte er nachdrücklich. »Ich kann's nicht, Hochwürden; ich kann's nicht!« klagte sie. »So darf ich dich nicht lossprechen, ehe du dich nicht abgetan hast der Sünde. Komm ein andermal!« »Es hat nicht mehr Zeit, Hochwürden. Ich habe mir Mühe genug gegeben. Aber es geht nicht. Und warum soll ich's müssen? In Ungarn drüben, bei den Evangelischen, heiraten sie. Da war bei uns ein Kaplan, kurz vor Euch, wie der vorige Herr Pfarrer schon ganz alt war. Der sitzt jetzt drüben und hat Weib und Kinder. Darf's der, warum nicht auch ein anderer? Oh, ich hab nachgedacht darüber, Hochwürden. Und andere, die haben eine bei sich, die sie gerne haben. Ich weiß es; ich hör schon allerhand, und ich denke nach über alles. Warum auch nicht? Ich hab eine solche gesehen – sie ist von hier und lebt jetzt unten und hat's besser wie keine. Das möcht ich freilich nicht. Aber darf das sein? Warum also nicht, wie ich's möchte?« Bei jedem Worte, glaubte sie selbst, müsse ihr die Stimme versagen. Es pochte so hart und so gewaltsam in ihr, daß ihr das Reden sauer wurde und ihr der Faden der Sätze immer und immer wieder abriß. Er aber wußte das nicht zu deuten. Und fast hochmütig in seiner Jugend und im Bewußtsein seiner tadellosen Lebensführung entgegnete er: »Das sind Abtrünnige oder Unwürdige. Uns aber hat es der große Papst Gregor verwehrt. Wer es doch tut, der fällt in die Sünde des Meineidigen, und wer einen von uns ablenkt vom Pfade des Herrn, in die ewige Verdammnis.« Sie erhob sich und stand vor ihm. Der Kopf war demütig gesenkt, und man sah es recht, wie gewaltig und wie lange ein ungeheures Weh in ihr gearbeitet haben mußte. Aber sie war beinahe schön geworden davon. Ihre Augen hatten stärkeren Glanz gewonnen, und auf ihrer Stirne war ein Leuchten. Eine rührende Wehr- und Hilflosigkeit der Macht ihres Empfindens gegenüber prägte sich in der ganzen dürftigen Gestalt aus. Mit hastiger Gebärde strich sie sich über Stirn und Schläfen, dann haschte sie nach seiner Hand und küßte sie innig. Im Hochamte saß sie wieder auf ihrem gewohnten Platze und schaute ihn wie früher, unverwandt an. Zu Hause aber brach sie in ein unendliches Weinen aus, ohne eine Ursache angeben zu wollen, und als sie endlich nachts in einen kurzen Schlaf fiel, da hörte die Mutter, die bei einem kranken Kinde wachen mußte, vom Lager des Mädchens her Stöhnen, einen Namen und allerhand Ausrufe, die sie sich nicht zu deuten vermochte, die sie aber in ihrer Gewalt und Unmittelbarkeit mit der Ahnung eines Unglückes durchschauerten. Ein verkanntes Gefühl, eine Scham, die sich selbst preisgegeben zu haben glaubte und nun im Tiefsten verletzt war, rangen in ihr und zerrten an ihrer Seele. Erst am anderen Morgen verstand die alte Pelař alles: da durchlief nämlich ein Aufschrei das ganze Dorf – man hatte die Margareth tot aus der Betschwa gezogen; dort, wo das Wasser den Ort verläßt, war die Leiche der Flut entrissen worden. Es war das erstemal, daß ein Mensch in Klein-Krasna seinem Leben mit eigener Hand ein Ende bereitet. Niemand wußte sich mindestens eines ähnlichen Ereignisses zu entsinnen. So erhob sich denn eine ungeheure Aufregung. Die armselige Stube der Pelař wurde nicht leer von Besuchern. Man hatte die stille Margareth auf das einzige Bett gelegt, das in dem Raume war; darum drängten sich die Beschauer. Der Vater aber war zu Pater Felician gegangen, um die Einsegnung zu erbitten. Gegen Mittag kam er verstört zurück – der Pfarrer hatte ihm nach den Vorschriften der Kirche seinen Wunsch verweigern müssen. Ein neues Jammern brach los; die Teilnahme aller äußerte sich in ungestümen Wehklagen. Da stand die alte Pelař auf: »So will ich zu ihm gehen!« Und als ihr Mann antwortete: »Glaubst du, er wird es dir anders machen, wenn er nicht darf?«, zuckte sie nur die Achseln. »Aber er darf nicht!« rief er fast heftig. Sie deutete auf die Tote. »Schrei nicht! Er darf nicht? Er muß und er wird! Sie hat hier genug ausgestanden, ich weiß es. Sie soll drüben ihre Ruhe haben und in geweihter Erde schlafen.« Und mit einer fremden Leidenschaftlichkeit wendete sie sich und ging. Es scheint eine lange Unterredung gewesen zu sein, die das bekümmerte Weib mit Pater Felician hatte. Spät erst kam sie heim, dann aber wies sie ihre Gäste alle fort. Bei mitleidigen Nachbarinnen brachte sie die Kinder unter; sie selber hockte auf einen Schemel nieder und versank in Betrachtung der toten Tochter. Manchmal stieg ihr ein Weinen auf; dann nahm sie sich nicht einmal die Mühe, die Tränen zu trocknen, und sie rollten ihr ungehindert über das müde Gesicht. So wartete sie, bis die Tür ging; dann trat sie dem Pfarrherrn einige Schritte entgegen, führte ihn zu der – ach! für ewig – stillen Margareth und kauerte sich wiederum nieder. Es war ein großes Schweigen in der Stube. Der feierlichen Ruhe des Todes war für ein Weilchen der Lärm gewichen, der die Margareth im Leben umklungen hatte. Das Weberschiff ruhte endlich; in ihren verhangenen Käfigen hielten sich die Finken stille und zwitscherten nur manchmal traumhaft und ängstig; verstummt waren die Kinderstimmen, die sonst immer das Gemach erfüllt. Pater Felician trat an die Leiche heran und besah sich das junge Gesicht. In die Stirne war eine tiefe, zornige Furche eingegraben, um die Mundwinkel lag eine trostlose Müdigkeit, und der Mund war fest geschlossen. Sie mußte die Zähne fest zusammengebissen haben, damit ihr nicht etwa in der letzten Not ein Hilferuf sich entreiße. Offen stand das Auge und starr; das tat Pater Felician fast weh. Gänzlich unversöhnt und grimmigen Herzens war sie aus der Welt gegangen. Ein ehrliches Mitleiden mit der Unseligen zog ihm um die Brust unter solchen Erwägungen; aber – er wußte da nichts zu beginnen. Seine Pflicht sprach zu klar. Und so schlug er denn ein Kreuz über die Leiche, und mit einem: »Es hilft nun nichts« schickte er sich zum Gehen an. »Es muß helfen«, kam es geraunt an ihm herauf. »Seht sie Euch nur an, Hochwürden, gut an.« Erst jetzt sah er zur Alten nieder; die Ähnlichkeit beider fiel ihm auf und beklemmte ihn. »Sie erbarmt mich«, sagte er sehr leise, »aber ich kann nicht gegen meine Pflicht. Sie starb in ihren Sünden!« »Sie starb, weil sie nicht sündigen wollte«, antwortete die Mutter, und: ›Dieselbe Stimme!‹ mußte er denken. »Ihr müßt sie einsegnen, Hochwürden. Ihr müßt!« »Ich muß? Und warum? Ich darf nicht!« »Muß ist ein strengerer Herr als: ich darf. Ihr müßt – sie ist um Euch gestorben.« »Um mich?« Er taumelte ... »Ja! ich weiß es. Ich habe sie heute zu Nacht reden und jammern gehört, daß mir das Herz mitschrie. Aber – wer denkt gleich das Ärgste? Freilich, bei ihr hätt man's müssen. Aber so: Wein dich aus, Margareth, wein dich aus, hab ich mir gedacht. Du wirst schon wissen, warum daß du's tust. Und dann war's schon geschehen. Aber nicht wahr, das werdet Ihr nicht wollen, daß sie mein Mädel, das Euch liebgehabt hat, einscharren ohne Segen, ohne Weihe und hinter der Mauer.« Das Geflüster begann ihn zu verstören. Aber es wurde dabei auch klarer in ihm. Nun verstand er ihren Besuch im Pfarrhofe, nun ihre letzte Beichte. Eine starke Erschütterung war in ihm, eine leise Reue, die allerdings nur erst der zu großen Strenge, seinem Hasten von gestern galt. Ein gutes Wort – und sie lebte vielleicht noch. Und mit sich kämpfend, erwiderte er: »Ich allein und ohne Erlaubnis darf es nicht tun. Aber ich will einen Eilboten nach Olmütz senden, ob mir's der Bischof erlaube.« »Geht selbst, Hochwürden, geht selbst! Euch wird er's nicht verweigern ...« »Ich werde!« »Gott segne und vergelte Euch. Wenn er's aber doch nicht gestattet?« »Dann ...« »Sprecht nicht! Noch nicht!« Sie stürzte vor ihm nieder. Eine Tagesfahrt ist von Klein-Krasna nach Olmütz mit guten Pferden. Bei anbrechender Nacht saß Pater Felician in dem Wagen, am Morgen stand er vor dem Oberhirten der Diözese. Ihm wurde kein günstiger Empfang. Im Gegenteile, man ließ ihn hart an, daß er mit solch einer Sache behellige. Umsonst legte er klar, daß dieser Fall vielleicht eine mildere Auffassung zulässig erscheinen lasse; umsonst erinnerte er daran, daß unzeitige und rücksichtslose Härte vielleicht das Werk gefährde, an dem er so lange und nicht ohne Frucht gearbeitete. Man fühlte sich im völligen Besitze der Macht und hielt also jede Milde für nicht mehr nötig. Umsonst versuchte er, sich den Einfluß Dritter zu gewinnen; er war vergessen worden in der kurzen Zeit, die er ferne gewesen, und auch das tat ihm weh. Und wie er so den ganzen Tag mit fruchtlosen Gängen, mit Harren und Bitten vertrödeln mußte, da erwachte eine Empfindung von Ohnmacht und Beschämung in ihm. Es ist ein übles Reisen durch die schweigende Nacht und mit beschwertem Herzen zu Trostbedürftigen, denen man keinerlei Trost bringen kann, so gerne man es täte. Denn zuvörderst fraß ein wirklicher Zorn an Pater Felician. Er hatte Verdienste um Kirche und Glauben und wußte das; ihm hätte man eine Bitte, nicht ohne triftige Gründe gestellt, so rund und schroff nicht abschlagen müssen. In seiner einsamen Pfarre hatte er beinahe vergessen, daß er noch Obere über sich habe; fast nur wie eine Formsache war ihm die Anfrage beim Bischof erschienen, und nur um freudig und hilfreich überraschen zu können, hatte er die bestimmte Zusage bei der alten Pelař gespart. Nun aber war ihm klargemacht worden, wie wenig das Fürwort eines seinesgleichen galt, wie tief unten er stand, und er fühlte sich fast so beschämt, als hätte er sich in der Tat durch eine unbedingte Verheißung bloßgestellt. Und hatte er denn nicht stillschweigend eine solche gemacht? Lag nicht schon eine Demütigung und eine Gefährdung seines priesterlichen Ansehens darin, daß er unverrichteterdinge heimkehrte? Dazu war es die erste Nacht seines Lebens, die Pater Felician wachend und im Freien zubrachte. Es war eine seltsame Helle in der Welt; man sah viel, und man ahnte mehr. Das eintönige Getrappel der Pferdehufe schläferte ein; die Abspannung vom Vortage machte sich merklich. Die Gedanken in ihm aber hielten ihn munter und trieben ein seltsames, spukhaftes Spiel mit ihm, gegen das er sich anfangs wehrte, um sich ihm bald mit einer geheimen Lust hinzugeben. Warum hatte er gestern den Schlummer gefunden, der sich ihm heute weigerte? Darüber grübelte er. Dazu die Nachtgeräusche, die sich vernehmlich machten: einer Eule gezogener und jammernder Schrei, der seltsam dem Hilferufe eines Menschen ähnelte. Wer mochte nur so in der letzten Not geschrien haben? Aber nein – sie war ja schweigend gestorben. Oder ein fernes Hundekläffen, das fast schreckhaft klang, oder das jähe und tiefe Schnauben eines der Rosse. Der Wind strich vernehmlich über die brachen Felder und rumorte kläglich in den Weiden am Flußufer, deren schlanke und kahle Ruten manchmal knackend aneinanderschlugen. Längs des Wassers ging der Fahrweg hin; er mußte auf die schnellen, schwatzenden, geisterhaft schimmernden Wellchen blicken. Und plötzlich, mit einem starken Rucke, fuhr er auf: Das war ja die Betschwa! Wer hatte nur weiter oben in denselben Fluten Zuflucht und Rettung gesucht vor sich selber? Und das Bild der toten Margareth erstand ihm jählings ... Es ist ein Eigenes um das Bewußtsein, von einem Weibe recht und stark geliebt worden zu sein. Pater Felician hatte es nie gekannt. Nun, angesichts des rastlos murmelnden und eintönig harmonischen Klagens der Wogen überkam's ihn. Nun sah er die Margareth vor sich: nicht wie sie im Leben gewesen, nein, wie sie ein schrecklicher Tod entstellt und doch wieder geweiht hatte. Ihm bangte vor der Heimkehr; die Freude an seiner Singschule war ihm verleidet, nun sie nicht mehr darinnen ihre süße und wohllautende Stimme erheben konnte; ihm graute vor dem Pfarrhofe, aus dem sie seine Härte fortgetrieben, vor der Kirche, in der er ihre letzte Beichte gehört, ohne zu ahnen, was sich in dieser Stunde alles in ihrer Brust begeben und zusammengekrampft hatte. Selbst ihre Leiden meinte er in dieser schweigenden Zeit zu verstehen, nun sie ausgelitten. Aber – alle diese Erkenntnis, was hätte sie ihm früher auch genützt? Er lernte viel begreifen in kürzester Weile, und plötzlich fiel ihm bei, daß er sie niemals auch nur lächeln gesehen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie ihr das gelassen hätte, und der heiße und törichte Wunsch überfiel ihn, sie möchte leben und ihn anschauen mit lachendem Munde und mit fröhlichen Augen ... In aller Größe aber begriff er den Schmerz ihrer Eltern, denen das Kind, das im Leben soviel duldend in sich verschlossen, nun auch noch im Tode nicht die gebührende Weihe und keinerlei Ehrung empfangen sollte. Und warum nicht? Nur, weil sie das nicht zu ertragen vermochte, was über ihre Kräfte gegangen? Wie ein Unrecht erschien ihm das, dem er nach bestem Können steuern müsse, an dem er schon durchaus nicht mithelfen dürfe. Aber: wie dem vorbeugen und steuern? Er sann darüber nach, bis ihm in Kopf und Brust ein dumpfer Schmerz einzog, und merkte selber nicht einmal, was sich in solchem Grübeln mit ihm begab; aber die tote Margareth und ihre unverstandene Neigung gewann es so langsam, sacht und sicher dem Lebenden ab ... Es wehte kühl herauf. Von den Feldern stieg ein Dampfen auf und wölkte sich den Wolken zu. Ihn fröstelte es bis ins Mark. Die Pferde hielten, und der mürrische Knecht stieg wortlos ab. »Sind wir schon zu Hause?« fragte Pater Felician erstaunt, als er sich in einer ganz fremden Gegend sah. »Nein, wir sind im Ungarischen«, brummte der Pavel, »das liebe Vieh will auch seine Ruh haben. Nun ja, zwei Nächt' in einem Trab durchfahren, wie soll es das aushalten?« – »Aber wie kommen wir nach Ungarn?« Der Pavel schlug die Hände zusammen: »Hochwürden! Wie sollen denn die müden Rösser über den Berg vor Klein-Krasna? Das muß Hochwürden doch begreifen, daß man sie rein herübertragen müßte. Das möcht doch zu schwere Arbeit werden, und da bleibt nichts übrig als umfahren.« Und ruhig fütterte er die Tiere und versorgte sich selbst mit dem Nötigen. Das Dorf sah freundlich, sauber und wohlhabend aus. An die Kirche stieß der Pfarrhof, und Pater Felician sah in das Vorgärtchen. Es war um die achte Morgenstunde; der Umweg und die Erschöpfung der Pferde hatten die Rückfahrt um vieles verlängert. Ein dünnes Glöcklein erhob ein zitterndes Gebimmel. Daraufhin kam ein Mann im Priestergewande aus dem Wohnhause; ein junges, blühendes Weib gab ihm das Geleite. An der Hand führte die Mutter ein Mädchen, und der Priester nahm herzlich und innig Abschied von beiden. Pater Felician sah das verwundert und dennoch mit geheimem Neid. »Wer ist das? Kennst du dich da aus?« forschte er. – »Gewiß; der Pastor von da ist's. Ich kenne mich ganz gut aus, es sind doch keine zwei Stunden von zu Haus bis hieher.« – »Und wer sind die anderen?« – »Das ist die Schwester von der Schmied-Barbara; sein Weib halt, und die Kleine ist sein Mädel.« – »Ja, ist er denn verheiratet?« – »Aber Hochwürden, bei den Evangelischen!« – »Und die Leute haben dennoch Respekt vor ihm?« – »Soviel ich weiß, schon, und ich müßte doch was gehört haben, wenn es anders wäre. Oft genug war ich schon da, und er war früher Kaplan bei uns.« – »Und sie leben gut miteinander?« Der Knecht wurde ungeduldig über das viele Fragen, das ihm gänzlich nutzlos erscheinen mußte, und die häufige Störung in seinem Frühstück: »Ich denke; Hochwürden hat ja selber gesehen, wie sie voneinandergegangen sind. Mir scheint, wie zwei, die sich recht liebhaben. Und daß es ihnen sonst schlecht sollte gehen? Aber sie schauen mir gar nicht danach aus. Warum? Zu leben haben sie!« Pater Felician aber richtete kein Wort mehr an ihn. Also es ruhte kein Fluch auf der Ehe eines abtrünnigen Priesters des Herrn! Er selber hatte sich mit eigenen Augen davon überzeugt. So kam er heim. Es war ein heller und sonnenfroher Tag auf die schwere Nacht gefolgt. Er las eine stille Messe; danach stärkte er sich und ruhte ein wenig. Dann legte er die Alba um und ging mit dem kreuztragenden Knaben zu den alten Pelařs. »Mir ist nicht willfahrt worden«, sprach er. »Ihr aber bekümmert euch nicht darum. Ich will dennoch an ihr tun, was meines Amtes ist.« Bevor sie aber noch den Sarg schlossen, trat er noch einmal zu ihr und sah ihr lange und ernst ins Gesicht, und ein häufiges Zucken durchfuhr dabei seine Brust und schmerzte ihn. Danach segnete er sie ein; unter ungeheurem Wehklagen setzte sich der Zug in Bewegung, und jede Träne, die vergossen wurde, fiel ihm hart in die Seele. Er schritt vorauf. Wo sie durch das Dorf wanderten, dort schlossen sich ihnen viele an; die aus Neugier, die aus Mitgefühl, manche aus beiden Gründen. Alle Webstühle ruhten; aber die Glocken schwiegen, und dennoch hatte die stille Margareth ein größeres Grabgefolge, als es selbst die Reichste gehabt. So, immer anschwellend, bewegte sich die Menge durch ganz Klein-Krasna. Im Walde machten sie halt, auf einer Blöße, die junge, schlanke Birken mit weißen, zierlichen Leibern und grünweißlich schimmernde Buchen umstanden, während von ferne her das starke Rotbraun zerklüfteter Föhrenborke herüberleuchtete. Er weihte die Erde nach allen Gebräuchen, wie sie die Kirche vorschreibt. Rüstige und willige Hände griffen zu, und in kürzester Weile war ein Grab gegraben, tief und geräumig genug, daß kein Laut des Lebens sie mehr erreichen konnte, die sich davor hierher geflüchtet hatte. Mit zitternder Stimme hielt er eine kurze Predigt; in ihrem Verlaufe gewann er seine Ruhe wieder, und als er von der Liebe sprach, die stärker sei als der Tod und über die nicht die Pforten des Grabes noch der Hölle etwas vermöchten, die diese beseelt habe und die ihr vergeben werde, da klangen seine Worte mächtig und ergreifend durch das feierliche Schweigen, das nur manchmal ein Schluchzen oder ein kurzer Wehlaut unterbrach. Er selber aber sah so blaß und müde dabei aus, daß es allen auffiel. Noch ein kurzes, stilles Gebet, in das die Baumeswipfel sangen und melodisch brausten. Dann knarrten die Seile: die stille Margareth stieg nieder zu ihrer Ruhe. Hörbar und dumpf kollerten die Schollen auf den Sarg; ein Hügel wölbte sich empor, und Pater Felician sank davor in die Knie und schluchzte laut auf. Eine Weile blieb er noch, bis sich die Menge verlaufen hatte, dann, einsam und gedankenvoll, kehrte er in den Pfarrhof zurück. Dort tat er sein Priestergewand ab für immer. Er selber hat nach Olmütz Bericht darüber erstattet, daß und wie sehr er sich gegen die Vorschriften vergangen, die man ihm eingeschärft. Über die Gründe aber fügte er kein Wort hinzu. Wozu auch? Tags darauf verließ er Klein-Krasna für immer, nachdem er noch die Eltern der stillen Margareth reichlich beschenkt und ein Kreuz auf ihren Hügel gestiftet. Niemand hat fortab eine sichere Kunde von ihm erhalten. Einige wollen wissen, er habe sich nach Chropin zu seinem Vater begeben; tat er so, dann geschah es nur, um Abschied zu nehmen; in der Heimat gelitten hat es ihn nicht mehr. Andere aber berichten, er habe sich nach Deutschland, nach Wittenberg gewendet und sei in hohen Jahren als Diener am Wort in einem Dorfe in der Nähe von Magdeburg gestorben, ein unbeweibter, stiller und bei aller Milde trüber Mann, der nicht vergessen noch verwinden konnte. Sein Andenken aber blieb dort, wo er in seiner Jugend gelehrt und gewirkt, lange noch in Ehren und unvergessen; selbst dann, als sich unter seinem harten und zornigen Nachfolger die Leute von Klein-Krasna fast sämtlich der neuen Lehre zugewendet.   Frühschein Den 13. des Monats Julius 1662 haben sie auf der Gänseweide im Erdberg Ehemalige Wiener Vorstadt. vier üble Weiber gebrannt. Es war ein groß Spektakel und ein sonderlich Ergötzen für das gemeine Volk, das johlend und mit Zuruf um den Stoß stand und für dessen Erlustigung sonst bei bösen Zeiten wenig geschah. Denn zweie von ihnen kannte die ganze Stadt. Die eine davon war des sehr edeln und ansehnlichen Ratsherren Petrus Lehningers Weib, die andere seine Tochter Barbara. Denn die Stiefmutter hatte, zu wiederholten Malen peinlich befragt, endlich bekannt, sie habe das Mägdlein, da es noch nicht zwölf Jahre alt gewesen, ob seiner ausnehmenden Schönheit dem höllischen Buhlen zugeführt. Torquieret Gefoltert. , gab die Jungfer Barbara zu, sie habe durch sieben Jahre mit dem Bösen Gemeinschaft gehabt und schlimme Unzucht getrieben. Genossinnen nennen aber tat sie überall nicht. So heftig man ihr auch mit Worten und eindringlicheren Vermahnungen zusetzte, antwortete sie immer, sie hätte, wann sie ausgefahren, bei ihrem sehr zurückgezogenen Leben niemanden erkannt, und insgemein sei der schlimme Feind als ein sehr säuberlicher und nur etwas hinkender Herr zu ihr auf die Stuben gekommen. Über eine solche Halsstarrigkeit eines so jungen Geschöpfes betrübten sich der Hexenrichter, Herr Ferdinand Riemenschneider, und der Beichtiger, der ihre Seele gerne gerettet, gar sehr. Denn das Treiben der Unholdinnen war nur zu schamlos und zu offenkundig, als daß ein Einsichtiger es hätte leugnen können, so daß das Holz unablässig im Preise stieg, und zwar, soviel dessen auch zugewachsen, fast noch mehr ihrer Brandstöße halber als der vielen neuen Häuser wegen, die man nach dem großen Kriege überall aufzubauen begann, und daß niemand bessere Zeiten und ein lohnenderes Geschäft hatte als die Büttel samt dem Fronvogte. Der alte Lehninger aber, der sich wie ein Rasender nahm und sich weigerte, die Gerichtskosten für Weib und Tochter zu bezahlen, ward mit vielen Pfunden guter böhmischer Groschen gebüßt, und, weil er sehr lästerliche Reden führte, als ein Zweifler und als im Geruche geheimer Hinneigung zur Hexerei fortan suspekt gehalten. Am 18. hujus (lat.) dieses (Monats). , eben da es tagte und die Frau Katharina des sehr gestrengen Herren Ferdinand Riemenschneider sich erhob, fand sie in Küche und Haus noch gar nichts bereitet. Vielmehr alles lag und stand, wie zu Abend zuvor. In ihrem Bette aber fand sie die ungarische Magd, Terka geheißen, welche seit mehr denn einem Jahre bei ihnen im Dienste gewesen. Diese stöhnte erbärmlich und klagte, wie sie sich durchaus nicht aufrichten könne. Denn es sei ihr nicht anders, als hätte sie Blei in den Gliedern, und tue ihr alles weh. Bestürzt sandte man nach dem Chirurgus Sebastian Oberndorfer, denn das Mädchen war dem ganzen Hause wert ob seiner Anhänglichkeit und seines munteren Wesens. Herr Oberndorfer fand nichts und schied mit einigem Kopfschütteln, weil er an sich und seine Kunst glaubte. Und wie das etliche Tage so fortwährte, ohne daß weder die Terka an ihr Werk gehen konnte, noch es eigentlich schlimmer mit ihr ward, so entstand ein allgemeines Raunen. Denn man kannte das Mädchen um den Bauernmarkt, wo des Herren Riemenschneiders Haus stand, weil es sehr hübsch war: zierlich von Gestalt, mit gar kleinem Kopfe, mit munteren, schwarzen Augen darin, bräunlich von Angesicht und behend und wippend, von Gang wie eine Grasmücke, daß man immer meinte, sie werde jetzt verborgene Flügel spannen und fortpurren. Auch sang sie gerne und heimlich vor sich, wie so ein Waldvogel, und wollte von keiner Liebschaft wissen, ob ihr schon ansehnliche Herren auflauerten, wenn sie hinter ihrer großen, blanken, stattlichen Frau zu Markte ging, ihr nachstellten, wenn sie allein etwas zu verrichten trippelte, und sie so etwa ein unversehenes Glück hätte machen können. Und weil sie immerdar ganz gesund gewesen war, so munkelte man allerhand von Hexerei, und als man gar hörte, sie möge die Frau durchaus nicht mehr ansehen und kehre den Kopf nur zur Wand, wenn ihr diese tröstlich zuspreche, so gewann der Verdacht bald eine bestimmte Richtung. Man war der Frau Riemenschneider nämlich nicht hold, weil sie sich vom Verkehr mit anderen Frauen fernhielt und mied. Eine der Nachbarinnen erzählte, sie hätte sich einmal berühmt, sie wolle lieber des Teufels werden als eines Kindleins genesen. Denn ihre Schönheit sei ihr zu wert, als daß sie durch Kindesnöte sie sich zerstören lassen wolle. Es gab an den beiden überhaupt immer zu mäkeln. Wer den Blutbann in Händen hielt, wer schon durch sein Amt so vielen Leiden bereiten mußte, dem mußten manche gram sein. Es gab wenig Familien, die sein Eingreifen nicht schon einmal verspürt hatten. Er tat seine Pflicht, ohne Besinnen, ohne Härte, ohne Rücksicht, wie man etwas erledigt, das nun einmal sein muß und das in eines anderen Händen läge, wäre es nicht diesen anvertraut. Er hatte im großen Kriege als ein sehr junger Hauptmann gedient und darnach dies Amt anvertraut erhalten, das seinen Wünschen durchaus entsprach. Denn er war keiner Versuchung zugänglich, ruhig, erwägend und bei seiner großen Klarheit bald ein scharfer Jurist, an den man sich selbst aus Grätz Graz. und noch weiterher in wichtigen Fragen um Gutachten wandte. Allerdings wußte er sich damit und mit seiner gewandten Feder nicht wenig, überhob sich gegen die Kollegen und träumte von einer höheren Laufbahn. Sie war eines Obristen Tochter, der bei Jankau ohne Viktoria, doch nicht sonder Ruhm unter kaiserlichen Fahnen gefallen, streng klösterlich erzogen, selber zum himmlischen Bräutigam sich sehr hingezogen fühlend, und hatte auch darum nicht ohne Besinnen und Zweifeln sich dem älteren Manne verbunden. Nun hingen sie einander sehr an, mit einer heftigen Ausschließlichkeit des Begehrens, welcher die Jahre nichts anhaben konnten. Sie waren wohlhabend und vielleicht sogar mehr, ohne anderen Aufwand zu machen als für den Staat der Frau, daran ihr Herz nun einmal hing. Gesellschaft mieden sie nicht, noch fehlte sie ihnen, die jeder ungestörten Stunde froh waren, so wenig sie, als völlig gleicher Gedanken, auch in ihr sprachen. Beider Gottesfurcht war echt. Anfangs hatte man ihr Glück bezweifelt, späterhin es als etwas Unbegreifliches hingenommen, je fester es erwuchs, während um sie herum manches Blühen, wie eben erst das bei Lehningers, zunichte ward. Das Unbegreifliche aber schwebt über den Häuptern der Menschen wie eine drohende Wolke. Wann wird sie sich öffnen und irgendein ungeahntes Unheil enthüllen, das in ihrem Schoße schlief ...? Nach einer Woche etwa, als es mit der Terka immer im gleichen blieb, ohne daß alles Salben und Schmieren von hilfreichen Frauen irgend nutzte, vielmehr der Arm des Mädchens, wenn man ihn zur Höhe hob, als ein unnütz und kraftlos Ding niederfiel, gleich als wär er in der Wurzel verdorrt, während doch kein Auge gegen früher eine Änderung gewahren konnte, sandte man nun einen Priester vom Orden Jesu, der im Geruche stand, Teufel besprechen und austreiben zu können. Er war Beichtiger und Seelenfreund des Hauses, wie in diesen sehr kummervollen wie andächtigen Tagen jedes bessere einen haben mußte. Er verweilte sich sehr lange bei dem Mädchen, und der Herr Riemenschneider, der sich derweilen aus rein menschlichem Anteil im Flur aufhielt, hörte den heiligen Mann mit starker Stimme der Magd zusprechen, sie vermahnen und beschwören, während sie entgegenschluchzte, beteuerte und ihrer Seelen Seligkeit zum Pfande setzte. Als sich die Türe wieder auftat, trat der Priester mit sehr blassem und verstörtem Gesichte heraus. Wenige Worte, und Herrn Riemenschneiders Antlitz ward nicht minder fahl. Er griff nach der Hand des Priesters und riß sie ungestüm an sich, als wolle er sie vom Arme trennen, küßte sie heftig, und er, an dem man niemals eine sonderliche Aufregung gekannt, schrie auf, stöhnte und flehte. Der andere zuckte mitleidig und hilflos die Achseln. Da er schied, taumelte der Richter ganz ohne Fassung in sein Gemach. Am gleichen Abend war ein großer Rumor in der Stadt. Denn Frau Katharina Riemenschneider war, als der Hexerei bezichtigt und schwer gravieret Belastet. , in die gemeine Prison Gefängnis. eingeliefert worden. Von Stund ab erholte sich die Magd, daß es ein Wunder und fast für sich ein Beweis war, und war bald wieder auf stracken Füßen. Dieses war die Anklage, wie sie die Terka zuerst dem Beichtiger gemacht, darnach vor dem Inquirenten, oft und eindringlich vermahnt, aufrechterhalten, ohne alle Abweichung wiedererstattet und mit den teuersten Eiden bekräftiget. Und als einer ehrsamen und unbescholtenen Person christlichen Glaubens mußte man ihr wohl Gehör schenken und demnach mit der Inkulpatin Angeklagte. nach dem gemeinen Recht und den Vorschriften des Hexenhammers Eine 1487 verfaßte Sammlung des Hexenprozeßrechts. gemäß verfahren. Es sei ihr oftmals aufgefallen, wenn sie der Herrin beim Auskleiden habe helfen müssen, daß sie diese schleunig weggeschickt und die Türe hinter sich sorgsamst verriegelt. Und als neugierig, und ob die Frau nicht vielleicht eine geheime Unform vor ihr verberge, habe sie einmal durch das Schlüsselloch geluget und also gesehen, wie sich die Frau nackend ausgezogen und mit einer Salbe am ganzen Körper gesalbet, der aber ohne allen Fehl gewesen. Das ziemliche Häfen, aus welchem sie diese Salbe genommen, stand hinter dem Bette in einem geheimen Schränkchen. Einmal habe sie fürwitzig ihren Finger darein getauchet. Es war ein starker und übler Geruch, und der Finger brannte sehr heftig. In der gleichen Nacht sei aber in ihre Kammer, die sie doch wie immer sorglich verschlossen, ein sehr wohlgekleideter Herr, den sie niemals vorher gesehen, gekommen, habe ihr das Köstlichste von aller Welt versprochen, wofern sie sich ihm zu eigen gäbe, und sie also sehr bedrängt, bis sie in ihrer Angst und sich keinen Rat mehr wissend, nachdem niemand ihr Schreien hörte, Gott und seine Heiligen angerufen. Alsbald sei der fremde Herr mit einem gräßlichen Fluche und einem bösen Dampf hinter sich, der ihr die Brust beklemmte, als ein angebrannter Schwefelfaden es tut, ohne Spur verschwunden. Ob der Herr damals zu Hause gewesen? Nein. Das wisse sie bestimmt. Er sei im Amte über Land gewesen. Ob aber die Frau? Und wenn, ob sie ihr Schreien hätte müssen hören? Ihr Rufen wäre laut genug gewesen dazu. Nur daß sie ganz allein im Hause wohnten. Ob aber die Frau in ihrem Bette gelegen, dies wisse sie nicht. Was das wiederum nur heißen solle? Sie möge sich ihre Aussage wohl überlegen – es ginge um zweier Christenmenschen zeitlich und ewig Heil! Sie könne nicht anders, bei der Mutter Gottes und ihrem einigen Sohn. Denn die Frau habe sich niemals gesalbet, wenn nicht der Herr just auf Reisen gewesen sei. Dies wisse sie als ganz bestimmt. Aber sie wisse nicht, ob die Frau dann im Bette geschlafen. Denn immer darnach sei es ganz so gewesen, wie sie es zu Abend gemacht, und keinerlei Eindruck, als hätt eine erwachsene Person darin gelegen, und sei die Frau sehr grämlich und übeln Aussehens gewesen. Die Beisitzenden sahen einander an. Ein Species loci, auf gemein Deutsch ein Orts- und Augenschein ward angeordnet. Man konnte wirklich durch das Schlüsselloch zum Bette und dem Wandschränkchen dahinter blicken. Dieses ward geöffnet, und man fand neben allerhand Schmieren und Ölen, wie sie sonst Frauen haben, eine ansehnliche Dosen darin, zum Teile noch gefüllt mit einer Salben, welche, schmeckte man dazu, also in die Nasen stach, wie die Terka dieses angegeben. Und wurden der Frau Katharinen am gleichen Tage die strengen Eisen angelegt. Mit der Terka aber ward weiter inquiriert. Warum sie also wohl dann über ein böses Treiben so lange geschwiegen? Sie errötete sehr. Dann: weil sie gewußt, der Herr hänge an seiner Frau mehr als an sonst allem. Also: aus sonst löblicher, diesmal aber sträflicher Anhänglichkeit an den Herrn, und um ihn, dem sie sehr zugetan, nicht zu betrüben? Die Terka kämpfte mit sich. Endlich: Ja, denn sie habe dem Herren immerdar zu Gefallen zu leben getrachtet. Freilich nicht weiter, als mit Zucht und Ehrbarkeit verträglich. Mancher der Gestrengen schmunzelte und dachte sich sein Teil. Denn das Mädchen war zu säuberlich. Alsdann: Und in welcher Weise sie demnach meine, daß sie von der Frauen sei behext worden? Und sie möge ihrer Worte Hut haben! Das sei sicher und gewiß in der übernächsten Nacht geschehen, nach der man die beiden Lehningers gebrannt. Denn sie hätte dabei zugeschaut und sich dabei sicherlich in Gedanken versündigt. Weil sie nämlich die Jungfrau Barbara oft und oft gesehen und es sei sicherlich keine sittsamer, schöner und stolzer in Wien zu befinden gewesen, so habe sie bei sich gedacht, ob man nicht unrecht getan habe an dieser, und durch solchen Zweifel dem Bösen Gewalt gegeben über sich. So meine sie heute. Und mit solchen Gedanken sei sie müde, nachdem sie nur das Notwendigste verrichtet und alles Übrige auf den Morgen verschoben, zu ihrer Lagerstatt. Es sei ein mächtiger Schlaf auf ihr gelegen, so daß sie nicht anders vermeinte, als sie müsse augenblicklich ihre Ruhe finden. Dem sei aber nicht so geworden. Vielmehr sei sie mit halboffenen Augen dagelegen und hätte selbst die Totenuhr Klopfkäfer. gehört, welche im Holze und wie unter ihrem Kopfe geticket. Immer schwüler und ängstiger sei ihr geworden, und sie habe müssen aufstehen und ein Fenster aufgestoßen. Dies getan, sei eine sehr große, blanke Katze in die Kammer gehuscht, welche, sie wisse nicht wieso, der sehr edeln Frauen absonderlich geglichen. Diese saß auf das Fensterbrett und sah sie, die Terka nämlich, mit gar grünen Augen und den Schweif hoch, bös und lange an, bis sie sich sehr vor dem Tiere gefürchtet und wieder in ihr Bett geschloffen. Alsdann tat die Katze einen Sprung darauf und hauchte sie an, und konnte sie sich darauf durchaus nicht mehr erheben, wie alle wüßten und ihr bezeugen würden, bis man eben die Frau Katharina Riemenschneider gefänglich und zur Haft genommen. Darauf habe die Katze wieder einen Satz getan. Sie hörte den Riegel klirren und sah mit staunenden Augen, wie ihre Frau leibhaftig und im blanken Nachtgewande zur Türe hinausschritt. Beweis: man hätte in der Frühe zu ihr können, die sich, wie die Frau selber nicht bestreiten mögen werde, sonst und aus Ehrbarkeit immerdar eingeriegelt habe. Inkulpatin, vorgerufen, bestätigt, daß die Terka sonst immer hinter sich zugeriegelt. Ob auch damals, könne sie natürlich nicht wissen. Sie wisse auch durchaus nichts von einer Salben, habe niemals höllische Praktiken praktiziert. Wird gütlich vermahnt und schilt die Terka, die, aufgefordert, das Ganze ihr ins Gesicht wiederholt, ein teuflisch und verlogen Ding, das wohl der Böse selber zu solchem Unheil angestiftet. Wird verwarnt, sie möge nicht grundlos eine redliche Zeugin verdächtigen, die unter Eid aussage, und zum andern Male mit Glimpf vermahnt, sie möge doch des ewigen Heiles eingedenk sein, nachdem sie allem Scheine nach das Zeitliche freventlich verscherzet. Leugnet abermals und wird nun mit der scharfen Frage bedroht. Darauf erschrickt sie heftig, beharrt dennoch in ihrer Verstocktheit. Und dieses Protokoll ward dem Stadtrichter Herren Ferdinand Riemenschneider abschriftlich übermittelt, der ex humanitate legis, vermöge unserer Gesetze Mildigkeit, und über sein eigenes Ansuchen vom Amte der Untersuchung enthoben und sonst einer geheimen, aber scharfen Überwachung unterworfen worden war. Es schien nämlich allen undenkbar, daß ein so gewiegter Kriminalist von einem so ruchlosen Treiben, das doch nach der Terka Behauptung durch geraume Zeit, nämlich mindestens so lange, als sie im Hause war, id est durch ein und ein halbes Jahr kontinuieret und unter seinen Augen getrieben worden war, nicht das mindeste sollte bemerkt haben, es sei denn, er wollte blind sein ... Für sich, in vielen bitteren Stunden, studierte Herr Ferdinand Riemenschneider diesen Aktus. Er war vollkommen klar und unzweideutig, ließ nicht der mindesten Hoffnung, nicht dem dämmerigsten Zweifel einen Raum. Sichere Indizia, bündige, lückenlose Aussagen. Er selber, der nicht bloß von Amts wegen erfüllt war von allem Glauben seiner Zeit, der niemals an seinem Berufe sich geirrt, hätte unter diesen Umständen sein eigen Weib zum Holzstoße senden müssen, war ihm der Spruch anvertraut. Und wie, ohne daß er selber wußte, seine Einbildungskraft eben wegen ihrer Dürftigkeit ganz erfüllt war von den vielen Prozessen, in denen er des Rechtes oder dessen gewaltet, was ihm dafür gelten mußte, so fiel ihm jetzt ein Zeugnis wider sein Weib Katharinen ein, das er nicht verhehlen hätte dürfen, wenn man ihn auf sein Gewissen darum befragt hätte. Denn er glaubte sich bestimmt zu erinnern, daß in derselben Nacht, in der die Terka verhext worden war, ein schwerer und rätselvoller Druck auf ihm gelegen, ein ganz unbändiger Schlaf. Mitten daraus erwacht' er: es war ihm nämlich, als hätte eine ferne und klagende Stimme seinen Namen gerufen. Er hielt sich still; aber ein sehr banges Schweigen war um ihn, und kein ruhiger Atemzug seines Weibes, dem er sonst so gerne horchte in schlummerlosen Nächten, rührte an seine Seele. Nur im Kamin saust' es heftig bei sonst windstiller Nacht. Er griff dorthin, wo sonst das liebe Haupt seines Weibes zu ruhen pflegte, denn große Liebe trägt in der ewigen Furcht vor dem Verluste ihren schärfsten Stachel in sich. Die Stelle war leer ... Er tastete um sich. Alles war, so meint' er vor dem Kruzifix beschwören zu dürfen, gestanden wie sonst ... Da, zu seiner Rechten, das Nachtlicht, daneben ein Bündel mit Akten, darin er noch vor dem Einschlummern gesucht und gelesen; dann sein Gebetbuch – er fühlte die schweren silbernen Spangen und Beschläge, und es rieselte ihm kühl ans Herz. Und endlich der silberne Becher, ein ihm sehr wertes Erbstück nach dem Obristen, seiner Frauen Vater, der immer da stund, weil ihm sein Nachttrunk darin gereicht ward. Das alles sah er wieder und ganz bestimmt vor sich in diesem Augenblicke. Und wie er damals so einsam dalag und das Rumoren im Schornstein ward immer lauter und er rief nach ihr mit ganz leiser Stimme und es kam kein Gegenruf, so überkam ihn erst eine unsägliche Bängnis und dann ein gar großes Entsetzen. Wo war sie? Er wollte nochmals rufen, und es schnürte ihm die Kehle. Er reckte den Fuß aus und zog ihn schauernd zurück. Denn ihm war, als sei er ins bodenlos Leere getreten; hob sich und sank zurück in die Kissen vor einem bleiernen, trägen Schlaf, der ihn befiel und nicht mehr losließ, bis es vollkommen Tag war und sein Weib neben ihm lag, friedlich und wangenrot, in ihrer blanken und wandellosen Schönheit, vor der ihn damals zuerst ein leises Grauen beschlichen hatte ... Das also war es gewesen ... So erklärte sich ihre Ehrbarkeit, die ihn vordem mit solchem Stolze erfüllte ... Denn er wußte um manche Anfechtung, der sie, wie jedes schöne Weib in dieser Stadt, ausgesetzt gewesen. Oftmals, wenn er die verlorenen Werbungen adeliger und reicher Herren um sie mit gelassener Heiterkeit sah, hatt er bei sich gedacht: Der gewinnt kein Mensch was ab. Nein – ein Mensch nicht ... Aber schlimmer als das: der böse Feind aller Menschheit hatte es ihr und ihm abgewonnen. Und wenn er selber sich manchmal vordem ihrer Kinderlosigkeit gefreut, damit sich kein Drittes störend zwischen sie dränge, damit ihrem immer neuen Begehren keine Schranke gesetzt sei – um diesen Preis war das ein zu teurer Verzicht. Fast wollt er nun, sie hätte ihn mit einem leibhaftigen Nebenbuhler hintergangen, nur mit diesem unfaßbaren nicht. Ein würgender Ekel war in ihm. Die ganzen, langen Jahre seiner Ehe hatte sie ihn besudelt; der stolze, weiße Schwan, den er mit so hoher Freudigkeit gehegt, war ein unsauberer Nachtvogel, der in der Dunkelheit seine mausgrauen Fittiche spannte und dahin flog, wo sich nur hin zu denken den Reinen schauderte. Sein eheliches Gemach hat er von dem Tage ab nicht mehr betreten, da er eine so traurige Erkenntnis der Wahrheit gewonnen zu haben glaubte. Es griff ihm nach der Kehle, gedachte er der unerhörten Lüge, die so lange Zeit es mit ihm geteilt, geheuchelter Liebe, deren Beweise er glücklich empfangen und die einem ganz anderen gegolten. In sein Arbeitszimmer schloß er sich ein. Er aß wenig und schluchzte viel und unbewußt, während er über dem Gutachten grübelte, das er aus freien Stücken dem hohen Kollegio zu überreichen gedachte. Denn einmal blieb ihm die dumpfe Gewohnheit, der es vollkommen widersprach, daß ein Fall so großen Belanges ohne ihn entschieden werden dürfte; alsdann war die Grausamkeit eines Enttäuschten, an seinem Liebsten Betrogenen in ihm. Sterben mußte sie, schon um die Pein dieser Tage, neben der alles Glück der Vergangenheit versank. Und während er sich dies selber glaubte und mit triftigeren und schulgemäßeren Gründen auch seinen Genossen von der Richterbank bewies, war neben dem ungestümen Schrei nach Rache doch schon auch eine mildere Stimme in ihm wach. Sterben – ja, aber einen Tod nicht, nicht so grauenvoll und nach Martern, die all diese Schönheit, daran er sich so oft ergötzt, zerstören mußten, bevor sie noch zu Asche ward ... Dabei ging sein Hauswesen den ganz geregelten Gang weiter. – Die Terka sorgte um ihn, so daß er in diesem Belang des Fehlens seiner Frau kaum gewahr wurde. Nur ihm etwas zu häufig machte sie sich in seiner Nähe zu tun und suchte ein Wort an ihn zu bringen. Das war ihm leidig; und, er wußte nicht wieso? – aber eine Abneigung gegen das Mädchen begann in ihm zu keimen, und er wunderte sich, daß er sie in seinem Hause litt, die doch die Hauptschuldige war an seines Weibes Verderben. Von selber aber war sie nicht gegangen, und er, in drängenderen Sorgen, hatte nicht daran gedacht, sie noch fortzuschicken und sich dann selber um einen Ersatz umzutun. Wiederum war ihm zu anderen Stunden das bekannte, frische Gesicht lieb und willkommen. Und so trieben sich die Gedanken rastlos in ihm um und ließen ihn zu keiner Stätte noch Einkehr kommen. Diese sprangen eilfertig vorwärts: ins Ungewisse, ziellos Unbestimmte. Andere drangen ihnen behend nach, aber nur um sich plump und lastend an ihre Vordermänner zu hängen und sie also zu hemmen. Dazu fühlte er sich von unsichtbaren Augen bespäht, und das verstörte ihn vollends: ihm war, als lauerte ihm hinter jeder Ecke ein Feind auf und ziele ihm nach dem Leben. So schritt denn seine Arbeit stockend vor. Am 2. Augustus war sie beendet und sauber, in seiner schönen, klaren und etwas steifen Hand mundieret Ins reine geschrieben. dem Richter übermittelt worden. Zu herandrohender Nacht war er ins Kühle gegangen. Denn die Tage waren gar heiß, daß man an ihnen vor Sonnenglut und vielem Staub kaum einen Atem zu gewinnen vermochte. Er war zunächst nach St. Stephan gegangen. Denn die Kirchen standen der Not der Zeiten wegen, des herantrotzenden, blutigen Türken und der unheimlichen Pest aus dem Morgenlande halber den Gläubigen immerdar geöffnet. Viele Beter fanden sich im Münster, und er konnte mit seinem einsamen und ihm selber unklaren Leid keine rechte Andacht gewinnen inmitten der unruhigen und wechselnden Menge. Es waren nicht gar viele Schritte bis zu seiner Wohnung. Aber das Leben in den Straßen beirrte ihn, der in so kurzer Frist sich seiner fast entwöhnt hatte. Denn noch tat sich manchmal ein Stadttor mit dumpfem Klirren auf; oder man hörte den Zuruf der sparsamen Ronden auf den Basteien und das Rasseln ihres Gewehres, wenn sie's grüßend auf den Boden stellten. Adelige Herrchen gingen heim; vor ihnen der Fackelträger und hielt die Leuchte hoch, damit der Gebietende, der zierlich und im spanischen Gewande hinter ihnen einhertrippelte, auf dem unebenen Boden nicht zu Falle komme. Der Mond stand voll und hoch am Himmel, aber er kämpfte mit den gewölkten Nebelschwaden, und ein Hof, der teure Zeit und großes Sterben kündigen soll, umgürtete ihn färbig. Auf der Schranne Gerichtsstätte. brannten die Feuer der Rumorwachen, die da lagermäßig im Freien nächtigten. Nun sank die Flamme in sich, nun, unversehens und mit eins, erhob sie sich wieder und glühte kräftig die grauen und getürmten Giebelhäuser und den Schandpfahl in ihrer Mitten an. Dort würde sein Weib stehen, ehe es den letzten Pfad beschritt, einer frevelhaften Neugier und jeder Beschimpfung preisgegeben. Herr Riemenschneider wandte sich mit einem starken Entsetzen. Eine müde Karre humpelte mühselig vorüber; nun stand sie ganz im Lichten der Beiwacht, nun verschlang sie wieder das Dunkel. So würde sie gefahren werden – aus dem Hellen eines würdigen und angesehenen Lebens über einen finstern Weg zu den Flammen eines unerwünschten, unwürdigen Todes und zur Pein der ewigen Nacht. Er wußte nicht, wie ihm all diese Bezüge auf einen Schlag so lebendig wurden. Er sann und säumte durch manche Stunden. So kam er heim. Es war eine unbezwingliche Sehnsucht in ihm, dazu ein heißer Zweifel, dessen Stachel aber noch nicht wußte, wohin er sich kehren solle. Mit unsicheren Händen schlug er Feuer, und das Licht in der Rechten, betrat er das Schlafgemach, das er nun schon so lange gemieden. Da stand das ungeheure Ehebett; darüber, steif und ebenmäßig aufgehangen und von schmalen Goldleisten umfangen, einen Spiegel zwischen sich, waren die Bilder der beiden Gatten, wie sie vor Jahren ein auf seine Kunst reisender Niederländer in Öl gemalt, das erste Ehepaar, das sich in dieser Stadt ihm anvertraut hatte: sie in ihrer ruhenden Schönheit, die seither nur durch Fülle gewonnen, wie manche Blumen, denen erst aller Duft vergönnt ist, wenn sie sich ganz erschlossen; er schlank, fast hager, mit dichtem, braunem Haar, strengem Knebelbart und gelassenen, braunen, sicheren Augen in einem von der Sonne gefärbten und mutigen Gesichte. Er war anders geworden, in Tagen anders – wie verstört und fahl sah er sich selber aus dem Glase entgegen! Gleich einem Fremden, Kranken betrachtete er sich lange darin, mit einem Mitleiden zu sich und einer unbändigen Bangigkeit nach seinem Weibe in der Brust. Dann hielt er Umschau. Es verlangte ihn heftig nach einem Trunke aus dem Becher, den er in den Tagen eines sicheren Glückes so oft an die Lippen gesetzt. Und jählings und mächtig lief ein Zucken durch seinen Leib – der Becher fehlte, und überhaupt: alles stand anders, als er's im Gedächtnisse zu haben glaubte. Und von zitternder Stimme rann ein Ruf durch die Nacht: »Terka!« Sie stand neben ihm. So rasch, daß es eigentlich verwunderlich war, wollte man nicht glauben, sie habe schon lange und verlangend diesem Schrei entgegengeharrt. Wie sie eben das Bett verlassen: nur ein Tuch über der Brust, einen fliegenden, kurzen Rock notdürftig umgeworfen, mit losen, reichen, schwarzen Haaren. »Was will der Herr?«, und eine ungebändigte Erwartung lag in den Worten, wie sie sprach, den etwas harten und fast klagenden Tonfall der Ungarin in der Stimme. Er beachtete sie nicht einmal. »Terka! Wo ist mein Becher, und warum ist alles im Zimmer anders wie sonst?« »Anders wie sonst? Der hochmögende Herr wird sich da irren. Ist alles wie sonst. Mindestens, seit ich bin im Haus. Weil ich hab alles geordnet, wie es der Herr gewöhnt ist und gerne hat, sowie erst die gestrengen Herren fort waren von der Kommission.« »Und mein Becher?« »Das? Das ist schon gut zwei Monat oder noch länger beim Silberschmied. Weil es ist einmal gefallen und war verbogen und der Dieb hat gesagt, er wird es bringen auf die Woche und dann wieder auf die Woche, und dann war auf einmal die Vergoldung schlecht inwendig, und er hat gesagt, er muß sie richten, und hat er mit so Ausreden das Becherl noch bis zu heute.« »Es ist gut.« »Soll ich morgen gehn, in der Früh gehn um ihn?«, und sie trat ganz an ihn heran. »Nein, nein, geh schlafen«, und wie sie in einer unausgesprochenen Hoffnung immer noch zögerte, sah er sie mit einem eigenen Blick an, vor dem sie heftig errötete. Denn neben der Strenge des Herrn lag auch ein Erstaunen darin: das Erstaunen eines Mannes, der eines Weibes Geheimstes zu ahnen beginnt ... Herr Riemenschneider war allein. Er mußte sich besinnen und alles erst in sich ordnen. Denn das war von ungeheuerem Belang, was er eben erst erkundet. Das mußte nach seiner ganzen Wichtigkeit begriffen sein. Demnach also hatte sein Gedächtnis das Zimmer in einer Form in sich aufgenommen, die längst nicht mehr zutraf. Ein Bild aus der Vergangenheit, vielleicht noch der erste Eindruck aus seiner jungen Ehe, hatte das Gegenwärtige verdunkelt ... Was aber war es dann mit jenem nächtigen Erlebnis, das mit solcher Bestimmtheit vor ihm gestanden, mit jenem grauenhaften Erwachen in der Einsamkeit, von dem ihm so jeder Umstand in der Seele eingegraben war, dabei ihm eines durch das andere verbürgt gewesen? Riß hier ein einzig Glied, so bestand die Kette nicht mehr; dann hatte er einen Traum für Wahrheit genommen. Ihm stand somit die Schuld seiner Frau nicht mehr fest. Er brach in die Knie. Das Angesicht verbarg er in die Kissen, und ein Krampf war in ihm. Es trieb ihn auf, in sein Zimmer. Dort saß er in Gedanken in die tiefe Fensternische. Und in die Wirrnisse, in denen seine Seele rang, tönte aus dem Nachbarhause ein leises Singen hinein: er wußte, drüben, beim Lehninger, versammelten sich die Stillen im Lande, hielten ihre geheimen Andachten und riefen mit ihren Psalmen zu Gott. Vordem hatt er oft aus Pflichtgefühl an Anzeige gedacht. Nun trösteten ihn die flehenden Menschenstimmen wundersam. Und so, wie die Verheißung einer Zukunft voll Klarheit, erhob sich über den Dächern der Frühschein, und er entschlummerte dabei ... Der frühe Morgen weckte ihn mit einem Entschluß. Er wußte sich ergebene Menschen im Gefängnis, ihm verpflichtet um mehr als ein Ding. Und wenn alle Verschuldung und Guttat ausgelöscht sein sollte durch sein Unglück, so besaß er jene Springwurzel, die seit jeher bei uns zulande die festesten Schlösser aufsprengt: Gold. So warf er denn in fliegender Hast ein Zettelein hin und sandt es durch einen Büttel seiner Frauen. Sei sie schuldig, so möge sie's ihm gestehen, und er werde ihr ein Gift zuschanzen, daß sie ohne alle Pein in die Ewigkeit führe. Begehre sie Aufschub der peinlichen Frage, so müsse sie sich als gesegneten Leibes bekennen, weil mit dieser Untersuchung ein Erkleckliches an Zeit gewonnen würde. Sei sie aber reinen Gewissens, so möge sie's um Gottes willen ihm sagen, und es gäbe nichts, was er nicht zu ihrer Rettung wagte und unternähme. Dies getan, ging er als unfähig, mit sich selbst ins reine zu kommen, zu einem Beichtiger und offenbarte dem alles, was sich in und mit ihm begeben. Zum ersten Male brachten ihm die Worte des sehr ehrwürdigen Mannes keinen Trost und keine Beruhigung. Denn er hatte den Beichtenden offenbar nicht verstanden. Er wollte ihn mit seiner Pflicht gegen die Obrigkeit beruhigen, die er getreulich erfüllt und die allein die letzte Verantwortung träfe. Seine Bedenken rügte er noch als sündhaft und sich auflehnend gegen Gott, der wohl wissen werde, warum er ihm und seinem Weibe eine solche Prüfung zugeschickt. Eine gelinde Buße legte er ihm auf. Die Erwägungen in ihm aber waren zu mächtig, als daß sie durch einen Fasttag oder von einigen Paternosters, gewohnheitsmäßig geleiert oder selbst mit aller Innigkeit gesprochen, gestillt hätten werden können. Sein ganzes Leben stand in Frage, und da schien es ihm nicht genug, einem anderen, und wenn's auch der höchste Willen war, alles zuzuschieben. Auf ganz die gleichen Inzichten Beschuldigungen. und Indizia hin, nach denen nun sein Weib abgeurteilt werden sollte, hatt er selber viele, so viele judiziert Abgeurteilt. und justifizieren Hinrichten. lassen. Geschah in diesem Falle Unrecht, so gewiß auch bei allen vorher. Und so arbeitete der Zweifel in ihm, ein fauststarker und flinker Bergmann, der sich durchs Dunkel seine Gänge gräbt und vor dessen Schlägel und Gezäh Sammelname für Bergbauwerkzeuge. zu Schutt und Trümmern sinkt, was wie Felsen stark und gleich den Festen der Erde für Ewigkeiten gegründet erschien. Zu Mittage heimgekehrt, fand er einen Gerichtsboten mit einem Brieflein seiner harrend und die Terka mit sehr erhitztem Gesichte. Der Severin erzählte ihm, das Mädchen habe ihm durchaus das Brieflein abnötigen wollen mit Bitten, Schmeicheln und Schöntun und sich dabei so erregt gehabt, daß sein Verdacht rege geworden und er, sich dessen erinnernd, daß sie doch Hauptzeugin sei, und mit einiger Verwunderung, sie noch im Hause zu finden, lieber auf den Herren gewartet. Der Richter belobigte ihn dafür nach Gebühr und belohnte ihn darüber hinaus, dachte aber weiter nichts dabei und achtete in seiner Ungeduld nach dem Inhalte des Briefes nicht einmal darauf, was ihm sein Vertrauter noch zuwisperte. Erst gemach ward er aufmerksam und selbst gespannt. Denn ihm ward zugeflüstert, er möge wohl auf seine Sicherheit bedacht sein. Dies konnte ihn nicht überraschen. Wenn man gegen ihn noch nicht eingeschritten sei, so hofften ihm Wohlgesinnte auf seine Flucht, während die übrigen das Aufsehen scheuten, welches ein Einschreiten gegen einen Mann in solcher Stellung und so tadellosen Ansehens erwecken müsse. Er sei nämlich wegen seines allzugroßen Eifers, bekundet durch sein höchst scharfsinniges und ungefordertes Gutachten im Verdachte. Auch das entsprach vollkommen den Erwartungen, des Richters; freilich, wenn er sich still verhalten, so hätte man ihn wieder sicherlich übler Gesinnung, des Zweifels in die Gerechtigkeit der Gerichte, endlich geheimer Hinneigung zur Hexerei bezichtigt. Das Verfahren gegen sein Weib nach Kräften zu beschleunigen stände aber in der Absicht der Gesamtheit. Und in jener Ratssitzung, in der vom Herren Riemenschneider und seinem Gutachten soviel die Rede gewesen, sei sogar darauf hingedeutet worden, ob derselbe nicht seiner allerdings und unbedingt überwiesenen Gattin überdrüssig gewesen und darum im geheimen Einverständnis mit der Magd Terka und mit ihr in jedem Sinne unter einer Decke spielend vorgegangen sei, sich so der Lästigen zu entledigen. Da lachte Herr Riemenschneider ein kurzes, böses Lachen; ein schlimmer und sträflicher Ausruf gegen die Majestät aller Gerichte rang sich von seinen Lippen. Er brach ihn ab. Denn im gleichen fiel ihm bei: nach der nämlichen Logik und aus ebensolchen Gründen und Beweisen, die ihn nun, gegen ihn selber gekehrt, so sehr empörten, hatt er sein Leben lang geschlossen, Anklagen erhoben, abgeurteilt. Und so griff er nach dem Blatte und las:   »Dem sehr gelehrten und edeln Herrn Ferdinand Riemenschneider, Richter der Stadt Wien, meinem Eheherrn! Es tut mir aus der Maßen weh, und Gott soll Euch Euern Zweifel an mir verzeihen und daß Ihr mir also offenbarlich nach dem Leben stellt, wie sie mir sagen. Tun es andere – und die Terka wird schon dafür in der Hölle brennen, das Lügenmensch, an welchem ich niemals anderes getan, nur Gutes –, so mögen sie meiner unwissend sein. Ihr aber kennet mich und wisset, daß ich gottesfürchtig war mein Leben und mich Euch so leicht nicht hingegeben, daß Ihr müßtet besorgen, als könnt ich mich leichten Herzens mit einem anderen vergessen. Vom Hochmute meiner Lippen hat mein Herz niemalen etwas gewußt, und hab ich ihn als Gefangene schon zu tausenden Malen bereuet und vor Gott abgebeten. Torquieren aber und brennen sollen sie Euer Weib nicht: da sorg ich schon selber dazu. Könnet Ihr etwas vor mich tun, so säumet nicht, und Ihr tuet Gottes Werk und sein Wunder, um das ich schon so lange flehe. Denn ich bin so gar verlassen, und weiß ich nicht, warum. Eure getreue und unglückliche Katharina Riemenschneider.« Nachschrift. »Und den Grund, warum sie mich nicht sollten martern dürfen, den dürft ich wohl vorbringen und brauchte keinerlei Untersuchung zu scheuen. Dieselbe.«   Da fiel ein großer Schrecken den Herrn Riemenschneider an. Das Herz in seiner Brust stand still vor Bängnis. Das Brieflein entfiel seiner Hand, und er brach in ein heftiges Schluchzen aus und weinte laut, ohne dessen zu achten, daß ein soviel Geringerer dabeistand. Er zitterte also, wie ein Baum, den der Sturm von allen Seiten gepackt, daß der Büttel Severin herzuspringen mußte und ihn halten. Und dann, kaum er sich ein wenig versonnen, klammert er sich an den Fronboten. »Severin«, sprach er heiser, »ich hab dir dein Brot gegeben und war dir immer gut. Willst du mir's danken, auch wenn es gegen den Eid geht?« »Gegen den Eid?«, und der Severin spitzte höhnisch die Lippen und blies so wie mit einem Hauche den Eid von sich. »Ich bin ein reicher Mann, Severin. Und ich will dir ein besser Brot geben, ein reichlicheres, und wo du nicht immer deine Hand bieten mußt zu Greueln, die unerhört sind und zum Himmel schreien.