Robert Hamerling Amor und Psyche Eine Dichtung in sechs Gesängen Illustrirt von Paul Thumann Erster Gesang Frühling ward's auf Cyperns schönem Eiland: Mit den Grazien schlang den Reigen Kypris Nachts bei Mondenschein im Myrthenhaine: Unter ihrem Tritt begann's zu spriessen Stracks von Primeln, Veilchen, Anemonen; Aus dem Schlaf erwachten Lenz und Liebe. Anhielt Nord und Ost den frost'gen Athem, Süd und West begannen lind zu säuseln. Schüchtern erst vertrauten sich die Knospen, Kühner bald dem Strahl der gold'nen Sonne. Neu belebte sich die Waldeinöde, Sich der Strand mit Blüten und mit Liedern. Wind und Wolken wichen vor der Göttin, Ihr zu Füssen schmiegte glatt das Meer sich, Und der Himmel ward voll milden Glanzes. Schwül war bald die Luft von Lenz und Liebe: Brünstig stürzten sich die Weidethiere In des Stromes eisbefreite Wogen, Schwammen froh von Trift zu Trift hinüber. Brünstig tauchten Vögel ihr Gefieder In die Flut, und brünstig aus ihr schnellte Der Delphin empor. Es quoll des Äthers Liebeskraft in linden Regenschauern Auf die neu erweichte Scholle nieder. Hehr erneute Juno, wie alljährlich, Mit dem Göttervater der Vermählung Jubelfest auf des Olympus Gipfel, Mit der Venus Gürtel neu sich schmückend. Paphos stand, die Rosenstadt, im jungen Grün und Purpur meerbespülter Gärten, Und der Liebesgöttin Tempelzinnen Ragten leuchtend hoch hinauf in's Blaue. Aber in des Tempels hohen Hallen, Weiten Höfen wogte Festlust rauschend. Fast begraben unter Blumen, Kränzen, Waren Stadt und Menschen, Hymnen schollen, Weisser Opferthiere Hörner glänzten Hell vergoldet in dem Strahl der Sonne, Weihrauchdüfte wehten und von fernher, Wenn dem Eiland sich ein Segler nahte, Drang ihm Duft der Rosen mit des Weihrauchs Duft vermischt auf hoher See entgegen, Kunde bringend ihm, bevor er Paphos' Zinnen schaute, dass der Kypris Hochfest Jubelnd eben dort das Volk erneu're. Selbst des Xereus Brut, die schönbefloss'te, Witterte den Duft und tanzte freudig In den Wogen ringsher um die Insel. Wettspiel, Hymnensang und Tanz und Reigen Tollte Tag und Nacht, und aller Freuden Pomp entfalteten die Weihestunden, Wechselnd, lärmvoll: sinnenfroher Taumel Warf den Zügel ab, warf ab den Schleier. Alle Schönheit war nur eine Blume Unter andern Blumen, welche pflücken Fromm sich liess, im Dienst, zum Schmuck der Göttin. Aber unter all' den Schönheitsblüten, Unter all' den opferfreud'gen Jungfrau'n, Welche bei Gesang und Reigentanze Und im Tempelhaus der hohen Göttin Prangen sah das rosenduft'ge Paphos, Fehlt die eine, fehlt der Jungfrau'n Krone, Cyperns schönstes Kind, des Priester-Königs Jüngstes Töchterlein, die holde Psyche. Süss herangeblüht zur Festtheilnahme Scheint mit diesem Lenz sie; aber seltsam Ist ihr Sinn geartet: ferne bleiben Möchte sie der Lenz- und Liebesfeier, Fern dem wilden Festgedräng' und Reigen, Wo man, folgend uralt-heil'gem Brauche, Sich in's andere Geschlecht verkleidet, Fern dem Schönheitswettkampf holder Frauen; Und sogar das Heiligthum der Göttin Weckt ein heimlich Grau'n ihr im Gemüthe, Denn die scheue, zarte Jungfrau'nseele Schreckt der Tempeldienst der Hierodulen, Schreckt das Opfer magdlich reiner Blüte, Fromm nach Landesbrauch im Haus der Göttin Dargebracht gleich andern Weihgeschenken. Schamhaft-eigenwillig birgt sie still sich Hinter dem Altar vertrauter Götter, Welcher heut verlassen steht, verödet, In dem innersten Gelass des Hauses. Doch sie wird gesucht, sie wird gefunden, Dem Versteck entführt; mit heft'gem Vorwurf Schilt sie der Erzeuger, Cyperns König, Höchster Priester auch der Landesgöttin: «Fürchtest du,» so ruft er, «nicht der Herrin Zorn für dich und uns? soll Cyperns altes, Edles Königshaus, das in der Göttin Gunst geblüht seit so viel hundert Jahren, Jetzt verhasst durch dich der Hohen werden? Soll das eigne Kind des Priesterkönigs, Lau im Götterdienst ein unfromm Beispiel Geben, Ärgerniss dem ganzen Volke?» So zu Psyche spricht er und gebeut ihr, Unverweilt den Schwestern sich gesellend, Theil zu nehmen an dem Götterfeste. Flüchten will zur Mutter sich das Mägdlein: Aber diese, insgeheim erglühend, Offenbart zu seh'n dem ganzen Volke Diesen Ausbund aller Lieblichkeiten, Ihres Schoosses hold erblühten Sprössling, Streichelt sanft der Weinenden die Schläfe, Spricht: «Mein Kind, gehorche den Erzeugern, Bleibe hold den Menschen, lieb den Göttern!» Es gehorchte die betrübte Psyche, Und den beiden Schwestern sich gesellend, Mischt sie sich in Festgedräng' und Reigen. Kaum erscheint sie, neigt vor ihrer Schönheit Das erstaunte Volk sich, preis't als Schönste Sie vor Allen, findet, dass die Rosen Holder Scham auf Psyches zarten Wangen Lieblicher noch als der Freude Rosen Auf den Wangen all' der andern Schönen. Frohbegeistert streut ein schöner Jüngling Blumen auf den Weg ihr – andre folgen, So dass strauchelt bald und stockt ihr Fusstritt, Und bewundernd grüsst man sie mit Zuruf, Jauchzt ihr Worte zu aus Preisgesängen, Die man erst der Göttin zugesungen, Und bald nennt man im verzückten Schwarme Götterjungfrau sie und junge Venus. Und man huldigt ihr gleichwie Cytheren, Und so wenig als an diese selber Wagt die fest- und schönheitstrunk'ne Menge An dies holde Mädchenbild zu rühren. Aber Psyche steht im Kreise zagend, Ängstigt sich vor diesen Huldigungen, Ängstigt sich vor dieser scheuen Ehrfurcht, Welche man ihr zollt gleichwie der Göttin, Fleht die Schwestern an, sie fortzuführen. Diese, zürnend halb, halb eifersüchtig, Werfen einen Schleier ihr um's Antlitz Und geleiten heim zur Königsburg sie. Aber ob entzogen auch den Blicken, Lebt ihr Bild doch fort in Aller Herzen, Und in aller Mund der Name Psyche. Solches hörend, schauend, zittert ängstlich, Ängstlicher als er zuvor gezittert, Vor der Göttin Groll der Priester-König. Und damit nicht gar, unschuldig-schuldig, Dieses Kindes Haupt herabbeschwöre Auf sein ganzes Inselvolk die Rache, Sinnt er zu vermählen in die Fremde Bald das Mägdlein, und es nah'n gerufen, Ungerufen, bald unzähl'ge Freier, Königssöhne, jung und schön und mächtig. Standhaft aber weigert Cvperns Perle Sich mit Thränen, Bitten, in die Fremde Einem ungeliebten Mann zu folgen. Leer und schal und ohne Liebe schleichen Ihr die Monde hin, indess die Schwestern Schon vermählt als Königinnen sitzen Auf den Thronen naher Inselreiche. Weiter aber dringt von Psyches Reizen Stets der Ruf, die frevelhafte Kunde, Dass erschienen eine neue Venus, Welche nicht vom Schaum des Meer's geboren, Nein, auf Cyperns Eiland, unter Blumen Hold entsprosst der dunklen Erdenscholle. Fremder Küsten leicht erregte Neugier Kommt gepilgert, anzuschau'n das Wunder, Und wem es geglückt, zu schau'n die Holde, Wird zum Herold ihr vor allem Volke, Gleich an Reiz der Göttin sei der ihre, Noch verklärt durch magdlich holden Zauber. Lässiger im Dienst der Schaumgebornen Wird das Volk, es kargt mit Weihgeschenken, Kargt mit Festgelagen, ihr zur Ehre, Unbekränzt steh'n ihrer Bilder manche, Wochenlang, und kalte Aschenreste Ruh'n auf manchem ihrer Steinaltäre. Unmuth regt im Herzen sich der Göttin, Der olympischen, der gold'nen Venus, Und verhasst schier wird ihr Cyperns Eiland Durch des Volkes frevelhafte Thorheit, Welches, der Unsterblichen vergessend, Göttlich ehrt ein sterblich Kind des Staubes. Gram dem Festland, hält sie eben wieder Lustfahrt auf den Wellen des ihr holden, Des ihr theuren Meeres. Strahlend heiter Ist die Salzflut, wenn sie trägt die Herrin, Stiehlt sein schönstes, hellstes Blau dem Himmel, Und die ungeheure, Schreckenschwang're, Die dämonenreiche Meerestiefe Ist so glatt, als wollte sie zur Stunde Nichts sein, als der Göttin blanker Spiegel, Und so weich, als wollte sie nichts Andres Sein zur Stunde als ihr Ruhekissen. Eine Riesenmuschel, farbig schillernd In der Iris siebenfachem Lichte Wiegt die hohe, zauberschöne Göttin. Lächelnd ruht zu Füssen ihr die Meermaid; Andre flechten Kränze aus des Schaumes Weissen Rosen, oder Perlenketten Aus den sprüh'nden Tropfen. Um das Fahrzeug Schwärmt Tritonenvolk; darunter stemmend Seine schupp'gen Schultern, trägt es spielend, Scherzend Schiff und Göttin durch die Wellen. Nicht gefiel es heut der gold'nen Kypris, Zuzuseh'n mit ihrem himmlisch-holden Lächeln diesem Treiben, noch dem Sohne, Einen Pfeil zum Spiele, wie er pflegte, Unter diese Meeresbrut zu schleudern, Oder sich in knabenhaftem Muthwill Rittlings über eines Delphins Rücken In des Nereus wildem Schwarm zu tummeln. Schmeichelnd drückt an sich den holden Knaben Seine holde Mutter, streichelt zärtlich Ihm die Wangen, träufelt duft'gen Nektars Thau ihm auf die Locken, auf die Flügel. Hebt dann an zu klagen, von Bethörung Seien jetzt beherrscht die Erdgeschlechter, Sündlich fabelnd, eine schön're Venus Sei entsprosst dem schnöden Erdenstaube, Schöner, als die aus dem Schaum des grossen, Heiligen Okeanos geborne! «Psyche nennt sie sich, die neue Kypris, (Sprach die Göttin), Töchterchen des würd'gen Priester-Königs, welcher herrscht auf Cypern: Ein entartet Reis von edlem Stamme. Störrig meinem Dienste sich entzogen Hat sie sich, und spröde, eigenwillig, Hasst sie, Amor, dich, verachtet Hymen. Gross genährt durch Schmeichelei der Menge, Die mit Blindheit schlug der Göttervater, Ward des Mägdleins Trotz und kind'sche Einfalt. Lerne denn sie, und mit ihr die Menschen, Dass vergeblich kämpft mit Überird'schen Ein vergänglich Kind der dunklen Scholle. Weil zu niedrig ihr die Königssöhne Aller Länder weit und aller Inseln, Werde sie dem Niedrigsten zur Beute! Auf, mein Sohn, und räche deine Mutter! Dort im Rosenhag, dem duftig-holden, Welcher schliesst an Cyperns Königsburg sich, Weilt zu dieser Frist sie, Blumen pflückend. Hebe dich auf deinen gold'nen Schwingen Unsichtbar, und wenn du sie gefunden, Über ihr in eines Baumes Wipfel Harre, und bereit den Bogen halte, Bis vorüber irgend geht ein Bettler Am Geheg, ein Wicht, entstellt von Aussatz, Oder wen zum Elenden, zum Scheusal, Stempelt sonst ein irdisches Gebreste: Und sobald sein Bild sich malt in Psyches Augstern, schleud're stracks in's Herz den Pfeil ihr! Auf, mein Söhnlein – säume nicht!» So spricht sie, Streichelnd ihm die Wangen und die Locken. Willig hebt auf gold'nen Schwingen Amor Sich in's Blau der Luft, und späht, bis Cyperns Dünen glitzernd aus der Woge tauchen; Und wo zwischen Königsburg und Tempel Sich erstreckt der Blumenhag, der duft'ge, Bald entdeckt er mit dem Aug' des Falken Seiner Pfeile schönstes Ziel. Er schwingt sich Ungesehn in eines Baumes Wipfel, In den Wipfel eines Apfelbaumes, Dran bereits die Sommerfrüchte reifen. Und vorerst den Bogen in Bereitschaft Setzt der Gott, nimmt aus dem Perlenköcher Eines jener Pfeilchen, die geflügelt Wie er selber sind, und welche fliegen Von dem Himmel bis zur Erde nieder, Von der Erde bis hinauf zum Himmel, Bald in Honigseim getaucht die Spitzen, Bald in Gift und Galle. Statt des Bogens Handhabt manchmal eine kleine Fackel Der beschwingte Knabe, wirft von dieser Kleinen Fackel wohl auch eine Schnuppe, Wenn es ihm beliebt, in Götterherzen, Selbst in's Herz des Sonnengott's, der spielend Seines Wagens Flammenrosse bändigt, Aber bebt vor Amors Flackerflämmchen. Denn er achtet, voll des Muthwills, Götter Nicht, noch Menschen, und wie Kinder pflegen, Greift er im Olymp nach aller Andern Haus- und Handgeräth: nach Speer und Leier, Dreizack, selbst nach wucht'gen Donnerkeilen, Zerrt sie weit mit sich umher in tollem Spiel, versteckt sie, schädigt sie, zerbricht sie. Lieb' entzündet er, doch Hass nicht minder, Ist der Ehen Feind, ein Unfriedstifter. Ihn verzog die zauberschöne Mutter, Ihn verzärtelten die heitern Grazien, Ihn verhätscheln selbst die ernsten Musen, Die den tollen Jungen unterrichten: Aber er vergisst, was sie ihn lehrten, Sie behalten, was er sie gelehret. Fisch und Vogel sind ihm zu geschwind nicht, Nicht zu träg Schildkröten, drauf zu reiten. Jegliches Gethier, so wild' als zahmes, Liebt ihn, dient ihm; Meeresungeheuer Bieten ihm den Rücken, Löw' und Tiger Trägt ihn willig, selbst des Göttervaters Adler sträubt vor Wonne das Gefieder, Schwingt er sich auf den beflaumten Bug ihm. Prunkend schlägt sein schönstes Rad der Juno Pfau vor ihm, und nur Minervens Eule Hasst ihn, denn er neckt sie, mit der Fackel Plötzlich ihr in's gelbe Glotzaug' flunkernd. Auf den Bogen jetzo legt den Pfeil er, Harrend still des rechten Augenblickes, Um der Jungfrau Herz damit zu ritzen. Und in's Aug' nunmehr fasst er sie selber, Sieht sie Kränze winden, Falter jagen, Sieht sie wieder sinnen dann und träumen, Nach dem Zug der weissen Wolken spähend. Länger so das holde Kind betrachtend, Lauernd wie ein Jäger: «Welch' ein Püppchen,» Spricht er bei sich, «welche wunderfeinen, Seideweichen Strähne, goldig schimmernd, Ähnlich einem Bündel Sonnenstrahlen! Traun, aus ihren träumerischen Augen Blüht ein Reiz, ein stiller, den ihr neiden Müssen selbst olymp'sche Götterfrauen! All' ihr Wesen, all' ihr Thun ist Seele !» Näher sie an sich heranzulocken. Wirft herab er aus des Baumes Wipfel Ein paar Äpfelchen, rothbackig-frische. Psyche springt herbei, sie aufzulesen, Meint, dass sie der Wind herabgeschüttelt. Und in munt'rer Laune wirft der Knabe Neue Früchte in den Schooss ihr, rothe, Runde, seiner schönen Mutter heilig, Vielbedeutsam drob verliebtem Volke. Plötzlich, durch der goldnen Kypris Schickung, Hinkt vorüber an dem Gartenzaune Schmutzig und zerlumpt, mit einem Höcker, Hässlich, krüppelhaft, ein Betteljunge, Streckt nach einer Gabe seine Hand aus. Mitleid malt in Psyche's Blick sich; Amor, Mütterlicher Weisung sich erinnernd, Zielt auf Psyche, sendet flugs den Pfeil ab; Doch in der Verwirrung fehlt das Ziel er, Und der goldne Pfeil, die Luft durchschwirrend, Haftet in dem Rasen; aus dem Köcher Einen andern Bolz zieht rasch der Knabe, Aber in der Hast den eignen Finger Ritzt er, und vom Thaue seiner Adern Netzt ein Tropfen weisse Lychnisblüten, Deren Sprossen in des Ichors Farben Blüh'n seither für alle Zeit gesprenkelt. Und der Gott, von eigner Wehr verwundet, Er entbrennt in Liebe heiss für Psyche. Bald als Taube sitzt er, bald als Möve, Bald als Wendehals und bald als Sperling In des Gartens Bann, wo Psyche weilet, Oder auf des Königsschlosses Zinnen, Seiner Mutter Blick und Nähe meidend, Spähend immer nach dem holden Kinde. Ganz sein schönes Götteramt versäumt er Bei den Menschen, in Verfall gerathen Lässt er, was des Erdelebens Schönstes. Niemand mehr entbrennt in Liebesgluten, Ungeküsst und ungeworben wandeln Selbst die rosigsten der Erdentöchter, Hymens heil'ger Altar selbst erkaltet. Was des Sohnes Lässigkeit begonnen, Das vollendet bald der Zorn der Mutter. Grollend meidet sie ihr schönes Cypern, Oftmals rollt sogar, Verwüstung drohend, Sie den Schwall des ihr ergeb'nen Meeres Über das Gestad', ihr einst so theuer. Angst befällt das Volk, befällt den König, Und vergebens mit Gebet und Opfern Trachten sie die Göttin zu versöhnen. Und zuletzt, sich keinen Rath mehr wissend, Nach dem uralt-heiligen Orakel Des Apollo zu Milet entsenden Boten sie. Und diese, mit dem Spruche Kehren heim betrübt sie: «Führen sollst du, Cyperns König – dies entbeut der Gott dir – Eh' noch dreier Morgen Frist verstrichen, Dein geliebtes Kind, die holde Psyche, Angethan mit bräutlichen Gewanden, Unter hochzeit-festlichem Geleite, Auf des öden Meerstrand's rauhsten Felsgrat! Ausgesetzt dort soll sie einsam harren Des Gemahls, den ihr bestimmt das Schicksal, Und der kommen wird, sie heimzuholen. Nicht aus sterblichem Geschlecht entsprossen Ist er; ein geflügelt Ungeheuer, Durch die Luft verderbendrohend schwirrt er, Drachenhaft, mit Erz und Flamme wüthend, Unheil bringend über Meer und Erdkreis!» Laut von Klagen widerhallte Cyperns Königsburg, als diese Götterbotschaft Kam vom heiligen Milet herüber. Wehe, wenn des Götterzornes Geissel Über Ländern dräut und über Völkern! Aufschub gönnt sie nicht, nicht