Hermann Conradi Ich bin der Sohn der Zeit Ausgewählte Schriften Tarnkappe und Narr'nkappe Eine erbaulich-vertrauliche Glosse Von sechs Worten – vier, die sich reimen lassen! Wenn das nicht staatsgefährlich ist – was dann? Ich wüßte es nicht!... Ich sage absichtlich: ›staatsgefährlich!‹ Denn da heutzutage im Staate die Ungereimtheiten patentiert werden, so ist alles, was sich reimt, staatsgefährlich... Das kann jeder begreifen! Darum auch die Blüte unserer Poesie! Sie ist die ehrliche Schwester der Politik ... Aber ich schreibe keinen Leit(d)artikel über Staat und Kunst – ich halte mich weder im einen noch im andern für kompetent... Schönes Wort: ›kompetent!‹ »Mitstreber!« Da haben wir's! Der Ehrgeiz – das Strebertum – sehr parvenürlich – unmanierlich! ... »Ein garstig Lied!« Pfui! Auch ein Bazillus! Und im Grunde? Der Bazillus der Narrheit – des Faschings – des Karnevals! So kommt man vom Hundertsten ins Tausendste! Könnt' ich's ihm doch auch in den Tantiemen nachmachen! Recipit eine ›Idee‹ – und er kommt wahrhaftig aus dem Hundertsten in die Tausendsten! Hört man aber nicht auch hier die Schellen und Klingeln der Narr'nkappe? Mir summt so etwas vor den Ohren – als sänge man unserer Bühne ein lustiges Renaissance-Lied! Ja! Ja! Die Narr'nkappe ist eine Tarnkappe – hilft alles nichts! »«Wieso?« fragt ein angegangener Gedanken-Leser ... Und ich soll in meiner wüsten Allerwelts-Faschings-Stimmung Lust und Geduld zu einer logischen Deduktion haben? Viel verlangt! Aber ich will's versuchen ... Die Narrheit ist nicht mehr Staats-Monopol wie s. Z. unter Arminius III., der – doch darüber hält sich Klio den Mund zu! ... Vielleicht ist er auch so zugeklebt... ›Wer weiß es?‹ Eine ›Zeitfrage‹! Heute, wo die Spatzen auf dem Dache und die Krähen in der Spinnstube das Lied vom Individualismus pfeifen und krächzen, denkt jedermann auf gut französisch: ›l'État c'est moi !‹ Also ist die Narrheit Welt-Monopol geworden! ... Wir brauchen uns der Löcher in unsern Philosophen-Mänteln nicht zu schämen ... Wir brauchen nicht zu tun, als ob ... wir geben uns, wie wir sind ... Wir sind allzumal Narren! Denkt an das prächtige Kastentum in Staat und Leben! ... An die ›Ordnungen‹. Denkt an das famose Kapitel von den ›Orden‹! Denkt an die Eisenbahnwagen erster – zweiter – dritter – vierter Klasse – inkl. Viehwagen für Zurückgebliebene oder Sitzengebliebene ... Denkt an – doch da fällt mir eine sehr nette Illustration ein: Neulich stehe ich in einem Basar – kaufe für mein Vielliebchen einen rokokolichen Fächer – da tritt eine junge Dame an den Ladentisch – wahrhaftig: ein prächtiges, schmuckes, herziges, leckeres, ›taufrisches‹ Dirndl aus Unheiligenblut – schlägt verschämt die braunen Sternlein nieder und lispelt: »Bitte, ein Paket Klosettpapier für gebildete Stände!« Da habt ihr's! ›Sogar hier gähnt die Kluft!‹ dachte ich Entsetzter ... Ich nestelte eine Weile an meinen Handschuhen – endlich fand ich den Mut, leise zu fragen: »Was ist der Unterschied zwischen dem Papier für gebildete Stände und nicht gebildete?...« Aus den Augen der sonst ja ganz niedlichen Merkur-Jüngerin schoß ein spöttischer Blick ... »Das wissen Sie nicht? Sie Armer!...« »Bitte, sagen Sie's mir doch – ich stehe wie auf Kohlen!...« »Muß man das auch noch ausschwatzen!... Das Papier für die Gebildeten liefert der Verleger – damit seine armen Gedruckten doch wenigstens an einem Orte gelesen werden, da sie sonst niemand liest – und das Papier für die unteren Stände liefern die Wohltätigkeitsvereine, milde Stiftungen und sonstige Missions-Gesellschaften! ...« »Welche Spezies geht besser – die für die Gebildeten oder die andere?« »Beide etwa gleich gut ... die Lieferanten sind fast zu eifrig ...« Ich brach das delikate Gespräch ab – – O Menschheit! Menschheit! Menschheit! Ist aber diese kleine Szene nicht durchschlagend wie Curellas Brustpulver? »Εγκωμιον μωριασ!« Aber ich bin immer noch nicht auf die Tarnkappe gekommen! Was ist das eigentlich für ein Ding? Ein gar zu schnurriges! So eine Art Schminke nämlich, aber eine Schminke von distinguierter, feiner, satirisch-beißender Art – schier so ätzend und beißend, daß die ganze Persönlichkeit in Rauch aufgeht, wenn man sie den Haaren oder sonst einem schminkwürdigen Körperteile zu nahe bringt! ... Ein sehr praktisches Ding, wahrhaftig, für Leute besonders, denen es plötzlich wanderselig zumute wird oder auch werden muß! ... Schade nur, daß wir modernen Hochmutsbeflissenen die famose Kappe nicht mehr zurechtschneiden können – das Rezept ist verlorengegangen ... Im Dreißigjährigen Kriege, glaub' ich ... Und doch haben wir keinen eigentlichen Grund zur Landestrauer ... Sintemalen eben die moderne Narr'nkappe aus Großvätertagen in ihren raffinierten Effekten nicht viel nachsteht! ... Denn sagt, ihr alle, die ihr mittanzt im lustigen Karneval des Lebens – sagt, vergeßt ihr nicht darüber – über das Feiern bei Tag und bei Nacht – den eigentlichen Kern eures Wesens? Und vergessen nicht auch, oder besser: lernen ihn je die ergründen, die mit euch hasten und stürzen, zechen und blechen – die mit euch um das Goldene Kalb tanzen – mit euch nach den goldgleißenden Früchten des Lebens haschen? ... Ist nicht der Fasching und sein Zeichen, die Schellenkappe, ein Trank, den ihr hinunterstürzt, der euch honigsüß und köstlich dünkt? ... Und ihr schlürft immer toller und toller und ihr verliert euch immer mehr und mehr – bis ihr nur noch lebt wie im Opiumrausch – mag nun wahre und wahrhaftige Lust, sprühend, schäumend, bacchantisch, euch an ihren Wagen fesseln oder die Nebelluft der Alltäglichkeit, die ebenso giftig wie betäubend wirkt wie die weindünstige Stickluft beim Bankett der Schwelger und Schlemmer ... Das Geläute der Narr'nkappe zieht durch die ganze moderne Welt ... Nun – ist es denn einmal so: die rollende Kugel halten und bändigen wir doch nicht! Abgetan sei der letzte Zweifel – das letzte Empfinden der Reue erstickt – schlage sie zu, die Pforte, die zum Allerheiligsten deiner Seele führt – ›vergiß deiner Mutter Wiegengesang!‹ – Vergiß alles, was dir teuer gewesen in deiner Jugend Schwärmertagen – – wirf dich aufs Roß der entfesselten Leidenschaft und gehe auf für Phantome auf dem weiten Markte des Lebens oder im engen Gemach, wo sich dein Weib an dich schmiegt, mit ihren Küssen dich trunken macht, an ihre weißen Brüste dich zieht – um dich zu verraten, ehe der Hahn auch nur einmal gekräht hat ... Du aber weißt das nicht – warum sollst du das wissen oder denken? ... Tust du denn anders? Also! Gehe unter im Taumel üppigsten Genusses oder verknöchere im Taumel eines kindischen Wahnes: Du hast dich verloren oder nie gefunden – du Glücklicher! Oder?... Wilhelm II. und die junge Generation Eine zeitpsychologische Betrachtung Vier Vorbemerkungen I. Die Fehler, Schwächen, Mängel dieses Büchleins –: ich glaube allerdings, daß sie zum großen Teil mehr in seinen Lücken, als in seinen unmittelbaren Unrichtigkeiten bestehen. Doch die Lücke als das Organ der Zukunft: sie bejaht nur die Gabe der Gegenwart. – II. Gewiß: diese Schrift enthält sehr, sehr viele Fremdwörter – ob sie aber zu vermeiden waren? Der besser Unterrichtete, der tiefer und schärfer Sehende weiß Bescheid darum: das Fremdwort ist nun einmal doch – und wird es vermutlich auch bleiben – das natürliche Motivationsherz des Aphorismus. Das Fremdwort ist das Prinzip der Synthese, es hat Atmosphäre. – III. ›En temps de révolution, tout ce qui est ancien est ennemi –‹ sagt Mignet. Ob das aber nicht immer der Fall ist? Übrigens strotzen ja geradezu die nachfolgenden Blätter von ›reaktionären‹ Anschauungen ... Nein, wirklich – im Ernst gesprochen ... also – – IV. ›Hochmut kommt vor den Fall.‹ Es fragt sich nur –: vor welchen? Vor den ›dritten‹ oder vor den ›vierten‹? (cf. ›tiers état‹ und Anverwandtes). Daß eine Zeit, wie sie sich in dem geschichtsgewaltigen Jahre 1888 für Deutschland dargestellt hat, also in einem Jahre, wo das anno domini 1871 geborene ›Reich‹ sein erstes wirklich bedeutsames, sein eigentliches Sturm- und Drang-Ereignis erlebt hat – daß eine solche Zeit mit allem Großen und Außergewöhnlichen zugleich eine schwere, eine sehr schwere Menge insipider Geschmacklosigkeiten gebären würde, emporzeitigen mußte: wir wußten es alle, wir erwarteten es alle, wir waren auch alle entschlossen, sie, diese Inkorrektheiten des Geschmacks und der Klugheit, mit in den Kauf zu nehmen. Unendlich Erschütterndes war an uns vorübergegangen; wir hatten ein Jahr lang an einem Krankenbette gestanden, wie es für diesen Fall, für diese Umgebung, für diese Verhältnisse nur der bizarrste, unberechenbarste Despot dekretieren konnte, – und schließlich hatte ein junger Kaiser den Thron bestiegen, der kaum als Kronprinz warm geworden, der in der schwülen Treibhausluft gedrängter, verworrener Nöte und Ängste gereift war – zu welchem nun ein jeder den Winkel seines persönlichen Verhältnisses, der soeben noch auf Kaiser Friedrich gestellt, gestimmt war, umordnen mußte. Daraus ergaben sich natürlich tausend Entstellungen und Verzerrtheiten, Unbeholfenheiten, Unsicherheiten. Alles war in Bewegung, alles brach sich wie an elastischen Gummiwänden – wie viele von der alten Generation, von den älteren Generationen, haben mir damals gestanden, daß nun ihre Zeit vorüber wäre, daß nun eine neue Zeit anhöbe ... wie viele, die sich eben daran gewöhnt hatten, ihr kleines, geringes, unscheinbares Leben in den großen Kreis hineingemalt zu denken, welcher das Leben Wilhelms I. umfaßte. Aber wir wußten alle noch so wenig, so blutwenig von Wilhelm II., wir hatten höchstens nur immer wieder vernommen, daß er als Prinz Soldat ›mit Leib und Leben‹ geworden wäre – wir –: ich meine jetzt vorwiegend uns von der jungen , der jüngeren Generation, der ja auch unser neuer Kaiser angehört. Jene Geschmacklosigkeiten aber, die ich oben markierte, sie passierten eben da und dann, als es darauf ankam, als es sich als notwendig erwies, den jungen, durch so jähe, ungestüme, schmerzliche Ereignisse emporgeschnellten Fürsten seinem Volke ›populär‹ zu machen, geläufig, mundgerecht. Immer wieder mußte der Kaiser Zartheiten seines Geschmacks und seines ästhetischen Gewissens einem ›höheren‹ Interesse opfern: er mußte es zulassen, daß man sein Bild, wie das seiner Gemahlin, seiner Kinder – sein Familienleben geht ihn doch vorläufig schlechterdings allein etwas an! – in jedem Krämerbudenschaufenster neben dem oft recht zweifelhaften Porträt der ersten besten Operettenbühnenkommandeuse ausstellte, so daß jeder Laffe mit einem Kopfnicken die Befriedigung seiner Neugier quittieren konnte; er mußte es zulassen, daß man eine Broschüre nach der andern über ihn schrieb; mit einer hochnotpeinlichen Inquisition nach der andern ihn haranguierte; eine Erwartung nach der anderen vor ihm aussprach und naiv-brüsk fragte: wie es denn eigentlich um ihre Erfüllung stünde? – er durfte nicht auffahren, als unzählige alberne Zeitungsschmieranten es für ihre ›patriotische‹ Pflicht erachteten, auf den reichen und gesunden Kindersegen des jungen Paares hinzuweisen, bloß, um damit an die langweiligsten und ordinärsten Instinkte des Philisters und approbierten Bourgeois zu appellieren, um ›Stimmung‹ für den neuen Herrscher zu machen – in der Regel auch Stimmung bei ihm für sie selber –, für den neuen Herrscher, der ein ebenso guter, braver, deutscher Familienvater, wie ›schneidiger Militär‹ wäre. Nun ja. Dieser ganze fade Aufstand gegen Geschmack und Anstand von seiten einer vorlauten, weil unsicheren Tageskritik mag in gewissem Sinne notwendig gewesen sein. Das Große, das sich bewahren, das sich erhalten will, setzt sich immer nur mit kleinen, oft recht kleinlichen Mitteln in Szene: wir haben ja nun aus dem Geffckenschen Tagebuchkrakeel u. a. auch erfahren, unter welchen wunderlich duftenden Geburtswehen das neue Deutsche Reich ans Licht dieser Welt befördert wurde. Ja, so etwas enttäuscht immerhin doch, die Schauspieler sind's ja gewöhnt, aber das ›Publikum‹ glaubt nun einmal ein Recht auf Illusionen zu besitzen. Allein, die Wahrheit sei immerhin lieber groß und bleibe übergewaltig, wie es in einem altgriechischen Gesangbuchverse heißt. Einige Broschüren waren denn auch nicht ganz überflüssig, waren wirklich ernsthafter zu nehmen, wie die des Grafen Douglas, wie die biographisch-psychologische Skizze von Hinzpeter, wie in anderer Richtung – als wirklich positive Leistung – die Schrift Conrad Albertis: ›Was erwartet die deutsche Kunst von Wilhelm II.?‹ – wenn in derselben nach meinem Geschmack auch ein bißchen zuviel ›Realpolitik‹, also Kompromiß-Politik, also bikolore Anpassungsdialektik gepflegt und gepredigt wird. Das interessanteste und wertvollste Material, was dieser besondere Schlag von Zeitliteratur erbracht hat, enthält jedenfalls das Heft von Hinzpeter – es liegt jetzt schon in zehnter oder elfter Auflage vor, ich darf darum annehmen, daß man es allenthalben kennt. Ich gestehe: als es im vorigen Spätsommer und Herbst in besagter Fasson zu rumoren anhub in Deutschland – die Korpulenz dieser Sorte von Schrifttumserscheinungen wuchs so, daß ihr ein neuer Karlsbader ›Beschluß‹ zweifellos unendlich wohl getan hätte –, damals also wäre auch ich gern mit einer kleinen Arbeit auf den Plan gerückt, welche dito nicht ganz unzeitgemäß gekommen wäre – eben mit einer Arbeit über das Motiv, das mich heute an dieser Stelle beschäftigt. Aber neben dem Unbehagen, welches mir der Gedanke gebar, in dem aus allen Weltwinkeln zusammengelaufenen Schwarme mittrollen zu müssen, was mir nun einmal nicht paßt, was meiner Natur nun einmal nicht ›liegt‹ – daneben veranlaßte mich zu vorläufigem Stillesein vor allem der Umstand, daß ich jene damalige Popularisierungsmundvöllerei-Bewegung am Ende für ziemlich unvermeidlich erachtete, also für notwendig, wie nun einmal die vaterländischen, politischen, sozialen Verhältnisse lagen – indessen was hatte mit diesen Tendenzen der Gegenstand zu tun, auf dessen Durchforschung und Beleuchtung es mir ankam? Nichts. Ich wartete also. Nun haben wir schon die erste Jahreswiederkehr des Todestages Wilhelms I. erlebt, – und wenn diese Schrift gedruckt ist, hat Wilhelm II. vielleicht bald, wenn nicht gar schon ganz ein volles Jahr regiert. In der Tat hat das Reich bereits in dieser Ouvertüre seiner neuen Ära einen ganz anderen Teint, eine ganz andere Gesichtsfarbe erhalten. Psychologisch, ideell, also ›theoretisch‹, haben ja die älteren Generationen nun das Recht verloren, aber auch ganz verloren, überhaupt noch mitzusprechen und mitzuhandeln: der unausgleichbare, auf den psycho-physiologischen Entwicklungsmaximen des Individuums beruhende Gegensatz von Jugend und Alter; der immanente Widerspruch zwischen loser, gebundener und aufgelöster Kraft: zwischen Jugend, Mannesalter und Greisentum! Zweifellos aber die fruchtbarste, die am meisten schöpferische Periode im Fortsetzungsleben des Einzelmenschen ist die Zeit, wo die lose Kraft der Jugend sich zu binden, sich zu neutralisieren anhebt, wo sie dahin drängt, mit der Summe der ihr prinzipiell möglichen Objektserlebnisse identisch zu werden, wo der Kampf zwischen den mechanischen und dynamischen Lebenspotenzen des Individuums gekämpft, bestanden, jedenfalls dargestellt wird – diese Zeit mit ihren Größen, Kühnheiten, Gewaltsamkeiten; mit ihren Explosionen, Abgründen, Verzweiflungen, Resignationen; mit ihrer produktiven Stimmungswollust. Nur die Übergangszeit ist es, welche die wirklich fruchtbaren Momente gebiert, das langsame Aufnehmen des Unbewußten, Unbewußtgewesenen, Unerfüllten, noch Unerfülltgebliebenen in die höchste Geistigkeit, in den höchsten Grad von Bewußtsein, will sagen: in ein neues, zweites, ganz mit dem Individuum kongruentes Unbewußtsein – eine Tatsache, die sich ebenso in jedem sexuellen Akte vollzieht, wie auf dem Gebiete, wo sich die Ereignisse, die Erlebnisse des feinsten, höchsten Seelenlebens an sich objektivieren: man muß das schwüle, schöpferische Fieber einer Übergangsstimmung erst einmal verstanden haben. Allein die junge Generation – ich will mich jetzt dahin beschränken: also die in dem Jahrzehnt von 1855 bis 1865 Geborenen – sie trägt ja eine ganz anders geartete Last auf ihrem Rücken, denn die ältere Generation trug und trägt. Diese ist auf der ganzen Linie naturgemäß zum maschinalen Beamtentum verhärtet, sie kann sich dem Neuen gegenüber, das sich entwickelt, nur fremd, nur unverstehend verhalten, sie kann mit ihm höchstens nur ein äußeres, intellektuales Klugheitskompromiß schließen, aber selber noch willenshaft darstellen kann sie es nun und nimmermehr. Unser junger Kaiser hingegen – nun, lösen wir ihn einmal von der Form los, welche er vertritt, betrachten wir ihn als einfaches Individuum –: Hinzpeter sagt von ihm in seiner übrigens vorzüglich geschriebenen Skizze: ›Aus der Verbindung von welfischem leicht in Energie umgesetztem Starrsinn und Hohenzollernschem mit Idealismus gepaartem Eigenwillen wurde am 27. Januar 1859 ein menschliches Wesen geboren mit eigentümlich stark ausgeprägter Individualität , welche durch nichts wirklich verändert selbst den mächtigsten äußeren Einflüssen widerstehend in ihrer Eigenart sich konsequent entwickelt hat‹ (S. 4) und weiter: ›Das Wesen des heranwachsenden Prinzen entwickelte sich seiner Natur gemäß stetig fort, von den äußeren Einflüssen berührt, modifiziert, dirigiert, aber niemals wesentlich verändert oder verschoben‹ (S. 6) – und: ›Diese kräftige eigenartige Pflanze sog aus allem ihr Gebotenen das für ihre besondere Entwicklung Brauchbare und assimilierte es sich zu fröhlichem Wachstum‹ (S. 6) – ferner: ›Seine Natur ist im eigentlichen Sinne des Wortes eine souveräne , da das Wesen der Souveränität in der Unabhängigkeit von jeder fremden Gewalt, Selbstbestimmung und Selbstbeherrschung liegt‹ (S. 10) – und noch: ›Den Kampf gegen die Leidenschaft hat er mit unerbittlicher Strenge in sich selbst geführt und das Maßhalten sich zum Lebensprinzip gemacht‹ (S. 14) – schließlich: ›Daß aber der Phantasie und der Leidenschaft kein ungebührlicher Einfluß auf das Handeln zufalle, dafür sorgt der überlegene, regelnde Verstand , der in der eigentümlichen Mischung seines Wesens ein so bedeutendes Ingredienz bildet. Zorn und Haß so gut wie Liebe und Bewunderung werden stets seine Seele erwärmen zu energischem Vorgehen, schwerlich je erhitzen zu tollkühnem Wagen. Klugheit und Gerechtigkeit sind für ihn nicht bloß theoretische Tugenden, sondern seiner ganzen Natur entsprechende, sein Streben und Handeln bestimmende Eigenschaften‹ (S. 13). Hinzpeter gesteht im übrigen zu, wenn auch ein wenig verblümt, daß das militärische Interesse mit der Zeit doch die Überhand gewonnen habe – wie denn trotz alle- und alledem auf der ganzen Broschüre ein Akzent der Rehabilitierungssucht liegt, wie denn die Schrift trotz alle- und alledem auf jeden psychologisch schärfer Lesenden den Eindruck macht, als wäre sie persönlich nicht ganz sicher geschrieben – es mag sein, daß vielen unbequemen Gerüchten – (der junge Fürst sollte vor allem sehr kriegslustig und tatendurstig sein) – entgegenzutreten war, und sich schon daraus ein gewisses Oszillieren der Befangenheit und Verstimmtheit ergab. Wenn es übrigens nicht schon aus verschiedenen Reden und Aussprüchen Wilhelms II. hervorginge: man könnte es auch klipp und klar aus Hinzpeter entnehmen, daß für den neuen Kaiser sein Großvater vorbildlicher ist, als sein Vater – es mag wiederum sein, daß nur einfach das biologische Gesetz vom Generationswechsel hier sein ›Opfer‹ verlangt. Die Vorbildlichkeit des Großvaters bedeutet aber für den Enkel in der Hauptsache nur: ein exakter Soldat sein und seine ›Pflicht‹ tun – keine Zeit haben, ›müde zu sein‹. Auf das militärische Moment, das ja nun glücklich universales Reichsmoment geworden ist, werde ich leider nachher noch in breiterer und schärferer Rede zu sprechen kommen müssen. Und warum sollte man Wilhelm I. nicht ein Genie der Pflicht nennen dürfen, insofern ein Genie sein doch nur heißt: eine Fähigkeit in höchster Akkumulation besitzen und betätigen? – Man weiß, welche Mühe es Bismarck gekostet hat, den späteren ersten deutschen Kaiser für die Reichsidee, für die Kaiserreichsidee zu gewinnen – und es war doch nur ein sehr natürlicher, sehr richtiger, preußisch unendlich korrekter und verständlicher Instinkt, der den König den Vorschlägen Bismarcks widerstreben ließ: das ganze eigentümliche, durch die Geschichte geschaffene Blutsverhältnis zwischen Hohenzollern und Brandenburg in engerem, Gesamtpreußen in weiterem Sinne bedingte es, daß ein Hinübergreifen über den Staat, über das Königreich Preußen – und bestand es auch nur in der simplen Annahme des Präsidiums einer deutschen Fürstenaristokratie – eine Verletzung, eine Verwundung der preußischen Staats- und Königsidee wurde – darüber war sich der spätere Kaiser Wilhelm I. vor der Annahme der neuen Krone jedenfalls sehr klar. Man weiß auch, wie sich Kaiser Friedrich noch als Kronprinz Form und Inhalt des werdenden ›Reiches‹ dachte – nun, der König von Preußen brachte das Opfer, er gürtete sich mit dem Kaiserpurpur – ja! von seinem preußischen Königs- und Hohenzollernschen Hausstandpunkte war es in der Tat ein ›Opfer‹, das er brachte. Dieser Anschauung verschließt sich auch der jetzige Kaiser kaum, obwohl er der Sohn einer späteren Zeit ist, also einer Zeit, die sich dem Reichsgedanken als solchem schon viel enger assimiliert hat. Ich habe in meinem gewiß sehr harmlosen Buche ›Phrasen‹ gelegentlich bemerkt: › Preußentum ist Atheismus ‹. Man hat mir das Wort, dessen Bodensinn man nicht zu erfassen vermochte, stark verdacht, noch mehr: man hat es verdächtigt, auf gut Oberbreyerisch denunziert. Ich halte auch heute noch an dem Diktum fest – und wenn ich um das Skelett der Behauptung jetzt das Fleisch der näheren Hinführung und Begründung füge, so bleibe ich damit nur im Zusammenhange meiner Entwicklung. – Jedenfalls haben sich die Hohenzollern als das stärkste, gesündeste, zukunftssicherste Fürstengeschlecht in Deutschland, die Habsburger mit einbezogen, erwiesen – die verhältnismäßige Jugend ihrer Familie wird vorläufig einer der Hauptgründe ihrer gedeihlichen Entwicklung gewesen sein. Was soll es also sie, die den ›Erfolg‹ auf ihrer Seite haben, scheren, wenn sie von Vettern- und Basensippen, von getreuen Freunden und Nachbarn als ›parvenus‹, als ›arrivés‹ ein wenig über die Achseln angesehen werden? – Das Werk Friedrichs des Großen hat zwar ein Bismarck fortgesetzt und vollendet, wenn auch in seinem Sinne, d.h. im Sinne eines hochbegabten, willensharten deutschen Edelmanns mit republikanischen Jugendanschauungen – aber die Hohenzollern waren doch wenigstens so klug, einen Bismarck zu legitimieren . Die geistige Bedeutung des Geschlechts hat zweifellos in Friedrich dem Großen, dem Prinzen Louis Ferdinand – dem Großvater Ernst von Wildenbruchs: wie es denn daher sehr erklärlich wird, daß Wildenbruch auf Preußentum, auf preußisch-deutschen Geschichtsgeist angewandte ›Romantik‹ ist! –, zum Teil auch in Friedrich Wilhelm IV. gegipfelt, indessen, waren die hohenzollernschen Fürsten in der Mehrzahl auch keine schöpferischen Geister: bewußte, treue, zähe Bewahrer des ererbt Überkommenen waren sie – und selbst ein Friedrich Wilhelm IV. – immer . Die Praxis, die nachher Bismarck öffentlich formuliert und damit gleichsam der gesamten Zeitmaschine als Motor ins Gefüge gezwungen hat – sie übten sie je und je aus, sie vertraten sie bewußt oder unbewußt immer: sie waren allenthalben ›Realpolitiker‹, sie rechneten mit den positiv gegebenen Tatsachen, sie besaßen viel zu viel bürgerlich Bedenksames, Überlegendes, Fürsorgendes, an morgen Denkendes, Einteilendes, als daß sie es vermocht hätten, mit den Problemblöcken eines experimentierenden Idealismus zu hantieren – die Familie war und ist, als Ganzes genommen, viel zu sehr auf den Willen zur Macht gestimmt, viel zu sehr auf den Effekt, auf die in einer langen Formenkette gegebene Objektivation erpicht, als daß sie ihre Kraft einmal zu einer genialen Explosion zusammenraffen könnte: das ›Talent‹ bedeutet ja immer die Analyse der Synthese, das ›Genie‹ die Synthese der Analyse – hier ›Genie‹ natürlich als Ausdruck der höchsten Geistigkeit, des höchsten persönlichen individuellen Entwicklungs- und Selbsterfüllungsideals gefaßt. Die Hohenzollern waren stets die Beamten der Tradition , allerdings sehr gute Beamte, sehr gute ›Staatsdiener‹, sie waren vielleicht unter allen Fürstengeschlechtern Europas die besten Equilibristen, sie hatten das feinste, instinktivste Verständnis für das Wesen des Schwerpunkts, der Statik, für den Kult des Gleichgewichts. Und darum trugen und tragen sie das tragische Schicksal , das sich in dem Leben jedes ›regierenden‹ Fürsten verkörpert, noch am verhältnismäßig leichtesten. Worin aber dieses ›tragische Schicksal‹ besteht? – Nun, wenn ich wirklich noch ein Wort darüber oder daran verlieren soll, so erlaube man mir, einen Augenblick ›allgemeiner‹, ›prinzipieller‹ zu sein, psychologisch prinzipieller. Ich muß natürlich wieder einmal ›weiter ausholen‹ – ›janua patet: exi!‹ – ich muß also die alte Januar-Frage stellen: ›Was ist tragisch‹ – oder besser: ›Was bedeutet ein tragisches Ereignis‹, ein ›tragischer Konflikt‹ ein ›tragisches Schicksal‹? – Jedenfalls liegt eine Inkongruenz zugrunde – und ich meine: ein Mißverhältnis zwischen individueller Anpassungsfähigkeit und sozialer Anpassungsnotwendigkeit, irgendeine bestimmte Dargestelltheit vorausgesetzt. Der Zwiespalt ist also rein persönlich, dem Individuum immanent, wesensangehörig, womit nicht gesagt ist, daß sich dasselbe dieses Zwiespalts immer bewußt zu werden braucht. Schließlich ist natürlich jeder Mensch eine ›tragische‹ Figur, tragische Prozesse spielen sich allenthalben ab, es wird eben immer ein Unterschied zwischen Leistungskraft und Leistungserfordernis bestehen bleiben: das für den Einzelmenschen in Frage kommende Substrat des Konflikts hängt ganz von der Art, von dem Maße ab, wie, in welchem Stärkegrade sich derselbe dieses Unterschiedes, an dem er lebt, durch den er lebt, an dem er sich aber auch müde reibt, an dem er zu Tode reift, an dem er endlich also ›stirbt‹, bewußt wird oder sich seiner unbewußt bleibt – die formale Erscheinung des ›Verhängnisses‹ findet ihren Ausdruck in der psychologischen Beziehung zwischen Wille und Intellekt . Ob sich ein Schicksal nun gerade so vollzieht, daß es mit einer Katastrophe, mit einem jähen Knalleffekt abschließt, das ist natürlich nur mehr oder weniger äußerlich, ist ganz vom Einzelfall abhängige Objektivation, hat mithin mit dem Wesen der Sache so gut wie nichts zu tun. Wir stehen in letzter Hinsicht wiederum vor einer Majoritäts- oder Minoritätsfrage : die Instanz der erfahrungsmäßig gewonnenen, auf einen besonderen Fall angewandten Wahrscheinlichkeit entscheidet – je nach dem individuell-entsprechenden, momentan differenzierten Bewußtseins- oder Unbewußtseins-Verhältnisse des unmittelbar Leidenden und mittelbar Mitleidenden (›Sympathie!‹), zu diesem Wahrscheinlichkeitsdurchschnitte normiert sich die quantitative und qualitative Bedeutung des tragischen Konflikts. Hieraus folgt ein Unterscheidenmüssen zwischen mechanischer und dynamischer Tragik: diese Trennung ist selbstverständlich nur prinzipiell , denn es wird sich in Wirklichkeit nie klar und sicher angeben lassen, in welcher Gradhöhe ein Individuum, sobald sich aus der Atomkette des allgemein tragischen Lebens ein Einzelatom herausgelöst und sich zu einer selbständigen tragischen Verkörperung, darstellend und zusammenfassend, isoliert hat – in welcher Gradhöhe da, sage ich, und dann ein Individuum sich selber behält, in welcher Intensität es die Kraft seiner Hauptkomponente ausströmen lassen kann, in welcher Fülle es seine besonderen, seine individualen und seine sozialen Eigenschaften vertritt. Man könnte auch von einer Tragik erster und von einer zweiter Potenz sprechen. Die erstere nimmt vorwiegend die noch auf eine geringere Auswahl von Objekten gestimmte Willensnatur auf sich, der noch reflektorisch unbewußter, unkritisch gebliebene Mensch, der sich noch als berufene Einzelpersönlichkeit Fühlende, der noch vom ersten Stadium des Unbewußtseins Getragene und nur durch dieses zum Handeln Ermöglichte – die Tragik zweiter Potenz hat vorwiegend der intellektualisierte Mensch zu erfüllen, also der höher Vergeistigte, der weniger Bornierte, der, welcher sich mit einer größeren, zäheren, rauheren Objektswelt abfinden mußte, dadurch sozialisiert, aber auch mit sozialer Kritik erfüllt wurde, dessen Hauptkomponente aber doch so stark war, daß sie nicht brach, vielmehr in ein zweites Stadium des Unbewußtseins eintrat, dadurch erst produktiv wurde – während das Wissen um die Welt, um Menschen und Dinge, nun überhaupt nur noch dazu verwendet wird, das Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit, individueller Anschauung und sozialer Tatsache, zu beurteilen , zu kritisieren , halb resigniert zu konstatieren. Hier erreichen wir die tiefste, sublimste, eben die dämonische Tiefe der als immanentes Moment voll ins Bewußtsein aufgenommenen Tragik. Eine beinahe rein dynamisch tragische Natur war Christus – auf den ich nachher noch psychologisch-analytisch zu sprechen kommen muß. Ah! Da erscheint sie auch einmal wieder auf der Bildfläche, die ›Jungfrau von Orleans‹! Ich kenne leider Semmigs Buch über die historische Persönlichkeit dieses Weibes noch nicht, wohl aber die ›romantische‹ Tragödie, in welche Friedrich von Schiller die Dame eingewickelt hat. Nun ist es ja zweifellos, daß in dem Leben derartiger hysterisch-ekstatisch-nervöser Menschen, wie die Jungfrau von Orleans eine war, das sexuelle Moment eine sehr große Rolle spielt, vielleicht ist es sogar die organische Achse, um welche sich die Lebensbetätigung so entschieden ausgestatteter, behafteter, kombinierter Menschen einzig und allein dreht, in scharf bejahender oder scharf abweisender Form – aber gerade darum: wie – theatralisch war es von Herrn von Schiller, die Selbsterfüllung einer ganz und gar immanenten Tragik sich in dem Aufhängen an einem so brutal äußerlichen Effektsnagel vollziehen zu lassen! Die reine Tragik, sowohl die mechanische wie die dynamische, ist nie Folge , sondern immer Ursache , nie erfüllte Konsequenz, immer Bedingung . Ein mechanisch-tragischer Vertikalismus stellte sich z. B. in einer Figur wie Schill dar – Mischlinge , die natürlich auch hier am zahlreichsten sind, waren Gestalten à la Wallenstein, Münzer, Danton: das alte Fragezeichen: ob ›Despot‹-sein, oder es beim simplen ›Citoyen‹ bewenden lassen? Ein Tarquin z. B. zweifelte nie an sich – ein Wallenstein zweifelt, schwankt, den Zweifler erwürgt sein Schicksal. Christus wußte , daß ›des Menschen Sohn muß überantwortet werden in der Menschen Hände‹ (Ev.Lucae, 9,44), er nahm auch seine Ölberg-Passion auf sich – und ließ sich kreuzigen: ein Wissender, einer, der alles durchschaut und begriffen hat, am meisten aber sich selber, sodann die Welt in ihrem Verhältnisse zu Naturen seiner Polarität – er litt unendlich am Marterholze, physiologisch, er ließ sich den Schrei der höchsten leiblichen Not entreißen: ›Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!‹ – er sehnte sich nach dem Ende, dem Frieden: ›heute abend noch wirst du mit mir im Paradiese sein‹ – heute abend noch wird endlich! endlich! all die lange, entsetzliche Qual vorüber sein. Sie hatten nicht gewußt, was sie getan hatten. Er hatte es gewußt, was sie tun würden, denn er hatte sie und – sich gekannt. Einer aus vielen oder einer für viele? – Auch Christus wollte einer für viele sein, aber nur als Vorbild, als Führer im Bezirke der höchsten Geistigkeit, dort, wo das Individuum nur ein Ideal kennt, vielleicht: noch kennt: ungebrochene Selbsterfüllung, absolutes Stillesein in sich. Was Jesus von Nazareth in seinen vierzig Wüstentagen, in seiner Einöde-Quarantäne, erlebt: es ist ja für den verwandten Geist so einfach, so ungeheuer, so unglaublich einfach. Daß die Theologen es nie gewußt haben, wenigstens nicht in der Übermehrzahl: das ist in gewisser Beziehung ganz gut und angebracht gewesen – denn, hätten sie es gewußt: sie wären vielleicht Propheten oder Verbrecher geworden, was ja auch etliche Male passiert ist, kaum aber Priester geblieben. Nachher noch in anderem Zusammenhange ein weiteres davon. Ich habe mich oben erkühnt, in einem Fürsten, in einem ›regierenden‹ Fürsten immer den Träger eines ›tragischen Schicksals‹ zu erkennen. Der Fürst ist zunächst einfacher Mensch, mithin als solcher ein Opfer der allgemeinen Lebenstragik, dieselbe zunächst als logische Tatsache genommen, insofern eben alles ›Wirkliche vernünftig‹ ist, will sagen: einmal mit Schmerzen und Verwundungen begriffen werden mußte ... Denn jedes durch Reibung an einem Objekte gewonnene Begreifen, Erkennen, jedes Vollziehen eines Identitätsaktes ändert immer die Proportionen, in der die Summe der (individuellen) Bewußtheiten zu der Summe der Unbewußtheiten steht, – ordnet also das Individuum um, beeinflußt seine Anpassungsqualitäten, erhöht oder vermindert seine tragische Disposition. Alles ist ja nur relativ, die tragische Indisposition gewiß eine Folge der psychophysiologischen Entwicklung, eine Vereinseitigung, ein Anlaufen auf der Sandbank der ›fixen Idee‹, eine Quittung, eine Bestätigung der totalen tragischen Disposition im Pubertativalter. Aber der Fürst ist noch in anderer Beziehung eine tragische Figur, in zwiefacher besonderer Hinsicht. In erster Linie als Erbe, Vertreter, als Beamter der Tradition, um diese Bezeichnung noch einmal wollentlich herzusetzen. Der Kult der Gegenwart ist für ihn naturgemäß nur dargestellte Pietät für die Vergangenheit . Der Fürst ist immer ein Parvenü des Perfektums. Das Perfektum aber, auf dem er als auf einem Piedestal, hoch erhoben über die Millionen niedrigerer Häupter rings um ihn her, steht: es ist immer die peinlich gepflegte und mit korrekter Verklammerung aufgeschichtete Summe der Gewesenheiten. Wir fragen jetzt nicht danach, wie einer vorzeiten ein Erster, ein Häuptling, Fürst, Herzog, König geworden ist – in dem Augenblick aber, wo dieses Ereignis sich begab, hob er sich damit aus seiner Umgebung heraus – und die Keimzelle der Tradition war geboren. Die Tradition ist ja nur ein Formalprinzip: ihr Inhalt ist der in das zweite Unbewußtsein eingegangene Wille, diese außergewöhnliche Stellung, diese superiore Existenz mit allen ihren Privilegien zu erhalten, auf Kind und Kindeskinder zu vererben – der Kult des seelischen Atavismus mit seiner materiellen Machtsvergegenständlichung. Dem Fürsten ist die Gegenwart nie Selbstzweck, immer nur Mittel, Ernährungskoeffizient der Vergangenheit. Während ein künstlerischer Geist, in höchster Akkumulation als ein ›Genie‹, die ererbte Fülle seiner Instinkte und Intuitionen auslöst, um mit ihnen die Gegenwart künstlerisch zu begreifen, zu ergreifen, zu fassen, sie im Darstellen zu erleben, sie in der Objektivation zu apperzipieren, genießt ein Fürst die Gegenwart nur, um seinem Blute neue Speise zuzuführen, d. h. seinen Ahnen, dem Blute seiner Vergangenheit. Insofern ist er allerdings der inkarnierte Atavismus ... das Herz als die Motivationswelt des Blutes seine erste Justizinstanz: dieses ›Herz‹ mit seinen ›Gefühlen‹ , mit seiner Dialektik der Toleranz ... mit seiner merkwürdigen Vorliebe für die Passion des Sentiment, für das Anthoxanthin des Ressentiment. So ergibt sich ein allerdings ebenso modernes, unserem naturwissenschaftlichen Denken entsprechendes, wie an sich pikantes Zusammensein: das Panorama des Gesamtbaus eines Geschlechtskörpers liegt vor uns, aber jede neue Organentwicklung ist doch nur die Folge einer Voraussetzung, soll nur unter der Optik eines Früheren, Größeren verstanden, betrachtet werden – sobald ein Fürst sich von seinen ›Untertanen‹ als Selbstzweck genommen sieht – und diese ›Untertanen‹ werden das als Menschen, die in der Mehrzahl geschlechtslos, ich meine: vergangenheitslos sind, von keiner Perspektive auf das in ihren ›Ahnen‹ Gewesene behaftet, ganz unwillkürlich tun – sobald also dieser Beziehungswinkel geschenkelt ist, setzt sich der Fürst, der sich mit ihm einverstanden erklären muß, damit in Zwiespalt zu der Psychologie seiner Mission: der Inhalt dieses tragischen Verhältnisses bedeutet eine fortwährende Beleidigung der Quellen, aus denen ihm überhaupt alle Kräfte zur Aufrechterhaltung seines Lebens zuströmen.. Den äußeren Ausdruck dieser Tragik erschafft der Punkt, daß sich der Fürst naturgemäß auf die ihm am nächsten verwandten Erscheinungen stützt, auf seinen Adel , also auf seinen natürlichsten und intimsten Feind ... Und noch ein drittes Moment kommt hinzu. Nun, Cäsar, Napoleon: sie waren Parvenüs, sie besaßen also das gute Recht, aus ihrem Leben ein Experiment zu machen , eben als geniale Parvenüs, sie vertrauten einer Karte den ganzen Reichtum ihrer Kraft an, um ihren Nachkommen die verhältnismäßig größte und reichste Fülle von Lebensbedingungen zu hinterlassen. Diese Neigung aber, aus seinem Leben ein Experiment zu machen: sie besitzt mehr oder weniger jeder Fürst, ist er nur einigermaßen dauerhaft und selbständig geraten, sie besitzt er ganz selbstverständlich als ein atavistisch mitererbtes Ingredienz. Und nun! An allen Ecken und Enden sieht er sich gehemmt, zumal das Kompromiß-Ungeheuer von konstitutionellem Staat – ich kenne Mills Buch über die repräsentative Verfassung recht gut – hat ihm Hände und Füße gebunden.. Ein Ludwig II. mag ja erblich ›belastet‹ gewesen sein – man weiß, was man unter dieser ›Belastung‹ zu verstehen hat – aber ich zweifle, ob der Keim eine so schwüle Entwicklung zur Frucht, ob die Frucht eine so unheimliche Auslösung erhalten hätte, wenn der König seinen braven Bayern, speziell seinen lieben Münchnern – und München verdankt alles seinem Fürsten! – den Import Richard Wagners in die Residenz hätte einfach dekretieren , hätte einfach befehlen können! Ein Ventil ist ja da: das Militär-Imperium. Aber schließlich ist auch dieses nur noch formaler Natur, seitdem das Heer durch die allgemeine Wehrpflicht sozialisiert , nach einer sozialen Methode diszipliniert, seitdem es ein nach festen wissenschaftlichen Prinzipien angewandtes Instrument geworden ist, mit einem Worte: seitdem es die Umsetzung von besonderem fürstlichen Selbstzweck in allgemeines vaterländisches Mittel erfahren hat.. Heute ist ein ›regierender‹ Fürst auch als ›oberster Kriegsherr‹ kaum mehr noch, denn eine Repräsentativ- und Registratur-Person. Es mag gewiß dafür gesorgt sein, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, für diesen Fall: daß so exponierte und aus der Menge herausgehobene Menschen einen viel zu großen Respekt vor ihrer ›Fallhöhe‹ haben, als daß ihnen nicht zu gewissen außergewöhnlichen Experimenten die Lust ausgehen sollte; daß sie sich durch die Millionen von Opernguckern und Fernrohren, die sie jeden Augenblick auf sich gerichtet sehen, gleichsam so etwas wie hypnotisiert, also zu allgemeiner freiem Handeln unterbunden fühlten, – es mag sein, daß der Größenwahnsinn , der ja hier so unendlich nahe liegt, eines durch Jahrzehnte vorher dazu vorbereiteten, schon durch und durch morbiden Bodens bedarf – allein am Ende: der jede Höhe umstrahlende Glanz ist ja nicht nur die Folge davon, daß sich diese Höhe sotane beständige Illumination ›leisten‹ kann; daß sie derselben bedarf, um mit ihr in die Täler hinab und zu den anderen kollegialen Berghöhen hinüber zu ›repräsentieren‹, sondern dieser Glanz ist zugleich der Ausdruck eines ganz anderen Umstandes: der Ausdruck eines Polsterzellen-Surrogates nämlich für die unbeschränkte Freiheit des Individuums, die hier oben so natürlich wäre .. und die hier oben doch ebenso unsichtbar ist, wie drüben auf den Nachbarhöhen .. und wie drunten in den Tälern der ›Untertanen‹ ... Was ein jeder von uns, mag er nun noch so klein, verkleinert, verarmt, gebrochen, verkümmert sein, dennoch mit heißem Herzen ersehnt: frei zu sein; frei , eben menschenfrei ; sich in der Lage zu befinden, den leidigen, verdammt verdächtigen Schwimmgürtel der ›Pflicht‹ abzuwerfen; im ganzen Weltgetriebe einen Witz sehen zu dürfen, der nur den Sinn hat, wenn man nach Herzenslust mit ihm experimentieren darf, aber keinen Sinn hat, wenn er auf eine insipide Hausbackenheit, auf ein in allen Fugen krachendes System von Paragraphen, Gesetzen, Geboten und sehr schwindsüchtig ausgemergelten Rechten hinausläuft –: dieses Ideal der absoluten Souveränität könnte doch wenigstens einmal da oben auf der Höhe, wo es gewiß noch die denkbar besten Bedingungen zu seiner Erfüllung findet, verkörpert sein – indessen! auch das Wesen, das auf diesem Gipfel lebt, zieht es vor, lieber ›gesund‹ denn ›krank‹ zu sein, denn ›cäsarenwahnsinnig‹, lieber ›Diener‹ denn Herr, denn absoluter, aber auch ganz absoluter, ich meine: willkürlich experimentierender Herrscher zu sein ... Man könnte aus Verzweiflung beinahe geschichtsphilosophisch, sogar geschichtsmetaphysisch werden: der Herr, der Eine, Einzige, All-Einzige, fiel von sich ab, wurde sich untreu, ward sich seiner bewußt – und gebar die Welt! Nun beben wir alle mit heißen, starken Strömen zur Einheit, zur Freiheit hin – und niemals finden wir sie, die ganze Einheit, die ganze Freiheit, auch im intimsten Akte nicht, der den zweigeschlechtlichen Menschen zum monosexuellen Animalismus zurückzwingt, auch hier nicht, wir finden dafür nur Annäherung, Assimilierung, Zwang, Notwendigkeit, Zugeständnis, Vertrag, Bruchstück .. Und unsere Sehnsucht wird noch dämonischer ... Wir verzweifeln .. und werden selbst müde zu fragen: Wann wird der ›Herr‹ zu sich zurückkehren –? Wann wird er uns ›erlösen‹ von ihm und von uns selber –? Uns – mindestens irgendeinen Äonen späteren Kreaturennachschub? Aber das ist es ja gerade: da wir alle von so brennenden Gelüsten zur ganzen Freiheit gereizt werden, sind wir auch nicht fähig, ein Wesen auszuscheiden, das diese Freiheit darstellte und vorstellte und vollzöge .. Sollte sich ein Fürst über diese Millionenmitgift von Halbheiten und Gehemmtheiten täuschen können –? Kann, sofern er nur instinktiv einen verstehenden Blick für jenes ›Ideal‹ hat, das vielleicht das einzige allgemeine menschliche Ideal ist, welches existiert, denn der Drang zur reinen Freiheit ist identisch mit dem Drange zur Einheit, zur Stille, zur Trägheit, will sagen: zum Ausruhen im Sein, zum Unbewußten – mit dem Drange zur ästhetischen Kontemplation , mit dem eingeborenen Horror vor allem, was nach Ethik, Arbeit, Bewußtsein schmeckt ... Die brutalisierende Kraft ist immer das Wirkungsprinzip des Willens zur Trägheit: da steckt eine Tatsache dahinter, die man erst einmal kapiert haben muß. Und nun bin ich, nachdem ich, natürlich als ›Atheist‹ und darum gerade über metaphysische und eschatologische Abgründe hinweg, mit ein paar Strichen die tragische Psychologie des Fürsten markiert habe, endlich wieder bei den Hohenzollern angelangt, von denen ich oben behauptete, daß sie das jedem Fürsten beschiedene tragische Schicksal noch am leichtesten trügen ... von denen ich, kurz vorher, noch ferner aussagte, daß das in ihnen dargestellte Preußentum – Atheismus wäre. In der Tat sind die Hohenzollern immer ›Atheisten‹ gewesen, insofern Atheismus – nun! mit Verlaub zu fragen: was eigentlich bedeutet? Jedenfalls die Religion des Effekts, wenn man das Wort ›Religion‹ hier anpassen lassen will – jedenfalls die persönliche Anschauung, die das Hauptgewicht auf die Folgen legt, und die es ganz dem einzelnen Bedürfnisse überläßt, nach den Ursachen der Erscheinungen, nach den Bedingungen der Folgen zu forschen. Ein ›Atheist‹ ist der unmittelbare Enthusiast der Praxis – und kann nebenbei sehr gut noch irgend etwas anderes sein: Theist oder Deist, Pantheist oder Materialist, je nachdem es ihm irgendwann, irgendwo, in irgendwelchem Stärkegrade, seiner von ererbten Trieben und Instinkten beherrschten Atom-Zusammengesetztheit gemäß, darauf ankommen muß, nach den Jenseitsgründen einer Diesseitserscheinung zu fragen ... Der Atheismus ist, wenn ich so sagen darf, eine politische Weltanschauung – und darum waren z. B. die Juden, die willensstärkste Rasse der Weltgeschichte, die politische Rasse κατ᾽ ἐξοχὴν, darum waren sie immer Atheisten – ihr späterer, starrer Monotheismus das Dogma des Atheismus, seine legitime Formel, seine genialste Objektivation ... Die arische, insbesondere die germanische Weltanschauungsart ist unverhältnismäßig künstlerischer, kontemplativer, indischer, buddhistischer, ästhetischer, das Gestimmtsein auf die Erfassung der Objekte im Grunde reiner Selbstzweck, nicht Mittel zum Zweck, wie bei den Juden. Das Erfassen aber eines Objekts um seiner selbst willen ist ohne spiritualisierendes Hintergrundschaffen gar nicht möglich, gar nicht möglich ohne die Vergeistigung der Erscheinung ... Als das nach jüdisch-politischen Machtgrundsätzen organisierte Christentum solange auf dem germanischen Volksleibe gelegen hatte, daß für diesen die Zeit gekommen war, sich endgültig für oder gegen die immanente Aufnahme einer ihm im Grunde ganz und gar inkongenialen Weltanschauung zu entscheiden, da trieb er in seiner Angst einen Notsprößling: den Protestantismus , in welchem sich der germanische Phänomenalismus und Individualismus zum ersten Male wieder bejahten , nachdem sie sich solange im Katholizismus verneint hatten, hatten verneinen müssen . Frühere Proteste gegen Rom waren die Folge sozial-ökonomischer, politischer, wissenschaftlicher Zwiespältigkeiten gewesen. Im Protestantismus – übrigens war Luther, nicht zu vergessen, als Philosoph ebenso Determinist, wie Augustin, sein Satz: › quare simul in omnium cordibus scriptum invenitur, liberum arbitrium nihil esse ‹ – im Protestantismus also reagiere zum ersten Male der germanische Weltanschauungsmethode mit ihren dissozialen Neigungen gegen das generalisierende Prinzip des Katholizismus. Der Protestantismus war schließlich zum ersten Male wieder Religion im altarischen, buddhistischen Kontemplativsinne, insofern Religion der schärfste, rückhaltsloseste Ausdruck der Individuation ist, die eben in ihrer Dargestelltheit als solcher, als vereinzelte Vielheit, ihre Selbstbestätigung in einem Eingehen und Aufgehen in die absolute Einheit findet, natürlich nur nach einem respektablen Hindernisrennen, in einer ›Andacht‹ mithin, die über viele Klippen hinweg ihr Delirium suchen muß ... Wir haben immerhin einen Gipfel autopsychischer Zivilisation vor uns. Der Katholizismus gibt seinen Gläubigen Objekte, der Protestantismus, mehr ein Verband von Gläubigeren, objektiviert sich in einem ästhetisch-metaphysischen Symbolismus. Der Protestantismus ist der soziale Versuch einer Religion , der Katholizismus ein Kult , eine Schöpfung, die ihr Leben in dem führenden Elemente semitisch-atheistischen Machtsinstinkten verdankt ... Der Katholizismus entmündigt infolgedessen das Individuum, entbürdet es, stellt sich in einem sozialen Cäsarismus der Gefühlswelt dar, die ihre methodisch disziplinierten Anordnungen erhält ... und das mit starker, nachdrücklicher Berücksichtigung der sinnlich-sexuellen Sphäre. Der Katholizismus ist Auxiliarkult, der Protestantismus Postulativreligion. Und nun geraten wir einer psychologischen, wenn man will: einer völkerpsychologischen, ja geschichtsphilosophischen Pikanterie in die Hände: der Germane ist Phänomenalist, als solcher eine Künstlernatur durch und durch – und der Protestantismus wird der Ausdruck des Spiritualismus , der nachher in der Philosophie und den exakten Naturwissenschaften den negativen und den positiven Pol seiner Natur ausbildet; der Katholizismus nur Wille, Atheismus, Despotismus – und er objektiviert sich in der Kunst ! Jedenfalls ein sehr interessanter Chiasmus von Substrat und Erscheinung. Aber nun ein paar Momente praktischer Anwendung: der Protestantismus leitet also naturnotwendig zur Philosophie über, also zum Kritizismus, also zum Nihilismus , insofern dieser zum bedingungslosesten Ausdruck des Phänomenalismus wird – wir befinden uns Johann Wolfgang Goethe und seinem ästhetischen Eklektizismus gegenüber, der für Millionen von Germanen Vorbild und Bildungsideal der höchsten Geisteskultur geworden ist. Das eigentliche Inhaltsprinzip der Bourgeoisie . Indessen, wir vollziehen in unseren Kortikalzentren psychische Akte nur, wenn das Blut genügend ernährende Speisung findet. Die Sache hebt also wieder einmal an, ökonomisch zu werden, sich in ein wirtschaftliches Problem umzusetzen, worauf ja schließlich alles in dieser Welt, nur mehr oder weniger mittelbar, hinausläuft. Der Protestant , dem es aus wirtschaftlichen Gründen verwehrt bleibt, in sich oder seinen Kindern die Folgerungen des Protestantismus zu ziehen, gerät früher oder später immer in die Sümpfe der absoluten Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit allem geistig Reineren, Höheren gegenüber – er wird wohl so etwas wie ›intelligent‹, wie ›schlau‹, also in gewissem Sinne geistig ›reich‹, mag sein, aber er muß sich zugleich vom Kleinleben vollständig absorbieren lassen – und das zersetzt ihn unaufhörlich weiter, ermüdet ihn, stumpft ihn ab, raubt ihm alle Impulse, alle Inhaltsgefühle, leert ihm alles aus und magert ihm alles ab zu Formen, Hüllen, Hülsen ... Der Prozeß ist natürlich ein rein psychophysiologischer: das Zentralsensorium verliert seine dynamische Impulsivimmanenz – der Gott der Sprachreinigungskrippensetzer verzeihe mir diese – exotische Hochflut. In diesem Grade kann ein Katholik , und reibt sich sein Leben noch so sehr zwischen beengter, bedrängter, beanstandeter Niedrigkeit hindurch, nie herunterkommen – er fühlt immer eine in sicherer, beständiger Strömungsstärke fortvibrierende Autorität über sich; er verspürt, wie auch in sein armes, dürftiges Sklaven- und Knechtsleben ein Funke aus einer höheren Zone überspringt; er besitzt immer Perspektiven ... Das ist ja gerade der Machtkoeffizient des Katholizismus: der Reichtum an Perspektiven. Es ist wahr: das Perspektivenverhältnis ist für die Welt der katholischen Gläubigen sehr einseitig und eintönig, es bleibt für alle dasselbe, es läßt sich nicht entwickeln. Aber für die große Masse ist es doch immerhin besser, als gar keines – für die große Masse, die doch ebenfalls mit allen Organen für die Führung eines höchsten ungehemmten geistigen Lebens ausgestattet ist, wenn diese Organe auch durch den harten Kampf um das nackteste, primitivste Leben, den eine Generation nach der anderen in Fron und Schmach kämpfen mußte, verkümmert genug sind. Der Katholizismus erhält seine Anhänger vielleicht ›dümmer‹, macht sie jedenfalls aber auch glücklicher, sowohl nach der Seite der geistigen ›Armut‹ wie des geistigen ›Reichtums‹ hin. Denn einmal läßt er sie niemals die Fühlung mit höheren Lebensprinzipien verlieren – und dann erspart er ihnen eine Abfindung, eine Auseinandersetzung mit der schleimigen Zweifel- und Problemwelt, die auf jenem Boden in rührender Üppigkeit gedeiht, wo der Protestantismus hier in laue, seichte, perspektivlose Gleichgültigkeit ausfault, dort in einen fortpflanzungsschwachen, philosophischen Kritizismus hinüberbröckelt. Das ist meine Überzeugung: wenn der Protestantismus, jetzt nicht schlechthin als Religion, mehr als Weltanschauung gefaßt, nicht die Kraft zu einer inneren, innersten Erneuerung findet, d. h. zu einer Erneuerung, die ihm Mittel und Wege zuführt, die Nöte der Zeit ökonomisch, wirtschaftlich , also sozial zu beseitigen – ohne Bluternährung kein Nervenleben! – dann wird die katholische Kirche wiederum das psychologische Recht erhalten, sich so lange der Massen in ihrem Sinne anzunehmen, als eine soziale Ausgleichung durch Waffengewalt auf der einen, durch Furcht, Feigheit, Knechtssinn, Insolidarität oder positive Schwäche und Unfähigkeit auf der anderen Seite verhindert, unterbunden, unmöglich gemacht wird. Der moderne Protestantismus ist eine Karikatur, seine Konsequenzen in allgemein geistiger, weltanschauungsträchter Hinsicht wären kaum ernst zu nehmen, wenn sie nicht so furchtbar traurig und so entsetzlich symptomatisch wären. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist katholisch . Deutschland ist zur Zeit ein Kaisertum, ein protestantisches Fürstengeschlecht trägt den Kaiserpurpur. Ein in stärkster Nachdrücklichkeit unserer Zeit wesensangehöriges Moment ist die soziale Entbindung der Massen. Wir haben gesehen, daß nur die katholische Kirche den Zug zur sozialen Generalisierung besitzt. Andrerseits weisen die Germanen die Grundinstinkte seiner Natur zum phänomenalistischen Individualismus; die Sozialisierung ist für ihn nur eine Form , die er abwirft, sobald er die materiellen Bedingungen zur organischen Entwicklung seines Individualismus gefunden hat. Daraus folgt für ein deutsches protestantisches Fürstengeschlecht, das zugleich Kaiserherrlichkeit ausstrahlt und ausübt, ein sehr entschiedenes Entweder – Oder . Nämlich: Entweder erkennt es seine historische Mission in einer Durchführung des demokratischen Cäsarismus – und das würde allerdings einen, wenn auch nicht gezwungen jähen, so doch sehr zielbewußt und energisch durchgeführten Bruch mit den Elementen, auf welchen der heutige Bau der Gesellschaft beruht, bedeuten, einen Bruch mit der Tradition, eine soziale Reform der Gesellschaft, also einen Akt, der gegen das psychologische Prinzip des Fürstentums durchaus verstößt: unser junger Kaiser mag allen guten Willen zu diesem Experiment haben, was aus verschiedenen seiner Äußerungen geschlossen werden darf, aber gegen sich hat er als Fürst eben die Vergangenheit und darum die Zukunft – oder es, das hohenzollernsche Königsgeschlecht, spielt gerade die Gleichartigkeit seiner Macht-Instinkte mit denjenigen des Katholizismus – und das wird der historische Zwang sein – gegen Rom aus –: und es entzündet sich ein Kampf zwischen weltlicher und geistiger Macht, wie er noch nicht dagewesen ist in der Geschichte. Jedenfalls sind die besten Aussichten auf diesen neuen, anderen, definitiven ›Kulturkampf‹ vorhanden. Jedenfalls rüstet sich Rom schon sehr bewußt zu diesem Kampfe mit Berlin. Protestanten sind ja die Hohenzollern auch nur zum Privatgebrauche, wenn ich so sagen darf, – ihr Herrschertum haben sie auf der atheistischen Weltanschauung der Erfolgspolitik, die einzig und allein von dieser Welt ist, aufgebaut ... Ihre Tragik als Fürstengeschlecht, als preußisches Königsgeschlecht, habe ich in ihrer Allgemeinheit und in ihrer Besonderheit schon kurz angedeutet – der Umstand, daß sie nun auch Träger der deutschen Kaiserkrone geworden sind, führt ein Moment in den tragischen Komplex ein, welches vielleicht den ganzen Prozeß einmal auslöst und ihm seine objektive Form gibt. Jedenfalls ist das dem germanischen Volksgeiste immanente Bildungsideal nur zu erfüllen, wenn die Bedingungen zu seiner Verwirklichung den entsprechend notwendigen wirtschaftlichen Inhalt empfangen. Vorläufig ist das Reich allerdings ein sehr saftiges ›konstitutionelles‹ Gewächs, ein einziges ›Kompromiß‹. Noch einmal sei es gesagt: ein protestantisches Kaisertum ist, ganz abgesehen von dem Drittel katholischer Untertanen, so lange ein volkspsychologischer Widersinn, als es dem Protestantismus, d. h. seinem germanischen Prinzipe der persönlichen Glaubens- und Wissensfreiheit, versagt bleibt, aus materiellen Entwicklungsgründen versagt bleibt, sich in deutsche individuale Weltanschauung, die sehr gut – warum nicht? – ihren äußeren Ausdruck in einem sozialen Gefüge erhalten kann, umzusetzen. – ›Wilhelm II. und die junge Generation‹ – ja, so lautet die Überschrift dieses labsäligen Zeitkapitels. Das Ergebnis meiner bisherigen Bemerkungen, die zunächst gemacht, die abgetan werden mußten, so allgemeiner Natur sie auch an sich sein mögen – es kann doch in der Hauptsache nur das sein: es wäre wünschenswert, daß unser junger Kaiser auch inhaltlich der jungen Generation angehörte. Es ist aus den angegebenen Gründen unmöglich. Nun aber diese Generation selbst? Wenn ich im folgenden versuche, in großen Zügen eine Analyse derselben zu geben, so bedarf vorher noch ein Moment der Erwähnung – ich habe noch ausdrücklich die Frage zu stellen: warum bringe ich überhaupt diese Generation zu Wilhelm II. in Beziehung? Indessen, ihre Beantwortung wird diese Frage in dem Ergebnis aus den Erörterungen, die nun anheben mögen, eo ipso finden. Ich habe es gelegentlich schon einmal gesagt: ›Ideale‹ verpflichten ebensosehr, wie sie entbinden, freisprechen. Und auch das habe ich oben wiederholt betont: das einzige Ideal, das im Prinzip für den Deutschen Wert besitzt, ist nur der ästhetische Personalismus, der individuale Phänomenalismus, der doch zugleich so außerordentlich kosmologisch ist. Und nun haben wir seit achtzehn Jahren ein ›Reich‹, wir sind ein ›einig‹ Volk geworden – und wir haben wahrhaftig, wiederum allerdings nur im Prinzip, allen Grund, von dieser Einigkeit erbaut zu sein. Graf Gobineau , der eminente Freund Richard Wagners, der Verfasser von › L'inégalité des races ‹, einem der bedeutendsten Bücher, die je geschrieben worden sind, fand seinen Trost für ein, wie er glaubte, verfehltes, durch niederträchtige Schikanen verbittertes Leben darin, daß er sein Geschlecht von normannisch-germanischem Ursprung abzuleiten suchte. Ich erwähne diesen interessanten Umstand, weil eben auch nach dem Urteil dieses ersten Ethnologen und Völkerpsychologen dem Germanen eine historische Kraft und Leistungsfähigkeit zu eigen ist, der naturnotwendig eine edelste und höchste Mission immanent. Sind wir nun in den Formen, unter denen wir heute leben und arbeiten, auf dem Wege zur Erfüllung dieser Mission? Geht die junge Generation, auf die es doch schließlich bei aller Entwicklung allein ankommt, den Weg bewußt – oder hat sie etwa diese Mission überhaupt noch nicht begriffen, noch gar nicht apperzipiert? Aus den verschiedensten Bestandteilen setzt sich natürlich das junge, neue Geschlecht zusammen; alle Schichten der Gesellschaft, alle ›Stände‹, alle ›Klassen‹ stellen ihre Beiträge. Die unteren Hunderttausende verfallen, nachdem sie im Kessel der Schule, auf den ich nachher noch im besonderen ein paar Glühlicht-Trichter werfen muß, notdürftig gar gekocht sind fürs Leben – der größere Prozentsatz also des jungen Nachwuchses verfällt naturgemäß der Fabrikarbeit und dem Handwerk. Mit den ihm feindlichen Bestrebungen der Zeit, die kein flüssiges Geld hat, die entweder nur die Flächenspiegel der festen Beamtengehälter oder den Moorboden des Kredites oder das Barometer der Börsenkurse kennt, also die drei Willkürformen des Kapitalismus – mit diesen Wesensäußerungen der Zeit konfrontiert der Arbeiter die Summe seiner Bedürfnisse und Forderungen, die er von seinen Verhältnissen zu erheben gezwungen wird, indem er sie zum Gewächs des ›Sozialismus‹ organisiert. Mag der Sozialismus diszipliniert sein wie er will; mag er ebensogut in sich seine Brüche, Spaltungen, Parteien, seine einander befehdenden gemäßigteren und radikaleren Elemente haben, wie er seine Vorurteile hat – so viel ist jedenfalls fraglos, daß er, ganz abgesehen von allen psychologisch-phylogenetischen Entwicklungsgründen, schon deshalb eine vorbestimmte Gewißheit auf den Besitz der Zukunft hat, weil er es wirklich ernst mit den Bewegungen und Strömungen der Zeit nimmt; weil er auf die Probleme der Zeit mit allen seinen Kräften einzugehen sich bemüht. Freilich sind diese Kräfte durch Frondienst und Helotentum sattsam verengt, gebrochen, verkrüppelt worden; Befangenheit, Beschränktheit, Taubheit und Funktionssprödigkeit der Organe sind allenthalben groß. Vorhanden ist indessen auch das zäheste, kühnste Wollen, und ein sicheres Zielbewußtsein bei allen Meinungsverschiedenheiten im einzelnen und allen periodisch-lokalen Verdunkelungen. Der Sozialismus ist die kurzangebundene, brutale Fassung des Lohnproblems, des Problems vom Verhältnis zwischen Arbeit und Ertrag, d. h. das dargestellte Problem eines gerechten, vernunftgemäßen Verhältnisses zwischen beiden Koeffizienten des Lebens. Der Sozialismus studiert allerdings vorläufig Philosophie, Geschichte, Naturwissenschaften durchaus nicht aus ›objektivem‹ Interesse, sondern aus den ganz verdammt ›subjektiven‹ Gründen und Zweckabsichten: auf diesen Gebieten des menschlichen Wissens und Arbeitens belegendes, begründendes, ausführendes Material für seine praktischen Prinzipien, wie für seine idealen Theoreme zu erheben. Er interessiert sich für Kunst und Literatur – und von diesem Interesse kann überhaupt auch nur in den einzelnen Fachvereinen und Fortbildungsgruppen die Rede sein – beileibe nicht, um ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn die Millionen, die den Sozialismus darstellen, nicht am Hungertyphus krepieren, so müssen sie eben auch soviel arbeiten, als sie bei der ungerechten Ablohnung nötig haben, um sich in puncto Nahrung und Kleidung nur über Wasser zu halten. Wahrhaftig! Für solch einen armen, auf Hungerlohn für zwölfstündige Tages- und zeitweilige Nachtarbeit verakkordierten Familienvater bedeutet gegenüber all den Entbehrungen, Entsagungen, Verzichtleistungen, die er stundstündlich sich und seinen Angehörigen auferlegen muß, das sozialistische Genossenschafts- und Vereinsleben in der Regel den einzigen Trost, die einzige Aufrechterhaltung in diesem elenden Hundeleben. So ist der Sozialismus als formal ausgedrückte Gegengesellschaft eine ethische Macht, die gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Wenn Nietzsche (in seinem Buche ›Die fröhliche Wissenschaft‹) gelegentlich die Bemerkung macht, daß die soziale Frage kaum so akut geworden wäre, wie sie in der Tat geworden ist, wenn die Mehrzahl der modernen Arbeitgeber, als regelrechte Parvenüs, nicht über ebenso rote, plumpe, schwielige