Johann Wilhelm Ludwig Gleim Die Sänger und die Kunstrichter. Die Nachtigall sang Elegien Und Oden oder Threnodien Dem ganze Vögelchor In einem stillen Walde vor. Nicht weit davon hob sich die Lerche hoch empor In ihre freie Luft, Und sang, indeß der Kuckuck ruft, Mit ihrer kleinen hellen Kehle, Lust und Zufriedenheit dem Wand'rer in die Seele. Die Nachtigall singt trauriger und bänger Ihr Schmerzenslied! Die Lerche, die sich überwunden sieht, Hört auf und will gestreng, die Nachtigall gestrenger Gerichtet seyn! Kein Richter meldet sich, zu richten diese Sänger! Bis endlich noch ein Denker, ein Uhu, Aus einem hohlen Baume spricht: »Du Nachtigall! und Lerche, du! Vollkommen singt ihr nicht! Ach, wie so schwer trifft man die Mittelstraße doch! Der Eine fällt zu tief, der And're steigt zu hoch! Ihr guten Sänger, welche ein Richter! Von meinem Uz, dem Liederdichter, Und meinem Klopstock, der, ein Adler, sich erhebt, In Gottes Sonne sieht, hoch über Wolken schwebt, Sprach, schon vor zwanzig Jahren am Parnaß, Ein Uhu eben das!