Überlegung. Traurig nach des dritten Tages Anbruch, Angethan mit bräutlichen Gewanden, Steht die Königsmaid, die todesblasse. Leidvoll stumm zerrauft sein Haar der König, Staub und Asche streut er auf das Haupt sich, Jammernd schlägt die Königin die Brüste, Schluchzend drängen sich heran die Schwestern. Flöten tönen, doch wie Klageweisen. Und der Hymenäus wird gesungen, Aber wie ein Grabgesang erschallt er, Heiss mit Thränen netzt die Braut den Sehleier. Trauer herrschet auf dem ganzen Eiland, Aber wertlos bleibt sie – denn gelernt hat Cyperns Volk, zu zittern vor dem Zorne, Vor der Eifersucht der goldnen Kypris. Mit verhalt'nem Mitleid, feuchten Blicken Sieht man aus des Königshauses Thoren Hochzeitlich, doch ernst, das Festgeleite, Flötenspiel vorauf und Fackelschimmer, Langsam wandeln hin zum öden Meerstrand, Wo am rauhesten die Felsenhöhe Seewärts abfällt, von der Flut umbrandet. Als erreicht nun war die Felsenzinke, Stand die Jungfrau, ihres Schicksals harrend, Einer Liljenblume zu vergleichen, Die gesprosst an eines Abgrunds Rande. Schmerzlich in der Runde klang ein Seufzen, Und das Elternpaar begann zu jammern: «Trautes Kind, wie schwer für deinen Liebreiz Musst du büssen! welch' ein arger Fluch ist Götterschönheit für ein Kind des Staubes!» – «O, nicht so!» versetzt die holde Jungfrau, Sanften Tons; «nicht so, ihr Vielgeliebten! Nimmer war ich schön, ich schlichtes Mägdlein War' ich schön gewesen, nimmer hätten Götter mir gezürnt um einer Gabe Willen, die sie selber mir verliehen! Nein, sie zürnten, weil das Volk, verblendet, Unverdient mich pries wie eine Göttin! O, warum nicht habt ihr es geduldet, Dass ich fern mich hielt dem lauten Feste? Wie so gerne war' ich, ach, in stiller, Glücklicher Verborgenheit geblieben!» – Schmerzlicher erscholl der Eltern Klage, Da sie dachten eigener Verschuldung. «Weh' uns!» rief die Königin, die Arme Wie zum Schutze rankend um die Tochter, Und mit Grausen in die Tiefe blickend: «Sicher ist's ein Ungethüm der Salzflut, Dem mein armes Kind sich soll vermählen! Einer etwa vom Geschlecht des Phorkys Und der Keto! Weh' dir! weh' uns Armen!» – «Sterben lieber würd' ich,» sagte Psyche, «Als in hässlicher Gemeinschaft leben! Und ich bin gewiss, o theure Mutter, Nicht ein hässlich Ungethüm, der Tod nur Ist's, der mir als Bräut'gam ward verkündet! Ist er nicht ein Unhold auch? ein Dämon? Naht er sich nicht flügelschnell den Menschen? Tobt er nicht im Krieg mit Erz und Flammen, Über Meer und Land Verderben bringend? – O gewiss, gewiss, es ist der Tod nur, Traute Mutter, nicht ein schlimm'res Scheusal, Welches um mich freit! nur sterben werd' ich, Nicht in hässlicher Gemeinschaft leben!» Aber schmerzlicher nur schluchzt die Mutter. Und der König spricht, Gebete murmelnd: «Wär's unmöglich, hohe Göttin Kypris, Dass Gehorsam, fromme Unterwerfung Nicht zuletzt noch deinen Zorn besänftigt, Gnädig uns dich stimmt und unserm Kinde? Gieb ein Zeichen, hohe Göttin Kypris!» – Ehern, stumm blieb Himmel, Meer und Erde. – Abschied nehmen unter Thränen, Küssen Von der Theuren Eltern und Geschwister, Immer wiederkehrend, immer wieder Abschied nehmend unter Thränen, Küssen. Plötzlich rollt in ferner, kaum bemerkter Wolke dumpf ein Donnerschlag – Entsetzen Fasst das Festgeleite – seine Fackeln Löscht es leidvoll, wagt nicht mehr zu zaudern, Führt von hinnen den betrübten König, Und die Königin, die schmerzzerriss'ne. Einsam sieht sich auf dem Felsen Psyche, Schwindelnd; ihr zu Füssen schlägt ein Blitzstrahl Züngelnd in die See; still schwebt der Armen, Ausgestoss'nen Seele, weltverlassen, Weltverloren zwischen Erd' und Himmel. Zweiter Gesang Psyche hebt den thränennassen Schleier, Welcher weiss umwallt ihr bleiches Antlitz, Und aufs Meer hin wendet sie die Blicke. Breite Wogen wälzen, flutend, ebbend, Sich heran, die Sandbank knirrscht und knistert, Und die gischt-umschäumten Felsen dröhnen. War' es etwa doch ein Meeresunhold, Welcher kommen wird, sie heimzuholen? Sie erschrickt vor jedem weissen Segel, Welches in der Ferne zieht, vor jeder Möve, die den Klippenstrand umflattert, Jede rollende Woge scheint ein Unthier, Welches nach ihr schnappt; ein Grausen fasst sie, Schnellt ein Meerfisch aus dem Wasserspiegel. Doch das wilde Meer hat Mitleid selber Mit dem Kinde, das auf rauhem Felsen Einsam schmachtend steht. Aus weissen Schäumen Lugt manch' Nereidenhaupt voll Neugier, Und zuweilen aus dem Braus der Wogen Tönend weckt, ermuth'gend, ein gekrümmtes Muschelhorn den Widerhall der Felskluft. «O ihr Götter, Göttinnen der Wogen», Flüstert Psyche, «mächtiger Neptunus, Schöne Meeresfürstin Amphitrite, Selige Leukothea, du, trauter Meergreis Nereus, freundlichster den Menschen, Könnt ihr all' nicht schützen mich, nicht retten? Ach sie schweigen, bleiben fern! o käme Doch, wenn alle Götter taub, ein starker Held des Weg's, ein kühner Lindwurmtödter, Der sich mein erbarmte, der das Unthier, Wenn es naht, erlegte, mich erlösend! Ach, nicht mehr sich selber angehören, Preisgegeben einer fremden, finster'n, Grausen Macht, verschmachten, das ist schlimmer Wohl als Nichtsein selbst! O Jammerschicksal, Vor dem Bund schon zitternd mit Gemeinem , Angekettet an ein Scheusal werden, Träumen sich den holdesten der Gatten, Wie ihn nimmer trägt die weite Erde, Und dem Hässlichsten zur Beute werden!» – Also klagt das Mägdlein. Da zerreissen Plötzlich über ihr die Wolkenschleier, Unter'm Anhauch eines leisen Zephyrs, Welcher lind und warm und blütenschwanger Über's Meer herüberweht. Was ist das? Stärker wird des Hauch's Gewalt, und Psyche Fühlt sich wie von unsichtbaren Armen Sanft umfasst und leicht emporgehoben. Über's Meer trägt der beschwingte Windgott Die Erschrock'ne: aus den Fluten tauchen Schaarenweis' die Nymphen, sich verwundernd: Die sie, mitleidsvoll, auf rauhem Felsen Einsam sah'n und wie gefesselt schmachten, Seh'n mit Neid sie nun, selbst an ihr feuchtes Reich gebannt, im blauen Äther schweben. Wie ein Silberwölklein weht ihr Schleier, Und die bräutlichen Gewande bauschen Doppelt schimmernd sich im gold'nen Glänze. Doch sie selbst, sie schaut nicht Meer noch Himmel, Wähnt sich todt schon, auf dem Weg zum Hades, Mit geschloss'nen Augen, bis sie plötzlich, Abwärts sinkend, sich von Blumendüften Würzig fühlt umwallt und hingebettet In das Kräuticht eines Blüteneilands, Welches einsam grünt im Schooss des Meeres. Weisse Lämmer ruhten auf den Wiesen, Silberschwäne segelten auf Weihern, Schlanke Rehe, liebliche Gazellen Wandelten im Hain. Das Grün der Fluren, Und des Himmels Blau war sinnberückend, Ganz durchwebt von überird'schem Glaste. Alle Farben hatten, alle Töne, Einen Schmelz von unnennbarem Zauber. Jedes Falters Flügel, jedes Käfers Schuppe blendete das Aug' mit Schimmer. Jedes Sandkorn war und jeder Felsblock Edelstein, durchsichtig, farbig funkelnd. Ein Juwel war jedes kleinste Thierlein, Jeder Wassertropfen eine Perle, Jeder Grashalm ein smaragd'nes Wunder. Alles Kriechende war hier geflügelt, Tonbegabt geworden alles Stumme. Vögel sangen, sprangen, hüpften zierlich, Tanzten wie berauscht von Lieb' und Wonne. Aus dem Giessbach stäubten ohne Röhren Himmelhoch empor die Silbertropfen, Jauchzend in des Lichts gesammten Tönen. Melodie war selbst der Lüfte Wehen: In des Westes Hauche klang ein Rauschen, Wie von Harfentönen, langgezogen, Machtvoll schwellend, leise dann verhallend. Alles was des Daseins hier sich freute, War gepaart : Goldkäferchen und Falter Schwirrten liebewerbend um einander; Tief im Laub die Vögelchen, die Fischlein In der Flut, und drüber die Libellen, Alles liebte, Alles schwärmte, girrte, Schnäbelte. Der Sonnenstaub der Blumen Flog und sank, vom Lenzeshauch getragen, Taumelnd auf die gold'nen Blütennarben Nieder, die sich liebend ihm erschlossen. In des Gartens Mitte stand mit gold'nen Zinnen ein Palast. Durch offne Pforten Trat das Mädchen: weite Prunkgemächer Thaten ihr sich auf, von Gold und Silber, Elfenbein und Edelsteinen strahlend. Wonnedüfte wehten ihr entgegen, Purpurkissen luden sie zur Rast ein. Eins nur fehlte in den Wunderräumen: Eine Menschenseele : stumm war Alles. Allgemach gelüstete nach Labung Psyche: da enttaucht dem Grund ein Tischchen, Vollbesetzt mit Speisen, köstlich duftend. Unverweilt erquickt daran sich Psyche, Schlürft den Saft von goldnen Hesperiden, Nippt aus goldnem Becher Purpurwein auch, Welcher glänzt wie flüssige Granaten. Als sie so gelabt sich, hört sie plötzlich Neben sich ein Stimmchen, silbertönig, Wie des Heimchens, fragend, ob nach And'rem Noch ihr Herz verlange? ob vielleicht sie Mit Musik sich wünsche zu ergetzen? Erst erschrickt vor diesem körperlosen Laut das Mädchen, doch bald fasst sich's wieder, Denn gar zart und traut, Zutrau'n erweckend, Klang das helle Zirpen. Und so ruft sie Fröhlich gleich: «Ach ja, Musik! wie lieb' ich's, Holdem Klang zu lauschen!» Horch, da säuselt's Unverweilt in schmelzend-süssen Tönen Wundersam. Und Silberstimmen mischen In der Lauten Klang sich und der Flöten Und des Cymbals gellendes Gedröhne. Und als Psyche sich in Harmonieen Vollgesogen ganz von süsser Unruh', Und der Töne Schwall ihr wie ein gold'ner Bienenschwarm durchs Ohr ins Herz geflogen, Fragt es auch schon wieder: «Was begehrst du?» Und es mehren sich die Heimchenstimmen, Und ein ganzer Schwarm von unsichtbaren Dienern drängt, so scheint's, sich in der Runde. Und so wünscht sie Dieses denn und Jenes, Fröhlich lacht sie, wenn, was nur sie heische, Flugs vollzogen wird von Zauberhänden. «Bringt mir einen Strauss von jenen Blumen!» Ruft sie; oder: «Jenen gold'nen Falter Hascht mir, dass ich besser ihn betrachte!» Oder: «Fangt mir jenes traute Täubchen, Dass ich kosend es mit Händen streichle!» «Ach warum,» so fragte sie die Heimchen, «Ach warum doch sind hier alle Wesen, Blumen, Käfer, Falter, Vögel, Alles, Gar so schön , so wunderbar, so herrlich?» «Weil sie lieben !» klang es ihr zur Antwort. «Brautschmuck ist der Glanz, in dem sie prunken, Liebesglut durchsonnt, verklärt sie alle, Führt sie auf des Daseins höchsten Gipfel!» So die Heimchen. Und nun luden freundlich Psyche sie: «Noch lang nicht, Traute, kennst du All' die Wunder dieser Zauberinsel!» Willig folgte sie, umhergeleitet Von den Holden, die sie zwar nicht schaute, Deren Stimmchen aber unablässig, Plaudernd, kosend, scherzend um sie klangen. Und sie wiesen jenen, diesen Quell ihr, Der begabt mit selt'nen Zauberkräften; Wiesen einen Quell ihr des Vergessens, Wiesen einen Born ihr der Verjüngung, Wiesen einen Bronnen ihr, in dessen Nass, wenn man damit sich wusch die Lider, Lag die Kraft, ein blindes Auge sehend, Und ein sehend Auge blind zu machen. Einen Quell auch, welcher reichlich strömte, Wiesen sie, geheissen Quell der Thränen: Dieser sprudelte in zwei verschied'nen Strahlen, deren Flut verschieden schmeckte: Bitter war des einen Nass wie Wermuth, Süss wie Honigseim war das des andern. Liessen auch durch eine dunkle Öffnung Psyche schau'n in eine Wundergrotte, Wo es hold von Nebelbildern wogte, Wo man sah, was nur ein Herz ersinnen, Wünschen, hoffen mochte und erträumen: Paradiesesau'n, auf ihnen wandelnd Traute Huldgestalten, freundlich winkend. «Willst du etwa hier in dieser Grotte,» Sprach der Heimchen munt'rer Schwarm zu Psyche, «Irgend eines Jünglings Bild erblicken? Wünsche nur, und dir erscheinen wird er Stracks in dieser Grotte Zauberspiegel!» – Psyche sann ein Weilchen, doch vergebens: Wusste sich auf keinen zu besinnen. «Keines Jünglings Bild zu schau'n begehr' ich,» Sprach sie, «aber euch zu schau'n verlangt mich: Lieb gewann ich euch schon wie Geschwister; Warum bleibt versagt mir euer Anblick? Seid ihr wirklich Heimchen? das vermuth' ich Nach dem Klange eurer süssen Stimmchen!» «Tu der That», versetzten drauf die Genien, «Zart wie Heimehen sind wir, Bübchen, Mägdlein, Flügelchen wir tragen an den Schultern; Wie wir heissen, müssen wir verschweigen!» «Also Kinderchen?» rief Psyche freudig. «Gern euch küssen möcht' ich,» sprach sie weiter. «Hasch' uns!» klang es lachend ihr zur Antwort. Und nun suchte Psyche sie zu haschen, Tummelte mit ihnen sich im Garten. Neckend liessen stets die Heimchenstimmen Dicht an ihrer Seite sich vernehmen, Dass es Psyche schien, sie brauche haschend Nur die Hand nach ihnen auszustrecken, Aber stets in leere Luft nur griff sie, Silbern aus der Ferne scholl das Lachen. Müd und ungeduldig flehte Psyche: «Wahrlich, grausam seid ihr, mich zu quälen!» Sprachen drauf die Kleinen: «Streng versagt ja Ward es uns von unserm Herrn und Meister, Anders dir, als unsichtbar, zu dienen!» «Euer Herr und Meister, ei, wer ist der?» Fragte Psyche; und ihr ward die Antwort: «Der Beherrscher dieser Zauberinsel, Eigner, Pfleger dieses Wundergartens, Unser Aller Meister, Herr, Gebieter, Ist ein schöner, wunderbarer Jüngling. Herrlich, schön und wunderbar ist Alles, Wie du siehst, worüber er gebietet: Denk', wie reizend sein muss gar er selber! iUnd nicht schön allein, auch mächtig ist er, Mächtiger als alle andern Herrscher; Wunderbar sind seine Zauberkünste! Eben jetzt in fremden Landen weilt er, Doch er kehrt zurück nun bald: alltäglich Sind, allnächtlich, seiner wir gewärtig!» Andres von des Jünglings Macht und Schönheit Noch erzählend, führten jetzt die Heimchen Tiefer in des Haines Schatten Psyche. Denn die Luft war schwül und müd' getollt auch Hatte sich im Haschespiel das Mägdlein. Sieh, da fand sich, unter blüh'nden Sträuchern Tief versteckt, ein reizend Felsenbecken, Voll von klarem, lieblichem Gewässer, Aus dem Felsenborn sich stets erneuernd. Wie bekränzt erschien der Rand des Beckens: Aus der hellkristall'nen Welle hoben Lotosblumen sich und Wasserrosen, Breitbeblättert, farb'ge Kelche wiegend. Herzerquickend-klar bis tief zum Grunde War die Flut gleich einem Demantsteine, Gar nicht satt an dieser diamant'nen Klarheit konnte Psyches Aug' sich schauen, Und mit lindem, wonnigem Gefühle Hub sie an, zu plätschern sacht, wie kosend, In der sammt'nen Welle mit den Händen. «Ach, wer ganz sich, da hinunter tauchend, Wiegen könnt' in diesen Zauberfluten!» Ruft's, und eh' sie dessen sich versehen, Fühlt sie schon von ihrer Dienerinnen Unsichtbaren Händen sich entkleidet. «O wie zart, holdselig, o wie lieblich!» Hört sie rings im dichten Laube flüstern. Vor der eignen schleierlosen Schönheit Schlägt sie fast bestürzt die Augen nieder, Und mit jener Scham, der magdlich spröden, Die den Zorn gereizt der goldnen Kypris, Schmiegt sie kauernd sich in sich zusammen. Dann mit ihren zarten Liljenfüsschen In die weiche Welle niedergleitend, Birgt den Reiz sie hinter dem Geblätter, Welches breit bedeckt den Wasserspiegel. Selber scheint sie eine Wasserblume, Rein im reinen Element sich wiegend. Als erfrischt sie dann entsteigt dem Bade, Sind bereit auch schon die Dienerinnen, Trocknen sie mit seideweichen Blättern, Salben sie mit Säften, wonnig duftend. Golden flogen unvermerkt die Stunden Im Gespräch von wunderbaren Dingen; Und als über all' die Pracht des Eilands Mälig breitete die Nacht den Schleier, Spät geleitete zum Schlaf'gemache Ihrer Treuen Schaar die müde Psyche. Purpurn auf dem goldenen Gestelle, Traumumwittert, winkten ihr die Kissen, Weich gefüllt mit zarten Mohnes Blättern. Frisch gewebt aus Rosen war der Vorhang, Der die holde Ruh'statt halb verhüllte. «Schlumm're süss!» erklang der Heimchen Nachtlied, «Schlumm're süss, o Psyche, holde Seele, Längst vermisst, ersehnt in diesem Eden!» Einsam drinnen auf den Pfühl sank Psyche, Und nun überkam sie erst das volle Nachgefühl des wunderbaren Tages, Der so grausenhaft für sie begonnen, Und der sich gewendet dann so herrlich. Doch ihr Herz beschlich nun auch die Sorge; «Was wird fürder nun mein Schicksal werden?» Denkt sie still bei sich. «Wer war der Kühne, Welcher mich entführt dem Ungeheuer, Mich versetzt in dieses Wundereiland? War er selbst es, jener Zauberjüngling, Dieser Insel Eigner und