James Fenimore Cooper Ravensnest oder die Rothhäute J. F. Cooper's Amerikanische Romane, neu aus dem Englischen übertragen. Sechsundzwanzigster Band. Ravensnest, oder die Rothhäute. Mit Stahlstich. Zweite Auflage. Stuttgart. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853. Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb.   In jedem Werk sieh auf des Autors Zweck: Er kann nicht mehr, als dieser fordert, geben. Pope.   Vorwort. Dieses Buch schließt die Reihe der Littlepages-Manuscripte, die der Welt übergeben wurden, weil sie einen treuen Bericht über die Opfer an Zeit, Geld und Mühe enthalten, welche beziehungsweise von den Grundherren und den Pächtern auf einem New-Yorker Besitzthum gebracht worden sind. Daran fügt sich eine Schilderung der Art, wie die Gebräuche und Ansichten unter uns wechseln, nebst einer Angabe von einigen der Gründe, welche diese Veränderungen herbeigeführt haben. Der einsichtsvolle Leser wird wahrscheinlich im Stande sein, in diesen Erzählungen den Verlauf jener Neuerungen zu verfolgen, die mit den großen Gesetzen der Moral vorgenommen wurden und in den Interessen des Tages so schroff hervortreten, weil sie die einfachsten Grundsätze, welche Gott dem Menschen als Richtschnur seines Lebens vorgezeichnet hat, unter dem merkwürdigen Vorwande, als beabsichtigten sie eine Begünstigung der Freiheit, zu nichte machen. Auf dieser abwärts führenden Bahn zeigt unser Gemälde einige von den Proben der Gewissenlosigkeit, mit welcher man eine bestimmte Art von Eigenthum behandelt, die vielleicht theilweise von dem halb barbarischen Zustand einer neuen Ansiedelung unzertrennlich ist. Wir verfolgen die Abstufungen des Squatters zum Landbauer, welcher blos die Aufgabe kennt, im Vorübergehen einigen Feldern eine Ernte abzuringen, und endlich zu dem, welcher das Geschäft im Großen betreibt, bis wir schließlich bei dem Antirenter anlangen, welcher in dieser Liste von Freibeutern nicht die niedrigste Stufe einnimmt. Es wäre eitel, in Abrede ziehen zu wollen, daß das Hauptprinzip, welches dem Antirentismus zu Grunde liegt – wenn anders hier von einem Prinzip die Rede sein kann – in der Anmaßung besteht, für die Interessen und Wünsche der Massen Achtung zu verlangen, selbst wenn darüber die klarsten Rechte Einzelner geopfert werden müssen. Daß dieß keine Freiheit, sondern eine Tyrannei in der allerschlimmsten Form ist, muß jeder rechtlich denkende und rechtlich fühlende Mensch auf den ersten Blick einsehen. Wer in der Geschichte der Vergangenheit bewandert ist und den Einfluß der verschiedenen Klassen kennt, begreift wohl, daß die gebildeten Reichen und Welterfahrenen unwiderstehlich werden, sobald sie ihre Combinations- und Geldmittel vereinigen, um die Politische Bestimmung eines Landes zu leiten; sie sind in der Lage, dieselben Massen, welche nur sich für die wahren Hüter ihrer Freiheit halten, zu ihren servilsten Werkzeugen zu machen. Die wohlbekannte Wahl von 1840 ist ein denkwürdiger Beleg für die Macht einer solchen Kombination, obschon sie meist nur für Parteizwecke zu Stande kam und vielleicht durch die verzweifelten Entwürfe der Zahlungsunfähigen im Lande unterstützt wurde. Nothwendig mußte ihr die Einigkeit unter den Vermöglichen gebrechen, da ihr die Grundlage von Prinzipien fehlte, welche ihr eine Weihe geben konnten, und man sieht in dem ganzen Vorgang wenig mehr, als einen Beweis, wie mächtig selbst in einer sehr zweideutigen Sache Geld und Muße einwirken können, wenn sich's darum handelt, die Massen einer großen Nation dahin zu bringen, daß sie sich zu Werkzeugen ihrer eigenen Unterwerfung hergeben. Kein wohlmeinender amerikanischer Gesetzgeber sollte daher die Thatsache aus dem Gesichte verlieren, daß jeder Eingriff in die Rechte, die er heilig halten sollte, ein Schlag gegen die Freiheit selbst ist, denn diese hat, in einem Land, wie das unserige, keinen so sicheren oder so gewaltigen Bundesgenossen als die Gerechtigkeit. Der Staat New-York enthält ungefähr 16000 Quadrat-Meilen Landes und umfaßt gegen 27 Millionen Acres. Im Jahre 1783 mochte seine Bevölkerung 200,000 Seelen betragen. Vergleicht man die Bevölkerung mit dem Flächenraum, so braucht man nicht erst zu beweisen, daß der Bauer nicht ganz so abhängig vom Grundbesitzer war, wie der Grundbesitzer von dem Bauer: auch läge hierin eine große Wahrheit, wenn der Staat eine Insel gewesen wäre. Wir wissen übrigens Alle, daß ringsumher viele unter ähnlichen Verhältnissen stehende Gemeinschaften sich befanden, und daß man nichts in solchem Ueberflusse haben konnte, als den Grund und Boden. Die Vorstellungen also, mit denen man sich über Erpressungen und Monopole trägt, müssen unwahr sein, wenn man sie auf die beiderseitigen Interessen jener Zeit in Anwendung bringen will. Im Jahr 1786-87 hob der Staat New-York, welcher damals die volle Befugniß dazu hatte, alle Fideicommisse auf und brachte auch anderweitig seine Gesetzgebung über Realbesitz in Harmonie mit den Institutionen. Damals bestanden hunderte, vielleicht tausende von Pachtgütern, die seitdem so anrüchig geworden sind. Die Aufmerksamkeit des Staats wandte sich unmittelbar der Hauptsache zu, und Niemand sah darin eine Unverträglichkeit mit den Bestimmungen der Institutionen. Man wußte, daß die Grundbesitzer durch die Freigebigkeit ihrer Zugeständnisse den Bauern zu Bewirtschaftung ihres Bodens angekauft hatten, und daß letzterem damit ein Vortheil zuging. Hätten die Landlords jener Zeit den Versuch gemacht, ihre Grundstücke für ein Jahr oder auch für zehn Jahre abzulassen, so würden sich für eine Wildniß keine Pächter gefunden haben: anders verhält sich aber die Sache, wenn der Eigenthümer des Bodens darein willigte, seine Farmen gegen Bezahlung einer sehr niedrigen Rente wegzugeben; mit Zahlung der letzteren durfte man erst nach sechs- oder achtjährigem Betrieb beginnen, und man hatte zugleich das Abfinden getroffen, daß statt des Geldes das Produkt des Bodens geliefert werden sollte. Man ging damals mit Freuden auf diese Bedingungen ein, und der beste Beweis dafür liegt in der Thatsache, daß dieselben Pächter in der Umgegend nach allen Richtungen hin freies und eigenes Land hätten kaufen können; aber die leichteren Bedingungen des Pachtvertrags waren ihnen lieber. Jetzt sind diese Personen oder ihre Nachkommen reich genug geworden, so daß sie sich mehr um die Beseitigung der Rentenlast, als um die Erhaltung ihres Geldes kümmern, denn in den Rechten der betreffenden Partien hat sich sicherlich nichts geändert. 1789 trat die Constitution der Vereinigten Staaten in Wirksamkeit, und New-York hatte bei Gründung und Abfassung derselben mitgewirkt. Vermöge derselben Constitution begab sich nach gutem Vorbedacht unser Staat der Ermächtigung, die Verträge besagter Pachte anzutasten, und gestattete auch keiner andern Regierung das Recht dazu, im Falle es nicht durch eine Umänderung der Constitution selbst geschah. Eine nothwendige Folge davon ist, daß das Pachtverhältniß im gesetzlichen Sinn mit zu den Institutionen New-Yorks gehört und deßhalb nicht im Widerspruch mit denselben stehen kann. Nicht nur der Geist der Institutionen, sondern auch ihr Buchstabe weist dieß nach. Man muß wohl einen Unterschied machen zwischen dem »Geist der Institutionen« und dem »eigenen Geist«, denn der letztere ist oft nichts weiter, als ein Magen, der sich nicht ersättigen lassen will. Mit demselben Rechte, als sich dieß vom Pachtverhältnisse sagen läßt, könnte man behaupten, das Haussklaven-System vertrage sich nicht mit den Institutionen der Vereinigten Staaten, und mit der gleichen Triftigkeit ließe sich nachweisen, weil A. keine Kameradschaft mit B. halten will, so handelt er gegen den »Geist der Institutionen«, weil die Unabhängigkeitserklärung als Dogma aufstellt, daß alle Menschen gleich geboren seien. Man hat vorgegeben, die Pachtverträge von langer Dauer trügen die Natur des Feudalwesens an sich. Wir können hierin nichts Wahres finden; aber selbst zugegeben, daß es der Fall wäre, so würde damit nur der Beweis geliefert, daß ein Feudalsystem in solcher Ausdehnung ein Theil der Staats-Institutionen ist – ja und außerdem noch ein Theil, über welchen der Staat selbst sich aller Zuständigkeit begeben hat, etwa diejenige abgerechnet, die er als einer von den achtundzwanzig Staaten besitzt. Was das Feudale in der Sache betrifft, so wird es mir schwer, zu sagen, wo es etwa zu suchen sein müßte. In der einfachen Thatsache der Rentenzahlung gewiß nicht, denn diese ist so allgemein, daß hiedurch das ganze Land feudal würde. Eben so wenig kann der Umstand in Betracht kommen, daß die Rente in natura , wie man's nennt, oder in Arbeit bezahlt werden soll; denn dieß ist ein Vortheil für den Pächter, und es steht ihm ja frei, auch in Geld zu zahlen, da bei Versäumnissen die Gerichte auf letzteres Tilgungsmittel erkennen. Sollten die Pachtverträge wohl deßhalb feudal sein, weil sie für immer fortlaufen? Aber eben dieß ist ja augenscheinlich ein Vortheil für den Pächter, und er wußte denselben bei Eingehung seines Kontrakts recht wohl zu würdigen. Auch gibt es wahrscheinlich nicht einen einzigen Pächter auf Lebensdauer, der nicht bereitwillig ein derartiges Besitzverhältniß gegen einen von jenen verwünschten ewigen Pachten umwandeln würde. Unter die Abgeschmacktheiten, welche man über das Thema des Feudalismus in Umlauf gesetzt hat, gehört auch die Behauptung, daß das wohlbekannte englische Statut » quia emptores « Entschädigungen für die Veräußerung verbiete, oder daß die quarter sales, fifth sales, sixth sales u. s. w., wie sie in unsern Verträgen vorkommen, schon bei ihrer Einführung im Widerspruch mit den Reichsgesetzen gestanden hatten. Gemeinrechtlich waren in gewissen Fällen von Hörigkeit die Abweichgelder eine Stipulation des Lebensvertrags. Das Statut des quia emptores hob zwar dieß als allgemeinen Grundsatz auf, aber nicht in einer Weise, welche den Partieen verbot, sich auf Verträge von der Natur der quarter sales oder Verkäufe gegen Bürgschaft einzulassen, wenn sie es für passend hielten. Das gemeine Recht weist allen realen Besitz dem ältesten Sohn zu, unser Statut aber theilt ihn, sogar ohne Rücksicht des Geschlechts, unter die nächsten Verwandten. Folgerichtig müßte also, wenn man annehmen wollte, das Gesetz von Edward I. verbiete einen Vertrag unter der Bedingung der quarter sales , dem Statut gemäß ein Vater seinen Grundbesitz auch nicht auf den ältesten Sohn übertragen können. Der Umstand, daß in dem gemeinen Recht eine Bestimmung geändert wird, zieht noch nicht die Unmöglichkeit nach sich, daß man nach der alten Norm eine Uebereinkunft abschließe. Das Lehensverhältniß zerfiel ursprünglich in zwei große Klassen; es gab nämlich militärische oder ritterschaftliche und After- oder Bauernlehen. Die ersteren wurden im Laufe der Zeit für die Gesellschaft sehr bedrückend. Das Afterlehensystem war gleichfalls doppelter Art – es gab freie Lehensleute und leibeigene Vasallen. Letztere hat man unter uns nie gekannt, während die Stellung der ersteren Aehnlichkeit mit derjenigen hat, welche unser Pachtsystem bietet. Als unter der Regierung Karls II. die ritterschaftlichen Lehen in Freilehen umgewandelt wurden, betrachtete man dieses Zugeständniß als so vortheilhaft für die Freiheit, daß es mit unter die bedeutendsten Maßregeln der Zeit gerechnet wurde, von denen eine die Gewährung der Habeas corpus -Akte war. Der einzige Zug in unsern Pachtverträgen, welcher einigermaßen an die Leibeigenschaft erinnert, liegt in den »Tagwerken«. Wer aber mit den Gewohnheiten des amerikanischen Lebens vertraut ist, begreift wohl, daß durch sämmtliche nördliche Staaten die Landwirthe allgemein es als einen Vortheil betrachten, wenn sie in dieser Weise ihre Schulden zahlen können; auch läßt ihnen das Gesetz die Wahl, indem es für den Fall einer Nichterfüllung der Zahlung in natura oder in Arbeit auf Entrichtung des Werthes in Geld erkennen läßt. Thatsächlich ist auch stets für die bedungenen Tagwerke eine gewisse stipulirte Summe angenommen worden. Aber man hat vorgegeben, wenn auch derartige Verträge auf den Fuß der Billigkeit gegründet seien, hätten sie doch immer etwas Verletzendes für den Pächter, und sollten, um den Frieden des Staates zu erhalten, abgeschafft werden. Der Staat aber ist verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß alle Klassen seine Gesetze achten, und in keinem Stücke erscheint dieß dringender nöthig, als in Erfüllung gesetzlicher Kontrakte. Je größer die Anzahl der Uebertreter ist, um so mehr hat der Staat die Obliegenheit, ihnen mit Entschiedenheit und Nachdruck entgegenzutreten. Wollte man sagen, man solle die Unruhestifter gewähren lassen, so würde dieß mit andern Worten heißen: ein jedes Verbrechen kann sich durch seine Verbreitung Straflosigkeit erwirken; behauptet man aber, »bei unseren Staatseinrichtungen« könne man einem solchen Unfug keinen Einhalt thun, so wird dadurch ein Zugeständniß gegeben, daß die Regierung außer Stande sei, eine der einfachsten und gewöhnlichsten Verpflichtungen einer jeden civilisirten Gesellschaft zu erfüllen. Wäre Letzteres wirklich der Fall, so könnte man nichts sehnlicher wünschen, als daß unsere gegenwärtige Regierungsform je eher je lieber beseitigt werde. Die Ansicht, ein derartiges Uebel durch Zugeständnisse beschwichtigen zu können, ist eben so knabenhaft als unehrlich. Je mehr man einräumt, desto weiter werden die Erpressungen einer nie zu ersättigenden Habgier greifen, und hat man in Ansehung des Pachtverhältnisses durch solche Mittel einige Ruhe gewonnen, so wird im Augenblick wieder ein Bund dastehen, der einen andern Zweck zu erreichen bemüht ist. Als Lee bei Monmouth zu Washington sagte: »Sir, Eure Truppen werden nicht Stand halten gegen brittische Grenadiere,« soll Letzterer geantwortet haben: »Sir, Ihr habt's noch nicht mit ihnen versucht.« Dieselbe Erwiederung könnte man jenen erbärmlichen Schreiern unserer Republik geben, welche, nur um Stimmen zu erlangen, thun, als glauben sie, die Regierung besitze nicht Kraft genug, um einen so keckstirnigen Versuch zu dämpfen, wie ihn die Antirenters gemacht haben, um eine Aenderung in den Bedingungen ihrer Verträge nach eigener Bequemlichkeit zu erzwingen. Die County Delaware hat auf eigene Faust diese Behauptung mannhaft Lügen gestraft, und der ehrenwerthe Theil der Bewohner zerstreute die Schurken nach den vier Winden, sobald sich eine günstige Gelegenheit bot, gegen sie kräftig aufzutreten. Eine einzige energische Proclamation von Albany, welche »eine Spate auch eine Spate nennen würde« und nicht den verkappten Raub der Antirenter mit einem Firniß überzöge, sondern dem öffentlichen Geist die Grundsätze der Gerechtigkeit an's Herz legte, hätte an sich schon das Uebel im Keim ersticken können. Die Bewohner von New-York in ihrem Allgemeincharakter sind nicht die Schurken, welche der kriechende Knechtssinn augenscheinlich hinter ihnen sucht. In der denkwürdigen Sitzung von 1846 hat die Assembly von New-York die Renten aus langen Pachtverträgen mit einer Taxe belegt, und dadurch nicht nur dasselbe Eigenthum zweimal besteuert, sondern auch die allerschlimmste Art von Einkommens-Taxe aufgelegt, da sie nur auf wenige Individuen berechnet ist. Dieß ist das »Fingerhut-System« in seiner Gesetzgebung, wie es Mr. Hugh Littlepage nicht unpassend nennt; man versucht indirekt das zu erreichen, was die Constitution nicht unmittelbar durchzuführen gestattet. Mit andern Worten: da der legislative Körper kein direktes Gesetz erlassen kann, welches »die Verbindlichkeit von Kontrakten beeinträchtigt«, setzte er, weil er bei Regulirung des Heimfalls zuständig ist, so weit eine gesetzgebende Versammlung überhaupt etwas zu erwirken vermag, den Beschluß durch, daß nach dem Tod eines Grundbesitzers der Pächter sein Pachtgut in ein hypothekarisches umwandeln und frei und eigen machen könne, sobald er die darauf haftende Schuld getilgt hat. Uns scheint die erste dieser Maßregeln weit tyrannischer zu sein, als der Versuch Britanniens, seine Kolonien mit Taxen zu belegen, und dieser hat damals die Revolution hervorgerufen. Der Allgemeincharakter ist der gleiche – es handelt sich um eine ungerechte Besteuerung, welche übrigens im gegenwärtigen Falle noch von erschwerenden Umständen begleitet ist – von Umständen, die in der Politik des Mutterlands keine Parallele haben. Die Steuer wird nicht aufgelegt, um dem Staat eine Revenue weiter zu schaffen, denn man bedarf ihrer nicht; sondern es handelt sich bei dieser Taxe blos um eine »Abkappung« der Grundbesitzer ( choke off ), wie die gewöhnliche amerikanische Phrase lautet. Auch besteuert man klärlich ein Nichts oder dasselbe Eigenthum zum zweiten Mal. Und alles Dieß geschieht aus keinem andern Grunde, als um drei- oder viertausend Wahlstimmen, die jetzt auf dem Markt sind, auf Unkosten von drei- oder vierhundert zu gewinnen, die, wie man wohl weiß, sich nicht erkaufen lassen. Ungerechtigkeit in den Beweggründen, in den Mitteln und in dem Zwecke! Die Maßregel gereicht der Civilisation zur Schande und ist ein Schimpf für die Freiheit. Der andere eben erwähnte Beschluß ist eine eben so freche Vermessenheit, und wohl im Stande, jeden Staatsangehörigen von nur gewöhnlicher Gewissenhaftigkeit in Unruhe zu versetzen, wäre der Plan, die Constitution zu betrügen, nicht so ärmlich, daß er eigentlich nur Verachtung hervorrufen kann. Die außerordentliche Ermächtigung wird benützt, weil die Gesetzgebung die Verhältnisse des Heimfalls ordnen kann , obgleich es ihrer Befugniß entrückt ist, »die Verbindlichkeit von Kontrakten zu schwächen!« Hätte das Gesetz unverhohlen ausgesprochen, nach dem Tod eines Grundbesitzers solle jeder Pächter die von ihm bisher bewirtschaftete Farm frei und eigen besitzen, so wäre doch das ensemble des Betrugs bewahrt geblieben, weil die »Heimfall-Verhältnisse« so weit eine Regelung gefunden hätten, daß an die Stelle des einen Erben ein anderer gesetzt worden wäre; aber die Veränderung des Wesens eines Kontrakts im Interesse einer Partie, welche bei der Erbfolge durchaus nicht betheiligt ist, kann nicht so klärlich als eine Veränderung oder Verbesserung des Heimfall-Statuts angesehen werden! Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß jeder achtbare amerikanische Gerichtshof, funktionire er nun von Staats- oder Unionswegen, ein solches Gesetz mit der verdienten Schande brandmarken würde. Aber der schlimmste Zug in diesem Beschluß oder – wie ich besser sage – in dem versuchten Beschluß verdient hier auch noch einige Beleuchtung. Er setzt eine Prämie auf den Mord. Dieses Verbrechen ist bereits von den Antirentern verübt worden, und zwar augenscheinlich in der Absicht, ihren Zweck zu erreichen. Man sagt ihnen damit, so oft ihr einen Grundbesitzer erschießt, – und der Versuch dazu ist schon oft gemacht worden – könnt ihr eure Pachtgüter in freie umwandeln! Die Art der Abschätzung ist gleichfalls so interessant, daß sie eine Bemerkung verdient. Man muß die Schätzung auf Zeugniß hin vornehmen lassen. Die Zeugen sind dann natürlich »die Nachbarn« – und so kann durch das ganze Land Einer für den Andern schwören. Wir als Demokraten, verwahren uns feierlich gegen solche freche Betrügereien, gegen so handgreifliche Habsucht und Raubgier, die man mit jedem anderen Namen, nur mit ihrem wahren nicht bezeichnet. Hat irgend eine Partie ihre Hand darin, so muß diese der Teufel selbst sein. Das demokratische Bewußtsein ist ein stolzes, edles Gefühl, und es fällt ihm eben so wenig ein, den Armen zu berauben, um den Reichen noch reicher zu machen, als es zu Gunsten des Armen einen Eingriff in die Rechte des Reichen gestattet. Gerechtigkeit ist sein Prinzip – es behandelt alle Menschen gleich und will nicht »die Verbindlichkeit von Kontrakten schwächen«. Die Demokratie ist keine Freundin einer heuchlerischen Gesetzgebung, sondern hat das Rechte im Aug' und wagt es, offen zu handeln. Es ist eine schlimme Verblendung, wenn man glaubt, die ächte Demokratie habe etwas mit Ungerechtigkeit oder Schurkerei gemein. Ebenfalls kann von keinem Gesichtspunkte aus die Behauptung dem Antirentismus zur Entschuldigung dienen, die Pachtverhältnisse seien unzuträglich. Das Zuträglichste in der Welt ist die Gerechtigkeit. Wäre auch kein anderer Einwurf gegen diese Rentenbewegung aufzubringen, als der, daß sie einen verderblichen Einfluß übe, so sollte dieß allein schon zureichen, um jeden weisen Mann in der Gemeinschaft zum festen Widerstande aufzufordern. Wir haben schon zu viel von dieser Erde gesehen, um uns so leicht überzeugen zu lassen, daß der Bestand großer Pachtgüter, wenn er – wie es bei uns der Fall ist – nicht im Gefolge von politischer Macht auftritt, nachtheilig – ja, daß er nicht entschieden vortheilhaft sei. Der alltägliche Vorwand, er vereitle die Civilisation eines Landes, ist in keiner Weise durch Thatsachen bestätigt. Die civilisirtesten Länder der Erde sind im Besitz dieses Systems, und noch obendrein unter Verhältnissen, gegen die sich manche ernstliche Einwendungen vorbringen lassen – Einwendungen, die übrigens für Amerika keine Geltung haben. Daß eine ärmere Klasse von Bürgern ursprünglich in New-York Ländereien gepachtet, dann aber anderweitig erworben hat, ist wahrscheinlich richtig, und in gleicher Weise läßt sich annehmen, daß die Wirkungen dieser Armuth und sogar des Pachtsystems in der Kindheit eines Landes auf den Gütern nachweisbar sind. Doch dieß heißt die Sache von einem sehr einseitigen Gesichtspunkte auffassen. Die Männer, welche in mittelmäßigen, aber doch gemächlichen Verhältnissen Pächter wurden, hätten sich ohne diesen Ausweg meist auf andern Farmen als Taglöhner und Knechte forthelfen müssen. Dieß ist die Wohlthat des Systems in einem neuen Land und der Ultra-Humanitätsfreund, welcher über das traurige Loos der Pächter ein Geschrei erhebt, sollte nicht vergessen, daß sie, wenn sie sich nicht in eben dieser Lage befänden, vielleicht in einer viel schlimmeren stecken würden. Es ist in der That ein Beweis mehr von der Unaufrichtigkeit Derer, welche um der aristokratischen Tendenz willen über das Pachtverhältniß Lärm schlagen, daß die Aufhebung desselben notwendig eine zahlreiche Klasse von Ackerbauern in die Reihe der Knechte und Taglöhner zurückwerfen oder sie zur Auswanderung zwingen würde, wie dieß in Neu-England bei so vielen aus derselben Klasse der Fall ist. Thatsächlich stellt sich heraus, daß in einer wohlhabenden Gemeinschaft die Beziehung des Grundherrn zum Pächter und umgekehrt ganz naturgemäß und sehr wohlthätig ist, ja, so ganz im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen steht, daß keine Gesetzgebung es für die Dauer beseitigen kann. Ein Stand der Dinge, welche den Reichen nicht ermuthigt, sein Kapital im Grundbesitz anzulegen, wäre sicherlich nicht wünschenswerth, weil er sein Geld, seine Kenntnisse, seinen liberalen Sinn und seine Muße anderen weniger nützlichen und weniger preiswürdigen Bestrebungen zuwenden müßte, während sonst alles Dieß der Kultur des Bodens zu gut käme. Wir haben anderswo viel von dem Geist des Antirentismus einer provinzialen Erziehung und provinzialen Gewohnheiten zugeschrieben. Dieser Ausdruck ist Solchen, welche die Beschuldigung am meisten trifft, zum schwersten Stein des Anstoßes und des Aergernisses geworden. Gleichwohl steht unsere Ansicht unverändert. Wir wissen, daß die Entfernung zwischen dem Niagara-Fall und der Massachussets-Linie gute hundert Stunden beträgt und daß man von Sandy Hook bis zum 45. Breitengrade eben so weit hat. Ohne Frage sind in moralischer sowohl, als in physischer Hinsicht viele treffliche Dinge innerhalb dieser Gränzen zu finden; aber wir wissen zufälligerweise aus einer Erfahrung, die sich im Laufe von nun mehr als vierzig Jahren auch auf andere Theile der Welt erstreckt hat, daß man auch außer diesem Banne noch recht viel sehen kann. Wenn »ehrenwerthe Gentlemen« zu Albany das Gegentheil glauben, so müssen sie uns gestatten, daß wir uns in der Annahme nicht beirren lassen, sie stehen allzusehr unter dem Einflusse provinzieller Vorstellungen. Juni, 1846   Erstes Kapitel. Der Tugend Musterbild war deine Mutter, Und sie erklärt für meine Tochter dich; Dein Vater schwang das Scepter über Mailand Als Herzog, und die einz'ge Erbin war Nichts schlechteres als eines Fürsten Sprößling. Der Sturm.   Onkel Ro und ich, wir Beide hatten uns im Orient aufgehalten, und waren, als wir in Paris anlangten, schon volle fünf Jahre aus der Heimath abwesend gewesen. Wie wir auf unserem Rückweg von Egypten über Algier, Marseille und Lyon durch die Barrieren einfuhren, hatte bereits seit achtundzwanzig Monaten keiner von uns auch nur Eine Zeile aus Amerika zu Gesicht bekommen: denn wir waren diese ganze Zeit über nie in unsere frühere Reiseroute zurückgefallen, die es uns möglich gemacht haben würde, da oder dort ein einzelnes Schreiben aufzulesen. Aus eben diesem Grunde war auch unsere Vorsichtsmaßregel vergeblich gewesen, als wir Weisung ertheilten, die an uns gerichteten Briefe an verschiedene Banquiers in Italien, in der Türkei und auf Malta zu senden. Mein Onkel war ein alter Reisender, und man hätte Europa fast seine Heimath nennen können, da er von seinen neunundfünfzig Lebensjahren nicht weniger als zwanzig fern von dem amerikanischen Kontinent zugebracht hatte. Er war ein Junggeselle, und hatte nur für Verwaltung seines großen Grundbesitzes Sorge zu tragen, welcher durch das ungeheure Anwachsen der Stadt New-York schnell zu einem bedeutenden Werth gelangt war; da er außerdem von früh an seinen Geschmack durch Reisen gebildet hatte, so lag es ganz in der Natur der Sache, daß er diejenigen Gegenden aufsuchte, die ihm am meisten gefielen. Roger Littlepage war im Jahre 1786 geboren und der zweite Sohn meines Großvaters Mordaunt Littlepage aus dessen Ehe mit Ursula Malbone. Mein Vater Malbone Littlepage war der älteste Sprößling dieser Verbindung, und würde, wenn er seine Eltern überlebt hätte, kraft seines Erstgeburtsrechts die Besitzung Ravensnest geerbt haben. Da er jedoch in jungen Jahren starb, trat ich in einem Alter von kaum achtzehn das Erbe des Eigenthums an, welches ihm zugefallen wäre. Auf meinen Onkel Ro kamen Satanstoe und Lilaksbush, zwei Landhäuser und Meiereien, die, wenn sie auch nicht den Namen großer Besitzungen verdienten, im Lauf der Zeit doch weit werthvoller wurden, als die große Bodenfläche, welche das Erbtheil des ältern Bruders war. Mein Großvater hatte ein bedeutendes Vermögen besessen, da nicht nur die Habe der Littlepage's, sondern auch die der noch reicheren Familie Mordaunt nebst einigen sehr freigebigen Vermächtnissen eines gewissen Obristen Dirck Follock oder Van Valkenburgh auf ihn gefallen waren; letzterer hatte nämlich, obschon nur in einem entferntern Verwandtschaftsgrade zu uns stehend, die Nachkömmlinge meiner Urgroßmutter Anneke Mordaunt zu seinen Erben ernannt. Demgemäß traf auf jedes von uns ein schöner Antheil. Meine Tanten erhielten reiche Vermächtnisse in Hypotheken auf das Gut Mooseridge nebst einigen Bauplätzen in der Stadt, während auf meine Schwester reine fünfzigtausend Dollars in Geld kamen. Auch mir waren Stadtbauplätze zugefallen, die in der Folge sehr einträglich wurden, und ein besonders verordnetes Minderjährigkeitsverhältniß von sieben Jahren hatte mein in New-Yorker Staatspapieren angelegtes Kapital auf eine Weise anwachsen lassen, daß ich einer schönen Zukunft entgegensehen konnte. Ich sage – ein besonders verordnetes Minderjährigkeitsverhältniß – denn mein Vater und mein Großvater, von denen der erstere mich und einen Theil des Vermögens, letzterer aber den Rest meiner Habe unter die Vormundschaft meines Onkels stellte, hatten die Verfügung getroffen, daß ich den Besitz erst nach Vollendung meines fünfundzwanzigsten Lebensjahres antreten sollte. Ich verließ im zwanzigsten das College, und Onkel Ro – denn so wurde er nicht nur von Martha und mir, sondern auch von etlich und zwanzig Cousinen, den Sprößlingen unserer drei Tanten, genannt – wollte nun meine Erziehung durch Reisen vollenden. Da ein derartiger Vorschlag einem jungen Manne nur angenehm sein konnte, so brachen wir in einer Zeit auf, als sich die Bedrückung des großen panischen Schreckens von 1836-37 eben gelegt hatte, und unsere »Lots« sowohl, als auch unsere Staatspapiere leidlich sicher standen. In Amerika muß man ebensogut auf die Erhaltung seines Vermögens Acht haben, als die Erwerbung desselben einen unverdrossenen Fleiß fordert. Mr. Roger Littlepage – beiläufig bemerkt, ich trug den gleichen Namen, obgleich ich stets Hugh genannt wurde, während mein Onkel je nach Beschaffenheit der Umstände (wenn man nämlich sentimental, traulich oder mannhaft mit ihm sprechen wollte) von den Familiengliedern mit den Bezeichnungen Roger, Ro und Hodge angeredet wurde – Mr. Hugh Roger Littlepage Senior hatte damals ein eigenes System, amerikanischen Augen den Staar zu stechen und die Flecken des Provinzialismus aus dem Diamant von republikanischem Wasser zu entfernen, indem er selbst weit klarer sah, als es irgend Einem möglich ist, der seine Heimath nie verlassen hat. Und es war ihm bereits genug vorgekommen, was ihm die Ueberzeugung geben konnte, es sei doch auch noch eine Möglichkeit – man merke wohl, ich sage nur eine Möglichkeit – vorhanden, daß unsere glückliche Nation ein bischen lernen könne, wie sehr sie auch mit ihren Angehörigen oder nicht Angehörigen bei allen Gelegenheiten, ob diese nun passend seien oder nicht, zu glauben geneigt sein mag, sie sei in unendlich vielen Stücken berufen, die Lehrerin der alten Welt zu sein. Von dem Grundsatze ausgehend, daß jeder Wissenszweig allmählig erlernt werden müsse, war er daher der Ansicht, man müsse zuerst mit dem ABC anfangen und dann regelmäßig zu den belles lettres und der Mathematik aufsteigen. Die Art, wie er dieß bewerkstelligte, verdient Beachtung. Die meisten amerikanischen Reisenden landen in England, das in materieller Beziehung am weitesten vorgeschritten ist, und gehen dann nach Italien, vielleicht auch nach Griechenland, während Deutschland und die weniger anziehenden Gegenden des Nordens den Schluß des Kapitels bilden müssen. Der Theorie meines Onkels gemäß sollte man der Ordnung der Zeit folgen und mit den Alten beginnen, um mit den Neuen zu endigen, obgleich er zugab, daß bei Befolgung einer solchen Regel für den Anfänger das Vergnügen einigermaßen geschwächt werde; denn ein Amerikaner, der frisch von der frischen Natur des westlichen Kontinents herkömmt, kann sich recht wohl, namentlich in England, an den Denkzeichen der Vergangenheit ergötzen, während sie seinem verwöhnten Geschmack unbedeutsam erscheinen, nachdem er den Tempel des Neptun, das Parthenon oder vielmehr die Ueberbleibsel desselben, und das Coliseum gesehen hat. Ohne Zweifel ging mir dadurch Vieles verloren, indem ich mit dem Anfang, d. h. mit Italien begann und dann in den Norden reiste. Indeß blieb es einmal bei diesem Plane. Wir landeten zu Livorno, musterten im Laufe von zwölf Monaten die italienische Halbinsel, gingen dann durch Spanien nach Paris, machten von hier aus die Reise nach Moskau und dem baltischen Meere und gelangten endlich über Hamburg nach England. Nachdem wir die brittischen Inseln, deren Alterthümer mir nach den anderwärts gesehenen weit merkwürdigeren Antiken flach und uninteressant vorkamen, durchwandert hatten, kehrten wir nach Paris zurück, damit ich dort wo möglich ein Mann von Welt werde, und die Provinzialflecken abreibe, durch welche der amerikanische Diamant in seiner Dunkelheit unvermeidlich getrübt worden war. Mein Onkel Ro war sehr gern in Paris, und hatte sich sogar in der Faubourg ein kleines Hotel erworben, in welchem stets eine schön möblirte Abtheilung für seinen eigenen Gebrauch bereit stand. Der Rest des Hauses war an ständige Bewohner vermiethet, der ganze erste Stock aber und der Entresol blieben in seinen Händen. Aus besonderer Vergünstigung ließ er auch hin und wieder, wenn er auf länger als sechs Monate auszubleiben gedachte, seine eigenen Gemächer an eine amerikanische Familie ab, und verwandte sodann den Miethpreis auf Ergänzung des Mobiliars in seiner Abtheilung, die aus einem Salon, einer salle à manger , einer antichambre , einem cabinet , mehreren chambres à coucher und einem boudoir – ja, man denke sich, einem männlichen boudoir – bestand, denn so pflegte er dieses Gemach gerne zu nennen. Er hielt große Stücke darauf, daß seine Räumlichkeiten stets in einem Zustand waren, um sogar seinen eigenen ekeln Geschmack zufrieden zu stellen. Von England angekommen, blieben wir eine ganze Saison zu Paris, und gaben uns eben alle Mühe, den Diamant abzuschleifen, als sich mein Onkel plötzlich in den Kopf setzte, daß wir das Morgenland besuchen müßten. Er war selbst früher nie weiter als nach Griechenland gekommen, und jetzt gefiel er sich in dem Gedanken, in meiner Gesellschaft eine Reise nach dem Orient zu machen. Im Lauf von zwei und einem halben Jahre besuchten wir Griechenland, Konstantinopel, Klein-Asien, Palästina, Mecca, das rothe Meer, Egypten bis zu den zweiten Catarakten hinauf und fast die ganze Berberei. Die letztere Tour schlugen wir ein, um auch etwas außer dem gewöhnlichen Reisezug zu sehen, obschon man jetzt unter den Turbanen so viele Hüte und Reisemützen trifft, daß ein Christ, der sich anständig benimmt, fast überall fortkommen kann, ohne daß er besorgen müßte, angespieen zu werden. Ein solches Verhältniß ist im Allgemeinen sehr verlockend, und muß es besonders für einen amerikanischen Reisenden sein, der heutzutage in der Heimath weit mehr einer derartigen Demüthigung ausgesetzt ist, als sogar in Algier. Doch der Animus ist in der Moral als Hauptsache anzuschlagen. Als wir durch die Barriere einfuhren, waren wir zwei und ein halbes Jahr von Paris abwesend gewesen, ohne im Laufe von achtzehn Monaten eine Zeitung gesehen oder eine Mittheilung aus Amerika erhalten zu haben. Auch früher schon war der Inhalt der Briefe und Zeitschriften mehr von Privatinteresse gewesen, so daß ich über den allgemeinen Charakter unserer Zustände nichts Erhebliches mitzutheilen wüßte. Wir wußten, daß die »zwanzig Millionen« – erst kürzlich noch nannte man sie die »zwölf Millionen« – nach der vorübergehenden Geldkrisis, die sie durchzumachen hatten, ganz erstaunlich wieder in Aufnahme gekommen waren, denn die Banquiers hatten während der ganzen Zeit unserer Abwesenheit unsere Wechsel ohne Extrabelastungen honorirt. Freilich muß ich hier sagen, daß Onkel Ro als erfahrener Reisender sich gut mit Kreditbriefen vorgesehen hatte – eine Maßregel, die der Amerikaner nach dem in der alten Welt über uns erhobenen Geschrei nicht verabsäumen durfte. Ehe ich übrigens eine Zeile weiter schreibe, muß ich mir hier eine unverhohlene Bemerkung erlauben. Der Amerikaner, der sich nie von dem Gängelband seiner Mutter abgelöst hat, verfällt gerne in eine engherzige, provinziale Eigenliebe, welche ihn veranlaßt, mit offenem Munde all' den Unsinn zu verschlucken, welcher in den Spalten seiner Zeitungen vor der Welt ausgekramt, oder von den Jährlingsreisenden zu Markt gebracht wird, die ihre »Excursions« antreten, ehe sie die geselligen Gebräuche und charakteristischen Züge ihres eigenen Landes nur zur Hälfte kennen gelernt haben. In dem, was meine Feder niederschreibt, hoffe ich mich von einer derartigen Schwäche ebenso fern zu halten, als von der Sünde einer Verwirrung der Prinzipien und der Abläugnung solcher Thatsachen, die dem Lande meiner Geburt und meiner Vorfahren wirklich zur Ehre gereichen. Ich habe lange genug in der »Welt« gelebt – hierunter verstehe ich nicht das südöstliche Ende der nordwestlichen Township Connektikuts – um nicht einzusehen, daß wir, sowohl was Theorie als was Praxis betrifft, in vielen Dingen weit hinter älteren Nationen zurückstehen, während es andererseits Manches gibt, worin wir ihnen einen gewaltigen Vorsprung abgewonnen haben. Gewiß ist es nicht patriotisch, eine heilsame Wahrheit zu verbergen, und am allerwenigsten möchte ich mich zu einem derartigen kindischen Wunsch durch den Umstand verleiten lassen, weil ich die Ansichten, die ich hege, meinen Landsleuten nicht mittheilen kann, ohne daß die übrige Welt davon Kunde erhielt. Wo wären die Molière's, die Shakespeare's, die Sheridans und die Beaumonts und Fletchers, wenn Frankreich oder England nach demselben engherzigen Grundsatze gehandelt hätte! Nein, nein, große Nationalwahrheiten dürfen nicht nach dem albernen Wunsch und Willen der Fraubaserei gemodelt werden, und wer meine Schriften liest, muß meine Ansichten über Dinge und Zustände, nicht diejenigen erwarten, welche zufälligerweise er selber hegt. Allerdings steht es Jedem frei, anderer Meinung zu sein; indeß nehme ich für mich das Privilegium einer kleinen Gewissensfreiheit in Betreff des Landes in Anspruch, welches nah und fern für das allein freie auf Erden erklärt wird. Unter »nah und fern« begreife ich die Ausdehnung von St. Croix bis zum Rio Grande, und vom Kap de Cod bis zur Einfahrt von St. Juan de Fuca – gewiß ein recht hübsches Gütchen, der Zwischenraum, welcher innerhalb dieser Gränzen liegt, und man kann ihn recht wohl »nah und fern« nennen, ohne sich dem Vorwurf der Beschränktheit oder Eitelkeit auszusetzen. Wir hatten unsere Reise trotz aller Beschwerlichkeiten zu Ende gebracht und befanden uns wieder in den Mauern des prächtigen Paris. Die Postillone hatten die Weisung erhalten, nach Onkel Ro's Hotel in der Rue St. Dominique zu fahren, und eine Stunde nach unserer Ankunft setzten wir uns unter eigenem Dache zum Mittagsmahle nieder. Der Miethmann meines Onkels war der Uebereinkunft gemäß einen Monat zuvor ausgezogen, und das Pförtners-Ehepaar hatte nicht nur für einen guten Koch gesorgt, sondern auch die Zimmer in Ordnung gebracht und Alles zu unserem Empfang bereit gehalten. »Das muß wahr sein, Hugh,« sagte mein Onkel, »man kann in Paris recht gemächlich leben, wenn man das savoir vivre besitzt. Gleichwohl hege ich eine große Sehnsucht, einmal wieder die heimische Luft zu athmen. Mag man über Pariser Vergnügungen, Pariser Kochkunst und dergleichen sagen, was man will, die Heimath bleibt doch Heimath, gleichviel, wie arm sie auch sei. Ein dinde aux truffes ist zwar ein Kapitalessen, aber den Truthahn mit Preißelbeerensauce muß man auch nicht verachten. Bisweilen gelüstet's mich sogar nach einer Kürbispastete, obschon sich kein Kernchen vom Plymouthfelsen im Granit meines Körpers befindet.« »Ich habe Euch immer gesagt, Sir, Amerika sei, was Essen und Trinken betrifft, ein treffliches Land, wie viel ihm auch in andern Stücken der Civilisation abgehen mag.« »Ja wohl, was Essen und Trinken betrifft, Hugh, wenn nur erstlich das Fett nicht wäre und zweitens sich ein gediegener Koch auffinden ließe. Zwischen der Kochkunst Neu-Englands z. B. und der der mittlern Staaten, die holländischen ausgenommen, findet ein ebenso großer Unterschied statt, wie zwischen der von England und Deutschland. In den mittlern und auch noch in den südlichern Staaten, obgleich es in den letztern schon ein wenig nach West-Indien schmeckt, hat man englische Küche im wahren Sinn, d. h. die kräftigen, würzigen, nahrhaften Gerüchte englischer Hausmannskost, das ungare Roastbeef, die schnell fertigen Beefsteaks, die saftigen Coteletten, die Schöpsenbrühe, die Hammelsschlegel et id omne genus . Auch manches Eigene besitzen wir in trefflicher Eigenschaft – so z. B. die Cannavaßenten, die Riedvögel, die Schafsköpfe, die Alosen und den Schwarzfisch. Der Unterschied zwischen Neu-England und den mittlern Staaten ist noch immer augenfällig genug, obschon er in meinen jüngern Tagen besonders schlagend war. Ich glaube, der Grund davon liegt in der provinzielleren Abkunft und in den rusticöseren Gewohnheiten unserer Nachbarn. Beim billigen Georg, Hugh, was meinst du? man könnte wohl sogar jetzt ein Gelüstchen an eine Austernsuppe kriegen.« »Eine gut zubereitete Austernsuppe, Sir, ist eine der größten Leckereien von der Welt. Könnten die Pariser Köche eines solchen Gerichts habhaft werden, so wäre für eine ganze Saison ihr Glück gemacht.« »Was ist › crème de Bavière ‹ und dergleichen Tand gegen ein gutes Teller voll Austernsuppe, Junge! Natürlich gut zubereitet – etwa so wie sie ein Koch von Jennings seit dreißig Jahren anzufertigen pflegt. Habe ich dir von der Suppe dieses Burschen schon erzählt, Hugh?« »Schon oft, Sir. Indeß habe ich schon köstliche Austernsuppe gegessen, ohne daß er damit zu schaffen hatte. Natürlich meint Ihr die Suppe, die nur eben durch den Geschmack der kleinen harten Austern gewürzt ist – nicht die gemeine potage à la softclam ? – Diese ist keine Kost für einen Mann von Bildung!« »Natürlich meine ich die harte, kleine Auster, die hardclam . Das Geschrei der New-Yorker hat freilich jetzt aufgehört, wie in der Heimath Alles, was zwanzig Jahre alt ist. Willst du etwas von diesem unvermeidlichen › poulet à la Marengo ?‹ Ich wünschte, es wäre ein ehrlicher amerikanischer gesottener Vogel, mit einer saftigen Spanferkelschnitte daneben. Hugh, es ist mir diesen Abend ganz erstaunlich heimelich!« »Ich finde dieß ganz natürlich, mein theurer Onkel Ro, und gestehe ein, daß ich von dieser weichen Stimmung selbst nicht frei bin. Sind wir doch schon fünf Jahre von dem Lande unserer Geburt fern und haben noch obendrein die Hälfte dieser Zeit fast gar nichts von der Heimath gehört. Wir wissen, daß Jakob« – dieser war ein freier Neger im Dienste meines Onkels, eine Reliquie aus dem alten Haussklavensystem der Kolonien, die vor dreißig Jahren den Namen Jaaf oder Yob geführt haben würde – »nach dem Hause unseres Banquiers gegangen ist, um nach Briefen und Zeitungen zu sehen, und dieß zieht natürlich unsere Gedanken nach der andern Seite des Atlantischen. Ohne Zweifel werden wir uns morgen beim Frühstück, wenn Jeder von uns die betreffenden Depeschen gelesen hat, weit behaglicher fühlen.« »Jetzt ein Glas Wein zusammen nach guter alter Yorker Sitte, Hugh. Als ich und dein Vater noch Knaben waren, fiel es uns nie ein, mit dem halben Glas Madeira, das uns zu Theil wurde, uns die Lippen anzufeuchten, ohne zu sagen: ›Deine Gesundheit, Mall!‹ ›Deine Gesundheit, Hodge!‹« »Von Herzen gerne, Onkel Ro. Der Brauch ist zwar, schon ehe ich die Heimath verließ, etwas in Abnahme gekommen, aber gleichwohl könnte man ihn fast den amerikanischen beizählen, da er bei uns länger ausgehalten hat, als bei den meisten Leuten.« »Henry!« Dieß war der maitre d'hôtel meines Onkels, welchen er während der ganzen Zeit unserer Abwesenheit bezahlt und verköstigt hatte, damit ihm nach seiner Rückkehr der Sinn für Ordnung und Gemächlichkeit, der Geschmack und die Geschicklichkeit dieses Mannes wieder zu Statten käme. »Monsieur.« »Ich zweifle nicht« – mein Onkel sprach zwar für einen Ausländer trefflich französisch; indeß halte ich es doch für besser, hier seine Worte in Uebersetzung zu geben – »ich zweifle zwar nicht, daß dieses Glas Burgunder gut ist – wenigstens sieht es gut aus und kömmt von einem Weinhändler, auf den ich mich verlassen kann; – aber Monsieur Hugh und ich wollen à l'Americain mit einander trinken, und ihr werdet daher so gefällig sein, uns ein Glas Madeira vorzusetzen, obgleich es schon etwas spät an der Tageszeit ist, um damit anzufangen.« » Très volontiers, Messieurs , – ich schätze mich glücklich, Euch zu Diensten zu sein.« Onkel Ro und ich tranken nun mit einander Madeira; übrigens kann ich zu Gunsten seiner Güte nicht viel sagen. »Was ist es doch Köstliches um einen guten Newtoner Pippinapfel!« rief mein Onkel, nachdem er eine Weile schweigend gegessen hatte. »Hier zu Paris spricht man so viel von der poire de beurré : aber meiner Ansicht nach läßt sie sich nicht vergleichen mit den Newtonern, wie sie zu Satanstoe wachsen. Beiläufig bemerkt, ich halte diese Frucht, wie sie zu Newton vorkommt, für viel besser, als wenn man sie auf der andern Seite des Flusses sucht!« »Es sind treffliche Aepfel, Sir, und Euer Obstgarten zu Satanstoe ist einer der besten, die ich kenne. Freilich sollte ich nur von dem sprechen, was von ihm übrig blieb, denn ich glaube, ein Theil Eurer Bäume steht jetzt in einer Vorstadt von Dibletonborough.« »Ja, zum Henker mit diesem Platz! ich wollte, ich hätte nie einen Fußbreit von dem alten Fleck weggegeben, obschon ich durch den Verkauf ein hübsches Stück Geld gewann. Harte Thaler können keine Entschädigung bieten für theure Erinnerungen.« »Ein hübsches Stück Geld, mein theurer Sir? Erlaubt mir die Frage, wie hoch wurde Satanstoe angeschlagen, als es von meinem Großvater auf Euch überging?« »Ziemlich hoch, Hugh, denn es war, wie es auch noch jetzt ist, ein treffliches Gut und im besten Stand. Du erinnerst dich, daß es im Ganzen, einschließlich des nassen Riedgrundes, volle fünfhundert Acres beträgt.« »Und dieses Erbe ging im Jahr 1829 auf Euch über?« »Natürlich, in diesem Jahr starb mein Vater; man schätzte den Platz damals zu dreißigtausend Dollars, aber das Landeigenthum stand zu jener Zeit in West-Chester sehr niedrig.« »Und Ihr verkauftet, einschließlich des Vorsprungs, des Hafens und einer guten Strecke Riedgrundes zweihundert Acres für den mäßigen Preis von hundert und zehntausend Dollars baaren Geldes. Ein anständiger Erlös, Sir.« »Nicht baar Geld; es wurden nur achtzigtausend baar aufgezählt und dreißigtausend blieben auf Hypothek stehen.« »Und wenn ich die Wahrheit erfuhr, so haftet Euch für diese Hypothek noch immer die ganze Stadt Dibletonborough. Eine derartige Corporation sollte doch für dreißigtausend Dollars eine gute Sicherheit bieten.« »Gleichwohl im gegenwärtigen Falle nicht. Die Spekulanten, welche mir 1835 den Boden abgekauft hatten, steckten eine Stadt aus, bauten ein Gasthaus, ein Quai und ein Magazin, worauf sie eine Versteigerung hielten. Sie verkauften vierhundert Bauplätze, je fünfundzwanzig Fuß lang bei hundert Fuß Tiefe, durchschnittlich für zweihundert und fünfzig Dollars, von denen sie sich die Hälfte oder fünfzigtausend Dollars baar zahlen und den Rest auf Hypothek stehen ließen. Bald nachher barst die Seifenblase, und der beste Bauplatz zu Dibletonborough brachte bei der Auktion keine zwanzig Dollars ein. Hotel und Magazin stehen allein in ihrer Herrlichkeit und werden so bleiben, bis sie einfallen, was wahrscheinlich stattfinden wird, ehe tausend Jahre umgelaufen sind.« »Und in welchem Zustand findet sich der Stapelplatz?« »In einem sehr schlimmen. Die Abgrenzungen verschwinden, und wer seinen Antheil aufzufinden versuchen wollte, müßte den Werth seines Bauplatzes daran rücken, um nur die Vermessungskosten zu bestreiten.« »Aber Eure Hypothek ist gut?« »Ja, in einem Sinne wohl; aber es würde sogar einen Philadelphia-Juristen in Verlegenheit bringen, das Pfand für verfallen zu erklären. Je nun, die Rentabilität dieses Stadtplatzes sorgt von selbst für Bevölkerung, und um dem Unwesen auf die kürzeste Weise zu steuern, trug ich meinem Agenten auf, mit dem Ankauf der Berechtigungen zu beginnen. Dieser theilt mir nun in seinem letzten Briefe mit, es sei ihm gelungen, für einen Durchschnittspreis von zehn Dollars die Besitztitel von dreihundert und zehn Bauplätzen zu erwerben: der Rest wird sich vermuthlich auch noch absorbiren lassen.« »Absorbiren? Dieß ist ein Ausdruck, den ich noch nie auf Landbesitz anwenden hörte.« »Und gleichwohl tritt er in Amerika oft genug in Wirksamkeit. Man versteht darunter das bloße Umschließen eines fremden Stück Landes, auf das Niemand Anspruch erhebt, durch eigenes Besitzthum. Was kann ich thun? Eigenthümer lassen sich nicht auffinden, und dann gilt meine Hypothek stets als ein Rechtstitel. Ein zwanzigjähriger Besitz unter Pfandberechtigung ist so gut wie eine Allodial-Verleihung mit vollen Bürgschafts-Verträgen, vorausgesetzt, daß keine minderjährigen Personen und unter der Gewalt des Mannes stehenden Frauen dabei in Frage kommen.« »Bei Lilaksbush seid Ihr besser gefahren?« »Ah, das war freilich eine runde Verhandlung, bei der keine Stolperblöcke mitunter liefen. Da Lilaksbush auf der Insel Manhattan liegt, so darf man darauf zählen, daß sich früher oder später dort eine Stadt erhebt. Allerdings hat man von diesem Grundstücke aus gute drei Stunden vom Rathhaus; aber gleichwohl hat es Werth und kann stets gegen näher gelegenes Land umgetauscht werden. Außerdem ist der Plan von New-York bereits gefertigt und einregistrirt, so daß man seinen Grund und Boden leicht auffinden kann; und wer weiß, ob die Stadt nicht bald Kingsbridge erreichen wird.« »Wie ich hörte, habt Ihr eine hübsche Summe für den Busch erlöst, Sir?« »Dreihundert fünfundzwanzigtausend Dollars in Baarem. Borgen mochte ich nicht, und so ist denn jetzt der ganze Kaufschilling in guten sechsprozentigen Papieren der Staaten New-York und Ohio angelegt.« »In diesem Theile der Welt würden manche Personen eine derartige Kapitalisirung nicht für die beste Sicherheit halten.« »Drum sind's Einfaltspinsel. Amerika ist im Grunde doch ein herrliches Land, Hugh, und man kann froh und stolz darauf sein, ihm anzugehören. Blicke man nur auf Zeiten zurück, deren ich mich noch erinnern kann – gab es je eine Nation, die von der ganzen übrigen Christenheit so angespuckt wurde – –« »Ihr müßt wenigstens zugestehen, mein theurer Sir,« erwiederte ich, vielleicht etwas vorlaut, »daß das Beispiel andern Völkern wohl zur Verlockung gereichen konnte; denn wenn es je eine Nation gab, die sich's angelegen sein ließ, sich selbst anzuspeien, so läßt sich dieß von unsern theuren Landleuten behaupten.« »Sie besitzen allerdings diese garstige Gewohnheit im Uebermaaß, und es wird eher schlechter als besser, da sich der Einfluß der guten Erziehung und Sitten mit jedem Tag mehr vermindert; doch dieß ist nur ein Flecken an der Sonne – blos eine dunkle Stelle in dem Diamanten, den die Reibung auswetzen wird. Ha, in Wahrheit, welch' Land, welch' herrliches Land ist es nicht! Du bist nun jetzt fast durch alle civilisirten Theile der alten Welt gekommen, mein theurer Junge, und du mußt auf deinen Reisen die Ueberzeugung gewonnen haben, wie sehr das Land deiner Geburt allen übrigen überlegen ist.« »Ich erinnere mich, daß Ihr stets so zu sprechen pflegtet, Onkel Ro; gleichwohl aber habt Ihr fast die Hälfte Eures reiferen Alters außerhalb dieses herrlichen Landes zugebracht.« »Dieß ist blos eine Folge von Zufälligkeiten und Liebhabereien. Ich will nicht eben behaupten, daß Amerika vornherein z. B. ein Land für einen Junggesellen ist, denn Diejenigen, welche nicht über einen eigenen häuslichen Herd gebieten, finden gar beschränkte Mittel für ihre Vergnügungen. Auch behaupte ich nicht, daß die amerikanische Gesellschaft im gewöhnlichen Sinn dieses Wortes so wohl geordnet, so geschmackreich, so umgänglich, so angenehm oder so belehrend und nutzbringend sei, wie die in fast jedem europäischen Lande meiner Bekanntschaft. Ich bin nie der Ansicht gewesen, ein Mann, der Muße hat und nicht von einer liebenden Familie umgeben ist, könne sich in der Heimath nur halb so sehr vergnügen, wie in diesem Theile der Welt, und ich nehme daher keinen Anstand, einzuräumen, daß, was Geistesbildung betrifft, die meisten Gentlemen in einer großen europäischen Hauptstadt jeden Tag so viel erleben können, als zu New-York, Philadelphia und Baltimore in einer ganzen Woche.« »Wie ich bemerke, Sir, schließt Ihr Boston nicht mit ein.« »Von Boston spreche ich nicht. Der Geist wird dort hart gespornt, und man thut besser, wenn man sich mit einem solchen Zustand der Dinge gar nicht befaßt. Hat aber ein Mann oder eine Frau von Geschmack und allgemeiner feiner Bildung freie Zeit, so behaupte ich, daß, ceteris paribus , derartige Personen sich in Europa weit besser vergnügen können, als in Amerika; die Philosophen aber, die Philanthropen, die Rational-Oekonomen, – mit einem Worte die Patrioten können sich wohl in den Elementen hoher Rational-Ueberlegenheit, wie man sie in Amerika findet, glücklich fühlen.« »Ich hoffe, diese Elemente stehen nicht so hoch, daß sie nicht im Nothfall zu erreichen wären, Onkel Ro?« »Dieß hat keine sonderlichen Schwierigkeiten, mein Junge. Betrachte nur vornweg die Gleichheit der Gesetze; sie hat ihre Grundlage in den Prinzipien einer natürlichen Gerechtigkeit und ist für das Wohl der Gesellschaft berechnet – für den Armen so gut wie für den Reichen.« »Erlaubt mir die Frage, ob sie den Reichen in gleicher Weise zu gut kommen, wie den Armen?« »Na, ich will zugeben, daß in diesem besondern Punkte ein kleiner Mackel aufzutauchen beginnt. Menschliche Gebrechlichkeit, weiter nichts – wir dürfen unter dem Monde nichts Vollkommenes erwarten. Allerdings ist man ein wenig zu sehr geneigt, die Gesetze im Interesse des großen Haufens zu erlassen, um bei den Wahlen Stimmen zu gewinnen, und dieser Umstand hat möglicherweise die Beziehung des Gläubigers zu dem Schuldner ein wenig unsicher gemacht; aber wenn man nur die Klugheit walten läßt, so kann man gleichwohl leicht durchkommen. Meinst du nicht, der Irrthum liege auf der richtigeren Seite, wenn statt des Reichen der Arme begünstigt wird, falls je da oder dort eine Bevorzugung stattfinden soll?« »Die Gerechtigkeit darf keine Begünstigungen eintreten lassen, sondern muß Alle gleich behandeln. Ich habe stets gehört, die Tyrannei des großen Haufens sei die allerschlimmste von der Welt.« »Wenn sich's wirklich um Tyrannei handelt, so hast du vielleicht recht, und der Grund hiefür liegt nahe. Ein einziger Tyrann ist bälder zufrieden gestellt, als eine Million, und hat außerdem noch ein größeres Verantwortlichkeits-Bewußtsein. Wenn z. B. der Czaar geneigt wäre, ein Tyrann zu sein – zwar kann ich mir dieß von Nikolaus nicht denken – aber selbst wenn er Lust dazu hätte, so würde er doch Anstand nehmen, unter seiner ausschließlichen Verantwortlichkeit Dinge vorzunehmen, wie sie sich unsere Majoritäten erlauben, ohne auch nur eine Ahnung von der Bedrückung, die sie üben, zu haben oder sich überhaupt darum zu kümmern. In dieser Hinsicht ist man im Ganzen gar sorglos, und es geschieht lange nicht genug, um den unermeßlichen Vortheilen des Prinzips das Gleichgewicht zu halten.« »Ich habe von sehr verständigen Männern sagen hören, das schlimmste Zeichen in unserem System sei die Thatsache, daß die Gerechtigkeit allmählig so sehr in Verfall geräth. Die Richter haben meist ihren Einfluß verloren, und die Geschwornen verstehen sich ebensogut auf's Brechen als auf's Machen der Gesetze.« »Ich will zugeben, daß auch hierin viel Wahrheit liegt, denn in wichtigen Streitsachen wirst du nie darnach fragen hören, welche Partei Recht hat, sondern wer in dem Geschworenen-Gericht sitzt. Doch wie ich immer sage, wir ringen vergebens nach Vollkommenheit, und gewiß haben wir Beide allen Grund, auf das herrliche Land stolz zu sein, in welchem der alte Hugh Roger, unser Ahn und Namensbruder, sich vor anderthalbhundert Jahren festzusetzen für passend hielt.« »Und gleichwohl glaube ich, Onkel Ro, es würde den meisten Europäern seltsam vorkommen, wenn sie hörten, daß irgend Jemand stolz ist auf seine amerikanische Geburt, selbst wenn, wie wir Beide uns rühmen können, Manhattan die Heimath wäre.« »Du magst recht haben, denn man hat in letzter Zeit auf die berechnendste Weise versucht, uns durch das ewige Vorhalten des Umstands, daß gewisse Staaten die Interessen ihrer Schulden nicht zahlen konnten, in Mißkredit zu bringen. Doch hierauf ist leicht eine Erwiederung zu finden, namentlich für uns Beide, die wir New-Yorker sind. Gewiß gibt es keine Nation in Europa, welche aus ihren Schulden Zinsen zahlen würde, wenn es den Zinspflichtigen anheimgestellt und in ihre Macht gegeben wäre, ihrer Obliegenheit nachzukommen oder nicht.« »Ich sehe nicht ein, wie hiedurch die Sache gebessert werden soll. Andere Völker erwiedern uns, wir sähen hierin nur die Wirkung unseres Systems, während sie selbst zu ehrlich seien, um in ihrem Welttheile ein solches System aufkommen zu lassen.« »Ha, dieß ist lauter Spiegelfechterei. Sie wollen aus ganz andern Gründen kein System, wie das unserige, und erzwingen die Bezahlung der Interessen für ihre Schulden blos deßhalb, um mehr borgen zu können. Unsere sogenannte Zahlungs-Weigerung ist übrigens kläglicherweise entstellt worden, und einer absichtlichen Lüge ist mit Beweisgründen nichts anzuhaben. Meines Wissens hat kein amerikanischer Staat seine Schuld abgeläugnet, obschon mehrere derselben zur Verfallszeit außer Stand waren, ihren Verpflichtungen nachzukommen.« » Außer Stand , Onkel Ro?« »Ja, außer Stand , – dieß ist das richtige Wort. Nehmen wir z. B. Pennsylvanien, welches unter die reichsten Gemeinschaften der civilisirten Welt gehört. Sein Eisen und seine Kohlen allein könnten jedes Land wohlhabend machen, und ein Theil seiner ackerbauenden Bevölkerung ist so begütert, wie nur irgend eine, die ich kenne. Gleichwohl verwickelten sich die Verhältnisse in einer Weise, daß es die Interessen seiner Schulden dritthalb Jahre nicht bezahlen konnte. Jetzt geschieht's wieder, und ohne Zweifel wird der Staat so fortfahren. Der plötzliche Bankerott jener ungeheuren Geldanstalt, der soit disant Bank der Vereinigten Staaten, hatte, nachdem letztere aufhörte, in Wirklichkeit eine Bank der Regierung zu sein, ein so eigenthümliches Verhältniß der Cirkulation zur Folge, daß bei den der Regierung zuständigen gewöhnlichen Mitteln die Zahlung eine Unmöglichkeit wurde – ich weiß, was ich sage, und wiederhole daher meine Behauptung, daß eine wahrhafte Unmöglichkeit statt fand. Es ist eine bekannte Thatsache, daß viele an Wohlstand gewöhnte Personen ihr Silbergeschirr in die Münze tragen mußten, um nur das nöthige Geld zu erhalten, das sie für den Markt brauchten. Einiges darf man wohl auch den Institutionen zur Last legen, ohne daß man nöthig hätte, die Ehrlichkeit eines Volkes in Abrede zu ziehen. Unsere Institutionen sind in eben dem Grade volksthümlich, als die in Frankreich das Gegentheil sind, und wer auf dem Platze war – der einheimische Gläubiger mit seinen unbezahlten Forderungen – ging seine Freunde und Bekannte im gesetzgebenden Körper um Hilfe an. So stritt man sich eben um das eigene Geld, ehe man welches in's Ausland gehen ließ.« »Aber war dieß auch recht, Sir?« »Gewiß nicht; ganz im, Gegentheil – aber es lag in der Natur der Sache. Glaubst du, der König von Frankreich würde auf seine Civilliste – oder was immer für ein Minister auf seinen Gehalt verzichten, wenn Umstände das Land nöthigen sollten, die Zinszahlungen für die Staatsschuld auf ein paar Jahre einzustellen? Ich stehe dafür, sie würden insgesammt sich selbst für bevorzugte Gläubiger erklären und darnach handeln. Ich kenne keines von diesen Ländern, welches nicht in einer oder der andern Form schon in jeweilige Verlegenheit gekommen wäre; wohl aber weiß ich von vielen Fällen, in welchen die Rechnung mit dem Schwamm gelöscht wurde. Das Geschrei gegen uns ist auf nichts Anderes, als auf einen politischen Effekt berechnet.« »Gleichwohl möchte ich wünschen, daß Pennsylvanien z. B. auf jede Gefahr hin fortbezahlt hätte.« »Nun ja, Hugh, gegen deinen Wunsch habe ich nichts; aber es ist das Wünschen einer Unmöglichkeit. Außerdem haben wir Beide als New-Yorker mit den Schulden von Pennsylvanien nichts zu schaffen, eben so wenig als London mit den Schulden von Dublin oder Quebec. Unsere Zinsen haben wir stets bezahlt, und sogar, was noch mehr ist, uns im Punkte der Ehrlichkeit noch weit ehrenhafter benommen, als sogar England in seinen Kreditverhältnissen. Als unsere Banken ihre Zahlungen einstellten, entledigte sich der Staat seiner Verpflichtungen in Papier, welches auf offenem Markte al pari in Geld umgesetzt werden konnte, während England seine Noten zu gesetzlichen Zahlungsmitteln machte und etwa fünfundzwanzig Jahre lang die Interessen seiner Staatsschuld damit tilgte, selbst nachdem ihr Cours tief gefallen war. Ich habe einen Amerikaner gekannt, dem der englische Staatsschatz fast eine Million Dollars schuldete, und der statt der Interessen eine lange Reihe von Jahren hindurch Nichts erhielt, als unumsetzbares Papier. Nein, nein, Hugh, laß dich nicht durch solche Spiegelfechtereien blenden; um ihrer willen brauchen wir uns nicht um ein Haar schlechter zu achten, als unsere Nachbarn. Die Gleichheit unserer Gesetze ist die Grundlage, deren der Amerikaner sich rühmen kann.« »Ja, Onkel Ro, wenn darin auf den Reichen eben so gut Bedacht genommen wäre, wie auf den Armen.« »Ich muß freilich gestehen, daß hier ein Schräubchen los ist; aber dieser Umstand kommt nicht so wesentlich in Betracht.« »Und dann das kürzliche Bankerottgesetz?« »Freilich, auch hier räume ich dir ein, daß dieß eine höllische Maßregel war. Zu Bezahlung besonderer Schulden wurde eine eigene Gesetzgebung durchgeführt, diese aber eben so bald wieder verworfen, als sie ihre guten Früchte zeigte. Wir hatten da einen dunkleren Flecken in unserer Geschichte, als die sogenannte Zahlungsweigerung, obschon ihn sonst sehr ehrenhafte Leute mit ihrer Stimme unterstützten.« »Habt Ihr schon von der Posse gehört, welche unmittelbar nach unserer Abfahrt zu New-York auf die Bühne gebracht wurde?« »Nein, – welche meinst du, Hugh? Freilich, die amerikanischen Schauspiele sind fast lauter Possen.« »Diese war etwas besser, als die gewöhnlichen, und im Ganzen sehr witzig. Es ist das alte Faust'sche Mährchen, in welchem ein junger Verschwender sich mit Leib und Seele an den Teufel verkauft. Eines Abends, als er sich mit einer Bande wilder Gesellen lustig macht, stellt sich der Gläubiger ein, und da er darauf besteht, den Herrn des Hauses zu sprechen, wird er vom Diener vorgelassen. Er tritt in seinem gewöhnlichen Kostüm, den Hörnern, dem Pferdefuß und, wenn ich nicht irre, dem Schwanz auf, aber Tom ist nicht der Mann, der sich durch Kleinigkeiten einschüchtern läßt. Er besteht darauf, daß sein Gast Platz nehme, sich ein Glas Wein belieben lasse, und Einer aus der Gesellschaft sein Lied zu Ende bringe. Die Uebrigen aus der Gesellschaft hatten zwar keine verbrieften Schulden an Herrn Urian; gleichwohl aber waren sie sich unterschiedlicher Ausstände in seinem Buche bewußt, so daß sie sich durchaus nicht behaglich fühlen konnten. Da außerdem der Schwefelgeruch etwas belästigend war, so erhob sich Tom, trat auf seinen Gast zu und erkundigte sich nach dem besonderen Anliegen, dessen er gegen den Diener erwähnt habe. ›Diese Verschreibung‹ entgegnete Satan bedeutungsvoll. ›Diese Verschreibung? darf ich fragen, was es damit für eine Bewandtniß hat? Sie scheint in Richtigkeit zu sein.‹ ›Ist dieß nicht Eure Unterschrift?‹ ›Ich gebe es zu.‹ ›Mit Eurem Blut gezeichnet?‹ ›Eine Grille von Euch; ich sagte gleich damals, Dinte habe vor Gericht dieselbe Gültigkeit.‹ ›Sie ist fällig; – schon sieben Minuten und vierzehn Sekunden darüber.‹ ›Wahrhaftig, es ist so – aber was weiter?‹ ›Ich fordere Zahlung.‹ ›Unsinn! Niemand denkt heut zu Tage an's Zahlen, nicht einmal Pennsylvanien und Maryland.‹ ›Aber ich bestehe darauf.‹ ›Oh, ist's Euch Ernst damit?‹ Tom zieht jetzt ein Papier aus seiner Tasche und fügt großartig bei ›wohlan denn, wenn Ihr's so gar dringend habt, – hier ist eine Entbindung kraft des neuen Bankerottgesetzes, von Smith Thompson unterzeichnet.‹ Dieß machte den Teufel mit einem Male so verdutzt, daß er beschämt von dannen zog.« Mein Onkel lachte herzlich über diese Schnurre; aber statt die Sache zu nehmen, wie ich beabsichtigte, bewog sie ihn blos, besser als je von seinem Heimathland zu denken. »Hugh, du mußt gestehen, daß wir des Witzes nicht baar sind,« rief er, während die hellen Zähren über die Wangen niederliefen, »wenn wir auch einige schuftige Gesetze und etliche schurkische Verwalter derselben unter uns haben. Doch da kömmt ja Jakob mit seinen Briefen und Zeitungen – wahrhaftig, der Bursche bringt ja den größten Korb voll.« Jakob war ein achtbarer Schwarzer und der Urenkel eines alten Negers, Namens Jaaf oder Yaap, der seiner Zeit auf meinem nunmehrigen Besitzthum zu Ravensnest gelebt hatte. Der Pförtner half ihm den fraglichen Korb hereinschleppen, welcher mit mehreren hundert Zeitungen und wohl hundert Briefen angefüllt war. Der Anblick führte uns die Heimath und Amerika wieder lebhaft in's Gedächtniß, und so bald wir mit dem Nachtisch zu Ende waren, standen wir auf, um die Päcke zu untersuchen. Indeß gab es so viele Briefe und Packete zu vertheilen, daß die Sortirung unserer Post zu keiner leichten Aufgabe wurde. »Hier sind einige Zeitungen, die ich früher nie zu Gesicht« bekam,« sagte mein Onkel, als er in der Masse umherwühlte. »›Der Hüter des Bodens‹ – dieser muß mit der Oregon-Frage zu schaffen haben.« »Allem Anscheine nach, Sir. Hier habe ich wenigstens ein Dutzend Briefe von meiner Schwester.« »Freilich, deine Schwester ist noch unvermählt und kann wohl Zeit aufbieten, an ihren Bruder zu denken; aber die meinigen haben Männer, und ein einziger Brief im Jahr heißt schon viel. Hier sehe ich übrigens die Hand meiner lieben alten Mutter; dieß ist auch etwas. Ursula Malbone kann ihr Kind nicht vergessen. Nun, bon soir , Hugh; für Einen Abend hat Jeder von uns genug zu thun.« » A revoir , Sir. Morgen früh um zehn Uhr sehen wir uns wieder; wir können dann unsere Neuigkeiten vergleichen und darüber plaudern.«   Zweites Kapitel. »Warum senkt, wie der überreife Halm, Der unter Ceres' üpp'ger Last sich neiget, Das Haupt Ihr, Mylord?« König Heinrich VI.   Ich kam erst um zwei zu Bette, und es war halb zehn Uhr, als ich wieder aufstand. Gegen eilf erschien Jakob, um mir zu melden, daß sein Gebieter sich in der salle à manger befinde und das Frühstück einzunehmen wünsche. Da sich mein Schlafgemach im entresol befand, so eilte ich die Treppe hinauf und saß drei Minuten später am Tisch meines Onkels. Schon bei meinem Eintreten war mir der ungewöhnliche Ernst auf seinem Gesicht aufgefallen, und ich bemerkte jetzt, daß ein paar Briefe und einige amerikanische Zeitungen neben ihm lagen. Sein »guten Morgen, Hugh,« war so freundlich und liebreich, wie gewöhnlich, aber der Ton seiner Stimme kam mir wehmüthig vor. »Hoffentlich doch keine schlimmen Neuigkeiten von Hause, Sir?« rief ich in der ersten Aufregung meines Gefühls; »Marthas letzter Brief ist von ganz neuem Datum; sie schreibt voll Heiterkeit, und ich weiß gewiß, daß sich meine Großmutter noch vor sechs Wochen vollkommen wohl befand.« »Auch mir ist dieß bekannt Hugh, denn ich besitze ein Schreiben von ihrer eigenen theuren Hand. Für eine Frau von achtzig erfreut sich meine Mutter einer trefflichen Gesundheit, aber sie wünscht natürlich uns zu sehen, und dich insbesondere. Enkel sind stets die Lieblinge der Großmütter.« »Ich freue mich, Sir, dieß zu hören, denn bei meinem Eintritt in's Zimmer befürchtete ich wahrhaftig, Ihr hättet unangenehme Nachrichten erhalten.« »Und ist alle die Kunde, die dir nach so langem Schweigen zugegangen, erfreulich?« »Ich versichere Euch, daß ich keine unangenehme Botschaft darunter habe. Patt schreibt mit der bezauberndsten Heiterkeit, und ich kann mir denken, daß sie in der Zwischenzeit zu einer bezaubernden Schönheit herangewachsen ist, obschon sie meint, man halte sie im Allgemeinen für ein ziemlich einfaches Ding. Doch dieß ist unmöglich. Ihr wißt ja – als wir das fünfzehnjährige Mädchen verließen, konnte man sich von ihr eine künftige große Schönheit versprechen.« »Du hast recht, wenn du sagst, Martha Littlepage könne nicht anders, als schön sein, denn in einem Alter von fünfzehn läßt sich in Amerika mit Sicherheit voraussagen, wie sich die reifere Jungfrau machen wird. Deine Schwester will dir eine angenehme Ueberraschung bereiten. Ich habe von alten Leuten gehört, sie gleiche meiner Mutter um dieselbe Lebenszeit, und der Name Dus Malbone galt vordem in den Wäldern eine Art von Toast.« »Ohne Zweifel ist's so, wie Ihr denk, namentlich da ich in ihren Briefen einige Anspielungen auf einen gewissen Harry Beekman finde, durch die ich mich an Mr. Harry's Stelle sehr geschmeichelt fühlen würde. Kennt Ihr vielleicht eine Familie Beekman, Sir?« Mein Onkel blickte bei dieser Frage etwas überrascht auf. Als ächter New-Yorker von Geburt, Gefühl und Verwandtschaft, hielt er die alten Namen der Kolonie und des Staates in hohen Ehren: auch war ich oft Zeuge gewesen, wie er die neuen Ankömmlinge aus meiner Periode verspottete, die unter uns erschienen seien, um wie die Rose zu blühen, und ihre Düfte durch das Land zerstreut hätten. Zwar war es natürlich, daß eine Gemeinschaft, die sich im Laufe eines Jahrhunderts von einer halben Million zu zwei ein halb Millionen vermehrt hatte – ein Zuwachs, der eben so gut seinen Grund in der natürlichen Fruchtbarkeit, als in der Einwanderung aus benachbarten Staatsverbanden seinen Grund hatte – nicht fortwährend eine Trägerin der gleichen Gefühle blieb; aber andererseits lag es eben so sehr in der Natur der Sache, daß der ächte New-Yorker an der alten Denkweise festhielt. »Ei, Hugh, du solltest doch wissen, daß dieß ein alter geachteter Name unter uns ist,« antwortete mein Onkel mit dem bereits erwähnten Blicke der Ueberraschung. Ein Zweig der Beekmans oder Bakemans, wie wir sie zu nennen pflegen, hat sich in der Nähe von Satanstoe niedergelassen, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist deine Schwester bei Gelegenheit ihrer häufigen Besuche auf dem Sitze meiner Mutter mit ihnen zusammengetroffen. Die Bekanntschaft liegt ganz in der Natur der Sache, und das andere Gefühl, auf das du anspielst, ist ohne Zweifel eben so natürlich, obschon ich eben nicht sagen kann, daß ich es je empfunden hätte.« »Ich finde, Sir, daß Ihr stets auf Euren Betheuerungen beharrt und nie ein Opfer Cupido's gewesen sein wollt.« »Hugh, jetzt keine Spielereien. Es sind Nachrichten aus der Heimath eingelaufen, die mir fast das Herz gebrochen haben.« Ich blickte meinen Onkel erstaunt und unruhig an, während er mit den Händen sein Gesicht verhüllte, als wolle er den Anblick dieser gottlosen Welt und all' ihren Inhalts ausschließen. Ich bemerkte, daß der alte Gentleman in Wirklichkeit ergriffen war, weßhalb ich nichts erwiederte, sondern zuwartete, bis es ihm gefiele, mir weiter mitzutheilen. Meine Ungeduld wurde jedoch bald befriedigt, denn die Hände sanken nieder, und ich erblickte abermals das schöne, aber umwölkte Antlitz meines Onkels. »Darf ich fragen, von welcher Beschaffenheit diese Neuigkeiten sind?« wagte ich nun zu entgegnen. »Ja wohl, und du sollst Alles erfahren. Es ist überhaupt nicht mehr als billig, daß du den ganzen Sachbestand wohl begreifest, denn du bist unmittelbar dabei betheiligt, und bei dem Erfolg kömmt ein großer Theil deines Vermögens in Frage. Sind nicht die Manor-Wirren, wie sie genannt wurden, schon vor unserem Abgang aus der Heimath besprochen worden?« »Allerdings, obschon damals nicht viel davon verlautete. Wenn ich mich recht erinnere, so haben wir unmittelbar vor unserer Abreise nach Rußland Einiges darüber in den Zeitungen gelesen; Ihr meintet damals, der Vorgang sei eine Schande für den Staat, glaubtet aber nicht, daß ein erhebliches Resultat dabei herauskommen werde.« »So meinte ich freilich zu jener Zeit, aber meine Hoffnung ist trügerisch gewesen. Es waren einige Gründe vorhanden, welche die Lage der Bevölkerung unter dem verstorbenen Patroon unangenehm machten, und ich hielt die Sache für natürlich, obschon nicht zu rechtfertigen; denn leider liegt es zu sehr in dem menschlichen Wesen, sich dem Unrecht zuzuneigen, namentlich wenn der Geldpunkt mit in Frage kommt.« »Ich verstehe Eure Anspielung nicht ganz, Sir.« »Sie ist leicht in's Klare gesetzt. Das Besitzthum der van Rensselaer ist erstlich von großer Ausdehnung; denn das Herrengut, wie es noch immer aus früheren Zeiten her genannt wird, erstreckt sich auf dreizehn Stunden von Ost nach West und auf zehn Stunden von Nord nach Süd. Mit einigen unwesentlichen Ausnahmen, unter welche die Markungen von drei oder vier Städten gehören, die beziehungsweise sechs bis zwanzig und vierzigtausend Seelen fassen, war früher dieser große Landstrich das Eigenthum eines einzigen Mannes, nach dessen Ableben es auf zwei Individuen kam. Die Ländereien sind an die Bedingungen des Pachts geknüpft, welcher bei weitem zum größeren Theil ein sogenannter eiserner ist.« »Ich habe natürlich von alle Dem gehört, Sir, und weiß auch selbst Einiges davon. Aber was ist ein eiserner Pacht? – denn ich glaube nicht, daß wir etwas der Art zu Ravensnest haben.« »Nein, unsere Pachtverträge sind insgesammt auf die Dauer von drei Leben gestellt, und die meisten sind dann erneuerbar. Unter den Grundbesitzern von New-York sind zwei Arten des sogenannten eisernen Pachts üblich, und beide verleihen dem Pächter ein nachhaltiges Interesse. In beiden Fällen ist der Pacht für alle Zeiten erblich, und der Gutsherr bezieht eine Jahresrente, für die er das Recht der Auspfändung und des Wiedereintritts in sein Eigenthum hat. Die eine Art aber gibt dem Pächter das Recht, zu jeder Zeit gegen Bezahlung einer stipulirten Summe die Allodifikation zu fordern, während die andere kein solches Vorrecht verleiht. Erstere heißt deßhalb ›der eiserne Pacht mit der Befugniß der Erwerbung‹, indeß der andere nur einfach ›der eiserne Pacht‹ genannt ist.« »Und gibt es jetzt neue Schwierigkeiten in Betreff der Manor-Renten?« »Ach, es steht viel schlimmer. Das Contagium hat so weit um sich gegriffen, daß das Land sich allen Ernstes von den schwersten Uebeln bedroht sieht, welche die schlimmsten Feinde Amerikas als die Früchte seiner demokratischen Institutionen prophezeit haben. Ich fürchte, Hugh, daß ich nicht länger New-York als eine Ausnahme von seiner schlimmen Nachbarschaft betrachten, oder das Land selbst ein ›glorreiches Land‹ nennen kann.« »Dieß klingt so ernst, Sir, daß ich fast Eure Worte bezweifeln möchte, wenn sie nicht durch den Ausdruck Eures Gesichtes bestätigt würden.« »Leider sind sie nur zu wahr. Dunning hat mir einen langen Bericht zugehen lassen, der mit der Genauigkeit eines Rechtsgelehrten abgefaßt ist; auch schickt er mir einige Zeitungen, welche in ihren Artikeln unverhohlen auf eine neue Theilung des Eigenthums, auf ein agrarisches Gesetz abheben.« »Aber hoffentlich steht doch nichts Derartiges im Ernste von den Amerikanern zu erwarten, mein theurer Onkel, da sie doch sonst so große Freunde der Ordnung, des Gesetzes und des Eigenthums sind?« »In dem letzteren Punkte mag eben das Geheimniß der ganzen Bewegung liegen. Die Liebe zum Eigenthum könnte wohl so stark werden, um sie zu vielen Handlungen zu bewegen, die sie unterlassen sollten. Ich besorge allerdings nicht, daß in New-York unmittelbare Versuche in's Werk gesetzt werden, den Grund und Boden zu vertheilen, und eben so wenig glaube ich an die offene Einführung eines ausgesprochenen agrarischen Statuts; meine Hauptbefürchtung besteht jedoch darin, daß sich unmittelbare und allmählige Gesetzesneuerungen geltend machen könnten, welche unter der trügerischen Maske der Rechtsgleichheit auftreten und die Grundsätze des Volkes untergraben, ehe es sich der Gefahr bewußt wird. Damit du übrigens nicht nur mich verstehest, sondern auch einen Begriff von den Thatsachen erhältst, die für deine eigene Habe von größter Wichtigkeit sind, will ich dir zuerst mittheilen, was geschehen ist, und dann anknüpfen, was ich von den Folgen besorge. Die erste Wirre – oder vielmehr die erste neuere Wirre entspann sich aus dem Tode des letzten Patroon. Ich spreche absichtlich von einer neueren, weil Dunning mir schreibt, unter der Verwaltung des John Jay sei auf dem Manor der Livingstons ein Versuch der Renten-Zahlungs-Verweigerung gemacht, von dem Gouverneur aber augenblicklich wieder unterdrückt worden.« »Es läßt sich natürlich denken, daß die Schurkerei nicht aufkommen konnte, so lange die vollziehende Gewalt einem solchen Manne anvertraut war. Das Zeitalter derartiger Politiker scheint übrigens unter uns ein Ende genommen zu haben.« »Die Sache kam allerdings nicht auf. Gouverneur Jay begegnete der Anmaßung, wie es von seiner bekannten Persönlichkeit zu erwarten stand: die Angelegenheit verrauschte und kam beinahe in Vergessenheit. Es ist bemerkenswerth, daß Er das Uebel bannte ; aber freilich, wir haben keine John Jay's mehr. Um in meiner Erzählung fortzufahren: als der letzte Patroon starb, waren ungefähr zweimalhunderttausend Dollars Renten in Rückstand, über die er in seinem Testament eine besondere Verfügung traf, indem er das Geld zu einem gewissen Zweck anzulegen verordnete. Der Versuch, die Rückstände einzutreiben, gab den ersten Anlaß zur Unzufriedenheit. Diejenigen, welche so lange schuldig geblieben waren, wollten nun gar nicht mehr zahlen. Sie sahen sich nach Mitteln um, ihrer gerechten Verpflichtungen ledig zu werden, und da sie wohl wußten, wie in Amerika die Macht des großen Haufens sogar über dem Rechte steht, so vereinigten sie sich mit Andern, welche sich gleichfalls ihre Zahlungspflichtigkeit gerne vom Hals geschafft hätten, zum Widerstand. Aus diesem Trutzbündniß erwuchsen die sogenannten »Manor-Wirren«. Haufen von Männern verkleideten sich als Indianer, warfen Kalicohemden über ihren gewöhnlichen Anzug, maskirten das Gesicht mit Kalicolarven und traten den Bailliffen gewaltsam entgegen, so daß es diesen unmöglich wurde, die Renten einzutreiben. Die Aufständischen waren meist mit Büchsen bewaffnet, und man fand es zuletzt nöthig, eine starke Milizenabtheilung ausrücken zu lassen, damit sie die Beamten des Gemeinwesens in Ausübung ihrer Pflichten schütze.« »Alles dieß fiel vor, noch ehe wir unsere Reise nach dem Morgenland antraten. Ich hatte übrigens geglaubt, man sei inzwischen mit diesen Antirentern, wie sie sich nannten, fertig geworden?« »Den Anschein hatte es wohl; aber derselbe Gouverneur, welcher die Miliz hatte ausrücken lassen, brachte die ›Beschwerden‹ in einer Weise vor die Gesetzgebung, als ob sich's dabei wirklich um Verletzung bürgerlicher Rechte handle, während doch in Wahrheit die Grundbesitzer, oder vielmehr im gegenwärtigen Falle die Rensselaers, auf deren Eigenthum die Unruhen stattfanden, die gekränkten Partien waren. Dieser falsche Schritt hat unberechenbaren Schaden gestiftet, wenn er nicht etwa gar so weit führt, die Institutionen des Staates aus einander zu reißen.« »Es ist außerordentlich, daß sich bei solchen Ereignissen irgend ein Mensch über seine Pflicht täuschen kann. Warum fanden die Pächter eine solche Fürsprache, während man die gesetzlichen Rechte der Grundbesitzer außer Acht ließ?« »Ich kann mir dieß nur aus dem Umstande erklären, daß sich die mißvergnügten Pächter vielleicht auf zweitausend beliefen. Trotz all' des Geschreies über Aristokratie, Lehenwesen und Adel ist den Rensselaers nach dem Buchstaben des Gesetzes auch nicht ein Titelchen weiter politische Gewalt oder politisches Recht verliehen, als den Kutschern und Lakaien derselben, sofern diese Weiße sind; dagegen finden sie in der Wirklichkeit gar oft einen viel geringeren Rechtsschutz!« »Ihr glaubt also, Sir, die Sache habe deßhalb einen solchen Aufschwung gewonnen, weil so viele Stimmen dabei betheiligt waren?« »Der Grund liegt in nichts Anderem, und der Erfolg stützt sich blos auf eine Verletzung der Grundsätze, die man uns so lange als heilig zu achten gelehrt hat, daß nur der übermächtige und verderbliche Einfluß der Politik sich eines Angriffs auf sie erdreisten durfte. Wäre bei jeder Farm Ein Grundherr und Ein Pächter betheiligt, so würden die Beschwerden des Letzteren mit Gleichgültigkeit behandelt werden; kämen aber auf Einen Pächter zwei Landbesitzer, so dürfte sich wohl eine allgemeine Entrüstung über die Unverschämtheit des Querulanten kund geben.« »Ueber welche besondere Punkte führen die Pächter Beschwerde?« »Du meinst vermuthlich die Pächter auf den Rensselaer'schen Gütern? Je nun, sie beklagen sich über alle erdenklichen Stipulationen in ihren Verträgen, obschon ihr Hauptleidwesen in der Thatsache liegt, daß anderer Leute Land nicht ihnen gehört. Der Patroon duldet auf vielen seiner Farmen – auf denen nämlich, welche im Laufe der letzten hundert Jahre verliehen wurden – keinen Verkauf anders, als gegen vierteljährige Bürgschaft.« »Nun, und was weiter? Ein Verkauf, der gegen vierteljährige Bürgschaft gestattet wird, ist so gut, wie jeder andere ehrliche Handel.« »In Wahrheit besser, als die meisten andern, wenn man die Sache näher zergliedert; denn es ist ein gewichtiger Grund vorhanden, warum eine solche Klausel stets jeden einzigen Pacht begleiten sollte. Darf man wohl annehmen, ein Grundherr sei bei dem Charakter und Treiben seiner Pächter nicht interessirt? Er ist im Gegentheil recht sehr dabei betheiligt, und kein verständiger Mann sollte seine Grundstücke verleihen, ohne sich bei Abtretung des Pachtguts eine Art Kontrolle vorzubehalten. Nun gibt es aber nur zwei Wege, dieß zu thun: entweder muß der Grundbesitzer den Pächter durch sein Interesse binden, oder sich ein willkürliches, unmittelbares Veto vorbehalten.« »Das letztere würde in Amerika zu einem schönen Geschrei über Tyrannei und Feudalismus Anlaß geben!« »Die Amerikaner schreien gar gerne über dergleichen Gegenstände, und die meisten machen den Lärm eben mit, ohne seine Bedeutung zu verstehen. Nehmen wir zwei Männer, die einen Vertrag mit einander schließen: Derjenige, welcher vor Eingehung desselben alle Anrechte an den Grund und Boden besitzt, kann sich sein Eigenthumsrecht vorbehalten und unter gewissen Beschränkungen die Nutznießung an den Andern abtreten; es ist deßhalb nicht mehr wie billig, als daß ihm seine Ansprüche beim Uebergang der Farm an einen Dritten belassen bleiben. Bei diesem ewigen Geschrei wird stets vergessen, daß die Pächter, welche vor Eingehung ihres Vertragsverhältnisses gar kein Anrecht an die Ländereien hatten, gerade durch das Verhältniß, über welches sie sich beschweren, zu einem Eigenthum gelangt sind. Mit Tilgung des Vertrags sind alle ihre Rechte erloschen. Auf welche Grundlage hin kann nun ein ehrlicher Mann behaupten, er besitze Ansprüche außer denen, welche ihm durch sein Pachtverhältniß zugetheilt sind? Und selbst angenommen, daß die Bedingungen beschwerend sind, – welche Befugniß steht den Gouverneuren und Gesetzgebern zu, sich bei solchen Zuständen als Schiedsrichter aufzuwerfen? Ich würde noch obendrein jede derartige Einwendung in Folge des allgemein anerkannten Grundsatzes zurückweisen, daß ein Schiedsgericht aus unparteiischen Männern bestehen müsse, und dieses Prädikat kommt weder den Gouverneuren noch den Angehörigen des gesetzgebenden Körpers zu. Sie sind – möchte ich sagen – ohne Ausnahme politische Personen oder Parteimänner, und wenn sich's um eine Abstimmung handelt, so würde ich ihnen wahrhaftig kein Vertrauen schenken. Eben so gern wollte ich die Entscheidung meiner Angelegenheiten einem bestochenen Gericht überlassen.« »Es wundert mich, daß der wirklich unparteiische und ehrenhafte Theil der Gemeinschaft sich nicht mit aller Macht erhebt, um diesem Unwesen ein Ende zu machen; man sollte es mit Stumpf und Stiel ausrotten.« »Dieß ist eben die schwache Seite unseres Systems, welches neben hundert schönen Zügen diesen Grundfehler besitzt. Die Gesetzgebung sowohl als die Verwaltung beruht auf der Annahme, daß jede Corporation Ehrenhaftigkeit und Einsicht genug besitze, um gute Gesetze zu geben und für ihre gute Verwaltung zu sorgen. Es ist übrigens eine traurige Erfahrung, daß die Rechtschaffenen sich gewöhnlich leidend verhalten, bis der Mißbrauch unerträglich wird, während sich der ränkesüchtige Schuft gemeiniglich am rührigsten benimmt. Allerdings gibt es auch Menschenfreunde, die nicht schlummern, aber ihre Anzahl ist so klein, daß sie in dem ungeheuren Ganzen nur wenig, und gegen den Eifer einer feilen Opposition gar nichts auszurichten vermögen. Nein, nein, – in politischen Sachen ist von dem Wirken der Rechtschaffenheit nicht viel zu hoffen, während man dagegen von dem Walten schlimmer Leidenschaften gar viel zu besorgen hat.« »Ihr betrachtet das menschliche Geschlecht aus keinem gar günstigen Standpunkt, Sir.« »Ich spreche von der Welt, wie ich sie in den beiden Hemisphären, oder in den vier Hemisphären gefunden habe, um mich eines Ausdrucks meines Nachbars, des Friedensrichters Squire Newcome, zu bedienen. Die Art, wie sich Amerika darstellt, zeigt im besten Fall ein durchschnittliches Gemenge von den Eigenschaften der ganzen Gemeinschaft, etwas zu niedrig angeschlagen durch die Thatsache, daß Männer von wirklichem Verdienst einen Widerwillen haben vor einem Zustand der Dinge, der für ihren Geschmack nichts besonders Verlockendes bietet. Was nun die vierteljährige Bürgschaft betrifft, so sehe ich darin keine größere Bedrückung, als im Bezahlen der Pachtrente selbst, und wenn der Grundbesitzer auf diese Weise eine Veräußerung seiner Ländereien erschweren kann, so steht er in einem Verhältniß, welches ihn befähigt, einen Vergleich zu erzwingen. Der Pächter ist durchaus nicht genöthigt, zu verkaufen, und macht, wenn er einen guten Ersatzmann stellen kann, demgemäß seine Bedingungen. Ist übrigens der Ersatzmann schlecht, so muß der ursprüngliche Kontrahent mit seinem Beutel einstehen.« »Viele unserer Landsleute würden es für sehr aristokratisch halten,« rief ich lachend, »daß einem Grundbesitzer die Befugniß der Erklärung zustehen soll: ›Du darfst mir diesen oder jenen Stellvertreter nicht statt deiner aufbürden.‹« »Es ist nicht aristokratischer, als wenn man den Pächter berechtigen wollte, dem Eigenthümer seines Landes zu sagen: ›Du mußt diesen oder jenen Stellvertreter von meinen Händen annehmen.‹ Die Bedingung der vierteljährigen Bürgschaft gibt jedem Theil eine Handhabe in der Sache, und das Ergebniß ist stets ein vollkommen billiger Vergleich gewesen, da beim Abschluß des Handels nicht leicht ein so wichtiger Punkt übersehen werden kann. Wer etwas von solchen Dingen versteht, weiß auch, daß dergleichen Anforderungen stets bei der Bestimmung der Rente Berücksichtigung finden. Von Lehensverhältniß kann ohnehin keine Rede sein, so lang der Pächter sein Freizügigkeitsrecht hat, und mit der vertragsmäßigen vierteljährigen Bürgschaftsleistung findet er sich gegen alle seine früheren Verpflichtungen ab. Es handelt sich dann nur noch um die Frage, ob der Contrahent gehalten sei, den bedungenen Preis, für welchen er sich diesen Vortheil erkauft, zu zahlen.« »Ich verstehe Euch, Sir. Es ist leicht, der Sache den richtigen Standpunkt abzugewinnen, wenn man nur auf die ursprünglichen Verhältnisse zurückgeht, die ihr eine ganz andere Farbe verleihen. Der Pächter hat kein Recht, bis sein Vertrag abgeschlossen ist, und kann auch nicht weiter ansprechen, als ihm kraft dieses Vertrags verliehen wird.« »Da erhebt man nun ein Geschrei über Feudalprivilegien, weil einige von den Pächtern des Rensselaers so und so viele Tage mit ihren Gespannen oder Stellvertretern für den Besitzer des Bodens arbeiten, ja sogar weil sie jährlich ein paar fette Hühner abliefern müssen! Wir haben genug von Amerika gesehen, Hugh, um zu wissen, daß die meisten Landwirthe von Herzen gerne lieber in Hühnern und Arbeit, als in Geld ihre Schulden abtragen würden, und eben durch diesen Umstand wird dieses Geschrei nur um so schändlicher. Ich kann wahrhaftig ebensowenig von Feudalwesen in dem Umstande sehen, wenn ein Pächter seinen Grundherrn in dieser Weise bezahlt, als wenn man mit einem Schlächter akkordirt, er habe für eine Reihe Jahre so und so viel Fleisch zu liefern, oder wenn ein Postpächter sich anheischig macht, für eine bestimmte Zeit eine vierspännige Kutsche im Dienste der Post fahren zu lassen. Niemand hat etwas gegen die Rente in Waizen einzuwenden – warum jetzt bei den Hühnern anfangen? Liegt der Grund wohl darin, daß unsere republikanischen Pächter selbst so aristokratisch geworden sind, daß sie sich nicht für Hühnerzüchter ansehen lassen wollen? Dieß wäre andererseits eine aristokratische Denkweise. Aber wenn der sich so vornehm dünkende Bauer es für so plebejisch hält, Geflügel abzugeben, so ist es doch eben so plebejisch, es in Empfang zu nehmen; muß daher der Pächter eine Person aussuchen, welche sich der Herabwürdigung unterwirft, ein paar fette Hühner zu überbringen, so ist der Grundbesitzer gleichfalls in die Lage versetzt, für ein Individuum zu sorgen, das sich dem Schimpf unterzieht, sie anzunehmen und in dem Speiseschrank unterzubringen. Es kommt mir vor, daß die Beschwerniß auf beiden Seiten gleich sei.« »Wenn ich mich übrigens recht erinnere, Onkel Ro, so wurden diese Kleinigkeiten stets in Geld umgewandelt?« »Dieß muß immer der Willkühr des Pächters überlassen bleiben, wenn nicht etwa die Verträge eine Verfallszeit stipuliren, was übrigens meines Wissens nirgends geschehen ist; denn wer versäumt, zur bestimmten Zeit in natura Zahlung zu leisten, muß sich später von selbst die Umwandlung in Geld gefallen lassen. Das Auffallendste in der ganzen Geschichte ist jedoch, daß es unter uns Leute gibt, welche den Satz aufstellen, dergleichen Pachtgüter stehen im Widerspruch mit unsern Institutionen, während sie doch einen Theil derselben bilden und in ihnen eine Gewährleistung finden. Wären nicht eben diese Institutionen vorhanden, denen ein solches Verhältniß angeblich widersprechen soll, obschon es in denselben begründet ist, so würde es zwischen Grundherrn und Pächtern bald zu bittern Händeln kommen.« »Wie wollt Ihr beweisen, daß das Pachtverhältniß einen Theil unserer Institutionen bilde, Sir?« »Einfach durch den Umstand, daß sie den feierlichsten Erklärungen gemäß auf den Schutz des Eigenthums abzielen. Man macht so viel Wesens davon, daß sämmtliche Staaten-Constitutionen den Grundsatz enthalten, kein Eigenthum sei anders, als auf dem gebührenden Wege des Gesetzes antastbar, und wenn man eine derselben liest, so sollte man glauben, die Habe eines Bürgers sei eben so heilig gehalten, wie seine Person. Nun haben einige dieser Pachtländereien schon bestanden, als der Staat seine Institutionen schuf, und hiemit noch nicht zufrieden, hat New-York gemeinschaftlich mit den übrigen Staaten in der Verfassung der Union die feierliche Erklärung niedergelegt, diese Rechtsverhältnisse nie zu stören. Gleichwohl lassen sich Menschen finden, welche mit kühner Stirne behaupten, ein Sachbestand, der eigentlich in unsern Institutionen liegt, stehe mit denselben im Widerspruch.« »Vielleicht haben Sie dabei den Geist und die Tendenz im Auge, Sir.« »Dieß könnte wenigstens einigen Sinn haben, obschon lange nicht so viel, als die Lärmmacher meinen. Der Geist von Staats-Einrichtungen liegt in den gesetzlichen Zwecken derselben, und es würde schwer fallen, zu beweisen, daß ein Pachtsystem unter was immer für Zahlungsbedingungen im Widerspruch mit Institutionen stehe, welche die vollen Rechte des Eigenthums anerkennen. Die Verbindlichkeit zur Zahlung einer Rente hat keine größere politische Abhängigkeit zur Folge, als der Credit, den man im nächsten besten Kaufladen genießt; ja, bei Verträgen, wie die der Rensselaers sind, ist man sogar noch ungebundener, da ein Buchschuldner jeden Augenblick gerichtlich belangt werden kann, der Pächter aber genau weiß, wann er zu zahlen hat. Gerade hierin liegt die große Abgeschmacktheit Derer, welche das Pachtsystem als aristokratisch verschreien, denn sie sehen nicht ein, daß die gedachten Verträge den Pächter weit mehr begünstigen, als jeden andern.« »Ich muß Euch bitten, Sir, mir dieß näher zu erklären, da ich zu unbewandert in der Sache bin, um sie zu verstehen.« »Je nun, die Pachtbriefe lauten auf ewige Dauer, und der Pächter kann nicht vertrieben werden. Bei sonst gleichen Verhältnissen ist's über die ganze Welt nur um so besser, je länger die Pachtzeit währt. Setzen wir den Fall, von zwei Farmen sei die eine auf fünf Jahre, die andere auf immer in Pacht gegeben. Welcher Pächter ist nun unabhängiger von dem politischen Einflusse seines Grundherrn, auch abgesehen davon, daß es aus verschiedenen Ursachen in Amerika unmöglich ist, bei öffentlichen Verhandlungen in dieser Weise die Stimmen zu beherrschen? Sicherlich derjenige, der einen Vertrag auf ewige Zeiten hat. Er ist eben so unabhängig von seinem Grundherrn, wie dieser von ihm, mit der einzigen Ausnahme der Rentenpflichtigkeit, und in dieser ergeht es ihm gerade, wie jedem andern Schuldner – wie etwa dem Armen, der für eine Reihe von Jahren bei demselben Handelsmann auf Borg holt. Hinsichtlich der Benützung des Grund und Bodens, die natürlich dem Pächter wünschenswerth sein muß, erwächst Letzterem augenfällig durch die lange Dauer seines Vertrags eine ungebundene Stellung, während ein Anderer, der blos auf fünf Jahre gepachtet hat, nach Ablauf dieser Zeit fortgewiesen werden kann. Was nun eine etwaige Veräußerung des Eigenthums betrifft, so findet hier nicht der mindeste Unterschied statt, sintemal der Grundbesitzer in dem einen Fall wie in dem andern seinen Willen hat. Mag er sich von dem, was ihm gehört, nicht trennen, so darf unter was immer für einem System kein Ehrenmann weder mittelbar noch unmittelbar ihn dazu zwingen – und es wird überhaupt auch keinem Ehrenmanne einfallen, es zu wollen .« Ich habe einige von den Worten meines Onkels Ro in gesperrter Schrift abdrucken lassen, da der Geist der Zeiten , nicht der der Institutionen dergleichen Fingerzeige nöthig macht. Fahren wir übrigens in unserm Gespräch fort. »Ich verstehe Euch jetzt, Sir, obschon ich die Unterscheidung, die Ihr zwischen Geist der Institutionen und Tendenzen zieht, nicht ganz begreife.« »Ich kann mich leicht deutlicher fassen. Der Geist der Institutionen besteht in ihrer Absicht , die Tendenz aber in der natürlichen Richtung , welche sie unter dem Antrieb menschlicher Beweggründe einschlägt, und diese sind stets schlecht und verderblich. Der Geist bezieht sich auf das, was geschehen sollte , die Tendenz auf das, was ist oder sich bildet . Der Geist aller politischen Institutionen soll den natürlichen Trieben der Menschen einen Zügel anlegen und sie in den gebührenden Schranken halten, während die Tendenzen den Leidenschaften fröhnen und gar oft ganz in Widerspruch mit dem Geiste treten. Daß das Geschrei gegen das amerikanische Pachtverhältniß eine Folge der Tendenz unserer Institutionen ist, dürfte leider zu wahr sein; dagegen ziehe ich schnurstracks in Abrede, daß es irgendwie im Einklang mit ihrem Geiste stehe.« »Ihr werdet übrigens doch zugeben, daß in allen staatlichen Einrichtungen ein Geist liegt, welchen man stets achten muß, damit die Harmonie erhalten werde?« »Ohne Frage. Das erste Haupterforderniß eines politischen Systems besteht in Beischaffung der Mittel, sich selbst zu schützen, das zweite in Zügelung der Tendenzen, wo Gerechtigkeit, Weisheit, Treue und Glauben dieß heischen. Bei einer despotischen Staatsform zum Beispiel liegt im Geist des Systems die Festhaltung des Grundsatzes, daß ein Einziger, der über den niedrigeren Sorgen und Versuchungen seines Volkes steht, um des Herrscheramtes willen mit einer nur ihm eigenen Würde umgeben ist, und in seinem hohen Rang eine unparteiische Stellung einnimmt, am ehesten die Regierung in einer Weise zu leiten vermag, welche den wahren Interessen der Unterthanen entspricht. In Rußland und Preußen wird ebensogut die Theorie festgehalten, daß die Monarchen nicht für sich, sondern zum Wohl der Unterthanen herrschen, als man bei uns der Ueberzeugung lebt, daß der Präsident der Vereinigten Staaten eine ähnliche Stellung einnehme. Wir alle wissen, daß der Despotismus eine Tendenz zu Mißbräuchen von ganz eigener Art hat, und ein Gleiches läßt sich von denen einer Republik, oder vielmehr einer demokratischen Republik behaupten; denn der Ausdruck Republik besagt an und für sich nur wenig, sintemalen es Republiken gab, die Könige hatten. Natürlich haben die Mißbräuche, zu denen die Demokratie führt, wieder ihren eigenen Charakter. Mit Einem Worte, wo immer der Mensch die Hand anlegt, ist der Mißbrauch nicht fern zu halten, und vielleicht nirgends weniger, als wo sichs um Ausübung politischer Gewalt handelt. Diese Wahrheit sehen wir schon im gewöhnlichsten menschlichen Treiben, und der Mißbrauch dehnt sich auf Alles aus, ja sogar auf die Religion. Im Grunde liegt auch weniger in dem ausgesprochenen Charakter was immer für einer Institution; die Hauptsache besteht jederzeit darin, daß sie im Stande sei, ihren Tendenzen da Halt zu gebieten, wo Recht und Billigkeit dieß fordert. Bisher sind allerdings erstaunlich wenig bedeutsame Mißbräuche aus unsern Institutionen hervorgegangen; diese Angelegenheit aber gewinnt ein fürchterlich ernstes Gesicht – denn ich habe dir noch nicht die Hälfte mitgetheilt, Hugh.« »Wirklich, Sir? So bitte ich Euch, mir zuzutrauen, daß ich im Stande bin, auch das Schlimmste zu hören.« »Der Anti-Rentismus hat allerdings auf dem Besitzthum der Rensselaers seinen Anfang genommen, man begann mit Beschwerden über Feudal-Abgaben, Frohntage und Zinshühner und rückte mit dem maßlos aristokratischen Hochmuth heraus, ein Manorpächter sei als freier Mann ein so bevorzugtes Wesen, daß er es unter seiner Würde achten müsse, das zu thun, was jeden Tag von den Post-Akkordanten, Lieferanten und sogar von ihnen selbst geschieht, wenn sie einen Vertrag über Beischaffung von Kartoffeln, Zwiebeln, Truthühnern und Schweinefleisch schließen. Und doch sind sie feierlich mit ihren Grundherrn über die Entrichtung der fetten Hühner und über gewisse Arbeitsleistungen einig geworden. Es blieb übrigens nicht allein bei dem Widerstand gegen die Ansprüche der Rensselaers; denn da man fand, das Feudalsystem verbreite sich viel weiter, so sind auch in andern Theilen des Staates sogenannte ›Wirren‹ ausgebrochen. Dem Executionsverfahren wurde Widerstand entgegengesetzt, und auf dem Gut Livingston, in Hardenberg – kurz in acht oder zehn Counties des Staates haben die Pächter Zahlung verweigert. Selbst unter den bona fide Käufern des holländischen Strichs ist ein gleicher Widerstand organisirt und eine Art Heeresmacht auf die Beine gebracht worden, die sich überall bewaffnet und verkleidet einstellt, wo die Gerichte eine Hilfsvollstreckung in Anwendung bringen wollen. Mehrere Morde haben staatgefunden und wir sehen aller Wahrscheinlichkeit nach einem Bürgerkrieg entgegen.« »Im Namen der Gerechtigkeit, was hat die Regierung des Staates diese ganze Zeit über gethan?« »Meinem geringen Urtheil nach sehr viel, was sie hätte unterlassen, und nur sehr wenig, was sie hätte zur Ausführung bringen sollen. Du kennst unsere politische Stellung, Hugh; du weißt, welche bedeutsame Rolle New-York in allen Nationalfragen spielt, und wie gebunden es in seiner Stimmgebung ist – unter einer halben Million von Wählern eine Majorität von nicht einmal zehntausend. Unter solchen Verhältnissen nun gewinnt der grundsatzloseste Theil der Wahlmänner eine ungebührliche Bedeutsamkeit, und diese Wahrheit hat sich bei der gegenwärtigen Frage auf's schlagendste herausgestellt. Das natürlichste Verfahren hätte darin bestanden, eine bewaffnete Constablermacht auf die Beine zu stellen, und ebenso das Land durchziehen zu lassen, wie die Antirenters ihre ›Inschens‹ in Bewegung erhielten. Auf diese Weise würden die Rebellen – denn anders kann ich sie nicht nennen – bald genug bekommen haben, wenn sie eine Armee in diesem und eine zweite in jenem Theile hätten erhalten müssen. Ein derartiger Schritt von Seiten der Staatsgewalt, gut und thatkräftig ausgeführt, würde die Hälfte der ›Inschens‹ aus den Reihen der Unzufriedenen in die des gesetzlichen Ansehens herübergelockt haben, denn die meisten von diesen Leuten wollen nur gemächlich leben und militärische Parade machen. Statt dessen hat der gesetzgebende Körper im Wesentlichen nichts gethan, bis es wirklich zum Blutvergießen gekommen und der Ausstand nicht nur zum Schimpf für den Staat und das Land, sondern auch den Gutgesinnten in den unruhigen Counties sowohl, als auch denen, welchen ihr Eigenthum vorenthalten blieb, völlig unerträglich geworden war. Jetzt wurde freilich das Gesetz erlassen, welches schon im ersten Jahr des Inschens-Systems hätte in Wirksamkeit treten sollen, ein Gesetz, welches es für ein Kapitalverbrechen erklärt, bewaffnet und verkleidet sich betreten zu lassen. Dunning schreibt mir übrigens, dieses Gesetz werde namentlich in Delaware und Shoharie offen verhöhnt, denn ganze Banden von Inschens, wohl tausend Mann stark, zögen bewaffnet und in vollem Kostüm aus, um Executionen oder Verkäufe zu hindern. Wo dieß enden wird, weiß der Himmel!« »Man befürchtet also allen Ernstes einen Bürgerkrieg?« »Es ist unmöglich zu sagen, wie weit falsche Grundsätze führen mögen, wenn man sie in einem Lande, wie das unsere, erstarken und sich verbreiten läßt. Gleichwohl ist der Aufstand als solcher nur eine armselige Kundgebung und könnte, sobald eine thatkräftige Executiv-Mannschaft versammelt wäre, in zehn Tagen beschwichtigt werden. In einzelnen Punkten hat sich der gegenwärtige Gouverneur vollkommen gut benommen, in andern aber, so weit mir ein Urtheil zusteht, die Rechtsverhältnisse in einer Weise beeinträchtigt, daß man, wenn es ja noch möglich ist, Jahre dazu brauchen wird, sie wieder zu ordnen.« »Ihr setzt mich in Erstaunen, Sir, um so mehr, weil ich weiß, daß Ihr in der Regel die politischen Ansichten der Partei, welche jetzt im Besitz der Gewalt ist, theilt.« »Hast du je von mir erlebt, daß ich um einer politischen Freundschaft willen Dinge unterstützte, die ich für unrecht hielt, Hugh?« fragte mein Onkel vorwurfsvoll. »Uebrigens muß ich dir sagen, daß ich der Ansicht bin, alle Gouverneure, die mit der Sache zu thun, – darunter befinden sich zwei von meiner und einer von der Gegenpartie – seien von einem irrigen Standpunkt ausgegangen. Zuvörderst haben sie insgesammt die Sache so behandelt, als hätten die Pächter wirklichen Grund zur Beschwerde, während doch in Wahrheit ihre Unzufriedenheit nur aus dem Umstand hervorging, daß andere Leute ihr Eigenthum nicht unter Bedingungen an sie ablassen wollen, wie man sie ihnen gerne willkürlich vorschreiben möchte.« »Jedenfalls ist die Beschwerde von der Art, daß kein civilisirtes Land, keine christliche Gemeinschaft sie für begründet halten wird.« »Hm, das Christenthum muß, wie die Freiheit, in den Händen des Menschen schrecklich nothleiden, so daß man bisweilen weder das eine, noch die andere mehr erkennt. Ich habe schon gesehen, daß Diener des Evangeliums in Unterstützung ihrer Parteien eben so starrsinnig, so rücksichtslos gegen die allgemeine Moral und so gleichgültig gegen das Recht waren, wie nur irgend ein Laie; und doch war ich Zeuge, wie Laien in dieser Hinsicht Leidenschaften entfalten, die gerade aus der Hölle herausflammen. Wie dem übrigens sein mag, unsere Gouverneure haben jedenfalls die Sache in einer Weise behandelt, als ob die Pächter beachtenswerthe Beschwerdegründe hätten, während doch die ganze Bedrückung blos in einer nominellen Rente und in dem Umstände lag, daß sie andern ihr Eigenthum nicht für einen selbstgemachten Preis abzwingen konnten. Ein Gouverneur ist sogar so großmüthig gewesen, sich zur Vermittlung eines Streits zu erbieten, der ihn, beiläufig bemerkt, gar nichts anging, sintemal zur Erledigung solcher Fragen die Gerichtshöfe vorhanden sind. Dieß war im glimpflichsten Falle eine merkwürdige Anmaßung von seiner Seite, und sie riecht weit mehr nach Aristokratie oder Monarchie, als irgend etwas, was mit dem Pachtsystem zusammenhängt.« »Was kann der Mann wohl gethan haben?« »Er hat das liebevolle Amt übernommen, einen Schritt zu thun, für den er meiner Ansicht nach weder durch die Institutionen, noch durch ihren Geist berechtigt war – er hat nämlich den Bürgern einen Rath ertheilt, wie sie in ganz bequemer Weise ihre Angelegenheiten selbst bereinigen und die Schwierigkeiten beseitigen könnten, die, wie er bei Gelegenheit desselben Raths im Wesentlichen zugibt, durch die Gesetzgebung sanctionirt sind.« »Dieß ist eine ganz außerordentliche Einmengung von Seiten eines öffentlichen Beamten. Wie konnte er sich herausnehmen, das Gewicht einer noch obendrein nur angemaßten Autorität bei einer Rechtsfrage in die Wagschale zu werfen, in welcher von zwei Kontrahenten der eine Theil über das Wesen eines durch die Gesetzgebung feierlich garantirten Vertrags, nicht aber über dessen Bedingungen Beschwerde führt?« »Und dieß dazu in einer Volksregierung, Hugh, in welcher eine mögliche Unpopularität so schwer wiegt, daß unter einer Million nicht Einer den moralischen Muth besitzt, der öffentlichen Meinung zu widersprechen, selbst wenn er im Rechte ist! Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Junge; es ist der höchste Grad von Anmaßung, die sogar bei jedem Monarchen Europa's für eine tyrannische Handlung erklärt worden wäre. Aber man hat umsonst gelebt, wenn man nicht gelernt hat, daß Diejenigen, welche am lautesten von ihrer Liebe zur Freiheit schreien, sie in nichts Besserem zu bethätigen wissen, als daß sie sich den Anforderungen des großen Haufens unterwerfen. Unsere Exekutivgewalt hat sogar ihre väterliche Sorgfalt noch weiter getrieben, und die Bedingungen namhaft gemacht, von welchen sie sich eine Beseitigung der Schwierigkeit verspricht. Also außer der Unverschämtheit, sich eine Stimme anzumaßen, wo ihr durchaus keine gebührt, schändet sie sich noch durch Anempfehlung eines Vergleichs, der sogar als bloßes pekuniäres Abhilfsmittel ein schreiendes Unrecht in sich faßt.« »Ihr setzt mich in Erstaunen, Sir! Welcher Vorschlag mag wohl hier ausgebrütet worden sein?« »Die Rensselaers sollten von jedem Pächter eine Summe erhalten, welche Interessen im Werth der gegenwärtigen Rente abwürfe. Nun handelt sich's hier zuvörderst um einen Bürger, der bereits so viel Vermögen hat, als er braucht, und nicht blos zu leben wünscht, um Geld zusammenscharren. Seine Habe ist, was Bequemlichkeit, Sicherheit und Ertrag betrifft, nicht nur zu seiner vollen Zufriedenheit, sondern auch in einer Weise angelegt, die in einigen der edelsten Gefühle seines Wesens ihren Grund hat. Das Eigenthum ist im Laufe von zwei Jahrhunderten durch eine Reihe von Vorfahren bis auf ihn gekommen, ist geschichtlich mit seinem Namen verwoben, er wurde darauf geboren, hat darauf gelebt und hofft darauf zu sterben – kurz, es ist ein Gut, an dem die theuersten Erinnerungen seines Herzens haften. Weil nun ein Zwischenläufer, der sich vielleicht vor sechs Monaten auf einer seiner Farmen eingekauft hat, den aristokratischen Wunsch fühlt, keinen Grundherrn zu haben, und eine Farm eigen zu besitzen, an die er blos durch sein Pachtverhältniß ein Anrecht hat, so wirft der Gouverneur des großen Staates New-York das Gewicht seiner amtlichen Stellung gegen den alten Erbeigenthümer des Bodens in die Wagschale, indem er in einem offiziellen Dokument, einen feierlichen, auf die Stimmung des öffentlichen Haufens berechneten Rath ertheilt, vermöge dessen besagter Grundeigenthümer abtreten soll, was er nicht zu verkaufen, sondern zu behalten wünscht, und dieß zu einem Preise, der meiner Ansicht nach weit unter dem wahren Geldwerth steht. Wir haben da eine verzweifelte Freiheit, wenn sie solche Sprünge macht!« »Die Sache wird noch schlimmer durch den Umstand, daß jeder von den Rensselaers auf seinen Besitzungen ein Haus hat, welches so gelegen ist, daß er bequem nach dem Stande der Dinge sehen kann. Das Haus bleibt ihm, aber seine Angelegenheiten gewinnen eine ganz andere Gestaltung, weil da eine Partie, welche einen einfachen, billigen Handel zu machen wünscht, bessere Bedingungen fordert, als ihr durch den Vertrag zugesichert wurden. Es wundert mich nur, ob Seine Excellenz nicht gleichfalls einen Rath für die Grundbesitzer bereit hat, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen, wenn sie es kriegen. Neue Ländereien kaufen und neue Häuser bauen, aus denen sie wieder verjagt werden, wenn eine neue Bande von Pächtern über Aristokratie zu schreien beliebt, und ihre eigene Liebe zur Demokratie durch den Wunsch an den Tag legt, andere in den Troß herunter zu zerren und sich selbst in ihre Stellung einzuschieben?« »Du hast wieder recht, Hugh; aber es ist die Erbsünde Amerikas, im Leben nur ein Mittel zu sehen, das ohne Unterlaß weltlichen Zwecken dienen muß. Ich stehe dafür, es lassen sich Leute unter uns finden, welche es für die größte Anmaßung erklären würden, wenn Jemand ein großes Haus für sich bauen und durch seine Lebensweise andeuten wollte, daß er mit seinen gegenwärtigen Mitteln zufrieden ist und sie weiter zu vermehren wünscht. Zu gleicher Zeit sahen sie in der gesetzwidrigen Einmischung des Gouverneurs die liebenswürdigste Bescheidenheit und die reinste Handhabung der Rechtsgleichheit! Dein Gedanke in Betreff des Hauses gefällt mir sehr wohl. Um dem ›Geist‹ der New-Yorker Institutionen zu entsprechen, dürfte es für einen New-Yorker Landbesitzer wohl gerathen sein, es auf Räder zu setzen, damit er seinen Wohnplatz nach irgend einem neuen Grundstücke schaffen könne, wenn es etwa seinen Pächtern beliebt, ihn auszukaufen.« »Glaubt Ihr wohl, die Rensselaers werden sich mit Geld abfinden lassen und mit dem Kapital der Rente, zu sieben Prozent berechnet, Land ankaufen, nachdem sie die Unsicherheit derartiger Besitzungen unter uns kennen gelernt haben?« »Gewiß nicht,« versetzte Onkel Ro lachend. »Nein, nein, sie werden das Manor-House und Beverwyk zu Wirtschaften verkaufen, und dann kann Jeder sich darin aufhalten, wer das Kapital für den Werth eines Mittagessens aufzubringen vermag. Sie packen ihre Dollars zusammen, ziehen ungesäumt nach Wallstreet und legen sich drauf, Wechsel mit hohem Disconto einzuhandeln; denn wie ich aus den letzten Nachrichten ersehe, gilt diese Beschäftigung für sehr ehrenhaft und preiswürdig. Bisher sind sie nichts als Drohnen gewesen, aber jetzt können sie mit ihren Dollars bis auf's Mark eindringen. Sie werden zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft und kommen demgemäß zu Ehre und Achtung.« Was noch gefolgt sein würde, weiß ich nicht, denn wir wurden jetzt durch den Besuch unseres gemeinschaftlichen Banquiers unterbrochen, wodurch das Gespräch nothwendig eine andere Wendung erhielt.   Drittes Kapitel. O Heimathland, so theuer mir vor allen, Wann seh ich wieder meiner Väter Hallen? Wann labt der Gaumen wieder sich am Quell, Der bei dem Dörflein sprudelt silberhell? Wann streift auf's neu' der Fuß die Berge nieder, Indeß der Urwald echo't meine Lieder? Wann lächelt abermals ein Himmel mir Aus ihrem Aug', des Thales schönster Zier? Montgommery.   Es war in der That für einen Amerikaner, der so lange nichts von Haus gehört hatte, eine Neuigkeit, so plötzlich erfahren zu müssen, daß sich einige Scenen des Mittelalters – Auftritte, welche die gröbsten Beeinträchtigungen menschlicher Rechte in sich faßten – in seinem eigenen Lande vorkommen sollten, in einem Lande, welches sich rühmt, nicht nur ein Zufluchtsort für den Bedrückten, sondern auch eine Stütze des Rechtes zu sein. Die Nachrichten waren mir schmerzlich nahe gegangen, da ich während meiner Reise stets ein theures Bild von Rechtssinn und politischen Auszeichnungen in der Heimath mir vorgehalten hatte, das ich jetzt aufgeben zu müssen befürchtete. Ich und mein Onkel beschlossen, ohne Zögern nach Hause zurückzukehren, da ein derartiger Schritt schon durch die Klugheit geboten wurde. Ich war nun in einem Alter, welches mich – soweit es »die neuen Gesetze und die neuen Herrn« gestatteten – zum Antritt meines Besitzthums befähigte; denn die von meinem Pfleger eingelaufenen Briefe sowohl, als auch gewisse Zeitungen meldeten die unangenehme Thatsache, daß viele Ravensnestpächter sich der Association angeschlossen hatten, zur Unterhaltung der »Inschens« Beisteuern leisteten und auf dem Punkte waren, in Betreff ihrer Anschläge und Plünderungsentwürfe so schlimm als die Uebrigen zu werden, obwohl sie noch immer ihre Renten zahlten. Der letztere Umstand wurde von unsrem Agenten der Thatsache zugeschrieben, daß viele von den Pachtverträgen dem Verfalle nahe seien, und es dann in meiner Gewalt stehe, an die Stelle mehrerer der gegenwärtigen Farm-Inhaber ehrlichere und grundsatzfestere Leute zu setzen. Wir trafen demgemäß unsere Maßregeln zu einem möglichst baldigen Aufbruch von Paris, um noch im Monat Mai die Heimath zu erreichen. »Wenn wir Zeit hätten, würde ich bei dem gesetzgebenden Körper einige schriftliche Vorstellungen einreichen,« bemerkte mein Onkel ein paar Tage vor unserer Abreise nach Havre, wo wir uns auf dem Packetboote einschiffen wollten. »Ich habe gute Lust, als freier Mann gegen die Beeinträchtigung meiner Rechte, welche von den vorgeschlagenen Gesetzen beabsichtigt wird, Protest einzulegen; denn der Gedanke gefällt mir gar nicht, daß mir die Befugniß verkümmert sein soll, ein Pachtgut auf so lange Zeit, als ich es erhalten kann, zu miethen. Dieß ist nämlich eines von den Projekten, welche die Ultrareformer des freien und gleichen New-Yorks in Antrag gebracht haben. In welche merkwürdigen Thorheiten verfallen nicht die Menschen, Hugh, sobald sie – sei es in der Politik, oder in der Religion, oder in Sachen der Liebhaberei – sich in Uebertreibungen einzulassen anfangen. Unter unsern edlen Menschenfreunden sieht jetzt auf einmal die Hälfte die allerschlimmsten Folgen für die Menschenrechte in dem Umstand, daß einer dem andern auf möglichst lange Zeit Grund und Boden abzumiethen sucht, während sie sonst für das Lob des freien Verkehrs nicht Worte genug finden können. Manche Journale halten letztern für ein so treffliches Mittel, Grundbesitzer und Pächter an einer geordneten Uebereinkunft zu hindern, daß sie sich sogar über den Gedanken eines festen Preises für Miethkutschenplätze lustig machen; ihrem Princip vom freien Verkehr nach wäre es viel besser, die Leute im Regen stehen und um den Preis mäkeln zu lassen. Manche von unsern Philanthropen lassen sich's entweder angelegen sein, die Gesetzgebung zu spornen, daß sie den Bürger eines so einfachen Mittels der Ueberwachung seines Eigenthums beraube, oder stehen bei einem so ungeheuerlichen Treiben als müssige Zuschauer da.« »Die Stimmen, Sir, die Stimmen kommen hier hauptsächlich in Rechnung.« »Ja wohl, die Stimmen; denn nichts als diese sind im Stande, solche Leute mit ihren eigenen Inconsequenzen zu versöhnen. Was dich betrifft, Hugh, so wirst du gut daran thun, den bedeckten Kirchenstuhl abzuschaffen.« »Welchen bedeckten Kirchenstuhl? ich weiß in der That nicht, was Ihr meint.« »Du vergißst, daß der Familienstuhl in der St. Andrewskirche zu Ravensnest eine hölzerne Bedachung hat – ein Ueberbleibsel von den Sitten und Gebräuchen aus den Zeiten der Kolonie.« »Nun Ihr davon sprecht, erinnere ich mich jenes plumpen und – offen gestanden – sehr häßlichen Vorsprungs, von dem ich immer annahm, er sei von den Erbauern der Kirche als Ornament angebracht worden.« »Jener häßliche Vorsprung, den du für ein Ornament hieltest, sollte eine Art Baldachin vorstellen; derartige Gegenstände nämlich galten noch bis zum Schluß des letzten Jahrhunderts im Staat und in der Kolonie als gewöhnliche Merkmale der Auszeichnung. Die Kirche wurde auf Kosten meines Großvaters, des Generals Littlepage und seines Busenfreundes und Vetters, des Obristen Dirck Follock erbaut. Beide waren gute Wighs und tapfere Vertheidiger der Freiheit ihres Landes. Sie hielten es für passend, daß die Littlepage's einen bedachten Stuhl haben sollten, und in solchem Zustande kam das Gebäude an meinen Vater. Das alte Werk steht noch immer, und Dunning schreibt mir, unter die übrigen Beweise, welche gegen deine Interessen aufgebracht werden, gehöre auch der Umstand, daß sich dein Kirchenstuhl vor denen der übrigen Gemeinde auszeichne.« »Um diese Auszeichnung würde mich gewiß kein Mensch beneiden, wenn man wüßte, daß mir der plumpe, mißgestaltete Vorsprung stets zuwider war, denn ich habe ihn immer für einen ganz abscheulichen Zierath gehalten. Daß mir dadurch eine persönliche Auszeichnung zugehen sollte, ist mir nie zu Sinn gekommen, da ich im Gegentheil stets der Ansicht war, er sei in der mißverstandenen Absicht, das Gebäude zu verschönern, nur deßhalb über unserem Stuhle angebracht worden, weil ein derartiger Auswuchs an einem solchen Platze am wenigsten Neid erwecken konnte.« »Mit einer einzigen Ausnahme finde ich dein Urtheil ganz natürlich, und vor etwa vierzig Jahren noch konnte etwas Aehnliches wohl geschehen, ohne daß die Mehrzahl der Pfarrkinder darin etwas Ungewöhnliches erblickt hätte! Doch diese Zeiten sind vorbei, und du wirst auf deinem Besitzthum die Entdeckung machen müssen, daß du gerade in den Dingen, die von dir und deiner Familie herrühren, außer dem, was du dir um dein Geld kaufen kannst, weit weniger Rechte besitzest, als irgend einer deiner Nachbarn. Schon die einfache Thatsache, daß die St. Andrewskirche von deinem Urgroßvater erbaut und von ihm der Gemeinde geschenkt wurde, wird vielen in der Gemeinde Anlaß geben, bei allen Fragen, welche dieses Gebäude betreffen, dir dein Stimmrecht zu verkümmern.« »Dieß ist so außerordentlich, daß ich wohl um den Grund fragen möchte.« »Der Grund beruht auf einem Zuge, welcher so augenfällig der Menschennatur im allgemeinen und der des Amerikaners insbesondere inwohnt, daß ich mich wundere, wie du nur fragen kannst. Der einzige Beweggrund ist der Neid. Gehörte der Kirchenstuhl z. B. den Newcomes, so würde Niemand Anstoß daran nehmen.« »Gleichwohl müßten die Newcomes sich lächerlich machen, wenn sie in einem Stuhle sitzen wollten, welcher sich vor denen ihrer Nachbarn auszeichnete. Die Abgeschmacktheit des Gegensatzes würde Jedermann auffallen.« »Aber in deinem Falle besteht die Abgeschmacktheit nicht, und eben dieß ist die Ursache, warum dein Sitz ein Gegenstand des Neides ist. Du wirst übrigens gerne zugeben, Hugh, daß man in einer Kirche und aus einem Kirchhofe am wenigsten mit menschlichen Auszeichnungen prunken sollte; denn im Auge Dessen, den wir Alle anbeten, und im Grabe ist ein Mensch wie der andere. Ich habe die weltlichen Auszeichnungen in den Kirchen nie leiden können, und die katholische Sitte, welche nichts von abgeschlossenen Stühlen weiß, gefällt mir recht wohl. Grabmäler sind eine Ansprache an die Welt, und haben eine allgemeine Beziehung zu der Geschichte: sie mögen daher bis zu einem gewissen Punkte wohl angehen, obwohl sie in der Regel arge Lügner sind.« »Ich bin mit Euch der Ansicht, Sir, daß es unpassend ist, in einer Kirche Auszeichnungen für einzelne anzubringen, und werde daher von Herzen gern meinen Baldachin abschaffen, obschon auch dieser seine historische Bedeutung hat. Wenn ich darunter saß, kam mir gewiß nie ein Gefühl des Stolzes zu Sinne, da ich mich im Gegentheil oftmalen seiner ungereimten Form schämte, wenn ich bemerkte, daß er die Blicke verständiger Fremder auf sich zog.« »Ich finde dieß ganz natürlich, denn wenn wir auch den Luxus und die Auszeichnungen, an die wir von Jugend auf gewöhnt sind, nicht gerne vermissen, so machen sie doch den Besitzer selten stolz, wie sehr sie auch den Neid der Zuschauer wecken mögen.« »Gleichwohl kann ich nicht einsehen, was der Kirchenstuhl mit meinen Renten oder meinen gesetzlichen Rechten zu schaffen hat.« »In einer schlechten Sache wird allem aufgeboten, was ihr möglicherweise einigen Anstrich geben kann. Wer gute, rechtmäßige Ansprüche an ein Eigenthum hat, wird nie daran denken, diese noch durch weitere scheinbare unterstützen zu wollen, und ein Gesetzgeber, der seine Maßregeln durch gute, zureichende, vor Gott und Menschen Stich haltende Gründe zu belegen weiß, braucht nicht zu Umschweifen seine Zuflucht zu nehmen. Wenn die Antirenters im Recht wären, hätten sie nicht nöthig, sich in geheime Verbindungen einzulassen, Masken vorzunehmen, mit Blut- und Donnernamen zu prunken und die Gesetzgebung des Landes durch besondere Agenten zu bearbeiten. Das Recht bedarf keiner falschen Beihilfe, um sich als solches geltend zu machen, aber das Unrecht muß alle Hilfsmittel aufbieten, die es für seinen Dienst pressen kann. Dein Kirchenstuhl heißt aristokratisch, obschon er keine politische Gewalt verleiht; man nennt ihn ein Adelspatent, obgleich durch ihn eine Berechtigung weder gegeben noch genommen wird, und er ist nebst deiner Person verhaßt – aus dem einfachen Grunde, weil du darin sitzen kannst, ohne dich lächerlich zu machen. Vermuthlich hast du die Zeitung, die ich dir mittheilte, noch nicht sorgfältig durchgelesen?« »Genug, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß sie mit hohlen Floskeln angefüllt sind.« »Mit etwas Schlimmerem, als mit Floskeln, Hugh. Du findest darin die grundsatzlosesten Ansichten und die schändlichsten Gesinnungen, welche die arme Menschennatur herabwürdigen können. Einige von den Reformern machen den Vorschlag, Niemand solle mehr als tausend Acres Land besitzen, während Andere den sehr vernünftigen Grundsatz aufstellen, daß dem Einzelnen nur so viel Landbesitz zustehe, als er bewirthschaften könne. Wie ich höre, sind in letzterem Sinne sogar Petitionen an die Gesetzgebung eingereicht worden.« »Diese hat aber weder in der Debatte noch sonst Notiz davon genommen – wenigstens ersehe ich aus den Berichten nicht, daß etwas der Art geschehen wäre.« »Ja, ich kann mir denken, daß die Rabulisten dieser ehrenwerthen Körperschaften alle diese Ungeheuerlichkeiten sorgfältig bemänteln, weil einige derselben ohne Zweifel hoffen, sie können in die Schuhe der gegenwärtigen Grundbesitzer treten, sobald sie ihre Füße aus denen herausgekriegt haben, welche sie jetzt tragen. So aber lauten die Entwürfe und Petitionen in den Spalten der Journale, und sie sprechen für sich selbst. Unter anderem sagen sie, der größere Grundbesitz sei ein adeliges Institut.« »Aus Mr. Dunning's Brief entnehme ich, es sei bei der Gesetzgebung eine Petition eingelaufen, meine Berechtigungen zu untersuchen. Nun stammt unser Grundbesitz von der Krone her ...« »Um so schlimmer, Hugh. Pfui, wer wird in einem republikanischen Lande einen Rechtstitel von der Krone herleiten wollen! Daß du dich nicht schämst, dieß zuzugestehen. Weißt du nicht, Junge, wie ernstlich schon in einem Gerichtshofe die Behauptung verfochten wurde, das Volk habe durch seine Losreißung vom englischen König alle frühern Verleihungen desselben wieder erobert, und sie müßten daher für null und nichtig erklärt werden?« »Dieß ist eine Ungereimtheit, von der ich noch nie gehört habe. Wie, die Bevölkerung New-York's, welche alle ihre Ländereien von der Krone erhielt, sollte sie für Andere erobert haben?« bemerkte ich lachend. »Mein guter Großvater und mein Urgroßvater, beide haben in der Revolution mitgefochten und ihr Blut für die Unabhängigkeit vergossen; aber sie wären recht thöricht gewesen, wenn sie ihre eigenen Besitzungen hätten erkämpfen wollen, um sie einer Bande von Einwanderern aus Neu-England und andern Theilen der Welt zu überlassen.« »Ganz richtig gesprochen, Hugh,« fügte mein Onkel bei, indem er in mein Gelächter einstimmte; »aber deine Begründung hat noch viel wichtigere Unterstützungspunkte. Auch der Staat hat in seinem Korporationscharakter diese ganze Zeit über den Betrüger gespielt. Dir ist vielleicht von der Thatsache nichts bekannt, aber ich als dein Vormund weiß, daß die Erbzinsen, welche sich die Krone bei Verleihung der Güter Mooseridge und Ravensnest vorbehielt, von dem Staat in Anspruch genommen wurden; weil er nun Geld brauchte und das Volk nicht mit Steuern belasten wollte, so verglich er sich mit uns und erhielt eine bedeutende Summe, durch welche alle spätern Leistungen abgelöst wurden.« »Dieß habe ich in der That nicht gewußt. Kann ein Beweis dafür aufgebracht werden?« »Allerdings – die Thatsache ist allen alten Knaben, wie ich bin, wohl bekannt, denn die Maßregel war durchgreifend und betraf sämmtliche große Gutsbesitzer. Die Quittungen für das bezahlte Geld finden sich noch unter unsern Familienpapieren. Aeltere Besitzungen, wie die der Rensselaers sind, haben eine noch weit nachdrücklichere Begründung ihres Rechts; denn an die Uebertragung des Landes war die Verpflichtung geknüpft, innerhalb einer gegebenen Zeit so und so viel Ansiedler aus Europa herüberzubringen. Du kannst dir denken, daß eine solche Bedingung sich nicht ohne große Kosten ausführen ließ, und auf ihr beruhte auch in Wahrheit die Gründung der Kolonie.« »Wie schlimm steht es nicht mit der Ehrenhaftigkeit eines Volkes, wenn es in einem derartigen Falle solche Thatsachen zu vergessen wünscht!« »Von Vergessen ist nicht die Rede, denn die Verhältnisse waren Denen, welche in Betreff der von der Krone eroberten Rechte das große Wort führten, wahrscheinlich nie bekannt. Wie du übrigens sagst, die Civilisation eines Staatsverbandes ist nach dem Grade zu bemessen, in welchem sie die Grundsätze der Gerechtigkeit ehrt und mit ihrer Geschichte vertraut ist. Die große Masse der Bevölkerung New-Yorks beabsichtigt bei diesem Antirenten-Kampf keine Rechtseingriffe, da für sie keine unmittelbaren Interessen darin auf dem Spiele stehen; dagegen aber muß man ihr die theilnahmlose Unthätigkeit zum Vorwurf machen, indem sie sich und ihre Gesetzgebung von Leuten, welche nur für ihr eigenes politisches Aufkommen arbeiten oder nach dem unrechtmäßigen Besitz fremden Eigenthums ringen, mißbrauchen läßt.« »Aber ist es nicht eine große Verlegenheit für eine Gegend, wie die um Albany, daß sie solchen Landbelastungen unterliegt, und daß eine so große Menschenmasse im Herzen des Staates rentenpflichtig sein soll, während es doch alle Verhältnisse wünschenswerth machen, den Unternehmungsgeist so ungefesselt, als nur möglich zu lassen?« »Ich bin nicht vorbereitet, dieß auch nur nach Maaßgabe eines allgemeinen Grundsatzes einzuräumen. Ein Haupteinwurf der Antirenters besteht z. B. darin, daß die Patroone sich in ihren Verträgen die Wasserkräfte vorbehalten haben. Nun, und wenn auch? Irgend Jemand muß die Wassergerechtigkeit besitzen und warum der Patroon nicht so gut, als ein Anderer? Um der Einwendung Gewicht zu verleihen – nicht nach der Grundlage des Gesetzes oder der Moral, sondern nur nach der einer bloßen Zweckmäßigkeit – müßte nachgewiesen werden, daß die Patroone ihre Wasserkraft nicht zu so niedrigen Renten ablassen, als andere Personen; und da ist nun meine Ansicht, sie fordern nicht halb so viel, als der Fall wäre, wenn die geeigneten Lagen für Mühlen und Fabriken einer Anzahl von Personen, die durch's ganze Land zerstreut sind, zugehörten. Aber auch, zugegeben, daß ein so großes, derartiges Besitzthum in dieser Beziehung manche Unbequemlichkeiten mit sich führt, kann es in Betreff der Weise, wie man sich der Belästigung zu entledigen sucht, unter Biedermännern eine getheilte Ansicht geben? Alles hat seinen Preis, und im industriellen Sinne gebührt auch Allem sein Preis. Niemand erkennt dieß mehr an, als der Amerikaner, oder bringt es so ausgedehnt in Anwendung. Man lasse den Rensselaers Anerbietungen machen, die sie zu einem freiwilligen Verkauf verlocken, aber gestatte nicht, daß ihre Rechte durch die heilloseste von allen Bedrückungsakten, durch eine Spezialgesetzgebung gefährdet und sie selbst durch Einschüchterung im ruhigen Besitz ihres gesetzlichen Eigenthums gestört werden. Ist der Staat der Ansicht, daß ein derartiger Besitzstand dem Gesammtwohl nachtheilig sei, so möge er das Beispiel nachahmen, welches England gegen die Sklavenhalter beobachtet – er gebe ihnen eine volle Entschädigung, bedrücke sie aber nicht durch Taxen, ungerechte Gesetze und Belästigungen aller Art. Doch genug davon vor der Hand, Hugh, wir werden die Sache zum Ueberdruß hören müssen; wenn wir nach Hause kommen. Unter meinen Briefen habe ich einige von meinen übrigen Mündeln.« »›Noch immer die alte Leyer von meiner Tochter‹, Sir,« antwortete ich lachend. »Ich hoffe, daß die lebhafte Miß Henrietta Coldbrooke und die sittsame Anna Marston sich vollkommen wohl befinden?« »Beide erfreuen sich einer trefflichen Gesundheit und schreiben ganz bezaubernd. Ich muß dich doch Henriettas Brief lesen lassen, da er ihr meiner Ansicht nach sehr zur Ehre gereicht. – Gedulde dich einen Augenblick, ich hole ihn aus meinem Zimmer.« Ich muß hier den Leser in ein Geheimniß einweihen, das mit dem Verlauf meiner Geschichte in einiger Beziehung steht. Ehe ich die Heimath verließ, war der vergebliche Versuch mit mir gemacht worden, mich zu veranlassen, daß ich mich mit einer von drei jungen Damen – mit Miß Henrietta Coldbrooke, mit Miß Anna Marston oder mit Miß Opportunity Newcome verlobe. Für die beiden Ersteren hatte mein Onkel Ro das Wort geführt, da er als ihr Vormund ein natürliches Interesse dabei hatte, für sie eine Partie ausfindig zu machen, die ihm als eine gute vorkam, während die Manöver zu Gunsten der Miß Opportunity Newcome von ihr selbst ausgingen. Unter solchen Umständen mag es daher wohl passend sein, einiges über die Persönlichkeit dieser jungen Damen zu sagen. Miß Henriette Coldbrooke war die Tochter eines Engländers von guter Familie und einigem Vermögen, der sich in Amerika niedergelassen und verheirathet hatte, weil er es um gewisser politischer Theorien willen für das verheißene Land hielt. Ich erinnere mich seiner noch als eines unzufriedenen, mißvergnügten Wittwers, der, wie man glaubte, in Folge unkluger Speculationen täglich mehr verarmte, und zuletzt in all seinem Wünschen und Sehnen so ganz und gar wieder zum Engländer wurde, daß er behauptete, die gemeine Bisamente sei ein besserer Vogel als der Cannavaßbrücken. Er starb übrigens zeitlich genug, um seinem einzigen Kinde ein Vermögen zu hinterlassen, welches unter meines Onkels trefflicher Verwaltung zu mehr als einmalhundertsiebzigtausend Dollars angewachsen war, und einen Nettoertrag von achttausend im Jahr abwarf. Dieß machte Miß Henrietta mit einemmal zu einer gesuchten Schönheit; da sie aber in meiner Großmutter eine kluge Freundin hatte, so war sie bisher vor dem Schritte bewahrt geblieben, sich an den nächsten besten Habenichts wegzuwerfen. Das Zartgefühl meines Onkels Ro kannte ich zu gut, um nicht überzeugt sein zu dürfen, daß er in seinen brieflichen Hindeutungen auf mich nicht weiterging, als der Anstand gestattete, und meine treffliche, biedere, offene alte Großmutter hatte einmal in einem Schreiben an mich einen Ausdruck fallen lassen, welcher mich auf den Glauben brachte, die leisen Anspielungen meines Onkels hätten im Herzen der jungen Dame so viel Anklang gefunden, als sich etwa mit einer Empfindung, die notwendigerweise nichts anderes, als Neugier sein konnte, füglich in Verbindung bringen ließ. Miß Anna Marston war gleichfalls eine Erbin, aber in einem viel geringeren Maaßstabe, da sie aus einigen Häusern in New-York eine Rente von etwas mehr als dreitausend Dollars bezog, und von diesen ungefähr sechzehntausend Dollars als erspartes Kapital angelegt hatte. Sie war übrigens kein einziges Kind, sondern hatte noch zwei Brüder, auf die ein eben so großer Antheil wie auf die Schwester gefallen war – ein paar lockere Vögel, die, wie es in der Regel bei den Erben von New-Yorker Kaufleuten zu gehen pflegt, auf dem besten Weg sich befanden, durch ein schwelgerisches Leben in Bälde ihres Erbtheils ledig zu werden. Unter solchen Umständen kommt einem jungen Amerikaner nichts besser zu statten, als das Reisen, durch das er entweder zum Manne gemacht oder schnell ganz zu Grunde gerichtet wird. Ein unverbesserlicher Pinsel wird von europäischen Abenteurern in kurzer Zeit dermaßen gerupft, daß er den Nothstand bald überwunden hat; ist aber der junge Reisende in Folge der schlechten Erziehung, welche man zu New-York heimisch findet, nur eitel und leichtfertig, dabei übrigens mit einigem gesunden, heimischen Kern versehen, so läßt er sich den Bart um Ohren und Kinn wachsen, kleidet sich besser, nimmt feinere Manieren an, verliert bald den Geschmack an den gemeinen und niedrigen Liebhabereien der Jugend, und eignet sich eine Bildung an, wie sie Jeder gewinnen muß, der die kostbaren Augenblicke seiner früheren Jugend nicht ganz wegwirft. Ist einer in seiner Jugend gut erzogen worden und mit der Fähigkeit begabt, auf dieser Grundlage fortzubauen, so steht zu erwarten, daß ihm bei seinem Eintritt in die alte Welt die Schuppen schnell vom Auge fallen werden. Seine Ideen und Liebhabereien gewinnen eine neue Richtung, er bildet sich zu dem verständigen Mann, den die Natur aus ihm formen wollte, und kehrt zuletzt in die Heimath zurück, eben so sehr der guten als der schlimmen Seiten bewußt, welche sein Vaterland und dessen Institutionen bieten. Ein solches Reifen an Weisheit kann dann auch nicht verfehlen, ihn zu einem bessern Menschen zu machen. Wie dieser Versuch bei den Marstons angeschlagen hatte, war weder mir noch meinem Onkel bekannt, denn sie hatten das europäische Festland besucht, während wir uns im Orient aufhielten, und waren bereits wieder nach Amerika zurückgekehrt. Was Miß Anna betraf, so hatte sie eine Mutter, welche in gleicher Weise für die Ausbildung ihres Geistes und Körpers Sorge trug, obschon das Mädchen schon von Natur aus hübsch, gefühlvoll und verständig war. Miß Opportunity Newcome spielte die belle zu Ravensnest, einem Dorfe auf meinem eigenen Besitzthum; sie war eine ländliche Schönheit, und vereinigte als solche eine entsprechende Erziehung, ländliche Sitten, Tugenden und Gewohnheiten in sich. Da Ravensnest in der Civilisation nicht sonderlich vorgeschritten, oder wie man nach Landessitte zu sagen pflegt, kein sonderlich »aristokratischer Platz« war, so will ich bei den Vorzügen dieses jungen Mädchens nicht länger verweilen; denn wenn sie auch für Ravensnest vollkommen hinreichten, so würden sie doch meinem Manuskript zu keiner wesentlichen Zierde dienen. Opportunity war die Tochter Ovids, und dieser ein Sohn Jasons aus dem Hause Newcome. Wenn ich mich des Ausdrucks ›Haus‹ bediene, so muß man mich wohl verstehen, denn die Familie hatte seit unfürdenklichen Zeiten, d. h. seit ungefähr achtzig Jahren, eine Wohnung inne gehabt, die zu einem meiner Zinsgüter gehörte. Der Name Newcome konnte daher wohl in der Gegend als ein alter gelten. Diese ganze Zeit über war ein Newcome als Pächter auf der Mühle, dem Wirthshause, dem Kaufladen und der Meierei gesessen, welche dem Dorf Ravensnest oder Littlenest, wie es gemeiniglich genannt wurde, am nächsten lag; auch dürfte es hinsichtlich der Lehre, welche meine Erzählung in sich faßt, hier nicht ungehörigen Orts sein, wenn ich beifüge, daß schon vor dieser Periode meine Vorfahren die Grundherrn gewesen waren. Ich bitte den Leser, diesen letztern Umstand im Gedächtniß zu behalten, sintemal sich bald eine Gelegenheit ergeben wird, zu zeigen, daß gewisse Personen sehr geneigt waren, dieß zu vergessen. Wie bereits gesagt, war Opportunity die Tochter Ovids und hatte einen Bruder, Namens Seneka oder Seneky, wie er sich selbst zu nennen pflegte: dieser war ein Sohn Ovids, des Sohnes von Jason, welcher als erster seines Namens auf Ravensnest wohnte. Besagter Seneka bekleidete kraft einer Licenz, die ihm von den Richtern des obersten Gerichtshofes sowohl, als von dem Gerichtshof für Civilprocesse in der County Washington verliehen war, die Stelle eines Rechtsgelehrten. Unter drei Generationen, welche mit Jason begann und mit Seneka endete, hatte stets eine Art erblicher Erziehung stattgefunden, und da der letztere Familienzweig im Dienste der Gerechtigkeit stand, so war ich hin und wieder sowohl mit ihm, als mit seiner Schwester zusammen gekommen. Ueberhaupt pflegte Miß Opportunity das Nest, wie mein Haus in vertrauten Kreisen genannt wurde – denn der wahre Name war Ravensnest, und mußte später als Bezeichnung sowohl des ganzen Besitzthums als des Dorfes dienen – sehr gerne zu besuchen; sie entfaltete früh eine große Zuneigung zu meiner lieben alten Großmutter und der mir nicht minder theuren jungen Schwester, welche namentlich zur Zeit der Herbstvacanzen einige Wochen in unserer Wohnung zubrachte. So fand ich denn vielfach Gelegenheit, den Einfluß ihrer Reize kennen zu lernen, und ich muß sagen, daß Miß Opportunity nicht versäumte, dergleichen Anlässe nach Kräften zu benützen. Wie ich hörte, hatte ihre Mutter, die denselben Namen trug, ihrem Ovid die Kunst der Liebe durch eine ähnliche Kundgebung beigebracht und den Sieg davongetragen. Diese Dame war noch am Leben und darf daher als Opportunity die Große betrachtet werden, während wir die Tochter Opportunity die Kleine nennen können. Im Alter war die junge Dame nicht sonderlich von mir verschieden, und da ich die Feuerprobe des verfänglichen Alters von zwanzig bereits zurückgelegt hatte, war, nun ich fünf Jahre weiter zählte, von einer wiederholten Bestehung der Gefahr nichts Sonderliches mehr zu fürchten. Ich muß übrigens auf meinen Onkel und den Brief der Miß Henrietta Coldbrooke zurückkommen. »Hier ist er, Hugh!