Hände verfügte, wie sie von den Arbeitnehmern getragen zu werden pflegen – so ist das nicht nur sehr geistreich und nicht nur sehr korrekt nietzschisch, insofern Nietzsche nach seinem persönlichen Bedürfnisse beständig die mittelalterliche Entwicklung der Verhältniskräfte (geschlossene Stände, Lehnsform) ausschaltet und unmittelbar in seinen ästhetisch-sozialen Forderungen auf das antike Verhältnis von Herr und Sklave zurückgeht – sondern er ist überhaupt psychologisch korrekt, insofern das ästhetische Motiv als bestimmender, schürender Umstand sehr energisch berücksichtigt werden muß. Indessen, das In-Tätigkeit-treten-Lassen der ästhetischen Vergleichssphäre mit der ethischen Auflehnung als dem Ergebnisse des Akts kann ja nur die Folge einer physiologischen, psychophysiologischen Disposition dafür sein, setzt also schon ein einigermaßen genügendes körperliches Durchschnittsbefinden voraus. Als vor hundertfünfzig Jahren das Individuum als solches geboren wurde und nachher, als seiner selbst bewußt gewordenes Objekt, die Forderungen seiner persönlichen Freiheit, seiner Rechtsautonomie stellte, mußten naturgemäß die materiellen Befruchtungs- und Ernährungsquellen dazu vorhanden sein. Wir haben also zunächst ein rein ideologisches Produkt vor uns. Aber erst 1841 formulierte Louis Blanc (in seiner ›Organisation du travail‹ ) das Programm des politischen Sozialismus – nachdem, in nachgebildeter Anlehnung an Thomas Morus, Sebastian Frank, Campanella u. a. im zentralen Europa die lange Periode kosmopolitisch-kommunistischer Weltverbrüderungsphantasien abgelaufen war: August Comte hatte einmal auch zu Füßen Saint-Simons gesessen! Was aber hatte sich ereignet? Man kennt die vier wirtschaftlichen Entwicklungsstadien, die nach Friedrich List jedes Land zu passieren hat – man war in Mitteleuropa, sogar auch in Deutschland, im besonderen übrigens abgesehen von England, in das vierte Stadium getreten, natürlich nur ganz im Großen geredet: die eigene Manufakturarbeit wird exportiert, Rohstoffe werden importiert. Das eben mündig gewordene Individuum hatte sich nach den Produktionsprinzipien des Smithianismus auch seine ökonomische Existenz geschaffen – und erkannte nun, daß dasselbe Prinzip zur systematischen Züchtung individueller Kapitalien führte. Diese Kapitalien waren imstande, technische Fortschritte und Errungenschaften, also Maschinenkräfte, in ihren Dienst zu stellen – und darum in der Lage, schneller, leichter, billiger zu produzieren. Das Kleinhandwerk, das sich nicht zu Großhandwerk und offiziellem Fabrikantentum fortentwickeln konnte, zersetzte sich im Riesenmörser der Konkurrenz. Meister und Gesellen wurden schlechthin ›Arbeiter‹, d. h. Arbeitnehmer, Sklaven der Maschine. Nun ist ja einzuräumen, daß der Unternehmer, der Arbeitgeber immerhin ein gewisses Risiko trägt; auch ist es selbstverständlich, daß seine Organisierung der Produktion, seine Kritik des Gütermarktes, sein Kalkulieren und Abwägen hinsichtlich des jeweiligen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage in gewissem Sinne ihren absoluten, unersetzlichen Wert haben – aber zu behaupten, daß diese Momente die Härte des ›ehernen Lohngesetzes‹, nach welchem, in der Lassalleschen Definition, jeder Arbeiter gerade so viel Lohn erhält, als er bedarf, um sein Leben überhaupt nur zu fristen, der Unternehmer jedoch eine unverhältnismäßig höhere Gewinnquote in die Tasche steckt und für das redliche Wachsen seiner Kapitalrente sorgt – daß also die alle individuelle Entwicklung aufhebende, lähmende Schwere dieses ›Gesetzes‹ durch die oben genannten Momente ausgeglichen wird: das ist doch eine merkwürdig künstliche Auslegung, eine sehr eigensinnige Verschiebung der Rechte , die nach gewissen ›modernen‹ Anschauungen, so da im Prinzip ohne weiteres allenthalben vertreten werden, ein Mensch über den anderen besitzt. Freilich, die positive Tatsache ist stärker, denn alle Abstraktion. Nur sollte man sie einfach zugeben, die Brutalität des Großkapitals als aus den und den Entstehungsgründen hervorgegangen und darum notwendig hinstellen, das nackte Faktum aber nicht mit dem Flitterwerke fadenscheiniger Ausreden und phraseologischer Bemäntelung zu verhüllen, zu entstellen suchen. Man mag das Leben für eine Komödie halten – jedenfalls wird diese Komödie nicht in einer Kinderstube gespielt. Und glaubt man etwa, den Fall gesetzt, daß sich das Ideal der sozialistischen Produktionsweise auf allgemeiner genossenschaftlicher Grundlage einmal verwirklichte – daß sich alsdann der leitende Mittelpunkt jener ideellen Tätigkeit, die dem heutigen Großkapitalisten so bereitwillig gutgeschrieben wird, enthalten könnte, enthalten dürfte? Der extrem-individualistischen und extrem-sozialistischen Richtung hat sich bekanntlich in der neueren National-Ökonomie eine sozial-ethische Schule entgegengestellt, die auch die Volkswirtschaft als einen historisch gewordenen Organismus zu betrachten sich bemüht. Der brutalen Praxis und der radikalen Kritik tritt also auch hier der ›moderne‹ empirologisch-positive Phänomenalismus gegenüber. Nun, mit dem Sozialismus als einer sehr beträchtlichen Gegenwartsmacht und einer sehr zähfasrigen Zukunftsinstanz werden die Herren von der sozial-ethischen Schule gründlich rechnen müssen – er gehört nun einmal dem positiven Inventar der Zeit an. Die schreienden Mißstände und Mißverhältnisse unserer Tage, wie sie in tausend und abertausend Fällen und Formen auftreten, als absolut hilflose Armut in den untersten Volksschichten, als maskiertes Zersetzungselend in dem Kleinbürgertum und der mittleren Bourgeoisie – sie werden wahrhaftig nicht durch die Homöopathenpraxis des ›Staatssozialismus‹, so ehrlich es dieser auch an und für sich meinen mag, gelindert, gedämpft, geheilt. Das Proletariat, in seinen unzähligen Ausstrahlungen, Zusammensetzungen, Abstufungen, jammert zeitlebens nach den materiellen Mitteln, die ihm eine freiere, zwanglosere, bedingungslosere Ausbildung seiner Kräfte ermöglichen sollen – und verzehrt sich, zerreibt sich in seiner waffenbaren Ohnmacht. Der besitzende Teil des Volkes bangt zeitlebens um seinen Besitz – und gelangt deshalb nur in den seltensten Fällen zu einer würdigen Verwertung seiner Güter – ich meine: zu einer Verwertung, die, träte sie ein, auf die Verwirklichung des oben erwähnten germanischen Bildungsideals hinstrebte. Wir haben in Deutschland nur noch in den pubertativen Entwicklungsjahren des Jünglings oder der Jungfrau einen gewissen Idealismus oder auch Ideologismus, wenn man will – der sich aber schnell genug in Skeptizismus, Kritizismus und in den allerentschiedensten lebenspolitischen Realismus umsetzt. Sodann vibriert noch in der feineren, vornehmeren Bourgeoisie, besonders in der Gelehrten- und Beamtenwelt, eine Art von ästhetischem Sensitivismus, von ästhetischer Feinschmeckerei, die sich, wie ich auch schon oben angedeutet, als Pilz auf der Mutterhefe des ästhetischen Eklektizismus Goethes gebildet hat ... deren Träger zumeist jene Partikelgruppe aus dem Volkskörper ist, die auf dem materiell gesicherten Boden des bürgerlichen Patriziats groß geworden – und zwar geistig genährt von den liberalen Aufklärungselementen , wie sie in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts auf allen Gebieten des geistigen und öffentlichen Lebens auftauchten, vertreten wurden und in Aufnahme und Anerkennung kamen. Nur in diesen beiden Fällen läßt sich überhaupt noch davon reden, daß der Versuch gemacht wird, eine Weltanschauung mit höheren geistigen Normen und Leitbildern zu gewinnen. Dort aber schließt bei 99 Prozent das natürliche, instinktive Experiment der Jugend mit einem solennen Bankerott ab – hier verschleimt mit den Jahren das ästhetische Feingefühl, die zarte Empfänglichkeit und Empfindlichkeit des geistigen Gaumens für alle Diskretionen des Genusses zu dem morbiden Kapuanismus einer amorphen, pollosen Schwelgerei. Von ›Idealismus‹, von Weltanschauungsbauversuchen in der ausübenden Künstlerwelt , wo beides doch am natürlichsten wäre, am nächsten läge, kann man in toto heute nicht mehr gut reden. Doch darauf habe ich später noch zurückzukommen. Gewiß, es ist das natürliche, vielleicht überhaupt das natürlichste und wesentlichste Moment des Bewußtseins, des Selbstbewußtseins, daß das Individuum nur insofern eine Verbesserung der Verhältnisse, unter denen es existiert, erstrebt, als es sich selber mit seinem ganzen Ich zu dieser günstigeren Gruppierung in Beziehung setzen kann –: in seiner eigenen Haut will es nun einmal unter jeder Bedingung stecken bleiben. Damit ist die naturgemäße Form der Entwicklung gegeben, zugleich aber doch ein gewisser Hemmungskoeffizient normiert, der in erster Linie zur Folge hat, daß bei Verschlechterung der Umstände, unter welchen das Individuum erhalten wird, sich dessen Dekadenz ganz unverhältnismäßig schneller und allgemeiner, erschöpfender vollzieht, als sich bei günstiger werdenden Lebensbedingungen seine Kultur, seine Zivilisation erhöht. Die prinzipielle Folgerung aus dieser Tatsache kann hier nur die sein, daß eine Verbesserung der materiellen Verhältnisse der unteren und untersten Volksschichten in geistiger Beziehung, in Hinsicht auf die Steigerung, Vertiefung, Verinhaltlichung der individuellen Bewußtseinsformen , erst in zwei, drei Generationen ihre Früchte tragen könnte. Ich betone immer wieder: der germanische Instinkt findet seine wirkliche Befriedigung nur in der Konstituierung einer vom Einzelmenschen bewußt getragenen und vertretenen Weltanschauung . Der Deutsche ist als kontemplativer Phänomenalist, jetzt mit Übergehung aller ethnopsychologischen Brechungen und Besonderheiten, immer Eklektiker. Jene, von mir schon oben erwähnte höhere, feingeistigere Bourgeoisie ist bei den heutigen Verhältnissen noch die einzige Trägerin von dem, was man einigermaßen Weltanschauung nennen darf: ihre liberale Tradition, die nicht ganz des koketten Anstriches eines gewissen Resigationsmartyriums entbehrt; der materiell günstige Boden, auf dem sie steht, ermöglichen es ihr, es zu einer gewissen ästhetischen Selbsterlösung , die allerdings mit mancher Unze Quietismus legiert sein mag, kommen zu lassen. Die Söhne und Töchter dieser Bourgeoisie, also dieser Teil der jungen Generation – er ist allerdings ganz anders geraten: die Herren Söhne werden meistenteils Juristen und Mediziner ... und sind als solche, vorzüglich die Juristen – die Mediziner, als die ›Moderneren‹, halten es immerhin für ihre Pflicht, stellenweise ein ganz klein wenig ›unzufrieden‹ zu sein, eine Andeutung ›liberal‹, um eine Nuance ›freier‹ zu denken, sogar auch in politicis : was indessen schleunigst aufhört, finden sie z. B. als Militärärzte ihre staatliche Eichung und Abstempelung – also im großen und ganzen sind diese Herren außerordentlich gut kaiserlich, außerordentlich reichstreu: da kann man ihnen wahrhaftig nichts vorwerfen. Sie sind in der Regel auch äußerst fesche Verbindungs-Studenten, mit den kleinen, stumpfsinnig-philiströs-gleichgültig-bequemen Idealen eines radikalen Börsenkommunismus, einer ›urgemütlichen‹ Kneipen-, Spieltisch- und Fechtbodenfraternität – doch ich habe auf den deutschen Studenten der Gegenwart als Typus , als naturgemäßen Repräsentanten der jungen Generation, nachher noch eingehender zurückzukommen. Und die jungen Damen, die Töchter jener Bourgeoisie, welche die Blütezeit ihres kosmopolitischen Individualismus in den mittleren Jahrzehnten dieses Jahrhunderts erlebt hat – sie sind in der Tat nicht minder ›modern‹: sie kredenzen mit Vorliebe demjenigen den kalten, klugen Eiskaffee ihrer Huld, der die Bürgschaft für eine wirtschaftlich und gesellschaftlich tadellos sich rentierende Karriere leistet – sie halten es schon für ›Idealismus‹, den sie allerdings nicht ungern, schon mehr aus den Luxusinstinkten ihres Standes heraus, pflegen, wenn sie sich mit jenem Nachtwächter, der vorwiegend Tagesdienst hat, ich meine also: mit dem Militär einlassen – denn mehr als ein umgekehrter, verallgemeinerter, solid dressierter Nachtwächter ist der Soldat doch eigentlich nicht ... Und das entwicklungspsychologische Erklärungsmoment dieser Tatsache? Nun, wir sind unterweilen eben ein ›Reich‹ geworden – und damit ist dem Kanalismus der Gegenwartswelt unseres deutschen Geisteslebens ein ganz neuer Flüssigkeitsstoff eingeführt. Das ›Reich‹ ist zunächst nur eine äußere Form, noch dazu eine ziemlich rohe, grobhäutige Form, die als solche, als Peripherie, als offiziell proklamierte Instanz , naturgemäß vorzugsweise die Äußerungen der Durchschnittskreaturen , die in früheren, individualistischeren Jahrzehnten von ihrer inneren Armut nolens volens zu einer bescheidenen, verschwiegenen Winkelexistenz gezwungen wurden, auslöst ... Das ›Reich‹ ist der Ausdruck einer großen sozialen Mobilmachung, die einem jeden, indem sie ihn eben zum Reichsbürger macht, damit gleichsam ein freimaurerisches Erkennungs- und Anerkennungszeichen in die Hand drückt, das in den Reichszirkeln allenthalben verstanden, allenthalben in irgendeiner Form berücksichtigt wird. Das ›Reich‹ ist ein allgemeines, sozial ebbendes, nivellierendes Stichwort geworden, ein Freibillett für gewisse Theater und Konzertsäle des Lebens – ein Freibillett, das seinem Besitzer erlaubt, sich auch als irgendetwas zu ›fühlen‹, nun auch mitzusprechen, nachdem alle ein großes, allgemeines Thema erhalten haben ... Gut! Das Reich kämpft noch um seine innere und äußere Existenz – es hat also noch geradezu die Pflicht , eine Form zu bleiben. Der Kult der Form ist immer eine Sache der Masse , die Dressur mittelmäßiger, unterwertiger Hauptkomponenten für die Tendenz nach einem allgemein verständlichen Pole. Der Kult der Form ist immer eine Veräußerlichung, er mündigt die Atome, entmündigt die Komplexe und Gefüge, schafft Vereinzeltes, absolute Paritäten, neutralisierte Gewebe zu beziehungslosen Petrifakten. Glaubt man etwa, der Sozialismus hätte es zu dieser straffen Organisation gebracht, wenn er sich zu ihr nicht durch seine präzise Gegensätzlichkeit zu einer, wie ich schon einmal sagte, offiziell proklamierten Form hätte zusammenschließen können? Reuleaux legt es (in seiner ›Theoretischen Kinematik‹) den Behörden ans Herz, dem Handwerker die Aufstellung von kleinen Kraftmaschinen (Heißluft-, Gasmaschine u. a.) zu erleichtern. Damit wird doch zugestanden, daß es dem Handwerker nur in den seltensten Fällen möglich ist, sich aus eigenen Mitteln diesen Maschinenbetrieb en miniature zu beschaffen. Die Handwerker sind denn heute auch in der Mehrzahl alle Sozialisten, ausgenommen die Bäcker und Fleischer, zum Teil auch die Brauer und Buchbinder: der Bäcker und Fleischer vertritt – eigentlich war es ja zu allen Zeiten so – überall das bedingungslos partikularistische Element mit dem ganzen Fanatismus des zähesten Privateigentumsgefühls, wie es sonst nur der Bauer besitzt. Der Handwerker sieht im Sozialismus die Mine, welche den Großkapitalismus in die Luft sprengen wird; der Arbeiter, der auf fixen Lohn gesetzte Arbeitnehmer, verlangt seinen Normalarbeitstag und seine Lohnerhöhung, die prozentual entsprechend mit dem Wachsen des Reingewinnes in Szene gehen soll. Die totale Umordnung des Gesellschaftskörpers; die allgemeine ›Revolutionierung des Menschengeistes‹, wie Ibsen sagt – nun, davon soll ja der Sozialismus nach den jüngsten Bulletins zurückgekommen sein – ist er in Wirklichkeit ›bescheidener‹ geworden? – Von der Sorge um die primitivsten Existenzfragen wird das Leben der unteren Volksschichten vollständig in Anspruch genommen. Alles dreht sich ums Geld und wieder ums Geld, jeder Pfennig brennt ein schmerzliches Mal in die mürbe, arbeitsabgeschundene Hand der Mutter, ehe sie ihn ausgibt, ehe sie ihn hergibt. Die Ehe entbehrt jedes psychischen Inhalts, die Erziehung der Kinder besteht in der gröbsten Befriedigung ihrer elementarsten Bedürfnisse. Der Vater, der gar nichts mehr zu verlieren hat und an der geringsten Aufbesserung seiner sozialen Lage verzweifelt, erzieht seinen Sohn, insofern er überhaupt nicht ganz idiotisch verblödet ist, zum unversöhnlichen Feinde der Gesellschaft; die Mutter – und die Mütter haben ja immer, unter allen Verhältnissen, das Talent, selbst in den verzweifeltsten Fällen, die armseligen Gemüsebeete einer kargen, kleinen, hektischen Zukunftshoffnung zu bestellen – die Mutter legt bei, vertuscht und gibt an ihre Kinder, die sie mit den ihr von den ›besseren‹ Ständen überlassenen, also mit verbrauchten, von ihren ersten Besitzern ›abgelegten‹ Fetzen behängt, d. h. notdürftig ›kleidet‹ – an diese armseligen, ins Leben halbnackt ausgesetzten Menschenwürmer gibt sie die halbvergiftete Milch der Versklavenheit und des Helotentums ab. Die Kinder wachsen auf der Gasse auf – in den Beziehungswinkel zur Zeit werden sie nur durch die Schule hineinverrenkt. Die Schule – natürlich! wenn unsere Etats nicht so vom Militär belastet wären, könnten wir sechsmal soviel Schulen haben, als wir jetzt besitzen – und wir hätten noch zu wenig! – also die Schule, die Schule von heute: sie ist bei der absoluten psychologischen Unfähigkeit der Lehrer, die nur noch maschinale Formalisten sind – daher auch ihre ungeheure Passion für das Skatspiel! – und bei dem Umstande, daß sie nur Massenerziehung betreiben kann, die systematisch vorgehende Auslöserin aller bestialischen Roheits- und Äußerlichkeitsinstinkte der Kinder. Es stockt einem der Atem, der Herzschlag setzt aus, wenn man auf diese großen modernen Seelenmordungsinstitute zu sprechen kommt. Die Lehrer sind nicht mehr Künstler in ihrem Beruf, wie sie es in der Tat einmal waren: in jenen Tagen nämlich, da die Pädagogik noch ein ästhetisches Prinzip des experimentierenden Idealismus war – sie sind heute durch die Bank nur Handwerker , und selbst als solche oft genug nur armselige Dilettanten. Ich weiß recht gut, daß der Unterricht in den letzten Jahren, in der Armenschule wie auf dem Gymnasium, besonders in Sachsen, auch in Preußen und Bayern, um vieles ›realistischer‹ geworden ist; daß an die Stelle der abstrakten Doktrin sehr oft die kubische Anschauung getreten – indessen hat dieses Moment, dessen praktischen Wert ich gar nicht verkenne, das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler nur noch gelockert: der Herr Schulmeister, dem seine privaten Lebensinteressen immer über die sozialen Schulinteressen gehen, ist darob heidenfroh, daß er nun ein positives Objekt mit drastischer Nachdrücklichkeit zwischen sich und seine Zöglinge schieben kann – ein positives Objekt, auf dessen neutralem Boden sich beide, Lehrer und Schüler, ohne Gefahr begegnen können, d. h. ohne daß sich der Lehrer in die Gefahr zu begeben braucht, von seinen Schülern mehr als die Gewißheit: hat derselbe das Betreffende ›verstanden‹ oder nicht? erlangen zu müssen. Der Schüler ist geradezu das Opfer des Lehrers geworden, der sich den Teufel um das Innenleben der ihm anvertrauten jungen Menschenkinder kümmert. Gewiß! unsere Seminaristen und höheren Schulamtskandidaten werden auch ein klein wenig mit (vorzüglich Herbartscher) Psychologie traktiert – aber wenn die Herren nachher im Amte arbeiten, machen sie von ihrer ›psychologischen‹ Erfahrung in der Regel nur Gebrauch, um sie gegen den Schüler, zur hochnotpeinlichen Ahndung irgendeines Versehens oder gar eines ›Vergehens‹, anzuwenden. Die Psychologie ist wieder einmal die Waffe, der Giftstachel der kleinen Seele, die alles persönlich nimmt, geworden. Allerdings, die armen Menschen sind ja auch nur die beklagenswerten Opfer von Seminar und Universität –: Keiner hat jemals nach ihren individuellen psychischen Bedürfnissen gefragt; von Jugend auf sind sie innerhalb der kleinen, engen, luft- und schmucklosen Verhältnisse, in welchen sie – als diejenigen, welche sich dem höchsten und wichtigsten Berufe der Menschheit: der Erziehung des nachkommenden Geschlechts, widmen! – zumeist aufzuwachsen pflegen – sind sie also von derartigen Entwicklungsfaktoren zur Durchschnittsware zurechtgerückt und zurechtgezwickt worden; tausend- und abertausendmal haben sie sich bücken, erniedrigen, demütigen, haben sie hinunterschlucken müssen – und es darin mit der Zeit wirklich herrlich weit gebracht; mit Protektion und Stipendium sind sie endlich bis zum Brotlaib und bis zur Suppenterrine heran fortgezüchtet worden – und nun, da sie am Ziele: nun haben sie die ausmergelnde Schinderei aber gründlich satt; nun wollen sie sich ausruhen; nun wollen sie das Leben auf eigene Hand kennen lernen; nun wollen sie ihren kleinen Privatneigungen nachgehen; nun betrachten sie ihren ›Beruf‹ nur noch als Akzidens, als pekuniäre Lebensunterlage – ob einer Hilfslehrer an einer Volksschule oder Oberlehrer an einem Real-Gymnasium ist: ungefähr ein Fünftel des Jahres hat er Ferien – und das ist jedem der beiden die Hauptsache. Ich begreife nicht, warum der Staat die Schule nicht ganz in die Hände der freien Konkurrenz liefert – in die lüsternen Fangeisen dieser Konkurrenz, die er doch sonst als diejenige Produktionsform, welche alle Kräfte entbindet und den höchsten Grad der individuellen Leistungsfähigkeit erreichen läßt, auf allen Gebieten des gewerblichen Lebens legitimiert hat. Er erkennt ja den Schulmeister sonst ganz offen als Krämer und Gewerbetreibenden an, indem er ihm z. B. erlaubt, Pensionäre zu halten – was die Rekrutengänse für die Frau Feldwebel, das sind die Pensionatsenten für die Frau Lehrerin .. Wie ungeheuer demoralisierend dieser magistrale Pensionsunfug wirkt, weiß jeder, der selbst Gelegenheit gehabt hat, auf dem ›Pennal‹ das Verhältnis zwischen den Schülern, die bei einem Lehrer in Pension sind, und ihren Kameraden, die bei ihren Eltern oder in Privatpensionen wohnen, zu beobachten. Auch der Privatunterricht der Lehrer sollte vom Staate ein für allemal untersagt sein. Entweder kann der Staat seine Beamten genügend bezahlen – und dann bedürfen diese einer weiteren Aufbesserung ihrer sozialen Lebensbedingungen durch Heranziehen anderer Erwerbsquellen nicht, zumal sie ja auch noch Altersunterstützungsberechtigung haben – oder er ist nicht in der Lage, sie genügend zu honorieren – und dann hat er überhaupt, wenn ihm schon hier an diesem so überaus wichtigen Punkte der Jugenderziehung der Atem ausgeht, kein inneres Daseinsrecht. Die Gründe, warum ihm allerdings schon hier der Atem ausgehen muß : sie kennt man ja. Doch, ich vergesse eins: Der Staat legt ja, wenn die Zeit gekommen ist, selbst die letzte Hand an die Individuen, nachdem diese aus den Gefängniszellen der Schule, mehr oder weniger übel zugerichtet, auf das Leben losgelassen worden sind: der Unteroffizier, der Herr Leutnant und der Herr Hauptmann machen die schimpfierten Kreaturen sehr bald wieder mit ihrer Fuchtel zu Menschen , zu neuen Menschen. In die von den luetischen Giften einer Schulerziehung, die wesentlich äußerlich, formal, nackt-substanziell, atmosphärenlos gewesen, korrumpierten Seelenpartien des Individuums wird nun auch noch die Nadel des Militäridiotismus eingesenkt – nun ja, da darf man sich denn nicht mehr wundern, wenn das Gehirn unter schmerzhaften Zuckungen nur noch in mechanischen Reflexakten reagiert. Ein Haß gegen die Schule, ein heißer, fanatischer Haß, der vielleicht nur um so intensiver ist, je zurückhaltender er sein muß, knirscht in den Eingeweiden der ganzen letzten Generation, soweit diese, wie gesagt, nicht bis zu dem Grade vom Militäridiotismus verblödet ist, daß ihre einzige Moral nur noch in der Parademoral einer absoluten Uniform -Anbetung besteht, welche ›Religion‹ den Menschen dann eigentlich erst zur Gottähnlichkeit erhöbe ... Indessen, was verlieren wir noch ein Wort darüber! Wir sind ja militärisch ganz und gar durchseucht. Der Soldat hat die Konstituierung des ›Reiches‹ ermöglicht – und dann Millionen von Individuen erst zur Mündigkeit, zum Selbstbewußtsein entbunden. Es ist mithin nur natürlich, daß ein jeder seinen Dank dafür, daß er die Tarnkappe seiner seelischen Anonymität, vom Standpunkte des den Menschen erst wertenden Individualismus aus gesprochen, abwerfen durfte – wenn er also den Dank hierfür dadurch auszudrücken sucht, daß er sich alle Mühe gibt, das geheiligte Kleid der Zeit auch für seine Person tragen zu dürfen. Der Militarismus ist das allgemeine Symbol für den universalen Plebejismus unserer Zeit. Aristokratismus ist ästhetisch wiedergeborener Atavismus, also eine inhaltlich vollgesättigte Instinktwelt. In dem einen Brennpunkt unserer Zeit- und Kulturellipse pilzt sich das Parvenütum breit, die Emporkömmlingswirtschaft, von deren Gärung besonders das mittlere Bürgertum betroffen wird, das an sich schon, infolge der freien gewerblichen Konkurrenz, vollständig formlos, verworren, zersetzt, entstellt, verkrämert, raffiniert ist – die absolute Philistrosität: die Ventilationsphilosophie seines Lebens; der typische Ausdruck seines Ideals: der ersehnte und erstöhnte, nachher gleichgültig-leichtsinnig vergähnte Feierabend – der Sauerteig aber, welcher die latente Brutalität dieser Bewegung immer wieder zu ekstatischem Kampfe auslöst, ist die jüdische Schmarotzer-Konkurrenz, die Trichinose der semitischen Finanz mit ihrer Atmosphäre von Goldstaub und Knoblaucharom – ich gestatte übrigens Herrn Otto von Leixner z. B. und ähnlichen Krippensetzern der korrekten Borniertheit sehr gern, an dieser Stelle das ›Durcheinanderwirbeln der Bilder‹ und den ›gehäuften Gebrauch der Fremdwörter‹ zu... monieren. In dem anderen Ellipsenbrennpunkte aber flegelt sich der Plebejismus im bunten Tuch herum, wurmt sich das Ungeheuer von Privilegien und Vorurteilen aus, vermittelst dessen heute jeder einigermaßen gesunde Mensch, wenn er dazu nur noch über die gehörige Portion äußerer, pergamentlich anerkannter ›Bildung‹ verfügt, sich mit dem einen Beine im Dunstkreise des bürgerlichen Gesetzbuches, mit dem anderen Beine aber in jenem Bezirke aufhält, der direkt zum Verstoß gegen das Gesetz auffordert. Ein Landwehroffizier erhält seinen Abschied, weil er einen Arzt, der sein Betragen (in einem bestimmten Falle) taktlos genannt hat, nicht gefordert – weil er also den Arzt nicht zur Kollision mit dem Gesetze gereizt hat . Ich habe an sich gar nichts gegen derartige Experimente, sie sind ja auch ganz interessant, gewiß – aber interessant wie alles – Zweideutige ... Die Frage ist nur, ob man sotane Zweideutigkeit nicht lieber gleich öffentlich zugeben – sie geradezu, vielleicht in Form eines offiziellen Regierungserlasses, proklamieren solle?! Wäre das nicht besser? – Die totale Vermilitärisierung Deutschlands, jetzt einmal ganz abgesehen von den Verwüstungen, die sie in allgemein geistiger Beziehung anrichtet, muß die nationale Entwicklung noch in den Strudelkessel der schwersten Krisen stürzen. Welche Bedeutung hat übrigens nicht schon der verabschiedete Offizier für die Komplizierung der ›sozialen Frage‹, für die Vermehrung des geistigen Proletariats angenommen! Er, der überdies nur in den seltensten Fällen nicht siegt; er, der in der Regel seine Nebenbuhler schlägt, weil – nun, weil er eben einmal des Königs Rock getragen hat und häufig dazu noch über einen mehr oder weniger vornehmen Namen das Gebrauchsrecht besitzt. Die Frauen inszenieren ja alles. Und ... und die Busenschleife einer Frau z. B. vernestelt sich zu gern mit dem blankglatzigen Knopfe einer feschen Uniform, selbst wenn diese nur noch an Königsgeburtstagen getragen werden darf und bei sonstigen feierlichen Gelegenheiten, wo die patriotische Kosmetik mit der antiseptischen Wundwatte zur Linderung von Magerkeitsbeschwerden, mit Puderwolken und Bartwichse anzutanzen hat. In der Literatur hat meines Wissens zum ersten Male M. G. Conrad (in seinem Roman: ›Was die Isar rauscht‹) auf die soziale Gefahr hingewiesen, die in der Mitkonkurrenz des verabschiedeten Offiziers auf dem ganzen Erwerbs- und Arbeitsmarkte liegt – der Mann wird ebenso gern Lotteriekollekteur, wie Hagelversicherungsbeamter oder Gutsverwalter – am liebsten verbindet er sich natürlich auch jetzt noch mit einer vom ehernen Cohngesetz , mit der Tochter von Moses Breslauer oder Isidor Limburger ... Und das Militär unter jenem bewußten Strich, auf dem der Sekondeleutnant marschiert – die subalternen Chargen: sie erhalten nach einem halbidiotischen stumpfsinnigen abgesklavten Dienstpensum ihren berühmten Zivilversorgungsschein – und Staatsbehörden wie Stadtverwaltungen, Aktiengesellschaften wie Privathandelsgenossenschaften aller Art beeilen sich, diese gröbsten und rohesten Elemente der Bevölkerung, diese dressierte Sammlung linealisierter Rückgratspedanten, in Amt, Arbeit, Brot und womöglich auch noch in Pension zu nehmen. Ihre Kinder haben in allen Schulen die erste Anwartschaft auf Freistellen: diese geborenen Heloten werden allenthalben als a priori fügsames und brauchbares Material mit Vorliebe aufgenommen und bearbeitet – nun, auf deutschen Gymnasien und Realschulen gibt es ja manchen Herrn Magister, dessen Vater ein königstreuer Tages- Nachtwächter gewesen ist, gewöhnlich in der besonders lobesamen Luxusausgabe eines Unteroffiziers – von welcher Beschaffenheit des Vaters natürlich Gebein und Seele des Sohnes immer ein gut und saftig Teil vererbt bekommen haben. Feinere, empfindlichere Kindernaturen leiden und stöhnen oft jahrelang unter den pädagogischen Kolbenstößen dieser verrucht rohen Patrone – wie oft! wie oft verbluten sie sich nicht auf den Marterbänken der Schule! Reserve- Offizier, Unteroffizier, Schutzmann, Lockspitzel, Denunziant, Philister, Bureaukrat, Kathederprotz, Börsenjude: das sind die ›Helden‹ der Zeit – Plebejer und immer wieder Plebejer ! Allerdings, es mag sein: wenn die Kultur anfängt, das Fleisch und Fett der Korpulenz anzusetzen – daß sich dieser Prozeß dann nur im formalen Emporkömmlingsstile vollziehen kann. Börse, Zuchthaus, Kaserne, Kirche, Irrenanstalt: das ist die heilige Quintessenz der Zeit. Bücher liest keiner mehr, goutiert werden höchstens nur noch Sensations- und Skandalbroschüren, jedenfalls kurze, haarige, gepfefferte, möglichst persönliche ›Sachen‹ – die exakt-wissenschaftliche Fachliteratur verfällt nicht minder eher dem Eskurialismus einer Kritik a priori, als daß sie unbefangen studiert würde. Die Zeitung mit ihrem Chamäleonismus, mit ihrem schamlosen Halbweltsprogramm: ›Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen‹ – zu deutsch: ›Wer seine Reize zu arrangieren weiß, wird viele Liebhaber anlocken‹ – diese Zeitung saugt alles Interesse auf und befriedigt auch jedes Interesse. Vom Volke, von den Massen gehört , in der Tat ernst genommen wird nur noch der, welcher von der Tribüne des Parlaments aus spricht, ganz gleich, ob das Nullouvert seiner ›unsterblichen Seele‹ auch in das eiternde Fleisch des vernageltsten Parteimikrozephalismus eingewickelt ist. Überall trostlose Zerfahrenheit und Verworrenheit; ein beständiges und unstetes Leben auf der Straße, mindestens an den Fenstern; ein Verlangen, sich immer in Rudeln und Gruppen fortzurollen; ein vibrierender Cancan der gesellschaftlichen Auflösung und Zerklüftung, ein Nichtwissen, warum eigentlich das alles und wohin mit dem allen? – Ein ›Ideal‹ ist mobil gemacht, eben das des ›Reiches‹ – unwillkürlich schenkelt jeder seinen persönlichen Beziehungswinkel zu diesem Kreuz auf der Höhe – aber er findet den Boden nicht, in den er die Instrumente seiner schaffenden Persönlichkeit sicher einrammen könnte, er schwankt in seiner Lage, er kommt nicht zur Klärung und Läuterung, zum Selbstbewußtsein, zum in sich schöpferischen Individualismus – indessen, er paßt sich an, er berauscht sich und betäubt sich an Illusionen und Phantomen, er findet sich ab – und seine von Natur schwachen Instinkte – das Wesen des Plebejismus ist eben Instinktsschwäche und Instinktsdürftigkeit – sie sind schließlich auch ganz einverstanden damit, daß sie sehr bald wieder in die mechanisch-reflektorisch reagierenden Zonen des zweiten Unbewußtseins verdämmern dürfen, ohne daß sie mit besonders akuter Objektsfülle geladene Sphären des Bewußtseins zu passieren gebraucht. Der einzige Ehrgeiz, der von den ›Führern‹ des Volkes überhaupt noch an- und aufgerufen wird, ist der patriotische –: auf ihn sind Kriegervereine, Schützengilden, Studentenverbindungen gleichmäßig gestimmt. Vor lauter ›Treue zu Kaiser und Reich‹ kommen die Leute überhaupt nicht mehr dazu, sich selber treu zu sein, d. h. den Versuch zur Konstituierung von Perspektiven zu machen, welche sie über die Misere ihrer erbärmlichen Käsemilbenexistenz, ihres Eintagsfliegendaseins hinausführen. Diese verklemmten Verhältnisse züchten überall den Kellerschwamm einer halb bewußten, halb unbewußten, in gebrochenen Pulsen zuckenden Resignation groß – einer Resignation, der nichts anderes übrig bleibt, als sich schließlich als Selbstzweck zu fassen – das Cold-cream der Wahrheit, des Bewußtseins, der Entlarvung, der Ernüchterung entfernt die Schminke der Lüge und Selbstverblendung, nur damit diese Schminke nachher um so dicker und um so dreister aufgetragen werden kann. Dieser Sucht zur patriotischen Indiskretion gibt naturgemäß das junge Geschlecht am häufigsten und am – schreiendsten nach. Die Studenten, die Universitätsstudenten, genießen die Ehre, als die künftige Elite der Nation, auch hier voranmarschieren zu dürfen – in der Linken das Banner des Idealismus, in der Rechten das zweischneidige Schwert des Wissens und der Kritik – dieses Schwert, mit welchem sie die Festungen der Zukunft zu erstürmen gedenken. Kein Zweifel: sie werden sie erstürmen. Denn in der Tat: sie wissen viel – und dieser Umstand setzt sie in die Lage, auch mit dem sehr leicht und bequem fertig zu werden, was sie nicht wissen, natürlich in der Art, daß sie dasselbe ›kritisch‹, will sagen: in Grund und Boden abfällig beurteilen. Jede Wissenschaft wird mit jedem Tage mehr Fachwissenschaft, sie spezialisiert sich immer gründlicher – jede vereinzelte, in analytischer Mikroskopie gewonnene Tatsache wird von Stunde zu Stunde souveräner – es genügt, die einzelnen Fakta zu wissen – und wenn man sie synthetisch gruppiert und zusammenfaßt, so geschieht das nicht etwa zu dem Zwecke, sie einem höheren seelischen Bedürfnisse dienstbar zu machen; damit vielleicht dem Drange zu genügen, sich seine eigene, mit satter Individualität gespeiste, reich ausgestattete Weltanschauung zu schaffen – sondern es geschieht einzig und allein aus dem Grunde, weil die praktische Benutzung der wissenschaftlichen Ergebnisse ohne eine gewisse methodologische Synthese nicht möglich ist. Unsere Juristen, Mediziner, Historiker, Philologen, Experimentalpsychologen, Germanisten, Chemiker, Naturwissenschaftler, Techniker – sie alle arbeiten ungeheuer – wie denn auch in den Werkstätten unserer bildenden Künstler unglaublich ›geschanzt‹ wird –: die letzte internationale Münchener Kunstausstellung zeigte dem Auge beredt genug, mit welcher Inbrunst jede Hand auf ›künstlerische‹ Objektivationen erpicht ist. Ja, ich sage mit Absicht: jede Hand ! Denn geradezu mit beleidigender Deutlichkeit springt auf allen Gebieten der modernen ›Kunst‹ die Tendenz zum Kunststück hervor – auf der Bühne, auf der Leinwand, auf der Geige, auf dem Piano, auf den Blättern eines realistischen oder unrealistischen Romans dieselbe Virtuosenfexerei – überall dasselbe Bestreben, die mechanisch-reflektorischen Fähigkeiten des Menschen, den Maschinalismus seiner Fertigkeiten in der tadellosen, souverän-sicheren Benutzung des Handgelenks und der Arm-Muskulatur ins helle Licht einer allgemeinen Publikumsschau zu setzen ... Dem Künstler ist seine Kunst nicht mehr Zweck, ihre Darstellung, ihre Objektivierung nicht mehr Selbstzweck – sie ist ihm nur noch Mittel zum Zweck – zu dem Zwecke nämlich: mit ihr zu verblüffen , d. h. sotanes Publikum ergebenst darauf aufmerksam zu machen, wieviel ursprüngliches Talent das betreffende männliche und weibliche Wesen dafür besessen hat: ein kugelfingernder Jongleur, ein dressierter Pudel, ein trapezschlenkernder Clown, ein Schlangen- oder Kautschukmensch zu werden – und mit welchem Fleiße diese ebenso lobesamen wie ehrenwerten Anlagen ausgebildet und einexerziert worden sind! In dem Zeitalter der exakten Analyse ist das schlechterdings auch gar nicht anders möglich. Eine Individualität ist eine seltene Schicksalsspeise – und ein Arzt, der am Morgen eine Tracheotomie oder eine Abdominaloperation vorgenommen hat, geht abends ins Theater, ins Konzert, um sich zu zerstreuen, er ist ermüdet und verstimmt, er will die Härten seines Berufes vergessen – indessen, er ist ein Kind seiner Zeit: um Leidenschaften, Ideen, Probleme, um eine Charakterzeichnung der Menschen in großem Stile verstehen zu können – dazu fehlt ihm der geistige Inhalt, seine Seele bedarf keiner anderen, keiner neuen, keiner Komplementär-Welt – er, der Mensch ohne Vergangenheit, ohne Willensinstinkte, der Formalist, der moderne Emporkömmling, er ist ganz auf die korrekte Logik des empirischen Positivismus gestimmt – und er findet es nur über alles natürlich, wenn sich da oben auf der Bühne nicht die Kunst des Willens, die sich in den Ausstrahlungen einer reichen Intellektswelt verkörpert und wiedergebiert, sondern das Kunststück der Intelligenz in Szene setzt – das Kunststück der Intelligenz , dem gegenüber die Instrumente seines modernen Gewissens, die Messer und Pinzetten seiner berufsmäßig-technischen Kritik anzuwenden, er vollauf das Recht hat und vollauf die Gelegenheit dazu empfängt. Ja, die Internationalisierung des Handels; die Eröffnung des Weltmarktes; der ungeheure Fortschritt in der Maschinentechnik: sie haben uns ›moderne Geister‹ sehr intelligent gemacht, d. h. sie haben uns zu Flächennaturen auseinandergedrückt – eine Abhandlung über den Generationswechsel bei den Blattläusen ist uns interessanter geworden, als eine Beethovensche Symphonie, deren wir für unser Gemüts- und Gefühlsleben nicht mehr bedürfen .. die wir höchstens nur noch anhören, wenn wir die Garantie haben, daß die orchestralen ›Kräfte‹, welche sie ›exekutieren‹, eben – ›Virtuosen in ihrem Fache‹ sind .. Wir wollen die Virtuosen bewundern, wir wollen uns von ihnen verblüffen lassen, aber das Evangelium des Beethovenschen Genius ist uns unbequem; wir lehnen es ab, wir ›Positivisten‹, wir ›modernen‹ Arbeiter, wir Tatsachen-Fanatiker, wir Objekts-Anbeter, wir Krümelmikroskopiker, wir Analytiker mit einem Worte – wir begreifen nicht, wie einem die Darstellung und Vergegenständlichung seiner Gefühle und Stimmungen Kunstzweck sein kann; wir wissen nichts mehr von der Immanenz einer spontanen Gefühlsenergie; unsere Affektswelt wird nur noch von Reizen, die in jedem einzelnen Falle von bestimmten Objekten herkommen, ausgelöst; wir bedürfen beständiger peripherer Sollizitationen – uns ›rührt‹ und ›bewegt‹ nur noch eine statistische Rubrikenparade .. und eine technische Erfindung, deren praktischer Wert durch die Erteilung eines Patents anerkannt wird ..Ja! Das Patent ist in der Tat heute die Hauptsache – und nicht allein im technischen Leben: auch das Hofrats- und das Offizierspatent.. Auch unsere Kunst atmet im Korsett der Dressur, sie steht mit zusammengeschlagenen Fersen da, sie wartet beständig auf das Kommando: ›Präsentiert das Gewehr!‹ – zu deutsch: zeigt die sublimen Künste eurer fertigen Technik, eurer kritischen Intelligenz vor dem Publikum –: ihr Maler, haltet euch an ›realistische‹ Genrebilder und Stilleben, macht in Koloritstücken und Beleuchtungseffekten; ihr Poeten, tummelt den Viererzug der gereimten Ode und schildert bis aufs Tüpferl das Inventar einer Hotelküche; ihr Mimen, zerdröselt eure Rolle durch eine Armee peinlich herausspintisierter Privatnuancen, die euren Fleiß und die schneidige Dialektik eurer gesamten körperlichen Beredsamkeit aufs eindeutigste verkünden; ihr Musikanten und besonders ihr geliebten Musikantinnen, ihr gottgesegneten Pianösen, rast ein Konzert auf dem Blüthner herunter, und macht das verblüffte Publikum glauben: Meister Liszt, der gebenedeite Kirchenvater, wie ihn Nietzsche liebkost, hätte euch Auserkorenen allen mit dem kleinen Finger seiner großen Hand ein Tröpfchen kunstfürstliches Salböl auf die niedrige Stirn gespritzt... Hausmusik; Erbauung, Andacht in der Musik, Kunstpflege zu Hause: sie existieren nirgends mehr, höchstens nur noch in Kleinbürgerkreisen, hier und da in Subalternbeamten-Familien – indessen, es kann nicht anders sein: der gute Wille ist hier immer größer, denn das Können: die Mißgewächse des Dilettantismus sind unvermeidlich – hier, wo alles eng, beschränkt, befangen, leise und furchtsam auftretend ist; wo die Sonne nur dürftige Abstrichslinien hat: hier bleibt die Chlorose der verkümmerten Halbheit natürlicher Hausgast. Die ›Kunst‹ hat nach dem strammen Kommando-Jargon des Militärs parieren gelernt, sie ist nicht minder durch und durch plebejisch geworden. Ein Kunsthandwerk erlernt sich, ›bildlich‹ gesprochen, von heute auf morgen, eben ein intelligenter Mensch bemeistert sehr bald seine Griffe und Kniffe, sicher im Kreise der Vorbedingungen: nachher versteht sich die individual-technische Auflösung und Zusammensetzung der Atome zum Kunststück ganz von selber – allein die Kunst : sie verlangt Tradition ; eine breite, reiche, ererbte Instinktswelt , die sich in zwanglos ausströmenden, mühelos die Objekte umfassenden Intellekt umgesetzt hat; sie verlangt die Elemente einer Weltanschauung ; sie ist ein geistiges Imperium – und unsere Gesellschaft von heute ist eine Gesellschaft entbundener Flächennaturen und Einseelenmenschen, ein Verband von Formalisten – unsere junge Generation wächst fast auf der ganzen Linie ohne all und jede geistige Tradition auf. Es gibt Ausnahmen , ja – und diese Ausnahmen haben sich auch schon zu einem Typus als zu einem Ganzen, als zu einem überdies außerordentlich zeitcharakteristischen Ganzen zusammengeschlossen: von ihm werde ich nachher noch ausführlicher reden. Insofern die Vergangenheit nicht unmittelbar von den ›Klassikern‹ – ich meine jetzt von den ›Klassikern‹ aller Künste – vertreten wird, existiert sie für das Geschlecht, welches auf der Blutsaat von 1870-71 aufgewachsen ist, so gut wie gar nicht. Nie ist ein Bruch, eine geschichtliche Entwicklungswende radikaler gewesen, denn die, welche sich um die Angel des letzten deutsch-französischen Krieges gedreht hat! Und welche innerlich bedeutende Gefühls- und Gedankenwelt ist nicht z. B. nur in den Werken der Romantiker niedergelegt, dieser Vielverlästerten, die allerdings nur darum so vielverlästert sind, weil sie eigentlich noch niemals in ihrem Grundwillen verstanden worden! Welche Probleme; welches Gefühlsungestüm; welche Potenzfülle des Ichs; welche Steigerungsenergie der Individualität; welche Inbrunst; welche Hingegebenheit und Hingenommenheit; welcher Stolz; welche Unabhängigkeit, welche Selbstsicherheit; welcher Universalismus! Und heute? Nichts von allem. Dafür nur Exaktheit, Analytik, Positivismus; Konstatieren und Bilanzziehen; Herrschaft des Kunststücks – die Sphärenmusik ist zum Sporengezwitscher herabgedämpft... die Erbschaft der Romantik hat kaum ein Dutzend unbeiläufiger Geister angetreten. Sonst – ganz einfach: man arbeitet. Man ist kühl genug geworden, um arbeiten zu können, um nur arbeiten zu können. Man besitzt die innere Bürgschaft, daß einem die mit Recht so übel beleumundete Ideologie nicht plötzlich mit der Frage auf den Leib rücken wird –: liebes, Individuum, Hand aufs Herz – genügt dir denn eigentlich auch, befriedigt dich denn eigentlich auch dieser Kult der Statistik; diese differenzierende Mikroskopie des Objekts; diese Apotheose sans phrase des Mikrokosmos? Eben, man ist Atheist geworden, wie ich schon oben vermeldete – man fragt nicht mehr: warum und woher? – man fragt nur noch: wozu und wofür? ›Arbeitet‹ man etwa aus einem Katzenjammer heraus, aus einem Gefühl der Scham und der Entrüstung darüber, daß es die Ideologie ›zu so gar nichts gebracht hat‹ –? ›Ideologe‹ ist heute beinahe ein Schimpfwort geworden. Und die Herren mit dem krachledernen Enthusiasmus für die neutrale Arbeit, für die ›objektive, temperamentslose‹ Wissenschaft? Ich fürchte: sie wissen im Grunde recht wenig von einem kubisch erschöpften Seelenleben; sie sind eigentlich nur Tröpfe der Borniertheit; sie machen zusammen eine ganze Tropf steinhöhle von Bidimensionalismus aus; sie haben geradezu ein Produktionskartell geschlossen, um mit Herrn Professor Lujo Brentano zu reden, indessen nur ein Produktionskartell der Beschränktheit – ich fürchte: sie sind nur die untertänigsten und gehorsamsten Prokuristen zweier Damen, die es vorzüglich verstehen, Chef zu spielen, die also vorzüglich zu – be .. cheftigen wissen –: der einen Dame, die sich allgemeine Konkurrenz auf dem Arbeits- und Erwerbsmarkte nennt – ... und der anderen Dame, so da allerabgründigste Geistesarmut heißt... Ich fürchte: die Herren (aus Galanterie sei es zugestanden: es befinden sich in der Tat auch Damen in dieser ... gemischten Gesellschaft...) – also sowohl die einen wie die anderen sind einfach unfähig zur Ideologie – und darum haben sie folgerichtig die Arbeit zum Stich- und Schlagwort der Zeit erhoben ... Eines greift ja ins andere, und alles bedingt sich gegenseitig, natürlich. Es ist nur eine Reaktion – soll ich etwa sagen: eine Erwiderung? – auf den ›Geist der Zeit‹, wenn heute Millionen mit aufgekrempelten Hemdsärmeln auf den Peripheriegefilden der Form herumwuseln, auf den Epidermen der objektiven Erscheinung, welche allein als solche, als analytisch gewonnenes Ergebnis, verstanden wird. Die Geburt aber jenes ›Geistes der Zeit‹ war auch nur durch bestimmt geordnete Bedingungen vorbereitet – ihre letzten Gründe liegen in der Geschichtsentwicklung Preußens beschlossen, welche Entwicklung, wie ich schon oben bemerkte, sich nur in der engsten, unmittelbarsten Anlehnung an die primitivsten Unterlagen des Lebens vollzog – an diese primitivsten Unterlagen, welche darum eben die äußerlich fruchtbarsten und die größte äußere Existenzdauer versprechenden sind. Hier ist alles unendlich nüchtern, aber auch alles unendlich solid. Wer weiß, was aus Bismarck geworden wäre – es hat eben auch einmal einen jungen , mit dämonischen Instinkten ausgestatteten Bismarck gegeben! – wenn er von einem süddeutschen Punkte aus die Dampfkraft seines Genies auf den Triebkolben der deutschen Nationalgestaltung hätte ausströmen lassen müssen – wer weiß, was da aus dem ›Reiche‹ geworden wäre! Indessen, Bismarck operierte von Berlin aus – und er wurde der große politische Realist. Preußen , dem in weiterer, tieferer geistiger Beziehung traditionsärmsten Staate Deutschlands, verdankt das Reich sein soziales Nivellement , seine offizielle Herrschaft des Plebejismus . Die zur Autokratie erhobene Arbeit ; der den Einzelmenschen hinreichend legitimierende Fleiß – seine Synonyma; verbissene Geduld; zähe Energie; vollständiger Nihilismus in puncto Ehre und Gewissen; seine Werkzeuge: List, Schlauheit, Strebertum, Charakterlosigkeit, Gewinnsucht, Besitzwut, niedrigster Amüsementtrieb – Arbeit also und Fleiß , beide Zweck und Mittel in einem: sie haben die ungeheure geistige Armseligkeit unserer Tage auf dem Gewissen. So haarsträubend stumpfsinnig und gleichgültig allen höheren geistigen Interessen gegenüber ist kein anderes Kulturvolk. Ich gestehe sehr gern zu: unsere Vertretung nach außen, vorzüglich unsere Vertretung mit dem Instrumente der Marine , sie hat etwas Frisches, Jugendliches, Bestimmtes, drollig Selbstbewußtes, naiv Keckes, siegfriedshaft Tölpelndes, backfischig Drauflosexperimentierendes. Nun ja, aber uns Reichsbinnenleute geht es doch erst in zweiter Linie etwas an, ob die Visitenkarten, welche wir abgeben lassen, aus Glacé-Karton oder aus Elfenbein-Karton gefertigt sind ... Wir sind uns selber die Nächsten, wir bleiben es. Ich weiß ferner recht gut, daß das geistige Leben in Deutschland, im engeren Sinne das Interesse für Kunst und Philosophie, immer nur von kleineren Kreisen und Gruppen, von Zirkeln und Konventikeln, von schmalen Adern und Flötzen, oft geradezu nur von exklusiven Koterien getragen und dargestellt wurde. Der Germane ist im Ganzen , eben als Phänomenalist, künstlerischer, kontemplativer, darum genügt ihm eben das Leben an sich schon in ganz anderem Maße, als es z. B. dem Franzosen mit seiner keltisch-fränkischen Elastizität genügt ... Der Deutsche ist hingebender, d. h. stumpfsinniger, träger, beharrlicher, schwerfälliger, philiströser – der Franzose beweglicher, vibrierender, flackernder ... Welche Massen von Gedankenmaterie; welche Fülle von Problemstoff hat Frankreich z. B. nicht schon in dem kleinen Zeitraume von der großen Revolution bis zu den Juli-Experimenten 1830 in geistige Leuchtkraft umgesetzt! Man ist ein um das andere Mal verblüfft, wenn man die Psychologie dieser Kapitel der französischen Kulturgeschichte eingehender studiert. Es liegt ja schließlich nur dem Philister am Herzen, sein Leben, dessen Gegenwart er beständig an die Zukunft verrät, so auszuschlachten, daß ihm die lumpigen Kartenhäuser, welche sein kleiner, beschränkter Werkeltagssinn aufgebaut hat, freie Wohnung und eine bestimmte, sein Alter sichernde Jahresrente eintragen. Der Deutsche ist im Grunde – sein feuchtes, verbittertes Nebelklima trägt sehr viel Schuld daran – eine verkrümmte Krämerseele – wie schön und überzeugend haben das z. B. Gustav Freytag und Julian Schmidt dargestellt! – sein Enthusiasmus ist ein Flaschenzug, der immer nur in bestimmten Fällen angebracht und benutzt wird: wenn ein durchaus praktischer Zweck erreicht werden soll, und kein anderes, bequemeres Mittel mehr anschlägt – der Deutsche ist ein ewiger Leibeigener, ein aufgezogener Beamtensklave, der beständig der Peitschenwinke ›von oben‹ gewärtig ist – und sollten sotane Winke noch so lüstern nach blutigen Hautfetzen schielen ... Kein Wunder, daß im großen Heilsjahre, das sich so prachtvoll zum Gegenpol von 48 auslebte, ein Heer von Sklaven entbunden wurde – von Sklaven, die es nun für ihre Pflicht hielten, sich ›fühlen‹ zu lernen, d.h. anzufangen, verschämt zu nörgeln, dilettantisch aufzumucken – die Atome der Sprachmuskulatur, welche auf die Mundart der gehorsamsten Fürsten- und Pfaffenknechte gestimmt waren, für den Gebrauch des Plebejerjargons umzulagern, ›bildlich‹ gesprochen ... Nun protzt sich der Plebejer als Gesundheitsbramarbas auf: besonders in den letzten Jahren hat sich, hauptsächlich unter den studentischen, literarisch, künstlerisch, philosophisch angesäuselten Halbwüchsigen, eine bedenkliche Strömung ordinärster, wohlfeilster ›Gesundheits‹-Fexerei breit gemacht, die geradezu in eine Verherrlichung des Idiotismus ausartet – wir passieren jetzt gerade einen Meteoritenschwarm von Gewöhnlichkeiten und Selbstverständlichkeiten, die verhängnisvoll für uns werden können, wenn sie sich länger in unserer geistigen Atmosphäre aufhalten ... Der deutsche Student , oder sage ich präziser: der auf einer höheren deutschen Bildungsstätte zu einem weiteren, intensiveren Geistesleben erzogene, vorbereitete, abgerichtete Jüngling, welchem ich oben das Lob nachsprach, daß er in einer bestimmten Phase seiner Entwicklung, eben in seiner Pubertativ-Periode, wo die Instinkte seines Willens nach Objekten hungern, an denen sie sich auslösen und in Intellekt umsetzen können – daß er dann eines gewissen Idealismus fähig sei: er genießt seine Flitterwochen der Ideologie , welche sich in einzelnen Fällen sogar auf ein, zwei Semester ausdehen können – wird aber dann – es ist allerdings auch höchste Zeit! – schleunigst praktisch, wird praktischer Ehemann, d. h. er bemüht sich, mit seinen geistigen Fähigkeiten das zu erreichen, was schlechterdings eben zu erreichen ist: Amt, Anerkennung, Ehre, Brot – man sieht es: ein Etwas, das wirklichen positiven Wert besitzt. Das ist der gewöhnliche Verlauf, der alltägliche Prozeß. Die meisten derer, die sich einmal angeschickt haben, ihr Leben freier, souveräner, mehr vom Standpunkte eines experimentierenden Idealismus aus aufzufassen; mehr auf die Pflege einer höchsten Geistigkeit, welche die Fermente einer Weltanschauung erbringt, bedacht zu sein: sie werden Renegaten, sie fallen mit dem dritten, vierten, oft schon mit dem zweiten Semester ab – von den geborenen Renegaten, die als miserabelstes, von erniedrigenden Stipendien in die Höhe, bis vor die Tore der Universität gepeitschtes, infolge dürftigster Naturanlage und empörender Schulmalträtierung jeder allgemeineren geistigen Spannung entbehrendes Menschenmaterial an ihren Studien nur mit den Saugwarzen ihres Brotergierungsrüssels hängen: von ihnen spreche ich hier nicht – also jene, ein klein wenig edleren, ein klein wenig geistig besser weggekommenen Elemente werden auch sehr bald untreu, sie ›beschränken‹ sich, sie widmen sich einem bestimmten Berufe, nicht ihretwillen, sondern nur des Berufes selber und der äußeren Vorteile willen, die er abwirft ... sie verfallen sehr bald einer kleinen, soliden, viereckigen ›fixen Idee‹, während wir anderen – indessen, wir haben uns ja auch nur einer ›fixen Idee‹ verschrieben: davon nachher im besonderen Zusammenhange ein weiteres. Den vier, fünf Schülertypen , die sich auf jeder höheren Schule in Deutschland nachweisen lassen – ihr entsprechen ungefähr zehn bis zwölf Lehrertypen , auf welche ich in einem Abschnitte meines Buches › Auf der Schwelle, Beiträge zu einer modernen Problematologie ‹ näher eingehe – also diesen vier bis fünf Schülertypen – ich skizziere sie kurz: der mäßig oder gar nicht Begabte, aber sehr Fleißige, sich Zerreibende, sich Tothetzende; der Unbegabte, zugleich Stumpfsinnige, Gleichgültige, Störrische; der Begabte, aber Faule, Leichtsinnige, Windhundige; der mäßig Beanlagte, zugleich solid, sicher, mit korrekten Durchschnittsleistungen Arbeitende; der Problematische – also noch einmal: diesen Schülertypen entsprechen wiederum ungefähr ebensoviel Studententypen – ›Student‹ hier im weiteren Sinne gefaßt, also alles, was Akademien, Polytechniken, Lyzeen usw. besucht, mit hineinbezogen. Die ›schneidigeren‹ Elemente unter der Studentenschaft wissen natürlich, sobald sie als ›muli‹ ihre Metamorphosenepoche glücklich verbüßt, d. h. sobald sie von dem ungeheuren Schuldruck, der jahrelang auf ihnen gelegen und unter dem auch der Stumpfeste gelitten hat, in der Form einer gewöhnlich mit dem auserlesensten Ungeschmack begangenen Extravaganzen aufgeatmet haben – sie wissen nachher, dann, wenn sie eben an den Brüsten der heiligen Alma mater noch recht ungebärdig herumstrampeln, nichts eifriger zu vollführen, als in irgendeine Verbindung, eine Landsmannschaft, in irgendein Korps ›einzuspringen‹ – und damit sind denn zwei Dritteln ihrer Studienzeit unverrückbar Ziel und Inhalt gegeben. Hörsaal, Kneipe und die mehr oder weniger ergiebige Dekolletage der Kellnerin, der Konfektioneuse und ähnlicher Freidenkerinnen: diese drei Momente stellen fortan die Eckpunkte dar, durch welche das Universitätsdreieck dieser Herren festgelegt wird ... Von der Niedrigkeit des Allgemeinbildungsniveaus, mit dem sich der deutsche Korporationsstudent begnügt, kann man sich schlechterdings keine zu hohe Vorstellung machen. Wie mancher Ausländer hat mir gegenüber die Arme über dem Kopfe zusammengeschlagen, wenn ich ihm Gelegenheit bot, Pegelbeobachtungen in dieser Hinsicht anzustellen! Skat, Weiber, Mensuren, Fackelzüge, Droschkenbummel, tüchtig abgesalamanderter Patriotismus – – mit dem sechsten, siebenten Semester das ›Spezialfach‹ des Herrn, sintemalen die Haare anfangen ›auszugehen‹, und die vorschriftsmäßige Glatze des Examinanden mit ihren Silberlingen kein Verstecken mehr spielen will: das sind die ›Ideale‹ dieser Burschen, will sagen: ihre trivialen Plebejerleitmotive, mit deren Klöppel sie die Glocke ihrer Jugend ein- und ausläuten – und wie feudal stolz sind sie nachher noch als ›alte Herren‹ auf den Appetit, mit welchem sie sotane Leibgerichte vorzeiten der Dialektik ihrer Eingeweide überlassen! Und nun sehe man sich nur einmal aufmerksam die Gesichter dieser Menschen an – dieser Kerle, für welche ihr Leibschneider direkt der Pedell jenes Gottes ist, der gerade gegen sie so unbändig gnädig gewesen, der gerade auf sie die ganze Truhe seiner Huld ausgeschüttet hat, auf daß gerade sie es vermöchten, mit tausend wertlosen Äußerlichkeiten, mit Modelügen und eingedrillter Gesellschaftssalbaderei die ›Elite der Nation‹ zu repräsentieren! Ich habe nirgends, nirgends so häßliche, geistlose, blödsinnige, langweilige, verschlampampte Fratzen gesehen, wie unter den deutschen Couleurstudenten – der Rückschlag in die Tierphysiognomie ist nirgends häufiger denn hier. Und solch ein Troddel, solch ein Kretin und Idiot wirft sich mit Elan zum offiziellen Sonntagsbummel in die Droschke und grinst verächtlich auf den ›Proletarier‹ herab – auf diesen Proletarier, der am Wege steht, arm, verbittert, zukunftslos, verzweifelnd; der sich von den Karossen der ›Großen dieser Welt‹ über und über mit Kot und Straßendreck bespritzen lassen muß ... und aus Zorn, aus Wut darüber, daß er die Kräfte seines Geistes, die in der Regel tausendmal stärker und ursprünglicher sind, als die jener Harlekine mit der Faschingskappe, der Krötenvisage und der konstanten zungenschnalzenden Unterleibslüsternheit und sexuellen Gefräßigkeit, daß er sie unausgebildet absterben lassen muß; daß er nicht einmal die gröbste Arbeit für seine Armmuskeln findet – ich sage: und aus Wut über solche abscheulichen Ungerechtigkeiten des Lebens die Faust nur in der Tasche ballen darf, wenn er nicht riskieren will, daß ihn der erste beste ›Schutzmann‹ ›arretiert‹, wie sich die Polizei so anheimelnd ausdrückt ... Den größeren Teil der deutschen Verbindungsstudenten geben die Juristen ab, nur kleinere Bestandteile setzen sich aus Medizinern, die vorwiegend Burschenschafter sind, und Philologen zusammen. Nun, wie in Deutschland das heilige Jus studiert wird, das weiß man ja. Wovon sollten die jüngeren Universitätslehrer, die juristischen Privatdozenten, auch leben, wenn ihnen nicht Semester für Semester eine bestimmte Zucht von Rechtskandidaten, die zum ›Referendar‹; von Referendaren, die zum ›Assessor‹ eingepaukt sein wollen, in die Hürde getrieben würde! Es ist gewiß: nirgends sind sie paragraphenklaubriger, als in Deutschland – nirgends ist das Urteilsprechen mehr Geschäft als in Deutschland. Ein armer Teufel, um irgendeinen imaginären Fall zu setzen, wandert von dem einen Ende Deutschlands nach dem anderen Ende aus, weil er hier Arbeit zu finden hofft – er, der selbst manche Wegesspanne per pedes kleinkriegen muß, sintemalen ihm das notdürftigste Reisegeld mangelt, kann natürlich seine Familie nicht mitnehmen auf seine Elendswallfahrt. Und nun ist er endlich am Ziele, er findet auch Arbeit, – gewöhnlich ist es dazu noch die bewußte Arbeit, die zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig abwirft – indessen, er hat schließlich auch wieder einmal geschlechtliche Bedürfnisse. Ein Weib, das ihm ›so‹ gefällig wäre, findet er aus diesen oder jenen Gründen nicht – eine privilegierte ›Horizontale‹ kann er nicht bezahlen – – schließlich ›verheiratet‹ er sich wieder, es bleibt ihm absolut nichts weiter übrig, wenn er nicht infolge sexueller Enthaltsamkeit eben total blödsinnig werden will! Natürlich, nunmehro wird er wegen Bigamie auf die Anklagebank spediert – gewiß mit Recht, formal ganz mit Recht – denn sonst – man kennt den Refrain: die Angst vor der Bestie! Zwei, drei Jahre Zuchthaus werden beantragt – der p.p. §171 erlaubt fünf, wenn es sein muß. Der ›Pascha‹ – ich wette: zu einem solchen avanciert der ›arme Sünder‹ sofort in der ›Metamoral‹ des Richters – kommt mit – sagen wir anderthalb Jahr Gefängnis davon. Er ist eigentlich sehr froh, denn für diese Zeit ist er ja nun versorgt. Ich meine: sechs Wochen Haft – doch hier hört eben die Gemütlichkeit auf. Die Herren Richter sind famos konsolidierte Familienväter und haben in der Tat gewöhnlich nur eine Frau: natürlich jeder von ihnen privatim, denn Polyandrie wäre ja ebenso verboten, wie Polygamie. Immerhin soll es manchmal vorkommen, daß – doch darum hört hier eben die Gemütlichkeit auf ... Die Mätresse liegt in einem anderen Bett. – Eine Frau verliert endlich die Geduld und schießt den Verleumder ihrer Ehre, den Halunken, der sie jahrelang verfolgt hat, nieder, um sich vor ihm zu retten, um sich an ihm zu rächen – sie wird freigesprochen, wie es für das gesunde Gerechtigkeitsgefühl ganz selbstverständlich ist: allerdings in Frankreich ! Ganz Deutschland schreit über die bodenlose Unmoralität, von der Frankreich offenbar ›durchseucht‹ ist! Ja! wo fände sich auch in Deutschland das Weib, das den Mut zu einer solchen Tat besäße! Wo fände sich auch in Deutschland der Richter, der eine solche Tat in tiefem Nachgefühl verstände , der sie wenigstens psychologisch begriffe ! Da verleumdet man die Spontaneität des Franzosen und poussiert seine lange Philisterpfeife, aus welcher sich allerdings das Verständnis für solche Gefühle, solche Leidenschaften, solche Seelenkatastrophen nicht heraussaugen läßt! Anstatt, daß ein Gesetz mit der Definition eines Menschen anhöbe, der das Prädikat ›Schuft‹ oder ›Lump‹ usw. verdient, und sodann fortführe: wer ein nachweisbar so beschaffenes Individuum nicht wahrheitsgemäß tituliert, wird mit usw. – nicht unter usw. bestraft: statt dessen benutzt das Gesetz den Umstand, daß eine Handlung je nach der individuellen Auffassung milder oder härter beurteilt werden kann – es rechnet also im Prinzip sowohl mehr mit einer phlegmatischen, gleichgültigeren Voranlage, wie mit einem im Durchschnitt schlechter entwickelten Gerechtigkeitsgefühl! – und schützt den gerecht, wahrheitsgemäß gekennzeichneten schließlich ganz ebenso, wie den ungerecht Beleidigten – jedenfalls nur, wie es scheint, um mit