Gebieter, Dessen Macht die Genien mir geschildert? Und wenn er es war, der mich entführte, Wird er nicht auch bald vor mir erscheinen? War' er noch so schön und noch so herrlich, Ach, ich zittre, zage vor dem Fremdling, Und ein Grau'n erfasst mich, denk' ich, dass er Mit Gewalt vielleicht mich hier zurückhält, Mit Gewalt mich macht zu seiner Gattin!» Scheu erhebt sie sich vom Purpurlager, Flüchtet sich hinaus aus dem Gemache, Und je mehr zu flieh'n sie scheint die Liebe, Desto mehr drängt überall die Liebe Sich auf ihrer Spur. Es sprüht, es glitzert Zwischen dem Gesträuch – Glühwürmer fliegen, Meeresleuchten bricht sich am Gestade, Und es hat sogar das Herz des Äthers Seine Gluten, seine Liebesfunken. Eine duft'ge Blume pflückend, findet In dem Kelche Psyche einen Falter, Herz an Herzen schlummernd mit der Blume. «Alles liebt! Ach, wenn so schön, so selig Alles hier in diesem Zauberhaine, Weil es liebt, wie jene Kleinen sagten, Nimmer hoffen darf ich Unglücksel'ge, Auch so schön, so selig auch zu werden! Ach, warum flieht dieses Herz die Liebe! Bin ich würdig denn, in dieser Fülle All' des Schönen, Herrlichen zu leben?» – Also klagte Psyche, sinnend, träumend, Und zurück zum Lager endlich kehrend, Fühlt gemach von einem leichten Schlummer Ihre müden Glieder sie bewältigt. Da sprach traulich, zärtlich eine leise Stimm' im Traum zu ihr: «Was klagst du, Mädchen? Grössern Zauber, traun, als du hier findest, Bringst du, Holde, mit auf dieses Eiland! Dir beschieden ist zu ruh'n noch süsser, Trauter, wonniger, als jener Falter In der Blume Kelch! In deinem Herzen Schlummert einer Flamme Keim, die heil'ger, Als die Glut des Würmchens, des beschwingten, Als das nächt'ge Glanzgeleucht der Welle! Deine magdlich reine Seele, Liebchen, Eine Wundergrotte ist sie, reicher, Noch weit Schön'res bergend, als die Grotte, Die hier liegt im Bann des Zaubergartens!» – So zu Psyche sprach im Traum die Stimme, Und sie kam aus eines Knaben Munde, Dessen holdes Bild nur wie ein Blitzstrahl Flüchtig leuchtete vor Psyches Augen, Aber zündete in ihrem Herzen. Aus dem Traum erwacht mit einem Seufzer Psyche, doch ein wunderbares Sehnen Ist in ihrer Brust zurückgeblieben: Jenes Knaben, jenes zarten Jünglings Bild in holder Wirklichkeit zu schauen, Jenes Knaben, jenes zarten Jünglings Bild, das sie berührt gleich einem Blitzstrahl, Allzurasch für ihr geblendet Auge, Ganz ihn aufzunehmen, festzuhalten, Doch nicht allzurasch, um nicht im Fluge Zündend ihr die Seele zu versehren. Westwärts sank des Bären Sterngebilde, Vor den Mond zog sich ein Wolkenschleier, Dunkle Nacht umschattete das Eiland: Horch, da ging ein Wehen durch die Wipfel, Ging ein Rauschen durch den Wundergarten, Alle Bäume neigten ihre Kronen, Alle Bronnen flüsterten, die Vögel Schlugen wonneträumend mit den Flügeln, Silbertönig jubelten die Heimchen ... Und in diesem selben Augenblicke, Angeweht von einem Götterhauche, Träumte Psyche, dass sich an ihr pochend Herz, gehüllt in Nacht, der Knabe schmiegte, Der vordem so traut zu ihr gesprochen – Er, der Herr auch dieses Wundereilands, Der gewalt'ge Held, der zauberkund'ge, Welcher sie entführt dem rauhen Felsen, Welcher sie entrückt in diese Heimat Aller holden Dinge, dieses blüh'nde Zauberreich der Schönheit und der Liebe, Und der jetzo den Vermählungskuss ihr Drückte auf die magdlich zarten Lippen, In sein Herz sie schloss und in sein Wesen, Dass sie fortan eines andern Herzens Herz war, Seele einer andern Seele. Aber als der Tag begann zu grauen, Da erwacht aus wonnereichem Schlummer Psyche. Sie erschrickt, allein sich findend. Und in Thränen bricht sie aus, und Seufzer Ringen los aus der gepressten Brust sich: «Ach, ein Traum nur war's, ein süsser Traum nur! Nur ein Traum mein Glück, ein Traum der Gatte! Spurlos ist dahin, was mich beseligt! Hundert Helden kamen, mich zu freien: Keinen könnt' ich lieben; und der Eine, Den ich liebe, dem ich ward zu eigen, Ist ein Schatten nur, ein Traumgebilde!» Leidvoll so erging sie sich in Klagen. Plötzlich aber klang die traute Stimme Tröstend ihr ins Ohr: «Kein leerer Traum war, Süsses Kind, dein Glück, kein Traum der Gatte! Ich, der Eigner dieses Wundereilands, Habe dir mich an vermählt für immer! Aber in dem Schooss der heil'gen Nacht nur Werden uns'res Glückes Loose ruhen: Kommen werd' ich, wenn die Sonne scheidet, Werde scheiden, wenn sie wiederkehret! Muth, mein Seelchen! wenn du, still begnadet, Treu gehorchst dem unsichtbaren Gatten, Siehst in Götterschönheit einst unsterblich Du erblüh'n den Sprössling uns'rer Liebe; Sterblich aber, wenn du wagst zu rütteln An des Schicksals Fügung, welche mächtig, Mächt'ger ist als meine Zauberkünste! So ertrag' es denn, du Frommgesinnte, Nicht zu schau'n den Liebsten, und nicht grolle, Dass du auf die Liebe musst verzichten, Wenn das heil'ge, heit're Licht dir leuchtet, Und das Licht sich hüllt in dichte Schleier, Wenn sich labend zu dir neigt die Liebe!» «Dich nicht schau'n?» rief Psyche, «o, mein Liebster, Kann denn eine Nacht so schwarz, ein Dunkel Je so tief sein, dass ich dich nicht schaute, Nicht ein Bild von dir im Herzen trüge, Wie es aufgeleuchtet mir im Traume, Hold ergänzt von liebenden Gedanken? Mir genügt's, und überselig bin ich, Dass du lebst, dass du kein leeres Wahnbild, Dass du treu, wär's auch im Traum der Nacht nur, Wiederkehrst zu deiner trauten Psyche! – Schwinde nicht hinweg noch! Einen kurzen Augenblick noch bleib'! – Sieh, mit dem Rand erst Taucht ja aus der Flut die Sonnenscheibe» ... So noch weiter flehend, lieblich plaudernd, Lieblich lächelnd, steht wie festgewurzelt Sie, hinhorchend nach des unsichtbaren Liebsten Stimme: doch verstummt war diese, Und verstummt mit ihr die Nachtigallen: Laut nur in der klaren Morgenfrische Scholl der muntern Sperlinge Gezwitscher. Dritter Gesang Jede Nacht wie diese kam der Gatte. Wie der blasse Mond am Tageshimmel, Wandelte, so lang die Sonne glänzte, Psyche liebeskrank und blass und schmachtend. «Holde Nacht!» so seufzte sie, «um wie viel Bist du reicher doch an Glück und Wonne, Als der laute Tag! Wie solltest du nicht Lieb mir sein, die du so viel mir bringest, Und wie soll mir nicht verhasst der Tag sein, Der so viel mir raubt! o, dass es ewig Nacht doch blieb' einmal, und keine Trennung Fürder drohte mir und meinem Liebsten!» Also seufzte sie. Der Vielgeliebte Brachte jede Nacht ihr holde Dinge Zum Geschenk und liess zum Angedenken Sie zurück, vor Morgengrau'n entschwindend. Bunte Muschelchen, Korallen, Perlen Bracht' er, Edelsteine, zaubrisch funkelnd, Auch wohl wunderbare, fremde Blumen, Vögelchen mit schimmerndem Gefieder Und noch andre traute, kluge Thierlein; Und mit diesen koste sie, den einsam- Langen Tag hindurch, des Liebsten denkend. Aber noch ganz And'res ward verlieh'n ihr Durch die Gunst des unsichtbaren Gatten. Schöner täglich blühte mit verklärtem Liebreiz sie, gleich all' den andern Wesen In dem Bann des weiten Zaubergartens. Und wie staunte nun erst Psyche freudig, Als sie eines Tages in des Weihers Wellen sah ihr Spiegelbild und merkte, Dass ihr Flügelchen gesprosst im Nacken, Falterfiügel, bunte, goldberändert! Sinnend auf den Pfaden, die ein ew'ger Lenz mit Blüten überschneite, wandelnd, Sprach im Hain sie oft mit den Gazellen, Sprach mit weissen Lämmern auf den Triften, Sprach mit Vögeln auf den grünen Zweigen. Bald verstand sie aller Wesen Sprache, Und verständlich diesen war die ihre. Von dem Liebsten sprach sie, und sobald sie Klagte, dass er so sie einsam lasse, Dass sein Antlitz er vor ihr verberge, Trösteten die Thierlein sie und sagten: «Sieh, auch wir nicht schauen ja sein Antlitz, Lassen uns an seinem Hauch genügen, So von ihm durchdrungen und beseligt!» Und die Blumen sagten: «Auch zu uns kommt In der stillen Nacht er nur, und lässt uns Perlen hold zurück, mit welchen freudig Wir dann funkeln in der Morgensonne!» So getröstet ward die holde Psyche. Eine Schwalbe aber kam geflogen Manchmal, und die sang ihr immer wieder, Wenn sie einsam, von vergang'nen Tagen, Sang ihr von der trauten Kindesheimat, Sang ihr von den Eltern und Geschwistern, Und vom Leid, das diese weinend trügen Um die Frühverlorne, Todtgeglaubte. Träumend lauschte Psyche, bat das Schwälblein, Gruss gen Cypern über's Meer zu tragen. Einst als Nachts der Gatte kam zu Psyche, Fand er feucht von Thränen ihre Wangen, Und er fragte nach dem Grund des Leides. «Ach,» versetzte Psyche, «wie beseligt Deine Liebe mich, du Vielgetreuer! Aber eine Schwalbe singt mir oftmals, Wenn ich einsam, von den fernen Lieben, Von den trauten Eltern und Geschwistern, Die sich härmen um die Todtgeglaubte! Werd' ich sie denn niemals wiedersehen? O mein Liebster, dürft' ich doch nur einmal Einmal nur auf eine kurze Stunde Herbescheiden meine trauten Schwestern, Dass sie Zeugen meines Glückes würden!» Mit den Locken ihr hinweg die Thränen Trocknend von den Wangen, sprach der Gatte: «Psyche, Herzenskind, mein trautes Seelchen, Gern erfüllen würd' ich dein Verlangen; Doch ein schwer Geschick bedroht uns beide, Wenn den Weg zu dir die Schwestern finden; Bald entschwinden müsst' ich dir auf immer!» «Lieber hundert male sterben wollt' ich,» Gab zur Antwort Psyche, «als dich missen, Dich verlieren, Liebling meiner Seele! Auf ein Stündchen nur gieb mir die Schwestern, Dass sie sich nicht länger um mich härmen!» Und so lang mit Küssen, holden Worten, «Süsser Gatte! Seele deiner Psyche!» Schmeichelt sie dem liebeswarmen Liebsten, Bis er spricht mit traurig-ernster Stimme: «Liebst du noch mich nicht so warm und innig, Dass du gern entbehrest all' die Andern, So geschehe denn nach deinem Willen! Aber sei besonnen und verschwiegen!» Also sprach er, und den beiden Schwestern Nahten Träume nächtlich, die sie spornten, Hinzugeh'n nach jener Felsenklippe, Wo in bräutlichen Gewanden Psyche Ausgesetzt ward auf Befehl des Gottes; Wiedersehen würden, dahin kommend, Sie die theure Schwester, die verlor'ne. Zu dem Uferfels, dem Traumgott folgend, Eilt das Schwesternpaar und späht nach Psyche. Plötzlich hebt der Zephyr sie vom Boden, Trägt sie fort auf seinen leichten Schwingen; Nach den wunderbaren Zaubergärten Bringt er sie im Flug, wo Jene hauset. Staunend seh'n sie da sich um und rufen Nach der Schwester, und herbeistürzt Psyche, Wirft sich freudig an die Brust der Theuren, Rufend: «Sehet hier, die ihr betrauert!» Welch' ein Küssen gab's, Umarmen, Schwatzen! Liebreich dann, in kind'scher Freude hastend, Führt umher sie Psyche, weiset ihnen Alle Wunder dieses Zaubergartens, All' die Herrlichkeiten des Palastes, Die Kleinodien auch und Prunkgewänder. Und all' dieser wunderbaren Dinge Herr sei ihr Gemahl, erzählt sie, rühmend Seine Macht, sein übermenschlich Wesen, Seine Lieb' und Güte. Diener ruft sie, Unsichtbare Stimmen geben Antwort, Und was sie gebeut, im Nu vollzogen Wird's von Geisterhänden. Nun erfrischt sie Durch ein köstlich mildes Bad die Schwestern, Und bewirthet reich mit lecker'n Speisen Sie auf Tischen, die von selbst erscheinen. Zitherspieler dann und Flötenbläser Ruft sie, Sänger auch, unsichtbar alle, Und gespielt, geflötet wird, gesungen, Rauschend in bezaubernd süssen Tönen. Allgemach in beider Schwestern Herzen Regt der Neid sich schon; neugierig fragen Sie, wer er denn sei, der mächt'ge Gatte, Aller dieser Dinge Herr und Eigner. Antwort gibt verwirrt und zögernd Psyche, Sagt, ein Jüngling sei's, gar schön und stattlich, Blondgelockt, das Barthaar schön gekräuselt, Fern vom Hause pfleg' er oft zu weilen, Mit der Meute jagend durch die Wälder. Doch da jene weiter in sie dringen, Mahnt zum Aufbruch sie, dieweil es dunkle, Und entlässt sie reich beschenkt mit Gaben, Die empfangen aus des Liebsten Hand sie. Und auf ihren Wink entführt der Westwind Rasch die Schwestern, die, bevor sie scheiden, Wiederkehr versprechen ungebeten. Aber auf dem Heimweg, sich ereifernd, Sprachen zu einander so die Beiden: «Seht nur,» spricht die eine, «diese Jüngste Von uns Dreien, diese Halberwachs'ne, Fast ein Kind noch, welcher noch vor Kurzem Schien zu droh'n das grausenvollste Schicksal, Wie sie jetzt mit ihrem Loos sich brüstet! Sahst du, wie es dort von Prunkkleinoden Nur so wimmelt, wie die Edelsteine Liegen dort umher gleich Sand am Wege? Ihr Gemahl ist wohl ein mächt'ger Dämon, Halbgott oder Gott. Und scheint nicht selber Zu betrachten sie sich schon als Göttin ? Wie um sich in ihren Prunkgewanden Stolz sie blickt, das kind'sche Ding, sich stellend Auf die Zeh'n, als eine Frau, die Stimmen Hat zu Mägden, Winden selbst gebietet! Welches Loos ward uns , den altern Schwestern? Mir zu Theil geworden ist ein Griesgram, Ungeschlacht, ein Knauser, der das ganze Haus versperrt mit Schlössern und mit Riegeln!» – «Mir,» so fährt die Andre fort, «ein Männchen, Siech, betagt, ein Schatten, nicht ein Gatte! Pflegen muss ich ihn des Nachts, muss reiben Ihm die von der Gicht gekrümmten Finger, Muss mit Salben mir die Hand besudeln! Und das jüngste Schwesterlein geht müssig, Lebt in Saus und Braus! O, mir zur Qual war's, Anzuhören ihre Prahlereien! Immer dies: «O seht! ist das nicht herrlich?» Und nachdem sie sich genug gebrüstet, Und ein Weniges von ihren Schätzen Zugeworfen uns wie Bettlern, eilig Schickte sie uns wieder fort – das ging so, Hui! wie fortgezischt und fortgeblasen! Nun, wir sehn wohl noch und wir ergründen's, Wie's bestellt mit ihren Herrlichkeiten! Wir beschämen's noch, das eitle Seelchen; Wachsam öfter bei ihr einzusprechen, Wollen wir uns schwesterlich bemühen!» So die neid'schen Furien. Aber Psyche, Einsam wieder lebend ihre Tage, Sann nun oft und öfter nach dem dunklen Räthsel ihres Glückes, ihrer Liebe. Und zuweilen bei sich selber sprach sie: «Würde doch beschieden mir ein Kindlein! Dieses würde seine Züge tragen, Ich besässe sein verjüngtes Nachbild, Ihm zum Trotze wüsst' ich, wie er aussieht!» – Manchmal, wenn des Nachts an ihrem Busen Schlief der Gatte, dachte wach im Stillen Sie zu bleiben und in ihren Armen Ihn zu halten, bis der Morgen graute, Dass er nicht vermöchte zu entrinnen, Und der Tag sein Antlitz ihr enthüllte. Doch wie fest sie ihn auch hielt umschlungen, Wie ein Dunstgebild aus ihren Armen Schwand er weg, bevor ein Strahl sich zeigte. Einst, ein Herz sich fassend, sprach sie kosend Zu dem Liebsten, ruhend ihm zur Seite, Zärtlich seinen süssen Kuss erwidernd: «Nur dein Aug ' – nichts weiter als dein Auge, Möcht' ich schau'n einmal! darnach am meisten Trag' ich heimlich Sehnen. Aug' in Auge Dir zu schau'n, in deiner Seele lesend, Lieber wäre Solches, traun, und süsser, Wonniger als Kuss mir und Umarmung!» – Auf die Stirn sie küssend, sprach der Gatte: «Eingetroffen, ach, geliebte Seele, Ist, was warnend ich voraus verkündet! Allzuviel gehört auf jene Schwalben Hast du, die geschwätzig ein sich schlichen Unter dieses Gartens Nachtigallen! Hüte dich! sie werden wiederkehren, Vollzufüllen dir das Mass des Unheils!» «Ist's genug nicht,» flüstert Psyche schmollend, «Dass du deinen Anblick mir verweigerst? Soll ich auch der Schwestern Anblick missen, Die ich liebe, die mich wiederlieben? Nimmer würd' ich ja, auch wenn ich's wrüsste, Nimmermehr verrathen dein Geheimniss! – Und warum, ach, soll ich selbst nicht wissen, Nimmer es erfahren, ich die Gattin, Deine Psyche, wer du bist, Geliebter?» «Wer ich bin?» entgegnet drauf der Liebste; «Ich bin du – und du bist ich, mein Seelchen! Eins sind wir – vereint in Liebe – selig! Kind, was willst du mehr? lass dir's genügen! Denn so lang nur mit des Geistes Augen Du mich schauen wirst, bin ich der Deine, Bleib' ich immerdar dir unverloren; Aber schaust du mich mit Leibes Augen, Schaust du mich als Aussending und -Wesen, Kind, dann hast du mich nicht mehr– verlieren Wirst du mich, verlieren mich auf immer: So, Geliebte, will es das Verhängniss!» – Also sprechend und an's Herz sie schliessend, Fügt er scherzend noch hinzu, zum Trost ihr: «Blind, mein