« rief mein Vormund heiter; »ich kann dir sagen, ein Kapitalbriefchen! Ich wünschte nur, daß ich ihn dir ganz vorlesen könnte; aber die beiden Mädchen haben mir das Versprechen abgenommen, daß ich ihre Depeschen nie Jemand zeigen wolle – dieß war natürlich auf dich gemünzt – denn nur unter dieser Bedingung wollten sie in ihrer Korrespondenz an mich über die gewöhnlichen Gemeinplätze hinausgehen. Jetzt sprechen sie ihre Gefühle natürlich und unverhohlen aus, so daß ich an ihren Briefen eine wahre Freude habe; indeß darf ich es wohl wagen, dir einen kleinen Auszug daraus zu geben.« »O, unterlaßt es lieber, Sir, denn Ihr begeht dabei doch eine Art von Verrath, dessen ich mich in der That nicht theilhaftig machen möchte. Wenn Miß Coldbrooke nicht wünscht, daß ich lese, was sie schreibt, so muß es wohl ebenso sehr ihrer Absicht zuwider laufen, wenn mir etwas aus ihren Briefen vorgelesen wird.« Onkel Ro warf mir einen Blick zu, in welchem sich Unzufriedenheit über meine Gleichgültigkeit auszudrücken schien. Dann las er den Brief für sich, lachte hier, lächelte dort, und murmelte ein: »trefflich!« »gut!« »bezauberndes Mädchen!« »einer Hannah More!« würdig u. s. w. vor sich hin, als ob er dadurch meine Neugierde reizen wolle. Wie übrigens jeder junge Mann von fünfundzwanzig Jahren sich recht wohl denken kann, trug ich kein Verlangen darnach, »Hannah More« zu lesen, weßhalb ich gegen alle diese Verlockungen mit der Ruhe eines Stoikers Stand hielt. Mein Vormund mußte daher nachgeben und legte die Briefe wieder in sein Schreibpult. »Nun, die Mädchen werden sich freuen, uns wieder zu sehen,« sagte er nach einem kurzen Nachdenken; »ich kann mir schon jetzt ihre Ueberraschung vergegenwärtigen, denn in dem Schreiben an meine Mutter meldete ich, daß wir nicht vor dem Oktober eintreffen würden. Jetzt treffen wir spätestens Anfangs Juni ein.« »Ich zweifle nicht, daß Patt sehr erfreut sein wird; was übrigens die beiden jungen Damen betrifft, so haben sie sich um so viele Freunde und Verwandte zu bekümmern, daß ihnen an uns sicherlich nicht viel gelegen sein kann.« »Du thust ihnen Unrecht und könntest dich aus ihren Briefen davon überzeugen; sie nehmen den lebhaftesten Antheil an unsern Bewegungen und sprechen von meiner Rückkehr, als ob sie derselben mit der größten Erwartung und Freude entgegensehen.« Die Antwort, die ich Onkel Ro gab, war etwas vorlaut; aber die Billigkeit fordert, daß ich sie hier berichte. »Dieß glaube ich wohl, Sir, entgegnete ich; aber welche junge Dame sieht nicht mit ›Erwartung und Freude‹ der Rückkehr eines Freundes entgegen, der in Paris gewesen ist und bekanntlich eine gut gespickte Börse führt.« »Wahrhaftig, Hugh, du verdienst keines von diesen theuern Mädchen, und wenn ich's ändern kann, sollst du auch keines davon kriegen.« »Danke schön! Sir!« »Pfui; das ist schlimmer als einfältig – es ist roh. Ich stehe dafür, die eine wie die andere würde deine Werbung zurückweisen, und wenn du morgen um ihre Hand nachsuchtest.« »Dieß hoffe ich um ihrer selbst willen, Sir, denn es wäre doch eine gar handgreifliche Demonstration, wenn eine derselben gleich auf die Bewerbung eines Mannes einginge, den sie kaum kennt, und den sie seit ihrem fünfzehnten Jahre nicht mehr gesehen hat.« Onkel Ro lachte, aber ich bemerkte, daß er sehr ärgerlich war; und da ich ihn trotz meiner Abneigung gegen seine Verheirathungspläne von Herzen liebte, so lenkte ich das Gespräch in scherzender Weise auf unsere bevorstehende Abreise. »So höre denn, Hugh, was ich thun will,« rief mein Onkel, der in manchen Dingen etwas knabenhaft war – ein Umstand, der ohne Zweifel von seiner alten Junggesellenschaft herrührte; »ich habe eben am Bord des Packetschiffes falsche Namen eintragen lassen, und wir werden alle unsere Freunde überraschen. Unsere Leute kennen wir so weit, daß wir sicher sein dürfen, weder Jakob noch dein Diener wird uns verrathen, und wenn wir je etwas befürchten, so können wir sie ja über England nach Hause schicken. Wir beide haben Effekten in London, nach denen man sehen muß, und die Burschen gehen dann über Liverpool. Dieß ist ein guter Gedanke, und ich freue mich, daß er mir glücklicherweise noch eingefallen ist.« »Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden, Sir. Ohnehin nützt mich zur See mein Diener ebenso wenig, als ein Automat, und es ist mir lieb, wenn ich sein Jammergesicht nicht sehen muß. Er ist zwar ein Kapitalbursche auf dem Lande, aber eine wahre Niobe, wenn er auf dem Salzwasser dahinschwimmen soll.« Die Sache wurde ins Reine gebracht, und ein paar Tage später brachen unsere beiden Leibdiener, d. h. Jakob, der Schwarze, und Hubert, der Deutsche, nach England auf. Die Wohnung in Paris, von welcher mein Onkel stets behauptete, ich müsse mit meiner jungen Braut einen Winter in derselben zubringen, wurde auf's Neue vermiethet, und wir traten in einer Art von Incognito den Weg nach Havre an. Auf dem Packetboot hatten wir ein Erkanntwerden nicht zu besorgen, um so weniger, da wir zuvor schon die Ueberzeugung eingeholt hatten, daß sich keine Bekannten in dem Schiff befanden. Ich hatte eine große Familienähnlichkeit mit meinem Onkel, weßhalb wir uns für Vater und Sohn ausgaben. Onkel Ro war der alte Mr. Davidson und ich der junge Mr. Davidson aus Maryland – oder Meir-rland – wie der Name im dorischen Dialekte dieses Staates lautet. Dieser Theil der Täuschung hatte eigentlich keine andere Behelligung für uns, als daß ich meinen angeblichen Vater nicht Onkel nennen durfte, da ein derartiger Verstoß natürlich unter einer fremden Gesellschaft aufgefallen wäre. Die Ueberfahrt selbst lief ohne erwähnungswerthe Ereignisse ab. Wir hatten den gewöhnlichen, durchschnittlichen Wechsel von gutem und schlechtem Wetter, die gewöhnliche Verpflegung mit Speise und Trank und den gewöhnlichen Antheil von langer Weile. Der letztere Umstand trug vielleicht hauptsächlich dazu bei, einen weiteren Plan meines Onkels zur Reife zu bringen, den ich hier anführen muß. Er hatte seine Briefschaften und Zeitungen abermals durchgelesen und war hiedurch auf den Glauben gekommen, die Anti-Renten-Bewegung habe weit mehr Bedeutung, als es ursprünglich den Anschein gewonnen. Das heimliche Bündniß unter den Pächtern hatte, wie wir von einem verständigen New-Yorker erfuhren, der mit uns reiste, sich viel weiter verbreitet, als wir unsern Berichten zu Folge anzunehmen Grund hatten, und man hielt es sogar in vielen Fällen entschieden für gefährlich, wenn sich Grundherrn auf ihren Besitzungen blicken ließen. Der allgemeinen Annahme zu Folge hatten sie Beschimpfung, persönliche Beleidigung, wo nicht gar Ermordung zu besorgen. Allerdings war aus dem bereits vergossenen Blut wenigstens so viel Gutes hervorgegangen, daß den ungestümeren Kundgebungen ein Zügel angelegt wurde; aber trotz aller der säumigen Erklärungen, daß man nur mit Mäßigung zu Werk gehen wolle und blos nach dem Rechte trachte, ließ sich doch unter den Pächtern leicht ermitteln, daß sie im Geheim entschlossen waren, ihre Absichten durchzusetzen. Wie konnte auch in diesem Falle von Recht die Rede sein, da dieses durch den Buchstaben sowohl als durch den Geist der Verträge gegeben war, und man so augenfällig sah, daß die Unzufriedenen es hierauf zuletzt abhoben! Dem erfahrenen Manne gelten Betheurungen für nichts, wenn sie mit einem Handeln verbunden sind, das ihnen geradezu widerspricht. Für Alle, welche einen Blick in die Sache thun mochten, war es nur zu augenfällig, und zwar durch Beweise, welche nicht täuschen konnten, daß die große Masse der Pächter in den verschiedenen Counties New-Yorks darauf erpicht war, auch ohne die Zustimmung der Grundherren Vortheile aus ihren Farmen zu ziehen, die ihnen durch die Verträge nicht zugestanden waren; ihre Anschläge waren demgemäß von einer Art, wie sie kein ehrlicher Mann in der Gemeinschaft hätte dulden sollen. Schon die Thatsache, daß sie das sogenannte »Inschens«-System unterstützten oder auch nur gewähren ließen, gab ihre Beweggründe zur Genüge zu erkennen, und wenn wir dabei noch ferner in Erwägung ziehen, daß diese »Inschens« bereits zu dem Aeußersten des Blutvergießens geschritten waren, so konnte wohl Niemand mehr daran zweifeln, daß die Angelegenheiten bald zu einer Krisis kommen mußten. Wir beide, Onkel Ro und ich, stellten über alle diese Dinge mit der größten Ruhe unsere Betrachtungen an, und entschieden uns für ein Verfahren, das man hoffentlich nicht für unklug halten wird. Da dieser Entschluß folgereich für mein ganzes künftiges Leben wurde, so will ich jetzt in kurzen Zügen andeuten, was uns zu demselben bestimmte. Es war für uns höchst wichtig, Ravensnest persönlich zu besuchen, und doch konnte ein derartiger offener Schritt sehr gefährlich werden. Das Nesthaus stand mitten auf dem Besitzthum, und da wir die Stimmung der Pächter nicht kannten, so war es vielleicht unklug, unsere Anwesenheit wissen zu lassen. Die Umstände begünstigten übrigens den Plan unseres Incognitobesuchs; denn da man uns erst im Herbst oder mit dem »Fall der Blätter,« – wie diese Zeit des Jahres poetisch in Amerika genannt wird – erwartete, so konnten wir wohl annehmen, daß wir bei unserem unvorhergesehenen Eintreffen auch unentdeckt blieben. Die Art, wie wir dieß angriffen, war sehr einfach, und läßt sich am besten im Laufe der Erzählung darstellen. Das Packetschiff hatte eine leidlich kurze Fahrt gehabt, da wir in neunundzwanzig Tagen von Land zu Land gelangten. An einem lieblichen Mai-Nachmittag wurden wir vom Deck aus zum erstenmal der Höhen von Ravesink ansichtig, und eine Stunde später erblickten wir die thurmähnlichen Segel der Küstenfahrer, welche sich in der Nähe des niedrigen Landvorsprunges, der den bezeichneten Namen Sandy-Hook führt, versammelt hatten. Bald nachher tauchten die Leuchtthürme aus dem Wasser auf, und allmälig traten die Gegenstände an der New-Jersey-Küste aus dem nebligen Hintergrunde hervor, bis wir endlich nahe genug standen, um zuerst von dem Lootsen und dann von den Neuigkeitsbooten geentert zu werden. Merkwürdiger Weise kam jener vor diesem an, denn die Sucht nach Neuigkeiten ist in unserer guten Republik gewöhnlich viel zu rührig, als daß man auch mit der größten Wachsamkeit diesem Uebel entgehen könnte. Mein Onkel musterte die Mannschaft des Neuigkeitsboots auf's sorgfältigste, und da er Niemand an Bord bemerkte, den er schon früher gesehen hatte, so schloß er in Betreff der Ueberfahrt nach der Stadt den Handel ab. Wir hatten den Fuß eben auf die Batterie gesetzt, als die Uhren New-York's 8 Uhr schlugen. Ein Zollbeamter untersuchte unsere Reisesäcke, und ließ sie passiren; denn unsere übrigen Effekten befanden sich noch auf dem Schiff und unter der Obhut des Kapitäns, welchen wir um diese Gefälligkeit angegangen hatten. Jeder von uns besaß ein Haus in der Stadt, aber wir wollten unsern Wohnungen nicht nahe kommen. Die meinige hatte blos den Zweck, Winters zum Gebrauch meiner Schwester und einer Tante zu dienen, welche während der Saison sich des Mädchens freundlich annahm, während das Haus meines Onkels hauptsächlich nur von seiner Mutter bewohnt wurde. Zu der gegenwärtigen Jahreszeit waren aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein paar alte Diener der Familie daselbst zu treffen, und es gehörte mit zu unserem Plan, sogar diese zu meiden. »Jack Dunning« aber, wie ihn mein Onkel stets zu nennen pflegte, war eher ein Freund, als ein Geschäftsführer, und hatte seine Junggesellenwirthschaft in Chamberstreet – – einem Stadttheil, auf den wir es zuvörderst abhoben. Um dahin zu gelangen, schlugen wir den Weg durch Greenwichstreet ein, weil wir fürchteten, in Broadway Jemand zu begegnen, von dem wir erkannt werden konnten.   Viertes Kapitel. Bürgerhaufen : Sprich! Sprich! Erster Bürger : Seid ihr alle entschlossen, lieber zu sterben, als zu hungern? Bürgerhaufen : Ja, fest entschlossen! Erster Bürger : So vernehmt denn zuerst: Cajus Marcus ist der Hauptfeind des Volkes. Bürgerhaufen : Wir wissen es, wir wissen es. Erster Bürger : Wir wollen ihn todtschlagen, und können dann für das Korn selbst den Preis machen. Bleibt's dabei?   Selbst der eingefleischteste Manhattanese, wenn er schon etwas von der Welt gesehen hat, muß einräumen, daß New-York im Allgemeinen auf das Auge keinen sehr günstigen Eindruck macht. Dieß fiel mir sogar um diese Stunde auf, als wir stolpernd auf einem heillos schlechten Nebenwege dahin gingen; denn Jedermann kann sich denken, daß ich nach einer Abwesenheit von fünf Jahren mich allenthalben umsah. Unmöglich konnten mir die ungereimten Zusammenstellungen entgehen – die Marmorwohnungen in unmittelbarer Berührung mit erbärmlichen niedern Holzhäusern, das schlechte Pflaster, und vor allem das kleinstädtische Aussehen einer Stadt von fast viermalhunderttausend Seelen. Ich weiß zwar wohl, daß viele von den Mängeln der schnellen Vergrößerung zuzuschreiben sind, welche dem Platz ein so buntes, wirres Aussehen gegeben hat; aber, obgleich ein Manhattanese von Geburt, halte ich es doch für passend, den Uebelstand unverhohlen zuzugestehen, wäre es auch nur zur Belehrung eines gewissen Theils meiner Mitbürger, welche in Betreff dieses Punktes an einer gewissen Verblendung leiden. Was die Vergleichung der Bai von New-York mit der von Neapel betrifft, so mag ich mich um der spießbürgerlichen Gefühle von Broadway und Bondstreet willen ebenso wenig einer solchen Thorheit schuldig machen, als ich den Handel des alten Parthenope dem des alten New-York an die Seite stellen möchte, um dadurch in den Busen irgend eines Bottegajo von Toledo oder von dem Chiaja selbstgefällige Empfindungen zu wecken. Unser schnell zunehmendes Manhattan ist in seiner Art eine große Stadt, ein wundervoller Platz, der meiner Ansicht nach, was Unternehmungsgeist und Geschäftstätigkeit betrifft, auf Erden nicht seines Gleichen hat; es wäre daher nicht leicht, einen derartigen Ort durch Spötteleien und Hindeutungen auf den positiven Stand der neuen Welt lächerlich zu machen, obschon er durch eine Vergleichung mit London, Paris, Wien und Petersburg weit verlieren müßte. Der Manhattanese trägt sich viel zu viel mit der amerikanischen Vorstellung von der Gewalt der Zahlen, und glaubt daher, daß der höhere Rang, den eine Stadt einnimmt, gleichfalls durch Majoritäten zu erzielen sei. Aber nein – laßt uns stets des alten Sprüchleins eingedenk sein: » ne sutor ultra creqidam .» New-York kann wohl die Königin des »Geschäftslebens,« nicht aber die Königin der Welt genannt werden. Jeder, der von Reisen zurückkömmt, sollte einen Beitrag zu dem allgemeinen Wissensvorrath mitbringen; ich will daher meinen Mitbürgern einen Wink geben, der ihnen, wie ich glaube, als Maßstab dienen, und sie an einem gewissen moralischen Pulsschlag erkennen lassen kann, wann ihre Vaterstadt sich wirklich zur Höhe einer eigentlichen Großstadt aufzuschwingen beginnt. Als guten Grundsatz kann man wohl betrachten, daß die Einfachheit an die Stelle der Anmaßung treten müße; da aber die Erkenntniß, ob dieß wirklich stattgefunden habe, viel Uebung oder angebornen Geschmack erfordert, so will ich eine andere Regel aufstellen, die mehr für die Sinne spricht, und die Anzeigen wenigstens gut erkennen läßt. Erst wenn wir aufhören, unsere freien Plätze Parke , oder die Pferde-Bazars und die fashionablen Straßen Tattersalls und Bonstreet zu nennen – wann der Washington markt wieder in einen Bären markt umgetauft wird – wann Franklin, Fulton und andere große Gelehrte oder Erfinder die unverdiente Ehre verlieren, Schlachthäuser mit ihren Namen zieren zu müssen, wann der Ausdruck Commerciell nicht mehr als ein Vorwort von Emporium gebraucht wird – wann man vom Ausland zurückkehren kann, ohne die stete Frage hören zu müssen, »ob man wieder mit dem Vaterlande versöhnt sei,« und wann an Fremdlinge nicht je die zweite Frage lautet: »wie gefällt Euch unsere Stadt ?–«dann erst können wir glauben, die Stadt fange an, auf eigenen Beinen zu gehen, und könne für etwas gelten. Obschon New-York zuverlässig den Charakter einer Provinzialstadt trägt, und als solche die eigenthümlichen Gebrechen, Gewohnheiten und Denkweisen des Provinzlebens in sich vereinigt, so birgt sie doch manchen Mann von Welt, sogar unter der Zahl Derjenigen, die ihren Herd nie verlassen habe». In diese Klasse müssen wir auch Jack Dunning, wie mein Onkel ihn nannte, zählen, und der Leser weiß, daß wir eben im Begriff sind, dessen Haus in Chamber-Street aufzusuchen. »Wenn wir nicht gerade zu Dunning gingen,« sagte mein Onkel, als wir zu Greenwich-Street heraustraten, »so würde ich mich nicht fürchten, von den Dienern erkannt zu werden, denn Niemand denkt hier daran, einen Bedienten auch nur halbe Jahre beizubehalten. Dunning jedoch gehört der alten Schule an, und ist kein Freund von neuen Gesichtern; wir werden daher an seiner Thüre keinen Irländer treffen, wie dieß unter drei Häusern, die man heut zu Tage besucht, stets bei zweien der Fall ist.« Eine Minute später langten wir unten an Mr. Dunning's »Stoup« an. Diese Stoups oder Vorhallen sind eine wahrhaft höllische Erfindung für ein Klima mit so grimmiger Kälte, wie das unserige ist. Doch, da waren wir, und ich bemerkte, daß mein Onkel zögerte. » Parlez au Suisse ,« sagte ich. »Zehn gegen Eins, er ist frisch aus einem Bailly so oder so.« »Nein, nein, es muß der alte Nigger Garry sein.« Onkel Ro war selbst von der alten Schule, und pflegte stets »Nigger« zu sagen. – »Unmöglich kann sich Jack von Garry getrennt haben.« »Garry« war das Diminutiv von Garret, einem in Amerika ziemlich gewöhnlichen holländischen Vornamen. Wir klingelten, und – nach etwa fünf Minuten ging die Thüre auf. Obschon eben jetzt die Ausdrücke »Aristokrat« und »Aristokratie« durch ganz Amerika ebensosehr in aller Leute Munde sind, als man die Worte »Lehenwesen« und »Mittelalter« nicht blos auf die Pachtverhältnisse, sondern auch auf gewisse Arten zu leben anwendet, so gibt es doch im ganzen Lande nur einen einzigen Pförtner, und dieser gehört zum weißen Haus in Washington. Ja, ich fürchte sogar, daß selbst diese Person, so königlich einzig sie als Pförtner dasteht, oft nicht vorhanden ist, wie denn auch die Aufnahme, die man – im Falle er sich finden läßt – von ihm erhält, nicht eben unter die glänzendsten und königlichsten gehört. Nachdem wir drei Minuten gewartet hatten, sagte Onkel Ro: »Ich fürchte, Garry thut beim Kuchenfeuer ein Schläfchen. Will's doch noch einmal versuchen.« Onkel Ro klingelte abermals, und zwei Minuten später öffnete sich die Thüre. »Was steht zu Dienst?« fragte der Suisse mit derbem Accent. Mein Onkel fuhr zurück, als hätte er einen Geist gesehen; dann aber fragte er, ob Mr. Dunning zu Hause sei. »Ja wohl, Sir!« »Ist er allein, oder hat er Gesellschaft?« »Ja wohl, Sir.« » Was , ja wohl?« »Daß es so ist.« »Wollt Ihr Euch die Mühe nehmen, mir zu erklären, was so ist? Hat er Gesellschaft, oder ist er allein?« »Just dieß. Spaziert herein; er wird erfreut sein, Euch zu sehen. Seine Ehren ist ein feiner Gentleman, und es ist wahrhaftig eine Freude, bei ihm zu leben.« »Wie lange ist's her, daß Ihr Irland verlassen habt?« »Es ist schon lange,« entgegnete Barney, indem er die Thüre schloß. »Dreizehn Wochen auf den Tag hin; aber tretet ein.« »Nur voran, und zeigt uns den Weg. Hugh, es ist ein schlimmes Vorzeichen, daß von allen Menschen im Lande gerade Jack Dunning seinen Bedienten wechseln mußte. Wie konnte er auch den guten, ruhigen, trägen, achtbaren Graukopf, den Neger Garry gegen einen solchen Sumpfvogel, wie dieser Kerl da, vertauschen, der die Treppen hinaufklettert, als ob er nur an Leitern gewöhnt sei.« Wir mußten in den zweiten Stock hinaufsteigen, und Dunning in seiner Bibliothek aufsuchen, wo er stets seine Abende zu verbringen pflegte. Als er uns Beide vor sich stehen sah, drückte er eine eben so große Ueberraschung aus, als die war, welche mein Onkel kurz zuvor erfahren hatte. Eine bedeutsame Geberde bewog ihn jedoch, die Hand seines Freundes und Klienten zu ergreifen. Es wurde kein Wort gesprochen, bis der Schweizer das Zimmer verlassen hatte, der, die Thüre in der Hand, eine lästig lange Weile stehen blieb, um zu hören, was zwischen seinem Herrn und dessen Gästen vorgehe. Endlich aber trat der ehrliche, wohlmeinende Bursche ab, und die Thüre schloß sich. »Mein letztes Schreiben hat Euch nach Hause gebracht, Roger,« begann Jack, sobald er sprechen konnte; denn sein Schweigen hatte eben so sehr in der Ueberraschung seiner Gefühle, als in der nöthigen Vorsicht seinen Grund. »Dieß ist allerdings der Fall. Dem gemäß, was ich gehört habe, müssen große Veränderungen im Land vorgegangen sein, und eines der schlimmsten Anzeichen besteht wohl darin, daß Ihr Garry abschafftet, und einen Irländer an seine Stelle setztet.« »Ach, leider sterben alte Leute so gut, wie alte Grundsätze. Der arme Bursche segelte in der letzten Woche ab, und in Ermanglung eines Bessern nahm ich den Irländer in's Haus. Nachdem ich den guten Garry, der noch als Sklave im Haus meines Vaters geboren wurde, verloren hatte, war mir alles gleichgültig, und ich ließ mir den ersten besten gefallen, der mir von dem Ankündigungs-Bureau zugeschickt wurde.« »Wir müssen behutsam sein, Dunning, und dürfen uns nicht zu bald fügen. Aber hört mich zuerst an, und dann wollen wir auf andre Dinge übergehen.« Mein Onkel setzte ihm jetzt auseinander, daß er incognito bleiben wolle, und theilte ihm die Gründe seines Wunsches mit. Dunning hörte aufmerksam zu, schien aber unschlüssig zu sein, ob er den Plan seines Freundes gut heißen oder tadeln sollte. Die Sache wurde in Kürze verhandelt, und dann auf weitere Besprechung ausgesetzt. »Wie steht es mit jenem großen moralischen Zerwürfniß, dem sogenannten Anti-Rentismus? ist er im Abnehmen oder noch immer im Steigen begriffen?« »Dem äußeren Anschein nach vielleicht im Abnehmen; was jedoch die Grundsätze, das Recht und die Thatsache betrifft, müssen wir eher von einem weiteren Umsichgreifen sprechen. Die Sucht, sich Stimmen zu sichern, wirkt auf die Politiker aller Farben so verführerisch, daß sie sich bereitwillig als Werkzeuge brauchen lassen, und es steht nun im hohen Grade zu befürchten, daß diese dreiste Widerrechtlichkeit fortan unter gesetzlichen Formen begangen wird.« »In welcher Weise wäre ein Gerichtshof im Stande, einen bestehenden Vertrag anzutasten? Die oberste Justizstelle der Vereinigten Staaten muß nothwendig alles wieder in's Gleiche bringen.« »Ich muß sagen, daß dieß allerdings die einzige Hoffnung aller rechtlich Gesinnten ist; im Uebrigen aber wäre es Thorheit, zu erwarten, daß eine Körperschaft, wie die aus dem gewöhnlichen Menschenschlag zusammengesetzte Staatsgesetzgebung ist, der Verlockung widerstehen sollte, sich durch Begünstigung des großen Haufens den Besitz der Macht zusichern. Von dieser Seite her ist also nichts zu hoffen . Einzelne leisten vielleicht Widerstand; aber die allgemeine Stimmung wird sich im Gegensatz zu den Wenigen für das Interesse der Vielheit erklären, und dann müssen eben die Theorien durch schwülstige Tiraden unterstützt werden. Zuvörderst wird man den Vorschlag aufgreifen, die Renten unter dem Namen von Erbzins zu besteuern.« »Dieß wäre ein höchst ungerechtes Verfahren, und würde einen Widerstand ebenso rechtfertigen, als sich unsere Vorfahren für berechtigt hielten, sich gegen die Besteuerung Großbritanniens aufzulehnen.« »Im gegenseitigen Falle sogar noch mehr, da wir die schriftliche Zusicherung einer gleichförmigen Besteuerung haben. Der große Grundbesitzer zahlt bereits aus jeder seiner Farmen eine vollständige Steuer, die im ursprünglichen Vertrag mit dem Pächter von der Rente in Abzug kömmt, und nun will man die Renten selbst mit einer neuen Taxe belegen. Auch geschieht dieß nicht etwa in der Absicht, um die Staatseinkünfte zu erhöhen, da man zugestandener Maßen keine weiteren Mittel braucht, sondern es liegt dem Ganzen blos der Plan zu Grund, den Grundbesitzern immer mehr Anlaß zu geben, daß sie gerne von ihren Berechtigungen abstehen. Hat man's einmal so weit gebracht, so wird für den Verkauf der Grundsatz aufgestellt, daß Niemand als der Pächter Käufer sein dürfe oder könne. Dann werden wir ein schönes Schauspiel erleben. Leute, welche sich unter der Bedrängniß eines Geschreies, das so viel wie thunlich im Gesetz einen Hinterhalt erzwungen hat, von ihrem Eigenthum trennen, und Käufer, welche das Monopol besitzen, selbst den Preis machen zu dürfen! Ja, es geht schön zu in einem Lande, welches sich auf seine Liebe zur Freiheit so große Stücke einbildet, und in welchem die vorherrschende Klasse der Politiker Freunde eines vollkommen freien Verkehrs sind!« »Mit den Inkonsequenzen der Politik nimmt es freilich kein Ende.« »Es hat kein Ende mit der Schurkerei, wenn die Männer der Gewalt sich durch Köpfe, nicht durch Grundsätze beherrschen lassen. Bezeichnet die Zustände lieber mit dem rechten Namen, Ro, denn sie verdienen es wohl. Diese Sache ist so einfach, daß sie ein Blinder verstehen kann.« »Aber wird der Besteuerungsentwurf durchgreifen? Uns z. B. kann er nichts angehen, da unsere Pachtverträge auf drei Lebensdauern festgesetzt sind.« »O, dieß will noch nichts heißen. Für Leute in Eurer Lage sinnt man auf ein Gesetz, welches fortan verbietet, länger als auf fünf Jahre zu verpachten. Hugh's Verträge werden bald fällig sein, und dann kann er Niemand mehr länger als auf fünf Jahre zu einem Sklaven machen.« »Sicherlich wird kein Mensch so thöricht sein, zu glauben, daß das Durchgehen eines derartigen Gesetzes die Aristokratie dämmen, und den Pächtern Vortheile verschaffen werde!« rief ich lachend. »Lacht wie Ihr wollt, junger Sir,« nahm Jack Dunning wieder auf, »aber mit der Absicht trägt man sich wirklich. Ich kann mir wohl denken, was Ihr vorbringen wollt; Ihr werdet sagen, je länger der Pachtvertrag währt, desto mehr Vortheil hat der Pächter, wenn anders die Bedingungen leidlich sind; auch können die größeren Grundbesitzer für die Benützung ihrer Ländereien nicht mehr verlangen, als sie in diesem Land Werth sind, wo es zufälliger Weise mehr Grund und Boden, als Arbeiter gibt. Aber nein, die Landbesitzer erhalten aus diesem einfachen Grunde eher weniger für ihren Boden, als er werth ist. Ihr denkt deßhalb, wenn man einen Pächter zwinge, für die kurze Dauer von fünf Jahren einen Vertrag einzugehen, so erwachse ihm daraus ein Nachtheil, und er falle mehr der Willkür des Grundherrn anheim, weil er natürlich wünschen müsse, sich die Kosten und Mühen eines Umzugs zu ersparen, auch liege es in seinem Interesse, die angesäten Aecker zu schneiden, und den Ertrag des von ihm gemachten und verführten Düngers einzuheimsen. Ich sehe wohl, wie Ihr da rechnet, junger Sir; aber Ihr seid kläglich weit hinter der Zeit zurück.« »Dann müßte die Zeit in der That wunderlich sein! Durch die ganze Welt herrscht die Ansicht, daß Pachtverträge von langer Dauer im Interesse des Pächters liegen, und caeteris paribus kann dieß Verhältniß durch nichts geändert werden. Wohl können durch eine derartige Maßregel Recht, Moral und eine bestimmte Gesetzgebung verletzt werden; aber wie wäre ein neuer Steuersatz im Stande, uns unsere Berechtigungen überhaupt zu entreißen? Nach der Art, wie ich anderweitig auf Ravensnest besteuert bin, hätte ich aus hundert Dollars Renten etwa fünfundfünfzig Cents zu bezahlen; wer kann wohl glauben, ich werde um einer solchen Auflage willen ein Besitzthum aufgeben, daß sich in meiner Familie durch fünf Generationen vererbt hat?« »Ganz schön, Sir, ganz schön! prächtige Worte – aber ich möchte Euch rathen, ja nicht von Euren Vorhaben zu sprechen. Heut zu Tage können sich Grundbesitzer nicht ungestraft auf ihre Vorfahren berufen.« »Ich erwähne der meinigen blos als eines Grundes für die natürliche Vorliebe, die mich an meine Güter fesselt.« »Dieß könntet Ihr thun, wenn Ihr ein Pächter wäret, aber als einem Grundbesitzer läßt man es Euch nicht hingehen. Beim Grundbesitzer wird es zu aristokratischem, unerträglichem Stolze, der im höchsten Grad anstößig oder, wie Dogberry sagt: ›ganz tolerabel und nicht zu prästiren‹ ist.« »Gleichwohl handelt sich's um eine Thatsache , und es liegt nur in der Natur derselben, daß sich die Gefühle nicht von ihr loszählen können.« »Je unwidersprechlicher ein Thatbestand ist, desto weniger wird er Beifall finden. Man bringt eine Stellung in der Gesellschaft wohl mit Reichthum und anderweitigem Besitz in Verbindung, aber nicht mit Farmen, und je länger man letztere in einer Familie hatte, desto schlimmer ist es.« »Ich glaube, Jack,« fügte Onkel Ro bei, »daß bei uns das Gegentheil von dem stattfindet, was in der ganzen übrigen Welt Geltung hat. Man ist der Ansicht, die Ansprüche einer Familie werden durch die Zeit eher vermindert, als verstärkt.« »Gewiß,« antwortete Dunning, ohne mir Gelegenheit zu geben, etwas beizufügen. »Erinnert Ihr Euch noch jenes albernen Briefs, den Ihr mir Einmal aus der Schweiz in Betreff einer Familie, de Blonai genannt, schriebt? Ihr sagtet, sie hause schon etliche sechs- oder achthundert Jahre auf einem kleinen Felsenschlößlein, und wußtet mir nicht genug zu erzählen von der Achtung und Verehrung, welcher dieser Umstand wecke. Na, alles dieß war sehr thöricht, wie Ihr bei Gelegenheit Eures Incognitobesuchs zu Ravensnest finden werdet. Ich will dem Resultat der Belehrung, die Ihr dort zu gewärtigen habt, nicht vorgreifen, aber geht immerhin in diese Schule.« »Die Rensselaers und andere große Grundeigenthümer, welche Besitztümer mit eisernen Verträgen haben, werden wahrscheinlich nicht geneigt sein, sie auszugeben, wenn man ihnen nicht Bedingungen stellt, die ihnen zusagen,« bemerkte mein Onkel. »Keinesfalls kann die unbedeutende Steuer, von der Hugh sprach, einen Anlaß dafür abgeben. Was verspricht sich also die Gesetzgebung von Erlassung einer derartigen Auflage?« »Daß ihre Mitglieder Freunde des Volkes, und nicht Freunde der Grundbesitzer genannt werden. Wird wohl Jemand seine Freunde besteuern, wenn er es ändern kann?« »Aber, was wird der Theil des Volks, der sich der Anti-Rentenbewegung angeschlossen hat, durch diese Maßregel gewinnen?« »Nichts; und ihre Beschwerde wird nachher eben so laut klingen, ihre Habgier eben so regsam sein. Keine Gesetzgebung kann in der Sache ein Ende erzielen, wenn sie nicht alle Wünsche dieser unruhigen Köpfe befriedigt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ein Comité der Assembly sogar den Beschluß beantragt hat, der Staat sei befugt, alle die fraglichen Ländereien an sich zu ziehen, und sie an die Pächter oder an sonst Jemand zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, lautet ungefähr so der Inhalt dessen, was die weise Versammlung herausgeklügelt hat.« »Die Constitution der Vereinigten Staaten muß Hugh's Aegide sein.« »Und diese allein wird ihn schützen, kann ich Euch sagen; aber ohne diese ehrenhafte Vorsorge in der Constitution der Föderalregierung würde sein Besitzthum unfehlbar für die Hälfte des wahren Werthes in fremde Hände gehen. Es führt zu nichts, den Stand der Dinge zu bemänteln oder dem Glauben Raum zu geben, die Menschen seien ehrlicher, als sie sind – man spricht in diesem Lande so viel von einem höllischen Gefühl der Selbstsucht, citirt es, und kömmt bei allen Gelegenheiten wieder darauf zurück, so daß man sich fast lächerlich macht, wenn man thut, als halte man noch auf Grundsätze .« »Habt Ihr gehört, auf was es die Pächter von Ravensnest insbesondere abheben?« »Sie möchten eben gerne Hugh's Ländereien haben, dieß ist alles, weiter nichts, kann ich Euch versichern.« »Und darf ich fragen, unter welchen Bedingungen?« entgegnete ich. »Sie möchten leichten Kaufs dazu kommen, wie sie selbst zu sagen pflegen, obschon auch einige darunter sind, welche erklären, sie seien bereit, einen schönen Preis dafür zu zahlen.« »Aber ich wünsche sie nicht einmal für einen schönen Preis zu verkaufen, da mir nicht entfernt einfällt, mich von einen Eigenthum zu trennen, daß mir durch die theuersten Familienerinnerungen lieb geworden ist. Ich habe auf meiner Besitzung ein kostspieliges Haus und Anwesen; dieses erhält seinen Hauptwerth von dem Umstande, daß es sich einer Lage erfreut, welche mich befähigt, auf die bequemste Weise nach meinen Angelegenheiten zu sehen. Was könnte ich mit dem Gelde anders anfangen, als ein anderes Gut kaufen? Das, welches ich bereits besitze, ist mir jedenfalls lieber.« »Pah, Junge, erinnerst du dich nicht? Du kannst Wechsel discontiren,« sagte Onkel Ro trocken. »Das höchste Tribunal hat sich dafür entschieden, daß dieser Beruf ein ehrenwerther sei, und Niemand sollte sich über das Geschäftsleben erheben wollen.« »In einem freien Lande habt Ihr kein Recht, Sir,« entgegnete Jack Dunning mit Schärfe, »ein Besitzthum dem andern vorzuziehen, namentlich nicht, wenn andre Leute ein Auge darauf haben. Eure Ländereien sind an ehrliche, der harten Arbeit gewöhnte Männer verpachtet, welche ohne silberne Gabeln ihr Essen hinunterbringen, und deren Vorfahren ...« »Halt,« rief ich lachend, »ich lasse keine Vorfahren gelten. Ihr erinnert euch, daß in einem freien Lande Niemand ein Recht an Ahnenschaft hat!« »Der Grundbesitzer nicht, wohl aber der Pächter, denn dieser kann einen Stammbaum haben, so lange als die maison de Levis . Nein Sir, jeder Eurer Pächter hat die volle Befugniß zu verlangen, daß seine Familiengefühle geachtet werden. Sein Vater hat jenen Obstgarten angepflanzt, und die Aepfel darin sind ihm lieber als alle Aepfel der Welt ...« »Und mein Vater hat die Propfreiser beigeschafft und sie ihm zum Geschenk gemacht.« »Sein Großvater lichtete jenes Feld und arbeitete die Asche zu Pottasche um ...« »Und mein Großvater erhielt jedes Jahr aus dem Lande, dessen Asche ihm zweihundertundfünzig Dollar einbrachte, eine Rente von zehn Schillingen.« »Sein Urgroßvater, ein ehrlicher, trefflicher Mann – ja sogar überehrlich, ein vertrauensvolles Wesen – nahm sich zuerst des Landes an, als es noch eine Wildniß war, fällte mit eigenen Händen das Holz, und besäete den Grund mit Weizen –« »Dessen Ertrag ihm zwanzigfältig Mühe und Aufwand vergütete, sonst wäre er nicht so einfältig gewesen, sich damit zu befassen. Auch ich hatte einen Großvater – hoffentlich wird man es nicht für aristokratisch halten, wenn ich dieß behaupte. Dieser – ohne Zweifel ein unehrenhafter, gefährlicher Schurke – trat das besagte Grundstück auf sechs Jahre vollkommen rentenfrei ab, damit sich's das ›arme vertrauensvolle Wesen‹ darauf bequem mache, ehe es anfing, für die übrigen drei Lebensdauern vom Acker sechs Pence oder einen Schilling zu zahlen, sich dabei der moralischen Gewißheit erfreuend, daß der Vertrag nach Ablauf desselben unter den freigebigsten Bedingungen, wie man diese nur in einem neuen Land kennt, wieder zu erneuern sei. Der ehrliche Mann wußte dabei recht wohl, daß er keine zwei Stunden vor seiner Thüre freies und eigenes Land erwerben konnte; gleichwohl aber gefiel ihm jener Handel weit besser, als dieser.« »Genug mit solchen Thorheiten,« rief Onkel Ro, in das Gelächter einstimmend. »Wir alle wissen, daß man in unserem trefflichen Amerika mit den besten Ansprüchen an eine Sache thun muß, als besitze man die allergeringsten, um nur das Ungeheuer Neid zu ersticken. Da wir in Betreff unserer Grundsätze einig sind, so wollen wir auf Thatsachen übergehen. Was wißt Ihr von den Mädchen, Zack, und meiner verehrten Mutter?« »Die edle, heldenmüthige Frau befindet sich in diesem Augenblick zu Ravensnest; die Mädchen wollten sie nicht allein ziehen lassen und haben sie begleitet.« »Und Ihr, Jack Dunning, duldetet, daß sie unbeschützt nach einem Landestheil ging, der sich in offenem Aufruhr befindet?« fragte mein Onkel vorwurfsvoll. »Ei, ei, Hodge Littlepage, dieß ist wohl recht erhaben als Theorie, aber nicht so einleuchtend, wenn es in Praxi ausgeführt werden soll. Ich habe Mistreß Littlepage und ihr junges Volk aus dem guten, sehr wichtigen Grund nicht begleitet, weil ich nicht getheert und gefedert zu werden wünschte.« »Ihr habt sie also der Gefahr preisgegeben, an Eurer Statt getheert und gefedert zu werden?« »Sagt, was Ihr wollt, von dem Freiheitsgeschrei, das jetzt so gewöhnlich unter uns wird und von dem wir früher nichts hörten; sagt, was Ihr wollt, Ro, von der Inconsequenz Derjenigen, welche in demselben Augenblicke, in welchem sie nach ausschließlichen Rechten und Privilegien für ihre Person ringen, über Feudalwesen, Aristokratie und Adel schimpfen; sagt, was Ihr wollt, über den Neid, dieses hervorragende Laster Amerika's, über Unehrenhaftigkeit, Schurkerei, Habgier und Selbstsucht – ich will Euch in allen Punkten beistimmen; nur sagt mir nicht, ein Frauenzimmer könne ernstlich in Gefahr kommen unter was immer für einem Amerikanerhaufen, selbst wenn dieser aus Antirenters und maskirten Rothhäuten obendrein bestünde.« »Wenn ich weiter darüber nachdenke, so glaube ich, daß Ihr hierin Recht habt. Verzeiht mir meine Wärme; aber ich habe in letzter Zeit in der alten Welt und in einem Lande gelebt, in welchem es noch nicht so lange her ist, daß man sogar Frauen wegen ihrer politischen Ansichten auf's Schaffott führte.« »Weil sie sich in Politik mengten. Eure Mutter ist in keiner ernstlichen Gefahr, obgleich schon ein kräftiger, weiblicher Sinn dazu gehört, sich auch nur zu dieser Ueberzeugung aufzuschwingen. Es gibt wenige Frauen im Staate, die ihrem Beispiele Folge geleistet haben würden, namentlich wenn man dabei ihr hohes Lebensalter berücksichtigt; und auch den Mädchen rechne ich es hoch an, daß sie nicht von ihr wichen. Die Hälfte der jungen Männer New-Yorks waren ganz verzweifelt bei dem Gedanken, daß drei so ehrenwerthe Damen sich einer Verunglimpfung aussetzen sollten. Eure Mutter ist nur gerichtlich belangt worden.« »Gerichtlich belangt worden? Wem ist sie etwas schuldig, oder was kann sie gethan haben, um sich diesen Schimpf zuzuziehen?« »Ihr wißt, oder solltet es wenigstens wissen, wie es in diesem Lande zugeht, Littlepage; wir müssen uns ein bischen vor den Gerichten herumschlagen, selbst, wenn es uns darum zu thun ist, gegen alles Recht zu handeln. Ein offener, dreister Schurke, der unverhohlen dem Gesetz Trotz bietet, ist eine wunderseltene Erscheinung. Wir sprechen vielleicht dann am meisten von Freiheit, wenn wir ihr den tiefsten Stoß versetzen wollen, und auch die Religion betheiligt sich in nicht geringem Grade an unsern Lastern. So haben nun auch die Antirenters dem Gesetz aufgeboten, um für ihre Anschläge eine Beihilfe zu finden. Wie ich höre, wurde einer von den Rensselaers wegen Geldes verklagt, daß er in einem Fährboot borgte, um damit die Fahrt über einen Fluß bis an seine Hausthüre bezahlen zu können, und eine weitere gerichtliche Aufforderung betraf Kartoffeln, welche seine Gattin in den Straßen von Albany gekauft haben sollte.« »Von den Rensselaers aber braucht Keiner Geld zu borgen, um einen Fährmann zahlen zu können, da dieser ihn sicherlich kannte; auch stehe ich dafür, daß nie eine Dame aus der Familie Rensselaers in den Straßen von Albany Kartoffeln gekauft hat.« »Ich finde, daß Ihr von Euren Reisen einige Kenntniß mitgebracht habt,« sagte Jack Dunning mit komischem Ernste. »Eure Mutter schreibt mir, sie sei wegen siebenundzwanzig Paar Schuhen verklagt worden, die ihr ein Schuhmacher geliefert haben soll, von dem sie nie etwas sah oder hörte, bis sie den Zahlungsbefehl erhielt.« »Dieß ist also eine von den Belästigungsweisen, welche man in Anwendung bringt, um den Grundbesitzern ihr Eigenthum zu entleiden?« »Ja. Und wenn die Grundbesitzer sich sogar auf ihre feierlichen, mit gutem Vorbedacht eingegangenen Verträge berufen, welche in einem Grundgesetz eine heilige Bürgschaft haben, so schallt gleichwohl das Geschrei über Aristokratie und Bedrückung aus dem Munde derselben Menschen, und wiederholt sich unter vielen von den Geschöpfen, die hohe Ehrenstellen unter uns einnehmen – oder doch Ehrenstellen einnehmen würden – wenn diese eine solche Bezeichnung durch den Umstand verdienten, daß sie mit würdigen Männern besetzt wären.« »Ich sehe, Ihr gebt Euren Worten keinen Hinterhalt, Jack.« »Warum sollte ich auch? Worte sind das Einzige, was mir geblieben ist. Ich habe in der Regierung unseres Staats so wenig Gewicht, als jenem Irländer, der Euch eben einließ, nach fünf Jahren zustehen wird. Weniger sogar, denn er wird durch seine Stimme eine Majorität anschwellen helfen, während die meinige, da ich sie nur nach Grundsätzen abgebe, wahrscheinlich für Niemand einen Nutzen hat.« Dunning gehörte zu einer Schule, welche ziemlich viel speculative und unausführbare Theorien mit einer gediegenen Grundsatzfestigkeit verbindet, sich aber nutzlos macht, weil sie nichts von einem Vergleich wissen will. Gleichwohl hielt er es nicht mit jener Klasse von amerikanischen Doktrinären, welche behaupten – nein nicht behaupten , denn in unserem Lande thut dieß Niemand mehr, was auch seine Ansichten über den Gegenstand sein mögen – sondern welche denken , daß die politische Gewalt in letzter Stufe das Eigenthum weniger sein müsse. Er verlangte vielmehr im Gegentheil, daß New-York umfassende Vollmachten und Berechtigungen haben müsse. Demungeachtet war er kein Freund des allgemeinen Stimmrechts in seiner weitesten Ausdehnung, wie es wirklich besteht – eines Stimmrechts, dem im Innern vielleicht volle Dreiviertheile der ganzen Bevölkerung abgeneigt sind, obgleich kein einflußreicher Politiker der Jetztzeit den moralischen Muth besitzt, es auszusprechen. Dunning beugte sich vor den Grundsätzen, nicht vor den Menschen; er wußte wohl, daß ein untrügliches Ganzes nicht aus trüglichen Theilen bestehen durfte, und wenn er auch glaubte, daß viele Dinge durch Stimmenmehrheit zur Entscheidung gebracht werden müßten, hielt er doch an der Ansicht fest, daß es Rechte und Prinzipien gebe, die sogar der Einstimmigkeit , wie sie durch Menschen kund gegeben werden kann – geschweige denn den Majoritäten unnahbar wären. Mit seinen politischen Grundsätzen verband übrigens Dunning keine selbstsüchtigen Plane, da er nach keinem Amte strebte und deßhalb sich auch nicht veranlaßt sah, eine Außenseite anzunehmen, die nicht mit seinen Gedanken und Wünschen im Einklang stand. Er hatte seine Heimath nie verlassen, da sonst wahrscheinlich seine Ansichten von den Mißbräuchen in den verschiedenen Systemen, welche in der Welt Geltung haben, eine ganz andere Gestaltung gewonnen haben würden. Die ihm aus der täglichen Erfahrung bekannten Verhältnisse stammten nothwendig aus einer demokratischen Quelle, da es in Amerika weder einen Monarchen noch eine Aristokratie gibt, durch welche eine andere die Vergleichung möglichmachende Gestaltung der Dinge hätte hervorgerufen werden können, und da es auch unter solchen Zuständen an Mißbräuchen durchaus nicht fehlt, so darf es Niemand wundern, wenn er zuweilen die Thatsachen ein wenig entstellte und die Uebel vergrößerte. »Und meine edle, hochsinnige, ehrwürdige Mutter hat sich also wirklich nach dem Nest begeben, um dem Feind entgegenzutreten?« rief mein Onkel nach einer Pause. »Ja wohl, und die edlen, hochsinnigen, aber nicht ehrwürdigen Mädchen sind mit ihr gegangen,« entgegnete Mr. Dunning in seiner kaustischen Weise. »Ihr meint wohl alle drei?« »Alle drei – Martha, Henrietta und Anne.« »Es wundert mich, daß die Letztere dieß gethan hat. Anna Marston ist ein so stilles, ruhiges, friedliebendes Mädchen, daß ich vermuthet hätte, wenigstens sie würde lieber bei ihrer Mutter bleiben, da dieß natürlich recht gut angegangen wäre, ohne zu irgend einer Bemerkung Anlaß zu geben.« »Gleichwohl hat sie anders gehandelt. Mistreß Littlepage wollte einmal den Antirenters entgegentreten, und die drei Jungfrauen ließen sich's nicht nehmen, sie zu begleiten. Ohne Zweifel wißt Ihr, Ro, wie es bei dem zartern Geschlecht ist, wenn es sich etwas in den Kopf gesetzt hat?« »Meine Mädchen sind lauter gute Kinder und haben mir nie sonderliche Ungelegenheiten gemacht,« antwortete mein Onkel wohlgefällig. »Dieß glaub' ich Euch aufs Wort. Ihr seid bei Eurem letzten Ausfluge nur fünf Jahre von der Heimath abwesend gewesen.« »Gleichwohl kann man dem Vormund keine Sorglosigkeit zur Last legen, da er Euch als Stellvertreter zurückließ. Hat Euch meine Mutter seit ihrer Ankunft unter den Schaaren der Philister nicht geschrieben?« »Allerdings, Littlepage,« antwortete Dunning ernst; »ich habe dreimal von ihr gehört, denn sie schreibt mir stets, ich solle mich ja nicht auf dem Besitzthum blicken lassen. Ich wollte sie besuchen, aber sie benachrichtigte mich, daß dieß zu einer Scene der Gewaltthat führen könnte, ohne etwas zu nützen. Die Renten werden erst im Herbst fällig; bis dahin ist Master Hugh volljährig, und da zu erwarten stand, er werde um diese Zeit hier sein, um selbst nach seinen Angelegenheiten sehen zu können, so fühlte ich mich nicht bewogen, es für meine Person auf's Getheert- und Gefedertwerden ankommen zu lassen. Wir amerikanischen Rechtsgelehrten tragen keine Perücken, junger Gentleman.« »Schreibt meine Mutter selbst, oder läßt sie schreiben?« fragte mein Onkel mit Theilnahme. »Sie beehrt mich mit ihrer eigenen Hand. Ich kann Euch sagen, Roger, daß sie sogar viel besser schreibt, als Ihr.« »Dieß kömmt daher, weil sie einmal, wie sie selbst zu sagen pflegt, die Fesseln der Liebe getragen hat. Schreibt Martha gleichfalls an Euch?« »Natürlich; Ihr wißt ja, daß wir Beide, die süße, kleine Patty und ich, Busenfreunde sind.« »Und sagt sie nichts von dem Indianer und dem Neger.« »Von Jaaf und Susquesus? Ei freilich, Beide leben noch und sind wohl. Ich habe sie selbst gesehen, und erst im letzten Winter noch von ihrem Wildbrät gegessen.« »Von den alten Burschen muß wohl jeder mehr als ein Jahrhundert auf dem Rücken haben, Jack; sie erwiesen sich bei meinem Großvater in dem alten französischen Krieg als sehr thätige, nützliche Leute, und waren schon damals älter als mein Großvater.« »Ja, wenn ein Nigger oder eine Rothhaut sich der Mäßigkeit befleißt, so halten sie zäh am Leben. Laßt mich sehen, der Feldzug Abercrombies fand vor ungefähr achtzig Jahren statt. In der That die alten Knaben müssen weit über hundert sein, obgleich Jaap wie der älteste von Beiden aussieht.« »Ich glaube, keiner von ihnen weiß die Zahl seiner Jahre anzugeben, obschon es schon lange her ist, daß man Beide für hundertjährig hält. Namentlich war Susquesus, als ich ihn zum letzten Male sah, noch erstaunlich rührig – wie etwa ein kräftiger Greis von Achtzig.« »In letzter Zeit ist er gebrechlich geworden, obschon er, wie ich eben sagte, noch im vorigen Winter einen Hirsch schoß. Wie mir Martha schreibt, verirren sie sich öfter nach dem Nest hinunter, und der Indianer ist sehr erbittert über die jämmerlichen Nachahmungen seiner Rasse, die jetzt im Schwunge sind. Dem Vernehmen nach war er sogar mit Jaaf willens, gegen die Inschens in's Feld zu rücken. Auf Seneca Newcome sind sie ganz besonders erbost.« »Wie geht es Opportunity? Nimmt sie auch Theil an dieser Bewegung?« »Entschieden, wie ich höre. Sie hält es mit den Antirenters, wünscht aber zugleich mit ihrem Grundherrn auf gutem Fuße zu stehen.« »Ein merkwürdiger Versuch, Gott und dem Mammon zugleich zu dienen! Sie ist übrigens nicht die Einzige, sondern wir haben wohl Tausende, welche in dieser Sache zwei Gesichter zur Schau tragen.« »Hugh ist ein Verehrer von Opportunity,« bemerkte mein Onkel. »Ihr habt daher Ursache, in Euern Aeußerungen Maaß zu halten. Es versteht sich, daß der moderne Seneca mit Leib und Seele gegen uns ist?« »Seneky möchte gern in die Gesetzgebung kommen und ist deßhalb natürlich auf der Seite der Mehrheit. Auch hat sein Bruder den Mühlpacht, und wünscht deßhalb natürlicher Weise selbst Eigenthümer zu sein, abgesehen davon, daß er noch weiter bei den Ländereien betheiligt ist. Was mir bei diesem Streit als vorzugsweise beachtenswerth auffiel, ist die Naivetät, mit welcher man die augenfälligen Aeußerungen der Habgier den sogenannten Prinzipien der Freiheit anzupassen bemüht ist. Hat Einer während einer Reihe von Jahren eine Farm bewirtschaftet, so stellt er dreist den Satz auf, diese Thatsache an sich gebe ihm einen hochmoralischen Anspruch, sie für immer zu besitzen. Schon die flüchtigste Untersuchung muß den Trugschluß darlegen, in Folge dessen diese Sophisten sich mit einer solchen Seelensalbung schmeicheln. Sie bebauen ihre Farmen kraft ihrer Verträge als Pächter, und im moralischen Sinne kann die Zeit keine andere Wirkung üben, als daß sie den Kontrakt heilige, folglich bindender macht. Diese Ehrenleute aber, deren Moral nur ihrem eigenen Sacke gilt, bilden sich ein, die durch die Zeit geheiligten Verträge geben ihnen ein Recht, schon wegen ihrer Dauer von den übernommenen Bedingungen abzugehen und für den Fall des Ablaufs derselben Ansprüche zu erheben, welche sogar weiter greifen, als wenn das Pachtverhältniß noch in Wirksamkeit stünde.« »Schon gut, Jack, es ist nicht nöthig, sich in so vielen Worten über eine Frage zu ergehen, deren Bedeutung so leicht zu erfassen ist. Amerika ist entweder ein civilisirtes Land, oder es ist es nicht. Im erstern Falle wird es seine Gesetze und die Rechte des Eigenthums achten, im andern aber ist dieß nicht zu erwarten. Millionen und Millionen Kapital sind in pachtbarem Eigenthum angelegt, und das daraus entspringende politische Verhältniß hat seit dem Bestand unserer Institutionen einen wesentlichen Theil derselben gebildet; es gehört daher eine dreiste Stirne dazu, die Behauptung aufzustellen, daß das Pachtsystem dem Geist unserer Staatseinrichtungen zuwider laufe, und ich glaube nicht, daß irgend ein Mann in Albany Grütze genug besitzt, die bisherigen Grundsätze zu widerlegen. Man trägt sich zwar allgemein mit der Ansicht, daß das Hinneigen, die Tendenz zu gewissen Mißbräuchen, welche jedem System inne wohnt, den Geist des Letzteren bilde; dieß ist übrigens ein Trugschluß, dessen Irrthümlichkeit man schon bei geringem Nachdenken entdecken muß. Ist es denn wirklich wahr, daß die Freiheitsschreier die Ernennung von Bevollmächtigten beantragt haben, welche das Amt von Schiedsrichtern zwischen den Grundbesitzern und Pächtern übernehmen und über Beschwerdepunkte entscheiden sollen, die Niemand zu erheben berechtigt ist?« »So wahr wie das Evangelium, und wenn es so weit kömmt, werden wir ein regelmäßiges Stern-Kammer-Tribunal haben. Es ist doch wunderbar, wie überall die Extreme sich berühren!« »Hierauf kann man so sicher zählen, wie auf die Wiederkehr der Sonne am Morgen. Doch laßt uns jetzt von unserem Plan und von der Art sprechen, Jack, wie wir unentdeckt unter diese durch ihre eigene Habgier verblendeten Menschen kommen können. Ich bin fest entschlossen, selbst Augenschein zu nehmen, um mir über ihre Beweggründe und ihr Benehmen selbst ein freies Urtheil zu bilden.« »Nehmt Euch vor dem Theerfaß und dem Federnsack in Acht, Roger!« »Ich werde nicht versäumen.« Der Gegenstand wurde nun ein Langes und Breites verhandelt; ich enthalte mich übrigens eines Berichts darüber, da er nur zu Wiederholungen führen würde, und verweise den Leser auf den regelmäßigen Verlauf meiner Erzählung. Um die gewöhnliche Stunde begaben wir uns, – als Davidson senior und junior, da uns diese Bezeichnung als passend und klug schien, – zu Bette. Am andern Tage setzte sich Mr. John Dunning für uns in Thätigkeit und leistete uns sehr werthvolle Dienste. Als alter Junggeselle hatte er viele Bekannte beim Theater, und es gelang ihm, uns durch seine Freunde aus dem Garderobezimmer mit Perücken zu versehen. Ich und mein Onkel sprachen ziemlich gut deutsch, und unser ursprünglicher Plan lief darauf hinaus, daß wir in der Eigenschaft eingewanderter Hausierer mit Galanteriewaaren und Essenzen handeln sollten. Da ich aber eine Vorliebe für eine Drehorgel und einen Affen gefaßt hatte, so kamen wir endlich zu dem Beschlusse, daß Mr. Hugh Roger Littlepage senior sein Abenteuer mit einer Kiste voll wohlfeiler Zündhölzchen und vergoldeter Messingwaaren antreten, Mr. Hugh Roger Littlepage junior aber in der Rolle eines Leierkastenmanns seine Heimath besuchen sollte. Die Bescheidenheit gestattet mir nicht, in Betreff meiner musikalischen Geschicklichkeit Alles zu sagen, was ich wünschte; indeß muß ich doch hier bemerken, daß ich für einen Dilettanten ziemlich gut sang, und daß ich sowohl auf der Violine als auf der Flöte eine mehr als gewöhnliche Fertigkeit besaß. Im Laufe des folgenden Tages wurden alle erforderlichen Vorbereitungen getroffen, und unsere Perücken trugen dazu bei, die Verkleidung vollständig zu machen. Da mein Onkel fast kahl war, so belästigte ihn die Perücke nicht sonderlich, während dagegen mir meine dichten Locken einige Noth machten. Die Scheere half übrigens diesem Uebelstand ab, und ich mußte herzlich über mich selbst lachen, als ich Nachmittags vor Dunnings Ankleidespiegel mein Kostüm bewunderte. Das Verbot, bewaffnet und verkleidet aufzutreten, ging uns natürlich nichts an, da wir keine Wehr, sondern nur die Erfordernisse unseres Gewerbes mit uns führten.   Fünftes Kapitel. »Ein solches Lächeln kennt die Erde nicht – Ein Lächeln, welches Leben hat und spricht, Sich wie ein Strahl vertheilt und sinkt und fällt, Bald flieht und bald das Antlitz neu erhellt, Und wenn es endlich ganz und gar entweicht, Verstohlen sich zurück in's Auge schleicht«. Wordsworth .   Am andern Morgen staken wir schon mit dem Frühesten in unsern Verkleidungen, und ich glaube wahrhaftig, meine eigene Mutter würde mich nicht gekannt haben, wenn sie lange genug gelebt hätte, um meinen Backenbart zu sehen und Betrachtungen über mein männliches Gesicht anzustellen. Ich begab mich nach Dunnings Bibliothek, holte den kleinen Leierkasten aus seinem Versteck hervor und begann den »Saint Patrickstag am Morgen« mit Energie und – hoffentlich darf ich wohl auch beifügen – mit Gewandtheit zu spielen. Ich war eben in vollem Eifer, als die Thüre aufging, und Barney, den Mund so weit offen, wie ein erfrorenes Schwein, sein spitzbackiges Gesicht in's Zimmer steckte. »Wo zum Teufel kommt Ihr her?« fragte der neugebackene Bediente, und die Muskeln um den offenen Mund wechselten unter den Anzeichen des Verdrusses und der Lachlust. »Euer Georgel ist schon recht, aber wie kommt Ihr hieher?« »Ich komme von Halle in Preußen. Was ist Euer Vaterland?« Die Komik, welche in dem gebrochenen, mit deutschen Worten untermengten Englisch eines Deutschen liegt, läßt sich hier natürlich nicht nachbilden. »Seid Ihr ein Jude?« »Nein – ich bin ein guter Christ. Wollt Ihr den Yankee-Doodle hören?« »Yankee-Donner! Ihr weckt mir den Meister auf, und er wird bös werden; sonst könntet Ihr mir fortorgeln bis zum jüngsten Tag. Daß ich dieses Stück hier in meiner Bibliothek zu hören kriege, und Alt-Irland ist doch dreitausend Stunden entlegen.« Ein Gelächter von Dunning unterbrach das Gespräch, und Barney verschwand ohne Zweifel aus Furcht vor einer Art amerikanischer Züchtigung für ein vermeintliches Vergehen. Ob der faselnde, wohlmeinende, ehrliche Kerl wirklich entdeckte, wer wir waren, da wir mit seinem Herrn frühstückten, weiß ich nicht; genug, wir nahmen unser Mahl ein und verließen das Haus, ohne sein Gesicht wieder zu sehen, da Dunning einen gelbgesichtigen Jungen im Hause hatte, der den Dienst bei der Tafel besorgte. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mich ein wenig beengt fühlte, als ich in solcher Verkleidung die Straßen von New-York durchzog; indeß gereichte mir die Gravität und Fassung meines Onkels stets zu großem Vergnügen. Auf dem Quai hatte er, noch ehe das Boot abstieß, eine Uhr verkauft, obschon ich diesen Erfolg dem Umstand zuschreiben zu müssen glaubte, daß ein Hausirer, welcher in der Nähe gleiche Geschäfte machte, den Preis für »gewissenlos niedrig« erklärte. Wir erstanden für uns unter dem Vorwande, daß wir unser Eigenthum einschließen müssen, ein gemächliches Passagierzimmer, und schlenderten, wie es Leuten unserer Klasse zustand, gaffend und neugierig im Boote umher. »Hier sind wenigstens ein Dutzend Leute, die ich kenne,« sagte mein Onkel bei Gelegenheit unseres Umhergehens, als das Boot in der Nähe des Forts Washington hinruderte. »Ich habe mich überall umgesehen und finde ein volles Dutzend Bekannte. Da ist z. B. ein alter Schulfreund, mit dem ich stets auf sehr vertraulichem Fuße stand; ich habe mich die letzten zehn Minuten mit ihm unterhalten, und finde, daß die Verkleidung nebst meinem gebrochenen Englisch ihrem Zwecke entspricht. Ja, ich glaube sogar, meine theure Mutter selbst würde mich nicht erkennen.« »Dann können wir, wenn wir das Nest erreichen, uns mit der Großmama und den jungen Damen einen Spaß machen,« antwortete ich. »Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, wir sollten unser Geheimniß so lang wie möglich zu bewahren suchen.« »Bst! so wahr ich lebe, da ist auch Seneka Newcome! Er kommt gegen uns her, und wir müssen wieder Deutsche sein.« Und richtig zeigte sich jetzt Squire Seneky, wie ihn die ehrlichen Farmer in der Nachbarschaft des Nests nennen – obschon viele derselben von ihrem Treiben abstehen müssen, wenn nicht bald die Beilegung dieses Prädikats so abgeschmackt werden soll, daß Niemand mehr die Verwegenheit haben wird, es zu brauchen. Newcome kam langsam nach dem Vorderkastell, auf welchem wir standen, und mein Onkel beschloß, sich mit ihm in ein Gespräch einzulassen, eines Theils um die Kraft unserer Verkleidung weiter zu erproben, andern Theils um ihm etwa Mittheilungen zu entlocken, die uns den Besuch des Restes erleichtern konnten. Zu dieser Absicht zog der angebliche Hausirer eine Uhr aus der Tasche, bot sie demüthig dem Quasi-Rechtsgelehrten zur Besichtigung hin und begann in gebrochenem Englisch: »Wollt Ihr nicht eine Uhr kaufen, Gentleman?« »He – was? O eine Uhr!« entgegnete Seneka in jenem hohen, gemein herablassenden Tone, mit welchem das Salz der Erde Diejenigen zu behandeln pflegt, welche an Einsicht, Stellung oder irgend einer andern großen Wesentlichkeit tief unter ihm erscheint, während es zu gleicher Zeit vor Neid bersten möchte, wenn es über die Aristokraten schreit. »Eine Uhr also? Was seid Ihr für ein Landsmann, Freund?« »A Tscharmans, ein Deutscher.« »A German – ein Deitscher; dieß ist vermuthlich der Platz, von dem Ihr kommt?« »Nein – ein Deutscher ist ein Tscharman.« »Ah, so – ich verstehe! Wie lange seid Ihr schon in Ameriky?« »Zwölf Monate.« »Ei, dieß ist lang genug, um Euch bei uns einzubürgern. Wo seid Ihr wohnhaft?« »Nirgends; ich wohne, wie's eben kommt – das eine Mal hier, das andere Mal dort.« »Ah, ich verstehe – kein legales Domicil, sondern Ihr führt ein wanderndes Leben. Habt Ihr viele von diesen Uhren zu verkaufen?« »Ja, ich habe ungefähr zwanzig; sie sind spottwohlfeil und gehen so gut wie die großen Wanduhren.« »Und was verlangt Ihr für diese?« »Ihr könnt sie haben für den geringen Preis von acht Dollars. Jedermann wird sagen, sie sei von Gold, wenn er es nicht besser weiß.« »Oh, sie ist also nicht von Gold – bigost!« – was dieser Ausruf bedeutete, habe ich nie recht erfahren können, obschon ich vermuthe, es sei ein puritanisches Surrogat für »bei Gott«; denn die Versuche, in dieser Weise den Teufel zu betrügen, sind unter den frommen Abkömmlingen der ehrwürdigen Väter des Landes so gewöhnlich, daß selbst »Smith Thompson« in einem solchen Gewissensfall vergebens predigen würde. »Bigost, Ihr hättet sogar mich anführen können! Ihr werdet übrigens doch von diesem Preis etwas ablassen?« »Vielleicht, wenn Ihr mir mit gutem Rath an die Hand gehen wollt. Ihr seht aus wie ein rechtschaffener Schentleman, der einen armen Tscharman gewiß nicht betrügen will, wie dieß von aller Welt so vielfach geschieht. Ich will mich mit sechsen begnügen, wenn Ihr mir guten Rath ertheilen wollt.« »Guten Rath? Da seid Ihr an den rechten Mann gekommen. Tretet ein wenig bei Seite, wo wir allein sein können. Um was handelt sich's – um einen Civilprozeß oder um eine Injurie?« »Nein, nein, von Gerichten brauche ich nichts, sondern nur guten Rath.« »Nun, eine Berathung führt in hundert Fällen wohl neunundneunzigmal vor Gericht.« »Ja, ja!« antwortete der Hausirer lachend; »dieß mag wohl so sein, aber ich brauche nichts dergleichen. Mir ist es einzig darum zu thun, zu erfahren, wo ein Tscharman im Lande und in den großen Städten mit seinen Gütern etwas machen kann.« »Ah, ich begreife – sechs Dollars sagt Ihr; dieß klingt hoch für eine Uhr von solchem Aussehen,« er hatte sie unmittelbar zuvor für Gold gehalten – »aber ich bin stets des armen Mannes Freund und verachte die Aristokratie –« – was Seneka mit seinem bittersten Hasse haßte, meinte er stets am meisten zu verachten , und unter Aristokratie verstand er blos Gentlemen und Ladies in der wahren Bedeutung dieser Ausdrücke. Ja, ich bin stets bereit, einem ehrlichen Bürger fortzuhelfen. »Wenn Ihr Euch entschließen könntet, mir diese einzige Uhr umsonst abzutreten, so glaube ich, Euch einen Strich namhaft machen zu können, wo Ihr im Stande seid, die übrigen neunzehn in acht Tagen los zu werden.« »Gut,« rief mein Onkel hocherfreut; »nehmt sie, sie ist Euer Eigenthum und Euch von Herzen gegönnt; nur zeigt mir die Stadt, wo ich die andern neunzehn verkaufen kann.« Wäre nun Onkel Ro ein ächter Sohn des Hausirhandels gewesen, so würde er jede von den neunzehn Uhren mit einem Extra-Dollar belastet und durch seine dermalige Freigebigkeit eilf Dollars gewonnen haben. »Es ist keine Stadt, nur eine Stadtmarkung,« entgegnete der buchstäblich genaue Seneka. »Meintet Ihr zuletzt gar, ich rede von einer City?« »Was kümmert mich dieß? Ich verkaufe meine Uhren sogar lieber an gutes, ehrliches Farmvolk, als an die besten Stadtbürger des Landes.« »Ihr seid mein Mann und habt den rechten Geist in Euch. Hoffentlich seid Ihr kein Patron, kein Aristokrat –?« »Ich weiß nicht, was ein Badron oder ein Aristokrat ist.« »Da seid Ihr ein glücklicher Mann in Eurer Unwissenheit. Ein Patron ist ein Edelmann, der anderer Leute Land eignet, und ein Aristokrat ist eine Person, die sich für besser hält, als ihren Nebenmenschen, mein guter Freund.« »Dann bin ich freilich kein Badron, denn ich eigne gar kein Land, nicht einmal mein eigenes, und ich bin nicht besser, als irgend Jemand anderes.« »Hierin habt Ihr recht, und Ihr braucht blos auf diesen Grundsätzen zu beharren, um unter Allen der größte Gentleman zu sein.« »Gut so, ich will's probiren und so denken, damit ich besser werde, als der größte Schentleman. So weit aber wird es nicht reichen, daß ich besser wäre als Ihr, denn Ihr seid einer der größten unter allen Schentlemans.« »O, was mich betrifft, so kümmert Euch nicht um dieß. Ich verachte jede hohe Stellung und rufe: ›Weg mit der Rente!‹ Auch Euch wird's so ergehen, noch ehe Ihr Euch acht Tage in unserer Gegend aufgehalten habt.« »Was ist denn die Rente, die Ihr wegkriegen möchtet?« »Ein Ding, das dem Geist der Institutionen geradezu widerstrebt, wie Ihr aus meinen gegenwärtigen Gefühlen entnehmen könnt. Doch sei dem, wie ihm wolle, weil's Euch recht ist, will ich die Uhr behalten und als Bezahlung Euch den Weg nach einem guten Landstrich zeigen.« »Einverstanden, Schentleman. Was ich brauchte, war der Rath, und Euch ist's um eine Uhr zu thun.« Hier lachte Onkel Ro so ganz, wie er selbst, während er doch augenscheinlich in gebrochenem Englisch hätte lachen sollen, daß ich in der größten Angst schwebte, unser Begleiter könne aufmerksam werden; doch dieß war nicht der Fall. Von Stunde an lebten wir mit Seneka auf dem besten Fuße, und er begrüßte uns im Laufe des Tages zu wiederholten Malen mit Lächeln und Winken, obschon ich deutlich sehen konnte, daß die antiaristokratischen Grundsätze doch nicht so tief in ihm gewurzelt hatten, um ihn wünschen zu lassen, seine Vertrautheit mit uns möchte augenfällig werden. Indeß gab er uns, noch ehe wir die Inseln erreichten, Weisungen, wo wir ihn am Morgen zu finden hätten, und wir trennten uns denselben Nachmittag, als das Boot neben dem Hafendamm von Albany Halt machte, in der besten Freundschaft von der Welt. »Albany, theures, gutes, altes Albany!« rief Onkel Ro, als wir an dem Brückenzuge Halt machten, um das geschäftige Treiben in dem Becken zu betrachten, wo buchstäblich Hunderte von Kanalbooten ab- und zufuhren und ihre Ladungen löschten, der übrigen Fahrzeuge gar nicht zu gedenken. »Theures, gutes, altes Albany, du bist eine Stadt, zu welcher ich stets mit Vergnügen zurückkehre, denn du wenigstens wirst mich nie täuschen. Du bist eine Landstadt ersten Ranges, und obgleich ich deine zierliche, alte holländische Kirche und deine ländlich aussehende alte englische Kirche im Mittelpunkt deiner Hauptstraße vermisse, so ist doch fast jeder Wechsel, den du vornimmst, achtbar. Zwar kann ich dir's nicht verzeihen, daß du den Namen Marktstraße durch die jämmerliche Nachahmung des Broadway verketzert hast; aber wenn ich bedenke, welch' eine Horde von Yankees seit dem Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts über dich gekommen ist, so darfst du noch von Glück sagen, daß deine Straße nicht die appianische genannt wurde. Treffliches, altes Albany, dessen Herz nicht einmal die Verderbnisse der Politik umzuwandeln vermochten; – wie herrlich liegst du an deinem Bergabhange; umgeben von einer malerischen Landschaft! Du lebst in einer Atmosphäre von Achtbarkeit, die ich bewundere, und dein ruhiger Wohlstand ist meinem Herzen theuer. Und doch wie sehr hast du dich seit meiner Knabenzeit verändert! Wo sind deine einfachen Stoups und deine Giebel? Zwar erheben sich auch Marmor und Granit in deinen Straßen, aber sie zeigen sich in ehrbaren Gestalten und sind frei von dem Ehrgeiz, die Stelzen besteigen zu wollen. Dein Becken hat wohl den ganzen Charakter des Flusses verändert, der in seiner Waldlandschaft ein ruhiges Handelstreiben zeigte; aber er verleiht deiner mannhaften Jugend ein Gepräge von Ueberfluß und Wohlstand, welches dir ein gedeihliches Alter verheißt!« Der Leser kann sich denken, daß ich herzlich über diese Rhapsodie lachte, denn ich vermochte in die Gefühle meines Onkels kaum einzugehen. Albany ist allerdings ein recht hübscher Platz, und besitzt beziehungsweise ein weit achtbareres Gepräge, als jenes »commerzielle Emporium,« welches seinem Aeußern nach nur eine weit ausgedehnte Masse sehr augenfälliger Mittelmäßigkeit ist, obschon es eine wirkliche Großstadt zu sein wähnt; gleichwohl aber kann Albany doch nur eine Provinzialstadt genannt werden, wie hoch sie auch in dieser Klasse stehen mag. Ich muß hier beiläufig bemerken, daß sich das amerikanische Volk in Nichts mehr täuscht, als in dem Bemessen der Erfordernisse einer Großstadt. Es wäre lächerlich, annehmen zu wollen, daß die Repräsentanten unserer Regierung im Stande seien, was immer für einem Platze den Ton, die Ansichten, die Gewohnheiten und die Sitten einer Hauptstadt zu verleihen; denn wenn dieß der Fall wäre, so müßte es nach dem nagelneuen Grundsatze geschehen, daß man Etwas geben kann, was man nicht besitzt. Selbst der Kongreß, obschon er von den meisten Fesseln, einschließlich derer, welche die Constitution in sich faßt, ziemlich frei ist, vermag sich nicht so weit zu heben. Meiner Ansicht nach könnte man einen Menschen, der weiß, was Welt ist, mit verbundenen Augen nach dem schönsten Viertel New-Yorks führen, und ich setze mein Leben daran, er würde, sobald ihm die Binde abgenommen wäre, erklären, daß er sich nicht an einem Orte befinde, wo der Ton einer Hauptstadt existirt, obschon New-York manche neue Stadttheile besitzt, in welchen die bereits erwähnten Ungereimtheiten nicht vorkommen. Der Handel ist am allerwenigsten geeignet, eine Hauptstadt zu schaffen, und man kann sicher darauf zählen, daß man sich in einer solchen nicht befindet, wenn man unaufhörlich die Worte »Geschäft« und »Kaufleute« in den Ohren klingen hört. Zwar ist ein new-yorkisches Dorf oft viel weniger ländlich, als die Dörfer der am weitesten vorgeschrittenen europäischen Länder; aber die Stadt New-York steht weit unter jeder Hauptstadt irgend eines großen Staates der alten Welt. Wird wohl New-York je eine Hauptstadt werden? Ja – ohne alle Frage ja – es wird übrigens erst dann der Fall sein, wenn die plötzlichen Wechsel der Zustände, welche so naturgemäß unmittelbar auf die Revolution folgten, aufgehört haben, ihren Einfluß auf die gewöhnliche Gesellschaft zu üben, und die höher Stehenden den Niedrigen wieder mehr mittheilen, als sie empfangen. Diese Wiederherstellung des natürlichen Standes der Dinge muß Platz greifen, sobald die Gesellschaft ständig wird; dann ist unter unseren Institutionen sammt ihrem Geist, ihren Tendenzen und Allem keine Stadt mehr gehindert, jenen feinen Ton zu erringen, der von jeher zu einer Hauptstadt gehörte. Die Thorheit besteht darin, daß man dem natürlichen Lauf der Ereignisse vorgreifen will; aber nichts wird denselben mehr beschleunigen, als eine Literatur, in welcher der Geist der Edlen im Lande, nicht der des großen Haufens waltet; und eine solche Literatur wäre größtentheils erst noch zu schaffen. Nachdem ich mit meinem Affen ein paar Stunden umhergezogen war, setzte ich ihn ab und trieb mich blos noch mit meiner Musik um; denn ich hätte lieber mit einer ganzen Armee von Anti-Renters, als mit diesem einzigen Affen fertig werden wollen. Ich folgte daher, den Leierkasten umgehangen, meinem Onkel, der wieder eine Uhr verkaufte, noch ehe wir ein Wirthshaus erreichten. Natürlich maßten wir uns nicht an, nach der Kongreßhalle oder nach dem Adler zu gehen, weil wir wohl wußten, daß wir nicht zugelassen werden würden. Dieser Theil unserer Abenteuer fiel uns am beschwerlichsten. Meiner Ansicht nach beging mein Onkel einen Mißgriff, denn er wagte sich in ein Wirthshaus zweiten Ranges, weil er meinte, die Verpflegung, wie man sie in Herbergen fände, die für Leute unseres angeblichen Schlages paßten, dürfte gar zu rauh für uns ausfallen. Ich glaubte übrigens, wir hätten uns in die grobe Kost einer gemeinen Schenke weit besser finden können, als in die schäbig gentile des Hauses, in welches wir uns verirrt hatten; denn im erstem Falle wären wir durch Alles, und zwar in einer Weise, wie wir es erwarten mußten, daran erinnert worden, daß wir uns auf einem außergewöhnlichen Wege befanden, und trotz aller Beschwernisse hätte uns der Wechsel Vergnügen bereiten können. Ich erinnere mich, von einem jungen Manne gehört haben, der, nachdem er seine früheren Jahre in angenehmen Verhältnissen verlebt hatte, zur See ging und seine Laufbahn als Matrose vor dem Mast begann; dieser erklärte, die Rohheit seiner Schiffsgefährten zu gewöhnen – und doch findet sich bei einem wahren Matrosen, selbst bei dem rohesten, keine Gemeinheit, – sei ihm schwerer geworden, als alles Ungemach, das er von den Stürmen, körperlichen Leiden, Mühen und Gefahren zu erdulden gehabt habe. Ich muß gestehen, daß es mir in meiner kurzen Erfahrung ebenso ging. So lange ich mich als wandernder Musikant umhertrieb, konnte ich mich in Alles besser finden, als in das rohe Benehmen, welches bei Tisch herrschte. Auf die Gewohnheit, mit silbernen Gabeln zu speisen, und ähnliche konventionelle Dinge legt natürlich kein Mann von Welt ernstes Gewicht; aber dennoch gibt es Konventionalitäten, die zu den Grundprinzipien einer gebildeten Gesellschaft gehören und deren man in der That nicht gut entrathen kann, weil sie zur zweiten Natur geworden sind. – Ich will übrigens möglichst wenig von den Unannehmlichkeiten meines neun Gewerbes sprechen, sondern mich nur an Wesentlichkeiten halten. Am Morgen nach dem Tage, an welchem wir zu Albany anlangten, bedienten wir uns der Eisenbahn, um über Troy (Troja) nach Saratoga zu gehen. Es wundert mich, warum es der Trojaner, der hier zuerst den Humor travestiren zu können glaubte, nicht für passend hielt, den Platz Troyville oder Troyborough zu nennen, da dieß wenigstens halb amerikanisch gewesen wäre, während die gegenwärtige Bezeichnung so rein klassisch klingt. Es ist unmöglich, durch die Straßen dieser hübschen, blühenden Stadt, welche bereits zwanzigtausend Seelen zählt, zu durchwandeln, ohne durch die Bilder des Achill, des Hektor, des Priamus und der Hekuba ein bischen unangenehm bedrängt zu werden. Hätte man den Ort Try (Versuch) genannt, so würde doch die Bezeichnung einen verständigen Sinn haben, denn man macht hier alle erdenklichen Versuche, sich über Albany hinaufzuschwingen; und so sehr ich auch diese letztere, ehrwürdige, alte Stadt liebe, hoffe ich doch, die Bemühungen Troys, den Hudson nicht überbrücken zu lassen, werden gelingen. Beiläufig muß ich hier zum Besten Derjenigen, welche außer ihrem eigenen Lande nie ein anderes gesehen haben, bemerken, daß auf dem Wege zwischen Schenektady und diesem griechischen Platz, an der Stelle, wo die Höhen zuerst das ganze Hudsonsthal mit Waterford, Lansingburg, Albany und den beiden Troys überblicken lassen, eine Aussicht zu finden ist, welche eine bessere Vorstellung von dem Wohlstand einer europäischen Landschaft gibt, als irgend ein anderer Punkt, dessen ich mich in Amerika erinnern kann. Doch, um auf meinen Leierkasten zurückzukommen: Ich machte meinen ersten musikalischen Versuch unter den Fenstern des Hauptwirthshauses von Troy. Ohne viel zu Gunsten meines Instrumentes sagen zu wollen, glaube ich doch behaupten zu dürfen, daß sich meine Musik recht ordentlich ausnahm; denn bald bemerkte ich ein Dutzend schöner Gesichter in den Fenstern des Gasthofes, und auf jedem derselben spielte ein liebliches Lächeln. Es that mir nur leid, daß ich den Affen bei mir hatte; solch' ein Anfang mußte wohl den schlafenden Ehrgeiz sogar eines »Patrioten« vom reinsten Wasser wecken, und ich gestehe, daß ich zufrieden war. Unter den Neugierigen, welche ich am Fenster bemerkte, befanden sich zwei Personen, welche mir sogleich als Vater und Tochter vorkamen. Der Erstere war ein Geistlicher und mochte wohl seiner äußern Erscheinung nach zur »Kirche« gehören. Ich bitte Diejenigen, welche an diesem ausschließlichen Titel Anstoß nehmen könnten, um Verzeihung, und will ihnen im Vorbeigehen nur einen Wink geben. Wer überhaupt die Menschen kennt, wird mit mir einverstanden sein, daß Niemand, der sich im Besitz irgend eines besondern Vortheils weiß, eine sonderliche Empfindlichkeit an den Tag legt, wenn dieser auch von Andern in Anspruch genommen wird. An den beständigen Kämpfen der Eifersucht z. B., namentlich wenn dieselben aus jener so allgemeinen Quelle, der geselligen Stellung, stammen, betheiligt sich gewiß Derjenige nie, welcher sich seines innern Werths bewußt ist, da ihm die augenfällige Thatsache genügt. Will man mir hieraus erwiedern, daß sich die »Kirche« eine Befugniß zum Ausschließen anmaßt, so widerspreche ich sicherlich nicht, da sie hiezu das volle Recht hat. Uebrigens ist sie nicht in dem Sinne, den man ihr gewöhnlich zur Last legt, ausschließend, sintemal Niemand in Abrede zieht, es gebe viele Zweige der »Kirche«, obschon diese nicht Alles umfassen. Ich möchte Denen, welche Anstoß daran nehmen, daß wir uns »die Kirche« nennen, rathen, sich gleichfalls diese Bezeichnung beizulegen, wie sie ja auch ihre Geistlichen Bischöfe nennen, und man wird dann sehen, wer sich darum kümmert. Dieß ist ein Probierstein, durch welchen das gediegene Metall sich leicht von der Legirung unterscheiden läßt. Mein Pfarrer war, wie ich leicht sehen konnte, ein kirchlicher , kein › meeting house ‹ Geistlicher. Wie mir dieß auf den ersten Blick klar wurde, will ich hier nicht weiter erörtern; ich bemerkte übrigens auch in seinem Gesicht etwas von jener Neugierde, welche auf einen einfachen Charakter schließen läßt, ohne auch nur eine Spur von Gemeinheit zu verrathen. Es war ein Gefühl, welches ihn bewog, mich ein wenig näher heran zu winken. Ich entsprach dieser Einladung, obschon ich gestehen muß, daß der Gedanke, einer solchen Aufforderung Folge geben zu sollen, mich Anfangs ein wenig linkisch machte. Es lag übrigens Etwas in der Miene und dem Antlitz der Tochter, was mich veranlaßte, nicht zu zögern. Ich kann nicht eben sagen, daß das Mädchen eine auffallende Schönheit war, obschon sie entschieden hübsch genannt werden mußte; dennoch war der Ausdruck des Gesichts, des Lächelns, der Augen, kurz Alles zusammen so eigenthümlich süß und weiblich, daß eine Sympathie, die ich nicht zu erklären versuchen will, mich nach dem Hause hindrängte und mich bewog, nach dem Zimmer hinaufzugehen, das, wie ich wohl sah, Jedem zugänglich war, obschon es zur Zeit Niemand als den Geistlichen und seine Tochter barg. »Nur herein, junger Mann,« sagte der Vater in wohlwollendem Tone. »Ich möchte Euer Instrument näher betrachten, und meiner Tochter, welche eine Freundin von Musik ist, ergeht es eben so. Wie nennt man es?« »Leierkasten,« lautete meine Antwort. »Aus welchem Theile der Welt kommt Ihr, junger Freund?« fuhr der Geistliche fort, seine sanften Augen noch neugieriger zu den meinigen erhebend. »Von Tscharmany, von Preußen, wo kürzlich noch der gute König Wilhelm regierte,« erwiederte ich in gebrochenem Englisch. »Was sagt er, Molly?« Das hübsche Wesen führte also den Namen Marie! Aber auch die Molly gefiel mir; es war ein gutes Zeichen, da in unsern ehrgeizigen Zeiten nur achtbare Personen so vertrauliche Namen gebrauchen. Das ›Molly‹ klang mir als ein Beweis, daß diese Personen sich ihrer würdigen Stellung und Bildung bewußt seien. Ein gemeiner Sinn würde ein ›Mollissa‹ daraus gemacht haben. »Die Uebersetzung fällt nicht schwer, Vater,« antwortete eine der süßesten Stimmen, die je melodisch in mein Ohr geklungen hatten, und sie wurde noch musikalischer durch das leise Lachen, das sich drein mischte. »Er sagt mir, er sei aus Deutschland, aus Preußen, wo kürzlich der gute König Wilhelm regierte.« Auch der ›Vater‹ gefiel mir – es klang wahrhaft erfrischend, nachdem ich eine Nacht unter einem Abenteurer-Troß zugebracht hatte, von dem jedes männliche oder weibliche Glied bemüht gewesen war, seinen Antheil dazu beizutragen, um die ehedem beliebten Bezeichnungen zu ›Pa‹ und ›Ma‹ zu karikiren. Ein junges Frauenzimmer kann zwar noch immer ›Papa‹ oder auch ›Mama‹ sagen, obschon es besser wäre, sie hielten sich an die Worte ›Vater, Mutter;‹ aber was die Ausdrücke ›Pa‹ und ›Ma‹ betrifft, so haben diese in achtbaren Kreisen ihre Endschaft erreicht und finden nicht einmal mehr in der Ammenstube Geltung. »Dieß Instrument ist also ein Leierkasten?« fuhr der Geistliche fort. »Und was ist denn dieß – die Buchstaben, die darauf stehen?« »Es ist der Name des Verfertigers: ›Hochstiel fecit ‹« » Fecit? « wiederholte der Geistliche. »Ist dieß deutsch?« »Nein – es ist lateinisch; facio, feci, factum, facere – feci, fecisti, fecit . Ich denke wohl, Ihr wißt, daß dieß ›er hat's gemacht‹ heißt.« Der Pfarrer sah mich und meinen Anzug mit unverhohlener Ueberraschung an; dann blickte er lächelnd nach seiner Tochter hin. Wenn man mich fragt, warum ich in so einfältiger Weise eine Schuljungen-Gelehrsamkeit auskramte, so kann ich nur sagen, daß ich ungern von dem bezaubernden Mädchen, welches sich anmuthig über den Ellenbogen ihres Vaters beugte, als dieser die Inschrift auf einer Elfenbeinplatte meines Instrumentes las, für einen bloßen alltäglichen Straßenmusikanten gehalten sein wollte, der seinen Affen zu Hause gelassen hat. Ich konnte sehen, daß Marie unter der ihrem Geschlecht so natürlichen Empfindsamkeit ein wenig zurückwich und zu weit gegangen zu sein glaubte, indem sie sich so ungezwungen in der Anwesenheit eines jungen Menschen benahm, der ihrer eigenen Klasse näher stand, als sie dieß bei einem Leierkastenspieler für möglich gehalten hätte. Sie erröthete; aber der Blick des sanften blauen Auges, welcher schnell darauf folgte, schien Alles wieder zu bereinigen, und sie lehnte sich abermals über den Ellenbogen ihres Vaters. »Ihr versteht also lateinisch?« fragte der Vater, mich über seiner Brille weg musternd. »Ein wenig, ein klein wenig, Sir; in meinem Lande muß Jeder eine Zeit lang Soldat sein, und wer etwas lateinisch versteht, kann Sergeant und Corporal werden.« »Das wäre in Preußen?« »Ja, in Preußen, wo kürzlich noch der gute König Wilhelm regierte.« »Und wird die lateinische Sprache viel unter Euch gepflegt? Ich habe gehört, daß in Ungarn die meisten gut unterrichteten Personen sie sogar reden.« »In Tscharmany ist es nicht so. Wir Alle lernen Etwas, aber nicht Alle lernen Alles.« Nachdem ich mich dieser Ansicht mit, wie ich meinte, vollkommen richtiger Unrichtigkeit entledigt hatte, konnte ich bemerken, wie ein Lächeln die süßen Lippen des lieblichen Mädchens umzuckte; es gelang ihr übrigens, dasselbe zu unterdrücken, obschon ihre schelmischen Augen während des ganzen Gesprächs zu lachen fortfuhren. »Ich weiß wohl, daß in Preußen die Schulen sehr gut sind, und daß Eure Regierung für die Bedürfnisse Aller Sorge trägt,« entgegnete der Geistliche. »Indeß kann ich meine Verwunderung nicht bergen, daß Ihr Etwas vom Lateinisch versteht. Sogar in diesem Lande, wo man sich so viel einbildet –« »Ja,« unterbrach ich ihn in gedehntem Tone, – »man bildet sich gar viel ein in diesem Lande.« Marie lachte jetzt hell auf – ob über meine Worte oder über die etwas komische Weise, die ich angenommen hatte, als ich meine Einfalt mit etwas Ironie würzte, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls erfaßte der Vater den Spott nicht, und nachdem er höflich gewartet hatte, bis ich mit meiner Unterbrechung fertig war, fuhr er in seiner Rede wieder fort. »Ich wollte beifügen,« nahm der Geistliche wieder auf, »daß sogar in diesem Lande, wo man sich so viel einbildet« – der kleine Schelm von Tochter fuhr mit der Hand über ihre Augen und erröthete bis zur Stirne unter der Anstrengung, mit der sie ein abermaliges Lachen zu unterdrücken bemüht war, – »auf die gewöhnlichen Schulen und auf den Einfluß, den sie auf den öffentlichen Geist üben, sich nicht häufig Personen Eures Standes finden lassen, welche Etwas von der todten Sprache wissen.« »Ja,« versetzte ich, »mein Stand ist's eben, der Euch irreführt, Sir. Mein Vater war ein Schentleman, und er gab mir eine so gute Erziehung, wie der König dem Kronprinzen.« Mein Wunsch, in Mariens Augen mich gut auszunehmen, verlockte mich abermals zu einer albernen Unklugheit. Wie sollte ich den Umstand erklären, daß der Sohn eines preußischen Gentleman, der von seinem Vater eine Erziehung genossen hatte, wie sie der König von Preußen dem Thronfolger ertheilen ließ, in den Straßen von Troy mit einem Leierkasten herum zog? Dieß war eine Schwierigkeit, welche ich im Augenblick nicht bedachte. Aber die Vorstellung, von jenem holden Mädchen als ein bloßer ungehobelter Bauer betrachtet zu werden, war mir unerträglich, und ich entschlug mich ihrer durch diese verzweigte Unwahrheit, – eine Unwahrheit in ihren Beigaben, obschon in der Hauptsache richtig – wie man etwa eine Beschimpfung von sich abweist. Das Glück begünstigte mich übrigens weit mehr, als ich zu erwarten berechtigt war. Es gehört unter die Eigenthümlichkeiten im Charakter des Amerikaners, daß er jeden gebildeten Europäer mindestens für einen Grafen zu halten geneigt ist. Ich will damit nicht sagen, daß Diejenigen, welche die Welt gesehen haben, in dieser Beziehung nicht eben so sind, wie andere Leute; aber ein sehr großer Theil der Landesbevölkerung hat nie eine andere Welt, als die ›Geschäftswelt‹ kennen gelernt. Die Leichtgläubigkeit in dieser Hinsicht übersteigt alle Begriffe, und wenn ich Thatsachen berichten wollte, die sich sogar gerichtlich belegen lassen, so würden selbst die dabei betheiligten Personen sich zu einem Eid erbieten, daß sie Karikaturen seien. Nun an Lebensart fehlte es mir hoffentlich nicht, und trotz meines einfachen Anzugs und meiner Maske konnte weder meine Haltung, noch meine Tracht absolut gemein genannt werden. Meine Kleider waren neu und mein Aeußeres reinlich; in Letzterem konnte man vielleicht eine Ungereimtheit entdecken, die tiefer blickenden Augen, als die meiner Gefährten waren, wahrscheinlich nicht entgangen sein würde. Ich konnte bemerken, daß sowohl Vater als Tochter ein lebhaftes Interesse für mich empfanden, sobald ich ihnen Grund zur Annahme gab, ich habe früher in besseren Glücksumständen gelebt. Ueber die Verhältnisse und Verwicklungen in Europa herrschen unter uns so unklare Vorstellungen, daß ich über die politische Stellung Preußens das unwahrscheinlichste Mährchen hätte vorbringen können, ohne daß daran Anstoß genommen worden wäre; denn mit der Unwissenheit der Amerikaner in Betreff des wahren Stands der Dinge in Europa läßt sich nichts vergleichen, als die Unwissenheit, welche in Europa hinsichtlich der eigentlichen Verhältnisse Amerikas herrscht. Was Marie betraf, so schienen ihre sanften Augen dreifach ihre gewohnte Milde und Theilnahme auszudrücken, als sie nach meiner Erklärung in angeborner Bescheidenheit einen Schritt zurückwich und mich ansah. »Wenn dieß der Fall ist, mein junger Freund,« erwiederte der Geistliche mit wohlwollendem Mitgefühl, »so verdientet Ihr wohl eine bessere Stellung, als die ist, in der Ihr Euch befindet, und es dürfte dafür leicht Rath zu schaffen sein. Versteht Ihr Etwas vom Griechischen?« »Wohl, man studiert viel Griechisch in Tscharmany!« ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen‹ dachte ich. »Und die neuern Sprachen – versteht Ihr auch Etwas davon?« »Die fünf Hauptsprachen Europa's rede ich mehr oder weniger gut; lesen kann ich sie alle mit Leichtigkeit.« »Die fünf Hauptsprachen?« versetzte der Geistliche, an seinen Fingern zählend; »welche mögen dieß sein, Marie?« »Französisch, spanisch, deutsch und italienisch, glaube ich, Vater!« »Dieß macht nur vier; welche mag die fünfte sein, mein liebes Kind?« »Die junge Dame vergißt das Englische. Die englische Sprache ist die fünfte.« »O ja, das Englische,« rief das hübsche Wesen, die Lippen zusammenpressend, um mir nicht in's Gesicht zu lachen. »Richtig, ich hatte das Englische vergessen, weil ich nicht daran gewöhnt bin, es als blos europäische Sprache zu betrachten. Ich setze natürlich voraus, daß Ihr das Englische weniger geläufig sprecht, als jede andere von Euren fünf Sprachen?« »Ja.« Abermals zuckte ein Lächeln um Mary's Lippen. »Ich fühle die lebhafteste Theilnahme für Euch, obschon Ihr ein Fremder seid, und es thut mir nur leid, daß wir uns sobald wieder trennen müssen, nachdem wir uns kaum gefunden. Wohin werdet Ihr zunächst Eure Schritte lenken, mein junger preußischer Freund?« »Ich will nach einem Platze, Ravensnest genannt – dem Vernehmen nach kann man daselbst einen guten Absatz für Uhren finden.« »Ravensnest?« rief der Vater. »Ravensnest?« wiederholte die Tochter in Tönen, welche die des Leierkastens zu Schanden machten. »Ei, Ravensnest ist der Ort, wo ich lebe, und das Kirchspiel, dessen Geistlicher ich bin – der protestantische bischöfliche Geistliche, meine ich.« Dieß war also Mr. Warren, der Geistliche, welcher in demselben Sommer, in welchem ich die Heimath verließ, für unsere Kirche berufen worden war und seitdem an derselben seinem Amte vorgestanden hatte! Aus den Briefen meiner Schwester Martha war mir viel über diese Leute mitgetheilt worden, und es kam mir jetzt vor, als hätte ich sie schon seit Jahren gekannt. Mr. Warren war ein Mann von guter Familie und einiger Erziehung, obschon ohne Mittel, und hatte sich gegen den Wunsch seiner Freunde dem Dienste der Kirche geweiht, welcher seine Vorfahren angehört hatten und in der einer seiner Ahnherren vor einem oder zwei Jahrhunderten sogar bis zur Würde eines englischen Bischofs gestiegen war. Um seiner Predigten willen stand er nicht sonderlich im Rufe; dagegen besaß er das Lob einer treuen Pflichterfüllung und erfreute sich deßhalb der größten Achtung. Die Pfründe der Saint-Andrews-Kirche zu Ravensnest wäre dürftig genug gewesen, wenn sie allein aus Beiträgen der Pfarrkinder bestanden hätte, da diese zum Unterhalt eines Priesters nur hundertundfünfzig Dollars jährlich beisteuerten. Ich zahlte, auch während meiner langen Minderjährigkeit, regelmäßig des Jahrs hundert Dollars, und meine Großmutter trug mit meiner Schwester weitere fünfzig bei. Außerdem gehörten noch zur Pfarrei fünfzig Acres trefflichen Landes, ein Stück Wald und die Interessen von zweitausend Dollars – lauter Begabungen, welche mein Großvater während seiner Lebzeiten noch gestiftet hatte. Die Pfründe mochte deßhalb jährlich reine fünfhundert Dollars abwerfen, die gemächliche Wohnung und das Erzeugniß von Heu, Holz, Gemüse, Weiden und sonstige kleine Benefizien nicht mitgerechnet. Wenige Landgeistliche waren besser daran, als der Rektor von Saint-Andrews in Ravensnest, und dieß nur in Folge der feudalen und aristokratischen Gewohnheiten der Littlepages, obschon ich vielleicht in Zeiten, wie die gegenwärtigen, nicht so sprechen sollte. Aus den Briefen meiner Schwester hatte ich entnommen, daß Mr. Warren ein Wittwer und Marie sein einziges Kind war. Sie schilderte ihn als einen wahrhaft frommen Mann, als einen Feind der Scheinheiligkeit und als eifrigen Diener des Wortes. Sein Sinn war so einfach und sein Charakter so rechtlich, daß man sich auf sein Wort wie auf ein Evangelium verlassen konnte. Er sprach nie Schlimmes über Andere, und nur selten vernahm man eine Klage über die Welt und ihre Mühsale von seinen Lippen. Er liebte seinen Nebenmenschen aus Grundsatz sowohl, als weil es ihm Bedürfniß seines Herzens war, trauerte über den Zustand der Gemeinde und zog wahre Frömmigkeit sogar dem Hochkirchenthum vor. Gleichwohl war er ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, ohne daß das Dogma derselben ihn gehindert hätte, den höheren Anforderungen seiner Christenpflichten nachzukommen; denn er behielt sich stets seine eigenen Ansichten in Sachen der Moral vor und wußte in der Ausübung zugleich diejenigen Lehren zu achten, die er zu vertreten feierlich gelobt hatte. Die Tochter war mir als ein liebenswürdiges, schelmisches, bescheidenes, verständiges und gebildetes Mädchen beschrieben worden. In Betreff ihrer Erziehung würden freilich die Mittel ihres Vaters nicht weit gereicht haben; aber eine wohlhabende, verwittwete Schwester ihrer Mutter nahm sich ihrer liebevoll an und schickte sie nach derselben Schule, in welcher sie ihre eigenen Töchter heranbilden ließ. Mit einem Worte, sie war eine bezaubernde Nachbarin, und ihre Anwesenheit in Ravensnest hatte viel dazu beigetragen, um meiner Schwester ihre jährlichen Besuche in dem »alten Hause« – es wurde im Jahr 1785 gebaut – nicht nur weniger langweilig, sondern auch wirklich angenehm zu machen. So lauteten während einer Correspondenz von fünf Jahren unabläßlich die Berichte Martha's über die Warrens und ihre Eigenschaften; und ich kam dadurch sogar auf den Glauben, daß sie diese Mary Warren mehr liebe, als irgend eine von ihres Onkels Mündeln, natürlich sich selbst ausgenommen. Alle diese Mittheilungen durchzuckten mir plötzlich den Sinn, als der Geistliche sich zu erkennen gab. Das Zusammentreffen, daß wir nach dem gleichen Landestheil zu reisen im Begriffe standen, schien ihn eben so sehr zu überraschen, wie mich – was indeß Marie von der Sache dachte, konnte ich natürlich nicht ermitteln. »Dieß ist sehr seltsam,« nahm Mr. Warren wieder auf. »Was veranlaßt Euch, nach Ravensnest zu gehen?« »Mein Onkel hat sich sagen lassen, daß es ein guter Platz sei, um seine Uhren an den Mann zu bringen.« »Ihr habt also einen Onkel? Ah, ich sehe ihn dort in der Straße; er zeigt eben einem Gentleman eine Uhr. Ist Euer Onkel gleichfalls ein Sprachkundiger und hat er eine eben so gute Erziehung genossen, wie es bei Euch der Fall zu sein scheint?« »O ja, er hat weit mehr von einem Schentleman, als jener Schentleman dort, dem er eine Uhr verkauft.« »Es müssen dieselben Personen sein,« fügte Mary hastig bei, »von denen Mr. Newcome sprach: die« – das süße Mädchen mochte nach dem, was sie von meiner Herkunft vernommen hatte, nicht Hausirer sagen und fügte deßhalb bei – »die Handelsleute, welche unsern Landestheil mit Uhren und Schmucksachen zu besuchen gedenken.« »Du hast Recht, meine Liebe, und die ganze Sache ist jetzt klar. Mr. Newcome sagte, sie würden sich uns wahrscheinlich zu Troy anschließen, wenn wir gemeinschaftlich auf der Eisenbahn nach Saratoga führen. Doch da kommt Opportunity selbst, ihr Bruder kann also nicht weit sein.« Und in diesem Augenblick trat richtig meine alte Bekanntschaft Opportunity Newcome mit einer Miene von Selbstzufriedenheit und einer Sorglosigkeit des Wesens, wie man Beides bei den meisten ihrer Kaste zu finden pflegt, in das Wirthshauszimmer. Ich zitterte für meine Maske, denn um über einen sehr zarten Punkt mich offen auszusprechen, muß ich sagen, Opportunity hatte mir so gar scharf zugesetzt, daß mir kaum ein Fünkchen von Hoffnung übrig blieb, ihr weiblicher Instinkt, gespornt und gesteigert durch den Wunsch, Gebieterin des Nesthauses zu werden, könne möglicherweise die tausend Eigenthümlichkeiten übersehen, die immerhin noch einem Menschen anhaften mußten, dessen Persönlichkeit sie zu ihrem besondern Studium gemacht hatte.   Sechstes Kapitel. Wie sie ihr Köpfchen dreht und nickt! Die Feder wallt – 's ist eine Freude! Hast je du solche Dirn erblickt, Freund, auf der grünen Haide? Allan Cunningham .   »Ah, da sind einige herrliche französische Vignettes,« rief Opportunity, auf den Tisch zueilend, wo einige mittelmäßige kolorirte Kupferstiche lagen, welche die Kardinaltugenden unter der Gestalt flitterhafter weiblicher Schönheiten darstellen sollten. Die Bilder waren französische Arbeit und hatten französische Unterschriften. Nun verstand Opportunity gerade französisch genug, um letztere trotz ihrer Einfachheit so schlecht zu übersetzen, als es nur möglich war. »La vertu!« rief Opportunity in hoher, entschiedener Weise, als ob sie sich einer Zuhörerschaft versichern wollte, »die Kraft; la solitude « – sie sprach das letztere Wort mit einem verzweifelt englischen Accent aus, »die Einöde; la charitè , die Barmherzigkeit. Es ist in der That entzückend, Mary, wie Sarah Soothings sagen würde, solchen Lichtfunken des Geschmackes in unserer Wildniß zu begegnen.« Ich wunderte mich, wer zum Henker »Sarah Soothings« sein mochte, erfuhr aber später, daß dieß der nom de guerre einer weiblichen Journalistin war, welche wahrscheinlich, so einfältig sie auch sonst sein mochte, es in ihrer Einfalt doch gewiß nie so weit trieb, um sich Phrasen zu Schulden kommen zu lassen, wie ich sie eben aus Opportunity's Munde gehört hatte. Was das la charitè und das la vertu betraf, so überraschte mich dieß nicht im Mindesten, denn der Spottvogel Martha hatte sich oft über die Tours de force dieser jungen Dame im Französischen lustig gemacht. Ich erinnere mich, daß sie mir bei einer Gelegenheit schrieb, Opportunity habe sagen wollen: j'ai été admise ; statt übrigens dieß in ihrer guten Muttersprache mit dem Worte »ich bin vorgekommen«, auszudrücken, was wohl am besten gewesen wäre, habe sie sich bis zu der schönen Phrase, » je suis venu pour « verstiegen. Mary lächelte, denn sie begriff vollkommen den Unterschied, den hier die Ausdrücke la solitude und Einöde u. s. w. hatten, sagte aber nichts. Ich muß gestehen, daß ich so unbesonnen war, gleichfalls zu lächeln, obschon dieß eben nichts zu sagen hatte, da Opportunity's Rücken uns zugekehrt war. Die wechselseitigen Anzeichen des Verständnisses aber, welche unsern Augen entwischten, leiteten eine Art von Verkehr ein, der, wenigstens für mich, ungemein angenehm war. Nachdem Opportunity dem Eigenthümer des fremden Gesichts, den sie beim Eintritt kaum eines Blicks gewürdigt, ihre Fertigkeit im Französischen gezeigt hatte, drehte sie sich, um ihn besser zu beaugenscheinigen. Ich habe Grund zu glauben, daß mein Aeußeres keinen sehr günstigen Eindruck auf sie machte, denn sie schüttelte den Kopf, holte sich einen Stuhl, nahm in sehr unzierlicher Weise darauf Platz und begann ihre Neuigkeiten auszukramen, ohne auch nur im mindesten auf meine Anwesenheit zu achten oder auf die Wünsche und den Geschmack ihrer Begleiter Rücksicht zu nehmen. Ihr Accent, ihr scharfes, stoßendes Organ, und der schrille Ton, in welchem sie sich vernehmen ließ – alles Dieß beleidigte in hohem Grade mein Ohr, welches in der alten Welt, namentlich bei Frauenzimmern, an etwas ganz Anderes gewöhnt worden war; denn ich gestehe, daß ich zu Denjenigen gehöre, welche bei Frauen in einer ruhigen, anmuthigen Aussprache einen weit größeren Zauber finden, als sogar in ihrer Schönheit. Die Wirkung ist nachhaltiger und scheint in unmittelbarer Verbindung mit dem Charakter zu stehen. Mary Warren sprach nicht nur wie eine Dame, die an gute Gesellschaft gewöhnt ist, sondern auch die Modulationen ihrer schon von Natur auffallend schönen Stimme waren gleichförmig und angenehm, wie man es gewöhnlich bei gebildeten Frauen trifft; von der schnarrenden, unsicheren, bald schnellen, bald gedehnten Redeweise Opportunitys war hier nicht entfernt etwas zu bemerken. Vielleicht bekundet in diesem Zeitalter eines freien zwanglosen und nachlässigen Benehmens nichts so nachdrücklich die Bildung beider Geschlechter, als eben die Sprache. »Sen kann Jedermanns Geduld erschöpfen!« rief Opportunity. »Wir müssen in einer halben Stunde Troy verlassen, und ich sollte noch Miß Jones, Miß White, Miß Black, Miß Green, Miß Brown und drei oder vier Andere besuchen. Aber ich kann ihn nicht dazu bringen, daß er sich in meiner Nähe blicken läßt.« »Warum geht Ihr nicht allein?« fragte Mary ruhig. »Nach zweien oder dreien dieser Häuser habt Ihr nur einen Schritt, und Ihr könnt Euch unmöglich verirren. Doch wenn Ihr es wünscht, will ich Euch begleiten.« »Oh, ich mich verirren? Nein, wahrhaftig nicht – da kenne ich mich zu gut aus. Ich bin nicht in Troy erzogen worden, um seine Straßen so bald wieder zu vergessen. Aber es nimmt sich so sonderbar aus, wenn man eine junge Lady ohne einen Beau in der Straße gehen sieht. In Gesellschaften möchte ich nicht einmal durch ein Zimmer gehen ohne einen Beau, geschweige über eine Straße. Nein, wenn Sen nicht bald kommt, werde ich keine von meinen Freundinnen besuchen können, und dieß ist eine verzweifelte Geschichte für uns Alle. Aber da läßt sich nichts ändern. Ohne Beau gehe ich nicht aus, und wenn ich keine davon je wieder zu sehen kriege.« »Wollt Ihr vielleicht mit mir vorlieb nehmen, Miß Opportunity?« fragte Mr. Warren. »Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Euch einen Dienst zu erweisen.« »Herr im Himmel, Mr. Warren, Ihr werdet Euch doch nicht in Eurer Lebenszeit für einen Beau aufthun wollen? Jedermann müßte sehen, daß Ihr ein Geistlicher seid, und ich könnte eben so gut allein gehen. Nein, wenn Sen sich nicht bald blicken läßt, so komme ich um meine Visiten, und ich weiß, die jungen Ladies werden mir sehr bös darüber werden. Araminta Maria schrieb mir auf die dringlichste Weise, ich solle ja nie durch Tory gehen, ohne bei ihr einzukehren, und wenn ich auch sonst keine andere sterbliche Seele besuche; und Katharine Clotilda hat mir zu verstehen gegeben, sie werde mir es nie verzeihen, wenn ich an ihrer Thüre vorbei gehe. Aber Seneka kümmert sich eben so wenig um die Freundschaft junger Ladies, als um den jungen Patroon. Wahrhaftig, Mr. Warren, ich glaube, Sen wird zuletzt noch verrückt, wenn die Antirenters nicht bald ihre Sache durchsetzen, denn er denkt und spricht vom Morgen bis in die Nacht hinein von nichts, als von ›Renten‹, von ›Aristokratie‹ und von ›Futteralbräuchen‹.« Wir Alle lächelten über diesen kleinen Mißgriff der edlen Jungfrau; aber die Sache war von keinem großen Belang, denn wahrscheinlich verstund sie so viel davon, wie die meisten Andern, welche sich desselben Ausdrucks bedienen, obschon sie ihn richtiger buchstabiren. Das Wort ›Futteralbräuche‹ ist auf was immer für ein Verhältniß in Amerika eben so gut anwendbar, als ›Feudal-Bräuche‹. »Euer Bruder beschäftigt sich also mit einer Angelegenheit, welche für die Gemeinschaft, zu der er gehört, von der größten Wichtigkeit ist,« entgegnete der Geistliche ernst. »Von dem Ausgang dieser Antirentenfrage hängt meinem Urtheil nach zum großen Theil der künftige Charakter und die künftige Bestimmung New-Yorks ab.« »Ihr setzt mich in Erstaunen! Ich bin ganz überrascht, Euch so sprechen zu hören, Mr. Warren; denn im Allgemeinen hat man von Euch die Ansicht, daß Ihr der Bewegung abgeneigt seiet. Sen sagt übrigens, daß Alles gut stehe, und er glaubt, daß durch den ganzen Staat die Pächter in ehester Bälde zu ihren Ländereien kommen werden. Wie er mir mittheilt, werden wir diesen Sommer auch in Ravensnest Inschens genug kriegen. Die Ankunft der alten Mistreß Littlepage hat einen Geist geweckt, der sich nicht leicht dämmen lassen wird, sagte er.« »Und warum sollte der Umstand, daß Mistreß Littlepage das Haus ihres Enkels und die Wohnung besucht, welche von ihrem Gatten gebaut wurde, und in dem sie die glücklichsten Tage ihres Lebens zubrachte, bei was immer für einem Bewohner dieses Landestheils einen ›Geist‹ wecken, wie Ihr es nennt?« »O, Ihr seid bischöflich, Mr. Warren, und wir Alle wissen wohl, wie die Bischöflichen über derartige Sachen denken. Aber was mich betrifft, so halte ich die Littlepage's für um kein Haar besser, als die Newcome's, obschon ich sie nicht mit Einigen vergleichen möchte, die ich zu Ravensnest namhaft machen könnte. Meiner Ansicht nach sind sie keines Falls besser, als Ihr, und warum gestattet man ihnen, daß sie so viel mehr von dem Gesetz verlangen, als andere Leute?« »Ich wüßte nicht, daß sie mehr vom Gesetz verlangen, als Andere, und wenn es der Fall wäre, so bin ich überzeugt, daß sie weniger erhalten. In den Staaten wird das Gesetz durch Geschworene verwaltet, welche eifrig Sorge dafür tragen, so weit es in ihrer Macht steht, der Gerechtigkeit Abstufungen zu geben, und dabei bedienen sie sich eines Maaßstabs, der durch ihre Meinungen und sehr oft durch ihre Vorurtheile bestimmt wird. Namentlich sind sie Personen aus der Rangklasse von Mistreß Littlepage nicht günstig, und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, ihnen ein Leides anzuthun, so darf man mit Sicherheit darauf zählen, daß man diese nicht ungenützt vorübergehen läßt.« »Sen sagt, er könne eben so wenig einen Grund einsehen, warum er an einen Littlepage Renten zahlen solle, als ein Littlepage an ihn Renten zu entrichten geneigt sein werde.« »Es thut mir leid, dieß hören zu müssen, denn für Ersteres sind zureichende Gründe, für Letzteres aber gar keine vorhanden. Euer Bruder hat die Nutznießung von dem Lande des Mr. Littlepage, und dieß erklärt hinreichend, warum er zum Rentenzahlen verpflichtet ist. Wäre der Fall umgekehrt, so würde Mr. Littlepage von Eurem Bruder auch nichts geschenkt werden.« »Aber welcher Grund wäre vorhanden, daß diese Littlepage's von Generation zu Generation, vom Vater auf den Sohn, unsere Grundherren sein sollen, während wir doch eben so gut sind, wie sie? Es ist Zeit, daß in dieser Beziehung ein Wechsel eintritt. Außerdem, bedenkt nur, wir sind nun wohl an achtzig Jahre auf den Mühlen gewesen, und der Großpa hat sich zuerst darauf angesiedelt. Dieselbigen Mühlen haben sich nun schon drei Generationen unter uns fortgeerbt.« »Es ist deßhalb hohe Zeit, Opportunity, daß in dieser Hinsicht ein Wechsel eintrete,« entgegnete Mary mit einem gesetzten Lächeln. »O, Ihr seid so vertraut mit Marthy Littlepage, daß ich mich über nichts wundere, was Ihr denkt oder sagt. Grund bleibt aber gleichwohl Grund. Ich habe nicht das Mindeste von der Welt gegen den jungen Hugh Littlepage einzuwenden, wenn ihn anders die fremden Länder nicht verderbt haben, wie dieß so verzweifelt leicht zu gehen pflegt; denn er ist ein angenehmer junger Gentleman, und ich kann nicht sagen, daß er sich für besser als andere Leute zu halten pflegte.« »Ich möchte behaupten, daß man keinem Mitglied dieser Familie einen solchen Vorwurf machen kann,« antwortete Mary. »Ich bin in der That erstaunt, Euch so sprechen zu hören, Mary Warren. Für meinen Geschmack ist Marthy Littlepage so unangenehm, als sie nur sein kann, und wenn die Antirenten-Geschichte keinen besseren Widersacher hätte, als sie, so dürfte der endliche Triumph nicht mehr lange ausbleiben.« »Darf ich fragen, welchen besonderen Grund Ihr für Eure Ansicht habt, Miß Newcome?« fragte Mr. Warren, welcher die junge Dame während ihres ganzen Gespräch mit einem Interesse ins Auge gefaßt hatte, das mir etwas übertrieben vorkam, wenn ich dabei den Charakter der Sprecherin und den Werth ihrer Bemerkungen bedachte. »Ich bin dieser Ansicht, weil sie die Ansicht von Jedermann ist, Mr. Warren,« lautete die Antwort. »Wenn sich Marthy Littlepage nicht für besser hielte, als andere Leute, warum benimmt sie sich nicht, wie Andere? In ihrem Dünkel ist ihr nichts gut genug.« Die arme kleine Patt, welche ein wahres Musterbild von natürlicher Einfachheit war, wie Natur und Einfachheit sich unter dem Einfluß der Bildung und guten Erziehung kund geben, wurde hier beschuldigt, sie halte sich für besser, als diese ehrgeizige Dame, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil die kleinen unterscheidenden Eigenthümlichkeiten ihres Benehmens und ihrer Haltung trotz mehrerer vergeblicher Anstrengungen von Opportunity nicht erreicht werden konnten. In dieser einfachen Thatsache liegt das Geheimniß vieler tausend Verkehrtheiten und Laster, die gegenwärtig wie brüllende Löwen Land auf und Land ab gehen, suchend, wen sie verschlingen. Man forscht oft in der Gesetzgebung und Staatseinrichtung nach den Quellen augenfälliger Gebrechen, welche, wenn man der Sache auf den Grund geht, ihren Ursprung in einigen der niedrigsten Leidenschaften des menschlichen Lebens haben. Der Umstand übrigens, daß in diesem Augenblick Seneka eintrat, gab dem Gespräch eine neue Wendung, obschon es der Hauptsache nach in gleichem Sinne fortdauerte. Ich bemerkte, daß Seneka während der ganzen nun folgenden Unterredung den Hut aus dem Kopf behielt, obschon zwei Damen und ein Geistlicher anwesend waren. Was mich selbst betraf, so hatte ich mir die Freiheit erlaubt, meine Mütze abzunehmen, obschon mir dieß wahrscheinlich von Vielen dahin gedeutet worden wäre, daß ich mir ein Ansehen geben wolle, während Andere geglaubt haben würden, ich bekunde gegen menschliche Wesen einen Grad von Achtung, der eines freien Mannes völlig unwürdig sei. Das Abnehmen eines Hutes, wenn man in ein Haus geht, gilt jetzt für so befremdlich und aristokratisch, daß nur wenige von den niedriger stehenden Demokraten Amerika's daran denken, sich also herabzuwürdigen. Natürlich wurde nun der säumige Bruder gescholten, weil er nicht früher erschienen war, um Miß Opportunity als Beau dienen zu können, und erst dann erhielt er die Erlaubniß, sich verantworten zu dürfen. Da Seneka in hoher guter Laune war, ließ sich leicht genug entdecken, da er im Uebermaaß seines Entzückens sogar die Hände rieb. »Sen ist etwas Angenehmes zugestoßen,« rief die Schwester, in der Aussicht, daß auch ihr Etwas, davon abfallen werde, den Mund zu einem breiten Grinsen verziehend. »Ich wollte, Ihr brächtet ihn dazu, uns zu sagen, um was es sich handelt, Mary, denn vor Euch hält er nichts zurück.« Ich kann kaum beschreiben, wie verletzend diese Bemerkung auf meine Nerven wirkte; denn der Gedanke, daß Mary Warren einwilligen könnte, über einen Menschen, wie Seneka Newcome, auch nur den entferntesten Einfluß zu üben, war mir im höchsten Grade unangenehm, und ich hätte gewünscht, daß sie das Ansinnen offen und mit Entrüstung zurückwiese. Sie benahm sich übrigens, wie dieß von einer Person, die an dergleichen gewöhnt ist, zu erwarten war. Ich muß sagen, daß sie weder Wohlgefallen noch Mißvergnügen an den Tag legte, da sich in ihrem ganzen Wesen nur kalte Gleichgültigkeit aussprach. Vielleicht hätte ich damit zufrieden sein sollen; indeß muß ich doch gestehen, daß mir dieß schwer wurde. Seneka wartete übrigens nicht, bis Miß Warren ihren Einfluß üben wollte, sondern war augenscheinlich vollkommen geneigt, aus eigenem Antrieb zu sprechen. »Ich muß allerdings einräumen, daß ich etwas Angenehmes in Erfahrung gebracht habe,« entgegnete er, »und ich brauche gegen Mr. Warren keine Rückhaltung zu beobachten. Unter uns Antirenters geht es herrlich vorwärts, und es wird nicht mehr lange anstehen, bis wir alle unsere Punkte durchgesetzt haben.« »Ich wünschte, mich der Ueberzeugung erfreuen zu dürfen, daß nur diejenigen Punkte durchgesetzt werden, welche ein Recht für sich haben, Mr. Newcome,« lautete die Antwort. »Doch was hat sich in der letzten Zeit zugetragen, um der Angelegenheit eine neue Wendung zu geben?« »Wir gewinnen Macht unter den Politikern. Beide Seiten fangen an, uns den Hof zu machen, und der ›Geist der Institutionen‹ wird sich bald Achtung verschaffen.« »Ich freue mich, dieß zu hören! Es liegt in der Absicht der Institutionen, Habgier, Lieblosigkeit, Betrug und alles Unrecht zu unterdrücken,« bemerkte Mr. Warren. »Ha, da kömmt mein Freund, der reisende Juwelier!« sagte Seneka, den Geistlichen unterbrechend, um meinen Onkel zu grüßen, der sich diesen Augenblick, die Mütze in der Hand, unter der Thüre des Zimmers zeigte. »Herein, Mr. Davidson, wenn Ihr so heißt. Seine Ehrwürden, Mr. Warren, – Miß Mary Warren, – Miß Opportunity Newcome, meine Schwester, die sich freuen wird, Eure Waaren anzusehen. Der Eisenbahnzug ist wegen eines besondern Geschäfts aufgehalten, und wir haben noch reichlich Zeit vor uns.« Seneka sagte dieß mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit, welche zeigen sollten, daß er nirgends Anstand nahm, wenn es sich darum handelte, Jemand vorzustellen. Da mein Onkel an dieses freie und seichte Wesen gewöhnt und wahrscheinlich sich nicht bewußt war, welche Figur er in seiner Verkleidung machte, so verbeugte er sich mit einem Anstande, der nur schlecht zu seinem gegenwärtigen Berufe paßte, obschon meine vorläufige Erklärung, daß wir uns früher in bessern Umständen befunden hätten, sein Benehmen nicht allzu ausfallend erscheinen ließ. »Nur herein, Mr. Davidson, und öffnet Euren Kasten. Wahrscheinlich gefällt meiner Schwester Einiges von Euren Schmucksachen, denn ich habe noch nie ein Frauenzimmer gekannt, bei welcher dieß nicht der Fall gewesen wäre.« Der vermeintliche Hausirer trat ein, stellte seine Kiste auf den Tisch, in dessen Nähe ich mich befand, und alle Anwesenden sammelten sich darum. Weder Seneka noch seine Schwester hatten sonderlich auf mich geachtet, da das Zimmer ein öffentliches und meine Verwandtschaft mit dem Handelsmann bekannt war. Seneka war aber seines Gegenstandes zu voll, um die gute Neuigkeit, die er gebracht hatte, ganz fallen zu lassen, weßhalb er sich auch durch die Musterung, welche die Uhren, Ringe, Ketten, Vorstecknadeln, Armbänder u. s. w. erlitten, nicht stören ließ. »Ja, Mr. Warren, ich hoffe, der Geist unserer Institutionen wird jetzt zu seiner völligen Entwicklung kommen, so daß wir künftighin im Staate New-York wenigstens keine privilegirte Klasse mehr haben.« »Letzteres wäre sicherlich ein großer Gewinn, Sir,« versetzte der Geistliche gelassen; »denn bisher haben Die, welche die Wahrheit am meisten unterdrückten, und die gröbsten, lügnerischen Schmeicheleien in Umlauf setzten, in Amerika ungebührliche Vortheile besessen.« Es war augenfällig genug, daß Seneka diese Ansicht nicht behagte; indeß glaubte ich aus seinem Benehmen wahrnehmen zu können, daß er so ziemlich an dergleichen Zurechtweisungen von Seiten des Geistlichen gewöhnt war. »Ich sehe wohl, Ihr räumt ein, Mr. Warren, daß es gegenwärtig privilegirte Klassen unter uns gibt ?« »Gewiß, Sir, denn die Thatsache ist zu augenfällig, um sich in Abrede ziehen zu lassen.« »Gut; aber es wäre mir lieb, wenn Ihr dieselben namhaft machtet, damit ich sehen kann, ob wir in unseren Gesinnungen einig sind.« »Die Demagogen bilden eine hochprivilegirte Klasse, und ein Gleiches läßt sich von den Zeitungsschreibern behaupten, denn sie thun täglich und stündlich Dinge, welche aller Gerechtigkeit und allem Gesetz Trotz bieten; ja es geht ihnen vollkommen ungestraft hin, wenn sie die kostbarsten Rechte ihrer Mitbürger antasten. Beide besitzen eine ungeheure Gewalt, von der sie, wie es stets bei mangelnder Verantwortlichkeit der Fall ist, den schlimmsten Mißbrauch machen.« »Nein, dieß ist durchaus nicht die Art, wie ich denke. Meinem Urtheil nach bestehen die privilegirten Klassen dieses Landes aus den Patroonen und Grundherren – aus Leuten, die sich nicht mit einem angemessenen Theil Landes begnügen, sondern mehr zu besitzen wünschen, als ihre übrigen Nebenmenschen.« »Ich wüßte kein einziges Privilegium, welches die Patroone, die, beiläufig bemerkt, nur noch dem Namen nach bestehen, oder die Grundbesitzer vor was immer für einem Mitbürger voraus hätten.« »Nennt Ihr es kein Privilegium, wenn ein einziger Mensch alles Land einer Stadtmarkung besitzt? Meiner Ansicht nach wenigstens ist es ein sehr großes, und in einem freien Lande sollte es Niemand besitzen. Andere Leute wollen eben so gut Boden haben, wie die Rensselaers und Littlepage's, und sie werden es auch durchzusetzen wissen.« »Diesem Grundsatz nach wäre Jeder, der mehr von einer Sache besitzt, als sein Nachbar, privilegirt, und sogar ich, so arm ich auch bin, hätte ein Vorrecht vor Euch, Mr. Newcome. Ich besitze einen Kirchenrock und noch zwei andere Amtskleidungen, eine alte und eine neue – dazu noch unterschiedliche, ähnliche Dinge, von denen Ihr auch nicht ein einziges habt. Ja, was noch mehr ist, ich bin auch noch in einem andern Sinn privilegirt, da ich die Kleidung meines geistlichen Amtes tragen kann und sogar oft trage, während dieß bei Euch nicht anginge, ohne daß Ihr Euch lächerlich machtet!« »Oh, dieß sind keine Privilegien, um die ich mich kümmere, und wenn ich die Geschichten anlegen wollte, so würde mich kein Gesetz hindern.« »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Newcome, das Gesetz hindert Euch doch, meine Amtskleidung zu tragen, wenn ich es mir nicht gefallen lassen will.« »Oh! schon gut, Mr. Warren, hierüber kriegen wir keine Händel. Es gelüstet mich durchaus nicht, Euren Kirchenrock zu tragen.« »Oh, ich verstehe; nur dann besitze ich also ein Privilegium, wenn mir das Gesetz Dinge läßt, nach denen es Euch gelüstet .« »Ich fürchte, wir werden in dieser Antirenten-Sache nie einig werden, Mr. Warren, und dieß thut mir wahrhaft leid, da ich so gar gerne mit Euch gleicher Ansicht sein möchte.« Bei diesen Worten warf er Mary einen höchst profanen Blick zu. »Ich bin übrigens für das Prinzip der Bewegung, und Ihr haltet allzu fest an der Doktrin des Stillstands.« »Allerdings halte ich es lieber mit dem Bestehenden, Mr. Newcome, wenn unter Fortschritt verstanden wird, daß alten und im Lande lang ansässigen Familien ihr Eigenthum genommen werden soll, um es Solchen zu geben, deren Namen sich nicht in unserer Geschichte finden. Ja, man kann es überhaupt Niemand geben, als dem rechtmäßigen Eigenthümer.« »Wir werden nie einig werden, theurer Sir, wir werden nie einig werden.« – Dann wandte er sich mit einer Miene von Ueberlegenheit, wie sie der gemeine Sinn so leicht anzunehmen geneigt ist, an meinen Onkel und fügte bei »Was sagt Ihr zu alle dem, Freund Davidson, lautet Eure Losung: ›es lebe die Rente‹ – oder: ›nieder mit der Rente?‹« »Ja, Myn Herr,« lautete seine ruhige Antwort, »ich zähle gewissenhaft die Rente nieder, wenn ich ein Haus oder einen Garten miethe. Es ist stets gut – sehr gut – seine Schulden zu bezahlen.« Diese Antwort entlockte dem Geistlichen und seiner Tochter ein Lächeln, während Opportunity laut hinaus lachte. »Du wirst aus deinem deutschen Freund nicht viel machen können, Sen,« rief diese lebhafte junge Dame. »Er sagt, du sollst es lieber mit dem Zahlen der Rente halten.« »Ich fürchte, Mr. Davidson versteht die Sache nicht ganz recht,« antwortete Seneka in großer Verblüffung, die ihn übrigens nicht hinderte, an seiner Behauptung fest zu halten. »Wenn ich Eure Erklärung gehörig aufgefaßt habe, so seid Ihr ein Mann von liberalen Gesinnungen, Mr. Davidson, und in der Absicht nach Amerika gekommen, Euch des Lichtes der Intelligenz und der Wohlthaten einer freien Regierung zu erfreuen.« »Ja; als ich nach Amerika zu ziehen beschloß, sagte ich zu mir selbst: ›dieß ist ein gutes Land, wo ein ehrlicher Mann kriegt, was er verdient, und es auch behalten darf.‹ Ja, ja – das ist's, was ich immer sage und denke.« »Ich verstehe Euch, Sir. Ihr kommt von einem Theil der Welt, wo der Adel das Fett des Landes aufzehrt und des armen Mannes Antheil so gut an sich reißt, wie seinen eigenen. Jene Zustände sind Euch entleidet, und Ihr wünscht nun in einem Lande zu leben, wo das Gesetz so gleich ist, oder doch bald so gleich sein wird, daß fortan kein Bürger es soll wagen dürfen, von seinen Ländereien zu sprechen und durch solchen Hochmuth die Gefühle Derjenigen zu verletzen, welche kein großes Grundeigenthum besitzen.« Mein Onkel erkünstelte bei dem Schluß dieser Erklärung ein so köstlich unschuldiges Verlegenheitsgesicht, daß ich mich – trotz meiner Bemühungen, es zu unterdrücken – eines Lächelns nicht erwehren konnte. Mary Warren bemerkte es, und abermals wurden zwischen uns Blicke des Verständnisses gewechselt, obgleich die junge Dame unmittelbar darauf die Augen niederschlug und ein verrätherisches Roth leicht ihr Antlitz überflog. »Ich kann mir denken,« fuhr Seneka mit Nachdruck fort, »daß Ihr ein Freund seid von der Gleichheit der Gesetze und Rechte; denn gewiß habt Ihr in der alten Welt über die Mißstände, welche im Gefolg des Adelswesens und des Feudaldrucks sind, genügsame Erfahrungen gemacht, so daß Ihr nicht wünschen könnt, in der neuen ähnlichen Verhältnissen begegnen zu müssen.« »Das Adelswesen und die Feudalprivilegien sind nicht gut;« erwiederte der Hausirer, indem er mit der Miene großer Abgeneigtheit den Kopf schüttelte. »Ich wußte dieß ja. Ihr seht, Mr. Warren, Niemand kann einer andern Gesinnung Raum geben, sobald die betreffenden Erfahrungen über die Beschwernisse des Lehenssystems vorausgegangen sind.« »Aber was haben wir mit Lehenssystemen zu schaffen, Mr. Newcome?« entgegnete der Geistliche; »und welche Aehnlichkeit findet statt zwischen den Grundsätzen New-Yorks und dem Adel Europa's – zwischen dem Recht, sein Eigenthum nach bestimmten Stipulationen verpachten zu können, und der Feudalherrlichkeit eines privilegirten Standes?« »Welche Aehnlichkeit stattfindet? O, eine sehr große, Sir – dieß dürft Ihr mir auf's Wort glauben. Sind nicht sogar unsere Gouverneure, selbst wenn sie erbarmungslos den Bürger zum Mord des Andern auffordern – –« »Nicht doch, Mr. Newcome,« unterbrach ihn Mary Warren lachend; »die Gouverneure fordern im Gegentheil die Bürger auf, einander nicht zu morden.« »Ich verstehe Euch, Miß Warren; aber ihr Beide sollt mir zu Antirenters werden, noch ehe wir mit der Sache fertig sind. Wahrhaftig, Sir, die Aehnlichkeit zwischen unsern Grundbesitzern und dem europäischen Adel ist nur allzu groß, wenn die ehrenhaften, freigeborenen Pächter den Ersteren eine Steuer zahlen für die Erlaubniß, auf dem Boden zu leben, den sie bebauen und durch ihren Fleiß werthvoll machen.« »Aber auch Leute, die nicht adelich sind, verpachten in Europa ihre Grundstücke, und ich habe sogar gehört und gelesen, daß in einigen Theilen der alten Welt selbst leibeigene Personen, sobald sie frei werden und zu Reichthum gelangen, Ländereien ankaufen und sie durch Pächter bewirthschaften lassen.« »Alles feudal, Sir. Das ganze System ist verderblich und nur ein trauriger Auswuchs des Adelswesens, mögen nun Leibeigene oder Nichtleibeigene dabei in Frage kommen.« »Aber, Mr. Newcome,« entgegnete Mary Warren gelassen, obschon mit einer Art gesetzter Ironie, welche bekundete, daß sie doch einige Schalkhaftigkeit in sich barg und recht wußte, was sie sagen wollte – »auch Ihr verpachtet Euer Land – Land, das Ihr selbst gepachtet habt und das Euch nicht gehört, sintemal Ihr nur durch ein mit Mr. Littlepage eingegangenes Vertragsverhältniß einen Anspruch darauf habt.« Seneka räusperte sich und gerieth augenscheinlich in große Verlegenheit; er hatte jedoch bei dem Fortgang der Bewegung, die – selbst wenn Alles zum Teufel ging – doch zu einem Wechsel führte, zu viel auf dem Spiele, als daß er der Sache hätte entstehen können. Er wiederholte sein »Hem!« – mehr um sein Gehirn, als um seine Kehle zu klären – und rückte dann mit der glücklich gefundenen Antwort heraus, die er mit einer Art von Triumph vortrug. »Dieß ist eben eines von den Uebeln des gegenwärtigen Systems, Miß Mary,« sagte er. »Wenn die zwei oder drei Felder, von denen Ihr sprecht, und die ich aus Mangel an Zeit nicht selbst bewirthschaften kann, mein Eigenthum wären, so befände ich mich in der Lage, sie zu verkaufen ; so aber ist dieß unmöglich, weil ich nicht urkundlich ein freies Eigenthumsrecht übertragen kann. Sobald mein armer Onkel stirbt – und Ihr wißt ja selbst, er ist so weit draußen, daß er's kaum noch eine Woche treiben wird – so fällt das ganze Anwesen, Mühlen, Wirthshaus, Wald und Alles an den jungen Hugh Littlepage zurück, der – wie ich mir denken kann, und wie sich's zuletzt herausstellen wird – in Europa sein Geld verjubilirt, ohne daß für ihn selbst oder für Andere etwas Gutes dabei heraus käme. Dieß ist wieder ein weiterer Mißstand des Feudalsystems, indem Einzelne dadurch in die Lage versetzt werden, sich müssig im Ausland umzutreiben und daselbst ihr Geld zu verthun, während Andere zu Hause bleiben müssen, um den Pflug und den Karst zu handhaben.« »Und warum glaubt Ihr, Mr. Littlepage verschwende in der Fremde seine Habe, ohne dadurch für sich selbst oder für sein Vaterland einen Vortheil zu erzielen, Mr. Newcome? Von seinem Charakter habe ich wenigstens ganz andere Dinge vernommen, und die Früchte seiner Reisen dürften aller vernünftigen Erwartung nach Eure Annahme Lügen strafen.« »Mit dem Gelde, das er in Europa verbraucht, könnte er in Ravensnest unendlich viel Gutes wirken, Sir.« »Ich für meinen Theil, lieber Vater, finde es sehr merkwürdig,« flocht Mary wieder in ihrer ruhigen, aber schneidenden Weise ein, »daß es keiner unserer letzten Gouverneure für passend gehalten hat, unter den Thatsachen, welche mit dem Geist unserer Institutionen im Widerspruch stehen sollen, auch diejenigen aufzuzählen, die uns eben von Mr. Newcome zum besten gegeben wurden. Es ist freilich eine schlimme Bedrückung, daß Mr. Seneka Newcome das Eigenthum des Mr. Hugh Littlepage nicht verkaufen kann.« »Es ist weniger dieß, worüber ich mich beklage,« versetzte Seneka etwas hastig, »sondern vielmehr der Umstand, daß alle meine Anrechte an die Liegenschaften mit dem Tode meines Onkels erlöschen. Dieß wenigstens werdet sogar Ihr, Miß Mary, als eine große Beschwerniß anerkennen müssen.« »Wenn aber unverhoffter Weise Euer Onkel dennoch seine Krankheit überstünde, und noch ein paar Dutzend Jährchen lebte, Mr. Newcome–« »Nein, nein, Miß Mary,« antwortete Seneka mit einem melancholischen Kopfschütteln, » dieß ist absolut unmöglich. Es sollte mich nicht wundern, wenn ich ihn schon nach unserer Rückkehr todt und begraben fände.« »Aber nehmen wir an, Ihr hättet Euch in Eurer Vermuthung wirklich getäuscht und Euer Pachtverhältniß daure fort – Ihr hättet noch immer eine Rente zu zahlen?« »Ueber diese würde ich mich am wenigsten beschweren. Wenn mir Mr. Dunning, Littlepage's Agent, nur in kurzen Worten verspricht, daß wir den Pacht unter den alten Bedingungen erneuern können, so sage ich keine Sylbe darüber.« »Nun, da haben wir den Beweis, daß das System seine Vortheile hat!« rief Mr. Warren heiter. »Ich freue mich, Euch so sprechen zu hören; denn es ist gewiß sehr hoch anzuschlagen, daß wir eine Klasse von Menschen unter uns haben, auf deren einfaches Versprechen in Geldangelegenheiten ein so großer Werth gesetzt wird. Hoffentlich wird ihr Beispiel nicht ganz verloren gehen.« »Mr. Newcome hat hier ein Zugeständniß gemacht, das ich gleichfalls gerne vernehme,« fügte Mary bei, sobald ihr Vater ausgesprochen hatte. »Seine Bereitwilligkeit, sich den Pachtvertrag unter den alten Bedingungen erneuern zu lassen, ist ein Beleg, daß er sich unter den bisherigen Verhältnissen gut gestanden hat, folglich auch seinerseits eine Anerkennung dafür zu erwarten wäre. « Diese einfachen Worte setzten Seneka in die größte Verwirrung. Was mich betrifft, so war ich entzückt über dieselben, und ich hätte den süßen schalkhaften Mund küssen mögen, der sie ausgesprochen hatte, obschon ich gestehen muß, daß mich ein solcher Schritt auch keine Ueberwindung gekostet haben würde, wenn sich ihre Lippen nicht zu Verteidigung meiner Sache geöffnet hätten. Um übrigens wieder auf Seneka zu kommen – er benahm sich, wie Leute sich zu benehmen pflegen, wenn sie fühlen, daß sie, von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet – nicht im besten Lichte erscheinen; er gab sich nämlich Mühe in den Augen seiner Zuhörer eine andere Stellung zu gewinnen. »Immerhin ist ein Punkt vorhanden, Mr. Warren, und ich hoffe, Ihr werdet hierin mit mir einverstanden sein, was auch Miß Mary davon halten mag,« rief er triumphirend. »Ich meine den Kirchenstuhl der Littlepage, den wir ein für allemal forthaben müssen.« »So weit möchte ich nicht gehen, Mr. Newcome, obschon ich glaube, daß meine Tochter in Betreff dieses Punktes Eure Ansicht theilt. Nicht wahr, mein Kind, der bedachte Kirchenstuhl und die alten Wappenbilder gefallen dir eben so wenig, als dem Mr. Newcome?« »Ich wünschte, sie wären nicht in der Kirche,« antwortete Mary mit gedämpfter Stimme. Von diesem Augenblick an war ich fest entschlossen, beides abzuschaffen, sobald ich in die Lage käme, in dieser Angelegenheit ein Wort mitzusprechen. »Ich bin vollkommen mit dir einverstanden, mein Kind,« nahm der Geistliche wieder auf, »und wenn diese Antirentenbewegung und die falschen Grundsätze, welche man in den letzten Jahren zu verbreiten bemüht war, nicht dazwischen getreten wären, so würde ich als Rector die Wappenbilder aus eigener Machtvollkommenheit entfernt haben, da dieß den Gesetzen gemäß, welche über dergleichen Dinge bestehen, schon vor ein paar Generationen hätte geschehen sollen. Der Kirchenstuhl hat weniger auf sich, denn er ist Privateigenthum und wurde mit der Kirche gebaut, welche unter dem Segen der heiligen Dreieinigkeit durch die Freigebigkeit der Littlepages zu Stande kam; es wäre daher ein Akt des gröbsten Undanks, wenn man unter solchen Umständen und noch obendrein in Abwesenheit des Eigenthümers den Stuhl fortschaffen wollte.« »Ihr seid also doch der Ansicht, daß er nicht dastehen sollte?« entgegnete Seneka frohlockend. »Ja, von ganzem Herzen; denn ich bin kein Freund von weltlichen Auszeichnungen im Hause Gottes. Namentlich scheinen mir heraldische Abzeichen sehr am unrechten Orte zu sein, wo einzig das Kreuz eine passende Stelle finden kann.« »Ei, Mr. Warren, ich kann nicht sagen, daß ich sonderliche Stücke auf Kirchenkreuze halte. Was hilft es auch, eitle Auszeichnungsmerkmale irgend einer Art aufzurichten? Eine Kirche ist im Grund doch nur ein Haus und muß als ein solches betrachtet werden.« »Allerdings ist es ein Haus,« entgegnete Mary mit Festigkeit, »und zwar das Haus Gottes.« »Ja, ja, Miß Mary, wir alle wissen, daß ihr Bischöflichen weit mehr an Außendingen haftet, und denselben größere Achtung zollt, als die meisten anderen Glaubensbekenntnisse des Landes.« »Nennt Ihr die Pachtverträge Außendinge, Mr. Newcome?« fragte Mary schalkhaft; »und gehören Uebereinkünfte, Versprechungen, Eigenthumsrechte und das Gebot, Anderen zu thun, wie man selbst behandelt zu werden wünscht, gleichfalls in diese Klasse?« »Pah, ihr guten Leute,« rief jetzt Opportunity, die sich mittlerweile ausschließlich mit Musterung der Galanteriewaaren abgegeben hatte, »ich wünschte von ganzem Herzen, daß es mit diesen Renten für immer vorbei wäre, damit ich nur kein weiteres Wort mehr darüber hören müßte. Hier, Mary, ist eine der schönsten Bleifedern, die ich je gesehen habe, und sie kostet nur vier Dollars. Ich wollte, Seneka, du ließest mich mit deinen Renten ungeschoren und machtest mir mit dieser Bleifeder ein Geschenk.« Da dieß ein Akt war, dessen sich Seneka nicht im geringsten schuldig zu machen beabsichtigte, so rückte er nur den Hut von der einen Seite des Kopfes nach der andern, begann zu pfeifen und verließ dann ruhig das Zimmer. Mein Onkel benützte diese Gelegenheit, um Miß Opportunity zu bitten, sie möchte ihm die Ehre erweisen, die Bleifeder aus seiner Hand als Geschenk anzunehmen. »Dieß wird Euch doch nicht Ernst sein?« rief Opportunity, in freudiger Ueberraschung erröthend. »Ei, Ihr habt mir eben erst gesagt, die Feder koste vier Dollars, und auch dieß scheint mir noch verzweifelt wenig zu sein.« »Dieß ist der Preis für andere,« versetzte der galante Hausirer, »aber nicht für Euch, Miß Opportunity. Wir machen die Reise mit einander, und wann wir in Eure Gegend kommen, habt Ihr die Güte, mir die Häuser namhaft zu machen, wo ich meine Uhren und Galanteriewaaren am besten verkaufen kann.« »Ja, dieß will ich – und ich will Euch obendrein in's Nesthaus bringen,« erwiederte Opportunity, indem sie ohne weitere Umstände die Bleifeder in die Tasche steckte. Mittlerweile hatte mein Onkel ein sehr hübsches Petschaft – das schönste, welches er besaß, denn es war von reinem Metall und hatte einen ächten Topas zur Siegelplatte – ausgelesen und bot es mit seiner besten Verbeugung Miß Mary Warren an. Ich beobachtete auf's angelegentlichste das Gesicht der Pfarrerstochter, und die Art, wie sie diese Galanterie ausnahm, zwischen Zweifel und Hoffen jeden Wechsel ihrer schönen, geistvollen Züge verfolgend. Mary erröthete, lächelte und schien in Verlegenheit zu gerathen. Einen Augenblick besorgte ich, daß sie nicht recht wisse, was sie thun solle; aber ich mußte mich wohl getäuscht haben, denn sie trat zurück und lehnte in der holdseligsten Weise von der Welt das Geschenk ab. Ich bemerkte wohl, daß der Vorgang Opportunity's, welche sich so ganz anders benommen hatte, sie in große Verwirrung setzte, da sie sonst vielleicht etwas gesagt haben würde, was geeignet gewesen wäre, das scheinbar Verletzende in ihrer Weigerung zu mildern. Glücklicherweise hatte sie's übrigens mit einem Mann von Bildung zu thun, den sie freilich hinter der angenommenen Maske meines Onkels nicht vermuthen konnte. Ich muß hier bemerken, daß Onkel Ro zur Zeit, als er das erwähnte Anerbieten machte, weder den Charakter des Geistlichen, noch den seiner Tochter kannte, sondern im Gegentheil nicht einmal wußte, er habe den Rektor von Saint-Andrew's zu Ravensnest vor sich. Die Art übrigens, wie ihn Mary mit einem Male von dem Irrthume heilte, in den er durch den Umstand verleitet worden war, daß sie Opportunity zur Gesellschafterin hatte – bewog ihn, sich mit vollendetem Takt zurückzuziehen, und sich auf eine Weise zu entschuldigen, daß ich fürchtete, es möchte dadurch seine Verkleidung verrathen werden. Meine Besorgniß war übrigens vergeblich gewesen, und Mr. Warren gab jetzt der Sache eine andere Wendung. Mit unverwüstlicher Einfachheit und einem Lächeln, welches in gleicher Weise seine Zufriedenheit über das Benehmen seiner Tochter wie eine dankbare Anerkennung der beabsichtigten Freigebigkeit an den Tag legte, kehrte er sich gegen mich und bat mich, ein Stückchen zu blasen; denn ich hatte meine Flöte aus der Tasche gezogen, und hielt sie jetzt in der Hand, als erwarte ich eine derartige Einladung. Wenn ich mir einige Geschicklichkeit nachrühmen kann, so dürfte diese in einer gewissen musikalischen Fertigkeit liegen, und namentlich verstehe ich mich gut auf die Behandlung der Flöte. Bei gedachter Aufforderung that ich keineswegs spröde, sondern spielte einige Kompositionen trefflicher Meister mit so viel Sorgfalt, als ob ich mich in einem der ersten Pariser Salons hören ließe. Es entging mir nicht, daß Mary und ihr Vater über mein Spiel höchlich überrascht waren, während sich noch außerdem in den Zügen der ersteren ein Ausdruck gefühlvollen Entzückens erkennen ließ. So unterhielten wir uns ein Viertelstündchen aufs angenehmste – eine Frist, die wohl länger gewährt haben würde, wenn nicht jetzt Miß Opportunity Gelegenheit. – die ihren Namen gewiß nicht mit Unrecht führte, da sie bei jeder Gelegenheit zur Hand war – aus freien Stücken zu singen begonnen hätte, nachdem zuvor von ihrer Seite die Einladung an Miß Mary ergangen war, sie zu accompagniren. Letztere lehnte übrigens das Ansinnen einer derartigen, öffentlichen Schaustellung mit demselben Takte ab, den sie bei Ablehnung des Geschenks meines Onkels an den Tag gelegt hatte, und Seneka's Schwester mußte deßhalb allein ihre Geschicklichkeit entfalten, was sie denn auch mit großem Eifer that, indem sie unaufgefordert und in rascher Reihenfolge drei Arien nach einander sang. Ich will mich nicht mit einer Kritik ihres musikalischen Talents oder der vorgetragenen Poesien aufhalten, sondern hier nur bemerken, daß letztere insgesammt mehr oder weniger der Schule Jim Crows angehörten und der Vortrag mit ihrem dichterischen Werthe in schönster Harmonie stand. Da wir alle mit dem nämlichen Eisenbahnzug abzureisen gedachten, so blieben wir beisammen, bis das Aufbruchsignal ertönte, obschon auch dieses unserem geselligen Verkehr nicht ganz ein Ende machte. Mary und Opportunity nahmen ihre Plätze neben einander, Mr. Warren aber forderte mich auf, seinen Sitz zu theilen, ohne an meinem Leierkasten Anstoß zu nehmen; denn meine Kleidung war, obschon meiner Rolle gemäß gewählt, neu, sauber und keineswegs von der Art, wie man sie gewöhnlich bei herumziehenden Straßenmusikanten findet. Wenn nicht etwa das Instrument Zeugniß gegen mich ablegte, so konnte ich meinem Aeußern nach wohl als ein nicht ganz unpassender Reisegesellschafter des Geistlichen betrachtet werden. In dieser Weise machten wir unsere Reise nach Saratoga. Onkel Ro hatte neben Seneka Platz gefunden und benutzte diese Gelegenheit, um unterwegs in vertraulichem Gespräch seinen Nachbar über alles, was mit der Rentenbewegung in Verbindung stand, auszuholen. Der Geistliche und ich, wir beide unterhielten uns gleichfalls in anziehender Weise miteinander. Seine Fragen betrafen Europa im Allgemeinen und Deutschland insbesondere; auch glaube ich Grund für die Annahme zu haben, daß ihn meine Antworten in eben so hohem Grade überraschten, als befriedigten. Es wurde mir zwar schwer, die Härten meines angenommenen Dialektes beizubehalten; indeß nahm ich mich nach Kräften zusammen, und die Furcht vor einer Entdeckung und ihren muthmaßlichen Folgen kam dem Umstande, daß ich in dieser Mundart ziemliche Uebung gewonnen hatte, trefflich zu statten. Natürlich fehlte es nicht an Verstößen: aber meine Zuhörer waren nicht die Leute, welche dieselben hätten entdecken können. Ich sage »meine Zuhörer,« denn ich gewann bald die Ueberzeugung, daß Mary Warren, welche unmittelbar vor uns saß, mit größter Aufmerksamkeit auf alles achtete, was zwischen uns vorging. Dieser Umstand trug nicht dazu bei, mich weniger mittheilsam zu machen, sondern erhöhte im Gegentheil den Wunsch, meine Reden in einer Weise zu halten, daß sie einer solchen Zuhörerin würdig waren. Was Opportunity betraf, so las sie eine Weile in einer Zeitung, verschlang aufs hastigste einen Apfel, und schlief den übrigen Theil des Wegs, den wir bald zurückgelegt hatten, da die Strecke vom modernen Troja bis nach Saratoga keine sehr lange genannt werden kann.   