dem Himmel in guten Beziehungen zu bleiben, sintemalen dieser bekanntlich ja auch seinen Regen auf Gerechte und Ungerechte darniedergeußt ... Aber nehmen wir nur die Gesetzeskristalle so, wie sie zum Strafgesetzbuch vereinigt sind: der individuellen Entscheidung des Richters ist doch immerhin noch ein gewisser Spielraum gelassen ... und es wird in den einzelnen Fällen ganz von den Impulsen, die er von seinem psychologischen Verständnisse für den inneren Kausalzusammenhang einer vorliegenden Materie empfängt, abhängen, ob er gerechter oder ungerechter urteilt – vom psychologischen Standpunkte aus gesprochen ... Indessen, es wäre eben – ungerecht genug, wollte man von einem Menschen, der in der Regel zum juristischen Studium gekommen ist, wie die Magd zum Kinde: er weiß nicht, wie; der drei Viertel seiner Universitätszeit hindurch nur in Reichstreue, Biertreue, Skattreue und in Weiberuntreue gemacht hat; der sich schließlich nur per Klystierspritze durch die Prüfungen hindurchgefressen hat – durch diese Examina, in welchen von ihm nur formales Wissen, und ein gewisser Sinn für die formale Rechtspraxis, für die Griffe und Kniffe im Handwerk verlangt wird, beileibe aber kein psychologisches Feingefühl ; keine souverän über dem Leben stehende, zugleich aber das Leben mit warmer, innerer, künstlerischer Teilnahme umfassende Weltanschauung – es wäre mehr als ungerecht, sage ich, wenn man von einem solchen Individuum beanspruchen wollte, daß es nachher im Amte mehr als ein Formalist, mehr als ein dressierter Paragraphenkletterer wäre! – Aus den mittleren Volksschichten, aus dem kleineren Bürgertum wird ebenso eine ganz stattliche Anzahl junger Menschenexemplare zum juristischen Studium hindurchgedrückt. Diese Herren Söhne, in der Regel von Natur sehr schlau, pfiffig, spitzfindig, intelligent, mit der ganzen versteckten und verstockten Krämergeriebenheit ihrer Eltern ausgestattet: sie werden zumeist Rechtsanwälte – wie oft habe ich es, besonders in Sachsen, von den Lippen eines braven Bürgermannes kommen hören: ›der Junge soll Advokat werden – die verdienen doch das meiste Geld, die Kerls –‹ .. Es ist notorisch, daß sich der ausübende Richterstand zu 75 Prozent aus dem Ausschusse der juristisch Gebildeten rekrutiert – wem es seine bewußten Mittel, zunächst materieller, indessen zuweilen auch geistiger Natur, erlauben, der bemüht sich, in die Diplomatenlaufbahn einzutreten, früher oder später Verwaltungsbeamter zu werden oder – er zieht es unter Umständen sogar vor, es mit der Universitätslehrerkarriere zu versuchen. Und wie viele weiter studieren nur deshalb Jura, weil sie gleichsam schon in der Wiege die Anwartschaft auf einen leitenden Posten im Privatdienst erhalten haben! Bei unseren Privatbankinstituten, Aktiengesellschaften, Versicherungsgesellschaften, Stadtverwaltungen –: es wird ja hier allenthalben nur ›geschoben‹, nach Noten geschoben – und zwar nach denjenigen Noten, in welchen die Musik der kapitalistischen Cliquenprotektion gesetzt ist! Man mag hinkommen, wohin man will: in jedem Provinzialnest ebensogut wie in jeder Residenzstadt findet man einen kleineren oder größeren Hof, ein Industrie- und Beamtenpatriziat – und herum um diesen Mittelpunkt summt und schweift und wedelt ein Riesenschwarm von Erfolgsstrebern und Stellenjägern, die hier um jeden Preis in der einen oder anderen Form ihr ›Glück‹ machen wollen. Allerdings, zur Ehre der juristischen Fakultät sei es gesagt: auch sie weigert sich nicht, einen und zwar einen gar nicht so geringen Beitrag zu jener Legion der modernen ›Unzufriedenen‹ zu stellen, welche – doch davon eben nachher im Zusammenhange mehr. Aber ich wollte oben psychologische Studententypen zeichnen – und ich bin in die Nesselquartiere der einzelnen Lehrkörper hineingeraten. Der Übergang ist hier, wie allenthalben, ebenso gezwungen wie zwanglos. Wiegt im Leben des Juristen das Moment der äußeren Repräsentanz über, so im Leben des Mediziners das der soliden, einträglichen Praxis. Der Jurist: talmudisch-formal-spekulativ, der Arzt analytisch-exakt. Dort das achselzuckend weltmännisch-philiströse Auftreten der Exekutivgewalt; hier der rauhbeinige Positivismus der einzelnen Tatsache gegenüber. Dort die Diagnose des Pathos, des Ressentiment, im Vergeltungsstile des Plebejers; hier die Diagnose der Brutalität, dressierter, formulierter Bestialismus, dazu eine Unze höhnischer Nasenstüberei: es ist ja doch alles nur Maschine, Handwerk, Präparat – Messeraffäre und toxikologisches Experiment, Palliativphilosophie, Desintegration und Reintegration. – Wer wollte es nicht berücksichtigen: die Medizin ist heute, was exaktes Wissen und Anwendung des Wissens, Anwendung der Methoden usw. betrifft, ein sehr schweres, schwieriges, kompliziertes Studium, es erfordert die angestrengteste, konsequenteste, mannigfaltigste Arbeit – der Stoff schwillt immer mehr an, der Spezialismus wird immer entschiedener, der Staat verlangt eine immer höhere Anzahl von Studiensemestern. Wenn die Herren aus den Laboratorien, Anatomien, Krankenhäusern, Kliniken kommen, so sehnen sie sich, wenn sie gerade nur zwei sind, nach dem bewußten dritten Mann das Herz aus dem Leibe – und wenn sie wirklich drei sind, was sich Gott sei Dank! in der Regel begibt, dann rettet kein Teufel den armen Skat mehr vor dem Gedroschenwerden. Feinere, ein klein wenig edlere Elemente, besuchen öfter Konzert und Theater, natürlich nur um sich zu zerstreuen, sich abzulenken, sich zu erholen. In tieferem Sinne psychische Bedürfnisse sind ihnen total fremd. Wenn sie wirklich noch ein Tröpfchen Idealismus, kosmologischer Schwärmerei von der Schule mitgebracht hatten, so ist das über den Experimentierflammen des Laboratoriums schon im ersten Semester verdampft. Die innere Starrheit, Unbeweglichkeit, Unmündigkeit, Gleichgültigkeit des Mediziners allen geistigen Materien gegenüber, auf welche er nicht unmittelbar durch den pneumatischen Druck seines Fachstudiums hingepreßt wird, sie läßt sich überhaupt nur mit der Borniertheit des Malers und Musikers vergleichen, welche beiden Artistenspezies bekanntlich das abgründigst Klassische in puncto Dummheit und Berufsverranntheit leisten. Man weiß, daß sich ein Lenbach mit seiner Ignoranz noch brüstet! Ein Wagner ist von seinen nächsten ›Kollegen‹, von den ›einfachen‹ Musikern, in seiner Totalität im Grunde niemals begriffen worden! Mit einer unendlichen Verachtung sieht der jüngere Nachwuchs unserer Mediziner und Naturwissenschaftler auf die ältere Generation herab, der sie doch alles: Materie, Methode, Pioniervorarbeit, Bahn, Wegweiser usw., erst verdankt. Nach dem Geschmacke, dem Bedürfnisse dieses mikrozephalen Nachwuchses, der nur die Polizeilisten des Positivismus und das Scheidewasser der Kritik kennt, haftet den Vertretern des älteren Geschlechts noch viel zuviel Ideologie, Synthese, Metaphysik, Weltanschauung, individueller Personalismus an. Wie oft ist es Haeckel , diesem großen Synthetiker, der insofern eine unglückliche Natur ist, als seine ursprünglich sehr starken rein philosophischen Anlagen niemals recht zur Ausbildung gekommen sind – er behilft sich notdürftig mit Spinoza – ich sage: wie oft ist es dem passiert, daß seine eigenen Schüler ihm ›Unwissenschaftlichkeit‹ vorgeworfen! Warum? Eben, weil er seiner Neigung zur Synthese, zur zusammenfassenden Spekulation, zur problematischem Hypothese, zur künstlerischen Gruppierung der Tatsachen und Ergebnisse hier und da nur zu unverhohlen ›gefrönt‹ habe! Ähnlich ist es Wundt ergangen. Man mag über diesen Kathederobelisken im übrigen denken, wie man will: das Zeug zu einem echten und ganzen Philosophen – und ein echter und ganzer Philosoph hat mit dem echten Künstler die Kraft zur Synthese gemeinsam! – fehlt ihm nicht ganz – er ist im Physiker und Psychophysiologen nicht steckengeblieben: er ist bis zum Metaphysiker und neuerdings sogar bis zum konstituierenden Systematiker vorgedrungen, durchgedrungen. Kein Zweifel: den meisten Wissenschaftlern aus der jungen Generation ist ein derartiger breiter Fortentwicklungsprozeß vollkommen unmöglich. Im Gegenteil: sie verengen sich immer mehr – und es ist nicht im geringsten verwunderungswürdig, wenn es solch ein Beobachtungsfex eines Tages für seine Lebensaufgabe erkennt, fortan z. B. nur noch Experimente behufs Fixierung der Unterschiede zwischen den einzelnen molekularen Reaktionszeiten bei so und so intensiven Reizungen der verschiedenen Sinnesnerven anzustellen – die Aufgabe wäre für die Psychophysiologie dazu immerhin noch wertvoll: die Forscherphantasie unserer Medusenschlitzer und Siphonophorenkitzler geht indessen mit noch ganz anderen wissenschaftlichen Problemen und Interessen schwanger! Diese ›Geister‹, diese Fanatiker muß man wirklich einmal unter dem Mikroskope der psychologischen Prüfung zu näheren Entschleierungen und Selbsterklärungen gezwungen haben! Da kommen nette Geständnisse heraus! Da lernt man nette ›Ideale‹ kennen! Ich unterschätze den wissenschaftlichen Wert derartiger Studien und Bemühungen keineswegs. Ich meine nur, daß dieser Wert ein sehr bedingter , ein sehr formaler ist. Schließlich sind wir Menschen, so sehr wir auch noch in der Gestalt einer feschen Vorliebe für äffentliche Charaktere an unserer planetarischen Vergangenheit hängen, doch nur unsretwegen auf der Welt und nicht der materiellen Objekte halber, welch reichen Anteil diese auch an unserer psychophysiologischen Entwicklung haben mögen ... Ist auch jeder von uns am letzten Ende wieder allein; muß jeder selbst mit sich selber fertig zu werden suchen; gibt es in der Zone des Bewußtseins zwischen zwei Individuen im letzten Grunde keine Verständigung; existieren nur gewisse unbewußte Sympathien – und mag man diese nun à la Mesmer auf Gasinfluenzen oder auf jeweilig gleichartige und gleichstarke Molekularschwingungen oder auf Vibrationen verwandter magnetischer Atmosphären gegründet erklären – es ist egal: die ganze Lebenskomödie besitzt keinen Deut Wert, wenn es unsere Kortikalzentren nicht bis zu dem Grade eines immanenten Selbstlebens bringen, den zu erreichen sie überhaupt fähig sind. Warum aber überhaupt ›immanentes Selbstleben‹? Vor der allerletzten Instanz ist es selbstverständlich höchst gleichgültig, ob einer sein Leben lang Steine klopft oder die Facettenaugen einer höchsten geistigen Zivilisation kombiniert und konstruiert. Indessen, ich weiß wohl: das ist die berüchtigte ›Willkür‹ der ›Romantiker‹. Wenn man heutzutage die p.p. ›Romantiker‹ nur erwähnt, gerät man sofort in die Gefahr, für ›unmodern‹, für ›reaktionär‹ verschrien zu werden. In der Tat war die Autokratie des Ichs ein Hauptcharakteristikum der armen Romantiker. Unser Geschlecht, vorzüglich unsere letzte, unsere junge Generation eben, hat sich von den durch Wissenschaft und Technik entfesselten Objekten total übermannen lassen. Keiner aus unseren Tagen bezieht mehr die Objekte auf sich : Jeder bezieht sich auf die Objekte . Mit vierzig, fünfzig Jahren ist das Lebensprinzip der Kultur ein vollständig anderes geworden: an die Stelle der Intoleranz des Willens früherer Jahrhunderte ist die Toleranz des Intellekts getreten, als deren Werkzeug die Kritik der Intelligenz funktioniert. Geistige Strömungen sind nicht mehr ästhetischer Selbstzweck , sondern nur noch ethische, moralische Mittel . Das Individuum ist sozial erfüllt, also individuell entvölkert. Nach Kräften sucht sich jeder für seine Entwicklung den Mutterboden aus, auf dem seine Arbeit jenen Wert gewinnt, der sich in zeitgemäße Repräsentationsformen umzusetzen vermag. Wir verstehen einfach die Autokratie des romantischen Ichs nicht mehr , nicht mehr seine Selbstherrlichkeit, Selbstsicherheit, seine Selbstgenügsamkeit. Daseinsform ist ja beides: dort der sammelnde, in sich verschließende Kubus, wie hier die plane, divergente, distributive, repräsentative Fläche, natürlich. Notwendiges Produkt, Produkt einer langen, kausalen Entwicklung, ist ja auch beides, versteht sich. Es ist mehr, im Grunde aber auch weniger oder gerade nur so viel wie ein ›Symbol‹, das Bewußtsein immer nur bei einer molekularen Zersetzung, Verbrennung, bei der Auslösung einer höheren Wärmepotenz auftritt. Es ist gleichgültig, auf welche Weise ein Individuum in die Sphären seines zweiten Unbewußtseins eintritt, auf welche Weise es also von sich ›erlöst‹ wird – sofern dieses Erlöstwerden nur rein , den Grundtendenzen des Individuums entsprechend, geschieht. Alles ist singulare Anpassung, Anpassung an die Verhältnisse, an die Zeit. – Es liegt nicht in meiner Absicht, hier eine Fakultät nach der anderen der deutschen Universität oder Akademie durchzugehen – oder gar Vergleiche mit ausländischen Einrichtungen und Zuständen dieser Gattung anzustellen. Prinzipiell kommt wenig Neues noch heraus. Allenthalben derselbe trostlose Formalismus, dieselbe Äußerlichkeitsfexerei, derselbe Wissenspedantismus, dasselbe Plebejertum. Ich sehe eben in dem ›objektiven, neutralen Streben‹ unserer jungen Generation, von dem man immer so viel Aufhebens macht, durchaus nichts Besonderes. Das ist ja alles nur rüde, mehr oder weniger stumpfsinnige Erarbeiterei. Ja gewiß! ›gearbeitet‹, ›geschanzt‹ und ›geschuftet‹ wird allenthalben außerordentlich, mag man nun die technischen oder die exakten oder die humanistischen Wissenschaften heranziehen. Wer die Lehrpläne kennt, welche z. B. unsere werdenden Ingenieure, Architekten, Maschinentechniker zu erfüllen haben, weiß, wie groß, wie breit und vielartig, wie schwierig in einzelnen Teilen der Stoff ist, der hier bewältigt werden muß – bewältigt werden muß, wenn vorerst die Prüfungen bestanden werden sollen – und wenn nachher die große Konkurrenz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkte wenigstens einigermaßen zu eigenem Vorteil und Gedeihen paralysiert werden soll... Und unsere Techniker sind in rebus academicis atque musicis noch nicht einmal die gleichgültigsten und bedürfnislosesten. Vorwiegend mathematisch angelegte Charaktere haben eine starke, natürliche Vorliebe, ein instinktives Verständnis für Musik – und hier wird die Musik in der Tat sehr oft erweiternde Erholungsspenderin, idealisierende Trösterin, hier wird sie die Kraft, welche die engen Hülsen der Berufs- und Fachinteressen liebevoll auseinanderspaltet und die Teile in das kosmische Sonnenlicht einer Sub-specie-aeterni -Betrachtung legt. Mathematik und Musik bedingen sich gegenseitig sehr oft in einem Individuum, wie sich, um Anwohnendes kurz mitzustreifen, andererseits schöpferische Anlage für Wortkunst und für Musik in der Regel gegenseitig ausschließen. Man findet nirgends soviel Gleichgültigkeit gegen die Musik wie unter den Lyrikern, zumal unter denjenigen, welche im Grandseigneurstil der schwierigsten und verwickeltsten Rhythmik ›arbeiten‹, um nicht aus dem Artistenjargon zu fallen. – Gewöhnlich glaubt man: die Mitbewerberschaft auf dem literarischen Gebiete sei heute die größte, gewissenloseste, rücksichtsloseste, grausamste, furchtbarste – es ist auch gar kein Grund vorhanden, an ihrer Verwegenheit und Verwogenheit, ihrer Niedertracht und Gemeinheit, ihrer Intriganz und Verleumdungsvöllerei zu zweifeln. Näher beschäftigt sich mit diesem delikaten Gegenstande ein Aufsatz meines Buches ›Ein Kandidat der Zukunft‹ unter dem Titel ›Produktion und Kritik‹, ebenso in verschiedenen Abschnitten (›Literatur und Volk‹ usw.) meine Schrift ›Auf der Schwelle‹. Indessen habe ich mich überzeugt, daß es hinsichtlich des ôte-toi que je m'y mette -Prinzips bei den Malern und Musikern, bei den Schauspielern, Technikern in gewissem Sinne noch ärger zugeht. Hier vollziehen sich die Rivalitätsreibungen in viel bestimmter abgeschlossenen und ausgedrückten Berufsgemeinschaften und Koterienabgesondertheiten: sie sind infolgedessen einseitiger, mithin intensiver, vernichtender, jedenfalls entscheidender, empfindlicher. Unser literarisches Leben ist bei weitem zu aufgeregt und unruhig, zu tumultuarisch und vielseitig, zu zerstückt und aufgedröselt, als daß es nicht manche Mine, und sollte sie noch so sauber und gewissenhaft vorbereitet sein, an einem bestimmten Punkte gerade dann aufflöge, wenn dieser Punkt – soeben verlassen, soeben geräumt ist. – Sodann unsere Philologen , insbesondere unsere ›klassischen‹ Philologen –: ich erwähne sogleich, daß ich die ›Germanisten‹ als die geborenen Feinde der Literatur, speziell der jeweiligen zeitgenössischen Literatur – die Herren frönen in der Regel nur der Poussade ihrer Geschmackswarzen, welche auf paläontologisch-archäologische Museumsgelüste abgerichtet sind! – daß ich diese Sippschaft also beinahe noch mehr ins Herz geschlossen habe, als die Philologen von strikt klassischer Observanz selber! Und das will doch sehr viel heißen! Der Germanist hat gewiß auch eine Art von Animus für die Literatur, ich meine: für die Literatur als synthetisches Ganze. Als Gymnasiast hat er gewöhnlich steif und fest daran geglaubt, dermaleinst item dichterischen Lorbeericht en masse einheimsen zu dürfen. Er hat sehr viel gelesen, vieles behalten: das meiste wörtlich, er zitiert sehr gern – aber also pflegen es alle diejenigen zu halten, deren eigenes spontan-beweglich-bewegtes Assoziationsvermögen sehr defekt und hektisch ist. Die haben's dann leicht, wörtlich wiederzukäuen. Nachher auf der Universität studiert der Jüngling vor allem Literaturgeschichte, und wird außerdem ein sehr mundartiges Wesen, kapselt sich tapfer in Wolfgang Goethesches Poetenfleisch ein: Goethe fand ja auch in seinen verkühlteren Herbsttagen alles äußerst ›artig‹, ›sinnig‹, ›anmutig‹! Mit der eigenen dichterischen Produktionskraft ist es doch nicht so weit her, verspürt mit der Zeit immer deutlicher das immer ›germanistischer‹, d. h. prähistorisch-analytisch-kritisch denken lernende Menschenkind: flugs wird die Bestie boshaft, ediert irgendeine mit Recht vergessene Schmieralie aus dem fünfzehnten oder siebzehnten Jahrhundert und benimmt sich der zeitgenössischen Literatur gegenüber, die sich naturgemäß in Taten, Werken und Leistungen auseinandersetzt, so rüpelhaft und anstandslos, als säße sie auf ihrem Klosett und lauschte auf die Katastrophenmusik ihrer Entleibungen – als wäre sie gänzlich ›unter sich‹ – wobei sie noch vollständig vergißt, daß es doch sehr zweifelhaft ist, ob es überhaupt Zeiten gibt, wo sie auf sich oder gar über sich wäre! ... Der Germanist von Beruf, Fach und Stuhl – ich meine jetzt: Lehrstuhl, nicht: Nachtstuhl – er ist in der Mehrzahl der Fälle immer einmal poetischer Dilettant gewesen, sehr oft ist er es geblieben – da er sich indessen unsterblich blamieren würde, wagte er sich mit seinen Albernheiten heraus, schöbe er, der Frechling, sie ans helle Licht der Sonne – oft genug tut er das ja wirklich: wir haben eine immerhin nicht unansehnliche Oberlehrer-Poesie in Deutschland, die ich schon längst einmal, z. B. von den grünen, halboffiziösen ›Grenzboten‹, liebevoll gewürdigt gesehen hätte! – so, sage ich, fahre ich fort, behält er sie zumeist in der Truhe – und rächt sich für seine gebrochene Versetztheit, für seine staatlich diplomierte Impotenz dadurch, daß er als kritisierender Wüterich, als fauchendes Stinktier in den Zeitungen, Zeitschriften und Fachblättern herumhalunkt... Wahrhaftig! eher wird es nicht besser, eher wird die Luft nicht reiner in unserem teuren Germanien, solange man nicht einen nach dem anderen aller dieser Lumpe und Schufte mit ihrem Eunuchengehirn und der dressierten Spalierwelt ihrer tauben, unfruchtbaren Gefühle niederschießen darf, wann und wo man will, wann und wo man ihn findet! Keiner von den Kerlen kann auch nur das Geringste positiv leisten – aber sie alle haben die eklektische Selektionsinstinkte des Plebejers; sie alle haben sich sehr viel angelesen und anempfunden; sie alle sind als Familienväter und Stammtischabrundler die nützlichsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, die man sich denken kann; sie alle haben durch Reisen und Studien jeder Art ihren ›Geschmack sorgfältig ausgebildet‹; sie alle haben sich, wie gesagt, also auch produktiv mannigfach versucht – sie alle leben in der Regel dem Glauben, daß nur ›ungünstige Verhältnisse‹ sie davor bewahrt, pardon! sie also daran gehindert haben: große Dichter zu werden – ergo kann ihnen keine Gewalt der Erde das Recht absprechen, in rebus criticis atque ästheticis die Maultrommel ganz gehörig voll zu nehmen ... Ich wiederhole es: der Germanist von heute mit seinen Verzückungskrämpfen für deutsche Mythologie, mit seiner – gegenüber den ungeheuren Problemen der Zeit! – kleinen, unbedeutenden, nebensächlichen Sprachreinigungsfexerei; mit seinen Schulreform-Techtelmechtelchen: Damit man mich nicht mißverstehe: ich selbst gehöre als Mitglied dem ›Verein für Schulreform‹ (Vorstand: Krumm, Lange, Peters, Reinstorff) an, trete also für die Erreichung der sogen. ›Einheitsschule‹ mit späterer Gabelung ein. Indessen wird meines Bedünkens damit zunächst nur etwas rein Formales erstrebt – ob die neue Form auch einen neuen Geist empfängt, das hängt von Bedingungen ab, deren Erfüllung ganz anderen Zukunftsmächten überlassen werden muß. er ist der geborene Feind der in sich schöpferischen, sich fortentwickelnden Literatur. Der unselige Wilhelm Scherer sel. – was für Unheil hat der Mann angerichtet; wie vielen Hunderten aus der jungen Generation hat der Mann sein lobesames ›Über allen Zipfelmützen ist Ruh'!‹ – (nach Goethe nämlich!) – eingeblasen! Ich halte Scherer geradezu für ein Nationalunglück – ja! welcher Undank, sintemalen ich selbst auch einmal zu den Füßen dieses ›Meisters‹ gesessen! Leider habe ich nur an zu vielen seinen verderblichen Einfluß persönlich beobachten können! Schon dafür, daß er, der selbstschöpferisch absolut unfähige limonadenlau nachempfindende Knirps – de mortuo nihil nisi verum – im 2. Band seiner Literaturgeschichte Grabbe gelegentlich ›töricht‹ nennt – schon dafür hätte er ein exemplarisches Gesteinigtwerden verdient! Scherer – Grabbe! Wo in aller Welt nehmen die Kerle nur den Mut zu ihren Frechheiten her? Bereits dieses eine Moment genügt, um in den Augen des Wissenden alle etwaigen sonstigen Vorzüge und Lichtseiten des Mannes, seiner Bücher, seiner Methoden usw., aufzuheben. Ja, ja: das ist der gewöhnliche Weg: erst Kluge, König, Vilmar – nachher Scherer und Julian Schmidt – Hettner und Gervinus sind schon nicht mehr ganz korrekt, sind schon ein wenig bedenklich, fleckig und anrüchig ... Wieder einmal eine Quintessenz der Zeit: diesmal die Quintessenz der dogmatisch-moralisch-germanistisch-plebejischen Literaturbildung, welche in die Poren unserer jungen Generation eingeschmiert wird. Apropos Kluge ! Diese ›Geschichte der deutschen Literatur von Dr. Hermann Kluge, Professor am Gymnasium in Altenburg‹ ist in Tausenden von Exemplaren an allen unseren höheren Unterrichtsanstalten, zumal in Mitteldeutschland, verbreitet. Dieser Mensch, dieser Herr Professor Dr. Kluge, wagt es, für einen Schriftsteller wie – Gutzkow, in dem sich also einer der ersten Entwicklungsmotoren des geistigen Lebens in Deutschland im 19. Jahrhundert darstellt, in seinem Buche drei und eine halbe Zeile – und drei und eine halbe Zeile Anmerkung übrig zu haben!! Allerdings, da bekommt man Lust, in die kataleptischen Gefilde der Hypnose überzusiedeln! Der einer solchen Blasphemie fähig, verdiente doch wahrlich, in Folio ausgepeitscht und gelyncht zu werden! Wundert man sich nun noch, daß unsere junge Generation, welcher mit der Klugeschen Magenpumpe das letzte Körnchen instinktiven literarhistorischen Interesses ausgesogen ist, so gut wie gar keine tiefere, verinnerlichte Teilnahme, so gut wie gar kein produktives Verständnis für Schrifttum, Kunst, Philosophie mehr besitzt! Es ekelt einen an, noch ein Wort daran und darüber zu verlieren. Brachland, Schmachland! – Der Philologe , mag er nun von asiatischen, antiken oder modernen Sprachgelüsten besessen sein; mag er es nun mit der Phonetik, mit der Linguistik halten, oder zieht er es lieber vor, an der Stange der ›eigentlichen‹ Philologie zu bleiben: er gibt immer den Grundstock zu den wissenschaftlichen Vereinigungen und Gesellschaften ab, so da an unseren Hochschulen leben, blühen und gedeihen. In selteneren Fällen nur wird er Couleurstudent. Der Stud. phil. entstammt gewöhnlich dem kleineren, mittleren Bürgertum – Krämer, die es zu einem bißchen Hab und Gut gebracht haben; Subalternbeamte, Handwerker, die für das Embonpoint des ›Fabrikant‹ Stimmung und Anlage besitzen: sie lassen ihre Söhne mit Vorliebe Philologie studieren – sie sind, behaglich schmunzelnd, kolossal damit einverstanden, wenn ihre Sprößlinge nachher gar in der lieben Heimatstadt das mächtige Magisterschwert schwingen ... Diese Philologiebeflissenen sind bis obenan mit jenem ordinär-teilnehmend-achselzuckenden Geiste der III. Wagenklasse erfüllt; mit jenem kritischen Servilismus , der für das ›praktische‹ Leben eben so außerordentlich praktisch ist, und darum für unsere mittleren Volksschichten die produktive Substanz ihrer Atmosphäre abgibt. Der Student der Philologie ist, als Typus gefaßt, ein zaghaltes, furchtsames, gedrücktes, verquältes, überhökertes, leise und befangen auftretendes Individuum; gewöhnlich von Natur namenlos plebejisch; ohne den geringsten Sinn für individuelle Ästhetik, immer mit den Gerüchen der väterlichen Werkstatt oder des väterlichen Käseladens behaftet; ohne jede natürliche Anlage zum Weltmann: will er sich dazu ausbilden, wird er zumeist eine Karikatur, die sich aus ungefähr einander gleichgroßen Philister-, Idioten- und ins Boshafte verbogenen Eunuchensegmenten zusammenkreist. Auf der Schule ist der spätere Stud. phil. gewöhnlich der mittelmäßig Begabte, leidlich Fleißige, in korrekten Durchschnittsleistungen Arbeitende gewesen. Er ›schwänzt‹ niemals ein Kolleg, führt sehr sauber und gewissenhaft seine Hefte und vergißt niemals in sein Abendgebet die Bitte mit einzuschließen, daß ihn Gott der Allmächtige um Himmels willen nicht durch das Staatsexamen fallen lassen möge! Der Student der Philologie ist gewöhnlich sehr borniert und allem unzugänglich, was außerhalb der Marken seines Berufs, seines Fachstudiums liegt. Er ist zahm, nicht gezähmt, immer etwas verwittert und ruinös. Er hat einen Stich ins geistig Hysterische und spricht sehr gern, stottert auch bisweilen mit einiger Vorliebe. Manchmal spielt er ein wenig den Skeptiker, aber sein apriorer, doktrinärer Schulmeisterinstinkt bewahrt ihn doch vor allen gewagten Folgerungen, die zu zweifelhaften Folgen führen können. Gewiß ist auch der moralische Nihilismus ein Vorurteil, eine Beschränktheit, oft vielleicht sogar eine Sprungfederschwäche, öfter zweifellos aber eine Kraft , zum Kristall zusammengeschlossener Mut und die beste Garantie für eine ethische Tat ! Denn Nihilismus ist Erkenntnis: gleichsam die Atmosphäre, von der mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen umgeben ist... – Wenn es wahr ist, daß der Farbensinn das Tastgefühl der Phantasie ist, so besitzt der Philologe aber auch gar keine Phantasie, denn Farben sieht er nicht, apperzipiert er nicht. Die Weiße des Papiers und die Schwärze des Druckes haben ihn nur noch für graue Farbempfindungen empfänglich gemacht, wenn ich mich einmal in puncto Farbe ›objektiv‹ ausdrücken darf ... À la Jonas hält er sich gern in großen Walfischmägen auf, ich meine: in Bibliotheken, wo er sich an zünftiger Textkritik zu Tode labt. Er ist nicht ganz ohne Idealismus; aber dieser Idealismus hat so gar nichts Schöpferisches, Impulsives, Experimentierendes, eher etwas Konservierendes, Einhaltendes, ins Philisterium hinein Streichelndes Einbalsamierendes. In den philologischen Vereinen und Gesellschaften – so eine Art von Privatseminarien – geht es außerordentlich solid und korrekt zu. Darum ist aber hier auch alles, Materie und Methode, dämonisch kleinlich, insipid, langweilig und nüchtern bis zum Erbrechen, krümelig und krümelnd bis zum Grotesken, bis dahin sogar, wo das Groteske in die Perspektive an sich, nämlich ins Erhabene , übergeht. Ich erwähne Danebenwohnendes sogleich: Philosophische, literarische, national-ökonomische Gesellschaften und Vereinigungen an unseren Hochschulen werden von Seiten der Universitätsbehörden allenthalben mit Mißtrauen betrachtet – hier spielt der Herr Universitätsrichter sehr gern den Monsieur Chikaneder ... Man fürchtet ›sozialistische Umtriebe‹. Als ob sich z. B. die Herren Juristen, die doch der Mehrzahl nach stockkonservativ sind, nicht viel weidlicher auf sehr ›sozialen‹ Pfaden herumtrieben! Und erst die Mediziner, die so proper, schon von der Anatomie her, unter allem vaginösen Gekräuch und Gesträuch Bescheid wissen! ›Vagari‹ aber bedeutet eben ›schweifen‹, manchmal allerdings auch schweifwedeln oder – – –, wie es im Argot der Zunft heißt. Als ob ferner philosophische, literarische Gesellschaften nicht schon per se ipsum auf verlorenem Posten stünden in unserem lieben Deutschland! Die meisten klappen sehr bald, nachdem sie ›sich aufgetan‹, ihre Bude schleunigst wieder zu. Wo sich derartige Vereinigungen halten, geschieht das nur durch die Teilnahme von Ausländern und von – Juden. Böten sich diese ersetzenden Elemente nicht immer wieder, dann wäre z.B. der ›Akademisch-philosophische Verein‹ in Leipzig, sonst ein ganz passables und immerhin ernst zu nehmendes Wesen, nicht minder schon längst futschikato – und Herr Moritz Wirth, bekannt als Tristan-und Isolden-Numismatiker, im engeren Sinne die alte Achse, bitte nicht zu lesen: alte Hexe, des Vereins, würde sich höchst vergeblich wirthsen, also würzen, will sagen: schmieren – eben als Achse ... Doch, ich schließe die Parenthese –: der Philologe von heute ist kraft seiner kleinen Herkunft und seiner unbewegten Vergangenheit der markanteste Typus des modernen geistigen Plebejertums. Eine Idee interessanter wird diese Menschenspezies noch dadurch, daß sie gewisser ästhetischer Fermente nicht ganz entbehrt – sie hat sogar einen kleinen Tik für das Philiströs- Idyllische – sie putzt ihre unfruchtbare, viereckige Enggeistigkeit gern mit frommen, bescheidenen Behaglichkeitsreizen aus: sie ist nicht vollständig ohne kontemplative Instinkte – und das gibt ihr mehr etwas Passiv -Kritisches, gegenüber dem Aktiv -Kritischen, welches die modernen Juristen, Mediziner, Naturwissenschaftler, Techniker kernzeichnet. – In gewissem Sinne verwandt mit der Durchschnittsnatur des Philologen ist eine Menschensorte, die es gewöhnlich auch bis zum Abiturientenexamen bringt, sodann aber, zumeist von materiellen Gründen dazu gezwungen, in das höhere Post - oder Steuerfach abbiegt, stellenweise auch in den Buchhandel eintritt – wenn es auch Regel ist, daß die Adepten, welche der Buchhandel wirbt und erwirbt, schon von der Sekunda abgehen, wie es sich denn ebenso bei den Pharmazeuten zu begeben pflegt. Sehr, sehr oft flüchtet sich solch ein besonders ehrenwerter ›junger Mann‹ von den Folterbänken der Schule , wo er sich nicht zu Tode malträtieren lassen will; wo er von der Furcht und Angst gepeitscht wird, daß ihm der öde, verlarvte, mit einer zermalmenden Regelmäßigkeit, mit einer brutalen Lieblosigkeit verabreichte Formelkram das letzte Fünkchen eines instinktiven höheren geistigen Interesses ersticken wird – flüchtet er sich von hier, sage ich, in die Arme des Buchhandels, von der Hoffnung befangen, nunmehr eine saftigere, vollere Speisung, eine leichtere, bequemere Pflege seiner Neigungen zu finden. Indessen, der Buchhandel ist ein Geschäft wie jedes andere, noch dazu bei den heutigen materiellen und geistigen Verhältnissen in Deutschland eines der schwierigsten und krisenhaltigsten Geschäfte, die es gibt. Ein weiteres: kein Mensch in Mittelgermanien interessiert sich weniger für literarische Ereignisse, für Bewegungen und Strömungen, für Prozesse und Ergebnisse auf geistigem Gebiete, als der deutsche Buchhändler, mag er nun Sortimenter oder Verleger sein. Der junge Eleve wird denn auch sehr bald ernüchtert und abgekühlt, einige Zeit läßt er vielleicht den Kopf hängen – beinahe sehnt er sich nach der Schule zurück – ein und das andere Mal tut er wirklich den Schritt und kehrt, ein Getäuschter, Halbgebrochener, ein Verzweifelnder, in die Seelenquarantäne des Katheders heim, – gewöhnlich aber paktiert er mit den geschäftlichen Gepflogenheiten und ›Usancen‹ des Buchhandels – und binnen vier Wochen ist es ihm verdammt schnuppe, ob er Paul Heyses ›Kinder der Welt‹ verkauft, oder ein Pfund Kaviar, – womit ich übrigens nicht angeschielt haben will, daß Heyses harmloses Buch etwa ›Kaviar fürs Volk‹ wäre. Nun, wenn die Wandlung vollzogen, ist der geheilte Biederjüngling ganz ebenso gleichgültig gegen Literatur und geistiges Leben, wie es sein verehrter, hochmögender Herr Chef ist. Es ist mir von einer Seite, welche die Erfahrung selbst gemacht hat und hierin vollständig glaubwürdig ist, mitgeteilt, daß der erste beste Arbeiter-Fachverein, Arbeiter-Fortbildungsverein größeres Interesse und instinktiveres Verständnis besitzt für die neueren Strömungen, von welchen unsere Literatur bewegt, von welchen die sich verjüngenden Literaturen aller europäischen Kulturländer bewegt werden, als ein Verein von Buchhandlungsgehilfen – von Leuten also, denen die Dokumente des gesamten vergangenen und gegenwärtigen Geisteslebens doch aus erster Hand zur Verfügung stehen. Proste Mahlzeit! Was Art und Gattung seiner seelischen Bedürfnisse; was den Ausdruck seiner Beziehungen zu den wirklich maßgebenden und kennzeichnenden Wertkriterien der Zeit angeht, so ist der Buchhandlungsgehilfe um kein Haar besser, um keine Nuance anders, denn der erste beste Handlungskommis, ob er nun in Seide, Zigarren oder in Posamenten macht. Ja! Der moderne Kommis! Unsere jungen Kaufleute! Der moderne Kommis als Typus! Von der Vogelperspektive aus betrachtet, wäre er ja nur ein äußerst ergötzliches Menschenkind, eine rein komische Figur. Indessen, diese Komik hat in sozialer Hinsicht ihre sehr bedenklichen Qualitäten. Der Leutnant , der Korpsstudent , der Kommis : sie stellen den offiziellen Promenadenflaneurtypus der modernen Kultur dar – ich hoffe, man versteht dieses Enthymem. Innen von gleicher massiver, gleicher kubisch überzeugender und hermetisch ausfüllender Hohlheit, vertreten sie offiziell nach außen, repräsentieren sie offiziell die Form, die Hülse, die Tünche, das Deckblatt an sich der Erscheinung, das Deckblatt als Selbstzweck – stellen sie das beziehungslose, selbstherrliche Formalprinzip unserer Zeit aus ! Unsere jungen Kaufleute, Lehrlinge wie Kommis, in allen Branchen in der Überzahl vorhanden, zu Tausenden stellungslos und brotlos – man prüfe auf diesen Umstand hin nur einmal die Verhältnisse in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Hamburg : die statistischen Ergebnisse sind grauenhaft! – diejenigen natürlich unter ihnen, will ich sagen, die irgendwo festsitzen, lassen es sich wohl oder übel gefallen, daß sie miserabel bezahlt werden; daß sie in dunklen, dumpfen, feuchten Hinterhaushöhlen ihre Tage hinsklaven und verrechnen, oder als Schacherer und Scharrer, als geriebene Niederkonkurrierungsbeflissene jahraus jahrein auf der Landstraße, auf der Eisenbahn liegen müssen. Diese Leute, die immer zu anderen gehen, kommen natürlich niemals zu sich selber, sie existieren eigentlich gar nicht, ich meine eben: für sich. Sie leben in einem breiteren, tieferen Sinne nur abends, nachts, an Sonn- und Feiertagen. Das heißt: dann amüsieren sie sich, sie versuchen es wenigstens. Dann lassen sie sich von ihrer Stutzer- und Gecken-Toilette ausführen, wie der Korps-Student von seiner Dogge, wie der Leutnant von seinen Sporen, dann besuchen sie die Operette, den Tingeltangel, das Bordell, dann lesen sie den Dekamerone und Casanovas Memoiren, dann sammeln sie für ihre Brieftasche sehr eindeutige Photogramme und vervollständigen nach Kräften ihre ebenso eindeutigen Anekdotenkalender. Der Kommis, ist er nun sitzender oder mehr fahrender Kastengeist, führt sich auch gern als Sportsmann auf: er rudert, turnt und äschert sich zu Tode in hellen Sommernächten auf seinem dressierten Glühwurm, dem Bicycle. Er tritt forsch, patent auf und hält viel auf grellfarbene Krawatten und rote Glacés. Der Student, der Offizier sind in jeder Beziehung seine Ideale – seine dritte Dimension borgt er sich immer von seinem ›Nächsten‹, ohne dessen Auge und Tastsinn er nicht gut leben kann. Er politistiert auch sehr gern, unser Kommis, und hat als Politiker entschieden Vorliebe für das Extreme, Radikale, mindestens für das Liberale – er gibt zu verstehen, daß er 'nicht mit sich spaßen ließe, wenn etwa – –! Er erinnert sich, daß sein Vater auch liberal war, liberal ist – unser Kleinbürger, unsere Subalternbeamten sind ja alle mehr oder weniger ›ausgesprochen‹, ich meine: in der Regel sehr – verschwiegen liberal, aber sie sind es doch: zu Hause, am Stammtisch, im Traume – nichtsdestoweniger halten sie es für ihre Pflicht, tüchtig für Rekruten und Untertanen zu sorgen – bei anderer Gelegenheit... Bei wieder anderer Gelegenheit: im Amte, vor der Wahlurne, da sind sie hochkonservativ, bisweilen leider auch nur ›nationalliberal‹ ... Die politische Kritik ist in diesen mündig gewordenen Tagen für Millionen der Fächer, mit welchen sie sich den Schweiß verscheuchen, den sie sich im engen Joche ihres ›Berufes‹ ermüht, erstöhnt... Das Punctum feminae wird für den Kommis fast vollständig zum Punctum sexus , er ist Zyniker von Natur, er hat bei den Weibern immer Erfolge, sehr oft de facto, bisweilen leider nur in der Einbildung ... Ironie kennt er so gut wie gar nicht, nur Roheit, Tolpatschigkeit, eine Pfiffigkeit, die von hinten kommt und über die Schulter sieht... Er ist fast ganz Augen- und Ohrenmensch und jeden Augenblick bereit, jemanden auf eine Bestellung zu fordern ... Er ulkt und uzt sehr gern, natürlich in der geschmacklosesten Manier von der Welt, ist immer eine Idee mißtrauisch, wird aber in der Regel aufdringlich wohlwollend und ergeben, wenn er sieht, daß man ihn wenigstens nicht ganz für Luft hält, nicht ganz als Luft behandelt. Er wird gern vertraulich und ist ohne die geringste Delikatesse der Diskretion. Er pilzt sich mit Behagen zum korpulenten Fettklecks auf und kokettiert sein Leben lang – denn der Kommis bleibt Kommis, und sollte er später noch zehntausendmal ›selbständiger Chef‹ werden! – sehr aufrichtig mit Schlafrock, Zipfelmütze und Intelligenzblatt. Ist der Philologe der Plebejer der Phantasie; der Jurist der der Psychologie; der Mediziner der der Synthese; der Militär der des Geschmacks, so ist der Kommis der Plebejer des Tastgefühls , wofür man hier, und nicht nur mit einem dem Geiste der Sprache entnommenen Rechte, auch Taktgefühl setzen darf. – Der Kommis ist der dankbarste Schüler Baedekers – man unterschätze die Verdienste gar nicht, welche sich Baedeker um die militärische, bureaukratische Erziehung des deutschen Volkes erworben hat –: er ist der geistige Milchbruder jedes knutenwütigen Unteroffiziers ... Auf seinen , auf Baedekers Stern gibt der Hotelier, der mitten in die unbefleckteste Natur hinein einen Schmarren verrückter Kultur kakiert hat, um mit Bürger zu sprechen, Gott sei's geklagt! mehr als auf den, der ihm eventuell von ›seinem‹ König kommen könnte ... Das ganze deutsche Volk leide scheußlich an der Baedekerastie, behauptete neulich einmal, anzüglich genug, ein sonntagsjägernder Witzbold, Wortwitzbold ... Nein, Scherz beiseite: Baedeker bedeutet in der Tat mit dem kritischen Unfehlbarkeitslakonismus seiner Reisemanuels einen für die Geschmacksdressur der Massen viel bedeutsameren, im Laufe der Jahrzehnte viel einflußreicher gewordenen Kulturfaktor, als bis jetzt eingesehen zu sein, als bis jetzt angenommen zu werden scheint. Und darum ist er dem abgefeimten Kladdepedanten, dem Kommis, ein so lieber und getreuer Herzenskamerad. Baedeker, der Commis voyageur von heute und der Kunstgeschmack des Publikums als Dritter im Bunde: das wäre ein Thema für ein wirklich ›modernes‹ Feuilleton – ich ›schenke‹ es dem, der es an dieser Stelle zuerst findet, mit Vergnügen, großmütig wie Berthold Auerbach, der nach Karl Bleibtreus Erzählung stets zu sagen pflegte, wenn er zur Siestastunde in der Fauteuilräkellaune war und die Mücken ›selbsterfundener‹ Anekdoten mit dem gelbseidnen Taschentuche einer edlen Resignation von sich abwedelte –: ›ich schenke sie Ihnen – –‹ Nicht wahr? solch ein moderner Hotelier ist ein scheußlicher, entsetzlicher Mensch. Wie eine Bordellmutter kommt sie mir immer vor, diese armselige Menschenkarikatur mit ihrer schleimig devoten Hochnäsigkeit, sie, die sich vor jedem bäuchlings aufzuführen hat, der sich mit dem ›geschäftsführenden‹ Oberkellner ohne die unfreiwillige Einmischung Dritter auseinanderzusetzen vermag ... Der Kellner unserer Zeit, zumal der Kellner während der Reise- und Badezeit, dieser Herr, der ebensosehr anführender Küchenkaplan ist, wie abführender Fremdeninterviewer – wäre er nicht vielleicht auch ein moderner Typus ? Bei mir wohnen sie dicht nebeneinander, in meinem Kategoriengefüge, die beiden, das Par nobile fratrum : ›der Kellner , die Meretrix masculina , die Togata masculina , und der Clown ...‹ Das Volk ist souverän geworden: es erzieht sich seine Clowns – oh! ich halte z. B. auch Herrn Trojan für einen Clown, den ganzen ›Kladderadatsch‹ halte ich für ein großes Clownnest – und eine ganze Reihe ähnlicher Familienblätter und Familienblatt-Redakteure dito dazu ... Welch ein Kulturträger ist nicht die ›Gartenlaube‹ einmal gewesen! Und heute? Da macht sie in Text und Illustration ein köstlich Kunststück nach dem anderen vor dem verehrten Publikum! Sollten denn alle Träume der Väter schon erfüllt sein –? Unsere gesamte Familienjournal-Sippschaft ist ein großer, nur in den rohesten Produktionen arbeitenden Zirkus – ein Clownpädagogium für Hunderttausende von Lesern, die darauf reinfallen, überdies! – Bleibt in der Hauptsache noch der moderne Theologe , der der Gottesgelahrtheit Beflissene, insofern er typische Merk- und Darstellungspunkte besitzt. Ich kann hier zunächst nur von den Protestanten sprechen. In der katholischen Geistlichkeit trennen sich die beiden Elemente: der konstituierende, diplomatisch-leitende, behandelnde, entwerfende, ausführende, den höchsten und letzten politisch-ideellen Zweck nie aus den Augen verlierende Weltmann – und der dienende, ausführende Plebejer , der kritiklose Monstranzsklave, viel schärfer und entschiedener. Die protestantische Geistlichkeit ist, ganz dem Geiste des Protestantismus entsprechend, verwischter, differenzierter, nivellierter. Der evangelische Student der Theologie unterscheidet sich kaum durch besonders charakteristische Momente von dem Philologen. Er entstammt wie dieser zumeist ebenfalls kleinen, ärmlichen Verhältnissen, er hat sich dito durch das Gymnasium mehr oder weniger liebevoll hindurchmaßregeln lassen. Auf der Universität lebt er sehr solid und exklusiv – haut er einmal über den Strang, ausnahmsweise oder um die Sprungfedern seines Sichaustobenmüssens schnellen zu lassen, dann entbehren seine Extravaganzen öfter nicht einer gewissen originellen Kühnheit, nicht einer naiv-idiotischen Genialität. Zuweilen ist er eine stark mathematische Natur, die das Zählen und Nachrechnen famos versteht und in ihrem langfingrigen Pedantismus so weit geht, daß sie sich nicht im geringsten darüber unklar ist, warum sie sich gerade der Theologie in die schwarzbehaarten Arme geworfen ... Das Studium der Theologie ist für sehr viele Menschenkinder ein programmatischer Ziegenbock, der schon vor ihren ersten Kinderwagen gespannt wird ... Natürlich ist e; für ebenso viele, wenn nicht noch mehr, eine Zuflucht, ein Refugium impotentiae animi ... Diese Beflissenen haben mit dem Durchschnittsphilologen den gedrückten, verschüchterten, spröden, hilflos-unbeholfenen, befangenen, ratlosen Zug ihrer Natur gemeinsam. Indessen, noch zwei typische Charaktere sind unter den Studenten der Gottesgelahrtheit scharf ausgeprägt vertreten – es ist dies ein Familienzeichen der protestantischen Theologenwelt, welches ein Jahrhundert dem anderen vererbt hat. Gewiß ist das deutsche Pfarrhaus eine der ersten Keimzellen der deutschen Kultur gewesen –: eine große Anzahl von Männern, die von ›führender‹ Bedeutung, besser: von tragender, darstellender, konstituierender Bedeutung für unser Geistesleben geworden sind, waren Pastorensöhne, sind es heutzutage noch ... Es liegt ein köstliches, unwiderstehliches Aroma von Poesie, ein keuscher, versöhnlicher Duft von Idyllik über vielen unserer stillen, weltabgeschiedenen, in die Einsamkeit der Berge und Täler oder in die plane, versteckte Deutlichkeit und Nahbarkeit der Ebene, der Heide hinein verschollenen Landpfarrhäusern mit ihren verschwiegenen Gärten, mit ihren kühlen, hellen, einfachen, prunklosen, bestimmten, sicheren Zimmern, mit ihren dämmernden Kammern, welche von entzückenden, zärtlichen Heimlichkeiten so voll sind ... Noch heute exportieren diese Pfarrhäuser einen stattlichen Beitrag zu dem jungen Nachwuchse, der Theologie studiert ... Das sind denn also vorwiegend idyllische, ästhetische, auf Einsamkeit und kontemplative Behaglichkeit gestimmte Naturen, deren Ideal eben das Pfarrhaus ist, in welches sie sich einzuspinnen trachten, in dem sie dem Herrn dienen wollen ... Nur, daß dieser Herr im tiefsten Grunde mehr eine Dame ist, mehr eine Herrin: natürlich jene Neigung zum ästhetischen Ausruhen, zur Jean Paulschen Heimlichkeit, Weichheit, Objektsscheu, Lebensscheu, Reserve, Gefühlsinzucht, zum Wuzschen Sichverkriechen unter der Bettdecke ... Die praktische Theologie, die Homilie, steht zurück ... Der ästhetisch-kontemplative Eklektizismus ist hier Lebensprinzip, alles wird nur geschmeckt, gekostet, nichts vertreten. Wir haben sehr feine, vornehme, empfängliche Naturen unter unsern Landpastoren – natürlich setzen sie mit den Jahren ein paar Stockflecke an, setzen sich mit den Jahren durch: das ist nicht zu vermeiden. Mit der wachsenden, alternden Familie, die verteilt, untergebracht, versorgt sein will; mit dem Berufe, der sich immer maschinaler eingelernt und ausgeleiert hat, werden die Interessen des würdigen Seelenhirten gegenständlichere, realere, materiellere: das Objekt wird mehr Mittel, weniger Zweck, weniger Selbstzweck ... Allmählich schleift sich die Persönlichkeit, rundet sie sich immer mehr zum Embonpoint des vorsichtig-klug-befangen krittelnden Quietismus ab ... Der Pfaffe kommt heraus – der Pfaffe, der allerdings ans Jenseits glaubt, aber nur von einem Diesseits aus, das ihm hinreichend garantiert und approbiert ist .. Pfaffen a priori sind alle diejenigen, für welche die Bibel überhaupt nur dazu auf der Welt ist, daß der Staat in Form von Hundertmarkscheinen seine Gehälter und Pensionen zwischen ihre Blätter klemmt – und sollte das auch nur sein, um seiner vielgeliebten Priesterschaft ›Lesezeichen‹ und Spruchmerkl zu liefern. Warum und wozu diese Leute existieren, weiß schlechterdings niemand. Keiner nimmt sie mehr ernst, keiner hat mehr Vertrauen zu ihnen, sie predigen vor leeren Bänken – jeder zuckt nur die Achseln über sie und findet es selbstverständlich, daß das Gesindel gar nicht mehr in unsere, gar nicht mehr in diese Zeit gehört – daß es das überflüssigste Möbel von der Welt geworden ist ... Aber sie blutegeln weiter, die Pfründenfresser, sie lügen und betrügen und salbadern weiter zur höheren Ehre ihres Geldbeutels – und wenn sie endlich zu ihrem großen Leidwesen aus diesem Jammertale abgeschieden sind, so trotten ihre Witwen und Waisen ganz bieder und wohlgemut an die Pensionskrippen des Staates und lassen sich versorgen, dieweilen der Herr Papa eben einmal einen großen Illusionsschwerenöter und Komödianten abgegeben hat ... Was der Staat an Pensionen für dieses überflüssige Menschengekreuch aufbringen und anbringen muß, geht in der Tat auf keine Bärenhaut. Auf den Universitäten fallen naturgemäß den Söhnen dieser Plebejer unter den Geistlichen, dieser Brotpfaffen , die meisten Stipendien zu – dem Stipendien-Unfug auf den deutschen Hochschulen widme ich in meinem Buche ›Auf der Schwelle‹ auch einen geharnischten Abschnitt: das ist allerdings ein sehr heißes, für das Leben der jungen Generation sehr wichtiges Zeitkapitel. Aber es findet sich noch eine dritte Menschenspezis unter den Theologen: neben den beschaulichen Ästhetikern und den schauerlichen Plebejern. Heute gehören sie auf der Universität gewöhnlich dem ›Verein deutscher Studenten‹ (›V. d. St.‹) an – in früheren Tagen machten sie vorerst die tüchtige Zucht eines soliden Philosophiestudiums durch, ehe sie – Agitatoren, Redner, Rhetoren, Schriftsteller wurden. Das sind also die apostolischen, diktatorisch-demagogisch-puritanischen Naturen, die Schür- und Feuerleute, die Heizer und Maschinisten der ›inneren Mission‹. Natürlich: sie sind interessant genug, aber sie stehen doch auch nur auf verlorenem Posten. Sie wirken nur kraft ihrer Persönlichkeit, ich meine: durch die Anomalie, durch den exotischen Reiz, den sie eben dadurch erhalten, daß sie mit dem Dogma der Vergangenheit das Paradigma der Gegenwart verdrängen wollen! Es ist ja heute alles nur Paradigma, alles nur Probe, Beleg, Beispiel, Atom, Kristall, Intellekt. Viele verbrennen sich, verzehren sich in diesem Puritanerfieber: diese versetzt atmende, stammelnde Gefühlswelt; dieser Haß gegen die Dialektik; diese Wollust für die reine, keusche Treue – das zerreißt ihre Nerven und bricht ihre Muskeln ... In den größten, reinsten, entlegensten Geistern der Menschheit: derselbe Überschuß von Wille , derselbe Überschuß von Kraft , also derselbe Drang zur puritanischen Einheit und Stille – dasselbe sardonische Wühlen in der ›Sünde‹, eben weil die Welt, die Masse gegen sie ist.– ein Inferno der Seele, wenn zugleich der Drang zur künstlerischen oder sozialen Objektivation übermächtig gährt ... Das Dämonische, das Mystische: es ist ja nur das Ungesättigte, das seit Jahrhunderten in den Vorgenerationen ungesättigt Gebliebene ... Gipfelt mit einem Male die Entwicklung einer Familie; werden plötzlich alle latenten Potenzen mobil gemacht: dann ein ungeheures Können, ein grenzenloses Wollen, zugleich indessen ein Nimmersichgenügen, ein unstetes, verzehrendes Brennen und Zersetzen, ein furchtbares Aufschwülen des Satanischen – die tiefinnerste Keuschheit und Reinheit verzweifelt in die Dämonie einer wilden Entsagung hinein ... Die neuesten, die reifsten Beispiele: Nietzsche und Bleibtreu . Allerdings: man muß sie verstanden haben, die beiden. Was sind denn alle anderen gegen sie –? Sonst wären ja nur sieben oder acht zu nennen: Shakespeare, Byron, Musset, Schopenhauer, Kleist, Beethoven, Wagner, Bismarck, Dostojewski, auch der junge Ibsen – Peter Hille wird von Eichendorff, Jean Paul und Turgenjew zu liebevoll vor dem Letzten, dem Allerletzten behütet ... Es gibt in der Tat unter unseren Theologen noch ähnliche Naturen mit jenem imperatorischen Zug zur düsteren, schwülen Größe ... Natürlich haben die beiden letzten Jahrzehnte mit ihrem Plebejismus mehr die sozialpolitische , die volkstribunale Seite dieser Charaktere entwickelt. Heute entscheidet das Bewußtsein, der ›Zug der Zeit‹, normiert die Intelligenz noch bestimmter: heute wird direkt die Gattung der Talarstreber gezüchtet. Der Geistliche dieser Ausgabe ist ›menschlicher‹ geworden, er versucht es, mehr den kritisch-geistreich-tolerant-exklusiven Weltmann herauszukehren, aber den Weltmann, der nichtsdestoweniger heimlich unterminiert, wenn auch mit Glacés; der sich die Erlaubnis nimmt, zuweilen auch offen mit brillanter Ehrlichkeitspose tumultuarisch auffahren und aufflammen zu dürfen; der das geilfrivole Liebkosen des Beichtigers mit dem spontanen Sturm des Propheten- und Bußpredigers zu verbinden sucht ... Man hat vor einiger Zeit das Märchen erfunden: ›die religiösen Bedürfnisse der Massen seien wieder im Steigen begriffen‹! Ich möchte wissen, worin sich das nur eigentlich zeigte?! Es ist wahr: die moralische Verworfenheit, die Lasterhaftigkeit, die Unkeuschheit und Treulosigkeit werden allenthalben größer, größer mit jedem Tage – ich könnte an der Hand von leider nur zu ›exakten Dokumenten‹ z. B. aus dem bürgerlichen Eingeweideleben Leipzigs eine Lasterstatistik zum besten geben, die sich gewaschen hätte – und ist es etwa in München, Nürnberg, Frankfurt, Hamburg, Breslau, Danzig oder in Posemuckel anders – ganz von Berlin zu schweigen? Es ist wahr: die wirtschaftliche Not wird immer drängender, beklemmender – Ermüdung, Verzweiflung, Zersetzung, Idiotismus, Gleichgültigkeit nehmen allenthalben zu – und allenthalben wachsen Plebejismus, Verrohung, Veräußerlichung. Ich glaube durchaus nicht, daß es in gewissen Punkten, ich meine jetzt in allem, was direkt in die sexuelle Sphäre einschlägt, jemals ›besser‹ oder anders gewesen sei. Geschlechtliche Wollust und religiöser Kult, Willenskult: sie sind einander ja komplementär. Indessen, wir sind Protestanten geworden – wir glauben nicht mehr daran, daß das mysteriöse Einhorn die unbefleckte Jungfrau befruchtet hat, indem es ihr sein Horn in den Unterleib gebohrt ... Ich will sagen: das Bordell hat sich vom Tempel, von der Kirche emanzipiert – es ist dafür näher an die Irrenanstalt, an das Hospital, an die Kaserne, an das Korrektionshaus, an das Rehabilitierungsasyl für entlassene Sträflinge herangerückt ... Unsere Zeit, unsere Gesellschaft ist eben atomisiert – auch die Theologie ist praktischer, homiletischer geworden – aber – daß ihr irgendwelche inneren ›Bedürfnisse‹ der ›Massen‹ dabei entgegenkämen, davon ist keine Rede – das ist gar nicht möglich, das ist ja einfach gegen den Willen unserer Zeit. Die alte Geschichte: man setzt in den Vordersatz eine Tatsache – und in den Nachsatz eine Behauptung , deren Vater eben der Wunsch ist, daß jene in den Vordersatz gestellte Tatsache nicht bestände oder wenigstens anders wäre, sich wenigstens änderte. Doch ebenso: das ist ja das Lebensprinzip des menschlichen Ventilismus – der einzige Ausdruck für die Art, wie wir uns inhaltlich anpassen können: die simultane, zum Objekt projizierte Momentssumme des Bewußtseins auf Grund der sukzessiv gewonnenen, subjektiven Erfahrungen. – Der Talarstreber unter den modernen Theologen wird sein Glück machen, wenn er es versteht, auf der einen Seite Salonsamariter , auf der anderen Seite Komödiant, Augur zu sein. Daß er das versteht; daß er das verstehen wird: daran ist nicht zu zweifeln,, das sehen wir ja auch schon. Der Puritaner und Prophet der alten Generation ist zum Politiker und Plebejer der jungen Generation geworden – das ›summum jus‹ der autokratischen, sich selbst erfüllenden, sich selbst bestimmenden und auch sich selber genügenden Persönlichkeit – im kosmologischen Gefühl stellte sich die Komplementärwelt der ›Romantiker‹ dar: der immanente Atheismus war hier gleichsam künstlerisch ins All hinein verjenseitigt worden: die Inkarnation des Gottes! – also dieses ›summum jus‹ hat sich in die ›summa injuria‹ einer ziellosen, haltlosen, treulosen, verwahrlosten, unkeuschen, käuflichen Zeit umgesetzt. – Doch ich komme endlich zu dem Punkte, den ich schon öfter vertagen und ans Ende dieser kleinen Signalschrift verweisen mußte. Er ist schließlich der wichtigste, aber auch der schwierigste der ganzen Betrachtung. Ich will versuchen, hier die Hauptmomente, die in Frage kommen, prägnant zusammenzustellen. Ich muß mich beschränken, wenn ich nicht allzusehr über den Rahmen, den ich dieser Schrift bestimmt, hinaustreten soll. Mancherlei wäre ja noch vorher im einzelnen und abgesonderten zu erwähnen, zu behandeln. Gegen die Universität von heute – wir haben in der Tat auch leider eine ›Universitätsfrage‹ ! – führe ich noch etliche, vielleicht sogar vergiftete Pfeile im Köcher – ich schnelle sie in meinem Buche › Auf der Schwelle‹ ab, allwo ich meinem Herzen auch in anderer Beziehung mit verschiedenen Paraphrasen ›Zur Judenfrage‹ und ›Zur Frauenfrage‹ Luft gemacht ... Nicht wahr? das alles gehörte ja eigentlich noch hierher, vielleicht gerade an diese Stelle, wenigstens in extenso . Zumal hinsichtlich der ›Frauenfrage‹, denn es läßt sich nicht leugnen, daß ein großer Teil der jungen Generation, auf die ich es vorläufig nun einmal abgesehen habe, schwach geschlechtlich konjugiert oder eben auch nicht konjugiert wird, also schwach-weiblich-ledig bleibt ... Und wir sehen uns überdies gezwungen, allein in Deutschland eine ganze Million mehr weiblicher als männlicher Wesen zu zählen! Bei der ›Universitätsfrage‹ sind vorerst zwei sehr wichtige Umstände zu bedenken: die Lage der Hochschulen ist zur Diskussion zu stellen: die meisten derselben sind aus unabweisbaren Gründen, die ich an der genannten Stelle erörtert, zu verlegen – weiter erheischen die moralischen, insbesondere die sexuellen Verhältnisse, so vor allem in kleinen Universitätsstädten an der Tages- resp. Nachtordnung sind, einmal eine sehr elektrische Beleuchtung: die Einverleibungspraxis ist zu prüfen, welche in diesen kleinen akademischen Städtlein, Flecken und Weilern herrscht – hier wo die merkwürdigerweise so unglaublich auf das – Phallissement erpichte Säuglingsschaft der Alma mater nur auf die Dienstmädchen, die Bürgerstöchter und last not least! auf die ehrsamen Bürgersfrauen selber angewiesen ist, sintemalen es die hochweisen Ratsväter der Stadt für besser und praktischer erachten, ihrer eigenen Tugend keine Fallstricke in Gestalt konzessionierter öffentlicher Häuser zu legen ... Ehetreue, Ehekeuschheit ist auf diesem naiv-morbiden Boden Illusion, der Ehebruch permanent. An einzelnen Hochschulen – ich könnte Namen nennen – ist die Onanie offiziell approbierte Selbsterlösungsinstanz in der Studentenschaft. Sodann die Judenfrage – doch hier ist der Weg erst ganz von Nesseln überwuchert, das Motiv besonders heikel und schwierig. Prinzipiell befasse ich mich, wie gesagt, in meinem Buche ›Auf der Schwelle‹ damit. – Diese ›Unzufriedenen‹, diese ›Malkontenten‹: – man hat da bei ihnen, zwischen ihnen, aus verschiedenen Gründen, in verschiedener Hinsicht, einige sehr scharfe Unterscheidungen und Spaltungen vorzunehmen. Man hat zunächst auch hier zwischen den produktiven , schöpferischen, selbstschöpferischen – und den unproduktiven , reproduktiven, nacharbeitenden, ausarbeitenden Geistern zu trennen – sodann auch hier die Aristokraten von den Plebejern zu sondern. Der erste Umstand ist wesentlich ökonomischer , der zweite wesentlich psychologischer Natur. Und weiter tritt naturgemäß jeder von den vier Punkten mit jedem von den beiden Punkten seines Gegenparts zu einer als selbständiges Ganze möglichen Verbindung zusammen. Es gibt produktive wie unproduktive Aristokraten, produktive wie unproduktive Plebejer – wenn ich das psychologische Moment als Leitmotiv wähle. Ebenso, wenn ich den Angelhaken des ökonomischen Subjekts nach einem Prädikate auswerfe. Nur, daß der produktive Plebejer, also der Mensch, ohne Vergangenheit, ohne geistige Tradition, vorwiegend technisch produktiv ist: er ist der spezifisch moderne, positiv-analytisch-radikale Gegenwarts mensch – er wird Idiot , wenn ihn die Objekte der Gegenwart erdrücken oder sich ihm in der gewohnten Fülle entziehen. Der Aristokrat, der Aristokrat des Geistes mithin, ist als Träger einer Vergangenheit, einer Tradition immer Künstlernatur, mag er nun mehr formal-kontemplativen oder mehr inhaltlich-instinktiv-willenshaften Charakters sein. Er ist der reaktionär-synthetisch- quietistisch-nihilistische Zukunftsmensch – er verfällt, ist es ihm aus inneren oder äußeren Gründen nicht möglich, vom ›Übergangsmenschen‹ zum ›Kandidaten der Zukunft‹ (vgl. hierzu das erste Kapitel meines demnächst erscheinenden Buches ›Ein Kandidat der Zukunft‹ ) fortzudauern, nicht dem Idiotismus der Reflexzentren, aber der Paralyse der Kortikalzentren: der äußere Ausdruck für seine innere Tragik. Natürlich besteht die Mehrzahl der heute ›Unzufriedenen‹ aus Plebejern – und wiederum sind diese Plebejer in der Mehrzahl unproduktiv : sobald diese Ärmlinge des Geistes – ihnen hieraus einen persönlichen Vorwurf zu machen, wäre sehr geschmacklos, weil sehr unpsychologisch! – sobald sie also durch irgendeine glückliche Fügung ihres ›Schicksals‹ zu Arbeit, Brot, Amt, Würde gelangt sind, ziehen sie sofort den Schwanz ein und legen das Knurren bei ... Ihr Leben ist eine einzige heiße Sehnsucht nach dem Maulkorbe – ich konstatiere und weiter nichts. Sie sind ganz einfach die Opfer der allgemeinen sozialen, wirtschaftlichen Not – und der ungeheuren Überproduktion an Menschenkräften, die sich zu jeder Arbeit eignen; bei denen es ganz gleich ist – und ihnen selber ist es in der Regel auch ganz egal! – welchem selbstherrlich gewordenen Objekte sie als Sklavenspeise vorgeworfen werden. Wirtschaftliche, ökonomische Motive setzen sich natürlich – bei ihrer Anwendung auf den Einzelmenschen: dadurch erst erhalten sie ja ihren typisch-symptomatischen Ausdruck! – in psychologische Entwicklungsprobleme um, in individuelle Bedürfnis- und Anpassungsfragen. Es kommt ja alles nur darauf an, welcher ›fixen Idee‹ wir uns bewußt-unbewußt hingeben müssen und in welchem Stärkegrade das geschieht: bei dem so und so zusammengesetzten, so und so wirkenden Atomprodukt, das ein jeder von uns in seinem Leben, durch sein Leben gerade darzustellen hat. Der einfachere, einseitigere Mensch findet sich allenthalben leichter zurecht, findet sich leichter ab, ist weniger wählerisch in der Selektion, identifiziert sich flüssiger mit dem Objektskreise, in den er hineingestellt ist. Er hat ein ganz anderes Organ für die Statik des Lebens, das Gleichgewicht ist ihm um jeden Preis die Hauptsache – Willensüberschuß ist so gut wie gar nicht vorhanden, mithin die Unfähigkeit zur Perspektiven-Gesundheit, mithin früher oder