« »Zu Greueln, Herr? Was meint Ihr damit, Herr?« verwunderte sich der Severin. »Aber Brot ist Brot, und kann es der Severin geschmiert haben statt trocken, so war der Severin niemals kein Esel. Aber – sicherstellen müßt Ihr mich!« »Kannst du mich zu meinem Weibe lassen und uns darnach aus dem Gefängnisse schaffen, wenn's sein muß? Noch weiß ich nicht, ob's geschehen wird. Denn ich weiß nicht, ob ich's darf, und meine Seele ist zwiespältig und weiß nicht, wohin sie sich wenden darf.« Er wußte wohl, daß der Knecht nichts von seinen Kämpfen begriff, und hatte dennoch das Bedürfnis, einem andern, wem immer, Einblick darein zu gewähren. Der Severin machte eine hohle Hand. »Mein Handgeld, Herr!« »Da hast«, und er zählte ihm eine Summe auf, über die sich der Büttel verwunderte. »Und heute oder morgen nacht. Sonst bist du deines Eides quitt, und das Geld gehört dennoch dein. Kannst du das richten?« »Ich kann's richten, Herr, Und mein Wort gilt«, und sie tauschten den Handschlag. Herr Riemenschneider blieb wieder allein. Bis zur völligen Dunkelheit ganz allein. Die Terka, die öfter nach ihm fragen kam, sandt er unwirsch weg. Und dennoch war es ihm auf einmal klar, wie gut es gewesen sei, daß er das Mädchen nicht fortgejagt. Von ihr erwartete er sich, obgleich ohne allen scheinbaren Grund, eine letzte Aufklärung. Zur gewohnten Stunde ging er abermals aus. Er fühlte sich schon eigentlich nur in der Dämmerung wohl, während ihm vordem der helle Tag allein gemäß, gewesen war. Ein Gewitter mußt in der Ferne niedergegangen sein, denn eine weiche Kühle atmete durch die Straßen, und aus einer grauen, rot vom Niedergange der Sonne durchflammten Wolkenbank zuckten häufige Blitze in das Blau und niederwärts. Etwas von der Süße des Hochsommerabends zog ein bei Herrn Riemenschneider, und ihm ward inmitten aller Pein als sei sie nicht zu teuer für all die Erkenntnis bezahlt, die ihm dadurch geworden war, und als stund er an der Schwelle eines großen, lichten Saales voll ahnungsvoller Geheimnisse, die sich ihm in einem Frühschein entschleiern würden, dem gleich, der eben erst ihm nach der schwersten Nacht seines Lebens aufgeglommen war. Er saß in einer schlechten Kneipe, wo ihn gewiß niemand kannte, und trank sein Glas Wein. Um ihn war ein lautes Wesen, Man sang, man fluchte, man berühmte sich und scharmierte. So sicherer könnt er sich in sich selbst versenken, und all der Tumult störte ihn nicht. Denn ihm war wie der Mutter, die ein junges Leben in sich fühlt. Als dann die große Dunkelheit über der lauten Stadt lag, als schattenhaft graue Gestalten in den Hof des Lehninger huschten, fand sich unter ihnen auch Herr Riemenschneider. Niemand fragte ihn um den Zweck seines Kommens, und er, der nur noch nach geheimen Antrieben handelte, hätte keine Antwort darauf gewußt; jeder verwunderte sich insgeheim darüber. Man versammelte sich in einem großen, ganz schmucklosen Zimmer; nicht einmal ein Bild des Gottessohnes war darin. Gegen Sonnenaufgang gewendet, wo man durch ein unverhülltes Zimmer ins nächtige Grauen sah, betete man deutsche Gebete mit vieler Andacht, die den Richter ergriff, mit sich riß, über sich erhob; denn es waren Gleichnisse und Sinnbilder darin und eine reine Betrachtung des Göttlichen, mit dem eins zu werden diese Geprüften und Schmerzhaften rangen, die an jedes Herz griff. Psalmen wurde gesungen, im Dunkeln, so daß keiner den Nachbarn recht gewahren konnte, mit vieler Inbrunst. Jeder schrie eben für sich zu seinem Gotte. Und dennoch überkam den Richter ein Grauen in dieser Versammlung, wo kaum einer war, dem er nicht weh getan durch eigenes Eingreifen oder Dulden, durch Anklage oder Spruch. Immer war ihm, als müßte sich einer erheben und ihn zornig fortweisen aus dieser Gesellschaft. Nichts dergleichen geschah; hier war eben, das sah er, jeder willkommen, der in sich Gram trug. So auch er. Eine Beruhigung überschlich ihn langsam. So lernt' er die Pein eines, der sich seines alten Lebens abtut und den dabei zugleich verheißend aus dem Weiten ein neues grüßt. Dann ward Gottes Wort ausgelegt. Aber der Preis der Prüfungen und der Heimsuchungen, welcher hier verkündigt ward, genügte ihm nicht. Es verlangte ihn immer noch nach dem Glück, und er glaubte daran. Endlich ward das Abendmahl in beiden Gestalten gereicht, denn in dieser Gemeinschaft fühlte sich jeder als Priester. Auch er empfing es, sosehr das mit seinen alten Gewohnheiten stritt, als müßte das so sein. Dann ward der Bruderkuß getauscht, und er schied sich von diesen Stillen im Lande, die unter beständiger Gefahr, den strengsten Gesetzen entgegen, den Gott nach ihrer Art bekannten, der sich ihnen in Wettern offenbart, als ein Bruder von Brüdern, mit denen ihm tausend gemein ist und nur eines nicht, das ihn unwiderruflich und für immer von ihnen trennt. Denn er war noch nicht gewillt, gänzlich zu entsagen. Er glaubte die Möglichkeit einer Rechtsordnung, die jedem das Seine zubillige, die nicht auf Gewalt und Unrecht sich aufbaue, und fühlte die Kraft in sich, anderwärts an ihrer Heraufführung mitzuwirken. Seine Kraft? Wozu hatte sie so lange gedient? Er war nicht gestiegen – er war geschoben worden. Nun fühlte, er die Zeit nahe, da er auf sich und sie allein gestellt sein würde – und er gedachte sie zu gebrauchen ... In derselben Nacht hatte sich die Terka überhaupt nicht niedergetan. Sondern sie harrte seiner, ganz angekleidet in wilder Angst und in laut schreiender Verzweiflung ihres tiefsten Wesens. Denn seit dem Tage, an welchem sie vor Gericht gestanden, hatten sie die Kameradinnen gemieden. Eine Magd, die eine solche Beschuldigung gegen ihre Herrin aufbrachte, die war nämlich dazumal noch etwas Unerhörtes, und das Volk scheut den Angeber und hat immer Neigung, gegen das Recht und für seine Opfer Partei aufzuwerfen. Anfangs merkte sie's nicht, denn sie war ganz in sich, ganz mit einem geschäftig. Eine eigentliche Vertraute hatte sie niemals gehabt. Das Geheimnis in ihr, das wußte sie, war solcher Art, daß keines Menschen, nicht einmal des Beichtigers, der doch immer ein Mann war, Auge darein blicken durfte. Langsam aber begann sie den Bann zu fühlen, der um sie lag, die Bürde des Schweigens zu schwer zu finden, die sie so allein tragen mußte. Der Herr hatte keinen Blick mehr für sie; die verödete Wohnung hielt sie, wie man sagt, daß der Anblick des Opfers den Mörder zwingt, und reizte sie dennoch zugleich auf und quälte sie. So war sie für eine Weile fort. Es schummerte. Um den Brunnen in der Nähe ihres Hauses standen die Mägde. Diese oder jene war von ihrem Schatz begleitet, der ihr die volle Wässerbütte auf den Rücken hob oder sie ihr gar, wenn er noch sehr verliebt war oder ernste Absichten hatte, bis zum Haustore nachtrug. Man tuschelte untereinander, man kicherte, wenn irgendein unterhaltlicher Handwerksgeselle dazutrat und ein feingedrehtes Schmeichelwort oder den jüngsten Schwank anbrachte, verstummte und duckte sich, wie die gockenden Hühner, über denen der Falk kreist, wenn ein grimmiger Reitersmann sporenklirrend einhertrat, äugelte dabei verstohlen nach ihm, und es war sehr vergnüglich und eine Stunde der Erholung, die allen sehr wohl zu gönnen war nach der mannigfachen Plage des Tages. Als aber die Terka vorbeiging, mit rauschenden Röcken und wippenden Ganges, schwiegen sie alle mit einem Schlage. Das ärgerte sie. Dann erhub sich ein Gewisper und Geraune. Das erregte sie noch mehr. Und mit einem Entschlusse blieb sie stehen: »Was wollt ihr von mir?« Keine unmittelbare Antwort. Nur die Zeigefinger aller streckten sich ihr entgegen, und es ward ihr dabei nicht anders zumute wie dem andringenden Feinde, wenn die Landsknechte den Igel formieren und ihm allenthalben die Lanzenspitzen entgegenstarren. Und aus dem Gewalthaufen erhob sich eine sehr hohe Stimme, die so schrill war, daß sonst alle lachten, wenn sie im Eifer sprach, und gellte: »Da geht sie!« »Ja, da geht sie!« wiederholte der Chorus. »Nun, und was geht das euch an«, entgegnete die Terka kampfbereit. Denn die Stimme gehörte ihrer besten Feindin, der blonden Maris, der sie aus landsmannschaftlicher Freundlichkeit aufgebracht, sie schiele. Sie tat's aber nur ganz wenig. »Ja, da geht sie und fühlt sich schon als reiche Frau und hat kein Aug für einen ehrlichen Dienstboten«, erklang's wieder. »Das lügst du, scheele Gans mit gelben Federn; ihr habt weggeschaut«, berichtigte die Terka mehr der Wahrheit als der Höflichkeit gemäß. »Und schimpfen tut sie auch noch, der Lügenhals«, rief's ihr wieder entgegen. »Statt Gott zu danken, daß man sie in Ruh läßt und nicht mit Steinen wirft. Und sie tut, als tat sie nicht wissen, daß ihre Hausfrau heut ist verurteilt worden, dort zu brennen, wo eigentlich sie hingehören tat. Weil sie alles gestanden hat, was ihr der Basilisk da aufgelogen hat, nur damit man sie nicht noch martern tut vor ihrem seligen End, Und sie wird gut brennen, sagt mein Büttel, weil sie fett ist und nicht geweint hat, und die brennen am besten, sagt er. Und so was geht auf die Straße und nicht unter den Galgen, wo's allein hingehören möcht.« »Wenn sie alles gestanden hat, so geschieht ihr doch kein Unrecht«, bemerkte die Terka nicht ohne Logik und fühlte doch, wie sie heftig erschrak, nun ihr mit solcher Bestimmtheit und so nah das Schicksal ihrer Frau gewiesen ward. »Und überhaupt die Maris! Wo ihr einer Herr auf die Gant gekommen ist, und die's mit dem Büttel halten muß, weil sich kein anderer die Ohren will zerreißen lassen von ihr. Pfui!« Und sie spie nachdrücklich vor sich hin. »Sie spuckt auch noch! Die ...!« Es war ein unerhörter Diskant, schrill wie der Ton eines Nagels auf Glas. »Und als ob ein Büttel nicht ein Ehrenmensch wär und ein amtlicher und vereidigter Mensch und nicht besser war als eine böse Hexe oder gar der Teufel selber, wer ihr das eingeblasen hat! Und die weiß schon, warum sie sich vor dem Büttel fürchten tut, und wenn sie so schamlos ist und hingeht auf die Gänsweid zuschaun, so soll sie nur schaun, was mit ihr geschieht. Die Kleider reißen wir ihr vom Leib vor allen Leuten, daß sie dasteht wie eine, was gar keine Scham in sich hat. Das tun wir!« »Ja, das tun wir!« wiederholte der Chorus, in dem diesmal schon drohend tiefere Männerstimmen mitklangen. »Probiert's«, rief die Terka mit dem letzten Rest ihrer Entschlossenheit. Aber das Herz schlug ihr in die Kehle, und ein Schlucken kam ihr. »Willst vielleicht wieder verzündeln gehn? Noch Leut ins Elend bringen wie Frau und Herrn? Oder weißt nicht, daß sie auf der Schranne das Urteil gegen den Herren Riemenschneider auch schon so gut wie fertig haben? Und daß du dann von deinem Anzeigeteil leben können wirst als reiche Frau? Pfui, Judassin!« ›Den Herrn auch?‹ wollte Terka rufen. Sie könnt es nicht. Denn einmal klemmte sich's ihr plötzlich im Halse. Dann aber hatte sich der Haufen um den Brunnen aufgelöst. Sie sah sich umringt, vor dem Gesichte tanzten ihr Fäuste; man spie nach ihr, wüste Schimpfworte hagelten auf sie nieder. Sie, in halber Betäubung vor dem einen, davor sie sich so entsetzt, empfand es kaum. Und mit eins war der tolle Spuk wieder zerstoben. Gleichmäßig, im Takt klangen die Schritte der nahen Scharwache. Sie dachte nicht einmal daran, ihre Rache wegen der Unbill aufzurufen, die man ihr angetan. Mühselig schleppte sie sich heim und kauerte sich in sich. ›Den Herren auch!‹ Das warf sie nieder. Denn was zu Wien einmal auf der Straße ausgeschrien wird, das ist immer wahr und von oben besiegelt. Und ihr allgemeines Schuldbewußtsein, das sie so lange niedergekämpft, stieg tödlich groß aus der Finsternis, saß zu ihr und sprach ihr zu mit einer Stimme, heiser wie des Zügenglöckleins Sterbeglöckchen. , das sie läuten würden, wenn man erst sie und dann ihn hinausführen würde den weiten Weg ins Erdberg. Und sie sah wieder den traurigen Zug vor sich, hinter dem sie selber, neugierig, so manches Mal gelaufen. Mit anderen Augen aber und erfüllt von Schauder. Denn, dem so die ganze Stadt das Geleite gab, den sie, freilich wider ihr Wissen, auf diesen Pfad, auf dem es keine Umkehr gab, gestoßen, den hatte sie seit langem und heimlich geliebt. Und nun hielt auch die Terka Rückschau. Wie im Hause des Richters zuerst ein heimeliges Gefühl in ihr erwacht war, die von Kind auf so kein Behagen und kein Glück gekannt, die nichts vor sich gesehen, nur unter den Eltern Unfrieden und Not für alle. Wie hier die Zärtlichkeiten zwischen den Ehegatten, unverhohlen und ohne Scheu vor ihr getauscht, zuerst den noch unbestimmten Wunsch nach etwas Gleichem in ihr entfacht, bis sich dieser Wunsch immer bestimmter dieser einen Person zugedrängt. Wie ihr alles an ihm so gefallen, seine Ruhe, seine Stimme, sein ebener und gelassener Tritt, wie sie einzig das vor dem Falle bewahrt und alle Nachstellungen vergeblich gemacht, deren man ihr doch zur Genüge bereitet. Wie sie aufgegangen in dieser einen Sehnsucht, nun erzitternd vor einem Runzeln seiner Brauen, nun bei einem freundlichen Worte voll Hoffnung, freilich eines Hoffens, von dem sie niemals ahnte, wie es in Erfüllung gehen sollte. Bis sie nur noch begehrte, er möge sie an sich nehmen wie immer, und sei's nur für eine Stunde und gleichviel, was immer daraus erfolge. Wie mit dieser Hölle in ihrem ungestümen ungarischen Blut zugleich in ihrem jungen Herzen eine maßlose Beschämung war, daß er so gar keinen Blick für sie hatte, die sich schön wußte und sich in tausend Dingen verraten zu haben meinte. Und dann und aus alledem erwuchs ein ungezähmter Haß gegen die, die allein sie sich im Wege glaubte. Und dann ... Aber, was immer sich begeben, das schien ihr, sie dürfe es auf sich nehmen, wenn sie nur das dafür erlangte, wofür sie das alles getan, das sie verblendete und an sich zog, unwiderstehlich, wie nach dem Glauben des Volkes den Salamander das Feuer, das sein eigentliches Element ist. Denn Reue empfand sie auch in diesen bösen Augenblicken nicht. Was sie getan, das mußte sich begeben – sie hätt es selbst wiederholt. So, in Gedanken, die sie nicht zu prüfen noch zu bannen vermochte, unter Bildern, die sie leibhaftig vor sich zu sehen vermeinte, rann ihr eine Zeit sehr ungleichen Ganges vorüber. Sie hörte den Herren heimkommen und im Zimmer rumoren; ständig in der Erwartung, er werde ihrer bedürfen und nach ihr rufen. Denn ohne sein Geheiß vor ihn zu treten, davor empfand sie plötzlich eine ihr unerklärliche, dennoch unbezwingliche Scheu. Ein Weilchen verging also, bis ihr das Harren unerträglich ward. Auch war hinter der Türe, an der sie verhaltenen Atems horchte, um nur ja gleich zur Hand zu sein, eine ängstige Stille. Und mit einem Entschlusse schlug sie rasch daran, und ohne eine Antwort zu erwarten oder hinter sich zu schließen, trat sie ein ... Es war ein halbes Licht im Gemach. Eine Kerze brannte; ihre matte Helle kroch mühsam zur spitzen Wölbung des Zimmers auf und stritt mit der Nacht, die noch in dem Garten saß, wie mit jener allerfrühesten Helle, die einem Nachglanz der Ampeln gleicht, die um das Schlafgemach der Sonne entzündet werden. Sie sah sich um. Alles war wie sonst. Nur ein dürftig Felleisen, das kaum einem armen Reisenden genügt hätte, hing über einem Stuhl. Er hob bei ihrem Eintreten das Haupt und sah sie mit roten Augen an. Denn er hatte wieder geweint. Sie erschrak; so gar verfallen war er, und das Zwielicht ließ ihn noch viel älter erscheinen. Es war in ihr ein sehnsüchtiges Mitleiden, von dem sie nicht begriff, wie sie's niederzwang. Und mit bebender Stimme begann sie: »Der gnädige Herr hat gerufen?« Er schüttelte den Kopf und sah sie an, neugierig, fragend. »Ich habe gedacht«, fuhr sie fort, »der gnädige Herr wird mich brauchen.« Die gleiche Bewegung, der gleiche Blick, scheinbar nach ihr, in der Tat aber ins Leere. Ihr ward immer bänglicher zumute vor dieser Verlorenheit. Aber sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Nämlich, hab ich gedacht, wenn der Herr packen wollen möcht ...« Er richtete sich langsam straffer: »Ich habe nicht gepackt. Ich habe Ordnung gemacht. Denn warum sollt ich packen?« »Nämlich«, und sie trat ihm einen Schritt näher, »weil die Leute sagen, der hochmögende Herr Richter wird verreisen.« Er schwieg, besann sich, sah sie unverwandt an. Endlich: »Und warum denn?« »Die Leute sagen, man will dem Herrn Richter an. Und so ein kluger Herr wird das doch wissen und nicht warten, bis sie ihn greifen. Und da müßt er doch packen.« »So«, er atmete tief. »Und wenn ich das wüßte und doch nicht ginge?« »Um die Barmherzigkeit Gottes, um seine heilige Mutter und um meine ewige Seligkeit – so geht!« In ihm war eine große Stille; er lauerte auf einmal auf etwas und verspürte das: »Was hat das mit deiner Seligkeit zu tun?« »Weil nämlich die Leute sagen, ich hätt den gnädigen Herrn ins Unglück gebracht, und ich hab das nicht wollen, gewiß nicht und wie vor Gott nicht, und ich hab niemals nichts wollen, nur das Glück vom hochmögenden Herrn.« ... »Was liegt dir daran, Terka? Wenn du die Wahrheit gesagt hast? Wahrheit muß ans Licht, gleichviel, was es sonst gilt!« Ihr verschlug's die Rede. Und mühsam lenkte sie zurück. »Wenn aber der Herr reist, so hab ich mir gedacht, muß doch wer mit ihm. Denn wer soll sorgen für ihn, wo er doch Bedienung gewohnt ist und sie haben muß als ein solcher Herr und von einem, der ihn kennt und seine Gewohnheiten und seine Bequemlichkeit? Und wer kennt sie so und alle wie die Terka? Und an einem andern Ort möcht der Herr vergessen, was ihm hier geschehn ist, und mir wär keine Mühe zuviel.« Er sah wohl, was sie bei jedem Worte litt. Aber in ihm war kein Erbarmen, nur eine große Klarheit, wie sie vor einem Gewitter jeden Grat und Zinken im hohen Gebirge umfließt, und eine unheimliche Ruhe, die ihn jedes Wort suchen und nach einem noch nicht bestimmt erschauten Ziele wenden ließ, wenn in ihr alles in Fluß und Gärung war. »Und warum möchtest du dich so mühen um mich?« ... »Muß ich's selber sagen?« Es war ein Aufschrei, wie ihn der Richter noch niemals vernommen. Und dann sehr leise: »Weil ich den Herrn liebhab.« ... Er hob sich, stand strack und ihr ganz nahe. Sie aber, nun das Lösungswort erst gefallen, fuhr fort, und die Farben kamen und gingen, nach flammender Röte Totenblässe: »Weil ich den Herren liebhab, und wenn tausendmal die Verdammnis darauf steht. Und weil ich mir gedacht hab, und nicht einmal: sein Hund möcht ich sein, weil man dem doch schöntut zuweilen, kann ich schon nicht mehr sein. Und weil ich nichts wüßt für mich, keine Marter, die zu groß wär, wenn ich sollt den Herrn gebracht haben um seine Ehr und sein Leben. Und weil ich mich gefreut hab in mir, wenn der Herr einmal gezankt hat mit der Frau: vielleicht wird er jetzt anschauen die Terka, oder, weil sie doch niemals hat nachgegeben: vielleicht werden sie sich ganz zertrotzen, und es wird kommen eine Zeit für mich, wo der Herr sieht, ich hab ihn lieb und ich möcht nicht recht behalten wollen gegen ihn, der doch klüger ist und es besser wissen muß. Und darum geht, Herr, und nehmt mich mit.« »Und die Frau, Terka?« »Ach, die Frau! Und müssen denn beide umkommen? Euch möcht ich nicht um die ganze Stadt auf der Seelen haben.« »Und die Frau möchtest du auf der Seelen haben?« Er tat einen raschen Schritt nach ihr hin und faßte sie mit hartem Griff an der Schulter. »Jesus, Maria und Joseph! Wo denkt der Herr hin?« Jener Grimm war in ihm erwacht, der ein Zeichen und die Gewähr völliger Genesung und Befreiung der Seele ist. Unter dem harten Druck seiner Faust sank sie nieder, immer mehr, immer tiefer. Und mit tönender Stimme rief er noch einmal: »Und die Frau nimmst du auf deine Seligkeit?« Sie lag ganz auf den Knien vor ihm. Mit verzerrtem, blutlosem Gesichte sah sie zu ihm auf. Die Kerze rang, siechte, verlosch. Und mit ihrem fahlen Lichte schwand ihr letztes bißchen Mut: »Ich hab sie auf dem Gewissen, Herr.« »Und warum?« »Ich hab sie niemals mögen. Sie war hochmütig zu mir, und sie schlug mich, wenn ich ihr das Haar strählte und zog sie nur an einem. Nicht einmal schön war sie, ehe sie sich hergerichtet. Und ich bin's, Herr, und soviel jünger. Und da hab ich gedacht so bei mir: Es ist das Beste auch für den Herrn, sie kommt weg. Und wie das machen? Das war der Gedanke. Und da vor den Lehningers ist mir's eingefallen, und mich hat's gehabt.« »Und nun, Terka? Was nun?« »Weiß ich nicht, Herr! Nur kann ich nicht leben ohne den Herrn.« »So laß es sein. Und gutmachen kannst du gar nichts. Oder willst du bekennen und deine Strafe auf dich nehmen, Terka?« »Will ich nicht, Herr!« Der Trotz flammte ein letztes Mal in ihrem bräunlichen Gesicht auf, saß finster zwischen den dichten, schwatzen Brauen. Er stieß nach ihr, schlug sie, die, von ihrer Schwachheit niedergezogen, völlig gestreckt vor ihm lag, in unbändiger Wut und wohin er sie traf. Sie litt's schweigend, zuckend, die bloßen Arme zum Schutz über den Kopf geworfen. »Du Tier, du Tier!« ächzte er. »Als hätt ich an dich jemals gedacht! Spür's jetzt! Denn glaubst du, du kannst was gutmachen? Nichts kannst! Denn wenn du schon kommst und gibst dich selber an – was nützt's? Sie nehmen nur dich auch und haben drei und sparen das Geld, das sonst dir zugekommen war und das sie immer brauchen können, und haben umsonst drei! Denn ihr Geständnis steht und nimmt ihr kein Gott; und der Verdacht gegen mich steht, und du bist ihnen von selber ins Garn. Ich weiß, wie sie schließen - ich!« Es war mit der Haß gegen seine ganze Vergangenheit, was sich so gewalttätig gegen sie ausließ. Sie hob sachte den Kopf, wie der Sturm sich erschöpfte und gelinder ward: »Und ich, Herr? Was soll's mit mir?« »Was geht's mich an? Geh in die Donau. Vielleicht hat sie Wasser genug, den Brand zu löschen, den du entzündet hast.« Noch einmal sah sie verzagend zu ihm auf. Aber durch das Gewölk seines Zornes brach nicht ein Strahl der Erbarmnis. Und so, auf den Knien, die Hände vor die Ohren gepreßt, damit sie kein Wort mehr vernehme, die Ellenbogen weit abgespreizt, rutschte sie aus dem Gemache. Draußen hob sie sich mühsam auf unsichere und widerspenstige Beine und huschte aus dem Hause. Es war um die dritte Stunde vor Tag. Herr Riemenschneider richtete sich zu seiner völligen Höhe auf und schüttelte sich stark. Dann verwahrte er an seinem Leibe, was er an gemünztem Golde, Kleinodien und Kostbarkeiten besaß. Dessen war eine ansehnliche Last; denn noch trachtete jeder seine Habe so zu halten, daß er sie im Falle der Not und einer Flucht mit sich nehmen konnte. Viel mußte immerhin zurückbleiben: ein billig Opfer für die Sünden vergangener Tage schien's ihm jetzt. Was er aber an sich trug, das genügte reichlich, um, wo immer es ihnen geliebte und ohne Furcht vor dem künftigen Morgen, ein neues Leben zu beginnen. Er trat hinaus in den jungen Tag, der noch unsicher und ängstig sein Haupt zwischen den wallenden Schleiern der Nacht vorzuschieben versuchte. Der Richter pfiff: aus einer nahen Gasse tauchte ein Gespann auf, das er für heute und morgen für die währende Dunkelheit gemietet. »Warte.« Am Tore des Gefängnisses harrte der Severin. Ein kurzes und behutsames Gehen durch dunkle Gänge: eine Türe, knarrend trotz aller Vorsicht, daß man erschrak und ein Augenblickchen mit Herzklopfen verzog. Die Gatten standen einander gegenüber. Sie war vollkommen wach. Kein Aufflammen der Leidenschaft – nur eine stille und große Innigkeit. Was in ihr von Vorwurf war, was in dieser Zeit der Leiden genug in ihr genagt, war ausgetilgt in der Freude des Wiedersehens, vergessen die heftige Rede, die sie für den gelegenen Augenblick sich ausgedacht, bei seinem Anblicke bis auf das letzte Wort. »Daß du nur noch gekommen bist! Ich wußt es, du wirst mich nicht ganz verlassen«, sprach sie immer wieder. Er aber küßte ihr unablässig die Hände, die roten Male, welche die Schellen um ihre Gelenke geprägt, und sie ließ sich's gerne und wieder duldend gefallen. Und beiden fiel aneinander eines auf. »So gealtert bist du, Käthele!« Es war das erste Mal, daß er ihr gegenüber einen Kosenamen brauchte. Sie lächelte stumm und leise: »Dich hat's eben auch nicht jünger gemacht, Ferdinand. So müssen wir wohl als alte Leute ein neues Leben probieren.« – »Und wollen's redlich«, ergänzte er wie in einem Schwur. Dann pochte der Severin. Sie tat rasch ein Knabengewand an, das er in seinem Felleisen mitgebracht. Ein eiliges Gehen durch Gäßchen, ein fluchtmäßig hastiges Biegen um Ecken. Wieder der gelle Pfiff, aus dem Schatten tauchte der Wagen, empfing die drei, und es ging dem Stubentore zu. Das Paßwort fiel; das Tor tat sich klirrend auf. Und dann, erst langsam, dann immer eilender, an immer niedereren und verstreuteren Häusern vorüber jagte das Gespann, zum Strome, wo ihnen ein Eilschiff bereitet stand. Kein Blick galt dem Gewesenen. Nur ehe sie einstiegen, wandten sie sich rückwärts, wo über graue Mauern und rote, steile Ziegeldächer St. Stephan aufstieg, Hüter und Wahrzeichen der Stadt. Sie saßen ins Boot, und der Severin legte sich mächtig in die Ruder, und die Strömung empfing sie und riß sie mit sich. Hinter ihnen aber war ein leises Rauschen, wie wenn ein sattgetrunken Gewand durch die Flut streift, und sie ahnten nicht, daß da die Terka getriftet ward, ihrer ewigen Ruhe entgegen ... Über der Flut lagen die grauen Nebel. Sie schimmerten silbern in der ersten Frühe, zerteilten sich, stiegen die flachen und bebuschten Ufer hinan, durchwoben die Kronen der Ulmen und Erlen. An schwarzen Wäldern vorüber ging's, an schweigenden und verworrenen Auen mit rätselvoll schimmerndem und zum ernsten Wasser hinübernickendem Rankenwerk, durch das große weiße Blüten leuchtend hindurchdrangen. Der Morgen erglomm. Der Reiher erhob sich mit schwerem Flügelschlage und heiserem Gierschrei und stieg der aufflammenden Röte entgegen; im Blauen schwamm mit gelassener Schwinge der Seeaar und rief mit gellem Kreischen nach seinem Genossen. Der ahnungsvolle Frühschein wich der vollen Helle. Im Kiele lag die Frau und schlummerte, erschöpft von so vieler Aufregung, immer noch in ihrem Knabengewande, das der keimenden Hoffnung in ihrem Schoße so seltsam widersprach; der Severin schlug die Ruder mit starkem Schlage. Vorne aber, im Bug, stand der Richter und starrte in das Gold des Morgens und in das Unbekannte, das ihm, wie uns allen, als das Glück erschien.   Die Mühle von Wranowitz Erst war der Mond hinter den Bäumen gestanden. Ganz tief und schwach. Denn es wollte nicht völlig erdunkeln. Und in der Welt war eine große Abendhelle voller Ahnungen. Die stritten mit seinem Licht und umhingen die Himmelsräume mit einem geisternden Nachglanz. Der schwand endlich, und der Mond schob sich sieghaft höher. Seine sehr schmale Sichel glomm, scharf umrissen, ganz im Blauen. Unter ihrer Rundung, vereinsamt, glühte mit grünlichem Schimmer ein allerhellster Stern. Das sah sich an wie ein wundersames und glitzerndes Geschmeide der Nacht. Die sehr schwarzen Schatten wanderten. Sie rekelten sich mächtig und wollüstig über die Wiesen, durch deren hohes Gras weiße Blütensterne vorschimmerten. Die Wipfel wisperten den Gestirnen zu. Über die Bäume fuhr der Nachtwind. Er zupfte mit schmeichlerischer und spielender Hand an ihnen. In warmen und weichen Stößen wiegte er sie, bis jedes Blatt in sehnsüchtiger Schwingung erzitterte. Man ward müde und schwindelig, sah man lange darauf hin, so einschläfernd und so voll matter Süßigkeit waren dies Rauschen und diese Bewegung. Eine Saalweide hauchte ihren schwülen und aufreizenden Duft durch die Schwüle. Das rührte an die Sinne. Ihr mattgraues Laubwerk glänzte wie übersilbert. Ihre langen und schwanken Zweige hoben und senkten sich in rhythmischer Bewegung, und ein wunderlicher Schattentanz taumelte über den Boden. Der Fluß, ganz überhangen von schattenden Haseln, daß man ihn nur erst im Fernen aufglitzern sah, rauschte vernehmlich durch die Stille und gluckte den Ufern entlang. Ein Rohrbrunnen sang. Mit surrenden Schwingen und torkelndem Zickzackflug huschten Fledermäuse und große Nachtschmetterlinge durch das Dunkel. Um den Rohrbrunnen war ein Gekicher, das sich hell und jubelnd und voll junger Lebenslust aufschwang. Oder ein Kreischen erhob sich. Die Mägde holten Wasser, und eine hielt lachend die Hand so unter das vorschießende Wasser, daß die Nachbarin in der Reihe tüchtig bespritzt ward. Das gab endloses Gelächter. Und wenn sie sich mit den schweren Krügen entfernten, so sangen sie slawische Lieder in Moll und voll grundloser Trauer. Dies alles verwob sich in eines mit den Nachtgeräuschen zu einem Lied, dessen Worte unverständlich blieben, dessen Weise aber mächtig aufregte. Eine schrille Stimme: »Hanka!« »Gleich. Gleich. Gleich!« eintönig gesungen als Response Antwort. . Ein Fenster klang im Schließen. Und es war völlig still im Schloß, das schwarz und massig; von einem Uhrturm überhöht, in die Nacht trotzte, und im Park, darin nur noch die Glühwürmchen ihren gespenstigen Reigen tanzten. Denn das leise Wehen hob sie empor, und gleich verirrten Sternenfünkchen schwankten sie durch das sehr dunkle Laubwerk.   ›Die Nachtluft könnte mir schaden‹, hatte der junge Baron Friedrich Branicky auf Wranow gedacht, als er das Fenster schloß. Denn sie war feucht und schlug sich ihm auf die empfindliche Brust. Feucht von den vielen Wassern, über die sie wehte, feucht und geschwängert vom Duft des Taues auf zitternden Gräsern. Wie konnt er nur daran vergessen! Es war ihm doch oft genug und eindrücklich eingeschärft worden, wie sehr er sich in acht zu nehmen habe. Und er tat's doch sonst auch. Nun heute war ihm so gar weich ums Herz geworden. Und die Laute um ihn, die sich suchten, die zu ihm stammelten und sich einigen wollten zu einer Sprache, die ihm vertraut waren von Kindesbeinen, deren Sinn ihm aber entflogen war, hatten einmal die immer sorgende Stimme in ihm übertönt. Und überhaupt: was war das für ein Leben, auf das man immer so achten mußte? War es nicht klüger, man genoß es einmal tüchtig und kümmerte sich den Teufel um das, was hinterher kam und doch nicht aufzuhalten war? Denn zu helfen war ihm nicht. Er wußt es, wie arg sich der Wurm schon in ihn verfressen hatte. Und sie alle, die ihm Hoffnungen machten, belogen ihn, und ganz ohne Sinn. Wie gemein das war! Wie niederträchtig gegen ihn, der doch am Ende seiner Eltern rechtes Kind war, so gut wie der dicke Wenzel, der Majoratsherr, und der Raufer Franz, der Oberleutnant bei den Windischgrätzdragonern. Und nur, damit er nicht vorm guten Ende noch dumme Streiche mache, spielten sie mit ihm diese nichtsnutzige Komödie, und er war durch das ewige Getue um ihn blödsinnig und versimpelt genug, um da mitzuspielen, statt ihnen allen einmal seine Meinung gründlich ins Gesicht zu speien. Speien, jawohl! Und daß sie zu wischen hätten danach! Aber – sie heuchelten ja nicht einmal mehr, fiel es ihm plötzlich an. Sonst hätten sie ihn doch nicht hierhergeschickt, in ihren vernachlässigtsten Besitz, in dieses Schloß inmitten von Wäldern, das gerade für ihn sicherlich kein Aufenthalt war. Es lohnte nicht mehr, Geld an den Verlorenen zu wenden. Die anderen freilich, die durften springen lassen, soviel sie nur wollten. Mit Pferden und mit Mädeln. Die konnten reich heiraten. Bei ihm aber – schad um den Groschen, und sehen sollt er, wie wenig mehr an ihm gelegen war. Das hatt ihn bedrückt. Die ganze Fahrt, erst auf der Eisenbahn, dann auf der Britschka Leichter Reisewagen. durch das hügelige und sacht zu Höhen sich steigernde Land. Das ließ ihn der Heimat nicht froh werden, die er so lange nicht gesehen. Er betrat ihren Boden doch nur, damit ihn der bald und gütig bedecke. Und was für ein Sterben mußte das werden! Ganz allein und ohne jede Gesellschaft. Tagsüber so recht ungestört in sich horchen können und vergleichen, um wieviel schwächer und sehnsüchtiger man geworden war seit der Nacht. Und zu Abend die endlosen Tarockpartien mit dem hochwürdigen Herrn, der so barmherzige Gesichter schnitt bei jedem Fehler, und dem Verwalter, der in Ehrfurcht erstarb äußerlich vor dem jungen Herrn und im Innern fluchte wie ein Fuhrknecht und dann zu Hause vor seiner dicken und dummen Baruschka mit jedem gewonnenen Kreuzer protzte: »Wer was kann, dem tragt's. Und ich kann's, und ich bin einer. Ein ganz Geriebener bin ich.« Er sah die groben, braunen Hände, die so gierig sich über jeden Gewinst krümmten, des einen; den großen Amethystring an der Hand des Pfarrers; hörte sie, schon pflichtschuldigst Duett lachen, heiser und grölend den und wohlgeölt diesen, bei jedem Scherz, den er etwa riskierte. Warum hatte ihm das vordem Spaß gemacht, wovor es ihn nun schauderte? – Ja, da mußte man sich nicht denken: Der wird dich versehen und der wird telegrafieren, wenn es einmal soweit ist ... Dann wird sich das alte Schloß füllen mit hochadligen Gästen samt der durchlauchtigsten Großmutter. Und viele Glocken werden läuten, und seine Partner werden wirklich traurig sein, weil die gute Würzen tot ist. Und darum wird der Herr Dechant seine Tugenden innerlich bewegt rühmen und wie echt christlich und ergeben er sein Schicksal trug. Hat sich was mit der Ergebung! Er öffnete sämtliche Türen, damit er das Schrillen der Klingel höre, die er dann ungeduldig gezogen. Nun zeterte sie fern und zornig. Man brächte ihm Licht und fragte nach seinen Befehlen. Nein – er wünschte nichts für die Nacht, und Hunger hatte er durchaus nicht. Ob er nicht ins Stöckel Einstöckiges Haus. hinüber wolle? Die Herren würden sich's unendlich zur Ehre rechnen. Er mußte lachen. Nein – heute noch nicht. Aber was für stupide Gesichter die Leute hier allesamt hatten! So dumm-devot und so eingebildet. Und das Zimmer hätten sie ihm auch nicht herrichten müssen. Es war so schrecklich groß mit dünnen, spinnebeinigen Empiremöbeln, die es so gar nicht füllten. Aber freilich – es war das einzige zu ebener Erde, das nach Süden ging und das die Sonne recht durchwärmen konnte. Aber da hatte immer die vierte Parze gewohnt, wenn sie sich einmal zu Besuch bei ihnen herabließ, die hochfürstliche Großmutter, vor deren farblosen Augen, die rund und herrisch wie die einer Eule im runden, bleichen Gesicht standen, er sich immer gefürchtet hatte. Denn nur ihren Willen kannte das ganze Haus. In ihrem Strickbeutel, den sie nie von sich ließ, schlummerten die Lose, die da die Laufbahn der Enkel bestimmten und ihr Geschick. Er hatte etwas Unheimliches, Unergründliches an sich. Und keiner wagte einen Widerspruch. Es gab das nicht, und sie hätte so was niemals verstanden, wenn sie erst so gütig gewesen war, ihre Absichten mitzuteilen. Hier hatte sie ihn zum Studium verurteilt. Er wußte wohl, er tauge keineswegs dazu. Und eine lange und bewegliche Rede voll Mannesmut und ehrfürchtiger Herzlichkeit hatt er sich zurechtgelegt, in Gedanken – kein Wort wüßt er davon, als er vor ihr stand, und es war diesmal nicht sein schlechtes Gedächtnis schuld daran. Sie war nun einmal die Durchlaucht, das höhere Wesen, und so unsinnig reich und völlig Herrin ihres Vermögens war sie, und davor und vor ihr hatte man ihm Respekt eingeprügelt von Kindesbeinen. Es war etwas Rebellisches in ihm gewesen. Und erst auf dem Gang, da er entlassen war, hatte ihn seine Wut übermannt. Er tat einen starken Hieb nach der hoffärtigen Türe, drückte die Fäuste an den schäumenden Mund und schlug hin in seiner Erregung ... Er hörte noch ihr französisch näselndes: »Ein böser Bube, dieser Friedrich da« – so ganz von oben, zu niemandem gesprochen, da sie an ihm vorüberraschelte und ihr Kleid mit diesem unendlich vornehmen Griff, den ihr keiner nachmachen konnte, raffte, damit es ihn ja nicht berühre. Er hatte ihr nach wollen und blieb, wo er war, in einer Verzweiflung, über die kein gutes Wort der Eltern etwas vermochte. Und in solchen Gedanken stierte er in die Lampe. Die Erinnerungen hätte man ihm doch ersparen müssen, hätte man sich jemals darum gekümmert, was in ihm war. Es war Schlafenszeit. Er ging zu Bette und löschte das Licht. Er sah lange verloren in die sehr helle Mittsommernacht. Ein Frost überkroch ihn. Um den Mühlbach herum standen die Weiden zu beiden Ufern. Über den rauhen und borkigen Stämmen schwankten die sehr dünnen Gerten in der leisen Brise. Eine Eller ließ ihr Gezweig wie durstig nach Erquickung in die Flut niederhängen. Zitternd verweilt' es darin. Dann, mit einem schmatzenden Laut, schnellt' es empor. Das Wasser ging hoch. Erst floß es sacht doch reißend. In starkem Schwalle drängte es zur Mühlwehr. Es überschoß sie, brauste niederwärts. Gleich langen Strähnen gesponnenen Glases auf schwarzem Glasgrund hing es zur Tiefe. Ein weißer Gischt hob sich, kräuselte sich, zerrann. Und der Mond warf seine bleichen und spukhaften Lichter hinein, und sie tanzten in der beweglichen Unrast. Die Mühle war abgestellt und schwieg. Nur in einem Fenster, hart unter dem First, glomm Licht. Die Müllersleute saßen um den Bach und genossen der Kühle. Der Müller und die beiden Knappen rauchten stumm. Abseits von ihnen saß Hanka. Sie lehnte den Kopf mit den reichen und schwarzen Haaren an einen Weidenstamm und sah mit verlangenden und verschleierten Mädchenaugen in das Wallen. Alle tauchten sie die Füße in das Wasser. »Er wird mir noch die Mühle anzünden, der verdonnerte Hynek«, murrte der Müller, deutete nach dem Licht und spie aus. Das war an niemanden besonders gerichtet gewesen, und also kam keine Antwort. Der alte Dwořák zog mit Macht an seiner Pfeife, bis sie aufglühte wie ein Karfunkel. Er schüttelte den Kopf: »Wissen möcht ich doch, was er zu studieren hat, bei der Nacht. Er will doch nicht geistlich werden, was?« Ein leise gurrendes Kichern Hankas. »Was lachst? Dummes Mädel!« knurrte der Alte und rieb sich höchst vergnügt die Hände dabei. Wieder dasselbe Kichern. Nur lauter und unbefangener. »Das gickgackt wie die Gans, ehe ihr der Fuchs den Kragen umgedreht hat«, meinte der alte Dwořák philosophisch. »Also: was gibt's denn eigentlich zum Lustigsein? Ich wär's so gern auch.« »Von mir aus kann er geistlich werden auch. Ich glaub nur nicht, daß er's wird, solang er noch solche Augen macht auf mich.« Das Mädchen veränderte seine Stellung nicht, während es mit seiner sehr hellen und lustigen Stimme so sprach. »Und warum magst ihn so nicht, den Hynek?« »Je, weil ich ihn nicht mag.« »Und wenn er gar Dechant wird und nimmt dich zu sich?« Und der Alte blinzelte höchst verschmitzt zu seiner Tochter hinüber: »Sie haben ein gutes Leben.« »Sollen sie's haben. Ich gönn's einer anderen. Beten mag ich nicht. Fasten mag ich nicht. Übrigens ist der Vater wie ein Kind. Wo kann er geistlich werden, der Hynek?« »Man red't nur so, Hanka.« »So. Man red't nur so.« Das kam sehr gedehnt. Ein Weilchen des Schweigens. Dann: »Und den jungen Herrn, hast du ihn gesehn?« »Gesehen schon«, und sie richtet sich im Respekt straffer. »Und wie schaut er aus?« »Wie soll er ausschaun? Halt schlecht, und wie wenn er keinen guten Bissen bekommen hätt zum essen weiß Gott seit wann.« »Also meinst, man könnt ihn rausfüttern? Stallrast und fette Brocken?« »Weiß ich nicht.« »Und sieht er sonst was gleich?« »Halt einem jungen Herrn, mein ich.« »Also sehr fein?« »Ja, sehr fein und blaß und schlank. Und wenn er grüßt, so ganz zerstreut, und hat Hände, wie sie ein kleines Kind hat. Daß es einem leid tut.« »Hat er dich angesehen?« »Gar niemanden hat er doch angesehen. Und zum Blumenstrauß von der Verwalterischen, einem richtigen, großmächtigen Buschen mit Gras herum, genug für eine Kuh, hat er nur so gerochen, damit's danach aussieht, und hat ihn gleich dem Kammerdiener gegeben. Und das dumme und eitle Ding hat noch einmal einen Knicks gemacht, wie wenn sie einer in die Knie geschlagen hätte, und ist ganz grün geworden vor Ärger. Denn sie meint doch, wer sie nur ansieht, ist ganz weg in sie, und Augen hat sie gemacht auf ihn, wie Kalbsaugen, und er sagt nicht ein Wort, wo sie sich eingebildet hat, er wird ihr wenigstens die Hand küssen dafür.« »No?« »No, und schöne Augen hat er. So hitzige Augen. Aber er geht schlecht. Er schleppt sich nur so und könnt einen Stecken brauchen.« »Wird wohl nur müd gewesen sein. Ist keine Kleinigkeit, die Fahrt, von wo die Wälischen wohnen, bis daher zu uns ins Mährische. Dort wird er von Kräften gekommen sein. Weißt noch, wie sie bei uns gearbeitet haben im Steinbruch? Alle haben sie Augen gehabt, wie du sagst; er hat sie auch, und nichts haben sie sich vergönnt, nur kleine Vogerln, die Hungerleider, oder eine Katze, wenn sie eine gestohlen haben.« Sie lachte: »Katzen wird er doch nicht gefressen haben, der junge Herr.« »Kann man nicht wissen. No – und kommst ins Schloß?« »Weiß ich nicht.« »Und hast mit der Beschließerin gesprochen?« »Hab ich.« »No – und was hat sie gemeint?« »Jede Stund eintreten könnt ich, hat sie gemeint. Noch ein starkes Mädel brauchen sie, hat sie gesagt. Na, und stark bin ich, und ehrlich bin ich, und sonst ist ja doch nichts wie Diebsvolk in dem Nest, hat sie gesagt.« »Hast ihr's gegeben darauf? Tüchtig und auf das freche Maul?« »Wo werd ich's ihr geben, wenn sie so recht hat? Nur daß sie uns die Mühlsteine liegenlassen, weil sie nicht zu brauchen sind und schwer zum Heben. Wer nicht eingesperrt war in Wranowitz, der glaubt doch an Wunder und lobt alle Heiligen und den heiligen Nikolaus.« »Das macht, weil wir alle arm sind«, lenkte der Alte ein. »No – und dann, hat sie gemeint, wird der junge Herr vielleicht lieber ein hübsches und frisches Gesicht sehen wollen, für die lauter alten Hexen, was jetzt im Schloß sind.« Die Mühlknappen gähnten gewaltig und mißbilligend und stapften heimwärts. Der Alte aber neigte sich zur Tochter: »No – und fürchten tust du dich nicht, er könnt dir was tun?« »Der?« Sie reckte ihre prächtigen Arme und lachte hell auf: »Der!« »No – und wirst einstehn?« »Weiß ich nicht.« »Brauchen könnt man den guten und baren Groschen. Gott weiß! Wo man nie ein Geld sieht im guten von den Leuten, und mahnt man sie oder klagt sie, so gehen sie nach Zlin zu dem Erzdieb und beschreien einen noch, als hätt man ihre Säcke angezapft, wo doch so mehr Wicken drin sind wie ehrliches Korn.« »Brauchen könnt man den guten Groschen.« »Also wirst? Oder warum weißt du noch nichts? Fürchtest du vielleicht, es nimmt dich danach der Hynek nicht?« »Hynek? Der muß froh sein, er kriegt mich, wie er mich kriegt. Fürchten?« Sie lachte ganz jauchzend. »Aber wie soll ich heute schon wissen, was ich morgen wollen werde? Beschlafen wir's.« Sie zog ihr rotes Kopftuch übers Haar und ging mit schnellen und springenden Schritten heimwärts. Hinter ihr nachdenklich der Müller. Der Mühlenriegel klang, und das Schweigen ließ sich niederfallen über die ganz begrünte Erde. Nur das Nachtwächterhorn tutete melancholisch und wie aus weitester Ferne. Eine Eule wimmerte durch die Nacht. Der Igel trommelte sich im feuchten Gras seinen Jagdmarsch, zugleich die Retraite Rückzugssignal. für vieles Getier. Ein junges Häschen jammerte, und der Mühlbach sang lauter und mächtiger durch die Nacht. Eine Reihe wunderbarer Tage war über das waldige Land aufgezogen. Gleich bekränzten Knaben im festlichen und unabsehlichen Reigen kamen sie, Sonnenglanz im Auge, und jeder eine neue und lockende Blume der Verheißung in der warmen Hand. Alles sah sich nach einer ungewöhnlich zeitigen und gesegneten Ernte an. So war gute Laune mit nachdenklichen Intervallen in Schloß wie Dorf. Und die Sensen rasselten gewaltig an den Schleifsteinen, und sie klirrten, wenn man sie für ihr ersehntes Werk dengelte, durch die Morgenstille und die Abendkühle. Vor dem Schlosse auf steinigem Boden lag ein Äckerlein. Es war gänzlich verunkrautet, und nun leuchtete der rote Mohn so herrisch durch die schütteren Ähren, daß es ordentlich flammte wie in einem Brand, wenn die Sonne sich darein legte. Dahinter war ein Flachsfeld Hankas, und die seeblauen Blüten wallten auf den zarten und schwankenden Stenglein, wenn sie der Wind streichelte. Wieder daran schloß sich, bis zum Wald, der schwarz von Föhren dunkelte, ein roter Kleeacker. ›Blau und rot, Bauermod‹, mußte der junge Branicky denken, wenn er auf seinen täglichen, ängstlich nach seinen Kräften bemessenen Spaziergängen daran vorüberkam. Da hatte er nun die beiden Farben, daß man sich's prächtiger gar nicht denken konnte. In den Wald ging er niemals nach dem ersten Tag. Der beklemmte ihn, und in den Blättern rauschte für ein feines Ohr vernehmlich dies gleichtönige und ewige Lied vom Werden und Vergehen, und es war so dunstig darin. Aber da war eine aufgelassene Sandgrube, in der er sich gern verweilte. Schon überflog ein grauer Schein die jähen Wände, in denen sie niederstürzte. Eine schwärze Föhre, erste Vorhut des Waldes, überragte sie und stand so hart am schroffsten Abhang, daß es ängstlich war. Jeder Augenblick, jeder Windstoß mußte, so schien es, sie zur Tiefe niederwerfen. Hob sich aber die Sonne über die Sandgrube, dann glomm das Gewände in seinem warmen und roten Goldton auf, der weithin in die Ferne schimmerte. Ein Flirren ging davon aus. Dort saß er gerne und zog die Glut in sich, die allenthalben zurückgeworfen, eingefangen und ohne Ausweg, hier brütete und schwelte und sein immer fröstelndes Innere durchwärmte. Dort liebte er lange zu sein. Kein Auge konnte ihn sehen, wenn er im tiefen Grunde saß. Er dachte nicht einmal. Er genoß nur die pralle Hitze, die von allenthalben her auf ihn einstürmte, atmete tiefer, und ein erhöhtes Gefühl der Lebenswärme flutete durch ihn. Ihm war, als müßt er hier genesen. Seine Hände spielten, wie es Kinder lieben, mit dem glühenden Sand. Er vergrub sich darein, so gut er's konnte, freute sich seines Knisterns, des Prickelns auf der Haut, das ihn so eigentümlich reizte und kitzelte, und horchte dann wieder gespannt dem Rieseln der sich lösenden und gleitenden Körner hinter sich und um sich. War das nicht wie in einer riesenhaften Sanduhr, die Gott selber geschaffen, um Ewigkeiten zu messen? Er wunderte sich, woher ihm solche Gedanken zuflögen, die sonst nicht seine Art waren. Aber das machte wohl die viele Einsamkeit, das Schweigen und die Stille um ihn, in die höchstens grell und abgehackt ein Vogelruf oder das Piepen einer Maus klang. Auch wohl die Entwöhnung von den Büchern. Er hatte deren allerhand, einschlägig in seine verhaßte Juristerei, mitgebracht, wie um sich selber einen Beruf und eine offene Zukunft vorzulügen. Er rührte an keines. Für seine Zwecke und Aussichten wußt er so ziemlich mehr als genug. Was er brauchen konnte, was ihm Heil und Heilung brachte, das stand doch nirgends zu lesen. Denn in ihm war immer noch jene verzweifelte wahnsinnige Eigenliebe des hoffnungslos Siechenden. Für den nichts wichtig ist, nur sein eigenes Befinden. Der den Lauf der Sterne und den Gang der Welten gemodelt wissen möchte danach. Er sah nicht einmal, um wieviel heimeliger sein Zimmer geworden war seit einiger Zeit. Denn immer, und wo nur Platz dafür war, standen Blumen darin und brachten einen fröhlichen Duft darein. Es waren keine Feldblumen – die sind nicht fein genug für einen so hochgeborenen Herrn. Aus einem Bauerngärtlein waren sie gebrockt – Levkojen mußten steif und ehrbar darinnen sein – und nicht eben mit sonderlichem Geschmack geordnet. Aber sie wärmten doch. Und auch ein Kreuzschnabel war da, von dem das Volk meint, er zöge das böse Fieber an sich. Hanka hatte das Zimmer des jungen Herrn übernommen. Der Kammerdiener war zurück nach Wien. Zu Morgen, wenn Baron Friedrich im fieberischen Halbschlaf lag, betrat sie es und sah nach dem Rechten. Es war ihr nur immer nicht eben munter dabei zu Sinn. Weil sie nicht singen konnte, wie sie es sonst bei der Arbeit gewohnt war. Stumm schaffen ist nur halb geschafft. Gelegentlich warf sie einen flüchtigen und neugierigen Blick nach dem jungen Herrn. Es stand ihm der Schweiß auf der Stirne, daß es ein Jammer war, und die Arme waren so abgezehrt und mager wie ekelhafte Spinnenarme. Wie könnte ein vollgewachsener Mann, mit einem mächtigen Vollbart, nur gar so erbärmlich schwach sein? Doppelt freute sie sich dabei ihrer eigenen Gesundheit und Kraft. Manchmal schlug er die heißen Augen auf, um sie gleich wieder, wie geblendet, zu schließen. Den verwunderten Blick hinter sich fühlte sie wohl dabei, und er ergötzte sie. Was ging sie der Herr Baron gar an? Er würde wieder für immer fortgehen oder würde sterben, und der Gedanke an beides ließ sie gleichgültig. Sie tat, wofür sie bezahlt ward, tat es ordentlich und etwas darüber, weil sie nun einmal die Hanka Dwořák war. Und die Blumen brachte sie nicht ihm zuliebe – wie konnte er ihr denn gefallen? –, sondern weil der Gärtner, der Dieb, nicht daran dachte, weil sie ihr herzugehören schienen und derlei genug bei ihnen wuchs. Und den Kreuzschnabel – ja, man kann doch niemals wissen, ob nichts an so etwas ist, obzwar der Vogel eigentlich nur gegen Rotlauf sicher hilft. Eine Krankheit ist wie die andere, und nur die Doktoren haben da Unterschiede, damit sie recht allerhand und Teures verschreiben dürfen, und das junge Blut erbarmt einen Christenmenschen doch. Sie schlief nicht einmal im Schloß, obzwar ihr ein Bett bereitstand, wenn sie einmal über Nacht bleiben müßte. Denn die Gesindestube paßte ihr nicht, weil sie was Besseres war und es nicht einmal nötig hatte, zu dienen oder sich mit den Trampeln für die grobe Arbeit, wie sie sonst da waren, gemein zu machen. Es ist noch kein Müller arm gestorben, und so jammerig ihr Vater tat, der Geizdrachen, der seiner Frau niemals was Gutes außer der ewigen Seligkeit gegönnt, der für einen Gulden dem Teufel zulief, er hatte doch Geld, viel Geld, und mitnehmen könnt er es einmal nicht, und sie war doch sein einzig Kind und weit und breit das reichste Mädel. Hochmütig und ungesellig aber war die Hanka nicht. Und mithetzen konnte man doch mit den Frauenzimmern? So zu Abend, wenn schon gar nichts mehr zu tun war, und man stand um den Röhrbrunnen, erzählte sich gruselige Geschichten, die immer »wahrhaftig wahr« waren, oder Träume und bemühte sich ernsthaft um ihre Auslegung und ihre Beziehungen zur Zahlenmystik des Lottos. Dann kamen nach Feierabend noch die Knechte, und sie waren eifrig bestrebt, die Angenehmen und die Liebenswürdigen zu spielen, und sie brachten, wenn sie in der Stadt gewesen waren, der Angebeteten sinnige Geschenke: Süßigkeiten, zu denen man gute Zähne braucht, oder ein einschmeichelndes Schnäpschen, das sich trinkt wie Öl und einheizt wie Feuer. Noch war eine kurze Weile der Ruhe vor der Ernte, in der man bis zum Umsinken schaffen mußte, noch konnte man tollen. Und so streifte man die Schuhe ab und haschte sich, rein um der Bewegung willen, auf der Wiese. Schreien und jauchzen durfte man nicht dabei, so gerne man's getan hätte vor Übermut und Lebensfreude. Hanka war die flinkste und kam immer unangetastet zur Mühle heim. Die anderen aber – ja, die wollten wohl nur recht in die Hitzen kommen und sich dann greifen lassen. Einzeln stürmte man hinaus ins Dunkle – gepaart verschwand man darin. Ja, das war nun einmal so. Was ging sie's an? Vielleicht machte sie's bald nicht anders. Der junge Herr aber sah nieder auf ihre Spiele, und es war ein unbändiger Neid in ihm und fraß gierig an seinem Herzen. Wie das durcheinanderhuschte und sich vergnügte! Und er war doch in den Jahren, wo einem jede Jugendlust vergönnt sein sollte. Warum war sie ihm versagt? Hatte er wirklich in der Heimlichkeit und in der Hast, die ihm aufgezwungen waren, alles aufgebraucht, was für ein Leben hätte reichen sollen, und stand vor der trüben und bitteren Neige? Einmal – es war eine gewitterhafte Schwüle und konnte sich nicht entladen – faßten sich die unten an den Händen und tanzten einen langsamen und feierlichen Ringelreihen. Und einer, verspätet und ausgeschlossen aus dem Kreis, schlich sich hinzu und warf eine Handvoll Glühwürmer über Hanka. Erst kreischte sie einen kleinen Schrei. Dann stand sie still. Flämmchen strebtet! von ihr und zu ihr. Sie krochen ihr durch das schwarze Haar, und eines glomm ihr just über der sehr niedrigen Stirn, und sie fühlte, wie schön sie jetzt sein mußte. Denn sonst und am Tage war sie's eigentlich nicht. Sie war eigentlich zu groß für ein Frauenzimmer und hatte eine stumpfe Nase, und Leberflecken, ähnlich wie man sie an den gesündesten und reifsten Äpfeln findet, hatte sie auf der Backe und einen ganz leisen Flaum auf der Lippe, der im Licht glänzte wie eitel Gold. Und ihr Gang und ihre Haltung waren trotzig. Wieder, heftig zugeschlagen, klang das Fenster. Hanka streifte die Johanniskäferchen von sich und ging heimwärts. Einmal schüttelte sie sich; denn eines war ihr ins Gewand geschlüpft und kroch nun mit kitzelnden Füßchen ihr entlang. Zerdrücken aber mochte sie's nicht. Sie scheute die Befleckung, und es hatte doch hell geleuchtet und sie verschönert für ein Weilchen. So ertrug sie lieber den Kitzel. Am Eingang zur Mühle stand der Hynek, wie jeden Abend, wenn man sie erwarten konnte. Er bot ihr die Hand, umklammerte wie immer mit einem herzhaften Griff die ihre, und sie ließ sich's gefallen. Nebeneinander standen sie, und sie überragte den ziemlich großen Burschen um Stirneshöhe. Er sah sie an, und sie blickte ins Leere. Dann begann er: »No – wie ist's im Schloß?« »Ganz schön ist's im Schloß.« »Und hast viel zu tun?« »Viel zu tun hab ich. Aber man kann's schon ermachen.« »Und ist dir nicht bang nach zu Haus?« Sie lachte hell: »Um wen? Und wo ich jeden Finger lang dasein kann!« »Weißt wirklich nicht, um wen dir bang sein sollt?« »Wirklich und mit keinem Gedanken nicht.« Der Hynek seufzte: »Und hast mir was mitgebracht?« »Was sollt ich dir mitgebracht haben?« »Ja – ich mein, vielleicht einmal eine gute Zigarre, wie sie doch sicher dort nur so herumliegen, wie sie die Herrischen rauchen tun. Du – so was möcht ich einmal im Maul haben.« »So wisch dir's, Hynek. Wirst schon noch warten müssen. Erstens nehm ich nichts, was nicht mein ist.« »So bitt ihn einmal um eine. Mir zulieb.« »Bitten tu ich zum zweiten auch nicht, dir zulieb erst recht nicht. Und es nützet nichts. Und es nützet nicht einmal was. Denn er tut doch nicht rauchen, wo er's mit der Brust hat.« »So«, sehr gedehnt. »Ja – so«, noch gedehnter. Und mit einem Gähnen: »Gute Nacht, Hynek.