Emil Gött Edelwild Ein dramatisches Gedicht in fünf Akten     C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck – München 1911     An eine Freundin Den Fremden ganz zu schweigen, Den Freunden kaum zu zeigen; Nur die verwandte Seele Durchfühlt die Kunst, die Fehle. Von Irren so zu Irren, Von Klirren so zu Klirren. Sieh hier des Freundes Ringen Sich taumelnd vorwärts zwingen. Er legt's in deine Hände: Ein Anfang und kein Ende.   ══════════════   Personen         Ali , Sohn des verstorbenen Statthalters von Basra Suleika , seine Geliebte Harun al Raschid S cheich Ibrahim Masrur Djaffar Hof- und Staatsbeamte Gerichtspersonen Offiziere und Soldaten Sklaven, Volk Schauplatz: Bagdad     Erster Akt (Monumentaleinfahrt in einen Lustgarten mit herrlichen Baumgruppen, Teichen, Wasserfällen, Springbrunnen und stattlichem Kiosk; im linken Flügelbau des Portals eine gewölbte Nische mit Bank, rechts eine gleiche mit Brunnen, von der Mauer her von einem Feigenbaume überhangen, – Abenddämmerung.) Ali und Suleika treten auf. Suleika . Ah – hier – dies Plätzchen! – Wie zur Rast geschaffen! Komm, laß uns etwas ruhn – ich bin zu müde – Eh wir noch weitergehn, zur Stadt hinein. Hier kühlen doch die dichten Lorbeerbüsche Des Tages Schwüle, dessen ganze Sonne Noch in den langen, weißen Mauern glüht, Die häßlich diese Zauberwelt uns sperrten. Und wie die Zedern da herüberduften! Jetzt kommt ein Lüftchen auch – ah – wie das labt! – (Erschreckend) Was war das? Ali .                                                 Nichts, die Feige nur, die dort Herniederklatschte – 154 Suleika (auf sie zueilend) .   Und das nennst du nichts? Das ist mir viel genug bei diesem Hunger! Da hängt noch eine schwer hernieder, sieh, Und platzt vor Süßigkeit und Reife. – Du! Ob man wohl darf? (Sieht sich um) Ali .                                   Der Wächter wird dir's sagen! Suleika (die Hand am Munde, gedämpft rufend) . He, Wächter! Darf man? – Keine Antwort, siehst du, Das ist auch eine! (Hascht hinauf) Oh, zu hoch! – Komm du! Ali . So soll ich wohl mich mit dir hängen lassen!         (Hebt sie hoch; sie bricht einige Früchte. Im Tore erscheint) Ibrahim (stutzt, und späht nach ihnen, tuschelnd) . Ah – das Gesindel! – schau! – Na, soll ich dir Ein wenig Salz auf deine Feigen – –         (Schleicht ein paar Schritte mit winkendem Stecken näher, besinnt sich dann)                                                               – bscht! – Versalz dir deine eigenen nicht! – Sicher Gibt's da was Leckeres für Aug und Ohr         (Blickt nach der Ruhenische) Und für ein menschenfreundliches Gemüt!         (Zieht sich behutsam zurück und erscheint dann oben auf der Mauer hinter dem Busche) 155 Ali . Auf wieviel Tage nimmst du Vorrat ein? Suleika (noch Blätter brechend) . Ich weiß nicht, wann der nächste Winkel kommt, Wo wir so sicher wieder stehlen können! Doch mag's genügen! – Ein paar Blätter noch – –         (Ali läßt sie nieder, sie trägt den Raub nach der Bank, breitet die Blätter aus, legt die Früchte darauf) Nun ist gekocht und unser Tisch gedeckt! (Spielend) Wo nur der Mann so lange bleiben mag? Gewiß hielt ihn der Meister so zurück, Den letzten Abendschein noch auszunützen! Nun wird's schon Nacht, und je – so lang der Weg, Und furchtbar viele Straßen wird es geben In dieser großen Stadt. Wenn nur mein Männchen Sich nicht verirrt! Er ist so fremd noch hier Und auch ein bißchen dumm – gottlob, da ist er! (Eilt ihm entgegen) Ei guten Abend, Männchen, bist du da? Gott, wie ich mich um dich geängstigt hab! Doch komm herein und steh nicht so im Zug, Und wasch und kühle dich von Schweiß und Glut! Der Tag war lang und wohl die Arbeit schwer Für wenig Lohn! Wieviel hast du verdient? Ich brauche Geld für zwanzig Dinge! – Zeig!         (Sie zieht ihn zur Laube, drückt ihn auf die Bank; er umschlingt sie mit einem Lachen, in dem Schmerz zittert) 156 Ibrahim . Dies sind doch nicht gemeine Heckenschmätzer! Ali . Ja läut nur so das neue Leben ein, Mein silberstimmig Glöckchen du! – Und doch: Wie süß der Ton auch ist, er klingt so seltsam! Fast schreckhaft in die dunkle Welt vor uns! Was werd ich morgen abend sagen können, Wenn du mich morgen so im Ernst empfängst? Und wird dein schalkhaft Lachen nicht vergehen, Wenn ich dir traurig leere Hände zeige?         (Zieht ein kleines Buch aus dem Gürtel) Wenn dieses Buch hier recht hat, so verdient Der Fleiß an einem Tage einen Dirhem – Die Schönheit hundert – Klugheit hunderttausend – Die Gottergebenheit – ein Königreich! Mit welcher Tugend soll ich es versuchen, Mit welcher kann ich es? Denn ich bin faul, Vom langen Leiden häßlich, dumm und gottlos! Suleika . Wir Frauen sind ein unbescheiden Volk – Drum rat ich dir, versuch es mit dem letzten! Es ist am leichtesten und führt zum besten! Ibrahim . Sie führen philosophische Gespräche – 157 Ali . Du töricht Kind! So weißt du also nicht, Daß Gottergebenheit das Schwerste ist? Das kann man nicht erzwingen! Das muß kommen Wie Tau am Morgen und wie Abendkühle. Suleika . Doch kann man sich auch Gott ergeben müssen, Wenn uns der Sturm den Mast nahm, und die Wellen Die Ruder brachen! – Aber das ist Torheit! Fang lieber mutig mit dem ersten an! Das andre folgt gewiß von selber nach, Und du wirst wieder schön und klug und fromm – Du weißt, ich bin das schon! (Kleine Pause) Ibrahim .                                           Ei – ist ja zum –! Ali . Fast glaub ich dir! ich hab es selbst verspürt: Seit langem war ich nicht so frisch wie heute, Und hält es an, so denk ich, wird sich's machen! Wie, weiß ich noch nicht! Bis auf diesen Säbel Hab ich kein ander Werkzeug noch geregt – Doch will ich morgen gern den Spaten nehmen, Oder im Hafen Säcke tragen, Mädchen, Von früh bis spät um einen – unsern! – Dirhem! 158 Suleika . Erlaube: ja – den du verdienst! – Doch ich, Ich kann auch manches: nähen, weben, sticken – Wir schlagen uns schon durch, bis du den Weg Zurückgefunden hast – Ali .                                           Du hoffst noch immer? Suleika . Wie wär ich mutig, könnt ich nicht mehr hoffen! Ali (kopfschüttelnd) . Zurückgefunden? Suleika .                                                   Besser: vorwärts durch! Ich glaub an dich, mein Freund, und an dein Leben! Ali (schwermütig) . Seltsame Menschen ihr, du und die andern! Wo nehmt ihr nur die Rosenfarben her? Und seltsam auch, nicht diese Schwere ist's, Die bleiern mich umwölkt, nein, euer Hoffen! Es drückt mich nieder und mir graut vor dem, Auf das ihr hofft! – –                                       Weh! sind die Fledermäuse, Die überm hellen starken Tag wie tot In ihren Winkeln hingen, wieder wach? O Abend! – Abend! stiller Hafen einst, 159 In den ich meine heißen Tage lenkte, Die Anker warf und meine Segel strich – Wo bist du hin mein Abend, stiller Abend, Und welchen Alp schickst du mir heut zu Gast? Bäche geschmolzenen Bleis, rastlosen Sturzes Zerwühlen mir der Seele schwanken Grund! Es brechen alle Wunden wieder auf Und alle Schulden strecken wildverlangend Die starken hagern Arme nach mir aus Und wollen Tilgung, Sühnung, Heilung, Schlaf! Wo find ich den – vor dem – wo berg ich mich!         (Birgt sein Antlitz an ihrer Schulter) Ibrahim . Bei meinem Bart! Das ist ein Fall für mich!         (Verschwindet oben in Eile) Suleika . O Freund, o Freund, wenn du dich selbst verlierst, So weiß ich keinen Ort – – (In diesem Augenblick ruft von einer Moschee ein Gebetsrufer zum Gebete; sie hält betroffen inne)                                               Wie sonderbar! In diesem Augenblick? – Ist dies ein Zeichen? O Ali, wenn du wieder beten könntest! Ali (bitter) . Wie? – beten! – beten! – keinen Hauch dazu! 160 Suleika . So laß mich ein Gebet zum Himmel schicken, So heiß und tief ich kann! (Sie will auf die Kniee sinken) Ali (heftig) .                                   Doch nicht für mich! Nicht wie ein Hund kriech ich zu meinem Gott! Aufrecht! so schuf er mich – so hab er mich! (Sich besänftigend) Doch um des rauhen Tones willen – bete! Suleika (sich versuchend, dann lächelnd) . Das Glühen ist vorüber und mit kalten Gebeten will ich seinem Thron nicht nah'n! Ibrahim (inzwischen vorgekommen, tritt unter sie) . Sagt's nicht zu laut in dieser frommen Stadt! Der Friede sei mit Euch! – Vergebt das Lauschen, Doch ist das hier mein Recht – wie meine Lust In diesem Falle, meine höchste Lust! Sonst zwitschert hier nur flachverliebtes Volk, Ihr aber kost in Donnern, schweren, schwülen – Es ist Musik für mich, und – keine Scheu Im Weiterspiel! Gern spiel ich selber mit! Ich bin kein schlechter Musikant! – Mein Sohn, Ich seh, du leidest sehr an deiner Seele! Der blasse Mond dort, der sein silbern Licht 161 Auf dieses Schweigen gießt, scheint hell genug, Daß ich auf deinem Antlitz sehen kann Wie sie entzündet aus dem Aug dir drängt – Mein Sohn, ich kenne das – doch halt, nicht hier! Die Wände haben Ohren in Bagdad, Und alles ist 'mal nicht für alle Ohren! Kommt mit herein und seid heut meine Gäste! Ali . Wer bist du, würdiger Greis, daß ich dir's danke! Denn nötig ist ein Dach uns für die Nacht – Wir sind hier fremd, und dieses Mädchen müd – Wir hätten wohl auf dieser Bank geschlafen – Und sieh, wir haben auch schon zugegriffen!         (Deutet auf das Feigenmahl) Suleika . Verzeih es uns! Ibrahim .                           Pah, nicht der Rede wert! Gott ließ sie mir zur leichten Freude wachsen Und mich macht's glücklich, wenn ich dieses Zeug In blühendes Menschenleben wandeln kann. Suleika . So folgen dankbar wir dem lieben Gruß Der uns in dieses Paradies hier lädt –         (Tritt unter die Einfahrt) 162 Nein, welche Pracht! – Schön war Ismalieh Zum springen, schwärmen, weinen oder lachen, Hier kann man staunend nur die Hände falten! Dies ist zu schön – so schön um Angst zu machen – Und alles das, ehrwürdiger Greis, ist dein? Ibrahim (für sich) . Ha, Teufel! merkst du, wie die Lüge zieht: Kaum log ich still, nun muß ich es schon laut!         (Zu Suleika) Pah! welch ein Wort! – Was will das schwüle »mein«? Es hat nur für den Toren Wucht, nur ihm Wird es Verhängnis: was er greift, packt ihn, Macht ihn zum Häftling seiner Habe! Wir, Wir gehn nur leicht hindurch und drüber hin, Und haben unsern Reichtum nur spazieren! Doch du bist Weib und hast des Weibes Hand Und wirst das schwer verstehn! Suleika .                                               Wie, hat das Weib Denn eine andre Hand? Ibrahim .                               Als wie der Mann? (Kichert) Was hat das Weib nicht anders als der Mann? Gieb Acht: Das Männchen greift , das Weibchen hält! Sie sitzt so fest, wie jener ruhlos schweift! 163 Sie lebt frisch weg, er sucht das Leben – ewig! Sie ist und hat, er irrt und will! – Nun sieh: Dem unbeweibten Manne schlottert alles Die Kleidung, wie das Haus und das Gebein – Ich bin ein solcher, ach! und darum lottert Dies Alles nur so leicht an mir herum! Suleika . Warum hast du kein Weib? Ibrahim .                                             Kind, das ist bös! Man hat zu tief die Platte mir geschoren – Es ging hindurch!         (Trommelt auf seiner Glatze)                               Des Lebens ganze Süße Und seine Kraft hab ich hinweggedacht, Und starb nicht dran! – Jetzt wo die Reue kommt – Und seh ich dich, so kommt sie voll und stark – Ist es zu spät! Ein unfruchtbar Bedauern Umfröstelt nun das kahle Denkerhaupt In einsam leeren, schweren Frühlingsnächten – Das heißt: Das schmerzlichste ist nun vorbei! Suleika . Doch schmerzen muß es sicher, dieses Eden So ganz allein zu haben, das vom Jubel Von soviel Frohen wiederhallen möchte! 164 Ibrahim . Was heißt allein? Der Mensch ist nicht allein, Und ist er's, gibt es auf die Dauer zwei! Es steckt ein wunderlicher Bursch in uns, Der erst zum Worte kommt, wenn wir allein – Dann aber angenehm und unterhaltend! Doch hab ich Freunde auch, oft Gäste, Schüler , Von denen ich , wenn ich erschöpft bin, lerne – Kurz Volk, mehr als genug – wenn es nur heute Uns ferne bleibt! Suleika .                       Nicht doch, du guter Wirt! So Störenfriede möchten wir nicht sein! Wenn deine Freunde kommen, zeigst du uns Den stillen Winkel, wo wir schlafen können, Denn wir sind gräßlich müde – – Ali .                                                         Nein, Suleika! Mir ist nun alle Müdigkeit vergangen! Aus diesem Munde kamen schwere Worte Und liegen heiß auf mir, und tausend Fragen Verkohlen mir im Herzen, luftverlangend! Doch lege du dich schlafen, wenn du willst – Ich komme nach, sobald der Durst gestillt – 165 Suleika . Dann kommst du nie! – und lieber bleib ich hier! Ich bin auch nicht so schläfrig wohl, als müde, Und nicht so müde, als ich hungrig bin, Und nicht so alles, daß ich nicht gern bliebe! Ibrahim . So kommt herein zur Rast und auch zum Mahl, Bescheiden wie ich's bieten kann – du lachst? So halt ich mir die üppigen Gäste fern, Die nur als Bäuche kommen, nicht als Stirnen, Und lieber sich auf eine Schöpsenkeule, Als eine harte, dunkle Frage werfen! Ich hab nur Wasser, Brot und Obst und – Sprüche! (Sie lachen) Ali . Ein gut Gespräch macht satt beim ärmsten Mahl – Ibrahim . Das wissen aber nur die Wüstensöhne, Und Menschen, die am Tier genug nicht haben! Sie haben unersättliche Gehirne, Die hungrig sich die Welt zusammenfressen, Und eh sie diese ganz verdaut, schon gierig Die andre in den heißen Augen haben. Viel fressen und nichts denken – dieses ist Die Seligkeit der Säue! Mensch und Schwein 166 Sind unersättlich – bis zum Übelwerden! Vom Denken er , – vom Fressen es – – Ali .                                                                     Wie, Vater! Vom Denken, sagst du, kann uns übel werden? Ibrahim . Du Kindskopf du, ist dir nicht schlecht davon? Hat dein Gehirn noch nie sich überfressen? Und deiner Seele war nie sterbensübel? Das kommt nur von der Denksucht! – kommt nun Kinder!         (Wendet sich) Ali (hält ihn fest, heiser) . Halt – Vater! – meine Krankheit nanntest du! Doch jetzt: Gibt es ein Mittel, nenn es mir, Den Brand zu löschen, der mich hier (Stirn) verzehrt! Kann man nicht denken! Sag mir, ist es möglich, Nicht denken, und daran nicht zu verhungern, Kann man nicht leben, ohne daran zu sterben? Ibrahim . Ei freilich kann man das! Ali .                                                     Ich faß es nicht! Wie wütend rang ich schon dies wilde Heer, Das mir die Tage schwer und unfruchtbar, Die Nächte graunvoll macht, zurückzuzwingen, 167 Und zwang es nicht! denn immer kehrt es wieder In ewig martervoller Wiederkehr. Was einmal mich ergriff, das hielt mich fest, Das hält mich fest, ich muß es denken – denken – Hinein mich wühlen – denken – wühlen – denken – Und du nennst möglich, nicht zu denken! möglich, Daß man nicht leben kann und nicht dran sterben! Ibrahim . Hätt ich das alles nicht an mir erlebt, Ich glaubte nicht, daß ein vernünftiger Mensch Sich so verrücken könnte, nicht zu denken, Daß man auch – schlafen kann! (Tippt sich an die Stirne)                                                       Der Schlaf, mein Sohn, Das ist die Rast, der Schirm, der Trost des Lebens! Ali . Schlaf! – Schlaf! – Begegnest du auch hier mir wieder! Stets du und wieder du! – Ja – schlafen – schlafen! Wenn ich es könnte! schlafen könnte! – Vater! Ich kann es nicht – ich hab den Schlaf verloren! Ibrahim . In deinem Alter? – ei, das ist bedenklich! Du mußt ihn wiederfinden – suchen! suchen! Und Wege gibt es noch genug für dich: Der erste ist: steh auf und tu etwas! 168 Arbeite! sag ich dir, kannst du nicht schlafen! Denn ist Müßiggang aller Laster Anfang, So ist müßig liegen – aller Laster Siegen! Ali (ächzend) . Arbeiten! – ach – arbeiten! – ja – ich will's! Doch kann ich es? – Der Leib ist mir zerschlagen! Ibrahim . Die Seele ist's, du spürst es nur am Leihe! Frisch jene auf, so lacht dir dieser wieder! Und weißt du, was die Seele frischt? – Gebet! Ja so! das willst du nicht! Du bist, ich weiß, Vom Stamme der Empörer! Nun – so fluche! Denn frisch geflucht frischt mehr als lahm gebetet! Ali . Ich habe mehr geflucht als sonst ein Mensch, Und alle Sterne blieben fest am Himmel, Und nichts erweckte meine zornige Stimme Als nur den Hohn des Widerhalls – im Leeren! Ibrahim . Mein Sohn, so gibt es immer noch ein Mittel: Du mußt – Geduld entwickeln – braus nicht auf! Gedulden mußt du dich, und ruhig halten, Und Honig schwitzen, daß die Schmetterlinge Und Bienen dich besuchen und befruchten! 169 Suleika . Ja, dies sagt ich auch immer: hab Geduld! Ali . Ich weiß nicht, ob es möglich, daß ein Mensch Noch mehr Geduld als ich entwickelt hat, Ich schäme mich darum! Ich hab Geduld Mit mir gehabt, für Dinge und für Zeiten, Die ich vielleicht nicht überleben durfte! Und leb ich noch, so ist noch immer möglich, Daß sie – noch hab ich sie – mir schwände! Dann? Ibrahim (sich lange unter dem Bart kratzend) . Mein Sohn! dann – ist's – ein – eigentümlich Ding! Ali . Was dann? – sprich's aus und foltre mich nicht lang – Drück mir den Stachel nicht so zögernd ein – Nein lieber gleich mit raschem Stoß ins Herz! Geh – sei barmherzig! – sag es – sprich es aus – – Was frag ich noch, was gibt es noch zu fragen? Dann – – stirb!!! – – Doch ist dies Sterben Lösung Des Ungelösten? Ist der Saite Sprung, Wenn sie beim Spannen springt, Erfüllung – oder Verwerfung nur? Im schönen Sturm der Töne, Den lustberauschte Finger ihr entwühlen, Im höchsten Aufschrei des verzückten Liedes – 170 Da mag sie springen! – denn das ist Erfüllung – Das ist gelebt – nun mag sie – springen! Ibrahim .                                                             Recht so! – Du ahnst ein tief Geheimnis! denn du fühlst: Nicht jedes Leben darf sich Leben nennen, Nicht jedes Sterben kann Erfüllung heißen, Und Tod ist nicht gleich Tod! – – So bist du also – Auf einen angenehmen Punkt gelangt: Du kannst nicht wachen, schlafen, schaffen, beten, Und die Geduld fängt an dir auszugehn – Ali (verzweifelt) . Ist ausgegangen! Ibrahim .                     Also ausgegangen – Du kannst nicht leben und du darfst nicht sterben – (Hält an) Suleika . Wie magst du so uns quälen, Grausamer! Gibt es ein Drittes zwischen Tod und Leben, Wenn es der Schlaf nicht ist! Ibrahim .                                           Ei freilich, Täubchen! Suleika . So sag es, Quäler du, wenn es ein Trost ist. 171 Ibrahim . Wenn es ein Trost ist! Liebes, liebes Kind – Es gibt auch säuerliche Tröste – und – Es kommt bedeutend auf den Magen an! Ali . Nur her damit, was möchte mich verbrennen! Ich bin geglüht, gebeizt, mit jedem – Gift! Ibrahim . Nun gut, gib acht: wenn's also ist, wie's ist: Wenn du nicht wachen, schlafen, schaffen, beten, Nicht fluchen kannst und die Geduld dir ausgeht – Dann – dann – doch kannst du's auch vertragen? – Ali (wild) .                                                                           Her! Ibrahim (zuerst die Hand sinnend über die Augen) . Wie präg ich's, um dich gut damit zu impfen? (Laut) Dann – tu – etwas – Ver – rücktes!         (Beide schreien auf) Suleika . Wie kannst du nur – Entsetzlicher! – Seit Monden –         (Überläßt Ali das Wort) Ali (gleichzeitig) . Wie kommt dir dies – – Seit Monden – Ist es wie trüber Rausch, durch den ich taumle, Und nur im tollen Frevel Leben spüre – 172 Nicht wissend, ob ich mich zerstöre, oder – Ausweiche der Zerstörung – – Suleika .                                               Wüßtest du Was wir getan, du sprächst nicht so zu ihm, Um ihn zu reizen – – Ibrahim .                             Kind, will ich ihn reizen? Will ich ihm schaden? nein, ich möcht ihn heilen, Und weiß nicht, ob ich's kann – doch im Vertraun: Er riecht mir nicht nach einer Leiche! Aber – Was habt ihr denn Verrücktes so getan? Suleika . O Vater, frage nicht! was soll ich nennen! Vor wenig Monden, Wochen, Tagen fast War er ein Fürst noch, heut, du siehst, ein Bettler! Ibrahim . Er wird sein großes Haus vergeudet haben, Wie tausend reicher Väter Söhne auch – Ist das Verrücktheit? Suleika .                             Vater, aber wie! Daß ich nur eins dir sag: Ismailieh, Sein schönes Gut, ein kleines Fürstentum, Hat er verschenkt – für einen Vers – 173 Ibrahim .                                                       Schau – schau! Suleika . An einen Buben, den er sonst verachtet! Ibrahim . Du machst neugierig mich! Wie hieß der Vers – Suleika . Ach, Vater – jetzt? Ibrahim .                               