Bogumil Goltz Auswahl aus seinen Schriften   herausgegeben und eingeleitet von Fritz Lienhard.   Erstes bis fünftes Tausend.     Einleitung. Es liegt eine Krone im tiefen Rhein ... Die ganze Nacht will mir dieser seltsam wehmütige, lockende, verheißende Klang aus einem bekannten Lied nicht aus dem Sinn. Über den Brenner und durch Vorarlberg von Italien kommend, bin ich im kleinen Lindau am Bodensee in einem alt-einfachen Gasthof auf gut Glück abgestiegen. Der Gasthof heißt »zur Krone«, und eine große, goldig angestrichene Eisenkrone, besetzt mit farbigen Steinen, hängt an weit ausholender Stange über der Tür in die schmale, altertümliche Gasse. Mir ist Herz und Sinn noch voll vom Südland und von den Bergen, Burgen und Gewässern Tirols. Und doch hab' ich mit wunderbarer Freude des Wiedersehens das weithin aufschimmernde Schwäbische Meer begrüßt, als unser Zug aus dem Gebirge kam, als eine Gewitterwolke sprühend über dem See stand, als die Schneegipfel der Alpen blendend in schrägen Abendstrahlen aufglühten. Hier ist das Sammelbecken, der Kraftbehälter unsres vielumfochtenen, uralt-heiligen Rheinstroms. Lange bin ich am Abend draußen am Hafen auf und ab gewandelt, habe mit erstaunten Blicken die hellfenstrigen, Streifen ziehenden Dampfer weit in die Seenacht hinaus verfolgt, habe den Drehungen des Leuchtturm-Lichtes zugesehen und der leise gurgelnden, anrauschenden Brandung gelauscht, dort auf dem Steindamm, wo der bayrische Löwe trotzt. Und die Stimmung all dieser Tage drängte sich an diesem Maienabend in eine innere Melodie zusammen, in ein seltsam-schönes Nachleuchten, in ein verwundert Horchen und Träumen. Und in der Nacht dieses ersten deutschen Abends weckte mich durch das offene Fenster her eine äußere Melodie: das leise Geräusch eines gleichmäßigen Regenfalls, der den abendlichen Rauschegruß des Schwäbischen Meeres fortsetzte. »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« ... * * * Ich hatte unterwegs, wenn das Auge vom Schauen ermüdet war, teils in Schiller-Körners bekanntem Briefwechsel, teils im »Buch der Kindheit« des verschollenen Bogumil Goltz gelesen. Dabei war mir aufs neue aufgefallen, was wir Heutigen, die wir vorzugsweise der Schillerschen Ideenwelt unsere Achtung zollen, nicht gebührend in Betracht ziehen: Schillers Herz . Mit welchen stürmischen Empfindungen wirft er sich Körner an die Brust, und wie impulsiv antwortet diesen Empfindungen der kerntüchtige Körner! »Ich habe keine Seele hier,« klagt Schiller aus Mannheim, »keine einzige, die die Leere meines Herzens füllte, keine Freundin, keinen Freund ... Oh, meine Seele dürstet nach neuer Nahrung -- nach beßren Menschen -- nach Freundschaft, Anhänglichkeit und Liebe. Ich muß zu Ihnen, muß in Ihrem näheren Umgang, in der innigsten Verkettung mit Ihnen mein eigenes Herz wieder genießen lernen und mein ganzes Dasein in einen lebendigeren Schwung bringen ... O meine Besten, ich werde glücklich sein. Ich war's noch nie. Weinen Sie um mich, daß ich ein solches Geständnis tun muß. Ich war noch nicht glücklich, denn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerei wägen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten -- das Herz darbt dabei!« Und nach einer warmen Antwort Körners schlägt Schiller freudig in die dargebotene Hand ein: »Glück zu also, Glück zu dem lieben Wandrer, der mich auf meiner romantischen Reise zur Wahrheit, zum Ruhme, zur Glückseligkeit so brüderlich und treu begleiten will! Verbrüderung der Geister ist der unfehlbarste Schlüssel zur Weisheit. Was existiert im unermeßlichen Reich der Wahrheit, worüber Menschen wie wir, verbrüdert wie wir, nicht endlich Meister werden sollten? Danken Sie dem Himmel für das beste Geschenk, das er Ihnen verleihen konnte, für das glückliche Talent zur Begeisterung . Sehen Sie, bester Freund, unsere Seele ist für etwas Höheres da, als bloß den uniformen Takt der Maschine zu halten. Tausend Menschen gehen wie Taschenuhren, die die Materie aufzieht, der Körper usurpiert sich eine traurige Diktatur über die Seele; aber sie kann ihre Rechte reklamieren, und das sind dann die Momente des Genius und der Begeisterung !« Und Körner in einem gleichzeitigen Briefe, der sich mit dem Schillerschen kreuzte: »Nur spät entstand bei mir der Gedanke, daß Kunst nichts anderes ist als das Mittel, wodurch eine Seele besserer Art sich andren versinnlicht, sie zu sich emporhebt, den Keim des Großen und Guten in ihnen weckt, kurz alles veredelt , was sich ihr nähert.« Hier ist das Programm des deutschen Idealismus in Worte gefaßt, gleichzeitig, von zwei jungen Deutschen des Jahres 1785, die sich persönlich noch gar nicht kannten. »Licht und Wärme ist das höchste Ideal der Menschheit«, ruft Körner noch knapper und gedrängter im Antwortschreiben auf Schillers »seelenvollen Brief«. Und Schillers Schaffen, Schillers Vergeistigungskampf mit der Materie hat Wort gehalten ein ganzes Leben lang, ebenso wie diese Freundschaft angehalten hat, die auch im Kleinkram der persönlichen Nähe Stich hielt und erst mit Schillers Tod ein irdisch Ende nahm. Es ist ein sinnreich Zusammentreffen, daß ich mir diese Maienbriefe gerade in den Tagen vergegenwärtigte, in denen mir die zu schaffende Auswahl aus den Schriften des deutschen Herzensidealisten und Sonderlings Bogumil Goltz durch den Kopf ging. Unsere obigen Betrachtungen haben uns keineswegs von unserem Ziel entfernt. Jener deutsche Idealismus, der seine weltberühmte literarische Prägung zu Weimar erhalten hat, nahm auch bei Schiller und Körner seinen Ausgang vom schöpferischen Herzen . Von da aus baute sich dann erst ihre Gedankenwelt empor. Aus dem feinen Gefühl für das, was den Nebenmenschen fördert, »gut und groß und glücklich macht« (Schiller), baute sich ihr Instinkt organisch eine Ideenwelt. Diese Ideenwelt ist also geworden und gewachsen , hat festen Boden , ist Erlebnis und darum Realität . Man lasse darum endlich von dem modernen Herabsehen auf jene Lebensanschauung, als wäre sie überwundenes Pathos. »Überwunden« ist dieser Zustand nur für den, der nicht mehr den Gefühlswert und das lebendige Gewicht der Schillerschen Worte herauszufühlen vermag. Die Sache selbst ist ewig -- so ewig wie der deutsche Geist, der ein saftiger Zweig ist am lebendigen Baum der Menschheit. * * * Bogumil Goltz ... Wir sind bereits unwillkürlich mitten in die Gedankenführung dieses Zeitpredigers eingetreten. Es ist in diesem schriftstellerischen und rednerischen Original, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts viel von sich reden machte, eine überfließende Fülle von schöpferischer Herzenskraft und daraus entspringenden Phantasien, Einfällen und Fühlungen. Aber es fehlte dem fruchtbaren Schriftsteller, um das gleich zu sagen, die gedankliche Strenge. Der innere Reichtum, den er in seinen Prosaschriften heraussprudelte, ist zugleich seine Gefahr geworden. Es fehlte das künstlerische Ziel und die künstlerische Zucht . Dieser körperlich und geistig hochaufgeschossene Westpreuße -- als einen »starkknochigen, etwas hageren Mann mit durchdringenden Augen« kennzeichnet ihn Hebbel --, verwandt mit Naturen wie Hamann, Herder und Hippel, ging durch jene kritische Verstandeskultur, wie sie nach Goethes Tod in den Tagen Jungdeutschlands anbrach, und schalt mit mächtiger Stimme, mahnte mit reichlichen Worten, suchte zu begeistern, fügte sich nicht in die übliche Literatur -- kurz, beanspruchte mit allem Nachdruck das Unzeitgemäßeste, was es damals gab: das Recht des naturfrischen Herzens . Damals? Bogumil Goltz ist in seinen besten Abschnitten ganz erstaunlich unveraltet . Man jauchzt oft ordentlich auf, so unmittelbar berührt uns manche einsichtige Bemerkung und mancher treffende Wurf. Wir wenigen von heute suchen genau dasselbe, was diese einzelnen damals vermißt haben -- damals, als die moderne Hast, der Industrieaufschwung, die wissenschaftlichen Umwälzungen allenthalben auf Kosten des Innenlebens einsetzten. Wir unsererseits haben über die Errungenschaften der Gegenwart freilich ruhiger und gerechter denken gelernt; ja, wir halten es auch von uns aus mit einem entschiedenen Vorwärts. Aber die Forderungen des Gemütes und des Charakters sind darüber nicht verstummt, sind vielmehr mit naturhafter Gewalt unter der lauten Oberfläche angewachsen: sie müssen und werden sich wieder durchsetzen. So empfinde ich denn Bogumil Goltz ohne weiteres als einen Bundesgenossen . Nicht sein Schelten soll in diesem Buche vorwiegend mitgeteilt werden. Er hatte Freude an ergiebigen Schelt- und Fremdwörtern, das ist wahr, und erging sich mit stürmendem Behagen -- nicht eigentlich bitter, sondern mehr kraftfroh -- in Laienpredigten wider die Verständelei und Entartung seiner und unserer Tage. Aber dieser verkappte Dichter hat auch eine Menge Positives zu bieten, so daß sich ein prächtiger Band herstellen läßt, von dem ich wünsche, daß ihn unser Volk weit und breit lese -- lese im stillen Familienkreise oder im noch stilleren Waldwinkel. Man wird mir sicherlich Dank wissen und diesen Vergessenen als eine kleine Entdeckung empfinden. * * * Der Schriftsteller Bogumil Goltz ist nun freilich weder »Talent« noch »Künstler«; aber er ist mehr als das. Er ist das, was Goethe einmal, in feiner Unterscheidung, zu Eckermann als eine » Natur « bezeichnete. Er ist genial, ursprünglich, unmittelbar, berauscht vom Lebenswein, erfüllt vom Wunder des Lebens, so daß er allen Menschen davon künden muß. Was er einmal von seiner Jugend sagt (Buch der Kindheit, S. 117), gilt für sein ganzes Leben: »Es war eine heilige Lebensinbrunst, die mit mir als mit einem prophetisch Verzückten ihren himmlischen Spuk trieb; ich liebte das Leben in mir selbst wie in aller Kreatur; ich mußte zuzeiten stille stehen und mich betasten, mich im Quell bespiegeln und dann jauchzen, daß ich lebendig war. Das Wunder des Daseins machte mich immer wieder nachdenklich, träumerisch und wie berauscht.« Und so blieb er, obwohl er über viel Dinge fühlend dachte, und zwar tiefdeutig dachte, doch sein Leben lang mehr Natur als Kultur und Schule. Sein Stil, seine Sprache quillt sozusagen aus dem ganzen Nervensystem in uns über, nicht gesiebt und geklärt vom tüchtigen Kulturverstande. Er macht reichlich viel überflüssige Worte, häuft gleichbedeutende Wendungen, ist gespickt mit Fremdwörtern. Man könnte ihn demnach am ehesten mit Jean Paul vergleichen, von dem er gelernt hat; doch ist er kein Humorist im großgeistigen Stil dieses dichterisch-formlosen Denkers. Noch weniger hat er es zu irgendwelchem geschlossenen Dichterwerk gebracht: und doch flutet Poesie durch seine ganze Erscheinung, quillt und sickert zwischen den Worten hindurch, weht aus der Aura, dem Hauch, der ihn einhüllt. Manchmal verdichtet sich auch ein Stück davon, so in seinen entzückend frischen Schilderungen aus der Jugendzeit. Auch ist er kein abgeklärter oder gar systematischer Denker: und doch ist er unablässig in Gedankenarbeit, in einem Phantasieren und Fabulieren gleichsam des sinnenden Gemütes. Man kann ihn in dieser Hinsicht des dichterischen und empfindenden Denkens mit dem an deutschem Gemütsgeist erzogenen Carlyle oder mit Whitman vergleichen; Richard M. Meyer hat ihn auch in der Tat als »kleinen, sehr kleinen Carlyle« ironisiert (Wiener »Zeit« 1901). Aber wozu diese abtrumpfende, ausspielende Art des Vergleichs, die -- wie Goethe betont hat -- immer nach einer der beiden Seiten hin ungerecht berühren und kränken muß? Wir holen unsererseits diese verschiedenen Schriftsteller nur heran, um sein besonders gewachsenes Wesen daran zu erläutern, nicht eigentlich abzuschätzen. Denn Bogumil Goltz ist eine Erscheinung für sich. Für mein Gefühl insbesondere quillt und treibt in diesem Wildgewächs jene üppige Stimmungskraft, die zuerst mit Klopstock in Erscheinung getreten, die wir auch im bedeutenden Herder, in Jacobi, Jean Paul, Eichendorff bemerken, und die in der Romantik teilweise Blüten trieb. Es ist eine Richtung dichterischen Gemüts- und Phantasielebens, die uns eigentlich wenig gut geformte oder bleibende Werke geschaffen hat, weil sie gar sehr zu zerfließender Überschwenglichkeit neigte. Aber sie ist gleichwohl von ganz unschätzbarer Wichtigkeit: denn sie hat zur Bereitung einer allgemein-dichterischen Atmosphäre Ausgezeichnetes beigetragen. Gelingt es uns, mit dem herberen Ton, der sich heute herausgebildet hat, etwas von dem Gemütsreichtum dieser so recht eigentlich heimischen Poesie, die noch in Richters Bildern und Mörikes Liedern herzige Idyllen schuf, wieder in unser Empfinden einzuführen und mit der edlen Geisteszucht unsrer Großen von Weimar zu vermählen: so werden wir auf dem Wege zur längst gesuchten Nationalliteratur ein Stück weiterkommen. * * * Ich sagte schon: der gleichgestimmte Leser wird erstaunt zugeben, daß sich die vorliegende Auswahl geradezu als neues Buch darstellt, ja, als ein rechtes Gegenwartbuch . Und zwar durch eigentlich einfache Mittel: durch die Art der Gruppierung, der Auswahl, der Zusammenstellungen, der Umstellungen und gelegentlich auch durch kleine Striche oder Verdeutschung veralteter Fremdwörter. So hat sich eine Reihe von Essays, von Bildern und Betrachtungen geformt, die meines Erachtens so lebendig wie nur möglich wirken. Die einzelnen Titel sind zum Teil vom Herausgeber, doch mit Benützung von Goltzschen Wendungen. Manche Stücke wurden aus zwei oder drei verschiedenen Büchern zusammengetragen, was bei der sprunghaften und aphoristischen Schreibweise des Verfassers ganz zwanglos möglich war. In drei Hauptbüchern (Buch der Kindheit, Buch der Gesellschaft, Buch der Ewigkeit) habe ich das Ganze untergebracht. Die Bücher dieses formlosen Plauderers wären ja, als Ganzes betrachtet, für die Gegenwart jedenfalls verloren, wie er selber verschollen ist. Ich bin überzeugt, der größte Teil der Leser dieser Zeilen kennt nicht einmal seinen Namen. Ich will daher mit einigen Worten noch auf sein äußeres Leben hinweisen. Bogumil Goltz ist geboren am 20. März 1801 zu Warschau, wo sein Vater preußischer Staatsgerichtsdirektor war. Im Besitze seines Vaters war ein kleines Gut bei Thorn, welches frühe unserem nicht eben praktisch veranlagten Dichter zur Bewirtschaftung zufiel. In Breslau genoß der junge Goltz etwas Philosophie und Theologie, wirtschaftete dann einige Jahre, kam aber zu nichts Rechtem, gab 1846 den Ackerbau auf und siedelte sich in Thorn an. Jetzt ergoß er endlich all die aufgehäuften Gefühle und Gedanken in schriftstellerische Werke und erwarb sich mit seinen ersten Büchern (»Buch der Kindheit«, »Jugendleben«) schnell einen Namen. Danach unternahm er Reisen durch Europa (1849 nach Ägypten), schrieb Bücher und hielt Vorträge, wobei er durch sein geistvolles Plaudern seine zahlreichen Zuschauer verblüffte und hinriß. Er starb, nach langen körperlichen Leiden, am 12. November 1870. Seine hauptsächlichsten Werke, meist bei Otto Janke, Berlin, erschienen, sind folgende: »Zur Geschichte und Charakteristik des deutschen Genius« (Berlin 1864), »Typen der Gesellschaft« (1866), »Zur Naturgeschichte und Charakteristik der Frauen« (5. Aufl. 1874), »Ein Kleinstädter in Ägypten« (3. Aufl. 1877), »Des Menschen Dasein in seinen weltewigen Zügen und Zeichen« (2. Aufl. 1868). -- Wie ich nachträglich höre, wird von Janke eine ausführliche Biographie dieses eigengearteten Mannes geplant, was sehr dankenswert wäre. An eine Wiederbelebung des gesamten Goltz vermag ich jedoch nicht zu glauben. »Bogumil Goltz« -- so schrieb seinerzeit der Wiener Kritiker Ferdinand Kürnberger unter dem Eindruck seiner dortigen Vorträge -- »wirkt mit seiner ungeheuren Naturkraft nur rhapsodisch, fragmentarisch ... Es ist erstaunlich, welche Stärke er in der Auffindung und welche Schwäche er in der Bearbeitung von Gedanken hat. Daher geschieht es, daß seine Bücher zugleich bezaubern und ermüden ... Während er mit Feuer und Schwert sein Naturevangelium predigt -- oft als Apostel, aber noch öfter als Kapuziner -- werden wir aufs eindringlichste belehrt, wie nackt die Natur ist ohne Kunst und Erziehung. Er erlaubt uns nicht entfernt, an Namen zu denken wie Voltaire, Lessing, Herder: Bildner, die ihm zwar sicher nicht an Geist und Gefühl überlegen waren, aber -- an Schule.« Dies ist richtig. Richtig ist aber auch, was Dr. Rudolf Brohm, der dem Verstorbenen im Kopernikusverein zu Thorn die Gedächtnisrede hielt (Grenzboten 1871), über den Freund äußerte: »Bogumil Goltz war als Schriftsteller ein Original, das seinesgleichen nicht hat, ein Autor, welchen keine der zurzeit geltenden Praktiken und Literatur-Theorien sich unterfangen sollte in eine ihrer engen Kategorien zu bringen. Nur ein Verkennen seiner innersten Natur konnte den Vorwurf gegen ihn erheben, den tiefen Ideen und Tendenzen der Zeit hätte er fremd gegenübergestanden. Es ist wahr, Goltz vermochte nicht, sich zu erfreuen an der Vielgeschäftigkeit unserer Zeit, die dem Leben der Seele Licht und Luft entzieht; er vermochte auch nicht, sich sofort zu begeistern für jede neue Erfindung und Einrichtung, die als weltbeglückendes Kulturelement angepriesen und von anderen wieder verdrängt ward: aber alles Wahre und Reine in der Geisterbewegung der Neuzeit, alles, was in der Entwicklung der Menschheit der heiligen Weltordnung Gottes gemäß war, das erkannte er, würdigte es in vollem Umfang und begrüßte mit freudigem Herzen jeden Fortschritt des wahren Menschentums .« Wir sind uns der Grenzen dieses herrlich reinen und gehaltvollen dichterischen Denkers bewußt. Gibt er uns aber einige gute, wärmende Gemütsworte mit auf den Weg -- uns, die wir die versunkene Krone heimischen Volksgemüts der Kultur der Gegenwart aufs Haupt setzen möchten, -- so ist das genug, und wir sind ihm herzlich dankbar. Mai 1904. Fritz Lienhard. Buch der Kindheit. Kindersonntag. Es klingt ein Ton durch unser Leben, so hehr und heilig wie Harfen- und Orgelton: es ist die Kindheit , die in der Seele des Menschen nachbebt, solange er nicht ganz entartet ist, und auch der Bösewicht, der Räuber und Mörder gedenkt der Tage, die er im heiligen Frieden der Unschuld dahinlebte, der himmlischen Zeit, da noch die Mutterliebe seine Schritte behütete und eine unentweihte Natur ihn auf ihrem Fittich über den Schmutz und Brodem der Erdengemeinheit emportrug. Die verloren gegebene goldene Zeit weilet und bleibet auf Erden, solange es noch Kinderengel gibt und große Menschen, die ihrer Unschuld Schöne im Herzen bewahrt haben. O Kindheit, du süße Zeit, in dir ruht der Himmel auf Erden, denn die Kinder wohnen ja im Himmel und auf Erden zugleich, und mit den unsichtbaren Cherubsflügeln ihrer himmlisch gefeiten Einfalt und Einbildungskraft unterhalten sie für ihre Eltern, ihre Lehrer und alle erwachsenen Menschen, denen die Engelsflügel ausgefallen sind, die Verbindung zwischen dem Oben und Unten, den Verkehr zwischen Ewigkeit und irdischer Zeit. Gleich wie die Blüten in Samen schießen und den Tod in ihm leiden, so verendet die Seele im Redeverstand. Wenn er die Worte macht, so hat er die Seele nicht bei sich, und wo wiederum viel Seele mit Worten verkehren darf, da ist der Wortverstand in Gefahr. Meine Seele schmachtet aber nach dem Blumenduft von Kinderseelen, nach dem heilkräftigen Balsamharz der Frühlingsknospen der Kindheit. Den Blütenäther vom Gewächse der Menschheit möcht' ich in Worte des Lebens wandeln. Aber ich fühle mich keinen Priester und Propheten -- nur die Kindheit begehr' ich in meinem Gewissen. Und so mag sie denn aus mir weissagen, was sie von Eden weiß. O Menschenkind, gedenke der Kindheit und der Väter Zeit, die deiner Kindheit Blüten zeitigte; beherzige sie, diese heilige Zeit, bewege die Heimat, die Elternliebe, den Unschuldfrieden in der Seele von Sonst, daß aus den ältesten Herzenserinnerungen sich ein Gemüt erbaue, und eine Ewigkeit in der Zeit, eine Gegenwart, die in die Menschenvergangenheit ihre Wurzeln treibt und in die Zukunften Gottes ihre Wipfel. So eint der Baum die Elemente Himmels und der Erden; Staub und Äther mischen sich in seinem Saft, das Licht des Himmels und des Erdenschoßes Nacht. Seine Wurzeln werden von denselben Wassern getränkt, welche aus den Wolken auf seine Blätter und Zweige herniedertauen. In der Erde um den Baumstamm hält der Wurm den Winterschlaf, und in den grünen Wipfeln nisten die Vögel des Himmels. Über der Krone verrinnen die Tages- und Jahreszeiten, verrauschen die Jahrzehnte und Jahrhunderte, flutet ein Jahrtausend hinweg, wenn der Baum eine nordische Eiche ist. Und dennoch zählt auch die tausendjährige Eiche ein jegliches Jahr ihres Wachstums zu den anderen, und der jüngste, der letzte Jahresring schließt noch sichtbar den ältesten ein. So gibt es ein derbes, ein eichenfestes Holz und einen eichenen Sarg in die Erde. * * * Haben wir großen Leute ihn auch noch, diesen Tag, an dem Gott der Herr ausruhte, diesen Kindersonntag , diesen zauberischen Tag, an dem sich alle Poesie und alle Andacht mitsammen vermählt, und der Himmel auf Erden zu Gast geladen ist? Ist sie noch unser, diese Sabbatfeier, der alle Natur zustrebt, wie alle Lebensbewegung einem Ruhepunkt?! Haben wir sie gewißlich bei Predigt und Glockenklang oder in Saus und im Braus? Nein, es ist nicht mehr Sonntag wie sonst! Nur die Kindheit hat einen Sonntag, denn sie hat ihn inwendig voller Sonnen, es mag draußen schön Wetter sein oder nicht. Am Sonntag war in meiner Kindheit immer schön Wetter, in jeder Witterung und Jahreszeit; wie konnte ein Sonntag häßlich sein, wie war das möglich an dem Tage, da man mit dem entzückenden Bewußtsein erwachte, daß wirklich Sonntag und nicht etwa Schulmontag sei! O über dieses Erwachen an dem immer sonnigen Sonntag! Wo die Wirklichkeit uns so heilig und schmeichelnd umfing wie der Morgentraum selbst; ach und so erwartungsvoll, wie wenn sich Wunder und Überraschungen in jedem Winkel versteckt hätten! Nur eine kleine Geduld und sie kamen hervor. Ach an diesem Sonntage war nichts so wie am Schul- und Werkeltage; man sog ihn aus den Lüften, man trank ihn im bloßen Wasser, man erging ihn sich auf dem Erdboden, die Sonnenstrahlen blitzten ihn in die Seele, die Sperlinge zwitscherten ihn unter den fernen Orgeltönen der Kirche, die im Laub flüsternden Bäume erzählten ihn sich, der Morgenwind trug ihn im Aufgang der Sonne auf seinem Fittich, und überlieferte schon im Morgengrauen dem auserwählten Erdentage die herannahende heilige Zeit! O Herr, mein Gott, nun war es wirklich Sonntag! Sonntag den ganzen, langen Tag, in allen Stunden und Minuten, Sonntag in jedem Augen- und Sonnenblick! Sonntag in allen Pulsen und Blutstropfen, Sonntag in Sinn und Gedanken, in allen Kisten und Kasten, gleichwie in Seele und Leib. Man konnte nichts hören und sehen, nichts fühlen und empfinden, nichts wollen und denken, als eben ihn, diesen Sonntag, diesen heiligen Tag! Er war Mensch, er war Kind geworden, oder wir Kinder waren zu lauter Sonntag verwünscht; ich kann's nicht so eigentlich sagen, aber so ungefähr mußt' es sein, nur viel schöner und wunderbarer, als man es aussprechen kann. Mir schauerte jede Fieber am Sonntagmorgen in stiller Wonne und Andachtslust; mir war es immer, als wenn am Sonntage Engel unsichtbar zwischen Himmel und Erde auf und nieder führen, als wenn der liebe Gott selbst allenthalben umherwandeln müßt'. An diesem Tage empfand ich mit hellsehenden Sinnen das süße Geheimnis des Lebens, und die Schönheit der Welt; der Sonntag hatte mir Augen und Ohren, Seele und Leib und alle Organe verwandelt, wie das etwa mit der christlichen Taufe einem Mohren und Heidensohn geschieht. Dieser siebente Tag blitzte mir im Eingeweide und in der Seele umher, daß ich nicht zu bleiben wußte, es war mir allzu heilig und allzu schön in der Welt. Man mochte ansehen und erleben, was man wollte, es war das anders als am andern Tag. Es war das alte und doch nicht das nämliche Ding, es war vom Sonntag verklärt und gefeit, von seiner Magie umflossen, alles wie in einem seligen Traum. Nicht nur die Menschen und Tiere, die Häuser, die Gassen, die Bäume, die Winde, die Wasser, die Wolken, die Lüfte, die Wetter und Jahreszeiten -- vor allem Himmel und Sonnenschein --; sondern auch die Stuben, die Hausgeräte, die alten Tische, Stühle und Bettstellen in unsrer Kinderstube hatten eine unsagbare Bedeutung, eine Sonntagsphysiognomie! Es hatte sie der Erdboden unter den Füßen, und ich empfand es, der Gassenkot hatte sie auch. Totes wie Lebendiges wußte und bezeugte, daß Sonntag sei! Am Sonntag gab es nichts Gemeines, nichts Totes und Garstiges auf Erden und im Leben, alles war sinn- und bedeutungsvoll, war heilig wie im Himmel, webte und schwebte im heiligen Geist. Die Glorie, die Weihe des Sonntags, umduftete und durchschauerte, sie verwandelte, belebte und heiligte alles von Anfang bis zu End'. Ein jegliches konnte auch ohne Sprache vom Sonntag erzählen, die lauterste, die sprechendste Symbolik umfing alle Dinge und Lebensarten, alle Kreaturen und alle Spielwerke an diesem auserwählten und hochheiligen Tag. So war mein Gefühl und meine Empfindung vom Sonntage! O wollte Gott, es könnte heute so sein! Lebensinbrunst. Ich habe eine glückliche Jugend verlebt, und ich werde ihre Ideale nicht altklug meistern, und ihren Genius verrat' ich nimmer an den Werktagsverstand. Den Torheiten, den Übereilungen und Untugenden der Jugend, ihrer Rücksichtslosigkeit und Einseitigkeit liegt eine Begeisterung, ein idealer Trieb zum Grunde, eine Hingebung des Lebens an das Idol in der Brust; eine Ritterlichkeit, die mit der Welt anbindet und um das Heiligtum kämpft. Den Tugenden der spätern Jahre und ihrer weisen Lebensökonomie gebricht der große Zug und Ruck einer hehren Begeisterung und Leidenschaft, die über alle Steine des Anstoßes, über die Widersprüche und den Erdenkot im leichten Fluge hinwegzutragen vermag. Aber es ist besser, vom Leben berauscht, als von ihm gelangweilt, überstopft und angeekelt zu sein. Besser ein heiliger Traum, als ein unheiliges Erwachen. Glückseliger ein seelenvoller Irrtum und Unverstand, als ein seelenloser Witz und Verstand. Besser ein leichter Kopf und Sinn über einem liebeschweren Herzen, als über einem beschwerten Gewissen ein herzloser oder ein mit Wissen überfüllter Kopf. Aus den Torheiten und Untugenden, aus den Einseitigkeiten, den Irrtümern, der Unwissenheit und dem Eigensinn der Jugend zeichenredet der Genius der Menschheit ein übermenschliches und überirdisches Wort. Mit den Träumen und Schäumen der Jugend, mit ihrer seelenvollen Gedankenlosigkeit, mit ihrer in Liebes- und Lebensinbrunst verlorenen Selbstsucht treibt die Menschennatur ihren Frühlingsstaat, der Weltgeist aber seine lebendigen Geschichten und sein Fleisch. Mit dem Todes- und Lebensmut der Jugend schließt sich jede jüngste Geschichte an die alten Heldengeschichten an, entrichtet jede Nation und jede Zeit ihre Schuld an die Welt und Ewigkeit; weil an das Ideal, welches über allen Zeiten, allen Völkern und allen Kulturgeschichten steht und allein im Herzen der Jugend eingefleischt und wiedergeboren wird. Von dem Augenblicke an, wo uns nicht länger eine Idee, ein großes Glauben und Heiligen, eine inbrünstige Liebe und Leidenschaft treibt und trägt, ist es auch mit unserer Charakterwürde, unserer Lebenskraft, unserer Tätigkeit, unserer Poesie und Glückseligkeit vorbei. Wo ist der Mensch, dem die Lebenswunder im Hirn und Herzen zu schaffen machen, der närrisch vor Lebenslust wird, der dem Morgen- und Abendrot, den länger und kürzer werdenden Schatten, dem kommenden und fallenden Laube, den Tages- und Jahreszeiten, dem Tautropfen, der Schmutzblase in der Gosse (wie sie Himmel und Erde abspiegelt), dem zündenden Fünkchen, der züngelnden Flamme, dem kräuselnden Rauche, dem Schattenspiel an der Wand, dem spielenden Lichtstrahl, dem sprießenden Grashalm, dem rennenden Würmchen im Moose, dem Spinnennetz, den kunstvoll gebauten Honigwaben, dem tummelnden Ameisenhaufen nachdenken muß ? Wo sind die Menschen, die andauernd so fühlen, empfinden und denken; deren Seelen so in das Wunder der Schöpfung verstrickt sind, daß ihre Geister vollauf zu tun haben, sich über den Wassern zu halten? Es sind eben die Dichter , die beseelten Denker , die Genien . Es ist die Jugend , die gebildete und sinnige Jugend, solange sie noch nicht vom Weltwirrwarr und Ehrgeiz, von den Leidenschaften, von der Tagespolitik verderbt und entartet ist. * * * Meiner Eltern Dörfchen bleibt in meine Seele gebannt. Das früheste Gesicht zeigt mir den Schauplatz meiner Kindheittage im Winter. Es ist kurz vor Abend, der Himmel bezogen, ein gelindes stilles Wetter, und keine Abendröte zu sehen. Rings von dicht bewaldeten Bergen umgeben, liegt das kleine Gehöft auf einer sanft ansteigenden Höhe, an einem großen, gefrorenen See; und wiewohl kein Lüftchen um meine Wangen spielt, so schlagen doch die graubraunen Büschel der ungeheuern Rohrmassen, mit denen die Seeufer eingefaßt sind, Wellen wie ein Meer. In der Mitte aber blitzt, einem starren Glasauge ähnlich und wie zwischen den bewegten Augenbrauen eines Riesen der Eddasage (der sich in dieser Waldeseinsamkeit zur Nachtruhe niedergestreckt), das spiegelblanke gefrorene Eis. So erzeugt sich die nordische Mythologie im nordischen Menschenkinde fort und fort, vom ältesten bis zum jüngsten Tage. * * * Was uns Bälge, Kinder, Rangen, Schuljungen, Pensionsbefohlene betraf, so schuf sich unsere immer fruchtbare und aufgelegte Phantasie aus Scherben oder aus Schuhbürsten, oder gleichviel woraus, alles was ihr eben vonnöten war. Wenn wir neues Spielzeug erhielten, vergruben wir mit wehmütigen Empfindungen und mit einem Vorgefühl der Endschaft, die alles Ding hienieden erreicht, die alten abgedankten Spielsachen in einem Winkel des Hofraums oder des Gartens, um sie zu ihrer Zeit als etwas zufällig Gefundenes, als einen entdeckten Schatz aufzugraben und mit alter Liebe in unseren Spielhimmel wieder aufzunehmen. Wir machten Buden und Keller, Grotten und Kindergärtchen und allerlei Bauwerk an dem verstecktesten Ort. Wir gruben uns künstliche Teiche und Seen und ließen Flotten darauf schwimmen. Wir sorgten uns zum Winter Holzäpfel und Holzbirnen (in Westpreußen Hölzken und Kruschken genannt) ein. Wir agierten Begräbnis und Jahrmarkt, wir waren Räuber, Gerichtsbüttel und Delinquenten, wir spielten Himmel und Hölle, und wer den Teufel vorstellte, graute sich vor sich selbst wie vor einem wirklichen und objektiven Teufel. Wir kriegten viele Prügel und machten einen Witz daraus, einen poetischen Graus, ein romantisches Abenteuer, oder wenn man lieber will, eine Art von Naturnotwendigkeit und unabwendbarem Schicksal, von dem die Jugend betroffen würde, wie etwa die Saaten vom Hagel. Was auch immer in meinen oder in meiner wahlverwandten Genossen poetischen Bereich kam, es mußte unserer alles verwandelnden und bezwingenden dichterischen Kraft dienen. Uns war alles und jedes ergötzlich und spielgerecht. Alles ward uns zu allem, wir waren Zauberer, denen die Elemente, die unscheinbarsten Stoffe und alle Dinge zu allem dienen mußten, wonach dem Herzen eben gelüstete. Lebendiges oder Totes, gleichviel, uns war alles lebendig, alles gleich lieb. Was gar nicht da war, oder nicht so war, wie wir es eben brauchten, das dachten und phantasierten wir uns so zurecht, wie uns gelüstete, und es stand dann neugeschaffen vor unserem inneren Sinn! Der Sommer und Frühling waren uns himmlische Jahreszeiten, der Herbst und Winter genügte aber nicht minder unserer Lebhaftigkeit und Einbildungskraft. Wie geschäftig, wie vorsorglich tat man im Oktober mit den Eltern in die Wette, wenn Obst und Gemüse aus dem Garten eingekellert und alle möglichen guten und besten Dinge eingeschlachtet, eingemacht und eingesorgt wurden!? Mit welcher wollüstigen Trauer sah man die Störche ziehen, Flur und Wald sich verwandeln und veröden! Und wenn der Wind nun über das braune Erbsstoppel ging, wenn er welke Blätter vor sich her fegte und in dem goldgelben, immer zitternden Espenlaub alle die glitzernden Herbsttinten durcheinander funkeln ließ, wenn die letzten wilden Gänse abzogen, die Schwalben sich in das Rohrdickicht einsamer Waldseen, oder in die Flußufer verbargen, wenn die armen Leute hastiger Holz und Strauchwerk zusammenschleppten, die letzten steinharten Winterholzbirnen von den Bäumen herabgeschlagen wurden, wenn sich alles von Tage zu Tage, von Stunde zu Stunde, bedenklicher, bedeutungsschwerer gestaltete und verwandelte, die Tage so trübe, so rauh und so karg, die Nächte so traumlang und todesfinster wurden, und alles, alles sich zu einem ganz anderen Dasein, zu einer ganz anderen Weise, zu einer anderen Welt anschickte: wie ergriff das unser Kindergemüt! Was auch immer die Elemente schufen, es wiederholte sich in unserer Seele : so ereignisreich, so erwartungs- und verwandlungsvoll, so dramatisch hindrängend zu einer gewaltigen Krise, zu einem großen, letzten Akt und Schluß wie in der Herbstnatur, so todesgeschäftig und doch so voll einer beseligenden Hoffnung und Gewißheit eines schöneren Erwachens war es auch in uns. Endlich fanden wir eines Morgens im Spätherbste die erste dünne Eisrinde auf dem Wiesenbach oder dem Teich. Nun war die neue Welt, die neue Ordnung der Dinge in Wirklichkeit da! Der geheimnisvoll vermummte, der popanzig-grauenhafte, gespenstisch-humoristische und doch so viel Vertraulichkeit erweckende, so viel Märchen und Spukgeschichten, so viel Fest- und Weihnachtspoesie, Glaube, Liebe und Hoffnung, so viele wunderbare, absonderliche Lust in sich schließende und verheißende Winter , den wir nordische Menschenkinder so gemütlich apart für uns haben, mit seinen eingeschneiten Föhrenwäldern und Waldbrüchen, mit seinen kristallnen Brücken, auf welchen die leichtfertige Schuljugend viel geschwinder einbricht als die schwere Artillerie, dieser schnakische und fabelhafte Winter mit seiner Eiszapfenpoesie, an der sich die durstigen Gassenjungen just so wie honetter Leute Kinder Zuckerkandis erphantasieren und Husten erlutschen, mit seinen hungrigen Sperlingen und dummdreisten Goldammern, auf welche vielbesagte Jungen als auf deutsche Kanarienvögel so eifrig und doch so vergeblich Jagd zu machen pflegen! Dieser in Stürmen heulende, Schneeflocken wirbelnde, alles Leben nach außen versteinernde, nach innen aber zu traumseliger Poesie und Liebe erweckende Winter hatte nunmehr von der Welt Besitz genommen. Glücklich der, welcher einen alten Schlittschuh hervorfand, der verzweifelten Falls nur in einer alten Messerklinge bestand, die in ein Holz eingekeilt war. Nun fiel der erste Schnee ! Wieder ein Jubel, wieder ein Festtag! Man zimmerte an einem Schlittchen mühseliger und betriebsamer als Robinson Crusoe an seinem Klotzkahn, den der Ärmste doch zuletzt liegen lassen mußte. Man schnitt und hackte sich binnen kurzem so sehr in die Finger, als es mit den ziemlich stumpfen Schneidewerkzeugen nur immer möglich war. Nun wurden an den Hausknecht, den boshaft zusehenden Kutscher und an andere kunstfertige Leute die stürmendsten Liebkosungen spottwohlfeil verschwendet; das verhalf endlich richtig zu einem Schlitten! Ging die Sache sehr gut, so wurden auch unter die Kufen ein paar dünne Eisenstäbe beschafft, und sollten sie in aller Unschuld des verzweifelten Begehrs sogar von einem altmodischen Kammerfenster weggebrochen und gestohlen worden sein. Jetzt war die halbe Welt unser, wir konnten ja auf unserem Schlitten in die schneeweiße und himmelblaue Möglichkeit hineinkutschieren! Hineinkutschieren wohl gar über den gefrorenen See in den jenseitigen geheimnisvollen Wald. Huh! Wie der Schnee unter den Füßen knarrte, das war mal schön, und wie das dunkel durchsichtige Eis so grausig lustig unter einem krachte und platzte, das war noch schöner wie schön! Heiliger Gott! Wir Dorfpensionäre begegneten einst einem Fuchs. Herr Reinecke mit dem weltberühmten Fuchsschwanz träumte wahrscheinlich von einer fetten Gans und ließ sich auch ohne dies ziemlich ruhig betrachten, denn er mochte eben keine gefährlichen Jäger in uns verspüren; nun ward er aber mit furchtbarem Hussa in die Flucht getrieben und bombardiert. Das waren Heldentaten! Das war ein Jagen! Man zerschlug sich die Nase beim Herabfahren von steilen Bergen, wenn das schlechtgesteuerte Rutschvehikel, das in Ermangelung von etwas Schicklicherem oft nur in einer Hand voll Erbsenstroh bestand, gegen einen Stein anprellte, daß man kopfüber zu liegen kam. Man erfror sich die Nase und Ohren und sonstige Extremitäten, man brach ins dünne und ins dicke Eis, und kriegte vielleicht Prügel, es war aber alles wunderschön, denn es gehörte alles zum Leben und Dasein und mehrte beides, füllte die Seele und stärkte das Gedächtnis; wie konnte es da ein Malheur sein!? Man war ja lebendig, man war in einer Welt voller Abenteuer und voller Wunder, und zu seiner höchsten Verwunderung miterschaffen und mit auf der Welt! Man hatte Augen und Ohren, und eine Zunge, nicht zu vergessen, um Birnen, Äpfel und alle andern guten Dinge damit zu schmecken; ein Paar Beine, um sich aus freien Stücken damit allenthalben hinzuversetzen, ferner an die zehn unnützen Finger, um damit allen möglichen Schabernack zu verführen. Man war abgefüttert, und wenn man nicht weiter in der Schule schikaniert oder von Leibschmerzen und Präservativmitteln, z. B. von Rhabarber und Zitwersamen belästigt war, so wußte man sich seiner Glückseligkeit und Daseinswonne gar keinen Rat! Man jauchzte, daß man drauf los leben durfte, was brauchte man mehr? Das bloße Wörtchen: lebendig schloß für mich wenigstens von jeher alle sieben Himmel des Hochgenusses und der Wunderbarkeit in sich. Ich konnte rasend werden vor Verwunderung und Wonne darüber, wie doch das eigentlich sein könne, daß ein Ding so mir nichts dir nichts lebendig sei. Eine Kreatur, gleichviel welche, Katze oder Hund, Vogel oder Wurm, vor allen aber freilich ein Vogel, war mir bloß durch die Vorstellung des Lebendigen ein Mysterium. Nie, nimmer hab' ich hernach so die Poesie des Lebendigen und Kreatürlichen erfaßt, als in jener kindlichen Paradiesesunschuld und Glückseligkeit, wo die Seele ganz und gar berauscht ist von dem Wunder und der Schönheit der Welt. Die Komödianten. Eines Sonnabends nachmittag, wo jeder von uns überaus vergnügt und wohlgemut dem köstlichen Sonntag entgegenlebte, von dem gar nicht abzusehen war, was er alles für Überraschungen, Herrlichkeiten, Abenteuer und Hochgenüsse in sich bergen möchte, da erfüllten sich bereits unsere Ahnungen und es schlugen Trompetentöne an unser Ohr; so war denn auch kein Haltens mehr, und die gewöhnliche Ordnung der Dinge absolviert. Großer Gott, was erblickten unsere Augen: Reiter mit blanken Helmen und spanischen Mänteln, einer vorauf in einem goldenen Brustharnisch. Es waren keine Kürassiere, aber Komödianten. Komödianten! schrie die empörte Dorfjugend, die hinter dem Spektakel drein lief, und in die Trompetentöne mischte sich das entsetzliche Geheul der Dorfköter, die dergleichen in ihrem Leben so wenig erblickt hatten, wie wir selbst. Auch Frauenzimmer waren zu Pferde in gestrickten Beinkleidern, und mit silber- und goldgestickten Tuniken. Ein prächtiges Weibsbild schlug die große Trommel, und eine spielte sogar die Klarinette mit allen zehn