« Sie ging schlafen. Der Hynek aber, kopfschüttelnd, was diese Hanka doch für ein sehr merkwürdiges und sonderbares Mädel war, kroch zu seiner Bodenkammer. Er war ein unglaublicher Bursch, dieser Hynek. Nämlich, ein rechter Grübler war er. So einer, der die einfachsten Sachen von der Welt so argwöhnisch bestaunt und so lange hin und her dreht, bis er einen Haken darin gefunden hat, groß genug, um einen ganzen Berg von Bedenklichkeiten daran aufzuhängen. Einen richtigen Advokatenkopf hatte er auf sich. Und allenthalben schnüffelte er herum und hatte seine kurzsichtigen und immer etwas entzündeten Augen überall, besonders dort, wo man sie nicht wünschte. Rot waren sie, wie bei einem weißen Kaninchen. Das machte, er las wirklich bis tief in die Nacht und jeden bedruckten Zettel. Hernach hob er sich ihn auf und hatte sich so einen ganzen Haufen von Packen, mit Spagat umbunden und nach einem geheimnisvollen System geordnet, zurechtgemacht. Denn was nicht wahr ist oder zu gar nichts nutz, das wird man doch nicht drucken lassen? Und was man hat, das hat man und nimmt einem keiner. Er war sparsam und bedacht für alle Fälle und für jede Zukunft. Denn das unterscheidet den Menschen vom Vieh. In der Mühle hielt er's aus, wie's noch keiner ausgehalten hatte. Er war gekommen als ein magerer Bub, wie die Hanka noch kaum laufen konnte. Alle ihre Geschwister, deren viele gewesen waren, sah er sterben – jedes Jahr gab's Tauffest und Leichenschmaus. Endlich für die Müllerin den letzten. Er machte das alles mit durch, blieb, blieb um den mindesten Lohn und war dem Müller unentbehrlich. Denn gab der Hynek einmal mit einer Stimme, die von dem unendlichen Mehlstaub heiser war, den er geschluckt, einen Einschlag für ein Geschäft, so war es sicher gut und rundum überlegt, und es biß keine Maus einen Faden ab. Und er selber sparte mit Erfolg und hatte einen schönen Gulden beisammen. Denn er gönnte sich gar nichts. Sein Essen hatte er, und mehr verlangte er sich nicht. Einen guten Anzug hatte er immer, sonst lief er beständig in blauem Barchent herum, daß es im Winter aussah, als sei er blau gefroren. Sein Gewand zog er an, wenn er in die Stadt ging zur Sparkasse, Geld einlegen oder beheben, bot sich die Gelegenheit zu einem sehr vorteilhaften Handel. Denn die Leichtsinnigen, die waren doch ein rechter Segen Gottes für die Bedachten. Bei solchen Anlässen trank er sein gutes Glas Bier, nur eines, denn das zweite schmeckt lange nicht mehr so gut – saß auf dem Ringplatz, sah sich die geputzten Leute an, fühlte sich und tauschte mit keinem König. Er hatte sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, zu bleiben. Und da könnt ihm der Zliner Müller immer das Doppelte bieten, was er nun an Liedlohn Dienstbotenlohn. hatte. Was der Hynek Potřemba wollte, das wollte er. Und was er tat, so wußt er sicherlich, warum. Nämlich – da war doch die Hanka. Und die durft ihm nicht aus, und wenn er sich um einen höheren Lohn wegfoppen ließ, so kam sie ihm am Ende fort. Denn sie gefiel ihm sehr gut, und er mußte immer denken, was für prächtige Kinder die einmal haben würde. Denn es war doch, als sei die Gesundheit und die Kraft aller ihrer so jung gestorbenen Geschwister in ihr. Und sie war eine gute Partie. Kurz, es gab in der ganzen Welt keinen Ort, wo für den Hynek Potřemba so gut sein war, wie eben in der Mühle von Groß-Wranowitz für ihn sein war. Den Müller hatt er völlig am Bandel. Der konnte nicht mehr sein und nichts beginnen ohne ihn, und er könnt es nicht einmal wagen, den gefährlichen Burschen fortgehen zu lassen, der ihm so hinter alle seine Praktiken gekommen war. Wozu denn auch? Er forderte doch keine Mitgift und wollte ihm zur Zeit sein Geld lassen, das einzige, um das sich der alte Dwořák grimmig und auch gegen ihn gewehrt hätte. Und die Hanka mochte ihn doch ganz gut. Weil sie grob mit ihm war? Je – mit wem war sie denn nicht grob, die Hanka? Das gibt sich nachher schon. Und sie kannte ihn durchaus, und sie wußte, er war gar nicht tückisch, wie man ihn ausgeschrien hat, nur verschlossen, für sich, und überhaupt als ein Waisenkind und ohne Geschwister ein stilles Wasser. Ihr hing er an wie ein Hund oder eine Klette, und er war zum leiden, er war sogar ein ganz hübscher Bursch, wenn sie ihn mit ihren gnädigen Augen ansah. Etwas schief vom Säcketragen war er freilich. Aber das kommt vom Geschäft und gehört dazu, und eine ordentliche Kraft, wie sie ein Mann haben soll, die hatte er in sich. Nur so feig und so sehr leicht geschreckt war er. Das war aber nicht, wie die anderen Knappen tuschelten, vom bösen Gewissen, sondern nur, weil er doch immer grübelte und spekulierte und in sich war. Solche Leute sind nun einmal geschreckt. Sein Geschäft verstand er wie ein Teufel. Und endlich, wer kam denn Besseres um sie? Und war der Vater erst im Ausgeding, so konnte man sich's ganz wohl geschehen lassen und sich prächtig einrichten auf der Mühle. Aber das hatte noch gute Zeit, wie überhaupt das Heiraten. So hatten sich die Dinge in erfreulichster Weise für den Mühlknappen Hynek Potřemba entwickelt. Und es war ihm darum gar nicht recht, daß sie jetzt ins Schloß ging. Denn es konnte ihr da wer in die Augen stechen, von den Tagedieben, den Stallknechten aus dem großen und sehr berühmten Fohlenhof, den man unterhielt, diesen Hungerleidern, mager wie Windhunde und ebenso zudringlich, die da in Schäftenstiefeln und gestriegelt wie ihre Rösser herumliefen und sich nicht auskannten vor Hochmut und Nichtstun. Aber diese Gefahr glaubte er doch nicht recht. Und der junge Herr war so krank, und man konnte wieder nicht wissen, wie ihnen bei der Herrschaft, von der man mit der Pacht abhing, das einmal zugute kommen würde, daß die Hanka jetzt um ihn war. Und wenn schon etwas geschah – du lieber Gott, wer konnte vorbauen, wenn etwas geschehen sollte? So selten war's nicht, daß man Lärm schlagen müßte mehr, als um dem Mädel zu zeigen, daß man kein Trottel, sondern nur gut war. Hynek Potřemba fühlte die Fähigkeit in sich, alles zu vergeben ... Er rieb sich, als er soweit gekommen war, die Hände, mit sich und seiner Klugheit zufrieden. Denn ein Mann ist doch nur, wer nach Möglichkeit sich's einrichtet und ausdenkt. Wie das nur klang: Hynek, Hanka, Hanka, Hynek, Hanka. Als würden sie schon eingeläutet: Bim, Bam, Bam, Bim ... Ba-m ... Und die Unken im Mühlteiche huben eben an und sangen den Baß dazu.   Oben im Schlosse ging alles seinen gewohnten stillen Gang. Die Beschließerin war freundlich und lobte das Mädchen bei jedem Anlaß und mehr als genug. Die Verwalterische tat als Beamtentochter herablassend, wenn sie Hanka begegnete, spielte sich auf ihrem Klavier lauter Sehnsuchtslieder vor und schnitt schrecklich hämische Gesichter in ihren Spiegel, über den sie sich immer ärgerte, weil er sie grün zeigte. Aber sie war wirklich grün erschaffen. Mit den Mägden hielt die Hanka gute Gemeinschaft, soweit sie mochte, und war allgemein gelitten. Die Knechte aber kamen ihr durchaus nicht in die Nähe. Es war aber dennoch eine gewisse und wachsende Unbefriedigung in ihr. Das machte, die Erntearbeiten waren draußen im vollen Gange. Da hatte sie sonst mitgeholfen, und ihre ganze Körperkraft hatte sie hineinlegen können in den Schwung der Sense, oder wenn es galt, eine recht mächtige Garbe, schwer vom Körnersegen, auf den Wagen hinaufzuheben. Und dann ganz oben, wie auf einem Berge sitzen und die Augen schweifen lassen über die gelben Stoppeln, zwischen denen ein kümmerliches und der Sense entronnenes Grün vorschielte aus dem grau gedörrten Erdreich und heimfahren auf dem schwankenden Leiterwagen, einen unmerklichen Windhauch um die glühenden Wangen und erfüllt von einer glückseligen Müdigkeit! Das fehlte ihr nun gar sehr, und sie konnte sich kaum denken, wie das so recht gehe ohne sie. So schweiften ihre verdrossenen Gedanken zwischen Schloß und Mühle, und es war ihr, als begänne eine Entfremdung zwischen ihr und ihrem Elternhause, seit sie seine Wichtigste Arbeit nicht mehr teilte. Das, was ihr hier oblag, das konnte am Ende eine andere auch. Es war überhaupt zum Staunen, wie leicht sie sich hier das Leben machten und wie sehr eine jede aufpaßte, damit sie sich mit der Arbeit ja nicht weh tue. Und alles ging so am Schnürchen, und es war gar keine Abwechslung darin. Den Tag dieses, den anderen Tag was anderes, wie man's ihr einmal vorgeschrieben hatte, aber im Grunde doch immer dasselbe und niemals etwas, wo man sich hineinlegen mußte, daß sich jeder Nerv anspannte und jede Muskel straffer ward. Sie fühlte sich schwach und laß und verdrossen werden dabei und war mürrisch gegen alle Welt. Auch kamen ihr vor lauter Überfülle des Blutes, das ihr so ungestüm durch die Adern rollte, der Jugend Beklemmungen, die sie ärgerten. Mit dem jungen Herrn hatte sie eigentlich noch kein Wort gesprochen. Er aber sah sie oft verhohlen an und wunderte sich, daß dies unfreundliche Geschöpf, das auf jeden Wunsch nur das hochmütige: »Ja, gnädiger Herr« oder ein unwirsches »Gleich« hatte, das immer mit einer kaum verschleierten Hoffart auf ihn niederblickte, dasselbe Mädchen sein sollte, das ihm in Gedanken lebte, wie er es einmal im dunklen Garten gesehen hatte: umgaukelt von Leuchtkäferchen, als flögen sie ihrer Schönheit zu, im stolzen Antlitz mit den klaren Augen eine geisterhafte Blässe. Es war das ein Erinnern, das er nicht zu tilgen vermochte. Und dennoch spann sich Faden um Faden zwischen ihnen, mit mannigfachen Verknotungen, aber so sacht, daß sie nicht drückten. Wie konnt es anders werden? Denn sie mußte viel um ihn sein. Bald kannte sie all seine Bedürfnisse und was ihm guttat; sie achtete darauf, damit er nur ja nicht zu reden brauche. Denn das strengte ihn manchmal an. Dabei aber lag etwas so Einschmeichelndes in seiner umflorten Stimme, daß sie sich gern von ihm gerufen hörte. Er sprach ihren Namen so weich und bittend aus! Schrecklich war ihr nur, wenn er seinen Hustenanfall bekam und danach so rot im Gesicht ward und die Lippen so zuckend zusammenpreßte. Das schnitt ihr ins Herz, und sie wäre dann am liebsten fortgelaufen, wohin immer, nur um dies Leiden nicht sehen zu müssen. Einmal sprang sie herzu, hielt ihn, und wie einem Kinde, das sich verschluckt hat, so klopfte sie ihm den Rücken. Er lächelte schwach und dankbar dabei. Und hatte er bessere Tage oder eine gute Nacht – und sie sah das sofort, sowie sie nur sein Zimmer betrat –, so war sie selber froher. Ihm aber ward allmählich, als strahle sie Genesung für ihn aus. Den Sonntag ging er regelmäßig zur Kirche. Man sah das gerne, wenn die Herrschaft in der Frömmigkeit dem Volke voranleuchtete. Die Tarockpartien hatten begonnen. Sie waren ihm gräßlich, aber sonst wüßt er nichts mit sich anzufangen. Auch den Herren kam,er nicht gar gelegen. Die Bierkrüge, gefüllt vom Besten aus dem herrschaftlichen Brauhause, standen wohl auf dem Tisch. Aber der junge Herr trank nichts, nur sein Gleichenberger oder zur Abwechselung sein Emser Wasser. Die Pfeifen hielt man zwischen den Zähnen und mußte kalt rauchen, weil er den Qualm nicht vertrug. Gewisse Witze traute man sich nicht vor ihm zu erzählen. Wo sollte da die rechte Gemütlichkeit aufkommen? Und er war so grenzenlos zerstreut und paßte, nicht zum glauben, weil er sich immer nach des Forstmeisters Teckel umsah, der krummbeinig umschlich, sich im Kreise drehte oder mit einer grenzenlosen Erbitterung nach jeder Fliege schnappte, die durch den Raum surrte. Tarock aber kommt, was die Aufmerksamkeit anlangt, noch vor der Predigt. »Aufpassen muß man, Herr Baron, aufpassen, zählen und parieren!« Und so recht grob werden durfte man mit dem jungen Herrn auch nicht. Also – Rücksichten, nichts wie Rücksichten. Wo blieb da die Unterhaltung? Und immer gewinnen ist wohl ganz schön. Aber man will doch sein Vergnügen dabei haben und nicht mehr Galle schlucken als Bier. Einmal, während sie so spielten, ging die Hanka vorüber. »War kein übler Bissen, das Mädel«, schmunzelte der Herr Forstmeister mit gerecktem Daumen. »Ein recht fetter Bissen«, kicherte der Verwalter, »mit Verlaub, Hochwürden, schon was man so sagt: ein Pfaffenstückel.« »Aber meine Herren, wer wird so sprechen?« verwies der Pfarrer väterlich, und man sah dennoch, wie ihm dabei das Wasser im Maul zusammenlief. Der Herr Verwalter aber legte gar die Karten zusammen, fuhr sich mit der Hand über Haar und Bart und sagte erst nach einer Weile, in der die drei Männer ganz niederträchtige und schamlose Augen nach dem Frauenzimmer gemacht: »Also gehen wir weiter. Herr Baron – Sie haben die Vorhand.« Er aber war in einer rechten Empörung, deren Grund er nicht begriff, und mußte an sich halten, um nicht in heftigen Worten loszubrechen. So ekelhaft waren sie ihm, diese Männer mit ihrer dummen Rederei! Und daß sie sich gar nicht vor ihm genierten, verheiratet, Väter erwachsener Kinder oder gar geistlich, wie sie waren ... Es war ihm, als sei er ihr gegenüber in einer großen Schuld dafür, daß er dazu geschwiegen hatte. Dennoch sah er genau, wie komisch es gewesen wäre, hätt er sich zum Ritter ihrer Unschuld aufgeworfen, von der er nichts wußte, die ihn nichts anging, an die nicht einmal jemand gerührt hatte. Solche Worte aber, wenn auch unwillig vernommen, haften; unbewußt dacht er Hankas anders als bisher, beschäftigte sich mehr mit ihr. Und als sie ihm am Abend seine Milch, frisch gemolken und noch mit dem eigentümlichen Geruch vom Tier, aufs Zimmer brachte, sprach er sie an: »Wie lang bist du nun auf dem Schloß, Hanka?« »Einen Tag nach dem jungen Herrn bin ich eingestanden.« »Und gefällt's dir hier oben?« Sie hatte ihren ungnädigen Tag: »Ich weiß manches, was mir besser gefallen könnt.« »Ja – und warum bleibst du dann?« »Wenn's der junge Herr meint, so kann ich ja auch gehen.« »Nein, nein!« er wurde ganz eifrig, »so mein ich's nicht.« »Dann muß der junge Herr nicht so reden«, und sie lachte mit allen ihren Zähnen, die blank, regelmäßig und kräftig waren, wie die eines jungen Raubtieres, daß sich Baron Branicky denken mußte, wie die wohl in lebendiges Fleisch beißen möchten, und zwar mit einem dunklen Verlangen. Sie aber unterhielt sich plötzlich ausgezeichnet. ›Reden möcht er mit mir‹, dachte sie. ›Was herauskriegen will er aus mir. Und was für ein Ungeschick ist doch der Mensch dazu!‹ »Ja, und wie alt bist du, Hanka?« »Zu Maria Lichtmeß war ich siebzehn Jahre.« »Nein! So jung?« »Ja, so jung! Aber der junge Herr will's wahrscheinlich nicht glauben, weil ich so alt aussehe?« Und sie lachte wieder ihr Lachen, was ihn ganz verwirrte. »Nein – wo wirst du oder wo werde ich so was meinen?« verteidigte er sich. »Und du bist dem Müller Dwořák sein Kind?« »Ja. Dem Müller Dwořák gehör ich.« »Und du mußt dienen? Das wundert mich doch.« »Müssen müßt ich nicht. Aber – es sind schlechte Zeiten, und« – sie besann sich, daß sie vor einem von der Herrschaft stünde, daß man also jammern muß, und betete also ihre ganze Litanei herunter – »und der Pacht ist so schrecklich hoch, und aus Pest kaufen sie lieber das gegipste Mehl, statt bei uns mahlen zu lassen, und der Herr Verwalter ist wie ein Blutegel auf uns arme Leute und droht immer, er wird uns noch steigern. Aber da gehen wir lieber weg in die Welt.« »Also so einer ist der Verwalter? Und weg dürftest du nicht, Hanka!« »Ja, so einer ist der Herr Verwalter. Und weil sein Vater Kammerdiener war, so glaubt er schon, er ist dem Herrgott sein leiblicher Vetter, keinem Menschen läßt er seine Ehre. Schon darum möcht man fort. Wen geht's was an?« Sie sah ihm frank und voll in die Augen, begierig auf die Antwort, die nun kommen mußte. Er aber brach ab: »Gib mir meine Milch, Hanka.« Sie mischte sie mit Selterswasser, reichte sie ihm. Er berührte ihre Hand dabei und ließ seine Finger ein Weilchen darauf ruhen. Sie litt es, aber ungern und mit zusammengezogenen Brauen. So kalt und so gewiß klebrig war seine Hand. Ein Frosch hat sie so. Und endlich, unfähig, sich länger zu bemeistern, trat sie ein Schrittchen zurück. Er trank. Dann mit einem sehr leisen und gütigen Lächeln – ›nur ein Herr hat's so, nur ein wirklicher und geborener Herr‹, mußte sie denken – sprach er: »Gefallen tu ich dir nicht, Hanka!« »Wird dem jungen Herrn wenig daran liegen«, entgegnete sie schroff. »Wenn mir aber daran läge, Hanka?« Sie spielte mit ihrem Schürzenband. Durchaus aber nicht in Verlegenheit, denn sie ließ die Augen nicht sinken dabei. Aber keine Antwort gab sie, wenn sie nicht schon in diesem überlegenen Blicke lag. Er wurde sentimental: »Du mußt Geduld mit mir haben.« – »Ich hab mich doch nicht beklagt, daß der junge Herr zuviel Bedienung braucht.« »Geduld mußt du mit mir haben, Hanka!« Und in einem aufbrechenden Schmerz: »Oh! nicht mehr lange Geduld!« »Es geht dem jungen Herrn viel besser, seit er hier ist. Er ißt täglich mehr, und der Husten kommt auch nicht mehr so schlimm wie im Anfang.« »Ja, besser. Aber gut wird's mir niemals mehr gehen!« Und er schlug die Hände vors Gesicht, damit sie nicht sähe, wie der Schmerz es verzerrte. Er saß, das Haupt zurückgelehnt, unendlich schmächtig, in seinem hochlehnigen Stuhl. Sie stand in ihrer ganzen stolzen Gesundheit vor ihm, näher zu ihm in Mitleid getreten. Er ergriff ihre Hand: »Wie stark und braun sie nur ist!« »Sie schafft genug«, entgegnete sie und überließ sie ihm ein Weilchen. Finger für Finger zog er sie auseinander, wie mit einem Spielzeug. Und dann, so recht klagend, hub er wieder an: »Und wenn ich nur nicht immer allein wäre, Hanka! Was ich gern möcht, das darf ich nicht tun, und da hab ich Zeit, gar soviel Zeit für mich, Hanka! Und mit keiner Seele reden kann ich von mir. Denn die Herren hier – die haben ihr Geschäft und ihre Sachen, und dann: sind das überhaupt Menschen?« »Ein Gesindel sind sie. Und sie spotten den jungen Herrn aus, wenn sie ihm sein Geld abgewinnen«, bestätigte sie. »Und dann, weißt du, Hanka – die Nacht. Man schläft so schlecht. Und etwas liegt auf mir, und ich kann oft nicht atmen. Und das Schloß ist so still und wie tot, wie wenn keine Menschenseele leben möcht darin, und sperrt man das Tor zu, so ist das, als sollte man's gar nie mehr aufmachen. Und ich möcht oft Sturm läuten: Kommt zu mir, oder ich halt's nicht mehr aus. Ich werde verrückt. Und dann kommt eine, verdrießlich und verschlumpt und mit Augen wie eine Nachteule, wenn sie ins Licht sehen muß.« »Da müßt sich der junge Herr eine Schwester nehmen zur Pflege ...« »Mag ich nicht. Ich will nicht immer an die letzten Dinge Und an ein christliches Absterben erinnert sein von ihrer Haube und ihrem Beten und ihrem barmherzigen Gesicht«, greinte er eigenwillig. »Der junge Herr muß sich nicht aufregen. Tut ihm kein gut. Wüßt nicht, was sonst zu machen war. Gute Nacht, junger Herr!« »Gute Nacht, Hanka.« Und er sah ihr mit schwimmenden Augen nach. In dieser Nacht geschah dem Mädchen etwas, das ihm noch niemals widerfahren war. Es wachte zu schlafender Zeit und bei völliger Dunkelheit auf. Und sie mußt an den jungen Herrn denken, der da allein war im toten Schloß, dessen Tor geschlossen ward, als sollt es für immer verriegelt bleiben. Und er läutete und mußte so lange warten und sich ängstigen, ehe man schlurfend und widerwillig zu ihm kam. Ein Gefühl der Einsamkeit packte sie selber dabei. Aber sie scheuchte es von sich, reckte sich mächtig, bis ihr alle Gelenke knackten, und entschlummerte. Dummes Zeug! Was ging's die Hanka Dwořák an? Von diesem Tage ab war es aber wirklich, als sei dem Zerstörungsprozeß Einhalt geboten worden, der im jungen Branicky gewütet. Seine Kräfte hoben sich merklich, und manchmal überfiel ihn ein ordentlicher Heißhunger. Er schlief gut; immer weitere Spaziergänge konnt er unternehmen, ohne jene tödliche Mattigkeit, die ihn sonst nach wenigen Schritten befallen und gelähmt. Und ihm ward, als entdeckte er sich nun seine Heimat wieder, mit allen ihren dürftigen, doch unentrinnlichen Reizen, als spräche ihre Sprache, die ihn zu Anbeginn nur verwirrt, nun ihm bestimmt und tröstlich zu Herzen. Ein Unsinn war es gewesen, daß er sich so durch die Welt hatte schleppen lassen! Wo war er nicht alles schon hin verschickt worden! Dahin hatten ihn die Ärzte, dorthin die Seinen gesendet, ohne Hoffnung, ohne anderen Wunsch, als nur um ihn, den Anblick seiner Leiden, die fatale Erinnerung an zerronnene Hoffnungen und dumme Streiche loszuwerden. Überall war er fremder geschieden, als er gekommen war. Das laute Leben Ägyptens und seine bunten Farben mißfielen ihm. Der Anblick der Leidenden, der gleich ihm Hinsiechenden, hatte ihn allenthalben verstört. Instinktiv hielt er sich an die Verlorenen, nur um vor ihnen den Trost zu gewinnen, daß es mit ihm noch immer nicht am allerschlimmsten stünde. Und ihre Mitteilsamkeit und die täglich neuen Symptome, die sie an sich nachzuweisen so glücklich waren! Und die Ärzte mit ihrer ekelhaften Aufdringlichkeit! Und dieses unruhige Treiben in den Pensionen, die ewigen Klagen, wie teuer das sei und daß man die heranwachsenden Töchter nicht ewig so benachteiligen können werde; diese gezierten Tennis-Gänse! Hinter allem aber die angenehme Aussicht, zurückkehren zu müssen, dahin, wo man ihn ewig hofmeistene, und zu seinen Studien, an die er nicht denken konnte ohne ein tiefes Grauen. Und dieser Kammerdiener mit seiner feisten albernen Fratze, der ihn ausspionierte! Daß er den mit einer solchen Schleunigkeit expediert hatte, das war wohl der schlaueste Streich seines Lebens gewesen. Sicherlich, sie hatten sich auf Schloß Hrádek, wo sie jetzt zum Sommerséjour Sommeraufenthalt. beisammensaßen, über ihn geärgert. »Er ist etwas unberechenbar, dieser gute Friedrich!« Mochten sie nur wieder die Nasen über ihn rümpfen! Er tat sogar gerne, was sie verdroß. Er brauchte den Burschen nicht, der ihm mit einer so feierlich dümmelnden Miene den Überzieher nachtrug, ihm so großartig hineinhalf, damit nur jeder bemerkte, hier komme ein hochgeborener Herr. Und der ihn dabei bestahl, wo es nur anging, und wie ein Rabe. Dazu war er klug genug, und an der erwünschten Gelegenheit fehlte es ihm auch nicht. Dabei fiel auf ihn niemals ein Verdacht. Stimmte es mit der Reisekasse wieder einmal nicht: »Er war immer etwas leicht, dieser gute Friedrich!« Dies alles entfiel hier. Die stete Unrast hatte ein Ende. Niemand beobachtete ihn mehr, und das Lamentabel über seine Kostspieligkeit mußte nun wohl verstummen. Sachte Schleier sanken über seure Vergangenheit. Verdämmernd, kaum noch kenntlich, lagen dahinter seine Vergehungen; sie schieden ihn unfaßbar und dennoch bestimmt von seinen Angehörigen. Und ihm wurde, als senke er geheime und zarte Wurzeln in diesen teuern Boden, aus denen ihm unablässige Stärkung zuriesele, die ihn aber auch für immer und ewig hier festhalten mußten. Da war die Hanka. Immer noch unwirsch und gar nicht sehr unterhaltlich oder mitteilsam. Aber sie kümmerte sich um ihn, und sie meinte es ihm gut. Respektsperson war er nun einmal nicht für sie. Dazu war sie zuviel in seiner Hilfsbedürftigkeit um ihn. Es war jenes Gebietende an ihr, das bei Mädchen in diesem Alter die künftige Mutterschaft vordeutet. Und wenn sie in ihrer herrischen Art sagte: Das muß der junge Herr tun, so fügte er sich dankbar und sah sie nur mit einem verdutzt neugierigen Gesicht an, das ihr an ihm gefiel. Denn dann kroch der Spitzbub wieder hervor, der er, wie alle Branickys, in guten Zeiten sicherlich gewesen war. Immer erzählte man noch im Dorfe, wie toll es hier zugegangen, ehe sie Kostel und Hrádek geerbt. Beständig auf der Jagd. Im Walde hinter jeder Klaue und sonst hinter jeder Schürze. Und dann war seine Sandgrube, die er ihr einmal gezeigt, ohne daß sie daran etwas finden konnte. Macht nichts: sie war nur zu gesund, um Sinn für derlei haben zu können. Und dann war ihr Teich, wo sie Flachs rösteten, daran die Dorfmädchen sich an ganz klaren Abenden gerne verweilten. Es war ein ganz rundes Wasser. Fast schwarz vor den vielen Bäumen rundum, in deren Schatten man saß, weil das Mondlicht doch schädlich ist. Es war eine Helle, die aber keine Ferne vor silberigem Duft erkennen ließ. Und wenn dann die weiße und volle Kugel des Mondes, wie ein silberner Ballen, hindurchschwamm durch die geheimnisvolle Flut, und es knisterte im Röhricht, und der Kalmus würzte die Luft, und das Heu duftete so stark und so mächtig aufreizend durch die regungslose Nacht, und geschlossen und träumend schimmerte die eine weiße Wasserrose: so war das gar schön. Sie saßen im Kreis rundum, die Mädchen mit ihren Burschen, und wisperten ernsthaft. Oder eine hob mit schriller Stimme – Sehnsucht im Auge und ein Licht auf den Wangen –, immer gute Noten zu hoch, irgendein klagendes Lied an, und die anderen summten mit die traurige Weise, oder sie horchten nur und nickten mit den Köpfen den Takt. Er mußte zeitiger nach Hause. Darauf hielt die Hanka, die keinen hatte, mit dem sie ging, und in deren Obhut er hier erschien. Sie aber geleitete ihn immer zum Schloß, damit ihm ja nichts widerfahre, und so, im dunkelnden Laubengange war es geschehen, daß er beim Gutenacht noch lange und suchend an ihr hinaufsah. Und sie neigte sich zu ihm, und recht wie eine Mutter von einem fügsamen Kind, so ließ sie sich von ihm auf die Stirne küssen. »Und nun wird der junge Herr zu Bett gehen.« Sie aber saß noch gute Weile unter den anderen; ohne jeden Gedanken, ohne jede Erregung sang sie mit ihrer tiefen Altstimme vor. Alsdann, gesellt die übrigen und sie einsam, schlenderte man durch die Dorfgassen, in denen unzählige Hunde in allen Tonarten den Mond anjammerten und den Heimkehrenden zublafften. Es war eine stille Zeit. Und eine gesegnete Zeit. Noch ohne Aufregung und ohne bestimmten Wunsch, nur still und gesegnet, heilsam und erquicklich. Er schrieb seine Berichte über sein Ergehen an die Eltern und genoß sonst dies ruhige und friedliche Leben mit allen Sinnen. Er nahm sich in seinen Briefen, die ja offizielle Relationen zu sein hatten und pünktlich an die alte Durchlaucht zur Einsicht weiterbefördert wurden, wohl in acht, nicht zu sehr zu zeigen, wie glücklich er sich fühle. Aber ein Nachglanz dieser Mondnächte und des Ganzen, das ihm so wohltat, lag dennoch darüber, schimmerte in wärmeren Wendungen durch. Man sprach in Hrádek schon davon, man werde einen guten Juristen aufnehmen und hinüberschicken nach Groß-Kumrowitz. Denn vielleicht werde es mit diesem guten Friedrich wirklich besser, nachdem die Branickys, wie in allem, so auch in der Gesundheit immer eine höchst ausgezeichnete Familie gewesen seien. Die alte Durchlaucht aber runzelte die Stirne: »Laßt ihn ungeschoren, wo er ist. Er war immer ein schlimmer Junge. Mir scheint, er enkanailliert sich wieder, dieser liebe Bedfich!« Und in diesem »Bedfich« lag eine Verdammung zum böhmischen Pöbel und eine Ausstoßung aus seiner Kaste für immer und unwiderruflich ... Es war aber in der Hanka eine eigentümliche Schwüle. So, als breite sich der Sommer in ihr aus, erfüllte sie gänzlich und brütete über etwas, das zur Reife kommen müsse in ihr. Kein Bad brachte ihr Erquickung, und war sie allein, so überflackerte es ihre Wangen oftmals wie mit einem Strohfeuer. Wie ein Druck lag es auf ihr. In einem halben Schlummer ging sie durch den Tag. Dann brachte ihr die Nacht keinen rechten Schlaf, nur eine graue und bleierne Ermattung. Da waren Pausen – ihr endlos, die derlei nicht gewöhnt –, darin sie so unsäglich hellhörig war. Denn sie vernahm jedes Ächzen im Gebälk, den Pieplaut einer jeden Maus und manchmal einen ganz fremden Ton. Als zetere eine ungeduldige Klingel. Aber das war nur ihr junges und heißes Blut, das ihr so ungestüm in den Ohren sang. Alle ihre Gedanken bezogen sich auf den einen, der ihrer Sorge anvertraut und mit dem sie so zusammengewachsen war. In einer unerträglichen Weise, die sie nach ihrer kraftvollen und tätigen Art erbitterte. Es war eigentümlich, mit welcher Helle und wieder mit welcher traumhaften Milde ihr alles im Gedächtnisse stand, das sich seit dem Tage seiner Heimkehr begeben hatte. So, als wär's umrahmt und irgendwie herausgehoben aus dieser sonstigen Dunkelheit, so daß man, unwiderstehlich genötigt, danach immer und nur danach blicken mußte. Es war unerträglich, und die Hanka Dwořák mußte sich das wohl gefallen lassen. Nein – beim guten Heiland nicht! Wie aber dem ein Ende machen? Sie dachte daran, alles liegenzulassen und wieder in ihrer Mühle zu bleiben. Mochte der Mann da oben sehen, wie er ohne sie fertig wurde. Denn ganz und gar verrückt machen mit ihm wollte sie sich nicht. Und dennoch fiel ihr schon beim bloßen Gedanken daran ein Schrecken aufs Herz, ihn so völlig bezahlten Händen zu überlassen. Bezahlten Händen? Aber – sie erhielt doch auch ihren guten Lohn und hatte sich sogar nicht wenig damit gefreut, für ihr eigen und verdientes Geld bei der nächsten Kirmes ordentlich aufzuhauen, so recht wie eine, die sich's leisten darf. Denn dem Alten was davon zu geben? ›Könnt mir grad einfallen!‹ Und nun – ihre Freude war hin, und sie hatte gänzlich vergessen, daß sie doch auch im Dienst da oben stand ... Es schmeichelte ihr allerdings, daß es der junge Herr, ein höheres Wesen und vielleicht einmal gar der Besitzer dieser Herrschaft, war, der sich ihr gegenüber so fügsam erwies, daß er sie mit keinem ungehörigen Blick anzusehen wagte, trotz jenes einen Kusses keine Vertraulichkeit versuchte. Je – sie war eben wer! Und wiederum – das war ein Unglück. Denn anders hätte sie ihm einmal den Standpunkt klarmachen können, daß ihm die Augen übergegangen wären, dem Schwächling, dem jämmerlichen. Wie's ihr nur einmal vor ihm gegraust hatte! Ordentlich und gehörig. Und das wollte so gar nicht mehr wiederkommen. Denn ihr Zorn war gemacht, in den sie sich so hineinreden wollte. Und ihr Ekel war gemacht. Und nichts war echt, nur ihre rastlose Sorge um ihn. Ein Ende mußte geschehen. Ein rasches und unwiderrufliches Ende, dachte sie und stierte in den dunkelnden Mühlbach, der so reißend dem Schlosse zu dahinbrauste. Das, was war, hatte keinen Sinn. Sie duldete das nicht mehr länger. ›Ich will's!‹ Und was die Hanka Dwořák will, das geschieht. Immer und just ... Es war dunkel geworden in der Welt. Der Himmel hatte sich entfärbt. Erst überlief es stählern sein tiefes Blau; dann war's blau wie Schiefer, und endlich sah er bleifarbig nieder zur Erde. Ein Wehen begann irgendwoher und schwoll in gleichen Takten mächtig bis zum Sturm. Der duckte sich nun in sich; dann sprang er auf und hetzte über die flachen Felder, zauste die Rispen der Hirse und des Hafers, die allein noch nicht eingebracht waren. Recht wie ein Windspiel, das ziellos wildert und jagt und manchmal einen heftigen und gierigen Laut von sich blafft ... Die Hanka stand da, aufrecht und die Hand vor den Augen, die zornig und finster in dies Wirbeln sahen, das sie mit geheimnisvoller Macht in seine Kreise zog. Sie hatte doch zu Bett wollen. Und ganz gegen ihren Willen begann sie zu gehen – nicht aber der Mühle zu. Sie stemmte sich dagegen, ein grollendes Rot im Antlitz. Aber es trieb sie vor sich her einem Ziel entgegen, und sie war wehrlos dagegen, wie ein Blatt, das der Sturm jagt ... Ja – die Fenster im Schloß! fiel ihr ein. Die hatte man sicher wieder nicht festgemacht, wie sich's gehören würde bei einem solchen Wetter. Denn die Beschließerin war alt und fast taub. Die hörte sicherlich nichts, und wenn die Welt in Fransen ging. Die Mägde aber, die hatten vor der guten Person keinen Respekt, waren durch die Bank nachlässig, und wenn sie erst einmal in den Federn lagen oder sie steckten mit den Knechten zusammen, so konnte von ihnen aus geschehen, was da wollte. Der Schaden, den das wieder einmal gab für die Herrschaft! Wie das nur an den Bäumen riß und wie sie sich ängstigten, sich zusammenkauerten, stöhnten und wimmerten, als täte man ihnen furchtbar weh! Und der junge Herr – wie sollte der schlafen in einem solchen Lärm und wenn es um ihn klappte, wie wenn Buben unordentlich und zum Spaß mit Dreschflegeln auf die leere Tenne herumdreschen? Ja – die bekamen aber wenigstens zur Strafe voneinander manchmal gehörig eins vor die dicken Köpfe. Diese mannstollen Weibsbilder aber konnten treiben und versäumen, was sie mochten, und ihnen geschah niemals nichts. Da – dieses Klirren! So – jetzt war das Unglück fertig und der Schaden geschehen, und der Glaser und der Verwalter konnten mitsammen wieder einmal die Herrenleute betrügen, daß es sich schon auszahlte. So etwas Sonderbares war diese Nacht. Wie verhext war sie doch! Da tauchten Lichter auf und schienen, und sie verschwanden wieder, wie ausgeblasen. Woher konnten sie kommen? Und das Schloß lag wie drohend da und schwieg, und in allen seinen Fenstern leuchtete nichts. Was ihr nur alles einfiel, was sie doch nur durchdachte, ohne eines klar zu fassen, auf diesem kurzen Wege, den sie so oft und eigentlich ohne Gedanken durchschritten hatte, als wie froh sie sein würde, hätte sie den Tag hinter sich und könne wieder heim zu ihrer Mühle! Das Schloßtor stand offen. Auch das war doch wie verwünscht. Aber recht war's ihr. Sie huschte in den dunkeln Flur, dann den langen Gang durch, an dessen Ende die eine, matte Lampe brannte, über den Hof. Vor dem Marienbildnis war Licht. Es war Samstag – Frauentag, an dem man die Mutter Gottes mit einem ewigen Licht ehrt. In den Gängen, durch die sie huschte, atmete die Schwüle vieler versunkener Sonnen. Das ganze Schloß war durchgeglüht. Das strömte nun von allenthalben auf sie ein und betäubte sie beinahe, die aus dem frischen Wehen dieser Nacht kam. Der Sturm hatte sich ihr auf die Brust geschlagen. Sie mußte sich rasten. Und nun ja – ja was wollte sie hier eigentlich? Was hatte sie ungerufen und zu schlafender Zeit eigentlich hier zu suchen? Was aber würde man sagen, sähe man sie so? Sagen? So was traute sich doch niemand, und sie hatte das Recht, hierzusein, wie nur eine, vielleicht die Pflicht, bei solchem Wetter nach ihrem Pflegling zu sehen, um den sich sonst gewiß keine Katze kümmerte. Es sollte sich nur einer trauen! Dem wollte sie's schon zeigen! Und sie fühlte, wie sich in ihr ihr gesunder und kräftiger Zorn hob. Aber denken würde man sich allerhand. Mochten sie! Unter ihnen war sie lange noch die Beste. Und überhaupt – das war nur ihre Übereilung, und daß sie immer nur tat, was sie wollte. War sie im Schloß geblieben, wie man ihr zugeredet, dann hätte sie nicht not, um wen zu fragen und sein Gesicht. Nimmt man schon so eine Stellung an, so muß man sich nicht was extra ausbedingen wollen. Und sie mußt immer anders sein und es anders machen, wie sonst jemand auf der Welt sich's einrichtete, und sie haderte heftig mit sich selbst. Dabei ging sie aber immer vorwärts, ohne Besinnen und ohne sich selber einzubekennen, wohin. Und erst auf den wenigen Stufen, die zu der Stube des jungen Herrn emporführten, wußte sie, was sie hierhergejagt; sie wollte doch nie mehr kommen. Aber: Behüt Gott sagen mußte sie ihm, und das war besser, man tat das gleich heute, statt wieder eine lange Nacht, in der man anderen Sinnes werden konnte, darüber verstreichen zu lassen ... ›Wenn er nur was brauchen tat und läuten möcht‹, dachte sie sich. Denn mit jedem Atemzug wurde sie verzagter, erschien sich töricht und schämte sich, ohne zu wissen, warum oder vor wem. Aber sie konnte auch ungerufen nachsehen, wie es ihm ging und ob er nichts nötig hätte. Oder nicht? Nur, daß sie so komisch unsicher war. ›Also‹, dachte sie sich, ›klingelt er, so soll ich. Wenn nicht, so dreh ich mich nach Haus.‹ Und fing zu zählen an, langsam, während ihr Herz viel schneller mitschlug. Und dann fiel ihr ein, daß sie sich keine Zahl als Ziel gesetzt. Also: sie wollte anklopfen. Schlief er schon – ging sie. Denn die ganze Nacht da im Winkel stehen, wie ein Schulmädel, das was angestellt hat, das tat die Hanka nicht. Sie pochte an. Ganz schwach. Und dennoch erschrak sie. So laut klang das, daß sie meinte, das ganze Schloß müsse aufwachen und zusammenlaufen. »Herein!« wie aus weiter Ferne, müde, gedämpft ... Sie atmete tief auf und öffnete die Tür. Eine einzige Kerze, viel zu matt für den großen Raum, glomm über ihn hin, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bette lag. Die festen Schritte des Mädchens klangen, hallten nach an der hohen Wölbung. Er erkannte sie daran, richtete sich, ein freudiges Licht in seinen Augen, auf: »Du bist es, Hanka?« »Ja – ich bin's junger gnädiger Herr.« »Wie wenn man dich bestellt hätte! Mir ist grad jetzt bang um dich gewesen.« »So?« »Ja, es geht so ein Sturm. Und ich kann nicht schlafen ...« »Ja: Ein Sturm geht.« Und sie blickte feindselig nach ihm. Ein kurzes Schweigen. Dann: »Und der junge Herr braucht nichts?« »Nein. Brauchen tu ich nichts. Nur der Fensterflügel da nebenan macht einen solchen Spektakel. Möchtest du ihn nicht festmachen?« »Ja.« Und ganz aufgeräumt kam sie wieder. »Nämlich, das hatt ich mir gedacht. Und darum bin ich gekommen.« »So? Das ist brav von dir«, lobte er. »Ja – und weil ich morgen fortgeh ...« »Wohin denn? Und wann kommst du wieder?« »Gar nicht mehr. Aus dem Dienst geh ich ...« »Aus dem Dienst?« Er fuhr auf in einem Schrecken. »Ja. Also hab ich mir gedacht, ich will dem jungen Herrn noch adieu sagen.« »Und warum gehst du fort, Hanka?« Keine Antwort. Nur mit finsteren Brauen blieb sie an ihrer Stelle. »Und warum gehst du fort, Hanka?« Wie schmeichlerisch das nur klang. »Magst du mich immer noch nicht? Ist es dir ganz gleich, wie es mir geht?« »Könnt ich nicht sagen. Geht keinem nix an.« »Oder hat dir wer was getan?« »Mir getan hat niemand nix.« »Also« – noch inständiger –, »warum gehst du fort, Hanka?« »Weil ich will«, kam es schroff und fast gehässig zurück. »Ja – aber warum willst du nicht mehr?« »Mir paßt es nicht. Feldwerk bin ich gewöhnt und keine Tagediebin, wie sie alle hier sind.« »Ja – dann kann ich dich nicht halten. So behüt dich Gott, Hanka.« »Junger Herr – behüt Gott«, und sie wendete sich. »Hanka!« »Was noch?« Das klang wie ein Schrei niedergezwungener Aufregung. »Die Hand könntest du mir geben zum Abschied.« Ein Achselzucken: »Wenn dem jungen Herrn daran liegt«, und widerwillig, mit zusammengepreßten Lippen, um die ein Zucken ging, und niedergeschlagenen Augen bot sie ihm die Rechte. Es war um sie sehr stille geworden. Der Sturm verschnaufte, der vordem ungestüm trotz der dicken Mauern einen schrillen Laut in ihre Reden hineingerufen. Zwischen ihnen beiden züngelte dies eine, arme Kerzenlicht. Er hielt, nachdenklich und jenes sonderbare Herrenlächeln um den Mund, das sie an ihm liebte und fürchtete, ihre Hand, streichelte sie, spielte damit, und ihr war dabei recht zum Weinen. Durch die Stille drang ein kreischender Ton. Ihr ward zum Umsinken. Sie erschrak. Ihr Herzschlag setzte aus; das große Schloßtor ward zugetan. So ganz aus der Zeit ist sie gewesen, daß sie's viel später gemeint, als es in der Stunde war. Und nun war sie abgeschieden von aller Welt und eingeschlossen mit ihm. Sie durfte ihn nicht ansehen. Denn sonst wüßt er alles, was in ihr war. Und das durfte nicht sein. »Hanka!« »Was, junger Herr?«, und ein trauriges Lächeln, da sie ihn nun, zum erstenmal, ansah. »Bleib bei mir, Hanka!« Sie schüttelte abwehrend den Kopf. Draußen aber grellte der Sturm auf. Er rasselte über das Dach. Er winselte wie ein kranker Hund. Er zerrte, wie gewalttätig ein Obdach heischend, mit Macht an allen Läden. Und der junge Branicky ward blaß und sah sie flehend an: »Bleib bei mir, Hanka! Ich fürcht mich so.« Sie fühlte seine Arme um sich. Was die doch für eine Gewalt hatten. Wie schwer sie nur waren und sie niederzogen. Und ihre Knie gehorchten nicht, und sie konnte sich nur mit Not und allem Willen aufrecht erhalten. Und was für ein Licht in der Stube war. So eine große, große Helle, der sie zutaumelte, um verschlungen zu sein von ihr ... Fortab blieb die Hanka Dwořák im Schlosse. Da sie aber am sehr hellen Sonntagsmorgen zur Kirche ging noch lagen allenthalben ihr im Weg Reiser und Zweige der Sturmnacht –, da machte sie der Mutter Gottes ein recht verschmitztes Gesicht ... »Ihr Glück hat sie gemacht, die Hanka«, begann am Weiher eine der Mägde, zu denen sich das Mädchen nun nicht mehr gesellte. »Ja, ein Glück! Nicht rühren möcht ich daran«, rief eine andere dazwischen. Die Burschen aber stießen sich an, pafften stärker und grinsten breitmächtig: »Was die nun großartig ist, wenn man sie hört!« »Wird aber nicht dauern, das Glück«, meinte wieder eine melancholisch. »Schad't nix, ihr Glück hat sie gemacht, die Hanka. Eine Durchtriebene war sie immer. Er hat viel Geld, und so krank ist er und ihr dankbar. Und so ein nobler Herr war er immer, und er wird sie nicht vergessen, wenn er einmal fortgeht.« »Vielleicht heiratet er sie gar. Man hat derlei schon erlebt«, piepte dazwischen eine ganz Junge, den Kopf noch voll romantischer Vorstellungen. Gekicher. Dann, als ein unternehmender Jüngling, so ein rechter Spaßvogel, gar den Pfarrer und seinen grundtiefen Baß nachahmend, die ehrsame Jungfrau Hanka Dwořák und den hochgeborenen Herrn Friedrich Branicky auf Wranow verkündigte, ein helles Gelächter. Die Naive aber schämte sich ihrer Dummheit sehr, so daß sie einen heißen Kopf bekam. »Ihr Glück hat sie gemacht, die Hanka«, klang es vielstimmig durch das ganze Dorf. Auch um Herrn Dwořák, wenn der als ein gesetzter Familienvater sich gelegentlich wieder einmal im Wirtshaus zeigte und nachdenklich als ein Denker hinter seinem Glase Bier saß, das er sich nun öfter vergönnte. Freilich – man sprach ihm nicht davon. Wozu ihm die Freude einer Komödie der sittlichen Entrüstung verschaffen, ohne die es bei ihm nun einmal nicht ging? Denn er war ein muckischer und hinterhältiger Geselle, der es mit keinem anderen und vielleicht mit sich selber nicht so recht gut meinte. Aber die Worte klangen ihm aus jedem Gruß entgegen. Er war noch mehr als vordem eine Respektsperson unter diesen armen Kleinhäuslern. Du lieber Gott! – er mochte tun, wie er wollte, er stand nun doch in der allerunmittelbarsten Beziehung zur Herrschaft und konnte nützen oder schaden. Und wenn der alte Dwořák einem was heimzuzahlen hatte oder er konnte einem lieben Nächsten nur und, fest und hinterrücks eines aufsalzen, so tat es der schlechte Duckmäuser gewiß! Es war aber dem Müller gar nicht danach. Im Gegenteil: ihm war sehr jammervoll und so zumut, als hätte ihn der liebe Gott ganz verlassen. Ja, man hatte eben nie einen rechten Dank von den Kindern. Gut, die Hanka hatte ihr Glück gemacht. Aber wem dankte sie's? Wem? Doch nur ihm. Denn hätte er sie nicht im teuern Kloster was lernen lassen, sie nicht von Jugend auf tüchtig zur Arbeit angehalten, so wäre sie doch nie zu so was gekommen. Oder wie denn? Und anfangs, wie die Geschichte ruchbar ward, da hatte er sich im Kämmerlein die Hände gerieben und seinen Hut schief gerückt, wie einer, der sich die Welt kaufen will. Der Hut kam wieder, wohin es sich gehörte. Vor der Hanka aber hatte er ein finsteres Gesicht gemacht und ihr Moral gepredigt. Natürlich – er wußte doch, was sich schickt und was ein Vater zu tun hat in einem solchen Fall, wenn er schon seit seinen besten Jahren ein betrübter Witwer ist und nur nicht geheiratet hat, damit sein einziges Kind keine Stiefmutter kriegt. Geopfert hat er sich für sie. Und nun? Nicht einmal ihren Lohn gab sie ihm. Kein Mensch ahnte, wo sie das viele schöne Geld hintat. Und ermahnte er sie zum Guten, so lachte sie ihm ins Gesicht, die alberne Person, die niemals einen ordentlichen Respekt vor ihm oder dem vierten Gebot gehabt. Und er hätte so viele Wünsche auf dem Herzen gehabt! Da war eine Wiese. Mitten durch seine Felder schnitt sie ihm, und der Verwalter, dieser Räuber, wollte sie ihm nicht verkaufen, so daß man sich auf seinem eigenen Grund nicht einmal ordentlich rühren konnte. Rein aus Bosheit tat er so. Weil er einen drangsalieren mußte, sonst schmeckte ihm sein Bier nickt. Daß er daran ersticken würde! Und der Pacht ging zu Ende, und man hätt ihn jetzt so kommod und auf lang hinaus und wie unter Brüdern und Blutsfreunden festlegen können. Und die Hanka wollte kein Wort reden, der schlechte Racker. Nicht um die Wiese, nicht um den Pacht. Und wollte sie nun einmal nicht, so gab's gegen sie niemals ein Mittel. Nicht, wie sie noch Kind war. Ja, man hatte sein Kreuz auf der Welt! Und man durfte den Leuten nicht einmal zeigen, wie arg heimgesucht man war. Sonst spotteten sie einen noch aus oder hielten ihn für dumm. Es tut aber weh, so in seinen begründetsten Hoffnungen betrogen zu werden. Einen haben, der dort ist, wo es die Dukaten schneit, und er will sich nicht einmal bücken um den lieben Segen! Aber, wenn sie ihn einmal brauchen würde, die Hanka! Sie sollte spüren, was ein gekränkter Vater kann. Ganz seiner, das heißt eines wahren Weisen würdig, benahm sich in der Sache nur einer. Und das war Hynek Potřemba. Daß etwas vorging, hatte niemand so zeitig gewußt wie er. Nicht einmal sagen hätt er können, woher er es wußte. Er war aber einmal von Natur hellsichtig und verstand sich Zeichen zu deuten, an denen Dümmere stumpf und blind vorübergingen. Nur, in welcher Richtung sich etwas begab, das war ihm dunkel und schaffte ihm schwere Gedanken, wenn er gesammelten Geistes und überlegend vor seiner Kerze saß. Nicht als wäre ihm die Tatsache an sich gleichgültig gewesen. Es gibt Dinge, die man tausendmal in seine Rechnung gezogen haben darf, so daß man meint, so ausgesöhnt mit ihnen zu sein, als dürften sie jede Stunde eintreten und sie würden einen aber schon gar nicht mehr berühren – und nun werden sie wirklich, und es ist dennoch ein entschiedenes Mißbehagen, das sie mit sich bringen. Hynek regte sich auf, kränkte sich sogar in seiner verschlossenen Weise. Nun hätte sie ihm Zigarren bringen dürfen – er hätte sie gewißlich nicht geraucht. Der Weise aber überwindet solche Wallungen und läßt sich dadurch nicht beirren, über den verdrießlichen Augenblick hinweg sein eigentlichstes Ziel im Visier zu behalten. Ihm allein geht aber auch alles zum Guten aus; seiner gelassenen Seele entwirrt sich, worin die Narren wie in einem Fischernetz verfangen werden und sich abzappeln. Angebandelt hatte die Hanka nun einmal. Das war ein fatales Faktum. Aber sie hatte sich durchaus nicht weggeworfen. Im Gegenteil. Und für jeden, mit dem sie im Schloß zu tun bekommen konnte, wäre sie eine gute Partie gewesen. Keiner, ohne Ausnahme, durfte daran denken, sie nur als Geliebte zu nehmen, die man wegtut, wenn man genug davon hat. Jeder machte einen Treffer, wenn er sie bekam. Denn sie war ein schönes Mädel, sie konnte arbeiten, war eine brave Person und reich – reicher, als einer außer dem Hynek so genau wissen konnte. Sogar vor dem jungen Förster hätte er sich fürchten müssen, er werde ernst machen trotz grünem Rock und Studien. Nur bei einem war jeder Gedanke an eine Ehe so unbedingt ausgeschlossen, als war er ein Priester. Und just mit dem hatte sie sich eingelassen! Wenn das nicht Glück war – so gab es keines! Und so, während ihm oftmals ganz ungemütlich ward beim Gedanken an den jungen Herrn und die Hanka, in allen Bitternissen einer törichten Eifersucht, die ihn manchmal beschlichen, genoß Hynek das Glück und die einzig süße Befriedigung des klugen Mannes, dem ein würdiges und lange ersehntes Ziel eben durch jene Widerwärtigkeiten greifbarer und näher, ja unentrinnlich wird. Das war ein Übergangerl, was die Hanka durchmachte. Darüber regt man sich nicht auf – denn nur dadurch kam sie doch dahin, wo man sie wollte. Wie oft und wie ernst der junge Branicky gerade daran dachte, was dem Mühlknappen so ganz außer aller Möglichkeit zu liegen schien, dies ahnte der Hynek zu seinem Heile und zum Heil seines Seelenfriedens nicht, um den es sonst für gute Zeit geschehen gewesen wäre. Denn das Mädchen war dem jungen Baron sehr wert geworden. Mit jedem Tag, den sie um ihn war, wurde sie ihm teurer. Sie war gut und uneigennützig, und sie sorgte für ihn mit einer immer gleichen Hingebung, die keine Arbeit und keine Stunde verdroß. Sie kommandierte mit ihm freilich herum. Nun, das war nun einmal ihre Art: sie machte ihm Spaß, und vielleicht brauchte er just so etwas, das ihn meisterte und kurzhielt, sollte er jemals genesen und in die Welt. Man würde ihn freilich enterben. Und mit dem Kämmerer war es aus für seine Nachkommen. Das verschlug ihm nichts. Was man ihm nicht nehmen konnte, was sein vollkommen freies Eigentum vom Großvater her war, das war überreichlich genug für ihn und sie. Und – der Gedanke kitzelte ihn allmächtig, seiner Familie und besonders der alten Durchlaucht mit dieser Schwiegerenkelin eine rechte Freude zu machen. Das gäbe Augen, wie sie noch nie geguckt wurden. Er mußte oftmals hell lachen, wenn er sich die Wirkung bis ins kleinste ausgemalt, die Fürstin mit ihrem »Wieder so ein Streich dieses guten und nicht ganz zurechnungsfähigen Bedřich« sich vorgestellt. Dann sah ihn die Hanka verdutzt und neugierig an. Davon aber sprach er ihr niemals. Und sie dachte mit keinem Gedanken daran. Das gibt es nicht, seit es eine Herrschaft und Dorfleute gibt. Ihm aber stand nur ein Hindernis im Wege: er war noch nicht großjährig, und sie würden ihn gewiß nicht vor seiner Zeit mündig machen. Und wenn er sich wieder einmal seines Zustandes klar wurde, so betete er um nichts, nur daß er diese Frist erlebe. Während es aber um sie also munkelte und schwirrte, während man sich in Hrádek, genau durch den Verwalter informiert, über die jüngste Affäre und den sonderbaren Geschmack dieses Schmerzenskindes mokierte, genossen diese beiden, was dennoch Glück war. Und das Gefühl seines nahen und von der Natur selbst gesetzten Endes erhöhte alles, was sie füreinander hatten, ein Taumeltrunk und eine Würze, getan in den allerstärksten Wein.   Also verging der Sommer. Er verrann ihnen gesegnet und in rechter Fülle, die jeden Wunsch stillt und keinem Gedanken Raum gönnt, der über die nächste Gegenwart hinausschweifen will. Bis tief in den September hinein war es schön und warm geblieben. Desto mächtiger und gewaltsamer herbstelte es dann. Ein endloser Regen spann seine grauen Strähnen zwischen dem sehr niedrigen Himmel und der nackten Erde. Er schwemmte das Laub weg, das traurig den Mühlbach hinabtrieb. Er verwusch alle Farben. Die Abende dehnten sich trostlos und so still. Die Schatten, die kaum daraus gewichen waren, krochen wieder durch das Schloß der Branicky und in eine Seele. Nur die Hanka merkte nichts davon. Sie war eins mit der Natur und ihren steten Wandel gewohnt, der den jungen Baron wie ein neues Erlebnis aufregte. Sie war wieder ruhig und in sich geschlossen. Nur reizbarer und manchmal wie verträumt war sie. Sie hatte anderes zu denken. Ihr Sommertraum ging nun zu Ende. Was lag daran? Seine Ewigkeit hatte sie niemals gehofft, und er war köstlich gewesen. Dem jungen Branicky aber ging es mit jedem Tag übler. Erscheinungen, die geschwunden waren, meldeten sich mit einer erschreckenden Heftigkeit wieder. Die letzte Rast, die ihm sein Leiden gegönnt, lief ab. Er dachte an Flucht nach dem Süden. Aber die Hanka? Würde die mit ihm? Und konnte er noch ohne dies sonderbare Mädchen sein, das sich so gar nicht um die eigene Zukunft zu kümmern schien, die ihm solche Sorgen und Erwägungen in seine peinvollen Nächte trug? Sie nahm kein Geschenk von ihm. Nur eine Korallenschnur, deren Kostbarkeit sie nicht ahnte, um den braunen Hals, der so schlank und kräftig den für ihre Gestalt zu kleinen Kopf trug, hatte sie immer. Und einen Ring, das Zeichen ihrer Verbindung, hatt er ihr an jenem Morgen an den Finger gesteckt, der sie verbunden gesehen. Ein Rätsel war sie ihm, in jedem Sinn ein Rätsel. Desto mehr beschäftigte sie ihn. Denn sie war so eigen ernsthaft. Und eine leise Würde war über ihr. Lange konnte sie stumm nachdenken. Aber unglücklich oder nur irgendwie gedrückt schien sie ihm nicht. Denn in ihren dunklen Augen war immer ein goldiges Licht, als hätten sie den Glanz aller Sonnen in sich gesogen, und der quelle nun vor, die sie gemeinsam genossen. Alles Gerede war verstummt, da man sah, wie frei und unbekümmert darum sie sich zueinander bekannten. Nur der alte Dwořák konnte sich mit seinem Geschick nicht aussöhnen, das ihn zum Darben verurteilte, wo ihm nach allem Recht die Fülle hätte werden müssen. Er hatte die merkwürdigsten Träume. Er stand vor Haufen Goldes, und etwas stak ihm im Leib, und er konnte sich nicht bücken. Warf er sich zur Erde, dann war's unmöglich, sich mit seinem Raube zu erheben. Er verkümmerte ordentlich. Und nur die Schadenfreude, wie das mit der Hanka endigen und wie sie sich danach benehmen würde, hielt ihn noch aufrecht. Denn eine Strafe mußte und sie sollte ihr vergönnt sein. Mochte sie dann nur jammern und spüren, wie das tut, wenn man um all seine Hoffnungen geprellt worden. Sein Kind war sie nicht mehr, der Nickel! Ein grauer Morgen war aufgekrochen. Mühselig, wie nach einer durchwachten und verdrießlichen Nacht, langsam, als sei er gar nicht neugierig, zu sehen, was sich auf dieser garstigen und lehmfarbenen Erde begeben. Es war eine frostige Luft. »Hanka!« »Was will der junge Herr?« »Hanka – komm zu mir. Näher, ganz nah. Ich hab keinen Atem mehr und möcht dir was sagen, was kein Mensch hören soll.« Sie setzte sich auf sein Bett. »Hat's gar so Eile, junger Herr?« »Es hat. Hanka – es geht zum End.« Sie verfärbte sich, so bestimmt sie gewußt hatte, das müßte kommen und bald kommen. Aber sie faßte sich: »Und wann wird der junge Herr reisen?« »Reisen werd ich nicht mehr, Hanka ...« »Da red't der junge Herr wieder wie ein rechter Narr. Ich werde noch heute seinen Koffer packen. Da hier ist jetzt kein Leben für den jungen Herrn.« »Du bist ein braves Mädel, Hanka, und ich habe dich sehr lieb.« »Hab ich schon einmal gehört. Weiß ich schon. Hätt's erwarten können, bis ich mit dem Aufräumen wäre fertig gewesen.« Er fingerte an ihrer Hand. »Mir ist's nicht ums Dummheiten machen ...« »Es scheint doch«, lachte sie, um ja nicht merken zu lassen, wie beklemmt sie sei. »Hanka – es geht mit mir zum End.« »Hat mir der junge Herr schon einmal erzählt. Davon will ich nichts wissen. Das tu ich nun einmal nicht glauben.« »Wirst's schon glauben müssen. Seit heute nacht weiß ich's. Ich gehe nicht mehr fort von hier. Auf meinen Füßen sicher nicht.« »Der junge Herr soll nicht so reden«, schrie sie auf. »Ich leid's nicht.« Er sprach unendlich leise. Und über seiner Stimme lag's wie ein Flor: »Arme Hanka. Dir wird's leid tun um mich ...« »Barmherziger Jesus. Leid, sehr leid.« »Und ich möcht gern was für dich tun, Hanka.« Ein ernsthaftes Kopfschütteln. »Ich nehm nichts. Nichts, was man für einen Groschen zu kaufen kriegt.« »Hanka!« »Nix. Ich hab's gesagt. Und was die Hanka Dwořák sagt, gilt in Ewigkeit.« Ich möcht dir aber gerne etwas lassen für alle deine Liebe und Gutheit ...« Ein eigentümliches Lächeln. Etwas verschämt und dennoch freudig von innen heraus: »Darüber muß sich der junge Herr nur keine Gedanken machen ...« »Wenn ich es aber dennoch tue.« »Er soll es nicht, es ist nicht nötig, daß er sich das Herz noch schwerer macht, als es ihm schon ist. Ich werde etwas haben, was mich immer erinnert auf ihn ...« »Hanka!« Er richtete sich halb auf, stützte sich auf den Ellenbogen, sah ihr angespannt in die Augen. Mit einer Verzweiflung. Sie nickte ernsthaft mit dem Kopfe und erwiderte seinen Blick. Er aber schrie auf: »Das wäre aber schrecklich, Hanka!« »Ja, warum wär es schrecklich? Wen geht's was an, wenn nicht mich?« Er vergrub sein Gesicht in den Kissen und stöhnte. Sie ließ ihn ein Weilchen verwundert gewähren. Dann, mit einer unendlich mütterlichen Gebärde, neigte sie sich zu ihm und hob ihn, der sich in seiner Aufregung sperrte und bitterlich, wie ein krankes Kind, weinte, mit ach so leichter Mühe zu sich empor: »Der junge Herr muß sich nicht so kränken um mich. Gleich wird ihm schlechter sein ...« »Ich tu's nicht um dich.« »Ja, warum denn?« »Um das Kind.« Das war ein röchelnder Aufschrei. Sie verstand ihn nicht. »Soll er nicht. Daß es nicht nach dem jungen Herrn heißen wird, hab ich doch eh gewußt. Ich hab den jungen Herrn liebgehabt. Ich will's auch schon liebhaben.« Er war ganz fassungslos: »Aber ich bin krank, Hanka.« »Nun?« »Du begreifst immer noch nicht?« »Nein. Ich bin ein dummes Mädel. So soll mir's der junge Herr erklären.« »Und ich habe es mit der Lunge, und also wird es das Kind auch damit haben und wird ohne ehrlichen Namen und siech sein.« »Woher weiß der junge Herr das alles? Glaub ich nicht.« »Es ist aber so.« »Glaub ich nicht.« Sie legte seinen Arm um ihren Hals, und eindringlich sprach sie: »Glaub ich nicht. Ich weiß auch, da war der Schullehrer, der hat's damit gehabt. Und was sie von Kindern gehabt haben, das ist gestorben noch vor ihnen. Aber sie hat doch auch ausgesehen, als käm nur ein schlechtes Wasser und kein Blut, wenn man stechen möcht in sie. Und gehungert haben sie mehr als genug, und keines hat eine ordentliche Pflege gehabt. Wird bei mir anders sein. Glaub ich nicht.« Und sie streichelte ihm die mageren Wangen. »Junger Herr, mein Bedřich, kränk dir nicht das arme Seelchen.« Und das Du , das sie niemals trotz seines Wunsches über die Lippen gebracht, es floß ihr nun vom Munde. »Da kannst du nichts ändern, Hanka.« Sie ließ ihn sehr sacht niedergleiten. Dann richtete sie sich auf. In ihrer prächtigen Kraft, in ihrer ganzen schönen Gesundheit stand sie, ihrer selbst bewußt, vor ihm: »Ein dummes Mädel bin ich, junger Herr. Aber eines weiß ich, weil ich's gesehen habe mit meinen eigenen Augen und nicht einmal, sondern vielmals, und in jedem Frühjahr: nachdem der Boden ist, danach wächst es auf ihm. Ist der junge Herr krank, so bin ich desto gesünder, und ich glaube, mein Kind ist es am Ende doch auch.« »Wie stark du nur bist, Hanka.« Sie lächelte: »Eines muß es wohl sein. Und ich sag dir, Bedřich, es wird leben, und ich werde darauf schon achtgeben, daß es mir gesund bleibt und stark wird ...« »Und was willst du damit?« »Bedřich soll er heißen. Und ein ordentlicher Mensch soll er werden, daß jeder seine Freude mit ihm hat. Und kommt er zu seinen Jahren, so will ich ihm sagen: der und das war dein Vater, und er hat von dir fort müssen, ehe du noch gelebt hast ...