Was schadt's, mein Töchterchen! Suleika /(nestelt ein Täfelchen ans dem Mieder) . Ich steckt es ein in lachender Verzweiflung!         (Reicht es ihm) Ibrahim (liest) .         Ali, den Glücklichen preis ich dich!         Mich haßt Gott, sein Liebling bist du:         Er gab Ismailieh dir und dies Mädchen,         Und – das größte Herz dazu! (Setzt ab) Hm, hm! Suleika (aufnehmend) .                 Und dieser Kindskopf hier wirft hin:         Sawi! dies große Glück drückt mich!         Hilf mir's tragen, so haben wir Ruh: 174         Laß mir mein Herz und dies Mädchen         Und – nimm Ismailieh du! (Sieht ihn hilflos an) Ibrahim (sieht Ali kopfwackelnd an; Pause, dann wackelt er zu Suleika, sieht sie an und gibt ihr das Täfelchen zurück) . Steck's wieder ein! – In lachender Verzweiflung So sagtest du? Suleika .                   Was hab ich machen wollen! Mich nahm er und sein Herz, und ließ – das Reich! Er war verrückt, doch groß, wohl krank an Größe! So lacht ich mit, auch wenn es mich zerriß! Ibrahim (zieht sie sacht mit zu Ali, hält sie an der Hand, klopft mit der andern Ali auf die Schulter und sagt nach einer Weile zärtlich) . Kinder, nur Mut! ihr seid auf bestem Wege! Kommt jetzt! (Wendet sich zum Gehen)   Der Vorhang fällt .   Zweiter Akt Erste Szene (Schlafgemach des Kalifen.) Harun (im Fenster lehnend) . — — — — Und Licht auf Licht verlöscht! Und jeder Schimmer in den niedern Hütten Der jetzt noch einmal zuckt und dann erstirbt, Läßt einen Streifen Neides in mir nach: Dort legt ein Rudel Menschen sich zur Ruh, Und nistet sich zurecht, und schlummert bald – Nur meinen Lidern will der Schlaf nicht kommen, Und dürsten doch wie ihre: Ach, so müde Sänk heute keine Seele auf ihr Lager Als meine – da! dort wieder eins – und dort!         (Tritt vom Fenster zurück) Ach Gott, wie wild und elend fühl ich mich! Ein Bettler um ein Augvoll satten Schlafs! Und heiße Fürst und Herr! – So komme Schlaf!         (Bitter lachend in die Hände klatschend) Der Fürst und Herr befiehlt's! Masrur (eintretend) .                         Du riefst! 176 Harun .                                                                 Nicht dir! Dem Schlafe rief ich nur in meiner Qual, Ihrer zu spotten! Geh! Nein – stell die Uhr! Ich mag die Tropfen heut nicht fallen hören, Ihr Glucken zittert schmerzhaft mir durchs Hirn. Sie rinnen wohl zu Stunden ineinander, Doch ist es mir, als ob nur einer falle, Und dieser eine, gleiche, tausendmal, In öder, tötender Einförmigkeit. Was soll ich tun, Masrur? Masrur .                                     O Fürst der Gläubigen, Laß dir vom Arzte einen Schlaftrunk mischen! Harun (sich besinnend) . Nein – nicht – Schlaf, nicht Vergiftung! Und es heißt: Alles Berauschende sei dir verboten! Masrur . So mußt du dir die leeren Stunden füllen! Harun . Ja ja, doch wie? Masrur .                           O Herr der Welt, das Beste Was der erhab'ne Gott dem Mann zur Kühlung Und Würze seiner schwülen Nächte schuf, 177 Es ist das Weib! Wie manche süße Frucht Schwellt ungepflückt in deinem Harem noch! Harun (sich besinnend) . Laß das! Ich habe einen übeln Tag – Ich schmachte, doch ich habe keinen Durst! Masrur . So rufe die Vertrauten deines Tisches, Im Vorsaal harren alle deines Winks; Djaffar und Abu, Ischak und die Dichter – Harun . Ich mag sie nicht! mich langweilt schon die Liste – Masrur . Du meinst es nur! Denk nur an Ischaks Laute! Harun . Mein Ohr ist wund! Masrur .                                 An Abus Geist und Laune! Harun . Ich bin zu stumpf, um ihrer nur zu denken! Masrur . Die Dichter – Harun .                           Dummes Zeug! 178 Masrur .                                                     O Herr der Welt! Wenn sie dich heute nicht berauschen können, Wer weiß, so schläfern sie vielleicht dich ein! Harun (schwach lachend) . Das wäre schon verlockend! – Doch hinweg! Masrur . So treibe mit dem Kanzler Staatsgeschäfte – Harun . Mit diesen trüben Sinnen! Masrur .                                           Spiele Schach! Das zieht dich ab von dir. Harun .                                       Ich habe Kopfweh! Masrur . So laß dir noch einmal den Derwisch rufen, Der gestern dich so wohl erschüttert hat! Harun . Still! – (Für sich) Ist's von diesem, daß ich heute blute? Masrur (sich niederwerfend) . O Herr der Welt, nun weiß ich nur noch eins, Dann ist dein Hund und Sklave blind und stumm: 179 Hau mir den Kopf ab! Dieses kühlt vielleicht Dir Hand und Auge! – Blut, o Herr, das kühlt! Harun (eine Scholle lachend) . Geh, du bist drollig! laß es gut sein, Alter! Behalt den Kopf und wähl dir eine Gnade! – Wie dieses Lachen schmerzte! Hart, scharfbrüchig Kam es heraus, die Wände drin zerstoßend – Ich bin doch krank! – Ich weiß nicht, was mich quält, Und doch, es drückt mich alles! Masrur .                                                 Nicht doch, Herr! Es ist die schwarze Galle nur, die dich So bitter stimmt – Harun (heftig) .               Die schwarze Galle nur? Es ist genug, wenn sie das kann! Geh her Und mach sie hell und süß! Masrur .                                         O Herr der Welt! Schon bot ich alles, was ich weiß und kann, Den Kopf zuletzt, doch du verschmähst ja alles! Du bist zu reich und groß und zu erhaben, Und hast und kannst ja alles – – 180 Harun .                                           Schweige, Hund! Hinaus mit dir und deinen Lästerungen!         (Masrur zieht sich zurück) Da liegt's! da liegt's! Das sagte mir der Stich! Der »alles hat und kann«. Elender, wie? Was kann ich alles und was hab ich alles? Kann ich nur schlafen, wenn ich will und müßte? Und was hab ich von allem, was dies Herz In ewig brünstiger Begehrung sucht, Und was mein Stolz und meine Herrschermacht, Um nicht dahinzuschmelzen, haben muß? Hab ich die Tore von Byzanz? Zerbrach Vor meinem Schwert, dem Erbe des Propheten, Der römische Thron, der Gräu'l im Auge Gottes? Ja scheucht mich nicht von meines Reiches Grenzen Der Chuaresmier zurück auf hundert Meilen, Und trotzt mir nicht fast vor der Hauptstadt Toren Mit wildem Hohne Babek der Rebell? Hier bohrt der Wurm, von da entquillt mein Kummer, Von dem ist Kopf und Herz mir so entzündet! Geh, lasse mich allein –         (Masrur ab)                                           Und ist dies alles, Um das ich weinen möchte? Was ich habe, Es ist ja nichts! und was ich kann, ist nichts! 181 Und was ich bin, ist nichts! ein schweres Nichts! Ein schwüler Hauch nur aus dem Mund des Lebens, In dieses irdene Gefäß gespannt Und bis zum Brechen üherlastet, bis! Nur bis zum Brechen! brechen darf ich nicht! Ein Hunger ist in mir, er wird nie satt, Ein wilder Durst, der keine Löschung findet, Ein Wille, der umsonst nach Stillung ringt! Wonach? Ich weiß es nicht? Nach Tat, nach Macht, Nach Ruhm und Rausch, Glück, Liebe, Leben, Tod – Ich weiß es nicht! Vielleicht nach allem! Ja, Das mag es sein! Ich dürste heiß nach allem, Und leide drum an jedem Durst, an jedem! Wie? Leben? – Leben? – Hab ich schon gelebt? Mein Haar ist weiß gemustert und ich frage: Ob ich gelebt? – Mit einem Fuß im Grabe, Schau ich den fünfzigjährigen Weg zurück Und sehe keine Spuren hinter mir – So glatt und eben liegt der Sand, als ob Ein Traum mich hergetragen, und ich weiß: Mit hunderttausend Rossen ritt ich aus! War das mein Leben, meine Macht, mein Reich? Ein schwüler Dunst – sonst nichts – –!                                                                   In meinem Harem Sind tausend Weiber, und ich frage wieder: Hab ich geliebt? Schlang je ein Weibesarm 182 Aus Liebe sich um meinen Mannes nacken? Ich sah nur Wangen rot vor Scham und Augen Heiß nur von Eitelkeit, doch nie von Liebe! Und tausend Männer stehn um meinen Thron, Und hundert sitzen mit mir im Diwan, Und zehne laß ich zu an meinen Tisch, Und wieder frag ich: hab ich einen Freund? Wird einer zitternd an der Mauer lehnen, Und in den Mantel beißen, wenn ich gehe? Wie? liebt mich einer? wie? und ehrt mich einer, Und kann mich einer lieben, einer ehren? Was tat ich Ehr- und Liebenswertes – Gott! Wo war ich schön, wo lieb, wo war ich groß? O einen Zug nur aus dem vollen Becher Des ungehemmten Lebens laß mich tun, Nur einen Zug von Größe laß mich spüren, Der frei aus meines Wesens Tiefe bricht, Und keiner Mühe Frucht ist! Und – o Gott! Laß einen Tropfen Liebe, echter Liebe In dieses dürre, öde Dasein fallen – – O warum legtest du die schwere Last Auf diese schwache Schulter – Was ist das? Woher dies Licht – der Spiegel wirft es her – Doch woher denn –         (Dreht sich um und blickt durch ein Fenster)                                   – bei Gott! Masrur! (Klatscht) Du Hund! Was geht in meinem Kleinod vor? 183 Masrur .                                                   O Herr! Ich weiß von nichts – Harun .                                 Du weißt von nichts? Dort sieh: Mein Kleinod strahlt im hellsten Kerzenschein Und ich bin hier! Masrur .                       Gott strafe mich, wenn ich – – Harun (klatscht) . Djaffar! – Djaffar! Djaffar (eintretend) .                             Hier! Fürst der Gläubigen – – Harun . Hund, das ist dein Werk! Djaffar (sich niederwerfend) . Was, Herr! Harun .               Fünfhundert Hiebe für die Frage! Wie? bin ich noch bewacht in meinem Hause? Bin ich der Hund und muß ich selber bellen – Dein Auge fragt noch immer! Tausend Hiebe! Es ist ja doch dein Werk! 184 Djaffar .                                     Nimm gleich das Leben – So sterb ich ohne Schuld, auch ohne Wissen! Harun . Gesteh, wem du mein Gartenhaus geschenkt! Djaffar . Dein Gartenhaus? Harun .                                 Dort sieh hinaus! Djaffar .                                                             Du rasest – Verzeih mein Fürst! – Doch sag, wie sollt ich wagen – Harun . Was hast du nicht gewagt? Was für ein Neffe Feiert dort Hochzeit oder ein Zechgelage? Djaffar . Herr, laß mich sterben, wenn ich etwas weiß! Harun (drohend aus dem Fenster) . So frech kann nur ein Barmekide sein! Djaffar . Mein Fürst und Herr! laß doch Masrur und mich – – Wir wollen gehn – – Masrur .                             O Fürst, vergönn ein Wort: Du kannst nicht schlafen, und – bei Achmeds Bart! 185 Der Vorgang dort scheint mir so rätselhaft – Weil unerhört! – daß er ein Abenteuer Seltsamer Art mir zu verheißen scheint – – Wie wär es, wenn du selber schauen wolltest? Harun (lebhaft eingehend, besänftigt) . Bei Gott! das will ich! rüstet das Gewand, Und ruft Selim, daß er den Bart mir färbe! Du (zu Masrur) folge uns mit Mannschaft – sei bereit! Doch weh dir (zu Djaffar) , sag ich, wenn es sich bewährt, Daß dort ein Barmekide zecht und – buhlt! (Ab)   Der Vorhang fällt . 186   Zweite Szene (Prächtiger Hallenbau. Im Hintergrund offene Säulenstellung und Terrasse mit reicher Balustrade; an den Wänden und Säulen Spiegel, Leuchter und Waffenschmuck; vorn ein Lustlager von Diwanen um niedrige Tische, die einen mit Früchten und Gebäck, andere mit Rauchgeräten beladen; weiter rückwärts auf der andern Seite noch ein breiter Diwan mit Bärenfell.) Ali , Suleika und Ibrahim beim Essen. Ibrahim . Du bist schon satt? Ali .                                           Mein Hunger ist nicht groß, Der Durst ist's mehr!         (Greift nach dem Kruge, setzt an und ab, schüttelt sich)                                     Wie schal es heute schmeckt! Es ist ein Fieber in mir, Brot und Wasser Versagen mir den Dienst! Sag lieber Wirt: Es glüht der Schlund und lechzt nach etwas Scharfem – Giebts keinen Wein bei dir, ich hätte Lust Zu einem Zechen – – Suleika (bittweise) .               Lieber! Heute nicht – 187 Ali . Warum nicht heute? Ist's ein andres heute Als sonst – und doch – Suleika .                                 Du bist entzündet – Ali .                                                                           Ja! Und ebendrum! – Es ist ein andres heute, Und schwärzer diese Nacht, als andre: wilder, Tiefer und schwerer von Entscheidungen – So ragt sie vor mir, eine dunkle Wand, Die mit verstockter Stirne ich berenne! Was für ein neuer Tag pocht hinter ihr? Und grade drum! schaff Wein her, wenn du kannst – Es spukt ein sonderbar Gelüst in mir Mit jedem Hohn Gott ins Gesicht zu lachen, Mit allem was ich kann! Du, sei nicht feig, Und tanze mit! (Aufzuckend) Gib den Dinar heraus, Den Jussuf gab – (Zu Ibrahim) das letzte, was wir haben! Ein treuer guter Kerl, den ich verdarb – Wie eine Maus, wenn man sein Haus verbrennt! – Gab ihn uns auf den Weg! Wie sagt er doch? Nimm's hin, es ist kein Gold wie andres Gold: »Schweiß und Entsagung sind darin verdichtet – Das wägt nur Gott allein, der alles wägt, 188 Und auch das Unwägbare! Nimm ihn hin Und heb ihn auf, für eure letzte Not!« – (Lacht) Ha: »letzte Not!« was lachst du nicht, mein Mädchen, Wenn du mein Mädchen bist! – Heraus damit! Wir wollen ihn vertrinken!         (Ibrahim belauert sie, gefesselt) Suleika .                                       Ali! Ali .                                                       Nun? Was zagst du wieder? Suleika .                             Zag ich? wieder? – Ali! Ali (heftig) . Was sonst denn und wann nicht? Suleika (empört) .                                 Ha! Ali (fortfahrend) .                                         Zug um Zug Muß ich den Flug ins Freie mir erwinden! Suleika (glühend) . Erwinden? Gegen wen und was? Ist's Feigheit Wenn ich dein knabenhaft Gelüst hier hemme! Ali (wütend) . Mein – knabenhaft? 189 Suleika (auftrotzend) .                     Dein knabenhaft Gelüst! Wärst du gesund, und frei, und nicht gepreßt – Du übtest deinen Mut nicht an der Großtat! Ali (ist aufgefahren, knirscht und schnaubt und tritt dann nahe an sie heran, nachdrücklich) . Du! – stell mich nicht zu oft an diesen Rand! Hörst du? – Wenn wir zusammen bleiben sollen! Suleika (ist aufgestanden, stellt sich ihm) . Dies – rat ich dir! (Sieht ihn an; sie messen sich; Ibrahim ist entzückt; nach einer Weile fängt Ali an, unruhig zu werden; er kann ihren Blick nicht aushalten, sucht auszuweichen, schnappt nach einem Worte, wendet sich, geht ein paar Schritte weg, kehrt wieder um, will wieder was sagen, findet es nicht, kehrt jäh um und verläßt mit geschwinden Schritten den Saal. Ibrahim macht eine bedauerliche Miene, ihn aufzuhalten; Suleika wehrt es rasch) Suleika (mit gedämpfter Stimme) . Laß nur! er läuft nur einmal um das Haus, Oder auch zweimal – oder dreimal auch! Es reißt ihn wohl einmal zum Unrecht fort, Doch laß es ihn erspähn, von ferne nur, Durch einen Schlitz der blinden Raserei, So kehrt er dir zurück und macht es gut – Da ist er wieder – – (Verstummt; Ali kommt langsam zurück, etwas linkisch, aber doch als ob nicht viel vorgefallen; kaltblütig ergreift er den 190 Krug, trinkt einen längeren Schluck, setzt dann ab, in den Mundbewegungen sein Mißbehagen am Wasser ausdrückend) Suleika (hat ihn unter strahlender Aufheiterung beobachtet; jetzt nähert sie sich ihm in schalkhafter Zärtlichkeit, einen Jackenzipfel schon hochhebend) . Ali – wir wollen ihn vertrinken! Ali (herumfahrend) .                               Herz! Suleika (von der Seite herrlich zu ihm hinaufsehend) . Zu unsrer Lust! – Nicht mehr aus – Not! Ali (wieder im Schreie des Jubels) .                       Herz! – Ha – (Umarmt sie nicht , aus Scheu vor dem dritten, sondern tritt still an sie heran; mit bezwungener Stimme) So muß es sich entscheiden, Fall um Fall! Suleika (ihm die Hand reichend) . Warum auch nicht? Glück auf! – von Fall zu Fall! (Sie stehen Hand in Hand und sehen sich glücklich an) Ibrahim (steht auf, tritt hinter sie heran und tätschelt beide auf die Schultern) . Kinder! – Das ist schon mehr von Hub zu Hub! Zankt nur so fort und streitet euch hinauf! Und jetzt – jawohl! jetzt wollen wir eins zechen! Ich bin dabei! (Suleika hat den Jackenzipfel zum Mund geführt, und beißt und nestelt daran herum) 191                         Geh, laß es stecken, Täubchen! Halt's warm im Flügeljäckchen! – Daß ihr's wißt – Doch sagt es niemand – sonst bin ich – – erkannt: Ich hab ein Fäßchen (Schnalzt) Roten! – Kein Rubin Sprüht euch so rot von dunkler Glut, und heiß – – Der Teufel , sag ich euch, trinkt keinen heißern! Nur einen Augenblick! (Watschelt fort; er ist kaum verschwunden, so fliegen sie sich in die Arme und stehen in langer schöner Umarmung da, dann lösen sie sich ein wenig, er erfaßt ihren Kopf und blickt ihr zärtlich in die Augen, sie schimmernd zu ihm empor) Ali . Herz! – Leben du, in dem ich atme – Heimat! – Ich rase, denk ich dran, von dir zu scheiden! Es ist nicht denkbar, nicht uns zu gehören! So lange diese Brust und diese Rippen Das schwache Uhrwerk drin zusammenhalten, So lange leb ich nur in dir, für dich, durch dich! – – Ich will auch fassen mich und zähmen mich, Wenn mich der Dämon der Zerstörung schüttelt Und mich auch wider dich empört, du weiches, Du starkes Band, das mich ans Leben knüpft – – Suleika . Denk nicht mehr dran! – Leb hin! ich will dir stehn Und, denk ich, gut und treu – – geh! bst! er kommt! (Sie lösen ihre Umarmung ganz, Ibrahim kommt zurückgewackelt, ein kleines Fäßchen vor sich tragend; sie müssen lachen) 192 Ali . Bei Gott, ich glaub, du bringst den ganzen Keller! An welch ein Zechen denkst du denn? Ibrahim .                                                         Mein Lieber! Ich will nicht jedesmal zum Keller laufen, Wenn ich erst sitze und den langen Faden Durchs Feuchte ziehen kann! O liebe Kinder, Es ist ein fürchterlicher Durst in mir Nach – Blut und Wein! Das bleiche, schale Zeug, Das mich so lang umwässert, hab ich satt! Heut will ich zechen, Kinder, Blut und Wein! Den größern Rausch an euch! Ein Leben lang Hab ich auf euch gewartet! Dank ihm nun, Dem großen Leben, das euch so geballt, Der Zeit, die euch gebracht, dem Augenblick, In dem ich jetzt euch hab! –         (Hat inzwischen das Fäßchen aufgesetzt und immer herumtrippelnd für ein Tischchen und Becher gesorgt)                                                 Kommt, lagert euch! Und jetzt mal eingeschenkt, Wein! Blut! und – Weisheit! Das röteste und heißeste von euch, Das bleich- und kühlere von mir – doch Kinder: So bleich auch Weisheit scheint und ist, vor Blut, Sie feuert doch! Kommt her, ich will euch heizen – 193 Laßt mich nur erst im rechten Zuge sein!         (Hat eingeschenkt, den Pokal erhebend) Das erste Glas – wem bringen wir's? – – dem Lichte! Ali (feurig) . Dem Lichte? Ja! Dem Höchsten, Leichtesten, Das diese Welt durchzuckt, und uns das Dunkel So schwer und unerträglich macht! Suleika .                                                     Sehr richtig! Und gut, daß ihr es einseht! Drum so weigre Mir länger doch die kleine Bitte nicht, Die Leuchter anzustecken! Ibrahim .                                       Liebes Kind! Wozu denn? Ist dies nicht das schönste Licht, Das dort die goldne Himmelsampel spendet? Suleika . Das kann ich sehn in jeder schönen Nacht, Doch dieser Saal will Glanz! Ibrahim .                                         Die Stunde auch? Stimmt dies nicht mehr zu dieser Zaubernacht? Das weiche bleiche Licht des Monds, ich lieb es: In solcher Nacht rückt man von selbst zusammen 194 Und Brücke schlägt sich leicht von Mund zu Mund, Von Stirn zu Stirn, wie auch von Brust zu Brust – Geh, laß es uns, wozu das harte Licht? Suleika . Wie? Licht ist hart? und drückt dich Glanz? Um meine Schultern fügt er neue Flügel – Ich liebe ihn –! Ibrahim .                   Ich gönn ihn dir! doch Kind, Dem Glücke dieser Nacht ist er gefährlich! Suleika . Warum denn nur? Ibrahim .                               Ich sagte dir ja schon: Er zieht Nachtvögel an! – Kind, dieses Haus Liegt hoch und schimmert weit ins Land hinein! Heut hab ich Ruhe, weil es dunkel liegt – Mach's hell und: »Ah!« – macht da und dort ein Kerl Von meinen guten Freunden in der Stadt – »Ah! Ibrahim hat Gäste!« Suleika .                                     Laß sie doch! Es müssen nicht die schalsten Köpfe sein, Die »Ah!« bei deinem Namen machen! 195 Ibrahim (sich windend) .                                   