Tausendschönchen, sei die Liebe! Gern erscheint sie mit verbund'nen Augen, Schliesst die Augen gern, wie Tod und Schlummer!» – Von des Zephyrs Zauberhauch getragen, Wiederkehren bald die neid'schen Schwestern. Freude heucheln sie bei Psyches Anblick, Und der zarten Glieder Fülle musternd, Rufen sie: «Ei, Mütterchen wird bald wohl Unser zartes Seelchen! o wie freu'n wir Uns von Herzen auf das goldne Püppchen! Sicherlich ein kleiner Gott ja wird es!» Dann von Neuem fragen, forschen schwatzend Sie nach dem Gemahl: wie er gestaltet, Ob gedrungen er, ob schlank? wie alt er? Leichthin Psyche sagt: «Nicht allzu jung mehr Ist er, grau schon halb das Haar gesprenkelt, Aber stark und heldenhaft von Anseh'n!» «Ei,» versetzen höhnisch drauf die Schwestern, «Sagtest du nicht jüngst, ein stattlich schöner Jüngling sei's, mit goldig blonden Locken? Ist so rasch seither ergraut der Blonde?» Psyche schweigt erröthend, und da mehr nur In die Enge sie die Schwestern treiben, Immer mehr mit Fragen sie bedrängen, So entschlüpft das Wort der in Verstellung Ungeübten, nie bisher gesehen Habe selbst sie den Gemahl: im Dunkel Komm' er nur, das Lager mit ihr theilend, Und mit grausem Unheil sie bedrohend, Wenn sie sich erzwänge seinen Anblick. Hier bedeutsam sah'n sich an die Schwestern, Sprachen dann zu Psyche: «Liebe Schwester, Denkst du denn so gar nicht des Orakels ? Nicht des Gatten, der durch Götterspruch dir Ward verkündet, und für den du bräutlich Ausgesetzt wardst auf dem Fels am Strande? Sprach er nicht von einem Ungeheuer, Einem Unhold vom Geschlecht der Drachen? Wisse: letzte Nacht, da sah'n im Traum wir Beide dieses Unthier: und ein Drache War es wirklich, giftgeschwellt, in vielen Knoten grausenhaft sich windend, scheusslich, Bauch und Hals blutrünstig aufgedunsen! So gestaltet ist dein Mann in Wahrheit; Und zur Welt auch bringen einen Drachen Würdest du, zur Mutter durch ihn werdend!» Schaudernd Psyche lauscht; verkündet ward ihr Zum Gemahl – so ist's! – ein Ungeheuer. Nebelhaft – sie kann's nicht leugnen – formlos Schien des Gatten Leib ihr, wenn er ruhte Nächtlich neben ihr. Und war's nicht möglich, Dass durch böses Zauberwerk verblendet, Bei dem Unhold ruhend, eines Menschen Wohlgestalt sie zu umarmen wärmte? Und wie er als Traumgebild erschienen Augenblendend ihr und herzversehrend, War es mehr denn eben als ein Traumbild? Ach, warum verbarg er ihr sein Antlitz, Wenn es menschlich, schön, und liebenswürdig? – «Lass dir rathen, Kind; es ist ein Drache!» Huben Jene wieder an. «Den Dolch hier Nimm, und nächste Nacht im Vorgemache, Eh' zur Ruh' du gehst und dir gesellt sich Hat das Scheusal, birg ein brennend Lämpchen! LTnd in's Öhl wirf etwas hier von diesem Kraut, durch dessen Zauber bei der Lampe Schein sich zeigt in seinem wahren Wesen, Was durch schnöden Zauber ward venvandelt. Liegt dann Jener tief in Schlaf gesunken, Schlüpfe du gemach herab vom Lager, Schleiche dich in's Vorgemach, vorsichtig, Nimm die Lampe, tritt vor's Bett des Drachen, Und das blanke, scharfe Messer schwingend, Rasch durchschneide den gekröpften Hals ihm!» So die tück'schen Schwestern, und nachdem sie Viel geschwatzt, geraunt noch und geflüstert, Ganz in bösen Rath die reinste Seele, Ganz in Misstrau'n geifernd eingesponnen, Eilen sie hinweg; zurück bleibt einsam Psyche, schwankend zwischen Grau'n und Liebe. Und sie sinnt und sinnt und kann's nicht fassen. «Er ein Ungethüm? es ist nicht möglich! Allzuhold erklang mir seine Stimme Wird ein Gott mir's in die Seele legen, Allzusüss beseligte sein Kuss mich! – Doch des Gottes Stimme, das Orakel, Sprach es nicht von einem Ungeheuer?» – Unentschlossen bringt sie so den Tag hin, Unentschlossen bringt sie hin den andern. In der Nacht träumt sie von Schreckgestalten Ihres Gatten, fährt an seiner Seite Aus dem Schlaf empor, mit angst-erpresstem Schrei, und endlich schmiegt sie, zitternd, enger Sich an ihn, den Liebsten, gleich als wollte Schutz vor ihm sie suchen bei ihm selber. Aber zu sich spricht am dritten Tag sie: «Warum sollt' ich es nicht doch versuchen Mit der Lampe? Zeigen wird ihr Glanz mir, Ob er wirklich ein so grauser Unhold. Und gewahr' ich, dass er ist ein Unhold, Wird ein Gott mir's in die Seele legen, Ob ich folgen soll dem Rath der Schwestern, Zücken soll mit diesen schwachen Händen Gar den Dolch auf ihn ... Nein – nie vermöcht' ich's! Aber dichter stets sinkt bösen Zweifels Mehlthau nieder auf ihr schönes Eden, Und ihr junges Herz, es schrumpft zusammen, Wie, von einem Raupenknäu'l umkrochen, Schnöd verdorrt im Lenz die Mandelblüte. Wieder kommt die Nacht; und dunkel wieder Naht der Unbekannte, ruht bei Psyche. Und je mehr sie zweifelt an dem Liebsten, Desto wesenloser ihr erscheint er, Desto ungewisser die Gestaltung, Während sie ihn hält in Liebesarmen. Diese Nacht – ihr Loos entscheiden soll sie. Ach, was wird sie bringen? Er ein Scheusal! Hat sie nicht geliebt ihn, er geliebt sie? O des Grau'ns, geliebt von einem Scheusal Werden – o der Schmach, ein Scheusal lieben! – Stern um Stern begann hinabzusinken. In dem tiefsten Schlafe lag der Gatte, Zitternd küsste noch einmal ihn Psyche, Eh' sie leise glitt herab vom Lager. Und nun schleicht hinaus in's Vorgemach sie, Holt von dort die Leuchte, die entfachte, Und dass nicht ihr Schein den Schläfer wecke, Birgt, eh' sie dem Lager sich genähert, Hinter'm Rücken klüglich sie die Lampe. Hinter sich sie haltend, schreitet langsam, Zaudernd, schwindelnd, vorwärts sie; nicht merkt sie, Dass der Lampe Flamme, aufwärts züngelnd, Ihr das zarte Flügelpaar versengte ... Wie das Herz ihr klopft, die Kniee zittern! Tödten will es einen wilden Drachen, Dieses Kind, so zart an Seel' und Leibe? Angelangt nun ist sie vor dem Lager; Doch sie wagt nicht hinzublicken – seitwärts Wendet sie das Haupt, und während schüchtern Mit der einen Hand sie hebt die Lampe, Deckt sie mit der andern sich die Augen Einen Augenblick so steht sie zögernd. Aber endlich sich ermannend, zieht sie, Rasch entschlossen, weg die Hand vom Auge, Wirft, das Herz in wilder Unruh pochend, Einen Blick auf die Gestalt des Schläfers ... Und vor ihren Augen lag, geflügelt, Schöner als ihr Traum, ein Götterknabe. Goldner Glanz ging aus von seinen Locken, Blendend fast; der Wangen Purpurblüte, Und das Liljenweiss der andern Glieder War so zart, so rein, wie das Geblätter Morgendlich erschloss'ner frischer Knospen. Unbeschreiblich lieblich war das Antlitz. Und ein Wonnehauch umfloss den Knaben, Strömte von ihm aus, den Sinn berückend. Träumerisch auch, wie in Liebeswonne, Zitterten des leuchtenden Gefieders Zarte, goldne Spitzen, farbig schillernd. Zart erschien der Leib, wie der des Knaben, Blühend wie des Jünglings Leib erschien er, Leuchtend wie des Mann's in reifer Schönheit, Und holdselig doch wie der des Kindes. Lieblicher als alle Menschensöhne, Hehr erschien er wie ein Götterwesen; Und es fühlte die erschrock'ne Psyche, Tödten müsste seines Blickes Strahl sie, Wenn er plötzlich öffnete die Augen. Zu den Füssen jetzt des Wunderknaben Sieht sie liegen einen gold'nen Köcher, Edelsteinbesetzt; die gold'nen Pfeile Leuchteten daraus wie Sonnenstrahlen. Und der Bogen lehnte bei dem Köcher, In des Regenbogens Farben schimmernd; Von der Sehne kam ein leises Klingen. Und nun wusste Psyche, wonneschauernd, Wer ihr göttlich schönes Ungeheuer! Nach den Pfeilen mit verwirrten Sinnen Greift sie, wie ein Kind nach buntem Tande. Weh, da ritzte sie den ros'gen Finger, Und ein Glutstrom quoll ihr durch die Adern. Liebeglühend neigt sie zu dem schönen Schläfer sich; nicht satt, ihn zu betrachten, Kann sie werden, einen Kuss zu drücken Sehnt sie sich auf seine Liljenstirne: Plötzlich aber scheint er sich zu regen – Sie erschrickt – die Lampe, leis' erschüttert, Von der Flamme Spitze einen Tropfen Heissen Öhls verspritzt sie, der mit ros'gem Brandmal sengt die Haut des Liebesgottes. Er erwacht. Mit einem Schmerzensseufzer Zuckt er aus dem Schlaf empor. Die Blicke Vorwurfsvoll und ernst auf Psyche richtend, Welche, wie von einem Blitz geblendet, Sinkt vor ihm zu Boden, spricht er zürnend: «Mit der Lampe trittst du, mit dem Dolche An das Lager deines Vielgeliebten?» Zitternd kauert Psyche ihm zu Füssen Und umklammert unter heissen Thränen Seine Kniee schluchzend, gnadeflehend. Ihn umschlingend, krampfhaft hält sie fest ihn. Doch er schwand hinweg aus ihren Händen, Und er schwand hinweg aus ihren Augen, Setzte fort zu ihr die ernste Rede Von dem Wipfel eines Palmenbaumes In Gestalt des weissgefleckten Hähers, Doch mit Lauten einer Menschenstimme: «Lebe wohl, du argbethörtes Mädchen! Nimmer wirst du nun mich wiedersehen, Nimmer wirst du ruhn in meinen Armen, Nimmer wirst du hören meine Stimme! Nie beglückt dich mehr das traute Dunkel, Welches du verscheucht mit frecher Leuchte!» Schier vor Jammer bricht bei diesen Worten Psyches armes Herz, das, von des Gottes Pfeil geritzt, vom Anblik seiner Schöne Heiss entzündet, willenlos und leidvoll, Ganz ermisst die Allgewalt der Liebe. «Wie verblendet, ach,» so rief sie, «war ich, Dass ich so geliebt die tück'schen Schwestern! Du nur füllst ja meine ganze Seele, Und ein Nichts ist nun die ganze Welt mir! Ach, vergib! Nie hätten so die Schwestern Mich bethöret, hätte des Orakels Götterstimme nicht, im Bund mit ihnen, Mich verwirrt, dass ich an dir gezweifelt!» Antwort kam ihr von der Palme Wipfel: «Sagte des Orakels Götterstimme, Dass ich sei ein wildes Ungeheuer, Musste dir des Herzens Stimme sagen, Dass ein Gott ich! Doch du, Psyche, liebtest Mich nicht wahrhaft noch, mit ganzer Seele, Und so hast du schnöd' an mir gezweifelt. Offenbaren dir mein wahres Wesen Könnt' ich im Gemüth nur: nimmer dürfen Götter Menschen, wie sie sind, in voller, Ungedämpfter Herrlichkeit sich zeigen. Hat nicht Semele gebüsst den Vorwitz, Als sie sah den Gott in seinem Glanze? Oft so büssten eines Gottes Anblick Sterbliche mit raschem, frühem Tode, Wahnsinn, Schwermuth oder anderm Leide. Wer geschaut hat überird'sche Schöne, Angeschaut in ihrem vollen Glänze, Für das ird'sche Glück ist er verloren. Solches wissend, naht' ich unverwandelt, Aber in des Dunkels tiefstem Schleier Dir, und deinem Herzen überliess ich's, Liebend sich ein Bild von mir zu träumen. Doch dem Neid der Menschen und der Götter Ward zum Opfer dieses stille Glück nun! Unglücksel'ge, du erlagst der Prüfung! Nun bist du ein sterblich Mädchen wieder, Nicht mehr die beflügelte, die Gattin Deines Amor: rächend hat das Werkzeug Deiner eig'nen Frevelthat, die Lampe, Dir hinweggesengt die gold'nen Flügel, Welche dir gesprosst in meinen Armen. Lebe wohl denn, Psyche! dich geliebet Hab' ich, wie den Strom die Lotosblume, Wie den Strand des blauen Meers die Myrthe, Und zum Wohnsitz hatt' ich mir erkoren Deine Seele. Nun bist du verhasst mir, Und ich grolle dir, und sühnen wirst du, Was du hier verbrachst, mit schwerem Leide!» So mit Lauten einer Menschenstimme Sprechend, hob der Vogel in die blauen Lüfte sich, und schwand im höchsten Äther. Wie entseelt, sinkt Psyche stumm zu Boden. Und als wieder sie erwacht, da findet Sie sich fern entrückt der Liebesinsel, Ferne dem Palast, dem Zaubergarten; Steinig, wüst ist ringsumher die Gegend. Vierter Gesang Ausgestossen aus dem Paradiese Durch der neid'schen Schwestern bösen Anschlag War nun Psyche. Aber froh nicht wurden Des Gelingens ihres Anschlags diese. Denn als neugierglühend sie des andern Tags zum Felsen stürzten, zu erkunden, Ob gefolgt dem bösen Rath die Schwester, Wähnend, tragen würde sie der Zephyr, Wie vordem er immer sie getragen, Anvertrauten sie, wie sonst, dem Wind sich, Mit dem Fuss hinaus in's Leere hastend. Aber Zephyr, keine Schwinge regend, Lachte tückisch, und in's Bodenlose Taumelt hin das Paar, das schnöde, kläglich Haupt und Glieder am Geklipp zerschellend. Aber Psyche auch will nicht mehr leben. Fortgeeilt auf unwegsamen Pfaden Ist sie bis in's öde Waldgebirge, Und verzweiflungsvoll von eines Abgrunds Rand springt sie hinab, den Tod zu suchen. Doch auf eine blumig weiche Stelle Gleitet sie in dicht begras'ter Thalschlucht, Wo soeben auf dem grünen Rasen, Zwischen dessen Gräsern Hyacinthe Blüht und Krokus, heiter sich gesellen Holde Nymphen, schlingend einen Reigen In der Mädchen Mitte tanzte, tollte Eine Mannsgestalt mit Ziegenfüssen, Zweien Hörnchen, einem langen Bocksbart, Einen Fichtenkranz um's Haupt geschlungen, Und ein zottig Luchsfell um die Schultern; Tanzt im Bockssprung, spielt mit heller Syrinx Auf zum Tanz sich selber und den Nymphen. Doch als plötzlich mitten in den Reigen Stürzt vom Fels das arme Kind, dass schreiend Auseinanderstieben die Erschrocknen, Da erbarmt der gutgelaunte Waldgott Sich des Mägdleins, trägt in seine Hütte Die Betäubte, weckt sie neu zum Leben, Labt mit Milch sie, Brot und süssen Feigen, Spielt ihr zur Erheit'rung auf der Flöte. Auch die Nymphen nah'n sich, wissbegierig, Fragen nach des zarten Mädchens Schicksal, Hören staunend, mitleidsvoll die Kunde, Trösten mit Gesang und Tanz die Ärmste. Doch am freundlichsten der Waldgott redet Zur Verstoss'nen, räth ihr fortzuwandern, Muthig den Geliebten aufzusuchen, Zu versöhnen ihn mit Liebesworten. «Aber ach,» versetzte Psyche traurig, «Wo ihn finden? Ist er doch geflügelt, Und von allen Göttern keiner wechselt Wohl so rasch den Aufenthalt wie dieser!» «Freilich wohl!» versetzt darauf der Waldgott; «Kenn' ihn ja, den leicht beschwingten Liebling Aller Götter, hab' vor Zeiten selbst auch Kunstgerecht einmal mit ihm gerungen. Wo er eben weilt? ich kann's nicht sagen. Aber willst du Sicheres erkunden, Nah' hier haus't im tiefsten Eichenforste Eine greise Seherin, befreundet Gar dem Lichtgott selbst, dem allbewussten.» Weiter wandert die betrübte Psyche, Bis sie stösst im tiefsten Eichenforste Auf des Lichtgotts hochbetagte Freundin. Und sie wandte sich zu ihr und fragte Nach der Spur des Gottes. Drauf die Greisin: «Überall zu Hause sind die Götter, Alle Wege führen zu den Göttern.» Psyche seufzt: «Wohin in dieser Weite Nehm' ich meine Richtung?» Drauf die Greisin: «Blick' um dich, und nach dem fernsten Punkte, Den du siehst, stets lenke deine Schritte!» Wieder flehte Psyche: «Zeig', ich bitte, Zeig' den nächsten Weg. der führt zum Gotte!» Sprach die Greisin: «Was dich führt zum Gotte, Ist der Weg nicht, Kind, es ist das Wandern!» Weinend Psyche klagt: «O wie die Sehnsucht Ungeduldig mir im Busen wüthet!» Jene drauf: «Je grösser deine Sehnsucht, Desto näher, Kind, bist du dem Ziele!» Fortfuhr Psyche: «Ach, und wenn ich nahe, Nah' gekommen ihm nach langer Wand'rung, Wird er mir sich zeigen wollen? wird er Nicht sich spröd' in Nebelschleier hüllen, Mitleidslos entschwinden?» Drauf die Greisin: «Eine Glut der Sehnsucht gibt's, der Inbrunst, Der kein Gott vermag zu widerstehen.» – Mild getröstet, aber doch voll Unruh' Ging von hinnen Psyche. Rastlos wandert Über Berg und Thal sie durch die Länder, Wund den Fuss, zerrissen die Gewände, Aus dem Waldborn trinkend und sich nährend Von der Sträucher Beeren, von der Bäume Früchten, die auf ihrem Weg sie findet. Ach, den schönen Gott stets muss sie suchen , Und auch flieh'n zugleich: der Liebesgöttin Tempelsitze, wo vielleicht auch Amor Eben weilet mit der holden Mutter, Darf sie ja nicht wagen aufzusuchen, Arg bedräut vom Zorn der Schaumgebornen. Und so wandert sie denn rathlos, ziellos, Aber eingedenk des Worts der Greisin. Wenn im Waldesdickicht sie geschlummert, Geht erwachend sie am Morgen dahin, Wohin just die Blumen ihre Kronen Neigen, oder Palmen ihre Wipfel, Oder wohin rieselnd geh'n die Wasser, Oder folgt dem Zug der Wind' und Wolken, Folgt der stillen Strömung aller Wesen, Die ihr ja vertraut wie Brüder waren, Und ihr allgesammt zu wandern schienen Nach demselben Ziel, dem schönen Gotte. Und die Wesen alle waren ihr auch Wohl- und trautgesinnt: des Waldes Thierlein Gingen gern mit ihr ein Stück des Weges, Und