« »Und meinst du nicht, er wird schlecht von dir denken?« »Möcht ich ihm zeigen, dem Lumpen!« »Hanka!« Er richtete sich mit großer Mühe auf. Sie legte sein Haupt an ihre junge Brust. Dann: »Nun ist's genug, Bedřich. Der junge Herr muß schlafen.«   Es war um den Notar in die Stadt geschickt worden. Er kam und hatte eine lange Konferenz mit Friedrich Branicky, in der sein juristisches Wissen vor dem entschiedenen Willen des Kranken unterlag. Dann jagte ein reitender Bote durch die kahlen Wälder mit einer Depesche nach Wien. Dann standen sie im Schloßhof in ängstlichen Gruppen. Der Tod war im Vorhaus. Ein Blutsturz war zur Nacht über den jungen Herrn gekommen und keine Rettung mehr. Und die Dörfler harrten vor der Türe, bis der Herr Dechant, trotz des mürrischen Wetters er selber, mit dem klingelnden Ministranten vor sich und dem heiligsten Gut in der Hand vorüberschritt, knieten nieder und taten ein frommes Gebetlein. So geschah's auch vor der Mühle. Da zwinkerte Hynek dem grauen Himmel entgegen, die Müllerbürschen um ihn. Und einer meinte, als der traurige Zug vorüber war: »Nun wird unsere Hanka wohl sehr weinen.« »Wird sie? Kann schon sein. Er war ein sehr guter Herr zu ihr gewesen«, antwortete der Hynek. »So sehr weinen wird sie. Erbarmen wird es einen.« »Weil sie ein christliches Gefühl in sich hat und sie das junge Blut erbarmt, das sie so lange gepflegt hat.« »Wie eine Witwe tun wird sie. Ganz wie eine Witwe, nur nicht in Schwarz.« Der Hynek antwortete nichts. Nur sehr scheel sah er den anderen an. »Und stärker ist sie geworden. Und man meint ...« Was man meine, sagte er nicht. Das lag in dem unverschämten Blinzeln seiner Augen. Er war auch nicht weitergekommen. Denn nun kam ihm eine Erleuchtung, und es schien dem Hynek der Augenblick zu einer Tat. Mit einem einzigen Streich schlug er den anderen nieder, daß er platt und schmerzlich verdutzt dalag: »Lump, elendiger! Ich werde dir zeigen, mein Kind zu einem Bankert zu machen, noch eh's auf der Welt ist.« Mit diesem einen Schlag hatte alles Gerede ein Ende. Keiner verlangte sich den andern. Und in allem ihrem Leid dankte es ihm die Hanka, daß er ihr Ruhe geschafft. Und dann erfüllte sich das Schloß mit düsterem Trauerpomp. Und alles kam, selbst des Herrn Dechanten Rede kam bis aufs Wort, wie der verlorene Mann sie in seinen Visionen vernommen. Auch die Nachrede. Nur das junge Weib hatte er nicht geahnt, das im dunkelsten Winkel der Kirche kniete und mit Gewalt an sich hielt, um nicht seinen ganzen Schmerz zu zeigen, das nicht zu bewegen war, im Leichenzuge mitzugehen, obzwar es der Pflegerin des Toten gebührt hätte. Sie wollte sich nicht hämisch und feindselig von seiner Sippe begaffen lassen. So galten ihm ehrliche Tränen. Ihr Vater hat sich mit ihr ausgesöhnt. Denn man berief ihn aufs Schloß, verlängerte ihm den Pacht und gab ihm eine ansehnliche Summe als Legat für die treue Pflege des jungen Barons und, meinte der Verwalter, bei dem es ohne etwas Heimtücke nicht abging, zugleich als eine Abfindung und einen Erziehungsbeitrag. Davon aber erfuhr die Hanka nichts. Es gibt Dinge, von denen Kinder nichts zu wissen brauchen. Auf der Mühle haust nunmehr seit Jahren das Geschlecht der Potřemba. Es sind gewalttätige Buben. Käme ihnen der Teufel selbst in die Quere, so hat er von Glück zu reden, wenn er ungezaust und nur mit einem blauen Auge entrinnt. Der wildeste und begabteste war von Anbeginn der älteste. Der Müller sitzt so recht warm im Glück. Denn ihm gedeiht alles zum Segen. Und er darf sich was zugute tun auf sein Glück und seinen Reichtum. Nicht ohne Kampf, vielmehr als Lohn seiner weisen Lebensführung sind sie ihm doch geworden. Die Hanka herrscht im Hause mit dem Recht des Selbstverständlichen. Einmal, nach zehn Jahren, kam die Herrschaft wieder einmal nach Groß-Wranowitz. Ein brauner Junge stand gerade über einem Knaben und hämmerte nachdrücklich mit Gewissenhaftigkeit auf ihn los. Die Baronin faßt' ihn ins Auge und stieß die alte Durchlaucht, die steinern zu ihrer Rechten saß, an: »Erinnert er dich nicht an wen? Nur stärker ist er, als der jemals war.« Die Fürstin hob ihr Lorgnon, das sie noch hochmütiger erscheinen ließ. Dann: »Kann sein, man hätte doch nicht herkommen sollen. Das sind fatale Reminiszenzen. Aber – wenn der Name aus dem Spiele bleibt, so könnte man um des armen Bedřich willen ein Weiteres für den Buben tun. Wär er nur nicht immer so du mauvais goût (franz.) von schlechtem Geschmack. gewesen!« Gegenwärtig macht Dr. Bedřich Potřemba, nachdem er die medizinischen Studien an der Universität zu Wien löblich absolviert hat, seine Spitalpraxis. Ein sehr gescheiter und tüchtiger Mensch, nur von einem Jähzorn, der bei seiner ungemeinen Körperkraft nicht unbedenklich ist. Er genoß ein Stipendium der Herrschaft und kann, wenn er nur will, jeden Tag als Gutsarzt angestellt sein. Die Nähe seiner Mutter, an der er mit einer ausschließlichen Leidenschaft hängt, würde ihn allerdings locken, und er hat jene starken Bezüge zur Heimat in sich, denen ein Leben im Wald, auf dem Dorfe, mit den Bauern durchaus wünschenswert erscheint. Seine Lehrer und Freunde meinen aber, es wäre schade, wenn er mit seinen Mitteln, seinem Wissen und seinen Fähigkeiten sich in ein Dorf vergrübe, um da zu versauern. Denn man hat ihn gern, ja, er dominiert durch seine Genußfreudigkeit, durch seine Ehrlichkeit, die so gar nicht slawisch ist. Auch hält ihn die Stadt noch. Und so schwankt er und kann sich nicht entscheiden ... Cyrill Wallenta »Also, du willst mir wirklich nichts mehr einschenken, Moses?« »Bei Gott, und keinen Tropfen nicht mehr.« »Ich zahl aber für alle!« »Und wer zahlt für dich, mein Söhnchen?« Der Bursche sah den Schenkwirt mit allerschlausten Zwinkeraugen an. »Du heißt mich dein Söhnchen. Also, du wirst doch keine Angst haben und mich kränken, Moses? Wegen so paar lumpige Groschen! Du weißt doch, ich hab immer wieder gezahlt. Und du bist kein solcher Wucherer wie der Naz. Du hast doch ein Gefühl in dir und wirst einen Christenmenschen nicht verdursten lassen.« »Ja, immer wieder hast du gezahlt, und einmal wirst du vergessen.« »Wennschon? Wirst alsdann genug an mir verdient haben, daß du's mit der schwarzen Kreide kannst in den Rauchfang schreiben. Und diesmal zahl ich sicherlich. Ich krieg bald viel Geld. Du weißt, ich halt immer mein Wort.« Er sah den Wirt fast drohend an. Moses schwankte. Dann gab er sich einen Ruck. »Es ist genug für einen Tag, und ich will sperren.« »Die aber dürfen weitersaufen? Die haben jeder sein Glas voll.« »Die trinken an einem Abend, was du in einer Stunde. Hättest du halt auch gespart!« »Hast recht, mein Wohltäter. Aber warum tun sie das? Weil sie ein Volk sind, alt, und sie gönnen nicht einmal sich was und einem andern schon gar nicht. Wir aber sind jung, und wir meinen's uns gut und dir erst recht gut. Verdienen sollst du, Bruderherz, und reich werden.« »Ist schon gut. Das muß aber nicht auf einmal sein. Und für heute ist es demnach genug.« »Also kein Glas Schnaps mehr? Damit man sich nicht erkältet auf der Straße?« »Kein Glas Schnaps.« »Nicht einmal ein Gläschen? Oder wenigstens ein Bier, damit man es nicht so leer hat in sich? Zapletal! Zeig du, wer du bist und daß es noch Leute im Dorf gibt, die ein Geld haben.« Zapletal, der am Bauerntisch saß, zuckte zusammen und schielte höhnisch nach dem Burschen, entgegnete aber kein Wort. Der Wirt drängte. »Nichts, gar nichts kriegst.« »So schenk mir wenigstens eine Zigarre auf den Weg. Eine, wie du sie rauchst.« »Heut ist Freitagabend, und da rauch ich nicht.« »Was geht mich dein Sabbat an? Eine Zigarre will ich haben, die nicht auf die Rechnung kommt. Wirst mich nicht anders los, Moses!« Moses mußte lachen. »Da hast, Bettler.« Der Bursche steckte sie sehr umständlich an. Alsdann legte er eine Hand schwer auf die Schulter des andern und sog mit Macht an seiner Zigarre. »Nichts Gutes gönnst du mir. Keine Luft hat sie, mein Väterchen. Aber ich will schon fertig werden mit euch. Ich hab eine gesunde Lunge, und ich halt schon was aus. Und keinen Bettler schimpfen mußt du mich nicht. Und nun – gute Nacht, meine Gönner!« Und er verbeugte sich sehr höflich vor jedem einzelnen. Ganz stramm, in etwas steifer, militärischer Haltung, die Urlaubermütze schief gesetzt, verließ er die Stube an der Spitze seiner getreuen und anhänglichen Kumpane. Dann hörte man seine Stimme ein Schelmenlied durch die stillen Gassen jauchzen und eine Erörterung mit dem Nachtwächter, sehr umständlich und nur zu dem Zweck sehr laut geführt, damit das ganze Dorf rebellisch werde. Denn alle Wachthunde fühlten sich beunruhigt und also veranlaßt, Stellung in der Streitfrage zu nehmen. Sowie es völlig ruhig geworden war, zahlten die andern und gingen heimwärts, wie es bedachten und besonnenen Bauern und Häuslern ziemt, denen es nicht taugt, sich anstänkern zu lassen. Zwei nahmen Zapletal unter die Arme und führten ihn. Denn er hatte es arg mit den Beinen. Die Stube war erfüllt von dickem Rauch nach schlechtem Tabak und Branntweingeruch. »So ein Bauer! Ehe er nicht erstickt, glaubt er nicht, daß ihm wohl ist, der Bauer!« So brummte der Wirt, stieß ein Fenster auf und ließ die kühle Abendluft ein. Die Petroleumlampe schwankte im Wehen; sie qualmte hoch auf, und ihr stickiger und brenzelnder Mißduft erfüllte das Zimmer. Eine tschechische Magd, die kein deutsches Wort in ihren dicken Kopf bringen konnte, wusch die Gläser und Gläschen und fegte notdürftig am Boden. Die Wirtin ordnete die Geldsorten, hüstelte und seufzte manchmal tief und asthmatisch. »Ich spür meine Beine gar nicht mehr unter mir. Und immer schwerer wird es, das blutige Leben zu verdienen.« Er sah ihr zu. »Hast recht, Sali, mein Kind! Immer schwerer wird's. Ein ander Geschäft wenn man sich nur wüßt, gleich möcht ich's anfangen. Alles läßt aufschreiben. Mahnt man oder klagt man, so wissen sie nicht, was sie einem antun sollen. Und wenn man die Pacht nicht auf die Stunde niederlegt, gleich droht einem der Graf, er wird uns rausschmeißen. Was seine Prozesse fressen, das möcht er an uns herausschinden.« Die Wirtin zählte die Striche am grünen Wandschränkchen: »Cyrill Wallenta ist sieben Gulden fünfunddreißig Kreuzer schuldig.« »Ist viel Geld. Man wird ihm aber doch weiter borgen müssen.« »Er ist aber nicht gut für so viele schlechte Groschen!« Moses strich sich liebkosend über das dem Sabbat zu Ehren glattrasierte Gesicht: »Ja. Aber einen großen Anhang hat er, und er geht mir sonst mit seinen Kameraden zum Naz. Getanzt wird doch nicht bei uns, muß man doch gut aufpassen auf sein bissel Kundschaft. Und wenn er ein Geld hat, so zahlt er doch immer.« »Woher nimmt er aber ein Geld? Er arbeitet doch nichts. Was willst du ihm nehmen, wenn er einmal nicht wird zahlen wollen? Er geht nicht in die Zuckerfabrik. Er heiratet nicht und war schon lang in den Jahren dafür.« »Weil er nicht heiratet? Weiß ich, warum er so tut und woher er's nimmt? Geht's mich was an? Von mir, wenn er mir was fürs Gericht macht, läßt er sich's doch niemals zahlen.« »Er ist ein Lump.« »Ein Lump? Aber wollte Gott, der Allgütige, unser Jüngel, der Moritz, hätte seinen Kopf auf sich. So ein Kopf!« Der Wirt geriet in ein andächtiges Neigen des Hauptes, das gar kein Ende nehmen wollte. »Was willst du schon wieder von unserm Jüngel?« »Will ich was von ihm? Er ist gottlob ein braves und ein frommes Jüngel. Aber dem Wallenta sein Kopf! So ein Kopf!« »Er ist aber doch ein Lump!« »Ein Lump? Ich weiß nicht. Aber«, und ein breites Schmunzeln ging über das ganze Gesicht des Wirts, »ein ganz ein niederträchtiger Kerl ist er.«   Also: Cyrill Wallenta war ein ganz ein niederträchtiger Kerl. So hieß ihn Moses Lichtenstern, und das gesamte Dorf war seiner Meinung. Man möcht's aber gar nicht glauben, wie verschiedenen Sinn die gleiche Benennung gewinnen kann. Bei vielen färbte sie der Haß. Bei andern die Bewunderung, ja die unbedingteste Zärtlichkeit. Immer aber klang ein großer Respekt vor dem ganzen Menschen mit. Am 5. Juli 1861 waren der sehr armen Kleinhäuslerin Wallenta Zwillinge beschert worden. Die Patenschaft übernahm der reichste Bauer auf viele Meilen in der Runde, Kajetan Zapletal. Angesichts der besonderen Verdienstlichkeit dieses guten Werks und der ausnehmenden Heiligkeit des Tags Tag der sogenannten Apostel der Slawen, Cyrillus und Methodius. . Natürlich empfingen die Knäblein in der Taufe die Namen nach den gesegneten Landesaposteln. Das eine starb früh. Und Cyrill Wallenta meinte später, es sei ein wahres Glück gewesen. Denn sonst hätte am Ende er etwas »Methodisches« an sich. Und das hätte ihm durchaus nicht gepaßt. Er aber wuchs auf. Kräftig, aber meisterlos. Ein großer Raufer, in der Schule der Beste. Erstaunlich geschickt und würdig beim Ministrieren, das ihm manchen guten Groschen trug. Es ging ihm nichts ab. Er war wenig daheim. Er hielt sich zu seinem Paten oder trieb sich in der Dechantei um. Man hätte ihn gern zum Studium getan, und der sehr reiche Pfarrherr wollte sich seiner annehmen, wenn er geistlich würde. Davon wollte der Bube durchaus nichts wissen, trotz allen Lamentos der Mutter, welch ein Glück er sich und ihr für ihre mühseligen alten Tage damit verscherze. Mit Gewalt aber war bei ihrem Cyrill nicht das mindeste auszurichten. Es gibt keinen so dicken Schädel mehr auf der Welt. Er machte sich gern nützlich, ohne sich darum seiner Unabhängigkeit zu begeben. Befehlen ließ er sich einmal nichts. Was nicht beim Zapletal vorsprach, das erschien beim hochwürdigen Herrn. Und so kannte der Bube früh das ganze Dorf mit allen seinen Bedürfnissen. Er war gesprächig und munter und dabei dennoch von einer erstaunlichen Verschwiegenheit. So wurde er viel zu Gängen und geheimen Aufträgen verwendet; denn sein Pate hatte weitgespannte Geschäfte, in die nicht jeder blicken durfte. Die alte Wallenta starb vor Neugierde. Immer roch sie den Braten, und niemals bekam sie einen Bissen zu schmecken. Denn aus Cyrill war kein Wort herauszubringen. Wollte sie ihn ausforschen, dann sah er sie scheel und spöttisch an und pfiff sich eins. Und wie der Bube nur pfiff! Das war ein Wunder. Die verwickelteste Weise, die er nur einmal gehört, saß fest in ihm. Auf seinen einsamen Gängen pfiff er sich immer etwas vor und sprach vielleicht so aus, was ihn innerlich beschäftigte. Denn ohne Ungeselligkeit, war er gern für sich. Später kaufte er sich für sein erspartes Geld eine Ziehharmonika. Die hatte er bald weg, daß der blinde Jindrak ein Stümper neben ihm war. Und der lebte doch davon! Wenn Cyrill an einem linden Sommerabend vor der Chaluppe Baufällige Hütte. seiner Mutter saß und sich mit seinem Blasebalg vergnügte, so verweilten sich die spazierenden Liebespärchen vor ihm, standen umher und horchten. Die Geige aber mocht er nicht lernen, obwohl ihn der Herr Lehrer, der für einen feinen Künstler galt, umsonst darin unterweisen wollte. Er las kein Buch. Alles flog ihm so zu, und ihm blieb unverloren, was er jemals hörte. Zu Schreibereien ließ er sich willig verwenden und schlug manchmal Änderungen vor, die einen ganz guten Sinn hatten. Und so vergingen die Jahre. Schon fegte sich mit der Anerkennung seiner Gaben das Bedauern, daß er so gar keinen rechten Gebrauch davon machen wollte. Dann war er zum Militär genommen worden. Seine Ziehharmonika ging mit, und er spielte beim Abschied den andern auf dem traurigen Marsch zur Stadt darauf vor, daß sie übermütig wie richtige Rekruten in ihr aufzogen. Die andern seines Jahrgangs waren verabschiedet worden. Wallenta hatte es damals schon, nach drei Jahren, zum Feldwebel gebracht, und man erzählte Wunder, in welcher Gunst er bei den Herren Offizieren stünde. So war er auch in der Ferne eine wichtige Person und Gegenstand mancher mütterlichen Sorge. Er kam nicht einmal auf Urlaub heim. Ohne Unterbrechung diente er weiter. Volle zehn Jahre blieb er in der Fremde. Seine Mutter war darüber gestorben, und wenn nicht immer Neue zu seinem Regiment eingerückt wären, die Kunde von ihm brachten, so war er für das Dorf völlig verschollen. Denn zu einem Brief schwang er sich nicht auf. An wen denn? Endlich kam er heim, den Anspruch auf eine Versorgung im Staatsdienst in der Tasche. Er richtete sich in der Hütte seiner Mutter ein. Was er da wolle? Ja, sich ausruhen nach der vielen Schinderei bei den Soldaten. Das sei keine Kleinigkeit mit all dem dummen Volk. Ob er hierzubleiben gedenke? Kaum. Oder doch eine Zeit. Je nachdem es ihm gefallen werde. Er hatte sich in alle den Jahren wenig verändert. Er sah sehr jung aus. Denn er hatte strohblondes, zerzaustes Haar, wie einer, der einmal da und wieder dort schläft, auch ganze Nächte durchlumpt, sich am Mühlbach wäscht und mit den Fingern kämmt. Er hatte etwas Zierliches von Gestalt, und man sah ihm seine ungemeine Kraft nicht an. Darum machte es ihm Spaß, einen Raufbold erst mit Schüchternheit zu ermutigen, ehe er ihn plötzlich anfiel und niederwarf. Er hatte ein breites, fahles, bartloses Gesicht. Die Augen aber staken voll Spitzbüberei, und welches Mädel er damit ansah, das mußte rot werden. Dazu kam, daß er unter den Burschen, die doch meist unter ihm gedient, einen großen Anhang hatte. Sie zogen mit ihm um. Er ließ sich jeden gefallen und wußte von ihnen alles, ohne sich einem zu offenbaren. Nachdem er seine Hütte verkauft, richtete er sich nirgends mehr ein, sondern zigeunerte nur, so wie ein richtiger Zigeuner. Und zu allerhand Niederträchtigkeiten lernte er sein Gefolge an. Um keine Arbeit kümmerte er sich. Zum stetigen Bauernwesen taugte er nicht. Fürs Tagewerken war er sich zu gut. Er ging viel in die Stadt und zu Gericht, angeblich in seinen eigenen Sachen. In der Umgebung aber spotteten sie. Ganz Zahlenowitz habe der Zapletal, aufgefressen. So hätten sie nur noch einen einzigen Bauern darin. Und das Dorf sei so arm, daß sie jetzt mit einem einzigen Hahn genug hätten: mit Cyrill Wallenta.   Einige Zeit nach seiner Heimkehr hatten die Beziehungen des Feldwebels zu Kajetan Zapletal wieder begonnen. Es hatte sich inzwischen der Großbauer zum andernmal verheiratet. Seine erste Frau hatte er rein des Geldes willen genommen, und die Kinder waren ihnen weggestorben. Nun bei Jahren und kränkelnd, freite er ganz nach seiner Wahl. Er war allerdings wohl zu alt für sein neues Weib. Wenn man schon aber viele und beständige Schmerzen hat, so liebt man doppelt ein hübsches und freundliches Gesicht, bei dessen Anblick man ihrer vergißt. Die Beine wollten nicht mehr mit. Sie machten ihm ein schweres Kreuz, und die Doktoren schmierten so an ihm herum. Er mußte auch viele Tage zu Bett liegen, aber sein Geist blieb frisch, und seine Geschäfte trieb er wie der Jüngste. Er hatte etwas gehabt und einiges erheiratet. Und das war unter seiner Hand gewachsen durch Viehhandel und durch glückliche Spekulationen. Da hatten die Bauern auf sein Betreiben eine große Mälzerei gegründet, wie sie anderwärts bestanden und guten Ertrag gaben. Wozu erst die Gerste verkaufen und den Deutschen den schönen Nutzen gönnen, den sie aus dem Malz zogen? Wurde nicht jeder reich, der am Handel damit beteiligt war? »Wie Brüder wollen wir miteinander sein, wie Brüder!« Als aber die ersten Jahre nicht gleich den großen Gewinn brachten, den man sich erhofft, als man gar Nachzahlungen forderte und wirklich eintrieb, da erschraken die kleinen Leute und warfen ihre Anteile hin. Zapletal aber bückte sich um jeden einzelnen und las ihn auf. Seit damals habe er Kreuzschmerzen, spotteten die Leute. Und über Nacht war er der alleinige Herr des Unternehmens, das nun durch seine Klugheit mächtig gedieh. Er lebte aber immer ganz wie ein Bauer. Er trug die roten Lederhosen und den runden Hut. Das erweckte Vertrauen, und man offenbart sich lieber einem seinesgleichen als einem Fremden. Auch war er durchaus kein Wucherer. Aber er lieh eigentlich erst dann, wenn der Schuldner schon verloren war. Er tat den letzten Hieb, der den wurzelschwachen Baum umwarf. Er hatte seinen Vertrauten beim Grundbuch und knickerte nicht. Er wußte von jedem, wie er stand und wieviel sein Besitz unter jeder möglichen Bedingung wert sei – wieviel im ganzen und wieviel, wenn man ihn zerschlug. Und so hatte ihm keine Mißernte etwas an. Im Gegenteil: ein schlechtes Jahr trieb ihm manchen ins Garn, auf den er anders noch lang hätte lauern können. Der brauchte Saatgut; der Zapletal bezog es in der besten Güte und lieh ohne Zinsen und gegen einen ganz bescheidenen Anteil an der Ernte. Der mußte seinen Viehstand verkleinern und wollte nicht verkaufen, wo eine Kuh nicht besser bezahlt wurde als sonst ein Kalb; der Zapletal half. Gehörten ihm aber auch nur die Hörner eines Ochsen, so war bald das ganze Tier sein. Er war ein ausgezeichneter Rechner. Und er hatte ein unerhörtes Gedächtnis. Ohne eigentliche Aufzeichnungen kannte er sich in allen seinen verwickelten Unternehmungen aus. Und gar nicht stolz wurde er. »Was bin ich denn anders wie ein Bauer. Nur mehr Sorgen hab ich.« Man kam zu ihm um Rat, und er gab ihn gern und weitschweifig, wie man ihn eben hören will. »Siehst du, Bauer! So mußt du dieses machen!« Wenn das alsdann dem andern doch zu Schaden geriet, so war Zapletal höchst erstaunt und bekümmert, obwohl es durchaus nicht seine Schuld war. Jeden Sonntag, wenn es ihm möglich war, ging er zur Kirche. Und wenn der Klingelbeutel umging, so kam ein großer Augenblick. Denn der Zapletal tat etwas, was sonst nur noch der Graf tat: er warf immer einen blanken Silbergulden hinein. Die ganze Gemeinde wartete förmlich auf diesen Moment, schielte nach dem Gulden, reckte die Hälse, ob es richtig wieder auf Zapletals Platz feierlich und hell vorleuchte. Das machte doch im Jahr, wenn man alle Feiertage dazuzählte, nahe an hundert Gulden! Alle waren sie stolz auf diesen Reichen. Er aber tat keineswegs aus Protzerei so. Er fühlte sich nur in seinem Gewissen verpflichtet, seinem Gott, der ihn so reichlich gesegnet, auch wieder das Seinige zukommen zu lassen. Er fuhr oftmals zur Stadt. Aber nur, wenn er sich mit der Familie da sehen ließ, durfte die noble Britschka mit Federn angespannt werden. Auch eigentlich nur, weil Annetschka den Korbwagen gar nicht sehen mochte, so bunt er gemalt war. Sie war eben was Feineres, das Kind. Und man wollte doch auch höher mit ihr hinaus. So was merkt ein Fratz gar bald. Und wenn sie zwischen den Eltern saß, dem hageren, erregten und immer von Plänen übersprudelnden Vater, dem sie so spät geschenkt worden war, so spät, daß es wie eine Überraschung und ein Wunder gewesen, und der schönen, ernsthaften Mutter, die breit wie eine rechte Bäuerin ihren Platz füllte, und ihr blondes Haar flog und sie klatschte in die Händchen und nahm gar für ein kurzes und völlig ebenes Stückchen das Leitseil und guckte sich selig nach den beiden um, so fühlte Kajetan Zapletal sein ganzes Glück. Eins fehlte dazu. Eins strebte er mit der Zähigkeit eines Bauern und der Erbarmungslosigkeit eines Menschen an, der da weiß, daß man mit Ruhe und Bedacht manches erreichen kann, das Hastigeren unzugänglich bleibt. Auch das anscheinend Unmögliche. Es war eine Phantasterei. Und niemand wußte darum, nur Annetschka, die sie nicht verstand, und Wallenta, der ihn begriff. Er haßte den Gutsherrn. Ohne eigentlichen Grund, denn der Graf war gutmütig und ahnte in seinem uradligen Selbstgefühl sicherlich nichts von diesem Groll, der da gegen ihn minierte. Er hatte dem Bauer wahrhaftig nichts zuleide getan. Aber Zapletal hatte unablässig das Schloß vor Augen mit seiner breiten Front, mit seinem Uhrtürmchen, das gleich erzählte, der darin wohne, sei mehr als andere Menschen und bestimme ihnen die Zeit. Sein Haus stieß daran. Er sah die feisten Lakaien, die in der Sonne sich rekelten und dann, wenn sie vom Nichtstun zu müde waren, beim Moses Lichtenstern im Herrenstübchen Rotwein tranken, Karten spielten und sich als Herren ansprechen ließen, die den Mädchen nachstiegen und vor Übermut gar nicht mehr wußten, was erst mit sich beginnen. Und er wußte, wie wenig echt all dieser Glanz sei. Vom Grundbuch her, natürlich. Jedes Jahr kam der Graf tiefer in Schulden, und man munkelte, er werde bald keine Mittel mehr haben, sich zu retten, wenn nicht eine reiche Heirat. Aber auch damit spießte es sich nach allen Berichten. Auch dafür war er wohl zu dumm und überhaupt zu sehr gar nichts, dachte Zapletal. Denn, wie ihn seine Leute bestahlen, vorauf der Erzdieb, der Verwalter, das hätte doch jeder sehen müssen, wenn er nicht ein gottgeschlagener Narr war. Und es träumte Zapletal von der Zeit, in der die Grafenwirtschaft da oben ein Ende nehmen würde. Er ging gern in den Schloßpark und schätzte die alten Stämme, die da so machtvoll gediehen waren, sah seine Kühe auf den prächtigen, sanften Wiesen weidend und die Fluren umbrochen und unter dem Pflug. Einmal mußte das Ganze auf die Trommel kommen. Was er dazu tun konnte, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen, das geschah. War der Augenblick aber endlich einmal erschienen, dann wollte er am Platz sein, und nichts sollte man ihm nehmen, wonach es ihn so sehr gelüstete. Und Abend für Abend, ehe sie einschlummerte, fühlte Annetschka die harten, grauen Augen des Vaters auf sich ruhen, und seine heisere Stimme raunte ihr ins Ohr: »Hast du gebetet? Einmal wirst du im Schloß und auf Seiden schlafen, Annetschka, mein Herzerl.«   Also: es war bald nach der Rückkehr des Wallenta gewesen. Und zuerst hatten die beiden einander nur so im Wirtshaus getroffen. Dann horchte der Bauer mit halbem Ohr dem lauten Wesen, das sich am Tisch des Feldwebels auftat, und seinen Erzählungen von Bosnien und den wilden Bosniaken. ›Ein Schwätzer ist er geworden bei den Soldaten, wie alle‹, dachte er mißbilligend. ›Weibergeschichten hat er im Kopf und sonst nichts.‹ Dann waren sie einmal auf dem Kirchgang ins Reden gekommen. Denn der Wallenta glaubte nichts auf der Welt, nur daß Jugenderinnerungen und Langeweile ihn immer wieder ins Gotteshaus zwangen. »Er ist sehr klug, aber ein Narr ist er in seiner Eitelkeit«, erzählte der Bauer zu Mittag seinem Weib. »Die ganze Welt könnt er in Sack stecken, so gescheit ist er. Und nichts hat er und wird nichts haben im Leben.« »Was geht mich dein Wallenta an?« »Kannst du noch nicht wissen, Madlenka! Ich wollt, er war mein, wirklich mein.« Und er schnalzte mit der Zunge, wie wenn man ein Pferd antreibt. »So kauf dir den Lumpen, Kajetan!« Zapletal lachte heiser. »Kaufen? Gleich kaufen? Du, der wäre nicht billig. Ja, du bist halt die reiche Bäuerin. Umsonst möcht ich ihn kriegen, Madlenka, umsonst. Denn er ist zu brauchen, sag ich dir. Zu tausend guten Dingen zu gebrauchen.« »Geschenkt ist am teuersten gekauft«, entgegnete die Bäuerin und deckte ab. Denn beim Essen duldete ihr Mann keine Magd. Da sprach er sich gern ohne jeden Rückhalt aus. Und jeder Zeuge war da sehr ungelegen. Er hatte gerade damals mit der Gesundheit bessere Zeiten. Und der Wallenta und sein Treiben waren das Gespräch des Dorfes. Denn einmal lebte er über die Maßen flott. Da hatte er einem Bauern den Buben vom Militär losgeschraubt. Aus Respekt vor Seiner Majestät Dienst, spottete er selbst. Denn er habe nicht gewollt, daß dieser Schafskopf, der das Gewehr sicherlich niemals anders fassen werde wie eine Mistgabel, die Uniform verschandelte, die er selbst so lange getragen. Der andere gewann einen Steuerprozeß, mit dem sich, wie er schwor, die ersten Advokaten der Welt umsonst geplagt. Dies alles vernahm der Zapletal, und es weckte mancherlei Gedanken und Wünsche in ihm. Wallenta aber tat ihm keinen Schritt entgegen. Auch das wurmte den Großbauer, daß dieser Habenichts in seinem Winkel blieb und sich nicht nach ihm umsah, dem sie sonst sämtlich nachkrochen. Beim Lichtenstern hielt der Lump förmlich Hof. Da hatte er seine Beratungen mit seiner Kundschaft und nahm, was man ihm gab, und wenn es nur seine Zeche war oder einige Groschen darüber. Auch damit ärgerte sich Zapletal. Ein großer Mann vergibt sich nie was gegenüber einem kleinen, redete sich der Zapletal vor. Und an seine Christenpflicht gegenüber seinem Patenkind, das da für zeitlich und ewig die übelsten Wege ging, erinnerte er sich. Und so lud er endlich einmal den Wallenta zu sich. Wallenta sah ihn scheel an: »Brauchst mich wieder einmal, Zapletal?« »Und wenn ich dich schon brauchen tät? Was ein anderer zahlt, das verdienst bei mir auch.« »Kannst aber niemals wissen, was ich just von dir begehren werde. Weiß ich selbst nicht vorher.« Zapletal schlug ihm höchst freundschaftlich auf die Schulter. »Was einer kann, kann in dem Ort der Zapletal auch. Und er ist kein Schmutzian, das wirst wissen.« »Ja – woher denn?« »Nein – was du für ein spaßiger Kerl bist, Wallenta! Komm nur. Meine Frau wird lachen über dich, und die Annetschka. Und du kannst dir nicht denken, wie hübsch sie dann beide sind.« »Ich mach niemand einen Wurstel, außer wenn ich will.« »Na, vielleicht wirst's gerad bei deiner Gevatterin wollen. Und dann: es geht doch auch um Ernstes.« »Kann ich mir denken. Aber ich bin nicht schlimmer wie der Schinder. Ich zieh niemand das Fell über die Ohren, wenn er noch lebt. Und ich tu kein gut in einem Haus, sag ich dir. Laß mich, wo ich bin.« »Mucken hat er in sich, wie ein störrischer Gaul«, scherzte Zapletal. »Aber, man wird sie ihm schon austreiben. Also: du kommst, Cyrillku?« »Ist gut. Gehn wir derweil zum Lichtenstern eins trinken.« Dies geschah, und Zapletal hatte Anlaß und Gelegenheit, den Durst des andern zu bestaunen. Plötzlich aber schlug Wallenta auf den Tisch. »Das ist wie beim Leutkauf Umtrunk der Partner zur Vertragsbestätigung. . Ganz so ist das. Du weißt aber noch nicht, was für einen Handel du heut gemacht hast«, und er sah den Gevatter von unten an, fast tückisch, wie ein Stier, der stoßen will. »Was redest da wieder? Ein Narr bist, Bruderherz.« »Bin ich's? Wird sich schon zeigen, wer heute der Narr war. Aber eins sag ich dir: zu trinken mußt was geben, wenn ich kommen soll.« An diesem Tag aber hub die Freundschaft zwischen dem Bauernmillionär und dem Bruder Liederlich an. Wallenta richtete sich ganz häuslich ein beim Zapletal, er kam zu Tisch, wenn es ihm paßte, und blieb, solange er mochte. Auch über Nacht. Es war ein sonderbares Verhältnis. Denn im Grunde der Seelen mochten die beiden einander gar nicht. Wallenta verachtete den Gevatter und seine Habgier. Dem Taugenichts schien ein Leben unverständig, ja wahnsinnig, dem der Erwerb und der Besitz Selbstzweck waren, so daß für den Genuß keinerlei Raum mehr blieb. Je mehr aber Zapletal die Gaben und die Kenntnisse seines Freundes begriff, desto unerhörter und unverzeihlicher erschien ihm das Treiben des Cyrill. So gar nichts mit sich anfangen können! Das war ja blöd! Und dennoch neidete er ihm den leichten Sinn. Ähnlich mögen die Gefühle sein, wenn ein feister Bauernhund, der gar nichts anderes weiß, als seinen Hof hüten und sein Fressen zur rechten Zeit bekommen, einen schlanken und geschmeidigen Rotfuchs, den schlauen Kopf windend und die Rute hoch, durch Buschwerk schleichen sieht. Als aber Zapletal mit Wallenta zum erstenmal von seinen letzten Plänen zu sprechen begann, da horchte dieser hoch auf. Das war nichts Kleines und nichts Alltägliches, was sich der in seinen Dickkopf gesetzt hatte. Das imponierte doch. Er lauschte. Dann reckte er den Daumen in der Richtung des Schlosses: »Also – wegärgern willst du ihn?« »Will ich, Wallenta.« »Dann bist ein Esel, Zapletal.« »Ein Esel? Wieso?« »Wegärgern willst du ihn. Ist möglich, denn das Gut ist kein Fideikommiß. Du fängst Prozesse mit ihm an. Ist auch gut. Gibt nichts Besseres, und du hast die längere Hacke. Aber, was für Prozesse sind das? Zum Beispiel: wegen Übervorteilung beim Aufteilen der Hutweide. Ist gut, weil das ganze Dorf zu dir steht und vielleicht gar für dich schwört, weil sie's ihm noch weniger gönnen als dir und für jeden was dabei herausschaun kann. Ist aber wieder nicht gut. Denn das geht um viele Tausender, und er muß sich wehren. So auf einmal umbringen läßt sich keiner.« »Ja – aber was soll ich dann denn?« »Ärgern mußt du ihn. Ihn sekieren. Ihn abmartern, daß er keine Hand mehr rühren kann, wenn du ihm an die Gurgel willst. So macht's ein guter Raufer. Niemals anders.« »Aber wie zum Beispiel?« »Zum Beispiel: es ist eine Kuh von ihm in deinen Acker gelaufen. Dann klagst du um den ganzen Ertrag des Ackers, um so viel, daß er giftig werden muß und sich nicht ausgleichen kann. Oder es ist ein Brückerl über den Mühlbach. Das hat er zu erhalten, pu fängst Prozeß an – wegen Feststellung, oder weil das Brückerl baufällig ist. Das gibt Kommissionen, und wenn du Glück hast, so tut sich einmal dein Hirt was, oder es bricht sich gar dein Ochse ein Bein. Das ärgert. So was gibt's immer unter guten Nachbarn. Große Sachen nicht.« »Wallenta, du bist ein niederträchtiger Kerl«, jauchzte Zapletal in heller Bewunderung. Der andere lachte: »So was man fürs Haus braucht und nicht mehr«, trank aus und ging gleichgültig. Sehr bald nach der ersten Konferenz aber hatte der Advokat in der Stadt eine neue Klage zu schreiben: Punkto achtzig Gulden für ein total verdorbenes Feiertagsgewand. Denn der Graf hatte seine Gitter streichen lassen, und dem Zapletal war, weil keinerlei Warnungszeichen gewesen, dies Unglück mit seinem besten Sonntagsstaat widerfahren.   Es kam freilich auch vor, daß man den Wallenta durch Wochen nicht zu sehen kriegte oder daß er hernach in einem eben nicht erbaulichen Zustand auftauchte: ganz abgeschlagen und recht kränklich von Gesichtsfarbe und durchaus nicht arbeitsfähig. Dann waren ihm seine Streifereien und Einbrüche in fremdes Gehege übel bekommen. Er schwieg darüber, so gern der Freund etwas von diesen Abenteuern vernommen hätte. Denn einmal vor vielen Jahren war er selbst gern solcher Wege gewandelt. Nach solchen Erlebnissen kam er niemals unmittelbar heim. Denn er hatte eine Art Furcht vor Frau Magdalena Zapletal. Das Weib war immer so ruhig und ohne jede Erregung und hatte in den runden und schwarzen Augen eine Art Verachtung vor ihm. Und dabei war es sehr schön, schöner als eins in der Runde. Denn es war groß und stark und dennoch zierlich. Und es trug die blonden Haare wie eine Krone gelegt und steckte gern eine Nelke hinein, die wie ein Pünktchen Feuer glomm und das ganze Haupt würzte. Sie war vollkommen und ohne jeden Lärm Herrin im Haus. Damit ließ sie sich's begnügen; und wenn die Männer in ihre Beratungen versanken, so trug sie den guten Ungarischen auf, der mit unheimlicher Geschwindigkeit zur Neige ging, horchte ein Weilchen, gähnte unverhohlen gelangweilt und machte sich wieder an ihre Arbeit. Sie wußte: es ging um Finten und Hinterlistigkeiten. Immer hatte ihr Mann dazu eine Freude gehabt, obzwar sie den Zweck nicht absah. Denn sie hatten doch genug und zuviel. Annetschka mußte einmal ein Vermögen haben wie sonst niemand in der ganzen Hanna. Wozu also mehr? Aber ihr Mann war nun einmal leider Gottes ein Krüppel, und die sind immer so aufs Haben und aufs Mehr. Denn wer nicht gehen kann, der probiert's halt mit Kriechen und kann dann unmöglich ganz sauber bleiben. Der Wallenta aber? Ein Bursche, dem die Welt offenstand, so weit sie ist, der stark war wie ein Baum und was gelernt hatte, besser deutsch sprach als der Dechant und klug war wie der Schwarze selbst – was tat er damit? Und wenn er einmal Spaß machte – und er hatte gute Einfälle – und sie wollte lachen, so zwang sie sich: ›Die Freude machst du ihm nicht. Das gehört mit zu seinem schmutzigen Geschäft. Er ist ein Schmarotzer, und er muß seine Herrenleut bezahlen mit Wursteleien, damit sie ihn nicht satt bekommen und ihm den Stuhl nicht vor die Tür stellen. Du fällst ihm nicht herein,‹ Und so hob sie aus Gefälligkeit ein wenig die Oberlippe, daß die sehr weißen und starken Zähne vorschienen, zuckte sehr verwundert die Achseln und ging. Sie war nicht zu überrumpeln. Und was sollte zum Beispiel die Freundschaft des Cyrill mit dem blinden Jindrak? Denn dort steckte er immer, wenn er wieder einmal für die Welt verschollen war. Das war ein Bettler und ein Gottesarmer, den man hätte bemitleiden müssen, wenn er nicht so voller Nichtswürdigkeiten gewesen wäre. Die beiden hatten einander gerade noch gefehlt, damit das Dorf keine Stunde mehr Ruhe genießt. Da lernte der Jindrak neue Stückeln auf der Harmonika, als wären die alten nicht gut genug, und sie übten nun die Künste durch, daß es ein Jammer und eine ewige Belästigung für alle Welt und jeden Kranken war. Sie kannten's ja sehr gut. Was ist aber Musik, wenn man sie nicht verlangt und sich's einem nicht tanzen will? Nichts als ein unnützer und sehr lästiger Spektakel. Dazu tranken sie Schnaps, bis sie genug hatten. Und ein Musikant muß Zutrinken gewöhnt sein. Oder sie gingen gemeinsam und machten fürs Geld Tanzmusik, die immer ein böses Ende mit Schlägereien nahm. Denn der Wallenta warf, wenn ihn die Laune packte, seinen Wimmerbalg hin, lieh sich die erste beste Dirne, was sich ihr Bursche doch durchaus nicht gefallen lassen konnte, und drehte sich mit ihr, um den Leuten zu zeigen, wie man das eigentlich mache. Das ganze Dorf verwilderte. Und beim Zapletal, als dem Starosten, wurden alle diese Klagen erörtert, und sein Weib mußte sie anhören. Und immer wieder derselbe Refrain. So ein Kopf wie der Wallenta! Er hätte Mesner werden können, ein Amt, das seinen Mann nährt, und selbst in einer minder wohlhabenden Pfarre. Nur seinem ärgerlichen Lebenswandel sollt er entsagen, weil ein Mesner der Würdigkeit bedarf. Und dies oder jenes Mädchen mit schönem Grundbesitz und Geld war ganz weg in den Ausbund und hätt ihn gern geheiratet und den Mann in der Gemeinde aus ihm gemacht, den Gott in ihm schaffen wollte. Fiel ihm nicht ein, sich zu ändern, und vor dem heiligen Ehestand nahm er gar Reißaus. Er fühlte sich nun einmal hier nicht mehr heimisch. Er war nur zu Gast da. Und einem Gast ist manches gestattet, das man dem Ansässigen niemals nachsehen würde. Er braucht keinen Beruf. Wenige Tage, und er ist fort, und man darf ihn suchen. Und der Eitelkeit des Wallenta, die in diesem müßigen und zügellosen Leben immer mächtiger emporwuchs, schmeichelte es, im gewissen Sinn das ganze Dorf zu tyrannisieren. Denn sie haßten ihn, selbst die zu ihm hielten, durch die Bank, bis auf den blinden Jindrak, und sie konnten ihn doch, jeder nach seiner Art und seinen Geschäften, durchaus nicht entbehren. Einmal würden sie sich doch heftig die Augen wischen. Denn der Wallenta war dann fort, in irgendein Amt untergekrochen, nachdem er die Leute genug geärgert, sich gründlich und für immer ausgetobt. Alsdann mochten sie selbst zusehen, wie sie sich nach dem Hexensabbat zurechtfänden, den er angestiftet. Viele werden lachen, manche wird wohl weinen. Das ist bei Einquartierung niemals anders. Was ging's ihn hernach an? Es wurde ihm ganz leicht und warm bei solchen Gedanken. Nur eins hätt er gern gewußt: was die Zapletal dann sagen würde? Je – wohl die Achseln zucken und ihr hochmütiges Gesicht mit den blanken Zähnen machen, das da sprach: Hansnarr du! Du wurstelst mir gut! Er hätte viel darum gegeben, daß sie nicht also durfte. Einmal hätt er sie gern klein vor sich gesehen. Ganz klein, wie schon so manches andere Weib, daß sie nicht mehr das Recht haben durfte, so, wenn es ihr gerade paßte, über ihn weg in die Luft zu blicken, als säße der Garniemand da. Was war sie eigentlich gewesen? Einst arme Magd beim Zapletal und sonst nichts. Und er hatte sich die Madlena gekauft, und zwar noch viel gründlicher, als er sich den Cyrill gekauft. Denn er konnt ihm fort, wann es ihm paßte, und wollte das schon in seiner Stunde. Sie durfte nicht mal daran denken. Und es war ihm überhaupt unverständlich, wie sie's mit diesem Jammermenschen aushalten konnte, der doch beim Reden krächzte und mit den Armen schlug wie so ein angeflügelter Unglücksvogel und, wenn er Schmerzen hatte, mit ihr und aller Welt keifte und geiferte wie eine alte Gevatterin ohne Zähne. Außer, sie hielt es mit einem. Dann aber hatte sie doch gar keine Ursache, so hoffärtig zu tun, als wäre sie eine Königin, die Heimliche die, und gar kein Mitleiden zu haben mit ihm, dem Wallenta. Denn warum war er schlecht? Weil er immerdar ein Waisenkind gewesen war und kein Mensch ihm im Guten zum Richtigen geredet. Wer aber nirgends eine Freude hat, der stiehlt sich sein Teilchen zusammen, was so auf den Menschen kommt. Ja, und die Madlena, sie war schon eine, die einen fromm und zu Hause halten konnte. Bis auf ihre Schlechtigkeit natürlich, die er aber begriff, obzwar er nicht so recht daran glaubte. Denn hätte sie ihn nur zum Mitwisser gemacht – dies war ihm allerdings schmerzlich und eine große Kränkung gewesen, aber verraten hätt er sie niemals und ihnen beiden geholfen, wo es nur in seinen Kräften gelegen wäre ...   Es ist aber in so einem Bauernhaus, und sei es noch so weiträumig, ein sehr enges und bedingtes Wohnen. Man weiß alles voneinander, oder man errät's mindestens immer. Und man muß sich selbst wider Willen miteinander beschäftigen. Trieb sich der Wallenta wieder einmal um, so konnte eine Frage des Kindes ihn wieder in Erinnerung bringen. Und so wußte Frau Madlena bald alle Kirchweihen in der Runde, weithin, bis wo die Deutschen wohnen. Denn so etwas konnten die beiden Bettelmusikanten, der Jindrak und der Wallenta, natürlich nicht auslassen. Immer nannte sie sich den Blinden zuerst; denn damit drückte sie den andern zu seinem Begleiter herab. Es gab da Dörfer, deren Burschen als Raufbolde berüchtigt waren und von den Slowaken gelernt hatten mit dem Messer arbeiten. Da konnte leicht einmal die Nachricht kommen, man habe den Feldwebel erstochen. Dachte sie dieser einen Möglichkeit, so erschrak sie dennoch sehr und fühlte ein solches Mitleiden in sich über das junge Blut! Und überdies suchte sich ihr Mann immer eine solche Gelegenheit zu höhnischen Bemerkungen über den Fernen aus. Die empörten sie, weil sie ihren Zweck nicht so ganz verstand. Wozu sollte dies freundschaftliche Getue, dieses Gott und den Heiligen danken, hatte man den Herzensbruder erst heil wieder, wenn in allem Grund nichts, nur Gehässigkeit, dahintersteckte? Wie konnte man lediglich des Vorteils willen oder aus Furcht eine solche dumme und feige Komödie spielen? Es war wohl Furcht. Denn gediehen und reich geworden war man doch ohne den Wallenta. Er war aber ein beherzter Bursch, der sich um niemand zu kümmern brauchte und seine schlimmen Wege in aller Offenheit ging. Dadurch hatte er es ihrem Mann wohl angetan, der so schreckhaft und fürs Geheime war. Wallenta aber raufte mit dem Teufel um ein Mückenbein und war insoweit ein Mann. Nur konnte sie durchaus nicht begreifen, was die Weiber so sehr hinter ihm zog. Denn hübsch war er sicherlich nicht. Man sprach viel von seinen Augen. Frech waren sie genug. Aber sie war noch nicht rot geworden vor ihnen, wie man sagte, jede müßte es werden, die er angucke – sie nicht. Das redeten sich wohl nur die ein, die durchaus eine Ausred wollten. Dabei merkte sie sehr gut, daß ihr Mann ihr mißtraue. Denn Worte, die sie ganz ohne Arg fallenläßt, griff er auf, wiederholte sie in allen Tonarten bei passender Gelegenheit, beschnüffelte sie förmlich. Er war nun einmal hinterhältig und zum Verdacht geneigt. Und wenn er schon in Geschäften diesem einen sein Vertrauen geschenkt, so mußte er sich doch nach seiner Art dafür schadlos halten. Es war erstaunlich, was er in seinen vielen einsamen Stunden aus einem Satz herausnutschte, der ganz ohne Belang gebraucht worden war. Es kamen Anspielungen und verdeckte Wendungen, die an ihr ordentlich herumbohrten. Beinah war das manchmal, als wünsche er, sein Weib hätt ein Geheimnis vor ihm, nur damit er's erkunden könnte. Sie kannte ja seine Eigenheit von früher her und ertrug sie aus Gewöhnung leichter. Aber niemals hatte sie sich so bestimmt, beharrlich und so in einer einzigen Richtung hin ausgesprochen. Es wurde ihr ganz ernsthaft unheimlich dabei. Denn das war ja nur eine Marter, wie es war. Gar nie mehr wissen, was man sagen oder wie man es herausbringen sollte, als stünde man vor Gericht oder gehe zur Beichte bei einer Mission. Da schwieg man doch lieber ganz, wenn der Kajetan nur nicht auch hinter ihrem Schweigen was vermutet hätte. Derlei paßte ihr durchaus nicht. Sie war das nicht gewohnt, und es beengte sie wie ein Kleid, das nicht für einen gemacht ist. Es lag wie ein Druck und eine körperliche Lähmung über ihr. So gewöhnten sich die Eheleute das Reden miteinander beinah ab. Es gab kurze Antworten, die keinerlei Nebensinn in sich schließen durften und also abgeschnappt und trutzig klangen. Ihm war das natürlich gar nicht recht, und er deutelte sich's nach seiner Gepflogenheit, die sie täglich besser erfaßte wie erbitterte. Es war wie eine ewige, grundlose Schmollerei im Haus. Annetschka spürte das genau. Denn Kinder brauchen Wärme, und sie merken jeden Luftzug, der erkältend durchs Zimmer streicht, und sie fordern unverbrüchlich ihr gewohntes Deputat an Zärtlichkeit. Sonst hatten die Eltern immer Zeit für sie gehabt. Nun kam sie dem Vater manchmal ungelegen, und sie störte ihn in Gedanken, die also sicherlich anders waren als vordem. Er hatte etwas Jähzorniges auch ihr gegenüber an sich. Sie war gewohnt gewesen, der Mutter überallhin nachzutrippeln. Dagegen konnte man nichts einwenden. Denn eine Bäuerin, die einmal einer solchen Wirtschaft vorstehen will, die muß sich zeitlich gewöhnen, viel auf den Beinen zu sein und die Augen überall zu haben. Ein Schaden ist bald geschehen. Nun kam sie oftmals ungelegen. Ihre kleinen Füßchen tappten der Mutter in ihre unerbaulichen Gedanken hinein. Dies kränkte sie, und das war, sie wußte es bestimmt, doch erst so, seitdem der Wallenta da war. Denn nach solchen Merken schaffen sich die Kinder ihre Zeiträume. Den also mochte sie durchaus nicht. Den wünschte sie fort, und alle seine Künste, die er aufbot, sich das Herz des Kindes zu gewinnen, verfingen nicht. Sie war ihm gegenüber unartig, und daß sie vom Vater dafür oftmals, freilich immer nur in des Cyrill Gegenwart, Schelte bekam, besserte die Sache bei der verstockten Kleinen durchaus nicht. Sie nahm ohne Dank die Spielereien, die er ihr künstlich genug zurechtbastelte, lernte die Weidenpfeifen von ihm blasen, die er mannigfach und meisterlich zu schnitzeln verstand. Verzaubert horchte sie nur, wenn er einmal seine Maultrommel nahm und zwischen die Zähne klemmte. Wie das nur schwirrte, summte, sauste, sang! Welche Gewalt die geisternden, eintönigen Klänge nur hatten, wie sie sich ineinanderspannen, gleich Marienfäden einander haschten, sich ausbreiteten wie ein fernes Gespinst! Das konnte gewiß niemand so wie er. Auch Madlena lauschte dann. Es war immer im Zwielicht, wenn er seine Musik machte. Eben daß nur noch ein gelbes Fleckchen am Himmel glomm, während die Fledermäuse dem Kirchturm zuhuschten. Der Frau aber wurde dabei, als schlüge man einen linden und hehlenden Mantel um sie und mancher Krampf, der sie untertags beklemmt und mit Ahnungen beschwert, löse sich von ihr und fiele ab. Die Prozesse gingen ihren Weg und machten so endlose und immer neue Beratungen notwendig. Teufeleien und Gegenklagen heckte der Widersacher aus, daß es nicht zum glauben war und man sehr aufpassen mußte, daß man nicht wo hineintrat und sich übel zurichtete. Freilich war der Wallenta über allen Advokaten. Der sah jeden Kniff und jede noch so lockend zugerichtete Falle, mit der man's drüben probierte. Er hatte Zeit genug, über alles zu grübeln, und wenn dann der Zapletal erzählte, wie sich der Herr Doktor über die Einfälle des Wallenta wundere, sie bestaune, bedaure, daß ein solcher Kopf nicht studiert habe, so fühlte sich der Cyrill nicht wenig stolz und zu immer schärferen Anstrengungen gespornt. Langsam wurde der Madlena klar, worum es eigentlich ging. Sie erschrak davor, wie bei etwas ganz Verruchtem. Denn seit die Welt stand, hatte es eine Herrschaft gegeben. Immer war die adlig und niemals ein Bauer gewesen. Und ihr Mann wollte Gutsherr werden? Und dennoch ging sie öfter zuhorchen, seitdem sie's begriffen. Es lockte sie, und der Wallenta hatte etwas Zwingendes, wenn er sprach. Man mußte ihm zuhören und verstand augenblicklich, was er wollte und um was es eigentlich gehe. Da war nichts Unklares und Überflüssiges und keinerlei Herumgegacker. Und wenn er endlich auf den Tisch schlug: »So geht's«, so schrak sie zusammen, und ihr war, er hätt mit der Faust ah die Pfosten jenes Ganges geklopft, der zu ihren Wünschen führte, und ein Jurament Eid hätte sie darauf geleistet: so ging's. Es war nur ein Glück, daß sie sonst auch im Haus und im Hof viel beschäftigt war. Denn es hat auch für die gesündeste Natur etwas Ansteckendes, wenn man die um sich unablässig mit einem einzigen Gedanken sich abplagen sieht. Sie fühlte mehr als einmal, daß sie davon mitergriffen werde. Wie unter Narren kam sie sich vor; über eine Weile juckt es einen, sich ebenso närrisch zu benehmen. Da hatten sich die Männer wieder einmal heiße Köpfe gemacht. Ihr brachte gerade dieser Tag viel zu schaffen, und es kam ihr langsam auch vor, als sähe sie ihr Mann keineswegs mehr als unbedingt nötig gern in einem Raum mit dem Wallenta. Nun, und der schien ihr wieder noch lange nicht wichtig genug, daß sie sich seinetwegen verdrießliche Gesichter schneiden ließe. Es wurde aber ganz finster, und die beiden eiferten immer noch ganz leise miteinander, ohne daß sie auch nur ein Licht machten. So steckte sie eine Kerze an und trug sie zu ihnen. Und wie sie, den Leuchter hoch in der braunen Hand, eintrat, so saß ihr Mann ganz im Schatten auf der Ofenbank und breit ihr gegenüber, daß alles Licht zuerst auf ihn fiel, der Wallenta. Sein Kopf war tief gesenkt. Er hob ihn erst, da sie hart am Tisch war, und sah sie an: frech, unruhig, mit zuckenden, gierigen Augen, und die Madlena fühlte richtig, wie ihr plötzlich das Blut in die Wangen stieg und die Hand zitterte, die die Kerze niederstellen sollte. Das war unerhört! Es ging jäh wie ein Triumph über das Gesicht des Burschen, das er augenblicklich wieder in den Händen barg, während die Madlena mit unsicheren Fingern an ihrem Gewand herumstrich und rückwärtsschreitend, Aug in Aug mit ihm wie mit einem Todfeind, vor dem man sich nicht die mindeste Blöße geben und dem man unter gar keiner Bedingung den Rücken weisen dürfe, die Stube verließ. Cyrill aber erhob sich bald nach ihr. »Warum rennst denn so? Bleibst nicht da zum Nachtmahl?« fragte Zapletal. »Ich hab genug für heute. Ich will auch was trinken.« »Getrunken hast noch nicht genug?« »Geht keine Katz was an, was ich trink für mein Geld. Was anderes will ich trinken, was Schärferes, mit dem Jindrak. Leut will ich sehen, die auch noch singen können. Eine Nachteul möcht man ja werden dahier. Kommst mit zum Lichtenstern?« Zapletal antwortete nichts. Es ging ihm mit jedem Tag schlechter mit den Beinen, so schlecht, daß ihm die Frage schon wie Hohn erscheinen durfte. Cyrill aber ging seiner Wege, und noch im Hof hörte man ihn sein Schlachtlied anstimmen: »Ich komm nicht heim, o na, Vorm hellen Licht, vorm Hahnenkrah ...« Seine Stimme aber klang unsicher und überschlug sich. Und so verging die Zeit. Wallenta blieb im Dorf, »eine Plage Gottes, recht eine Plage Gottes, die nichtendigen will«, seufzten die Alten. Er reichte wohl da und dort um eine Stellung ein, betrieb aber alles gleich lässig. Er fühlte sich hier im Grunde ganz wohl. Daß man ihn fortwünschte, war ihm nur ein Anlaß mehr, zu bleiben. Mochten sie sich giften! Die Madlena gewöhnte sich immer mehr an ihn. Er fehlte ihr, wenn er nicht da war. Alle Welt hackte doch hinterrücks auf ihn los und schalt ihn, ohne den Mut, ihm zu stehen. So mußte er doch immer schlechter werden. Ein Gaul wird unter der ewigen Peitsche störrisch. Ein Mensch aber sollte nicht ganz verwildern darunter? Und sie begann Partei für ihn zu nehmen. Erst nur in sich, dann auch vor ihrem Mann. Sonst kam sie mit niemand in Berührung. Und das war schlimm, denn man munkelte über sie, und das Gerede hätte sie vielleicht doch stutzig gemacht, weil sie auf ihren Ruf sehr stolz war. Ihrem Mann gegenüber aber blieb sie natürlich trotzig. Der konnte doch niemals anders, als einem jede Freude und jeden Umgang verleiden. Und eifersüchtig war er doch immer und auf jeden gewesen, mit dem sie nur sprach. Allmählich aber wurde ihr der Verdrießlichkeiten doch zuviel. Da war Annetschkas Abneigung, die sie stutzig machte. Wen ein Kind nicht mag, in dem ist nun nach alter Erfahrung nicht alles, wie es sein soll. Und sie war förmlich tückisch gegen den Wallenta. Und dann war ihr Kajetan doch einfach schrecklich mit seiner hinterlistigen Neugier. Er keifte und keppelte und lauerte und wollte sie überrumpeln, und wenn sie dann mit der Frage auf ihn losfuhr, was er denn eigentlich von ihr wolle, so erschrak er, um den nächsten Tag wieder zu beginnen. Das war nicht auszuhalten. Da mußte man närrisch werden, geschah nicht bald ein Ende. Nur bot sich gerade damals keine Gelegenheit zu einem offenen Wort. War sie aber unwirsch gegen den Wallenta, so wollte der's nicht merken oder machte sich durchaus nichts daraus. Er sah sie nur immer an. Und kaum daß sie durch Zufall für ein Weilchen allein waren und sie nahm sich nur den ersten Anlauf, was doch nicht so leicht ist, so tauchte sicherlich ihr Mann auf: »Was wispelt ihr da?« Und ihr stockte das Wort. Denn er wollte freundlich und teilnehmend erscheinen, und dabei verzog sich sein Gesicht sehr hämisch, und er humpelte noch jämmerlicher als sonst. Als ein Unrecht und zugleich als Verlängerung eines unleidlichen Zustandes empfand sie diese Störungen. Zapletal aber merkte ihre immer mehr wachsende Befangenheit wohl und deutete sie auf seine Weise. Sich auswärts aber mit dem Burschen zusammen bestellen widerstrebte ihr in jedem Sinn. Denn sie sah ihn durchaus unter sich. Sie war Großbäuerin, Frau, Mutter, und er doch nur ein einzelner Mensch, ein Tunichtgut, ein Unbehauster. Mit so einem steckt man sich nicht zusammen, als hätte man mit ihm was zu verstecken. Auch war sie die Jahre her kaum allein ausgegangen, seitdem Annetschka laufen konnte und immer hinter ihr drein war, recht wie ein behendes Wieselchen. Zapletal hatte wieder einmal in der Stadt zu tun. Er war lange nicht dagewesen, die Rückstände hatten sich gehäuft, wie immer, wenn man nicht selbst hinter dem Advokaten her war, damit er nichts versäume oder verschleppe. Es war zu Anfang November und das richtige Allerheiligenwetter. Die Felder ganz kahl und von Krähen überflogen, die über die Schollen hüpften, sich zu Schwärmen gesellten, krächzend flatterten. Ein recht unfreundlicher Tag. Spärliche Sonnenblicke, gefolgt von einem eiskalten traurigen Regen, der so dicht fiel, daß man nicht bis zum nächsten Haus sehen konnte. Gar keine Bewegung war in der schweren Luft. Hinter einem lag das Tagewerk, und man konnte in sich eine tiefe Müdigkeit nachfühlen. Und der Hof war so still, daß man gar nicht glauben mochte, man sei in der Welt. Madlena hatte den Tisch für drei gedeckt. Denn ihr Mann nahm, wenn er in der Stadt war, niemals etwas zu sich und kam hungrig, aufgeregt und bissig zurück. Wallenta aber mußte ganz bestimmt kommen. Denn nach solchen Fahrten begannen jene Beratungen, die bis in die tiefste Nacht währten. Wallenta kam mit der Glocke sechs. Er hatte etwas Scheues den Tag, und seine Augen suchten beim Eintreten: »Der Bauer ist noch nicht wieder da?« Die Madlena rührte sich kaum: »Nein.« »Er könnt's aber schon sein. Es ist ihm doch nichts geschehen?« »Was kann ihm geschehen sein? Nicht einmal ein Wasser geht in der Nähe. Die Straße ist eben wie ein Brett, und die Pferde sind fromm.« »Ich bin aber doch immer in Sorgen um ihn.« »So? Immer in Sorgen seid Ihr um ihn? Muß ihn freuen.« Das war so geredet, damit man nur nicht schweige. Sie wußten's beide wohl. Der Bursche lief einige Male die Stube in einer springenden Unruhe durch. Dann setzte er sich, stützte den Kopf mit den struppigen, blonden Haaren, die sich zu einem Hahnenkamm sträubten, in die Hände und sah zu Boden. Die Porzellanuhr an der Wand tickte hell und eilfertig. Man sah nur das blanke Messing des Perpendikels hell und glitzernd und wie freischwebend durch die Luft tanzen. Und die Madlena nahm sich ein Herz. Recht schonend wollte sie mit ihm reden, und da fuhr es ihr heraus: »Wallenta – einer ist zuviel im Haus.