Fingern, während ihr kleines Pferdchen so zahm wie ein Hund ohne Leitung und Zügel ging. Dieser kleine Pony oder Gotländer, wie ihn mein Pflegevater nannte, hatte eine goldgestickte, scharlachne Decke. Alle anderen Pferde waren mit prächtigen Decken, mit Federbüschen, mit schlangenkopfbesetzten Zäumen und solchen Schwanzriemen geschmückt, mit einem großen Schlangenkopf, so groß wie eine Faust, vor dem Stirnriemen, ein Wunderding, dessen alleiniger Besitz unsereinen reich und glücklich gemacht hätte. Und diese Leute sollten binnen weniger Stunden, heut am Abend schon, im Kruge Herkulesproben, gymnastische Künste, Taschenspielerkünste und Balancen, morgen nachmittag dagegen vor einem geehrten Dorfpubliko und hochwohlgeborenen Landadel Bereiterkunststücke produzieren; einer aber zu morgen abend, wenn die Einnahme großmütig ausfiele, aus Dankbarkeit gratis Feuer fressen, auf glühenden Pflugscharen tanzen, in geschmolzenem Blei stehen und glühend Eisen sogar mit der Zunge ablecken. Jetzt war mein Verstand ruiniert, meine Einbildungskraft zehntausendmal überholt, überritten und von diesem Feuerfresser ins Maul gesteckt. Geschmolzen Blei, bloße Füße, glühend Eisen und eine nackte Menschenzunge, welche glühend Eisen wie Bonbon lutschen sollte, ich selbst aber erschaffen und annoch lebendig, um dies alles nach all dem anderen Wunder, falls es mich nicht vor Lust umgebracht hatte, mit diesen meinen beiden Augen zu sehen und zu erleben, das war zu viel. Die Welt ging mit mir in die Runde, und als die Komödianten in den Krug zurückgeritten waren, lief ich wie rasend in das Feld hinein, um meine fünf Sinne zu examinieren und genau herauszubringen, ob ich denn wache oder träume, ob ich tot oder lebendig, oder was mir sonst widerfahren sei. Die Erlaubnis, bei allem unter der Obhut unseres Nachbars, eines alten Tischlers, gegenwärtig zu sein, und alles in allem mitansehen und erleben zu dürfen, war gleich vorneweg auf die ersten stürmischen und fußfälligen Bitten von unserem herzlieben und grundgütigen Pflegevater erteilt worden. Es kam jetzt nur noch darauf an, so lange leben zu bleiben, bis die Zeit und Stunde herankam, in der die erste Produktion losgehen sollte, was mir um so bedenklicher schien, da mein Busenfreund, ein Junge von ebenfalls sehr lebhafter Phantasie, mir alles Ernstes seine Besorgnisse dahin eröffnete: daß er sich nicht denken könne, wie wir das alles wirklich sehen und erleben sollten, und gewiß bis zum Abende, wo noch lange hin sei, weiß Gott was alles dazwischen kommen und uns dieses Glück entführen könne, sei es, daß die Komödianten sich noch anders besännen, oder unsere Erlaubnis zurückgenommen würde, oder aber -- der schlimme Prophet vollendete nicht; aber ich ergänzte stillschweigend aus seiner Unheil weissagenden Miene: oder daß bis dahin die Welt untergeht, die Sonne vom Himmel fällt, der Himmel selbst einfällt und uns alle totschlägt. Solches geschah indessen nicht. Der Abend kam, nachdem er, das kann ich beschwören, zehnmal so lange wie gewöhnlich auf sich hatte warten lassen, endlich heran, und wir zogen mit Herzklopfen den Abenteuern entgegen, die unser warteten. Wir gelangten an, ohne unterwegs die Beine zu brechen, oder zu verschwinden, wie ich fast fürchtete. Wir sahen, wir stierten, wir verschlangen mit sinnverwirrtem Gemüt so viel, wie kein Großer mit zwölf Paar Reserveaugen gesehen haben würde. Man muß es gesehen haben, um es zu glauben, nein, das half nichts, man sah es und glaubte es doch nicht. Unsere alte Köchin sagte, es ginge nicht mit rechten Dingen zu, die Komödianten hätten dem Publiko die Augen behext. Was würde aber die Köchin gesagt haben, wenn sie vollends am anderen Abend gesehen hätte, was wir noch obendrein sahen; wenn sie gesehen hätte, wie der Feuerkönig mit glühend Eisen und geschmolzen Blei lustig familiär umging, wie mit Eis und Schnee. Ach, hier machte ich schon als Kind die Erfahrung, daß allzuviel wieder zuwenig sei. Diese allem Naturlauf zuwiderlaufenden, durchaus meinen Sinn und Verstand umkehrenden Feuerkünste verdummten und verstimmten mich ganz und gar. Ich wußte kaum mehr, was oben und unten, was rechts oder links war, und bezweifelte den Boden unter meinen Füßen, um so mehr, da mir niemand sagen konnte, wie die Sache zuging, und ob denn der Künstler anderes Fleisch und Bein habe als jede andere Kreatur. Die Köchin bestärkte mich vollends in meinem Glauben an Übernatürlichkeiten, da sie es gewissermaßen als eine Sünde erklärte, solchen Hexenkünsten nur zuzusehen; denn daß ein rechter Christ nicht Feuer fressen und so hantieren könne, müsse sie am besten wissen, da sie seit vierzig Jahren mit dem Herdfeuer zu tun habe. Was nun aber die Pferdekünste betraf, so hatten diese bei mir insofern einen Nachteil gehabt, als sie einmal hinter den für mich wunderbareren Taschenspielerstücken und Balancen, sodann vor den Feuerkünsten produziert worden waren, die mit ihrer höllischen Perspektive alle Gegenwart gewissermaßen verschlangen. Daß nichtsdestoweniger aber auch diese Pferdekünste mit offenem Munde und mit Wachsfigurenaugen und mit einem Pferdegedächtnis entgegengenommen wurden und heute noch darin leben, wie an jenem Zaubersonntage, das versteht sich von selbst. Ich liebe diese Komödianten, diese Taschenspieler, Vagabunden und Tausendkünstler heute noch als Leute, die sich ein unschätzbares Verdienst um die Phantasie und Poesie, kurz um die Biographie und Glückseligkeit des Volkes und der Kinder erwerben. Puppenspiel im Dorfkruge Es war im Spätherbst, und die ganze Welt, mithin auch unser Dorf, voll Regen und Kot, und eine Finsternis durch Tag und Nacht. Da kam der schöne Sonntag heran, und mit ihm diesmal noch eine freundliche Sonne, den fabelhaften Dorfschmutz und die Greuel der Herbstwege zu beleuchten. Jedermann fühlte sich bei solcher himmlischen Freundlichkeit umgestimmt und in der Hoffnung auf baldigen Frost und trockenere Wege getröstet; aber ich nicht, denn ich war keinen Augenblick traurig gewesen, weil ich dem Gassenkot, nach echter Kinderart, die Poesie des Abenteuers abgewann und nach Herzenslust im tiefsten Schmutz die Dichtigkeit und Dauer meiner neuen Schächtstiefeln erprobte. Der gröbste Unrat ward nach vollbrachten Experimenten beim Bauern Langfeld mit Erbsenstroh abgerieben und der Überrest in der Küche durch die von mir bestochene alte Köchin vor dem Ofen- und Herdfeuer mit Scheuerlappen und Fettbürste vertuscht, so daß damals niemand Exzesse an meinem Fußwerk wahrgenommen hat. Heute war nun vollends Sonntag, und an diesem himmlischen Tage, dem alle Kinderherzen jedesmal mit unverminderter Freudigkeit und Erwartung entgegenschlagen, da war auch der Dorfschmutz kein Alltags-, sondern ein Sonntagsschmutz. Als ich nun so diese Sonntagsseligkeit mit vollen Zügen in mich schlürfte, daß ich wie berauscht und der Überzeugung war, es könne nun gar nichts Schöneres in der Welt mehr geben, als eben den Sonntag und die Freiheit, mit ihm nach Herzenslust ohne Beaufsichtigung zu verkehren: da fing es mit einemmal an zu schnarren, wie wenn es Nacht und Feuerlärm wär'. Solche Töne vernehmen und ihnen wie unsinnig entgegenstürzen, war bei unsereinem das Werk desselben entzückten Augenblicks. Der tiefe Gassenkot vermehrte bei dieser poetischen Gelegenheit die Lebensfreude; denn rücksichtslos durchmessen, spritzte er seinem Geometer wie jedermann um die Ohren, der im nächsten Umkreise ebenfalls zu Fuß unterwegs war, dessen nicht zu gedenken, daß gleich zum Entree ein ganz kleiner Bauernjunge, der mit den zu großen Stiefeln seines älteren Bruders stecken blieb, von den in Masse nachstürzenden Knechten und Mägden ganz in den Morast niedergerannt und unter fürchterlichem Geschrei durch die herbeigekommenen Seinigen in unkenntlicher Gestalt ans Tageslicht hervorgeborgen ward. Jetzt stand ich vor dem, der da geschnarrt hatte, und zwar in augenscheinlicher Verdutzung, denn es war weder der Nachtwächter, noch der Dorfschulze, also weder die Tages- noch die Nachtpolizei, sondern ein fabelhaft ins Kostüm gesetzter Kerl mit rotem Judenbart, kurz und gut, ein Jude, wie ich hinterdrein belehrt ward; denn im ersten Augenblick wollte ich lauter Wunder und keinen Juden sehen, da jede Woche Pindeljuden ins Dorf kamen. Dieser Abenteurer und Unbekannte in rotem Barte verkündete dem zusammengelaufenen Publiko, welches er wegen der Unmöglichkeit, in all dem Kote einen Umgang zu halten, und weil ihm seine Trompete im letzten Nachtquartier gestohlen worden sein sollte, mit des Nachtwächters Schnarre und mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung zusammengerufen hatte, daß und wie er heute abend um sieben Uhr bei seinem Wirte im Kruge hierselbst gegen ein Entree nach Belieben eine große Vorstellung mit Puppen zu geben die Ehre haben würde. Genannt wurde das Stück: Der verlorene Prinz. Damit war denn vorläufig die Szene beendet und alle liefen in dem vielen Kot auseinander, wie sie zusammengelaufen waren; mir aber ging der Kopf mit Grundeis und die Welt in die Runde. Es war mir nämlich partout unerklärlich, wie in diesem Kruge, in welchem ich schon zu verschiedenen Malen die Bauern tanzen gesehen hatte, so etwas Wunderbares gezeigt und aufgeführt werden sollte, wie doch zu einem verlorenen Prinzen erforderlich sein mußte, er mochte nun wiedergefunden werden oder nicht. Diesmal aber dauerte mein Kopfzerbrechen und der Gram meiner skrupulösen Neugier nicht allzulange: denn es kam unterdes ein benachbarter Pfarrer mit seinen Kindern zu unserem Pfarrer auf Besuch, und bevor wir, durch Spiele zerstreut, uns dessen versahen, so erinnerte uns auch schon die Hausmagd, daß es die höchste Zeit sei, in die Komödie zu gehen, falls wir noch Platz bekommen wollten; denn es wären viele Gäste angekommen, das Spektakel zu sehen, und der Kutscher des fremden Herrn Pfarrers sei mit unseres Herrn Pfarrers Hausknecht bereits vor einer halben Stunde an Stelle und Ort. Es war nun zwar erst halb sieben Uhr, und folglich noch eine halbe Stunde Zeit; aber ich war bei den geäußerten Besorgnissen der Magd wie vernichtet und konnte nicht begreifen, wo ich so lange die Gedanken gehabt. Aber Verzweiflung gibt Witz und Kräfte, und so raffte ich mich denn im nächsten Augenblicke mit der Art eines Menschen zusammen, für den Tod und Leben auf einer Karte steht. Der Erlaubnis meines Pflegevaters durfte ich mich gewiß halten; aber er war in Disputationen mit seinem Herrn Amtsbruder, was mir jetzt erst aufs Herz fiel, da ich nicht begreifen konnte, wie man so kurz vor der verkündeten Komödie im Kruge und ein paar Häuser von diesem entfernt, von etwas anderem verhandeln und überhaupt sonst etwas wollen könne, als eben dieses Puppenspiel vom verlorenen Prinzen zu sehen. Einer Delikatesse, die ich immer seltener bei Kindern wahrnehme, darf ich mich aus meiner Kinderzeit rühmen: ich nahm aus tiefster Seele Anstand, einen Erwachsenen, und zumal meine Eltern und Vorgesetzten, in irgendwelchen eifrigen Worten oder Werken zu unterbrechen, und so ward mir denn das Einholen einer Erlaubnis unter den obwaltenden Umständen doppelt schwer, da mein lieber, freundlicher Pflegevater sich angelegentlich mit seinem Gaste unterhielt, und vor einem solchen, vor einem Fremden, vollends vor einem Pfarrer, hatte ich doppelten Respekt. Aber was half es, die Magd, die mich in der Finsternis zum Kruge hingeleiten und unter dem Gedränge der Zuschauer in Obhut nehmen sollte, getraute sich nicht ohne mich und ohne alle Erlaubnis vom Hause hinweg, und ich wußte ihr verlangendes und bangendes Herz in der Küche. So trieb denn ein Keil den anderen, bis die Sympathie für die Magd und den verlorenen Prinzen den Respekt vor dem Gaste bezwang, und ich halb beschämt und halb erschrocken mit einemmal zwischen den beiden geistlichen Herren stand. Meine hergestotterte Bitte ward mir um so rascher und bereitwilliger gewährt, da im selben Augenblicke der kleine Sohn des Gastes dasselbe Anliegen vorbrachte, und man höheren Ortes unsere Herzensbangigkeit menschenfreundlich und nicht ohne Lächeln erwog. Mein Hütchen in der Hand festgekniffen, stand ich nun auf einen Sprung vor der Tür bei der Magd, die bereits daselbst den Erfolg unserer Bittstellung mit bebender Erwartung erhorcht hatte. Die alte Köchin, welche über die junge Magd sich in Brummen erging, daß die alten Dienstboten bei aller lustigen Gelegenheit immer zu Hause bleiben und für jüngere Knochen die Arbeit mit übernehmen müßten, ward, ich weiß nicht mehr durch welche Konzession und Liebkosung, von uns beiden Ausreißern beschwichtigt und versöhnt, so daß wir mit der Ermahnung entlassen wurden, wenigstens gut zuzusehen, und alles fein wieder zu erzählen. Was diesen Punkt betraf, so war die Adresse an mich das überflüssigste Ding von der Welt, denn so viel bei irgendeiner bestimmten Affaire je ein Menschenkind, mit nur zwei Augen und zwei Ohren im und am Kopfe, gesehen und gehört hat, habe ich diesmal ohne Zweifel gesehen, gehört und vernommen. Die Töne einer heisern Vogelorgel empfingen uns beim Eintritt in die chaotische Krugstube, welche mittels eines Groschenlichts der Dämmerung überlassen und zum Ersticken mit Bauersleuten und allerlei zweideutigen Ausdünstungen, wie eine Mongolfière mit dem benötigten Gas, gefüllt war. Doch, wo noch ein Husarensäbel sich mit der Schneide Bahn bricht, da blieb meine Neugierde auch nicht zurück; denn sie war nicht bloß scharf, sondern brennend und reinigte vielleicht um deswillen vor mir her die Pestilenz, die jeden umfing. Meiner schrecklichen Besorgnis, vielleicht nichts zu Gesicht zu bekommen, da alles zum Vorhang hindrängte, ward ich alsbald durch die Gutmütigkeit einiger Bauernwirte, sowie durch den Krüger und resp. den Dorfschulzen enthoben; denn in herzlichem Respekte vor ihrem Herrn Pfarrer stellten die beiden mich kleines Menschenkind auf einen Tisch und ins beste point de vue . Alsbald kam auch mein Herzensfreund und Nachbar, der Bauer Langfeld, und nahm mich noch in seinen besonderen Schutz, worauf die Magd, froh, ihrer Sorge um meine kleine Person enthoben zu sein, sich zu ihren Bekannten begab. Während, wie schon gesagt, die vorbemeldete Vogelorgel unweit meiner Ohren in stammelnder und lückenhafter Weise wie eine heisere Klarinette lamentierte und der Junge, welcher sie drehte, durch die äußerste Schnelligkeit jede Pause zu verkürzen und zu überwinden trachtete, welche nicht von Hause aus auf der armen Walze stand, hatte ich volle Zeit, mir den Vorhang zu betrachten und mich in das zu vertiefen, was hinter demselben, wie ich aus allerlei Zeichen erriet, mit großer Geschäftigkeit vorbereitet ward. Es war eine Ecke, die sich der Künstler und Direktor nicht ohne Umsicht zu seinem Retiré und Asyl ausersehen hatte; daselbst aber hing vor einer in beide gegenüberstehende hölzerne Eckwände eingeklemmten Holzplatte ein Papiervorhang bis dicht zum Erdboden herab. Dieser Vorhang war gräßlich schön bemalt. Die Arabesken, Grotesken und mythologischen Figuren will mein plastisches Gedächtnis nicht mehr so bestimmt wiedergeben, aber die Grundfarbe habe ich behalten, sie war braunrot, von der Tinte und Nuance, wie sie durch den sogenannten Totenkopf erzielt wird, den die Köchinnen zum Anstreichen des Ziegelherdes für einen Groschen vom Materialhändler kaufen. Lächle oder zweifle man, wie man wolle, ich selbst möchte heute an meinem Farbensinne verzweifeln; aber seit jener Zeit hat jene Grundierung für mich eine unaussprechliche Mysteriosität. Wiefern ich Ursache dazu habe, wird man weiter ersehen. Während ich so ganz meinen Betrachtungen, Wahrnehmungen und künstlerischen Vorgenüssen hingegeben war, und nur das eine nicht ohne Besorgnis und Verwunderung erwog, wo denn in einem so engen Raum so große Dinge vorbereitet und dann ins Werk gerichtet werden könnten, so ward auch schon hinter dem Vorhange der Anfang durch Klopfen, gleich hinterdrein durch ein zauberhaftes Klingeln angezeigt, und vom Wirte, wie von den Altesten und Angesehensten des Auditoriums und resp. des Spektatoriums zur Ruhe gemahnt. Der Autorität arbeitete diesmal die aufs höchste gespannte Neugierde in die Hände, und nach der ersten stillen Pause erschien von unten herauf, am obern Rande des Vorhanges eine von Gold und Silber gleißende, anderthalb Spannen hohe Figur mit Zepter, mit Ordensstern und einer Krone auf dem Haupt. Ihre ersten Worte sind für Zeit und Ewigkeit in mein Gedächtnis geprägt; denn meine Seele erschrak bis in ihren vorweltlichen Ursprung hinein, als diese Worte offenbar und ganz deutlich aus dem Munde der Puppe hervorkamen, so daß ich, wiewohl verwirrt, doch der ganz vollkommensten Illusion hingegeben war, es sei die Puppe selbst, die da durch irgendwelche, mir unbegreifliche Wunder die Redensarten aus ihrem Eingeweid' heraus verführe. Der Jude war in der Tat, wie ich das lange hinterdrein erklärt bekam, ein Bauchredner, und der Ruin meines Verstandes, die Umkehrung und Verwirrung meiner bisdasigen Begriffe war solchergestalt erklärlich. Die Figur, mit welcher das Stück begann, war nichts minder als der König, der sich mit den Worten in Szene setzte: »Himmel, was seh' ich! Stern, was erblick' ich!« Wie sich weiterhin ergab, sah und erblickte der König den Hofmeister seines Sohnes, der, als eines Tages der Prinz auf unbegreifliche Weise verschwand, ihn in aller Welt zu suchen, ausgegangen war, nämlich durch ganz »Europiam, Asiam und Afrikam, bis nach die indischen Weltteile,« und zwar mit dem Vorsatze, nicht eher zurück zu sein, bis er seine Nachlässigkeit durch Wiederfinden seines fürstlichen Pflegebefohlenen gut gemacht hätte. Der Prinz fehlte bereits zwanzig Jahr, somit schien es denn alle Weile kein Wunder, wenn der König und Vater beim ersten Anblick des Hofmeisters, dem er den Prinzen auf dem Fuß vermuten mußte, in die Worte ausbrach, die bereits angeführt sind. Nach dem Ausruf folgten dann die Verständigungen und Nachrichten so hastig und atemlos, daß fast kein Wort vor dem andern Raum hatte. Der Prinz war wirklich aufgefunden, verweilte aber dermalen noch an einem sichern und nahen Orte, um die teuern Eltern und sich selbst durch Überraschung nicht zu verschrecken oder zu töten. Der königliche Vater schien dies auch vollkommen einzusehen, denn er hörte die ganzen, langen Historien ebenso vernünftig wie gewissenhaft an, wie alle dramatischen Väter, und wie das die auf Tod und Leben interessierten Leute im ähnlichen Falle und in gleicher Situation auf dem großen Theater tun, versteht sich im Interesse des Dialogs und allem gesunden Menschenverstande zum Trotz. Erst nachdem der Bericht ganz abgehaspelt war, stachen den König und Vater seine Elterngefühle wie eine Bremse, und mit den Worten: »O Himmel, welches Entzücken!« ging dieser durchaus bühnengerechte Souverain, sich in die unterdessen par distance offengehaltenen Arme des verlornen Sohnes und Prinzen zu stürzen, welcher in zweiter Szene und im Beisein des Hofes, der durch sechs Puppen auf einem Klumpen vorgestellt ward, den Bericht des Hofmeisters nicht ohne prinzliches Pathos wiederholte, alles, tout comme chez nous , das heißt, wie auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Denn nachdem solchergestalt das Beste vorweg gegeben worden, kam erst hinterdrein die eigentliche Handlung und Intrige des Stücks, nämlich eine verliebte Prinzeß, die der verlorne Prinz nicht heiraten wollte, weil sein Herz bereits in der Fremde, in dem Lande Fanagosia, versagt war. Aus der Mitte weiß ich nur dies, daß die verschmähte und Rache schnaubende Prinzeß gegen den ungalanten Prinzen zu Protokoll gab: »Er hat mir die Kleider vom Leibe gerissen.« Es handelte sich also wahrscheinlich um weibliche Ehre und Reputation. Das End' vom Liede war dieses, wie die Schlechtigkeit der Prinzeß ans Tageslicht gebracht, der bereits eingekerkerte Prinz wieder ans Vater- und Mutterherz genommen, ein Mohr enthauptet, die Prinzeß ins Kloster gesperrt, und mit der indes vom Hofmeister herbeigeholten fremden Prinzeß aus Fanagosia Hochzeit gemacht ward. Das waren aber nur die ideal gehaltenen Vorspiele zur eigentlichen Quintessenz und zur realen Gestalt des Puppenspiels, das nunmehr als zweite Abteilung in drei Hauptfiguren zum besten gegeben ward, als da waren, sind und sein werden: Tod, Teufel und Hanswurst. Das Publikum hatte sich, ich muß es ihm zur Steuer der Wahrheit bekennen, im idealen Teile höchst anständig und teilnehmend benommen; jetzt aber beteiligte es sich aus Herzensgrund, und des Gelächters über Hanswursts Witze war kein Ende. Gleich der Anfang war Wasser auf jedermanns Mühle. Gefragt, wie er denn heiße, gab Hanswurst zur Antwort: »Wie mein Vater,« und wie heißt denn dein Vater? »So wie ich,« und wie heißt ihr denn beide? »So wie der eine,« und dieser eine? »So wie der andere,« und so in einem fort. Man sieht, Hanswurst antwortete nicht anders und nicht schlechter in die Runde, als die Metaphysik. Der Künstler scheint mir überhaupt, so wie ich mir jetzt seine Komödie zurückrufe, kein ganz gewöhnlicher, wenigstens kein gemeiner Puppenspieler, sondern ein Mann von einigem philosophisch ästhetischen Ehr- und Zartgefühl und nicht ohne das gewesen zu sein, was man Konduite zu nennen pflegt; ein Mann, dem eigentlich mehr im idealen Teil, als in dem realen Nachspiel seinem angebornen Kunstdrange zufolge ein Genüge geschah. Was mich betraf, so gefiel mir eines wie das andere gleich sehr; die Geschichte von dem verlornen Prinzen doch aber besser, als die Witze von Hanswurst, der sich immer auf die Letzt mit Tod und Teufel herumprügelte und Sieger blieb, wie sich von selbst versteht, da die Narrheit der Sieg der Welt ist von Anbeginn! Aber die Figuren und Bewegungen von Tod, Teufel und Hanswurst lösten mich durch ihr groteskes Aussehen und ihre Gelenkigkeit in Staunen auf, und so hatte ich meine volle Genugtuung im idealen wie im realen Teil. Ich muß schließen und bemerke nur noch dieses: mir erschienen die Physiognomien der Puppen in ihrer ganz fabelhaften Abscheulichkeit, als da ist, in ihren entsetzlichen Hakennasen, Glotzaugen und grinsenden Mäulern so, ich weiß eben nicht wie, interessant, poetisch, phantastisch, unerhört -- es paßt alles nicht -- kurz, so unmöglich, und eben in diesem ihrem Exzeß von Häßlichkeit so übernatürlich, übermenschlich, dämonisch, spukhaft, also so erhaben und wunderschön, daß ich vor einigen Jahren einen originellen Oberförster meiner Bekanntschaft erst vollkommen verstand, als er von einem entsetzlich losschreienden Steinesel lachend sagte: »So ein Beest ist ordentlich vor Häßlichkeit schön.« Die waldwilde Bemerkung meines nunmehr in dem Herrn entschlafenen Oberförsters ist eine so originelle, so zum Nachdenken auffordernde, wie irgend eine andere von einem Professor der Ästhetik. Auch ich muß ausrufen: Jene Puppen waren vor entsetzlicher Häßlichkeit ordentlich schön, und es sind mir seit der Zeit andere hochgepriesene, berühmte Dinge, Figuren, Geschichten, Kunst- und Lebenswerke vorgekommen, die ordentlich häßlich waren vor lauter Schönheit oder Schöntuerei. Am Morgen nach dem Puppenspiel ging es mir ganz so wie Goethes Wilhelm Meister; denn ich konnte ebenfalls nicht begreifen, wie da, wo gestern noch solche Zauberei und Herrlichkeit gewesen, heute schon alles so alltäglich aussehen und vor sich gehn könne, als wenn nie was von Wundern und Komödien dazwischen gefahren wär'. Ein Jammer und gleichwohl eine Genugtuung war es auch, daß kein Mensch und selbst mein gelehrter Pflegevater sagen konnt', wo Fanagosia gelegen; denn so verblieb es in meiner Einbildungskraft bis auf den heutigen Tag. Mein Vater In meinem Vater war Menschentum durch und durch, alles an ihm Herz, Witz und Nachdrücklichkeit, Eifer, Treue und zugfeste Kraft. Wenn's ihm die Leute zu bunt machten, so zackerierte er auch auf die ganze Menschheit, weil er wohl denken mochte, daß nicht viel davon auf den einzelnen käme: aber an seinem Nachbarn und Nebenmenschen hielt er das Heilige heilig. Mein alter Papa verhandelte wenig von Politik, von Menschenrechten, von Liberalismus, Kirche und Staat, aber er liebte seinen König und den gemeinen Mann. Dazu war er leutselig und liberal gegen seine Untergebenen und Pflegebefohlenen, den Stiefelputzer und Barbierjungen mit eingeschlossen, deren Fortkommen und Lebensgeschick er gern im Auge behielt und denen er seine herzliche Teilnahme in Späßen und kleinen Geschenken betätigte, ohne deshalb bei solcher Gelegenheit, oder bei einer andern natürlich menschlichen Art und Weise, irgend etwas von der Haltung zu verlieren, die seine Stellung und sein Alter erforderten. And doch war er weit mehr aufgelegt, sich etwas von seinen Untergebenen, als von seinen Vorgesetzten bedeuten und gefallen zu lassen, wo ihn mal eine Wunderlichkeit und Menschenschwäche gegen die vorgeschriebene Form verstoßen ließ. Nie war ein Mensch bedürftiger und bereitwilliger, etwas wieder gut zu machen, wo er es bei Menschen und Dingen versehen hatte. Und ich habe ihn viel jüngere und ihm untergeordnete Leute wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung bitten sehen, indem er sie so herzinnig umarmte, daß die ihm übel Gesinnten sich sehr oft in seine eifrigsten Freunde umwandelten. Mein Vater war kein Pedant, und doch überall ein Mann auf dem Fleck, absolut und liberal zugleich, präzise mit sich und nachsichtig gegen andere, falls sie ihre Unmacht nicht für Witz ausgeben wollten. Ein ängstlich prompter Zahler war er und ein vergeßlicher Gläubiger, der niemand mahnen und keinem Menschen etwas abdingen konnte; ein Mensch, der seine Sachen und Verdienste so gering, und andrer Leute Ehr' und Eigentum so hoch wie möglich veranschlagte und in Ehren hielt. Einem armen Handwerker oder Taglöhner was abzuhandeln und abzuzwacken, hielt er für eine Todsünde. Vor Witwen und Waisen brach ihm der Angstschweiß aus, wenn er ihnen nicht zu helfen und bevor er ihnen das Verlangte abzuschlagen vermochte. Mit Gesindelöhnungen und Trinkgeldern knauserte er keinen Augenblick; denn es war seinem Herzen alle Arbeit und Dienstleistung zu wohlfeil. Jedem Bettler, auch dem zweideutigsten und schlimmsten, gab er mit gutem Willen und mit verschämter Art, mit einem hastigen Griff in die Tasche, ohne viel nachzusehn, ohne Redensarten und ohne Kummer um kleines Geld. Heruntergekommene, zerlumpte und hungernde Leute irgendwie zu ermahnen, zu bevormunden und zu bemakeln hatte er nie ein Herz; denn er war seiner Natur nach so demütig und wahrhaft bescheiden, wie ich in solcher Stellung und bei solchem Verdienst in meinem Leben kein Menschenkind gesehen habe. Darum hatte er denn auch kein sonderliches Geschick und Gelüst zum Befehlen, und es fiel ihm so sauer wie das Gehorsamen. Er legte durch nichts an den Tag, daß er sich für was Rechts oder für besser und bevorrechteter halte, als seine Mitmenschen; in ihm war der biblische Ausspruch lebendig: »Wir sind allzumal arge Sünder und entbehren des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen.« Er übte nur die Autorität und Überlegenheit, die ganz notwendig und natürlich in seiner amtlichen und hausväterlichen Stellung und Berufspflicht, die unabsichtlich in seiner angebornen Würde lag. Mein Vater zitierte und liebte die Bibel wie ein altgläubiger Theolog; aber er war kein Frömmler in gottseliger Zerknirschung und Schwächlichkeit. Der Mann war uneigennützig gegen Geld und Gut bis zur Naivität. Er forderte für seine Arbeit immer nur die Notdurft, und selbst diese mit geniertem Gefühl. Er nahm nur richtige und rechtliche Sachen zum Prozeß (er war Justizbeamter) und ließ sich nur ungern ein bloß freundschaftliches Geschenk aufdringen, das weder durch seinen Belang, noch durch die Art, mit der es verehrt ward, den Anschein einer Bestechung und Abfindung haben konnte. Er hatte überhaupt eine förmliche Antipathie gegen Geldgeschäfte und gegen Geld. Er mochte es niemand aus den Händen nehmen, nicht bei sich tragen, nicht abzählen, nicht zuzählen, nicht nachzählen, nicht einstreichen und verwahren, nicht Buch oder Rechnung darüber führen, sich nicht berechnen, nicht nachfragen, nicht nachrechnen, nicht den Kostenpreis erörtern, nichts in der Welt von all dem; es genierte, es ängstigte, widerte und peinigte ihn, es war ihm in der Seele zuwider. Dies ist so wahr, daß die Mutter mit dem Gelde schalten und walten durfte, wie sie es immer für gut und angemessen fand, und daß sie meinen Vater keinen Augenblick gestimmt fand, ihm das Nähere und Bestimmtere über eine bedeutende Erbschaft auseinanderzusetzen, die ihr von einer Großtante zugefallen war. Alles, was er sich bei dieser Gelegenheit als Vorteil dringend auserbat, war dieses, daß die Mutter sich einen andern Sachverwalter zur Regulierung dieser Erbschaft für ihr Geld annahm; denn er wollte keinen Groschen davon sehen, und dabei blieb es bis an sein Ende. O du güldner Mensch, du! wie rein, wie heilig stehst du vor meinem Sinn! Auch darin hatte mein seliger Vater einen heiligen Takt, daß er von sich und seinen Feinden nicht ein Wort sagte, und daß er seinen Schmerz tief in die Brust verbarg, wenn er zunächst seine Person anging. Aber als einer seiner Klienten, ein ihm durch vieljährigen Verkehr befreundeter Güterbesitzer, dessen Rechtsangelegenheiten er leitete, dem Bankerott entgegenging, da vergaß er die Sorge um das Geld, das er ihm selbst dargeliehen hatte, und ging nächtelang in seinem Zimmer auf und nieder, weil ihn der Kummer um seinen Tobias, so nannte er seinen Freund, nicht schlafen ließ, und gleichwohl hatte er demselben Manne einmal im Zorn und Eifer zugerufen, als dieser ihm ein neues Projekt zu einem Gutskauf plausibel machen wollte: »Mache Er, daß Er fortkommt; möchte Er nicht noch im Monde Güter an sich bringen, denn auf Erden hat Er doch schon nicht genug!« Jeder Zug, auch die unscheinbarste, unwillkürlichste Äußerung in Worten, wie in Werken war natürlich, herzlich und wahrhaft an dem durchaus unverstellten, unverhaltenen Manne; er selbst aber kannte die sittliche Macht nicht, die aus seiner ganzen Erscheinung jedermann unwillkürlich entgegentrat und zur Rede stellte, der nur irgendwie mit ihm zusammenkam. Er selbst war zu geistig verschämt, seine Tugenden und Verdienste irgendwie zu reflektieren, oder das Heiligtum seines innern Menschen zu analysieren. Und welch einen natürlich schönen Takt hatte der Mann, mit jungen Leuten, mit Vorgesetzten und Untergebenen umzugehn, und wie herzlich gescheit waren hinwiederum die jungen Leute, die Auskultatoren, die Referendare und jüngeren Assessoren, daß sie die absonderliche, ungenierte und mitunter derbe, wenn auch immer herzliche und mutterwitzige Art des alten Herrn so aufnahmen und erwiderten, wie es wirklich geschah. Mein Vater redete die jüngeren Leute seiner Bekanntschaft fast ohne Ausnahme mit »du« und »mein Jungchen« an, aber in so herzlich spaßiger, vorsorglich väterlicher, so schön menschlicher Art und Weise, daß diese wie die allernatürlichste und ansprechendste Lebensart, ja als eine herz-ehrende Umgangsweise empfunden und nie ohne die schuldige Rücksicht und Pietät zurückgegeben ward. Man konnte dem Manne nicht böse sein, selbst wenn man sich mitunter von seiner unwillkürlichen Sicherheit und von seiner Originalität pikiert fühlen mußte. Und wo der gutmütige Alte dergleichen augenblickliche Mißstimmung bemerkte, da klopfte er seinem Manne so väterlich auf die Wange, und sein: »Jungchen, das hab' ich nicht so gemeint« gab sich als eine so ehrliche und ehrenfeste Abbitte, daß man ihn noch lieber gewann als zuvor. Gewiß, des Mannes Gebrechen entsprangen aus ebensoviel Tugenden, und darum löseten sich die Dissonanzen seiner Art und Weise zuletzt immer in der absoluten Harmonie und Schönheit seines Charakters. So herzlich und natürlich war die alte Welt, selbst im Geschäft mit Vorgesetzten und Untergebenen. Wie ist das heute geworden? Wie hat die leidige Form und der Hochmut so alle Gemütlichkeit über Seit' gebracht! Ein Herr Rat und Präsident ist gegenüber seinen Unterbeamten und im Geschäfte selbst mit seinesgleichen eben nichts, als was seine Charge und das Geschäft mit sich bringt. Ob dabei die Sachen sonderlich besser fortkommen? Alle Situationen, und mochten sie durch das vornehmste Herkommen geboten sein, in denen man irgend etwas mit sich vornehmen, geschehen und machen lassen muß, ohne sich dabei seinerseits tätig und mitwirkend zu verhalten: also Feierlichkeiten, Anreden, Lobhudeleien, Eröffnungsfeste, Nachweihen und alle Ostentationen waren ihm aufs äußerste verhaßt. Und es dünkte ihm nicht minder unausstehlich, der Gegenstand einer besonderen Verehrung und Feierlichkeit, oder auch nur einer auszeichnenden Aufmerksamkeit, als der einer Lächerlichkeit, eines Tadels oder irgend einer zweideutigen Beobachtung zu sein. Ein richtiger männlicher Takt und Stolz ließ ihn bei aller Gelegenheit alles vermeiden und bekämpfen, wodurch seine eigene Freiheit oder die seines geringsten Nebenmenschen, ja selbst eines Untergebenen, im mindesten beeinträchtigt ward. Der Mann mochte sich ebensowenig irgendwie imponieren und genieren lassen, als er dies von andern für seine eigne Person beanspruchte oder nur irgendwie litt. Was im mindesten nach Schaustellung und Effektmacherei, nach Komödie, Lüge und Prahlerei, kurz, nach eitelm Schein schmeckte, wo sich irgendeine Art von gespreizter Unmacht und Unverschämtheit auf fremde Kosten, auf Unkosten des bescheidenen, werktätigen Verdienstes der niedern Klassen geltend machen wollte, da war mein alter Papa, wie schon gesagt, der erste, der das aufgeblasene Monstrum demaskierte, indem er ihm Wind oder Wasser abzapfte. Bei ihm galt kein Mundspitzen; es mußte gepfiffen werden. Falschen und wohlfeilen Ruhm honorierte er nicht. Solchen Grundsätzen blieb mein Vater getreu, auch wo ihm die geringfügigste Abweichung und Nachgiebigkeit einen entschiedenen bürgerlichen und weltlichen Vorteil gewährt hätte. Als ihn daher, da er noch Justizdirektor in Warschau war, bei einer schicklichen Gelegenheit ein sehr hochgestellter Mann nicht ohne Mäcenatenmiene merken ließ, er wolle ihm zu dem Prädikate eines Geheimerats behilflich sein, so replizierte ihm der würdige alte Mann, der sofort das Unschickliche und Unwürdige der ihm zugemuteten Schützlingsrolle, gleichwie des hohlen und sublimen Titels für sein gerades, festgepacktes und offenes Wesen begriff, mit dem ihm ganz eigentümlichen freisinnigen Humor: »Wie Ew. Exzellenz ersehn, so habe ich nichts Geheimes an mir und will also auch nichts Geheimes werden!« Und dabei verblieb es denn auch bis an sein Ende. Es ist eine falsche, wenigstens eine einseitige Theorie, welche überall nur Harmonie, Versöhnung und Weltklugheit als ein Letztes hinstellen will. Für ein Erstes und Letztes hielt mein Vater dagegen die Wahrhaftigkeit , nämlich die Wahrheit des Charakters . Er konnte darum nichts Falsches und Kalbes, nichts Überklebtes und Gemachtes ertragen, und forderte vor allen Dingen von jedem Ding und Verhältnis nur dasjenige zu scheinen, was es in Wirklichkeit und mit Naturnotwendigkeit sei. Wie in allen Dingen, so war der Vater auch in dem Umgange mit uns Kindern ein absonderlicher Mann. Sein Grundzug war Liebe und Zärtlichkeit, die er in dem unablässigen Eifer, uns zu tüchtigen Menschen zu bilden, betätigte; aber weil er sich eben einer so zärtlichen Empfindung für uns bewußt war, mochte und konnte er sie sich nicht genug gegen uns merken lassen, da unsere natürliche Lebhaftigkeit und die damit in der Regel verknüpfte Unbändigkeit und Hartnäckigkeit einen Rigorismus erforderten, hinter dem die Zärtlichkeit nur ausnahmsweise und gelegentlich ihre Gestus machen durfte. In diesem System unterstützten den alten Herrn zum Glück für uns auch noch sein jach beschworener und ebenso verfliegender Zorn. Außerdem hätten wir seiner natürlichen Weichheit zu viele Vorteile, aber nicht zu unserem wahren Heil abgelistet. Wenn wir den Alten erst so weit gebracht hatten, daß er uns beim Kopfe nahm und es zum Handgemenge kam, so ward groß und klein abgetan und wer ihm unter die Fuchtel kam. Wenn er dann solchergestalt Freund und Feind hatte über die Klinge springen lassen, so tat ihm die Massaker leid, und es kamen hinterdrein die Schmerzgelder und Heilpflaster in allerlei Geniebegünstigungen, Extrafreiheiten und Patenten auf dumme Streiche für die nächste Zeit, eine gewisse Zärtlichkeit selbst nicht zu vergessen, die aber so sonderbarer Natur war, daß sie mehr einer kleinen Abstrafung als einer Liebkosung ähnlich sah. Nach solchen Haupt- und Staatsaktionen, nach solcher Generalexekution in Bausch und Bogen galt eine Art leicht an der Backe oder gegen das Ohr ausgeführter Schlag, immer noch derb genug, daß man im Zweifel blieb, ob Ernst oder Spaß gemeint sei, und ziemlich bittersüß dreinsehen mußte, für das Versöhnungszeichen, und ein: »Er Rekel, Er Galgenstrick etc. geh Er« war der stehende Begleitschein und der Schluß der Versöhnung. Der alte Papa schimpfte uns, wenn er gereizt worden war, auch vor Fremden als die allergottloseste Brut unter der Sonne; aber er würde jeden häßlich angesehen haben, der solche väterlichen Herzensergießungen für eine Aufforderung hätte nehmen wollen, die eigenen Kinder herauszustreichen oder auch nur beifällig in den Tadel einzugehen. Die Nachbarn und Bekannten verstanden sich in dieser Beziehung mit dem alten Herrn gar zu wohl, um nicht stumm oder entschuldigend zuzuhören. Aber auch mit allzu zutätigen und verbindlichen Exküsen blieb es bei solchen Affären ein äußerst mißliches Ding, denn der alte Herr nahm es wieder für Dummheit und für einen Tusch, wenn man im Ernste dasjenige widerlegen und vertuschen zu wollen schien, was gescheiter- und höflicherweise gar nicht für bare Münze genommen werden sollte. Aber auch so war's nicht recht, wenn man sich etwa lächelnd merken ließ, der Herr Justizdirektor meine es ja doch nicht so schlimm. Der Herr Direktor nahm solche Weise dann wieder so, als halte man ihn für einen Renommisten oder ergötzlichen Komödieonkel. Kurz, es blieb ein schweres und höchst verfängliches Stück, bis man das rechte Manöver bei leidenschaftlichen Ergüssen über seine Familie eben traf. Im Beginn des tobenden Ausbruchs war es allgemein geraten, ziemlich eingeschüchtert und ganz passiv still, wiewohl nicht unaufmerksam oder vollends apathisch dazusitzen -- allmählich konnte man hie und da ein begütigendes, sänftigendes Wort versuchen; aber das durfte nicht den Gegenstand des Ärgers, sondern nur den Herrn Direktor und dessen Verdruß betreffen. Im dritten Stadio konnte man schon, aber immer nur im vollen Gefühl und Ausdruck des Wagnisses, etwas zur Entschuldigung der Schuldigen einfließen lassen, wenngleich nur mit Beziehung auf den vorliegenden Fall und nicht überhaupt; denn im allgemeinen blieb jeder ein Schlingel, wenn er auch zufällig unschuldig erfunden war. Zuletzt aber ließ sich der Alte sofort auf eine Umstimmung und Versöhnung ein, wenn der Zuhörer und Besänftiger, gleichsam wie aufs äußerste gebracht, durch allzu ungerechte Urteilsfassungen die Angeschuldigten mit dem Affekt der Gerechtigkeitsliebe und Billigkeit nachdrücklich und auf Unkosten fremder Rangen verteidigte und dabei die größere Solidität der letztern auf ihre größere Dummheit schob, unsere in Rede stehenden Verschuldungen aber als eine Art von Geniestreichen und als Früchte zu bezeichnen wußte, die nicht allzuweit vom Stamme gefallen seien. Die so bei ihrer schwächsten Seite angegriffene väterliche Eitelkeit konnte sich dann nicht länger verstellen und es gab ein ganz unbeschreiblich wunderliches Gebärdenspiel, wenn so in den stark markierten Gesichtszügen des erhitzten Alten der Groll, obschon vorläufig ab officio suspendiert, doch noch gleichsam das Allerheiligste der vollen Versöhnung und inwendigen Vaterliebe maskieren und so ungebührliche Schwachheiten nicht dem profanen Völkchen der im Hintergrunde zusammengekauert auf besser Wetter lauernden Verdammten verkünden sollte. Kurios war es auch, welchergestalt die neue Versöhnung seiner Umgebung signalisiert ward. Man bekam gelegentlich einen Wink in einer kaum zu entziffernden Pantomime, gewöhnlich aber in irgendeinem Puff und Knuff, oder einem Ruck am Ohrläppchen, dem ein freundlicher Handkuß folgen mußte, zum Zeichen, daß man in dem neuen Witterungswechsel orientiert sei. Wehe aber dem Taktlosen, der auf solche Gunst und Signale alsogleich hätte Freiheiten wagen oder sich auch nur so ungeniert benehmen wollen, wie wenn er die neue Lebensordnung für die alte nehmen dürfe. Er ward dann zum Erschrecken eines andern belehrt, und das war uns ersprießlicher, als wenn uns der Lebenstakt und die Menschenkenntnis in fremden Häusern mit noch größerer Beschämung und bei reiferem Alter hätte beigebracht werden müssen. Wir mußten auf das gute und böse Wetter im Sause Sinn und Verstand richten. Heute ignoriert dies die Jugend und damit zugleich die Autorität und die pflichtschuldige Pietät. O du seelenguter, du kreuzbraver und grundehrlicher Mann! Du warst ein Geschäftsmann, ein Justizmensch, wie du zu sagen pflegtest! Das warst du freilich in deinem Kopfe; aber in deinem Kerzen warst du ein Kind. Ein vollwichtiger, ein unverletzter und heiliger Mensch warst du in deiner Seele, deinem Charakter, deinem ganzen Gemüt, und die Art und Weise, wie dieser kernige Juristen- Verstand, der alles heil und praktisch aus der Mitte griff, mit diesem Kerzen in eins gebildet und doch wieder über den Bogen gespannt und polarisiert war, so daß der Mensch überall hinter dem Juristen seine Gestus zum besten geben durfte: das machte deinen absonderlichen Humor aus, einen Witz des Herzens, der in Rembrandtschen Lichtern und Effekten auf deinem echt deutschen Antlitz spielte, daß die Menschen, die dich einmal gesehen hatten, dich nie wieder aus dem Sinn ließen. Wie oft hat dich dein rücksichtsloses Zutrauen betrogen, wovon haben alle deine Manualakten zur guten Hälfte Zeugnis abgelegt, wenn nicht von dem Wortbruch, der Lüge und dem unehrlichen Sinn der Welt? Du legtest aber immer deine eigene vollwichtige Ehrlichkeit in die aufschnellende Wagschale der Nächstenschwäche, so daß dir in deinem Kerzen ausgeglichen blieb, was bei den weltklugen Leuten immer ein ruch bleibt, weil ihnen der Generalnenner im eigenen Genius fehlt, der all die Brüche schwacher Mitmenschen und ihrer Lebensgeschichte hebt. Deine Juristerei schwamm wie Eisen und Blei auf dem flüssigen Golde deines echt menschlichen Charakters. Dein Welt- und Geschäftsverstand hatte nirgend deine kindliche Seele und das Heiligtum deines sittlichen Charakters angerührt. So lebtest und so endetest du! So hast du deinen Kindern, deinen Freunden, so hast du deinem Lieblinge vertraut; von allen das Beste entnommen und geliebet. Lebe wohl, habe Dank! »Ach sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr.« Als er noch lebte, da erkannte ich des Mannes Herz und seinen Wert nicht von ganzem Herzen, nicht so wie heute, nachdem er länger denn zwanzig Jahre in der Erde ruht. O könnt' ich ihn von den Toten auferwecken, wie lustig und guter Dinge wollt' ich noch einmal und bis zu meinem Ende sein »dummer Junge« sein! Erste Liebe Ich kann nicht viel vom Tode meiner Eltern erzählen, es zerreißt mir das Herz! Mein guter, grundehrlicher Vater starb zuerst und meine Mutter bald darauf vor Gram. In ihrem kurzen Witwentum hatte sie doch noch Zeit, das ganze Maß ihrer Liebe und ihres Schmerzes zu durchmessen. Sie konnte es nicht fassen, daß der von der Erde verschwunden sein sollte, mit dessen Bild und Wesen, mit dessen Worten und Werken alle ihre Empfindungen und Gedanken und ihr ganzes Sein so verwachsen war. Sie schloß uns Kinder in ihre Arme, sie verzehrte uns mit ihren Blicken, und in allen Worten tönten Segenssprüche für uns. Sie konnte es selbst nicht begreifen, daß in dieser Mutterliebe ihr Herz nicht wieder zu erstarken vermochte; sie empfand Gewissensbisse und schalt sich eine schlechte Christin, daß die Religion nicht eine göttliche Allmacht auch über ihr Gemüt bewährte. Aber diese Unfähigkeit einer Spannkraft, eines Widerstandes der Seele, einer Aufrichtung und Genesung des Geistes, hatte wohl auch im körperlichen Befinden seinen Grund. Die sanfte Dulderin wurde von Tage zu Tage schwächer, sie verging gleich einem Schatten. Ihr Wandel auf Erden war nur noch eine Geistererscheinung, ihre letzte Zeit eine Verklärung bei lebendigem Leibe. Meine Mutter sprach in ihren gesunden Tagen schon wenig, nach des Vaters Tode nur mit Blicken und Gebärden. Der Ermahnungen in Worten waren wenige, aber ihre ganze Erscheinung, ihr Leiden und Lieben konnte einen Stein erbarmen und ist mir eine Zeichenschrift geblieben, die sich tief in meine Seele gebrannt hat; ein Bild, das mich in guten und bösen Tagen, in jedem Lebensalter bis zu dieser Stunde begleitet hat und, wie ich zu Gott hoffe, mit mir in jene Welt hinübergehen wird. Wen solche Lebens- und Sterbegeschichten nicht ermahnen, wen Mutterliebe und Treue nicht bis ans Lebensende erzieht, wem diese Mutterstimme nicht nachtönt durchs ganze Leben, wem ihre Liebesblicke und heiligen Gebärden, ihre verklärte Gestalt nicht in die Seele hineingewachsen sind, bei dem werden es die bloßen Worte nimmermehr tun. Nach der Ernte hatten sie meinen Vater hinausgetragen, und auf meiner Mutter frischen Grabeshügel fiel der erste Schnee. So war es denn um die Guten geschehen, und ich blieb in der elterlichen Heimat allein. Meine beiden Schwestern hatten weit weg geheiratet, und mein einziger älterer Bruder wirtschaftete auf einer großen Pacht. Den lieben Eltern war kurz vor ihrem Tode eine Erbschaft zugefallen, durch die sie der leiblichen Sorge, aber nicht dem jähen Tode entrissen wurden. Auf mein Erbteil kam das väterliche Gut. Dem Bruder, einem betriebsamen Ökonomen, war die Wirtschaft zu klein; die Schwestern lebten gern in der Stadt; ich selbst aber war ein halbverdorbener Studiosus der Theologie, mit der ich es meiner frommen Mutter zuliebe auf meine aparte Art und Weise versucht hatte, wiewohl ohne sonderlichen Erfolg. Das Gütchen mußte entweder verkauft oder verpachtet werden; die obwaltenden Verhältnisse waren beiden Unternehmungen keineswegs günstig; so entschloß ich mich denn zur Ökonomie und sagte vorläufig den Studien Valet, und zwar ohne sonderlichen Kampf, da ich von Kindesbeinen an mit allen Sinnen der Natur und dem Leben auf dem Lande ebenso zugewendet war, wie ich einen ordentlichen Abscheu vor dem Stadtleben und vor den Städtern empfand. Die stets um mein Glück besorgte Mutter hatte das noch in ihren letzten Tagen mit mir besprochen und bedacht. Sie erkannte meine natürliche Neigung zum Landleben und wünschte ihr ferner keinen Zwang auferlegt. Zudem war es der Sterbenden nunmehr ein tröstlicher Gedanke, das Gütchen, mit welchem der Vater so viel Sorge und Arbeit gehabt hatte, auf dem so glückliche Tage verlebt, die Kinder zum Teil geboren und großgezogen waren, nicht in fremden Händen zu sehen. So ringen sich die Gedanken und Wünsche der Sterblichen selbst im Sterben noch nicht ganz von dieser Muttererde und der menschlichen Lebensart los. Und wie schön, wie bedeutungs-, wie verheißungsvoll ist eben dieser Zusammenhang zwischen dem sinnlichen und übersinnlichen Menschen, zwischen seinem irdischen und überirdischen Teil, der Ewigkeit und der Zeit! Da saß ich nun die langen Winterabende, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte ins Licht, und schaute Geister und fühlte der Abgeschiedenen Nähe, und konnte es gleich meiner Mutter nicht fassen und begreifen, was alles geschehen. Wenn eine Tür aufging, so trat der Schatten meiner Mutter herein, denn fast unhörbar leise war ja im Leben ihr Gang wie ihr ganzes Sein. Wenn die Hofhunde draußen anschlugen, so sprang ich vom Stuhle auf, meinen Vater zu empfangen, wie wenn er von der Reise gekommen wäre. O bis zum Jüngsten Tage werden es die Menschen wiederholen: »Die Toten kehren nicht wieder, die Erde hält fest, was ihrem Schoße anvertraut ist!« Ich mochte nicht essen, ich konnte nicht schlafen, nicht denken; die Wirtschaft versah ein ehrlicher und verständiger alter Ökonom. Die Heimsuchung ging über meine Kräfte. Meine Seele verzehrte sich in Sehnsucht, diejenigen noch einmal zu umfassen, die mir das Leben gegeben, die nur für ihre Kinder gelebt hatten; und was war denn in diesem Leben unser Dank und der Verblichenen Lohn? Wie oft ist das durchschmerzt, und wie zermalmend ist es für den, der es eben erfährt! Ich konnte mich nicht beruhigen, daß eine Heilige, wie meine Mutter, von der Erde abscheiden konnte, ohne daß Zeichen und Wunder erschienen, wie bei des Heilands Tod! So trieb ich es den langen Winter hindurch. Da kam mit den ersten Lenzestagen für mich Ärmsten ein neues Leben und eine Tröstung, die dem Himmel und der Erde gleichermaßen entstammt. Einige Meilen von unserm Gute entfernt lebte auf einem kleinen Besitztum ein Verwandter meiner Mutter, ein scheinbar vereinsamter Mann, welcher Kriegskommissar, Großhändler und manches andere in der Welt gewesen, dem aber fast alles mißraten war. Mit seinen Schicksalen hatte es eine mysteriöse Bewandtnis, über welche meine Mutter, die man in alle Familienverhältnisse eingeweiht hatte, nicht ohne tiefste Gemütsaufregung, und dann nur andeutungsweise sprach. Der Vetter, wie er genannt wurde, war auch ein studierter Mann und lebte mit einer Gattin, die er aus großer Leidenschaft, gegen den Willen ihrer wie seiner Eltern, zur Begleiterin durchs Leben gewählt hatte, in fast völliger Abgeschiedenheit von der Welt. Die Ehe mußte nach den Äußerungen meiner Eltern eine einträchtige sein, wenngleich sie kinderlos war. Von den Besuchen, welche die Selige mit mir in frühern Zeiten bei diesen Verwandten gemacht hatte, war mir noch ein kleines liebliches Mädchen in der Erinnerung geblieben, das die einsamen Eheleute an Kindesstatt angenommen hatten. Ich sehe die Kleine noch, wie sie bei meinem Hereintreten das gelockte Köpfchen verschämt und neckisch nach Kinderart in den Schoß ihrer zärtlichen Pflegemutter birgt und dann von meiner himmlisch gütigen Mama, einer enthusiastischen Bewunderin schöner Kinder, gehätschelt und auf den Schoß genommen wird, was ich weniger mit Neid als mit Todesangst und Herzenswehe geschehen lasse, da mir zumute ist, als wenn mich von nun an meine liebe Mama nicht mehr so liebhaben könnte wie bis dahin. Die Gute, deren Seele sich mit meiner Kinderseele in einer Art von magnetischem Rapport befand, winkte mich aber, wie ich so traurig dastand, zu sich heran und drückte mich dann mit einer Hast, deren Grund ich instinktmäßig erriet, mit dem Pflegetöchterchen des Vetters zugleich an ihr Herz. Unsere Köpfe blieben so einen Augenblick von ihrem Arm umschlossen, und als sie uns freiließ, war die erste Blödigkeit der Kleinen überwunden, und wir standen vor meiner Mutter Knien und ihren leuchtenden Blicken wie ein zukünftiges Paar. Auf der Rückfahrt wollte ich von meiner Mutter aufs gründlichste wissen, ob so ein Pflegekind auch ein ordentliches und natürliches Kind wäre, wie zum Beispiel ich selbst, wobei ich meiner süßen Mama Hand ans Herz gedrückt hielt, aber die Antworten und Erklärungen brachten mich keineswegs zur Ruhe. Ich kann es heute nicht sagen, was mir über Pflegekinder alles im Kopfe umherging und wie wunderbar es mich ergriff, daß dies schöne Kind keine natürliche Mutter haben sollte und (wie ich mir steif und fest einbildete) irgendwo aufgefunden war. Aber das wechselvolle Geschick jener Verwandten wollte es, daß sie ihren Wohnort verpachteten und weit wegzogen an irgendeinen großen Ort, und so kam mir denn das kleine Mädchen und mein kleines romantisches Rendezvous mit ihr aus dem Sinn. Ein halb Jahr vor der Eltern Tod hatte aber der Vetter wieder das kleine Besitztum bezogen; die Inhaber waren indessen älter, also wohl ungeselliger geworden, und so hatten sie uns noch keinen neuen Besuch gemacht. Als ich aber an dem ersten schönen Märzmorgen, meinem Geburtstage, vor die Türe trat und auf das Feld hinausging, da überkam mich eine solche Sehnsucht, alte Bekannte und Verwandte meiner Mutter und das kleine Mädchen zu sehen, das nun wohl eine schöne erwachsene Jungfrau sein mußte, daß ich mein Pferd sattelte, dem Verwalter für die nächsten 48 Stunden Bescheid sagte und mich dann auf dem Wege befand, den ich etwa vor zwölf Jahren mit meiner nun verklärten Mutter so glückselig plaudernd durch die reifenden Erntefelder gefahren war. O mein Gott, wie war doch die Natur, ich selbst und die ganze Welt so ganz anders als in jenen glücklichen Tagen, da noch Vater und Mutter auf Erden wandelten, mit Heiligenscheinen umflossen, von denen Licht und Weihe und ein himmlischer Segen uns Kinder überkam! Jetzt weilte ich in dieser weiten, wirren, kalten Welt, vereinsamt und verantwortlich für ewig. Ach, niemand sorgte und niemand betete für mich, und was ich fehlte, sühnte keine Mutter durch ein übermenschlich Lieben und ein Opferleben so wie sonst. Und doch war ich es noch selbst, und auch die Natur war an diesem Frühlingstage die verwandlungsreiche und doch sich ewig gleiche Leiblichkeit Gottes, die ewig junge und ewig alte Natur; und auch diesen Stunden und jüngsten Zeiten gebot der alte Gott, welchem die Ewigkeiten im Schoße ruhen und mit ihnen die Geschicke der Welt. Die Erde lag noch unter Eis und Schnee begraben, aber der Himmel, der ewig getreue, in und über allem Wechsel von Tages- und Jahreszeiten sich selber gleiche Himmel, war mit seinem ätherblauen Frühlingsgewand gleich einem Bräutigam angetan! Von seiner Stirne strahlte die Sonne als ein Lichtdiadem, und aus seinem Munde ging der warme Odem einer Frühlingsluft, von welcher Eis und Schnee zu Wasserströmen schmolzen, wie ein Phantom und ein böser Traum, den die arme Erde in ihrem winterlichen Starrkrampfe geträumt. Von Frühlingslüften durchatmet und mit neuem Lebensmute geschwellt, sah ich das Häuschen wieder, in welchem mich die selige Mutter zusamt einem lieblichen Waisenkinde so bedeutungsvoll ans Herz gedrückt hatte. Dieses Häuschen, dieses Stückchen Erde, das Begegnen mit dem Engelskinde und der lichte Genius meiner seligen Mutter: das alles stand wie ein Allerheiligstes in meiner Kinderphantasie. Hier wartete meiner, das fühlte ich in allen meinen Pulsen, eine Auflösung und Umgestaltung meines ganzen Geschicks. * * * Das Häuschen hatte seine eigentliche Front und seine kleine Auffahrt im Angesichte des großen Sees. Im Sommer kam man durch die immer offenen Flügeltüren des Gartenzimmers herein und begrüßte sich da mit den einsamen Bewohnern zuerst, falls man nicht bereits von ferne gesehen und vor der Tür auf der kleinen Rampe oder am Seeufer empfangen worden war. Im Winter aber sind die Türen an den sogenannten Gartensälen der kleinen Landhäuser stets verquollen, oder gar eingefroren und verschneit, weil dann die ganz vereinsamte Familie sich auf ein paar Winterzimmer beschränkt, und nur bei einem Familienfeste den Gartensaal ordentlich heizen und von seiner winterlichen Umhüllung befreien läßt. Man fährt und reitet also hierzulande in allen rauhen und winterlichen Tagen an der Hofseite solcher bescheidenen Wohnungen und Haushaltungen vor. Was mich nun betraf, so zwang ich mein von den unsichern Tritten in mürbem Schnee ermattetes Pferd durch einen letzten Sporenstoß zu einem raschen Trott auf das kleine Gehöft, übergab das mit Schaum bedeckte Tier einem Stalljungen zum Umherführen und trat mit nie gekannten Empfindungen durch die kleine Hintertür in das Häuschen, das wie ausgestorben erschien. Ein merkwürdig schönes, aber über meine unwillkürliche Hast wie ein Reh aufgeschrecktes Bauernmädchen, bei dem ich mich mit stockendem Atem nach der Herrschaft erkundigte, antwortete mir, wie angesteckt, ganz in der befragten Manier, daß nur die junge Mademoisell zu Hause und daß sie im Gartensaal wäre, und ging wohl neugierig, mich anmeldend, dahin voran. Ich selbst folgte wie einer, dem Zeichen und Wunder bevorstehen und der bereits im Vorhofe angelangt ist, und dann brachte mich die Erscheinung eines Mädchens, das mir wie ein verwirklichtes Traumbild nahe trat, wieder zu mir selbst. Die Flügeltüren des Gartenzimmers waren geöffnet und draußen stand die Gesuchte und schaute in den ersten Frühlingstag und in die freie Natur. Jetzt wendete sie sich bei meinem Hereintreten ein wenig überrascht und leicht errötend, doch ruhig sittsam nach mir um und bedauerte dann mit einer sanften harmonischen Stimme und reizenden Schüchternheit ihrer Pflegeeltern Abwesenheit. Der erste Blick ließ mich in der Jungfrau das Kind erkennen, mit dem ich vor meiner Mutter Knien gespielt hatte; das steigerte meine Verwirrung, aber die natürliche, wenn auch schämig-sensitive Art des Mädchens, die unaussprechliche Harmonie und Ruhe ihrer Person wirkten auf meine fieberhafte Unruhe und mein Schicklichkeitsgewissen augenblicklich so weit ein, daß ich der lieblichen Sprecherin, die mich noch nicht nach meinem Namen und Anliegen gefragt hatte, sagen konnte, ich sei ihrer lieben Pflegeeltern Verwandter, ihr kleiner Spielkamerad aus einer Zeit, wo sie selbst ein kleines Mädchen und meine Führerin in den Naturschönheiten dieses Landgütchens gewesen wäre, was mir keinen Augenblick aus dem Gedächtnis gekommen sei. Die Angeredete hörte das mit der reizenden Verlegenheit an, die einem jungen und in der Einsamkeit erzogenen Mädchen das zufällige Alleinsein mit einem jungen Manne ganz natürlich zu bereiten pflegt, und sagte dann mit dem lieblichsten Erröten und einem verschämten Blick auf meine ziemlich konfuse Person: »Jetzt erkenne ich Sie wieder; daß wir als Kinder zusammen gewesen sind, habe ich sehr gut behalten. Ihre verstorbene Frau Mutter hat mich oft auf dem Schoße gehabt«, setzte sie unwillkürlich und mit so schönem Wangenpurpur hinzu, daß sie wie verbessernd mit etwas gesenkter Stimme fortfuhr: »Ich war wohl ein etwas verwöhntes und aufdringliches kleines Ding, und Ihre Frau Mutter eine sehr liebreiche Dame und große Freundin von Kindern, wie mir meine liebe Pflegemutter gesagt hat.« Ich antwortete hierauf in einem Sturm von Empfindungen, ich weiß nicht mehr was; denn vielleicht stand auch noch vor des Mädchens Seele die ganze kleine Szene, wie ich sie dem Leser erzählt. Ich konnte das freilich nicht erraten, denn der Ton ihrer Stimme und ihre ganze Holdseligkeit ließ mich mit jedem Augenblicke mehr empfinden, daß meine Sehnsucht und Vorahnung nicht ohne den tiefsten Grund gewesen war. Der erste Blick zeigte mir schon, wie wundervoll die Natur bei diesem Waisenkinde Mutterstelle vertreten hatte. Ich empfand zum erstenmal in meinem jungen Leben, daß ich vor einem Weibe und einer Evastochter stand. Ich hatte eine Empfindung, wie wenn unsichtbare Kräfte und Mächte gleich Strahlen von ihr ausgingen. Ich konnte diesem natürlichen Magnetismus mein bißchen Redensart und armselige Schulvernünftigkeit auf keine Weise entgegenstellen. Diese Verduftung einer von der Natur inspirierten Weiblichkeit übermannte mich bis zur Schwermut; denn ich fühlte gegenüber dieser jungfräulichen Zaubermacht nur zu sehr meine eigene Unbedeutendheit und Machtlosigkeit. Das Mädchen hatte nur ein paar schüchterne Worte gesprochen, sie hatte nichts Besonderes unterlassen oder getan, aber ihr bloßes Dasein war so sprechend, so bewältigend und wunderschön, wie die Natur. Kinderengel machten bei diesem Naturkinde die Grazien, sie umschwebten diese rätsellösende und rätselaufgebende Verkörperung von Äther und Staub. Dieses Mädchen war eine Maria, von einem Raffael für den Altar einer Dorfkirche gemalt. So hehr und heilig und dann wieder so »schlecht und recht« sah sie aus, wie nur ein deutsches Mädchen mit blauen Augen und frommer Seele zu sein und zu erscheinen vermag. Diese deutsche Seele schaute zu den schönbewimperten, tiefblauen Augen mit großen Sehsternen hinaus; sie bebte leise in dieser weichen, vollen, melodischen Mädchenstimme, die mit den natürlichen Grazien der Körperbewegung verschmolz. Wir waren im Verlauf der wenigen gewechselten Worte vor die Türe getreten; dies tat mir not, denn ich wußte nicht, wie mir geschehen. Draußen war eine Luft, so mild und warm wie in den ersten Maitagen, und die Sonne schien uns beiden gerade ins Gesicht. Das Eis auf dem See stand noch fest, aber von den Bergen strömte der schmelzende Schnee in brausenden Wasserfällen herab. Gestern noch Sturm und Graus, die verhüllte Gottheit, eine Erstarrung in der ganzen Natur, und heute warmer Sonnenschein und Lerchengesang, ein Durchbruch, eine Auferstehung in Lüften und in Grüften überall. Und so geschah es mir. Aber ich hatte auch ein Gefühl, als könnte der Winter wieder zurückkommen, als könnte er alle die tausend sprudelnden Wasserfälle in zackige Eisberge und den erweichten Erdboden in eine hallende Gräberkruste verwandeln. Was wollte ich denn, was konnte ich hoffen? Wer war ich und was bot ich ihr für ein Geschick, und was wollte ich vollends von diesem ersten Augenblick? Und was sollte aus mir und meinen Gefühlen werden, aus meiner Leidenschaft? Denn das war sie; riesengroß gewachsen in diesen Paradiesesaugenblicken. Und so weissagte sie mir den Himmel auf Erden und ein langes Leben mit diesem Weibe, oder ohne sie Höllenqualen und einen langsamen Tod! Und die Qualen begannen schon jetzt. Konnte meine Leidenschaft schweigen? Und mein ganzer Mensch, so locker aus Erde gemacht, sollte er es ertragen, daß ihm die Sonne und der Tau des Himmels entzogen wurden; sollte er es überleben, wenn dieser Blume aus Eden ein anderer Gärtner zuteil wurde, wenn vielleicht die Roheit, die Gefühllosigkeit in männlicher Gestalt dieser himmlisch lieblichen Seele nahten, mit der ich an meiner Mutter Herzen gelegen hatte; wir beide von ihren Armen umschlungen und von ihr vielleicht eingesegnet als ein Paar? Oder hatte sie bereits für einen andern etwas empfunden? Nein, Dank dem barmherzigen Himmel! Einer Leidenschaft widersprachen ihre Augen und ihr ganzes Wesen. Sie war noch im Kinderhimmel und ihre Seele ein knospendes Geheimnis, welches der Duft des Paradieses umgab. Das empfand ich, so wahr ich meine Liebe und die Vorwehen ihrer Seligkeiten und Qualen empfand! Und sie selbst stand so ruhig und schuldlos, wenn auch ein wenig verlegen von meinem sonderbaren Wesen und meiner Einsilbigkeit, neben mir und ahnte nichts von den Wundern und Mächten, die in ihr schlummerten und doch bereits in meinem armen Leben wühlten. Welche Himmelswonne, diese stillen Träume der Jungfrau wachzurufen, die schlafenden Kräfte alle zu wecken, diese Liebes- und Wunderknospen am Baume des Lebens aufbrechen und erblühen zu sehen. Ein leiser Seufzer oder meine wechselnde Gesichtsfarbe, meine mühsam niedergekämpfte Unruhe, mochten der schuldlosen Urheberin doch endlich etwas von meiner Seelenpein verraten haben, denn sie entfärbte sich ebenfalls ein wenig und sagte dann zu mir mit halb erschreckter Stimme: »Sie sind vielleicht von dem raschen Ritt und der Luft angegriffen. Sie haben ja noch nichts genossen, entschuldigen Sie doch, daß ich Ihnen nicht gleich eine Erfrischung anbot.« Sie wollte sich entfernen, aber ich verhinderte das, indem ich ihr versicherte, daß ich unmöglich essen oder trinken könnte, daß ich mich von dem schönen Tage nur gestärkt fühlte, daß mich aber in ihrer Nähe das Andenken an meine gute Mutter und der Schmerz über ihren Verlust mit einer Lebhaftigkeit angewandelt hätte, die ihr eigenes Herz gewiß entschuldigen würde. Die Ärmste sagte darauf mit niedergeschlagenen Augen und einer Stimme, die mir das, was ich mit halber Wahrheit gesagt, zu einer ganzen in meiner Seele erweckte: »Ich allein habe um Entschuldigung zu bitten, denn ich konnte mir Ihre Stimmung wohl denken, da ich mit Ihrem Verluste bekannt bin.« Es war mir schon, als müßte ich auf diese so wahrhaftige Teilnahme und Mitleidenschaft gleich ihre Hand fassen; bei einem andern Mädchen würde ich das auch getan haben, aber in meiner Leidenschaft konnte ich es nicht. Die Geliebte erschien mir wie ein Heiligtum, das anzublicken schon zu viel für mich sei, und das ich nicht anrühren dürfe, ohne ihr in demselben Augenblick zu Füßen zu sinken und ihr meine Liebe zu gestehen. Der Himmel weiß aber, was dennoch geschehen wäre, wenn uns nicht ein Schellenschlitten unterbrochen hätte. Das gute Kind erkannte sogleich mit großer Freude ihrer Pflegeeltern Rückkehr und sprang dann mit einer Entschuldigung den eben im Hofe Angelangten entgegen. * * * Ich war eben im Begriff, mich selbst den alten Herrschaften vorzustellen, als bereits der Pflegepapa hereintrat, mich mit unverstellter Herzlichkeit umarmte und willkommen hieß. Meine Gegenbewillkommnung war um so hastiger, als ich mich durch dieselbe meiner Geliebten näher gebracht fühlte, wenn ich auch nicht klar begriff, wie. Der alte Herr hatte noch seinen Reisepelz an, aber ich hätte ihm nicht bloß Hände und Füße küssen mögen, sondern auch die großen Seehundsstiefel obendrein, so begeisterte mich der Gedanke, den zukünftigen Schwiegervater, wenn möglich, in dem Manne zu sehen. Jetzt kam auch die liebe, noch ganz stattliche Mama mit ihrem Töchterchen herzu, und weiß Gott, ich war so benommen, daß mir zumute war, als wenn ich meine Schwiegermutter umarmte, so liebenswürdig und mütterlich war die Dame, und so gefühlvoll, so natürlich drückte sie mich um meiner Mutter willen, ihrer zärtlichsten Freundin im Leben, ans Herz. Ich weiß nicht mehr, was ich mir eigentlich für eine kuriose Vorstellung von diesen Verwandten gemacht hatte, und wieso. Genug, ich fand in ihnen ganz und gar das Gegenteil von alledem, was ich mir zufolge der abgerissenen Mitteilungen meiner Eltern gedacht. Der alte Herr war ein offener, ungenierter und natürlicher Mann, dem man vom ersten Augenblick Gutherzigkeit und Humor abmerkte, und seine Gattin, wenn auch eine feine, so doch zugleich eine herzliche Frau, von einer natürlichen und klar ausgesprochenen Art. Ich hatte vor der Tür, im Angesicht der romantischen Naturszenen, vor den rauschenden Wassern, in dem kleinen Rendezvous mit der Lieblichen geschwärmt. Jetzt umgab mich die Wirklichkeit, und ich sollte das Mädchen, das ich für eine Frühlingsgottheit genommen, in seiner natürlichen Unbefangenheit und bloß menschlichen Liebenswürdigkeit sehen. Es war unterdes Abend geworden; wir hatten uns in dem heimlich eingerichteten und angenehm durchwärmten Wohnzimmer, in welchem ein helles Kaminfeuer brannte, traulich zum Plaudern und Teetrinken zurechtgesetzt. Der Abend ging unter lebhaften und herzlichen Gesprächen rasch vorüber. Es war die Rede von vergangenen Zeiten, von meiner Kindheit und von einer Begebenheit: als ich in einem unbarmherzigen Frostwetter, beinahe zum Tode erstarrt, hier an dem Tauftage der Pflegetochter von meiner seligen Mutter in einer Wanne mit Schnee, unter tausend Tränen und Seufzern, aufgetaut und ins Leben zurückgerufen, dann aber in das warme Wiegenbettchen meiner spätern Gespielin gelegt ward. Dabei wurde ganz natürlich des Krankenlagers wie des Todes meiner guten Eltern und des Verkehrs mit der besten, zärtlichsten aller Mütter und Freundinnen in einer Weise gedacht, daß uns allen die Tränen in die Augen traten und ich zuletzt außer mir geriet. Onkel und Tante, wie ich meine lieben Verwandten von nun an nannte, umarmten mich auf das innigste und boten mir Sohnesstelle in ihrem Herzen und Hause an. Ich lag dankgerührt in ihren Armen und bat dann um die Erlaubnis, mich auf meinem Stübchen erholen zu dürfen, als der gute Onkel mich seinem Pflegekinde mit den Worten entgegenführte: »Na, Agnes, du sitzst ja so fremde da, als wenn du nicht seine Verwandte wärst; so sagt euch doch gute Nacht und gebt euch einen herzlichen Kuß.« Mit dem Kusse wurde es nichts; aber in demselben Augenblick, wo mir das Herz vor Beklemmung und ich weiß nicht in welchen andern Empfindungen stillstehen wollte, warf sich das arme Kind der neben ihr stehenden mütterlichen Pflegerin mit einem krampfhaften Schluchzen in die Arme und ans Herz. Ich selbst ermannte mich aber diesmal doch so weit, daß ich der Weinenden, die sich noch nicht aufgerichtet hatte, schnell die Hand gab, und nachdem ich ihren leisen Gegendruck empfangen hatte, wie ein Nachtwandler meinem lieben Wirt folgte, der mir mein Schlafstübchen zeigte und dahin selbst die Treppe hinaufleuchtete. Als wir oben waren, sagte er mit gerührter Stimme: »Du siehst, es ist ein närrisches Ding, unsere Agnes, ein bißchen verlegen mit jedem, den sie zum ersten Male sieht; sie hat ein weiches Gemüt. Ihr werdet schon miteinander bekannt werden, du scheinst mir auch von alle den traurigen Erlebnissen angegriffen und müde zu sein, wie ich selbst. Morgen früh beim Kaffee wollen wir desto mehr sprechen. Ich habe noch vieles auf dem Herzen. Ich gräme und schäme mich, daß ich deine gute Mutter auf ihrem Krankenbette nicht besucht habe, daß ich nicht mal auf ihrem Begräbnis gewesen bin. Ich werde dir das aufklären, lieber Junge. Eine Erklärung ist aber freilich nicht immer eine Entschuldigung für unser Gewissen. Mach du es besser mit deinen Freunden und Verwandten, und schlaf dich ordentlich aus.« Da war ich nun mit den Zuversichten und mit den Besorgnissen, mit allen Schmerzen und Seligkeiten meiner jungen Liebe allein. Jedem, der sie zum erstenmal erlebt, ist dies so unerhört, daß er diesen Zustand für den einzigen auf der weiten Gotteswelt halten muß, und doch ist es nur das eine und selbige Natur- und Gottesthema, von allen den Millionen Menschenherzen variiert seit Adams und Evas Zeiten und solange es Menschenkinder und eine Jugend geben wird. Sie, die Himmlische, hatte ja meinen Händedruck erwidert; es hatte mich wie ein himmlisches Feuer durchrieselt, ich war jetzt einer andern Lebensordnung, einer höhern Wesenreihe durch ihre Berührung geweiht. Auch ich gehörte jetzt irgendwie den Engelmenschen an. Ich war mir selbst nicht mehr gleich. Warum hatte sie aber mit so leidenschaftlichem Schmerze geweint? War das bloße Teilnahme, bloße Erinnerung an meine Mutter, die ihr doch nur dunkel vor der Seele schweben konnte? Oder war es vielmehr eine tiefere unbewußte Mitleidenschaft, eine ihr selbst rätselhafte Sympathie unserer Herzen und Schicksale, schon in der frühesten Kindheit durch des Himmels Willen zusammengetraut? War sie von dem allen vielleicht mit denselben Empfindungen durchdrungen worden, wie ich selbst? War ihr stolz-jungfräuliches Herz davon überwunden worden, und bahnte sich so meiner Liebe ein mit Rosen bestreuter Weg? »O Mutter, Mutter!« rief ich im stillen, »wie bist du noch im Tode der gute, hilfreiche Engel, dem ich nun zum drittenmal nächst dem Schöpfer Himmels und der Erden mein Leben verdanken soll!« * * * Am andern Morgen wälzte ich mich ungeachtet dessen, daß ich erst nach Mitternacht eingeschlafen war, doch schon früh im Bette umher. Es gab dazumal noch keine Zündhölzchen, oder sie waren auf dem Lande nicht in Gebrauch; auch konnte ich in dem stillen Hause nicht umherpoltern, wie wenn mir absonderliche Sachen zugestoßen wären, ich blieb also ruhig-unruhig liegen; denn ich konnte unmöglich die Zeit geduldig abwarten, wo ich den Engel wiedersehen sollte, der gestern um meinetwillen Tränen geweint. Wie konnte sie heute wohl ausschauen, mit welchen Blicken, Gebärden und Liebreizen zum Vorschein kommen und mich begrüßen? Welch ein Liebeslos barg dieser Tag in seinem Schoß? Nein, ich konnte es nicht länger aushalten, ich fuhr rasch aus dem Bette und in die Kleider, um wenigstens nach dem Wetter zu sehen. Als ich zum Fenster hinausschaute, atmete ich zwar eine ätherreine, aber ziemlich kalte Luft; doch rührte sich kein Lüftchen, und vom Hofe, gleichwie vom angrenzenden Dorfe, hörte man auch keinen Laut. Es ist eine Gemütserbauung ohnegleichen um diese heilige Stille auf dem Lande; und dazu war es mir so, als wäre sie eigens um der Geliebten willen da; denn sie lag ja noch im Schlummer. Und wo sie nur schlafen mochte? Welch ein Heiligtum mußte das Stübchen sein! Ich hätte auf meine Knie niedersinken und für die Geliebte ein Morgengebet sprechen mögen, aber ich empfand bald, daß Menschen nicht für die Engel beten können, wohl aber diese für uns. In meiner Herzensunruhe drehte ich mich hier und da auf den Fußzehen im Stübchen umher, um ja nicht den unter mir schlafenden Onkel zu erwecken; da wollte es aber mein Unstern, daß ich über den Stiefelknecht stolperte, mit einem Spektakel, der einen Stocktauben geweckt hätte, und der Onkel hatte das leiseste Gehör. Der Rumor, welchen der fabelhafte, vom Schirrknecht mit der Holzaxt aus einem massiven Rotbuchenblock modellierte Stiefelknecht anrichtete, brachte mich vorläufig zur Vernunft. Bevor ich mich auf irgendwelche andern Schritte oder Eiertanztouren zwischen Stiefeln, Stiefelknechten, Pantoffeln und verwandten Gegenständen ferner einließ, setzte ich mich auf die Bettstelle mit stummer Ergebung. Dort lag auf seinem platten Rücken, die Schemelbeine gen Himmel gestreckt, das spektakulose Ungeheuer einer hölzernen Kunstfertigkeit auf dem Lande. Die Mondesstrahlen beschienen aber das gefühllose corpus delicti nicht zu lange. Ich hörte unter mir einen Husten, und nicht lange darauf stolperte der arme, aus dem Schlafe gestörte Onkel die Treppe herauf, noch bevor ich mich aus der Armensündersitzung gebracht hatte. Der alte Humorist erkannte den ganzen Kasus auf den ersten Blick und sagte, indem er vor Lachen fast den Leuchter auf die Dielen geworfen hätte: »Mein armer Kerl, was sind dir denn hier in der Finsternis und Verlassenheit für schlechte Abenteuer passiert? Du bist doch nicht krank?« »Nein, lieber Onkel; ich konnte aber nach der gestrigen aufregenden Abendunterhaltung nicht gleich einschlafen.« »Und da bist du gleich bis zum heutigen Morgen munter geblieben,« setzte der Alte humoristisch hinzu. »Na, ich sehe schon, mein guter Junge, dir geht's ganz wie deinem Onkel. Ich kann auch in keinem fremden Hause ordentlich schlafen, und es ist eigentlich kein Wunder dabei im Spiel; denn bei den ost- und westpreußischen Gutsbesitzern gibt es in den Gaststuben alles mögliche, nur keinen Komfort. Ich habe dir doch wenigstens einen praktischen Stiefelknecht machen lassen, siehst du, auf den kann man doch den Fuß aufstellen, ohne abzuglitschen und sich den Knöchel zu verrenken, oder der Länge lang auf die Diele hinzuschlagen, was mir neulich bei einem guten Freunde und liebenswürdigen Gastgeber passiert ist. Sage nur, was dir alles fehlt, und mach es dir derweil in der Unbequemlichkeit so bequem, wie du witzig bist.« Und damit klopfte er mir zutraulich auf die Schulter und gab mir zum Morgengruß einen herzlichen Kuß, daß ich ihm unwillkürlich um den Hals fiel. Ich mochte ihn auch in schönen Vorgefühlen allzustark an mich gedrückt haben, denn er sagte, mich spaßhaft abwehrend: »Junge, wo denkst du denn hin; ich bin ja nur noch ein morscher Medizinkasten, und du drückst mir den Brustdeckel und das ganze bißchen Leibeskonstitution entzwei.« Ich küßte ihm abbittend und trotz seiner Gegenwehr die Hände; er aber streichelte mir die Backen und sagte: »So einer, wie du bist, hat wohl seine Kräfte beisammen und kann springen und tanzen, aber meiner armen Wandelleiche wird wohl nächstens der Tischler zum Schlafrock das Maß nehmen; denn die Doktors kurieren nun schon an die zehn Jahre ihre Schande an mir. Siehst du, das wollt' ich dir eben erzählen; das macht mich zuzeiten so unwirsch und leider so engbrüstig gegen die ganze Welt. Denn ich muß dir nur sagen, ich habe zwar auch mal meine Philosophie getrieben, aber zur Sterbensweisheit und zum Lebensüberdruß habe ich es so wenig gebracht, daß ich vielmehr in diesen meinen fünfziger Jahren lebenslustiger geworden bin, als wie ich ein Zwanziger war. Du bist doch kein verdrehter Misanthrop, mein Jungchen,« schloß er, mich kritisch anlächelnd, »oder hat dich die Theologie vielleicht ein bißchen geistlich gemacht? Beichte mal, wenn dir danach zumute ist; aber flunkre mir nichts vor.« »Ich glaube an Gott den Herrn,« antwortete ich, »und liebe den Weltheiland, wie seine Lehren, soweit es meine große Lebenslust, meine Naturliebe und meine Jugend nur irgendwie zulassen will; weil ich aber noch lange nicht abzusehen vermag, wie ich zum Muster für die Christenheit meine allzu lebendige Natur mit den übernatürlichen Gesetzen der Heiligen Schrift und des Gewissens versöhnen soll, so hab' ich eben die Theologie fahren lassen und bin vorläufig ein ebenso ungeschickter Ökonom wie Theolog, bis mein lieber Onkel mit seiner Lebenspraxis was Besseres aus mir gemacht haben wird.« »Glaub's dir schon,« erwiderte der Alte; »wirst mir doch keine Schmeicheleien sagen wollen, da wärst du übel beraten; denn ich sage dir, ich habe mich selbst nicht erziehen und mäßigen können, das ist mein Unglück gewesen von Anbeginn; und so kann ich auch keine Katze erziehen und beraten, geschweige denn einen jungen Kerl voller Lebenskraft, wie dich. Ich wollte dich vielmehr bitten, mein lieber Sohn, der du ja sein willst, richte dich ja nicht nach mir und am wenigsten nach meinen Worten, denn ich habe mitunter ein gottloses Maul. Du mußt gescheiter und besser werden wie ich; du mußt Nachsicht mit meinen Schwächen haben und mich ins Schöne und Gute übersetzen, durch die Liebe für deine selige Mutter, die meine wahrhaftige Freundin war. Ich habe mich von jeher in meinem leidenschaftlichen Wesen gehen lassen und allen Unsinn mit meinem bißchen Mutterwitz und sogenannten Humor zugedeckt; Gott weiß aber am besten, wie bitter ich damit mein gutes Weib, mein Herz und meine seligen Eltern gekränkt. Grobe Sünden, was so die Welt darunter versteht, habe ich nicht auf dem Gewissen; aber die feinen Sünden fallen, denk' ich, für die feinen Leute ebenso ins Gewicht, wie die gröblichen Missetaten: das Totschlagen, das Betrügen und Stehlen, für das grobe, und doch im tiefsten Grunde unschuldigere Volk. Ich sage dir, mach's gescheiter im Leben, mach's besser wie dein Onkel; sein Humor ist oft nur der Deckmantel seiner Schwächen und Reueschmerzen; hör mich aus: jetzt weißt du, was du wissen mußtest, wenn wir miteinander so leben sollen, wie es dir heilsam ist und mir nicht allzu unbequem. Das kann ich dir noch zum Schlusse sagen, meine Frau und meine Pflegetochter tun mir das jeden Tag und jede Stunde, was ich von dir verhoffe und erbat. Sie übersetzen mich ins Schöne, und ich bin eigentlich ein häßlicher Kerl.