wenn wo sie rastete, ermüdet, Blieb das Eidechslein in ihrer Nähe, Das den Menschen gern bewacht im Schlafe, Dass kein giftiges Gewürm ihn steche. Oftmals klagte Psyche: «Ach, was hilft mir's, Wenn mir traut und hold sind alle Wesen, Doch erbarmungslos der Vielgeliebte! Denn wie heiss ich auch nach ihm verlange, Stets an ihn nur denke, zu ihm flehe, Nimmer, nimmer will er doch erscheinen! Werd' ich niemals seine süssen Züge Wieder schau'n, sein Auge, seine Wangen, Wie ich sie entdeckt mit freud'gem Schrecken Bei dem Schein der frevelhaften Lampe? O dass ich zum mind'sten seine Stimme Noch einmal vernähme – dass noch einmal, Wenn auch ungeseh'n, er zu mir spräche, Wie er unsichtbar zu seiner Psyche Sprach vor Zeiten, kosend oder scheltend! Ach, er ist ein schöner Gott; doch wahrlich, Halb doch hatten Recht die neid'schen Schwestern: Unheilbringend ist er auch und grausam, Und geflügelt – ganz ein grimmer Drache!» Also klagt auf ihrer langen Irrfahrt Psyche schmerzlich oft, und wenn der Schlummer Nächtens sinkt auf ihre müden Lider, Wird sie heimgesucht von bösen Träumen, Wie der Liebesgott sie quält im Zorne. Meist als Falter sieht sie sich im Traume, Um das Licht der Liebesfackel flatternd; Oder Amor kommt als Vogelsteller, Hascht den Falter, fasst ihn bei den Flügeln, Setzt ihn auf die Hand sich, hebt empor ihn, Triumphirend, bindet wie ein Range Ihn an einen Faden, lässt ihn fliegen, Hält ihn sengend über eine Flamme, Gleich als wollt' er läutern ihn im Feuer. Manchmal spannt er sie an seinen kleinen Muschelwagen, spannt sie manchesmal auch Gar an einen Pflug, in Sonnengluten Steinig Ackerland mit ihr durchpflügend. Manchmal bindet er an eine Säule Sie, wie über eine schuld'ge Sklavin Eine Geissel schwingend, unerbittlich. Sinkt sie dann zu seinen Füssen nieder, Hebt empor zu ihm die Hände, flehend Um Erbarmen, dann wohl scheint ihn Mitleid Plötzlich zu beschleichen und er wendet, Eine Thräne aus dem Aug' sieh trocknend, Sein Gesicht. Bei'm Anblick solcher Thräne Schöpft sie Trost in die gekränkte Seele, Sprechend zu sich selbst: «Es muss wohl gut sein, Dass ich leide; würd' er sonst mich quälen?» Über Berg und Thal fort wandert Psyche. Spricht zu ihr einmal ein harmlos Schlänglein, Das sich ringelte im Sonnenscheine: «Komm und suche Rath bei meiner Herrin; Komm zu ihr in jenen Marmortempel, Schutz und Hülfe dir von ihr erflehend!» Schüchtern in den Tempel trat das Mädchen; Sieh, da sass auf blum'gem Thron die blonde, Üppig schöne Göttin, auf dem Haupte Einen Ährenkranz, ein Ährenbündel In der Hand, und einen Korb voll Ähren Auch zu Füssen. Flehend bat sie Psyche, Mittlerin zu sein ihr bei dem schönen Liebesgott und seiner strengen Mutter. Aber barsch erklang ihr eine Stimme: «Fort von hier! an dieser heil'gen Stätte Ist nicht Raum für solch' ein schweifend Mädchen, Das verletzt hat ewige Gesetze! Hast du nicht zerstört die heil'gen Bande, Die so traut verknüpften Sohn und Mutter? Gegen eine Mutter, welcher frevelnd Du den Sohn entrissen, heischest Hülfe Du von einer Mutter, die das eig'ne, Frevelhaft entriss'ne Kind betrauert?» Eilig flüchtet Psyche. Besser rathen Will der Pfau ihr, will der Frühlingsguckuk. Komm,» so sprechen sie, «zu uns'rer Herrin, Zu der Gattin komm des Göttervaters, Rath und Hilfe dir von ihr erflehend.» In den stolzen Marmortempel wagte Schüchtern Psyche sich, wo liljenarmig, Farrenäugig sass, in Prachtgewanden, Hoheitsvoll, den Fuss in Goldsandalen, Um das Haupt den sterngeschmückten Schleier, Juno, die erhab'ne Himmelsherrin. Wieder flehte Psyche: «O versöhne, Götterfürstin, mich dem pfeilbewehrten Liebesgott und seiner strengen Mutter!» Aber barsch erklang auch hier die Stimme: «Hebe dich von hinnen! Heil'ge Satzung, Fromm geschloss'nen Ehebund nur schirm' ich, Nicht die Tändelei verliebter Herzen! Von des Göttervaters Ehgesponsin, Die des Gatten Liebeslaunen zürnend Stets verfolgt, und in den Tod, in Wahnsinn Strafend jagte seine ird'schen Buhlen, Heischest du, dass sie die flücht'ge Thorheit Fördere des eitlen Götterknaben? Fort! sonst trifft das Schicksal der Erzeugten Inachos' dich, des Ägypterkönigs!» Wieder flüchtet Psyche. Jetzo drängte Sich der Wolf des Lichtgotts, sich der Rabe, Sich der Schwan heran zu ihr, wohlmeinend, Sprechend: «Unserm Herrn, dem schönen, hohen Gott Apollo, Kind, dich anvertraue! Ihm, dem Gott, der bändigt alle Schrecken, Ihm, dem grossen Heilgott, dem Befreier!» Und das herrlichste der Götterbilder Sah sie stehn in stolzer Marmorhalle, Sieghaft schreitend, glanzumstrahlt die Stirne, Heldenhaft das stolze Haupt erhoben, Aber weich umwallt von gold'nen Locken. «Hehrer Licht- und Heilgott,» sprach sie flehend, «Wirf den Strahl des Lichts in meine Nacht auch, Und erlös' auch mich von meinem Übel; Mache mir geneigt die Liebesgöttin, Und versöhne mich dem holden Amor!» Antwort klang ihr aus des Priesters Munde: «Nicht umsonst des Lichtgott's heil'ger Schwelle Nahst du, Mädchen! Gerne wird erhellen Deines Herzens Nacht er, gern befreien Dich auch von dem Übel! Doch das Übel, Das dich quält, o Kind, es ist der schöne, Aber unheilvolle Liebeswahnsinn, Der die Herzen füllt mit bittrem Leide. Aus dem Herzen dir die Liebe tilgen, Und das holde Bild, wofür du glühest, Muss der Gott mit seiner Strahlen Zauber, Soll er dich von deinem Leid erlösen!» «Aus dem Herzen mir die Liebe tilgen?» Stammelt Psyche bleich, erschrocken; «nimmer! Nimmer möcht' ich von der Liebe lassen; Lieber trag' ich Leid durch's ganze Leben!» Und sie eilt von dannen, raschen Schrittes, Angstvoll flüchtend vor des Gottes Strahlen. Während so umher das Mädchen irrte, Schmachtete der Liebesgott, der holde, In der Haft der schönen strengen Mutter. Als er los von Psyche sich gerissen, Fühlt' er Leid im Herzen, aber Schmerz auch Fühlt' er von der Wunde, die der Tropfen Glüh'nden Öhles in die Haut ihm brannte. Seufzend lag im goldenen Gemach er. Aber Kypris wiegt' in blauer Meerflut Badend just die Götterpracht der Glieder. Sieh, da kam der silberweisse Vogel, Welcher glättend streift des Meeres Hochflut, Und sein schwimmend Nest baut in den Wogen, Gern den silberfüss'gen Meerfrau'n dienend: Er berichtet der erschrocknen Göttin, Dass ihr Sohn in Leid darniederliege, Krank an einer Wunde, die ein Mädchen, Das er liebt, mit einem schnöden Tropfen Glüh'nden Öhles in die Haut ihm brannte. «Wie?» rief Kypris hocherzürnt, «mein Knabe Hat ein Liebchen? ei, wer ist die Kühne, Die's gewagt, den bartlos eitlen Knaben Zu verführen? Ist's der Nymphen eine? Ist sie von der Horen Zahl? der Musen? Ist es meiner muntern Grazien eine?» Scherzhaft drauf der dienstbefliss'ne Vogel: «Nicht der Grazien eine, noch der Nymphen, Nicht der Horen, noch der Musen eine Hat dein Söhnlein dir berückt; ein sterblich Mädchen – Psyche, dünkt mich, ist ihr Name – Ist's, die unablässig nach ihm trachtet.» Ausruft unmuthsvoll die holde Kypris: «Psyche liebt er? jene eitle Psyche, Die sich unterfing, zu meiner eig'nen Nebenbuhlerin sich aufzuwerfen, Meinen Namen selbst sich anzumassen? Meint er, schweigend werd' ich Solches dulden? Etwa gar das Püppchen ihm vermählen?» Eilig taucht mit diesen Zornesworten Aus dem Meer die holde Liebesgöttin. Angelangt im goldenen Gemache, Ruft entgegen sie dem kranken Sohne: «Ei, was muss ich hören? Meine Feindin, Welche zu verderben ich dich sandte, Hast du gar zum Liebchen dir erkoren? So vollzogst du meinen strengen Auftrag? Mir zu geben sie zur Schwiegertochter Denkst du, tück'scher Knabe? Ja, ein Knabe Bist du, bist ein Kind – ein thöricht Kind nur, Und du denkst an Liebschaft und Vermählung? Traun, der tollste ist's von deinen Streichen! Liebtest ja sie stets, die tollen Streiche, Kecken Muthwill treibend allerorten, Unheil stiftend, heil'ge Bande trennend, Ungeweihte knüpfend! Triebst dein Spiel ja Frevelnd selbst mit des Olymps Bewohnern! Hast du nicht mich selber, deine Mutter, Spielend auch mit deinem Pfeil verwundet? Ungerath'ner, dich Verstossen werd' ich, Einen andern Pflegling mir erlesen, Dem ich diese Flügel, diesen Bogen, Diese Pfeile schenke, die ich wahrlich Nicht zu solchen Thaten dir verliehen!» Ihr erwidert der beschwingte Knabe: «Was verbrach ich denn, dass gar so schwer du Mich verdammst, du sonst so traute Mutter? Einen Knaben nennst du mich? ein Kind nur? Weisst du nicht, wie alt ich bin? warum doch Wär's für mich allein nur ein Verbrechen, Liebend mir ein holdes Kind zu ködern? Ich, der so viel Liebesglut entfachte, Soll mich selbst auf ewig ihr verschliessen? Bist du nicht auch selbst der Liebe Göttin, Und du willst verdammen sie, die Liebe, Sie aus deinem eignen Haus verbannen? Und mein Thun, mein Wesen rügst du scheltend? Bin ich mehr gewesen als dein Sendling? Lebt' ich dienend nicht dir stets zu Willen? Warum machst du heute mir zum Vorwurf, Was dir sonst gefiel, und was, das Haar mir Streichelnd, nur mit einem holden Lächeln Du zu ahnden pflegtest? ei, und hast du Nicht seit Monden oftmals mich getadelt, Dass ich nicht derselbe mehr, dass ernster Ich geworden, dass in mir den muntern, Tollen Knaben kaum du mehr erkennest?» «Traun, so ist's!» versetzt die holde Venus. «Wohl gewahrt' ich, dass du jüngst verloren Ganz die schöne Munterkeit des Knaben, Dass kopfhängerisch, nachdenklich, schweigsam Du geworden; ja ich hörte seufzen Dich, und einmal meint' ich gar im Auge Des Unsterblichen, des Götterlieblings, Meines Sohnes, etwas wie ein Thränchen, Ja, ein menschlich Thränchen, zu erblicken. Pfui der Schande! Und das Alles, Alles Nur um jener schnöden Psyche willen? Krank an Thorheit bist du, liebes Söhnlein! Mutterpflicht mir ist es, dich zu heilen. Dich in strenger Haft zu halten denk' ich, Bis an Leib und Seele du genesen. Und zur Wächterin dir geben will ich Eine Greisin, die mir sonst verhasst ist. Dieses Weib – die Nüchternheit geheissen – Hässlich, hager, aber treu und wachsam, Wird dich pflegen, dir die Wunde kühlen, Wird vor neuen Streichen dich bewahren, Wird, wenn nöthig, deinen Köcher leeren, Deine Pfeile dir zerbrechen, schlaffer Spannen deinen Bogen, und, damit nicht Etwa gar die Lust zu flieh'n dich ankommt, Deiner Flügel Spitzen dir beschneiden!» So ereiferte die holde Göttin Vor dem Sohne sich, und wie gedroht sie, Hielt sie mitleidslos in strenger Haft ihn, Gab zur Wächt'rin ihm die strenge Greisin. In der That, verwandelt war seit Monden Ganz der schöne, munt're Götterknabe. Bleicher war geworden ihm die Wange, Scherz und Muthwill schienen jetzt verhasst ihm, Und er hatte schier verlernt zu flattern. Taglang lag er, sass er, sinnend, träumend, Und, wie Psyche, hatt' auch er gar bange, Böse Träume Nachts in seinem Schlummer. Er auch sah im Traum von seiner Liebsten Sich gepeinigt oft in schnöder Weise, Er auch sah von ihr vor einen Wagen Sich gespannt, in's Joch geschirrt, mühselig Wüstes Feld zu pflügen, sah gefesselt Sich, an eine Säule festgebunden, Sah von ihr als Vogel sich gefangen Und zu Markt gebracht in einem Käfig, Sah von ihr sein Flügelpaar beschnitten Oder ausgerissen, sah, die Arme Auf dem Rücken festgeschnürt, erbärmlich Unter ihren Händen seinen Bogen, Seinen Köcher auch mit allen Pfeilen In den Flammen aufgeh'n und verkohlen. Immer dacht' er schmerzlich nur an Psyche. Sehnsuchtsvoll verlangt' er sie zu sehen, Wieder sich an ihrem Kuss zu laben; Und je mehr er liebte, desto bitt'rer Grollt' er ihr, dass schnöd' sie mit dem ihren Auch sein schönes Liebesglück vernichtet. Eines Tages flog ein bunter Falter Zu ihm in's Gemach, das streng verriegelt War für Götter und für Menschen. Flatternd Eine Weile, setzt' auf Amors Bogen, Der zur Seit' ihm lag, bedeckt von Staube, Sich zuletzt der Falter, kroch entlang dann Auf und ab des Bogens Strang und Bügel, Ungescheut, und liess sich nicht verscheuchen. Ihn betrachtete gespannt der Knabe. Psyche sah er jetzt in jedem Falter; Und nun überkam ihn der Gedanke: Ach, vielleicht hat gar die strenge Mutter Das geliebte Mädchen mir verwandelt, Und es muss nunmehr auf zarten Schwingen Flattern durch die Lüfte, jedes Windes Spiel und jedes wilden Knaben Beute! O gewiss, sie ist's, die arme Psyche! War' sie sonst mir in's Gemach geflogen? Ganz in meine Nähe drängt sie traut sich, Kriecht entlang des Bogens Strang und Bügel, Will nicht weichen! – Also denkend, streckt er Aus den Daumen und den Zeigefinger, Und ergreift den Falter bei den Flügeln Sacht, und spricht zu ihm mit Koseworten: «Sei gegrüsst mir, mein geliebtes Seelchen; Habe sehnsuchtsvoll nach dir geschmachtet!» Und er drückt ein Küsschen auf des Flatt'rers Bunte Flügelpracht, hinzu noch fügend Manche traute, süsse Liebesrede. Und dann plötzlich wieder fasst der Groll ihn, Und er denkt des schmählichen Verrathes, Denkt des glüh'nden Tropfens, dessen Brandmal Seinen blüh'nden Götterleib entstellte. Und schon ist er d'ran, dem armen Falter Auszuzupfen seine bunten Flügel, Zu zerquetschen mit den Rosenfingern Seinen zarten Leib ihm: und so schwankt er, Thöricht eifernd, zwischen Zorn und Liebe. Solches sah und hört', im Winkel kauernd, Finstern Blicks die Hüterin, die greise. Und sie hinterbracht' es flugs der Göttin. Diese, merkend, dass in Liebesthorheit Unverbesserlich ihr Söhnlein rase, Und vergebens Späher durch die Lande Nach der Spur der Schuldigen entsendend, Rafft sich zürnend auf, in den Olymp sich Zu begeben und den Götterboten Anzuwerben als beschwingten Helfer. Von den Schwärmen sanfter Turteltauben, Welche um das Haus der Herrin nisten, Schweben vier heran, schneeweiss befiedert, Beugen ihre schillernd bunten Hälse Freudig in das Joch des gold'nen Wagens, Welcher Kypris trägt zu lichten Höhen. Durch die Wolken aufwärts mit der Göttin Hebt das Glanzgefährt in's höchste Blau sich, Von der Vögel Schaaren dicht umflattert, Welche schmetternd, jubelnd, freudeschwelgend, Mit dem süssesten Gesang des Äthers Weiten Raum erfüllen; scheu zur Seite Weicht der Habicht, weicht der stolze Aar selbst, Vor den Tauben und den andern Schwärmen Munt'rer Vogel im Geleit der Göttin. Angelangt in den olymp'schen Höhen, In den gold'nen Saal eintritt die Huldin Und Mercur, den fussbeschwingten Boten, Grüsst sie freundlich, spricht zu ihm die Worte «Niemals, wie du weisst, mein theurer Bruder, Hat gehandelt ohne deinen Beistand Deine Schwester Kypris. Wieder heisch' ich Deine Hilfe nun: ein Mädchen such' ich, Das an mir, wie nie ein Weib, gefrevelt. Ihre Spur verlor ich, und nicht weiss ich, Wer ein heimliches Asyl ihr bietet. Dir nur ist es möglich, theurer Bruder, Hinzueilen auf beschwingten Sohlen, Hin in alle Länder, zu verkünden Allem Volke, was ich jetzt dir sage: Götterzorn wird treffen unversöhnlich Alle, die dem Mädchen Schutz gewähren! Jenem aber, der in meine Hände Liefert diese Schuldige, Verhasste, Soll – beim Styx geschworen sei's – der Preise Höchster werden: sieben süsse Küsse Von dem Munde selbst der gold'nen Venus!» Kypris sprach's, und seine Flügelsohlen Unterband sich rasch der Götterjüngling. Zu den Völkern hin in alle Lande Bracht' er unverweilt die Götterbotschaft: «Götterzorn dem Frevler, unversöhnlich, Welcher schützt der hohen Liebesgöttin Flücht'ge Sklavin Psyche: doch der Preise Höchster dem, der sie nach Paphos liefert Als Gefang'ne: sieben süsse Küsse, Von dem Mund der gold'nen Venus selber!» Allenthalben regte die Gemüther Mächtig auf die hohe Götterbotschaft, Und in Aller Mund war wieder Psyche. Angespornt von jenem höchsten Preise, Glühte jedes ird'schen Mannes Seele, Lechzend nach dem Kuss der Götterlippe. An ein Spüren ging es, an ein Lauschen, An ein Jagen nach der armen Pilg'rin, Dass sie nirgends mehr sich sicher fühlte, Als im Walde, bei den wilden Thieren, Die bei sich sie bargen in den Höhlen. Tiefer Gram erfasst sie und Verzweiflung. Doch zuletzt so zu sich selber spricht sie: «Wie, wenn ich der Göttin, gnadeflehend, Demuthsvoll mich würfe selbst zu Füssen? Gradehin nach jenem Orte ginge, Welchen