« Er rührte sich nicht: »So schafft ihn ab.« »Das tu ich eben.« »So? Das tut Ihr eben?« »Es geht nicht mehr, Wallenta. Alles mögliche redet er sich ein in seinen kranken Kopf. Und es ist doch kein wahres Wort daran.« Er hob den Kopf mit einer leisen Bewegung nur so weit, daß er noch im Dunkeln blieb: »Es geht nicht mehr, nein. Aber er braucht mich.« »Ihr könntet doch weiter mit ihm sein. Und ewig wolltet Ihr doch nicht im Dorf bleiben, mein ich.« »Nein, ewig will ich hier gewiß nicht verbleiben.« »Er soll sich derweil zum Lichtenstern führen lassen. Wozu hat er denn die Lümmel, die Knechte? Dort trinkt er nicht oder nur sehr wenig, weil er's immer gleich bezahlen muß, und er steckt die Hand nicht gern in den Sack. Hier trinkt er, und das tut ihm schaden.« »Ja, schaden tut's ihm«, wiederholte der Bursche. Es war etwas Spöttisches dabei in seiner Stimme. Beide schwiegen, und beide horchten, ob sich durch die große Stille nicht endlich das Rollen eines Wagens nähere. Und beider Atem ging schneller. Denn die Madlena fühlte sich erleichtert, als wäre das Schlimmste hinter ihr. »Also: Ihr werdet das so machen, Wallenta?« »Ja, ich werde das so machen. Denn ich weiß schon: wenn und wo einer zuviel ist, da bin's immer ich.« »Hier seid Ihr's einmal«, entgegnete sie bestimmt. »Wenn er mich aber um den Grund fragen wird? Denn er ist ein versteckter Mensch und will alles wissen.« »So antwortet ihm, was Ihr wollt. Sagt ihm meinethalben, Ihr habt es satt, Euch immer von mir und Annetschka Gesichter schneiden zu lassen«, und sie lächelte. »Werd ich ihm sagen. Das hab ich auch satt«, und auch er lächelte. »Die Hand darauf, Wallenta!« Er schlug ein. Was für eine Kraft nur in seinem Händedruck war! Sie konnte ihre Hand durchaus nicht losmachen und bekam nur Herzklopfen und einen kurzen Atem von ihren Bemühungen. Er aber stand vor ihr, mit voll aufgeschlagenen Augen und mit einem eigentümlichen, lauernden Zug um die Lippen. ›Ins Gesicht schlagen sollte man ihn dafür‹, dachte sie und hob die freie Linke zu einer müden Armbewegung. »Ihr müßt mich nicht so ansehen, Wallenta«, flüsterte sie. Er neigte sich ihr zu, wie um sie besser zu hören: »Und warum nicht?« »Ich leid's nicht. So sieht man keine Frau an.« Er antwortete nicht. Nur fest hielt er sie, und ihr ward immer schwüler und beklommener dabei. ›Wenn der Wagen nur käme!‹ dachte sie. Und es ging wie ein Zug von seiner Rechten zu ihrer, ein Zug, der sie irgendwohin riß, dem sie gegen ihren Willen folgen mußte. Wenn sie nur etwas gewußt hätte, womit dieses sonderbare Lächeln verdecken, das sie so empörte. Und nun stand er hart an ihr: »Und mein Letztgeld, Madlena?« Es war spätabends, als der Wagen hielt und der Bauer mit Annetschka heimkam. Man aß zu Nacht, wie sonst. Das Kind ward zur Ruhe gebracht. Zapletal aber war sehr vergnügt. Das System Wallentas begann sich zu bewähren. Schon hatte der Graf erklärt, diese Händel seien ihm ekelhaft und verleideten ihm seinen ganzen Besitz trotz der ausgezeichneten Jagd. »Ein Kerlchen bist du, Cyrillku! Läßt sich immer wieder was einfallen. Nur vorwärts!« Und er schlug ihn wohlwollend auf die Schulter. Cyrill und die Frau zuckten zusammen. Der Bauer stutzte, schwadronierte aber weiter. Wie betrunken war er vor Aufregung und argwöhnisch wie ein Berauschter, der soweit seiner mächtig ist, um sich zu fürchten, man könne seinen Zustand mißbrauchen und ihm was antun wollen. Es kam langsam etwas Stockendes in seine Beredsamkeit und ein Verdacht in seine Augen. Wallenta saß schweigend und wenig aufmerksam da und schielte immer wieder nach der Bäuerin. Der fielen die Haare tief in die Stirn. Die Augen glühten, und etwas sehr Entschlossenes war an ihr. Endlich ging man auseinander. Madlena leuchtete dem Burschen. Draußen aber, da sie ganz allein waren, neigte sie sich zu ihm: »Wir sind in Todsünde, Cyrill.« Er lachte und haschte ihre Hand, die sie ihm müde ließ: »Dann gibt's viele Todsünden auf der Welt.« »Lach nicht. Wir werden's büßen müssen. Du oder ich oder ein anderer ...« »Dann am liebsten ein anderer.« Sie erschrak: »Lach nicht. Ich bin das Weib deines Gevatters.« »So nehm ich's ganz auf mich.« Sie schüttelte den Kopf. Alsdann verschloß sie das Tor und ließ den Wachthund los. ›Nachdem der Dieb draußen ist‹, fiel ihr ein. Sie machte ihren Rundgang nach Feuer und Licht, wie immer, nur langsamer als sonst, ehe sie zu ihrem Gatten trat, der immer noch ganz versunken in die Kerze stierte und allerhand vor sich hin brümmelte: »Komm endlich schlafen, Kajetan.« Er ließ sich unwillig genug, wie ein greinendes Kind, führen. Er hinkte neben ihr her mit schmerzlich zusammengekniffenen Lippen, feig vor jedem Tritt, oftmals ruhend und immer wieder fragend: »Was hast du mit Cyrill zu wispern gehabt?« »Nichts hab ich mit ihm gewispert.« »Du lügst wie der Teufel.« Sie entgegnete nichts, war ganz Umsicht. Er stierte immer an ihr empor, und es drängte sich ihm ein böses Wort aus dem Herzen. Er würgte förmlich daran: »Du ...« Sie legte überlegen die Hand auf seinen Mund und führte ihn also, trug ihn beinah in die Schlafkammer.   Es war ein sehr übles und trauriges Leben für alle, das nun begann. Denn im Bauern stand mit einer unerschütterlichen Gewißheit fest, es sei wirklich geworden, wovor er sich so lange gefürchtet. Einen Beweis dafür fand er darin, daß der Wallenta niemals mehr bei ihnen übernachten wollte. Es mochte noch so übel Wetter sein und die Verhandlung noch so lange gewährt haben – er ging zu ihrem Abschluß fort. Dies geschah aber auf Befehl der Madlena, die ihn nicht mehr unter ihrem Dach dulden wollte. Auch horchte der Zapletal mit einer kranken Neugierde nach jedem Tratsch im Dorf. Und alles, was geschah oder unterblieb, deutelte er sich natürlich nach seinen Meinungen oder geheimen Ängsten. Man wußte noch nichts – ja, das waren zwei ganz Durchtriebene, die jeden Pfiff und Schlich kannten, und die Welt würde einmal schon noch über ihre Niederträchtigkeiten erstaunen. Oder auch – es war selbstverständlich alle Welt mit ihnen im Bund gegen ihn. So ein Alter! Ja freilich, wer hat mit ihm Mitleid? Was so einem Alten geschieht, das geschieht ihm nur ganz recht. Was braucht er eine Junge zu nehmen? Das war immer so gewesen, und er selbst, da er noch Sprünge wagte, hätte es doch auch nicht viel anders getan. Es war genug, wenn man sein Sündenspiel nur vor ihm verdeckte und ihm nicht ins Gesicht lachte. Und wie, wenn man ihn einmal satt hatte und gar keine Rücksicht mehr nehmen wollte auf ihn? Er war doch wehrlos. Und dann gab es doch Pülverchen, ganz weiß und süß wie Zucker. Wem man damit seine Speisen würzte, den hungerte es bald nicht mehr. Er traute ihnen allerdings so etwas nicht zu. Denn die Madlena war früher immer brav gewesen. Er wußte es nun ganz bestimmt und schwelgte in der Erinnerung an ihre vormalige Bravheit, an die er doch nie hatte so recht glauben wollen. Ist ein Weib aber erst einmal schlecht, so weiß man gar keine Grenze. Und es gab Exempel. Er selbst war doch einmal Geschworener in einem solchen Fall gewesen, der dem seinen ganz verzweifelt ähnelte. Nahm er aber seinen Stecken und jagte die Frau zu allen Teufeln – gut, aber er hatte doch nicht den kleinsten Beweis gegen sie und machte höchstens offenbar, was besser verborgen blieb vor aller Augen. Und dennoch war jene lüsterne Neugierde in ihm. Er zupfte beständig an dem Tuch, hinter dem seines Hauses Geheimnis schlief, ob es erwache, ob jemand auch nur ahne, was sich dahinter verstecke. Mit dem Burschen abrechnen? Ja – auch das war nicht so einfach. Er konnte doch nicht wissen, ob er die beiden damit nicht erst recht zu einem verzweifelten Schritt trieb. Denn er dachte sich ihre Leidenschaft groß, wie das einer immer tut, hinter dem derlei schon lange genug liegt. Und dann, er brauchte den Wallenta, brauchte ihn nun mehr als je, da sich doch manches große Unternehmen dem Abschluß näherte, von dessen ganzen Absichten er allein wußte. Mit ihm, seinem unermüdlichen Scharfsinn war's möglich. Ohne ihn fiel's in sich zusammen wie ein Kartenbau. Und nun hatte er den Burschen so lange gefüttert, auch mit Bissen, die ihm durchaus nicht zugedacht gewesen. Sollte er nun nicht nur gefoppt, auch geprellt sollte er sein? Nein, für solche Scherze war Kajetan Zapletal nicht. Den Spott trug er, der war andern schon widerfahren. Den Schaden aber noch dazu? Das stand ihm durchaus nicht zu Gesicht. Sich des Wallenta bedienen, bis zum Ende, und hernach eine Rechnung mit ihm halten, in der kein Posten und kein Heller vergessen war. Darauf verstand er sich doch. Und diese Hoffnung, die schöne Erwartung dieser einen Stunde war ihm in aller seiner Pein eine Freude, die er ganz allein genoß. Die Madlena aber war aus dem Gleichgewicht gekommen. Sie hatte gehofft, den Wallenta abzuschütteln. Stand sie ihm aber gegenüber, dann lähmte sie immer wieder die gleiche Schwäche, der sie damals erlegen. Sie betete viel und traute sich dennoch nicht zur Beichte. Auch schlich ihr der Bursche überallhin nach und tauchte vor ihr auf, wenn sie sich dessen am wenigsten versah und ganz allein war. So mußte sie denn trachten, des Kindes ledig zu sein, soviel es nur ging. Sie übergab es einer Magd; die mochte Annetschka durchaus nicht, denn sie gesellte sich nur sehr ungern zu einem Fremden und war also mit dem Mädchen sehr häßlich. Immer wieder versuchte sie's, der Mutter nachzuschleichen, immer wieder wurde sie hart angelassen dafür und entfernte sich dennoch so schwer, so zögernd! Oftmals, weil Madlena sich in schlimmen Gedanken durch sie aufgeschreckt sah, war sie zur Unzeit heftig und ungerecht gegen sie. Wieder erdrückte sie das Kind mit einer Zärtlichkeit, deren es nicht gewohnt war. Sie trug die Launen des Gatten mit einer unendlichen Geduld. Es war ihr, als bestünde darin ein Teil ihrer Buße, und je mehr und klagloser sie auf sich nehme, desto besser für alle. Denn er war unsäglich erfinderisch in hämischen Bemerkungen. Jedes Kleid, das sie anhatte, gab Anlaß dazu. Etwas durchaus Schamloses war in ihm erwacht, und es behagte ihm, sie damit zu verwirren. Es gab wüste und abscheuliche Szenen, voll eines unermeßlichen, niedergehaltenen, unterdrückten Grolles, unter denen das Kind sehr litt, dem man sie nicht ganz verbergen konnte. Denn schob sie es aus der Stube, sowie sich der Sturm ankündigte, so fuhr er auf und tobte, ob man ihm auch schon Annetschka nehmen wolle. Und wieder ein andermal ging sein Verdacht zurück bis in die ersten Zeiten ihrer Ehe. Und er besudelte damit selbst das Kind. Es konnte in der Hölle nicht schlimmer sein, mußte sie sich oftmals denken. Und ein finsterer Glauben erwachte in ihr. Sie hatten sich arg versündigt. Und, so tief sie darunter litt, sie war zu schwach, sich dieser Sünde abzutun. Es war auch nicht möglich unter diesen Verhältnissen, wo sie Tag um Tag mit Cyrill sich treffen, an einem Tisch mit ihm sitzen, seine Nähe erleiden mußte. Ungeahndet aber konnte so etwas auch nicht bleiben. Wen aber mochte die Vergeltung treffen? Sie konnte in ihrem Mann bestraft werden und hätte das trotz alledem nicht leicht empfunden. Aber näher lag das Verhängnis über dem Wallenta als dem eigentlichen und überdies unbußfertigen Urheber aller Verwirrungen, und sie meinte, ihn sterben sehen zu können, ohne mit einer Wimper zu zucken. Eben darum traf es ihn wohl nicht. Oder es ereilte sie, als die Mitschuldige. Wie aber? Der Tod wäre ihr beinah willkommen gewesen, und sie dachte nur nicht an Selbstmord, weil man ein böses Vergehen nicht durch ein noch schlimmeres, nicht mehr zu bereuendes gutmacht. Oder es konnte Annetschka treffen und in und mit dem Kind sie vernichten. Dachte sie so weit, dann kniete sie vor ihr nieder: »Annetschka – mein Engelchen!« Brach ab, schwatzte ganz verstört. Denn Kinder, die sündenrein sterben, gehen als Engelchen ein in die Freude des Herrn und bitten für die Vergehungen der Eltern. So wurde dem Wallenta der Gang zu seinem Gevatter täglich schwerer. Er sah so gar kein freundliches Gesicht mehr. Das Kind haßte ihn offen und machte nicht im mindesten Hehl daraus. Wie eine Wildkatze fauchte es ihn an, die sich wohl strählen läßt, aber immer nur auf den günstigen Augenblick zu einem Krallengriff dabei lauert. Ihm tat diese Abneigung ordentlich weh. Denn nicht aus Berechnung hatte er sich um Annetschka bemüht. Er liebte Kinder wirklich und ehrlich, wußte die Künste, die sie einem zulaufen machen, und war sogar nicht wenig stolz auf seine Macht über die kleinen Gemüter. Hier versagte sie völlig und in unbegreiflicher Weise. Hier, wo ihm am meisten an einer Wirkung lag. Und überhaupt, hier gefiel es ihm nicht. Denn seine Eitelkeit, wohl das Stärkste und Ursprünglichste in ihm, wurde hier unablässig und in der empfindlichsten Weise verletzt. Auch war das mit der Kajetanowa kein Verhältnis, wie es ihm gefiel. Und es wurde auch durchaus nicht, wie er sich's wünschte. Er war niemals der Herr und Gebieter. Sonst zitterten die Mädchen und die Weiber, mit denen er's gehabt, vor dem Ende, und er konnte drohen. Diese zitterte nach dem Ende. Sie wünschte nichts, als seiner ledig zu werden, und verbarg nicht einmal, wie sehr sie unter dem leide, was unter ihnen bestand. Niemals machte sie ein Hehl daraus und marterte ihn. Und das ewige Verstecken vor aller Welt regte ihn auf, und er kam sich selbst schon schlecht in der Haut vor, wenn er seine verstohlenen Pfade schlich. Er strengte seinen ganzen Scharfsinn im Dienst des Bauern an. Alle seine Geisteskräfte bot er für ihn auf, und das Vermögen des Zapletal wuchs mit einer unheimlichen Schnelligkeit. Sie zwei allein wußten, wie reich der Mann schon war, reicher als die meisten, die da herum auf Edelhöfen saßen. Er selbst wollte nichts davon. Er nahm nicht einmal mehr etwas für seine nächsten Bedürfnisse von ihm an. Nur seine Anerkennung der Dienste, die er sich abzwang, denn sie gingen gegen Leute, die ihm nie etwas getan, begehrte er. Die wurde ihm geweigert oder in einer Art gezollt, der man anmerkte, wie schwer und widerwillig sie sich aus einem vergifteten und von allen Befürchtungen zerfressenen Herzen losrang. Ja, es war eben eine böse Welt! Voll Falschheit und voll häßlichen Undanks. Und wenn er schon ein Lump sein sollte, für dies Gesindel war er immer noch zu gut, und dies war sein ganzes Unglück. Er hatte halt Gemüt. Und er nahm sich die Dinge zu Herzen. Dagegen war nun einmal nichts zu tun; wen's hatte, den hatt es eben. Da half nur Flucht. Er mußte fort von dieser Madlena, die ihn mit ihrer traurigen Schroffheit verhexte, daß er keiner andern mehr denken konnte. Als liefen nicht Frauenzimmer genug für einen dreisten Gesellen auf dieser Welt umher! Fort von diesem Wucherer Kajetan, dieser Annetschka, die ein rechter Ekel war, diesem ganzen Dorf, einer Pfütze, in die er zu seinem Unheil getreten. Je nun, besser ein Stiefel als gar ein Fuß samt allem, was daran hing. Er war ja nicht gebunden. Keinen Augenblick länger, als es ihm paßte. Und mit aller Entschiedenheit bewarb er sich endlich um eine Stellung. Natürlich bei Gericht. Da gibt es für einen, der ausgelernt ist und alle Wege weiß, immer noch einen guten Verdienst, so daß man nicht ums Gehalt fragen muß.   Es hatte wieder einmal einen Verdruß mit der Madlena gegeben, wie jedesmal, wenn sie zusammen waren, so daß er schon vor jeder Begegnung zitterte, ohne ein Ende machen zu können. Denn freuen über ihn sollte sich diese hoffärtige Madlena, die doch nichts war, durchaus nicht. Litt sie, so war ihm doch auch nichts geschenkt. Und er sehnte sich dennoch nach jeder Begegnung. Also ... Er war diesmal sehr zornig fort, zum Jindrak. Nun musizierten sie miteinander. Es war ein nebliger Vorwinterabend. Des Jindrak Hütte stand auf einem Bühl. Man sah ins Land, über dem der Nebel seine endlosen, unkörperlichen Fäden spann, nieder zur March, die weißlichgrau, geschwellt von Oktoberregen, zwischen dickem Weidicht ihr Bett erfüllte. Der Wallenta fühlte sich ruhiger werden. Eine Dohle, die er sich einmal gefangen und abgerichtet, um sie bei Gelegenheit Annetschka zu schenken, die sicherlich noch niemals einen sprechenden Vogel gehört, warf manchmal ein zorniges Wort in ihre Tanzweisen und schlug ärgerlich mit den glänzend schwarzen, gekappten Flügeln; denn es war ihre Schlafenszeit, und man kümmerte sich heute nicht darum. Wallenta drohte ihr mit dem Finger: »Sei ruhig, Peterl!« Peterl spreizte die Flügel, fauchte, sah den Wallenta mit blitzenden schwarzen Augen an und schimpfte weiter. »Das ist auch so ein Rabenvieh«, knurrte der Cyrill. »Sieht auch ganz so aus. Kann also niemand auch mit schlimmem Willen bestreiten«, entgegnete Jindrak philosophisch. »Ich dreh ihm den Kragen um. Das kann mir gleichfalls niemand verbieten.« Peterl schien die freundliche Absicht zu merken und krächzte höchst bösartig und ergrimmt. Jindrak aber preßte seinen Blasebalg mit Macht zusammen. Er wollte mit Nachdruck und beiden Ellenbogen eine Passage herausquetschen, die ihm vielleicht nicht gemütsvoll und gewiß nicht sicher genug herauskam. »Da werd ich nun fortgehen«, meinte der Wallenta melancholisch, wie das immer nach dem fünften Viertelchen Schnaps bei ihm kam. »Fortgehen, von wo ich doch eigentlich zu Haus bin. Und keine Katz wird um mich krähen.« »Du, das möcht ich einmal hören«, meinte der Jindrak und entfaltete seine Harmonika zu einem neuen Sturmlied. »Sei nicht frech, Blinder. Aber fortgehen muß ich. Sonst kommt nichts Gutes heraus, wenn ich noch länger da bin.« »Nein, Gutes kommt nichts heraus!« bestätigte der Blinde. »Du mußt mir nicht alles nachkrächzen wie der Vogel, der vermaledeite«, fuhr Wallenta auf. »Wer wird mich aber in der Heimat vermissen? Keine Menschenseele.« Jindrak erschrak und tat keinen Muck mehr. Er wußte, es sei mit seinem Freund nicht immer gut Kirschen essen. »Allen hab ich Gutes getan, und alle werden auf mich hacken, wenn ich erst einmal fort bin. Aber das ist einmal in der Welt so. Warum wird man schlecht? Weil die Welt miserabel ist.« Jindrak betastete seine neue Harmonika zärtlich: »Ja, das ist nun einmal in der Welt so.« »Da wird man herumgehudelt im Leben. Was haben sie allein beim Militär auf mir für Stückeln gespielt, bis ich gemerkt hab, man kann auch auf andern spielen! Das wollen sie sich nicht gefallen lassen. Alle haben sie von mir gelernt.« »Ja. Alle und allerhand«, bezeugte der Blinde. »Du am meisten. Ein Pfuscher warst du, ein Bettelmusikant, nach dem man nur tanzen konnte, wenn's einem schon sehr in den Füßen juckte, und dem man seinen Kreuzer gibt, nur damit er um Gottes willen aufhört.« »Ein Pfuscher? Ein Bettelmusikant? No, no!« meinte Jindrak gekränkt. »Wie hat's nur früher hier ausgesehen! Wie bei einem Räuber, dem sein Geschäft sehr schlecht geht: Und jetzt ist's doch ganz menschlich hier.« »No ja. Aber ich war doch blind.« »Das bist jetzt auch noch. Aber ein Schwein bist du nicht mehr. Eine Ordnung hab ich in dich hineingebracht, wie man sie beim Militär hat. Und ein Geld hast auch.« Der Blinde zuckte zusammen. Davon hörte er sehr ungern. »Bissel was. Bissel was. Gar wenig.« Und er spreizte seine Finger ängstlich, als müßt er seinen Schatz behüten. »Und deine Musik machst, daß es eine Passion ist. Du wirst an mich denken. Wirst, Jindratschku?« »Gewiß werd ich, und mit Dank«, entgegnete Jindrak ehrlich und befreit aufatmend. Peterl legte den Kopf auf die Seite und schwieg. Der Blinde aber regte sich nicht, horchte angespannt und zog die Luft tief in sich. »Wie ein Lärm ist's. Weit wo. Und es brandelt.« »Unsinn. Die Nebel streichen. Da brandelt's immer.« »Sei still, Wallenta. Hören und riechen tu ich besser als du. Es brandelt richtig.« Der Vogel stieß einen grellen Ton aus. »Der Peterl spürt auch etwas.« »Laß mich sehen.« Er trat vor die Hütte. Der Himmel war umzogen, und ein starker Wind hatte sich aufgemacht. Er fegte den Staub in Stößen vor sich her. Es war trockene Zeit gewesen und gegen alle Ordnung der Dinge. Überm Grunde aber lag ein rötliches Licht, und wie ein Rauch erhob es sich. Und da schlug es auch an. Gellend, ängstlich, zappelig, immer wieder und schneller, wie ein Ruf um Hilfe: die Feuerglocke. »Du hast recht. Es brennt.« »Wo denn?« »Im Dorf. Nah beim Schloß. Kann sein, beim Zapletal.« »Gehst hin?« »Muß ich doch. Servus, Jindrak.« Er zog sich an und eilte dem Sturm entgegen. Hinter ihm aber in kurzen, schnellen Sprüngen flatterte etwas. Die Dohle folgte ihrem Herrn, angezogen von immer stärkerem Geruch der Brandstatt, völlig ermuntert von der Lohe, die sich immer mächtiger und klarer aus der Nacht hob, die rot und glosend am Himmel stand, dem Lärm eines Dorfes, das geweckt war, da es sich zur Ruhe begeben wollte, und nun zur Hilfe herbeieilte. Es war ein wirres Getöse. Angstgeschrei von Weibern, die nicht wußten, wo die Gefahr eigentlich herdrohte. Johlen und Greinen von Kindern. Sie überfüllten und verengten die Dorfstraße, in der sich schon manches Gerümpel zu türmen begann, das man retten wollte. Blöken, Quietschen, Wiehern und Gebelfer von Haustieren, die man der Sicherheit halber ins Freie gelassen. Und laut und immer schrecklicher das Prasseln der Flammen, und ihre Zungen stiegen hoch und höher in die Finsternis und glühten den weißen Kirchturm an, daß sein Kupferdach blänkte und er geisterhaft in der Nacht stand und man das Zittern und Schwingen der Glocken sah; und sie leckten gierig und sehnsüchtig nach dem Schloß hinüber. Wallenta überflog dies mit einem Blick. Eine Spritze kam herangerasselt. Er schwang sich auf den Bock, ergriff die Zügel, die man ihm ohne Wort und Einspruch überließ. Hinten herum, über Sturzäcker, auf denen der schwere Wagen tief einsank und bedenklich schwankte, lenkte er sein Gespann. Es ging dennoch schneller als durch die Dorfstraße, und man mußte nicht aufpassen und der Flüchtenden halber kaum Schritt fahren, und es bestand keine Gefahr, daß die Pferde von unmittelbarem Flammenschein und all dem Lärm scheu würden. Einmal sah er sich um. Auf der Pumpe saß die Dohle, klatschte vor Vergnügen mit den Fittichen und sah aus wie ein kleiner Dämon. Er schlug mit der Peitsche nach ihr, sie hob die Schwingen und vermied den Hieb gewandt. ›Das Vieh bringt mir Unglück‹, schoß ihm durch den Kopf, und er zog den Pferden eins über, daß sie mächtig stiegen. »Annetschka«, rief der Vogel darein, und dann schalt er: »Spitzbub! Haderlump!« und schnatterte allerlei dummes Zeug. Ein tiefes Dunkel – der Laubengang vor dem Schloß. Auch kahl warfen die Stämme und das verwachsene Gezweig tiefe Schatten. Über den Bäumen aber stand es wie ein sehr kräftiges und leuchtendes Abendrot, und goldene Funken zogen windschnell vorüber. Das war brennendes Getreide – das fliegt weit und zündet bös. Die Pferde schäumten, keuchten. So waren sie noch nie gehetzt worden, eine so eiserne Faust hatte ihre Zügel schon lange nicht regiert, sie emporgerissen, wenn sie straucheln wollten. Wallenta sprang ab, und ein Zujauchzen empfing ihn. Auch hier eine heillose Verwirrung. Der dicke Feuerwehrhauptmann schoß zwecklos um, daß er kaum mehr schnaufen konnte, gab im jammernden Ton Befehle, um die sich niemand kümmerte. Alles plagte sich kopflos und ohne Leitung. Wallenta hatte durch Zufall seine Feldwebelmütze aufgesetzt. Er schob sie aus der Stirn. Kühn und frech sah er aus. Der Gischt des Brandes warf einen rötlichen Schein über sein blasses Gesicht, und seine Augen glühten. Die da an den Spritzen waren, dies waren fast durchweg seine Kameraden, hatten unter ihm gedient und harrten eigentlich nur seiner Befehle, denen blind zu gehorchen sie gewohnt waren. Es war ihm leicht und freudig zumut, wie niemals seit langer, langer Zeit. Wie vor einer großen Aufgabe, vor die ihn das Schicksal selbst gestellt. Er winkte einen Burschen zu sich: »Die Ställe sind leer, Honsik?« »Ja, das Vieh ist draußen, meld ich.« »Ist gut. Eine Kette bilden bis zum Mühlbach! Eine Kette von Weibern, die Wasser reichen. Vier Mann an die Hauspumpe!« Es geschah. Die Frauenzimmer, die bis dahin nur im Wege gestanden, sahen sich nützlich beschäftigt. »Die Ställe und Scheune brennen lassen! Alle Spritzen gegen den Gerätschuppen!« »Warum?« »Hierher geht der Wind. Fängt der Schuppen, so ist das Haus nicht mehr zu halten und vielleicht nicht einmal mehr das Schloß. Das sind alte Schindeln, die fliegen weit und sind wie Streichhölzchen. Zwei Mann aufs Dach!« Eine Pause. Die Pumpen quäkten, die Flammen prasselten und zischten gewaltig, wenn ihnen immer neue Ströme Wasser entgegengeschleudert wurden. Wallenta war allenthalben, immer die Dohle hinter sich. »Der Hauptmann und sein Adjutant«, scherzten die Burschen, die gutlaunig wurden. Denn sie spürten den Nutzen seiner Gegenwart und die Klarheit seiner Befehle. Und auf einmal erhob der Vogel seinen Ruf »Annetschka!« Er fand kein Echo. Keine Erwiderung. Ein wirres Schreien: »Annetschka!« Kein Kinderstimmchen antwortete. Wo war sie? Niemand hatte sie gesehen. Im Wohnhaus war sie gewiß nicht gewesen. Das hatte man gründlich ausgeräumt. Alles Gerümpel stand da zu Haufe und gleißte im Widerschein. Nur Annetschka fehlte, und ein allgemeines Jammern, durch das der tiefe Alt einer ihm vertrauten Frauenstimme wie eine Trauerglocke vorschlug, begann: Jesus, Maria, Joseph! Annetschka brennt!« Das war wie eine Litanei. Eintönig und in seiner ewigen Wiederholung dennoch so schrecklich aufregend. Der Wallenta reckte sich: »Wo ist das Feuer ausgebrochen?« Und seine Stimme klang heiser und tonlos. Man wies auf einen Stadel, der ganz in Flammen stand. »Wann und wo hat man das Kind zuletzt gesehen?« Darauf wußte niemand Bescheid. Der erzählte dies, ein anderer just das Gegenteil. Bestimmtes wußte keiner. Wallenta zog die Stirn kraus, während die Rettungsarbeiten unter seinem Befehle weitergingen und des Zapletal schreckliches Ächzen und Schluchzen und seine unsinnigen Verheißungen durch das schrille Gewimmer von Weiberstimmen klangen. War das Kind in jener Scheuer, dann allerdings war kaum mehr eine Rettung dafür. Und das war möglich. Eben das. Gerade das. Denn eben hier hatte er sich diesen Nachmittag mit der Madlena getroffen, die ihm widerwillig genug nachgegeben, und dahier hatten sie sich noch so sehr gezankt und gestritten. Und es war ihm doch immer gewesen, und nun bestand es als Tatsache: es raschelte hinter ihnen wie von flinken Mäuse- oder Kinderfüßchen. Sie war ihnen doch überallhin nachgeschlichen, wo sie's nur konnte, der Spion, der kleine. Nun hatte sie's. »Annetschka!« kreischte die Dohle auf einem entlaubten Baum, eben da es auf Erden einen Augenblick schwieg. Er bückte sich und schleuderte mit einem ingrimmigen Fluch einen Stein nach ihr. Aber seine Hand war so sehr unsicher. Er traf sie nicht. Nur nach dem Himmel sah er. Der stand kupferrot und angeglüht vor ihm. Und da stand auch die Zapletal vor ihm und sah ihn an, und ihm war, als sei die ganze Welt versunken und sie ständen beide einzig darauf. Und was für Augen sie nur an sich hatte! Er hatte einmal, aus besonderen Umständen, einen Zug kommandiert, der einen armen Sünder zum Galgen führte, weil er seinen Korporal erschoß. Ganz solche Augen machte die Madlena – voll Furcht vor etwas Unbegreiflichem und voll von Wahnsinn. Ja! Da ist nichts zu machen!« sprach er nur für sich und dennoch laut. Die Madlena aber sah ihn immer nur an: flehend, fordernd und sehr gebieterisch. Ja, was wollte sie von ihm? Und wenn sie's schon forderte, warum tat sie's nicht lieber selbst, der's doch zunächst, zustand? Und er fühlt' es mit aller Bestimmtheit: die gleichen Gedanken über Annetschkas Ausgang, die ihn verstörten, waren auf ganz dem gleichen Weg auch in ihr wach geworden. Denn noch etwas lag in ihrem Blick: ein unbändiger und dennoch feiger Haß, vorläufig nur niedergehalten von einer Hoffnung ... Hoffnung? Worauf? Daß er sein Leben wegwerfen werde in einem tollen Versuch, den Fratzen zu retten, der ihnen offenbar nachgeschlichen und in der halben Dunkelheit eingeschlafen war? Dem wahrscheinlich kein Knochen mehr weh tat? Das aber war so sicher nicht. Eigentlich brannte doch nur das Gebälk und sandte seine Gluten in die Welt. Die Scheuer selbst, solid gemauert, stand. Sie konnte schon noch leben. Sie war zu retten, wenn jemand den Mut dazu erschwang. Eine solche Tat zu fordern aber war doch Wahnsinn. Und begehrte man sie hundertmal von einem, an den man guten Anspruch hatte! Ja; nun hatt er's. Sie mußte verrückt werden, kam das Kind so durch ihre Versündigung um, und es trat wie ein Feuerschein in ihn ein – er hatte sie dann zum Irrsinn gebracht und sie und Annetschka und den alten Zapletal auf dem Gewissen. Er schüttelte sich heftig, als müsse er eine schwere Last von sich abbeuteln. Und immer Neues, Leidenschaftliches ging ihm durch die Brust. Denn an diesem Kind, das so wehleidig war wie eins und nun einen so martervollen Tod erdulden mußte wie keins, das er selbst so liebgehabt, trotz allen Ärgers, daß es seine Neigung nicht erwidern gewollt, an dieser Annetschka liegt trotz all seines selbstherrlichen Gefühls mehr als an ihm. Verschwand er, so war's eine Erleichterung mindestens für zwei Menschen, denen er das Leben verstörte. Ging aber das Kind zugrund, so war es diesen zwei Menschen eine immerwährende und unauslöschliche Hölle. Da hineinsetzen hatte er sie gewiß nicht wollen und hat es dennoch getan. Und er verstand: ein einzelner halte noch soviel und aus bestem Grund von sich, er ist dennoch nicht mehr wert, als ihn die übrigen einschätzen und ihm zugestehen wollen. Und man erwartete es doch von ihm. Etwas, dessen sonst niemand fähig war. Das war ja immer so gewesen. Was sich niemand traute, das sollte der Wallenta vollbringen. Und was war sein Dank dafür? Daß man ihn einen niederträchtigen Kerl schimpfte. Natürlich hinterrücks. Der sich's ihm ins Gesicht getraut hätte, den hätte Cyrill Wallenta gar zu gern kennengelernt. Da war nun Gelegenheit, wie sie bestimmt nie wiederkam, eine Tat zu tun, an die sich niemand wagte, eine Tat, wie sie seiner Frechheit und seiner Eitelkeit zugleich schmeichelte. Das war so ein Brillantfeuerwerk, entzündet, Cyrill Wallentas Abschied zu feiern und ins gebührende Licht zu setzen. Nur zu gering erschien es ihm für diesen Zweck. Glückte dies Unterfangen, so vergoldete er sein ganzes Leben, es war nun, wie es war, und zwang sie, von ihm zu sprechen, wenn er längst nicht mehr da war. Eine Tat wär's, die mit einem Fußtritt all dies Gesindel, das er so lange um sich geduldet, von ihm schied – und seine eigene Vergangenheit auch. Alles regte ihn so auf, drängte ihn zu einem Entschluß. Dies häßliche Gebimmel: »Helft, kommt! Helft, kommt!« der Feuerglocke, die immer ängstlicher und schneller anschlug, die Augen voll Höllenangst der Madlena. Und sein innerlicher Nihilismus dazu. Was lag an ihm? Überhaupt an sonst einem Menschen? Nur dies Kind war unersetzlich, wenn es sonst der Leute nur zuviel auf der Welt gab. Er bückte sich, tauchte zwei Pferdedecken tief ins Wasser. »Alle Spritzen auf die Scheuer. Für den Schuppen genügt eine!« Seine Stimme klang klar. Er schlug die Decken um sich und lief in weiten Sprüngen über den Hof. Da sah man ihn und dort. Wo er sie zu finden gefürchtet, dort war Annetschka nicht. Das war ihm eine Erleichterung und ein gutes Vorzeichen. Wo er auftauchte, dorthin sandte man den vollen Strahl der Spritzen. Er dampfte, knickte zusammen, traf ihn die Wucht der Wasser, und taumelte weiter durch Rauch und Gluten. Wie ein Verdammter erschien er sich selbst und den andern, der durch die Hölle schwankt. Er verschwand. Eine endlose Pause. Da ... er hielt etwas hoch in den Armen, und durch die schreckliche Nacht klang das zornige Weinen eines Kinderstimmchens. Ein Jubelschrei: »Annetschka!« – »Bravo, Wallenta!« Ein Angstruf: »Achtung, Wallenta!« Er hob, geblendet von all den Grellheiten, durch die er gestürmt, den Kopf, hielt die Hand vors Auge, tat einen Schritt vorwärts. In sein Verderben. Ein ungeheurer Balken stürzte, traf ihn mit voller Macht. Ein unsicheres Vorwärtstaumeln, immer das Kind in den Armen. Dann brach er in die Knie und stöhnte. Dann sank er hin ... Das Feuer war niedergebrannt. Die Menge hatte sich verlaufen. Noch stieg unter der Gewalt der Wachtspritze eine einzelne, aufgeschreckte Flamme auf und glühte das Schloß an und den Kajetan Zapletal, der unbeweglich mit seinen kranken Beinen dasaß und grübelte. Er war hoch versichert, und der Brand gab ihm nun nur neue und flüssige Mittel zur Verfolgung seiner alten Pläne. Vor ihm lag regungslos Cyrill Wallenta. Die Madlena war fort. Unterkunft für die Nacht bereiten. In des Vaters Schoß hatte man Annetschka weich und warm gebettet, und sie schlief. Er hob die Faust gegen das Schloß, das geisterhaft klar und nahe stand, beugte sich über sein Kind, schlug ein Kreuz darüber und flüsterte heiser und ängstlich, um sie ja nicht zu wecken: »Annetschka, mein Herzerl, du wirst doch noch im Schloß schlafen.«   Růžena Čapek Der Prozeß ist annoch beim Kreisgericht Ungarisch-Hradisch anhängig. Wie die Geschworenen, für die zum Teil selbst der Aufenthalt in dem kleinen mährischen Städtchen schon eine Zerstreuung wie mannigfache Aufregung bedeutet, darüber urteilen werden, läßt sich durchaus nicht vorhersagen. Unter allen Umständen: der Anwalt freut sich der großen Aufgabe, die seiner harren wird, und macht gar kein Hehl daraus. Der Fall aber, der ein junges und tapferes Weib unter einer schweren Schuld des Gattenmordes auf die Anklagebank geführt hat, ist vielleicht merkwürdig genug, um so erzählt zu werden, wie er im Heimatsdorfe der Růžena Čapek umläuft. Hätten wir französische Geschworene, so müßte man sich über ihr Schicksal keinerlei Gedanken machen. Denn ihr eigenes Gewissen hat die Růžena durchaus nicht zu fürchten. Was sie getan hat, kann davor bestehen und war höchst notwendig, nicht nur entschuldbar nach ihren Begriffen.   In der Heimat der Růžena gab es natürlich keinen andern Gesprächsstoff. Jeder wollte dies Ende ihrer Ehe vorausgewußt haben und fühlte sich also als Weiser und Kündiger der Zukunft. Zeugen wurden einvernommen und berichteten daheim gewichtig, wie sie ausgesagt und sich vor den Herren vom hohen Gericht benommen hätten. Jede Einzelheit der letzten Jahre wurde so entrollt und durchgesprochen. Denn das Dorf hat ein erstaunliches Gedächtnis für alles, was einen daraus angeht oder betroffen hat. Nur diejenige, die am meisten gewußt hätte, die Tereza, die Schwester der Angeklagten, hielt sich ganz still für sich und weinte sich für sich aus. Übrigens lag ja nunmehr auch die volle Sorge für das große Anwesen und den Bruder allein auf ihr. Keine Kleinigkeit, wenn man noch selber so sehr jung ist und bis vor kurzem geneigt gewesen war, sich als Kind zu betrachten und hätscheln zu lassen. Übrigens war die Růžena Čapek immer ein eigenes Mädel gewesen. Ganz für sich und gar nicht wie die anderen. Nämlich, sie hatten ihr, doch beide Eltern hintereinander begraben. Sie waren an der Cholera gestorben, da die Älteste eben erst zu ihren Jahren und zu ihrem Verstand gekommen war. Den Bruder, der den Hof hätte übernehmen sollen, den hatte man in einem Raufhandel zu einem elenden und gottesarmen Krüppel gestochen. Füttern und anziehen mußte man ihn wie ein kleines Kind, er konnte nur stammeln und deuten, was er wolle, und ganz so, mit einem grenzenlosen Mitleiden, hatte ihn die Růžena gern und sorgte dafür, daß es ihm an nichts fehle und er seinen Platz in der Sonne habe, die ihm wohltat. Sie litt nicht, daß man ihn bemitleide. Innerlich, meinte, sie, sei er immer noch klüger als die meisten. Er sehe und begreife alles gar wohl. Nur herzeigen könne er es nicht mehr, der Arme, seit damals, wo so viele wie die wilden Tiere über den einen herfielen und ihn so mörderisch mit Schlägen und Messern behandelten. Der Schrecken saß in ihm und lähmte. Ja freilich – es gibt kein böseres Volk als die Welschen, die Taljani Italiani (ital.): Italiener. , die dazumal im Dorf gearbeitet. Wich diese Angst einmal, so wurde er zwar leider Gottes gewiß nicht mehr heil, aber sonst ganz, wie er gewesen war. Von ihren Verwandten mochte sie durchaus nichts wissen. Nämlich: das waren lauter Bettelleut und hatten nichts im Kopf, nur wie man die Růžena scheren und um das Ihrige prellen könnte. So ein Waisengut, das ist wie Heu in einer Raufe. Jedes Roß, das vorübergeht, möchte sich sein Maulvoll davon abrupfen. Es gibt gar viele, die es nicht anders ansehen, als war es herrenlos und jeder könne danach greifen, bis man ihm eben nachdrücklich und so auf die langen Finger klopft, daß er es merkt; und wie man das so macht, daß es weh tut, dies hatte die Růžena bald heraus. Das kommt mit der Übung, und hernach hat man's nur so im Griff. Man hatte ihr natürlich von Gerichts wegen einen Vormund bestellt. Das ist nun einmal so bei uns – und sei ein Weib noch so tüchtig, es muß jemand zu seiner Aufsicht eingesetzt sein. Ein weitläufiger Vetter war es, ein recht dürftiger Hund, der die Růžena gerne geheiratet hätte, weil er ein angejahrter Witwer war. Sie ließ sich anglotzen, soviel er nur mochte; das schadet weder, noch beißt es einem was ab; ließ ihn von der Heiligkeit des Ehestandes reden, soviel ihm gesund war. Dareinreden in ihre Wirtschaft ließ sie sich kein Wort, und nur manchmal, wenn er es ihr gar zu dumm und gar zu lästig trieb, warf sie ihm einen fetten Bissen hin. Danach schnappte er so heftig, Saß er sein Maul zu nichts anderem gebrauchen konnte. Und so hauste die Růžena Čapek auf ihrem Hof mit ihrer Schwester Tereza und mit dem armen Krüppel, den nie und nimmer zu verlassen sie sich geschworen hatte. Zu sorgen und zu betreuen hatte sie genug, und mehr erwartete und verlangte sie nicht einmal vom Leben. Denn sie war früh ernst gewesen und ward es nur immer mehr. Man hatte nie von einer Liebschaft auch nur gemunkelt bei ihr. Sie war nicht im mindesten hübsch. Sie sah nämlich viel schwächer aus, als sie sich hernach bei der Arbeit erwies. Ihr schlug kein Essen an. Etwas bläßlich war sie immer, und sie färbte sich nicht besser, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengte. Auch der Mund war schmal wie ein Strich und nur ganz wenig rot, die Nase länglich geraten und etwas spitz, das Haar und die Augen aber waren schwarz. Sie lachte fast niemals, und man hörte nie ein lautes Wort von ihr; sie hatte einen traurigen und nachdenklichen Blick und war eigentlich am hübschesten, wenn sie neben dem kranken Vilém saß in einer Pause, die sie sich selten genug gönnte, und sie streichelte ihm seine sehr magere Hand und erzählte ihm mancherlei, das er mit einem immer gleichen stumpfen Kopfnicken vernahm. Verstand er's? Sie hätt ein Jurament darauf abgelegt. Und wenn schon nicht? Der behielt alles bei sich und verriet kein Sterbenswörtchen. Denn sie haßte den Klatsch, der im Dorfe so heimisch ist, aus den tiefsten Gefühlen ihrer Natur heraus. Und sie traute niemandem. Gegen wen sie sich stellten, der hatte bei der Růžena schon darum etwas für sich. Und deshalb hielt sie sich so, daß keinerlei Gerede ihr zu nahe konnte, und verkehrte mit keinem, für so hochmütig man sie auch beschrie. Etwas mußten sie ja jedem anheften. Da war dieses immer noch das Beste. An die Ehe dachte sie nicht. Denn sie fühlte sich ganz wohl und geborgen, wo sie war. Sie hatte keine Liebe zu Kindern und keinen Sinn für Zerstreuung. Ihre Unabhängigkeit, die sie schwer genug behauptet hatte, die wollte sie nicht mehr preisgeben. Es war ihr widrig, sich jemanden neben ihr zu denken, dem sie Rechenschaft über jeden ihrer Schritte, wohl gar von ihren Gedanken schulde, der sich Rechte über ihre Handlungen und ihre Person anmaße, die sie aus freien Stücken niemandem zugestanden hätte. So kamen die Freier und gingen. Die Nachbarinnen, die vordem der Vermittlung so beflissen waren, ließen in ihrem Eifer nach. Welche Bekanntschaft man ihr nahelegte, es war mit der Růžena nichts zu beginnen. Sie beharrte: die Tereza, käme sie zu ihren Jahren, sollte heiraten. Die werde hübsch und dumm und unselbständig genug. Sie aber wolle mit dem Vilém und sonst allein bleiben.   Es war zu Beginn des Novembers gewesen. Die Sonne schien hell. Sie überglitzerte und taute das dünne, klirrende Eis, das der vorzeitige Allerheiligenfrost über Nacht auf Tümpeln und Lachen gebildet hatte. Vor dem Flecken erhob sich ein Hügel, ansehnlich genug für dieses flache Land. Er soll dem Volksglauben nach die Marke der Züge des wilden Zizka bedeuten. Bis hierher trug er die Glut des Scheiterhaufens von Konstanz, ehe er sich wandte, um zu sterben. Und darum heißt die Höhe bis diesen Tag »Kehr um, Zizka!« Der Bursche, der einen Tag nach Allerseelen da oben stand, erwog gleichfalls, ob Umkehr nicht vielleicht das Vernünftigste wäre. Die Bäume waren entlaubt, und so stellte sich mehr als sonst vom Dorfe dar. Man sah das weiße Schloß, den Kirchturm und jenes Gebüsch, das den Lauf der March umsäumt und andeutet. Der Strom selber schmiegte sich zu innig in den winterlich braunen, reichen Talgrund, ging auch zu seicht, als daß man sein Blinken hätte gewahren können. Der Wanderer sah aus, stark und häßlich wie ein Gnom. Viel zu kurz geraten für die Breite seiner Schultern. Ein mächtiger Schädel, mit dem man Mauern einrennen konnte, Augen trüb und verquollen wie die eines Trinkers, der gern in die Nacht schwärmt, ohne Brauen und fast ohne Wimpern, so daß ihr Blick etwas Unverschämtes und Aufreizendes hatte; keine Spur von Bart im Gesicht. So stierte er, die Hand vor der sehr niedrigen Stirne, nach der Ortschaft und war ungewiß. Eigentlich hatte er da nichts zu suchen. Er war so viele Jahre fort gewesen, erst bei den Kaiserlichen, wo er nicht gutgetan hatte und den besten Teil seiner Dienstzeit ewiger Raufereien halber im Arrest verbrachte, dann auf Wanderschaft, halt nach dem Stückerl Brot, und so niemand hatte ihn da unten vermißt, daß er selber nicht wußte, was ihn eigentlich herzog, wo er nichts verloren oder zu finden wußte. Vielleicht, weil er da doch daheim war? Wär es noch Sommer gewesen! Da mußte man sich nicht um Obdach und Nahrung ängstigen. Man konnte in den Auen nächtigen, machte sich sein Feuer aus grünem Holz, damit einen die Gelsen Mücken. nicht bei lebendigem Leib auffressen, und was man an Futter braucht, das gab der Fluß, oder man legte Fallen. Darauf verstand sich der Wojtĕch Hermann wie keiner, und kochen könnt er – der vom Grafen hatt immer noch was von ihm lernen können, trotz weißer Schürze und weißer Kappe, mit denen er sich so patzig machte. Jetzt aber, im Winter! Wahrhaftig, er hätte meinen müssen, der Teufel selber habe ihn hergeritten. Da gab es wohl nichts anderes wie arbeiten. Entweder in der Zuckerfabrik, bei den Kesseln, wo man vor der Hitze närrisch wurde, oder im Holzschlagen, wo man vor der Kälte wieder nicht zu sich kommen konnte. Und die Herrschaft weiß sehr gut, wer sich ihr jetzt verdingt, der muß nehmen, was er kriegt, und sie nützt das, und sie zahlt einen Lohn, daß man sich vor sich selber schämen muß, man rührt dafür nur eine Hand. Aber wo war es denn jetzt besser? In der Stadt, wo man warten mußte, ob nicht vielleicht doch Schnee fiel? Die einzige Arbeit stockte, die ihm sonst behagte: die am Bau. Da mußte sich niemand mehr anstrengen, als ihm just paßte und zuträglich war, und man konnte immer seinen Spaß mit den Helferinnen treiben. Und das hatte der Wojtĕch gern, sehr gern. Er zündete sich einen Nasenwärmer an. Ganz trübselig rauchte er vor sich hin. Ja, das war doch ein richtiges Hundeleben, das er von Kind auf geführt! Er mußte wiederum lachen, wenn er sich die Segenssprüche beschwor, mit denen man ihn zum Abschied begabt. Nur, daß sie ihm nicht bis zur Dorfgrenze das Geleite gaben, der Gewißheit halber, daß sie seiner ledig würden. Ordentlich glücklich waren sie doch gewesen, ihn vom Halse zu bekommen. Das Gesindel! Er blickte aufwärts. Der Himmel hatte sich grau umzogen, und ein springender Wind frischte auf. Ja, und nun schneite er ihnen mit dem ersten Schnee wieder in das öde Nest. Und dies war das Bestimmende für ihn und seine Rückkehr: sie würden sich mit dem wiedergewonnenen Mitbürger ganz über die Maßen freuen. Also: hinein denn ins Dorf! Er nahm sein Bündelchen hoch. An den Stock, den er sich, derb und dornig, von einer Hecke geschnitten, band er sein blaues Taschentuch und ließ es gleich einer wehenden und siegreichen Fahne flattern. Zerlöchert genug war es dafür. Und breitbeinig und ganz entschlossen, ein Bursche, der sich vor nichts fürchtet und dem Tod seinen Nasenstüber geben möchte, stapfte er durch die ersten, fallenden Flocken in seine Heimat. Es war im Talgrund wärmer als auf der Höhe. Er fühlte es, und das tat ihm wohl. Aus allen Schornsteinen stieg ein feiner Rauch und weckte Gedanken an allerhand gute und nahrhafte Dinge, die nun zu Mittag gekocht würden. Wojtĕch Hermann trat in ein Wirtshaus und ließ sich ein Stück Brot und ein tüchtiges Glas Schnaps geben, damit er sich nicht den Magen erkälte. Die Stube war so hübsch geheizt. Er wärmte sich am Ofen, überzählte seine Barschaft, seufzte und duselte. Denn wie Hunde und Katzen, so könnt er einschlafen, wann es ihm gefiel.   Es war ihm eigentlich keinen Augenblick bang um sich und seine Zukunft. Wer sich von Kindesbeinen allein durchbeißen muß, der gewinnt einen gewissen Fatalismus. Er rechnete damit, daß ihm manchmal eine Nuß unterkommen wird, so hart, daß man meint, der Schädel krache einem. Muß sie aber geknackt sein, so wird ein starkes Gebiß auch damit fertig. Es ist nur bitter, wenn der Kern hernach so ist, daß man spuckt und nochmals das ganze Gesicht verzerrt. Auch das ist nicht immer zu vermeiden. Er war, gelinde gesagt – auf dem Dorf drückt man sich deutlicher aus –, ein Waisenkind gewesen. So sehr sogar, daß man nichts von seinem Vater wußte, während die Mutter an seiner Geburt verstorben war. Mit dem lieben Vieh und wie dasselbe hatte man ihn aufwachsen lassen. Wem er gerade zur ungelegenen Zeit – und willkommen war er niemals und niemandem! – vor den Füßen herumkrabbelte, der stieß nach ihm, ganz gleich, wohin er traf. So hielt's seine Pflegerin, so blieb's in der Sitte. Das war so, daß er sich beinahe wunderte, blieb er einen ganzen Tag ungepufft oder ohne daß eine mehr neugierige als sanfte Frauenhand untersuchte, ob wirklich sein eigenes Haar so struppig auf seinem viereckigen Schädel sitze. Bei dem allen war er gediehen. Zu einer ungemeinen Kraft und Behendigkeit. Und weil er sich oftmals salvieren mußte, weil sehr früh jeder üble Streich im Dorf ihm zugeschrieben wurde, so kannte er bald jeden Schlich und jeden Steg wie keiner. Er war tückisch und grausam. Wer mit ihm raufte, den richtete er erbarmungslos zu, auch nachdem er ihn schon niedergeworfen hatte. Er sicherte sich so einige Ruhe. Zeigte ihn aber einer an, der konnte gewiß sein, daß ihm beim nächsten Baden in der March etwas Unangenehmes passierte, denn der Wojtĕch konnte schwimmen und tauchen wie eine Otter, oder daß ihn unversehens ein Steinwurf traf, ohne daß jemand zu erspähen war, der ihn getan haben konnte. Er hatte dem Hirten späterhin geholfen. Und dies Leben hätt ihm eigentlich für immer am besten gepaßt. Wenn er durch das Dorf mit seiner Peitsche knallen konnte, worin er es bald seinem Meister vortat, und es drängte sich das liebe Vieh heran, so kam er sich wie ein Befehlshaber vor und fühlte sich gewaltig und nicht ohne Grund herzlich beneidet von allen Buben, die zur Schule oder aufs Feld mußten. Draußen aber ward ihm erst recht behaglich. Da konnte man sich ein Fleckchen aussuchen, auf das die Sonne so warm schien. Sich hinrekeln in das sanfte Gras und in den hohen Himmel starren, der immer durchsichtiger ward, sich über einen senkte und zu Frühlingszeiten erfüllt war von unendlichem Lerchenjubel; um und um ein sanftes Gebimmel von großen und kleinen Schellen. Und man wurde schwindelig vor der vielen Bewegung, dem Bücken und Heben der vielen Tiere, den Farben: rotbunt, schwarz, weiß, scheckig, die sich auf dem grünen Grunde durcheinanderschoben, schläfrig vor dem eintönigen Schnauben, und genoß einer innigen und schönen Trägheit. Nur freilich, gehorchte ein Tier in seiner Unvernunft nicht augenblicklich, brach es die Reihe oder versuchte es in eine Hecke einzudringen oder sich im Kleefeld zu verlaufen, das so üppig und gefährlich lockte, dann geriet der Wojtech in eine besinnungslose Wut. Dann schlug er, wohin es eben traf, und der Hirte wagte nichts mehr gegen ihn. So sehr fürchtete er sich selber vor dem hinterlistigen und gewalttätigen Buben. Das aber kam auf, und darum ließ man ihn nicht dabei. Ein Handwerk aber mocht er durchaus nicht lernen. Und als ihm einmal der Herr Pfarrer, der obendrein Dechant war und sogar beim Fürstbischof etwas galt, eine väterliche Vermahnung hielt, was denn auf diese Weise mit dem Wojtĕch werden und ob er durchaus zur Hölle fahren wollte, da stand er wie ein Stock und stierte ihn ohne alle Gegenrede sehr frech an. Und als sich der Herr Dechant in seiner Bekümmernis, denn es ging doch um eine getaufte Seele, umsah, da stand der Bube immer noch, wo man ihn verlassen hatte, streckte die Zunge heraus, so lang es gehen wollte, und das Gewand des hochwürdigen Herrn war sehr hoch hinauf mit Kotklümpchen bespritzt. Darin hatte der junge eine Fertigkeit, das mit den bloßen Zehen zu tun und ohne daß es einer merken konnte, der auf eine solche Niederträchtigkeit natürlich nicht gefaßt gewesen ist. So voll ausgespitzter Schlechtigkeiten war der Wojtĕch von klein auf. Er war wie ein Tier. Ganz ohne Scham oder Achtung vor einem, der nicht eben stärker war wie er. Er witterte aus, wann und wo die Mädchen badeten, und trieb damit unerhörten Unfug. Und mit den Italienern machte er Bruderschaft. Ohnedies ist das ein Diebsvolk ohnegleichen. So paßten sie zueinander. Nun hatten sie gar einen, der ihnen jede Gelegenheit für Galgenstreiche ausspürte und verriet. Es läßt sich denken: gar nichts mehr im Ort war in alle Ewigkeit vor ihnen sicher. Natürlich kam bald alles, was sich begab, dem Wojtĕch aufs Kerbholz. Schlug man ihn, so warf er sich gern unter mörderlichem Geheule flach auf den Boden, und er verstand es alsdann, Anfälle und Zuckungen zu heucheln, daß man erschrak und von ihm abließ. Hatten sich seine Bedränger aber erst entfernt, dann hörte man einen gellen Pfiff, und der Wojtĕch verschwand mit einer unheimlichen Schnelligkeit, völlig munter und als wäre nichts geschehen. Mit aller ihrer Mühe – nur ein dickes Fell haben sie ihm angeprügelt. Nun, und das kann einer gebrauchen, wie er war. Nicht eine Stunde in seinem nichtsnutzigen Leben war er krank. Da war ein großes Kindersterben gewesen. Er scheute keine Ansteckung. Er half dem Totengräber. Er trug die kleinen Leichen, um deren Genesung man gebetet, wenn man ihn jede Stunde nur verwünschte. Und ihm geschah nichts. Damals traute er sich zuerst ins Wirtshaus. Mit seinem Gelde klimpernd, abgerissen, wie ein rechter Haderlak, saß er da und hatte keine kleine Meinung von sich. Man hatte Ärger über ihn. Nicht einer, der an diesem Tag in seinem Glas Bier oder in seinem Schnäpschen nicht ein giftiges Geschmäcklein verspürt hätte. Desto lieblicher ging es ihm ein. Er war fortab erwachsen. Und er brachte sich bald Kameraden mit, Halunken aus der ganzen Umgebung, die ihm zuliefen, ihn als Meister anerkannten und bewunderten und ihm bei allen Schlechtigkeiten halfen. Und mit Schelmenliedern voll Unzucht höhnten sie die allgemeine Trauer und lebten frech und sonder Gedanken in den Tag. Es läßt sich somit denken, wie froh man war, als der Wojtĕch einrücken mußte. Man atmete auf, hoffte seiner für immer ledig zu sein. Und nun war er doch wieder da, frecher denn je, und jeder erkannte ihn, da er mit seiner Lumpenfahne durch das Dorf schritt, und alle Hühnersteigen wurden gesperrt. Daß der Teufel doch niemals den holt, den er sollte! Das ist doch der Teufel! Eben der rechte Teufel!   Tut einer in jedem Sinn seine Pflicht, gegenüber den Seinigen, der Gemeinde und dem lieben Gott, dann heißt es: er ist soweit ein ordentlicher Mensch. Soweit . Denn gerade in solchen Stücken müssen die Leute nun einmal immer eine Einschränkung machen. Damit ist die Sache aber auch endgültig abgetan. Und darin soll er, neben dem Lohn in sich, von dem auch noch niemand fett geworden ist, sein Genügen haben und finden. Treibt er aber rechten Unfug, macht er sich unliebsam in jedem Sinne, dann bereden sie ihn des langen und breiten. Und sie wundern sich über ihn, seine Streiche und seine Einfälle. Er kommt in den Mund aller Welt. Und statt sich zu schämen, daß er so gar nicht guttun und seine arbeitsame Karre ziehen will für sein Kinderwägelchen voll loser Sachen, wird er, wenn er sonst danach ist, immer eitler und hochmütiger davon, als war er was Rechtes, statt doch nur ein ausgewachsener Lumpenkerl zu sein. Immer neue Nichtsnutzigkeiten heckt er aus. Ehe einem was Ordentliches einfällt, gar, ehe das ausgeführt ist, das braucht doch seine Zeit und will überlegt und festgemacht sein. Schlechtigkeiten aber schießen über Nacht auf, wie die Nesseln. Der sich an ihnen verbrennt, der schreit natürlich Zeter und vermehrt so den Spaß dessen, der sie gesät hat. Und die Weiber schielen nach ihm und tun, als fürchteten sie sich. Und damit hat er denn auch schon einen Vorteil über sie, wenn er ihnen dann einmal unversehens begegnet. Und sie tuscheln, wann er vorübergeht, und winken einander heimlich mit den Augen, in die vielleicht mancher brave Junge sich rechtschaffen gern vergucken möchte. Und er versteht das zu deuten; und so gewinnt er's ihnen immer leichter ab und nutzt ihre Neugier und ihre Dummheit ohne jedes Gewissen. Denn er hat selber keine Scham in sich, und darin liegt immer etwas Ansteckendes. Und mehr Zeit, hinter ihnen her zu sein oder ihnen auf Feldwegen aufzupassen, hat er auch wie einer, der seine Arbeit tut und hernach so müd ist, daß er Gott dankt, wenn er nur endlich seine Ruh hat. Und hat er sie satt, so läßt er sie stehen; und was können sie ihm anhaben, wo sie sich doch hernach vor sich selber schämen müssen, daß sie sich mit so einem überhaupt eingelassen haben? Und wenn es auch scheint, als tat er etwas, so ganz bei der Sache ist ein richtiger Tagedieb niemals, daß er sich daneben nicht noch etwas ausspintisieren könnte. So haben sie den Wojtĕch Hermann viel zu bereden gehabt. Denn in der ganzen Zeit, die er fort war, hat er nichts von seinen Teufeleien verlernt, und allerhand neue hat er sich ausgesonnen. Wer nämlich Anlagen dafür hat, an dem bleibt immer etwas picken. Nicht anders wie Fliegen an einer Leimspindel, die, wenn sie recht voll ist, auch nicht eben einen lieblichen Anblick gewährt. Natürlich hat er seine Kameradschaft mit den Italienern wieder angefangen. Denn einer, der was war oder auch nur vorstellen wollte, der konnte sich mit diesem Habe- und Taugenichts doch keineswegs abgeben. Mindestens nicht, wenn einer in der Nähe war, der es sehen konnte. Im Kalkofen haben sie geschlafen. Und wie abgerissen er war, dieses war dem Wojtĕch einerlei. Gegessen hat er besser wie die Bauern. Denn er war ein richtiger Dieb und hat es gehalten wie der rote Fuchs. Der stiehlt auch niemals in der Nähe, nämlich dort nicht, wo er sein Loch hat; dort nimmt er keine Feder weg. Jenseits der Dorfgrenze aber hört alles Gemeingefühl auf, und seinem Nachbar gönnt jeder neidlos einen Schaden. Hätt er doch besser aufgepaßt! Und man reibt sich die Hände. Schlechte Weibsbilder gibt's immer und allenthalben. Und wenn sie nur ihren Spaß haben, so ist's ihnen gleich, wie oder mit wem. Und vor dem Gendarmen, dem sonst kein Steuerzahler den Respekt verweigert, vor dem hat dieser Galgenvogel gar keine Achtung gehabt. Wenn ihm der gedroht hat, er wird schon auf ihn und seine Schliche passen, so hat der Wojtĕch gegrinst, bis ihm sein Maul um die ganze breite Visage gegangen ist, und hat gemeint, er soll lieber nicht damit seine Zeit verlieren. Denn er könne sich vielleicht derweilen ein schönes Stück Geld und Ehre verdienen, indem er die Mörder der Madlena Hofmann finge, die man so jämmerlich umgebracht hat, ohne daß man bis heutigen Tages von den Tätern auch nur eine Ahnung hat. Entfernte sich der zornig, so spöttelte ihm der Wojtĕch nach, so eilig sei es nun wieder nicht. So in die Haut schlecht war der Hermann. Man hat auch oft der Růžena Čapek von ihm und seinen Bübereien gesprochen. Denn weil sich das Frauenzimmer so sehr still hielt und man es allgemein geachtet hat, so hat man ihr zugetragen, was sich begeben hat, damit sie doch wisse, daß die in der Gemeinschaft lebt und dazugehört. Dafür ber nützt man immer und überall am liebsten das Unangenehme. Sie hat dann wohl zugehört wie einer, der sich eben nicht helfen kann, der nicht unhöflich sein will und sich also lieber zwingt. Denn ohnedies hat man sie für sehr hochmütig gehalten. Hatte sie aber genug und hatte die Erzählende ihren guten Trunk Kaffee getrunken, auf den die Růžena selber was hielt, und vom Kuchen, den die Čapek so weiß buk wie sonst niemand im Dorf, was natürlich jedesmal gebührend anerkannt und bewundert werden mußte, so viel in sich hineingelegt, daß nichts mehr Platz hatte, dann zuckte die Růžena die Achseln und schürzte die Lippen so, daß man ihre spitzen Eckzähne sah, was sich sehr hoffärtig machte und jede Erörterung abbiß: »Laß mich in Ruh mit euerm Wojtĕch. Er ist ein Haderlak!