später das Ende vom Liede eben – Idiotismus. Bei den feineren, reicheren, differenzierten Naturen ist die ›fixe Idee‹, welcher sie untertan werden, welche ihre Lebensführung nach der individuellen wie nach der sozialen Seite hin bestimmt, mehr ein Zwittergeschöpf: zur einen Hälfte auch nur eine unwillkürliche Folge der psycho-physiologischen Fortentwicklung, zur anderen Hälfte ein bewußtes Kompromiß, eine ausgedrückte Verbissenheit des Intellekts, nachdem der Wille durch eine gewisse Gefühlsinzucht so etwas wie unfruchtbar geworden, ›bildlich‹ gesprochen ... Zwischen diesen beiden Extremen, die sich natürlich mit dieser präzisen Entschiedenheit nur spekulativ aufstellen und behaupten lassen: die große, wimmelnde Menge defekter, angebrochener, gekrümmter, verkümmerter, halbfertiger, körperlich oder seelisch mißratener Wesen; die große Menge dieser halb produktiven, halb unproduktiven Geister; dieser ›Unzufriedenen‹ von natürlichem Beruf gegenüber jener ersten Kategorie von ›Unzufriedenen‹ wider Willen; dieser Perspektiven fälscher – kurz die Sippschaft von Menschenkindern, deren erstes Lebensprinzip es ist, ihre und ihrer ›Nächsten‹ Triebe und Gefühle durch die Zensur ihrer Gedanken zu kompromittieren ... Gewiß! es wäre möglich – ich hefte damit noch kein ›Ideal‹ ans Schwarze Brett – also ein gewisses Perspektiven-Normalverhältnis , als Folge davon eine gewisse Perspektiven-Gesundheit , wie ich oben sagte, ließe sich denken: – die, welche die Objekte feuilletonistisch zu behandeln verstünden, wenn ich den Ausdruck wagen darf – sie würden diesem ›Ideale‹ noch am ehesten gerecht ... In den neueren, neuesten Strömungen unserer Literatur – und die Literatur ist nun einmal doch so etwas wie ein ›Spiegel‹ der Zeit – finden sich denn auch die entsprechenden drei Erscheinungsausdrücke für die ›denunzierten‹ drei Menschenausgaben: der statistische Realismus mit starken Neigungen für die pikanten Spezereien des sensationellen Kolportage-Romans (seine besondere Heimat: Berlin – Kretzer); der feuilletonistisch- gesundheitsbramarbasierende Realismus (fränkischen, insbesondere westfränkischen Gewächses) und der psychologisch-romantisch-imperatorische Notwehr-Realismus (ein Ergebnis niedersächsisch-ostfränkisch-slawischer Naturingredienzen). Dabei selbstverständlich überall Spielarten, Abarten, Kreuzungen. Die letztgenannte Gattung von Realismus, also der Notwehr-Realismus – ich wähle den Ausdruck sehr absichtlich, sehr mit Bedacht – er wird zur Zeit von einigen ›Schriftstellern‹ vertreten, die etwas Dämonisches, Satanisches, Bestialisches, Verbrecherisches, Prophetisches zugleich haben. Ein ungeheuerer, vererbt erhaltener, in den Vorgenerationen ungesättigt gebliebener Überfluß von Instinkten, von latenten Willenspotenzen, ist hier vorhanden, indessen keine Objektswelt, die eine entsprechende Speise dieser elementaren Bedürfnisse abgäbe. Schlechterdings nur die Zone des Erhabenen könnte diese Geister kongenial ernähren – aber sie sind von Hause aus zumeist in enge, befangene, vielleicht ganz korrekte, aber künstlerisch doch sehr karge und sterile Verhältnisse gestellt – und an der immer aufs neue vorenthaltenen Genugtuung der Seele entzündet sich ein fanatischer Haß bei ihnen gegen die kleine, zufällige Durchschnittswelt, von der sie umstrickt gehalten werden, die sie verabscheuen – und an der sie sich schließlich rächen , indem sie dieselbe in künstlerischer Darstellung brutalisieren. Sie: ursprünglich kontemplativ-phänomenalistische Naturen höchsten, edelsten Stiles, von reinstem Gipfelluxus der Entwicklung – sie werden durch eine zufällige Gegenordnung der Dinge, der Umstände auf das Mittelmaßniveau ihrer Umgebung herabgedrückt; sie werden gezwungen, sich in den Tälern mit dem abzufinden, was sie nur auf den Bergen mit sich und ihrem Schicksal auszumachen vermögen –: sie werden mithin Psychologen der Differenz , wenn ich mich summarisch ausdrücken darf, und Realisten des Gefühls , in ihrer weiteren körperlich-geistigen Wachstumsfortsetzung Realisten des Intellektes , beileibe aber nicht bidimensionale Flächenrealisten der Intelligenz . Doch, jene ›Psychologie der Differenz‹, von der ich sprach: ja, sie ist ein sehr peinliches, wirklich sehr ›peinliches‹ Wesen; sie verrät, daß diese Leute mit ihrem unheimlich scharfen Blick – und sie schauen auch jedem biedermeiernden, schlächtergesellenmäßig hemdsärmel-krempeligen Gesundheitsbramarbas bis auf den Grund seiner libellen-gaukelnden Sandbankseele! – sie also, die Psychologie der Differenz , verrät, daß diese sperberäugigen Menschenkinder im Grunde sehr ›krank‹, sehr ›abnorm‹ sind – und warum wären sie das? Weil sie instinktiv nur ein ›Ideal‹ kennen, nur ein ›Ideal‹ besitzen; das ›Ideal‹ der Selbsterfüllung, der Selbsterlösung in der Sphäre der höchsten, reinsten Geistigkeit. Zuweilen gelingt es ihnen doch – ihnen, die kraft ihrer Eigenheit die Ankläger des durchschnittsmäßig Natürlichen sind – gelingt es ihnen doch, sage ich, einen Hochgebirgsgipfel zu erklimmen – aber sie vermögen es nicht mehr, ihrem Gotte noch rein ins Auge zu schauen, sie sind gezeichnet, sie, die Grandseigneurs der Schmerzen – alle Qual, alles Weh, alle Sehnsucht der Talmenschen haben sie mithinaufnehmen müssen, hinauf in ihre Alpeneinsamkeit: sie verzweifelten , wenn sie nicht Imperatoren ihres Schicksals wären, d. h. wenn sie nicht wüßten, daß es für sie im Leben nur noch eine Rettung gibt: das Altwerden , das ganz triviale korrekt psychophysiologische Altwerden . Und sie, die großen Ironiker des Lebens , bringen es fertig, ganz einfach deshalb, weil sie alt, älter, in hergebrachter Weise alt, älter werden wollen, sich darum hinfüro zu ›beschränken‹, sich einzuzäumen, sich womöglich zu verheiraten, nach Kräften ›bon‹ zu leben, nach Kräften Milch, Eier, Beef und Hülsenfrüchte zu verschmausen. Ja, das alles kriegen sie fertig, diese schauderhaft scheußlichen – ›Ideologen‹ : da steht das Wort. – Ich habe von einem modernen Schriftstellertypus gesprochen – und natürlich einige andere Leute zugleich gemeint. Eben einen bestimmten Teil der jungen Generation, einen bestimmten Teil ihrer ›Unzufriedenen‹, also die Ideologen, die heutigen Erben der Romantik, die Übergangsmenschen. In der Tat: diese ›Ideologen‹ sind im Grunde sehr ›negative‹ Geister. ›Positiv‹ sind sie schließlich nur in dem einen: in der Forderung einer instinktiv-immanenten Freiheit, Selbstherrlichkeit, Selbstbestimmbarkeit – einen tiefen, tiefen Abscheu empfinden sie vor jeder proklamierten und dressierten Massenemanzipation. Sie sind Aristokraten, also Willens-Naturen, Intellektsmenschen, kubische Individualitäten, aber keine modernen Plebejer der Intelligenz. Sie entstammen meistens der Bourgeoisie, dem besseren, feineren, geistig nicht ganz sterilen und traditionslosen Bürgertum. Daher haftet ihnen eine gewisse Vorliebe für das Konventionell-Rücksichtsvolle an, eine gewisse zaghafte Pedanterie einer nicht ganz unempfindsamen Ritterlichkeit. Sie treten mit der Zeit immermehr aus dem Rahmen ihrer Familie heraus, aber sie sind nicht imstande, zu brechen , in ihren Herzen schluchzt eine leidenschaftlich-wehmütige Verehrung, insbesondere für ihre Mütter ... Sie sind in der Regel sehr zart und sehr sensitiv – sie sind überschwenglich, sie ringen nach Atem, weil sie von den tiefsten seelischen Bedürfnissen erfüllt sind – und nirgends tiefinnerstes Genügen finden. So werden sie radikal, so werden sie brutal. Sie stellen in allem, was feine Geistigkeit betrifft, die höchsten Anforderungen an sich und die anderen, sie sind immer extrem, immer extravagant, also immer Psychologen der Differenz. Sie hantieren mit den größten Maßstäben und Wertkriterien – für das Alphabet der irdischen Alltäglichkeit haben sie nur die Ironie von solchen, die es heimlicherweise besser wissen. Sie sind unglücklich – dumpf, schwül unglücklich, weil sie es eigentlich nie begreifen, eigentlich nie apperzipieren: das große Prinzip des Lebens – das Kompromiß. Nichtsdestoweniger passen sie sich in hundert und tausend Fällen an, aus der instinktiven Erkenntnis heraus, daß sie im Grunde mehr Zweifler, denn Verzweifler sind – sie verzweifeln nur generell , im konkreten Einzelfalle zweifeln sie immer nur. Sie haben eine versteckte Vorliebe für alles Problematische, Anrüchige, Pikante, Dubiose, Paradoxe, Halbfertige, Gärende. Sie sind Epiker des Abwartens und Zusehens, naiv neugierig als solche, sie sind Lyriker des Gefühls und des Bedürfnisses, Dramatiker des moralischen Postulats. Sie sind Fanatiker der Freundschaft, der Treue, der Keuschheit – und sie umkrallen die Früchte des Staubes, sie wühlen im Sumpf und in der Sünde, sie üben Bruch und Verrat. Denn sie sehen unten, ganz unten, auf dem Boden des Gefäßes – da sehen sie nur aufgelöste Kristalle, keine Kollisionen und Konflikte mehr, keine gebundenen Kräfte – und sie haben einen Scharfblick für das Erfassen der tiefsten Tiefe, eine Clairvoyance des Durchschauens . Sie sind Zyniker, denn sie sind ethische Dialektiker – sie haben es erfahren müssen, daß es nur einen absoluten Wert auf Erden gibt: die Relation, das Verhältnis. Aber sie können ebenso leicht Fanatiker der borniertesten, vulgärsten Rechtschaffenheit werden – denn die Dialektik hypostasiert das eine Extrem, um nachher das andere offiziell auszurufen. Sie rechnen sehr gern ab, sie fangen sehr gern von neuem an, sie sind mißtrauisch gegen sich, darum öfter sehr erstaunt über sich, sehr naiv-vertrauensselig zu sich und selbstzufrieden. Sie verstehen die Jean Paulsche Gefühlsinzucht und die E. T. A. Hoffmannsche Phantasie-Inzucht ebensogut, wie den Brutalitätsstil, den dämonisch-sentimentalen Vertikalismus Bismarcks oder Napoleons. Sie haben ein weiches, ein sehr weiches Gemüt, sie können keine Träne der Armut sehen, ohne im Tiefsten bewegt, keinen Aufschrei, keinen Hilferuf des Elends hören, ohne im Tiefsten erschüttert zu werden. Sie strömen über von Affekten der Zärtlichkeit und des Mitleids mit allem, was leidet – aber vor ihren Augen wogen und rollen unermeßliche, unerschöpfliche Meere des Leidens: so sind sie Fatalisten, Quietisten gegenüber dem individuellen Fall. Sie sind ursprünglich reine, keusche, unbefleckte metaphysische Naturen: was sie schließlich aus dem Bankerott ihrer Entwicklung retten – denn jede Entwicklung ist eo ipso ein Bankerott – das stellt sich in einer Art von metaphysischem Witz dar, von kaustisch-lakonischer Intellektsverbissenheit. Sie abenteuern gern, spielen gern va banque, setzen gern alles auf eine Karte – sie fühlen sich fremd in der Welt, menschenfremd, menschenfern, sie sind Idylliker und Rhetoren zugleich der Einsamkeit : sie lassen sich gern Charpie und Anästhetika der Einsamkeit gefallen. Sie sind ungeheuer komplizierte und ungeheuer – einfache Naturen: ganz gewiß im Grunde mit starken weiblichen Zeugungs- und Mutterinstinkten ausgestattet. In der Liebe selber sind sie Egoisten , denn sie kennen das Weib, sie glauben es wenigstens zu kennen: sie wissen, daß das Weib nie mehr gewesen ist, nie mehr sein wird und am Ende auch selbst gar nicht mehr sein will, als – eben als ... als ein gefüllter Unterrock – Omelette aux confitures! Es hat eine Zeit in ihrem Leben gegeben, wo sie beinahe verzweifelt sind über die natürliche, tiefbegründete Disposition des Weibes zur Untreue und Unkeuschheit. So sind sie Wüstlinge, Don Juans geworden, so haben sie Haremsneigungen ausgebildet – aber sie vermögen es nicht bei ihrer versetzten Seraphik, es zu Weltmännern zu bringen in puncto erotico: schließlich sind sie nirgends philiströser als in der Liebe – sie heiraten sogar, wenn sie materiell dazu imstande sind: am liebsten ein einfaches, gesundes Weib ohne Vergangenheit – wenn möglich: auch ohne Zukunft, denn sie empfinden einen ästhetischen Widerwillen gegen alle Unreinlichkeiten der Natur, also z. B. auch gegen Säuglinge und ähnliche Windelware. Sie sind in der Regel außerordentlich sinnlich, nervös sinnlich – und besitzen öfter einen kleinen, aber doch eigentlich mehr verstandesmäßig-analytischen Tik für einzelne abnorme Erscheinungen des sinnlichen Lebens. Sie leiden an einem gewissen Trop de cœur – sie entsagen sehr schwer, denn sie durchschauen den ganzen psychologischen Apparat, der das eine Bild festhält oder fallen läßt, um ein zweites, ein anderes an seine Stelle zu setzen. Schließlich ist ja alles einander gleichwertig – der Organismus stimmt sich mit der Zeit auf ein normiertes Verhältnis von Bedürfnissen, Neigungen und Resignationsmöglichkeiten, Opferkräften ab: warum soll ein Individuum, welches einen momentanen Lust- oder Unlustzustand aus irgendwelchen Gründen festhält, festhalten muß, sich bewußt bemühen, eine andere Zusammensetzung seiner Gefühlsatome zu erreichen, wenn es nicht einmal weiß, ob die neue Kombination eine größere Summe von Lustreizen auslösen, darstellen wird, als die frühere? – Indessen, das Rad rollt weiter, die Bilder wirbeln um – und? Ja: und am Ende ist doch alles nur Willkür , nur Zufall – ob ich z. B. in dem Momente des Kampfes ums Dasein, ums Dableiben, um die bevorzugte Stellung: ob ich in ihm ein regulatives Lebensprinzip, ein ›positives Naturgesetz‹ – oder eine unerhörte Roheit und Grausamkeit sehe – ob ich also eine Tatsache mehr beurteile , mehr konstatiere – oder einen Prozeß mehr fühle , mehr mitfühle, das ist doch schließlich ganz in mein Belieben, d. h. in die Funktionsart meiner Individualität gestellt, welche Funktionsart natürlich als solche wiederum eine notwendige, d. h. eben eine dem Wesen meines Organismus entsprechende ist. Schließlich ist ja alles nur Temperamentssache – alles nur Instinktswahl, Triebschärfe, kommt ja alles nur auf die Apperzeptions- und Reaktionsfähigkeiten meiner Gehirnzentren an. Die Ethik geht auf die primitivsten ästhetischen Empfindungen zurück, die als solche zur Produktion moralischer Gefühle führen, nachdem instinktive Neigungen, ausgelöst von an Objekten erlebten, erlittenen Vergegenständlichungen, durch die Phase des bewußten Urteils hindurchgegangen sind und sich in Reflexakte zweiter Instanz umgesetzt haben. So ist der ›Ideologe‹ der eigentliche Statistiker des Innenlebens , im Gegensatz zu dem modernen Intelligenztroddel, der sich als Konstatiermaschine an die Objekte verkauft – psychophysiologisch gesprochen: so ist er der Darsteller der ausgesprochenen Immanenz des Seelenlebens – der Individualist . Der Ideologe ist eine Luxusnatur, Produzent der sublimsten Stimmungen, ausgestattet mit den feinsten und differenziertesten ästhetischen, künstlerischen Bedürfnissen. Aber nur selten, nur überaus selten wird diesen Bedürfnissen genügt, zumal ganz, rein genügt – so entwickelt sich mit den Jahren eine gewisse Gleichgültigkeit, der nur noch Stimulanzen entgegenzuwirken vermögen. Opportunitätsflunkereien , also Intelligenzfisimatenten, ist der ›Ideologe‹ nun schon gar nicht gewachsen – lieber wird er mit der Zeit, mit den Jahren rechtschaffen borniert, mithin ›reaktionär‹ – mit dem Fürsten hat er die Tragik seiner Natur gemeinsam, daß er gerade wie dieser kein Mensch der Gegenwart, nur ein Mensch der Zukunft sein kann, weil er ein Aufspeicherer der Vergangenheit ist. ›Alles was ist, ist vernünftig‹ –: wir wissen ja Bescheid um den perfiden Streich, mit dem dieser Satz der formalen Logik in die Ethik des Gegenwartsmenschen eingeschmuggelt wurde – in die Ethik des Vergangenheits- und Zukunftsmenschen gehört er eo ipso hinein, natürlich. Ja, nur Menschen, nur Selbstmenschen fordert der ›Ideologe‹ von der Welt – und darum haßt er die Materie, die nur Sklaven preßt; haßt er das Gold, das wenige besitzen, die es nicht erkennen; das Millionen mangelt, die es vielleicht edler verwenden: so ist er in gewissem Sinne ›Sozialist‹ . Von Hause aus ist er Historiker, Synthetiker – indessen, die moderne Naturwissenschaft mit ihrer positiv-analytisch-induktiven Methode hat auch ihn befruchtet, da er auch an ihr hat vorübergehen müssen –: so besitzt er für Vergangenheit und Zukunft kaum eine intellektuale Pietät, höchstens nur noch eine gewisse, dazu noch ziemlich sterile Gefühlspietät. Der ›Ideologe‹ ist das natürliche Opfer des Konflikts zwischen der Bourgeoisie und dem ›vierten Stande‹. Ich muß mich hier auf die kargen Andeutungen beschränken – ich sagte schon oben, daß diese Arbeit nur eine kleine Signalschrift vorstellen will. In meinen künftigen, kommenden Büchern normativ-kritischen wie rein produktiven Gehalts wird der Versuch fortgesetzt werden, eine sich immer ausführlicher auseinandergliedernde und auch immer – ›exakter‹ werdende Phänomenologie der Gegenwart zu schaffen. Übrigens habe ich mich unterfangen, in meinem ›Adam Mensch‹ (Roman) eine bestimmte Spielart des modernen Ideologentypus zu zeichnen – Beiträge hierzu erbringen auch meine ›Phrasen‹: an Ergänzungen und Variationen hierüber wird es in meinen nächsten Schriften ebensowenig fehlen. – Außerhalb seiner Generation steht unser junger Kaiser – muß er stehen –: außerhalb dieser Generation, die zu einem Teile von Plebejern und Emporkömmlingen dargestellt wird, zum anderen Teile von Unglücklichen, ›Unzufriedenen‹. Das Vaterland ? – Nun, die ›Vaterlandsliebe‹, der ›Patriotismus‹: er ist ja heute noch das Privilegium der Besitzenden, der besitzenden Plebejer. Frieden ist Stagnation, Verkrampfung, Inzucht – bei den heutigen Bedingungen kaum mehr erträglich. Doch die Zukunft, vielleicht schon die nächste Zukunft: sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen überschütten. Und dann? Wir wissen nur: die Intelligenz wird um die Kultur – und die Armut, das Elend: sie werden um den Besitz ringen. Und dann? Wir wissen es nicht. Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte, eingeborene germanische Kulturideal, allem Semitismus, seinem gefährlichsten, seinem immanenten Feinde, zum Trotz, sich zu erfüllen beginnt. Vorher wird diese Generation der Übergangsmenschen; der Statistiker und Objektssklaven; der Nüchternlinge und Intelligenzplebejer; der Suchenden und Ratlosen; der Verirrten und Verkommenen; der Unzufriedenen und Unglücklichen – vorher wird sie mit ihrem roten Blute die Schlachtfelder der Zukunft gedüngt haben – und unser junger Kaiser hat sie in den Tod geführt . Eines ist gewiß: sie werden uns zu Häupten ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein: die Hohenzollern . Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bedürfen wird –? Das wissen wir abermals nicht. – Ein Kandidat der Zukunft – Übergangsmenschen [Bruchstück] I. Sind es zweierlei Arten von Menschen: die ›Übergangsmenschen‹ und die ›Kandidaten der Zukunft‹ ? Ich weiß: Wie zum ersten Male einer dieses Motiv aufnimmt, feststeckt und unter das Mikroskop legt, um zum ersten Male etwas Neues, sogar sehr viel ›Neues‹, wenn auch im ganzen unzusammenhängend, äußerlich wenigstens, denn innerlich sind die feinstfädigsten Beziehungen vorhanden – wenn also auch nur sehr aphoristisch, andeutend, ausdeutend, tastend deutend überhaupt, darüber zu meinem und meiner Leser Nutz und Frommen gesagt wird, daß die Menschheit, also die Kulturmenschheit, im Begriffe ist, sich wieder einmal auf eine oder nur auf die andere Seite zu legen – so werden, nachdem ich eben manches von dem, was ich loswerden wollte, wirklich losgeworden bin, viele kommen, die ... nun! die mir so gleichgültig sind, daß sie sich meinetwegen einlegen, also einmarinieren lassen können, nachdem sie mich ›ausgelegt‹, also nicht verstanden haben. Man wird in Zukunft viel vom ›Übergangsmenschen‹ und von ›Kandidaten der Zukunft‹ reden – ich habe hier zu bemerken, daß ich mir notgedrungen das Vorwort zu diesen verschiedenen Kapiteln der nächsten Übergegenwart erbitten muß ... Ich habe lange gewartet, man hat auch dies und das verlauten lassen, jüngst und minder jüngst, vor Monaten, Jahren, Jahrzehnten, was mir paßte, wozu ich Ja! sagen, das ich wie einen prägnanten Haken in eine Wand meines Zimmers – es hat damit seine Bewandtnis! – schlagen ... an dem ich meinen Hut, manchmal auch meinen sechsläufigen Revolver aufhängen durfte, wenn ich gerade Lust dazu hatte – oder das ich als einen Pfropfenzieher erachten durfte, vermittelst dessen ich mir diese und jene Phiole – sie enthalten ja nicht immer Osternachtswasser, solche Phiolen! – entkorkte – – aber im großen und ganzen war doch alles das Gehörte, Gelesene, Erlauschte, Zurechtgeordnete so in Entfernungen voneinander verloren, so schmalflötzig, so karg und ohne Chlorophyll, so versteckt und so zaghaft, vorsichtig, bescheiden, leisezeherisch dazu, daß ich anfing, mich nach einem Menschen zu sehnen, nach einem Menschen mich umzusehen, mich umsehen zu müssen, der mir zugleich auch Laterne wäre. Mittel und Zweck in einem, Objekt und Luzifer, Fundstätte, Niederlage, Weinkeller ... nach einem Menschen, der auch eine mehr oder weniger ganze Seele besäße, von welcher ein ›Inventar‹ zu veranstalten, ›modern‹, im tiefsten, vollsten, breitesten Sinne ›modern‹ und für das Erkennen, Durchschauen unserer Zeit, für das Einschauen in den Organismus unserer Tage, über alles erträgnisreich sein müßte. Diese Seele fand sich, fand ich. Sie hat also manches zu vermelden. – Im Laufe des letzten Winters saß ich – in München – eines Abends in einer Gesellschaft neben Hermann Lingg . Ich sprach zu ihm von dem Probleme des ›Übergangsmenschen‹. ›Ja! das ist ein Problem‹; sagt der Liebling meiner Jugend, der teilnehmende, ratende, zeigende, hoffende, wissende Freund meiner Dichterjugend, in seiner sanften, leisen, stillen, stillgewordenen Art ... ›Ja! das ist ein Problem!‹ Nun also: was für eins denn –? Um diesen Punkt herum, dessen geographische Lage ebensowenig genau bestimmt werden kann, wie es schwierig ist, eine exakte, kurzangebundene, identisch deckende Definition seines Wesens zu geben, breiten sich zahllose Assoziationsschichten, zahllose Verwandtschafts- und Ähnlichkeitsbezüge herum. Enthusiasmiert den ›Übergangsmenschen‹ eine in nachdrücklichen Metallfarben transparente Zukunftshoffnung ; befruchtet ihn ein erschautes, vielleicht nur von ihm allein erschautes Morgenrot? Ist er das Glied einer Gruppe, einer größeren oder kleineren Gruppe – oder nur eine, vielleicht hartnäckig-trotzköpfige, vielleicht zaghaft-diskrete, reservierte Zeiterscheinung, die als solche in irgendeiner Form einen anklagenden, abweisenden, revolutionären Gegensatz zur Zeit, zu unserer Zeit oder zu einer Zeit überhaupt darstellt? Welches ist das Wesen eines geschichtlichen ›Übergangs‹? Steht nicht a priori jedes Menschenkind – hier nur in bezug auf sein Recht gefragt, einmal historisches Inventarstück zu werden – mit dem einen Beine immer in der Vergangenheit, mit dem anderen immer in der Zukunft? Kommt es uns heute darauf an, eine äußere Formel und ein inneres Verständnis für jeden psychischen Prozeß zu gewinnen, der nur insofern ein seelischer Konflikt ist – und zwar zumeist als ein typisches Moment der älteren Generation – als er eine Reibung zwischen der Hornhaut der Gewohnheit und gewissen ›neuen‹, ›modernen‹ Ideen, die von einem noch undifferenzierten, unintellektualisierten Willensidealismus der jüngeren Generation getragen und repräsentiert werden, darstellt – wobei es äußerlich ebenso paradox erscheint, wie es psychologisch korrekt ist, daß dieser Willensidealismus gleichsam die Mutterhefe ist für die gewissen Leute ach! so ominöse Pilzbildung eben dieser ›neuen‹, ›modernen‹ Ideen –? Haben wir heute das Recht, von einem ganz spezifischen Typus des ›Übergangsmenschen‹ zu reden – ist dieser Ausdruck mit dem süßsaueren Gute der Resignation legiert ... und ist der p. p. ›Kandidat der Zukunft‹ wirklich oder wirklich nur derjenige ›Übergangsmensch‹, der so alt hat werden dürfen, daß ihm Altes und Neues zu einem Dritten, Zukünftigen , zusammenwachsen, ausgeglichen verwachsen konnte –? Wo sitzt das Plus des ›Übergangsmenschen‹: im Hoffen oder im Fürchten? Was ist ein ›Ideal‹? Haben wir wirklich keine Ideale mehr? Und wer sind denn diese ewigen ›wir‹? Haben wir – schon wieder! – nicht die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, uns selber gegenüber, eine Gemeinschaft, ein In-denselben-Topf-geworfen-werden mit vielen, mit sehr vielen unserer sog. ›Zeitgenossen‹ sehr entschieden abzulehnen? Man hört heute sattsam von einer ›neuen Bewegung‹, von ›neuen Strömungen‹ reden. Drückt sich hier, hierin wirklich der ›Zug der Zeit‹ aus; treten hier, hierin wirklich die ›Ziele der Zeit‹ in umfassender Vielseitigkeit und charakteristischer Bestimmtheit zutage? Wir werden später gelegentlich einen Blick, sogar einen längeren, schärferen Blick, in diese – nein! eine Trödelbude ist die heutige Literatur nun doch nicht – sagen wir also: in dieses Magazin, in diesen ›realistisch-romantischen‹ Bazar tun müssen. Ach! da werden sich sehr merkwürdige Folgerungen in das helle Licht des Mittags stellen. Dabei habe ich also die Literatur stillschweigend als einen Spiegelsaal der Zeit, der jeweiligen Gegenwart, erachtet und betrachtet – ist sie das auch in Wirklichkeit? Kann sie das überhaupt in kritisch zusammengedachter Flächenbreitheitenfülle sein? Ach! Und warum denn wieder ›Literatur‹ und immer wieder ›Literatur‹? Und in der Regel nur ›schöne‹, ›schöngeistige‹, ›belletristische‹ Literatur? Oft genug aber auch und beinah noch fürtrefflichere ›Fach‹-Literatur? Und die lobesamen und lobsäligen Kompromißspößlinge, so da aus Bequemlichkeitsgründen oder infolge demokrätelnder Popularisierungsbestreberei auf den feisten Grenzlinien zwischen Kunst und Wissenschaft wachsen, grünen und gedeihen? Diese Feuilletons, Skizzen, Essays, Plaudereien, diese Kommentare, Kritiken und tiefsinnigen ›Untersuchungen‹ –? Nun ja! wir leben in einer ›gewerblichen Zeit‹ – und alles wird eben geworben, vom ›Publikum‹ benötigt, um dieses wohltuende Wort einmal zu gebrauchen, wird von demselben Publikum mehr oder weniger dankbaren Herzens verkonsumiert, bei welcher Gelegenheit ich übrigens vorschlage, daß die deutschen Dichter und Schriftsteller von den Tinte- und Stahlfeder-Fabrikanten eine Privatkapitalrentensteuer endlich einmal zu erheben sich angelegen sein lassen möchten – indessen! ich werde selbst ›feuilletonistisch‹ weitläufig und ›unsachlich‹ – vielleicht, weil ich meinem Thema gegenüber noch herzlich unsicher bin? ... Nun denn: Wie stände es mit der ›Unsicherheit‹ , als einer nur zu charakteristischen Eigenschaft des ›Übergangsmenschen‹? Also erschaute ich mich selber als einen – – und was fingen wir nun mit den armen ›Kandidaten der Zukunft‹ an? O Dostojewski, gib ihnen, gib jenen – man weiß, wen ich meine – oder wenigstens du weißt es, wen ich meine, Einziger, Einzigster, Unvergleichlicher, gib ihnen die Instrumente deiner abgründigen Psychologie: jenen allen, die da mitreden wollen und nichts, aber auch gar nichts erlebt haben –: diese Sklaven der Objekte, die immer wohnen geblieben in der Zwang- und Tributsphäre der Dinge, der Phänomene, und damit aller Probleme und Konflikte sich entschlagen haben – nur der hat das Recht, die individuale Legitimation, sowie die soziale Befruchtungsquelle in einem, Sklave der Objekte zu werden und, als Produkt folgerichtig unausgleichbar fortschreitender psychophysiologischer Entwicklung, Sklave zu bleiben , der die Kunst besessen, es nicht a priori zu sein ! – gib ihnen deine natürlichen Bohrer, deine übernatürlichen Wünschelruten, deine Fahrstühle mit ihrem prachtvollen Federwerk, das aufschnellt und festpreßt, sollte wirklich mal ein kleiner Strick oder gar ein Tau reißen – und sie werden – nun? Ihre Hände seien zu ungeschlacht? Ihre Finger zu plump? Aber sie ahnen doch alle, sie ahnen doch, daß etwas ›Neues‹ in den Wehen oder mindestens in den Vorwehen liegt? Und doch nicht so ein bißchen, so ein ganz kleines bißchen Kompliziertheit unterkriegen können? Aus welcher Wiege dieser Fadenwirrwarr nur stammt? Und warum ihn ›allgemeinverständlich‹ machen wollen? Es ist ein so auffälliges Unterfangen. Einer, der geschichtlichen, geschichtsphilosophischen Geist im Leibe hat, muß sich immer isolieren – ›da gibt's keenen Ruß‹, wie der ›helle‹ Sachse sagt. Man kommt von sich immer auf die Vergangenheit der Menschheit, vielleicht auf die der Kulturmenschheit nur, aber eben doch auf die Vergangenheit . Und es ist so viel, so sehr viel schon vergangen in der Welt – das muß man erst einmal begriffen haben. Man sollte es wirklich nicht zu einer Plastik der Abstraktion bringen können? Immer nur historische Persönlichkeiten? Immer wieder Objektskult? Langweiligste Hero-worship ? Und doch ist alles vor der letzten Instanz furchtbar gleichgültig. Wie du erlöst sein willst, d.h. wie du dich loswerden mußt : darauf nur, auf diesen Pol allein hat man dich losgelassen. Warum denn nur immer Wurzeln treiben wollen? Es gibt doch auch Knollengewächse mit aufgespeicherten Ernährungssäften. Ja! Ja! Man hat dich nur losgelassen, du ›willensfreier‹ Mensch! Armer Kerl! Also spukt schon wieder einmal das Problem der ›Willensfreiheit‹? Eines Tages übertrumpfte irgendein altvorderisches Wesen das simple Konstatieren durch das geistreichere Zählen . Man entdeckte eine jeweilige Über- resp. Unterzahl der Erscheinungen, an denen man geworden war und weiter wurde. Damit war der Anfang der Züchtung eines Organs zum Ergreifen und Begreifen der formalen Potenz des Problems gemacht. Wir fragen heute nicht mehr: ist der Wille ›frei‹ oder ›unfrei‹? Wir fragen: wie kam man überhaupt dazu, den Willen für ›frei‹ oder ›unfrei‹ zu erklären? Was wissen wir von der Geschichte unseres Verhältnisses zu dem Problem? Ist das etwas Neues? Eine neue Betrachtungsweise der Dinge? Sind das die Keime einer neuen Weltanschauung? Schicken wir uns an, den Phänomenen gegenüber – Phänomenalisten zu werden? Die Analyse, als Tochter der Synthese, ist Sukzessivität. Die Synthese selbst? Vielleicht nur die in ihrer Intensität, Qualität und Polarität von der persönlichen Beanlagung, den persönlichen Bedürfnissen des Einzelmenschen abhängige Auswahl aus den analytisch gewonnenen, d.h. sukzessiv konstatierten ›Inhalten‹, wie die ›Jüngsten‹ des philosophischen Deutschlands zu radebrechen wagen? Heißt ›empirisch sein‹ – vielleicht nur: Massen sehen, intellektualisiert sein, vor der Synthese auf dem Bauche liegen? Und der ›Wille‹ ? Die vitale Urpotenz? Begriffen wir das Sein , d.h. könnten wir es konstatieren, wenn wir nicht ganz gemütlich geworden wären? Ist Sein nicht Dionysionismus, wie Nietzsche sagt – natürlich Dionysionismus cum grano salis –? Also Phänomenalismus? Aber Phänomenalismus des Willens? Und der ›Pessimismus‹ Produkt und Speise zugleich der intellektualen Pubertät? Begreift man nun, warum vorwiegend die Jugend ›pessimistisch‹ ist? Die Jugend mit ihrer Kraft, ihrer Gesundheit, ihrem breiten, strapazenwütigen Rücken? Der Wille will, will absolut, will als Unbewußtes – und wir begreifen doch nur den absoluten Willen seines Unbewußtseins als intellektualisierte Willensdargestelltheiten? Also erst, wenn wir schon einen sehr starken Dunst von aller irdischen Grenzenhaftigkeit bekommen haben –? Wir konstatieren Objekte; wir konstatieren vermittelst synthetischer Auswahl ein dem Willen wesenszugehöriges Bestreben zur absoluten Freiheit und Grenzenlosigkeit, zum ungehemmten Sichausströmen, Sichausleben zum Sein ›an sich‹ – und daraus sollte kein Zwiespalt, eben kein ›Pessimismus‹ in den Pubertätszeiten des Intellekts aufschießen? Es kann einfach kein Mensch sein ganzes Leben lang ›Pessimist‹ bleiben, aus den simpelsten Wachstums-, d. h. persönlichen, psycho-physischen Fortsetzungsgründen nicht: der aber, welcher einmal ›Pessimist‹ bis zum Rande hat sein dürfen, hat damit den Vorbesitz ganz außergewöhnlicher Lebenskräfte bewiesen, was natürlich nie einer aus dem Heerbann der armseligen Oberflächler, d. h. der beklagenswerten Frühgeburten des Intellekts, kapieren wird, weil er es eben bei dem sotanen Zustande seiner menschlichen Zusammengesetzheit nicht kapieren kann. Das ist eine Tatsache: sehe jeder, wie er sich privatim mit ihr abfinde. Was heißt aber: sich mit etwas abfinden? Über etwas hinauskommen wollen? Nur: im Spurennetze der Assoziationen ein neues Geleis furchen? Nur: etwas mit brutaler Erfahrungskaustik in den Vordergrund schieben? Nur: sich von einem Neuen hypnotisieren lassen, um etwas Älteres darüber zu vergessen? Weiter nichts, als Gelegenheit für die Vollziehung eines neuen Identitätsaktes schaffen? Das wäre also der Kern aller ›Erlösung‹: das willenspotenziale Einssein? Aushängung ganzer Gliederfluchten von Zwischenobjekten –: einem letzten, höchsten, allerhöchsten Quintessenz-Objekte gegenüber? Einem Sein, einem Gott, einem Nirwana, einem Nichtsein gegenüber? Oder gar zuliebe? Warum aber über Millionen Mittelköpfe hinweg eine letzte Instanz erheben? Wäre das auch bloß der synthetische Auszug einer Quadratwurzel? Also ein Kunststück, die Funktion einer Kunst? Somit alles, was ›Religion‹ heißt, Erzeugnis, Resultat einer menschlichen Kunsttätigkeit? Ein Fragezeichen nach dem anderen – es ist gräßlich – nicht? Wo liegen die Anfänge der Kunst? Und was besteht vor unseren ›modernen‹ Augen noch als Kunst? Unterscheiden sich – vielleicht heute nur noch? – Kunst und Wissenschaft durch die Art ihres Gebärens oder durch die Wahl ihrer Motive? Ist ›Wissenschaft‹ vielleicht nur ›Wille zur Macht‹ über die Objekte – ›Kunst‹ Wille zur Macht über den Willen, der von seinen Hemmungen erlöst, also –: ›idealisiert‹ dargestellt werden soll? Nein! Nein! Es liegt durchaus keine Contradictio in adjecto vor. Man erwäge nur: Der Wille zur Macht über den Willen: ist er als etwas anderes möglich, denn als intellektualer Koeffizient des Gefühls , das doch wiederum nur unbewußt gewordener, d. h. intuitiv tätiger Intellekt ist? Rubriken, Provinzen des Geistes finden; Schemata aufstellen; deutsames und deutbares, dem Individuum kongruentes, kongeniales Material schaffen: läuft darauf nicht alles heraus? Nun, ich denke: ich habe vorläufig der Fragen wenig gestellt, übrigens auch manche Antwort gegeben, sollte sie hin und wieder auch zwischen den Zeilen stehen. Überhaupt liegt es mir zunächst gründlich fern, breitspurige Erntewagen voll neunmalkluger Antworten durchs sperrangelweit geöffnete Hoftor bugsieren zu wollen. Manchmal ist nichts langweiliger, als das. Manchmal ist allerdings auch nichts kurzweiliger als Fragen zu beantworten, die aus Furcht oder aus Feigheit, überhaupt nicht einmal offiziell gestellt werden. Ich gerate somit der Frage ›Was ist ein Philister?‹ in die Hände. Man hört heute das Wort ›Philister‹ so oft – beinahe wird man schon mißtrauisch gegen Leute, die es aller Nasenlang in den Mund nehmen und alles, was gelegentlich mal nicht in ihren Kram paßt, mit dem Stigma ›Philister!‹ zu brandmarken suchen: als ob nicht der am lautesten zu pfeifen pflegte, der sich heimlicherweise fürchtet! Ich will einmal – und warum sollte ich nicht? – im Kathederjargon der ›Fliegenden Blätter‹ weiter reden – da wird man mich schon besser verstehen und ›wegkriegen‹, was und wie ich dieses dunkle ›Was‹ meine. Also: Auch Siegfried hatte, um aus dem Bilde zu fallen, seine Achillesferse, d. h. sein Fleckchen, sein Räumchen bösen Gewissens – leiden wir nicht alle an ›bösem Gewissen‹? – Da findet das Stethoskop der Psychologie seine Ernte. Unser ›böses Gewissen‹ objektivieren: tun wir etwas anderes, als dieses, wenn wir unserem ›Nächsten‹, gewöhnlich dem ersten und besten Nächsten, d. h. demjenigen, so sich am vorzüglichsten nach unserer Erfahrung dazu eignet, eine in uns selber tätig gewesene ›Schuld‹-Sphäre anschwindeln, wenn wir also sehr ›altruistisch‹ sind ... und für uns selber Charpie sehr nötig haben? Ach! Ihr armen bajuvarischen Marterls, ich verstehe euch! Auch eine ›Willensübertragung‹. – Aber die Übertragung eines bestimmten Willens: unseres Willens zur ›Schuld‹ eines anderen! Weiter nichts, denn die Betätigung unserer sozialen Grundnatur. Allenhalben nur soziale Kreise in konzentrischer Befehdung. Die Geschichte vom ›Egoismus‹ ist in der Tat halb und halb ein Märchen: denn ist nicht das Individuum auch nur eine Zellenverbindung, also eine soziale Staatsrepräsentation? Ich bitte das übrige auf diesen Punkt Bezügliche in Preyers ›Die Seele des Kindes‹ nachzulesen und sich dito die Geheimnisse der Pflügerschen ›Rückenmarksseele‹ zu Gemüte zu ziehen. – Sonst behaupte ich, ist ein Philister ein Mensch, dessen Organismus von einem zu mageren und dürftigen Willensfluidum gespeist wird, um Identisches einmal in Prädikat und Objekt zu spalten, als daß die Intellektualisierung dieses Willens, seine Umsetzung in einen Mechanismus (Reflex-Apparat), nicht verhältnismäßig sehr früh erfolgen sollte. Der ›Philister‹ ist der geborene Phänomenalist; der naiv-raffinierte, d. h. der die Retina durch das Gehirngrau dankbar bestätigende Synthetiker; der Mann der ›Real-Politik‹, der ›Logik der Tatsachen‹; der Heros des Kompromisses – der Philister ist der Mann ohne produktive Phantasie , wobei ich unter ›Phantasie‹ eine durch eine reiche Objektswelt zu flüssigstem, mühelosestem Arbeiten gestimmte Assoziationskraft – und unter ›produktiver‹ Phantasie die Fähigkeit verstehe, einer Erscheinung auf den Grund zu kommen, ihre Quintessenz zu finden, nach einer bestimmten Richtung hin den letzten Schluß zu ziehen . Das ›Wesen‹ eines Dinges erschließen, bedeutet nur: seine ursprünglichste, einfachste, praktischste Form zurückentdecken: diejenige Form, welche am leichtesten überzeugt; bei welcher der ursprüngliche Zweck, Ermöglichung der verhältnismäßig ungehemmtesten Offension – am klarsten hervortritt – bedeutet nur: die Keimzelle einer (bestimmten) Bewegung auffinden. Bewegung und Ruhe: wir sind mitten im Ereignisleben der Mechanik, der Statik. Sein ist ungehemmte, also in letztem Grunde zweck- und ziellose Offension, wenn ich diese paradoxe Zusammenkoppelung wagen darf – ›Teleologie‹: anthropomorphische Übertragung. Erst nachdem der Mensch pragmatisiert war, anthropomorphisierte er. Werden, ›Leben‹: beanstandete, von den ›Objekten‹ beeinträchtigte Offensive. Und doch wird ›Subjekt‹ und ›Objekt‹ nur eins –: Eins sowohl in einem neuen , perzeptiven Identitätsakt, wie eins im Erinnerungsakte , im eigentlichen ›Ideenleben‹, in der assoziativen Sphäre, dem Werkzeuge der Apperzeption, in der immanenten Gedankeninzucht. Daß wir uns selber nur als Objekt vorstellen können, zwingt uns zu dem Schlusse, daß wir nur an Objekten geworden, durch Objekte intellektualisiert sind, daß ›Objekte‹ also realiter existieren – selbstverständlich ist die Anerkennung einer ›Realität‹ auch nur Deutung , Formel, Symbol. Der letzte Schluß, der auf diesem Wege liegt, kann nur der sein, daß die Einheit, die Synthese an sich das Prius der Vielheit ist – daß die Rückkehr zur Einheit, zum Nichtwissen – tat twam asi !, ›aus Mitleid wissend‹, besser: ›aus Mitwissen leidend‹ – daß der Wille zur Rückkehr das Lebensprinzip der intellektualisierten Vielheit, also identisch ist mit dem Daheimwollen, mit dem Dableiben-wollen um jeden Preis. Nur im Werden können wir das Sein oder das Nichtsein, was ja dasselbe ist, wollen – ›Wollen‹ als neutrale ἀνάγκη, als ›dira necessitas‹ genommen. Das also wäre das ›Geheimnis des Lebens‹, das ›Rätsel des Todes‹ ... das also wäre zugleich unsere ›Schuld‹, unser ›Verhängnis‹, wäre der ›Fluch‹, der auf uns lastet? ›Hemmung‹ bedeutet Leben, Erfahrung, Schmerz , Intellektualisierung: das Wort muß leider immer wiederkehren. Aber nur in den mannigfachsten Vielheiten und Zusammengesetztheiten sind die Willenspotenzen – man mag hier auch an ›magnetische‹ Strömungen, ›magnetische Atmosphären‹, meinetwegen auch an das Reichenbachsche ›Od‹ und an die hierher gehörigen Resultate Mesmers, Braids, Pertys u. a. mit denken – sind allso die Willensmassen in die Gehäuse der einzelnen Individuen, menschliche Individuen vorausgesetzt, eingegangen. Vererbtheiten und persönliche Objekts-Erfahrung bedingen die gesamte Eigenart der Entwicklung. Ich will hier auf den Schopenhauerschen Gedanken, daß der Wille, das eigentliche und eigentlichste ›Ding an sich‹, sich in der Ausbildung der Organe, also auch des Nervensystems, manifestiert, nicht weiter eingehen – jedenfalls aber betreten wir jetzt die Bezirke des psychophysiologischen Abhängigkeitsprozesses. Der ›vierte Stand‹, die Jugend der Menschheit, ins Ganze gefaßt, das vielleicht mit Hauptbetonung der national-ökonomischen Seite, stellt die noch verhältnismäßig reinste Willensmasse dar. Im ›dritten‹ Stande, in der Bourgeoisie – hier ist verhältnismäßig größte Intellektualisiertheit, verhältnismäßig größter Reichtum an Objekten, Verbrauch von fast allem verzehrbar gewesenen Willensvorrat: man wird den ›Tropus‹ passieren lassen. Natürlich ist das alles nach dem Prinzipe der Individuation differenziert, versonderlicht zu denken: so ergibt sich, so ermöglicht sich eben eine ungeheuere Masse von dargestellten Einzelmischungen. Nachhaltigste Willenspotenz, also verhältnismäßig größte Intellektualisierbarkeit und wirkliche, durch günstige Verhältnisse – außergewöhnlich reich dargebotene Objektswelt – gewährte Intellektualisierung bürgen für die verhältnismäßig größte Anzahl von Neutralisierungsakten : von Seins -Erlebnissen im Flusse des Werdens. Hier stehen wir an den Quellpunkten der Ethik , der Ästhetik , mit ihren Projektionen in die Welt der Erscheinungen, der Materiellen, also im Grunde in die Welt der National-Ökonomie . Noch am ehesten und zahlreichsten sind reine Seins -Erlebnisse im Bereiche des Erhabenen möglich: dort, wo der Wille des Individuums, ich möchte fast sagen, absolut gebunden wird. Das ›Schöne‹ neutralisiert den Intellekt, bestätigt also den Willen, gibt sich als das einfach, als das schlechtweg bejahende Prinzip, ist also das jeweilig Nützliche, Praktische, Untersäulende, Weiterführende, und das in superlativer Nachdrücklichkeit. Ich wiederhole: nur in den Wirbel- und Wirrwarrzonen des Werdens sind strengere und strengste Seins-Erlebnisse möglich. Nietzsche bemerkt sehr korrekt am Schlusse seiner ›Genealogie der Moral‹: Wir wollen (müssen) alle lieber das ›Nichtsein‹ wollen, als das Sein nicht wollen. Was wäre demnach das wirkliche Wesen des ›Tragischen‹? Ein Unglück in gewissem Sinne bleibt zunächst das (psychophysiologische ) Gelähmtwerden immer, ob es nun ganz , d. h. durch den ›Tod‹, geschieht, oder nur teilweise, also ein äußeres Fortleben in bedingter Breite gestattet. Aber warum nennen wir dieses Gelähmtwerden ›tragisch‹? Ist der betreffende ›tragische Held‹ nicht eingegangen in das Reich der Gebundenheit, der allseitigen Ausgeglichenheit? Ist er nicht zurückgekehrt zum ›Willen an sich‹? Indessen: ist es ihm noch gegeben, die Poesie des Übergangs ein zweites , ein drittes, viertes, fünftes Mal zu genießen –? Nur in halbverlorener Nüchternheit verstehen, umfassen, besitzen wir die Ekstasen des Rausches. Die Wollustpoesie des Übergangs : das reicht mit seinem Wurzelfaserwerk tief, tief in die seelischen Abgründe des Menschenkindes, des ›Menschensohnes‹ hinab. Auch eine Hindeutung übrigens auf das tragisch-komische Schicksal des ›Übergangsmenschen‹ im Ganzen. ›Furcht und Mitleid‹ hat man auch dieses Mitleiden, dieses Mitwissen, diese Sympathie , diese ausgelöste Welt von Schmerzen und Wollust genannt. Doch im Verlaufe von zweitausend Jahren ist die Menschheit, die eben dadurch, eben damit ›Kulturmenschheit‹ geworden ist, so tapfer intellektualisiert worden, daß wir uns alle als vom ›Toback‹ des ›Sokratismus‹ und ›Apollinismus‹, wie Nietzsche sich ausredet, bräunlich angeraucht begutachten müssen. Und doch hat es zweifellos einmal ›Neurosen der Gesundheit‹, hat es einmal eine Menschheit mit zermalmungswütigsten Raubtierinstinkten, hat es einmal eine Periode eines schweren, dunklen, düsteren, tragischen Dionysionismus gegeben – derselbe Nietzsche vermutet das ganz mit Recht. Da ließen sich noch verhältnismäßig sehr wenige Objektsfahrzeuge auf dem breiten, stolzen Strome des ureingeborenen Willens blicken. Da gab das Leben die Blütezeit der mechanischen Tragik her, es lebte nur ein absolutes Schicksalswalten, es lebten sicherste, vorbestimmte, unentrinnbare Führungen. Es ist sehr nachdrücklich zwischen dynamischer und mechanischer Tragik zu unterscheiden. Vertikales Hinabschießen in den Tod: wie glücklich ist der, dem es eine einfachere, mediokratische Naturanlage gestattet, gewährt. Die berühmte Schopenhauersche ›Fallhöhe‹, die der arme Tragische bald besitzen soll, wird nur zu oft, wenigstens in den Augen schärfer und tiefer und eigenartiger Sehender –, durch eine jämmerliche Mittelmäßigkeit des seelischen Organismus paralysiert. Die Griechen stellten die mechanische Tragik, so da verhältnismäßig ungebrochenen, naiven Menschenkindern passiert, am reinsten dar. Wir, wir ›Modernen‹, sollten wohl nun nachgerade endgültig bei der dynamischen Tragik angekommen sein: wir um Unübersehbares mehr gespaltenen, differenzierten, intellektualisierten Geister. Dagegen treibt sich unsere ganze Dramatik – die historische immerhin noch mit einem gewissen Rechte – in Mischlingsbezirken herum. Allerdings! ich vergesse immer wieder, daß Naturen, die als dargestellte (Christallersche) ›Gegengesellschaft‹ sich eben im Gegensatze zur Masse , deren Prinzip natürlich nur die Massenerziehung sein kann, entwickelt haben – daß diese allgemeiner begriffener Typus und fruchtbarer Sauerteig erst unerkleckliche Zeitläufte später, als die Stunde der jeweiligen Gegenwart anzeigt, werden können. Der tragische Konflikt, welchen Dramatiker ältesten, älteren, neueren und neuesten Schlages zur Achse ihrer Dichtungen machten und machen: er ist fast immer der konventionellen moralischen Sphäre entnommen: in der Regel handelt es sich innerhalb harmloser, einfacher Menschen um halb simple Zwiespältigkeiten, zu denen ich allerdings auch einen ›Pflichtenkonflikt‹ wie zwischen Liebe oder Freundschaft einerseits und Vaterland andrerseits zu zählen wage. Und wo wirklich einmal der Versuch gemacht wird, einen Griff in ein zusammengesetzteres seelisches Leben zu tun, wo mithin weniger eine gesellschaftlich-moralische ›Prinzipien‹ -Tragödie, mehr eine sog. ›Charakter‹ -Tragödie herauskommen soll: wie sind doch in der Regel die ›Helden‹ auch dieser Tragödien alles andere mehr, denn wirkliche ›problematische‹ Naturen, alles mehr, denn Menschen also, die an dem Widerstreit zwischen persönlicher Anpassungsfähigkeit und jeweiliger, durch eine bestimmte Objektsgruppierung geforderter, bedingter Anpassungsnotwendigkeit zugrunde gehen. Abgesehen von Kleists ›Prinzen von Homburg‹ , behandelt eigentlich nur Dostojewskis großes tragisches Epos ›Raskolnikow‹ einen echt dynamisch-tragischen Konflikt. Was für rührend einfache und harmlose Gesellen sind aber nicht diese Fausts, Hamlets, Wallensteins! Was für ein armer, dummer, erzdummer Teufel ist nicht dieser Mephisto! Wie stinkt er nicht patent nach dem bewußten Eklektizismus Goethes, von dem alle Goethe-Interpreten so voll, d. h. so überzeugt sind. Also ich will im Grunde nur ›abnorme‹, psychologische‹, ›pathologische‹ Menschenkinder, ›psychiatrische‹ Motive? Warum nicht? Was sich da innerhalb eines bestimmten Rahmens ereignet, ist ja nur mehr oder weniger zufällig : was sich aber in der innerlich notwendigen, notwendig gewordenen Fortsetzung eines gleichsam doch nur improvisierten Beginns noch ereignen könnte : das ist das Unheimliche, Beängstigende, Einschnürende. Die Ungewißheit, wann endlich die Objekte aufhören werden, im Intellekt den Willen anzurempeln: sie lastet auf uns, sie erdrückt uns, sie löst das tiefste Mitwissen und das tiefste Mitleiden aus; sie ist der überwundene, also intuitiv tätige Intellekt, der uns die Kraft gibt, der Sehnsucht nach dem Tode zuliebe das Leben auf uns, weiter auf uns zu nehmen. Wenn auch momentane Dispositionen annehmender oder abweisender Art, und psychophysischer Sonderzustände, stockendes Gefühlsleben, Objektsüberreizungen usw., unter Umständen das innige Verhältnis für ein aufgerolltes Ausnahmeschicksal trüben können: so sind es doch wiederum nur die Naturen, nur diese reicheren Naturen mit breitester Willensunterlage und ausgebildetstem Saugapparat für die Bewältigung der Phänomene, so sind es doch nur diese Besserweggekommenen, sage ich, welche sich das Wesen des betreffenden tätigen Organismus (oder Mechanismus) anzueignen, die es sich zu deuten imstande sind. Deutung aber, unter Umständen sehr private, sehr persönliche Deutung: sie ist sowohl das formale, wie das inhaltliche Prinzip jeder Weltanschauung: individuelle Schranke, Freiheit, Notwendigkeit, Knechtschaft, Waffe und Achillesferse, Erlösungskoeffizient und Nessusgewand; Ausdruck, Projektion, Dargestelltheit des psychophysiologischen Entwicklungsprozesses. Endlich also einmal ein ›Absatz‹, ein Aufatmen nach dieser endlosen Dialektik individual-typischer Proportionen. Wie vielerlei ist nicht schon berührt, gestreift, erwähnt, berücksichtigt und auch – abgetan worden! Jawohl! Gott sei Dank, auch das. Doch manches flatternde Stückchen Altweibersommers ist allerdings noch um einen würdigen Baumstamm, um ein Kirsch- oder Äpfelbäumchen zu legen, oder an ein mit roten Pfaffenhütchen besetztes Zweiglein, an eine schwarzbraune Brombeerhecke loszuwerden. Ich wiederhole meine Eingangsfrage: Sind es zweierlei Arten von Menschen, die ›Übergangsmenschen‹ und die ›Kandidaten der Zukunft‹? Eine prinzipielle Sonderung läßt sich in der theoretischen Beantwortung der Frage natürlich ebensowenig vornehmen, wie es schwerlich jemals in Wirklichkeit eine schneidend genaue Zweiteilung der Menschen nach dieser Richtung hin geben wird. Ich nenne vorderhand schlechtweg denjenigen einen ›Übergangsmenschen‹, der von dem Neuen, Kommenden so viel weiß, daß er, ein gleichsam neutrales, neutralisiertes Instrument seines Atavismus, das Künftige, Zukünftige ebenso fürchtet, wie erhofft. Ich denke hierbei zunächst an den Mann – und zwar an den Mann, der auf dem Höhepunkte seiner Entwickelung, also auf der sog. ›Mittagshöhe des Lebens‹ steht, d. h. der an demjenigen Punkte seines Lebens angelangt ist, wo die Spitze der Pyramide der Jugend mit derjenigen der Gegenpyramide des Alters zusammenstößt, wo also die relativ größte Einseitigkeit, Verengung, Gebundenheit erreicht; die relativ größte Kraftzusammenspannung und Kraftsparungstendenz vorhanden; – wo die Willensmasse, die zur Verfügung gestanden hat, so gut wie aufgezehrt ist; wo das Willensleben der Jugend, die dargestellte Brechung an den Objekten, gleichsam endlich selbständig, selbstbewußt, bewußt mit sich, identisch, wo sie ein einziger, großer, erlebter Apperzeptionsakt geworden ist, welcher, an sich Drama und Peripetie im Drama zugleich, sich nachher in die epische , vorzugsweise intuitiv tätige Auflösung des Alters verläuft. Natürlich sind diese psychophysiologischen Entwicklungsabschnitte in jedem Individuum andere, besondere, eben von der Gesamtveranlagung des Individuums abhängige. Das Bild von den beiden Pyramiden ist somit nur durch das spekulativ gewonnene Durchschnittsmittel, zu welchem jeder Einzelmensch sein bestimmtes Verhältnis besitzt, gerechtfertigt. Der ›Übergangsmensch‹ ist also zunächst ein Opfer seiner Geburt, d. h. von den äußeren Zufälligkeiten seines Alters und von der Verfassung, in welcher sich jeweilig bestimmte Zeitläufte hindurch seine engere und weitere Umgebung befunden hat, abhängig. Der ›Kandidat der Zukunft‹ ist demnach vorzugsweise der Mensch, der seine ›Reife‹ in der umgeordneten Gegenwart, also in der Zukunft , erleben; der von den Gegenständen, den Inhaltserscheinungen der Zukunft seine eigentliche Intellektualisierung erfahren; dessen Rückwirken auf die Objekte, dessen praktische Lebenstätigkeit mithin, in der Zukunft und von ihr ausgelöst werden wird. Ich betone immer wieder die psychophysische Gesamtveranlagung des Einzelmenschen, von der für seine Stellung zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht weniger, denn alles abhängig ist. Ich schalte hier ein, daß sich abstrakte Systeme, welcher Art sie auch sein mögen, ob rein psychologischer Natur oder von angewandter Psychologie, also ästhetischen, ethischen, völkerpsychologischen usw. Charakters – warum nimmt unsere Zeit das harmlose Wort ›Völkerpsychologie‹ nur so ungern in den Mund? – daß sich solche Systeme also nur aus spekulativ gewonnenen Durchschnittsmitteln ergeben, daß in der Praxis jedoch alles nur äußerlich auf Schablone, Einordnung, Anschluß, innerlich dagegen auf brutalsten Nihilismus hinausläuft – in welchem Nihilismus sowohl bewußt behauptete, nachdrücklich festgehaltene, weil für das Fortbestehn des Individuums notwendige Eigenart , wie stumpfsinnigste Gleichgültigkeit , absolute Verkrustung, totale Unauffurchbarkeit, enthalten und beschlossen sind. Am unglücklichsten sind diejenigen Naturen, die halb ›Übergangsmenschen‹, halb ›Kandidaten der Zukunft‹ darstellen, darstellen müssen: Zwillings- und Zwielichtsgeschöpfe mit gar nicht übler, mit ganz respektabler Willensunterlage sogar; gut intellektualisiert, auch noch vielfach intellektualisierbar; mit sehr scharfen Geruchsorganen ausgestattet, zum Erfassen dessen, was ›in der Luft liegt‹, was sich ankündigt; die Nöte der Zeit teils intellektuell gesondert studierend, statistisch-wissenschaftlich konstatierend, im einzelnen zu heben, zu beseitigen suchend; teils aus heftigstem Willensidealismus heraus sie im Tiefsten mitfühlend, unter den allgemeinen sozialen Drangsalen mitaufstöhnend – und am Ende doch vor der Zeit, bevor die Zukunft sich nur in einem, sich nur in diesem und jenem erfüllt hat, zur Versöhnung geneigt, zur Versöhnung gezwungen – in ihrer psychophysischen Entwickelung , deren leitender Durchführungsträger unvermerkt doch das atavistische Moment geworden ist, dazu veranlaßt: einzulenken, einzumünden, mit den bewußten ›bestehenden Verhältnissen rechnen‹ zu lernen. Zu früh – d. h. nur im Hinblick auf das Gesamtgefüge der Zeit mit ihrem Debet und Kredit: für den einzelnen Menschen ist diese Entwickelung nur normal und über alles zweckmäßig, insofern sie die persönliche ›Erlösung‹ im großen Stile, darum also mit kleinen Abzügen und Lücken, darstellt – zu früh, sage ich, hat sich die Willensethik der Pubertäts- und eigentlichen Jugendzeit zur phänomenalistisch- ästhetischen Weltbetrachtung erweitert und erflacht, die Grenze, jenseits welcher, innerhalb der Sphäre des Erhabenen , große Seins-Erlebnisse möglich waren, ist unvermerkt überschritten worden; die Ära der intellektualen Toleranz beginnt; die Zukunft , welche ethische Hoffnungen heißesten Grades erfüllen sollte, um deren willen so oft und so gern jede Unzulänglichkeit, Enge, Kleinheit und Kleinlichkeit der Gegenwart ertragen wurde: sie hat fast ganz ihren Reiz verloren, und nur der unmittelbare Augenblick wird in ästhetischem Genießen zu erschöpfen gesucht; der polare Drang! in einem , in einem Großen, Ganzen, Vollen, Ungebrochenen still zu werden, ist unter dem Druck der wachsenden Objektswelt – deren Daseinsvoraussetzung ein Weiterleben schlechtweg, deren Folge nervöse Differenzierung ist – in das gezwungen-zwanglose Anerkennen von tausend Einzelheiten, die zusammen nur noch eine ästhetische Vielheit, aber keine ethische Einheit mehr geben, aufgelöst, zerspalten, zerfasert worden; die äquatoriale Sonnenwelt hat ihren Fanatismus dem Prinzipat der ausgleichenden Intellektswelt der gemäßigteren Zonen opfern müssen – kurz: aus den Bezirken des Willens, der Einheit, der Ethik, des Vorurteils, der Intoleranz, ist das Individuum in die breiteren, ebeneren, flacheren, stilleren, epischeren Bezirke des Intellekts, der Ästhetik, der Vielheit, der Vorurteilslosigkeit, der Toleranz getreten. Um diesem Gedanken sogleich noch eine kulturgeschichtliche Anwendung zu geben: das vorige Jahrhundert, das ›geborene‹ Jahrhundert der Gegensätze, hat, wie man weiß, u. a. auch in ›Toleranz‹ gemacht. Warum? Nun, die eine psychologische Kulturgeschichte der Zukunft wird dafür ihre ganz besonderen Gründe anzugeben wissen. Die Menschen tun alles widerwillig, störrisch – und aller Anfang ist lächerlich, schamlos lächerlich dann und wann. Ich denke dabei sowohl an Adam und Eva, wie an andere, ein wenig näher liegende, ein wenig später passierte Geschichten. Also: die Toleranz war als solche nur ein Formal -Prinzip der Zeit, des vorigen Jahrhunderts – ein Formal -Prinzip, das zwar vom Intellekt erkannt, ausgesprochen, ausgerufen, organisiert wurde, das aber nur psychologisch korrekt verständlich wird, wenn als sein Substrat die Intuition aufgefaßt wird, die sich eben in der intellektuell erkannten und von der ›Real-Politik‹ der Zeit praktisch angewandten Toleranz ein Ventil gegen den zunehmenden Intellekt schuf. Unsere Toleranz, die moderne Toleranz, ist kein Gefäß mehr, ist vielmehr selbst Inhalt, selbst Substrat geworden – aber wessen Substrat? Ich dächte, die Antwort läge nahe genug: der Bestialität , der Brutalität , mit der sich heute die ›Welt‹ auf ihren höchst-eigenen Leib rückt. Unsere Brutalität ist (intuitiv) angewandter Intellekt – und ein Ventil (als Ausdruck der ›Toleranz‹) dient nicht mehr dem Zwecke, die Luft, eine bestimmte Menge Luft, zu reinigen, sondern deren Verunreinigung indirekt zu legitimieren . Ich habe oben den ›Übergangsmenschen‹ und den ›Kandidaten der Zukunft‹ gemäß der Leistungs- und Ausdrucksfähigkeit ihrer psychophysiologischen Natur kurz skelettiert – und als den ›unglücklichsten‹ Menschen den hingestellt, der eine disproportionale Mischung aus ideellen Bestandteilspunkten beider darstellt. Ich wiederhole: ›unglücklich‹ ist eine solche Natur nur insofern, als sie imstande ist, eine Zeitlang die Kraft auszulösen für das Ertragen des von ihr begriffenen Umstandes, daß sie den ethisch-sozialen Bestrebungen gegenüber, auf welche ihre Jugend gestimmt war, verhältnismäßig zu früh alt, d. h. ästhetisch , phänomenalistisch betrachtend, geworden ist. Hat sich diese Apperzeption erst einmal in nur noch intuitiv tätigen Besitz der Persönlichkeit umgesetzt, so ist es natürlich auch mit dem ›Unglück‹ im großen und ganzen vorbei. ›Ethik‹ ist die systematisch geregelte Lehre von den gegenseitigen Beziehungen menschlich dargestellter Verkümmerungen, vermenschlichter Fragmente . Es ist nichts rein , nichts ganz ausgeglichen innerhalb unserer vier Erdpfähle, man sagt auch: in der ›sublunarischen Ära‹. Im allgemeinen besitzt jeder von allem etwas ... und naturgemäß durchschnittlich ein gut Teil mehr nach der Seite der Anhängerschaft hin an das ›Ewig-Gestrige‹. Man hört heute oft genug von dem ›Proletariat des Geistes‹, von dem ›Nihilismus – des Geistes‹ reden. Der erstere Ausdruck betont das materiell-ökonomische , die zweite Münzung das ethische Moment des psychologischen Zeitproblems, das hier vorliegt. Ich werde im Verlaufe meines Buches noch näher auf diese beiden Darstellungsflächen des Problems zu sprechen kommen. Jetzt bemerke ich vorläufig nur, daß die Elemente, die hier in Frage kommen, der Mehrzahl nach zu dem Typus des ›Übergangsmenschen‹ gehören: angelockertes, vielfach auch produktives, allerdings zumeist nur sehr einseitig, sehr borniert produktives, jedoch im Grunde nur sehr widerwillig an den ›Tisch der Malkontenten‹ getriebenes Material, das sofort bereit ist, seine Rebellenflagge – vorausgesetzt, daß diese Menschen sotane Hyperbel überhaupt verdienen – einzuziehen, wenn ›man‹, d. h. wenn der Staat , d. h. eine Staatsanstellung, ihm die Objekte bietet, von denen es sich ernähren, an denen es seine ästhetisch-philiströs-kontemplative Weltanschauung großziehen und ausbilden kann. Immerhin steckt (oder stak wenigstens einmal) in diesen Mediokraten mehr, denn in jenen Geistern, die – absolute Untermittelschlagswesen – ihr bißchen Wille und ihr bißchen Intellektualisierbarkeit sauber zusammenhalten müssen, wenn sie überhaupt das Geleise, in welches sie von einer ›höheren Macht‹ – wie das nach Enge und Armut und atavistischer Dummheit stinkt! – hineingestoßen werden – wenn sie das einigermaßen glatt abrutschen sollen. Natürlich machen diese Leute immer die Mehrzahl jeder Generation aus. Ich werde ihnen noch einige Front- und verschiedene Seitenblicke in einem andern Kapitel dieses ebenso ehrlichen, wie querköpfigen und absichtlich ungerechten Buches widmen müssen. Die ›Ungerechtigkeit‹ ist auch ein Werkzeug der Selektion. Und nicht ihr dümmstes. Jedes Individuum, und mag es ursprünglich noch so reich, glänzend und zukunftsgewiß beanlagt gewesen sein – Anlagen natürlich hier vorausgesetzt, die zur Erfüllung eines ›Ideals‹, wie ich es mir der persönlichen Darstellung würdig denke, – also jedes Individuum tritt im Laufe seiner Entwicklung, durch physische Ursachen dazu gezwungen, d. h. von diesen unvermerkt dazu übergeführt, in eine Periode der psychophysischen Abkühlung, Verengung, Erkältung, Vereinheitlichung ein. Jede Sondernatur ist sich natürlich selbst Gesetz, ist von den Bedingungen, unter denen sie geboren, ausgebildet, aufgerollt, unter denen sie fortbesteht, abhängig. Auch die Verästhetisierung einer Persönlichkeit ist eine Verengung, eine Vereinheitlichung – und hauptsächlich insofern, als mit dem zunehmenden Anerkennen der Objekte, der Objekte schlechthin, also mit dem Wachsen des ästhetischen Phänomenalismus, die Reizstärke der Empfänglichkeit für besondere , für neue Objekte abnimmt – und zwar in der Regel die Empfänglichkeit für solche Objekte, die, wären sie früher in die Kraftsphäre des Individuums getreten, demselben entsprechender gewesen wären –: welche Erscheinung eben mit dem ›tragischen Konflikte‹ identisch ist, den jedes Leben auf sich nehmen, darstellen, wenn auch zumeist unbewußt, d. h. ohne ihn apperzipiert zu haben, darstellen muß. Die Bezeichnung eines ›Kandidaten der Zukunft‹ – meinetwegen rede man auch von ›Kandidatinnen der Zukunft‹: das soll mir gleich sein – verdient also vorzugsweise der Mensch, der jenes Sichverengen, jenes unvermeidliche Herabsinken der individuellen Temperatur, mit breiter, großer, ruhiger Gelassenheit und Sicherheit in Szene setzt; der imstande ist, sich die Organe seiner geistigen Empfänglichkeit verhältnismäßig lange frisch, flüssig, naiv, keusch zu erhalten; der das Vergessen gelernt hat ... und es der Mühe für wert erachten muß, sich dieser Kunst des Vergessens zuliebe ein Gedächtnis anzuzüchten –: der also genug persönliche Kraft und Gesundheit, persönliche Dauerhaftigkeit besitzt, um seine Entwicklung in ihrer ganzen kubischen Erschöpftheit wirklich tragen zu können; der jenen ›tragischen Konflikt‹, den gerade er früh, sehr früh, erkennt, begreift, durchfühlt, sich mit kühner Selbstverständlichkeit vollziehen läßt – und zwar sich vollziehen läßt, indem er ihn bekämpft; ... der ihn erfüllt , wo er ihn durch die dynamische Beweglichkeit seiner Natur zu ignorieren, ja! unmittelbar bewußt zu verneinen scheint. Zwar ist die Dialektik des Gedächtnisses auch von dem Jargon abhängig, den die Eingeweide sprechen, den der Magen, den die durchgeschwitzte Blutspeisungszufuhr spricht. Und eine Hauptkomponente seines Ichs besitzt jeder – um im Reiche der Kunst und bei drei bekannten Menschenkindern den Schritt anzuhalten: der Grundzug Goethes war epischer , der Wagners dramatisch-theatralischer, der Victor Hugos lyrischer Natur . So erhält alles von diesen Zentren seine bestimmte Brechung und Färbung, seine Beeinträchtigung, aber auch die Mitgift seiner besonderen Kraft, also seine Berechtigung, sein Daseinsrecht, seine normierte Lebensfähigkeit. Ob ›Übergangsmensch‹ oder ›Kandidat der Zukunft‹? Das ist also zunächst ein rein psychophysiologisches Problem und ein streng individuelles dazu. Das Verhältnis des Einzelwesens zu den Grundbestrebungen der menschlichen Natur wird seinem Inhalte nach immer dasselbe bleiben – nur die Form des Prozesses ändert sich mit neuen Atomgruppierungen des Lebens. In den folgenden Kapiteln, die überdies zu manchem vorläufig nur angedeuteten Punkte Ausführlicheres enthalten und erbringen, wird die soziale Physiognomie unserer Tage mehr und mehr in den Vordergrund treten. Und allmählich wird die Diagnose über die Beziehung herauswachsen, in welcher die ›Philister‹ und ›Übergangsmenschen‹ zu den wirklichen ›Kandidaten der Zukunft‹ stehen. – Unser Credo Unser Credo! Wir wissen, daß dieser Titel etwas kühn und stolz klingt. Es werden mit der Zeit sogar genug Stimmen laut werden, die ihn anmaßend schelten, womöglich noch härtere Ausdrücke dafür haben. Man wird uns in allen Farben und Tönen, die ganze prismatische Farbenkarte, die ganze Tonskala hinauf und hinunter, ›heimleuchten‹ und uns unsere Unbescheidenheit, unsere Vermessenheit parlamentarisch und – unparlamentarisch ad oculos demonstrieren. Ob wir aber zerknirscht sein werden? Ob wir büßen werden in Sack und Asche? Ich glaube kaum. Warum auch? Wir wissen ganz genau, was wir in dieser Anthologie ausgeben. Wir sind uns, um diesen Punkt hier gleich zu erwähnen, ihrer Schwächen vollkommen bewußt. Wir machen nicht den Anspruch, Vollkommenes, Makelloses nach Form und Inhalt zu bieten. Wir begreifen vollkommen, daß manches Poem, das wir aufgenommen, nicht originell ist; daß es in tausend angestimmte Weisen einfällt; das es, absolut genommen, vielleicht nicht einmal wertvoll ist. Und doch erheben wir den Anspruch, endlich die Anthologie geschaffen zu haben, mit der vielleicht wieder eine neue Lyrik anhebt; durch die vielleicht wieder weitere Kreise, die der Kunst untreu geworden, zurückgewonnen und zu neuer, glühaufflammender Begeisterung entzündet werden; und durch die all die Sänger und Bildner zu uns geführt werden, um mit uns zu Schöpfern einer neuen Lyrik zu werden, die bisher abseits stehen mußten, weil sie kein Organ gefunden, durch das sie zu ihrem Volke in neuen, freien, ungehörten Weisen reden durften, weil nur das Alte, Konventionelle, Bedingte, Unschuldige oder das Frivole, Gemeine, Schmutzige – nie aber das Intime, das Wahre, das Natürliche, das Ursprüngliche, das Große und Begeisternde, offene Ohren und gläubige Herzen findet. Wir brechen mit den alten, überlieferten Motiven. Wir werfen die abgenutzten Schablonen von uns. Wir singen nicht für die Salons, das Badezimmer, die Spinnstube – wir singen frei und offen, wie es uns ums Herz ist: für den Fürsten im geschmeidefunkelnden Thronsaal wie für den Bettler, der am Wegstein hockt und mit blöden, erloschenen Augen in das verdämmernde Abendrot starrt ... Das ist es ja eben: Wir haben wohl eine Cliquen-, eine Partei literatur, aber keine Literatur, die aus germanischem Wesen herausgeboren, in sich stark und daseinskräftig genug wäre, um für alle Durstigen, mögen sie nun Söhne des Tages oder der Nacht sein, Stätte und Zehrung zu haben. Wir sind eigentlich recht arm. Was sollen wir's uns verhehlen? Scheinbar zeitigt unsere Literatur fortwährend die edelsten Triebe, neue Blüten, neue Erzeugnisse: aber ist nur der dritte Teil von dem, was – und noch dazu in unabsehbaren Massen! – unsere Poeten schaffen und bilden, auch existenzberechtigt? – Existenzberechtigt, weil es lebenswahr, weil es national, weil es auch wirklich Künstlerwerk ist und nicht fein und sauber poliertes, zierlich gedrechseltes und gefeiltes und bei aller Peinlichkeit doch roh und geistlos gebliebenes Stümperwerk – gleißende, aber in sich morsche und haltlose Fabrikarbeit? Das ist es ja eben: Unsere Literatur ist überreich an Romanen, Epen, Dramen – an sauber gegossener, feingeistiger, eleganter, geistreicher Lyrik – – aber sie hat mit wenigen Ausnahmen nichts Großes, Hinreißendes, Imposantes, Majestätisches, nichts Göttliches, das doch zugleich die Spuren reinster, intimster Menschlichkeit an sich trüge! Sie hat nichts Titanisches, nichts Geniales. Sie zeigt den Menschen nicht mehr in seiner konfliktgeschwängerten Gegenstellung zur Natur, zum Fatum, zum Überirdischen. Alles philosophisch Problematische geht ihr ab. Aber auch alles hartkantig Soziale. Alles Urewige und doch zeitlich Moderne. Unsere Lyrik spielt, tändelt. Wie gesagt: mit wenigen Ausnahmen. Zu diesen rechne ich u. a. Dranmor, Lingg, Grosse, Schack, Hamerling. Vor allen Dranmor. Er ist eigentlich der einzige, der in seinen Dichtungen einen prophetischen, einen konfessionellen Klang anschlägt. Bei ihm fließt jede Strophe aus einer ernsten, tiefen, gewaltigen, vulkanischen Dichternatur. Aus ihm spricht ein großartig erhabener Dichtergeist. Dranmor darf mit seiner hinreißenden Intimität, seiner machtvollen Bildnerkraft, seiner lebendigen Künstlerwahrheit, seiner freien, kosmopolitisch-germanischen Weltanschauung uns jüngeren Stürmern und Drängern, die wir alles epigonenhafte Schablonentum über den Haufen werfen wollen, weil in uns ein neuer Geist lebt, wohl Meister und Führer sein. Aber wir brauchen nicht blindlings seiner Spur zu folgen. Der Geist, der uns treibt zu singen und zu sagen, darf sich sein eigen Bett graben. Denn er ist der Geist wiedererwachter Nationalität. Er ist germanischen Wesens, das all fremden Flitters und Tandes nicht bedarf. Er ist so reich, so tief, so tongewaltig, daß auf unserer Laute alle Weisen anklingen können, wenn er in seiner Unergründlichkeit und Ursprünglichkeit uns ganz beherrscht. Dann werden wir endlich aufhören, lose, leichte, leichtsinnige Schelmenlieder und unwahre Spielmannsweisen zum besten zu geben – dann wird jener selig-unselige, menschlich-göttliche, gewaltige faustische Drang wieder über uns kommen, der uns all den nichtigen Plunder vergessen läßt; der uns wieder sehgewaltig, welt- und menschengläubig macht; der uns das lustige Faschingskleid vom Leibe reißt und dafür den Flügelmantel des Poeten, des wahren und großen, des allsehenden und allmächtigen Künstlers, um die Glieder schmiegt – den Mantel, der uns aufwärts trägt auf die Bergzinnen, wo das Licht und die Freiheit wohnen, und hinab in die Abgründe, wo die Armen und Heimatlosen kargend und duldend hausen, um sie zu trösten und Balsam auf ihre bluttriefenden Wunden zu legen. Dann werden die Dichter ihrer wahren Mission sich wieder bewußt werden, Hüter und Heger, Führer und Tröster, Pfadfinder und Weggeleiter, Ärzte und Priester der Menschen zu sein. Und vor allem die, denen ein echtes Lied von der Lippe springt – ein Lied, das in die Herzen einschlägt und zündet; das die Schläfer weckt, die Müden stärkt; die Frevler schreckt, die Schwelger und Wüstlinge von ihren Pfühlen wirft – brandmarkt oder wiedergeboren werden läßt! Vor allen also die Lyriker ! In dieser Anthologie eint sich ein solcher Stamm von Lyrikern, die sich das Gelübde auferlegt, stets nur dieser höheren, edleren, tieferen Auffassung ihrer Kunst huldigen zu wollen. Keiner legt sich damit eine Widernatürlichkeit auf – zieht damit ein Moment in sein Schaffen, das seiner Individualität fremd wäre. Schrankenlose, unbedingte Ausbildung ihrer künstlerischen Individualität ist ja die Lebensparole dieser Rebellen und Neuerer. Damit stellen sie sich von vornherein zu gewissen Hauptströmungen des modernen sozialen Lebens in Kontrast. Und doch steht der Dichter auch wieder, eben kraft seines Künstlertums, über den Dingen – über Sonderinteressen und Parteibestrebungen und repräsentiert somit nur das reine, unverfälschte, weder durch raffinierte Überkultur noch durch paradiesische Kulturlosigkeit beeinflußte Menschentum . Gleich stark und gleich wahr lebt in allen, die sich zu diesem Kreise zusammengefunden, das grandiose Protestgefühl gegen Unnatur und Charakterlosigkeit; gegen Ungerechtigkeit und Feigheit, die auf allen Gassen und Märkten gepflegt wird; gegen Heuchelei und Obskurantismus; gegen Dilettantismus in Kunst und Leben; gegen den brutalen Egoismus und erbärmlichen Partikularismus, die nirgends ein großes, starkes Gemeingefühl, ein lebendiges Einigkeitsbewußtsein aufkommen lassen! In mannigfachen Tönen und Farben, bald leiser, bald lauter, bald milder, bald greller, erhebt die Phalanx diese Anklage. Sie verschleiert und verwässert sie nicht – sie ist sogar so kühn, sie offen und deutlich in ihrem ›Credo‹ anzudeuten. Ich sage bewußt: anzudeuten. Denn das ›Credo‹ soll nicht nur diese Seite der dichterischen Individualitäten bezeichnen – es soll den Modus charakterisieren, in dem die neue Richtung sich ausgibt: Sie will mit der Wucht, mit der Kraft, mit der Eigenheit und Ursprünglichkeit ihrer Persönlichkeiten eintreten und wirken; sie will sich geben, wie sie leben will: wahr und groß, intim und konfessionell. Sie protestiert damit gegen die verblaßten, farblosen, alltäglichen Schablonennaturen, die keinen Funken eigenen Geistes haben und damit kein reiches und wahrhaft verinnerlichtes Seelenleben führen. Sie will die Zeit der ›großen Seelen und tiefen Gefühle‹ wieder begründen . Darum hat diese neue Anthologie nicht nur einen literarischen – sie hat einen kulturellen Wert! Und darum ist sie in sich und durch sich lebenskräftig, mögen ihr auch verschiedene Schwächen anhaften, die später getilgt werden können. Charles Baudelaire sagt: ›Tout homme bien portant peut se passer de manger pendant deux jours; de poésie – jamais! ‹ Ist unsere Lyrik wieder wahr, groß, starkgeistig, gewaltig geworden, dann werden die Gesunden und Kranken wieder zu ihren Quellen pilgern. Dann wird Baudelaires ›de poésie jamais!‹ zur lauteren Wahrheit werden! – ›Groß ist die Wahrheit und übergewaltig.‹ Wir siegen, wenn wir dieses Wort nicht vergessen. Und wir werden es nicht vergessen! Das sexuelle Moment in der Literatur Da hat neulich ein gewisser Herr Dr. Schlenther, Schriftsteller allhier zu Berlin, in einem Artikel in der ›Deutschen Wochenschrift‹ (Wien) beiläufig die Novellen des Herausgebers dieser Zeitschrift ›schamlos‹ genannt. Und warum? Wohl nur deshalb, weil der Dichter so freimütig war, gewisse Dinge beim rechten Namen zu nennen, sich vor der Behandlung gewisser verpönter Motive nicht zu scheuen, das sexuelle Moment da, wo es nötig ist, auch kunst- und naturgemäß zu berücksichtigen. Herr Schlenther ist mit dieser Methode nicht einverstanden. Das will wenig bedeuten. Tausend andere seiner ehrenwerten deutschen Kollegen von der journalistisch-kritischen Schreiberzunft sind es auch noch nicht. Und ich frage wieder: Warum nicht? Weil die Herren Realisten und Naturalisten den sogenannten ›guten Ton‹ – ›den Anstand‹ – ›den guten Geschmack‹ und andere konventionelle Spießbürgereien mit ihren Brutalitäten verletzen, wie die Schlenthers und Konsorten meinen ... Nun, ich möchte heute mal diesen zarten, mit reinstem Idealismus natürlich bis obenan vollgepfropften Seelchen, diesen Anwälten des ›guten Tones‹ und ähnlicher schöner Sachen folgendes kurz zu bedenken geben: Dem Künstler – hier auf dem Felde der Literatur – ist in puncto Motivwahl alles erlaubt. Er kann sich als Stoff aussuchen, was er will. Nichts darf ihn daran hindern. Ausschlaggebend ist allein das Moment, wie er das Motiv behandelt! Das wird wieder davon abhängen, ob der erwählte Stoff seiner künstlerischen Individualität wirklich ›liegt‹ . Je mehr er meinem intimsten künstlerischen Fühlen und Denken behagt, desto besser wird mir seine Ausgestaltung gelingen. Wie es nun besonders feinbesaitete und zartorganisierte Gemüter gibt, die sich nur bei der Elegie, bei der Idylle, beim leisen, reservierten ›stimmungsvollen‹ Anschlagen eines Tones wohlfühlen, so gibt es doch wahrhaftig auch starke, kernige, männliche Seelen, die eine tüchtige Portion gesunder Sinnlichkeit haben, denen nichts zimperlich Neutrales anhaftet, denen alles, was nach verkrüppelten Mittelweg-Gefühlen riecht, gründlich verhaßt ist, die scharf ausgesprochene Sympathien und Antipathien haben – und solch eine blutreiche, muskulöse Vollnatur soll sich nach dem Geflöte hysterischer Halbmenschen richten – soll auf einen Kodex schwören, den ein Zwerggelichter in einer vertrackten, nivellierungstollen Zeit fein säuberlich zusammenspintisiert hat? Das hieße ja: seiner Kunst einen Schlag ins Gesicht geben, einen Verrat an seiner schöpferischen Kraft begehen! Ich will keine Bastarde, keine Eunuchen in die Welt setzen – ich will Geschöpfe aus mir herausgebären, denen ein volles, üppiges, zeugungskräftiges Leben innewohnt – ich will schaffen, ohne daß ich mir meine Seele von einer abgestandenen Altweiberweisheit habe schimpfieren lassen! Ich weiß: meine Rede ist nicht gerade sehr parlamentarisch. Aber der Zorn steigt einem auf, wenn man sieht, wie unsere Literatur, wo sie eben einen neuen, kräftigen, saftreichen Zweig heraustreiben will, wo sie sich bemüht, aus einem lackierten Toilettenschmuck zu einer urwüchsigen nationalen Macht zu werden, die abgelebtesten, verzopftesten Mittelalterlichkeiten hindernd entgegentreten ... Und weiter: Es ist ganz natürlich, daß besonders stark und lebhaft empfindende Naturen zu Motiven greifen, die andern Leuten ›pikant‹ – ›anstößig‹ – ›verfänglich‹ erscheinen. Darum so natürlich, weil sie aus eigener Erfahrung ganz genau wissen, daß das psychische Leben von dem rein sexuellen Leben ganz mächtig beeinflußt und bestimmt wird. Es gilt also, Momente, die man Jahrzehnte hindurch in der Literatur völlig ignoriert hat, natürlich auf Kosten der inneren Wahrheit eines Kunstwerks, eben zur möglichst vollendeten Erreichung dieser Wahrheit wieder mit aller Energie einzuführen. Das ist ja das höchste Ideal eines Künstlers: einen Organismus zu schaffen, der in sich alle notwendigen, naturbedingten Wesens- und Lebensfaktoren besitzt . Sobald ich spüre, daß das Moment des Sexuellen bei der Ausgestaltung eines gewissen Motivs besonders stark betont werden muß, werde ich es mit gleicher Liebe wie jedes andere organische Wesensmoment aufnehmen und an seinen Posten stellen ... Tue ich es aus irgendeinem Grunde nicht, kommt in den meisten Fällen ein totgeborenes, mindestens ein verkrüppeltes Geschöpf zum Vorschein. Für frivoles Spiel mit sexuellen Motiven und Momenten, ein aus starkem Behagen an geschlechtlichen Dingen entspringendes Verwenden und Hervorkehren derselben an Punkten, wo es nicht hingehört, wo die innere Wahrheit eines künstlerischen Organismus vielleicht sogar dadurch beeinträchtigt würde, ist natürlich vollständig zu verwerfen. Aber nicht etwa deshalb, weil es nicht ›anständig‹ ist, geschlechtliche Fragen zu berücksichtigen, sondern weil es in diesem Falle von künstlerischem Standpunkte unberechtigt ist! – Den positiven Wert eines Kunstwerks bedingt also seine innere Lebenskraft. Diese wird von der Berücksichtigung und künstlerischen Verwendung aller naturnotwendigen Wesensfaktoren abhängen. Jedes Werk, das diese innere Lebenskraft besitzt, hat Existenzberechtigung, ist zu respektieren, mag es behandeln, was es will. Überall, wo sich eine mächtige, zeugungskräftige Individualität ausgibt, wird ein Kernpunkt entstehen. Alles Schablonenhafte dagegen spricht sich selbst sein Urteil. – Das Sexuelle hat also Berechtigung, wo es in das Gesamtgefüge, meist in seiner Eigenschaft als analytisches Moment, hineingehört. Es von hier beseitigt wissen zu wollen; aus irgendeiner unkünstlerischen Rücksicht, heißt wahrhaftig dümmer sein, als die Polizei erlaubt. In der deutschen Zeitungskritik macht sich oft ein literarischer und künstlerischer Obskurantismus breit, der in der Tat schamlos ist. – Poesie und Philosophie Das sind alles weiter nichts als Phrasen, inhaltslose, jeder tiefern, allgemeinern Bedeutung bare Redensarten, wenn man ausspricht: nur die Leidenschaft mache den Dichter; nur die Leidenschaft sei das Kriterium, des Genies – oder Genie sei Geduld, und wie die tausend, an sich vielleicht nicht uninteressanten, weil mit einem leisen Stich ins Paradoxe behafteten, aber im ganzen doch, milde gesagt, sehr einseitigen Behauptungen dieser Art lauten mögen. Es ist schlechterdings unmöglich, das Wesen eines wirklich großen Dichters in eine mathematisch präzise Formel zu bringen. Unter einem wirklich großen Dichter verstehe ich aber ein Individuum, das allgemein, vielseitig, also quantitativ umfassend, in seiner Qualität aber zugleich intensiv, qualitativ stark beanlagt und natürlich zugleich imstande ist, seine bewegenden Kräfte zu selbständigen Schöpfungskristallen sich härten zu lassen. Ein Homer war allerdings nur Epiker. Aber so selbstverständlich es ist, daß das ›rein Menschliche‹ mit seinen beiden Beziehungen nach Süden und nach Norden, wenn ich so sagen darf, nach seiner unbekannten Vergangenheit und nach seiner unbekannten Zukunft – welche Momente zugleich eben das Wesen des ›rein Menschlichen‹ ausmachen – im Mittelpunkte jeder Kunst stehen bleibt: so selbstverständlich ist es auch, daß sich mit der wachsenden, in der Differenzierung aller Dinge darstellenden Kultur nicht minder die Natur des Dichters differenziert. Wohl liegt der Betätigung jeder Art von menschlicher Größe die individuelle Tendenz zugrunde, einseitig zu sein. Aber diese Einseitigkeit ist weiter nichts als eine so weit als möglich harmonisch zusammengeschlossene Einheitlichkeit. Die Faktoren größerer und geringerer Kräfte wirken in jedem Menschen aufeinander ein. Es ist das spezifisch Kennzeichnende der Jugend künstlerisch veranlagter Naturen, daß ihre Seelen von einem gärenden, durcheinanderbrodelnden Tumult heimgesucht sind, daß das gesamte Geistesleben mobil gemacht ist. Diesen Zustand ›unreif‹ zu nennen, ist unpsychologisch, ein Zeichen naiver oder bewußter Beschränktheit. Jener Sturm und Drang ist als einfaches Phänomen hinzunehmen. Bei einer, von relativ sozialem Standpunkt betrachtet, ungünstigen Kombination von Seelenpotenzen fehlt das organisierende Prinzip einer Hauptkraft. Von Überzeugungen, Überzeugen und Überzeugtwerden in allgemeinem, immer gültigem Sinne zu sprechen, ist unberechtigt und psychologisch falsch. Ich kann nur beeinflußt werden, wenn ich die psychische Disposition dazu habe. Besitze ich zugleich die Kräfte zum Widerstande, d. h. sind die Tendenzen meines geistigen Ichs in der Lage, sich einem überlegenen Einfluß fügen zu dürfen; wird das Meer meines Wollens von einem fruchtbaren Golfstrom des Könnens durchflutet, so habe ich eben die Fähigkeit, zu dauern, die Anwartschaft auf den Sieg. Es sind heute erst die ersten Schritte getan für die Bestimmung der Gesetze der psychischen Funktionen. Aber so viel ist klar, daß der seelische Lebensprozeß des Individuums von denselben Grundsätzen geleitet wird wie sein physischer Lebensprozeß, dessen Art es unmittelbar tauglich oder untauglich macht für seine soziale Existenz. Jene Einseitigkeit ist also identisch mit Einheitlichkeit, identisch mit einer von einer Hauptkraft gebändigten und geordneten Vielseitigkeit. Shakespeare hat auch Sonette geschrieben und Victor Hugo auch Dramen. Aber schließlich war Shakespeare doch nur Dramatiker und Victor Hugo nur Lyriker. Als solche nur durften sich beide ausleben, konnten sie in vieler Hinsicht unvergleichlich werden. Zu Goethe läßt sich von diesem Punkte aus schwer Stellung nehmen. Er war ein Riesengeist, allem und allem gewachsen, unvergleichlich. Er hat vielleicht die für ein Individuum relativ günstigste Kombination von Seelenpotenzen mit auf die Welt bekommen, und er hat sie einigermaßen harmonisch ausbilden, bewußt begreifen und erhalten dürfen. Wohl besaß auch er eine Hauptkraft – die ihn zu einem der ersten Lyriker machte – aber so bedeutend überwog diese Potenz die anderen nicht, daß sie dieselben als Kräfte zweiten oder dritten Ranges erkennen ließ. Goethe hat auf allen Gebieten des Schrifttums, der Wortkunst, Großes, Imposantes, Geniales geleistet, aber wir haben Lyriker, Epiker, Romanschreiber und Dramatiker gehabt, die – ein jeder in seinem Spezialfach, zu dessen Gunsten er etwaige andere Kräfte und Tendenzen dem Wesen seiner Seelenkombination gemäß verkümmern lassen mußte – bessere Gedichte, bessere Dramen und bessere Romane als Goethe geschrieben. Goethe war ein Genie, aber als Genie nur ein Eklektiker im großen Stil. Das klingt wie Ketzerei und will weiter nichts sein als ein auf ehrlicher Überzeugung beruhendes Urteil, dessen Verstandenwerden allerdings ein tiefes, eindringendes Verstehen des Begriffs ›Eklektizismus‹ voraussetzt. Es ist natürlich, daß die Menschen, die tausend, zweitausend Jahre voraus lebten, also auf einer niedrigeren Kulturstufe standen, ein weniger kompliziertes Seelenleben führten als unsere Großväter, von uns ›Modernen‹ ganz zu schweigen. Die psychische Struktur war damals eine bedeutend einfachere; ihre Äußerungsfunktionen arbeiteten zwangloser; die Hauptkraft konnte sich deutlicher, derber geltend machen, und leichter war es, sie persönlich zu erkennen und zu begreifen. Das mußte im Laufe der Jahrhunderte anders werden. Der Weltgeist begnügte sich mit der Zeit nicht mehr mit einigen wenigen Saiten – er überzog sein Instrument, die Menschheit, mit einer stetig wachsenden Saitenfülle für seinen töneerweckenden Bogen – die Musik wurde wirklich immer ... moderner – ich hätte beinahe mit einem spröden Anlauf ins Blasphemische gesagt: immer wagnerischer. Wagner aber, dieser Zentralgeist, dieser unübertreffliche Vertreter des modernen Typus, repräsentiert letztern, soweit er künstlerischen Charakters, zugleich vorzüglich in seiner poetisch-philosophischen Doppelnatur. Eine große, geistig wache, stark treibende, ringende Künstlerpersönlichkeit wird durch die gesamte Anlage ihrer Natur gezwungen, zu der Philosophie Stellung zu nehmen. Es ist wieder einmal weiter nichts als ein Zeichen philosophischer Unbeholfenheit, wenn man behauptet, es sei unkünstlerisch, von der Abstraktion, von der Idee aus das Leben zu ergreifen und zu erfüllen. Ganz recht! Das ist unkünstlerisch, weil es unmöglich ist. (Vgl. Schopenhauer, W. a. W. u. V. I 219: ›Die Erkenntnis der Idee ist notwendig anschaulich, nicht abstrakt.‹) Mag im wachsenden Individuum mit der Zeit auch das Bedürfnis groß geworden sein, sich dem abstrakten Monismus, dem Panillusionismus Schopenhauers zu ergeben; Leben und Welt als solche bilden naturgemäß doch immer die erste und bleiben schließlich auch die letzte Erfahrungsunterlage, und der Künstler, der schaffen, gestalten will und muß, wird in beiden unwillkürlich erst recht konkrete Mächte erkennen und anerkennen. Man lasse ein Individuum, das künstlerische Kraft, Fülle, Eigenart verrät, doch einfach zu Worte kommen und verschone es mit einem ästhetischen Korsett. Als einem sozialen Verbande, einem Herdenorganismus eingeborenes Glied findet es ja seine natürlichen Schranken. Der Ausdruck ›schrankenloser Individualismus‹ ist wieder einmal eine Phrase, aus der Genesis der Hyperbel heraus allerdings verständlich. Zudem ist es unmöglich, sich den Fingern des organisierenden physischen Prinzips, das existiert, zu entwinden. Auf den momentanen Standpunkt, auf die Auffassung, auf die Übersichtsfähigkeit kommt alles an. Es gibt zwei Arten von Dilettantismus: der eine ist quantitativ, der andere qualitativ von dem intensiven Können verschieden. Ersterer stellt sich in den Anfängen, den ersten Versuchen jeder künstlerischen Produktion dar. Byrons Hours of idleness verdienten zum guten Teil die Edinburger Rezension. Die zweite Art des Dilettantismus ist konstant, unüberwindlich. Sehr grobe soziale Instinkte, Impulse zweiter Instanz, geben Veranlassung zu allerlei tragikomischen Experimenten. Natürlich findet sich zwischen dem relativen Dilettantismus, der nur ein geschicktes Vorspiel eines geschickten Tasters, und dem positiven einerseits und der stolzen, gesammelten Kunst des Berufenen andererseits eine gewaltige Fülle von Zwischenarten. Christian Günther, Goethe, Byron, Bums, Heine, Musset waren elementare Lyriker. Aber eigentlich nur Goethe und Byron waren Zentralgeister unter ihnen. Durch Objektivierung schon bezeugtes Können vorausgesetzt, bedarf es immer des physischen Flusses, der Bewegung, des Stimmungsrieselns oder des Kraftbrausens, um etwas Neues in die Erscheinung zu rufen. Ausdehnung und Intensität des Prozesses, dieses Strudels, entsprechen ganz der individuellen Disposition. Ich weiß nicht, ob man in diesem Zusammenhange von einem Parallelogramm der seelischen Kräfte sprechen darf. Ließe sich aus dem Aufeinander der erworbenen Anlagen und der durch Umgebung und Verhältnisse, von denen die Entwicklung der Keime zu jenen Anlagen entweder gefördert oder gehemmt wird, bedingten und provozierten Einflüsse mit Sicherheit die Durchschnittskraft einer Komponente bestimmen, so würde bei einem künstlerisch tätigen Individuum Art und Stärke der Produktion gegeben und aus dieser Verbindung heraus zu erkennen sein. Die philosophisch-metaphysischen Schöpfertendenzen eines Goethe, Byron, Shelley, Victor Hugo sind zunächst ebensogut als Phänomene hinzunehmen, wie die Natur- und Liebeslyrik eines Burns Phänomen ist. Der Einzelmensch eignet sich immer geistig das an oder versucht es wenigstens, was in größerem oder geringerem Grade seinem aus Gewohnheitsbedürfnis und momentanem Appetit kombinierten Verlangen entspricht. Er will sein Ich durch Betätigung bestätigen und bestätigt wissen. Der primitivere Mensch ist immer dem Willen zum Leben unterworfen. Der geistig reich entwickelte kommt durch die Erkenntnis über den banalen Willen zum Leben hinaus. Aber dem Zwange des Werdens entgeht auch er nicht, solange er atmet und atmen will, atmen muß, gezwungen oder unbewußt. Und nur der atmet, kann noch erkennen. Der Sieg in der Erkenntnis muß immer durch die Anerkennung der banausischen Wirklichkeit als Prius und Prämisse erkauft werden. Abgesehen von der unmittelbaren, momentanen Stimmungslyrik ist jeder Dichtung ein stärkeres oder schwächeres, größeres oder kleineres reflektives Moment immanent. Ich habe oben wenigstens angedeutet, wie es rein von der persönlichen Disposition des Dichters abhängt, ob jenes reflektive Moment Agens oder nur Akzidens ist. Die psychophysischen Gründen entstammende Durchschnittserscheinung ist, daß es in der Jugend nur Akzidens bedeutet, im Alter aber zum Agens wird. Auf innere Wahrheit kommt es an in der Poesie. Das, was man tut, notwendig tun, tun müssen aus innerm Zwange: das ist es. Es ist demnach ungerechtfertigt, das durch eine bestimmte seelische Kombination bedingte und erklärte Überwiegen reflektiver Neigungen unpoetisch, unkünstlerisch zu nennen. Poesie und Philosophie sind gar nicht so wesensgetrennt, wie denkfaule Leute gewöhnlich meinen. Schopenhauer, welchen Mainländer den nach Kant größten Philosophen aller Zeiten nennt, war nicht nur ein Genie wie Goethe; er war auch ein ebenso großer Künstler wie der Schöpfer des ›Faust‹. In der Art der psychischen Arbeit, in der Methode der Apperzeption ist der Poet zunächst Synthetiker, der Philosoph Analytiker. Aber der Satz bedingt den Gegensatz. Und im letzten, tiefsten Grunde sind Philosophie und Kunst epigrammatischen Charakters. Das Epigrammatische apotheosiert aber gleichsam das Synthetische. Die wissenschaftliche Konstituierung und Konstatierung jedes Gesetzes ist ein synthetischer Akt. Und die Analyse? Ist sie Täufling oder nur Taufpate? Es ist schließlich ganz gleichgültig, ob einer auf dem Totenbett der Welt die Versicherung gibt: ›Das Experiment ist gelungen‹, oder ob er mit Rabelaisschem Humor ausrufe: ›Tirez le rideau, la farce est jouée!‹ Philosophie und Musik, zumal in der modernen, von Schopenhauer und Wagner konzentrierten Fülle und gesteigerten Intensität, führen das Individuum über sich hinaus, stellen geniale Interpreten der absoluten Erlösung, des Todes, dar. Die Poesie als solche ist intimer mit dem Leben verwachsen. Sie zwingt in der Hauptsache immer wieder ihr ›Opfer‹, Stellung zum Leben zu nehmen, und ob sie noch so realistisch, noch so brutal ist. Wo sie direkt vernichtet, wirkt sie pathologisch. Es gehört ein entsprechendes Disponiert- und Präpariertsein dazu, um sich, wie der junge Jerusalem getan, nach der Lektüre von Werther erschießen zu können. Noch ein Brief aus der Verbannung In der letzten Nummer des vorigen Jahrganges dieser Blätter läßt mir Herr Martin Sölch , bei Gelegenheit einer Profilzeichnung meines Busenfreundes a. D., des Herrn John Henry Mackay, die Ehre zuteil werden, also von ihm mit ›festgenagelt‹ zu werden: ›Da ist der ganz und gar subjektive, jede Regung des eigenen Ich belauernde Gefühlspoet Hermann Conradi‹. Na, ich will darüber ganz fein stille sein, daß das doch beinahe in eine Denunziation auf poetische Wegelagerei einmündet – da ich mich aber in diesem Falle höchsteigenleiblich, selber belagere, beziehungsweise ›belauere‹, so bleibt damit auch das ganze Rudel der ›etwaigen‹ Anfälle, Überfälle, Einfälle, Ausfälle, Vorfälle und Beifälle meine eigene Sache. Das ist ja eben das Wesen der ›Selbstironie‹, der nun einmal eine gute Portion meines gesamten Trop-de-cœur -Vorrats zugesprochen: sich in einem anderen zu treffen ... Ist das nicht der höchste Atmosphärendruck von ›Subjektivität‹ –? Aber wenn man erst dahintergekommen ist, daß alles ›Subjektive‹ nur maskiertes ›Objekt‹ ist, dann – ja! Dann sieht man eben im ›Subjekt‹ auch nur ein erstes bestes Objekt – und das ganze ethisch-ästhetische Problem spitzt sich darauf zu, ob man in diesem Subjekt-Objekt auch ein erstes und bestes Objekt-Subjekt erblickt? Damit sind wir jedoch aus dem ›Dunstkreise‹ der empirio-kritischen Logik in die großen, heißen Maschinensäle, allwo die menschlichen ›Werte‹ geschweißt werden, eingetreten. Sie müssen sich sotanes sehr ›subjektives‹ Vorspiel zu dieser Verbannungsepistel schon gefallen lassen, lieber Herr Krauß – hilft Ihnen alles nix. Ihre Leser haben mich nun einmal festgesteckt, aufgespießt, wollte sagen: untergebracht, eingeordnet ... haben mir die Sölchsche Formelmarke bereitwilligst auf den Leib geklebt: ich bin für sie jetzt schlechtweg nur noch der Mann, der ewig auf sich lauert ... oder ewig sich selber belauert – Sie müssen zugestehen: ich riskiere wirklich zu viel, wenn ich es wagte, Herrn Sölch zu desavouieren ... Nein! Alles – nur das nicht! Eines Abends saß ich, ich erinnere mich dessen noch sehr genau, mit meinem lieben, langjährigen, väterlichen Freunde Julius Große bei Neuner in München ... wir aßen gerade ein Filet-Beefsteak und tranken eine Dalmatiner dazu – da hub Julius Große also zu singen und zu sagen an: »Lieber Conradi – merken Sie sich das: das bewußte ›Publikum‹ ist erst zufrieden mit uns ... nimmt erst eigentlich von uns Notiz, wenn es mit uns fertig ist, d. h. wenn es uns in die Tasche irgendeiner Rubrik gut versiegelt und verschnürt hineinpraktiziert hat – dann haben wir unser Etikett ... holla! der Tanz kann losgehen! ...« Ich spülte das Abendrot meines saftigen Filets mit einem Schlucke pikant-herben Dalmatiners hinab in jene behaglich-schlaräffentlichen Verdauungsregionen, die uns allen zeitlebens so verborgen bleiben ... suchte nach meiner Felix-Brasil und enttaschte, in der Absicht, zwei Fliegen wieder einmal mit einer Klappe zu schlagen, mein handfestes, korpulentes Messerchen, das ich mir angewöhnt hatte, seitdem, ich einmal nur mit genauester Not – ›l'oreille humaine étant merveilleusement sensible aux superlatifs ...‹ sagt René Bazin – unter einem harmlosen Messerkitzelimpetus hinweggeschlüpft war .. Ich legte das Instrument dicht unter die Augen meines verehrten Freundes ... er sah mich erstaunt an ... verstand mich nicht sogleich – schließlich redete ich mich damit aus: sintemalen es heutzutage so schauderhaft viel Beckmesserhelden auf der Welt gibt: was bleibt einem da weiter übrig, als sich selber peu à peu zum ... Messerhelden herauszupräparieren –? ›Versungen und vertan!‹ bei den Wagnerschen Meistersingern. Quos ego! Und der Walther Stolzing ist dabei ein so prächtiger Bursch! Leider wird auch in der Ehe – Frau Eva – weiter heißen ... Übrigens gibt sich nicht minder mein erster eben in der ›Gesellschaft‹ erschienener Verbannungsbrief zunächst sehr burschikos, sehr leger, seine ›Punkte‹ sind in der Tat anfangs ziemlich ›springende‹ ... und er wird dann erst ruhiger, geklärter, sachlicher, sächlicher, kurz: ›objektiver‹, wo er sein eigentliches Thema, den Versuch einer zusammenhängenden Psychologie des sächsischen Volksgeistes , zwischen die Zähne bekommt. Indessen, man wird schon, hoffe ich, wenn auch noch einigermaßen scheu und nüchtern, erraten haben, worauf ich es in dieser zweiten Nummer ›abgesehen‹ –: ich komme auf mich zurück, ich bleibe bei mir, ich wage es, dem Gesicht der Sölchschen Definition meiner ›künstlerischen Persönlichkeit‹ noch einige nicht ganz unwichtige Ergänzungszüge einzuritzen – nachdem ich ein zweites Mal so kühn, d. h., so philosemitisch-paradox gewesen bin, von hinten anzufangen und meinen liebenswürdigen Lesern eine Pelemele-Speise zu Anfang des Diners vorzusetzen ... Gesegnete Mahlzeit! So! und nun darf ich joco seposito , über alle Maßen beruhigt, zum eigentlichen ›Thema‹ dieser sehr bizarren Plauderei übergehen. Ich gebe einige nähere Andeutungen, ein paar psychologische Bemerkungen über mein literarisch-künstlerisches Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsprogramm. Sie haben seinerzeit, lieber Herr Krauß, über mein erstes größeres Opus ›Phrasen‹ – ›ein Kraft- und Trotzbuch‹ hat ein ›Kritiker‹ das Ding einmal mit lakonischer Aufdringlichkeit getauft – wie über meine ›Lieder eines Sünders‹ eine sehr wohlmeinende Besprechung in diesen Blättern gebracht. Wenn mir alle so weit hätten entgegenkommen können, wie Sie – allerdings: ultra posse nemo obligatur ... und am allerwenigsten ein erster bester hergelaufener deutscher Homo criticissimus! – dann wäre das ja im großen und ganzen überaus famos gewesen. Aber wie bin ich in diesen beiden Büchern mißverstanden worden! Genug Radau haben sie ja gemacht, in der Presse, wie im ›größeren Publikum‹ gelesen, beachtet, berücksichtigt, belob- und beleidmundet sind sie ja ganz gehörig, die ›junge Generation‹, der ich meine ›Phrasen‹ so ziemlich unverblümt ›auf den Leib geschrieben‹ hatte, hat sich dieselben denn auch mehr oder weniger energisch ... einverleibt – ich habe jedenfalls seltsame, merkwürdige Zuschriften auf meine Bücher hin erhalten, die ich vielleicht später einmal nicht ganz für mich behalten werde ... sie sind ja immerhin auch ›menschliche Dokumente‹. Daß ich im ›Charakterisieren‹ im ganzen eine glückliche Hand besessen – nun: das bewies mir schon der amüsante Umstand, daß nachher verschiedene meiner ›Modelle‹ anfingen, rebellisch zu werden, nicht nur der urfamose Klosterbruder Dr. Emil Schieferdecker, sondern sogar Herr Benjamin Schluchzius, der doch auch in meinem ›Buche‹ als sehr episodeske Parenthesenfigur gut wegkam ... Hans Merian hat mir in seiner Broschüre ›Die sogenannten Jungdeutschen‹ eine ›geradezu dämonische Gestaltungskraft‹ aufgehalst – es fällt mir nicht im Traume ein, Herrn Merian darum meinen Zeugen auf die Bude zu schicken ... ich bin vielmehr von Herzen einverstanden mit seiner viereckigen Keckheit ... Edgar Steiger nennt mich in seiner Schrift ›Der Kampf um die neue Dichtung‹ frischweg ein ›Genie‹ – nicht wahr? es ist zu schade, daß Bleibtreu in seinem pathologischen ›Größenwahn‹-Panorama meiner nicht auch gedacht hat – ich hätte doch wahrhaftig dicht an die Seite der Herrn von Jammerleyer – pardon! als des Herrn von Lämmerschreyer gehört – nun! Das Bleibtreusche Buch enthält ja auch andere Abgründe ... besonders viele unmittelbar auf den Zeilen ... Der Augen und Ohren hat – usw. Also meine ›Phrasen‹ haben genug Skandal gemacht, manchen Wirbel, manchen Strudel getrichtert – manch einem ist es eben nicht ganz angenehm, unbehelligt seine Straße zu ziehen, mit Millionen anderen auf denselben Kopf gefallen zu sein. Das Bedeutende, Ungewöhnliche, Neue, Andere, fordert ja seine eigenen Gesetze, die es zum Siege oder zum Sturze bringen. Künstlerische Qualitäten, und durchaus keine allerweltsdurchschnittshaften, räumten mir fast alle ›Stimmen‹, die sich vernehmen ließen, anstandslos – ohne captatio benevolentiae gesagt! – ein, wenn das auch beinahe immer nur in bezug auf den mittleren Teil des Buches, auf die Schilderung der Jugenderinnerungen Heinrich Spaldings, gesagt war – das paßte natürlich noch am besten auf die alte Schablone ... Die Ideen , die im ersten Teile mobil gemacht sind, allerdings, was ich gar nicht leugne, ohne in feste Glieder und Züge gefügt zu sein, verstand man in der Hauptsache nicht, aus dem einfachen Grunde, weil man kein entsprechendes Organ für das Begreifen einer modernen Willenswelt besaß – ich wäre zu höflich und zu sanguinisch, wollte ich sagen: noch nicht besaß ... Und die kühnen, brennenden Alfresko-Szenen des letzten Teiles überwältigten zumeist wohl, ›befriedigten‹ aber nicht, was ich besonders in Briefen und Zuschriften von mir erzfremden Menschenkindern ausgesprochen fand ... Und hier bin ich bei dem Generalhaken angekommen, an dem ich die typisch-prinzipielle Quintessenz dieser ganzen lobesamen ›Betrachtung‹ aufzuhängen versuche –: den Geist meines Buches, seine ideelle Achse , das Diktat seiner Weltanschauung , hat man in seltenen Fällen ganz erfaßt, in ganz seltenen Fällen ... Nun gebe ich bereitwilligst zu, daß die lapidare Bruchstückhaftigkeit meines Opus daran die Hauptschuld trägt – das ganze Ding ist eben in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit hingesetzt, aus einer bis zum Bersten elementar-schöpferischen Stimmung heraus ... Aber für den einigermaßen in puncto Nasenschleimhaut Unerkälteten ließe sich doch so manches sehr ahnungsvoll riechen ... Bei diesen und jenen, die es sich nicht haben verdrießen lassen, das Buch wiederholt zu lesen, ja! geradezu zu studieren, ist es denn auch mit der Zeit in einen ganz vorzüglichen Geruch gekommen, womit ich immerhin zufrieden und einverstanden sein darf ... Ich rede jetzt also nicht von der künstlerisch-technischen, nur von der rein ideell ideologischen Seite des ›Romans‹ ... Bedeutet er für mich, in der Perspektive auf mein gesamtes künstlerisches Schaffen, auf mein gesamtes Wollen und Können hin, auch nur eine Ouvertüre : ich stehe nicht an, in ihm trotzdem oder gerade deshalb einen der bedeutungsvollsten Versuche, die gemacht sind, modernen Geist darzustellen, moderne Probleme, moderne Konflikte zu schildern, zu erblicken. Was hat man aber unter ›modernem Geiste‹, ›modernen Problemen‹, ›modernen Konflikten‹ eigentlich zu verstehen –? Soll ich an dieser Stelle wirklich die ganze Bühne mit den Figuren der Anschauungen füllen, die ich von dem, was also seinem spezifischen Gewichte nach ›modern‹ ist, ›modern‹ zu sein mich dünkt, besitze –? Den ersten größeren Versuch, in dieser Richtung einigermaßen psychologisch zusammenhängend, vollständig, wenn auch nur vorläufig in der Andeutung, Hinweisung, Umwertung, Neumünzung, Problemstellung zusammenstellend und vollständig zu sein, mache ich in dem Buche, das mich soeben vorwiegend beschäftigt ... und das ich zu betiteln wage: ›Ein Kandidat der Zukunft, Entwicklungen, Abfertigungen, Abrechnungen‹ . Das psychologische oder besser: psychophysiologische Problem des ›Übergangsmenschen‹ und des ›Kandidaten der Zukunft‹ in seiner organischen Entwicklung zu erfassen, wird hier, so viel ich weiß, zum ersten Male unter der Optik seiner psychologischen und entwicklungsgeschichtlichen Voraussetzung erstrebt. Ja! Den auf der ganzen Linie erkannten und in seiner gesamten Klafterung aufgenommenen Gegensatz der jungen zur alten Generation seinem Inventarbestande nach, in seinen tausend Einzelgestaltungen, in seinen mehr oder weniger wesentlichen Erscheinungen festzuhalten, zu analysieren, darzustellen, zu verkörpern –: das hat sich mit der Zeit zu einer der Hauptaufgaben meines literarischen Arbeitens herausgebildet. Gewiß habe ich auch damit den Anfang schon in meinen ›Phrasen‹ gemacht. Einen Heinrich Spalding (›Phrasen‹) immerhin verwandten Gesellen habe ich in meinem ›Adam Mensch‹ geschaffen, der soeben, wo ich dieses schreibe, seinen letzten Druckbogen erlebt hat – gut und gern anderthalb Jahre später, nachdem er ›handschriftlich‹ geboren war ... Äußere Umstände verzögerten seinen Heimgang zur Wiedergeburt ... Nun stapft er im wüsten, öden Steppensande des Lebens dicht meinem Buche ›Ein moderner Erlöser‹ voraus, in dem die ›Phrasen‹ ihre Fortsetzung und ihren vorläufigen Abschluß finden –: die angeschlagenen Ideen, die angedeuteten Probleme, die szenischen Improvisationen erhalten hier psychologisch, wie in bezug auf organisch verwachsenes, materielles Fabelfleisch ihre eigentliche Substratwelt – ›Adam Mensch‹ (das in den ›Phrasen‹ nur leichthin gestreifte Problem der modernen Erotik empfängt hier seine psychologisch-sozial-ethische Anwendung, Ausführung, Prüfung) wie ›Ein moderner Erlöser‹ sind entschieden, was man so nennt: – ›maßvoller‹, ›ruhiger‹, ›gereifter‹ denn die ›Phrasen‹ – ich glaube aber auch, daß sie dieselbe souveräne Stilleichtigkeit, dasselbe rollende Leben, dieselbe realistisch-symbolische Kühnheit, dasselbe typisch-prinzipielle Gepräge besitzen, welche Beschaffenheiten meinen ›Phrasen‹ und meinen ›Liedern eines Sünders‹ , der mit Bleibtreus ›Welt und Wille‹, Liliencrons ›Adjutantenritten‹ und Henckells ›Poetischem Skizzenbuch‹ jedenfalls typisch wertvollsten Sammlung der neueren Lyrik, nun einmal anhaften ... Das ist ja das Wesen jeder echten Kunst: naiv, ursprünglich, elementar, wahr zu sein, über zwanglos sich auslösenden, atavistischen Dämonismus verfügen dürfen; den Kern einer Erscheinung erfassen können, das heißt: den Brennpunkt, die Achse eines Phänomens, sein Motivationsherz, das Moment desselben, welches am leichtesten überzeugt, welches ursprünglich, um die Existenz und die Dauer einer Erscheinung zu ermöglichen, am notwendigsten , seinem Wesen nach am praktischsten dafür war ... Alle Kunst ist Atavismus, Induktion, Impression – und es ist vom formal-künstlerischen Standpunkte – und das Wesen der Kunst, insofern sie sich äußert , ist zunächst rein formal-technischer Natur: das reflektorisch-synthetische Erfassen einer Quantität unter der Optik einer Qualität – es ist da ganz gleichgültig, ob einer die Krisen schwüler Übergangszeitläufte schildert, oder einen Misthaufen abmalt ... Das Wirkliche muß vorläufig nur verwahrscheinlicht werden. So sind denn auch der heutige ›Realismus‹ und ›Naturalismus‹, eben vom rein künstlerischen Standpunkte betrachtet, nur zeitlich-formale Stilprinzipien – ich kann mir sehr gut denken, daß alle die Umstände, auf welche wir heute Gewicht legen zu müssen glauben: ich nenne hier nur in aller Kürze die schärfere Betonung der individualen Psychologie, Psychophysiologie, die Berücksichtigung der sexuellen Zirkel, pathologischer und psychopathischer Erscheinungen: die Abhängigkeit des Einzelmenschen von der Vergangenheit (Vererbung), von der Umgebung (Milieu); den Kampf zwischen der alten und der neuen Ethik, der alten und der neuen Ästhetik, der alten und der neuen Philosophie im ganzen Umfange (die neue: beschreibend, konstatierend, konstituierend – Avenarius, Löwy, Mach, Nietzsche, Hänichen), der alten und der neuen Generation in breitester Ausgliederung, der Herrenmoral und der Sklavenmoral; die Differenzierung des gesamten Gesellschaftskörpers, mit der andererseits eine Generalisierung Hand in Hand geht; das Kompromiß zwischen der intellektualen Toleranz der Wissenschaft als eines internationalen Gutes; das Verhältnis des Individuums zum sozialen Gefüge, des Subjekts zum Objekt; die Emanzipation vom Christentum; Rassenspannungen; den Konflikt zwischen der Bourgeoisie und dem ›vierten Stande‹; epidemische Erscheinungen auf allen Gebieten der Kunst, Wissenschaft, des ganzen öffentlichen Lebens usw. usw. – daß das alles, sage ich, und eben als dasjenige, was wir heute in besonderem Sinne, unter besonderem Gesichtswinkel gesehen, ›modern‹ nennen, in fünfzig, in hundert Jahren vollständig aus dem Darstellungskreise der Kunst ausgeschieden ist, einfach aus dem Grunde, weil es allenthalben überselbstverständlich geworden ... und weil man unterweilen Welt und Leben schon wieder unter einem anderen, neuen, entwickelteren, fortgeschritteneren Gesichtspunkte zu betrachten sich gewöhnt hat ... weil die Kunst dann auf neue Kombinationen angewandter Atavismus ist, wobei sie in ihrer Betätigung, in der reflektorisch-mechanischen Auslösung ihrer Kräfte, unwillkürlich alles das voraussetzt, was wir heute bewußt zu erschließen, künstlerisch zu erringen und zu bezwingen eben erst im Begriff sind ... Etwas erkennen heißt zunächst nur: etwas anerkennen . Deutung ist alles, alles Identitätserklärung. Da aber die Welt der Erscheinungen ein Pluralismus, das Individuum als solches mit hinzugetan, so bleiben nur Systeme, Gefüge, Komplexe synthetisch zu bewältigen –: die ursprüngliche Intensität des künstlerischen Willens erlebt also ihre qualitative Anwendung . Damit entfernen wir uns aber von der – natürlich nur abstrakt-spekulativ genommenen – formell-technischen Seite der Stoffobjektivationen des Willens und treten in die Welt der Assoziationen ein –: Assoziationsmehrheiten und -minderheiten, Assoziationsschwankungen, Fülle und Leichtigkeit ihrer Auslösungsfunktionen kommen in Frage, wir bewegen uns in der Sphäre des Symbolischen , die Deutung eines Gefüges ist immer nur Symbol – in der Kunst, die damit in eine sozialethische Kategorie gerückt wird, ist individualisierte Typisierung immer Symbolismus . Nachdem ich einige kleinere Schriften, ›Romane‹ wenn man will, veröffentlicht haben werde ( ›Gerechtigkeit‹, ›Wie einer ein Lump wird‹, ›Der Ehebrecher‹ ), die mit ihren Fingerchen immerhin schon bis zur Tischkante hinauflangen, werde ich, ich denke: noch in diesem Jahre, meine realistisch-symbolische Trilogie ›Meergreise‹, ›Die letzte Sintflut‹, ›Ein Titanen-Rendezvous‹ schaffen, in welcher ich das, was ich in den ›Phrasen‹ versprochen habe – feinere, empfänglichere Geister haben es wohl herausgehört! – zu halten versuchen werde: nämlich meine Hauptveranlagung für den humoristisch-satirisch-tragischen Roman im edelsten, höchsten Sinne, im reinsten Stile, zu vergegenständlichen ... Und dann – und dann – und dann –: Herr Gott! wer weiß, was sich mein ›Ingenium‹ nicht alles noch zu leisten versteht! Übrigens, bevor der ›Spaß‹ wieder anhebt, noch ein ›ernstes‹ Wort! Besitzen wir eigentlich ein Kriterium, einen Wertmesser für die Lebensdauer, für das Gültigbleiben eines künstlerischen Werkes –? Es ist etwas anderes, ob es noch wirkt , oder ob es überhaupt noch ›gültig‹ ist. Gab Goethe, also der ›Olympier‹, in seinem ›Faust‹ nur Quintessenzen , die eben darum Quintessenzen, weil sie am leichtesten überzeugen, am notwendigsten sind, wie ich oben sagte – und eben darum fortdauernd wirken und gelten müssen? Kann nicht eines Tages z. B. Jordans Riesenepos ›Demiurgos‹ dieselbe Bedeutung wie Goethes ›Faust‹ erlangen –? Und wenn: warum? – wenn nicht: warum nicht? Wer nicht nur auf der Oberfläche der Literaturgeschichte Bescheid weiß; wer sich auch ein bissel in ihren unterirdischen Bezirken umgesehen hat, verkennt die allerdings wirklich ›traurige‹ Tatsache nicht, daß da unten poetische Schätze eingekeilt und geschichtet liegen, die einmal auch auf dem offenen Rücken der Erde geglänzt und geschimmert haben, für eines jeden Augen aufgerollt, die aber eine jähe Katstrophe hinabgestoßen hat in die Tiefe ... und die nun vergessen sind und verschollen ... von denen keiner mehr weiß ... und die trotzdem keinen Deut ihres immanenten künstlerischen Wertes eingebüßt haben ... Nun! Wir haben ja einen feudalen Ausweg aus dieser Klemme – wir bemächtigen uns wieder einmal des Monsieurs ›Zufall‹, des köstlichen Improvisators, den die Welt besitzt ... und kleben sein Autogramm als Marke auf jene Schachtel, in die wir alles hineinverbergen, was uns ›problematisch‹ dünkt ... was wir nicht gern erklären wollen ... und was wir doch eigentlich, mindestens in der Hauptsache, sehr leicht erklären könnten ... Goethe war bekanntlich zu seinen Lebzeiten einer der unbekanntesten und ungelesensten ›Schriftsteller‹ Deutschlands ... Und nun ist er nicht nur ›Nationaleigentum‹ geworden, sagt man wenigstens, sondern er liegt uns auch sehr schwer auf der Brust, vielleicht sogar ein bissel im Magen .. Nichtsdestoweniger ist sein ›Faust‹ unsere andere Bibel, unser drittes Testament geblieben ... Allein, nirgends leben Schein und Sein, Lüge des Gedankens, des Wortes und Wahrheit des Gefühls so dicht beieinander, als auf dem Gebiete, das von unserem Verhältnisse zu unserer Literatur im allgemeinen und unseren ›Klassikern‹ im besonderen bewohnt wird ... Ich habe zwar Maurergesellen getroffen, die mit Begeisterung Schillers Hymnus ›an die Freude‹ rezitierten, aber mir sind auch bürgerliche, kleinbürgerliche Kreise begegnet, zumeist in Süddeutschland, in welche der Name ›Schiller‹ oder ›Goethe‹ noch niemals gedrungen war ... Die offizielle Gültigkeit eines Schriftstellers, um jetzt nur von diesem künstlerischen Typus zu reden, hängt ja ganz von der Majorität oder Minorität ab, die ihn trägt .. Majoritäten und Minoritäten machen sich aber nie und nimmer zu Trägern eines Werkes, sondern einer Persönlichkeit , die sich als Gebärerin einer ganzen Reihe von in sich eng zusammenhängenden Werken darstellt .. Und diese ›Persönlichkeit‹ muß eine eigene Individualität sein, und zwar eine Individualität, die eine Atmosphäre besitzt .. Die ›Atmosphäre‹ aber einer schöpferischen Natur – ja! hier haben wir nicht nur eine psychologische Pikanterie, hier haben wir ein psychologisches Problem vor uns, auf das ich vielleicht ein andermal näher eingehe ... Ich habe schon oben gesagt, daß man sehr scharf zwischen offizieller Gültigkeit und reiner, unmittelbarer Wirkungspotenz eines Schriftstellers unterscheiden muß. Letzterer verfällt naturgemäß nur der ›Ausschuß‹ , die geistige Elite einer Mehrheit oder Minderheit. Es kreuzen sich eben sehr viele Komponenten an dieser Stelle, es wollen sehr viele Fäden berücksichtigt sein. In einer längeren Arbeit, die in einem der nächsten Hefte der ›Gesellschaft‹ erscheinen wird, habe ich die Hauptpunkte, die bei diesem Motive überhaupt in Frage kommen, zusammenzustellen versucht. Ich verweise auf den Essay. Er betitelt sich ›Zum Begriff der induktiven Literaturpsychologik‹. Aber nun, – nun wollen wir doch endlich für heute Schluß machen mit diesen ›theoretischen Seichtereien‹ – die aber trotz aller Langweiligkeit ›nicht ganz ohne‹zu sein brauchen ... Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahre noch um jeden Preis ›berühmt‹ zu werden – Sie müssen mir dabei ein bissel behilflich sein, lieber Kamerad – ich komme sonst nicht durch .. Nun! Wenn ich demnächst wieder südwärts ziehe, werde ich Eger – bewundern Sie diese geographische Korrektheit! – nicht links liegen lassen – und dann werden wir noch ein kräftig Männerwort über diese delikate Angelegenheit sprechen. Vorläufig sende ich Ihnen nur diesen Brief, mit der Bitte, ihn ungestümen Entschlusses mit Haut und Haaren zu drucken – er ist zwar unglaublich ›persönlich‹, jedoch auch hier und da ein ganz klein wenig ›unpersönlich‹, ›objektiv‹, prinzipiell . Und nun grüßen Sie Ihr Egerland herzlich von mir. Wenn ich wieder zu Ihnen wallfahrte, wird es vermutlich auch außerhalb des Kalenders Frühling sein .. und dann werden wir wieder in dem Garten vor dem Tore sitzen, wo wir an jenem köstlichen Septembernachmittage den Abschiedstrunk geschlürft .. Auch dem Herrn Pater, der mit so prachtvoller Geduld alle möglichen Witze und Anekdoten .. anzuhören wußte – vermelden Sie, bitte, auch ihm meinen respektvollsten Gruß. – Daniel Leßmann Es gilt, in kurzen, gedrängten Zügen das Leben eines Dichters zu schildern, der, als er über die Erde ging, weder Glück noch Stern hatte. Es gilt, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der eben weiter nichts war als ein – deutscher Dichter. Was das heißen will, weiß man. Je und je haben am Lager des deutschen Dichters die Furien des Grames, der Sorge, der Not, der Verzweiflung wohlfeile Wohnstatt gefunden. Enttäuschungen, Erfahrungen herbster Art, zertretene Ideale, gemordete Idole, zersplitterte Hoffnungen: um die Häupter wie vieler Deutschen haben diese Dämonen der Nacht nicht ihre stacheligen Dornenkränze gewunden! Du bist ein Volk der Dichter und Denker, mein deutsches Volk? Du nennst dich wenigstens so! Und deshalb hast du deine Dichter verhungern lassen – hast sie in die Nacht der Verzweiflung, des Wahnsinns getrieben – natürlich so oft, ohne daß du es wußtest! – Aber in den Annalen der Literaturgeschichte sind diese Fakten mit blutroter Schrift eingetragen und keinen, keinen gibt's, der diesen roten Blutglanz tilgen könnte! Ich will keine Namen nennen. Du kennst sie selbst, die stolzen Geister, die wahren Fürsten und Pfleger deines geist'gen Lebens, das ohne sie, ohne ihre aufopfernde, selbstlose Hingabe, ohne ihr treues Festhalten am Banner des Ideals verloht wäre und versprüht in Nacht und Graus! Hell und strahlend gießt heute die Flammenleuchte des deutschen Geistes ihr Licht über den Erdball! Doch wir wollen nicht vergessen, daß diejenigen, die in Großväter- und Vätertagen diese Riesenflamme mit ihren geist'gen Kräften genährt und gespeist, oft, so oft mit fieberndem Hirn, mit zitternder Faust, mit entkräfteten, gelähmten Gliedern sie emporgehalten – wir wollen das nicht vergessen, auf daß es uns eine Meinung sei, daß wir in unseren Tagen die Bannerträger würdigen, ehren, lieben, verstehen sollen und das in ihnen sehen, was sie in Wirklichkeit sind: die Großen, die Meister, die Führer in dem gewaltigen Ringen, das die Menschheit mit den Mächten der Nacht, der Finsternis kämpfen muß! Es war Daniel Leßmann nicht beschieden, in die Reihe unserer ersten Geistesgrößen vorzudringen. Ehe er seine ganze Kraft zu einem großen Wurfe, einem Κτῆμα εἰς ἀεί zusammenraffen, konzentrieren konnte, zerbrach sein Dasein. Es war ihm nichts mehr wert. Er ging hin und erhängte sich ... Laßt uns schweigen! Laßt uns in heiliger, gerechter Trauer das Haupt verhüllen – überwältigt von dieser erschütternden Tragik ... In Daniel Leßmann starb ein reicher, schöpferischer, genial veranlagter Geist; eine edle, bescheidene, für alles Gute, Wahre, Schöne begeisterte Persönlichkeit. Aber er hatte auch eine dämonische Ader. Welche wirklich bedeutende, groß angelegte, zu einem Wirken auf erweitertem Schauplatz berufene Natur besäße dieses Dämonische nicht, das bald in weltverachtendem Spott und Hohn, bald in beißendem Sarkasmus, bald in unbarmherzig zersetzender Kritik sich offenbart und das, wenn auch das spezifisch Charakteristische der negativen, zerstörenden Seite der dichterischen Persönlichkeit, doch die notwendige Ergänzung der schaffenden, aufbauenden, positiv wirksamen bildet und eben in harmonisch korrelativem Zusammenwirken mit dieser die Persönlichkeit erst zur ganzen dichterischen Entfaltung und Tätigkeit befähigt und emporhebt?! Ein wahrer Dichter, das heißt ein in genialer Entfaltung seiner schöpferischen Natur sich auslebender, bauet eben auf, indem er zerstört, und zerstört, indem er aufbauet. Seine Dichtungen, ohne an der Stirn die Marke raffiniert beabsichtigter Tendenz zu tragen, sind doch zumeist ganz naturgemäß ein Protest gegen alles Gemeine, Niedrige, gegen Verzerrungen und Mißbildungen, gegen Hohlheit und Schein, gegen Phrase und Heuchelei! Indem sie entweder mit erhabenem Ernste, mit imponierender Majestät oder mit zermalmendem Hohn, Witz, Spott eine morsche Welt aus den Angeln heben, oder eine hinter den Wällen und Mauern blödsinniger, aber zäher Vorurteile und konventioneller Lügen verschanzte aus den Fugen sprengen – sie bauen zugleich in den Persönlichkeiten, die als Träger einer neuen, lebengeborenen, lebenzeugenden Idee schließlich siegen und triumphieren, eine neue Welt auf, eine größere, bessere, eine wahre und freie! Diese Mission leitet sich aus dem Wesen jeder echten Kunst her! Der Naturalismus ist also künstlerisch ebenso unmöglich wie die verhimmelnde abgeblaßte Schönrederei, in der gebundenen wie ungebundenen Rede. Doch es scheint, ich schweife ab. Aber es scheint eben nur so. Organisch ist meine Erörterung auf das engste mit dem Thema meiner Einleitung verwachsen. Ich sprach von dem dämonischen Zuge in Leßmanns Natur. In Leßmanns Dichternatur. Der Dichter ist in der Regel nicht der volle Mensch. Eine vollständige Durchdringung beider Naturen ist meiner Ansicht nach unmöglich. Goethe hat diesen Prozeß vielleicht annähernd an sich durchgeführt. Vollständig ist es auch ihm nicht gelungen. Das beweisen seine Werke, noch mehr seine Briefe und sonstige Nachrichten von Zeitgenossen. Einem Kinde unseres Jahrhunderts ist das bruchlose Aufgehen der einen Seite seiner Individualität, der praktischen, der bewußt entwickelten, in der anderen, der idealen, spezifisch künstlerischen, der unbewußten , vollends ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist eben ein Kind seiner Zeit, und diese Zeit ist so zerfetzt und zerrissen, daß an eine harmonische Ausgleichung beider Seiten zugunsten einer Gesamtindividualität gar nicht zu denken ist. Es ist hier nicht der Ort, das weiter auszuspinnen. Daß aber mit der Konstatierung, der Anerkennung dieses leidigen Faktums der Punkt gewonnen ist, von dem aus eine gerechte und gewissenhafte Kritik das künstlerische Vermögen resp. Unvermögen, wenn man richtiger so will, unserer Zeit beurteilen muß, steht fest. Daß ferner an diesem Punkte der Hebel anzusetzen ist, wenn für einen gesund-realen, weitherzigen, die Gegensätze auflösenden und versöhnenden Idealismus reformatorische Kräfte eintreten sollen, steht nicht minder fest. Warum ich aber das alles hier, wo es doch augenscheinlich gar nicht hingehört, zum besten gebe? Das wird sich zeigen, wenn ich das Leben Leßmanns erzähle, wenn ich erzähle, wie er als ein Opfer sinnloser Vorurteile, hirnverbrannter Ansichten zugrunde gegangen ist. Und ehe wir nicht die Schranken zerbrechen und niederwerfen, die Konvenienz, Formalismus, Kastengeist, Vorurteil, Scheinheiligkeit, Größenwahn, Heuchelei, Obskurantentum gezogen haben, wie es heißt, zum Schutze der sog. ›Gesellschaft‹, eher dürfen wir nun und nimmermehr auf den Sieg unserer idealen Bestrebungen hoffen, die in dem Erreichen einer reinen vorurteilsfreien Humanität gipfeln, einer Humanität, die gegründet auf edler, harmonischer Herzensbildung, in dem Individuum den Besitzer natürlicher Rechte, den Träger einer natürlichen Freiheit sieht, nicht den Stoff, die Ware, um die gefeilscht und gemarktet wird, die, und das ist noch schlimmer, geradezu mit sich feilschen und markten lassen muß, wenn sie überhaupt Wurzeln schlagen will auf dieser Erde – eine Humanität, sage ich, die identisch ist mit der Intoleranz gegen alles Gemeine, Verwerfliche, Unsittliche, Schlechte! – Doch ich gehe direkt zur Erzählung des Leßmannschen Lebens über, zu einer kurzen Besprechung seiner Werke – soweit ich Notizen über sein Leben gewonnen, soweit mir seine Schriften bekannt geworden. Erschöpfend kann ich nicht sein. Wozu auch das? Nur frivole Neugier oder blasierte Langeweile kann darnach fragen, wo der betreffende Dichter oder Schriftsteller in den und den Jahren zufällig gelebt; wie oft er geliebt oder geliebelt; wie oft er beinahe einen Orden oder die Schwindsucht bekommen hätte ... Das ist das Füllsel bekannter oder unbekannter Literaturgeschichtler und Nekrolog-Fabrikanten, die es in ihrer Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit nicht verstehen, eine Persönlichkeit aus dem Innern, den intimsten Herzensregungen, dem Zentrum der Künstlerseele heraus zu begreifen und zu gestalten, die an Äußerlichkeiten kleben und das Wesentliche vom Unwesentlichen nicht zu unterscheiden vermögen, weil sie selbst keine wesentlichen Charaktere sind – ›wesentlich‹ hier im Sinne Gottfried Kellers Vischer gegenüber! Daniel Leßmann Ich entnehme einen Teil dieser Notizen dem warm geschriebenen Aufsatze Max Rings in der ›Gartenlaube‹ 1866 Nr. 3, über Daniel Leßmann, betitelt ›Jude und Dichter‹. war im Jahre 1794 zu Soldin in der Neumark geboren. Über seine Jugend kann ich weiter nichts mitteilen. Sie scheint ziemlich trübe und traurig verlaufen zu sein. Verschiedene Andeutungen lassen darauf schließen. Nicht minder die weitere Entwicklung und Entfaltung Leßmanns, die ja mehr oder weniger durch die in der Jugend gemachten traurigen oder freudigen Erfahrungen bedingt, wenigstens beeinflußt wird. Leßmann studierte, als seine Zeit gekommen, in Berlin Medizin als – also als sog. ›Brotstudium‹ und nebenbei ›Schöne Wissenschaften‹, Humaniora, wie es heißt. Diese aus Herzensbedürfnis, aus reinem Interesse. Er wurde Militärarzt. Wie Schiller. Als solcher nahm er an den Freiheitskriegen teil. Bei Lützen, wo der Namenstagsvetter seines Kollegen Schiller, Scharnhorst, schwer verwundet wurde (er starb nachher in Prag), erhielt auch Leßmann eine Verwundung. Sie war nicht gerade schwer. Er genas wieder. Nun übernahm er die Leitung des Lazarettes. Und an diesem Punkte setzt ein erhöhtes, ein erneutes Leben des Dichters , zu dem er allerdings jetzt erst nach und nach aufwachte, ein. Eine große Leidenschaft kommt über den armen jüdischen Militärarzt, dessen innerstes Wesen, dessen reiche, poetische Natur andern noch ebenso unbekannt ist, wie ihm selbst. In dieser gewaltigen Liebe wird er gleichsam zum zweiten Male geboren – fortan gehört er zu der Schar deutscher Schriftsteller und Poeten – der Dornenkranz ist ihm sicher – dafür darf er sich künstlerisch ausleben – ja wohl! – seine glücklich-unglückliche Liebe weitet und dehnt die ganze Natur – ungeahnte Schätze traten ans Licht – es beginnt ein leidenschaftlich lebendiges Leben im ganzen Seelenorganismus – ›zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag‹ – und der Dichter schafft und schafft, solange es Tag ist! ... Oh – ein köstlich erwärmender, eine reiche üppige Frühlingswelt wachküssender Sonnenschein liegt auf den Fluren am Lebensmorgen seines Dichtertums – aber dann kommt der schwüle, gewitterschwere Mittag – dann der Nachmittag, wo die Wolkenbänke sich enger zusammentürmen – und es wird Abend – und es wird Nacht – kein Sternenschein – schwer, bleiern lastende, dumpfe Nacht – und der zarte, feingeschliffene Kelch der Dichterseele zerspringt unter diesem Druck in tausend Scherben – und es ist vollbracht – und es ist vollbracht ... vollbracht ... Ich will Leßmanns Liebes- und Leidensgeschichte näher erzählen. In jenem Lazarette, dessen Leitung Leßmann nach seiner Genesung übernommen, hatte er unter den Jungfrauen, welche sich in edler Humanität der Pflege der Kranken und Verwundeten widmeten, die ›schöne und geistvolle‹ Marie kennen gelernt, die Tochter eines vermögenden Berliner Hausbesitzers. Die Liebe beider war im Krankenzimmer geboren. Rein und lauter war sie ins Dasein getreten, doch sollte der Ort ihrer Entstehung für sie, wie man so sagt, ein ›böses Omen‹ sein. Die Liebe war gesund, stark, leidenschaftlich, treu bei ihm, treu bei ihr, treu bis zum Tode – und doch sollte sie für das Leben nicht siegen, nicht dauernd beglücken. Leßmann war ein Jude. Leßmann war ein Dichter, Schriftsteller, Phantast, Schwärmer. Das erstere war richtig. Natürlich. Das letztere nur insofern, als eben jeder echte Dichter in gutem Sinne ein Phantast und Schwärmer sein muß. Marie, seine Braut, eine zarte feinsinnige Natur. Sie hielt zu ihm, unentwegt war sie ihm treu. Sie hatte eine große, starke Seele, mit der sie die Vorurteile siegreich überwand, die zu überwinden ihre Eltern zu schwach waren. Aber diese Schwäche der Eltern der Braut war doch so stark, daß es das Liebesglück, das Lebensglück Leßmanns zerbrechen konnte. Und damit wurde auch das Glück ihrer Tochter vernichtet. Marie starb. Leßmann kam aus Italien. Am Morgen verschied sie. Am Mittag kam Leßmann an. Da war sie denn schon seit mehreren Stunden stumm geworden ... Ich will die fehlenden Glieder noch hineinsetzen. Die Freiheitskriege waren vorüber. Napoleons tragische Komödie oder meinetwegen komische Tragödie – das Trauerspiel mit dem lächerlich erhabenen Schluß, dem famosen Theatereffekt St. Helena – war aus. Der Korse hatte nunmehr genugsam Zeit, über sich und seine Heldentaten nachzudenken. Große Natur. Tiefe Einsamkeit. Da konnte der gefallene Titan auf feinem englischen Papier seine Memoiren schreiben. Denn warum hätte er nicht bezeugen sollen, daß er mit seinem ›Riesengeiste‹ schließlich noch mehr vermöchte als Pläne schmieden, wie es am praktischsten und leichtesten ginge, die Völker zu zerbrechen und die Fürstenkronen von den gesalbten Häuptern, den Scheiteln von Gottes Gnaden, in den Staub zu werfen? Barbiers ›sois maudit, Napoléon!