ich am ängstlichsten gemieden? Weilt zu Paphos nach des Götterboten Kunde jetzt die Göttin, weilt gewisslich Auch der Sohn, mein heissgeliebter Amor, Ebendort jetzt im Gefolg der Mutter, Und vielleicht ihn wiedersehen werd' ich! O, ich will die Zürnende versöhnen! Mich zur Magd, zur Sklavin ihr verdingen! Mag sie quälen mich, mag sie mich schlagen, Keines bittern Leides will ich achten; Alles Schwerste will ich gern vollbringen, Weiss ich nur mir nahe den Geliebten!» Also spricht bei sich die Müdgehetzte, Rafft sich auf und wandert hin gen Paphos. Angelangt im Heiligthum der Göttin, Wird die Zitternde von einem Boten, Den gesandt die hocherfreute Venus, Hingeleitet nach verborg'nem Orte, Wo, für Menschen unzugänglich, aufschlug Ihren ird'schen Sitz die Liebesgöttin, Wo in Rosenlauben, dornenlosen, Hof sie hält, und strahlenden Gemächern. Wie geblendet sank zu Boden Psyche, Als sie schaute Jovis hohe Tochter, Die, umgeben von der Grazien Dreizahl, Ihr entgegentrat, nicht in dem vollen Glanze des Olymps, nur wie zur Noth es Noch ertragen mag ein sterblich Auge. Fremde Düfte, fremde Harmonien Weben sinnverwirrend durch die Halle, Und die schwindelnde, die arme Psyche, Spät erst wagt sie, durch der Grazien trautes Wort und lächelnd milden Blick ermuntert, Ihre sanften Augen aufzuschlagen Zu der stolzen Götterfrau, und knieend, Flehend mit erhob'nen Händen spricht sie: «Nimm mich auf zur Sklavin, hohe Göttin! Zücht'ge mich, denn büssen will ich gerne, Auch was ich unwissentlich gefrevelt! Ach, wenn jemals mich, ein sterblich Mädchen, Menschen, thöricht-blind, mit dir verglichen Zürne nicht, denn nur mit deinem Bild ja, Das sie sich gemacht von deiner Schöne, Konnten sie des Mädchens Reiz vergleichen, Nimmer mit dir selbst, die sie nicht kannten! Und wenn, ach, mir unverdient zu Theil ward Deines Sohnes Huld, o, so bedenke, Dass es stets der Götter Art gewesen, Schönstes Recht der Götter, schönste Tugend, Dass zu Menschen sie herab sich lassen, In ein sterblich Herz ein Theilchen giessen Ihres Glanzes, ihrer Götterwonne. Leidvoll, dürftig ist des Menschen Wesen, Ohne Götterhuld muss er verderben. Hast du selbst, der Götterfrauen schönste, Als Gemahl, ach, hab' ich's nicht gesühnet? Nicht schon dadurch, dass ich ihn verloren ? Dadurch, dass so kurz mein Glück gewesen? Nimmer ja verlang' ich seine Gattin Fernerhin zu heissen; Eins nur will ich: Dienen dir und ihm – als Magd, als Sklavin! So das Mädchen, demuthsvoll und schüchtern. Hehr die Göttin stand, die siegbewusste, Froh des unverwelklich hohen Reizes; Gegenüber ihr des Staubes Tochter, Blass, verwelkt im Leid der langen Irrfahrt. «Ei, Nachtfalterchen,» versetzt, des Mädchens Bleiches Antlitz, ärmliche Gewande Musternd, Kypris, «wie zerzaus't, verblichen Deine Flügel sind! was ist geworden, Kind, aus deiner vielgepries'nen Blüte? Wie verblendet warst du, eitles Mädchen, Statt der Freier schönsten dir zu wählen, Als noch rosig leuchtete dein Wänglein, Einem Gotte schweifend nachzutrachten, Durch die ganze Welt ihm nachzujagen, Hungernd, dürstend, siech, in Frost und Hitze, Wack'rer Erdensöhne Trost verschmähend, Widerstehend jeglicher Verlockung! Siehst du nun, was allzuhohes Trachten Dir gebracht zum Lohn? zur Vogelscheuche Wardst du schier, und jener blöde Knabe, Den du krank gemacht mit deinen Reizen, Wird, dich wiedersehend, rasch genesen – Herzlich schämen sich des einst'gen Liebchens!» Sprach's, und ging von dannen, reizvoll lächelnd Psyche seufzte, schluchzte, doch da nahten Tröstend hold sich ihr die heitern Grazien. «Ob die Göttin», sprachen sie voll Mitleids, «Ärmste, dich auch ganz beraubt der Schönheit, Zage nicht; wir geben im Geheimen Etwas dir von jener Zauberschminke, Welche wir verwahren, welche Kypris Selbst aus unsern Händen nimmt, und welche Hässliche sogar mit Huld umkleidet!» Jetzo kam ein Diener, führte Psyche Fort in eine enge, dunkle Kammer, Wies ein Lager ihr auf welken Blättern, Sperrte dann die Thür mit eh'rnem Riegel. Aber Psyche ruhte sanft und wohlig Auf den welken Blättern, denn sie wusste, Dass, ob auch getrennt durch eh'rne Riegel, Nah' sie schlumm're dem geliebten Amor. Fünfter Gesang Schöngeschmückt zu einem Götterfeste Ging des andern Tags die holde Venus. «Höre, Falterchen,» so sprach zu Psyche Sie, auf einen hochgethürmten Haufen Weisend, der bestand, hoch aufgegipfelt, Bunt-gemischt aus Körnern aller Arten: Roggen, Hirse, Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Mohn, und hundert andern Samen. «Höre, Falterchen, ein reizlos Mädchen Muss den Liebsten sich durch Fleiss verdienen. Will nun deinen Fleiss einmal erproben! Sondre diesen bunt-gemischten Haufen, Und wenn du die Körner jeder Gattung Hast für sich gelegt in schöner Ordnung, Zeig' vor Abend mir das Werk vollendet!» Sprach's und ging. Die arme zarte Psyche Stand verzagend vor dem Körnerhügel, Keinen Rath sich wissend: unentwirrbar Schien der Wust, unmöglich war's, vor Abend Gänzlich zu vollenden noch die Arbeit. Sieh, da kam ein Ameislein des Weges, Und die Noth erkennend, hatte Mitleid Sie mit Amors vielgeprüfter Liebsten, Tröstete sie wispernd, rief zusammen Ihre Schwestern dann von nah' und ferne. Kribbelnd, krabbelnd kam's in dichten Schaaren, Unabsehbar, wacker flugs beluden Sich die ems'gen Thierchen all': lebendig Schien der Häuf geworden und es krochen Auseinander wie von selbst die Körnlein, Art für Art auf's schönste sich gesellend. Von dem Feste, noch bekränzt mit Rosen, Kehrt des Abends heim die schöne Göttin, Und gethan das Wunder sehend, runzelt Sie die Stirn: «Das ist nicht deiner Hände Werk, du Schändliche! dir beigestanden Ist gewisslich der bethörte Knabe, Hat dir Helfer insgeheim gesendet!» Also scheltend wies in jene dunkle Kammer sie das Mädchen, liess ein Stück ihr Harten Brodes reichen, das mit Thränen Psyche netzt auf welkem Blätterlager, Spät entschlummernd, träumend von dem Liebsten. Andern Tags, als angeschirrt die Tauben Standen am Gefährt der gold'nen Kypris, Sie nach Knidos hoch durch's Blau zu tragen, Sprach zur Magd die Herrin, spöttisch lächelnd: «Falterchen, du bist ein hässlich Mädchen, Musst durch Klugheit dir den Mann verdienen! Siehst du dort die strauchbewachs'ne Halde Und auf ihr die goldbevliessten Widder, Die da weiden ohne Hirt und Hürde? Thiere sind's, gar hitzig und verwildert, Jeden, der sich naht, mit spitzen Hörnern, Ehr'ner Stirn und gift'gem Biss bedräuend. Sieh doch, Herzchen, wie du schlauer Weise, Wenn am Felsenborn bei den Platanen Ruh'n die Widder nach des Tages Hitze, Ungefährdet ein paar gold'ne Flocken Für mich magst aus ihrem Vliesse zupfen!» An des nahen Stromes Ufer traurig Wandelt Psyche lange Zeit, erwägend, Wie sie soll die wilden, scharfgehörnten, Giftgezahnten Widder überlisten! Und schon rollt vom Aug' ihr manche Zähre Bitter in den grünen Strom hinunter. Da beginnt's zu flüstern in dem Röhricht, Und Arundo spricht, die Binsen-Nymphe: «Liebchen Amors, wolle nicht verzagen! Trübe nicht mein heiliges Gewässer Mit gesalznen Thränen der Verzweiflung! Warte nur getrost, bis spät am Abend Müd' bei den Platanen ruh'n die Widder: Sacht dann schlüpfend in der Kräuter Dickicht, Wirst du finden manche Flocke Goldes An den Dornen und am dürren Astwerk, Die da hängen blieb, wenn Tags die Widder Ungestüm sich drängten durch's Gestrüppe!» Abends brachte heim die frohe Psyche Manche schöne Flocke weichen Goldes, Die herab vom Strauchwerk sie gelesen, Ungefährdet, nach dem Rath der Nymphe; Brachte sie der schönen, strengen Herrin. Leicht die Brauen kräuselnd, sagte diese, Spöttisch lächelnd: «Unbedankt, mein Püppchen, Bleibst du diesmal auch; dein kranker Buhle, Seh' ich, hat, obgleich in Haft, auch diesmal Rath gewusst für sein geliebtes Seelchen. Will noch besser ihn von heut an hüten!» Sprach's, und liess ihr eine Kruste harten Brodes reichen, wies sie barsch in's dunkle Schlafgemach auf's welke Blätterlager. Psyche wacht und seufzt, gedenk des Liebsten. Und am dritten Morgen sprach die Göttin: «Flatterseel'chen, bist ein garstig Mädchen, Musst durch Muth den Freier dir verdienen! Siehst du dort des Felsenberges Gipfel, Trüb umwallt von grauen Nebelmassen, Wo, genährt von Unterweltsgewässern, Ein gewalt'ger Born die dunklen Fluten Erdwärts wälzt in brausendem Gefälle? Auf, und bring' aus jenem Born mir styg'sches Nass, geschöpft hier in kristall'ner Urne!» Psyche klettert, wundgeritzt die Sohlen, Aufwärts zu dem Felsenquell des Berges. Weh! da ringeln sich zwei Flügeldrachen Zu des Bornes rechter, linker Seite, Rastlos Wache haltend, Zähne-fletschend, Bald die unabsehbar'n Riesenhälse Reckend hoch empor in's Nebelgrauen, Bald damit weit in die Runde züngelnd, Und aus ihren klafterweiten Rachen Ganze Ströme weissen Gischt's verspritzend. Zwischen ihnen wälzten sich die Wasser Abwärts, brausend, brodelnd, und mit dumpfem Röcheln scheinen rauschend sie zu rufen: «Rasch hinweg! was suchst du? rasch von hinnen! Rette dich! es ist um dich geschehen!» Psyche sieht's, bis tief in's Herz erbebend, Hebt den Blick nach oben, hilfeflehend. Schwebte just der Aar des Göttervaters Über dem Gebirg auf mächt'gen Schwingen. Dieser sah das schreckensbleiche Mädchen Zitternd steh'n mit der kristall'nen Urne, Und des zarten Kindes sich erbarmend, Rauscht er auf sie zu, gigantisch wachsend, Fasst in seine Klaue aus den Händen Der Erschrock'nen sacht den Krug, und taucht sich Tief damit in's Schaumgewölk, wo schnaubend, Doppelt zornig aufgeregt, die Drachen Ihn mit ihrem Geifer überschütten, Bringt sodann die randgefüllte Urne Flugs zurück, mit triefend nassen Schwingen, Aber unverletzt. Und freudig abwärts Mit der Beute eilt das zarte Mädchen. Leicht erblasst der Göttin Rosenwange, Und sie beisst sich in die Rosenlippe, Und es zuckt ihr, merklich kaum, ein Blitzstrahl Auf in dem olympisch heit'ren Auge. Und sie spricht: «Ei, Mädchen, Zauberkünste Scheinst du zu versteh'n! ein Hexchen bist du! – Doch, mein Püppchen, Eines noch vollbringe! Diese Büchse nimm, und damit mache Auf den Weg dich stracks hinab zum Hades! – Alles ja vermagst du! – und die Büchse Reichend dort der bleichen Todesgöttin, Sage: Venus bittet dich, ein wenig Ihr zu schicken von der wunderbaren Schönheitssalbe, die du hast; den eig'nen Reiz hat eingebüsst sie bei des kranken Sohnes Pflege ganz!» Und ohne Säumen Bring' zurück dann Büchse mir und Schminke!» – Fast entseelt, von Schreck gelös't die Glieder, Wusste Psyche erst kein Wort zu stammeln. Doch die strenge Göttin zu versöhnen, Dieser hoffnungsreiche Trostgedanke Blieb doch siegreich wieder ihr im Herzen. Ohne kurze Rast sich nur zu gönnen, Eilt sie fort, hinaus in's nächt'ge Dunkel. Doch wohin? wo klafft des Hades Pforte? Zweifelnd steht sie. Endlich sich besinnend, Eilt sie hin, die lange, lange Nacht durch, Bis im Frühroth ihr entgegenleuchten Eines Göttertempels weisse Zinnen. Der Proserpina geweihte Stätte War's, der Todesgöttin. Seine Schwelle Überschreitend wirft dem hundertjähr'gen Priester, dessen Bart schneeweiss zur Erde Wallt, sie sich zu Füssen, und die Kniee Ihm umklammernd, fleht sie: «Sag' mir, sage, O ehrwürd'ger Greis, wie zu des Hades Pforten ich gelange? Für die Göttin, Die zu Paphos herrschet, eine Spende Muss ich heischen von der Todesgöttin!» Sprach der Priester: «Im Lakonerlande, Nah' beim Tänarum, ein abgeleg'ner, Dunkler Hain birgt eine wilde Felskluft. Diese Kluft, sie ist des Hades Pforte. Dicht verkleidet aber mit Gewächsen Ist der Eingang rings, und eng der Felsspalt, Sich auf Mannesbreite dem nur öffnend, Welcher klopft daran mit einem Stengel Falben Asphodill's, der Todesblume. Aber, Kind, gedenkst du nicht der Schrecken, Welche hinter'm Eingang auf dich lauern? Was Heroen, hohe, schaudernd wagten, Will ein zartes Mägdlein gar versuchen?» Wiederum des Priesters Knie umklammernd Flehte Psyche: «Lehre mich die Wege, Heil'ger du, die mich zum grausen Hades, Die mich durch den Hades bis zum Throne Deiner hocherhab'nen Göttin führen!» «Hör' und merke denn!» versetzt der greise Mystagog. «Wenn dir die Todesblume Aufgethan den Eingang, wirst du wandeln Durch zwei Reih'n von Todtenhüterinnen, Riesenfrauen, deren Vorderleiber Hingekauert ruh'n auf Löwentatzen. Wenn sie, lieblich winkend, dich zur Lösung Dunkler Räthselfragen an sich locken, Achte nicht auf sie: mit ihren Tatzen Würden sie das Antlitz dir zerfleischen! Seh'n an ödem Ort drei grausenvolle Weiber wirst du dann, bedacht mit wilden, Rasenden Geberden, Fackeln schwingend, Schlangenhaare schüttelnd, dich zu schrecken, Dass du aus der Hand verlierst den Kuchen, Welchen du dem Höllenhund, den Fährlohn, Welchen du dem styg'schen Bootsmann schuldest. Wirf dem Hunde vor den einen Kuchen, Und die eine Münze gieb dem Fährmann, Der dich von dem äussern styg'schen Strande Übersetzt in's inn're Land der Todten. Jetzo werden Schatten dich umringen, Schemen, die nach warmem Blute lechzen, Werden anfleh'n dich um einen Tropfen Deines Blut's: doch wenn erst einen Tropfen Sie erhascht, Kraft würden sie gewinnen, Um dein ganzes Blut dir auszusaugen. An die kalten Schatten nicht verschwende Du dein warmes Herzblut – eile weiter! Leuchten wirst du seh'n sodann in fahlem Glanze den Pallast der Todesgöttin. Muthig sprich zu ihr, vollzieh' den Auftrag, Aber nichts geniesse von den Früchten, Welche sie dir bieten wird zur Labe! Wärest sonst, wie sie, ein Raub des Hades! Auf dem Rückweg in Bereitschaft halte Für den Höllenhund den zweiten Kuchen, Für des Nachens Herrn die zweite Münze: Bliebest sonst gebannt an's Todtenufer!» Psyche, als gelauscht sie diesen Worten, Kniete hin am Fuss des Tempelbildes, Fast verzagend, betend, bis sie müde Sank zuletzt in Schlaf, von Amor träumend. Spät erwacht dann findet, freudig staunend, Sie in ihrem Schooss die Todesblume, Die ihr öffnen soll des Hades Pforte, Findet auch die Kuchen, auch die Münzen, Die ihr bahnen sollen freie Wege Durch das düst're, grausen volle Nachtreich. Und nun eilt sie muthbeseelt, beflügelt, Nimmermüde, schlaflos, endlos wandernd, Bis zu Tänarums geweihten Gründen, Bis sie steht im schaurigsten der Haine, Vor des Hades dunkler Felsenpforte. Mitternacht war's – Sternlein karg durchblinkten Fliegendes Gewölk, gejagt vom Winde, Und am Kreuzweg bellte fern die Meute Hekate's. Den Eingang überwebte Düst'rer Taxus, Immergrün und Epheu, Auch Gestrüpp von Lorbeer und Cypressen. Krachend klaffte mannesbreit der Felsspalt, Als das Mädchen an den starren Felsen Klopfte mit dem Todesblumenstengel. «Fahre wohl, du heil'ges Licht, und lass mich Wiedersehen deine gold'nen Strahlen!» Also flüstert, einmal noch ihr Antlitz Rückwärts wendend, Psyche, tritt beherzt dann In die schwarze Nacht des Hölleneingangs. Schmal erstreckt in lockrem, feuchtem Erdreich Dieser sich, von styg'schen Tropfen triefen Rings die Wände, schlüpfriges Gewürm kriecht Hin am Boden: nach Verwesung duftet's, Dumpf, nach Moder. Hin so tappt im Finstern Endlos Psyche sich, ob Stunden, Tage Lang, sie weiss es nicht, denn ungemessen Schleicht die Zeit hin in des Hades Reichen. Endlich tagt gespenstig-öder Lichtschein, Unerfreulicher als tiefstes Dunkel. Und in diesem öden Dämmerscheine Ruh'n gereiht die Todtenhüterinnen, Frau'n, dämonenhaft, die Vorderleiber Hingestreckt auf mächt'ge Löwenpranken, Seltsam flüsternd dunkle Räthselfragen. Psyches Herz befällt ein tiefes Bangen, Zweifel und Verwirrung; Neugier lockt sie Nach den Worten dieser Zauberfrauen; Doch sie fasst sich, Amors Bild im Herzen, Schliesst ihr Ohr den düstern Räthselstimmen. Weiter wandert Psyche. Wacht sie? träumt sie? Horch, ein Stöhnen! Sieh, der Höllentöchter Dreizahl, kämmend ihre Schlangenhaare! Heissa, wie sich unter'm Kamm die schwarzen Nattern zornig bäumen, Geifer sprühen, Wüthig um sich beissen, zischend, züngelnd, Ihrer Quälerinnen Leiber peitschen, So dass Weib und Schlange sich zu immer Gröss'rer Wuth entflammen wechselseitig! Ihr Geheul verdoppeln, Psyche schauend, Diese styg'schen Weiber, an den Schlangen. Zerrend, aus dem Haupt sie sich zu reissen, Und nach jener Fremden sie zu schleudern. Weithin sprüht der Geifer, Psyche selber Netzend, so, dass während der Verzweiflung Bild sie schaut, wie angesteckt, vergiftet, Auch ihr selbst Verzweiflung schon die Seele, Raserei den Sinn ihr will befangen. Doch sie denket Amors, und es träufelt Mildes Öhl in ihres Herzens Woge. Aber bald, vor neuem Schreckniss bebend, Hört sie fernher dreier Hunde Bellen. Donnerähnlich klingt's, und dennoch marklos, Tonlos, dumpf, wie tief aus Grüften kommend, Eines Lautes Traumbild nur und Schatten. Und wie Psyche, ängstlich spähend, ausblickt Nach der Meute, die so bellt und belfert, Fahren auf sie los aus finst'rer Höhle Plötzlich die drei Riesenhunderachen, Bellend vorgestreckt, indess der Leiber Hintertheil sich birgt noch in der Grotte. Aber dies auch wälzet jetzo träg sich Nach, und Psyche sieht, dass in ein einzig Scheusal die drei Hälse sich verlieren. 