« Jetzt war sein etwas kurzer Atem, aber auch die Bewältigung meines übervollen Herzens am Ende. Ich mußte wohl an die Schwächen des Mannes glauben, aber ich erkannte auch tief in meiner Seele seine Ehrlichkeit, seine Wahrhaftigkeit, seine Herzensgüte und sein religiöses Fundament. Ich lag an seiner Brust; ich sagte ihm, daß ich mich schrecklich vereinsamt fühlte, daß ich mich im heiligsten Sinne als seinen Sohn fühlte, daß er mein Vater sein sollte; daß ich aber etwas auf dem Gewissen hätte, was ich ihm ohne Aufschub sagen müsse, es beträfe Tod und Leben für mich; und wenn ich verzweifeln, wenn ich zugrunde gehen, wenn ich mein Todesurteil erfahren müsse, so geschähe es am besten und schicklichsten in diesem heiligen Augenblicke. Der Alte richtete mich mit zärtlicher und vor Rührung zitternder Stimme auf. Dann sagte er mit einer ihm ganz eigenen unbeschreiblichen Art, die zwischen Seele und Schalkhaftigkeit, zwischen Spaß und heiligem Ernste mitteninne gebildet war: »Na, laß doch hören, sprich's nur von der Leber fort; es wird doch kein Attentat auf mein Eigentum und meine Person sein?« »Also hast du mich doch schon durchschaut, du himmlisch guter Onkel!« rief ich außer mir vor Entzücken. »Ja, ich bin eines solchen Attentats schuldig; denn ich denke an weiter nichts, als wie ich dir dein Köstlichstes, deinen Augapfel entwenden soll: deine Agnes! Wer kann einen Blick auf sie werfen, ohne von Sinnen zu kommen vor Liebe, vor Sehnsucht, vor Seligkeits-, vor Todesempfindungen! Ich bitte dich um Gottes willen, lieber Onkel, lieber Vater, mache mich nicht lächerlich, habe Barmherzigkeit mit meiner Pein, denn ich bin außer mir; aber ich werde vernünftig sein, ich werde alles tun und leisten und in deine Hände beschwören; ich werde nicht von dir weichen, dein Alter pflegen; aber sage nur das eine Wort, daß du mich doch nicht für närrisch hältst, daß du mir glaubst, daß du mir traust, daß du sie mir gibst!« »Nu hör auf,« sagte der Alte mit komischer Rührung, »sonst lauf' ich dir fort und schick' nach der Polizei ins Dorf. Willst du mich denn zu Tode und über den Haufen reden? Ich hab' sie dir ja noch nicht fortgenommen, du närrischer Kerl; so beruhige dich doch und sprich leise, oder das ganze Haus kommt in Alarm.« Damit lagen wir uns in den Armen. »Liebes Kind,« hob er darauf wiederum an, »was soll ich mit dir Komödie spielen? Ich kenne dich besser, als du denkst. Deiner Eltern Sohn kann kein schlechter oder unnützer Mensch sein. Ich weiß es, du hast dein schuldenfreies, wenn auch kleines Gut; liederlich bist du nicht; und lernen wirst du die Wirtschaft am besten auf deine Kosten. Ich kenne auch meine Agnes, ich weiß ungefähr ihren Geschmack; er dürfte wohl so ziemlich auf so einen, wie du eben vor mir stehst, passen. Meine Frau wird dir ebensowenig entgegen sein, wie ich. Wir lieben euch beide und danken Gott, daß wir so einen ehrlichen und netten Jungen, als wofür wir dich halten müssen, für unsere Tochter gefunden.« »Heiliger Gott, ich komme von Sinnen!« »Bleib du hübsch bei Verstande und höre mich zu Ende.« »Mein Gott, habe Mitleiden mit mir, was ist denn nun die Bedingung und das Aber?« »Es ist dieses,« sagte der Onkel, »daß unter drei Jahren keine Hochzeit gemacht wird, weil du selbst noch sehr jung bist und Agnes nicht um ihre Mädchenjahre gekürzt werden soll. Und das schwör' ich dir, mein guter Junge, ich bin ein Todfeind aller Schwierigkeiten, Intrigen und Weitläufigkeiten; aber der Komödienonkel, der aus drei Jahren drei Monate, drei Wochen und drei Tage machen läßt, der bin ich ebenfalls nicht.« »Also weiter ist es nichts, lieber Onkel? Nun, Gott sei Dank! wenn's mal nicht anders sein kann, drei Jahre sind eine halbe Ewigkeit; aber ich schwöre dir, mein gütiger Onkel, daß ich dich nicht mal mit Bitten um eine Abkürzung der langen Zeit bestürmen will.« »Und nun noch eins,« sagte der Onkel in der feierlichsten und ernsthaftesten Weise: »Schone mir das Mädchen, sei männlich, edel; reiße sie nicht rücksichtslos und phantastisch in den Strudel deiner Leidenschaft hinein. Mäßige dich, du hast es, wie du siehst, mit einer zarten, lieblichen Blume zu tun. Mach ihr diesmal noch keine Erklärungen; ermanne dich und versprich mir auch dieses in meine segnenden Hände.« Und damit kniete ich vor dem Manne und schwor alles zu tun, was nicht über menschliche Kräfte gehen würde. Und der Alte schloß die Szene mit der Erklärung: »Ich appelliere in allem an dein Gewissen und an deiner Mutter Herz, welches sie ganz auf dich vererbt hat. Zunächst schütze dich der Genius deiner ehrlichen Liebe selbst. Also sage der Agnes bis zum nächstenmal kein Wort; mach ihr auch keine allzu sprechenden Zeichen und laß diesmal noch meine leicht beunruhigte gute Frau in Ruhe. Hörst du wohl! Na, nun werd' ich mir meine Morgenpfeife stopfen, und du zieh dich vollends an und komm dann zu uns hinein. Die Frauenzimmer waren auch schon munter, als ich aufstand, und haben den Kaffee gemacht; denn meine Frau kann ohne ihn ebensowenig sein, wie ich ohne Tabak.« Und damit ging der alte Herr die Treppe hinab. Mich ließ er wie einen Verzückten zurück. Aber es dauerte nicht lange. Durch meine Empfindungen brauste jetzt die Hoffnung wie ein Sturmwind; meine Seele war nicht länger mehr ein stiller Landsee, sondern ein wellenschlagendes Meer. Auf einmal aber fiel ich aus dem stillgeträumten Gleichnis, sprang balkenhoch in die Höhe, wie einer, der das große Los auf einem Dachkämmerchen gewonnen hat, und nachdem ich mir an der niedrigen Wirklichkeit fast den Kopf eingestoßen hatte, mußte ich wohl an das nächste denken, an Waschen und Kämmen. Aber die echte Begeisterung kühlt und wäscht uns kein Waschwasser ab, und ich wurde zu spät gewahr, daß ich aus dem Stübchen einen Teich gemacht hatte; dann riß ich die Fenster auf und ließ die frische Morgen- und Sonntagsluft herein, und fuhr mir in einer Heftigkeit und Schnelligkeit mit dem Kamm durch die Haare und mit der flachen angenäßten Hand, in Ermangelung einer Bürste, hinterdrein, daß es kein Wunder gewesen wäre, wenn ich mir mein schon in Rebellion gebrachtes Gehirn vollends verdröhnt hätte. Als ich mich aber im Spiegel besah, faßte ich frischen Mut, so gescheit und ruhig zu sein wie möglich; denn ich war, ohne Eitelkeit zu vermelden, wenn auch keine Sorte von natürlichem oder nachgemachtem Adonis, doch keineswegs eine Vogelscheuche. So knüpfte ich mir nicht ohne Selbstgefälligkeit mein neuseidenes Tuch um den Hals und meinen neumodischen Sonntagsrock um die schlanken Hüften, aber schon auf der Treppe und vollends vor der Stubentür entfiel mir das bißchen Mut, aus dem unschuldigen Grunde, weil meine Eitelkeit, wie ich ohne Eitelkeit von mir aussagen darf, nichts weiter als ein bloßes und von der blassen Verzweiflung improvisiertes Kunstprodukt war. Glücklicherweise fand ich in diesem Augenblick meine lieben Wirtsleute allein. Die Tante bedauerte mich wegen der schlaflosen Nacht, von der ihr der Onkel gesagt hatte, und gab mir den Rat, mich heute durch ein Nachmittagsschläfchen schadlos zu halten. Der Onkel lachte darüber, indem er sagte: »Man hört's doch gleich, liebe Frau, du weißt nur mit deinem alten Ehekrüppel, aber nicht mit jungen Leuten Bescheid! Sich ihn doch mal recht an! Sieht der so schläfrig aus, daß er von einer Nachtwache zuschanden gemacht wird? Ihr habt doch ordentlichen Kaffee gebraut, will ich meinen, und dann sorgt nur für eine gute Suppe zu Mittag, das wird uns alle erfrischen ... Wie ist's denn, du rauchst am Ende kein Pfeifchen und warst doch ein Student?« »Nein, lieber Onkel, meine Mutter hat mich immer gebeten, mir das Tabakrauchen nicht anzugewöhnen, und da ließ ich's denn bis auf diesen Tag.« »Na, so einer guten Mama«, sagte der Onkel halb für sich, »kann man schon was zu Gefallen tun.« »Und so einer guten Frau«, sagte die Tante, indem sie ihrem Manne spaßig die Wangen streichelte, »braucht man nichts zu Gefallen zu tun, denn der gefällt alles, auch der Tabaksrauch im ganzen Hause, bis in die Schlafstube hinein.« »Hast recht,« entgegnete der Alte, »es ist ein Laster; aber du hast es mal mitgeheiratet und ich denke wirklich, das Rauchen ist nicht das Schlimmste an mir.« »Nein,« meinte die Tante lachend, »wenn du so räsonierst, so muß ich dir schon recht geben;« und zu mir gewendet fuhr sie fort: »Du bist doch ein manierlicher Mensch und guter Sohn, daß du nicht rauchst,« und reichte mir die Hand, die ich sohnlich küßte, als die Heißersehnte mit einem Morgenglanze und einem Schönheitsdufte hereintrat, wie eine im Meer gebadete Sonne, nein, noch wunderbarer; denn das Kaminfeuer war eben niedergebrannt, und die Lichter vom Onkel, um des anbrechenden Tages willen, ausgelöscht; und so blitzten denn die Augen der Herrlichen in dem Halbdunkel wie ein paar Diamanten, und ihre ganze Gestalt umwob die Magie und die heilige Symbolik, welche in dem Kampfe des Lichts mit der Finsternis liegt. Das alles machte einen solchen Eindruck, daß ich ihr etwas befangenes Wesen mehr auf das dunkle Bewußtsein ihrer Jugendschöne deuten mußte, als auf ihre Verlegenheit gegenüber meiner geringen Person. Und wie wurde mir nun vollends, als die Holde, nachdem sie Vater und Mutter geküßt hatte, auch mir mit einer freien Anmut und Verschämtheit zugleich, die sie den Engeln abgestohlen haben mußte, den Purpursamt ihrer Lippen zum Kusse bot! Wie mir da war? Nun beim Himmel, mir war so leicht und selig, daß ich in die Wolken hätte auffliegen mögen, und im nächsten Augenblick so schwer, als hätte ich den Himmel auf den Schultern zu tragen gehabt. Von so einem Mädchen den ersten Kuß auszuhalten, ohne ihr hundert wiederzugeben, dürfte mancher meinen, das sei die Schwierigkeit und das Malheur. Nein, das war es nicht. Dies Mädchen war zum Küssen zu heilig, zu vornehm und zu schön! Von solchen Elementen, wenn sie anders die echten sind, sieht sich die Sinnlichkeit zur Übersinnlichkeit erhöht. Ich erzitterte bereits von dem einen leise gehauchten Kusse bis in alle Fibern meines Wesens hinein; mich hatte, ich schwor es bei meiner unsterblichen Seele, ein leibhaftiger Engel mit seinem himmlischen Odem berührt. Ich hätte aufspringen und meine Empfindungen in die Lüfte hineinrasen mögen, und nun mußte ich ruhig auf dem Stuhle sitzen bleiben, Kaffee trinken und womöglich meinen Zwieback einstippen, wie ein Menschenkind, mit dem nichts vorgefallen war. Der Pflegepapa hatte bei der kleinen Affäre so etwas schadenfroh in sich hineingeschmunzelt, und dann sagte er spaßig: »Na, siehst du, mein Kind, er hat dich nicht gebissen, dein Vetter, es ist ein ganz natürlicher, manierlicher Mensch. Jetzt aber erzählst du mir, was du geträumt hast.« Und gegen mich gewendet, setzte er neckend hinzu: »Du weißt gar nicht, was wir für eine kleine Dichterin im Hause haben.« Als die liebliche Traumerzählerin einen Versuch machte, dem Onkel zu entkommen, der sie bei beiden Händen festhielt, sagte er zu der Bittenden: »So leicht läßt einer das bißchen Poesie nicht fahren, das ihm auf seine alten Tage in einer Traumerzählerin geschenkt ist. Siehst du, mein Sohn, komme ich dir nicht fast wie der Sultan mit der Scheherezade vor? Ich im türkischen Schlafrock und vor mir diese in Seide ausgeputzte kleine Kirchgängerin, die mir Traummärchen erzählt, ist das nicht eine Szenerie aus Tausendundeiner Nacht?« Und es war wirklich so, wie der Onkel gesagt hatte. Wir befanden uns, was ich zu beschreiben vergessen habe, in dem mit phantastisch bedruckten Tapeten und mit einem üppigen Diwan, wie mit altmodischen englischen Prachtmöbeln aufgeschmückten Staatszimmer des Hauses, welches letztere überhaupt viel mehr Gelaß und Komfort hatte, als ihm von außen anzusehen war. An dem mit phantastisch dekorierten Gardinen halb verhängten Fenster saß der Onkel, ein immer noch stattlicher Mann mit merkwürdig markierten Gesichtszügen und belebten Augen, in einem prächtigen Schlafrock von grünem Seidendamast, dazu in gelben Saffianpantoffeln und mit einer langen Türkenpfeife, auf dem ebenfalls mit Seide bezogenen Polster, das an den Wänden umlief; und vor ihm stand in einem Seidengewande, welches die leisesten Bewegungen durch ein mysteriöses Rauschen kundgab und die feine Taille wie mit einer blitzenden Metallfolie umgoß, in einer flehenden Stellung die schönste aller Jungfrauen, von dem vollen Morgenrot zu einem Wesen verklärt, über welches aller Märchen- und Frauenzauber des Ostens und des Westens ausgegossen war. Selbst der Onkel starrte ihr schweigend in das schönste Antlitz, und jetzt hielt sie die gefalteten Rosenhändchen gegen die von Leidenschaften ausgebrannte Brust des Mannes, und neigte das mit üppigen Haarflechten geschmückte Haupt gegen seine in Erinnerungen versenkten Augen; so ließ er die Hände der still Bittenden fahren, und eine Träne stahl sich über ihre von Jugend und Morgenrot umschimmerten Wangen, und nach einem leisen Kuß auf das blasse Gesicht des kinderlosen Mannes war sie seiner Seite und meinen verzückten Sinnen entschwunden, wie der Genius der Träume selbst. »Das ist ein kurioses Frauenzimmer,« sagte der Onkel, indem er mit der Hand leicht über das Gesicht strich, als wenn er sich wieder wach machen wollte. »Nu erzieh' mir mal einer so eine! Sie sollte mir, wie sie sonst regelmäßig tut, ihren Sonntagstraum erzählen, und weg ist sie ohne Adieu. Das Närrische dabei ist noch dieses, daß ich ins Träumen gekommen bin, obwohl ich kein Wort gehört. Ich weiß nicht, was dem närrischen Dinge heute sein muß. Sie kann doch nicht noch von gestern so wunderlich geblieben sein.« »Liebes Kind,« nahm jetzt die Tante das Wort, mit einer Mißbilligung und Verlegenheit, die nicht ganz von ihr bemeistert werden konnte, »du scheinst mir heute selbst etwas wunderlich zu sein. Du weißt ja, daß das arme Mädchen ein leicht reizbares und überwallendes Gefühl hat. Die gestrigen Erinnerungen haben uns doch alle bis zu Tränen gerührt, und wenn nun ein so junges Mädchen zum erstenmal vor einem jungen Manne ihr Mitgefühl gezeigt hat, so ist doch nichts natürlicher, als daß sie sich darüber am andern Morgen noch ein wenig befangen und verschämt finden läßt. Und Agnes würde bei alledem ihre sonstige Lebhaftigkeit wiederbekommen haben, wenn du sie nicht mit ihrem Sonntagspensum gequält hättest. Oder meinst du wirklich, daß irgendein Mädchen einem Studiosus Vetter gleich zum Entree ihre Morgenträume erzählen wird?« * * * Dieser Tag ging für mich Ärmsten und doch so Hoffnungsreichen nur allzu rasch zu Ende, und am Dienstag in der Frühe saß ich, aller Protestationen meines Onkels und meiner Tante ungeachtet, schon wieder auf meinem unterdessen gut ausgeruhten Fuchs. Der Onkel hatte nur aber versprechen müssen, in den ersten schönen Tagen bei mir zu sein. Der Abschiedskuß und Gruß der Holden und ihr Händedruck war nur ein herzlich verwandtschaftlicher gewesen. So viel begriff ich jetzt, es ging keineswegs so geschwind, als ich gedacht und gewollt. Das Heiligtum der Liebe dieses Mädchens schützte sich durch seine eigene Natur. Hier galt es ganz andere Hindernisse zu überwinden als die mit kuriosen Onkeln und Tanten, oder mit Nebenbuhlern, albernen Mißverständnissen, Verwickelungen und Intrigen. Dieses Mädchen eroberte man ebensowenig mit glücklichem Zufall und Anlauf, wie man ihre Liebe durch eine unglückliche Zufälligkeit oder durch ein bloßes Mißverständnis verlor. Zu diesem Herzen bahnte man sich nicht etwa mit mutig aufgehaltenen Pferden oder selbst durch solche Verdienste einen Weg, für die man vom Staate die Rettungsmedaille erhält. Zu dieses Mädchens Herzen führt nur eine ehrliche Liebe und Treue und dieselben Tugenden, die in ihrem eigenen Herzen wohnten. Sie ist dem Diamant gleich, sagte ich mir, der nur mit seinem eigenen Staube geschliffen werden kann; der, farblos an sich, dennoch in allen Regenbogenfarben erglänzt, der im Dunkeln leuchtet, und alle andern Naturkörper schneidet, während er selbst von keinem verletzt, von keinem au Härte, an Durchsichtigkeit und Schwere, an der Fähigkeit, das Himmelslicht zu brechen, erreicht wird. Und wie stümperhaft war wiederum dieses Gleichnis! War sie denn nicht das Weichste und das Härteste zugleich, das Lichte und das Dunkle, das Verwundbarste und Verwundendste; das Gestählteste zwar in ihrer Unschuld, und doch der weichste, bildsamste Stoff, welchen Himmel und Erde sich je ausersehen hatten; und spiegelten sich nicht in ihrer Seele alle Wunder und Prozesse des Lebens, und traumredeten sie nicht in ihren Augen, in ihren Gebärden und in ihrer ganzen Gestalt? Und was sollte ich Ärmster an diesem Himmelskinde schleifen oder polieren; wie sollte ich auch nur den Juwelier machen, da mir Fassung und Folie als eine empörende Entstellung erschien? War nicht die Natur ihre Fassung und Umgebung, und der Himmel ihre Folie? Ich wollte mein bisheriges Leben prüfen, ich wollte ein tüchtiger, lauterer und liebenswürdiger Mensch werden, und dann kurz und gut vor mein Ideal hintreten und sagen: »Hast du nun Mut, mit einem durchs Leben zu gehen, den du zum bessern Menschen machtest, ohne daß du seine Verlobte warst und sein Weib? « So ehrenfest ging es mir im Kopf und Herzen umher, solange ich unterwegs war. Als ich aber vom Pferde stieg, legte sich mit der Reiterei auch die Ritterlichkeit des Sinns. Ich ging kleinmütig, ermüdet und verdrossen schon aus dem Stalle, über den Hof und in das vereinsamte Haus. Es gibt Frühlingsabende, in denen eine unsägliche Melancholie liegt, man weiß nicht recht wie oder worin. Solange der Winter regiert, ist eine kräftige, ausgemachte, rundum fertige Stimmung im Menschen, ein bestimmter Charakter in der Natur; sie schlummert, sie ruht, und das Gemüt ist einstweilen bis auf weiteres beruhigt und bereinigt. Nun kommen aber die ersten Frühlingswehen, das strenge Winterregiment ist vorbei, mit dem Schnee und Eise ist auch die Rinde von unserer Empfindung geschmolzen, die bloß in den Hintergrund der Seele gedrängt war. Der eisige Hauch ist einer lauen, weichen Luft gewichen; wir atmen Frühling, und doch liegt die Erde noch wie unmächtig und betäubt, selbst nachdem der Frost aus ihrem Schoße entwichen ist. An den kahlen Bäumen, deren Äste gespenstisch und wie klagend in die Lüfte starren, flattert noch hier und da, wie zum Hohne, ein welkes Blatt aus dem Herbste, und scheint den grünbräunlichen Massen der knospenden Waldbäume am Horizonte herüberzurufen: »Was hilft es euch, daß ihr wiederum ausgrünet, wenn eure Blätter noch in diesem Herbste so verwelken und absterben müssen wie ich.« Wie mühen und matten sich doch Himmel und Erde ab, all diese Laubmassen zu erzeugen, und was ist es zuletzt mit ihnen, mit den Baumriesen, mit allem Erschaffenen; was kann es in dieser irdischen Vergänglichkeit mit allem sein, als ein Übermalen, ein Verkleiden des Todes? Eben in diesen ersten Frühlingstagen stehen Tod und Leben ganz so sinneverwirrend beieinander, wie in der jungen Liebe, und bilden so ihre ursymbolische, weltewige Melancholie, dieselbige, welche Gott der Herr bereits im Paradiese errichtet hatte, indem neben dem Baume des Lebens der Baum des Todes gepflanzt stand, mit der Schlange und der verbotenen Frucht. Wenn unser Herz ein erstes Mal zum Leben geweckt wird, wenn es die ganze Süßigkeit und Schöne dieses Lebens gekostet hat, so schauert es auch eben um deswillen vor der diabolischen Majestät des Todes, die in alle Atome dieses Lebens hineinwachsen und es Augenblick um Augenblick verzehren darf. Solche Empfindungen und Gedanken bestürmten meine Seele. Da kamen zu dem totenstillen und verödeten Gehöfte, welches die untergehende Sonne falb und fabelhaft beleuchtete, die Pflüger mit dem abgematteten Jochvieh vom Felde und die Schafe zum erstenmal von der Waldweide, auf der sie die eben hervorgelockten Grasspitzen fortgeleckt hatten, zurück. Die knarrenden und ächzenden Pflugräder und alle die kläglich blökenden Tiere bildeten die musikalische Illustration zu dem philosophischen Texte meiner Liebes- und Frühlingsmelancholie. Ich schlich zur kalten, düstern und grabesstillen Stube, warf mich auf meines Vaters alten Lehnstuhl, hielt beide Hände vor das Antlitz und weinte mich bitterlich satt. * * * Die Welt fror und schneite wieder zu, als wenn nie ein Frühling erwachen sollte. Ich wurde von Sehnsucht, von Hoffnungen und Verzweiflungen, von den widersprechendsten Gefühlen wie zerrissen. Ich wurde körperlich und geistig elend, und endlich warfen mich diese Torturgrade der Liebe aufs Bett. Ich fühlte mich ernstlich krank. Eben sollte (darauf bestand die alte Haushälterin) der Arzt geholt werden, da tönte ein Schlittengeläute in meine Ohren, so himmlisch wie nimmer eine irdische Musik; denn meine Seele ahnte die Ankunft des getreuen Onkels, welcher Kunde brachte aus dem Eden, worin sie weilte, bei dieser irdischen, eingewinterten Zeit. Und der Ersehnte war es. Er hatte schon auf dem Hofe von meiner Erkrankung gehört und trat jetzt so hastig, als es ihm Gicht und Zipperlein erlaubten, zu mir herein. Ich streckte ihm aus meinem Bette beide Arme entgegen, und schluchzte an seinem Halse mein Leid aus. »Aber mein Gott, liebe Seele,« sagte der Alte halb erschrocken und halb zum Spaß hinüberlenkend, »was ist denn mit dir los; du weinst ja, als wenn dich der Bock gestoßen hätte. Menschenkind, sei doch nicht ganz närrisch und schwach. Ich habe wahrhaftig gedacht, du wärst ein kerngesunder und praktischer Junge, und jetzt machst du mir solche miserable Geschichten und ruinierst dir das bißchen Gesundheit und Mut.« »Ach Gott, lieber, einziger Onkel, lieber Vater!« rief ich mit wie zum Beten aufgehobenen Händen, »verdamm mich nur nicht ganz und gar. Mir ist so vieles im Kopfe umhergegangen. Mich hat eine so erschreckliche Bangigkeit ergriffen. Ich fühle mich so einsam und verlassen. Ich werde es aber schon gewohnt werden. Habe nur ein bißchen Geduld. Ich werde und will mich zusammenraffen und es wird gehen.« »Das gebe Gott«, sagte der Onkel, mich näher fixierend, mit Besorgnis, indem er mir den Puls fühlte. »Was fehlt dir denn körperlich? Du bist allerdings in einem fieberhaften Zustande und hast keine Pflege, du armer Schelm. Wir werden den Doktor holen müssen; hast du auf nichts einen Appetit, auf eine Erfrischung? Wo ist denn deine alte Frau Brommen; liegst du hier ganz allein?« »Du lieber Himmel,« sagte ich eifrig, »ich brauche keinen Doktor, ich brauche keine Erfrischung, nun ich dich wiedersehe und von Agnes hören werde. Mir fehlt ganz und gar nichts als sie, als ihre lieben Pflegeeltern und euer stilles Paradies, das Zusammenleben mit euch. Wie kann man denn nur einen Augenblick im Himmel gewesen sein und hinterdrein auf dieser kalten schalen Erde aushalten. Ich muß mich erst an diesen Wechsel gewöhnen, es ist ja zum erstenmal.« »Das ist alles richtig, du armer Kerl«, meinte der Onkel, die Lippen zusammenklemmend. »Es kann bei gefühlvollen Menschen nicht füglich anders sein. Aber es ist eben ein Elend, wenn wir in diesen irdischen Verhältnissen so sensibel organisiert sind. Staub und Äther zu einem Menschenkinde zusammengeknetet, das ist wirklich ein verzweifelter Humor. Sei nur alleweile vernünftig und sage, was dir fehlt und wehe tut, und was du brauchst.« »Ich brauche wahrhaftig nichts als Liebe, und mir tut nichts weh als mein Herz.« In dem Augenblick trat die Haushälterin, die alte Brommen, herein, beguckte sich den Onkel, still vor sich hinknurrend, wie so ein alter Hund um einen halbverdächtigen Fremden herumgeht; und als dann der Alte auf seine alte Bekanntschaft zuhinkte und ihre verschrumpfte Hand faßte, indem er sagte: »Na, wie geht's Euch, liebe Brommen, wohl nicht besser wie mir? Sind beide älter geworden --« so ließ sie das eben nur geschehen, brummte aber halblaut vor sich hin: »Älter wird der Mensch woll, aber klüger wird er nicht viel. Hätten auch früher kommen können, wie die gnädige Frau und der gnädige Herr noch am Leben gewesen sind. Sind nicht mal zum Begräbnis gewesen; werden auch sterben und begraben werden; wer weeß, wie es bei Ihrem Begräbnis zugehen wird, wird auch keiner kommen,« und damit ging sie von uns fort. »Von der hab' ich mein Fett weg,« sagte der Onkel; »die hat's mir gut gegeben. Nu ist mir ordentlich leichter zumut. Das Schlimmste ist aber, daß sie recht hat. Nicht so ganz, wie sie meint, aber viel mehr, als das Gewissen verträgt. Es war eine wunderbare Frau, deine Mutter, und ich habe sie, weiß es Gott, mehr als eine Schwester, und nächst meiner Frau und Mutter am meisten auf Erden geliebt, und doch nicht an sie geschrieben, und bin doch nicht zu ihr gefahren und auf ihr Begräbnis gekommen, wirst du selbst denken. Siehst du, das wollte ich dir gleich beim ersten Begegnen erzählen; das hat mich lange gequält, aber wir haben eben von andern Dingen geplaudert und die Toten vergessen; aber der Tod selbst vergißt uns sicherlich nicht. Das Schreiben kann ich für den Teufel nicht leiden. So eine regelmäßige Korrespondenz, das ist eine Tintenliebe, eine Gespensterei, und artet zuletzt in ein Unwesen aus, in welchem das Bild verzerrt wird, das man gegenseitig voneinander im Herzen trug. Was man vom Maule weg ganz natürlichermaßen sagen kann, das kann man nimmermehr so schreiben; und so schmiert man denn einen Bogen voll, und hat immer noch keinen Tropfen Blut vom Herzen gezapft. Herr, mein Gott, wenn ich meine Liebe und mein Leid aussprechen soll, so muß ich mit dabei sein und meine Privatgesichter dazu schneiden, und meinen Gestus machen, das ist die allein verständliche und lebendige Interpretation für die verdammten Redensarten. Ohne Musik gibt's keinen lebendigen Liedertext, und der sprechende Mensch ist doch der vollkommenste Komponist. Hol' der Henker die Briefschreiberei! Aber gegen deine selige Mutter, mein guter Sohn, habe ich schwere Schuld. Ich konnte sie zwar nicht besuchen, denn ich saß in Flanell und Medizinflaschen bis über den Hals, und schreiben konnt' ich auch nicht, denn ich litt dazumal an Chiragra und Podagra zugleich. Aber ich hätte meiner Frau nicht trauen sollen, die zwei Briefe, jeden mit der bei Frauenzimmern so beliebten ›guten Gelegenheit›, abgeschickt hat; sind wohl aber heute noch nicht hier abgegeben und bestellt. Ich konnte der Agnes diktieren, das mußte ich; hab's aber nicht getan, weil ich damals zu übellaunig, zu sehr mit mir selbst beschäftigt, zu gleichgültig und bequem war; und das war eine Sünde, die mir Gott verzeihen wolle, mein eigen Herz und Gewissen verzeiht sie mir nicht!« und damit umarmte mich der bußfertige Mann. Nach dem Arzte war nicht geschickt worden, der rechte Doktor saß ja bereits an meinem Bett. O wie strömt mit dem Anblick der Personen, die wir lieben, neues Leben und neuer Mut durch unsere Adern, und vollends, wenn es ein Mensch aus der Nähe unserer Geliebten ist. Da saß der, dem sie am Halse hing, der sie groß gezogen hatte, wie ein Gärtnersmann ein Lieblingsbäumchen hegt und pflegt. Ihre Liebesblicke hatten nur noch vor kurzem an ihm gehaftet, ihre Arme ihn umschlungen gehalten, ihre Lippen, ihr Odem seine Lippen berührt, und diese Berührungen eines Engels küßte ich nun hinweg. »Jetzt«, sagte der Onkel, »wird mir doch zu warm,« und damit entledigte er sich eines kleinen Strickschals von Wolle, indem er sagte: »Da hat mir die Agnes ihren Halsschal noch um mein Halstuch getan und wird sich jetzt selbst erkälten; es ist aber doch ein gutherziges und vorsorgliches Ding. Ein wahres Glück, daß ich doch was Junges und Anhängliches auf meine alten Tage um mich habe. Wenn meine liebe Frau krank würde oder gar stürbe, ich müßte geradeswegs mit in die Grube springen, so verlassen wär' ich. Jetzt behält man schlimmstenfalls doch eins.« »Und mich rechnest du für keines?« rief ich, dem Onkel die Arme entgegenstreckend, aus. »Na, du närrischer Kerl,« spaßte dieser, »du willst schon förmlich und bei aller Gelegenheit mit der Agnes zusammengerechnet und verbunden sein, und du kennst doch unsern Kontrakt, stille Verlobung drei Jahr und einen Tag.« »Weniger acht Tage,« setzte ich hinzu, »morgen ist schon wieder Sonntag.« »Hast recht; die Zeit subtrahiert ohne Unterlaß Tage, Stunden und Sekunden von unserm bißchen Leben, und je älter wir werden, desto schneller verrinnt alle Zeit. Eine Woche ist mir heute nicht so lang, wie in der Kindheit ein Sonntag; und doch war mir dieser himmlische Tag so kurzweilig, wie mir heute alle Tage, verglichen mit der Paradieseszeit in den Kinderjahren, langweilig sind.« Der Onkel hielt den kleinen Schal von Agnes noch in der Hand; er wollte ihn eben fortlegen, da konnte ich dem Begehr, ihn zu küssen, nicht länger widerstehen und drückte ihn, obgleich ich mich schämte, so inbrünstig an die Lippen, daß der Papa lachend und gerührt sagte: »Es ist gar nicht anders möglich, das ist die natürliche Strafe, wenn sich ein alter Kerl mit dem jungen verliebten Volke eingelassen hat, so muß er alle Torheiten mitmachen und darf nicht mal böse dazu sehen.« »Verzeihung, lieber Onkel; es war nicht Mangel an Respekt, daß ich meinen Empfindungen freien Lauf ließ. Ich will mich schon zusammennehmen, wie ich kann. Ich fühle mich schon diesen Augenblick genesen, und will morgen wieder aus dem Bett.« »Eigentlich«, sagte der Alte, »bin ich so ein Narr wie du. Ich kann's dir nicht verdenken, daß du dich nach ihr bangst; denn ich muß dir nur sagen, du närrischer Junge, mir hat die ganzen Tage, daß du fort warst, was gefehlt, und das warst du selbst. Ich habe auch so eine Hundenatur; ich gewöhne mich an Menschen so leicht, daß ich schreckliches Leidwesen habe, wenn ich wieder los von ihnen muß.« »Mein allerbester, herzliebster Onkel,« sagte ich, ihm die Hände drückend. »Dürfte ich morgen wohl mit dir fahren?« ergänzte der Onkel, meinen Ton nachahmend. »Na, so fahre nur mit. Ich könnte den Jammer bei der Abfahrt doch nicht mit ansehen. Und wenn du mal mitsollst, so mag dich die Freude heute vollends gesund machen, und deine Einrichtungen mache dann auch in der Zeit. Du hast mir doch mal ganz und gar ins Herz geguckt, und so ergeb' ich alter schwacher Mann mich dir schon auf Diskretion.« Die alte Brommen brachte nun einen Tee und hatte sogar Waffeln dazu gebacken; das sollte wohl ein Versöhnungszeichen sein. Der Onkel ging jetzt zum andernmal auf sie zu und sagte, ihre Hand fassend, sehr ernst und feierlich: »Liebe Brommen, Ihr habt recht, daß Ihr mich ausgescholten habt; aber so schuldig, wie Ihr denkt, bin ich nicht. Ich leide schon seit Jahren an Gicht und Podagra; und zwei Briefe sind durch die Nachlässigkeit von Freundinnen, welche die Bestellung übernommen hatten, nicht in die Hände der Verstorbenen gekommen. Wenn ich den Tod der Seligen so rasch vermutet hätte, so würde ich, wenn auch in Betten gepackt, doch hergekommen sein; und was das Begräbnis betrifft, so ist das zwar meine schwache Seite, weil ich Personen nicht als Leichen sehen kann, die mir im Leben lieb gewesen sind; aber dies wollen wir uns beide versprechen und halten: wer den andern gesund überlebt, begleitet ihn zu Grabe. Sterbt Ihr früher als ich, so folge ich Euerm Sarge, und wenn es auf Krücken geschehen soll. Nu seid mir aber auch nicht weiter bös.« Die Alte war durch die ehrenfeste und herzliche Art des Onkels halb erweicht und halb beschämt; sie machte eine Bewegung, ihm die Hand zu küssen, was er verhinderte; dann wischte sie sich mit der Schürze eine Träne aus dem tiefliegenden Auge und sagte: »Ich weeß ja woll, daß Sie ooch ein gutes Herz haben, und die gnädige Frau is keenem so gut gewesen wie Ihnen; aber Sie konnten doch kommen oder schreiben lassen; und das hat mich selbst gekränkt. Ich kann das Sterben und Begräbnis ooch nich leiden; der Mensch muß sich aber alles gefallen lassen, wie's dem Tode gefällt und dem lieben Gott.« Mit diesen Worten ging die Alte wieder an ihr Geschäft. »Das ist ein grundehrliches, unverwüstliches altes Weib«, sagte der Onkel höchst erbaut. »Wenn ich doch die Schnellkraft hätte, die ihr heute noch innewohnt. So war sie immer, und so wird sie bleiben bis an ihr End'.« »Ich bin von der frischen Luft ordentlich hungrig geworden,« fuhr er fort. »Es scheint also vorläufig mit mir nicht am Sterben zu sein«, und damit biß er mit solchem Appetit in die Waffel, daß ich zum erstenmal so recht fühlte, welche echt menschliche Lebensfreude darin liegt, einen Menschen zu speisen und im eigenen Hause beherbergt zu sehen. Ich fühlte mich in meinem Herzen so froh und so erstarkt, daß ich, bevor es der Onkel hindern konnte, aus dem Bette und in meinem Schlafrocke war. Der Onkel sah sich dann noch mit dem alten Ökonomen die Schafe, das Rindvieh und die Fütterung, sowie den Rest des Getreides und der Futtervorräte an, belobte meine Einteilung, gab guten Rat, und dann plauderten wir in der Stille des Abends bis tief in die Nacht. Am andern Morgen aber ging's in Pelzen mit muntern Pferden auf der schönen Bahn dahin, von wo ich am liebsten nie zurückgekehrt wäre. O Himmel, mit welchen Empfindungen sah ich das Häuschen an seinem See, und wie hämmerten meine Pulse, wie stockte mir der Atem, als ich Agnes an der alten Stelle auf der Rampe erkannte, und wie sie jetzt, als sie uns kommen sah, durch die Zimmer in den Hof zurücklief. »O wenn doch von der Liebe zu Onkel und Tante und zu der neidenswerten Marie noch ein klein wenig für mich armen Schelm übriggeblieben wäre!« so dachte ich in meinem Herzen. Ich Undankbarer! Denn in diesem Augenblick sprang sie ja schon mit jubelndem Willkommen und mit dem schwesterlichsten Blick auch für mich zum Kutscher auf den Tritt und ließ sich das Stückchen Weg, das sie uns in der Richte durch den Garten entgegengelaufen war, Schlitten fahren, und dann sagte sie, mir die Hand reichend, nachdem sie des Onkels Pelz geliebkost hatte: »Das ist ja schön, lieber Vetter, daß Sie mitgekommen sind; der Papa hat sich schon recht nach Ihnen gebangt; und die Mama wird sich auch freuen.« »Und meiner lieben Cousine, komme ich der auch recht?« fragte ich kleinlaut, mich nach der Holden umwendend. »Hab' ich denn ein so unfreundliches Aussehen, daß der liebe Vetter so mißtrauisch ist«, antwortete sie spaßig-verschämt. Und ich entzückter Narr küßte ihr eine von den kleinen eiskalten Händen, mit denen sie sich an unserer Rücklehne hielt, und ging dadurch der Bewillkommnungskuß quitt, den ich doch wahrscheinlich erhalten hätte, wenn ich mir diesen Willkommen nicht ungeduldig vorweggenommen hätte. Die herzige Tante küßte ihren Mann und mich aufs herzlichste und belobte mich noch besonders, daß ich mitgekommen sei; damit fiel mir denn die letzte Last vom Herzen, und wir traten ins gastliche Haus, der Küche vorüber, wo bereits der Geruch von frischgebranntem Kaffee unsere Nasen kitzelte und eine Magd mit großem Eifer über einer Kaffeemühle her war, so daß der Onkel sagte: »Das nenn' ich doch noch einen richtigen Treffer auf frischgebrannten und gemahlenen Kaffee, der soll schmecken, als wenn er direkt von Mokka oder Mekka und Medina angelangt wäre!« Und als der heute besonders rüstige Mann nun aus Pelz und polnischem Paß (Leibbinde) herausgewickelt war, ging es nochmal über ihn mit Zärtlichkeiten her, von Tante und Pflegetochter zugleich. Onkel und Tante waren ganz besonders gut gelaunt, und so frisch, so zärtlich miteinander, wie ich sie noch nicht gesehen; dies mochte Agnes ganz besonders aufgeweckt und vergnügt machen, und so ward ich an diesem Abend von einem Zauber umsponnen, daß mir im Wortverstande Hören und Sehen verging. Agnes war so fröhlich und schalkhaft mit dem Onkel und dies mit einer solchen Herzensunschuld, mit einer solchen Wahrhaftigkeit und schönen Natur, mit einer so von der Seele diktierten Delikatesse und Schämigkeit, und alle ihre körperlichen Bewegungen folgten mit so wundervoller Elastizität und Grazie ihren allerliebst eingefädelten Späßen und Liebesneckereien, daß ich mit allen Sinnen und Gedanken nur dieses himmlische Schauspiel verschlang. Ihre Fröhlichkeit irgendwie auf mich zu beziehen, fiel mir um so weniger ein, als sie in den Augenblicken befangener und ernster zu werden schien, wo sich zufällig unsere Blicke begegneten oder ich ein paar Worte mit ihr sprach. Agnes mußte mit Vorliebe und mit ganzer Seele Gutsleute und Bauern beobachtet haben; denn sie trug Dorfnovellen mit so tiefem Einblick in die Lebensart und den Charakter der polnischen Leute, kurz mit solcher Laune und Meisterschaft vor; sie kopierte die Dorforiginale und einen Dialog zwischen ein paar alten Weibern mit solcher Schauspielerkunst, daß der Onkel, vor Lachen ganz fortbleibend, einmal über das andere Mal mit Erstaunen ausrief: »Aber sage doch, Agnes, warum bist du nicht schon lange zu den Komödianten gelaufen, wo hast du denn das alles her? Diese Künste und Wissenschaften hab' ich ja sonst nicht an dir bemerkt; du kannst ja einem Menschen ganz allein Komödie vorspielen, und er denkt, es sind ihrer zwei, drei oder noch mehr.« Agnes sagte dann, auf einmal innehaltend und ganz rot geworden: »Ich weiß selbst nicht, wie mir das heute alles in den Sinn gekommen ist; aber ich freue mich so, daß du wiedergekommen bist, lieber Vater; ich habe mich diesmal so nach dir gebangt, daß ich in meiner Freude allerlei närrisches Zeug treiben muß. Morgen haben wir Sonntag, da will ich wieder hübsch gesetzt und ehrbarlich sein.« Der Onkel war sichtbar entzückt über Agnes und drückte sie mit väterlicher Zärtlichkeit an sein Herz. Die Tante aber mußte mit ihrem weiblichen Scharfblick wohl tiefer in Agnes' Herz hineinschauen und schien, ähnlich mir selbst, in ein wehmütig-träumerisches Sinnen verloren, aus dem sie aber jedesmal durch die liebliche Debütantin mit gar nicht zurückzuweisenden Liebkosungen aufgemuntert wurde. In einer mir so ganz neuen Erfahrung, Stimmung und Aufregung ging dieser Abend hin. Als ich dann in meinem Bett lag, konnte ich lange nicht einschlafen, da ich bedachte, daß ich eigentlich außer meinem heißliebenden Herzen und einer natürlichen Gutartigkeit nichts hatte, was ich dem Genius und Liebreiz der Geliebten zur Seite stellen konnte, und es stiegen ernste Zweifel in mir auf, ob sie mit mir glücklich sein könnte, ob ich ihrem sich weiter entfaltenden Geiste auch nur folgen, geschweige denn ihm ein Leiter und Lehrer sein könne und ein Halt. Der Schlaf machte auch diesmal, wie immer, allen Bedenklichkeiten, Sorgen und Aufregungen ein Ende, und dann kam der liebe Sonntagmorgen! * * * Das Wetter ward sommerlich warm. Schnee und Eis schmolzen fabelhaft schnell in das elementarische Nichts zurück, aus dem der alte Nordpolmagus, der Winter, seine nordischen Humore kristallisiert hatte. Mir moussierte Blut und Nervensaft in den Adern, und den andern mochte nicht anders zumute sein, denn der Onkel sagte, nachdem er eine Weile im Saale auf- und abgehumpelt war: »Na, Agnes, dir und der Marie (das schöne Bauernmädchen, das den Erzähler bei seiner Ankunft begrüßte, eine Freundin von Agnes) blitzt ja die Frühlingsrebellion zu den Augen heraus, und deinem Vetter nicht minder. Wenn der Saft in den Bäumen hinaufsteigt, wenn die Birken Champagner brauen und das Blut den Lerchen in die Kehle tritt, dann hält's auch die Jugend nicht mehr in den Winterquartieren aus. Ich seh's euch an den zuckenden Armen und Beinen an, wie an der Augenelektrizität, ihr wollt hinaus. Du hast ja Halbstiefelchen an, Agnes; tut euch zusammen, du, Vetter Wilhelm und Marie, und geht spazieren, den See entlang, oder wo ihr sonst wollt. Stellt aber beileibe nicht Kunststücke und Experimente auf dem Eise an, denn es ist durch die heutige Sonne gewiß mürbe gemacht. Ich muß leider zurückbleiben, bis es trockener geworden ist, denn es zwickt mich bei jeder Erkältung, und die Mama lass' ich auch nicht hinaus. Aber euch junges Volk leid' ich heute nicht in der Stube. Macht fort, und dann erzählt munter, was ihr draußen erlebt habt.