« Und sie wendete sich zu ihrem armen Krüppel und streichelte ihn und tat ihm schön nach Kräften. Und dabei dachte niemand im ganzen Ort soviel an den Haderlak, den Hermann, als eben die Růžena in ihrer stillen Art, die es nicht begriff, wie ein junger und kräftiger Mensch so dem Herrgott den Tag abstehlen und mit sich und seinen Gaben nichts zu beginnen wissen sollte ...   Es wäre alles gegangen, und man hätte sich am Ende an den unbequemen Gast gewöhnt, ohne seine verdammte Gewohnheit. Er stichelte sehr gern. Und er hatte ein Maul von der Art, die man nach dem Tode erst noch extra einmal erschlagen muß. Sonst keift sie noch aus dem Grab heraus. Er mußte um jeden Preis und gegen allen seinen Vorteil immer das letzte Wort haben. Ordentlich wie ein Weib war er darin. Und um einen Einfall oder einen schlechten Witz war er niemals verlegen. Gegen jeden, er mochte noch so ehrbar erscheinen, hat er was gewußt. In seiner vielen freien Zeit hat er sich's ausgedacht, womit er einen ärgern konnte. Und weil er gute und überdies boshafte - Augen im Kopf hatte, so hat er natürlich manches bemerkt, was ein anderer lieber übersehen oder vielleicht versteckt halten wollte. Das war nicht anders, als hätte man einen Spitzel im Dorf, vor dem nichts verborgen bleibt und der es just da und dann auskramt, wann's einem am allerwenigsten paßt. Und so plötzlich und immer vor Zeugen warf er's einem an den Kopf, daß man gar keine Antwort wußte und nur völlig begossen dagesessen ist. Das verdrießt und frißt an einem. Ein einzelner aber hätte sich nicht an ihn getraut. Denn er war so stark, daß nur der lahme Petraš mit ihm hätt allein fertig werden können. Der hatte wohl auch eine Wut auf ihn, weil der Wojtĕch ihn einmal beim Roßtäuscheln betrogen hatte, denn damit und mit Viehdoktorn, das er bei seinem Hirten angefangen und hernach beim Fuhrwesen ausgelernt hatte, gab er sich ab und verstand's über einem Zigeuner. Aber wo und wie hätte der Petraš den Hermann denn erwischen sollen? Der war flink und vorsichtig wie sonst nur ein Marder. Er hatte sich ein neues Gewand gekauft. Wie's ein richtiger Hannak Bewohner der Hanna. trägt, also durchaus nicht wohlfeil. Was brauchte er Bauerntracht, der doch kein Bauer war? Und wen hatt er wieder um das Geld betrogen? Es stach natürlich vielen in die Augen, als er's am Samstagabend zum erstenmal in die Kneipe führte. Er war sehr gut aufgelegt und frecher und spottlustiger denn je. Ein Bursch um den anderen begann mit ihm zu häkeln, bekam seinen Trumpf und verlor sich. Erst freute er sich seines Sieges; langsam wurde ihm nicht ganz wohl dabei, als er endlich so ganz vereinsamt in der Schenkstube zurückblieb. Auch die Dauertrinker gingen, nachdem sie viel gewispert und mit dem Daumen gedeutelt. Am Ende lauerten sie auf ihn. Und gerade diesen Abend war niemand von seinen Gesellen da. Am liebsten hätt er auf einer Bank übernachtet. Oder hätt er nur die Magd gekannt, daßsie ihn bei sich versteckte! Aber leider Gottes, der Wirt hielt sehr auf Ordnung. So blieb er mindestens schuldig: kam er zu Schaden, so sollt es wer anderer auch. Draußen überfielen sie ihn. Den ersten Hieb, und der gab gleich aus, tat der lahme Petraš. Sie schlugen ihn die ganze Dorfstraße entlang. Jeder Ausweg war ihm versperrt. Er wehrte sich, so gut er konnte; aber es waren diesmal doch zu viele über einem. Alles wurde wach. Schlaftrunkene Gesichter erschienen an den Fenstern, drückten an den Scheiben die Nasen noch breiter, als sie ohnedies waren, und grinsten schadenfroh, ehe sie verschwanden, da sie sahen, was sich begab. Das war doch ein famoser Spaß! Und wenn sie ihn schon totschlugen: es war um ihn ja gewiß kein Schaden. Die Hunde rissen an ihren Ketten und heulten und jammerten in allen Tonarten. Denn am Himmel stand ohnedies der Vollmond, der sie immer rebellisch macht. Das war wie ein toller Schattentanz im geisternden Licht. Da und dort bot sich eine Lücke. Er nutzte sie, oder er überrannte einen einzelnen. An ein Entkommen aber war dennoch durchaus nicht zu denken. Er teilte aus und empfing zehnfach. Immer ängstlicher wurde ihm. Er schrie jämmerlich um Hilfe und erhöhte damit nur das Vergnügen seiner Verfolger. Und wenn er sich die Kehle wund zeterte, für ihn rührte sich sicherlich keine Hand... Es war eine richtige Hatz. Erbarmungslos, wie sie nur Bauerngroll, der Zins zu Zins schlägt, veranstalten kann. Und sie ging eine gute Viertelstunde lang ohne Unterbrechung bis zum Hause der Růžena Čapek. Dort schlug er hin. Der gab ihm noch einen Tritt, der einen letzten Streich. Er lag starr und steif da, mit verglasten Augen, die im Mondlicht doppelt schrecklich glänzten, und Schaum vor dem Munde. So fand ihn die Čapek, die vom Lärmen natürlich auch wach geworden war. Sie ließ ihn aufheben und zu sich ins Haus tragen. Er war völlig steif; sein Gesicht ganz mit Blut beronnen. Es brauchte lange Zeit, ehe er wieder zu sich kam und seinen ersten ordentlichen Schnaufer tat. Der Růžena ward dabei im Innersten leichter: so, als hätt sie einen Mord verhütet, der sich unter ihren Augen begeben wollte, oder mindestens ein schweres Unglück, das sie vordem einmal, als es ihr nähergegangen war, nicht hatte verhindern können. Dem Hermann aber war sehr wohl. Er fühlte sich – Gott weiß, nach welcher Zeit wieder? – in einem ordentlichen Bett. Und eine weiche Hand wusch an seinen Wunden. Er richtete sich ein wenig auf und stöhnte mächtig, öffnete die verquollenen Augen und sah sein neues Gewand, mit dem er noch manches Mal Staat zu machen gehofft, das durchaus zerrissen, ärger war, als das er von sich getan, weil man damit schon gar nicht mehr unter die Leute gehen konnte. Ein häßliches Grinsen ging über sein breites Gesicht: »Ich sag's immer. An einem Haderlaken hält sich kein gutes Kleid. Er brennt's durch wie das Feuer.« Und er sank zurück und in eine neue schwere Ohnmacht.   Es war eine lange und mühsame Genesung. Wojtĕch Hermann schien einen innerlichen Schaden genommen zu haben. Denn er hustete viel und hatte immerfort das Stechen in der Brust, vor dem sich Bauersleute am meisten fürchten. Sah sie ihn so schwach und hilflos, der einmal mit seinen Streichen das ganze Dorf erfüllt und rebellisch gemacht, dann regte sich's mächtig in der Brust der Růžena. Die Ähnlichkeit mit dem Geschick ihres Bruders, bei dem's nur leider soviel schlimmer ausgegangen war, erweckte in ihr das echteste weibliche Mitleiden. Auch vertrug sich der Lump mit dem Krüppel vortrefflich. Einträchtig saßen sie auf derselben Bank. Er führte den armen Vilém zu Tische, fütterte ihn mit den besten Brocken und leitete ihn hernach wieder an einen Platz, wo er's recht warm hatte, ohne daß er jemandem im Wege stand. Wie ein Bruder war er zu ihm, wie ein leibhaftiger Bruder. Er hatte sehr geschickte Finger. Und so ersann und schnitzelte er denn Spielereien: eine Windmühle, die sich drehte, mit einer wirklichen Glocke, die zeitweise läutete und dem armen Krüppel tausend Spaß machte. Die Růžena erkannte das dankbar. Schon daß sie nicht immer um den Siechen sein mußte – nicht in jeder Arbeit und jedem Gedanken durch die ewige Sorge um ihn, und ob ihm in seiner Hilflosigkeit nicht etwas zustieße, gestört zu sein, darin lag für sie eine wesentliche Hilfe und eine große Beruhigung. Und so verging der Winter dem Wojtĕch völlig wie im Himmel. Er hatt es warm. Sein Tisch war gedeckt. Man war freundlich zu ihm. Denn man hatte sich mehr und mehr an ihn und seine Wunderlichkeiten gewöhnt, die er natürlich nicht so im Handumdrehen von sich tun konnte. Zum Beispiel: es geschah ihm immer wieder, daß er sich wie ein anderer ordentlicher Mensch in seinem Bett niederlegte. Erwacht, fand er sich zu seiner großen Verwunderung im Stall oder im Heu, ohne Ahnung, wie er dahin gekommen sein könnte. Aber um das Vieh nahm er sich mit einer großen Liebe an. Und das gedieh; darauf verstand er sich aus dem Grund. Riet er der Růžena zu Kauf oder Verkauf, es lohnte sich immer, und sie folgte ihm da bald blind und mit dem besten Vertrauen. Auch ersann er Fallen, höchst sinnreich und von einer unerhörten Vortrefflichkeit gegen alle Arten von Ungeziefer. Wie ihm das alles nur einfiel und welche Geduld er hatte, bis sein Gedanke ganz in der Vollendung ins Leben getreten war, wie er sich ihn vorgestellt, das mußte man einfach bestaunen. Der Čapekhof hatte Ruhe vor Mäusen und Ratten, und im Garten lebte keinerlei Gezücht mehr. Nachdem er doch niemals einen Kreuzer Geld hatte, so entfiel manche Versuchung für ihn. Seinen Tabak, sobald ihm der Doktor das Rauchen erst wieder gestattet hatte, bekam er pünktlich jeden Sonntag für die ganze Woche. Den kaufte und mischte ihm die Růžena selber, gut und reichlich, denn sie knickerte niemals. Es hatte ein einzig Mal in der ganzen Zeit Verdruß gegeben. Nämlich: einmal hatte sich der Wojtĕch weggeschlichen. Da er heimkam, machte er sieh heimlich hinterm Stadel ein Feuer und arbeitete dort für sich und sehr vergnügt, und es lief ihm dabei immer das Wasser im Mund zusammen. Zu Abend kam's heraus, was er getrieben hatte, denn er trug zwei Rebhühner und einen Hasen ganz stolz auf, die er gefangen und nach seiner Art zubereitet hatte. Die Růžena fuhr auf. Das sei gestohlen, und sie leide weder Diebsgut noch einen Dieb unter ihrem Dach. Sie war eben eine ganz eigene Person. Wojtĕch verzog sein Gesicht. Er bat: man möchte doch nur kosten, ob man was herausschmecke? Und die Sachen sahen wirklich verlockend aus, so sehr, daß der Krüppel mit einem Gurgellaut die Hand danach ausstreckte. Zum erstenmal stieß sie ihm die Růžena weg. Der Wojtĕch murrte, aber es blieb ihm nichts übrig: er mußte seinen Kram wieder zusammenpacken. Hinterm Stadel, eben da, wo er ihn so vergnügt und in seinem Gott zufrieden hergerichtet, saß er damit und kränkte sich sehr. Er fühlte sich sehr verkannt. Und in lauter Kümmernis und Herzeleid aß er allein alles auf, das er bei sich hatte, nachdem es doch schade gewesen wäre, die gute Gottesgabe wegen anderer Unverstand vor die Hunde zu werfen. Geschadet hat ihm das Mahl nicht, so ausgiebig es war und obzwar er nicht einmal etwas bei sich hatte, es zu verschwemmen. Was war das doch für ein Elend auf der Welt! Niemals begriff es einer, wie es der andere mit ihm meinte, und immer wollt er ihn anders haben. Ja, wenn das nur so leicht ginge, aus seiner Haut fahren, und wenn man nur vorher wissen könnte, wie einem die passen möchte, darein man schlüpfen soll... Und auf diese Růžena, an der nichts war, nur Knochen mit einer gelben Haut überzogen, auf die hatt er eine rechtschaffene Wut. Warum hofmeisterte sie an ihm herum, und gar, warum ließ er sich's gefallen? Das machte eben, er hatte ein dankbares Gemüt und war nicht so wie andere. Den wahren, den letzten Grund gestand er sich selbst nicht. So ward es Frühjahr, und die strengere Arbeit begann. Der Wojtĕch tat mit. Aber als er zum erstenmal die blaue Sämannschürze an sich hatte und die schöne, goldblanke Gerste, die so kühlend und seidig durch die Finger rann, ausstreute in die fette, schwarze Erde, deren guter und kräftiger Geruch ihn umdampfte, so sah er dennoch wie zweifelnd an sich nieder. Er gefiel sich nicht so ganz. Denn in eine wunderliche Maskerade, die so gar nicht zu ihm paßte und deren er sich abtun müsse, sowie die leiseste Möglichkeit dazu bestanden, schien er sich geraten. Es war sehr früher Morgen und nebelig. In den kahlen Geästen saßen die Saatkrähen und stießen krächzend und mit gespreizten Schnäbeln nieder in seine Stapfen, sowie er einen Schritt vorwärts tat; hinter ihm hüpften Sperling und Schopflerche und zippten gierig, ob sie nichts ergattern könnten. Die Schwaden zogen träg; aber dahinter empfand man die Sonne. Aus jeder Furche quoll es weißlich auf, bekroch das Erdreich wie befruchtend und verflatterte. Wojtĕch Hermann stapfte, immer mit der gleichen segnenden Handbewegung, über diesen Boden, an dem er doch nicht mehr Anteil hatte wie das gefiederte Gesindlein hinter ihm. Zu schwerer Arbeit, wie hinter dem Pflug, war er noch durchaus nicht zu gebrauchen. Da mußte denn die Růžena achtgeben, daß er sich nicht übernahm. Denn er fühlte die Wiederkehr seiner Kräfte und war also, nicht einmal aus Arbeitseifer, nur zu geneigt, sich mehr zuzutrauen, als er schon vermochte. Einmal stemmte er sich gegen einen schweren Leiterwagen. Das Mädchen sprang herzu und schob ihn unwirsch und dennoch besorgt davon. Er sah sie mit einem eigenen Blick an: erstaunt, dankbar und dennoch frech. Sie hielt ihn mit finsteren Brauen aus. Hernach, in ihrer Kammer, wurde sie rot davor, wenn sie sich seiner erinnerte. So sehr war man einander gewöhnt, daß keines dieser beiden mehr nach dem Rechtstitel des Zusammenseins fragte. Dem Wojtĕch war's, als hätt er endlich seine Heimat gefunden. Und überflüssig war er hier nicht. Im Dorfe aber hub sich ein Gerede. Und wie das nun einmal ist, es wurde desto häßlicher und spitziger, als man eben diesem Mädchen bis dahin nicht das mindeste hatte nachsagen können, als sein Lebenswandel für manch eine ein Vorwurf war. Nun aber war die ganze Wahrheit ans Licht gekommen; der Scheffel, darunter man sie versteckt, hatte selber Feuer gefangen. Sie war niemals besser gewesen als andere. Nur eben hinterlistiger und scheinheiliger. Alle Scham hatte sie von sich geworfen. Sie war sich eben gut genug, um es mit dem Haderlaken zu halten, dem schlechten Lumpen, von dem das letzte Mädel im Ort nichts hätte wissen wollen und dem sie nun zuhielt, um allen zu zeigen, wie so gar nichts ihr an ihnen liege, wie gleichgültig sie ihr waren – die schlechte und verworfene Person die! Als der Růžena Čapek diese Redereien zuerst zu Ohren kamen – unmittelbar zugetragen natürlich, voll lebhaften Eifers und redlicher Besorgnis um ihre Ehre und verbrämt mit den schönsten Redensarten, wie niederträchtig die Menschen seien, die sich nicht schämten, so etwas gegen sie in den Mund zu nehmen, und es doch gewiß nicht einmal glaubten! –, da lächelte sie, daß ihre Eckzähne spitz und blank schimmerten. Ja, sie waren ihr neidisch! Um ihren Wohlstand, um ihre Makellosigkeit, die ihr gestattete, nach niemandes Meinung zu fragen, zu tun, was ihr gefiel, um ihre Unabhängigkeit, um alles. Und weil sie heuchelten, durch die Bank, und die Augen verdrehten, so wollten sie sich an ihr rächen, die derlei niemals nötig gehabt, und zogen sie mindestens in ihren Reden in den gleichen Schmutz, ohne den sie nicht leben konnten, Das andere Mal aber, da man ihr mit dem gleichen kam, wurde sie nachdenklich. Endlich erwachte eine zornige Betrübnis in ihr. Denn allenthalben meinte sie spöttische Blicke zu verspüren, die sie eben nicht vertrug. Denn sie war niemals gewöhnt gewesen, also angesehen zu sein. Und überdies schlich ihr der Wojtĕch doch nach, wie ein abgerichteter Hund, der von seinem Herrn keinen Schritt weicht. Das war ihr verdrießlich genug. Aber sie wußte nicht, wie dem ein Ende machen. Und das kostete sie Nachdenkens genug. Ihn fortweisen? Aber er hatte nichts angestellt, war ihr nützlich, und sie hatte am Ende allen einen Dienst erwiesen, indem sie ihn auf den guten Weg brachte, der ihnen sämtlich so läng ein Ärgernis und ein Stein des Anstoßes gewesen war. Oder verargte man ihr am Ende das? Brauchte man immer und überall einen Sündenbock? Damit man sich vor seinem Anblick segnen und in der eigenen Tugendhaftigkeit fühlen kann? Und daß man nunmehr mit dem Wojtĕch keinen Anlaß dazu hatte, konnte man ihr das nicht verzeihen? Auch dieses war möglich, wahrscheinlich sogar, weil's so gemein war. Und sie fühlte in tiefster Brust: eigentlich ohne es zu wollen, hatte sie ein gutes Werk begonnen. Und sie gab das weder mehr auf, eh sie es als nutzlos gewagt erkannte oder es vollendet war, noch ließ sie's sich verkümmern. Überhaupt, seit wann blieb Růžena Čapek auf halbem Wege stehen, nur weil ihr der oder ein anderer zweifelnd und schadenfroh nachschielte? Konnte der Wojtĕch nicht so als ein Mittelding von Knecht und Schaffner auf dem Hofe bleiben, der groß genug war, um einen zu vertragen, ja zu gebrauchen, dann mußte eine andere Art gefunden werden, ihn da festzuhalten, daß niemand mehr an ihm mäkeln konnte. Er schlich doch auch so gedrückt herum; immer hinter ihr, immer, als empfinde er, sie sei sein einziger Halt. Das war eigentlich widerwärtig und rührte sie dennoch wiederum. Ihn selber zu befragen aber fiel ihr nicht einmal ein. Denn ihr war, als könnte sie über ihn verfügen. Daß er das Glück ausschlüge, welches sich ihm bot, wäre nicht nur ihr undenkbar erschienen. Wie die Růžena gewohnt war, durch ihr ganzes Leben alles mit sich allein abzumachen, ohne jeden Berater, desto mehr für sich, weil dies sonst so gar nicht Weibesart ist, so hielt sie es auch diesmal, wo allerdings der Willen eines anderen sehr in Betracht gekommen wäre. Kein Wort von Liebe hatten sie gesprochen, keinen Beweis von Zärtlichkeit getauscht. Am Sonntag aber, nach der Messe, schritt sie stracks in die Dechantei. Sie blieb ziemlich lange darin; ein Beweis, daß der Dechant allerhand Bedenklichkeiten hatte und ihr nicht vorenthielt. Sie hörte nicht darauf, wie niemals, wenn ihr etwas notwendig dünkte; beharrte, sie sei großjährig und erfahren genug, zu wissen, was ihr fromme und zustehe. Da sie herunterkam, stand natürlich der Wojtĕch vor dem Haustor, hatte das eine Auge zugekniffen und blinzelte mit dem anderen wie ein verträumter Kater die Sonne an. Sie gab ihm einen aufmunternden Puffer: »Geh hinauf, Wojtĕch, zum Herrn Dechanten, und küß ihm die Hand. Wir heiraten uns...«   Oft und oft, in schlimmen und einsamen Stunden, hat die Růžena hernach jener Verlobung gedacht. Sie war nicht aufgeblüht, wie eine Blume ihre Knospe sprengt: aus dem Bedürfnis nach Sonne und über ihre Lockung. Mannigfaltige und dunkle Beweggründe hatten das Mädchen zu diesem Entschlüsse bewogen und gedrängt. Da war zunächst eine Wallung gewesen. Der Stolz einer reinen Person, die ihre Unnahbarkeit nicht bezweifelt wissen will; und jenes Selbstgefühl sprach das letzte Wort, das sich ein gedeihendes Werk nicht zerstören lassen möchte und sich vor der schwierigsteh Aufgabe nicht scheut: durch ein ganzes Leben mit einem Menschen fertig zu werden, den alle vermeiden und aufgegeben hatten. Warum aber war er so geworden? Oder wie hätt er begreifen können, daß er Pflichten gegen dieselben Leute habe, die ihm gegenüber keine Verpflichtung übten oder anerkannten? Zu ihr und bei ihr hatt er sich immer ganz löblich benommen. Sie wußte nicht das mindeste Schlimme über ihn, die ganze Zeit, da er auf ihrem Hofe lebte und an ihrem Tische saß. Und man hatte doch schon manchen guten Laib Brot miteinander verzehrt. Es war freilich aus der Ordnung gewesen, daß sie das erste Wort sprach. Aber im Leben geht es schon manchmal so. Denn er selber hätt es sich doch nie getrauen dürfen. Wer war er? Der Garniemand, wenn man schon sehr gütig war, neben ihr. Und sie war Růžena Čapek, angesehen um Reichtum, Klugheit und Makellosigkeit der Sitten. Geradesogut hätt er sich's einreden dürfen, die Grafentochter werde ihn nehmen. Es ist das nämlich mit ein Unglück. Wer für sich lebt, der setzt sich in sich seine Stellung gegenüber den andern fest. Er glaubt gar nicht, weil er gar nicht nach ihnen fragt, es könnten sie ihm die Menschen nicht zugestehen, und erlebt dann natürlich manche Überraschung und Enttäuschung. Es gab einen stillen Brautstand. Er nahm sich keinerlei Freiheiten heraus und blieb bescheiden. Nach Zärtlichkeiten aber verlangte es die Růžena nicht, die ihrer nicht gewohnt war. Küßt' er sie einmal aus seinem Rechte, dann litt sie's mit einer gewissen Verwunderung. Er merkte das wohl, und es verschlug ihm nichts. Das wurde sicherlich und mit einem Schlage anders, sowie das Weib in ihr erst geweckt war. Da hatt er schon seine Erfahrungen. Vorher mochten sie tun, wie sie wollten, hernach waren sie alle gleich. Nur eben, bis dahin mußte man vorsichtig sein. Sehr vorsichtig, damit sie ihm am Ende nicht kopfscheu würde und ihm ein Glück, so groß, wie's nur einem richtigen Lumpen in den Schoß fallen konnte, durch die Lappen ginge. Er wußte wohl aus Übung: einem jeden Vogerl muß man mit seinem eigenen Ton pfeifen, wenn es darauf horchen und in das Netz flattern soll, das man dafür aufgerichtet. Schlug das erst einmal zu, dann mocht es flattern nach Belieben. Das half dann nicht mehr. Und eine katholische Ehe ist ein gewichtiges und ein nicht mehr zu entwirrendes Netz. Übrigens, er mochte die Růžena ganz gut. Er war ihr doch dankbar im Grunde seines Herzens, selbst mit einigem Erstaunen, weil er gar nicht begriff, warum sie so an ihm tat. Halt nur, weil er ein Mann war? Etwas fülliger hätte sie sein mögen. Etwa so, wie die Andjola war, die auf dem Hofe diente und ihm immer so verschmitzte Augen machte, wenn sie, die Beine bloß und mit erheblichem Geklapper der Melkeimer, aus der Wohnung in den Stall lief. War das ein flinkes Frauenzimmer! Er war wirklich neugierig, ob die nie und nirgends stillehielt. Aber derlei verspart man sich für später. Oder wenn sie nur so gewesen wäre, wie ihre jüngere Schwester, die Terezka nämlich, zu werden versprach. Aber einmal ändern sich die Frauen in der Ehe oft wundersam. Dann, woher nahm er, just er, das Recht, gar so zu klauben? Ein solcher Ausbund von Schönheit und sonstigen Tugenden, wie der liebe Gott just an ihm geschaffen hatte! Alles konnte doch nie und nirgends beisammen sein. Dies wußte der Wojtĕch. Und just für ihn sollte sich's schicken? Nur nicht unbescheiden sein! Besonders, wenn es einem ohnedies weit über Verdienst und jegliches Erwarten zuteil geworden ist. Freilich, die Růžena hatte einen verdammten Hochmut an sich. Und sie würde kein bequemes Weib sein, und sie war viel zu klug, als daß man ihr was vorflunkern konnte. Aber eben darum konnte man ihr vielleicht gemach begreiflich machen, daß nach der Hochzeit das Spiel ganz anders stand wie vorher. Über sich selbst nachzudenken, hatt er niemals Zeit gehabt. Er nahm sich, wie er war, und er war keineswegs mit sich unzufrieden. Daß er über die Eigenschaften seiner Zukünftigen wider Willen, gezwungen durch die Kraft; nachgrübeln mußte, die er in ihr empfand, war ihm oft genug unbequem und verdrießlich. Man erzählte von ihr, sie habe seit ihren Kindertränen nie mehr geweint. Ja, da gab es ein Sprüchlein: Die das als Mädchen nicht getan, die holt es als Frau ein. Denn ein Weib muß weinen. Er wollte gewiß nichts dazu tun, daß es so kam. Aber wenn es einmal so ward, dann war es vorherbestimmt, und nicht ihn traf die Schuld oder der Vorwurf. Während also die Růžena alles zur Hochzeit beschickte – zu kaufen brauchte man nichts, denn alles war überreich vorhanden –, ging ihr Bräutigam neben ihr in tiefen und sonderbaren Gedanken, deren Inhalt sie nicht ahnte. In der Nacht vor der Trauung machten sie einen Rundgang durch ihren Besitz. Sie zeigte ihm alles, davon er in Hinkunft seinen Anteil haben sollte. Da sie die Ställe, sauber gehalten, daß es einen gelüstete, darin zu essen, durchschritten, geschah es, daß ein junger, schöner Goldfuchs, der Liebling des Mädchens, der noch kein Geschirr getragen hatte, sich bäumte, stieg, um sich schlug, schauderte und sich durchaus nicht beruhigen wollte. Ihr wurde bänglich. Denn man weiß: Pferde wittern böse Geister. Der Wojtĕch blieb ruhig, obwohl er das Vorzeichen auch kannte. Er legte seinen Arm fest um sie und zog sie von hinnen. In der Küche war noch Licht. Da standen die Andjola und die Tereza, bloßarmig, bückten sich über Gänse, unter denen man für den morgenden Tag ein grausames Morden verübt, daß das Geschnatter der Todesopfer das ganze Dorf mit der Ahnung von Leckerbissen alarmiert, und rupften an ihnen herum. Das Blut stieg ihnen dabei in die frischen Gesichter. Die Herdflamme, an der sie sie sengten, flackerte hoch, glänzte am vielen blanken Geschirr, das rundum aufgestellt war, und tanzte, wenn man Stroh darein warf, züngelnd auf und nieder. Dazu sangen sie, stießen sich zwischendurch an und kicherten. Die Růžena meinte zu wissen, worüber, und wurde fast zornig. Wojtĕch aber warf noch einen langen und gierigen Blick in die Fenster.   Also, man lebte miteinander und vorerst nicht einmal schlecht. Ein richtiger Bauer, wie sich's sein Weib vielleicht erhofft, wurde der Wojtĕch zwar nicht mehr. Das muß von Kindesbeinen gelernt und unbewußt geübt sein, bis man den Tritt so sicher hat und immer so genau vorher weiß wie das Roß im Göpelwerk. Darauf kam es der Růžena übrigens nicht so sehr an. Denn im Grunde hatte sie doch nicht geheiratet, um eine Hilfe zu haben. Ihr Gewerbe verstand und versah sie doch manches Jahr allein und ganz famos. Den Vormund, den albernen Gesellen, der ihren Hühnern hatte vorschreiben wollen, wieviel Eier zu legen sie verpflichtet wären, den war sie doch glücklich los. Das war schon etwas wert. Einen Mann aber, der ihr in alles dareinredete und sich gar so wichtig machte, den hätte sie durchaus nicht mehr vertragen. Er stellte etwas vor. Und er war ein guter Rechner. Und mit den Juden konnt er markten, erlernte sogar das Mauscheln sehr bald. Das war gar zu spaßig, wenn er darein kam, und es erheiterte sogar die Růžena. Ihr war Feilschen immer zu dumm gewesen, und nur um zu einem Ende zu kommen, hatte sie den Händler einmal zur Unzeit gehen lassen und ein anderes Mal wieder zur Unzeit verkauft. Der Wojtĕch aber hatte eine heilige Geduld. Immer von neuem ließ er den anderen anfangen und hörte ihm recht schafsmäßig und voll andächtiger Sanftmut zu. Bis dem die Galle überlief, er zappelig ward und bot, was sich gehörte. Denn es ist schwer, in einen Stock etwas hineinzureden. Er verstand es ausgezeichnet, sich schwerhörig zu stellen und, während er auf jedes Wort paßte, wie die Katze vorm Mauseloch, die verkehrtesten Antworten zu geben. Es gibt nichts auf Gottes Welt, was den Partner so in Wut und Verzweiflung bringt und den Zähesten so gewiß mürbe macht. Und wenn der andere sich die Seele aus dem Leibe geredet hatte und der Wojtĕch war dagesessen, ganz Andacht und Überzeugung und Gläubigkeit, dann erhob sich der Bauer zum Schluß, nickte wehmütig und nachdenklich mit dem Kopf: »Wie mein Bruder hast du gesprochen, ganz wie mein Bruder. Aber« und er zog das ohnedies breite Maul noch lasterhaft schief – »ich will's mir noch beschlafen. Es kann morgen wieder wer kommen, mir mehr bieten, und mir tät's alsdann leid. Sehr leid tat es mir. Und du willst doch nicht, daß ich mich kränken tu?« Er hatte nur viel freie Zeit. Und die Bauern waren ihm zu dumm. So hielt er sich an die herrschaftlichen Beamten. Mit denen kartelte er und konnte die Kunst bald sehr gründlich. Und er machte kleine Geschäfte mit ihnen, die nicht immer zu seinem Vorteil ausgingen. Aber er wußte ganz gut, daß der Umgang mit ihnen für ihn eine Ehre bedeute und daß man Ehren in aller Welt bezahlen muß. Er durfte sich's leisten. Sonst stand doch für ihn alles so gut, wie man sich's besser gar nicht wünschen konnte. Er war nach Besitz vielleicht der Erste im Dorfe. Und er hatte beim Militär einigermaßen mit der Feder umgehen gelernt, besser als die meisten Bauern, und sogar ein ganz leidliches Deutsch war an ihm haftengeblieben. Er mocht es zu etwas bringen. Sogar Starosta konnt er werden, in demselben Dorf, in dem man ihn gehudelt und gepufft hatte. Dazu war ein gutes Einvernehmen mit der Herrschaft ein Vorteil, und dafür konnte man es in den Kauf nehmen, daß man ihn gelegentlich ein wenig übers Ohr hieb. ›Bin ich erst Starosta!‹ dacht er für sich. Aber was er hernach wollte, das verschwieg er. Vielleicht, weil er sich selber noch nicht ganz klar war, was er hernach alles wollen und unternehmen werde. Gerne kutschierte er zur Stadt, Einkäufe besorgen. Er kutschierte nämlich meisterlich, und es machte ihm vielen Spaß. Nur sehr rücksichtslos gegen die Pferde war er dabei. Er überjagte sie gerne, um seine Kunst und Sicherheit zu zeigen. Er trieb sich in den Geschäften um, wo man ihn bald kannte. Und hatt er sich einmal über die Zeit versäumt, weil er Bekannte vom Militär traf, denen man sich zeigen und die man in der neuen Herrlichkeit traktieren mußte, dann hetzte er heimwärts, was eben Platz hatte. Waren die Andjola oder die Tereza mit oder gar beide, denn seine Frau mochte niemals, dann war es, gar ein Hauptspaß. Denn zuvor gab man ihnen unter den Lauben ein Glas süßen Wein zu trinken. Und sie kreischten alsdann, wenn die Pferde nur so durch die Ebene flogen und schäumten, und der Wojtĕch trieb und feuerte sie immer noch an, nun mit der Zunge schnalzend, nun mit einem langen, klatschenden Peitschenschlag, der nur so durch die Luft sauste. In seinen Ohren war dies, das Rasseln der Räder, das Dröhnen des Wagens, reine Musik. Und der Staub der Straße stieg vor ihnen auf in Säulen und sank gemach hinter ihnen; und die Mädchen kriegten eine Heidenangst, und ihre Röcke flogen hoch, und sie drückten sich an ihn, enge, ganz enge, klammerten sich an, und er lachte ihnen frech in die Augen... Es wurde so mancher gute Gulden vertan. Aber das brachte er auf der anderen Seite schon reichlich herein. Und wenn nicht? Denn es war eigen: niemals könnt es der Hermann so recht fassen, als hätt er wirklich Anteil am Gelde seines Weibes. Ein richtiges Gefühl des Besitzes erwachte nicht in ihm. Was er hatte, das war sein. Und nur, was er vertan, dies war genossen, und es könnt ihm niemand mehr wegnehmen. Etwas Leichtes, Unbeschwertes gab ihm das unter einem ewig sorgenden und kargenden Geschlecht. Und der Růžena mißfiel es nicht einmal. Es war ganz gut, daß ihr Mann nicht alles so ernst nahm wie sie selber. Nur eines kränkte sie: es wollte kein Kind kommen. Und daß ihrer Ehe dieser letzte und wahrste Segen vorenthalten bleiben mußte, dies fraß zu ihrem eigenen Erstaunen, die vordem Kinder nicht eben gemocht, tief an ihr. Für wen plagte man sich denn? Und hatte Gott, an den sie ohne alles Lippenwerk innerlich glaubte, am Ende doch keinen rechten Gefallen an ihrer Ehe gefunden? Im Dorf aber war ein rechtes Lauern, eine unablässige, schadenfrohe Erwartung. Wie lang würden die beiden überhaupt miteinander hausen, und welches Ende mußte das mit ihnen nehmen? Denn daß es gut ausging, war doch ganz ausgeschlossen, obzwar es sich gegenwärtig soweit ganz hübsch und verträglich anließ. Aber ein Haderlak bleibt ein Haderlak, und nichts und keine Liebe kann etwas anderes aus ihm machen, als wozu er beschaffen ist. Mochte sie's haben! Denn allen zum Trotz, bei vielen Warnungen und ohne auf einen zu hören, hatte sie doch den schlechten Kerl genommen und eingesetzt, wenn mancher braven Mutter arbeitsames und guterzogenes Kind sich's nicht besser gewünscht hätte, als auf dem Čapekhof zu wirtschaften und seiner Herrin ein guter und getreuer und sparsamer Gatte zu sein. Denn das Anwesen hieß immer noch nach ihr und nur nach ihr, und ah den Namen des Hermann mochte man sich alle die Jahre her gar nicht gewöhnen ...   Es gab bald allerhand Gerede über den Hermann. Das war nicht anders, als paßten sie sämtlich auf ihn oder als hätte sich wider ihn das ganze Dorf verschworen. Kam derlei seinem Weibe zu Ohren, so zuckt' es ungläubig die Achseln. Was sich die Leute nur immer und ewig um andere zu bekümmern hatten, die ihnen gar keinen Dank darum wußten, statt um die eigenen Sachen! Ihr kam man damit nicht an. Denn der Wojtĕch mochte sein, wie er wollte – so gut wie die war er lange noch, obzwar allerhand Eigenschaften an ihm zutage traten, die ihr gar nicht gefielen. Denn blind war sie niemals gewesen. Sie sah scharf und richtig und hatte nur die Fähigkeit starker Naturen, manches zu übersehen. Tat er aber etwas, das nicht nach ihrem Sinne stand: er war eben töricht. Und weil er immer viel allein gewesen war, so hatt er nie gelernt sich einem anderen bequemen. Das brauchte Geduld und Liebe, daran sie es nicht fehlen lassen wollte, ehe er das begreifen und üben lernen konnte. Dem man aber mit grenzenlosem Vertrauen begegnete, der durfte sich doch nicht verleiten lassen, das zu mißbrauchen. Und so schlecht war gewiß kein Mensch auf der Welt, Güte, wie die sie ihm rastlos entgegenbrachte, mit Niederträchtigkeiten und Ausspottung hinter dem Rücken heimzuzahlen. Da war eine Witwe mit zwei Töchtern. Von keinem aus dem Kleeblatt hatte man jemals gut gesprochen. Sie wohnten in einer Keuschen Bauernhäuschen. , in einer richtigen, verlumpten Chaluppen, zu der nicht ein einziger Strich Feld gehörte. Nur etwas Kartoffelland, auf dem aber auch eher Unkraut als sonst was wuchs, weil sie zu faul waren, eine Hacke auch nur in die Hand zu nehmen. Bei denen wollte man den Wojtĕch oftmals gesehen haben. Und sicherlich: die Mädel arbeiteten gar nichts mehr und trugen doch neue Röcke an sich – kürzer, rauschender und umfangreicher denn je. Und dann war in ihrem eigenen Hause diese Andjola. Die hatte neuerdings etwas so Spöttisches an sich, wenn sie mit der Frau sprach, so eine hämische Höflichkeit, hinter der eine dumme Schadenfreude vorgrinste. Und ihre Augen waren gar nicht mehr neugierig, vielmehr frech, und sie schupfte jede Ermahnung von den Achseln. Hätt er am Ende wirklich was mit ihr? Die Růžena war durchaus nicht eifersüchtig, nur eine ehrliche, Abneigung gegen jede Unsauberkeit und jede Hehlerei war in ihr. Die Andjola mußte fort. Und auf dem Čapekhofe wurde keine Hübsche mehr gedungen. Der Wojtĕch schnitt seine häßlichste Fratze, wenn wieder einmal eine eintrat, die um ein erhebliches mehr zur Vogelscheuche als zu sonst was erschaffen schien. Aber die Růžena blieb unbarmherzig. Er schimpfte hinter ihrem Rücken auf der Kneipe und zu seinen Schmarotzern, daran es ihm natürlich nicht fehlte, nicht schlecht auf sein Weib. Gegen sie aufzumucken, wagt' er noch nicht. Denn etwas Geschlossenes und Starkes war an ihr, das ihm immer noch Achtung abzwang, obzwar die tägliche Gewohnheit ihn langsam dagegen abstumpfte. Ferne von ihr hatte er Mut. Was sie denn meine? Und warum er denn nach Hause solle? Ein ganzes Nest von Nachteulen mit einem Uhu an der Spitze, der knappe Den Schnabel wetzen. und die Augen rolle, bei sich zusammen sehen, das mache doch niemandem einen Spaß. Und wenn die Růžena dahin treibe, dann solle sie sich nicht wundern, wenn einmal etwas herauskomme, daß sie noch runder dareinsehen werde als sonst... Das war natürlich zu Anfang nur so geredet, damit man sah, wie ein schneidiger Kerl der Wojtĕch ist. Aber natürlich, es gibt immer Menschen, denen es eine rechtschaffene Gottesfreude ist, noch zu hetzen. Gar noch, wenn sie bei jemandem Geld spüren, das locker sitzt. Und so ging's denn los: »Wojtĕch, du bist der Mann!« Und: »Zeig ihr den Herrn, Wojtĕch!« Bis er glaubte, es stünde seine Ehre, oder was so ein Lump darunter versteht, auf dem Spiele. War er aber betrunken und hatt seinen rechten Unsinn von sich gegeben, so rief man ihr zu: »Denk dir nur, Růženka, so hat dein Mann von dir gesprochen, und dies hat er gedroht!« Zuckte sie die Achseln: »Das ist gegen Gott und sein Gesetz. Nicht einmal fürchten tut sie sich vor dir, Wojtĕch! So macht sie nur?« Und: »Das darfst du dir nicht gefallen lassen.« Bis zwischen beiden Abneigung und Argwohn hochwuchs – eine Dornenhecke, die niemand durchbrechen will. Es war ihr nicht gegeben, sich auszusprechen. Und etwas Herrisches war immer freilich an ihr gewesen. Denn sie wollte niemals und nichts, nur das Rechte. Und sie meinte, ein jeder müßte das von selber begreifen und sich danach richten. Und sie erkannte wohl: ihr Mann war nicht eben sehr einsichtig. Und so grub sich ihr diese eine Furche, die der Zweifel und das traurige Nachsinnen gepflügt, immer tiefer, schnurgerade, wie von einem starken Beilhieb, in die Stirne ein. Und wie häßlich das nur war, immer im Verdacht zu leben und keine Stunde sicher zu sein! Denn immer tiefer fraßen sich diese rastlosen Anklagen in ihr. Und war die Andjola auch nicht mehr auf dem Hof, aus der Welt war sie darum nicht, und auf den Namen kam es nicht an, den das Frauenzimmer trug. Und die Růžena war viel allein. So zog sie dies alles immer tiefer in sich, und die Luft, die sie atmete, war erfüllt mit eitel Befürchtungen. Manchmal setzte sie sich zum Vilém und klagte sich bei ihm aus. Denn die Tereza war in ihren Augen immer noch das Kind, das von derlei nichts wissen durfte, wiewohl die Burschen schon stets dreister nach ihr schielten. Und ein großes und tiefes Leiden schwoll in der Brust der Růžena. Ihren Bruder, diesen braven und guten Menschen, hatte man ihr für sein ganzes Leben unglücklich gemacht. Einem anderen aber war nichts geschehen. Warum nicht? Nur damit er sie elend machen könne? Sie wollte diesen Gedanken beichten, dessen ganze Sündhaftigkeit sie empfand; aber los wurde sie ihn nicht mehr, seitdem er ihr gekommen war. Immer härter wurde sie, je deutlicher sie erkannte, daß sie über ihren Mann gar keinen Einfluß habe und gewinnen könne. Einmal, da er sich schwer berauscht hatte – und oftmals war er ihr schon in einem Zustand heimgekommen, vor dem es ihr grauste, und wollte ihr dann gar noch schöntun –, sperrte sie ihm die Tür vor der Nase zu. Er schlug einen Heidenlärm, pochte und brüllte und rief sie dazwischen mit spöttischen und lästerlichen Kosenamen, daß das ganze Dorf wach ward und alles lachte. Alle rief er zu Zeugen an für die Schmach, die man ihm bereitet. Sie blieb unerbittlich, wiewohl sie mit Herzklopfen hinter der Türe harrte. Als alles ruhig geworden war, machte der Wojtĕch kehrt. Das ging trotz seines Rausches sehr stramm. Er drohte noch einmal mit der Faust nach dem Hause herüber, grimmig, nachdrücklich. Alsdann sah er sich um. Er war allein. Alle Fenster standen vom Mond überglitzert in der Nacht. Er fuhr sich durchs Haar und grinste sehr breit. Auf der Gasse schlafen? Nein, das tat der Wojtĕch nicht. Denn der volle Mond stand am Himmel und sog alle Nebel aus der March, die mit eitel silbernen Schuppen und mit sachtem Rauschen dahinfloß. Da könnte man an seiner Gesundheit Schaden nehmen. Das war ein Unheil geworden, dem man sich nicht aussetzen durfte. Er schlich sich durch die tiefen Schatten dahin, wo die Andjola nun diente. Dreimal blaffte er wie ein Hund, der mit dem Mond seinen ewigen Streit hat. Dann verschwand er.   Auch das wäre zu ertragen gewesen, obwohl das ewige Gerede darüber peinigte und beunruhigte, wie eine, einzige rastlose Bremse das stärkste und ruhigste Roß toll machen und zum Durchgehen bringen kann. Aber derlei begibt sich immer wieder. Auch anderen widerfuhr es. Nur nimmt's die eben leicht und entschädigt sich so oder so, die verwindet es schwerer und schleppt es mit sich wie einen schweren, schweren Stein. Sie hätt's freilich besser verdient. Sie wußt es bei sich. Und so unhübsch war sie am Ende noch lange nicht, daß man an ihr ganz und gar kein Gefallen finden konnte. Damit kann ein tapferes Weib, schwer genug, aber es kann damit fertig werden. Und sie mochte dem Gesindel um sich nicht die Freude gönnen, zu klagen oder über den Mann ihrer eigensten Wahl zu schimpfen, worauf das doch in schadenfroher Sehnsucht nur wartete. Es war eben eine schwere Heimsuchung, die ihr Gott auferlegt hatte. Sie trug sie, ungebogenen Sinnes. Es kam ihr manchmal wohl der Gedanke, dem ein Ende zu machen, das sie so verstörte und ihr jede ruhige Stunde nahm. Die March war nahe und tief genug. Davor aber schreckte nicht nur ihre große und aufrichtige Frömmigkeit zurück. Auch das Gefühl der Verantwortlichkeit in ihr war zu mächtig. Was wurde ohne sie aus dem armen Krüppel, an dem ihre Seele hing? Was aus dem Hof, den sie so in Flor gebracht, daß er weithin als Muster gelten konnte? Denn des Wojtĕch Lumpenleben ging nun schon ins Geld, da sie noch strammes Regiment und die Schnüre des Geldbeutels in fester Hand hielt. Kam er darüber, so war in kurzem wohl alles vertan. Und einen solchen Gedanken verträgt eine rechtschaffene und aufrechte Bäuerin nicht. Je tüchtiger sie ist, desto mehr fühlt sie sich nur als Verwalterin und Nutznießerin dessen, was sie überkommen und ungeschmälert, wenn nicht vermehrt, ihren Folgern und Erben übergeben will. Und nun wußte sie: es gab da und dort, beim Krämer und beim Wirt, Schulden. Und die wuchsen immer höher, und wie wollte er, der keinen eigenen Kreuzer hatte, sie zahlen, wenn er sie nicht betrog? Und man trieb auch wirklich Verstecken mit ihr und suchte sie allenthalben zu übervorteilen. Es gibt für die Dauer nichts, was so mit einer immer steigenden Erbitterung reizt, wogegen man sich so wehrlos fühlt. Dabei bereitete sich unter ihrem eigenen Dach, so daß sie's unbedingt hätte gewahren müssen, wenn ihr die ewigen Sorgen und Verdrießlichkeiten nicht den klaren Blick benahmen, das schlimmste Unheil vor. Nämlich, die Tereza war wirklich zu ihren Jahren gekommen. Und sie hatte gehalten, was sie klein versprach. Ein sehr hübsches und munteres Mädchen war sie geworden. Wie eine Kastanie war sie, die eben aus ihrer stacheligen Hülle gesprungen ist: bräunlich von Antlitz, braun das Haar und die Augen, und überaus und allenthalben blank. Allen Burschen gefiel sie so. Denn sie war auch eine gute Partie. Keinen aber reizte sie mehr als den eigenen Schwager. Nun mußte man immer zusammen sein. Und die Gemeinschaft war so eng, daß kaum ein Augenblick verging, wo man einander nicht begegnete oder nicht immer wußte, wo man das andere treffen und überraschen konnte. Und die Tereza war sehr fleißig und geschickt, und keine Arbeit war ihr zuviel, und durchaus brav war sie. Es waren ja manchmal in sehr schweren Stunden der Růžena Gedanken an solche Möglichkeiten gekommen. Aber sie scheuchte sie immer wieder und mit aller Kraft. Denn derlei war doch zu niederträchtig und unerhört und eben nur ein Beweis, wie schlecht sie selber geworden war, seit sie von nichts als Bosheit und Hinterlist hörte. Und was sollte sie denn auch dagegen tun? Das Mädchen aus dem Hause und in einen Dienst geben? Dazu hatte sie kein Recht. Denn die Tereza war so gut wie sie ihrer Eltern Kind und mußte sich also nicht als Dienstmagd quälen, wenn die Schwester die reiche Bäuerin vorstellte. Und hätte das auch nur zu etwas geholfen? War es nicht selbst das klügste, man behielt die Verdächtigen bei sich, unter den eigenen Augen, und hoffte, die Scheu vor Frau und Schwester werde stark genug sein, sie vor einem unverzeihlichen Unrecht zu schützen? So verdorben ist selten einer, um alles Vertrauen zu mißbrauchen, das ihm gewährt wird. Immer heftiger und dennoch immer zweifelnder klammerte sie sich an das einzige was ihr noch blieb: an ihren Glauben an das Gute im Menschen. Sehr gerne, zur Erleichterung ihrer Seele und weil es Dinge gibt, die man einem fremden Seelsorger eher bekennt als dem vertrauten Beichtiger, hätte sie eine Wallfahrt unternommen. Aber sie traute sich nicht einmal nach dem Heiligen Berg, als dürfe sie die Tereza nicht für einen Tag sich selber und dem Wojtĕch überlassen. Erwog der Hermann derlei? Machte er sich überhaupt Gedanken, die über das Allernächste hinausgingen? Er wußte nur eines: das Frauenzimmer machte ihn toll. Er konnte sich nicht satt sehen an der Tereza. Aus jeder ihrer Bewegungen floß für ihn ein unerschöpflicher Reiz. Und überdies standen ihm als nahem Verwandten von Anbeginn gewisse Vertraulichkeiten zu, die sie erst litt, ohne sich was dabei zu denken, und denen sie sich nachher durchaus nicht entziehen konnte, so unangenehm und drückend sie ihr wurden. Und sie war jung und lachte gern. Vor der Růžena traute man sich das kaum mehr. Und er hatte Witz und eine sehr lustige Art, insgeheim seiner Frau nachzuspotten und ihrer steinernen Ernsthaftigkeit. »So macht sie, Terezka, und so guckt sie.« So sehr sie die Schwester liebte, sie hatte doch auch eine Scheu vor ihr, und also machte es ihr Spaß, die ihr sonst immer Respektsperson und ober ihr gewesen war, nun klein und komisch gemacht zu sehen. Dies ist ein guter Kniff. Wer die letzte Achtung vor andern verliert, der gibt sie leicht auch vor sich selber auf und ist hernach zu Dingen zu bewegen, zu denen er anders nicht leicht zu bringen gewesen wäre. Das ist nun einmal Menschenart. Und der Wojtĕch war darin über jedem Komödianten. Und so hatten die zwei immer zu kichern auf Kosten einer dritten, und ohne daß sie etwas dafür konnte, blieb's in der Kleinen haften, und die Schwester sank in ihren Augen. Zankte sie einmal, dann fiel der Tereza gewiß ein Schwank des Wojtěch ein, und die rechte Wirkung war zum Teufel. Wer hieß sie auch immer und aus jedem Anlaß predigen? Das merkte die Růžena natürlich, und sie wurde immer stutziger. Bestand da schon ein Komplott gegen sie? Und überdies, der Wojtěch schonte sich selbst nicht, machte sich nicht besser, als er war. Er erzählte von seinem Lumpenleben. Natürlich nur in Andeutungen, nur so weit, daß man nicht wußte, hatte er seinen letzten Streich vor wer weiß wie langem oder gestern getan, nur eben, daß ihre Neugierde gereizt ward, daß sie alles desto verzeihlicher und lustiger fand, weil es als selbstverständlich berichtet ward. Ja, das war einmal so auf der Welt. Und wer einem jungen Gemüt Einblick in den Weltengang verheißt, der darf seiner Dankbarkeit sicher sein. Dabei kam er im eigentlichen nicht einen Schritt weiter. Umsonst wandte er alle seine Künste und Lockungen an und suchte jeden Augenblick des Alleinseins zu nutzen. Geld vermochte bei ihr nichts, die dessen nicht bedurfte. Und sie war allerdings neugierig wie jedes Mädchen in diesem Alter; aber vorsichtig war sie auch. Immer widerstand ihm die Tereza. Je heftiger er sie bedrängte, desto widerwärtiger ist er ihr geworden. Und so ganz mit der Sprache traute er sich vor ihr doch nicht heraus. Immer hoffte er auf eine Überrumpelung, in der er's ihr abgewann, und fühlte sich so langsam genarrt. »Merk auf, was dann herauskommt«, drohte er einmal. »Wann?« machte sie sehr unschuldig. »Tu nicht so heilig! Nun, dann, wenn du durchaus nicht anders wirst.« Und er schielte sie so tückisch an, daß sie vor dem Bosnickel im Innersten erschrak und ihn dennoch sehr unbefangen ansah. Denn gewahrte er ihre Furcht, dann war es ganz und gar nicht mehr auszuhalten. Ein Zorn, der sich nicht zu helfen wußte, wuchs davon in ihm. Er wurde roh und gehässig gegen sein Weib. Wo er sie nur irgend kränken konnte, dort hat er's immer und erfinderisch getan. Es gab kein Scheltwort – und der Hannak kann an einem Tag mehr schimpfen, als ein anderer anzuhören fähig ist! –, das ihm für sie zu schlecht war. Eine Trauerkuh, die schon zu gar nichts taugte, war sie bei ihm. Und es war ihm gleichgültig, ob Zeugen dabei waren oder nicht. Ja, vor Fremden zeigte er's ihr am liebsten. Und weil sie zu Beginn nicht gleich dareinfuhr, auch mit dem Mundwerk nicht so flink war wie er, so wuchs seine Frechheit und seine Gehässigkeit mit jeder Stunde. Sie war überflüssig auf der Welt. Aber das hätte man verzeihen können, wäre sie, die zu gar nichts gut war, ihm nicht noch ein Hemmnis gewesen. Sie aus dem Wege, und es war ihm bei dem Mädel sicher geglückt, wie bei mancher, die auch erst sehr spröde getan. So aber – wie die rechte Mutter, die man nicht hintergeht, war die Růžena immer zur Schwester gewesen. Die Růžena aber litt und schwieg. Und sie weinte immer noch nicht; mindestens gesehen hat es keiner. Aber in sich hatte sie das Gefühl und den festen Glauben, der zahlende Tag für alles müsse kommen, das ihr da einer antat, dem sie von der ersten Stunde an das Beste vermeint und bereitet. Wären die beiden Schwestern zu einer herzlichen Aussprache gelangt, so wär es wohl das beste gewesen. Man hätte sich, gleichviel wie immer, des heillosen Gesellen entledigt, sosehr sich der Bauer sonst scheut, die Gerichte anzurufen, wenn es nicht um einen der beliebten Händel mit dem Nachbarn geht. Gerade dem stand aber so ziemlich alles im Wege. Denn offenbarte sie die Bedrängnisse, unter denen sie litt, so mußte die Tereza besorgen, einen Brand anzustiften, der erst recht unheilvoll ward. Aufs äußerste war der Wojtĕch in jeder Hinsicht gereizt; er haßte die Schwester; ein Augenblick genügte, um ein Unheil zuzubereiten, das nie und nimmer gutzumachen war. So schwieg sie weiter, nachdem sie nicht von Anbeginn gesprochen. Denn sie selber hatte nicht von allem Anfang an den Ernst der Nachstellungen und der Schlechtigkeit des Schwagers geglaubt. Bei einem Schwank aber, auch wenn er derb ist, zimpert man nicht und macht nicht viel Wesens. Je mehr aber zu berichten gewesen wäre, desto schwerer konnte sie anheben. Und sie hatte auch eine solche Scheu vor der Růžena und wünschte desto mehr, sich ihr anzuähneln, je besser sie erkannte, wie verworfen der andere war. Die aber war so sehr verschlossen und gönnte niemandem einen Blick in sich. Freilich, sie hoffte immerdar, die Schwester werde sich zu einem Bekenntnis entschließen. Sie wartete lang und schmerzlich darauf. Aber kein Mädchen spricht gern davon, wenn man es mit aller Gewalt herunterzerren und schlechtmachen will. Es ist das die innere Scham, die sehr lähmt. Im Wojtĕch aber setzte sich immer unbezwinglicher die Vorstellung fest, die Růžena müsse aus dem Weg, um jeden Preis. Vordem hatte man's doch bequem gehabt. Man ließ einen besprechen oder ihm das Leben abbeten. Die feine Kunst war leider, wie manches Gute und Nützliche, ganz außer Schwang und Übung gekommen. Und so begann er sein Weib mit jenem Hasse zu verfolgen, der eigentlich kein Wort mehr gebraucht und nach keiner Tat greift. Denn in jeder Bewegung, in jedem Streit liegt er und spricht sich aus. Es war nicht anders, als wolle er ihr mit Blicken und mit seiner frechen Verachtung das Leben vergiften. Er gab ihr niemals eine Antwort, in der nicht ein Hohn und eine Beleidigung lagen. Als wolle er sie wirklich durchaus in die March drängen, so und wie ein rechter Teufel, der in ihm aufgewacht war, hat er's mit seinem Weibe getrieben. Er war unklug; denn je mehr die Tereza die Schwester bedauerte, desto unfähiger ward sie, ihr ein Leid zu tun, desto mehr wurde ihr der ein Greuel, der zu solchen Mitteln griff, nur um ein armes Mädel zu seinem Gelüst zu zwingen. Sie sah sich keinen Rat, während die Růžena immer ernsthafter und nachdenklicher in sich nach jener Versündigung forschte, der sie ein solches Los danke. Sie fand keine, und darum hielt sie aus und litt weiter, was ihr von dem Haderlaken, dem Hermann, zugefügt ward, ganz durchdrungen davon, die Stunde werde kommen und sie bereit und entschlossen finden. Wenn sie zu Nacht erwachte und das trübe Nachtlicht glomm, dann sah sie oftmals nach ihm, der da in wüstem Schlummer lag, häßlich und gemein, und sinnlose Worte vor sich hin murmelte, deren Bedeutung zu erraten sie sich fürchtete. Und alle ihre Sorgfalt vereinigte sich auf den Vilém, damit der Wojtĕch dem armen Wehrlosen nicht etwas zufüge. An ihn aber wagte sich der in aller seiner Ruchlosigkeit immer noch nicht; zu ihm war er sogar gut, wie er's nur je gewesen. Sie alterte frühzeitig unter diesen Begebenheiten. Eine ganz kurze Zeit war auch sie in der Ehe aufgeblüht. Das war vorbei, und sie verfiel sichtlich. Der Gram über ihre Kinderlosigkeit fraß ihr immer mehr am Herzen. Sie tat Gelübde und spendete reichlich. Immer neue kränkende Ähnlichkeiten fand der Wojtĕch an ihr heraus. Und immer wieder, und war die Frau nur für eine Stunde von Hause, versuchte er die Tereza, mit Drohungen, Verheißungen, die sie nicht lockten. Abmüden wollt er sie, bis sie sich nicht mehr zu helfen wissen werde vor ihm. Es ging auch beinahe über die Kraft eines jungen Geschöpfes, was er alles mit ihr probierte. Dennoch blieb sie fest. Hatte er seinen harten Schädel, so setzte sie den ihrigen auf, sich's nicht abtrotzen zu lassen. Und so war zwischen ihnen ein ewiges, wütendes, verhohlenes Ringen, von dem es nur ein Wunder war, daß es so lang geheim und unentschieden blieb. Er mußte sie übermeistern. Mußte! Denn man merkte seine Verliebtheit und stichelte auf ihn. Ein Ehrenpunkt war's für ihn geworden. Er mußte seinen Freunden und vor allem sich zeigen, er könne durchsetzen, was immer.   