Siebentes Kapitel. So hört mich denn; Ich bitte nur um eine kurze Frist Geduld – von der Ihr freilich wenig habt – Dann sollt des Magens Antwort Ihr vernehmen. Menenius Agrippa .   Bei den Quellen trennten wir uns, da Mr. Warren und seine Freunde hier ein Fuhrwerk mit eigenen Pferden trafen, das sie an den Ort ihrer Bestimmung bringen sollte. Ich war mit meinen Onkel einig geworden, daß wir in bestmöglichster Weise weiter zu kommen suchen wollten, und so konnten wir denn die Erklärung abgeben, daß wir wahrscheinlich am andern oder zweiten Tage in Ravensnest eintreffen würden. Im Einklang mit unserem angeblichen Berufe hätten wir allerdings zu Fuß reisen sollen; wir waren übrigens mit einigem Ersparten versehen und konnten uns damit schon die Unterstützung irgend eines gemächlichen Weiterförderungsmittels sichern. »Eines muß ich sagen, Hugh,« begann mein Onkel, sobald wir uns aus der Hörweite unserer neuen Bekannten befanden – »dieser Mr. Seneky, wie er sich selbst nennt, oder Sen, wie ihn seine holdselige Schwester titulirt, kömmt mir als einer der größten Schurken vor, die durch den ganzen Staat New-York zu finden sind.« »Ihr zeichnet seinen Charakter nicht gerade en beau ,« entgegnete ich lachend. »Aber warum kommt Ihr gerade in diesem Augenblick zu einer so entschiedenen Erklärung?« »Weil dieser Augenblick zufälliger Weise der erste ist, in welchem ich Gelegenheit habe, mich über die Person, die ich so kürzlich erst in ihrer ganzen Schuftigkeit kennen lernte, auszusprechen. Du mußt bemerkt haben, daß der Kerl sich von Troy an bis zu dem Moment, in welchem ich mich von ihm verabschiedete, unablässig mit mir unterhielt.« »Allerdings. Ich hörte seine Zunge ohne Unterlaß plappern, kann mir aber nicht denken, was er alles Euch zu vertrauen hatte.« »Er sprach genug, um seinen ganzen Charakter mir zu enthüllen. Der Gegenstand betraf die Rentenhändel, die er mir als einem vermeintlichen Ausländer nach seinem Sinne zu erklären bemüht war, und ich wußte ihn Schritt für Schritt so geschickt zu fassen, daß er allmählig mit allen seinen Plänen und Aussichten, die er sich von der Sache verspricht, gegen mich herausrückte. Denke dir nur, Hugh, der Schandbube entblödete sich nicht, mir den Vorschlag zu machen, ich und du, wir beide sollten uns dem Dienst des Antirenterpöbels weihen und uns unter die spitzbübischen verkappten Rothhäute einreihen lassen!« »Wie, so sind also diese Banden noch immer organisirt, dem Gesetz zum Trotz, das kürzlich gegen sie erlassen wurde?« »Rede mir auch von Gesetz! Was kümmern sich in einem Lande, wie das unsrige, zwei- oder dreitausend Wähler um die Gesetzgebung und ihre angedrohten Strafen! Wer soll sie in Vollzug setzen? Selbst wenn sie Mordthaten begehen und zum Tode verurtheilt werden – die Aufregung über derartige Verbrechen könnte vielleicht doch das letztere herbeiführen – so wissen sie nur zu gut, daß man keinem von ihnen in gutem Ernst das hänfene Halsband anlegt. Die ehrenhaften Leute verhalten sich leider nur zu theilnahmlos, sobald sich's um Dinge handelt, die nicht auf ihre unmittelbaren Interessen Bezug haben. Allerdings ist es für jeden Biedermann unseres Staates schon um seiner selbst willen eine ernste Pflicht, gegen die Antirentenbewegung den Kampf zu eröffnen und sein Stimmrecht sowohl als auch seinen ganzen Einfluß zu benützen, um das Unwesen in den Koth zu treten, dem es seine Entstehung verdankt; aber unter Hunderten – selbst solchen, welche dieses heillose Treiben aus dem Grund ihrer Herzen verdammen – befindet sich nicht einer, der auch nur einen fußbreit von seiner gewohnten Weise abginge, um dem Umsichgreifen des Mißstandes Einhalt zu thun. Alles hängt daher nur von Denen ab, welche im Besitz der Gewalt sind, und diesen ist weit mehr daran gelegen, sich bei dem großen Haufen ränkesüchtiger Schurken in Gunst zu setzen, als den einzelnen ehrlichen Mann zu schützen. Du erinnerst dich, hier zu Lande kommen die Gesetze nach dem Grundsatz in Vollzug: was Jedermanns Sache ist, ist Niemands Sache.« »Ihr werdet übrigens doch nicht glauben, daß die Obrigkeiten bei einer offenen Verhöhnung der Gesetze stillschweigend zusehen könnten?« »Dieß wird ganz und gar von dem Charakter der einzelnen Gewalthaber abhängen, denen ich nur theilweise traue. Du darfst darauf zählen, daß man in einem fraglichen Falle mit dir und mir wenig Umstände machen würde, während sich bei dem großen Haufen die Sache ganz anders verhält. O, was habe ich in meiner Eisenbahnwagenecke für köstliche Entdeckungen gemacht! Die zwei oder drei Männer, welche sich Mr. Newcome anschloßen, sind aus den Antirenterdistrikten, und da sie in mir einen Freund zu haben glaubten, so ließen sie alle Zurückhaltung fallen. Einer davon spielt unter den Antirenters die Rolle des Vorlesers oder Reiseredners, und da er einen gewissen didaktischen Schwung besitzt, so hatte er die Gewogenheit, mir allmälig einige seiner Beweismethoden beizubringen.« »Wie, es werden gar regelmäßige Vorträge im Sinne der Bewegungspartei gehalten? Ich hätte gedacht, die Zeitungen reichten zu, um dergleichen Ideen in Umlauf zu bringen.« »O die Zeitungen haben sich, wie die allzufrei schwimmenden Schweine, selbst umgebracht; außerdem scheint es im gegenwärtigen Augenblick Mode zu sein, ihnen keinen Glauben zu schenken. Oeffentliche Vorträge sind nunmehr die großen moralischen Hebel der Nation.« »Kann man aber in einem öffentlichen Vortrag nicht ebensogut Lügen auskramen, wie in einer Zeitung?« »Ohne alle Frage – und wenn viele von diesen Volksrednern zu der Schule meines neuen Bekannten Holmes – ›Volksredner Holmes‹, wie ihn Seneka nannte – gehören, so muß ich besagtem löblichen Orden zur Steuer der Wahrheit nachrühmen, daß er sich gegen diese schöne Tugend sehr bedeutende Frechheiten erlaubte.« »Ihr habt ihn also auf einigen Verstößen gegen die Wahrheit ertappt, lieber Onkel?« »Rede mir nicht von einigen, sondern vielmehr von Hunderten. Für einen Mann in meiner Stellung war nichts leichter, als dieß, da ich ja die ganze Geschichte der Landeigenthumsrechte im Staat von Grund auf kenne. Einer seiner Beweisgründe faßt die schwache Seite unseres Systems so scharf, daß ich ihn dir mittheilen muß. Er sprach von dem ernstlichen Charakter der Unruhen – von der hohen Wichtigkeit für den Frieden und für die Ehre des Staates, ihnen schleunigst ein Ende zu machen, und ging dann – du wirst den Folgesatz sehr logisch finden – auf den von ihm entworfenen Vorschlag über, in Betreff der Besitztitel eine andere Verleihung vorzunehmen, damit das Volk zufriedengestellt werde!« »Unter dem Volk sind natürlich die Pächter verstanden, denn die Grundbesitzer und ihre Rechte kommen nie in Betracht.« »Dieß ist der eine schöne Zug in dieser Moral – das Auge oder die Wange – wie du willst; nun aber kömmt die Nase , und man muß sagen, daß sie ächt römisch ist. Ein gewisser Theil der Staatsgemeinschaft wünscht sich seiner vertragsmäßigen Obliegenheiten zu entledigen, und weil er finden muß, daß dieß auf gesetzlichem Wege nicht geschehen kann, so greift er, um seine Absichten durchzusetzen, zu Mitteln, welche allen Gesetzen Hohn sprechen. Störer des öffentlichen Friedens machen ihre eigenen Gesetzwidrigkeiten zu einer Grundlage weiterer Uebertretungen und fußen darauf, wie auf einem rechtlichen Boden, weil sie diesen nirgends anders finden können. Ich habe einige Zeitungsblätter durchlesen und aus den darin enthaltenen Proclamationen u. s. w. die Entdeckung gemacht, daß in Betreff dieser köstlichen Politik die Gesetzgeber sowohl als die Gesetzübertreter unter dem gleichen Hütchen spielen. Nicht eine Seele tritt mannhaft auf gegen die beabsichtigten Rechtsstörungen, und die bereits stattgehabten Verbrechen werden als Gründe vorangestellt, warum man Zugeständnisse machen und ihnen auf diese Weise Vorschub leisten müsse. Unsere Institutionen geben die Mittel an die Hand, allen ungerechten und ungesetzlichen Zusammenrottungen mit Nachdruck zu begegnen; aber statt dieselben in Anwendung zu bringen, erklärt man eben diese Umtriebe für einen hinreichenden Grund zu Abänderung der Gesetze selbst, und man begeht gegen einzelne Bürger das schreiendste Unrecht, nur damit die Herren der Gewalt bei dem großen Haufen ihre Popularität und damit bei Wahlen die Stimmenmehrheit nicht verlieren.« »Dieß ist ein Verfahren, welches nur bei dem Vorhandensein begründeter Beschwerdemomente in Anwendung kommen kann, und hievon ist doch in dem Falle der Pächter nirgends auch nur ein Schein aufzufinden. Den gedankenlosen Pöbel kann man zwar in Betreff des Pachtsystems durch die Abzugsbürgschaften, die fetten Hühner, die Holzlasten und die Arbeitstage irreführen; aber meine Verträge sind insgesammt auf drei Lebensdauern festgesetzt und stipuliren die Rente in baarem Geld, ohne daß eine Klausel angefügt wäre, welche im Gebrauche des Feudalismus steht, obschon ich nicht einsehen kann, warum eine Uebereinkunft auf Naturalleistungen mehr von dem Charakter des Feudalwesens an sich tragen soll, als jede andere. Könnte man doch ebensogut von einem Vasallen- und Lehenherrlichkeitsverhältniß reden, wenn einer mit einem Schlächter für eine bestimmte Reihe von Jahren über Schweinefleischlieferungen einen Akkord schlöße! Lassen wir übrigens die Frage, was unter Feudalismus zu verstehen ist, beruhen. Meine Pachtverträge und die der meisten großen Grundbesitzer lauten auf Lebensdauern, und doch muß ich hören, daß die Unzufriedenheit allgemein ist, und daß Diejenigen, welche feierlich in solcher Weise ihre Verträge abgeschlossen haben, folglich nach Ablauf der bedungenen Zeit alles Anrecht verlieren, eben so laut in ihrem Geschrei über Rentenaufhebung und Eigenerwerbung sind, wie die ewigen Erbpächter. Allgemein heißt's jetzt, jede Leistung, mit Ausnahme der Erlegung eines Kaufschillings, sei ein Schimpf für den freien Bürger.« »Du hast ganz recht, und wir sehen hier nur eine von den Betrügereien, die an der Welt im Großen geübt werden. In den öffentlichen Urkunden ist blos von den Manorleafes, von dem ewigen Erbpacht und seiner feudalistischen Begründung die Rede, während die Agitation alle Pachtgüter – oder wenn nicht gerade alle, so doch diejenigen insgesammt, welche um ihrer Ausgedehntheit willen einer solchen Mühe lohnen – in's Auge faßt. Sicherlich gibt es, sogar auf den Ländereien der Rensselaers, noch hunderte von Pächtern, die ehrlich genug sind, den Verpflichtungen, zu welchen sie sich laut ihrer Verträge anheischig gemacht haben, nachzukommen, wenn es die Aufwiegler nur gestatteten; aber der Geist der Habgier beherrscht die Bewirthschafter fremden Grunds und Bodens so gut wie die, welche in ihrem Eigenthum sitzen, und die Regierung betrachtet diesen traurigen Sachbestand für einen maßgebenden Grund zu Verwilligung von Zugeständnissen. Die Unzufriedenen sollen beschwichtigt werden, geschehe dieß nun auf dem Wege Rechtens oder nicht.« »Hat Seneka bei dieser Gelegenheit nicht auch seine eigene Interessen zur Sprache gebracht?« »Ja wohl, aber nicht gerade in der Unterhaltung mit mir, sondern in seinem Gespräch mit dem ›Volksredner Holmes‹. Ich hörte aufmerksam zu und verlor kein Wort, da ich zufälligerweise aus den Ueberlieferungen sowohl, als vermöge meiner persönlichen Sachkenntniß vollkommen über alle Hauptpunkte des Falls unterrichtet war. Da es dir bald zukommen wird, in dieser Angelegenheit für dich selbst zu handeln, so mag es am Platze sein, die letzteren dir gleichfalls auseinanderzusetzen, da sie dir noch obendrein für die moralische Würdigung der Verhältnisse, unter denen du die Hälfte deiner Farmen vergeben hast, als Wegweiser dienen können. Ohnehin würdest du dergleichen Dinge nie aus öffentlichen Berichten erfahren, da man über die Verträge, in welchen der Grundherr bei weitem zu kurz kömmt, pfiffigerweise schweigt, während dagegen über diejenigen, in welchen sich ein Pächter nur ein kleinwenig benachtheiligt glaubt, nah und fern ein Geschrei erhoben wird. Ich gebe die Möglichkeit zu, daß unter den vielen tausend Farmen, die im Staat New-York Eigenthum der Grundherren sind, hin und wieder eine sich befinden mag, mit welcher der Pächter ein schlechtes Geschäft gemacht hat; aber wie sind wir in einem solchen Falle mit unserer Regierung daran, wenn sie um Abhilfe derartiger Uebel angegangen wird? Wage es einmal einer der Rensselaers oder meinetwegen auch ein gewisser Hugh Littlepage, dem gesetzgebenden Körper eine Eingabe vorzulegen und darin die Benachtheiligungen auseinanderzusetzen, die für den Grundherrn zum Beispiel aus deinem Mühlpacht hervorgehen – ich kann dir noch obendrein sagen, Hugh, daß diese sehr bedeutend sind, obschon sie im eigentlichen Sinne des Worts nicht Anlaß zur Beschwerde geben können – so wird's ein allgemeines Geschrei absetzen, und das Resultat ist, daß man dich und deine Eingabe verdientermaßen dem Spott und Gelächter preisgibt. Der Einzelne hat nie Recht, wenn ihm ein Dutzend gegenüber steht.« »So groß ist der Unterschied zwischen › de La Rochefoucauld et de La Rochefoucauld ‹« »Ja wohl der größte von der Welt. Aber laß dir die Thatsachen mittheilen, denn sie können dir zum Richtscheit dienen, nach denen du viele andere zu beurtheilen in die Lage kommst. Mein Großvater Mordaunt, welchen man den Patentisirten nannte, verlieh zuerst jenes Mühlanwesen an Seneka's Großvater, als dieser noch ein ganz junger Mensch war. Um nun Bebauer des Bodens zu gewinnen, war es in jenen frühen Zeiten nöthig, den Farmern große Vortheile einzuräumen, denn eine endlose Ausdehnung Landes lag herrenlos da, und es fehlte sehr an arbeitsfähigen Händen. Der erste Vertrag lautete also vollkommen zu Gunsten jenes Jason Newcome, dessen ich mich kaum noch entsinnen kann. Man schildert diesen Menschen verschieden, und die richtige Zeichnung dürfte ihn wohl als einen heuchlerischen Schelm darstellen müssen, dessen Hauptcharakterzüge in Neid, Habsucht und bäurischer Engherzigkeit bestanden. Der Sage nach ertappte man ihn einmal über Bretterdiebstal, und der Ruf legt ihm noch unterschiedliche andere Betrügereien bei. Oeffentlich aber galt er als einer jener tugendhaften, unermüdlich thätigen Ansiedler, welche ihren Nachkommen alle ihre Ansprüche, die vermeintlich moralischen sowohl, als die bekanntlich legalen übermachten. Dieses Gesalbader mag etwa noch für alte Damen, welche Thee und Schnupftabak lieben, und für Männer von ähnlich albernem Geiste einigen Klang haben; indeß kann es kein Verhältniß schaffen, welches auf Gesetzgeber und Verwaltungsbeamte in der wahren, würdigen Bedeutung dieser Ausdrücke Einfluß üben darf. Einige Zeit vor der Verehelichung meines Vaters lief der ursprüngliche Vertrag mit jenem Jason, der noch am Leben und im Besitz war, ab, und wurde ihm auf einundzwanzig Jahre fest oder auf drei Lebensdauern erneuert. Von letzteren ist die dritte noch nicht abgelaufen. Auch bei Erneuerung des Pachtvertrags erhielt der Pächter sehr vortheilhafte Bedingungen, die seit sechszig Jahren der Familie zu gut kommen, weil der alte Newcome zum Glück für seine Nachkommenschaft eine der verwilligten Lebensdauern einem Sohne übertrug, welcher ein hohes Alter erreichte. Nun zieht unser Seneky – Gott segne den Ehrenmann – bekanntermaßen von einigen der Grundstücke, die ihm als Erbtheil zufielen, mehr Pachtzins, als zu Tilgung der Rente für das ganze Anwesen erforderlich wäre, und gleich guten Ertrag liefert die Mühle schon seit dreißig und mehr Jahren her. Der Umstand aber, daß die Familie sich diese lange Zeit über der Früchte eines so vortheilhaften Vertrags erfreut hat, wird jetzt als ein Grund geltend gemacht, daß die Newcome's Ansprüche haben, das Gut für eine Kleinigkeit erb und eigen zu machen; ja, wenn es nach ihren Wünschen ginge, würden sie wohl gar nichts dafür geben.« »Ich fürchte, eine derartige Verkehrung aller Grundsätze liegt nur zu sehr in der gebrechlichen Menschennatur. Es scheint mir, die Hälfte unseres Geschlechts treibe es mit den meisten ihrer Ansichten sens dessus dessous. « »Die Hälfte ist noch viel zu gering angeschlagen, mein Junge, und du wirst selbst zu dieser Erfahrung gelangt sein, wenn du einmal älter bist. Aber war es nicht eine heillose Unverschämtheit von diesem Seneka, daß er uns den Vorschlag zu machen sich erdreistete, wir sollen uns dem Corps der Inschens anschließen.« »Und was habt Ihr darauf geantwortet? Ich glaube kaum, daß es für uns gerathen wäre, uns bewaffnet und verkleidet betreten zu lassen; denn nachdem das Gesetz einen derartigen Akt für ein Kapitalverbrechen erklärt hat, dürfte er gefährlich ausfallen, selbst wenn man keinen andern Beweggrund dabei hätte, als die Unterstützung des Gesetzes.« »Daß uns ein solcher Narrenstreich einfallen könnte! Glaube mir, Hugh, wenn man einem von uns oder was immer für einem Glied der alten grundherrlichen Familien ein solches Verbrechen zur Last legen könnte, so würde der Betretene sicherlich ein Opfer werden, da kein Gouverneur es wagen dürfte, uns zu begnadigen. Nein, nein – Milde und Schonung sind nur Worte, die bei offenkundigen, abgefeimten Schurken in Anwendung kommen.« »Doch könnte uns der Umstand einigermaßen nützlich werden, daß wir in vorliegendem Falle zu einem sehr mächtigen Haufen von Gesetzübertretern gehören würden.« »Du hast Recht; dieß ist mir für einen Augenblick außer Acht gekommen. Je zahlreicher die Unthaten und Verbrechen sind, mit desto größerer Wahrscheinlichkeit kann man darauf zählen, der Strafe zu entgehen. Es handelt sich obendrein hiebei nicht um den allgemeinen Grundsatz, daß die Macht dem Widerstand Trotz bietet, sintemal hier ein ganz anderes eigenthümliches Princip um sich greift – dieses nämlich, daß tausend oder zweitausend Stimmen von einer unendlichen Wichtigkeit werden, wenn bei einer Wahl die Entscheidung von dreitausend Votanten abhängt. Gott allein weiß, auf was dieß alles noch hinauslaufen wird.« Wir näherten uns jetzt einem der bescheideneren Wirthshäuser des Platzes, weil wir bei unserer Außenseite füglicher Weise nicht auf die bessern Rücksicht nehmen konnten, und unser Gespräch wurde abgebrochen. Für den Besuch der Quellen war die Jahreszeit noch einige Wochen zu früh, und wir fanden nur wenige an Ort und Stelle, welche sich aus wirklichem Bedarf des Wassers bedienten. Da mein Onkel seiner Zeit ein Stammgast von Saratoga gewesen war und – wie er sich lachend ausdrückte – daselbst den beau von reinstem Wasser gespielt hatte, so konnte er mir alle Denkwürdigkeiten des Platzes genugsam erklären. Ein amerikanischer Kurort steht jedoch so weit unter den meisten europäischen Brunnenanstalten, daß er selbst in der vollen Höhe der Saison fast durch nichts als durch den Zusammenfluß vieler Menschen die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich zieht. Im Laufe des Nachmittags fanden wir Gelegenheit, ein heimkehrendes Fuhrwerk zu benützen, welches uns bis zum nächsten Nachtquartier Sandy Hill brachte. Der andere Morgen war schön und heiter. Wir mietheten uns einen Wagen und fuhren den ganzen Tag landeinwärts. Abends lohnten wir unsern Kutscher ab, sandten ihn mit seinem Fuhrwerk zurück und suchten nun eine Herberge auf, in welcher wir übernachteten. Hier wurde viel von den »Inschens« gesprochen, die sich auf den Ländereien der Littlepages gezeigt hätten, und alles trug sich mit Muthmaßungen über das wahrscheinliche Resultat ihrer Bewegungen. Wir befanden uns in einem Township oder vielmehr auf einer Herrschaftsländerei, welche den Namen Mooseridge führte und vordem ein Eigenthum unserer Familie gewesen, nachher aber verkauft und von den nunmehrigen Insassen großentheils bezahlt worden war, da in jener Zeit Niemand daran gedacht hatte, an seinen vertragsmäßigen Verpflichtungen mäkeln zu wollen. Schon dem gewöhnlichsten Beobachter muß es bald auffallen, daß ein durch Verträge gebundener Bürger nur dann seinen Accord zu brechen wünscht, wenn ihm ein Gewinn in Aussicht steht. So habe ich nie aus dem Munde der Pächter auch nur eine Sylbe gegen die Bedingungen, unter denen sie ihre Farmen bewirthschaften durften, laut werden hören, wie sehr sie auch über diejenigen, vermöge derer sie sich zu einem baldigen Abzug genöthigt sahen, ein Geschrei erheben mochten. Hätte ich über die Thatsache Beschwerde führen wollen – und solcher Thatsachen ist die Fülle vorhanden – daß meine Vorfahren unvorsichtiger Weise ihre Ländereien für allzuniedrige Pachtzinse vergeben hätten, sintemalen die Pächter im Stande seien, ihre Rente für ein halbes Jahrhundert durch Afterverpachtung kleiner Theile ihrer Farmen zu tilgen, so würde man mich, wie mein Onkel sehr richtig angedeutet hatte, für einen Narren ausgeschrieen haben. »Bleib' bei Deiner Verschreibung,« wäre die allgemeine Losung gewesen, und an Shylock hätte kein Mensch mehr gedacht. Allerdings findet zwischen den Mitteln, welche einem wohlhabenden Grundbesitzer die Erwerbung von Einsicht, Bildung und gesellschaftlicher Stellung erleichtern, an die sich allerdings auch gesellschaftliche Pflichten knüpfen, und denen, welche einem fleißigen, ehrlichen, wohlgesinnten Landwirth, seinem Pächter, zu Gebot stehen, ein himmelweiter Unterschied statt. Eben deßhalb darf auch ein humaner, gebildeter Mann die Vortheile nicht außer Acht lassen, die er vielleicht ererbt oder überhaupt ohne sein eigenes Zuthun gewonnen hat – ein Sachverhalten, das ihn bestimmen sollte, bis zu einem gewissen Grade auch für das Interesse derjenigen besorgt zu sein, welche auf seinen Ländereien ihren Unterhalt suchen. Wenn ich aber auch alles dieß zugebe und zugleich noch beifüge, daß ein Staatsverband zu beklagen ist, dem eine solche Klasse von Menschen fehlt, weil ihm darin eines der sichersten Mittel abgeht, die Geistesbildung zu erweitern und die Civilisation zu erhöhen, so fällt es mir doch nicht entfernt ein, zu glauben, derartige Männer seien verpflichtet, sich's gefallen zu lassen, daß man ihnen ihre wirkliche Bedeutsamkeit mit ihren Folgen vorhält, sobald man von ihnen erwartet, sie sollen geben, bei allen andern Gelegenheiten aber sie mit ingrimmigem Neide mißachtet. Nichts kann einen so förderlichen Einfluß üben auf die Lebensweise, auf den Geist und auf das wahre Wohl einer ackerbauenden Bevölkerung, als wenn sie geleitet wird durch die Intelligenz und die gemeinsamen Interessen, welche das Verhältniß zwischen Grundherren und Pächtern bezeichnen sollten. Mögen immerhin gewisse Nationalökonomen von einem Zustand der Dinge faseln, welcher bei jedem Landwirth einen freien Grundbesitz voraussetzt und ihn mit einem Reichthum beschenkt, der ihn befähigt, unter den übrigen Landeigenthümern des Staats eine gleiche Stellung einzunehmen – ich lasse ihre Träumereien gerne gewähren; indeß weiß alle Welt, daß es in Betreff der äußeren Mittel die gleichen kleinen Abstufungen geben muß und wirklich gibt, welche man in der geistigen Organisation des menschlichen Geschlechtes findet. Der Natur der Sache nach wird die Mehrzahl bald unter dem Niveau des freien Grundbesitzers stehen, und hebt man das Verhältniß zwischen Grundherrn und Pächtern auf, so sind dadurch nur zwei große Nebel gewonnen. Natürlich will Niemand sein Capital ohne Sicherheit und ohne Ertrag verwenden; der Reiche ist folglich gehindert, sein Capital in Ländereien anzulegen, und dieser Mißstand verkümmert nicht nur dem Kapitalisten die Vortheile einer freien Verfügung über seine Mittel, sondern wirkt auch nachtheilig auf den Werth des Bodens, welcher durch bemittelte Kaufsliebhaber gesteigert würde. Andererseits aber ist jedem unmöglich gemacht, der Landwirthschaft seine Kräfte zu widmen, wenn er nicht das nöthige Geld besitzt, eine Farm zu kaufen. So weit sind übrigens diejenigen, welche jetzt Farmen haben möchten, und diejenigen, welchen es für den nächsten November um Stimmen zu thun ist, in der Einsicht noch nicht gekommen, und ihr kurzer Blick läßt sie die Wahrheit nicht entdecken, daß sie in Wirklichkeit mit ihrem Geschrei von »gleichen Rechten« dem armen Ackerbauer bloß ein Hinderniß in den Weg legen, welches ihn nie in eine bessere Stellung, als in die eines gewöhnlichen Taglöhners gelangen läßt. Wir erhielten in unserem Wirthshause ein leidliches Unterkommen – ich rede indeß hier nur beziehungsweise, denn selbst der eifrigste amerikanische Patriot dürfte in den Schlafeinrichtungen einer gewöhnlichen Herberge nicht viel zu loben finden, wenn er anders etwas von fremden Ländern erfahren oder die Bequemlichkeit der besten Hotels in den Vereinigten Staaten kennen gelernt hat. Mit dem gleichen Aufwand von Geld und Mühe ließe sich ein Haus, welches jetzt ein Inbegriff von aller Ungemächlichkeit ist, nicht nur erträglich, sondern in vielen Fällen sogar gut einrichten. Aber wer soll eine solche Umwandlung zum Bessern veranlassen? Nach den Ansichten, die unter uns im Schwunge sind, befindet sich das ärmlichste Dorf bereits auf der höchsten Stufe der Civilisation, und was das Volk selbst betrifft, so gilt es als eine unumstößliche Wahrheit, daß ihm, ohne Unterschied der Klassen, kein anderes der Christenheit in Erziehung, Scharfsinn und Verstand das Wasser reichen darf. Doch nein – ich muß mich verbessern; meine vorige Bewertung paßt nur für den Fall, daß man keine Pachtungen ablösen will, denn dann erscheinen mit einemmale die Landbebauer als unschuldige, aller Erziehung und Bildung baare Menschen, welche in ihrer Harmlosigkeit ein Opfer der schändlichen, hinterlistigen Grundherrn werden Mr. Hugh Littlepage spricht allerdings etwas scharf, aber es wäre fruchtlos, wenn man läugnen wollte, daß allen seinen Aeußerungen eine ernste Wahrheit zu Grunde liegt. Der gereizte Ton, in welchem er spricht, läßt sich aus dem Umstande erklären, daß man so nachdrücklich mit dem Versuche umgeht, ihn der Ländereien zu berauben, die als väterliches Erbtheil auf ihn gekommen sind – ein Versuch, der sich sogar von Seiten der Behörden allen Vorschubs erfreut. Wir müssen ferner in Betracht ziehen, daß – wie sich im Laufe der Geschichte zeigen wird – in Betreff der Littlepages auch die Zunge der Verleumdung nicht unthätig gewesen war und Allem aufgeboten hatte, nach ihrer Art die Plane der Antirenters unterstützen zu helfen; denn in jedem Gemeindeverband, in welchem es nöthig ist, zu Erreichung ähnlicher Zwecke die öffentliche Stimmung zu gewinnen, wird man ein beabsichtigtes Unrecht stets mit Verlästerung der anstößigen Person begleiten. Was die Wirthshäuser anbelangt, so muß ich als alter Reisender der Wahrheit so weit die Ehre geben, daß Mr. Littlepage für seine Bemerkungen gute Gründe hat. Selbst in Fällen, in welchen mich die Noth zwang, zu den schlechtesten französischen Herbergen meine Zuflucht zu nehmen – ja, einmal sogar, als ich in einem Hause übernachten mußte, das blos Kärrner und Fuhrleute zu Kunden hatte, wurde ich mit besseren Betten bedient, als die sind, welche man in den berufensten amerikanischen Landgasthäusern findet. Was dagegen die Reinlichkeit betrifft, so ist man fast in jeder Dorfherberge des Staates New-York besser daran, als sogar in den ansehnlichsten Hotels von Paris. Der Seitenhieb auf den Geist des Volkes ist wohlverdient, denn ich habe mit eigenen Ohren zugehört, welche feine Unterscheidungslinien gezogen wurden, um den Beweis zu führen, daß das »Volk« einer früheren Generation nicht so verständig gewesen sei, wie das »Volk« der gegenwärtigen – ein Umstand, welchem man das Eingehen der früheren Pachtverträge zuschrieb, statt sie auf Rechnung der wahren Ursache – der damals herrschenden Ansichten und Bräuche – zu setzen. Jedenfalls befähigt mich die Erfahrung eines halben Jahrhunderts zu der Erklärung, daß das »Volk« gewißlich nie sonderlich blöde war, wenn es galt, einen vortheilhaften Handel abzuschließen. D. H. ! Nachdem wir unser Abendessen eingenommen hatten, verbrachten wir eine Stunde auf der Piazza, wo die Einwohner des Dorfes in Haufen versammelt waren. Dieß gab uns Gelegenheit, mit den Leuten einen Verkehr anzuknüpfen. Mein Onkel verkaufte eine Uhr, und um mich populär zu machen, setzte ich meinen Leierkasten in Thätigkeit. Nach dieser Einleitung kamen wir auf das große Thema des Tages, den Antirentismus, zu sprechen. Der Hauptredner war ein junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig, von schäbiggentilem Aussehen, der sich bald als einen Attorney aus der Umgegend auswies. Er hieß Hubbard und hatte zur Folie einen andern Wortführer, Hall genannt, einen einfach aussehenden Mann von mittlerem Alter, welcher der Klasse der Handwerker angehörte. Diese beiden Personen saßen auf gewöhnlichen Küchenstühlen, die an der Seite des Hauses standen, und schaukelten sich natürlich auf den beiden Hinterbeinen ihrer gebrechlichen Sitze, während sie ihre eigenen Füße auf den vornbefindlichen Staffeln ruhen ließen. Diese Haltung konnte weder malerisch noch anmuthig genannt werden, war übrigens doch so gar gewöhnlich, daß sie nirgends Verwunderung erregte. Nachdem Hall mit den Stützbeinen seines Stuhls so lange hin und her gerückt war, bis er sie hatte, wo er sie haben wollte, schien er mit seiner Lage vollkommen zufrieden zu sein, während dagegen Hubbard's Blicke wohl noch eine Minute lang unruhig und sogar drohend umherschweiften. Dann zog er ein Messer aus seiner Tasche – allerdings nur ein kleines, zierliches Federmesser – schaute wild um sich her, und wie ich schon glaubte, er sei im Begriff, von seinem gutbalancirten Stuhl aufzuspringen und einen wüthenden Angriff auf die Säulen zu machen, welche das Dach der Piazza unterstützten, trat der Wirth mit mehreren kleinen Tannenstecken herzu und bot einen derselben dem Squire Hubbard an. Dieß beruhigte den Attorney, der den Stecken annahm und bald in die mir unbekannte Lust des Schnitzelns vertieft war. Ich kann mir nicht denken, welcher geheimnißvolle Hochgenuß in dem Zerkleinern eines Stückes Holz liegen mag, obwohl das Schnitzeln ein so allbekannter und beliebter Brauch ist; indeß muß ich mich bescheiden, da es mir in Betreff der Gewohnheit, Tabak zu kauen oder zu rauchen, ebenso ergeht. Die Vorsorge des Wirths war übrigens durchaus nicht unnöthig und schien von allen, welchen die Schnitzelstecken angeboten wurden – etwa sechs oder acht im Ganzen – mit großer Heiterkeit aufgenommen zu werden. Ueberhaupt bewies der ganze Zustand der Piazza die Notwendigkeit einer derartigen Vorsichtsmaßregel, wenn nicht etwa das ganze Haus dem Wirth über dem Kopf zusammenstürzen sollte. Zum Besten derjenigen, welche mit dergleichen Dingen und ihrem Nutzen unbekannt sind, will ich mich hierorts etwas weiter darüber ausbreiten. Das Wirthshaus war aus Holz – ein mit Schindeln bekleidetes Geripp aus Tannenbalken. Hierin liegt nichts Besonderes, denn in vielen Ländern Europas baut man noch immer hauptsächlich aus Holz, und selbst in großen Städten wurden vor noch nicht langer Zeit die Häuser gemeiniglich aus Gebälk und Mörtel zusammengesetzt. Ich erinnere mich sogar, zu London in unmittelbarer Nähe des mit Recht berühmten Westminsterhall ähnliche Gebäude gesehen zu haben, und das so viel besprochene Schlößchen von Horace Walpole auf dem Strawberry Hill besteht aus dem nämlichen Material. Das Wirthshaus zu Mooseridge konnte sich übrigens einiges auf seine Architektur zu gut thun, abgesehen davon, daß es drei oder viermal größer war, als jedes andere Gebäude des Ortes. Natürlich war auch eine Piazza da – denn es müßte ein schlechtes Dorf sein, das sich nicht einer solchen Annehmlichkeit zu erfreuen hätte – und diese sowohl als ihr ganzer Zubehör trug mehrere Anstricheschichten von schmutzigem Bleiweiß. Die Säulen der Piazza übrigens wie auch die Schindeln des Hauses lieferten den Beweis, wie gefährlich es ist, einen Schindler dem ihm inwohnenden Instinkt zu überlassen. Adler mit ausgebreiteten Flügeln, Sterne, amerikanische Flaggen, Hussahs für Polk, Namensanfangsbuchstaben, ausgeschriebene Namen und ähnliche Dinge nebst vielen Ergießungen patriotischer oder parteisüchtiger Gefühle waren in solcher Menge umhergestreut, daß sie ein großartiges Urtheil über die Münze, welcher sie ihr Gepräge verdankte, gestattete. Das merkwürdigste Denkzeichen von dem Fleiß der Gäste war übrigens an einer der Säulen zu entdecken, die noch obendrein an einer Ecke stand, folglich für den Oberbau von doppelter Bedeutsamkeit war, wenn nicht etwa, wie in dem gegenwärtigen Falle, das Haus den architektonischen Charakter des vorigen Jahrhunderts besaß, welcher die Säule nicht zum Stützpunkt des Architravs, sondern den Architrav zum Träger der Säule machte. Die fragliche Säule bestand, wie dieß gewöhnlich der Fall ist – obschon man in letzter Zeit auch zu Backsteingemäuer und Stuck seine Zuflucht genommen hat – aus einem Weißtannenstamm, der übrigens in einer für die Schnitzler bequemen Höhe buchstäblich zu zwei Drittheilen durchschnitten war. Ich muß der Wunde zur Ehre nachrühmen, daß die zierliche Ausführung viel Geschicklichkeit und Sorgfalt verrieth, denn die Ränder waren in einer Weise geglättet, daß man wohl sehen konnte, wie viel Mühe sich die Künstler gegeben hatten, durch ihre Arbeit auch auf das Auge einen angenehmen Eindruck zu machen. »Wer hat dieß gethan?« fragte ich den Wirth, indem ich auf den klaffenden Schaden an der Hauptsäule seiner Piazza hindeutete. »Dieß? O, es rührt nur von den Schnitzlern her,« entgegnete der Wirth mit einem gutmüthigen Lächeln. Ohne Frage sind die Amerikaner die gutmüthigsten Menschen auf Erden! Hier war ein Mann, dem sein Haus beinahe über den Ohren zusammenstürzte – natürlich stets das Princip der vorerwähnten Architektur ausgenommen – und er konnte dazu lächeln, wie etwa Nero gelächelt haben mochte, als er zum Brand von Rom sein Saitenspiel erklingen ließ. »Aber was haben denn die Schnitzler davon, daß sie Euch Euer Haus ruiniren?« versetzte ich. »O, Ihr wißt, dieß ist ein freies Land, und die Leute thun so ziemlich, was ihnen beliebt,« erwiederte der noch immer lächelnde Wirth. »Ich ließ sie drauf losschneiden, so lang ich es wagen durfte; indeß glaube ich doch, und Ihr werdet mir's zugestehen – es war hohe Zeit, daß ich mit meinen Schnitzelstecken herausrückte, denn 's ist doch immer gut, wenn man ein Dach über dem Kopfe hat, namentlich bei schlechtem Wetter. Hätte ich noch eine Woche zugewartet, so wäre die Säule entzwei gewesen.« »Nun, ich muß sagen, daß ich mir dieß nicht gefallen lassen würde. Mein Haus ist mein Haus, und daran sollte mir Niemand etwas verderben. Laßt Ihr die Leute hier schnitzeln, so treiben sie's in der Küche ebenso, und wenn's auch gut ist, hin und wieder einen neuen Unterstock zu kriegen, so müßt' es mir, seht Ihr, doch lieber durch die rechte Art von Leuten geschehen.« »Wie man an Eurer Sprache bemerkt, seid Ihr ein Fremder in diesen Landestheilen, mein Freund,« ergriff nun Hubbard selbstgefällig das Wort, denn er hatte mittlerweile seinen Schnitzelstecken in eine Form gebracht und konnte nun nach einem Schnitzelgesetz, mit dem ich nicht bekannt bin, in der Verkleinerung fortfahren, ohne dem Geschäft weiter ein besonderes Augenmerk zu schenken. »Wir nehmen's hier mit dergleichen Dingen nicht so genau, wie dieß in einigen Ländern der alten Welt der Fall ist.« »Ja – das kann ich sehen. Aber wie steht's denn – kosten in Amerika Tannenstämme und Säulen kein Geld?« »Ei gewiß. Es ist kein Mann in dem Lande, der es übernehmen würde, diese Säule sammt Anstrich und allem unter zehn Dollars mit einer neuen zu ersetzen.« Dieß war die Einleitung zu einer Verhandlung über den muthmaßlichen Aufwand, welchen eine Vertauschung der beschädigten alten Säule mit einer neuen zur Folge haben mußte. Die Meinungen lauteten verschieden, und es sprach sich ein ganzes Dutzend über den Gegenstand aus. Einige schätzten die Kosten auf fünfzehn Dollars, andere aber stiegen in ihrem Anschlag bis auf fünf herunter. Ich war eben so betroffen über die Ruhe und Entschiedenheit, womit jeder seine Ansicht kund gab, als über die Sprache, deren sie sich dabei bedienten. Der Accent trug zwar bei allen, selbst Hubbard nicht ausgeschlossen, den Charakter der Provinz und hatte einen starken, nicht sehr angenehmen Beigeschmack von dem Dialekte Neu-Englands, während einige der Ausdrücke die geschraubte Redeweise der Zeitungen nachahmten; aber im Ganzen war die Sprache für Leute aus dieser Lebensklasse überraschend richtig und gut. Die einzelnen Aeußerungen verriethen großen Scharfblick und eine genaue Bekanntschaft mit praktischen Dingen; auch wurden sie mitunter in einer Weise vorgetragen, daß man auf die Belesenheit des Sprechers schließen konnte. Hall übrigens setzte mich wirklich in Erstaunen. Er ließ sich mit einer Bestimmtheit und Sachkenntniß vernehmen, die einem gut geschulten Mann Ehre gemacht haben würden, während zugleich in seinen Worten eine Einfachheit lag, welche nicht wenig dazu beitrug, den Eindruck derselben zu erhöhen. Eine gelegentliche Bemerkung bewog mich zu der Erwiederung: »Ich wollte mir's gefallen lassen, wenn ein Inschen eine solche Säule zusammenschnitte, aber von einem weißen Mann hätte ich es nicht erwartet.« Dieser mein Einwurf lenkte das Gespräch auf den Antirentismus, und schon nach wenigen Minuten sahen Onkel Ro und ich unsere Aufmerksamkeit völlig in Anspruch genommen. »Im Grunde geht's doch mit der Sache vorwärts,« sagte Hubbard ausweichend, nachdem die übrigen ihr Sprüchlein angebracht hatten. »Leider,« versetzte Hall. »Man hätte von vornherein der ganzen Geschichte in einem Monat ein Ende machen können, und von einem civilisirten Land wäre dieß auch zu erwarten gewesen.« »Gleichwohl werdet Ihr zugestehen müssen, Nachbar Hall, daß es eine große Verbesserung in dem Zustande der durch den ganzen Staat zerstreuten Pächter wäre, wenn sie ihre Pachtgüter erb- und eigen machen könnten.« »Dieß unterliegt keinem Zweifel, wie es denn auch eine wesentliche Verbesserung in der Lage meiner Werkstattgesellen wäre, wenn sie sich selbst als Meister aufthun könnten. Doch hierum handelt sich's nicht, sondern vielmehr um die Frage, ob der Staat das Recht habe, an was immer für einen Mann das Ansinnen zu stellen, daß er gegen seinen Willen sein Eigenthum verkaufe. Es wäre mir eine saubere Art von Freiheit, wenn wir uns gefallen lassen müßten, daß das Gesetz in solcher Weise über unsere Häuser und Güter verfüge.« »Und stehen wir mit unsern Häusern, Gärten und Farmen nicht wirklich unter einem solchen Gesetz?« versetzte der Attorney, der augenscheinlich vor seinem Gegner Respekt hatte und deßhalb nur vorsichtig und unter Winkelzügen mit seinen eigenen Ansichten herausrückte. »Wenn das Volk Land braucht, so muß es ihm gegen Bezahlung abgetreten werden.« »Ja, aber zwischen brauchen und brauchen ist ein Unterschied. Ich habe jenen alten Bericht des Repräsentanten-Comité's auch gelesen und möchte seine Grundsätze durchaus nicht unterschreiben. Was die öffentliche Politik im gegenwärtigen Falle verlangt, ist etwas ganz Verschiedenes von dem Bedürfniß für öffentliche Zwecke. Braucht man Land zu Anlegung einer Straße, einer Festung oder eines Kanals, so muß es allerdings ein Gesetz geben, welches gegen billige Abschätzung den Verkauf gebietet, da der erforderliche Grund anders nicht zu erzielen ist; aber ich sehe gar schlechte Unterstützung des Rechtes darin, wenn in einem Falle, wo ein Contrahent einseitig von seinem Vertrag abgehen will, die Staatsregierung einzugreifen sich anmaßt, ohne einen andern Grund dafür zu haben, als daß man auf diese Weise den Unzufriedenen, statt ihn durch die Gesetze zum Gehorsam zu zwingen, leicht und wohlfeil zufrieden stellen kann. Wollte man diesen Grundsatz weiter ausführen, so wäre es auch leichter, sich mit dem nächsten besten Taschendieb durch einen Vergleich, statt durch die gesetzliche Bestrafung abzufinden, und eben so gut wären in dieser Weise alle Arten von Verträgen zu umgehen.« »Aber alle Regierungen bedienen sich dieser Gewalt, sobald es nöthig wird, Nachbar Hall.« »Das Wörtlein » nöthig « hat ein gar weites Feld, Squire Hubbard, und die einzige Notwendigkeit, von welcher hier die Rede sein kann, besteht darin, daß auf diesem Wege gewisse Personen leichter und wohlfeiler ihre Zwecke erreichen können. Durch den ganzen Staat New-York bezweifelt es kein Mensch, daß die Regierung leicht mit den Antirenters fertig zu werden im Stande ist, und ich hoffe, sie wird auch diesem Treiben ein Ziel stecken, sofern Gewalt gegen Gewalt in Frage kömmt. Der Fall bietet also keine andere Notwendigkeit, als vornweg die, welche alle Demagogen fühlen, wenn es ihnen darum zu thun ist, möglichst viele Stimmen für sich zu gewinnen.« »Jedenfalls sind in einer Volksregierung diese Stimmen eine gewaltige Waffe, Nachbar Hall.« »Dieß will ich nicht in Abrede ziehen; und da man eben jetzt davon spricht, in der Constitution Veränderungen vorzunehmen, so dürfte wohl der günstige Augenblick gekommen sein, um die Ränkeschmiede zu lehren, daß sie das Recht der Stimmgebung nicht in solcher Weise mißbrauchen dürfen.« »Wie wäre dieß zu hindern? Ich kenne Euch doch als einen Menschen, der das allgemeine Stimmrecht nicht verkürzt sehen möchte.« »Ich bin für das allgemeine Stimmrecht unter ehrlichen Leuten, wünsche aber nicht, daß meine Obrigkeit von Leuten gewählt wird, die sich nie zufrieden geben, wenn sie ihre Hände nicht in die Tasche ihres Nebenmenschen stecken dürfen. Man soll der Constitution eine Clausel einverleiben, welche jede Stadt, jedes Dorf und jede Grafschaft, wenn sie einer gerichtlichen Hülfsvollstreckung öffentlichen Widerstand entgegensetzt, für eine gewisse Zeit ihres Stimmrechts beraubt. Eine solche Maßregel müßte in Bälde dergleichen Gesetzesübertreter zur Besinnung bringen.« Es war augenscheinlich, daß den Zuhörern diese Idee neu war, und mehrere gaben ihre beifällige Zustimmung laut zu erkennen. Auch Hubbard räumte die Originalität dieses Gedankens ein, war aber nicht geneigt, an seine Ausführbarkeit zu glauben; auch schmeckten seine Einwürfe, wie es von einem Winkeladvokaten zu erwarten stand, eher nach der Rabulistik einer beschränkten Praxis als nach der Auffassung eines Staatsmanns. »Wie wolltet Ihr zum Beispiel die Ausdehnung des Distrikts bestimmen, welcher in dieser Weise seiner Wahlrechte beraubt werden soll?« lautete seine Frage. »Man nimmt die gesetzlichen Gränzen, wie sie dastehen. Ist eine Combination stark genug, um in einer Stadt die Vollstrecker des Gesetzes geringschätzend zu behandeln und ihnen offenen Widerstand zu leisten, so züchtige man besagte Stadt durch eine jeweilige Stimmrechtsentziehung; machen sich mehrere Städte dieses Vergehens schuldig, so sollen sie in die gleiche Strafe verfallen, und erstreckt sich die Unbotmäßigkeit über eine ganze County, so soll auch diese dasselbe Geschick erleiden.« »Auf diese Weise würden aber die Unschuldigen mit den Schuldigen in Strafe genommen.« »Die Maßregel hätte das Wohl der Gesammtheit im Auge; und überdieß straft man ja ohnehin die Unschuldigen statt der Schuldigen oder vielmehr mit den Schuldigen auf tausenderlei Arten. Ihr und ich, wir beide müssen Steuer zahlen, damit die Trunkenbolde nicht verhungern; denn es ist gerathener und der Humanität weit angemessener, daß man ein derartiges Opfer bringe, als daß man zusehe, wie unsere Nebenmenschen Hunger sterben oder durch die Noth zum Diebstahl verleitet werden. Durch die Erklärung des Kriegsgesetzes wird in einem Sinne der Unschuldige mit dem Schuldigen in Strafe genommen, und so ergeht es in hundert Fällen. Hier aber handelt es sich nur um die Frage: ist es weiser und besser, die Demagogen und jene Störer des öffentlichen Friedens, welche ihr Stimmrecht zu schlechten Zwecken zu gebrauchen wünschen, durch eine so einfache Maßregel ihrer Waffen zu berauben, oder ihnen zu gestatten, daß sie durch den schreiendsten Mißbrauch ihrer politischen Privilegien ihre Anschläge durchsetzen?« »Und was würde Euch bestimmen, eine Stadt ihres Stimmrechts für verlustig zu erklären?« »Die durch Zeugenschaftsbeweis erhärtete Anklage vor einem öffentlichen Gerichtshof. Die Richter sind unter solchen Umständen die passende Entscheidungsbehörde und würden ohne Zweifel in zwanzig Fällen neunzehnmal recht urtheilen. Es liegt im Interesse eines jeden Bürgers, der das Stimmrecht nach reinen Grundsätzen geübt zu sehen wünscht, daß ihm ein derartiger Schutz verliehen werde gegen solche, die mit ihrer Stimmberechtigung ganz andere Zwecke zu verfolgen wünschen. Allerdings kann zuvor ein Friedensbeamter sein posse comitatus oder auch das Volk zum Beistand aufbieten. Erscheint letzteres in zureichender Anzahl, um die Rebellen zur Ordnung zu verweisen – wohl und gut; andernfalls aber ist der Beweis geliefert, daß die Bewohner des Distrikts nicht würdig sind, als freie Männer ein Stimmrecht zu üben. Diejenigen, welche eines unserer schönsten Privilegien mißbrauchen, haben kein Anrecht an unsere Sympathieen, und was die Art der Ausführung einer solchen Maßregel betrifft, so dürfte sie wohl leicht erledigt werden können, wenn man nur erst über den Grundsatz zu Stande gekommen ist.« Das Gespräch währte wohl noch eine Stunde fort, und Nachbar Hall entwickelte seine Ansichten noch ausführlicher. Ich hörte ihm mit freudiger Ueberraschung zu. »Solche Leute sind in der That das Mark und die eigentliche Kraft des Landes,« sagte ich zu mir selbst. »Männer von diesem Schlage findet man zu tausend und aber tausenden im Staate, und warum sollten sie sich beherrschen lassen durch Intriguanten, die dem schlechtesten Theil der Gemeinschaft entnommen sind – warum sich beugen vor einer Regierung, deren Triebfedern so oft auf der schnödesten Grundsatzlosigkeit beruhen? Wird der Rechtliche ewig nun theilnahmlos zusehen, während die Schlechten und Verderbten alle Minen springen lassen?« Als ich diesem Erguß auch gegen meinen Onkel Luft machte, erwiederte er: »Lieber Hugh, es ist immer so gewesen und wird, wie ich fürchte, auch stets so bleiben. Hier liegt der Fluch unseres Landes« – er deutete dabei auf einen mit Zeitungen bedeckten Tisch, das unerläßliche Möbel eines jeden nur einigermaßen besuchten amerikanischen Wirthshauses. »So lange die Leute glauben , was ihnen eine schlechte Presse vorschwatzt, wird es stets nur Bethörte oder Schurken unter ihnen geben.« »Die Zeitungen haben übrigens doch auch ihr Gutes.« »Dieß erhöht eben den Krebsschaden. Enthielten sie nichts als Lügen, so wurde man bald nichts mehr von ihnen wollen; aber wie wenige sind im Stande, das Falsche von dem Wahren zu sichten? Fassen wir zunächst die Antirentenfrage in's Auge – zeige mir die Zeitungen, welche in dieser Sache der Wahrheit das Wort reden? Hin und wieder wagt es zwar ein ehrlicher Mann aus der Journalistenzunft, von der Brust weg zu sprechen; aber wo einer dieß thut, tragen zehn andere Grundsätze zur Schau, an die sie selbst nicht glauben – und alles dieß nur, um sich Stimmen zu sichern: Stimmen, Stimmen und ewig Stimmen! In diesem einzigen Wort liegt der Schlüssel zu dem ganzen Unwesen.« »Jefferson sagte, wenn man ihm die Wahl ließe zwischen einer Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne Regierung, so würde er sich für das Letztere entscheiden.« »Ja, aber Jefferson kannte die Zeitungen, wie wir sie jetzt haben, noch nicht. Ich bin alt genug, um aus eigener Wahrnehmung ermessen zu können, welcher Wechsel hierin stattgefunden hat. In seinen Tagen konnten drei oder vier erwiesene Lügen einen Zeitungsschreiber zu Grunde richten, aber in unserer Zeit verschluckt man sie zu tausenden. Laß Dir sagen, Hugh, unser Vaterland schleppt sich unter zwei Systemen fort, die einander so entgegengesetzt sind, als man sich nur etwas denken kann – unter dem Christenthum und unter den Zeitungen. Das erstere hämmert täglich auf den Menschen los, um ihm die Ueberzeugung beizubringen, daß er ein elendes, gebrechliches, taugenichtsiges Wesen sei, während letztere immer und ewig von der Vollkommenheit der Menschen und von den hohen Vorzügen der Volksherrschaft schreien.« »Vielleicht sollte weder auf das eine, noch auf die andern ein allzu großes Gewicht gelegt werden.« »Die Prediger des Evangeliums haben unter gewissen Beschränkungen, über die wir alle im Klaren sind, wohl recht; aber was die Zeitungen betrifft, so muß ich gestehen, daß für mich bessere Zeugnisse, als die ihrigen erforderlich sind, wenn ich ihnen Glauben schenken soll.« Onkel Ro verstieg sich zuweilen und gerieth dadurch auf Abwege, obschon ich ehrlich gestehen muß, daß er oft vollkommen Recht hatte.   Achtes Kapitel. Noch seh' ich dich! Das geist'ge Auge ruft hervor Dich aus dem Staub im schönsten Flor; Du bist bei mir in dunkler Nacht, Bist nah' mir, wenn der Morgen lacht; Durch meine Träume strahlt dein Bild Das um mich schlingt die Arme mild. Und stets vernehm' ich den Gesang, Der sonst so süß der Seele klang. Noch seh' ich dich! Sprague .   Es war eben Zehn am andern Morgen, als Onkel Ro und ich des alten Hauses bei dem Nest ansichtig wurden. Ich nenne es alt , denn eine Wohnung, über die schon über ein halbes Jahrhundert hingegangen ist, kann in einem Lande, wie Amerika, wohl Anspruch auf die Bezeichnung »ehrwürdig« erheben. Für mich war es in Wahrheit alt, denn das Gebäude hatte an der Stelle, wo ich es damals sah, schon zweimal so lang, als ich mich im Dasein befand, gestanden und rief mir alle theuern Erinnerungen der Jugend in's Gedächtniß zurück. Von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen Platz als meine künftige Heimath zu betrachten, wie er die Heimath meiner Eltern, meiner Großeltern und in einem gewissen Sinne auch Derjenigen gewesen war, welche in zwei Generationen vor ihnen ihren Staub mit jenem Boden vermengt hatten. Das ganze vor mir liegende Land, die reichen, von wallendem Gras üppig strotzenden Bottoms, die Abhänge, die Wälder, das ferne Gebirg – die Obstgärten, die Wohnhäuser, die Scheunen und der ganze Zubehör landwirthschaftlichen Gewerbfleißes – alles Dieß war mein Eigenthum – mein Eigenthum, ohne daß meines Wissens auch nur die mindeste Ungerechtigkeit gegen irgend ein menschliches Wesen daran haftete. Sogar die Rothhäute hatten von Herman Mordaunt, dem Patentisirten, ihre redliche Zahlung erhalten, wie von Susquesus, der Rothhaut von Ravensnest, wie wir unsern alten Onondago zu nennen pflegten, mir stets versichert wurde. Es war deßhalb nur ein natürlicher Zug, wenn ich ein so erworbenes und so gelegenes Besitzthum liebte. Kein civilisirter Mann – ja, Niemand, nicht einmal der Wilde, war je außer den Angehörigen meines Blutes Eigenthümer jener weiten Felder gewesen . Dieß ist ein Umstand, dessen sich außer Amerika wenige rühmen können, und wenn man in Landestheilen, wo die Künste bereits belebend eingewirkt und den Segen der Civilisation verbreitet haben, eine derartige Thatsache mit Wahrheit von sich behaupten kann, so entspringt daraus eine solche Tiefe des Gefühls, daß es mich nicht wundert, wenn die unsteten Glücksritter, welche auf der ganzen Erde umher irren und ihre Hände in Jedermanns Schüssel tauchen, nicht im Stande gewesen sind, ihren anderen oberflächlichen Entdeckungen auch diese einzuverleiben. Nichts kann der gewöhnlichen Gier der Habsucht weniger zusagen als eine Innigkeit, welche in solchen Momenten ihren Grund hat, und ich bin überzeugt, daß ein derartiger Einfluß nicht verfehlen kann, die Gefühle dessen, der ihn empfindet, zu veredeln. Und da gab es nun Männer unter uns in hoher politischer Stellung, – so hoch als es derartige Männer nur bringen können; – denn wenn die Macht in solche Hände kommt, so wird es eine nothwendige Folge, daß selbst die Würde dem natürlichen Niveau ihrer Träger wieder nahe rückt – es gab Männer unter uns, sage ich, welche die ihnen verliehene Macht zu national-ökonomischen Vorschlägen mißbrauchten, deren Ausführung mich zwingen mußte, dieses ganze Besitzthum zu verkaufen, so daß mir vielleicht für den eigenen Gebrauch nur eine einzige Farm übrig blieb. Das erlöste Geld konnte ich dann in einer Weise anlegen, daß die Interessen daraus meinem gegenwärtigen Einkommen gleich kamen. Allerdings war es mit dieser Theorie nicht unmittelbar auf mich abgesehen, da meine Farmen nach Ablauf ihrer Pachtzeit wieder an mich zurückfielen. Der Schlag sollte zuvörderst Stephen und William van Rensselaer treffen, faßte aber natürlich auch noch andere in sich, und zunächst konnte dann die Reihe an mich kommen. Welches Recht hatten die Rensselaers, die Livingstons, die Hunters, die Littlepage's, die Verplancks, die Morgans, die Wadsworths oder ein halb tausend Anderer in ähnlicher Stellung, »Gefühle« zu hegen, welche das »Geschäftsleben« hemmten oder die Wünsche irgend eines unstäten Yankee's vereitelten, der sich aus Neu-England zu uns verloren hatte und durchaus eine bestimmte Farm auf seine eigenen Bedingungen hin haben wollte? Es ist aristokratisch, durch Gefühle den Verkehr beeinträchtigen zu wollen, und der Verkehr selbst hört auf, Verkehr zu sein, wenn der Gewinn nicht dem großen Haufen zu Gute kömmt. Ja, selbst die heiligen Grundsätze des Verkehrs müssen sich durch Majoritäten beherrschen lassen! Selbst Onkel Ro konnte die schöne Landschaft nicht ohne Erregung betrachten, obschon ihm nie ein Fußbreit davon gehört hatte. Aber auch er war hier geboren worden – hatte hier seine Kindheit verbracht, und liebte den Ort, ohne daß sich auch nur eine Spur von niedriger Habsucht in dieses Gefühl gemischt hätte. Er gefiel sich in der Erinnerung, daß unser Geschlecht der einzige Eigenthümer des Bodens gewesen war, auf welchem er stand, und seine Seele hob sich in jenem edlen Stolz, welcher von einer bleibenden achtbaren Stellung in der Gesellschaft unzertrennlich ist. »Da sind wir jetzt, Hugh,« rief er, nachdem wir Beide eine Weile stumm dagestanden hatten, um die grauen Mauern des guten und solid gebauten, aber gewiß nicht sonderlich schönen Wohnhauses, zu betrachten; »da sind wir nun, und es dürfte jetzt Zeit sein, über unsere nächsten Schritte einen Entschluß zu fassen. Du erinnerst dich, das Dorf ist keine zwei Stunden entlegen; wollen wir dahin gehen und uns ein Frühstück holen? Versuchen wir's etwa mit einem unserer Pächter – oder stürzen wir uns mit einem Male in medias res , um uns die Gastfreundschaft meiner Mutter und deiner Schwester zu erbitten?« »Ich fürchte, Sir, das letztere könnte Argwohn erregen, und wenn wir in die Hände der Inschens fallen, so haben wir zum mindesten Theer und Federn zu gewärtigen.« »Du sprichst von den Inschens? Ei, warum gehen wir nicht geradenwegs nach dem Wigwam unseres alten Susquesus und lassen uns von ihm und von Yop über den Stand der Dinge unterrichten? Gestern Abend habe ich in unserem Wirthshaus von dem Onondago sprechen hören, und die Leute waren der Ansicht, er sehe noch immer wie ein Mann von Achtzigen aus, obschon man allgemein glaube, daß er mehr als ein Jahrhundert auf dem Rücken habe. Der Indianer hat eine scharfe Beobachtungsgabe, und dürfte wohl im Stande sein, uns in einige von den Geheimnissen seiner verkappten Brüder einzuweihen.« »Wenigstens können wir dort Auskunft über die Familie erhalten; es liegt ebenso wenig Auffallendes darin, wenn wir in dem Wigwam einsprechen, als man es wohl bei Hausirern für natürlich halten wird, wenn sie dem Nesthaus einen Besuch abstatten.« Diese Erwägung gab der Sache den Ausschlag, und wir verfügten uns nach dem Engthal, an dessen Seite die unter dem Namen Wigwam bekannte Hütte in ihrer alterthümlichen Form stand. Sie war aus Holzstämmen zusammengesetzt, klein, reinlich, – und warm oder kühl, je nachdem es die Jahreszeit verlangte; auch nahm sie sich, obschon sie nie den einladend ländlichen Charakter eines Farmer-Hauses hatte, stets ansprechend genug aus, da der Grundherr, dieses verhaßte Geschöpf, welches in der ganzen Gegend so vieles Aehnliche zu bestreiten hatte, für ihre Unterhaltung sorgte, sie gelegentlich übertünchen ließ und bisweilen auch neues Möbelwerk beischaffte. Auch ein Garten gränzte daran, der für die Jahreszeit schon recht anständig bestellt war; denn der Neger machte sich im Laufe des Sommers mit den Gemüsen und Früchten einigermaßen zu schaffen, obschon ich wohl wußte, daß die regelmäßige Besorgung des Bodenstücks von einem Arbeiter im Nest ausging, welchem die Obliegenheit zukam, hin und wieder einen halben Tag nach dem Gärtchen zu sehen. Auf der einen Seite der Hütte befanden sich ein paar Ställe, der eine für die Schweine und der andere für eine Kuh; auf der andern aber schloßen sich die Bäume des jungfräulichen Urwaldes an, welche in diesem Engthale noch nie gestört worden waren und das Dach mit ihren Zweigen überschatteten. Diese etwas poetische Anordnung war die Folge eines Vergleichs zwischen den Insassen; denn der Neger bestand auf den Zugaben seiner rohen Civilisation, während der Indianer die Schatten des Waldes verlangte, um sich in seine Lage finden zu können. Hier also hatten diese beiden, in seltsamer Weise zusammengeführten Wesen – denn der Eine leitete seinen Ursprung von den entarteten Rassen Afrika's, der Andere von dem ungestümen aber hochsinnigen Ureinwohnern dieses Kontinents ab – fast die ganze Periode eines gewöhnlichen Menschenlebens neben einander gewohnt. Die Hütte selbst fing an, in Wirklichkeit alt auszusehen, während ihre Insassen sich seit Menschengedenken nur wenig verändert hatten! Derartige Beispiele einer langen Lebensdauer sind, was auch die Theoretiker über diesen Gegenstand sagen mögen, weder unter den Schwarzen noch unter den Rothhäuten sehr selten, obschon vielleicht die ersteren vor letzteren den Vorzug haben mögen, wenn sie nicht gerade nach den nördlichen Theilen der Republik verpflanzt sind. Allerdings behauptet man gewöhnlich, daß diese beiden Rassen nicht länger lebten, als die Weißen, und ihr angebliches hohes Alter rühre mehr von dem Umstande her, daß sie die Zeit ihrer Geburt nicht anzugeben wüßten. Dieß mag in der Hauptsache seine Richtigkeit haben, denn wir wissen, daß im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre in nicht großer Entfernung von Ravensnest ein Weißer starb, der mehr als hundert und zwanzig Lebensjahre zurückgelegt hatte; aber im Verhältniß zu der geringen Anzahl sind doch hochbetagte Neger und Indianer eine so gewöhnliche Erscheinung, daß dieser Umstand Jedem, welcher ihn zu beobachten Gelegenheit findet, auffallen muß. In der Nähe des Wigwams – denn so nannte man die Hütte gewöhnlich, obschon sie im eigentlichen Sinne des Worts kein Wigwam war – befand sich keine Landstraße. Das kleine Gebäude stand auf den Gründen des Nesthauses, die mit Einschluß eines Urwaldstreifens und ohne die Felder, welche zu der anliegenden Farm gehörten, zweihundert Acres umfaßten. Der Zugang wurde nur durch Fußpfade, deren mehrere hin und her führten, und einen einzigen, schmalen Fahrweg vermittelt, der in seinen Windungen über die Güter in der Nähe der Hütte vorbeigeführt worden war, um meiner Großmutter und Schwester – vermuthlich auch meiner theuren Mutter, so lange sie noch am Leben war – Gelegenheit zu geben, während ihrer häufigen Spazierfahrten dem alten Paar einen Besuch abzustatten. Auf dem letzterwähnten Wege näherten wir uns nun dem Wohnplatze der farbigen Greise. »Da sind die zwei alten Knaben; sie benützen den schönen Tag, um sich in der Sonne zu wärmen!« rief mein Onkel mit einem etwas bebenden Tone in seiner Stimme, als wir nahe genug herangekommen waren, um die Gegenstände zu unterscheiden. »Hugh, ich habe diese Männer nie ohne ein Gefühl von Ehrfurcht und Liebe ansehen können. Beide waren die Freunde und Einer davon der Sklave meines Großvaters; und so lange ich mich ihrer erinnern kann, sind sie stets alte Leute gewesen! Sie scheinen als Denkmäler der Vergangenheit hieher gesetzt worden zu sein, um die entschwundenen Geschlechter mit den künftigen in Verbindung zu bringen.« »Wenn dieß der Fall ist, Sir, werden sie bald die Einzigen ihrer Art sein. Geht es noch länger so fort, wie bisher, so kommt es mir wahrhaftig vor, als fingen die Menschen an, sogar auf die Geschichte eifersüchtig zu werden, weil ihre handelnden Personen Abkömmlinge zurückgelassen haben, welche sich in das bischen Ehre, das zu erholen ist, theilen möchten.« »Ich widerspreche dir nicht, Junge, denn hinsichtlich dieses Punktes herrscht unter uns eine seltsame Verkehrung der alten, natürlichen Gefühle. Indessen darfst du nicht vergessen, daß unter den dritthalb Millionen, welche der Staat birgt, sich vielleicht keine halbe Million befindet, der ächtes Yorker Blut in den Adern fließt; die Anderen können natürlich keinen Sinn haben für die Geburtsstätten und die älteren Ueberlieferungen der Gesellschaft, in welcher sie leben. Viel kommt hiebei auf Rechnung unserer Zustände, obschon ich zugebe, daß diese es nicht auf den Umsturz von Grundsätzen absehen sollten, sintemal es ohnehin nicht einmal nöthig ist. Aber sieh' einmal diese beiden alten Käuze an! Selbst nachdem sie so lange Zeit gemeinschaftlich in dieser Hütte verlebt hatten, sind sie den Gefühlen und Gewohnheiten ihrer Rassen treu geblieben. Dort kauert sich, müssig und arbeitsscheu, Susquesus auf einem Stein und hat seine Büchse an den Apfelbaum gelehnt, während Jaaf oder Yop, wie ich ihn vielleicht besser nennen sollte, sich im Garten zu schaffen macht, als glaubte er, noch immer als Sklave arbeiten zu müssen.« »Und welcher ist wohl der Glücklichere, Sir – der emsige alte Mann, oder der Müssiggänger?« »Wahrscheinlich ist es Jedem am wohlsten, wenn er seinen früheren Angewöhnungen nachhängen kann. Der Onondago hat übrigens nie arbeiten mögen, und wie ich von meinem Vater hörte, schätzte er sich überglücklich, als er vernahm, er könne den Rest seiner Tage in otio cum dignitate verbringen, ohne daß er nöthig habe, sich mit Korbflechten abzumühen.« »Yop sieht nach uns her. Es ist vielleicht am besten, wenn wir ohne Weiteres auf sie zugehen und sie anreden.« »Yop reißt vielleicht am weitesten die Augen auf, aber ich setze mein Leben daran, daß der Indianer zweimal so viel sieht . Seine Sinne sind jedenfalls die besseren, und überhaupt ist er ein Mann von einer merkwürdigen und außerordentlichen Beobachtungsgabe. In früheren Tagen ist ihm nie etwas entgangen. Doch wie du sagst, wir wollen auf sie zugehen.« Ich berieth mich nun mit meinem Onkel, ob es wohl zweckmäßig sei, unser gebrochenes Englisch auch gegen diese beiden Greise in Anwendung zu bringen. Anfangs erschien uns dieß unnöthig; als wir aber bedachten, daß auch Andere dazu kommen könnten und unser Verkehr mit den Zweien im Lauf der nächsten paar Tage sich öfter wiederholen dürfte, so änderten wir unsern Sinn. und beschloßen, streng auf unserem Incognito zu beharren. Als wir uns der Thüre der Hütte näherten, kam Jaaf langsam aus seinem Garten, und schloß sich dem Indianer an, der ruhig und unbeweglich auf seinem Steine sitzen blieb. So viel wir bemerken konnten, hatten sich die Greise während unserer fünfjährigen Abwesenheit nur wenig verändert, denn sie boten in ihrer Art vollkommene Bilder eines zwar sehr hohen, aber nicht hinfälligen Alters. Der Schwarze – wenn man ihn so nennen konnte, denn seine Farbe bestand eher aus einem schmutzigen Grau – mochte wohl den größten Wechsel erlitten haben, obschon ich dieß, als ich ihn zum letzten Mal sah, kaum für möglich gehalten hätte. Was den Fährtelosen oder Susquesus, wie er gemeiniglich genannt wurde, betraf, so hatte ihm die Mäßigkeit eines langen Lebens treffliche Dienste geleistet, und seine halb nackten Glieder, wie auch der gerippartige Körper, der sich dem Auge unverhüllt darbot, weil er im Sommer den Anzug seines Volkes trug, schienen von Leder überzogen zu sein, das lange in eine Lohbrühe von reinster Qualität eingeweicht gewesen war. Seine Sehnen erschienen noch immer, trotz ihrer Steifheit, wie Peitschenschnüre, und sein ganzer Leib erinnerte an eine vertrocknete Mumie, die noch Lebenskraft in sich birgt. Die Farbe seiner Haut war weniger roth, als ehedem, und näherte sich mehr der des Negers, wie sie sich jetzt dem Auge darbot, obschon der Unterschied noch immer sehr bemerklich war. »Sago – Sago,« rief mein Onkel, als wir ganz nahe herangekommen waren, denn wir sahen nicht ein, welche Gefahr darin liegen könnte, uns dieses vertraulichen halb indianischen Grußes zu bedienen Der Herausgeber hat schon oft Gelegenheit gehabt, die Bedeutung derartiger Ausdrücke zu erklären. Die Kolonisten lernten viele Worte von den Indianern, die sie zuerst kennen lernten, und bedienten sich derselben gegen alle Uebrigen, wenn diese auch einer andern Zunge angehörten. Da sich nun die Letzteren solcher Ausdrücke als englischer Worte bedienten, so bildete sich im Lande eine Art lingua franca , die überall verstanden wird. So gehören aller Wahrscheinlichkeit nach die Worte » Moccasin «, » Squaw «, » Papoose «, » Sago «, » Tomahawk «, » Wigwam « u. s. w. insgesamt zu derselben Klasse. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Bezeichnung » Yankees « von » Yengeese « herrührt – die Art, wie die Stämme, welche Neu-England am nächsten liegen, das Wort » English « aussprachen. In jener Gegend ist es bis auf diese Stunde noch üblich, das Wort English , lies Ing lisch, wie » Eng lisch« auszusprechen. Die Umänderung des » Eng lisch« in » Yengeese « macht sich leicht. Der Herausgeber. . »Sago, Sago, diesen schönen Morgen – in meiner Sprache heißt dieß: » guten Tag .« »Sago,« entgegnete der Fährtelose in tiefem Kehltone. Yop dagegen sagte nichts, sondern warf nur ein paar Lippen auf, welche dicken Stücken verbrannten Beefsteaks glichen, musterte abwechselnd uns Beide mit seinen rothen Triefaugen, und verzog wiederholt seinen Mund, wohin sich seine Kinnbacken abarbeiteten, als seien sie stolz auf die trefflichen Zähne, welche sie noch immer aufzuweisen hatten. Als ein Sklave der Littlepage's hielt er Hausirer für weit unter sich stehende Wesen; denn die alten Neger New-Yorks identificirten sich stets mehr oder weniger mit den Familien, zu denen sie gehörten und unter denen sie so oft geboren worden waren. »Sago,« wiederholte der Indianer langsam, höflich und mit Nachdruck, nachdem er meinen Onkel eine Weile betrachtet hatte; es schien, als habe er etwas an ihm bemerkt, was ihm Achtung einflößte. »Wir haben heute einen wunderschönen Tag,« fuhr Onkel Ro in seinem gebrochenen Englisch fort, indem er seine Stirne abwischte und ruhig auf einem Holzblock Platz nahm, der als Heizmaterial für den Ofen beigeschafft worden war. »Was ist dieß für eine Gegend?« »Dieß hier?« entgegnete Yop nicht ohne einige Verachtung, »Dieß ist York Colony. Wo komm' denn Ihr her, daß Ihr solche Frag' thu'?« »Aus Tscharmany. Das ist weit weg, aber ein gutes Land. Zwar, diese Gegend gefällt mir auch.« »Warum Ihr dann fortzieh', wenn es gut Land sein – he?« versetzte der Schwarze. »Könnt Ihr mir sagen, warum Ihr aus Afrika fortgezogen seid?« erwiederte Onkel Ro in kaltem Tone. »Ich nie da gewesen,« brummte der alte Yop, seine Zähne in der Art des Ebers fletschend, wenn er seinen Zorn kund gibt und dadurch anzeigt, daß es gut sein möchte, ihm aus dem Wege zu gehen. »Ich ein geboren Yorknigger, und hab' nie gesehn kein Afrika – und will auch nit sehen, in meinem Leben nit.« Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß Jaaf einer Klasse angehörte, bei welcher der Ausdruck »farbiger Gentleman« nie in Brauch gekommen war. Die Männer aus seiner Zeit und von seinem Korn nannten sich ›Niggers‹. Die Ladies und Gentlemen aus derselben Periode aber nahmen sie beim Wort und legten ihnen dieselbe Bezeichnung bei, obwohl heutzutage kein Schwarzer mehr sich anders, als im Tone des Vorwurfs, dieses Ausdrucks bedient. Der »Nigger« ist also nunmehr zum Schimpfwort geworden, und es ist ein eigenthümlich seltsamer Zug in der Menschennatur, daß es Niemand lieber, als gerade der Schwarze, wenn er seinem Unmuth Luft machen will, in Anwendung bringt. Mein Onkel hielt einen Augenblick inne, um zuvor zu überlegen, ob er eine Unterhaltung fortführen sollte, die dem Anscheine nach nicht unter den schmeichelhaftesten Auspicien begonnen hatte. »Wer mag wohl in jenem großen steinernen Hause wohnen?« nahm er wieder auf, sobald er glaubte, daß der Neger Zeit gehabt habe, wieder ruhiger zu werden. »Jedermann kann seh', daß Ihr kein New-Yorker, schon an Eurer Sprach',« versetzte Yop, den diese Frage nichts weniger als milder gestimmt hatte. »Wer anders sollt' dort wohnen, als Schin'ral Littlepage?« »So? Ich hätte geglaubt, er sei längst gestorben.« »Und wenn auch! Es ist sein Haus und er leb' darin; und so auch leb' dort die alt jung Missus.« Nun hatte es, vom Vater auf den Sohn gezählt, unter den Littlepage's durch drei Generationen hindurch Generale gegeben. Der erste war der Brigadiergeneral Evans Littlepage aus der Miliz, welcher während der Revolution im Dienste seinen Tod fand, der zweite Cornelius Littlepage, der, nachdem er als Obrist der New-Yorker Linie den Feldzug mitgemacht hatte, am Schlusse des gedachten Kriegs als Brigadiergeneral seinen Abschied nahm, und als dritten und letzten muß ich meinen Großvater, den Generalmajor Mordaunt Littlepage aufzählen, der gegen das Ende des gleichen Feldzugs hin im Regiment seines Vaters als Kapitän gedient hatte, später zum Major befördert wurde und endlich zum General in der Miliz avancirte – ein Posten, den er viele Jahre lang bis zu seinem Tode behauptete. Sobald aber der gemeine Soldat das Recht erhielt, seine Offiziere selbst zu wählen, hörte die Stellung eines Generalmajors bei der Miliz auf, eine achtbare zu sein, und nur wenige Männer von Bildung ließen sich fortan zum Eintritt in den Dienst bewegen. Wie vorauszusehen war, gerieth nach und nach das Militär in allgemeine Verachtung, und wird wohl in derselben beharren müssen, bis bei Besetzung der Offiziersstellen ein anderes System befolgt wird. Das Volk kann zwar viel ausrichten; aber nimmermehr wird es im Stande sein, »aus einem Schweinsohr eine seidene Börse zu machen«. Erst wenn die Offizierposten auf's Neue nach der alten Weise ausgefüllt werden, kann sich der Militärstand wieder heben, denn in keinem andern Lebensverhältniß erfordert die Handhabung der Gewalt in so hohem Grade Männer von Bildung, Erziehung und Charakterfestigkeit, wie im militärischen Dienste. Wohl hört man viele schöne Reden und ergeht sich in breiten patriotischen Lobsprüchen über den innern Werth und die Einsicht des Volkes; auch hat man sich mit allerlei Entwürfen getragen, sogenannte »Bürgersoldaten« zu schaffen; aber der Bürger kann und wird nie ein Soldat – weder ein guter noch ein schlechter – werden, wenn er nicht unter der Leitung tüchtiger Offiziere steht. Doch um wieder auf Yop zurückzukommen: »Darf ich fragen, wie alt die Lady ist, welche Ihr die alte junge Missus nennt?« fragte mein Onkel. »Potz tausend – sie ist noch ein leibhaftig Mädel – just eine Weile geboren nach der alt französisch Krieg. Kenn' sie noch gut, wie sie Miß Dus Malbone sein. Jung Masser Mordaunt hatt' sie gern und nehmen sie zu sein Weib.« »Hoffentlich hattet Ihr gegen diese Verbindung nichts einzuwenden?« »Ich nit, sie damals eine schön junge Lady, und sie auch jetzt eine sehre schön jung Lady.« Dieß von meiner ehrwürdigen Großmutter, die bereits ihr achtzigstes Lebensjahr zurückgelegt hatte! »Wer mag jetzt der Besitzer jenes großen Hauses sein?« fragte mein Onkel abermals. »Hab' ich's nit schon gesagt? Schin'ral Littlepage. Masser Mordaunt heißt er – mein junger Meister. Sus da ist nur ein Inschen; er nie so glücklich sein, zu hab gut Meister. Ich hör', mit Niggers es werden knapp heutzutag in der Welt.« »Ich denke, auch mit den Inschens. Die Rothhäute werden nicht mehr sehr häufig sein.« Der Onondago richtete sich jetzt auf und heftete einen ernsten Blick auf meinen Onkel. Die Art, wie er Beides that, war edel und eindrucksvoll. Bis jetzt hatte er außer seinem Gruße keine Sylbe verlauten lassen, aber nunmehr bemerkte man, daß er zu sprechen beabsichtigte. »Neuer Stamm,« sagte er, nachdem er uns eine Minute lang angelegentlich gemustert hatte. »Wie nennen Ihr ihn – woher er kommen?« »Ja, ja – Ihr meint die Antirentenrothhäute. Habt Ihr etwas von ihnen gesehen, Fährteloser?« »Ja wohl; sie kommen, mich zu besuchen. Gesicht im Sack – benehmen sich wie Squaw. Arme Inschen – arme Krieger!« »In der That, ich glaube, daß dieß wahr genug ist. Solche Inschens kann ich nicht leiden – möchte um keine Welt ein solcher Inschen sein. Was sagt Ihr dazu, he?« Susquesus schüttelte langsam und mit Würde den Kopf, worauf er angelegentlich meinen Onkel musterte und dann seine Blicke in gleicher Weise auf mich heftete. So wandte er abwechselnd seine Augen von dem Einen zum Andern und schlug sie endlich in stummer Ruhe zu Boden. Ich nahm den Leierkasten heraus, und begann eine lebhafte Weise zu spielen, die früher unter den amerikanischen Schwaben sehr beliebt gewesen war, später aber, wie ich leider sagen muß, auch bei den Weißen sehr in Aufnahme gekommen ist. Meine Musik übte keinen besondern Eindruck auf Susquesus, obschon ein leichter Schatten der Verachtung über seine dunkeln Züge flog. Bei Jaaf dagegen verhielt sich die Sache ganz anders. So alt er auch war, konnte ich doch ein gewisses nervöses Zucken seiner untern Gliedmaßen bemerken – ein deutliches Kennzeichen, daß der alte Knabe wirkliche Lust zum Tanzen fühlte. Dieß verging jedoch bald wieder; aber aus seinem grimmigen, harten, runzlichten, grauen Gesichte schien noch eine Weile ein Strahl des inneren Wohlbehagens aufzublitzen. Hierin lag nichts Ueberraschendes, denn die Gleichgültigkeit der Indianer gegen Musik ist fast eben so charakteristisch, wie die Empfänglichkeit der Neger dafür. Wir konnten nicht erwarten, daß so alte Leute geneigt sein würden, viel zu sprechen. Der Onondago war von jeher ein schweigsamer Mann gewesen, und der Grund dazu war ebenso sehr in dem Ernst und der Würde seines Charakters, als in seiner gewöhnten Klugheit zu suchen. Jaaf aber neigte sich von Natur aus zur Plauderhaftigkeit, obschon die Last der Jahre notwendigerweise diesen seinen Hang sehr vermindert hatte. Auch mein Onkel verfiel jetzt in ein gedankenvolles, schwermüthiges Schweigen, und nachdem ich mit meinem Spiele aufgehört hatte, beharrten wir alle vier etliche Minuten lang in stummer Betrachtung. Nun aber ließ sich das gedämpfte Rollen eines Wagens vernehmen, und bald nachher kam eine leichte Sommerkalesche, die ich von Alters her wohl kannte, um den Stall herum; sie machte zehn Fuß von der Stelle, wo wir saßen, Halt. Bei dieser unerwarteten Unterbrechung vermochte ich mich kaum mehr zu halten, und ich konnte bemerken, daß mein Onkel kaum weniger ergriffen war. Inmitten einer zierlichen Draperie von wallenden Sommershawls und andern Ziermitteln der weiblichen Toilette bemerkten wir vier sonnige, jugendliche Gesichter und ein Antlitz, ehrwürdig in der Reife der Jahre. Mit einem Worte, meine Großmutter, meine Schwester, die beiden übrigen Mündel meines Onkels und Mary Warren befanden sich in dem Wagen. Ja, die hübsche, sanfte, schüchterne, aber geistreiche und einsichtsvolle Tochter des Rektors war mit von der Partie, und schien sich, wie unter Freundinnen, ganz heimisch und wohl zu fühlen. Sie war auch die Erste, welche zu sprechen anhub, obgleich dieß nur in gedämpfter, ruhiger Stimme geschah. Ihre Worte galten meiner Schwester und schienen ihr durch die Ueberraschung abgerungen worden zu sein. »Da sehe ich eben die beiden Hausirer, von welchen ich Euch erzählt habe, Martha,« sagte sie. »Jetzt könnt Ihr selbst einmal die Flöte gut spielen hören.« »Ich zweifle, ob er sich besser darauf verstehen wird, als Hugh,« lautete die Antwort meiner lieben Schwester. »Indeß möchte ich doch sein Spiel hören, wäre es auch nur, um dadurch an den fernen Bruder erinnert zu werden.« »Nun, die Musik können wir ja haben, und wir wollen die Gelegenheit benutzen, mein Kind,« rief meine Großmutter heiter, »obgleich wir derselben nicht bedürfen, um an den lieben abwesenden Jungen erinnert zu werden. Guten Morgen, Susquesus; ich hoffe, dieser schöne Tag kommt Euch zu Statten.« » Sago ,« entgegnete der Indianer, indem er auf eine würdevolle, ja sogar anmuthige Weise den einen Arm vorwärts bewegte, ohne sich übrigens von seinem Platze zu erheben. »Wetter gut – großer Geist gut, dieß der Grund. Wie es gehen, Squaws?« »Danke schön, wir sind Alle wohl, Fährteloser. Guten Tag, Jaaf. Wie geht es Euch an diesem schönen Morgen?« Yop, Jaap oder Jaaf erhob sich wankend, machte eine tiefe Verbeugung und antwortete in der halb achtungsvollen, halb vertraulichen Weise eines alten Familiendieners, wie sie seit unserer Väter Zeiten nicht wieder bestehen. »Schön Dank, Miß Dus, von ganze Herz. Ziemlich gut heut; aber bei der alte Sus geht's Nachlaß; wird verzweifelt schnell älter und älter.« Nun war von den Beiden jedenfalls der Indianer bei weitem der schönere Ueberrest männlicher Kraft, obschon er sich viel gesetzter und weniger unruhig, als der Schwarze, benahm. Indeß war bei Jaaf der Hang, den Splitter im Auge seines Freundes zu sehen und den eigenen darüber zu vergessen, eine langjährige und wohlbekannte Schwäche, so daß seine gegenwärtige Kundgebung nur ein allgemeines Lächeln hervorrief. Ich war namentlich entzückt über den leuchtenden lachenden Strahl aus Mary Warrens Augen, obschon ihre Lippen sich stumm verhielten. »Ich kann nicht sagen, daß ich mit Euch einverstanden bin, Jaaf,« entgegnete meine Großmutter lächelnd. »Der Fährtelose trägt seine Jahre überraschend gut, und ich glaube nicht, daß er in langer Zeit besser ausgesehen hat, als eben an diesem Morgen. Wir sind nicht mehr so jung, wie in den Jahren unserer ersten Bekanntschaft, Jaaf, denn diese stammt, wenn auch nicht ganz, so doch nahezu von sechzig Jahren her.« »O, Ihr nichts anders sein als ein Mädchen noch,« brummte der Neger; »aber der alt Sus ist der wirklich alte Kerl. Miß Dus und Masser Mordaunt hab' ja erst kürzlich geheirath' – nit lang nach der Rivyluschen.« »Ja wohl,« versetzte die ehrwürdige Frau mit einem melancholischen Anflug in dem Ton ihrer Stimme; »aber seit der Revolution sind schon viele, viele lange Jahre verflossen!« »Was das? Ich sein erstaunt, Miß Dus! Wie könn' Ihr dieß nenn' so lang, wenn's doch erst vor kurze Zeit sein?« erwiederte der starrköpfige Neger, der nun widerhaarig zu werden, und in kurzer, verächtlicher Weise zu sprechen begann, als sei es ihm gar nicht recht, Dinge hören zu müssen, denen er nicht beipflichten konnte. »Masser Corny wäre vielleicht ein bissel alt, wenn er noch lebt'; aber all' die Uebrig' von Euch sein nix als Kinder. Sag' mir nur Eins, Miß Dus – ob's wahr, daß sie zu Satanstoe eine Stadt krieg'.« »Man hat vor einigen Jahren den Versuch gemacht, in der ganzen Gegend Städte anzulegen, und unter anderen Plätzen ist auch der Neck dazu ausersehen worden; indeß glaube ich nicht, daß dieser je mehr, als eine gute Farm abgeben wird.« »Um so besser. Dort sein gut' Land, sag' ich Euch! Ein Acre dort drunten bring mehr ein, als zwanzig Acres hier oben.« »Mein Enkel würde nicht sehr erfreut sein, wenn er dieß aus Eurem Munde vernehmen müßte, Jaaf.« »Wer, Euer Enkel, Miß Dus? Ich wohl wissen, Ihr hab' vor eine Weile klein' Baby; aber Baby kann nit wieder hab' Baby.« »Ach, Jaaf, mein alter Freund, jene Babies sind seitdem Männer und Frauen geworden, die bereits hoch im Alter stehen. Einer davon, und dieser war mein Erstgeborener, ist vor uns eingegangen in eine bessere Welt, und sein Sohn ist jetzt Euer junger Meister. Die junge Dame, die mir gegenüber sitzt, ist seine Schwester, und es würde ihr sehr schmerzlich fallen, wenn sie glauben müßte, daß Ihr sie vergessen hättet.« Jaaf litt an einer Schwäche, die dem hohen Alter so gewöhnlich eigen ist: er vergaß die Erlebnisse der neueren Zeit, während er sich auf Alles, was vor einem Jahrhundert vorgefallen war, noch recht gut entsinnen konnte. Das Gedächtniß ist eine Tafel, welche an den Eigenthümlichkeiten aller unserer Ansichten und Gewohnheiten Theil nimmt. In der Jugend hat sie die größte Bildsamkeit; die Eindrücke greifen tief und behalten ihre Bestimmtheit bei, während die zahlreichen später folgenden auf dem bereits überfüllten Grunde weniger Wurzel fassen können. In dem gegenwärtigen Falle handelte sich's um ein so hohes Alter, daß der Wechsel wirklich erstaunlich war, denn die Erinnerungen des greisen Negers wirkten auf den Zuhörer nicht selten wie eine Stimme aus dem Grabe. Was den Indianer betraf, so hatte er sich, wie ich später erfahren mußte, in jeder Hinsicht weit besser erhalten, als der Schwarze. Von Jugend auf hatte er sehr mäßig gelebt, nie etwas von Arbeit wissen wollen, seinen Körper stets in freier Luft geübt, und wenn man hiezu noch die Gemächlichkeit eines dem Mangel nicht preisgegebenen halbcivilisirten Lebens rechnet, so läßt sich wohl denken, daß unter solchen Umständen, trotz der langen Reihe von Jahren, Körper und Geist gleich kräftig bleiben konnten. Als ich ihn so ansah, kam mir Alles wieder in Erinnerung, was ich als Knabe je von seiner Geschichte gehört hatte. Das frühere Leben des Onondago war stets in einen geheimnißvollen Schleier gehüllt gewesen, und wenn je ein Glied unserer Familie Kunde davon gehabt hatte, so mußte dieß Andries Coejemans, ein Halbonkel meiner lieben Großmutter, der in der Gegend unter dem Beinamen »Kettenträger« bekannt war, gewesen sein. Meine Großmutter hatte mir gesagt, sie wisse aus dem Munde des »Onkel Kettenträger,« denn so wurde der alte Verwandte von uns Allen genannt, daß er in die ganze Geschichte des Susquesus eingeweiht gewesen sei: warum derselbe seinen Stamm verlassen, wie er ein Jäger geworden, und wie er als Krieger und als Läufer unter den Blaßgesichtern sich nützlich gemacht habe; seinen Aeußerungen zufolge gereichten seinem rothen Freunde die Einzelnheiten seines Lebens sehr zur Ehre, obschon er auf eine Enthüllung derselben nicht eingehen wollte. Wie dem übrigens sein mochte, Onkel Kettenträger stand in so hohem Ruf der Rechtlichkeit, daß diese seine Angaben vollkommen zureichten, um dem Onondago das unbedingte Vertrauen der ganzen Familie zu gewinnen, und die Erfahrung von neunzig Jahren hatte bewiesen, daß dasselbe am rechten Orte angebracht war. Ueber den Grund, warum der alte Mann so lange in dieser Art von Verbannung gelebt hatte, waren die Ansichten sehr verschieden, und Einige suchten ihn in der Liebe, Andere im Krieg, wieder Andere in den Folgen jener wilden persönlichen Fehden, die bekanntlich unter den Wilden so häufig vorkommen. Dieß waren jedoch nur Muthmaßungen, die das Geheimniß nicht aufklären konnten. Wie wäre dieß auch möglich gewesen, nun wir uns der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nähern, während es schon unseren Vätern, die doch zu Anfang der zweiten Hälfte des achtzehnten lebten, nicht gelungen war, den Schleier zu lüften. Kehren wir übrigens zu dem Neger zurück. Obgleich Jaaf für einen Augenblick mich und meine Eltern ganz und gar vergessen hatte, so erinnerte er sich doch meiner Schwester, da ihn dieselbe oft zu besuchen pflegte. In welcher Weise er sie mit der Familie in Verbindung brachte, weiß ich nicht anzugeben; so viel ist übrigens gewiß, daß er sie nicht nur von Ansehen, sondern auch dem Namen und – wie man sagen möchte – dem Blut nach kannte. »Ja, ja,« rief der alte Bursche etwas hastig, indem er seine dicken Lippen zusammen schnalzte, etwa wie ein Alligator seine Kinnladen aufeinander klappt: »ja, natürlich kenn' ich Miß Patty. Miß Patty ist sehre schön, und wird schöner und schöner jedesmal, so oft ich ihr seh' – ha, ha, ha!« Das Lachen des alten Negers tönte auffallend und unnatürlich, obschon es im Grunde, wie das eines jeden Negers, etwas frohherziges in sich barg. »Ha, ha, ha! ja, Miß Patty wunnervoll schön und sehre wie Miß Dus. Ich glaub' jetzt, Miß Patty sein geboren um die Zeit, da Schin'ral Washington sterb'.« Dieß hieß das Alter meiner Schwester um ein Ansehnliches mehr als verdoppeln, weßhalb die leichtherzigen Mädchen, die noch immer im Wagen saßen, in ein gemeinsames Gelächter ausbrachen. Ein Strahl des Verständnisses, welcher sich fast zu einem Lächeln steigerte, glitt gleichfalls über die Züge des Onondago; aber obgleich die Muskeln seines Gesichts in Thätigkeit waren, verblieb er doch stumm. Es wurde mir später die Ueberzeugung an die Hand gegeben, daß die Tafel seines Gedächtnisses die Eindrücke besser aufbewahrt hatte. »Was für Freunde habt Ihr heut bei Euch, Jaaf?« fragte meine Großmutter, indem sie zu gleicher Zeit das Haupt anmuthig gegen uns wanderndes Volk verneigte – ein Gruß, zu dessen Erwiederung wir beide uns ungesäumt erhoben. Hätte ich dem Drange meines Herzens Folge geben dürfen, so wäre ich, ich gestehe es ehrlich, ohne Weiteres in den Wagen gesprungen, um die noch immer gut aussehenden aber farblosen Wangen meiner Großmutter zu küssen und Patty – vielleicht auch Einige von den Andern – an meine Brust zu drücken. Onkel Ro dagegen bewahrte seine Fassung besser, obschon ich bemerken konnte, daß die Worte seiner ehrwürdigen Mutter, in deren Ton sich ein kaum bemerkliches Beben mischte, ihn beinahe überwältigten. »Diese sein Hausirer, Ma'am, denk' ich wohl,« antwortete der Schwarze. »Sie hab' eine Truch' mit etwas drinn und hab' auch eine neue Art von Fidel. Wie, junge Mann, gib Miß Dus ein Stück – aber ein lebhaft, so daß es ein alter Nigger in die Füß' spür'.« Ich warf den Leierkasten um und fing an, drauf loszuspielen, als mich plötzlich eine holde, süße Stimme mit einer Hast unterbrach, welche den Ton etwas lauter als gewöhnlich erklingen ließ. »Oh, nicht dieß, nicht dieß – die Flöte, die Flöte!« rief Mary Warren, über ihre eigene Dreistigkeit bis zu den Augen erröthend, sobald sie bemerkte, daß sie gehört worden und ich im Begriffe war, ihrer Aufforderung zu willfahren. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß ich mich achtungsvoll verbeugte, den Leierkasten wieder ablegte, die Flöte aus meiner Tasche hervorholte und nach einigen Schnörkeln eine der neuesten Arien oder Melodieen aus einer beliebten Oper vorzutragen begann. Sobald ich ein paar Takte durchgemacht hatte, bemerkte ich, daß meiner Schwester Martha das Blut nach den Wangen stieg und ihre Erregtheit gab mir die Ueberzeugung, daß das liebe Mädchen sich der Flöte ihres Bruders erinnerte. Von meinem sechzehnten Jahre an hatte ich dieses Instrument stets gespielt, während meines fünfjährigen Aufenthalts in Europa aber sehr große Fortschritte in der Musik gemacht. Der Unterricht trefflicher Lehrer zu Neapel, Paris, Wien und London war nicht an mir verloren gegangen, und ich hoffe, nicht für eitel gehalten zu werden, wenn ich beifüge, daß meine natürliche Anlage die Fortschritte begünstigt hatte. Meine treffliche Großmutter hörte in größter Aufmerksamkeit zu, und alle vier Mädchen geriethen in Entzücken. »Diese Musik verdient wohl, in einem Zimmer gehört zu werden,« bemerkte die Erstere, sobald ich mit meiner Arie zum Schluß gekommen war. »Wenn Ihr anders in unserer Nähe bleibt, so hoffen wir, Ihr werdet uns diesen Abend im Nesthause mit Euern Leistungen erfreuen. Inzwischen müssen wir unsere Spazierfahrt fortsetzen.« Während meine Großmutter so sprach, lehnte sie sich vorwärts und bot mir mit einem wohlwollenden Lächeln ihre Hand hin. Ich trat näher und nahm den Dollar, welchen sie mir bestimmt hatte, in Empfang; aber unfähig, meine Gefühle zu beherrschen, erhob ich die Hand achtungsvoll zu meinen Lippen und küßte sie mit Wärme. Hätte sich Martha's Gesicht in meiner Nähe befunden, so würde es ihm gleichfalls übel ergangen sein. In dieser ehrerbietigen Begrüßung konnte, sofern Ausländer auch ausländische Sitten mit sich bringen, nichts sonderlich Auffallendes liegen; ich bemerkte übrigens noch vor dem Abfahren des Wagens, daß die Wangen meiner Großmutter erglühten. Ihr wenigstens war die Glut meines Handkusses nicht entgangen. Mein Onkel hatte sich abgewandt, wahrscheinlich um die Thränen zu verbergen, welche ihm in die Augen getreten waren, und Jaaf folgte ihm nach der Thüre der Hütte, um die Honneurs des Platzes zu machen. So war ich denn allein mit dem Indianer. »Warum nicht küssen Gesicht von Großmutter?« fragte der Onondago mit ruhiger Kälte. Wenn sich ein Blitzstrahl über meinem Haupte entladen haben würde, so hätte ich nicht bestürzter sein können. Die Maske hatte meine nächsten Verwandten – hatte Seneka Newcome und sogar seine Schwester Opportunity getäuscht; und doch mußte sie an dem Indianer fehlschlagen, von dem man hätte voraussetzen sollen, daß seine Sinne durch das hohe Alter geschwächt waren. »Ist's möglich, daß Ihr mich kennt, Susquesus?« rief ich, indem ich, um ihn zur Vorsicht aufzufordern, nach dem Neger hindeutete – »daß Ihr Euch meiner überhaupt nur noch erinnert? Ich hätte geglaubt, daß mich diese Perücke und diese Kleider zureichend verhüllten.« »Ja wohl,« antwortete der greise Indianer gelassen. »Kenne jung Häuptling, sobald ich ihn sehen; kenne Vater – kenne Mutter; kenne Großvater, Großmutter – Urgroßvater; seinen Vater auch; kenne Alle. Warum vergessen jung Häuptling?« »Habt Ihr mich schon erkannt, ehe ich die Hand meiner Großmutter küßte, oder wurdet Ihr erst durch diesen Akt darauf aufmerksam gemacht?« »Kennen, sobald als ich ihn sehen. Wozu Augen gut, wenn nicht dazu? Kennen Onkel da auch; willkommen zu Haus!« »Aber Ihr werdet doch nicht wollen, daß auch Andere uns erkennen, Fährteloser? Wir sind hoffentlich stets Freunde gewesen?« »Ja wohl, Freunde. Warum soll der alte Adler mit dem weißen Kopf stoßen auf junge Taube? Axt liegen nie im Pfad zwischen Susquesus und Jemand vom Stamm Ravensnest. Zu alt, sie jetzt wieder auszugraben.« »Es sind gute Gründe vorhanden, warum mein Onkel und ich einige Tage unbekannt bleiben müssen. Vielleicht habt Ihr etwas von den Mißhelligkeiten gehört, die es im Land zwischen den Grundbesitzern und den Pächtern gegeben hat?« »Was das, Mißhelligkeit?« »Die Pächter wollen keine Renten mehr zahlen, und wünschen einen neuen Handel zu schließen, durch welchen sie Eigenthümer der Farmen werden können, auf denen sie leben.« Ein grimmiges Licht spielte um die dunkeln Züge des Indianers; seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut drang aus seinem Munde. »Habt Ihr nichts davon gehört, Susquesus?« »Klein Vogel sing' solch ein Lied in mein Ohr – that nicht lieben, es zu hören.« »Und von Indianern, die, mit Büchsen bewaffnet und in Calico gekleidet, landauf landab ziehen?« »Was für Stamm diese Inschen?« fragte der Fährtelose mit einer Raschheit und einem Feuer, wie ich es an einem so bejahrten Manne nicht für möglich gehalten hätte. »Warum sie herumziehen – auf Kriegspfad, he?« »In einem gewissen Sinne ließe sich dieß wohl von ihnen behaupten. Sie gehören zu dem Stamm der Anti-Renter; wißt Ihr etwas von einer solchen Nation?« »Arme Inschen, das, glaub' ich. Warum kommen so spät? – Warum nicht kommen als der Fuß von Susquesus leicht sein, wie Vogelfeder? – Warum bleiben so lang fort, bis Bleichgesichter weit mehr als Laub auf Bäumen oder Schnee in der Luft? Vor hundert Jahr, als diese Eiche noch klein sein, war solche Inschen gut; jetzt aber er taug' für nix.« »Aber Ihr werdet unser Geheimniß bewahren, Sus – werdet nicht einmal dem Neger sagen, wer wir sind?« Der Indianer nickte in einfacher Zustimmung mit dem Kopf, und schien sodann wieder in eine Art thunlosen Brütens zu versinken, als sei er nicht geneigt, den Gegenstand weiter zu verfolgen. Ich verließ ihn, um mich meinem Onkel anzuschließen und diesem mitzutheilen, was mir eben zugestoßen war. Mr. Roger Littlepage gerieth in das gleiche Erstaunen wie ich selbst, als er hörte, daß ein so alter Mann eine Verkleidung durchblickt hatte, welche sogar unsern nächsten Verwandten undurchdringlich gewesen war. Die feine Beobachtungsgabe und der ruhige Scharfblick dieses Indianers war übrigens von jeher ein Gegenstand der Bewunderung gewesen, und da seine Treue schon so viele Proben bestanden hatte, so belehrte uns ein kurzes Nachdenken, daß wir von seiner Seite keinesfalls einen Verrath besorgen durften.   Neuntes Kapitel. Zwei Kutschen stehen in dem Bauernhaus, Das wie ein Edelhof schier nimmt aus. Der Teufel lacht darob, denn wo im Kleid Der Demuth sich der stolze Sinn macht breit, Da steht er seiner schönsten Frucht entgegen. Teufelsgedanken .   Nun war es nöthig, zu entscheiden, welche Schritte wir zunächst einschlagen sollten. Bei Leuten von unserer angeblichen Beschäftigung konnte es als anmaßend erscheinen, wenn wir uns vor der bestimmten Zeit im Nesthause einfanden, und begaben wir uns nach dem Dorfe, so hatten wir mit den Geräthschaften unseres Berufs den Weg zwischen den beiden Plätzen zweimal zurückzulegen. Nach kurzer Berathung wurden wir deßhalb dahin einig, daß wir die nächsten Wohnungen besuchen und uns so nahe wie möglich bei meinem Hause aufhalten sollten, da sich in der unmittelbaren Nachbarschaft wohl irgendwo eine Schlafstätte auftreiben ließ. Konnten wir Jemand unser Geheimniß anvertrauen, so fuhren wir wahrscheinlich nur um so besser; indeß hielt es doch mein Onkel für klug, das strengste Incognito beizubehalten, bis wir uns in dem Dorf über den wahren Stand der Dinge unterrichtet hätten. Wir verabschiedeten uns deßhalb von den beiden Alten, versprachen ihnen, im Laufe dieses oder des nächsten Tages wieder bei ihnen einzukehren, und folgten dem Pfade, der nach dem Farmhause führte. Wir hofften, wenigstens unter den Insassen der heimischen Farm Freunde zu treffen; denn dieselbe Familie war schon seit drei Generationen im Besitz, und da sie für die Besorgung der Landwirthschaft sowohl, als für Ueberwachung des Viehstands Lohn bezog, so konnten hier nicht dieselben Gründe zur Unzufriedenheit obwalten, die der Sage nach so allgemein auf die Pächter eingewirkt hatten. Die Familie führte den Namen Miller und bestand aus dem Elternpaar nebst sechs oder sieben Kindern, von denen einige noch ganz jung waren. »Tom Miller war zur Zeit unserer früheren Bekanntschaft ein zuverlässiger Bursche,« sagte mein Onkel, als wir uns der Scheune näherten, in welcher wir den gedachten Mann an der Arbeit sahen. »Auch hat er sich, wie ich höre, im Laufe des Sommers bei Gelegenheit einiger Tumulte, mit denen es auf das Nest abgesehen war, gut benommen. Gleichwohl dürfte es räthlich sein, auch ihn vorderhand noch nicht in unser Geheimniß einzuweihen.« »Ich bin vollkommen mit Euch einverstanden, Sir,« entgegnete ich; »denn wer weiß, ob es ihm nicht eben so gut, wie irgend einem Andern darum zu thun ist, die Farm, auf welcher er lebt, eigen zu besitzen. Er ist der Enkel des Mannes, welcher hier den Urwald lichtete, und hat deßhalb die gleichen Ansprüche, wie die Anderen.« »Sehr wahr; und warum sollte ihm dieser Umstand nicht eben so gut ein Recht geben, von der Farm mehr anzusprechen, als ihm seinem Lohn-Kontrakte gemäß gebührt? Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen einem gemietheten Arbeiter und einem Pächter, da Letzterer gleichfalls nicht über die Stipulationen seines Vertrags hinauszugehen befugt ist. Der Lohn des Einen besteht in dem Ueberschuß des Feldertrags nach Abzug seiner Jahresrente, der Andere erhält die Vergütung seiner Arbeit theilweise in Naturalien, theilweise in Lohn. Dem Princip nach sind beide Fälle um kein Haar von einander verschieden, und doch dürfte sich sehr fragen, ob der wüthendste Demokrat im Staat sich erdreisten würde, zu behaupten, daß der Mann oder die Familie, welche gegen Zahlung – und wäre es für die Dauer von hundert Jahren – eine Farm bewirtschaften, auch nur das mindeste Recht zu der Erklärung erhalten, sie wollen nicht abziehen, wenn sie nach Verfluß der Dienstzeit der Brodherr nicht mehr zu beschäftigen beabsichtigt. »›Die Habsucht ist die Wurzel allen Uebels‹, und wo dieses Gefühl die Ueberhand gewinnt, kann Niemand berechnen, wie weit es der Mensch treiben wird. Die Aussicht auf eine gute Farm, die umsonst oder doch für einen unbedeutenden Preis zu gewinnen ist, dürfte zureichen, sogar Tom Millers Moralität über den Haufen zu werfen.« »Du hast Recht, Hugh, und hier ist einer der Punkte, in welchem unsere Politiker den Pferdefuß zeigen. Sie schreiben, erlassen Proklamationen und halten Reden, als ob die Antirentenunruhen blos aus dem System des ewigen Pachtes erwüchsen, während wir doch Alle wissen, daß die Bewegung sich auf jede Art von Verbindlichkeiten ausdehnt, die für Benützung von Land geleistet werden soll – handle sich's nun um lebenslängliche Pachtungen, um Pachtverträge von bestimmter Dauer, um Kontraktsstipulationen oder Hypothekenscheine. Wir haben da einen weiten, obschon noch nicht allgemein verbreiteten Versuch von Seiten Derjenigen, welche durchaus keine Ansprüche an Liegenschaftsbesitz haben, sich dieses Recht voll zuzueignen, und zwar durch Mittel, welche weder durch das Gesetz, noch durch die Moral gutgeheißen werden können. Wir wissen ja, daß es ein gewöhnliches Zufluchtsmittel aller Parteigänger ist, von ihren Grundsätzen und Absichten nicht mehr offen kund zu geben, als gerade für ihre Zwecke paßt. Doch wir kommen jetzt in Hörweite und müssen wieder zu unserem Hochdeutsch greifen. – Guten Tag, guten Tag,« fuhr Onkel Ro fort, indem er mit Leichtigkeit wieder in das gebrochene Englisch unserer Maskerate überging. Wir näherten uns dabei der Scheune, wo Miller nebst zweien seiner ältern Knaben und einigen Lohnarbeitern mit Schleifen von Sensen, die für die bevorstehende Heuerndte zugerichtet werden mußten, beschäftigt war. »Ein schöne Morgen, der einen warmen Tag verspricht.« »Guten Tag, guten Tag,« entgegnete Miller hastig, indem er mit einiger Neugierde nach unseren Geräthschaften hinschaute. »Was habt Ihr in Eurer Truh' – Essenzen?« »Nein, Uhren und Schmucksachen,« versetzte mein Onkel, in dem er die Truhe absetzte und sie zu Besichtigung aller Anwesenden öffnete. »Wollt Ihr nicht an diesem schönen Morgen eine gut Uhr kaufen?« »Ist sie wirklich von Gold?« fragte Miller mit zweifelhafter Miene. »Und alle diese Ketten und Ringe, sind sie auch Gold?« »Nicht ächt Gold; nein, nein, ich möchte das nicht sagen – doch als Gold gut genug für so einfache Leute, wie Ihr und ich.« »Dergleichen Dinge wären wohl nichts für das vornehm Volk im großen Haus da drüben,« rief einer von den Arbeitern der mir unbekannt war, und von dem ich nachher erfuhr, daß er Joshua Brigham hieß. Der Mann sprach mit einem boshafter Hohne, aus dem wir sogleich entnehmen konnten, daß er kein Freund war. »Denk' wohl, Ihr meint, Eure Waare sei für arme Leute?« »Sie ist für Jedermann, der mich ehrlich zahlt,« versetzte mein Onkel. »Möchtet Ihr nicht auch gerne eine Uhr haben?« »Das möchte ich wohl, und eine Farm obendrein, wenn ich wohlfeil dazu kommen könnte,« antwortete Brigham mit einem Gifte, das er nicht zu verhehlen bemüht war. »Wie hoch stehen heutzutag bei Euch die Farmen?« »Ich habe keine Farmen und kann mich deßhalb nicht mit ihrem Verkauf abgeben. Mein Handel beschränkt sich auf Uhren und Schmucksachen. Was ich habe, ist mir feil; aber ich kann nicht verkaufen, was nicht mein Eigenthum ist.« »O, wenn Ihr lange genug in dieser Gegend bleibt, werdet Ihr Alles kriegen, was Ihr zu haben wünscht! Dieß ist ein freies Land und just ein Platz für den armen Mann – oder wird's wenigstens werden, sobald wir alle vornehmen Herren und Aristokraten fortgejagt haben.« Dieß war das erste Mal, daß ich solchen politischen Galimathias mit meinen eigenen Ohren zu hören bekam, obschon er, wie ich von vielen Seiten her vernahm, von Denjenigen, welche ihrem Neid und ihrer Habsucht einen volltönenden Anstrich zu geben wünschten, häufig genug in Anwendung gebracht wurde. »Wie ist dieß?« entgegnete mein Onkel mit der Miene der köstlichsten Einfalt. »Ich habe doch gehört, daß es in Amerika keine Adelichen und Aristokraten gebe: ja, man könne das ganze Land durchlaufen, ohne auch nur einen einzigen Grafen zu finden.« »O, es gibt allerlei Arten von Volk bei uns, so gut wie anderwärts,« fiel Miller ein, indem er sich ruhig auf das Ende des Schleifsteintroges setzte, um eine Uhr zu öffnen und das Geheimniß des Getriebes zu untersuchen. »Josh Brigham da nennt alle Leute in der Welt, die über ihm stehen, Aristokraten, obschon er nicht alle unter ihm zu seines Gleichen zählen mag.« Diese Rede gefiel mir, namentlich um der ruhigen Entschiedenheit willen, mit welcher sie der Sprecher vortrug. Ich entnahm daraus, daß Tom Miller die Dinge vom richtigen Standpunkt aus betrachtete und keine Scheu trug, seine Gedanken laut werden zu lassen. Auch mein Onkel fühlte sich auf eine angenehme Weise überrascht und wandte sich gegen den Farmer, um das Gespräch wieder anzunehmen. »Es gibt also in Amerika keinen Adel?« fuhr er in fragendem Tone fort. »O ja, wir haben eine Menge solcher gnädiger Herren, wie Josh da – Leute, denen es so ausnehmend darum zu thun ist, oben zu bocken, daß sie nicht ruhen, bis sie an allen Leitersprossen herumgetappt haben. Ich sag' ihm daher immer: ›guter Freund sag' ich, du mußt nicht allzuschnell voran wollen, und eh' ich mich für einen Gentleman aufthäte, ließ ich's lieber bleiben, wenn ich' nicht verstünd'.‹« Josh schaute etwas kleinlaut drein über einen Verweis, der von einem Mann aus seiner Klasse herrührte und den er verdient zu haben im Geheim sich bewußt war. Aber der Dämon hatte sein Werk schon in ihm begonnen und ihm die Ueberzeugung eingeflüstert, er sei ein Vorkämpfer der heiligen Freiheit, während er doch einfach und augenfällig nichts weiter als ein Uebertreter des zehnten Gebotes war. Brigham gab sich übrigens nicht so schnell gefangen, sondern maulte gegen Miller weiter, ähnlich dem etliche Mal gepeitschten Hunde, der über seinem Knochen zu knurren fortfährt, so oft ihm sein Herr in die Nähe kommt. »Nun, dem Himmel sei Dank,« rief er, »daß ich doch einigen Geist in meinen Leib gekriegt habe.« »Wohl wahr, Joshua, den habt Ihr,« entgegnete Miller indem er die eine Uhr niederlegte und eine andere aufnahm; »aber zufälligerweise ist's ein gar schlimmer Geist.« »Was kümmere ich mich um die Littlepage's, und warum sollten sie besser sein, als andere Leute?« »Wenn ich Euch gut zu Rathe bin, Joshua, so laßt Ihr mir die Littlepage's ungeschoren, denn dieß ist eine Familie, von der Ihr ja hinten und vorn nichts wißt.« »Brauche auch nichts von ihr zu wissen, obschon ich zufälligerweis gerad' so viel weiß, als ich brauche. Sie ist mir viel zu schlecht.« »Wenn sie so gar schlecht wär', würdet Ihr sie nicht stets im Mund' führen, mein guter Bursch, denn Niemand verachtet das was er sich nicht aus dem Sinn bringen kann. – Was soll diese Uhr da kosten, Freund?« »Vier Dollars,« entgegnete mein Onkel hastig, indem er in seinem Preise viel tiefer herunterging, als wohl klug war; denn er wünschte Miller für sein richtiges Gefühl und für seine gute Gesinnung zu belohnen. »Ja, ja – Ihr sollt diese Uhr für vier Dollars haben.« »Da fürcht ich nur, sie ist am End' gar nichts werth,« versetzte Miller in dem natürlichen Mißtrauensgefühl, welches ein so niedriger Preis wohl einzuflößen im Stand war. »Ich will das Innere noch einmal besehen.« Niemand hat wohl je eine Uhr gekauft, ohne mit einer Miene von Sachkenntniß das Getriebe zu betrachten, obschon aus einer derartigen Musterung nur der Mann von Fach Nutzen ziehen kann. Tom Miller handelte nach diesem Grundsatze, denn das gute Aussehen der Uhr wirkte neben dem niedrigen Preis ungemein verführerisch auf ihn. Aber auch der unruhige, neidische Joshua, der seinen eigenen Vortheil recht gut zu verstehen schien, fühlte sich dadurch gereizt. Keiner von diesen beiden Männern hatte die Uhr je für golden gehalten; aber obschon der Metallwerth an einer Uhr sich nicht sonderlich hoch beläuft, steht derselbe doch gewöhnlich viel höher, als der Betrag, welcher im gegenwärtigen Falle für den ganzen fraglichen »Artikel« gefordert wurde. Auch war dieselbe Uhr schon vom Fabrikanten aus meinem Onkel zu einem zweimal so hohen Preise, als der war, welchen er jetzt darauf legte, berechnet worden. »Und was fordert Ihr für diese?« fragte Joshua, eine andere Uhr aufnehmend, die so ziemlich derjenigen glich, welche offen in Millers Hand lag und auch den nämlichen Werth hatte. »Könnt Ihr sie nicht für drei Dollars ablassen?« »Nein, diese geht um keinen Cent wohlfeiler, als um vierzig Dollars,« entgegnete mein Onkel starrköpfig. Diese beiden Männer sahen jetzt den Hausirer überrascht an. Miller nahm seinem Lohnarbeiter die Uhr ab, untersuchte sie aufmerksam, verglich sie mit der andern und fragte dann aufs neue nach dem Preis. » Ihr könnt für vier Dollars unter diesen beiden Uhren wählen,« erwiederte mein Onkel – sehr unvorsichtig, wie es mir vorkam. Dieß erregte neue Ueberraschung, obschon Brigham glücklicherweise die Unterscheidung auf Rechnung eines Mißverständnisses schrieb. »Oh,« sagte er, »ich habe gemeint, Ihr hättet vierzig Dollars gesagt. Vier Dollars ist etwas anderes.« »Josh,« unterbrach ihn der ruhige und schärfer blickende Miller, »'s ist jetzt hohe Zeit, daß Ihr und Peter nach den Schafen seht, eh' zum Mittagessen geblasen wird. Wollt Ihr einen Handel machen, so könnt Ihr dieß thun, wenn Ihr wieder zurückkommt.« Trotz der Einfachheit seines Aussehens und seiner Sprache war doch Tom Miller Herr in seinem Hauswesen. Er ertheilte zwar vorgedachten Befehl in seiner gewohnten ruhigen und vertraulichen Weise, aber es war augenscheinlich, daß ihm ohne Widerrede Folge geleistet wurde. Nach ein paar Minuten hatten sich die beiden Lohnarbeiter entfernt, so daß Niemand mehr in der Scheune war, als Miller, seine Söhne und wir zwei. »Jetzt ist er fort ,« nahm Miller ruhig wieder auf, legte aber auf das letztere Wort einen Nachdruck, welcher deutlich bekundete, was er damit sagen wollte. »Vielleicht kann ich jetzt den eigentlichen Preis der Uhr erfahren. Ich habe Lust daran, und es kann wohl sein, daß wir handelseins werden.« »Vier Dollars,« entgegnete mein Onkel mit Bestimmtheit. »Ich habe Euch gesagt, daß Ihr die Uhr für diesen Preis haben könnt, und wenn ich mich einmal erklärt habe, so bleibt's dabei.« »Gut, ich nehme sie. Freilich wär' mir's lieber gewesen, Ihr hättet acht gesagt; aber vier Dollars erspart, ist schon etwas für des armen Mannes Beutel. Das Ding ist vertrackt wohlfeil, so daß ich fast Angst kriege. Aber ich will's Probiren. Da habt Ihr Euer Geld – gute klingende Münze.« »Danke schön. Wollen die Ladies dort nicht auch meine Schmucksachen ein wenig ansehen?« »Oh, wenn Ihr mit Ladies zu schaffen haben wollt, die Ketten und Ringe kaufen, da ist das Nesthaus der Platz dazu. Mein Weib wüßte nicht, was sie mit solchen Dingen anfangen sollte, und 's ist ihr nicht darum zu thun, die feine Madam zu spielen. Der Bursch, den ich eben nach den Schafen fortgeschickt habe, ist der einzige große Mann, den wir auf der Farm haben.« »Ja, ja – er ist ein Adeliger in schmutzigem Hemd. Aber woher kommt ihm denn der hohe Sinn?« »Er muß ihn wohl aus dem Schweinstall geholt haben, denn er wünscht seinen Rüssel im ganzen Tag herum zu stecken und wird ganz rabiat, wenn er findet, daß ihm Jemand anders im Weg ist. Wir kriegen nachgerade eine ganze Last solcher Kerle im Land herum, und es ist nicht gut mit ihnen hausen. Am Ende glaube ich gar, Jungen, es wird sich noch herausstellen, daß Josh ein Inschen ist.« »Dieß ist etwas Altes,« entgegnete der ältere von den beiden Söhnen, ein Mensch von neunzehn Jahren, »denn wo könnte er sonst Nachts und an Sonntagen sein, als bei ihrem Exerciren? Auch wüßt' ich nicht, was der Calico-Bündel anders zu bedeuten hätte, den ich vor einen Monat unter seinem Arme sah. Ich hab's Euch damals schon gesagt.« »Wenn ich dahinter komme, daß du recht hast, Harry, so soll er mir keine Stunde mehr auf der Farm bleiben. Ich kann hier keine Inschens brauchen.« »Meine ich doch, dort an den Wäldern in einer Hütte einen alten Inschen gesehen zu haben,« bemerkte mein Onkel unschuldig. »Oh, das ist Susquesus, ein Onondago. Er ist ein wahrer Inschen, und ein rechter Mann: aber wir haben eine Bande von falschen in der Gegend, die jedem ehrlichen Mann ein Dorn im Auge, und eine wahre Pest für die Gegend sind. Die Hälfte davon besteht aus nichts, als Dieben, die sich zu Inschens verkleidet haben. Das Gesetz ist gegen sie, das Recht ist gegen sie, und jeder, wer's im Land gut mit der Freiheit meint, sollte ebenfalls gegen sie sein.« »Was geht denn in diesem Lande vor? In Europa hörte ich, Amerika sei ein freies Land, und gestehe Jedermann seine Rechte zu; aber seit ich hier bin, habe ich von nichts als Patroonen, Adelichen, Pächtern und Aristokraten reden hören – lauter schlimme Dinge, von denen ich meinte, ich habe sie in der alten Welt zurückgelassen.« »Mein guter Freund, die Sache ist einfach die, daß Derjenige, welcher nur wenig hat, neidisch auf den ist, welcher viel besitzt, und so liegt man sich jetzt in den Haaren, um zu sehen, wer durch Gewalt am weitesten reicht. Auf der einen Seite sind Recht, Gesetz und feierliche Verträge, auf der andern Tausende von – nicht Dollars, sondern Menschen, Tausende von Stimmgebern – versteht Ihr dieß?« »Ja, ja, ich verstehe; es ist leicht genug. Aber warum spricht man denn so viel von Adelichen und Aristokraten? Gibt's denn in Amerika wirklich noch einen Adel und Aristokratie?« »Weiß nicht, denn ich verstehe mich nicht viel auf dergleichen Dinge. 's ist allerdings ein Unterschied unter den Leuten und ein Unterschied im Vermögen, in der Erziehung, und in dergleichen Dingen.« »Dann begünstigt vielleicht auch in Amerika das Gesetz die Reichen auf Kosten der Armen? Eure Aristokraten sind vielleicht Leute, welche keine Steuern zahlen, alle Aemter an sich reißen und die Staatsgelder einziehen möchten? Sie sind wahrscheinlich in allen Stücken vor dem Gesetze besser daran, als die, welche keine Aristokraten sind? Ist's nicht so?« Miller lachte laut heraus und schüttelte den Kopf bei dieser Frage, ohne sich übrigens in seiner Musterung des Hausirerkrams stören zu lassen. »Nein, nein, mein Freund, solche Dinge haben wir Gott Lob nicht in diesem Theil der Welt. Vornweg kommen die Reichen nur sehr wenig zu Aemtern, denn für einen, der eine Stelle sucht, ist sein Hauptempfehlungsgrund, daß er arm ist und sie braucht . Bei uns fragt man nicht sonderlich darnach, wer dem Amt wohl anstünde, wohl aber, wer eine Besoldung nöthig hat. Was dann die Steuern betrifft, so wird von wegen ihrer dem Reichen auch nichts geschenkt. Der junge Squire Littlepage zahlt selbst die Steuer von dieser Farm, und sie ist wiederum in Anbetracht aller Dinge halb so hoch angelegt, wie nur irgend eine andere Farm auf seiner Besitzung.« »Aber dieß ist nicht recht.« »Wer sagt, daß es recht sei – oder wer denkt überhaupt daran, daß es bei solchen Besteuerungen mit rechten Dingen zugehe? Hab' ich doch mit eigenen Ohren den Steuerabschätzer sagen hören: ›der und der Mann ist reich, und kann schon zahlen,‹ oder ›der und der Mann ist arm, es wird ihm hart ankommen.‹ Oh, es gibt heutzutag allerlei Arten von Vorwänden, mit denen man die Unehrlichkeit zudeckt.« »Doch das Gesetz – der Reiche muß doch wahrhaftig das Gesetz auf seiner Seite haben?« »Möcht' wissen, wie dieß zugehen sollt'! Die Geschwornengerichte sind Alles, und ein Geschworner urtheilt eben nach seinem Gefühl, so gut wie andere Menschen. Ich habe solche Dinge mit eigenen Augen angesehen. Die Landschaft zahlt heutzutag just genug, daß die armen Leute sich gern als Geschworene brauchen lassen, und diese bleiben nie zurück; aber Diejenigen, welche die Strafe erschwingen können, kommen eben nicht, und so bleibt denn das Gesetz fast ganz in den Händen einer einzigen Partei. Kein reicher Mann gewinnt einen Prozeß, wenn seine Sache nicht augenfällig so gut ist, daß man nicht anders kann.« »Ich hatte dieß schon früher gehört, denn durch's ganze Land herrscht eine allgemeine Klage über die Mißbräuche, zu welchen das System der Geschwornengerichte geführt hat. So vernahm ich schon von sehr einsichtsvollen Rechtsgelehrten die Beschwerde – wenn ein wichtiger Fall zur Verhandlung komme, so laute die erste Frage nicht: »wie steht die Sache?« »wer hat das Recht und den Beweis auf seiner Seite?« sondern man erkundigt sich, wer möglicherweise im Schwurgericht sitzen werde. Hieraus geht augenfällig hervor, daß man die Zusammensetzung der Jury für bedeutsamer hält, als die Gesetze und die Beweismittel. Systeme nehmen sich oft gar schön in der Theorie und auf dem Papier aus, während eine nähere Untersuchung zeigt, daß sie in der Praxis bodenlos schlecht sind. Was nun die Schwurgerichte betrifft, so glaube ich, die einsichtsvollsten Köpfe aller Länder sind darin einig, daß sie bei einer beengenden Regierungsform ein Hauptmittel sind, dem Mißbrauch der Gewalt Widerstand entgegenzusetzen; wo aber die Macht der Regierung durch das demokratische Prinzip verkümmert ist, üben sie die Wirkung, welche man überall bemerkt, wenn man die Handhabung des Gesetzes in die Hände Solcher gibt, welche der Natur der Sache nach am meisten geneigt sind, Mißbrauch davon zu machen. Statt nämlich der leitenden Oberherrlichkeit des Staats, von der in einer Volksregierung unvermeidlich die meisten Mißbräuche ausgehen, Widerstand entgegenzusetzen, wird dieselbe im Gegentheil nur noch mehr unterstützt. Da mein Onkel in Miller einen verständigen, gewissenhaften Mann gefunden hatte, so war er geneigt, sich über den begonnenen Gegenstand weiter mit ihm einzulassen, weßhalb er nach einer kurzen Pause – als hätte er sich inzwischen das Besprochene überlegt – den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm. »Wodurch wird man denn in diesem Lande zu einem Aristokraten?« lautete seine nächste Frage. »Ja, mein guter Freund,« entgegnete Miller mit sehr gedehnter Betonung der ersten Sylbe seiner Erwiederung – »ja, mein guter Freund, dieß ist schwer zu sagen. Man hört in diesem Lande so viel von Aristokraten, und liest so viel von Aristokraten, und ich weiß auch, daß sie bei den meisten Leuten verhaßt sind; gleichwohl ist's mir aber noch immer nicht klar geworden, was man eigentlich unter einem Aristokraten versteht. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was das Wort zu bedeuten hat?« »Ja, ja; ein Aristokrat ist einer von den Wenigen, welche alle Gewalt der Regierung in den Händen haben.« »Potz Tausend! Nein, das ist's nicht, was wir uns in diesem Theile der Welt unter einem Aristokraten vorstellen. Solche Kreaturen nennen wir hier zu Land Dimigogen . Bei uns heißt z. B. der junge Squire Littlepage, dem das Nesthaus da drüben und das ganze Gut hier herum nah und fern gehört, ein Aristokrat; aber der hat nicht so viel Gewalt, um nur zum Stadtschreiber gewählt zu werden, geschweige denn, daß er was Anderes werden könnte, bei dem sich's der Mühe verlohnte.« »Wie kann er denn ein Aristokrat sein?« »Begreif's wer kann – wenn anders die Auskunft, die Ihr mir über einen Aristokraten gebt, wahr ist; denn demnach müßten die Dimigogen die Aristokraten von Amerika sein Ich stehe dafür, Josh Brigham, den ich vorhin nach meinen Schafen geschickt habe, könnte für jedes Amt im Land weit mehr Stimmen kriegen, als der junge Littlepage.« »Vielleicht ist dieser Littlepage ein schlimmer junger Mann?« »Nein, das nicht; er ist so gut wie andere Leute und besser, als die meisten. Wenn er aber außerdem so schlimm wäre, wie der Teufel selber, so wissen die Leute im Lande nicht einmal etwas von ihm, weil er just von der Schule weg in fremde Länder gegangen ist.« »Wie, und er sollte nicht über so viele Stimmen gebieten können, wie jener arme unwissende Kerl? Dieß finde ich seltsam.« »Seltsam ist's freilich, aber so wahr wie ein Evangelium. Woher's kömmt? dieß ist freilich nicht so leicht zu sagen. Ihr wißt ja, wie's heißt – viel Köpfe, viel Sinn. Manche Leute können ihn nicht leiden, weil er in einem großen Hause wohnt; Andere hassen ihn, weil sie meinen, er sei besser daran, als sie; die Einen trauen ihm nicht, weil er einen guten Rock trägt, und Andere wollen sich mausig über ihn machen, weil sein Eigenthum durch seinen Vater, durch seinen Großvater u. s. w. auf ihn gekommen ist, und er es nicht selber verdient hat. Wie's eben heutzutag geht – manche Leute sind der Meinung, man dürfe dessen, was man hat, nicht froh werden, wenn man's nicht selbst zusammengebracht hat.« »Wenn die Sache sich so verhält, so ist Euer Herr Littlepage sicherlich kein Aristokrat.« »Mag sein, aber hier herum denkt man anders. In letzter Zeit hat es viele Versammlungen gegeben, und man sprach darin über das Recht des Volkes an seine Farmen; auch hörte man viel darin sprechen von Aristokratie und Feudalwesen. Wißt Ihr auch, was ein Feudalwesen ist?« »Ja; in meinem Vaterlande, das heißt in Deutschland, besteht noch viel von diesem Institut. Es ist nicht sehr leicht, es in wenigen Worten zu erklären; aber die Hauptsache liegt darin, daß der Vasall seinem Lehensherrn zu Leistungen verpflichtet ist. In alten Zeiten mußten die Vasallen Kriegsdienste thun, und etwas der Art besteht auch jetzt noch. In meinem Lande sind hauptsächlich die Adelichen zum Feudaldienst verpflichtet, und zwar ist dieß den Königen und Fürsten gegenüber der Fall.« »Und nennt man's in Deutschland nicht einen Feudaldienst, wenn Einer statt der Rente einen Gockel bringen muß?« Onkel Ro und ich lachten laut hinaus, obschon wir uns alle Mühe gaben, unsere Heiterkeit zu zügeln, denn in dieser Frage lag ein Pathos, das sich höchst possierlich ausnahm. Sobald mein Onkel sich wieder gesammelt hatte, erwiederte er den Farmer: »Wenn der Grundherr ein Recht hat, beliebig zu kommen und Hühner wegzunehmen, so viel ihm anstehen, dürfte allerdings von einem Feudalrecht (Faustrecht) die Rede sein; wenn aber der Vertrag sagt, so und so viele Hühner müssen jährlich statt der Rente bezahlt werden, so ist dieß wohl das Nämliche, wie wenn in so und so viel Geld bezahlt würde – im Gegentheil sogar leichter für den Guts-Insassen, da ihn die Hühner nicht so sauer ankommen, wie die klingende Münze. Gewiß ist ein Mann viel besser daran, wenn er seine Schulden in dem zahlen darf, was er selber erzielt.« »Wahrhaftig, so kömmt mir's auch vor! aber hier herum und auch zu Albany schwatzen die Leute davon, es sei feudal für einen Mann, daß er in die Geschäftsstube des Grundbesitzers ein paar Hühner tragen solle; der Grundbesitzer selbst aber sei ein Aristokrat, weil er dieß verlange.« »Nun, wenn man dieses Geschäft nicht gerne selbst besorgt, so kann man ja einen Knaben, ein Mädchen oder einen Nigger damit beauftragen.« »Dieß wohl; denn weiter wird nicht verlangt, als daß man das Federvieh wirklich liefere.« »Und wenn der Patroon vielleicht seinem Schneider oder seinem Schuhmacher etwas schuldig ist, muß er ihn nicht in seiner Werkstatt oder sonstwo aufsuchen, um ihn zu bezahlen, sofern er nicht haben will, daß er von Gerichts wegen um die Forderung belangt wird?« »Dieß ist auch wahr. Jungen, erinnert mich daran, daß ich's heute Abend Josh sage. Ja, der größte Grundbesitzer im Land muß seinen Gläubigern nachlaufen, oder sich verklagen lassen – gerade so wie der geringste Pächter.« »Und er muß natürlich in etwas Bestimmtem zahlen – in Gold oder Silber?« »Ja – in einem gesetzlichen Zahlungsmittel. Dieß gilt dem Einen, wie dem Andern.« »Und wenn Euer Herr Littlepage einen Lieferungsvertrag unterzeichnete, vermöge dessen er sich anheischig machte, Jemanden auf seinen Gütern den Ertrag jenes Obstgartens abzulassen – müßte er da die Aepfel nicht auch bringen oder schicken?« »Natürlich; dieß ist Handelsbrauch.« »Und er muß die nämlichen Aepfel hergeben, die auf diesem und diesem Baume wachsen – ist's nicht so?« »So richtig wie ein Evangelium. Wenn ein Mann sich vertragsmäßig anheischig macht, die Aepfel des einen Obstgartens zu verkaufen, so kann er dem Käufer nicht die Aepfel eines andern aufdringen.« »Und in solchen Dingen ist das Gesetz gleich – für die Einen wie für die Andern?« »Es gibt keinen Unterschied und darf auch keinen geben.« »So verlangen also jetzt die Patroonen und Grundbesitzer eine Umwandlung des Gesetzes, damit sie der vertragsmäßigen Zahlung ihrer Schulden entbunden werden, und in dieser Weise einen Vortheil über die armen Pächter gewinnen?« »Ich habe nie etwas der Art gehört und glaub' auch nicht, daß sie eine solche Umwandlung verlangen.« »Nun, und über was beklagen sich denn die Leute?« »Daß sie überhaupt Rente zahlen sollen. Sie meinen, die Grundherrn sollten gezwungen werden, ihre Farmen zu verkaufen oder sie ihnen zu schenken. Einige sehen's auf's Schenken ab.« »Wenn aber die Grundherrn ihre Farmen nicht verkaufen wollen, so kann man sie doch nicht zwingen, ihr Eigenthum, das ihnen nicht feil ist, zu veräußern. Was würden die Pächter dazu sagen, wenn man ihnen zumuthete; sie müßten gegen ihren Willen ihre Schweine und ihre Schafe verkaufen?« »Buben; hört ihr's? So ist mir's immer vorgekommen, und ich hab's auch stets den Nachbarn gesagt. Na, Freund Deutscher, ich will Euch noch weiter erzählen, was man im Schild führt. Einige Leute verlangen vom Staat, er solle den Rechtstitel des jungen Littlepage untersuchen – sie sagen, er besitze gar keinen.« »Aber der Staat wird dieß thun, ohne daß er besonders darum angegangen wird – meint Ihr nicht?« »Ich hab' nie gehört, daß es hierauf abgesehen wär.« »Wenn Jemand einen Anspruch auf das Eigenthum hat, werden nicht die Gerichtshöfe eine Prüfung vernehmen?« »Ja, ja – wenn Ihr so meint; aber ein Pächter kann keinen Rechtstitel aufbringen gegen seinen Grundherrn.« »Wie sollte auch dieser dazu kommen? Als Pächter kann er keine Ansprüche haben, als die, welche ihm sein Grundherr verleiht, und es wäre Betrug und Spitzbüberei zumal, wenn sich Einer unter dem Vorwande des Pachts auf einer Farm festsetzte, um dann erst hervorzutreten und sie als Eigenthümer anzusprechen. Glaubt ein Pächter bessere Rechte zu haben, als sein Grundherr, so versetzte er die Farm in den Zustand, wie sie war, ehe er den Pacht antrat, und dann kann ja, dächte ich, der Staat die Besitztitel untersuchen.« »Ja, ja – in dieser Weise ging's wohl; aber die Leute wollen's anders haben. Sie verlangen vom Staat, daß er eine gesetzliche Untersuchung vornehmen lassen, und wo möglich die Grundherrn von ihren Ländereien fortjagen soll, damit sie an ihrer Statt die Farmen an sich bringen können.« »Aber dieß wäre nicht ehrlich von solchen, welche die Farmen gar nichts angehen. Wenn sie dem Staat gehören, so muß er darauf sehen, daß er möglichst viel dafür erlöst und hiedurch dem ganzen Volk eine Steuerlast erspart wird. Die ganze Geschichte kommt mir wie eine Spitzbüberei vor.« »Ich glaub', s' ist gerad' dieß und nichts anderes! Wie Ihr sagt, der Staat wird den Besitztitel untersuchen, wie er ist, und wir brauchen um deßwillen keine Gesetze.« »Wie meint Ihr – würde wohl der Staat ein Gesetz erlassen, daß die Forderungen, welche gegen die Patroone geltend gemacht werden, einer Untersuchung zu unterwerfen seien, nachdem die Handwerksleute ihre Rechnungen eingeschickt haben?« »Ich möchte den Patroon sehen, der ein solches Ansinnen stellte! Man würde ihn auslachen von York bis Buffalo.« »Und es würde ihm recht geschehen. Aber wie ich aus Allem ersehe, Freund, sind Eure Pächter die Aristokraten, die Grundherrn dagegen die Vasallen.« »Je nun, seht – wie ist doch gleich Euer Name? – da wir wahrscheinlich bekannter mit einander werden, möchte ich doch Euern Namen wissen.« »Ich heiße Greisenbach, und komme aus Preußen.« »Schaut, Mr. Greisenbach, der Haupthaken wegen der Aristokratie steckt darin: Hugh Littlepage ist reich, und sein Geld schafft ihm Vortheile, die andern Leuten nicht zu gut kommen. Dieß ist's, was einige Leute nicht den Hals hinunter kriegen können.« »Oh, dann ist's also in diesem Lande auf eine Vertheilung des Eigenthums abgesehen – es läuft daraus hinaus, daß Niemand mehr haben soll, als ein Anderer?« »So weit ist's noch nicht ganz gekommen, obschon ich dem Geschwätz von Einigen anmerke, daß sie auch darauf hinschielen. Nun, es gibt auch hier herum Personen, welche sich darüber beschweren, daß die alte Madame Littlepage und ihre jungen Ladies die armen Leute nicht besuchen.« »Freilich, wenn sie so hartherzig sind und kein Gefühl haben für den Armen und Unglücklichen – –« »Nein, nein; dieß war's nicht, was ich meinte. Niemand zieht ihnen in Abrede, daß sie für der Art Arme mehr thun, als irgend Jemand anders in der Gegend. Ich will damit sagen, daß sie die Armen, die nicht eben Mangel leiden, hintansetzen.« »Nun, es muß eine rechte bequeme Art von Armuth sein, die nichts von Mangel weiß. Ihr meint vielleicht, daß die Frauenzimmer nicht mit ihnen umgehen, wie mit ihres Gleichen?« »Ganz richtig. Ueber diesen Punkt muß ich nun sagen, daß etwas Wahres in dem Vorwurf liegt, denn die Mädels drüben im Nest kommen nie hieher, um mein Mädel zu besuchen, und Kitty ist ein so nettes junges Ding, wie nur eines in der Gegend.« »Und besucht Kitty die Töchter des Mannes, der dort drüben in dem Haus am Berg wohnt?« Mein Onkel deutete dabei nach einer Hütte hin, deren Außenseite auf einen Bewohner von der bescheidensten Klasse schließen ließ. »Kaum! Kitty ist gerade nicht stolz, aber es wär' mir doch nicht lieb, wenn sie mir dort zu heimisch würde.« »Oh, so seid Ihr im Grunde selbst ein Aristokrat, sonst hättet Ihr nichts dagegen einzuwenden, wenn Eure Tochter die Tochter jenes Mannes besuchte.« »Ich sag' Euch, Grunzebach, oder wie Ihr sonst heißen mögt,« erwiederte Miller ein wenig aufgebracht, obschon er im Ganzen ein herzguter Mann war, »ich sage Euch, daß mein Mädel unter keinen Umständen die Töchter des alten Stephens besuchen soll.« »Nun, nun, natürlich kann sie dieß halten wie es ihr beliebt; aber ich denke, es sollte auch den Mademoiselles Littlepage's freistehen, nach ihrem Gutdünken zu handeln.« »Es ist nur eine einzige Miß Littlepage vorhanden. Wenn Ihr diesen Morgen den Wagen habt fahren sehen, so saß sie drinnen. Sie hatte zwei Yorker Mädels und Pfarrer Warrens Tochter bei sich.« »Dieser Pfarrer Warren ist vielleicht auch reich?« »Nein, der nicht; er hat außer dem, was er vom Kirchspiel zieht, auf der ganzen Welt keine sechs Pence Vermögen. Wie ich mir oft und oft habe sagen lassen, ist er so arm, daß seine Freunde ihm die Tochter mußten erziehen lassen.« »Und die Miß Littlepage ist wohl eine gute Freundin von der Miß Warren?« »Ja, die sind so dick miteinander, wie nur irgend zwei junge Weibspersonen in diesem Theile der Welt sein können. Ich habe nie ein paar Mädel gesehen, die unter einander vertrauter gewesen wären. Da haben wir auch eine junge Lady in der Stadt, sie heißt Opportunity Newcome, und man sollte glauben, sie ginge in dem Haus täglich und stündlich der Mary Warren vor; gleichwohl aber ist dieß nicht, denn neben Mary scheint sie allen Glanz zu verlieren.« »Und welche von beiden ist wohl die reichste – Opportunity oder Mary?« »Allen Sagen nach hat Mary Warren nichts, während, wenn's auf Vermögen ankömmt, der allgemeine Glaube herrscht, Opportunity sei die reichste von allen jungen Mädels hier herum, und komme gleich nach Patty. Aber Opportunity ist in dem Nest nicht sonderlich beliebt.« »Dann scheint sich doch im Grund herauszustellen, Miß Littlepage wähle ihre Freundinnen nicht wegen ihrer Reichthümer. Sie liebt Mary Warren, obschon sie arm ist, und an Opportunity kann sie keinen Gefallen finden, trotz dem, daß diese ihr schönes Auskommen in der Welt hat. Vielleicht sind die Littlepage's doch keine so arge Aristokraten, als Ihr glaubt.« Miller war verdutzt, konnte aber gleichwohl eine Neigung zum Lachen nicht unterdrücken. Unter Leuten, welche vermöge ihrer Stellung und Lebensweise nicht im Stande sind, die Kettenglieder zu würdigen, welche eine gebildete Gesellschaft zusammenhalten, ist es ein sehr gewöhnlicher Irrthum, Alles auf das Vermögen zu beziehen. In einem gewissen Sinn – als Mittel nämlich und um seiner Folgen willen – kann zwar der Reichthum bei Theilung der Gesellschaft in Klassen wohl als ein Haupthebel betrachtet werden; aber auch wenn er längst verschwunden ist, bleiben doch seine Früchte zurück, wenn er zur rechter Zeit gut angewendet wurde. Die gemeine Ansicht, oder – um mich besser auszudrücken – die Ansicht des gemeinen Menschen, Geld sei das einzige Bindemittel der feinen Gesellschaft, ist vollkommen unrichtig. Diese Thatsache weiß Jeder, der sogar nur in unsern Handelsstädten, wie los und zufällig hier auch der gesellschaftliche Zustand ist, Zutritt in die besseren Zirkel hatte; denn allenthalben öffnet der Gebildete nur mit Widerwillen gemeinem Reichthum seine Kreise – ja, schließt ihn wohl ganz aus, während die gute Erziehung auch bei völliger Armuth eine offene Thüre findet. Ohnehin denkt die Jugend selten viel an Geld; Familienbeziehungen aber, früher Umgang, Aehnlichkeit der Ansichten und der Neigungen knüpfen Verbindungen und halten sie oft zusammen, nachdem die goldene Kette längst zerbrochen ist. Doch der Mensch kann nicht gut erfassen, was außer dem Bereich seiner geistigen Sphären liegt. Das Geld besticht allerdings die Sinne eines Jeden; feine Bildung aber in ihren unendlichen Abstufungen kann hauptsächlich und in vielen Fällen ausschließlich nur von solchen gewürdigt werden, welche sie selbst besitzen, und es darf daher nicht überraschen, wenn der gewöhnliche Sinn ein Band, das für ihn ein Geheimniß sein muß, mehr in dem gleißenden Einfluß, als in dem weniger augenfälligen sucht. Ja, gewiß, die Abstufungen der Bildung sind unendlich, und lange nicht so sehr die Frucht der Laune und des Sichgehenlassens, als man gewöhnlich glaubt. Sogar in den Gesetzen der Etikette liegt eine allgemeine Bedeutung – ich möchte sogar sagen, ein gewisser Grad von Weisheit, und eben deßhalb, weil sie nur unter den Gleichen zu finden sind, bekunden sie die gegenseitige Achtung, welche unter ihnen besteht. Der Umgang und die Gewohnheiten eines Menschen wirken so sehr auf sein Benehmen, auf sein Aeußeres und sogar auf seine Ansichten, daß mein Onkel stets zu behaupten pflegte an einem Platz wie Saratoga könne ein Mensch in seinen Jahren den Mann von Welt schon nach einem Verkehr von fünf Minuten erkennen; ja, er wolle sogar sagen, welcher Lebensklasse derselbe ursprünglich angehört habe. Als wir letzten Sommer auf unserer Rückkehr von Ravensnest nach dem Kurort kamen, legte er eine Probe von seiner Geschicklichkeit ab, und ich war sehr erfreut über den glücklichen Erfolg derselben, obschon ich gestehen muß, daß er auch hin und wieder einen Mißgriff machte. »Dieser Mann kommt aus den bessern Zirkeln, ist aber nie gereist,« sagte er mit Bezug auf Einen aus einer Gruppe, die noch bei Tisch saß, »während sein Nachbar Reisen gemacht hat, aber aus einer ungebildeten Familie stammt.« Diese Unterscheidung mag als sehr spitzfindig erscheinen, läßt sich aber, meine ich, leicht ermitteln. »Hier sind zwei Brüder von einer trefflichen Familie aus Pennsylvanien,« fuhr er fort, »wie man schon ihrem Namen entnehmen kann. Der ältere ist auf Reisen gewesen, der jüngere nicht.« Diese Unterscheidung war noch schärfer und schwieriger; wer aber die Welt so gut kannte, wie mein Onkel Ro, wußte die betreffenden Punkte wohl zu entdecken. In dieser Weise fuhr er zu meiner größten Belustigung mehrere Minuten fort, und ich muß sagen, daß seine Folgerungen sehr annehmbar, manche davon auch überraschend treffend waren. Das Verwandte wird durch das Verwandte angezogen, und in diesem Umstande liegt das ganze Geheimniß, welches der gewöhnlichen Zusammensetzung der Gesellschaft zu Grunde liegt. Gerathen zwei Männer von überlegenem Geiste in das volle Gewühl eines Salons, so werden sie sich bald herausgefunden haben und über die Begegnung erfreut sein. Ein Gleiches trifft zu in Betreff der bloßen Denkweise, durch welche sich die socialen Kasten charakterisiren, und gilt vielleicht von Amerika noch weit mehr, als von den andern Ländern, weil der Charakter unsers Verkehrs so gemischt ist. Ja ich glaube sogar, wenn ein Mann von hohem Geiste mit einem andern zusammentrifft, der an Einsicht weit unter ihm steht, aber in Betreff des Benehmens und der gesellschaftlichen Ansichten eine gleiche Höhe mit ihm einnimmt, so findet er an dem Umgang mit diesem ein weit größeres Wohlgefallen, als wenn er mit einem ebenso gediegenen Kopfe, dem übrigens die feinere Bildung abgeht, zu thun hat. Daß Patt ein Wesen wie Mary Warren liebgewonnen hatte, schien mir eben so natürlich, als daß sie einem vertraulichen Verkehr mit Opportunity Newcome abgeneigt war. Wäre meine Schwester auch nur im mindesten einem so engherzigen Einflusse zugänglich gewesen, so stand das Vermögen der Letzteren gegen das, was sie ihr ganzes Leben über als Wohlstand zu betrachten gewöhnt gewesen, doch so niedrig, daß dieser Umstand keine Wirkung geübt haben konnte. Aber freilich war dieß eine Sache, welche dem armen Tom Miller nicht in den Kopf wollte. Er konnte nur aus dem seine Schlüsse ziehen, was er verstand, und er verstand sich freilich gar wenig auf die beziehungsweisen Begriffe des Reichthums, noch weniger aber auf die Macht der Bildung im gesellschaftlichen und geistigen Leben. Immerhin aber fühlte er sich durch eine Thatsache betroffen, die sein Fassungsvermögen nicht recht zu verdauen wußte, obschon er sie nicht abweisen konnte – durch den Umstand nämlich, daß Mary Warren, die zugestandenermaßen arme Mary Warren eine Busenfreundin Derjenigen war, welche er zuweilen das »Littlepager Mädel« zu nennen beliebte. Es war unverkennbar, daß dieß Eindruck auf ihn machte, und da er hierin eine Lehre sehen mußte, so steht zu hoffen, daß sie in Betreff eines der gewöhnlichsten menschlichen Gebrechen nicht ohne gute Wirkung für ihn blieb. »Nun ja,« versetzte er, nachdem er über die letztere Bemerkung meines Onkels eine volle Minute schweigend nachgedacht hatte, »ich weiß nicht – und muß wahrhaftig sagen, es kömmt mir selbst auch so vor. Und doch haben mein Weib und Kitty ganz andere Gedanken von der Sache. Ihr werft mir meine Vorstellungen von Aristokratie völlig über den Haufen, denn obgleich mir die Littlepage's lieb und werth sind, hab' ich sie doch stets für desperate Aristokraten gehalten.« »Nein, nein, Eure sogenannten Dimigogen sind die amerikanischen Aristokraten. Sie ziehen alle öffentlichen Gelder an sich, und sind im Besitz der Gewalt; nur das wurmt ihnen und macht sie rappelköpfig, weil sie sich den Gentlemen und Ladies von Amerika nicht eben so gut aufdringen können, wie den öffentlichen Aemtern des Landes.