's ist der Höllenhund, und der Besinnung Schier beraubt, wirft Psyche zitternd, fernher, Ihm den einen Kuchen zu, mit Honig Angemacht und reichen Schlummersäften. Flugs, einander ihn bestreitend, schnappen Gierig nach dem Kuchen die drei Schlünde, Während Psyche flieht, beschwingten Schrittes. Weiter wandert sie und endlich steht sie An des Höllenstromes ödem Ufer. So unmerklich schleicht des Stromes Welle, Dass ein Sumpf nur scheint sein todter Spiegel. Jetzt den Fährmann sieht sie, sieht den Nachen Träg auf träger Woge brütend rasten. Lange zögert Psyche; endlich aber, Neu beseelt von liebenden Gedanken, Setzt in's binsenrohr-geflocht'ne Boot sie Stracks den zarten Fuss, dem schattenhaften Greis den Fährlohn reichend. Und der Nachen, Der, geflickt und modrig, wurmzerfressen, Blasse Todte nur gewohnt zu tragen, Trägt ein athmend Kind der grünen Erde Widerwillig heut an's andre Ufer. Und nun krampft sich Psyches Herz zusammen, Denn nun steht im Innersten des düstern Todtenreich's sie, steht im unermess'nen Reich der Schemen, steht im Reich der Herzen Ohne Schlag, im Reich des Wesenlosen, Steht im Reich des allertiefsten Schweigens. Blumen sind hier, aber schattenhafte, Duft- und farblos; Bäume, die nicht säuseln, Vögel in den Ästen, die nicht singen. Fahler Trauerweiden todte Zweige Hängen in den todten Strom hinunter. Lautlos schweben Fledermaus und Eule, Und gleich ihnen, stumm, geräuschlos gleiten, Schreitend nicht, nein, mit geschloss'nen Füssen Schwebend aufrecht, nah' dem Grund die Sohlen, Schemen der Entschlaf'nen: blutlos, aber Träumend noch von Blut, nach Blute lechzend ... Jetzo mitten unter sich gewahrend In des Hades Nacht ein Menschenwesen, Dessen Tritt ein Echo weckt, das Schatten Wirft, nicht selber ist ein blosser Schatten, Schweben zu auf Psyche dicht die Schemen, Und erfleh'n mit Worten, die nicht klingen, Jammerblicken, gierigen Geberden, Einen einz'gen Tropfen ihres rothen, Warmen, frischen, jugendlichen Blutes. Enger, dringender stets kreis't um Psyche Dieser Schwärm, ob auch des Höllenhundes Dräu'n ihn scheucht wie eine störr'sche Herde. In dem Schwarm auch, siehe, zeigt den Augen Psyches sich das Schattenpaar der Schwestern, Die, von wüth'gem Neid auch hier befangen, Gleich Vampyren dicht sich an sie drängen: «Einen Tropfen, o, nur einen Tropfen Gib uns, Schwesterchen, vom Saft des Lebens!» Aber Psyche, sie gedenkt der Mahnung: «An die kalten Todten nicht verschwende Du dein warmes Herzblut – eile weiter!» Unbeschreiblich ist die Todtenstille Für ein lebend Ohr. Wie in den Tiefen Zitterte, als wär's der Tod des Todes, Ganz der Erebus, als Orpheus' Leier, Der zur Unterwelt hinabgestiegen, Heimzuholen die geliebte Gattin, Plötzlich klang in dieser schauerlichen, Unbeschreiblichen, unfassbar'n Stille – War es doch, als ob des Orcus Decke Plötzlich berstend klaffte, und ein heller Blitzstrahl zündend schlug' in's ewig dunkle, Licht- und klanglos öde Haus der Schatten – Aufregt so die Unterwelt auch Psyches Fusstritt, hallend in der ew'gen Stille. Jetzo winkt, umschattet von Cypressen, Der Palast, wo mit dem finstern Gatten Thront Proserpina, die Cerestochter, Mit dem Todesgott die Todesgöttin. Matt erhellt von schwarzer Ampel dehnt sich, Einer hochgewölbten Riesengruft gleich, Weit der Saal um beider Götter Thronsitz. Bleich und ernst, in feierlichem Schweigen Sitzt die Göttin da; ihr Diadem gleisst Düsterroth von schwärzlichen Granaten, Nachtschwarz niederwallt zur Erd' ein Schleier Angefüllt mit Früchten des Granatbaums Und mit andern Früchten, reichbesamten, Ruht im Schooss zur Linken ihr ein Füllhorn, In der Linken aber hält des Mohnes Purpurblüte sie auf hohem Stengel: Aus dem Kelch betäubend steigt ein Dunsthauch, Sacht einlullend, leise Sehnsucht weckend Nach des traumlos-tiefsten Schlummers Ruhe, Und zur Wollust wird die Todesstille Hier, zunächst dem Thron der Todesgöttin. Schlummerschwer die Lider, sich entreissend Nur mit Müh' der wonnigen Narkose, Naht sich taumelnd Psyche, und der Göttin Knie umfassend, wie zuvor im Tempel, Spricht sie: «Venus sendet mich, zu bitten Dich, erhab'ne Götterfrau, ein wenig Ihr zu spenden hier in gold'ner Büchse Von der wunderbaren Schönheitssalbe, Die du hast, weil eingebüsst den eig'nen Reiz sie bei des kranken Sohnes Pflege!» Schweigend auf das Mädchen blickt die Göttin, Seltsam zuckt ein Strahl im schwarzen Aug' ihr, Dann erwidert sie mit düst'rem Lächeln: «Wenig für olymp'sche Götterfrauen Passt die Schönheitssalbe, die ich habe, Und nicht weiss ich, was mit solcher Schminke Zu beginnen denkt die holde Kypris. Doch mir ziemt es nicht, ihr zu versagen. Was sie heischt.» Und aus des Mädchens Händen Nimmt die gold'ne Büchse sie und reichet Sie dem Thanatos, dem Todesboten, Sie zu füllen mit der Zauberspende In des Hintergrundes tiefem Dunkel. «Willst du rasten nicht auf diesem Sitz hier Und mit saft'ger Labe dich erquicken?» So zu Psyche spricht die Todesgöttin, Und sie hielt das Füllhorn ihr entgegen, Mit den reichbesamten gold'nen Früchten. Aber Psyche blieb gedenk der Warnung. Wieder zuckt' es um den Mund der bleichen Cerestochter, und es war, als dächte Sie der Zeit, wo solcher Goldfrucht Same War verhängnissvoll ihr selbst geworden, Als von grüner Au, Narzissen pflückend, Weggeraubt sie ward vom Gott des Hades. «Kind,» so spricht sie, «da in's Reich der Schatten Du dich hergewagt so todesmuthig, Hast du Lust nicht, hier zu ruh'n auf immer, Still dein Haupt in meinen Schooss zu legen ?» – Psyche schweigt erblassend. Wieder lächelt Ernsten Blicks die bleiche Schattenfürstin, Und voll Majestät die friedenreiche Stirn erhebend, spricht sie: «Kind, du denkest, Wie ich dachte einst als thöricht Mädchen, Als der Tod mir noch kein Ammenmärchen!» Und lebendig um der Göttin Thronsitz Ward es plötzlich und begann zu säuseln, Und aus des Palastes Dämmerwinkeln Kam's herangeschwirrt, und wie im Lenzhauch Fortgetragen schwebt ein Blütenschauer, Schwebt, sich drängend, ein geheimnissvoller Zug nach oben, um den Thron der Göttin, Aufwärts trachtend durch des Thronsaals offne, Unabsehbar hohe Kuppelwölbung. Psyche staunt, und, ihrem Blick begegnend, Spricht die Göttin: «Siehst du dies Gewimmel? Seelen sind's, des Hades Nacht verfallen, Samenkörnern gleich vertraut der Tiefe, Und erstehend jetzt zu neuem Leben. Tausend Jahre nur behält der Hades Der Verblich'nen Seelen; doch dann kehren Sie zurück zur Oberwelt, beginnen, Ihres frühern Daseins ganz vergessend, Neu verwandelt ein verjüngtes Leben. – Iss nur, Kind, von des Granatbaums Frucht hier! – War' so süss ein oberweltlich Dasein, Dass man's endlos, ewig möchte leben? Fasst euch Lebende nicht oft die Sehnsucht Nach Vergessen, Schlummer, Todesruhe? Und wer satt der Ruh, ihn reisst des Lebens Wirbelstrom bald aus der Tiefe wieder Mit empor in's unruhvolle Lichtreich! – Iss nur, Kind, von des Granatbaums Frucht hier!» – So die Göttin; ihr versetzt das Mädchen: «Nicht der Tod erschreckt mich; möchte gerne Hier mein Haupt in deinem Schoosse bergen, Kosten ganz des tiefsten Friedens Wonne. Doch die Liebe ist's, erhab'ne Göttin, Die mich allgewaltig zieht nach oben. Rasch verlangt mich's wieder heimzukehren, Und verwandelt nicht wünsch' ich zu werden; Die Gestalt auf ewig festzuhalten, Göttliche, begehr' ich, die dem schönen Liebesgott gefiel, und die er liebend Hielt in seinen Armen! – Nur wenn nimmer Sein geliebtes Bild ich dürfte schauen, Niemals ihm das meine mehr gefiele, Möcht ich tausend mal im Reich der Schatten Lieber weilen als auf Erden droben!» Milder lächelt drauf des Hades Herrin; Reicht dem Mädchen dann die gold'ne Büchse, Wohl verwahrt, mit der verlangten Spende. Doch sie fügt hinzu: «Lass nicht die Neugier Auf dem Heimweg, Mädchen, dich verlocken! Offne nicht die Büchse! schrecklich treffen Würde für den Vorwitz dich die Busse!» – Rückwärts nun des Hades Pfade wandelt Psyche, mit der glücklich unverlor'nen Zweiten Münze lohnend froh den Fährmann, Der zurück sie führt zum äussern Strande, Und beschwicht'gend mit dem zweiten Kuchen Cerberus, das Höllenungeheuer. Und zurückgelangt zum Hadeseingang, Sieht aus finst'rer Schlucht sie durch den Felsspalt, Als des Lichtes erste liebe Boten, Sterne funkeln an dem Tageshimmel. Schlag der Spalt sich, wieder dehnt der Hain sich, Düster, doch schon oberweltlich säuselnd. Ihn durchwandernd, freier wieder athmend, Lässt zu einem Quell sich Psyche nieder, Trinkt mit gier'gen Zügen, denn verdorrt ist In der Unterwelt ihr Zung' und Lippe. In dem Quell ihr Spiegelbild erblickend, Merkt sie, wie viel bleicher sie geworden, Wie viel tiefer ihre Augenhöhlen, Seit sie durch das Schattenreich gewandert, Thränen über ihre Wange perlen: «Würde so mich Amor noch erkennen? Noch mich lieben wollen? er, der Schöne? Doppelt hässlich bin ich ihm geworden: Durch den Wortbruch erst, durch den verlor'nen Liebreiz nun. Weh mir! – Und diese gold'ne Büchse, ach, birgt eine Zauberschminke, Fähig zu verschönern noch die schönste Götterfrau, die holde Liebesgöttin! O von dieser Schminke nur ein wenig, Würd' es nicht zurück mir die verlor'ne Schönheit geben, so dass sie, vergöttlicht, Locken würde leuchtend den Geliebten? Schrecklich, sprach die Göttin, würd' ich's büssen. Immerhin! mich selbst zurückgewinnen Will ich, schön dem schönen Gott erscheinen, Oder ganz des Bitt'ren Mass erschöpfen Und für immer dann im Haus des Hades Weilen bei der bleichen Todesgöttin!» Spricht's und öffnet kühn die gold'ne Büchse. Aber keine Schminke drin sie findet, Nur ein Dampf erhebt sich draus, dem ähnlich, Der entstieg dem Kelch der Purpurblüte, In der Hand der bleichen Cerestochter. Nur viel dichter strömt er, viel gewalt'ger, Dass sie hinsinkt, taumelnd und bewusstlos, Starr, entseelt, vergleichbar einem Leichnam, Tief versenkt in traumlos styg'schen Schlummer. – Holder Liebesgott, wo weilst du? – Endlich Von der Wunde war er ganz genesen, Und entschlüpft dem Kerker. Kunde ward ihm Von des kühnen Mädchens letztem Wagniss. Schreck befällt ihn, er beschliesst zu eilen Hin nach dem Avernus, sie zu schützen, Zu entreissen sie den finstern Mächten. Sieh, da findet er auf seinem Wege Vor des Hölleneingangs dunkler Felskluft Psyche liegend in dem styg'schen Schlummer. «Todt mein Seelchen? weh' mir, wehe!» ruft er, Über sie sich beugend. Ihre Züge Schmückt etwas von jener ernsten Schönheit, Welche schwebt zuweilen um das Antlitz Der Verblich'nen. Ihr zur Seite liegen Sieht er auch die Büchse jetzt, geöffnet, Ihres Dunsthauchs letzten Qualm entsendend, Dass dem Gotte selber schlaff die Flügel, Schlummerschwer die Augenlider werden. Aber ahnend gleich, was da geschehen, Reisst er einen Pfeil aus seinem Köcher, Ritzt damit die Liljenbrust der Theuren, Unter'm Herzen; eine zarte Röthe Tritt ihr mälig auf die bleichen Wangen, Mälig schmeidigt der erstarrte Leib sich, Und ein warmer Hauch durchströmt die Glieder. Jetzt berührt der Gott mit seinem Pfeile Sanft ihr Augenlid; da schlägt das Aug' sie Langsam auf und sieht den Götterknaben Lächelnd an, als wär' nach traut gesellter Ruh' sie aufgewacht an seiner Seite, Dort auf jener sel'gen Liebesinsel. Sinnend blickt sie lang ihm in die Augen: «Sag' mir,» spricht sie dann, «du Vielgeliebter, Sag', was war das, mein vergang'nes Leben? Jener Fehl, den ich an dir begangen, Und die Qual der langen, langen Irrfahrt, Und die Wand'rung in des Todes Reiche? Ach, mich dünkt, ein langer, banger Traum war's! Ist mir doch, als hätt' ich tausend Jahre Hier geschlummert und geträumt dies Alles!» Lächelnd drauf der Liebesgott, der schöne: «Tausend Jahre braucht, sich zu verjüngen, Sonst die Seele in des Hades Gründen; Rascher ging den Todesweg mein Seelchen!» – Sprach's und streichelte mit seiner Rechten Sanft des Mädchens Wange, küsste zärtlich Ihren Mund, indessen sie die Linke Herzlich schlang um seines Leibes Mitte. Und dann sprach er kosend noch die Worte: «Vielgeliebte Psyche, traute Seele, Reine Perle du der Weltenmuschel, Harre mein ein Weilchen hier: empor jetzt Schwingen will ich mich zum Göttervater, Seine Gnad' und Hilfe dir erflehend. Denn nie wieder wagen wird die Erde, Aufzunehmen eines ihrer Kinder, Das getrotzt hat so den Todesgöttern!» Angstvoll sieht ihn Psyche wieder scheiden, Streckt die Arme nach ihm aus verlangend. Wird er auch gewiss ihr wiederkehren? Still die Blicke senkt sie. Sieh, da tritt ihr Neuerdings ihr Bildniss hell entgegen Aus dem Waldesborn ... Getröstet sieht sie, Dass sie wieder schön und hold geworden, Und dass neue Flügel ihr gewachsen: Falterflügel, bunte, goldberändert. Sechster Gesang Im Olymp, bei Jupiter, dem hohen Göttervater, des Olymps Beherrscher Und der Erde, der Gestirne Lenker, Welcher thront auf goldenem Gestühle, Majestätisch neigend sein gewaltig Lockenhaupt, stand, an sein Knie sich schmiegend, Amor traut, der zarte Götterknabe. Traun, ein seltsam Schauspiel war's, zu sehen So beisammen mit dem allerhehrsten Hier den lieblich-zartesten der Götter: Den allmächt'gen Vater , das allmächt'ge Kind des Himmels: jener mit dem ernsten Wink der Brau'n die Welt im Zaume haltend, Der mit einem Lächeln sie erobernd; Jener stolz bewehrt mit Donnerkeilen, Dieser nur mit Pfeilen, die nicht schärfer Als der Rose Dorn, die Herzen ritzend, Und nicht minder mächtig doch als jener, Zu verwunden, Brände zu entfachen. Zu dem Göttervater blickte schmeichelnd Auf der Knabe, sprach von seiner Psyche, Sprach von ihrer Tugend, ihrem Lieben, Welches alle Schrecknisse der Erde, Selber die des Hades überwunden, Und gebracht mit Freuden jedes Opfer, Auch des eig'nen Selbst, des eig'nen Lebens. Und was sie gesündigt, durch die Liebe Nur gesündigt sei's, und durch die Liebe Sei's gesühnt auch, und gebüsst durch Qualen, Wie sie nur ein liebend Herz erduldet. Und zuletzt nun habe gar der styg'sche Schlummer, das Geschenk der Todesgöttin, Welcher sie befiel am Thor des Hades, Läuternd alles Ird'sche, jeden Makel Ganz hinweggetilgt aus ihrem Wesen!» «Und was heischest du von mir,» so sagte Jupiter, «für dieses ird'sche Mädchen?» Ihm versetzte drauf der Götterknabe: «Wer in's Schattenland hinabgestiegen, Und lebendig wieder draus erstanden, Bleibt ein Grau'n fortan der Mutter Erde. So der Erde nicht mehr angehörig, Noch dem Hades, wohin soll sie wenden Sich, die arme Psyche, wenn der Himmel Ihrer nicht erbarmt sich, und sie aufnimmt, Die Geläuterte, die Schwergeprüfte, Dass in Götternähe, selbst vergöttlicht, Sie die Herrlichkeit des Himmels schaue, Und, mir angetraut als Ehgesponsin, Hier unsterblich, selig mit mir lebe?» Ob des Knaben kühner Ford'rung staunend, Schüttelte das Haupt der Göttervater; Und er sagte lächelnd: «Wunderbarer! Unbescheiden bist du heut und immer!» – Schmeichelnd doch hub wieder an der Knabe: «Thue, was ich flehe, Himmelskönig! Dank auch sollst du ernten: enger will ich Dir die Welt in Lieb' und