Ja! Das schon! Das schon! Doch gönne mir die Freude, Euch ungemischt zu haben, diese eine Glorreiche Nacht! – (Suleika schmollt)                                     Was maulst du denn, mein Täubchen? Suleika . Ich bin so unzufrieden! – Muß die Lust Denn stets an einem dunkeln Striche kranken? Ja, säßen wir dort im Cypressenhain, Oder wandelten durch diese Laubengänge, Oder lägen wir auf der Terrasse da Im Anschaun all der Herrlichkeit versunken – Ich wollte mich vor keinem Schatten fürchten Und keinem Schauern in den dunklen Büschen – Ich tränk mich satt und froh an dieser Dämmrung! Doch dieser Saal will Licht! Geh, Väterchen         (Umschmeichelt ihm die Wange) Geh, laß die Sorgen! geh, schenk mir den Glanz! Ibrahim (in komischer Entzückung, wie ein in Wonne Ertrinkender aufschnappend) . Ah – ah – was war das? – Noch einmal! – Ich schwelge! Ich spürte etwas Weiches in der Luft – Ich kann nicht mehr – nun denn, es werde Licht! 196 Suleika (läuft aufjubelnd einher und steckt alle Leuchter an; der bisher sanft dämmrige Saal wird taghell, sie steht in der Mitte) . Oh! – unvergleichlich! – Nun erst leb ich ganz!         (Nähert sich Ibrahim noch einmal und streichelt ihm wiederholt vorsichtig die Wange) Ibrahim (wollüstig aufkreischend und sich sträubend wie ein alter Kater) . Ah! Noch einmal! Es war nur ihre Hand! Nur ihre Hand! – doch jetzt begreif ich voll, Warum der Drohne sterben muß, wenn ihn Die Königin – geküßt! – Mir ist ganz schwach! Und war nur ihre Hand an meiner Wange! Kinder! – Kinder! ich spür's: das giebt ein Lied – Es juckt schon in der Kehle! Jetzt begießt's – Es wird schon keimen, hält man's feucht genug! (Trinkt) Suleika . Ein Lied? ein Lied? heraus damit! Ibrahim .                                                         Gemach! Es muß – ist es gekeimt – nun sprossen, wachsen Und blühn und reifen! Laß es nur der Mutter Neun solcher Monde lang (Erhebt seinen Pokal) im Leibe (Trinkt aus) – Jetzt Nur achte noch! – Schenkt ein und rückt zu mir! 197 Halt, erst das Rauchzeug noch! Ein blaues Wölkchen Soll, würzigen Duftes, noch den Raum durchkräuseln – Da – auf dem Tischchen – rück es her! – ist alles: Den Tschibuk mir! liebst du das, Nargileh? Ali . Wenn du erlaubst, bleib ich bei meinem Stummel         (Zieht ein Pfeifchen aus dem Gürtel) Ich hab's von einem wackern Kerl und Blutsfreund!         (Stopft es sich) Ibrahim . Und du, mein Täubchen? Suleika .                                           Gib – ich dreh mir eine! (Dreht sich eine Zigarette; Ibrahim stopft den Tschibuk; sie geben sich Feuer und rauchen ein paar Züge) Ibrahim . Jetzt ist es echt! jetzt wird es echt! – nur müssen Noch helle Augen ineinander blitzen Von Stern zu Stern sich seltne Kundschaft sagend, Verwandt und doch sich fremd: ein jeder Blick – Er kommt und senkt sich fragend in den deinen Als wie aus einer andern Welt! – Mein Sohn, Dies ist der erste und der letzte Reiz, Daß wir uns grad so fremd sind wie verwandt – So können wir uns – lieben! – Nun schieß los! 198 Wirf einen Knochen – daß wir ihn benagen! Doch feucht ihn an! (Trinkt) Ali .                                   Nun, wenn ich werfen soll, So bist du einen Brückenschlag noch schuldig –         (Trinkt Suleika zu) Ibrahim . Das gibt schon wieder Grund zu einem Schluck – So viel ich weiß, gehn Brücken über Feuchtes!         (Trinkt wieder) Suleika (lachend) Der Gründe wirst du noch genügend finden! – Ali . So sag mir denn, wie war dein Wort gemeint: »Wenn du nicht leben und nicht sterben kannst, So tu etwas Verrücktes!« – Sag doch: was? Ibrahim . Welch dumme Frage! wie soll ich das wissen! Bin ich verrückt! und habe ich zu tun? Und wüßt ich es, so wär ich nicht verrückt, Und tät ich was Verrücktes, wüßt ich's nicht – Nur keine Sorge drum! – Das muß und wird Von selber dieser Wiese hier (Trommelt an die Stirne) entsprießen – 199 Zum sprießen können muß gegossen sein – (Trinkt) Wenn erst der fruchtbar heiße Augenblick Gekommen ist, und unter deinem Deckel Das Hirn dir schwabbelt – schwabbelt? prost! (Trinkt)                                                                               Dir schwabbelt Als wie der Schöpfungsbrei – Brei? (Sieht das Glas an)                                                               nein! (Setzt es hin) ein Brei Ist mir nicht Fluß genug – ah – »Fluß«! das fließt!         (Trinkt wieder) Dann aber tu etwas – (Sich verbessernd) tust du etwas – Und wer nicht leben und nicht sterben kann Und doch was tut, der – tut etwas Verrücktes! Suleika . Und wohin sollt es führen? Ibrahim (verbessernd) .                       Führt es! Suleika .                                                               Also? Ibrahim . Ins Tollhaus oder Grab – – Suleika (auffahrend) .                           Ha – schöne Aussicht! 200 Ibrahim (fortfahrend) . Oder – zurück – (Schnell sich verbessernd) nein vorwärts zur Gesundheit »Zur Gesundheit!« prost! (Trinkt) – um eine Windung höher! Ali (düster) . Doch überstanden muß es werden! Ibrahim (zwinkernd) .                                               Freilich! Suleika . Mir schwindelt ganz davon! Ihr beide sprecht Und mehr noch: schweigt in Rätseln und in Schwüle! Ibrahim (trinkend) . »In Schwüle?« – ah – da trinkt sich's gut! Mein Kind – Ihr beiden Kinder, laßt mich's weiter deuten: Verrücktheit ist kein Trost und keine gute Und keine böse Sache. Liebe Kinder, Sie ist ein Mittel und ein Ausweg nur Zwischen Unmöglichkeiten! Liebe Kinder, Sie ist was Göttliches! (Flüsternd) der Ausweg Gottes! Das Mittel ist's ihm zur Unsterblichkeit!         (Immer flüsternd, man beginnt ihm die Trunkenheit anzumerken) Könnt er verrückt nicht werden, müßt er sterben – 201 Wär er schon lange tot – maustot – gar nie gewesen! Doch so wirf er verrückt, rast eine Weile, Und wacht dann wieder auf, in Scham und Glut, Faßt sich in Trost um das Vergangene Und in Geduld für alles Kommende, Er betet wieder, schafft, und schläft, gesund – Und eine neue Welt ergrünt um ihn, Auf die er froh und stolz ist – bis – (Trinkt) Suleika .                                                       Bis – Ibrahim .                                                                 Bis? Ha – bis er wieder mal nicht weiter kann Und wieder mal verrückt wird – – Suleika (spottend) .                                   Und wie oft? Ibrahim (erst warnend, mit erhobenem Finger) . Kind, Gott ist Gott, und über aller Zeit! Und weil er jenseits ist von aller Zeit!         (Plötzlich den Ton wechselnd, schnell sprudelnd) So geht das alles heidenmäßig schnell, Und während ich die Hand hier schließ und öffne, War er schon neunzigtausendmal verrückt Und neunzigtausendmal – wieder vernünftig – (flüsternd) . Kinder! – er funkelt vor Verrücktheit, sag' ich!         (Beide lachen verschieden auf) 202 Suleika . Du funkelst auch! Ibrahim (den Becher füllend) . Der auch! (Trinkt) Und du! Im Dunkeln ist gut funkeln! – Schau hinaus – Es sind nur Funken, die herniederblitzen, Doch jeder Blitz sieht eine Welt! Suleika .                                                 Also – Wohl einen Wahnsinn Gottes? Ibrahim (beleidigt) .                           Einen? – Einen? Millionen! – Billionen! – Trillionen! Unzählbare! – allein vergiß mir nicht: Auch ebensoviele Vernünftigkeiten! Sonst wär es keine Welt! – Ich sag's nochmal: Sie ist ein Blitz, ein Klang, ein Schrei, ein Schmerz Und eine Lust vom Kampfe dieser beiden, Und dieser Kampf ist ewig! Gib ihm Ruhe Und Gott muß faulen; Ohnmacht – er wird rasen! Ein Gott sich fühlen und ohnmächtig sein, Nicht sterben und nicht leben können – Kinder! Muß das nicht rasend machen – ihm zum Heil! Dies Rasen bringt den in sich selbst Verzwickten – Kennt ihr das Wort nicht? – außer sich! O Glück, 203 Mal außer sich zu kommen, wenn's in sich Nicht auszuhalten ist! Dies Rasen erst, Dies göttliche, zwingt über Schutt und Trümmer, Durch Rauch und Stank, durch Lachen Bluts und Schmerz Ihn über sich hinaus zu neuem Werden, Neuwerden, Anderswerden, höher, tiefer! So ward die Stufenreihe der Geschöpfe Vom Staub durchs Kraut und Tier herauf zu uns, Die noch nach einem höhern Ausweg suchen. Ali (ist unruhig aufgestanden) . Und werden wir ihn finden? Ibrahim (zugespitzt) .                     Wer weiß was? Gebahnten sicher nicht! Und vor dem Un weg Scheut die Vernunft – Vernunft ist immer klug – Und muß es sein als – Gegenführerin! Doch immer klug wird einmal dumm! – Verrücktheit , Die hat das Zeug, durch alles durchzubrechen, Weil sie den eignen Schädelbruch nicht scheut, Die haut sich Gassen, die erzwingt sich Luft! Ali (wild) . Hörst du das alles? spricht er nicht von mir? Ahnt er nicht mich, mein Leiden, meinen Weg, Lehrt er nicht – mich! 204 Suleika (flehend) .                 Hör nicht zu sehr auf ihn! Es ist auch Wein und Rausch in seinen Worten! Ibrahim (trinkend) . Wein? – haha! – und Rausch! Zum Überfließen! Vom Weine werd ich voll und von der Weisheit Nicht leer! – Ein Glas noch und – ein offnes Ohr! (In den Säulenstellungen des Hintergrundes erscheinen Harun al Raschid in der einfachen Tracht als Kaufmann aus Mosul, mit ihm Djaffar. Sie bleiben lauschend und spähend stehen, während Ibrahim mit hundert Gesten weiter predigt) Harun (im Ton des höchsten Erstaunens, gedämpft) . Der heilige Ibrahim! – sieh da! sieh da! (Gesten) Und dieses Paar, bei Gott, wer mag das sein! Wie mir der Zorn erlahmt, da ich sie sehe! Der Schönheit wahrlich wird doch viel verziehn! Sieh nur dies Mädchen, Feuer ganz und Reiz, Und noch im Taumel eines halben Rausches Nicht ohne Stolz und Würde; schleierlos Und doch nicht schamlos; ganz zersprengte Form Und doch bewahrte Zucht – wie wunderbar! Und dieses jungen Mannes edle Bildung! Der wilde Kopf, das Auge düstern Feuers, Ein Angesicht von Leiden ganz durchfurcht – Sahst du was Edleres, Unseligeres? 205 Wie es mich drängt, dies Schicksal zu erforschen, Das hier sich malt auf dieser breiten Stirn, Das Leiden, das in diesem Aug noch schwält – Und ist mir nicht, als säh ich schon einmal –         (Schüttelt den Kopf) Doch hören wir den heiligen Ibrahim! Ibrahim (in lebendiger Geste) . —   —   —   —   —   —   —   —   —   — Der Brand des Lebens ist das Rasen Gottes, Die Formen all, in denen du es schaust, Sind abgekühlte Welten, abgekühlt, Doch noch ein Lehn vom Vaterfeuer tragend: Erloschen bis zur Lebenslosigkeit, Und wieder warm, hinauf zum Rand der Gottheit, Heiß bis zur Tollheit, schön bis zum toll machen, Schön bis zur Unerfindlichkeit hinan, Und häßlich wieder bis zu ihr hinab! Schau nur und lausch hinaus in diese Nacht, Fühl diesem Weben nach, das dich umfängt, Bis dir vergangen ist, was Luft und Licht Und Klang und Weiche, sondern all in eins, In dich verwoben ist und du in es – Erfinde doch mir das! denk es! – erschaff es! Erdenke mir die Piniengruppe doch, Die dort ihr dunkel, schöngewölbtes Dach 206 Auf wildvergabelten und krummen Sparren Zum hellen Himmel reckt, von blauem Schimmer Ein wenig übergossen; ja erdenk Die feine Silberlinie – siehst du sie? – Die licht ihr dunkeles Gewölbe säumt! Erfinde mir den Sang der Nachtigallen, Den Duft der Rosen, diesen Hauch der Luft, Der in den Binsen dort des Weihers zittert, Des Mondes Bild darin gerinnen macht! Und kommt dir alles das natürlich vor, So sieh dies Mädchen an, alles in einem, Was dich verzücken macht: Licht, Duft und Farbe Und linder Hauch und lieblicher Geschmack, Und Geist darüber, eine Seele drin, Ein Feuermeer von Leben, Leidenschaft Und Freudenschaft – (Trinkt) Harun .                                 Der heilige Ibrahim! Ibrahim . Erdenk es doch! erfinde sie mir doch, In dieser Mischung grad, mir halber schmollend Und lächelnd doch, und Süßigkeit und Reiz – Erfind es doch, wenn du verrückt nicht bist!         (Gelächter) Und jetzt – und jetzt – jetzt sing ich euch mein Lied – 207 Jetzt sing ich euch mein Lied – mein Lied – mein Lied –         (Probiert dabei seine Stimme) Das Kind ist reif –         (Will sich erheben, es geht nicht mehr)                                 Hallo, was ist denn das? Bin ich so schwer davon? Suleika (lachend) .                     Vom Weine wohl! Ibrahim . Du hältst mich wohl für voll? Suleika .                                                     Für leer gewiß nicht! Ibrahim (etwas hackend) . Die Wahrheit über alles! Liebes Kind, ich bin nicht so voll, wie es dir vorkommt von deiner Leere aus – aber auch nicht so leer, wie es mir vorkommt von meiner Unerfüllbarkeit aus, dies ist eine meiner göttlichen Eigenschaften! Jedenfalls aber bin ich in einem höchst gesegneten Zustande! Mein Täubchen, geh, da deine Schwingen nicht so triefschwer sind, wie die meinen, geh flieg mal dort an die Wand und hol die Helferin! (Deutet auf eine Laute) 208 Suleika (sie bringend) . Hier ist die Traute – o wie schön sie ist! Sie mahnt mich an die meine!         (Probiert und schlägt einen Triller) Ibrahim .                                             Teufel auch! Du hast ja eine Drossel in der Kehle! Sing lieber du – ich kratz euch nur das Ohr! Suleika . Nach dir, mein Lieber! jegliche Sekunde Wird deine Zunge schwerer! Ibrahim .                                           Ja, 's ist gut! Nur her! (Nimmt die Laute, probiert sie und seine Stimme)                 Paßt auf! Suleika .                           Wir passen! Harun .                                                   Bin ganz Ohr! Ibrahim (singt) . Ich fühlte etwas Weiches in der Luft – Dem weißen Täubchen gleich kam es geschwirrt, Ein Saitenklang, zu meinem Ohr verirrt, Von Süßigkeit durchtränkt und Ambraduft, 209 Und glatt und prickelnd wie die Haut der Schlange – So traf es meine Wa – ha – haha – Wange! Suleika . Traf ist ein hartes Wort! Danach könnte es auch eine Maulschelle gewesen sein! Ibrahim . Laß gut sein! es sollte mir auch darauf nicht ankommen! von dir! Harun . Zu glauben wär's! Ibrahim . Nun einen Schluck und dann Vers zwei!         (Trinkt und räuspert sich; singt) Was war es denn? – War es ein Taubenflügel, Der seiden mich in leichtem Flug gestreift, War es ein Strahl, vom Monde abgeschweift, Ein süßer Ton, ins trunkne Ohr geträuft, Ein schwüler Duft von einem sonnigen Hügel? O nein, o nein, o na – ha – haha – nein – Was frag ich lang, was kann es andres sein,         (Lang anhaltender Ton) Als, Mädchen, deine Hand, die leichte, rasche! Nun seht doch meiner Wange lichten Brand – Furchtbares Weib, es war nur deine Hand – War es dein Kuß – zerfiel ich gleich zu Asche! 210 Und küßlich war das schon! Im Wirbeltanz Umbrandet mich ein Rausch – ich lichterlohe! Helft! löscht und rettet! löscht die Dichterlohe! Beschattet mir die Stirn mit einem Kranz – Und dann noch eine Fla – ha – haha – Flasche! (Lautenfinale in Beifallslachen und Klatschen. Ibrahim ergreift seinen Becher und hält ihn ganz wie ein trunkener Silen hoch) Suleika (jubelnd) . Den Kranz, den sollst du haben – und das gleich –         (Sieht sich um) Ibrahim . Ja, kränz uns, Mädchen! Efeu mir und Wein Auf meine räudige Platte! – Dornige Rosen Auf diesen wilden Strupp! – Komm, trinkt mal, Kinder! Vier W-en bring ich's, die dem Leben heizen: Wein, Weib und Weisheit und – ein tiefes Weh!         (Füllt einen Pokal) Komm, Mädchen, weih ihn mit den süßen Lippen! Suleika . Gib her denn, alter, böser Seelenfänger! (Trinkt) Ibrahim . Trink weiter, Junge, den süß vergebenen Kelch! Ali . Ich bring's mit Dank dem närrischen Seelenwirt! 211 Ibrahim . Und nun den Rest mir! Kinder, liebe Kinder! Gebt mir den Rest damit – (Schlürft ihn aus) Ich glaub, er ist's – Wo bleibt der Kranz, mein Herzchen? – Laß mich nicht Als ungeschmückte Leiche in das Grab – Das Hemd mag man mir ausziehn – doch 'nen Zweig – Soll man mir um die Platte legen – (Taumelt zurück) Suleika (in lachendem Aufbruch) .               Gleich! Noch eh du tot bist – –         (Will nach hinten eilen, bemerkt die Gäste, hält mit einem Schreckenslaut inne)                                         – Ha! – da ist ja wer! Ibrahim (sich mühsam umdrehend) . Was ist – was ist –? Suleika .                           Da ist wer! Ibrahim (aufstehend) .                         Was ist wer? Da hat überhaupt niemand zu sein – Harun (zu Djaffar) . Nun vor, da wir entdeckt sind! (Sie treten hervor) Ibrahim (in der Richtung nach ihnen taumelnd) . Wa – was sind denn das für drei Kerle? 212 Suleika (auflachend) . Du – du! es sind nur zwei! Ibrahim (den Weg weiter suchend) . Nur zwei? – das sind immer noch zuviel! – Zähl sie nochmal!         (Stolpert über einen Teppich und fällt auf den Diwan, der mit dem Bärenfell bedeckt ist) Holla, holla! – h – was ist denn das – ein Tier – ein Bär! Ein Bär! – Ali, hilf! hilf! (Ringt mit dem Felle) Verfluchtes Vieh! – weg! weg! – Ali! – W – w – wegch – wegch – gch – grch – rch (Schläft schnarchend ein. Suleika tanzt vor Lachen, Ali streckt und reckt sich vor dem komischen Anblick, Harun und Djaffar stehen wie bescheiden immer noch im Hintergrunde, aber auch von Gelächter erschüttert)   Der Vorhang fällt . 213   Dritter Akt (Der neue Aufzug zeigt denselben Schauplatz und schließt sich unmittelbar dem Vorgang an. Ali und Suleika stehen lachend vor dem schlafenden Ibrahim . Harun kommt zögernd mit Djaffar nach vorne.) Harun . Noch einmal Gottes Gruß! Ali (höflich, doch in launiger Verlegenheit) . Er sei mit dir! Harun . Verzeiht die Störung auch und die Verwirrung! Wir sind hier fremd und schweiften durch die Gärten, Und sahen dies erleuchtete Gemach, Und hörten Singen, Lachen, Becherklang – Dies gab uns Mut, so frei hereinzutreten, Denn gastlich sind die Frohen! Ali .                                                       Seid willkommen! Doch trefft ihr, daß ich's sage, liebe Gäste, Das sonderbarste Wirtsvolk! Hier der Wirt – Ihr seht, er schläft, als ging's zum jüngsten Tag! 214 Und wir sind selber fremd in diesem Hause, Kaum eine Stunde ist's, daß wir's betraten. Suleika . Und nichts, ihr Herrn, kann euch die Wirtin bieten, Als was ihr seht! Ich weiß nicht Küch noch Keller! Greift zu, wenn es genügt – Ali .                                                 Und hier ist Rauchzeug – Auch Wein ist da, wenn ihr mitsündigen wollt! Das ist, was Wirt und Wirtin bieten können! Greift zu und – seid zu Haus! – wie wir! (Lacht voll) Harun .                                                               Bei Gott! Da wären wir ja wundervoll versorgt! Bescheiden hast das beste du vergessen, Mein lieber Wirt: was ihr uns bieten könnt, Ein heiteres Gespräch die Nacht entlang, Gewürzt durch dieses Mädchens silbern Lachen – Wir tranken es entzückt schon eine Weile! – Du singst wohl auch, und hier seh ich die Laute! Wir selber sind nur ungeschlachte Bursche, Langweilig Volk, doch durstig nach was Schönem! Wir sind nur Ohr und Auge und Gefühl – Füllt sie uns an mit Klang und Bild und – Leben! 215 Ali . Ich bin schon schrecklicher gelangweilt worden! Suleika . Ich schmählicher gelästert als von dir! Harun . So hoff ich denn, wir werden uns vertragen, Auch wenn wir nur im Nehmen selig sind! Seid ihr es denn im Geben! – Du, o Mädchen, Bist schleierlos, doch dies schwermütige Auge (Auf Ali deutend) Webt einen Schleier um dich, der dich schützt, So ist die Würde eurem Bund gewahrt – – Ali . Hör, du gefällst mir! Harun .                               Gern geb ich's zurück! Und laß mich dir gestehn: Nicht nur des Mädchens Berückend Licht zog uns in seinen Kreis – Auch du hast uns gelockt, und mächtig spür ich Dein schwarz Gelock, die bleiche, breite Stirn Und deines wilden Auges jähen Blitz – – Ali . Ich danke dir und geb es auch zurück: Auch du versprichst mir was! ich wittre Blut! 216 Du störst die Trägheit meines eignen auf! So rücke her, wir müssen uns beschnobern! Durch Flachheit und Gemeinheit schritt ich lang Und stand in niedern, dumpfen, sumpfigen Ställen – Hier wittr' ich – endlich wieder! – Ungemeines! Blut – edles – witt'r ich! Gelt, du bist ein Roß! Harun (lachend) . Nun ja, ich will es hoffen. Ali (bei dem sich Angetrunkenheit durch etwas brutalen Ton kenntlich macht) .                                             Hörst du, Schatz! Komm her, betracht ihn recht; es ist ein Roß! Wie scheint es dir? Suleika (mustert ihn, auf der Laute klimpernd, wird verlegen und flicht die Antwort, um darüber hinwegzukommen, in ihren Gesang) . Er trat ins Zelt und sprach: Ich hin verirrt!         (Setzt ab und betrachtet Harun wieder) Er ist so übel nicht!         (Singt weiter) Gib Rast, wenn einen Tropfen du im Schlauch Und eine Krume Brotes übrig hast!         (Setzt ab, neuer Blick, schmollend) Doch geht, ihr Männer! Daß eure Stirnen alle finster sind! Auch du hast diese bösen Falten da – 217 Das Leiden zog sie, sagst du, frägt man dich – Geh weg, nur eure Eitelkeit steckt drin, Wie unsre in der glatten! (Singt) Ich sprach zu ihm: Gern grüßt ich dich als Wirt, Doch heizt mein eigen Aug ein fremder Rauch – Freund Gottes, ach, ich bin hier selber Gast! (Setzt ab) Pfauen seid ihr! Die allereitelsten, und zeigt auf uns! Geht nur, ihr seid erkannt! (Singt) Und eine Stimme sprach: Wer nennt sich Wirt? Du Mensch, bist flüchtig wie des Windes Hauch, Und noch im eignen Haus des Zufalls Gast! (Lautenfinale) Harun . Du bist entzückend! (Zu Djaffar) Sahst du ein Gleiches! hörtest du je solches? Djaffar . Wahrhaftig, nein! selbst Ischak nicht –         (Hält wie über ein unbedachtes Wort erschreckt inne) Harun .                                                                   Sag's nur! Selbst Ischak nicht, der Sänger des Kalifen –! Ali (Suleika streichelnd) . Ja, ja, sie ist ein Schatz! – Gefällt sie dir? 218 Harun (feurig) . »Gefällt«? Bei Gott, dafür – nimm mir's nicht übel – Gehört sie dir geraubt! – Ein Kleinod ist sie, Wie des Kalifen Perlenschnur, glaub mir, Nicht eines zählt! Ali .                                 Meinst du? – (Zu Suleika) Wie schmeckt sein Lob? Sieh wie sein Aug von deiner Schönheit leuchtet! Freund, du und du, Herz – geht, es macht mich weich! Doch schmerzt mich, daß du mir so teuer bist, Daß ich sie dir nicht – fast nicht – schenken kann! (Harun und Suleika fahren in verschiedener Erschrockenheit auf) Suleika (mit einem Schrei) . Um Gott! – Ali! Nicht so! Nicht solchen Scherz! Gott! wie du blickst! – Ali! – Es ist dein Ernst? Ali (schwach lächelnd) . Nein, teures Mädchen! (Sie hängt sich mit einem Schluchzen an seinen Hals) Harun .                                   Nun, so schäme dich! Wie magst du sie so fürchterlich erschrecken! Das war ein böser Scherz! Ali .                                               Es war kein Scherz! 219 Harun . Du sagst doch selber – Ali .                                               Wunderliches Volk! Wie euch doch alles in der Hand gerinnt Und fest geprägt in kalter Form erstarrt! Milch, Blut und Leben, ja, das Feuer selbst, Was in euch tropft, gefriert! – In meinen Adern, Ich weiß nicht, wie es kommt, ist alles anders! Da ist nichts fest!         (Schüttelt traurig den Kopf, läßt ihn hängen und spricht in sich gekehrt weiter)                                 In einziger Bewegung, Ruhlos und haltlos, wallt das Durcheinander, Dem Chaos gleich! Was in mich fällt, verbrennt, Mischt sich mit mir, verwandelt sich und mich. In einem Augenblick leb ich zwei Leben Und mit dem nächsten Puls bin ich ein andrer. Drum du, der du mein Freund sein willst – wofern Nicht morgen schon sich unsre Wege trennen – Denn was wird morgen sein? Wer weiß etwas? Wenn je noch unsre Kreise sich verschlingen: Du mußt mich niemals an das »Gestern« mahnen – Auch an das »Vorhin« nicht – es ist das »Gestern« Von diesem Augenblick! – Kein fester Punkt 220 Ist an und in mir, der dir Halt gewährte, Mir selbst ja nicht – ich habe keine Treue! Harun (erschüttert und zärtlich) . Du? Suleika (durch Tränen) .         Glaub ihm nicht! Ali .                                       Du, täusch dich nicht! Suleika .                                                                     O schweig! Ali . Nein, Mädchen, besser wär, du gingst mit ihm, Und ließest mich allein ins Elend ziehn! Suleika . Allein? – ins Elend? – und das forderst du! Ali . Ich schritte leichter, wüßt ich dich versorgt – Suleika . Und läg ich weich, wüßt ich dich hart gebettet? Ali . Du mußt nicht an mich denken! 221 Suleika .                                               Gut, ich wills! Doch spalte mir den Kopf, daß ich es kann , Dann – denk ich nicht an dich! (Sie sehen sich lange an; inzwischen:) Harun (flüsternd) .                               Welch Menschenpaar! Djaffar . Was wird sich hier enträtseln? – sieh, ich zittre! Harun . Schau hin – ich seh es selbst zum erstenmal, Wie wunderbar des Menschen Angesicht Im Schmerze ist – halt mich, sonst muß ich schreien!         (Krampft ihm den Arm) Ali (sein forschender Blick ist in Weichheit übergegangen) . Und immer wieder find ich eine Heimat Hier zwischen deinen Brauen – (Zeigt es an sich) –                                                       was ist's doch? Wie kann ich denken, mich von dir zu trennen –         (Erfaßt ihre Hand und sieht ihr gedankenvoll ins Auge) Was aber hält mich ab, daheim zu sein? Fehlt es an Recht, an Reinheit, an Gesundheit? Suleika . Ali, ich glaub, es fehlt uns nur an Glück, Um glücklich ganz zu sein – – 222 Harun (sich zart einmischend) .           Ein seltsam Wort: Doch ist's ein wunderbarer Arzt, das Glück! Suleika (in schamhaftem Schreck; sie sind beide bei seinem Wort aus ihrer Abgekehrtheit zurückerwacht) . Um Gott – sind wir ein Volk! Wir haben Gäste Und denken nicht an sie! Harun .                                       O wüßtest du – Fast ist es grausam, euch davon zu sagen – Wie ich an euch geschwelgt! Ihr botet – o! Uns einen sonderbar gewürzten Kelch! Wie ist der Mensch doch schön! Ali (lachend) .                                         Wenn! Harun (auf den hellen Ton eingehend) .               Freilich wenn! Es gibt auch mangelhafte Gegenden – Ich lebe so, in einer weiten solchen! Ali . Wie, du besonders? Harun (der Gefahr, sich zu verraten, ausweichend) .                                   Nun, – besonders nicht! Es ist, wie's ist in manches Mannes Leben! 223 Ali . Dem Aufzug nach bist du ein Handelsherr, Und keiner der geringsten – Harun .                                             Ja, so ist's! Wir sind aus Mosul, und ein großes Haus, Und manches Schiff auf Strom und Meer ist mein –         (Zu Suleika) Du wärst nicht in gemeine Hand gekommen! Suleika . Du wirst nicht Mangel leiden ohne mich! Harun . Wer weiß? Suleika .                 Geh doch! Harun .                                     Ich habe viele Weiber – Suleika . Nun also! Harun .                     Ja, doch keines, das mich liebt – Sie lieben alle meinen Reichtum nur Und ihre Macht auf mich – geh mir mit ihnen! 224 Suleika (das Haupt wiegend) . Ich weiß, es ist nicht alles gut bei euch –! (Rezitierend) »In einem Schuhe bist du wohlbeschuht, In einem Schlafe hast du bestgeruht. Zwei Pole biegen sich zum schönsten Kranz – In einem Paare wird der Mensch schon ganz! « Harun . Was tat dann Gott, da er durch den Propheten Dem Mann vier Frau'n erlaubt? Suleika .                                               Frag ich den Mann – So maß er wohl zu geizig mit den vieren, Und wer es kann und wagt, der bessert es – Auf tausend der Kalife, wie man sagt! Geh, ich erlaub sie ihm – doch mit Bedauern! Ich seh in tausend Stücke ihn zerhackt, In kleine und in große – nur nicht – – ganz! Harun . Bei Gott! es ist was dran! Ali (lacht) .                                       Du, ich muß lachen: Wie nah es einst war, daß du selbst dich heut Um eins der tausend Stückchen balgen müßtest! Harun (aufhorchend) . Wie? 225 Suleika (wehrt) . Bst! – – Geh! – Ali .                             Ach was! was soll ich's ihm nicht sagen? Suleika . Nein, denke doch –! Ali .                                           Ach Närrchen! Harun .                                                               Ei, was habt ihr? Suleika (ängstlich bittend) . Nein, nein! – Ali – geh doch – ich bitte sag's nicht – Harun . Warum nur Mädchen? Hast du kein Vertrauen? Seh ich unedel aus? Es ist nicht Neugier, Es ist die Lust an euch, die in mir beißt, Von eurem Schicksal mehr noch zu ergründen! Suleika . Und ich mißtraue nicht! Mir ist nur bang – – Ali . Bang? – ein Grund mehr , das lustige Stück zu wagen: Mein Leben soll's vom andern Leben scheiden, Daß Furcht mich vorwärts reißt, das Furchtbare 226 Mich an sich zieht und seine Furchtbarkeit An mich verliert! – Doch diese Kleinigkeit Schämt sich des großen Worts! So hör es denn: Sie war schon halb an seine Schnur gereiht! (Harun fährt auf) Djaffar (aufmerksam) . Wie? was? Ali .                     Du schau, die Augen, die sie machen! Suleika (schmollend) . Ach laß mich – du bist grausam – – Harun .                                                         Aber sage – – Ali . Was denn? – Na denn: ich hab sie ihm gestohlen! Harun (auffahrend) . Aus seinem Harem? Ali .                                     Knapp vor seiner Tür: Ich stahl sie aus dem Harem meines Vaters! Harun . Wie? was? Wer bist du denn? und wessen Sohn? Ali . Ali bin ich, Bahdladdins Sohn, von Basra! 227 Harun und Djaffar . Bahdladdins Sohn? Ali .                                   Ihr kanntet ihn? Harun .                                                        O gut – Wir hatten manches wichtige Geschäft – Mein Handel ist bedeutend – aber sage, Was ist mit dir und ihr – was führt euch her Von Haus und Hof –? Ali . Der Mangel an den beiden! Harun .                                         Dich? der Mangel? Bahdladdins Sohn, des Reichen? Suleika .                                                 Guter Mann! Er hat den Hof verschenkt, das Haus verwettet – Nein weggeschleudert, das war keine Wette. Harun . Warum jedoch? Ali .                                 Warum? weil es mich jückte Und was bis heute mich gejückt, das tat ich! Warum? Aus Spaß – (Düster) vielleicht auch Atemnot! 228 Luft muß ich haben, sieh, und wo ich will Da heischt die Seele Luft und holt sie sich, Und wär's auch jedesmal mit einem Krach! – Nun, schließlich gab es einen großen Krach, Der mich auch gründlich an die Luft gesetzt – Was meinst du, Luft genug!         (Lachende Geste, die Weite der Verlorenheit andeutend) Suleika .                                         Da lacht er noch! Ali . Er schloß ja nur ein jahrelanges Scheitern! Und geht's nicht wunderbar am neuen Strand In dieser himmlisch leicht und freien Nacktheit?         (Zu Harun) Vier Dinge nur hab ich hindurchgerettet: Hier dieses kleine Buch Hitopadescha, Der Jugend treu und freundliches Geleit; Und diesen schwarzen Pfeifenstummel hier – Von meinem liebsten Freund aus dieser Welt; Als drittes hier den Säbel meines Vaters – Noch ist er ungeehrt! – Als letztes endlich, Dies Mädchen hier – bei Gott, ich bin noch reich! An Trödel nicht, an Reichtum! Harun .                                               Aber sag: Wie kamst du zu ihr? Dieses möcht ich wissen! 229 Ali . Sie war für den Kalifen angekauft – Bei Gott um schweres Geld! – und wurde nur Für irgend einen wichtigen Fall gespart, Als Einleitung zu einem Staatsgeschäft – Bartsalbe nennt es der gemeine Mann!         (Harun senkt den Kopf, Djaffar rückt) Ich hörte vieles von dem seltnen Vogel Im goldnen Käfig munkeln, Wunderdinge – Natürlich nur von des Gefieders Pracht – Und eines Tages stieß ein kühner Falke Aus blauer Luft herab und holt ihn sich – Harun (bedeutend) . Und schändete den Harem seines Vaters. Ali . Pah, schänden – (Fährt aufgeregt auf)                             ha – was schaust du so? – Suleika, Sieh nur – wie ähnlich – sieht er – meinem Vater! – Nein – nicht – und doch! es war sein Blick, ein Zuck nur – Doch wie es mich erschreckte! Harun .                                                 Tat es das, So ehrt es dich! denn schändlich war die Tat – 230 Suleika . So schmäh auch mich: ich wollte mich geraubt! Gab das kein Recht auf uns? Harun .                                             Ein Recht auf Raub! Zum Bruch in's Allerheiligste des Manns! Ali . Das Allerheiligste daran sind wir Und unsere Liebe! Dieser drohte Schändung! Suleika . War ich nicht einem fremden Haus bestimmt, Mit Aussicht eine tausendste zu werden? Ich brauche Füllung für ein ganzes Leben – Ha, Schmach, ein Spielzeug nur zu sein, ein Tierchen! Doch glaub mir: niemals hätt ich sie erduldet! Harun . Im Arme des Kalifen wäre Schmach? Suleika . Im Arme eines Weibes ist er – Mann! Und Mensch und Geist, und hat sich zu beweisen! Küß ich ihm Krone, Szepter, Siegelring? Harun . Doch tausend fühlen sich durch ihn geehrt, Da ist kein Weib im Reich – 231 Suleika .                                           Ich weiß es wohl! Doch hier bin ich , und hier ist er – Und niemals hatte jener mich berührt! Harun . Allein in seiner Hand – Suleika .                                       Sei unbesorgt. Mein Wille war nicht ohne letzte Zuflucht. Du kennst doch dieses Ding? (Zieht, mit einer Hand das Haar vor dem Herabfallen schützend, einen schlanken Dolch aus demselben und hält ihn Harun dicht vor die Nase) Harun (ohne zu zucken) .                 Ich denke doch! Du hättest dich getötet? Suleika (spöttisch) .                 Mich? Nun ja! Allein nicht ohne ihn! Harun .                                 Ihn? Suleika .                                       Den Kalifen! Harun . Du hättest ihn getötet? 232 Suleika .                                     Ja, bei Gott – Hätt er den Mann mir meiner Wahl geweigert Und schmachvoll mich in seinen Arm gezwungen!         (Steckt den Dolch wieder zurück) Harun (Djaffar ansehend) . Bei Gott nicht übel! (Zu Suleika) Doch dir sage ich: Er würde rasend, wüßt er das, vor – Feuer! Doch eine Frage: »Deiner Wahl« sagst du – Wie konntest du ihn wählen? Suleika .                                           Laß mich lachen! Meinst du, man tuschelt nicht gerade so Im Harem von des Hauses Männerseite? Zwar viel des Guten hört ich nicht von ihm, Ja, daß ich es gestehe, rein nur Schlechtes! Harun (zu Djaffar) . Da siehst du wieder! – Weiber, Weiber! Suleika .                                                             Halt! In allem seinem Schlechten lag ein Zug, Der – zog! Ein Hauch von Wildheit, Stolz und Kraft, Das – zieht! Denn mächtig träumt das Weib den Mann! So kam sein Ruf, sein guter Ruf zu mir, 233 Die Neugier dann, den bösen Mann zu sehn, Dann die Gelegenheit – nur wie ein Blitz – Er sah mich nicht dabei! – und mondelang Lag ich nun wund, von seinem Bild zerstört, Sein war ich, und er mein, und nur mit Schaudern Konnt ich den Atem eines andern denken. So wählt ich ihn, nur ihn, und war es Wahnsinn! Schwer ist des Weibes Los, sein Glück sogar, In wieviel Schmerz und Scham ist es getaucht! Von wem soll ich nun all die Schwere nehmen, Als wo ich Sieg und Lust empfinde, liebe?         (Sie tritt etwas vor und spricht sich in eine Entzückung hinein) Nur selig kann ich mir das Leben denken, Nur selig schlürf ich es und geb es selig Nach oben weiter! Bin ich glücklich nicht, Verletz ich ein Gesetz! Und dieses Glück, Ich denk es auszuschöpfen! (Mehr versinkend) Seligkeit, Den Funken, der von seinem Feuer sprühte, Nun groß, zu einem Feuerbrand, zu nähren, Bis er zu heiß, und stark zu eigner Lohe Sich lossprengt! Seligkeit! ihn an der Brust Noch weiter zu gebären! Seligkeit! Die junge süße Flamme, die ganz mein, Zu seinen Füßen züngeln, spielen sehn, Erst klein, am Boden hin, dann immer höher – Ich träume – (Schüttelt sich wach) 234 Ali (hat sich ihr in entzückter Geste genähert, ihre Hand ergreifend, feurig) .                       Ha! (Läßt nur sein Auge sprechen) Harun (erschüttert) .     Träum weiter, junges Weib! Nur laut wie eben! – Ist das Weib so glücklich? Ali (sie näher an sich ziehend) . Glücklich? Sag stolz und stark! Und frage noch, Ob ich ein Recht zu ihrem Raube hatte! Was meinst du? sprich! Ich möchte dir gefallen! Harun . Der Weg war bös, doch seid ihr wohl ein Paar, Wenn du des Gegenwerts so sicher bist! Doch mein ich, schwankst du selbst! Suleika .                                                       Laß ihm nur Zeit, Und gönn ihm einen Punkt, darauf zu stehn, Wo er sich finden, sammeln, klären kann. Unfruchtbar war die fürchterliche Unrast, Dies hin und her und auf und niederzerren! Seit jener Stunde, da wir uns gefunden, War nichts mehr fest an uns – (Stockt) Harun .                                               Erzähl doch weiter! Ihr mußtet fliehn? 235 Suleika .                         Laß das! nicht weiter! (Leise) bitte! Harun . Warum denn nur? – Ich bitte! – Sei gewiß: Ich bin ein Mann und kann etwas vertragen! Ihr floht? Ali .                   So sag es doch! Suleika .                                       Wie kann ich es? (Weinerlich) Siehst du, so kommt nun eins ums andre aus! Harun . Es muß ein eigner Ort gewesen sein, Daß ihr euch scheut – Ali .                                         Wer scheut? Wir flohn zu Babek! Harun (wild auffahrend) . Zu Ba –? Und diesen Namen wagst du hier – Den Namen, dessen Klang die Mauern schwärzt Und jedes gläubige Ohr zerreißen muß – Nennst Babek den Rebellen, dessen Trotz Des Vaterlandes beste Kräfte lahmt – – Ali . Pah, Vaterland! Ist es ihm Vaterland? Leiht es ihm Boden, Wasser, Luft und Licht, 236 Läßt es ihn leben wie sein Atem will? Ist seines Lebens Feind sein Vaterland?         (Lacht hell auf) In einer Weise freilich: denn der Vater Gibt dir sein Leben, erst der Feind das deine! Am Feinde lebst du in die Höh, zu dir! So danke Babek seinem Vaterland: Sein Elend schuf ihn, seine Acht erhebt ihn! Harun . Sein Elend? Ist sein Vaterland denn elend? Ali (heftig) . Gotts Donner! bist du hinterm Mond daheim? Hast Aug und Ohr du, und Geschmack und Herz, Und kannst so fragen? Bist du selbst zufrieden? Du siehst gerade danach aus!         (Harun sieht Djaffar an und kann nichts sagen)                                                   Gelungen! Was ihr für Mienen macht, so tief empörte! Ihr müßt die reinen Musterbürger sein! Harun (verwirrt) . Dies herbe Urteil aus so jungem Mund – – Ali . Jung? – Ich bin älter als ich bin – – Ich habe viel gelitten! Babek auch – 237 Harun . Du kennst ihn näher? Ali .                                           Näher? Sieh daher: Das Blutmal unsres Bundes! (Streift den Ärmel zurück) Harun .                                             Tod und Teufel! Du – Blutsfreund Babeks! in der Stadt Haruns! Ali (spöttisch) . Haruns! Harun .                           Du lachst? Der Name weckt dir Hohn? Ali (sich besinnend, noch leichthin) . Das Wort ist hart (Plötzlich in düsteres Feuer übergehend)                               – doch viel mehr ist es nicht! Wenn wie ein Blitz des Kaisers Name nicht Mein Mark durchfährt, ein heilig süßes Feuer, Das opfernd mich in seine Gluten reißt – So ist der Hohn nicht weit – (Schaut in die Ferne, dann auf Suleika, die sein Auge sucht, sodaß sie nicht sehen, wie Harun die seinen aufreißt; Pause) Harun (mit belegter Stimme) .                                                 Ist er kein Fürst Von bestem Willen? 238 Ali (wieder lachend) .         Sag doch lieber gleich: Vom besten Hause! Lieber, kann man nicht Von bestem Blut sein und kein guter Fürst? Und so tut es der Wille nicht allein – Man muß auch dahin langen , wo man will! Harun (mit Zittern in der Stimme) . So hältst du ihn für einen schlechten Fürsten? Ali . Für einen guten Mann! Als Fürsten hat es – Sein Glück! – bedeutend schlechtere gegeben! Ich will noch mehr ihm lassen: er ist gut – Das ist schon viel bei einer großen Macht! Er tut auch gut, so weit der Arm ihm reicht –         (Auf Djaffar weisend) Doch reicht er weiter als von dir zu dem? Und wo er aufhört, dieser Herrscherarm, Da fängt die Macht der Barmekiden an, Ein Netz gefräßiger Spinnen – du! die Augen! Ja, glotzt nur her! ich bin ja selber einer! – Du weißt genug, ich seh dir's an! – Nun sag: Was hat das Reich von seinem besten Willen, Von seiner Gutheit selbst? Hier nimm dies Wort: Gut sein allein ist schlecht , es läßt das Schlechte! Gut sein und stark, das ist des Guten Salbung, 239 Und nicht der goldne Mond auf seinem Turban! (Er tritt in Erregung etwas vor, auf dieselbe Stelle, wo Suleika in ihrer Verzückung stand, und verliert sich seinerseits in eine solche, beide Arme mit geballten Fäusten schüttelnd) ^ O, Fürst sein! – Fürst sein! – und in mächtiger Brust, In allumfassender sein Volk zu fassen, Sein Kern und Umfang ihm, sein Kind und Vater, Raum seinem höchsten Trieb, und Tiefgefühl Dem tiefsten und geheimsten seiner Leiden, Erdreich und Sonne allem seinem Guten, Doch furchtbar seinem Schlechten, Nacht und Eis! So eins mit ihm, wie die geschwungne Lanze Vom zitternden Schaft zur feinen Spitze ist, Ein Werkzeug in der Hand des, der sie wirft, Und so durch alle Zeit und Völker schneidend, Das Weite suchend, blind und doch nicht ziellos! O, Fürst sein! und in jeder Hand Millionen Zu ihrem Schicksal wiegen (Geste) und sie formen, Mit leisem Zug das Willige, mit Geißeln Das Dumm und Faule treibend, mit dem Eisen Das Widrige vernichtend! Wille ganz Der Wille mein und Wille meines Volkes, Wie nur mein Hirn des Leibes Herr und Blüte – Und Wille nicht allein – was ist der Wille Allein? ein ewig mühevoller Sucher Und Niemalsfinder – wenn die Liebe nicht, 240 Sein göttlich Gegenwesen, ihm begegnet! O, in die letzte Hütte treten können Und licht in lichte, feuchte Augen tauchen, Ehrfürchtiger Liebe voll, von Mitleid schimmernd, Mitleid mit mir , daß nur die Allmacht fehlt, Um Gott zu sein und alles gut zu machen –         (Zurückkehrend und über Harun betroffen) Weinst du? – es geht dir nah? – ich ehr dich drum. Harun (der sich während Alis Rede verhüllt hatte) . Ich denke an den Mann und an sein Volk, Und fühle wohl, es fehlt ihm viel daran. Ali (fährt in einem jähen Gedanken auf und sieht Suleika an, murmelnd) Welch ein Gedanke blitzt mir durch das Hirn – Hat ihn der Ekel mir bisher verhüllt? (Versinkt in Brüten) Suleika . Was hast du, Freund? Ali (murmelnd) .                           