« »Bei Gott! ich weiß nicht, ob Ihr hierin nicht recht haben mögt. Ueberhaupt kann ich mir gar nicht denken, wie Einer befugt sein mag, sich über die Littlepage's zu beklagen.« »Behandeln sie die Leute gut, wenn diese kommen, um ihnen einen Besuch zu machen?« »Ja wohl, wenn nur die Leute sie auch so gut behandelten – aber dieß geschieht nicht immer. Es gibt hier herum Schweinekerle« – Tom war ein bischen scharf in seinen Bildern, aber man wird sagen müssen, daß er damit vollkommen recht hatte – »ja ich hab's selbst mitangesehen, wie die Kerls zu Madame Littlepage in die Stube schoßen, die Stühle an's Feuer rückten, den Tabakssaft umherspritzten und keinen Augenblick daran dachten, auch nur die Hüte abzunehmen. Dergleichen Volk thut immer gewaltig wichtig mit sich selbst, denkt aber nie an anderer Leute Gefühle.« Wir wurden jetzt durch den Ton rasselnder Räder unterbrochen, und wie wir umschauten, bemerkten wir, daß der Wagen meiner Großmutter auf dem Rückwege vor der Thüre des Farmhauses angefahren war. Miller hielt es für nicht mehr als in der Ordnung, daß er hingehe und sich erkundige, ob man etwas von ihm verlange, und wir folgten ihm langsam nach; denn mein Onkel beabsichtigte, seiner Mutter eine Uhr anzubieten, um sich zu überzeugen, ob sie wirklich nicht im Stande sei, seine Maske zu durchschauen.   Zehntes Kapitel. Wollt ihr kaufen keine Schnür' Oder Spitz' zur Haubenzier? Der Hausirer wohlbestellt Gibt's euch gern' für baares Geld. Baares Geld Hilft zu Allem in der Welt! Wintermährchen.   Da saßen sie, die vier jungen Wesen, eine wahre Milchstraße von klaren, funkelnden Augen. Es befand sich nicht ein einziges ausdruckloses Gesicht unter ihnen, und ich war betroffen von dem Umstande, daß man so gar selten unter der amerikanischen Jugend wirklich häßliche Frauenzimmer trifft. Auch Kitty war um die Zeit, als wir den Wagen erreicht hatten, unter der Thüre erschienen und bildete ein recht anziehendes, blühendes Seitenstück. Schade übrigens, daß sie redete, denn die Gemeinheit ihrer Aussprache und der Betonung ihrer Stimme, welche eine Art von singendem Weinen war, stand in einem grellen Gegensatz zu der gesunden, lebensvollen Zartheit, die sich in ihrem Aeußern ausdrückte. Alle die klaren Augen wurden noch leuchtender, als ich, meine Flöte in der Hand, näher trat; aber keine von den jungen Damen getraute sich, auch nur eine Sylbe laut werden zu lassen. »Will von den Frauenzimmern Niemand eine Uhr kaufen?« begann Onkel Ro, indem er sich, die Mütze in der Hand und mit offener Truhe, seiner Mutter näherte. »Ich danke Euch, Freund. Wir Alle sind hier, wie ich glaube, bereits mit Uhren versehen.« »Die meinigen sind sehr wohlfeil.« »Dieß glaube ich gerne,« versetzte meine theure Großmutter lächelnd; »aber wohlfeile Uhren sind nicht immer die besten. Ist dieses allerliebste Bleirohr von Gold?« »Ja, Madame, es ist von gutem Gold. Wenn's nicht so wäre, würde ich's nicht sagen.« Ich bemerkte ein unterdrücktes Lächeln unter den Mädchen; sie waren jedoch insgesammt zu gut erzogen, um den gewöhnlichen Beobachter bemerken zu lassen, wie possierlich ihnen die in gebrochenem Englisch gegebene Betheurung meines Onkels vorkam. »Was soll das Rohr kosten?« fragte meine Großmutter. Onkel Ro besaß zu viel Takt, um seine Mutter in einer Weise, die er bei Miller in Anwendung gebracht hatte, zu einem Kauf veranlassen zu wollen, und nannte deßhalb ungefähr den wahren Werth des Artikels, der sich auf fünfzehn Dollars belief. »Ich will es nehmen,« entgegnete meine Großmutter, indem sie drei halbe Adler in die Truhe fallen ließ. Dann wandte sie sich an Mary Warren und ersuchte sie, das Rohr als Geschenk anzunehmen. Dieß geschah übrigens in so achtungsvoller Weise, daß es vollkommen den Anschein hatte, als wolle sie nicht einen Gefallen erweisen, sondern erbitte sich eine Gunst. Mary's schönes Antlitz wurde über und über roth. In ihren Zügen drückte sich Freude aus; und sie nahm die Gabe an, obschon es mir vorkam, als zögere sie einen Augenblick, ob sie auch füglicherweise sich mit einem so werthvollen Gegenstand dürfe beschenken lassen. Meine Schwester erbat sich die Bleifeder, um sie betrachten zu können, und nachdem sie dieselbe bewundert hatte, ging sie von Hand zu Hand, allenthalben um ihrer Form und ihrer Verzierung willen Lob erntend. Ueberhaupt waren alle Waaren meines Onkels sehr geschmackroll gearbeitet und von einem Kaufmann, der in überseeischen Artikeln Geschäfte machte, mit ziemlichem Aufwand erstanden worden. Die Uhren waren allerdings, mit einer oder zwei Ausnahmen, wohlfeil, und dasselbe konnte man auch von den meisten Schmucksachen sagen; aber mein Onkel hatte ein paar Uhren und einige schöne Kostbarkeiten bei sich, die er selbst aus Europa mitgebracht hatte, um sie zu Geschenken zu verwenden, und unter diesen befand sich die fragliche Bleifeder, welche er nur einen Augenblick vor dem Verkauf in die Truhe hatte gleiten lassen. »Der Tausend, Madame Littlepage,« rief Miller mit der Zutraulichkeit eines Mannes, der auf dem Gute geboren war, »dieß ist einer der kuriosesten Uhrenhausirer, die mir je vorgekommen sind. Er verlangt fünfzehn Dollars für dieses Röhrlein und nur vier für diese Uhr.« Bei diesen Worten zeigte er den Gegenstand vor, den er selber käuflich erworben hatte. Meine Großmutter nahm die Uhr in die Hand und untersuchte sie aufs Sorgfältigste. »Der Preis erscheint mir außerordentlich wohlfeil,« bemerkte sie – wie es mir vorkam – mit einem mißtrauischen Blick gegen ihren Sohn, als glaube sie, er möchte seine Besen nur deßhalb wohlfeiler verkaufen, als Derjenige, welcher nur das Material stahl, weil er die bereits fertige Waare auf unrechtmäßigem Wege an sich gebracht hatte. »Ich weiß zwar, daß in den Ländern Europa's, wo man wohlfeil lebt, dergleichen Uhren zu sehr niedrigen Preisen gefertigt werden; aber man kann es kaum für möglich halten, daß eine derartige Maschinerie sich für eine so kleine Summe zusammensetzen läßt.« »Ich habe sie zu allen Preisen, Madame,« entgegnete mein Onkel. »Ich hätte wohl Lust, eine gute Damenuhr zu kaufen, trage aber doch Bedenken, sich bei Jemand Anders, als bei einem bekannten und zuverlässigen Kaufmann auszunehmen.« »Ihr habt von uns nichts zu befürchten, Madame,« wagte ich zu sagen. »Wenn wir auch alle Welt betrügen wollten, könnten wir dieß doch bei einer so guten Dame nicht über's Herz bringen.« Ich weiß nicht, ob meine Stimme einen angenehmen Eindruck auf Patts Ohr machte, oder ob sie den Plan ihrer Großmutter unverweilt ausgeführt zu sehen wünschte: genug, sie legte sich in's Mittel und drang in die alte Dame, uns Vertrauen zu schenken. Letztere aber war durch die Jahre vorsichtig geworden und zögerte. »Aber alle diese Uhren sind von schlechtem Metall – ich möchte eine von gutem Gold und von schöner Façon,« bemerkte meine Großmutter. Mein Onkel langte unverweilt eine Uhr hervor, die er bei Blondel in Paris für fünfhundert Franken gekauft hatte, und die jedem Damengürtel zur Zierde dienen konnte. Meine Großmutter nahm sie hin und las mit einigem Erstaunen den Namen des Verfertigers. Die Uhr selbst wurde nun auf's Sorgfältigste untersucht und fand allgemeinen Beifall. »Und wie hoch haltet Ihr sie?« ergriff meine Großmutter wieder das Wort. »Zu hundert Dollars, Madame; sie ist für diesen Preis sehr wohlfeil.« Tom Miller warf einen Blick auf den vergoldeten Tand, den er selbst gekauft hatte, und auf den kleineren, aber ausgesucht gearbeiteten »Artikel«, den meine Großmutter an dem kurzen Stückchen Band zum Betrachten in die Höhe hob. Der gute Farmer war augenscheinlich jetzt eben so verwirrt, wie eine kleine Weile vorher, als ihm der Unterschied zwischen reich und arm nicht recht in den Kopf wollte. Der Grund lag nahe – er wußte das Aechte von dem Falschen nicht zu unterscheiden. Meine Großmutter schien sich über diesen Preis durchaus nicht zu verwundern, obschon sie über ihrer Brille weg einige mißtrauische Blicke nach dem angeblichen Hausirer hingleiten ließ. Endlich wurde auch sie durch die Schönheit der Uhr bestochen. »Wenn Ihr die Uhr nach jenem großen Hause bringen wollt, so will ich Euch die hundert Dollars bezahlen,« sagte sie. »Ich habe nicht so viel Geld bei mir.« »Ja, ja – sehr gut. Ihr könnt die Uhr behalten, Lady, ich will dann kommen und das Geld holen, nachdem ich zuvor irgendwo ein Mittagessen eingenommen habe.« Meine Großmutter trug natürlich kein Bedenken, den Kredit anzunehmen, und wollte eben die Uhr in ihre Tasche stecken, als Patt ihre kleine Hand darauf legte und rief: »Ach, theuerste Großmutter, thut es lieber gleich – Ihr wißt ja, es sind nur wir Drei zugegen.« »O welche kindische Ungeduld!« rief die ältere Dame lachend. »Nun, ich will dir den Willen thun. Ich habe Euch jenes Bleirohr nur en attendant als Andenken gegeben, Mary, denn es war meine Absicht, Euch, so bald ich Gelegenheit dazu fände, mit einer Uhr zu beschenken, als Anerkennung des Muthes, den Ihr zeigtet, indem Ihr während jener düstern Woche, in welcher wir von den Anti-Renters so sehr bedroht wurden, bei uns aushieltet. Hier ist nun ein passendes Geschenk, und ich erlaube mir die Bitte, es mit derselben Liebe anzunehmen, mit der es geboten wird.« Mary Warren war bestürzt und die Glut stieg ihr zu den Schläfen; dann erblaßte sie plötzlich. Ich habe nie ein so liebliches Bild zarter weiblicher Verlegenheit gesehen – einer Verlegenheit, die aus widerstreitenden Gefühlen, aber gleichwohl aus Gefühlen entsprang, die ihr Ehre machten. »Oh, Mistreß Littlepage,« rief sie, nachdem sie eine Weile in stummem Erstaunen die Gabe betrachtet hatte, »unmöglich könnt Ihr diese schöne Uhr für mich bestimmen wollen.« »Für Niemand Anders, als für Euch, meine Theure; die schöne Uhr ist um kein Härchen zu gut für meine schöne Mary.« »Aber meine liebe, meine theure Mrs. Littlepage – sie ist viel zu schön für meine Stellung – für meine Mittel.« »Eine Lady kann recht wohl eine solche Uhr tragen; und Ihr seid eine Lady in jeder Beziehung des Wortes; um deßwillen braucht Ihr also keinen Anstand zu nehmen. Was aber die Mittel betrifft, so werdet Ihr mich nicht mißverstehen, wenn ich Euch daran erinnere, daß sie mit meinen Mitteln erkauft ist, und Euch daher kein Tadel treffen kann.« »Aber wir sind so arm, und diese Uhr sieht so reich aus! Es scheint mir kaum recht zu sein.« »Ich achte Eure Gefühle und Gesinnungen, mein theures Mädchen, und weiß sie zu schätzen. Vermuthlich ist Euch übrigens bekannt, daß ich einmal selbst so arm – ja, ich darf wohl sagen, viel ärmer war, als Ihr.« »Ihr, Mrs. Littlepage? Nein, dieß ist kaum möglich. Ich weiß, daß Ihr von einer sehr achtbaren und wohlhabenden Familie herstammt.« »Und gleichwohl verhält sich's so, meine Liebe. Ich will nicht eine so übermäßige Bescheidenheit erkünsteln und in Abrede ziehen, daß die Malbone's zu den ersten Familien des Landes gehörten und noch gehören; aber mein Bruder und ich, wir Beide waren einmal in unsern Glücksverhältnissen so weit heruntergekommen, daß er ganz in der Nähe dieser Güter den Geometern bei Vermessung der Wälder an die Hand gehen mußte. Wir hatten damals keine Ansprüche zu erheben, die besser gewesen wären, als die Eurigen, und in vielfacher Hinsicht waren wir weit dürftiger daran. Außerdem verdient die Tochter eines wohlerzogenen Geistlichen aus achtbarer Familie, schon vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet, eine gewisse Anerkennung. Ihr werdet mir doch die Liebe erweisen, meine Gabe anzunehmen?« »Theure Mrs. Littlepage, ich weiß nicht, wie ich Euch Etwas abschlagen soll, und doch scheue ich mich, ein so reiches Geschenk anzunehmen. Ihr werdet mir doch erlauben, zuvor meinen Vater darüber zu befragen?« »Dieß ist nicht mehr als in der Ordnung, meine Liebe,« entgegnete meine Großmutter, indem sie ruhig die Uhr in ihre eigene Tasche gleiten ließ. »Glücklicherweise speist Mr. Warren heut bei uns, und die Sache kann also bereinigt werden, noch ehe wir uns zu Tisch niedersetzen.« Dieß beendigte die Verhandlung, welche unter dem Impulse eines Gefühls begonnen hatte, dessen wir insgesammt Zeugen waren. Was meinen Onkel und mich betrifft, so brauche ich kaum zu sagen, daß uns die kleine Scene in hohem Grad erfreute. Einerseits der wohlwollende Wunsch, Jemand eine Liebe zu erzeigen, andererseits das natürliche Bedenken, eine so werthvolle Gabe anzunehmen – mit einem Worte, das Ganze war ein liebliches Bild, das uns Gelegenheit gab, mancherlei Betrachtungen daran zu knüpfen. Die drei Mädchen, welche gleichfalls Zeuge des Vorgangs waren, achteten Mary's Gefühle zu sehr, um sich in's Mittel zu legen, obschon Patt nur mit Mühe an sich hielt. Was dagegen Tom Miller und Kitty betraf, so waren sie ohne Zweifel nicht wenig verwundert, warum »Warrens Mädel« so einfältig war, nicht mit beiden Händen zuzugreifen, während man ihr doch eine Uhr im Werth von hundert Dollars anbot. Die andere Seite der Frage verstunden sie freilich nicht. »Ihr habt von einem Mittagessen gesprochen,« fuhr meine Großmutter fort, indem sie nach Onkel Ro hinsah. »Wenn Ihr uns mit Eurem Begleiter nach dem Hause folgen wollt, so sollt Ihr nicht nur Zahlung für Eure Uhr, sondern auch ein Diner obendrein erhalten.« Wir nahmen dieses Erbieten mit großer Freude an, machten unsere Verbeugung und drückten noch immer unsern Dank aus, als der Wagen weiter rollte. Dann blieben wir noch einen Augenblick zurück, um uns von Miller zu verabschieden. »Wenn Ihr im Nest fertig seid,« sagte der gute Bursche, »so sprecht noch einmal hier ein. Es wär' mir lieb, mein Weib und Kitty könnten Eure Raritäten ansehen, eh' Ihr damit nach dem Dorf hinuntergeht.« Wir versprachen, wieder nach dem Farmhaus zurückzukehren, und traten unsern Weg nach dem Gebäude an, welches in der familiären Redeweise des Landes von seinem wahren Namen Ravensnest her die Bezeichnung Nest oder Nesthaus führte, von Tom Miller aber in seinem bäurischen Dialekt das »Neest« genannt wurde. Die Entfernung zwischen beiden Häusern betrug kaum tausend Schritte und war theilweise mit den zu Ravensnest gehörigen Gründen ausgefüllt. Letztere waren so ausgedehnt, daß sie wahrscheinlich von manchen Personen mit dem Titel »Park« beehrt worden wären; bei uns aber führten sie nie einen so hochtrabenden Namen, obschon ihnen, um ihn zu verdienen, nichts gefehlt hätte, als daß außer den Hausthieren auch Hirsche oder ähnliches Wild darin gehalten worden wäre. Wir nannten sie gewöhnlich nur den Grund – ein Ausdruck, welcher große und kleine derartige Umfassungen bezeichnet, während die breite Fläche von Grün, die unmittelbar unter den Fenstern liegt, den Namen »Rasen« führt. Obschon in Amerika das Land sehr wohlfeil ist, hat doch die Landschafts-Gärtnerei nur sehr geringe Fortschritte gemacht, und wenn wir je Etwas besitzen, was einer Park-Scenerie ähnlich sieht, so haben wir dieß weit mehr den Gaben einer üppigen Natur, als den Leistungen der Kunst zu verdanken. Ehre dem gebildeten Geschmack Downings sowohl, als seinen wohlgeleiteten Arbeiten – dieser Vorwurf wird uns bald nicht mehr treffen, und das Landleben unter den vielen anderen Genüssen, welche ihm so eigenthümlich sind, dieses ansprechenden Reizes nicht länger entbehren. Nachdem die Gründe des weißen Hauses mehr als zwanzig Jahre – ein wahres Brandmal für den Nationalgeschmack – durch Kluften, Löcher und sonstige Mißstände entstellt, dagelegen hatten, sind sie endlich in einen Zustand gekommen, welcher bekundet, daß sie einem civilisirten Lande angehören. Die Amerikaner sind, obgleich viel mehr zum Wechsel geneigt, eben so nachahmungsfertig, wie die Chinesen, und man braucht wenig mehr als gute Modelle, um sie auf die richtige Bahn zu leiten. So viel ist übrigens zuverlässig, daß wir als Ration von der besagten Kunst nichts weiter kennen, als die Baum-Alleen oder hin und wieder einen Busch von Strauchwerk. Die Verschlingung der letzteren mit ihrer Wildniß von süßen Düften, die Massen von Blumenbeeten, welche die Oberfläche Europas besäen, die Schönheit gekrümmter Linien und die Anbringung überraschender Hintergründe und Vistas – dieß sind lauter Dinge, welche so wenig unter uns bekannt sind, daß man sie fast für aristokratisch halten sollte. Zu Ravensnest war wenig mehr geschehen, als daß man den natürlichen Baumwuchs benützt und von der günstigen Bildung und Lage der Gründe Vortheil gezogen hatte. Die meisten Reisenden sind der Ansicht, es sei leicht, in dem jungfräulichen Urwald einen Park anzulegen, weil ja die Art das Dickicht, das Gebüsch und die Holzarten, die anderwärts eine Frucht der Zeit und künstlicher Anpflanzung sind, nur stehen zu lassen brauche. Dieß ist übrigens in der Regel ein großer Irrthum, obschon hin und wieder auch bedingte Ausnahmen vorkommen mögen. Der Baum der amerikanischen Wälder schießt gegen das Licht auf und bleibt bei seiner Höhe so dünn, daß er unscheinbar wird. Aber auch dann, wenn die Zeit dem Stamm eine passende Dicke gegeben hat, gewinnt doch der Wipfel selten die Breite, welche einem Park zur Zierde dienen kann, während die Wurzeln, welche ihre Nahrung in dem tausendjährigen Humus der gefallenen Blätter suchen, zu nahe unter der Oberfläche liegen, um nach Entfernung der schirmenden Nachbarbäume zureichenden Schutz zu finden. Dieß sind die Ursachen, warum die zierenden Gründe eines amerikanischen Landhauses gewöhnlich ab origine angelegt werden müssen, da die Natur nur wenig nachhilft oder zur Verschönerung beiträgt. Meine Vorfahren hatten in der Nähe des Nestes der Natur wohl einige Nachhilfe geleistet, glücklicherweise aber nur wenig gethan, um die Anstrengungen derselben zu verkümmern; denn dieser letzte Umstand war bei der Sachkenntniß welche vor sechzig Jahren in Amerika über diesen Gegenstand herrschte, von fast eben so großer Wichtigkeit. In Folge davon besitzen die Gründe von Ravensnest eine Breite, welche wir der Ausdehnung unserer Ländereien verdanken, und eine ländliche Schönheit, die dennoch anziehend ist, obschon die Kunst nicht viel nachgeholfen hat. Das Gras wurde von den Schafen kurz gehalten, und wir sahen ein ganzes Tausend dieser Thiere von der feinsten Wolle, die, als wir unsern Weg nach dem Haus verfolgten, auf den Wiesen, an den Abhängen, und namentlich an den fernen Höhen weideten. Das Nesthaus war eine achtbare New-Yorker Landwohnung, wie sie im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts unter uns gebaut wurden, natürlich durch die zweite und dritte Generation der Eigenthümer ein wenig verschönert und erweitert. Das Material bestand aus Gestein, welches die niedrige Anhöhe, auf welcher das Gebäude errichtet war, in trefflicher Qualität geliefert hatte. Die Form des Haupt- Corps de bâtiment war so nahezu im Quadrat gehalten, als es nur anging. Jede Seite dieses Gebäudetheils bot dem Blicke fünf Fenster dar, denn dieß ist heutigen Tags fast die vorgeschriebene Anzahl für einen Landsitz, da die drei sich seither in die Städte geflüchtet haben. Besagte Fenster waren übrigens ziemlich groß, da der Hauptbau sechzig Fuß im Geviert hatte, also nach jeder Richtung hin zehn mehr, als bald nach der Revolution üblich wurde. Das ursprüngliche Gebäude hatte übrigens Flügel erhalten, und zwar nach einem Plan, welcher im Einklang stand mit der Gestalt eines Hauses aus viereckigen Blöcken, das zuvor an demselben Platze gestanden. Die Flügel waren nur anderthalb Stock hoch und hingen auf jeder Seite mit dem Hauptbau nur so weit zusammen, daß der Durchgang vermittelt wurde; sie liefen nach dem Rand einer etwa vierzig Fuß hohen Klippe zurück und boten an ihren Enden den Ueberblick über einen sich schlängelnden Bach und eine weite, ergiebige Felderfläche, die jährlich meine Scheunen mit Heu und meine Krippen mit Mais füllten. Von diesem ebenen fruchtbaren Bottomland erstreckten sich nahezu tausend Acres in drei Richtungen, und etwa zweihundert davon gehörten zu der sogenannten Nestfarm. Der Rest war unter die Farmen der benachbarten Pächter vertheilt. Dieser kleine Umstand unter den tausend Ungeheuerlichkeiten, die mir zur Last gelegt wurden, hatte Grund zu einer Anschuldigung gegeben, von der ich bald zu sprechen Gelegenheit finden werde. Ich thue dieß um so bereitwilliger, weil die Thatsache die Ohren der Gesetzgeber – Gott behüte uns, wie durch den vielen Gebrauch Worte nicht schimpfirt werden können – noch nicht erreicht hat, und sie also ihre Zungen noch nicht in Bewegung setzen konnte, um auch diesen Punkt unter den Beschwerden der im Staat ansässigen Pächter aufzuzählen. In der Umgebung des Nestes war Alles in vollkommener Ordnung und in einem Zustande erhalten, welcher der Thätigkeit und dem Geschmack meiner Großmutter große Ehre machte, denn während der letzten paar Jahre oder vielmehr seit dem Tod meines Großvaters hatte sie sämmtliche derartige Angelegenheiten besorgt. Dieser Umstand in Verbindung mit der Thatsache, daß das Gebäude größer und kostspieliger war, als die der meisten andern Bewohner der Gegend, hatte dazu Anlaß gegeben, daß Ravensnest ein »aristokratischer Sitz« genannt wurde. Wie ich seit meiner Rückkehr nach der Heimath finden muß, hat der Ausdruck »aristokratisch« eine sehr umfassende Bedeutung gewonnen, welche ihrem Sinn nach hauptsächlich von der Lebensweise und den Meinungen der Personen abhängt, die zufälligerweise das Wort gebrauchen. Wer z. B. Tabak kaut, hält es für aristokratisch, wenn ein Anderer diese Angewöhnung für garstig erklärt, und wer gebückt einhergeht, wirft Jedem, der sich einer aufrechten Haltung erfreut, seine aristokratischen Schultern vor. Ich bin sogar einmal mit einem Individuum zusammengetroffen, welches es für ungemein aristokratisch erklärte, wenn Jemand die Nase nicht mit den Fingern schneuzen wollte. Auch wird es bald als aristokratisch erscheinen, wenn man die Wahrheit des alten lateinischen Sprichworts »de gustibus non est disputandum« behauptet. Als wir uns der Thüre des Nesthauses näherten und die Piazza betraten, die sich um die drei Seiten des Hauptgebäudes und die äußeren Enden der beiden Flügel herzog, führte eben der Kutscher die Pferde ihrem Stalle zu. Die Damen hatten, nachdem sie die Farm verlassen, einen beträchtlichen Umweg gemacht und waren nur eine Minute vor uns angelangt. Sämmtliche Mädchen, mit Ausnahme Mary Warrens, befanden sich bereits im Hause, ohne der Ankunft zweier Hausirer Aufmerksamkeit zu schenken; die Tochter des Geistlichen jedoch war an der Seite meiner Großmutter zurückgeblieben, um uns zu empfangen. »Ich glaube wahrhaftig,« flüsterte Onkel Ro, »meine liebe alte Mutter hat eine geheime Vorahnung, wer wir wohl sein mögen, da sie uns sonst kaum so viele Aufmerksamkeit schenken würde. – Tausend Dank, Madame, tausend Dank,« fuhr er in seinem gebrochenen Englisch fort, »für die große Ehre, denn wir konnten nicht wohl erwarten, daß die Dame des Hauses an ihrer Thüre unserer harre.« »Diese junge Lady sagt mir, sie habe euch schon früher gesehen und in Erfahrung gebracht, daß ihr Beide Personen von Erziehung und guten Sitten seiet, welche in Folge politischer Wirren aus ihrem Vaterlande vertrieben wurden. Wenn dieß der Fall ist, kann ich euch nicht als gewöhnliche Hausirer betrachten, denn ich weiß, was es heißt, vom Unglück verfolgt zu werden« – bei diesen Worten erbebte die Stimme meiner theuren Großmutter ein wenig – »und kann mit Denen fühlen, gegen welche das Schicksal eine Stiefmutter ist.« »Madame, hierin liegt viel Wahres,« antwortete mein Onkel, indem er seine Mütze abnahm und sich ganz in der Weise eines Gentlemans verbeugte – ein Beispiel, welchem ich augenblicklich selber auch nachkam. »Wir haben allerdings bessere Tage gesehen, und mein Sohn da wurde auf einer Universität erzogen. Jetzt aber bin ich nur ein armer Uhrenhändler, und Dieser hier macht Musik in den Straßen.« Das Benehmen meiner Großmutter war jetzt von der Art, wie es sich für eine Dame von Bildung unter solchen Umständen gebührte – weder zu frei, um die dermalige Außenseite zu vergessen, noch zu kalt, um die Vergangenheit außer Acht zu lassen. Sie wußte, daß sie ihren eigenen Verhältnissen Rechnung tragen und in ihrem Haushalt mit gutem Beispiel vorangehen mußte, fühlte aber noch weit mehr, was sie der Sympathie schuldig war, welche stets unter Personen von guter Erziehung ein Bindeglied bildet. Sie ersuchte uns, in's Haus zu treten, ließ eine Mahlzeit für uns zubereiten, und wir wurden mit freigebiger, rücksichtsvoller Gastfreundlichkeit behandelt, ohne daß übrigens die alte Dame der Würde ihres Charakters oder Geschlechtes um das Mindeste vergeben hätte, da sie, was edle Haltung betraf, jeder Lady an die Seite gestellt werden konnte. Mittlerweile nahm das Geschäft mit meinem Onkel seinen Fortgang. Er erhielt seine hundert Dollar, worauf er alle seine werthvollen Vorräthe, einschließlich der Ringe, Vorstecknadeln, Ohrenringe, Ketten, Armspangen und anderer Schmucksachen, die er zu Geschenken für seine Mündel bestimmt hatte, aus seinen Taschen hervorholte und vor den Augen der drei Mädchen ausbreitete; denn Mary hielt sich mehr in den Hintergrund, weil sie es nicht für geziemend hielt, Dinge zu betrachten, die nicht zu ihren Vermögensverhältnissen paßten. Ihr Vater war übrigens angekommen und zu Rath gezogen worden, so daß jetzt die schöne Uhr bereits an dem Gürtel des noch schöneren Leibes hing. Die Thräne der Dankbarkeit, die noch in ihrem heitern Auge schwamm, war für mich ein weit werthvolleres Kleinod, als alle diejenigen, die mein Onkel zur Schau stellen konnte. Wir waren nach der Bibliothek gewiesen worden – einem Gemache, das sich auf der Vorderseite des Hauses befand und mit allen seinen Fenstern nach der Piazza hinausging. Anfangs fühlte ich mich ein wenig ergriffen, als ich mich nach so vieljähriger Abwesenheit in dieser Weise unbekannt unter dem väterlichen Dach und in meiner eigenen Wohnung befand. Soll ich's bekennen? Nach den Gebäuden, die ich in der alten Welt kennen gelernt hatte, kam mir Alles winzig und gemein vor. Ich will keine Vergleichungen mit den Palästen der Fürsten und den Wohnsitzen der Großen anstellen, an die der Amerikaner so gern denkt, wann immer von Gegenständen die Rede ist, welche die ihm gewohnte Umgebung übertreffen, wohl aber habe ich den Baustyl und die Bequemlichkeiten des häuslichen Lebens im Auge, wie man sie im Ausland unter Personen trifft, die in Nichts einen Vorzug vor mir ansprechen, ja, sich kaum meines Gleichen nennen konnten. Mit einem Worte, die amerikanische Aristokratie, oder vielmehr das, was man Mode halber bei uns als aristokratisch zu brandmarken pflegt, würde unter den meisten Nationen Europa's für sehr demokratisch gehalten werden. Unsere republikanischen Brüder aus der Schweiz haben ihre Schlösser und ihre Gewohnheiten, die, ohne daß die Freiheit Anstoß daran nähme, hundert Mal aristokratischer sind, als nur irgend Etwas um Ravensnest, und ich bin überzeugt, wollte man die stolzeste Wohnung von ganz Amerika einem Europäer als einen aristokratischen Sitz zeigen, so würde er darüber in's Fäustchen lachen. Das Geheimniß, welches diesen Anschuldigungen zu Grund liegt, besteht in nichts Anderem, als in dem angeblichen Widerwillen gegen Jeden, der sich in irgend Etwas, und sollte es auch durch Verdienste sein, von der ihn umgebenden Masse unterscheidet. Es handelt sich blos um die Erweiterung des Grundsatzes, welcher im Beginn dieses Jahrhunderts zu der herkömmlichen Fehde zwischen den »Plebejern und Patriziern« Albany's Anlaß gab – zu einer Fehde, die jetzt viel weiter gediehen ist, als die soit disant -Plebejer jener Zeit selbst im Sinne hatten, da nunmehr ihre eigenen Nachkommen die mißliebigen Folgen davon empfinden müssen. Doch um auf mich selbst zurückzukommen: Ich will zugestehen, daß mir der Anblick meiner heimischen Besitzungen nichts weniger als Anlaß zu frohem Jubel über meinen aristokratischen Glanz, sondern im Gegentheil eher Stoff zu Gefühlen schmerzlich getäuschter Erwartung gab. Was mir die Erinnerung als wirklich achtbar und sogar schön vorgespiegelt hatte, erschien mir im Lichte der Alltäglichkeit und kam mir sogar in vielen Einzelnheiten als gemein vor. »In der That,« sagte ich unwillkürlich leise vor mich hin, »Alles Dieß ist kaum der Mühe werth, daß man darob vom Recht abgehen, aller Gewissenhaftigkeit Trotz bieten und die göttlichen Gebote vergessen sollte!« Vielleicht war ich noch zu unerfahren, um zu begreifen, wie weit der Magen eines gierigen Menschen, und wie mikroskopisch das Auge des Neides ist. »Willkommen in Ravensnest,« sagte Mr. Warren, indem er auf mich zutrat und mir in so wohlwollender Weise die Hand anbot, als begrüße er einen jungen Freund. »Wir sind ein wenig vor euch angekommen, und ich habe weder Ohren noch Augen ruhen lassen, weil ich hoffte, in der Nähe des Pfarrhauses Eure Flöte zu hören, oder auf der Straße Eure Gestalt zu sehen, da Ihr ja versprochen habt, mich zu besuchen.« Mary erblickte ich jetzt zuerst wieder an der Seite ihres Vaters, und sie faßte angelegentlich meine Flöte in's Auge, was sie wahrscheinlich nicht gethan haben würde, wenn ich in meinem gewöhnlichen Anzug und Charakter aufgetreten wäre. »Ich danke Euch, Sir,« lautete meine Antwort. »Wir werden immer Zeit genug haben zu ein bischen Musik, wenn die Ladies es verlangen sollten. Ich kann allerlei blasen – den Yankee-Doodle, Heil Columbia, das sternbesprenkelte Banner und was dergleichen Arien mehr sind, die man in den Schenken und an der Straße so gerne hört.« Mr. Warren lachte und nahm mir die Flöte aus der Hand, um sie näher zu besichtigen. Ich zitterte jetzt für mein Incognito, denn das Instrument, ein ausgezeichnetes Stück Arbeit mit silbernen Klappen und schöner Verzierung, war schon viele Jahre mein Eigenthum. Wenn Patt – wenn meine liebe Großmutter es erkannte! Ich würde das schönste Geschmeide in meines Onkels Sammlung darum gegeben haben, wenn ich nur die Flöte wieder zurück gehabt hätte. Aber ehe sich hiezu Gelegenheit bot, ging sie von Hand zu Hand, und Alles bewunderte das Werkzeug, welchem am Morgen die schönen Töne entlockt worden waren, bis es endlich auch an Martha kam. Das gute Mädchen dachte aber nur an die Schmucksachen, die, wie man sich erinnern wird, sehr reich und theilweise ihr zugedacht waren, weßhalb sie das Instrument weiter gehen ließ und hastig dazu sagte: »Seht, theure Großmutter, dieß ist die Flöte, von der Ihr erklärtet, sie habe den süßesten Klang, den Euer Ohr je vernommen.« Meine Großmutter nahm die Flöte und gerieth in Verwirrung; sie drückte die Brille näher an ihre Augen, untersuchte das Instrument und erblaßte – denn ihre Wangen hatten noch immer Einiges von dem Roth ihrer Jugend bewahrt; dann warf sie mir einen hastigen ängstlichen Blick zu. Ich konnte bemerken, daß sie einige Minuten in ihrem tiefsten Innern über Etwas brütete, und zum Glück waren die Uebrigen zu sehr mit der Truhe des Hausirers beschäftigt, als daß sie auf die Bewegungen der alten Dame hätten achten können. Sie ging langsam zur Thüre hinaus, wobei sie mich fast mit ihren Kleidern streifte, und trat in die Halle. Hier wandte sie sich um, fing meinen Blick auf und winkte mir, ihr zu folgen. Ich entsprach diesem Signal und ließ mich von ihr nach einem kleinen Gemach in einem der Flügel führen, das, wie ich mich noch wohl erinnerte, als eine Art von Privatsprechzimmer an die Schlafstube meiner Großmutter stieß. Es ein Boudoir zu nennen, hieße die Sache karikiren, denn die Möblirung war die eines einfachen, netten, gemächlichen Wohnstübchens, wie man sie auf dem Lande findet. Hier setzte sich meine Großmutter auf das Sopha nieder, denn sie zitterte dermaßen, daß sie nicht mehr stehen konnte; dann warf sie mir mit einer Beklommenheit, die ich vergeblich zu beschreiben suchen würde, einen ernsten Blick zu. »Haltet mich nicht länger in der Ungewißheit!« sagte sie im Tone tiefer Ergriffenheit. »Habe ich Recht in meiner Vermuthung?« »Ja, meine theuerste Großmutter, ich bin es selbst!« antwortete ich mit meiner natürlichen Stimme. Weiter war nicht nöthig. Wir lagen uns gegenseitig in den Armen, wie dieß früher so oft der Fall gewesen war. »Aber wer ist jener Hausirer, Hugh?« fragte meine Großmutter nach einer Weile. »Darf ich an die Möglichkeit glauben, daß es mein Sohn Roger ist?« »Nicht anders; wir sind hieher gekommen, Euch incognito zu besuchen.« »Und warum diese Verkleidung? – hängt sie vielleicht mit den jetzt herrschenden Unruhen zusammen?« »Allerdings. Wir haben gewünscht, vom Stand der Dinge persönlichen Augenschein zu nehmen, und hielten es für unklug, uns frei und offen blicken zu lassen.« »Hieran habt ihr wohl gethan, obschon ich kaum weiß, wie ich euch in euren gegenwärtigen Rollen bewillkommen kann. Unter keinen Umständen dürfen eure wirklichen Namen bekannt werden; denn die bösen Geister vom Theerfaß und Federnsack, die Söhne der Freiheit und Gleichheit, welche ebensogut ihre Grundsätze, als ihren Muth kund geben, indem sie in ganzen Haufen ein paar Leute angreifen, würden im Augenblick ein gewaltiges Wesen erheben und sich für Helden und Märtyrer in der Sache der Gerechtigkeit halten, wenn sie erführen, daß ihr hier seid. Ich glaube, zehn gut bewaffnete entschlossene Männer könnten ein ganzes Hundert von diesen Wichten in die Flucht schlagen, denn sie sind so feig, wie der nächtliche Dieb, obschon sie bei Schwachen und Unbewaffneten die Großhänse spielen. Aber es ist ein neues Gesetz gegen Verkleidung ergangen – glaubt ihr in euren gegenwärtigen Rollen sicher sein zu können?« »Wir sind nicht bewaffnet und führen nicht einmal eine Pistole bei uns. Dieß wird uns schützen.« »Ich muß dir leider sagen, Hugh, daß Amerika nicht mehr ist, was es sonst war. Die Gerechtigkeit, wenn sie nicht ganz abhanden gekommen ist, muß sich auf ihre Schwingen und auf die Binde vor dem Aug' berufen, nicht etwa um deßwillen, weil sie kein Ansehen der Person kennt, sondern um die Thatsache zu bemänteln, daß sie für die schwächere Seite blind ist. Ein Grundbesitzer würde meiner Ansicht nach von seinem Schwurgericht nicht viel zu hoffen haben, wenn er wegen eines Schrittes verklagt würde, den sich Tausende von Pächtern ungestraft zu Schulden kommen ließen, und täglich zu Schulden kommen lassen. Ja, sie werden sogar ihr Unwesen forttreiben, bis einmal irgend eine blutige Katastrophe den allgemeinen Unwillen weckt und so die öffentlichen Würdenträger zu Erfüllung ihrer Pflicht zwingt.« »Der Stand der Dinge ist höchst beklagenswerth, theuerste Großmutter, und die Sache wird noch schlimmer durch die ruhige Gleichgültigkeit, mit der die meisten Menschen zusehen. Es kann keinen triftigeren Beleg für die arge Selbstsucht des menschlichen Wesens geben, als die Art, wie die Masse des Volks sich benimmt, während vor ihren Augen einer kleinen Anzahl aus ihrer Mitte das schreiendste Unrecht geschieht.« »Personen, wie Mr. Seneka Newcome, würden erwiedern, das Publikum sympathisire mit dem Armen, der durch den Reichen unterdrückt wird, obschon Letzterer weiter nichts will, als daß ihn der Erstere seiner Habe nicht beraube! Man hört zwar viel von den Gewalttätigkeiten, die durch die ganze Welt von dem Starken an dem Schwachen geübt werden, aber leider sind nur Wenige unter uns scharfblickend genug, um zu sehen, welch' ein schlagendes Beispiel von dieser Wahrheit eben jetzt unter uns selbst stattfindet.« »Nennt Ihr die Pächter die Starken und die Grundbesitzer die Schwachen?« entgegnete ich. »Allerdings. Die Zahlen bilden die Kraft unseres Landes, in welchem alle praktische und großentheils auch die theoretische Gewalt auf Majoritäten beruht. Wären eben so viele Grundbesitzer als Pächter vorhanden, so setze ich mein Leben daran, daß Niemand im gegenwärtigen Stand der Verhältnisse auch nur die geringste Ungerechtigkeit sehen würde.« »Mein Onkel ist derselben Ansicht. Doch ich höre die leichten Fußtritte der Mädchen – wir müssen auf der Hut sein.« In diesem Augenblicke trat Martha, von den drei übrigen Mädchen begleitet, in das Zimmer, und hielt eine sehr schöne Manillakette in der Hand, die mein Onkel auf der Reise zu einem Geschenk für eine künftige Gattin, wer dieselbe auch sein mochte, gekauft hatte. Er war so unvorsichtig gewesen, sie seinen Mündeln zu zeigen, und diese hatten sogleich Hand daran gelegt. Als die Mädchen eintraten, warfen sie der Reihe nach einen Blick der Ueberraschung auf mich, ohne übrigens ein Wort zu sprechen, und ich kann mir wohl einbilden, wie nach der ersten Betroffenheit Keine ein Arges dabei dachte, daß ich allein bei einer achtzigjährigen Frau betroffen wurde, selbst wenn sie in diesem Augenblick Zeit zu derartigen Erwägungen gefunden hätten. »Seht doch dieß an, theuerste Großmama!« rief Patt, beim Eintritt in's Zimmer die Kette erhebend. »Die allerschönste Kette, die nur je gefertigt wurde, und dazu noch vom reinsten Gold. Aber der Hausirer will sie nicht verkaufen!« »Vielleicht hast du nicht genug geboten, mein Kind. Es ist in der That eine wunderschöne Kette. Wie hoch hat er den Werth angeschlagen?« »Zu hundert Dollars, sagte er, und ich glaube es gerne, denn sie hat fast die Hälfte dieses Werthes in Gold. Wenn nur Hugh zu Hause wäre; ich bin überzeugt, er würde sie ihm schon abschwatzen und mir ein Geschenk damit machen.« »Nein, nein, junge Lady,« fiel ihr der Hausirer in's Wort, welcher sehr unceremoniös den Mädchen nach dem Zimmer gefolgt war, obschon er natürlich recht gut wußte, wohin er kam; »dieß wäre nicht möglich. Die Kette ist das Eigenthum meines Sohnes da, und ich habe geschworen, er dürfe sie Niemand anders, als seiner Frau geben.« Patt erröthete ein wenig und verzog den Mund; dann lachte sie laut hinaus. »Wenn sie nur unter dieser Bedingung zu haben ist, so fürchte ich, daß ich nie so glücklich sein werde, sie zu besitzen,« versetzte sie muthwillig, aber doch in einem Tone, der darauf berechnet war, daß ich es nicht hören sollte. »Ich will übrigens die hundert Dollars aus meinem eigenen Taschengeld zahlen, wenn man sie darum bekommen kann. Legt ein Fürwort für mich ein, Großmama!« Wie allerliebst der kleine Schelm dieses Wort der Liebkosung aussprach – so ganz anders, als das »Pa« und »Ma«, welches man unter den Schmutznasen in den Schlammpfützen so häufig hören muß. Aber unsere Großmama war verlegen, denn sie wußte wohl, mit wem sie zu thun hatte, und sah natürlich ein, daß hier mit Geld nichts auszurichten war. Gleichwohl machte es der Stand der Dinge nöthig, daß sie Etwas sagte, um wenigstens zu thun, als wolle sie Patty's Ansprache willfahren. »Bin ich vielleicht glücklicher in meinem Versuch, Euch zu Aenderung Eures Sinnes zu bereden?« sagte sie, ihrem Sohn einen Blick zuwerfend, der ihn mit einem Male wissen oder wenigstens muthmaßen ließ, daß sie in das Geheimniß eingeweiht sei. »Es würde mir eine große Freude machen, wenn ich im Stande wäre, meiner Enkelin mit dieser schönen Kette eine Freude zu machen.« Onkel Ro trat auf seine Mutter zu, ergriff die Hand, welche sie ausgestreckt hatte, um die Kette besser bewundern zu können, und küßte sie mit tiefer Achtung; indeß benahm er sich hiebei doch in einer Weise, daß die Zuschauer nur eine europäische Sitte, nicht aber den warmen Gruß, den das Kind seiner Mutter zollt, darin erblicken konnten. »Lady,« erwiederte er mit Nachdruck, »wenn Jemand im Stande wäre, einen so lang' gehegten Entschluß zum Weichen zu bringen, so würde es zuverlässig eine so ehrwürdige, anmuthige und gute Frau sein, wie Ihr – denn ich bin überzeugt, daß Euch alle diese Eigenschaften zukommen. Aber ich habe ein Gelübde gethan, die Kette nur der Gattin meines Sohnes zu geben, wenn er eines Tages eine hübsche junge Amerikanerin heirathet. Aus diesem Grunde muß ich also auch Euch gegenüber nein sagen.« Die liebe Großmutter lächelte; aber da sie der Erklärung ihres Sohnes entnahm, die Kette sei wirklich zu einem Geschenk für meine künftige Gattin bestimmt, so wünschte sie nicht länger, der Gabe ein anderes Ziel anzuweisen. Nachdem sie die Kette einige Zeit betrachtet hatte, sagte sie zu mir: »Wünscht Ihr dieß eben so wie Euer On– Vater wollte ich sagen? Es ist ein sehr reiches Geschenk, fast zu reich für einen armen Mann.« »Ja, ja, Lady – Ihr habt hierin Recht; aber wenn einmal das Herz verschenkt ist, so geht das Gold nur als wohlfeile Waare mit in den Kauf.« Die alte Dame hatte halb Lust, über diesen meinen Versuch in geradbrechtem Englisch mir in's Gesicht zu lachen; aber das Wohlwollen, die Freude und die Zärtlichkeit, die sich noch immer in ihren schönen Augen aussprachen, machten den Wunsch in mir rege, mich wieder in ihre Arme zu werfen und sie zu küssen. Patt fuhr noch eine Weile fort, zu schmollen; aber bald trug ihr treffliches Wesen den Sieg über die augenblickliche üble Laune davon, und das Lächeln brach wieder aus ihrem Antlitz hervor, wie die Maisonne aus einer Wolke. »Nun, so muß ich mich eben drein fügen,« sagte sie gutmüthig, »obschon es die schönste Kette ist, die mir jemals zu Gesicht kam.« »Sorge nicht, Patty – die passende Person wird eines Tages eine eben so schöne finden, um sie dir zum Geschenk zu machen,« bemerkte Henriette Coldbrooke etwas spitzig. Diese Sprache gefiel mir ganz und gar nicht. Es war eine Anspielung, die sich ein gebildetes junges Frauenzimmer nicht hätte erlauben sollen, am allerwenigsten aber vor Andern oder gar vor Hausirern. Für ein Frauenzimmer von gutem Ton schickt sich dieß nun einmal nicht. Von diesem Augenblick an schwor ich mir in meinem Innern, daß die Kette nie Miß Henriette gehören solle, obschon sie ein hübsches stattliches Mädchen war und ein solcher Entschluß von meiner Seite die Plane meines Onkels kläglich zu Schanden machte. Ich war ein wenig überrascht, Patt's Wange von einem leichten Roth überfliegen zu sehen, erinnerte mich aber dann an den Namen des Reisenden Beekman. Als ich mich gegen Mary Warren wandte, bemerkte ich deutlich genug, daß sie unzufrieden war – aber aus keinem andern Grund, als weil die Hoffnung meiner Schwester getäuscht wurde. »Wenn Eure Großmutter nach der Stadt geht, wird sie wohl eine andere Kette für Euch auffinden, ob der Ihr diese vergessen könnt,« flüsterte sie mit liebevoller Theilnahme meiner Schwester in's Ohr. Patt lächelte und küßte ihre Freundin mit einer Wärme, welche mich überzeugte, daß die beiden bezaubernden jungen Wesen sich gegenseitig innig liebten. Doch die Neugierde meiner theuren alten Großmutter war geweckt worden, und sie fühlte jetzt ein Verlangen, sie zu befriedigen. Sie hielt noch immer die Kette in der Hand, und als sie dieselbe endlich mir, der ihr zufälligerweise am nächsten stand, zurückgab, sagte sie: »Es ist also auch Euer fester aufrichtiger Entschluß, Sir, diese Kette Niemand anders, als Eurer künftigen Gattin zu geben?« »Ja, Lady – oder, wie ich lieber sagen möchte, der Jungfrau, ehe sie mit mir an den Altar tritt.« »Und ist Eure Wahl schon getroffen?« fügte sie bei, nach den Mädchen hinsehend, die in einer Gruppe beisammen standen und die übrigen Schmucksachen meines Onkels musterten. »Habt Ihr die Jungfrau bereits gefunden, welche eine so schöne Kette besitzen soll?« »Nein, nein;« antwortete ich, ihr Lächeln erwiedernd und gleichfalls nach den Mädchen hinblickend. »Es gibt so viele schöne Ladies in Amerika, daß man nicht nöthig hat, sich zu übereilen. In guter Zeit wird sich die schon finden, welche mir bestimmt ist.« »Großmama,« unterbrach uns jetzt Patt, »da anders als unter gewissen Bedingungen Niemand die Kette erwerben kann, so sind hier drei andere Gegenstände, die ich für Anne, Henrietta und mich ausgelesen habe – ein Ring, ein paar Armspangen und ein paar Ohrringe. Zusammen werden sie zweihundert Dollars kosten – habt Ihr nichts gegen den Kauf einzuwenden?« Da meine Großmutter jetzt wußte, wer der Hausirer war, so begriff sie vollständig den Stand der ganzen Sache und erhob deßhalb kein Bedenken. Der Handel war bald abgeschlossen, und dann schickte sie uns Alle aus dem Zimmer, dafür den Vorwand benutzend, daß wir sie stören würden, während sie mit dem Uhrenhändler die Rechnung bereinige. Ihr eigentlicher Zweck war übrigens nur der, daß sie mit ihrem Sohn allein sein wollte; der Leser kann sich denken, daß von Dollars zwischen ihnen keine Rede war.   Elftes Kapitel. Wie anders jetzt! Ein neues Band Der Liebe schlang' sich durch mein Leben; Doch ach, es sollt' das holde Pfand Geschwisterherzen nur verweben. Willis .   Eine halbe Stunde später saßen Onkel Ro und ich am Tisch, um unser Mittagsmahl so ruhig zu verzehren, als ob wir uns in einem Wirthshaus befänden. Der Bediente, welcher die Tafel beschickt hatte, war schon lange in der Familie und hatte in diesem Haus den gleichen Dienst wohl schon ein Vierteljahrhundert besorgt. Natürlich war er kein Amerikaner von Geburt, denn diese bleiben nie so lange in einer untergeordneten Stellung, oder überhaupt in was immer für einer Stellung, welche so niedrig steht, wie die eines Hausdieners. Sind seine Eigenschaften so, daß man wünschen kann, ihn zu behalten, so darf er fast mit Sicherheit darauf zählen, daß er in der Welt sein Auskommen findet, und ist dieses nicht der Fall, so ist Niemand sonderlich daran gelegen, ob er geht oder bleibt. Die Europäer jedoch sind weniger regsam und weniger ehrgeizig: es ist daher nichts so Ungewöhnliches, derartige Personen geraume Zeit in demselben Dienste zu finden. So verhielt sich's nun auch mit John, der meine Eltern, als sie von ihrer Hochzeitreise aus Europa zurückkehrten, begleitet hatte und seit meiner Geburt im Hause geblieben war. Er stammte aus England und war nichts weniger als unverschämt geworden – eine sehr ungewöhnliche Erscheinung bei einem Dienstboten aus diesem Lande, wenn er nach Amerika verpflanzt wird, da dergleichen Personen sonst durch den plötzlichen Uebergang von der Bedrückung ihrer ursprünglichen Lage zu einem freien Verhältniß in der Regel ziemlich übermüthig werden. Bei dem Amerikaner trifft man, wie auch die Umstände sich gestalten mögen, selten eine eigentliche Unverschämtheit. Zwar ist er gleichgültig gegen die Förmlichkeiten des Lebens, die er vielleicht gar nicht einmal kennt, nimmt auf die rein konventionellen Verhältnisse wenig oder gar keine Rücksicht, versteht nicht viel von den Unterschieden, welche selbst unter den höheren Klassen seiner eigenen Landsleute stattfinden, und träumt von einer Gleichheit auch in Dingen, über die ihn der Augenschein an der eigenen Person sowohl, als an anderen täglich vom Gegentheil belehren könnte, blos weil er in der Ansicht aufgewachsen ist, daß alle Menschen gleiche Rechte hätten; jedenfalls aber weiß er so wenig von einem Druck irgend einer Art, daß er selten eine Neigung fühlt, durch Unverschämtheit hiegegen Rache zu nehmen. Obgleich man John in dieser Hinsicht keinen Vorwurf machen konnte, wohnte ihm doch das seiner Klasse gewöhnliche Gefühl in, sobald er mit Personen in Berührung kam, von denen er meinte, sie seien nicht besser, als er selbst. Er hatte den Tisch mit der gewohnten Reinlichkeit und Ordnungsliebe beschickt und trug die Suppe so regelmäßig auf, wie wenn wir in unserer wahren Eigenschaft an der Tafel gesessen hätten; dann aber entfernte er sich. Wahrscheinlich erinnerte er sich, daß der Wirth oder der Oberkellner eines englischen Gasthauses blos mit der Suppe zu erscheinen pflegt und sich unsichtbar macht, sobald diese verzehrt ist. So hielt es nun auch John. Sobald er die Schüssel abgetragen hatte, rückte er einen Drehtisch an die Seite meines Onkels, brachte ein Vorlegbesteck herbei, als wollte er sagen: »Jetzt bedient Euch selber,« und verließ das Zimmer. Natürlich war unser Mittagsmahl nicht sehr auserlesen, weil noch zwei oder drei Stunden zur regelmäßigen Essenszeit fehlten, obschon meine Großmutter zu Patts großer Bewunderung in meinem Beisein Befehl ertheilt hatte, daß wir mit einem oder dem anderen Leckerbissen bedient werden sollten. Unter die außerordentliche Bewirthung für solche Gäste gehörte auch der Wein; das Auffallende daran ließ sich übrigens einigermaßen durch die empfohlene Qualität erklären, da sie die Weisung erlassen hatte, uns Rheinwein aufzutischen. Onkel Ro war nicht wenig erstaunt über Johns Verschwinden, denn wenn er in diesem Zimmer saß, so war er an das Gesicht des alten Dieners so gewöhnt, daß er sich ohne ihn nur halb zu Hause fühlte. »Doch mag der Kerl immer fortbleiben,« sagte er, die Hand von der Klingelschnur wieder entfernend, nachdem er letztere bereits ergriffen hatte, um ihn zurückzurufen; »wir können ohne ihn zwangloser sprechen. Nun, Hugh, da bist du jetzt unter deinem eigenen Dach, verzehrst ein Mahl der Barmherzigkeit, und wirst mit einer Gastfreundlichkeit behandelt, als ob nicht Alles, was du im Umkreis von zwei Stunden sehen kannst, dein Eigenthum wäre. Beiläufig muß ich übrigens bemerken, es war ein glücklicher Einfall von der Dame, daß sie für uns in unserer Eigenschaft als Deutsche diesen Rüdesheimer bestellte! Wie erstaunlich gut sie noch aussieht, Junge!« »Ja wohl, und ich bin hocherfreut darüber. Ich sehe nicht ein, warum meine Großmutter nicht noch zwanzig Jahre leben sollte, denn auch hiedurch würde sie noch lange nicht so alt wie Sus, der, wie ich sie oft sagen hörte, schon zur Zeit ihrer Geburt in seinen mittleren Jahren stand.« »Du hast Recht; sie kommt mir eher wie eine ältere Schwester. als wie eine Mutter vor, denn sie ist in der That noch eine liebliche alte Frau. Aber wenn die Alten schon so bezaubernd sind – wir haben auch einige recht liebenswürdige junge Frauenzimmer da; was meinst du, Hugh?« »Ich bin ganz Eurer Ansicht, Sir, und muß sagen, ich habe in langer Zeit nicht zwei so entzückende Wesen bei einander gesehen, wie die sind, welche ich hier getroffen.« »Zwei? – hum; man sollte meinen, eine könnte zureichen. Und wenn man fragen darf, wer sind denn diese zwei, Meister Padischah?« »Natürlich Patt und Mary Warren. Die beiden andern sind auch recht artig, aber diese zwei behaupten bei Weitem den Vorrang.« Onkel Ro machte ein verdrießliches Gesicht, sagte aber zur Zeit nichts weiter. Das Essen ist stets ein guter Vorwand für die Unterbrechung eines Gesprächs, und er tafelte drauflos, als sei er entschlossen, seinen Aerger mit hinunterzuschlingen. Für einen Gentleman ist's übrigens eine schwere Aufgabe, bei Tische nichts Anderes zu thun, als zu essen, und so sah er sich endlich genöthigt, die Unterhaltung wieder anzuspinnen. »Im Grund sieht doch Alles recht gut hier aus, Hugh,« bemerkte mein Onkel. »Die Antirenters mögen zwar in ihrem Mißbrauch von Grundsätzen unendlich viel Schaden gethan haben; indeß gewinnt es doch den Anschein, als ob sie in materiellen Dingen noch nicht zerstörend eingegriffen hätten.« »Damit wäre ihnen schlecht gedient, Sir. Die Ernten gehören ihnen, und da sie die Farmen als Eigenthum zu erhalten hoffen, so wäre es kaum weislich von ihnen gehandelt, das zu beschädigen, was sie ohne Zweifel schon jetzt als das Ihrige anzusehen beginnen. Was das Nesthaus, die Gründe, die Farm u. s. w. betrifft, so sind sie wahrscheinlich gerne geneigt, mir alles dieß noch eine Weile zu lassen, vorausgesetzt, daß sie mir nur das Uebrige abspannen können.« »Du magst Recht haben – für eine Weile, obgleich es eine große Thorheit wäre, wenn man erwarten wollte, daß man mit Zugeständnissen ausreichen könne. Wenn sich's einmal um ungerechte Forderungen handelt, so ist der Mensch mit Abtretung eines Theils nie zufrieden, sondern wird früher oder später auch das Ganze an sich zu bringen suchen. Man könnte eben so gut von dem Taschendieb, welcher einen Dollar stahl, erwarten, er werde die Hälfte wieder herausgeben. Uebrigens muß ich sagen, daß mir das Aussehen des Platzes recht gut gefällt.« »Um so besser für uns. Indeß muß ich, wenn ich mein Urtheil und meinen Geschmack zu Rathe ziehe, sagen, daß Mary Warren einen günstigeren Eindruck auf mich gemacht hat, als Alles, was ich letzter Zeit in Amerika zu Gesicht bekam.« Ein abermaliges »hum« bekundete die Unzufriedenheit meines Onkels – denn die Bezeichnung wäre zu stark, wenn ich Mißvergnügen sagen wollte. Er griff auf's Neue nach seiner Gabel. »Du hast in der That trefflichen Rheinwein in deinem Keller, Hugh,« nahm Onkel Ro wieder auf, nachdem er eines der bekannten grünen Gläser geleert hatte. Beiläufig muß ich hier bemerken, daß ich nie begreifen konnte, warum man den Wein aus Grün trinken mag, da er sich doch in Kristallgläsern weit besser ausnimmt. »Er muß von dem Vorrath sein, den ich während meines letzten Besuchs in Deutschland für meine Mutter kaufte.« »Möge er Euch immerhin wohl bekommen, Sir; aber so viel bleibt gewiß, daß er der Schönheit Martha's und ihrer Freundin weder Etwas zulegt, noch abnimmt.« »Da du einmal auf solche kindische Anspielungen erpicht bist, so sei auch offen gegen mich und sage mir unverhohlen, wie dir meine Mündel gefallen.« »Ihr meint natürlich Eure Mündel mit Ausschluß meiner Schwester? Ich will so aufrichtig, als nur immer möglich sein und Euch sagen, daß mir in Beziehung auf Miß Marston durchaus keine Ansicht zusteht. Was aber Miß Coldbrooke betrifft, so ist sie, was man in Europa ein ›elegantes‹ Frauenzimmer nennen würde.« »Von ihrem Geist kannst du natürlich nichts sagen, Hugh, da du noch keine Gelegenheit hattest, dir hierüber ein Urtheil zu bilden.« »Ich gebe zu, daß meine Erfahrung sehr beschränkt ist. Gleichwohl würde sie mir besser gefallen haben, wenn sie die Anspielung auf die ›passende Person‹ unterlassen hätte, die eines Tages meiner Schwester eine Kette besorgen soll. Dieser Anfang hat nicht den besten Eindruck auf mich gemacht.« »Pah, pah, dieß ist eitel knabenhafte Bedenklichkeit. Ich halte sie durchaus nicht für vorlaut oder naseweis, und deine Deutung dürfte tant soit peu gemein sein.« »So versucht Ihr Euch mit einer Deutung, mon Oncle . Jedenfalls hat mir die Bemerkung durchaus nicht zugesagt.« »Es nimmt mich nicht Wunder, warum junge Männer unverehelicht bleiben, denn sie werden sogar übertrieben in ihren Liebhabereien und Ansichten.« Ein Fremder hätte auf eine solche Rede dem alten Junggesellen sein eigenes Beispiel entgegenhalten können; aber ich wußte zu gut, daß Onkel Ro einmal verlobt gewesen war und den Gegenstand seiner Neigung durch den Tod verloren hatte. Auch achtete ich seine Beständigkeit und sein treues Gefühl zu sehr, um mir über einen derartigen Gegenstand einen Scherz zu erlauben. Ich glaube, daß er die Zartheit meines Schweigens mehr als gewöhnlich zu würdigen wußte, denn er legte unmittelbar darauf seine Geneigtheit an den Tag, die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen und mir dieß dadurch zu beweisen, daß er dem Gespräch eine andere Wendung gab. »Wir können heute Nacht nicht hier bleiben,« sagte er; »denn dadurch wären mit einem Male unsere Namen verrathen – oder vielmehr unser Name – ein Name, der sonst so geehrt und geliebt in dieser Gegend war, jetzt aber ein Gegenstand des Hasses geworden ist.« »O nicht doch – so schlimm steht's noch nicht. Wir haben nichts gethan, um Haß zu verdienen.« » Raison de plus , uns um so herzlicher zu hassen. Wenn Leuten Unrecht geschieht, die nichts verschuldet haben, um eine solche Behandlung zu verdienen, so sucht der Uebelthäter seine Bosheit vor sich selbst dadurch zu rechtfertigen, daß er Allem aufbietet, den gekränkten Theil noch obendrein zu verläumden; und je schwieriger ihm dieß wird, desto tiefer wurzelt in seinem Innern der Haß. Verlaß dich darauf, man kann uns hier auf dieser Stelle, wo wir Beide sonst so geliebt waren, aus tiefstem Herzensgrund nicht leiden. So ist's aber mit der Menschennatur.« In diesem Augenblick kehrte John in's Zimmer zurück, um zu sehen, ob wir mit unserer Mahlzeit fertig seien, und die Löffel und Gabeln zu zählen; denn ich bemerkte, daß der Kerl dieß wirklich that. Mein Onkel folgte dem Gang der Gedanken, der zur Zeit in seinem Geist übermächtig war, und hielt John – etwas unbesonnen, wie mich däuchte – durch ein Gespräch fest. »Dieses Gut hier,« begann er fragend, »ist – wie ich höre – das Eigenthum eines General Littlepage?« »Nicht des Generals. Dieser war der Gatte von Madame Littlepage und ist längst todt. Sein Enkel, Mr. Hugh, ist der nunmehrige Eigenthümer.« »Und wo mag wohl dieser Mr. Hugh sein? – in der Nähe oder nicht?« »Nein, er befindet sich in Europa – das heißt, in England.« John meinte, England decke den größten Theil von Europa, obschon er den Wunsch, dahin zurückzukehren, längst überwunden hatte. »Mr. Hugh und sein Onkel Mr. Roger sind gegenwärtig nicht im Lande anwesend.« »Dieß ist ein Unglück, denn wie ich höre, gibt es hier herum viel Unruhen, und namentlich macht sich die Inschenkomödie breit.« »Ja wohl, und es ist eine Schändlichkeit, daß man ein solches Treiben gewähren läßt.« »Aber was ist der Grund der großen Aufgeregtheit? Wer hat sie verschuldet?« »Ei, dieß liegt nahe genug, sollte ich meinen,« entgegnete John, der sich, weil er so lange ein begünstigter Diener im Hauptquartier gewesen war, sich selbst für eine Art von Kabinetsminister hielt und einen Gefallen daran fand, seine Weisheit zur Schau zu stellen. »Die Pächter auf diesem Besitzthum möchten gerne Grundherren sein, und da dieß nicht angeht, so lange Mr. Hugh lebt und seine Einwilligung nicht gibt, so versuchen sie's eben mit allen möglichen Planen und Entwürfen, um den Leuten durch Einschüchterung die Lust an ihrem Eigenthum zu entleiden. Ich komme nie in's Dorf hinunter, ohne mit einigen von den Bewohnern zu sprechen, und da sage ich ihnen denn Wahrheiten, die ihnen gut thun können, wenn überhaupt bei diesem Volke noch etwas verfängt.« »Und was sagt Ihr ihnen? Mit was für Leuten sprecht Ihr, denen Eure Wahrheiten Nutzen bringen könnten?« »Je nun, seht Ihr, ich unterhalte mich hauptsächlich mit einem gewissen Squire Newcome, wie man ihn nennt, obschon ihm eben so wenig der Titel eines Squire gebührt, als Ihr auf diese Bezeichnung Anspruch machen werdet, da er nur so eine Art Attorney ist, wie man ihrer viele in diesem Lande hat. Ihr kommt aus der alten Welt, glaube ich?« »Ja, ja – wir kommen aus Tscharmany; Ihr könnt also sagen, was Euch beliebt.« »Wenn man die Wahrheit sagen soll– es gibt kuriose Squires in diesem Theil der Welt. Denn dieß gehört nicht hieher, obschon ich diesem Mr. Seneka Newcome so gut heimgebe, als er austheilt. Was wollt Ihr denn eigentlich? sage ich zu ihm. Ihr könnt nicht Alle Grundherren sein, denn es muß auch Pächter geben; und wenn ihr keine Pächter sein wollt, wer kann euch dazu zwingen, es zu bleiben? Amerika hat Land in Menge und noch dazu wohlfeiles Land. Warum habt ihr euch nicht von Anfang an liegendes Eigenthum erworben und seid hieher gekommen, um euch auf Mr. Hugh's Ländereien anzusiedeln? Und nun ihr euch eingepachtet habt – wozu auch die Händel über eine Sache, die nur von eurem freien Willen abhing?« »Dieß war eine sehr gute Bemerkung. Und was hat der Squire darauf erwiedert?« »Oh, Anfangs schwieg er mäuschenstille darauf; dann aber sagte er, als in alten Zeiten die Leute diese Ländereien pachteten, hätten sie sich nicht so gut auf ihren Vortheil verstanden, wie dieß heutigen Tags der Fall sei, sonst würden sie es unterlassen haben.« »Und Ihr konntet hierauf antworten, oder kam jetzt die Reihe an Euch, mäuschenstille zu sein?« »Nein, ich hab's ihm wieder tüchtig gegeben, wie man zu sagen pflegt. Sag' ich zu ihm, wie kömmt dieß, sage ich – ihr thut immer so dick mit eurer amerikanischen Gescheidtheit – und wie das Volk Alles wisse, was zu geschehen habe, sowohl in der Politik, als in der Religion. Ihr schreit nah und fern aus, eure Freisassen seien das Salz der Erde, und doch wißt ihr nicht einmal, wie ihr eure Pachtverträge abschließen müßt. Eine saubere Art von Weisheit, sagte ich. Und da hatt' ich ihn; denn das Volk in der ganzen Umgegend ist nur zu pfiffig, wenn der Handel mit in's Spiel kömmt.« »Hat dieser Herr Squire Newcome zugestanden, daß das Recht auf Eurer Seite sei und daß er Unrecht habe?« »Bei Leibe nicht; er gesteht nie etwas ein, was gegen seine eigene Doktrin geht, es müßte denn unwissender Weise geschehen. Aber ich habe Euch noch nicht halb genug mitgetheilt. Ich sagte ihm, sag' ich, wie mögt ihr nur davon sprechen, daß einer von der Littlepager Familie euch betrüge, während ihr doch recht wohl wißt, daß euch das Wort eines Angehörigen derselben Familie weit lieber ist, sage ich, als wenn euch ein anderer Leib und Seele verschreibt. Ihr wißt, Sir, es muß ein erbärmlicher Grundherr sein, mit dessen Wort sich nicht ein Pächter gerne begnügen könnte und würde. Man weiß wohl, daß all' dieß buchstäbliche Wahrheit ist, denn ein Gentleman mit einem schönen Besitzthum ist über die Versuchung erhaben und setzt einen Stolz darein, zu thun, was recht und honett ist. Ich bin daher der Ansicht, daß es gut sei, einige solcher Leute im Land zu haben, wenn's auch nur wäre, daß die Schlechten nicht ganz und gar in ihre Schuhe treten.« »Und all' dieß habt Ihr dem Squire gesagt?« »Nein, dieß sage ich nur zu euch Zweien, weil wir da eben in freundlicher Weise miteinander reden. Aber kein Mensch darf sich schämen, es überall auszusagen, denn es ist so wahr wie die Bibel. Sage ich zu ihm: Newcome, sage ich, Ihr, der Ihr so lang auf dem Eigenthum der Littlepage's gelebt habt, solltet Euch schämen, sie ausziehen zu wollen. Könnt Ihr nicht damit zufrieden sein, daß Ihr Gentlemen so ganz und gar in den Hintergrund drängt, indem Ihr alle Aemter an Euch reißt und alle öffentlichen Gelder, an die Ihr Hand legen könnt, in den eigenen Nutzen verwendet? Müßt Ihr sie auch noch mit Füßen treten, sage ich, und dadurch für das, was Ihr seid, Rache an ihnen nehmen? sage ich.« »Ei, mein Freund,« entgegnete mein Onkel, »Ihr seid sehr dreist gewesen, daß Ihr es wagtet, den Leuten alles Dieß hier zu Land zu sagen, wo, wie ich höre, Niemand sich frei aussprechen darf, wenn in seinen Gedanken etwa allzuviel Wahrheit liegt.« »Ja, dieß ist's – dieß ist's; ich merke schon, daß Ihr schnell lernt. Ich sagte dieß Mr. Newcome, sagte ich, – Ihr seid keck genug, über Könige und Adelige zu schimpfen, denn Ihr wißt gar wohl, sage ich, daß sie über tausend Stunden von Euch weg sind, und Euch nichts anhaben können. So weit erkühntet Ihr Euch aber nicht, um vor Euren Herren, dem Volk, aufzutreten und ihm zu sagen, was Ihr wirklich von ihnen denkt und was ich Euch unter vier Augen auch aussprechen hörte. Ja, Ihr würdet eben so gern Euern Kopf vor eine Kanonenmündung hinhalten, wenn der Kanonier bereits mit der Lunte ausgeholt hat. Oh, ich hab's ihm hingesagt – darauf könnt Ihr Euch verlassen!« Obgleich in dieser Logik und Denkweise ein starker Beigeschmack vom englischen Bedienten sich aussprach, lag doch in seinen Bemerkungen viel Wahrheit. Namentlich ist diejenige, in welcher er Newcome beschuldigte, er behalte jenen Theil seiner Ansichten, die seine Gebieter betreffen, für sich, während er die übrigen der Oeffentlichkeit preisgebe, aus dem Leben gegriffen. Durch das ganze weite Bereich der amerikanischen Staaten gibt es in diesem Augenblick nicht einen einzigen Demagogen, welchem nicht mit Recht die nämliche Täuschung zum Vorwurf gemacht werden könnte. Dieselben Personen, welche jetzt im Lande vor dem Volk kriechen, um ihre selbstsüchtigen Zwecke zu erreichen, würden in einer Monarchie nicht nur die demüthigsten Verfechter der Gewalthaber sein, sondern sogar keinen Anstand nehmen, zu den Füßen Derjenigen niederzuknieen, welche dem Herrscher nahe stehen. Im gegenwärtigen Augenblick ist unter uns kein einziger mit Macht bekleideter Mann (sei er nun Senator oder Gesetzgeber), der nicht – während er jetzt die sogenannten Rechte der Pächter vertheidigt und dabei von allen Grundsätzen des Gewissens und der Gesetzgebung abgeht, um die Antirenters durch außerordentliche Zugeständnisse zu beschwichtigen – unter einem monarchischen System laut nach der Beihilfe des Schwertes und des Bajonettes schreien würde, um (wie es dann heißen würde) »der räuberischen Gier eines mißvergnügten Haufens ein Ziel zu setzen, welcher das Eigenthum Anderer an sich reißen möchte, ohne dafür Zahlung zu leisten.« Alles Dieß ist eine unumstößliche Wahrheit, denn sie beruht auf einem umwandelbaren inneren Gesetz. Jeder, welcher von dem wahren Charakter der öffentlichen Personen, welche er zu unterstützen oder zu bekämpfen aufgefordert wird, ein richtiges Bild gewinnen will, hat jetzt Gelegenheit dazu; denn diese Ehrenmänner stehen nunmehr vor einem Spiegel, der sie in allen ihren Verhältnissen wieder gibt, und in den auch das blödeste Auge nur einen Blick zu werfen braucht, um sie von Kopf bis zu den Füßen zu übersehen. Meine Großmutter trat jetzt ein und Johns Redseligkeit wurde unterbrochen. Sie ertheilte ihm einen Auftrag, um ihn aus dem Zimmer zu entfernen, und nun erfuhr ich den Zweck ihres Besuchs. Meine Schwester war mit in das Geheimniß unserer Verkleidung gezogen worden und brannte vor Verlangen, mich zu umarmen. Meine liebe Großmutter hatte die Sache bei sich erwogen und war zu dem vollkommen richtigen Schluß gelangt, daß es im höchsten Grade lieblos sein würde, wenn man Patt über unsere Anwesenheit im Ungewissen lassen wollte, und sobald einmal die Thatsache enthüllt war, so machte die Natur ihre Sehnsucht geltend, die natürlich befriedigt werden mußte. Hatte ich mich doch selbst auch diesen Morgen wohl zwanzigmal versucht gefühlt, Patt an meine Brust zu drücken und sie zu küssen, wie ich so oft zu thun pflegte, als mir der Bart zu sprossen begann und sie kindisch sich darüber beschwerte. Es mußte daher jetzt eine Einleitung getroffen werden, wie eine Begegnung unter uns stattfinden konnte, ohne daß der Argwohn anderer Personen geweckt wurde. Meine Großmutter hatte hiefür schon ihre Anstalten getroffen und theilte uns jetzt dieselben mit. Neben Martha's Schlafgemach befand sich ein kleines Ankleidezimmer, in welchem die Zusammenkunft stattfinden sollte. »Sie ist jetzt mit Mary Warren dort und erwartet dein Erscheinen, Hugh – –« »Mary Warren?« entgegnete ich. »Weiß sie also gleichfalls, wer ich bin?« »Nicht im Geringsten. Sie hat keinen andern Gedanken, als daß du ein junger Deutscher von guter Herkunft und Erziehung seiest, der durch politische Zerwürfnisse aus seinem Vaterlande vertrieben wurde und durch seine Lage genöthigt ist, aus seinem musikalischen Talent Vortheil zu ziehen, bis er irgendwo ein besseres Unterkommen finden kann. Alles dieß hat sie uns schon mitgetheilt, ehe wir mit dir zusammentrafen, und du brauchst nicht eitel zu werden, Hugh, wenn ich beifüge, daß dein vermeintliches Unglück dein gutes Flötenspiel und dein anständiges Benehmen dir die Freundschaft eines der besten und edelsten Mädchen gewonnen haben, die mir je ein günstiges Geschick in den Weg führte. Ich sage, dein anständiges Benehmen , denn vorderhand kann nicht viel auf Rechnung deines guten Aussehens geschrieben werden.« »Ich will doch nicht hoffen, daß ich in dieser Verkleidung wirklich abschreckend aussehe. Um meiner Schwester willen – –« Das herzliche Lachen meiner lieben alten Großmutter verdroß mich, und ich sagte nichts mehr, obschon ich glaube, daß ich über meine eigene Thorheit ein wenig erröthete. Auch Onkel Ro stimmte in ihre Heiterkeit ein; zugleich aber konnte ich sehen, daß er Mary Warren mit ihrem Vater wohlbehalten über alle Berge wünschte, sintemal ihm es lieber gewesen wäre, der Letztere säße als Erzbischof von Canterbury in England, als daß er durch seine Anwesenheit in Amerika einen seiner Lieblingsplane kreuzte. Ich muß gestehen, daß ich mich sehr ob der Schwäche schämte, die ich eben kund gegeben hatte. »Du siehst so übel nicht aus, lieber Hugh,« fuhr meine Großmutter fort, »obschon ich glauben muß, du würdest interessanter sein, wenn du dein eigenes Lockenhaar und nicht diese schlichte Perücke trügest. Gleichwohl kann man von deinem Gesicht genug sehen, um es zu erkennen, wenn man einmal den Schlüssel dazu hat, und ich sagte Martha von Anfang an, ich sei betroffen gewesen über einen gewissen Ausdruck der Augen und über ein Lächeln, das mich an ihren Bruder erinnerte. Doch Mary und Martha harren deiner in dem Ankleidezimmer. Erstere ist eine warme Freundin von der Musik, in der sie selbst auch große Geschicklichkeit besitzt; es ist daher kein Wunder, wenn sie durch dein Flötenspiel hingerissen wurde. Sie hat uns von deiner Kunst so viel erzählt, daß unser Wunsch, dich noch einmal zu hören, wohl gerechtfertigt erscheint. Henrietta und Anne, die sich nicht so viel aus der Musik machen, sind mit einander fortgegangen, um in dem Gewächshaus sich Blumensträuße zu sammeln, und die Gelegenheit ist jetzt sehr günstig, der Sehnsucht deiner Schwester zu entsprechen. Ich werde es schon einzuleiten wissen, daß Mary nach einer Weile mit mir fortgeht, und dann könnt ihr beide euren geschwisterlichen Erziehungen Raum geben. Was dich betrifft, Roger, so brauchst du nur deine Truhe wieder zu öffnen, und ich stehe dir dafür, dieß wird deine andern Mündel in vollem Maaß beschäftigen, falls sie zu früh von ihrem Besuch bei dem Gärtner zurückkommen sollten.« Unsere Mahlzeit war vorüber, und nach Ertheilung der erforderlichen Weisungen schickten wir uns an, den Plan in der besprochenen Weise zur Ausführung zu bringen. Als ich jedoch mit meiner Großmutter das Ankleidezimmer erreichte, traf ich Martha nicht, sondern nur Mary Warren, die uns mit leuchtenden Augen und voll froher Erwartung empfing. Meine Schwester hatte sich für einen Augenblick nach dem innern Zimmer zurückgezogen, wohin ihr meine Großmutter, weil sie die Wahrheit ahnete, folgte. Wie ich später erfuhr, hatte sich Martha, weil sie fürchtete, bei meinem Eintritte ihre Thränen nicht zurückhalten zu können, entfernt, um sich so weit zu sammeln, daß durch ihr Benehmen unserem Geheimniß keine Gefahr drohe. Ich wurde aufgefordert, eine Arie zu beginnen, ohne auf die abwesende junge Dame zu warten, weil man die Töne leicht durch die offene Thüre hören könne. Ich mußte wohl zehn Minuten fortspielen, ehe meine Großmutter mit Martha wieder herauskam. Es war klar, daß sie geweint hatten; aber Mary Warren war von der Harmonie meiner Flöte so sehr in Anspruch genommen, daß sie wahrscheinlich diesen Umstand nicht bemerkte, obschon er mir augenblicklich auffiel. Ich freute mich übrigens, zu finden, daß es meiner Schwester gelungen war, ihre Gefühle zu bewältigen. Nach einigen Minuten benützte meine Großmutter eine Pause, um sich zu erheben und Mary Warren mit fortzunehmen, obgleich Letztere das Zimmer nur mit sichtlichem Widerstreben verließ. Der Vorwand, welcher dafür geltend gemacht wurde, betraf eine Zusage an den Geistlichen, welchen man in der Bibliothek über eine Angelegenheit, die mit den Sonntagsschulen in Verbindung stand, sprechen wollte. »Der junge Mann soll dir noch eine Arie spielen, Martha,« bemerke meine Großmutter. »Ich komme an Jane's Zimmer vorbei und werde sie unverzüglich herschicken.« Jane war die Garderobejungfer meiner Schwester und hatte ihr Zimmer ganz in der Nähe. Auch kann ich mir wohl denken, daß meine Großmutter im Beisein Mary Warren's sogleich die betreffende Weisung ertheilte, weil diese sonst das Auffallende des ganzen Benehmens hätte überraschen müssen; aber Jane erschien gleichwohl nicht. Was mich betraf, so spielte ich so lange fort, als ich glaubte, daß ein Ohr nahe genug sei, um mich hören zu können; dann aber legte ich meine Flöte bei Seite. Im nächsten Augenblick lag Patt in meinen Armen und weinte geraume Zeit an meiner Brust; aber ihrem Gesichte war anzusehen, daß sie sich unaussprechlich glücklich fühlte. »O Hugh! wie mochtest Du auch in solcher Verkleidung dein Haus besuchen!« rief sie, sobald sie sich hinreichend gesammelt hatte, um Worte zu finden. »Wie hätte ich es anders möglich machen können? Du kennst den Zustand des Landes und die kostbaren Früchte, welche unser vielgepriesener Baum der Freiheit hervorbringt. Der Besitzer des Grund und Bodens kann sein Eigenthum nur mit Gefahr seines Lebens besuchen!« Martha drückte mich in ihre Arme und bekundete in der Art, wie sie dieß that, daß sie recht wohl die Gefahr kannte, welcher ich mich aussetzte, selbst wenn ich sie in einer Verkleidung besuchte. Dann nahmen wir Seite an Seite auf einem kleinen Divan Platz und unterhielten uns über Dinge, die natürlich ein paar Geschwistern, welche sich so sehr liebten und fünf Jahre getrennt gewesen waren, zunächst am Herzen liegen mußten. Meine Großmutter hatte Alles so gut eingeleitet, daß wir, wenn wir es für passend hielten, wohl eine Stunde ungestört bei einander bleiben konnten, während es allen Uebrigen gegenüber den Anschein gewann, als habe mich Patt schon nach einigen Minuten entlassen. »Nicht eines von den übrigen Mädchen hat auch nur die mindeste Ahnung, wer du seiest,« sagte Martha lächelnd, nachdem wir die Fragen und Antworten durchgemacht hatten, welche für unsere Lage so natürlich waren. »Von Henrietta nimmt mich dieß am meisten Wunder, da sie sich so viel auf ihren Scharfblick zu Gute thut. Sie ist übrigens eben so sehr im Dunkeln, wie die Uebrigen.« »Und Miß Mary Warren – die junge Dame, welche eben das Zimmer verlassen hat – schwebt ihr nicht eine kleine Ahnung vor, daß ich kein gewöhnlicher deutscher Musikant sei?« Patt lachte auf meine Frage mit solcher Heiterkeit, daß die Töne ihrer süßen Stimme mich mit Entzücken erfüllten. Ich stellte zugleich Betrachtungen an, was sie vor fünf Jahren noch gewesen war, und sie strich sich die blonden Haarflechten aus den Wangen, ehe sie mir antwortete. »Nein, Hugh,« versetzte sie; »sie hält dich für einen ungewöhnlichen deutschen Musikanten – für einen Künstler, der seine Musik nicht blos herleiert, sondern sie in einer Weise aufzustutzen weiß, daß sie selbst dem gewähltesten Geschmack genießbar wird. Aber wie kam Mary dazu, dich und meinen Onkel für ein paar verunglückte deutsche Gentlemen zu halten?« »Und glaubt das liebe Mädchen wirklich – das heißt, erweist uns Miß Mary Warren die Ehren, uns in diesem Lichte zu betrachten?« »Ja, gewiß, und sie erzählte uns viel von euch, nachdem sie wieder in der Heimath angelangt war. Henrietta und Anne haben sich über Miß Warren's großes Inkognito sehr lustig gemacht und allerlei Muthmaßungen darauf gebaut. Sie nennen dich den Herzog von Geige.« »Ich bin ihnen dafür sehr zu Dank verpflichtet,« entgegnete ich, wahrscheinlich mit ein Bischen allzugroßer Schärfe, denn ich nahm an Patt die Miene der Ueberraschung wahr. »Aber eure amerikanischen Städte sind gerade die rechten Halbheiten, um junge Frauenzimmer zu verderben, indem sie nicht nur weit hinter der feinen Bildung zurückbleiben, welche man in wirklichen Hauptstädten findet, sondern auch jene Zierde des Landlebens, die Einfachheit und das natürliche Wesen zerstören.« »Ei, Meister Hugh, du bist ja sehr aufgebracht über eine Kleinigkeit, und in deinen Reden machst du deiner Schwester kein sonderliches Kompliment. Warum sollten deine amerikanischen Städte nicht eben so gut sein, als die unsrigen ? Oder gehörst du nicht länger uns an?« » Dir immer, meine theure Patt; aber von jenen plappernden Jungfern mit ihren Geigenherzogen will ich nichts wissen, sintemal ihr ganzer Lebenszweck nur darin besteht, für eine Belle zu gelten! Doch genug hievon – die Warren's sind dir Werth?« »Gewiß – Vater und Tochter. Der Erstere ist ganz, wie ein Geistlicher sein soll – von einer Bildung und Einsicht, die ihn für Jedermann zu einem angenehmen Gesellschafter machen, und dabei so einfach wie ein Kind. Du erinnerst dich seines Vorfahrers – jenes unzufriedenen, eigennützigen, trägen, tadelsüchtigen Mannes, dem nichts genug war und der weder den Personen, noch den Dingen in seiner Umgebung Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte, während er doch zu gleicher Zeit so – –« »Fahre nur fort. So weit hast du seinen Charakter trefflich gezeichnet – ich möchte auch den Rest hören.« »Ich habe schon mehr gethan, als ich sollte, denn ich kann mich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß man die Religion und die Kirche mit in Mißcredit bringt, wenn man die Mängel eines Geistlichen schonungslos enthüllt. In Amerika muß ein Diener des Worts schon ein sehr schlimmer Mann sein, wenn man ihm soll nachtheilige Dinge nachsagen dürfen, Hugh.« »Du hast hierin vielleicht recht. Mr. Warren ist dir also lieber, als sein Vorgänger?« »O, tausendmal und in allen Dingen. Abgesehen davon, daß er ein treuer, frommer Hirte ist, haben wir in ihm auch einen angenehmen gebildeten Nachbar, aus dessen Munde ich im Lauf der fünf Jahre, die er hier verweilt, auch nicht eine Sylbe auf Kosten eines einzelnen Nebenmenschen gehört habe. Du weißt, wie hier zu Lande die Leute und die übrigen Geistlichen gewöhnlich sind – sie leben, wenn's auch nicht gerade zu wirklichem Hader kommt, doch stets mit einander auf Spitz und Knopf, und der Friede ist so hohl, daß er durch eine Kleinigkeit zum Einsturz kommen kann.« »Dieß ist leider nur zu wahr – oder war es wenigstens, ehe ich meine Reisen antrat.« »Und ich stehe dir dafür, es ist um kein Haar besser geworden, obschon wir uns hier nicht zu beklagen haben. Mr. Warren und Mr. Peck scheinen mit einander auf vollkommen freundschaftlichem Fuße zu stehen, obschon sie wie Feuer und Wasser von einander verschieden sind. « »Beiläufig, wie benehmen sich die Geistlichen der verschiedenen Sekten, die durch das Land verbreitet sind, in Betreff der Antirentenfrage?« »Ich kann da nur vom Hörensagen sprechen – natürlich mit Ausnahme des Mr. Warren. Dieser hat zwei oder drei einfache und strenge Predigten über die Pflicht der Ehrlichkeit in unserem weltlichen Verkehr gehalten und in einer derselben das zehnte Gebot erklärt. Natürlich bezog er sich nicht auf die herrschenden Unruhen, aber Jedermann mußte nothwendig aus den offen daliegenden Wahrheiten, welche er zur Sprache brachte, seine Nutzanwendung ziehen. Ich glaube kaum, daß sich nah und fern auch nur eine einzige weitere Stimme über diesen Gegenstand erhoben hat, obschon ich von Mr. Warren erfuhr, die Bewegung bedrohe New-York mit weit größerer Entsittlichung, als irgend ein anderes seiner Erlebnisse.« »Und der Mann im Dorf drunten?« »Oh, dieser hält es natürlich mit der Mehrheit. Wann hätte man auch je erlebt, daß ein Mensch von diesem Schlag sich in irgend etwas seinem Pfarrgenossen widersetzt hätte!« »Und Mary besitzt eben so gesunde und edle Grundsätze, wie ihr Vater?« »Ganz dieselben. Es ist übrigens letzter Zeit viel davon gesprochen worden, daß es nöthig sei, M. Warren zu entfernen und ihm das Rektorat von St. Andrew's abzunehmen, weil er gegen die Habsucht gepredigt habe. Dem Vernehmen nach sagen alle Antirenters, sie wissen wohl, daß er sie gemeint habe, und sie wollen dieß nicht auf sich liegen lassen.« »Ich kann mir's denken, denn Jeder mußte sich vorstellen, er selbst sei bei Namen aufgerufen worden. Dieß ist so die Art und Weise, wenn das Gewissen zu wirken anfängt.« »Es würde mir schmerzlich leid thun, wenn ich mich von Mary trennen müßte, und ich würde es fast eben so sehr bedauern, wenn uns ihr Vater verließe. Es ist übrigens ein Punkt vorhanden, von dem Mr. Warren selbst glaubt, daß es gut wäre, wenn wir ihn beseitigten, Hugh; ich meine jenen Vorsprung über unserem Kirchenstuhl, den wir ja abtragen lassen können. Du hast gar keinen Begriff, welchen Lärm dieses einfältige Dach landauf landab angerichtet hat.« »Nein, ich werde es nicht wegschaffen. Es ist mein Eigenthum und soll es bleiben. Was die Sache selbst betrifft, so war es nicht passend, eine derartige weltliche Auszeichnung in der Kirche anzubringen, und ich will dieß gern zugeben; aber der Vorsprung hat nie Anstoß erregt, bis man auf den Wahn kam, das Geschrei dagegen könne dazu beitragen, mich um den halben Preis oder gar ohne Entschädigung, wie es eben kommen mag, meiner Ländereien zu berauben.« »Du hast vielleicht hierin vollkommen recht; aber wenn er einmal für eine Kirche nicht paßt, warum ihn dann beibehalten?« »Weil ich mir das, was ich als mein Eigenthum ansprechen kann, nicht abtrotzen lassen will, selbst wenn mir noch so wenig daran gelegen ist. Es gab vielleicht eine Zeit, in welcher eine derartige Bedachung nicht für das Haus Gottes paßte – nämlich damals, als Diejenigen, welche sie sahen, auf den Glauben kommen konnten, es bedecke das Haupt eines Nebenmenschen, welcher an das Wohlgefallen Gottes höhere Ansprüche habe, als sie selbst; heutzutage aber schätzt man das Verdienst, indem man mit dem andern Ende der geselligen Stufenleiter den Anfang macht, und es ist deßhalb wenig Gefahr vorhanden, daß irgend Jemand in einen Irrthum verfalle. So wenig mir auch an dem Vorsprung liegt, so soll er doch stehen bleiben. Zwar wäre es mir lieber, ihn fortzuschaffen, weil ich vollkommen einsehe, wie unpassend es ist, im Tempel des Herrn derartige Unterscheidungsmerkmale anzubringen; aber er darf nicht wegkommen, bis die Zugeständnisse aufhören, er könne gefährlich sein. Ich habe Eigenthumsrechte daran und werde diese festhalten. Sind Andere unzufrieden darüber, so mögen sie auch Dächer über ihre Kirchenstühle machen, und der beste Probierstein in einer derartigen Sache ist das, zu warten, wer es am längsten treibt. Seneka Newcome z. B. würde eine seltsame Figur machen, wenn er in einem bedachten Kirchenstuhl säße. Sogar sein eigener Anhang würde ihn verlachen, und dieß will, meine ich, mehr heißen, als sie sich mir gegenüber getrauen.« Martha machte eine unzufriedene Miene, ließ aber den Gegenstand fallen. Zunächst besprachen wir uns nun über unsere kleinen Privatangelegenheiten, wobei allerlei Unbedeutendes verhandelt wurde. »Und wem ist jene schöne Kette zugedacht, Hugh?« fragte Patt lachend. »Ich glaube jetzt gerne den Worten des Hausirers, als er sagte, sie sei deiner künftigen Gattin vorbehalten. Aber wer wird diese sein – soll sie Henrietta oder Anne heißen?« »Warum fragst du nicht auch, ob ihr Name nicht vielleicht Mary sein würde? – warum eine von deinen Freundinnen ausschließen, während du der beiden andern Erwähnung thust?« Patt war betroffen, denn diese Erwiederung schien sie nicht erwartet zu haben. Ihre Wangen glühten, und ich bemerkte, daß die Freude in ihren Gefühlen vorherrschend war. »Komme ich vielleicht zu spät, um dieses Kleinod mit meiner Kette in Verbindung zu bringen?« fragte ich halb im Scherz, halb im Ernst. »Zu früh wenigstens, um es durch den Reichthum und die Schönheit deines Zieraths zu fesseln. Es gibt im ganzen Lande kein natürlicheres und uneigennützigeres Mädchen, als Mary Warren.« »Sei offen gegen mich, Martha, und sprich dich unverhohlen aus. Hat sie irgend einen begünstigten Bewerber?« »In der That, du scheinst die Sache ernsthaft zu nehmen!« rief meine Schwester lachend. »Aber um dich aus deinen Nöthen zu erlösen, will ich dir antworten: daß ich nur von einem einzigen weiß. Einer ist zuverlässig vorhanden, oder der weibliche Scharfsinn müßte sich ganz und gar auf einem Irrwege befinden.« »Aber ist dieser Eine begünstigt? Du kannst nicht glauben, wie viel für mich von deiner Erwiederung abhängt.« »Du magst dir selbst ein Urtheil darüber bilden. Der Freier ist Seneky Newcome, wie er hier herum genannt ist – der Bruder der bezaubernden Opportunity, welche es noch immer auf dich abgesehen hat.« »Und sie sind so wilde Antirenters, als es nur irgend ein Mann oder ein Weib im Lande sein kann.« »Sie sind ächte Newcomiten – das heißt, jedes hat blos sich selbst im Auge. Würdest du es wohl glauben, daß Opportunity sich Mary Warren gegenüber das Ansehen einer vornehmen Dame gibt?« »Und wie benimmt sich Mary Warren einer solchen Anmaßung gegenüber?« »Wie sich's für eine junge Person ziemt: sie verhält sich ruhig und thut, als ob sie es nicht merke. Aber es ist wirklich etwas Unausstehliches, wenn Leute, wie diese Opportunity Newcome, sich erdreisten, gegen eine wahrhaft gebildete Dame den Ton der Ueberlegenheit anzunehmen. Mary hat eine so gute Erziehung genossen und steht in so achtbarer Verwandtschaft, wie nur irgend Jemand von uns, und man kann an ihr nicht verkennen, daß sie an anständige Gesellschaft gewöhnt ist, während Opportunity« – Patt lachte jetzt und fügte sodann hastig bei: »doch du kennst ja das Frauenzimmer so gut wie ich.« »O ja; sie ist la vertue oder die Kraft und je suis venue pour « – Patt verstand die letztere Anspielung nur zu gut, da sie sich schon zu Dutzendmalen über die Geschichte lustig gemacht hatte, und als ich ihr den Vorgang mit der »Einöde« erzählte, wurde ihre Heiterkeit noch mehr gesteigert. Dann kam es zu einer Anwandlung schwesterlichen Gefühls. Patt bestand darauf, ich müsse meine Perücke abnehmen, damit sie mein Gesicht in seinem natürlichen Zustande sehen könne. Ich that ihr gerne diesen Gefallen; aber jetzt benahm sich das Mädchen wahrhaftig wie närrisch. Zuerst zerzauste sie mir die Locken, bis sie dieselben in einer Weise geordnet hatte, daß sie ihrem thörichten Geschmack zusagten; dann lief sie etliche Schritte zurück, schlug erfreut die Hände zusammen, stürzte wieder in meine Arme, küßte mich auf Stirne und Augen und nannte mich »ihren Bruder« – ihren »einzigen Bruder« – ihren »lieben, theuren Hugh,« und was dergleichen Liebesworte mehr waren, bis sie zuletzt sich und mich in einen solchen Zustand von Aufregung versetzt hatte, daß wir Beide neben einander Platz nahmen und laut zu weinen begannen. Vielleicht war eine derartige Entladung nöthig, um unsern gepreßten Herzen Luft zu machen, und wir thaten ihr deßhalb klüglicherweise keinen Einhalt. Meine Schwester weinte natürlich am längsten; aber sobald sie ihre Augen getrocknet hatte, setzte sie mir die Perücke wieder auf und brachte mit zitternden Händen meine Verkleidung wieder in den frühern Stand, während dieses ganzen Vorganges stets befürchtend, daß Jemand eintreten und mich erkennen könnte. »Es war sehr unklug von dir, Hugh, daß du überhaupt hiehergekommen bist,« sagte sie, während sie so beschäftigt war. »Du kannst dir keine Vorstellung bilden von dem unglückseligen Zustand des Landes, und weißt nicht, wie weit sich das Gift des Antirentismus und die Bosheit, welche demselben zu Grunde liegt, verbreitet haben. Der lieben Großmutter haben sie viele garstige Widerwärtigkeiten bereitet, und du würdest kaum mit dem Leben davon kommen.« »Land und Leute müssen sich demnach im Laufe von fünf Jahren seltsam geändert haben; denn der Bevölkerung unsers New-Yorks hat man bisher nicht nachsagen können, daß sie auch nur entfernt meuchelmörderische Gesinnung hege. Das Theerfaß und die Federn sind allerdings seit unfürdenklichen Zeiten die Waffen der Galgenstricke und der kleinen Tyrannen gewesen, aber von dem Messer habe ich nie etwas gehört.« »Und kann etwas früher oder nachdrücklicher den Charakter eines Volks ändern, als die Gier nach dem Eigenthum Anderer? Ist nicht die ›Habsucht die Wurzel allen Uebels‹ – und welches Recht haben wir, die Bevölkerung von Ravensnest für besser zu halten, als eine andere, wenn einmal dieses schmutzige Gefühl in hellen Flammen auflodert? Du weißt, du hast mir selbst geschrieben, daß alle Amerikaner nur in Geld ihr Lebenselement finden.« »Ich habe dir geschrieben, meine Liebe, dem Land bleibe in seinem gegenwärtigen Zustand kein anderer Sporn für die Anstrengung, und hierin liege sein Fluch. Sogar der militärische Ruf und der militärische Rang sind unter unserem System unerreichbar. Künste und Wissenschaften bringen wenig oder keinen Lohn, und da es keine politische Auszeichnung gibt, welche für den Mann von Bildung als Verlockung dienen kann, so müssen die Menschen entweder für das Geld, oder überhaupt für einen andern Zustand des Daseins leben. Gleichwohl habe ich dir auch gesagt, Martha, ich halte trotz alledem den Amerikaner weit weniger für feil im gewöhnlichen Sinne des Worts, als den Europäer; denn in jedem europäischen Lande z. B. lassen sich zwei Menschen erkaufen, während hier vielleicht ein einziger. Letzteres ist vermuthlich eine Folge der Leichtigkeit, mit welcher man hier seinen Lebensunterhalt findet, und darnach richten sich auch die Gewohnheiten.« »Kümmern wir uns nicht um die Ursachen. Mr. Warren sagt, es greife eine verzweifelte Raublust unter diesen Leuten um sich, und man habe die größte Gefahr von ihnen zu besorgen. Bis jetzt haben sie noch einige Achtung vor Frauenzimmern, aber wie lang dieß dauern wird, ist nicht vorauszusehen.« »Es mag wohl und muß wohl auch so sein, da Alles, was ich darüber gehört und gelesen habe, sich nur in einer Stimme vereinigt. Und doch sieht dieses Thal im gegenwärtigen Augenblicke so lächelnd und so süß aus, als sei es nie durch eine schlimme Leidenschaft besudelt worden. Verlaß dich übrigens auf meine Klugheit, welche mir sagt, daß wir uns jetzt trennen müssen. Ich werde dich noch öfter sehen, ehe ich mein Besitzthum verlasse, und Ihr müsset uns natürlich irgend wohin folgen – nach den Quellen von Saratoga vielleicht – sobald wir es nöthig oder zweckmäßig finden, unser Lager zu verlegen.« Natürlich versprach dieß Martha und ich küßte sie zum Abschied. Niemand kam mir in den Weg, als ich nach der Piazza hinunterstieg; denn da ich hier zu Hause war, so fand ich mich leicht zu recht. Ich schlenderte einige Minuten im Hof umher, und zeigte mich dann vor den Fenstern der Bibliothek, wo, wie ich erwartet hatte, die Aufforderung an mich erging, hereinzutreten. Onkel Ro hatte alle seine Siebensachen, die zu Geschenken für seine Mündel bestimmt waren, angebracht, und die Zahlung sollte durch Mrs. Littlepage bereinigt werden, welche natürlich nicht entfernt an etwas der Art dachte. Auch sagte mir der Geber später, diese Art Geschenke auszutheilen, sage ihm weit besser zu, als jede andere, weil er jetzt überzeugt sein dürfe, daß jedes der Mädchen seine Liebhaberei dabei zu Rathe gezogen habe. Da die Stunde des regelmäßigen Diners herannahte, so verabschiedeten wir uns bald nachher, aber nicht ohne auf das freundlichste und dringendste eingeladen zu werden, daß wir, ehe wir die Stadtmarkung verließen, das Nest wieder besuchen sollten. Wir sagten natürlich bereitwillig zu, und gedachten auch, getreulich Wort zu halten. Nachdem wir das Haus verlassen hatten, kehrten wir nach der Farm zurück, machten aber zuvor noch auf dem Rasen Halt, um uns die Landschaft zu betrachten, die uns Beiden durch die theuersten Erinnerungen so werth war. Doch ich vergesse – dieß ist aristokratisch. Der Grundbesitzer hat kein Recht zu derartigen Gefühlen, welche die erhabene Freiheit, die uns das Gesetz sichern will, nur zum Besten der Pächter vorbehalten hat!   Zwölftes Kapitel. »Fortan sollen in England sieben Halbpenny- Laibchen für einen Penny verkauft werden. Die dreireifige Kanne soll zehn Reife haben, und ich will's zu einem Kapitalverbrechen machen, Dünnbier zu trinken. Das ganze Reich soll gemeinschaftlich sein, und mein Zelter soll in Cheapside grasen.« Jack Cade.   »Ich sehe nicht ein, Sir,« bemerkte ich, als wir nach dem letzten Anhalten weiter zogen, »warum die Gouverneure, die Gesetzgeber und die Journalisten, welche über den Antirentismus schreiben, so viel über Feudalismus, Hühner, Tagarbeiten und eiserne Pachtverträge schreien, während doch nichts dergleichen bei uns vorhanden ist, wohl aber die angebliche Folge davon, die Unzufriedenheit, sich allenthalben fühlbar macht.« »Du wirst dieß schon besser begreifen lernen, wenn du erst mit den Menschen näher bekannt geworden bist. Keine Partei bringt ihre eigenen schwachen Seiten zur Sprache, 's ist allerdings so, wie du sagst; aber die Schritte der Pächter würden die Theorieen der Philanthropen Lügen strafen und müssen deßhalb in den Hintergrund gestellt werden. Man darf annehmen, daß sich die Unzufriedenheit noch nicht über die Hälfte oder über ein Viertel der pachtbaren Güter im Lande – ja vielleicht kaum über ein Zehntel erstreckt hat, wenn man die Zahl der Grundbesitzer, nicht aber die Ausdehnung ihrer Liegenschaften zum Maaßstab nimmt; aber sie wird nothwendig immer weiter greifen, wenn die Behörden noch lange mit den Rebellen unter einer Decke spielen.« »Wenn das Einkommen der Grundherrn unter dem System der dauernden Rente besteuert werden soll, haben dann die gekränkten Partien nicht dasselbe Recht, gegen einen solchen Akt der Bedrückung zu den Waffen zu greifen, wie unsere Väter im Jahr 1776?« »Sogar noch ein besseres, denn das unserer Ahnen war nur ein gebildetes und aus allgemeinen Grundsätzen abgeleitetes Recht, während sich's heutzutag um einen Versuch handelt, dem geschriebenen Recht auf die gemeinste Weise auszuweichen. Das Bübische dieses Versuchs ist eben so schuldhaft, wie seine bösliche Absicht. Jedermann weiß, daß eine derartige Taxe, so weit sie etwas Anderes sein soll, als ein Köder für die Wähler, blos den Zweck hat, die Grundbesitzer von dem Festhalten an ihren Verträgen abzuschrecken, und dieß ist ein Schritt, den sich kein Staat unmittelbar erlauben kann, ohne Gefahr zu laufen, daß seine Gesetzgebung durch die Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten, wo nicht gar durch seine eigenen für inkonstitutionell erklärt werde.« »Ihr denkt an den Court of Errors ?« »Der Court of Errors ist durch seine Mißbräuche verfehmt. Nicht einmal Catilina hat die Geduld Roms mehr erschöpft, als diese Zwitterversammlung die Geduld eines jeden verständigen Rechtsgelehrten im Staate mißbrauchte. Das Sprichwort: › fiat justitia, ruat coelum ‹ wird jetzt so übersetzt: ›laßt Gerechtigkeit geschehen, mag auch der Gerichtshof darüber zu Grunde gehen.‹ Niemand wünscht seine Fortdauer, und die nächste Convention wird ihn zu den Capulets schicken, wenn sie auch sonst nichts Preiswürdiges zu Stande bringt. Er war eine klägliche Nachahmung des Oberhaus-Systems nur mit dem augenfälligen Unterschied, daß die englischen Lords Männer von Erziehung sind, die sehr viel bei der Sache auf dem Spiel stehen haben. Sie sind verständig genug und werden schon durch ihre eigenen Interessen darauf hingewiesen, die Erledigung von Appellationsfragen den Juristen ihrer Körperschaft zu überlassen, von denen stets eine achtbare Zahl vorhanden ist, diejenigen nicht mitgerechnet, welche im Besitz des Wollsacks und des Gerichtsstuhls sind. Bei uns dagegen besteht der Senat aus einem Haufen von kleinen Advokaten, Landärzten, Kaufleuten und Farmern, unter die sich nur hin und wieder ein Mann von wirklich freisinniger Bildung verliert. Steht der Court of Errors unter der Leitung eines scharfsinnigen, ehrenwerthen Richters, wie dieß die meisten unserer eigentlichen Richter gewöhnlich sind, so würde wohl kaum eine Jury zu Stande kommen können, die bei Ehrenkränkungen zum Beispiel eine achtbare Person durch ihres Gleichen richten ließe, und bei uns übt er das Amt eines Tribunals letzter Instanz, um Gesetzpunkte zu bereinigen!« »Wie ich bemerke, hat er kürzlich erst in einer Injurienklage eine Entscheidung erlassen, über welche der ganze Advokatenstand spottet.« »Gewiß; und betrachte nun eben diese Entscheidung – sie gibt dir einen Maaßstab für die Kenntnisse dieses Gerichtshofs. Ein Zeitungsschreiber bezeichnet der Welt einen Schriftsteller als einen Mann, dem es darum zu thun sei, eine kleine Summe zusammenzubringen, um sich in Wallstreet for shaving purposes niederzulassen. Die einzige wesentliche Frage, die sich hiebei erhebt, betrifft die eigentliche Bedeutung des Wortes shaving . Kommt ein Mann dadurch, daß er in Verbindung mit der Benützung von Geld ein shaver genannt wird, in Mißkredit, so reicht die Erklärung des Klägers zu: wo nicht, so ist sie unerheblich, weil das eigentlich Injurirende fehlt. Die Wörterbücher und die Menschen im Allgemeinen verstehen aber unter shaving Wucher und nichts Anderes. Bezeichnet man also einen Menschen als einen shaver , so hat man ihn als einen Wucherer prädicirt, ohne daß man in weitere Einzelnheiten einzugehen braucht. Nun werden aber in Wallstreet und unter den Geldmäcklern gewisse Manöver, welche man letzter Zeit unter die Categorie von shaving gebracht hat, weder von den dabei Betheiligten, noch von den Gerichtshöfen, für unehrenhaft gehalten, und shaving ist unter den Papierspekulanten ein technischer Ausdruck, welcher den Ankauf von Wechseln unter ihrem Nennwerth bedeutet. Dieß ist ein Geschäft, gegen welches die Gesetze nichts einzuwenden haben. In Hinblick auf diesen letztern Umstand hat der höchste Appellations-Gerichtshof in New-York, wie er selbst in seinen veröffentlichten Entscheidungsgründen zugesteht , das Urtheil abgegeben, daß es keine Beschimpfung sei, wenn man einen Menschen einen shaver nenne; er machte also einen conventionellen Ausdruck der Mäckler in Wallstreet zu einer höhern Autorität für den Gebrauch der englischen Sprache, als die Wörterbücher und alle Diejenigen, welche Englisch reden. Wenn nach demselben Grundsatze eine Bande von Taschendieben zu Five Points auf den Einfall käme, ihr Gewerb dadurch ein wenig zu mystificiren, daß sie in den Ausdruck ›mausen‹ die buchstäbliche Bedeutung von borgen eines Taschentuches einschlößen, so würde es keine Ehrenkränkung mehr sein, einen Bürger zu beschuldigen, daß er ›seines Nachbars Schnupftuch gemaust habe‹.« »Aber die Schmähung wurde vor der ganzen Welt ausgestoßen, nicht vor den Mäcklern in Wallstreet allein, von denen sich allerdings erwarten läßt, daß sie ihre Kunstausdrücke verstehen.« »Ganz richtig; sie stand in einer Zeitung, welche die Lüge nach Europa trug, und der Verfasser der Anschuldigung gab, als er darüber vernommen wurde, öffentlich zu, er habe keinen Grund, von besagtem Schriftsteller eine derartige Absicht zu vermuthen. Das Ganze sei eben ein ›Scherz‹ gewesen. Jede Zeile des Artikels zeigte aber die bösliche Absicht und die Entscheidung erscheint mir ganz in dem Lichte, wie wenn man einen Menschen, der einen andern einen »Dieb« nennt, auf die Entschuldigung hin frei sprechen wollte, er habe darunter einen ›Herzensdieb‹ verstanden, weil man hin und wieder diese zwei Worte miteinander in Verbindung zu bringen pflegt. Wenn nun Menschen von Beiwörtern Gebrauch machen, die in ihrer allgemeinen Bedeutung ehrenrührig sind, so liegt es ihnen ob, im Texte schon den Sinn, welchen sie im Auge haben, näher zu erläutern. Indeß möchte sich's sehr fragen, ob es sogar in Wallstreet einen achtbaren Geldmäckler gibt, der, wenn man ihn in einem Gerichtshof dazu aufforderte, nicht schwören würde, er halte die allgemeine Beschuldigung des shaving unter allen Umständen für eine Injurie.« »Ihr glaubt also, Sir, die Grundbesitzer seien moralisch im Rechte, wenn sie gegen eine Besteurung ihrer Renten Widerstand leisten?«. »Ohne alle Frage, denn es handelt sich dabei um eine Einkommensteuer, die im ganzen Lande nur sie betrifft. Ja, was noch mehr ist, ich bin vollkommen überzeugt, daß zweitausend Männer, die zusammenträten, um einer solchen Tyrannei Widerstand zu leisten, der ganzen verfügbaren Macht des Staates Trotz bieten könnten, denn ich glaube nicht, daß sich die Bürger unter die Waffen rufen ließen, um ein so schreiend ungerechtes Gesetz durchzuführen. Die Leute sehen zwar theilnahmlos zu und lassen das Unrecht geschehen, rühren aber sicherlich keine Hand, wenn man von ihnen verlangt, sie sollen selbst zu der Rechtsverletzung mitwirken. Doch wir nähern uns jetzt der Farm, und Tom mit seinen Taglöhnern harrt schon auf unsere Ankunft.« Es ist unnöthig, ausführlich zu wiederholen, was bei Gelegenheit unsres zweiten Besuchs in dem Farmhause vorging. Miller nahm uns auf's freundlichste auf, und bot uns ein Bett an, wenn wir bei ihm übernachten wollten. Die Geschichte mit dem einen Bett hatte uns im Lauf unsrer Wanderungen mehr Noth gemacht, als Alles andere. Die bessern Gasthäuser New-Yorks sind zwar längst über das System der zwei- und dreischläfrigen Betten hinaus, und in keinem achtbaren Hotel wird einem Gentleman mehr zugemuthet, er solle, so fern nicht dringende Nothfälle eine Entschuldigung bieten, auch nur sein Zimmer, geschweige denn sein Bett mit einem andern theilen; aber dieß ist eine Regel, welche auf Hausirer und wandernde Musikanten keine Anwendung findet. Wir hatten Augenschein genommen und gefunden, daß man von uns erwartete, wir sollten nicht nur in demselben Bett, sondern auch in einer Stube schlafen, die mit andern Betten angefüllt war. Es gibt gewisse Dinge, die zur zweiten Natur werden, und keine Mummerei ist im Stande, sie zu bewältigen; hieher gehört unter andern die Abneigung gegen gemeinschaftliche Benützung eines Zimmers und einer Zahnbürste. Diese kleine Schwierigkeit belästigte uns jene Nacht, die wir in Tom Millers Haus zubrachten, mehr als Alles, was uns bisher zugestoßen war. In den Wirthshäusern erreichten wir durch Geschenke wohl unsern Zweck, aber in einem Farmhause ging dieß nicht so gut an. Endlich brachten wir's so weit, daß ich ein Unterkommen unter dem Dach fand, wo mir in der Behausung, die mein Eigenthum war, ein Strohlager bereitet wurde. Die achtbare Mrs. Miller wußte ihrer Entschuldigungen kein Ende zu finden, daß sie keine Federndecke besitze, in welche ich mich »wickeln« könne. Ich sagte der guten Frau nicht, daß ich weder Sommers noch Winters an Federbetten gewöhnt war, denn in diesem Falle würde sie mich in gleiche Reihe mit den armen Kreaturen aus dem »unterdrückten« Deutschland gesetzt haben, wo die Leute gar nicht wüßten, was leben heiße. In Betreff der Betten hätte sie auch nicht so ganz Unrecht gehabt, denn auf allen meinen Reisen traf ich nirgends so unbehagliche Schlafstätten, als in Deutschland – ein Mangel, von dem ich nur den Rhein und die großen Städte ausnehmen kann Da der »ehrenwerthe Gentleman aus Albany« die eigentliche Bedeutung des Ausdrucks »provinziell« nicht zu begreifen scheint, so will ich ihm bemerken, daß eines von den Merkmalen dieses Prädikats darin besteht, wenn man ein Bett in einem amerikanischen Landwirthshaus bewundert. Der Herausgeber. . Während man die Vorbereitungen zu unserem Unterkommen traf, bemerkte ich, daß Josh Brigham, wie der antirentisch gesinnte Taglöhner Millers hieß – für Alles, was geschah oder gesprochen wurde, Auge und Ohr offen hielt. Von allen Menschen auf Erden ist der Amerikaner dieser Klasse am mißtrauischsten, und er thut sich sogar etwas darauf zu Gute, daß sein Argwohn im Augenblick geweckt ist. Der Indianer auf dem Kriegspfad – die Schildwache, die eine Stunde vor Tagesanbruch in der Nähe des Feindes auf einem in Nebel gehüllten Posten steht – ein eifersüchtiger Gatte oder ein parteigängerischer Pfaffe – keiner von allen diesen ist auch nur um ein Haar erfinderischer in seinen Vorstellungen, Muthmaßungen oder Behauptungen, als ein Amerikaner von gemeinem Schlag, wenn er »mißtrauisch« geworden ist. Dieser Brigham nun war ein wahres beau ideal aus der Sippschaft des Argwohns – eben so neidisch und boshaft, als verschmitzt, lauernd und habgierig. Schon der Umstand, daß er in Verbindung mit den »Inschens« stand – wie sich später wirklich herausstellte – trug dazu bei, seinen natürlichen Hang durch das Bewußtsein der Schuld zu steigern und ihn doppelt gefährlich zu machen. Die ganze Zeit, die mein Onkel und ich darauf verwendeten, jedem von uns ein Stübchen, und wenn es auch die schlechteste Kammer wäre, zu erwirken, verwandte er kein Auge von uns, und seine mißtrauischen Blicke bekundeten, daß unsere Bewegungen jedenfalls seine Neugierde, wo nicht entschiedenen Argwohn, weckten. Nachdem alle Einleitungen getroffen waren, folgte er mir nach dem kleinen Hof vor dem Hause, von wo aus ich die mir so wohl bekannte Landschaft im Lichte der untergehenden Sonne betrachten wollte, und begann die Art seiner Muthmaßungen durch seine Sprache zu verrathen. »Der alte Mann,« er meinte damit Onkel Ro – »muß viel goldene Uhren bei sich haben,« sagte er, »daß er so höllisch besonder wegen seines Betts ist. Denk' wohl, es muß in einigen Gegenden ein kitzliches Gewerb sein, solche Dinge zu verhausiren.« »An manchen Orten ist's freilich gefährlich, obschon ich nicht glaube, daß man in diesem guten Land etwas zu besorgen hat,« erwiederte ich in gebrochenem Englisch. »Warum hat sich's denn der alte Kerl so angelegen sein lassen, dieses Stübchen für sich zu gewinnen und Euch unter das Dach hinauszuschieben? Wir, die wir im Taglohn arbeiten, mögen mit dem Dach nichts zu schaffen haben, weil's dort im Sommer gar heiß ist.« »In Dscharmany hat Jedermann ein eigenes Bett,« antwortete ich, da mir angelegentlich darum zu thun war, auf diesen Gegenstand nicht weiter einzugehen. Dieß war allerdings ein wenig geprahlt, denn ich wäre der Wahrheit näher gekommen, wenn ich gesagt hätte: ›hat jedermann ein halbes Bett‹, obschon vielleicht die zweite Hälfte sich in einem andern Zimmer befindet. »Oh, dieß ist's also? Na, ich kann mir denken, daß jedes Land seine besondern Weisen hat. Dscharmany muß ein desperat aristokratisches Land sein, schätz ich.« »Ja, man findet noch viel von der alten Feudalgesetzgebung und von den Feudalbräuchen in Dscharmany.« »Grundherrn die Menge, kann ich mir denken, wenn man die Sache beim Licht betrachtet. Pachtverträge so lange als mein Arm, rechne ich!« »In Dscharmany glaubt man, je länger ein Pachtvertrag sei, desto besser sei der Pächter daran.« Da dieß eine rein deutsche Ansicht war, welche nicht im Geringsten mit den Begriffen harmonirte, die von unsern Staatsmännern unter den Amerikanern verbreitet wurden, so suchte ich sie durch meinen Dialekt wo möglich noch deutscher zu machen. »Das ist ein kurioser Einfall! Wir hier meinen, daß ein Pachtvertrag etwas Schlimmes sei; und je weniger man von einem Uebel hat, desto besser ist's.« »Ich weiß nicht, was ich hiezu sagen soll, da ich die Sache nicht recht verstehe; aber was läßt sich wohl anfangen, um sie zu ändern?« »Oh, die Gesetzgebung wird Alles zurecht bringen. Es ist die Rede davon, daß ein Gesetz erlassen werden soll, welches künftighin alle Pachtverträge verbietet.« »Und wird sich das Volk dieß gefallen lassen? Jedermann sagt mir, Amerika sei ein freies Land; und kann man den Leuten verbieten, Ländereien zu pachten, wenn sie Lust dazu haben?« »Ja, seht Ihr, wir wünschen nur den Grundbesitzern ihre gegenwärtigen Pachtverträge zu entleiden. Hat man's einmal so weit gebracht, so kann das Gesetz gelegentlich schon wieder weich geben.« »Aber ist dieß recht? Das Gesetz sollte gerecht sein und nicht bald anziehen und bald wieder weich geben, wie Ihr's nennt.« »Ich merke schon, Ihr versteht mich noch nicht. Nein, wir haben die netteste und rundeste Gesetzgebung von der Welt, und hier muß es gerade wieder wie bei dem Bankerottgesetz zugehen.« »Und wie ist's denn damit zugegangen, wenn ich fragen darf? Ich kann mir nicht denken, was Ihr meint, da ich nichts von der Sache verstehe.« »Wirklich nicht? Ei, es that Wunder für einige von uns, kann ich Euch sagen. Es zahlte unsere Schulden und half uns auf, als wir am Boden lagen. Glaubt mir, dieß ist wahrhaftig keine Kleinigkeit. Ich hab' selbst zu dem ›Benefiz‹ gegriffen, wie man's nannte.« »Ihr? Wie kommt Ihr dazu, zu dem Benefitz eines Bankerottgesetzes zu greifen? Ihr, der Ihr als Dienstmann auf dieser Farm lebt?« »Jawohl; warum nicht? Unter jenem Gesetz brauchte man weiter nichts, als ungefähr sechszig Schillinge, um durch die Mühle zu kommen, und wenn Einer so viel zusammenscharren konnte, hinderte ihn nichts, das Kerbholz so lang werden zu lassen, als er wollte. Ich hatt' mich in eine Spekulation eingelassen, und das macht oder ruinirt ein Geschäft, kann ich Euch sagen. Gut, ich stehe ungefähr um vierhundert dreiundzwanzig Schillinge, zweiundzwanzig Cents schlechter, als auf Nichts; aber da ich etwa neunzig Schillinge in der Hand habe, gehe ich durch die Mühle, ohne daß ein Zahn auch nur den kleinsten Fetzen erwischt! Ich denke, man macht ein gutes Geschäft, wenn man mit zwanzig Cents einen ganzen Dollar Schulden zahlen kann.« »Und mit diesem guten Geschäft habt Ihr Euch abgegeben?« »Ihr dürft mir dieß nachsagen; und nun hab' ich im Sinn, mir durch die Antirenterei wohlfeil zu einer Farm zu verhelfen – das heißt, was ich wohlfeil nenne. Nicht dreißig oder vierzig Schillinge für den Acre, kann ich Euch sagen!« Ich begriff vollkommen, daß Mr. Joshua Brigham dergleichen öffentliche Gewaltmaßregeln für nichts anderes, als für pragmatische Sanctionen hielt, welche die Atmosphäre der Moral sowohl, als die des Rechts vor jeder, auch der mindesten Schwierigkeit, die in der Form veralteter Ansichten noch vorhanden war, zu säubern, damit er in dem einen Falle leicht seiner Schulden ledig, im andern aber plötzlich reich werden könne. Wahrscheinlich konnte man mir meine Betroffenheit ansehen, als ich so mit einem Male die Entdeckung machen mußte, daß ich Angesicht in Angesicht einem gemeinen Schurken gegenüber stand, der sich mit der wohlüberlegten Absicht trug, mich einer Farm zu berauben. Auch Joshua schien mein Benehmen aufzufallen, denn er lud mich ein, mit ihm einen kleinen Spaziergang die Straße hinunter zu machen, und benutzte sodann die Gelegenheit, die moralischen Bedenken, die mir etwa noch zu schaffen machten, durch eine weitere Erörterung des Gegenstandes zu beschwichtigen. »Ja seht,« nahm Joshua wieder auf, »ich will Euch sagen, wie es steht. Die Littlepage's haben dieses Land lange genug gehabt, und es ist Zeit, auch den armen Leuten eine Aussicht zu geben. Der junge Schwenkfelder, welcher sich herausnimmt, alle die Farmen, welche Ihr nah und fern seht, für sein Eigenthum zu erklären, hat sein ganzes Leben nie etwas dafür gethan, und sein ganzer Vorzug besteht darin, daß er seines Vaters Sohn ist. Nun aber ist's meine Ansicht, der Mensch müsse auch etwas thun für sein Land und dürfe es nicht bloß der Natur zu verdanken haben. Dieß ist ein freies Land, und welcher Einzelne soll da mehr Recht haben, an Grund und Boden, als ein Anderer?« »Oder an sein Hemd, an seinen Tabak, an seinen Rock, oder wie sonst sein Eigenthum heißen möge?« »Nein, so weit will ich gerade nicht gehen. Jeder hat ein Recht an seine Kleider – meinetwegen auch an ein Roß oder an eine Kuh, aber so weit gehen seine Gerechtsame nicht, daß er alles Land in der Schöpfung ansprechen kann. Eine Kuh muß man Einem lassen, und diese kann Einem nicht einmal durch den Auspfänder genommen werden.« »Und gibt das Gesetz nicht auch ein Recht an den Landbesitz? Ihr werdet Euch schwerlich auf dieses berufen dürfen, wenn Ihr ausreichen wollt.« »Wir haben's gern, wenn wir das Gesetz so viel wie möglich auf unsre Seite kriegen können. Die Amerikaner sind Freunde der Gesetzmäßigkeit, und Ihr könnt's in allen Büchern lesen, – in unsern Büchern, meine ich, die in Amerika gedruckt sind, – daß die Amerikaner das gesetzlichste Volk auf Erden seien, und daß sie für's Gesetz mehr thun, als man von irgend einem andern Volk weiß.« »Der Tausend, dieß ist's nicht, was man den Amerikanern in Europa nachsagt. Nein, nein, man hat eine andere Ansicht von ihnen.« »Und glaubt Ihr etwa nicht, daß es so sei? Haltet Ihr nicht Amerika für das größte und auch für das gesetzlichste Land auf der Erde?« »Ich weiß da wahrhaftig nichts zu sagen. Das Land ist eben Land, und Ihr werdet einsehen, daß es nichts weiter sein kann, als was es ist.« »Nun ja, denk' wohl, Ihr werdet schon noch meiner Denkweise werden, wenn wir einander besser verstehen.« Nichts ist leichter, als einen Amerikaner durch die Gutachten, die sie von den Fremden verlangen, irre zu führen; denn in dieser Beziehung sind sie das verblendetste Volk auf Erden, obschon sie in anderer Beziehung sicherlich unter die verschmitztesten gehören. »So geht's immer beim Anfang von neuen Bekanntschaften; man versteht einander nicht immer recht, und dann kommt Ihr auch nicht sonderlich mit der Sprache fort. Doch jetzt wollen wir auf die Hauptsache übergehen, Freund – aber Ihr müßt mir zuerst schwören, daß Ihr mich nicht verrathen wollt.« »Ja, ja, ich begreife; ich soll schwören, daß ich Euch nicht verrathen wolle. Dieß ist gut.« »Nun so hebt Eure Hand auf. Halt; von welcher Religion seid Ihr?« »Natürlich ein Christ. Ich möcht kein Jude sein – nein, nein: aber ich bin ein sehr schlimmer Christ.« »Was dieß betrifft, sind wir Alle schlimm genug, und ich lege keinen sonderlichen Werth darauf. Ein bischen vom Teufel in einem Menschen ist gerade recht, um uns in dieser unserer Geschichte fortzuhelfen. Aber Ihr müßt ein wenig mehr sein, als ein Christ, denk' ich, denn in unserem Lande nennen wir dieß noch keine Religion. Was habt Ihr noch für einen Beihilfsglauben?« »Beihilfsglauben? Nein, dieß verstehe ich wahrhaftig nicht. Was ist der Beihilfsglaube? Kommt er von Melanchthon und Luther – oder kommt er vom Pabst her? Erklärt mir zuerst die Bedeutung dieses Wortes.« »Nun ja, welche Religion patronisirt Ihr? Patronisirt Ihr die stehende Ordnung oder die knieende Ordnung – oder vielleicht keine von beiden? Einige Leute sind sogar der Ansicht, es sei am besten, wenn man beim Gebet niederliege, da hie durch die Gedanken am wenigsten zerstreut werden.« »Auch dieß kann ich nicht recht begreifen. Doch lassen wir die Religion und kommen wir zu der Hauptsache, von der Ihr gesprochen habt.« »Gut also, zur Hauptsache. Ihr seid ein Deutscher und könnt die Aristokraten nicht leiden; deßhalb will ich Vertrauen in Euch setzen. Dieß aber sage ich Euch, wenn Ihr mich verrathet, so habt Ihr in diesem oder in irgend einem andern Lande am längsten Musik gemacht! Ist's Euch etwa darum zu thun, ein Inschen zu werden, so trefft Ihr morgen auf eine so gute Gelegenheit, wie sie nur je irgend Einem in den Weg kömmt. »Ein Inschen? Welchen Vortheil hätte ich davon, wenn ich ein Inschen werden wollte? Ich habe geglaubt, es sei in Amerika besser, ein weißer Mann zu sein.« »Oh, ich rede nur von einem Antirenten-Inschen. Wir haben die Sachen jetzt so nett eingerichtet, daß man ohne allen Anstrich ein Inschen sein kann; man braucht sich nicht mehr zu waschen und zu fegen, sondern kann jeden Augenblick in zwei Minuten sich wieder in die vorige Person umwandeln. Der Lohn ist gut und Arbeit leicht; dann kommen auch recht hübsche Gelegenheiten in den Kramläden und auf den Farmen herum. Unser Gesetz lautet, ein Inschen müsse haben, was er braucht, und da hilft keine Widerrede; auch tragen wir Sorge dafür, daß das Bedürfniß groß genug ist. Wenn Ihr dem Meeting anwohnen wollt, so will ich Euch sagen, wie Ihr mich erkennen könnt.« »Ja, ja, – dieß ist gut; ich werde mich zuverlässig bei dem Meeting einfinden. Wo wird es abgehalten?« »Im Dorf drunten. Diesen Nachmittag kam das Aufgebot, und wir werden um zehn Uhr allesammt auf dem Platz sein.« »Wird's wohl zu einem Gefecht kommen, daß Ihr Euch so pünktlich und mit so viel Eifer einzustellen gedenkt?« »Gefecht? O Himmel, nein. Ich möchte doch wissen, gegen wen's zu einem Gefecht kommen sollte? Wir miteinander sind ein hübsches Häuflein gegen die Littlepage's, und von diesen ist Niemand auf dem Gut, als zwei oder drei Weibsbilder. Ich will Euch sagen, wie die Sache abgemacht ist. Das Meeting ist zusammenberufen zu einem Befreiungs- und Freiheitsunterstützungsplan. Denk' wohl, Ihr wißt, daß wir in diesem Lande alle Arten von Meetings haben?« »Nein. Ich kann mir zwar denken, daß es Meetings für Politik gibt, bei welchen sich das Volk versammelt; von andern aber weiß ich nichts.« »Ist's möglich? Wie, Ihr habt keine ›Entrüstungsmeetings‹ in Tscharmany? Wir halten sehr viel auf unsere Entrüstungsmeetings, und beide Seiten haben sie im Ueberfluß, wenns einmal warm herzugehen anfängt. Unser morgiges Meeting gilt der Befreiung und den Freiheitsgrundsätzen im Allgemeinen. Vielleicht erlassen wir einige Entrüstungsresolutionen über die Aristokraten, denn in unserm Landstrich mag Niemand diese Kreaturen leiden, kann ich Euch sagen.« Da dieses Manuscript in Hände gerathen könnte, welche die wahren Verhältnisse der New-Yorker-Gesellschaft nicht kennen, so wird hier wohl die Erklärung am Ort sein, daß in der Sprache des Landes unter dem Ausdruck »Aristokrat« nichts Anderes verstanden ist, als ein Mann von Bildung und Geschmack, der gebildeten Umgang liebt. Unter der Aristokratie des Staates gibt es ebensogut, wie unter andern Menschen, Abstufungen. Wer z. B. in einem Weiler als Aristokrat gilt, kann in einem Dorf als sehr demokratisch erscheinen, und der Dorfaristokrat findet vielleicht in einer Stadt durchaus keine Anerkennung, obschon in den Städten in der Regel – ja sogar, wenn die Bevölkerung nur im mindesten den Charakter einer Stadt trägt – immer dergleichen Unterscheidungen aufhören, weil die Leute ruhig in dem Geleise einer civilisirten Gesellschaft fortgehen und nur wenig an dergleichen Dinge denken oder davon sprechen. Um also die schreienden Uebelstände der amerikanischen Aristokratie zu sehen, muß man in's Land hineingehen, und da trifft man nun freilich allerlei. Findet sich etwa ein Mann, dessen Eigenthum um fünfundzwanzig Procent höher besteuert ist als das seiner Nachbarn – der das Recht so klar auf seiner Seite haben muß wie eine wolkenlose Sonne, wenn er ein Verdikt für sich gewinnen will – der für alles, was er kauft, fünfzig Procent mehr zahlen muß, und für seine verkäuflichen Waaren fünfzig Procent weniger erhält, als ein Anderer – der mitten in einem scheinbaren Frieden von erbitterten Feinden umgeben ist – dem man jedes Wort im Munde verdreht, mit Zugaben bereichert und mit Lügen ausstattet, – den man allenthalben verläumdet, weil er später zu Mittag ißt, als »das übrige Volk« – der nicht gebückt, sondern grade einhergeht – der sich herausnimmt, zu bezweifeln, ob Amerika im Allgemeinen und seine eigene Stadtmarkung im Besondern der Brennpunkt der Civilisation sei – der ein Bedenken trägt, jede schlagende Probe von Unwissenheit, schlechten Geschmack und noch schlechterer Moral, die seine Nachbarn in der Form einer Petition, Vorstellung oder Resolution aufzusetzen für gut halten, mit zu unterschreiben – findet sich solch' ein Mann, so ist er zuverlässig ein entsetzlicher Aristokrat – ein Mensch, der um seiner vielen Vergehungen und um der Art willen, wie er über seine Nebenmenschen den Herrn spielen möchte, verbannt zu werden verdient. Ich bitte den Leser um Verzeihung, daß ich Joshuas Rede so plötzlich abgebrochen habe; aber es bestehen in verschiedenen Theilen der Welt so mancherlei Vorstellungen über den Ausdruck Aristokrat, daß ich wohl die Erläuterungen hierorts einschalten mußte, um allenfallsigen Mißverständnissen zu begegnen. Da fällt mir eben ein – ich habe ein Merkzeichen dieser Zunft vergessen, welches vielleicht wesentlicher ist, als alle übrigen und daher nicht übergangen werden darf. Gibt es zufälligerweise einen Mann, der ein zurückgezogenes Leben mehr liebt, als das öffentliche, und sich nicht um »Popularität« kümmert, so ist dieser gleichfalls der unverzeihlichen Sünde des Aristokratismus schuldig. Das »Volk« wird ihm lieber alles Andere vergeben, als dieses, obschon man auch Leute genug findet, welche es für das untrüglichste Wahrzeichen eines Aristokraten halten, wenn Einer nicht Tabak kaut. Wenn ich übrigens jetzt nicht wieder auf Joshua zurückkomme, so wird sich wohl der Leser beschweren, daß ich ihn so lange aufhalte. »Nein, nein,« fuhr Mr. Brigham fort, »man bleibe mir nur mit den Aristokraten vom Halse, denn ich hasse schon den Namen dieses Schlangengezüchts, und wünschte nur, daß auch nicht ein Stück davon im Lande wäre. Wir werden morgen einen berühmten Antirentenvorleser aus ...« »Was habt Ihr da für einen Mann genannt?« »Einen Vorleser – Ihr begreift wohl, einen Mann, der über Antirenterei, Mäßigkeit, Aristokratie, Regierung oder was immer für eine andere Beschwerde, die zufällig gerade an der Tagesordnung ist, Vorträge hält. Habt Ihr in Tscharmany keine Vorleser?« »Ja, – ja, namentlich werden auf den Universitäten viele Vorlesungen gehalten.« »So? Nun, wir haben sie hier universell und besonder, wie wir sie eben brauchen. Wie ich mir sagen lasse, kriegen wir morgen Einen, den gewitztesten Kerl, der je in der Sache aufgetreten ist. Er treibt's stark und die Inschens gedenken, ihm mit Geschrei und Lärm aller Art den Rücken zu decken. Euer Leierkasten da ist nur ärmliches Stümperwerk gegen die Musik, welche unser Stamm machen kann, wenn wir einmal unsere Kehlen anstrengen.« »Dieß ist wahrhaftig kurios. Ich habe mir sagen lassen, die Amerikaner seien lauter Philosophen, und was sie thäten, geschehe in überlegter nüchterner Weise. Da muß ich nun aus Eurem Munde hören, ihre Beweisführungen bedürften des Geschreis, wie bei den Indianern.« »Ganz richtig! Ich wollte nur, Ihr wäret zur Zeit des schweren Mosts und der Blockhütten hier gewesen; da hättet Ihr ein Stückchen von Vernunft und Philosophie sehen können, wie Ihr's nennt! Ich war jenen Sommer ein Whig, wurde aber in letzter Zeit ein Demokrat. Es gibt unserer ungefähr fünfhundert in dieser County, und diese machen die meisten Dinge aus, kann ich Euch sagen. Was nützt Einen ein Votum, wenn man nichts damit gewinnen kann? Aber morgen werdet Ihr sehen, wie in diesem Welttheil auf die schönste Manier Geschäfte abgethan und Sachen in's Reine gebracht werden. Wir wissen recht wohl, auf was wir's abgesehen haben, und sind entschlossen, bis an's Ziel durchzudringen.« »Und auf was habt Ihr's denn abgesehen?« »Nun ja, da Ihr vom rechten Schlag zu sein scheint und vielleicht selber auch das Inschenhemd anzieht, so will ich Euch Alles sagen. Wir möchten die guten alten Farmen unter günstigen Bedingungen erwerben. Auf dieß muß es hinauslaufen. Dem Volk wird's ernst, und was das Volk will, muß es haben. Dießmal ist's ihnen um Farmen zu thun, und sie werden nicht ruhen, bis die Sache durchgesetzt ist. Wozu nützte auch eine Volksregierung, wenn das Volk der Farmen entbehren müßte? Wir haben mit den Rensselaers, mit den eisernen Pachten, mit den Bürgschaftsverkäufen und den Zinshühnern angefangen; aber damit soll's noch lange kein Ende haben. Was wäre auch damit gewonnen? Man will auch etwas davon haben, wenn man sich auf dergleichen Dinge einläßt. Wir wissen, wer unsere Freunde und wer unsere Feinde sind. Könnten wir nun einige Männer von meiner Bekanntschaft auf die Gouverneursposten bringen, so würde schon im nächsten Winter Alles klar ablaufen. Den Grundbesitzern tüchtig Steuern aufgelegt und ihnen so oder so Prozesse an den Hals gehängt – dieß würde sie so zahm machen, daß sie gewiß gerne die letzte Ruthe ihrer Ländereien verkauften – und noch obendrein wohlfeil, sag' ich Euch!« »Und wem gehören denn die Farmen, die ich landauf und landab sehe?« »Wie das Gesetz jetzt steht, so eignet sie der junge Littlepage: aber es wird schon anders kommen, sobald wir an der Gesetzgebung genug gefegt haben. Können wir's nur so weit treiben, daß die Legislatur auf dem Hauptpunkt beharrt, so werden wir Alles kriegen, was wir wollen. Wer soll's wohl glauben? – wie ich höre, will der Mensch nicht eine einzige Farm verkaufen, sondern möchte sie gern sammt und sonders für sich behalten! Kann man sich dieß in einem freien Land gefallen lassen? Denk wohl, sogar in Eurem Tscharmany würde es hart genug hergehen, und ich verachte einen Kerl, den sein aristokratischer Hochmuth so weit treibt, daß er nichts verkaufen mag.« »Ich weiß nicht, aber in Tscharmany hält man sich an die Gesetze, und das Eigenthum wird in den meisten Ländern geachtet. Hoffentlich möchtet Ihr doch nicht das Recht des Eigenthumes zerstören, selbst wenn Ihr könntet?« »Nein, das nicht. Wenn Einer eine Uhr, ein Roß, oder eine Kuh eignet, so bin ich dafür, daß das Gesetz den armen Mann in diesem seinem Eigenthum schütze, sogar gegen den Auspfänder. Wir haben für dergleichen Punkte gar gute Gesetze in dem alten York, kann ich Euch sagen. Ein armer Mann, mag er auch noch so verschuldet sein, kann sich heutzutage noch an eine Masse von Kniffen halten und dabei alle Gerichtshöfe in's Gesicht hinein auslachen. Ich habe Bursche gekannt, die für zweihundert Dollars schuldig waren, und sie behielten gute dreihundert Dollars für sich, obschon die meisten ihrer Schulden von denselben Gegenständen herrührten, die man ihnen nicht mehr abnehmen durfte!« Welch' ein Gemälde ist dieß! Und doch – ist es nicht nach dem Leben gezeichnet? Ein Zustand der Gesellschaft, in welchem man einerseits zu Nutz und Frommen des Haushalts eine Schuld für eine Kuh contrahiren, und den Gläubiger, wenn er Bezahlung sucht, auslachen kann, andererseits die Gesetzgeber und Verwaltungbeamten sich zu Werkzeugen einer Bande hergeben, die, allen schriftlichen Verträgen zum Trotz, eine Klasse von Mitbürgern ihrer Eigenthumsrechte berauben will! Dieß heißt wahrhaftig die Mücken seigen und das Kameel verschlucken – und hiefür kein anderer Grund, als das Haschen nach Stimmen! Kann da wohl wirklich Jemand im Ernst erwarten, daß eine Gemeinschaft unter dem Schutz einer weisen gerechten Vorsehung lange zu bestehen vermöge, wenn derartige Dinge nicht nur kaltblütig versucht, sondern auch ausgeführt werden? Es ist Zeit, daß die Amerikaner anfangen den Stand ihrer Verhältnisse zu sehen, wie er in der Wirklichkeit ist, nicht wie er sich in den Reden der Gouverneure, in den Ergüssen des vierten Juli und in den Wahladressen ausnimmt. Ich weiß, daß ich mit Wärme schreibe; aber ich fühle auch warm und schreibe wie ein Mann, welcher fühlt, daß dem schändlichen Versuch, ihn zu berauben, von den Machthabern sogar Vorschub geleistet wird, während es doch, der viel gerühmten Moral und Einsicht des Landes zufolge, ihre heilige Pflicht wäre, einem derartigen Unwesen mit der ganzen Gewalt ihres Ansehens entgegenzutreten. Ein Fluch – ein schwerer Fluch muß in ehester Zeit alle Diejenigen treffen, welche bei einer solchen Krisis die ernsten Obliegenheiten ihres Amtes verabsäumen. Ja, selbst Diejenigen, welche unter solchen Umständen ihre Zwecke erreichen – wenn es anders so weit kömmt – werden zuletzt Verwünschungen häufen auf die Werkzeuge, die ihnen zu ihrem Siege halfen Daß Mr. Hugh Littlepage seine Gefühle über den Stand der Verhältnisse, der nun so lange, lange Jahre unter uns stattfindet, nicht zu scharf ausspricht, wird folgender Fall zeigen, der nur ein einziger ist unter vielen, welche sich zu Belegung der traurigen Wahrheit aufbieten ließen. Um die Zeit, als die Pächter eines Mannes, der ausgedehnte Liegenschaften besaß und zehntausende an Renten zu fordern hatte, in offenem Widerstand gegen das Gesetz begriffen waren, und jeden Auspfändungsversuch zu vereiteln wußten, obschon zwei gewöhnliche Kompagnien bewaffneter Constabeln dem ganzen Unwesen hätten ein Ende machen können, trat der Sherif in das Haus desselben Grundbesitzers und nahm ihm wegen einer Schuld seine Möbel weg. Hätte dieser Gentleman den gerechten und unumstößlichen Grundsatz geltend gemacht, daß er einer Macht, die ihn nicht schütze, zu keinem Gehorsam verpflichtet sei – ich sage, hätte er auf diese Grundlage hin dem Sherif Widerstand geleistet, so wäre sein nächster Weg nach dem Gefängniß des Staats gegangen, wo er hätte bleiben müssen, bis die letzte Stunde seiner Strafzeit abgelaufen gewesen wäre. D. H. . »Er hält ausgezeichnete Vorträge über Futtalverhältnisse.« (Joshua nahm es mit jener Sprache nicht sonderlich genau, obschon er im Wesentlichen so gut wußte, was er sprach, wie Manche, die hohe Stellen einnehmen)» Zinshühner und Frohntage. Wir erwarten sehr viel von diesem Mann, der für seinen Besuch gut bezahlt wird.« »Und wer zahlt ihn wohl? – Der Staat?« »Nein, – so weit haben wir's bis jetzt noch nicht gebracht, obschon Einige glauben, im Lauf der Zeit werden derartige Leistungen dem Staat zufallen. Vorderhand werden die Pächter nach Maaßgabe ihrer Rente um so und so viel für den Dollar oder so und so viel für den Acker besteuert, und in dieser Weise bringt man das erforderliche Geld zusammen. Allerdings meinte einer unserer Vorleser vor einiger Zeit, das Geld sei gut angelegt, und Jeder sollte über seine Zahlungen ein Buch führen, denn die Zeit sei nicht fern, wann er es mit doppelten Interessen zurückerhalten werde. ›Jetzt zahlt Ihr für eine Reform,‹ sagte er, ›und ist sie errungen, so wird sich ohne Zweifel der Staat gegen uns Alle so tief verpflichtet fühlen, daß er die vormaligen Grundherrn fort und fort besteuert, bis wir all' unser Geld und noch mehr dazu wieder zurückhaben.‹« »Das wäre eine recht artige Speculation. Ja, so müßte sich's recht schön ausnehmen.« »Freilich; die Operation ist nicht schlecht, und man zehrte dabei vom Feind, wie man sagen könnte. Und so ist's auch recht, denn unser Volk ist nicht so einfältig, vom eigenen Fett zehren zu wollen, kann ich Euch sagen. Hätten sie dieß im Sinn, so brauchten sie keine Gesellschaften. Nein, wir haben einen Zweck, und wenn man einen Zweck hat, so ist man gemeiniglich scharf dahinter her. Natürlich lassen wir nicht Alles, was wir möchten und meinen, in die Oeffentlichkeit kommen, und Ihr werdet Leute unter uns finden, die standhaft in Abrede ziehen, daß die Antirenters etwas mit dem Inschensystem zu schaffen haben. Doch Niemand muß glauben, daß der Mond ganz von Käse sei, wenn er nicht Lust dazu hat. Einige unter uns verlangen, Niemand solle mehr als tausend Acres Land besitzen, während Andere der Ansicht sind, die Natur habe hier selbst das Gesetz gegeben, und Niemand solle mehr eignen dürfen, als er brauche.« »Und welcher Seite wendet Ihr Euch zu? Habt Ihr Euch für eine von diesen Ansichten entschieden?« »Nicht gerade – ich nehm's nicht so genau damit, wenn ich nur eine gute Farm kriege. Am liebsten wäre mir ein Gütchen mit bequemen Hauseinrichtungen und in einem Stande, daß man auch etwas darauf erzielen kann. Für diese zwei Grundsätze wollte ich, glaube ich, einstehen; ob's aber vierhundert Acres oder vierhundert fünfzig, meinetwegen auch fünfhundert sein sollen, – in diesem Stücke will ich mich nicht unrecht finden lassen. Ich denke, alle derartige Schererei wird ein Ende haben, wenn's einmal zur Theilung kömmt; mit der Theilung selbst aber mag ich mich nicht befassen. Denk' wohl, die Stadtbeamtung und was sonst noch beitragen mag, läßt die Reihe auch an mich kommen, und hilft mir zu meinem Recht. Ich bin dann fast mit jeder Farm zufrieden, die der junge Littlepage hat, obschon mir eine im Hauptthal da lieber wäre, als eine abgelegenere. Doch, wie gesagt, ich bin in diesem Stücke nicht gerade eigen.« »Und wenn man Euch die Wahl läßt, was glaubt Ihr denn Mr. Littlepage für die Farm bezahlen zu müssen?« »Dieß hängt von den Umständen ab. Die Inschens insgesammt hoffen wohlfeil wegzukommen. Einige Leute meinen, es sei am besten etwas zu bezahlen, da man, wenn's einmal so weit kommt, das Gesetz eher für sich gewinnen kann, während Andere nicht einsehen können, zu was das Zahlen eigentlich dienen soll. Diejenigen, welche sich mit Geld abfinden wollen, rechnen meist auf Erlegung des Kapitals für die ersten Renten.« »Ich kann mir nicht denken, was Ihr unter Erlegung des Kapitals für die ersten Renten versteht.« »'s ist einfach genug, wenn Ihr nur erst die Sachlage kennt. Diese Ländereien wurden, als man sie dem Urwalde entreißen mußte, zu sehr niedrigem Preis erlassen, damit nur die Leute kamen, um sich hier anzusiedeln. Dieß ist so die Art, wie man's in Amerika machen muß, sonst kommen die Leute nicht. Viele Pächter haben sechs, acht oder zehn Jahre gar keine Rente bezahlt; dann aber entrichteten sie für die Dauer von drei Leben, wie man's nennt, nur sechs Pence für den Acre oder sechs und einen Vierteldollar für hundert Acres. Ihr seht, dieß geschah blos deßhalb, um die Leute zum Herkommen zu reizen, und aus dem Preise, der bezahlt wurde, könnt Ihr entnehmen, welche harte Zeit die Leute gehabt haben müssen. Nun sind Einige von unserem Volk der Meinung, die ganze Zeit müsse gezählt werden – die rentenfreie eben so gut wie die, in der bezahlt wurde – in welcher Weise? dieß will ich Euch erklären; denn Ihr müßt wissen, daß ich mich nicht in diese Sache eingelassen habe, ohne vorher genau nach dem Rechten und Unrechten zu sehen.« »So erklärt es denn. Ich bin auf Eure Erklärung begierig und Ihr dürft mir sie nicht vorenthalten.« »Ei, Ihr habt's ja gewaltig eilig, Freund Griesenbach, oder wie Ihr heißen mögt. Aber die Erklärung sollt Ihr haben, wenn Ihr es wünscht. Nehmen wir nun einen Pachtvertrag an, der nach dreißig Jahren abgelaufen ist – in zehn wurde nichts bezahlt, und in zwanzig betrug die jährliche Rente sechs Pence. Gut; hundert sechs Pence machen sechs Schillinge, und zwanzigmal fünfzig macht tausend. Dieß ist die ganze Rente, welche in dreißig Jahren bezahlt wurde. Theilt man nun tausend durch dreißig, so bleiben dreiunddreißig Schillinge und ein Bruchtheil« – Joshua rechnete gleich den Amerikanern seiner Klasse schnell und richtig – »als Durchschnittsrente von dreißig Jahren. Nehmen wir die dreiunddreißig Schillinge zu vier Dollars an, denn der Unterschied ist verdammt klein, so haben wir die Interessen, welche zu sieben Prozent aus einem Kapital von mehr als fünfzig und weniger als sechszig Dollars fließen. Da man in solchen Dingen nach freisinnigen Grundlagen handeln muß, so sagt man, Littlepage solle die fünfzig Dollars nehmen und eine Verkaufsurkunde über die hundert Acres ausstellen.« »Und wie hoch mag sich nunmehr die Rente von hundert Acres belaufen? Ich denke, er könnte heutzutage wohl mehr als sechs Pence erzielen.« »Ja wohl. Die meisten von all' den Farmen laufen mit dem zweiten und einige mit dem dritten Vertrag ab. Vier Schillinge für den Acre geben, wie die Umstände sich verhalten, ungefähr die Durchschnittsrente.« »Ihr glaubt also, der Grundherr solle die Rente eines einzigen Jahrs als Kaufpreis für die ganze Farm annehmen?« »Ich betrachte die Sache nicht in diesem Licht. Er erhält fünfzig Dollars für hundert Acres. Ihr vergeßt, daß die Pächter ihre Farmen mit lauter Renten oft und oft schon bezahlt haben. Jetzt spüren sie, daß es einmal genug ist, und daß man hohe Zeit hat, mit dem Zahlen Einhalt zu thun.« So außerordentlich dieses Raisonnement auch den meisten Personen erscheinen mag, habe ich doch seitdem gefunden, daß die Ansicht unter den Antirenters sehr beliebt ist. »Sollen wir so fortmachen und in alle Ewigkeit Renten zahlen?« fragen sie mit logischer und tugendhafter Entrüstung. »Und was mag in diesem Landestheile der Durchschnittswerth einer Farm sein, die hundert Acres zählt?« fragte ich. »Von zweitausend fünfhundert, bis dreitausend Dollars. Er könnte noch höher stehen, aber die Pächter mögen keine guten Gebäude auf die Farmen setzen, weil der Grund und Boden doch nicht ihr Eigenthum ist. Ich hörte einmal einen unserer Haupthähne sich beklagen, daß er nicht vorausgesehen habe, was für günstige Zeiten kommen würden, sonst hätte er, statt sein altes Haus auszubessern, ein neues gebaut. Doch man kann nicht Alles vorherwissen, und wahrscheinlich sind auch jetzt noch Viele dieser Ansicht.« »Ihr meint also, Herr Littlepage sollte für ein Grundstück, das zweitausend fünfhundert Dollars werth ist, fünfzig Dollars nehmen? Dieß scheint mir sehr wenig zu sein.« »Ihr vergeßt die bezahlte Rente und die Arbeit, welche der Pächter auf der Farm geleistet hat. Zu was könnte man sie auch brauchen, ohne den Fleiß, der auf sie verwendet wurde?« »Ja, ja – ich verstehe. Und zu was würde die Arbeit gut sein ohne das Land, auf welchem sie verrichtet wurde?