‹ hatte er sich nun verdient. Er konnte sich jetzt um einen Platz in der Republik der Ritter vom Geiste bewerben. Seine Villeggiatur St. Helena lag ja so still, so einsam, so weltverlassen ... Und Klio und Melpomene – – die Damen sind ja sonst nicht so spröde ... Die europäischen Mächte überließen den Geächteten seinem Einsiedlerleben. Die Gefahr war beseitigt. Die Völker hatten das Joch abgeschüttelt. Die Fürsten mußten wieder mehr an sich denken. Es galt, die etwas angebröckelten Throne mit eherner Kraft wieder aufzubauen, auf unzerstörbarer Basis. Man mußte sie tiefer ins Erdreich einrammen, damit sie nicht wieder so leicht, so kinderleicht umgepustet werden konnten, wie sie umgepustet waren von der Gigantenlunge des Korsen. Und die Reaktion kam. Und die junge, kaum wieder erstandene Freiheit – erworben und gewonnen mit dem Blute von Tausenden – schlief ein. Man gab ihr berauschende, betäubende Schlafpulver. In ihrer überschäumenden Freude war sie unvorsichtig. Sie trank und schlief ein. Und schlief lange. Lange. Und diejenigen, die wachen, leben, wirken mußten, derweil man die junge Freiheit meuchlings überwältigt und in den Winkel geworfen hatte – sie lebten eben, lebten unter Umständen ganz manierlich und fidel. Aber nur, wie gesagt, unter Umständen. Wenn sie eben mit zerschlagenen Idealen auf Schutt und Trümmern weiter leben wollten! Das kann man ja auch. Das können sehr viele. ›Travaillons‹ sagt Voltaire, und damit glaubt er dem Pessimismus den Kopf zertreten zu haben. Und sie arbeiten denn, die Kaufleute und Beamten, ums liebe Brot, ums tägliche Brot. Sie arbeiten rastlos und ruhlos, Nacht und Tag ... Die Konten- und Kanzlei-Literatur blühet. Und die Ritter vom Geiste trauern – trauern in Sack und Asche, ballen auch wohl, zumeist im Verborgenen, die magere Dichterfaust; schreiben auch, zumeist allerdings zum Privatgebrauch, Pasquille und Satiren. Einige – mehrere – viele krümmen auch den stolzen Nacken und winseln im Staube, lassen sich zensieren, und die Kunst, die echte, große, erlösende Kunst, die nur in freien, mannhaften Seelen aufgehen kann, die einer reichen, bewegten, licht- und farbengetränkten Zeit zur Entwickelung, zur Entfaltung bedarf – sie siecht langsam hin in auszehrender Krankheit in der nüchternen, begeistrungslosen, geistig bettelarmen Zeit ... Und ein blödsinniges, zermürbtes, wahnbetörtes, wohldressiertes Publikum schreit zu der Leichenpredigt der Obskuranten: Amen! Amen! Das klingt so hohl. Das klingt so schaurig. Diesen Charakter trug das Jahrzehnt, das sich direkt an die Freiheitskriege anschloß. Das Lustrum bis 1830 war ähnlich, wenn auch schon etwas freier wieder und lebendiger. Diejenigen, die ein feinausgebildetes Hörorgan besaßen, konnten schon, wenn sie ihr Ohr dicht an den Boden legten, allerlei verdächtiges Schwanken und Beben vernehmen. In Frankreich gärte es gewaltig. Politisch und literarisch. Dort rüstete sich der Romantismus – Victor Hugo an der Spitze – zu Entscheidungstaten. Bei uns stand das ›junge Deutschland‹ an der Pforte. Eine neue Zeit lag in den Windeln. Gottlob: eine frische Brise blähte die Segel. Eine neue kristallinische Umsetzung bereitete sich vor – begann allmählich. In das Lustrum 1825-1830 fällt Leßmanns eigentliche Schaffensepoche. Ich muß die Vorgeschichte noch kurz berühren. Leßmann hatte sich in den Freiheitskriegen ausgezeichnet. Er hoffte nun nach Beendigung der Kriege auf eine Beförderung, eine feste, lohnende Anstellung. ›Dem Verdienst seine Krone!‹ So heißt das Postulat. Man fragt gewöhnlich nicht viel nach ihm. Auch Leßmann sollte es erfahren. Er erhielt seinen Abschied. Seinen Abschied! Man erinnerte sich, daß er ein – Jude war! Ein Jude! Die Schlange hatte ihn gestochen. Zum ersten Male! Da galt es denn, auf einem anderen Wege zum Ziele zu kommen. Aus eigener, aus eigenster Kraft! Vorläufig konnte Leßmann natürlich nicht an eine eheliche Verbindung mit seiner Braut denken. Er mußte warten. Sie mußten sich gedulden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Leßmann wollte sich eine eigene ärztliche Praxis gründen. Das ist nun bekanntlich kein Kinderspiel. Man muß sich zu allerlei Kompromissen, Konzessionen verstehen; man muß allerhand Mittelchen handhaben. Leßmann vertraute auf seine wissenschaftliche Tüchtigkeit. Sie müßte ihm sichern Grund und Boden unter den Füßen schaffen. So dachte er; so hoffte er. Er schuf sich auch eine Praxis. Aber sie war doch nur unbedeutend. Sie blieb sehr begrenzt. Da griff er denn auch zur Feder und – er wollte sich damit gewiß Reichtümer erwerben, wollte ein ›gutsituierter‹ Mann werden, recht schnell, recht sicher?! Nicht wahr? Nein! So sanguinisch, so optimistisch verblendet war er Gott sei Dank nicht! Diesen utopischen Träumereien hing er nicht nach. Er wußte im Gegenteil ganz genau, daß die Feder, die Novellen, Romane, Dramen, Gedichte schreibt, eine arme, unansehnliche, unscheinbare Aschenbrödelrolle spielt gegenüber derjenigen, die über die dickbäuchigen Geschäftsbücher fährt und Rang- und Quartierlisten ausschreibt. Vom Publikum hielt er nicht viel. Er kannte eben seine ›Pappenheimer‹. Was ihn dazu trieb, makellos, verführerisch reines Schreibpapier mit seinen Träumereien, Phantasien, Visionen zu füllen, war der unbändige Drang zu bilden, zu gestalten, künstlerisch zu schaffen. Eine reiche Welt war in der Brust des armen jüdischen Arztes, nach dem keiner viel fragte, um den sich keiner viel kümmerte außer seiner Marie, aufgeblühet – – ein üppiger Poetenfrühling, unter Stürmen und Gewittern ans Licht geboren, aber doch so voll, so reich, so werdestark! Früchte in Fülle verheißend! Dazu kam noch ein äußerer Glücksumstand. Leßmann wurde als Arzt am jüdischen Hospital in Berlin engagiert. Der Vorsteher dieser Anstalt hatte ihm die Stelle, um die sich Leßmann beworben, verschafft. So waren denn auch seine äußeren Verhältnisse etwas günstiger gestaltet. Es waren darüber nur – vier Jahre vergangen. Nur. Nicht viel dichterischer Sturm und Drang. In unserem Dichter lebte keine vulkanische, elementare Naturkraft, die zu gewaltigen Explosionen drängte. Leßmann war mehr harmonisch beanlagt. Seine Dichterkraft war voll, echt, stark, gleichmäßig, ohne eigentliche barockgeniale Auswüchse, ein machtvoller Strom ohne verderbliche Strudel und Schnellen. Und die vier Jahre mit ihrer Not, ihren Sorgen hatten nun auch die bittern Wermuts-Tropfen des Schmerzes in die Dichterseele gegossen – – gewiß: ein großer, reiner Schmerz hat eine läuternde, erhebende, vertiefende Kraft! Er weihet den Dichter. Er heiligt den Sünder. Aber wenn der Schwarm der kleinen, kleinlichen, gemeinen, verächtlichen Alltagssorgen und Tagesquälereien den Künstler mit seinen Stichen und giftigen Bissen verfolgt, so verliert die großartigste und vollste Dichterkraft unter diesem zersetzenden Einflusse. Nur ein eiserner Charakter, ein festgefugtes, in sich selbst unzerstörbar gegründetes, zur beherrschenden Einheit konzentriertes Individuum kann diesem Otterngezücht den Kopf zertreten. Das ist wieder einmal – keine Abschweifung. Auch hier liegt der verbindende Faden vor aller Augen. Wer Augen hat, der sehe! Ich spinne ihn nur ein wenig im Zickzack ab – und warum sollte ich das nicht? Man kann auf diese Weise noch mancherlei berühren, noch mancherlei abladen. Zu Nutz und Frommen des Lesers! Und dem Schreiber der Vorrede wird dabei auch etwas leichter zu Sinne ... Daniel Leßmann war also Hospitalarzt geworden. Und nun ist die entscheidende Stunde für ihn gekommen. Er darf vor die Eltern seiner Braut hintreten und um ihre Einwilligung zur Vermählung mit Marie bitten. Er darf ihnen sagen: »Seht, ich bin zwar nur ein einfacher Arzt, aber ich habe mir aus eigener Kraft eine Stellung errungen – ich habe auch noch eine kleine Privatpraxis daneben, die mit der Zeit gewiß noch wachsen wird – ich schriftstellere auch, allerdings nicht direkt ums Brot – aber die Verleger sind doch keine Unmenschen – ein paar Pfennige wirft's doch ab – und, was die Hauptsache ist: ich liebe eure Tochter, echt, tief, wahr – und was noch wichtiger: sie liebt mich – ich bin also unermeßlich reich, denn daß ich ein Jude bin – daran werdet ihr euch nicht stoßen ...« usw. Er wagte denn auch seine Werbung. Aber es ist einmal so in der Welt: ›Leicht beieinander wohnen die Gedanken – doch hart im Raume stoßen sich die Sachen ...‹ Und zuweilen stoßen sie sich nicht nur – sie zermalmen sich auch und zerquetschen alles, was in ihre Nähe, zwischen ihre Ecken und Kanten gerät ... Die Eltern stießen sich eben daran, daß er ein Jude war. Sie stießen sich eben daran, daß er ein Poet, Schwärmer, ›Federfuchser‹ war. Sie stießen sich drittens daran, daß er doch eigentlich eine sehr bescheidene Stellung inne hätte, gar kein gesellschaftliches Ansehen, keinen Rang, keinen Titel, keine Würden, keine Orden ... Es war die alte Geschichte: die Eltern wollten hoch hinaus – die Tochter wollte noch höher hinaus – aber leider trug das arme, verblendete Elternauge nicht so weit, daß der Blick bis zu der einsamen Höhe, wo die Künstler wohnen, hätte dringen können ... Das giftige Ungetüm ›Vorurteil‹, die vielköpfige Hydra, hatte wieder ein Opfer gefordert. Und wieder einmal hatten zwei Menschen das verhängnisvolle Wort über die Lippen gestoßen als ihre Lebensparole: Entsagen! ... Entsagen! ... Marie siechte hin und verwelkte. Leßmann war weniger nachgiebig. Er trug sein Haupt stolz aufgerichtet – eine souveräne Menschenverachtung war über ihn gekommen. Er hielt keine tollen Tiraden – wünschte nicht, daß das All, der Erdball usw. in Stücke zerbersten sollte – er biß die Lippen zusammen in wahnsinnig verzehrendem Schmerz – die Hirnschale wollte auseinanderspringen, so leidenschaftlich wild schlugen die Wogen des Grolls, der Verzweiflung an ihre Planken ... Ein Glück geopfert – um nichts – um nichts – um ein totes Götzenbild – ein willkürlich proklamiertes Vorurteil ... Die Schlange hatte ihn zum zweiten Male gestochen ... Die schwache Faust Leßmanns hat den Pagoden nicht von seinem Throne gestoßen – – – die nach ihm kamen, die Stürmer und Dränger des jungen Deutschlands, haben auch nur an den Säulen gerüttelt – machtvoll und nachwirkend – aber doch noch nicht zermalmend ... Immer noch beten Tausende zu ihm, und Millionen opfern ihm ihr Glück ... Aber auch dieser Götze wird eines Tages in den Staub sinken, wenn eine neue, in wahrer Liebe geeinte, von der feurigen Wolke herzentzündender Leidenschaft, edel flammender Begeisterung geleitete, jugendkräftige Heldenschar den Dämon, den Moloch erwürgt ... Aber ich will mich einschränken. Leßmann ging zunächst nach Wien . Auf die Stellung als Hospitalarzt verzichtete er. Was sollte er damit? In Berlin brannte ihm der Boden unter den Füßen. Nur fort – nur fort! So ging er nach Wien. Dort fand er im Hause des Grafen O'Donnel Aufnahme und Stellung als Erzieher von dessen Kindern. Aber er hielt es nicht lange aus. Es zog ihn weiter nach dem Süden hinunter. Nach Italien! Italien! An seiner Schönheit will der Glückliche sein Glück erhöhen – der Unglückliche will aus Natur und Kunst Trost und Stärkung für sein gequältes Herz trinken. Leßmann gehörte zu der Schar der letzteren. Sie wird wohl größer sein als der Schwarm der Italienfahrer aus hochzeitlichen und anderen freudenfestlichen Gründen ... Über fünf Jahre weilte Leßmann in Italien. Meist in Rom und Verona. Er suchte Vergessen. Im Genießen, im Schaffen. Und er genießt. Genießt Kunst, Natur, Volk, Historie. Er sammelt Stoff. Der liegt ja in Italien auf der Straße. Ein Dichter ist eben allmächtig, wenn anders er ein ganzer Dichter ist. Ein verlorener, unscheinbarer Winkel kann der Schauplatz einer unsterblichen Dichtung werden. Was der Zauberstab des Poeten berührt, entfaltet sich zu lebendigem Sein. Er besitzt göttliche Kraft, die aus dem Tannhäuser-Stamm neues Grün, neue junge Blüten lockt! Ist das nicht ein die tiefsten Tiefen des Kunst-Mysteriums erhellendes Symbol? Den in Sünden und Lüsten untergegangenen und verdorrten Menschen – zu neuem, erlösendem Leben weckt ihn auf die lebenzeugende, weil lebengeborene Kraft der Dichtkunst! Sie entsündigt den Sünder. Die Kunst erlöst. Sie muß nur rein walten und ihren Einfluß potenzieren dürfen: dieser scheidet aus den Herzen ihrer Jünger alle Schlacken, alles Unwesentliche. Aber sie fordert den ganzen Menschen, das ganze Leben, jeden Schlag des Herzens. Das heilige Feuer darf nimmer erstickt werden ... Leßmann hatte in Italien jahrelang empfangen und geschaffen. Auch das Empfangen ist eine künstlerische Tat! Er hatte aber nicht vergessen können. Seine Liebe war ihm kein transitorisches Moment gewesen. Er war in ihr aufgegangen. Und in der Kunst noch bis zur erlösenden Weihe vorgedrungen. Also neuer Zwiespalt, als ihn ein Brief aus Italien nach – Berlin zurückruft. Der Brief war von Mariens Eltern. Marie war langsam zu Tode gesiecht. Nun war sie nicht mehr weit von der Schwelle, die uns hinüberführt – wer weiß wohin? Da legte der Vater, da legte die Mutter die Waffen, die sie bis dahin auf das Herz der Tochter gerichtet, nieder. Ihr Werk war ja vollbracht. Sie hatten's vielleicht nicht gewollt – bei Gott: ›es war nicht so gemeint!‹ Nun aber war es leider so gekommen! Sehr drastisch. Übrigens ein Fall, der seine Analogien hat. Über die Eltern kam das Entsetzen. Der Vater kroch zu Kreuze. So sagt man wohl. Er war ja ein Christ! Er konnte Mitleid, Erbarmen üben! Schade, daß die Tochter schon auf dem Totenbette lag! Der Vater schrieb an Leßmann; er flehte ihn in den rührendsten Ausdrücken an: er möchte doch zurückkommen – es sollte – ja es würde bestimmt alles noch gut werden! Aber eine kleine, eine ganz kleine Klausel war doch auch jetzt noch dabei: Leßmann möchte doch Christ werden! Für den Fall, daß noch eine Verbindung möglich wäre! Das klang schon wieder etwas reserviert, auch resigniert. Doch – Marie würde sich ja wieder erholen, wenn er – er – der Geliebte ihres Herzens – ja wohl, den sie – (aber das schreiben sie nicht mit, bewahre!) – aus dem Hause getrieben hatten – – zurückkehrte und dann würden ihm, dem Christen , eine Menge von Fatalitäten und Formalitäten erspart bleiben ... Und Leßmann kam. Er brach seine Zelte in Italien ab. Dann ging es in rasendem Fluge nach Norden. Aber schneller reitet der Tod. Unterwegs ward Leßmann Christ. Er war es ja eigentlich schon lange. In reinem Sinne! Und dann nach Berlin! Er ist endlich da. Ich habe schon davon erzählt. Mittags kommt er an. Am Morgen war die Geliebte gestorben. Schneller reitet der Tod. Das Schicksal höhnte: Narr – Narr! ... Und die Dämonen der Nacht sangen gellend den Trauerpsalm:   »Οὐδὲν ἀκιδνότερον γαῖα τρέφει ἀνϑρώποιο πάντων, ὅσσα τε γαῖαν ἔπι πνείει τει καὶ ἕρπει ...«   »Οἵη περ φύλλων γενέη, τοίη δὲ καὶ ἀνδρῶν, φύλλα τά μέν τ᾽ ἄνεμος χαμάδις χέει, ἄλλα δὲ ϑ᾽ ὕλη τηλεϑόωσα φύει, ἔαρος δ᾽ ἐπιγίγνεται ὥρη ὡς ἀνδρῶν γενεὴ ἡ μὲν φύει, ἡ δ᾽ ἀπολήγει ...« Die Tragikomödie war aus. Eine Tragikomödie der Irrungen. Es mußte sich jeder abfinden. ›Herz, mein Herz, bemeistre dich!‹ So die Parole. Sie ward am Sarge Mariens ausgegeben. Und Leßmann bemeisterte sich. Er war im Feuer gehärtet. Im Sturm geprüft. Die Schwäche war von ihm abgefallen. Adam – homo renatus ! Er hatte gelebt . Er hatte Gewaltiges erlebt ! Seine Augen hatten Italien gesehen. Italien, das heilandskräftige Wunderland. Das Land seiner Sehnsucht. Das Land unser aller Sehnsucht. Dann war er durch einen tiefen, heißen Schmerz gegangen. Sturmflut. Nun verliefen sich mählich die Wogen. Er konnte jetzt vielleicht seinen Frieden mit der Welt machen. Er konnte jetzt schaffen . Und er schuf! Wie ich erwähnt, fällt Leßmanns Hauptproduktion in das Lustrum von 1825-1830. Ich will zunächst über seine Werke sprechen. Nachher über das Charakteristische seiner künstlerischen Perzeption, über individuelle Vorzüge, über Motive, Ton, Farbe des Stils. Und das hauptsächlich im Anschluß ans ›Wanderbuch‹. Es ist Leßmanns Hauptwerk. Die anderen Schöpfungen gruppieren sich in Orgelpfeifenmodus rechts und links. Das ›Wanderbuch‹ bittet heute um günstigere Aufnahme, willigere Augen, offenere Herzen als es bei seinem ersten Fluge aus dem Schreine des Dichters in die ›weite, weite Welt‹ gefunden. Die Geschichte war die und der Gegenstand der, daß die ›Welt‹ damals sehr – sehr eng war. Für Leßmanns gediegenstes Werk wie für vieles andere. Zu diesem ›vielen anderen‹ gehören auch fast alle anderen Werke unseres Dichters. Sie sind seinerzeit viel gelesen worden. O ja! Die Beweise dafür sind da. Aber man ›drückte‹ sich so viel wie möglich just wie heute , um das direkte Kaufen ! Einer wagte den Coup und ›verpumpte‹ dann das erstandene Exemplar an Onkel und Tante, Vetter und Base, gute Freunde, getreue Nachbaren und sonstige Gesellschaft. Just wie heute! Und die machten – machen es ebenso! Auf diese Weise wird man bekannt. Man gründet sich einen sogenannten ›Ruf‹ – man wird ein ›vielgelesener‹ Autor. Man kann auch von lyrischen Dichterlingen angeflötet und von zart-hysterischen Jungfrauen um Autogramme angebettelt werden. Und dabei schrumpft das Mark in den Knochenröhren jämmerlich zusammen – und die Wangen nehmen zu an Magerkeit, Blässe und Bescheidenheit vor Gott und den Menschen ... Also wie gesagt: Herr Clauren alias Carl Heun wurde viel gelesen. Er verdiente es ja auch. Wenigstens ist Hauff (1802–1827, also Leßmanns Koätan!) dieser Ansicht, wie man ja weiß. Doch Leßmann fand auch einigen Anklang. Besonders seine ›Novellen‹. Ich kenne deren vier Bände. Sie erschienen von 1828–1830. Es ist viel satirisch, mutwillig barock und fragmentarisch Gehaltenes darunter. Verschiedene italienische Motive. Das ist ja verständlich, erklärlich. Einzelnes erinnert an Jean Paul. Derselbe zersetzende Humor öfter, das tolle, alle Gesetze künstlerischer Enthaltsamkeit und Mäßigung keck überspringende Laisser aller . Damit kommt hier und da ein bizarrer Ton in das Ganze, der zu grellen Dissonanzen ausartet. Das sind gewiß Fehler. Aber wahrhaftig: schließlich ist mir ein bißchen Absonderlichkeit lieber und erträglicher als verwaschenes, dilettantisches, stümperhaft aufgetischtes Geschwätz hohler Alltagsnarren. Ein reicher Geist reibt sich an allen Ecken, Kanten, Vorsprüngen – überall sprühen Funken auf – ein toller Schwarm von Kobolden und Schalksgesellen springt und spukt lustig allerorten. Natürlich: je mehr diesem Schöpfergeiste das Wesen der Kunst, schlechthin der Kunst , aufgeht, desto mehr wird er sich bändigen müssen und zu bändigen wissen! Wer aber überhaupt keine Mitgift mitbringt, dem ist es wohl leicht, ›einfach‹, ›sinnig‹, ›natürlich‹, ›schlicht‹ usw. zu schreiben, wie manche Herren aus der Kritikerzunft im Namen der heiligen Kunst, die sie, nebenbei bemerkt, meistens gar nicht verstehen, postulieren zu müssen glauben! Ich bin zu diesem Erguß, den man ruhig mitlesen mag, hauptsächlich durch Leßmanns Novelle ›Valentin Krakensitter‹ veranlaßt worden. Das ›Taschentuch‹ greift ans Kriminalgeschichten-Genre. Die ›Reiseberichte‹ aus entfernten Ländern (sog. ›zweite Beilage‹: eine eigentümliche Mode der Zeit – eine Art von Entschuldigung – man wagt schließlich nur noch eine kleine Appendix – so rührend, so bescheiden, so reserviert zaghaft! ...) sind eine entzückende Glosse auf Kleinstädterei, Spießbürgertum, auf die bekannte Sancta simplicitas gewisser Cliquen – auf die Repräsentanten der ›Gesellschaft‹ – auf die ›Löwen‹ der Pfahlbürgersalons – die Hüter und Wahrer des ›guten Tones‹. Die ›entfernten Länder‹ sind natürlich in der Mark zu suchen: Soldin, Leßmanns Heimat – Freienwalde, Lippehne: das sind die bevorzugten Örtlichkeiten, die unbarmherzig Spießruten laufen müssen ... Den Schluß dieser satirischen Auslassungen macht ein Zyklus ›Scherenschleiferlieder‹: Ganz nett, ganz witzig! Aber das eigentlich lyrische Element geht Leßmann doch ab. Er hatte, wie ich später noch näher zeigen werde, manches mit Heine gemeinsam. Aber der starke, machtvolle, lyrische Brustton war ihm doch nicht gegeben. – In den anderen Novellen-Bänden findet sich noch viel Ansprechendes. Ganz hübsch ist das Motto des zweiten Teiles: Tausend Ströme süßen Wassers Kommen her ins Meer gezogen, Und der alte, mürr'sche Pontus Wallt mit ewig bittren Wogen: Tausend süße Wonnen winken, Sprießen freundlich dir entgegen, Und mit trüber Kummermiene Trägst du Mensch des Himmels Segen! Echt Leßmannisch ist wieder ›Der Karneval der Bestien‹ im dritten Bande. Ein Brillantfeuerwerk von Witz, toller Laune, Humor, Satire, urdrolliger Komik! Gewiß: ohne einheitliche Schürzung, Weiterführung, Lösung, mit fragmentarischem Typus, bruchvoll – aber mit hinreißender Diktion und mächtig niederfallenden Keulenschlägen einer souveränen Satire! Aus dem vierten Bande hebe ich die erste ›Beilage‹: ›Die Selbstbeschauung der Gelehrten‹ hervor. Der Titel läßt auf Inhalt und Charakter schließen. Ich schloß. Ich las. Ich fand, was ich erwartet. – In demselben Jahre, 1830, erschienen noch zwei novellistische Arbeiten Leßmanns: ›Meister Marcola‹ und ›das Spottgedicht‹ – ein ›Nachtstück‹! Mit den ersteren kann ich mich nicht recht befreunden. Die letztere mundet mir ganz gut, auch am hellichten Tage ... Auffällig, jedoch leicht deutbar ist, daß diese beiden Opuskula Leßmanns je mit einem Kollegen aus einem anderen Neste in die Welt hinausgeflogen sind. ›Meister Marcola‹ hat eine Novelle von einem gewissen Fischer, die ›Notlüge‹, zur Seite und das ›Spottgedicht‹ ist mit einem ›Naturfreund‹ von Theodor Blumenhagen Für mich ein Homo obscurus . Nur nicht zu verwechseln mit dem Hannoveraner Wilhelm Blumenhagen (1781 bis 1839), Verf. v. ›Freia‹, ›Höhe und Tiefe‹ u. a. zusammengekoppelt. Eine sehr wirksame, willkommene, wenn auch wohl unbeabsichtigte Folie für Leßmann! Ein größer angelegtes Werk ist die Erzählung ›Die Schlittenfahrt‹ . Gut erfundenes Sujet, trefflich komponiert. Das letzte Kapitel führt das Motto: ›Lasset alle Hoffnung ... lasciate ogni speranza ...‹ Greller Schluß. Das Buch hat mich erschüttert. Vielleicht ist es doch ein wenig raffiniert ... Im Jahre 1831 endete Leßmann freiwillig sein Leben. Über die Motive, über die Tat selbst nachher mehr. Ich will hier nur mein Referat über seine Werke abschließen. Die kurz vorgeführten erschienen vor seinem Tode. Und zwar als die hauptsächlichsten Leßmanns auf rein novellistischem Gebiete. Noch zu erwähnen bleibt ein Roman ›Luise von Walling‹ – in ›Briefen aus Südspanien‹: Also schon ein Hinübergreifen in das zweite Schaffensgebiet Leßmanns: Das der Reise-Feuilletonistik. Leßmann figuriert hier bloß als Herausgeber ›schriftlicher Mitteilungen‹, die von einer Familie stammen, ›mit der in freundschaftliche Verbindung zu treten er vor einem halben Jahre die Freude hatte‹. Leßmann selbst ist nie in Spanien gewesen. So wird denn wohl aus irgendwelchen Aufzeichnungen und eigenen dichterischen Erfindungen, gewürzt mit einem feinen, ironisch-gemütsvollen Akzent, das Werk zusammengeschmolzen sein. Seine Lektüre hat mir stellenweise hohen Genuß bereitet. Wer es in irgendeiner alten Bibliothek auftreiben kann, mag sich den alten zermürbten Band einmal vornehmen und durchlesen. Er ist es immerhin noch wert! Ganz frei von romanhaften Beigeschmack, reine Reiseliteratur sind die ›Cisalpinischen Blätter‹ – in Italien geschrieben, aber erst 1828 in Berlin bei Matthisson veröffentlicht. Ein sehr inhaltreiches, fesselnd geschriebenes Buch. Das italienische Leben wird in allen möglichen kristallinischen Bildungen festgehalten. Alltägliches wie seltener in die Erscheinungsform Tretendes wird beobachtet, belauscht, untersucht, auf seine charakteristischen Seiten hin geprüft. Land und Leute, Sitten und Gebräuche, erlauchte Geister, deren Wiege in dem Wunderlande Italien gestanden, gewöhnliche und abnorme Strömungen in Literatur und Kunst – Einfluß nach außen – Beeinflussung von außen: alles findet sich hier gesammelt und in eleganter, witziger, liebenswürdiger Weise vorgetragen, ausgeplaudert. Im ersten Teile ist die Charakteristik Giordano Brunos meisterhaft. Die geniale, dämonische Persönlichkeit dieses Aufklärungs-Recken, der mit dem gewaltigen Donnerhammer seines ›spaccio de la bestia trionfante‹ den wuchtigsten Streich von allen Satirikern und Pamphletisten des 16. Jahrhunderts gegen den in sich morschen und todwerten Koloß des Papsttums geführt – ich sage: die geniale dämonische Persönlichkeit dieses Giganten ist von Leßmann verständnisvoll in ihrem Zentrum erfaßt. Bruno Neuerdings sind mehrere Werke über Giordano Bruno, von dem man schließlich nur noch wußte, daß er in Ketzerherrlichkeit gelebt und gestorben sei und ein Lustspiel ›Il candelajo‹ (›Der Leuchter‹) geschrieben habe, erschienen. Ich verweise auf die Schriften Sigwarts und des Italieners Raffaele Mariano: ›La vita et l'Homo – saggio biographico-critico‹ . Roma, Botta. – ›born for the opposition‹ – der Heimatlose, von den Schergen eines verdummungssüchtigen Fanatismus mitleidlos verfolgt – von Land zu Land gehetzt, aber doch stets ungebrochen und großgläubig: Für alle Heldenseelen, die sich zur Cohors lucifera zählen und mit der Leuchte der Erkenntnis, dem zweischneidigen Schwerte der unerschrocken für die Wahrheit zeugenden Tat ihr Rittertum vom heiligen Geist besiegeln – für sie alle ist er ein leuchtender Vorkämpfer! ›Und sie bewegt sich doch!‹ – die große Kraft, die uns emporführt – ›in stetem Wechsel aufwärts zum Guten‹! – Auch eine ästhetische Abhandlung ›Roman und Novelle‹ findet sich im ersten Teile der ›Cisalpinischen Blätter‹. Es ist interessant, am Schlusse dieses geschickt durchgeführten Aufsatzes Leßmanns Urteil über Manzonis (geb. 1784 in Mailand) ›Verlobte‹ zu finden. Bekanntlich hat Leßmann diesen Roman, den gewisse, besonders sentimental angelaufene Naturen für einen der besten halten, die je geschrieben, wenn nicht schlechthin für den besten – den andere wieder für höchst langweilig und uninteressant ausgeben – (das richtige Urteil liegt auch hier in der Mitte) ins Deutsche übertragen. Reclam bringt den Roman noch in Leßmannscher Übersetzung Vielleicht ist die Übersetzung von Ludwig Clarus, 1855, doch noch besser gelungen als die von Leßmann. Dieser hat auch, nebenbei bemerkt, die Fortsetzung des Manzonischen Romans ›Die Nonne von Monza‹ (La monaca di Monza) von Giovanni Rosini (1776-1855) ins Deutsche übertragen. Rosini, der Verfasser einer Unzahl von Romanen, Novellen, Biographien usw. hat auch das ganz niedliche, s. Z. preisgekrönte Poem ›La nozze di Giove et di Latona‹ geschrieben. Vgl. die interessante biographische Studie Pozzolinis über Rosini, in den fünfziger Jahren erschienen. – Also der Übersetzer schreibt über das Original: ›Poesie, Klarheit, Reichtum und liebliche Darstellung schmücken die Manzonische Dichtung. Herrliche Menschen treten darin auf – aber entschiedne, originelle Charaktere, eigene, unvergleichliche Gestalten?‹ Das ist nach meiner Meinung ganz richtig. Die ›Promessi sposi‹ sind gewiß höchst wertvoll, aber ich muß doch bekennen, daß mir Schöpfungen neuerer italienischer Schriftsteller, wie Vergas – Verfasser von ›Tigre reale‹, ›Eros‹ – Edmondo de Amicis', selbst Farinas mehr zusagen. Aus dem zweiten Teile ist der letzte Aufsatz ›Deutsche Literatur in Italien‹ sehr lehrreich. Für den vergleichenden Literaturhistoriker, der den kosmopolitischen Gedankenaustausch registriert, von besonderem Werte! Zu erwähnen sind hier noch die ›biographischen Gemälde‹ (1829) und eine Sammlung ›Gedichte‹. Beide Bücher sind mir leider nicht bekannt geworden. – Nach dem Tode Leßmanns erschien sein Roman die ›Heidenmühle‹, zwei Bände. Ich habe ihn nicht gelesen. Er wird von zeitgenössischen Kritikern sehr gerühmt. Man braucht kein ungläubiger Thomas zu sein. Ich erwähne sogleich noch den ›Nachlaß‹, der erst 1837 in drei Bänden herauskam. Er enthält wertvolle Ergänzungen. Leßmanns Künstler-Individualität tritt uns noch einmal in ihrem ganzen Umfang, in ihrer ganzen Fülle entgegen. Meist zwar nur Fragmentarisches. Auch ein dramatischer Torso findet sich darunter: ›Die Schmalkalder, Szenen zu einem historischen Drama‹. Er verrät energische dramatische Spannungskraft, einen lebhaften Charakterisierungssinn! Die ›Gesammelten Blättchen‹ enthalten Witze, Anekdoten, Einfälle und Ausfälle, Herbes und Derbes, selten Zahmes und Lahmes, ein reizvolles buntes Herbarium zart ausgeprägter Kontraste und Paradoxen. Der zweite Teil des Nachlasses enthält ein ›historisches Gemälde‹ – Hieronymus Savonarola, farbenreich, fesselnd, auf Quellenstudium aufgebaut. Die Gestalt des großen Asketen, des Bußpredigers im Paradiese bacchantischer Erdenlust, hebt sich scharfkantig und hartumrissen vom Hintergrunde ab, den das in wüstem, üppigem Schlemmerleben hintaumelnde Florenz bildet ... Dazu kommen noch die Schlußszenen des dramatischen Entwurfes ›Die Schmalkalder‹ und der Anfang einer Novelle, ›Die Quartierfreiheit‹, die im dritten Bande fortgesetzt und beschlossen wird. Ein italienisches Motiv aus dem siebzehnten Jahrhundert liegt dieser Erzählung zugrunde. Im dritten Bande findet sich dann noch einmal der schon erwähnte Aufsatz über Giordano Bruno, der schon im ersten Teil der ›Cisalpinischen Blätter‹ abgedruckt war. Jedenfalls liegt ein Versehen des Herausgebers vor, der nicht wußte oder nicht wissen wollte, daß dieser Aufsatz schon an anderer Stelle vorher erschienen. Beide Porträts gleichen sich aufs Haar. Also keine Umarbeitung, kein Umguß. Und am Ausgang der Leßmannschen Werke, als Schlußstein, steht eine lyrisch-dramatische Szene, ›Das neue Jahr‹. Ganz hübsch, ganz gemütvoll ohne gerade tiefere Gedankenschachte, ein wehmütig heitrer Glaube an kommende sonnige Tage still lächelnden Glücks ... Leßmann war sechs Jahre tot, als dieser ›Nachlaß‹ herauskam. Sein ›Wanderbuch‹ nimmt seinen Tod in die Mitte, darf ich mich so ausdrücken. Der erste Teil erschien 1831, vom Verfasser selbst ediert; der zweite Teil ein Jahr später, als Leßmann schon zu den Toten hinabgestiegen war, von seinem Freunde August Ellrich nach hinterlassenen Papieren veröffentlicht. Dem zweiten Teile fehlt es an innerer organischer Verknüpfung und streng durchgeführter Verzahnung. Nun ein paar zusammenfassende Worte über den Stil, das Charakteristische, Eigentümliche Leßmanns. Das tritt am plastischsten in seinen Reiseschilderungen, feuilletonistischen Skizzen von unterwegs hervor. Leßmann, der Novellist und Romancier, schreibt glatt, fließend, elegant, geistreich. Seine Motive sind in der Regel hübsch erfunden oder geschickt aufgenommen und ungezwungen ausgestaltet. Ausdruck, Bild, Allegorie, Gleichnis: meist in passend reizvoller Analogie mit dem Sujet und der Situation. In dem ›Wanderbuch eines Schwermütigen‹ finden sich alle diese Vorzüge wieder. Dazu kommen noch andere. Muß der Novellist auf scharf vorgezeichnetem Wege mit einheitlicher Gedanken-Kontraktion und -Konzentration vorschreiten, in all seiner Glut, Leidenschaft, Begeisterung ein natürlich in den Stoff sich hinein versenkender und doch zugleich auch über dem Stoff stehender, den Stoff bändigender Schöpfer und Bildner, so kann der Feuilletonist, zumal der Reise -Feuilletonist, die Zügel etwas lockrer lassen, darf mehr im Zickzack herumvagabundieren, bald da, bald dort einsprechen, verweilen, mit Fröhlichen guter Dinge sein, zum Trauernden sich als Tröster gesellen – Witz, Hohn, Spott, Satire, Ironie: Alles kann er von sich geben, in zierlichen Dosen, halb heiter, halb ernst oder unter dem mächtigen Impulse gerechtfertigten Zornes, begründeter Intoleranz gegen Gemeinheit und Schlechtigkeit in donnerndem Gewittersturm. Der Feuilletonist – und das ist Leßmann ausschließlich in seinem ›Wanderbuch‹ – will sagen der echte Feuilletonist, ist eben alles in allem: Idylliker, Satiriker, Humorist, in gewisser Hinsicht auch schlechtweg Romancier, nur mehr aphoristisch andeutend, skizzierend, in großen Umrissen zeichnend, ohne doch dabei die treibenden Grundgedanken zu verdunkeln und in ihrem Werte herabzusetzen. Wohl ist das Genrebild die eigentliche Sphäre des Feuilletonisten. Wohl sind seine Schöpfungen mehr von Meteorennatur – aber ist davon ihr positiver Wert abhängig? Ein paar kernige, markvolle, mit Energie entworfene, angefaßte und wiedergegebene Genrebilder à la Daudet, Turgenjew, Jan Neruda und à la Leßmann , besitzen höheren Wert als lang ausgesponnene, unermüdliche Tiradendeklamationen, wie sie aus den Fabriken der Galen, Mühlbach, Hesekiel, Lewald und Konsorten auf den Büchermarkt kommen ... Eine volle und echte, frische Poetennatur lebt sich in dem ›Wanderbuch‹ aus. Ganz recht! Es ist das Wanderbuch eines – Schwermütigen! Also? Nun was denn: ›also‹? ›Also ist es doch sehr einseitig, melancholiedurchtränkt, pessimistisch, schwarzseherkunstfertig – wäre es sonst das Wanderbuch eines – Schwermütigen?‹ Ihr habt ganz recht. Ein bißchen, eine kleine Probe, einen Schuß dieser Teufelselixiere trägt das Buch in sich. So ein ganz unschuldig naiver Schwärmer ist Leßmann doch nicht. Aber wäre das Gegenteil natürlich ? Und auf das Natürliche, natürlich Wahre kommt es doch zuallererst an! Ist das Leben anders? Sehet euch das Leben an! Wäre es lebenswert, wenn es langweilig wäre? Langweilig in monotonem Indentaghineinleben? Leider ist es zuweilen ein wenig zu kurzweilig! Seine Kontraste sind oft gar zu grell, beängstigend; eine ewige Explosionslustigkeit schwimmt in der Luft ... Und nun kommt der Künstler und zeichnet das Leben ab. Nicht photographisch. Eben durchgeistigt, künstlerisch. Also besser: zeichnet dem Leben nach. Der Künstler – κατ᾽ ἐξοχὴν – hat eine Individualität ! Diese ist natürlich erste Vorbedingung. Eine klar und scharf ausgeprägte. Ich will die hauptsächlichsten Kapitel von der Naturgeschichte der Künstlernatur als bekannt voraussetzen. Und Leßmann war ein Künstler. Damit ist sein Wanderbuch – sein Wanderbuch eines Schwermütigen motiviert! Und wie lustig kann dieser Schwermütige sein! Das ist ja auch natürlich. Wie ausgelassen kann er scherzen! Des freuen wir uns. Wie fliegt ihm Witz um Witz von den Lippen! Da rufen wir Bravo! Welch muntrer Schwarm von Schalksgesellen krabbelt zwischen seinen Gehirnschichten herum und purzelt in tollen Bajazzosprüngen aus dem fortleitenden Rockärmel aufs Papier und läßt sich nachher in das viereckige Buchgehäuse einsperren! Doch alles hat seine Zeit. Dann kommt auch der Ernst wieder. Das Kainszeichen auf der blassen Dichterstirn läßt sich nicht verleugnen. Die unbarmherzige Ἀνάγκη, der gegenüber der Mensch waffenlos, schutzlos, hilflos, wirbelt ihn wie ein federleichtes Staubkorn vor sich her – die Dira necessitas triumphiert ... Der Chor der Parzen singt in dumpfen, breiten Melodien das Schicksalslied. Wir trauern mit dem Schwermütigen ... Das werdet ihr alles in dem Buche finden ... Wollt ihr noch mehr? Ein gerüttelt und geschüttelt Maß lebendigsten Lebens! Wollt ihr noch mehr? Ich lese gern in dem Wanderbuch. Es wirkt so anregend. Es packt. Es erschüttert ... Die eingeflochtenen Episoden mehr novellistischen Charakters, allerhand Fragmente; die Naturschilderung: knapp, klar, anschaulich, lebendig, plastisch, elastisch, metallisch, glänzend und in tausend Farben schillernd; – der Witz: blitzgleich einschlagend; Spott; majestätischer, oft etwas pathetischer Ernst; heitere Lust und ungebundene Fröhlichkeit; sonnenlose Trauer – alles in allem: die ganze Gemütswelt ist mit imponierender Kunst in ihrem Wechsel, ihren Wirkungen, ihren Offenbarungen zur Darstellung gebracht! ... Wer Augen hat zu lesen, der lese! So gibt sich Leßmann in diesem seinem Hauptwerke. Besonders deutlich umrissen im ersten Teile. Der zweite, Spanien und England schildernde, ist, wie ich schon erwähnt, weniger einheitlich aufgebaut ... Der Herausgeber Ellrich sagt in der Einleitung zum zweiten Teile, daß er davon abstehe, den Bearbeiter und Korrektor zu spielen ... Er hat die Papiere bloß geordnet. Das Wanderbuch ward seinerzeit viel gelesen. Besonders der zweite Teil. Nun natürlich! War doch Leßmann vor dem Erscheinen dieses Teiles aus dem Leben gegangen. Sehr freiwillig . Auf dem Wege nach Leipzig, zwischen Kroppstädt und Wittenberg, erzählt Max Ring, hing eines Tages an einem Baume ein Mensch. In ziemlich lottrigem Anzuge. Aus der Rocktasche sah ein Manuskript, das zu gern in die Druckerei geflogen wäre .. Ich weiß nicht, ob es nachher mit im Nachlaß erschienen ... Möglich. Sonst fand man weiter nichts Wertvolles bei dem Toten, der auf sich und die Welt verzichtet hatte ... Dieser Tote war also Leßmann. Man betrauerte ihn. Wiederum sehr natürlich. Man suchte ihn zu verstehen. Warum nicht? Man klitterte alles mögliche zusammen, um seine Tat zu motivieren ... Die Motive liegen auf der Hand. Verzweiflung, Elend, Not – ein deutsches Dichterleben comme il faut à la Lenz, Kleist, Hölderlin, Grabbe, Büchner und Genossen ... Wie wenige kommen empor! Wie viele werden vor der Zeit in die Nacht gestoßen ... ›victima nil miserantis Orci ...‹ (Hor. Od. II, 3.) Ja: Vor der Zeit ist Leßmann von hinnen gezogen! Siebenunddreißig Jahre alt. Im Alter Byrons. Im Alter Raffaels. ›Auch ein Künstler‹! Wo andere ihre volle Manneskraft einsetzen dürfen, wo andere in ihres Lebens Mittag stehen – in diesem Alter hat Leßmann die Feder zum letzten Punktum angesetzt ... Dann kam ein langer Gedankenstrich. Von der Hand der Nachwelt. Den malt man bekanntlich, wenn man nichts Beßres dafür an die Stelle zu setzen weiß ... Er weist ins Land des Vergessens, der Lethe. Und Leßmann wurde vergessen. Er blieb es über fünzig Jahre. Heute ersteht sein Hauptwerk zu neuem Leben! Nehmt es auf in willigem Entgegenkommen! Der es einst geschrieben, vor einem halben Jahrhundert, dieses ›Wanderbuch eines Schwermütigen‹ – er hat es verdient, daß man seiner gedenke, in Liebe, in warmer Verehrung. Er war ein Geistesverwandter Heines. Und wenn Heine sagt: ›Ein Schwert sollt ihr mir aufs Grab legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit ...‹ – so wollen wir solch Liebeswerk bei Leßmann nicht minder tun ... Aber wir umkränzen, umwinden das Schwert mit Vergißmeinnicht, Rosen und Immortellen ... Die Zeit ging flau und lau, in der Leßmann schuf ! Es war die Zeit der schönwissenschaftlichen ›Salons‹, der Teetischgeistreicheleien, der zartseligen Almanache und Taschenbücher. Auf diese Weise versuchte wenigstens der Romantismus für sein Evangelium Propaganda zu machen ... Er stand im Mittelpunkt des geistigen Lebens. Dieses Leben aber ergoß sich nicht in einem breiten, vollen, lebendigen Strome durch die ganze Nation – die Nation in ihrer Allgemeinheit war stumpf und müde – dieses Leben war in einigen Kreisen, Zirkeln, Salons zu Hause. Da wurde Tieck angebetet; da fanden Achim von Arnim (1781-1843), Brentano (1777-1842), Fouqué (1777 bis 1843) – jedenfalls der genialste der Romantiker – für ihre romantischen Offenbarungen gläubige Ohren und Herzen. Anfangs der zwanziger Jahre erschien Heinrich Heines ›Buch der Lieder‹. Es fand schnell reichen Beifall, weite Verbreitung. Es war ja erzromantisch. Und doch war ein Ton reiner, gesunder, natürlicher, Goethescher Lyrik darin. Und doch kündigte sich eine neue Zeit mit dem Erstehen des großen Satirikers an. Daneben sang Eichendorff – er starb erst nach Heine, 1857 – seine zarten, duftigen, oft aber auch recht wässerigen Weisen. Auch ich habe einmal den Dichter von ›Wer hat dich du schöner Wald ...‹ recht warm verehrt ... das letztere Gedicht, beiläufig bemerkt, ist bekanntlich in reizlos prosaischer, vollständig bergfreier Gegend, bei Cöthen in Anhalt, entstanden ... Er fand aber kein Echo im ganzen Volke. Das haben die Romantiker in ihrem Kultus hypersubjektiver Gefühlsduselei und verzückter, ungesunder Mittelalterschwärmerei überhaupt nicht gefunden. Sie haben ihre großen Verdienste. Gewiß. Ihr kosmopolitischer Zug, der sie zu den Engländern, Spaniern, nach dem Orient, zum Teil auch nach dem skandinavischen Norden führte, hat zur Erweiterung und Vertiefung kulturgeschichtlicher Strömungen in Deutschland großartig beigetragen. Als aber dann das junge Deutschland in vollem Waffenschmucke, im Auge den niederblitzenden Glutblick, furchtlos und treu seinen Idealen, mit lautem Fanfarengeschmetter, den kühnen Ritter vom Geiste, Karl Gutzkow, an der Spitze, Wienbarg als Herold voran, in die Arena einzog, retirierten die Romantiker noch tiefer in ihre phantastisch überspannte Zauberwelt, wickelten sich noch enger in ihre mit mittelalterlichen Emblemen ausstaffierten Poetenmäntel ein und schlugen sich seitwärts in die bewußten Büsche ... Dann und wann nur noch ein veilchenblaues Lied in klagender Melodie in das schwerterklirrende Kampfgetöse hineinsingend – kaum vernommen – schnell verhallt ... Im Jahre 1832 legte sich der Olympier in Weimar zur Ruhe. An seinem Sarge trauerte keine Nation, die ihn in seiner universellen Größe verstanden hätte. Wolfgang Menzels mehr unflätige als boshafte Glossen und Possen hatten das ihrige dazu getan. Siebenundzwanzig Jahre hatte Goethe seinen großen Freund überlebt. Keiner der Sterblichen durfte sich je so ausleben! Nun war er tot. Seine Riesenleuchte war erloschen. Naturgemäß traten also die kleineren Sterne jetzt heller hervor. Aber wohlverstanden: immer nur für die Augen gewisser auserwählter Kreise. Das ganze Volk war apathisch, phlegmatisch und wurde erst wieder durch das junge Deutschland lebhafter angeregt. Ferner durch die über den Rhein in die deutschen Lande hineinwehende frische Brise, die sich beim Sturmschritt aufgemacht, in dem die politischen Ereignisse in Frankreich vorwärtsdrängten. Die Dichter hatten sich von ihrem Volke abgewandt. Einzelne, wie Rückert (1789–1860), hatten in den Freiheitskriegen Heldenlieder gesungen – nun, ein Dezennium später, isolierten sie sich mehr und mehr und machten Abstecher nach allen möglichen Himmelsrichtungen, um Anregungen und neue Motive zu suchen. Platen (1796–1835) lebte in Italien. Mutterseelenallein. Seine schönen, schmuckvollen, aber etwas kalten, marmorstarren Strophen fanden keinen Widerhall, konnten nicht zu neuem Leben wecken. Matthissons (1761-1831) Gedichte bildeten die Lieblingslektüre junger Damen. Wie heute Geibels. Dabei konnte nicht viel herauskommen. Hölderlin (1770–1843): einsam, wahnsinnig. Als Grieche ursprünglicher, genialer, als unsere Dioskuren. Doch die Nation ? Die kannte ihn kaum. Chamisso (1781–1838) groß, eine volle, echte Schöpferkraft. Zu seiner Zeit in weiteren Schichten nur wenig bekannt. Als er hinging, folgte ihm Freiligrath. Aber der kommt erst am Ende der dreißiger Jahre. Er wirkt auch auf rein künstlerischem Gebiete revolutionär-reformatorisch. Am Anfang der dreißiger Jahre war Lenau bekannt geworden. Zunächst allerdings nur in den literarischen Kreisen Schwabens. Mit ihm war ein elementarer Lyriker erstanden. Doch mit ganz anderer Lebensauffassung, als sie sich im ›Buch der Lieder‹ ausspricht, wo der Anakreontismus hier und da lustig sein Panier schwingt. Bei Lenau halb echtdeutsche, sentimentale Gemütstiefe, Fehlen jeglicher Frivolität, Grundgefühl: treibende, beherrschende Sehnsucht nach Glück und Erkenntnis – halb ungarischer Zigeunertrübsinn, Pußtenstimmung, wehmütige Melancholie, dumpfe Trauer, aufschwellender Trieb zu bacchantisch-orgiastischem Lebenstaumel, beängstigendes Sichversenken in die Welt dämonisch negierender Elemente. An der Spitze der schwäbischen Schule stand Uhland (1787–1863). Verwandtes mit ihm hatte Wilhelm Müller, der Griechensänger, der Dichter des gloriosen Trauerpsalms auf Byron. Byron ! Er war 1824 in Missolonghi gefallen. Ich erwähne ihn hier, weil er auf ein ganzes Volk wirkte, als in Deutschland die Poeten in einzelnen Lagern sich zusammenfanden, isoliert eine Gemeinde für sich, fern vom Volks-Zentrum, von dem aus der Dichter, der Künstler, seine Nation beeinflußt, beeinflussen soll, veredelnd, erhebend, Wunden schlagend, Wunden heilend! Byron war von seinem Volke in die Acht erklärt. Shocking ! Und doch hat es ihm gehuldigt, hat es mit Fieberhast seine grandiosen, unsterblichen Gesänge verschlungen. Byrons Ruhm ging über den ganzen Erdball. Der greise Olympier erkannte in ihm eine sich kongeniale Natur. Die Deutschen haben nicht viel von ihm gelernt. Einige erlauchte Naturen haben ihn verstanden. Aber erst mehr unter den Jüngeren. Die genialste Auffassung Byrons hat Karl Bleibtreu in seinem großartigen, wunderbar schönen und ergreifenden, mit dämonischen Reizen ausgestatteten Buche: ›Der Traum. Aus dem Leben des Dichterlords‹ Berlin, Schleiermacher, 1880. – Bleibtreu war kaum zwanzig Jahre alt, als er dieses Buch schrieb –, eine beispiellose Leistung, die zu den kühnsten Hoffnungen berechtigte! Und Bleibtreu ist auf dem besten Wege, alle diese Hoffnungen zu erfüllen! Sein ›dies irae‹ (Stuttgart, Krabbe), seine ›Novellen aus Norwegens Hochlanden‹ – seinem Freunde Björnson gewidmet! – sind Taten von imponierender Größe, herausgeboren aus einer genialen Künstlernatur! Er ist einer der ersten und glänzendsten unter den Vorkämpfern einer neuen literarischen Blütezeit! Für Vorkämpfer halte ich weiter in erster Linie Heinrich und Julius Hart, die Verfasser der ›Kritischen Waffengänge‹, dann u. a. Wolfgang Kirchbach, S. Lipiner, R. Voß, E. von Wildenbruch, Oscar Linke, H. Heiberg. – Wahrheit und Dichtung! – gegeben! – Minder erlauchte Geister haben ihm natürlich nachgedichtet. Das hat uns aber mehr geschadet wie genützt. Byron ist kein echter Germane. In ihm pulst das Blut meerfahrender, abenteuernder Normannen. Slawische Dichter sind seine begabtesten Schüler. Vor allem Puschkin. Dem germanischen Geiste steht er ferner. Scott war uns verwandter. Der starb im Todesjahr Goethes. Doch beginnt sein Einfluß auf deutsche Kunst eigentlich erst nach seinem Tode. – Byron und Scott wirkten zwischen 1820 und 1830 auf ihr Volk – auf ihr Volk in seiner Gesamtheit. Das waren die Jahre, wo das deutsche Volk von den Freiheitskriegen ausruhte, bis zum Tode erschöpft, geistig als Ganzes impotent. Einzelne Strömungen. Gesondert laufend, ohne befruchtenden Einfluß aufs Ganze. Geniale Naturen wie Grabbe (gest. 1835) gehen ohne Teilnahme unter. Überall Brüche, Fragmente. Kein harmonisches Durchdringen von Leben und Kunst. Das Leben schleppte sich hin, die Kunst ging betteln. Viele starben jung. Sie haben sich schlecht entwickelt. Das konnte nicht anders sein. Bedauernswert, daß der glänzend beanlagte Immermann (1796–1840), erst vierundvierzig Jahre alt starb. Er war noch einer der Gesündesten. Eine der machtvollsten Schöpfernaturen der deutschen Literatur! In Berlin doziert um diese Zeit Hegel (1770-1831). Auch Schleiermacher. Der erstere wird der Messias der neueren Philosophie. Seine Lehre war lange fortwirkend. Noch bis heute. Schleiermacher (1768-1834) begründete eine neue Theologie. In weitere Kreise drangen seine Anschauungen erst, als Bauer und besonder Strauß hervortraten, größer als er, der ihnen den Weg geebnet! Doch ich breche hier ab. Und warum ich diesen Überblick zum Schluß noch gebe? Das ist leicht begründet. Darauf ist leicht erwidert. Ich habe mich bemüht, in kurzen gedrängten Zügen, in ein paar andeutenden Strichen, in weiten, kühnen Umrissen, die Zeit zu charakterisieren, in der Leßmann lebte, an deren literarischem Leben er sich beteiligte. Die Qualität und Quantität, die Lebens energie und Muskelkraft dieses Lebens, dieser Zeit muß bei der Beurteilung eines Charakterkopfes in erster Linie berücksichtigt werden. Nur dann läßt sich eine Künstlerindividualität in ihrem aktiven wie passiven Leben voll begreifen. Wir sahen, daß Leßmanns Hauptwirksamkeit in eine Epoche fällt, wo die Nation als Ganzes sich von der Literatur und Kunst abwendet, wo die letzteren in gewissen Kreisen monopolisiert werden. Leßmann schloß sich keiner Hauptrichtung an. Er stand abseits. So starb er auch abseits. Am Partikularismus des geistigen Lebens ist er zugrunde gegangen. – Und heute? Und heute? Ein halbes Jahrhundert später. Der deutsche Geist ist in Glanz und Glorie wieder aufgewacht. Wir haben ein reiches, intimes Geisterleben hinter uns. Zu gewaltigem Sonnenfluge hat sich nach jener Epoche trägen, laxen Dämmerlebens der Aar der deutschen Kunst wieder erhoben. Aus dem zerrissenen ward ein einiges, ein einziges Deutschland. Die Quadern, aus denen es aufgebauet, sind mit dem Blut von Tausenden bespritzt; der Mörtel, der es zusammehält, ist mit dem Blute Unzähliger verbunden. Aber ohne die Rittertaten des deutschen Geistes wären die Heldentaten der deutschen Faust nie und nimmer möglich gewesen! Das wollen wir nicht vergessen. Und heute, wo wiederum nach einigen Jahren geistiger Reaktion, ein neues Jungdeutschland, eine neue Schar von Rittern eines erneueten künstlerischen Geistes auf der Schwelle steht, das einer neuen literarischen, künstlerischen Ära voranwehende Banner in der Hand Ich werde das sowohl in meiner größeren Studie ›Unsere Literatur in ihrer jüngsten Phase‹ auf speziell literarischem wie im ersten Teile meines Romanzyklus ›Die Lebendigen und die Toten‹, ›Jungdeutschland‹ auf dem erweiterten Gebiete des gesamten öffentlichen Lebens erweisen und durchführen. – da wage ich es, einen längst Vergessenen wieder aufzuwecken! Und war es auch keiner der Größten, die damals gelebt und gelitten, so war er doch einer, der es treu und ehrlich mit seiner Kunst meinte und zweifellos noch zu größeren Dichtungen ausgereift wäre, wenn er nicht in einer Stunde der Verzweiflung – ›müde zu hassen, müde zu lieben‹ – das Schwert zerbrochen hätte! – – ›Laß deine müden Waffen rosten, Zerbrich dein Schwert! ... Die Posse deckt noch nicht die Kosten, Ist nichts mehr wert ...‹ Des Lebens ganzer Jammer hatte ihn angepackt und seinen Mikrokosmos aus den Fugen gesprengt! ... ›So ends Child Harold his last pilgrimage.‹ – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Die Schlange hatte ihn zum dritten Male gestochen. Zu Tode! ... Zu Tode! ... – – – – – – – – – – – – – – Das ›Wanderbuch‹ mit seinem Witz, seinem Spott, seiner Satire, seinem – trotzdem es ein ›Schwermütiger‹ geschrieben! – gesunden Leben, mag sein Scherflein dazu beitragen, die Mächte moralisch zu vernichten, mit denen der neu entstehenden Richtung, tritt sie energischer mit ihren Prinzipien hervor – was übrigens demnächst auf der ganzen Linie geschehen wird! – ein Kampf auf Leben und Tod bevorsteht! Und so, mein Wanderbuch, send' ich dich hinaus, als einen bescheidenen Vor- und Mitkämpfer um den Sieg, den über Materialismus, Indifferentismus, Flachheit, Versumpfung, erbärmliche Gedankenlosigkeit und konventionelles Lügentum erringen soll ein einheitlicher, gesunder, starker, auf realer Basis gegründeter, nährkräftiger +++++++++++++++++++++++ Idealismus! Andreas Munch Im vorigen Jahre (am 30. Juni) ist Andreas Munch im Alter von dreiundsiebzig Jahren in dem kleinen norwegischen Dorfe Vegböh am Sunde gestorben. In ihm hat die norwegische Literatur ihren größten Lyriker verloren. Andreas Munch war ein Streiter für die Idee: Es soll sich der norwegische Geist endlich den dänischen Einflüssen entziehen und seine eigene, selbstständige, ungehemmte, unbeeinflußte Weiterentwicklung verfolgen. – Munch gehört allerdings nicht in die erste Reihe der Vorkämpfer für die geistige Emanzipation Norwegens von Dänemark, und darum wäre es vielleicht kaum angebracht, sein Leben und Wirken näher zu beleuchten – aber wenn ich bedenke, wie uns die genialen Poeten Björnson (geb. 1832) und Ibsen (geb. 1828) in den letzten Jahren durch mehrere großartige Dichtungen den norwegischen Volksgeist erschlossen haben; wie enthusiastisch das deutsche Volk die Erzeugnisse dieser Helden, die durch ihre im Erfassen und Verstehen des Volksgeistes wurzelnde machtvolle Kunst den Trennungsprozeß wirklich vollzogen, begrüßt hat; wie uns also das norwegische Geistesleben im allgemeinen näher gerückt und verständlicher geworden ist: so läßt sich vielleicht doch die Existenzberechtigung einer kurzen, scharfumrissenen Charakteristik Munchs als eines Mitgliedes jener Poetengruppe, die für die Selbständigkeit ihrer Dichtkunst eintrat, aufrechterhalten. Zur Orientierung schicke ich noch ein paar Vorbemerkungen voraus. Das Jahr 1830 ist das europäische Revolutionsjahr par excellence. Zu politischen Demonstrationen kommt es zwar nur in Frankreich und Belgien, abgesehen von der polnischen Revolution, deren Hauptschläge in die folgenden Jahre fallen, und weiter abgesehen von den spanischen und oberitalienischen Unruhen, die auf das politische und geistige Leben Europas im allgemeinen weiter keinen schwerwiegenden Einfluß haben. Ganz anders hatte der griechische Freiheitskampf die Herzen entflammt. Er ist es wohl, der hauptsächlich auf die geistigen Umwälzungen, wie sie in Frankreich, Deutschland und im skandinavischen Norden stattfanden, wenn auch mehr indirekt einwirkt. In Frankreich führt die Romantik, den genial manierierten Victor Hugo an der Spitze, den Kampf mit der Klassik. Der alte, durch Tradition geheiligte Glaube muß dem neuen weichen – nach langer Gegenwehr. Das Evangelium der Romantik blendet, berauscht – es gewinnt die Herzen der heranwachsenden Generationen im Sturm. Der steife, alte, pedantische Klassizismus räumt das Feld. In Deutschland ersteht das ›junge Deutschland‹ – mit ihm wird ein ungestüm vorwärtsdrängender Strom neuer, lebenzeugender Emanzipationsideen in den morsch und welk gewordenen Organismus deutschen Geisteslebens geleitet. In Skandinavien beginnt um dieselbe Zeit ein ähnlicher Ideenstreit. Der Herd ist Norwegen. Eine Reihe dichterisch reich beanlagter, im Sturm und Drang der Jugend forttreibender Geister geht die Erkenntnis auf, daß nur eine auf spezifisch nationalen Elementen begründete, die nationalen Voraussetzungen berücksichtigende Kunst zu wahrer Blüte gelangen kann. Darum wird die Parole ausgegeben: Trennung von Dänemark! Eine begeisterte Schar junger Dichter erhebt sich und tritt für Befreiung von dänischem Einfluß ein. Ihr Führer ist Wergeland (17. Juni 1808 bis 12. Juli 1845), der geniale Dichter von ›Skabelsen, Memes het og Messias‹, jener romantischen Rhapsodie, die in imposanten Bildern die Hauptphasen der menschlichen Entwicklung vorführt. Als Vorläufer dieser Bewegung, wenn auch mit noch nicht scharf ausgeprägter Tendenz, dürfen Hansen und Schwach, immerhin Poeten zweiten Grades, gelten. Wergeland fand einen sehr schneidigen Gegner, der allein in der Aufrechterhaltung der Beziehungen zu Dänemark und damit überhaupt zum Kontinent, die Garantie für eine gedeihliche Weiterentwicklung und allmählich wachsende Entfaltung des norwegischen Geisteslebens sah. Dieser unerschrockene Verfechter kosmopolitischer Bestrebungen, die mit ziemlich scharf und unverhohlen ausgesprochenen republikanischen Tendenzen Hand in Hand gehen, war Johann Sebastian Cammermejer Welhaven (1807-1873). In seinem Sonett-Zyklus ›Norges Dämring‹ hat er sein politisch-literarisches Glaubensbekenntnis ausgegeben, nachdem er schon vorher in mehreren Broschüren, Flugschriften, Pamphleten usw. – ein fulminant geschriebener Essay beschäftigte sich nur mit Wergeland, mit dessen ›Digtekunst og Charakter‹! – einzelne seiner Prinzipien zum Teil angedeutet, zum Teil dargelegt hatte. Andreas Munch beteiligte sich nicht direkt an diesen, oft recht widerlichen, weil allzu persönlich geführten Streitigkeiten. Er war wie Beuther, Schuve und andere Anhänger Wergelands, mischte sich aber seltener in die Wirren, weil er eine viel zu elegische und weich angelegte Natur war, um am Parteihader Gefallen zu finden. Er war kein Stürmer und Dränger, wie Wergeland, wie Welhaven, die beide in ihrer Jugendproduktion in tollen, überschäumenden, jegliches Maß und jegliches ästhetische Gesetz keck verachtenden Phantasien ihrem überfüllten Herzen Luft gemacht. Munchs Dichterindividualität war von Anfang an harmonischer, geklärter, Maß und Grenze wohl respektierend. Diesen mehr harmlosen und naiven Charakter trägt schon eine erste Gedichtsammlung ›Ephemerer‹, die er 1837, 26 Jahre alt – er wurde am 19. Oktober 1811 zu Christiania geboren – veröffentlichte. Er erregte damit einiges Aufsehen, so daß er sich zu neuen Publikationen ermutigt fühlte. Ein Jahr später gab er dann ein größeres, episch-lyrisches Poem, betitelt ›Sangerinden‹, heraus, das ebenfalls von Kritik und Publikum mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Aber sein Genius wies ihn noch auf ein anderes Gebiet, auf das dramatische, die Lyrik war, wenn wohl auch die der Munchschen Natur am meisten entsprechende Dichtungsgattung, doch nicht die einzige, in der er sich ausgeben wollte. Er fühlte auch einen gewaltigen Drang in sich, zu gestalten, lebendige, plastische Gebilde im Szenengefüge des Dramas zu schaffen. So entstand denn 1837, vielleicht angeregt durch ein theatralisches Preisausschreiben, sein erstes Drama ›Kong Sverres Ungdom‹ (›König Sverres Jugend‹). Und Munch gewann den Preis. Er siegte selbst über Wergeland, der sich mit seinem an dichterischen Schönheiten reichen und effektvoll komponierten Drama ›Campbellerne‹ an der Konkurrenz beteiligt hatte. Übrigens gefiel auch hier Wergelands nicht preisgekröntes Drama beim Publikum weit mehr als Munchs ›Kong Sverres Ungdom‹. Ist das nicht in der Regel der Fall? – Bis Ende der vierziger Jahre ließ Munch, abgesehen von einen mehrfach aufgeführten, aber weniger bedeutenden Drama ›Donna Clara‹, das 1843 erschien, nichts weiter herauskommen. Reisen nach Frankreich und Italien fallen in diese Zeit. Auch eine kurze Redaktionstätigkeit an der Zeitung ›Constitutionelle‹. Endlich 1848 trat Munch wieder mit zwei neuen Schöpfungen hervor: ›Digte gamle og nye‹ und ›Billeder fra Nord og Syd‹ (›Bilder aus Nord und Süd‹), die beide in den nächsten Jahren mehrere Auflagen erlebten. Munch hat ein echt künstlerisches Auge. Ist er auch im Grunde mehr Stimmungsmaler, hat er doch einen scharfen Blick für das Charakteristische des Konkreten. Er hat auf seinen Reisen viel gesehen. Und als Künstler gesehen. Das Auge eines wahren Künstlers ist ein Prisma. Die Erscheinungswelt, aufgefangen durch das prismagleich zersetzende und zergliedernde Künstlerauge, fällt in scharf umrissenen Linien in die Seele des Künstlers. Die gestaltende Kraft dieses faßt das zerteilte Bild wieder zu einem plastisch geformten Ganzen zusammen. In den genannten Erzeugnissen Munchs finden sich viele Belege für seine echt dichterische Auffassung und Anschauung, Munchs Natur ist wie die jedes wahren Poeten außerordentlich bildsam. Er hat in seinen Wanderjahren viel gesehen und viel gelernt. Von 1848-1852 reicht Munchs zweite lyrische Periode. Sie wird durch die intimen Herzenskonfessionen ›Trauer und Trost‹ (Sorg og Tröst) angeschlossen. Diese Sammlung trägt einen bei weitem anderen Charakter als die vorher erschienenen. 