Es war ein sehr schwüler Sommertag. Eine so helle Sonne, daß selbst der Himmel bleigrau erschien und wie überflogen vom Staub, der tief und vor dem leisesten Windhauch beweglich auf der Landstraße lag. Die unsägliche Helle blendete und tat den Augen weh. Nirgendshin konnte man vor dem Flirren und dem großen Leuchten blicken. Und eine tiefe und atemlose Stille lag über dem Dorf. Es war wie eine einzige, ungewisse, bängliche Erwartung über allem. Nur die March rauschte ferne und feierlich und glitzerte wie ein bewegter Spiegel, der alles Licht ins Unerträgliche übergrellt. Der abgerissene Jubelruf von Kindern, die nächst der Mühle ihre Erquickung fanden, erklang wie ein fröhlicher Glockenton durch das Schweigen. In ihrer Küche stand die Růžena und schälte mit einem sehr scharfen, kurzen, dreikantigen Messer Kartoffeln für das Mittagbrot. Manchmal tat sie einen suchenden Blick nach dem Krüppel, ihrem Bruder, dem die gellendste Sonne nichts anhatte, der sie dankbar empfing und tief in sich sog. Die Tereza war vom Felde heimgekommen. Ganz müd und aufgeregt von der Hitze. Ein wenig hatte sie sich verschnauft. Nun machte sie sich da und dort zu schaffen. Ihr blankes Hemd leuchtete wie ein weißes Flämmchen. Ja, da war eben Jugend und Kraft, der Arbeit und rastlose Bewegung eigentlich ein Bedürfnis waren. Mit einem stillen, tiefen Neid sah ihr die Schwester nach, die sich vom Leben und ihren Gedanken so sehr abgemüdet fühlte. Dann kam sie wieder ins Rechnen. Das liebte sie. Das zog sie von Schlimmerem ab. Das Jahr war gut gewesen. Das Gras war reichlich geraten, und die Rüben standen über alles Erwarten. Zu verbrennen fand die Hitze nichts. Die Gerste war prächtig gediehen und versprach in der Farbe so zu werden, wie man es nur wünschen konnte: ein Korn makellos wie das andere. Das konnte ein schönes Stück Geld hereinbringen. Vielleicht, wenn der Wojtĕch nicht gar zuviel verliedert hatte und nicht allzu unangenehme Schulden aufkamen, konnte man ein Stück Feld dazukaufen, das feil war und das sie sich sehr wünschte. Wozu aber und für wen machte sie eigentlich noch solche Pläne? Dies fiel ihr schwer aufs Herz. Es war so schwül, daß selbst das rastlose und eintönige Piepen der Küchlein verstummt war. Und sie dachte weiter: ja, die gesperberte Henne mit dem weißen Schopf, die taugte nichts mehr, die mußte fort, in die Suppe. Dazu war sie noch gut genug und sonst zu nichts. Und auch dabei wurde der Růžena ganz eigentümlich weh um die Brust. Der Ausrufer schritt durch das Dorf. Er handhabte seine Trommelschlegel lässig und ohne jeden feierlichen Nachdruck, den er sonst an sich hatte. Alleweil wischte er sich das Gesicht und schöpfte tiefen Atem, ehe er seine Litanei herunterratschte. Ja, wenn niemand auf einen achtet, dies lähmt den Eifrigsten. Er fühlte sich zum erstenmal in seinem Leben überflüssig und gar nicht Amtsperson. Natürlich, wer hatte die mindeste Lust, aus dem Schatten zu treten und auf etwas zu horchen, was er ohnedies schon wußte? Es war eine unendliche Hellhörigkeit in der Luft. Und der Růžena erschien es, sie vernehme ein fernes und eifriges Wispern, das durchaus nicht für sie bestimmt und zu undeutlich war, um es zu enträtseln. Ihm nachgehen? Ja, wozu denn, nachdem man froh war, daß man sich nicht zu rühren brauchte? Sie stellte zu und trocknete ihr Messer. Und mitten in dieser feiertäglichen Stille ein Schrei. Abgerissen, gell, tierisch. Die Růžena horchte: gespannt, ganz Nerv. Wer hatte ihn ausgestoßen? Sie tat einige Schritte vor. Dann fuhr sie zusammen. Aber nicht wie eine, die in die Knie brechen will. Denn sie sah etwas. Und geduckt, wie eine Katze, schlich sie vorwärts. Hinter dem Stadel rangen zwei in erbittertstem Ringen. Ihr Mann und ihre Schwester. Das Hemd des Mädchens war von wütenden Griffen zerrissen. Sein Atem ging schwer und keuchend. Noch widerstand es, und seine Kampflust war größer als seine Furcht, daß es nicht um Hilfe rief. Dies Ringen hatte der Krüppel gesehen. Und vielleicht in Erinnerung an jenen Handel, der ihm Gesundheit und Verstand gekostet, hatte er, der sonst immer schwieg, diesen einen Schrei ausgestoßen. Ganz prachtvoll hielt sich die Tereza. Ja, sie war geschmeidig und gekräftigt durch die viele Arbeit, und flink. Aber sie hätte erliegen müssen. Denn ihr Widersacher war viel stärker und tückisch. Immer näher, ungesehen, jede Deckung benützend, kam die Růžena den beiden. Sie atmete kaum. Die Lippen biß sie zusammen. Dann – unmittelbar vor ihnen ein heiserer, gieriger, unmenschlicher Schrei. Beide fuhren entsetzt auseinander. Noch ein Satz, den nichts mehr hemmen konnte. Das Messer in ihrer Hand blitzte auf und stieß vorwärts, mit einer schrecklichen Wucht und Schnelligkeit. Die Seele der Růžena lebte in diesem Stoß. Der Hermann drehte sich um sich – einmal, zweimal. Das wäre lustig zu sehen gewesen, war es nur nicht so gräßlich. Dann warf er beide Hände hoch in die Luft und schlug nieder auf sein Gesicht. Und die Tereza schwor hernach, sie könne es im Leben nie vergessen, wie sich die Schwester stumm über den Verröchelnden geneigt, erstarrt, begierig, mit einem grauenvollen Ausdruck voll unversöhnlichen Hasses nach seinem letzten Zucken, seinem letzten, leisen Atemzug. Alsdann schleuderte sie das Messer von sich. Und ganz tonlos: »Gib acht auf den Hof. Geh zum Bürgermeister und zum Herrn Dechanten. Ich muß in die Stadt, aufs Gericht. Um mein Recht.« Und wie sie war, so ging sie. Mechanisch, getrieben von einer Gewalt, die stärker war als sie selber. Und die Tereza, immer noch im Bann, sah ihr nach, wie sie durch das Flirren des Mittags ihren Gang antrat, der Stadt zu, den Hügel emporklomm, den jener niedergestiegen, wie sie schnell, doch sonder Hast dahinschritt, barhaupt, das Kleid vorne besprengt vom Blute des Mannes, den sie niedergestochen. Erst da sie ihr entschwand, kam die Tereza zu sich. Sie schrie auf und schluchzte...   Dies ist der Fall der Růžena Čapek. Auf seinen Ausgang sind viele begierig, und er ist ungewiß. Denn wir haben nicht französische Geschworene. Man wird ihn zu seiner Zeit erfahren. Ich wollte nur die Begebenheiten mitteilen, wie sie im Heimatsort der Witwe Hermann berichtet werden... Die Hanna Eine Postkarte war mir unversehens ins Haus gekommen. Florian Petersilka erinnerte mich alter Beziehungen, teilte mir mit, er habe sich nächst Klosterneuburg in einem einsamen Häuschen eingemietet, und bat mich dringend um meinen Besuch für nahe Frist. Es war im beginnenden Spätherbst. Das ist die richtige Zeit für eine bequeme Wanderung die Donau aufwärts. Und der Mann, der in einer wunderschönen, weiträumigen, klaren Schrift diese Einladung an mich ausgehen ließ, stand mir klar genug vor den Augen, daß mir ein Wiedersehen mit ihm höchst erwünscht sein mußte. Wir waren gute Kameraden gewesen am Kremsierer Gymnasium. Das war nun freilich manches liebe und leide Jahr her. Aber so lange Zeit mit starken Erlebnissen darüber verflossen war, ich hätte den wunderlichen Gesellen nicht vergessen können, auch wenn er sich späterhin nicht mir und allen, welche die Kunst lieben, in der nachdrücklichsten Weise ins Gedächtnis gerufen hätte. Er war das Kind ganz armer Häuslersleute aus der Hanna. Und natürlich studierte er also über Wunsch seiner sehr frommen Mutter, und weil das am billigsten kommt, »auf geistlich«. Und er war dazumal sehr fromm und fühlte sich in seiner künftigen Würde nicht wenig und sprach voll Ernst und Salbung, die seinen heftigen und durch die Kutte doppelt fahrigen Bewegungen drollig genug widersprachen. Er konnte sich in einen großen religiösen Eifer hineinreden. Dennoch traute man ihm nicht so ganz. Seine Flammen schienen gewollt verzückt. Und er hatte merkwürdig heiße Augen, von denen man das Gefühl hatte, sie ziehen alles tief in sich und sehen es ganz eigen und behalten es in sich. Dann waren ihm seine Eltern weggestorben, so daß kein Einfluß mehr auf ihn geübt ward. Und ihm war von einem Oheim eine Erbschaft zugefallen, groß genug nach seinen Begriffen, um ihn frei und unabhängig zu machen. Augenblicklich sprang Petersilka aus der Kutte und offenbarte nun einen höchst merkwürdigen Pfaffenhaß voll kühner Übertreibungen, eine Verachtung aller Kirchengebote, die in der kleinen Stadt übel genug vermerkt wurde. Denn Jud und Christ mochten sich soweit nicht. Ein Freigeist aber mißfiel beiden Bekenntnissen in gleicher Weise. Denn man hielt auf Religion. Er gebärdete sich hussitisch und die Deutschen hassend genug. Man glaubte es ihm nur sowenig wie vordem seine ausbündige Andächtigkeit. Etwas unbewußte Komödie spielte er offenbar sich und anderen gerne vor, und er verlor sich immer völlig an die Umstände, unter denen er lebte. Für begabt galt er durchaus nicht. Da hatten wir schon ganz andere Köpfe oder, wie Pater Mathia sagte: lumina (lat.) Lichter, Leuchten. . Im Seminar hatte man ihn durchgeschleppt, weil einer schon sehr gottverlassen sein muß, was sich für einen Gottgeweihten doch nicht gehört, um da durchzufallen. Nun, da er ans Obergymnasium kam, ging es mit ihm jämmerlich genug. Er mochte weder lernen noch lesen, und dem Durchschnitt erschien er wohl stumpf und gleichgültig gegen alles. Offenbar blieb er nur auf der Anstalt, weil er sich für den elterlichen Beruf schon verdorben fühlte, weil er zum lateinischen Bauern keine Lust hatte und noch nicht recht wußte, was mit sich beginnen. Er hatte dabei eine eigene Art an sich, die Herren Professoren gegen sich zu erbosen. Noch lebten und wirkten einige Piaristen Ein Mönchsorden. darunter, denen es bei aller ihrer Duldsamkeit mißfiel, daß er sich trotz seiner ursprünglichen Bestimmung für die Kirche nun gar so weltlich und gottlos benahm. Und sie hatten die nicht eben löbliche Gewohnheit an sich, bei jedem Vergehen gegen Schulordnung und Lerneifer mit dem schärfsten Geschütz und mit Drohungen ewiger Verdammnis anzurücken. Diese polterten, und andere winselten. Nun war es manchmal, als lege es Petersilka darauf an, die hochwürdigen Herren, jeden nach seinem Temperament, in eine gelinde Wut hineinzureizen. Dann stand er da, eines Hauptes länger als die gesamte übrige Klasse, die schwarzen, schlichten Haare zurückgestrichen, knochig, mager und eckig, und schwieg, die schwarzen Augen unverwandt auf seinen Lehrer, der nun sein Opfer war, gerichtet, stechend-spähend der Blick, als dürfe er keinen Laut und keinen Gestus vergessen: furchtbar ernsthaft und dennoch durchaus ein Kauz und ein Schalk. Da war der Pater Mathia. Sehr streng, sehr eifrig auf sein Griechisch und auf seine Einführung in die philosophische Wissenschaft, mit denen man uns eben die letzten Weihen für die Hochschule gab und den Abschied vom Gymnasium versüßte. Wir hatten haarscharfe Logiker und erstaunliche Psychologen unter uns. Petersilka verachtete alle drei Fächer. Gerechter war keiner als Pater Mathia; keiner aber auch gröber. Denn er war ein deutscher Bauernsohn und gefiel sich in der Mundart und den Flüchen der Heimat. Er konnte wettern, daß es seine Art hatte und den Verstocktesten ein Schauder überkam – über zwei Fuhrknechte, die sich ineinander verfahren haben und nun nicht loskönnen, war er. Und man weiß, in solchen Fällen gewinnt die Erfindungsgabe Schwingen, und es kommen schöne und des Denkens würdige Leistungen zutage. Der hatte den Petersilka einmal in der Arbeit. Es war ein Spektakel, als wolle er dem Burschen an den Kragen und daß man auf den Gängen zusammenlief. Und mitten in seinem Koller, knapp nach der Frage, die immer den Höhepunkt seiner Ausführungen bezeichnete: »Du Mistkerl! Deinetwegen glaubst du, daß Christus gestorben ist?«, wollte sich der hochwürdige Herr kräftigen und griff nach seiner Dose – denn daraus sog er seine schönsten und saftigsten Wendungen – und merkte mit Schrecken, sie sei völlig leer. Petersilka aber langte mit einer unsäglichen Seelenruhe in seine Tasche und bot dem Grollenden eine Prise dar. Gedankenlos griff der zu, schnupfte, und alle Buben brachen miteinander in das unbändigste Gelächter aus. Nur Petersilka schnitt sein unschuldigstes Gesicht, der Herr Professor aber bekam einen neuen Wutanfall, schimpfte und knurrte noch einiges und trat alsdann einen unrühmlichen Rückzug an. Wir beide vertrugen uns ausgezeichnet. Es war nämlich erstaunlich und wie ein Wunder, wie scharfe Sinne der Bursche hatte. Er bestimmte nach der Schichtung der Wolken das Ziehen des Windes. Er gewahrte jeden Kringel im betauten Gras. Er sah die Lerche, wenn sie ganz verloren und im Blauen ihr Sonnenlied herunterjauchzte. Bestaunte man ihn darum, dann fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht, wie es die Herren Lehrer in der Gewohnheit hatten, um die Glätte ihrer rasierten Wangen zu prüfen: »Weißt du – weil ich nicht so dumm bin, da werde ich mir meine Augen vielleicht auch mit den blöden Büchern verderben!« Wir gingen miteinander spazieren. Aber den Park, der doch prächtig genug ist, mit seinen alten Baumgängen, mit dem stolzen Geflügelhaus, das sich so schön und goldgetont im großen Weiher spiegelt, in dessen stiller Flut an schwülen Tagen sich die Karpfen in dichten Scharen, die beschuppten Rücken schillernd, in der schwülen Sonne zur Fläche drängen, während ein leichter Wind die Blüten der Kastanien über die Wasser streut, den mocht er durchaus nicht trotz der zierlichen Tempelchen, der rinnenden Bächlein, darüber sich schlanke Brücklein spannen, der großen grünen Wiesen, überwuchert von mannigfachem Blühen, auf denen der Pfau sein sonniges Rad schlägt, trotz seiner Haine voll einer schönen, verschwiegenen Einsamkeit und Kühle. Der war ihm gar zu gesittet. Dahin ging man nur, um zu baden oder um einen müßigen und sonst verlorenen Nachmittag zu verdehnen. Und er sprach recht sehr verächtlich zu meinem innigen Schmerz davon. Aber ich war ihm durchaus nicht gewachsen. Aber in die weiße Ebene hinaus gingen wir. Und ihm war keine Glut und kein Stäubchen zuviel. Er sprach eigentlich wenig. Aber gedeutet hat er gerne, und man mußte erraten, was er meine und was ihn just beschäftige: etwa das schillernde Häutchen, leuchtend in allen Farben des Regenbogens, das sich auf einem Tümpelchen gebildet, oder der unendliche Rückglanz des Lichtes auf einem stehenden Wasser, wo man es mit einer Wehr gestaut, und sein Glitzern, wenn es milchig, gischtend niederfloß, oder nur ein Baum, der überstäubt in der grauen Ebene stand, als hätte sein schwarzes Laubwerk Puder überflogen, oder nur ein fernes Dorf, das sich mit braunen Strohdächern in eine Mulde duckte, wie ein Rebhuhn in seiner Furche kauert. Bis ins sinkende Dunkel wanderten wir so. Bis die Sterne, die er zu nennen wußte, am Himmel standen und die Windmühle von Bilan mit ihren dunkeln und ruhenden Flügeln auf ihrem winzigen Hügelchen gespenstig und wie ein riesiges Andreaskreuz Kreuz mit schrägen Balken. in die ungeregten Lüfte ragte. Es war eine starke und ehrfürchtige Liebe zur Heimat in ihm. Er eignete sie sich an, er trank sie in sich, ohne jeden Nebengedanken. Ich aber habe in solchen Wanderungen viel und unvergeßlich von ihm gelernt. Bei der Matura haben mir diese Erkenntnisse nicht etwa genützt. Wir standen beide davor. Aber sogar Petersilka kam durch zum allgemeinen Erstaunen des Gymnasiums. Man ließ ihn durchschlüpfen, wohl mehr, damit man seiner endlich ledig sei, mit dem man gar nichts mehr zu beginnen wußte, als in der Überzeugung von seiner Reife für die Hochschule. Er verriet keinerlei Freude oder Überraschung über das immerhin unerwartete Ereignis der Prüfung, während viele darob gar nicht genug staunen konnten, nachdem er doch in mindestens drei Fächern geradezu jammervoll dagestanden war. Er sprach auch nichts davon, welchem Beruf er sich und seine Fähigkeiten zu widmen gedenke. Es war eine merkwürdige und unjugendliche Gleichgültigkeit in ihm. Wir machten gemeinsam noch einen letzten, unseren liebsten Ausflug: zum Möwenweiher von Chropin. Ein eintöniger Weg! Die Felder waren gemäht, und die Stoppeln standen kurz, gelb und traurig da. Es war trockene Zeit, und es stob allenthalben. Nur die Zuckerrübe hatte noch ihr gilbendes Blattwerk, und die gelbgrüne Hirse, die aus der Ferne so goldig weht, nickte mit schwachen und zierlichen Rispen. Durch sparsame Wäldchen mit geringem Schatten ging's. Wieder war es die blache Ebene, über die die sinkende Sonne all ihren Strahlensegen ausgoß. Es war schwül und ein ungeregter Tag. Endlich standen wir vor dem Gewässer, das uns groß genug erschien. Zwischen den rotbraunen Rohrkolben stieg ein gelles und flirrendes Leuchten auf. Blasen hoben sich zur Höhe und zerzischten platzend, und Binsen stiegen schlank, starr und überaus hochstämmig empor. Über der Flut aber trieben Möwen aller Arten und, wie es uns schien, aller Farben ihr Wesen. Sie kreisten einsam mit weißen, blanken Schwingen im Blauen, sie jagten einander, gesellten sich zu Schwärmen, kreischten gierig und fielen ein mit hastigen, blitzenden Bewegungen. Die Schatten der wehenden Fittiche glitten über den Teich. Verwirrung bot der Blick aufwärts, Verwirrung der zum Boden. Dazu das Schrillen der vielen Stimmen. Nicht müde ward man vom Sehen; aber wie ein Taumel und wie ein Schwindel ging es davon aus. Petersilka stand da. Stramm aufgerichtet und ganz Auge. Hinter ihm war die Sonne. Wie sie sich immer rascher zum Niedergang neigte, so vermehrte sich das Schwärmen über uns, wuchs das Schwirren der Flügel ins Unermeßliche. Zu Scharen kamen sie angesegelt, mit zuckenden, eilfertigen Schlägen und heiserem Rufen. Vereinsamt schwamm noch eine einzelne und zog hoch oben, das Gefieder angeglüht vom Abendsonnengold, ihre schönen und stolzen Kreise. Petersilkas Schatten fiel mächtig über den Weiher; er sah andächtig in den vielen Glast und sprach kein Wort. Nur mit einer herrischen Gebärde der Rechten, die ich nie an ihm gewahrt, die beinahe einer Beschwörung glich, schnitt er durch die Luft. Hernach gingen wir heim. Schweigsam, wie gewöhnlich. Nur an ihm war eine merkwürdige Verdrossenheit, eine Abspannung, die ich denn doch nicht ganz verstand. Als trüge er ein Geheimnis oder eine neue Erkenntnis mit sich heim. Die Nacht drängte heran, und es war diesmal, als scheuche sie uns zurück zur Stadt. Einige spazierten noch am Ring – immer in der Tretmühle, in der Erholung so gut wie in der Arbeit. Wir nahmen keinen gerührten Abschied, und wir schlossen keinen Bund fürs Leben miteinander. Aber ich habe oft, ach oft seiner gedacht. Denn er kam mir aus den Augen. Andere Sorgen nahmen mich in Wien gefangen. Denn ich habe mich in der fremden und großen Stadt schwer genug eingeheimt, mich oft genug in ihr verlassen geglaubt und unsicher und ungeschickt meine ersten Schritte in ihr getan. Ich vernahm wohl, auch Petersilka sei in Wien. Aber in der Universität sah man ihn niemals, nicht einmal zu Semesterschluß, der sonst auch die Trägsten zu einem Gang dahin bewegt und aufrüttelt. Was trieb er? Das war nicht zu erkunden. Was immer aber ich gehört hätte, gerade von ihm war mir gar nichts verwunderlich erschienen. Ihn zu suchen, hatt ich keine Zeit. Wie auch hier einen aufstöbern, der sich vielleicht mit Bedacht verborgen hielt und Wege ging, die sonst niemand nahm? Die Überzeugung aber bestand bei mir, wir müßten uns wieder einmal begegnen und nicht nur für einen Augenblick. Und so waren denn mehr als zwanzig Jahre vergangen. Wege, voller Zuversicht und gemeinsam angetreten, hatten sich für immer getrennt. Manch guter Geselle war mir vergessen. Mancher verloren für diese Zeit oder für ewig. An diesem einen hielt mein Gedächtnis, vielleicht meine Seele mit einer sonderbaren Zähigkeit fest. Und mir schien, der ich doch selbst schon ergraute, er könne nicht altern, und ich sah ihn immer vor mir wie an jenem Abend in Chropin: lang, mager, bartlos und mit vollem schwarzem Haar, bedachtsam und eckig und so schrecklich, ungeschickt und windmühlenmäßig in den sparsamen, ruckhaften Bewegungen der Arme. Und dann war jene mährische Schule der Landschafter hochgekommen, so voll einer unergründlichen, grenzenlosen Liebe zur Heimat, zu ihren armen Reizen, so bestrebt, der Welt zu offenbaren, was sich alles aus ihrem träumerischen und von grauen und gekröpften Weiden überschatteten Born schöpfen lasse; künstlerisches Neuland voll unerschöpflicher Fruchtbarkeit offenbarte, kaum daß man ihn unter den Pflug genommen, der gleiche Boden, den man so lange für Steppe gehalten. An der Spitze unter ihnen, der eigenste und selbstgewachsenste darunter, stand, fast über Nacht mit einem Schlage anerkannt und berühmt geworden, Führer wider Wollen und aus Notwendigkeit, Florian Petersilka. Man spottete über seinen Namen. Aber man hatte sich in der letzten Zeit an andere, kaum besser glaublich oder klingend, gewöhnen müssen. An seinem unbedingten und siegessicheren Können aber war nicht der mindeste Zweifel, und ganz besonders mich berührten und zu mir redeten seine Bilder höchst eigen in ihrer unerhörten Ehrlichkeit. Dies war das reiche und fruchtschwere Flachland, das ich kannte, liebte und desto schmerzlicher ersehnte, je länger ich's nicht gesehen; umgrenzt von blauen Bergen, so daß nirgends der Eindruck der Grenzenlosigkeit und der Verlassenheit wach ward; mit den Wassern, die träge rinnen, große Bögen und Krümmungen machen, als könnten sie nicht müde werden, diesen dankbaren Boden zu benetzen; mit den eingesprengten dichten Auwaldungen voll friedlicher Schatten; den steifen Pappeln am Saum der weißen Straßen; erfaßt und beschworen in allen seinen Stimmungen, mit seiner ganzen Seele, die sich nicht jedem offenbart, die behorcht und bespäht sein will, ehe sie erwidert und lohnt. Niemals war eine Staffage darauf. Aber die Sonne, ihr Spiel und all ihr Wirken, war mit einer erstaunlichen Kraft und Freudigkeit wiedergegeben. Es war eine Verlassenheit, eine linde Traurigkeit über ihnen und dennoch eine Verheißung von Segen. Vielleicht nur ein einsames Haus; farbig getüncht; rund ums Grüne die goldenen Maiskolben, gleich Festons Girlanden. niederhangend, im hellsten Lichte aufglühend, es in sich saugend und rückstrahlend wie Garben Bernsteins, in dem sich die Sonne bricht. Dies war die Art Florian Petersilkas, der mich nun, da wir beide Männer geworden waren und manches Land und manches Geschick erfahren hatten, zu sich rief. Etwa nur, weil ich einmal über ihn und sein Wesen voll aufrichtiger Freudigkeit geschrieben hatte? Dies schien mir nicht wahrscheinlich bei einem, der so eigenwillig in selbstgewählter Einsamkeit lebte. Aber ich machte mich, nachdem ich mich angesagt, sowie ich nur konnte, auf den Weg. Auf dem Bahnhof Klosterneuburg erwartete mich Petersilka. Wir drückten einander die Hand, ohne einer das rechte Wort für den anderen zu wissen. Es ist immer eine eigentümliche Befangenheit beim Wiedersehen nach so langer Trennung, und sie lähmt. Wie vordem immer, so übernahm er die Führung. Wir stiegen hügelige Wege hinan. Es war ein sonniger Tag zu Ende Oktober, an dem man wandern möchte, ohne Ziel und sonder Ermüdung. Es ist dann manchesmal, als trüge einen dieselbe Luft, die zu Lenzeingang so gerne niederdrückt und abmattet; als wehe der Wind förderlich und als sei er erfüllt vom stählenden und erfrischenden Odem des nahen Winters. Vor uns lief Petersilkas schneeweißer Spitz; vernehmlich keuchend und dennoch voll eines löblichen Eifers, als sei er verpflichtet, uns in der Richte zu halten. Nach einigen Schritten blieb er immer stehen, oder hatte er genügenden Vorsprung, so tat er sich nieder; die rote Zunge hing vor, seine Flanken bebten, und die guten, traurigen Augen sahen voll Vertrauen nach uns. Es war etwas Verzaubertes über allem. Denn die Stille war unsäglich groß. Auf allen Wegen und Richtsteigen, auf denen sich sonst an Sonntagen im Sommer Tausende lustwandelnd bewegen, war keine Seele. Verspätete Quitten glänzten unterm Laube; die scharfkantige Frucht, so gleich einem Apfel und dennoch unverkennbar etwas anderes, das satte Leuchten ihrer Farben hatte etwas Fremdes, Märchenhaftes: die Mahnung zum Genuß. Trauben, die man bis zum ersten Frost auf dem Stock belassen, schwollen sehnsüchtig der Sonne entgegen. Marienfäden schwammen mit dem Wind, überspannen rotes Laub, umfingen Tautropfen. Das glitzerte wie das köstlichste Geschmeide. Wir sprachen kaum ein Wort. Nur manchmal flogen Blicke und forschten, ob denn jeder auch so recht genieße. Sie spannen den Bund zwischen uns von neuem. Petersilka hatte sich in all den Jahren wenig verändert. Er war sonnenbraun vom vielen Weilen im Freien. Sparsam etwa ein graues Haar in seiner schwarzen, immer noch nach rückwärts gestrichenen Mähne. Versonnene, aber sehr klare und zutrauliche Augen. Er trug keinen Bart; und seine Bewegungen waren wie dereinst: hastig, schlenkernd, unbeholfen und dennoch nicht ohne Kraft. Wir machten vor einem einsamen Winzerhäuschen halt. Der Spitz stand jappend davor und blaffte heiser – der einzige Laut, den ich während des ganzen Spazierganges von dem ernsthaften und würdigen Tier vernahm. Petersilka suchte in allen Taschen nach dem Schlüssel und lächelte dazu sein kauziges Lächeln. Endlich stieß er die Tür auf und ließ die Hand mit einer großen, wortlosen Herzlichkeit auf meine Schulter fallen. Eine unsägliche Fülle des Lichtes quoll uns entgegen. Denn der Raum hatte drei Fenster mit einer großen und mannigfaltigen Ferne. Im Grunde zog die Donau vorüber, und kiesige Bänke standen gleich gelben Eilanden, schwach bebuscht, in ihrer Flut. Die Einrichtung des Raumes war höchst einfach. Ein Bett, ein Tisch, einige Stühle. Alles aus gelbgestrichenem, weichem Holz, das noch nach Tanne duftete. Eine Staffelei, mit einer blanken, kaum erst grundierten Leinwand. Eine Kristallflasche mit edlem Wein; zwei schöne und helle Gläser. Wir setzten uns. Petersilka schenkte ein, und wir stießen schweigsam und herzhaft an. Der Spitz tat einen erstaunlich flinken Satz nach dem Fensterbrett, streckte sich behaglich aus, ließ sich die Sonne recht breit auf den weißen Pelz scheinen und sah wie verständig bald in die Landschaft, bald nach uns herüber, immer den schlanken Kopf zwischen den Vorderpfoten; die rosige Haut leuchtete. Petersilka aber rieb sich die Hände: »Also, Freundchen, da bist du, und da bin ich«, und es war ein sehr großes Wohlwollen in seinem Gesicht, und nun erst fiel mir auf, daß er den Ehering an seiner schlanken, doch knochigen Rechten trage. Er war also wohl verheiratet. Sonst war nichts von Schmuck an ihm. Nicht einmal eine Kette hatt er, und wie er flüchtig nach seiner Uhr sah, so meint ich sie noch vom Gymnasium her zu kennen. Es war, als hege jeder Tropfen, den wir schlürften, eine Erinnerung, zu fein und zu unkörperlich, um sie in Worte zu fassen. Ein herzliches Vertrauen, wie wir es einmal unausgesprochen in uns zueinander getragen, quoll uns daraus entgegen, und die Zeit, die wir getrennt gewesen, versank im Nichts. Andere Wege waren wir vordem gegangen. Andere, doch gemeinsam. Jene Gabe, die damals jeder im Gefährten gewittert und gefördert, mit eigenen Augen in die Natur und in die Welt zu sehen, wir hatten uns bemüht, sie nach Art und Anlagen zu entwickeln, und sie war bei ihm zur vollsten Künstlerschaft geworden. Er hob sein Glas und ließ die Sonne darein leuchten und sah dem edeln Farbenspiel zu: »Ja, der Wein! Einen solchen Wein hat's in der Hanna nicht? Gelt, Freundchen!« Und wie man einem Abwesenden Bescheid zutrinkt, so tat er einen raschen Schluck, wenn er bis nun nur andächtig sparsam verkostet hatte wie ein Kenner und wie ein Genießender. Die Hanna! Da war das Zauberwort gefallen, das die Siegel der Vergangenheit sprengte, mir Zutritt geben mußte in geheime Kammern voll gehäufter Erinnerungen! Es war keine Neugierde in mir, nur eine stille Erwartung und eine starke Spannung. Denn die Entwicklung, die Petersilka genommen hatte, die fiel zu sehr aus dem Geleis. Wo lagen seine Anfänge, daß man nichts von ihnen wußte? Und mein Kamerad mußte manches erlebt haben. Da war ein schmerzliches Zucken durch das ganze Gesicht, wenn er in sich war. Und was ihm das Geschick an grauen Haaren erspart, das hatt es ihm an Runzeln und Fältchen zugelegt, durch die eine unablässige Bewegung lief. Und der Blick war beim Sprechen sehr ernst und wissend. Und er sprach, wie der Wein, dem wir gern und tapfer zusprachen, immer mehr seine Wirkung übte, rasch und wie nach einer klagenden Weise. Er erhob sich rasch und ungeschlacht, und der Spitz richtete sich zur Höhe, die Augen voller Erwartung. Er kraute ihm das Fell und lächelte, während der Ausdruck seines Gesichtes sonst sehr ernsthaft und nachsinnend blieb. »Ja, Freundchen und Bruderherz, das ist nun lang. Sehr lang ist's – so lang!« Er reckte die Hand und spreizte die Finger von sich. »Und wir meinten damals noch, ein Glas Wein ist eine Sünde, und wir wissen heute, was für ein gutes Ding es ist und was es überhaupt mit der Sünde auf sich hat, und wir waren damals freche Buben, und wir gelten dennoch heute für würdige Männer, und man grüßt uns. Und der Mathia, weißt du noch, der Mathia!« Und er lachte herzlich und schmetternd, und es war, als lache die ganze Stube mit und er würde jung davon. »Der Mathia ist tot.« »So« – er zuckte die Achseln, »muß alt genug gewesen sein dafür. Und der Ephraim Kohn, weißt du, der immer ,Nü?' gefragt hat? Und den wir darum den Nü Ephelkistikohn Kohn, der das Nü hinter sich herschleppt. geheißen haben. Beweglich genug war er dazu. Ist alles Griechische, was mir geblieben ist - und es reicht; ganz gut reichen tut es mir.« »Betreibt einen gesunden Getreidehandel und Malzexport. Filiale in der Schweiz«, meldete ich gewissenhaft. »Oder der Herr Direktor – weißt du noch? So ein guter Mensch, gar nicht zum glauben, wie gut! Und wenn er mich wieder einmal in Mathematik erwischt hat und wann oder worin hat man mich nicht erwischen können? –, dann ist er in seiner Stube auf und ab gegangen und hat geweint: ›Ein schlechter Kerl ist er, dieser Petersilka. Schlecht in die Haut. Immer lernt er nichts und ärgert mich, wo er nur kann. Mich, seinen alten Lehrer und Katecheten. In der Hölle wird er brennen. In Ewigkeit, Amen. Aber, das ist Strafe genug; warum soll er mir da noch durchfallen und ein Jahr länger auf dem Halse liegen?‹ Und in lauter Bekümmernis über meine Boshaftigkeit hat er sein Nichtgenügend ausradiert und ein Genügend oder, wenn er von dem guten Bisenzer Wein, welchen er gar so gerne gehabt hat, ein Gläschen zuviel in sich hatte und also noch mehr Wohlwollen als sonst, gar ein Befriedigend hingeschrieben.« Und Petersilka lachte. »›Zu nichts wird er's bringen. Ein Bettelmann wird er sein, sein Leben lang‹, haben sie gesagt. Und heut – welche von ihnen leben, die sind stolz genug auf mich. Und der schönste Bauernhof in der ganzen Hanna gehört mein, und mein Bruder mit den Seinigen bewirtschaftet ihn, und wenn sie daran vorüber zu Markte fahren, dann deuten sie mit den Peitschen darauf hin und stecken die Köpfe zusammen und machen Gesichter, noch blöder vor lauter Wichtigkeit und Verwunderung wie sonst. Weißt du, weil sie nicht verstehen, wie man ein solches Stück Geld für etwas bekommen soll, was sie täglich vor Augen haben und woran sie nämlich selbst niemals etwas gefunden haben. Und das soll man bezahlen, mit über ein Joch Ochsen, und das geht in alle Welt! Das begreift er nicht, der Bauer! Und was er nicht begreifen tut, das hält er für dumm und überflüssig. Die Käufer sind blöd. Und ich bin ein Schwindler, ganz nichtsnutzig, der sein Geschäft nur versteht, den aber der Gendarm doch endlich einmal dahin führen wird, wohin er gehört.« Er war in eine schöne Freudigkeit geraten: in eine große Lebendigkeit. Das war ganz prachtvoll. »Du wirtschaftest mit deinem Bruder, Petersilka?« Er nickte. »Wieder. Schon fünf Jahre wieder. Und seine Kinder sollen einmal nach mir erben. Er hat genug, daß sie viel gebrauchen können. Und es wird nicht wenig sein, bis ich einmal darankomme.« »Und du hast keine Kinder, Petersilka?« »Nein.« »Und können keine noch kommen? Denn du bist noch jung!« »Möcht wissen, woher? Mein Weib ist doch tot.« »Tot? Aber wirst du denn nicht mehr heiraten, Freund?« Ein sehr entschlossenes Kopf schütteln. »Dem sie so gestorben ist, der darf's nicht mehr, oder er verdient es nicht anders, als daß man ausspuckte vor ihm. Das sollen sie doch nicht vorm Petersilka.« Eine schlimme und traurige Pause. Eine große Brummfliege summte schwerfällig durch das Zimmer und stieß an allen Fenstern mit erheblichem und unwilligem Lärmen an. »Und du schreibst, Bruderherz?« »Ich schreibe.« »Weißt du, gelesen hab ich nix von dir. Nämlich kein Buch. Woher es nehmen auf dem Dorf? Nur natürlich den Artikel über mich, den hab ich gelesen. Ich kann deutsch reden. Ganz gut sogar. Daß mich jeder versteht, wie ich's meine, und zur Not nehm ich höchstens ein mährisches Wort. Aber lesen kann ich's nicht mehr recht. Nur natürlich, wenn einer so gelobt wird! Das versteht er immer.« Und er versuchte zu lächeln. »Mir haben deine Bilder einen starken Eindruck gemacht.« Petersilka legte seine Hand auf meine Schulter: »Hat mich gefreut. Denn du kennst doch das Land, und du hast auch Augen in deinem Kopf.« »Ich halte mich manchmal für einen verwunschenen Landschafter.« Petersilka schmunzelte. »Verwunschener Landschafter? Das gefällt mir. Wahrhaftig und sehr.« »Und es ist etwas ganz Eigenes und Neues in deinen Bildern. Da sind Stimmungen, wie sie noch keiner erfaßt hat. Petersilka nickte. Aber ohne Überhebung, mit dem Recht der Selbstverständlichkeit. »Das glaub ich selbst, und ich weiß auch, warum oder woher.« Er machte mit der Rechten eine großzügige, malende Gebärde: »Ich seh's um mich und werde gar nie müde davon. Und es ist immer in demselben etwas Neues. Und ich seh's dann wieder in mir. Das ist so, wie wenn man sich vor eine Landschaft erst hinstellt, und alsdann fängt man sie sich im Spiegel, und sie sieht anders aus, und man vergleicht.« »Und was du gemalt hast, das erkennt man immer wieder. Es ist innerlich mannigfaltig, und es ist sehr ehrlich.« Er wurde eifrig. »Muß es auch sein. Weil – sonst taugt es nämlich nix.« »Und es ist eigen - warum machst du nie Staffage? Immer nur die nackte Landschaft für sich?« »Ist das nicht genug?« verwunderte sich Petersilka. »Mir schon. Aber nicht für jedermann. Also – manche empfinden es als Armut, und mich wundert bei einem reichen Menschen, als den ich dich fühle, immerhin eine solche Beschränkung und dieser Verzicht.« Er zuckte die Achseln. »Das ist nun schon so, und es wird kaum mehr anders. Weißt du – und es hat schon seinen Grund und seine Geschichte.« Er schwieg. Der Spitz tat von seinem Fensterbrett einen Satz zu Boden und wieder einen auf seines Herrn Knie und richtete sich an ihm empor. Petersilka streichelte ihn und drückte ihn mit sanfter Gewalt nieder auf seinen Schoß. Dann neigte er sich mit einer großen Zärtlichkeit nieder auf das Tier, so daß sein dunkler Kopf und der schneeige des Tieres in einer Linie lag, umfaßte sanft seinen Hals, und vier Augen sahen mich an, gleich an Farbe, Güte, und nur nicht an Ausdruck. Dann schenkte er ein. »Ex. Dies gilt ihr!« Die Gläser klangen. »Nämlich – er hat sie gefunden. Und denke dir – sie hat Hanka in Wirklichkeit geheißen – ist das nicht wunderbar?« Er tat den Spitz zu Boden, sehr bedacht und liebevoll, der zu winseln begann, sowie er den Namen hörte. Und er stopfte sich eine kurze Pfeife und begann, unablässig qualmend, zu erzählen. Im Auf- und Niedergehen, daß seine Stimme bald ganz nah und eindringlich klang, bald fern und vermurmelnd. Nun ungelenk im Ausdruck, suchend, stockend, dann wieder so voll ungewollter Eindringlichkeit, daß Wort und Wendung unbesieglich im Gedächtnis haftenblieben. Und das eigentümlich Singende seiner Redeweise verwob sich zu einem starken Rhythmus, der nicht mehr weichen will und auch jetzt nachklingt, nun ich mich wieder mit seiner Geschichte beschäftige. »Nämlich – wir haben einander nicht mehr gesehn, sowie wir nach Wien gekommen sind. Und mir war gar nichts, nicht um eine Pfeife Tabak daran gelegen, wenn sie mich noch ein Jahr auf dem Gymnasium gehalten hätten. Denn zu sagen hat mir keine Seele was gehabt. Und was ich hernach mit mir anfangen soll, hab ich ganz und gar nicht gewußt. Du bist Philologe geworden und hast dir's später auch anders überlegt. Ja, was geht das mich an, wie die Leute einmal gesprochen haben und warum sie es jetzt nicht mehr so tun. Halt wahrscheinlich gefällt es ihnen anders. Und warum soll ich arme Buben damit martern, die sich nicht einmal wehren können? Und die Geschichte? Was lernt man da? Wann und warum etwas geschehen ist, was keine Katz kümmert, daß es geschehen ist. Und mit einem Juristen und mit einem Mediziner, da ist man doch glücklich, wenn man nichts mit ihnen zu tun hat. Man ruft sie, wenn man sich schon gar nicht anders helfen kann, und haben sie erst einmal glücklich die Türe hinter sich zugetan, so möcht man am liebsten Weihwasser sprengen und mit Wacholder räuchern hinter ihnen. Und ein Beamter? Mir waren schon die Professoren zuviel, die ich vor mir gehabt hab, und ich hab mich innerlich gewehrt gegen sie und jeden komisch oder dumm gefunden. Wie viele hat so einer über sich, die an ihm schulmeistern, nur damit er sieht, sie sind wer und er hat sich vor ihnen zu ducken! Warum soll ich mich aber erst plagen und noch viele Jahre lernen, nur damit ich etwas werde, was mich hernach nicht für einen Kreuzer freuen möchte, wenn ieh's schon bin? Das hab ich nicht eingesehn. Und fürs Dorf war ich durch die Frömmigkeit meiner Mutter doch schon verdorben, die mich hat zum Pfarrer haben wollen. Wie ein Bauer leben, das ging nicht mehr, in Ewigkeit. Sonst hätt mir's gerade dort gefallen, wie sonst nirgends in der Welt, und mit meinem Bruder und mit seinem Weib hab ich mich immer ganz gut vertragen. Nur – faul haben sie mich gern geschimpft. Wann ist ein Mensch faul? Wann ihn keine Arbeit freut. Und wenn er sich nicht einmal eine weiß, die ihm Spaß machen möchte, so ist er am allerfaulsten. Also, weil man doch wohin muß, so bin ich nach Wien. Und ich hab mich sträflich gelangweilt. Aber geschämt hab ich mich auch vor euch, die jeder gewußt haben, was sie wollen, und wenn ich einen von euch gesehen hab mit Heften und womöglich immer mit einem Pack von Büchern, und ihr habt's so eilig gehabt und so wichtig, so hab ich einen Bogen gemacht wie der Fuchs oder erst verstanden, wozu die engen. Gassen gut sind und die vielen Durchhäuser in Wien. Und dabei hab ich noch dazu immer ein sonderbares, ein ganz ein verdammtes Gefühl von Hochmut in mir gehabt. Nämlich, so als wäret ihr alle zusammen dumme Teufel. Die ihre Jugend verkümmern und es in sich hineinpumpen müssen, nur damit es nicht zu hohl und leer ist in ihnen. Und ich bin immer noch der Klügste unter euch. Und es wird schon der Tag kommen, wo ich's euch zeigen werde, wer ich eigentlich bin, und zwar augenblicklich, und wann ich erst wissen werde, was ich will. Wann das aber sein wird? Ja, Wer weiß das, oder wie kann man das sagen? Das kommt schon, und man muß sich eben gedulden bis dahin, und in mir ist es gestanden, fest, wie wenn ich's vom Gericht hätt, ich kann warten, und nicht einen Augenblick hab ich eine Angst gehabt, ich könnt untergehn oder, nur damit ich etwas bin, ein armer Schreiber oder Schullehrer werden, nur weil man das Seinige aufgegessen hat und dem Bruder nicht immer im Brotladen liegen will oder darf. Ich bin viel in die Galerien. Erstens, weil ich so massenhaft freie Zeit gehabt habe, denn ich hab mich doch nicht einmal immatrikulieren lassen. Und wenn schlechtes Wetter ist, so kann man nicht bummeln, und man wird durchaus trübsinnig, soll man immer zu Haus sitzen, und die Luft im Café hab ich nicht den ganzen Tag vertragen. Dann, weil ich sicher gewesen bin, man trifft doch keinen braven Studenten, wie ihr es gottlob und zur Freude der auch brav gewesenen Eltern alle geworden seid. Der geht einmal hin, mit einem zweiten, damit er sich nicht zu sehr langweilt und einen Zeugen hat, daß er da gewesen ist, wo er eigentlich nichts zu suchen hat – was? »Mich hättest du oft treffen können, Petersilka!« warf ich ein. »Hab ich halt Glück gehabt. Und du warst eben kein braver Student. Denn je öfter ich hingekommen bin, desto weniger hätt ich einen zweiten brauchen können, nicht einmal dich, mit dem man nicht hat reden müssen, sondern man hat ihm nur gezeigt, und er hat schon selber die Äugen aufgemacht, so gut du's können und begriffen hast. Gezeichnet hab ich immer gern gehabt. Und besser wie alle, die sich damit großgemacht haben unter uns. Nur hergezeigt hab ich nichts davon. Denn was hat das für einen Zweck? Aber Bildchen nachmalen, worauf sie sich das meiste eingeredet haben, und wer's am besten getroffen hat, der hat sich gehörig gewundert über sich selbst, das hat mir niemals Spaß gemacht. Ich hab's ja doch nur getan, damit ich mir besser merken kann, was mir einmal gefallen hat oder was mir kurios vorgekommen ist und wovon man doch nie weiß, ob man es noch einmal wieder und genauso sieht. Sonst – ja was hätt ich denn sonst mit meiner Zeichnerei wollen? Und sie haben doch immer ein Wesen gemacht, wie schwer das ist und wie man's lernen muß, daß ich Esel geglaubt hab, nur weil ich's nicht gelernt hab, so kann ich nichts. Und dabei ist das Unsinn. Denn man muß aufpassen. Denn weißt du, Freund, manchmal hat ein Ding, welches du hundertmal gesehen hast, ein ganz ein anderes Gesicht an sich wie sonst. Du bist immer daran vorübergegangen, und es war nix, aber schon rein gar nix daran. Und auf einmal hat es eine Stimme an sich, und damit sagt es dir: ›Da bleib stehn. Ich bin anders, und ich bin jetzt so, wie ich in wirklicher Wahrheit bin und erst wieder wer weiß wann sein kann.‹ Verstehst du das, Bruderherz?« »Ich verstehe. Alles hat ein Doppelgesicht. Und in gewissen Augenblicken, die man festhalten muß, enthüllt es sein eigentliches Wesen.« »Meinetwegen. Du sagst es halt gebildet. Also, es ist mir vor den Bildern oft vorgekommen, als möcht ich auch einmal so etwas können. Die Bilder haben mich müd gemacht und aufgeregt auch. Und wenn ich von ihnen und dem Nachdenken darüber genug gehabt hab, so ist da ein sehr schöner Blick auf Wien, zusammengehalten durch die schnurgeraden Alleen, und mit jedem Schritt, den du heruntertust durch den Garten, so verschwindet etwas davon, und auf einmal stehst du mitten auf der Straße und in ihrem Lärm und wirst sehr empfindlich wachgerüttelt und aufgemuntert, und es macht die Pferdebahn ihren Lärm, und es holpern die Wagen ganz abscheulich, und du siehst nicht mehr die Berge und die vielen grauen Häuser und die Türme darüber, die jeder ein eigenes Gesicht haben. Und so, nämlich aus der Entfernung, hat mir die Stadt ganz gut gefallen, in die ich mich sonst durchaus nicht hab eingewöhnen können. Heimweh gehabt hab ich nicht; aber wohl ist es mir auch nicht einmal um das Herz geworden in diesem sehr lauten Wien. Zu Hause, bei mir, hab ich dann gezeichnet öder zu malen probiert. Dehn meine Stube war sehr hoch oben, und mir ist zu Anfang immer schwindelig geworden, wenn ich heruntergesehen habe, und ich hab mich ordentlich gewöhnen müssen daran. Aber sie hat auch ein Licht gehabt, wie man sich's besser gar nicht wünschen kann. So hab ich's eine Zeitlang gehabt, und wenn mir einmal die Farben zusammengelaufen sind und es ergab sich eine schöne Sauce, so war das kein Unglück. Und bei den Kunsthändlern bin ich herumgestanden gern und lang und hab mir angesehn, was sie da im Schaufenster haben und wovon sie sich also einreden, es könnte den Leuten gefallen, die ein Geld haben. Blöd bin ich nicht, Bruder, bin ich niemals gewesen, und ich hab mir sagen müssen: da hast du zu. Haus auch schon bessere Blätter, Florian! Und einmal nehm ich einige davon und geh zu so einem Bilderjuden. Der setzt seine Brille auf – ganz schief, und wie der Aff auf dem Kamel ist sie ihm auf dem Höcker oben gesessen und hat so gerutscht, und guckt und guckt und sucht sich was aus und legt mir Geld dafür hin – einen ganzen Haufen, ist mir dazumal vorgekommen. Draußen reib ich mir die Hände und denke mir: Den hast du schön hineingetunkt in die Schmiere, und tu mir einen guten Tag an. Denn es war doch mein erstes Geld, was ich selber verdient hab in meinem Leben, und das schmeckt, und für den einen Tag hat es denn auch gereicht. Und den nächsten Morgen nehm ich mir ein Herz und anderes von meinen Sachen und geh auf die Akademie. Und dort haben sie auch geguckt und gebrummt, allerhand, damit man's nicht versteht, und haben gemeint, ich kann jeden Tag in die Ausbildung eintreten. So, da hast du's! Aber wozu? Das sagt dir keiner. Und bis du selber heraus hast, was du eigentlich könntest und wohin du gehen möchtest, so kannst du dir die Beine so schön müde gelaufen haben, daß du sie nicht mehr spürst und dich das Gehen schon nimmer freut. Meist, sowie sie sich nur ein bißchen spüren, so machen sie sich an den Akt. Weil sie nicht wissen, wie schwer und daß das eigentlich das Höchste und das Letzte ist, was nur selten einem ganz gelingt und sich ihm ganz offenbart. Und sie sind auch dumme Hunde und wollen ihren Spaß haben. ^ Und eben das war mir widerwärtig und durchaus ekelhaft. Weißt du, ich hab immer so was gehabt in mir wie Schamhaftigkeit. Und sowie der Herr Professor die Tür erst hinter sich zugemacht hat und man sich vor ihm nicht mehr zu genieren braucht, Schindluder treiben mit so einem armen Weibsbild, das sich nicht zu seinem Vergnügen, sondern ums Brot dazu hergibt und gewiß nicht immer so war, und sich aufführen wie die richtigen Affen – das ist nichts gewesen für mich. Ganz und gar nichts. Also: ich bin in die Landschaft. Ist, sollte man meinen, ein ruhiges und ein sehr ein reinliches Geschäft. Da hat aber einer einmal einen Baum hineingesetzt wie einen saftigen Patzen oder einen schweren Klumpen in die Natur. Und das hat einem anderen gefallen, und er hat's gekauft und mit schwerem Geld bezahlt, weil, wenn Gott das Geld nicht an Narren geben möchte, so hätten andere Pfuscher nichts zum Leben. Und also haben alle schwarze Patzen ins Grüne geschmiert und sich sehr damit gefreut und sie bewundert. Oder sie haben mit einer vielen Emsigkeit Gemüse erzeugt und geglaubt, das mache keinen Unterschied, ob man's nach dem Metzen verkauft oder nach der Elle. Ganz besonders gern gehabt haben sie den Spinat – vielleicht weil er so gesund ist, sagen die Doktoren. Da haben sie eine Wiese gemacht, schön giftgrün; und weiße Anemonen, und immer eine große gelbe Butterblume in der Mitte. Das waren die Spiegeleier, ohne die schmeckt's nicht recht und ist und bleibt ein fades Essen. Und wer sich nur eine Gänsedistel zugetraut hat, der war ein Rebeller. Und einen Rahmen darum und einen Titel darunter – fertig! Das geht dann wie geschmiert. Und keine wirkliche Farbe haben sie mehr gesehen oder empfunden oder sich nur einmal gefragt: Wie kommst du ihr bei, daß sie wie wirklich wirkt und wieder auch dich packt und aufregt, wie sie dich in der Natur nicht mehr losgelassen hat? Da hat jeder sein Kochbuch im Kopf gehabt, und da ist's ganz genau gestanden, was man nehmen und welche Werte man mischen muß, damit das Gemälde nach etwas gleichsieht. Gar nie waren sie so verlegen, das ist ja richtig, nicht einmal vor Effekten, wie sie manchmal die Natur abbrennt und sie einem die Red' verschlagen. Das ist ja richtig – und wenn's dann doch nicht gestimmt hat, so war's nicht ihre Schuld, sondern die Kunst hat eben ihre Mucken, und die Natur gar. Oder hast schon eine Köchin gekannt, die zugegeben hat, es ist ein Essen durch ihre Schuld verpanscht worden? Hast, Freunderl? Und wenn sie schon einmal vor die Natur studieren gegangen sind, so war das ein schwerer Entschluß. Denn man weiß doch nicht gewiß, ob die Sachen in der Wirklichkeit so sind, wie man sie sich vorgestellt hat und wie sie im Kochbuch beschrieben stehn. Und das sind dann so gewagte Geschichten. Können auch schief ausgehn, und ein vorsichtiger Geschäftsmann läßt sich nicht gern darauf ein. Und in ganzen Horden sind sie fort. Weil nämlich der Maler ist ein geselliges Tier –, und sie sind nur dorthin gegangen, wo schon viele andere vor ihnen gewesen waren, weil er die erprobten Wege liebt und die eingeführten Muster. Und so lang und so aufrichtig und im guten Glauben haben sie durch fremde Brillen gesehen, daß sie jeden eigenen Blick verloren haben. Und so zufrieden waren sie mit sich und so fleißig und so flink! Und wenn einer eine kürzere Zeit für den Quadratmeter Leinwand gebraucht hat wie ein anderer, so hat er einmal mehr verdienen können wie dieser und war also der größere Künstler. Und um einen ›berühmten‹ Baum sind sie mit ihren großmächtigen weißen Malschirmen herumgesessen, nicht anders, als hätten sich die Schwammerlinge, aber welche, die man schon durchaus nicht essen kann, ohne hinzuwerden, auf die Wanderschaft gemacht. Und gänzlich ernsthaft haben sie das getrieben, und nicht einmal den Humor darin haben sie gespürt, und jeder hat's ihm abgewinnen wollen. Kannst dir denken, wieviel auf einen gekommen ist. Pfui Teufel!« Er spie heftig vor sich hin, und ich wußte nicht, ob aus der Erinnerung an jene schöne Zeit gewissenhafter und sorglich gehüteter Kunstpflege, oder war ihm die Asche seiner Pfeife, an der er heftig herumklopfte, in die Kehle gekommen. Er putzte sie sehr sorgfältig, stopfte sie frisch und tat einige starke Züge. »Also, das war nichts für mich. Das hab ich sehr bald gesehen. Was ich von ihnen hab lernen können und was mit ihnen, das hab ich bald weggehabt. Nämlich, was so ins Handwerk schlägt und was ja auch sein muß. Auch dafür muß man immer dankbar sein. Denn man vertranscht anders sehr viel gute und nützliche Zeit. Aber was beginnt man nun mit sich, und wie kommt man weiter, dahin, wohin man möchte, wohin es einen lockt? Ich bin in den Ferien nach Hause. Da und dort hab ich's probiert, und dies und das hab ich angefangen. So, wie man eben sucht, ohne den ganzen Glauben an sich. Aber – es ist auch nicht und niemals das Richtige gewesen. Etwas hat immer und überall gefehlt. Ganz gut abgeschrieben waren die Dinger ja soweit, daß man wiedererkennen hat müssen, was ich dabei gemeint hab. Und mein Bruder hat schon sehr gestaunt. Du, das ist nicht so wenig, wie du meinst. Nämlich, von der Kunst versteht so ein Bauer gar nichts, und ihm mit der Technik imponieren wirst du nicht. Aber wie so ein Ding, das er immer um sich hat, aussieht, das weiß er, und er läßt dir keinen Fehler und keine Abweichung durch. Aber das Eigentliche, weißt du, das Letzte war nicht darinnen. Gespürt hab ich's. Aber das ist mir irgendwo steckengeblieben. Und wenn ich mich erinnert hab, wie glatt die anderen nach ihren Kochbüchern heruntergemalt und wie mit vollen Backen sie ihr Werk beschmatzt haben, so bin ich mir sehr dumm und mühsam und ein langsamer und ein unzufriedener Peter vorgekommen. Halt ein richtiger Hannak! Was will der in der Kunst, wo noch vor ihm keiner war? Und was kann ich dafür, daß ich Augen habe, welche die Dinge niemals so erblicken, wie man's in der Schule von uns verlangt hat, daß wir sie ansehen sollen? Immer anders, ganz anders? Und war das vielleicht nicht so wie mit unserem Erdreich? Das braucht viele Arbeit, immer wieder, wenn es lohnen und tragen soll, wie es kann. Denn es ist tiefgründig und schwer und fett, und es zahlt sich schon aus, wenn man's nur daranwenden tut. Ich hab's nicht zu Haus ausgehalten. Ins Gebirg bin ich, in den Beskidenwald. Einen Stummen hab ich mir mitgenommen, damit er mir meine Sachen trägt, für mich kocht und meine Gänge tut. Denn mich hat's nach der Einsamkeit sehr verlangt. Das heißt, nach mir selber und dem, was in mir ist. Eine Waldhütte hab ich mir ausgesucht, wo kein Dorf auf sehr weit in der Nähe war und nichts herum, nur Fichten und Tannen. Und dort hab ich gehaust wie ein richtiger Kauz und hab gemalt, zu jeder Zeit und bei jedem Licht, bis der richtige Winter gekommen ist und mich zurückgetrieben hat unter die Menschen, weil es nicht einmal mein Stummer mehr ausgehalten hat in dieser Öde. Damals«, er streichelte seinen Spitz, »hab ich mir's angewöhnt, immer so ein Vieh um mich zu haben. Und darum und aus der Zeit ist er so still – denn gegen wen hätt er auch nur bellen sollen? – und so verständig. Gelernt hab ich viel. Wie sich die Wurzeln verknoten an so einer Fichte über dem Boden, nicht anders wie die Adern auf einer welken und abgearbeiteten Bauernhand, die sich über etwas zusammenkrallt, um es gar nicht mehr auszulassen. Und wie so ein Stamm anders, immer anders wächst, je nach dem Windeinfall. Und wie seine Rinde sich färbt, je nach der Stellung, die er an sich hat. Und wie unter vielen Tausenden niemals einer völlig dem Nachbarn gleich sein wird. Und wie das Dunkel hereinbricht in den Wald, ganz plötzlich und traurig. Und wie das Mittagsschweigen ist, mit dem Flammen der braunroten Rinde, wenn die Nadeln knistern und rieseln und es ist wie ein Duft von Weihrauch in ihm. Und erst die Nächte! Der Uhu, der heranschwebt mit dem rauschenden Flügel und mit glühenden Augen und ruft, daß man sich fürchten könnte, immer wieder ruft, weil ihn das Licht lockt. Und das ist wie in der Spinnstube: ein altes Weib erzählt eine Geschichte, die ganz danach ist, daß die Mädchen wirklich eine Gänsehaut über sich kriegen könnten, und alle fürchten sich und halten sich den Mund zu, damit sie nicht quietschen in ihrer Beklommenheit, und reißen die Augen und die Ohren auf, weil sie ja nichts verlieren wollen, und wenn sie dann heimgehen, so kriecht's an ihnen herauf, und sie kichern vor lauter Angst in der Dunkelheit, und sie sind mit jedem froh, der sie heimführt, wenn er sie nur recht fest an sich preßt. Und wieder ein andermal wird dir – du siehst alle guten Geister im Wald. Und sie lachen heiser hinter den Bäumen vor, und sie sitzen an den Spitzen der Zweige, hängen sich daran und haschen sich wie übermütige Schulbuben, die niemanden über sich haben und treiben dürfen, was sie freut. Und sie klettern auf die Felsen, die da grau und nackt stehen, und sie sonnen sich im Moos und machen sich breit, breit, bis sie zerfließen. Und der Wald hat seine tausend Stimmen. Und eine jede lernst du verstehen, und es ist eine jede anders, und du hast nichts zu tun, nur darauf zu achten, was sie dir immer sagen wollen. Denn es hat immer Sinn und Bedeutung. Und niemals wiederholt sich ein Laut, wenn du nur dein Ohr genug schärfen kannst, und selbst der Sturmwind, wenn er sich hineinlegt in den Wald, und die Bäume müssen mitschwingen und wollen nicht und zittern vor Zorn, selbst der hat immer einen anderen Ton und eine neue Weise. Und dann die Regenzeit! Die Tropfen fallen dir den ganzen, ganzen Tag. Das klatscht und klatscht und kocht förmlich und schlurft über das Dach und zischt und rieselt. Und das ist, als hätten graue Gespenster einen grauen Mantel umgeschlagen und der Wind treibe sie und sie huschten durch den Wald. Und du willst es malen, und es geht gar nicht. Und du wirst ordentlich krank und sehnsüchtig nach einem Blickchen Sonne, und taub wirst du von dem traurigen Lärm, und du hörst nichts, nur immer wieder dasselbe, und dein Spitz winselt und winselt und will hinaus und bleibt an der Türe stehn, und er schaudert über das ganze Fell. Und durch die grauen Strähnen blinkt es, macht große Bögen und springt dir ins Gesicht und zerfließt – der erste Schnee. Ich bin nach Hause. Und mein Bruder und meine Schwägerin, der Josef und die Josefa, haben sich sehr mit mir gefreut und mich tun lassen, was ich eben hab wollen. Erst hab ich mich freilich wieder an Menschen gewöhnen müssen. Natürlich, und ich war ihnen auch fremd. Der Studierte! Und noch dazu, der auf etwas lernt, auf das man sich schon gar keinen Reim nicht weiß. Aber man hat sich innerlich gern gehabt, und dann versteht man einander bald und ehrlich wieder, und es ist eben gut. Aber nirgends ist ein Müßiger so sehr verloren wie im Dorf, wo es außer ihm keinen sonst gibt. Der Tag hat eine Länge, als zerrte wer an ihm – nicht zum glauben. Und zu Abend geht man ins Kasino und sieht zu, wie die Beamten Karten spielen und sich bewundern, wie gut sie's können, oder auf dem Billard liegen, und trinkt seine paar Glas Bier und vertut seinen Gulden und ist glücklich, wenn man wieder einmal schlafen gehen darf. Unzufrieden aber bin ich mit mir nicht gewesen. Ich hab nichts zusammengebracht, aber schon gar nichts. Aber mir ist vorgekommen, das muß so sein. Und ich warte so innerlich. Das ist nicht anders wie mit einem Feld, wenn du mitten im Winter daran vorübergehst. Eins sieht aus wie das andere. Aber weil der Boden gut ist, so mußt du glauben, man hat ihn bestellt, und kommt erst die Zeit, so wird es schon aufsprießen, und du wirst sehen, was da ganz insgeheim gewachsen und geworden ist und wozu es taugt und gut ist. Denn einpflügen, das ist eine sehr dumme Geschichte. Es ist ein sehr schönes Frühjahr geworden. An zurück nach Wien hab ich keinen Augenblick gedacht. Was hab ich denn da wollen? Aber ich war unruhig und recht sehr ohne Lust zu allem, weil doch jeder gewußt hat, was er mit sich anfangen soll, ohne Wink und ohne Wort, nur ich nicht mit meinem Studium und samt meiner Akademie. Ich bin viel um das Dorf gestrichen, das sich in sein Tal hinstreckt, als wollt es sich verstecken, weil es da warm ist. Hat keinen Grund dazu. Es kann sich immer noch sehen lassen. Nicht ein einziges Strohdach ist mehr da; nur Schiefer oder Ziegel, und es geht den Leuten gut. Also, ich bin gebummelt. Ein paar Stimmungen waren da; nicht viele, aber doch einige – wer die packen könnte, ganz erwischen, der war schon was. Und dabei war noch etwas, was mich gequält hat immer mehr und mehr, wie der Tag länger und das Licht dauerhafter und besser geworden ist. Nämlich, die Landschafterei hat mich nicht mehr gefreut. Natürlich, ich habe sie doch nicht einmal noch gekannt. Sie war mir nicht mehr genug. Und ich habe nicht geglaubt oder das Vertrauen gehabt, ich könnte in ihr das ausdrücken, was ich den Menschen sagen will. Und in der Kunst ist doch das Höchste der Mensch. Denn auf ihn zielt alles. Und nur wer ihn nackt sicher kann, der kann ihn auch in den Kleidern bilden, daß man an ihn glaubt und er dasteht, wie er soll. Aber das braucht vieles Studium und großen Fleiß. Und auf der Akademie hab ich das nicht treiben wollen; warum nicht, hab ich dir schon gesagt. Und nun hat mich das geärgert, und es war mir ein Versäumnis, und ich habe durchaus nicht gewußt: wie macht man das jetzt gut? Und gar hier? Und das ist und das macht doch schon verdrießlich. Mit meinem Bruder hätt ich nicht davon reden können. Der hätt doch kein Wort davon verstanden. Und hätte mich für verrückt oder voll von sündhaften Gedanken gehalten. Aber – woher ein Modell nehmen da auf dem Dorf, und wie die verstehen lernen, was man eigentlich will von ihr? Man kriegt Kopfweh und gänzlich kranke Gedanken dabei. Sie sind ja nicht so sittlich. Wenn es einer mit einer hat, so ist da weiter nichts, und hat er's mit mehreren, dann hat er eben Glück, und sie sollen klüger sein und aufpassen; und kriegt ein Mädel ein Kind, so regt man sich weiter auch nicht auf. Ist sie sonst nur brav, so heiratet sie der, oder es nimmt sie schon ein anderer, oder sie geht in die Stadt und hat also ihr Fortkommen. Aber sittsam sind sie durch die Bank. Sehr sittsam. Und dies alles ist erhört und alt; aber was ich hätte begehren müssen, das war unerhört und neu, und man hätte sich also bekreuzigt und entsetzt davor. Und in der Stadt war gar nichts für mich zu finden. Denn was es da gab – du lieber Gott! Ohnedies – man hat mir nicht ganz getraut. Ich war schon zu lange fortgewesen. Und mein Bruder war auch nicht zufrieden mit mir. Nur sagen hat er mir nichts können und hat sich's nicht getraut. Denn ich hab doch von keinem gelebt. Wie zerfahren aber ich bin und wie ich was möcht, ohne zu wissen was, dies hat ein jeder merken müssen. Und zwischen Josephi und Ostern war es ganz besonders schlimm mit mir. Denn da sollen die Äcker bestellt sein, und in mir ist eine große Brache gewesen. Und man sieht doch ordentlich, wie alles im Leben drängt und es gar nicht mehr erwarten kann, und in mir will sich gar nichts regen. Ich hab allerhand Zeichnungen gemacht. So tolles Zeug, wie ich s aus den Beskiden mitgebracht hab, und Einfälle. Die hab ich ausgefertigt und da- und dorthin geschickt, und man hat sie mir genommen und gut gezahlt. Das war mir recht; wegen meines Bruders, damit der sieht, daß meine Kunst nicht so brotlos ist, wie er vielleicht meint. Aber zufrieden war ich nicht damit. Das sind Fratzen, und es ist nicht meine Sache, und ein anderer kann das schon besser. Sie haben auch oftmals Kriegsrat über mich gehalten, ich kann es nicht anders heißen, der Josef und die Josefa. Er war nämlich ein sehr kluger Mensch, ohne daß er etwas gelesen hat, nur seinen Kalender. Den hat er auswendig gelernt, glaub ich, jedes Jahr. Was er angepackt hat, das hat einen festen Griff und einen guten Schick gehabt, und es hat nichts auf der Welt gegeben, was er nicht verstanden und er für sich auch gedacht hat. Nu, das hat man ja im Dorf auch gewußt. Nur ordentlich geschämt hat er sich seiner großen Klugheit und war also schweigsam, und sein Weib ist es mit ihm auch geworden. Es sind zwei prächtige Menschen; tun niemandem nix, aber wollen auch von keinem was; sind ganz ohne Bücher und ohne Getu. Da sitzt er einmal auf der Ofenbank und hat seine Rast. Es ist ziemlich kalt den Tag, und er hat seine Pfeife geraucht und nachgedacht – halt über Steuern und warum der Weizen so billig ist. Und ganz unerwartet sagt er mir, der ich am Fenster sitze und Arabesken ausdenke: ›Du, Florian – wenn ich nicht verheiratet war!