« Dieß war eine etwas unvorsichtige Frage einem so mißtrauischen und verschmitzten Mann gegenüber, wie Joshua Brigham war. Der Kerl warf mir einen lauernden, argwöhnischen Blick zu; aber eh' er noch Zeit zu einer Antwort fand, rief ihm Miller, vor dem er gewaltigen Respekt hatte, zu und forderte ihn auf, nach den Kühen zu sehen. Ich hatte also Gelegenheit gehabt, in Betreff eines so interessanten Gegenstandes, als mein Recht an meine eigene Habe war, die Ansichten eines Miethlings zu hören, der mit meinem Gelde bezahlt wurde. Ich habe seitdem die Ueberzeugung gewonnen, daß dergleichen Grundsätze in den »angesteckten Distrikten« eifrig in Umlauf gesetzt worden sind und bei dem »Mark« des Landes großentheils in dem Geruche sehr vernünftiger Doktrinen stehen, obschon die Regierung in ihren Verhandlungen sie ganz außer Acht läßt, und die ganze Sache eben behandelt, als seien die Pächter nichts als Märtyrer harter Pachtverhältnisse, die Grundherren aber ihre Zuchtmeister, die gegen ihre Untergebenen bald mit größerer, bald mit geringerer Milde verfahren. Natürlich wechselt das Raisonnement einigermaßen, je nachdem dieß durch Umstände oder Thatsachen beendigt wird. Aber ein großer, ein sehr großer Theil der Pächter ist ganz und gar von Joshua Brighams Geiste durchdrungen, und demgemäß, was ich bereits gesehen und gehört habe, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß es quasi Gesetzgeber unter uns gibt, welche, statt über einen solchen Gegenstand einer männlichen, einzig heilbringenden Doktrin das Wort zu reden und die verblendeten Leute besser zu belehren, gerade den Umstand, daß dergleichen Ansichten bestehen, für einen Grund angeben, es sei durchaus nöthig, Zugeständnisse zu ertheilen, um den Frieden auf die wohlfeilste Weise zu sichern. Dieser wohlweise Grundsatz einer Gesetzgebung, welche sich zu Aufrechthaltung der Ruhe des Rechtes begibt, ist bewundernswürdig geeignet, Verbrecher zu erzeugen, und wenn er zum besten Aller, die zufälligerweise ein Gelüst haben an ihres Nachbars Eigenthum, zur Ausführung kommt, so muß in kurzer Zeit unser Staatenverband sich zu einem wahren Paradies von Schurken umgestalten. Was Joshua Brigham betrifft, so sah ich ihn denselben Abend nicht wieder, da er mit Einbruch der Nacht Urlaub nahm und die Farm verließ. Wohin er ging, weiß ich nicht; aber zu welchem Zwecke er sich von uns entfernte, konnte mir nicht länger ein Geheimniß sein. Da sich die Familie zeitig zur Ruhe begab und auch wir uns sehr ermüdet fühlten, so hatten alle Hausgenossen schon um neun Uhr ihr Lager aufgesucht, und erfreuten sich, wenn ich von mir selbst einen Schluß auf Andere ziehen darf, bald eines tiefen Schlafes. Bevor ich übrigens Miller »gute Nacht« sagte, erzählte er mir von dem Meeting des nächsten Tages, und theilte mir seine Absicht mit, demselben anzuwohnen.   Dreizehntes Kapitel. »Er kennt das Spiel; wie richtig er sein Luv hält!« »»Still, sag' ich!«« König Heinrich VI.   Nachdem wir am andern Morgen bei Zeiten das Frühstück eingenommen hatten, bereitete sich die Familie zum Aufbruch vor; denn nicht nur Miller, sondern auch sein Weib und seine Tochter gedachten nach »Little Neest« hinunterzugehen – so hieß nämlich in diesem Bruchtheil des Universums fast allgemein der kleine Weiler, um ihn von dem eigentlichen »Neest« zu unterscheiden. Ich fand später, wie in den Kontroversen sogar dieser Umstand gegen mich aufgeführt und es mir als ein crimen laesae majestatis gedeutet wurde, daß ein Privathaus den Major des Schlusses monopolisirte, während ein ganzer Ort sich mit dem Minor begnügen mußte – und noch obendrein ein Ort, mit zwei Wirthshäusern, welche ausschließlich Eigenthum des Volks waren: denn es gibt unter dem Volk so gut eine Ausschließlichkeit, wie unter den Aristokraten, namentlich bei allen Dingen, bei welchen Gewalt oder Vortheil in Frage kömmt. In Beziehung auf die beiden letzteren Punkte war sogar Joshua Brigham weit aristokratischer, als ich, und es muß zugestanden werden, daß die Amerikaner ein sehr humaner Menschenschlag sind, sintemal man wohl nirgends ein Volk findet, welches der Ansicht ist, daß ein Bankerott Anspruch an öffentliche Gunst verleihe So ungemein es auch erscheinen mag, so ist dieß gleichwohl eine Wahrheit, welche ihren Grund sogar in einem achtbaren Zuge hat – nämlich in dem Wunsch, dem Unglücklichen fortzuhelfen. Es ist übrigens zuverlässig ein großer Irrthum, wenn man bei einer Erwählung für öffentliche Stellen ein anderes Motiv gelten läßt, als die Befähigung. D. H. . Was die beiden »Nester« betrifft, so wäre ohne Zweifel der Vorrang der Namen wirklich als eine Frage von Belang aufgegriffen worden, wenn sich's bei der Agitation nicht um weit wichtigere Gegenstände gehandelt hätte. Ich habe einmal in Frankreich von einem Prozeß über einen Namen gehört, welcher in jenem Lande so lange sich einer Berühmtheit erfreute, daß sein Ursprung, wie sich aus der Controverse ergab, weit über das Alter aller Urkunden zurückreichte – über einen Namen, der auch in den Annalen unserer eigenen Republik sich einen hohen Ruf erwarb. Ich meine damit das Haus de Grasse, welches vor der Revolution eine Stadt im südlichen Theil des Königreichs bewohnte und vielleicht auch noch jetzt bewohnt. Diese Stadt führt den Namen Grasse und ist durch die Verfertigung von Luxusartikeln fast eben so bekannt, wie die Familie durch ihre Waffenthaten. Vor ungefähr einem Jahrhundert soll der Marquis de Grasse gegen seine Nachbarn in einen Prozeß verwickelt worden sein, in welchem sich's um Herstellung des Tatbestandes handelte, ob die Familie der Stadt oder die Stadt der Familie den Namen gab. Der Marquis behauptete in diesem Kampfe das Feld, obschon durch diesen neuen Sieg sein Vermögen sehr geschmälert wurde. Da mein Haus oder vielmehr der Vorgänger desselben gebaut wurde und seinen Namen erhielt, als das nunmehrige Little-Nest noch jungfräulicher Urwald war, so sollte man glauben, seine Ansprüche an die Priorität des Besitzes seien über allen Zweifel erhoben, obschon vielleicht bei gerichtlicher Verhandlung die Sache sich anders herausstellen dürfte. Es gibt unter uns zwei Arten der Geschichtschreibung, je nachdem auf öffentliche oder Privatverhältnisse Rücksicht genommen werden soll; die eine ist nahezu so wahr, als gewöhnlich, die andere aber stets eine Ausgeburt der menschlichen Einbildungskraft. Alles hängt so sehr von Majoritäten ab, daß diejenige Ueberlieferung als die bündigste erscheint, welche von den meisten am liebsten geglaubt wird; denn unter dem System der Zahlen nimmt man wenig Rücksicht auf die triftigeren Momente, als da sind, Sachkenntniß und Forschungseifer, weil in Allem nur die Stimmen gezählt werden, und drei Lügner mehr Gewicht haben, als zwei Wahrheitsfreunde. Daß diese Afterhistoriographie auch in der Antirenten-Controverse sehr häufig in Anwendung kömmt, kann man oft genug bemerken, denn mit jedem Tag tauchen Thatsachen auf, die längst in den Gräbern der Vergangenheit geschlafen haben. Diese Thatsachen sollen den ganzen Rahmen für die Geschichte des Staats und der Kolonie geben, färben aber schwarz, wo der Pinsel ursprünglich weiß aufgetragen, und bringen die Schlaglichter an, wo man vordem stets nur Schatten gesehen hatte. Mit einem Worte, man trägt seine Mährlein vor, wie sie am besten mit den gegenwärtigen Ansichten zusammenstimmen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auch im Einklang mit dem Sachverhalten stehen. Es war die Absicht Tom Millers, mir und Onkel Ro einen einspännigen Wagen zu geben, während er, sein Weib, Kitty und eine Magd in einem zweispännigen Fuhrwerk, das sich besser für eine solche Fracht eignete, nach dem »Little-Neest« zu fahren gedachte. Nachdem diese Einleitungen getroffen waren, verließen wir, als die Uhr über der Farmhausthüre eben neun schlug, insgesammt den Platz. Ich lenkte mein Roß selbst – und mein war es in der That; denn jeder Huf, das Fuhrwerk, die Ackerbaugeräthschaften, kurz Alles in der Restfarm gehörte den alten Gesetzen zufolge mir so gut an, wie der Hut, den ich auf meinem Kopf trug. Allerdings waren die Miller nun schon fünfzig Jahre oder drüber, ja fast sechzig im Besitz, und nach der neuen Deutungsmethode mögen wohl Einige glauben, wir hätten für Bearbeitung des Feldes und für Benützung des Viehs und der Utensilien so lange Lohn bezahlt, daß im moralischen Sinn der Rechtstitel für mich verloren gegangen sei, um an Tom Miller zu gelangen. Wenn die Benützung ein Recht bedingt, warum sollte dieß nicht eben so gut von einem Wagen und einem Pferde, als von einer Farm gelten? Als wir den Platz verließen, blickte ich begierig nach dem Nesthause hin, in der Hoffnung, ich möchte irgend eine theure Gestalt am Fenster, auf dem Rasen oder auf der Piazza zu Gesicht bekommen; aber es erschien keine Seele, und wir trabten in kurzer Entfernung hinter dem andern Wagen die Straße hinab, uns über Dinge unterhaltend, wie sie uns eben zu Sinne kamen. Die Entfernung mochte ungefähr anderthalb Wegstunden ausmachen, und die Vorlesung, welche die große Angelegenheit des Tages war, sollte um eilf Uhr beginnen. Wir brauchten daher nicht sehr zu eilen, und ich wollte lieber das Thier langsam seinen eigenen Gang gehen lassen, als es antreiben und vielleicht ein paar Stunden früher anlangen, als erforderlich war. In Folge unseres langsamen Fahrens verloren wir daher Miller und seine Familie bald aus dem Gesicht, da unseren Wirthen darum zu thun war, den Tag so viel wie möglich zu benützen. Natürlich war der Weg mir und meinem Onkel vollkommen bekannt; aber selbst wenn auch dieß nicht der Fall gewesen wäre, hätten wir doch kein Verirren zu besorgen gehabt, da wir nur der allgemeinen Richtung des breiten Thales, durch welches er lief, zu folgen brauchten. Außerdem hat auch Miller uns sehr rücksichtsvoll belehrt, daß wir an zwei Kirchen, oder an einer Kirche und einem Meetingshaus vorbeikommen müßten, deren Thürme, weil sie auf dem Weg fast immer zu sehen waren, uns als Wegzeiger dienten. In Beziehung auf den Ausdruck »Meetinghaus« wirft sich die Frage auf: liefert er nicht an sich schon einen maaßgebenden Beweis von der thörichten Inconsequenz jenes weisesten aller Erdenwesen, des Menschen? Er wurde eingeführt im Widerspruch und als Opposition gegen den vermeintlichen Götzendienst, welchen man mit dem Gebrauch des Worts »Kirche« in Verbindung zu bringen beliebte, und zu einer Zeit, als gewisse Sekten Anstoß daran nahmen, die Orte ihrer Gottesverehrung in letzterer Weise bezeichnen zu hören, während heutzutage dieselben Sektirer gute Lust haben, die ausschließliche Führung des vorgeschriebenen Worts durch Conventikel, welche es stets beibehalten haben, für höchst anmaßend, und sogar für ein wenig »aristokratisch« zu erklären. Ich fürchte beinahe, daß unsere Ultras in der Politik, in der Religion, in der Freiheitsliebe und in anderen menschlichen Vortrefflichkeiten einigermaßen geneigt sind, in ihrem excentrischen Kreisen dergleichen in sich zurückgehende Bahnen zu machen, um zuletzt ziemlich in der Nähe der Plätze wieder anzulangen, von denen sie ausgegangen sind. Der Weg zwischen dem Nesthaus und dem Dörflein Littlenest ist ländlich und ganz so angenehm, wie man ihn gewöhnlich in Landestheilen findet, die weder Wasserpartien, noch eine Gebirgsscenerie bieten. Die Gegenden New-Yorks sind, wenn man sie mit den edeln Landschaften vergleicht, die man in Italien, in der Schweiz, in Spanien und in den schönern Theilen Europa's findet, selten – ja ich kann wohl sagen, nie großartig; indeß haben wir doch sehr viele Striche, die in ihren künstlichen Beigaben nur einiger Vollendung bedürften, um ungemein lieblich zu werden. Dasselbe ist nun der Fall bei dem Hauptthale von Ravensnest, welches in jenem Augenblicke, als wir durch dasselbe hinfuhren, uns ein überraschendes Bild ländlichen Ueberflusses und ländlicher Gemächlichkeit bot, wie man Beides selten in der alten Welt sieht; denn die Abwesenheit der Einzäunungen und die in den Dörfern zusammengehäuften Wohnungen geben dort den Feldern ein nacktes, verödetes Ansehen, wie gut sie auch angebaut sein, und wie üppig ihre Ernten dastehen mögen. »Dieß ist ein Besitzthum, für das man wohl einen Kampf wagen darf,« sagte mein Onkel, als wir langsam dahintrotteten, »obschon es bisher nicht sonderlich ergiebig für seinen Besitzer war. Das erste halbe Jahrhundert eines derartigen amerikanischen Eigenthums trägt dem Grundherrn selten viel weiter ein, als Mühe und Verdruß.« »Und nach dieser Zeit kommt der Pächter her, um es als Lohn für seine Mühe zu einem ihm beliebigen Preis an sich zu reißen.« »Ach, welche Beweise allenthalben, wo immer das Auge ruht, von der Selbstsucht des Menschen und von seiner Unfähigkeit, ohne Zügel die Angelegenheiten der Gesammtheit zu ordnen! In England streitet man sich mit den Grundherrn, die eine wirkliche Aristokratie bilden und in der Gesetzgebung sitzen, über die Art, wie diese sich und den Ertrag ihrer Länderei schützen, während hier der wahre Eigenthümer des Bodens sich gegen die Macht der Zahlen, gegen das Volk, welches bei uns die einzige Aristokratie bildet, wehren muß, um sein Eigenthumsrecht in der einfachsten und nacktesten Form zu erhalten. Diesen beiden Bedrückungen liegt ein gemeinsames Laster zu Grund – das Laster der Selbstsucht.« »Aber in welcher Weise sind Mißbräuche, wie diejenigen, über welche wir uns hier beklagen – Mißbräuche von der schändlichsten Art, da der Unterdrücker so viele sind, und sie durch ihre Zahl sich aller Verantwortlichkeit entheben – zu vermeiden, wenn man dem Volk das Recht gibt, sich selbst zu beherrschen?« »Gott sei dem Lande gnädig, wo ein solches Selbstregiment im buchstäblichen Sinne des Worts besteht, Hugh! Der Ausdruck ist blos conventionell und bedeutet, im geeigneten Lichte betrachtet, eine Regierung, in welcher die Quelle der Gewalt in der Gesammtheit der Nation liegt und nicht von einem einzelnen Souveräne ausgeht. Wenn ein Volk, das seinen Erfahrungen eine passende Erziehung verdankt, ruhig seine Geschäftsführer wählt und ohne Vorurtheil an's Werk geht, um eine Reihe von Prinzipien aufzustellen, welche das Grundgesetz oder die Constitution bilden sollen, so ist die Maschine auf dem rechten Wege und wird ihrem Zwecke gut genug entsprechen, so lange sie aus demselben erhalten werden kann; aber dieses Fortrennen, dieses Aendern der Grundsätze, so oft eine politische Partei Rekruten braucht, gibt zu einer Tyrannei in der schlimmsten Form Anlaß – zu einer Tyrannei, welche für die wahre Freiheit eben so gefährlich ist, wie die Heuchelei für die Religion.« Wir näherten uns nun der St. Andrews-Kirche und der Rectorei mit ihrer Scholle Landes, welche hart an den Kirchhof oder – wie die Amerikaner sich ausdrücken – an den »Gräberhof« gränzte. Seit ich das Pfarrhaus mit seiner Umgebung zum letztenmal gesehen, hatte es augenscheinlich wesentliche Verschönerungen erfahren. Es war Gesträuch angepflanzt, die Verzäunungen befanden sich in guter Ordnung, der Garten war zierlich und gut bearbeitet, die Felder sahen trefflich aus, und Alles deutete darauf hin, daß der »neue Herr auch eine neue Ordnung gebracht hatte.« Sein Vorgänger war ein weinerlicher, unzufriedener, engherziger, selbstsüchtiger und träger Pfaffe gewesen – ein Charakter, der fast auf einer eben so niedrigen Stufe steht, wie der des offenkundigen Verbrechers; aber Mr. Warren erfreute sich des Rufs eines frommen, wahren Christen, der sein heiliges Amt mit inniger Freudigkeit erfüllte und seinem Gott diente, weil er ihn liebte. Ich weiß vollkommen zu würdigen, wie beschwerlich das Leben eines Landgeistlichen ist und mit welch einem dürftigen Gehalt er sich gemeiniglich behelfen muß, während er doch unendlich mehr verdiente, wenn seine Belohnung nach zeitlichen Dingen zu ermessen wäre. Wie jedes andere, hat übrigens auch dieses Gemälde seine verschiedenen Seiten, und hin und wieder treten Menschen aus Beweggründen in den Kirchendienst, die nicht in entfernter Beziehung zu denjenigen stehen, welche den eigentlichen Impuls dazu geben sollten. »Mr. Warren hat seinen Wagen vor der Thüre stehen,« bemerkte mein Onkel, als wir an der Rektorei verbeikamen. »Er wird doch nicht bei einer solchen Gelegenheit auch das Dorf besuchen wollen?« »Wenn das Zeugniß, welches ihm Patt gibt, richtig ist, so finde ich dieß sehr wahrscheinlich,« entgegnete ich. »Sie sagt mir, er lasse sich's eifrig angelegen sein, den Geist der Habsucht zu beschwören, der im Lande immer weiter greift, und habe sogar – zwar in allgemeinen Ausdrücken, aber doch mit Kühnheit – gegen die Grundsätze gepredigt, welche bei Gelegenheit der Antirentenfrage aufgetaucht seien. Wie ich höre, strebt der Geistliche im Dorf nach Popularität und hält's in seinen Predigen sowohl, als in seinen Gebeten mit den Antirenters.« Es wurde jetzt nichts mehr gesprochen, sondern wir fuhren weiter und gelangten bald in einen breiten Streifen Gehölz, der mit dem jungfräulichen Urwald zusammenhing. Dieser Wald, der wohl tausend Acres Landes bedeckte, erstreckte sich von den Bergen herunter über unebnes und nicht sehr werthvolles Land, welches von der Axt verschont blieben war, damit es den Bedürfnissen späterer Zeiten Rechnung trage. Es war daher im vollsten Sinne des Worts mein Eigenthum, und so auffallend es auch scheinen mag, wurde unter den Anschuldigungsgründen gegen mich und meine Vorfahren auch der vorgebracht, daß wir es abgelehnt hätten, diesen Strich zu verpachten . So wurden wir also einerseits verlästert, weil wir unser Land in Pacht gegeben hatten, und andererseits machte man uns den Vorwurf, daß dieß von uns nicht geschehen sei. Die Sache ist übrigens erklärlich: man erwartete von mir, wie von allen größeren Grundbesitzern, daß wir unser Eigenthum so viel als möglich zum Besten anderer Leute benützen sollten, sintemal diese andere Leute der Meinung sind, fremde Habe sei nur da, um ihnen Vortheil zu bringen. Wir mußten etwa eine Viertelstunde durch den Wald fahren, bis wir wieder in's Freie gelangten, von wo aus wir noch eine kleine Stunde Wegs bis nach dem Dörflein hatten. Zur Linken von uns erstreckte sich das Gehölz nicht weiter als auf etwa hundert Ruthen, und endigte dann an dem Ufer des Flüßleins oder des Bächleins – wie es unpassender Weise genannt wird, da es nur hundert Fuß breit ist – welches unter dem bergigen Grund, der sich hieher ausdehnte, dahinfloß. Rechts aber lief der Wald eine gute Strecke weiter, bis er sich mit anderen Theilen des Forstes, die zu den angränzenden Farmen gehörten, vermischte. Wo Wege durch ein Gehölz gehen, ist es in Amerika nicht ungewöhnlich, daß zu beiden Seiten der Straße ein zweiter Baumwuchs aufschießt, und so war es auch hier der Fall; dieser Waldweg war nach seiner ganzen Länge mit großen Büschen von Fichten, Schierlingstannen, Ahorn und Kastanien gesäumt. An einigen Stellen liefen diese fast bis an den Pfad vor, während an andern der Raum auf eine ziemliche Breite frei war. Wir wanden uns durch dieses Gehölz und hatten fast dessen Mitte erreicht, von der aus man nach keinem von den mindestens eine Viertelstunde entlegenen Häusern hinsehen konnte. Die Aussicht nach vorn und hinten war in jeder Richtung auf sechs oder acht Ruthen hin durch die jungen Bäume begränzt, und wir betrachteten uns eben die Stelle, als ein gedämpftes schrilles, banditenartiges Pfeifen an unsere Ohren schlug. Ich gestehe, daß mir bei dieser Unterbrechung durchaus nicht wohl zu Muth war, da ich an die Unterhaltung der vorigen Nacht dachte. Mein Onkel sprang plötzlich auf und griff instinktartig nach der Stelle, wo eigentlich hätte ein Pistol stecken sollen, um einer solchen Crisis zu begegnen – eine Geberdung, aus welcher ich entnahm, daß auch er glaube, er befinde sich bereits in den Händen der Philister. Eine halbe Minute reichte übrigens zu, um uns über das wahre Sachverhalten zu belehren. Ich hatte kaum das Pferd gezügelt, um mich umzuschauen, als eine Reihe von Männern, sämmtlich bewaffnet und verkleidet, in einer einzelnen Zeile aus dem Gebüsch hervorkam und sich quer in dem Wege aufstellte. Es waren sechs sogenannte Inschens, von denen jeder eine Büchse, ein Pulverhorn, einen Kugelbeutel und sonstige kampffertige Ausstattung bei sich führte. Die Verkleidung war sehr einfach, indem sie nur aus einer Art weiten Calicojagdhemds und aus Beinkleidern bestand, so daß die Person des Trägers vollkommen verhüllt war. Den Kopf deckte eine Art Kaputze oder Maske, gleichfalls aus Calico, die mit Einschnitten für die Augen, die Nase und den Mund versehen war. Ein so ausstaffirter Mensch war natürlich nicht zu erkennen, wenn er sich nicht etwa durch ungewöhnliche Größe oder Kleinheit auszeichnete; jedenfalls war ein Mann von mittlerer Statur vollkommen sicher, so lange er nicht redete und die Maske beibehalten werden konnte. Wie ich übrigens bald fand, veränderten Diejenigen, welche sprachen, ihre Stimmen und bedienten sich dabei eines Jargons, welcher das unvollkommene Englisch der eingebornen Eigenthümer des Bodens nachahmen sollte. Obschon weder ich noch mein Onkel je zuvor einen von der Bande gesehen hatten, so wußten wir doch im Augenblick, daß wir in diesen Personen die viel besprochenen Störer des öffentlichen Friedens – denn ich kann sie mit keinem andern Ausdruck bezeichnen – vor uns hatten. Unter den Verhältnissen, in denen wir uns befanden, konnte ohnehin nicht wohl ein Irrthum statt finden; aber wenn wir sie auch anderswo getroffen hätten, so würden die Tomahawks, welche ein paar dieser Leute mit sich führten, die Art, wie sie marschirten, und der sonstige Zubehör ihrer Mummerei uns augenblicklich belehrt haben, womit wir es hier zu thun hatten. Mein erster Gedanke war, den Wagen umzukehren und zu versuchen, ob ich den trägen Gaul nicht in Galopp peitschen könne. Zum Glück blickte ich, ehe ich diesen Versuch machte, zurück, um zu sehen, ob für ein solches Kunststück Raum genug vorhanden sei, und nun bemerkte ich, daß sechs andere von diesen Inschens hinter uns quer in der Straße aufgezogen waren. Unter solchen Umständen war es wohl das Klügste, zur Sache eine gute Miene zu machen und das Pferd dreist vorwärts gehen zu lassen, bis es von einem aus der Bande, der es am Zügel nahm, angehalten wurde. »Sago, Sago,« rief Einer, der den Häuptling zu spielen schien und den ich als solchen bezeichnen will, in seiner natürlichen Stimme, obschon er die indianische Aussprache nachzuahmen versuchte. »Wie gehen, wie gehen? – Wo komm' Ihr her, he? Wohin gehen, he? – Was Ihr sagen – leben Rent oder nieder mit Rent, he?« »Wir sind zwei Tscharmans,« entgegnete Onkel Ro in seinem verzweifeltsten Dialect; und die Abgeschmacktheit von Männern, welche der gleichen Zunge angehörten, aber ihre Sprache zu Zwecken der Täuschung entstellten, kam mir so seltsam vor, daß ich mich gewaltig versucht fühlte, den Kerlen in's Gesicht zu lachen. »Wir sind zwei Tscharmans, die einen Mann über's Rentenzahlen sprechen hören, und bei dieser Gelegenheit Uhren verkaufen wollen. Sind keine Liebhaber für Uhren unter Euch, Ihr guten Schentlemans?« Obgleich die Kerle, so weit unsere angenommenen Rollen gingen, ohne Zweifel wußten, wer wir waren, und wahrscheinlich auf unsere Ankunft gewartet hatten, so verfing doch dieser Köder, denn es entstand jetzt eine allgemeine Unruhe und Rührigkeit unter ihnen, woraus wohl zu ersehen war, daß dieser Vorschlag ihnen viel Vergnügen machte. In einer Minute hatte sich der ganze Haufen nebst acht oder zehn weiteren, die aus dem nächsten Gebüsche zum Vorschein kamen, um uns versammelt, und wir wurden mit sanfter Gewalt, durch welche die Bursche ihre Ungeduld an den Tag legten, aus dem Wagen gehoben. Natürlich erwartete ich, daß alle die Schmucksachen und Uhren, die nur von geringem Werth waren, augenblicklich verschwinden würden; denn wer hätte auch daran zweifeln sollen, daß Personen, die mit so großartigen Raubversuchen umgingen, Bedenken tragen würden, auch in kleinerem Maßstab ein Geschäftchen mitlaufen zu lassen, wenn sich eine fügliche Gelegenheit dazu zeigte. Ich war jedoch im Irrthum, denn eine Art unbegreiflicher Mannszucht hielt Diejenigen, welche vielleicht Lust dazu gehabt haben würden, und deren es wahrscheinlich etliche in den Haufen gab, in jeweiliger Ordnung. Der Gaul blieb – hocherfreut, daß er ausruhen durfte – mitten in der Straße stehen, während man uns nach einem in der Nähe liegenden gefallenen Baumstamm hinwies, damit wir daselbst unsere Raritätentruhe aufstellten. Ein Dutzend Uhren befand sich schnell in den Händen eben so vieler scheinbarer Wilden, die über das blanke Aussehen derselben eine große Freude an den Tag legten. Während dieser Auftritt, der halb Mummerei, halb Natur war, vor sich ging, winkte mir der Häuptling nach einem Sitz auf dem andern Ende des Baums, und während mich noch ein paar weitere Inschens umringten, begann er mich folgendermaßen in's Verhör zu nehmen. »Merk' wohl, ich will Wahrheit,« sagte er in nicht sehr gelungener Nachahmung des Indianer Englisch. »Dieß ›Blitzstrahl,‹« er legte dabei die Hand auf seine Brust, damit ich mich nicht in der Person des Kriegers irre, welcher einen so ausgezeichneten Titel führte; »nicht gut lügen ihn – wissen alle Ding', bevor er frag'; nur frag für Spaß – was thun hier, he?« »Wir sind gekommen, um die Inschens und die Leute im Dorf zu besuchen, weil wir hoffen, daß sie uns Uhren abkaufen werden.« »Das Alles – gewiß? – kann Ihr ruf: ›nieder mit Rent,‹ eh?« »Dieß ist sehr leicht. ›Nieder mit Rent, eh!‹« »Auch gewiß Tscharman, eh? Ihr kein Spion? Ihr nicht hieher geschickt von Gubbernöhr, eh? – Grundherr Euch nicht zahlen, eh?« »Wie könnt ich ein Spion sein? Da ist nichts zu erspioniren, als Männer mit Callicogesichtern. Warum fürchtet Ihr Euch vor dem Gouverneur? Ich denke, der Gouverneur ist ein guter Freund der Antirenters?« »Nicht, wenn wir so handeln. Schick Roß, schick Fußvolk nach uns dann. Denken auch gut Freund, aber er nicht dürfen.« »Mög' ihn der Teufel holen!« plärrte einer aus dem Stamm in so gutem ländlichem Englisch, als nur je eines aus dem Munde eines Bauernkerls kam. »Wenn er unser Freund ist, warum schickt er Artillerie und Reiterei an den Hudson herunter? – Und warum hat er den großen Donner vor seine höllischen Gerichtshöfe gezogen? Mög er verdammt sein!« In Betreff dieses Gefühlsergusses war eine Mißdeutung unmöglich, und so schien auch Blitzstrahl zu denken, denn er flüsterte einem von dem Stamm etwas zu. Dieser ergriff sofort den derb englisch sprechenden Inschen beim Arm und führte den Kerl fort, der noch immer vor sich hin brummte und grollte, gleich dem mehr und mehr sich entfernenden Donner, wenn ein Gewitter vorübergezogen ist. Was mich selbst betrifft, so zog ich aus diesem Vorgang mehrere ersprießliche Betrachtungen hinsichtlich des unausbleiblichen Schicksals Derjenigen, welche es versuchen, Gott und dem Mammon zugleich zu dienen. In dieser Antirentenfrage lag einem Gouverneur nichts Anderes ob, als eine einzige Richtung zu verfolgen – nämlich durch Unterdrückung der Gewaltthätigkeit dem Gesetz Achtung zu verschaffen und die Personen, welche sich über ihre Pachtverträge beschwerten, mit ihren Klagen an die Gerichtshöfe zu weisen, wie man es gewöhnlich bei Mißhelligkeiten über Kontrakte zu halten pflegt. Ein Regiment ist nur ärmlich, wenn es nicht beiden Theilen Gehör schenkt. Mancher Grundherr hat für sich selbst einen sehr nachtheiligen Vertrag eingangen, und es ist mir namentlich ein Fall bekannt, in welchem schon seit langer Zeit einer Familie die zweckmäßige Benützung eines sehr werthvollen Eigenthums bitter verkümmert wird, blos weil ein schwachköpfiger früherer Besitzer der Liegenschaften Seelen für das Paradies zu gewinnen vermeinte, wenn er seine Farmen, die er blos dem Namen nach mit einer Rente beschwerte, unter der Bedingung, daß jeder Pächter zweimal eine besondere Kirche besuchen müsse, auf die Dauer von neunundzwanzig Jahren vergabte! Nun ist es sonnenklar, daß der Bürger, welcher der Eigenthümer vieler derartig verliehener Farmen ist, unter einer weit größeren Benachtheiligung leidet, als der Pächter einer einzelnen Farm, selbst wenn die Bedingungen beschwerend sind, und schon nach allgemeinen Grundsätzen hätte der fragliche Grundbesitzer weit mehr Anspruch auf Abhilfe, sintemal ein Einzelner, über den viel ergeht, eher Mitleid verdient, als Viele, von denen jeder nur wenig leidet. Was würde wohl ein Gouverneur sagen, wenn der Grundbesitzer, den ich im Auge habe, mit seinen Beschwerden sich an die executive Gewalt wendete und die Erklärung vorbrächte, dieselbe Vertragsbedingung, welche seinen Vorgänger zu dem Irrthum veranlaßt habe, also seine Mittel zu vergeuden, finde eine offene Mißachtung – die Farmen, welche einen Werth von vielen tausend Dollars besäßen, seien nun fast ein Jahrhundert lang für blose Nominalrenten von den Pächtern benützt worden – der wahre Eigenthümer des Landes habe jetzt Gelegenheit, sein Besitzthum vortheilhaft zu verwenden u. s. w.? Würde der Gouverneur in einem solchen Falle einen legislativen Act in Vorschlag bringen? Würde die lange Dauer eines solchen Vertrags ihn veranlassen, darauf anzutragen, daß fortan kein Pacht mehr für länger, als für fünf Jahre eingegangen werden könne? Würden die Grundbesitzer, welche ein Corps von Inschens auf die Beine brächten, um die Pächter durch Plackereien zum Abtreten von ihren Farmen zu vermögen, Gegenstände des Mitleids werden? – Und würde bei Anstiftung von Rebellion und Raubzügen, wenn sie von solcher Seite ausgingen, das Gesetz gleichfalls Jahre lang schlummern, bis etwa zwei oder drei Mordthaten die öffentliche Entrüstung geweckt hätten? Mag diese Frage beantworten wer kann; so viel ist übrigens gewiß, daß ich mich als Grundbesitzer nicht gerne dem Hohn aussetzen möchte, der zuverlässig auch nur eine öffentliche Beschwerde über derartige Benachtheiligungen begleiten würde. Mit spöttischem Lachen würde man mich an die Gerichtshöfe verweisen – hier solle ich Abhilfe suchen, wenn ich Abhilfe brauche, und der ganze Unterschied zwischen dem »Wenn und dem Wenn« in den beiden Fällen bestände einzig darin, daß der Grundbesitzer nur eine einzige, die Pächter aber Tausende von Stimmen abzugeben haben Diese Angabe ist keineswegs erdichtet, sondern buchstäblich aus dem Leben gegriffen, und der Herausgeber kann sie um so mehr bezeugen, da er gleichfalls bei einem Eigenthum betheiligt ist, welches sich in solcher Lage befindet. Allerdings ist es ihm noch nicht eingefallen, bei dem gesetzgebenden Körper Abhilfe suchen zu wollen. Der Herausgeber . . »Der Teufel soll ihn holen!« murmelte der aufgebrachte Inschen, so lange ich noch etwas von ihm hören konnte. Nachdem er übrigens völlig beseitigt war, nahm Blitzstrahl sein Verhör wieder auf, obschon man ihm ansehen konnte, daß ihn der undramatische Charakter der Unterbrechung einigermaßen verdroß. »Gewiß kein Spion eh? – gewiß Gubbernör Euch nicht send, eh? – gewiß kommen zu verkaufen Uhr, eh?« »Wie ich Euch bereits gesagt habe, komme ich, um zu sehen, ob sich mit unsern Uhren nichts machen lasse. Von dem Gouverneur weiß ich nichts, und habe überhaupt den Mann in meinem Leben nie gesehen.« Da Alles dieß der Wahrheit gemäß war, so konnte sich mein Gewissen vollkommen beruhigt fühlen, wenn auch einige Zweideutigkeit in der Aeußerung liegen mochte. »Was denken die Leute da drunten von Inschen, eh? – Was sagen Leute von Antirent, eh? – Hör' sie viel sprech davon?« »O ja, Einige meinen, die Antirenterei sei gut, und Andere glauben, sie sei schlecht. Jeder denkt eben, wie er's gerne hätte.« Ein leises Pfeifen ließ sich jetzt die Straße herunter oder vielmehr aus dem Gebüsch her vernehmen, und sämmtliche Inschens waren im Nu auf den Beinen. Jeder gab übrigens ehrlich die Uhr, die er in den Händen hatte, zurück, und nach weniger als einer halben Minute saß ich mit meinem Onkel allein auf dem Baumstamm. Diese Bewegung war so plötzlich, daß wir über die passende Art, wieder fortzukommen, nicht sonderlich im Zweifel zu sein brauchten. Mein Onkel packte kaltblütig seine Schätze wieder in die Truhe, und ich begab mich nach dem Pferde hin, welches sein Kopfzeug abgeschüttelt hatte und ruhig im Wege graste. Wir mochten etwa ein paar Minuten in dieser Weise beschäftigt gewesen sein, als das Traben eines Pferdes und das Gerassel von Rädern die Ankunft eines jener Fuhrwerke, die fast national geworden sind – eines Dearborn oder eines einspännigen Wägelchens ankündigten. Sobald dasselbe hinter einen Schirm von Gebüsch, das eine Krümmung des Weges säumte, hervorkam, bemerkte ich, daß es Mr. Warren und dessen holde Tochter enthielt. Da der Weg nur schmal war und unser Fuhrwerk in der Mitte desselben stand, so konnten die neuen Ankömmlinge nicht fortfahren, wenn wir nicht bei Seite rückten, und der Geistliche zog deßhalb die Zügel an, sobald er die Stelle, wo wir uns befanden, erreicht hatte. »Guten Morgen, Gentlemen ,« sagte Mr. Warren herzlich, sich eines Wortes bedienend, das wie ich wohl fühlte, in seinem Munde Alles ausdrückte, was es bedeutete. »Guten Morgen Gentlemen . Spielt Ihr den Waldnymphen eine Händelsche Passage vor, oder declamirt Ihr Hirtengedichte?« »Keines von beiden, Herr Pastor. Wir sind hier mit Kunden zusammengetroffen, und sie haben uns eben erst verlassen,« antwortete Onkel Ro, der zuverlässig seine Rolle mit vollkommenen Aplomb spielte, und mit einer bewundernswürdigen Mimik begleitete. »Guten Tag, guten Tag. Will der Herr Pastor vielleicht nach dem Dorf gehen?« »Wir sind auf dem Wege. Wie ich höre, soll daselbst von den irregeleiteten Menschen, welche sich Antirenters nennen, ein Meeting abgehalten werden, und vielleicht sind einige meiner Pfarrkinder dabei anwesend. Bei einer solchen Gelegenheit halte ich es für meine Pflicht, mich unter meinen Leuten zu zeigen und ihnen ein Wort des Rathes zuzuflüstern. Zwar bin ich der Ansicht, daß es sich für einen Geistlichen durchaus nicht schicke, sich in politische Angelegenheiten zu mengen; aber hier handelt sich's um eine Sache, welche die Moralität betrifft, und der Diener Gottes vernachlässigt seine Pflicht, wenn er sich von Orten fernhält, wo ein Wort der Ermahnung einen wankenden Bruder vielleicht abhalten kann, eine schwere Sünde zu begehen. Diese Rücksicht hat mich bewogen einen Schauplatz zu besuchen, den ich unter andern Umständen herzlich gern vermeiden würde.« »Dieß mag vollkommen in der Ordnung sein,« sagte ich zu mir selbst, »aber was hat deine Tochter auf dem Schauplatze zu schaffen? Ist der Geist von Mary Warren am Ende um kein Haar besser, als der ihrer gewöhnlichen Landsmänninnen, und kann sie eine Freude haben an derartigen öffentlichen Meetings oder an der Aufregung, welche durch solche Volksreden hervorgerufen wird?« Es gibt keinen bessern Probierstein der Bildung, als die Art, wie sie gleichsam in Folge innerer Eingebung zurückbebt vor einem unnöthigen Verkehr mit Liebhabereien und Grundsätzen, die unter ihrem Niveau stehen. Hier aber war das Mädchen, in das ich – ich will nur so wenig als möglich sagen – bereits halb verliebt war, und stand im Begriff, nach dem ›Littlenest‹ hinunterzugehen, um daselbst einen wandernden Vorleser seine unverdauten Brocken über Staatsökonomie auskramen zu hören, den Spektakel im Dorf mitanzusehen, und sich zugleich ansehen zu lassen! Ein schmerzliches Gefühl getäuschter Erwartung bemächtigte sich meiner, und ich hätte in jenem Augenblicke gern die beste Farm meines Besitzthums hingegeben, wenn es anders gewesen wäre. Der Bemerkung nach, welche sich jetzt mein Onkel erlaubte, mußten ihm wohl ähnliche Gedanken in den Kopf herumgegangen sein. »Und ist es der Jungfrau auch darum zu thun, die Inschens zu sehen und sich zu überzeugen, daß sie ein sehr gottloses Volk seien?« Als das Wägelchen anhielt, war, wie es mir vorkam, Marys Gesicht ein wenig blaß gewesen; aber jetzt goß sich eine hohe Scharlachröthe darüber aus. Sie ließ sogar den Kopf ein wenig sinken, und ich bemerkte nun, daß sie einen ängstlichen, bittenden Blick auf ihren Vater warf. Ich kann nicht sagen, ob sie damit eine stumme unwillkürliche Berufung beabsichtigte; so viel aber ist gewiß, daß der Vater, ohne auch nur des Blickes gewahr zu werden, für seine Tochter das Wort ergriff. »Nein, nein,« sagte er hastig, »das liebe Mädchen thut allen ihren Gefühlen, mit Ausnahme eines einzigen, Gewalt an, indem sie es wagt, einen solchen Platz zu besuchen. Ihre kindliche Liebe ist stärker geworden, als ihre Befürchtungen, und als sie fand, daß ich mich nicht abhalten ließ, so konnte keine Vorstellung von meiner Seite sie bewegen, zu Hause zu bleiben. Gebe Gott, daß sie es nicht bereue!« Das Roth wich noch immer nicht von Marys Gesichte; aber der Ausdruck desselben verklärte sich, als sie fand, daß ihre wahren Beweggründe Anerkennung fanden, und sie lächelte sogar, obschon ihre Lippen schwiegen. Meine eigenen Gefühle erlitten jetzt eine abermalige plötzliche Umwandlung. Also nicht der Mangel an jenen Angewöhnungen und Neigungen, welche allein die Jungfrau einem Mann von Gefühl anziehend machen können, sondern ein hohes moralisches Gefühl und der Drang der kindlichen Liebe hatten sie bewogen, sich selbst zu überwinden und dem, was sie für ihre Pflicht hielt, ein schweres Opfer zu bringen. Allerdings war es nicht sonderlich wahrscheinlich, daß sich an jenem Tage etwas zutragen konnte, was Mary Warrens Anwesenheit auch nur im mindesten nöthig oder nützlich machte; aber ihre kindliche Anhänglichkeit machte einen sehr lieblichen Eindruck auf mich, und ich freute mich sogar darüber, daß sie unter obwaltenden Umständen nicht anders denken konnte. In demselben Augenblicke übrigens bemächtigte sich meiner sowohl, als meines Onkels eine andere, weit weniger angenehme Vorstellung. Das Gespräch wurde nämlich sehr laut oder doch wenigstens laut genug geführt, um in einiger Entfernung verstanden werden zu können; denn das Pferd und ein Theil des Wagens trennte die Sprecher, und es war daher unabweislich, daß Einige von Denen, welche in den Büschen steckten, alle unsere Worte hörten und vielleicht ernstlichen Anstoß daran nahmen. In dieser Besorgniß forderte mich mein Onkel auf, unser eigenes Wägelchen so weit als möglich bei Seite zu bringen, damit der Geistliche vorfahren könne. Mr. Warren war es übrigens hiemit nicht so eilig zu thun, denn er wußte nichts von der Zuhörerschaft, die er hatte, und hegte gegen uns jenes Gefühl, welches Männer von freisinniger Bildung so gern unterhalten, wenn sie andere, die eine ähnliche Erziehung genossen haben, in der Bedrängniß des Unglücks sehen müssen. Er wünschte daher, uns seine freundliche Theilnahme kund zu geben, und wollte nicht weiter fahren, selbst nachdem wir ihm den Weg geöffnet hatten. »Es ist schmerzlich,« fuhr Mr. Warren fort, »finden zu müssen, daß die Menschen irrtümlicherweise in ihrer Habgier nichts als das Wirken der Freiheitsliebe sehen; und doch kann der verständige Mann mit Händen greifen, daß diese Antirentenbewegung blos eine Raubsucht ist, die ihren Urquell in dem Vater des Bösen hat. Ihr werdet unter diesen Leuten Männer finden, welche sich einbilden, sie unterstützen durch ihre Theilnahme an den Umtrieben die Sache unserer freien Institutionen, während sie in Wahrheit Allem aufbieten, um sie in Mißkredit zu bringen und für die Folge ihren sicheren Sturz herbeizuführen.« Dieß brachte uns in große Verlegenheit; denn wären wir näher hinangegangen, um ihn in leiser Stimme zu warnen und so eine Veränderung im Gespräch herbeizuführen, so hätten wir uns selbst verrathen und uns möglicherweise in eine sehr ernstliche Gefahr gestürzt. Zudem bemerkte ich in demselben Augenblick, in welchem der Geistliche also sprach, daß der maskirte Kopf des Blitzstrahls zwischen einigen niedrigen Fichten, die in kurzer Entfernung hinter dem Wägelchen standen, zum Vorschein kam – eine Stellung, welche den Lauscher befähigte, jede Sylbe von unserem Gespräch aufzufangen. Ich scheute mich, auf eigene Verantwortlichkeit etwas zu thun, und verließ mich deßhalb auf die größere Erfahrung meines Onkels. Ob dieser den angeblichen Häuptling auch bemerkt hatte, wußte ich nicht; er kam jedoch zu dem Entschlusse, das Gespräch seinen Fortgang nehmen zu lassen und sich eher auf die Antirenten-Seite der Frage zu halten, da auf diese Weise kein ernstlicher Nachtheil herbeigeführt, wohl aber unsere eigene Lage gesichert werden konnte. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß uns diese Betrachtungen schnell genug durch den Kopf schoßen, um eine lästige und Verdacht erregende Pause in der Unterhaltung zu vermeiden. »Vielleicht zahlen sie eben die Rente nicht gerne,« entgegnete mein Onkel mit einer Rauhheit in seinem Wesen, die ganz im Einklang mit den Worten selbst stand. »Ich kann mir denken, daß die Leute ihr Land lieber umsonst haben, als Rente dafür zahlen.« »In diesem Falle sollen sie hingehen, wo sie sich Land kaufen können. Liegt es nicht in ihrer Absicht; die Rente zu bezahlen, warum haben sie sich dazu anheischig gemacht?« »Mag sein, daß ihnen ein anderer Sinn gewachsen ist. Wenn Einem heute etwas gut dünkt; so ist dieß noch keine Folge, daß es morgen eben so sein muß.« »Ihr mögt hierin wohl recht haben; aber wir sind nicht befugt, durch unsern Wankelmuth andere Leute in Nachtheil zu bringen. Ich glaube wohl auch, daß es besser für den ganzen Staatsverband wäre, wenn ein so großer Landstrich, wie der des Herrenguts Rensselaerwyck zum Beispiel, welcher noch obendrein im Herzen des Staats liegt, sich in den Händen der Bebauer befände und die Interessen darauf nicht so getheilt wären; hieraus folgt aber noch nicht, daß der Wechsel durch Gewalt oder durch betrügliche Mittel herbeigeführt werden darf. Aus jedem dieser beiden Fälle erwächst für die ganze Gemeinschaft ein weit größerer Nachtheil, als wenn die gegenwärtigen Pachtverhältnisse noch tausend Jahre fortbestünden. Ohne Zweifel läßt sich der größere Theil dieser Farmen durch eine mäßige Abschlagszahlung an dem wahren Geldwerth erwerben, und dieß ist die einzige Art, wie man über die Schwierigkeit wegkommen kann; dagegen ist es Unrecht, wenn man die Besitzer durch Einschüchterung aus ihrem Eigenthum verscheuchen will. Ist der Staat der Ansicht, daß es von großer politischer Wichtigkeit sei, die Pachtverhältnisse abzuschaffen, so soll er selbst in's Mittel treten und durch ein annehmbares Erbieten seinerseits diejenigen Offerten, welche die Pächter machen wollen, unterstützen. Ich stehe dafür, die Grundbesitzer werden nicht so sehr gegen ihr eigenes Interesse handeln, um gute Preise abzuweisen.« »Aber es könnte vielleicht der Fall stattfinden, daß sie ihre Ländereien gar nicht verkaufen, sondern lieber für sich selbst behalten wollten.« »Sie haben das Recht, Ja oder Nein zu sagen; uns aber steht durchaus nicht die Befugniß zu, sie durch Umtriebe oder durch den Mißbrauch der Gesetzgebung aus ihrem Eigenthum zu verdrängen. Die Legislatur des Staats hat in letzter Zeit eine der bedauerlichsten Ansichten kund gegeben, die mir während meines ganzen Lebens vorgekommen sind. Monate lang kämpfte sie sich ab, um einen Ausweg zu finden, vermöge dessen sie die entschiedenen Verfügungen der Gesetze und Constitutionen umgehen könnte, und auf was ist sie verfallen? Man will die Rechte einiger Weniger zum Opfer bringen, um sich die Stimmen des großen Haufens zu sichern.« »In Wahlzeiten sind Stimmen etwas Gutes, ha, ha, ha!« rief mein Onkel mit rohem Lachen. Mr. Warren blickte überrascht und mit gekränkter Miene auf. Das rohe Wesen, welches mein Onkel angenommen hatte, erreichte zwar seinen Zweck bei den Inschens, vernichtete aber beinahe die gute Meinung, welche der Geistliche von uns gehabt hatte, und warf die Vorstellung, die er von unserer Bildung und unsern Grundsätzen unterhalten, ganz über den Haufen. Wir hatten übrigens keine Zeit, uns auf weitere Erklärungen einzulassen, denn wie mein Onkel mit seinem derben »ha ha ha« zu Ende gekommen war, ließ sich ein schrilles Pfeifen im Gebüsch hören, und vierzig oder fünfzig Inschens sprangen schreiend aus ihrem Versteck hervor, nach allen Richtungen hin unsere beiden Fuhrwerke umringend. Ob diesem erschreckenden Auftritt stieß Mary Warren einen leichten Schrei aus, und ich bemerkte, daß sie mit einer Art unwillkürlicher Bewegung ihren Arm um den ihres Vaters schlang, als wolle sie ihn gegen jede drohende Gefahr schützen. Dann schien sie sich wieder zu fassen, und von diesem Augenblicke an gewann ihr Charakter eine Thatkraft, einen Ernst, einen Muth und eine Unerschrockenheit, wie ich etwas Aehnliches nie von ihrer milden Außenseite und von ihrem wirklich so lieblichen Charakter erwartet hätte. Doch hiefür hatten die Inschen kein Auge. Sie folgten eben der Eingebung des Augenblicks, und ihr erster Schritt bestand darin, daß sie Mr. Warren und seiner Tochter aus dem Wagen steigen halfen. Dieß geschah in ziemlich anständiger Weise und gewiß nicht ohne einige Achtung vor dem heiligen Amt des Vaters, wie auch vor dem Geschlecht der Tochter. Das Ganze ging schnell und säuberlich vor sich, und im Nu standen wir alle, Mr. Warren, Mary, mein Onkel und ich, von etlich und fünfzig Inschens umringt, mitten in der Straße.   Vierzehntes Kapitel. »Hier gibt es keine Mühe zum Verzagen, Tyrannen änderst du und Sklaven nicht: Und keine Tat mit unerschöpftem Wagen Herrscht hier, die nur das Hungersbrod uns bricht.«   Der am Schlusse des vorigen Kapitels bemerkte Akt war so plötzlich vor sich gegangen, daß wir kaum Zeit gefunden hatten, uns darüber zu besinnen. Gleichwohl gab es einen Augenblick – ich meine den, als zwei Inschens Mary Warren vom Wagen herunterhoben – welcher mein Incognito mit großer Gefahr bedrohte. Als ich übrigens bemerkte, daß die junge Dame mit keiner sonderlichen Achtungswidrigkeit behandelt wurde, so zwang ich mich zur Ruhe, wechselte aber gleichwohl schweigend meine Stellung so weit, daß ich in ihre Nähe kam und ihr einige Worte der Ermuthigung zuflüstern konnte. Mary dachte jedoch nur an ihren Vater und hatte keine Besorgniß für sich. Blos für ihn hatte sie Angst, blos für ihn zitterte sie, und blos für ihn schwebte sie in Furcht und Hoffnung. Was dagegen Mr. Warren betraf, so verrieth er keine Verwirrung, und sein Benehmen hätte nicht ruhiger sein können, selbst wenn er eben im Begriffe gewesen wäre, auf die Kanzel zu steigen. Er schaute umher, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa einen der ihn umringenden Inschens zu erkennen vermöge; dann aber wandte er plötzlich den Kopf ab, als falle ihm ein, wie bedenklich eine solche Kunde werden könne, selbst wenn sie ihm möglich würde. Erkannte er nämlich eine von diesen Personen, so war der Fall wohl denkbar, daß er aufgeboten wurde, um gegen einen irregeleiteten Nebenmenschen als Zeuge aufzutreten. Alles dieß leuchtete so augenfällig aus seinem wohlwollenden Gesicht hervor, daß ich denke, einige von den Inschens mußten sogar davon betroffen werden; ja, ich bin noch immer der Ansicht, daß dieses Benehmen einigen Einfluß auf die Art übte, wie sie ihn behandelten. Als die Bande aus den Büschen hervorstürzte, hatte sie einen Theertopf sammt einem Federsack mitgebracht und auf die Straße hingestellt; ob übrigens dieß blos zufällig war oder ob man ursprünglich die Absicht hatte, diese beiden bedrohlichen Gegenstände an Mr. Warren in Anwendung zu bringen, kann ich nicht sagen. Das anstößige Material verschwand jedoch bald wieder in aller Stille und mit ihm jedes Anzeichen, als ob der Haufen eine persönliche Beleidigung im Schilde führe. »Was habe ich gethan, daß ich, gegen alles Gesetz, von bewaffneten und verkleideten Männern auf offener Landstraße angehalten werde?« fragte der Geistliche, sobald die allgemeine Pause, welche der ersten Bewegung folgte, zum Sprechen Gelegenheit gab. »Dieß ist ein übereilter, ungesetzlicher Schritt, den ihr sicherlich noch bereuen werdet.« »Nichts predigen jetzt,« entgegnete Blitzstrahl. »Predigen für Bethaus – nicht gut für Straße.« Mr. Warren gestand mir nachher zu, daß er in dieser Entgegnung einen großen Trost gefunden habe, weil ihm der Gebrauch des Wortes »Bethaus« statt »Kirche« die erfreuliche Versicherung gegeben, daß diese Person wenigstens kein Mitglied seiner Gemeinde gewesen sei. »Ermahnungen und Vorstellungen können stets von Nutzen sein, wenn man über Verbrechen brütet. Ihr macht euch eben jetzt eines Vergehens schuldig, für welches durch die Landesgesetze Einsperrung im Staatsgefängniß vorgeschrieben ist, und die Pflicht meines heiligen Amtes fordert mich dazu auf, euch vor den Folgen zu warnen. Die Erde ist an sich nur einer von den Tempeln Gottes, und seine Diener brauchen nie Anstand zu nehmen, wenn es gilt, auf was immer für einem Theil desselben Seine Gesetze zu verkündigen.« Es war augenfällig, daß der ruhige Ernst des Geistlichen, ohne Zweifel durch seinen bewährten Ruf unterstützt, auf die Bande Eindruck übte; denn zwei von den Kerlen, welche noch immer seinen Arm festhielten, ließen ihn jetzt los, und es bildete sich ein kleiner Kreis, in dessen Mittelpunkt er stand. »Wenn ihr mir mehr Raum geben wollt, meine Freunde,« fuhr Mr. Warren fort, »so will ich euch hier von dieser Stelle aus anreden und euch meine Gründe mittheilen, warum ich glaube, daß euer gegenwärtiges Benehmen durchaus nicht – –« »Nein, nein – nichts predigen hier,« unterbrach ihn plötzlich Blitzstrahl; »gehen zu Dorf, gehen zu Meetinghaus – dort predigen. – Zwei Prediger dann. – Bringt Wagen und setzt ihn hinein. Marsch, Marsch, Platz machen!« Obgleich dieß nur eine »Inschen-Nachahmung« der indianischen Kürze und sie daher ziemlich karikirt war, so verstand doch Jedermann gut genug, was der Sprecher damit meinte. Mr. Warren leistete keinen Widerstand, sondern ließ sich in Millers Wagen setzen, und auch mein Onkel wehrte sich nicht, als man ihn gleichfalls an die Seite des Geistlichen packte. Jetzt dachte übrigens Letzterer an seine Tochter, welche die ganze Zeit über keinen Augenblick aufgehört hatte, an ihn zu denken. Nur mit Mühe war es mir gelungen, sie zurückzuhalten, daß sie nicht in das Gedränge stürzte und sich an seine Seite anklammerte. Mr. Warren stand auf, lächelte ihr ermuthigend zu, bat sie, sich zu beruhigen, und hieß sie außer Furcht sein; sie solle nur wieder in ihren eigenen Wagen steigen und nach Hause zurückkehren, da er ihr nachfolgen werde, so bald er sich seiner Pflicht im Dorfe entledigt habe. »Wir haben hier Niemand, der das Pferd lenken könnte, mein Kind, als deinen jungen deutschen Bekannten. Die Entfernung ist nur kurz, und wenn er mir einen Gefallen erweisen will, so kann er ja mit dem Wägelchen in das Dorf fahren, so bald er dich wohlbehalten an unserer Thüre abgesetzt hat.« Mary Warren war gewohnt, die Wünsche ihres Vaters zu achten, und fügte sich nun so weit, daß sie mir gestattete, ihr in den Wagen zu helfen und an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ich muß sagen, daß ich mit stolzer Freude die Peitsche ergriff, nun eine so kostbare Bürde meiner Obhut vertraut war. Nachdem diese Vorbereitungen getroffen, begannen die Inschens ihren Marsch; etwa die Hälfte ging voraus und die Uebrigen folgten dem Wagen, der ihren Gefangenen barg, während zu jeder Seite vier nebenher gingen, um so jede Möglichkeit einer Flucht zu vereiteln. Alles dieß ging ohne Lärm und ohne viel Worte vor sich, da die Befehle hauptsächlich durch Zeichen und Signale ertheilt wurden. Unser Wagen blieb ruhig stehen, bis der Inschenhaufen wenigstens hundert Schritte von uns abgekommen war und Niemand weiter auf unsere Beweggründe achtete. Ich hatte in doppelter Absicht so lange gewartet: einmal, um zu sehen, wie es die Inschen weiter trieben, und dann, um Raum zu gewinnen, damit ich an einer weiter nach vorn liegenden Stelle des Weges, die breiter als gewöhnlich war, besser umkehren konnte. Nach diesem Punkt hin ließ ich nun das Pferd laufen und war eben im Begriff, dem Kopf des Thiers die erforderliche Richtung zu geben, als ich bemerkte, daß Mary's kleine Hand hastig in die Zügel griff und bemüht war, das Pferd im früheren Gange zu erhalten. »Nein, nein,« sagte das bezaubernde Mädchen in angelegentlichem Tone, als bestehe sie entschieden auf ihrem Vorhaben. »Wir wollen dem Vater nach dem Dorf folgen. Ich will, darf und kann ihn nicht verlassen!« Zeit und Ort waren in jeder Hinsicht günstig, und ich beschloß nun, Mary wissen zu lassen, wer ich war. Hiedurch konnte ich ihr in einem Augenblick der Bekümmerniß Zutrauen zu mir einflößen und sie zugleich mit der Hoffnung ermuthigen, daß ich mich auch gegen ihren Vater als Freund erweisen werde. Jedenfalls war ich fest entschlossen, in ihren Augen wenigstens nicht länger als ein herumziehender deutscher Musikant zu gelten. »Miß Mary, Miß Warren,« begann ich vorsichtig und mit schüchternem Stocken, wie dieß bei der Beklommenheit meiner Gefühle nicht anders möglich war. »Ich bin nicht, was ich scheine – das heißt, ich bin kein Musikant.« Die Betroffenheit, der Blick und die Unruhe meiner Gefährtin – Alles dieß war so natürlich und sprach beredter, als es durch Worte möglich gewesen wäre. Sie hatte ihre Hand noch immer in den Zügeln und zog diese nun mit einem Male so straff an, daß das Pferd stehen blieb. Es kam mir vor, als beabsichtige sie aus dem Wagen zu springen, weil sie denselben nicht länger für einen Platz hielt, der für sie paßte. »Erschreckt nicht, Miß Warren,« fuhr ich hastig und – wie ich glaube – mit einer Angelegentlichkeit fort, die ihr wohl einiges Vertrauen einflößen mochte. »Ihr werdet keine schlechtere Meinung von mir gewinnen, wenn Ihr findet, daß ich kein Ausländer, sondern Euer Landsmann, kein Musikant, sondern ein Gentleman bin. Ich werde Alles thun, was Ihr von mir verlangt, und bin bereit, Euch mit meinem Leben zu schützen.« »Dieß ist so außerordentlich – so ungewöhnlich! – wahrhaftig, das ganze Land scheint aus den Fugen gegangen zu sein! Entschuldigt, Sir, aber wenn Ihr nicht die Person seid, für die Ihr Euch ausgegeben habt, wer seid Ihr dann?« »Ein Mann, der Eure kindliche Liebe eben so sehr, wie Euren Muth bewundert und Euch um beider willen ehrt. Ich bin der Bruder Eurer Freundin Martha – ich bin Hugh Littlepage.« Die kleine Hand ließ nun die Zügel los, und das theure Mädchen wandte sich auf dem Polster ihres Sitzes halb gegen mich um, mir in stummem Staunen in's Gesicht sehend. So oft ich mit Mary Warren zusammengekommen war, hatte ich stets aus tiefster Seele die schlichten Haarwische der unseligen Perücke verwünscht, die ich zu tragen gezwungen war, weil sie mich unnöthigerweise auf's Schmählichste entstellte; denn ich hätte statt dieser garstigen, unscheinbaren Verkleidung etwa so gut eine anständigere wählen können. Ich zog deßhalb meine Mütze ab; und die Perücke folgte ihr, so daß mein Gesicht nur noch in dem Kranze meiner eigenen krausen Locken erschien. Als mich Mary so sah, stieß sie einen leisen Ausruf aus, und der Todtenblässe ihres Antlitzes folgte ein glühendes Erröthen. Auch ein Lächeln umschwebte ihre Lippen, und es kam mir vor, als fühle sie sich jetzt weniger unruhig. »Habe ich Eure Verzeihung, Miß Warren?« fragte ich, »und werdet Ihr mir als dem Bruder Eurer Freundin Anerkennung zu Theil werden lassen?« »Weiß Martha – weiß Mistreß Littlepage davon?« fragte endlich das bezaubernde Mädchen. »Beide sind davon unterrichtet. Ich bin so glücklich gewesen, meine Großmutter und meine Schwester zu umarmen. Erstere hat Euch gestern aus dem Zimmer genommen, damit ich eben zu diesem Zweck mit der Letzteren allein sein könne.« »Ah, nun begreife ich Alles. Es fiel mir schon damals auf, obschon ich der Ueberzeugung lebte, daß in keiner von Mrs. Littlepage's Handlungen eine Ungebühr liegen könne. Und die theure Martha – wie gut sie ihre Rolle gespielt hat – und wie bewundernswürdig sie Euer Geheimniß bewahrte!« »Dieß ist auch sehr nöthig. Ihr kennt den Zustand des Landes, und werdet einsehen, daß es sehr unklug von mir gehandelt wäre, wenn ich – sogar auf meinem eigenen Besitzthum – offen erscheinen wollte. Zwar bin ich durch schriftliche Verträge ermächtigt, jede Farm in der Nähe von uns zu besuchen und nach meinen Interessen zu sehen; indeß dürfte sich's doch fragen, ob ein derartiger Schritt auch nur auf einer derselben gerathen wäre, so lang die Geister der Unordnung und der Habgier ihr schlimmes Werk üben.« »Nehmt hurtig Eure Verkleidung wieder auf, Mr. Littlepage,« fiel mir Mary hastig ins Wort. »Schnell – zögert keinen Augenblick!« Ich entsprach ihrer Aufforderung, und Mary sah mir mit theilnehmenden Blicken zu, obschon sie zu gleicher Zeit einige Heiterkeit nicht zu unterdrücken vermochte. Dann aber kam es mir vor, als thue es ihr eben so leid, wie mir selbst, daß die schlichthaarige, schuftige Perücke wieder Dienste leisten mußte. »Bin ich jetzt wieder in so guter Ordnung, wie zur Zeit, als wir uns zum ersten Mal trafen, Miß Warren?« fragte ich. »Sehe ich wieder wie ein wandernder Musikant aus?« »Ich bemerke keinen Unterschied,« entgegnete das holde Mädchen lachend. Und wie musikalisch, wie lieblich klangen mir nicht die Töne ihrer Stimme in diesem kleinen Ausbruch süßer weiblicher Heiterkeit. »Wahrhaftig, ich glaube, nicht einmal Martha könnte jetzt die Person in Euch erkennen, die Ihr vor einem Augenblick zu sein schienet.« »Die Verkleidung ist also vollkommen. Ich lebte einigermaßen der Hoffnung, meine Freunde würden mich wenigstens erkennen, wenn ich auch vor meinen Feinden auf's Wirksamste verborgen blieb.« »Oh, letzteres ist gewiß der Fall. Und nun ich weiß, wer Ihr seid, finde ich's auch nicht schwer, in Eurem Gesichte eine Aehnlichkeit mit Eurem Portrait zu finden, welches im Nest unter den Bildern der Familien-Gallerie aufgehangen ist. Die Augen lassen sich ohne künstliche Brauen nicht ändern, und diese habt Ihr nicht.« Die Versicherung klang sehr tröstlich für mich, und diese ganze Zeit über blieben Mr. Warren und seine uns vorausgezogenen Begleiter völlig vergessen. Vielleicht ließ sich's von einem Paar junger Personen in unserer Lage, die sich nunmehr schon seit einer Woche kannten, entschuldigen, wenn sie mehr von dem in Anspruch genommen wurden, was zur Zeit in dem Wagen vorging, als vom Marsch des Inschenstammes und seinen politischen Zwecken. Indeß fühlte ich doch die Nothwendigkeit, meine Begleiterin über unsere künftigen Bewegungen zu Rath zu ziehen. Mary hörte mir mit augenscheinlicher Befangenheit zu, und sie schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte, denn sie wechselte unter jedem neuen Impuls ihrer Gefühle die Farbe. »Wenn Eines nicht wäre,« antwortete sie nach einer gedankenvollen Pause, »so würde ich auf dem ursprünglichen Plane, meinem Vater zu folgen, beharren.« »Und welcher Grund könnte Euch veranlassen, das frühere Vornehmen zu ändern?« »Wird es wohl für Euch gerathen sein, Mr. Littlepage, Euch abermals unter diese irregeleiteten Männer zu wagen?« »Auf mich braucht Ihr keine Rücksicht zu nehmen, Miß Warren. Ihr seht, ich bin bereits unentdeckt unter ihnen gewesen, und es liegt in meiner Absicht, wieder unter sie zu gehen, selbst wenn ich Euch zuerst nach Haus bringen müßte. Faßt daher immerhin Euren Entschluß, ohne auf mich Bedacht zu nehmen.« »So will ich denn meinem Vater folgen. Wenn ich anwesend bin, so werde ich vielleicht das Mittel, ihm eine Verunglimpfung zu ersparen.« Ich freute mich über diesen Entschluß aus zwei Gründen, von denen mir der eine vielleicht zur Ehre gereichte, obschon ich leider sagen muß, daß der andere etwas selbstsüchtig war. Die treue Anhänglichkeit des lieben Mädchens an ihren Vater entzückte mich, aber eben so glücklich fühlte ich mich auch, wenn ich mich diesen Morgen so lang als möglich ihrer Gesellschaft erfreuen konnte. Ohne übrigens in eine genaue Zergliederung der Beweggründe einzugehen, fuhr ich weiter und ließ das Pferd nur in sehr langsamem Schritt gehen, weil mir nicht sonderlich darum zu thun war, meine schöne Gefährtin so bald zu verlieren. Es kam nun zwischen mir und Mary zu einem freien – ja, ich kann sagen, in gewissem Grade zu einem vertraulichen Gespräch. Ihr Benehmen gegen mich hatte sich ganz geändert; denn obschon sie fortwährend die Bescheidenheit und retenue ihres Geschlechtes und ihrer Stellung beibehielt, so entfaltete sie doch auch viel von jenem Freimuth, der eben so sehr eine natürliche Folge ihres vertrauten Umgangs mit den Bewohnern des Nestes, als auch, wie ich mich seitdem überzeugt habe, eine Frucht ihres edlen Wesens war. Zudem entfernte der Umstand, daß sie sich jetzt in der Gesellschaft eines Mannes wußte, welcher ihrer eigenen Klasse angehörte, folglich auch in Betreff seiner Denk- und Lebensweise ihr nahe stand, eine Bergeslast von Gezwungenheit, und sie konnte nun der ganzen natürlichen Leichtigkeit ihres Wesens Raum geben. Ich glaube, daß wir zu dem kurzen Weg nach dem Dorfe, der sich zu Fuß in einer halben Stunde hätte zurücklegen lassen, eine volle Stunde brauchten, und in dieser Frist wurden wir Beide, ich und Mary Warren, besser mit einander bekannt, als unter gewöhnlichen Umständen vielleicht in einem Jahr möglich gewesen wäre. Zuerst theilte ich ihr mit, warum und wie ich so unerwartet schnell nach Hause zurückgekehrt war, wobei ich natürlich auf die Beweggründe zu sprechen kam, welche mich veranlaßt hatten, mein Besitzthum in der Eigenschaft eines wandernden Musikanten zu besuchen. Dann sprach ich von meinen künftigen Absichten und von meinem Entschluß, gegen jeden Versuch einer Beeinträchtigung meiner Rechte bis auf den letzten Augenblick Stand zu halten, gleichviel, ob ich die offene Gewalttätigkeit und die gewissenlosen Plane des Pöbelhaufens oder die eben so grundsatzlosen Entwürfe von oben her bekämpfen müßte. Der falsche Freiheitsschwindel und die politischen Radotagen der Zeit seien mir eben so verächtlich, wie sie es jedem verständigen, unabhängigen Mann sein müssen, und ich habe durchaus nicht im Sinn, mich überzeugen zu lassen, daß ich ein Aristokrat sei, blos weil mir die Gewohnheiten eines Gentlemans anhaften, während ich doch zu gleicher Zeit weit weniger politischen Einfluß besitze, als die gedungenen Arbeiter in meinem Dienst. Mary Warren entfaltete einen Geist und eine Einsicht, die mich überraschten. Sie drückte ihren festen Glauben aus, die geächteten Klassen des Landes brauchten blos sich selbst treu zu sein, um ihre Rechte wieder zu gewinnen, und sie hätten dabei nur denselben Grundsatz zu befolgen, der sie jetzt mit dem Verlust ihrer Habe bedrohe. Die Ansichten, welche sie bei dieser Gelegenheit äußerte, verdienen hier eine Erwähnung. »Alles, was in dieser Richtung geschehen ist,« sagte das edle, bewunderungswürdige Wesen, »gründete sich bisher auf ein Prinzip, welches eben so falsch und verderblich ist, wie dasjenige, aus welchem die Bedrückung stammt. Es ist in letzter Zeit viel über eine Vereinigung der Wohlhabenden geschrieben und gesprochen worden, aber man strebt dabei so augenscheinlich, und zwar in so gemeiner und verderblicher Weise auf ein Geld-Regiment hin, daß sich Leute, denen das Herz am rechten Fleck sitzt, solchen Umtrieben nicht anschließen können. Indeß scheint mir, Mr. Littlepage, wenn sich die Gentlemen von New-York zu einer Association verbänden, welche nichts Anderes, als die Vertheidigung ihrer Rechte beabsichtigte, und die Erklärung abgäbe, daß sie sich nicht mir nichts dir nichts wolle berauben lassen, so fände sich gewiß eine hinreichende Anzahl zusammen, welche im Stande wäre, dieses Antirenten-Projekt schon durch die bloße Macht der Zahlen zu stürzen. Tausende würden sich schon um des Grundsatzes willen anschließen, und das Land könnte sich der Früchte seiner Freiheit erfreuen, ohne daß es nöthig hätte, sie einem politischen Gesalbader verdanken zu müssen.« Dieß ist eine treffliche Idee und könnte leicht zur Ausführung gebracht werden; denn sie fordert nichts, als einige Selbstverläugnung und die Ueberzeugung, daß es nöthig ist, Etwas zu thun, wenn anders der Verfall der Staaten durch eine mildere Bewegung, als durch einen Bürgerkrieg und eine Revolution erzielt werden soll, welche den Despotismus in seiner unmittelbaren Form einführen würde. Ich sage in seiner unmittelbaren Form, denn es ist augenfällig genug, daß die mittelbare unter uns kräftigen Bestand hat. »Ich habe von einem Antrag an die Gesetzgebung gehört, welche die Bestellung von besonderen Kommissären fordert,« bemerkte ich. »Diese sollen die Zwistigkeiten zwischen den Grundbesitzern und Pächtern beilegen, und es gibt Leute, welche sich von dem Ergebniß einer solchen Maßregel viel versprechen. Was übrigens mich betrifft, so sehe ich darin nur Eines von den vielen Projekten, die ersonnen wurden, um die Gesetze und Institutionen des Landes, wie sie jetzt noch immer Bestand haben, zu umgehen.« Mary Warren schien sich für eine kurze Weile in Nachsinnen zu vertiefen; dann aber klärte sich plötzlich ihr Auge und Gesicht auf, als sei ihr mit einem Male ein Gedanke gekommen. Sie erröthete hoch und wandte sich darauf an mich, als ob sie halb Anstand nehme, halb aber doch wünsche, der Idee, von welcher sie erfüllt war, Worte zu geben. »Ich sehe Euch an, daß Ihr etwas zu sagen wünscht, Miß Warren,« nahm ich ermuthigend das Wort. »Vielleicht ist es nur ein sehr thörichter Einfall, und ich hoffe, Ihr werdet es bei einem Mädchen nicht als Pedanterie deuten; aber es spricht mich wahrhaftig so an: welcher Unterschied würde wohl zwischen einer solchen Kommission und dem Sternkammergericht der Stuarte stattfinden, Mr. Littlepage?« »Den allgemeinen Grundsätzen nach sicherlich kein sonderlicher, da beide Werkzeuge der Tyrannei wären, aber doch ein sehr bedeutender in einem hochwesentlichen Punkte. Die Sternkammergerichtshöfe waren gesetzlich, während diese Kommission auf´s schreiendste illegal sein würde; denn nur so kann man die Aufbietung eines speziellen Tribunals bezeichnen, welches die Aufgabe hat, gewisse Zwecke durchzuführen, die sowohl dem Buchstaben, als dem Geist der Constitution widersprechen. Doch das Projekt kommt von Menschen, welche viele Worte machen über den ›Geist der Institutionen‹, obschon sie augenscheinlich hierunter nichts Anderes, als ihren eigenen Geist verstehen.« »Ich hoffe, die Vorsehung wird so verzweifelte Versuche, ein Unrecht durchzuführen, nicht begünstigen,« bemerkte Mary Warren in feierlichem Tone. »Wir dürfen unsern menschlichen Maaßstab nicht an die unerforschlichen Rathschlüsse einer Macht legen, deren Beweggründe unserem Bereich so weit entrückt sind. Die Vorsehung läßt viel Uebles geschehen, und hält es, wie Friedrich von Preußen meinte, gerne mit starken Heerhaufen – so weit wenigstens der menschliche Gesichtskreis zu dringen im Stande ist. So viel ist übrigens bei mir zur festen Ueberzeugung geworden, daß für Diejenigen, welche jetzt mit der meisten Gier darauf erpicht sind, zu Erreichung ihrer Zwecke Alles über den Haufen zu werfen, eine Zeit der bittern Reue kommen wird, mögen nun sie selbst oder ihre Nachkommen davon betroffen werden.« »Mein Vater sagt, dieß sei es eben, was man unter dem Heimgesuchtwerden der Sünden der Väter an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied zu verstehen habe. Doch dort ist der Haufen mit seinen Gefangenen, er zieht eben in's Dorf ein. Wer ist Euer Begleiter, Mr. Littlepage? Habt Ihr ihn gedungen, damit er Euch in Eurer Rolle als Beistand diene?« »Es ist mein Onkel. Ohne Zweifel habt Ihr oft von Mr. Roger Littlepage gehört?« Als Mary dieß hörte, stieß sie einen leichten Ruf aus, und sie konnte sich einer Anwandlung von Lachlust kaum erwehren. Nach einer kurzen Pause überflog ein hohes Roth ihr Antlitz, und sie wandte sich mit den Worten an mich: »Und wir Beide, mein Vater und ich, konnten glauben, daß der Eine ein Hausirer, der Andere ein Straßenmusikant sei!« »Aber Hausirer und Musikanten von guter Erziehung, die um ihrer politischen Ansichten willen aus dem Vaterland flüchtig wurden,« entgegnete ich wieder in gebrochenem Englisch. Jetzt lachte sie laut hinaus, denn das lange und freimüthige Zwiegespräch, in dem wir uns ergangen hatten, ließ ihr diese Abwechslung in einem Lichte erscheinen, als hätte sich eine dritte Person uns angeschlossen. Ich benützte diese Gelegenheit, um dem theuren Mädchen zuzusprechen, daß sie sich beruhigen und wegen ihres Vaters keine Besorgniß fühlen sollte, sintemalen es nicht wahrscheinlich sei, daß einem Diener des Wortes Gewaltthat drohete, während so viele Personen sich im Dorf versammelt hätten, unter denen er ohne Zweifel nicht wenige warme und anhängliche Freunde zähle. Zugleich erlaubte ich ihr, ja ich bat sie sogar, Mr. Warren meine und meines Onkels Anwesenheit mitzutheilen und ihm die Gründe unserer Verkleidung anzugeben. Gefahr konnten wir hiebei nicht laufen, denn das holde Mädchen nahm an unserer Sicherheit so sichtlichen Antheil, daß ich ihr zutrauen konnte, sie werde unaufgefordert die nöthige Warnung, über die Sache das größte Stillschweigen zu bewahren, beifügen. Wir waren eben mit unserer Unterhaltung zu Ende gekommen, als wir in das Dorf einfuhren, wo ich meiner schönen Begleiterin aussteigen half. Mary Warren beeilte sich jetzt, ihren Vater aufsuchen, während ich zurückblieb, um das Pferd in meine Obhut zu nehmen. Ich befestigte den Zügel des letzteren an einen Zaun, der auf eine weite Strecke am Weg hin bereits mit Rössen und Wägelchen gesäumt war. Man sieht heutzutage in diesem Lande erstaunlich wenig Personen reiten, während man, trotz des gewaltigen Unterschieds in der Bevölkerung vor vierzig Jahren auf den Landstraßen des Staats vierzig Berittenen begegnen konnte, bis man in unserer Zeit auf einen einzigen Reiter trifft. Das wohlbekannte Dearborn mit seinen vier leichten Rädern und einer bloßen Nußschale von einem Kasten ist gegenwärtig so allgemein im Gebrauch, daß fast alle übrigen Fuhrwerke dadurch verdrängt wurden. Kutschen und Karossen findet man nur noch in den Städten, und selbst der englische Gesellschaftswagen, der sonst so gewöhnlich war, hat nunmehr einer Art von Omnibus Platz gemacht, die bei unserem Volk sehr in Gnaden steht. Meine Großmutter, welche sich in der Stadt einer hübschen, elegant aussehenden Equipage zu bedienen pflegte, hatte auf ihrem Landsitz auch nur den vorerwähnten Wagen, und es fragt sich sehr, ob die Hälfte der Bevölkerung des Staats die früheren Fuhrwerke auch nur bei Namen zu nennen wüßte, wenn ihr dieselben vorkämen. Der Volkshaufen, welcher sich bei der gedachten Gelegenheit in Littlenest versammelt hatte, war natürlich in Dearborns beigeführt worden, von denen wohl zwei bis dreihundert an den Zäunen und in den Wagenschuppen der beiden Wirthshäuser standen. Der amerikanische Bauer im eigentlichen Sinne dieses Worts ist in vielen seiner Ansichten noch vollkommen ländlich, obgleich er sich im Ganzen viel besser ausnimmt, als sein europäisches Gegenstück; in der Regel aber muß er noch lernen, daß die kleinen Freiheiten, welche in einem dünn bevölkerten Distrikt angehen und unter solchen Umständen nicht sehr in Betracht kommen, lästig und verdrießlich werden, wenn sie an vielbesuchten Orten in Anwendung kommen. Außerdem hilft die Gewohnheit dazu, daß die Leute sich dem Glauben hingeben, was in irgend einem Theile des Landes Jedermann thue, könne nicht viel schaden. Es lag vielleicht im Einklang mit dieser Tendenz der Institutionen, daß sehr viele von den gedachten Fuhrwerken an sehr unpassenden Plätzen aufgestellt waren, die Fußwege versperrten und den Eingang durch die Thüren hinderten; auch waren da und dort, ohne daß man zuvor um Erlaubniß gefragt hätte, die Sperrstangen weggenommen worden, und Obstgärten sowohl, als Waidegründe mit einspännigen Wägelchen angefüllt. Damit beabsichtigte man natürlich nichts weiter, als Pferde und Fuhrwerke auf eine Weise unterzubringen, welche dem Eigenthümer die wenigste Unbequemlichkeit machte. Doch wie dem auch sein mochte, zwischen den Institutionen und diesen kleinen Freiheiten fand ein gewisser Zusammenhang statt, von dem vielleicht manche Staatsmänner glauben mögen, daß er im Geiste der ersteren begründet sei – freilich ein großer Mißgriff, sofern dieser Geist in den Gesetzen zu suchen ist, welche alle derartigen Eingriffe verbieten und mit Strafe bedrohen, ausdrücklich in der Absicht, den Tendenzen der menschlichen Natur einen Zügel anzulegen. Onkel Ro hat vollkommen recht, wenn er sagt, nichts sei unter Umständen sich unähnlicher, als der Geist der Institutionen und ihre Tendenzen . Ich fühlte mich nicht wenig überrascht, als ich bei diesem Anlasse zu Littlenest fast eben so viele Frauen als Männer versammelt sah. Was die Inschens betraf, so hatten sie Mr. Warren bis nach dem Dorf begleitet, als wollten sie ihn hiedurch in bedeutungsvoller Weise an ihre Anwesenheit erinnern, und ihn dann ruhig nach seinem Belieben ziehen lassen. Es wurde Mary nicht schwer, ihn aufzufinden, und so bald ich das Pferd angebunden hatte und den Weg hinunter kam, fand ich sie auf seiner Seite, augenscheinlich im Gespräch mit Opportunity und ihrem Bruder Seneka begriffen. Die Inschens hielten sich ein wenig in der Entfernung und hatten meinen Onkel in ihrer Mitte – nicht als einen Gefangenen, denn es war klar, daß ihn Niemand für etwas Anderes, als für einen Hausirer hielt. Er hatte seine Uhren wieder ausgekramt, und fast die ganze Hälfte der Bande schien im Handel begriffen zu sein, obschon es mir vorkam, als ob Einige darunter ängstlich und mißtrauisch seien. Es war ein auffallender Anblick, einen so großen Menschenhaufen in offenem Trotz gegen das Gesetz, das sie gewaltsam mit Füßen zu treten beabsichtigten, versammelt zu sehen – Menschen, die allen Reicheren gegenüber ein Geschrei über Aristokratie erhoben, obschon die von ihnen Verfolgten kein einziges Vorrecht, nicht ein Titelchen von Gewalt besaßen, das nicht jeder Andere im Lande mit ihnen theilte. Was übrigens das Schauspiel noch peinlicher machte, war der Umstand, daß ein großer Theil der Inschens, wie man aus der ganzen Haltung der Bande entnehmen konnte, aus blutjungen Burschen bestand, die von schurkischen, arglistigen Männern angeführt wurden und das Ganze als einen Witz betrachteten. Wenn die Gesetze so sehr in Mißachtung gerathen, daß man sie zum Gegenstand solcher Spässe macht, so ist es doch an der Zeit, die Verwaltung derselben einer Untersuchung zu unterwerfen. Kann wohl Jemand glauben, daß fünfzig Grundbesitzer im Stande gewesen wären, in dieser Weise einem neu erlassenen Verbot zum Trotz zu handeln und offen ein mit schwerer Strafe bedrohtes Verbrechen zu begehen – dieß noch obendrein unter Umständen, welche die Absicht deutlich erkennen ließen, und eine so lange Zeit, daß die Behörden sich wohl in der Lage befunden hätten, eine zureichende Streitmacht zu sammeln, um derartige Kundgebungen zu unterdrücken? Ich bin der Ansicht, wenn Mr. Stephen Rensselaer, Mr. William Rensselaer, Mr. Harry Livingston, Mr. John Hunter, Mr. Daniel Livingston, Mr. Hugh Littlepage und fünfzig Andere, die ich nennen könnte, bewaffnet und verkleidet betroffen worden wären, selbst wenn sie dabei blos die Absicht gehabt hätten, die Eigenthumsrechte zu vertheidigen , die durch unsere Institutionen feierlich verbürgt sind, und deren Beseitigung nach der Ansicht mancher Leute in dem »Geist derselben« liegen soll – so müßten wir Alle insgesammt in die Staatsgefängnisse spazieren, ohne daß die Legislaturen sich damit behelligen würden, ein Gesetz zu unserer Befreiung zu erlassen! Dieß ist wieder einer von den außerordentlichen Zügen der amerikanischen Aristokratie, welche den edleren Theil der Gemeinschaft sogar der alltäglichen Wohlthat des Gesetzes berauben. Es dürfte wohl der Mühe werth sein, einen Augenblick auf die Untersuchung des Prozesses zu verwenden, der so befremdliche Resultate herbeigeführt hat: indeß ist es glücklicherweise unnöthig, weil das Prinzip im Lauf der Geschichte seine volle Entwickelung findet. Aus dem Benehmen Derjenigen, welche zusammengekommen waren, um diesem Meeting anzuwohnen, hätte sich ein Fremder wohl kaum einen Begriff von dem wirklichen Charakter der Zusammenkunft bilden können. Allerdings standen die »Bewaffneten und Verkleideten« in einem Haufen da und behaupteten einigermaßen den Schein, als gehörten sie nicht zu dem »Volke«; aber Viele, welchen dieses Prädikat unwidersprechlich zukam, machten bei den Verkappten Halt und standen augenscheinlich auf bestem Fuß mit denselben. Sogar eine nicht geringe Anzahl Angehöriger des zarteren Geschlechts schien in der Bande Bekanntschaften zu haben, und ein Politiker von der andern Hemisphäre wäre ohne Zweifel höchlich überrascht worden, wenn er mit angesehen hätte, wie das »Volk« in solcher Weise mit Kerlen umging, welche ein von dem »Volke selbst« kürzlich erst erlassenes Gesetz so offen mit Füßen traten. Unter unsern Politikern ists freilich anders, und sie hätten sich wahrscheinlich mit der Erklärung zu helfen gewußt, daß dieser Widerspruch im »Geist der Institutionen« begründet sei. Würde Jemand Hugh Littlepage ersuchen, die Schwierigkeit zu lösen, so könnte er wohl nichts Anderes antworten, als daß das »Volk« von Ravensnest ihn zwingen wolle, die Güter, die er gerne selbst behielt, zu verkaufen; Vielen darunter sei es angelegentlich darum zu thun, an den erzwungenen Handel Preisbedingungen zu knüpfen, welche ihn einer guten Hälfte seiner Habe beraubten, und die Albany-Philosophen sähen den »Geist der Institutionen«, in einem Verhältniß, das in Wahrheit nur ein »Geist des Teufels« sei, welcher doch vermöge selbiger Instruktionen ausdrücklich im Zaum gehalten werden sollte. Wie man aus den paarweisen Privat-Unterredungen entnehmen konnte, gingen im Freien allerlei Verhandlungen vor, die mit dem sogenannten »Pferdschuppen«-Prozeß in Verbindung standen. – Wie ich höre, ist das Verfahren, welches diesen Namen führt, unter uns wohl bekannt und erstreckt sich nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die Verwaltung der Gerechtigkeit. Ein regelrechter »Pferdeschupper« macht sich's zum Geschäft, die Wirthshäuser zu besuchen, wo er Geschworne finden kann, und läßt vor ihnen Winke über den Gehalt von Prozeßsachen fallen, die, wie er weiß, auf dem Kalender stehen. Vielleicht weiß er es einzuleiten, daß er in ein Zimmer mit sechs oder acht Betten kommt, wo möglicherweise einer oder auch zwei Geschworene in einem Bett zusammenliegen, und nun fängt er ganz ungezwungen über einen Prozeß zu sprechen an, bei welcher Gelegenheit er die eine Partie lobt, über die andere aber dunkle Wolken fallen läßt, die ein Vorurtheil gegen sie wecken müssen. Zugleich stellt er die Thatsachen nach seiner eigenen Weise dar und streut seinen Samen aus, so daß er moralisch überzeugt sein darf, er werde Wurzel fassen und Keime treiben. Diese ganze Zeit über unterhält er sich nicht mit einem Geschworenen – bei Leibe nicht; er übernimmt nur von vorneherein das Amt des Richters und zergliedert den Zeugenbeweis, noch ehe er abgegeben ist – natürlich nur unter vier Augen und einem guten Freund gegenüber. Allerdings ist ein Gesetz vorhanden, welches derartige Umtriebe mit Strafe bedroht, und in gleicher Weise verhängt das Gesetz Bestrafung über den Herausgeber einer Zeitung, welcher etwas veröffentlicht, was die Interessen prozeßführender Parteien beeinträchtigen könnte. Im Auge des Gesetzes ist das »Pferdeschuppen« als eine schreiende Bosheit angesehen, welche auf eine Zerstörung fast aller guten Früchte im Jury-System abziele; aber trotz alledem bricht sich der »Geist der Institutionen« Bahn, und man mißachtet die erwähnten Verbote, wie auch die ewigen Grundlagen des Rechts ebenso, als ob sie gar nicht vorhanden seien, oder als ob ein freier Mann über dem Gesetz stehe. Er macht ja das Gesetz – warum sollte er es nicht auch brechen dürfen? Wir haben hier eine weitere Wirkung von dem Geist der Institutionen. Endlich läutete die Glocke und die Menge begann sich nach dem Meetinghaus hin in Bewegung zu setzen. Dieses Gebäude war nicht das, welches ursprünglich an dieser Stelle gestanden hatte und bei dessen Errichtung meine liebe alte Großmutter, damals ein liebliches, geistvolles Mädchen von neunzehn Jahren, dem Vernehmen nach eine interessante Probe ihrer Ruhe und ihres gesunden Urtheils an den Tag gelegt hatte. Das alte Haus war im Geiste des höchsten Dissenterthums hergestellt worden – in einem Geiste, der seine Anhänger bewog, gegen den guten Geschmack eben so sehr, wie gegen die religiösen Dogmen zu Feld zu ziehen, um die Kluft ja so weit als möglich zu machen – während in der neueren Struktur den Ansichten der Zeit einige Rechnung getragen war. Ich erinnere mich noch sehr gut des alten Meetinghauses in Littlenest, denn ich war eben sechszehn Jahre alt, als es niedergerissen wurde, um seinem anspruchsvolleren Nachfolger Platz zu machen. Eine Schilderung beider dürfte nicht am unrechten Orte sein, um den Leser in das Geheimniß unserer ländlichen Kirchenarchitektur einzuweihen. Das »alte« Nest-Meetinghaus bestand, wie das später erbaute, aus einem Balkengerüst, das mit tannenen Schindeln bedeckt und weiß angestrichen war. Die Farbe mußte jedoch nicht von bester Qualität gewesen sein, denn das Oel schien, statt in die Poren des Holzes einzudringen, zu verdunsten, und der Farbstoff blieb als kreidige Tünche zurück, die durch Reibung abgewischt und durch den Regen weggespült wurde. Das Haus selbst war ein steifes förmliches Parallelogramm und glich einem Mann mit hohen Schultern, der sich an Etwas zu halten schien. Es hatte zwei Reihen kleiner, unschöner Fenster, da eine solche Anordnung in der Periode seiner Errichtung als ein Punkt der Orthodoxie galt. Der Thurm war ungeschlacht und konnte in dem einen Betracht zu groß, in einem andern wieder zu klein genannt werden, wenn sich anders dieser Widerspruch vereinigen läßt – und es sollte wohl angehen, da sich ja sonst auch in der Natur derartige Anomalien finden. Oben auf diesem Thurm befand sich ein langbeiniger Glockenstuhl, der eine sehr gefährliche, gleichwohl aber oft vorkommende Neigung, sich umzulegen, verrieth. Diese Abweichung von dem Loth hatte auf die Nothwendigkeit hingedeutet, ein neues Gebäude zu errichten – dasselbe nämlich, in welchem heute die »Vorlesung« über Feudalwesen und Aristokratie gehalten werden sollte. Das neue Meetinghaus zu Littlenest war weit anspruchsvoller als sein Vorgänger; denn obschon es auch nur aus Holz bestand, war doch an ihm eine kühne Abweichung von den »ersten Grundsätzen« nicht nur in der physischen, sondern auch in der moralischen Kirche versucht worden. In beiderlei Hinsicht gehörte es der »neuen« Schule an. Was dieser Ausdruck im geistigen Sinn bedeutet, weiß ich nicht genau; indeß vermuthe ich, es handle sich dabei um eine Verbesserung irgend einer anderen Verbesserung in den älteren, ehrwürdigen Dogmen der Sekte, zu welcher sie gehört. Diese Verbesserungen der Verbesserungen sind sehr gewöhnlich unter uns und finden bei Vielen unter dem Namen des Fortschritts großen Beifall, obgleich Derjenige, welcher in einiger Entfernung steht, in kurzer Zeit die Entdeckung machen kann, daß die Fortschrittsmänner sehr oft wieder auf denselben Punkt kommen, von dem sie ausgegangen sind. Was mich betrifft, so finde ich in der Bibel eine so tiefe Kenntniß der Menschennatur und ihrer Tendenzen, so viel Weisheit und so umfassende, so sichere Rathschläge, auch ausschließlich in Beziehung auf die Dinge dieses Lebens, daß ich nicht glaube, Alles sei ein Fortschritt in der rechten Richtung, weil wir uns auf Pfaden bewegen, die keine zweitausend Jahre alt sind! Ohne Zweifel hält sich das, was beibehalten zu werden verdient, und das, was man wegwerfen sollte, die Wagschaale, und obschon ich zugebe, daß in der alten Welt unter dem Einflusse des »Geistes ihrer Institutionen«, wie unsere Philosophen sagen würden, unendlich viele Mißbräuche aufgewachsen sind, so kann ich wahrhaftig auch hier unter demselben »Geist« eine gute Anzahl üppig wuchern sehen – wir brauchen sie beiderseits, wie es der wahrhaft Weise stets thut, nur aus unserer gemeinsamen erbärmlichen Wesenheit abzuleiten. Die Hauptabweichung von den ersten Grundsätzen, wenn wir das Materielle in's Auge fassen, bestand in der Thatsache, daß das neue Meetingshaus nur eine Reihe von Fenstern hatte, und zwar von Fenstern, die im Spitzbogenstyl konstruirt waren. In früherer Zeit würde ein solches Gebäude ein wahres Schisma in der theologischen Welt hervorgerufen haben, und ich hoffe, daß man mit meiner Jugend und Unerfahrenheit Nachsicht haben wird, wenn ich mir mit aller Achtung die Andeutung erlaube, daß ein Spitzbogen oder überhaupt jeder andere Bogen in Holz wohl auch ein Schisma im Reich des Geschmacks veranlassen dürfte. Wir gingen jetzt hinein, Männer, Weiber und Kinder – Onkel Ro, Mr. Warren, Mary, Seneka, Opportunity und Alles, die Inschens ausgenommen; denn letztere hatten aus irgend einem Grunde, welcher mit ihrer Politik zusammenhing, sich vorgenommen, außen zu bleiben, bis das ganze Auditorium in Grabesstille beisammen saß. Der Redner befand sich in oder vielmehr auf einer Art von Gerüst, welches nach dem Neulichtsystem in der Architektur errichtet war, und die alte unbequeme, häßliche Kanzel ersetzen mußte. Zu jeder Seite des Ehrenmannes stand ein Geistlicher, – zwei Männer, über deren besonderes Glaubensbekenntniß ich lieber schweigen will, denn es wird zureichen, wenn ich beifüge, daß Mr. Warren nicht dazu gehörte. Er und Mary hatten ihre Sitze unter der Gallerie, ganz in der Nähe der Thüre genommen. Ich bemerkte, daß der Rektor unruhig wurde, sobald der Vorleser mit seinen beiden Schildhaltern die Rednerbühne betrat und auf dem Gerüste erschien; endlich erhob er sich, und verließ, von Mary begleitet, plötzlich das Gebäude. Im Nu war ich an ihrer Seite, denn ich kam af den Gedanken, ein Unwohlbefinden könne diese seltsame Bewegung herbeigeführt haben. Glücklicherweise erhob sich jetzt das ganze Auditorium in Masse, und einer der Geistlichen begann ein extemporirtes Gebet. In dem gleichen Moment hatten sich die Inschens um das Gebäude her aufgepflanzt, und standen jetzt unter den offenen Fenstern, so daß sie Alles hören konnten, was vorging. Wie ich später erfuhr, war dieß im Einverständniß mit denen im Hause geschehen, weil einer von den Geistlichen entschieden sich geweigert hatte, sich an den Thron der Gnade zu wenden, wenn einer aus dem Stamme anwesend sei. Wie wahr ist das Sprüchwort, daß der Mensch oft die Mücken seigt und die Kameele verschlingt!   Fünfzehntes Kapitel. »Ich sage dir, Jack Cade, der Tuchmacher gedenkt, das Gemeinwesen herauszustutzen, es zu wenden und neue Haare daran hinzubürsten.« König Heinrich VI.   Da ich annahm, Mary müsse ihrem Vater meinen wahren Namen mitgetheilt haben, so zögerte ich nicht, ihnen zu folgen, und sie zu fragen, ob ich ihnen in irgend Etwas dienstlich sein könne – eine Freiheit, die ich mir nicht wohl hätte erlauben dürfen, wenn man meine frühere Rolle für Wahrheit gehalten hätte. Nie sah ich größere Betrübniß in dem Gesichte eines Menschen ausgedrückt, als dieß während meiner Annäherung bei Mr. Warren der Fall war; ja, seine innere Aufregung sprach sich so lebhaft aus, daß ich mich ihm nicht aufzudringen wagte, sondern nur stillschweigend nachfolgte. Er und Mary gingen langsam neben einander über die Straße hinüber nach dem Stoup eines Hauses, dessen gewöhnliche Insassen wahrscheinlich die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen hatten. Hier ließ sich Mr. Warren nieder, und Mary nahm an seiner Seite Platz, während ich in ihrer Nähe stehen blieb. »Ich danke Euch, Mr. Littlepage,« sagte der Geistliche mit einem schmerzlichen Lächeln; »denn Mary sagt mir, daß ich Euch so nennen müsse – ich danke Euch für diese Aufmerksamkeit, Sir; aber es wird in einer Minute vorüber sein. Ich fühle mich schon jetzt besser und werde mich bald wieder vollkommen fassen können.« Ueber die Ursache seiner Betrübniß wurde nicht weiter gesprochen, und Mary hat mir sie erst später mitgetheilt. Als ihr Vater in das Meetinghaus ging, war es ihm nicht entfernt eingefallen, daß mit den Ceremonien eines solchen Tages eine Art Gottesdienst in Verbindung gebracht werden könnte. Die beiden Geistlichen auf dem Gerüst hatten ihm zuerst Unruhe eingeflößt, und ein schmerzlicher Kampf ging in seinem Innern vor, denn er wußte nicht, sollte er gehen oder bleiben und dem Possenspiel mit anwohnen, in welchem Gott mit Gebeten angerufen werden sollte, und zwar von einer Versammlung, die sich eingefunden hatte, um eines der einfachsten seiner Gebote mit Füßen zu treten; denn ein Possenspiel mußte es um so eher genannt werden, da verkappte Schurken das Gebäude umringt hatten, um in der Mummerei die Hauptpersonen zu spielen. Als Diener des Altars mußte er in ersterem Falle den Schein auf sich laden, daß er Diejenigen verließ, welche sich im Gebet vereinigen wollten, und zwar noch obendrein unter Umständen, welche ihm gedeutet werden konnten, als verwerfe er jede Gottesverehrung, die nicht mit seinen eigenen Ansichten von der Wahrheit im Einklange stehe – eine Deutung, die sich nothwendig nah und fern verbreiten und gegen seine eigene Pfarrgenossen große Vorurtheile wecken mußte. Bei näherer Erwägung der Sache gewann er übrigens die Ueberzeugung, daß er, wenn er blieb, an einer Art Gotteslästerung Theil nehme, weßhalb er unverweilt dem Impulse seines Innern nachgab und den vorerwähnten entschiedenen Schritt that; er wollte draußen bleiben, bis das regelmäßigere Geschäft des Tages seinen Anfang genommen hätte. Mr. Warren hatte zuverlässig einem sehr edlen Antriebe Folge gegeben, indem er aus christlichem Gefühl und aus Ehrfurcht vor Gott keinen Theil nehmen wollte an einem Unterfangen, welches den Allmächtigen unter solchen Umständen mit Gebeten zu verhöhnen gedachte; aber durch eben diesen Schritt verlor er vielen Einfluß und gewann dafür eine Menge von Feinden. Dasselbe Gefühl, welches zu dem Geschrei über Aristokratie gegen jeden Gentleman Anlaß gegeben hatte, der in zureichend naher Berührung mit der Masse steht, um sich durch seine Lebensweise von seiner Umgebung zu unterscheiden, – das Gefühl, welches die Einwanderer aus dem Osten, wo es keine großen Grundbesitzer gibt, auf den Wahn bringt, sie müssen alle hieher bezüglichen Verhältnisse niederreißen, weil sie nicht selbst Grundherren sein können, – und die Ansicht, welche dem Gesetzgeber als Triebfeder dient, aufzutreten und ohne Erröthen in demselben Augenblicke von Feudalbräuchen zu sprechen, in welchem er kund gibt, daß die Gleichheit des Rechts denen versagt ist, welche er gern als Feudalherren brandmarken möchte – diese Gefühle und Ansichten hatten sich auch auf die Religion ausgedehnt, und die Kirche, welcher Mr. Warren diente, wird fast durchgängig selbst des Aristokratismus geziehen. Diese Beschuldigung rührt daher, weil sie Ansprüche erhebt, welche andere Kirchen gezierter Weise von sich ablehnen und als unwesentliche Glaubenstheile verwerfen. Gleichwohl können sich letztere unter ihren eigenen Dogmen nicht befriedigen, und während sie jubelnd singen, sie hätten »eine Kirche ohne einen Bischof« gefunden, hassen sie die Kirche, die einen Bischof hat, weil hier etwas ist, was sie selbst nicht besitzen. Davon ist natürlich keine Rede, daß sie die verblendeten Mitglieder einer solchen Kirche bemitleiden, wenn sie glauben, daß sie Unrecht hätten. Allgemein wird man dieß freilich nicht zugestehen wollen; aber gleichwohl handelt sich's hier um eine buchstäbliche Wahrheit, die sich auf hundert Arten und Weisen kund gibt. Man sieht dieß in dem Versuche, die eigenen Priester Bischöfe zu nennen , in dem Gefühle, welches sich so augenfällig an den Tag legt, so oft ein Geschrei gegen die Bischöflichen erhoben werden kann, und in dem Geiste, in welchem die theologischen Streitigkeiten stets geführt werden. Wenn ich meine Kirche, wie sie in Amerika besteht, mit derjenigen, aus welcher sie hervorgegangen ist, mit den sie umgebenden Sekten und mit den eigentlichen politischen Verhältnissen der beiden Hemisphären vergleiche, so gibt sich mir eine genaue Analogie an die Hand. Durch Entfernung vieles Ueberflüssigen, durch Zurückführen der geistlichen Orden auf die ursprüngliche Zahl Drei – eine Maßregel, die sowohl in der Theorie als in der Praxis durchgeführt worden ist – und durch Verwerfung aller Beziehung zu der Staatsgewalt hat der amerikanische Zweig der bischöflichen Kirche eine Stellung gewonnen, die ich nur wünschenswerth finden kann, da sie so gut wie möglich die Einfachheit des apostolischen Zeitalters wieder herstellt, ohne die Vorschriften und Bräuche der Apostel selbst zu mißachten. Sie hat sich nicht über das Alterthum und lang herkömmliche Autorität erhoben, sondern im Gegentheile sich Mühe gegeben, beides zu erhalten, ohne übrigens den neueren Mißbräuchen Duldung zufließen zu lassen. Ebenso ist's auch mit der Politik der Fall. Man hat keine Versuche gemacht, in Amerika neue sociale Gränzlinien zu schaffen, sondern nur diejenigen, welche von dem Bestand jeder civilisirten Gesellschaft unzertrennlich sind, von dem unpassenden Ineinandergreifen befreien wollen, das durch die Werkzeuge kriegerischer Bedrücker organisirt wurde. Die Weisen unseres Landes haben bei Schaffung der Institutionen eben so wenig daran gedacht, die großen Grundbesitzer abzuschaffen, als es der Kirche einfiel, sich ihrer Bischöfe zu entledigen. Erstere wußten recht wohl, daß die Abstufungen im Besitz eine unvermeidliche Beigabe der Civilisation seien – daß es, wenn vielleicht auch möglich, doch nicht klug wäre, den Reichen zu hindern, seine Kapitalien auf Grund und Boden anzulegen, und daß letzteres sich nicht ausführen lasse, ohne daß das System des großen Grundbesitzes im Verein mit dem Pachtverhältniß Fortbestand habe. Dadurch, daß in anderen Theilen der Welt die Grundherren Vorrechte besitzen, die für den natürlichen oder einfachen Bestand des Charakters nicht nöthig sind, war kein Grund gegeben, den Charakter selbst zu zerstören. Die Thatsache, daß die Bischöfe von England eine Autorität besitzen, von welcher die Apostel nichts wußten, konnte doch den amerikanischen Zweig derselben Kirche nicht vermögen, ein Amt ganz zu beseitigen, das von den Aposteln herstammte. Neid und Eifersucht lassen übrigens Niemand Zeit, über derartige Dinge nachzudenken, denn für solche Personen ist es einerseits genug, daß Andere Bischöfe haben, ohne daß sie selbst ein Anrecht an ein derartiges Institut besitzen, wenn sie nicht ihre gegenwärtige Organisation und ihre Dogmen aufgeben wollen, während andererseits die Thatsache zureicht, daß Leute Ländereien besitzen und sich gesellschaftlicher Stellungen erfreuen, die ihnen nicht zugänglich sind. Deßhalb heißt es dann auch: »ich will mich dir entgegenstellen und in das Geschrei Derjenigen einstimmen, welche umsonst zu Farmen kommen möchten!« Ich habe mich über diese Punkte mit ewiger Ausführlichkeit verbreitet, weil mein und Mr. Warrens Benehmen bei dem vorerwähnten Anlaß einen unmittelbaren Einfluß auf die Umstände übte, die bald in meiner Erzählung zur Sprache kommen werden. Wahrscheinlich dachte an jenem Morgen die volle Hälfte Derjenigen, welche sich in dem Meetinghaus von Littlenest versammelt hatten, als sie aufstand, und dem Gebet nur eine träge Aufmerksamkeit schenkte – an nichts Anderes, als an die skandalöse aristokratische Aufführung des Mr. Warren, der »das Meeting verließ, als die Versammlung eben zu beten anfangen wollte!« Gewiß waren nur Wenige zugegen, welche diesen Akt einem Beweggrund christlicher Liebe zuschrieben, und wahrscheinlich konnte sich nicht Einer von den Anwesenden denken, daß die Veranlassung dazu in einem der reinsten und edelsten Gefühle bestand. So treibt die Welt ihren Hohn. Es unterliegt keinem Zweifel, daß von Stunde an ein boshafter bitterer Groll gegen den würdigen Rektor erwachte – ein Groll, der noch nicht nachgelassen hat und auch wahrscheinlich in vielen Hunderten nicht nachlassen wird, bis einmal die Nähe des Todes die wahre Beschaffenheit von so vielen ihrer Gefühle aufdeckt. Es stund einige Minuten an, ehe Mr. Warren seine ganze Fassung wieder gewonnen hatte. Endlich redete er mich in seiner gewöhnlichen milden und wohlwollenden Weise an, indem er mir über meine Rückkehr einige Komplimente sagte, zugleich aber seine Besorgniß ausdrückte, daß ich und mein Onkel Ro so unklug gewesen seien, uns so zu sagen in den Rachen des Löwen zu begeben. »Eure Verkleidung muß allerdings ausgezeichnet gut sein,« fügte er lächelnd bei, »da sie Euch bis jetzt so wunderbare Dienste geleistet hat. Daß Mary und ich getäuscht wurden, kann nicht sehr in Frage kommen, da wir Beide Euch früher nie gesehen haben; aber die Art, wie Ihr Eure nächsten Verwandten irre führtet, ist wirklich überraschend. Gleichwohl ist aller Grund vorhanden, die größte Vorsicht zu beobachten, denn der Haß und die Eifersucht haben ein Auge, welches noch schärfer ist, als das der Liebe.« »Ich denke, wir sind sicher, Sir,« antwortete ich, »da das Verbot auf uns nicht in Anwendung kommen kann. Wir kennen unsere klägliche aristokratische Lage zu gut, um uns den Krallen des Gesetzes preiszugeben; denn wenn man uns als begüterten Adel betrachtet, so sind unsere Vorrechte so ausgezeichnet, daß wir der moralischen Ueberzeugung leben dürfen, Jeder von uns würde als Verbrecher in's Staatsgefängniß geschickt werden, wenn wir uns zu Schulden kommen ließen, was diese Inschens vollkommen ungestraft begehen und auch in Zukunft begehen werden. Keine Stimme würde sich für uns erheben, und wir dürften darauf zählen, so lange festgehalten zu werden, als noch eine Thräne des Schmerzes Denen abgepreßt werden könnte, welche man der Aristokratie beizuzählen beliebt. Nur die Demokratie findet eine Theilnahme unter den gewöhnlichem Pflegern der amerikanischen Gerechtigkeit!« »Ich fürchte, daß Eure Ironie nur zu viel Wahres enthält. Doch die Bewegung um das Gebäude her scheint anzudeuten, daß das eigentliche Geschäft des Tags seinen Anfang nimmt, und wir werden gut thun, wenn wir wieder in die Kirche zurückkehren.« »Jene verkappten Männer beobachten uns auf eine sehr mißliebige und beunruhigende Weise,« sagte Mary Warren – und ihre Wachsamkeit für mich entzückte mich weit mehr, als ich durch die Thatsache, welche sie berichtete, besorglich gemacht wurde. Daß wir übrigens beobachtet wurden, stellte sich, als wir uns dem Gebäude näherten, in dem Benehmen einiger der Inschens augenfällig genug heraus. Sie hatten die Seite der Kirche, wo sie während des Gebetes ihre Posten genommen, verlassen, und unter Denen, welche uns am nächsten standen, ging Kopf zu Kopf, oder um mich besser auszudrücken, Calicobündel zu Calicobündel, da von der Form des Kopfes nirgends etwas zu sehen war. Mr. Warren und Mary blieben unangefochten und konnten unbelästigt in das Meetinghaus gehen; aber zwei von den verkappten Ehrenleuten traten vor mich hin, versperrten mir mit ihren Büchsenläufen den Weg und ließen mich nicht weiter. »Wer Ihr?« fragte einer von den Beiden abgebrochen. »Wohin gehen? – woher kommen?« Mit meiner Antwort war ich schnell fertig, und ich hoffe, daß sie auch mit zureichender Festigkeit vorgetragen wurde. »Ich komme von Tscharmany und will in die Kirche, wie man in meinem Lande zu sagen pflegt – in das Meetinghaus, wie Ihr es hier nennt.« Wer weiß, was noch gefolgt wäre, wenn sich nicht eben die laute, deklamatorische Stimme des Vorlesers, welcher seinen Vortrag begann, hätte vernehmen lassen. Dieß schien für den Stamm ein Signal zu einer Bewegung zu sein, denn die beiden Kerle, welche mich angehalten hatten, entfernten sich wieder mit aller Ruhe, obschon die Calicobündel sich fortwährend zu einander hinneigten, während die Träger derselben, augenscheinlich sich ihre Argwöhnungen mittheilend, von hinnen marschirten. Ich benützte das Aufgehen der Thüre und trat in die Kirche, wo ich mich durch das Gedräng weiter arbeitete, bis ich an der Seite meines Onkels einen Platz gefunden hatte. Ich habe eben so wenig Zeit und Platz, als Geneigtheit, den Vortrag des Sprechers umständlich zu zergliedern, der zwar sehr geläufig, aber auch in hohem Grade aufgeblasen, und nichts weniger als logisch redete. Er gerieth nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch, und ich brauche den einsichtsvollen Leser nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Charakter der Rede im Allgemeinen blos eine Berufung an die Leidenschaften und Interessen des Auditoriums, nicht aber eine Appellation an ihre Vernunft war. Er verbreitete sich anfänglich über die besonderen Pachtverhältnisse auf den alten Besitzthümern der Kolonie, und kam dabei in der gewöhnlichen Weise auf die Bürgschaftsverkäufe, die Zinshühner, die Tagarbeiten und die ewigen Verträge zu sprechen. Auch der Vorbehalt der Minen wurde als eine tyrannische Bedingung bezeichnet, als ob ein Grundbesitzer verpflichtet sei, von den ihm zugehörigen Rechten mehr abzutreten, als er für passend hält, oder ein Pächter mehr ansprechen könne, als von ihm gemiethet wurde. Dieser Mann behandelte alle diese Zweige seines Thema's so, wie wenn die Pächter durch Zeit und Benützung gewisse geheimnißvolle Interessen gewonnen hätten, und übersah dabei ganz und gar die Thatsache, daß durch den nämlichen Prozeß die andere Partei so gut ein Recht gewonnen hatte, als die eine; denn die Vertragsurkunde ist ein Instrument, welches durch den Lauf der Zeit unter beiden an Ansehen gewinnen muß. Ist der eine Theil als Pächter alt geworden, so wurde es der andere als Grundbesitzer. Es kam mir vor, als ob sich der Vorleser gar gerne auf die Manor-Verhältnisse beschränkt hätte, da diese ein Thema waren, über das er sich gewöhnlich zu verbreiten pflegte; aber hier handelte sich's um eine ganz andere Aufgabe, weil man zu Ravensnest nicht über die feudalistische Bedrückung der Bürgschaftsverkäufe, über die »vier fetten Hühner,« über die »Frohntage« und über die »lange Dauer« der Pachtverträge in schwunghafte Ergießungen ausbrechen konnte. Es lag augenscheinlich im Interesse, hier nichts von den ersteren Punkten zu sagen, sondern sich eher über die Kürze der Pachtverträge zu beklagen, da die meinigen großentheils in Bälde fällig waren. Weil er deßhalb nothwendig ein neues Terrain suchen mußte, so nahm er sich vor, einen guten Boden zu fassen, der ihm das Weiterkommen am wenigsten erschwerte. Sobald der Vorleser die Hauptpunkte durchgegangen hatte und sich ihm nun die Notwendigkeit an die Hand gab, die Einzelnheiten zu besprechen, so ließ er sich zuvörderst in sehr deklamatorischer Weise über die Familie Littlepage aus. Was hatte sie je für Amerika gethan, fragte er, daß sie im Lande die Lords spielen sollten? In Folge eines Prozesses, den er wohl selbst am besten verstehen mußte, hatte er die Landlords Grundbesitzer. zu Lords im Lande umgewandelt, und nun zielte er darauf hin, letztere, wo nicht beide Stellungen, den Pächtern anzuweisen. Natürlich kamen manche öffentliche Dienstleistungen, deren sich die Littlepage's rühmen konnten, nicht zur Sprache, denn unter einem solchen Ausdrucke verstand der Vorleser sowohl, als sein Auditorium, nichts Anderes, als Dienstleistungen für das Volk, indem man dazu half, allen seinen Wünschen Vorschub zu leisten, wie raubsüchtig oder nichtswürdig sie auch sein mochten. Wer den Zustand der Dinge unter uns kennt, weiß recht wohl, wie selten das »Volk« die Wahrheit zu hören bekommt, sobald seine Macht und seine Interessen in Frage kommen, und es darf daher nicht überraschen, wenn auch der seichteste Schwätzer im Stande war, über diesen besonderen Gegenstand der Ravensnester Zuhörerschaft Sand in die Augen zu streuen. Am meisten Interesse hatte es übrigens für mich, als dieser Mensch auf mich selbst zu sprechen kam. Es trifft sich nicht oft, daß Jemand eine so gute Gelegenheit findet, seinen eigenen Charakter bezeichnen und seine innersten Beweggründe zergliedern zu hören. Erstlich wurde dem Auditorium mitgetheilt, daß dieser junge Hugh Littlepage nie etwas für das Land gethan habe, welches er stolz und nach Weise eines vornehmen europäischen Adeligen sein ›Besitzthum‹ nenne. »Die meisten von euch, meine lieben Mitbürger, können als Besitztitel an jene Farmen ihre schwieligen Hände ausweisen und sich noch der sengenden Sonnenhitze erinnern, unter welcher sie jene nun so lieblichen Auen anlegten. Aber Hugh Littlepage hat in seinem Leben nie ein Tagwerk verrichtet –« zehn Minuten vorher hatte er die »Tagwerke« in den Manor-Verträgen als einen Schimpf bezeichnet, dem sich ein freier Mann nicht unterziehen sollte – »nein, Mitbürger, diese Ehre ist ihm nie zu Theil geworden und wird ihm nie zu Theil werden, wenn nicht über sein Eigenthum oder über das, was er sein Eigenthum nennt , eine gerechte Theilung ergeht und er sich dadurch in die Nothwendigkeit versetzt sieht, zu arbeiten, um die Ernten zu erzielen, die er aufbrauchen will. »Wo ist im gegenwärtigen Augenblick dieser Hugh Littlepage? In Paris, wo er, wie die Tonangeber der Aristokratie, euren sauern Verdienst in einem schwelgerischen Leben verpraßt. Er sitzt mitten im Ueberfluß, führt eine kostspielige Tafel und kleidet sich auf's Reichste, während ihr mit den Eurigen im Schweiß eures Angesichts das tägliche Brod esset. Er ist nicht der Mann, der sich mit einem Blechlöffel und einer zweizinkigen Gabel begnügt! Nein, meine Landsleute, er muß für einige seiner Gerichte einen goldenen Löffel haben, und seine Gabeln – ihr werdet's zwar schwer finden, es zu glauben, weil ihr nur anspruchslose republikanische Farmer seid, aber dennoch ist es buchstäbliche Wahrheit – dürfen nur von Silber sein! Mitbürger, Hugh Littlepage würde um keine Welt beim Essen sein Messer in den Mund stecken, wie wir – wie alle einfachen, anspruchslosen Republikaner es halten. Er könnte daran ersticken, und nur silberne Gabeln dürfen seine gesalbten Lippen berühren!« Ein schwacher Versuch, einen Beifallssturm herbeizuführen, verunglückte ganz und gar, denn die Männer von Ravensnest hatten die Littlepages ihr ganzes Leben über in der socialen Stellung gesehen, die sie einnahmen, und es kam ihnen im Grunde nicht so gar außerordentlich vor, daß wir silberne Gabeln haben sollten, während ja Andere auch silberne Löffel besaßen. Der Vorleser hatte Takt genug, um zu bemerken, daß er in Betreff dieses Punktes nicht die rechte Saite angeschlagen hatte, und ging deßhalb auf einen andern über. Der nächste Angriff galt unserem Besitztitel. Woher rührt er? fragte der Vorleser. Von dem König von England. Aber das Volk hat diesem Souverän das Land abgekämpft und sich selbst an dessen Stelle gesetzt. Ist es nun nicht ein ganz vernünftiger Grundsatz in der Politik, daß die Beute dem Sieger gehört? Er wenigstens sei dieser Ansicht und in der Eroberung von Amerika habe das Volk auch das Land erobert; es stehe daher in vollem Recht, wenn es dieses an sich bringen und für sich behalten wolle. Auf Besitztitel, die von Königen herrühren, halte er nicht viel, und er glaube, daß es dem amerikanischen Volk im Allgemeinen eben so ergehe. Wenn Hugh Littlepage ein Besitzthum, wie er es nenne, wünsche, so solle er zu dem Volk kommen und »diesem« dienen; er werde dann schon sehen, welcher Art das Besitzthum sei, das er von demselben erhalten werde. In dieser Rede befand sich übrigens ein Abschnitt, der so merkwürdig war, daß ich wohl den Versuch machen muß, ihn zu geben, wie er vorgetragen wurde. Während der Vorleser sich über den Punkt der Rechtstitel verbreitete, brach er in folgende Ergießung aus: »Kommt mir nicht,« – keuchte er – denn seine Stimme hatte sich nachgerade zu einer Höhe gesteigert, wie man sie von den Methodisten bei einem Feldmeeting zu hören pflegt – »kommt mir nicht mit Alterthum, Zeit und langem Besitz, als mit Dingen, welche Berücksichtigung verdienen. Es ist nichts – gar nichts dahinter. Ich will zwar zugeben, daß nur der Besitz vor dem Gesetz gut ist; aber das ist's eben, behaupt' ich, was die Pächter auf ihrer Seite haben. Sie sind in den rechtmäßigen Besitz des Eigenthums gekommen, welches nah und fern hier herum liegt, und es ist eine reiche, gute Erbschaft, wenn es unter fleißige, ehrliche Leute vertheilt wird, jedenfalls aber um zehn Tausende von Acres zu viel für einen jungen Burschen, der sein Vermögen in fremden Ländern verpraßt. Ich behaupte, daß schon jetzt, gegenwärtigen Augenblick, die Pächter in einem gesetzmäßigen Besitz stehen; nur sind sie vom Gesetz verhindert, sich desselben zu erfreuen. An alledem ist nur jenes verwünschte Gesetz schuldig, daß der Pächter keine Besitzansprüche gegen seinen Grundherrn erheben könne. Ihr erseht aus dieser einzigen Thatsache, meine Mitbürger, daß die Grundherrn eine privilegirte Klasse bilden und auf das Niveau der allgemeinen Menschheit heruntergebracht werden müssen. Ihr könnt Besitztitel gegen jeden andern Menschen geltend machen, nur nicht gegen einen Grundherrn. Ich weiß, was in den Primisis gesagt ist« – er verschüttelte dabei den Kopf, als verlache er jede Beweisführung, welche über diesen besondern Punkt von der Gegenpartei aufgebracht werden könnte – »ich weiß, daß Umstände die Sachen ändern. Ich kann einsehen, wie hart es wäre, wenn ein Nachbar dem andern für einen Tag ein Pferd abborgen oder abmiethen, dann aber behaupten könnte, er habe aus irgend einem andern Grund ein Besitzrecht daran. Aber Pferde sind kein Land und ihr müßt mir dieß zugestehen. Ja, wenn Pferde Land wären, dann würde sich die Sache ganz anders gestalten. Land ist ein Element, ebensogut wie Feuer, Wasser und Luft, und wer wird wohl sagen wollen, daß ein freier Mann kein Anrecht habe an die Luft und an das Wasser, oder, nach demselben Grundsatze, auf Grund und Boden? Er hat es, meine Mitbürger – er hat es. Es gibt Dinge, welche man in der Philosophie Elementarrechte nennt, und gerade hieher gehört auch das Recht an die Elemente, von denen der Grund und Boden eines und zwar das hauptsächlichste bildet. Ich sage, das hauptsächlichste; denn wäre kein Land da, auf dem man fußen könnte, so würden wir von der Luft wegfallen und könnten uns ihrer nicht erfreuen; alles unser Wasser würde sich in Dunst auflösen und könnte nicht zu Mühlen und Fabriken verwendet werden. Und welchen Nutzen brächte uns das Feuer, wenn wir keinen Boden hätten, um es darauf anzuzünden? Nein, das Land ist das erste Elementarrecht , und in unmittelbarer Verbindung mit ihm steht das erste und heiligste Recht an die Elemente. »Ich will zwar das Alterthum nicht ganz und gar verachten. Nein, ich ehre und achte Vorkaufsrecht, denn es kräftigt und unterstützt das Recht an die Elemente. Auch kann ich das Squattern nicht so verdammen, wie es Einige thun. Man handelt dabei naturgemäß, und die Natur ist ein Recht. Ich achte und ehre den Besitz eines Squatters, denn er steht unter dem heiligen Grundsatz der Nützlichkeit, welcher da sagt: »gehe hin und laß die Wildniß wie die Rose erblühen.« Das Squattern dient dem ›Fortschritt‹. Dieß ist ein Alterthum, welches ich achte. Ich achte das Alterthum der Besitzungen, auf denen ihr als Pächter seßhaft seid; denn es ist ein mit schwerer Mühe erworbenes nützliches Alterthum – ein Alterthum, das sich vermehrt und vervielfältigt. Wenn man sagen will, Hugh Littlepage's Ahnen – dieser Adel hat ›Ahnen‹, während wir ›gemeinen Leute‹ uns mit Vorfahren begnügen müssen« – dieser Hieb verfing bei vielen Anwesenden und erregte ein fast allgemeines Lachen – »aber wenn man mir sagen will, dieses Hugh's Ahnen hätten für das Land etwas bezahlt – meine lieben Mitbürger, so würde ich an Eurer Stelle großmüthig sein und es ihm wieder zurückgeben. Vielleicht entrichteten seine Ahnen an den König einen Cent für den Acre – kann sein auch zwei, oder sagen wir meinetwegen sechs Pence, wenn ihr so wollt. Ich würde ihm seine sechs Pence für den Acre zurückgeben, nur um ihm den Mund zu schließen. Nein, ich bin für nichts, was unedelmüthig wäre. »Mitbürger, ich erkläre, daß ich bin, was man einen Demokraten nennt. Ich weiß zwar, daß es unter euch viele sogenannte Whigs gibt – indeß kann ich mir wohl denken, daß in Betreff des Landpachtsystems kein sonderlicher Unterschied zwischen uns stattfinden wird. Wir Alle sind Republikaner, und das Verpachten von Farmen ist antirepublikanisch. Gut also; ich wünsche auch freisinnig gegen Diejenigen zu sein, welche ich gemeiniglich bei den Wahlen bekämpfe, und will deßhalb freimüthig zugestehen, daß in Beziehung auf diesen Antirentismus die Whigs uns Demokraten ziemlich in den Hintergrund gedrängt haben. Es thut mir leid, es einräumen zu müssen, indeß muß doch zugestanden werden, daß in Betreff der Gouverneure viel Uneinigkeit geherrscht hat. Ja, thut sie in einen Sack, schüttelte sie wohl durch einander, und ihr werdet kaum wissen, welcher zuerst herauskommen wird, welcher sich selbst die unsterblichste Ehre erwiesen hat, und welchen man als den gründlichsten, umfassendsten und besten Staatsmann betrachten darf. Ich weiß, daß einige von unsern Leuten sich über die Gouverneure beschweren, weil sie Truppen gegen die Inschens ausgeschickt haben; aber sie konnten nicht anders und würden es, wenn mir ein Urtheil zusteht, gewiß unterlassen haben, wenn es nur halbwegs möglich gewesen wäre, diese Maßregel zu umgehen. Das Gesetz war zu stark für sie, und deßhalb mußten sie auf die Inschens los; aber jetzt machen sie mit uns gemeinschaftliche Sache, um die Aristokratie zu unterdrücken und das Banner der allgemeinen Humanität aufzupflanzen. Nein, ich will nichts gegen die Gouverneure sagen, obschon man von vielen Seiten her anderer Meinung ist. »Aber ich erkläre, daß ich ein Demokrat bin, und will Euch meine Grundsätze im Umriß vorlegen, damit Alle sehen mögen, warum sie unmöglich, unter was immer für einer Form oder Gestalt, jetzt oder für alle Zeiten mit der Aristokratie oder dem Adel eines Sinnes sein können. Ich lebe des festen Glaubens, daß in allen Stücken ein Mensch so gut ist wie der andere. Weder Geburt noch Gesetz, weder Erziehung, noch Reichthümer, weder Armuth noch sonst etwas kann an diesem Grundsatz etwas ändern; denn er ist heilig, ist ein Grundprinzip und der Haupteckstein einer wahren Demokratie. Ein Mensch ist so gut wie der andere, sage ich, und alle haben ein gleiches Recht, sich der Erde und ihrer Privilegien zu erfreuen. Ich halte dafür, daß die Mehrheit in allen Dingen herrschen muß, und daß es Pflicht der Minderzahl ist, sich zu unterwerfen. Diesen Satz hat man mir zwar an manchen Plätzen, wo ich sprach, zurückgegeben und mit der Frage erwiedert: ›wie soll ich dieß verstehen? – Die Mehrheit muß herrschen und die Minderzahl sich unterwerfen – in diesem Falle ist der Wesenheit nach die Minderzahl übler daran, als die Mehrheit, und hat nicht das gleiche Recht. Man verlangt von ihr, daß sie etwas anerkenne, was ihrer Ansicht nach nicht geschehen sollte.‹ Die Erwiederung hierauf ist so einfach, und es nimmt mich Wunder, wie ein vernünftiger Mensch die Frage stellen kann; denn jede Minderheit hat weiter nichts zu thun, als sich der Majorität anzuschließen, und dann hat sie Alles, wie sie's wünscht. Der Weg ist Jedem freigelassen, und eben dieser offene Weg ist's, was die wahre Freiheit macht. Jeder kann's mit der Majorität halten, und verständige Personen thun's gemeiniglich, wenn sie dieselben finden können. Dieß macht einen nicht nur zu einem Mann, wie man zu sagen pflegt, sondern auch zu einem freien Manne , was ein noch ehrenwertherer Titel ist. »Mitbürger, eine große Bewegung ist im Gang! ›Vorwärts‹ heißt die Losung, und der Zug ist begonnen. Unsere Gedanken fliegen bereits auf den Schwingen des Blitzes dahin und unsere Körper bewegen sich nicht viel langsamer durch die Kraft des Dampfes. Bald werden unsere Grundsätze Allem vorausschießen und in der allgemeinen Reform den Strahlenglanz eines herrlichen Tages einführen. Dann sehen wir Lieblichkeit, Tugend und Menschenliebe im schönen Bunde! Man wird das gehässige Wort Rente nicht mehr hören, und Jeder kann sich niedersetzen unter seinen eigenen Apfel- oder Kirschbaum, wenn nicht gar etwa unter den eigenen Feigenbaum. »Ich bin ein Demokrat – ja ein Demokrat. Glorreiche Bezeichnung! Ich schwelge in ihr! Sie ist mein Stolz, mein Ruhm und meine Tugend. Laßt nur das Volk in Wahrheit herrschen, und Alles muß einen guten Fortgang nehmen. Das Volk hat keine Verlockung, Unrecht zu thun. Wenn es den Staat verletzt, verletzt es sich selbst, denn das Volk ist der Staat. Ist es wohl denkbar, daß Jemand sich selbst beschädige? Gleichheit ist mein Grundsatz. Aber unter Gleichheit verstehe ich nicht jene beschränkte klägliche Gleichheit vor dem Gesetze, wie man sie bisweilen zu nennen pflegt, denn diese ist durchaus keine Gleichheit. Ich habe eine wesentlichere Gleichheit im Auge, und diese muß hergestellt werden, da das Wirken des Gesetzes sie in Unordnung gebracht hat. Mitbürger, wißt ihr, was unter einem Schaltjahr zu verstehen ist? Ich kann mir denken, daß einige von euch es nicht wissen, denn namentlich die Damen schenken der Astronomie nicht viel Aufmerksamkeit. Gut; ich habe meine Forschungen angestellt und bin zu folgendem Resultate gekommen. Wie wir alle wissen, wälzt sich die Erde im Lauf eines Jahrs um die Sonne; auch ist allbekannt, daß wir dreihundert und fünfundsechzig Tage im Jahr zählen. Aber die Erde braucht einige Stunden länger als dreihundert und fünfundsechzig Tage, um ihren Umlauf zu machen – fast sechs Stunden länger. Nun weiß Jedermann, daß viermal sechs vierundzwanzig gibt, und deßhalb wird mit jedem vierten Jahr dem Februar ein neunundzwanzigster Tag beigegeben, um die verlorene Zeit wieder herzustellen. Nach langer Frist wird ein abermaliger Wechsel vorgenommen, um die Bruchtheile auszugleichen. So verhält sich's mit der Demokratie. Die menschliche Natur kann noch keine Gesetze aufstellen, die Alles auf vollkommen gleichen Fuß zu erhalten im Stande sind, und deßhalb sind für den politischen Kalender politische Schaltjahre nöthig, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. In der Astronomie müssen wir die Stunden und Minuten auf's Neue theilen, in der Menschheit aber ist es erforderlich, daß von Zeit zu Zeit das Land getheilt werde.« Doch ich kann diesem aufgeblasenen Narren nicht länger folgen, denn er war ebenso sehr Narr, als Schurke, obschon er von der letzteren Eigenschaft einen großen Theil in sich barg. Augenscheinlich dehnte er manche seiner Ansichten viel weiter aus, als die Mehrzahl seiner Zuhörerschaft; aber gleichwohl traf er, so oft er auf den Antirentismus anspielte, eine Saite, welche durch die ganze Versammlung vibrirte. Daß die Pächter ihre Farmen eigen besitzen und keine Renten mehr zahlen, daß ihnen alle Wohlthaten ihrer früheren Arbeiten zu gut kommen sollten, obgleich diese Arbeiten in den früheren Renten sowohl, als in den laufenden niedrigen Pachtzinsen, für welche sie das Land benützen durften, mit in Anschlag gekommen waren – dieß war eine Doktrin, die sie alle vollkommen verstanden, und leider muß ich sagen, daß nur Wenige zugegen waren, welche bei gegenwärtiger Gelegenheit nicht kund gaben, wie sehr der Eigennutz und die Selbstsucht ihr Rechtsgefühl verdunkelt hatte. Die Vorlesung hatte mehr als zwei Stunden gedauert, und als sie endlich vorbei war, erhob sich eine Person in dem Charakter eines Präsidenten – wenn hätten sich je drei Amerikaner zu einer Verhandlung vereinigt, ohne daß ein Präsident, ein Sekretär und die ganze parlamentarische Form eingeführt worden wäre? – und forderte jeden Anwesenden, welcher eine von der des Sprechers verschiedene Meinung hege, auf, seine Ansicht preiszugeben. Nie zuvor hatte ich mich so versucht gefühlt, öffentlich zu sprechen, wie bei dieser Gelegenheit. Mein erster Gedanke war, die Perücke wegzuwerfen und als Hugh Littlepage das seichte Gewäsche zu beleuchten, welches eben erst im Saale verklungen war. So wenig ich auch an eigene öffentliche Vorträge gewöhnt war, so glaube ich doch, das es mir unter den obwaltenden Umständen leicht geworden wäre, und ich unterrichtete von diesem Vornehmen flüsternd meinen Onkel, der bereits aufgestanden war, um dieses Amt für mich zu besorgen, als ihm der Ruf »Mister Präsident« von einem andern Theile der Kirche her zuvorkam. Wie ich umschaute, erkannte ich mit einem Male das Gesicht des verständigen Handwerkers Hall, welchen wir auf unserm Weg nach dem Nest schon zu Mooseridge getroffen hatten. Dieß bewog mich, meinen Sitz wieder einzunehmen, denn ich konnte jetzt der vollkommenen Ueberzeugung leben, daß die Sache in guten Händen war. Der Sprecher begann mit großer Mäßigung sowohl im Ton, als in der Haltung, und bewährte dieselbe während seines ganzen Vortrags. Sprache und Betonung trugen natürlich das Gepräge seiner Stellung im Leben; aber sein klarer Verstand und seine gediegenen Grundsätze waren in gleicher Weise Gaben von Oben. In diesem einzigen Individuum zeigte sich mehr von dem »wahren Abbilde des Schöpfers«, als man wohl unter fünfzig gewöhnlichen Menschen zu finden im Stande ist. Er hatte seinen Gegenstand klar aufgefaßt und demonstrirte mit Nachdruck. Da er in der ganzen Umgegend wohl bekannt war und eine allgemeine Achtung genoß, so hörte man ihm mit tiefer Aufmerksamkeit zu, während er seinerseits wie ein Mann sprach, der sich nicht vor Theer und Federn fürchtete. Wären seine Ansichten von einem Fremden in einem guten Rock, oder auch von mir selbst, der ich doch so viel dabei auf dem Spiel hatte, vorgetragen worden, so hätten die Meisten sie für aristokratisch und durchaus unduldbar erklärt; aber dergleichen kleine Widersprüche fallen selbst bei den sublimsten Freunden der Gleichheit nicht selten vor. Als Einleitung erinnerte Hall die Zuhörerschaft daran, daß sie alle ihn kennten, und wohl wüßten, daß er kein Grundbesitzer sei. Er sei ein Handwerker, der sich von seiner Tagearbeit nähren müsse, wie die meisten aus ihrer Mitte, weßhalb sich's bei ihm nicht um ein Interesse handle, das ihn von dem Gemeinwohl der Gesellschaft trennen könne. Dieser Eingang war eine kleine Huldigung, dem Vorurtheile gegenüber, denn Vernunft ist Vernunft und Recht bleibt Recht, gleichviel, von welcher Seite her sie kommen. »Auch ich bin ein Demokrat,« fuhr er in seiner Rede fort, »aber ich verstehe unter Demokratie etwas ganz Anderes, als dasjenige, was der letzte Sprecher mit diesem Ausdruck bezeichnet. Ich muß diesem Gentleman unverhohlen erklären, daß ich kein Demokrat bin, wenn er einer ist; und bin ich ein Demokrat, so ist er keiner. Unter Demokratie verstehe ich eine Regierung, in welcher die souveräne Gewalt dem Gesammtkörper der Nation zukömmt, nicht aber wenigen oder gar nur einer einzelnen Person. Dieser Grundsatz ermächtigt übrigens die Masse des Volks ebensowenig zu ungerechten Handlungen, als in einer Monarchie, in welcher die souveräne Gewalt einem Einzigen übertragen ist, dieser Einzige die Befugniß erhält, der Gerechtigkeit Hohn zu sprechen. Unter Gleichheit verstehe ich gar nichts Anderes, als die Gleichheit vor dem Gesetz, und wenn das Gesetz erklärt hätte, nach dem Tode des seligen Malbone Littlepage sollen seine Farmen nicht an seine nächsten Verwandten oder an seine Legatare, sondern an seine Nachbarn kommen, so hätte dem Gesetz Folge gegeben werden müssen, obschon eine derartige Verfügung zerstörend einwirken müßte auf die Civilisation, weil der Mensch kein Vermögen sammeln wird, wenn dieses nach seinem Tode der Gemeinde anheimfallen soll. Es muß etwas vorhanden sein, was dem Menschen näher am Herzen liegt, wenn er arbeiten und sich versagen soll, womit er sich das Leben angenehm machen könnte. »Der Gentleman hat von einer Art politischen Schaltjahrs gesprochen, das den gesellschaftlichen Kalender regeln soll. Er erklärte dieß dahin, daß das Eigenthum, wenn es ungleich geworden sei, vertheilt werden müsse, um den Menschen Gelegenheit zu einem neuen Anlauf zu geben. Ich fürchte dann nur, daß er mit Schaltjahren nicht ausreichen wird, sondern zu Schaltmonaten, Schaltwochen, oder gar Schalttagen seine Zuflucht nehmen muß; denn wenn die liegenden Gründe dieser Stadtmarkung heute Morgen und in diesem Meetinghaus vertheilt würden, so hätten wir ohne Frage vor Abend schon wieder die Ungleichheit. Es gibt Personen, welche kein Geld in ihrer Tasche leiden können, und bei andern klebt es so zäh wie Pech an den Fingern. »Wenn nun Hugh Littlepage's Eigenthum vertheilt werden soll, so müßte die gleiche Maßregel auf alle Nachbarn desselben Anwendung finden, damit wenigstens der Schein der Gleichheit gewahrt würde. Auf alle Fälle wäre es nur ein Schein , wenn auch dieß geschähe; denn Hugh Littlepage besitzt mehr, als alle übrigen Insassen des Township zusammengenommen. Ja, meine Mitbürger, Hugh Littlepage zahlt in diesem Augenblick den zwanzigsten Theil der Steuer, welcher für die ganze County erhoben wird. Dieß ist ungefähr der Antheil, welcher auf Ravensnest fällt, und die Steuer kommt in Wirklichkeit aus seinen Taschen, wie denn auch der größte Theil der Lasten in den Counties Rensselaer und Albany, wenn man die darin enthaltenen großen Städte ausnimmt, von den Rensselaers getragen werden. Man muß mir nicht damit kommen, daß man mich belehren will, die Pächter zahlten die Steuern, denn ich weiß dieß besser. Uns Allen ist bekannt, daß der wahrscheinliche Betrag der Grundlasten in dem ursprünglichen Vertrag geschätzt und bei der Rentenberechnung in Abzug gebracht ist; sie wird also von Niemand anders getragen, als von dem Grundherrn. Man hat gute Gründe dafür, warum man die Zahlung durch den Pächter besorgen läßt – Gründe, die in seinem eigenen Interesse liegen, denn wenn der Landlord die Entrichtung der Steuer verabsäumte, so würde sich das Gesetz eben an die Ochsen, Pferde und Wagen der Pächter halten. Der Steuereinnehmer greift stets nach der persönlichen Habe, die er auf dem Eigenthum findet, und wenn der Betrag der Steuer von der Rente in Abzug gebracht, folglich an den Pächter ausgezahlt ist, so kann letzterer sicher gehen und sich selbst vor Schaden wahren. Wollte man sagen, der Pächter bringe die Steuern, die er wahrscheinlich zu bezahlen habe, bei seinem Vertrag nicht in Anschlag, so hieße dieß so viel, als ihn für einen unzurechnungsfähigen Menschen erklären, dem man für die Erklärung seiner Angelegenheiten einen Vormund bestellen müßte. Leider muß ich sagen, daß es in dieser Gemeinschaft Leute gibt, welche die Erlassung eines Gesetzes wünschen, vermöge dessen die Renten aus einem ewigen Pacht oder aus einem Pacht überhaupt mit Taxen belegt werden sollen, damit den Grundbesitzern das Beharren auf ihren Ansprüchen entleidet werde; aber solche Menschen sind keine wahren Freunde der Gerechtigkeit, und meinen es ebensowenig gut mit ihrem Vaterlande. Durch ein derartiges Gesetz würde das Einkommen einer besondern Klasse der Gesellschaft besteuert und alle andern gingen unbelastet aus. Ein solches Gesetz würde die gekränkten Partien berechtigen, zu den Waffen zu greifen und entschiedenen Widerstand zu leisten, wenn nicht eben die Gesetzgebung dem Uebelstand wieder Abhilfe leistete, wie meiner Ansicht nach sicherlich der Fall sein würde. Durch den Wegzug nach einem andern Staat könnten sie obendrein der Taxe ganz und gar entgehen, und die klugen Leute, welche sie ausgeheckt haben, verlachen. Auf Letzteren läge dann die Schmach, ein machtloses Unrecht begangen zu haben, und sie würden verhöhnt und verachtet, abgesehen davon, daß dem Staat ein gewaltiger Nachtheil zuginge, wenn er das Geld verlöre, welches andernfalls innerhalb seiner Gränzen verbraucht worden wäre. Denke man sich nur einen Augenblick den Eindruck, den man von der New-Yorker Gerechtigkeit gewinnen müßte, wenn Hunderte von reichen, angesehenen Bürgern nach Philadelphia oder Paris zögen und dort vor der Welt ausposaunten, sie seien lieber in die Verbannung gezogen, als daß sie sich einer Steuer unterworfen hätten, die blos auf eine einzige Klasse gemünzt war. Je mehr man die Sache erwägt, desto schlimmer erscheint sie; denn mag man, um zur Zeit der Wahlen wieder wohl daran zu sein, sagen, was man will – wenn nur ein einziges Stück oder ein theilweises Eigenthum besteuert werden soll, so ist dieß eine Einkommens-Taxe und nichts Anderes. Noch übler wird aber das Ganze durch den Umstand, daß jeder vernünftige Mensch wohl weiß, daß man hier dieselbe Person dem Wesen nach für die nämliche Sache zweimal besteuern würde, denn die Taxe, welche unmittelbar den Grund und Boden betrifft, ist in dem ursprünglichen Vertrag dem Grundherrn an seiner Rente abgezogen. »Was alles dieses Geschrei über Aristokratie besagen soll, verstehe ich nicht. Hugh Littlepage hat ebensogut ein Recht, nach einer ihm beliebigen Weise zu leben, wie ich es habe. Der Gentleman sagt, er verlange zum Essen goldene Löffel und silberne Gabeln. Nun, und wenn auch – ich meine, der Gentleman selbst hält ein Stahlmesser und eine Gabel für nützliche Werkzeuge, und hat nichts gegen einen silbernen oder wenigstens gegen einen blechernen Löffel einzuwenden. Nun gibt es aber Leute, die sich hölzerner Gabeln oder gar keiner Gabeln bedienen, und froh sind, wenn sie mit hörnernen Löffeln 'was zu essen haben; diese könnten nun den Gentleman auch einen Aristokraten nennen. Wenn man in solchen Dingen sich selbst zum unbedingten Maaßstab macht, so kann ich wahrhaftig nichts von Freiheit sehen. Mag ich nicht mit einem Menschen zu Mittag essen, der sich einer silbernen Gabel bedient, so kann mich in diesem Lande Niemand dazu zwingen; wenn aber andererseits der junge Littlepage keinen Gefallen an einem Gesellschafter hat, der, wie ich z. B., Tabak kaut, so muß man es ihm gleichfalls überlassen, seiner Reizung zu folgen. »Was weiter den Satz betrifft, daß ein Mensch so gut sei, wie der andere, so hat dieß wieder seine zwei Seiten. Ich bin von Herzen gerne bereit, einzuräumen, daß alle Menschen die gleichen allgemeinen Rechte haben sollen, aber wenn Einer so gut ist, wie der Andere, warum geben wir uns so viele Mühe und wenden so viele Kosten auf bei den Wahlen? Man könnte ja, wie für die Schwurgerichte, das Loos ziehen und sich in dieser Weise sowohl Zeit als Geld ersparen. Uebrigens wissen wir Alle, daß es einen Unterschied unter den Menschen gibt, und ich glaube, so lange die Leute die Wahl haben, zu sagen, dieser soll meine Angelegenheiten verwalten, oder er soll sie nicht verwalten, so besitzen sie wohl so viel Recht, als ihnen zusteht. Was aber alles Uebrige betrifft, so muß man andere Leute gehen lassen, vorausgesetzt, daß sie den Gesetzen Gehorsam leisten. »Ich muß noch ferner sagen, daß ich keinen großen Gefallen daran habe, wenn man den Leuten immer sagt, daß sie vollkommen seien. Ich kenne diese County ziemlich gut, vielleicht so gut, als die meisten, die darin wohnen, und wenn es auch in Washington County einen vollkommenen Mann geben mag, so muß ich sagen, daß ich noch nicht mit ihm zusammengetroffen bin. Zehn Millionen unvollkommener Menschen machen noch nicht einen einzigen vollkommenen Mann, und ich suche daher bei dem Volk ebensowenig Vollkommenheit, als bei den gekrönten Häuptern. Von einer Demokratie verlange ich nicht mehr, als daß die Zügel in hinreichend vielen Händen ruhen, um zu verhindern, daß einige Wenige Alles für sich selber ausbeuten. Gleichwohl dürfen wir nicht vergessen, daß es weit schlimmer ist, wenn ein Unrecht von Vielen, als wenn es von Wenigen ausgeht. »Wenn mein Sohn das Eigenthum des Malbone Littlepage nicht erbte, – je nun, so beerbt auch Malbone Littlepage's Sohn mich nicht. In dieser Hinsicht stehen wir auf gleichem Fuße. Und was weiter die Rentenzahlung betrifft, welche einigen Personen so beschwerlich erscheint – was würden sie wohl anfangen, wenn sie weder Haus, noch Farm hätten, um darauf zu leben und zu arbeiten? Wünscht Jemand ein Haus oder eine Farm zu kaufen, so kann ihn Niemand daran hindern, wenn er das Geld dazu hat; ist aber letzteres nicht der Fall, so kann man nicht erwarten, daß andere Leute hergehen und ihn aus eigenen Mitteln mit dem ausstatten, was – –« Der Sprecher wurde hier plötzlich von einem wilden Geschrei unterbrochen, und die Inschens drangen in's Haus herein, so daß sie Diejenigen, welche sich in den Gängen befanden, vor sich hertrieben. Männer, Weiber und Kinder sprangen zu den niedrigen Fenstern hinaus, während Andere sich durch die beiden Seitenthüren flüchteten, da die Inschens nur durch den Haupteingang hereingekommen waren. In kürzerer Frist, als ich auf die Mittheilung der Thatsache zu verwenden hatte, war fast das ganze Auditorium auseinander gesprengt.   Sechszehntes Kapitel. »Und doch heißt es: ›Arbeit ist sein Beruf‹ Dieß will nicht weiter sagen, als: die Magistratspersonen sollen aus Arbeitern bestehen; und deßhalb muß die Obrigkeit aus uns gebildet werden.« König Heinrich VI.   