1850 starb Munchs Frau. Der Schmerz über ihren Tod erschütterte das zarte, der leisesten Rührung schon zugängliche Dichtergemüt. Munch stimmte tieftraurige, elegische Weisen an. Sie erinnern an Geibels Klagelieder über den Tod seiner Ada – an Meißners Gedichte, als dessen zweite Gattin in prangender Jugendblüte von hinnen gegangen war ... Meißner findet nicht viel Trost ... Er ist über seines Lebens Mittag hinaus – seine Seele hat die Spannungskraft, die Elastizität der Jugend verloren ... Geibel sucht und findet Trost im Glauben ... Munch geht es ähnlich ... Er richtet sich wieder auf. Ein großer, tiefer, reiner Schmerz weihet, läutert, führt den Menschen zum Menschen ... Der Dichter, der allzuleicht der Gefahr ausgesetzt ist, sich abzuwenden von dem gewöhnlich Menschlichen, seinen eigenen Weg einzuschlagen, der ihn abseits führt nach entlegenen Zielen – er wird oft durch einen großen, erschütternden Schmerz zum Verständnis normaler Verhältnisse zurückgeführt. – Vom Ende der fünfziger bis ungefähr in die Mitte der sechziger Jahre fällt Munchs Haupttätigkeit ... Abwechselnd läßt er dramatische und lyrische Schöpfungen hinausflattern. Einige von den ersteren werden mehrfach aufgeführt. Sie haben auch Erfolg, halten sich aber nicht auf dem Repertoire. Es fehlt ihnen der spezifisch dramatische Nerv. Ein großer Lyriker ist noch nie ein großer Dramatiker gewesen. Geibel ist der beste Beweis hierfür. Von den Dramen, die meist ins Deutsche übersetzt sind, nenne ich als die hauptsächlichsten ›Salomon de Caus‹ und ›Lord William Russell‹. Das erstere behandelt die Schicksale des bekannten französischen Ingenieurs, der als Erfinder der Dampfmaschine genannt wird. Das außerordentlich dankbare Motiv ist doch nicht so aufgefaßt und ausgebaut worden, wie es sich wohl hätte auffassen und ausgestalten lassen ... Munchs dramatische Werke sind Mosaikgebilde öfter in seltsam willkürlich gegliederten Formen und Mustern ... Nicht der Gesamteindruck ist bei Munch das Maßgebende und Bedingende – mehr die individuelle Schönheit des einzelnen Steines – also der einzelnen Szene, die mit lyrischen Schönheiten ausstaffiert wird. Munchs Dramen verhalten sich zu den effektvollen, markigen, derb realistischen, straff komponierten, manchmal allerdings auch ziemlich raffinierten dramatischen Werken seiner Landsleute Björnson und Ibsen, wie sich bei uns Geibels dramatische Produktion z. B. zu der Laubes verhält ... Gewisse Ähnlichkeiten hat Munch auch mit Grillparzer ... Unter den späteren Gedichtsammlungen sind als die wertvollsten wohl die ›Neuesten Gedichte‹ (›Nyeste Digte‹) und ›Eftersommer‹ (›Nachsommer‹) anzusehen. Im ›Eftersommer‹ finden sich Weisen, die an Lenau sehr stark anklingen ... Der Dichter entsagt. Die feierlich wehmütige Schönheit eines heiteren Herbsttages liegt über dem Ganzen ... Um die Mittagsstunde ist es noch warm und angenehm in der Sonne ... Aber die Abendschatten fallen früher und die Luft wird schneller kalt ... Es ist Herbst ... Herbst wird es auch im Dichtergarten ... Die Fülle und Kraft läßt nach, das Auge wird müde ... Die Phantasie schwächer ... Gedanken und Gebilde verlieren Glanz, Lebendigkeit, Charakter ... Man darf sich darüber nicht wundern ... Es geschieht nicht vor der Zeit. Munch ist einundsechzig Jahr, als er sein Drama ›Moder og Sön‹ (›Mutter und Sohn‹) schreibt. Nur wenigen ist es gegeben, bis in das Greisenalter hinein charakteristisch zu prägen, machtvoll zu gestalten. Munch war kein Genie. Er war Eklektiker. Künstler und Bildner wie Sophokles, Goethe, Victor Hugo dürfen sich in unvergleichlicher Lebensfülle ausleben. Munchs letztes Werk war ein Drama. Ein historisches Motiv: ›Pave og Reformator‹ Es erschien 1880. Es ist allgemein menschlich, daß man immer wieder Versuche macht, das zu bezwingen, was sich dem Bezwungenwerden bisher entzogen hat. Hat sich auch die Kraft ein ganzes Leben hindurch zu schwach gezeigt, das Widerspenstige zu bändigen und zu zähmen – selbst angesichts des Todes rafft sich der kraftlose Greis noch einmal auf – zum letzten – vergeblichen Versuch .. Es liegt ein tieftragisches Moment in diesem steten Wollen, das nimmer von einem großartigen Gelingen belohnt wird. Munch hat nicht die ausgeprägte Dichterphysiognomie eines Ibsen, Björnson. Aber immerhin ist er ein Charakterkopf. Aber immerhin ist er ein Dichter, der zu den besten des skandinavischen Nordens gezählt werden muß. Er ist auch in Deutschland bekannt geworden. Doch noch viel zu wenig im Verhältnis zu der Bedeutung, die er für das nordische Germanien hat. Vorzüglich als Lyriker. Man darf Munch vielleicht den Geibel Skandinaviens nennen. – Ein neuer Roman aus der Gegenwart Schärfer mit jedem Tage wird der Gegensatz, in dem der historische Roman, repräsentiert von Eckstein, Dahn, Ebers, als existenzberechtigt vor allem von Eckstein in sehr schneidigen Kapiteln verteidigt, zu dem Romane aus der unmittelbaren Gegenwart steht. Die Vertreter des letzteren spalten sich wieder in zwei Lager. Oder besser, weil der Natur entsprechender, in zwei Generationen. Die ältere Generation, an deren Spitze als Meister Friedrich Spielhagen steht, zu der außerdem Männer wie Max Ring (ich denke an seine ›Lügner‹), Friedrich Friedrich, Karl Frenzel, Alfred Meißner u. a. zählen, sucht der Lösung eines sozialen Zeitproblems oder nur der objektiv-richtigen und sachgemäßen Darstellung bestimmter, charakteristischer Zeitströmungen und Bewegungen durch eine scharf pointierte Fabel, dramatisch lebendige und spannende Entwicklung, durch einen vielseitigen, buntfarbigen Figurenreichtum möglichst nahe zu kommen. Anders die jüngere Generation. Sie hat sich nach französischen und russischen Mustern gebildet. Zola, Daudet, Turgenjew sind ihre Meister und Vorbilder. Auch Flaubert und Balzac. Zola fußt auf Balzac. Er hat mit der ihm eigenen Härte und Entschiedenheit die ästhetischen Kunsttheoreme Balzacs, die dieser selbst nur annähernd in seiner Produktion realisiert, in die Praxis eingeführt. Es ist gut, daß die deutsche Realistengruppe sich auch willig dem mildernden Einfluß Daudets, Turgenjews hingegeben hat. Es gibt gewisse spezifisch germanische Lebenselemente, z. B. das des Romantisch-Sentimentalen, die sich nicht negieren lassen. Würde ihre Unterdrückung durch ein einseitiges, peinlich getreues Spurfolgen in einem Gleise versucht, das ein kontra -germanischer Geist – ich sage mit Absicht so – gezogen, wie z. B. also Zola, so würde das nur zu Zerrbildern, zu Karikaturen führen ... Das Gute, was unsere junge Realistenschule von den Slawen und Romanen gelernt hat, gipfelt in der dreifachen These, der sie den Treuschwur geleistet: Einfachheit und Natürlichkeit der Fabel, Richtigkeit der psychologischen Analyse, die im Vordergrund steht, korrekte Darstellung der Wechselbeziehungen, die zwischen den aktiven und passiven Gliedern der Handlung, zwischen dem ›Helden‹ oder der ›Heldin‹ und seiner resp. ihrer Umgebung (der Kritiker Zola nennt diese ›milieu‹) bestehen. Unter unsern Vertretern des Realismus findet sich noch keiner, der seine Meisterschaft in der Beherrschung aller drei Sätze bezeugt. Als psychologischen Analytiker möchte ich Hermann Heiberg obenan stellen. Er hat in der psychologischen Zergliederungskunst in seinem Roman ›Die goldene Schlange‹ Großartiges geleistet. Allerdings mehr nach Art Thackerays und Otto Ludwigs . Beide, der Engländer in seinem ›Vanity fair‹ , der Deutsche in seiner pathologischen Novelle: ›Zwischen Himmel und Erde‹, sezieren mehr wissenschaftlich, beweisen ihre schlagfertige Dialektik in der Behandlung psychologischer Probleme mehr durch eingeflochtene, selbständige Bemerkungen und Reflexionen, als daß sie immer die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu Resultaten umsetzten, die aus der Bewegung, Handlung selbst fließen. Sie sind öfter, nicht immer, abstrakt , wo sie stets konkret sein müßten. Zola, Daudet, Turgenjew hingegen sind fast immer konkret . Abseits von den zwei angeführten Gruppen deutscher Erzähler stehen Autoren wie Grosse, Jensen, Raabe, Gottschall, Sacher-Masoch, Keller . Grosse und Jensen haben den Zug gemeinsam, daß sie in kleineren Schöpfungen moderne Motive, moderne Konflikte, allerdings mit einer starken Neigung für romantische Farbengebung, in größeren gern halb historische Stoffe wählen, wenn ich so sagen darf, um den Gegensatz ihrer Stoffwahl zu der von Eckstein, Ebers u. a. zu konstatieren, die aus dem antiken Leben schöpfen. Dahn und Freytag bilden die Mitte zwischen den letzteren und der Gruppe Grosse und Jensen, die sich mit Gottschall in die neuere Zeit fortsetzt. Gottschall wählt die Motive zu seinen Schöpfungen gern aus der französischen Geschichte der letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts. Er kehrt in seinem letzten, farbenprächtigen Roman ›Die Papierprinzessin‹ zu derselben Zeitepoche zurück, der er schon in seiner Sturm- und Drangzeit den Stoff zu seinem lyrischen Epos, besser seiner lyrischen Erzählung à la Musset und Byron ›Die Göttin‹ und seiner Tragödie ›Robespierre‹ entlehnt ... Ganz einsam steht Wilhelm Raabe. Er dichtet und trachtet im Geiste Jean Pauls. Wenn auch weniger barock und weniger phantastisch, so doch auch nicht so gedankenträchtig und pointiert. Raabe ist unter den Modernen der einzige wahre Humorist . Sein nächster Geistesverwandter ist der Deutsch-Schweizer Gottfried Keller . Und doch ist Keller andrerseits wieder eine so scharf ausgeprägte literarische, besser künstlerische Persönlichkeit, ein so reicher, vielseitiger Poet, dabei trotz eingesprengter Schichten und Lager romantischer Elemente im ganzen so klassisch klar und durchsichtig, daß eben nur durch die Anwesenheit und das zeitweilige Überwiegen dieser grotesk-romantischen Momente eine gewisse Geistesverwandtschaft Kellers mit Raabe hergestellt wird. Nur ist Keller nie manieriert , Raabe sehr oft. Keller ist nie pessimistisch, obwohl er sehr ernst und finster werden kann; bei Raabe finden sich, besonders in seinen Produktionen aus dem Ende des vorvorigen, dem Anfang des vorigen Dezenniums, im ›Abu Telfan‹ z. B. und ›Schüdderump‹ sehr pessimistische Akzente ... In eine total andere Welt führt uns Sacher-Masoch . Um es kurz zu sagen: in eine uns eigentlich fremde Gedanken- und Gefühlswelt. Sacher-Masoch ist ein Schriftsteller von internationalem Charaktergepräge. Es ist kein zufälliges Moment, daß er gerade der Begründer der Revue ›Auf der Höhe‹ ist, an der europäische Schriftsteller aller Farben und Konfessionen mitarbeiten. Ein spezifisch deutscher Schriftsteller wäre schlechterdings nicht imstande gewesen, ein Organ mit derartig internationalen Tendenzen zu schaffen. Was uns bei Sacher-Masoch so merkwürdig reizt und anzieht, ist die elementare Kraft und Leidenschaft seiner Diktion, die ursprüngliche, noch nicht abgegriffene Poesie seiner Darstellung, der exotische Charakter seiner Motive; und last not least die apodiktische Betonung der modernen Emanzipationsgedanken. Es läßt sich kein größerer Gegensatz denken als der ist, in dem die Naturen Ibsens und Björnsons einerseits zu der Sacher-Masochs andrerseits stehen. Und doch harmoniert der Slawe mit den Germanen, wo es sich um die Verfechtung radikaler Prinzipien sozialphilosophischen Charakters handelt. – Ich habe mit großen, groben Linien die ungefähre Physiognomie des zeitgenössischen Romans zu zeichnen versucht und diesen Versuch meiner Kritik des Boy-Edschen Romans vorangesetzt, weil mir dieser mit einem gewissen, durch großes Selbstbewußtsein bedingten Air aufzutreten scheint, als wollte er von vornherein eine starkgeistige, auf innerm Wert begründete Selbständigkeit und zugleich seine Bedeutung als Mitglied einer bestimmten Romangruppe kennzeichnen. Boy-Eds Roman besitzt diese Selbständigkeit, besitzt diese Bedeutung wirklich. Es fragt sich nur, zu welcher Gruppe er seinem Wesen und Charakter nach gehört. Diese Frage ist leicht zu beantworten. Er gehört in die Kategorie, in der Spielhagens Zeitromane obenan stehen. Seine Verfasserin hat sich nicht der realistischen Gruppe angeschlossen. Auch nicht der kleinen Schar, die – was ich oben ausgelassen zu bemerken – durch Hopfen und Franzos repräsentiert, bewußt oder unbewußt die Brücke vom alten zum neuen Glauben bildet. Boy-Ed legt in dem Roman ›Männer der Zeit‹ das Hauptgewicht auf eine interessante Fabel, auf deren lebhaft spannende Weiterentwicklung, auf den Ausdruck moderner, sozialer Zeitgedanken. Der Fehler ist nur der, daß diese Ideen, so berechtigt sie an und für sich sein mögen, so stark sie auch ihr Träger, Dr. Aurel Kensing, betont, doch bedeutend hinter das rein novellistische Element zurücktreten, weil sie nicht diskutiert, auf ihren Gehalt, ihre innere Wahrheit hier durch eine Beleuchtung von zwei, einander kontrastierenden Seiten geprüft, sondern einfach nur ausgesprochen werden. Ja – es kommt schließlich sogar noch so weit, daß Kensing selbst zu guter Letzt dem von ihm mit apostolischer Glut gepredigten Glauben untreu wird, daß er, durch eine alles überschäumende Leidenschaft geblendet, inkonsequent genug ist, seiner aufgeklärten Intelligenz entgegen, sich in ein Duell einzulassen. Er fällt in dem Duell. Ganz abgesehen davon, daß dieser Schluß ein echter, sozusagen sanktionierter Romancoup ist – was will der Schöpfer des vorliegenden Zeitgemäldes damit sagen? Wollte er in einer realistischen Anwandlung einmal wirklich nach dem Leben zeichnen, wo die Notwendigkeit der Inkonsequenz, der Konzession als § I des ›savoir-vivre‹ -Kodex geschrieben steht? Dann läßt sich weiter nichts dagegen sagen. Höchstens läßt sich nur wieder der Vorwurf der Inkonsequenz erheben, den Boy-Ed deshalb mit Recht verdient, weil sie, obwohl sie Anhängerin der älteren Idealistengruppe, nicht unbeirrt so weit geht, daß sie Sieger schafft – Modelle für die Zeitgenossen, um den Keim zu einer wirklich freien und starken Zukunftsmenschheit zu legen – kurz, daß sie nicht Ideale formt, zu denen wir armen, schwachen, charakterlosen, mit Vorurteilen durchtränkten Menschen der Gegenwart voll inbrünstiger Begeisterung aufschauen – wie der Gorilla zu seinem Verwandten, dem Adam Homo, der es so herrlich weiter gebracht hat, während er noch eine unveräußerliche, unversetzbare Garderobe tragen muß ... Oder hat sich die Verfasserin durch leidige Vorbilder verführen lassen, ebenfalls auf ein brillantes, effektvolles Finale zu sehen? .. Die virtuose Schilderung, die dramatische Präzision der Szenen, die dem Duell vorausgehen, die verschiedenen Phasen der Duellaffäre selbst, rufen beinahe die Vermutung wach. Boy-Ed weiß ganz genau, daß die Zergliederung des Stoffs und zwar die im großen und ganzen ungezwungene, logische, natürliche Zergliederung in packenden, blendenden Einzelszenen ihre Hauptforce ist ... Das Komponieren, das Gruppieren, das Malen ist ihre Sache. Weniger das Charakterisieren. Ich meine den strikten, durch eine feine psychologische Analyse erbrachten Beweis, daß die und die Persönlichkeit unter den und den Verhältnissen, bei den und den ererbten und ausgebildeten Eigenschaften sich so und nicht anders entwickeln muß ! Am besten gelungen noch ist der Versuch, dieses Experiment zu machen, bei der Figur der Heldin, der Leonore Mareschalk, die mit einer außerordentlichen Plastik gezeichnet ist, wenn auch die Entwicklung ihres seelischen Lebens nicht klar, übersichtlich, logisch zwingend, sondern mehr blitzartig, sprungweise gegeben ist. Immerhin verdienen die üppige Kraft, die wuchernde Fülle, die Boy-Ed bei der Schilderung dieser Gestalt und ihrer Umgebung entfaltet, das höchste Lob. Weniger Anerkennung kann ich dem Porträt von André, Leonorens Pflegebruder, zollen; von Medora, Andrés Tante, Schauspielerin, am Anfang des Romans unbedeutende Statistin, am Ende die gefeierte Primadonna, die Darstellerin der ›Iphigenie‹, Schwester der Mutter Andrés, die sich und ihre Kinder – das der erschütternd vorgetragene Inhalt des ersten Kapitels – in Verzweiflung über ihre unaufhörliche Not, ihre konstanten Nahrungssorgen das Leben nimmt – nur André wird gerettet; von Gebhard tor Straten, bei dem man nicht recht herausbekommt, ob er eigentlich geistreich oder geistlos, gut oder schlecht, ein raffinierter Roué oder ein leichtlebiger Gourmand ist. Die Fabel des Romans ist sehr kompliziert. Ich kann sie hier im einzelnen nicht wiedergeben. Die gemachten Andeutungen mögen genügen. Sein Wert beruht, wie gesagt, hauptsächlich in der fein erwogenen, mit beneidenswerter Sicherheit durchgeführten Komposition des Romans, in dem blendenden Kolorit, mit dem Boy-Ed die meisten Szenen und einzelnen Persönlichkeiten, wie die Leonore, den Aurel Kensing, auszustatten wußte. Schwach im ganzen ist die psychologische Analyse. Unwahr sind die Charaktere von André und Medora entwickelt. Man kann das Gefühl nicht loswerden, daß die Verfasserin ursprünglich etwas ganz anderes mit diesen beiden im Sinne hatte, als sie nachher ausgeführt hat. Unnatürlich ist es, wenn André in einem Alter von acht Jahren Reflexionen über das Elend der Menschen zum besten gibt; wenn er im weiteren Verlaufe des Romans plötzlich sich als Poet entpuppt, nachdem im ersten Teile seine Entwicklung zum Sozialistenhäuptling entschieden begonnen ist. Ein weiterer Fehler ist, daß nirgends erzählt wird, wie Kensing sich zum Vertreter des modernen sozialen Radikalismus ausbilden mußte ! Den Beweis wäre uns ein Autor, der Zolas ›Roman expérimental‹ gelesen, nicht schuldig geblieben. So treten die ›Männer der Zeit‹ durchaus nicht in einem wirklichen Roman auf, vielmehr in einer Dichtung, die aus romanhaften und zugleich rein novellistischen Teilen besteht. Zum Schluß erwähne ich als mangelhaft noch einmal, daß die modernen Ideen durchaus nicht im Zentrum stehen, durchaus nicht Motoren sind, sondern mehr ornamentale Mitgift, die zwar den Charakter der Dichtung mitbestimmt, allenthalben aber von den rein stofflichen Erzählungselementen überwuchert wird. – Boy-Ed wird sich bald in die Gunst des literatur-freundlichen, d. h. des Leihbibliotheken durchstöbernden Publikums gesetzt haben. Natürlich! Wer so mit Spannung zu erzählen weiß, ist der gnädigen Frau ebenso willkommen, wie der Kammerzofe. Warum sollen Kammerzofen keine über das Mittelmaß weit hinausragenden Romane lesen? Und Boy-Eds Roman ragt in der Tat darüber hinaus. – Berliner Ergänzungsbrief In Nr. 15 dieser Zeitschrift hat Karl Bleibtreu seinen ersten Berliner Brief, wie es sich von selbst versteht, mit einer literaturhistorischen Füllung bedacht! Mit seiner knochigen Kritikerfaust hat er einen hanebüchenen Griff in das volle – ach! allzu volle Berliner Literatenleben getan und an jedem Finger einen Kerl oder ein Kerlchen sich ›gelangt‹, auf daß er ihn oder es für ein winziges Viertelstündchen auf das Sezierbrett schnalle! Nun – das Experiment ist, denk' ich, den Opfern im allgemeinen recht gut bekommen. Sie sind nicht allzusehr schikaniert worden – im Gegenteil! Bloß Richard Voß ist ein wenig zu übel mitgespielt worden. Was Gestaltungskraft und elementare Leidenschaft anbetrifft, so exzelliert Voß darin und dadurch in ganz eminenter Weise. Es ist richtig, daß er manches Ungesunde, manches Barocke und Formlose, manches oft widerlich Zerfaserte hat – aber was ihn in erster Linie charakterisiert, das ist die Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Empfindungen. Jawohl! Voß hat wunderliche Posen am Leibe – er liebt unqualifizierbare Bajazzosprünge und dergleichen Allotria, aber nicht zum Spaß, sondern weil er vorläufig nicht anders konnte. Übrigens ist er in letzter Zeit resp. schon in den letzten Jahren bedeutend klarer und maßvoller in jeder Beziehung geworden! ... Doch diese ›faktische Berichtigung‹ nur beiläufig ... Ich wollte keine Voß-Apologie schreiben, vielmehr einen Berliner Komplementsbrief. Einen Brief, der zu den fünf Bleibtreuschen Heiligen einen sechsten hinzufügt –: Bleibtreu selbst ... Und zwar last – aber nicht least ! .. Bleibtreu hat es verschmäht, sich à la Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Chaos des Berliner Literaturlebens zu ziehen und sich selbst zur eigenen kritischen Paradeabnahme auf ein höheres Niveau zu stellen. Wohlan – so muß es denn ein anderer tun – ein anderer, der ihn höher stellt als Herrig und Kretzer – der ihn zur Abwechslung einmal den Vierten im Bunde sein läßt mit Wildenbruch, Heiberg und Voß – ein Kleeblatt, auf das wir ein wenig stolz sein dürfen! – Auf gewisse markante Analogien hin lassen sich die vier schlechterdings nicht sezieren. Jeder hat sein bestimmtes, charakteristisches Geleise, in dem er unentwegt weiterpilgert –, jeder seine klar ausgeprägte, scharf umrissene Individualität, der er treu bleibt: Wildenbruch der pathetische, mit großen, grellen Effekten arbeitende Dramatiker – als Novellist dito drastisch und plastisch; Heiberg der feingeistige, warmherzige, lebhaft empfindende Humorist; Voß der nervöse, beständig hin- und herarbeitende Novellist und Dramatiker – und Bleibtreu? Ich will seine künstlerische Physiognomie zu bestimmen suchen, indem ich ihn in einigen seiner Werke – in seinen Triumphen charakterisiere. Als solche sind meines Erachtens vier Bücher herauszuheben: ›Der Traum‹ , aus dem Leben des Dichterlords – ›Dies irae‹, ›Aus Norwegens Hochlanden‹ – und der letzterschienene Novellenzyklus ›Kraftkuren‹ . ›Der Traum‹ ist ein Künstlerroman – eine mit großartig genialer Fertigkeit und Findigkeit kombinierte Mischung aus Wahrheit und Dichtung. Ich gestehe, daß mich dieses Buch narkotisch berauscht und zugleich bis in die innersten Tiefen meiner Seele erschüttert hat, als ich es zum ersten Male lesen durfte. All der ungestüme Sturm und Drang meiner Jugend, all das unklare, überschäumende, zum größeren Teile metaphysische Suchen und Sehnen, das ich hatte vorüberrauschen lassen, ohne ihm in einer Dichtung konsistente Gestalt zu geben: hier im ›Traume‹ fand ich die kondensierte Quintessenz davon, von einem kongenialen Interpreten an einem genialen Menschen durchgeführt. Der ›Traum‹ hat noch heute für mich diese intim evangelistische Bedeutung, wenn auch nur in immer seltener werdenden Weihestunden für mich jener Zauber, der in ihm latent liegt, flüssig und offenbar, lebendig und hinreißend wird ... So behält das Buch jenen intimsten, ich möchte sagen: biblischen Seelenwert nur für den Jüngling, der in ihm alles das symbolisch konzentriert auf eine gewaltige Dichterindividualität findet, was in ihm in wirr durcheinanderkreisenden Linien wogt und gärt und nach drastischem Ausdruck ringt. Doch davon abgesehen wird das Buch auch für jeden anderen als Meisterstück in Stil, Charakteristik, in dramatisch packender Darstellung dauernd Wert und Bedeutung behalten. Der junge Leu hatte seine Krallen gezeigt – man durfte auf seine weiteren Manifestationen gespannt sein ... Sie ließen denn auch nicht lange auf sich warten und, was wichtiger, sie brachten keine Enttäuschungen, wenn auch meines Bedünkens keine wieder jenen berauschenden Parfüm trug, den eine üppige Subjektivität auf einen verwandten Geist überströmen läßt ... Zunächst kommt also ›Dies irae‹ in Betracht. Das Buch erschien zuerst anonym – erst in der zweiten Auflage bekannte sich der Deutsche Bleibtreu als Verfasser, nachdem es, ursprünglich als Übersetzung aus dem Französischen angesehen – wozu übrigens der Titelzusatz ›Aus den Erinnerungen eines französischen Offiziers‹ leicht Veranlassung bot – die wunderlichsten Schicksale erlebt hatte. Wieder ein Meisterstück nach Form, Kolorit, Charakteristik – das ganze von einem äußerst dramatischen Leben durchpulst!.. Hier möchte ich sogleich die Bemerkung anhängen, daß überhaupt Bleibtreus gesamtes dichterisches Schaffen einen dramatisch straffgespannten Charakter trägt, wenn er sich auch mit wenigen Ausnahmen – als solche nenne ich das Drama ›Byrons letzte Liebe‹, äußerlich im epischen Gewände repräsentiert. Alles zuckt und zittert – nirgends episch ruhige und nüchterne Auffassung und Darstellung ... Selbst die tausendfach eingesprengten Reflexe und Reflexionen, meist metaphysisch-mystischer, geschichtsphilosophischer Natur, die Bleibtreu anbringt, wenn sich nur der geringste Anknüpfungspunkt bietet, tragen durchgängig ein aphoristisches, stimmungsblitzhaftes Gepräge – nie die Form eines korrekt ausgetragenen, logisch sauber durchgeführten Räsonnements. So meine ich denn, Bleibtreu wird erst dann die ihm anvertraute Künstlermission ganz erfüllen können, wenn ihn eines Tages eine Theaterdirektion für wirklich ›bühnenwürdig‹ erklärt. Ob das allerdings der Fall sein wird, solange die Verlotterung unserer Theaterzustände anhält, bleibt dahingestellt. Das wahre dramatische Talent findet ja heutzutage keinen – in einzelnen Ausnahmefällen nur sehr kargen und dürftigen Boden, in dem es Wurzel schlagen kann. Erleben wir aber, vielleicht in zehn bis fünfzehn Jahren, eine Bühnenrenaissance: dann erst wird Bleibtreus Dichtersonne in voller Glorie und Majestät aufgehen ... Bis dahin müssen wir – Geduld haben – oder? ... Nun – wir werden ja sehen ... Die Motive zu seinen beiden Novellensammlungen nahm Bleibtreu aus den Ländern, die ihn ein günstiges Geschick in flüssigster, lebendigster, aufnahmefähigster Jugendzeit sehen ließ: aus dem skandinavischen Norden und aus England . Die Geschichten ›Aus Norwegens Hochlanden‹ sind Björnson gewidmet. Ich bin zu wenig Kenner der Björnsonschen Prosa, um das Urteil, das wohl hier und da laut geworden: Bleibtreu habe in diesen Novellen nicht nur seinen ›Freund und Gönner‹ erreicht – er habe ihn sogar in mannigfacher Beziehung übertroffen – einfach bestätigen zu können ... Außerdem ist mir das Buch augenblicklich nicht zur Hand. Ich erinnere mich nur noch, daß mir die beiden wieder sehr dramatisch funktionierenden Novellen ›Auch ein Kulturkämpfer‹ und ›Wie's im Liede heißt‹ außerordentlich imponiert haben. Besonders die erstgenannte. Die störrische, widerspenstige, rebellische Bauernrotte; ihr furchtloser, massiver, stahlharter Seelenhirt; die grandiose Erhabenheit der nordischen Alpenwelt: sind mit eminenter Lebendigkeit und überzeugender Natürlichkeit gezeichnet. Die letzten Szenen, wo der Pastor, Gigant und heilandsgroßer Samariter zugleich, sich endlich die Suprematie erringt, bedeuten ein Juwel dramatischer Epik. – Unter den ›Kraftkuren‹, die ich lieber ohne die drei letzten, mehr feuilletonistisch sich aufspielenden Nummern ›Spaziergänge durch London‹ – ›Die große Revue in Windsor‹ – ›Die große Wallfahrt nach Epsom‹ – gesehen hätte, findet eine Piece, die wieder den ganzen Bleibtreu mit seiner technisch-psychischen Meisterschaft zeigt: ›Metaphysik der Liebe – ein Seestück‹. Die Szene, wo Brown oben im Mastkorb, im fürchterlichsten Orkangetöse, an der Schwelle des Todes, nicht aus Todesfurcht, denn die kennt er nicht, vielmehr durch seine Liebe zu einer ideal fühlenden Frau, von seinem Materialismus zu einer ideal-metaphysischen Weltanschauung bekehrt wird, ist für mich ein in glühendster Begeisterung und mit elementarer Naturkraft vorgetragener Triumphgesang – ein Hymnus auf die Unsterblichkeit und Allmacht des Geistes! – Leider scheint mir der Schluß verfehlt, wenigstens unnatürlich zu sein. Wie durch ein Wunder werden beide durch die orgiastisch rasenden Fluten gesund und heil getragen – und schließlich ohne die geringsten physischen Folgen! Das ist doch wohl in Wirklichkeit nicht gut möglich! Der annähernden Vollständigkeit halber und mit dem Zusatze, daß ich auf diese Werke wie überhaupt auf Bleibtreus Position als Kritiker, Politiker und Mitmensch, wenn ich so sagen darf, demnächst noch einmal zurückkommen werde, nenne ich heute noch folgende Bücher Bleibtreus, die ich allerdings erst in zweiter Linie für wertvoll erachte: › Der Nibelungen Not , ein Roman aus dem deutschen Mittelalter‹ – › Wer weiß es? Erinnerungen eines französischen Offiziers unter Napoleon I.‹ und das ›Lyrische Tagebuch‹ . So weit mein ›Komplementsbrief‹! oder ist er vielleicht zu einem Komplimentsbrief geworden? Der Leser wird das naheliegende Wortspiel schon gemacht haben. Nun – und wenn es so wäre: Ich denke, ich habe dennoch der Wahrheit die volle Ehre gegeben! Wolfgang Kirchbachs ›Lebensbuch‹ Voilà un homme! Voilà un livre! Da habt ihr ein Buch! Und eben – was für ein Buch! Die ganz eigenartige Physiognomie, der ganz eigenartige Gehalt des Kirchbachschen ›Lebensbuchs‹ zwingen mich zu dieser Parallele, die von vornherein meine nicht geringe Begeisterung für die gesamte geistige Art Kirchbachs, in erster Linie meine allerhöchste Hochachtung vor der Kraftfülle, vor dem schöpferischen Reichtum dieses modernen Geistes konstatieren will. Kirchbach beginnt im nächsten Jahre sein drittes Jahrzehnt. Er hat fünf bis sechs Bücher geschrieben, die ihn zu einem der bekanntesten Schriftsteller aus der jüngeren Generation gemacht haben. Zugleich haben sie ihm das Gesicht eines sehr merkwürdigen Schriftstellers gegeben. Kirchbach hat eine ganz eigene Art, zu sehen, aufzufassen, von sich zu geben, zu münzen, zu gestalten, kurz: zu schaffen. Und doch ist es schwer, die charakteristischen Linien und Striche dieser Persönlichkeit herauszufinden und geschmackvoll, geistvoll, zugleich glaubwürdig, zu kombinieren, eben weil Kirchbach unter den sonderbarsten geistigen Voraussetzungen, wenn ich so sagen darf, an die sonderbarsten Motive herangeht. Sein Interessenreich ist ein außerordentlich weites und mannigfaltiges. Politik, Philosophie, die bildenden Künste, Literatur, dazu tausend Äußerungen und Spezialgebiete des menschlichen Wissens, Forschens und Schaffens will sich dieser seltene Geist zu eigen machen, erstrebt er mit wirklich heißem Bemühen, und bezwingt, bändigt und heimst er wohl auch ein. Allerdings: mit heißem Bemühen! Kirchbach ist durchaus keine leichtblütige, flüssige, schlagfertige Natur, die mit müheloser Leichtigkeit sich die Dinge erwirbt und ihres Wesens Grundgeheimnis mit eleganter Pose, mit graziöser Selbstverständlichkeit auseinanderlegt. Das kennzeichnende Hauptmoment ist der Prozeß, in dem und durch den er sich eine Materie unterwirft. Er kämpft, streitet, erobert sich. Wohl besitzt er auch die Intuitionskraft des Dichters. Aber man kann dichterisch, künstlerisch sein, ohne zugleich auch wahrhaft schöpferisch zu sein. Das Moment des Schöpferischen resultiert nur aus dem Konflikt, dem harten Widerstreit der Dinge in ihren begrifflichen Wesenheiten. In diesem Punkte des Schöpferischen liegt meinem Gefühl nach Kirchbachs Hauptbedeutung. Der Begriff ›schöpferisch‹ bedingt nicht gerade den Begriff ›vielseitig‹ als Voraussetzung. Aber er kann ihn doch bedingen, und so ist es bei Kirchbach. Hier liegt auch der Grund, warum der Verfasser des ›Lebensbuchs‹ oft so unbehend, so schwerfällig ist in bezug auf Stil und Technik. Am Eingang des Aufsatzes ›Im Mediceergrabmal‹ sagt er, daß ihm die Gestalten Michelangelos in der Kapelle San Lorenzo in Florenz deshalb so eindrucksreich gewesen wären, weil er sich bei ihnen in seinem ›eigensten, natürlichen Elemente‹ gefühlt hätte. ›Hier ging mir die Seele auf, hier fand ich, was ich in Italien so oft vergeblich gesucht hatte: Natur, organisches Schaffen und die innere, in sich beruhende Genügsamkeit einer großen Seele.‹ Natur! Organisches Schaffen! Das ist's. Kirchbach ist nicht spontan, er liebt nicht das Unvermittelte, Unberechenbare, den überraschenden Effekt. Er ist naturgemäß, organisch, d. h. folgerichtig. Bei dieser Tendenz seiner Natur ist die erwähnte Schwerfälligkeit, ist eine gewisse Unbeholfenheit der Komposition, die sich hier und da bemerkbar macht, ist eine Vorliebe für Wiederholungen usw. erklärlich und verständlich. Diese Schwächen und Fehler waren sogar, darf man ruhig sagen, bis heute gar nicht zu vermeiden. Sie waren eben auch – natürlich. Ich kann es recht gut verstehen, warum Kirchbach schon in verhältnismäßig so jungen Jahren ein Werk unter dem Titel ›Ein Lebensbuch‹ herausbringt. Er hatte den Drang, endlich einmal abzurechnen und reine Bahn zu machen. Zu bunt und mannigfaltig waren die Interessen gewesen, die er Jahre hindurch, in einer Zeit rastlosen Werdens und Wachsens gepflegt. Nun galt es, sie zu künstlerisch greifbaren Resultaten auszuprägen. Ich denke mir, Kirchbach hat recht wohlig aufgeatmet, als er diese Materienfülle in einer Form, die ihm einigermaßen selbst genügen durfte, von der Seele gewälzt hatte. Und doch! Das ist ja eben der wunderbare Widerstreit des Lebens: kaum hat ein geistig stark und konsequent arbeitender Mensch einmal abgerechnet, hat sich durch eine Tat des Sammelns, Zusammenfassens, Abrundens, Ergänzens gekräftigt und gehoben, so spürt er auch, freudvoll und leidvoll zugleich, daß mit dem erweiterten Horizont auch ein neues, erweitertes Arbeitsgebiet gegeben ist, auf dem derselbe Prozeß der Unterwerfung vor sich geht. Was das ›Lebensbuch‹ – dessen weiterer Titel ›Gesammelte kleinere Schriften, Reisegedanken und Zeitideen‹ – nun eigentlich enthält? Nun: Naheliegendes, Nächstliegendes, manchmal sogar Selbstverständliches und Triviales, wie öfter in den Sentenzen und Maximen ›Leben, Denken, Dichten‹, öfter sehr Sonderbares und Originelles, der Mehrzahl nach Bedeutendes nach Gehalt und Ausdruck. Die Motive zu den einzelnen Aufsätzen und ›Versuchen‹ – Kirchbach ist deutsch und sagt ›Versuch‹ für ›Essay‹ – sind sehr verschieden. Von welch köstlichem, übersprudelndem, fortreißendem Humor trieft gleichsam die ›Lebensreise‹ – ›als Reiseleben in Italien und Deutschland‹! Und dabei welcher Tiefsinn! Welcher Reichtum an Parallelen, an eingesprengten Lagern von kritischen, philosophischen, weltmännischen Glossen und Konturen! Hier äußert sich so recht energisch ein Zug Kirchbachs: sein intimes, gleichsam a priori bedingtes Freundschaftsverhältnis zu der unmittelbar gegebenen realistischen Welt des in tausend und aber tausend Spielarten zum Ausdruck kommenden Lebens. Er hat für alle diese Äußerungsmomente des Lebens ein natürliches Organ, das ihm eine natürliche Lebensfreude ermöglicht und vermittelt – eine Freude an den Dingen, die nur manchmal durch eine zu willkürlich und barock angewandte Synthese einen Anstrich von Behäbigkeit und Selbstgefälligkeit bekommt, der zwar auch komisch und erheiternd und vielleicht auch anregend wirkt, nur leider nicht in dem vom Verfasser beabsichtigten Sinne. Kirchbach hat in seinen Gedichten wie in seinen vaterländischen Novellen sattsam bewiesen, daß ihm auch das Traurige und Tragische am Leben nicht fremd ist. Aber seinen Sturm und Drang tobt er, wenn ich so sagen darf, mehr in einer Art von Lebenswollust, welcher ein griechischer Akzent nicht fehlt, in einer Art von Naturrausch aus, als durch eine einseitige Versenkung in die Schmerzen und Einöden des Lebens, wie es bei so vielen Poeten im ersten Werdestadium der Fall ist. Kirchbach ist eine außerordentlich konkret gestimmte Natur. Zugleich hat er aber auch eine starke Vorliebe für philosophische Abstraktionen, für Begriffsspielereien, die manchmal ganz ernsthaft gemeint sind und öfter auch wirklich ein paar Unzen ungefälschten Ernstes haben. Und er besitzt drittens die glückliche Gabe künstlerischer Synthese, und damit kommt das eigentliche schöpferische Moment in seine Natur. Gedankenreich, eindringlich geschrieben, sehr beachtens- und beherzigenswert ist der erste größere Aufsatz des Buchs ›Die deutsche Kritik‹. Kirchbach fordert Ernst, Gewissenhaftigkeit, Wissen, Gerechtigkeit von der Kritik, die heutzutage, wie männiglich bekannt, aus gewissen Gründen kaum das Verdienstkreuz sich zuerkennen dürfte. Wir leben in einer gewerblichen Zeit, Und alles macht sich gewerblich – meint Leuthold. Das möchte stimmen. Der Kirchbachsche Aufsatz hat bedeutenden ethischen Wert, nur gewisse Wendungen und Ausdrücke haben oft einen allzu stark aufgetragenen Bemutterungs- resp. Bevaterungston. Das stört. Das wirkt zuweilen unfreiwillig komisch. Und in diesem, nicht gerade immer distinguierten, halb naseweisen, halb kathederhaft fürsorglichen Tone, den Kirchbach zu lieben scheint, denn er findet sich auch an manchen anderen Stellen und bei andern Gelegenheiten – ist in diesem Tone nicht auch, frage ich, ein Moment von Pathos und Rhetorik, das Kirchbach immer so von sich weist, wesentlich immanent? Ich dächte doch! Das ›Münchner Leben‹ beschäftigt sich mit Geibel, Lingg, Stieler, Conrad u. a. Das Köstliche ist, daß Kirchbach auch hier, so doch der Stoff nicht gerade jungfräulich und neu ist, wo zahlreiche andere ihn schon vor Kirchbach geprägt und geprägt haben, wo also die Gefahr des Nachtrottens in alten Gleisen nahe genug liegt – auch hier der selbständige Denker, der mit ureigner Gedankenfracht reichbeladene Kritiker bleibt. Manche ›Ketzerei‹ läuft hier ganz gemütlich, als verstände sie sich von selbst, mit unter. Aber es würde mich zu weit führen, wollte ich selbst nur die einzelnen Inhaltskapitel nach ihren Überschriften angeben und mit einigen orientierenden Bemerkungen versehen. Vischer, Shakespeare, Tizian, Hegel: hier liegen Ankerpunkte Kirchbachschen Interesses und Kirchbachscher Gedankenarbeit. Wahrhaftig Geister, die für eine gleichgestimmte Natur etwas Herausforderndes und Zwingendes haben! Im ganzen ein Buch, dessen Bedeutung vor allem wohl darin liegt, daß man sich so schwer – in zweifachem Sinne schwer – mit ihm abfinden kann. Der Stil möchte noch gehen. Er ist wuchtig, schwer, kernig, oft aber auch ungefügig, ungelenk, ›schildkrötenhaft humpelnd‹, wie ihn Conrad treffend bezeichnet hat. Er wirkt an vielen Stellen erhaben und treuherzig-naiv zugleich. Auch trägt er sprachbildende Akzente. Aber der Inhalt! Er fordert die stärkste Teilnahme von Herz und Hirn. Er regt an und reizt immer, öfter zum kategorischen Widerspruch. Doch das schadet nichts. Kirchbachs ›Lebensbuch‹ gehört eben zu den Büchern, die man am liebsten nach der ersten Viertelstunde Lektüre in die Ecke werfen möchte – weil man das dringende Bedürfnis fühlt, geistig zu verdauen. Man atmet auf und geht mit doppeltem Feuer an die Lesung. Und wieder – und wieder. Die geistige Elite Deutschlands wird das Buch nicht ungelesen lassen dürfen. Im Wappenschilde des Künstlers Kirchbach liegt neben der Laute ein Foliant, das Symbol des Forschens nach der Wahrheit. Und um beide schlingt sich ein Ährenbündel: das Symbol des Erfolgs, der Frucht, die dem Fleiße, der im Schweiße des Angesichts verrichteten Arbeit wird. Kirchbachs kreißender Berg hat ein respektables Mäuschen geboren. Es sei der allgemeinen Beachtung von Herzen empfohlen. Unruhige Gäste Ein Roman aus dem Säkulum von Wilhelm Raabe Wilhelm Raabe macht es einem eigentlich recht schwer, sich mit ihm klar und bündig abzufinden. Er führt uns in eine Welt ein, die ihm in dieser schnurrigen, tragikomischen Eigenart kaum einer unter den lebenden Romanschriftstellern nachbilden könnte. Er hat das Erbe von Jean Paul angetreten, und wenn er auch trotz aller Zerfahrenheit und Manieriertheit im ganzen doch noch geschlossener und einheitlicher ist, als der große Meister der ausgetüftelten Phantasieromane und der idyllischen Stilleben – darin ist er Jean Paul doch gleich, daß er sich deutlich seinen Bezirk abgesteckt hat und nun innerhalb dieser Grenzlinien mit dem urwüchsigen Eigensinn eines künstlerischen Sondercharakters seine mindestens interessanten und sehenswerten, zumeist aber auch ganz wertvollen und zu regem Nachdenken reizenden Kunststückchen zum besten gibt. Wilhelm Raabe hat ein ganzes Hirn voll selbständiger, ungewöhnlicher Gedanken, und leicht sind ihm die Bilder zur Hand, mit denen er sie bekleidet und für den Markt der ›Zeitlichkeit‹ herausstaffiert. Wie es hauptsächlich unter den Handwerkern nicht wenige gibt, die sich die Dinge dieser Welt nach ihrem Geschmack zurechtlegen, die sich zu halb komisch, halb ernst erscheinenden ›Originalen‹ herausgebildet, so gibt es auch unter den Poeten derartige ›Originale‹, und Wilhelm Raabe ist es, dem in diesem Sinne unter den Zeitgenossen zweifellos der erste Preis gebührt. Er ist der Meister der geistreichen Umständlichkeit , möchte ich sagen. Er ist nicht eigentlich witzig, nicht paradox, nicht kühn und blendend wie Heine oder Börne, nicht zündend wie Lichtenberg, aber er ist doch stets pointiert. Es ist nur in der Regel gar nicht so leicht, an den Kern einer derartigen Pointe ohne weiteres heranzukommen! Raabe pflegt sie, ganz nach dem Vorbilde Jean Pauls, recht gehörig einzuwickeln und einzuschachteln. Dieser Schriftsteller hat sich einen Stil herausgebildet, der erschöpfend sich schlechterdings nicht kennzeichnen läßt. Er ist sehr ungleich. Bald fragmentarisch, zerstückt, zerhackt, in einzelnen Brocken hingeworfen – bald aus den verschlungensten Satzgewinden sich zusammenbauend ... Es liegt ein schöpferisches Moment in dieser Stilgattung – ja! Neue Wortgebilde, überraschende Gedankenkombinationen ergeben sich. Und so holprig und schwerfällig dieser Stil ist, er hat bei alledem etwas Treuherziges, Aufrichtiges ... Und so verrenkt sich diese Satzgefüge oft ausnehmen, sie erregen doch schließlich das Interesse, die Teilnahme des gedankenreiferen und anspruchsvolleren Lesers. Oft ist's einem, als sähe man Raabe vor sich, wie er dasitzt und nun mit peinlicher Sorgfalt, mit zärtlicher Liebe für jedes einzelne Teilchen und Stäubchen, alles zusammendichtet und zusammenschichtet. Man glaubt den Bildner atmen zu hören, die Feder schiebt sich langsam über das Papier, das vermeintliche Kritzeln wirkt fast als physiologischer Reiz, – so unmittelbar rückt dieser Stil, an dem die ganze Atmosphäre der Werkstätte haften bleibt, den Leser an seinen Urheber heran. Raabe ist ein spekulativer Schriftsteller. Er hat nur in geringem Maße das Bedürfnis, die Gedanken, welche die Zeit bewegen, in seinen Schöpfungen sich widerspiegeln zu lassen. Sein Steckenpferd ist eine im ganzen etwas dilettantische, aber doch immer interessante und reizvolle Spekulation über das alltägliche Leben mit seiner Fülle von tragikomischen Widersprüchen, mit seinen tausend merkwürdigen Sondererscheinungen. Raabe liebt die Idylle, das Stilleben, aber in jener sentimental-ironischen Beleuchtung, welche sich aus der Gegenstellung der Idylle zum großen, rastlosen Geschäftsgetriebe der Welt ergibt. Die ›Zeitlichkeit‹, das ›Säkulum‹ wirkt ein – und als Folge bildet sich jenes romantisch-realistische Element heraus, das so urdeutsch ist und so treffend der deutschen Auffassung von der Natur der Kunst entspricht. Raabe ist Realist und Romantiker zugleich. Die ›Unruhigen Gäste‹ beweisen das auf Schritt und Tritt. Die Leute aus der Zeitlichkeit: Veit von Bielow und Valerie, kommen mit den Dienern der Ewigkeit, deren Sinnen und Trachten nur darauf ausgeht, sich durch ein demütiges Erdenwallen die Gnade des Herrn zu erwerben, mit dem Geistlichen des Gebirgsdorfes Prudens Hahnemeyer und seiner Schwester Phoebe, zusammen ... Die beiden, im Grunde ihres Wesens sich fremden Welten verknüpft ein Punkt: Die gemeinsame Teilnahme an dem Schicksal eines armen Menschen, den die Dorfgemeinde ausgestoßen hat, weil seine Frau an Typhus erkrankt ist. Der feingeistige, gewandte, in der Zeitlichkeit diplomatisch geschulte Veit von Bielow gibt dem Ganzen eine heilsame, versöhnende Wendung. Das Herzensleben dieser Gestalten, die mit allen ihren sonderbaren Einfällen und Grillen scharf und glaubhaft gezeichnet sind, strömt einen köstlichen Zauber. Wohl ist das ganze Betragen und Gebaren dieser Leute wenig alltäglich, wenig nach der Schablone. Sie reden und denken meistens nach ihrem eigenen Geschmack. Sie sind fast alle etwas zu sehr gesprächig. Aber was tut das schließlich? Wir haben uns mit Wilhelm Raabe abzufinden, und wir sind um so mehr berechtigt, dem Verfasser der ›Chronik der Sperlingsgasse‹, des ›Hungerpastor‹, des ›Fabian und Sebastian‹ und dieses neuen Juweles im reichen Kranze seiner Schöpfungen, der ›Unruhigen Gäste‹, unsere wärmste Sympathie zu schenken, als Raabe bei allem Eigensinn und aller Manieriertheit doch ein gesunder, kraftgespannter Schriftsteller ist, der wenig nach Ruhm und Lorbeern fragt, der ruhig und unbeirrt in seiner Art weiter schafft und ganz aufgeht in diesem Schaffen . Gedichte von Henrik Ibsen Die zeitgenössische nordische Literatur ist in den weitesten Kreisen Deutschlands so halb und halb bekannt. Man liest Björnson, Ibsen, Kjelland, Elster, Lie, Schandorph, – man kargt auch nicht mit dem Beifall. Allerdings! Es ist weniger die Idee als solche dieser nordgermanischen Schriftsteller, die gefällt, weil man sie gutheißen und als notwendig und zeitgemäß anerkennen muß. Man interessiert sich bei uns für die moderne dänische, schwedische, norwegische Literatur hauptsächlich darum, weil diese Strömungen ein würzreicher Atem jungen, unangegriffenen Lebens durchzieht, weil sie etwas Glänzendes, Frischgemünztes haben. Dazu kommt jenes echt deutsche Moment kosmopolitischer, so oft auf Kosten der Heimatscholle in Szene gesetzter Schwärmerei – und man hat die Hauptgründe. Man findet die Herbheit der modernen sozialen Gedanken, welche diese Kernnaturen rücksichtslos vertreten, pikant, man hält sie aber kaum der Beherzigung für wert. Ibsen steht bei uns im Geruch, der brutalste und peinlichste aus dieser Sippe zu sein. Nun – vorliegendes Büchlein, das eine deutsche Nachbildung Ibsenscher Gedichte enthält, ist vielleicht imstande, zu einem milderen Urteil über den gewaltigen Sänger des ›Brand‹ beizutragen. Ein Ton Ibsenscher Schwere und Düsterheit, ein Moment schwerfälliger Granithärte läßt sich zwar auch hier scharf herausfühlen. Und doch auch – wie viele Spuren der Milde, wie viele Zeichen zarter, köstlicher Weichheit. Zugleich muten uns die meisten dieser Gedichte originell, neu an, weil sie sich eben aus nordischem Volksleben herausgestaltet; weil sie so oft gleichsam die nordischen Naturgegensätze – Meer und Gebirge in intimster Nachbarschaft – widerspiegeln. Eine tiefe Innerlichkeit strömt aus dem ›Schlummerlied‹. Außerordentlich charakteristisch für nordisches Strand- und Seeleben ist das episch-lyrische Nachtstück ›Ferja Wigen‹, ›Sturmschwalbe‹ und ›Lichtschein‹ tragen deutlichste Prägungsspuren des Ibsenschen Dichterwesens. Ob die deutschen Nachbildungen Naumanns, der uns schon ausgewählte Gedichte des Norwegers Welhaven beschert, im Vergleich zu den Originalen immer vorzüglich gelungen sind, kann ich nicht beurteilen, da mir der norwegische Text der Gedichte nicht zur Hand ist. Aber betonen muß ich, daß sich diese zwanglose Verdeutschung in der Hauptsache geläufig und flüssig ausnimmt. An mehreren prosaischen Wendungen gebricht es natürlich nicht. Eine neue, charakteristische Linie ritzen diese Gedichte immerhin ein in die so interessante Dichterphysiognomie Ibsens. Das Literaturdrama Eine der ersten und hauptsächlichsten unter den verschiedenen Gattungen der dramatischen Poesie ist das ›Literaturdrama‹ zwar in keinem einzigen Schrifttum gewesen. Heldenschicksale, Motive aus dem Kriegsleben der Völker haben bis auf den heutigen Tag dem dramatischen Dichter näher gestanden – aus leicht begreiflichen Gründen. Als dramatisch bewegter, ungestümer, schlagfertiger und darum wirkungsvoller und leichter zündend bei der Menge geben sich diese Stoffe aus der Geschichte allerdings, aus der Arena der Völkerkämpfe – diese Stoffe, die oft genug wohl mit feinem historischen Verständnis und geschichtsphilosophischem Tiefsinn aufgenommen und ausgestattet sind, oft genug auch den Bedürfnissen eines stolzen, edlen Nationalgeistes entsprochen und genügt haben, so manches Mal aber auch in den Dienst der Bestrebungen eines überspannten Chauvinismus gestellt worden sind. Aus dem gesetzmäßigen Werden und Wachsen, dem kulturgeschichtlichen Lebensprozeß, den jedes Volk durchmacht, läßt sich mit ziemlicher Deutlichkeit ersehen und erweisen, warum in den einzelnen Nationen, in den einzelnen Epochen bestimmte dramatische Motive von den Dichtern aufgenommen und bearbeitet werden. Der aus der Geschichte entlehnte Stoff nimmt an allen Phasen der Entwicklung teil. Zwar bildet sich das spezifische Gefüge erst verhältnismäßig spät heraus – in Jugendtagen der Menschheit, wo Krieg immanentes Entwicklungsgesetz, Bedingung, Regel ist, Frieden aber Ausnahme, läßt sich das Volk, die Menge und vor allem die kampffähige Menge von den Gesängen der dröhnenden Schlachtenlyrik begeistern ... Die Dramatik wächst aus religiösen Aufführungen, Mysterienspielen hervor. Erst ganz allmählich gelingt es ihr, diese charakteristische religiöse Seite mehr und mehr abzustreifen und auf den Pulsschlag eines allgemeinen Staats- und Völkerlebens aufmerksam zu achten. Ich will dieses Moment hier nicht weiter ausführen. Das – unsere Tage kennzeichnende – Schlußglied aber dieser Ausführung würde das Ergebnis sein, daß ein historisches Drama schlechterdings nicht mehr an der ›Tagesordnung‹ ist, d. h. daß es zu den instinktiven Bedürfnissen des gesamten Volkes eben als eines organisch Ganzen nicht mehr gehört. Wir leben in einer vorwiegend sozialen Epoche. Und stündlich verschärft sich dieser Charakter der Zeit, tritt er klarer, bestimmter und – drohender hervor. Dem Dichter, der, wenn anders er eben ein wahrer und echter ist, wie kein zweiter auf der Höhe der Zeit steht, die Bildungselemente aller früheren Epochen in sich vereinigt, muß es ja nach wie vor unbenommen bleiben, mit verständnisvollem Sinn für historische Symbolik geschichtliche Motive in den Rahmen seines Schaffens aufzunehmen ... Der Dichter hat eben das Recht, sich alle Zeiten künstlerisch anzueignen. Ja! diese Fähigkeit ist eines seiner ersten Wesensmomente. Und doch wird er wenig auf die Teilnahme seiner Zeitgenossen, der Mitlebenden, zu hoffen haben, wenn er nicht dem Wort und Form gibt, was sie aus ihrer Zeit heraus im Innersten bewegt! Der echte Dichtergeist wird diese Bedürfnisse unschwer verstehen. Ein anderes ist es allerdings, ob es ihm möglich ist, sie gerade mit seinem besten Können zu befriedigen. Historische Dramen werden auch nach wie vor noch geschrieben werden. Aber ihre Wirkungskraft ist abgestumpft. Und naturgemäß mindert sich auch die aufrichtige Teilnahme, die ungekünstelte Aufnahmefähigkeit der ›Besten eines Volkes‹ für sie. Die gewaltigen Wehen der kreißenden Zeit sind eben zu fühlbar. Das ›Literaturdrama‹ ist ein Stückchen historisches Drama und auch in gewissem Sinne wieder nicht. Es wird von einem gleichen Schicksal ereilt. Was ist uns Hekuba? Und was ist uns das unglückliche Poetenschicksal eines Christian Günther, Tasso, Reinhold Lenz oder Christoph Marlowe? Elementare Lebensfragen, die unmittelbar bis zu dem Mittelpunkt unserer Persönlichkeit hin wichtig und für das Fortbestehen unserer Existenz einschneidend werden, beschäftigen Herz und Hirn ganz anders .. Eine sehr interessante Spezialität bedeutet das ›Literaturdrama‹ aber immerhin. Indem es seine Motive aus dem engeren Stoffkreise der Literaturgeschichte nimmt, ordnet es sich dem großen, allgemeinen Geschichtsgebiete ein und stellt sich doch zugleich in einen gewissen Gegensatz zu ihm. Seine Keimstätte ist räumlich beschränkter, möchte ich sagen, doch gedanklich weiter, umfangreicher. Denn indem es sich der Enkel angelegen sein läßt, doch zumeist das tragische Schicksal seines altvorderischen ›Kollegen in Apoll‹, beispielsweise eines Günther oder Chatterton, darzustellen, kommt es ihm verhältnismäßig weniger darauf an, den Untergang seines Helden aus dem besonderen Charakter der Zeit, in der er gelebt und zu schaffen gesucht, zu erklären, als vielmehr den Dichter in den Kampf mit jenen Elementen zu führen; die ihm schlechterdings eben immer oder wenigstens doch in der Regel widerstreben werden. Diese Art von Literaturdrama baut sich auf allgemeineren Gesichtspunkten auf, berücksichtigt Momente, die schlechthin im Wesen der gesamten Menschheit liegen und in ähnlichen Konstellationen immer wiederkehren ... Weist auch das Schicksal eines Günther – die jüngste dramatische Ausgestaltung seines Lebens rührt von Max Grube her, dem hochbedeutenden Schauspieler, der auch dichterisch reich beanlagt – eine Fülle von Unterscheidungsmaterial auf auch gegenüber dem eines Chatterton: es ist doch schließlich hier wie dort dasselbe Grundmotto – der Kampf des Unglücklichen mit den einfachsten Verhältnissen des realen Lebens. Das Literaturtrauerspiel wird fast immer Charaktertragödie im strengen Sinne dieses ästhetischen Terminus sein, in den seltensten Fällen Prinzipientragödie. Wenn in dem Wildenbruchschen ›Christoph Marlowe‹ der englische Dichter des ›Faust‹ und des ›Tamerlan‹ zusammenbricht, weil er von einem höheren – Shakespeare – übertrumpft wird, so ist das zwar keine ausgemachte poetische Inkonsequenz, aber immerhin ein psychologischer Fehler, weil es durchaus nicht im Charakter Marlowes liegt, sich positiv einem Höheren unterzuordnen, wenn er ihn auch noch so sehr als solchen erkannt hat. Im übrigen ist ›Christoph Marlowe‹, wie es die Natur des Stoffes erfordert, reinste Charaktertragödie. Das Motiv ›Chatterton‹ ist am meisten vollendet von Alfred de Vigny bearbeitet worden. Es ist begreiflich – Vigny war ehrgeizig und fand im ganzen wenig dichterischen Ruhm. Als Übergang vom weiteren Gebiete des allgemeineren historischen Dramas zum engeren des literaturhistorischen möchte ich das Luther-Drama bezeichnen. Martin Luther wird zwar in allen dichterischen Bearbeitungen von Zacharias Werners ›Weihe der Kraft‹ – noch heute unübertroffen! – bis auf Lindner, Henzen und Herrig , vorwiegend als Reformator gefeiert. Aber das Moment des geschichtlichen Heros, des Befreiers vom Joche eines despotischen Kirchenregiments, und das des revolutionären Schriftstellers, sind in dieser imposanten Gestalt so eng verknüpft, daß man ihre dramatische Ausgestaltung wohl als einen Übergang vom allgemeinen historischen zum speziellen literaturhistorischen Stoffgebiete bezeichnen darf. Eine dem Luther-Drama ähnliche Stellung nehmen die Bearbeitungen verwandter historischer Motive ein, z. B. die des Kopernikus , wie sie u. a. von dem Polen Szymanowski in seinem ›Die letzten Augenblicke des Kopernikus‹ aufgefaßt ist, oder die Giordano Brunos ... Am großartigsten ist diesem Stoffe wohl Adolf Wilbrandt gerecht geworden. Nicht unerwähnt mag hier das Schauspiel ›Ambrosius‹ des dänischen Dichters Molbach bleiben. Indem es zum Helden den unglücklichen dänischen Poeten Ambrosius Stub nimmt, erinnert es stark an Günther und Chatterton. Eine ganz andere Physiognomie tragen natürlich Literaturdramen wie Gutzkows ›Königsleutnant‹ oder Laubes ›Karlsschüler‹ oder Mels ›Heines junge Leiden‹ ... Sie bedeuten meist eine kulturgeschichtliche Paraphrase, eine interessante Spielerei, eine mehr oder weniger pikante Variation zu einem bekannten Thema ... Sie tragen auch mehr dem durch die Zeit und die Verhältnisse bedingten Sonderkolorit Rechnung ... Sie atmen in einer weniger allgemeinen Sphäre – ja! erst die peinlich sorgfältige und zugleich liebevoll zärtliche Berücksichtigung kulturgeschichtlich charakteristischer Einzelheiten verleiht ihnen tieferen Gehalt und edlere Wärme, intimeres Leben und feinere Reize. – Die jüngste Blüte des Literaturdramas bietet uns Karl Bleibtreu in seinen beiden Byrondramen, welche allerdings den Gegensatz des Dichtertums zur realen Welt in neue eigenartige Beleuchtung rücken. Eine gewaltigere, in allen Tiefen des gesamten Volkslebens hineinwirkende Bedeutung hat das Literaturdrama nie gehabt, weder das allgemeinere, tragische, die Tragödie großen Stils, noch das besondere, kulturgeschichtlich charakteristische, das geistvoll pointierte Literaturschauspiel ... Der Hauptgrund liegt in der inneren Natur der Motive, deren eigentliche, treibende und bewegende Kräfte sich kaum dem Verständnis der meisten, geschweige denn aller Teile eines Volkskörpers erschließen können ... Das Literaturdrama bedeutet – wenn ich diesen Ausdruck einmal gebrauchen darf, mit dem ich hier natürlich durchaus kein Moment des Tadels verbunden wissen will – das eigentliche Schauspiel für die Clique, für die Kollegenschaft im weiteren wie im engeren Sinne ... es appelliert in erster Linie an die Instinkte, die feinere Teilnahme der Künstlerwelt selbst, aus deren Sphäre es herausgeboren ist ... Und so ist es nur naturgemäß, daß das Literaturdrama in einer Zeit, wo die Verhältnisse, die Massen immer mehr die Einzelbedeutung und Sonderwirkung des Individuums unterdrücken und einschränken, wo das soziale Moment immer mehr das individuelle in den Hintergrund schiebt, gemach absterben und selbst das winzige Interesse, das ihr engere Kreise bisher noch entgegengebracht, allmählich mehr und mehr verlieren muß – gerade wie die gesamte, in Künstler- und Gelehrtenkreisen spielende Novellistik von Stunde zu Stunde an Reizen einbüßt ... Den Tag werden wir wohl noch erleben, der uns meinetwegen die Literaturtragödie ›Heinrich von Kleist‹ bringt, vielleicht auch den, der sie auf irgendeine Hofbühne bringt – aber vergebens wird ihr Dichter bei seinem Volke um eine tiefere Teilnahme für sein Schaffen werben .. An dem Erzpanzer einer ausschließlichen Herrschaft sozialer Interessen wird sein Ringen um Anerkennung seiner künstlerisch individuellen Bedeutung ohnmächtig abprallen ... Wir stehen eben auf dem Übergang zu der Zeit, wo die naturbedingte ›Evolution‹ der gesellschaftlichen Verhältnisse in das dritte Stadium ihrer Wesensäußerungen tritt: ›in die innige Verknüpfung oder Gliederung der besonderen zum Ganzen integrierten Stoff- und Bewegungsmassen‹ (Schäffle, ›Bau und Leben des sozialen Körpers‹.) In dieser glorreichen Epoche wird die Kunst vielleicht nicht mehr ›nach Brot‹ zu gehen brauchen, einfach deshalb, weil sie in ihrer innersten Natur – vernichtet ist. – Und damit wird sie selbst wieder – zum tragischen Motiv. Bötjer Basch Eine Geschichte von Theodor Storm ›Es ist kein Kunstwerk, nur eine Erinnerung, zu deren Niederschrift ich heute meine Feder ansetze‹, beginnt Theodor Storm seine neueste novellistische Arbeit. Ich will mich hier nicht auf eine ästhetische Erörterung über den sehr flüssigen und dehnbaren Begriff ›Kunstwerk‹ einlassen. Mag die Geschichte des wackeren Bötjer Basch nun ein Kunstwerk sein oder nicht – der Niederschrift ist sie jedenfalls wert gewesen. Theodor Storm hat nie eine bedeutende künstlerische Individualität dargestellt. Er hat nie einen eigentlichen ›Sturm und Drang‹ durchgemacht – er ist in gewissem Sinne nie künstlerisch jung gewesen. Die Herren unserer Literatur sind zu jener, von Berufenen, zumeist aber von Unberufenen, gerühmten ›Objektivität‹ erst durchdrungen, nachdem sie sich in stürmischer Subjektivität ausgelebt. Theodor Storm ist in einer kleinen norddeutschen Stadt groß geworden. Aber die Enge der Verhältnisse, in die er hineingestellt worden, hat ihn niemals auf sich selbst zurückgewiesen, hat ihm nie eine heiße, unbändige Sehnsucht nach der Weite geweckt und genährt. Er hat sich dieser Enge angepaßt – er hat es früh gelernt, sie hellen Auges objektiv zu studieren. Und so ist er, der für die Schilderung der kleinen Welt innerhalb der vier Wände von vornherein glücklich Beanlagte, imstande gewesen, uns im Laufe der Jahre jene stattliche Reihe von im besten Sinne ›stimmungsvollen‹ Lebensmärchen zu bescheren, die ihm die Gunst der deutschen Leserwelt in so reichem Maße eingetragen. Was bei der Lektüre dieser einfachen Geschichte aus dem sehr einfachen Leben des Böttchermeisters Daniel Basch so eigentümlich fesselt, ja ergreift, ist einerseits die köstliche Deutlichkeit, mit welcher die Atmosphäre der nordischen Kleinstadt wiedergegeben ist – und andererseits die Fülle von anheimelnden Einzelzügen, die das im Grunde fast nichtssagende, belanglose, eines wirklichen Konflikts bare Motiv heben und verlebendigen. Daniel Basch heiratet erst in ziemlich vorgerückten Jahren. Seine Frau stirbt bei der Geburt des zweiten Kindes. Das erste Kind ist ein Knabe, der sich zu einem handfesten Burschen entwickelt. Dieser Bursche geht später nach Amerika. In Kalifornien wird er Goldgräber. Unterdessen aber, während er versucht, jenseits des Ozeans sein Glück zu machen, geht es seinem Vater ziemlich schlecht. Der alte Basch kommt immer mehr herunter. Ein Lebensstern nach dem andern erbleicht ihm. Es wird ihm die Kunde zugetragen, daß sein Sohn in Kalifornien erstochen sei. Nun wird es ganz dunkel in ihm und um ihn – nun hat er ›bloß noch die Ewigkeit vor sich‹ ... In einem Verzweiflungsanfall will er sich ertränken. Er wird gerettet. Da kehrt sein Sohn in die Heimat zurück – und auf den Trümmern des alten Glücks baut sich ein neues auf. Eine neue Sonne ist aufgegangen. Die frische, ehrliche Jugend, die sich hier und da schon versucht hat, und mit einem gewissen Erfolg versucht hat, steht immer im Zeichen der Zukunft. Und an der Jugend sonnt sich und wärmt sich das Alter. Zum letzten Male schlingt sich eine goldene Lichtgloriole um das weiße, zitternde Haupt des Greises. Wer je in einer Kleinstadt gelebt, wer es je vermocht hat, sich in die schlichte, innige Poesie zu vertiefen, an der auch ein Dasein reich, das sich in engsten Grenzen vollzieht, wird von der Geschichte Theodor Storms lebhaft bewegt und ergriffen werden. Eines der schönsten Gedichte Theodor Storms nennt sich ›Abseits‹. Es malt die verhaltene Poesie des Heidelebens. Ich möchte sagen, daß dieses ›Abseits‹ das Motto der gesamten künstlerischen Tätigkeit Storms geworden . Wie sich abseits von der großen Heerstraße, draußen und hinten in der Befangenheit der Kleinstadt, die Schicksale zumeist ziemlich ›altfränkischer‹ Leute erfüllen – hat das je einer so rührend geschildert wie Theodor Storm? Auf seiner Domäne ist Storm Meister. Freilich ist diese Domäne nicht sehr umfangreich. Martin Salander Roman von Gottfried Keller Es hat lange gedauert, ehe Gottfried Keller in deutschen Landen die Anerkennung gefunden, die seine ganz einzige Betätigung in der Kunst des Fabulierens verdient. Wie ein Naturfreund, dem alles reizvoll und anziehend ist, der jetzt einen Stein, jetzt eine Blüte, jetzt einen Käfer betrachtet, rechts und links, kreuz und quer streift, wohl auch einmal eine Weile in stiller Selbstbetrachtung, wie träumend, die Straße dahinzieht: so beschäftigt sich der Romanschriftsteller Keller – und das beweist auch der vorliegende Roman ›Martin Salander‹ wieder sehr schlagend – sehr oft und fast umständlich mit allerlei buntem Nebensächlichkeitskram, hält hier an und dort, wandert dann wieder eine den lesenden Begleiter ermüdende Strecke unermüdlich ab und läßt das Ganze schließlich, wenn er es sinnend und schaffend zusammengeschlossen, ziemlich lose im Einband hängen. Wohl ist ›Der grüne Heinrich‹ an überraschenden Einzelschönheiten reich, aber manchmal ist er breit und selbst in ästhetischem Sinne langweilig – wie Goethes ›Wilhelm Meister‹. Es ist erklärlich, daß einer solchen ganz schweifenstüchtigen, aber auch abschweifungstüchtigen Natur das enge Gewand der Metrik nicht besonders behagt. Keller hat ganz vorzügliche, in ihrer Art einzige Gedichte geschrieben. Aber im ganzen stellt seine Lyrik mehr eine unnatürlich geknebelte und verrenkte als harmonisch gesammelte Kraft dar. Da böte sich denn wohl der Acker der Novelle für Gottfried Keller, der so manchen künstlerischen Wesenszug mit unserem norddeutschen Humoristen Wilhelm Raabe gemein hat; dort könnte er seine gesündeste Saat ausstreuen und seine reifste Frucht einheimsen. Das engere Wirkungsgebiet schnitte des übersprossenden Phantasie- und Gedankengeranke ein gutes Teil ab, gewährte doch aber immerhin noch so viel Spielraum, daß sich die Grundzüge der Kellerschen Schaffensart rein und unverkümmert erhalten dürften. In seinen ›Leuten von Seldwyla‹ und den ›Züricher Novellen‹ hat uns der ›Shakespeare der Novelle‹, wie Keller von seinem Kollegen und Nebenbuhler Paul Heyse kennzeichnend getauft ist, unvergängliche Literaturschätze vermacht. Wer hätte sich der schlichten, ergreifenden Tragik in dem Meisterwurfe ›Romeo und Julie auf dem Dorfe‹ – der ausgelassenen Keckheit und dem übersprudelnden Humor in der Geschichte von den ›Drei gerechten Kammachern‹ entziehen können? In den Novellen spricht sich die Doppelart Kellers: seine (wie der Kleist-Biograph Otto Brahm in seinem Essay über den Züricher Dichter so fein und geistvoll erklärt) einerseits deutsch-romantische , andrerseits schweizerisch-realistische , unmittelbar an das konkrete Leben anknüpfende Natur am deutlichsten und unbefangensten aus. Hier – und nächstdem in seinem neuen Roman ›Martin Salander‹ – gibt Keller Wahrheit und Natur , wenn auch nicht gerade die Wahrheit und die Natur – ich meine: er vermag nicht als ein Genie ersten Ranges die für unsere Zeit wesentlich charakteristischen Erscheinungen des modernen Lebens aufzufassen, er packt nicht den Nerv der Zeit, aber was er packt, was er darstellt, das ist so und nicht anders. Es fehlt Gottfried Keller durchaus nicht an Weltüberblick, aber er betrachtet Welt und Leben durch eine Brille, die ihn zwar das Nächstliegende in seinen schärfsten Umrissen erkennen läßt, das Entfernte jedoch verzieht und verzerrt. Wenn Keller die Mächte, welche das gesamte moderne Leben beherrschen, auf dem kleinen Sondergebiete der Schweiz wirkend einführt, so wird er öfter unfreiwillig ein klein wenig komisch, indem er, seinem Drange symbolisch zu verallgemeinern folgend, eine ganz private, oft ganz nebensächliche Tatsache zur Achse eines weltweiten und allgemein gültigen Symbols macht. Ein echt dichterischer Zug ist das allerdings. Ein immerhin kennzeichnendes, dem Roman nur vorteilhaftes Moment ist es, daß im ›Martin Salander‹ die landläufige Erotik keinen Platz gefunden. Nur einige Herzenstäuschungen spielen hinein. Des unverbesserlichen Idealisten Martin letzte Verirrung, sein letzter Abstecher in das romantische Gebiet eines Johannistriebes, der nur etwas sehr spät kommt, ist köstlich erzählt. Als Martin seiner Frau Marie die heikle Geschichte gesteht, lacht sie – diese einzige Frau, dieses Pracht- und Kernweib, diese unvergleichliche, diese deutsche Mutter, welche Keller in den Mittelpunkt unseres Interesses zu stellen weiß. Wir begreifen, wie dieses Elternpaar einen Sohn wie diesen Arnold, zwei Töchter wie diese Setti und Netti besitzen muß. In den Gestalten der beiden Zwillingsstreber Isidor und Julian Weidelich, den späteren Ehemännern des Salanderschen Geschwisterpaares, geht Keller unmittelbar auf die neugeschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Schweiz ein. Der liebenswürdige Humor Kellers mildert die Gefühle der Entrüstung und des Ekels, welche diese für unsere Zeit so bezeichnende Sippschaft wachruft, in etwas, ohne jedoch die beabsichtigte Wirkung aufzuheben. Und wie scharf umrissen und natürlich durchseelt wachsen die übrigen Persönlichkeiten des Romans: der alte Weidelich, Louis Wohlwend, die episodischen Nebenfiguren, im Laufe der Erzählung heraus! ›C'est partout comme chez nous!