‹ Ich überziehe gerade eine Platte mit Wachs, weil mir das Radieren Spaß zu machen angefangen hat. Und ich stelle mir vor, eine Meerkatzenmusik mit den Schwänzen, wenn sie immer ineinandergreifen, müßt eine gute Wirkung tun und sehr drollig sein, wenn ein alter, richtiger Meerkater machte den Takt. Und so brumme ich denn für mich: ›Dann wärst du eben ledig, Josef.‹ Er lacht in sich. ›Hast recht. Aber das weiß ich ohne dich. Und ich weiß noch mehr. Ich wüßt mir nachher eine.‹ ›Ist ein Glück, daß die Josefa nicht in der Näh ist‹, sag ich ihm. ›Und nur eine? Ich wüßt mir schon gar viele.‹ Er wird nicht ungeduldig: ›Zur Frau, mein ich, tat ich mir eine wissen.‹ ›Was hast denn von der Wissenschaft? Du hast doch dein Weib, und du hast's gern, wie sie es verdient. Oder ist sie vielleicht nicht brav, die Josefa?‹ ›Sehr brav ist sie. Ganz, wie eine soll. Zu der Arbeit und zu den Kindern. Und sie kann auch schweigen.‹ ›Also, willst ein Türke werden?‹ Er schielt mich an: ›Hätt was für sich, meinst du! Na, in der Stadt, und gar ihr auf der Akademie, ihr lebt Hoch so wie die türkischen Heiden.‹ ›Oder glaubst du, die Josefa möcht dir's erlauben. Frag sie – oder frag sie lieber nicht. Denn sie könnt mehr reden, als dir recht wär.‹ Er schüttelt sich vor innerlichem Lachen; ich sehe das wohl, obwohl nicht er und nicht ich eine Miene verziehen: ›Will ich auch gar nicht. Aber wenn ich jünger war und nicht beweibt, ich wüßt mir eine‹, und er schlägt sich nachdrücklich auf die rote Hose und klopft seine Pfeife in die Linke aus. Denn sein, Weib hat sehr auf Reinlichkeit gehalten. ›Und – wer ist denn das Wunder?‹ ›Ich denk – die Hanka Jeřáb möcht ich nehmen.‹ Und er steht auf und reckt sich: ›Der Wind frischt sich. Wir kriegen gut Wetter.‹ Ich hab meinen Bruder nicht oft so ausführlich und so in Sätzen reden hören. Und so bleibt mir das. Und dann, ich hab in meinem Leben nicht an die Hanka Jeřáb gedacht und konnte sie mir nicht einmal vorstellen. Aber das ist nun einmal so: Hörst du, einer hat etwas gekauft, so wunderst und ärgerst du dich, daß du es nicht warst, und wenn du keinen Gedanken hast, wozu du das brauchen tätest. Und einer begehrt etwas, so möchtest du es augenblicklich selber haben. Das ist bei den Kindern so, und das wird bei den Großen nicht anders, und es bleibt das ganze Leben, und es ist damit nicht fertig zu werden. Also, ich sehe nach der Hanka, die eine Bauerntochter ist neben uns. Die Leute sind sich ganz gut gestanden halbes Lehen ohne alle Schulden –, und sie war das einzige Kind. Vielleicht hat das mein Bruder so gemeint; wenn sie nämlich einander geheiratet hätten, so wären die beiden Höfe zusammengekommen, und das war dann freilich ein Besitz geworden, den man herzeigen kann, freilich nicht das, was er jetzt so unter sich hat. Ich hab mir's nicht anders denken können; denn sonst war an dem Mädel wahrhaftig nicht mehr als an jeder, die da bei uns herumlauft. Sie war sehr schüchtern oder hat so getan. Auch war sie noch sehr jung. So an die siebzehn herum war sie. Die Augen hat sie immer so gehalten, als suchten sie was auf dem Boden, vielleicht den gestrigen Tag. Nicht einmal bestimmen hätte man können, von welcher Farbe sie gewesen sind, vor den sehr langen, schwarzen Wimpern. Sie war groß und hat sich sehr gut gehalten. Und bei der Arbeit, zum Beispiel, wenn sie einen Schiebkarren mit grünem Futter, das doch sein Gewicht hat, vor sich hergestoßen hat, da hat man gesehen, wie kräftig sie ist und daß sie ganz ohne Fehler gewachsen sein muß und daß ihr die Arbeit Spaß macht. Und vielleicht hat sich mein Bruder das vorgestellt. Denn eine Bäuerin hat nun einmal kein leichtes Leben und viel auf sich. Aber für mich hat das doch keinen Sinn gehabt. Und ich hab mir's nicht nehmen lassen: der Bruder hat gewußt, warum er sie mir in die Gedanken gesetzt hat. Denn er hat noch lieber etwas umsonst getan wie umsonst gesprochen. Und so hab ich an die Hanka mehr gedacht, als ich für möglich gehalten hätte. Endlich, was ist so ein Mädel anders als die anderen? Das redet man sich nur so selber ein. Und dennoch hab ich einen gewissen Respekt vor ihr gehabt, weil sie mein Bruder mit Achtung angesehen hat. Und so eine Neugierde war doch auch dabei. Manchmal, wenn ich im Freien gesessen bin und skizziert hab und sie ist über den Hof, immer gleich, immer eilig und niemals hastend und mit einem Schritt, der sie so aus sich selbst gehoben hat, so kräftig und so voller Schwung war er, hab ich ihr über den Zaun herüber einen Spaß zugerufen. Ich weiß nicht, vielleicht hat sie ihn gern gehört. Denn sie haben mich für hochmütig gehalten, weil ich mit niemandem gesprochen hab. Ja, worüber denn auch? Denn ich war in der Zeit, wo einem nichts wichtig ist, nur was sich auf die eigene Kunst bezieht; davon war ich ganz voll, und eben über das hab ich mit meinen Leuten doch nicht gut reden können, und mit dem Herrn Pfarrer auch nicht, und der Schullehrer war überhaupt ein Ochse. Einmal also sitz ich da, und sie ist im Krautgarten gewesen, jäten. Da muß man sich bücken und wieder aufrichten, und die ganze Geschmeidigkeit des Körpers kommt zur Geltung, und man konnte so recht sehen, wie voller Ebenmaß sie sein muß. Ich fang sie zu zeichnen an. Es war ein recht heller Tag, und die Sonne hat auf ihren Haaren geschienen, die sie zu einer Krone geflochten hat und die blond gewesen sind. Das macht einen feinen Effekt, wenn da ein Gold zum andern,getan wird, und ich merk's mir. Es geht recht gut. Wie ich aber fertig bin, so mißfällt mir das Blatt durchaus. Ich nehm's und zerreiß es. Das klingt schrill, und sie erschrickt davon, sieht aber trotzdem nicht auf. Das hat mich verdrossen. Warum tut sie so scheu und heilig, denk ich mir. Sie ist doch gewiß nicht so, sondern anders. Und man wird sie ja doch nicht in die Kirche stellen, weil sie so tut. Und warum versteckt sie sich eigentlich vor mir? ›Hanka!‹ ruf ich. Sie richtet sich zu ihrer schönen Höhe auf und hält, wegen der Blendung oder in Komödie, die Hand vors Gesicht. Dann kommt sie ohne jede Eile zum Zaun: ›Was will der Herr Florian?‹ ›Tu die Hand weg!‹ befehl ich. Sie tut's. Das Gesicht ist gewöhnlich. Stumpfe Nase; der Mund recht breit; wenig Ausdruck. ›Und deine Augen darf man nicht sehn?‹ Und ich bin herrisch und weiß nicht, mit welchem Recht. Nur wer sich für einen Städter hält, der glaubt immer, den Bauern befehlen zu dürfen. ›Ja, warum denn?‹, und sie lächelt sehr schüchtern. Aber man sieht dabei, sie hat ganz wunderschöne Zähne. ›Hast du sie grau, wie eine falsche Katz? Oder sind sie gar zu klein? Oder warum darf man sie sonst nicht sehn?‹ Wieder das Lächeln. Und nun schlägt sie die Augen langsam auf, und ich erstaune. Groß sind sie und blau und sehr schön und voll von einem warmen Licht, ganz von innen heraus. Und das ganze Gesicht ist anders; und es steht eine Seele darin, die nur noch nichts von sich selber weiß. Und nun hör ich auch erst, wie hübsch und wie sanft sie spricht: ›Wie sie mir der liebe Gott gegeben hat, so sind sie halt. Und ansehn darf man sie – warum denn nicht, Herr Florian?‹ Und es ist gar keine Befangenheit an ihr. Sie hat sich nur so, denk ich mir. Damit ich mich wunder, daß sie so ganz ohne Eitelkeit sein soll. Denn sie verblüffen einen und verstehen das von Kindesbeinen und sind überhaupt viel listiger und verstellter wie wir. ›Tu nicht so, Hanka, du weißt ganz gut, sie sind schön.‹ Sie senkt sie wieder, und das ist nicht anders, wie wenn die Sonne weg ist hinter einer Wolke, und die Ebene, die eben noch gelacht hat vor dir und verheißend war in ihrer Farbigkeit, ist grau und traurig und ohne Glanz. Und das verdrießt mich gar sehr, und ich werde heftig: ›Steh mir nicht so da. Ich mag dich nicht sehen wie die Witwe, die ihren Mann unter der Erde sucht.‹ Kein Wort, woher ich denn das Recht nehme, so mit ihr herumzuschaffen. Sie ist stumpf und dumpf, denk ich mir, und dumm überdies, und der Teufel weiß, wo sie ihre Augen her hat. Soll sie sie meinethalben gestohlen haben. Und ich bin ärgerlich über mich und über sie und über meinen Bruder, und es freut mich den Tag gar nichts, und sie geht wieder an ihre Sache und jätet weiter, und wie es ihr schwül wird, so tut sie die Jacke von sich, und ich in meinem Zorn denk an eine Kuh, die grast und sich auch hebt und bückt und weiter an nichts denkt und auch schöne und sanfte Augen an sich hat. Aber da steckt doch was anderes darinnen, muß ich mir in aller meiner Galligkeit denken. Das ist so weitergegangen. Und manchmal hab ich das Mädel den ganzen Tag nicht gesehen, wenn auf dem Felde draußen zu tun gewesen ist. Natürlich, dann hat sie mir gefehlt. Denn ein neues Gesicht ist immer eine Auffrischung, und man gewöhnt sich sehr bald daran. Am Sonntag, ehe sie in die Kirche gegangen ist, kommt sie mir auch zum Zaun. Da hat sie sich offenbar in ihrem Staat zeigen wollen, und der hat so etwas Steifes an sich mit den kurzen, rauschenden Röcken über den roten Strümpfen. Scheußlich, kann ich dir sagen, gerade bei ihr. Denn sie hat das Schmiegsame von einer Weidengerte. Also, denk dir das aus. Aber ich find mir auch nichts, was sie anziehen sollte. Sie ist nicht dumm, und sie ist wieder nicht klug. Sie lebt wie eine jede und hat dennoch ein Gefühl, als wäre sie etwas anderes und Besseres. Und eine traurige und ernste Stimme hat sie, voll Gutmütigkeit, die man sich nicht zornig denken kann, und ist ganz allein. Und sie sieht sehr gut und richtig und denkt nach, und sie singt gerne. Und dazu hat sie diese Augen, von denen ich dir doch schon gesprochen habe, und ein Lächeln, ganz von innen heraus, ganz merkwürdig. Es wird einem warm dabei, und man möcht es immer wieder sehen, wie es so schüchtern kommt und um die Lippen spielt und in den Augenwinkeln kleine Fältchen macht, ganz kleine, die gar nicht nach Alter aussehen. Junge Mütter haben sie, wenn sie ihr Erstes recht herzlich vor sich haben. Und ich weiß nicht einmal, ob sie hellauf sein kann und lustig. Und sie ist sehr leicht zum Weinen zu bringen; und wenn ich sie rufe, so kommt sie und sieht sich sehr ernsthaft an, was ich gezeichnet hab, und sie geht, wenn sie glaubt, ich hab genug von ihr, und es ist etwas ganz Wehrloses an ihr. Ist sie immer so oder nur bei mir? Man denkt doch über solche Fragen nach. Denn sie ist gesund, und sie kennt keine Launen. Und daß Mädchen in diesen Jahren oftmals nachdenklich werden auch ganz ohne allen Grund, dieses weiß ich. Und sie hört zu, wenn man ihr etwas erzählt, und sie tut, als möchte oder als wollte sie's durchaus verstehen. Und einmal verplaudern wir uns so – denn ich hab natürlich viel gewußt, was für sie ganz und gar neu gewesen ist –, und sie vergißt ans Nachtessen, und die Mutter ruft: ›Hanka!‹ und noch einmal und schon geärgert: ›Hanka!‹, weil sie sehr jähzornig war, und das Mädel geht recht zögernd, und das Blut steigt ihr ins Gesicht. Ja, warum wird sie nur rot? Denn wir hatten nichts getan und nicht ein Wort gesprochen, das nicht jeder hätte hören können. Waren ihr nur Gedanken aus sich selbst gekommen? Sie hat sich sehr beherrscht. Und wieder ein andermal, wie ich ihr zum erstenmal die Hand geb, so wird sie mir wieder so rot und läßt sie mir lang, und wie sie dann geht, so hält sie die Hand immer wieder und wie wundernd vor die Augen und versteckt sie in der Schürze, wie sie ihre Mutter trifft. Das sind so Eigenheiten. Ein jeder hat sie ah sich, und man soll nicht an sie rühren, weil man sonst an ihn selber rührt. Und sie kommen bei ihr ganz unversehens und ganz wie notwendig; und man kann sich sehr bald nichts wegdenken von ihr und empfindet sie als eine Abgeschlossene. Das .gibt eine sonderbare Beruhigung, mit der man sich freut und von der man immer mehr seinen Anteil haben und genießen möchte. Man gewöhnt sie sich an. Oder, es ist sehr mild und frühzeitig sommerlich geworden. Und es war ein Abend, wo die Jugend ausschwärmt durch das Dunkel. Und der Mond steigt auf, und mich treibt es um, der ich einsam war und mir keine zweite gewußt hab. Und da ist ein Wässerlein, und ich hör der Hanka ihre traurige Stimme. Ganz allein sitzt sie da, verborgen von den alten, sehr verknorrten Weiden, die da zusammen stehn, und sie singt vor sich hin, und zwar nichts, nur Kinderlieder, und ihr Gesicht ist im Schatten, und nur die Augen leuchten vor. Und ich nehme ihre Hand, und sie rückt zu, und sie läßt sie mir. Der Mond steigt höher und höher; und es sind Reflexe im dunkeln Wasser, manchmal wie silberne Schüsselchen oder als hätte man lauter weiße, glitzernde und unruhige Schuppen darüber hingestreut, und es atmet manchmal durch die Nacht, wie ein recht müder und ruhender Mensch aufschnauft, und der Himmel steht sehr hoch und schwarz über uns. Es war uns gar nicht zum Reden; sie singt nur weiter, und ich horche, und uns fröstelt beide mit dem Frost, wovor sich eines beim anderen schützen möchte, und wir fühlen uns sehr einsam, wie wir heimgehen, und überall um uns sind sie zu Paaren... Dann haben wir uns einmal in einem Buchweizenfeld getroffen. Das hat eben geblüht, und ich hab's probieren wollen, ob das nicht herauszukriegen ist. Das ist gar nicht leicht. Denn seine Farbe ist sehr zart und dennoch bestimmt, und die Stengel haben etwas Starres an sich. Man denkt an Teppichmuster davor. Der Tag war so sehr heiß, und es ging zu Mittag, und kein Mensch war auf den Feldern; aber die Bienen haben geschwärmt in Unzahl und mit dem hastigen und tieferen Summen, wie sie es an sich haben, wenn es bald gewittern will. Und ich sehe sie an, und sie wird rot. Und ich ziehe sie an mich, weil ich muß, und küsse sie auf den Mund, und sie hält still und tut die Augen zu und atmet sehr tief und sonderbar ruhig, wie eines, das so einschlafen möchte. Dann zuckt sie schmerzhaft zusammen. Und erst wie wir gehen, und von überallher war ein Mittagsläuten und verwebt sich mit dem vielen Gesumm um uns, erst da merk ich: ihre Hand schwillt an. Eine Biene hat sie darein gestochen, und sie hat keinen Mücker getan, trotz des Schmerzes. So eigen war sie aber in allem, meine Hanka, in allem, kann ich dir sagen. Dann hat sie sich mir gegeben. Ohne daß wir einmal davon gesprochen haben, wir hätten uns lieb oder wie das einmal mit uns werden will. Es war eben ihre Zeit gekommen, und der Mann war da, zu dem sie gehört hat. Und wir waren miteinander sehr glücklich und haben Monate gehabt, wie man sie nicht oft erlebt, wenn einem auf der Welt auch alles Glück beschieden und vergönnt ist. Denn wir waren sehr jung, und wir haben einander sehr gern und immer lieber gehabt. Und sie war vollkommen ohne Wunsch. Nicht einmal gewußt hat sie, was sie sich verlangen soll, wenn ich einmal angefangen hab, ich möcht ihr was schenken. Mit mir aber ist es täglich anders geworden. Denn der Künstler ist in mir aufgewacht mit seiner ganzen, großen und nicht zu bändigenden Sehnsucht. Ich habe eine Geliebte gehabt, wie man sie sich nur wünschen kann. Voll Hingebung und Güte und Bescheidenheit, immer zärtlich nach ihrer Art. Aber mir ist das nicht genug gewesen und immer minder erschienen. Denn ich habe immer sicherer geglaubt, sie ist das, was ich brauche, wenn ich in meiner Kunst der werden soll, der ich sein könnte. Und nun war sie in aller ihrer Liebe und Hingebung von einer Schamhaftigkeit und Keuschheit, die sich nicht besagen läßt. Durchaus Weib und dennoch ein Mädchen voll ängstlichen Schämens. Wie ich ihr zuerst erklärt hab, was ich von ihr wollen möchte, da ist sie ganz rot geworden, hat mir den Mund zugehalten, so ganz allein wie wir waren, und mit dem Kopf hat sie geschüttelt, ohne allen Zorn, aber so, daß ich gesehen habe, das kränkt sie im innersten Herzen. Überhaupt, was lieben wir am Weib am meisten? Was reizt uns? Seine Schamhaftigkeit. Und eben das zerstören wir sonst durch unsere Liebe. Hier ist es geblieben. Und dennoch hab ich's immer wieder probiert, und immer ohne Erfolg. Und weil ich gemeint hab, sie müßte mich doch endlich verstehen lernen und daß es nicht Neugierde ist, sondern etwas Höheres, daß es um mich selber geht und um meine ganze Kunst, so hat das mich geärgert, und ich hab von Eigensinn gesprochen und von Bauerndummheit, die nichts versteht, was weiter reicht als die eigene Nase – bei ihr also schon gar nicht weit. Sie hat mich schelten lassen ohne ein Wort der Entgegnung. Überhaupt, sie war nicht zornig zu machen. Und das hat mich auch geärgert, und ich hab's für Stumpfheit genommen. Nur etwas Ängstliches hat sie dabei in den Augen gehabt, so wie es nämlich Kinder haben, wenn sie etwas schlecht machen und verfehlen und sie wissen nicht wieso und fürchten sich, sie werden es das nächste Mal wieder versehen. Aber los können hab ich nicht mehr von ihr. Ich hab es nicht einmal gewünscht oder daran gedacht. Und man hat so manchmal ein Gefühl, als war ein Mensch ein Schicksal für einen, und das ist dann immer richtig, und wir sollen nur nicht klüger sein wollen als das, was da aus uns spricht, und es nehmen, wie es ist und mit einer geheimen Stimme flüstert in uns, oder wir zerreißen die Fäden, mit denen uns vielleicht unser gutes Glück umspinnen, einfangen und an eben dieser gewissen Stelle festhaften wollte. Sagen, wie das ist, läßt sich das durchaus nicht. Das muß man spüren und bescheiden hinnehmen. Je weniger die Hanka sonst aber zu wünschen übriggelassen hat, desto mehr hat mich dieses eine Verlangen gemartert und gepeinigt. Ich habe sie damit drangsaliert, und jede gute Stunde, die man hätte genießen können, hab ich uns zerstört. Ohne jeden Nutzen. Ich habe geschmollt und bin ihr ausgewichen. Sie war sehr traurig und hilflos. Ich habe sie gerufen, und sie ist wiedergekommen – gottlob und leider Gottes ganz die alte. Und ich hab mir gedacht, sie wird mich begreifen, sie muß es, und aus freien Stücken überdies, sonst ist es nichts; und vor diesem Gedanken, der nicht wirklich werden will, bin ich immer stütziger und zerfahrener geworden. Dann hab ich mir gedacht: Gewöhnt man einander, ist man erst immer zusammen, so wird das ganz natürlich und ohne vieles Reden anders. Und weil ich sie doch von ganzem Herzen liebgehabt hab und weil man sich sonst wahrhaftig kein besser Weib wünschen oder ersinnen konnte und weil ich gespürt hab, alles in mir ist nicht für die Stadt, vielmehr fürs Dorf, und nur da kann ich was Rechtes und aus mir heraus werden, und weil man da eine braucht, die hieher gehört und über alles Bescheid weiß, und keine Städterin, die sich immer verbannt fühlen möchte und als das Opferlamm, und weil man alt genug dafür war und keine Sorgen zu fürchten hatte, so hab ich sie halt gefragt, ob sie mich heiraten möchte. Sie hat mit dem Kopf geschüttelt: ›Florian, tu's lieber nicht! Es war ein Unglück!‹ ›Und warum denn, Hanka?‹ ›Kann ich nicht sagen, Florian. Aber mir kommt es so vor.‹ ›Ach was‹, und ich zucke die Achseln, ›das ist nur so geredet. Oder hast mich nicht lieb?‹ Sie gibt keine Antwort. Nur angesehen hat sie mich sehr tief mit ihren schönen Augen, und ihr sind darin die Tränen gestanden. Und sie nickt und hascht meine Hand und küßt sie: ›Du darfst nicht glauben, ich hab nicht oft und oft selber daran gedacht. Und ich dank dir sehr, daß du mir gesprochen hast davon. Gar sehr freut es mich, daß du damit gekommen bist. Aber immer, wenn ich mir's vorgestellt hab, so hat es mir einen Stich gegeben in mir. Das darf nicht sein. So bin ich gut für dich. Und so kann dich keine lieber haben wie ich. Aber anders wär's nicht gut. Ich bin zu dumm und zu eigensinnig für dich.‹ ›Zu eigensinnig? Du, Hanka?‹ Und ich muß lachen. Sie nickt sehr ernsthaft mit dem Kopf und fingert: ›Nämlich, du kennst mich nur noch nicht recht, Florian.‹ ›So, kenn ich dich nicht?‹ Und ich will sie an mich ziehn. Sie wehrt sich und zählt her: ›Sehr eigensinnig bin ich, Florian. Frag nur die Mutter. Und mir will nichts leicht in den Kopf – frag den Herrn Lehrer, was ich mich gemartert hab in der Schule. Und ich bin verstockt – dies weiß der Herr Katechet; denn ich begreife nicht einmal, daß ich mich versündigt hab. Und was einmal in meinem Kopf drinnen ist, das will gar nie mehr heraus, und es nützt kein Reden ...‹ ›Und sonst bist du nichts?‹ Und ich küsse sie herzlich und übermütig. ›Sonst weiß ich nix.‹ Mein Bruder, wie ich's ihm erzählt hab, war sehr glücklich. Denn er hat das immer gewünscht, weil er gesehen hat, ich komme kaum mehr fort von zu Haus, und weil er mich und sie sehr gerne gehabt hat. Und eigentlich hat er sich's niemals anders vorgestellt. Und ihre Eltern haben natürlich auch nichts dagegen, gehabt, und zum Herbst haben wir eine große Hochzeit gemacht, und gleich darauf ist die Hanka, wie sich's gehört, mit ihrer Mutter wallfahrten und bitten gegangen. Während sie fort waren, hab ich allerhand angeordnet an unserer Einrichtung. Sie war wie sonst bei Bauersleuten; nur für viel Licht hab ich gesorgt, und was mir nicht gefallen hat, weil es den Raum vermufft oder nicht hübsch ist, das ist eben weggeblieben und anderes dazugekommen. Sehr wohl, sehr heimelig und freundlich hat's ausgesehen bei uns. Ein jeder, der gekommen ist, hat den Unterschied gemerkt, und keiner konnte sagen, worin er eigentlich war. Und wie sie zurückgekommen ist, so hat sie freilich gestaunt. Aber sehr gefallen hat es ihr auch, und sie hat sich zu Haus gefühlt und zurechtgefunden, sowie sie ihren Rosenkranz beim Weihbrunnkesselchen an der Türe aufgehangen hat, und fängt mit einer ordentlichen Lust zu wirtschaften an. Und das hat sie verstanden wie eine, ganz ohne Wesen und ohne Lärm. Niemals konnte sie müßig sein, und immer war sie ohne Eilfertigkeit. Und überaus sauber auf sich und auf alles war sie, und ich habe kaum verstanden, wie man in einem Hausstand gar sowenig Geld verbrauchen kann. Ganz besonders war dieses merkwürdig an ihr, wie nämlich die Tiere an ihr gehangen sind. Da war keines, das sie nicht gekannt und in seiner Art auch gegrüßt hat. Da war mein Spitz, den ich doch schon lange genug gehabt hab, noch dazu, wo wir zwei allein zusammen in den Beskiden gewesen waren, daß er, klug wie er ist, sich hätte merken können, zu wem daß er eigentlich gehört. Der ist ihr nicht von der Seite; überallhin ist er ihr nachgelaufen und hat gebettelt, damit sie ihm schöntut. Es hat ja auch Verdruß gegeben. Wo denn nicht, wenn man miteinander leben muß? Aber er hat sich niemals gehalten. Immer hat sie eingelenkt, so geschickt, daß man nicht schmollen konnte; und sie hat sich wohl gedacht: ›Er ist kurios, gut! Aber er ist halt von einem andern Geschäft, das ich nicht so ganz versteh, und er hat Raupen im Kopf, die man nicht stören soll. Denn es werden vielleicht über eine Zeit schöne Schmetterlinge daraus.‹ Hat sie Zeit gehabt, so hat sie mir gern zugesehen, wenn ich gezeichnet hab oder radiert. Denn ich hab immer Neues probiert, weil nur der eine Kunst kann, der mindestens Bescheid weiß in allem, was zu ihr gehört. Und weil ich zufriedener war wie nicht seit langem, weil mir das neue Wesen um mich Spaß gemacht hat und ich froh war, endlich einen Menschen um mich zu haben, der zu mir gehört und sich um alles kümmern muß, was mich angeht, so ist mir manches besser geraten, und mir war röcht wohl. Einmal frag ich sie: ›Möchtest mir denn nicht helfen, Hanka?‹ ›Möcht ich! Sehr gern‹; ganz hastig. ›Aber – ich kann's doch nicht.‹ ›Könntest du schon.‹ Und ich seh sie eigen an. Sie wird rot und betrübt und läuft aus dem Zimmer, und ich hab ihr wieder eine Zeit Ruhe gegeben, weil ich erkannt habe, sie will durchaus nichts davon wissen. Ich bin gern auf die Jagd gegangen. Es ist mir nicht ums Schießen gewesen, trotz meiner sehr sicheren Hand. Aber mir hat das Herumsteigen in den lettigen Lehmig. Feldern Spaß gemacht; und die Nebelstimmungen, die alles so verzerren und anschwellen lassen, hab ich gern gehabt. Und nach Reden hat es uns beide nicht viel verlangt. Sie hat doch ihre Eltern und ihre Verwandten gehabt und ich ganz in mir meine Gedanken und meine Pläne, und ich hätt niemals geglaubt, ich könnt noch einmal so allein werden, wie ich bin und bleiben muß.« Er brach ab. Und es war eine große Müdigkeit an ihm, und es zuckte in seinem Gesicht. Ich fuhr auf: »Du erregst dich zu sehr, Petersilka.« . Er nickte: »Gar sehr tu ich's. Aber das macht nichts mehr. Jetzt geht's zum Ende. Und man will's hinter sich haben, hat man einmal angefangen davon.« Und ganz tonlos fuhr er fort: »Also – sie hatte ein Auge, so richtig wie keines. Verstanden hat sie ja nichts von den Sachen. Woher und wie denn? Die Heiligenbildchen, die der Herr Katechet schenkt, sind keine richtige Vorschule. Das muß man ja doch auch lernen von allem Anbeginn. Aber ob eine Linie gezogen war, wie sie sein soll und wie sie in der Natur ist, da hat man auf sie schwören können. Ich hab mich manchmal geärgert, und immer wieder hab ich hernach gesehen: sie hat recht, und mich hat mein Gedächtnis eben für einen Narren gehabt. Es ist auch geschehen, wenn mir etwas nicht zusammengegangen ist, und ich hab mich recht unwirsch aufgeführt in meinem Zorn, weil man doch zwingen möchte, auch was schwer ist, daß sie das Richtige getroffen hat, wie es zu machen wäre, mit einem einzigen Wort, nur weil sie unbefangen war. Oder daß sie sich schon gar keinen Rat gewußt hat, und sie hat geseufzt: ›Florian, du mußt mir ja Kopfweh kriegen vom Denken! Florian, wenn ich dir helfen könnt.‹ Es fährt wieder aus mir heraus: ›Du willst doch nicht, Hanka!‹ Sie wird sehr traurig und zuckt zusammen, weil sie es erkennt, wie fest der Gedanken steckt in mir und daß ich immer wieder darauf komme. Sie entgegnet kein Wort, geht zu ihrer Arbeit und kommt Tage nicht zu meiner. Dieses hätte sie nicht tun sollen. Denn das war nur geredet, und mit Liebe hätte sie's vielleicht dem bösen Gedanken abgewonnen, der immer stärker in mir zu wühlen und zu graben angefangen hat. Ohnedies, das weißt du ja, der Winter ist eine schlimme Zeit für einen Künstler. Denn er braucht viel Licht und kann nicht arbeiten ohne das. Weiß er schon, was er will, so macht ihm das nichts. Denn was man eigentlich getroffen hat, das wird einem wieder geraten, und Pausen müssen immer und überall sein. Wenn man aber das Gefühl hat, man ist noch nicht darauf gekommen, was man eigentlich könnte, so ist das sehr bös und traurig. Denn von überallher erwartet man sich die Offenbarung und wird unwillig und voll Zorn gegen sich und alles, wenn sie nicht kommt. Und sie läßt sich einmal mit keinen Mitteln zwingen, und ich hab mir oft gedacht, späterhin, wie alles vorüber war: das ist wie damals, wo Moses in seinem Groll und in seinem Zweifel gegen die Felsen geschlagen hat, es kommen die Haderwasser, von denen wir in der Theologie gelernt haben, Und wer von ihnen trinkt, der muß des Todes sterben. An jeden Einfall klammert man sich, ob er einem nicht weiterhelfen könnte. Und wovon ich mir viel versprochen habe, wie eine Offenbarung, dies habe ich dir schon gesagt. Und so bin ich immer wieder darauf gekommen, nachdem man einmal davon angefangen hat. Gänzlich unvernünftig ist mir mein Weib vorgekommen. Ich hab über sie gespottet und hab sie gequält, und sie hat sich alles gefallen lassen und sich nicht mit einem Wort zu wehren gewußt. Aber nachgegeben hat sie mir auch nicht, und ich hab verstanden, was sie damals mit ihrem Eigensinn gemeint hat. Nur sehr oft war sie in Tränen. Die haben mich aber nur geärgert, denn das war zu nichts, rein zu nichts und verleidet einem nur das Leben, das mich so schon nicht gar sehr gefreut hat. Und überdies ist mir eine neue Angst gekommen und hat mich sehr gequält und aufgeregt. Nämlich, solang wir als ledige Leute einander liebgehabt haben, so hab ich mich niemals geängstigt, es könnte was werden. Sie hat es auch nicht getan oder hat es mindestens nicht gezeigt. Vielleicht aus Frömmigkeit, weil doch nichts geschieht, was nicht sein soll, und soll etwas geschehen, so nützt wieder kein Sorgen. Jetzt aber hätte man damit rechnen müssen. Ja, man hat sich's im Grunde sehr gewünscht. Denn für die Dauer allein bleiben wollte man nicht; Wenn uns aber Gott nun ein Kind beschert? Es war mindestens möglich, daß ... Ja, wie soll man das nur sagen? Aber weißt du, es ist schon manche Frauenschönheit darüber verlorengegangen. Immer wird sie doch wenigstens für eine Zeit gestört, und manchmal geht sie doch auch für immer weg. Und diese war mir unersetzlich, und daß sie verschwinden soll, ohne daß mir ein Abbild bleibt von ihr, dieses hat sehr an mir gefressen, und es war wie ein übles Wollen und eine böse Absicht, die ich mir um sie doch gewiß nicht verdient hab, von meiner Frau. Und dazu darf man von dem allen nicht einmal reden. Denn im Grunde fühlt man doch, wie roh das ist und wie schlecht, und kann nichts dagegen tun. Es ist erst nur ein Wunsch gewesen. Und dann ist es in mir zum Begehren aufgewachsen, auf das man sich mehr und mehr verbeißt und vertrotzt und das gestillt werden muß, oder man geht zugrunde daran. Daß es vielleicht auch ein anderer Mensch ist, um den es geht, dieses fällt mir nicht ein. Denn man denkt an niemanden, nur an sich selbst und an das, was man für sich notwendig glaubt, wenn man erst an so etwas erkrankt ist. Und es ist wie ein Zwang über allen Gedanken, daß man sie von diesem einen nicht wenden kann und daß keine Ablenkung nützt. Und wie eine schwere Lähmung liegt es über allem Tun. Und so bin ich denn immer launenhafter geworden. Und ich hab sie schief angesehen und habe spitzige Worte für sie gehabt für ihre Teilnahme. Zum Beispiel, wenn sie mich gefragt hat, warum mich die Arbeit nicht mehr freut und ob ich nicht lieber für eine Zeit verreisen möchte. Denn wir hatten Bestellungen genug, und sie trugen schön. Alles mögliche hat sie getan, damit ich in gute Laune komme. Sehr lieb und herzlich war sie zu mir, und weil man spürt, man verdient das eigentlich doch nicht, so beruhigt man sich, indem man die Schuld auf das andere schiebt und sich denkt: Aha, das schlechte Gewissen! Deshalb ist sie so zu dir. Überhaupt, will ein Mensch dem Nebenmenschen eine Freude machen, so ist das immer einfach, und man strengt sich nicht sehr an. Da will man die Absicht erraten haben und die Gesinnung. Will er ihn aber quälen, dann hat man Einfälle, ganz erstaunliche Einfälle, und man gibt sich Mühe, und man wird ordentlich sinnreich und voll von Erfindungen. Das ist merkwürdig, und man darf darüber nachdenken, wie eigentlich die Natur des Menschen geht. Das war wie' ein Kampf zwischen uns. Und mich hat es gefreut, daß sie darunter leidet und sich den Kopf zerbricht, warum denn das zwischen uns so geworden ist und in so kurzer Zeit. Viel gebetet hat sie, und aus sich heraus ist sie traurig geworden. Und dann kommt ein Tag, und ich denk ihn wie heute, und ich werde ihn nie vergessen.« Er sann nach, und seine Augen waren offen und schimmernd. »Die Tage sind länger geworden. Denn es war nach Maria Lichtmeß. Ein strenger Frost; viel Schnee ist gelegen, und es war ein sehr kurzes, aber ein sehr kräftiges und günstiges Licht. Ich bin sehr verdrossen am Fenster gesessen und stiere hinaus auf das flache Land und auf das große Glitzern, das in der Welt ist. Denn von jedem Schneehaufen und von jedem überschneiten Dach ist es ausgegangen, weil der Schnee trocken war und nicht geballt, mit einer großen und hellen Klarheit. Und die Häuser sind niedriger erschienen wie sonst, und die Ebene war sehr weit und übersonnt und die Berge näher und blendend, und alles war grell, daß es dem Auge wehe tut. Ich hab meine Pfeife geraucht. Und einmal hab ich ein Zeichenblatt gespannt und mich dabei geärgert, weil mich eben alles verdrossen hat. Dann hab ich mir eine große grundierte Leinwand angesehen, die da mit allem Zubehör hergerichtet war. Wozu denn aber? Ja, ich hätt schon gewußt, was mir da darauf soll. Aber dafür bestand gar keine Aussicht. Und ich hör, wie die Tür hinter mir geht, und ich rühre mich nicht in meiner Beschäftigkeit. Denn sie soll und darf nicht merken, daß mir etwas daran liegt, ob sie kommt oder nicht. Und am Eingang bleibt sie stehen, und sie atmet schwerer wie sonst. Und den Spitz jagt sie hinaus, ganz unwirsch, und der winselt mir dann vor der Türe. Und dann erschrecke ich ganz plötzlich; denn ich höre, sie dreht den Schlüssel in der Türe um. Das quietscht. Einmal; zweimal. Und dann probiert sie – vorsichtig und doch mit einem starken Rucker... Sie hält... Und ich tu ihr einen Schritt entgegen – denn das kann nur eines bedeuten. ›Hanka?‹ Und es ist eine große Freude in mir, so groß, daß ich nicht merke, wie sehr traurig und ganz verstört sie ist. Sie nickt: ›Ja. Wie soll ich mich setzen, Florian?‹ Ich will sie an mich ziehn, sie küssen. Sie bleibt stumm und steif. Und ohne ein Wort zu reden, ganz geschäftsmäßig, zieht sie sich aus, Stück für Stück, und nimmt den Platz an, welchen ich bestimme. Den Kopf von sich selber weggewendet, die Augen geschlossen, damit sie nichts sehen muß, sitzt sie. Und manchmal kommen ihr Tränen, und sie läßt sie rinnen, und ich merke nicht darauf oder mache nur einen dummen Spaß, wie man ihn eben macht, damit man was geredet hat. Und es ist ein Fieber zur Arbeit in mir. Und ich ganz Aug und nur Aug und denk an nichts, nur: da sitzt ein Modell vor dir von einer unerhörten Vollkommenheit, ganz so tadellos in Bau und Linien, wie man sich's nur wünschen und wie es einen Künstler berühmt machen kann. Und daß dieses Modell ein Weib ist, mein eigenes Weib, welches ich sonst von Herzen liebhabe und welches darunter leidet, dies vergesse ich ganz. Ist dies Grausamkeit? Und ich merke, wie ich wachse; und jede Linie glückt und sitzt, und das Ganze hebt sich immer schöner und immer lebendiger, und ich kann, was ich will, worauf ich gehofft mit allem Zweifel habe, und ein doppelter Triumph ist in mir. Gar keine Müdigkeit kommt über mich. Denn solang wir einander kennen und haben, es ist doch wieder ganz eine Fremde, die da vor mir sitzt. Immer wieder will sie zusammenschauern und sich ducken in sich selber. Das ist ein Reiz mehr. Und ich merke endlich doch, daß ihr der Kopf auf die Schulter sinkt, und sie kann sich nicht mehr zwingen, bei all ihrem Willen. ›Es ist genug, Hanka.‹ Sie steht auf und sieht sich ganz hilflos um. Und ich wende mich, weil ich nun, wo der Rausch vorbei ist, zu verstehen anfange und sie mir innerlich leid tut. Und wie sie sich anzieht, Stück für Stück, und mir immer vertrauter wird, so bin ich sehr zärtlich zu ihr und mache tausend Dummheiten. Sie geht nicht darauf ein; sie leidet's eben nur: ›Es war Sünde, Florian!‹ Ich muß lachen: ›Aber, Hanka! Warum hat dich dann Gott so erschaffen?‹ Sie schüttelt den Kopf: ›Ich weiß, es war Sünde. Denn was einer in sich so spürt, das soll er nicht tun.‹ ›So geh beichten, Hanka! Und der Herr Pfarrer wird dir schon Bescheid geben.‹ Sie erschrickt ordentlich: ›Noch einer soll es wissen?‹ Und sie tut auf. Der Hund springt an ihr empor, ganz närrisch vor Freude. Sie streichelt ihn; aber nur so aus der Gewohnheit und ganz verloren. Das wird sich schon geben, denk ich mir. Ich bin wirklich fröhlich und sehe nicht ein, warum ich das denn verstecken soll, und verletze sie wieder damit. Und zu Mittag, wie wir zu Tisch sitzen und ich sehe sie an mit lustigen Augen, so wird sie ganz rot und tastet an sich herum voll Ängstlichkeit. Ich bin in die Stadt gefahren, denn ich war übermütig wie nicht mehr, seit ich von der Schule war. Ins Kaffeehaus bin ich gegangen – das am Marktplatz, im ersten Stock, wohin wir uns nicht getraut haben, wegen der Professoren – und hab Billard gespielt und ein Loch in das grüne Tuch gerissen und hab zum Schaden auch noch gelacht, daß der Kellner geglaubt hat, ich bin betrunken oder närrisch. Und beim Spielen hab ich zugesehen, und würdigen Tarockgelehrten, die jeden Stich wissen und bereden, wie es sie nur in einer kleinen Stadt gibt, hab ich gute Ratschläge gegeben, daß sie gern grob geworden wären und sich's nur nicht trauten, und mit jedem, den ich sonst nicht einmal angesehen, hab ich mich reden gestellt, ganz vertraulich, und hab mich dennoch in mir über ihn lustig gemacht, wie ein richtiger Hansnarr und Lappenwurstel, der meint, entweder die Welt ist zu seinem Spaß oder er ist zum Spaß für die Welt da. Und zum Goldschmied Feiwel Grünspan bin ich gegangen. Da hab ich einmal eine goldene Kette gesehen, Venediger und alte Arbeit, sehr zart und schmiegsam die Glieder und wunderschöne, blutrote Korallen dazwischen und am Schluß ein prächtiges Hörn gegen den bösen Blick. Der Esel hat nicht gewußt, was er da hat, und dennoch war sie mir einmal zu teuer gewesen. Heut hab ich sie mir für mein Weib gekauft und mir gedacht, wie schön sie sich auf ihr ausnehmen wird. Ganz heiß ist mir dabei geworden, und ich hab ihm das Geld nur so hingeschmissen. Und im Heimfahren ist mir der Wind entgegengesaust, und ich hab lachen müssen und an mein angefangenes Bild denken und an meine Kollegen von der Schule, die jeder seither schon seine paar Quadratmeilen gute und unschuldige Leinewand, aus der man nützliche Kornsäcke hätte nähen können, mit sündhaften und unnützen Farben verschmiert hatten, und was sie für ein blödes Gesicht dazu schneiden werden. Gucken und gucken um einen Fehler, und es ist nicht der mindeste! Das gibt erst den rechten Spaß und den wahren Erfolg. Und so ein Gefühl von Kraft ist in mir. Nur zweimal hat es der Mensch so in seinem ganzen Leben: wenn sich ihm das erste Weib und das erste Kunstwerk ganz ergibt – ganz und aus freien Stücken. Ich geb ihr mein Geschenk. Und sie dankt. Aber – es war ein Unterschied gegen sonst. Denn sonst, wenn man ihr unerwartet eine Freude gemacht hat, so war sie immer wieder wirklich überrascht, so daß es ihr die Rede verschlagen hat. Ganz innerlich hat sie sich vergnügt; und das Wort hat ihr gefehlt. Nur meine Hand hat sie immer und immer wieder gestreichelt, und in den Augen war das gewisse Sonnenlicht, das ich so sehr geliebt habe und vor dem Stube und Herz warm geworden sind und das nun für immer erloschen sein muß. Das war diesmal nicht. Sie hat die Kette angesehen und hat gestaunt über die Schönheit der Arbeit und über ihre Kostbarkeit und hat sie so gewiß ängstlich in der Hand gewogen. Aber sie ist nicht warm geworden und hat sie weggekramt zu ihren anderen Schmucksachen. Nämlich, getragen hat sie fast nie etwas öfter wie einmal, das man ihr geschenkt hat, nämlich den nächsten Sonntag. Aufgehoben hat sie sich's, wie so ein heimliches Hamsterchen, aber betrachtet hat sie's immer wieder und damit sehr vergnügt gespielt. Diesmal nicht. Mich hat das ein wenig geärgert, wie Undank oder wenigstens wie Unerkenntlichkeit für guten Willen. Denn daß ich sie bezahlen will, dies kann sie unmöglich geglaubt haben. Aber meine Stimmung laß ich mir nicht verderben, und am End – warum soll sie nicht auch ihre Launen haben, wenn ich sie habe? Den nächsten Tag kommt sie wieder. Und so Tag um Tag, nur nicht am Sonntag. Und sie klagt nicht mehr über Müdigkeit, sondern hält aus, wie lang man nur will. Nur essen tut sie nichts in der Zeit und ist furchtbar schreckhaft bei jedem Mannsbild, das ihr begegnet und das sie anspricht. Und alles muß man ihr nur einmal sagen, und sie vergißt es nie mehr. Und ich Esel freu mich noch über ihren Eifer und denk mir: sie sieht auch ein, daß ich nichts Müßiges oder Sinnloses von ihr begehrt hab; sie gewöhnt sich schon, und das übrige wird sich geben, und über eine Zeit weiß sie gar nichts mehr davon. Das Bild aber ist mir gerückt, wie ich's nicht für möglich gehalten hätt. Immer schöner und meisterlicher. Du mußt nicht glauben, ich hab den Größenwahn und ich tu mich da groß mit etwas, was keiner sehen soll. Aber man hat doch manches gesehen und verglichen, vorher und nachher, und hat über sich selber ein Urteil. Und da war alles: Farbe und Leben und eine solche Sicherheit, die gar nicht sucht, sondern niemals irrt und immer das Richtige trifft. Und wie ein Gottesdienst waren mir diese Stunden, wie ich ihn einmal gekannt hab, noch ein Bube, noch ehe mich meine Mutter hat geistlich lernen lassen wollen, wo man ganz erfüllt ist von seiner Andacht und seinen Gott ganz in sich spürt und ihn atmet und nichts denken kann, nur ihn. Gedanken und Sorgen gemacht hat mir eigentlich nur der Kopf. Nämlich, er war mir so, wie er war, zu gewöhnlich für den Körper. Einen änderen aber nehmen? Ja, woher? Und ich hab mit der Zeit begriffen, sie ist vollkommen, ganz so, wie sie ist, und organisch und nicht anders zu denken, und wer etwas zutut oder ändert, der lügt und fälscht nur und verdirbt. Und immer lieber ist sie mir geworden in diesem letzten Opfer, das sie mir bringt, und ich hab wohl gesehen, wie sie leidet, und hab mir geschworen, sie soll niemals mehr eine schlimme Stunde haben durch mich, und habe mich nach Kräften getummelt, als jagte mich wer, nur damit wir es bald hinter uns haben. Und so wird man fertig. Und einmal, wie sie so ganz verloren dasitzt, so schleich ich mich hinter sie und geb ihr einen Kuß auf den Nacken. Sie verfärbt sich und fährt auf: ›Erschrick mir nur nicht wieder, Hanka, mein Seelchen. Ich brauch dich nicht mehr.‹ ›Wieso?‹ – ganz atemlos und in Spannung. ›Wir sind fertig. Und ich brauch dich wirklich nicht mehr.‹ Das war ein böses Wort. Eins von der Art, auf der ein Teufel sitzt. Man spricht es aus und denkt sich gar nicht dabei, wie es der andere nehmen und fassen wird. In ihr hat's Wurzeln geschlagen. ›Ja, du brauchst mich nicht mehr‹, sagt sie ernst und traurig und richtet sich zusammen. Ich merke wohl, sie ist aus dem Gleichgewicht. Aber das findet eine gesunde Person schon wieder. Und weil ich selber guter Dinge bin und meiner Sorge ledig wie meiner Plage, so nehme ich mir alle Mühe mit ihr; und wenn sie's schon nicht wird gewöhnen können, so wird sie doch stolz sein auf meinen Erfolg, den ich doch ohne sie durchaus nicht hätte gewinnen können. Und ich merke dabei auch, es ist etwas Fremdes zwischen mir und meinem Weib. Sie muß sich zwingen, auch nur herzlich zu erscheinen. Und derweil trocknet das Bild. Und ich schreibe dem Rahmenmacher nach Wien Maße und lege genaue Angaben und eine Zeichnung bei und meld es bei der Kommission und bin meiner und meines großen Erfolges so sicher, daß ich nichts von dem sehe, was neben mir sich vorbereitet. Also, die Kiste wird gebracht; ich mache meinen Spaß: ›Hanka, komm und hilf mir. Wir packen dich ein.‹ Sie sieht mich an, ganz ohne Fassung und ohne Glauben an das, was ich sage: ›Ja, wozu denn, Florian?‹ ›Ja, ich will's doch ausstellen, Hanka!‹ Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, als haftete da was, das sie wegbringen muß: ›Mich willst du ausstellen, Florian?‹ Das gibt nun eine wunderliche Konfusion, denk ich mir. Sie kann sich nicht unterscheiden von dem, was ich von ihr gemalt hab. Also nehm ich sie bei der Hand und sag sehr voller Güte, wie man einem Kinde zuspricht: ›Dich nicht, Hanka! Nur dieses Bild!‹ ›Ja, und was heißt das, ausstellen?‹ ›Ja, das geht nun nach Wien. Und dort wird man's rahmen, wie es sich gehört, damit es seine richtige Wirkung tut, und es gut, im richtigen Licht, aufhängen, hoff ich. Und viele Leute werden kommen, auch welche darunter, die was verstehen, und werden sich damit freuen und sagen: Das ist ein großer Künstler, der das gemalt hat, und ich bin berühmt, und du bist es auch als mein Weib.‹ ›Und so‹, sie deutet mit dem Finger nach dem Bild, ›so sollen mich die Leute sehen?‹ Und sie wird glührot und blaß: ›Tu mir das nicht an, Florian.‹ ›Ja, warum denn nicht, Hanka? Sei nicht kindisch!‹ ›Weil – ich hab mich nun schon so lang gefreut, ich könnt einmal mit dir nach Wien. Nur auf ein paar Tage, Florian!‹ ›Das wollen wir doch, Hanka. Und man wird dir Ehren erweisen genug.‹ ›Mir Ehren? Einer, die man so gemalt hat, Ehren? Und müßt ich nicht vergehen vor Scham vor jedem, von dem ich mir denk, er hat mich so gesehen?‹ ›Aber, Hanka, ich bitt dich! Wer wird sich so quälen?‹ ›Ich bin dumm. Weiß ich. Zu dumm für dich.‹ Und ich merk, es kommt ihr ein neuer Gedanke. ›Und was wird hernach mit mir?‹ ›Hernach? Kann sein, es gefällt einem das Bild so, daß er es kauft, und er gibt uns ein Stück Geld dafür, so groß, daß man den schönsten Bauernhof darum kriegt.‹ ›Und du möchtest mich hergeben, Florian?‹ ›Ja, warum denn nicht?‹ ›Einem fremden Mannsbild? Damit er's in sein Zimmer hängt, in welches es ihm paßt, und mich ansieht, wenn und wie es ihm beliebt?‹ ›Das kann dir vollkommen gleichgültig sein‹, lach ich. ›Es ist mir's aber nicht. Als müßt ich das immer spüren, so ist's mir.‹ ›Hanka!‹ ›Es steht aber auch etwas im Katechismus‹, meint sie sehr ernsthaft. ›Und sogar von den Gedanken, mit denen man einen ansieht.‹ ›Im Katechismus? So laß es drinnen und hilf mir.‹ ›Florian!‹ bettelt sie. ›Florian, schick mir das Bild nicht weg!‹ ›Ach was!‹ Und ich denk mir, im Guten wird das nichts, ich muß wohl ernst machen! ›Das ist dummes Zeug. Und ich mag darum nicht meine ganze Zukunft aufs Spiel setzen.‹ ›Es ist uns auch so gut gegangen, Florian! Und sehr gern haben wir einander gehabt.‹ ›Werden wir wieder, Hanka! Bis du ruhiger geworden bist!‹ Sie zweifelt: ›Könntest du? Könntest du wirklich?‹ Es ist etwas Grausames in jedem Menschen und ganz und gar in jedem Künstler. Und das rührt sich in mir und verstockt mich, obwohl ich sehe, wie sie leidet. Und ich nehme das Bild, wie es ist, im Blindrahmen und heb es sehr vorsichtig und tu es ohne Antwort in die Kiste. Sie spricht nichts mehr. Sie hilft mit. Sie schlägt selber die Nägel ein. Gott allein weiß und soll mir's verzeihen, mit welchen Gedanken. Sie malt in ihrer großen, steifen Druckschrift die Adresse. Das hat sie immer gern getan, sich wohl allerhand dabei gedacht und geglaubt, sie macht sich nützlich. Am Morgen wird der Frachter kommen, und das Bild wird fort. Mit nichts hat sie sich verraten. Wir sind schlafen gegangen wie sonst. Sie hat nicht geweint in der Nacht und nur nicht geschlafen. Denn einmal bin ich wach geworden vor einem innerlichen Glücksgefühl, so als stund ich vor dem Eingang zu etwas sehr Hellem, und da liegt sie mit offenen Augen, und ich streich ihr darüber, damit sie die zutut, weißt du, und ich fühle an meiner Hand den warmen Hauch von ihrem Mund. Sehr früh steht sie auf und huscht durch das Zimmer. Das spürt man so im halben Schlaf, aber man denkt sich nichts dabei, denn man ist das gewöhnt alle Tage. Barfuß, damit sie mich nicht stört, ist sie durch die Stube und den weiten, weiten Weg zum Fluß. Hat sie das die Nacht nicht schlafen lassen? Oder ist es nur plötzlich über sie gekommen? Wer weiß es? Zu Mittag haben sie sie gefunden. Unter den drei Weiden. Der Spitz ist dabeigesessen und hat geheult, unablässig. Und, sagen sie, sie ist erschrocken, wie sie im Tiefen war, und hat sich retten wollen. Aber ihr Haar, das so sehr reich war, hat sich an den Wurzeln verfangen, und also ist sie elendlich ertrunken.« Seine Stimme brach. Der Spitz erhub ein leises Gewinsel. Petersilka aber fuhr mit aller Anstrengung fort: »Ich habe mein totes Weib nicht mehr gesehen. Denn ich bin in Ohnmacht hingeschlagen, wie man gestürzt gekommen ist und man mir das erzählt hat, und bin lang ohne jede Besinnung und in einem großen Fieber gelegen. Und wie ich zu mir komm, so ist sie längst begraben gewesen, und es war voller Sommer. In den Feldern liegt sie. Denn der Herr Pfarrer war nicht zu erbitten, und ich soll das so in meinen lichten Augenblicken und in meinen irren Reden immer befohlen haben, und sie haben sich danach gerichtet. Denn es ist schöner da wie an der Kirchhofsmauer. Das Korn wogt um sie, und es blühen die bunten Blumen. Das Bild aber ist nicht fort, weil niemand gewußt hat, was denn damit soll. Und so steht die Kiste noch immer in meiner Stube, und meine beste Arbeit ist darin. Ich hab sie mit keinem Auge mehr gesehen, und ich weiß nicht, wann ich einmal stark genug sein werde dafür. Und dann hab ich mich gewöhnt und hab langsam wieder zu malen angefangen. Und ich hab die Verpflichtung in mir gefühlt, einmal etwas ganz Großes und Eigenes zu leisten. Denn um mich und meine Kunst ist ein großes und ein sehr kostbares Bauopfer gebracht worden. Nämlich, einmal und sogar noch im Christentum haben sie bei uns und überhaupt bei allen Slawen geglaubt, soll ein großer Bau gelingen, so muß in den Grundstein etwas Lebendiges mitvermauert werden. Das ist bei mir geschehen. Verstehst du? Und wenn sie mich heute rühmen und sie machen ein Wesen mit mir und wie ich die Hanna und ihre Seele verstehe, so ist mir das ganz gleich. Denn ich weiß: die Seele der Hanka ist in mir und schafft aus mir, und ich mag darum nichts Lebendiges mehr malen. Und ich bin kein Landschafter, wie sie meinen. Und wenn sie finden, ich bin eintönig, so muß ich nur lachen. Denn ich mal sie und immer nur sie, und ich kann sie gar nicht ausschöpfen. Da sieht man zum Beispiel die drei Weiden. Und das Wasser ist sehr finster vor ihrem Schatten und ohne Regung, und unter seinem Spiegel ahnt man etwas und kann es nur nicht erkennen. Oder, da ist ein weiter Himmel gespannt. Und die Wolken schieben sich daran zu Haufen. Und eine Sonne dringt vor, und ihre Strahlen irren zwischen Himmel und Erde, und es ist wie eine ungewisse Fröhlichkeit. Nämlich, das war sie, wenn sie ihr schüchternes und schamhaftes Lächeln gehabt hat. Oder, es ist ein heißer Tag. Und die Ähren neigen sigh wie voll Sehnsucht zur Erde, weil der Segen zu schwer wird für sie, und wenn man recht scharf hinhorcht, so glaubt man, man hört die Körner rieseln, die überreif sind und zur Erde fallen. Das war sie, wieder sie, wie sie sich mir gegeben hat, ganz aus sich und weil sie nicht mehr anders gekonnt hat als sich verschenken. Oder, es ist Regenstimmung. Und man fühlt, wie Fruchtbarkeit und Erquickung niedertropfte, und alles ersehnt sie und lebt auf. Nur den Sturm, vor dem sich die Bäume biegen, nur ein Gewitter malen kann ich nicht. Denn erzürnt, weißt du, hab ich sie niemals gesehen.« Er schlug in einem plötzlichen Ausbruch beide Hände vors Gesicht. Es rieselte vor, und ein Krampf schüttelte ihn. Das währte eine Weile, in der ich ergriffen sehwieg. Er aber erhob sich stracks. »Und so bin ich hergekommen«, sprach er abgewandt. »Weil ich müd bin vom Einerlei und vom ewigen Denken an eine Tote. Und ich möchte frischere Farben greifen. Und jetzt weißt du, was ich kann und warum ich's kann. Ganz ohne Suchen; und weil es in mir lebt, wie in einem wilden Vogel sein Lied oder in unserer Ebene der rastlose Trieb, nachdem sie sich immer gleich, zu ihrer Zeit, begrünt. Und du wirst verstehn, wenn ich dir sage: ich wäre noch in den Jahren. Aber ich darf mich nicht mehr beweiben und muß einsam bleiben, denn ich weiß nicht, ob sie eine andere dulden möchte neben sich. Und mir wird das oft schwer, und ich weiß, das ist ein hartes Los, und man soll mit sich allein abmachen, was einem zustößt, was einen freut und was einen bedrückt. Und ich bin gar nitht dazu. Aber das läßt sich nicht mehr anders machen.« Es war Abend geworden. Er schien uns hell und glühend in die Stube und mahnte mich zum Aufbruch. Noch einmal klangen die Gläser, jenseits der Donau hob sich ein Gewitter. Er wies darauf hin. »Das ist schiefergrau. Das geht. Und der Strom hat leise, hüpfende und rötliche Lichter. Kann man. Und«, er deutete nach dem verbrannten Weinlaub, »da ist viel Rot. Macht sich gut. Und die Wolkenränder glühen die gelbe Sandbank an, daß sie Leben bekommt, und der Wald steht schwarz und steif. Kann man packen. Nur das Licht in den Wolken, das da zuckt und gewittern will, geht nicht, noch nicht, und es macht doch eigentlich alles.« Wir schieden. Er samt seinem Spitz gaben mir noch das Geleit bis zum Bahnhof. Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Eine Studie von seiner Hand erinnert mich unablässig seiner, und seinen Weg hab ich verfolgt, der immer in der gleichen Richte, immer aufsteigend ging. Ich fuhr heim, durch die herandrängende Nacht und heranströmende Gewitter. Immer in Gedanken. An eine Kiste, die niemals geöffnet werden sollte und das barg, was ein tüchtiger und ernster Künstler für sein bestes Werk hielt. An einen Landschafter, der meinte, er könne im Figuralen sein Bestes leisten, er habe es einmal bewiesen und durch ein starkes Erlebnis resigniert; der sich bewußt war, er male eine Seele, wo man ihn um Stimmung und Farbe pries. War es eine Verwirrung der Begriffe? Oder nur eine neue, tiefere Erkenntnis? Wie eigen: »Und Sie hieß auch Hanka. Ist das nicht merkwürdig«, klang mir's in der Seele nach. Und verschmolz sich hier mannigfaches Erlebnis und eine ganze, große, gesegnete Landschaft, die an sich nichts sein sollte, nur Sinnbild und immer erneuertes Ausdrucksmittel für ein armes, schamhaftes Geschöpf, das einem einzigen zögernd, ungern, aber ganz sich und seinen Reiz offenbart, ihn nun völlig erfüllte, ihm Dinge offenbarte, die noch niemand vor ihm so vermocht, aus ihm sprach und schuf und die also sehr dem Gau glich, der diesen Künstler geboren und in ihm, seinen Werken, zuerst ganz und gar jenen Ausdruck fand, der ihm eignete: arm an allem, was blendet, aber menschenfreundlich, sie reichlich nährend und von ihnen geliebt und mit jener Innigkeit umfaßt, die den nimmer läßt, den sie einmal beschlichen hat.