Nach einigen Minuten hörte der Tumult auf, und es entfaltete sich jetzt eine seltsame Scene. In dem Bethause befanden sich noch vier gesonderte Gruppen außer den Inschens, welche den Hauptgang einnahmen. Der Präsident, der Sekretär, die zwei Geistlichen und die Vorleser blieben ruhig auf ihren Plätzen sitzen, weil sie wahrscheinlich wohl wußten, daß sie von den Eindringlingen nichts zu fürchten hatten. Mr. Warren stand mit seiner Tochter in einer Ecke unter der Gallerie, denn er hatte es verschmäht, zu entfliehen, und klüglicherweise hielt sich seine Tochter an seiner Seite. Mein Onkel und ich bildeten den Pendant zu den beiden Letztgenannten, indem wir die andere Ecke gleichfalls unter der Gallerie einnahmen. Mr. Hall und zwei oder drei Freunde, welche bei ihm ausgehalten hatten, befanden sich in einem Kirchenstuhle in der Nähe der Mauer und etwa in Mitte der Kirche; ersterer stand aufrecht auf dem Sitze, welchen er bestiegen hatte, um die Versammelten anzureden. »Fahrt fort in Euren Bemerkungen, Sir,« sagte kaltblütig der Präsident, einer jener paradoxen Antirenter, welcher nichts mit den Inschens zu schaffen hatte, obschon er von ihrem ganzen Treiben unterrichtet war und, wie mir mitgetheilt wurde, sich bei Einsammlung und Auszahlung ihres Soldes am meisten Mühe gab. In diesem Augenblick schlich Seneka Newcome zu einer Seitenthüre herein, um zu sehen, was zunächst kommen würde, obschon er sich von den »verkappten Bewaffneten« möglichst ferne hielt. Was Hall betraf, so benahm er sich mit bewunderungswürdiger Fassung. Wahrscheinlich wußte er, daß seine früheren Zuhörer sich unter den Fenstern gesammelt hatten, folglich er mit Leichtigkeit gehört werden konnte, wenn er seine Stimme verstärkte. Jedenfalls that er das letztere und fuhr fort, als ob keine Unterbrechung stattgefunden hätte. »Ich wollte ein Wort über die Wesenheit der beiden Qualitäten sagen, Mr. Präsident, die mir wenigstens in der Begrindung des Vorlesers« – ja, dieser verständige, grundsatzfeste Mann bediente sich wirklich des abscheulichen Lauts, wie ich eben geschrieben habe. und sagte »Begrindung« statt »Begründung«; wie schade, daß in Amerika den ersten Grundsätzen des guten Sprechens so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, und daß die gewöhnlichen Schulen in dieser Beziehung vielleicht mehr schaden als nützen – »die mir wenigstens in der Begrindung des Vorlesers am meisten auffielen, weil Gott selbst ihnen für unsere Natur eine so große Wichtigkeit beigelegt hat, daß er ausdrückliche Gebote darüber erließ. Er hat uns verboten, nicht zu stehlen, und ein weiteres Gebot lautet, du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut – ein zureichender Beweis, daß der Besitz des Eigenthums durch göttliche Autorität sanctionirt und mit einem gewissen Privilegium der Heiligkeit begabt ist. Nun die Nutzanwendung. »In Betreff der Pachtverträge, wie sie bestehen, könnt ihr nichts thun, weil der Staat nicht ermächtigt ist, einen Kontrakt aufzuheben. Man hört so viel davon sprechen, daß das Volk regiere, und daß dieses thun könne, was es wolle. Ich bin nur ein einfacher Mann und spreche mit einfachen Leuten, denen ich auch meine Ansicht in aller Einfachheit vortragen will. Daß unsere Regierung als Demokratie eine Volksregierung ist und in letzter Instanz die souveräne Gewalt in der Masse des Volks beruht, ist wahr; daß übrigens diese Volksregierung in der Bedeutung, welche man ihr gewöhnlich beilegt und wie sie leider nur von allzu Vielen aufgefaßt wird, genommen werden darf, ist ein großer Irrthum. Dieselbe Betheiligung, über die jetzt so viel gestritten wird – ich meine das Recht, sich in Verträge einzumengen – ist durch eine Klausel in der Constitution der Vereinigten Staaten dem Bereich des Volks in unserem Staate entrückt. Nun kann allerdings die Constitution der Vereinigten Staaten geändert werden, indem man etwa den Artikel einschöbe: »kein Staat soll je ein Gesetz erlassen, das die Existenz der ewigen Pachtverträge gefährdet,« und alle Bewohner des Staats New-York, Mann, Weib und Kind mußten sich eben drein geben, wie sehr sie einem derartigen Wechsel auch abhold wären. Laßt einmal sehen, wie sich die Zahlen hier ausnehmen. Wir haben siebenundzwanzig Staaten im wirklichen Bestand und bald werden es dreißig sein. Es ist mir gleichgültig, mit welcher Zahl ihr rechnet – sagt meinetwegen dreißig, da wahrscheinlich so viele vorhanden sein werden, noch ehe die Constitution geändert werden kann. Gut; dreiundzwanzig von diesen Staaten können der Constitution eine solche Klausel einverleiben und damit erklären, daß ihr euch nicht in Pachtverträge einmengen sollt. Vielleicht sind die sieben bevölkertsten Staaten mit allen ihren Stimmgebern nicht für eine solche Abänderung. Ich habe meine Berechnung gemacht und gefunden, daß die sieben bevölkertsten Staaten im Jahr 1840 mehr als die Hälfte der Gesammtbevölkerung aller Vereinigten Staaten in sich fassen, und gleichwohl stehen diese sieben als eine Minorität da. Auch ist dieß noch nicht Alles; die Veränderung wird vielleicht jedem der dreiundzwanzig Staaten nur durch das Mehr einer einzigen Stimme abgezwungen, und zieht man diese von den Wählern in den sieben opponirenden Staaten ab, so stellt sich am Ende heraus, daß im Lande ein Wechsel der Constitution vorgenommen wurde, einer Majorität von – ich will sagen – zwei Millionen zum Trotz! Hieraus geht hervor, daß das Volk in der gewöhnlichen Bedeutung nicht so allmächtig ist, wie Einige glauben, und es gibt am Ende doch noch etwas Stärkeres, als das Volk, nämlich die Grundsätze. Wenn wir nun fortfahren, in Stücke zu reißen, was uns – –« Es war unmöglich, von dem, was der Sprecher sagte, noch ein weiteres Wort zu hören; denn der Gedanke, daß das Volk nicht allmächtig sei, konnte nicht wohl unter einem Theil der Bevölkerung Beifall finden, welcher sich vorzugsweise für das Volk hielt. Die Lokalversammlungen sind daran gewöhnt, sich als mit Vollziehung einer Gewalt betraut zu erachten, die jedenfalls nur von der Gesammtheit des Volkes rechtmäßig geübt werden kann, so daß sie oft in gesetzwidrige Ausschweifungen verfallen und sogar ihren kleinen Bruchtheil vom politischen Körper in derartigen Dingen wenigstens für untrüglich und allmächtig zu halten. Wenn man es daher offen in Abrede zog, die populäre Fabrik der amerikanischen Institutionen sei so zusammengesetzt, daß es in der Gewalt einer entschiedenen Minderheit liege, das organische Gesetz zu ändern, so mußte dieß, wie unzweifelhaft auch die Thatsache in der Theorie ist, obschon sie vielleicht in der Praxis nie vorkömmt – in den Ohren von Mr. Halls Zuhörerschaft wie politische Lästerung klingen. Die unter den Fenstern grunzten, während die Inschenbande in dem Mittelgange in ein gellendes Gezeter ausbrach, und zwar in einer Weise, welche die ganze Uebertreibung der Karikatur an sich trug. Es war augenscheinlich, daß für den Lauf des Tages eine weitere vernunftmäßige Verständigung nicht zu erwarten stand. Hall bekundete weder Ueberraschung noch Unruhe. Er wischte sich kaltblütig das Gesicht ab und setzte sich dann nieder, während die Inschens in dem Bethause umhertanzten und mit ihren Büchsen und Messern in der Luft umherfuchtelten, so daß eine furchtsamere Person wohl erschreckt werden konnte. Was Mr. Warren betraf, so führte er Mary hinaus, obschon sich eine Bewegung kund gab, als wolle man ihn zum Haltmachen zwingen. Mein Onkel und ich, wir Beide folgten ihnen, da das wüste Geschrei der Inschens durchaus nicht angenehm in die Ohren klang. Der Präsident dagegen, der Sekretär und die beiden Diener des Evangeliums behielten mit aller Fassung und völlig unbelästigt ihre Standpunkte auf dem Gerüste bei. Niemand näherte sich ihnen, – eine Rücksicht, welche natürlich auf Rechnung der oft angeführten Thatsache geschrieben wurde, daß die eigentlichen Antitrenter, die bedrückten Pächter von New-York, nichts mit dieser schnöden Rotte von Verkappten zu schaffen hatten! Eine von den betrübendsten Erscheinungen der Zeit ist das allgemeine Umsichgreifen der Lüge und eine fast gänzliche Unterdrückung der Wahrheit. Es liegt nichts daran, wie viele Zeugnisse auch einer Angabe widersprechen mögen oder wie oft sie schon widerlegt wurde; man beharrt wiederholt und mit einer Zuversichtlichkeit auf der Behauptung, als ob nie Untersuchungen darüber eingeleitet worden wären, und glaubt daran als ob sie in Betreff ihrer Wesenheit nie Widerspruch erfahren hätte. Ich bin überzeugt, es gibt außer Amerika keinen Theil der Welt, wo es so schwierig wäre, der Oeffentlichkeit eine Wahrheit nahe zu legen, wenn Beweggründe vorhanden sind, sie zu unterdrücken. Dieß mag wohl auffallend erscheinen, wenn man dabei bedenkt, wie viele Journale wir besitzen, welche den ausgesprochenen Zweck haben, Belehrung auszustreuen; aber leider ist die Maschinerie, welche zu Verbreitung der Wahrheit benutzt werden kann, ebenso wirksam, auch die Lüge in Umlauf zu setzen. Außerdem gibt es neben den schreiendsten Lügen so viele Methoden, die Wahrheit zu verdünnen, daß ich wohl bezweifeln möchte, ob von zwanzig Thatsachen, welche durch die Presse veröffentlicht werden – natürlich die der gewöhnlicheren Art ausgenommen – auch nur eine in allen ihren Wesentlichkeiten wahr ist. Es ist so viel guter Wille, so viel Verstand, Gewissenhaftigkeit und oft auch, um nur der Wahrheit das Wort zu reden, ein sehr hoher Grad von Selbstaufopferung erforderlich, daß man unter den gemeineren und aller Verantwortlichkeit baaren Zeitungs-Correspondenten nicht wohl eine Eigenschaft erwarten kann, die man selbst unter den besten der Parteiführer so gar selten findet. Wenn ich schon froh war, das Bethaus in meinem Rücken zu haben, so kann sich der Leser denken, daß ich mich um so mehr freute, als ich bemerkte, daß Mr. Warren Mary nach der Stelle führte, wo ich seinen Wagen gelassen hatte, augenscheinlich in der Absicht, sich von einem Schauplatz zu entfernen, der jetzt nichts als Lärm und Streit, wo nicht gar noch etwas Ernstlicheres in Aussicht stellte. Onkel Ro forderte mich auf, den Dearborn, in welchem wir die Farm verlassen hatten, herauszuholen, und ich machte mich in Mitte einer Art allgemeinen panischen Schreckens, welcher namentlich die Weiber bewog, nach allen Richtungen hin zu fliehen, auf den Weg, um diesem Wunsche zu entsprechen. In diesem Augenblicke aber trat in allen Bewegungen eine plötzliche Pause ein, denn die Inschenbande strömte jetzt aus der Kirche heraus und brachte den letzten Sprecher Mr. Hall mit sich. Da der Präsident, der Sekretär, der Vorleser und die beiden »Diener des Evangeliums« folgten, so konnte man hieraus entnehmen, daß alle weiteren Verhandlungen ein Ende gefunden hatten. Mein Onkel winkte mir zurück, und war, wie es mir vorkam, geneigt, Hall beizustehen, der, noch immer von den zwei oder drei Freunden, welche ihm den ganzen Tag über beigestanden hatten, mannhaft unterstützt, sich jetzt auf uns zubewegte, obschon er noch immer durch einen Haufen lärmender und drohender Inschens umgeben war. Ueberhaupt hatte die ganze Rotte eine ziemliche Aehnlichkeit mit einem Rudel Dorfhunde, wenn sie einem fremden Hund zusetzten, der sich unter sie gewagt hat. Flüche und Drohungen erfüllten die Luft, und die Ohren des armen Hall wurden durch eine Anschuldigung beleidigt, die er, wie ich mir wohl denken kann, bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal hören mußte. Man nannte ihn einen »verdammten Aristokraten« und einen Miethling im Solde der »verdammten Aristokraten«. Gegen all' Dieß war jedoch der stämmige, rechtlich denkende Schmied sehr gleichgültig, denn er wußte wohl, daß man in seinem ganzen Leben keine Thatsache und in seinem moralischen Wesen nicht einen einzigen Gedanken finden konnte, um eine solche Anklage zu rechtfertigen. In Erwiederung auf diese feindselige Beschuldigung hörte ich ihn, nachdem er in dem Bethause unterbrochen worden war, zum ersten Mal wieder sprechen. »Nennt mich meinetwegen wie ihr wollt,« rief er in seiner klaren vollen Stimme, »denn ich mach' mir nichts aus euren Schimpfworten. Es gibt nicht einen einzigen Mann unter euch, der im Ernst glaubt, ich sei ein Aristokrat oder der Miethling eines Aristokraten; aber ich hoffe ich bin noch kein so großer Schurke, um einen Nachbar berauben zu wollen, weil er zufälligerweise reicher ist als ich.« »Wer gab Hugh Littlepage sein Land?« fragte einer aus der Bande mit unerkünstelter Stimme, obschon die Verhüllung seines Kopfes sie zureichend unkenntlich machte. »Ihr wißt selbst auch, daß er es von dem König hat.« »Seiner Arbeit verdankt er nicht einen einzigen Acre davon!« schrie ein Anderer. »Wäre er ein fleißiger ehrlicher Mann, wie Ihr Tim Hall, so könnten wir's uns noch gefallen lassen; aber Ihr wißt wohl, daß dieß nicht der Fall ist. Er ist ein Verschwender und ein Aristokrat.« »Ich weiß, daß schwielige Hände nicht den ehrlichen Mann machen, eben so wenig, als man durch weiche Hände zum Schurken wird,« entgegnete Tim Hall mit Muth. »Was die Littlepage's betrifft, so sind sie Gentlemen in jeder Beziehung des Wortes und sind es zu allen Zeiten gewesen. Auch jetzt noch hat ihr Wort weit mehr Werth, als Siegel und Verbriefung von Manchem, der gegen sie auftritt.« Ich war erfreut und gerührt von diesem Beweise, daß ein Ruf, den ich in vollem Maaß verdient zu haben mir bewußt war, in diesem Theile des Landes bei einem der einsichtsvollsten Männer Anerkennung fand. Neid, Habgier und Bosheit mögen ihre Lügen ausstreuen, wie sie wollen, aber der Biedermann wird den Biedermann stets Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der wahre Arme kennt Diejenigen, welche am meisten dazu beitragen, seine Noth zu mildern und mit thätiger Hilfe zur Hand sind, wie auch der wirkliche Freund der Freiheit vollkommen begreift, daß ihre Vorrechte nicht ausschließlich zu seinen eigenen Gunsten gedeutet werden dürfen. Der Gedanke wollte mir nicht gefallen, daß ein solcher Mann von einer Bande verkleideter Halunken übel behandelt werden sollte – von Kerlen, welche das Verbrechen der Verletzung eines positiven Gesetzes noch durch die Schändung der heiligen Grundsätze der Freiheit erhöhten, indem sie dieselben zum Dienst einer Sache herabwürdigten, welcher nur wenig fehlte, um alle Beutelschneider und Diebe des Landes in ihren Bereich einzuschließen. »Ich fürchte sie werden diesem wackeren Manne ein Leides thun,« flüsterte ich meinem Onkel zu. »Setzten wir uns nicht der Gefahr aus, unsere Verkleidung zugestehen zu müssen, so ginge ich ohne Weiteres hin und versuchte, ihn aus dem Gedränge zu reißen,« lautete die Antwort; »aber unter den gegenwärtigen Umständen geht dieß nicht an. Wir müssen uns deßhalb gedulden und zusehen, was noch weiter folgt.« »Theert und federt ihn!« schrie einer unter den Inschen. »Theert und federt ihn!« »Stutzt ihn zu und schickt ihn nach Haus!« entgegneten Andere. »Tim Hall ist zum Feind übergegangen!« fügte der Inschen bei, welcher die Frage gestellt hatte, von wem ich mein Land habe. Ich meinte die Stimme zu kennen, und wie ich sie zum öfteren vernahm, kam mir auf einmal der Gedanke, daß sie Seneka Newcome angehörte. Der Umstand, daß Seneka zu den Antirentern gehörte, war kein Geheimniß, obschon man wohl darüber Zweifel unterhalten konnte, ob er wohl als Rechtsgelehrter die Unbesonnenheit zu begehen im Stande sei, sich bei einem durch die Gesetze mit Gefängnißstrafe bedrohten Verbrechen zu betheiligen. Es lag immerhin ein großer Unterschied darin, Andere zu Vergehungen bereden und sich selbst eines solchen schuldig zu machen, daß mir letzteres ganz unwahrscheinlich vorkam. Um nun die verdächtige Person nicht aus dem Gesichte zu verlieren, sah ich mich nach einem Mittel um, welches mich dieselbe stets erkennen ließ, und eine geflickte Stelle oder vielmehr ein Zwickel in dem Calico entsprach diesem Zweck vollkommen; denn wenn ich den seinigen mit andern verglich, so bemerkte ich, daß dieses Kennzeichen, welches wahrscheinlich sein Vorhandensein einer Verkürzung des ursprünglichen Materials verdankte, den übrigen fehlte. Das Getümmel währte wohl einige Minuten fort und die Inschens schienen unschlüssig zu sein, was sie thun sollten, indem sie Hall einerseits nicht ziehen lassen wollten, andererseits aber doch Bedenken trugen, ihre Drohungen gegen ihn zur Ausführung zu bringen. Doch in dem Augenblick, als die Scene einen ernsthaften Ausgang nehmen zu wollen schien, legte sich der Sturm und es trat eine unerwartete Ruhe ein. Wie dieß zuging, habe ich nie erfahren können, indeß ist Grund für die Annahme vorhanden, daß die Inschen durch ein Signal, das nur sie selbst verstunden, zur Ordnung gewiesen worden waren. Ueber das Resultat wenigstens konnte kein Zweifel obwalten, denn der Haufen, welcher Hall umringt hatte, wich auseinander, und der stämmige unerschütterliche Freimann trat aus ihrer Mitte heraus, das erhitzte Gesicht sich abwischend und einen unmuthigen Blick um sich herwerfend. Gleichwohl gab er nicht nach, sondern blieb in der Nähe der Stelle, noch immer von den zwei oder drei Freunden unterstützt, welche ihn von Mooseridge herbegleitet hatten. Nach einiger Erwägung hielt es mein Onkel Ro für das klügste, wir sollten uns den Anschein geben, als sei es uns nicht sehr eilig darum zu thun, das Dorf zu verlassen, und sobald ich die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß Mr. Warren zu dem nämlichen Entschluß gekommen war und in dem Hause eines Angehörigen seiner Gemeinde Zuflucht gefunden hatte, fügte ich mich gleichfalls gerne darein. Während der Hausirer seine Uhren wieder zur Schau ausstellte, trieb ich mich in dem aus Inschens und Anderen gemischten Gedränge umher, um zu sehen, ob ich nicht weitere Auskunft erholen könne, und im Laufe meiner Wanderungen brachte mich der Zufall hart an die Seite des Verkappten mit dem Zwickel-Calico. Ich berührte ihn leise am Ellenbogen und bewog ihn, ein wenig mit mir bei Seite zu treten, damit unsere Unterhaltung nicht gehört würde. »Warum finde ich auch Euch unter den Inschens – Euch, der Ihr doch ein Gentleman seid?« fragte ich, mit der einfältigsten Miene die ich nur immer annehmen konnte. Die Betroffenheit, mit welcher diese Frage aufgenommen wurde, überzeugte mich, daß ich Recht hatte, und ich bedurfte kaum einer weitern Bestätigung meines Argwohns. Wenn übrigens diese auch nöthig gewesen wäre, so brauchte ich keinesfalls lange darauf zu warten. »Warum fragen Inschen dieß?« entgegnete der Mann mit dem Zwickel. »Nun, es mag so schon recht sein, oder auch nicht, Squire Newcome. Jedenfalls reicht Ihr damit nicht gegen einen Mann aus, der Euch so gut kennt, wie ich. Sagt mir daher, warum Ihr ein Inschen seid.« »Hört!« versetzte Seneka in seiner natürlichen Sprache, und augenscheinlich sehr beunruhigt durch meine Entdeckung. »Ihr dürft es um keinen Preis laut werden lassen, wer ich bin. Diese Inschengeschichte ist eine kitzliche Arbeit, und das Gesetz könnte – d.h. – Ihr könntet nichts dabei gewinnen, wenn Ihr sagen würdet, was Ihr wißt; aber wie Ihr bemerkt habt, da ich ein Gentleman und ein Rechtsgelehrter bin, so könnte es mir nicht angenehm sein, wenn mir nachgeredet würde, ich sei darauf betroffen worden, wie ich einen Inschen spielte.« »Ja, ja, ich verstehe – Schentlemans müssen dergleichen Dinge nicht thun, ohne daß sie ausgelacht werden. Dieß ist das Ganze.« »I-i-i-a – dieß ist das Ganze, wie Ihr sagt. Nehmt Euch daher in Acht, etwas darüber zu reden oder Winke fallen zu lassen. Na, da Ihr mich erkannt habt, so kömmt's mir zu, Euch zu traktiren. Womit kann ich dieß thun?« Dieß war nun keinesfalls sehr elegant für einen »Gentleman« und einen »Rechtsgelehrten«; da übrigens dergleichen in Mr. Newcome's Schule üblich war, so fiel mir bei, es dürfte nicht klug sein, durch eine Ablehnung zu zeigen, daß ich zu einer von der seinigen ganz verschiedenen Klasse gehörte. Ich gab deßhalb meine Zufriedenheit zu erkennen, und auf meine Erklärung hin, daß ich ihm die Wahl lasse, führte er mich nach dem Laden seines Bruders, mit dem er, wie ich nachher erfuhr, im Geschäft associrt war. Hier regalirte er mich großmüthig mit einem Glas starken Whiskys, den ich geschickt auf den Boden zu gießen wußte, um nicht durch das feurige Getränk erstickt zu werden. Natürlich mußte ich zu einem solchen Ausweg meine Zuflucht nehmen, da die Verweigerung eines Trunks bei einem Deutschen als ein sehr verdächtiger Umstand hätte erscheinen müssen. Was die Amerikaner von meiner angenommenen Klasse betrifft, so freue ich mich, sagen zu dürfen, daß es für solche heutzutag weit leichter wird, ein Glas abzulehnen, als es anzunehmen, und es spricht gewiß sehr zu Gunsten einer Bevölkerung, wenn sogar der Kutscher eine Kehlenanfeuchtung ausschlägt. Gleichwohl kann eine Nation den Ruf einer vollkommenen Nüchternheit verdienen und doch mit furchtbarer Geschwindigkeit in andere große Laster verfallen. Was den ersteren Punkt betrifft, so bin ich mit meinem Onkel einverstanden und glaube mit ihm, daß die Amerikaner weit weniger trinken, als die meisten, wo nicht als alle europäischen Nationen. Die allgemeine Ansicht, welche unserem Lande so lang das Gegentheil zur Last gelegt hat, ist weiter nichts, als eine Wirkung der Sucht anderer Völker, die Demokratie zu verrufen, vielleicht unterstützt von den Uebertreibungen, die in allen veröffentlichten Sittlichkeitstabellen so gemeiniglich vorkommen. Ich bemerkte, daß sogar von den Inschens nur Wenige tranken, obschon sie jetzt frei in den Läden und Schenken umherzugehen begannen. Seneka verließ mich, sobald er glaubte, er habe sich durch sein Traktement meiner Verschwiegenheit versichert, und ich blieb in einer Ecke stehen, um zu sehen, wie sich die »Bewaffneten und Verkleideten« benahmen. Namentlich zog ein Kerl meine Aufmerksamkeit auf sich, und sein Benehmen mag als Pröbchen von dem vieler seiner Kameraden gelten. Ich hatte mich noch nicht lange umgesehen, als mir die Thatsache ausfiel, daß Orson Newcome, Seneka's Bruder und Associé augenscheinlich so wenig als möglich mit den Inschens zu schaffen haben mochte; denn er wurde unruhig, sobald einer seinen Laden betrat, und schien sich zu freuen, wenn wieder einer fortging. Anfangs war ich geneigt zu glauben, Orson – auf welche Namen verfällt nicht eine große östliche Familie, ehe sie ihr Register durchgemacht hat! sie scheinen in der That ihre Bezeichnungen zu wählen, wie sie's mit so vielen anderen Dingen zu halten pflegen, nämlich um zu beweisen, daß sie thun, was sie mögen – Anfangs glaubte ich, Orson besitze noch einige Gewissenhaftigkeit und nehme keinen Anstand, den Unwillen kund zu geben, welchen ihm ein so kühnes ungesetzliches Verfahren einflößte. Indeß sollte ich bald von meinem Irrthum geheilt werden, indem ich den wahren Grund kennen lernte, der ihn jedem Verkehr mit einem Inschen abgeneigt machte. »Inschen will Calico für Hemd« – sagte einer von diesen Ehrenmännern bedeutungsvoll zu Orson, der übrigens seinerseits Anfangs that, als höre er ihn nicht. Das Ansinnen wurde jedoch mit stärkerer Betonung wiederholt, und dann legte der Handelsmann, obschon nur mit Widerstreben, den Zeug auf den Ladentisch. »Gut,« sagte der Inschen, nachdem er die Qualität untersucht hatte. »Schneid für Inschen zwanzig Ellen – aber gut Maaß, sage ich!« In einer Art verzweifelnder Ergebung wurden die zwanzig Ellen abgeschnitten, zusammengerollt, eingewickelt und dem Kunden übergeben, der das Bündel ruhig unter seinen Arm nahm und, eh' er den Laden verließ, die Bemerkung hinwarf: »Schreib's auf für nieder mit Rent.« Das Geheimniß von Orson's Abgeneigtheit war nun erklärt. Wie es unvermeidlich bei Mißachtung aller Grundsätze zu gehen pflegt, mußten die Anstifter des Unrechts selbst auch durch die Eingriffe ihrer eigenen Werkzeuge empfindlich leiden. Ich erfuhr später, daß dieselben Inschens, die sich in Haufen von Hunderten versammelt hatten, um Gesetz, Recht und den heiligen Charakter verbriefter Verträge zu verhöhnen, nicht zögerten, ihren Hauptzweck zur Ausführung zu bringen und unter einem oder dem andern Vorwand Forderungen aller Art an die Taschen und das Eigenthum ihrer Auftraggeber zu stellen. Es versteht sich, daß dergleichen Ansinnen unausbleiblich den eigenen Vortheil im Auge hatten. Der »Geist des Antirentismus« begann sich unter dem System der Gewaltthätigkeit in dieser Form zu entwickeln, welche wohl den unbefugten Eingriffen des gesetzgebenden Körpers und seinem Kriechen vor der Masse – denn was anderes wäre von dem Charakter unserer Repräsentanten zu erwarten? – als warnendes Beispiel dienen kann. Ja, ich wiederhole es, wenn der Geist des Unrechts nicht im Keime erstickt wird, dauern die Forderungen an die geschmeidigen Diener der Oeffentlichkeit fort, bis die Reue über den ersten falschen Schritt zu spät kömmt und der Staat in einen Bürgerkrieg verwickelt ist, oder jeder ehrliche Mann anderwärts eine Heimath sucht. Ich blieb nicht lange in dem Laden, sondern entfernte mich bald, um Mr. Warren und Mary aufzusuchen, weil ich zu erfahren wünschte, ob ich ihnen in nichts dienstlich werden könnte. Der Vater dankte mir für diese Aufmerksamkeit und theilte mir mit, daß er jetzt das Dorf zu verlassen gedenke, denn er sehe, daß auch die Anderen fortzugehen anfingen; unter diesen befinde sich auch Hall, ein alter geschätzter Bekannter von ihm, welchen er eingeladen habe in der Rektorei anzuhalten und bei ihm zu speisen. Er rieth mir, seinem Beispiel zu folgen, da sich unter den Inschens Fremde befänden, die vielleicht dem Trunk ergeben seien. Auf diese Mittheilung hin suchte ich meinen Onkel auf, der mittlerweile die meisten seiner Schmucksachen und alle seine Uhren, bis auf eine einzige, verkauft hatte – ein Erfolg, welcher wohl auf Rechnung der niedrigen Preise zu setzen war. Er gab seine Waaren zu dem Preise hin, den er selbst dafür bezahlt hatte, in einigen Fällen sogar noch wohlfeiler, und zog von dem Platz mit dem Rufe des raisonabelsten Bijouteriehändlers ab, welcher sich je daselbst hatte blicken lassen. Der Weg füllte sich mit Fuhrwerken, und die Leute, welche der Vorlesung angewohnt hatten, begaben sich nach Hause. Da dieß seit meiner Rückkehr nach der Heimath die erste Gelegenheit für mich war, ein solches Schauspiel mit anzusehen, so musterte ich die verschiedenen Gruppen, um meine Vergleichungen anzustellen. Sogar in den großen Städten Amerika's begegnet man einem gewissen ländlichen Anstrich, den man in den Hauptstädten der alten Welt nicht trifft; dagegen aber ist man in Amerika auf dem Laude keineswegs so bäurisch, als in jedem anderen Theile der Welt, den ich kennen gelernt habe, mit alleiniger Ausnahme Englands. Natürlich habe ich hiebei nicht die unmittelbaren Umgebungen sehr großer Städte im Auge, obschon ich wahrhaftig nicht weiß, ob die Bevölkerung von St. Quen, dem Runnymed von Frankreich, welches kaum eine Stunde von den Mauern des mächtigen Paris entfernt liegt, nicht einen entschieden ländlicheren Anblick geboten haben würde, als das, was wir jetzt sahen. In Beziehung auf die Frauenzimmer ist dieß wenigstens eine buchstäbliche Wahrheit, denn man sah kaum eine einzige Weibsperson mit jenem Ausdruck der Rohheit, Unwissenheit und Gemeinheit, der auf eine herabgewürdigte Stellung und auf ein Leben voll Mühsal zu deuten pflegt. Im moralischen Sinne des Worts war nicht viel Bäurisches zu bemerken; denn die ganze Bevölkerung schien sich in ihren zierlichen, gut erhaltenen Fuhrwerken mit Leichtigkeit zu bewegen. Die behenden Pferde waren wohl genährt, und wenn die Kleidung auch nicht eben viel Geschmack verrieth, so mußte sie doch immerhin anständig genannt werden. So war der Stand der Dinge auf einem verpachteten Gute, unter dem schlimmen Druck eines Grundbesitzers und unter dem Schatten der Aristokratie! Wir unterhielten uns eine Weile mit zwei stämmigen, wetterbraunen Farmern, die ihr Pferd für eine kurze Strecke im Schritt neben dem unsrigen hertrieben, und das Gespräch kräftigte besser, als alles Andere, den Eindruck, welchen die vorerwähnte Thatsache hervorgerufen hatte. Es mag deßhalb hier eine Stelle finden: »Ihr seid Tscharmans, glaub ich,« begann der Aeltere von den Beiden, ein grauköpfiger Pächter auf meinen Gütern, der Holmes hieß und uns Beiden gut bekannt war – »Tscharmans aus den alten Ländern, wie ich höre?« »Ja, wir kommen aus den alten Ländern. Ein weiter Weg von dort bis hieher.« »Ja, dieß will ich wohl glauben. – Ich habe oft davon sprechen hören. Besteht dort auch ein Grundherrnsystem?« »Allerdings – es gibt Grundherrn über die ganze Welt, glaub' ich – und auch Pächter.« »Gut, und wie sind sie dort beliebt? Denkt das Volk nicht daran, sich ihrer zu entledigen?« »Nein – wie könnten sie sich ihrer entledigen? Ihr müßt wissen, daß sie gesetzlichen Bestand haben, und was das Gesetz verlangt, das muß geschehen.« Diese Antwort brachte den alten Holmes in große Verlegenheit. Er fuhr mit der Hand über's Gesicht und wandte sich an seinen Begleiter, einem gewissen Tubbs, der gleichfalls Pächter auf meinen Gütern war, als wolle er dessen Beistand aufbieten. Tubbs aber war einer von der neuen Schule – von einer Schule, die mehr auf's Machen, als auf's Befolgen der Gesetze hält – und gehörte zu der Bewegungspartei. Seiner Ansicht nach hatte die Welt vor dem Beginn dieses Jahrhunderts nie etwas von Grundsätzen, Thatsachen oder Tendenzen gewußt. »Was habt Ihr denn für eine Regierung in Eurem Lande?« fragte Tubbs. »Eine ziemlich gute. Mein Vaterland war Preußen, und man hält allgemein das Gouvernement dieses Landes für nicht übel.« »Ja, aber es ist ein Königreich, kann ich mir denken. Ich meine, ich habe sagen hören, daß in jenem Lande Könige seien.« »Allerdings hat das Land einen König. Der letzte war der gute König Wilhelm, und jetzt sitzt sein Sohn auf dem Throne, der auch ein guter König ist, wie ich mir denken kann. Ja, ja – es ist ein König da.« »Dieß erklärt das Ganze,« rief Tubbs mit triumphirender Miene. »Ihr seht, sie haben einen König und deßhalb sind auch Pächter da; wir aber haben keinen König und brauchen daher auch keine Grundherren. In einem freien Lande sollte Jeder sein eigener Grundherr sein; dieß ist mein Princip und dabei bleibe ich.« »Es liegt etwas Vernunft darin, Freund; ist dieß nicht auch Eure Ansicht?« fragte Holmes. »Mag sein, daß ich die Sache nicht ganz verstehe. Will der Schentleman vielleicht um deßwillen in seinem Lande nichts von Grundherren, weil es in Ländern, welche Könige haben, Grundherrn gibt?« »Ganz richtig; dieß ist just der Grund davon und das wahre Princip,« antwortete Tubbs. »Könige und Freiheit können nicht neben einander feil haben, und eben so wenig können Grundherrn und Freiheit mit einander Hand in Hand gehen. »Wenn aber das Gesetz des Landes den Grundherrn Bestand gibt? Ich höre, daß dieß der Fall sein soll.« »Ihr redet von dem Gesetz, wie es gegenwärtig ist; aber wir gedenken es ganz umzuändern. Wir haben jetzt so viele Stimmen, daß wir versichert sein dürfen, bei einer allgemeinen Wahl beide Parteien für uns zu haben. Ist dann der Gouverneur und die Sicherheit auf unserer Seite, durch unsere Stimmen die ganze Wahl zu beherrschen, so können wir unseres Erfolgs ziemlich gewiß sein. In einem wahrhaft freien Lande braucht man nichts als Stimmen, und dann können's die Leute haben, wie sie´s wünschen.« »Ihr wünscht also, in diesem Lande nichts zu haben, was man in den Ländern trifft, welche durch Könige beherrscht werden?« »Gewiß nicht. Wozu brauchen wir solche grundherrlichen Pfiffe und Kniffe, durch die der Reiche nur reicher und der Arme nur ärmer wird?« »Dann müßt ihr das Gesetz der Natur ändern, denn wenn ihr dieß nicht thut, wird der Reiche fortwährend nach mehr Reichthümern ringen und der Arme sich stets arm fühlen. Die Bibel belehrt uns, daß das Unglück des Armen eben in seinem Mangel liege.« »Pah, pah, das Bibelgeschwätz taugt nicht viel in der Politik. Für die Bibel ist der Sabbath da, und für öffentliche und Privatangelegenheiten hat man die Werkeltage. Da ist z.B. der Hugh Littlepage – er ist von demselben Fleisch und Blut, wie mein Nachbar Holmes und ich, nicht besser und schlechter; ja ich will zugeben, er sei in der Hauptsache nicht schlechter, obschon ich denke, in einigen Dingen können wir den Vorzug ansprechen; aber ich will Beispiels halber annehmen, daß er nicht schlechter sei. Jeder von uns zahlt an diesen Littlepage für eine Farm von gut hundert Acres Renten. Gut; dieses Land bebauen, pflügen und bearbeiten wir mit unsern Händen – unsere Söhne helfen mit und vielleicht ein Knecht oder eine Magd. Gleichwohl hat Jeder von uns an diesen jungen Burschen Hugh Littlepage jährlich seine fünfzig Dollars zu bezahlen – ein Geld, das er nimmt und wahrscheinlich in einem liederlichen Leben nach Belieben verschwendet. Ist dieß recht, frage ich, und ist dieß ein geeignetes Verhältniß für ein republikanisches Land?« »Ihr glaubt also, der junge Littlepage vergeude anderwärts sein Geld in einem schwelgerischen Leben?« »Ja wohl – so heißt's überall hier herum. Ich kenne einen Mann, der einen andern guten Freund hat und dieser hat einen Bekannten, der in Paris gewesen ist und den Leuten in seiner Gegend erzählte, er sei eines Tages an der Thüre des königlichen Palastes gestanden und habe leibhaftig gesehen, wie die beiden Littlepage's hineingegangen seien, um dem ›Kaiser Tribut zu zahlen‹, wie man's nennt – Gewiß, kennt Ihr dieß selbst auch; und man sagt mir, daß Alle, die den König sehen wollen, niederknieen und seine Hand küssen müssen – ja, Einige sagen sogar, seinen Zehen. Wißt Ihr vielleicht, wie es damit in den alten Ländern gehalten wird?« »Ihr seid irrig berichtet worden. Ich habe mehr als ein halb Dutzend Könige gesehen, und es ist da weder von Niederknieen, noch von Handküssen die Rede, ausgenommen bei gewissen Anlässen. Gewiß, es ist auch nicht Alles wahr, was man in diesem Lande hört.« »Na, mag sein; ich weiß es nicht – ich bin nie dort gewesen, um mich durch den Augenschein zu belehren,« antwortete Tubbs in jener eigenthümlichen Weise, die man sich, so oft sie von einem Amerikaner in Anwendung gebracht wird, in den Worten deuten muß: ›ich will zwar nicht widersprechen, glaube aber doch, was ich mag.‹ »Ich spreche nur vom Hörensagen. Aber warum sollen wir dem jungen Littlepage Renten zahlen, damit er sie lustig vergeude?« »Ich weiß da freilich keinen Grund, als etwa den, daß ihr das Land gepachtet habt und in Betreff der Rente mit ihm einig geworden seid. In diesem Falle müßt ihr leisten, was ihr versprochen habt.« »Doch wenn der Handel nach was Königlichem riecht, so sag ich nein. Jedes Land hat seine Natur, jede Regierung hat ihre Natur und alle Dinge sollten im Einklang sein mit der Natur. Nun ist es gegen die Natur, in einem republikanischen Lande Rente zu zahlen. Wir wollen hier nichts mit Lords und Königen gemein haben!« »Nun, dann müßt ihr euer ganzes Land ändern. Ihr könnt keine Weiber und Kinder haben, dürft' nicht in Häusern wohnen, müßt' das Pflügen des Landes, ja auch das Essen und Trinken aufgeben, und dürft eben so wenig ein Hemd auf dem Leib tragen.« Tubbs sah sich einigermaßen in der Klemme, und war, wie der bourgeois gentilhomme , nicht wenig erstaunt, finden zu müssen, daß er sein ganzes Leben über Unsinn gesprochen hatte, ohne es zu wissen. Es unterliegt keiner Frage, daß in einem Königreiche Verhältnisse bestehen können, welche sich mit den Institutionen einer Republik nicht vertragen; aber es ist ebenfalls gewiß, daß das Gesetz, welches den Pächter anhält, für die Benützung seines Hauses oder seiner Farm Zahlung zu leisten, nicht unter diese Zahl gehört. Tubbs hatte aber so oft gehört, es sei etwas außerordentlich Antirepublikanisches, wenn Einer dem Andern Renten zahle, daß ihm dieß nicht aus dem Kopf hinauswollte; er war daher nicht geneigt, so leicht nachzugeben. »Nun ja,« antwortete er, »ich muß zugeben, daß wir als Menschen Vieles gemein haben mit Königreichen; aber daraus folgt noch nicht, daß dieses Gemeinsame auch in Dingen von so aristokratischer Natur bestehen müsse. Ein freies Land muß freie Leute haben, und wie kann ein Mann frei sein, wenn ihm das Land nicht eigen gehört, auf dem er seinen Lebensunterhalt gewinnt?« »Und wenn er auf dem Eigenthum eines Andern seinen Lebensunterhalt gewinnt, so denke ich, er sollte ehrlich genug sein, für die Benützung Zahlung zu leisten.« »Aber wir sind der Ansicht, es sollte nicht das Eigenthum eines Andern sein, sondern dem gehören, der es bearbeitet.« »Sagt mir nur Eines – laßt Ihr nie ein Stück Feld an einen armen Nachbar ab und bedingt Euch dabei einen Antheil am Ertrag aus?« »Ja wohl, wir alle thun dieß – einmal um den Leuten einen Gefallen zu erweisen, und dann um doch noch etwas Weiteres zu erzielen, wenn wir mit eigener Arbeit überhäuft sind.« »Und warum soll nicht die ganze Ernte dem gehören, der das Feld bearbeitet?« »Oh dieß ist nur ein Geschäft im Kleinen und kann Niemand schaden. Aber die amerikanischen Institutionen haben nie beabsichtigt, daß eine große privilegirte Klasse unter uns bestehen solle, wie die der Lords in Europa.« »Ist's Euch nie schwer geworden, für ein so abgelassenes Stück Feld den ausbedungenen Antheil zu erhalten?« »Ja wohl. Es gibt eben so gut erbärmliche Nachbarn, als es rechte Leute darunter gibt. Erst letzthin hab' ich einen solchen Kerl verklagen müssen.« »Und hat Euch der Gerichtshof zu Euren Ansprüchen verholfen?« »Natürlich. Zu was wären auch Gerichtshöfe gut, wenn sie Einen nicht zu seinem Rechte hälfen?« »Und zahlen die Pächter dieses Eigenthums an Hugh Littlepage die Renten, die sie ihm schuldig sind?« »Dieß ist etwas ganz Anderes, sag' ich Euch. Hugh Littlepage hat mehr, als er braucht, und verschlemmt sein Geld in fremden Ländern.« »Gut. Setzen wir den Fall, Eure Nachbarn würden Euch fragen, was Ihr mit den Dollars anfangt, die Ihr für Euere Schweine und für Eure Ochsen erlöst – nur um zu sehen, ob Ihr guten Gebrauch davon macht – wäre das Freiheit?« »Das? Zum Henker, wer, glaubt Ihr denn, wird sich um meine Ersparnisse kümmern? Nur der große Fisch ist's, von dem in solchen Dingen die Leute sprechen.« »Dann machen also die Leute Hugh Littlepage zum großen Fisch, und zwar durch ihren eigenen Vorwitz, ihren Neid und ihre Habgier – ist's nicht so?« »Laßt Euch sagen, Freund, ich meine, Ihr haltet's mit königlichen Ansichten und mit den Ideen, in denen Ihr erzogen wurdet; aber wenn ich Euch gut zu Rath bin, so gebt nur Alles dieß auf, sobald Ihr könnt, sonst werdet Ihr in diesem Theil der Welt nie populär werden.« »Populär!« wie breit ist die Bedeutung dieses Ausdruck geworden! In den Augen von zwei Drittheilen der Bevölkerung hat es bei der Frage: »was ist recht?« keinen anderen Sinn, als: Vox populi, vox dei . Welche Ausdehnung hat dieses kleine Wort nicht gewonnen, daß es sich um alle Interessen des Lebens winden muß! Wenn man es für passend hält, dem Volk gewisse Ansichten beizubringen, so gibt man sich zuerst Mühe, die Einwohner von New-York zu bereden, daß die Einwohner von Pennsylvanien bereits so gesinnt seien. Eine angebliche öffentliche Meinung ist in der That der kräftigste Hebel, der bei jedem Anlaß, bei jeder öffentlichen Verhandlung eines bestrittenen Punktes in Anwendung gebracht wird. Wer über die meisten Stimmen zu gebieten im Stande ist, hat bei weitem den Vorzug vor dem, welcher die meisten Gründe aufbringt; denn Zahlen wiegen unendlich schwerer, als Thatsachen oder gesetzliche Bestimmungen. Ein solches System kann zwar in manchen Dingen eine gute Wirkung üben; aber augenscheinlich gibt es auch andere und zwar hochwichtige Fragen, in welchen es unmittelbar der schnödesten Verderbniß zuführt. Sobald Tubbs sich dieser wohlmeinenden Ermahnung entledigt hatte, holte er mit seiner Peitsche aus und trabte weiter, während wir in so gutem Schritt, als wir ihn Tom Millers Mähre abnöthigen konnten, hintendrein holperten.   Siebzehntes Kapitel. O Tuskarorakönig, wär' er hier Um, mir zur Seite hier, dein edles Bild zu schauen In der Medaillen und des Bartes Zier, Das Schwarze Feueraug', die sinnig ernsten Brauen – Die Stirne, kriegerisch halb, halb höfisch fein, Den Blick so schwunghaft, gleich dem kühnen Flug der Aare. Wie würde gen der Freiheit Land so klein Europa auch im Glanz der Könige und Czaare. Rothjacke .   Onkel Ro ließ die beiden Pächter ruhig ziehen, obgleich ich seinem Gesichte anmerkte, daß er die ganze Abgeschmacktheit des Gewäsches, dem wir eben zugehört, gefühlt hatte. Wir waren noch etwa tausend Schritte von den Wäldern entfernt, als acht Inschens auf den Wagen zugalopirten, der unmittelbar hinter uns fuhr und einen anderen meiner Pächter mit dessen ältestem Sohn, einem Jungen von sechzehn Jahren, barg. Der Alte hatte das Bürschlein mitgebracht, damit es auch etwas lerne und sein Rechtlichkeitsgefühl durch die selbstsüchtige Mystifikation, die im Lande herrschte, umgestürzt werde – eine väterliche Sorgfalt von ziemlich zweideutigem Verdienst. Ich habe gesagt, das die Inschens aus acht Mann bestanden; aber sie hatten nur vier Pferde, und jedes derselben mußte zwei Personen tragen. Sobald das vordere Paar des Haufens den erwähnten Wagen erreicht hatte, wurde dieser angehalten, und der Eigenthümer erhielt Befehl, auszusteigen. Obschon nun letzterer ein entschiedener Antirenter war, so entsprach er der Weisung doch nicht mit der besten Geneigtheit, oder vielmehr gar nicht, bis dieses Bruchstück seines eigenen Corps d'armée einige Gewalt brauchte. Vater und Sohn waren bald auf die Landstraße gesetzt, worauf zwei von den »verkappten Bewaffneten« sich der freien Plätze bemächtigten, das Roß antrieben und in wüthender Eile an uns vorbeifuhren. Dem Eigenthümer des Fuhrwerks nickten sie zuvor noch zu und trösteten ihn wegen seines jeweiligen Schadens, indem sie ihm bedeuteten: »Inschen brauchen ihn – Inschen guter Kerl – Ihr wißt.« Ob dieß nun der verblüffte Vater wußte oder nicht, konnten wir nicht ausfindig machen; jedenfalls aber sah er aus , als wünsche er die Inschen überall hin, nur nicht in ihre »glücklichen Jagdgründe«. Wir fuhren lachend weiter, denn es lag in der menschlichen Natur, sich an einer derartigen Schaustellung des Zwangssystems oder einer praktischen Anwendung der »Freiheit und Gleichheit« zu ergötzen, um so mehr, da ich wußte, der »ehrliche, fleißige hornhändige Bebauer des Bodens« wolle mich um eine Farm betrügen oder doch, um den Fall von einem günstigeren Standpunkte aufzufassen, mich zwingen, sie ihm für einen Preis zu verkaufen, den er mir selbst bestimmte. Damit war's übrigens noch nicht genug, denn wir fanden, noch ehe wir die Wälder erreichten, weiteren Anlaß zur Heiterkeit. Holmes und Tubbs trabten gleichfalls zu Fuß auf der Landstraße weiter, denn die andern beiden Ehrenmänner, welche en croupe gesessen, hatten sie gleichfalls ihres Wägelchens beraubt und ihnen bedeutet, sie sollen es den Inschens auf Rechnung bringen. – Wir erfuhren nachher, daß dieses Verfahren sehr allgemein war. Der Eigenthümer erhielt gewöhnlich sein Pferd und sein Gespann einige Tage später wieder, mußte sich aber selbst darum bemühen, wenn er hörte, es sei in dieser oder jener Schenke in einiger Entfernung von seinem Wohnplatze stehen geblieben. Was den alten Holmes betraf, so fanden wir ihn, als wir ihn einholten, voll ehrenhafter Entrüstung, und sogar Tubbs machte eine saure unzufriedene Miene, als glaube er, daß Freunde wohl zu einer bessern Behandlung berechtigt seien. »Was gibt's?« rief Onkel Ro, der sich die ganze Zeit über des Lachens kaum erwehren konnte. »Was habt ihr denn? wo ist euer schöner Wagen und euer rüstiger Gaul hingekommen?« »Es ist zu arg! – ja es ist einewege zu heillos!« grunzte Holmes. »Da bin ich nun mit meinen Siebenzigen, der vollen Zeit für die Menschen, wie die Bibel sagt – und Ihr wißt ja, was die Bibel sagt, muß wahr sein. – Da bin ich, und sie haben mich auf die Landstraße geschmissen wie einen Sack mit Kartoffeln, um volle zwei Stunden weit zu Fuß weiter zu traben, bis ich mein Haus erreiche! Es ist zu arg – es ist einewege eine gränzenlose Bosheit!« »Oh, 's ist gleichwohl nur eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem Uebelstand, wenn Ihr aus Eurer Farm geschmissen worden wäret.« »Ich weiß nicht – ich weiß nicht! – Gleichwohl mag's recht sein, denn 's ist nur auf die gute Sache abgesehen. Man will der Aristokratie das Handwerk legen und die Menschen wirklich gleich machen, wie's vom Gesetz beabsichtigt ist. Aber ich muß noch einmal sagen, es ist einewege zu arg.« »Und bei einem so alten Manne!« »Ja, ich bin siebenzig – fehlt kein Tag daran, 's kann nimmer lang mit mir dauern, und meine Füße sind schwach. Ja, die Bibel sagt, das menschliche Leben beschränke sich so ziemlich auf die Siebenzig, und der Bibel will ich nie entgegen treten.« »Und was sagt denn die Bibel, wenn Ihr begehrt Eures Nächsten Gut?« »Dieß ist schwer verboten! Ja über diesen Punkt steht viel in dem guten Buch, und ich weiß dieß, weil man mir's vorgelesen hat – ja, und weil ich's auch selbst gelesen habe während meiner Siebenzig. Es ist eine schwere, schreckliche Sünde. Ich will dieß den Inschens sagen, sobald sie das nächste Mal wieder meinen Wagen haben wollen. Die Bibel erklärt sich durchaus gegen solche Praktiken.« »Die Bibel ist ein gutes Buch.« »Ja wohl – ja wohl – und aus seinen Blättern läßt sich viel Trost und Hoffnung erholen, wie ich selbst an mir erfahren habe. Es freut mich, zu finden, daß man in Tscharmany auch etwas auf die Bibel hält. Ich habe stets gemeint, wir hätten in Ameriky fast allein etwas von der Religion, und es ist erfreulich, zu hören, daß man auch in Tscharmany was davon findet.« Diese ganze Zeit hatte der alte Holmes zu Fuß weiter gekeucht, während Onkel Ro sein Pferd im Schritt gehen ließ, um sich mit dem alten Burschen unterhalten zu können. »O ja – ja – es ist noch einige Religion in der alten Welt geblieben – die Puritaner, wie Ihr sie nennt, haben nicht Alles mitgenommen.« »Desperat gute Leute das! Wir haben alle unsere besten Zustände von unsern Puritanischen Vorvätern überkommen. Einige Leute sagen, daß wir Alles, was wir in Ameriky haben, diesen Heiligen verdanken.« »Ja – und wenn's auch nicht so wäre, so liegt nichts daran; denn sie werden gewiß noch ganz Ameriky kriegen.« Holmes gerieth in Verlegenheit, pustete sich aber gleichwohl weiter, und warf sehnsüchtige Blicke nach unserem Wagen, während er bemüht war, mit demselben gleichen Schritt zu halten. Da er besorgte, wir möchten schärfer ausholen und ihn verlassen, so setzte er das Gespräch fort: »Ja,« sagte er, »zuletzt muß doch unsere Ermächtigung zu Allem von der Bibel herstammen. Sie sagt uns, wir sollen keinen Groll im Herzen tragen; und dieß ist eine Regel, der ich stets nachzukommen bemüht bin; denn Ihr seht, ein alter Mann kann seiner sündigen Natur nicht mehr so nachhängen, selbst wenn er wollte. Da bin ich jetzt in Little-Neest unten gewesen, um dem Antirenten-Meeting anzuwohnen – aber ich habe keinen Groll gegen Hugh Littlepage, gewiß nicht – eben so wenig, als wenn er gar nicht mein Grundherr wäre. Ich verlange nichts weiter von ihm, als meine Farm unter solchen Bedingungen, daß ich und die Jungen nach mir darauf bestehen können. Es kommt mir schrecklich hart und bedrückend vor, daß die Littlepage's uns den Platz verweigern sollten, nachdem ich ihn schon für die Dauer von drei ganzen Leben bearbeitet habe.« »Und sie sind mit Euch einig geworden, daß sie Euch die Farm verkaufen wollen, wenn die drei Lebensdauern vorüber wären?« »Nein, nicht ausdrücklich gerade – dieß muß ich gestehen. Was den Handel betrifft, so fehlt's nicht, daß der Vortheil ganz auf Seite der Littlepage ist. Ihr Großvater hat's so eingeleitet, und wenn Ihr nicht so schnell fahren wollt, da ich ein bischen kurzathmig bin, so sollt Ihr hören, wie die Sache steht. Gerade dieß ist's, worüber wir uns beklagen, denn der Handel ist so ganz und gar zu seinem Vortheil. Nun, meine Lebenszeiten haben verzweifelt gut ausgehalten. Meint Ihr nicht, Shabbakuk?« wandte er sich berufend an Tubbs. »Es sind volle fünfundvierzig Jahre, seit ich den Pacht antrat, und ein Leben, das meiner Alten, ist noch im Dasein, wie man's nennt, obschon's eine Art von Dasein ist, das man eben so gut entbehren könnte. Sie kann's nicht lange mehr treiben, und dann geht diese Farm, auf die ich so große Stücke halte, auf der ich fast mein ganzes Leben lang meinen Unterhalt gewonnen habe und auf der ich vierzehn Kinder groß zog – aus meinen Händen, um Hugh Littlepage zu bereichern, der ohnehin schon so viel hat, daß er sein Geld nicht wie ehrliche Leute daheim verbrauchen kann, sondern in's Ausland gehen muß, um es in einem üppigen Leben zu verschwelgen, wie die Leute sagen. Ja, wenn mir nicht der Gouverneur und die Legislatur aus meiner Noth hilft, so sehe ich wohl, daß Hugh Littlepage Alles kriegt. ›Der Reiche muß noch reicher und der Arme ärmer werden.‹« »Und wie kommt's denn, daß es so grausam unter euch zugeht? Warum können in Ameriky die Leute nicht ihr Eigenthum behalten?« »Ja, seht Ihr, daran liegt's eben. Dem Gesetz nach ist's nicht mein Eigenthum, sondern nur nach der Natur und nach dem Geist der Institutionen, wie man's nennt. Freilich läge mir nicht viel daran, wie ich dazu gekommen wäre, wenn ich's nur hätte. Kann's der Gouverneur so weit bringen, daß die Grundbesitzer verkaufen oder überhaupt abtreten müssen, so darf er jedenfalls auf meine Unterstützung zählen, vorausgesetzt, daß der Preis nicht zu hoch angesetzt ist. Ich hasse hohe Preise, denn sie vertragen sich durchaus nicht mit einem freien Lande.« »Sehr wahr. Ich meine, durch Euern Vertrag habt Ihr die Farm unter raisonnablen Bedingungen, da Ihr schon so lang im Besitz seid.« »Ich zahle nur zwei Schillinge für den Acre,« antwortete der alte Kerl mit einem verschmitzten Blick, als wolle er damit andeuten, was für ein Kapitalgeschäft er in der Sache gemacht habe, »oder fünfundzwanzig Dollars jährlich für hundert Acres. Ich gebe zu, dieß ist nicht viel; aber meine drei Leben haben so desperat ausgehalten, bis hier herum die Landpreise auf vierzig Dollars gestiegen sind, und ich kann eben so wenig die Fortdauer dieses Preises erwarten, als ich hoffen darf, Kongreß-Mitglied zu werden. Wenn ich den Platz verpachten wollte, so könnte ich morgen hundert und fünfzig Dollar so gutes Geld dafür kriegen, als nur irgend eines zu finden ist.« »Und wie viel dürfte wohl Squire Littlepage bei Verwilligung eines neuen Vertrags ansprechen?« »Einige denken zweiundsechzig und einen halben Dollar, obgleich wieder Andere der Meinung sind, er werde die Farm mir auf weitere drei Lebensdauern für fünfzig Dollars ablassen. Als der alte Schin'ral die Urkunde unterzeichnete, sagte er mir, ich habe einen guten Handel gemacht; ›doch gleichviel,‹ sagte er: ›wenn ich Euch gute Bedingungen stelle, so werdet Ihr dafür ein um so besserer Pächter sein, und ich sehe auf den Vortheil meiner Nachkommenschaft so gut, wie auf meinen eigenen; wenn ich auch nicht so viel daraus erziele, als ich erhalten könnte,‹ sagt er, ›so wird es meinen Kindern oder meinen Kindskindern zu gut kommen. Der Mensch muß in dieser Welt nicht ganz für sich leben wollen, besonders wenn er Kinder hat.‹ Das sind gute Ideen gewesen – meint Ihr nicht?« »Man sollte stets so denken. Und wie viel würdet Ihr gutwillig für die Farm zahlen, wenn Ihr eine neue Urkunde erhalten könntet?« »Je nun, es gibt verschiedene Ansichten über den Gegenstand. Die am meisten beliebte besteht darin, daß Hugh Littlepage veranlaßt werden solle, den alten Vertrag voll zu gewährleisten. Ihr wißt, Verbindlichkeit ist das Wichtigste in einem Kontrakt – –« »Ja, aber nicht vielleicht auch in einen Pachtkontrakt?« fügte mein Onkel trocken bei. »Dieß kömmt darauf an. Aber Andere sagen, die Farmen sollen ganz abgetreten und das Dokument darüber ausgestellt werden, wenn die Pächter ihrem Grundherrn den Preis des Landes aus der Zeit, als das Patent ertheilt wurde, sammt den Interessen bis auf den heutigen Tag entrichten. Es scheint mir desperat hart zu sein, außer dem, wie bisher geleistet wurde, noch Kapital und Zinsen zu zahlen.« »Habt Ihr bereits eine Berechnung gemacht, wie hoch sich in einem solchen Falle die Summe belaufen dürfte?« »Ich nicht, aber Shabbakuk. Sagt dem Gentleman, Shabbakuk, wie viel wohl auf den Aker kommen wird.« Shabbakuk war ein weit verschmitzterer Spitzbube, als sein Nachbar Holmes. Letzterer hatte blos einen sehr beschränkten, auf den Eigennutz berechneten Gesichtskreis, weil er sein ganzes Leben über nur damit beschäftigt gewesen war, sich ein Vermögen zusammenzuscharren, weßhalb denn auch sein Geist vollkommen in die Schlingen und Netze dieser Welt gefallen war; sein Begleiter dagegen ergriff, wie der Franzose sagt, die Initiative in der Schurkerei, indem er nicht blos die Entwürfe der Bosheit ausführte, sondern die Plane dazu selbst entwarf. Augenscheinlich behagte ihm diese Berufung auf seine Rechenkunst nicht; da er jedoch keine Ahnung davon hatte, mit wem er sprach, und in dem Wahne lebte, jeder Angehörige der niedrigeren Lebensklasse müsse ein Verbündeter des Plans sein, »den Reichen ärmer und den Armen reicher zu machen,« so ließ er sich etwas weiter über den Gegenstand aus, als sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nach einer kurzen Erwägung las er uns seine Antwort von einem Streifen Papier ab, auf welchem er die ganze Summe zur Benützung für das letzte Meeting umständlich berechnet hatte. »Das Land war, als es der erste Littlepage erhielt, meinetwegen zehn Cents dem Acre nach werth, und dieß ist ein liberaler Preis. Wir wollen nun achtzig Jahre rechnen, denn die Zeit des alten Herman Mordaunt können wir nicht mitzählen, weil damals das Land fast nichts werth war. Die Interessen aus zehn Cents, zu sieben Prozent berechnet, geben jährlich sieben Mills oder fünfhundert und sechzig Mills für achtzig Jahre. Zins aus Zins habe ich natürlich nicht gerechnet, weil diese ungesetzlich sind und in den Anschlag nichts Ungesetzliches aufgenommen werden darf. Zählen wir zu den 560 Mills die 10 Cents, so erhält man 660 Mills oder 66 Cents. Diese Summe nun, oder eine Summe nach denselben Grundsätzen berechnet, wollen alle Pächter gern für ihre Farmen zahlen Damit der Leser nicht glaube, Mr. Hugh Littlepage habe das Obige erfunden, will ich beifügen, daß landauf und landab noch weit übertriebenere Vorschläge offen unter den Antirentern in Umlauf kamen. Der Herausgeber. , und wenn es noch Gerechtigkeit gibt, so müssen sie's noch darum kriegen.« »Dieß scheint mir aber ganz wenig für ein Stück Landes zu sein, das jetzt jährlich vom Acre einen Dollar Rente zahlt.« »Ihr vergeßt, daß die Littlepage's während der vollen Zeit von achtzig Jahren die Rente bezogen haben.« »Und die Pächter haben während der vollen Zeit von achtzig Jahren die Farmen benützt.« »Oh, wir rechnen das Land gegen die Arbeit. Wenn mein Nachbar Holmes da seine Farm fünfundvierzig Jahre bewirthschaftet hat, so kam dagegen der Farm fünfundvierzig Jahre lang seine Arbeit zu gut. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß der Gouverneur und die Legislatur alles Dieß prächtig versteht.« »Wenn dieß der Fall ist, so müssen sie auch ganz prächtig für ihre hohen Posten passen,« antwortete Onkel Ro, indem er sein Pferd in Trab peitschte. »Oh es ist ein bedeutender Vortheil für ein Land, wenn es große Gouverneure und große Gesetzgeber hat. Guten Tag.« Und fort ging's, während Nachbar Holmes, Shabbakuk Tubbs, der Gouverneur und die ganze Gesetzgebung mit ihrer vereinten Moral, Weisheit, Logik und Philosophie auf der Landstraße zurückblieben. Onkel Ro schüttelte den Kopf und lachte dann, da er sich die Abgeschmacktheit dessen, was er eben gehört hatte, nicht aus dem Sinn schlagen konnte. Ohne Zweifel lassen sich Viele finden, welche Grundsätze und Ansichten, die dem Wesen nach den eben mitgetheilten um kein Haar nachstehen, offen ausgesprochen haben, aber doch dieselben ableugnen, wenn man sie ihnen vorhält. Es kömmt häufig genug vor, daß Menschen ihre eigenen Kinder nicht anerkennen, wenn sie sich der Umstände schämen, durch welche sie in's Dasein gerufen wurden. Aber im Verlauf dieser Streitfrage habe ich oft gehört und in den Zeitungen gelesen, wie Männern von Ansehen sogar bei Gelegenheit der Aufführung ihrer öffentlichen Reden Grundsätze in den Mund gelegt wurden, die, wenn man ihnen ihre sehr dünne Hülle abstreifte, ganz auf demselben Niveau mit Denjenigen standen, welche wir eben von Holmes und Tubbs gehört haben. Ich weiß zwar, daß bis jetzt noch kein Gouverneur auf die Bedrängnisse der Pächter mit endlichen Pachtverträgen angespielt hat; indeß wäre es eitle Mühe, abläugnen zu wollen, daß man Grundsätzen oder vielmehr einem Mangel an Grundsätzen die Thüre geöffnet hat, unter welchem, wenn dem Uebel nicht bald Einhalt gethan wird, alles derartige Eigenthum in dem Strome eines rücksichtslosen Pöbelgeschreis untergehen muß. Ich sage, dem Uebel , denn es ist ein Fluch für jede Gemeinde, die Sicherheit des Eigenthums zu zerstören, und noch dazu eine Sicherheit, die man bisher für die beste gehalten hat. Ja, der Fluch wird im moralischen Sinn um so verderblicher, weil dadurch nur die Habgier, welche der große Haufen an den Tag legt, beschwichtigt werden soll. Wir hatten bald Holmes und Tubbs aus dem Gesichte verloren und fuhren nun in den Wäldern weiter. Ich gestehe, daß ich jeden Augenblick erwartete, Hall in den Händen der Inschens zu treffen, denn die Aufregung der letzteren schien mir hauptsächlich gegen ihn gerichtet gewesen zu sein. Wir sahen jedoch nichts der Art, und hatten nahezu den nördlichen Rand des Waldstreifens erreicht, als wir der beiden Wagen ansichtig wurden, deren sich die edle Soldateska so ritterlich bemächtigt hatte. Auch zwei von den Reitern waren in ihrem Geleite. Die ganze Gruppe hatte seitwärts von der Landstraße Halt gemacht, und ein einzelner Inschen hielt Wache dabei, so daß wir hieraus entnehmen konnten, daß wir uns einer Scene von einigem Interesse näherten. Mein Onkel und ich erwarteten zuverlässig, wenn wir den erwähnten Platz erreichten, wieder angehalten zu werden; es trat uns jedoch Niemand in den Weg, und wir durften ohne Behelligung weiter fahren. Sämmtliche Pferde standen mit Schaum bedeckt da, als seien sie scharf angetrieben worden, sonst aber deutete nichts auf etwas Absonderliches, als etwa die Anwesenheit der einzelnen Schildwache. Auch dieser Kerl belästigte uns in keiner Weise, und wir fuhren so langsam oder schnell weiter, als es Tom Millers Gaule beliebte, bis wir nahe genug an den Rand des Waldes kamen, um einen Blick in die offenen Felder jenseits werfen zu können. Hier bemerkten wir jedoch gewisse Bewegungen, die, wie ich bekennen muß, mir einige Besorgniß einflößten. In dem Gebüsch, das die Landstraße säumte und schon weiter oben beschrieben wurde, erblickte ich mehrere von den »verkappten Bewaffneten,« welche augenscheinlich im Hinterhalt lagen. Ihre Zahl mochte im Ganzen aus ungefähr zwanzig Mann bestehen, und wir konnten jetzt deutlich erkennen, daß Diejenigen, welche die Wagen in ihren Dienst gepreßt hatten, vorwärts geeilt waren, um ihren Haufen zu verstärken. Ich glaubte nun sicherlich angehalten zu werden; aber es war nicht der Fall, und wir durften eben so gut, wie bei den Wagen und Pferden, unbehelligt weiter ziehen, obschon es dem Haufen bekannt sein mußte, daß wir von ihrer Anwesenheit an diesem Platze unterrichtet waren. So ging es denn weiter und wir erreichten bald ohne Belästigung das offene Land. Es stund indeß nicht lange an, bis sich das Geheimniß uns aufklärte. Ein Weg lief von dem höheren Grunde, der ein wenig links von uns im Westen lag, abwärts, und wir erblickten auf demselben in schnellem Schritt einen Haufen Männer, die wir Anfangs irrtümlicher Weise für eine Abtheilung der Inschens hielten, bei näherer Musterung aber als Indianer oder eigentliche Rothhäute erkannten. Der Unterschied zwischen beiden ist sehr groß, wie jeder Amerikaner gerne zugeben wird, obgleich Viele, welche diese Schrift lesen, von mir eine weitere Erklärung verlangen dürften. Es gibt »Indianer« und »Inschens.« Der Inschen ist ein Weißer, der, weil er sich mit unwürdigen und ungesetzlichen Umtrieben abgibt, sein Gesicht verhüllen und als Verkappter sein Wesen treiben muß. Der Indianer dagegen ist ein rother Mann, der sich weder fürchtet noch scheut, vor Freund und Feind sein Gesicht zu zeigen. Ersterer ist ein Werkzeug ränkesüchtiger Demagogen, der Miethling unzufriedener habgieriger Menschen, welche der Wahrheit und dem Rechte Hohn sprechen, während sie sich selbst glauben machen wollen, ihre Thätigkeit ziele auf nichts ab, als auf Durchführung »des Geists derselben Institutionen«, die sie schänden und zugleich scheuen, während der Andere nur sich selbst dient und sich vor nichts fürchtet. Der Eine flieht und meidet die Pflichten, welche ihm die Zivilisation auflegt, der Andere aber, obgleich ein Wilder, gibt sich wenigstens für nichts Anderes, als was er ist. Es fehlte nicht – wir sahen wirklich eine Abtheilung von etwa sechzehn oder achtzehn wirklichen Ureingeborenen. Man bemerkt zwar häufig genug einen oder zwei Indianer, die vielleicht etliche Weiber bei sich haben, und im Lande umherstreifen, um Körbe zu verkaufen. Früher bestand ihr Handel aus Besen, aber in neuester Zeit hat der Gang des Aufschwungs ein so rohes Fabrikat fast ganz aus dem Lande verbannt. Heutzutag übrigens ist es eine sehr ungewöhnliche Erscheinung, wenn man im Herz des Staates einen ächten indianischen Krieger trifft, der die Büchse und den Tomahawk mit sich führt; doch in solcher Bewaffnung zogen Diejenigen einher, welche wir hurtig den Weg herunterkommen sahen. Onkel Ro war eben so erstaunt, wie ich selbst, und er machte an der Verbindung der beiden Landstraßen Halt, um die Ankunft der Fremden zu erwarten. »Dieß sind ächte Rothhäute, Hugh – in der That ein edler Stamm,« rief mein Onkel, sobald der Haufen nahe genug war, um sich besser unterscheiden zu lassen. »Ohne alle Frage Krieger aus dem Westen, die von einem Weißen begleitet werden. Was können sie möglicherweise in Ravensnest wollen?« »Vielleicht gedenken die Antirenters ihre Pläne zu erweitern und die ächten Söhne des Urwalds in ihren Bund zu ziehen. Glaubt Ihr nicht, daß es damit auf eine Einschüchterung abgesehen ist?« »Einschüchtern – wen? die Weiber und Kinder der Antirenters? Doch da kommen sie – wahrhaftig ein edler Haufen! Wir können sie anreden.« Sie kamen heran – siebenzehn von dem schöneren Stamm der Rothhäute, wie man sie jetzt bisweilen unter uns sieht, wenn sie von ihren fernen Prairien herkommen oder dahin wieder zurückkehren; denn der weiße Mann hat bereits den Indianer sammt den Bären, den Elenten und dem Musethier aus den amerikanischen Forsten nach jenen weiten Ebenen gedrängt. Wo die Ausbreitung der amerikanischen Nation enden wird – dieß ist eines von den Geheimnissen der göttlichen Vorsehung. Bleibt sie sich selbst – bleibt sie dem Recht getreu und übt sie Billigkeit – nicht im Sinne der Unterwerfung unter das Geschrei der Massen, sondern im Sinne einer guten Gesetzgebung – so kann unsere Republik alle Einmengung der europäischen Gewalt, wenn sie es auf unsere heimischen Interessen abgesehen hat, als eine durch Jahrhunderte morsch gewordene Politik, welche nicht mehr in die Geschichte und Denkweise unserer Zeit paßt, verlachen und zur Erfüllung einer Bestimmung fortschreiten, die, wenn sie nach der augenfälligen Absicht des Weltenlenkers angestrebt wird, alle uns vorausgegangenen Staaten so tief in den Schatten stellen muß, wie der Berg das Thal. Indeß darf man nicht vergessen, daß die herrlichste Morgenröthe einen sehr trüben Tag einzuführen im Stande ist, daß der verheißungsvollsten Jugend nicht selten ein Mannesalter voll getäuschter Hoffnungen und vereitelter Wünsche folgt – ja, daß selbst der anerkannte Mann Gottes vom Glauben abfallen und eine Laufbahn, die er tugendhaft begonnen, endigen kann in Verworfenheit und Sünde. Völker sind gegen den Einfluß der Versuchung eben so wenig gesichert, als einzelne Personen, und namentlich besitzt die amerikanische Nation eine Schwäche, die ihr eigenthümlich ist. Statt in Nothfällen das sicherste Rettungsmittel in dem volksthümlichen Princip zu gewinnen, bieten eben die Unverantwortlichkeit und der gewaltthätige Charakter dieses Princips die Hauptgefahr. Bliebe es in den Schranken des Rechts, so wäre es in bewundernswürdiger Weise geeignet, das gewöhnliche Wirken der Habgier und Selbstsucht, wie sich dieß gewöhnlich in erkünstelteren Regierungsformen ausdrückt, zu zügeln; gestattet man aber, daß es die ihm gesetzten Schranken durchbreche, so wird es zu einem wilden Strome, der beim Eisgang des Frühlings sein Bette zerreißt und in seinem zerstörenden Laufe alles Schöne und Wohlthätige, das wir der Natur sowohl als der Kunst verdanken, verwüstet. Bis jetzt hat die Erfahrung von zwei Jahrhunderten für die künftige Wohlfahrt des Landes noch nichts so Bedrohliches geboten, als die sociale Gährung, welche gegenwärtig im Staate New-York um sich greift. Von ihrem Erfolge hängt die Lösung der hochwichtigen Frage ab, ob unsere Republik von Grundsätzen oder von Menschen beherrscht werden soll – und noch obendrein von Menschen, die, wie man aus ihren gemeinen und abstoßenden Eigenschaften ersieht, keine andere Triebfeder kennen, als ihr Ich. Kann ein Staat glücklich sein, der solche Personen zu Hütern und Werkzeugen hat? – Diesem Stand der Dinge ist es beizumessen, daß wir bereits mit ansehen mußten, wie ein gesetzgebender Körper in öffentlicher Verhandlung die Mittel und Wege berieth, den Bestimmungen seiner eigenen Gesetzgebung auszuweichen – daß wir Zeugen waren, wie Männer, denen ihre Pflicht gebot, mit strenger unerbittlicher Rechtlichkeit der Welt entgegen zu treten, in ihren Bemühungen, sich gegenseitig in demagogischen Kunstgriffen zu überbieten, eine höchst verderbliche Geschicklichkeit an den Tag legten. Als die Indianer den Nord- und Südweg oder denjenigen erreichten, in welchem unser Wagen stand, machte der ganze Haufen mit bezeichnender Höflichkeit Halt, als wolle er unserem Wunsche, sie anzureden, entgegenkommen. Der Vorderste, welcher zugleich auch der älteste war und mindestens seine sechszig Lebensjahre zählen mochte, nickte uns mit dem Kopf zu und sprach die gewöhnliche Begrüßung aus: »Sago, Sago.« »Sago,« entgegnete mein Onkel. »Sago,« erwiederte auch ich die Begrüßung. »Wie gehen?« fuhr der Indianer fort, der, wie wir jetzt entdeckten, Englisch sprach. »Wie heißen dieß Land?« »Dieß ist Ravensnest. Das Dorf Littlenest liegt etwa eine halbe Stunde jenseits von diesem Walde.« Der Indianer wandte sich um und theilte in seinen tiefen Gutturaltönen den Uebrigen die erhaltene Auskunft mit. Sie fand augenscheinlich gute Aufnahme, was wir als einen Beweis deuten konnten, daß sie das Ziel ihrer Wanderschaft erreicht hatten. Sie besprachen sich nun mit einander in kurzen, inhaltsvollen Bemerkungen, worauf der alte Häuptling sich wieder an uns wandte. Ich nenne ihn Häuptling, obschon es augenscheinlich war, daß das ganze Häuflein aus Männern bestand, welche Anspruch auf den gleichen Titel hatten – eine Thatsache, die aus ihren Medaillen, ihrem guten Anzug und aus ihrer ruhigen, würdevollen, um nicht zu sagen stolzen Haltung hervorging. Sie trugen insgesammt eine leichte Sommertracht, die Moccassins, Leggings u.s.w. nebst dem Calico-Hemd oder einer dünnen Decke, die sie ungefähr nach Weise der römischen Toga um ihren Oberleib geworfen hatten. Sie waren insgesammt mit der Büchse, dem blanken Tomahawk und einem in der Scheide steckenden Messer bewaffnet; auch führte Jeder ein Pulverhorn nebst einem Kugelbeutel bei sich, und einige von den Jüngeren waren in etwas gewählterer Weise mit Federn und den Geschenken geschmückt, die sie während ihrer langen Reise erhalten hatten. Von dem ganzen Haufen war übrigens keiner gemalt. »Dieß Ravensnest, eh?« fuhr der alte Häuptling freimüthig, aber mit entsprechender Höflichkeit fort. »Wie ich Euch sage. Das Dorf liegt auf der andern Seite jenes Waldes; und das Haus, von welchem die Gegend den Namen führt, steht in der entgegengesetzten Richtung – etwa eine halbe Stunde entfernt.« Auch dieß wurde übersetzt, und es folgte eine gedämpfte, aber allgemeine Aeußerung der Freude. »Keine Inschens hier herum, eh?« fragte der Häuptling mit so ernster Miene, daß wir Beide überrascht wurden. »Ja,« antwortete mein Onkel. »Es gibt hier Inschens – ein Haufen liegt gegenwärtigen Augenblick dort an der Ecke des Waldes, nur dreißig Ruthen von Euch.« Diese Thatsache wurde den begierigen Zuhörern mit großer Hast mitgetheilt und erregte unter dem Haufen augenscheinliches Interesse, obschon sich dasselbe nur in einer Weise kundgab, wie es unter den Ureingeborenen dieses Welttheils gewöhnlich ist – ruhig, rückhaltsvoll und mit einer Kälte, die fast zur Gleichgiltigkeit stieg. Indeß unterhielt uns doch die Wahrnehmung, daß diese Kunde unter den rothen Männern weit mehr Theilnahme geweckt hatte, als sie wahrscheinlich gefühlt haben würden, wenn man ihnen gesagt hätte, daß eine Stadt wie London auf der andern Seite des Waldes liege. Wie Kinder bekanntermaßen die größte Freude an Kindern haben, so schienen auch diese Kinder des Urwaldes sich auf's Lebhafteste für diese unverhofften Nachbarn zu interessiren, welche sie ohne Zweifel für Stammverwandte hielten. Nach einem angelegentlichen Gespräch unter sich wandte sich der alte Häuptling, der, wie wir nun hörten, Prairiefeuer hieß, wieder an uns und stellte die Frage: »Was Stamm, eh? Kennen Stamm?« »Man nennt sie die Antirenten-Inschens. 's ist ein neuer Stamm in diesem Theil des Landes, und er erfreut sich keiner sonderlichen Achtung.« »Bös Inschen, eh?« »Ich muß dieß leider bejahen. Sie sind nicht ehrlich genug, um gemalt einherzugehen, sondern tragen Hemden über ihren Gesichtern.« Es erfolgte abermals ein langes Gespräch, in welchem die Indianer Merkmale der Verwunderung kundgaben. Wahrscheinlich hatten die amerikanischen Wilden bisher nie etwas von dem sogenannten Antirenter-Stamme gehört, und die erste Kunde von dem Vorhandensein eines solchen Volkes mußte natürlich großes Interesse wecken. Wir wurden bald darauf ersucht, ihnen den Weg nach der Stelle zu zeigen, wo sie diesen unerhörten Stamm auffinden könnten. Dieß war etwas mehr, als mein Onkel erwartet hatte; indeß gehörte er nicht unter die Männer, welche den Rückzug antreten, wenn sie sich einmal auf ein Unternehmen eingelassen haben. Nach kurzer Erwägung deutete er seine Zustimmung an und stieg aus dem Wagen. Wir befestigten Tom Millers Gaul an einen Zaunpfahl und brachen zu Fuß auf, um unsere neuen Gefährten nach der Stelle zu geleiten, wo der große Stamm der Antirenters zu finden war. Wir hatten die Entfernung nach dem Wald hin kaum zur Hälfte zurückgelegt, als wir auf Holmes und Tubbs trafen, die in einem andern Wagen Platz gefunden hatten, bis sie den Ort erreichten, wo der ihrige aufgestellt war. Hier brachten sie ihr Eigenthum wieder an sich und waren nun auf dem Heimweg begriffen, in steter Angst lebend, daß ein neuer Schwank ihrer großen Verbündeten sie abermals auf die Landstraße werfen könne. Dieses Fuhrwerk war, mit Ausnahme unseres eigenen, das einzige, das bis jetzt aus dem Wald herausgekommen war, denn die Eigenthümer von etlich und zwanzig anderen zogen es vor, im Hintergrund zu bleiben, bis die Begegnung der beiden Stämme stattgefunden hatte. »Was, um der Natur willen, soll alles dieß bedeuten?« rief der alte Holmes, bei unserem Näherkommen sein Pferd zügelnd, um ein Gespräch anknüpfen zu können. »Schickt gar der Gouverneur wirkliche Inschens gegen uns, um sich bei den Grundherren wohl daran zu machen?« Für einen Antirenter war dieß eine sehr harte und lieblose Weise, das Benehmen des Gouverneurs zu beurtheilen; da aber dieser Würdenträger in der obschwebenden großen Frage den Hauptfehler gemacht hatte, weder »Gott noch dem Mammon« zu dienen, so war es kein Wunder, wenn es von Rechts und von Links aus auf ihn losging, da aller Wahrscheinlichkeit nach weder Gott noch Mammon sein Verfahren billigen werden. »Ich weiß wahrhaftig nicht,« lautete die Antwort meines Onkels in gebrochenem Englisch. »Dieß sind wirkliche Rothhäute, und dort haben wir die leibhaftigen Inschens; dieß ist Alles. Wenn Ihr wissen wollt, was im gegenwärtigen Augenblicke diese Krieger hieher führt, so müßt Ihr sie selbst fragen.« »Ja, eine Frage kann nichts schaden, und ich bin nicht so scheu vor Rothhäuten, da ich sie oft gesehen habe, und mein Vater, wie ich von ihm hörte, seiner Zeit manchen Kampf mit ihnen ausfechten mußte. Sago, Sago.« »Sago,« antwortete Prairiefeuer mit seiner gewohnten Höflichkeit. »Um aller Natur willen, wo kommen alle die Rothhäute her, und wohin könnt ihr möglicherweise wollen?« Holmes gehörte augenscheinlich einer Schule an, die nie zögert, wenn es gilt, eine Frage zu stellen, und der Ansicht ist, sie verdiene auch eine Antwort, wenn anders Antwort sich erzielen läßt. Der alte Häuptling war ohne Zweifel schon früher mit ähnlichen Blaßgesichtern zusammengekommen, denn der ungebildete Amerikaner gehört zuverlässig unter diejenigen menschlichen Wesen, welche mit ihrer Neugier überall vornean stehen. Andererseits aber hält der rothe Mann eine derartige Neuigkeitssucht für eine weibliche Schwäche, die sich mit der Fassung und Würde eines Kriegers nicht verträgt. Ohne Zweifel war Prairiefeuer schon in früher Jugend dahin belehrt worden, die Kundgebung von Ueberraschung und das Verrathen von Neugier seien Dinge, die nur den Weibern ziemten, sein eigenes Geschlecht aber schändeten, es war daher wohl diesem Zuge in seiner Erziehung zuzuschreiben, daß ihm weder das Benehmen des Pächters, noch dessen Sprache auch nur die mindeste Aeußerung von Verwunderung entlockte. Dagegen beantwortete er die Frage mit einer Kälte, die probehaltig zu sein schien. »Kommen von Niedergehen der Sonne. Sein gewesen zu seh' groß' Vater zu Washington – gehen heim,« lautete die kurze Entgegnung. »Aber wie geht's zu, daß ihr an Ravensnest vorbeikommt? Ich fürchte, der Gouverneur und jene Kunden von Albany müssen ihre Hand dabei im Spiel haben, Shabbakuk.« Was Shabbakuk von dem »Gouverneur und jenen Kunden zu Albany« hielt, wissen wir nicht, da er es nicht als passend erachtete, eine Antwort zu geben; denn sein gewöhnlicher Hang, sich in Alles zu mischen, wurde wahrscheinlich durch die Anwesenheit dieser wirklichen Rothhäute eingeschüchtert. »Ich frage, warum ihr diesen Weg kommt?« wiederholte Holmes mit noch größerem Nachdruck. »Wenn ihr zu Washington gewesen seid und ihn daheim getroffen habt, warum geht ihr nicht auf demselben Weg wieder zurück?« »Kommen hieher, zu finden Inschen. Habt kein Inschen hier, eh?« »Inschen? Ei, von einer Art haben wir mehr dergleichen Kreaturen, als man wohl gern möchte. Von welcher Farbe sind die Inschens, die ihr aufsucht? – Haben sie die Blaßgesichtsnatur, oder sind sie roth wie ihr selbst?« »Wollen finden rothen Mann. Er jetzt alt wie Wipfel von todter Tanne. Wind blas' durch seine Zweig, bis alles Laub abfall.« »Beim Georg, Hugh,« flüsterte mein Onkel, »suchen am Ende diese Rothhäute den alten Susquesus?« Dann vergaß er plötzlich die Nothwendigkeit, in Anwesenheit seiner beiden Ravensnester Zuhörer – insbesondere des Shabbakuk Tubbs – sein gebrochenes Englisch beizubehalten; er wandte sich, für einen Mann von seinen Jahren etwas unüberlegt, an Prairiefeuer und bemerkte hastig: »Ich kann Euch in Euren Nachforschungen Beistand leisten. Ihr sucht einen Krieger der Onondagoes, der seinen Stamm vor hundert Jahren verlassen hat – einen rothen Mann, der in den Wäldern um seines leichten Fußes willen berühmt war und nie das Feuerwasser kosten wollte. Sein Name ist Susquesus.« Bis jetzt hatte sich der einzige weiße Mann aus der Gesellschaft dieses fremden Haufens – fremd wenigstens in unserem Theile vom Staat New-York, obschon vielleicht häufig genug auf den Hauptverkehrsstraßen des Landes – stumm verhalten. Er war ein gewöhnlicher Dolmetscher und den Indianern für den Nothfall zur Begleitung beigegeben worden, kannte aber die Sitte der Civilisation nur wenig mehr, als Diejenigen, die er zu führen hatte, weßhalb er klüglicher Weise still geblieben war, bis er sah, daß er von einigem Nutzen sein konnte. Wir erfuhren später, daß die Häuptlinge, welche zu verschiedenen Stämmen gehörten, den Wunsch ausgedrückt hatten, auf ihrem Heimwege die »welke Tanne, die noch steht,« – wie sie dichterisch in ihren Dialekten den Susquesus nannten – zu besuchen. Der Unteragent, welcher mit ihnen nach Washington gekommen war, benützte nun diese Gelegenheit, um zugleich auch seine eigenen Verwandten in Massachusetts zu besuchen, da bei einer derartigen Wallfahrt, welche blos einer theuren Erinnerung galt, seine Anwesenheit nicht eben nöthig gewesen wäre. »Ihr habt recht,« bemerkte der Dolmetscher. »Diese Häuptlinge sind nicht gekommen, um einen Stamm aufzusuchen; aber es sind zwei von den alten Onondagoes unter ihnen, und ihre Ueberlieferungen erzählen von einem Häuptlinge, Namens Susquesus, der Alles, nur die Tradition nicht, überlebt habe. Er verließ sein Volk vor langer, langer Zeit; aber der Ruf seiner Tugenden blieb zurück, und dieß ist Etwas, was eine Rothhaut nie vergißt.« »Und alle diese Krieger sind zwanzig Reisestunden von ihrem Weg abgegangen, um Susquesus ihre Huldigung zu bringen?« »Dieß war ihr Wunsch, und ich suchte bei dem Bureau zu Washington die Erlaubniß für sie nach, den Umweg machen zu dürfen. Es kostet zwar Onkel Sam fünfzig oder hundert Schillinge weiter, als es in der andern Richtung der Fall gewesen wäre; aber ein solcher Besuch wird für alle Krieger des Westens eine Million Dollars werth sein. Niemand ehrt Recht und Gerechtigkeit mehr, als eine Rothhaut, obschon sie dabei auch ihre besondere Weise hat.« »Ich bin überzeugt, Onkel Sam hat in Beziehung auf dieses Volk nie anders, als rechtlich gehandelt, und hoffe auch, daß er stets so handeln wird. Susquesus ist ein alter Freund von mir, und ich will euch zu ihm führen.« »Um aller Natur willen, und wer seid denn ihr?« fragte Holmes, dessen Neugierde auf eine frische Spur gerathen war. »Wer ich bin? – Ihr sollt wissen, wer ich bin,« antwortete Onkel Ro, indem er seine Perücke beseitigte – ein Schritt, den ich auf der Stelle nachahmte. »Ich bin Roger Littlepage, der seitherige Curator dieses Besitzthums, und dieß ist Hugh Littlepage, der nunmehrige Eigenthümer.« Der alte Holmes war in den meisten Dingen muthig genug, und von weit besserem Schrote, als der schleichende, schnüffelnde, schwatzhafte Demagog an seiner Seite; aber diese Entdeckung machte ihn völlig kleinlaut. Er sah meinen Onkel, dann mich an und heftete dann zuletzt einen betrübten, fragenden Blick auf Shabbakuk. Was die Indianer betraf, so stießen sie, trotz ihrer gewohnten Ruhe, ein gemeinsames »Hugh« aus, als sie sahen, wie sich zwei Männer so zu sagen selbst skalpirten. Onkel Ro war sehr aufgeregt, und sein Benehmen erschien in hohem Grade theatralisch, als er mit der einen Hand seine Mütze, mit der andern die Perücke entfernte und letztere mit ausgestrecktem Arm in die Richtung der Indianer hinhielt. Da sich eine Rothhaut selten eines Akts von Rohheit schuldig macht, wenn er nicht in gutem Ernst den Wilden zu spielen beabsichtigt, so mochte wahrscheinlich der Chippewa, gegen welchen die Hand mit der Perücke hingerichtet war, die Haltung irrthümlicher Weise für eine Einladung nehmen, den merkwürdigen Artikel zu untersuchen. So viel ist wenigstens gewiß, daß er denselben mit sanfter Gewalt aus den Fingern meines Onkels zog, und im Nu waren alle Wilden um ihn versammelt, wobei sich mancher gedämpfte, behutsame Laut der Ueberraschung kund gab. Die Männer waren lauter Häuptlinge und wußten ihr Erstaunen über das merkwürdige Schauspiel gut zu zügeln. Hätten sie aus unedlem, gemeinem Volk bestanden, so wäre ohne Zweifel die Perücke von Hand zu Hand gegangen und hätte sich wohl einem Dutzend von Köpfen, bereits zur Aufnahme geschoren, anpassen lassen müssen.   Achtzehntes Kapitel. Der Gordon ist gut, gilt es Eile. Ein Campbell hat Knochen von Stahl; Ein Grant, ein Mackensie und Murray Ein Kameron nie sich ergibt. Hogg.   Die erste Unterbrechung dieser Scene ging von dem alten Holmes aus, der in dem schrillen Tone, in welchem er gewöhnlich sprach, seinem Begleiter zurief: »Dieß ist überschlimm, Shabbakuk. Jetzt werden wir unsere Pachtverträge nie wieder erneuert kriegen.« »Dieß kann Niemand sagen,« entgegnete Tubbs mit einem lauten Ton, als sei er entschlossen, die Sache recht keckstirnig durchzuführen. Vielleicht ist der Gentleman noch froh, wenn er einen Vergleich erzielen kann. Es ist, glaube ich, gesetzlich Jedermann verboten, verkleidet auf der Landstraße sich blicken zu lassen. Ihr seht, Nachbar Holmes, beide Squire Littlepages befinden sich mitten im Weg, und beide waren erst noch vor einer Minute verkleidet.« »Dieß ist wahr – Ihr glaubt also, es lasse sich etwas aus diesem Umstand erzielen? 's ist schon recht, wenn ein Profit dabei herausschaut.« Shabbakuk räusperte sich abermals und blickte zurück, als wolle er sich überzeugen, was aus den Inschens geworden sei, denn augenscheinlich sagte ihm der ächte »Artikel« vor ihm gar nicht zu. Dann antwortete er: »Wir können unsere Farmen kriegen, Nachbar Holmes, wenn Ihr mit mir einverstanden seid, in der Sache raisonabel sein zu wollen, so lang als Squire Littlepage seinen eigenen Interessen Gehör zu schenken wünscht.« Mein Onkel wußte wohl, daß wir nichts gethan hatten, was uns vor dem kürzlich ergangenen Statut strafbar machen konnte, und würdigte daher den Bursch keiner Antwort, sondern wandte sich an die Indianer, gegen die er sich auf's Neue erbot, ihnen den Weg zu zeigen. »Die Häuptlinge möchten gar gerne wissen, wer Ihr seid und wie ihr Beide zu den doppelten Skalpen kamt,« sagte der Dolmetscher lächelnd, als wolle er seinerseits uns bemerklich machen, daß ihm eine Perücke nichts Neues sei. »Sagt ihnen, dieser junge Gentleman sei Hugh Littlepage und ich sein Onkel. Hugh Littlepage ist der Eigenthümer des Landes, das Ihr um Euch her seht.« Die Antwort wurde mitgetheilt, und wir harrten des Erfolgs, den sie auf die Indianer übte. Zu unserem großen Erstaunen sammelten sich mehrere derselben um uns und betrachteten uns augenscheinlich mit achtungsvoller Theilnahme. »Die Ansprüche eines Grundherrn werden, wie es scheint, von diesen ungebildeten Wilden weit besser begriffen, als von unsern eigenen Pächtern, Hugh,« sagte mein Onkel. »Doch sieh', der alte Holmes, dieser eingefleischte Schurke, und sein Freund Shabbakuk gehen in die Wälder zurück. Vielleicht kriegen wir's jetzt mit seinen Inschens zu thun.« »Ich glaube nicht, Sir. Jener Stamm scheint mir nicht genug Mannhaftigkeit zu besitzen, um diesem die Stirne zu bieten. Zwar nimmt es im Allgemeinen der weiße Mann recht gut mit der Rothhaut auf; aber gleichwohl möchte ich zweifeln, ob Häuptlinge, wie diese, nicht einer zweimal so großen Anzahl von Spitzbuben, wie sie dort in den Büschen umherschleichen, gewachsen sind.« »Warum bekunden die Häuptlinge so viel Interesse für uns?« fragte mein Onkel den Dolmetscher. »Wäre es möglich, daß sie uns so viel Achtung bezeugen, weil der Grund und Boden hier herum uns gehört?« »Durchaus nicht – durchaus nicht,« lautete die Antwort. »Allerdings wissen sie recht wohl zwischen einem Häuptling und einem gewöhnlichen Menschen einen Unterschied zu machen, und während unseres Zugs durch das Land haben sie wohl zwanzigmal ihr Erstaunen gegen mich ausgedrückt, daß unter den Blaßgesichtern so viele gemeine Menschen Häuptlinge seien. Aber um Reichthümer bekümmern sie sich nicht. Unter ihnen ist Derjenige der Erste, welcher sich auf dem Kriegspfad und im Berathungszimmer am meisten auszeichnet, obgleich sie auch Solche ehren, welche große und verdienstvolle Vorfahren hatten.« »Indeß scheinen sie doch eine ungewöhnliche, außerordentliche Theilnahme an den Tag zu legen. Vielleicht überrascht sie's, daß sie Gentlemen in solchen Anzügen sehen.« »O mein Gott, Sir, wie sollten sich Menschen, welche die Vorsteher der Factoreien und Forts das halbe Jahr in Häute gekleidet sehen, um Anzüge kümmern! Sie wissen, daß es Feiertage und Werkeltage gibt – Zeiten für die Alltagkleidung und Zeiten für Federschmuck und Färbung. Nein, nein, ihre Ueberlieferungen sind schuld daran, daß sie euch Beiden so viel Interesse widmen.« »Ihre Ueberlieferungen? Was können diese mit uns zu schaffen haben? Wir sind nie mit Indianern in Berührung gekommen.« »In Beziehung auf euch und eure Väter mag dieß wohl seine Richtigkeit haben, nicht aber wenn andere von euren Vorfahren zur Sprache kommen. Als wir gestern in unsrem Nachtquartier Halt machten, begannen jene zwei Häuptlinge, der untersetzte Mann mit der doppelten Platte auf seiner Brust und der ältliche Krieger, der schon einmal skalpirt wurde, wie ihr an seinem Schädel sehen könnt, von der Verrätherei ihres eigenen Stammes zu erzählen, der einmal ein Canada-Volk war. Der ältere Häuptling sprach von den Abenteuern eines Kriegspfads, welcher von Kanada aus über das große Wasser bis nach einer Ansiedlung hinunterführte, wo sie viele Skalpe erwartet hatten, aber zuletzt mehr Kopfhäute verloren, als sie fanden. Sie trafen hier an demselben Ort auch Susquesus, den biederen Onondago, wie sie ihn in unserer Sprache nennen, und den Yengeese-Eigenthümer des Landes, der einen Namen führte, ungefähr wie der eurige. Ihre Ueberlieferungen schildern letzteren als einen Krieger von großem Muth und vieler Gewandtheit. Sie halten euch für Abkömmlinge desselben und ehren euch demgemäß. Hierin liegt das ganze Geheimniß.« »Und ist es möglich, daß diese ungebildeten Wesen so zuverlässige Ueberlieferungen besitzen?« »Du mein Himmel, wenn ihr nur hören könntet, was sie unter sich über die Lügen sagen, die ihnen aus den Zeitungen der Blaßgesichter vorgelesen werden, so würdet ihr daraus ermessen können, wie sehr sie die Wahrheit werth schätzen. In meiner Zeit habe ich einen Strich von vielen Tagreisen durch die Wildniß gemacht, ohne für meinen Pfad durch etwas Besseres geleitet zu werden, als durch eine indianische Tradition über den Lauf desselben – durch eine Tradition, die mindestens von hundert Sommern herstammen mußte. Sie wissen Alles von euren Vorvätern und auch Einiges von Euch, wenn Ihr der Gentleman seid, der den biederen Onondago oder die welke Tanne in seinem hohen Alter mit einem Wigwam versah und ihn noch immer mit Nahrung und Brennstoff versorgt.« »Ist's möglich? Und von solchen Dingen spricht man unter den Wilden des fernen Westens?« »Wenn Ihr diese Häuptlinge Wilde nennen wollt,« entgegnete der Dolmetscher einigermaßen gekränkt, als er einen solchen Ausdruck auf seine besten Freunde und beharrlichen Gefährten anwenden hörte. »Sie haben allerdings ihre eigenen Gebräuche, wie es ja auch bei den Blaßgesichtern der Fall ist; aber die indianischen Sitten sind nicht so gar wild, wenn man einmal ein wenig daran gewöhnt ist. Ich erinnere mich noch – 's ist freilich schon lange her – daß es mir gar nicht hinunter wollte, wenn ein Krieger seinen Feind skalpirte; als ich aber darüber nachdachte und mir so den Geist des Brauchs vergegenwärtigte, begann ich zu fühlen, daß die Sache ganz in der Ordnung war.« Wir hatten uns wieder nach dem Wald in Bewegung gesetzt, und da ich eben vor meinem Onkel herging, so wandte ich mich jetzt um und bemerkte mit einem Lächeln gegen ihn: »Es scheint also, daß diese Geschichte mit dem ›Geist‹ auch an anderen Plätzen, nicht nur in der Legislatur zu finden ist, und es ebensogut einen ›Geist des Skalpirens‹, als einen ›Geist der Institutionen‹ gibt.« »Ja, Hugh, und einen ›Geist des Scherens‹, als Folge dessen, was man schnöderweise mit der letzteren Bezeichnung belegt. Doch es wird gut sein, wenn wir uns dem Walde nicht weiter, als bis hieher nähern. Die Inschens, von denen ich euch erzählt habe, stecken dort vorn in den Büschen und sind bewaffnet; ich überlasse es euch, den Verkehr mit ihnen einzuleiten, wie ihr es für gut haltet. Ihre Anzahl mag sich auf ungefähr zwanzig belaufen.« Der Dolmetscher übersetzte seinen Häuptlingen diese Kunde, worauf die rothen Männer sich eine Weile sehr angelegentlich beriethen. Dann brach Prairiefeuer einen Zweig von dem nächsten Busch ab, hielt ihn in die Höhe, näherte sich dem Verstecke und rief laut, wobei er sich der verschiedenen Dialekte, mit welchen er bekannt war, bediente. Aus dem Rasseln der Zweige ließ sich entnehmen, daß Menschen in dem Gebüsch waren; aber auf die Ansprache des Häuptlings folgte keine Entgegnung. Unter unsrem Haufen befand sich ein Wilder, der bei diesem Benehmen große Ungeduld an den Tag legte. Er war ein großer athletischer Iowa-Häuptling, der den Namen Kieselstein führte und, wie wir später in Erfahrung brachten, wegen seiner kriegerischen Thaten in hohem Rufe stand. Wenn sich eine Aussicht auf Skalpe zeigte, ließ er sich nur schwer zurückhalten, und bei gegenwärtiger Gelegenheit benahm er sich rückhaltsloser, als gewöhnlich, weil von seinem eigenen Stamme Niemand zugegen war, den er als Vorgesetzten achten mußte. Nachdem Prairiefeuer der Bande in dem Versteck zwei- oder dreimal vergeblich zugerufen hatte, trat Kieselstein vor, sprach mit Nachdruck und Geist einige Worte und schloß seinen Aufruf durch ein sehr wirksames, um nicht zu sagen schreckliches Kriegsgeschrei. Die meisten Uebrigen stimmten darin ein, und dann brachen sie nach rechts und links auf, sich mehr gleich Schlangen, als gleich zweifüßigen Wesen nach den Zäunen hinstehlend, unter deren Deckung sie nach dem Walde hinschoßen, den sie im Nu erreicht hatten. Vergeblich hatte ihnen der Dolmetscher zugerufen, sie sollten doch daran denken, wo sie seien, und ihren großen Vater in Washington nicht böse machen; aber nur Prairiefeuer blieb auf seinem Platze, der ihn jeder Kugel bloßstellte, wenn der vermeintliche Feind auf ihn zu feuern die Absicht hatte. Die Uebrigen eilten dahin wie Jagdhunde, welche eine Witterung gefunden haben und nun so erpicht auf die Beute sind, daß kein Eintreiber sie mehr festhalten kann. »Sie erwarten Inschens zu finden,« sagte der Dolmetscher mit der Miene der Verzweiflung, »und da hält sie nichts zurück. Unmöglich können hier herum Feinde von ihnen sein, und der Agent wird bitter böse werden, wenn es zum Blutvergießen kömmt. Ich würde mir zwar nicht viel daraus machen, wenn die Leute dort zu den schurkischen Sacks und Foxes gehörten, denn bei diesem Volk ist's oft Barmherzigkeit, sie todtzuschlagen; aber anders ist's hier unten, und ich muß sagen, es wäre mir lieb, wenn dieß nicht vorgekommen wäre.« Wir hatten ihn kaum aussprechen lassen, als mein Onkel und ich auf der Landstraße vorwärts eilten, bis wir den Wald erreicht hatten. Präriefeuer begleitete uns, und da er aus unsrer Bewegung zu entnehmen glaubte, daß jetzt Alles recht sei, so erhob er gleichfalls ein wildes Geschrei, als wolle er zeigen, daß er es auch könne und der Mangel an einem kräftigen Organ nicht Schuld gewesen sei, wenn er sich bisher stumm verhalten hatte. Der Weg machte an dem Punkte, wo er in den Wald eindrang, eine Krümmung und war, wie bereits erwähnt, mit Gebüsch gesäumt. Diese beiden Umstände machten es unmöglich, wahrzunehmen, was hinter den Coulissen vorging, bis wir die Beugung erreichten, wo die Wagen Halt gemacht hatten. Jetzt aber that sich der ganze Anblick mit einemmal in all seiner Großartigkeit vor uns auf. Die ordnungslose Flucht einer »großen Armee« hätte kaum malerischer sein können. Die Straße war mit Fuhrwerken überfüllt, die, um uns eines militärischen Ausdrucks zu bedienen, in vollem Rückzug begriffen waren, oder, wie man's in der gemeinern Redeweise nennt, davon holperten. Jede Peitsche wurde aufs Eifrigste geschwungen, jedes Pferd befand sich in vollem Galopp, und die Hälfte der Gesichter waren rückwärts gekehrt, während die Weiber mit ihrem Gekreisch das Kriegsgeschrei der Wilden accompagnirten. Was die Inschens betraf, so hatten sie instinktartig die Wälder verlassen und flüchteten sich straßabwärts mit einer Eile, der man ansehen konnte, wie sehr es ihnen darum zu thun war, für einen sichereren Rückzug offenen Grund zu gewinnen. Einige waren in die Wagen gesprungen und bedrängten nun die tugendhaften Weiber und Töchter der ehrenwerthen Freisassen, die sich versammelt hatten, um die Mittel zu berathen, wie sie mich um mein Eigenthum betrügen sollten. Doch warum verweilen wir bei dieser Scene, sintemal ja die Heldenthaten dieser Inschens im Lauf der letzten sechs Jahre den zureichendsten Beweis geliefert haben, daß sie sich in nichts auszeichnen, als im Davonlaufen. Sie sind Helden, wenn ein Dutzend über einen einzelnen Mann herfallen kann, um ihn zu theeren und zu federn; ihre Tapferkeit ist groß, wenn hundert gegen fünf oder sechs stehen, und hin und wieder kömmt es ihnen auch auf einen Mord nicht an, wenn das Opfer Sicherheits halber mit fünf oder sechs Kugeln bearbeitet werden kann. Schon die Feigheit dieser Schurken sollte sie zum Abscheu des ganzen Landes machen; denn der Hund, welcher nur in Rudeln zu jagen den Muth hat, ist im Grunde doch nur ein erbärmlicher Köter. Ich muß übrigens noch eines weiteren Zuges in dem Gemälde Erwähnung thun. Holmes und Shabbakuk bildeten den Nachtrab und peitschten auf ihr unglückliches Thier los, als ob seine Verwender – ich wage es nicht, sie »Herren« zu nennen, da ich der Aristokratie beschuldigt werden könnte, wenn ich mich in diesem Zeitalter der allgemeinen Freiheit eines so anstößigen Wortes bedienen wollte, während dagegen das eben von mir gebrauchte Wort für den gegenwärtigen Anlaß ganz besonders paßt – als ob seine »Verwender« etwas in »Little Neest« zurückgelassen hätten und deßhalb in aller Hast dahin zurückeilten, eh' es in andere Hände fiele. Der alte Holmes guckte zurück, als hetzten ihn die Stipulationen von vierzig Pachtverträgen und als sei der »Geist der Institutionen« angeführt von zwei Gouverneuren und »dem ehrenwerthen Gentleman von Albany« in voller Jagd auf ihn begriffen. In weit kürzerer Zeit, als dazu erforderlich wurde, diesen Bericht niederzuschreiben, war der Weg gesäubert, so daß mein Onkel, ich und Präriefeuer sich eines völlig ungestörten Besitzes der Landstraße erfreuten. Letzterer stieß ein sehr bedeutungsvolles »Hugh« aus, als sich der letzte Wagen in einer Staubwolke vor unsern Blicken verlor. Wir durften nicht lange warten, bis unser Stamm oder unsere Stämme – wie ich mich richtiger ausdrücken muß, – uns nachkamen und sich an der Stelle, wo wir standen, in dem Wege sammelten. Der Sieg war vollständig, obschon er nicht mit Blut hatte erkauft werden müssen. Die wilden Indianer hatten nicht nur die tugendhaften und von der Aristokratie viel bedrückten Inschens total geschlagen, sondern auch in zwei Mitgliedern der Bande eben so viele Pröbchen von Tugend und Bedrückung gefangen genommen. Die Art, wie sich die Gefangenen benahmen, war so bezeichnend und ausdrucksvoll, daß es schien, Kieselherz, in dessen Hände sie gefallen waren, halte ihre Scalpe nicht einmal des Nehmens werth, da er es sogar verschmäht hatte, sie zu entwaffnen. Da standen die beiden Calico-Bündel gleich in Lacken gehüllten Kindern, ohne daß etwas jene natürliche Freiheit, deren sich ihre Partei so gerne rühmt, verrieth, als ihre Beine, welche sich als ein dernier ressort noch recht gut bewegten. Mein Onkel nahm jetzt eine etwas gebieterische Haltung an und befahl diesen Kerlen, ihre Verkappung abzunehmen; aber er hätte eben so gut zu den Eichen oder Ahornbäumen sagen können, sie sollten vor Umlauf der gehörigen Zeit ihre Blätter abschütteln – denn keiner von beiden that nur einen Ruck, um zu gehorchen. Der Dolmetscher war, obschon ihn die Indianer in ihrem Dialekt Vielzunge nannten, ein Mann von überraschend wenigen Worten, namentlich wenn man bei einem Anlasse, wie der gegenwärtige war, seinen Beruf in's Auge faßte. Er ging auf einen der Gefangenen zu, entwaffnete ihn, riß ihm die Calico-Kapuze vom Kopf und förderte so das kleinlaute Gesicht von Brigham, Tom Millers neidischem Arbeiter, an's Licht. Die »Hughs!« die den Indianern entwischten, waren sehr ausdrucksvoll, als sie fanden, daß nicht nur ein Blaßgesicht unter der Hülle zum Vorschein kam, sondern noch obendrein ein Gesicht, das man sogar noch etwas blässer als gewöhnlich nennen konnte. Vielzunge hatte einen hübschen Antheil von Grenz-Schelmerei in sich und begann nachgerade zu begreifen, wie die Sachen standen. Er fuhr mit der Hand über Joshs Kopf und bemerkte kaltblütig: »In Iowa würde man, denk' ich, diesen Scalp wohl höher anschlagen, als er, wenn man der Sache auf den Grund geht, wirklich werth ist. Na, laßt einmal sehen, wen wir da haben.« Den Worten folgte eine entsprechende Handlung. Der Dolmetscher bemächtigte sich der Kapuze des andern Gefangenen, brachte sie übrigens nur mit Mühe weg, da der Verkappte sich aus Leibeskräften wehrte. Er bedurfte sogar noch des Beistands zweier jüngeren Häuptlinge, welche hervortraten, um ihm zu helfen. Ich sah voraus, was kommen mußte, da ich schon längst den Zwickel bemerkt hatte; aber man denke sich das Erstaunen meines Onkels, als er Seneka Newcomes wohlbekanntes Gesicht aus dem Calico sich herauswickeln sah! Wie überaus gemein sich dieses Gesicht ausnahm, auf welchem der »gemischte Tumult« – wie man's nennt – von Wuth und Scham deutlich zu lesen war. Das erstere dieser Gefühle behauptete jedoch die Oberhand, und wie es nur zu häufig in Fällen militärischen Unsterns zu gehen pflegt, suchte der Verunglückte, statt seine Gefangennehmung den Umständen, der Tapferkeit seiner Feinde oder einem eigenen Versehen zuzuschreiben, seine Schmach dadurch zu mildern, daß er sie auf seinen Kameraden abzuladen sich mühete. In der That erinnerte mich die Art, wie diese beiden Männer an einander geriethen, nachdem man ihnen ihre Kapuzen abgenommen hatte, an zwei Kampfhähne, die man drei Fuß von einander aus ihren Säcken gelassen hat – nur mit dem Unterschiede, daß keiner von beiden krähte. »Die Schuld liegt rein an dir, du memmenhafter Spitzbube,« rief Seneka entbrannt, denn die Scham hatte sein Gesicht mit tiefem Scharlach übergossen. »Wärest du auf deinen Beinen geblieben und hättest du in deiner Hast, zu entkommen, mich nicht niedergerannt, so wäre mir wohl mit den Uebrigen der Rückzug geglückt.« Dieser Angriff war zu viel für Joshua, und die Rohheit, das Ungestüm, um nicht zu sagen, die Ungerechtigkeit desselben gab ihm Muth zur Antwort. Wir brachten nämlich später in Erfahrung, Newcome sei in der Eile seiner Flucht gestürzt, ohne daß Brigham auch mit die entfernteste Schuld daran trug, sintemal ihn dieser nur am Wiederaufstehen hinderte, indem er selbst auch über ihn hineinpurzelte. Während sich beide in dieser unbequemen Lage befanden, waren sie in die Hände ihrer Feinde gefallen. »Oh, laßt nur Ihr mich ungeschoren, Squire Newcome,« antwortete Joshua mit der gleichen Entschiedenheit in Ton und Wesen. » Euch kennt man ja landauf und landab.« »Wer kennt mich? – was könnt Ihr gegen mich oder meinen Charakter vorbringen?« fragte der Rechtsgelehrte mit trotziger Miene. »Ich will doch den sehen, der meinem Charakter etwas nachreden kann.« Dieß war fein genug, wenn man in Betracht zog, daß der Kerl thatsächlich in Begehung eines mit Gefängnißstrafe belegten Verbrechens betreten worden war, obschon ich vermuthe, daß er diese Schwierigkeit im moralischen Sinne wohl zu überwinden im Stand war, wenn man sein Vergehen dahin erklärte, er habe nur die Menschenrechte und den »Geist der Institutionen« vertheidigen wollen. Diese Herausforderung war jedoch zu viel für Brigham's Geduld, und da er mittlerweile die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es wohl schwerlich auf ein Skalpiren hinausgehen werde, so wandte er sich gegen Seneka und rief mit einer Steigerung seines Muths, die man wohl Frechheit nennen konnte: »Ja, Ihr seid mir ein sauberer Freund des armen Mannes und des Volks, wenn man Euch auf den Grund geht. Jedermann in der Gegend, der in Geldverlegenheit ist, weiß, was er in Euch hat; Ihr verdammter Shaver Eigentlich: Bartscheerer; dann in übertragener Bedeutung: Plünderer, Wucherer. .« Die letzten Worte waren kaum ausgesprochen, als Seneka's Faust mit einer Macht auf Brigham's Nase niederfiel, daß dieses Organ reichlich zu bluten anfing. Mein Onkel hielt es nun für an der Zeit, sich einzumengen; und wies den aufgebrachten Rechtsgelehrten mit Würde zurecht. »Warum hat er mich einen verdammten Shaver genannt,« entgegnete Seneka noch immer in dem Feuereifer seines Zorns. »Dieß laß ich mir von Niemand gefallen.« »Was liegt denn so Arges in einer derartigen Beschuldigung, Mr. Newcome? Ihr seid ein Mitglied des Advokatenstandes und solltet also die Gesetze Eures Landes kennen, so daß man Euch nicht erst sollte sagen müssen, das höchste Tribunal des Staates habe dahin entschieden, daß in dem Ausdruck Shaver keine Injurie liege. Manche ehrenwerthen Mitglieder dieser gelehrten Körperschaft scheinen sogar im Gegentheil der Ansicht zu sein, daß in einer solchen Bezeichnung eher ein Lob, eine Empfehlung liege. Ich schäme mich Eurer, Mr. Newcome – wahrhaftig, man muß für Euch roth werden.« Seneka murmelte etwas vor sich hin, und ich glaubte die Worte verstanden zu haben: »der Teufel hole den Court of errors ,« oder »der Court of errors « solle nach irgend einem sehr schlimmen Platz fahren, den ich nicht nennen mag. Indeß will ich doch nicht die Behauptung auf mich nehmen, daß ein anständiger Mann sich wirklich dieser unehrerbietigen Sprache gegen eine so hohe Gerichtsbehörde bedient habe, obschon man einem Menschen in der Wuth bisweilen Einiges zu gut halten muß. Mein Onkel war nun der Ansicht, es sei Zeit, diesem Auftritt ein Ende zu machen, weßhalb er, ohne sich zu weiteren Erklärungen herabzuwürdigen, Vielzunge bedeutete, er sei bereit, die Häuptlinge an den Ort zu führen, nach dem sie so angelegentlich verlangten. »Was diese beiden Inschens betrifft,« fügte er bei, »so können wir durch ihre Festhaltung keine Ehre erholen, und da wir wissen, wer sie sind, so können sie jederzeit durch die Sherifs-Gehülfen oder Constabler aufgegriffen werden. Es verlohnt sich kaum der Mühe, uns auf dem Marsch mit solchen Wichten zu belästigen.« Die Häuptlinge gaben zu diesem Vorschlag gleichfalls ihre Zustimmung, und wir verließen insgesammt die Wälder, während Seneky und Joshua auf der Straße zurückblieben. Wir erfuhren später, daß wir ihnen kaum den Rücken zugewandt hatten, als der Letztere über den Ersteren herfuhr und ihn dermaßen zerwalkte, daß Seneka zuletzt zugab, er sei nicht nur ein »Shaver,« sondern auch ein »verdammter Shaver« obendrein. Von solchem Schlag also waren die Leute, welche, wenn es nach dem Wunsche der verblendeten Antirenters New-Yorks gehen sollte, im socialen Sinne an die Stelle der alten Grundbesitzer des Landes zu treten berufen waren. In der That, sie würden eine saubere Deckgarbe für den Schober des Gemeinwesens abgeben, und unter ihrem Schirme müßte das Getreide wunderbar gut beschützt sein. Es wäre sicherlich der Mühe werth, zu hören, wie Kerle von diesem moralischen Kaliber ihre Verträge deuteten, und man könnte eine nützliche, wenn auch empfindliche Lehre daraus ziehen, wenn man ihnen ein Jährchen freie Hand ließe, nur um zu sehen, wie Viele – nachdem die Angelegenheiten in den alten natürlichen Gang zurückgebracht sind – noch wünschen würden, gleich dem Hund zu dem Gespieenen oder gleich dem Schwein nach der Schlammpfütze zurückzukehren. Nachdem mein Onkel dem Dolmetscher einige Weisungen ertheilt hatte, bestiegen wir beide wieder unsern Wagen und fuhren den Weg hinauf, es den Indianern überlassend, uns zu folgen. Zum Sammelplatz bestimmten wir das Nest, wohin wir nun unverweilt in unserer wahren Eigenschaft zu gehen entschlossen waren. Als wir bei der Rektorei anlangten, machten wir Halt, um uns nach dem Befinden von Mr. und Miß Warren zu erkundigen. Ich war sehr erfreut, als ich erfuhr, daß sie sich bereits nach dem Neste begeben hatten, um daselbst ein Mittagmahl einzunehmen. Diese Kunde diente nicht dazu, der Eile von Millers Pferd Abtrag zu thun – oder vielmehr meines Pferdes, wie ich besser sagen sollte; denn ich bin der wirkliche Eigenthümer von Allem auf der Nestfarm und werde es wahrscheinlich bleiben, wenn nicht »der Geist der Institutionen« dort so gut, wie an andern Plätzen mein Besitzrecht zerstört. Im Lauf von einer halben Stunde erreichten wir den Rasen und machten an der Thüre Halt. Man wird sich erinnern, daß sich die Indianer im Besitz unserer Perücken befanden, denn wir beide hatten sie in ihren Händen gelassen, weil wir uns dieser Artikel nicht länger zu bedienen gedachten. Ungeachtet unsrer befremdlichen Tracht wurden wir doch, nachdem wir die eben erwähnten Verkleidungsmittel abgelegt hatten, augenblicklich erkannt, und im Nu lief der Ruf durch das Haus und durch die Gründe, daß »Mr. Hugh angelangt sei.« Ich gestehe, daß ich sehr gerührt war über die Theilnahme, welche die meisten Anwesenden, mochten es nun Dienstboten oder Andere sein, an den Tag legten, als sie mich wieder in guter Gesundheit, obschon nicht gerade in der zierlichsten Außenseite vor sich sahen. Auch mein Onkel wurde auf's freundlichste bewillkommt, und die ersten paar Minuten fühlte ich mich wahrhaft glücklich, ohne daß ich auch nur entfernt an das dachte, was mir so vielen Anlaß zum Verdruß gab. Obgleich meine Großmutter, meine Schwester und Mary Warren recht wohl wußten, was der Ruf: »Mr. Hugh ist angekommen!« bedeutete, so kamen sie doch unverweilt auf die Piazza heraus. Mr. Warren hatte die Ereignisse des Tages, soweit sie ihm bekannt waren, berichtet; aber auch diejenigen, welche unser Geheimniß kannten, waren nicht wenig erstaunt darüber, daß wir ohne Perücken und in unserer eigentlichen Wesenheit wieder zurückkehrten. Was mich betraf, so gab ich genau Achtung auf die Art, wie die vier Mädchen mich begrüßten. Martha flog mir an den Hals, schlang ihre Arme um mich und küße mich sechs- oder achtmal, ohne inne zu halten. Zunächst kamen Miß Coldbrooke, auf deren Arm sich Anne Marston lehnte – beide mit heiterem Lächeln und ladyartigem Anstand, obschon sie ihre Ueberraschung nicht zu verbergen vermochten. Sie drückten ihre Freude aus, mich zu sehen, und erwiederten meine Begrüßung freimüthig, wie es unter alten Freunden üblich ist; indeß entging mir nicht, daß mein Anzug durchaus nicht ihren Beifall hatte. Mary blieb lächelnd, schüchtern und erröthend hinter den übrigen Mädchen stehen; übrigens genügten ein paar Blicke von mir, um mir die Ueberzeugung zu geben, daß ihr Willkomm gewiß eben so aufrichtig war, wie der meiner älteren Freundinnen. Mr. Warren war erfreut, uns offen begrüßen zu können und nun Gelegenheit zu finden, diejenigen näher kennen zu lernen, deren Rückkehr er schon seit drei oder vier Jahren mit Sehnsucht erwartet hatte. Die erforderlichen Aufklärungen nahmen nur einige Minuten in Anspruch, da sie von denen, welche unser Geheimniß theilten, größtentheils schon gegeben waren. Meine liebe Großmutter und Patt bestanden nun darauf, daß wir uns nach unsern alten Zimmern verfügten und eine Kleidung anlegten, welche für unsere Stellung besser paßte. Wir hatten eine große Anzahl von Sommerkleidern zurückgelassen, und unsere Garderobe war bereits an diesem Morgen untersucht worden, weil wir derselben vielleicht in Bälde benöthigt sein konnten. Der Wechsel unsrer Anzüge hatte daher keine große Zögerung zur Folge. Ich war allerdings seit meiner Abreise etwas beleibter geworden. Da übrigens der Schneider meine Kleider ursprünglich nicht knapp auf den Leib angemessen hatte, so fand ich keine Schwierigkeit, mich herauszustaffiren. Ich fand einen schönen blauen Rock, der diesem Zwecke trefflich entsprach, nebst Westen und Pantalons ad libitum . In Europa kleidet man sich viel wohlfeiler, als in Amerika, weßhalb der reisende Amerikaner selten eine bedeutende Garderobe mit sich führt – eine Erfahrungsregel, die mein Onkel sein ganzes Leben über beobachtet hatte. Außerdem hatte Jeder von uns in dem Nest einen Kleidervorrath, der nie von dort entfernt wurde. In Folge dieser kleinen wirthlichen Vorsichtsmaßregeln gebrach es weder mir, noch meinem Onkel an den Mitteln, uns in Betreff der Außenseite für diesen abgelegenen Landestheil wenigstens mit andern unserer Classe auf eine gleiche Stufe zu stellen. Die Zimmer für mich und meinen Onkel waren ganz nahe bei einander im nördlichen Flügel des Hauses oder in jenem Theile, welcher eine Aussicht nach den Feldern unter der Klippe, nach der waldigen Schlucht und nach dem Wigwam des »biedern Onondago« bot. Die Hütte des Letzteren war deutlich von dem Fenster meines Ankleidezimmers aus zu sehen, und ich schaute eben ins Freie hinaus, Betrachtungen anstellend über die Gestalten der beiden alten Knaben, die ihrem Nachmittagsbrauch gemäß in der Sonne saßen, als ein Pochen an der Thüre das Erscheinen John's ankündigte. »Nun, John, mein guter Freund,« sagte ich lachend, »es scheint, daß, wo es das Erkennen eines alten Bekannten betrifft, eine Perücke für Euch einen großen Unterschied ausmacht. Gleichwohl muß ich Euch für die gute Bewirthung danken, die Ihr mir in der Eigenschaft eines Musikanten zu Theil werden ließt.« »Ihr wißt wohl, Mr. Hugh, daß ich Euch von Herzen gern bediene, mögt Ihr kommen, wie Ihr wollt. Es ist die überraschendste Verblendung gewesen, Sir, die mir je vorkam; aber gleichwohl meinte ich die ganze Zeit über, Ihr seiet nicht ganz das, was Ihr zu sein schient, und ich sagte auch zu Kitty, sobald ich die Treppe hinunter war: ›Kitty,‹ sagte ich – ›diese zwei Hausirer sind just die ordentlichsten Hausirer, die ich je in diesem Land gesehen habe, und es sollt' mich nicht wundern, wenn's ihnen schon einmal besser ergangen ist.‹ Doch jetzt habt Ihr die Antirenters mit eigenen Augen gesehen, Mr. Hugh. Was haltet Ihr von ihnen, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, eine solche Frage zu stellen?« »So ziemlich das, was ich von ihnen hielt, ehe ich sie gesehen hatte. 's ist eine Bande von Kerlen, die über Freiheit schreien und im gleichen Augenblicke alle ihre Kräfte aufbieten, um die Gesetze in Mißkredit zu bringen und ihre Selbstsucht für Patriotismus auszugeben. Doch eben so finden wir's bei denen, welche ihnen in der Regierung des Staats die Stange halten und die gleichen Tiraden vorbringen, obschon sie dabei nichts im Auge haben, als das Gewinnen von Stimmen. Wären die Pächter nicht stimmberechtigt, so hätte diese Frage nie auch nur entfernt in Anregung gebracht werden können. Doch ich sehe, jene beiden alten Bursche, Jaaf und Sus lassen sich's noch immer wohl sein.« »Ja wohl, Sir, und ich kann mich nicht genug darüber wundern. Beide sind schon Antiquitäten gewesen – wie man in England sagt – als ich in dieses Land kam, und damals waret Ihr noch gar nicht einmal geboren, Mr. Hugh; 's ist schon ein Menschenalter her. Da sitzen sie nun, Sir, Tag auf Tag ein, und man könnte sie für Monumente aus vergangenen Zeiten ansehen. Der Nigger« – John hatte sich schon lange genug im Lande aufgehalten, um unsere heimischen Ausdrücke kennen zu lernen – »der Nigger wird mit jedem Jahr häßlicher und häßlicher. Dieß ist fast der einzige Unterschied, den ich an ihm bemerken konnte, während ich glaube, daß der Indianer nur schöner und schöner wird. Er ist der schönste alte Gentleman, Sir, den ich weit und breit kennen gelernt habe.« »Ein alter Gentleman !« welch' eine ausdrucksvolle Bezeichnung war dieß nicht in dem gegenwärtigen Falle! Selbst in diesen »aristokratischen« Tagen, wo es mehr »Gentlemen« gibt, als Brombeeren, würde kein Mensch daran gedacht haben, Jaaf einen »alten Gentleman« zu nennen, während alle Welt geneigt sein mußte, Susquesus in dieser Weise zu bezeichnen. Der Onondago war wirklich ein Gentleman in der besten Bedeutung dieses Wortes, obschon ihm allerdings gewaltig viel von dem blos conventionellen Ton fehlte. Was John betraf, so würde er sich mir gegenüber nie dieses Wortes bedient haben, wenn sich's nicht um einen Fall gehandelt hätte, in welchem er der Ueberzeugung lebte, die in Sprache stehende Person habe Anspruch auf eine solche Bezeichnung. »Mit seinem grauen oder weißen Kopf, mit seinen blitzenden Augen, seinen ruhigen Zügen und seiner ausdrucksvollen Haltung ist Susquesus in der That ein großartiger Anblick,« entgegnete ich, »während ich zugleich gestehen muß, daß Jaaf nicht unter die Schönheiten gezählt werden kann. Wie kommen denn die beiden alten Männer mit einander aus?« »Es gibt viel Hader unter ihnen, Sir – das heißt der Nigger ist streitsüchtig, obschon der Indianer zu weit über ihm steht, um auf das zu achten, was er sagt. Auch will ich nicht sagen, daß Yop wirklich eine unverträgliche Person sei, Sir, denn er hat die größtmögliche Achtung vor seinem Freund; gleichwohl aber übertreibt er in der erstaunlichsten Weise – nun, ich glaube, daß dieß in der Natur eines Niggers liegt.« »Hoffentlich hat man ihnen doch während meiner Abwesenheit nichts abgehen lassen. Ich zähle darauf, daß man für ihren Tisch und für ihre sonstigen Bequemlichkeiten geeignete Sorge trug?« »Laßt Euch dieß nicht kümmern, Sir, denn so lange Mrs. Littlepage lebt, fehlt es hieran nicht. Sie liebt die alten Männer, als wäre sie ihr leibliches Kind, und hat sie mit Allem versehen, was sie möglicherweise brauchen können. Betty Smith, Sir – Ihr erinnert Euch doch noch an Betty, die Wittwe des alten Kutschers, welcher starb, als Ihr auf dem College waret – nun, Betty Smith hat während der letzten vier Jahre nichts Anderes zu thun gehabt, als nach den beiden Greisen zu sehen. Sie hält in der Hütte Alles in Ordnung, fegt sie zweimal in der Woche, besorgt die Wäsche, näht für die alten Männer, kocht für sie und läßt's ihnen an keiner Bequemlichkeit abgehen. Sie hat ihre Wohnung hart nebenan in der andern Hütte, Sir, so daß sie gleich bei der Hand ist.« »Ich freue mich, dieß zu hören. Verirrt sich hie und da einer von den alten Knaben bis nach dem Nesthaus herunter, John? Ehe ich auf Reisen ging, waren sie die täglichen Gäste im Haus.« »Dieser Brauch ist ein bischen abgekommen, Sir, obschon sich der Nigger noch ziemlich oft einstellt. Ist das Wetter gut, so kann man ihn ein- oder zweimal in der Woche im Nest sehen. Er macht dann in der Küche seinen Besuch und bleibt oft den ganzen Morgen dort sitzen; dann erzählt er die ärgsten Geschichten, Sir – ha, ha ha – ja, Sir, die ärgsten Geschichten, die man nur je gehört hat.« »Und welcher Art sind denn diese Erzählungen, daß Ihr sie so belustigend findet?« »Er ist der Meinung, Sir, Alles im Land gehe zu Grunde und sei viel schlechter, als zur Zeit seiner jüngeren Jahre. Die Truthühner seien nicht mehr so groß, Sir, und das Geflügel sei heutzutag nur ärmliches Zeug. Auch mit den Hämmeln ist er nicht zufrieden, weil sie nicht mehr so fett werden, Sir, und mit dergleichen Ungeheuerlichkeiten treibt er's fort.« John lachte hier abermals herzlich, obschon man ihm recht gut anmerken konnte, daß solche Vergleichungen durchaus nicht nach seinem Geschmack waren. »Und Susquesus« – fragte ich – »ist er auch so tadelsüchtig wie sein Freund?« »Sus kömmt nie in die Küche, Sir – nie. Er weiß, daß alle Leute von Stand und von besseren Klassen durch das große Portal eintreten, weßhalb er sich nie eines anderen Eingangs bedient, weil er selbst zuviel von einem Gentleman an sich hat. Nein, Sir, ich habe Sus in meinem Leben nie in der Küche oder in dem Bedientenzimmer gesehen; auch läßt Mrs. Littlepage seinen Tisch nirgends anders decken, als in den oberen Zimmern oder auf der Piazza, wenn sie ihn mit etwas Absonderlichem zu tractiren wünscht. Der alte Gentleman hat viele Ueberlieferungen, wie er's nennt, im Kopf, Sir, und kann gewaltig viele Geschichten aus alten Zeiten erzählen; aber sie handeln nicht von Truthühnern, Rossen, Gartenerzeugnissen und dergleichen Dingen, an denen Yap in so verdrießlicher Weise mäckelt.« Ich dankte nun John wiederholt für die Höflichkeit, die er mir als Musikanten erwiesen, und entließ ihn, um mich meinem Onkel anzuschließen. Als wir das kleine Besuchzimmer betraten, wo uns die ganze Gesellschaft erwartete, ehe wir zu Tisch gingen, entfuhr Allen ein gemeinsamer Ausruf freudiger Ueberraschung. Martha küßte mich abermals und erklärte, daß ich jetzt wieder Hugh sei; sie habe immer gedacht, daß ich so aussehen müsse – sie erkenne jetzt ihren Hugh in mir an, und was dergleichen mehr war. Meine Großmutter trat an meine Seite, streichelte mir das Haar und blickte mir mit thränenvollen Augen in's Gesicht, da meine Züge sie an ihren früh verstorbenen Erstgebornen erinnerten. Was die beiden anderen Damen, die Mündel meines Onkels Ro betraf, so benahmen sie sich mit lächelnder Freundlichkeit und schienen geneigt zu sein, den alten freundlichen Verkehr wieder aufzunehmen, während Mary Warren sich noch immer in den Hintergrund hielt, obschon ich ihrem bescheidenen, halb abgewandten Blick und ihren glühenden Wangen anzusehen glaubte, daß sie mit dem Glück ihrer Freundin Patt eben so innig, vielleicht noch inniger sympathisirte, als irgend eines von den anderen Mädchen. Bevor wir zu Tisch gingen, schickte ich einen Diener nach dem Dachgiebel hinauf, damit er sich nach meinen rothen Freunden, welche die Landstraße einherkommen mußten, umsehe. Er kam mit der Meldung zurück, daß sie die Straße entlang zögen und wahrscheinlich im Lauf von einer halben Stunde das Nest erreichen würden; sie hätten eine Weile Halt gemacht und, so viel er vermittelst seines Fernglases habe entdecken können, ihre Gesichter gemalt, desgleichen auch in anderer Weise ihre Toilette geordnet, um sich für die erwartete Begegnung vorzubereiten. Nach dieser Mittheilung setzten wir uns in der Absicht zu Tisch, die Häuptlinge zu empfangen, sobald sie eintreffen würden. Das Mahl wurde in Frohsinn und Heiterkeit begangen. Der Zustand des Landes und die Entwürfe meiner Pächter waren für den Augenblick vergessen, denn die Unterhaltung befaßte sich nur mit jenen näher liegenden Interessen und Gefühlen, welche naturgemäß zu solcher Zeit vorzugsweise unser Inneres anregten. Endlich warf meine liebe Großmutter scherzhaft die Bemerkung hin: »Du mußt einen wahren Instinkt für die Entdeckung verschwiegener Personen haben, Hugh; denn Du hättest in der That Dein Vertrauen nicht besser anbringen können, als es heute Morgen während Deiner Fahrt nach dem Dorfe der Fall war.« Mary erröthete wie ein italienischer Abendhimmel und schlug die Blicke zu Boden, um ihre Verwirrung zu verbergen. »Ich weiß nicht, theure Großmutter, ob meinerseits nicht der Grund in einer bloßen Eitelkeit lag,« lautete meine Antwort; »denn ich gestehe, daß es mir in hohem Grade zuwider war, in Miß Warren's Augen als ein gewöhnlicher Musikant zu erscheinen.« »Ei, Hugh,« fiel die naseweise Patt ein, »hatte ich Dir nicht vorhin schon gesagt, daß sie Dich für einen sehr un gewöhnlichen Musikanten halte? War es ja doch Dein Flötenspiel, über das sich Miß Warren in ein so beredtes Lob ergossen hat.« »Martha!« Dieser Ausruf von Mary Warren in halb vorwurfsvoller Dämpfung bekundete, daß das holde Mädchen sich wirklich beklommen zu fühlen anfing, und meine achtsame Großmutter gab der Unterhaltung in so geschickter Weise, wie man dieß nur von der gereiften Lebenserfahrung einer gebildeten Dame erwarten kann, eine andere Wendung. Sie benahm sich ganz einfach dabei, indem sie blos Mr. Warren eine Schüssel Gemüse anbot; aber die Art, wie sie es that, wechselte mit einemmale das Gesprächsthema. Während des ganzen Diners konnte ich mich der Ueberzeugung nicht entschlagen, daß zwischen mir und Mary Warren ein stummer geheimnißvoller Verkehr stattfand, der wahrscheinlich den Uebrigen entging, unter uns beiden aber zum vollen Bewußtsein kam. Ja, es mußte so sein, denn dieses Bewußtsein drückte sich unverkennbar in Mary's Erröthen und sogar in ihren abgewandten Augen aus, so daß selbst die beredteste Sprache nicht überzeugender auf mich hätte wirken können.   Neunzehntes Kapitel. »Dem Dulder Job gleich, der das Böse mied, Im Aeußern und in der Bewegung ähnlich Dem Vogel in der Luft, bist sonder Zweifel Von allen, deren Hand den Flüchtling je Bei'm Haar erfaßte, du der ärgste Teufel.« Rothjacke .   Obschon durch die Befreiung Amerika's von der Herrschaft Englands in der Denk- und Lebensweise unserer Landsleute ein unendlicher Fortschritt erzielt worden ist, so bleibt doch noch sehr viel zu thun übrig. Freilich, wenn man nur auf vierzig Jahre zurückschaut, so kann man nicht verkennen, welche große Wechsel in gar vielen Dingen eingetreten sind, und es steht zu hoffen, daß Diejenigen, welchen nach weiteren vierzig Jahren ein ähnlicher Rückblick vergönnt ist, nur noch sehr wenige Ueberbleibsel finden werden, die für ihren Fortbestand unter uns keinen besseren Grund haben, als das Beispiel eines Volkes, welches von uns so abgelegen ist, ein ganz anderes Klima hat, und sich in seiner gesellschaftlichen Organisation sowohl als in seinen Bedürfnissen so sehr von uns unterscheidet. Gleichwohl möchte ich einen Gebrauch eben so wenig blos deßhalb verdammen, weil er englisch ist, als ich ihn nur aus diesem einfachen Grunde billigen kann. Ich wünsche, daß Alles nur durch seinen inneren Werth sich empfehle, und trage die Ueberzeugung in mir, daß keine Nation in der höheren Bedeutung des Wortes je groß werden kann, wenn es nicht aufhört, ein gewisses stereotypes Modell nachzuahmen. Eines der größten Uebel dieser Nachahmungssucht entwickelt sich eben jetzt in dem sogenannten »Fortschritt« des Landes, der in nichts Anderem besteht, als in dem fortwährenden Angriffe auf Grundsätze, die so alt sind, wie die Existenz des Menschen, und als sociale Wahrheiten, so zu sagen, einen ewigen Bestand haben müssen, während man zu gleicher Zeit bei den höchsten Behörden, z.B. in den Senat der Vereinigten Staaten, von Ansichten, die wir unseren Vorfahren verdanken, einräumt, sie seien auf Thatsachen gegründet, welche nicht nur keinen Bestand unter uns haben, sondern im Gegentheil mit den vorhandenen in entschiedenen Widerspruch treten. Es ist freilich unendlich leichter, in das Geschrei um Fortschritt miteinzustimmen, als eine Untersuchung anzustellen, ob der Fortschritt auch die rechte Richtung einschlage, oder ob er überhaupt ein Fortschritt sei. Doch lassen wir dergleichen wichtige Betrachtungen beruhen, um zu bedeutenderen in dem Gang unserer Geschichte zurückzukehren. Unter andere Bräuche, die wir leider mit von England herüber genommen haben, gehört die Gewohnheit, daß die Männer bei Tisch sitzen bleiben, nachdem die Frauen bereits aufgebrochen sind. So sehr ich übrigens auch wünsche, daß diese in jeder Weise anstößige Sitte beseitigt und der gebildetere, schönere Brauch eingeführt werden möchte, der in der übrigen Christenheit üblich ist, würde ich mich doch in den tiefsten Tiefen meiner Seele schämen, wenn ich finden müßte, – und leider kann ich nicht zweifeln, daß etwas der Art zu erwarten stünde – diese Gewohnheit sei auch von uns verlassen worden, weil man in Erfahrung gebracht habe, sie sei schon vor zwölf Monaten in England aufgegeben worden. Mein Onkel hatte sich lange Zeit bemüht, in unserem Familienzirkel die Sitte einzuführen, daß die Damen eine Weile bei Tische sitzenbleiben, und nach Ablauf dieser Zeit mit den Männern die Tafel verlassen sollten; aber »es ist schwer, gegen den Stachel zu lecken.« Allerdings sind Männer, welche darin Gesellschaft und Geselligkeit finden, wenn man zusammenkömmt, um Wein zu trinken, vom Wein zu sprechen und durch Bewirthung der Gäste mit den kostbarsten Weinen sich gegenseitig zu überbieten, nicht leicht von ihren Ansichten abzubringen, und wenn auch die Zeiten des schweren Trinkens ihre Endschaft erreicht haben, so sind doch die der Redseligkeit noch in voller Kraft. Könnte einmal die Ansicht allgemein in Umlauf kommen, daß es selbst in England für gemein gehalten werde, nur von dem Saft zu sprechen, der auf dem Tische steht, so würden wir vielleicht auch dieser Gewohnheit los. Gemein in England! ja, unter rechten Leuten gilt es sogar bei uns als gemein, und ich kann dieß aus eigener Wahrnehmung behaupten. Daß ein paar Freunde, welche sich in die Wohlthat einer besonders aufheiternden Flasche theilen, ein Wort des Lobes über den Stoff anbringen, ist natürlich genug und auch ganz in der Ordnung, denn vernünftiger Weise kann man an einer derartigen Aeußerung des inneren Wohlbehagens nichts Arges finden; aber ich weiß mir nichts Empörenderes, als wenn zwanzig ernste Gesichter um einen Tisch herumsitzen, und als Feinschmecker über den neu gekauften Rheinwein ihr Urtheil abgeben, während von dem vielen Ziehen am Heber die Backen des Wirths wie die eines Boreas aufgedunsen sind. Meine liebe Großmutter gehörte der alten Schule an und erhob sich, während die vier blühenden Mädchen ihrem Beispiel folgten, mit der gewohnten Einladung von der Tafel: »Gentlemen, ich lasse euch jetzt bei eurem Wein allein; vergeßt aber nicht, daß ihr im Besuchszimmer sehr willkommene Gäste seid.« Aber mein Onkel ergriff jetzt ihre Hand und bat sie, daß sie sich nicht entfernen möchte. Für meine Augen lag in der Art des Verkehrs und in der Liebe, die zwischen Onkel Ro und seiner Mutter bestand, etwas ungemein Rührendes. Er war nie vermählt gewesen und sie eine Wittwe; es fand daher zwischen beiden ein inniges Liebes-Band statt, und ich bin oft, wenn wir allein waren, Zeuge gewesen, wie er auf seine Mutter zuging, ihre Wangen streichelte und sie dann küßte, wie man's etwa einer theuern Schwester gegenüber zu halten pflegt. Sie dagegen trat gleichfalls oft auf ihren »Roger«, wie sie ihn stets nannte, zu und küßte sein kahles Haupt in einer Weise, aus welcher man entnahm, sie erinnere sich noch lebhaft der Zeit, als er, noch ein Kind, in ihren Armen lag. Bei dem gegenwärtigen Anlasse entsprach sie seiner Bitte und nahm ihren Sitz wieder ein, während die Mädchen eben so bereitwillig, wie beim Aufstehen, ihrem Beispiele Folge leisteten. Die Unterhaltung führte nun natürlich auf den Zustand des Landes. »Es hat mich sehr überrascht,« bemerkte meine Großmutter, »daß unsere Machthaber ihre Bemerkungen und Angaben blos auf die Thatsachen beschränkten, welche auf den Besitzungen der Rensselaers und Livingstons stattfinden, während es doch in so vielen anderen ähnliche Schwierigkeiten gibt.« »Die Erklärung liegt nahe genug, meine gute Mutter,« entgegnete Onkel Ro. »Auf den Besitzungen der Rensselaers sind die Bürgschaftsverkäufe, die Zinshühner und die Tagwerke üblich. Mit diesen Dingen läßt sich eine Captatio benevolentiae erzielen und ein politischer Effect herbeiführen, während man bei den anderen Ländereien eines so wichtigen Hilfsmittels entbehrt. Es ist eben so zuverlässig, als die Sonne heut aufgegangen ist, daß ein ausgedehnter, schlau angelegter Plan besteht, aus fast jedem größeren Eigenthum im Staat die Besitzrechte der Grundherrn auf die Pächter zu übertragen und zwar noch obendrein unter Bedingungen, durch welche die Letzteren in der ungerechtesten Weise begünstigt werden. Davon findet Ihr freilich nichts in den Botschaften der Gouverneure, oder in den Reden der Gesetzgeber, die, wie es den Anschein gewinnt, Alles gesagt zu haben glauben, wenn sie auf die Nothwendigkeit, den Beschwerden der Pächter Abhilfe zu leisten, als auf eine hohe politische Pflicht hinweisen, ohne sich übrigens mit einer Untersuchung aufzuhalten, ob diese Beschwerden rechtlich begründet sind, oder nicht. Der Schaden, welcher dem Gemeinwesen zugeht, wenn man den Leuten zeigt, wie viel durch Geschrei erzielt werden kann, ist an sich unberechenbar, und es wird eine ganze Generation erforderlich sein, um nur die schlimmen Folgen des Beispiels wieder zu vertilgen, selbst wenn morgen die Antirenten-Combination eine gänzliche Niederlage erlitte.« »Wie ich finde, hat man in jenen Fällen, in welchen nichts Besseres aufgefunden werden kann, gegen die Grundherrn fast allgemein den Mangel eines Besitztitels eingewendet,« bemerkte Mr. Warren. »Der Vorleser von heute schien jeden Titel, der vom König herrührt, zu verwerfen, weil durch den Revolutionskrieg und durch den Sieg über jenen Monarchen auch seine Verleihungen nichtig geworden seien.« »Dieß wäre ja eine ganz herrliche Belohnung für die tapferen Waffenthaten der Littlepage's! Mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater – alle haben in jenen Kriegen mitgestritten, die beiden ersteren als Generale und der Letztere als Major. Da sollen sie nun für ihre Anstrengungen und Gefahren ihres Eigenthums beraubt werden? Ich weiß wohl, daß dieser einfältige Vorwand sogar schon in einem Gerichtshof geltend gemacht wurde; aber die Thorheit, die Rechtswidrigkeit und der Wahnsinn haben doch unter uns noch nicht so weit um sich gegriffen, um einen derartigen Grundsatz durchführen zu können. Da übrigens die künftigen Ereignisse ihre Schatten in die Gegenwart hereinragen lassen, so ist es wohl möglich, daß wir eben diese Bewegung als die Dämmerung des Tags der Vernunft, welche über Amerika hereinbricht, ansehen müssen, nicht aber als ein Zwielicht, das die scheidenden Sonnenstrahlen vor dem Einbruch einer Geistesnacht zurückließen«. »Zuverlässig fürchtet Ihr aber nicht im Ernst, Ro, daß diese Leute Hugh seine Ländereien entreißen könnten?« rief Patt mit erröthender Hast. »Man kann über diese Sache noch gar nichts sagen, meine Liebe. Jedenfalls ist Niemand sicher, wenn Ansichten und Handlungen, wie diejenigen sind, welche in den letzten Jahren um sich gegriffen haben oder durchzuführen versucht wurden, Bestand haben können, ohne den allgemeinen Unwillen zu wecken. Betrachten wir eben jetzt die vermöglichen Klassen, – sie leben in größter Angst und Aufregung in Betreff eines Kriegs wegen des Oregon-Gebiets, der jedenfalls möglich, obschon nicht wahrscheinlich ist; dagegen zeigen sie in dieser Antirentenfrage die größte Gleichgültigkeit, obschon die Lösung derselben in engster Beziehung steht zu der positiven Existenz alles dessen, was eine gerechte sociale Organisation fordert. Der eine Punkt betrifft eine bloße Möglichkeit, erschüttert aber doch die gedachte Klasse, während an den andern das ganze Bestehen einer civilisirten Gesellschaft sich kettet – aber diese hat aufgehört, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und ist beinahe vergessen. Jeder Angehörige unseres Gemeinwesens, der durch seine Mittel über den gemeinen Haufen erhoben ist, hat ein unmittelbares Interesse dabei, dieser Gefahr die Stirne zu bieten und zu ihrer Begegnung mitzuwirken; aber Niemand scheint die Wichtigkeit der Crisis auch nur zu fühlen. Wir haben nur noch ein paar Schritte, um der Türkei gleich zu werden – einem Lande, in welchem der Reiche seine Habe verbergen muß, um sie gegen die Klauen der Regierung zu schützen; aber Niemand scheint sich darum zu kümmern.« »Einige neuere Reisende, die uns besuchten, haben sich dahin ausgesprochen, daß wir diese Höhe beinahe erreicht hätten, sintemal unsere Reichen öffentlich große Einfachheit zur Schau tragen, während sie im Geheim ihre Häuser mit allen den gewöhnlichen Abzeichen des Wohlstandes und des Luxus füllen. Unter Anderen hat, wie ich glaube, auch de Tocqueville diese Bemerkung gemacht.« »Ach, dieß ist nur eine von den gewöhnlichen weisen Bemerkungen der Europäer, die, weil sie die amerikanische Geschichte nicht verstehen, die Ursachen unter einander werfen, und deßhalb Irrthümer begehen. Das einfache öffentliche Auftreten ist weiter nichts, als eine alte Gewohnheit des Landes, während die Eleganz und der Luxus in den Privathäusern eine natürliche Folge des Geschmacks von Frauen ist, welche vermöge des gesellschaftlichen Zustandes, in dem sie leben, auf das Minimum einer feinen Umgebung und intellectueller Genüsse angewiesen sind. Der Schriftsteller ist übrigens trotz dieses Irrthums und noch vieler anderer ähnlicher, die er sich beigehen ließ, ein sehr verständiger Mann und hat ein unbestreitbares Verdienst, wenn man die Mittel ins Auge faßt, welche ihm bei Erforschung der Wahrheit zu Gebot standen.« »Gleichwohl läßt sich nicht in Abrede ziehen, Mr. Littlepage,« entgegnete der Rektor, der in jedem Sinne des Worts ein Gentleman war und die Welt – ja ich darf wohl sagen, den besten Theil derselben kannte, obschon er nebenbei eine bewunderungswürdige Einfachheit des Charakters bewahrt hatte, »daß wirklich unter uns Veränderungen ganz in der Art stattgefunden haben wie Monsieur de Tocqueville sie angibt.« »Dieß ist vollkommen richtig, Sir; aber sie haben auch anderwärts stattgefunden. Ich kann mich noch wohl erinnern, daß ich als Knabe in unsrem Lande sechsspännige Kutschen gesehen habe, und daß zu jener Zeit fast jeder vermögliche Mann vierspännig fuhr, während heutzutag etwas Aehnliches wunderselten vorkömmt. Aber dieselbe Bemerkung konnte man auch durch die ganze Christenheit machen; denn in der ersten Zeit meines Aufenthalts auf dem europäischen Festland waren sechsspännige Equipagen mit Vorreitern und allem erdenklichen Prunk an der Tagesordnung, während man heutzutage nicht viel mehr davon sieht. Verbesserte Straßen, die Dampfboote und die Eisenbahnen können dergleichen Veränderungen hervorbringen, ohne daß man den Grund dazu in der überhandnehmenden Gewalt der Massen suchen müßte.« »In der That,« fiel Patt lachend ein, »wenn die Oeffentlichkeit nach Monsieur de Tocquevilles Maaßstab zu messen wäre, so hätten wir sie in vollkommen hinreichender Eigenschaft zu New-York. Alle neumodischen Häuser sind mit ihren niedrigen Balkonen und Fenstern so gebaut, daß Jedermann in's Innere hineinsehen kann. Wenn das wahr ist, was ich von einem Pariser Hause las und hörte, daß zwischen cour et jardin stand, so kann man dort weit abgeschiedener leben als hier, und man dürfte ebensogut sagen, die Pariser begraben sich hinter porte cochère und unter Bäume, den Angriffen der Faubourg St. Antoine zu entgehen, als sich von uns behaupten läßt, wir verbergen unsere Eleganz in den Häusern, damit der Pöbel uns dulde.« »Ich sehe, Hugh, das Mädchen hat aus deinen Briefen Vortheil gezogen,« bemerkte mein Onkel, beifällig mit dem Kopf nickend, »und was noch mehr ist, sie macht aus ihrem oder vielmehr aus deinem Unterricht eine passende Nutzanwendung. Doch nein, nein, alles dieß ist ein Irrthum, und wie Martha sagt, man findet in den Straßen unserer Städte hauptsächlich Häuser in dem neuen Style. Statt des Ausdrucks, wir verbergen unsere Eleganz in den Häusern, hätte Patt besser sagen können, wir entziehen sie den neidischen Blicken der Nachbarn, weil namentlich der Manhattanese in seinen Wohnungen das Innerste nach Außen kehrt, damit sich der Nachbar nicht beleidigt fühle, wenn er nicht Alles sehen kann, was drinnen vorgeht. Doch diesen beiden Anschauungen fehlt die Wahrheit. Das Innere des Hauses ist deßhalb prunkhafter, weil es meist unter weiblicher Leitung steht, und man könnte mit eben so gutem Grund behaupten, wenn die amerikanischen Männer sich außer dem Hause einfach in blauen, schwarzen und braunen Kleidern zeigen, während ihre Weiber und Töchter zu Haus in Seide, Atlas und sogar in modischer Brocade gehen, so geschehe dieß aus Furcht vor dem großen Haufen. Es findet ein großer Unterschied statt zwischen einem Salon in der Faubourg und der Chaussee d'Antin oder sogar dem Boulevard des Italiens. Doch John dreht auf der Piazza draußen gewaltig seinen Hals, als ob unsere rothen Brüder zur Hand seien.« Und so war es auch wirklich. Männiglich erhob sich jetzt ohne Umstände von der Tafel und begab sich in's Freie hinaus, um die erwarteten Gäste zu empfangen. Wir waren übrigens kaum in dem Hofe angelangt, und die Damen noch mit dem Aufsetzen ihrer Hüte beschäftigt, als Prairiefeuer, Kieselherz, Vielzunge und alle Uebrigen in jener Art von Halbtrab anlangten, welche den Marsch der Indianer bezeichnet. Obschon wir inzwischen unsere Kleider gewechselt hatten, wurden wir Beide, mein Onkel und ich, doch augenblicklich von den ersten Häuptlingen erkannt und höflich begrüßt. Zwei von den jüngeren Männern boten uns nun gravitätisch unsere Perücken wieder an; aber wir lehnten die Rückerstattung derselben ab und baten die Gentlemen. welche sie in Händen hatten, uns die Ehre zu erweisen, sie als Denkzeichen unserer besondern Achtung zu behalten. Das Geschenk wurde sehr wohlgefällig und mit einer Freude aufgenommen, die sich nicht gut unterdrücken ließ. Eine halbe Stunde später bemerkte ich, daß jeder von den beiden jungen Urwaldstutzern eine Perücke auf seinem sonst nackten Haupte sitzen hatte und in den schlichten Haaren derselben eine pfiffig angebrachte Pfauenfeder trug. Die Wirkung war etwas lächerlich, und namentlich vermochten die jungen Damen ihre Heiterkeit kaum zu unterdrücken; aber ich bemerkte, daß jeder von den Kriegern umhersah, als fordere er die Bewunderung, die, wie sie fühlten, ihr Aeußeres erzwingen mußte! Sobald die Begrüßungen ausgetauscht waren, begannen die rothen Männer das Haus, die Klippe, auf welcher es stand, die Wiesen unten und den umgebenden Grund zu untersuchen. Anfangs meinten wir, sie seien erstaunt über die Ausdehnung und Festigkeit der Gebäude, wie auch über deren Zierlichkeit, da man in Amerika nicht überall, selbst an den Häusern der besseren Klassen etwas Aehnliches trifft; aber Vielzunge benahm uns bald unsern Irrthum. Mein Onkel fragte ihn, warum die Rothhäute aufgebrochen wären und sich um die Gebäude her zerstreut hätten; andere sähen dahin, andere deuteten dorthin, und alle seien augenscheinlich sehr ernstlich mit etwas beschäftigt, obschon er nicht wohl begreifen könne, worin der Gegenstand ihrer Theilnahme bestehe – ob vielleicht die Gebäude einen solchen Eindruck auf sie machten? »Gott behüte, nein, Sir,« antwortete der Dolmetscher; »sie bekümmern sich keinen Strohhalm um das Haus oder um was immer für ein Haus der Welt. Da ist namentlich der Kieselherz – ein Häuptling, auf den Ihr durch Reichthümer, große Häuser und dergleichen eben so wenig Eindruck zu machen im Stande wäret, als Ihr es vermöchtet, den Strom des Missisippi rückwärts zu lenken. Als wir zu Washington Onkel Sams Haus besuchten, ließ er sich kaum herab, es anzusehen; und das Capitol übte keinen größern Eindruck auf den ganzen Haufen, als ob es eben eine bessere Art von Wigwam wäre, – vielleicht nicht einmal so viel, denn in Betreff des Wigwams haben die Indianer einen eigenen Geschmack. Was sie eben jetzt auf die Beine gebracht hat, ist das Bewußtsein, daß hier vor etwa neunzig Sommern eine Schlacht gefochten wurde, in welcher der biedere Onondago und andererseits einige von ihren eigenen Leuten betheiligt waren. Dieß ist's, was sie in Bewegung gesetzt hat.