« »Ach, lieber Vater, wir gehen in die Parowe bis zur Mühle hinauf«, rief Agnes, auf den Papa zuspringend und ihn umarmend; und dann umschlang sie Marien mit Zärtlichkeit und zog sie so zum Saale hinaus. Diese aber sagte verlegen abwehrend: »Fräulein Agnes, ich habe noch was Nötiges zu Hause zu verrichten, ich kann wohl nicht mit.« Als nun weiter in sie gedrungen wurde, meinte sie in ihrer verschämten und doch kritischen Weise, wie immer: »Das schickt sich ja nicht für mich, mit einem Herrn zu gehen, wie ein Fräulein; hernach wird über mich gelacht.« »Wer wird über dich lachen?« fragte Agnes erzürnt. »Die Leute, die uns sehen«, antwortete Marie, mit niedergeschlagenen Augen und gedämpfter Stimme. »Ach, lieber Vater,« wandte sich jetzt Agnes an den Onkel, »sag du doch Marie, daß sie nicht so eigensinnig sein darf; sie verdirbt mir allen Spaß; sie soll sich doch endlich daran gewöhnen, mit uns froh zu sein.« »Wenn Marie einmal nicht will,« nahm die Tante gleichmütig das Wort, »so laß ihr ihren freien Willen.« Der Onkel setzte aber, die Appellation von Agnes an sein Machtgebot berücksichtigend, hinzu: »Marie wird schon wollen, aber sie hat die übertriebene Bescheidenheit, daß es sich nicht schickt; und wenn ich dir nun versichere, liebe Marie, daß es sich in Gottes Namen schickt und daß du Agnes eine unschuldige Freude machst, wenn du sie begleitest, so wirst du schon ein bißchen spazieren gehen, nicht wahr? Wenn du's aber nicht gern tust, so zwinge ich dich nicht.« Diese so herzliche und verständige Art des Onkels bezwang Mariens Scheu, und sie ging mit uns hinaus. Die Tante schien aber bei der kleinen Debatte wie beunruhigt und gespannt. Es war ihr irgendwas nicht ganz recht zu Sinne, doch verhielt sie sich leidend und ermahnte Agnes nur, umzukehren, sobald sie den Weg für ihr Fußzeug zu naß finden würde, und ja nicht aufs Eis zu gehen. Wir wandelten dann das Ufer des Sees entlang zu der Schlucht, in welcher die Mühle lag. Ich suchte, den Mädchen vorangehend, die trockenen Stellen. Mir war von Frühlings- und Liebeswehen so mousseux, daß ich nichts sprach. Aus ganz vollen Fässern läuft es nicht früher, als bis das Spundloch für die Luft gelockert ist. Eben an dieser Lüftung fehlte es meiner Seele, Agnes gegenüber, noch ganz und gar. Mir konnte nur durch eine Liebeserklärung Luft gemacht werden, und dazu schien noch lange nicht die geeignete Zeit. Und doch war sie, ohne daß ich es ahnte, so nahe! Agnes schäkerte und schwätzte hinter mir zu der schweigsam mitgehenden Marie so munter, daß es mir die höchste Frühlingslust schien. Wir waren jetzt an den schmälern Teil des Sees gekommen, der in die Schlucht hineinlief, und dem gegenüber, unmittelbar am Ufer, das kleine Gehöft des Zinsbauern lag, der Mariens Pflegevater war. Marie machte hier noch einen Versuch, von uns loszukommen und über den See, der noch fest genug schien, nach Hause zu gehen. Ich war ein Stück vorausgeschritten, als ich, durch einen Schrei von Agnes aus meiner Träumerei aufgeschreckt, Marie von einem Bauerburschen festgehalten und gewaltsam geküßt sah. Bevor ich nun für ihre Befreiung zur Stelle sein konnte, hatte sie sich, ohne zu schreien oder meine Hilfe anzurufen, mit einer entschiedenen Kraftanstrengung losgerissen und, der Schnelligkeit ihrer Füße vertrauend, auf den See geflüchtet, um so auf dem kürzesten Wege zu Hause zu sein. Der Bursche lief aber dreist hinter ihr drein, hatte sie bereits eingeholt und zum andernmal mit seinen gewalttätigen Liebkosungen attackiert, als ich das ziemlich zusammengeschmolzene Eis erreicht hatte. Marie wehrte sich den Menschen vom Leibe, ohne zu schreien, schon um Agnes nicht noch mehr zu alarmieren, und rief mir mit gefalteten Händen zu, mich ja nicht ihretwegen auf das schwache Eis zu wagen, oder wir ertränken dann alle drei. Agnes war instinktmäßig ihrer Marie zu Hilfe nachgeeilt; da sie mich nun herangekommen sah, stand sie auf dem Eise still und bat mich, vorsichtig zu Werke zu gehen. Der Bauerbursche schien die Sache wie ein spaßhaftes Abenteuer zu nehmen und nicht eben in besonderer Angst vor meiner Dazwischenkunft zu sein. Aber in mir kochte es vor Wut und Rache, schon weil ich meiner Agnes stille Empörung ersah, und um so mehr, als Marie sich so verleugnend und verständig benahm, als schwerlich einer feingebildeten Dame geglückt wäre. Ich erwog einen Augenblick die Gefahr des Einbrechens und Ertrinkens für uns alle, falls ich mich weiter auf die sehr mürbe gewordene Eisdecke wagte, die überall mit Wasser überstaut war, und bat Agnes flehentlich, zum Ufer zurückzugehen. Der Bursche mochte mein augenblickliches Zögern in seinem Bauernmut für entschiedene Feigheit halten und setzte seine handgreiflichen Liebesbewerbungen ungeachtet aller eindringlichsten Bitten und Drohungen der so schmählich Gemißhandelten frecherweise fort, indem er sie derb abküßte und trotz ihrer kräftigen Abwehr in seinen Armen wie eingeklammert hielt. Das vernünftige Mädchen mußte alles mit sich geschehen lassen, wenn sie nicht mit ihrem Dränger einbrechen und, wie sie richtig voraussah, mich mit in Gefahr bringen wollte, falls ich ihr zu Hilfe kam. Die Bestialität und der offenbare Hohn des Kerls, der meine ingrimmigen Zurufe und Drohungen ignorierte, weil er seiner Sache durchaus gewiß schien, und die ganze alberne Rolle, die ich vor den Mädchen spielen mußte, ließen mich zuletzt jede Gefahr und Bedenklichkeit vergessen. Agnes stand händeringend und angststöhnend am diesseitigen Ufer. Ich aber lief entschlossen auf die beiden zu -- und lag in den nächsten Augenblicken mit meinem verdutzten Gegner im flüssigen Element. Ich war ein trefflicher Schwimmer und Turner und schwang mich also mit Leichtigkeit auf das Eis, das mich auch hielt. Marie war nicht eingebrochen; ich bat sie, zu Agnes zu gehen, sie lief aber dem Bauerburschen zu Hilfe, der nicht schwimmen konnte und dem Ertrinken nahe war. Ich schob sie gewaltsam zurück, entriß ihr ein großes Tuch und warf das eine Ende desselben, indem ich mich auf das Eis hinlegte, dem sich noch über Wasser Haltenden zu. Er faßte es und ich zog ihn auf eine scheinbar feste Stelle, aber nur, um mit ihm aufs neue einzubrechen und unter Wasser zu gehen. Jetzt stand die Sache schlimm. Ich hatte mich zwar von dem armen Teufel losgemacht und unterstützte ihn, soviel es mir möglich war, ohne von ihm krampfhaft festgepackt zu werden, aber die Kräfte gingen mir aus. Agnes war beim ersten Einbrechen zu uns herangelaufen und rief um Hilfe. Marie aber stand schon auf ihrer Eltern Gehöft und ihr durchdringendes Geschrei hatte die Folge, daß ein Knecht und der Hirt, welcher Vieh zur Tränke trieb, mit Stangen herbeigerannt kamen. Es war hohe Zeit, denn meine Kräfte gingen auf die Neige, und der arme Kerl ließ mich in seiner Todesangst nicht mehr los, nachdem er mich zum andernmal gepackt hatte. Als ich bereits meine Seele Gott dem Herrn empfohlen und der furchtbar jammernden Agnes ein Lebewohl zugerufen hatte, in welchem meine ganze Leidenschaft für sie ausgedrückt war, kamen die Helfer in dieser Todesnot herbei. Bevor dies aber geschah, hatte sich Agnes bis an den Rand der gebrochenen Stelle herangewagt und, auf dem Eise liegend, meinen Rockkragen gefaßt, den sie nicht fahren ließ. Sie war eben mit eingebrochen und einige Sekunden durch ihren aufgebauschten Pelz über Wasser gehalten worden, als sie durch Mariens Mut und Besonnenheit, unter großer Lebensgefahr, mittels einer zugeworfenen Schürze aufs feste Element gezogen wurde. An den über die Bruchstelle gelegten Stangen rettete ich mich dann und jenen unsaubern Ritter, der halbtot an einem Strick aufs Trockene geschleift wurde, da er sich nicht anders transportabel erwies. Agnes hatte den Kopf glücklicherweise noch nicht unter Wasser gehabt und war nur vom Entsetzen benommen. Ich selbst fühlte mich freilich aufs äußerste ermattet; aber der Heldenmut und die liebevolle Aufopferung meiner Geliebten durchströmte mich mit neuer Lebenskraft. Wir erholten uns ein wenig bei Mariens Pflegeeltern, aber ohne Worte zu wechseln oder auch nur den erschrockenen und um uns bemühten alten Leuten viel Rede zu stehen; denn es hatte nur ein Gefühl in unserer Brust Raum: die Freude, der fromme Dank für das gerettete Leben, und das Bewußtsein, daß wir drei von nun an zusammengehörten, daß uns das Band einer heiligen geprüften Freundschaft umschlang. Nach diesem Erlebnis gingen wir unmöglicherweise je gleichgültig oder gar lieblos nebeneinander her; dies gab der Seele die Stimmung, in der sie die Unsterblichkeit begreift. Unterdessen war ein Wagen angespannt worden, und wir fuhren in einer Fühlung, wie wenn wir nicht mehr dieser Erde angehörten, wenngleich weder trocken noch warm, um den See herum, der unserm Gedächtnis zeitlebens eingeprägt war, nach Hause. Zwischen mir und Agnes, von dieser unter Tränen umklammert, saß Marie, als unsere besonnene und mutige Lebensretterin, ohne daß sie jetzt noch zu fassen schien, was eigentlich alles vorgegangen war. Der gutmütige, um uns besorgte alte Bauer machte unsern Fuhrmann und erzählte uns unterwegs: der Anstifter des ganzen Unheils wäre sein von ihm wegen Aufsäßigkeit und Trunks entlassener deutscher Knecht, ein Seitenverwandter von ihm. Er hätte Marien beständig mit seinen Liebesanträgen verfolgt und gequält, und dann bei der Entlassung gedroht, wenn Marie ihn nicht gutwillig leiden wollte, so solle sie es mit Gewalt. Er wolle nicht aus der Gegend abziehen, ohne an ihr sein Mütchen gekühlt zu sehen. »Wenn der Racker ersoffen wäre,« schloß der Alte seinen Bericht, »so gäb's einen niederträchtigen Kerl weniger in der Welt. Die deutschen Dienstleute«, sagte er, »sind hier viel schlechter als das polnische Volk; und der allerschlechteste Knecht, das muß mal ein Verwandter sein.« Unglückschwangere Nachrichten rennen wie ein Heckenfeuer, sogar über Wasser und Eis. Wir hatten kaum um die Ecke gebogen, wo man des Onkels Häuschen sehen konnte, so kam er uns selbst schon mit äußerster Anstrengung entgegengehumpelt und mit einem: »Vivat hoch! Das Sterben und Ertrinken ist kein trockener Spaß.« Der beim Retten behilflich gewesene Knecht war uns nämlich über den See zuvorgekommen und hatte das Abenteuer im Hofe gegen Empfangnahme vorläufiger Biergelder und zukünftiger Belohnungen erzählt. Der Onkel war so außer sich vor Freuden über unsere Rettung und zugleich so in tiefster Seele entsetzt, daß ihn in diesen Augenblicken sein körperliches Gebrechen verlassen zu haben schien. Er war trotz Gliederschmerz und Ungelenkigkeit zu uns auf den Leiterwagen geklettert und in unsern Armen, bevor wir uns dessen versahen. Marie drückte er so väterlich und feierlich ans Herz, daß das Mädchen diesmal alle Blödigkeit vergaß und ihm mit der freien Empfindung und Weise einer Pflegetochter die Hand küßte, worüber Agnes außer sich vor Freude war, indem sie, dem Onkel um den Hals fallend, ausrief: »Jetzt ist doch Marie deine zweite Tochter und meine Schwester, nicht wahr?« »So wahr und klar wie die Sonne am Himmel und ihr eigenes Herz!« rief der Onkel. »Jetzt aber müssen wir unsern Empfindungen Einhalt tun, sonst fallen wir aus dem Wagen. Seht, da kommt schon meine arme auf den Tod erschrockene Frau. Sie wollte mit durch Schnee und Wasser patschen; ich habe sie aber in die Küche geschickt, Tee und Glühwein zu machen; und dann wollen wir wie die Götter leben auf den Schreck. Gott sei Dank, daß ihr lebt!« Als die Tante zu uns mit Freudentränen, aber keines Wortes mächtig, herankam, waren wir bereits auf einer trockenen Stelle unweit des Hauses angelangt. Wir stiegen also alle vom Wagen und gingen nach neuen Umarmungen, denen sich auch diesmal Marie nicht entzog, ins Haus. Als nun der Pflegevater Mariens, ein ehrwürdiger Greis mit gescheiteltem weißen Haar, wieder umkehren wollte, so sagte der Onkel: »Halt, mein alter Freund; Ihr seid der Pflegevater des Mädchens, die wir wie unsere Tochter lieben, und überhaupt ein rechtschaffener Christ. Heute seid Ihr mein Gast, und hoffentlich noch oft. Setzt Euch mal da auf den Wagen,« wandte er sich an den uns beglückwünschend herbeigekommenen Hofmann, »und schickt die Frau von dem Alten hierher. Sagt ihr alles, was Ihr gehört habt, und bleibt im Bauernhofe zurück. Abends schicke ich Euch dann mein Pferd, damit Ihr von Eurem Wachtposten nach Hause reiten könnt. Nun macht fort.« Es dauerte nicht lange, so waren wir wiederum alle im Saale beisammen um eine Bowle und einen Tee. Ich befohlenermaßen in des Onkels Schlafrock von Damast; Agnes in einem reizenden und bequemen Negligérock, von Tante und Onkel wie eine Rekonvaleszentin in die Kissen gedrückt; Marie neben ihr auf einem Bänkchen, da sie trotz aller Bitten nicht neben Agnes auf der Ottomane sitzen wollte und auch auf keinem ordentlichen Stuhl; der alte Bauersmann neben seiner Tochter auf des Onkels Großvaterstuhl, und ich Glücklicher zwischen Agnes und der Tante, der ich hätte zu Füßen sinken mögen, so voller Gemüt und Seele, voll Sorglichkeit, stillem Jubel und andächtigem Danke gegen Gott den Herrn, und so zärtlich gegen Agnes und Marie war sie und gegen mich selbst. Und nun wurde das ganze Abenteuer nochmals in den kleinsten Details zum besten gegeben, und als nun davon die Rede kam, wie ich Marie von dem Knechte befreit hätte und dann bei der Rettung des Übeltäters fast selbst umgekommen wäre, da zitterte mir das Herz in der Brust, als der Onkel fragte: »Bei welcher Gelegenheit brach denn aber Agnes eigentlich ins Eis?« Denn ich mußte nun erzählen, wie es bei dem Versuche von Agnes geschah, mich, da ich im Untersinken war, mit ihren schwachen Kräften über Wasser zu halten. Ich konnte, wie sich von selbst versteht, nur mit gedämpfter und zitternder Stimme erzählen. Onkel und Tante waren nicht minder ergriffen als Agnes und ich; und wir schwiegen einige Augenblicke still. Es war ein schöner, glückseliger Abend. Wir saßen bis in die Mitternacht beisammen, aber dann schliefen wir doch trotz der Aufregung bis in den lichten Tag. * * * Der Onkel war wieder mit seiner Pfeife auf meiner Stube, und sagte dann, indem er mich zugleich pfiffig und herzlich vergnügt ansah: »Ich gratuliere dir, du närrischer Kerl; das Eis ist gestern in jedem Sinne für dich gebrochen, also auch das, was über deiner Liebe lag. Jetzt schwimmst du wahrscheinlich in ihrem flüssigen Elemente; siehe dich aber vor, daß du auch jeden Augenblick festen Grund fassen und ans Land kommen kannst!« Diesmal kam mir Agnes mit einem vor Freude und Liebe strahlenden und erglühenden Antlitz rasch entgegen, und indem sie meine beiden Hände faßte und drückte, daß mir die Liebeselektrizität bis tief ins Herz hineinfuhr, sagte sie mit zerdrückten Tränen in den wundervollen Augen: »Lieber Vetter, was wirst du von mir denken, daß ich dir gestern nicht mal für deine Aufopferung gedankt habe, die du um Marie und meinetwillen so mutig bewiesen hast. Ich habe aber immerfort daran gedacht, darum hab' ich nichts gesagt.« Ich küßte der Himmlischen die Hand und sagte nur: »Liebe Agnes, erlaube nämlich, daß ich dich so nenne, neben dem Mute und der Verleugnung deiner Marie kann von meinen geringen Verdiensten unmöglich die Rede sein, und wenn dem auch nicht so wäre, so möchte ich dieser Marie wenigstens nicht an Bescheidenheit nachstehen.« Agnes reichte mir dann, wie zum stillen Danke und im holden Schamglühen, aber ungeziert, ihren Mund, in dessen Samt ich einen Kuß drückte, für den ich mich zum zweitenmal untergetaucht hätte. Darauf sagte sie mit einer herzzerschmelzenden Holdseligkeit: »Jetzt mußt du aber auch mal mit mir sprechen, wiewohl es freilich meine Schuld ist, daß du bisher einsilbig mit mir gewesen bist; denn ich selbst war, wie ich jetzt fühle, gar zu verschlossen und unschwesterlich gegen dich, da ich doch wußte, daß dich die lieben Eltern zu ihrem Sohne angenommen haben. Die gestrigen Augenblicke haben mir aber die Augen geöffnet, und ich sehe jetzt, wie gut und brüderlich und wie ritterlich du bist«, setzte sie aufs neue meine Hand fassend und mit leuchtenden Blicken hinzu. Und dann sagte sie nach einem augenblicklichen Kampfe mit ihren überwallenden Gefühlen und mit leiserer Stimme: »Daß du um Mariens Ehre dein Leben in Gefahr gebracht hast, vergesse ich dir nie, und auch Marie vergißt es nimmer. Wie edel du außerdem bist, habe ich daraus erkannt, daß du für des armen Menschen Leben das deinige ohne Besinnen gewagt hast, wiewohl du doch soeben nur über ihn empört warst, und gewiß mit seiner Schuld. Glaube mir,« sagte sie in Tränen ausbrechend, »dieser Beweis deiner Herzensgüte hat mich noch tiefer ergriffen, als das, was du für mich und Marien getan hast.« Agnes sprach das alles in einer Schämigkeit, die nur von ihrer Begeisterung und Leidenschaft überwunden wurde. Meine Sinne verwirrten sich mir fast in dem Sturm von Gefühlen, den sie in mir beschwor. Ich wollte ihr schon zu Füßen sinken, aber die Gegenwart der Eltern und die Scham, des Mädchens Aufregung, die reinste, die tugendhafteste Begeisterung dieses Engels für meine Leidenschaft zu benutzen, hielt mich zurück. Ich kannte Agnes gar nicht wieder. Sie war seit gestern eine andere geworden, sie war über Nacht aufgeblüht, wie die wunderbare Kaktuspflanze, welche Königin der Nacht genannt wird. An diesem Vormittage hielt meinem Entzücken über die ersten unverkennbaren Keime der Liebe in Agnes' Herzen die Pein das Gleichgewicht, ihr nichts von meinen Gefühlen sagen zu dürfen, wenigstens nicht gleich. Nein! Um das Heiligtum seines Lebens wirbt man mit Heiligung und Scham; und wenn uns die Geliebte vom Himmel beschieden ist, so hilft er uns und die ganze Natur. Daß ich sie liebte, hatte sie gehört, das wußte sie auch ohnedies durch ihren weiblichen Instinkt. Damit mußte ich mich einstweilen begnügen und meine schweren Seufzer verschließen. Da war sie nun, die Holde, das verkörperte Geheimnis alles Liebeszaubers, aller Welt- und Menschenschönheit, die von ihr leuchtete und sie umduftete. Und ich atmete, ich sog diese Liebreize, diese Mysterien ihrer Seele in mich; ich kostete verstohlen mit meinen verzauberten Blicken von ihrer Jugendschöne, wie von den Früchten des verbotenen Baumes. Und aus jeder Bewegung sprach das süße Geheimnis ihrer Liebe, und es wetterleuchtete aus ihren Augen, und erglühte im Purpur ihrer Wangen, und stahl sich in unhörbaren Seufzern von ihrem leise gehobenen Busen, und bebte auf ihren Lippen, und tönte im Wohllaut ihrer Stimme wie Himmelsharmonie, und hüllte ihre ganze Erscheinung in eine Magie und Glorie, die mich von Sinnen gebracht hätte, wenn mir nicht wieder der Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Ich wurde durch einen Boten nach Hause abgerufen. Mein Bruder hatte mich heimgesucht. Ich schied mit schwerem und leichtem Herzen; denn im Auge der Geliebten schimmerte eine Träne, als sie mir die Hand reichte und meinen Abschiedskuß empfing. * * * Wenn die Mysterien des Lebens und der Liebe noch mit dem ersten Feuer in unserer Seele glühen, so mögen wir die heilige Flamme nicht an das helle Tageslicht und auf der Gasse ausgestellt sehen; sie soll dann im Dunkel brennen auf heiligem Altar. Eine Woche ging rasch vorüber. Mein Bruder hatte sich's überlegt, daß, da er einmal in der Gegend sei, er doch wohl den Freund und Blutsverwandten seiner Mutter besuchen müsse. Wir fuhren also hin. Mir war der Besuch in Gesellschaft des Bruders peinlich genug, ich konnte mich ihm aber nicht füglich entziehen, hatte auch die Kraft nicht dazu; denn ich sollte die wiedersehen, welche alle meine Sinne und Gedanken gefangen nahm. Aber einen Profanen so in das innerste Heiligtum zuzulassen, das ist eine heillose Empfindung, und dies um so mehr, wenn dieser Profane ein tyrannischer und für Liebesmysterien nicht eben abgestimmter Bruder ist. Zudem versprach ich mir keine sonderliche Harmonie und kein gegenseitiges Gefallen von den beiden, die sich jetzt näher kennen lernen sollten, wiewohl der Onkel auch ein rationeller Landwirt war. Aber es kam alles anders. Es war mir in der Verzweiflung schon auf der Zunge, mein Geheimnis der Diskretion und Gutmütigkeit meines Reisegefährten anzuvertrauen, da ich wußte, daß er die genannten Eigenschaften besaß und nicht schlechtweg profan oder unpoetisch war; aber ich brachte es nicht übers Herz. Wir standen nun einmal nicht so, daß eine solche Herzensergießung natürlich gewesen wäre. Und so fuhren wir auf den Hof, ohne daß ich meiner Besorgnisse vor nahe bevorstehenden brüderlichen Randglossen zum heiligen Text meines Lebens ledig geworden wäre. Onkel und Tante empfingen uns so unbefangen herzlich, zugleich so ganz besonders aufgeräumt und erfreut über unsern Besuch, daß der Bruder, den alles frische und unzweideutige Wesen sofort bestach, zu meiner bedeutenden Erleichterung sich in derselben Weise, mit der er empfangen wurde, einführte und sich seiner besten Laune überließ. Dazu kam noch ein besonders glücklicher Umstand. Es war Mittag vorüber, und das Ochsenunterspann wurde eben aufs Feld getrieben. Die Tiere waren von so gutem Stapel, so wohlgefüttert, und der Hirte so gut gekleidet, so munter hinterdrein, daß der Bruder, noch nicht über die Schwelle getreten, um die Erlaubnis bat, sich dieses Wunder in der Nähe zu beschauen. Die Ochsen wurden also aufgehalten, und demnächst Alter, Rasse und Futterzustand so vortrefflich und wirtschaftlich gefunden, daß der Hirt ein doppeltes Biergeld empfing; erst vom gastierenden Besichtiger und dann vom Besitzer selbst, welcher lachend und höchlich erbaut von der originellen Art und Weise des Bruders, zu diesem sagte: »Wenn Sie meine Wirtschaft so nachdrücklich und freigebig in allen Stücken bewundern, so werde ich heute freilich ein paar Taler los; denn ich kann doch unmöglich in der Erkenntlichkeit gegen meine Leute hinter einem Gaste zurückbleiben.« Agnes war in der Parowe am See, wahrscheinlich an ihrem Lieblingsplatze, denn man erwartete uns heute noch nicht. Während nun der Onkel mit dem Bruder die Hofwirtschaft inspizierte, trieben mich Sehnsucht und Ungeduld der Geliebten entgegen. Ich fand sie an dem gesuchten Ort, einer gelichteten grünen Stelle, unter den tief herabhängenden Zweigen eines prächtig krausen wilden Birnbaums, den Kopf auf eine kleine Rasenbank gelegt, im süßesten Schlaf. Einer von den doggenartigen Hofhunden, ihr Favorit, hatte sie begleitet und war mir bereits entgegengesprungen. Ich beschwichtigte ihn mit lautpochendem Herzen, wie ich nur konnte, um die holde Schläferin nicht zu wecken; aber das verhaltene Freudengeheul des Tieres erweckte seine Herrin, sie fuhr sich einen Augenblick, halb aufgerichtet, in der anmutigsten Stellung und ohne Hast mit der Hand über die Augen und sprang dann, mich erblickend, mit einem natürlichen Freudenausruf, mit einer so unwillkürlich zärtlichen Armbewegung und hinreißenden Grazie auf mich zu, daß ich in demselben Augenblick an ihrem Halse lag und zu ihren Füßen sank, als sie, sich besinnend, erschrocken und zitternd vor Liebe und Scham, eine Entschuldigung zu stottern begann. Jetzt kam glückseligerweise jede Verstellung zu spät. Ich versiegelte ihren Mund mit Küssen. Sie ließ alles geschehen, zitterte wie Espenlaub, drückte mich sanft an sich, badete sich in Tränen, erwiderte dann mit stillem Jubel meine verhaltenen Liebkosungen und zog mich mit sich fort. Wir sprachen beide kein Wort weiter als unsere Namen, und »Wilhelm«, von Agnes' Lippen geflüstert, schwoll wie Sphärenmusik an meine Ohren und legte sich wie Paradieseswellen an mein brennendes Herz. Nicht weit vom Hause sagte Agnes, stillstehend: »Ach, wenn doch die liebe Mutter wach wäre, ich muß mich in ihre Arme stürzen, den guten Onkel an mich drücken, so glücklich bin ich; aber ich schäme mich so sehr! Was werden sie doch von uns denken!« In dem Augenblick traten alle auf die Rampe heraus und gingen uns entgegen. Ich hielt Agnes bei der Hand, der erste Blick auf uns beide erklärte alles. Agnes und die Tante lagen sich am Halse; Marie und der Bruder zogen sich zurück. Dann fiel die Glückliche ihrem Pflegevater fast zu Füßen. Er selbst wie seine Lebensgefährtin zeigten sich von unserm Liebesdurchbruch so erbaut, daß ich ihnen mit den Vorgefühlen eines leiblichen Sohnes in die offenen Arme sank. Es war eine himmelhohe Freude und Glückseligkeit. * * * Daß ich und Agnes ein Paar geworden sind, darf ich wohl nicht erst vermelden. Mit dem prächtigen Onkel haben wir noch manches Jahr in Liebe und Erbaulichkeit zusammengelebt. Jetzt ruht der Gute schon viele Jahre neben der Gruft seiner geliebten Frau, deren Tod er alle Tage und Stunden seines übrigen Lebens in tiefster Seele betrauert hat. Marie wurde einige Jahre nach dem Verlust ihres Mannes (sie heiratete des Erzählers Bruder) die Gattin eines trefflichen Geistlichen auf dem Lande, und lebt in unserer Nähe, als unsere Freundin auf Leben und Tod. Sie ist eine glückliche Mutter und eine unbeschreiblich getreue, würdige, gescheite und charaktertiefe Frau. Wir haben nun die Silberne Hochzeit hinter uns, und doch dünkt uns die lange Zeit wie ein kurzer Traum. Des Onkels Vermögen ging noch bei Lebzeiten zum größten Teil durch das kostspielig realisierte und zuletzt doch mißglückte Waisenerziehungsinstitut auf dem Lande, sodann durch einen schlechten Verkauf des freiherrlichen Guts verloren, über dessen abgeholzte Waldung sich ein verdrießlicher, weitaussehender Prozeß entspann. Der Käufer behielt sich Entschädigungen vor, die ihm ausgezahlt wurden, da der Gegner seine Sache gewann. Ich hatte mit meiner Landwirtschaft nie sonderliches Glück, habe ihr daher Valet gesagt und lebe mit einer kleinen Leibrente, die mir übriggeblieben ist, seit einer Reihe von Jahren als Schriftsteller und Literat in einer kleinen Stadt. Wir haben Freude an zwei Töchtern, und unsere Ehe scheint wie hierin, so auch in vielen andern Dingen dem Leben unserer seligen und unvergeßlichen Pflegeeltern ähnlich zu sein. Des Onkels Lebenserfahrungen, Ansichten, Neigungen und Schwächen sind so ziemlich die meinigen auch. Was von seinen Tugenden und Verdiensten an mir ist, weiß Gott der Herr. Es ist so ziemlich alles eingetroffen, was mir der gute Onkel, als Lohn für meine Ästhetik und Schriftstellern, schon in der Bräutigamszeit prophezeit hat, und der kreuzbrave, grundgescheite Bruder dazu, an den ich manche schlaflose Nacht wieder und immer wieder denken muß. Der Onkel sagte sterbend: »Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen.« Dies ist seitdem mein Lieblingswort geworden, und ich lege es meinen Lesern ans Herz. Der alte Gott sei mit den Toten und Lebendigen; der Rest ist Schweigen. Geliebter Leser, gehab dich wohl! Buch der Gesellschaft Zeitpredigt In alten Zeiten wurden die Massen vom Aberglauben genarrt. Heute ist der Schwindel, der Aberglaube und der Wunderglaube aus der Kirche in die Literatur und Sozialpolitik gefahren. Die Stichwörter und Lieblingsformeln der Zeit, d. h. der Herren, welche die Zeit machen und den Geist der Zeit darstellen dürfen, sind zu Zauberformeln und Geisterbeschwörungen geworden; und die bösen Geister spuken in Gestalt von Materialisten, Geldmenschen, Börsenspekulanten und populären Naturforschern, die der emanzipierten Menschheit die Wunder des Geistes, der Natur und Religion auf »Stoff und Kraft« zurückführen. Die Tyrannei ist in der Form eine andere geworden und doch wesentlich dieselbe geblieben. An Stelle der alten Autoritäten tyrannisieren uns heute die »nagelneuen Ideen«, an Stelle der altväterlichen Vorurteile und stabilen Dogmen narren uns die Eintagsparolen und überwundenen Standpunkte von sechs zu sechs Wochen, oder von Tag zu Tag. Dazu kommen die Sorgen, die aus den Kulturmetamorphosen, aus dem Wechsel der Moden und Lebensströmungen, aus den Konkurrenzen, den verschlungenen Verhältnissen und den Kämpfen aller mit allen hervorgehen. Mit den stimulierten Leidenschaften und Geschäftigkeiten, mit dem Wirrwarr, der Unruhe im Kopf und im Herzen, mit dem Unglauben, der Kritik, der Lieblosigkeit und der Verhärtung des alten Menschengewissens verträgt sich keine Lebensnaivität und Behaglichkeit. An Stelle des leichten Sinnes unserer Väter hat der schnödeste Geschäftsschwindel alle Gemüter eingenommen, ein geldgieriger Spekulationsgeist alle Herzenssympathien abgetötet. Wenn wir in dem neuen Tempo die neuen Sozietätsideale verfolgen, so büßen wir den Nest von jener natürlichen Glückseligkeit und Lebenspoesie ein, die sich zu alten Zeiten in Märchen und Sprichwörtern, in Volksliedern und Volksfesten, in Sitten und Herzenshumoren kundgegeben hat, für die sogar das Verständnis verloren geht. Ohne Herzensverbesserung keine Weltverbesserung. Das Herz aber bildet sich viel weniger durch Ideen als durch Vorbilder, Erlebnisse und Beispiele; durch ein zweites Herz, mit dem es in Liebe und Treue verkehrt. Das Herz bildet sich im Familienleben und nicht im Weltverkehr, nicht in einer gärenden Öffentlichkeit. Die Tugenden des Volkes gedeihen nicht auf den brandenden Wogen der Politik, nicht im Vernichtungskampfe all der scheußlichen Leidenschaften, welche die politische Emanzipation und der Sturmgalopp des sozialen Fortschritts erzeugt. Vorwärts müssen wir -- es handelt sich aber um das Tempo und um die Linie ; ob sie gerade oder eine Spirale sein, ob es im Schritt, im Trab, im Galopp an Springstöcken, oder vielleicht schubweise vorwärts gehen soll. Die »überwundenen Standpunkte« werden in neuester Zeit in allen Sphären so unausgesetzt angemeldet, daß man aus Nebelbildern und Metamorphosen nicht mehr heraus und irgendwie zum Stehen, Haben und Sein kommen kann. Bei keiner Gelegenheit erscheinen mir gewisse Literaten widerwärtiger, als wenn sie von Volkserziehung, Volkswürde und Volkssouveränität sprechen. Wenn erst die Formeln und Schablonen der Gelehrten und Künstler ein Gemeingut der Massen sind, so werden damit Halbheiten, Mißverständnisse, Überspannungen und Gespenster beschworen, vor denen die wahren und wohltätigen Geister weder zu Worten, noch zu Taten kommen können. Wo alle alles treiben und in Rede ziehen, da haben, wissen und sind alle nichts. Die Literaturen, die Künste, die Wissenschaften werden aus der Demokratie, aus der Popularitätsbeflissenheit und enzyklopädischen Wirtschaft keine neuen Kräfte beziehen, sondern im Materialismus und in der Verflachung so zugrunde gehen, wie ein Fluß an der Einmündung in das Meer aufhört, ein Fluß zu sein. Die Massen werden das Arbeiten und Beten verlernen, oder wenigstens aufhören, die begnügte und einfältige Lebensart zu führen, ohne welche diese Welt einmal nicht bestehen kann. Die Gebildeten, sagt man, sollen ja trotz ihrer Bildung nicht so edel und tüchtig, nicht so gesund sein, als das Volk: warum will man denn also dies edle und werktüchtige Volk auf unsere miserablen Wege drängen? Warum will man seinen gesunden Verstand mit unfern überspannten und körperlosen Ideen, mit unfern im Leben herumspukenden Phrasen verwirren? Oder was soll für die Weltgeschichte davon herauskommen, wenn die edeln und leidlich glücklichen Naturkinder unsere Kulturmiseren durch halbe Bildung in Kulturbarbarei verkehren? Tot ist der Verstand ohne die Seele, und tot eine Seele in einem Dasein, welchem die Religion , die Poesie, der Idealsinn , der schöne Schein des Lebens und alles das entführt worden ist, woran die Seele ihre Paradiesträume, ihre Fühlungen von Himmel und Hölle wiederholt. Wer dem Menschen den Idealismus, den Glauben, die Andacht, die Pietät, wer ihm Natur und Übernatur abschwächt, verdächtigt, entstellt und entführt, wer ihm durch einen Verstandeskultus, durch Industriearbeiten und Geschäftigkeiten die Seele unterbindet, nimmt ihm das Leben und kann ihm hinterdrein nichts geben, was ihn wieder ins alte, volle, heilige Leben zurückruft. »Ist das Herz erst leer, wird's nie mehr voll.« Daß sich die Kluft zwischen der elementaren Menschennatur und dem kultivierten Menschengeiste nicht im ersten Anlauf durch Gedächtnisübungen, durch Formenwitz, durch idealen Schematismus, kurz durch Schule und Phraseologie überbrücken läßt; daß die alles verwandelnde Zeit eine Macht ist, die sich durch keine Methode ersetzen und um ihre irdischen Rechte betrügen läßt; daß endlich alles »Machen« in der Welt mit einem natürlichen »Wachsen« verbunden sein muß: dies geben alle gebildeten Leute im allgemeinen zu. Aber vor den Konsequenzen dieser Wahrheit aller Wahrheiten scheuen sie in ganz bestimmten Fällen sofort zurück, wenn diese Konsequenzen im Widerspruche mit der »öffentlichen Meinung«, mit dem »Volksbewußtsein«, mit dem »modernen Gewissen«, d. h. mit den Zeitschwächen und Zeitrenommagen stehen. Der moderne Irrtum und die Lügen der Zeit bestehen eben darin, daß man historische Tatsachen und Prozesse , wo sie unbequem sind, ignorieren oder abschneiden, daß man die Zeit um ihre Dauer betrügen; daß man eine unendliche Reihe von langsamen Entwicklungsmomenten überspringen und künstlich überbrücken ; daß man Seelenleben und Charakterenergien mit Verstandesschablonen ersetzen; daß man Natur und ihre Geschichte um ihre Gesetze und Mysterien betrügen: -- daß man tausend Dinge und Geschichten »machen« will, welche langsam wachsen müssen. Es gibt keine ganz überwundenen Standpunkte und Autoritäten, weder in der Weltgeschichte, noch in der Sitte, noch in der Philosophie. Es kann keine absolut überwundenen Standpunkte, d. h. keine ausgeschiedenen Lebensprinzipe und Lebenskräfte in der Naturgeschichte geben. Es verschwindet weder ein Atom der Materie, noch eine Form und eine Kraft ganz und gar aus der Welt. Somit gehört unendlich mehr Witz und Verstand, mehr Physik und Metaphysik dazu, als das Volk besitzt, um zu begreifen, in welchem Sinne, in welchem Maß und bei welchen Gelegenheiten der Mensch einen Standpunkt, eine Weltanschauung, einen Glauben, eine Sitte und eine Herzensgewohnheit für veraltet erklären darf. Am schädlichsten wirkt die »Kraft- und Stoffphilosophie« auf alle Schichten des deutschen Volkes ein. Dadurch werden wir für dieselben Schamlosigkeiten und Entartungen aller Art zubereitet, von welchen wir das soziale und politische Leben der Franzosen zerfressen sehen. Die Versicherungen der Naturforscher, die Naturkunde führe aus dem Materialismus heraus, sind abgeschmackt mit Rücksicht auf die Unfähigkeit des Volkes, die Masse der Einzeltatsachen mit überlegenem Geiste zu beherrschen, d. h. zu vergeistigen und das Sinnliche zum Symbol von Geistesprozessen und Gottesgedanken zu erheben. Wie soll der gemeine Mann oder der Gebildete, der noch ein Herz im Leibe hat, Mut zur Arbeit, zur Sorge haben, wie soll er eine Begeisterung, eine Liebe fassen, wenn er den Naturforschern glaubt, daß es keine absoluten Wertunterschiede, keine absoluten höchsten Zwecke gibt; daß in der Natur alle Wesen und Dinge gleich vollkommen organisiert seien, denn jedes Ding entspreche der großen Ökonomie der Natur; daß der Mensch nicht im Mittelpunkt der Natur stehe; daß er diese nicht absolut auf sich, seine Ideen, Zwecke und Interessen beziehen dürfe usw. Wo sollen Liebe, Glaube und Begeisterung herkommen, was soll die Weltgeschichte, die Freiheit, die Ehre, die Treue wert sein, wenn an bestimmten Individuen nichts liegt?! Allerdings fallen im Naturprozeß Mittel und Zweck zusammen. Aber das Geistesleben des Menschen und seine Geschichte zeigt deutlich den Dualismus von Freiheit und Notwendigkeit, von individuellem und generellem Leben, von Mitteln und Zwecken, von Idee und Stoff. Der Mensch muß seine Vernunft, seinen Trost, seinen Glauben aufgeben, wenn er nicht an absolute Zwecke, an absolute Wertunterschiede und an seine absolute Würde denken soll. * * * In der Persönlichkeit sammeln sich die Mysterien Gottes und der Welt. Sie ist der lebendige Witz und die Kraft der Kräfte; sie ist die Inkarnation des allgemeinen Lebens, die Verwirklichung der Wahrheit durch Liebe, Glaube und Glückseligkeit. Die Person ist das Alpha und Omega des Lebens, das Abbild und der lebendige Begriff der Gottheit. Am Anfange war die göttliche Person, sie mußte der Tat wie dem Gedanken vorangehen; sie ist die absolute Mystik, nämlich die Identität und die Polarität von Anfang und Ewigkeit, von Ursache und Wirkung, von Subjekt und Objekt, von Freiheit und Notwendigkeit, von Wort und Schöpfung, von Materie und Kraft. Persönlichkeit ist die erste und letzte Genugtuung, ohne sie ist alles ein Nichts. Künste und Wissenschaften, Bildungsprozesse und Beschäftigungen, welche nicht Charakter, nicht Person werden, bleiben Mathematik und ein toter Stoff. Man muß ein Mensch mit einem Herzen voll Pietät und Hingebung sein, einen Menschen von ganzer Seele geliebt und ihn verloren haben, man muß ein alter Mensch geworden, mit seinen Künsten und Wissenschaften unter einer neuen Generation zurückgeblieben sein, um zu begreifen, daß an der Person alles gelegen ist; daß uns alle Kultur und Geschichte, die ganze Welt, wenn sie in einer Nuß zu haben wäre, nicht eine Person ersetzen kann, die uns durch ihren Genius, durch ihren Verein von Kraft und Liebe, von Charakter und Anmut, von Hingebung und Selbständigkeit, von Verstand und schöner Schwärmerei, von Witz und Phantasie das Problem der Lebensgegensätze faktisch gelöst hat. Uns aber fehlt nicht nur der Glaube an ein Ideales und Ewiges, sondern der Glaube an uns selbst . Uns fehlt Natur wie Übernatur, frisches Herz, Mutterwitz, plastischer, körniger, naiver Sinn und Verstand, dazu jede poetische Illusion. Unsre Versöhnungsversuche und Phrasen sind gelogen und abgeschmackt. Es wird nichts mit dem Profan-Verstande allein versöhnt und nichts mit bloßen Redensarten bezwungen, am allerwenigsten aber wird das Wissen mit dem Gewissen, werden die modernen Ideen mit den uralten Gottesfühlungen, mit den alten deutschen Tugenden, mit der Gottesfurcht, Demut und Ergebung unserer Vorväter versöhnt. Schöne Künste und Tugenden gedeihen nur bei naiver Seele, sie fordern Charakterbildung und Zeugungskraft , eine poetische Grundstimmung, Divination und ein volles Herz . Wir Modernen lassen keine Illusionen mehr an uns kommen, denn die Redensarten, Literaturen, Kritiken und Reflexionen haben uns schal und kahl, irr und wirr und wurmstichig gemacht. Uns fehlen die uralten, derben, gesunden Gegensätze von Natur und Geist, Natur und Übernatur, Volk und Gelehrten; von Idealismus und Realismus, Religion und Zeitlichkeit in der Sozietät und im Staat; sie fehlen uns in der Wissenschaft und Kunst. Der dümmste Patron und die unwissendste flachste Liese ist mit Lektüren beglissen, die Gescheiten sind um Mutterwitz, alle um das fröhliche Herz geprellt. Angelogene Begeisterung