Wie, wenn ich zu ihm ginge? Suleika (an ihm ratend) . Versteh ich dich? (Findend, feurig zustimmend)                               Ali! dort ist dein Platz Vielleicht schon lang! Und doch – –         (Verstummt und ihr Auffeuer sinkt zusammen vor einem Gedanken)                                                               Es geht ja nicht! 241 Harun . Was geht ja nicht? Zu ihm zu gehn? Warum? Und dann, was wolltest du – was denkst du dir –? Ali . Was ich dort wollte, das ist kurz gesagt: Ich wollte einmal ihm ins Auge sehn Und sehn, ob etwas in ihm ist, das wohl Der Mühe lohnt, dienend zu ihm zu halten! Und ihm das meine bieten! Dieser Blick Entscheide die Vermählung! Wählt er mich Mit diesem einen Blick, so bin ich sein! (Zu Suleika) Es schauert mich, wie je, der Möglichkeit, Den Herrn zu finden – Suleika (lächelnd zu Harun) .   Ist er nicht ein Roß, Das für den Überschaum der jungen Kraft Im bloßen Weiden kein Genügen findet? Harun (gerührt) . So geh doch zu ihm, frisch und hab Vertrauen – Ali (sich besinnend, schwer atmend) . Es geht nicht! Harun .                     Geht nicht?         (Blickt fragend Suleika an, die traurig werdend den Kopf schüttelt) 242 Suleika .                                       Nein! Harun .                                                   Warum denn nur? (Kleine Pause, in der Ali unruhig wird und auf und ab zu gehen anfängt) Suleika (sowie Ali sich gewandt hat, flüsternd) . O frag nicht weiter! (Dringlicher) Ihm zuliebe, bitt ich, Wenn du es mir zulieb nicht lassen willst! Harun (gespannter) . Warum nur, Mädchen? Sieh, du kannst mir trauen –; Schon manches trug ich heut, ich kann noch mehr! Suleika (flehend) . O nein – ich bitte dich –! Ali (im Wiederzurückkommen) .                         Was habt ihr da?         (Sie schweigen betreten; heftig) Was ich am wenigsten ertragen kann, Das sind Beklemmungen – (Wild) dann lieber Sturm! – Und Blitz und Krach! nur nicht die dumpfe Schwüle! –         (Für sich knirschend) Wie das nun alles kommt! Muß alles her! Harun . Der wilde Ton und dies gepreßte Wort Verrät ein Furchtbares! Geheime Qual, 243 Die mühsam sich verhehlt, und ein Gebrechen, Das seine Greul im Dunkel nur entblößt – Was mag das Irren dieses scheuen Auges, Die fahle Blässe dieser Stirn noch decken? Suleika . Wie magst du, Grausamer, ihn so zerbohren! Ali (in unbestimmter Wut) . Ha – nenn es nicht so! ›Fahl und Qual?‹ ›Geheim‹ –? (Schäumend) Nein, nicht geheim! – Und wenn – bis heute! Von heut an nicht mehr! – Wisse denn – Suleika (einfallend) .                                           Halt ein! Ali . Hinweg! Suleika .         Nicht weiter! (Zu Harun) Du zerstörst ihn mir! Ali (sie abwehrend) . Hinweg, sag ich! Nun seh ich meine Not Und will sie wenden jetzt! Darf ein Geheimnis Das Auge mir verschleiern, eine Feigheit Den freien Schritt mir lähmen und verwirren? Auf meiner Stirne trag ich meine Tat Als Krone – ob sie auch die Stirn zerfleischt – 244 Harun (ihn mit Grauen messend) . Schon trägt sie eine Spur – Ali (fährt sich unter die Stirnlocke) . Was ist's? die Wunde?         (Wild die Haare zurückstreifend und den Kopf werfend) Ja hier! da ist sie! Harun .                           Wohl ein Mal der Tat? Ali . Das ist sie! ja! und keiner Rauferei! Harun (erregt) . Dafür ist sie zu rot! Du holtest sie –? Was frag ich lang – es war – – Ali (wild) .                                             Es war! Harun .                                                                 Bei Babek – Ali . Bei Babek, ja! Harun (erregter) .   Am Tag –? Ali (sich mit ihm steigernd, bis zum nachherigen Höhepunkt)                                             Am Tag! 245 Harun .                                                       Der Schlacht –? Ali . Der Schlacht! Harun .                   Du schlugst sie mit? Ali (mit wildem Hohn) .                               O ja, auch mit! Harun . Auch mit? was soll der Hohn? Ali .                                                           Nun denn – – Suleika (verzweifelnd einfallend) .                                   Ali! Ali . Hinweg! er muß es wissen! (Sich hoch aufrichtend) Mein ist die Schlacht – an ihrem zweiten Tag! Ich schlug sie – – Harun (zurücktaumelnd und ihn anstierend, pfeifend die Luft ausstoßend) .                                 Du? Ali (noch einmal hoch, bis zur Mitte des ›I–ch‹, mit dem sein stolzer Trotz bricht) .                                         Ja – I–ch! – – Ah! (Schrei in gebrochenem Gellen; wendet sich wie fliehend und Schutz suchend zu Suleika, die ihn aufzunehmen bereit ist) 246 Suleika .                                                                 Gott! da ist es! (Will ihn umschlingen) Ali (sich losmachend, schlotternd) . Wer bist du, der du dieses Auge hast? Harun (wie aus Erstarrung erwachend, sich schüttelnd) Hinweg! Ali (einen Schritt tuend) .                 Nein, bleib! Harun (ihm ausweichend) .   Hinweg! rühr mich nicht an! Ali (ihn anfassend) . Du bleibst – ich laß dich nicht –! Harun .                                                     Hand weg! ich rufe –! Ali . Ruf, wen du willst! – Hör mich – du mußt mich hören! Ich laß dich nicht, eh dieser Blick versöhnt! Drei Jahre sind es, daß er mich verbrennt, Drei Jahre, daß ich qualvoll nach ihm durste –         (Verzweifelt flehend) O bleib! und stirb mir nicht zum zweiten Mal – Bevor du mich gehört und alles weißt, Wie alles kam! Du wirst es dann verstehn, Und, wenn du es auch nicht vergeben kannst, 247 Doch diesen Stachel dem Geschehnis nehmen, Daß du es weißt , wie alles kam – O Gott, Weiß ich es selber recht, wie alles kam?         (Harun ist zum Aushalten und Anhören gezwungen) Ich hab es nicht gewollt – du darfst es glauben! Und so gewaltig es im Busen zuckte, Hab ich's den ganzen ersten Tag verbissen – Untätig sah ich zu und grimmig nur, Wie schlechten Spielern! Da, am ersten Abend Ward er verwundet, tödlich nicht, doch schwer – Sie trugen ihn zurück, an mir vorbei – Ich gab ihm Wasser – und er sah mich an: ›Führ du sie!‹ sagt er, ›meine wackern Burschen!‹ Und lachte, seine Schmerzen zu verbeißen. Was wollt ich machen? was hättst du getan? Ich hab noch keinem etwas abgeschlagen, Was ich ihm leisten konnt – (Maulend) ich kann es nicht! Harun (sich drehend) . Er hat noch keinem etwas abgeschlagen, Und tut uns das! O Himmel! Suleika .                                           Guter Mann! Er ist in vielem so ein Kindskopf noch! Harun . Ein Kindskopf? – Schöner Kindskopf! – Überkindskopf! 248 Ali . Es war doch so! – Mit halbem Widerstreben Nahm ich der Schlacht verwirrte Zügel auf, Und günstig war es, daß der Tag sich neigte. Es stand nicht gut mit uns! (Harun stampft auf) Noch in der Nacht Traf ich die neue Ordnung – leicht genug! Ein Zug schuf alles, und Er ließ ihn uns! Ich bog die schwache Schulter leicht zurück Und schob die starke, sie verstärkend, vor, So daß wir schräg nun vor dem Feinde lagen, Um eine Stellung ihm voraus; von der aus Rollten wir ihn dann einfach so zurück! (Geste) Harun (knirschend) . Von einem Knaben! – ah! Ali .                                             Das heißt nachher! Ich schien die Nacht genug getan zu haben; Im Morgengraun trat ich in Babeks Zelt, Nach ihm zu sehn; ihn schüttelte das Fieber; ›Ich kann nicht!‹ stammelt er, ›laß mich nicht stecken!‹ (Weinerlich) Was wollt ich wieder machen? Sag es selbst! (Lebhafter) Auch war ich angebrochen schon, und leicht Brach ich nun ganz! – Sag, warst du je Soldat – 249 Bist du Soldat vom Wirbel bis zur Sohle, Und warst du je im Krieg, und kannst dir denken: Es fällt zum erstenmal der Feldherrnstab In deine heißen Hände, und der Gruß Von achtzigtausend Männern jauchzt dir zu – So war's – so kam's – so brach's – so – biß ich an! – Und war verwandelt und ein andrer: kalt – Ja du: in einer wunderbaren Kälte, Die nimmer ich gekannt und auch nie wieder, So schritt ich zu, ließ ich das Schicksal schreiten! Ich tat ja wenig mehr! O Mann, der Sieg Lief auf mich zu, gerann mir in die Hand, Ich mochte schreiten, greifen, wie ich wollte – Er schwoll und rauschte nur so um mich her Wie ein Gedicht in andern Tagen sonst! – So war es, Mann! so scheucht ich den Kalifen An jenem Tag die sieben Berge lang – (Harun verhüllt sich) Ein blutiger Sturzbach war's, in sieben Stürzen, Grausame Lust in sieben Schollen Lachens – Und wenn du's heute so im Kalten wägst Verstehst du's nicht! Heiß mußt du diese Tat Mit dir und mir verschweißen! An dem Tag War ich nur Krieg und Angriff und Vernichtung: Wie nur ein Block, der sich vom Berge löst, Zu Tale rollt, und unter sich zermalmt – Nicht Haß noch Lieb bestimmen seinen Weg – 250 So stürzte ich – – nur daß beim letzten Sturz Kein toter Block in roter Lache lag, Sondern – ein Mensch – erwachte –         (Das Kommende schüttelt ihn und entlockt ihm ein Schluchzen) Suleika (sich verhüllend) .                             Gott! o Gott!         (Harun steht in düsterer Spannung) Ali . Er war zum siebtenmal geworfen, rauschend Bricht unsre Woge über ihn herein Vernichtung drohend, aber dämmend sperrt Ein neuer Männerriegel ihr den Weg In heldenhafter, wütender Verzweiflung – Noch einmal flammend ordne ich den Stoß, Und reite an – – – o Freund, mit einem Hauche Aber der Hölle ganze Glut darin, Sollt ich dir's künden, nicht mit vielen Worten, Was nun ein einziger Augenblick begriff, Ein grelles Licht, den hellen Tag verlöschend – Und tiefe Nacht danach, furchtbare Nacht! Eine Welle Lebens, alles überschmerzend – Und lange Jahre Todes nach sich schleppend– (Verhüllt sich) Harun (von Grausen und Mitleid erfaßt, leise) . Was war denn? – sprich! Ist denn ein mehr noch denkbar Des Grauenvollen, daß es so dein Haupt Zum Staube beugt? 251 Ali .                                   Der Heerbann war's von Basra, Geführt – von meinem – Vater! Harun (erschauernd) .                         Deinem – Vater! Ali (wild) . Und höllisch, höllisch war es ausersonnen: Auf ihn gerade braust ich zu – (Keucht) Suleika .                                             O Gott! Ali . Mit eingelegter Lanze – – Harun (atemlos) .                           Und –? bei Gott? –         (Ali atmet schwer) Du hast – nicht möglich! – ihn getötet? Ali (heiser) .                                                       Nein! Wär mir die Seite nicht erlahmt – vielleicht! Harun (wild) . Du hättest ihn getötet? – Deinen Vater? Ali . Wie vieler Väter senkt ich in das Grab An jenem Tag – so – ward das nur der meine! 252 Harun . Ha – nur der deine? Ali .                                         Wie? erfühlst du's nicht? Wie vieler Väter hab ich nicht geschont – Wie vieler Schmerzen hab ich nicht bedacht – Durft ich ihn schonen, da es meiner war, Durft ich ihn schonen, da ich jetzt es spürte, Was einen Vater töten heißt? – Aber – – Ich hab ihn nicht getötet – denn – o Scham! In heißer Lähmung sank der Arm mir nieder! Ein Augenblick nur war's im Reiterwirbel, Da wir uns sahen und erstarrend stocken, Indes das Roß noch fliegt – ein Augenblick – Da stählt den dort der Grimm, sein Säbel zeichnet, Von Freundeswaffe noch pariert, die Stirn – Dann – machen sie ihn nieder – (Verhüllt sich) Harun .                                                   Und du sahst – Und decktest ihn nicht mit dem eignen Leib? Ali . Geh – ich war lahm – am ganzen Leib – doch wach – Und deckte seinen Leib mit meinem Schmerze – Ich qualmte nur vor – still! das ist kein Schmerz, Das führt noch keinen Namen! (Verhüllt sich) 253 Suleika (ihm das Haupt berührend) .   Freund! trag's durch! Noch einmal durch, das Nichtzutragende! Djaffar (leise zu Harun) . Was wirst du mit dem Ungeheuer tun? Harun . Still! laß uns weiter hören! (Zu Ali) Mensch, ein Grauen Erfaßt mich, aber Durst zugleich nach mehr! Wie war es weiter? Ali (sich enthüllend) .       Weiter? war noch weiter? Es war ja alles eins, ein Schlag, ein Sturz: Der Wirbel brauste über uns hinweg Und toste weiter – und ich stand – und stand – Und sah den Vater sterben! – Vor mir lag er Im Blute schwimmend, röchelnd, immer leiser – Das Auge groß und starr auf mich geheftet – Auf seinen Sohn, ein Bild wohl zum Erbrechen! Da stand ich, eine Säule Schrecks und Scham, Starrend von Schweiß und Staub und Schaum der Schlacht Und von dem Blut, das unaufhörlich quoll, Das schmerzverzerrte Antlitz überrieselt – So stand ich da vor seinem letzten Blick – Und dieses Bild nahm dieses Aug hinüber! Ich sah die Schatten unaufhaltsam sinken 254 Und dann erlosch es, unerwecklich losch es – Und dieses Bild nahm es hinüber! (Verhüllt sich wieder) Suleika (zärtlich) .                                     Freund! Harun . Und du ertrugst es, lebst noch – –! Ali .                                                                   Nein! nicht leben! Ich lebe nicht, ich suche nur den Weg Zum rechten, unerwecklich tiefen Tod, Dies Auge zu versöhnen, dieses Bild Zu löschen – (Stutzend und Harun ansehend)                         Oder war es nur der Blick Der mich, der furchtbare, am Leben hielt, Hieher mich trieb und zog, zu seiner Quelle? Er hat in deinem Aug nach mir geleckt – Kehr dich nicht ab – neig her – erkenne mich Verstehe mich – und lehr mich sühnen, sühnen! Heut oder nie – ich fühl's – muß ich es finden! Am Ende bin ich, länger trag ich's nicht! Und hier in diesem Aug bin ich daheim Mit meiner Schuld und Unschuld – Harun .                                                         Ungeheuer! Bei dem Gemordeten? 255 Ali .                                         Bei ihm! wo sonst? Und du, du stehst für ihn, du hast sein Auge! Harun . Und soll vergeben dir, der Ungerächte? Suleika . O wüßtest du, was er gelitten hat, Du fühltest dich gerächt, o tausendfach! Denn tausendfach hat er sich selbst zerbrochen Und stand nur wieder auf und heilte sich, Um sich von Neuem qualvoll zu zerbrechen – Harun . Und lebt doch noch und hält sich! Aber jener Schlief ein in seinem Blute! Jener? – Ich! Ali (verzweifelt) Und ich! in welchem Safte wach ich wohl! O du, des Aug so groß und dunkel blickt, Scheinst nicht zu wissen, was ein Schicksal ist: Ich bin nicht wie der Wind und wie das Laub, Von jedem Hauche seines Wegs gewirbelt – Ich sinke wie ein eisernes Gewicht Schwer, unverrückbar meine dunkle Bahn – Woher? wohin? was treib ich? weiß ich es! Ich gleite, sinke nur und ziehe nieder, Und jede Hemmung brech ich, schmelz ich durch, 256 Und schmolz sie durch, bis heut und hier, wo du Mich liegen siehst in einer letzten Tiefe Und schauerlicher Nacktheit – – (Harun wendet sich erschüttert) Suleika .                                                   Freund! nicht nackt – Und noch nicht schauerlich! noch hast du mich! Noch schlingt sich treu und fest mein Arm um dich! Noch hüllt dich schützend meine Liebe ein, Und meine Ehrfurcht deckt auch deine Schwärze! Ich liebe dich und bin des Lebens froh Wenn nur dein Auge zärtlich auf mir ruht, Und folge dir auch in die letzte Hölle, Fühl ich in meiner Hand die deine ruhn, Und zittert sie, so sei die meine fest! Mut! teurer Freund, hol ihn an meinem Mut, Der unzerstörbar ist, wenn du ihm bleibst. Komm, leg hier an, an mir, an deiner Heimat: Oh du die Welt verlorst, noch hast du – mich!         (Bietet ihm ihre Umarmung, er weicht zurück, sie starr ansehend) Was zögerst du? (Angstvoll) Was schaust du so verstört? Ali (murmelnd) . Noch hab ich dich? So hab ich doch noch was, Was noch verlierbar ist – 257 Suleika (in gesteigerter Angst) .   Was murmelst du –? Ali (abwehrend, flüsternd) . Ist's das? Suleika (schreiend) .                 Ali! Ali .                           Ist's das? Suleika .                                   Was hast du vor? Ali . Bin ich noch nicht elend genug gewesen? Noch nicht mit mir allein genug? Suleika (sich ihm nähernd, in sich immer steigernder Angst) .                                                         Ali! – Ali (zurückweichend, sie anstarrend) . Hing ich noch an des Lebens Süßigkeit Zu sehr – –? Suleika (ihm folgend) .                       O Gott! Ali (weiter weichend) .         Ist eine Bitterkeit Noch heimatlos? 258 Suleika (immer folgend, er im Kreise weichend) .                               Nicht diesen Blick – er tötet! Ali . Lag ich zu weich gebettet? Ließ ich mich Zu leicht und sanft von diesen Händen tragen? Schmolz ich noch nicht das ganze Weh der Welt Mit meiner vollen Schwere durch zum Grund? Suleika (ihn erreichend) . So laß dich halten – Ali (sich losringend) .                                           Muß auch dieses sein? Auch dieser Becher in den Sand gegossen? Auch dieser Rausch – (Aufheulend) muß ich ganz nüchtern sein? (Ibrahim schnarcht) Suleika (mit ihm noch ringend) . Ali! – so fasse dich – Ali (sich losreißend und zum Himmel schreiend) .                                       Du sollst es haben! (Sieht sie an) Suleika (das Kommende sehend, weicht nun vor ihm zurück und er folgt ihr) . Nicht – nicht – (Schreiend) Ali (ruhiger kochend) . Es will – es muß geschehn! So sei es! – Komm! 259 Suleika (im Flüchten) . Nicht – nicht – wach auf – – Ali!         (Sie kehrt um, eilt auf ihn zu und umschlingt ihn)                                                         Verstoß mich nicht! Ali (sich zu befreien suchend, zitternd) . Nicht dich! nicht dich! – Weib! ich verstoße – mich! Suleika . Du rasest! Ali .                           Nein! Suleika .                               Ich laß dich nicht! Ali .                                                                       Du mußt! Suleika . Ich will nicht! – Ali .                                     Weg! du mußt! Suleika .                                                       Ich gehe nicht – Ali . So schleud'r ich dich – (Faßt sie an, um sie Harun zuzuführen; sie ringt mit ihm) Harun .                                   O Himmel! welch ein Kampf! 260 Suleika . Dein Eid! Ali .                           Mein Eid? Suleika .                                     Vor einer Stunde! – Ali (aufgellend) .                                                           Ha! Was ist mein Eid, der Eid vor einer Stunde, Vor diesem Jetzt? – Mein Wort vor diesem Stoß? Und wär's der heiligste, ich breche ihn –! Der Augenblick ist heiliger! – und ein Meineid Wär's, ihn zu halten! – (Ruhiger) Komme denn – und höre – Wenn du mich liebst, wenn du mich je geliebt, So mache mir das Scheiden nicht so schwer – Nicht rauh möcht ich dich fassen, hart dich lassen – – Suleika (verzweifelt) . Hast du mich je geliebt? Ali (zitternd) .                             