Treu' verketten, Will die Herzen alle auf der Erde Für dein Reich, dein Schönheit-strahlend Lichtreich, Und für alles Göttliche entflammen, Will dir immerdar ein vielgetreuer Mittler bleiben zwischen Erd' und Himmel!» Lächelnd wieder sprach der Herr der Götter: «Wenig hast bisher du meine Hoheit, Wenig meine Würde stets geachtet! Hast mich nicht geschont mit deinen Pfeilen, Hast in gold'nen Regen mich, in Flammen, Mich in Schlange, Stier und Schwan verwandelt! Aber wärst du wirklich so besonnen Jetzt, so ernst und tugendsam geworden, Und gedächt'st in Wahrheit zu so schönem, So erhab'nem Zwecke, wie du sagtest, Künftig deiner Pfeile Macht zu brauchen, Nun, so wollt' ich, Knabe, dir willfahren, Thun das Unerhörte, das du heischest, Und des Himmels Mitgenuss vergönnen Jenem auserles'nen Kind des Staubes! Doch versammeln lass' mich erst die andern Mitbewohner des Olymps, die hohen, Und geneigt sie stimmen unserm Plane, Dass nicht unwillkommen, unerfreulich Jene hier erscheine – sie in Liebe Leb' und Eintracht immerdar mit Allen!» Mit dem Pfeilbewehrten so besprach sich Dort in sel'gen Höh'n der Blitzbewehrte, Beugte sich zu ihm hernieder, drückte Mit den Händen beiderseits die ros'gen Wangen ihm zusammen, küsste freundlich Auf den spitzen, süssgeschwellten Mund ihn. Zur Versammlung auf den Wink des Herrschers Rief aus Erde, Meer und Luft die Götter Stracks der jugendschöne Götterbote. Und als sie versammelt nun, aufhorchend, Rings gereihet sassen, sprach der Donn'rer: «Ausgetreten hat die Knabenschuhe Unser trauter, vielgeliebter Amor! Und nachdem mit knabenhaften Streichen Er der Götter Anseh'n viel geschädigt, Zeit nun, dünkt mich, ist es, durch Vermählung Seinen Liebesübermuth zu dämpfen! In der That erkor er sich ein Mädchen Sterblich zwar, jedoch durch hohe Tugend, Schweres Dulden, opferfreud'ge Liebe, Würdig eines göttlichen Gemahles! Sie nicht bloss zur Gattin ihm zu geben, Zu entrücken sie dem ird'schen Schicksal Gar, in den Olymp sie aufzunehmen, Dass er ihrer sich unsterblich freue, Heischt im Liebesüberschwang der Knabe. Schwer ist's, seiner Bitte zu willfahren: Aber er gelobt für alle Zukunft, Gibt man ihm zur himmlischen Gespielin Jene tugendreiche Mädchenseele, Dankbar uns zu sein für alle Zeiten; Enger als bisher will er ins Künft'ge Uns die Welt in Lieb' und Treu verketten, Will für unser Schönheit-strahlend Lichtreich Und für alles Göttliche die Herzen Sterblicher in reger Glut entfachen, Treuer Mittler zwischen Erd' und Himmel!» – «Wunderbarer!» rief die Liebesgöttin, Unmuthglühend, «ganz mit Unrecht nennst du Tugendmuster jenes ird'sche Mädchen: Frevlerin vielmehr und eitle Thörin Nenn' ich sie, denn schwer hat sie versündigt An den Göttern sich, an mir vor allen. Spröd' und eigenwillig meinem Dienste Erst entzog sie sich auf Cyperns Eiland, Liess dann selber feiern sich als Göttin, Mir entfremdend nicht allein die Menschen, Mir den theuren Sohn sogar umgarnend, Der, bethört, geheim sich ihr gesellte. Nicht genügte dies geheime Glück ihr, Und der Gott im Schleier nächt'gen Dunkels; Frech erzwang sie, wider das Verhängniss, Seinen Anblick sich, dabei mit Tropfen Glüh'nden Öhls die Schulter ihm versehrend, Dass er, flügellahm, an seiner Wunde Krank mir lag im goldenen Gemache, Und als sie die Frevel all' zu sühnen Sich zuletzt erbot als meine Sklavin: Schlecht bestand sie, wahrlich, schlecht die Prüfung! Was ich ihr gebot, vollbrachten Helfer, Insgeheim von Amor ihr geworben; Und als ich zur Unterwelt sie sandte, Wiederum erlag sie der Versuchung, Öffnete die ihr versagte Büchse, Sog, zur Strafe für den eitlen Vorwitz, Tief in sich daraus den styg'schen Schlummer, Welchem sie verfallen blieb für immer, Hätte Amor nicht, und wieder Amor, Leicht die Brust ihr ritzend mit der Spitze Eines goldnen Pfeil's aus seinem Köcher, Sie vom Tod erweckt zu neuem Leben! Dies der Lebenslauf der Tugendreichen! – Ei, mein Sohn, (fuhr lächelnd fort die Göttin), Sag mir, was in Wahrheit deinem «Seelchen» Übrig bleibt von all' den vielgerühmten, All' den hohen Tugenden?» – «Die Liebe!» Sprach der Knabe ... Und im Kreise ringsum Liess er spähend seine Blicke schweifen, Sah die hohen Götter unentschlossen, Schweigend sitzen, weil von allen keiner Gerne widersprach der gold'nen Kypris. Da begann er: «Wisst, Uranionen! Meiner Psyche hier den Eintritt weigern, Heisst auch mich aus dem Olymp Verstossen! Lebet wohl denn! eurem Reich entsagend, Fortan bei der Erde Kindern bleib' ich. Keinen Reiz für mich hat mehr der Himmel. Spröde sich den Irdischen verschliessend! Was verachtet ihr die Erdenkinder? Stillstand fesselt des Olymps Geschlechter, Doch die Erdgeschlechter leben, blühen, Wirken, schaffen, zeugen ewig Neues Aus sich selbst – vielleicht selbst neue Götter. Denkt, was sind wir ohne Menschenkinder, Ohne Dienst und Opfer und Altäre? Uns're beste Stätte – ihr Gemüth ist's, Und wir leben, wirken nur in ihnen Wie der Hades eine unter ird'sche Schattenwelt, so eine über ird'sche War' der Himmel ohne Menschenkinder! – Lebet wohl, ihr seht mich niemals wieder! Lebe wohl auch du mir, holde Mutter, Der ich lieb einst war und nun verhasst bin! Lieb' und Schönheit geh'n getrennte Pfade Fürderhin, und ohne meine Pfeile Wird dein Reiz ein Stern sein ohne Strahlen, Nicht erhellend mehr und nicht erwärmend!» – Sprach's, da lächelte die holde Kypris; «Bist ein eitles Kind, und kindisch trotzest Du der Mutter. Ei, zieh' hin, mein Söhnchen! Lieb' und Schönheit geh'n getrennte Pfade Fürderhin, und deine gold'nen Pfeile Werden ohne mich verlorne Strahlen Ohne Lichtkern sein, in sich verlodernd!» – Finster runzelte die Brau'n der Donn'rer, Und bekümmert blickten drein die Götter Bei dem Zank des Sohnes und der Mutter. Aber wieder lächelte Cythere, Zog bei seinen gold'nen Flügelspitzen Sacht den Sohn zu sich, die Stirn ihm küssend, Innerlich erschreckt durch seine Rede, Und sich weislich beugend dem Verhängniss: «Seid getrost, Olympier!» so spricht sie, Nicht der Götter Frieden länger stören Will ich, nicht des Himmels heil'ge Ordnung. Schicksalswille geht vor Götterwillen! Schwing' dich himmelab, mein Sohn, und hole Dir herauf die vielgeliebte Psyche! Besser ist's vielleicht, sie weilt hier oben, Als sie raubt auf Erden mir die Ehre! Eines nur zur Sühne mir beding' ich: Mag sie fortan weilen bei den Göttern; Doch verschollen sei sie für die Erdwelt: Nimmer, wie zuvor auf Cyperns Eiland, Gelte sie als Göttin ; nimmer baue Man, wie uns, ihr Tempel und Altäre!» So die Huldin, lieber noch des Himmels Ehren Psyche gönnend, als der Erde. Ihr zustimmend, nickte mit dem Haupte Jupiter; beifälliges Gemurmel Lief melodisch durch die Reih'n der Götter. Während sich die Himmlischen beriethen So in des Olympus goldnem Saale, Hatte Psyche sinnend, hoffend, bangend, Ängstlich harrend des geliebten Amor Seiner Rückkehr, ihres neuen Looses, In dem Hain vor des Avernus Pforten Einen Strauss gepflückt von wilden Rosen. Und an einem Dorne dieser Rosen Hatte blutig sie geritzt den Finger: Hängen blieb, wie eine Thauesperle, In dem Strauss ein Tropfen ihres Blutes. Da kam Amor aus der Höhe plötzlich, Hob das Mädchen freudig sammt den Blumen Zu sich in den gold'nen Muschelwagen, Um emporzuführen zum Olymp sie. Psyche's Herz erbebt in Wonneschauern. Und zur Erde richtet sie die Blicke, Grüsst die Städte unter sich, die Auen, Grüsst die Ströme, grüsst das schaurig-schöne Meer mit seinen Inseln, grüsst die Wälder, Grüsst der Berge silberweisse Häupter. «Stätte meiner Prüfungen und Leiden,» Spricht sie, «lebe wohl, leb' wohl für immer! Heil'ge Erde! viel auf dir geduldet Hab' ich, aber dennoch sei gesegnet! War doch Alles mir zu gutem Ende, Und verschwunden weit ist alle Trübsal! Lebet wohl, ihr Blumen und ihr Quellen! Lebet wohl, ihr Vögel in den Lüften, Lebet wohl, ihr Thierlein all, die freundlich Auf der langen Irrfahrt, mir gewesen! Könnt' ich doch euch alle mit mir nehmen, Wie hier diesen Strauss von wilden Rosen; Euch entrücken jeder ird'schen Drangsal, Führen euch, wohin mich Amor führet, Wo man lebt in lauter Lieb' und Freude!» – Ganz mit finsterem Gewölk umzogen Hat indessen nächtlich sich der Himmel. Blitze sprühen, dumpfe Donner rollen. Sturmumbraus't in diese grenzenlose, Schwarze Wolkennacht emporgetragen, Schwankt das schwebende Gespann im Winde. Düster-graues Nebelmeer umbrandet Feucht die Himmelfahrt des Liebespaares, Wogt und rollt um Amor und um Psyche Dräuend her, als wollt' es sie verschlingen, Ehe sie den sel'gen Port erreichen Doch sie tauchen draus empor und finden Sich entrückt der Wolken und der Winde Trübem Reich; des Blitzes Schlangen krümmen Sich zu ihren Füssen, und der Donner Rollt, erdbeben-ähnlich, in der Tiefe... Vögelschaaren hatten das Geleite Frohbeschwingt den Liebenden gegeben, Als sie von der Erde sich erhoben. Aber müde seh'n zurück sie bleiben Erst die muntern Sperlinge, die Tauben, Dann die Lerchen, und sogar die Adler, Und zuletzt noch schwebte nur ein Phönix Hoch empor im Äther neben ihnen, Welcher einsam aufwärts stieg zur Sonne, Um in ihre Lohe sich zu stürzen, Zu verjüngen sich im Flammengrabe. In des Äthers reinen Regionen, Hoch und höher schwebt der Muschelwagen, Schwebt in schwindelnd-schrankenloser Öde, Schwebt vorüber am gespensterblassen, Schattenhaften Riesenball des Mondes. Ängstlicher an Amor schmiegt sich Psyche. Horch! anhebt ein Säuseln und ein Rauschen – Sphärenklänge, fernher erst und leise, Dann zu mächt'gem Riesenchore schwellend. Psyche lauscht, in Schreck und Wonne zitternd, Sieht im Brausen dieser Harmonieen, Himmlisch-hehr, mit sel'gen Sphärenleibern Sich im Tanze drehen die Planeten. Jetzt, erblassend, über ihrem Haupte Sieht sie Helios' Flammenrosse jagen, Feuerschnaubend im Zenith des Himmels. Und sie flüstert ängstlich: «O, nicht weiter! Kehren wir zurück zur grünen Erde!» Aber lächelnd ihr erwidert Amor: «Traute Seele, hast du nicht des Hades Schauer überwunden? warum solltest Du nicht die des Himmels überwinden?» Zärtlich küsst er auf die Stirn die Bleiche: Ihrem Antlitz kehrt die Röthe wieder, Und gefeit vom Wonnehauch des Gottes, Ward ihr götterstark das Herz im Busen, Schwindellos und glanzesfroh das Auge. Keine Höhe schreckt sie, keine Tiefe, Wenn des Liebsten Arm sich um sie windet. Aufwärts trägt sie still der Muschelwagen, Bis sie angelangt an einem Orte, Wo durch Psyche's Seele nicht mehr menschlich, Nicht mehr irdisch weht ein heil'ger Schauer. Übermenschlich ist hier das Empfinden, Überirdisch ist des Lichtes Glanz hier, Und vergeh'n, zerschmettert in die Tiefe Stürzen müsste jedes ird'sche Wesen, Das ein Gott nicht hält in starken Armen. Still hält Amor, spricht: «Wir sind am Ziele! Muth, o Psyche! nahe sind die Götter. Denn hier kreisen sie alltäglich einmal Mit den goldenen Gespannen, selig, Und von hier aus reisst empor der Wirbel Ihres Umschwungs sie zur höchsten Höhe, Zu des Himmels reinstem Gipfel, wo sie Schau'n, was Göttern nur zu schau'n beschieden, Waffne denn, o Psyche, deine Augen, Deine Seele nun mit höchstem Muthe!» Psyche schliesst das Aug', ein Herz sich fassend, Und wie sie es leuchtend wieder öffnet, Schwebt, wie plötzlich aus dem dunklen Schoosse Der Unendlichkeit geboren, langsam, Lautlos-still heran der Götterreigen: Jupiter voran, den Aar zu Häupten, In der Hand den Blitzstrahl, reich von Locken Hoheitsvoll, mit Augen, tief und helle, Unter busch'gen Brau'n in's Weite blickend; Juno ihm zur Seite, majestätisch Lenkend ihr Gespann, das pfaubespannte, Und nach ihnen all' die andern hohen Götter des Olymps, ein jeder thronend Auf dem goldenen Gestühl des Wagens, Lenkend sein ambrosia-genährtes Prachtgespann durch's gold'ne Blau des Himmels, Jeder hoch das Haupt, das Antlitz strahlend, Jeder Götterhoheit in den Zügen Und von Himmelsruh' verklärt die Stirne. An der Götter kreisende Gespanne Schliesst der Liebesgott sich mit dem seinen. Ihn und Psyche reisst mit allen andern Hoch empor des Götterumschwungs Wirbel, Bis zur reinsten Höhe, zu des Himmels Höchstem, steilsten Gipfel: und hier schauen Sie, was über weltlich, überhimmlisch: Schau'n die Herrlichkeit der ew'gen Schöne, Schau'n der Dinge reine Wesenheiten, Deren schwacher, schattenhafter, flücht'ger Abglanz nur die Dinge sind auf Erden. Unten aber, auf des Himmels Grunde, Über purpurfarbigem Gewölke Leuchtend ragt auf diamant'nen Säulen Eines Goldsaals saphirblaue Wölbung. Hier, vom überhimmlischen Gefilde Heimgekehrt, versammeln zum Gelage Um den gold'nen Tisch auf gold'nen Stühlen, Nektar und Ambrosia zu schlürfen, Und des Götterknaben wonnereiches Hochfest zu begeh'n, sich die Kroniden. In dem Goldsaal, in der Götter Mitte Steht an Amors Seite, glanzumflossen, Psyche, von den Grazien geleitet. Aller Götter Strahlenaugen schauen Wie ein Sternenhimmel auf sie nieder: Aller Lächeln grüsset Amors Bräutchen, Das so hoch begnadete, verklärte, Himmelan gehob'ne Kind des Staubes. Zu dem Festmahl lagern sich die Götter. Hebe, auf den Wink des Götterfürsten, Reicht dem Erdenkind die Nektarschale: «Trink, o Psyche! nimm sie hin, die Schale, Mit dem Göttertrank, und sei unsterblich! Nimm sie hin zum Lohn der Liebestreue, Die das Leid der Erde, die des Todes Und der Hölle Schrecken überwunden!» Psyche nippt vom Nass der gold'nen Schale, Fühlt von sel'gem Schauer sich durchrieselt; Sonnenhaft beginnt ihr Aug' zu leuchten. Alle Götter bieten ihr Geschenke, Hochzeitlich die Grazien sie schmücken. Aber vor dem zarten Busen trägt sie Jenen Strauss von wilden weissen Rosen, Welche sie gepflückt noch auf der Erde, Und auf welchen noch der rothe Tropfen Glänzt des dorn-geritzten Liljenfingers. Wunderbar der rothe Tropfen funkelt, Hell wie ein Rubin, im Licht des Himmels! Und die Göttinnen und Götter kommen, Zu betrachten diesen rothen Tropfen, Seh'n ihn fast mit Neid, sie selber blutlos, Ätherthau nur in den Adern tragend. Jupiters sogar, des Göttervaters, Auge ruht darauf mit Wohlgefallen, Denn nichts Andres ringsum im Olymp, traun, Strahlt so wunderbar im Himmelslichte, Als des ird'schen Blutes rother Tropfen Auf dem Busenstrauss der holden Psyche.... Rosen streu'n die Horen und es sprengen Duft'gen Balsamthau die muntern Grazien. Bacchus füllt aus nie erschöpftem Eimer Immer wieder voll die Nektarschalen. Einen Hochzeitshymnus singt der Musen Silberstimm'ge Neunzahl, und Apollo Rührt dazu der Leier gold'ne Saiten. Und zuletzt bei diesen Wonneklängen Lächelnd tritt hervor die gold'ne Kypris, Einen wundervollen Tanz beginnend, Aller Götter Herzen hoch entzückend, Zeigend dem Olymp, dass sie für immer, Wie von Anbeginn, die hohe, hehre, Unvergleichliche, die zauberfrohe, Sieghaft schönste aller Götterfrauen. So begangen ward des Liebesgottes Hochzeitsfeier mit dem Erdenkinde. Selig lebte hin mit Amor Psyche In der Götter Reich, das seinen Tag nicht Borgt erst von der gold'nen Sonnenlampe; Lebte hin im Reich des reinen Glückes, Wo kein Ding mehr Schatten wirft, kein Wesen, Wo in Licht zerrinnt die ird'sche Schwere; Wo es keine Schuld und keine Reue, Keinen Wahn und keine Schicksals-Tücke, Keinen Schmerz, kein Übel gibt: verwundbar Sind die Himmlischen, des Schmerzes fähig, Ird'schen Schwächen, ird'schem Wahn verfallen, Nur wenn sie zur Erde niedersteigen. Und ein Töchterlein entspross des Gottes Ehebunde mit der holden Psyche. Minnelust geheissen war das Mägdlein: Und ihr Wesen war die seelenhafte, Die verklärte, hohe Liebeswonne, Himmelslust, gemischt mit Sinnenfreude, Aller Erdenwonnen höchste, schönste. Und zur Mittlerin, wie ihr Erzeuger, Ward das Töchterlein für Erd und Himmel. Führet himmelan die Seelen Jener, Bringt den Himmel sie herab zur Erde. So geschieht's, dass, ob auch, ach, nur flüchtig, Ob auch nur für irdisch kurze Tage, Sel'ger als die Götter oft die Menschen: Denn im Himmel sind die sel'gen Götter, Doch in sel'gen Menschen ist der Himmel, Ist der Himmel selbst mit allen Göttern.