ist aber die tiefste Lebenspoesie , die unmittelbarste, reellste Glückseligkeit , die es gibt. Wem sie im Herzen gärt und zu Kopfe steigt, der ist sich allein genug, der weiß nicht, wo er vor Lebensentzücken bleiben soll; der braucht wenig Menschen, wenig äußere Lebensmittel, am wenigsten aber Phrasen und Stimulationsmittel, für die er sich »extraordinär enthusiasmiert«. Wahrhaftige Lebensbegeisterung ist der Duft vom firnen Lebenswein, von der schuldlosen Seele, von einer solchen, die in Eden weilen darf. Von der Nacherinnerung dieser Paradiesesgeschichten machen die Verbannten das bißchen echte Poesie , was hienieden unter dem garstigen Wust von Phantasiestücken und Papierblumen existiert. Poesie ist die reine Lebensfreude, der jungfräuliche Enthusiasmus am Leben . Wenn das junge Zicklein Sprünge macht, wenn das kleine Schulmädchen Tafel oder Lineal in der Luft herumschwenkt und Zickzacksprünge probiert; wenn die Jungen einander mit aller Gemütlichkeit Stöße in den Rücken versetzen, oder ein barfüßiger Schusterjunge auf Holzpantoffeln mit der Syrupstasse Tanztouren ausführt und dazu mit erfrorenen Lippen sein Pfiffchen macht; das ist Lebensüberschuß, Lebensenthusiasmus, konzentrierte, frische, jungfräuliche Naturkraft: primitive Poesie, also der Untergrund aller objektiven Poesie und Kunst. Ohne den natürlichen Lebensrausch, ohne Lebensbegeisterung ist echte Kunst und Poesie nicht möglich, wiewohl diese nicht ohne Selbstkontrolle, ohne Geist und Formwitz, nicht ohne eine in historischen Studien erweiterte und gebildete Phantasie zustande kommen kann. Das ganze Leben, die Wissenschaft, die Sittlichkeit, der Staat, die Schöpfung, die Weltgeschichte haben erst einen erbaulichen Inhalt, Sinn und Zweck, wenn den Individuen diese Schusterjungen-Poesie und Begeisterung innewohnt, die sich am Nichts, am Leben, am Kleinsten berauscht. Die Welt ist überall das Echo unsrer eignen Herzensstimme. Wie man in den Wald schreit, schallt es wieder zurück. Wir entschuldigen uns zuletzt, den Leuten nichts getan zu haben, aber das ist eben unsre Anklage: denn wir sollen den Menschen etwas tun und zwar was Liebes und Gutes , wenn nicht aus Herzensdrang, so doch aus Politik; denn was wir ausgeben, nehmen wir wieder ein. Alles kommt über kurz oder lang zum Menschen und zur Stelle zurück, das ist das Grundgesetz des Verkehrs, der Politik und Ökonomie für die Personen wie für die Staaten. Was man sät, das soll man ernten, und welcherlei Kapital man austut, derlei Zinsen bezieht man. Kein Kapital bringt aber seine Prozente sicherer und gerechter als das Herzenskapital . Was auch Menschen und Orten nachgeredet wird, so schlecht ist die Welt in der schlechtesten Kreatur und im schlimmsten Winkel nicht, daß man für Lieb' und Treu' das Gegenteil einnehmen müßte. Bei jedem schlägt ja die Poesie auf einer anderen Stelle durch, und doch schlägt jedem an derselben Seite sein Herz. Poesie ist, wie das Leben selbst, nirgends und überall und vielgestaltig wie das Leben mehr im Subjekt, in der Stimmung, als im Objekt, mehr im organischen Herzpunkt , als in der mathematischen Vernunftperipherie. Die Poesie und Glückseligkeit, die echte Menschenbildung und Menschenstimmung ist kein Zeughaus und Museum, kein Rezept von so und soviel Patentschönheiten, die nur in solcher und in keiner andern Komposition die allein richtige Bildung und Lebensart ausmachen: sondern sie ist mehr eine Innerlichkeit als eine Äußerlichkeit, mehr eine Einfalt und Leidenschaft des Herzens , eine konzentrierte Stimmung . Wie will denn aber irgend eine Poesie, wie will der Lebensprozeß und die Weltgeschichte bestehen, wenn alle Einbildungen und Einfältigkeiten des Herzens, wenn alle Absonderlichkeiten des Genies, alle Lebensarten, alle Humore alten Stils im Interesse der modernen »Vernunftobjektivität« ein für allemal in Verruf erklärt worden sind? Eine absolut vernünftige Welt wäre das unvernünftigste Ding von der Welt! Lassen wir es wenigstens so ein bißchen beim alten, bis das »neue Weltprinzip« sich zu dem literarisch-ätherischen Leibe noch einen Körper in Fleisch und Bein zugebildet haben wird! Der kritische Dummkopf. Fast alle Naturalisten teilen in der Auffassung von Kunstwerken und persönlichen Kunstleistungen den Fehler mit dem kritischen Dummkopf , daß sie sich an einen Fehler des Kunsthandwerks, an eine menschliche Schwäche des Virtuosen anklammern; wie wenn die Kritik nur in der Auffindung und Vergrößerung einer schwachen Stelle bestände. Wer dann die triumphierende Miene des Simpels, wer seine miserable Genugtuung sieht, der weiß, wenn er ein Menschenkenner ist, daß er leichter den verzückten Dichter, als den vom Häßlichen berauschten Dummkopf zur nüchternen Vernunft bringen kann. Es gehört zur Freude des gebildeten Pöbels, »wenn das Tier am Menschen ausfindig gemacht ist«, und daß es auch am großen Denker und Dichter, am Künstler und Propheten zum Vorschein kommen darf, bildet für alle solche Seelen eine Extra-Genugtuung. Man kann den Dummkopf zehnmal beschwören: den ganzen Menschen, die ganze Leistung, die ganze Erscheinung, das ganze Buch zu würdigen und über die schwache Stelle hinwegsehn zu wollen; es hilft nichts. Es hängt an dem Fehler des großen Mannes die menschliche Legitimation des kleinen Rezensenten. Er zeigt also wie ein Irrsinniger ungerührt und unverrückt auf den Fliegenschmutz, auf den Leberfleck, auf die Warze, auf den verzeichneten Kragen, auf den blinden Knopf, wo das Licht zu schwach oder zu grell wirkt. Er wiederholt eine zweideutige Stelle, ein derbes Wort, einen schlechten Witz, eine unlogische Schlußfolge, oder einen bloßen Schreibfehler; er hört und sieht nichts weiter und ist glücklich, daß er einen ihm wahlverwandten Punkt gefunden hat. Welche Gedanken, Handlungen und Gefühlsprozesse nicht der Gottesharmonie entsprechen, in Kraft deren die Welt besteht, die sind närrisch und schlecht. Wer mit den Spitzfindigkeiten und Geschäftigkeiten seines allzu individuellen und konventionellen Verstandes den göttlichen Rhythmus verfehlt, welcher alles Leben und Geschehen beherrscht, der bleibt ein Dummkopf, er sei Dichter, Denker, Künstler, Priester oder Diplomat vom größten Ruf. Nur der Mensch hat den rechten Verstand, welcher die Formen seines Verstandes in der Seele und im Gewissen zu lösen, das Endliche auf das Unendliche zu beziehn, die einzelne Erscheinung dem Lebensganzen einzufügen und unterzuordnen, den Augenblick mit Vergangenheit und Zukunft auszugleichen und sein eignes Wesen auf die göttliche Lebensharmonie zu stimmen versteht. Es gibt gebildete, gelehrte Leute; aber es fehlt ihnen gleichwohl an Seele und Mitleidenschaft , um eine Lebensstimmung und Spannung zu fassen; sie haben kein Ohr für die Harmonie oder Mißstimmung, für den Rhythmus in der sittlichen Welt. Die Tages- und Jahreszeiten der Seele, ihre leisem Wandlungen, den Kontakt des Gemütes mit den Akten und Prozessen der Weltgeschichte kennen die schulklugen Leute gar zu selten aus Erfahrung. Und weil sie den Geist so hartnäckig und hastig von der Seele herunter destillieren, so verlieren sie den symbolischen , den poetischen Verstand; so fehlt ihnen zuletzt das Gefühl für das Verhängnisvolle einer Zeit und Situation, die tiefere Mitleidenschaft selbst mit Personen, die ihrem Kerzen nahestehn sollen. Ihren heillosen Einfluß verspürt die neue Welt in einer Unmasse von Leuten, in allen Ständen und auf allen Bildungsstufen, die mit ihrem unheiligen und unverschämten Verstande überall auftreten; die mit einem allezeit fertigen Urteil den Dingen und Menschen zu Leibe gehn, die sublimsten Verhältnisse auf einen hölzernen Schematismus zurückführen, das für die Nacht Erschaffene ans grelle Sonnenlicht hervorzerren, -- das in der Harmonie allein Begreifliche zerpflücken; das Unsichtbare ignorieren, das mystisch Ineinsgebildete in seine Faktoren zerlegen, das Unermeßliche bemessen, das Symbolische buchstäblich nehmen und so den wachsenden Lebensbaum , der im Erdboden wurzelt, aber seine Wipfel und Blüten im Himmel hat, -- zu Brettern verschneiden und den dummklugen Leuten die Sägespäne verkaufen. Was die Naturalisten unter »gesundem Menschenverstande« verstehen, ist zur guten Hälfte Gemeinheit und Trivialität; ist ein Instinkt von den materiellen Grenzen aller Dinge und Geschichten; ist ein Unglaube an die zureichende Trieb- und Bildkraft der Idee , an die Ausdauer irgend eines Glaubens , einer Liebe und Begeisterung . Meine Erfahrung und Überzeugung ist aber diese: der sogenannte »gesunde Menschenverstand« täuscht die Gescheitesten durch den augenblicklichen Erfolg und ist, indem er den idealen Faktor außer acht läßt; vor Gott und der Weltgeschichte eine Sünde und Dummheit zugleich. Jede Lebensart, die von der übersinnlichen Weltordnung, von dem Geiste abstrahiert, welcher die Materie durchdringt und den natürlichen Mechanismus beseelt, ist abstrakt und dumm in der Ökonomie des Ganzen. Wir andern fühlen, daß auch das wache Leben eine andre Art des Traumlebens, daß unser Leben ein Sterben, daß die materiellste Realität ein Schattenspiel zwischen Himmel und Erde ist, und daß der wirklichste Inhalt unseres Lebens in den Augenblicken besteht, wo Schmerz und Freude durch unser Herz zucken, mittelst der bildenden Phantasie Ahnungen von himmlischen Existenzweisen und Seligkeiten durch unsre wachträumende Seele ziehn. Jene Verstandesmenschen aber sind lauter Verstand, lauter Form, Maß und Mäßigung, und degradieren durch ihre nüchtern-verständige Art den poetischen, den vom Leben berauschten Menschen zu einem Phantasten und Narren. Der Charaktermensch. Die große Masse der »Charaktermenschen« sind nur Prinzipienreiter; Leute, welche den schwachen Überrest ihrer Seele und Lebenspoesie mit Formen und Konvenienzen, mit einem Schematismus abgetütet haben. Von einem lebendigen, gewachsenen Charakter kann also nur bei solchen Menschen die Rede sein, denen eine gewaltige und originelle Natur innewohnt; die sich von dieser Natur aus, von ihrer Phantasie, ihrem Herzen, von ihrem Glauben und Lieben zur Literatur, zur Sitte, zur Schule und Konvenienz orientiert, die ihre Grundsätze aus ihrem Gemüt und Gewissen hervorgebildet haben; die also auch ihre Normen und Formeln in diesem Gemüte zu lösen vermögen. Die Aufgabe in der Charakterbildung, wie überall, ist die Versöhnung der Lebensgegensätze , also nicht die Abtötung, sondern die Begrenzung und Vergeistigung der Natur. Eben diese Aufgabe ist es, die nur das Christentum, und zwar durch Gemütsbildung zu vollbringen vermag. Das heidnische Altertum zeigt naturtiefe, naturzähe, eigenartige, willensgewaltige und tatkräftige Charaktere auf, mit einem sittlichen Rhythmus, den ihnen der Schicksalsglaube, die Furcht vor den Göttern, die Vaterlandsliebe oder eine dämonische Leidenschaft gab. Sie reichen aber nicht an die Apostel, an die Heidenbekehrer und Märtyrer der frühsten christlichen Jahrhunderte, in denen Kraft und Liebe, Geist und Seele, Selbstverleugnung und Begeisterung für den christlichen Glauben, für den Weltheiland einen Menschen von höherer Potenz heraus bildete, ein leibhaftiges Ideal für alle Zeit. Mögen Dinge, Menschen und Verhältnisse so verwandlungsvoll vieldeutig und vielseitig sein als sie wollen, so bleibt es doch die Bestimmung und Kraft des vernünftigen Geistes, an allen Erscheinungen und Geschichten das Feste, Bleibende und die Kerngestalt herauszufinden. In dem Unglauben an ein Seiendes im Werdenden, an eine Einheit in der Weltmannigfaltigkeit, wuchert unsre Charakterlosigkeit. Wenn die Wahrheit nicht durchdringen kann, weil sie auf Brustharnische trifft, so muß ein Spitzmeißel von Stahl genommen und mit einem Schmiedehammer ein Loch durch die Eisenplatte geschlagen werden. Und wenn der Widerstand gegen die Wahrheit eine Mauer ist, so muß der Wille und die Intelligenz ein Positionsgeschütz, eine Armstrongkanone sein, welche die Mauer einschießt. Diese Konsequenz macht den sittlichen Charakter und den Mann. Was Napoleon leistete, das erreichte er durch Konzentration der Kräfte auf einen Punkt durch eiserne Willensenergie. Daß sein Wille aber den Ideen des Guten und Wahren nicht entsprach, daß ihm alle sanften Gefühle und vollbeseelten Begriffe fehlten, machte freilich die aufgewendete Kraft und Klugheit zu einer Dummheit und Miserabilität. Der Freiherr vom Stein, dem man noch heute eine zu große Charakterhärte und Rücksichtslosigkeit namentlich um deswillen vorwirft, weil er 1813, als russischer Bevollmächtigter in Ostpreußen, die patriotischen Verwicklungen, die Rattenkönige von Bedenklichkeiten, von Pflichtkonflikten und widerstreitenden Parteiansichten mit dem russischen Schwerte durchzuhauen drohte, hatte damals mit absoluter Kraft erkannt, daß wenn ein Staat durch Rücksichten, durch Balancen und Bedenklichkeiten, durch die Künste des feinsten Taktes und der Diplomatie, also durch abwartendes Verfahren untergegangen ist, er nur durch absolute Maßregeln, durch Entrüstung und Rücksichtslosigkeit, durch die Kernschüsse des schweren Geschützes in die Schanzwerke der feigen Praktiken und diplomatischen Künste gerettet werden kann. An großen Leidenschaften, an entschiednen Maßregeln erstarken die Massen. Schön, Bülow, York und Blücher waren die Männer, welche der Philosophie Steins beflissen blieben, und ihr Rigorismus rettete die Ehre des deutschen Volks und seine Kraft. Charakterfestigkeit, Charakter-Entschiedenheit und Klarheit hat nur der geborene Theoretiker und Ideolog: der Mann . Ihm sind die Zufälligkeiten, die Rücksichten, die Verzögerungen, eben weil er sie nicht berechnen kann, weil sie ihm die Idee verdunkeln, die er so rasch wie möglich verwirklichen will, ein Greuel. Er durchschneidet also, was sich ihm entgegenstellt, so direkt als möglich; er ist immer mit den Tatsachen kurz angebunden; auf Eventualitäten, Umwege und Verzögerungen übel zu sprechen. Er individualisiert nicht gern; er liebt Schablonen, Durchschnitte, Kompensierungen, ein Bausch- und Bogenverfahren; er sieht die Bäume vor dem Walde nicht; er ist gern Tyrann, gegenüber den Ausnahmen und Personen; er modifiziert, er entschuldigt nichts, aber er verzögert und entstellt auch nichts, und kommt zum Ziel. Er schneidet ab, er ist wahr und nobel, man weiß, woran man mit ihm ist. Er dient der Sache, der Idee. Der Naturalist aber ist ein Praktikus, ist nie ein Charakter im noblen Sinn . Er faßt das Einzelne und den Augenblick, sieht aber das Ganze und Zukünftige nicht, nimmt die Glücksfälligkeiten in Berechnung, verhält sich passiv und spart Kräfte; bleibt zweideutig und unentschieden; verschleppt alles, um gelegentliche Vorteile zu gewinnen; versucht gern Hintertüren; will es mit keiner Partei verderben; kommt aus dem Experimentieren nicht heraus und haßt jede Entschiedenheit bis zu dem Augenblick, wo er seines Vorteils ganz sicher zu sein glaubt. Nur der noble theoretische Sinn, die Begeisterung für Ideen, das gute Gewissen, die Anschauung des Ganzen gibt den Rhythmus und Impuls, den großen Zug und Ruck, der über kleine Bedenklichkeiten, Anstöße, Hindernisse und verwirrende Zufälligkeiten hinweghilft. Dieser sittliche Rhythmus übersieht sehr leicht das Detail der Sachverhältnisse und Verhäkelungen. Aber er ist eine absolute Geisteskraft und Herrlichkeit , also eine Wahrheit , die mehr zu bedeuten hat, als die bloße Übereinstimmung von Vorstellung und Objekt. Wahrheit findet nicht nur der Mathematiker oder der Chemiker, welcher die elementaren Bestandteile in den Stoffen zu entdecken, auszuwägen und zu formulieren versteht, sondern Wahrheit produziert auch der Charaktermensch , welcher im sittlichen Rhythmus die tausend Häkeleien des dialektischen Schulverstandes wie der sinnlichen Praktiken überwindet; welcher den Klunker von Dingen und Prozeduren fortschneidet, den Menschen wie den Verhältnissen mit einer idealen Norm entgegentritt, mit transzendentem Geiste die Naturgeschichten, die Werktagsgeschichten beherrscht und sie zu einer Geschichte des Menschengeistes , zu einer Gottesgeschichte erhöht. Wahrheit ist nicht nur in einem Verstande, welcher Dinge und Geschichten so denkt und nimmt, wie sie zufällig oder an sich sind; sondern Wahrheit ist in dem Propheten und Helden, welcher Menschen, Zustände und Dinge zu verwandeln und sie einem übernatürlichen Geiste dienstbar zu machen vermag. Denn der Geist ist es, der die Materie beherrscht. Die Bedeutung der Frau Die Frauen erlösen uns Männer von dem hölzernen Schematismus der Schule durch eine wundervolle Verkörperung des natürlichen Lebens in ihrer inspirierten, von allen schönen Sympathien geschwellten und stumm weissagenden Seele. Sie bilden und bessern uns durch die schöne Ökonomie ihres sinnlichen und geistigen Lebens, durch alle angeborenen Tugenden ihres Geschlechts. Die Sorgfalt und Sorgsamkeit, der emsige Fleiß und die Unermüdlichkeit der Frauen, ihre Mitleidenschaft, ihre zarte Rücksicht, ihre verleugnende Dienstbarkeit, ihre Geduld und Leidensfähigkeit, die unzählbaren Eigenschaften des weiblichen Herzens und Verstandes müssen den Mann beschämen, so oft er seine eigene Ungeduld, Ungebärdigkeit und Rücksichtslosigkeit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit und Tyrannei gewahr wird. Die Frauen entzücken den schroffen, herrschsüchtigen Geist des Mannes durch ihre Schmiegsamkeit, ihre keusche Hingebung und liebevolle Zärtlichkeit; durch Mutterwitz, durch sittlichen Zartsinn und Instinkt, durch das Wunder eines vergeistigten Naturalismus und jenes ästhetischen Taktes, der die leisesten Wandlungen und Wendungen in allen Lebensprozessen wie Situationen augenblicklich herausfühlt, der mit musikalisch verfeinerten Sinnen jeder Ton- und Taktart des Lebens zu folgen, jede Verstimmung zu vermeiden und die verlorene Harmonie zurückzurufen versteht. Auf die gebildeten Frauen vererbt sich nicht selten die geistige Errungenschaft der Männer, ja die ganze Kultur eines Volkes, die Humanität eines Zeitalters in unmittelbarer Gestalt. Es gibt insbesondere deutsche Frauen mit einem Herzen, in welchem sich der Seelenduft aller Poeten sammelt, in welchem die Engel traumreden und Gott der Herr immer wieder von neuem Paradiese offenbart. Es gibt Frauen, deren Gemüt eine Verklärung der Leidenschaften geworden ist und im Abglanze der Mutter Gottes strahlt; Frauen, deren Sinn und Verstand mit den fügsamen, leise tastenden und endlos vermittelnden Prozessen der Natur wetteifert, deren persönliches Erscheinen, deren Tun und Lassen alle Kunst und Wissenschaft der Musiker, der Maler und Bildhauer übertrifft. Allen Erscheinungen, allen menschlichen Handlungen liegt eine Naturnotwendigkeit zugrunde, durch welche aber weder der Wertunterschied der Geschlechter, der Rassen und Geschichten, noch die Existenz einer Vernunft und persönlichen Freiheit ausgeschlossen wird. Der Glaube an diese Freiheit gibt den Sterblichen den Mut, so zu leben und zu handeln, als wären wir vollkommen frei, als beherrschten wir mit unserm Geiste in allen Augenblicken die Natur. So geschieht es, daß sich im Glauben an die Vernunft die menschliche Freiheit, die vernünftige Weltordnung und der Fortschritt realisieren. Daß diese Wunder geschehn, verdankt das Menschengeschlecht nicht der passiven Natur der Frauen und ihrem leidenden Instinkt, sondern dem wissenschaftlichen Sinn und Streben des männlichen Geschlechts . Seine Tugenden und Verdienste blühn und reifen nicht im Hause, sondern in der Gesellschaft, in der Geschichte, in der Welt, und vertragen sich nicht mit einer Harmonie und Liebenswürdigkeit von der Art, wie sie den Mann am Weibe entzückt. Was aber in uns wächst, was die Natur im Herzen groß zieht, das allein ist eine Glückseligkeit, eine Bildkraft und ein Witz. Unserer Sinnlichkeit, unserm Herzen strömt alle Lebenskraft zu; unsere Seele ist von den Sympathien aller erschaffenen Dinge geschwellt, und wenn diese Sympathien unsere Schulvernunft überfluten, wenn das Leben und die Zeugungskraft der Welt sich mit unserem Wesen galtet, dann bringt sie den Naturriesen Leidenschaft zur Welt! Ohne diese Naturmysterien gibt es keine Liebe, keine Begeisterung, keine Künstler und Poeten, welche unsere Seele von den Überwucherungen der Form säubern und von den Tyranneien des konventionellen Verstandes erlösen. Ohne Liebe und Leidenschaft, ohne Naturmysterien gibt es kein weibliches Weib . Der Zauber, die Allmacht der Frauen über die Männer, ist der Zauber der bildenden Kräfte, der zeugenden Gottheit, der Natur! Dieser Natur, der ungeschwächten Liebe und Leidenschaft einer Eva zittert der Geist des Mannes entgegen; mit der unentweihten Natur des Weibes will er seinen geschulten Geist wieder beseelen, will er ihn wieder der Natur zurückweisen. Was tut er aber in diesem heiligen Trieb und Drang mit einem Weibe, dessen Seele, wie die seinige, vor Schule, Konvenienz, elenden Modekünsten und kleinlichen Affekten entweiht und um ihre heiligsten Kräfte betrogen worden ist? Es gilt auch für die Frauen Natur und Geist im Verein; aber freilich so, daß die Natur und nicht die Schule dies Übergewicht behält, und daß eine Form die Leidenschaften zügelt, ohne sie abzutöten oder zu schematisieren. Dies Wunder löst aber nur der Genius; ohne ihn bleiben Mann und Weib triviale unreife Wesen. Das Weib muß das Genie des Herzens , der Mann wenigstens das Genie des Charakters oder des Kopfes besitzen, sonst versumpfen und versanden Sinn und Geist. * * * Das »schöne Geschlecht« darf nicht umsonst so heißen. Die Schönheit gehört zu dem Wesen des Weibes und zu seinem vollkommenen Begriff. Zu beherzigen ist aber dabei und erfahrungsgemäß steht fest: daß eine schöne Seele die Gesichtszüge verklärt, daß sie auch unregelmäßige Formen schön machen kann. Schönheit ist die unmittelbar angeschaute Harmonie des Lebens; die Versöhnung und Verschmelzung der Weltgegensätze. Frauenschönheit ist der Wechselhauch von Natur und Geist, in welchem sich eine Seele erzeugt, deren Schmerzen und Freuden sich zu einem konstanten Gefühl, zu einer sittlichen Erscheinung verdichten und solchergestalt ein Gemüt bilden, das aus Herzens-Gewohnheiten seine Nahrung zieht. Es gibt Frauengesichter mit den harmonischen Formen, gleichsam mit den architektonischen Linien der Schönheit, aber ohne Melodien, ohne Hauch und Duft, fremd und kalt. Es ist der Körper der Schönheit ohne die Seele, durch welche sich die feste Form weich und flüssig gemacht sieht. Ein Weib darf den Mann nicht mit ihren Blicken umbuhlen, und doch muß in ihrem Auge, in ihrer weichen Stimme, in ihren sanften Gebärden und Bewegungen sich Milde, Güte, Duldung, Schmiegsamkeit und Hingebung, die himmlische Wohltat der Weiblichkeit verraten. Das Weib muß uns das Natürlichste und eben deshalb ein Rätsel, ein Symbol aller heiligen Mysterien des Himmels und der Erde sein. Was Meer und Gebirge nicht verkünden, was Gott nicht in Wettern, in Jahres- und Tageszeiten zu offenbaren vermag, das ergreift uns in einem Menschen-Antlitz. Aber in den Frauen sind alle Naturgewalten verkörpert und zu himmlischen Genien verklärt. Des Weibes melodische Seele bildet erst mit der harmonischen Kunst und dem rhythmischen Geiste des Mannes eine vollkommene Musik. Selbst in den eckigen Bewegungen des Mannes hat die Natur die scharfen Akzente seines Wesens, wie in den weichen verfließenden Formen des weiblichen Körpers und in seiner Wellenbewegung den melodiösen Sinn und die Grazie des Weibes ausgedrückt. Wer das begriffen hat, wird in der Liebe und Ehe noch ein tieferes Gesetz, eine erhabenere Ökonomie als die der Fortpflanzung des Menschengeschlechts ersehen. Das ewig Weibliche soll dem Männlichen, die Natur dem Geiste vermählt werden. Das ist das heilige Gesetz des Weltgeistes. In der lebendigen Schönheit wird das Weltgesetz zurückgespiegelt. Eine tiefere Genugtuung und mächtigere Leidenschaft kann es für den Menschen nicht geben, als die Mysterien wenigstens im Bilde zu schauen, welche Herz und Gewissen erfüllen. Das Geheimnis des Herzens ist aber nicht der Stillstand und die Gewißheit, sondern die Unruhe und Bangigkeit; nicht die Befriedigung, sondern die Sehnsucht; nicht das förmliche Wissen und Verstehen, sondern das Ahnen; nicht die marmorne Festigkeit der Formen, sondern ihre Lösung und Verwandlung zu immer tieferer Harmonie. Endlich kommt die Liebe , aber nur, um alle jene Lebensrätsel noch tiefer in das Herz zu graben, um alle schmerzenden Seligkeiten eines Wesens zu mehren, das seinen Staub mit dem Äther vermählen kann. Wohl hat die Liebe Gegenwart, wohl fallen ihr ein paar Augenblicke Himmel und Erde, Ideal und Wirklichkeit ineinander; aber nur, um inne zu werden, daß sie mit diesem Idealismus aus dem Kreise der Mitlebenden geschieden ist, und daß sie beim Gedächtnis an diese himmlischen Augenblicke die vollen Sympathien für die wirkliche Welt und ihre materiellen Interessen aufgeben muß. Wen Liebe leibhaftig in den Himmel trug, der taugt nie mehr ganz für die Erde. Wahre Liebe ist eine Seelenlust ohne Sinnenlust und Begehrlichkeit, eine Melancholie ohne Schmerz, eine Tugend ohne Tatendrang. Liebe ist eine Erfüllung, ein seliges Haben, eine Religion ohne Sehnsucht, eine Heiligung des Erschaffenen und der Gegenwart, ein Verträumen der Wirklichkeit und ein Verwirklichen des schönsten Traumes. In solcher Liebe gibt es keine andere Tugend und Religion als das Lieben. Wer so liebt, der besitzt und leistet das Beste. Es ist gar nicht zu sagen, wie weit für den Mann die Freundschaft mit einer Frau der Freundschaft mit dem Manne vorzuziehen ist. Die Freundin ermüdet nicht nur keinen Augenblick in ihren großen und kleinen Opfern, sondern sie findet in denselben eine Verstärkung ihres Gefühls. Und wie dürftig, wie machtlos und schattenhaft erscheint diese Freundschaft der beiden Geschlechter, verglichen mit der Liebe und Treue, welche sich in einer guten Ehe schon hienieden ein himmlisches Gemüt und einen Ätherleib zubilden darf! Man kann alles haben, Freundschaft, Ehre, Bildung, Reichtum, Genie: wenn man kein liebendes Eheweib sein eigen nennt, ist man ein freudenleerer Mensch. Man kann alles verlieren, Freunde, Vaterland, Kinder, Geld und Gut, selbst die bürgerliche Ehre: wenn man sein liebes Eheweib behält, ist man noch nicht ganz lebensunfähig gemacht. Je unglücklicher der Mann wird, je mehr ihn die Welt verläßt, desto mehr Kraft bezieht das Weib, desto größer wird ihr Impuls und ihre Genugtuung, dem Manne alles zu ersetzen, zu opfern und zu sein: denn das Weib trachtet unendlich mehr danach, glücklich zu machen , als glücklich zu sein . Dies ist das Rätsel der weiblichen Natur, das Geheimnis der Ehe, die Wunderökonomie, welche Gott in der sittlichen Welt durch das Weib bewirkt. Der deutsche Genius Die deutsche Nation kann keinen Charakter im Sinne der andern Nationen haben, da sie sich durch die Literatur, durch Vernunftbildung zu einem Weltvolke geläutert hat, in welchem die ganze Menschheit ihre Lehrer und Erzieher anzuerkennen beginnt. Ja wir sind, wir waren, wir bleiben die Schulmeister, die Philosophen, die Theosophen, die Religionslehrer für Europa und für die ganze Welt. Dies ist unser Genius, unsere Nationalehre und Mission. Gibt es eine Weltökonomie, eine göttliche Vorsicht, einen Fortschritt des Menschengeschlechts, eine wachsende Humanität, so wird es auch eine deutsche Rasse geben bis zum Ende der Welt. Aus ihr entnimmt die Gottheit die Erzieher, die Propheten, die Reformatoren, die Helden, die Philosophen und Dichter des Menschengeschlechts. Eben darum aber muß der Deutsche ein Universalmensch, muß die deutsche Rasse eine universell-persönliche , und die Konstruktion dieser Persönlichkeit für den Schulverstand eine unmögliche sein; denn was vom Schulverstande als Widerspruch begriffen wird, besteht als Weltgeschichte, als Welt, die trotz aller Verstandes- Widersprüche diese wirkliche, unverwüstliche Wunder- und Gotteswelt bleibt. Gebärt sich das Dasein aus Sein und Nichtsein, ist die Ewigkeit in der Zeit, der Geist in der Materie und das Weltobjekt in den Subjekten gehalten, ist der Anfang aus dem Nichts gekommen, oder die Zeit ohne Anfang und von Ewigkeit: so wird auch das deutsche Volk seine Geistesherrschaft und Eigentümlichkeit trotz seiner Zerfahrenheit, so wird es seine Nationalität in seiner Weltbürgerlichkeit bewahren; so wird es weder im Idealismus noch im Materialismus untergehen. Die unbändige Adamsnatur hat sich der Schule, der Kirche, dem Staate, der Sozietät und letztlich den Launen der ewigwechselnden Mode gefügt. Gleichwohl ist noch bis zum heutigen Tage ein Tropfen rebellischen Adamsblutes übrig geblieben, der die absolute Zähmung und den Abschluß der Kulturprozesse, zum Heile der Lebenspoesie, des Mutterwitzes, der Liebe und der Glückseligkeit verhindert. Dieser Blutstropfen prozessiert aber in den slavischen und romanischen Völkern, wegen des Mangels an Schulvernünftigkeit so stark, daß er alle Kulturerrungenschaften aufsaugen würde, wenn die Deutschen nicht mit ihrem Sinn für Vätersitten, für gefestigte und eingelebte Formen das gestörte Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Vernunft , von Natur und Übernatur immer wieder herstellten. Diese Weltvernunft des Deutschen also, welche dem übersinnlichen Faktor des Menschenlebens ebensoviel Rechnung als dem sinnlichen zu tragen versteht, diese absolute Natur des Deutschen, welche ihn zum bloßen Nationalstolz untauglich macht, ist der Grund und die welthistorische Kraft der deutschen Nation. * * * Wen die deutschen Sprüchwörter nicht durch und durch erbauen, der hat kein deutsches Gewissen und keinen deutschen Witz. Wie ist das alles rund und reinlich, wie heil verständig aus der Lebensmitte gegriffen, und wie gutmütig gesagt; so tief und durchsichtig wie die See an den Bahamainseln, wo der Schiffer über einem grünen Abgrunde von tausend Klaftern schwebt. Und gleich dem Meere werfen auch die deutschen Sprichwörter Muscheln, Perlen, Bernstein mit eingeschlossenen Insekten, manchmal auch Ungeheuer an den Strand. Wie fromm ohne Scheinheiligkeit, wie ehrbar und tugendbeflissen ohne Sittlichkeitsziererei, wie gewissenhaft ohne Gewissenszwang sind diese deutschen Lebensregeln! Heilig und in sich selbst begründet wie die Natur, einfältig und doch grundgescheit, -- klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben; von aller Weltempfindung getragen, sind sie doch immer an ganz bestimmte Gegenstände und Geschichten angeknüpft; das nennt man Theorie und Praxis in einem Puls und auf einen Hieb. Aus diesen deutschen absoluten Worten, die so wahrhaftig und doch so liebenswürdig, so billig und strenge, so anspruchslos und doch so herausfordernd in voller Manneskraft, so gesetzmäßig und doch so ungebunden sind, blicken uns die deutschen Augen an mit ihrer ehrlichen Schelmerei, der deutsche Freimut mit seinen treuherzigen und schämigen Gebärden, der deutsche Tiefsinn mit seinem herzigen Spaß, das deutsche Gemüt mit seiner, von Zukunft und Vergangenheit bewegten, von Natur und Gott erfüllten Seele. Jedes dieser Worte ist ein deutscher Herzschlag, ein deutscher Handschlag, ein deutscher Mann. Die deutschen Sprichwörter sind das Vermächtnis des deutschen Genius an jedweden Deutschen ohne Unterschied des Geistes, der Erziehung, der Lebensverhältnisse, des Alters und Geschlechts -- eine Norm für Sitte und Lebensart, für Handel und Wandel und jeglichen Verkehr, sei's mit Menschen, mit Dingen, mit Natur oder mit Gott dem Herrn. Diese Sprüchwörter und Redensarten sind eine lebendige, in allen Geschichten wurzelnde, eine ewig sprossende, blühende und fruchtende, eine auf den Gassen verkehrende Weisheit, für alles Volk und alle Zeit, wie die Heilige Schrift, aber stetig vermehrt und neu aufgelegt in jedem deutschen Gemüt. Sie sind das zirkulierende Kapital des deutschen Geistes, Zins auf Zins häufend, wuchernd in allen Fakultäten bei Mann und Weib, in Kindern und Erwachsenen, in Gelehrten und Laien -- in Staat und Familie, in Schule und Haus! Das köstlichste ist noch, wie bei Wasserquellen, Volksliedern und Märchen: der Schatz ist unversiegbar da, und niemand präsentiert sich als Schatzmeister oder Autor. Man verdankt niemanden etwas, als dem Genius des Volkes, und man nimmt die Lehre ohne Neid und Widerspruch, mit unbefangenem Gemüte an, weil man keiner einzelnen Person verpflichtet und von keiner beherrscht ist. * * * In den deutschen Volksliedern spiegelt sich der unergründliche Dualismus des deutschen Wesens am wunderbarsten ab. Unser Volkslied atmet ebensoviel freieste, keckste Lebenslust als Melancholie. Es unterscheidet sich eben dadurch von den Gesängen anderer Nationen, daß sein Geist nicht, wie bei den Slaven, in Seele und Sinnlichkeit ersäuft wird, sondern die Fülle und Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen wie der Weltverhältnisse beherrscht. Es charakterisiert unser Volk, daß es die Kraft seines Herzens aus dem lebendigsten Verkehr mit der Wirklichkeit bezieht, daß es nicht nur Novellen, Kriegs- und Staatsaktionen zu besingen, sondern alle Töne anzuschlagen, daß es Wander-, Jäger-, Bettler-, Fuhrmanns-, Fastnachts-, Schelmen- und Trinklieder zu singen, sich mit dem derbsten, dem ungereimtesten, dem tollsten Leben in Harmonie zu setzen versteht; und dann wieder ist es das deutsche Lied, welches uns ein Adieu, ein »Scheiden und Meiden«, ein Lieben und Leiden, eine Vereinsamung der Seele mit Worten vorsingt, in welchen der ganze bunte Weltwirrwarr, den unsere Sinne entzündeten, wie ein chinesisches Feuerwerk erlischt. Und wie können diese einfältigen Liederworte, die bekanntesten Naturbilder solche Zauberwirkungen tun? -- Sicherlich, weil sie so knapp und keusch, so ungeschminkt und ungesucht, weil sie eben so einfältig sind! Das deutsche Volkslied ist es, welches uns die tiefsten Mysterien, nicht nur der Poesie und des Menschengemüts, sondern der Sprache und Lebensökonomie erschließen könnte, wenn wir einen Überrest von dem symbolischen Verstande behalten hätten, der die Hieroglyphen der Natur und die Zeichensprache des Herzens zu deuten, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht. Das übervolle Herz kennt keinen Gegensatz von Welt und Individualität, es kennt keine Methode und keinen Widerstreit von Mitteln und Zwecken: es fühlt nur seine Freude oder seinen Schmerz und erlöst in diesem liebenswürdig-naiven Egoismus den Hörer und Leser von der Tyrannei eines Verstandes, der die Mysterien der Seele und Persönlichkeit aller Welt in schulgerechten Formen zu vermitteln bestrebt ist. Diesen Zauber wirkt das Volkslied. Seine Armut ist sein Reichtum, seine Weisheit besteht in seiner naiven Lebensökonomie, seine Lebenskraft in seiner Konzentration auf den engsten Raum; seine Wehr und Waffe in seiner Unschuld und Unwissenheit. * * * Das Nibelungenlied , dieses ehrwürdigste deutsche Dichtwerk, dessen Stoff den Zeiten der Völkerwanderung entstammt, zeigt uns, daß ursprüngliche Schöpfungen nie unter fertig gemachte Rubriken zu bringen sind. Auf die Nibelungensagen passen weder die gangbaren Kategorien von Idealismus und Realismus, noch von einer förmlichen Versöhnung beider Faktoren. Es ist in dieser Dichtung ein elementarer Naturalismus, jedoch von einer sittlichen Potenz und von einer Gewalt der Phantasie emporgetragen, welche weder dem altromantischen, noch dem modernsentimentalen oder dem philosophischen Idealismus entspricht. Der realistische Faktor des urgewaltigen Gedichts bekundet durch die tiefe Charakterzeichnung, die grandiosen Leidenschaften und die bestimmt gestaltete Fabel ebenfalls eine Größe, die keinem andern bekannten Gedicht vergleichbar ist. Endlich haben wir in diesem gewaltigen Epos, welches uns ein Maß der natürlichen Charakterenergie zur Anschauung bringt, von dem wir Modernen taumlig werden, eine Form zu bewundern, die sich bei aller Rauheit, Roheit und Monotonie gleichwohl organisch aus dem Charakter der Personen wie aus ihren Situationen herausgebildet und die Fabel ganz so aus einem Wuchse mit der Handlung zeigt, wie sich diese selbst, als die naturnotwendige Entfaltung der Charaktere, darstellt. Diese Nibelungen sind eine Steineiche aus dem Teutoburger Walde, die Früchte Eicheln; aber der Baum selbst, sein Holz, sein Wuchs, sein Laub, sein Schatten, seine Symbolik hat unendlich mehr zu bedeuten als eine ganze Orangerie! * * * Das deutsche Volksmärchen ist eine wahrhaftige Naturgeschichte der deutschen Sitte und des deutschen Gemüts. Bei keinem Volke der Welt sind, wie bei den Deutschen, Seele und Verstand so ehrlich versöhnt und doch neckisch kontrastiert; bei keiner Menschenrasse ist die Phantasie so liebenswürdig in die Wirklichkeit hineingebaut, sind Traum und Wachen, Natur und sittlicher Geist, Pantheismus und Gottesglaube so paradiesschön zusammengetraut. Jede Falte und jeder Winkel des Märchenherzens atmet Menschenliebe, Blumenduft, Religion und Gerechtigkeit, Naturliebe und Gottesfurcht, Heimweh und Wanderlust in die weite Welt, Eigenart und Selbstvergessenheit, Kleinmut und Trotz auf eigne Kraft, Einfalt und Grübelei, Wunder und Zweifelsucht, Herzenssorge und leichten Sinn, Schwermut und Ausgelassenheit: alle Gegensätze des Menschengemüts sind im deutschen Märchen zu einer Wunderwelt versöhnt, die uns mit Adamskräften anhaucht und auf Engelsflügeln durch alle Weltreiche führt. So voll Mitleidenschaft für das Geringste und voll Tiefsinn für das Größeste, so mutterwitzig und so herzig zugleich; so schalkhaft- spaßig und so voll süßer Melancholie, so flatterhaft und gewissensängstig, so verwandlungsvoll und so selbstgetreu, so vom Lebenswein berauscht, und so naiv-brüderlich mit dem Tode gepaart ist nur der deutsche Märchenhumor. In ihm hat der Himmel Kindesunschuld und Prophetenweisheit, den Liebreiz des Weibes und die Gedankenkraft des Mannes, hat er die Blüte und Frucht des deutschen Gemüts und Gottesgewissens zutage gelegt und doch in den Duft des Paradiesesgartens gehüllt. Wenn wir an einem stillen Wasser stehen, so verschmelzen Licht und Finsternis, so sehen wir die Wolken und die Ufer zurückgespiegelt, und auf den blauen Tiefen des Himmels schwimmt unser Gesicht. Wir baden nackt im Element, es näßt und erfrischt unsre Glieder, wir tauchen unter, aber wir begreifen nichts von dem himmlischen Wunder, auch wenn es uns als verschmachtete Wanderer aus dem Felsenquell erquickt und dem Leben wiedergibt. Ganz so geschieht uns im Märchen. In ihm allein, wie in keiner andern Poesie ist das Idealste, das Unerreichbarste mit dem Nächsten und Handgreiflichsten getraut. Das deutsche Märchen legt uns in die Fesseln des Traums und doch fühlen wir uns so frei und leicht wie in unsrer wahren Natur. Wir werden so erfüllt, und doch so erleichtert und aufgeräumt; wir erfahren so neubegierig eben das, was von Anbeginn im Seelenabgrunde lag. Uns ist so geweckt und verständig zumute wie kaum im wirklichen Leben, und gleichwohl verkehren wir mit guten und bösen Geistern, mit Hexen, Riesen und Zwergen, mit Tod und Teufel »Du auf Du«. An jedem Worte hängt ein Tröpfchen Blut, denn die deutschen Gedanken sind mit dem Herzen getraut. Das deutsche Volk allein hat einen beseelten Verstand, einen solchen, in welchem Phantasie und Sittlichkeit nicht geschieden sind . Die orientalischen