Ich weiß es nicht! Doch wenn – in diesem Augenblick –         (Blickt sie an, umarmt sie in jäher, wilder Bewegung – dann reißt er sich wieder los, sich schüttelnd)                                                                 Leb wohl! (Sie ist halb ohnmächtig; Ibrahim schnarcht) 261 Nun du, der wie ein Freund ins Aug mir blickte, Dann wie ein Vater in gerechtem Zorn – Nun wend ich mich zu dir – versag mir's nicht! Du wirst der letzte Mensch sein, den ich bitte – Nachher bin ich allein! – versag mir's nicht! Dein Mund erklang beredt von ihrem Lobe, Dein Auge glänzte hell von ihrem Schein – Wenn es nicht log, so ist sie gut bei dir! Nimm sie, ich bitte dich! ich schenk sie nicht – Ich bitte dich , sie von mir anzunehmen! (Schnarchen Ibrahims) Harun (verwirrt) . Nein – nein –! besinne dich – (Für sich) was soll ich tun? Ali . Ich bitte dich! – Gib Schutz dem blühenden Leben, Der schönen, starken Seele, die es schwellt, Und laß mich ziehn – allein! – wohin? – weiß ich's? Vielleicht – zu mir! Nimm sie – ich bitte dich! (Drängt sie ihm auf) Harun (die Ohnmächtige halb in Empfang nehmend) . Du siehst zerrissen mich und unterhöhlt Von eurem Weh – ich wage nicht – zu schützen – – Ali . Du mußt – ich bitte dich! – Dies wilde Meer Von heute wird sich morgen wieder glätten – 262 Lebt und vergeßt mich! – nimm sie! – bitte – bitte (Läßt sie los) Harun (muß sie auffangen, damit sie nicht fällt) . Himmel! – was tu ich? – soll ich rufen? (zu Djaffar) Nimm – Nein – laß! nicht du! (Sieht sich hilflos um; Ibrahim schnarcht) Ali (ist zurückgewichen, zu sich, keuchend) .                                     Geschehn! – So wär ich – frei! Allein! – mit mir allein! – Kann ich nun gehn? Wohin? Was tun? – Was hält mich noch? Was ist? Was willst du noch? Wie? Bist du noch nicht satt?         (Schaut wild um sich, erschrickt vor seinem Bild in einem hohen Spiegel) Was schaust du her – so stier? – Was hast du noch? Hängst du noch wo, an was – im alten Leben? Bist du nicht nackt genug – ha – da –         (Greift in den Gürtel, um ihn aufzureißen; das kleine Buch fällt ihm in die Hand)                                                               Was ist das? Hinweg damit – das alte Zeug!         (Zerreißt und zerstampft es unter den Anzeichen der Tobsucht) Ibrahim (fängt an aufzuwachen, richtet sich zum Sitzen auf, sucht sich zu besinnen und wirft im folgenden lallend kurze Worte und Laute ein) . Was ist denn los? 263 Ali . Und du? (Zertritt die auf dem Boden liegende Pfeife)                                 Rack! – kracht's? Ibrahim . He – he – was ist denn?         (Sucht sich weiter zu erheben, verworren in sich hineinbruttelnd) Ali .                                                   Und du – wo bist du?         (Sein Auge sucht den Säbel, der an einer Säule hängt, erblickt ihn)                                                                                       ah! – heran! Auch du – das letzte Stück – von ihm – vom Vater! Auch du mußt mir voran, eh ich zerbreche! Hier ruhte seine Hand – die liebgehaßte – (Betrachtet den Griff) Ich küsse sie an dir – zum letzten Gruß! Und jetzt – (Tritt ihn entzwei) Ibrahim .             He – he – was machst du denn? Ali . Bricht Stahl so leicht? Der Menschenbrecher? Und du, Gebrochner, hältst noch? – immer noch? Bist noch nicht nackt genug? Ha, was denn noch? Ha! kleben mir die alten Kleider nicht Im alten Schweiß am Leibe – (Brüllend) und die Haut! (Reißt sich in völliger Tobsucht die Kleider in Fetzen vom Leibe, jeden unter unartikulierten Lauten der Wut zerstampfend) 264 Ibrahim (ist taumelnd aufgestanden) . Was brüllt denn der so? he – he – he! (Sucht schwankend den Weg nach vorn, glotzt die Gruppe an, stutzt über den Kalifen, beschreibt einen Bogen an ihn heran und bleibt mit dem Finger am Munde, ihn blöd anstierend, vor ihm stehen; während der Befehl ertönt, sagt er noch glucksend: ›Oho!‹, dann wird er von den Schergen ergriffen) Harun (gleichzeitig mit Ali sprechend) . O Gott! sah je dein Auge solche Not, Und solches Menschenleid und solchen Kampf? Dies Ungeheuer und dies edle Weib – – Es sprengt die Brust mir und zerspellt das Hirn Ich trag es nicht mehr – – halt! genug! – (Klatscht) Masrur!         (Masrur stürzt mit einer Schar Bewaffneter aus dem Hintergrund herauf)         (Zu Djaffar) Du nimm das Weib und bring es zum Palast –         (Zu Masrur) Die beiden in Gewahrsam! Suleika (gewinnt bei dem Wechsel die Fassung wieder) . Laß mich – ich muß zu ihm – Harun (im Befehlston) .                       Zurück und her! 265 Suleika (die Situation erkennend) . Wer bist du? Himmel! – Der Kalife! – – Gnade!         (Sinkt vor ihm nieder) Harun (im Abgehen innehaltend, streng und groß) . Gnade? – – Recht! (Während ein Trupp noch mit dem tobenden Ali ringt, einige Soldaten Ibrahim ergreifen – Masrur steht von seinem Auftreten an zum Schutze des Kalifen gegen die Szene, mit breitem Schwert ihn deckend – und Djaffar zu Suleika tritt, um sie zu übernehmen, fällt der Vorhang über der stark bewegten Szene.) 266   Vierter Akt Erste Szene (Kerker. Morgendämmerung.) Ali liegt lang ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopfe, wie in großer Mattigkeit, seine Kleider sind zerfetzt; Ibrahim hockt auf einem Zipfel des Strohlagers. Ibrahim (für sich) . Hm! hm! da bist du ja mit dieser Beichte Vors rechte Ohr gelangt. Ali .                                           Was brummst du da? Ibrahim . Nichts von Belang! Ich rechne nur so aus, Was uns die Zeche kosten mag! (Für sich) Ich will Den Jungen noch bei seinem Glauben lassen! (Laut) Wenn nur der Trunk uns angekreidet wird, So setzt es achtzig Hiebe auf den Mann – Das ist so die gesetzliche Portion! Allein verflucht! Wenn nun dein Mosulaner – Aus Mosul, sagst du –? (Hebt den Krug und schnuppert hinein) 267 Ali .                                         Ja, so sagte er; Und gerne wüßt ich mehr noch, ihrethalben! Doch weiß ich sie in einer wackern Hand! Ibrahim (für sich, den Krug zum Munde führend) . Den Teufel, ja, in einer wackern Hand! (Setzt an und spuckend wieder ab) Pfui Teufel! Ali (fortfahrend) .   Ja, es war ein mächtiger Zug, Der mich der fremden Stirn vertrauen hieß – Ibrahim . Ach, geh mir weg damit! betrunken warst du! Ali (scharf) . Du sollst das Wort mir nicht mehr wiederholen! Ich gebe zu, daß dieser Tropfe Wein Genügte, mir das heiße Hirn zu spalten, Doch ließ er klar mich wie am ersten Tag, So klar wie heute kaum in dieser Kühle – Ibrahim (lauernd) . So würdest wieder du dem fremden Aug Das Ungeheure zeigen, und den Schatz – Gott, welch ein goldnes Ding! – dem fremden Mann – Ali . Dem neuen Freund! vergiß das nicht! 268 Ibrahim .                                                         Zum Henker Mit deinem Freund! – Ha, »Freund!« du kennst die Freunde! – Der jetzt die Beichte zum Kalifen trägt Zusamt der Beute – – Ali (nach kurzer, scharfer Pause kalt) .                                       Reich den Krug mal her! Ibrahim . Die Jauche? Ali .                               Macht nichts! Ibrahim .                                               Na – ich rate dir! Ali . Ich will ihn dir nur an den Schädel schmeißen! Ibrahim (verdutzt) . Ich danke! Ali .                                             Gut! dann lasse diese Scherze! (Warm) Sein Auge blickte groß, so – vaterhaft, Und edel blieb er, auch in seinem Zürnen. Doch nun gib acht: das Mädchen gab ich hin, Und heiß war mir dabei, wie ich auch heiß Mich in die rettende Vernichtung schmiß. 269 Doch bin ich heut in wunderbarer Ruh, Im Glücke fast darum! und meine Beichte, Die gestern mir aus kochendem Schoße sprang, Die will ich heut aus kühlem wiederholen – Ibrahim (in gespanntem Schreck) . Was denkst du, was? Ali .                                     Mich wundert dein Verwundern, Da du mich jetzt doch kennst und meine Lage: Ich will mich zum Kalifen führen lassen Und da ein End dem langen Ende machen, Und was noch heiß von gestern übrig blieb, Ist nur der Dank, daß ich den Weg gefunden –         (Stutzt, besinnt sich, rüttelt sich auf, zornig) Nein! Zorn ist auch dabei! und noch was: Scham! Daß ich den Wahnsinn brauchte und den Rausch, Um ihn, so nah und klar er war, zu finden! Ibrahim . Du, du, gib acht! du warst ja nicht betrunken! Sag's noch einmal, so fliegt der Krug zurück! –         (Den Neckton verlassend) Das andre aber: hab ich's nicht gelehrt? Verrücktheit haut sich Gassen! – (Wieder ernst) Doch nun heut? 270 Ali (ein Lächeln findend) . Heut folgt Vernunft der dunkeln Führerin! Heut – leb ich meinen letzten Willen! – Sei's! Ibrahim (mit feiner Schneide) . Und sie? Ali (zuckt) .     Laß das –! nein, mahn mich nur daran! Da sitzt noch Schmerz, da ist noch Ungelöstes! Ich hab zu früh von meinem Glück gesungen Und auch zu laut! Sieh, es war viel zu zart: Den Griff der Seele hielt es noch nicht aus! Wie feines Stechen zieht es durch die Brust Und schmerzhaft durchs Gehirn! – Noch viel, o Vater, Des Ungelösten blieb in mir zurück! Tat ich denn unrecht? – Ja, ich überraste Die abgrundtiefe Weisheit des Gefühls, In der ich ankerte, wie nur die Eiche In felsenfester, treuer Tiefe wurzelt! Und konnte mich entreißen, dich verraten! – Nun schüttelt mich der unfruchtbare Zorn Und schickt mich neu gespalten auf den Weg! Und doch: getan ist, was ich tat! War's Wahnsinn, So war es doch Natur und heischt Bewährung! So ist es doch mein Weg, er führt zu mir! Vorwärts und durch denn, rückwärts kann ich nicht! 271 Und ist sie mein, steht sie an diesem Wege! In Leben oder Tod – ich kann nicht anders! Ich kenne kein Zurück! ich breche durch: Zum Leben oder Tod, zu ihr – zu mir – Das ist nun alles eins – ich breche durch!         (Will aufstehn, hält aber erschöpft inne) Wie matt ich bin, und wund, wie ohne Haut! Und überm Kopf liegt's wie ein Netz gespannt, Auch wie ein heißer Helm – geh, laß mich ruhn! Zum letzten Gange muß die Kraft noch reichen! (Legt sich wieder hin; nach einer Weile, da Ibrahim nichts sagt, sondern auffallend ruhig vor sich hinsieht, dreht er den Kopf nach ihm) Ibrahim (diese fragende Bewegung bemerkend, stockend und schüchtern beginnend) . Ich – sage nichts mehr! – das ist eine Sache, Bei der, bei Gott, so manches anders wird! – Nichts sag ich mehr – rein gar nichts – nicht ein Wort!         (Plötzlich losbrechend und sich bis zur größten Zungengeläufigkeit steigernd) Den Teufel auch! daß ich gerade heut, Da mir das höchste Gut, der höchste Rausch, Auf den ich nie gehofft, zuteil geworden, Den Katzenjammerschädel haben muß!         (Reibt sich verzweifelt den Glatzkopf) 's ist tragisch fast, wie immerdar das Gestern 272 Sich an das Heute hängt, der junge Wein Vom alten Schlauche stinkend werden muß! (Speit) Ha, wie dein Leben mir entgegendampft, Dem alten Menschen-Leben-Gottessucher! Mit welchen Worten, Junge, wollt ich's sagen, Mit welchen Tönen singen, jubeln, geigen, Mit welchen Farben malen, Bilder schildern – Gottsdonner wollt ich dichten, lieber Junge, Wenn ich's nur könnte – brrr! mit diesem Igel Im Hals, und diesem Dunst und Sums im Kopf, Und nichts zu trinken – (Trinkt heftig, speit wieder aus)                                         Brrr! puah! – Gib acht: Das ist ein Possen, den sich selbst zur Lust Dort oben einer spielt, ein alter Herr – Wie, wackelt nicht die Welt von seinem Lachen? Oder ist's mehr als Schalkerei, ist's Liebe? Will er das Glück mir so ertragbar machen? Man schaut zur Sonne durch berußte Gläser – So faß ich dich mit diesem Kopf! (Reibt ihn wild) Du lachst? Ali . In meinem Leben sah ich keinen Affen So drollig seinen Schädel kraun, wie dich! Ibrahim (kläglich) . Nicht wahr! Ali .                       Allein warum so wild? 273 Ibrahim .                                                     So wild? Frägst du im Ernst? Ich rieche Leben – Leben!         (Ergreift seinen Arm und schnuppert daran) Ah – ah! kostbare Luft! kostbarer Duft! Ali . Geh! du bist drollig! Ibrahim .                           Laß! es ist genug, Ein grausam langes Leben zu durchdüften Vom Grab zur Wiege rückwärts! Laß ihn mir! Du lebst, und ich an dir, und wär's auch nur Ein Augenblick! Zeit ist ein Dunst des Hirns! Ein Blitz genügt! Der letzte Blick des Auges, Der letzte Funke, der dein Hirn durchsprüht, Entscheidet alles! Wie du stirbst, mein Sohn, Hast du gelebt und lebst auf ewig weiter! Hab Dank dafür und – sterbend grüß ich dich!         (Komisch-pathetische Geste) In einer Stunde faß ich achtzig Hiebe, Und vierzig reichen für die mürben Knochen: Beim achtunddreißigsten will ich noch schmatzen, Beim neununddreißigsten die blauen Lippen Zu seligem Schmunzeln falten und beim nächsten Dann sanft entschlafen! – Dank und Heil, mein Junge, Zum Weiterleben! denn du hältst es aus! 274 Ali . Den Kopf ab? Ibrahim .                 Dummheit! deine achtzig Hiebe! Ali . Wie sonderbar, daß du an dies nur denkst – Und nicht daran – – Ibrahim .                           Der Henker soll mich holen, Wenn ich Verwesung an dir rieche! Ali .                                                             Denk doch! Da doch dein Auge in mein Schuldbuch sah: Wird je und kann der Sultan mir vergeben, Wenn ich ihm dieses bringe! Ibrahim (herauspolternd) .             Dummheit! (Einen Ton zärtlicher) Schafskopf! Das weiß er alles schon! Muß ich's noch sagen? Ali (erstaunt) . Das weiß er schon? – wie sollte er? – woher –? Ibrahim (in launigem Ungestüm) . Zum Kuckuck denn! – dein Handelsherr aus Mosul – Ali (in halbe Kniestellung auffahrend, sieht ihn starr an, dann, sich steigernd) . War der – – Kalife? 275 Ibrahim (noch scheltend) .   Na, wer anders wohl? Du Dummkopf! Hat ein Kaufmann Vateraugen? –         (Abschweifend) Ein Auge warmen Scheins, das, groß und dunkel, Von einem Schatten rätselhaften Grams Verschleiert, wie auf Ungewolltem ruht? –         (Bemerkt Alis Benehmen, der sich, mit den Armen das Gesicht verschränkend, niedergleiten läßt) Was hast du? (Zärtlich werdend) Schmerzt das so? Wie wunderbar: Dem fremden Mann hast du dich anvertraut – Nun, da du's weißt, krümmt es dich so darnieder? Ali (noch einmal auftauchend, mit der Stimme furchtbaren Mitleids, sich vor Schmerz förmlich zusammenkrümmend, von Zuckungen geschüttelt) . Ich muß ihn fürchterlich zerrissen haben! Ibrahim (sieht ihn eine Weile wie verwundert an; dann versteht er ihn ganz; er wird still und sanft, nähert sich ihm zögernd, legt ihm zärtlich die Hand auf die Schulter und sagt mit zitternder Stimme) . Hab Dank – von mir – du hast um mich geweint!   Der Vorhang fällt . 276   Zweite Szene (Zimmer im Schlosse; Harun steht brütend, die Hand am Kinne; Suleika kniet in einiger Entfernung; später erhebt sie sich.) Suleika . Nein Fürst, ich färbe nicht! Was wir getan, Liegt nackt vor dir und fordert sein Gericht! Harun . Das soll ihm werden! Suleika .                                     Auch Gerechtigkeit? Harun . Man nennt mich den Gerechten! Suleika .                                                       Also hör mich, Und laß dein Aug mich tiefer sehen lehren, Bevor die blind und stumme Hand dir zuckt Zu unheilbarer blutiger Entscheidung! Auch ich hab lernen müssen! Was ich sage Es kommt aus kaum geheilter Brust! Sieh her: Ich lag die ganze Nacht auf meinen Knien 277 Und rang nach Lösung! O ein Berg Unsäglicher Verwirrung lag auf mir Und mußte durchgebrochen sein! Verratne Liebe war zu Haß geworden, Gebrochner Stolz zu wildester Verachtung, Verlorenes Leben Gift – bis ich gerädert Von namenloser Schlacht zur Klarheit kam: Dies ist ja Aufruhr nur, und Sturm und Krankheit, Und kann und muß vertoben! Ihn zu stillen Und hier wie dort zu stillen bin ich hier! Du sollst ihn kennen, um ihm Recht zu schöpfen! Die Elemente alle, die ihn bilden, Und sehn, daß keines schlecht darunter ist: Unbändig starke Glieder, heißes Blut, Untadlig edler Sinn, ein Stolz und Trotz, Der noch kein Joch und keine Zügel duldet, Kindliche Güte, die sich selbst verschenkt, Ein Mut, der ihn zu jedem Wagnis reißt Und warnende Vernunft als feig empfindet, Und doch ganz Geist und Licht und tiefes Auge – Zu tief nur fast, zu scharf und unbarmherzig Die düstre Welt nach Ziel und Zweck durchforschend Und keinen Schleier schonend, den ein Gott Voll Gnade um die letzten Gründe wob! Und siehst du: Leben ganz und Kraft und Durst, Mit jeder Faser seines Seins zu wirken, 278 Doch selbst chaotisch, jeder Ordnung spottend, Muß das zerstören nicht, sich oder andres, Bis es den Ordner fand, des Künstlers Hand, Die göttliche, die ihn zum Menschen formt? – O wär's die deine, Fürst! O schone ihn! Gib Raum und Zeit, daß er sich bilde, ihm! Er ist ein Kind ja noch – Harun .                                       Ein schrecklich Kind! Suleika . O hab Geduld und lasse Mann ihn werden! Harun . Geduld? Geduld? Wo fand sich die Geduld? Suleika . Hat Gott sie nicht bewiesen? Harun .                                                     Ja, bis heute, Um heut ihn dem Gerichte auszuliefern! Vergeblich ist dein stürmisches Bemühn, Den ungeheuren Frevel zu entsühnen. Und häuftest du mit deiner Rede Schmelz Und aller Glut des treuverliebten Herzens – Ich neid ihm wahrlich diesen seinen Anwalt! – Und aller Schärfe deines hellen Geistes 279 Auf dieses Sünderhaupt, was Gunst nur heißt Und Gunst dir wecken kann – es hilft dir nichts – Du fegst den Greuel nicht aus meinem Aug, Der Sühnung, Rache heischt – Suleika .                                               Ist Rache Sühnung? Wenn sie die Schuld unsinnig überlodert, Und Rache nun zu sich zurückerweckt Oder unfruchtbare Reue? Schon' ihn, Fürst Und sei nicht blind dem Guten in dem Bösen! Harun . Ich muß ihm blind sein, wo es mich verführt, Den Richter mit dem Vater fälschen möchte – Gerechtigkeit ist blind –! Suleika .                                     Und nennt sich doch Gerechtigkeit? die eingestanden blinde? O herrlich! herrlich! – Um ein fünftel Böses – Was, Böses? Unglück ist es nur und Krankheit! – Verdirbt sie blind vierfaches Gut und Schönes! Er ist mehr gut als bös, nein, er ist gut! Harun . Du bist ein Weib und er dein Pfau. Das Rad Das er mit schöngeaugtem Schweife schlägt, 280 Berauscht dein Auge. Sei er, wie er will. Was schön und dein – du bist ein Weib – ist gut! Hier aber sitzt das Recht: in eherner Hand Läßt es der Wage stumme Zunge schwanken, Die wohlberedte, bis sie sicher weist. Mein Herz, daß ich gestehe, zittert. Fest, Mit grausamer Gewalt muß ich es schmieden. Weiß, fühl ich, färben sich zum Spruch die Lippen, Und bricht die Hand den Stab, will sie fast selber! Suleika . Und hat dies Zittern kein Gewicht für dich! Und sagt das Zucken deiner Hand dir nicht: Halt ein! kein Unrecht! – Wenn doch Recht so göttlich, Muß es da freudig nicht der Seel entspringen? Schleppt Göttliches so schwer und träg den Fuß? Wo sind die Flügel, die dich tragen? Harun .                                                         Kind! Das ist des Stoffes Schwere, die mich hemmt! Dort reckt den Arm das göttliche Gericht, Der menschliche hier lahmt! An jener Feste Gerechtigkeit hab ich mich anzuklammern, An ihr das weichende Gemüt zu härten. Es falle der Empörer! Er ist ein Greuel, und ich rott ihn aus! 281 Und ob mein knirschend Herz daran zerbricht – Gerechtigkeit! Suleika .                     Gerechtigkeit? – O Spott! Harun . Spott? Weib, genug! Ich seh ein rauchend Feld! Dort bleicht ein ganzes Heer, von keiner Rache Genügend zugedeckt! Und dreißigtausend stumme Häupter fordern Ihr Recht von meinem Szepter, dreißigtausend! Suleika . Und wären's drei – sechs – zehnmal hunderttausend! Bist du ein Krämer, daß du Menschen zählst Wie Pfennige? Kein gottgesalbter Herrscher? Glaubst du, Gott zähl die Menschen? Ha, er schaut Und wägt und wählt mit einem einzigen Blick! Und spricht, um einen einzigen zu erheben, Millionen mitleidslos in blutigen Kot, Aus Lust an diesem einen! Und du zählst? Du dort, Gerechter, dem vor lauter Recht Das Angesicht so weiß wie Käse wird, Nun sag ich dir ein Wort – – Harun .                                             Weib! – Deine Zunge! 282 Suleika . Ich will sie nachher dir zu Füßen speien! Erst aber sag ich dies: die dreißigtausend, Die Feldherrn obendrein, die dort dir fielen, Und du dazu, du selbst – ein Abasside! Und winselt um ein Glas vergossnen Bluts – Ihr seid noch keines seiner Haare wert! Sonst gab euch Gott nicht diesem Knaben preis Als einen schlechten Schluck für seinen Durst – Harun . Ha, Frechheit unerhört! Stürzt nicht der Himmel – – Suleika . Der Himmel? Stürzen? Stürzte je der Himmel Über einem Frevel ein? Und stürzte er – So stürz er denn! Haha! was liegt am Himmel? Harun . Bei Gott, du fällst mit ihm! Suleika .                                               