« »Und warum spricht Kieselherz mit solchem Nachdruck zu seiner Umgebung? Er deutet auf die Ebene, nach der Klippe und nach jenem Engthal, das hinter dem Wigwam des Susquesus liegt.« »Ah, so ist dieß also der Wigwam des biederen Onondago?« rief der Dolmetscher mit so großem Interesse, wie wenn man Jemand die unerwartete Mittheilung machte, er sehe jetzt zum erstenmal in seinem Leben Mont Vernon oder Monticello. »Na, dieser Anblick ist etwas Werth, obschon es noch mehr auf sich hat, den Mann selbst gesehen zu haben; denn die Stämme in den oberen Prairien wissen eine Menge von ihm und seinem Benehmen zu erzählen. Seit den Zeiten Tamenunds ist während der letzten Jahre von keinem Indianer so viel gesprochen worden, als von Susquesus, den biederen Onondago, und ich muß vielleicht nur Tecumthe ausnehmen. Was aber Kieselherz betrifft, so ist er im gegenwärtigen Augenblick mit einem Bericht von der Schlacht beschäftigt, in welcher sein Urgroßvater das Leben, aber nicht zugleich seinen Skalp verlor. Er erzählte jetzt, welcher Schmach hier sein Ahnherr entronnen sei, und wie glücklich sich seine Abkömmlinge darüber preisen. Das Getödtetwerden schlägt ein Indianer nicht so hoch an; obschon er, wenn er's anders möglich machen kann, lieber ohne Skalp ausreißt, als daß er sich vom Feind ganz und gar erschlagen läßt. Kieselherz erzählt jetzt von einem jungen Blaßgesicht, welches getödtet wurde, und das er Spaßvogel nennt – und jetzt kommt er auf einen Nigger zu sprechen, von dem er sagt, er habe wie ein Teufel gefochten.« »Alle diese Personen leben auch in unseren Ueberlieferungen noch fort,« rief mein Onkel mit mehr Interesse, als ich in langer Zeit an ihm bemerkt hatte. »Aber es nimmt mich Wunder, die Erfahrung zu machen, daß die Indianer über derartige Kleinigkeiten eine lange Reihe von Jahren so treue Berichte fortpflanzen konnten.« »Für sie ist's keine Kleinigkeit. Ihre Schlachten sind selten nach einem sehr großartigen Maaßstab zu bemessen, und sie legen großes Gewicht auf jedes Scharmützel, in welchem berühmte Krieger gefallen sind.« Vielzunge hielt jetzt eine Weile inne und hörte aufmerksam auf das Gespräch der Häuptlinge; dann nahm er seine Erklärung wieder auf, indem er fortfuhr: »Das Haus macht ihnen die Hauptschwierigkeit; alles Andere finden sie in der Ordnung. Der Fels, die Lage der Gebäude, das Engthal dort – kurz die ganze Umgegend scheint entsprechend zu sein, nur das Haus nicht.« »Und welchen Anstoß nehmen sie an diesem? Steht es nicht an dem Platze, den es einnehmen sollte?« »Eben dieß ist ihr Bedenken. Es steht ganz an der rechten Stelle, ist aber nicht die rechte Art von Haus, obschon sie sagen, die Form passe gut genug – die eine Seite laufe gegen die Felder hinaus, zwei Seiten führten nach den Felsen zurück, und die vierte werde durch die Klippe selbst gebildet. Ihre Ueberlieferungen sprechen aber davon, ihre Vorväter hätten sich Mühe gegeben, das Haus niederzubrennen, und in dieser Absicht Feuer angelegt; dieses würden sie aber wohl unterlassen haben, wenn das Gebäude steinern gewesen wäre, wie dieses hier; der Grund ihrer Verlegenheit liegt also blos in letzterem Umstande.« »Dann haben sie in der That überraschend ausführliche und richtige Traditionen. Das Haus, welches damals auf dieser Stelle oder doch in der Nähe derselben stand, und dem Hauptplane nach Aehnlichkeit mit dem gegenwärtigen hatte, war aus viereckigen Blöcken gebaut und konnte daher wohl in Brand gesteckt werden. Es ist wirklich ein Versuch dazu gemacht worden, der aber nicht gelang. Die Berichte Eurer Häuptlinge sind ganz der Wahrheit gemäß, aber es haben inzwischen hier Veränderungen stattgefunden. Das Blockhaus hatte fast fünfzig Jahre gestanden, als es durch das gegenwärtige Gebäude ersetzt wurde, und dieses steht nun gleichfalls schon sechzig Jahre. In der That, die Ueberlieferungen dieser Leute sind wirklich überraschend.« Sobald den Indianern diese Thatsache mitgetheilt wurde, äußerten sie ihre Zufriedenheit, und von diesem Augenblicke an hatten alle ihre Bedenken und Zweifel ein Ende. Sie wußten aus eigener Erfahrung, welchen Umschwung diese Dinge gewöhnlich in einer Ansiedlung nehmen, und konnten sich daher alle übrigen Wechsel erklären, obgleich sie Anfangs das Material des Gebäudes, welches in allen andern Stücken so gut mit ihren Traditionen übereinstimmte, in Verlegenheit gebracht hatte. Sie fuhren fort die Oertlichkeiten näher zu untersuchen, und unser Gespräch mit Vielzunge erlitt in der Zwischenzeit keine Unterbrechung. »Ich wäre doch neugierig die Geschichte des Susquesus zu kennen,« sagte mein Onkel, »weil diese Häuptlinge einen so weiten Umweg machten, um ihn mit einem Besuch zu beehren. Mag wohl sein hohes Alter daran Schuld sein?« »Allerdings ist dieß einer der Gründe, obschon auch noch ein wichtigerer vorhanden ist, den übrigens nur sie selbst kennen. Ich habe es oft versucht, sie über die Geschichte auszuholen, aber stets ohne Erfolg. So lange ich denken kann, haben die Onondagoes, die Tuscaroras und die Indianer von den alten New-Yorker-Stämmen, welche nach den Prairien hinaufgekommen sind, von dem biederen Onondago gesprochen, der schon ein alter Mann gewesen sein mußte, als ich geboren wurde. Namentlich erzählen sie sich in den letzteren Jahren viel von ihm, und da sich ihnen nun eine so gute Gelegenheit bot, ihn zu besuchen, so würden die im Westen es sehr übel genommen haben, wenn dieselbe vernachlässigt worden wäre. Ohne Zweifel ist sein Alter eine Haupt-Ursache; gleichwohl gibt's aber auch noch eine andere, die ich übrigens nie zu erkunden im Stand war.« »Dieser Indianer steht nun nahezu, wo nicht völlig neunzig Jahre in unmittelbarer Beziehung zu meiner Familie. Zu dem Angriff am Ty, der im Jahr 1758 unter Abercrombie statt fand, war er ein Begleiter meines Großvaters Cornelius Littlepage, und seit dieser Zeit ist bis auf zwölf oder dreizehn Jahre hin ein ganzes Jahrhundert entschwunden. Ich glaube sogar, mein Großvater Herman Mordaunt hat ihn schon vorher einigermaßen gekannt. So lang ich mir ihn denken kann, war er ein grauköpfiger alter Mann, und wir vermuthen, daß er so gut als der Nigger, welcher bei ihm wohnt, volle hundert und zwanzig Jahre, wo nicht mehr auf dem Rücken haben muß.« »Vor ungefähr dreiundzwanzig Wintern muß Susquesus oder dem Fährtelosen, wie er damals genannt wurde, etwas Wichtiges zugestoßen sein; so viel habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten aus den Aeußerungen der Häuptlinge entnommen. Worin übrigens dieses wichtige Ereigniß bestand – dieß habe ich nie entdecken können, obschon es mit dem gegenwärtigen Besuch eben so viel zu schaffen hat, als das hohe Alter der welken Tanne. Die Indianer haben eine hohe Achtung vor dem Alter, und wissen die Weisheit zu schätzen; im höchsten Ansehen aber steht bei ihnen Muth und Gerechtigkeit: der Ausdruck ›bieder‹ hat seine Bedeutung – hierauf könnt Ihr Euch verlassen.« Diese Mittheilungen erregten in hohem Grad unsere Theilnahme, und auch meine Großmutter nebst ihren holden Begleiterinnen fühlten sich sehr davon angesprochen. Namentlich verrieth Marry Warren das lebhafteste Interesse für die Geschichte des alten Susquesus – eine Thatsache, welche sich in einem kurzen Zwiegespräch mit mir kund gab, als ich an der Vorderseite der Piazza mit ihr auf und ab ging, während die übrige Gesellschaft neugierig den Bewegungen der noch immer aufgeregten Wilden zusah. »Wir beide, mein Vater und ich, haben die alten Männer oft besucht und den wärmsten Antheil an ihnen genommen,« bemerkte das verständige einfache Mädchen. »Namentlich fühlten wir eine lebhafte Sympathie für den Indianer, denn es muß Jedem, der mit ihm umgeht, bald auffallen, daß ihm sein Volk noch immer sehr am Herzen liegt. Wie wir hören, erhält er oft Besuche von den Rothhäuten – wenigstens so oft ein Indianer in die Nähe kommt; und wenn dieß geschieht, sollen sie stets eine große Ehrfurcht vor seinen Jahren und vor seinem Charakter kund geben.« »Dieß ist vollkommen richtig, denn ich habe häufig Diejenigen gesehen, welche ihn zu besuchen kamen. Sie bestanden jedoch in der Regel blos aus Korbflechtern, jenem halben Schlag von Wilden, die von dem Charakter der einen Rasse viel verloren, und von dem der andern allerlei angenommen haben. Dieß ist meines Wissens das erste Beispiel einer so ausgezeichneten Achtungsbezeugung – oder könnt Ihr Euch noch eines anderen Vorgangs erinnern, theure Großmutter, in welchem dem alten Susquesus von seinem Volk ein so auffallender Huldigungsbeweis dargebracht wurde?« »So weit meine Erinnerung zurückreicht, ist dieß bereits der dritte, Hugh. Bald nach meiner Vermählung, die, wie du weißt, nach dem Schluß des Revolutionskrieges stattfand, war bei Susquesus ein Indianerhaufen zu Besuch, welcher sich zehn Tage aufhielt. Die Häuptlinge bestanden, wie ich mir sagen ließ, aus lauter Onondagoes oder Kriegern seines eigenen Volkes. Es war davon die Rede, daß sie gekommen seien, um ein Mißverständniß auszugleichen, obgleich ich gestehen muß, daß ich damals zu gedankenlos war, um mich wegen des Näheren zu erkundigen. Von meinem Schwiegervater und dem Onkel Kettenträger nahm man stets an, sie seien von der ganzen Geschichte des Fährtelosen unterrichtet; indeß hat keiner je ein Wort darüber gegen mich verlauten lassen. Dein Großvater wußte aller Wahrscheinlichkeit nach nichts davon,« fügte die ehrwürdige Sprecherin mit einer Art milden Bedauerns bei, »sonst würde ich wohl auch davon gehört haben. Jener erste Besuch fand bald nach der Zeit statt, als Susquesus und Jaaf von ihrer Wohnung Besitz genommen hatten, und man erzählte sich damals, die Fremden seien so lang geblieben, weil sie gehofft hätten, Sus zu bewegen, daß er mit ihnen zu seinem Stamme zurückkehre. Wenn übrigens dieß wirklich ihre Absicht war, so schlug sie fehl, denn er bewohnt noch immer die Hütte, wie zu der Zeit, als er sie bezog.« »Und der zweite Besuch, Großmutter? – Ihr habt von dreien gesprochen?« »O, erzählt uns Alles, Mrs. Littlepage,« fügte Mary angelegentlich bei, obschon sie einen Moment später ob ihrer Hast bis zu den Schläfen erröthete. Meine theure Großmutter lächelte wohlwollend uns beiden zu, und es kam mir vor, als blicke sie uns etwas schalkhaft an, wie es alte Frauen bisweilen zu halten pflegen, wenn die Bilder ihrer eigenen Jugend ihnen wieder vor die Seele treten. »Ihr scheint eine gemeinsame Sympathie für diese rothen Männer zu hegen, meine Kinder,« antwortete sie – Mary's Antlitz überflog von einem hellen Scharlach, als sie sich also in den Ausdruck »Kinder« einschließen hörte – »und es macht mir große Freude, Eurer Neugierde zu willfahren. Der zweite große Besuch, den Susquesus von den Indianern erhielt, fiel in das Jahr deiner Geburt, Hugh, und wir fürchteten damals, den alten Mann wirklich zu verlieren: so angelegentlich drangen die Häuptlinge seines Volkes in ihn, er möchte mit ihnen fortziehen. Er wollte jedoch nicht, und ist seitdem immer hier geblieben; auch hat er mir erst vor einigen Wochen gesagt, daß er hier zu sterben wünsche. Wenn diese Indianer der Hoffnung leben, ihm eine andere Gesinnung beibringen zu können, so werden sie sich zuverlässig in ihren Erwartungen täuschen.« »Dieß hat er auch zu meinem Vater gesagt,« versetzte Mary Warren, »der oft mit ihm vom Sterben sprach, und ihm die Augen für die Wahrheiten des Evangeliums zu öffnen hoffte.« »Und welchen Erfolg hat er erzielt, Miß Warren? Wenn sich dieß erringen ließe, so wäre es ein höchst würdiger Schluß für die Laufbahn des alten Mannes.« »Leider hat er nicht viel ausgerichtet,« antwortete das bezaubernde Mädchen in gedämpftem melancholischem Tone. »Wenigstens weiß ich, daß mein Vater seine Erwartungen nicht erfüllt sieht. Sus hört ihm aufmerksam zu, verräth aber außer seiner Ehrerbietigkeit gegen den Sprecher kein anderes Gefühl. Es sind früher Versuche gemacht worden, ihn zum Eintritt in die Kirche zu bewegen, aber – –« »Ihr wolltet etwas beifügen, Miß Warren? Ich bin begierig, den Schluß Eurer Rede zu hören.« »Die Ergänzung will ich für sie übernehmen,« ergriff meine Großmutter das Wort, »denn ich weiß wohl, daß du sie von Mary Warren vergeblich erwartest. Es ist dir ja aus eigener Erfahrung bekannt, Hugh, daß Mr. Warrens Vorgänger ein ungetreuer, selbstsüchtiger Diener der Kirche war, der Niemand etwas Liebes that, nicht einmal sich selbst. In Amerika gehört viel dazu, bis ein Geistlicher die Geduld des Volks erschöpft hat; aber zuletzt ist's doch möglich, und sind die Leute einmal so weit gekommen, daß sie den Geistlichen nach dem Maaßstab messen, den sie an andere Personen anlegen, so folgt eine Reaction, die für den Betreffenden von großem Nachtheil ist. Wenn wir auch das Benehmen des vormaligen Pfründners von St. Andrews mit dem Schleier christlicher Liebe decken wollten, so brauchte man dazu doch einen so dichten und großen Schleier, daß die Aufgabe nicht leicht würde. Mary ist blos der Meinung, vor zwanzig Jahren hätte eine bessere Unterweisung und eine treuere Pflichterfüllung bei dem Fährtelosen mehr ausrichten können, als heutzutag überhaupt möglich ist.« »Ach, welchen unberechenbaren Schaden können nicht gewissenlose Geistliche der Kirche Gottes zufügen! Ein einziges schlimmes Beispiel verwirrt mehr Gemüther, als zwanzig gute Vorbilder zu befestigen im Stande sind.« »Ich weiß dieß nicht, Hugh, aber Eines ist eine zuverlässige Wahrheit – es geschieht weit mehr Nachtheil, wenn man durch den Versuch, unwürdigen Geistlichen das Wort zu reden, für die Ehre der Kirche zu kämpfen meint, als wenn man mit einem Male ihre Vergehungen zugesteht, im Falle sie erwiesen sind. Uns Allen ist bekannt, daß die Diener des Altars nur Menschen sind, und als solche fallen können – ja sogar fallen müssen, wenn ihnen die göttliche Gnade nicht beisteht. Aber obgleich wir den Diener Gottes nicht rein machen können, müssen wir doch Alles aufbieten, um den Altar selbst vor Befleckung zu bewahren.« »Ja, ja, Großmutter – aber die Zeit der ex officio -Religion ist dahin« – Mary entfernte sich jetzt, um sich den übrigen Mädchen anzuschließen – »wenigstens in dem amerikanischen Zweig der Kirche, und 's ist so auch am besten. Verdächtigungen sind zwar niedrig und unwürdig; aber eine blinde Leichtgläubigkeit verdient Verachtung. Wenn ich z.B. auf jenem Zweige dort eine Kastanie sähe, so würde es ja ein Akt der maßlosesten Thorheit von mir sein, wenn ich den Baum selbst für einen Wallnußbaum hielte, gleichviel ob auch die Baumgärtner des ganzen Landes bereit wären, das Letztere als eine Wahrheit zu beschwören.« Meine Großmutter lächelte und entfernte sich gleichfalls, während ich meinerseits Onkel Ro wieder aufsuchte. »Der Dolmetscher sagt mir, Hugh,« begann der Letztere, »daß die Häuptlinge heute Abend ihren ersten Besuch in der Hütte abstatten wollen. Zum Glück ist das alte Farmhaus eben jetzt leer, weil Miller das neue bezogen hat, und ich gab Mr. Vielzunge die Weisung, er solle sich während seines und seiner Leute Aufenthalts dort einrichten. Das Haus hat eine Küche und kann vollkommen gut benützt werden; für die Wirthschaft unserer Gäste brauchen wir also blos einige Kochgeräthschaften – meinetwegen etliche Töpfe – nebst einem halbhundert Strohbunden hinzuschicken. Ich habe bereits Auftrag dazu ertheilt, weil ich dich nicht behelligen wollte – vielleicht auch, weil man ein Vormunds-Ansehen nicht so gerne niederlegt – und das Stroh wird bereits im Scheunenhofe dort geladen. In einer halben Stunde können sie unter prudelnden Ravensnester Töpfen sich gütlich thun.« »Führen wir sie vorher in ihr Haus ein, oder erst nachdem sie Susquesus ihren Besuch gemacht haben?« »Natürlich vorher. John hat sich erboten, den Onondago von der Ehre, die ihm zugedacht ist, in Kenntniß zu setzen und ihm bei Beschickung seiner Toilette Beistand zu leisten; denn der rothe Mann wird sich eben so ungern als ein Anderer im Negligé betreten lassen. Während dieß geschieht, können wir unsern Gästen ihren neuen Wohnplatz anweisen und die Vorbereitungen zu ihrem Nachtessen einleiten. Was die › Inschens ‹ betrifft, so haben wir allem Erwarten nach wenig von ihnen zu befürchten, so lang ein so starker Haufen ächter Simon Pures in Rufweite lagert.« Wir ersuchten hierauf den Dolmetscher, er möchte seine Häuptlinge nach der ihnen zugedachten Wohnung führen, und ging ihnen voran, während die Damen auf dem Rasen zurückblieben. Es war um die Zeit der längsten Tage, weßhalb wir für einen Besuch der Hütte die Kühle des Abends einer früheren Stunde vorzogen. Noch ehe wir aufgebrochen waren, hatte meine Großmutter zu Bespannung ihres bedeckten Wagens Auftrag ertheilt, weil sie selbst auch einer Begegnung anwohnen wollte, die für Jedermann so großes Interesse haben mußte. Das leere Gebäude, welches wir den Indianern zur Benützung eingeräumt hatten, war ein volles Jahrhundert alt und von meinem Ahnherrn Herman Mordaunt als Wohnung für den gedungenen Bewirthschafter seiner Farm gebaut worden. Diesem Zweck hatte es lange gedient, bis wir es endlich passend fanden, an einem gelegeneren Platze ein neues Gebäude von bequemerer Form herzustellen. Das alte Haus war als Reliquie stehen geblieben und noch immer nicht abgebrochen worden, obschon man von Jahr zu Jahr von der Zweckmäßigkeit seiner Wegräumung sprach. So blieb es mir denn belassen, über sein Geschick zu entscheiden, wenn nicht etwa der »Geist der Institutionen« Einsprache erhob und mir die Macht entriß, auch über diesen Rest meines Eigenthums nach Belieben zu schalten, damit die Menschheit sehe, wie durch und durch der große Staat New-York von seiner Liebe zu einer vernünftigen Freiheit erfüllt ist. Als wir auf das »alte Farmhaus« zugingen, kam uns Miller aus dem anderen Gebäude entgegen. Er hatte gehört, seine Freunde, die Hausirer, seien seine – wie soll ich mich selbst nennen –? Herren, wäre zwar der gesetzliche Ausdruck, und dürfte in unserer Muttersprache das Verhältniß gut bezeichnen; aber ich würde hiedurch dem »ehrenwerther Gentleman« und seinen Freunden eine tödtliche Beleidigung zufügen, sintemal ich in Erfahrung gebracht habe, daß manche Leute unter uns Thatsachen, welche so einfach sind, wie die Nasen in ihren Gesichtern, in Abrede ziehen, und dem Gesetz eine Ohrfeige geben, wo immer sie es für passend halten. Diesen ausgezeichneten Staatsmännern zu Gefallen werde ich mich übrigens nicht »Meister« nennen; ich muß mich daher mit einer Bezeichnung begnügen, die, wenn der strebende Geist des Tages durchgreift, bald eine Wahrheit werden wird, und so will ich mich denn Tom Millers – – »Nichts« tituliren. Es war deutlich zu merken, daß Miller über die Klemme, in welcher er steckte, sich in großer Verlegenheit befand. Seit einer langen Reihe von Jahren hatte seine Familie in meinem und der Meinigen Dienst gestanden und – wie es bei solchen Leuten stets zu gehen pflegt, wenn sie das Unglück haben, einem heillosen Aristokraten dienen zu müssen – einen weit höheren Lohn erhalten, als wohl von den Newcomes, Holmes und Tubbsen bezahlt worden wäre, der weit bessern Behandlung in allen wesentlichen Punkten gar nicht zu gedenken; jetzt aber brauchte er nur den Grundsätzen der Antirenters anzuhängen, um die Farm, die er so lang gegen Bezahlung bestellt hatte, als Eigenthum anzusprechen. Ja, dieselben Prinzipien konnten mit gleichem Recht diesem Miethling mein Heimwesen und meine Farm übertragen, als sie den Pächtern meines Besitzthums die von ihnen bewirthschafteten Grundstücke zuzusprechen im Stande waren. Allerdings erhielt der eine Theil Lohn, während der andere Renten zahlen mußte; doch diese Thatsachen ändern am Grundsatze nichts, sintemal der gemiethete Knecht aus seiner Arbeit keinen weiteren Vortheil zieht, der Rentenzahler aber Herr des ganzen Ertrags – ich bitte um Verzeihung – Meister des ganzen Ertrags ist. Der gemeinsame Rechtstitel – wenn anders ein solcher existirt – liegt eben in dem Umstand, daß Jeder seine Anstrengung einer bestimmten Farm zuwandte, folglich hieraus ein Recht erwirbt, sie für alle künftige Zeiten zu besitzen. Miller versuchte, sich in linkischer Weise zu entschuldigen, daß er mich nicht erkannt habe, und war bemüht, eine oder die andere Kleinigkeit wegzudeuteln, von der er fühlte, daß er durch sie in eine unbequeme Lage gerieth; übrigens achtete weder mein Onkel noch ich sonderlich darauf. Wir wußten, daß der arme Tom eben auch ein Mensch war, und sich daher leicht durch den Eigennutz bestimmen ließ. Wenn Einer sich sagen muß, er habe noch weit hin bis zur obersten Stufe in der gesellschaftlichen Leiter, so wirkt die Versuchung eben gar übermächtig, wenn sie ihm in Aussicht stellt, er könne ein paar Sprossen höher gelangen; und schlägt der Erfolg fehl, so bedarf es eines edleren Sinns und vielleicht auch einer höheren Stellung, wenn ein Mann, wie Tom Miller, nicht einer gewissen dämonischen Freude zugänglich sein soll, die man bei so Vielen findet, wenn sie eine Möglichkeit absehen, daß Andere zu ihrem Niveau herabgezerrt werden. Wir hörten Toms Entschuldigungen gutmüthig an, ohne uns übrigens durch Zusagen oder Erklärungen irgend eine Blöße zu geben.   Zwanzigstes Kapitel. Zweihundert lange, lange Jahre? Wie viel von Menschenstolz und Macht, Wie viele Hoffnungen und Sorgen Umfängt nun euer düstrer Schacht! Pierpont .   Es fehlte noch etwa eine Stunde bis zu Sonnenuntergang, als wir Alle das neue Quartier unserer rothen Brüder verließen, um die Hütte zu besuchen. Als wir näher kamen, ließen sich unter den Indianern Merkzeichen des gespanntesten Interesses, mit denen der Ehrfurcht vermengt, unterscheiden. Mehrere von den Häuptlingen hatten die Zwischenzeit benützt, um die wilden Linien, die sie schon früher auf ihre Gesichter gemalt hatten, wieder aufzufrischen und sich dadurch ein noch schauerlicheres Ansehen zu geben; namentlich war Kieselherz gräßlich schön, und nur Prairiefeuer hatte es verschmäht, zwischen seine natürliche Farbe und das Auge des Beschauers einen Schleier zu legen. Da der Lauf meiner Erzählung es jetzt nothwendig macht, Unterhaltungen zu berichten, die in einer mir unbekannten Sprache geführt wurden, so muß ich hier ein für allemal bemerken, daß ich mir stets das Gesprochene, so gut es anging, durch Vielzunge übersetzen ließ, um es entweder gleich auf der Stelle oder unmittelbar nach meiner Ankunft im Nest niederschreiben zu können. Diese Erklärung dürfte für diejenigen Leser der gegenwärtigen Schrift, welche sonst glauben könnten, daß ich erfinde, nicht am unrechten Ort sein. Der Wagen meiner Großmutter war mit seiner lächelnden Befrachtung mehrere Minuten vorher abgefahren, ehe wir unsern Marsch antraten. Das letztere geschah nicht ohne einige Förmlichkeit und mit sorgfältiger Beobachtung einer gewissen Ordnung. Die Indianer marschiren selten anders, als in einer sogenannten »Indianer-Reihe«, oder einzeln hinter einander, so daß jeder in die Fußstapfen seines Vordermanns tritt; diese Weise wurde deßhalb auch bei gegenwärtiger Gelegenheit in Anwendung gebracht. Prairiefeuer eröffnete den Zug, da er der älteste Häuptling und einer der ersten beim Berathungsfeuer war. Ihm folgte Kieselherz, während die Anderen in einer Rangabstufung, deren Grundsätze nur ihnen selbst bekannt waren, hintendrein kamen. Sobald sich die Linie gebildet hatte, wurde der Marsch begonnen. Mein Onkel, der Dolmetscher und ich gingen neben Prairiefeuer her, während Miller mit einem halben Dutzend Neugieriger aus dem Nesthaus und aus der Farm den Nachtrab bildete. Man wird sich erinnern, daß John nach den Wigwam vorausgeschickt worden war, um den beabsichtigten Besuch anzukündigen. Er blieb viel länger aus, als man erwartet hatte, und wir waren bereits halbwegs von der Hütte, als wir diesem treuen Dienstboten auf seinem Heimwege begegneten. Er trat an meiner Seite in die Linie, fortwährend gleichen Schritt mit der Marschzeile behauptend, und theilte mir mit, was er zu sagen hatte. »Offengestanden, Mr. Hugh,« fuhr er fort, »der alte Mann war sehr ergriffen, als ich ihm erzählte, daß ungefähr fünfzig Indianer aus weiter Ferne hergekommen seien, um ihn zu besuchen –« »Siebenzehn – Ihr hättet siebenzehn sagen sollen, John, denn dieß ist genau ihre Anzahl.« »Wirklich, Sir? Wahrhaftig, ich glaubte, es seien fünfzig. Einmal meinte ich, ich sollte vierzig sagen, aber dann fiel mir bei, es möchte doch nicht genug sein.« Diese ganze Zeit schaute John über die Schultern zurück, um die ernst aussehenden Krieger, welche in einer Zeile folgten, zu zählen. Nachdem er seinen Irrthum – denn Uebertreibung ist für Leute von seiner Klasse wohl der gewöhnlichste Verstoß – eingesehen hatte, nahm er seinen Bericht wieder auf. »Ich glaube in der That, daß Ihr Recht habt, Sir; die Augen sind ein bischen zu groß gewesen. Aber der alte Sus war ganz gerührt, Sir, als ich ihm von dem ihm zugedachten Besuch erzählte, und so blieb ich denn bei ihm, um ihm bei seinem Anzug und bei seiner Malerei behülflich zu sein. Ihr wißt ja selbst, Sir, der Nigger Yop ist zu nichts mehr nütz, und man sieht ihm nicht an, daß er je in der Familie eines Gentleman gelebt hat. Es müssen schauerliche Zeiten gewesen sein, Sir, als die vornehmen Leute von New-York nichts als Nigger zur Bedienung hatten, Sir.« »Wir sind gleichwohl nicht übel gefahren, John,« antwortete mein Onkel, welcher, wie es bei allen Gentlemen von Fünfzig der Fall ist, der alten schwarzen Rasse, welche vordem so allgemein im Lande die Dienstbotenstellen ausfüllte, sehr zugethan war; »wir sind gleichwohl ziemlich gut dabei gefahren. Freilich hat Jaaf nie im eigentlichen Sinne das Amt eines Kammerdieners verwaltet, obschon er der Sklave meines Großvaters war.« »Nun ja, Sir, wenn Niemand als Yop in der Hütte gewesen wäre, so hätte sich Sus sicherlich nie anständig für diese Gelegenheit kleiden und bemalen können. Wie's aber jetzt ist, hoffe ich, Ihr werdet zufrieden sein, Sir, denn der alte Gentlemen sieht merkwürdig gut aus – natürlich in Indianerweise, Sir, wie Ihr wohl begreift.« »Hat der Onondago Fragen an Euch gestellt?« »Ei, Mr. Hugh, es ist Euch wohl bekannt, wie besonders er in diesen Stücken ist. Susquesus hält nicht viel auf's Reden, und man muß sich um so mehr über seine Schweigsamkeit wundern, wenn er diese auch gegen Personen in Anwendung bringt, die ihn doch gut zu unterhalten im Stande wären. Ich hab' das Gespräch meist selbst führen müssen, Sir, wie's gemeiniglich geht, wenn ich ihm einen Besuch mache. Ich glaube, Sir, die Schweigsamkeit liegt in der Natur der Indianer.« »Und wer kam auf den Gedanken des Malens und des Ankleidens – Ihr oder der Onondago?« »Je nun, Sir, ich glaube der Indianer hatte ursprünglich selbst etwas der Art im Sinn, obgleich ich ihn bei gegenwärtiger Gelegenheit dazu ermuthigte. Ja, Sir, ich brachte den Gedanken in Anregung; indeß will ich nicht geradezu behaupten, Sus habe nicht auch einige Neigung dazu verspürt, noch ehe ich ihm meine Ansichten mittheilte.« »Habt Ihr auch von der Malerei gesprochen?« ergriff jetzt mein Onkel das Wort. »Ich erinnere mich nicht, im Lauf der letzten dreißig Jahre den Fährtelosen in seinem Anstrich gesehen zu haben. Ich bat ihn einmal – es war um die Zeit deiner Geburt, Hugh – er möchte sich am vierten Juli bemalen und herausputzen, und die Antwort, die ich darauf erhielt, schwebt mir noch so deutlich vor, als habe sie der alte Knabe erst gestern gegeben. ›Wenn der Baum aufhört, Früchte zu tragen,‹ lautete sie im Wesentlichen, ›so erinnern die Blüthen nur an seine Nutzlosigkeit.‹« »Ich ließ mir sagen, Susquesus habe einmal sogar unter den Indianern für einen sehr beredten Mann gegolten.« »Ich erinnere mich noch, daß er in diesem Rufe stand, obschon ich nicht sagen kann, mit welchem Recht er ihn verdiente. Hin und wieder habe ich von ihm in der kurzen, gebrochenen Weise, wie er das Englische spricht, kräftige Aeußerungen gehört; aber im Allgemeinen verhielt er sich stets einfach und schweigsam. Mein Vater erzählte mir, als er zum ersten Mal die Bekanntschaft des Susquesus machte – und dieß muß nun wohl sechzig Jahre her sein – habe der alte Mann in großer Sorge geschwebt, er könnte in die traurige Nothwendigkeit versetzt werden, Körbe und Besen machen zu müssen; sobald übrigens in dieser Hinsicht sein Gemüth erleichtert ward, schien er stets zufrieden und unbekümmert zu leben.« »Ich glaube, Diejenigen, welche am wenigsten besitzen, können stets am unbekümmertsten sein, Sir. Jedenfalls dürfte es der Regierung New-Yorks schwer werden, Mittel und Wege zu ersinnen, um Sus seiner Farmen zu berauben, sei's nun durch Anfechtung des Besitztitels, durch Aufhebung der Bürgschaftsverkäufe, durch Besteurung oder durch andere sinnreiche Kunstgriffe, auf welche die Albany-Politiker verfallen.« Mein Onkel schwieg eine Weile, und nahm nach einer Pause tiefen Nachsinnens das Gespräch wieder auf: »Du sprichst von den ›Albany-Politikern‹, und dieser Ausdruck ruft mir eine Betrachtung in's Gedächtniß, die sich mir früher oft aufgedrungen hat. Es ist ohne Zweifel ein Vortheil – ja, vielleicht sogar zu Erledigung der Local-Angelegenheiten dieses Landes nothwendig, daß ihre Verwaltung den Local-Regierungen vertraut ist; indeß hat dieser Umstand ohne Frage auch eine sehr schlimme Folge. Wenn die Gesetzgeber sich mit großen Staats-Angelegenheiten, mit Krieg und Frieden, mit Unterhaltung von Armeen und Ueberwachung aller jener Interessen, welche ein Land mit dem andern in Verbindung bringen, zu befassen haben, so gewinnt der Geist eine großartigere Entfaltung, und zugleich hebt sich auch der Charakter des Mannes. Bringt man aber Leute zusammen, welche handeln müssen , wenn sie nicht als unfähig erscheinen sollen, und überträgt man ihnen die kleinlicheren Zweige der Gesetzgebung, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß sich die Beschränktheit ihrer Erziehung stets in der Engherzigkeit ihrer Ansichten kund geben wird. Hierin liegt der Grund des himmelweiten Unterschieds, der sich, wie jeder Verständige einsieht, zwischen Albany und Washington kund gibt.« »Ihr seid also der Ansicht, daß unsere Gesetzgeber weit unter denen von Europa stehen?« »Nur sofern sie provinzial sind – eine Eigenschaft, die unter Zehnen nothwendigerweise an Neun haftet; denn wenn man zehn Amerikaner vor sich hat, so befinden sich unter diesen, selbst wenn sie den gebildeten Klassen angehören, neun, deren Gesichtskreis sich nicht über ihre Provinz hinaus erstreckt. Der Ausdruck ›provinzial‹ deckt jedenfalls eine volle Hälfte der unserem Lande eigenthümlichen Sünden, obgleich Viele über eine Mangelhaftigkeit lachen, von der sie der Natur der Sache nach keinen Begriff haben können, weil sie blos in's Gebiet der Einbildungskraft gehört. Der thätige Verkehr der Amerikaner setzt sie allerdings schon um ihres Zeitalters und um ihrer geographischen Lage willen überraschend wenig einer derartigen Anschuldigung aus; aber die letzteren Nachtheile haben gleichwohl Wirkungen zur Folge, die vielleicht unvermeidlich sind. Wenn du nach deinem Verkehr mit der europäischen Welt Gelegenheit gehabt hast, meinetwegen Einiges von der Gesellschaft in unseren Städten zu sehen, so wirst du verstehen, was ich meine, denn es handelt sich dabei um einen Unterschied, der sich eher fühlen , als beschreiben läßt. Provinziales Wesen läßt sich jedoch als eine allgemeine Hinneigung zu den beschränkten Ansichten bezeichnen, die aus einem bedrückten socialen Verhältniß und aus der Unbekanntschaft mit der großen Welt hervorgehen – nicht mit Beziehung auf die Stellung allein, sondern auch im Sinn der Liberalität, der Einsicht und einer Vertrautheit mit all' den verschiedenen Lebens-Interessen. Doch da sind wir an der Hütte.« Und so war es auch. Der Abend konnte entzückend genannt werden. Vor der Thür der Hütte befand sich ein kleiner grüner Rasenplatz, und Susquesus saß auf einem Schemel in dem Schatten eines Baums, der die kräftigen Strahlen der untergehenden Junisonne von ihm abhielt. Jaaf hielt sich an seine Seite, weil er ohne Zweifel fühlte, daß dieß seiner Farbe und seiner Stellung ziemte. Es ist abermals ein Zug in der menschlichen Natur, daß der Indianer seine eigene geistige Ueberlegenheit über den Haussklaven fühlt, während der Neger sich den Anschein gibt, als verachte er den rothen Mann aus dem Grunde seiner Seele. Ich hatte Susquesus nie in so großartigem Kostüm gesehen, als das war, in welchem er diesen Abend erschien. Gewöhnlich trug er seine indianischen Kleider, die Leggings, die Moccasins, die obere Beinbekleidung und, je nach der Jahreszeit, eine Wollendecke oder ein Calico-Hemd; nie zuvor aber hatte ich ihn gemalt und mit seinen Zierrathen geschmückt gesehen. Letztere bestanden aus zwei Medaillons mit den Bildern Georgs III. und seines Großvaters – aus zwei weiteren, die er von den Agenten der Republik erhalten hatte, aus großen Ohrenringen, die fast auf seine Schulter niederfielen, und aus Armspangen von Zähnen, die ich anfänglich für Menschenzähne hielt. Im Gürtel hatte er einen blank geputzten Tomahawk und ein in der Scheide steckendes Messer, während seine erprobte Büchse an einem Baum lehnte – Waffen, die er jetzt nur als Sinnbilder der Vergangenheit zur Schau stellte, sintemal der Eigenthümer sie kaum in sehr wirksamer Weise mehr zu gebrauchen vermochte. Der alte Mann hatte die Malerei mit einer für einen Indianer ungewöhnlichen Umsicht in Anwendung gebracht, indem er seinen Wangen blos ein Roth auflegte, welches dazu diente, den früher so scharfen Augen, welche jetzt vom Alter etwas getrübt waren, mehr Glanz zu verleihen. In der gewohnten, zierlichen Einfachheit, die in dem Wigwam und dessen Umgebung herrschte, war nichts verändert worden, obschon Jaaf eine alte Livree, die er vordem getragen, und einen Eckenhut, mit welchem er sich sonst an Sonn- und Festtagen herauszuputzen pflegte, an's Tageslicht gefördert hatte, um an die Ueberlegenheit eines »Niggers« über einen »Inschen« zu erinnern. Drei oder vier roh zusammengefügte Bänke, welche zum Mobiliar der Hütte gehörten, waren in einer Art von Halbkreis vor Susquesus aufgestellt, um den Gästen einen bequemen Sitz zu bieten. Dahin nun ging Prairiefeuer voran, und alle übrigen Häuptlinge folgten ihm. Obschon sie sich bald in dem Kreise aufgestellt hatten, stund es doch eine volle Minute an, ehe sie sich auf ihre Plätze niederließen. Sie blieben diese ganze Zeit über ehrerbietig stehen und betrachteten theilnahmvoll den alten Mann, der seinerseits ihre Blicke eben so fest und angelegentlich erwiederte. Erst auf ein Zeichen ihres Führers, welcher bei dieser Gelegenheit Prairiefeuer war, ließen sie sich nieder. Diese Veränderung in der Stellung that jedoch dem Schweigen keinen Abtrag, und die rothen Männer blieben wohl zehn Minuten sitzen, ohne einen Blick von dem biederen Onondago zu verwenden, der seine Gäste gleichfalls stätig in's Auge faßte. Während dieser Pause langte der Wagen meiner Großmutter an, und machte unmittelbar außerhalb des Kreises der ernsten, aufmerksamen Indianer Halt, von denen nicht ein einziger auch nur den Kopf umwandte, um zu sehen, wer diese Störung veranlaßt habe. Keine Sylbe wurde gesprochen, und meine theure Großmutter beobachtete gespannt die Scene, während die lieblichen Gesichter um sie her die beredtesten Bilder der Neugierde, mit einigen sanfteren und edleren Gefühlen gemischt, in der anziehendsten Form darstellten, die sich ein Mensch nur denken kann. Endlich erhob sich Susquesus mit würdevollem Wesen und ohne sichtliche körperliche Anstrengung, um zu sprechen. Seine Stimme kam mir etwas bebend vor, obschon hieran mehr die Aufregung seines Innern, als das Alter Schuld trug; im Ganzen aber verhielt er sich ruhig, und entfaltete in seiner Rede, wenn man dabei seine Jahre in Rechnung zog, eine überraschende Bündigkeit und Klarheit. Natürlich mußte ich mich zu Erklärung aller Vorgänge an den Dolmetscher Vielzunge halten. »Brüder,« begann Susquesus, »Ihr seid willkommen. Ihr mußtet einen langen, krummen und dornigen Pfad gehen, um einen alten Häuptling zu finden, dessen Stamm ihn schon vor neunzig Sommern unter die Hingeschiedenen hätte zählen sollen. Es thut mir leid, daß euren Augen am Ende einer so langen Reise kein besserer Anblick zu Theil wird, und wenn ich wüßte, wie ich's angehen sollte, würde ich euren Rückweg nach der untergehenden Sonne breiter und gerader machen. Doch ich kann dieß nicht. Ich bin alt. Die Tanne in den Wäldern ist kaum älter; die Dörfer der Blaßgesichter, die ihr in Menge auf eurer Wanderung berührtet, sind nicht halb so alt. Ich wurde geboren, als das weiße Geschlecht war wie das Musethier auf den Bergen – da eines und dort eines; jetzt aber gleichen sie den Tauben, nachdem sie ihre Jungen ausgebrütet haben. Als ich noch ein Knabe war, konnten meine jungen Beine nie aus den Wäldern hinaus in eine Lichtung kommen; jetzt aber sind meine alten Beine nicht mehr im Stande, mich in die Wälder zu tragen, da sie so weit abliegen. Alles ist in diesem Lande anders geworden, nur nicht das Herz des rothen Mannes – dieses gleicht dem Fels, der sich nie verändert. Meine Kinder, ihr seid willkommen.« Diese Rede, in den tiefen, heiseren Tönen eines beispiellos hohen Alters vorgetragen, obschon sich auch etwas von dem Feuer eines Geistes darin aussprach, das blos gedämpft, nicht aber erloschen war – übte einen tiefen Eindruck. Ein dumpfes Gemurmel der Bewunderung lief durch die Gäste hin; aber keiner erhob sich zur Antwort, bis die Worte der Weisheit, die sie eben vernommen, Zeit genug gehabt hatten, ihre Wirkung zu entfalten. Nach einer Pause, welche für diesen Zweck hinreichend erscheinen mochte, stand Prairiefeuer – ein Häuptling, der im Rathe sogar noch gefeierter war, als im Felde – von seinem Sitze auf, um zu reden. Wir geben seine Antwort in freier Uebertragung. »Vater – deine Worte sind stets weise – sie sind stets wahr. Der Pfad zwischen deinem Wigwam und unseren Dörfern ist lang – es ist ein krummer Pfad, und wir haben auf demselben viele Dornen und Steine gefunden. Doch alle Schwierigkeiten lassen sich überwinden. Vor zwei Monaten waren wir an dem einen, jetzt sind wir am anderen Ende desselben. Wir sind gekommen mit zwei Kerben an unseren Stöcken. Die eine sagte uns, wir sollen nach dem großen Berathungshause der Blaßgesichter gehen und unsern großen Blaßgesichtsvater besuchen – die andere wies uns hieher zu unsrem großen rothen Vater. Wir sind in dem großen Berathungshause der Blaßgesichter gewesen und haben Onkel Sam gesehen. Sein Arm ist sehr lang; er reicht von dem Salzsee – wir versuchten sein Wasser zu trinken, aber es war zu salzig – bis nach unseren Seen in der Nähe der untergehenden Sonne, zu den Seen, deren Wasser süß ist. Wir haben nie zuvor salziges Wasser gekostet, und fanden es nicht lieblich. Wir wollen es nicht wieder versuchen, denn es verlohnt sich nicht der Mühe, so weit zu reisen, um Wasser zu trinken, das salzig ist. »Onkel Sam ist ein weiser Häuptling. Er hat viele Rathgeber. Die Versammlung an seinem Berathungsfeuer muß sehr groß sein – sie hat viel zu sagen. Ihre Worte müssen wohl etwas Gutes in sich haben, denn es sind ihrer so viele. Während wir ihnen zuhörten, dachten wir an unsern rothen Vater, und verlangten hieher zu kommen. Jetzt sind wir da. Wir freuen uns, unsern rothen Vater noch am Leben und wohl zu finden. Der große Geist liebt einen gerechten Indianer und trägt Sorge für ihn. Hundert Winter sind in seinen Augen wie ein einziger. Wir danken ihm, daß er uns den krummen und langen Pfad führte, an dessen Ende wir den Fährtelosen – den Biederen unter den Onondagoes – gefunden haben. Ich habe gesprochen.« Ein Strahl der Freude schoß über die Züge des Fährtelosen, als er in seiner eigenen Sprache die wohlverdiente Bezeichnung vernahm, die er während der Frist eines ganzen gewöhnlichen Menschenlebens nicht wieder gehört hatte. Es war ein Titel, ein Beiname, der die Geschichte seines Verhältnisses zu seinem Stamm in sich barg, und weder Jahre, noch Entfernung, weder neue Schauplätze und neue Bande, noch Kriege und Kämpfe waren im Stand gewesen, auch nur den kleinsten Vorfall, welcher mit der Erwerbung dieses Namens in Verbindung stand, aus seinem Gedächtniß zu verdrängen. Mit einer heiligen Scheu betrachtete ich den alten Mann, dessen Antlitz unter der Flut der Erinnerungen, die in seinem Geist auftauchten, zu leuchten begann, und der ausdrucksvolle Blick, den mir mein Onkel zuwarf, belehrte mich, daß auch er den ganzen Eindruck der feierlichen Scene fühlte. Vielzunge besaß die glückliche Eigenschaft, pari passu mit den Worten des Sprechers übersetzen zu können; er stand zwischen uns und dem Wagen, und da er sozusagen Satz für Satz ein leises Accompagnement zu den vorgetragenen Reden bildete, so ging von dem, was gesprochen wurde, auch nicht eine Sylbe für uns verloren. Nachdem Prairiefeuer seinen Sitz wieder eingenommen hatte, folgte ein abermaliges Schweigen, welches mehrere Minuten anhielt, und durch nichts unterbrochen wurde, als durch einige grunzende murmelnde Laute von Seiten Jaafs, der außer seinem Hausgenossen nie einen Indianer hatte leiden können. Wir sahen deutlich, daß dem Neger dieser außerordentliche Besuch sehr zuwider war, aber von den rothen Männern achtete nicht ein einziger auf sein Benehmen. Sus, der ihm am nächsten stand, mußte sein Brummen wohl gehört haben, ließ sich aber keineswegs dadurch bewegen, auch nur einen Moment seinen Blick von den Gesichtern der vor ihm sitzenden Häuptlinge zu verwenden. Anderer Seits schien aus der Haltung der Gäste hervorzugehen, als ob sie von der Anwesenheit des Negers gar nichts wüßten – allerdings nur ein Schein, da sich später das Gegentheil thatsächlich herausstellte. Mit einem Wort, der biedere Onondago war der Mittelpunkt der Anziehung für die Fremden, die, wie man deutlich sehen konnte, für den Augenblick alles Andere vergessen hatten. Endlich gab sich unter den Rothhäuten eine leichte Bewegung kund, und ein zweiter Häuptling stand von seinem Sitze auf. Er war kleiner, als die übrigen, und von magerer anmuthloser Gestalt, da seinem Aeußeren, wenigstens so lange er sich ruhig verhielt, jener Adel fehlte, durch den sich alle seine anderen Gefährten auszeichneten. Wie ich später erfuhr, führte dieser Häuptling den Namen Adlersflug – eine Bezeichnung, die ihm wegen des kühnen Schwunges seiner Beredtsamkeit beigelegt worden war. Obschon beim gegenwärtigen Anlasse sich ein tiefer Ernst in seinem interessanten Gesichte aussprach, bemerkte man doch deutlich, daß der Geist in seinem Innern nicht unter außerordentlichen Wehen arbeitete. Indeß konnte sich ein solcher Mann nicht zum Sprechen erheben, ohne unter seinen erwartungsvollen Zuhörern leichte Anzeichen von Aufregung hervorzurufen. So behutsam auch die Rothhäute eine Kundgebung ihrer Gefühle zu unterdrücken pflegen, konnten wir doch, als Adlerflug aufrecht dastand, unter den übrigen Häuptlingen eine leichte Bewegung wahrnehmen. Der Redner begann in gedämpfter, aber feierlicher Weise, und seine Betonung wechselte zwischen dem tiefen, eindrucksvollen Kehllaute und einem sanften Schwung auf eine Art, wie diese nur der vollendeten Beredsamkeit eigen ist. Während ich ihm zuhörte, kam es mir vor, als sei ich jetzt zum ersten Mal Zeuge von der gewinnenden Macht, welche die menschliche Stimme auszuüben vermag. Er sprach langsam und nachdrucksvoll, wie es wahre Redner stets zu halten pflegen. »Der große Geist läßt die Menschen verschieden werden,« begann Adlersflug. »Einige sind wie die Weiden, die im Wind sich beugen und im Sturm zerbrochen werden. Andere gleichen den Tannen mit schmächtigen Stämmen, wenigen Zweigen und weichem Holz. Hin und wieder zeigt sich eine Eiche unter ihnen, die auf der Prairie wächst, ihre Aeste weit hin breitet und einen lieblichen Schatten wirft. Dieses Holz ist hart und von großer Dauerhaftigkeit. Warum hat der große Geist die Bäume so verschieden geschaffen? – warum läßt der große Geist die Menschen so verschieden sein? Er hat seine guten Gründe dazu, obschon wir sie nicht kennen. Was er thut, ist immer recht. »Ich habe Redner an unsren Berathungsfeuern sich darüber beklagen hören, daß die Dinge so sind, wie es die Erfahrung lehrt. Sie sagen, das Land, die Seen, die Flüsse und die Jagdgründe gehörten nur den rothen Männern und kein anderer sollte sich je darauf blicken lassen. Der große Geist hat anders gedacht, und was er denkt, das geschieht. Die Menschen haben allerlei Farben, einige sind roth, wie mein Vater, einige sind blaß, wie meine Freunde hier. Es gibt auch schwarze, und dieß ist die Farbe von dem Freund meines Vaters. Er ist schwarz, obgleich das hohe Alter seine Haut verändert hat. Alles dieß muß so sein, denn der große Geist hat es gewollt, und wir dürfen uns nicht beklagen. »Mein Vater sagt, er sei sehr alt – die Tanne in den Wäldern sei kaum älter. Wir wissen es. Dieß ist einer von den Gründen, die uns bewogen haben, so weit herzukommen, um ihn zu sehen; aber wir haben auch noch einen andern, und mein Vater kennt ihn ebensogut, wie wir. Seit hundert Wintern und Sommern ist uns dieser Grund nicht aus dem Sinne gekommen. Die Greise haben's den jungen Männern erzählt, und die jungen Männer, als sie älter wurden, erzählten's ihren Söhnen. In dieser Weise haben auch wir davon erfahren. Wie viele schlimme Indianer haben in dieser Zeit gelebt, sind gestorben und liegen im Schooß der Vergessenheit! der gute Indianer aber lebt am längsten in unsrem Gedächtniß. Wir möchten vergessen, daß es je schlechte Menschen unter unsren Stämmen gab, aber die guten vergessen wir nie. »Ich habe viele Veränderungen gesehen. In Vergleichung mit meinem Vater bin ich nur ein Kind; und doch fühle ich die Kälte von sechzig Wintern in meinen Knochen. Während dieser ganzen Zeit sind die rothen Männer immer mehr gegen die untergehende Sonne hingezogen, und bisweilen kommt mir der Gedanke, ich werde es noch erleben, sie zu erreichen. Sie muß zwar weit abgelegen sein, aber wer nie Halt macht, kann eine große Strecke zurücklegen. Und gehen wir auch dahin, so werden die Blaßgesichter uns folgen. Warum Alles dieß so ist, weiß ich nicht. Mein Vater ist weiser, als sein Sohn, und vielleicht im Stande, es uns zu sagen. Ich setze mich nieder, um seine Antwort zu hören.« Obgleich Adlerflug so ruhig gesprochen, und in einer Weise geendet hatte, wie ich es nicht erwartete, herrschte doch allerseits eine gespannte Theilnahme an Allem, was jetzt vorging. Der eigentliche Grund, warum die rothen Häuptlinge so weit von ihrem Weg abgegangen waren und Susquesus besucht hatten, war noch nicht enthüllt worden, obschon wir Alle dieser Erklärung mit Begier entgegensahen; die tiefe Ehrerbietung aber, welche diese Fremdlinge aus den Wildnissen des fernen Westens gegen unsern hochbetagten Freund an den Tag legten, gab uns die Versicherung, daß wir, wenn die Hauptsache einmal zur Sprache käme, in unsern Erwartungen nicht getäuscht werden würden. Auf die kurze Anrede des letzten Sprechers folgte wie gewöhnlich eine Pause, und Susquesus erhob sich dann abermals, um das Wort zu ergreifen. »Meine Kinder,« sagte er, »ich bin sehr alt. Als vor fünfzig Herbsten das Laub fiel, glaubte ich die Zeit sei für mich gekommen, in die glücklichen Jagdgründe meines Volkes zu gehen und wieder eine Rothhaut zu sein. Aber mein Name wurde nicht gerufen. Ich bin allein hier zurückgeblieben, mitten in den Feldern, Häusern und Dörfern der Blaßgesichter, ohne daß ein einziges Wesen von meiner Farbe und meinem Geschlecht, mit dem ich hätte sprechen können, in der Nähe gewesen wäre. Mein Haupt ist fast weiß geworden. Aber je mehr die Jahre meinen Körper bedrückten, desto mehr wandte sich der Geist meiner Jugend zu. Ich fing an, die Schlachten, die Jagden und die Reisen meines mittleren Lebens zu vergessen, und nur an die Dinge zu denken, die ich sah, als ich ein junger Häuptling unter den Onondagoes war. Mein Tag ist jetzt ein Traum, in welchem mir die Vergangenheit vor die Seele tritt. Warum sieht das Auge von Susquesus nach hundert und mehr Wintern soweit? Kann mir das Jemand sagen? Ich glaube nicht. Wir begreifen den großen Geist nicht und verstehen ebensowenig sein Wirken. Ich bin hier, wo ich war vor der Hälfte meiner Tage. Jener große Wigwam ist der Wigwam meiner besten Freunde. Obgleich sie blasse Gesichter haben und das meine roth ist, sind doch unsere Herzen von derselben Farbe. Sie vergesse ich nie – nein, nicht einen einzigen von ihnen. Ich sehe sie Alle vom Aeltesten bis zum Jüngsten. Sie scheinen von meinem Blute zu sein. Dieß ist eine Wirkung der Freundschaft und der vielen Liebe, die sie mir erzeigten. Was ich jetzt sehe, sind lauter Blaßgesichter, und die rothen Männer, die vor meinen Augen stehen, sind Alle an andern Plätzen. Mein Geist weilt bei ihnen. »Meine Kinder, ihr seid jung, und siebenzig Winter sind schon sehr viel für einen von euch. So ist's nicht bei mir. Warum ich allein hier stehen bleiben mußte in der Nähe der Jagdgründe unserer Väter – dieß ist mehr, als ich sagen kann. Aber so ist es und so muß es auch recht sein. Man sieht bisweilen eine welke Tanne allein in den Feldern der Blaßgesichter stehen. Ich bin ein solcher Baum. Er wird nicht umgehauen, weil das Holz unnütz ist und die Squaws es nicht einmal zum Kochen benutzen wollen. Wann die Winde wehen, scheinen sie nur in seiner Nähe zu blasen. Er ist des Alleinstehens müde, kann aber nicht fallen. Der Baum sehnt sich nach der Axt, aber Niemand legt sie an seine Wurzel. Seine Zeit ist noch nicht gekommen. So ergeht es mir – auch meine Zeit ist noch nicht da. »Kinder, meine Tage sind jetzt Träume von meinem Stamm. Ich sehe den Wigwam meines Vaters. Er war der beste im Dorf. Mein Vater war ein Häuptling, und das Wildpret mangelte nie in seiner Hütte. Ich sehe ihn noch, wie er von dem Kriegspfad kommt, mit vielen Skalpen an seinem Spieße. Er hatte viele Wampums und trug viele Medaillone. Die Skalpe an seinem Spieß waren bisweilen von rothen Männern, bisweilen von Blaßgesichtern, und er hatte sie alle selbst genommen. Auch meine Mutter sehe ich. Sie liebte mich, wie die Bärin ihre Jungen. Ich hatte Brüder und Schwestern – auch sie sehe ich. Sie lachen, sie spielen und scheinen glücklich zu sein. Da ist die Quelle, wo wir Wasser in unsere Kürbisflaschen füllten, und dort ist der Hügel, wo wir wartend lagen, bis die Krieger zurückkamen vom Kriegspfad und von der Jagd. Alles hat einen lieblichen Anblick für mich. Dort stand ein Dorf des Onondagoes, meines Volks, und vor hundert und zwanzig Winter liebte ich sie. Ich liebe sie noch immer, als sei diese Zeit nur ein Winter und ein Sommer. Die Zeit übt keinen Einfluß auf den Geist. Fünfzig Jahre lang dachte ich nur wenig an mein Volk. Meine Gedanken waren auf der Jagd und auf dem Kriegspfad; ich theilte die Streitigkeiten der Blaßgesichter, unter denen ich lebte. Jetzt aber, ich wiederhole es, denke ich am meisten an die Vergangenheit und an meine jungen Tage. Es ist ein großes Geheimniß, daß wir fernliegende Dinge so deutlich sehen können, während das unsern Blicken entgeht, was uns so nahe ist. Und dennoch ist es so. »Kinder, ihr fragt, warum die rothen Männer fortwährend der untergehenden Sonne zuziehen und warum die Blaßgesichter ihnen folgen. Ihr fragt, ob der Platz, wo die Sonne untergeht, je zu erreichen sein wird, und ob wohl die blassen Menschen auch dahin gehen, um zu pflügen, zu bauen und die Bäume zu fällen. Wer gesehen hat, was sich schon zutrug, sollte auch wissen, was wieder eintreffen wird. Ich bin sehr alt, sehe aber nichts Neues. Ein Tag ist, wie der andere. Mit jedem Sommer kommen dieselben Früchte, und die Winter sind die nämlichen. Der Vogel baut oftmalen in denselben Baum. »Meine Kinder, ich habe lange unter den Blaßgesichtern gelebt; aber dennoch ist mein Herz von der nämlichen Farbe, wie mein Gesicht. Ich habe nie vergessen, daß ich ein rother Mann bin, und die Onondagoes lebten stets in meinem Gedächtniß. Als ich noch jung war, deckten schöne Wälder diese Gegend. Nah und fern sprangen der Hirsch und das Musethier unter den Bäumen. Nur der Jäger gebot ihnen Halt. Es ist anders geworden! Der Pflug hat den Hirsch fortgescheucht, und das Musethier bleibt nicht in einer Gegend, wo es die Glocken einer Kirche hört, denn es weiß nicht, was dieß bedeutet. Der Hirsch geht zuerst. Der rothe Mann hält sich an seine Spur und das Blaßgesicht bleibt nie weit zurück. So ist's gewesen, seit die großen Canoes der Fremden zuerst in unsre Gewässer kamen; so wird es sein, bis ein anderer Salzsee erreicht ist unter der niedergehenden Sonne. Wann der rothe Mann diesen andern See sieht, muß er Halt machen, und in den offenen Feldern sterben, wo es Rum, Tabak und Brod in Menge gibt – oder er muß gehen in den großen Salzsee des Westen und ertrinken. Warum dieß so ist, kann ich nicht sagen. Wie es war, weiß ich, und daß es so kommen wird, glaube ich. Es ist ein Grund dafür vorhanden, aber Niemand kennt denselben, als der große Geist.« Susquesus hatte mit ruhiger Klarheit gesprochen und Vielzunge übersetzte mir seine Rede Satz für Satz. Die Häuptlinge hörten mit so tiefer Aufmerksamkeit zu, daß ich ihr unterdrücktes Athmen hörte. Wir Weißen sind so mit uns selbst und unseren zeitlichen Angelegenheiten beschäftigt – auch sind wir der Meinung, daß alle menschlichen Rassen so weit unter uns stehen, daß wir selten Zeit oder Lust haben, über die Folgen unsrer Handlungen nachzudenken. Aber gleich dem Rade, das auf der Landstraße dahinrollt, erdrücken wir rücksichtslos manches untergeordnete Wesen auf unserm Pfade. So haben wir's dem rothen Menschen gegenüber gehalten, und so wird es, wie der Fährtelose sagte, fortgehen. Er wird gedrängt werden nach dem Salzsee des fernen Westen, in den er sich hineinstürzen und ertrinken muß, wenn er nicht umkehren will, um in der Mitte des Ueberflusses zu sterben. Onkel Ro kannte die Indianer und ihre Sitten mehr als irgend Jemand von uns, vielleicht meine Großmutter ausgenommen – denn sie war in ihrem früheren Leben in häufige Berührung mit ihnen gekommen, und hatte als junges Mädchen mit ihrem Onkel, welchen man den »Kettenträger« nannte, sogar in den Wäldern und in der Nähe des Stammes der Onondagoes gewohnt, von denen sie den Namen Susquesus oft mit hoher Achtung nennen hörte, obgleich dieser schon damals von seinem Volke geschieden war. Nachdem unser alter Freund seinen Sitz wieder eingenommen hatte, rief sie durch einen Wink ihren Sohn und mich an die Seite des Wagens, um mit uns über die Rede des greisen Kriegers zu sprechen, denn Vielzunge hatte uns die Uebersetzung laut genug mitgetheilt, daß unsre ganze Gesellschaft sie hören konnte. »Bei dem gegenwärtigen Besuch handelte sich's nicht um ein besonderes Anliegen, sondern nur um eine Förmlichkeit,« sagte sie. »Wahrscheinlich werden die Fremden morgen mit ihrem wahren Zwecke herausrücken. Was bis jetzt vorfiel, bestand blos aus Höflichkeitsbezeugungen, mit dem kleinen Wunsch untermischt, die Weisheit des Alters zu hören. Der rothe Mann übereilt sich nie, und Ungeduld ist ein Mangel, den er gerne uns Weibern zur Last legt. Nun, obschon wir Frauenzimmer sind, können wir doch warten und meinetwegen auch einige von uns weinen, wie du dieß eben jetzt, namentlich an Miß Mary Warren, bemerken kannst.« Dieß war vollkommen richtig, denn die schönen Augen sämmtlicher vier Mädchen glänzten in Thränen, während die Wangen der besonders hervorgehobenen jungen Dame noch feucht von dem Naß waren, das sich bei ihr in reichlicher Menge ergossen hatte. Bei der Anspielung auf ein solches Uebermaaß von Theilnahme trocknete sie ihre Augen, und ihr Antlitz erglühete in einem Grade, daß ich's für passend hielt, meine Blicke abzuwenden. Während dieses Zwischenspiels stand Prairiefeuer abermals auf und machte dem Einleitungsbesuche durch eine abermalige kurze Rede ein Ende. »Vater,« sagte er, »wir danken dir. Was wir gehört haben, soll nicht in Vergessenheit gerathen. Alle rothen Männer fürchten sich vor jenem großen Salzsee unter der niedergehenden Sonne, in welchen sie, wie die Sage geht, jede Nacht sich eintaucht. Was du uns gesagt hast, wird uns veranlassen, mehr darüber nachzudenken. Wir kommen weit her und sind müde. Wir wollen jetzt nach unsrem Wigwam gehen, um dort zu essen und zu schlafen. Morgen, wenn die Sonne dort steht« – er deutete nach einem Theile des Himmels, durch welchen ungefähr die Stunde neun Uhr bezeichnet wurde – »wollen wir wieder kommen und unsre Ohren öffnen. Der große Geist, der dich so lang am Leben erhielt, wird dich auch bis dahin schonen, und wir wollen nicht vergessen, zu kommen. Es ist zu lieblich für uns, dich in unserer Nähe zu wissen, als daß uns unser Gedächtniß untreu werden könnte. Lebe wohl.« Die Indianer erhoben sich jetzt in Masse und blieben noch eine volle Minute in tiefem Schweigen stehen, um Susquesus zu betrachten; dann entfernten sie sich schnellen Schritts in einer Zeile, und folgten ihrem Führer nach dem Quartiere, welches sie für die Nacht beherbergen sollte. Wie der Zug lautlos dahinging, überflog ein Schatten das düstere Antlitz des Fährtelosen und er lächelte denselben Tag nicht wieder. Diese ganze Zeit über hatte der Neger und Altersgenosse des Indianers durch murrende Töne seine Unzufriedenheit darüber ausgedrückt, daß so viele Rothhäute anwesend waren, obschon sein Freund nicht darauf achtete und es vielleicht nicht einmal hörte. »Was Ihr thun mit denen Inschen?« brummte er, nachdem die Fremdlinge verschwunden waren. »Nie gut, wenn solche Leut' kommen. Wie viel mal sie treib' Deifelei in der Wald, wie Ihr und ich nicht sehr weit ab war, Sus. Wie alt Ihr werd' Rothhaut und vergeßlich. Niemand kann's aushalt' mit farbig' Mann. Botz, ich zuweil' glaub, ich leb' ebig, und es mir oft wunnerbar, wenn ich daran denk', wie lang ich bleib auf dieser Erd'!« Dergleichen Ergüsse waren nichts Ungewöhnliches bei dem alten Jaaf, und Niemand achtete darauf. Auch schien er selbst keine Antwort zu erwarten, und es dachte Niemand entfernt daran, ihm etwas darauf zu erwiedern. Was den Fährtelosen betraf, so erhob er sich mit traurigem Gesichte, und begab sich nach der Hütte, einem Manne gleich, welcher wünscht, mit seinen Gedanken allein gelassen zu werden. Meine Großmutter ertheilte Weisung, daß der Wagen weiter fahren sollte, und wir Uebrigen kehrten zu Fuß nach dem Hause zurück.   Einundzwanzigstes Kapitel. Des ros'gen Tages süße Freundin, Dich führt dein ländlich Echo ein; Im Lüftchen leis wiegt summend sich die Biene, Und seine Klage mengt der Kukuk drein. Campbell .   Den Abend verbrachte ich im Familienkreise unter meinem eigenen Dache. Obschon jetzt meine Anwesenheit auf dem Besitzthum Allen, die sich möglicherweise dafür interessirten, bekannt war, so kann ich doch nicht sagen, daß ich wegen der Antirenters und der Gefahren, die vielleicht aus dieser Entdeckung hervorgingen, sonderliche Besorgnisse hegte. Die Memmenhaftigkeit der »Inschens« in Anwesenheit der eigentlichen Indianer und ihre frühere Großthuerei, die man für wahren Muth gehalten hatte, dienten nicht dazu, den Unzufriedenen Achtung zu erwirken, sondern machten mich im Gegentheil geneigt, ihrem Verfahren weit gleichgültiger zuzusehen, als wohl sonst der Fall gewesen wäre. Ich fühlte mich glücklich im Umgang mit meiner Schwester, mit Mary und den Mündeln meines Onkels, so daß ich den Ruhestörern erst wieder einen Gedanken zuwandte, als es schon ganz dunkel war. Die Art übrigens, wie John, nachdem sich die Damen zurückgezogen hatten, Thüren und Fenster verrammelte, machte einen unbehaglichen Eindruck auf mich, und meinem Onkel erging es ebenso. Dieser anscheinend wichtige Dienst war kaum besorgt, als mein treuer maître d'hôtel – denn dieß war gewissermaßen die Stellung des Engländers – wie Robinson Crusoe bewaffnet zu uns in die Bibliothek kam, wo ich und mein Onkel seiner harrten. Er brachte Jedem von uns eine Drehpistole und eine Büchse mit gehörigem Vorrath von Munition. »Missus« – denn so pflegte John meine Großmutter fortwährend zu nennen, obschon dieß bei englischen Bedienten, nachdem sie drei Monate im Land gewesen sind, selten mehr vorkömmt – »Missus hat Befehl ertheilt, einen großen Vorrath von Waffen einzuthun, Mr. Hugh, und wir Alle sind mit Büchsen und solchen Pistolen bewaffnet. Sie selbst hat für sich und Miß Martha Gewehre in ihrem Zimmer; da sie aber meint, ihr könnt besseren Gebrauch davon machen, als Frauenzimmer, so erhielt ich die Weisung, sie zu holen und euch anzubieten, Gentlemen. Sie sind insgesammt geladen und werden sich als gute Schutzmittel erweisen.« »Sicherlich hat es doch doch keinen Anlaß gegeben, von derartigen Wehren Gebrauch zu machen?« rief mein Onkel. »Man kann nie wissen, Mr. Roger, wann der Feind kömmt. Seit der Anwesenheit der Damen sind wir zwar nur dreimal beunruhigt worden, und zum Glück lief es ohne Blutvergießen ab, obschon es zwischen uns und dem Feind zum Schießen kam. Wenn ich sage, daß kein Blut vergossen wurde, so muß ich beifügen – auf unserer Seite lief es unblutig ab; denn wir konnten nicht erfahren, in welchem Grade die Antis gelitten haben, die nicht wie wir eine steinerne Mauer zum Schirme hatten.« »Himmlische Barmherzigkeit, hievon hatte ich keine Ahnung! Hugh, das Land ist in einem schlimmeren Zustand, als ich erwartet hatte, und die Damen dürfen uns über Morgen keine Stunde mehr hier bleiben.« Da zu den Damen, welche mein Onkel im Auge hatte, Mary Warren nicht gehörte, so faßte ich den Gegenstand nicht ganz von seinem Gesichtspunkte auf. Es wurde übrigens nicht weiter von der Sache gesprochen, und kurze Zeit nachher schulterte Jeder seine Büchse, um nach seinem Gemach zurückzukehren. Es war Mitternacht vorbei, als ich mein Zimmer erreichte; aber ich fühlte keine Neigung zum Schlafen. Der Tag war für mich wichtig und reich an Aufregung gewesen; auch übten die heutigen Erlebnisse noch immer einen Einfluß auf mich, der mich an ein Zubettegehen nicht denken ließ. Nachdem die Thüren geschlossen waren, und keine Fußtritte sich mehr vernehmen ließen, herrschte bald durch das Haus eine tiefe Stille, und ich begab mich an ein Fenster, um in die schweigende Nachtlandschaft hinauszusehen. Der Mond war nahezu voll, und verbreitete hinreichend Licht, um die näheren Gegenstände deutlich unterscheiden zu lassen. Der Anblick bot nichts Ungewöhnliches dar, sondern hatte blos einen ländlich lieblichen Charakter. Der Fluß und die weiten Wiesen waren von dieser Seite des Hauses aus nicht zu sehen, wohl aber die Straße, welche sich auf dem Rasen hinzog, das Farmhaus, die ferne Kirche, die hübsche Rectorei (Mary's Wohnung) und eine lange Reihe von Farmen, die im Thal hin lagen und westlich gegen die Höhen hinauf liefen. Nah und fern schien alles in die tiefe Ruhe der Nacht begraben zu sein. Selbst das Vieh in den Feldern hatte sich zum Schlafen niedergelegt, denn es folgt gerne, wie der Mensch, dem Gesetz der Natur und theilt seine Zeit nach Licht und Finsterniß ein. John hatte die Lichter in mein Ankleidezimmer gestellt und die inneren Läden geschlossen; ich aber saß an einem Fenster des Schlafgemachs auf einem Stuhl, nur von dem Monde beleuchtet, der sich seinem Untergang näherte. Ich hatte ein halbes Stündchen oder mehr über die Ereignisse des Tages Betrachtungen angestellt, als es mir vorkam, als bewege sich auf dem Pfade, der zum Dorf führte, und der von der gewöhnlichen Landstraße verschieden war, ein Gegenstand. Dieser Weg lief einige tausend Schritte durch meine eigene Farm und über meine Gründe, war auf eine beträchtliche Entfernung hin zu jeder Seite mit hohen Zäunen begränzt und führte, sobald er die freien Felder verließ, durch das Gebüsch des Rasens. Er war angelegt worden, damit mein Großvater seine Felder befahren konnte, ohne von Thoren oder Hemmstangen gestört zu werden, und lief außerdem durch den mehr erwähnten Waldausläufer, so daß man, wenn man nach dem Dorfe wollte, eine volle Viertelstunde Wegs ersparte. Dieser Pfad wurde von denen, welche beritten das Nest verließen, oder nach demselben kamen, oft benützt, aber in der Regel nur von Angehörigen der Familie. Obgleich er so alt war, als das Nest selbst, kannten Andere ihn doch nur wenig, weil man nicht der allgemeinen Liebhaberei für die Oeffentlichkeit nachgegeben und zwischen dem Nesthaus und der Stelle, wo er jenseits des Waldes ganz in der Nähe des Dorfs mit der Straße sich vereinigte, ein gesundes Wohnhäuslein angebracht hatte. Ich konnte die ganze Linie dieses Privatwegs, mit Ausnahme einiger Zwischenräume, die von Bäumen und Dickicht verborgen waren, von dem Punkte an, wo er endigte, bis zu seinem Eintritt in den Wald überblicken. Ja, es fand hier kein Irrthum statt. So spät die Stunde auch war, galopirte doch ein Reiter oder eine Reiterin unter den Zaungeländern dahin, bald deutlich unterscheidbar, bald auch wieder den Blicken verloren. Ich war des Phantoms ansichtig geworden – denn zu so ungewöhnlicher Stunde und in der trügerischen Beleuchtung brauchte sich die Einbildungskraft nicht sehr anzustrengen, um der Gestalt einen gespenstischen Charakter beizulegen, als es eben aus dem Walde auftauchte, und konnte mich über die Richtigkeit meiner Entdeckung nicht mehr täuschen. Auf dem Rasen ging es durch einen ziemlich beholzten Hohlweg, und kaum war der befremdliche Gegenstand meinen Blicken entschwunden, als ich meine Augen begierig nach der Stelle hinlenkte, wo er wieder aus seinem Versteck auftauchen mußte. Vor dem Hohlweg führte der Pfad noch zwanzig Ruthen weit im Schatten dahin; dann bog er sich quer über den Rasen gegen die Thüre zu und lag auf einer doppelt so großen Entfernung in vollem Mondlicht da. Wo die Beschattung endigte, stand eine einzelne Eiche mit einer Ruhebank, welche während der Hitze des Sommers von den Damen fleißig besucht wurde. Mein Auge wanderte von diesem Punkte aus, welcher hell beleuchtet war, nach dem hin, wo der Hohlweg aufhörte. Hier konnte ich nun eben noch den sich bewegenden Gegenstand wahrnehmen, und ich folgte demselben auf's Aufmerksamste. Das Pferd jagte im Galop die Ansteigung herauf und ermäßigte seine Eile nicht früher, bis unter der Eiche die Zügel angehalten wurden. Jetzt bemerkte ich zu meiner großen Ueberraschung, daß eine weibliche Gestalt mit großer Behendigkeit aus dem Sattel sprang und ihr Thier im Schatten des Baumes festband. Dieß war kaum geschehen, als sie sich, augenscheinlich in großer Hast, dem Hause zu bewegte. Da ich die Familie nicht stören wollte, so verließ ich jetzt auf den Zehen und ohne Licht mein Zimmer, weil der Mond hell genug in die Hausfluren schien, um meinem Zweck zu dienen. Ich eilte in möglichster Schnelligkeit nach dem Erdgeschoß hinunter, mußte aber dort die Bemerkung machen, daß mir dennoch Jemand zuvorgekommen war. Als ich nämlich die kleine Seitenthüre erreichte, an welcher der Pfad endigte und wo die Damen, wenn sie ausreiten wollten, ihre Pferde zu besteigen pflegten, fand ich eine Frauengestalt, die ihre Hand an das massive Schloß gelegt hatte, als wolle sie eben den Schlüssel umdrehen. Man denke sich mein Erstaunen, als ich beim Näherkommen in dem matten Lichte, das durch ein kleines Fenster über der Thüre einfiel, Mary Warren erkannte. Diese unerwartete Entdeckung kam mir in hohem Grade befremdlich vor; aber gleichwohl konnte ich nicht wahrnehmen, daß meine Ankunft einen überraschenden Eindruck auf sie machte. Vielleicht hatte sie, als ich die Treppe herunterstieg, meinen Tritt gehört, und dieß mochte wohl der Grund gewesen sein, daß sie auf die Begegnung gefaßt war. »Ihr habt sie auch gesehen, Mr. Littlepage – nicht wahr?« redete mich Mary in gedämpftem Tone an. »Was kann sie möglicherweise zu so später Stunde hieherführen?« »Ihr wißt also, wer die Person ist, Miß Warren?« entgegnete ich, und ein unbeschreibliches Wonnegefühl folgte meiner Ueberraschung, als ich mir vergegenwärtigte, das holde Mädchen, welches noch eben so angekleidet war, wie eine Stunde vorher, als es das Besuchszimmer verließ, müsse, wie ich selbst, Mondscheinbetrachtungen angestellt haben – eine Art Romantik, die wenigstens auf eine Aehnlichkeit, auf Geschmack, wo nicht auf eine geheime Sympathie zwischen uns hindeutete. »Allerdings,« erwiederte Mary in festem Tone. »Ich glaube, in dieser Person kann ich mich nicht leicht täuschen. Es ist Opportunity Newcome.« Meine Hand faßte den Schlüssel, und ich drehte ihn im Schlosse um. Der noch vorhandene Riegel war gleichfalls bald zurückgeschoben, und wir öffneten die Thüre. Richtig sahen wir auch die erwähnte Person nur zehen Fuß von der Treppe entfernt, die sie ohne Zweifel heranzusteigen gedachte. Sie zeigte große Ueberraschung, als sie bemerkte, wer ihre Pförtner waren, eilte aber in's Haus und blickte ängstlich zurück, als fürchte sie sich vor Verfolgung oder Beobachtung. Ich ging nach dem Bibliothekzimmer voraus, zündete die Lampe an, und wandte mich dann an meine beiden stummen Begleiterinnen, um mir über diesen befremdlichen Besuch Aufklärung zu erbitten. Opportunity war ein Frauenzimmer von etwa sechsundzwanzig Jahren und nicht ohne große persönliche Reize. Der scharfe Ritt und die kürzliche Aufregung hatten das Roth ihrer Wangen erhöht, so daß sie ungewöhnlich lieblich aussah. Gleichwohl war Opportunity keine Person, die in mir eine Liebesflamme hervorrufen konnte, obschon mir bekannt war, daß sie dieß längst beabsichtigt hatte. Ich muß gestehen, daß ich dem Argwohn Raum gab, ihr gegenwärtiges Anliegen stehe mit diesem Plan in Verbindung, weßhalb ich darauf gefaßt war, ihrer Mittheilung nur mit Vorsicht Gehör zu schenken. Was dagegen Opportunity betraf, so zögerte sie damit, und die ersten Worte, die über ihre Lippen gingen, waren nichts weniger, als zart oder frauenhaft. »Ei der Tausend!« rief Opportunity, »ich hätte nicht erwartet euch Zwei zu dieser Stunde der Nacht allein zu treffen!« Ich hätte sie in die Zunge kneipen mögen, um sie von ihrer Neigung, gleich das Aergste zu denken, zu heilen; die Besorgniß für Mary Warren bewog mich jedoch, ihr einen ängstlichen Blick zuzuwenden. Nie hat übrigens das ruhige Bewußtsein der Unschuld besser sich geltend gemacht, als in der Art, wie das holde Mädchen sich diesem rohen Angriff gegenüber benahm – einer Unschuld, die keiner geheimen Absicht, keinem geheimen Wunsche, die Gefühle zu beunruhigen, Raum gibt. »Wir hatten uns bereits nach unseren Schlafgemächern zurückgezogen,« antwortete das edelsinnige Mädchen, »und ich glaube, in meinem Flügel liegt schon Alles im Bett und in tiefem Schlafe. Ich fühlte mich jedoch noch nicht aufgelegt, das Lager zu suchen, und saß am Fenster, um die schöne Mondscheinlandschaft zu betrachten, als ich Euch aus dem Wald heraus reiten und den Pfad heraufkommen sah. Ich erkannte Euch, wie Ihr an der Eiche anlangtet, und eilte herunter, um Euch einzulassen, weil ich mir wohl denken konnte, daß nur etwas Außerordentliches Euch zu so später Stunde hieher führen mußte.« »Oh, durchaus nichts Außerordentliches,« entgegnete Miß Opportunity in unbekümmerter Weise. »Ich liebe den Mondschein so gut wie Ihr Mary, und Ihr wißt ja, daß ich eine desperate Reiterin bin. Ich hielt es für romantisch, nach dem Nest herüber zu galopiren und Morgens zwischen ein und zwei Uhr wieder zurückzukehren. Weiter ist's nicht, kann ich Euch versichern.« Die Ruhe, mit welcher sie dieß sprach, verblüffte mich nicht wenig, obgleich ich nicht thöricht genug war, auch nur eine Sylbe davon zu glauben. Allerdings war Opportunity mit einer ziemlichen Portion gemeiner Sentimentalität begabt, welche manche Mädchen irrthümlicher Weise für seine Bildung zu halten geneigt sind. Indes stand doch nicht von ihr zu erwarten, daß sie um Mitternacht und allein diesen Weg machte, ohne einen besonderen Zweck dabei im Auge zu haben. Es fiel mir ein, letzterer könnte auf ihren Bruder Beziehung haben, weßhalb sie natürlich ihre Mittheilungen unter vier Augen anzubringen wünschte. Wir hatten an einem Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, Platz genommen; Mary und ich saßen nebeneinander, Opportunity aber an der entgegengesetzten Ecke. Ich schrieb nun einige Worte auf einen Streifen Papier, um Mary zu bitten, sie möchte mich mit unserem Besuch allein lassen, und schob ihr das Billet in einer Weise zu, daß Opportunity's Argwohn nicht geweckt wurde, indem ich zu gleicher Zeit mich mit Letzterer über die schöne Nacht, über das Wetter und über ihren Spazierritt unterhielt. Während wir so beschäftigt waren, erhob sich Miß Warren und verließ ruhig das Zimmer. Dieß geschah so leise, daß ich glaube, meine zurückbleibende Gefährtin bemerkte es im Augenblick nicht einmal. »Ich glaube, Miß Opportunity,« bemerkte ich, »Ihr habt durch die Andeutung über unser Alleinsein Mary Warren vertrieben.« »Ach Himmel, was liegt daran? Ich bin daran gewöhnt, mit Gentlemen allein zu sein, und denke mir nichts dabei. Aber sind wir auch wirklich unter uns, Mr. Hugh – werden wir nicht belauscht?« »Vollkommen, wie Ihr seht. Wir Beide und Mary sind, glaube ich, die einzigen Personen im Hause, die nicht zu Bett sind. Sie scheint ein wenig gekränkt zu sein und hat uns deßhalb verlassen; wir sind also ganz allein.« »Oh, ich kümmre mich nicht viel um Mary Warrens Gefühle, Mr. Hugh. Sie ist eine gute Kreatur« – ja, diese elegante junge Dame bediente sich wirklich dieses außerordentlichen Wortes – »und muß schon aus Religiosität nachsichtig sein. Außerdem hat sie nur einen bischöflichen Geistlichen zum Vater, und wenn Eure Familie fortzieht, so kann ich Euch sagen, daß dieses Glaubensbekenntniß in Ravensnest nicht mehr lange bestehen wird.« »So kann ich nur erfreut sein, daß meine Familie noch hier ist, da ich dieses Glaubensbekenntniß ehre und liebe. Der Pfründe soll es an einer guten Begabung nicht fehlen, so lange der habgierige und neuerungssüchtige Zeitgeist den Littlepage's noch etwas zur Verfügung läßt. Was Miß Warren betrifft, so ist es mir lieb, aus Eurem Munde ihren nachgiebigen Charakter rühmen zuhören.« »Ich weiß dieß wohl und beabsichtige mit meinen Worten nicht, in Eurer Anschauungsweise einen Wechsel hervorzubringen, Mr. Hugh. Mary Warren wird übrigens sich durch meine heutige Bemerkung morgen nicht mehr anfechten lassen; ich glaube nicht, daß sie sich nur halb so viel daraus macht, als ich gethan haben würde, wenn sie gegen mich geäußert worden wäre.« Dieß mochte wohl seine volle Richtigkeit haben, denn Mary Warren nahm die Andeutung auf, wie es bei arglosen unschuldigen Seelen stets der Fall ist, wenn ihnen ihr Gewissen nichts vorzuwerfen hat, während Opportunity's Geist geeignet war, die Rüstung anzulegen, die ihr erfahrungsgemäß gut paßte. »Sicherlich habt Ihr diesen langen Spazierritt nicht blos deßhalb gemacht, um den Mond zu bewundern, Miß Opportunity,« warf ich jetzt gleichgültig hin, um sie auf den eigentlichen Gegenstand ihres nächtlichen Besuchs zu bringen. »Wenn Ihr die Güte haben wollt, mir den wahren Zweck mitzutheilen, so werde ich Euch mit Vergnügen Gehör schenken.« »Aber wie – wenn Mary am Schlüsselloch stünde und horchte?« entgegnete die elegante ›Kreatur‹ mit dem Argwohn eines gemeinen Sinnes. »Um eine ganze Münzstadt voll Geld möchte ich nicht, daß sie hörte, was ich Euch mitzutheilen habe.« »Ich glaube nicht, daß wir etwas der Art zu besorgen haben,« antwortete ich, erhob mich aber dennoch von meinem Sitz und warf die Thüre weit auf. »Ihr könnt Euch selbst überzeugen, daß Niemand da ist, wir also ungestört sprechen können.« Opportunity war übrigens nicht so leicht zufrieden gestellt; denn da sie selbst einen neugierigen klatschsüchtigen Charakter besaß, so konnte sie sich nicht wohl denken, daß möglicherweise Andere sich nicht von denselben Gefühlen leiten ließen, wie sie. Sie stand daher auf, ging auf den Zehen in die Flur hinaus und hielt eigene Umschau. Nachdem sie sich endlich überzeugt hatte, daß wir nicht belauscht wurden, kehrte sie nach dem Zimmer zurück, drückte die Thüre leise zu, winkte mir Platz zu nehmen, setzte sich ganz in meine Nähe und schien dann endlich eine Geneigtheit zu verrathen, zur Sache zu kommen. »Dieß ist ein schrecklicher Tag gewesen, Mr. Hugh,« begann sie jetzt mit einer Miene der Bekümmerniß, die sie ohne Zweifel wirklich fühlte. »Wer hätte auch glauben sollen, daß hinter dem Straßenmusikanten Ihr stecktet und der alte deutsche Uhrenhausirer Mr. Roger war! Wahrhaftig, die Welt scheint ganz verkehrt zu werden, und Niemand kann mehr wissen, ob er an seinem rechten Platze ist!« »Es war vielleicht ein thörichtes Abenteuer; indeß muß ich sagen, daß wir ihm einige sehr wichtige Geheimnisse verdanken.« »Dieß ist eben das Schlimme. Ich vertheidige Euch so gut ich kann und sage meinen Brüdern, Ihr habet nichts gethan, als was sie jeden Augenblick selbst thun würden, wenn auch nur eine halbe Farm davon abhinge, während in Eurem Falle möglicherweise mehr als hundert in Frage stehen.« »Eure Brüder beklagen sich also, daß ich verkleidet unter den Antirenters auftrat.« »Ja wohl, ganz desperat, Mr. Hugh – sie sind völlig außer sich darüber. Wie sie sagen, ist es sehr unedel von Euch, daß Ihr in dieser Weise in Eure Heimath gekommen seid, um Euren Nachbarn ihre Geheimnisse abzustehlen. Ich habe mich zwar nach Kräften zu Euren Gunsten verwendet, aber wenn sich die Leute einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, so verfangen Worte nichts. Ihr wißt Mr. Hugh, ich bin von den Tagen Eurer Kindheit an stets Eure Freundin gewesen und habe mich mehr als einmal in Ungelegenheiten gebracht, wenn es galt, Euch aus einer Klemme zu helfen.« Während dieser Erklärung, die, nebenbei bemerkt, nicht sonderlich auf Thatsachen fußte, stieß Opportunity einen leisen Seufzer aus, ließ die Augen sinken und nahm eine so verschämte Miene an, daß ich wohl bemerken konnte, ein derartiges Spiel sei ihr zur zweiten Natur geworden. Ich hielt es übrigens nicht für nöthig, in einem solchen Augenblicke eine sehr unpassende Ziererei kund zu geben, da mir eben so wenig einfiel, ein vertrauensvolles Herz irre zu leiden, als ich daran gedacht haben würde, eine Anaconda oder Boa constrictor mit Regenwürmern mästen zu wollen. Ich ergriff daher die Hand der jungen Dame und drückte sie so sentimental als möglich, obschon ich mich vielleicht albern genug dabei ausnahm. »Ihr seid allzu gütig, Opportunity,« antwortete ich. »Ja, ich habe stets auf Eure Freundschaft gebaut und nie daran gezweifelt, daß Ihr mich vertheidigen würdet, wenn meine Abwesenheit mich hinderte, es selbst zu thun.« Ich ließ sodann ihre Hand wieder los, halb in Furcht, die junge Dame könnte im nächsten Augenblicke schluchzend an meinem Halse liegen, wenn ich nicht einige Mäßigung beobachtete. Opportunity schien nur ungern auf meine Hand zu verzichten, aber was konnte ein Mädchen thun, wenn der Gentleman selbst so rücksichtsvoll sich benahm? »Ja, Seneky namentlich ist ganz besonders aufgebracht,« nahm sie wieder auf, »und um ihn zufrieden zu stellen, willigte ich ein, selbst zu dieser Stunde der Nacht herüberzureiten, um Euch von dem in Kenntniß zu setzen, was Euch bedroht.« »Dieß ist sehr freundlich von Euch, Opportunity; aber da es schon so spät ist, wird's vielleicht gut sein, wenn Ihr ohne Zögerung mir mittheilt, was Ihr auf dem Herzen habt, und dann in ein Zimmer geht, um nach dem scharfen Ritt auszuruhen.« »Ihr sollt hören, was ich Euch mitzutheilen habe, denn 's ist hohe Zeit dazu; aber von Ausruhen kann keine Rede sein. Sobald der Mond untergeht, muß ich wieder auf mein Pferd und in vollem Galop zurück, denn heute Nacht darf ich nur in meinem eigenen Bette schlafen. Natürlich werdet Ihr und Mary Warren über meinen Besuch Stillschweigen beobachten, da ich nur Euer Bestes dabei im Auge hatte.« Ich gab ihr diese Zusicherung für Mary sowohl, als für meine Person, und drang dann in sie, die Nachricht, um derer willen sie so weit geritten war, nicht länger zu verschieben. Die Mittheilung ward bald gemacht, und erwies sich als hinreichend beunruhigend. Einen Theil der Thatsachen erfuhr ich von Opportunity selbst, das Uebrige aber später aus unterschiedlichen zuverlässigen Quellen. Der Sachbestand war im Wesentlichen folgender: – Seneka war der Inschenbande und seinen antirentisch gesinnten Bundesgenossen, als dieselben ihren schleunigen Rückzug nach dem Dorfe antraten, nachgeeilt, und seine Eröffnungen hatten eine allgemeine Bestürzung zur Folge. Es wurde jetzt bekannt, daß der junge Pariser Verschwender auf seinem Besitzthum angelangt war, – ja daß er sich an demselben Tage unter den Unzufriedenen befunden und viele ihrer Geheimnisse erspäht hatte. Daraus folgerte man nun, er habe sich wahrscheinlich gewisse Pächter, deren Zeit demnächst abgelaufen war, ad notam genommen. So schlimm nun hiedurch die Sachen wurden, war dieß doch noch nicht das Aergste; denn man nahm es für ausgemacht an, der junge Grundherr habe Einige von den verkappten Verbrechern erkannt, und hege gegen andere Argwohn. Natürlich war der Schuldige seiner Gnade preisgegeben, und die Verschwörer hatten noch natürlichen Verstand genug, um zu begreifen, daß ein Mann, den man seines Besitzthumes zu berauben gedachte, aller Wahrscheinlichkeit nach die Waffen gegen seine Feinde kehren werde, sobald sich Gelegenheit dazu darbiete. Wenn sich Leute bei einem Unternehmen betheiligen, das so eingefleischt schändlich ist, wie der seiner Ansprüche entkleidete und in nackter Häßlichkeit dastehende Antirentismus, so darf man von ihnen nicht erwarten, daß sie es blos bei Spielereien bewenden lassen, und eben dem verzweifelten Charakter des Unfugs verdankt das Land die schamlose Unterdrückung der Wahrheit, die sich so allgemein in seinem weitern Verlaufe ausspricht, indem man die gefährliche Grundsatzlosigkeit, die Verwirrung zwischen Recht und Unrecht, und die schließlich daraus hervorgegangenen Mordthaten ganz und gar ignorirt. Es ist blos das jämmerliche Prärogativ der Demagogen gewesen, dem entsittlichenden Gang der Dinge das Wort zu reden, und so kam es denn, daß das Land Zeuge sein mußte, wie dieselben Quasigesetzgeber – Gesetzgeber durch die Stimme einer Partie und durch die Höflichkeit des Landes, wenn auch durch keine andere Eigenschaft – mit der Miene hoher Anspruchsfülle einerseits die höchst bedenkliche Politik eines Versuchs, die Menschen durch ein Statutargesetz moralisch zu machen, unterstützen, andererseits aber mit offenkundigen Räubern Hand in Hand gehen. Bei einem solchen Zustand der Gesellschaft darf es Niemand wundern, wenn jedes Hilfsmittel versucht wurde, mich durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen. Ein Conclave der Rädelsführer beschloß später, ich und mein Onkel sollten vor einem antirentisch gesinnten Friedensrichter wegen Verletzung des kürzlich erschienen Verbotes die »Verkappung und Bewaffnung« betreffend, verklagt werden, damit wir nicht gegen die eigentlichen Verbrecher auftreten könnten. Allerdings hatten wir keine Masken vorgehabt, aber unsere Verkleidungen waren gleichwohl von der Art, daß sie in den Bereich des Gesetzes gefallen wären, wenn wir Waffen getragen hätten. Letztere hatten wir absichtlich nicht mit uns geführt; doch was machten sich Schurken, wie die in Frage stehenden Verschwörer, aus einem Meineid? Der Friedensbeamte, an den sich Seneka mit seiner Beschwerde zu wenden gedachte, hatte schon ähnliche Schwüre angenommen und Verhaftungsbefehle unterzeichnet, blos um diesen Hauptdemagogen in die Lage zu setzen, einen Vergleich zu erwirken. Man hielt es übrigens nicht für zureichend, mich und meinem Onkel mit einer derartigen Klage zu bedrohen, sondern bot auch anderweitige Einschüchterungen auf, um uns Furcht vor einem Kriminalprozeß einzujagen – eine Maßregel, welche uns zeigen sollte, daß es unsere Feinde in baarem Ernst meinten. Opportunity hatte in Erfahrung gebracht, daß man mit irgend einem gefährlichen Versuche umging, und glaubte, daß derselbige noch in der nämlichen Nacht bewerkstelligt werden sollte, obschon sie nicht wußte, worin derselbe bestand, wenn sie nicht etwa absichtliche Unkenntniß vorschützte. Der Zweck ihres Besuchs lief darauf hinaus, daß sie für ihren Bruder oder für ihre Brüder einen Vergleich erzielen wollte, und indem sie mich vor irgend einer unbekannten, aber dringenden Gefahr warnte, hoffte sie vielleicht, all jenen Einfluß wieder zu gewinnen, der, wie sie meinte, einer so wesentlichen Dienstleistung nicht fehlen konnte. Ohne Frage durfte ich von Glück sagen, daß ich eine solche Freundin im feindlichen Lager besaß, obgleich frühere Erfahrung mich Vorsicht gelehrt hatte und ich daher wohl auf der Hut sein mußte, daß mein unglückliches empfindsames Herz nicht in den Maschen eines Netzes hängen blieb, welches schon so oft nach demselben ausgeworfen worden war. »Ich erkenne ganz die Wichtigkeit Eures Dienstes, Miß Opportunity,« versetzte ich, nachdem die zungengeläufige junge Dame ihre Geschichtchen angebracht hatte, »und werde nicht ermangeln, desselben eingedenk zu sein. Natürlich kann von einem unmittelbaren Abfinden mit Eurem Bruder Seneka keine Rede sein, weil ich dadurch einem Verbrechen Nachsicht zu Theil werden ließe und mich selbst der Strafe aussetzte; aber wenn es mir passend erscheint, kann ich mich unthätig verhalten, und Ihr dürft darauf zählen, daß Eure Wünsche bei mir großes Gewicht haben. Der Versuch, meinen Onkel und mich verhaften zu lassen, macht mir, im Fall er je beabsichtigt werden sollte, keine Sorge, da er die Anstifter nur einer Klage wegen boshafter Verfolgung aussetzen würde. Es ist überhaupt noch zweifelhaft, ob wir im Sinne des Statuts verkleidet waren, und in keinem Fall sind wir bewaffnet gewesen. Ohne Meineid muß also eine derartige Klage nothwendig fehl schlagen –« »In diesen Antirentenzeiten schwören die Leute verzweifelte Eide!« unterbrach mich Opportunity mit einem bedeutsamen Blicke. »Ich weiß dieß wohl. Menschliches Zeugniß ist ohnehin selbst im besten Fall mangelhaft und oft unzuverlässig; in Zeiten der Aufregung, der Leidenschaft und der Habgier aber wird es oft zur verbrecherischen Lüge. Vorderhand ist's übrigens das Wesentlichste, den schlimmen Anschlägen auf die Spur zu kommen, welche gegen uns beabsichtigt werden.« Opportunity's Auge wandte sich nicht ab, als das meinige, während sie diese Frage beantwortete, auf ihr haftete, sondern sie behauptete die ganze Ruhe der Aufrichtigkeit. »Es wäre mir lieb, ich könnte Euch davon in Kenntniß setzen, Mr. Hugh,« versetzte sie, »aber was Ihr bereits wißt, ist Alles, was ich Euch mitzutheilen im Stande bin. Ich lebe der Ueberzeugung, daß heute Nacht noch etwas Schlimmes versucht werden wird; worin es aber besteht, ist mir selbst unbekannt. Ich muß jetzt wieder nach Hause, denn der Mond ist beinahe untergegangen, und es wäre mir nicht lieb, wenn ich von einem der Antirenter gesehen würde. Das Wenige, was ich zu Gunsten der Littlepages bereits vorbrachte, hat mir ohnehin schon Feinde gemacht; man würde mir nie vergeben, wenn mein nächtlicher Ritt bekannt würde.« Opportunity erhob sich nun und eilte mit einem Lächeln hinweg, welches ich mit der vollen Geschützsalve eines Corsaren vergleichen möchte, wenn er seine Anwesenheit so denkwürdig als möglich machen möchte. Natürlich begleitete ich sie bis nach der Eiche und half ihr in den Sattel. Bei dieser Gelegenheit ergaben sich einige kleine Züge ländlicher Koketterie, und die junge Dame that, als entfernte sie sich nur mit Widerwillen, obschon Alles bereit und sie in so großer Eile war. Ihr Spiel stand zuverlässig so verzweifelt, wie das der Antirenter selbst, aber jedenfalls war sie fest entschlossen, es auszuspielen. Der Mond war noch nicht ganz untergegangen, und dieser Umstand diente ihr als Vorwand zur Zögerung, während ich glaubte, sie möchte noch eine weitere Mittheilung auf dem Herzen haben. »Eure Warnung ist so freundlich gewesen, theure Opportunity,« sagte ich, sanft eine meiner Hände auf die ihrige legend, während sie die Zügel hielt; »sie erinnert mich so ganz an die alten Zeiten – so ganz an Euch, wie Ihr vordem waret, daß ich kaum weiß, wie ich Euch danken soll. Doch wir werden's noch erleben, daß es wieder wird, wie ehedem, und dann kann der frühere Verkehr zwischen uns wieder eröffnet werden. Es waren glückliche Tage, als wir mit einander über die Berge galopirten – allerdings sind wir damals noch bloße Kinder gewesen; aber ich hoffe, Ihr werdet zugeben, daß wir frohherzige Kinder waren.« »Ja wohl sein wir dieß gewesen« – Opportunity's Erziehung und Anmuth erstreckte sich im gewöhnlichen Gespräche nicht bis zu einer guten Grammatik, die vielen unter uns als etwas Antirepublikanisches erscheint – »ja wohl sein wir dieß gewesen, und ich möchte jene Tage wieder durchleben. Doch laßt's Euch nicht anfechten, Hugh; Ihr werdet's schon so weit bringen, mit diesen Leuten zurecht zu kommen, und dann macht Ihr Euch natürlich seßhaft und heirathet. Ihr gedenkt doch zu heirathen?« Dieß war eine ziemlich unverhohlene Demonstration; aber ich war – und welcher junger Mann von Vermögen könnte nicht das Gleiche von sich sagen? – an Derartiges schon gewöhnt, und wenn man die Gefahr kennt, kann man sie leicht vermeiden. Ich drückte ihre Hand sanft, ehe ich sie los ließ, und bemerkte dann in etwas unzufriedenem Tone: »Ich sollte Euch freilich nicht wieder fragen, worin die Benachtheiligung besteht, die ich heute Nacht zu gewärtigen habe. Ich weiß, ein Bruder ist ein näherer Freund, und kann daher Euer Bedenken gar wohl zurecht legen.« Opportunity hatte dem muthigen Thiere, das sie ritt, bereits die Zügel gelassen und war im Begriffe, davon zu sprengen; aber die letzten Worte rührten ihr Herz. Sie lehnte sich vorwärts, beugte ihren Kopf, daß unsere Gesichter kaum einen Fuß von einander abstanden, und sagte dann mit gedämpfter Stimme: » Feuer ist ein guter Diener, aber ein gewaltthätiger Herr. Ein Theekessel voll Wasser, zur rechten Zeit darauf geworfen, hätte den letzten großen Brand in York verhüten können.« Diese Worte waren kaum über ihre Lippen geglitten, als das kühne Mädchen ihrem Pferde einen schallenden Hieb versetzte, und mit fast lautlosem Huf galopirte sie über den Rasen dahin. Ich schaute ihr eine Weile nach und sah sie in die Hohlgasse hineinreiten. Nachdem sie meinen Blicken entschwunden war, fand ich Gelegenheit, allen meinen Gedanken nachzuhängen. » Feuer !« – Dieß war wirklich ein verhängnißvolles Wort. Es ist das stets fertige Werkzeug des gemeinen Schurken, und man kann sich vor dem Lecken seiner verzehrenden Zunge nicht genug in Acht nehmen. Schon hatte es in diesen Antirentenunruhen eine Rolle gespielt, obschon vielleicht weniger, als unter ähnlichen Umständen fast in jedem andern Lande der Fall gewesen wäre; denn die Institutionen Amerika's haben, selbst wenn sie manchen irrigen und übertriebenen Ansichten von Freiheit Bahn brachen, doch darin eine sehr wohlthätige Wirkung geübt, daß sie einige von den andern Uebeln der Menschheit milderten. Dennoch hatte man bereits zu Feuer seine Zuversicht genommen, und der Ausdruck »Scheunenanzünder« ist unter uns sehr gemein geworden – weit gemeiner, als, wie ich mit Freuden sagen kann, die Unthat, welche zu dieser Bezeichnung Anlaß gab. Gleichwohl war es augenscheinlich für gewisse Personen in Ravensnest von höchster Wichtigkeit, mich durch Einschüchterung von einem gerichtlichen Verfahren gegen sie abzuhalten, da, wenn anders Gerechtigkeit waltete, ihre Verbrechen nothwendig nach dem Gefängnisse des Staats führen mußten. Ich beschloß daher selbige Nacht, mein Haupt nicht eher auf den Pfühl zu legen, bis ich die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß die Gefahr vorüber war. Der Mond war jetzt untergegangen: aber die Sterne ergoßen ihre funkelnden Strahlen über die umnachtete Landschaft. Ich bedauerte diesen Wechsel nicht, da er mich in die Lage setzte, umherzugehen, ohne daß ich so leicht wahrgenommen zu werden besorgen mußte. Zuerst sollte ich einige Gehilfen aufsuchen, die mich in meinem Wächteramte unterstützten, und da fiel mir denn ein, mich unter meinen Gästen, den Indianern, um Beistand umzusehen. Wie Feuer durch Feuer zu bekämpfen ist, so ist ein Indianer stets im Stande, es mit einem »Inschen« aufzunehmen, denn zwischen diesen beiden Klassen von Menschen findet just der Unterschied statt, der durch ihre Bezeichnung angedeutet ist. Der Eine benimmt sich stets natürlich, würdevoll und in seiner Art fein – ja ich möchte sagen, gentlemanisch, während der Andere ein schleichender Schurke und so gemein ist, wie sein Name. Niemand würde daran denken, diese verkappten Schurken »Indianer« zu nennen, und die allgemeine Stimme hat sie, ohne daß auch der sorgfältigste Sprachpurist etwas dagegen einzuwenden hätte, »Inschens« getauft. » Il y a chapeau et chapeau ,« und eben so gibt es auch »Indianer und Inschens.« Ohne nach dem Hause zurückzukehren, wählte ich meine Richtung geradenwegs nach dem Quartier meiner rothen Gäste. Da ich jeden Gegenstand in meiner Umgebung kannte, so hielt ich mich im Schatten und schlich über den Rasen und die Felder auf einem so verborgenen Wege, daß ich nicht sonderlich fürchten durfte, beobachtet zu werden, selbst wenn der Feind Späher ausgestellt hatte. Die Entfernung war nicht groß, und ich hatte bald den Fuß des kleinen Hügels erreicht, auf welchem das alte Farmhaus im Schutze einer dunkeln Reihe alter Johannisbeerbüsche stand, welche sich unten an dem früheren, jetzt halbverödeten Garten hinzogen. Hier machte ich Halt, um einen Augenblick nachzudenken und mich umzusehen, ehe ich weiter schritt. Dort stand das gute, alte, wohnliche Haus meiner Väter in seinen schattigen Umrissen, groß und massenhaft durch das Dunkel ragend. Es konnte allerdings von außen angezündet werden; aber jedenfalls war dieß keine so leichte Aufgabe, da es mit Ausnahme des Dachs, der Piazza und der Außenthüre dem Brandstifter nur wenig feuerfangendes Material darbot. Gegen eine solche Gefahr konnte man sich also durch einen geringen Grad von Wachsamkeit sicher stellen. Auch bedrohte das Gesetz Brandstiftung an einem bewohnten Hause, wie dieß bei Mordbrennerei nicht mehr wie billig ist, mit dem Tode, und die schleichenden Schurken unseres Landes wagen es selten, eine solche Gefahr über sich ergehen zu lassen. Man hat zwar viel über die Zweckwidrigkeit der Bestrafung durch den Strang gesprochen, aber Niemand kann sagen, wie viel tausendmal sie einer verbrecherischen Hand Einhalt gethan und das Herz zum Zittern gebracht hat. Ehe Jemand unter uns auftreten kann, der dieses wichtige Geheimniß zu enthüllen im Stande ist, dürfte es wohl eitel sein, über die wenigen Fälle zu sprechen, von denen bekannt ist, daß die Gefahr des Todes unzureichend war, einem Verbrechen vorzubeugen. So viel ist eine Erfahrungssache, daß trotz des Bestandes anderer Züchtigungen unter Verhöhnung derselben täglich und stündlich Verbrechen begangen werden: es ist daher nicht einzusehen, warum dieß nicht eben so gut als Beweis für die Unzulänglichkeit der Pönitentiarstrafen aufgebracht wird, als man den gleichen Grundsatz gegen die Strafe des Galgens geltend macht. Was mich betrifft, so bin ich vollkommen der Ansicht, man solle das Bewußtsein zu unterhalten suchen, daß es eine Macht im Lande gebe, welche kräftig genug ist, den Verbrecher aus dem Leben zu schaffen, sobald sich's um zureichend wichtige Fälle handelt, um eine solche Warnung zweckmäßig zu machen.   Zweiundzwanzigstes Kapitel. »O Zeit und Tod, mit sich'rem Schritte, Wenn ungleich auch, eilt ihr dahin. Im wilden Lauf Palast wie Hütte Und Throne wandelnd in Ruin. Ihr übt dieß Werk nicht in den Streichen Des Kriegs blos und im Hauch der Pest, Der sich gebiert in fernen Reichen Und wandernd hält sein Opferfest.« Sands .   Außerhalb des mit Steinmauern versehenen Hauses befanden sich zahlreiche Nebengebäude. Die Kutschen-Remise, die Ställe und die Scheune waren zwar gleichfalls von Stein, aber ein Brand in einen Heustock geworfen, konnte leicht großen Schaden anrichten. Die Scheunen, Heuschuppen u.s.w. auf den Ebenen und in der Nähe von Miller's Wohnung waren nach Landesbrauch insgesammt von Holz hergestellt, und wenn man die Brandfackeln an solchen Orten einlegte, so wurde die That nicht mit dem Tod bestraft. Die »Verkappten und Bewaffneten,« welche sich ein derartiges Verbrechen zu Schulden kommen ließen, liefen demnach keine andere Gefahr, als die war, welcher sie sich durch Verfolgung ihrer verzweifelten Plane bereits ausgesetzt hatten. Nachdem ich eine Weile über diese Dinge nachgedacht hatte, brach ich mir durch die Stachelbeerbüsche Bahn, um vermittelst einer Oeffnung in dem hinfälligen Zaun den Garten und auf einem Privatweg das Haus zu erreichen. Ich war übrigens nicht wenig erstaunt und einigermaßen auch beunruhigt, als ich, sobald ich aus dem Dickicht auftauchte, einen Mann vor mir stehen sah. »Wer sein – wohin gehen – was wollen?« fragte eine von den ächten Rothhäuten bedeutungsvoll. Die Person, welche mich anhielt, war eine Schildwache der Indianer, deren Wachsamkeit auch meine behutsame Annäherung nicht entgangen war. Ich theilte ihm mit, wer ich sei, und sagte ihm, ich sei gekommen, um den Dolmetscher Vielzunge aufzusuchen. Mein rother Freund hatte mich kaum erkannt, als er mir nach indianischer Sitte die Hand zum Drucke hinbot und sich vollkommen zufrieden zu geben schien. Er stellte keine Frage, verrieth keine Neugierde über einen Besuch zu so ungewohnter Stunde, und nahm das Ganze auf, wie man etwa im gewöhnlichen Leben einen Besuch zwischen zwölf und drei Uhr zu betrachten pflegt. So viel konnte er sich wohl denken, daß ich nicht ohne Grund gekommen war; um was es sich übrigens handelte, dieß machte ihm keine Sorge. Er begleitete mich nach dem Hause und deutete nach der Stelle, wo der Dolmetscher in einem wohlgeschüttelten Bund Stroh schnarchte. Bei der ersten Berührung meines Fingers wachte Vielzunge auf und erhob sich von seinem Lager. So dunkel auch das Zimmer war, erkannte er mich augenblicklich; er berührte meinen Arm zum Zeichen, daß ich ihm folgen solle, und ging ins Freie hinaus voran. Nachdem wir uns außer Hörweite befanden, blieb er stehen und ging wie ein Mann, der an dergleichen Unterbrechungen gewöhnt ist, zur Sache über. »Etwas los heute Nacht?« fragte der Gränzmann mit der ganzen Ruhe eines Menschen, der stets auf Alles gefaßt ist. »Soll ich meine Rothhäute aufbieten, oder habt Ihr mir nur eine Mittheilung zu machen?« »Hierüber mögt Ihr selbst urtheilen. Ohne Zweifel kennt Ihr den Zustand, in welchem sich dieser Landestheil befindet, und die Unruhen, welche wegen Bezahlung der Renten für die Benützung des Grund und Boden ausgebrochen sind. Was Ihr heute gesehen habt, ist ein Pröbchen von den Scenen, die um uns her ohne Unterlaß vorgehen.« »Obrist,« versetzte der Dolmetscher schleppend, nachdem er wie ein Jagdhund gegähnt hatte, mir einen der Titel verleihend, welche an der Gränze am beliebtesten sind, »ich könnt' nicht eben sagen, daß ich den Zustand der Dinge, wie er hier unten herum ist, gehörig verstünde. Wie's mir vorkommt, ist's weder das Eine noch das Andere, weder Tomahawk, noch Gesetz. Was beide besagen wollen, ist mir wohl bekannt, aber diese Halbheit, dieses Zwischending setzt mich in Verlegenheit, und ich weiß nicht, wie ich's zurecht legen soll. Entweder solltet Ihr das Gesetz haben, oder Ihr solltet keins haben, und wie's einmal ist, dabei sollte man bleiben.« »Ihr wollt damit sagen, dieser Landestheil erscheine Euch weder als civilisirt, noch als wild – er unterwerfe sich keinem Gesetz und gestatte doch nicht die naturgemäße Selbsthilfe.« »So etwas der Art. Als ich die Begleitung dieses Häufleins von Rothhäuten übernahm, sagte mir der Agent, ich komme in eine Gegend, wo es Friedensrichter gebe und wo sich Niemand, sei's nun eine Rothhaut oder ein Blaßgesicht, selbst Recht verschaffen könne oder dürfe. Wir haben uns deßhalb Mühe gegeben, dieser Regel nachzuleben, und ich kann bezeugen, daß seit unserem Uebergang über den Mississippi kein menschliches Wesen erschossen oder skalpirt worden ist. Ein derartiges Gesetz war unter uns wohl vonnöthen, da wir von verschiedenen, sich feindlich gegenüberstehenden Stämmen herkommen, und nichts wäre leichter gewesen, als einen Streit unter uns selbst auszuhecken, wenn irgend einer aus dem Haufen Lust dazu gehabt hätte. Ich muß übrigens sagen, daß nicht nur ich, sondern auch die meisten von meinen Häuptlingen grausam in ihren Erwartungen getäuscht worden sind.« »In Euren Erwartungen getäuscht? – Und in welcher Beziehung, wenn ich fragen darf?« »In gar vielen Stücken. Das erste, was mich zum Nachdenken brachte, war der Umstand, daß ich die Zeitungen vorlesen hörte. Die Art, wie in diesen Dingen die Leute von einander sprechen, ist merkwürdig, und ich kann mich nicht genug wundern, daß am Ende vom Jahre noch so eine Zeitung übrig ist, um im nächsten Jahr das nämliche Spiel wieder anzufangen. Seht, Obrist Littlepage – –« »Ich bin kein Obrist – nicht einmal Fähndrich. Ihr werdet mich wohl mit einem anderen Glied meiner Familie verwechseln.« »So solltet Ihr's wenigstens sein, Sir, und ich will Euch nicht so sehr verunglimpfen, daß ich Euch mit einem geringeren Titel bezeichne. Ich habe Gentlemen aus dem Westen gekannt, die nicht den vierten Theil von Euren Ansprüchen haben und gleichwohl Schinrale genannt wurden. Jage ich doch schon meine fünfundzwanzig Jahre in den Prairien und bin wohl sechsmal über die oberen See'n gekommen; ich muß also so gut wie ein Anderer wissen, was einem Gentleman gebührt. Wie ich also sage, Obrist Littlepage, wollten in den Prairien draußen die Leute von einander reden , wie sie hier unter den Meetinghäusern über einander drucken lassen, so gäb's so viele Skalpe, daß sie bedeutend im Werth fallen würden. Ich nimm's zwar im Ganzen nicht besonders genau, aber mein Gefühl hat sich schon empört, wie ich dergleichen Dinge nur lesen hörte ; denn was das Selbstlesen betrifft, so ist dieß eine Sache, zu der ich mich nie herabgelassen habe. Ich wurde hiedurch einigermaßen darauf vorbereitet, daß ich die Dinge ganz anders treffen werde, je tiefer ich in die Settlements gerathe, und was dieß betrifft, so ist meine Erwartung nicht getäuscht worden; der alten Idee hat man einen Strich durch die Rechnung gemacht.« »Es nimmt mich nicht Wunder, Euch so sprechen zu hören, und ich bin ganz mit Euch einverstanden, daß eine Nation aus übermenschlichen Wesen zusammengesetzt sein muß, wenn sie einer Presse von so durchaus schlechtem Charakter, wie der in diesem Lande ist, soll widerstehen können. Um übrigens zur Sache zu kommen – nothwendig müßt Ihr Euch eine Vorstellung gebildet haben über diese verkappten Wilden, und ohne Zweifel habt Ihr auch von den Leuten, die man Antirenters nennt, gehört?« »Zum Theil, zum Theil auch nicht. Ich kann nicht begreifen, warum sich ein Mensch zur Rentenzahlung verpflichten und hintendrein die Erfüllung der Pflicht verweigern mag. Ein Vertrag ist ein Vertrag, und das Wort eines Ehrenmanns gilt so gut wie seine Handschrift.« »Diese Ansichten würden hier herum Aufsehen machen, und ich nehme selbst gewisse Gesetzgeber nicht aus. Bei ihnen gilt als moralischer Probierstein einer jeden Verbindlichkeit, ob sie den Partieen zusage oder nicht.« »Mit Erlaubniß, Obrist, nur ein Wort. Schenkt man den Beschwerden der Eigenthümer des Bodens eben so viel Gehör, wie den Klagen Derer, die das Land pachten, um durch ihre Arbeit ihr Auskommen darauf zu finden?« »Durchaus nicht. Die Beschwerden der Grundbesitzer, wären sie auch noch so wohl begründet, finden selbst in der Brust des weichherzigsten amerikanischen Politikers nicht eine einzige sympathetische Saite. Ihr treibt Euch in den Prairien um und könnt natürlich auch keine besondere Achtung vor Grundbesitzrechten haben.« »Die Prairie ist Prairie, Obrist, und man lebt und handelt auf dem Prairieboden nach dem Prairie-Gesetz. Aber auch Recht ist Recht, Obrist, so gut als Prairie Prairie ist, und ich hab's immer gerne, wenn es sich Geltung verschafft. In der That, Ihr werdet unter allen den Häuptlingen, die unter jenem Dache schlafen, auch nicht eine einzige Rothhaut finden, die nicht ihre Stimme darwider erhübe, wenn Einer von einem feierlichen Vertrag abgehen wollte. Ich sollte meinen, bis Einem ein solcher Gedanke kömmt, muß ihn die Weise des Gesetzes schon hart gemacht haben.« »Ihr glaubt also, diese rothen Männer wissen etwas von der Natur der Mißhelligkeiten, die hier herum stattfinden?« »Sie haben davon gehört und viel über die Sache mit einander gesprochen. Es widerstrebt der innersten Natur eines Indianers, sich zu etwas anheischig zu machen und das Gegentheil zu thun. Doch hier ist ein Chippewa auf dem Lugaus. Wir wollen eine Frage an ihn richten, und Ihr sollt seine Antwort hören.« Vielzunge redete jetzt die Schildwache an, die in unserer Nähe umherschlenderte. Nach einigen Fragen und Antworten in der Sprache des letzteren theilte mir der Dolmetscher mit, was sie mit einander verhandelt hatten. »Der Chippewa hat irgendwo gehört,« sagte er, »daß es in diesem Theil der Welt Leute gebe, welche durch Zusage von Rentenzahlung zu Wigwams kämen; wenn sie aber einmal im Besitz wären, gingen sie von ihren Versprechungen ab, und verlangten, der Mann, dem sie die Wohnung abmietheten, solle sein Recht daran beweisen. Ist dieß wahr, Obrist?« »Ohne alle Frage. Und nicht nur die Pächter tragen sich mit solchen Tücken, sondern sie haben auch Andere gefunden, die, obschon sie sich Gesetzgeber nennen, sehr geneigt sind, ihnen in ihrem Betrug Vorschub zu leisten. Die Sache ist gerade so, als wenn ich Euch für einen Tag zum Jagen eine Büchse abborgte oder abmiethete; Ihr kommt am Abend, um Euer Eigenthum wieder anzusprechen; aber jetzt halte ich Euch entgegen, Ihr sollet beweisen, daß Ihr der rechtmäßige Eigenthümer seiet.« »Was geht dieß Euch an? Ihr habt die Büchse von mir, und Euer Recht daran ist kein anderes, als das meinige. Ihr seid daher verpflichtet, bei Eurem Vertrag stehen zu bleiben. Nein, nein, Obrist; es gibt in den Prairien nicht eine einzige Rothhaut, die ob einem solchen Verfahren mit Revolution anfangen würde. Aber was hat Euch zu dieser Stunde der Nacht hergeführt? Die Männer, die in Betten schlafen, stehen in der Regel nicht gern auf, bis sie die Morgensonne weckt.« Ich ertheilte nun Bericht über den erhaltenen Besuch, ohne übrigens den Namen Opportunity's zu erwähnen, und berührte dabei die Warnung, die mir ertheilt worden war. Der Dolmetscher ließ sich die Aussicht auf ein Zusammenprallen mit den Inschens durchaus nicht anfechten, denn er hegte einen Groll gegen sie, nicht blos wegen der kleinen Angelegenheit des vorigen Tags, sondern hauptsächlich deßhalb, weil sie durch die plumpe, feige Weise, in welcher sie ihre Nachäfferei ausführten, die ächten Wilden in Mißkredit brachten. »Von solchen Kreaturen ist nichts Besseres zu erwarten,« bemerkte er, nachdem wir die Sache nach allen ihren Theilen besprochen hatten, obschon selbst in den Prairien das Feuer als gesetzliches Kriegsmittel gilt. »Was mich betrifft, so thut's mir nicht leid, wenn's hier etwas zu thun gibt, und auch meine Häuptlinge werden's nicht beklagen; denn 's ist gar langweilig, Monate und Monate hinter einander nichts zu thun, als beim Berathungsfeuer zu rauchen, vor Leuten, die nur leben, um zu schwätzen, zu essen und zu trinken. Thätigkeit gehört zur Natur eines Prairiemanns, und wenn er eine Zeitlang Ruhe gehabt hat, freut er sich stets, seinen Flintenstein wieder zu schärfen. Ich will dem Chippewa sagen, er solle hineingehen und die Rothhäute herbringen; dann könnt Ihr ihnen Eure Weisungen ertheilen.« »Wachsamkeit wäre mir lieber, als Gewalt. Die Männer können sich in der Nähe des Hauptgebäudes auf die Lauer legen, und es wird auch gut sein, einiges Wasser bereit zu halten, damit man, wenn's so weit kömmt, das Feuer löschen kann, ehe es um sich greift.« »Ganz zu Befehl, Obrist – denn für mich seid Ihr Kapitän General. Laßt Euch übrigens sagen, wie ich's in den Prairien draußen einmal hielt, als ich einen schuftigen Sioux erwischte, welcher eben das Feuer anbließ, das er an eine von meinen Hütten angelegt hatte. Ich legte ihn auf die Flamme, und er mußte sie mit seinem Blute löschen.« »Wir dürfen uns keine Gewaltthat erlauben, wenn es nicht zur Rettung der Gebäude unerläßlich nothwendig wird. Das Gesetz gestattet uns nur im äußersten Nothfall den Gebrauch der Waffen. Dagegen ist's mir lieb, wenn Ihr Gefangene macht, denn sie können als Geiseln dienen und zugleich als Beispiel benützt werden, um zugleich die anderen Gesetzes-Uebertreter einzuschüchtern. Ich verlasse mich darauf, daß Ihr unseren rothen Freunden die betreffende Warnung zugehen laßt.« Eine Art Grunzen war die einzige Antwort des Dolmetschers. Das Gespräch nahm übrigens keinen weiteren Fortgang, da jetzt die Indianer, einer nach dem andern aus dem Hause herangeschlichen kamen. Ihre Mienen waren finster und ihre Geberden voll Vorsicht; auch hatten sie insgesammt ihre Waffen bei sich. Vielzunge hielt es nicht für passend, sie lange hinzuhalten, sondern theilte ihnen unverweilt mit, was zu gewärtigen stand. Von jetzt an hatte übrigens sein Ansehen großentheils aufgehört, und Kieselherz übernahm nun die hervorragendste Rolle, obgleich auch Prairiefeuer und ein anderer Krieger mit Ertheilung von Befehlen an die Uebrigen beschäftigt waren. Ich bemerkte, daß Adlersflug bei diesen eigentlich militärischen Verhandlungen sich nicht betheiligte, obschon er sich gleich den Anderen bewaffnet aufstellte und der plötzlichen Berufung Folge leistete. Nach fünf Minuten hatten sich sämmtliche Indianer meist paarweise entfernt, so daß nur noch wir Beide, der Dolmetscher und ich, an der Vorderseite des verlassenen Hauses zurückblieben. Es war jetzt ein Uhr vorbei, und ich hielt es für wahrscheinlich, daß meine Feinde, wenn sie überhaupt in dieser Nacht kamen, bald erscheinen dürften. Ich schlug daher, von dem Dolmetscher begleitet, den Weg nach dem Nesthause ein, um so mehr, da mir beifiel, es könnten im Lauf des Morgens Waffen nöthig werden. Ich hatte nämlich, als ich aus meinem Zimmer ging, die Büchse und die Pistole, welche mir John gebracht hatte, dort gelassen, und beabsichtigte jetzt, mich wieder in's Haus zu schleichen, die Waffen zu holen und mein Licht auszulöschen, dann aber, ohne die Schlafenden zu stören, meinen Begleiter wieder aufzusuchen. Dieser Plan kam, soweit sich's um das Erreichen meines Zimmers und um die Rückkehr nach der Hausthüre handelte, erfolgreich zur Ausführung; unten aber trat mir eine Störung entgegen. Als ich eben das Pförtchen – wie wir scherzweise die Thüre nannten – schließen wollte, fühlte ich, daß sich eine kleine weiche Hand auf die meinige legte, mit welcher ich eben die Thüre zumachen wollte. Im Nu war ich wieder drinnen und an der Seite Mary Warrens. Ich war erstaunt, sie noch auf zu finden, und drückte meine Besorgniß aus, ihre Gesundheit könnte in Folge eines so ungewöhnlichen Wachbleibens leiden. »Nach dem, was heute Nacht vorgegangen ist, konnte ich nicht schlafen, ohne daß ich wußte, was alle diese Bewegungen zu bedeuten haben,« antwortete sie. »Ich bin an meinem Fenster gestanden und habe gesehen, wie Ihr Opportunity aufs Pferd halft, dann aber nach dem alten Farmhause, dem Quartier der Indianer gingt. Sagt mir unverhohlen, Mr. Littlepage, steht uns eine Gefahr bevor?« »Ich will offen gegen Euch sein, Mary« – wie leicht und angenehm wurde es mir nicht, mich dieser zarten Vertraulichkeit zu bedienen, welche ich mir unter den obwaltenden Umständen wohl herausnehmen durfte, ohne als anmaßend zu erscheinen; »ich will offen gegen Euch sein, Mary, denn ich weiß, Eure Klugheit und Selbstbeherrschung wird Euch hindern, unnöthigen Lärmen zu machen, während vielleicht Eure Wachsamkeit von Nutzen sein könnte. Es ist einiger Grund vorhanden, die Brandfackel zu fürchten.« »Die Brandfackel?« »So möchte ich Opportunity's Aeußerungen zufolge glauben, und ich kann mir nicht denken, daß sie zu solcher Stunde einen so weiten Ritt gemacht haben würde, wenn sich's nicht um eine ernstliche Angelegenheit handelte. Das Feuer ist das bequemste Werkzeug des Antirenters, und seine Verkleidung paßt vollkommen dazu. Ich habe übrigens die Rothhäute insgesammt auf die Spähe geschickt, und hoffe nicht, daß heute Nacht ein Unfug gestiftet werden kann, ohne sogleich eine Entdeckung zur Folge zu haben. Morgen aber können wir die Behörden um ihren Schutz angehen.« »Ich kann heute Nacht nicht schlafen,« rief Mary, indem sie das leichte Halstuch, welches sie zum Schutz gegen die Nachtluft umgeworfen hatte, noch fester anzog, wie etwa der Mann im Augenblicke der Gefahr seine Rüstung enger schnallt. »Es ist mir nicht um den Schlaf zu thun. Sie sollen und dürfen Euch diesen Schaden nicht zufügen, Mr. Littlepage. Habt Ihr Besorgnisse für dieses Haus?« »Man kann nicht wissen, auf was es eigentlich abgesehen ist. Von außen ist das Haus nicht leicht in Brand zu stecken, und ich kann mir nicht wohl denken, daß sich im Innern ein Feind befinden sollte. Die Dienstboten sind erprobt und schon lange in der Familie; ich glaube daher nicht, daß sich Jemand aus dem Gesinde hat erkaufen lassen. Aber obschon ich von denen im Hause wenig besorge, so muß ich doch gestehen, daß mir die Widersacher draußen ziemlich bange machen. Feuer ist ein furchtbarer Feind, und auf dem Land hat man so wenig Hilfe gegen das Umsichgreifen der Flammen. Ich will Euch nicht bitten, Ihr sollet Euch zur Ruhe begeben, denn ich weiß, daß Ihr nicht schlafen werdet – ja, nicht schlafen könnt; aber wenn Ihr die nächste Stunde, oder bis ich wieder zurückkehre, von Fenster zu Fenster gehen wollt, so findet Euer Geist Beschäftigung, und möglicherweise läßt sich dadurch einem Unheil vorbeugen. Ein unsichtbarer Beobachter, der hinter einem Fenster steht, kann vielleicht einen Versuch entdecken, welcher Denen entgeht, die draußen auf der Lauer liegen.« »Es soll geschehen,« versetzte Mary hastig; »und wenn ich etwas bemerke, öffne ich einen Laden meines Zimmers. Ihr seht dann das Licht durchscheinen, und wenn Ihr schnell nach dieser Thüre kommt, so sollt Ihr mich hier finden und von mir erfahren, was ich entdeckt habe.« Unter dieser Verständigung trennten wir uns, aber nicht früher, bis ich diesem lieblichen und doch so entschlossenen, klar blickenden Mädchen zärtlich die Hand gedrückt hatte. Dann kehrte ich zu Vielzunge zurück, der in dem Schatten der Piazza stand, wo er nicht gesehen werden konnte, wenn man ihm nicht ganz nahe kam. Nachdem wir mit einander kurze Rücksprache genommen hatten, schlug der Eine von uns seine Richtung nach der Nordseite, der Andere nach dem Süden des Gebäudes ein, um nachzusehen, ob kein Mordbrenner an einem der Flügel sein Werk versuche. Das Nesthaus war derartigen verbrecherischen Anschlägen weit weniger preisgegeben, als die meisten amerikanischen Wohnungen. Da das Gebäude selbst aus Stein bestand, so war nur wenig brennbares Material zugänglich, denn das Haus hatte, wie bereits erwähnt, nur zwei äußere Thüren – die eine allerdings sehr groß, so daß ein geladener Wagen nach dem innern Hof durchfahren konnte. Diese befand sich auf der Südseite des Flügels, und unter dem Bogen desselben konnte ein Brandstifter wohl seinen Versuch machen, obschon ein gewandter Schurke alsbald die Schwierigkeiten hätte einsehen müssen, da außer dem massiven Thor auch hier nur wenig Holz war, und deßhalb es den Flammen bald an Nahrung fehlen mußte. Demungeachtet untersuchte ich den Platz, und da ich auf meiner Seite des Gebäudes Alles sicher fand, so kehrte ich zu dem Dolmetscher zurück, mit dem ich mich verständigt hatte, er solle mich unter einer schönen Buche erwarten, die, etwa hundert Schritte vom Haus entfernt, ihre Zweige weit über den Rasen hin breitete. Dieser Baum stand ganz vorn, so daß er uns trefflichen Schutz und überhaupt einen Standpunkt bot, wie ihn fern und nah Schildwachen, die gleich uns in einem so eigenthümlichen Dienst beschäftigt waren, nicht besser hätten finden können. Unter dieser Buche nun fand ich Vielzunge, und der Umstand, daß ich selbst seine Gestalt kaum zu unterscheiden vermochte, sprach um so mehr zu Gunsten des Postens. Ich sah ihn nicht früher, bis ich ihm so nahe stand, daß ich ihn fast mit den Händen greifen konnte. Er saß auf einer Bank, und schien sich als ein Mann, der an Hinterhalte, Wachsamkeit und nächtliche Angriffe gewöhnt war, durch das Abenteuer nicht sonderlich anfechten zu lassen. Wir rapportirten uns gegenseitig den Stand der Dinge, und nachdem wir uns überzeugt hatten, daß Alles geheuer war, nahmen wir Beide neben einander Platz, um uns die Zeit durch ein Gespräch über mancherlei Dinge zu kürzen. »Wir haben gestern Abend einer sehr interessanten Scene angewohnt,« eröffnete ich die Unterhaltung; »ich meine die Begegnung zwischen dem alten Fährtelosen und Euren rothen Gefährten. In der That, ich möchte wohl wissen, welche besonderen Ansprüche unser betagter Freund an jene fernen Stämme hat, und was diese angesehenen Häuptlinge bewegen mag, ihn von so weit her zu besuchen.« »Sie kommen nicht geraden Wegs von den Prairien aus nach diesem Platze, und der Besuch ist deßhalb nicht der ursprüngliche Zweck, obschon ich nicht daran zweifle, sie würden auch sonst den weiten Weg nicht gescheut haben. Hohes Alter, wenn es von Weisheit, Nüchternheit und einem guten Rufe begleitet ist, gilt im Allgemeinen bei den Wilden gar viel; indeß müssen die früheren Thaten des Fährtelosen etwas Eigenthümliches haben, das mir nicht bekannt ist, gleichwohl aber ihn ungewöhnlich hoch stellt in den Augen der Rothhäute. Ich hoffe, der Sache noch auf den Grund zu kommen, ehe wir diese Gegend verlassen.« Es folgte nun eine Pause, nach welcher ich von den Prairien zu sprechen anhub, und von dem Leben in jenen weiten Flächen ein Bild zu entwerfen versuchte, das, wie ich meinte, in den Ohren eines Mannes von den Gewohnheiten meines Gefährten beifälligen Anklang finden mußte. »Ich will Euch sagen, wie es ist, Obrist,« erwiederte der Dolmetscher mit mehr Gefühl, als ich bisher im Laufe unserer kurzen Bekanntschaft an ihm wahrgenommen hatte; »ja, ich will Euch genau sagen, wie es damit steht. Das Prairieleben ist ganz entzückend für Diejenigen, welche Freiheit und Gerechtigkeit lieben.« »Freiheit – dieß kann ich mir wohl denken,« sagte ich, ihn überrascht unterbrechend – »was aber die Gerechtigkeit betrifft, so möchte ich glauben, daß hiezu Gesetze unbedingt nöthig sind.« »Ja, ich weiß, dieß ist so eine Idee, wie man sie in den Settlements hegt; aber es liegt nicht halb so viel Wahrheit darin, als Manche meinen. Es gibt keinen besseren Gerichtshof und kein zuverlässigeres Schwurgericht, als dieses , Obrist« – er schlug dabei mit Nachdruck auf den Schaft seiner Büchse – »und Pulver aus dem Osten in Verschwörung mit dem Galena-Blei liefert die besten Advokaten. Ich hab's mit beiden versucht und kann daher aus Erfahrung sprechen. Das Gesetz hat mich in die Prairien hinausgetrieben, und aus Vorliebe für sie bleibe ich dort. Hier unten herum habt Ihr weder das Eine noch das Andere – weder Gesetz noch Büchse; denn hättet Ihr ein Gesetz, wie es sein sollte, so müßten wir nicht zu dieser Stunde der Nacht hier sitzen, um zu verhindern, daß diese After-Inschens Euch Haus und Scheune über dem Kopf anzünden.« In dieser letzteren Nutzanwendung des offen sich aussprechenden Dolmetschers lag so viel Wahrheit, daß dagegen nichts zu erwiedern war; denn wenn man auch den Schwierigkeiten des Falls und den unerwarteten Umständen Einiges zu gut hielt, so konnte doch kein unparteiischer Mann in Abrede ziehen, daß es nicht so weit hätte kommen können, wofern mit den Gesetzen nicht ein schnödes Spiel getrieben worden wäre. Wie Vielzunge also behauptete, hatten wir weder den Schutz des Gesetzes, noch durften wir uns durch unsere Büchsen selbst schirmen. In der That, man sollte durch's ganze Land an allen Straßen und öffentlichen Plätzen mit ehernen Buchstaben die Warnung ausstellen: ein Zustand der Gesellschaft, der jenen Schutz verspricht, welcher der Civilisation gebührt, und nicht Wort hält, macht die Lage des ehrlichen Theils der Bevölkerung nur um so schlimmer, indem er sie der Schirmungsmittel beraubt, welche die Natur selbst an die Hand gibt, ohne daß er dafür einen Ersatz gewährt. Der Dolmetscher und ich saßen wohl eine Stunde unter dem Baume, und wir unterhielten uns in gedämpften Lauten über allerlei, was uns eben gerade zu Sinn kam. In den Ansichten meines Gefährten lag viel ächte Prairie-Philosophie, was ungefähr so viel heißen will, wie wenn ich sagte, – sie waren ein Gemisch von klarem natürlichem Rechtssinn und eingefleischten Lokalvorurtheilen. – Das letzte, was er gegen mich äußerte, war so bezeichnend, daß ich es wohl hier auffuhren muß. »Ich will Euch sagen, wie es ist, Christ,« sagte er; »Recht ist Recht und Unsinn ist Unsinn. Wenn wir nur jetzt einen von diesen verkappten Schurken erwischen könnten, wie er eben Euer Haus oder Eure Scheune anzünden will, man könnte da mit der Gerechtigkeit leicht zu Stande kommen und die Sache auf dem Platz in's Reine bringen. Dürft' ich meinem Sinn folgen, so knebelte ich den Kerl an Händen und Füßen und schmisse ihn ins Feuer, damit er doch die Frucht seiner eigenen Arbeit genöße. Ein schlechter Kerl gibt das allerbeste Brennholz.« In demselben Momente sah ich den oberen Laden von Mary Warrens Schlafzimmer aufgehen, denn meine Blicke hatten inzwischen unverweilt auf dem besprochenen Fenster gehaftet. Das Licht stand so nah hinter der Jalousie, daß die Veränderung im Nu bemerklich wurde; es unterlag also keinem Zweifel, daß meine schöne Schildwache irgend eine wichtige Entdeckung gemacht hatte. Nach solcher Aufforderung zögerte ich nicht länger, sondern eilte, nachdem ich Vielzunge aufgefordert hatte, seine Wachsamkeit fortzusetzen, mit den Schritten der Jugend und der gespannten Erwartung über den Rasen. Zwei Minuten später lag meine Hand auf der Klinke des Thürchens, und einen Moment nachher stand letzteres offen. Mary Warren empfing mich, winkte mir mit der Hand, daß ich behutsam sein solle, und schloß leise die Thüre. Ich bat sie nun um Aufklärung. »Sprecht nicht zu laut,« flüsterte das besorgte Mädchen, obschon sie im Allgemeinen eine Fassung zeigte, welche in Anbetracht der außerordentlichen Verhältnisse bewunderungswürdig zu nennen war. »Ich habe sie wahrgenommen; sie sind hier!« »Hier? – doch nicht in dem Hause?« »Ja, in dem Hause – in der Küche, wo sie in diesem Augenblicke auf dem Boden Feuer anzünden. Kommt hurtig – wir dürfen keine Zeit verlieren.« Es wird hier am Orte sein, die Einrichtung der Küchen- und Wirthschafts-Räume zu schildern, damit nachfolgende Erzählung verständlicher werde. Die bereits erwähnte große Einfahrt trennte den südlichen Flügel des Hauses in zwei gleiche Theile, die Zimmer aber erstreckten sich nach der ganzen Länge und liefen natürlich über dem Thore hin. Auf der westlichen Seite des letzteren befanden sich die Speisezimmer und die dazu gehörigen Wirthschaftsgelasse, auf der östlichen aber die Küche, die Bedientenstube, der Scheuerplatz und eine schmale Treppe, die nach den Schlafkammern des Gesindes führte. Die äußere Thüre zu diesem Theile des Gebäudes war unter dem Bogen der Durchfahrt angebracht, und ihr gegenüber befand sich eine andere, welche den gewöhnlichen Dienst vermittelte. Dann war ein Hof vorhanden, der auf drei Seiten von dem Hauptgebäude und den mehr erwähnten beiden langen niedrigen Flügeln umgeben, auf der vierten aber gegen die Klippe hin offen war. Letztere hatte, obschon sie fast senkrecht abfiel, keine besondere Höhe, so daß ein behender Mann wohl im Stande war, unter der Benutzung der Zerklüftungen daran hinauf oder auch hinabzusteigen. Als Knabe hatte ich dieses Wagniß oft und vielmal bestanden, und auch die männlichen Dienstboten und die gemietheten Arbeiter machten häufig diesen Versuch. Da fiel mir denn mit einem Male ein, die Brandstifter könnten wohl durch Ersteigung der Klippe in's Haus gelangt sein, und die Klippe lieferte natürlich vornweg das für ihre Absicht taugliche Material. Der Leser kann sich denken, daß ich, nachdem mir Mary Warren die obgedachte Mittheilung gemacht hatte, mich nicht damit aufhielt, alle diese Dinge mit ihr ausführlich zu verhandeln. Mein erster Gedanke war, sie zu bitten, sie möchte nach der Buche hingehen, um Vielzunge herbeizubescheiden; aber sie weigerte sich, meine Seite zu verlassen. »Nein – nein – nein. Ihr dürft mir nicht allein nach der Küche gehen,« sagte sie hastig. »Es sind ihrer zwei; sie sehen ganz verzweifelt aus, haben sich die Gesichter geschwärzt und führen Musketen bei sich. Nein – nein – nein. Kommt nur mit – ich will Euch begleiten.« Ich zögerte nicht länger, sondern ging weiter, und Mary hielt sich dicht an meine Seite. Zum Glück hatte ich die Büchse bei mir, und die Drehpistole stak in meiner Tasche. Wir gingen denselben Weg, welchen Mary bei ihrer Wache eingeschlagen hatte, durch die Speis- und Wirthschaftszimmer zurück; denn bei ihrer Runde hatte sie vermittelst eines kleinen Fensters, das in die Durchfahrt hinausging und einem Küchenfenster gegenüber lag, das Treiben der nächtlichen Uebelthäter bemerkt. Unterwegs erzählte mir das muthige Mädchen, sie sei, während ich vor dem Hause draußen auf meinem Posten stand, ohne Unterlaß in den unteren Gemächern des ganzen Gebäudes umhergegangen; da habe denn ein Licht, das durch die vorerwähnten Fenster blinkte, ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen und sie in die Lage gesetzt, deutlich zwei Männer mit geschwärzten Gesichtern zu unterscheiden, die in einer Ecke der Küche, wo die Flammen sich bald der Treppe und später den oberen Theilen, wie auch dem Holzwerk des Daches mittheilen mußten, Feuer anzündeten. Zum Glück bestand in diesem ganzen Theile des Hauses der Boden aus Backsteinen, und nur die Bedientenstube, die sich jenseits des schmalen Treppenraums befand, machte hievon eine Ausnahme. Sobald Mary Warren die Gefahr entdeckt hatte, eilte sie nach ihrem Gemach hinaus, um an ihrem Fenster das verabredete Signal zu geben, und kehrte dann nach der Thüre zurück, um mich von dem Thatbestand zu unterrichten. Seit der Zeit aber, als sie zum ersten Mal sich von der drohenden Gefahr unterrichtet hatte, waren bereits drei oder vier Minuten entschwunden, so daß wir uns jetzt mit aller Hast nach dem Fenster in der Durchfahrt begaben. Ein greller Lichtschimmer an dem gegenüberliegenden Fenster zeigte uns an, welche Fortschritte die Mordbrenner gemacht hatten. Ich bat Mary, sie solle bleiben, wo sie sei, ging durch die Thüre und stieg nach dem Pflaster des Durchlasses hinunter. Das kleine Fenster unter dem Bogen war zu hoch angebracht, als daß ich hätte durchsehen können; indeß war noch eine Reihe niedriger Fensterchen vorhanden, die in den Hof hinaus gingen. Ich begab mich hurtig nach einem derselben hin, und konnte nun deutlich wahrnehmen, was drinnen vorfiel. »Da sind sie!« flüsterte Mary, die, ohne auf meine Bitte Rücksicht zu nehmen, nicht von meiner Seite gewichen war. »Zwei Männer mit geschwärzten Gesichtern – und das Holz, mit dem sie ihr Feuer anzündeten, flackert bereits lichterloh.« Das Feuer, wie ich es jetzt sah, bestätigte die Besorgniß nicht, welche ich gefühlt hatte, als es mir nur meine Einbildungskraft vormalte. Unter der Treppe befand sich ein offener Platz, und die Brandstifter hatten auf dem Ziegelboden darunter ihren Holzstoß aufgeschichtet. Dieser hatte zur Unterlage das Brenn-Material, welches für die Bedürfnisse der Köchin vorhanden war, und die Verbrecher hatten zum Anzünden desselben die Kohlen des Herds benutzt. Der Holzhaufen war beträchtlich und brannte schon hell auf; auch trugen die beiden Schurken, als ich sie zum ersten Mal bemerkte, die Stühle der Küche als weiteren Brennstoff herbei. Es war ein guter Grund gelegt, und zehn oder fünfzehn Minuten später hätte dieser ganze Theil des Hauses in Flammen stehen müssen. »Ihr habt von Musketen gesprochen, welche die Elenden bei sich hätten,« flüsterte ich Mary zu. »Seht Ihr jetzt etwas davon?« »Nein. Als ich sie zum ersten Mal wahrnahm, hatte Jeder seine Muskete in der einen Hand, während er mit der andern Holz hereintrug.« Ich hätte die Schurken ohne Mühe oder Gefahr für mich niederschießen können: indeß mochte ich doch keinem Menschen das Leben nehmen. Freilich standen die Dinge so, daß ich einen ernstlichen Kampf besorgen mußte: es war also nothwendig, Beistand herbei zu berufen. »Wollt Ihr nach dem Zimmer meines Onkels gehen, Mary, und ihm sagen, er möchte augenblicklich aufstehen? Dann habt die Güte, von der Vorderthüre aus Vielzunge zuzurufen, er solle so schnell wie möglich hieher kommen. In zwei Minuten ist Beides geschehen, und ich will in der Zwischenzeit diese Schurken beobachten.« »Ich fürchte mich, Euch bei den Elenden hier allein zu lassen, Mr. Littlepage,« flüsterte Mary leise. Eine dringende Bitte von meiner Seite bewog sie jedoch, zu willfahren, und sobald das theure Mädchen einmal ihren Entschluß gefaßt hatte, eilte sie eigentlich im Fluge dahin. Wie es mich däuchte, war kaum eine Minute verflossen, als ich sie schon dem Dolmetscher zurufen hörte. Die Nacht war so stille, daß der leise Ton dieses Rufs auch die Ohren der in ihrem höllischen Werke begriffenen Mordbrenner erreichte, wenn sie nicht etwa blos etwas gehört zu haben meinten . Genug, sie geriethen in Unruhe, sprachen miteinander, schauten einen Moment nach dem brennenden Holzstoß hin, und griffen nach ihren Waffen, welche in einer Ecke der Küche standen. Sie schickten sich zum Aufbruch an. Die Krisis war nahe. Vor ihrem Entweichen war die Ankunft eines Beistandes unmöglich, und ich mußte entweder mit den beiden Kerlen anbinden, oder sie entwischen lassen. Mein erster Gedanke war, den Vordermann niederzuschießen und den andern zu packen, ehe er Zeit gewänne, von seiner Waffe Gebrauch zu machen; aber ein glücklicher Gedanke hinderte mich an diesem gewagten Schritte. Die Mordbrenner waren im Rückzug begriffen, und es kam mir ein Bedenken, ob es auch gesetzlich sei, einen flüchtigen Verbrecher zu tödten. Meine Aussichten vor einem Schwurgericht gestalteten sich, wie ich glaubte, weit schlimmer, als die eines gewöhnlichen Taschendiebs oder Straßenräubers, denn ich habe genug gehört oder gelesen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Tausende um mich her wohnten, welche sich mit der Meinung trugen, der Umstand, daß ich der Eigenthümer von Farmen sei, welche Andere zu besitzen wünschten, sei hinreichend, um im moralischen Sinne auch die schlimmsten gegen mich geübten Schritte zu entschuldigen. Eine Majorität meiner Landsleute wird diese Vorstellung als erzwungen und unwahrscheinlich erklären; aber auch Majoritäten sind in ihrem Urtheil durchaus nicht untrüglich, und ein verständiger Mann mit nur gewöhnlicher Beobachtungsgabe braucht nur das, was täglich um ihn vorgeht, in's Auge zu fassen, um sich hievon zu überzeugen. Wenn er nicht findet, daß die Menschen gar sehr geneigt sind, bei Verfolgung eines Planes von Grundsätzen und Gerechtigkeit Umgang zu nehmen, so will ich einräumen, daß ich nichts von der Menschennatur verstehe – wenigstens von der Menschennatur, wie sie sich in unserer gesegneten Republik verzerrt hat. Es war übrigens keine Zeit zu verlieren, und das Verfahren, zu dem ich mich entschloß, wird am besten aus dem Verlauf der Ereignisse erhellen. Ich hörte die Thüre aufgehen und machte mich zum Angriff bereit. Ob die Mordbrenner die Absicht hatten, vermittelst der Klippe den Rückzug anzutreten oder das von innen verriegelte Thor zu öffnen, wußte ich nicht; aber ich hielt mich auf jeden dieser beiden Fälle gefaßt. Kaum vernahm ich auf dem Pflaster des Durchlasses einen Schritt, als ich meine Büchse in die Luft abfeuerte, um damit ein Lärmsignal zu geben. Dann faßte ich mein Gewehr, sprang vorwärts und brachte den Vordersten mit einem tüchtigen Kolbenschlag auf seinen Hut zu Boden. Der Kerl fiel nieder wie ein Ochse unter dem Beil des Schlächters. Dann ließ ich die Büchse fallen, sprang über den Körper des Hingestreckten weg und packte seinen Spießgesellen. Alles dieß geschah so schnell, daß die Ueberraschung keinem der Schurken Zeit ließ, sich zur Wehr zu stellen. Der Angriff auf meinen zweiten Gegner, der noch aufrecht stand, war in der That so plötzlich, daß er seine Büchse fallen lassen mußte, und nun begann der Ringkampf; wir hielten uns wie ein paar Bären in der Todesumarmung umfaßt. Ich war jung und behend, mein Gegner aber mit größerer Körperkraft begabt. Auch er verstand sich gut auf den Ringkampf, und ich fiel zu Boden, während mein Feind über mich hinstürzte. Zum Glück fiel ich auf den Körper des anderen Mordbrenners, der eben jetzt nach dem gewaltigen Schlage, den er erhalten hatte, Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins verrieth. Wenn nicht Beistand kam, hatte ich nur geringe Aussichten. Der zweite Mordbrenner hielt mich am Halstuche gefaßt und drehte es zusammen, um mich zu ersticken; aber plötzlich ließ er in seinen Anstrengungen nach. Das Feuer, dessen Helle durch die Küchenthüren herausdrang, ließ nun Alles, was unter dem Bogen vorging, deutlich unterscheiden. Mary war eben im rechten Augenblicke zurückgekehrt, um mich zu retten. Mit einer Entschlossenheit, die ihr Ehre machte, griff sie die Büchse, welche ich hatte fallen lassen, wieder auf, steckte den Lauf zwischen den gebogenen Armen und dem Rücken meines Gegners durch, und bediente sich zu gleicher Zeit der Waffe als eines Hebels. Dieser Beistand ließ mich wieder zu Athem kommen; ich nahm meine volle Kraft zusammen, packte meinen Feind an der Kehle, schüttelte ihn ab, warf ihn auf die Seite und war im Nu wieder auf den Beinen. Jetzt zog ich die Pistole hervor und rief dem Schurken zu, er solle sich ergeben oder die Folgen auf sich nehmen. Der Anblick dieser Waffe sicherte mir den Sieg, denn der geschwärzte Mordbrenner kroch in eine Ecke zurück und flehte auf's Kläglichste, ich möchte ihn nicht erschießen. Im nächsten Augenblicke erschien der Dolmetscher unter dem Bogen. Der ganze Indianerhaufen folgte ihm auf dem Fuße, denn mein Schuß hatte ihnen als Leitsignal gedient.   Dreiundzwanzigstes Kapitel. »Du sagst, entschwunden seien alle Von jenem tapfern, edlen Stamm, Die Kähne auch, die sonst so spielend Sich wiegten auf der Wellen Kamm. Im Urwald, den er sonst duchstreifte, Ist's mit des Jägers Ruf vorbei; Doch lebt sein Name auf den Wassern – Dort bleibt er ewig jung und neu!« Mrs. Sigourney.   