Märchen bilden nur den Körper einer oft sinnlosen Wunderwelt. Nur das deutsche Märchen vertieft sich in die Mysterien des Menschengemüts mit dem sinnigsten Verstande, mit einem Takt, der alle Tonleitern des Herzens, seiner leisesten Dissonanzen, seines Melodienreichtums, seiner Himmel- und Höllenfahrten kundig ist. Das deutsche Märchen gibt uns den Ätherleib, der sich aus den Herzensgewohnheiten, aus dem Nachtönen der Geschichten, aus ihrem Blumen- und Moderduft erbaut. Wo es Abenteuer gibt, da erfahren wir auch, was sie in der Seele und in dem Gewissen der Abenteurer wirken. Nur die Odyssee gleicht in dieser Zurückspiegelung der Dinge und Erlebnisse im Menschengemüte dem deutschen Märchen; übertroffen wird sein psychologisches Leben nur von der Heiligen Schrift, insbesondere von der Geschichte Hiobs und der ährenlesenden, fromm-fleißigen Ruth. Unübertroffen bleibt unser Märchen aber in der Herzensfrische, der Herzenslaune, in dem Witz des Herzens, mit dem ohne Aufhören die allergewöhnlichsten Dinge und Verhältnisse in ihren kleinsten Zügen photographiert werden, und gleichwohl zeigt sich mit diesem Realismus des Alltagslebens seine ideale Bedeutung erfaßt. Die deutschen Märchen werden nicht müde, den Segen, welcher in Mitleidenschaft und tätiger Hilfe liegt, einzuschärfen. Die Lieblingshelden, die elternlosen oder zurückgesetzten Kinder widmen Teilnahme und Beistand toten wie lebenden Dingen. Ein kleines Mädchen, eine verlassene Waise geht ratlos in die weite Welt; aber unterwegs macht sie einem kleinen Bache Luft, indem sie ihre schwachen Kräfte anstrengt, einen Stein aus dem Wasser zu schaffen. Dann wieder trägt das wandernde Kind ein Fischchen, welches aufs Trockne geraten ist, in sein nasses Element, und einen aus dem Nest gefallenen Vogel zu seiner Mutter zurück. Einem kranken Kinde macht sie zum Zeitvertreib ein Mühlchen und bläst es todmüde mit ihrem letzten Odem an. Den Anstrengungen erliegend, wird die kleine Heldin von dem Bache erfrischt, von dem Vögelchen gefächelt, von dem Fischchen mit bunten Muscheln erfreut, und von dem Engel, der als krankes Kind ihr Herz geprüft, gesund und glücklich gemacht. Ob die Märchenmenschen traurig oder fröhlich sind -- jedesmal wenn sie ihr Herz schwer oder bewegt fühlen, in jungen und alten Tagen wandern sie in die freie Natur und finden in ihrem Verkehr Erleichterung wie Rat. Im Märchen gewinnt ganz wie in der Kindheit jedes Wetter, jede Jahreszeit und Gegend eine Beziehung zum menschlichen Gemüt. Auf der unfruchtbaren Heide, am öden Meeresstrande, tief im Gebirge zwischen starren Klippen ist den Märchenhelden die Natur nicht minder ans Herz gewachsen, als in einer lachenden Flur; und die arme Witwe, der arme Fischer, Hirte und Jägersmann fühlen ihr Hüttchen als segensreiches Obdach im doppelten Maß, wenn es vom Wetter umstürmt, oder im Schnee begraben wird. Das Herz und der fromme Sinn des Märchens erkennt die Gottheit im Aufruhr der Elemente, im unbarmherzigen Frostwetter, wenn der Himmel eine Glocke von blauem Stahl, und die Erde eine versteinerte Naturgeschichte zu sein scheint; denn er weiß, daß der strenge Winter den wilden Tieren den wärmsten Pelz wachsen läßt, daß nicht alle Vögel tot aus der Luft herabfallen, und daß der Gott, welcher die Saaten unter dem Schnee ausgrünen läßt, noch vor dem Tauwetter der Freund und Wohltäter seiner Geschöpfe ist. Das Märchen legt die Naturreligion, die Naturphilosophie und Naturdichtung des deutschen Volkes dar, und doch ist diese Naturliebe und Poesie kein heidnischer Pantheismus, sondern ein herziger Gottesglaube , der in der Natur die Umgebung und den Körper des Schöpfers, das Mittelglied und die Bildersprache begreift, durch die sich Gott auch den Sinnen der Menschen offenbart. Vor allen Naturszenen aber ist es der Wald , in welchem sich alle Naturgeheimnisse und Naturwohltaten zusammenfinden. Man müßte ein Buch schreiben, wenn man die Sympathien des deutschen Märchens für den Wald erschöpfen und zergliedern wollte, und dieses Buch würde dann zugleich der Kern der ganzen Naturheiligung, der Naturliebe und des deutschen Gemüts sein, dessen Pole der Traum vom Paradiese und vom Himmelreich nach diesem Erdenleben sind. Was sich nur irgend in einen großen Wald von Phantasiestücken hineinpacken, von Tier- und Räuberhöhlen, von Menschenfressern, von guten und bösen Zauberern oder Tieren und Abenteuern hineindichten läßt, das hat das deutsche Märchen in die Wälder verlegt. Was die böse, überkluge, nüchterne, lichte und kalte Welt verschuldet und verwickelt, das muß der grüne, geheimnisvolle, bezauberte, finstere, der Kultur verschworene, aber dem Naturrecht getraute Wald wieder lösen und zu Rechte bringen. Wer noch ein Herz im Leibe hat, dem muß es weh tun, daß er nicht im Walde wohnen und von Waldbeeren leben kann. * * * Es kommt eine Zeit für uns alle, wo wir, der Welt und des Weltverstandes müde, von den Erinnerungen der Kindheit und des Elternhauses leben; wehe dann dem alten Menschen, der keine Mutter hatte, die ihm die Anfänge seines Daseins zum Kinderparadies und Heiligtum geweiht hat. Man vergißt in den spätern Lebensjahren alles, man erleichtert den Geist von dem Wust des Gelehrten und des profan Erlebten, um gesäubert sich in die heiligen süßen Zeiten zu versenken, wo Mutterliebe unsere Schritte behütete und der Himmel auf Erden war. Was uns eine fromme und gute Mutter gelehrt, was sie durch ihr Beispiel, ihre stillen Tugenden, ihre liebenden und strafenden Gebärden, durch ihre Worte und Werke dem Kinderherzen eingeprägt hat, das gräbt sich ihm wie ein Evangelium immer tiefer ein, das bildet bei gefühlvollen Menschen den Grund und Boden ihres Gewissens, ihrer Lebensarten, ihres Gemütes; das verschmilzt mit der Heiligen Schrift zu einer Religion, die nichts Späteres, nichts Fremdartiges und Unreines in ihrem Schoße leidet, sondern einem Gletscher ähnlich das herausscheidet, was zufällig hineingefallen ist. So werden die Mütter, ohne daß sie es wollen und wissen, die Begründer der Grundanschauungen, der Neigungen, der Biographien; so bilden sie einen Faktor des Staats, wie Natur und Seele eine Hälfte des Menschen ausmachen. Der Mensch hat nun einmal eine Enge, wie eine Weite; er ist eine Person, er besitzt ein Herz; und was sich nicht auf dem Angelpunkte dieses Schwerpunktes der Persönlichkeit bewegt, das bewegt sich auch nicht um die Welt. Es muß unendlich viele kleine Welten in der großen Welt, und es muß ebensoviele natürliche Heiligtümer geben, wenn der sinnlich beschränkte Mensch das große Weltheiligtum fassen, wenn er in dem, nach mechanischen und mathematischen Verstandesgesetzen konstruierten Staate noch einen Anhaltspunkt für sein Herz und sein persönliches Leben finden soll. Ein natürlicher Mensch wächst und bildet sich wie ein Baum. Ring legt sich um Ring, und mit jedem verdichtet und verharzt sich der innerste Kern. Wer nicht einen festen Herzkern aufzeigt, besitzt auch keine gefestigte Peripherie; wer nicht um seine eigne Achse rotiert, hat auch keine Bewegung um den Himmel; wer nicht natürlich ist, kann nicht übernatürlich sein; und wer nicht in einem engen Kreise , in einer festen Heimat , in einem Elternhause für die weite Welt vorgebildet wurde, bleibt ein unbeseelter Verstandesmensch, er sei, er arbeite und leiste, was er wolle. Das Familienleben , die Mutterliebe , die Erziehung im elterlichen Hause bleibt die Pflanzstätte für den Kern der deutschen Natur. Bei den Deutschen wurzelt das Leben zu tief in der Familie, in der Natur und Religion, in der tiefsten Wissenschaft und Kunst, als daß sie mit ganzer Seele und ganzem Verstande Kommunisten, Sozialisten, Staatspolitiker und Kosmopoliten werden könnten. Will man diese Tatsache im Ernste abstellen und mit irgend einem Musternationalstolz vertauscht haben, so muß man dem Deutschen verbieten, ein deutscher Geniemensch, ein Normalmensch zu sein. Ein fester Körper ist nur ein solcher, wenn seine kleinsten Teilchen fest und körnig sind. Wer also nicht bereits in der Familie eine feste Grundlage, Sitte, Liebe, Gewohnheit, Pietät und Persönlichkeit gewinnt, der erhält diese festen Faktoren nirgends. * * * Die Heimat gehört zu unserm Körper, sie ist unser ätherischer Leib. Wir können ebensowohl unsre sinnlichen Organe missen, als die Jahres- und Tageszeiten, den Himmelsstrich, den Grund und Boden, die Berge und Täler, das Meer oder die Wüste, wenn unsre Sinne mit diesen Naturszenen von Kindesbeinen an zusammengewachsen sind. Mit den gewohnten Naturbildern und Verwandlungen, mit der eingeatmeten rauhen oder schmeichelnden Luft kehren ja die alten Stimmungen und Gedanken, die Sorgen und Freuden unseres ganzen Lebens zurück. Nur an den gewohnten Gegenständen, Situationen und Beschäftigungen repetieren wir unsere Biographie, nur in den eingelebten Formen behalten wir unser Selbst, haben wir eine Geschichte und diejenige Stetigkeit, ohne welche es zu keiner festen Charakterbildung, zu keinem Grundton der Seele, zu keinen, mit der Seele verwachsenen Gewohnheiten, zu keiner Sitte, zu keinem Gemüt kommen kann. Nur die Heimat kann ein Familienleben erzeugen, kann Sitten und sittliche Charaktere, kann Sinn und Verständnis für die Geschichte bilden. Ohne Heimat sind wir einer Felsenpflanze gleich, die ihre Nahrung allein aus den Lüften saugen muß. Der beklagenswerteste Grundirrtum unserer Zeittendenzen ist der, daß nur der vollständige Bruch mit den letzten mittelalterlichen Grundlagen und Erinnerungen das neue Leben von seinem letzten Hemmnis befreien könne, daß Ablösung von dem geschichtlichen Boden, von der heimatlichen Scholle, von Sitte und Religion für eine Erlösung gelten soll. Wer uns die Heimat nimmt, schneidet uns die Gegenwart von der Vergangenheit ab, nimmt unsern Sinnen die gewohnten Anknüpfungs- und Anhaltspunkte, dem Körper den Boden unter den Füßen. Der Geist wächst nur auf einem festen Boden groß, dieser Boden ist die Natur; nur die Gewohnheit fleischt uns die Naturgeschichten so ein, daß sie dem Geiste getraut werden. Wer aber keine Heimat, keine eingelebten Formen, wer gar keine Gewohnheiten hat, dem fehlt auch die Natur und die Art von Charakter, welche Natur und Geist im untrennbaren Zusammenwuchse zeigt; das ist eben das Gemüt. In ihm allein ist die sinnliche Natur mit der übersinnlichen Welt, sind Geist und Seele, Wissen und Gewissen, Wille und Vorstellung, Eigenart und Gottesgefühl, sind natürliche Akkommodation und sittliche Charakterenergie versöhnt. Nur das Gemüt des Deutschen begreift die Poesie des Alten , die veredelnde, versöhnende und vergeistigende Kraft der Zeit , der Geschichte , welche allen Geschichten den Goldgrund und allen Helden den Heiligenschein malt. * * * Dem Gesunden ist alles gesund. Im harmonisch gebildeten Menschen reimt sich alles zur Harmonie, während im Narren auch die Weisheit zum Aberwitz wird. Persönlichkeit ist das Geheimnis der Gottheit, der Natur, der Poesie und Religion. Durch die Persönlichkeit wird entschieden, was gut und böse, dumm und gescheit, schön und häßlich, heilig und unheilig ist. Da aber bedeutende Persönlichkeiten und Charaktere eine Seltenheit sind, so konnte der großen Masse nichts willkommener sein, als die moderne Antipathie vor dem Genie, der Krieg gegen die Autoritäten, und die Parole von der »Objektivität«, unter welcher man eine Unpersönlichkeit versteht, die in leidenschaftlichen Augenblicken zur herzlosesten Selbstsüchtigkeit wird. Wer an die Freiheit und Würde des Menschen glaubt, der wird die Persönlichkeit ausgezeichneter Menschen, der Propheten, der Helden und Reformatoren, der großen Dichter, Denker und Künstler aller Zeiten als eine Macht empfinden, die auf seinen eigenen Willen und Glauben einen Einfluß haben darf. Die Leute, deren durchsichtiger Stil und durchsichtiger Charakter so gelobt wird, kommen mir wie Fensterscheiben vor. Menschen sollen nicht wie Glas sein. Ein Charakter ist selbst das reellste und interessanteste Objekt; er soll sich keineswegs herabwürdigen, der bloße Träger und das Organ für moderne Ideen zu sein. Wo wir solche Organe finden, da fehlt eben die Charakterwürde, die Charaktertiefe und Energie, da fehlen die Mysterien des persönlichen Lebens, da fehlt die Person. Der Charakter kann zu kompliziert, zu dunkel werden; aber ein rechter Mensch muß Schatten, muß ein Mysterium und eine gewisse Undurchsichtigkeit haben, oder ihm fehlen Natur und Gemüt. * * * Die kulturhistorische Bedeutung des Deutschen scheint darin zu liegen, daß er vollkommener als der Mensch irgend eines anderen Volkes das schöne Menschentum , das Maß zwischen Willenskraft und Divination, zwischen Seele und Verstand, zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Familienleben und Öffentlichkeit zu treffen versteht. Hat man bis in die neueste Zeit den Mangel an Nationalleben mit Recht getadelt, so wäre es heute nicht minder in der Ordnung, daß man wiederum das Gemütsleben der sogenannten Gebildeten zu vertiefen suchte ; wenn auch nicht durch Traktätlein oder Romanleserei, oder durch ein Philistertum, welches Gemeinsinn und Nationalleben mit politischer Kannegießerei vertauscht. Jedenfalls aber ist so viel gewiß, daß es unsern Literatur-Taglöhnern ganz und gar an Gemüt und Mutterwitz gebricht; daß Künste und Wissenschaften weder im politischen Schematismus, noch im populär-naturforscherlichen Materialismus erstarken werden. Die Poesie bleibt zuletzt doch Poesie, und selbst die deutsche National-Poesie steckt unmöglich in der öffentlichen Meinung oder im National-Tintenfaß unserer modernen Ästhetik und Kritik; sie strömt vielmehr aus den Millionen Quellen unserer Herzen , die der großherzigste Poet seines Volkes in sich aufnehmen, die er mit seinem Blut- und Nervensaft mischen darf. Die Literatur-Ästhetik und Literatur-Demagogie zeugen nimmermehr eine National-Poesie. Poesie kann nur da sein, wo unsre Seele von der elementaren Natur erfüllt und unser Geist vom Geiste Gottes getrieben wird. Die Modernen aber verleugnen die übermenschliche Kraft. Das Mysterium der Poesie ist die Liebe und Mitleidenschaft -- aber die Leidenschaft muß vom Geiste gezügelt sein, denn andernfalls entarten Divination und Liebe zur Dämonie. Es geht ein himmlischer Rhythmus durchs Leben, auf den sich alle irdischen Rhythmen und Noten einzählen müssen. Es beseelt uns alle derselbe Sinn und Geist, der uns zu einer Menschheit, zur Natur, zum Weltganzen vereint. Diesen Rhythmus, diesen allgemeinen Geisterzug, dieses Ganze , diesen Gott will der deutsche Mensch vernehmen und mehren; ihn will er versinnlichen, predigen und kundgeben in seinen Worten, wenn er ein Dichter und Denker ist; in seinen Werken, wenn er als Held und Reformator auftritt. * * * Den Studien und Bestrebungen Lessings fehlt das Zentrum, weil er sich von der Welt her zum Ich durchgefunden hat. Er scheint wunderbarerweise vom menschlichen Egoismus befreit; dafür wäre ihm aber auch mehr Innigkeit und Wärme des Gefühls, mehr Seele im engeren Sinn zu wünschen. Aber das geschonte Gefühl und der Mangel an Phantasie erklären es vielleicht, daß sich eben mit Lessings Verstand eine ganz eigentümlich instinktive Tätigkeit verbunden zeigt, die ihn nicht nur die faulen Stellen in der Literatur und im Leben seiner Zeitgenossen, sondern auch die Methode finden ließ, mit der das Übel zu beseitigen war. Lessing war aber nicht nur der Arzt seiner Zeit, sondern seine Autorität und Methode, seine Werke, die man eben so vielen spezifischen Medikamenten und Lebens- Elixieren vergleichen darf, wirken ebenso lebendig noch in unserer Zeit fort. Aber daraus, daß dem Patienten der Doktor nötiger tut als ein Pfarrer, darf der Patient nicht schließen, daß ein Arzt schlechterdings größer und nützlicher ist als ein Theolog; und so darf man auch nicht Lessing auf Herders Unkosten loben , bloß weil feststeht, daß Herder durch seinen romantischen Geist und Zug viel deutsche Schwächen und Unarten zur Reife gebracht, Lessing dagegen viel Schaden operiert hat. Lessing nimmt insofern eine unberechenbare Bedeutung für unsere Literatur und unsere ganze Bildung bis auf diesen Tag in Anspruch, weil er einen Faktor besitzt, der in der deutschen, namentlich in der schöngeistigen Literatur nicht mit der Energie und Herrschaft vertreten ist, welche das gesunde Leben erheischt: nämlich den gesunden Menschenverstand , und Lessing besaß denselben in höchster Potenz! Einen wahrhaft genialen Verstand, aber ohne die Extravaganzen, Geschmacklosigkeiten und Formlosigkeiten, in welchen sich viele Genies gefallen. * * * In Herder sehen wir eine Harmonie von allen Fähigkeiten des Geistes und der Seele, die ihren Gravitationspunkt im Gemüte haben; und dieses Gemüt ist von Vergangenheit und Zukunft, von Religion und Geschichte erfüllt. Herder sucht die Literatur aus der Weltgeschichte und diese wiederum aus der Literatur zu erklären; aber doch so, daß er die Wirklichkeit aus der Idee, die Natur aus der Übernatur begreift. Er studiert das Gegebene und Vergangene, aber in Kraft der höchsten Ideen, denen er schon um deswillen mit Begeisterung hingegeben bleibt, weil seine Jugend unter dem Druck und der Misere des Materialismus, der Trivialität und Engherzigkeit einer kleinstädtischen Spießbürgerlichkeit gelitten hat. Man vermißt aber nicht ohne Grund an Herders harmonischer Vielseitigkeit, die im Humanitätsbegriff auch ihr Zentrum aufzeigt, die Kristallisation, die Energie und Klarheit des Verstandes, durch welchen sich Lessing charakterisiert. Wiewohl man nicht außer acht lassen darf, daß Lessings Vielseitigkeit sich innerhalb der Sphären des Geistes bewegte; während Herder das ganze Gebiet der Kultur mit der Summe aller Menschenkräfte in Angriff nahm und die Erkenntnis nicht minder aus einer divinatorischen Seele als aus einem philosophisch gebildeten Geiste bezog. * * * Goethes Sprache und Form, wie seine normale Organisation und Einbildungskraft, ist das reinste Medium für die Natur. Was nicht zu ihr und ihren normalen Prozessen gehört, scheidet dieser hohe Priester, dieser geweihte Dolmetsch der Natur, so keusch, mit so spielend naiver und doch so unwiderstehlicher Bildkraft aus, daß man ihn nicht nur einem durch tausend Erdschichten filtrierten Gebirgsquell, sondern einem Gletscher vergleichen darf, welcher Erde, Steine, Sträucher, Leichname und jeden in ihn hineingeratenen fremden Körper wieder ausscheiden muß. Bei diesem größten Liederdichter der Welt versöhnen sich Phantasie und Liebe, verschmelzen die Sympathien für die Natur und die Frauen zu einer bildkräftigen Leidenschaft, die allen romantischen Halbheiten und Unmachten ein Ende macht. Goethes Seele, obwohl vollkommen durchgeistigt, reflektiert nur flüchtig und selten den geistigen Faktor allein; und wenn es geschieht, so wird er im nächsten Augenblicke von einem sinnlichen Gemeingefühl aufgesogen, aus dem sich wohl eine transzendente Seele entbinden, aber nicht auf Unkosten der Lebensharmonie festsetzen darf. Alle Poeten der Welt, außer Homer, Shakespeare und Goethe, sind mehr und weniger zerrissen, nur diese drei sind durch und durch bildkräftig, unverletzt und gesund. * * * Der Idealismus Schillers ist so objektiv wie der Realismus Goethes. Während Schillers philosophischer Idealismus von einer sittlichen Begeisterung getragen wird, die sich durch eine männlich- vernünftige Selbstvergessenheit charakterisiert, ist eben Goethe der weiblich geartete Mann, der gebildete Naturalist, der sein Ich selten vergißt. Nur dem Schillerschen Geiste ist die ganze, unverkümmerte Mitleidenschaft für den Menschen vermählt. Seine Geistersprache, die uns als ein Wunder berührt, wie die Goethesche Naturempfindung, durchzittern alle Sympathien einer schönen Menschenseele. In Schillers Worten pulsiert das ganze vernunftveredelte Herz. Goethes Lieder, seine Naturempfindung und Naturdurchschauung, seine musikalische Bildkraft und divinatorische Naivität bleiben ein Wunder der Natur im Menschengeiste, und in einem Gelehrten dazu. Aber Schillers durchgeistigte Sprache ist ein Wunder des Geistes , von dem die Wiedergeburt, die Beredsamkeit unserer deutschen Schreibart datiert. Vor Schiller hat kein Deutscher wie er geschrieben, und noch schreibt keiner mit diesem edeln Schwung und zugleich mit dem stilistischen Facettenschliff eines demantharten und reinen Charakters, dessen Feuer in Brillantfarben spielt. Nichtsdestoweniger spricht dieser spirituellste aller Poeten sein Ideal dahin aus: der Geist solle sich die Ökonomie der Natur zum Ziele setzen, wie in dieser, so solle auch im menschlichen Leben und Handeln Freiheit und Gesetz zur Schönheit versöhnt sein. Die Schulgebildeten empfinden, daß Goethe ein so großer Dichter durch Lebensunmittelbarkeit ist, durch die glückliche und wunderbare Art, wie sich in seinen Liedern und auch in seiner ungebundenen Rede, die Seele des Lebens in Bildern, in einer solchen Ökonomie von Worten abfängt, mit der für unsere Phantasie Dinge und Geschichten wie auf einen Zauberschlag ins Dasein treten. Das ist ein Wunder, das ist Poesie im bevorzugten Sinn, das ist ein unbezahlbarer Faktor gegenüber dem Schulverstande, gegenüber einer Bildung, die nichts unmittelbar an sich kommen läßt, sondern alles förmlichermaßen vermittelt haben will. Bei diesem Raisonnement aber dürfen wir nicht stehen bleiben, wenn wir Schiller gerecht würdigen wollen. Falls die Welt aus lauter gebildeten Leuten, aus Pedanten und Philosophen bestände, so wäre Goethe mit seiner divinatorischen, plastisch-naiven Art der Erlöser von Überkultur, von Dialektik, Rhetorik und Grammatik, von Schematismus und Schulmeisterei; da aber Volk und Naturalisten die Masse der Menschheit ausmachen, so wird Schiller, weil er der Architekt, der Stilist unter den Poeten, weil er der förmlich prozessierende, der reflektierende, der sittlich-begeisterte tendenziöse Dichter und Denker ist, auch der Literatur-Heroe der deutschen Nation bleiben, denn er bringt ihr das Element zu, welches ihr gebricht. Natur- und Lebensunmittelbarkeit, Plastik und Tatkraft hat die Masse selbst; aber es fehlt ihr förmliche Bildung, sittlicher Rhythmus, Charakterfestigkeit und Stil. Goethe lieben und fürchten wir zugleich, wie die Natur; wir lieben ihn wie das Weib, dem wir ob der natürlichen Listen und Wetterwendigkeiten selten ganz und gar trauen. Goethe, der Dichter, hat seinen Glauben, seine Sache und Philosophie auf alles und auf nichts ausschließlich gestellt; Schiller auf heilige Wahrheit und heiliges Recht, auf die Menschheit, die Geschichte und den vernünftigen Geist. Wir lieben Schiller wie einen herrlichen, totgetreuen Freund; wir vertrauen ihm, die Besten fühlen sich ihm geistesverwandt wie dem edelsten der Männer, welche die Kultur, die Menschenerziehung, die Kunst und Wissenschaft aus ihrem Schoße gebar. Goethe ist uns so einfach und durchsichtig und doch so allgestaltig und mysteriös wie unsere eigene Natur; wir trauen ihr alles in natürlichen Augenblicken und nichts in einem übernatürlichen Moment, wo das Gewissen, wo Gott, die Ewigkeit und der heilige Geist der Weltgeschichten zu uns sprechen. Aber mit Schiller möchten wir in allen Zeiten und in allen Augenblicken verkehren; ihm geben wir uns hin wie unserem bessern Geiste und Genius; von ihm lernen wir nicht nur, durch ihn werden wir etwas, weil er nicht nur Dichter, sondern der tiefste und edelste Charakter ist, den die deutsche Literatur und die deutsche Bildung ausgeprägt haben. * * * Der Genius fühlt einen Abgrund der Natur und Übernatur in seinem Herzen, in seinem Gewissen, in seinen Leidenschaften und überall. Wie er sich auch gebärde und zusammenraffe mit seiner Schulvernünftigkeit und seinem Verstande, es wächst ihm eine Kraft über den Kopf, die er nicht Rede stellen, nicht ergründen, festhalten und in einen förmlichen Dienst zwingen kann. Denn eines Augenblicks dräut ihm diese Natur und Gottes-Symbolik wie ein zweiter überlegener Geist, vor dem sein Schul- und Literaturverstand zusammenschrumpft. Und wenn er diesen wunderbaren Sinn und Geist in Reflexionen abzufangen versteht, so wächst über Nacht, wie in einem Brunnen, so viel nach, als er am Tage geschöpft; und wenn er dem Genius freien Spielraum läßt, so pochen tausend Stimmen an seine Brust und begehren Einlaß; und andere eingesperrte Geister wollen wieder hinaus in die Welt. Dieses hohe, hohle, ohnmächtige und ewig geschwätzige Rohr unserer Waldseen, welches von jedem Lüftchen bewegt und doch nicht in Orkanen umgebrochen wird, das nicht angesamt, das erst im strengen Froste auf dem Eise niedergemäht wird und dann fünfzig oder hundert Jahre hindurch als Leiche auf den Dächern verwesen muß, schließt für mein Gefühl eine Zeichensprache ein, die mich lebhafter als andere Dinge an Vergänglichkeit, ja an Menschen-Charaktere und an Menschen-Schicksale gemahnt. Es ist etwas Verwandtes zwischen diesem Rohre und dem Poeten , der auch scheinbar charakterlos von jedem Lüftchen bewegt und geschmeichelt, aber auch von jedem gebleicht, und zuletzt, im Eise erfroren und erstorben, dann noch geerntet wird, wann bereits lange zuvor alles verblichen, gereift und abgeerntet ist. Aus diesem Schilf und Rohr dreschen die Bauern freilich kein Brotkorn, aber die Sumpfwürmer und die Fischlein saugen aus dem jungen Rohrsafte einen Zucker, und die kindlichen Gemüter schneiden sich Hirtenpfeifen davon, und die Vögel des Himmels, die himmlischen Ideen, nisten in dem Röhricht der Poeten; die Wetterstürme schlagen Wellen darin und brechen es doch nicht zugrunde, und der Hagel, welcher das nahrhafte Getreide auf dem Felde ausdrischt, kann dem Rohre nichts tun. Sein Stand im Wasser und im Waldesschatten schützt es gegen den Sonnenbrand, gegen Dürre und Staub, und seine materielle Unfruchtbarkeit, seine Nutzlosigkeit, die aber der Wilde und der Naturmensch zu nützen wissen, schützt es vor dem frühen Absterben, so daß es aller andern Gräser Tod und Ernte mit ansehen darf. Der heilige Schwan brütet im Röhricht der Waldseen und singt da sein Sterbelied aus, und die jungen Schwäne nähren sich von dem süßen Schoß und Mark. Wenn endlich dieses Poetenrohr absterben und sich ernten lassen muß, so schnitzt noch die Jugend Papagenopfeifen aus dem toten Körper für eine idyllische Musik. Solche Gedanken träumte ich vor einem Rohrhaufen, bis mich ein Habichtschrei hoch über meinem Kopfe aufschreckte und doch nur die höchste Note für meine melancholische Rohr- und Poetensymbolik war. In der echten Poesie werden wir von dem Dualismus der Mittel und der Zwecke, von dem Kampfe zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, gleich wie von allen andern Tierquälereien und Zwiespältigkeiten erlöst. In jedem echten Kunst- und Dichterwerk, ob romantisch oder antik, muß das Endliche vom Unendlichen getragen, das Sonderbild von einem Weltbilde begleitet und untermalt, die Realität vom allgemeinen und idealen Leben geschwellt und durchleuchtet sein! Wo der deutsche Sinn und Geist das Einzelne nicht mit dem Weltganzen durch Seele und Natur, durch Divination verbunden, und wo er den unsichtbaren Geist, die Seele des Lebens nicht in individuellsten Gedanken eingefleischt sieht, da gibt es für ihn keine poetische, keine religiöse Genugtuung, keine vollkommene Kunst. Das ist die Erledigung der Frage nach dem Idealismus und dem Realismus in der Poesie und Kunst. Vom Reisen Die Heimat übt erst am Gegensatz der Fremde den vollen Reiz auf das menschliche Gemüt. Die Formen und Prozesse des Daseins, mit denen wir alle Tage verkehren, lassen uns gleichgültig und wiegen zuletzt unsere innern und äußern Sinne in Schlaf, bis sie ein fremder Himmel, eine nie gesehene Natur- und Menschenwelt zu neuem Dasein erweckt und wir durch den Vergleich und Kontrast die heimatliche, die uns von Kindesbeinen zugebildete und zugewöhnte Welt, von Herzen und mit Schmerzen verstehen. Ein herz- und gewissenloser Mensch wird freilich vollends nichtswürdig, glaubens- und charakterlos in der Fremde; ein Beschränkter: »vertümmelt«, anmaßlich und konfus. Ein gescheiter und herziger Mensch aber schäumt und klärt seinen Geist und erweitert seinen Herzpunkt zu einer peripherischen Weltempfindung. Der Mensch soll eben die Versöhnung, die Ineinsbildung sein: von Materie und Geist, von Gott und Tier, von Natur und Übernatürlichkeit. In einem Faktor allein ist die volle Wahrheit nie, sondern in der lebendigen versöhnten Mitte, die in den Extremen wiedergeboren wird; in dem regelmäßigen Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung, von Leben auf der Peripherie und im Punkt, von Vernunft und Herz, von Ebbe und Flut. Der Himmel wölbt sich über allen Ländern, Sonne, Mond und Sterne sieht man überall am Himmel stehn; Morgen- und Abendrot überall am Himmel glühn; und an jedem Orte, in jedem Augenblicke, in jeder Erscheinung und Gestalt ist diese Natur eine heilige und wunderbare Gottesnatur: aber wir haben seit den Tagen der Kindheit und der Jugend den innersten Sinn, die Seele, die Begeisterung für diese natürlichen Weltwunder abgestumpft, -- und es geschieht dann in der weiten Fremde, in andern Weltteilen, daß die neuen Naturerscheinungen, daß alle die neuen Dinge und Geschichten, unerhörten Sitten und Lebensarten: -- unsere erste Lebensinbrunst, unsere heilige Naturliebe, die seligen Träume aus den Tagen der Kindheit wiedererwecken. Hierin liegen die beseligendsten Augenblicke und die Zauberei des Reisens. * * * Das Meer ist wie der Himmel und wie die ganze Natur. Es spiegelt alle Farben und bleibt keiner getreu; es ist das Mannigfaltigste und doch das Einfachste, das Ruhigste und Unruhigste zugleich. Es erzeugt Schäume und Wellen auf Wellengebirgen und löst alle Gestalten jeden Augenblick in ein Nichts. Auf der Oberfläche ewig bewegt, herrscht die Ruhe auf seiner Tiefe wie am Himmel, der diese Meereswasser in Ebbe und Flut bewegt. Sie scheinen himmelblau, smaragdgrün, wie Beryll, und dann wieder schwarz wie die stygischen Gewässer, und wenn ein Zephyr diese Urwasser kräuselt, so überzieht sich jede Welle mit Wellenspielen, die sich dem Auge darstellen wie Melonengeflecht. In jeder Mondnacht ist jedes Schiff ein Geisterschiff. Der Mond steht bleich am Himmel; der Steuermann wie ein Gespenst oder ein Zauberer an seinem Rade, mit dem er das Steuer und das Schiff lenken muß. Ein Paar Gestalten in Kapuzenmäntel verhüllt halten die Wacht, sonst ist alles still und tot. Und das Meer stört diese Totenstille nicht und ist mit seinem gleichförmigen Brausen nur die Sprache der Wasserwüste, der Welteinsamkeit, des Geisterschweigens, das Nachtönen der Stimme Gottes, des »Werde«, welches die Schöpfung ins Dasein rief. Und so haben diese Wellen seit Anbeginn der Schöpfung gerauscht; und es sind dieselbigen, welche in der Sündflut die Menschheit verschlangen, und so fluten und rauschen sie bis zum jüngsten Tag! * * * Wer vaterlands- oder europamüde ist, wem die Zivilisations- Miseren und seine eigenen Bildungsvernünftigkeiten allzuviel Langeweile machen, wer mal ganz was Neues sehen und sich so recht nach Herzenslust auswundern will: der gehe, falls er noch nicht ganz und gar blasiert ist, direkt nach Kairo oder Alexandrien , am besten von Triest. Er tritt dann, fast ohne Vorbereitung, in eine unerhörte Welt. Es ist ein sinnverwirrendes Durcheinander von Trachten, Sprachen, Nationen, Lebensarten, Zeitaltern, Ruinen, eine Kulturmosaik, die gleichwohl nur den Eindruck einer augenblicklichen Weltmaskerade oder Operndekoration macht. Hohe Dattelpalmen mit goldgelben und karmoisinroten Fruchtbündeln überragen die weißschimmernden Steinwürfel der Häuser, und die ganze Babel ist mit donnernden Meereswogen, die zu allen Hauptstraßen hineinschauen, in Naturszene gesetzt! Ich studierte das alles in einem kompletten Sinnentaumel, mit wollüstiger Neubegier. Diese arabischen Proletarier mit nackten, gelb- oder schwarzbraunen Armen und Beinen, in schmutzig weißen oder blauen ärmellosen Hemden, mit schmutzigen Turbanen oder roten Troddelmützen auf den Köpfen; diese Mahagonigesichter und Gliedmaßen in allen Farbenabstufungen bis zum blitzenden Kohlschwarz des Nubiers; diese hastige, massenhafte und allgemeine Eselreiterei von Halbnackten, und dann wieder von Honoratioren mit Prachtgewändern in Gold und Seide; von deutschen Handwerksleuten in deutscher Blouse, von italienischen oder englischen Lions; jene mit modernen Fracks und den feinsten Pariser Hüten, diese mit breiträndigen, weißen Filzbedeckungen und mit allerlei Fantasiekragen kostümiert: dieses fragmentarische, grelle, kunterbunte, hastende Menschenwirrsal, durchschnitten von langen Zügen melancholisch brüllender, Speichel schleudernder, mit Palmenseilen gekoppelter, hintereinander drauflos tapsender Wüstenkamele! Diese erste Schmeckprobe von einem in alte und neue Wunder gehüllten Heiden-Weltteile benahm mir Neuling dergestalt den Kopf, daß ich instinktmäßig nach der Taschenuhr griff, ob sie nicht zugleich mit meiner armen eingeäscherten Christen- und Kleinstädterseele vor Verwunderung stehengeblieben wäre. * * * Es gibt hier Tage, die ganz so eine Beleuchtung haben wie ein Panorama oder wie eine Gegend im Traum. Fabelhafte und halbwüste Plätze, wie die in Alexandrien und Kahira, vor allen Dingen die Wüste selbst, schicken den Geist in die Seele und die Seele in den Naturtraum zurück. Dieser traumentzündenden Wüstennatur entstammt die üppige Traumbildnerei der arabischen Baukunst, der Märchencharakter der arabischen Poesie, die Kleider- und die Waffenpracht des Arabers nicht minder wie die Farbenglut, mit denen das arabische Himmelsparadies ausgemalt ist, von welcher der Reflex auch an den bunten und prachtvollen Gezelten der Reichen und Vornehmen widerstrahlen muß. Diese Wüstenträumerei lockte die ersten christlichen Heroen und Heiligen, die alten und neuen Propheten in den unermeßlichen, immerdar schweigenden Raum. In diesem Wüsten-, diesem Traum- und Naturschoße entstanden und reiften die Religionen, und an dem Saume, dem Eingange der lybischen Wüste, stellten die alten Pharaonen ihre Mausoleen, die Pyramiden hin, als die heiligen Pforten der Wüstenöde, in welcher Zeit und Raum formlos in eins gebildet und ermüdet von der Weltschöpfung ruhn! Die alte Menschenseele fühlte diese Phantasiewerke als die Sinnbilder der Ewigkeit , und dem Beschauer aus diesen Zeiten können sie als ein Zeichen gelten, wie aus der Bodenebene, aus dem formlosen, alle Gestaltung verschüttenden Sandmeere heraus sich auch die Materie zum Himmel hinanbildet und in ihrer luftzerfließenden Spitze die Erdenschwere verliert. Alles tiefste und unschuldige Träumen ist Naturbildnerei und Naturszenerie. Alle Natur und Liebe, alle Menschen- und Naturschöne, alle wahre Natur- und Liederpoesie macht träumerisch und melancholisch, weil durch sie der freibewußte, freientbundene, frei mit der Welt und den Geistern verkehrende Geist in der Seele ertränkt und die Seele in die Natur zurückgelöset wird. In Träumen, im Dichten, in der Übernatürlichkeit, der Andacht, der Geschlechtsliebe, auf dem Meere, in der Wüste, in den Gebirgen gewinnen wir, entronnen den Fesseln, den Formen und dem Mechanismus der Kultur, anfänglich die Freiheit unserer Seele zurück; aber zuletzt wird sie selbst von dieser Gottesnatur, von den bildnerischen Elementen, den Lebenswogen, von dem Meere der göttlichen Zeugungskräfte verschlürft: das ist dann die Melancholie . Auch die Religion ist die Menschheit im Traum : aber in dem tiefsten Traume, welcher die Seele nicht nur in die Naturseele, sondern in den heiligen Weltgeist zurücklösen und aus ihm wieder mit einem Ätherleibe hervorbilden darf. * * * Die Gesichtszüge der Sphinx graben sich in die Seele des Beschauers und kommen ihm zeitlebens nicht aus dem Sinn. Man könnte sagen: das Rätsel, welches die ägyptische Sphinx aufgegeben habe, sei der Mensch selbst, und dies Gottesrätsel sei von der griechischen Kunst gelöst worden, da von ihr die Menschengestalt in ihrer idealen Schönheit begriffen und abgebildet worden ist. Aber der andere gewaltigere Faktor der Menschennatur ist doch die Geistesschöne , die Übernatürlichkeit, die Wiedergeburt des alten Adam im Christentum; und so wird das aufgegebene Sphinxrätsel erst dann vollkommen gelöst sein, wenn das Christentum allen Menschenherzen, allen Handlungen und Geschichten, wenn der Kommunismus, welchen Christi Lehre und Leben gepredigt hat, allen Staatseinrichtungen und Kulturgeschichten einverleibt sein wird. Unser Lebensrätsel ist also, dank dem Christengotte, ein solches im geläuterten Herzen und im Geiste, keines aber im Marmor oder im Fleisch. Der Leib der Heidensphinx ist verwittert und verschüttet, aber ihr Kopf ragt noch immer aus dem Wüstensande und ihr Blick verhext noch heute im Naturalismus und Materialismus nicht allein die mohammedanische, sondern auch die Welt, welche sich die christliche nennt. * * * Die Pyramiden stehen am Saume der Wüste, denn hier ist Schweigen und Geheimnis; hier hat die Seele Ruhe und Fassung ihrer selbst. Ein Pharaonendenkmal, ein Denkmal der Welt gehört in die Wüste. Hier erst ist Sammlung und Selbstbesinnen möglich, Andacht und Theosophie. Hier ist der Geist frei und abgelöst von den tausendfältigen Eindrücken und Zerstreuungen der lärmenden bunten Welt. Die Stimme des alten einigen Gottes tönt aus der Wüste zu dem Menschengeschöpf herüber, und er versenkt sich wieder in die Mysterien der Schöpfung und des eigenen Seins. Aus der Ebene, der Wüste erhebt sich die Pyramide um so erhabener. Jedes entfernte Gebäude, jeder lange Weg und Baumgang verjüngt sich und spitzt sich zu; so gibt denn auch die Pyramidalform das Bild der Größe, der Unermeßlichkeit, der Unendlichkeit heraus. Die Form eines Turmes würde schwierig zu behauende Werkstücke erfordert haben; seine Konstruktion bietet eine Mannigfaltigkeit und Abgliederung in der Hauptmasse dar. Diese steigt bei der Pyramide von der breitesten Grundlage ganz allmählich zum Himmel hinan, indem sie solcher Gestalt das Urbild aller Erden- und Menschenbildung gibt. Als ich nun wirklich vor diesen Weltwunderwerken stand, da mußte ich wie einer, der Geister sieht, bei mir selbst ausrufen: also doch wahr, also die Giganten und Titanen keine Fabel, wirkliche Felsberge von Menschenhänden gebaut! Ja, es ist ein Ungeheures mit diesem Bau. Er ist ein Spiegelbild der uralten Menschenphantasie. Von gen Himmel getürmten Steinmassen zeichenreden hier zu den Nachgeborenen, zu Menschenkindern einer machtlosen Zeit: der älteste Menschenglaube, der adamitische Natur- und Gottesinstinkt, die ungeschwächte Tatkraft, die Herrschertyrannei, der Titanenübermut. Ein Gemälde ist an und für sich nur eine bepinselte Leinwand, aber für den sinnigen Beschauer eine Zeichenschrift und Sprache, mittelst deren sich die Geister bespiegeln und verständigen, und an der die sichtbare gleichwie die unsichtbare Natur der Dinge vor die Menschenseele tritt. Also sind auch die Pyramiden rein objektiv genommen, und wenn man vom Beschauer abstrahiert, nur ein Haufen Steine; durch den Sinn und Geist ihrer Erbauer aber, der aus ihnen zeichenredet, sind sie für den sinnigen Menschen eine beredt ergreifende Symbolik der ägyptischen Lebensfühlung, Einbildungskraft und Organisation der uralten