‹ behauptet Arnold Salander öfter. Das wird in mancher Hinsicht seine Richtigkeit haben. Aber ob die ›ersten Größen‹ auf dem Gebiet des Romans im ›engeren‹ Deutschland imstande wären, ein so bedeutendes, so tiefes und dabei geradezu lebenstrotzendes Buch, wie den ›Martin Salander‹ Gottfried Kellers zu schreiben? Den ästhetischen Gesetzen des Romans mag ein Friedrich Spielhagen vielleicht mehr gerecht werden. Aber es gibt eine Erfüllung künstlerischer Privilegien, die ebenso selbstherrlich wie – nicht korrekt ist. Auf die bedeutende Individualität , die sich in sich und durch sich ganz darstellt; die nicht verwechselt und darum nicht ersetzt werden kann, kommt alles an. Ich meine, das zeitgenössische Schrifttum besitzt in Gottfried Keller einen solchen scharf ausgeprägten Charakterkopf. Der zweite Band von Friedrich Hebbels Tagebüchern Über zwei Jahrzehnte mußten nach dem Tode Friedrich Hebbels noch vergehen, ehe seine Witwe sich entschließen konnte, die Tagebücher-Manuskripte ihres verstorbenen Gatten der diskreten Privatverborgenheit zu entreißen und einem Herausgeber zur öffentlichen Weiterverbreitung anzuvertrauen. Wir ehren nach Kräften die Bedenken der Frau Hebbel, welche sie bisher von einer Veröffentlichung so intimer Papiere, wie es nun einmal Tagebücher sind, abhielten, ein klein wenig Profanation ist ja schlechterdings nicht zu vermeiden. Aber nun, da uns der köstliche Schatz in zwei starken Bänden, herausgegeben von Felix Bamberg , vorliegt, können wir ein leises Schmollen, ein verhaltenes Zürnen nur mit Mühe unterdrücken. Ich meine: diese ›Tagebücher‹ konnten in gewisser Hinsicht nicht früh genug dem Publikum zugänglich gemacht werden. Nun liegt es zwar in der Natur der Sache, daß sich ihres gesamten Inhalts schließlich nur eine kleine Gemeinde bemächtigen wird. Aber diese kleine Gemeinde ist es ja fast ganz allein, welche den Bildungsidealismus der Zeit vertritt. Und wäre es ihr schon früher möglich gewesen, die bunte Fülle von geistigen Errungenschaften und Lebensresultaten, die Hebbel in seinen ›Tagebüchern‹ niedergelegt, sich zuzueignen und organisch in die Kanäle der zeitbewegenden Gedanken einzuführen – manches Experiment auf ethischem oder ästhetischem Gebiete wäre vielleicht nicht mißglückt, mancher Umweg wäre uns erspart geblieben, mancher Irrtum wäre vermieden worden. Hebbels unerschöpflich reiche Persönlichkeit hat sich nicht entfernt in seinen Werken ausgelebt. Gewiß! Eine stattliche Reihe geschlossener Schöpfungen liegt der Welt in seinen lyrischen, epischen und dramatischen Erzeugnissen und in seinen kritischen Schriften vor. Und keinem Gliede aus diesem Ringe mangelt das Gepräge stolzer Eigenart. Hebbels trotzige, unbeugsame, rauhe Dithmarschennatur mußte ihre eigenen Wege gehen. Die herbe Sprödigkeit, die natürliche Zurückhaltung und die zähe Verschlossenheit, die mehr oder weniger intensiv dem norddeutschen Volkscharakter eigen, in Verbindung mit dem unerträglich harten Druck, der auf Hebbels Knaben- und Jünglings- und ersten Mannesjahren gelastet, führten zu jenem schroffen Individualismus, den der Dichter der ›Judith‹ stark und bestimmt wie kein zweiter seiner deutschen ›Kollegen in Apoll‹ besessen. Nichts Weiches, nichts Nachgebendes und nichts Naives, nichts Enthusiastisches lag in Hebbels Künstlernatur. Nicht eigentlich nach oben strebte er, der Sonne entgegen, mehr in die Tiefe, in die Schachte der Unterwelt, wo das flackernde Grubenlicht des tastenden Menschengeistes nach verborgenem Gewinn ausspäht. Hebbel suchte gleichsam den Gegenpol des Berggipfels. Seine wühlende, ringende, nach Resultaten lechzende, auf das Vergleichen, Kombinieren und Enträtseln gestimmte Natur zog ihn in die geheimnisvollen Abgründe psychischer Probleme hinab. Das Seltene, das Merkwürdige, das Außergewöhnliche war ihm kongenial. Wenn man will, war es das ›Barocke‹, das ›Exzentrische‹, das über Durchschnittshöhe Hinausragende im Leben der Stunde, des Tags und der Geschichte, in den Äußerungen der Kunst und Natur, was ihn reizte. Soll man ihn darum ›unnatürlich‹, ›ungesund‹ schelten? Mich dünkt: es wäre ein wenig objektiver, ein wenig wissenschaftlicher und auch praktischer, den Versuch zu machen, eine Individualität, soweit es möglich, aus ihren besondern Lebensbedingungen heraus zu begreifen. Es ist so wohlfeil, einen allgemeinen Maßstab anzulegen und etwa nach der Art, wie sich der Genius Goethes menschlich und künstlerisch betätigte, alles beurteilen zu wollen – ganz abgesehen davon, daß jenem ominösen ›allgemeinen Maßstabe‹, mit dem die deutsche Literaturgeschichte und Kritik bis auf unsre Zeiten so wacker, so rücksichtslos und so einseitig und unwissenschaftlich gewirtschaftet, naturgemäß schließlich keiner ganz gerecht werden kann. Denn eine Abstraktion ist nie so rein, daß sie aller Momente entbehrte, die für den Prozeß ihrer Entstehung unwesentlich wären. Es liegt nicht in meiner Absicht, den übergroßen Inhalt des zweiten Bandes der ›Tagebücher‹ Hebbels hier erschöpfend zu kennzeichnen. Es kann mir nur darauf ankommen, einige charakteristische Gesichtspunkte aufzustellen, einige besonders markante Züge aus dem verschlungenen Netz der Gesichtslinien, die dieser phänomenalen literarischen Erscheinung eigen, mitzuteilen. Friedrich Hebbel war seinem ganzen Wesen nach Epigrammatiker. Ein stark strömendes, rastlos fort- und vorschreitendes Geistesleben war ihm eigentlich nur Mittel zum Zweck. So ähnelte er mehr Schiller denn Goethe. Der Prozeß, die harmonische, zwanglose Betätigung des Geistes, der Akt des Schaffens, Suchens, Eindringens selbst, worin Goethe aufging, natürlich ohne den Resultaten gegenüber gleichgültig zu bleiben: Das alles hatte für Hebbel kaum tieferen Reiz und konnte erst dann für ihn interessant werden, wenn es selbst zum Gegenstande seiner Spekulation, seiner Reflexion wurde. Der Künstlernatur Hebbels waren starke philosophische Elemente legiert. Ein freies, dithyrambisches Ausströmen war ihm fremd. Pathos und Rhetorik besaß er gar nicht. Die getragene Einfachheit seiner Lyrik, die schroffe, körnige Prägnanz seiner Epik, die plastische Zusammengeschlossenheit seiner muskulösen, derbgliederigen Dramatik bekunden einen Schöpfer, der wesentlich epigrammatischen Charakters ist. Auf die Quintessenz der Dinge kam es Hebbel an. Der Olympier von Weimar wußte wohl, daß verwesende Stoffe einer neuen Vegetation Saft und Kraft geben. Aber der bunte Flor der Blumen und Blüten erfreute doch sein lebensuchendes, auf die Reize des Daseins gestimmtes Auge. Hebbel sah seiner Natur gemäß mehr durch die Erde hindurch – er besaß gleichsam eine Art von Idiosynkrasie für die modernen Gebeine, welche Zeugnisse eines erloschenen Lebens sind. Wenn man will, war er eine ›unglückliche‹ Natur, d. h. eine Natur, die sich von dem Prunkmantel und der Flitterhülle des Lebens nicht täuschen, nicht blenden ließ, für die der große Psalm des Werdens durch das Trauerkarmen vom Vergehen bedingt war. Aber dabei war Hebbel philosophischer Positivist. Die Erkenntnis war ihm alles. Nur in ihr und durch sie wurde er klar und stark. Daß nur die treibenden Grundkräfte, die schaffenden Urelemente in der Persönlichkeit Friedrich Hebbels, die Art seiner Welt: nur Lebensbetrachtung, die Methoden seiner geistigen Arbeit jetzt so deutlich erkennbar sind, verdanken wir – abgesehen von der Biographie Emil Kuhs, die zwar eine der interessantesten deutschen Biographien, aber im ganzen doch zu wenig übersichtlich, zu wenig objektiv und wissenschaftlich ist – zumeist den ›Tagebüchern‹ mit ihrem unvergleichlichen Reichtum von Gedanken, Reflexionen, Aphorismen, Glossen, Sentenzen, Maximen, Urteilen, Betrachtungen, von teils nur flüchtig angedeuteten, teils weiter ausgeführten Motiven und künstlerischen Vorwürfen. Der Drang, zu sammeln, aufzuspeichern, einzuordnen, ist Hebbel mit Jean Paul gemeinsam. Es wird mir schwer, der Versuchung zu widerstehen, hier eine Garnitur dieser seltenen und kostbaren Gedankenjuwelen aus dem zweiten Bande aufzustellen. Aber die Auswahl ist zu schwierig, da der Reichtum zu groß, die Schatzkammer zu reich. Notizen über äußere Lebenszustände, Nachrichten über seine materielle Lage, seine Reisen, über literarische Begegnungen, über die Schicksale seiner Dramen als Bücher oder auf der Bühne, über die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre gibt Hebbel verhältnismäßig selten. Er hatte zu viel mit den Funktionen seines eigenen Mikrokosmos zu tun, mit dessen Erhaltung und Beobachtung, als daß ihm Zeit, Stimmung, intimere Teilnahme und Unbefangenheit des Blicks für Ereignisse übriggeblieben wären, die ihn schließlich nur streiften, den Kern seines Wesens aber weiter nicht berührten. Wohl hat Hebbel in seinen ›Tagebüchern‹ hier und da manches Reizvolle, Anekdotenhafte, manches, das vielleicht kulturgeschichtlich und literaturhistorisch nicht wertlos und unrichtig, niedergelegt, aber aus dem Studium der innern, ideellen, ursprünglich allerdings nicht beabsichtigten, aber mit der Zeit gleichsam nach einem höhern Gesetz gewordenen Ökonomie der beiden starken ›Tagebuch‹-Bände gewinnt man doch unschwer die Überzeugung, daß dem Dichter jene eingesprengten Materialien und Dokumente äußerer Erlebnisse und Ereignisse eigentlich nur Nebensache waren – daß sich vielmehr seine innersten Seelenbedürfnisse in der autopsychologischen Stethoskopie, in der Behandlung ethischer und ästhetischer, intim das Wesen der Kunst angehender Wahrheiten und Irrtümer, in dem Eindringen in metaphysische und geschichtsphilosphische Probleme darstellten. Das Leben mit seinen seltsamen Sprüngen, mit seinen schnurrigen Schicksalsläufen, seinem bunten, verworrenen Auf und Nieder gab für Hebbel eigentlich nur die begleitende Musik zu dem wahrhaftig lukullischen Mahle ab, das er an der Tafel seines Geistes einnahm. Oh! Er war ein Gedankenfürst, ein König im Reiche der Idee, dieser Märtyrer des Lebens, dieser trotzige, verschlossene Dithmarsche, dieser Außergewöhnliche, dieser simple Friedrich Hebbel, der so selbständig geforscht, gedacht und gefunden, der, um nur einige winzige Beispiele anzuführen, ohne Kant gelesen zu haben, schon als zweiundzwanzigjähriger Jüngling die Sätze des großen philosophischen Kritikers über die Idealität von Raum und Zeit, wenigstens ihren Grundbestandteilen nach, fand, der die unanfechtbaren Ausführungen Max Nordaus über die Psychophysik des Genies (in den ›Paradoxen‹) schon fünfzig Jahre früher, 1836, in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen niederlegt! Derjenige, dem es tiefstes Seelenbedürfnis, an den Schablonenschatten des Marktes vorüberzugehen und die Ausstrahlungen einer bedeutenden Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen, wird in der Lektüre der ›Tagebücher‹ einen reinen, seltenen Genuß finden. Jenes pikanten, prickelnden Parfüms, das aus den Blättern gewisser Memoirenwerke schlägt, entbehren allerdings diese Aufzeichnungen. Material für ›Treppenwitze‹ der Welt- oder Literaturgeschichte enthalten sie kaum. Aber sie sind das Dokument eines im großen Stil ausgegebenen Lebens – eines Lebens, dem die Kultur des Geistes erstes Gesetz gewesen. Ob die ›Tagebücher‹ nicht die hervorragendste, eigentümlichste und inhaltreichste literarische Erscheinung der letzten Jahre, ja vielleicht des letzten Jahrzehnts sind? Der Dämon des Neides Ich versuche es wirklich, eine ›Kritik‹ über dieses Buch zu schreiben, womöglich noch eine ›Kritik‹, die sich Mühe gibt, recht ›sachlich‹, recht ›nüchtern‹ zu sein, recht ›korrekt‹? Die mit peinlich sauberer Gewissenhaftigkeit alle Vorzüge und Fehler des Werkes gegeneinander abwägt und dann einen hochweisen Endurteilsspruch zum besten gibt – ich habe auch nur im leise herangezittert kommenden Gedanken die Kühnheit, diesem Buche gegenüber in der kritisch-kühlen ›Contenance‹ bleiben zu wollen? – Dummheit, insipide Einfältigkeit! Mein Gott! Ja! ich weiß: ich bin überhaupt entsetzlich ›subjektiv‹ – alle phlegmatischen Heringsseelentanten und abgeklappert ausgemergelten Objektivitätsorakler, insgesamt ein idiotischer Eisblockklub der nie die Kraft besessen hat, sich von einem seelischen Erlebnisse bis in die letzten, feinsten, dünnsten Kanäle hinein elementar durchspülen zu lassen – sotanes Epidermgesindel räsoniert schon seit Jahren über diese traurige Tatsache – aber heute erst, noch einmal: diesem Buche gegenüber – allerdings! da schrecke ich beinahe selbst zurück vor meiner ›Subjektivität‹ – da – aber nein! ich schreibe keine Zeile weiter – auch heute nicht – dieses schmerzverzerrte Menschenangesicht macht mich schaudern – was? ihr lächelt, ihr grinst womöglich? Laßt's euch gut gehen, Kinder! Ach! Ihr wollt mich zwingen? Seht ihr denn nicht: ich verbohre mich ja nur – ich verbeiße mich ja nur in diese Kritik, um über sie die Erinnerung an ihren ›Gegenstand‹, an das, was sie ›behandeln‹ soll, loszuwerden – nicht? Das ist allerdings eine sehr neue Auffassung von literarischen ›Anzeigen‹, ›Referaten‹, ›Besprechungen‹. Was? Das habt ihr nicht gewußt? Scheint mir allerdings auch so. Wie oft nur habe ich schon angesetzt, um diesen ›Dämon‹ kritisch in irgendeiner Form, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, unterzukriegen – immer wieder preßte ein unheimliches, schwüles, fiebrig zitterndes Fluidum meine Augen über irgendwelche Blätter dieses Buches, die ersten besten, die meine zuckenden Finger aufschlugen: ich sog mich fest, ich las mich fest, ich fand von neuem so ungeheuer viel schmerzlich erlittene Wahrheit, um so schmerzlicher zugeeignete Wahrheit, als ihr Erlebtwerden dabei immer zugleich künstlerisch beobachtet, registriert, für die spätere dichterische Verwendung und Darstellung, die dem berechtigt Schaffenden stets unwillkürlich und unbewußt selbstverständlich sind, gemünzt wurde – ich fand so viel Unheimliches der Seele, das sich gleichsam in alle Poren mit fanatischer Wollust einrieb, einschmierte ... so viel tief Verstecktes mit schmerzlichem Mute ganz durchgefühlt, heraufgeholt, gesagt, verknüpft: daß es mir eben immer wieder unmöglich wurde, mich so weit von dem Buche zu entfernen, daß die für die Kritik notwendige Perspektive dabei herauskam – daß ich immer wieder nur den einen Trost für den armen Dichter wußte, den einen allerdings für Herrn Walloth ebenso wie für mich selber sehr traurigen Trost: ich habe das Buch verstanden, Herr Walloth – ich danke Ihnen dafür – trotz alledem! .. So! Nun wäre ich eigentlich fertig – und darum versuche ich, doch noch etwas ›sachlicher‹, doch noch etwas ›kritischer‹ zu werden. Worauf ich mich nun nicht in aller Behaglichkeit des längeren oder kürzeren einlassen könnte! Da ließe sich eine schwere Menge des buntesten Zeuges vorbringen, z. B. ein Vergleich zwischen Dostojewski (Raskolnikow) und Walloth aufführen – da ließe sich z. B. dieser Herr Bauder im ›Dämon des Neides‹ auf eine Vergleichs- und Übersichtsetagere mit den ›Helden‹ früherer Werke Walloths stellen, z. B. mit Paris dem Mimen, mit dem Gladiator oder mit Herrn Enger aus dem Romane ›Seelenrätsel‹ – da ließe sich z. B. auch ganz ernsthaft die Frage diskutieren, ob Herr Walloth dann nicht immer ›kränker‹, ›pathologischer‹, ›psychopathischer‹ geworden wäre mit der Zeit – oder ob nicht vielleicht das ›Pathologische‹ nur eine Nuance des ›Gesunden‹, des Normalen, Durchschnittsmäßigen ist – ob nicht mit dem Wachsen der Gesichts- und Gehörsschärfe hinsichtlich der Wahrnehmungs- und Reproduktionsfähigkeit von immer größeren Feinheiten und Tiefen der Psychologie nur eine andere Form, eine andere Erscheinungsart individueller Nervendifferenzierung gegeben wäre und damit eben so etwas, wie eine ›Neurose der Gesundheit‹, um mit Nietzsche zu reden? Da könnte man es des weiteren für nicht im mindesten beanstandenswert erachten, daß derartige psychologische Hospitalismen, wie sie in der jüngeren und jüngsten Literatur – und in der deutschen schließlich noch am wenigsten! – haufenweise herumlaufen, gerade modern , gerade dem Wesen einer schwülen, schwangeren Übergangszeit ganz und gar entsprechend sind! Da könnte man fragen, ob es denn wirklich immer noch Narren und Blödsinnsschädler gibt, die sich das ruchlos-groteske Märchen von der ›heiteren‹ Kunst aufbinden lassen? Ob das ›Gesunde‹, ›Normale‹ nicht vielleicht doch nur sehr abstrakt , ein sehr spekulativ gewonnener logischer Begriff und weiter gar nichts anderes sei? Ob wir nicht alle über unser psychophysiologisches Durchschnittsbefinden hinausgehen müssen, nach oben oder nach unten, wenn ein besonders nachdrücklicher Objektreiz uns trifft ... wenn die Pole unserer Gefühlswelt herausgefordert werden? Ob nicht das ›Gesunde‹ nur ein ›Kompromiß‹ sei? Ob wir denn nicht alle unserer sehr wenig sicher seien? Ob es denn nicht vielleicht sehr häufig nur ganz zufälligster Zufall sei, wenn eine ›Idee‹ sich nur individuell und nicht sozial verkrampft – denn leiden wir im Grunde nicht alle an ›fixen Ideen‹? Haben wir ein anderes Mittel, diese ›fixen Ideen‹ persönlich unschädlich zu machen, als den Versuch, sie zu sozialisieren ? Heißt ›leben‹ überhaupt etwas anderes, als sich von einer sozialen fixen Idee, mag sie nun geistigen oder sachlichen Wertes sein, brutalisieren lassen? ... Das heißt: die persönliche, ererbte, atavistische Anlage zu idées fixes einordnen, unterordnen können? Wer das nun aber nicht so eins, zwei, drei vermag? Wer nun à la Rudolf Bauder Neigungen in sich verspürt, die mit den zu legitimen Gesetzen erstarrten Neigungen der Majorität karambolieren? Was dann? Der Richter und der Priester, der Pfaffe, der ›Gesetzeshüter‹ und der Monsieur ›Seelenhirt‹ sind mit ihren Protokollen gar flink bei der Hand! Soll der Dichter, der, sofern er nur ein echter Dichter ist, immer prophetische und verbrecherische Instinkte zugleich besitzt , etwa zurückbleiben? Manchestersportler, bidimensionale Rezeptivgeister – der moderne Jude ist immer nur eine kritisch-rezeptive Flächennatur – fratzen zwar an derartigen, bis zur Komik fadenscheinigen Geschwefeln ganze Popokatepetls – pardon! – zusammen, aber psychologisch recht behalten sie doch nicht. Walloth hat die dumme Angewohnheit, haarsträubend subjektiv, elementar, künstlerisch aufrichtig zu sein, er besitzt die sublimsten Sympathien für alles, was Poesie ist, das heißt: für Gefühle , deren wir uns allmählich bewußt werden – er besitzt überdies ein eminent scharfes und sicheres Tastvermögen für die feinsten und zartesten Ereignisse der Nerven-Psychophysiologie ... Wollte ich Beispiele anführen, müßte ich ganze Blätter aus dem Buche abschreiben. Nur den einen Zug markiere ich ganz kurz: Bauder ist, soweit es ihm gerade momentan möglich ist – denn hier löst sich alles in momentanes Stimmungsleben auf! – mit sich einig darüber geworden, daß er den Carl Unger aus der Welt schaffen will; er objektiviert sich laut sprachlich diesen Gedanken ... und bedauert das – welche psychologische Wahrheit: allerdings! man muß sie an sich selber erfahren und beobachtet haben! – hinterher sofort, denn er weiß, daß er sich mit der ausgelösten Projektion etwas Fremdes, Feindseliges geschaffen hat, dem er sich entgegenstellen muß, was er nur kann, indem er offiziell seine Berechtigung leugnet, wodurch er aber wiederum gegen das Grundmotiv, von dem sein gesamtes Seelenleben zuzeit beherrscht wird, verstößt: der psychologische Vorgang ist, wie man sieht, für den Wissenden ebenso einfach, wie für den kurzsichtigen und schwerhörigen ›Laien‹ verfitzt – und ja! wer wäre in der feineren Psychologie heute nicht noch ›Laie‹, besonders unter dem großen Publikum, dem unsere schweinsledernen Fabulantenschwerenöter jahrzehntelang so viele – Oberflächen gezeigt haben?! Wer wäre da nicht ›Laie‹? Ach! Gegenüber dieser nur zu korpulenten Tatsache Mut und Hoffnung zu behalten, will viel, will sehr viel sagen ... Nun! Wir werden uns nicht daran irre machen lassen: wir werden fortfahren, ›pathologisch‹ und ›psychopathisch‹ zu sein, wir besitzen die Kraft zu dieser Fortsetzung, wir haben eine kleine Ahnung von den Gesetzen der Nervenpsychophysik, wir wissen, daß das ›Gesunde‹ nur ein bestimmter Ausdrucksgrad des allenthalben positiven Abnormen ist – wir wissen Bescheid über das philosophische Problem vom Verhältnis des Objekts zum Subjekt und über das ethisch-ökonomische Problem vom Verhältnis des Individuums zum sozialen Verbande ... wir sehen in der ›Kunst‹ lieber ein Hospital, denn eine Apotheke – denn wir haben nur ein Ideal: Inhalt zu geben, Wahrheit zu geben, nicht Form, nicht Pathos – alles Pathos ist komplementär – nicht Surrogat, nicht Lüge, wohl aber Ursprünglichkeit, Impression, Intuition, begriffenen, erlebten, erfüllten Atavismus, Luxus im letzten Grunde, denn alle Kunst ist Luxus ... Auch Walloth gibt nur Wahrheit, unendlich verfeinerte, durchgesiebte, individualisierte Wahrheit. Aber von welcher heiß vibrierenden Atmosphäre werden nicht diese Millionen wie berauscht, betäubt, wie irrsinnig schwingender und doch zum psychologischen Sonderleben verselbständigter Atome umarmt, umgürtet, zusammengehalten! Im erotischen und im finanziellen Problem: in beiden hanget ja unser ganzes ›Gesetz‹ und sämtliche Herren ›Propheten‹ älterer und neuerer Ausgabe hangen dazu in beiden. Das finanzielle Problem, in ihm die soziale Erweiterung und Ausmündung: auch sie findet der Wallothsche Roman in der Schilderung des Näserschen Familienschicksals. Die Abgründe des sexuellen Problems – aber pardon! – ›Abgründe‹: es sind ja nur die primitivsten, selbstverständlichsten Seiten der Sache, die wahrheitsgemäß zur Sprache kommen: sie also erhalten eine größere, vertieftere Berücksichtigung, eine peinlichere Herauspräparierung, wie sie dem gewählten Motiv nur entspricht. Der Ehrgeiz Bauders, dieses im Grunde sehr harmlosen, gutmütigen Gefühlsmenschen; der Umstand, daß die Erkenntnis seiner Talentlosigkeit (als Maler) ihn umwirft, sein Neid infolgedessen auf Unger –: nun! Das sind ja für den Wissenden nur sekundäre, durchaus keine primären seelischen Erscheinungen, das ist ja nur angewandte Magendialektik oder angewandter Sexualismus – was Walloth auch tausendmal sehr fein psychologisch ausführt und darlegt. Die Szene zwischen Ottilie und Emilie, wo letztere der ersteren gewisse Mitteilungen macht ... und Ottilie zum ersten Male gewisse Eigentümlichkeiten des Lebens sehr nachdrücklich in die Hand gedrückt erhält; Bauders Unterhaltung mit dem Fleischerburschen, die Schilderung des Schlachthauses; Bauders Besuch bei Karoline, die in einer nicht gerade gewöhnlichen Verfassung von ihm auf dem Boden liegend gefunden wird; sein Gang zum Tode mit Emilien –: ja! dieselbe Plastik hätten allen diesen Szenen vielleicht auch andere geben können, aber dieses wie von der Todesangst gehetzte und gepeitschte, wie aufstöhnende Rollen und Strömen über und unter allem; dieses schwüle, braune, flirrende Kolorit; dieses ganze, unheimlich feinfädige psychologische Herüber und Hinüber; diese elementaren Interjektionen; dieses verzweiflungsvolle Sichschütteln eines Halbgelähmten; dieses irre Phosphoreszieren; diese ganze unmittelbare Gefühlspoesie : ich glaube, alles das vermochte vorläufig in dieser Fülle und mit dieser Wahrheitskraft nur Walloth so aus sich heraus zu projizieren, weil vielleicht nur er es in dieser Fülle, in dieser herben Schmerzenswahrheit erlebt hat ... Soll ich nun auch noch sagen, was ich an dem Buche ›auszusetzen‹ hätte? Soll ich ein Dutzend Stilnachlässigkeiten oder Bilderschiefheiten ›festnageln‹? Soll ich die stellenweise unglaubliche Interpunktion glossieren? Soll ich Aufbau-Schwächen rügen? Soll ich bedauern, daß der Roman ›gedanklich‹ so gut wie gar keinen Inhalt hat –? – Ich sehe das Gesicht Rudolf Bauders vor mir .. ich rücke noch einmal dieses verwaiste, verstoßene, isolierte Schicksal, das sich erfüllen mußte ... und das ich nie vergessen werde ... dicht an mich heran – und ich verhülle mein eigen Gesicht – ich weiß ... und schweige – F. M. Dostojewski Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski 1821 (in Moskau; am 30. Oktober) geboren wurde, stand die russische Literatur, so, wie sie sich heute aus der Perspektive der Gegenwart auf die Vergangenheit gliedert, gleichsam im Zeichen Puschkins. Am 27. Januar 1837 fiel Puschkin, 38 Jahre alt, im Duell mit dem Baron d'Anthés-Heekeren. 1880, beim Puschkin-Fest in Moskau, hielt Dostojewski seine berühmte ›Rede auf Puschkin‹, der ›Realist‹ feierte, apotheosierte also den ›Romantiker‹. 1873 hatte Dostojewski sein ›Tagebuch eines Schriftstellers‹ begonnen, das drei Jahre lang in der Wochenschrift ›Der Bürger‹, herausgegeben vom Fürsten Meschtscherski, erschien, 1876-77 aber in Sonderausgabe periodisch herauskam. Später erschienen nur noch zwei Nummern von diesem Journal. Das einzige 1880 publizierte Exemplar brachte die oben erwähnte Rede auf Puschkin, die Schlußnummer wurde in der Todeswoche Dostojewskis ausgegeben. Rußland war von einem doppelt schweren Unglück heimgesucht: es hatte seinen bedeutendsten Schriftsteller verloren: den schöpferisch-künstlerischen Geist, welcher den Gipfelpunkt seiner literarischen Entwicklung ausmachte und ausmacht – einen Größeren wird Rußland nie wieder gebären ... Tolstoi? Doch auf das Verhältnis Tolstois zu Dostojewski werde ich noch zu sprechen kommen – und Dostojewski war hinweggegangen, ohne daß er seinen Roman ›Die Brüder Karamasow‹ hatte beendigen dürfen. Welches ist das größere Unglück für Rußland –: der Tod seines ersten Schriftstellers überhaupt – warum hätte der Sechzigjährige nicht noch zehn Jahre leben können, um sein Vermächtnis abzuschließen imstande zu sein? – oder eben die Tatsache, daß die Phänomenologie des russischen Volksgeistes nur ein Fragment, wenn auch ein großes, über alle Begriffe bedeutsames, selbst in seiner Bruchstückhaftigkeit unerreichbares Fragment geblieben ist? Aljoscha, dieser jüngste Sohn von Fjodor Pawlowitsch Karamasow, der eigentliche ›Held‹ des ›Romans‹ – ach! alle in der Tat gewaltigen Bücher kümmern sich ja den Teufel um die ästhetisch abgezirkelte Definition und abgesteckte Rubrik des Begriffes ›Roman‹! – also dieser Aljoscha – ja! wenn ihn Dostojewskis sanft zwingende Heilshand bis zu der Stätte hätte leiten dürfen, wo sich alles im Mitten- und Kuppenpunkte erfüllen sollte, was gewollt, angesponnen, begonnen, beabsichtigt war: ich glaube, es wäre dabei schließlich für Rußland und somit für das ... spätere Europa ein anderes Kulturideal, ein anderes Zukunftsideal, eine andere Entwicklungsgarantie herausgekommen, als noch diejenige war, welche Wersilow (›Junger Nachwuchs‹) vierzig Jahre früher besaß – dieser Wersilow, der sich jenen ›tausend Köpfen‹ beizählte, die das damalige russische Bildungsideal repräsentierten: nämlich echte ›Europäer‹ zu sein ... Eine Woche vor Dostojewski war in Moskau Alexej Pissemski gestorben, der Autor der Romane ›Das aufgeregte Meer‹, ›Im Strudel‹, ›Der Weichling‹ u. a. Von Puschkin, Lermontow geht der Weg über Gogol zu den ersten Trägern der ›natürlichen Schule‹, zu Turgenjew, Gontscharow, Pissemski, Grigorowitsch, Dostojewski, Nekrassow, Saltykow-Schtschedrin. Im gleichen Alter wie Puschkin starb halbverhungert 1848 Belinski , der erste Kritiker und Essayist Rußlands, der Pfadfinder, Pionier, Begleiter der neuen Strömung – Wissarion Grigorjewitsch Belinski, von dem noch keine einzige Zeile ins Deutsche übersetzt ist! Nicht? Das läßt wahrhaftig wieder einmal sehr ›tief blicken‹ ... Das läßt denn doch die Vermutung wach werden, daß das Interesse des deutschen Publikums für russische Literatur, welches augenscheinlich wirklich vorhanden ist, auf andere Instinkte und Bewußtseinsmächte zurückgeht, als es zurückgehen dürfte, wenn es wirklich rein und tief wäre, echt wäre, d. h. wenn man das Bedürfnis empfände, in das organische Gefüge der Geistesentwicklung Rußlands in diesem Jahrhundert einzudringen ... Man muß einmal selbst den glühenden Enthusiasmus, mit dem ein junger, gebildeter Russe an seinem Belinski hängt, erlebt haben, wenn man das Bedauern darüber, daß dem größten Teil des deutschen Publikums, der noch kein Russisch versteht, die Pforte zu diesem Schatzhause verschlossen bleibt – wenn man es ganz mitfühlen will ... Dobroljubow , nach Belinski der andere Hauptliebling der russischen Jugend, der geniale Ausleger des Dramatikers Ostrowski, starb 1861 – 25 Jahre alt! Ja! Es lastet eben auch über Rußland ein Verhängnis, das die Entwicklung der besten Kräfte hemmt, in der Regel zu früh ganz bricht ... Nikolai Pomjalowski , mit Uspenski (dem ›Homer des Proletariats‹) und Zlatowratski der am ursprünglichsten und reichsten beanlagte Erbe Gogols, insofern dieser (in seiner Sammlung ›Der Newski-Prospekt‹), wenn man von den Versuchen Narjejnys absieht, der Begründer einer belletristischen Physiologie des Proletariats ist – Pomjalowski starb 1863 – 26 Jahre alt! Die Beispiele ließen sich bequem vermehren. Wir haben erst kürzlich mit Trauer den frühen Tod Garschins erfahren, der wohl der erste unter der jüngsten Schriftsteller-Generation Rußlands war ... Allein! die Gründe, warum einem in Rußland die Götter so unheimlich ihre Liebe durch Verordnung eines Todes in der Jugend beweisen – sie sind doch ganz anderer Natur, als – nun! nehmen wir das Nächstliegende, nehmen wir Deutschland – als sie mithin bei uns sind ... In Rußland kommen die neuen Talente vom Adel oder vom Proletariat her – in Deutschland werden sie in der Mehrzahl von der Bourgeoisie produziert – der Bourgeoisie, welche es allerdings in dem Sinne wie bei uns oder in Frankreich in Rußland nicht gibt ... In Deutschland ist die Bourgeoisie die Trägerin der Kultur – und doch scheint es deutsch-nationales Hausgesetz zu sein, daß sich die Kultur gegen den Willen ihres Repräsentanten entwickelt ... Ich werde darauf bei anderer Gelegenheit näher zu sprechen kommen. Übrigens sind das ja auch ganz klare geschichtliche Tatsachen. Man kennt z. B. die Bücher Karl Hillebrands über Frankreich, über das provinzielle Frankreich. Aber schließlich ist eben Paris Frankreich – und Frankreich Paris. Und in Paris war man immer bewußt für die Kultur. Jedoch! Was sollte sonst der Deutsche mit seinem p.p. ›Dreißigjährigen Kriege‹ anfangen. Ach! dieser arme Dreißigjährige Krieg! Er ist das große Kamel, dem der deutsche Philister seit fünfzig oder hundert Jahren alles Bedenkliche aufpackt ... und natürlich schließlich sich selber, um vergnügt schmunzelnd mit perfider Geduld und Konsequenz durch die Wüsten seines eigenen Stumpfsinns und seiner Gleichgültigkeit zu hökern ... Und da gäbe es gar keine Oasen in dieser Wüste –? Aber warum nicht? Auch der Deutsche besitzt seine ›Ideale‹, besitzt noch ›Ideale‹, meinetwegen wieder ›Ideale‹, auch der Deutsche von heute, der ›moderne Germane‹ ... z. B. das des ›Reiches‹. Allein ein Achtzehnjähriger, meine ich, macht doch um diese Zeit schon andere Potenzen mobil, sofern er nur einigermaßen gesund, paarungskräftig, dauerhaft angelegt ist ... er liest keine ostafrikanischen Negerromane und Räubergeschichten mehr – und wenn ihm auch ein ›forsches, schneidiges Auftreten‹, ›Patenz‹, Sporengezwitscher und krumme Säbel immerhin einen Fingerhut voll Vergnügen bereiten sollen, so ist das doch nur mehr äußerlich, nur mehr nebenbei – mit achtzehn Jahren wird das Individuum – ich setze natürlich nicht gerade eins unter Null voraus – dynamisch, eigentümlich, selbständig, innerlich, verinnerlicht, seine ›Ideale‹ wachsen von der Epidermis, der Peripherie her dem Mittelpunkte zu ... Das Ideal des ›Reiches‹ ist nur ein formales – aber der deutsche Philister, der deutsche Bourgeois ist heidenfroh, daß er nun aufwarten kann, sollte es wirklich noch jemandem einfallen, ›ideale Forderungen‹ einkassieren zu wollen .. Der Deutsche ist ›politisch mündig‹ geworden – ja wohl! Ecce homo! Aber man heizt doch nur ausnahmsweise den Ofen, der in einem leeren Zimmer steht ... Der Geist des neuen Gottes, den wir, die einen meinen: versuchsweise, die andern: ›auf immerwährende Zeiten‹, eingesetzt haben, er brütet mir etwas zu lange über den Wassern ... Man hört: die Stimme eines ›Unzufriedenen‹ ... So einer die Romane Dostojewskis genauer kennt, d. h. wenigstens seine besten Sachen gelesen hat – nicht? wir haben doch eine prachtvolle ›sachliche‹ Terminologie! – so weiß er, daß Dostojewski es wagt, selbst so weit naturwahr zu sein, daß er seine Menschen bei allen möglichen Gelegenheiten, zumeist aber an für sie sehr wichtigen, entscheidenden Punkten, scheinbar, d. h. wirklich Überflüssiges, Nebensächliches, Abliegendes nicht nur sagen, sondern sogar mit auffallender, vorspringender, kopfnickender Betonung sagen läßt ... Dostojewski liebt, um auf eine seiner ersten, interessantesten Eigentümlichkeiten aufmerksam zu machen, breite Beichtszenen : ich nenne z. B. aus dem ›Jungen Nachwuchs‹ die Aussprache zwischen Wersilow und Dolgoruki (III. Band, 7. Buch), eben das Kapitel, wo der Typus eines ›echten Europäers‹, wie er vor einem halben Jahrhundert von der älteren Generation in Rußland definiert wurde, gezeichnet wird – oder die Geständnissippe, die (in den ›Brüdern Karamasow‹) Mitja, die brutal-wollüstig-sentimental-idiotische Bestie, seinem Stiefbruder Aljoscha macht – oder die geradezu unheimlich meisterhaft dargestellte Souperszene in ›Die Erniedrigten und Beleidigten‹ (vorzüglich verdeutscht von Konstantin Jürgens), wo Fürst Walkowski vor Wanja seine Karten mit perfid-empfindsamem Zynismus aufdeckt ... vor diesem Wanja, der mit seinem scharfen Realistenauge den Kerl, der als Schurke halb Virtuose, halb Dilettant, vom ersten Augenblick an durchschaut hat ... In sotanen Beichtszenen also, in den Konfessionsaventiuren solchen Stils geben die betreffenden, vom Dichter gerade auf die Bühne gerufenen Personen redlich viel nebensächliches, unwesentliches Zeug zum besten – warum? Haben wir den Epiker vor uns im Zustande seines künstlerischen Deliriums? Oder genießen wir die Wirklichkeit, wo alles Kausalität, also erlebter Zufall, erlittene, ›begriffene‹ Begegnung ist –? Wo alle Assoziationen – Gedanke und Wort in eins gesetzt – zwanglos, ungehemmt hinströmen ... und um so freier und zwangloser, je ›zerstreuter‹, mithin je gesammelter einer ist –? Ich glaube, Dostojewski wäre noch viel unglücklicher gewesen, wenn er von Natur zum Lyriker oder Dramatiker, nicht zum Epiker geraten wäre ... Ein echter Epiker ist immer ein wenig Phlegmatiker, er liegt lieber auf der Bärenhaut, er findet, indem er daliegt und wartet, indem er nicht selber sucht – er läßt alles an sich herankommen ... und es kommt auch in der Regel alles ... es kommt auch alles zu ihm hin ... Das ist dann sein ›Glück‹, sein ›Schicksal‹ ... Wie hätte Dostojewski sonst manchmal auffahren müssen vor Wut, wenn man ihn einen ›feinen‹ ... oder sogar einen › sehr feinen Psychologen‹ zu titulieren gewagt hat! ... Man hat's ja oft genug getan. Tausendmal hat sich die europäische Kritik, die doch in ihrer Masse ebenso taubstumm wie staubdumm ist, mit solchen meuchlerischen Abfindungsblutegeln an ihm gerächt – dafür, daß er ein Genie war, also selbstverständlich ein Psychologe, ein Wissender, ein Herzenskundiger, ein Seelenkündiger, ein Clairvoyant , ein Lächelnder ... Doch! um noch einmal und noch einmal auf das bemitleidenswerte ›Überflüssige‹ zu kommen –: nicht wahr? hier wird's ›Ereignis‹, hier wird's ›Erlebnis‹, will sagen: Ventil – denn wir würden ja alle ersticken, wenn der Saal, wo wir in entscheidenden Augenblicken unseres Lebens mit Quintessenzen, mit Polartendenzen unserer Natur konfrontiert werden – wenn dieser Saal keine Ventilationsanlagen besäße ... ja! wir erstickten alle ... Darum dieses ›Überflüssige‹, dieses Ventil: es wird wohl oder übel einmal Selbstzweck, es wird als identisch gesetzt, es wird ›Gleichnis‹, Symbol ... Ich war oben von russischen Entwicklungsproportionen allmählich auf deutsche psychologische Geschichtstatsachen zu sprechen gekommen, hatte also allen Ernstes beinahe eine ›ungehörige‹ Abschweifung gemacht ... Und doch nicht. Ich habe Dostojewski selber auf meiner Seite. Am Schlusse der Einleitung zu den ›Brüdern Karamasow‹ heißt es: ›Das ist meine ganze Vorrede. Ich bin durchaus einverstanden damit, daß sie überflüssig ist; da sie nun aber einmal geschrieben ist, mag sie auch stehn bleiben.‹ Eine entzückend psychologische Definition der Epik – um so entzückender, als sie so unscheinbar, so zufällig, so ganz im Bagagetrain des Reichtums verpackt auftritt ... Dasjenige, in welchem wir die Achse unserer Natur erkannt zu haben glauben, bejahen : wir wollen es alle wohl, aber wir vollziehen dieses Bejahen doch nur, indem wir jene Achse nach Kräften zu verneinen suchen. Das nennen wir dann ›leben‹. Damit stigmatisieren wir uns aber auch als Träger, wenn wir durchaus wollen: als ›Opfer‹ von ›fixen Ideen‹ – es muß einer wahrhaftig schon einen breiten, soliden Rücken haben, wenn er sich eine tüchtige, respektable ›fixe Idee‹, die sich sehen lassen kann, aufladen will ... Gewiß! Auch die Psychopathiker haben ihre Klassen und Ordnungen. Aber vielleicht ist das ›Gesunde‹ überhaupt nur ein Kompromiß, ein abstrakt-spekulativ gewonnenes Durchschnittsmittel ... Dostojewski kennt die Menschen –: ob er nichts weiter getan hat, als es sich künstlerisch ›leicht‹ gemacht, wenn er sie am Kanthaken ihrer ›fixen Ideen‹ gepackt? Überblicken wir die ganze Galerie seiner Figuren: wer macht die Überfracht aus: die Mittelschlagswesen oder die Sippe der ›Sonderlinge‹, der ›Originale‹? Wir finden unter den letzteren allerdings, um nur die nächsten Namen zu nennen, einen Raskolnikow, einen Dolgoruki (›Junger Nachwuchs‹: sehr tendenziös übersetzt – die wörtliche Übertragung des russischen Titels lautete ›Der Jüngling‹), einen Fjodor Pawlowitsch (›Brüder Karamasow‹) einen Makar Alexejewitsch Dewuschkin (›Arme Leute‹), einen Stepan Trofimowitsch (›Die Besessenen‹), der Held der kleinen, ergreifend schönen Skizze ›Helle Nächte‹ (›Erzählungen von F. M. Dostojewski‹, übersetzt von W. Goldschmidt, Reclam), stellt sich seiner Nastenka selbst als ›Original‹ vor ... Dostojewski ist mithin der Dichter der Klinik, des Spitals, des Irrenhauses, er ist Pathologiker: es liegt auf der Hand. Wer einen ›Raskolnikow‹ schreiben kann, der – es liegt abermals auf der Hand. Ich hätte im Grunde nichts gegen diese Anschauungen – denn es sind eben auch Anschauungen, also erklärbar, also verzeihbar und sonst höchstens nur noch zu brutalisieren, wenn sich eine höhere Gewalt dazu findet – möchte aber noch bemerken, daß dem Dichter bekanntlich nichts Menschliches fremd zu bleiben hat, womit nicht gesagt sein soll, daß ihm allzuviel Menschliches allenthalben passieren darf ... Aber um die ›Sittlichkeit‹, die ›Wohlanständigkeit‹, um das ästhetisch gerade noch ›Zulässige‹ oder schon ›Unzulässige‹ hat sich der Teufel zu kümmern. Dostojewski ist Natur, er rehabilitiert die Natur in den Menschen, d. h. er stellt sie rein dar, wo er sie rein findet: man vergleiche hier in erster Reihe das Menschenpanorama, das er in seinen sibirischen Kulturbildern ›Aufzeichnungen aus einem Totenhaus‹ entrollt – oder er findet sie, die Natur, eben entstellt, verzerrt, verbildet – und er führt dann seine Figuren gern in Situationen, selbstverständlich ohne alle ›moralische‹ Tendenzsteckenpferderei, wo der Widerspruch zwischen Maske und eigentlichem Gefühl haarsträubend scharf herausspringt ... Dostojewski ist Menschendarsteller , zunächst weiter gar nichts. Nun, ich stände jetzt davor, wenn ich wollte: ich könnte wieder einmal eine kleine Untersuchung darüber anbändeln, wie weit der Dichter ›subjektiv‹ bleiben darf – wo, wann und in welchem Stärkegrade er ›objektiv‹ sein muß ... wo er sein ›Temperament‹ zu zügeln hat, wo er ihm freien Lauf lassen darf? Ich hüte mich, diesen ›objektiv-sachlichen‹ Erörterungen heute in die offenen Arme zu fallen. Jedenfalls ist Dostojewski von seinem ersten Romane an bis zu seinem letzten, also von dem 1846 erschienenen Buche ›Arme Leute‹, das Belinski sofort aufmerksam machte auf den jungen Realisten, bis zu den ›Brüdern Karamasow‹, zugleich ebenso ›subjektiv‹ wie ›objektiv‹ geblieben –: ›subjektiv‹, insofern es seine besondere Art, seine Stärke, damit auch seine Einseitigkeit war, im Menschen nur schlechthin den Menschen zu sehen, zwar als Produkt bestimmter Verhältnisse, aber in der Hauptsache doch als Individuum, das sich in einem bestimmten Prozesse auseinandersetzt – ›objektiv‹ insofern, als er nie persönlich-private Kapriolen für oder wider irgendwelche seiner Figuren macht, als er nie aufdringlich tendenziös, bekehrungswütig, empört, gallig, verbissen, mithin: unkünstlerisch ist, zwar seine besonderen Sympathien für eine gewisse Menschensorte, eben für ›arme Leute‹, für Proletarierexistenzen oder für jugendliche Va-banque-Spieler des Lebens, für nervös-ekstatisch-idiotische Naturen (Raskolnikow, Ordynow in der Erzählung ›Die Wirtin‹, Aljoscha in ›Erniedrigte und Beleidigte‹ u. a.) besitzt, jedoch auch mit derselben episch-reservierten Liebesfülle und Teilnahme Charaktere aufnimmt, nachschafft, ausgestaltet, die a priori schon zu gleichmäßig kombiniert waren, als daß sie nicht schon vom ersten Stadium ihrer breiteren Entwicklung an gewisse eigene Neigungen für die Ausbildung besonderer, individueller fixer Ideen der Summe von fixen Ideen , welche die Allgemeinheit , die Gesamtheit besitzt – wenn man nicht geradezu sagen will, daß die letztere durch die ersteren überhaupt in ihrem Dasein bedingt wird – hätten überantworten müssen. Sintemalen eben man näher zusieht, man allenthalben größere oder kleinere Gefüge von ›fixen Ideen‹ entdeckt, als deren Träger sogenannte ›Menschen‹, Gruppen oder einzelne, vereinzelte Individuen, figurieren ... Diese Beobachtung hat Dostojewski sehr früh gemacht. Unsere Sprache, unsere Ausdrucksweise ist ja nur relativ, resultativ nur als Kompromiß. Das, was direkt aus der Sphäre des im sozialen Verbande Verwendbaren herausfällt, nennen wir ›abnorm‹. Je leichter wir – und der Grad dieser Leichtigkeit hängt ganz von der Zusammensetzung und der Funktionsart des Individuums ab – unsere besonderen ›fixen Ideen‹ sozial rubrizieren, subsumieren können – und schließlich ist die Ausübung jedes ›Berufes‹ z. B. auch nur eine ›fixe Idee‹, eine Kaprice: ich bin überzeugt, daß wir eines Tages in der Tat eine ›Philosophie der fixen Idee‹ haben werden ... wir müßten dazu allerdings erst etwas weiter in der Gehirnmechanik, der Nervenphysik, der gesamten Psychophysik sein – also je leichter wir uns einordnen, unterordnen, um so ›gesünder‹, also um so weniger ›gefährlich‹ sind wir ... Ob einer ein Pedant ist und es nicht sehen kann, daß ein Buch aufgeschlagen auf dem Tische liegen bleibt ... oder daß ein Rouleau schief hängt – oder ob er es sich in den Kopf setzt, eine alte Hexe aus irgendeinem Grunde ad absurdum mortis zu führen: das ist doch am Ende, die Qualität des Geistes betrachtet, ganz dasselbe – nur die Intensität ist eine andere ... Wir Deutschen fangen ja eben erst an, Psychologen zu werden, Labyrinthe zu entdecken, wo wir hundert Jahre lang, mit verdammt wenigen Ausnahmen, nur sehr einfache, übersichtliche Lokalitäten à la Heuscheunen, Tanzböden, Schlafzimmer, Ritterburgkemenaten, Kasernenbuden, Kirchenschiffe und Viehställe gesehen haben ... Wir haben z. B., um nur einen Fall zu erwähnen, erst vor kurzem entdeckt, daß sogar auch der in der Belletristik so gern in Anwendung gebrachte junge Gelehrte, Privatdozent, Bibliothekar usw. so etwas wie einen Leib besitzt ... Und woher kommt das? Unsere Schriftsteller haben bisher immer nur entweder Menschen auf Ideen gezogen ... oder sie haben ›gedichtet‹, weil sie eine Liebespointe auf dem Herzen hatten, respektive unter dem Herzen trugen, die sich absolut ... entleiben wollte ... oder sie hatten das direkte Delirium des Fabulierens, die Pêle-mêle -Speise der Situationsverzwicktheit war ihnen Selbstzweck .. oder sie hatten sich viertens am Alkohol des historischen Kostümbildes berauscht ... Gogol (1809 bis 1852) entdeckte schon in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts das Petersburger Proletariat – Nikolai Wassiljewitsch Gogol, der Begründer der neueren Literatur in Rußland ... Die deutsche Prosa-Epik ist zu Fünfsechstel gerade wie die deutsche Dramatik bis heute abstrakt gewesen –: die russischen Talente stehen schon seit sechzig, siebenzig Jahren unmittelbar im Leben, sind konkret . Jawohl! Sie gingen von der Armut, dem Elende, der Not, der Enge aus – und die Armut, das Elend, die Not, die Enge: sie schaffen keine ›idealen‹ Menschenbilder, wohl aber kleine, verkümmerte, verschüchterte, wortkarge, zerdrückte, angequetschte, armselige, verrenkte, feige, boshafte, verbissene, heisere, zischelnde Kreaturen ... Nun! Ist das etwa nur eine Spezies? Finden wir etwa in den ›besseren‹ Ständen auch nur einen ›ausgeglichenen‹, einen ›harmonischen‹ Menschen –? Sind wir vor dem Spiegel des ›Ideals‹ nicht etwa alle Karikaturen, also in Wirklichkeit, also im Leben? Die russischen Schriftsteller haben seit hundert Jahren den Mut des Sehens gehabt – freilich! ihre Verhältnisse mögen sie dazu gezwungen haben, aber das kommt hierbei nicht in Frage ... wir entwickeln eben erst unseren Blick – kein Wunder! unsere Poeten und Wortkünstler kamen fast alle von der Bourgeoisie her und schrieben für die Bourgeoisie ... Wir haben geträumt, wir haben das Leben nicht gekannt, wir wuselten herum im Abrahamsschoße des Abstrakten, des ›abgezogenen Ideals‹ – bis dato war der Philister ganz damit zufrieden, daß die ›soziale Frage‹ eine ›brennende‹ war; konnte er sich doch seine Zigarre an ihr anzünden ... Das ist nun allerdings vorbei, ich meine: die Zeit derartiger ästhetisch-praktischer Kriterien ... Das Leben hat uns mit brutaler Faust auf das Leben selber gestoßen: nun schreien wir auf, wir spektakeln, wir werden unartig, höhnisch, ›anrüchig‹, boshaft, also tendenziös ... Dostojewski fällt es nicht im Traume ein, tendenziös zu sein, korrigieren, verbessern, reformieren zu wollen ... Er ist Künstler, er kennt die Menschen, ihm fehlt aber auch das Temperament nicht, keineswegs. Nur stellt er sich damit nicht in die Schießbude des Bußpredigers, er nimmt sich keine Ziele ... Er ist Epiker , er erzählt, stellt dar, all sein Temperament setzt er in lebendiges Menschenblut um, das er seinen Figuren einflößt, er opfert es nicht dem Moloch einer besonderen, bestimmten, tendenziösen Idee, er schafft keine Anklage-Literatur, keine Notwehr-Literatur ... Daß sich nachher seine Werke zu einem Ganzen zusammenschließen, das als solches eine Idee ausstrahlt, ein ›Ideal‹ verkörpert –: ja! das ist eben nicht anders möglich, insofern es eine Eigenschaft des Geistes ist, das Neue auf ein Früheres zu beziehen, das Kleinere auf ein Größeres, das Unum auf ein Plus , das Eine, Einzelne unter der Optik eines Ganzen zu sehen ... Diese Beziehungs- und Rubrizierungsfäden knüpft nachher die Kritik – und so hat denn auch Dostojewski, dieser sarkastisch-warmherzige Liebhaber seiner Kunst; dieser Mann, der von den Naturen ausging, die ›erschreckt und eingeschüchtert‹ sind (›Arme Leute‹); der wußte, daß auch die gebrochenen, halbidiotischen, stammelnden, nervös-brutalen Menschenkinder wirkliche Menschenkinder sind; der wußte, daß sich diese, daß sich ähnliche Qualitäten allenthalben fanden und finden, sofern man nur das Sein vom Schein zu enthüllen vermag – so hat denn auch Dostojewski, sage ich, unter den führenden Instrumenten der Kritik unendlich viel zu dem großen Emanzipationskampf beigetragen, der in den mittleren Jahrzehnten in Rußland gekämpft wurde ... Mit welchem süffisant-verbissenen Pathos würde ein Deutscher ein Buch wie ›Aufzeichnungen aus einem Totenhaus‹ – Dostojewski hat selbst vier Jahre in Sibirien auf der Strafstation gelitten – ausgestattet haben! Allein mit welcher überlegenen Ruhe, durch die nur so etwas wie eine tiefgeheime Trauer hindurchzittert, wie ein unendliches Mitleid mit den ›Unglücklichen‹: denn nur als solche gelten bei allem Volke in Rußland die Sträflinge, zeichnet Dostojewski seine Gestalten: einen Issaj Fomitsch, den Tscherkessen Alej, den Idioten Ssuschilow, einen Lutscha, Bakluschin, Akim Akimytsch, Petrow, den Branntweinpanscher Ossig und viele andere ... Es ist nur selbstverständlich, daß er mit feinfädiger Psychologie den Wert, die Herrschaft der Kopeken im Zuchthause analysiert ... daß er die Würde, die Steifheit, Pedanterie der Gefangenen; das Verhältnis des Proletariats zum adeligen Sträfling; die Skala der singulären Freiheitsbegriffe; die Seligkeit des Branntweinrausches; das Schimpfen zum Zwecke, sich zu zerstreuen; die ›Unglücklichen‹, die ›sich selber sortieren müssen‹, bei der Arbeit, bei der befohlenen und der verbotenen, schildert ... daß er sich mit dem Problem vom ›bösen Gewissen‹ beschäftigt; das interessante Moment, um nur noch dieses zu erwähnen, feststeckt, inwiefern die Gefangenen damit einverstanden oder nicht einverstanden sind, daß man sie fürchtet ... Nur Szenen, nur Bilder gibt Dostojewski in diesem Buche ›Aufzeichnungen aus einem Totenhaus‹ (1862 erschienen) – mehr ›Künstler‹ ist er vielleicht in den kleineren Novelletten, wie ›Die Wirtin‹, ›Helle Nächte‹ – eine Skizze wie ›Der ehrliche Dieb‹ vermöchte ihm höchstens ein Neruda nachzuschreiben ... Wie geschlossen, wie lapidar komponiert ist andrerseits ein Roman wie ›Erniedrigte und Beleidigte‹ , ganz zu schweigen von ›Raskolnikow‹ , dessen großartige Architektonik einem immer mehr aufgeht, je mehr man sich in ihn hineinlebt und versenkt ... Allerdings hängen die ›Brüder Karamasow‹ und ›Junger Nachwuchs‹ um vieles lockerer im Einbande. Man hat es Dostojewski zum Vorwurf gemacht, daß er in den letzten Jahren seines Lebens starke slawophile Tendenzen besessen hätte ... daß er in religiöser Beziehung immer ›mystischer‹ geworden wäre ... Ich müßte eine ausführliche Genese der gesamten Geistesentwicklung Rußlands in diesem Jahrhundert geben, wollte ich psychologisch einigermaßen verständlich machen, wie Dostojewski dazu kam, seinen Aljoscha (›Brüder Karamasow‹) zum Träger einer slawo-russischen Kulturidee zu entwickeln ... Ich muß mich hier wegen Raummangels dieser Auseinandersetzung enthalten – wie ich denn aus demselben Grunde leider darauf verzichten muß, Dostojewski schlechthin als Schriftsteller, als Künstler einmal auf ein Perspektivplateau mit Cervantes, Goethe, Poe, Flaubert, Zola, Björnson, Ibsen, Kjelland zu setzen ... Als Epiker kann neben Dostojewski ja heute nur noch Tolstoi in Frage kommen. Tolstoi ist durch seine Schrift ›Worin besteht mein Glaube?‹ in der letzten Zeit sehr bekannt geworden in Europa. Dostojewski hat seinen Aljoscha zum Träger des Ideals einer ›geistigen Kirche‹ emporführen wollen, Tolstoi ist in der erwähnten Schrift auf die ›reinen‹ Lehren Christi zurückgegangen. ›Man soll dem Übel nicht mit Gewalt widerstehen.‹ Haben wir in Tolstois Buche mehr als ein ›Traktat‹ vor uns –? Wohl doch. Schon Friedrich Nietzsche hat auf die Verwandtschaft von einigen Dostojewskischen Romanfiguren mit den Gestalten des Neuen Testaments hingewiesen. Ich formuliere meine Anschauung über das Kultur- und Rassenproblem, welches hier vorliegt – und es spitzt sich zu einem volkspsychologisch-nationalökonomischen Probleme, durchaus nicht zu einem ethischen zu, wie man auf den ersten Blick glauben möchte – also ich gebe mein Urteil, allerdings ohne es näher psychologisch zu begründen, was ich demnächst bei anderer Gelegenheit tun werde: denn wir stehen hier eben vor einer sehr ›modernen‹, sehr ›aktuellen‹ Materie ... Wie schon oben erwähnt, ist die Struktur des russischen Gesellschaftskörpers eine ganz andere, denn die des deutschen. Dostojewski und Tolstoi rekurrieren aufs ›Volk‹, auf das Proletariat, aufs Bauerntum. Unsere Entwicklung tritt in die Bahnen einer (materiell-geistigen) Auflehnung gegen das Prinzipat des Bürgertums, der Bourgeoisie. Wir haben nur unsere Kraft, unser Talent für uns, sonst alles gegen uns. Wir haben nur durch unsere Kraft unsere Zukunft, unseren Sieg zu erdauern – das Zuchtwahlinstrument der Bourgeoisie aber ist das Kapital mit seinen verschiedenen Monden: ich nenne nur traditionelle Autorität, Protektion ... Wir sehen unsere Besten untergehen, weil der Wille der Bourgeoisie ein Wille gegen den Geist , gegen unseren Geist, gegen den Geist der Zukunft ist. Im ›vierten Stande‹ gehen ungeheure Kräftemassen verloren, weil der materielle Mutterboden zu ihrer Entwicklung fehlt – und nur die materielle Basis garantiert ja das Leben ... Uns geziemt kein Mitleid mit der Bourgeoisie, keine ›Nächstenliebe‹ mit diesen Kreaturen, die nur eine ... Portemonnächstenliebe kennen ... ›Rassemenschen‹ sind ganz nett, allein das Geld ist es ja nur, welches ihre Existenz, ihre Fortdauer überhaupt ermöglicht ... Das ist die Forderung : die Kraft hat das Geld zu ihrer Ausbildung zu finden. Das sind die Tendenzen unseres ›Kampfes ums Dasein‹. Wir sehen gar keinen Grund, warum wir nach dem Buddhaschen Rezept ›Mitleid mit allem Erschaffenen‹ haben sollten. Ja! Auch wir wollen eine ›Herrenmoral‹ und keine ›Sklavenmoral‹. Aber wir haben heute nur ›Herren‹ und ›Sklaven‹ von Geldesgnaden oder Geldesungnaden. Der Deutsche ist, ins Ganze genommen, Phänomenalist , Künstler, Objektsenthusiast. Der Russe Prophet, Verbrecher, Krämer, Idiot, Schwärmer, Fanatiker oder blasiert-empfindsamer Weltmann (Adel). Und darum muß eines Tages doch das Slawentum über das Germanentum triumphieren. Denn der breitere, weniger gebrochene, noch stumpfere, einseitig verbissene Wille siegt immer über den intellektual-differenzierten – die mit ökonomisch-ideellen Motiven erfüllte Kontemplation wirft immer – wenn man will: aus ›psychopathischen‹ Gründen – die rein auf die Objekte gestimmte ästhetische Kontemplation über den Haufen: noch einmal –: ich nehme dabei nur die größten, psychologisch-prinzipiellsten Maßstäbe in der Rassenbeurteilung. Wie ich in meinem ›Briefe aus der Verbannung‹ angedeutet (Märzheft der ›Gesellschaft‹) ist der sächsisch-ostfränkische Volkscharakter der Vermittler zwischen den Gesamtcharakteren der germanischen und slawischen Rasse. Ich werde demnächst in meiner Abfertigung Nietzsches näher auf diese Momente zu sprechen kommen. Im übrigen weise ich noch einmal auf das 7. Kapitel im III. Bande von Dostojewskis ›Jungem Nachwuchs‹ hin, wie auf den ›Philosophischen Brief‹ des Obersten Tschaadajew , aus dem von Reinholdt ein Bruchstück in seiner Literaturgeschichte mitteilt. – In dem Romane ›Erniedrigte und Beleidigte‹ sagt der alte Ichmenew einmal zu Wanja, dem jungen realistischen Schriftsteller: ›Nun, ich meine es nicht so ... Siehst du, du hast ein ganz gewöhnliches Gesicht ... es ist so gar nichts Poetisches darin ... Man sagt, die Poeten sind immer blaß und haben langes Haar ... und ihre Augen sind so besonders ... Weißt du, Goethe z. B. oder andere ...‹ Und nun sehe man sich noch einmal das Bild Dostojewskis an, dieses einzigen, der unser aufmerksamstes Studium verdient, also unsere ganze Liebe und unsere ganze Bewunderung.