Hab Dank, Gerechter! Roll nur das Auge, schieße deine Blitze, Laß schäumen deinen Mund, knirsch mit den Zähnen, Und zuck am Knaufe des gerechten Schwertes – Du schreckst mich nicht, du machst mich wieder leben! Ich dank dem Wort und danke deiner Hand – 283 Wenn sie mich trifft! Ich fühl's – ich muß es jauchzen: Nun bin ich wieder sein! Im Tod ihm eins! So trinkt die Löwin keinen Atemzug Der eklen Luft mehr, die ihr all verpestet – O Gott – sie war nur rein und süß durch ihn, Weil er sie mit mir hauchte – fort mit uns! Harun . Gemach, mein Täubchen! Und nicht falsch gerechnet: Er stirbt, zu seiner Strafe, du zu deiner – Bleibst hier und mein! Du bist mein Eigentum, Das sich auf bösem Umweg zu mir findet! Und wie es diese Faust hier sättigen soll, Daß dort sie Rache nimmt, soll dieser Hand Hier zwiefach lustvoll sein – der Löwin Zähmung! Suleika . Wie? das sagst du? nach dem? zu mir? Gerechter? Indes dein Herz so fromm vor Gott sich krümmt, Schielt lüstern nach dem Weib das freche Auge? Das mir? nur du? – nach ihm? – Ha, du, sieh her, Sieh, so veracht ich dich! (Speit nach ihm) Harun . Ha, unerhört! – Und doch, es hilft dir nichts! Du schäumst mich an – doch süß nur schäumt das – Süße – Suleika (auf ihn zutretend) . Noch einmal diesen Blick! 284 Harun .                                           Noch tausendmal! Entzückt des deinen grünen Blitz zu trinken. Suleika . Ha – trink auch das! (Ihm ins Gesicht schlagend, daß es klatscht) Harun (taumelt zurück, die Hand an den Griff des Säbels legend; Suleika reißt den Dolch aus dem Haar, das aufgelöst in reicher Welle herniederflutet und steht funkelnd in Angriffsstellung da) .                                           Ha – – – (Zu gleicher Zeit stürzt ein Sklave herein und wartet in stummer Neigung des Befehls) Harun (wild auffauchend) .                       Hund, was willst du? Sklave (wirft sich nieder) .                                                             Herr! Du riefst! Harun .             Ich? – rief? Dem Hund die Ohren ab! Sklave (zitternd) . Hinweg damit, wenn sie nicht klatschen hörten! Harun . Klatschen? – 285 (Stutzt und besinnt sich; stummes Spiel; sein Blick kehrt in langsamer Wendung über den Diener und Suleika – die seit dem Eintritt des Sklaven in eine Haltung sich zurückgefunden hat, die das Dekorum des Herrschers zu wahren weiß – zu sich zurück, endlich, leise keuchend)                                 Nun gut –         (Mit einem kurzen, zuckenden Blick auf Suleika einen Befehl erfindend, der alles rettet)                                                   Führ sie zurück! Suleika (die günstige Wendung erkennend und dankbar erfassend, etwas scheuen Blicks rasch mit dem Sklaven ab) . Harun (mechanisch mit einem Auge an ihrem Fortgang haftend, sonst aber ganz bemüht, sich aus seiner allgemeinen Betäubung zu erholen, fährt schließlich mit der flachen Hand instinktiv nach der geschlagenen Wange, sacht an ihr herunter und beguckt dann verwirrt die Handfläche, als ob er etwas von dem Ding an ihr sähe, endlich vermag er zu murmeln:)                                                                                 Ich weiß nicht – Ohrfeige, glaub ich, nennen das die Menschen!         (Sich jäh ein wenig ergrimmend, am Knaufe rüttelnd) Bei Gott! ich hätt sie niederhauen müssen – (Stockend) Und – weiß nicht – wie mir ist – und wird! – Ist's nicht, (Langsam anschwellend) Als wich ein Strom von Blei mir unaufhaltsam Von jäh befreiter Schulter? oder tauchte Sie jäh befreit aus schwerer trüber Flut Und wollte wohlig sich im Lichten recken? 286 So gibt es hier noch Leichtigkeit und Licht? Noch seh ich nicht, doch fühl ich, und ist Fühlen Ein Sehen nicht der Seele, ganzen Seele? So laß dich segnen, kleine, süße, tapfre Und wunderbare Hand, von der es strömt, Und laß dich fühlen , unbekanntes Licht, Das diese alpbeschwerte Nacht besiegt, Und schon ein Netz von seinen goldnen Fäden Um meine Seele spinnt, sie ganz durchwirkt, Ein Netz so fein und schimmernd – wohlig zitternd, Daß ich – ich weiß nicht – nein – – wo bleibt des Fürsten Verletzte Hoheit? – mein – wahrhaftig meine –         (Es zittert schon in seiner Stimme) Ich müßte – müßte – nein ich muß schon – lachen – (Er fängt schon mit diesem Wort an zu lachen, vom Kichern beginnend, anschwellend bis zum unaufhaltsamen, herzlichen, erquickenden Lachen. Er läßt sich dabei auf einen Diwan nieder, krümmt sich zusammen und lacht unaufhaltsam in sich hinein, legt endlich den Kopf auf ein Polster – einmal schnellt er noch auf:) Bei Gott! die haut noch Gott auf seinem Thron! (Legt sich zurück und lacht sich in abnehmenden Schollen in Schlaf, Pause; dann:) Djaffar (tritt durch die Mitte ein; neigt sich) . Erhabener! Das Divan ist versammelt Und harrt nur deiner – – – (Stutzt und erhebt vorsichtig die Augen) 287                                               Wie? er schläft? (Sieht sich um) Masrur erscheint auf diesen Blick) Djaffar .                                                                     Er schläft! Masrur . Das ist nicht wunderbar: die ganze Nacht Hat er kein Auge zugetan! Djaffar .                                       Was nun? Masrur . Was nun? – Der Sultan schläft, das Volk muß warten! Eunuche (ist hinzugetreten, andere Vornehme des Hofstaats folgen nach) . Er schläft? Djaffar .             Um auszuruhn! Es scheint zu schmecken. Ein sattes Lächeln spielt um seinen Mund Und seine Wange glüht – – Eunuche (kichert) .                       Er hat auch Grund Zu lächeln und zu glühn – die Perserin – Ein Anderer . Die schöne Perserin? 288 Andere (fragend) .                                 Wer! – was? ah – ah –         (Sie stecken tuschelnd die Köpfe zusammen) Eunuche (schmelzend) . Sie muß von wunderbarer Süße sein! (Sie ziehen sich tuschelnd zurück)   Der Vorhang fällt .   Fünfter Akt (Großer Thronsaal mit versammeltem Divan. Harun auf dem Throne. Gerichtshof, glänzender Hofstaat, darunter fremde Gesandtschaften, auch Abendländer, Krieger, persische und arabische Schergen mit gefesselten Verbrechern, die eben abgeurteilt werden; hinter ihnen Ali und Ibrahim.) Harun . Und nun hinweg, die Sache ist entschieden: Den Knaben gebt in eine Schule; diese Steckt in das Heer, in ehrenvollem Dienst Die jugendlichen Frevel zu versöhnen; Die Galgenvögel hier dem Strick; doch den da Vierteilt! und pflanzt auf jeden Markt ein Stück Und viertelstündlich soll ein Herold rufen: So straft Harun den ungetreuen Richter! Hinweg! – Und nun was weiter? – (Man bricht mit den Verurteilten auf) Der Richter und ein Verbrecher .         Gnade! – Gnade! Harun (donnernd) . Ha! gottverdammtes Wort! Hast du vielleicht Sie dem Gefolterten gewährt, und du, Verruchter, Dem wüst Gemeuchelten? – O Ekel! Ekel! 290 Ein Richter . Er war das Scheusal, das den Anschlag machte! Harun . Hinweg! und prügelt sie zum Rad und Galgen! O Ekel! – Menschen dies – wie ich! – und Richter!         (Beschattet sich in einiger Angegriffenheit die Augen, indes Jene abgeführt werden; nach einer Pause) Was weiter? –         (Sein Auge trifft Ali und Ibrahim, die gerade vorgestoßen werden, murmelnd)                           Ah! das Schwerste noch! O Gott! Wie rett ich ihn, wenn ich ihn retten muß? Und muß ich das? – Frag nicht! – (Entschlossen) Nun – zum Gericht! Masrur . O Herr! wir lasen hier zwei trunkne Schweine In deinem Kleinod auf! Harun (sie musternd) .             Wie? du? was hör ich? Den Hüter, dich, den heiligen Ibrahim? Ein saubrer Hüter du, und saubrer Heiliger! Man gibt ein Heiligtum in deine Hut, Und liest betrunken dich darinnen auf, In würdiger Gesellschaft – wie? – wer ist das, Der Bursch in Lumpen da – (Sieht Ali an, der seinen Blick ruhig erwidert, stockt) 291 Ibrahim (schnell und leise) . Er will dich nicht erkennen! Mut! mein Junge! Harun (sich wieder zu Ibrahim zurückziehend) .                                                 He! Antwort gieb: Wie stimmt das alles mit der Heiligkeit? Ibrahim (sich ein wenig windend) . Hm! Heiligkeit? – O Fürst der Gläubigen: Man kann sehr heilig sein und doch sehr lustig!         (Unterdrückte Heiterkeit. Harun fährt in ungewisser Überraschtheit aus. Ibrahim rasch einsetzend) Wenn etwas Gottes ist, ist's Heiterkeit! Sie ist, wie blauer Himmel, sein Gezelt! Wo du was trüb siehst, grämlich, muffig, scheel, Vergällt und giftig – sei gewiß, o Herr! Ist Gott weit weg! Er liebt die Heiterkeit! Sie ist sein Element – Harun (gelaunt) .                   Gemach, mein Fuchs! Ich kenne deine Schliche! – Aber sag: Muß das gerad in meinem Kleinod sein? Ibrahim (nachdem er kurz besinnend den Mund etwas aufgerissen hat, wieder losschnellend) . O Fürst – arabisch Blut! – das spannt sein Zelt Am Wege auf, und schürt sein Feuer drin, 292 Wie Gott das seine über dieser Runde! Nehmt hin! sagt er, seid lustig drin! – Und so – Harun (sich die Lippen beißend) . Und fügt hinzu: betrinkt euch wie die Christen? Erklär mir nun auch das so schön und – wahr! Ibrahim (sich ein wenig wiegend, das Besinnen zu maskieren) O Fürst! Wie Feuer scheut der Weise Übertreibung! Zu scharf macht schartig, allzu süß wird süßlich, Zu lang und groß, das gibt was Wackliges, Und – allzuheilig nähert sich dem Sturz! So spritzt die Biene jedem Honigtropfen, Bevor sie ihn bedeckelt, etwas Säure – Ein Spritzchen Bosheit spritzt sie ihm hinein, Das Süße zu erhalten und – erhöhn! So griff auch ich zum Becher (Lachen und Murren) und vielleicht War auch Gelegenheit noch schuld und Zufall, Und sehr vielleicht – du selbst! Harun (belustigt und empört) .             Wie – ich? – o Frechheit! Ibrahim . Erlaub! es war dein Abend, wo du sonst Zu heiligen Gesprächen zu mir kommst, Und – weißt du doch: Abwesenheit des Edeln Verdirbt die besten Sitten – – – 293 Harun .                                                   Alter Fuchs! Vergebens ölst du dich und seifst du dich – Noch immer laß ich dich nicht aus dem Eisen! Sag an: du gabst mein Haus für deines aus? Ibrahim (sich tief bückend) . Mit gnädigem Verlaub! Harun .                                     So hinterdrein! Ibrahim . Verzeih! ich mußt es ja vorweg dir nehmen – Wie hätten wir uns sonst so wohl gefühlt? So war ich Wirt für dich! Harun (fein bohrend) .               Mit einer Lüge! Wer eifert sonst wie du vor diesem Gifte? Ibrahim . Nun – Lügen – Lügen? – 's gibt gewisse Lügen – – Harun (schneidender) Wer weigert selbst der höchsten Not das Recht – Ibrahim . Wohl, Fürst, der Not, der höchsten – Harun .                                                                     Selbst ums Leben? 294 Ibrahim . Wohl Fürst, ums Leben selbst, und grad um es! Denn Lüg ist Ohnmacht, die nicht leben kann, Der schäbige Verzicht auf eignes Leben: Sie beugt sich feige, und verwest nach innen. Drum wer von Lüge lebt, der lebt auch nicht, Und wäre Lüge nötig , um zu leben, So sagt ich jedem Ringenden: pack ein! Pack ein! fahr ab! Fahr ab mit Extrapost Und zahl dem Schwager Tod ein gutes Trinkgeld! Dies, Fürst der Gläubigen, meint aus Not die Lüge! Nun aber gibt's noch eine, die selbst Gott, Wenn er das Lachen kennt, passieren läßt – Harun . Nun hört, ihr Weisen! (Bewegung und Gemurmel) Ibrahim .                                   Ja: die Lüge aus Lust! Harun . Bei Gott, das schmeckt nach offener Ketzerei! Gelehrter . Im ganzen Koran steht hiervon kein Wort! Ibrahim (sich nach ihm hinwendend, vorsichtig) . Sein guter Geist wird es ja wohl enthalten, Auch wenn es nicht in einem Worte klingt! O Fürst, leih mir ein offen Ohr und – Herz! 295 Harun . Es ist gefährlich, dir ein Ohr zu leihen – So sei es dir gewährt – eh du verstummst! Die Tafel ist gedeckt, der Truchseß wartet         (Ein stocktragender Neger macht eine Vorwärtsbewegung) Die Portion kennst du auch? nicht wahr? Ibrahim (sich hinten reibend, gedehnt) .             Nun ja! Ein bißchen viel für schwachen Appetit!         (Grinsen und unterdrücktes Lachen in der Runde) Doch wie du willst! Ich küsse deine Hand! Sie ist nicht hart, nur – fromm! drum höre mich: Du sollst nicht meinen, daß ich lügen lehre, Wenn ich der Lüg aus Lust den Fürsprech mache! Der Lüg aus Lust – fühl es bis tief hinein: Aus Lust! O Fürst! in unentweihter Höhe Rein über allem Sündenschmutze schwebend, Nichts wollend, nur dem Schicksal hingegeben, Nichts suchend, aber froh bereit zum Finden, Dem Rätsel, das dich aufsucht, launig dienend, Giebst du dich Zoll um Zoll dem Leben preis, Und sieh, auf einmal fordert's eine Lüge – Was Lüge! eine Täuschung nur! kunstvolle Verzögerung der Wahrheit , die du liebst , Auf daß sie ganz und schön sich dir entschleire –: Sieh, Fürst, so log ich, rein aus Wahrheit log ich – 296 Ich kann es mir erlauben: Wie mein Bruder, Der nicht ertrinken kann vor lauter Fett, So kann auch ich nicht in die Lüge tauchen Vor lauter Wahrheit! – Harun (launig) .                     Hört den heiligen Schelm! (Bewegung) Ibrahim . Im Ernst mein Fürst, und sieh es ist auch so: Der Starke darf mit lindem Griffe greifen, Der Schwächling nur bekommt den Krampf der Stärke! Des Lebens sicher, magst du mit ihm spielen, Dem Kranken ist es immer ernst darum! Im Überfluß kannst schäumend du verschwenden (Schneller) Die Armut muß nach jeder Krume gieren Und bin ich weiß und süß bis tief hinein So darf ich außen braun und rostig sein, Ganz wie ein edler Apfel! Tiefer nicht Gehn meine Lügen mir als ihm die Warzen! Doch du gib acht: Wie mancher deiner Bonzen Prunkt hier im allersteifsten Ehrenkleid – Es stiebt von Glanz und rauscht und knirscht wie Seide Ja rasselt wie 'ne Rüstung um ihn her – Doch meint er wohl: am Tage des Gerichts, Der Schöpfer schleck ihn ungeschält hinunter? Weh, wenn er ihm die Pracht vom Leibe schält 297 Das laute Tugendrot und Ehrenweiß! Weh, wenn er ihn anbeißt , und unterm Prunke Die Bitternis und Fäulnis sich enthüllt!         (Beweglicher, mit Hintergedanken, die Harun sofort versteht) Und du, mein Fürst, wenn du das Wort vergönnst: Der Purpurmantel des Gerechten fällt Zu lauter Ehrung von der Schulter dir Und wallt um deine Füße – gebe Gott Daß dir ein mutig Herz darunter schlägt, Voll, hoch und stark, und ganz, gesund, lebendig, Und nicht zerrissen, mit der Hand zerfallen; Daß du der Richtertugend als ihr Herr Ins Auge schaust, bis tief hinein ihr Herr, Daß du sie liebst und sie dich ganz durchsüßt, Wie eine Tugend soll! Denn süßt sie nicht – Ob auch in herber Kraft – so taugt sie nicht! Froh mach sie dich und stark! Weh, wenn die Hand Unwillig ihren Dienst tut, Hirn und Herz In brüderlicher Mordsucht sich zerreißen, Und dir es weh wird – vor Gerechtigkeit! Süß muß dir sein, süß werden dir von ihr, Wie von der Wahrheit mir – der Wahrheit, Fürst, Die, merk, so wahr ist, daß sie lügen kann, Und doch nicht bittrer davon wird, nur süßer! (Eindringlicher) Fürst! hör mich: fruchtbar muß die Tugend sein! 298 Bereichernd, segnend! Und nicht ärmer machen Den Armen, der mit ihr behaftet ist! Und da ich manches mit dir weiß, so sage: (Bohrend) War meine Lüge fruchtbar oder nicht? Harun (erst unruhig rückend, dann sich bestimmend) . So war es wohl, und dieses ist dein Glück! Was du an mir gefehlt, sei dir verziehn, Und meinen Dank noch – für die schwere Frucht! Ibrahim . Schwer? laß sie dich nicht drücken! Fürst, gib acht: Wenn Flügel noch dem irdischen Staube sprossen, Ist unsrer Seele Wesen ganz von Blei? O Fürst, hab acht: du fliegst noch durch das Schwere – Doch frag ich nun: was ist mit – unserm Gast?         (Blickt auf Ali, ebenso jedes andre Auge) Harun (zuckt, blickt Ali scheu an, der in seinen Fetzen hochaufgerichtet furchtlos sein Auge aushält und sucht, schweigt und sucht dann Worte, stockend) . Du bist des gleichen Frevels angeklagt – So treffen dich die gleichen achtzig Streiche! Sonst – hast du – keine – Schuld – an mich, (Schneller) Da dieser für des Hauses Mißbrauch haftet –         (Wieder unsicher werdend) So – (Er verstummt und sie sehen sich wieder an, lange, durchdringend; er wird scheu und wendet sich ab, für sich) 299 Himmel! sag mir, was ich soll tun? Du schweigst? Wird jede Schlacht denn nur in uns entschieden? Ich kann versuchen nur – den Weg nur tasten – Versuch ich's denn! – (Zu Ali) So kannst – du – gehn! (Leise Bewegung wie zum Schlusse einer Sitzung unter allen Nichtwissenden. Höchste Spannung bei Ibrahim und Djaffar, jener bereit zum Miteinspringen, dieser als Gegenanwalt, Verwirrung bei Masrur) Ali (etwas vortretend, sein Auge sucht das des Kalifen, ihm Ehrfurcht und Dank bringend; fest) .                                                                                             Nein, Fürst! Ich hab noch eine Rechnung abzuschließen, Und wenn du mir erlaubst, so will ich jetzt – Harun (erhebt sich unruhig) . Der Divan ist entlassen! (Aufbruch) Ali (ihn verstehend, abwehrend) . Herr! – erlaube! Ich fordre dich in offenem Gericht Als Richter gegen mich! (Es wird wieder stille) So seht mich an! ein tiefverlorenes Leben, Zerrissen wie kein Abgrund dieser Welt, Will heut genesen und darum vergehn! Zum Bade treibt's mich her – zum Bad in – was? Ich kann's nicht nennen – nehmt es so – zum Bad! Und sonst was noch? der Atem einer Brust – Und hätt sie Raum und Kraft und eine Fülle 300 Um euch Passate mondelang zu nähren – Er stieß euch nicht die Hälfte meiner Schmerzen In einem Hauche her! – So wähl ich nur Was euch das Schärfste ist: als Haremsschänder – Des väterlichen und des deinen, Fürst! – Floh ich zu Babek in die blauen Berge.         (Bewegung im Saale) Und Jahre lebt ich als Kuremmi dort, Ein Blutsfreund Babeks (Stärkere Bewegung) Und – ich war sein Feldherr! Am zweiten Tag der Schlacht der sieben Berge! (Gleich einer Explosion rauscht eine furchtbare Bewegung durch den Saal. Getümmel, Aufschrei, Waffenzucken und Eindringen auf den unbewegt haltenden Ali. Mit geschwungenem Speer und dem Rufe: »Rache für Obeidollah!« wirft sich ein Araber gegen ihn, dem ein Besonnener in den Arm fallen und mit anderer Hilfe bändigen muß) Harun (steht aufgerichtet in voller Herrscherwürde über dem eine Weile kochenden Sturm. Dann fängt er an, ihn durch Armbewegung zu beschwichtigen; es wird wieder still.) Eine gellende Stimme: Der Greuel steht und lebt noch! Harun (in der Richtung nach der Stimme) . Mein Volk! noch mehr: Seit zwanzig Stunden weiß ich's, und er lebt noch! – Er lebt und lebt doch nicht! In dieser Hand 301 Schwankt seines Lebens dürftiges Licht! Ich suche Und suche eine Nacht, wie ich es lösche, So lösche, wie der Greuel es verdient! Doch schwanke ich, mein Volk, so schwankst du selbst! In dieser Brust hier glüht dein Schmerz um Rache, In diesem Haupte wägt dein Geist sein Recht, Im Fieber dieser Hand ringst du um Heilung! Kein Murren drum, und was auch hier geschehe – Sein Recht sucht hier der greuliche Empörer – Nun wohl, er find es! er – und ich – und ihr! Eins saht ihr schon, was vom gemeinen Schurken Ihn scheidet, einen Zug: er stellt sich selbst Dem göttlichen Gericht; kein Büttel schleppt ihn Am eisernen Strick aus schmählichem Versteck – Ein edles Blut treibt nicht gemeine Schuld Hier selbst zur Sühne! Tiefe Scham und Reue Laßt flüchten ihn zu dem, vor dem Gemeines – Ali . Halt ein, mein Fürst und Herr! Du malst mich schlecht: Nicht Reue ist's und Scham, die her mich liefert! Ich hab nichts zu bereun – (Bewegung) Harun .                                         Nichts zu be – – –? Ali .                                                                                 Nein! 302 Harun (Stimme des Aufruhrs) . Ha! Stirn – Ali .                     Ja Stirn! – Ich biet sie – wie die Brust, Die dieses Leben hegt! Wilde Stimmen .                   Zum Brand! – Zum Pfahl! (Tobender Aufruhr) Harun . Verruchter du, soll ich das trotzige Haupt Dir auf die Matte beugen? (Wink. Ein Henkerssklave rollt die Blutmatte vor dem Thron auf) Ali .                                               Wenn mein Stolz Dich quält, so tu's, und – herrsche über Hunde! (Neues Rasen) Harun (Blick nach oben) . Wo nehm ich weiter die Geduld für den? Es reut dich nicht? Doch aber führt's dich her? Ali . Es reut mich nicht, es schmerzt mich! Diesen Schmerz Nur möcht ich heilen – Harun .                                     Also Reue doch! 303 Ali . Nein Fürst, es schmerzt nur, aber reut mich nicht! Ich tät es wieder – (Neues Rasen) Harun (schäumend) .       Ha! Genug! Zur Matte –         (Schergen stoßen Ali auf die Blutmatte und reißen ihn nieder) Hund du, verruchter! tätst es noch einmal! Ali (kühl) . Ich sag nicht »noch einmal« – nur »wieder!