Zeit und Kunst so sehr, daß sie dem Beschauer fast ein lebendiges Wesen dünken. Selbst den Gebildeten wohnt nicht immer eine klare Überzeugung bei, was großartige Bauwerke auf sich haben, welche Phantasie und Bildung, welche Organisation und Glaubenskraft ein origineller Baustil bedingt und bezeugt, welch einen Himmel, welche Natur! Wir Modernen wissen wohl um unsere Überlegenheit über orientalische Bildung und alte Zeit, aber die Unmacht unserer Seelenkräfte, unsere Gemütsflachheit, die ganze Zerfahrenheit unseres Wesens, unsere gleichmäßige Abtrennung von Natur und Übernatürlichkeit ist uns nur in Augenblicken klar. Wir können nichts mehr bauen. Wir sind schlechterdings unfähig, einen wirklichen Baustil zu erschaffen. Und warum? Es drängt uns zu keinem Dinge, zu keiner Form, zu keinem Tun und Lassen so recht aus der Seele heraus . Wir haben weder ein Glauben, noch ein Lieben und Heiligen, noch eine Urstimmung des Gemüts auszugestalten. Unser bißchen Lebensunmittelbarkeit, Natur und Übernatürlichkeit wird von Schule, Konvenienz und Politik, kurz, vom Weltverstande und seiner Kritik aufgezehrt. Es gebricht uns also notwendigerweise an ursprünglicher Phantasie, an Seele, an Begeisterung, an idealer, an plastischer und an jeder überflüssigen Kraft. Was sich etwa von einer solchen entbindet, wird reflektiert, formiert und formuliert, was kann da übrig bleiben für die bildende Kraft? Das Wunder der Pyramiden wird durch keinen einzigen von den Zwecken auch nur annäherungsweise erklärt, die man jenen natürlich- symbolischen Bauwerken mit und ohne Grund beigelegt hat. Es steht außer allem Zweifel, daß die Pyramiden zu Grabgewölben, es ist leicht möglich, daß sie auch zu Religionsmysterien u. s. w. benutzt wurden; es ist sogar wahrscheinlich, daß man bei der Idee und dem Plan ihrer Errichtung mit deutlichem Bewußtsein nur eben an jene Zwecke und an nichts anderes, weder an etwas Kunstschönes noch Mystisches, noch Kurioses und Symbolisches gedacht hat. Und es ist gleichwohl natürlich und notwendig, daß der Bau dieser Mausoleen die unwillkürliche Gelegenheitsursache wurde, bei welcher alle Elemente der ägyptischen Phantasie, ja alle Kräfte der alten Seele und des alten Menschengeistes, alle seine Impulse und Ideale ausgestaltet worden sind. Oder ist denn dies alles bei den mittelalterlichen Bauten in Europa nicht ebenso geschehen? Es ist mit diesen Bauwerken, was es mit den alten deutschen Münstern ist: diese dienten ausschließlich gottesdienstlichen Zwecken. Aber mit diesen Zwecken ist doch ihr mystisch tiefsinniger, fast melancholischer Baustil so wenig begriffen und ausgedeutet, wie der Baustil der heitern, sinnlichschönen Tempel in Griechenland und Rom. Vielmehr hat der deutsche Sinn und Geist, die altdeutsche Phantasie und Seele, ähnlich der ägyptischen, sich die gute und religiöse Gelegenheit ersehen, seine innersten Gottesträume und Menschenhumore ebenfalls in ungeheueren Steinmassen zu verbildlichen, die zu Türmen ausgestaltet, wie lichtdurchbrochene Pyramiden und Obelisken und wie eine natürliche Kristallisation in den Himmel wachsen. Dies alles ist in seiner Art so kurios, wie die Pyramiden des Cheops, und wird keineswegs aus dem gottesdienstlichen Zweck erklärt. Es gibt aber eine andere Erklärung dieser durchbrochenen Steinmassen, dieser leicht und luftig in die Wolken steigenden Dome und deutschen Pyramiden, sie ist uns nahe genug ans Herz gelegt: sie liegt im deutschen und christlichen Gemüt! Es hat in seinem Glauben den Tod überwunden, es hat sich also auch von der schweren, massenhaften Materie abgelöst, mit welcher die altägyptische Seele dergestalt zusammengetraut war, daß sie immer und überall das Leben mit dem Tode überträumte, den Geist auf die Materie und die lebendige Bewegung auf die Ruhe des Grabes bezog. Dieser ägyptische Sinn und Geist machte also notwendig auch in der Wissenschaft und Kunst alles Lichte, Leichte, Durchsichtige und Flüssige starr, düster und schwer. Hier aber, im deutschen, christlichen Pyramidenstil, ist der Tod dem ewigen Leben , der Staub dem Äther gewichen, die Erdenschwere und Düsterheit dem lichten und leichten Geist . * * * Immer wieder verfolgen mich die Gedanken über das Wesen, den Inhalt, das Wunder und den Begriff der Poesie . Also selbst in Ägypten, bei steter Furcht vor Räubern und anderem Unheil, werde ich mein ästhetisierendes und reflektierendes deutsches Menschen- Ich nicht los. So nimmt sich denn der Mensch überall mit, er steige auf den Tschimborasso oder in den Ätna hinab, er gehe über Land oder Meer, er wandere nach West oder Ost, von Pol zu Pol, er bleibt immerfort der, welcher er von Hause aus ist. So viel steht erfahrungsmäßig fest und wird mir auch in Ägypten jeden Tag und jede Stunde bestätigt: man muß die Heimat verlassen, um im fremden Lande, unter einem andern Himmel die Schönheit des Vaterlandes in tiefster Seele zu erschauen . Man muß dem Tode ins Auge sehen, um das Leben zu erkennen. Der Tod muß eine geliebte Seele von unserer Seele gerissen haben, dann erst sind beide aufs innigste und in Ewigkeit vermählt. Buch der Ewigkeit. Die Sonne. O Erde! du bist meine Mutter, denn du ernährst mich, deinem Schöße ward ich entnommen, in deinem Schöße entschlummere ich von diesem Leben, und du bist es, die mich verzehrt! Sieh, ich verspüre dich in meinem Fleische und in all meinem Gebein, das mit jeglichem Tage mehr und mehr Erde ansehen muß! Aber du, o Sonne! Erdenleuchte, Quell des irdischen Lichtes, du hochheiliges Abbild eines göttlichen Feuers, das durch alle Erdennacht dringt, und eines himmlischen Widerscheins in Zeit und Ewigkeit: du bist mein Erzeuger und meiner Mutter Mann! In eurer irdisch-überirdischen, in eurer licht-dunkeln, Äther und Staub gemischten Umarmung bin ich zum Lichte gezeugt, zu einem Tageslicht, dem gleichwohl fort und fort die nächtliche Finsternis folgt, und der kalte Hauch dieser Nacht. Und so bin ich geworden, was ich in Wirklichkeit bin. Die irdische Finsternis zieht ihre Schattenlinien um alle erleuchteten Erdenkörper, denn solchergestalt vermag sie erst das Menschenauge zu sehen; lauter Licht ist ihm wie lauter Finsternis, und wenn sich im Tageslicht das Auge und alle Sinne gebadet, und wenn der Sonnenstrahl, wenn die erwärmten und lichten Luftwellen Leib und Seele durchdrungen, durchleuchtet und durchschwellt, wenn die Sonne mit ihrem Feuergolde und der Himmelsbläue die dunkle Erde grün erleuchtet, wenn sie am Tage allen Erdenstaub in feurigen Äther, und die dunkeln Erdengedanken in lichte Himmelsschauungen verwandelt hat: dann sehnt sich dieses Zwittergeschöpf, der Mensch, dieser Mischling von Erdenstaub und Sonnenlicht, wiederum nach Finsternis und Schlaf, die seiner Mutter Erde verschwistert und allnächtlich gegen das Sonnenlicht verschworen sind. Und so sind wir Menschenkinder denn irdisch und sonnenhaft gemacht, so haben uns Tag- und Nachtgedanken, Licht und Finsternis, die lichten Geister und finster dräuende Dämonen in ihrer Gewalt. Aber die Sonne ist im Menschen machtvoller, als sein irdisches Teil, und wenn die Erdennacht zum letzten Male sein Auge umdüstert, so geht ihm in himmlischen Träumen und im Schoße Gottes das Sonnenlicht auf, das nimmer verlischt! Die Luft. Ein durchsichtiges Nichts ist diese Luft dem Auge, und doch badet es in ihr, und doch erquicken sich in ihren lichtgetränkten Schmeichelwellen alle Sinne und Gliedmaßen, und alles, was Leben und Odem hat, dürstet diesem Nichts-Etwas, diesem unwägbaren und unsichtbaren, diesem flüssigsten und schmiegsamsten Stoffe, diesem ätherischen Träger des Lichtes und der Wärme entgegen. Diese Luft ist also die materiell-immaterielle Mittlerin zwischen Himmel und Erde, zwischen Materie und Geist, das sichtbar-unsichtbare Medium, welches Sonne, Mond und Sterne, alle Geschöpfe der Erde, alle toten und lebendigen Dinge des Weltalls miteinander verbindet, indem sie alles umflutet und alles durchdringt. In ihr schwimmen die Sonnen und Planeten wie Inseln im Meer, in ihr baden die Vögel des Himmels; aber auch die Fische im Wasser atmen das himmlische Element, und alle Kreatur badet sein Eingeweide und erfrischt und schwellt jegliches Atom seines Körpers, Nerven und Sehnen, sein Fleisch und Blut mit dieser alles durchströmenden und durchhauchenden, alles belebenden und umbuhlenden Luft. So wie durch sie erlabt, so erstarkt, so beseligt wird Leib und Seele zugleich nicht durch Speise und Trank, nicht durch das Element des Wassers. Und selbst Licht und Wärme, die gegatteten Begleiter der Luft und ihre himmlischen Zwillingsgeschwister, dürfen dem Geschöpfe eher entzogen werden, als die Trägerin selbst, wenn das Leben nicht in wenig Augenblicken gegen den odemlosen Tod ausgetauscht werden soll, der überall dem letzten Atemzuge, dem letzten Ausströmen des Lufthauches lauscht. So durchströmt auch das himmlische Leben alles irdische Sein, so durchdringt der Schöpfer das Geschöpf und die ganze Welt. So badet der menschliche Sinn und Geist die unsterbliche Seele im heiligen Gottes- und Weltgeist, in den Wellen der Ewigkeit, die alles durchfluten und umwallen, was im Himmel und auf Erden geschaffen ist. Himmelsluft schöpfen, Ewigkeit trinken muß alles, was da lebet, von innen und von außen in Luft und Licht baden, was da atmen, gedeihen und zunehmen will. Auf Lichtwellen pflanzt sich der Lichtstrahl der erleuchteten Dinge zum Auge; durch den leiseren und stärkeren Druck der Luft geben sich selbst im Dunkel die Körper der leiblichen Empfindung kund. Luftwellen und ihre tausendmal tausendfachen Bebungen wirken den Nervenreiz des Auges, den das Menschenkind Farbe benennt. Auf Zitterwellen und Nervenschwingungen beruht das Gehör und der himmlische Reiz der Tonharmonie. Auf Luftwellen pflanzt sich der Stimme Ton, der Schall der Worte, von Ohr zu Ohr. So verkehren und tauschen die Gedanken, die Geister wie die Seelen und Körper durch die Luft; und wenn der Mensch, wie die heilige Schrift besagt, nicht vom Brote allein lebet, sondern von jeglichem Worte Gottes, so ist die Trägerin, die Mittlerin dieser Worte, der Gottesstimme im Gotteshause, gleichwie im Tempel der freien Natur, in ihrer himmlischen Szenerie von Tages- und Jahreszeiten, auf Morgen- und Abendlüften, gleichwie in Donnerwettern und in Orkanen, wiederum die Luft! Linder und gewaltiger spricht und verkehrt nichts mit dem Menschen und mit allen Geschöpfen, als die Luft! Die Mailüfte sind es, welche Blüten und Kinderlocken schmeicheln, und jedes sieche Leben wieder entzünden, und der Winterfrost ist es, der, wenn sich ihm die wehende Luft verbündet hat, mit seinem eisigen Hauche alles Lebendige zum Tode erstarrt. Das Wort. Ein jegliches Wort, das im treu gläubigen Gemüte gegründet und einem liebenden Herzen entsprossen ist, zündet in einem zweiten Herzen. Es beschwört wiederum Glaube, Liebe und Treue; es wächst und gipfelt in den Himmel, es verkehrt unter den Sternen und holt das Rätsel des Lebens zur Erde herab. Aber eben, weil das Wort der Hauptschlüssel des Geistes und der Seele zu sein vermag, darum verschließt es auch alles Leben so leicht, wie es dasselbe erschließt. Diese Menschenworte sind entweder Worte des Lebens oder des Todes, eine Sünde oder eine Entsündigung. Es verlohnt nicht, zum Volke zu reden, oder die Feder zur Hand zu nehmen, wenn dieser Red- und Schreibestil nicht Spiegelbild wird natürlicher und übernatürlicher Geschichten, eines Prozesses, in welchem Himmel und Erde, in welchem Zeit und Ewigkeit in ein Zusammenspiel gebracht sind. Worte haben keinen Sinn, wenn sie nicht zeichenreden und hieroglyphieren. And eine Zusammenstellung von Worten ist ein Unfug, eine garstige Wortmacherei und ein gotteslästerlicher Aberwitz, wenn sie nicht von innen heraus vor sich geht, wenn sie nicht Notdurft, Notschrei, Offenbarung, Prophezeiung. Gebet, Gesicht, wenn sie nicht Natur- und Gottesgeschichte ist. Worte sind nach dem Willen Gottes und der Natur heilige und allmächtige Zeichen; Sprache eine Manifestation des Innersten der Seele, eine Enthüllung des Heiligtums, der Zeugung und Schöpfungskraft des Geistes. Segen und Fluch hat die Natur überall an dasselbe Lebens- und Bildungsprinzip, an dasselbe Sein und Dasein gebannt. Schönheit, Wahrheit, Liebe, Andacht, Poesie habenden Menschen wechselsweise zum Halbgott und zum Teufel gemacht, ihn in den Himmel erhoben und im Erdenkot geschleift. So ist denn auch das Wort bald die Macht, die allen andern Mächten gebietet, und bald die Unmacht, die jede Geistes- und Manneskraft vernichtet und entmannt; der gute, heilige Genius, der allen Lebens- und Bildungsenergien zum Dasein und Bewußtsein hilft, die Wehmutter alles vollkommensten Menschentums, und dann wieder der heillose Dämon, der die Stimmen der Menschen noch bis zum heutigen Tage verwirrt, und aus der sublimsten Dialektik einen Aberwitz, aus dem Weisen einen Narren macht. Es gibt Worte, die größer, und somit solche, die schlimmer als Taten sind. Es gibt Dinge, die man ohne Schuld stillschweigend ins Werk richten, aber nicht ohne Entheiligung und Greuel besprechen und ins Selbstbewußtsein übersetzen kann. Alle Unzucht in Worten ist noch schmählicher als die in Werken, weil sie eben eine reflektierte, also instinktlose, gemachte Unzucht, und somit eine Untat, eine widernatürliche Missetat ist. In der schlimmsten Tat ist wenigstens eine plastische Kraft, ein Impuls, in der zügellosen Leidenschaft immer noch eine Naturnotwendigkeit, eine brutale Energie. Was ist aber das gedanken- und seelenlos gemißbrauchte Wort, die ausgeschwächte Redensart, die herzlose, totgeborene Phrase anders, als die scheußlichste Umacht und Unheiligkeit, eine Knechtschaft mit Absicht und Selbstgenugtuung, ein Verrat des Heiligtums des Geistes?! Verflucht ist, wer das heilige Tor seiner Seele, wer seinen Mund zur Lügenhölle , ein Narr, wer ihn zur Buhldirne macht! Wer seinen unsterblichen Geist und das Heiligtum seiner Innerlichkeit und Seele, wer seine göttlichen Pulse und Kräfte mit unnützlichen und aberwitzigen Worten, in leidiger formbuhlender Geschwätzigkeit zur Schau stellt und entblößt! Solcherlei Schamlosigkeit und Narretei ist aber heute der Antrieb des Geistes, sein Wetteifer, sein bester Witz und sein köstlichster Schmuck -- das ist die Gemeinheit und der Fluch der unheiligen Verstandesbildung dieser Zeit, Unsere Altvordern hatten ein Gefühl und Gewissen von der Heiligkeit und Unheiligkeit des Wortes, das uns entwichen ist. Sie übten und erfuhren seine bannende und lösende Kraft, sie achteten auf Segen und Fluch, sie fürchteten den gebrochenen Schwur. Sie beschworen Geister und Krankheiten mit Zauberworten. Und derselbe Schatz, den das rechte Wort im Märchen sichtbar werden läßt, versinkt tausend Klafter tief bei dem ersten unheiligen und überflüssigen Wort. Sicherlich heben wir keine Schätze mehr, weil wir so entsetzlich viele und heillose Worte machen. And um dieser Wortmacherei auch keine Literaturschätze mehr, wenn man anders nicht jeden Witz, der seine Frechheit in Variationen zu sehen versteht, zur glücklichen Schatzgräberei zählen will. Bei den Vorvätern galt ein Wort einen ganzen Mann, und Wort halten hieß ein Mann sein. Heute halten die Worte einander selbst keinen Augenblick über Wasser, geschweige denn ihren Mann, oder der Mann seine Worte. Es geht von Zeit zu Zeit bei den von Kunst- und Literaturgnaden Geborenen eine Redensart spuken, und so hat man jüngst die von der Tat , die in einem Worte vollbracht zu werden vermag. Wenn aber kein Mittel gefunden wird, diese Neutaten und Literaturtaten zu beseitigen, und die uralten Taten in Worten wie in Werken wieder zu erwecken, mit einer herzenseinfältigen Seele und mit dem Glauben und Lieben , das an jene Worte und Werke gebunden war: so werden die eiteln hohlen Redensarten den Rest unseres Mutterwitzes und unserer Tatkraft fressen, wie sie bereits mit unserer Seele getan haben. Und wir werden ganz und gar umkommen -- eben am falschen, am unheiligen, am schamlosen und toten Wort! Darum wisse dieses und beherzige es, Jünger der Wissenschaft, als ein Geheimnis des Stils: »Eine herzgeborene Begeisterung , eine hehre Liebe und Heiligung gibt allen Worten eine neue, eine unerhörte Bedeutung und Kraft !« Dieselben Worte, die keinen Sinn haben und ein Ärgernis sind im gemeinen Redeverkehr, in verbrauchter Redeseligkeit, die entzünden ein himmlisches Fühlen und Denken, die werden Worte des ewigen Lebens , Worte, denen die ursprüngliche Seele wieder innewohnt , wenn sie die Wellen sind auf dem Wasser, welches dem göttlichen Urquell entströmt. Wo der Odem neu ist, da macht er die Worte auch neu! Mit einer neuen Seele feiert auch der Leib seine Wiedergeburt. Wenn zweie dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe. Im Prophetenmunde, im Munde der Liebe und Begeisterung deutet sich alle Rede wieder heilig und ewig jung; der heilige Gebrauch des Wortes macht seinen heiligen und sinnigen Verstand. Eine rechte Rede ist wie eine Schlacht, eine Hunnenschlacht, in der die Geister noch fortkämpfen, wenn bereits die Leiber erschlagen worden. Die am Boden liegenden Leichname sind die toten, die kämpfenden Geister sind die lebendigen Worte; die Feldherren sind der Genius der Sprache und der Genius des Sprechenden. Der lebendige Sinn und Geist des Redners ringt mit dem fertigen, gerüsteten Formenverstande der Sprache auf Leben und Tod; und wenn sich erst die eiteln Redensarten totgeschlagen haben, kämpft jegliches Wort im Geiste mit allen andern Worten, bis der Genius des Redners und Schriftstellers, wiedergeboren in dem der Sprache, als lichter Sieger dasteht. Der Schmerz Der Schmerz ist das Allerheiligste unsrer Seele, die Verklärung aller Liebe und Leidenschaft. Im Schmerze erfassen wir die Unendlichkeit und Unsterblichkeit unseres Wesens; denn ein Geschöpf mit solchen Gefühlen ist nicht für diesen Erdenaugenblick gemacht. Der Schmerz zeugt in uns einen Charakter und ein Gemüt , er gibt uns Ernst und Weisheit , er erschließt uns die Tiefen des Lebens und erweckt unser Mitgefühl für alles irdische Leid. Bis uns nicht der Todesschmerz das Herz von Fleisch blutig gepreßt und zerrissen hat, ist unser Gefühl nicht mündig gesprochen für den Himmel, ist unsere Poesie, wie unsre Liebe und Andacht und alle Erkenntnis, eine grüne und herbe Frucht. Erst der Schmerz verleiht unserm ganzen Wesen himmlische Zeitigung und Milde. Und so entbindet sich auch ein weiches Gewissen aus dem verhärteten Verstandestrotz. Nur der Tod ist der ewige große Erzieher der Lebendigen, der Begründer aller Kultur- und Naturgeschichten, weil der alleinige Bändiger und Dämpfer des sinnlichen Übermutes zum himmlischen Lebens- und Todesmute. Schmerz aber ist die Urform, in und mit welcher der Tod das Menschengeschlecht erzieht. Denn aller Schmerz ist nur der eine: des Todes , der Vergänglichkeit, der Unbeständigkeit, des jähen Wechsels und Wandels alles irdischen Daseins. Im Schmerz geschieht es, daß uns der Tod reif findet und mündig spricht für diese und jene Welt. Wir erkennen aber den Tod zum erstenmal in seiner wahren Gestalt, wenn er einen Lebensfaden durchschneidet, der mit unserm eignen Leben und Lieben versponnen war, wenn er mit seinem eisigen Hauche unser liebewarmes Leben in den Starrkrampf dumpfer Verzweiflung verwandelt hat. Wenn dann endlich die Lebenskraft und Wärme obgesiegt und die Starrsucht gelöst, wenn die irdisch-überirdische, die sinnlich-übersinnliche Geschichte dieser Todeserkenntnis, wenn die Entwicklung einer Seele in der Seele , und ihre Bildung zu einem ätherischen Leibe in dem Körper von Fleisch und Bein ihren Anfang genommen hat: so ist dies Werden und Geschehen, diese Umbildung, diese gegenseitige Durchdringung des Himmlischen und Irdischen, des zeitlichen und ewiglichen Lebens: der Schmerz . Erst der Todesschmerz gibt dem eiteln, dem wetterwendischen und sinnlichen Herzen eine Stetigkeit und Charakterwürde , weil einen übersinnlichen Halt. Und in der Lösung aller innern Härten, im Schmerze, geschieht es, daß ein allzuenges Herz zum Gefühle der idealen Welt, zur Anschauung des Zukünftigen und Vergangenen, daß es zur Weltfühlung erweitert wird. So muß der Tod, so müssen seine Schmerzen vollenden, was allen Mächten des Lebens nimmer gelingt; denn im Tode geschieht es, daß das Leben wiedergeboren, daß für eine Zeitlichkeit die Ewigkeit wiedergewonnen wird. Wer das Schlimmste erfahren, steht erhaben über dem Leben: denn er ist Herr des Lebens, Tod und Schmerz rühren ihn nicht weiter an. Wie man aber nur einmal des Lebens höchstes Entzücken erfahren, nur einmal lieben kann, so verzweifelt man auch nur einmal. Hat uns der Tod erst mit seinem übersinnlichen und ewigen Schmerze angerührt, so ist ihm ferner keine Gewalt über uns gegeben und kein Recht. Wer das Liebste verloren, erfährt keinen neuen Schmerz mehr in dieser Welt; der alte kann sich nur erneuern, und dieser verklärte Schmerz ist dann die Poesie, die Läuterung und das Heiligtum des menschlichen Lebens. Wir sind Gott, der Erde und dem Leben einen Tod schuldig. So laßt uns denn sterben, wie es unsterblichen Geistern und Seelen geziemt! Laßt uns dem Tode ins Antlitz schauen und mit ihm leben, wie Männer, wie die Kinder Gottes, mit freudigem Mut! Unsterblichkeit Was einen Anfang genommen, klagt der zweifelsüchtige, kleingläubige Erdenverstand, entgegen der himmlischen Verheißung am Sternenhimmel und in der heiligen Schrift, das nimmt auch ein Ende. Aber unsere Seele nahm nur scheinbar einen Anfang, und in der Wesenheit nicht : denn sie ist von der Mutterseele bis zu Evas Seele hinauf, und sie ist von der Welt- und Gottesseele abgezweigt , die in allem Sonderleben die allgemeine Kraft und der ewige Trieb ist, ohne daß sie das freie Menschen-Ich gefährdet und verschlürft. Jeglicher Augenblick ist mit der Ewigkeit in Eins gebildet , und alles Endliche Augenblick der Unendlichkeit; der Menschengeist ein Augenblick und Gedanke des ewigen Geistes der Welt. Nicht der Körper war es und sein Erdenstaub, welcher eine Seele zeugte und entband, sondern die Seele ist es und ihre Bildkraft, und die ganze Natur, welche in Kraft und Mitwirkung der Weltseele und des Schöpfergeistes, in Harmonie mit der ganzen Schöpfung sich diesen irdischen Leib nach dem Bilde Gottes erbaut hat, ein Symbolum und einen heiligen Tempel der unendlichen und ewigen Natur, die in allen ihren wechselnden Gestalten die unendliche Mannigfaltigkeit des göttlichen Verstandes verwirklicht und offenbart. Was und wie ist denn solchergestalt noch die Endlichkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Seele und des ätherischen, des unsichtbaren Leibes, den sie sich von Anbeginn in und über dem sichtbaren und vergänglichen Erdenleibe zugebildet hat?! Ist denn der Erdenstoff und Staub das Wesenhafte und Wirkliche, oder das ihn belebende und bildende ewige Prinzip ? Ist denn der handgreifliche und sichtbare Anfang des Körpers , oder der unsichtbare ingottliche Uranfang der Seele der wahrhaftige und wirkliche Anfang unseres Ich?! Kann denn der Weltgeist und kann also ein Gedanke, ein Augenblick dieses ewigen Geistes, kann also der Gottesgedanke, der in einer Menschenperson, einer Menschenseele, und eben in ihrer eigentümlichen Bild- und Lebenskraft sich wirksam erweist: kann er verloren gehen und auf ewig verschwinden, da er doch entweder aus dem Nichts einen Anfang nahm, oder von Ewigkeit im göttlichen Geiste eingehüllt lag?! Wahrhaftig! weil wir in Wirklichkeit sind, weil wir es denken und aussprechen, weil wir es glauben und fürchten, daß wir sind, darum sind wir von Ewigkeit zu Ewigkeit . Nicht soll also die Frage sein: Wie kann Ewigkeit und Unsterblichkeit, wie kann allgegenwärtiges, unendliches Gottes- und Geisterleben sein? -- sondern: Wie ist Anfang und Ende, Endlichkeit und Vergänglichkeit, wie ist Tod und Materie in dieser unendlichen, allüberall vom ewigen Schöpfergeist erfüllten Geister-, Gedanken- und Seelenwelt überhaupt möglich? Wie kann etwas anderes sein, als eben Geisterfreiheit, Gott und Unsterblichkeit?! O haltet an dieser Unsterblichkeit und lebet in ihrem Sinn! Denn die ganze Welt, unser Gewissen und die Heilige Schrift, unsere Liebe und Sehnsucht, unser Lebens- und Todesmut, das heilige Angedenken der Toten, das Bleibende und Ewige in allem Wechsel der Erscheinungen, unser Ich in und über dem Wandel der Sinnlichkeit und der Vergänglichkeit dieses Erdenleibes, alles, alles gemahnt uns an Gott, an Freiheit und Seelenunsterblichkeit. Und dieser lebendige Glaube bildet uns schon hienieden einen himmlischen Geist und einen Ätherleib zu, der eben die überirdische Menschenschöne ist. Gott Herr Gott, Weltengeist, wenn ich dich denken will, verzehret eine Ahnung von dir meinen Sinn und Verstand, wie die ferne Sonne den Tropfen Wassers verzehrt, der in ihrem Strahle zu einem Spiegel für Himmel und Erde geworden ist. Allmächtiger! Wie bestehet vor deinem alles erfüllenden, unendlichen, allgegenwärtigen Schöpfergeiste der leere Raum, der tote Stoff und das Nichts? Wie vor deiner ewigen Gotteskraft, vor deiner Weltewigkeit der Anfang und das Ende, wie in deiner göttlichen Natur der Zwiespalt von Einheit und Mannigfaltigkeit, von Freiheit und Notwendigkeit, das Auseinander von Ursache und Wirkung?! Deine schaffende Kraft erfüllet von Ewigkeit den unendlichen Weltenraum, und wandelt das Nichts in eitel Welten und diese Welten zurück in das Nichts, und befruchtet jegliches Sonnenstäubchen, und erwecket im Wassertropfen so viele Geschöpfe, wie im Weltmeer, und zweiget ohne Aufhören Seelen von Seelen, und zeuget in jeglicher Seele die Empfindung, die Freiheit und Gesetzlichkeit der ganzen Natur, und im Menschensinn, im Gedanken, die sich wissende Vorstellung, die Spiegelung der ganzen Welt. Und so wird jeglicher Augenblick deiner unendlichen Gotteswelt fort und fort eine wiedergeborne Weltewigkeit für sich selbst. Und wo des Menschen Sinn und Verstand endet und ohnmächtiglich nur ein Nichts anzuschauen und zu ergründen vermag, da woget und schlummert, da träumet und reifet, unvernommen von erschaffenen Sinnen, die Weltseele , die unendliche Lebenskraft , und über ihr, wie über den Urwassern am ersten Tage der Schöpfung, brütet und schaffet dein heiliger Geist, und ist die Seele deines Weltenkörpers und doch ein Gottes-Ich, die freibewußte Kraft, die da schaffet, weil sie in Liebe will, und nicht weil sie muß. Herr meiner Seele, du alles Lebens Quell, dich such' ich nicht, denn ich atme und lebe durch dich! Ich ergrüble und beweise dich nicht mit toten Worten, denn du erfüllst mir lebendig alle meine Sinne und Gedanken, und wohnest in meinem Gemüte und lastest auf meinem Gewissen und bist meines Herzens Kraft und Fröhlichkeit. Wenn ich jubiliere, wenn ich lebens- und todesmutig bin, so schwellst du, o Gott, mir die Brust, und wenn ich traurig, wenn ich verzweifelt bin, so geschieht es, daß ich dich nicht fühle, dich nicht vernehmen kann, obwohl du bei mir bist. Wenn du nicht wärst, so wär' ich nimmermehr, wenn du nicht zu mir stündest, so fühlt' ich nicht, und siehe, meiner Seele Schmerzen wie ihre Freuden bezeugen deines Daseins heil'ge Kraft in mir! So bleibe uns denn gegenwärtig, du aller Seelen Seele, du aller Gedanken Geist! Wo dein Odem weilet, da entweichen die Schatten und die Beängstigungen des Todes, und die Lichtstrahlen des Lebens durchblitzen die Welt und das Gemüt, So weile denn, Weltenschöpfer, bei deinem Geschöpfe, so bleibe auch mir nahe, auf daß ich mein Leben behalte und empfinde in deinem Geist, und rühre von ferne meinen irrenden Menschengeist an mit deiner ewigen Wahrheit, und regiere meine taumelnden Sinne und meine stammelnden Gedanken, und gängle sie, daß sie dich allein denken, und die unausdenkbare Herrlichkeit deiner Welt! und spiele auf meiner armen Seele, wie du auf Engel- und Kinderseelen spielst; und wie der Morgen- und Abendwind die Wetterharfe durchtönt, so durchhauche mich mit der Harmonie deiner Sphären, so durchzittre mich mit deinem ewigen Geist! O Herr, du dünkst mir wie des Himmels Atherbläue fern und nahe. Puls um Pulsschlag fühl' ich dich, und fühl' dich nicht und weiß dich nimmer: denn deine volle Nähe sprengt mir Herz und Hirn und wandelt mich zu Staub. Und dein lebendiger Begriff ist ew'ge Liebe und Weltenschöpfung, und deine Weltenkreise, deine Ewigkeiten, deine Gottesliebe auf einem Punkte nenne ich »mein Glauben und mein Lieben«, nenne ich mein Herz ! und doch ist alles, alles dein und du selbst ! Schutzrede für die Menschheit. Laßt mir das Menschengeschöpf in Frieden, und schmähet es nicht! Der Mensch, sagt ihr Weltweisen aus der Schule, hat keinen rechten Sinn und Verstand, weder vom Leben noch vom Sterben? Und wenn dieser Erdensohn ihn nun hätte? So könnte er vor Todesfühlung und Gewissensängstigung nicht leben, und vor Lebens- und Paradieseswonne nicht ruhig dem Tod entgegengehen. Und dieser so geschmähte und weggeworfene Mensch erträgt doch das schlimmste Leben, und schafft doch mit seinen Händen etwas Gutes, und arbeitet doch früh und spät, und mühet und sorget alle Augenblicke seines Lebens, und spinnt sich wie der Seidenwurm in sein Grab. Und erlebt seinen Glückswechsel, und erträgt alle die Schickung, und erträgt die Gewissens-, die Todesangst und den Tod. Und glaubet, was er nicht siehet, und begräbt sein Kind und den Menschen, mit dem er es zeugte, und mit dem er ein Leib und eine Seele geworden ist; und ergibt sich bei offenen Sinnen, und inmitten der Natur, in das Übersinnliche und Übernatürliche, und straft seine Sinne und seinen irdischen Verstand Lügen, und glaubet an die Auferstehung des Leibes, der in die Erde gebettet und in Staub aufgelöst wird, und an die Unsterblichkeit der Seele, die er nimmer mit seinen Sinnen zu schauen, zu tasten und mit all seinem Verstande einen Augenblick zu begreifen vermag. O welche Natur- und Gotteswunder sind in diesem Menschensinn und Verstande wirksam! Welch eine Übernatürlichkeit treibt in dieser Menschennatur, daß sie nicht in dem Augenblicke blödsinnig, närrisch und rasend wird, wo sie bei vollem Verstande den heillosen Widerspruch, wo sie das grenzenlose Elend dieser Millionen, den Aberwitz der Geschichte, wo sie die Sünde und Schande, wo sie die Sorge und Todesnot all dieser Mitgeschöpfe, wo sie die erste Leiche, wo sie den letzten Atemzug eines Menschen entfliehen sieht, mit dessen Seele sie auf Tod und Leben getraut ist! Was fordert ein Weiser noch vom Menschen? Du auf Erden verbannter, im Fleische gefangener Gott, wie verwundersam und unauflöslich, wie unbarmherzig und heillos widerspruchsvoll ist dein Geschick! Sinnloser, hilfloser zur Welt gekommen als ein Tier, wirst du durch Mutterliebe und göttliche Eingebung ein Mensch. Deine Weisen aber, dein Gewissen und die heiligen Schriften fordern von dir das Über menschliche und den göttlichen Geist, welchen du zu Lehen trägst. Du lebest und bist nicht schlimmer und besser, als dich die Natur und die Übernatürlichkeit, als dich Körper und Geist treiben; aber du sollst in allewege anders sein, als du eben bist. Du sollst und du mußt! Und doch wird dir angesagt, daß du nicht gebunden, und daß du freigegeben bist; und doch verfällst du einer Strafe hier zeitlich und dort ewiglich, wenn du diese Freiheit mit Freiheit , das heißt mit sinnlicher Willkür , gebrauchst! Du hast also deine Freiheit nicht für deine Freiheitsgelüste, sondern für die Kreuzigung deines Fleisches und Eigenwillens an jeglichem Ort. Du sollst frei sein durch Gesetzlichkeit und Pflicht , und zuwider den sinnlichen und selbstischen Trieben deiner Natur, und sollst diese Natur verleugnen, für eine übersinnliche und übernatürliche Welt, die oft nicht mal in deiner Einbildung, geschweige denn in deinem Glauben und Gewissen besteht, und von der dich die Kluft der irdischen Vernichtung scheidet, die du fort und fort in der Welt und an dir selber erfährst, da der Tod mit dem Leben gegattet ist. So daß du nimmer zu begreifen vermagst, ob und wie du bist gegenüber diesem alles verschlürfenden und verwandelnden Leben der Gottheit, der Menschheit und der ganzen Natur. Und doch bist du eben mit dieser tyrannischen und verführerischen und gefallenen Natur, im irdischen Paradiese, in der kindlichen Glückseligkeit, in der Jugendliebe, und in jedem seligen Traum. Und doch überwindest du eben mit dieser Natürlichkeit und Sinnlichkeit das schwere Erdendasein, die Tagesarbeit, die Tag- und Nachtsorge, die Traurigkeit des Geistes, die Sehnsucht nach der überirdischen Heimat, die Todesbangigkeit, und die Gewissensbeängstigung, die weder der Arbeit noch dem Gebete weichen will. O, was sinnst du Trauerspiele, du Trauerspieler von einem Menschen, du Schattenspieler und Schattenkämpfer hier auf Erden? Du Staub im Äther, du Gottesäther im Staube! Du dich selbst verkennender, im Fleische verhüllter, du auf Erden verwünschter Gott! Wer mag wider dich zeugen, wenn er ein übermenschliches Wesen, und wer darf dich anklagen und verdammen, wenn er ein Mensch und ein Geschöpf Gottes ist, wie du! Deine Torheit, deine Sünde ist des Fleisches, der Zeitlichkeit, des Todes, ist der Erden, von der du genommen bist: denn der Geist sündigt nimmermehr! Dein Gewissen lehrt dich anders, als du tust und bist: -- so kündigt es also deinen heiligen und guten Geist, der wohl sein irdisches Teil verdammen kann, aber nimmer sich selbst. So bist du denn in dem göttlichen Abgrunde deiner Seele ingottlich und gut, und kannst nicht böse sein, dieweil Gott in dir wohnet, und aus dir weissaget, und aus dir zeichenredet überall und in jeglichem Augenblick. Und bist nicht närrisch und nicht eigensüchtig in der Tiefe deiner Menschen- und Gottesnatur, und bist nicht der Welteitelkeit untertan, und haftest nicht am Staube: -- du mißhandelst, verleumdest und mißverstehst dich immerdar selbst in der Einfalt deines Verstandes und in deines zaghaften Herzens Demütigkeit. Du bist das andere und oftmals das Entgegengesetzte dessen in Wirklichkeit und bei dir selbst, was du in der Welt und vor deinen ebenso selbstgepeinigten Mitgeschöpfen und Märtyrern einer Gottmenschlichkeit auf Erden so sonderbarlich scheinst ! Siehe, wie sinnlich du auch sein oder dich darstellen magst, du genießest ja ein jegliches, auch wenn es nur dem Erdenstaub entnommen und zugebildet scheint, dennoch in der Erwartung , der Einbildung , in der Vorstellung . Selbst in deinem Hasse birgt sich die Liebe und Leidenschaft zu dem Gegenteile dessen, was du befeindest und verfolgst. Und du hassest nicht etwa, bloß weil du nicht lieben magst oder weil dir der Haß an ihm selbst ein Erstes und Letztes und eine Herzensgenugtuung wäre: denn siehe, du hast wohl ein schwaches, aber kein böses Gemüt. Deine wahre und tiefste Natur ist die Mitleidenschaft mit aller toten und lebendigen Schöpfung; denn solchergestalt bestehet sie selbst und die Menschheit mit ihr, und mit Gott dem Herrn, der nimmer außerhalb der Menschenherzen und des Lebens stehet, das er ins Dasein gerufen hat . Wie will nun das Lieblingsgeschöpf dieses Schöpfers in allem Ernste lieblos und eigensüchtig und gotteslästerlich, wie will es dem Irdischen, der Sinnlichkeit und Welteitelkeit in der tiefsten Seele zugewendet sein? Nein, wie auch ein schwacher Mensch nach dem Endlichen und Vergänglichen haschen möge: in seinem Kerzen, seinem Gewissen meint und erstrebt er Ewigkeit, Wesenheit und Unsterblichkeit, eine himmlische Ruhe in der irdischen Unruhe! Er bildet und bewahrt in und über aller sinnlichen Zerstreuung und Geschäftigkeit einen gesammelten, einen bleibenden einheitlichen Sinn und Geist, eine gefestigte Welt- und Gottesfühlung, ein unverwüstliches Menschengemüt, das er weder mit Worten noch in Werken auszudrücken vermag, und das er eben um deswillen immerdar in heiliger Gottesscham verhüllt, vor andern gleichwie vor sich selbst. Und so scheidet dieser Wundermensch, dieses Rätsel der Rätsel, vom Leben, mißverstanden, unbegriffen und geschieden zeit seines Lebens selbst von denen, die er liebte und von denen er wieder geliebt ward: gemißdeutet, verleumdet, gemißhandelt, übel regiert und gezogen von denen, die er die Weisen, die Wissenden und Gewaltigen nennt, und die sich selbst so benennen, vereinsamt, inmitten alles dieses bunten, lärmenden Weltgetümmels . So bangt ihn zeitlebens nach einer Seele, die er sich in eigener tiefster Seele vermählen, der er sich opfern könnte; aber er findet sie nicht. Denn ein jeglicher wird von allen verkannt. And so bleibt der Mensch ernst und traurig , wie er schon von Natur empfunden wird, und die Fröhlichkeit geht ihm nicht von Herzen, wohl aber der Schmerz. Und wie er zur Liebe geschaffen ist, so möchte er mit allen Kräften seines Gemütes auch glauben . Aber wenn er sich dem Glauben in die Arme wirft, so verspottet ihn die Welt und sein eigener Verstand, so verleugnet er die Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit, mit der er in diesem Erdenleben besteht. Wenn er zweifelt, so verzweifelt er alsbald an sich selbst, und der volle Glaube müßte ihn wiederum töten, weil er Gottes Herrlichkeit nicht anzuschauen und zu ertragen vermag. Am Unglauben aber siecht und bricht ihm das Herz, solange er lebt. O du armseliges Menschengeschöpf, welche sinnlosen Anklagen sind auf dein Haupt, welche selbstmörderischen Peinigungen auf deine Seele gehäuft! Helfen auch dem Blindgeborenen die Sonnen und Monde, welche Tag und Nacht für die Sehenden am Himmel stehen? Und wird der barmherzige Schöpfer die Kranken, die Krüppel, die Irren, die Schlaftrunkenen, die Träumenden, die Welttrunkenen, die Unmündigen, die Blödsinnigen, die Halbwilden und die Heiden darum noch strafen , daß sie schon auf Erden zum Gefäße des Zornes ausersehen waren, daß sie schon hienieden den Himmel und die Segnung der Gesundheit, der Seelenreinheit, der Geistesreinheit, der Gewissensruhe, des innern Friedens, der reinen Freude und des himmlischen Lichtes entbehrten? Und wenn die Freiheit, wenn der Glaube, die Liebe, die Wahrhaftigkeit, alle Tugend und Gottseligkeit eine Gnadenwirkung und Kraft Gottes ist, mehr, als des schwachen Menschen Verdienst: soll dann die Unfreiheit, der Unglaube, die Lieblosigkeit, die Unheiligkeit, die Gottlosigkeit und die Sündhaftigkeit nur die ausschließliche Schuld des Menschen, und so gar nicht sein unerforschliches und unvermeidliches Erdengeschick sein? O leget einer Mutter ihr verlorenes Kind, und dem Kinde die verlorene Mutter in die Arme, und sehet zu, ob sie einander ans Herz drücken werden oder nicht! Führet den Dürstenden zur Quelle, brechet dem Hungrigen euer Brot, und meinet nicht, daß sie Speise und Trank verschmähen! Herr, mein Gott, vergib meinem blöden Geiste, wenn er irre redet! Lästern will und kann er dich und deine Gebote nimmermehr! Du allein aber kannst wissen und richten, wieviel ein jegliches deiner Geschöpfe, und wieviel ein sinnlicher und schwacher Mensch von deinen heiligen und übersinnlichen Geboten hier in dieser Sinnenwelt, in einem Körper von Erden und Staub, für Zeit und Ewigkeit auf einmal zu vollbringen vermag! Und was auch an dem ihm gebotenen Maße der Tugend und Frömmigkeit fehlen möge, deine göttliche Barmherzigkeit gleichet es aus von Ewigkeit zu Ewigkeit!