« Führ mich noch einmal meine Bahn zurück, Und stell mich wieder vor die gleiche Tat, Und zeige mir dazu das gleiche Weh, Das sie entfachen wird, für mich und euch – Doch was ist euer Brand vor meinem Brand? – Ich tät sie wieder – wieder – – tausendmal – Bis – (Knirschend) bis sie nicht mehr schmerzte! (Neues Rasen; die Knechte drücken ihn wieder nieder, Masrur steht neben ihm und harrt gespannt des Winkes Haruns, dieser aber stutzt, als alleinig ruhige Person, zurück und findet dann, nachdem er den Aufruhr gestillt, die Frage:) Harun (sinnig) .                                                                 Und dann? Ali (den Kopf aufrichtend, den die Schergen ihm freiließen, stutzend) . Dann?         (Richtet sich noch ein wenig höher und senkt sich wieder ein wenig) 304 Dann? (Irrend, suchend und findend)             Dann – tät ich – es vielleicht nicht mehr! (Bricht kurz nach dem letzten Wort aus der aufgerichteten Kniestellung in die hockende zusammen und in ein erschüttertes – und erschütterndes Schluchzen aus. Es wird totenstill in der Runde, die in der lebendigen Gebärde des Aufruhrs erstarrt. Selbst die Henker werden scheu. Masrur läßt langsam das zum Ausholen gezückte Richtschwert sinken. Große Pause, in der man den Empörer ausweinen läßt, dann) Harun (der groß und rein geworden ist und viel gelernt hat, leise) . Ist dies nicht mehr als Reue! – Köstlicher Fruchtbarer Tau auf ein gesegnet Feld! – (Sich zu ihm kehrend; aber) Ali (zugleich mit dieser Bewegung sich aufrichtend und wie von Verwirrung und Verirrung zurückkehrend, sich schüttelnd und von selbst erhebend) . Was tat ich? Hab ich dich verleugnet – ha! So will ich denn zu dir zurückekehren Du meine Tat, geliebte, heilige, Verzeih mir, wenn ich dich verriet! (Richtet sich ganz auf; zu Harun)                                                             Hörst du? Leih diesen Tränen nicht zu viel Gewicht! Es hat mich übermannt, ich weiß nicht was! Ich habe diese Tage viel verbraucht, Und bin gereizt und etwas schwach davon – 305 Doch soll der Stahl an mir die letzte Stunde Noch reichen! Nimm die Kinderei zurück! Mich reut nicht meiner Tat! Genügt es dir? (Harun hat den Kopf geschüttelt, zum Lächeln über diese Verteidigung geneigt, und sie macht auch merklich auf das Volk keinen aufreizenden Eindruck. Man wird nur wieder unruhiger) (Ali, in der kurzen Pause diese Nichtwirkung bemerkend, wird unruhig) Du glaubst mir nicht? – Hab ich sie denn entehrt? Wie könnt ich sie denn schmähn? Ich bin ihr dankbar Wie man der Mutter dankbar ist – für's Leben! Sie ist's – und wenn auch meines Lebens nicht, So doch der heutigen Stunde! – Fürst, du weißt – – Nein, lieber frag ich: weißt du es? als Mensch? Wie man der Mutter dankt – –? Mit langem Hader! Bis man ihr dankbar ist, um dieses Leben! – So hat sie mich gebeugt, zerwühlt, zerknirscht, Und mich im Kampf mit ihr gestärkt, gestählt, Und mich herangeführt an diese Klippe, Um deren Fuß nun die Erlösung brandet – Und ich soll rück mich, hinter meine Tat, Und mir ein minder heißes Leben wünschen, Das ohne Schuld im flachen Sumpf verliefe? Nie, nie und nimmer! Fürst, ich liebe sie! Ganz zärtlich lieb ich sie! Fürst, meine Tat! Und heute mehr denn je, ganz zärtlich, sie – Die (Geschüttelt) furchtbar harte Mutter dieser Stunde! 306         (Noch einmal sich aufstachelnd) Und schuf es mir den greulichsten der Tode: Vom Pfahl noch, aus dem Feuer, unterm Schinder, Zerhackt in so viel Stücke als du willst, Nur so noch lebend, so noch, daß ich's sagen, Und wenn nicht sagen, daß ich's lachen kann – So sag ich's noch: Ganz zärtlich lieb ich sie! Der letzte Muskel, der noch dampft und zuckt, Er soll dir noch in Dampf und Zuckung lachen. »Ich liebe sie« – ich leb durch sie – doch heut – Und hier – und so – in meiner größten Stunde –! (Die Arme in übermächtiger Erregung reckend und schüttelnd, dann ein Ruck, und er wirft sich auf die Matte nieder) Hinweg mit mir! Ich hab gelebt! (Ibrahim hat ihn seither mit immer steigender Verzückung begleitet; hier will er sich mit ausgebreiteten Armen neben ihn stürzen und rufen: »Herr, laß mich sterben!«, wird aber durch eine ihm zuvorkommende einfallende Bewegung des Kalifen auf halbem Wege innegehalten, so daß er nur »Herr!« rufen und gegen Ali auf die Kniee sinken kann, wo er mit offenen Armen das weitere verfolgt, bis zu seinem nachherigen Einfall. Er bildet nur eine Bewegung in der Szene) Ibrahim . Herr – – Harun (die gleiche Armbewegung, mit der er Ibrahim hemmt, gegen Ali vollendend, nach kleiner Pause mit tief gefärbter Stimme) . Du hast gelebt? 307 Ali .                             Ich hab! Und schön hab ich gelebt! Auf jeder Höhe Stand ich – ob auch in Schmerzen – was ist Schmerz? Er höht das Hohe nur, verschönt das Schöne! – Der Erde bestes hab ich so geschöpft! Was sie den Sinnen bietet, trank ich aus: Ich kenne ihre Wüsten, ihre Meere, Und ihrer Berge weite Herrlichkeiten, Des Frühlings Schimmer, ihres Sommers Brand, Des Herbstes Sattheit, Winters hellen Frost, In jeder Farbe hab ich es genossen! Und was der Mensch je Großes schuf, war mein! In meinem Hirne brausen seine Siege, Wie er den Ton, das Wort, den Stein, die Farbe zwang! Und den Gedanken, der ihm nie ermüdet, Vor nichts erschreckt und jedem Abgrund trotzt! Mein ist ein Freund, des Aug nicht meinem weicht, Mein ist – mein war das schönste, beste Weib, Ein Feuertrunk, der jeden vor ihm löscht! – Und eine Tat ist mein, vor der die Welt Vor Schreck erklang und in den Felsen bebte – Was will ich mehr! Im Angesicht des Tods, Des tausendfachen, den du schaffen kannst, Ruf ich es, jauchz ich es: ich hab gelebt! Ich liebe dich, o Welt! ich lieb das Leben! 308 Mit meinem letzten Hauch: Ich liebe dich! Und nun – hinweg mit mir! (Wirft sich wieder hin; Pause) Harun (mit tiefer Stimme) . Und es? Ali (das Haupt erhebend, betreten, dann genötigt, sein Auge vom Kalifen wegzuwenden, der ihn durchbohrend ansieht) . Und es? Harun .           Ja! – das Geliebte? Ali (stammelnd) .                               Das Geliebte? Harun .                                                                     Ja! Wie sieht es wohl dir nach? Ali (mit einem Versuch von Trotz) .     Das ist mir – (Verstummt) Harun (bohrend) .                                                     Gleich?         (Erhebt sich langsam, mit ihm erhebt sich auch, was noch sitzt) Du liebst die Welt – das Leben – deine Tat, Und doch ist gleich dir, wie sie nach dir sehn? Mit welchem Auge, ob in Lieb, in Haß, In Ehrfurcht, in Verachtung oder – Mitleid? Und liebst sie doch? –         (Ali wendet sich vor der Niederlage)                                       Du liebst sie? Aber sage: 309 Wie lieben sie dich? – Ja – wie liebst du sie? So sag doch: Frei – und schön – und ganz! Sie tragen mich wie eine starke Schwinge Zu jedem Hoch – und Tief – und Vollgefühl, Und Glanzgefühl des Glücks! – Du windest dich? Was siehst du mir nicht voll und frei ins Auge? Ali (keuchend) . Ich – kam, so hoch ich kam! Harun .                                                               Und hast genug? Siehst Höhen vor dir, die du nicht erreicht, Und bist zufrieden? – Schäme dich – Ali (seine Erwiderung suchend) .                     Ich – ich – Harun . Wo stockt das Wort, wo knackt der Trotz? An welchem Stachel krankt der wilde Stolz? Tief innen sitzt die folternde Gewißheit, Das Durchgefühl von einem reinern Sein, Mit einem Tun, so hoch und heiß wie deins, Doch ohne diesen dumpfen Druck und Schmerz! Ein Sein und Tun mit seligem Besitze Des froh und rein Getanen! – Und – Ali! Sieh mir ins Auge, wann du es vermagst – 310 Ali (sich windend) . Der Blick! – Der Blick! Harun .                                     Daß du zum Tode hängst, Zu jedem Tod: ich glaub es dir, o gern! Doch frag ich dich: war dies – ist dies dein Leben, Aus dem du gellen Schreis hinüberflüchtest? Mit einem Fluche mehr, denn einem Jubel? Was sind die Wüsten, Berge, Meere heut, Was aller Reiz in der Gezeiten Flucht, Was deiner Menschheit hirnberauschend Tun In Tönen, Farben, Marmor, und Gedanken In dieser Stunde? Welches Glück für dich? Wo ist der Freund, der dir das Auge schließt, Wo ist das Weib, mit dem du dich gebrüstet, Die blühende Genossin deiner Kraft? Wo ist dein Kind, der Zeuge deines Lebens? Wo ist dein Werk – aha! du rühmst ja eins! Nun sag: Wo ist die Frucht, das Glück der Tat? Wo ist das Gegenwesen deines Willens: Die Liebe , die ihn heißen Augs empfängt? Wo ist die Gegenliebe deiner Liebe? Das Gegenleben deines Lebens – wo? Was bleibt von dir, wenn ich dich heute lösche, So lösche, wie ein einziger Strahl des Schwerts, Wie eines Strickes Faser schon dich löscht! 311 Ich brauch dich nicht zerstücken und zerreißen – Ein Wink der Hand – (Masrur tut einen Schritt)                                       Ein Streich –         (Masrur winkt den Schergen und zückt sein Schwert; Harun stoppt ihn)                                                               und du bist – Nichts! Ein Seufzer noch nach dir, getäuschten Lebens, Und tausend Flüche, die sich rasch verkürzen – In dreißig Jahren, Menschlein, warst du – nie!         (Setzt sich wieder zurück) Nun prahle weiter! Ali (sich in Vernichtung windend, bis zum Schreien ansteigend) .                                   Ha – das – Ungelöste!         (Birgt verzweifelt das Antlitz; rafft sich wieder los) Wie lös ich's? – ha – ich muß – ich bin ja noch! Ich muß es lösen! – Gott! so kann ich nicht – (Schleppt sich auf den Knien einige Schritte nach dem Thron und schreit – gleichzeitig mit Ibrahim, der vorwärts stürzt und sich neben ihn hinwirft) Vater! laß mich – leben! Ibrahim (gleichzeitig) . Herr – laß mich – sterben! Ali (fortfahrend) . Laß mich nicht sterben so – Vater! nicht so! (Sie strecken stehend die Hände nach Harun aus, der eine Weile ernst zu ihnen herniedersieht; dann erhebt er sich) 312 Harun (gegen sein Volk) . Ich lasse hier den Thron dem Allerbarmer! (Gegen Ali) Und will versuchen, Menschenkind, an dir, Ob ich das heiße Zucken in der Brust Nach seiner Quelle deute– (Zum Himmel) sei mein Zeuge, Daß keine irdische Verführung mir Des Schwertes Strenge schmilzt! –         (Er steigt die Stufen herab, stutzt aber auf der mittleren)                                                             Ich höre Murren! Ha! – drohende Blicke – die sich noch nicht senken? Und – ha! – ich seh – es sind die Barmekiden? Djaffar . Mein Fürst! das ungeheuere Verbrechen, Von dem das Reich noch bis zur Stunde lahmt – Harun . Dies Ungeheuere ist eine Wunde, Die rasch und scharf die Unbedachtheit schlug, Die Unschuld fast! – die Hand, die sie uns schuf, Sie mag sie wieder heilen! – Aber du, Wie viel lähmst du, wie viel verdirbst du uns, Ein zehrendes Geschwür an unsrer Kraft! Ha! Barmaks Sohn! nun naht sich dein Gericht! Masrur! Dreifache Wachen um das Schloß – Du haftest mir für jeden! – Bis nachher! (Offiziere der Leibwache gehen auf befehlende Winke Masrurs ab. Große Unruhe und Bestürzung; Pause, in der es wieder 313 ruhig wird. Harun steigt weiter herunter, tritt zu Ali heran, winkt Masrur, der sich neben ihn stellt, mit tiefruhiger Stimme) Dein erstes Leben, Mensch – es ist verfallen! So nehm ich es an mich! (Berührt den Arm Masrurs, der das Richtschwert auf Alis Kopf legt; er berührt seinen Arm wieder und Masrur zieht es zurück)                                           – Und so, o Mensch, Geb ich es dir zurück! Zum zweitenmal Leb du es mir, dem Vater und dem Ganzen! Dem Vater , Ali! – O, wohl tausendmal Hab ich sein Leben einem Wicht gelassen – Gelassen! – Ali, aus der eignen Brust Grab ich es hier und pflanz es in die deine – Und – wohl wird mir davon! – Komm – an mein Herz! (Zieht den völlig Zerschmetterten in seine Arme, wo er in sprachlosem Schluchzen lange liegen bleibt, und streichelt ihn zärtlich und küßt ihm das Haar, selber zitternd. Dann erhebt er das Auge, sieht um sich, und gibt einem Eunuchen ein Zeichen, der durch eine Seitentür abgeht und nach einer kleinen Weile mit Suleika (verschleiert) zurückkehrt. Ibrahim liegt immer noch am selben Flecke, das Gesicht wie betend auf die Arme gedrückt. Nach entsprechender Pause:) Harun . Komm jetzt! wir haben manches noch zu schlichten! Du wirst vorerst zurück nach Basra gehn, Um dich ganz zu erholen, Hof und Heim Von Grund aus neu bestellen, daß dein Fuß 314 Die Stätte weiß, das Mark sich neu zu holen, Das ich dir brauche, und dein neues Leben!         (Zu seiner Umgebung) Man schaff ihm ein Geleite,         (Leute derselben neigen sich dem Befehle, Suleika tritt ein)                                                 Auch die Blöße Soll man dir decken –         (Wink; Diener gehen und kommen mit Mantel, Turban usw.)                                       Die der Manneshüfte Will ich als neuer Vater dir bekleiden!         (Löst sein Schwert) Hier dieser Stahl – trag ihn – es ist mein bester! Und nun – (Sieht sich um, gewahrt Suleika und winkt sie mit dem Haupte heran; sie nähert sich in angemessenem Zögern, zugleich schlägt sie den Schleier zurück; er löst Ali aus seinen Armen, der immer noch betäubt an ihm hängt)                     – Auch hier ist noch ein Band zu knüpfen! (Zu ihr) Hier pflanz ich einen Mann in neues Leben, Soweit ich kann! doch wird es leer ihm sein Und halb nur dünken! du vollend es ihm! Doch nicht zu willig! Er verdiene dich! Die er geraubt sich in ein grundlos Leben, Erwerb er zur Genossin eines festern! Doch dann umhauche ihn, umglänz, umleb ihn! Sei ihm sein Herd, der Hort ihm seiner Kraft! Im schönsten Joche diene er dem Leben! 315 So geb ich euch und lasse doch euch nicht: Denn mein seid ihr, ein Stück von meinem Leben! Ein Zeuge meiner Herrschaft! – Habet Dank, Daß ich euch wohltun durfte! dir vor allem! Suleika (hat seine Worte mit schönem Spiel der Bewegtheit begleitet, nähert sich ihm; hauchend) . Mir Dank? – Verzeihung! Harun .                                       Nein, wohl einen Teil – Und den geringsten nicht des Glücks der Stunde Verdank ich dir: dein – Bad hat mich erfrischt! (Neigt sich ritterlich und löst sich nun ganz von Ali, der jetzt taumelnd freisteht; er bedeutet sie aufeinander und tritt zum Thron zurück. Suleika hat ihm leuchtenden Auges gedankt, mit einer Vorwärtsbewegung und Geste, die zeigte, daß sie den Schlag mit irgend einer Zärtlichkeit sühnen möchte. Dann steht sie hilflos ihrem neuen Glück gegenüber. Ali wird nun von den Dienern nmringt, die ihn bekleiden. Während dies geschieht:) Harun (auf dem Wege nach dem Thron auf Ibrahim stoßend) . Was ist mit dem? (Winkt, man hebt ihn auf) Ibrahim (mürrisch) .       Wie, kann man denn nicht sterben Im besten Sud? – Nun bleibt mir nur die Aussicht Auf meine achtzig Tröster – ha!         (Es fällt ihm was ein, zum Kalifen plötzlich) 316                                                         O Fürst! Sei doch barmherzig! schenk mir seine noch! Harun (zwischen Laune zur Rührung und Mißtrauen) . Was ist das? Wieder eine Fuchserei? Ibrahim (flehentlich und doch drollig) . Fürst! diesmal nicht! Harun .                               Schelm! ist dir wirklich ernst?         (Ibrahim zieht seine flehende Geste weiter) (Zu sich) So sei denn einmal ungerecht – aus Lust! Fuchs! höre: wenn es wirklich ernst dir ist, So sei'n sie dir geschenkt – zu deinen! Ibrahim (aufhorchend) .                                   Wie? Zu meinen? – Ja nun wie? Harun (lächelnd) .                       Ganz ohne Strafe Sollst du nicht ausgehn mir: so rechn' es aus!         (Wendet sich und steigt den Thron hinan, wo er sich wieder setzt) Ibrahim (gegen das Haus) . Wie? – ich? – ja wie? das überläßt er mir! Und wie soll deuten ich? – Schenkt er sie mir Oder schenkt er sie mir? das heißt genauer: Faß ich nun hundertsechzig oder keine? Und dann: wenn es mir ernst ist! wirklich ernst: 317 Das ist noch teuflischer: denn mach ich ernst, So schenkt er mir sie – wo bleibt dann der Ernst! Dann wird's ja Spaß! Doch mach ich Spaß, wird's ernst! Wird's ernst, wird's wieder Spaß! O Gott, ein Licht! Ich faß es heute nicht! Es ist das Beste – Des Weisen Weg für alle schweren Dinge: Ich laß es schweben – und – seh diesen zu! O Tag der Seligkeit, verdünnt mit Kopfweh! Da – seht die Kinder an! denn Kinder sind's Vom Land von Morgen! Seele! trink dies Glück! (Inzwischen ist Ali in der Gruppe bekleidet und wieder frei gegeben worden. Er steht in neuem prächtigem Gewande da, noch taumelnd und ohne auf Suleika zu achten, deren Auge ihn halb abgewendet sucht; endlich hat er sich zusammengerafft und bricht mit emporgeworfenen Armen nach Ibrahims letzten Worten aus:) Ali . Leben! – ah – Leben! noch ein – noch einmal! So strömst du wieder mir in heißen Bächen In diese Form zurück, zur letzten Faser Sie brausend füllend mit der Kraft des Glücks, Und – faß es Selige! – mit dem Glück der Kraft!         (Jubelnd und die Arme hoch) Es gibt ein Leben, über aller Not! Heran denn, was du bringst, an Lust und Schmerz, An Kampf und Arbeit, Schönheit und Gefahr! Vor allem Arbeit – ungeheure – schaff: 318 Hier sind die mächtigen Schultern! laß sie krachen! Häuf ihnen was du willst – ich bin ganz dein!         (Zuckt und greift an die Hüfte) Was ist das? – Schmerz? ein neuer? – Und was will er?         (Suchend) Ich fühl es leer an dieser Seite hier!         (Dreht sich und erblickt Suleika) Ha – du! – (Sie sieht scheu herüber)                   blick nicht – daher – nicht so – o Bild! Ich hatte einen Traum, der ganz dir glich – Und weiß nicht, träum ich wieder oder noch! Sieh mich nicht an! ich – schäme mich so sehr! Und nur ein Wort, ein einziges, nimm an: Das Leben schloß mir neu die Pforten auf – Laß mich in ihm die steilsten Wege gehn, Die Luft noch zu verdienen, die ich atme! Und mit der herbsten meiner Arbeit – still! Ich wag es nicht zu sagen – nein, o Mädchen! Zu hauchen wag ich nicht davon, daß ich – Noch – an dich – denke – – zucke nicht – Ich will so laut nicht denken, daß du's spürst! Laß mich erst leben, schaffen, handeln, kämpfen – Laß leben mich, und mich vielleicht erst sterben , Bis daß du fandst, daß doch kein Besserer Den Platz an deiner Brust umwarb, als ich, Der rasende Tor – der, alle Schwüre brechend, 319 Im letzten Elend dich verließ – Suleika, Im Elend nur, vor Elend ließ ich dich! Nun laß mich gehn! Nur wissen laß mich immer Wo mein Gedanke, aus dem Leeren flüchtend, Dich, seine süße Heimat, doch ereilt! Und bin ich Etwas, kann ich Taten zeigen, Die glühend dir die Wangen heizen, und Im Leben nun den Helden unsrer Träume – Denkst du daran, o Mädchen? – zeigen mögen – So – sende mir – ich bitte dich – ein Zeichen Und ich will fliegen – – (Sie lächelt, er erglüht)                                           Ha, was ist – du lächelst! – O Fürst! – gib Urlaub! send mich meinen Weg! Nur weit – nur weit – daß ich – mich nicht – vergesse! Suleika (bannt ihn mit einer Bewegung zu sich zurück; er windet sich der neuen Seligkeit entgegen) . Ali! Ali .         O Klang – Nicht noch einmal! Suleika (hinreißend) .                                 Du Tor! Sind wir so schwach – und lernen wir so schlecht, Daß wir noch weiter auseinander müssen, Als diese Nacht wir waren, Freund, seit gestern? Und sind so groben Stoffes wir, daß du Erst viel noch tun mußt, um mir du zu sein? 320 Und wenn das Elend uns zerrissen hat Hält uns das neue Leben auch geschieden? Sind wir am jungen Tag noch lahm von gestern, Und kriechen noch als Falter wie die Raupe? Wie gestern, Freund? (Schelmisch) Sag doch: »Was ist dies gestern Vor einem heut wie heut?« (Nähert sich ihm, die Arme lüftend; Ali leuchtete bei ihren Versen Ruck um Ruck auf; jetzt in völligem prasselndem Aufflammen.) Ali . Ha! – das bist du! – Ha! – Herrliche! – Ist's Traum? Ist's Rausch? Ist's mehr als Rausch! – Ist's – Leben? – Suleika (die Arme breitend, selig) .                                             Fühle! Ali (ihr entgegen) . Du bist's! hier bin ich! – Weib! Suleika (ihm entgegen) .                       Mann! Ali (lacht erlöst auf, von ihrem jauchzenden Hauche begleitet, sie stehen sich einen Augenblick mit gebreiteten Armen gegenüber; dann schlagen sie zusammen) . Harun und Ibrahim (gleichzeitig und in starker Betonung)                                                                     Mensch!   Der Vorhang fällt .