Nachdem ich Vielzunge die Weisung ertheilt hatte, die Brandstifter zu binden, sprang ich in die Küche, um die Flammen zu löschen. Es war hohe Zeit, obschon mir auch hierin Mary Warren bereits zuvorgekommen war. Sie hatte mehrere Eimer voll Wasser auf das Feuer, das schon durch die Stühle zu prasseln begann, ausgeleert und so der Flamme wesentlichen Eintrag gethan. Ich wußte, daß sich in der Küche eine Wässerungs-Maschine befand, die einen reichlichen Vorrath Wasser lieferte. So füllte ich denn mehrere Eimer, goß deren Inhalt auf die Lohe aus, und in einer halben Minute war das ganze Gelaß mit dickem Rauch erfüllt. Dem grellen Lichte folgte eine tiefe Dunkelheit, so daß wir zu Lampen und Lichtern unsre Zuflucht nehmen mußten. Der durch die vorbeschriebene Scene veranlaßte Lärm brachte bald alle Insassen des Hauses an Ort und Stelle. Die männlichen und weiblichen Dienstboten kamen die Treppe herunter, unter welcher das Feuer angezündet worden war, und im Nu sah man in allen Richtungen des Hauses Lichter sich bewegen. »Der Tausend, Mr. Hugh,« rief John, nachdem er den Zustand der Küche beaugenscheinigt hatte, »da sieht's ja schlimmer aus, als in Irland, Sir! Die Amerikaner wollen sich stets über die armen Irischers lustig machen und nennen die Heimath derselben ein wildes Land, das ganz unpassend sei, bewohnt zu werden; aber dort sieht's lange nicht so schlimm aus, als es hier zu werden anfängt. Noch ein paar Minuten, und die Treppe hätte gebrannt; stand aber diese einmal im Feuer, so hätte Niemand von uns Dachstübchen-Bewohnern dem Tod entrinnen können. Man soll mir jetzt nur wieder über Irland raisonniren!« Der arme John! Seine Vorurtheile waren die eines Engländers von seiner Klasse, und dieß will Alles heißen, was man einem Vorurtheil nur nachrühmen kann. Aber dennoch – wieviel Wahrheit lag in seiner Bemerkung! Die Ruhe, mit welcher wir uns in Betreff der Moral, der Ordnung, der Gerechtigkeit und der Tugend über alle anderen Nationen erheben, enthält wahrlich eine gewichtige Lehre, sobald man einmal die Dinge betrachtet, wie sie wirklich sind. Es liegt nicht in meiner Absicht, die Mängel meines Vaterlandes über Gebühr zu vergrößern; aber zuverlässig bin ich nicht so gewissenlos, sie zu verheimlichen, wo ein derartiger Fehlgriff die gefährlichsten Folgen nach sich ziehen könnte. Im Ganzen gibt es allerdings bei uns in Amerika weit weniger Unruhen, Tumulte und Erschütterungen, als vielleicht, sofern Zahlen dabei in Frage kommen, unter den meisten anderen christlichen Nationen, selbst die Zeit mit eingerechnet, seit welcher der große Versuch begonnen hat; aber den Grund davon müssen wir in unsern Zuständen suchen, da diese unabhängig von dem Nationalcharakter dastehen. Unsre Institutionen haben den Massen nichts gelassen, nach dem sie ringen könnten, und der Hunger ist unter uns unbekannt. Doch was bietet uns die andere Seite des Gemäldes? Kann mir irgend Jemand ein Land in Europa namhaft machen, in welchem eine große politische Bewegung von einem so keckstirnig schurkischen Grundsatz ausgegangen wäre, als der ist, welcher die Uebertragung des Eigenthums von einer Bevölkerungs-Klasse auf die andere fordert? Daß ein solcher Plan unter uns verfolgt wird, ist über allen billigen Widerspruch erhaben, und ebensowenig läßt sich in Abrede ziehen, daß dieses Treiben auch die Gesetzgebung mißbraucht hat und die Regierung in ihren gewaltigsten Werkzeugen vergiftet. John hatte recht, wenn er sagte, wir hätten nicht nöthig, über die Aufwallungen des mißhandelten und mit Füßen getretenen Irlands die Nasen zu rümpfen, so lange in unserem eigenen Banne solche Vergehungen gegen die einfachsten Gebote des Rechts vorfielen. Das Feuer war gelöscht und das Haus in Sicherheit. In der Küche hatte sich der Rauch bald verloren, und an seiner Stelle sah man eine wahre Wolke von Rothhäuten. Prairiefeuer, Adlersflug und Kieselstein – Alle waren zugegen, um mit finsteren, aufmerksamen Blicken die Wirkungen des Feuers zu untersuchen. Ich sah mich nach Mary Warren um; allein das sanfte, sittige Mädchen hatte, nachdem sie eine Geistesgegenwart und Entschlossenheit kundgegeben, die einem jungen Manne von ihrem Alter Ehre gemacht haben würden, mit dem Zartgefühl ihres Geschlechts sich zurückgezogen und die übrigen Frauenzimmer aufgesucht. Ihr Dienst, der uns so wesentlichen Nutzen brachte, war beendigt, und sie wünschte jetzt nur. daß ihre Theilnahme an dem ganzen Vorgange der Vergessenheit übergeben werden möchte. Dieß erfuhr ich freilich erst am andern Tage. Vielzunge hatte sich der Brandstifter versichert, die sich jetzt mit auf den Rücken gebundenen Händen und Armen gleichfalls in der Küche befanden. Da ihre Gesichter noch immer geschwärzt waren, so vermochte ich keinen von Beiden zu erkennen. Der Kerl, den ich mit dem Büchsenschaft zu Boden geschlagen, war noch immer ganz verwirrt, und ich befahl den Domestiken, ihn zu waschen – einmal, weil ich hoffte, daß er hiedurch mehr zur Besinnung komme, und dann, weil ich zu sehen wünschte, wer er war. Dieß war bald geschehen und damit mein doppelter Zweck erreicht. Die Köchin bediente sich eines Tellertuches mit solcher Gewandtheit, daß schon nach der ersten Anwendung der Mohr zu einem Weißen umgewandelt war; bald sah er so säuberlich aus, wie ein Kind, das die Wärterin, ehe es in die Schule geht, herausgeputzt hat. Nach Beseitigung der Verkappung zeigte sich das beschämte und erschreckte Gesicht Josua Brighams, des gemieteten Knechts meines Farmers Miller – oder vielmehr meines eigenen Taglöhners, da in Wirklichkeit seine Belohnung aus meiner Kasse floß. Ja, dieß war eine von den Wirkungen der gefährlichen Ansichten, die sich in dem Lande so weit verbreitet hatten – Alles unter dem Einflusse jenes schweren moralischen Wahnsinns, der mit einer Gefahr unter uns wüthet, weit größer, verderblicher und gefährlicher, als diejenige ist, welche im Gefolge der Cholera auftritt. Ein Kerl, der fast mit meiner Familie unter Einem Dache wohnte, hatte sich nicht nur mit Andern verschworen, mich in großartigem Maaßstabe meines Eigenthums zu berauben, sondern sogar seinen Anschlag so weit getrieben, daß er zur Brandfackel und zur Büchse griff, um mittelst derartiger Werkzeuge seine tugendhaften Entwürfe zur Vollendung zu bringen, Und noch obendrein war dieß nicht das Resultat eines gemeinen Diebs-Sinns, sondern nur die Folge eines weitverbreiteten Systems, welches unter den Politikern des Landes schnell in Fleisch und Blut übergegangen ist, und das von Menschen, welche sich auf das Gewicht der Majoritäten verlassen, keckstirnig sogar in den Hallen der Gesetzgebung vertheidigt wird Damit der Leser, welcher mit den Vorgängen in New-York weniger bekannt ist, nicht glauben möge, daß der Verfasser übertreibe, soll hier nur eines einzigen Auskunftsmittels Erwähnung geschehen. zu dem die Antirenters in die Gesetzgebung gegriffen haben, um ihre Zwecke zu erreichen. Männiglich weiß, daß die Constitution der Vereinigten Staaten den einzelnen Staaten nicht gestattet, Gesetze zu erlassen, durch welche die Verbindlichkeit von Contrakten geschwächt wird. Ohne diese Vorsorge der Föderal-Constitution wäre es wahrscheinlich der Macht der Zahlen längst gelungen, unter einem hellen Geschrei von Ehre und Freiheit das Eigenthum der Wenigen unter selbstgestellten Bedingungen an den großen Haufen zu bringen! Dieses Gesetz übrigens hat stets als unüberwindliches Hinderniß dagestanden, bis gegen die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hin die Welt mit folgendem denkwürdigen Entwurf beglückt wurde, durch welchen denen, »die eben Farmen haben wollen und haben müssen«, zu Erreichung ihres Zwecks aller Vorschub geleistet wird. Der Staat ist ermächtigt , das Gesetz über den Heimfall statuarisch zu regeln. Es ist daher in der Gesetzgebung von New-York der feierliche Antrag gestellt worden, besagtes Heimfalls-Statut solle dahin abgeändert werden, daß die Pächter, wenn ein Grundherr, der auf seinen Gütern gewisse Pachtverhältnisse aufrecht hält, mit Tod abgeht oder ein Heimfall kassirt ist – gesetzmäßig sich an den Kanzler wenden könne, damit sein Pachtgut in ein hypothekarisches umgewandelt und ihm zu eigen zugeschrieben werde, sobald er die Schuld bezahlt hat. Mit andern Worten: A. verleiht eine Farm für immer an B., behält sich aber eine Grundrente unter der Clausel des Wiedereintritts u.s.w. vor. B. wünscht nun das Gut eigen zu besitzen, ist aber nicht geneigt, den von A. gestellten Preis zu zahlen. Die Vereinigten Staaten erklären, der Contrakt dürfe nicht geschmälert werden; man kann sich also über den Charakter der Gesetzgebung von New-York ein Urtheil bilden, wenn man das vorerwähnte Abhilfsmittel in's Auge faßt, welches das Gesetz der Föderal-Constitution umgeben soll. Seit der Zeit, in welcher Obiges geschrieben worden, ist das erwähnte Gesetz wirklich bei der Assembly durchgegangen, obschon es bei dem Senate noch nicht angenommen wurde. Die Verfügung faßt alles vermiethete Grundeigenthum in sich, dessen Verträge auf mehr als einundzwanzig Jahre oder auf Lebensdauer lauten. D. H. . Ich gestehe, daß die Ausschaalung des Josua Brigham mich in Betreff seines Spießgesellen ein wenig neugierig machte. Hester, die Köchin, erhielt die Weisung, auch das andere Kindlein zu säubern, und die gute Person schickte sich wohlgemuth an, das Werk zu erfüllen. Aber man denke sich unser Erstaunen, als schon der erste Strich mit dem nassen Lappen uns das Gesicht des abermals gefangenen Seneka Newcome enthüllte! Man wird sich erinnern, daß wir diese beiden Ehrenmänner zum letzten Mal gesehen hatten, als sie sich auf der Landstraße herumbalgten. Diese Entdeckung erschütterte mich in hohem Grade. Allerdings hatte es in dem Geschlecht der Newcome's von dem Großvater an, der es in Ravensnest gründete, bis auf Opportunity herab nie ein Glied gegeben, das unter uns geschätzt und geachtet worden wäre. Arglist, Tücke, Betrug und Uebervortheilung waren von dem Tage an, an welchem Jason den Mühlplatz miethete, bis auf die gegenwärtige Stunde herunter stets ein Familienzug gewesen. Gleichwohl lebten sie in unserer Nähe, und die Gewohnheit hatte eine gewisse Theilnahme für sie erzeugt. Außerdem besaß die Familie eine Art Anspruch, welcher sie weit öfters, als die meisten übrigen Pächter mit uns in Berührung brachte. Der Großvater hatte einige Erziehung genossen, die sich gewissermaßen bis auf den unglücklichen Elenden fortgesetzt hatte, der nun als Gefangener, flagrante delictu in einem todeswürdigen Verbrechen ergriffen, vor uns stand. Seneka war zwar nie ein Mann von Bildung gewesen, wie dieser Ausdruck von wirklich gebildeten Leuten genommen wird, aber er gehörte einem Beruf an, welcher den Menschen wesentlich über die Stufe der Gemeinheit erheben sollte. Auch Opportunity hatte ihre quasi -Erziehung erhalten, und zwar eine weit anspruchsvollere Erziehung, als die meiner eigenen Schwester war; allein der Unterricht, den sie genossen, konnte nichts weniger als gut genannt werden, denn sie hatte nicht einmal lesen gelernt, sofern sie diese Kunst mit einer provinziellen Aussprache übte, die bisweilen den Ohren weh that. Indeß besaß sie doch Gefühl und konnte keine Ahnung von den Absichten ihres Bruders gehabt haben, als sie mir jene wichtige Mittheilung machte. Außerdem war sie in Folge ihres beschränkteren Umgangs zartfühlender als Seneka, und dieses unerwartete Ergebniß ihrer eigenen Handlungsweise konnte sie wohl zur Verzweiflung treiben. Ich dachte noch immer über diese Dinge nach, als mich meine Großmutter zu sich rufen ließ. Sie befand sich in ihrem Ankleidezimmer und war von den vier Mädchen umgeben, auf deren lieblichen Gesichtern sich ein interessantes Gemisch von Schrecken und Neugierde ausdrückte. Mary allein war in ihrer regelmäßigen Toilette, während die Andern mit instinktartiger Koketterie sich in einer Weise eingehüllt hatten, daß sie sich schöner als je ausnahmen. Was meine liebe Großmutter betraf, so hatte sie zwar schon erfahren, daß für das Haus nichts mehr zu besorgen stand; indeß fühlte sie doch ein unbestimmtes Verlangen, mich zu sehen, und es konnte dieß unter obwaltenden Umständen auch nicht auffallen. »Der Zustand des Landes ist schrecklich,« sagte sie, nachdem ich einige ihrer Fragen beantwortet und ihr zugleich mitgetheilt hatte, wer die Gefangenen waren. »Wir können kaum mehr mit Sicherheit hier bleiben. Schon der Gedanke, daß einer der Newcome's – daß namentlich Seneka bei seiner öffentlichen Stellung und einer Erziehung sich bei einem solchen Verbrechen betheiligen konnte.« »Ei, Großmutter,« fiel ihr Patt ein wenig schelmisch ins Wort, »ich habe Euch noch nie den Newcome's viel Gutes nachrühmen hören, und Opportunity duldetet Ihr ja blos in der Hoffnung, daß sich an ihr etwas besser machen lasse.« »Du hast recht; es ist ein schlimmes Geschlecht, und die Umstände zeigen jetzt, wie nachtheilig irrige Begriffe, die sich durch Generationen vom Vater auf die Kinder forterbten, in einer Familie werden können. Hugh, übermorgen dürfen uns diese lieben Mädchen keine Stunde mehr hier bleiben. Morgen – oder vielmehr heute, denn wie ich sehe, ist es schon zwei Uhr vorbei – heute ist's Sonntag, und wir können die Kirche besuchen. Die Nacht wollen wir auf der Hut sein, und am Montag Morgen muß dein Onkel mit allen drei Mädchen nach Satanstoe aufbrechen.« »Ich weiche nicht von meiner lieben Großmutter,« entgegnete Patt, »und eben so wenig wäre es freundlich von uns, Mary Warren an einem solchen Platze zurückzulassen.« »Ich muß jedenfalls bei meinem Vater bleiben,« versetzte Mary mit ruhiger Festigkeit. »Seine Pflicht fordert es, daß er bei seinen Pfarrkindern aushalte, und jetzt sogar mehr, als zu jeder anderen Zeit, da so viele von ihnen irre geleitet sind. Was aber mich betrifft, so verlangt es Pflicht sowohl als Liebe, bei ihm zu bleiben.« War dieß Comödienspiel und Heuchelei, oder war es ächte Natur, reine kindliche Liebe und Anhänglichkeit? Ohne alle Frage das Letztere; und hätte nicht schon der einfache Ton, der Ernst und die fast erschrockene Hast, womit das theure Mädchen sprach, Zeugniß dafür abgelegt, so brauchte man nur ihr heiteres, argloses Auge anzusehen, um sich aller Zweifel zu überheben. Meine Großmutter lächelte der lieblichen Sprecherin in ihrer freundlichsten Weise zu, ergriff ihre Hand und sagte mit Innigkeit: »Mary und ich, wir Beide bleiben bei einander. Ihr Vater schwebt in keiner Gefahr, denn sogar die Antirenter müssen einen Diener des Evangeliums achten und können zu der Einsicht gebracht werden, daß es seine Pflicht ist, ihre Sünden zu rügen. Was jedoch die übrigen Mädchen betrifft, so ist es eine ernste Obliegenheit für uns, wenigstens den Mündeln deines Onkels nicht zu gestatten, daß sie sich fernerhin Gefahren aussetzen, wie die waren, welche wir in letzter Nacht erleben mußten.« Die beiden jungen Damen thaten jedoch in der zierlichsten Weise vor der Welt ihren Entschluß kund, daß sie die »Großmama«, wie sie die Mutter ihres Vormunds nannten, nicht verlassen würden, und während noch davon die Rede war, trat Onkel Ro, der eben von der Küche kam, in's Zimmer. »Dieß ist eine saubere Geschichte!« rief der alte Junggeselle, sobald er in unserer Mitte erschienen war. »In dem Herzen der weisesten und besten Gemeinschaft, welche es je auf Erden gegeben, gehen Mordbrenner, Antirentismus, Tödtungsversuche und Ungeheuerlichkeiten aller Art Hand in Hand, während dabei die Gesetze in so tiefem Schlaf liegen, als ob ein solches erbauliches Treiben sogar verdienstlich sei. Dieß überbietet die Auflehnung zwanzigfach, Hugh.« »Wohl, mein lieber Onkel, wird aber nicht den zehnten Theil so viel zu sprechen machen. Betrachtet nur die Zeitungen, die wir morgen früh frisch von Wall-Street, Pine-Street und Anne-Street erhalten werden. Wenn etwa ein unglücklicher Wicht von einem Senator den Antrag stellt, einem Infanterie-Regiment einen Extra-Corporal beizugeben, so werden die Zeitungsschmierer ob dieser beunruhigenden Kriegs-Demonstration in Gichter fallen oder von dem Sinken der Curse bei einem Staatspapier sprechen, das keinen Cent innern Werth hat, als ob der Sturz einer ganzen Nation daran hänge; dabei schlummert man ganz gemächlich über diesem Vulkan, der unter dem ganzen Gemeinwesen tobt und sich mehr und mehr kräftigt, die Nation selbst, welche die Schöpferin der Staatspapiere ist, mit Vernichtung bedrohend.« »Die maaßlose Selbstsucht, die sich überall breit macht, ist wahrhaftig ein sehr schlimmes Symptom, und Niemand kann wissen, wohin sie noch führen wird. So viel aber ist zuverlässig, daß die Menschen Anlaß daraus nehmen, alle ihre Berechnungen auf den gegenwärtigen Augenblick zu bauen, und um eine Verdrießlichkeit, die unsere augenblicklichen Interessen bedrängt, zu beseitigen, setzen sie lieber die ganze Zukunft auf's Spiel. Doch was sollen wir mit Seneka Newcome und seinem Bundesgenossen, dem andern Mordbrenner, anfangen?« »Ich bin Willens, dieß Eurer Umsicht zu überlassen, Onkel. Sie haben sich, wie ich vermuthe, des Verbrechens der Mordbrennerei schuldig gemacht, und müssen nun, wie jeder andere Uebelthäter, die Folgen auf sich nehmen.« »Sie werden noch immer gut genug dabei wegkommen, Hugh. Hätte man dich in Seneka Newcome's Küche ertappt, wenn du eben im Begriffe gewesen wärest, sein Haus in Brand zu stecken, so würde ohne allen Widerspruch erbarmenlos die verdiente Strafe über dich ergehen; bei ihnen ist's aber ganz anders. Ich wette Hundert, sie werden nicht verurtheilt, – und im Falle es doch so wäre, Tausend, daß sie begnadigt werden.« »Von Freisprechen kann keine Rede sein, Onkel. Miß Warren und ich; wir Beide sind Zeuge gewesen, wie sie das Feuer anzündeten, und in Betreff ihrer Identität fehlt es auch nicht an den nöthigen Beweisen.« Diese unbesonnene Rede lenkte alle Blicke auf meine Helferin, und sämmtliche Damen, alt und jung, wiederholten den Namen »Mary« in der lieblichen Weise; wie das zarte Geschlecht seine Ueberraschung ausdrückt. Mary dagegen wich schüchtern und erröthend zurück; die Glut der Scham bedeckte ihr Antlitz, obschon sie sich selbst keinen Grund dafür angeben konnte, wenn dieser nicht etwa in dem geheimen Bewußtsein lag, daß sie wirklich auf eine seltsame Weise mit mir in Verbindung gekommen war. »Miß Warren ist allerdings noch in dem Anzug des gestrigen Abends,« sagte meine Großmutter mit einigem Ernst, »und kann heute Nacht nicht zu Bette gewesen sein. Wie kommt dieß, meine Liebe?« So aufgefordert zögerte Mary Warren, die sich eines reinen Sinnes bewußt war, keinen Augenblick mehr, den Hergang zu berichten. Jeder Vorfall, den sie in Erfahrung gebracht hatte, wurde einfach und mit Klarheit vorgetragen, obschon sie aus Rücksicht gegen Opportunity den Namen unseres nächtlichen Gastes verschwieg. Alle Anwesenden waren zu zartfühlend, um sie nach diesem zu fragen, sondern hörten blos der Erzählung mit gespannter und beifälliger Theilnahme zu. Sobald Mary zu Ende gekommen war, gab ihr meine Großmutter einen Kuß, und Patt, das edle Wesen, umschlang ihren Leib mit der liebevollen Innigkeit einer theilnehmenden Schwester. »Es scheint also, daß wir unsere Sicherheit hauptsächlich Mary verdanken!« rief meine gute Großmutter; »denn ohne ihre Sorgfalt und ihre Wachsamkeit hätte Hugh wahrscheinlich auf dem Rasen draußen gepaßt, bis es zu spät gewesen wäre, das Haus oder uns zu retten.« »Dieß ist noch nicht Alles,« fügte Onkel Ro bei. »Jede andere Person hätte ›Feuer‹ gerufen oder sonst einen unverständigen Lärm gemacht; aber aus Mary Warrens treuem und klarem Bericht geht hervor, daß ohne die ruhige, besonnene Weise, in welcher sie ihre Rolle spielte, nicht die Hälfte von dem Geschehenen hätte erwirkt werden können, so daß das Haus am Ende doch verloren gewesen wäre. Ja, hätten diese Elenden Hugh überrascht, statt daß er sie überraschte, so befänden wir uns jetzt vielleicht in der Lage, seinen Verlust zu beklagen.« Ich bemerkte, wie Patt und Mary, die sich noch immer umarmt hielten, zusammenschauderten; namentlich war letztere in einer Weise ergriffen, daß ich das Wort nahm, um sie zu beruhigen. »Ich sehe nicht ein, wie diese Mordbrenner auch nur entfernt eine Aussicht hätten, zu entkommen,« bemerkte ich gegen meinen Onkel. »Sollte das Zeugniß, das gegen sie aufgebracht werden kann, nicht zureichen? Ich bin in der That erstaunt, wie Ihr über das Ergebniß des gerichtlichen Verfahrens nur einen Zweifel erheben könnt.« »Du fühlst und schließst, wie ein sehr junger Mensch, Hugh, – wie ein Mensch, welcher meint, die Verhältnisse stehen dem, was sie sein sollten, viel näher, als dieß aus den Thatsachen hervorgeht. Heutzutage ist die Gerechtigkeit blind – nicht aus Unpartheilichkeit, sondern aus dem einfachen Grunde, weil sie allzu oft nur die eine Seite einer Frage berücksichtigt. Wie sie entkommen werden? Vielleicht sind die Geschworenen der Ansicht, das Anzünden eines Holzstoßes und einiger Stühle sei nicht als Anzünden eines Hauses zu betrachten, mag auch der Animus so nahe liegen, daß sie mit den Nasen darauf stoßen müssen. Denk' an mich, Hugh Littlepage, ehe noch ein Monat um ist, werden eben die Ereignisse dieser Nacht zu Gründen verzerrt sein, die dem Antirentismus Vorschub leisten müssen.« Ein gemeinsamer Ausruf, welchem sich sogar meine Großmutter anschloß, gab zu erkennen, daß alle Anwesenden anderer Meinung waren. »Schon gut, meine Damen,« entgegnete Onkel Ro gelassen – »schon gut, Master Hugh; aber warten wir nur erst den Ausgang ab. Ich habe bereits von anderen Mißbräuchen der Antirenters gehört, die als Gründe namhaft gemacht wurden, warum die Gesetze geändert werden sollten – damit nämlich die Menschen nicht über ihre Kräfte versucht würden; und warum sollte nicht dieselbe Schlußfolge auf dieses Verbrechen in Anwendung kommen können, wenn man sie doch schon in Fällen von Mord benützte? ›Das Grund-Pachtverhältniß drängt die Leute zum Mord‹, heißt es, ›und deßhalb muß es aufgehoben werden‹. ›Das Grund-Pachtverhältniß veranlaßt die Leute zu Mordbrennerei‹, wird man dann sagen, ›und wer wollte wohl Gesetze beibehalten, die solche Verbrechen herbeiführen?‹« »Nach demselben Grundsatz könnte man behaupten, es solle kein bewegliches Eigenthum geben, weil durch dasselbe die Menschen über Gebühr versucht und zum Diebstahl verleitet werden.« »So weit würde es auch ohne Zweifel kommen, wenn dadurch politisches Uebergewicht zu erlangen wäre. Nein, es gibt keinen Trugschluß, kein moralisches Sophisma, das zu Erreichung eines solchen Ziels nicht wünschenswerth wäre. Doch es ist spät, und wir sollten daran denken, die Gefangenen für heute Nacht sicher unterzubringen. Was bedeutet diese Helle? Das Haus ist am Ende doch in Brand gerathen!« In dem Ankleidezimmer meiner Großmutter waren die Läden geschlossen und die Vorhänge niedergelassen; aber gleichwohl drang ein ungewöhnliches Licht zu uns herein und erfüllte uns mit plötzlichem Schrecken. Ich öffnete die Thüre und fand alle Gänge beleuchtet; doch trug Alles im Innern den Charakter der Ruhe und der Sicherheit. Dagegen ließ sich vom Hof her ein Geschrei vernehmen, und urplötzlich scholl der furchtbare Kriegsruf der Wilden durch die Luft. Wie es mich däuchte, kam das Getöse von Außen, weßhalb ich nach der kleinen Thüre hinstürzte, und als ich auf den Rasen hinaustrat, löste sich mir augenblicklich das Geheimniß. Eine große Heuscheune, welche mit dem Ertrag der Ernte des Jahrs gut angefüllt war, stand in Feuer, und die gespaltenen wehenden Flammenzungen leckten wenigstens hundert Fuß hoch in die Luft. Dieß war nur ein neuer Beweis gegen das Grundpachtsystem und sollte den ›Geist der Institutionen‹ den menschlichen Sinnen ein wenig lebhaft nahe rücken. Ueber's Jahr figurirt er vielleicht in der Botschaft eines Gouverneurs oder in den philanthropischen Leistungen irgend eines Albany-Redners, wenn anders dann noch derselbe »Geist« in den »Institutionen« herrscht, wie heutzutage. Ist ein Kontrakt zu dulden, der freie Männer verleitet, Scheunen in Brand zu stecken? Die brennende Scheune stand in der Ebene unter der Klippe und etwa tausend Schritte von dem Rest entfernt. Die Lohe flackerte weit auf und verbreitete natürlich ein helles Licht. Der Verlust für mich überstieg vielleicht einige hundert Dollars nicht, und obschon dieser Beweis zu Gunsten des Antirentismus nicht sehr angenehm war, traf er mich doch nicht so empfindlich, als wohl der Fall gewesen wäre, wenn er in derselben Weise an andern Gebäuden versucht worden wäre. Mit andern Worten, der Schaden machte mich nicht in so hohem Grade bestürzt, daß mir nicht noch einiger Sinn für die Schönheit der Scene übrig geblieben wäre, namentlich, da mir Onkel Ro zuflüsterte, Dunning habe alle meine Baulichkeiten in der auf Wechselseitigkeit begründeten Saratoga-Assecuranz versichern lassen – ein Umstand, welcher wahrscheinlich einen beträchtlichen Theil der Pächter in die unangenehme Lage versetzte, für ihren Spaß zahlen zu müssen. Da es zu spät war, an eine Rettung der Scheune und ihres Inhalts zu denken, auch außerdem Miller mit seinen Leuten sich bereits an Ort und Stelle begeben hatte, um nach den Zäunen und sonstigen Gegenständen, die durch die sprühende Asche gefährdet werden konnten, zu sehen, so blieb uns nichts übrig, als unthätig zuzuschauen. Der Anblick war wenigstens in Wahrheit sehenswerth und verdient daher wohl eine kurze Schilderung. Das Licht der brennenden Scheune verbreitete sich auf eine weite Strecke hin und war »einer schlimmen That in einer schlechten Welt« vergleichbar; denn abgesehen von der hohen Autorität Shakespeare's sind es zuletzt doch die ›schlimmen Thaten‹, welche die hellste Lohe verbreiten und in dem Prüfungszustand, in welchem wir leben, ihre Strahlen am weitesten hin entsenden. Die merkwürdigsten Gegenstände in dieser merkwürdigen Scene waren die ächten und falschen Rothhäute – die »Indianer« und die »Inschens«, die sich auf den Wiesen hin und her bewegten. Von der Klippe aus, auf welcher wir standen, konnten wir (die Damen befanden sich an den Fenstern ihrer Zimmer) Beide deutlich unterscheiden, obschon sie sich wahrscheinlich gegenseitig nicht so gut zu beobachten im Stande waren. Die Indianer beobachteten in ihren Bewegungen eine gute Ordnung und näherten sich dem anderen Haufen in verstohlener Weise, indem sie auf allen Vieren weiter krochen, oder sich wie Panther auf die Erde duckten, dabei sich eines jeglichen Versteckes bedienend, der sich ihnen darbot. Zwischen beiden Haufen befand sich die brennende Scheune, und dieß war der Hauptgrund, warum die »Inschens« die Gefahr, in welcher sie schwebten, nicht so bald bemerkten. Letztere waren eine Bande von etlich und vierzig oder fünfzig verkappten Bewaffneten, die schreiend und lärmend umhertanzten – der Brandstätte nahe genug, um sich des Anblicks erfreuen zu können, obschon die Stelle, wo sie sich befanden, nicht ihre notwendige Verbindung mit der Unthat nachwies. Wie wir uns denken konnten, sollte ihre Anwesenheit und ihr Treiben uns bemerklich machen, daß sie in jener Nacht bei der Beschädigung meines Eigenthums heimlich mitgewirkt hatten – eine Art Warnung für mich, was ich zu gewärtigen habe, wenn ich dem »Geist der Institutionen« ferner widerstehe. Vielzunge, dem eine gewisse unbestimmte Vorstellung von der Nothwendigkeit vorschwebte, sich auf die Windseite des Gesetzes zu halten, begleitete seine rothen Brüder nicht, sondern kam aus der Durchfahrt heraus und schloß sich mir und meinem Onkel an. Wir standen unter dem Schirm eines edlen Kastanienbaums am den Rand der Klippe und sahen dem Verlauf der Dinge auf der Wiese zu. Als ich ihn bemerkte, drückte ich meine Ueberraschung gegen ihn aus, und fragte ihn, ob Kieselherz oder Prairiefeuer seiner Anwesenheit nicht benöthigt sein dürften. »Durchaus nicht, durchaus nicht, Obrist,« antwortete er mit der größten Kälte: »Für das Geschäft, in welchem meine guten Freunde begriffen sind, brauchen sie keinen Dolmetscher, und wenn die Begegnung einen üblen Ausgang nimmt, so ist's vielleicht am besten, wenn die beiden Partien sich nicht verstehen, da dann Alles als ein Spiel des Zufalls gedeutet werden kann. Ich hoffe, sie werden nicht besonders auf Skalpe erpicht sein; denn als ich Kieselherz verließ, bedeutete ich ihm, daß in diesem Theile der Welt die Leute es nicht gerne sähen, wenn sie skalpirt würden.« Dieß war der einzige Trost, den uns der Dolmetscher ertheilen konnte; auch schien der Gränzmann der Ansicht zu sein, die Dinge seien jetzt gerade im rechten Gang, und jede Schwierigkeit werde bald secundum artem ihre Erledigung finden. Die Inschens gewannen übrigens der Sache einen ganz andern Gesichtspunkt ab, und hatten es nicht eben auf eine ernstliche Balgerei mit Jemand abgesehen; um so weniger aber waren sie geneigt, mit Feinden von dem berufenen Charakter der Rothhäute anzubinden. Wie ihnen die Nähe ihrer Gegner kund geworden war, kann ich nicht sagen, obschon ich es für wahrscheinlich halte, daß man sie trotz ihrer Sorgfalt in den Wiesen dahin schleichen sah, und dadurch in Schrecken gerieth. Der Schrecken war wenigstens zuverlässig Meister geworden, denn der Haufen des vorigen Tages hätte sich kaum mit größerer Eile aus dem Gehölz flüchten können, als heute die »verkappten Bewaffneten« mit einemmale unsichtbar wurden. Ueberhaupt benahmen sich diese Wichte stets, so oft sie mit bewaffneten Haufen in Berührung kamen, selbst wenn diese der Zahl nach weniger stark waren – in einer ähnlich feigen Weise. Sie zeigten sich wild und sogar viehisch genug bei verschiedenen Anlässen, in welchen sie es nur mit einzelnen Personen zu thun hatten; aber jedesmal, wenn auch noch so kleine bewaffnete Abtheilungen gegen sie ausgeschickt wurden, wichen sie scheu von hinnen und verriethen gewaltige Furcht vor einer Berufung an dieselbige Gewalt, die sie durch ihre früheren Handlungen so vermessen herausgefordert hatten. Ist es also wahr, daß diese soit disant »Inschens« nicht den gewöhnlichen Muth ihres Geschlechts besitzen, und daß sie tief unter den Amerikanern stehen, die mit den Waffen in den Händen einen so tapferen Geist entfalten? Nein, dieß ist nicht der Fall. Nur das Bewußtsein der Schuld hat sie zu Memmen gemacht; sie wissen, daß »des Königs Name eine starke Veste« ist, und fürchten sich daher vor Kämpfen, in welchen, wie die von Oben eingepflanzte innere Stimme ihnen sagt, sie eine nichtswürdige Sache verfechten, und durch unrechtfertigbare Mittel nach Erreichung eines schnöden Zweckes ringen müssen. Ihr Benehmen beweist, wie leicht es gewesen wäre, ihren Räubereien schon von Anfang an Einhalt zu thun, wenn der Staat vernünftigen Gebrauch von seiner Gewalt gemacht hätte; aber eben daraus erhellt auch, welche schwere Verantwortlichkeit auf denen lastet, die in Betreff dieser Angelegenheit ihre Pflicht vernachlässigt haben. Sobald Kieselherz und seine Begleiter die Ueberzeugung gewonnen hatte, die »verkappten Bewaffneten« hätten wirklich Reißaus genommen, und es sei keine Aussicht vorhanden, den Morgen, wie wohl Jeder unter ihnen gehofft hatte, in einem Scharmützel zu verbringen, brachen sie in ein gellendes Geschrei aus, wie während der letzten achtzig Jahre nie ein ähnliches in diesem Thale gehört worden war. Die Zeit der Indianerkämpfe in der Gegend von Ravensnest lag außer dem Bereich der Erinnerung; denn hin und wieder ein falscher Lärm während des Revolutionskrieges kann nicht hieher gezählt werden. Wie wir von unserer Klippe aus deutlich sehen konnten, übte dieses Gezeter die Wirkung, daß die Flüchtlinge ihren Rückzug um so mehr beschleunigten; die vorsichtigen Krieger der Prairien aber waren zu behutsam, um ihre Körper bloßzustellen, und vermieden es daher, sich der lodernden Scheune allzusehr zu nähern. Augenscheinlich waren sie nicht unzufrieden darüber, daß es nichts zu thun gab, und da sie keine Parade machen wollten, wo dieß nicht durch irgend einen Dienst geboten wurde, so zogen sie sich langsam aus dem Thal zurück und fanden sich in einer Weise, die wohl ihnen selbst am besten bekannt sein mochte, wieder auf der Klippe ein. Diese militärische Demonstration von Seiten unserer rothen Brüder blieben nicht ohne nützliche Folgen; sie zeigte den Inschens, daß man auf der Hut und bereit war, es mit ihnen aufzunehmen – eine Thatsache, welche für dieselbe Nacht jeder weiteren Störung vorbeugte, und den Insassen des Rests die Ueberzeugung gab, daß wir für den Augenblick keine Gefahr mehr zu besorgen hatten. Dieses Sicherheitsgefühl erstreckte sich nicht nur auf meinen Onkel und mich, sondern auch auf die Frauenzimmer, die, wie wir bei unserer Rückkehr nach dem Hause bemerkten, den ganzen Vorgang von den oberen Fenstern aus mit angesehen hatten. Nach einer kurzen Unterredung mit meiner Großmutter entschloß sich diese, sich wieder zur Ruhe zu begeben, und nachdem wir Vorbereitungen zur Aufstellung einer Wache getroffen hatten, waren alle Hausgenossen wieder nach ihren Schlafgemächern entlassen. Vielzunge übernahm das Amt eines Auslugers, obschon er den Gedanken für lächerlich hielt, daß im Laufe der Nacht noch eine weitere Ruhestörung vorfallen könnte. »Was die Rothhäute betrifft,« sagte er, »so schlafen sie zu dieser Jahreszeit eben so gerne unter den Bäumen draußen, als unter einem Dach, und wenn es sich um's Wachen handelt, so gehen sie über die Katzen. Nein, nein, Obrist; überlaßt nur Alles mir, und ich will Euch so ruhig durch die Nacht bringen, als wären wir in den Prairien und lebten unter gutem, gesundem Prairiegesetz.« »So ruhig, als wären wir in den Prairien!« so weit war's also in New-York gekommen, daß nach einem Brande ein Bürger wirklich hoffen dürfte, den Rest der Nacht so ruhig wie in den Prairien zuzubringen! Und zwanzig Stunden vor uns saß zu Albany jene träge, morsche, nutzlose Maschine, Gouvernement genannt, – so ruhig, so selbstzufrieden, so vollkommen überzeugt, die amerikanische Nation sei die größte auf der Erde, sie selbst aber die glorreiche Vertreterin derselben, als seien die aufgewühlten Counties lauter Paradiese, ehe darin Sünde und Unrecht bekannt war! Wenn sie überhaupt etwas that, so berechnete sie wahrscheinlich das Minimum, das der Pächter für das Land seines Grundherrn zahlen sollte, sobald Letzterer hinreichend abgeängstigt war, daß er sich gerne von seinem Besitzthum trennte. Vielleicht auch erläuterte sie ihre Ansichten von Freiheit dadurch, daß sie auf's Genaueste die Summe festsetzte, mit der sich ein Bürger begnügen müsse, damit die Habgier eines andern zufrieden gestellt werde! Ich wollte eben zum erstenmal in dieser Nacht mein Lager aufsuchen, als Onkel Ro gegen mich bemerkte, es dürfte wohl passend sein, nach unseren Gefangenen zu sehen. Es war früher die Weisung ertheilt worden, den Elenden ihre Bande abzunehmen und sie in einen leeren Vorrathsraum zu sperren, welcher außer der Thüre keine zum Entkommen benutzbare Oeffnung besaß. Wir begaben uns dahin und wurden natürlich von der Schildwache ohne Widerrede eingelassen. Seneka Newcome fuhr bei meinem Eintritt zusammen, und ich gestehe, daß ich nicht wußte, wie ich ihn anreden sollte; denn ich mochte eben so wenig mir den Anschein des Triumphs geben, als ich ein Zugeständniß zu ertheilen geneigt war. Mein Onkel war übrigens, wahrscheinlich weil er seinen Mann besser kannte, nicht so bedenklich, und ging ohne Weiteres zur Sache über. »Der schlimme Geist muß in der Gegend sehr um sich gegriffen haben, Seneka Newcome, wenn sich Männer von Euren Kenntnissen in so gefährliche Anschläge verwickeln,« sagte Onkel Ro in finsterem Tone. »Was hat mein Neffe je gethan, daß Ihr Euch verlockt saht, gleich dem Dieb in der Nacht als Mordbrenner in sein Haus zu kommen?« »Fragt mich nichts, Mr. Littlepage,« entgegnete der Attorney mürrisch, »denn ich werde Euch nicht antworten.« »Und dieses unglückliche verführte Geschöpf, das Euer Bundesgenosse im Verbrechen gewesen ist! Zum letztenmal sahen wir diese beiden Menschen, Hugh, als sie auf der Landstraße wie Hund und Katze an einander waren, und man sieht es an ihren Gesichtern, daß die Rauferei nach unserer Entfernung noch feindseliger geworden ist.« »Und hier finden wir sie beisammen als Gefährten in einer Unternehmung, bei der sich's um Leben und Tod handelt!« »So ist's immer mit Schurken. Sie treiben ihre Zwistigkeit auf's Aeußerste und sind im Nu wieder einig, wenn der Dämon der Habgier ihnen einen Gegenstand zu gemeinschaftlicher Beraubung zeigt. Du siehst denselben Geist auch in der Politik und sogar in der Religion. Menschen, die ihr halbes Leben über in Feindseligkeit gelebt, und sich wegen selbstsüchtiger Zwecke herumgestritten haben, vereinigen zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels plötzlich ihre Kräfte und arbeiten mit einander wie die erprobtesten Freunde, so lange ihnen die Aussicht vorschwebt, ihre Wünsche zu verwirklichen. Währe die Ehrlichkeit nur halb so thätig, wie die Büberei, so würden wir viel besser daran sein. Aber der ehrliche Mann hat Bedenken, achtet sich selbst, und seine Grundsätze sowohl, als seine Konsequenz zeichnen ihm die Laufbahn vor, von der er nicht bei jedem neuen Impulse abgehen kann, wie der Schurke, der heute Feind und morgen Freund ist. Ich frage Euch,« er wandte sich jetzt an Josh Brigham, der finster vor sich hinstierte – »Euch, der Ihr in Hugh Littlepage's Brod standet: was hat er gethan, daß Ihr ihm um Mitternacht in's Haus fallt, um ihn wie eine Raupe im Frühling zu verbrennen?« »Er hat seine Farm lang genug gehabt,« brummte der Kerl; »es ist Zeit, daß auch arme Leute eine Aussicht gewinnen.« Mein Onkel zuckte die Achseln, dann aber, als besänne er sich plötzlich eines Besseren, lüpfte er seinen Hut, verbeugte sich mit der Würde eines Gentleman, wünschte Seneka gute Nacht und entfernte sich. Unterwegs drückte er gegen mich seine Ueberzeugung aus, im gegenwärtigen Falle sei jede Vorstellung nutzlos – man müsse daher nothwendig dem Gesetz seinen Lauf lassen. Es dürfte zwar unangenehm sein, einen Newcome wirklich hängen zu sehen, aber nichts als eine derartige Operation sei im Stande, die Brut von ihren schlimmen Wegen abzuführen. Nach den Ereignissen der Nacht erschöpft, begab ich mich jetzt zu Bette und schlief bis tief in den anderen Morgen hinein. Es war Weisung ertheilt worden, im Haus Ruhe zu erhalten, und so brachte denn Jeder die versäumte Zeit ein, sich so sorgenlos seines Schlafes erfreuend, wie in den Tagen, als noch das Gesetz in der Republik Geltung hatte.   Vierundzwanzigstes Kapitel. »Wohl dürfen wir vom Zauber singen Des Landes, dem wir uns vermählt, Von seinem Lächeln, seiner Fülle Und seiner ganzen Blumenwelt. Ruft alles dieß uns nicht in Stunden Der Wonne zu verlockend süß: Trägt auch dein Herz der Sünde Wunden, Hast du doch hier ein Paradies.« Simms .   Der folgende Tag war ein Sonntag. Ich stand erst um neun Uhr auf. Als ich die Vorhänge zurückzog und die Läden meines Fensters öffnete, um auf den Rasen, auf die Felder jenseits und in's blaue Himmelsgewölbe hinauszublicken, kam es mir vor, als ob nie ein lieblicherer Tag – ein Tag, der mehr im Einklang mit dem ruhigen Charakter der ganzen Landschaft stand, über der Gegend gelagert hätte. Ich warf das Fenster auf und athmete in vollen Zügen die Morgenluft, erfüllt von den balsamischen Gerüchen süß duftender Blumen und Sträucher. Eine Sabbathruhe schien über Menschen und Thier zu liegen. Die Bienen und Colibris summten um die Blumen her, als seien sie auch in ihrem gewöhnlichen Treiben sich der Heiligkeit des Tages bewußt. Auf dem Land kann wohl Niemand gegen den Unterschied unempfänglich sein, der zwischen einem Sonntag und jedem andern Tag in der Woche stattfindet. Ohne Zweifel besteht er zwar meist in der einfachen Folge der Enthaltsamkeit vom Geschäft; aber abgesehen von der historischen Bedeutung des Festtags sind die gewöhnlichen Gebräuche, die ihn begleiten, und die heilige Ruhe, die ringsum zu herrschen scheint, so augenfällig und eindrucksvoll, daß mir schon als blos poetische Pause in den rührigen Getümmel der Welt ein milder Juni-Sonntag stets wie ein entzückender Ruhepunkt vorkömmt. So war es nun mit jenem Morgen nach der so ereignißreichen Nacht, er besaß ganz die Eigenschaft, die Gemüther zu beschwichtigen, Besorgnisse zu bannen und der nüchternen Erwägung Raum zu geben. Allerdings hatten wir die rauchenden Ruinen der Scheune, das schwarze Denkmal einer boshaften That vor uns; aber die Stimmung, in welcher sie begangen wurde, schien entwichen zu sein, und in jeder andern Beziehung hatten sich nah und fern die Farmen von Ravensnest nie in einem Kolorit gezeigt, das so sehr im Einklang gestanden hätte mit dem wohlwollenden Lächeln einer von Fülle überquellenden Natur. Während ich die Gegend betrachtete, schienen mit einemmal alle früheren Empfindungen wieder aufzuleben, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ein tiefes Dankgefühl gegen Gott in mir übermächtig wurde, wenn ich bedachte, daß ich seiner heiligen Vorsehung das Glück verdankte, als der Erbe eines solchen Besitzthums geboren zu werden, da sie mich ja eben so gut unter die Leibeigenen und Knechte anderer Länder hätte werfen können. Nachdem ich eine Minute am Fenster gestanden und mich des lieblichen Anblicks erfreut hatte, trat ich zurück, weil plötzlich das peinliche Bewußtsein in mir auftauchte, wie weit sich die gefährliche Kombination verbreitet hatte, die mich meiner Anrechte an diese Ländereien zu berauben gedachte. Amerika schien mir nicht länger Amerika zu sein. An die Stelle der alten Achtung vor dem Gesetz, der raschen Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht und der nüchternen, verständigen Freiheit, welche eben so gut sich gegen die Ungerechtigkeit der Gewalt sträubte, als sie die Uebertreibungen der Volksverblendung umging, war die Habgier des Räubers getreten, die noch furchtbarer wurde durch die hinterlistige Weise, mit welcher sie in die Triebräder der politischen Maschinerie eingriff und von den Elenden bemäntelt wurde, die mit Gewalt und Ansehen begabt waren – von Menschen, die den Demagogen Alles in die Hände spielen, um sich für die Fortdauer ihres eigenen Einflusses eine Majorität zu sichern. War denn der Staat wirklich so verderbt, daß er seine Beihilfe bot zu Verfolgung so heilloser Zwecke, als die waren, welche die Antirenters so offen zur Schau trugen? Gewiß nicht. Vier unter Fünf, wo nicht mehr fühlen recht wohl, daß ein Gelingen dieser schnöden Umtriebe den Bestand des ganzen Gemeinwesens gefährden müßte, und würden morgen Herz und Hand erheben, um den Uebelstand ohne Erbarmen gänzlich auszutilgen; aber sie haben sich selbst zu Sklaven der Lampe gemacht, sind in die Reihen der Partei getreten und wagen es nicht, sich ihren Führern zu widersetzen, welche, gleich Napoleon, über die Massen gebieten, um ihre Privatzwecke zu fördern, obschon sie stets thun, als huldigten sie blos den Prinzipien der Freiheit! Dieß ist die Geschichte unseres ganzen Geschlechts! Während des Frühstücks herrschte eine auffallende Ruhe unter der Familie. Was meine Großmutter betraf, so kannte ich ihren durch frühe Erfahrung gereiften Geist zu gut, so daß es mich nicht Wunder nahm, sie gefaßt und besonnen zu finden; aber diese Eigenschaft schien sie auch ihren vier jüngeren Gefährtinnen mitgetheilt zu haben. Patt lachte zwar und ließ ihrer natürlichen Heiterkeit den Zügel, als ob gar nichts vorgefallen sei, und die übrigen Mündel meines Onkels behaupteten eine würdevolle Gelassenheit, der man durchaus keine Furcht anmerkte; Mary Warren aber überraschte mich durch ihre Miene und ihre Haltung. Sie setzte sich auf ihren gewöhnlichen Platz am Tisch und nahm sich wo möglich als die mädchenhafteste, sanfteste und schüchternste von allen ihren Freundinnen aus. Wer hätte auch von der erröthenden, bescheidenen, hübschen Tochter des Rectors glauben sollen, sie könne das gewandte, entschiedene und klar blickende Mädchen sein, das mir in der letzten Nacht so wesentliche Dienste geleistet hatte – das Mädchen, deren Verstand und Ruhe wir Alle das Dach über unsern Häupten, ja, Einige von uns höchst wahrscheinlich das Leben verdankten! Aber trotz der anscheinenden Unbefangenheit wurde doch das Frühstück schweigsam und gedankenvoll eingenommen. Die Unterhaltung beschränkte sich hauptsächlich auf meinen Onkel und meine Großmutter, die sich unter Anderem auch über die Art, wie man mit den Gefangenen verfahren sollte, besprachen. In der nächsten Umgebung des Nests befanden sich nur öffentliche Beamte, die sich bei dem Antirentismus betheiligt hatten, und wenn man Seneka und seinen Gefährten einem derartigen Friedensrichter überantworten wollte, so war dieß gerade so viel, als ob man ihn ohne weiteres frei ließ. Dem Namen nach wäre allenfalls eine Bürgschaft aufgelegt worden; oder im Falle wirklicher Verhaftung hätte höchst wahrscheinlich der betreffende Constabel eine gewaltsame Befreiung zugelassen, wenn es je als nöthig erachtet wurde, eine derartige Schaustellung von Pflichterfüllung zu geben. Mein Onkel entschied sich daher für nachstehenden Plan. Er hatte die beiden Mordbrenner nach dem alten Farmhause bringen lassen, unter welchem sich ein vollkommen trockener, leerer Keller befand. Dieser bot die Sicherheit eines Kerkers, ohne daß ihm der gewöhnliche Mangel, nämlich Dunkelheit und Nässe, anklebte. Die rothen Häuptlinge hatten das Amt der Bewachung übernommen, und einer derselben stand als Posten an der Thüre, während ein anderer das Fenster, durch welches Licht einfiel, beaufsichtigte, obschon dieses kaum groß genug war, um einen menschlichen Körper sich durchdrängen zu lassen. Der Dolmetscher hatte von dem Agenten die Weisung erhalten, den christlichen Sabbath zu achten; da also für den Tag kein Manöver in Aussicht stand, so paßte der vorerwähnte Dienst vollkommen gut zu dem Müssiggang, in welchem Indianer sich an Rasttagen so gerne zu ergehen pflegen. Man hatte natürlich nicht vergessen, die Gefangenen mit Lebensmitteln und Wasser zu versehen; dieß schien übrigens meinem Onkel Ro zu genügen, da er im Sinn hatte, am Montag Morgen die Verbrecher zu einem entfernt wohnenden County-Richter bringen zu lassen. Von der Ruhestörung der vergangen Nacht ließ sich nirgends auch nur eine Spur blicken, und da das Nest ziemlich frei dastand, so brauchten wir uns nicht vor einer Ueberraschung zu fürchten. Während wir noch beim Frühstück saßen, tönte die Glocke von St. Andrews klagend durch die Luft zu uns herüber – eine Aufgebot, daß wir uns für den Gottesdienst vorbereiten sollten. Die Kirche war nur etwa zweitausend Schritte entfernt, und die jüngeren Damen drückten den Wunsch aus, zu Fuß dahin zu gehen. Meine Großmutter bediente sich daher, nur von ihrem Sohne begleitet, des Wagens, während das junge Volk etwa eine halbe Stunde vor dem zweiten Zeichen insgesammt zu Fuß nach dem Gotteshause aufbrach. Wenn ich den Zustand des Landes und die Geschichte der vergangenen Nacht in's Auge faßte, mußte ich mich über meine eigene Gleichgültigkeit bei diesem Anlaß, noch mehr aber über die Ruhe meiner lieblichen Begleiterinnen wundern, und ich säumte nicht, meinen Gedanken Worte zu leihen. »Man muß zugeben, unser Amerika ist doch ein merkwürdiges Land,« sagte ich, als wir über den Rasen gingen, um den Fußpfad zu erreichen, der uns über schöne Waidegründe bis an die Kirchenthüre führte, ohne daß wir, mit Ausnahme einer einzigen Kreuzung die Landstraße zu betreten brauchten. »Die ganze Umgegend ist so ruhig, wie wenn sie nie durch ein Verbrechen befleckt worden wäre, und doch sind es kaum zwölf Stunden, als noch Hunderte von unseren Nachbarn auf Mordbrennerei, Aufruhr und vielleicht Mord sannen. Der Wechsel ist in der That wunderbar.« »Du mußt nicht vergessen, Hugh, daß es Sonntag ist,« versetzte Patt. »Den ganzen Sommer hindurch, so oft der Sonntag kam, hatten wir nichts von Ruhestörern zu befürchten; denn die Bewohner dieser Gegend sind viel zu religiös, als daß sie daran denken könnten, durch Gewaltthat und bewaffnete Banden den Sabbath zu entweihen. Die Antirenters würden, wenn sie ein anderes Benehmen einschlügen, weit mehr verlieren, als gewinnen.« »Ich könnte dieß wohl glauben, denn man findet unter uns häufig, daß Tausende an dergleichen Aeußerlichkeiten halten, nachdem das fromme Gefühl, welches ursprünglich Anlaß dazu gegeben hat, längst erloschen ist. Etwas Aehnliches bemerkt man auch in anderen Ländern und selbst unter den höheren einsichtsvolleren Klassen; denn nicht selten bezeugt man äußerlich dem Altar und dem Ritus der Religion die größte Achtung, obschon die Menschen selbst stündlich sich gegen die ersten und einfachsten Gebote der Gesetzes-Tafeln vergehen. Dieser gleißnerische Schein findet sich daher nicht blos bei uns, sondern in einer oder der andern Weise überall, wo es Menschen gibt.« Jedenfalls wurde diese zweideutige Frömmigkeit an jenem Tage zu Ravensnest in hohem Grade kund gegeben. Dieselben Männer, die sich in habsüchtiger Gier fast verzehrten, kamen nach der Kirche und machten den Gottesdienst in so viel scheinbarer Andacht mit, als ob sie sich keines Arges bewußt seien. Mit einem Worte, es schien im Lande ein allgemeiner Waffenstillstand zu herrschen, obgleich Viele zugegen sein mußten, welche die Schmach der letzten Nacht bitter empfanden. Gleichwohl konnte ich in den Gesichtern der meisten alten Pächter weder ein verändertes Aussehen, noch kalte Blicke bemerken; sie zeigten ganz die alte Freundlichkeit, welche so lange zwischen uns bestanden hatte. Die Lösung dieses Räthsels wahr sehr einfach. Die Demagogen hatten den Geist – nicht der Institutionen, sondern der Habsucht in ihrem Innern angefacht, und so lange diese schlimme Tendenz vorherrschte, war nur wenig Raum für bessere Gefühle vorhanden. »Ich werde jetzt das Dach meines Kirchenstuhls wieder sehen,« rief ich, als wir auf unserem Weg nach dem Gotteshaus das letzte Feld betraten. »Dieser harmlose Stein des Anstoßes ist mir fast ganz in Vergessenheit gekommen, bis mich mein Onkel wieder daran erinnerte, indem er mir mittheilte, Jack Dunning, wie er seinen Freund und Rathgeber nannte, habe ihm geschrieben, daß es herunter müsse .« »Ich bin vollkommen mit Mr. Dunning einverstanden,« ergriff Martha rasch das Wort, »und wünsche von Herzen, Hugh, du möchtest Befehl ertheilen, daß dieses häßlich aussehende Ding schon in dieser Woche abgeschafft werde.« »Wozu diese Eile, meine liebe Patt? Das häßliche Ding ist da gewesen, seit die Kirche gebaut wurde, also schon an die sechzig Jahre – und meines Wissens hat es Niemand geschadet.« »Hast du an seiner Häßlichkeit nicht genug? Es entstellt die Kirche, und außerdem bin ich der Ansicht, daß derartige Auszeichnungen nicht für das Haus Gottes passen. Ich weiß, dieß ist auch stets die Meinung unserer Großmutter gewesen; aber als sie fand, welchen Werth ihr Schwiegervater und ihr Gatte auf solchen Zierrath legten, so fügte sie sich während ihrer Lebzeiten drein.« »Was sagt Ihr zu alledem, Miß Warren?« fragte ich meine Begleiterin, denn ein geheimer Zug ließ mich nicht von ihrer Seite weichen. »Seid Ihr für das Dach oder heißt es bei Euch gleichfalls, nieder damit?« »Nieder damit,« antwortete Mary mit Festigkeit. »Ich theile vollkommen die Ansicht der Mrs. Littlepage: Kirchen sollten so wenig als möglich Merkmale weltlicher Auszeichnung enthalten. Ich weiß zwar, daß solche Unterscheidungen sich vom Leben nicht trennen lassen, aber der Eintritt in ein solches Gebäude ist eine Vorbereitung auf den Tod.« »Und Euer Vater, Miß Warren – habt Ihr ihn je über meinen unglücklichen Kirchenstuhl sprechen hören?« Mary zögerte einen Augenblick, wechselte die Farbe und blickte mir dann mit einem so edeln lieblichen Ausdruck in's Gesicht, daß ich ihr sogar die strengste Rüge meiner Thorheit hätte vergeben können. »Mein Vater möchte überhaupt alle abgeschlossenen Kirchenstühle verbannt wissen,« antwortete sie. »und kann daher nicht eben wünschen, daß der Eurige erhalten bleibe. Er sagt mir, in den katholischen Kirchen sitze, stehe oder kniee die Gemeinde unter einander gemischt vor dem Altar, oder sammle sich um die Kanzel her, ohne daß Rang-Unterschiede gemacht werden. Sicherlich ist dieß besser, als wenn man die kläglichste aller weltlichen Klassifikationen, die des bloßen Geldes, sogar in den Tempel mitbringt.« »Ihr habt hierin vollkommen recht, Miß Warren, und es wäre mir herzlich lieb, wenn diese Sitte auch hier Eingang finden könnte. Aber die Kirche, die am besten der Unterstützung entrathen könnte, welche von den Kirchstühlen erzielt wird, und durch ihre Größe auch besonders geeignet wäre, einer neuen Sitte zum Beispiel zu dienen, hat, wie ich höre, die alte Weise eingeschlagen und besitzt ihre Stühle so gut, als eine andere.« »Stammt vielleicht der bei uns herrschende Gebrauch von England her, Hugh?« fragte Martha. »Allerdings, wie es bei dem Meisten, was wir haben, mag es nun gut, schlimm oder gleichgültig sein, der Fall ist. Von einem Lande wie England, läßt sich schon vorn weg annehmen, daß es dem Vermögen Respekt zollt, und außerdem ist es nicht durchgängig wahr, daß selbst in den Kirchen des alten Kontinents Alles unter einander sitzt. Der Seigneur unter dem alten Regime Frankreichs hatte gewöhnlich seinen Kirchenstuhl, und in keinem Lande findet man, daß sich die hohen Würdenträger des Staats mit der Masse der Andächtigen vermischen; sie wollen gute Gesellschaft haben. Freilich kann man in den katholischen Kirchen großer Städte auch die Herzogin in dem Gedränge knieen sehen, denn es gibt da zu viel derartige Personen, als daß man sie alle mit besonderen Sitzen auszeichnen könnte – eine Ehre, die nur den Höchsten vorbehalten bleibt, aber auf dem Lande trifft man gemeiniglich Kirchenstühle, welche für den Gebrauch angesehener Personen aus der Umgegend an den Seiten angebracht sind. In dieser Beziehung sind wir nicht ganz so schlimm, als wir wohl glauben, obschon ich dem Gebrauch nicht eben das Wort reden will.« »Du wirst aber doch zugeben, daß ein bedachter Kirchenstuhl für unser Amerika unpassend ist, Bruder?« »Warum für Amerika unpassender, als für jedes andere Land? Ich gebe zu, daß sie in keinem Gotteshaus am Platz sind, denn die kleinlichen Unterschiede zwischen den Menschen, die nur durch die Landessitte bestimmt werden, sollten ganz und gar verschwinden, wenn man so zu sagen in der unmittelbaren Gegenwart der göttlichen Allmacht steht. Aber ich finde, daß in Amerika ein Geist um sich greift, welcher von gewissen Personen der ›Geist der Institutionen‹ genannt wird, und vermöge desselben will man Niemand, selbst den Verdienstvollsten nicht, auch nur die mindeste Belohnung, Ehre und Anerkennung zu Theil werden lassen. Sobald sich der Kopf eines Bürgers über die Menge der ihn umringenden Gesichter erhebt, wird er zu einer Zielscheibe für faule Eier, als sei er auf einem Pranger ausgestellt; denn seine Mitgeschöpfe gestatten nicht, daß man sich durch moralische Größe vor ihnen auszeichne.« »Wie könnt Ihr dieß zusammenreimen mit der großen Anzahl von Catos und Brutuse, der Gracchen gar nicht zu gedenken, die man so häufig unter uns findet?« fragte Mary Warren schelmisch. »Oh, dieß sind bloße Ausgeburten der Parteisucht – große Männer für irgend einen besonderen Zweck. Sie sind daran gewöhnt, sich zu Faktionszwecken brauchen zu lassen, und werden je nach Umständen darum begrüßt. Daher kommt es denn auch, daß neun Zehentheile von den Catos, deren Ihr Erwähnung thut, nach jeden politischen Lustrum vergessen, und nicht einmal mehr dem Namen nach bekannt sind. Es soll sich aber nur einmal ein Mann, unabhängig von dem Volke , durch sein eigenes Verdienst erheben, dann wird man bald sehen, wie das Volk mit ihm umspringen wird. Gerade so ergeht es nun meinem Kirchstuhl, – er ist ein großer Kirchstuhl und ist es geworden ohne die Mitwirkung des ›Volks‹; eben deßhalb kann ihn auch das Volk nicht leiden.« Die Mädchen lachten über diese Vergleichung, wie leichtherzige, frohsinnige Wesen über irgend einen derartigen Einfall lachen können; Patt aber gab sich noch nicht zufrieden, sondern griff den Widerspruch in ihrer bestimmten geistvollen Weise wieder auf. »Er ist ein großes , häßliches Ding, wenn dieses Zugeständniß deiner Eitelkeit schmeicheln kann,« sagte sie; »ich flehe daher inständigst, er möchte noch in dieser Woche einen großen Sturz erleiden. In der That, du hast gar keinen Begriff davon, Hugh, wie viel Redens er in letzter Zeit veranlaßt hat.« »Daran zweifle ich nicht, mein liebes Kind; aber all' dieses Gerede zielt blos auf die Pachtverhältnisse ab. Was sich nur immer erdenken läßt, wird gegen uns arme Grundbesitzer an den Haaren herbeigezogen, damit unsere Sache ja recht unpopulär werde und man bessere Aussicht gewinne, uns ungestraft zu berauben. Das gute Volk dieses Staates läßt sich wenig träumen, daß dieselben Uebel, welche von den Feinden unserer Institutionen längst voraus gesagt, und von ihren Freunden so warm zurückgewiesen wurden, jetzt gewaltig unter uns um sich greifen – ja, daß das große Experiment in der bedrohlichsten Gefahr schwebt, in demselben Augenblick fehl zu schlagen, in welchem man am lautesten über seinen glücklichen Erfolg jubelt. Wenn dieser Versuch auf das Eigenthum auch noch so mittelbar gelingt , so werden andere folgen, welche uns so unvermeidlich unter die Ruthe des Despotismus als einziges Zufluchtsmittel gegen die Anarchie treiben, als Ursache ihre Wirkungen nach sich ziehen. Die Gefahr besteht schon jetzt in ihrer schlimmsten Form, in der des politischen Demagogismus; man muß ihr Angesicht in Angesicht gegenüber treten, mit gediegenen Grundsätzen sie bekämpfen und sie mannhaft unterdrücken, oder wir sind verloren. Dieß ist meine unmaßgebliche Ansicht. Heuchlerisches Geschrei ist das vorherrschende Laster unserer Religion, namentlich in politischen und religiösen Dingen – und ein solches Geschrei darf nie durch Zugeständnisse zufrieden gestellt werden. Meine Stuhlbedachung soll stehen bleiben, so lang es noch einen Antirentismus zu Ravensnest gibt, oder muß durch Gewalt niedergerissen werden. Sind die Leute wieder zur Besinnung zurückgekehrt und fangen an, zwischen dem Mein und Dein einen vernünftigen Unterschied zu machen, so kann ihn die Köchin jeden Tag in der Woche zum Ofenholz haben.« Da wir jetzt im Begriff standen, unmittelbar vor der Kirche in die Landstraße einzubiegen, so wurde das Gespräch als unpassend für den Platz und die Gelegenheit aufgegeben. Die Gemeinde von St. Andrews war klein, wie es auf dem Lande bei den Gemeinden der bischöflichen Kirche stets der Fall ist, weil namentlich die Abkömmlinge der Puritaner sie mit Mißtrauen und nicht selten mit entschiedenem Widerwillen betrachten. Die rohe Religion – halb Heuchelei, halb Gotteslästerung – welche von Cromwell und seinen Anhängern so vielen Engländern als Erbtheil hinterlassen worden war, aber doch eine gewisse wilde engherzige Aufrichtigkeit in sich barg, ist unserem Lande wahrscheinlich mit viel mehr ursprünglicher Eigenthümlichkeit übermacht worden, als man heutzutage in jedem andern Theil der Welt findet. Von der Engherzigkeit ist viel zurückgeblieben: aber sie hat unglücklicherweise, wie es stets zu gehen pflegt, wenn in solchen Sekten die Liberalität Eingang zu gewinnen anfängt, den Charakter der Freigeisterei angenommen. Mit einem Worte, die Uebertreibungen und die falschen Grundsätze der religiösen Fanatiker Amerikas, welche während des siebzehnten Jahrhunderts Hexen verbrannten, Quäcker hängten und Alle zur Hölle verdammten, bis auf die wenigen Auserwählten, nehmen jetzt ihren natürlichen Gang und jagen auf das offene Ziel des Unglaubens los. Ebenso wird es auch mit den Mißbräuchen der politischen Freiheit ergehen, die nothwendig zum Despotismus führen müssen, wenn ihnen nicht in Zeiten Einhalt gethan wird. Sie liegen freilich nicht in dem » Geist der Institutionen«, sondern in der Tendenz der menschlichen Natur, und stehen in einem engen Zusammenhang mit einem Zustande, in welchem man von dem Recht abgehen will, um das Unrecht zu unterstützen. Wie ich fand, war Mr. Warren ein populärer Prediger, obschon seine Sekte im Allgemeinen keiner sehr besondern Gunst sich erfreuen durfte. Ein provinzielles, von Vorurtheilen befangenes Volk, hegte natürlich einen Widerwillen gegen Alles, was mit seinen Ansichten und Gewohnheiten nicht im Einklang stund, und die einfache Thatsache, daß er zu einer Kirche gehörte, welche Bischöfe besaß, galt an sich schon als ein Beweis, daß seine Gemeinde es mit der Aristokratie und den privilegirten Klassen hielt. Allerdings hat fast jede andere Sekte im Land auch ihre kirchlichen Würden, die unter der Bezeichnung von Geistlichen, Aeltesten und Diakonen bekannt sind – ein Vorwurf also, der eben so gut auf sie selbst anwendbar ist; aber sie besitzen keine Bischöfe , und in derartigen Fällen nimmt man nicht an dem, was man selbst nicht hat, sondern an dem, was Andere haben, Anstoß. Aber trotz dieser Hindernisse, welche der Popularität so sehr im Wege stehen, erfreute sich doch Mr. Warren der Achtung seiner ganzen Umgebung, und so sonderbar es auch scheinen mag, that ihm hierin der Umstand keinen Abtrag, daß von der ganzen Geistlichkeit in der Gegend er allein es gewagt hatte, den um sich greifenden Geist der Habsucht, den man so gern mit dem Titel »Geist der Institutionen« bemänteln möchte, öffentlich zu rügen. Dieser Pflicht hatte er sich bei mehr als einer Gelegenheit mit Bestimmtheit und Nachdruck entledigt, obschon er dabei stets den milden Geist christlicher Liebe walten ließ. Sein gewissenhaftes Benehmen hatte zwar Anlaß zu Drohungen und anonymen Briefen – diesen gewöhnlichen Zufluchtsmitteln feiger Gemeinheit – gegeben, zugleich aber auch das Gewicht seines Charakters gekräftigt, und Vielen, die ihm gerne gegrollt haben würden, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte, ein geheimes Gefühl von Ehrerbietung abgerungen. Als wir in der Kirche anlangten, saßen meine Großmutter und mein Onkel bereits in dem gedachten Stuhle. Mary Warren begab sich mit meiner Schwester nach einem andern Theil des Schiffs zu einem Sitz, der dem Rektor vorbehalten war, während die beiden andern jungen Damen im Gitterchor ihre gewohnten Plätze einnahmen. Ich folgte nach, und saß nun, zum ersten Mal in meinem Leben mit allen Rechten des Eigenthümers bekleidet, unter dem anstößigen Baldachin. Unter dem Ausdruck »Baldachin« darf übrigens der Leser nicht an eine festonirte Draperie, Scharlachfarben und Goldfransen denken, denn unser Ehrgeiz hatte sich nie so hoch aufgeschwungen. Der Unterschied unseres Stuhls in Vergleichung mit jedem anderen bestand einfach darin, daß er größer und bequemer war, als die Umstehenden – ein Vortheil, dessen sich jeder in gleicher Weise hätte erfreuen können, der, wie wir, Zahlung dafür leistete; der Baldachin aber bestand in einem schwerfälligen, plumpen, ungestalten Dach, einer vollkommenen Karikatur des berühmten Baldachins von St. Peter in Rom. Die erstere Bequemlichkeit erregte wahrscheinlich keinen sonderlichen Neid, da sie ganz in den gewöhnlichen Landesbrauch des »für Geld geigt man Einem« fiel; aber das Dach war aristokratisch und konnte daher nicht geduldet werden, sintemalen es, gleich dem Pachtverhältnisse dem »Geist der Institutionen« widersprach. Allerdings fügte es durch seinen Bestand Niemand Schaden zu, und hatte als Denkzeichen vergangener Ansichten und Bräuche wohl einigen Werth; es war ein Eigenthum, das ohne Verletzung von Eigenthumsrechten nicht angetastet werden konnte, und jede Person, die es sah, mußte sich in ihrem Innern sagen, daß im Grunde nichts so Absonderliches daran sei, wenn ein derartiger Stuhl einem Littlepage gehöre; namentlich aber hatte es damit seine Richtigkeit, daß Diejenigen, welche darin saßen, nie auch nur einen Augenblick glaubten, daß sie durch ihren Stuhl besser oder schlechter würden, als ihre übrigen Nebenmenschen. Gleichwohl aber war er, nächst dem Pachtverhältnisse, bei weitem der anstößigste Gegenstand, welcher damals in Ravensnest existirte, und es fragt sich sehr, ob das Kreuz an der Stelle, welche der allgemeinen Ansicht nach durch einen Wetterhahn geziert sein sollte, oder Mr. Warrens Ueberschläge nur halb so viel Aergerniß erregten. Als ich nach der Privatandacht, die nach dem Eintritt in die Kirche unter uns Halbpapisten üblich ist, das Haupt erhob und mich umsah, fand ich, daß das Gebäude fast zum Ueberströmen voll war, und ein weiterer Blick belehrte mich, daß beinahe jedes Auge auf mir haftete. Da der Baldachin letzter Zeit so viel Aufsehen gemacht hatte, so glaubte ich Anfangs, die Aufmerksamkeit gelte diesem ; aber bald gewann ich die Ueberzeugung, daß meine eigene geringe Person die Zielscheibe war. Ich will mich nicht damit aufhalten, aller der müssigen und einfältigen Gerüchte Erwähnung zu thun, welche über die Art und den Grund meines verkleideten Auftretens im Dorfe oder über sonstige damit in Verbindung stehende Umstände wie ein Lauffeuer um sich gegriffen hatten, obschon eines davon sogar charakteristisch und für die vorliegende Frage so bezeichnend ist, daß ich es nicht übergehen kann. Man erzählte sich nämlich, ich habe in der zweiten Nacht meiner Ankunft eine meiner eigenen Scheunen in Brand stecken lassen, um das Gehässige der That jenen »tugendhaften und unverdrossen thätigen Farmern« zur Last zu legen, welche nur eine ungesetzliche, bewaffnete Bande auf den Beinen hielt, um mir durch Einschüchterung mein Eigenthum zu entleiden. Ja, da saß ich, vollkommen unbewußt der Ehre, die mir geschah, und von der vollen Hälfte der Gemeinde als der geachtete, rechtlich gesinnte Jüngling angesehen, der einen solchen schurkischen Plan ersonnen und zur Ausführung gebracht hatte. Niemand, wer nicht Gelegenheit zur Vergleichung gehabt hat, kann sich eine Vorstellung bilden, wie weit mächtiger und furchtbarer das amerikanische »Volksgerede« ist, als die gewöhnlichen Gerüchte unter jedem andern Zustand der Gesellschaft. Das französische on dit ist eine pure Aermlichkeit in Vergleichung mit jenem gewaltigen Hebel, der gleich dem des Archimedes nur eines festen Punktes bedarf, um die Welt zu bewegen. In Amerika hat der Ausdruck »das Volk sagt«, so lange man sich mit demselben trägt, eine gewisse Allmacht, welche nicht aus dem Geist, sondern aus dem Charakter der Institutionen hervorgeht. Wo das Volk herrscht, ist das »Volk« auch entschlossen, dem, was es »sagt« Kraft zu geben, und die Gerechtigkeit einer solchen Entscheidung wird so wenig beanstandet, daß sogar die heilige Schrift nicht so viel praktische Wirkung übt und nicht die halbe Gewalt besitzt, die einem derartigen Gerüchte inwohnt, so lang es der öffentlichen Stimmung genehm ist, es fortzupflanzen. Wenige wagen einen Widerspruch und noch weniger erdreisten sich, die Richtigkeit der Frage zu bezweifeln, obschon sie wunderselten eine Wahrheit in sich birgt. Durch ein solches Volksurtheil kömmt man, je nachdem man es zeitweilig gut verbreitet, zu einem Ruf oder verliert ihn; ja, es schafft oder vernichtet Patrioten. Mit einem Worte, obschon nie eine volle Wahrheit und selten viel Wahrheit darin liegt, so wird es doch, wie ungereimt dieß auch erscheinen mag, pro hac vice zur unumstößlichen Gewißheit. Allerdings weiß Jedermann, daß das, was das »Volk« über irgend etwas sagt, keinen Bestand hat, sintemal das »Volk« oft, ja fast immer später dem »widerspricht«, was es vor sechs Monaten gesagt hat; gleichwohl aber muß man sich der Autorität des Dictums unterwerfen, solang es dem »Volk« beliebt, etwas zu »sagen«. Die einzige Ausnahme von dieser Regel, die übrigens auch wieder als Bestätigung dient, findet während der politischen Parteikämpfe statt; denn da gibt es stets zweierlei »Volkssagen«, von denen jede der anderen platterdings widerspricht – ja bisweilen wohl ein halbes Dutzend, von denen keine zwei mit einander Aehnlichkeit haben. Da saß ich nun, wie ich später erfuhr, als »das Zielblatt für alle Beobachter,« blos weil es zu den Zwecken Derjenigen, die mir mein Besitzthum zu entreißen gedachten, gehörte, allerlei Gerüchte zu meinem Nachtheile auszubreiten, von denen, wie ich mit frohem Bewußtsein sagen kann, auch nicht ein einziges begründet war. Meine erste Umschau in der Gemeinde überzeugte mich, daß bei weitem der größte Theil aus Solchen bestand, die nicht zur St. Andrews-Kirche gehörten. Neugierde oder vielleicht ein schlimmeres Gefühl hatte heute die Zahl von Mr. Warrens Zuhörern oder – wie ich mich richtiger ausdrücken könnte – meiner Beobachter verdreifacht. Der Gottesdienst erlitt keine andere Störung, als diejenige, welche durch das linkische Wesen so vieler an das Ritual nicht Gewöhnter herbeigeführt wurde. Die Achtung, welche man allgemein religiösen Gebräuchen zu zollen pflegt, hielt die Anwesenden in Ordnung, und obschon allgemein eine so boshafte und selbstsüchtige Stimmung herrschte, als dieß bei einem so geringfügigen Anlasse nur möglich war, so wurde doch weder Gewaltthat noch Beschimpfung an mir versucht. Was mich selbst betraf, so konnte über meinen Charakter und meine Eigenschaften zu Ravensnest nur wenig bekannt sein. Die Schule, das College, meine Reisen und ein Winteraufenthalt in New-York hatten mich auf meiner eigenen Domäne so zu sagen zu einem Fremden gemacht, und man betrachtete mich daher mehr durch die Brille meiner Pachtverträge, als ich nach bekannten Thatsachen beurtheilt werden konnte. Das Gleiche ließ sich gewissermaßen auch von meinem Onkel sagen, der so lange im Auslande gelebt hatte, daß man ihn sogar für einen halben Ausländer ansah, der die Fremde seinem Vaterland vorzog. Dieß ist ein Anstoß, welchen die Massen in Amerika kaum verzeihen können, obschon Diejenigen, welche Gelegenheit zu Vergleichungen gehabt haben, die Sünde nicht sehr hoch anschlagen werden. Die älteren Nationen bieten jüngeren so viele Verlockungen, daß Leute von Bildung, welche über ihre Zeit gebieten können, gern unter ihnen verweilen, und es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn der gereiste Amerikaner Europa seinem eigenen Welttheile vorzieht. Aber eben dieser Vorzug wird einem provinzialen Volke zu einem Dorn im Aug', und es ist durchaus nicht geneigt, eine derartige Vernachlässigung seiner selbst zu vergeben. Was mich betrifft, so habe ich sagen hören, und ich glaube auch, daß einige Wahrheit darin liegt, – Länder, die, nachdem sie einmal auf dem Gipfel der Civilisation gestanden haben, im Abnehmen begriffen sind, bieten müssigen Leuten einen weit angenehmeren Wohnplatz, als die im Sturme des Fortschritts dahineilenden Nationen. Dieß ist einer von den Gründen, warum Italien weit mehr Fremde anzieht, als England, obschon man in der Begleichung auch dem Klima die geeignete Rechnung tragen muß. Also wie gesagt, die häufige lange Abwesenheit und die augenscheinliche Vorliebe für das Ausland hatten meinen Onkel in den Augen der Masse sehr unpopulär gemacht; denn diese hat nie etwas Anderes gehört, und ist durch die selbstsüchtigen, ekelhaften Lobhudeleien ihres eigenen gesellschaftlichen Zustandes zu der völligen Ueberzeugung gekommen, es gehöre etwas mehr, als bloßer Geschmacksmangel – ja fast eine völlige Grundsatzlosigkeit dazu, wenn man ein anderes Land vorziehen könne. Diese Unpopularität wurde jedoch bedeutend gemildert durch den weit verbreiteten Ruf der Rechtlichkeit meines Onkels, und seine Freigebigkeit trug gleichfalls nicht wenig dazu bei, denn sein Geldbeutel bedurfte ebenso wenig einer Schnur, als General Harrissons Thüre einer Klinke. Bei meiner Großmutter dagegen verhielt sich die Sache ganz anders. Sie hatte den früheren Abschnitt ihres Lebens in dem Nest verbracht, und es war unmöglich, daß eine so treffliche Frau nicht allgemeine Achtung fand. Allerdings war sie für die Antirenter ein ärgerlicher Hemmstein gewesen, namentlich wenn sich's um Ausführung jenes Theils ihrer Plane handelte, der auf Verleumdung und die legitime Tochter derselben, die Verbreitung von Vorurtheilen abzielte. Es ging nicht wohl an, eine so edelsinnige, mildthätige, muthige und gerechte Frau zu verleumden; aber so gewagt das Experiment auch erscheinen mochte, wurde es doch versucht, und nicht ganz ohne Erfolg. Man beschuldigte sie, daß sie in höchst aristokratischer Weise ihre eigene Familie den Familien des übrigen Volkes vorziehe. Patt und ich, behauptete man, seien nur ihre Enkel, die auch außer ihren Besitzungen zu Ravensnest im Vollauf zu leben hätten; eine Frau aber von Mrs. Littlepage's Alter, die schon einen Fuß im Grabe habe, sollte zu viel allgemeine Menschenliebe haben, um das Wohl von Personen, die blos ihre Enkel seien, dem Interesse von Kindern der Männer vorzuziehen, die nun seit sechzig Jahren ihrem Gatten und ihren Söhnen Renten bezahlt hätten. Dieser Angriff rührte noch obendrein von der Kanzel oder vielmehr von einem Syrupfaß her, das einem wandernden Prediger statt der Kanzel dienen mußte. Dieser Mensch betrieb es als sein Tagewerk, die Gebote des Evangeliums und die des Antirentismus als das große Ziel des Lebens darzustellen. Wie gesagt, in Folge des vorerwähnten Angriffs hatte meine gute Großmutter einigermaßen in der öffentlichen Achtung verloren. Es ist zwar wahr, hätte man die Verbreiter dieser einfältigen Schmähung offen darüber zur Rede gestellt, so würden sie ihre Mitwirkung entschieden in Abrede gezogen haben; aber nichtsdestoweniger ließ sich nicht läugnen, daß unter hundert anderen Beschuldigungen, die nur geradweise, nicht aber in der Wesenheit verschieden waren, auch dieser fleißig in Umlauf gesetzt wurde, um die Littlepage's unpopulär zu machen. Unpopularität aber gilt in Amerika als eine Sünde, welche alle üblen Folgen jeder anderen Vergebung nach sich zu ziehen pflegt. Der Leser, welcher mit unserem gesellschaftlichen Leben nicht bekannt ist, muß nicht glauben daß ich um der Wirkung willen die Farben zu grell auftrage. Im Gegentheil, ich bin mir vollkommen bewußt, das Colorit meines Gemäldes sehr gedämpft gehalten zu haben, denn es ist eine unläugbare Wahrheit, daß heutzutage, wenigstens in diesem Theile Amerika's, nichts von einigem Interesse der einfachen Entscheidung der Grundsätze und Gesetze überlassen bleibt. Das Uebergewicht der Zahlen ist so groß, daß kaum ein wichtiger Privatprozeß vor ein Schwurgericht gebracht werden kann, ohne daß man mehr oder weniger unmittelbar den Versuch machte, die öffentliche Stimmung für eine oder die andere Seite zu gewinnen, um dadurch die Geschwornen zu veranlassen, daß sie die Entscheidung im Sinne der Mehrheit abgeben. In Europa werden die Richter von den Parteien aufgesucht und bestürmt; bei uns aber muß das Publikum in dieser Weise behandelt werden. Es liegt nicht in meiner Absicht, die Gebrechen meines Vaterlandes auszuposaunen, weil ich aus eigener Wahrnehmung weiß, daß entsprechende Uebel, die nur in ihrem äußeren Anschein und in der Art, wie sie wirken, verschieden sind, allenthalben existiren; aber so äußern sich einmal einige von unseren Mängeln, und wer sie zu bemänteln wünscht, statt sie zu rügen, aufzudecken und zu verbessern, ist weder ein Patriot, noch ein ehrlicher Mann. Die Ansicht des » nil nisi bene « hat dem Lande schon unendlichen Schaden zugefügt, und in der Rückwirkung natürlich auch der Freiheit. Ich glaube nicht, daß an jenem Tage in der St. Andrews-Kirche zu Ravensnest sonderliche Andacht herrschte; denn die Hälfte der Gemeinde tappte sich durch die Liturgie durch, und Jeder, der in seinem Gebetbuch den Faden verlor oder ihn gar nicht finden konnte, schien zu glauben, es sei für das Ritual von uns Halbpapisten hinreichend, wenn er sein Auge auf mich und meinen bedachten Stuhl heftete. Ich weiß zwar nicht, wie viele solche Pharisäer anwesend waren, welche wirklich glaubten, ich hätte meine Scheune anzünden lassen, um die Schmach den »tugendhaften«, »ehrlichen« und »hartarbeitenden« Pächtern zur Last zu legen – desgleichen war mir unbekannt, wer von denen wohl zugegen sein mochte, welche die Gerüchte über meinen Besitztitel und den übrigen Unsinn, der von der berechnenden Habgier im Lande ausgeschrieen wurde, für gute Münze nahmen; spätere Ereignisse gaben mir übrigens Grund zur Annahme, daß solcher Personen nicht wenige dem Gottesdienst angewohnt hatten. Ohne Zweifel verließen an jenem Morgen Viele den Tempel, deren Seelen von Plänen der gröbsten Ungerechtigkeit erfüllt waren, während sie zu gleicher Zeit Gott dankten, daß sie nicht so schlimm seien, wie Diejenigen, die sie zu berauben trachteten. Nachdem die Gemeinde entlassen war, blieb ich noch zurück, um in der Sakristei ein Wort mit Mr. Warren zu sprechen, da nicht er, sondern nur seine Tochter die Nacht mit uns im Neste zugebracht hatte. Wir besprachen uns über die Ereignisse des Morgens, von denen der gute Rektor wohl gehört hatte, obschon er nicht wußte, wer die verhafteten Brandstifter waren. Ehe wir das Gotteshaus verließen, warf ich einige allgemeine Bemerkungen hin. »Ihr habt diesen Morgen eine ungewöhnlich große Anzahl von Zuhörern gehabt, Sir,« sagte ich lächelnd, »obschon sie nicht ganz so aufmerksam waren, als man wohl hätte wünschen mögen.« »Ich schreibe dieß auf Rechnung Eurer Rückkehr, Mr. Littlepage, und die Erlebnisse der letzten paar Tage mögen gleichfalls viel dazu beigetragen haben. Ich fürchtete einen Augenblick, man trage sich mit einem geheimen Anschlag, der den Sabbath und den Tempel mit Entweihung und Gewaltthat bedrohe. Indeß ist doch Alles gut abgelaufen, und ich hoffe, daß dieser Zusammenfluß von Menschen keine weiteren schlimmen Folgen hat. Wir Amerikaner hegen große Hoffnung vor heiligen Dingen, und diese wird stets das Haus des Herrn schützen.« »Wie, Ihr glaubt also, daß die St. Andrews-Kirche heute mit Gefahr bedroht war?« Mr. Warren erröthete ein wenig und stockte eine Weile, ehe er mit der Entgegnung herausrückte. »Ohne Zweifel ist Euch wohl bekannt, junger Sir,« nahm er endlich das Wort, »welche Stimmung gegenwärtig im Lande herrscht. Um seine Zwecke erreichen, bietet der Antirentismus alle Hilfsmittel auf, die er möglicherweise für sich benutzen kann, und unter anderen Dingen geht es namentlich gegen Euren bedachten Kirchenstuhl los. Ich gestehe, daß ich Anfangs besorgte, es möchte diesem eine Bestürmung zugedacht sein.« »Mögen sie's immerhin versuchen, Sir. Der Kirchenstuhl soll seiner Zeit in einer Weise verändert werden, wie sie für den heiligen Ort paßt, aber nicht eher, bis der Neid, die Bosheit und die Habsucht aufgehört haben, gegen ihn zu Felde zu ziehen. Es wäre weit schlimmer, solchen Leidenschaften gegenüber Zugeständnisse zu ertheilen, als wenn der Stuhl in seiner gegenwärtigen Gestalt noch ein halbes Jahrhundert stehen bleibt.« Mit diesen Worten verabschiedete ich mich und eilte fort, um auf den Feldern draußen die Mädchen einzuholen.   Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ein ächter Freistaat – wild und stark dabei, Stolz demokratisch, wo ein Jeder treu Dem bleibt, was er gelobt – gut oder schlecht, Und eifrig hält an seiner blauen Satzung; (Denn hieße »roth« sie, spräche Draco Recht). Halleck .   Ich verließ die Kirche in so großer Hast, daß ich mich weder nach rechts oder links umsah. Die leichte, aber schön gerundete Gestalt Mary Warrens bewegte sich unter den Uebrigen weiter, schien aber doch zu zögern, als wolle sie mich nachkommen lassen. Ich eilte über die Straße und auf dem Feldweg weiter, so daß ich in kurzer Zeit die Mädchen eingeholt hatte. »Was hat wohl jenes Volksgewühl zu bedeuten, Hugh?« fragte meine Schwester, mit der Spitze ihres Sonnenschirms nach der Straße hinunterweisend. »Ein Volksgewühl? Ich habe keines wahrgenommen. Alles hat vor mir die Kirche verlassen und ist im Frieden abgezogen. Ha, wahrhaftig – dort auf der Straße sieht's doch wie ein Menschenhaufen aus. Beim St. George, es scheint ein organisirtes Meeting zu sein! Ja, ich sehe dort einen Präsidenten – er sitzt auf der obersten Latte des Zauns, und der Kerl mit einem Papierfetzen in seiner Hand ist ohne Zweifel der Sekretär. Alles dieß finde ich sehr amerikanisch und sehr regelmäßig. Ich stehe dafür, es wird unter dem Vorgeben, man wolle die öffentliche Meinung sprechen lassen, ein schnödes Projekt ausgebrütet. Seht, dort ist ein Sprecher – was er für mannhafte Gestikulationen macht!« Wir Alle blieben eine Weile stehen, und sahen nach dem Volkshaufen zurück, der in der That ganz den Anschein eines öffentlichen Meetings hatte. Wie die Mädchen mir sagten, hatten die Leute sich schon versammelt gehabt, wie sie die Kirche verließen, und waren ebenso beschäftigt gewesen, wie jetzt. Der Anblick weckte unsere Neugierde, und da der Tag schön war, außerdem wir auch nicht zu eilen hatten, so gingen wir nur langsam über die Felder, und machten hin und wieder Halt, um zurückzuschauen und zu sehen, was auf der Straße vorging. In dieser Weise mochten wir den halben Weg nach dem Nest zurückgelegt haben, als wir bei einem abermaligen Stillstand bemerkten, daß das Gedränge sich zerstreute. Einige fuhren in ihren Dearborns davon, Andere ritten und wieder Andere gingen zu Fuß weiter. Drei Männer aber kamen schnell in der Richtung her, welche wir eingeschlagen hatten, und es sah aus, als ob sie uns einzuholen wünschten. Sie befanden sich bereits auf dem Feldwege, welchen selten Jemand zu begehen pflegte, der nicht im Nest einen Besuch zu machen wünschte. Unter solchen Umständen beschloß ich Halt zu machen und sie zu erwarten. Zuerst griff ich jedoch in meine Tasche, um mich zu überzeugen, ob die Drehpistole darin stak, denn diese Waffe wird heutzutage sehr wichtig, da man die Privatfehden nicht mehr blos »Rocke an Rocke«, sondern auch durch eine regelmäßige »volle Lage«, Steuerbord und Backbord auszukämpfen pflegt. »Da diese Männer augenscheinlich kommen, um mich aufzusuchen,« bemerkte ich, um den Mädchen meine Absicht mitzutheilen, »so wird es gut sein, wenn Ihr Euern Weg nach Hause fortsetzt, während ich hier an diesem Drehkreuz auf sie warte.« »Ganz recht,« entgegnete Patt. »Sie können nichts auf dem Herzen haben, was wir zu hören wünschen, und du wirst uns bald einholen. Vergiß nicht, Hugh, daß wir an Sonntagen um zwei Uhr speisen. In diesem Monat beginnt der Abendgottesdienst um vier.« »Nein, nein,« fiel Mary hastig ein; »wir können und dürfen Mr. Littlepage nicht verlassen. Diese Männer könnten ihm ein Leides zufügen wollen.« Ich war über diese einfache natürliche Kundgebung von Theilnahme ebenso entzückt, wie über die Entschiedenheit, welche das theure Mädchen dabei an den Tag legte. Mary erröthete zwar über ihre Hast, war aber gleichwohl entschlossen, das genommene Terrain nicht aufzugeben. »Was könnten wir Hugh nützen, meine Liebe, selbst zugestanden, daß Ihr recht hättet?« entgegnete Patt. »Zuverlässig wäre es besser, wenn wir nach dem Hause eilten und Leute herschickten, die ihm für einen solchen Fall Beistand leisten könnten. Mit müssigem Hieherstehen richten wir nichts aus.« Miß Coldbrooke und Miß Marston, die bereits ein wenig voraus waren, benützten diesen Wink und liefen, was sie konnten, weiter, ohne Zweifel, um die Andeutung meiner Schwester in Ausführung zu bringen. Aber Mary Warren blieb fest, und Patt wollte ihre Freundin nicht verlassen, wie sehr sie auch geneigt sein mochte, mich mit weniger Rücksicht zu behandeln. »Es ist wahr, wenn Gewalt versucht würde, so können wir Mr. Littlepage freilich keinen Beistand leisten,« nahm Mary wieder auf; »aber etwas der Art ist vielleicht am wenigsten zu befürchten. Diese irregeleiteten Menschen haben so wenig Achtung vor der Wahrheit, und wenn wir Euren Bruder allein lassen, stehen drei gegen Einen. Es ist daher besser, wir bleiben und hören mit an, was vorfällt, damit wir den Thatbestand bezeugen können, wenn es, wie dieß nur zu oft vorkömmt, jene Personen für passend halten sollten, die Wahrheit zu verdrehen.« Wir Beide, Patt und ich, waren erstaunt über die Klugheit und den Scharfblick dieser Bemerkung. Meine Schwester trat jetzt ganz nahe an das Drehkreuz, an welchem ich noch immer stand, und entfaltete nun eine so feste entschlossene Haltung, wie die ihrer Freundin war. Die drei Männer näherten sich. Zwei von ihnen kannte ich dem Namen nach, obschon kaum von Person, während der Dritte mir wildfremd war. Die ersten Beiden hießen Bunce und Mowatt; sie waren Pächter auf meinem Besitzthum und, wie ich seitdem in Erfahrung brachte, eifrige Antirenters. Der Fremde gehörte unter die Klasse der wandernden Demagogen, er hatte das letzte Meeting angezettelt und die beiden Pächter zu seinen Werkzeugen gemacht. Alle drei kamen jetzt mit der Miene großer Wichtigkeit auf das Drehkreuz zu – ja, ihre gravitätische Haltung hätte nicht größer sein können, selbst wenn sie vom chinesischen Kaiser mit einer außerordentlichen Sendung betraut gewesen wären. »Mr. Littlepage,« begann Mr. Brunce mit einer ganz besonders wichtig thuenden Physiognomie. »Das Volk hat diesen Morgen ein Meeting abgehalten und darin diese Resolutionen erlassen. Wir sind das Comité, welchem der Auftrag zu Theil wurde, Euch eine Abschrift davon einzuhändigen, und erfüllen nun unsere Pflicht, indem wir Euch dieses Papier übergeben.« »Vermuthlich doch nicht, wenn ich es für passend halte, es zurückzuweisen, Sir?« lautete meine Antwort. »Ich sollte meinen, in einem freien Lande könne sich Niemand weigern, eine Reihe von Resolutionen entgegen zu nehmen, die ein Meeting seiner Mitbürger erlassen hat.« »Dieß könnte doch von den Umständen und namentlich von dem Charakter der Resolutionen abhängen. Zuverlässig gibt die Freiheit des Landes Einem das Recht, zu sagen, er kümmere sich nicht um Eure Resolutionen, wenn sie auch die Befugniß ertheilt, Resolutionen zu schmieden.« »Aber Ihr habt sie noch nicht angesehen, Sir, und ehe dieß geschehen ist, könnt Ihr nicht wissen, wie sie Euch gefallen werden.« »Dieß ist allerdings wahr; aber ich habe nur die Ueberbringer betrachtet, bin Zeuge von ihrem Benehmen gewesen, und muß daher sagen, es gefällt mir nicht sonderlich, wenn man sich anmaßt, mir bedeuten zu wollen, daß der nächste beste Menschenhaufen mir Resolutionen zuschicken könne, gleichviel, ob ich sie anzunehmen Lust habe, oder nicht.« Ob dieser Erklärung schien sich das Comité höchlich zu entsetzen. Der Gedanke, daß ein Einzelner Anstand nehmen könnte, sich einem Joch zu unterwerfen, das ihm von Hunderten ausgelegt wird, war für Menschen, welche die Majoritäten für Alles in Allem hielten, so neu und unbegreiflich, daß sie kaum wußten, wie sie die Sache nehmen sollten Die Vorstellung, daß die Majoritäten allmächtig seien, ist unter dem amerikanischen Volk so allgemein, so tief gewurzelt und so weit verbreitet, daß sie einen Hauptzug in dem Nationalcharakter bildet. Freilich thut sie unendlichen Schaden, wenn man irrtümlicherweise in ihr den leidenden Grundsatz der Institutionen sieht, während das Wirken der Majoritäten dem Wesen nach doch nur ein Nothbehelf ist, um gewisse Fragen zur Entscheidung zu bringen, die von irgend Jemand in einer oder der andern Weise entschieden werden müssen. Hält es sich in der geeigneten Sphäre, so steht es vollkommen im Einklang mit der Gerechtigkeit, so weit diese unter Menschen geübt werden kann; der Mißbrauch aber öffnet der untrüglichsten Tyrannei Thor und Riegel. Natürlich wechseln die Irrthümer, welche mit diesem Gegenstand in Verbindung stehen, je nach den Abstufungen der Einsicht und der Selbstsucht. Nachfolgende Anekdote wird dem Leser einen Begriff geben, welchen Eindruck das unter uns herrschende Gefühl auf einen Fremden bald nach seiner Ankunft in unserem Lande machte. Vor ein paar Jahren hatte der Verfasser der gegenwärtigen Schrift einen Irländer im Dienste, der sich erst seit einigen Jahren in Amerika befand. Zu den Obliegenheiten dieses Menschen gehörte es, sich um die Wohlfahrt gewisser Schweine zu bekümmern, von denen eines ziemlich verbuttet war. »Hat Euer Ehren kürzlich nach den Schweinen gesehen?« fragte eines Tags der ehrliche Bursche. »In letzter Zeit nicht, Pat; hat's dort eine Veränderung gegeben?» – »Ja wohl, Sir und zwar eine sehr große. Der kleine Kerl gewinnt den übrigen die Majorität ab und wird unter allen das beste Schwein geben!» D. H. . Anfangs schienen sie gute Lust zu haben, für den Schimpf Rache zu nehmen; dann aber kam die Erwägung, welche sie wahrscheinlich belehrte, daß ein solcher Schritt doch nicht sonderlich gerochen sein dürfte, und sie entschieden sich für ein philosophischeres Verhalten, weil sie damit leichter ihren Zweck zu erreichen hofften. »Muß ich Euch so verstehen, Mr. Littlepage,« nahm der Eine wieder das Wort, »daß Ihr Euch weigert, die Resolutionen eines öffentlichen Meetings anzunehmen?« »Ja wohl; ich kümmere mich nicht um ein halb Dutzend öffentlicher Meetings, wenn ihre Resolutionen anstößig sind und in anstößiger Weise dargeboten werden.« »Was die Resolutionen betrifft, so könnt Ihr nichts davon wissen, da Ihr sie nicht gelesen habt; auch glaube ich, daß über das Recht einer Volksversammlung, nach Gutdünken Resolutionen zu erlassen, kein Zweifel erhoben werden kann.« »In Betreff dieses Rechts walten sehr große Zweifel ob, wie sich dieß in unsern eigenen Gerichtshöfen während der letzten paar Jahre zur Genüge herausgestellt hat. Aber wenn es auch bestünde, und zwar auf der breiten Grundlage, die Ihr dafür anzunehmen scheint, so folgt daraus noch lange nicht die Befugniß, mir dergleichen Resolutionen anzudringen.« »Ich soll also dem Volk mittheilen, daß Ihr Euch weigert, seine Resolutionen auch nur zu lesen, Squire Littlepage?« »Theilt ihm mit, was Euch gutdünkt, Sir. Ich weiß von keinem Volke, als von dem Volk im legalen Sinne, das unter gewissen gesetzlichen Bestimmungen seine Macht ausübt. Was aber diese neue Anmaßung betrifft, die sich im Lande breit macht und die Unverschämtheit hat, einen von Demagogen bearbeiteten und durch Lügen berückten kleinen Menschenhaufen das Volk zu nennen, so erkläre ich, daß ich sie weder achte, noch fürchte. Ja, ich verachte sie sogar und werde sie mit Verachtung behandeln, so oft sie mir in den Weg tritt.« »Ich soll also dem Volk von Ravensnest sagen, daß Ihr es verachtet, Sir?« »Ich ermächtige Euch in keiner Weise, von mir aus irgend Etwas dem Volk von Ravensnest zu sagen, denn ich weiß nicht, ob Euch das Volk von Ravensnest mit einem Auftrage versehen hat. Wenn Ihr mich achtungsvoll ersucht – von einem Recht auf Eurer Seite ist keine Rede, sondern nur von einer Gefälligkeit auf der meinigen – den Inhalt des Papiers zu lesen, das Ihr in Eurer Hand habt, so werde ich mich vielleicht bereit finden lassen. Jedenfalls aber verwahre ich mich dagegen, daß ein zusammengelaufenes Häuflein sich als Volk aufthun und sich in dieser Eigenschaft das Recht anmaßen kann, seine Einfälle anderen Leuten aufzuzwingen .« Die drei Comitémänner traten nun einige Schritte zurück und beriethen sich zwei oder drei Minuten lang bei Seite. Während sie noch damit beschäftigt waren, vernahm ich zu meiner Seite die holde flüsternde Stimme Mary Warrens. »Nehmt die Resolutionen an, Mr. Littlepage,« sagte sie, »und schafft Euch die Personen in dieser Weise vom Halse. Ich kann mir zwar wohl denken, daß das Geschreibsel sehr einfältig ist; aber wenn Ihr das Papier annehmet, so werdet Ihr die Beauftragten nur um so bälder los.« Dieß war der Rath eines Frauenzimmers, und Weiber sind, wenn ihre Besorgnisse erregt werden, stets geneigt, mit Zugeständnissen allzu freigebig zu sein; indeß blieb mir die Unannehmlichkeit, ihn zurückweisen zu müssen, durch den veränderten Ton des Kleeblatts erspart, das jetzt wieder nach dem Drehkreuz kam und augenscheinlich zu einem endlichen Beschluß gekommen war. »Mr. Hugh Roger Littlepage, junior ,« begann Bunce mit feierlicher Stimme und in einer Weise, als habe er eine höchst wichtige legale Mittheilung zu machen, bei der es an geschraubter Phraseologie nicht fehlen dürfe, »ich ersuche Euch nun in der achtungsvollsten Weise, ob Ihr einwilligen wollt, dieses Papier anzunehmen. Es enthält gewisse Resolutionen, mit großer Einmüthigkeit von dem Volk in Ravensnest erlassen, und Ihr werdet vielleicht finden, daß sie auf Euch Beziehung haben. Ich habe die Weisung erhalten, Euch achtungsvoll zu fragen, ob Ihr diese Abschrift der besagten Resolutionen annehmen wollt.« Ich schnitt den Faden der Rede ab, indem ich das mir hingebotene Papier annahm, und es kam mir vor, als ob die drei würdigen Botschafter über dieses Benehmen von meiner Seite einigermaßen betroffen seien. Dieß gab meinem Gedankengang eine neue Richtung, und hätten sie jetzt ihre Resolutionen wieder zurück verlangt, so würde ich mich so lang geweigert haben, als meine Drehpistole noch Dienste leistete. Einen Augenblick glaubte ich, Bunce habe Lust, das Experiment zu versuchen. Für ihn und seine Genossen wäre es der größte Jubel gewesen, wenn sie hätten landauf und landab schreien können, der aristokratische Grundherr, der junge Littlepage verachte das Volk und habe sich sogar geweigert, die Resolutionen anzunehmen, welche dasselbe in seiner Majestät zu erlassen für gut hielt. So wie es übrigens jetzt stand, hatte ich die Anmaßung dieser Freiheitsschwindler zur Genüge gerügt, nebenbei aber auch alle Folgen ihrer Geschreis vermieden und zugleich die Gelegenheit gewonnen, meine Neugierde zu befriedigen, da ich, wenn ich die Resolutionen las, erfahren konnte, auf was es die Führer des Meetings abgesehen hatten. Ich sage, die Führer des Meetings, denn es ist eine unumstößliche Thatsache, daß bei allen solchen Anlässen die Versammlungen selbst bei der Bildung und Geltendmachung der ausgedrückten Ansichten eben so wenig zu thun haben, als wären sie die ganze Zeit über in Kamtschatka gewesen. Ich legte daher das Papier zusammen, steckte es in meine Tasche, verbeugte mich gegen das Comité und ging auf der anderen Seite der Zauns weiter, nachdem ich den Sendlingen zuvor die Erklärung abgegeben hatte: »Gentlemen, wenn diese Resolutionen einer Berücksichtigung bedürfen, so soll sie ihnen unfehlbar zu Theil werden. Oeffentliche Meetings an Sonntagen sind in diesem Theil so ungewöhnlich, daß die heutige Versammlung vielleicht ein Interesse hat für den kleinen Theil des Staats, der nicht zu Ravensnest wohnt.« Es kam mir vor, als sei das Comité ein wenig beschämt; aber der Fremde oder der reisende Demagoge, der meine letzten Worte vernommen hatte, gab, als ich in Begleitung von Patt und Mary Warren mich entfernte, die Erwiederung: »Je besser der Tag, desto besser die That. Die Sache betrifft den Sabbath, und zu dem gegenwärtigen Schritte hätte sich keine geeignetere Zeit auffinden lassen, als eben ein Sabbath.« Ich gestehe, daß ich vor Begierde brannte, die Resolutionen zu lesen; aber ich mochte meiner Würde nichts vergeben und zögerte daher, bis wir eine Stelle erreicht hatten, wo der Pfad durch ein Gebüsch führte. Da wir hier gegen Beobachtungen geschützt waren, zog ich das Papier heraus, und die beiden Mädchen traten mit eben so großer Neugierde, als die meinige war, heran, um mir zuzuhören. »Ihr seht hier schon auf den ersten Blick,« rief ich, indem ich die Papiere auseinander schüttelte, »wie das ›Volk‹ oft seine Resolutionen erläßt! Dieses ganze Schreiben ist von einer wahren Schulmeisterhand und mit großer Sorgfalt copirt; hiezu hat sich nun gewiß auf der Landstraße draußen, wo das Meeting abgehalten wurde, keine Gelegenheit geboten. Wir haben da den Beweis, daß Alles bereits dem souveränen Volk gehörig vorgekaut war; denn wie andern Monarchen wird diesem von den getreuen Dienern viele Mühe erspart.« »Ich kann mir denken,« versetzte Patt, »daß zwei oder drei im Dorf drunten Alles zustutzten und dann ihre Arbeit dem Meeting vortrugen, damit sie gebilligt und als Stimme des Volks anerkannt werde.« »Wenn es mit dieser sogenannten Billigung von Seiten der Zuhörer nur noch ehrlich zuginge, so wäre es schon recht; aber in jedem Meeting sind zwei Drittheile bloße Teiggesichter, die ein geschickter Demagog kneten kann, wie er will. Hören wir jedoch, um was sich's bei diesen denkwürdigen Resolutionen handelt; sie gefallen uns vielleicht, wenn wir sie gelesen haben.« »Es ist etwas ganz Außerordentliches, daß in diesem Theile der Welt an einem Sonntag ein öffentliches Meeting abgehalten wird,« rief Mary Warren. Ich schickte mich nun an, den Inhalt des Papiers zu lesen, der, wie ich auf den ersten Blick bemerkte, sehr sorgfältig für den Druck vorbereitet und ohne Zweifel nach kurzer Frist in einigen Journalen zu lesen war. Zum Glück ist ein derartiges Manövriren gewaltig übertrieben worden. Feuer wird am wirksamsten durch Feuer bekämpft, und man hat so viele der widersprechendsten Meetings, die stets die öffentliche Stimmung ausdrücken sollen, abgehalten, daß das ganze Verfahren in Verachtung gerathen ist und das Publikum mehr und mehr den großen Vortheil verliert, den es unter einer gemäßigteren Benützung seiner Gewalt besitzen könnte – ich meine die Berechtigung, bei ernstlichen Anlässen zuweilen seine wahren Ansichten und Wünsche kund zu geben. Wie es gegenwärtig steht, so weiß jeder Verständige, daß die simulirten öffentlichen Ansichten bei weitem den meisten Lärm im Lande machen, und er achtet daher auf nichts Derartiges, mag er nun davon hören oder lesen, wenn er nicht zufälligerweise mit der Quelle bekannt ist. Eine ähnliche Bewandtniß hat es mit der Tagespresse, welche so sehr in Mißkredit gekommen ist, daß sie nicht nur nicht viel Schlimmes mehr wirken kann, sondern auch fast alle Macht verloren hat, das Gute anzustreben. Man hat so oft unsinnigen Lärm von dem Wolf gemacht, daß Niemand mehr an dessen Vorhandensein glauben kann, selbst wenn die Bestie die wildesten Verheerungen unter den Heerden der Nation anrichtet. Für einen Menschen, der eine Stellung verloren hat, gibt es nur zwei Wege, sie wieder zu gewinnen; er muß entweder mannhaft wieder umkehren, oder einen so weiten Umweg machen, daß Alle, die ein Augenmerk auf ihn haben, ihn nach jeder Richtung hin begreifen und demgemäß schätzen lernen. Letzteres ist wahrscheinlich die Bahn des Demagogismus und der Presse; beide sind schon so weit gegangen, daß eine Umkehr fast unmöglich ist; sie können daher nur einen Theil des öffentlichen Vertrauens dadurch wieder gewinnen, daß sie sich begnügen, ihren Umweg zu vervollständigen. Freilich bleiben sie dadurch hinter der Nation zurück, und sie müssen Denen folgen , die sie in ihrem ehrgeizigen Ringen zu führen versucht hatten. »In einem Meeting der Bürger zu Ravensnest,« begann ich laut vorzulesen, »das am 22. Juni 1845 nach Begebung des unter den Formen der Landeskirche von England abgehaltenen Gottesdienstes in dem bischöflichen Meetinghaus auf offener Landstraße stattfand, wurde Onesiphorus Hayden, Esquire, zum Präsidenten, und Pulaski Todd, Esquire, zum Sekretär ernannt. Nachdem Demosthenes Hewlett und John Smith, Esquires, die Gegenstände der Verhandlung in glänzenden Reden zur Sprache gebracht und mit der ganzen Schärfe ihres Talents die Aristokratie und die Rechte des Menschen beleuchtet hatten, wurde in ungetheilter Einmüthigkeit folgende Aeußerung der öffentlichen Ansicht abgegeben: » Resolvirt , daß eine mit Mäßigung gehaltene Kundgebung der öffentlichen Meinung den Rechten freier Männer ersprießlich und eines der köstlichsten Privilegien der Freiheit sei, wie letztere in einem freien Lande von unseren Vorfahren, die auf der Grundlage der Freiheit und Gleichheit für die freien und gleichen Institutionen geblutet haben, auf uns vererbt worden ist. » Resolvirt , daß wir dieses Privilegium schätzen und stets ein wachsames Auge darauf haben werden, damit wir diesen Preis der Freiheit nicht verlieren. » Resolvirt , daß alle Menschen, weil sie in den Augen des Gesetzes gleich sind, es noch viel mehr sein müssen in den Augen Gottes. » Resolvirt , daß Meetinghäuser Plätze sind, hergestellt für die Bequemlichkeit des Volks, und daß nichts daselbst Zugang finden sollte, was dem öffentlichen Geist widerspricht oder möglicherweise gegen denselben verstoßen könnte. » Resolvirt , daß unsrem Urtheil nach ein Sitz, welcher gut genug ist für den Einen, auch gut genug sein müsse für den Andern – daß wir in Familien und Geschlechtern keinen Unterschied anerkennen, und daß die Kirchenstühle eben so gut als die Gesetze das Princip der Gleichheit zur Grundlage haben müssen. » Resolvirt , daß die Bedachungen derselben königliche Auszeichnungen seien und sich durchaus nicht für Republikaner ziemen, am wenigsten aber für republikanische Meetinghäuser. » Resolvirt , daß die Religion den Institutionen eines Landes angepaßt werden sollte, und daß eine republikanische Regierungsform auch eine republikanische Religionsform verlangen dürfe; daß wir ferner in den privilegirten Sitzen eines Gotteshauses die Grundsätze der Freiheit nicht zu erkennen vermögen.« »Diese Resolution kann als Kommentar zu dem dienen, was letzter Zeit so viel durch die Zeitungen in Umlauf gesetzt wurde,« rief Mary Warren rasch. »Man hat zur Empfehlung gewisser Sekten die Behauptung aufgestellt, daß ihr Kirchenregiment und ihre Dogmen in weit größerer Harmonie mit dem Republikanismus stünden, als gewisse andere, die unserer Kirche miteingeschlossen.« »Man sollte glauben,« entgegnete ich, »wenn diese Gleichförmigkeit eine Empfehlung sein sollte, müßte es die Pflicht der Menschen sein, die Institutionen in Einklang mit der Kirche zu bringen, nicht aber die Kirchen nach den Institutionen zu modeln.« »Ja, aber heutzutage pflegt man nicht in dieser Weise zu schließen. In religiösen Dingen spekulirt man eben so gut, wie in anderen, auf Vorurtheile. » Resolvirt ,« fuhr ich fort zu lesen, »daß General Cornelius Littlepage, als er in dem St. Andrews-Meetinghaus zu Ravensnest ein Dach über seinen Kirchenstuhl setzte, mehr im Einklang mit dem Geist eines vergangenen Jahrhunderts, als im Geist der gegenwärtigen Zeit gehandelt hat – daß wir daher den Fortbestand besagten Daches als eine aristokratische Anmaßung von Besserseinwollen betrachten – als eine Anmaßung, die dem Charakter der Regierungsform widerspricht, die Freiheit beleidigt und als Beispiel gefährlich wirkt.« »Dieß ist in der That zu schlimm,« rief Patt mit innerlichem Aerger, obschon sie nicht umhin konnte, über die maßlose Albernheit der Resolutionen und alles dessen, was damit in Verbindung stand, zu lachen. Der theure, freisinnige Großpapa, der für dieselbe Freiheit, um der willen dieses Volk ein solches Geschrei erhebt, focht und blutete – ja, der in Bildung der Institutionen, welche solche Leute gar nicht einmal verstehen, sondern im Gegentheil ohne Unterlaß verletzen, mitschaffen half, wird hier beschuldigt, er habe selbst die Grundsätze, die bekanntermaßen die seinigen waren, nicht befolgt!« »Kehre dich nicht daran, meine Liebe. Es sind nur noch drei Resolutionen übrig und wir wollen sie hören.« » Resolvirt , daß wir einen augenfälligen Zusammenhang sehen zwischen gekrönten Häuptern, Adelspatenten, bedachten Kirchenstühlen, Personal-Auszeichnungen, Lehens-Verhältnissen, Grund herren , Tagwerken, Zinshühnern, Bürgschafts-Verkäufen, Pachtverträgen auf drei Lebensdauern und Renten . » Resolvirt , daß wir der Ansicht sind, wenn Eigenthümer von Scheunen sie aus was immer für einem Grunde zerstört zu sehen wünschen, so sollen sie Mittel wählen, welche die Nachbarschaft weit weniger in Schrecken setzen, als das Inbrandstecken derselben, aus welchem zudem noch sich tausend Gerüchte und Beschuldigungen erheben können, die durchaus aller Wahrheit entbehren. » Resolvirt , daß eine saubere Abschrift von diesen Resolutionen gefertigt und ein Exemplar davon einem gewissen Hugh Roger Littlepage, Bürger von Ravensnest in der County Washington, überliefert werden solle; ferner, daß Peter Bunce, Esquire, John Mowart, Esquire, und Hesekia Trott, Esquire, das Comité bilden sollen, welches für Vollziehung dieses Akts Sorge trägt.« »Hierauf wurde das Meeting vertagt sine die . Onesiphorus Hayden, Präsident; Pulaski Todd, Secretär.« »Hu – u – u – i!« pfiff ich. »Da ist Pulver genug für ein zweites Waterloo.« »Was will die letzte Resolution besagen, Mr. Littlepage?« fragte Mary ängstlich. »Ich meine die, welche von Scheunen spricht.« »Sicherlich liegt in dieser ein verborgener Sinn, der seinen Stachel hat. Wollen die Schurken am Ende gar damit andeuten, ich hätte meine Scheune in Brand stecken lassen?« »Wenn dieß der Fall wäre, so wäre es die nämliche Geschichte, die sie mit jedem Grundherrn, welchen sie zu berauben gedachten, versucht haben,« ergriff Patt mir Eifer das Wort. »Verleumdung scheint eine natürliche Waffe derjenigen zu sein, welche ihre ganze Macht nur der Berufung an die Massen verdanken.« »Ich finde dieß ganz natürlich, meine theure Schwester, denn unter dem Volk wirken Vorurtheile und Leidenschaften als eben so mächtige Hebel, wie Vernunft und Thatsachen. Doch um dieser Schmähung willen soll Nachfrage gehalten werden. Wenn ich herausbringe, daß diese Menschen wirklich ein Gerücht in Umlauf zu setzen wünschen, ich habe meine eigene Scheune in Brand stecken lassen – doch pah, 's ist am Ende heller Unsinn. Haben wir nicht gegenwärtigen Augenblicks den Newcome und jenen andern Schurken in Haft, weil sie versuchten, mein Haus anzuzünden?« »Verlaßt Euch hierauf nicht allzu zuversichtlich, Mr. Littlepage,« ergriff Mary mit einer Besorgtheit das Wort, so daß ich mich nothwendig sehr dadurch geschmeichelt fühlen mußte. »Mein theurer Vater sagt mir, er habe viel von seinem Vertrauen zu der Unschuld verloren, obschon Einer über uns sei, der alle menschlichen Schwächen richten werde. Eben dieses Gerücht könnte absichtlich in Umlauf gesetzt werden, um Eure Anklage gegen die zwei Mordbrenner, die Ihr auf der That ergriffen habt, zu verdächtigen. Vergeßt nicht, wie viel in der ganzen Sache von Eurem eigenen Zeugniß abhängt.« »Ich werde das Eurige zur Unterstützung haben, Miß Warren, und der Geschworene ist noch nicht im Leben, der Anstand nehmen würde, das zu glauben, was Ihr bezeugt. Doch wir nähern uns dem Hause. Wir wollen nicht mehr über den Gegenstand reden, damit die liebe Großmutter nicht bekümmert wird.« Im Nest fanden wir Alles ruhig, und von den Rothhäuten war keinerlei Bericht eingelaufen. Ihnen galt der Sonntag wie jeder andere Tag, mit der einzigen Ausnahme, daß sie während ihres Aufenthalts in den Ansiedlungen aus Achtung vor unsern Gewohnheiten sich ruhig verhielten. Einige Schriftsteller sind der Meinung, die ureingeborenen Amerikaner seien Abkömmlinge von den verlorenen Stämmen Israels; mir aber scheint es, daß ein solches Volk, wenn es für sich lebte und frei blieb von fremdem Einfluß, nothwendig die Tradition vom jüdischen Sabbath hätte bewahren müssen. Dem sei übrigens, wie ihm mag – John kam uns an der Thüre, die wir unmittelbar nach meinem Onkel und der Großmutter erreicht hatten, entgegen und machte uns die Meldung, daß, so viel er wisse, in den Farmgebäuden Alles ruhig sei. »Sie haben in der letzten Nacht genug gekriegt, Mr. Hugh; ich denke, sie sind mittlerweile dahinter gekommen, daß es besser sei, im eigenen Kochofen ein Feuer anzuzünden, als zu kommen und den Boden von eines Gentlemens Küche zum Feuerherd zu machen. Ich habe immer gehört, daß sich die Amerikaner lieber mit den Engländern, als mit den Irischers vergleichen wollten; mir aber scheint's, sie werden dem wilden Volk aus Irland, von dem wir in London so viel zu hören kriegten, mit jedem Tag ähnlicher. Euer geehrter Vater, Sir, würde es nie geglaubt haben, daß in diese seine eigene Wohnung nächtlicher Weile Leute, die sogar seine Nachbarn sind, kommen und wie ächte Newgate-Vögel Mordbrennerei versuchen könnten. Wenn ich nur daran denke, Mr. Hugh, – dieser Squire Newcome, wie er sich nennt, ist ein Attorney und hat oft hier im Nest zu Mittag gespeist. Ich selbst bot ihm wohl fünfzigmale den Suppenteller, den Fisch und den Wein, just als ob er ein Gentleman wäre, und auch seiner Schwester, der Miß Opportunity. Da kommen sie denn her, um in stockfinsterer Mitternacht das Haus anzuzünden.« »Ihr thut Miß Opportunity Unrecht, denn sie wenigstens hat mit der Sache nichts zu schaffen gehabt.« »Na, Sir, heutzutag kann Niemand etwas gewiß wissen. Doch was seh' ich – entweder werden meine Augen schwach, oder dort ist die junge Dame, von der wir sprechen, selbst!« »Eine junge Dame? wo? – Ihr könnt doch wahrhaftig nicht Opportunity Newcome meinen?« »Ja wohl, Sir, und sie ist's – daran fehlt's nicht. Wenn dieß nicht Miß Opportunity ist, so ist der Gefangene, welchen die Wilden im Keller des alten Farmhauses eingesperrt haben, auch nicht ihr Bruder.« John hatte recht. Opportunity stand in demselben Pfad und auf der nämlichen Stelle, wo sie die Nacht vorher meinen Blicken entschwunden war. Es war da, wo der Pfad in den bewaldeten Hohlweg überging, und die Ansteigung hatte sie uns so weit verborgen, daß wir nur den Kopf und den oberen Theil ihres Leibes unterscheiden konnten. Das Mädchen hatte sich nur so weit gezeigt, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sobald ihr dieß gelungen war, ging sie wieder einige Schritte rückwärts und entzog sich dadurch unsern Blicken. Ich winkte John, er solle über das, was vorgegangen war, schweigen, sprang die Treppe hinunter und ging auf den Hohlweg zu, vollkommen überzeugt, daß ich erwartet wurde, wenn ich gleich nicht mit mir im Reinen war, ob nicht dieser Besuch weiteres Unheil bedeute. Die Entfernung war so kurz, daß ich bald den Rand des Hohlwegs erreichte; aber als ich daselbst anlangte, war Opportunity verschwunden. In dem Dickicht konnte sie sich leicht verbergen, und es war möglich, daß sie sich nur einige Schritte von mir befand, weshalb ich weiter abwärts ging, um zu erfahren, was sie wollte. Ich muß zwar sagen, daß mir dabei ein Strahl des Argwohns durch den Kopf schoß; er verlor sich jedoch bald in der neugierigen Erwartung, was wohl das Mädchen hieher geführt haben konnte. Ich glaube, es ist bereits auseinandergesetzt worden, daß auf diesem Theile des Rasens eine tiefe schmale Schlucht im Walde gelassen worden war, und daß man den Pferdepfad, welcher nach dem Dorf hin ging, absichtlich durch dieselbe geführt hatte. Der Waldstrich mochte etwa drei oder vier Acres im Umfang haben, folgte dem Lauf des Hohlweges bis nach den Wiesen hin und enthielt drei oder vier ländliche Sitze zur Benützung während der wärmeren Monate. Da Opportunity alle Windungen und Verschlingungen des Platzes kannte, so hatte sie sich in die Nähe eines dieser Sitze begeben, der im dichtesten Gebüsch, dabei aber dem Hauptpfad so nahe stand, daß sie mich wissen lassen konnte, wo sie war. Als mein Tritt ihr sagte, daß ich näher kam, rief sie leise meinen Namen. Ich sprang auf den Nebenweg hinüber und befand mich im Nu an ihrer Seite. Ich glaube, daß das Mädchen, nun ihre Absicht so weit gelungen war, auf den Sitz niedersank weil sie nicht mehr zu stehen vermochte. »Oh, Mr. Hugh!« rief sie mit einem so natürlichen Ausdrucke von Bekümmerniß in ihrem Gesichte, wie man ihn an ihr sonst nicht zu sehen gewohnt war. »Sen – mein armer Bruder Sen! Was habe ich gethan! Was habe ich gethan!« »Wollt Ihr mir offen einige Fragen beantworten, Miß Opportunity? Ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Eure Erwiederungen nie zu Eurem oder der Eurigen Nachtheil benutzt werden sollen. Es handelt sich um eine sehr ernstliche Angelegenheit, die ohne allen Rückhalt besprochen werden sollte.« » Euch will ich auf Alles antworten – auf jede Frage, die Ihr mir vorlegen mögt, selbst wenn ich dabei schamroth werden müßte. Aber,« fügte sie bei, indem sie ihre Hand vertraulich, um nicht zu sagen, zärtlich auf meinen Arm legte – »warum müssen wir für einander Mister Hugh und Miß Opportunity sein, nachdem wir so lange Hugh und Op gewesen sind? Nennt mich wieder Op, und ich werde die Ueberzeugung daraus gewinnen, daß die Ehre meiner Familie und die Wohlfahrt des armen Sen unter der Obhut eines treuen Freundes sind.« »Niemand kann hiezu bereitwilliger sein, als ich, meine theure Op, und ich werde recht gerne wieder Euer Hugh. Ihr seid übrigens doch von Allem unterrichtet, was vorgegangen ist?« »Ja – ja wohl, die furchtbare Kunde ist bis zu uns gelangt, und die Mutter ließ mir keinen Augenblick Ruhe, bis ich mich wieder hinausstahl, um mit Euch zu sprechen.« »Wieder? – so war also Eure Mutter von dem Besuch der letzten Nacht unterrichtet?« »Ja, ja – sie weiß Alles und hat mir dazu gerathen.« »Eure Mutter ist eine sehr gedankenvolle und kluge Frau,« entgegnete ich, in meine Lippen beißend, »und ich muß erst hintendrein erfahren, wie tief ich ihr verpflichtet bin. Euch, Opportunity, verdanke ich die Erhaltung meines Hauses und vielleicht auch die Rettung des Lebens Aller, die meinem Herzen theuer sind.« »Gut; dieß ist jedenfalls Etwas. Es gibt kein Leid, das nicht auch seinen Trost mit sich führte. Ihr müßt übrigens wissen, Hugh, daß ich nie glaubte oder glauben konnte, Sen selbst werde so schwach sein, um sich in Person bei einem solchen Unternehmen zu betheiligen. Es war nicht erst nöthig, Euch zu sagen, daß in diesen Antirentenzeiten Feuer und Schwert das Gesetz sind, und im Allgemeinen genommen ist Sen ein sehr kluger und vorsichtiger Mensch. Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen, ehe ich daran gedacht hätte, meinen eigenen Bruder in eine so grausame Klemme zu bringen. Nein, nein – Ihr müßt keine so üble Meinung von mir haben, daß Ihr glauben könntet, ich sei gekommen, meinen Bruder zu verrathen.« »Es ist genug, daß ich weiß, wie viel Mühe Ihr Euch gabt, um mich vor Gefahr zu warnen; eben deßhalb ist es mir auch unmöglich, in Euch etwas Anderes, als eine Freundin zu sehen.« »Ach, Hugh, wie glücklich und froh waren wir Alle noch vor einigen Jahren – das heißt vor der Zeit, als die Miß Coldbrookes, Miß Marstons und Mary Warrens in die Gegend kamen. Damals freuten wir uns gegenseitig unsrer Gesellschaft, und ich hoffe, diese Zeiten werden wiederkehren. Wenn Miß Martha sich nur an ihre alten Freundinnen hielte, statt neuen nachzulaufen, so würde Ravensnest bald wieder Ravensnest sein.« »Unmöglich könnt Ihr es tadeln wollen, daß meine Schwester ihre Freundinnen liebt. Sie ist mehrere Jahre jünger als wir, und Ihr werdet Euch erinnern, daß sie vor sechs Jahren kaum alt genug war, um unsere Gefährtin zu sein.« Opportunity war so gnädig, ein wenig zu erröthen, denn sie hatte sich Patts blos als eines Deckmantels bedient, um ihren Angriff auf mich machen zu können, sintemal sie so gut als ich wußte, daß meine Schwester mindestens sieben Jahre jünger war, als sie selbst. Dieses Gefühl nahm sie jedoch nur für einen Augenblick in Anspruch, und im nächsten ging sie auf den eigentlichen Zweck ihres Besuchs über. »Was soll ich meiner Mutter sagen, Hugh? – ich weiß, Ihr werdet Sen wieder loslassen!« Ich stellte jetzt zum ersten Mal Erwägungen über die Bedenklichkeiten des Falls an und muß sagen, daß es mich schwer ankam, die Mordbrenner entwischen zu lassen. »Die Thatsachen müssen bald durch die ganze Stadtmarkung bekannt werden,« entgegnete ich. »Hievon habt Ihr nichts zu besorgen, denn sie sind bereits schon ziemlich bekannt. Alle Welt muß zugeben, daß zu Ravensnest Neuigkeiten im Flug sich verbreiten.« »Ja, wenn dieß nur auch der Wahrheit gemäß geschieht. Aber nach einem solchen Vorfall kann Euer Bruder kaum mehr hier bleiben.« »Ach Himmel, wie mögt Ihr auch so sprechen! Wenn nur das Gesetz ihn ungeschoren läßt, wer wird sich dann wegen dieser Sache weiter um ihn kümmern? Ihr habt nicht lange genug in der Heimath gelebt, sonst würdet Ihr wissen, daß in diesen Antirentenzeiten die Leute sich aus dem Anzünden eines Hauses nicht halb so viel machen, als über einen Gutseingriff unter dem altmodischen Gesetz. Die Antirenterei ändert den ganzen Geist.« Wie vollkommen richtig war dieß! Und wir haben junge Menschen unter uns, die ihr Leben vom zehnten bis zum achtzehnten und zwanzigsten Jahr in einem Zustand der Gesellschaft verbrachten, welcher fast hoffnungslos dem verderblichen Einfluß der schlimmsten Verlockungen preisgegeben ist. Es darf Niemand Wunder nehmen, daß man Mordbrennerei für ein verzeihliches Vergehen zu betrachten anfängt, wenn das sittliche Gefühl einer Gemeinschaft so ganz aus den Augen gerissen ist und die Knaben unter Ansichten, die aller Gerechtigkeit und Sicherheit Hohn sprechen, zum Mannesalter heranreifen. »Das Gesetz ist übrigens nicht ganz so gefügig, wie das ›Volk‹. Es wird kaum gestatten, daß Mordbrenner ungestraft davon kommen, und es dürfte deßhalb nöthig sein, daß Euer Bruder aus dem Lande fliehe.« »Was liegt daran? Viele gehen fort und bleiben eine Zeit lang aus. Dieß ist immerhin besser, als nach dem Norden zu wandern und in dem neuen Gefängniß zu arbeiten. Ich fürchte durchaus nicht, daß Sen mit dem Strick bestraft werden könnte, denn gegenwärtig ist in diesem Lande keine Zeit zum Hängen; immerhin wäre es doch ein wenig schimpflich für die Familie, wenn eines ihrer Mitglieder im Staatsgefängniß säße; daß obendrein die Strafe nicht von langer Dauer sein könnte, dieß seht Ihr so gut ein, wie ich. Wegen lauter Antirenterei sind schon Menschen ermordet worden; will man aber die Thäter zur Strafe ziehen, – du mein Himmel, dann erheben Senatoren und Assemblymänner ein solches Geschrei, daß man, wenn's noch lange so fortgeht, eine weit größere Ehre darein setzen wird, wegen Erschießen eines Friedensbeamten in's Gefängniß zu kommen, als wegen Unterlassung einer solchen That außen zu bleiben. Mit dem Gerede ist Alles abgethan, und wenn das Volk Lust hat, etwas ehrenhaft zu machen, so braucht es nur oft genug davon zu sprechen, und der Zweck ist erreicht.« Dieß waren die Ansichten von Miß Opportunity Newcome über die neumodische Moral – und kann man sagen, daß sie sehr Unrecht hatte? Ich lächelte über die Art, wie sie den Gegenstand behandelte, obgleich in ihrer Denkweise ein hausbackener praktischer Menschenverstand lag, der vielleicht nachdrücklicher wirkte, als dieß bei Zugrundlegung eines gebildeteren und schärfer unterscheidenden Kodexes der Fall gewesen wäre. Sie sah die Dinge in dem Gesichtspunkte, wie sie waren, und eine solche Auffassung hat stets etwas für sich. Was mich betraf, so hätte ich in dieser unglücklichen Brandstiftungs-Geschichte wohl gerne auf Opportunity Rücksicht genommen, weil sich das Mädchen stets hätte schwere Vorwürfe machen müssen, wenn sie sich in einem Lichte erschien, als habe sie zu dem Verderben ihres Bruders einen so wesentlichen Beitrag geleistet. Allerdings steht ein Schelm heutzutage nicht in sonderlicher Gefahr gehangen zu werden, und Seneka war nicht genug Gentleman, obschon er viel auf diesen Titel hielt, als daß er für seinen Hals hätte fürchten müssen. Wäre ein Grundbesitzer darüber ertappt worden, wie er auf dem Küchenboden eines seiner Pächter Feuer anzündete, so hätte sicherlich der Staat zu dessen Hinrichtung nicht Hanf genug erzeugen können; wenn man aber einen Pächter über der That erwischte, so war dieß etwas ganz Anderes. Ich konnte nicht umhin, mich selbst zu fragen, wie viele von den »ehrenwerthen Gentlemen« zu Albany sich für mich verwendet haben würden, wenn ich der Uebelthäter gewesen wäre; denn dieß ist einmal die rechte Art, an den »Geist der Institutionen«, oder vielmehr, wie ich ebensogut das Recht zu behaupten habe, an » ihren Geist« zu kommen, weil sich's doch einmal um Unerträglichkeit der Pacht-Verhältnisse mit demselben handelt; denn die Gesetze und Institutionen an sich haben mit ihm nichts zu schaffen, sondern stehen ihm gerade so schroff entgegen. Die Resultate meiner Zusammenkunft mit Opportunity bestanden darin, daß ich erstlich mein Herz just da erhielt, wo es anfänglich gewesen war, wenn schon ich nicht ganz überzeugt bin, ob ich es mit Recht mein Eigenthum nennen konnte; zweitens – daß mich die junge Dame sehr beruhigt in Betreff der Ehre der Newcomes verließ, obschon ich Sorge dafür trug, mich nicht dadurch in ihre Macht zu geben, daß ich ihr eine Bemäntelung des Verbrechens zusagte; drittens – daß ich die Schwester einlud, heute Abend offen nach dem Nest zu kommen, weil sie auf diese Weise am leichtesten ihren Zweck – wohlgemerkt in Betreff Seneka's, nicht aber in Betreff meiner – erreichen könne; und schließlich – daß wir als so gute Freunde schieden, wie wir es nur je gewesen waren, indem jedes von uns Beiden gegenseitig die früheren Absichten festhielt. Worin diese bestanden? die Bescheidenheit legt mir hier Stillschweigen auf.   Sechsundzwanzigstes Kapitel. »Wenn der Mensch die Rechte des Eigenthums gewahrt sehen will, muß er auch die Folgen davon – die Unterscheidungen der gesellschaftlichen Klassen – auf sich nehmen. Ohne Eigenthumssicherheit ist der Bestand der Civilisation kaum möglich, während die höchste Stufe der Veredlung wahrscheinlich das Resultat derselben gesellschaftlichen Auszeichnungen ist, welche von so vielen Seiten her verrufen werden. Um das große politische Problem zu lösen, muß man ein Urtheil darüber gewinnen, ob die Unterschiede in der Gesellschaft, die von der Civilisation unzertrennlich sind, neben vollkommener Gleichheit in politischen Rechten existiren können. Wir sind der Ansicht, daß dieß der Fall ist, und halten den, der grundlos hiegegen Widerspruch erhebt, für einen Träumer, der allerdings für einen Zustand solcher Gleichheit nicht paßt; denn ebensogut könnte man behaupten, es habe nicht ein Mensch wie der andere Gelegenheit, sich aufzuschwingen.« Politische Abhandlung.   Meine Zusammenkunft mit Opportunity Newcome blieb unter denen, welche die erste Kunde davon erhielten, ein Geheimniß. Der Abendgottesdienst in der St. Andrewskirche wurde nur von der gewöhnlichen Gemeinde mitgefeiert, da die Neugierde der Menge durch den Besuch am Morgen beschwichtigt zu sein schien. Der Rest des Tages entschwand, wie sonst, und nachdem ich den lieblichen Abend, wie auch die ersten Stunden der Nacht in Gesellschaft der Mädchen verbracht hatte, begab ich mich zu Bette, wo ich bis zum Morgen mich eines gesunden Schlafes erfreute. Onkel Ro theilte meine philosophische Stimmung, und wir ermuthigten uns gegenseitig darin durch ein kurzes Gespräch, das, ehe wir uns zur Ruhe begaben, in seinem Zimmer stattfand. »Ich bin ganz deiner Ansicht, Hugh,« sagte mein Onkel in Erwiederung auf eine meiner Bemerkungen; »es führt zu nichts, wenn wir uns über Mißstände abhärmen wollten, deren Beseitigung nicht in unsrer Macht liegt. Werden wir niedergebrannt und unseres Eigenthums beraubt, nun so sei's drum, in Gottesnamen – ich habe ein hübsches Kapital in Europa angelegt, und wenn das Schlimmste zum Schlimmen kömmt, so können wir Alle davon leben, obschon es dann ein wenig knapp hergehen wird.« »Es ist sehr auffallend, aus dem Munde eines Amerikaners zu hören, daß er in der alten Welt seine letzte Zuflucht suchen wolle.« »Es wird oft genug vorkommen, wenn's in so lustiger Weise fortgeht, wie seit den letzten zehn Jahren. Bisher haben die Reichen von Europa auf die Zeit der Noth ihre Sparpfennige für Amerika aufbewahrt, aber wenn nicht bald ein großer Wechsel eintritt, werden wir's ehestens erleben, daß die reichen Amerikaner das Kompliment auf's freundlichste heimgeben. In vielen Beziehungen sind wir weit übler daran, als wenn wir uns in einem Zustand der Natur befänden; denn uns sind die Hände durch die Verantwortlichkeit gebunden, die an unserer Stellung und an unsern Mitteln haftet, während unsere Gegner blos dem Namen nach unter einem Zügel stehen. Die Magistratspersonen machen sie aus Leuten, welche ganz in ihrem Interesse stehen, und ebenso wählen sie auch die Sherifs, welche für die Vollstreckung der Gesetze zu sorgen haben. Der Theorie nach ist das Volk tugendhaft genug, um alle diese Pflichten gut zu erfüllen; aber leider ist keine Klausel für den Fall vorhanden, in welchem das Volk zufälligerweise en masse auf Irrwege geräth.« »Wir haben doch Gouverneure und Herren zu Albany, Sir?« »Ja wohl haben wir Gouverneure zu Albany, aber gerade diese sind die schlimmsten Knechte ! Seit dem Auftauchen dieses höllischen Geistes ist freilich die Zeit dahin, daß eine klare männliche, energische und grundsatzfeste Proklamation, vom Gouverneur dieses Staats erlassen, allein hingereicht hätte, alle bessern Gefühle des Gemeinwesens zu wecken und dem gegenwärtigen Unfug zu steuern; immerhin aber wäre Einiges dadurch erzielt worden – doch auch diese kleine Huldigung, dem Rechte gegenüber, wurde uns verweigert. Auch sehe ich keiner Aenderung entgegen, bis wir diese doppelt destillirten Patrioten fallen lassen und bei der Besetzung wichtiger Aemter wieder zu den altmodischen Gentlemen mit ihren gediegenen Grundsätzen greifen. Der Himmel bewahre mich vor den extratugendhaften, patriotischen und erleuchteten Bürgern, denn von diesen ist noch nie etwas Gutes ausgegangen.« »Es ist, denke ich, das klügste, Sir, wir halten uns darauf gefaßt, das Schlimmste über uns ergehen zu lassen, denn wir sind in unsern Institutionen bei dem Reaktionspunkt angelangt. Meine Drehpistole ist immer mit gutem Zündkraut versehen, und bei solcher Vorsorge hoffe ich, wenigstens nicht lebendig verbrannt zu werden.« Nachdem wir uns noch eine Weile länger unterhalten hatten, trennten wir uns und suchten unsere Pfühle; auch kann ich sagen, daß ich in meinem ganzen Leben nie so trefflich geschlafen hatte, wie in jener Nacht. Wenn ich auch um meine Habe kam, so war es andern schon eben so ergangen, ohne daß sie sich darüber zu Tode grämten – und warum sollte ich mich nicht darein finden können? Allerdings waren jene andern hauptsächlich Opfer sogenannter Tyrannen, zum Theil aber doch auch solche, welche durch den Pöbel ihre Habe verloren hatten. So zum Beispiel geriethen in Frankreich tausende an den Bettelstab durch die politischen Confiscationsakte der Menge, und Tausende bereicherten sich an dem unrechtmäßigen Gewinn, indem sie das Unglück ihrer Umgebung auszubeuten wußten; was also dort geschah, war auch hier wieder möglich. Hochtönende Worte weiß der Vernünftige wohl zurechtzulegen, denn Niemand wird dadurch auch nur um ein Haar freier, weil er mit seiner Freiheit groß thut, und ich sollte nun erfahren, daß man stets am tiefsten verletzt wird, wenn das Unrecht von den Massen ausgeht. Mögen sie auch sonst nicht sehr zu derartigen Verbrechen geneigt sein, so sind sie doch ebensowenig unfehlbar, als einzelne Individuen. – In dieser Philosophischen Stimmung beschlich mich der Schlaf. Als ich am andern Morgen erwachte, sah ich neben meinem Bette John stehen, der eben zuvor die Läden geöffnet hatte. »Wahrhaftig, Mr. Hugh,« begann der wohlmeinende, aber bisweilen nur allzu diensteifrige Diener, »ich weiß nicht, wie weit's noch zu Ravensnest kommen wird, wenn der böse Geist unter den Bewohnern mehr und mehr um sich greift.« »Stille, stille, John – was Ihr einen bösen Geist nennt, ist nur der ›Geist der Institution‹, und dieser verlangt Ehrerbietung, nicht aber üble Nachrede.« »Ei, Sir, ich weiß nicht, wie sie ihn nennen, denn man spricht hier so viel von den Institutionen des Landes, ohne daß ich begreifen kann, was sie damit wollen. An meinem letzten Platz im Westende von London wohnte ich in der Nähe einer Institution,« – der arme John wollte vermuthlich Institut sagen – »und da lernten die jungen Herrn lateinisch und griechisch sprechen und schreiben. Die amerikanischen Institutionen aber müssen für Leute berechnet sein, die vom Latein ebensowenig wissen, als ich, denn man thut hier dergleichen, als ob man sie aus dem Fundament kenne. Doch werdet Ihr's wohl glauben – könnt Ihr's wohl glauben, Mr. Hugh daß das Volk in letzter Nacht einen Vatermord begangen hat?« »Dieß sollte mich nicht Wunder nehmen, denn seit langer Zeit geht es mit einem Muttermord um, sofern es nemlich das Land seine Mutter nennt.« »'s ist schrecklich, Sir – 's ist wahrhaftig schrecklich, wenn ein ganzes Volk ein solches vatermörderisches Verbrechen begeht. Ich wußte wohl, daß Ihr Euch drüber entsetzen würdet, Mr. Hugh, und kam deßhalb her, um Euch davon in Kenntniß zu setzen.« »Ich bin Euch für diese Aufmerksamkeit ungemein verbunden, mein guter Freund, werde es Euch aber um so mehr Dank wissen, wenn Ihr einmal zur Sache übergehen wollt.« »Recht gerne, Sir – von Herzen gern. Wozu sollte es auch nützen, die Thatsache zu bemänteln? Er ist hin, Mr. Hugh!« »Wer ist hin, John? – Sprecht nur dreist heraus, mein guter Freund; ich kann's ertragen.« »Der Kirchenstuhl, Sir, oder vielmehr das schöne Dach, das darüber angebracht war und ihm ein Aussehen verlieh, gerade wie dem Sitz des Lordmayor in Guildhall. Ich habe dieses Dach geehrt und bewundert, Sir, denn es ist der eleganteste Gegenstand in diesem Lande gewesen, Sir.« »Was höre ich – sie haben es also wirklich zerstört? Allem Anschein nach ermuthigte und spornte sie die Aeußerung einer öffentlichen Meinung, die in einem mit Präsidenten und Sekretär versehenen Meeting proclamirt wurde, den Baldachin mit dem Beil abzutragen?« »Ja wohl, Sir, und sie haben saubere Arbeit damit gemacht. Da steht er jetzt, bei Miller droben, über dessen Schweinstall!« Dieß war kein sehr heroisches Ende in der Laufbahn des anstößigen Baldachins; gleichwohl aber konnte ich nicht umhin, herzlich darüber zu lachen. John fühlte sich durch diese Leichtfertigkeit einigermaßen gekränkt, und entfernte sich bald, um mich meine Toilette selbst zu Ende bringen zu lassen. Ohne Zweifel würden viele von den ehrlichen Ravensnestern ebensosehr über die Gleichgiltigkeit, welche ich bei dem Geschick des edlen Kirchenstuhls an den Tag legte, in Erstaunen gerathen sein, als John; aber sofern meine gesellschaftliche Erhöhung oder vielmehr meine gesellschaftliche Erniedrigung dabei in Frage kam, kümmerte ich mich durchaus nichts um dieses Anhängsel. Die Zerstörung desselben ließ mich gerade so, wie ich war, weder größer noch kleiner, und wenn es eines Denkzeichens bedurfte, um die Welt wissen zu lassen, wer meine Vorfahren gewesen oder wer ich selbst in diesem Augenblick war, so reichte hierfür das Land selbst oder doch der Theil desselben, in welchem wir wohnten, vollkommen zu. Seine Geschichte muß vergessen oder verändert werden, ehe man sich über unsere Lage täuschen kann, obschon aller Wahrscheinlichkeit nach die Zeit kommen wird, wo irgend ein außerordentlich sublimirter Freund der Gleichheit auf den Gedanken geräth, alle Lichter der Vergangenheit auszulöschen, damit ja kein in der Geschichte ausgezeichneter Name mehr Anstoß gebe, weil es noch andere Leute gibt, die sich eines solchen Vermächtnisses nicht zu erfreuen haben. Mit Recht hält man den Familienstolz für den verletzendsten, weil man sich dabei einer Sache rühmt, die auch nicht durch das mindeste persönliche Verdienst errungen wurde, während Männer von den höchsten persönlichen Ansprüchen vielleicht ganz und gar eines Vortheils entbehren müssen, zu dessen Genuß längst Verstorbene ein Recht begründet haben. Was nun diesen Punkt betrifft, so lassen die Institutionen sowohl ihrem Buchstaben, als ihrem Geiste nach möglichst die Gerechtigkeit walten, obschon auch sie genöthigt sind, einen der mächtigsten Hebel solcher Auszeichnungen durch die gesetzliche Bestimmung aufrecht zu erhalten, daß sich das Besitzthum des Vaters auf das Kind vererbe. Wann wir Alles recht und so haben werden, wie es in diesem dem Fortschritte huldigenden Land sein soll, weiß nur der Himmel, denn ich finde, meine Pächter legen ein großes Gewicht auf die Thatsache, daß ihre Väter Ländereien für Generationen gepachtet haben, während sie nur gar zu gerne vergessen, daß meine Väter diese ganze Zeit über die Verpächter waren. Die vier Mädchen traf ich auf der Piazza, wo sie sich in der Luft eines so balsamischen Sommermorgens ergingen, wie ihn eine wohlwollende Natur nur je bescheert hatte. Die Kunde über das Schicksal des Kirchenstuhldachs war bereits bis an sie gelangt und übte, je nach den Temperamenten, verschiedene Wirkung. Henriette Coldbrooke lachte ganz unmäßig und in einer Weise darüber, die mir nicht gefiel, denn das helle Lachen einer jungen Dame bekundet oft genug, daß man hinter einem solchen Frauenzimmer nicht viel mehr als Lachlust suchen dürfe. Ich halte zwar dem jugendlichen Geist und einer natürlichen Neigung, den Dingen eine scherzhafte Seite abzugewinnen, Vieles zu gut; indeß muß ich doch sagen, daß es mich verletzte, über diese Heldenthat des Antirentismus eine volle halbe Stunde hinter einander lachen zu hören. Anne Marstons Benehmen gefiel mir viel besser. Sie lächelte zwar viel, und lachte eben genug, um zu zeigen, daß ihr die Sache sehr abgeschmackt vorkam; dann aber bekundete ihre Miene, daß sie fühlte, es handle sich hier um eine Rechts-Verletzung. Was Patt betraf, so war sie sehr entrüstet über diesen Schimpf, und säumte auch nicht, ihre Ansichten auszusprechen. Die Art aber, wie Mary Warren den Vorfall beurtheilte, machte den angenehmsten Eindruck auf mich, und ich muß sagen, daß es mir bei fast allen ihren Aeußerungen eben so erging. Sie zeigte weder Leichtfertigkeit noch Verdruß. Ein- oder zweimal, wenn Henrietten eine drollige Bemerkung entwischte, lachte sie ein wenig – aber nur sehr wenig und ganz unwillkührlich, gerade genug, um zu beweisen; daß sie einen Scherz wohl zu würdigen verstand; dann aber warf sie eine kleine Bemerkung bin, des Inhalts, daß man weit mehr den Grund der Handlung, den schlimmen Geist, der im Lande walte, in's Auge fassen müsse, – man sehe hier seine Wirkung, und diese müsse man zu Herzen nehmen. Niemand schien sich um das Dach selbst zu kümmern, nicht einmal meine treffliche Großmutter, obschon die Kirche zur Zeit ihrer jüngeren Jahre gebaut worden war, in welcher derartige Auszeichnungen noch mehr im Einklänge mit den Verhältnissen standen, als es heutzutage der Fall ist. Ich hatte mich eben lange genug auf der Piazza aufgehalten, um Zeuge von dem verschiedenen Benehmen der Mädchen zu sein, als sich meine Großmutter uns anschloß. »O Großmutter, habt Ihr schon gehört, was diese elenden ›Inschens‹, wie man sie so richtig bezeichnet, mit dem Baldachin unsres Kirchenstuhls angefangen haben!« rief Patt, welche eine Stunde vorher am Bett der ehrwürdigen Frau gestanden und sie geküßt hatte. »Er ist abgerissen und über einem Schweinstall aufgepflanzt worden!« Ein allgemeines Gelächter, in welches Patt selbst einstimmte, unterbrach für einen Augenblick die Antwort, und auch die alte Mrs. Littlepage verrieth eine kleine Neigung, dem Vorgange eine komische Seite abzugewinnen. »Wohl habe ich davon gehört, meine Liebe,« entgegnete meine Großmutter, »und ich denke, wir können im Ganzen froh sein, daß wir jenes Daches los geworden sind. Es ist vielleicht besser, daß wir es nimmer in der Kirche haben, obschon es für Hugh nicht passend gewesen wäre, es nach den vorausgeschickten Drohungen herunternehmen zu lassen.« »Sind während Eurer jüngeren Jahre auch derartige Dinge vorgekommen, Mrs. Littlepage?« fragte Mary Warren. »Häufig genug, obschon minder auf dem Lande, als vielmehr in den Stadtkirchen. Ihr werdet Euch erinnern, daß die Trennung von England nur erst kurze Zeit bestand, als die St. Andrewskirche gebaut wurde, und die meisten von den alten Colonial-Ideen hatten damals unter uns Gewicht. Die Ansichten über gesellschaftliche Stellungen waren sehr verschieden von denen, welche jetzt stattfinden, und New-York konnte in einem gewissen Sinne unter die aristokratischsten Kolonieen des Landes gezählt werden, wenn sie nicht vielleicht gar den Vorrang vor allen übrigen behauptete. Ungefähr so ging es unter den Holländern, obschon sie Republikaner waren, und ihren Patroonen zu; aber als die Kolonie an die Engländer überging, wurde sie mit einem Male zu einer königlichen Kolonie, und englische Ansichten kamen natürlich in Aufnahme. Vielleicht gab es in keiner andern so viele Herrschaftsgüter; die Sklaverei des Südens führte ein ganz anderes System ein, während die Politik Penns und Neu-Englands im Allgemeinen demokratischer war. Ich fürchte, Roger, wir verdanken diesen Antirentenkampf und hauptsächlich die Schwäche, mit welcher man ihm Widerstand leistet, den Meinungen, die unter dem Volk Neu-Englands herrschen. Von dort her haben wir so viele Einwanderer unter uns, und die Denkweise dieser Leute ist von der unsrer reinen New-Yorker verschieden.« »Ihr habt vollkommen recht, meine theure Mutter,« antwortete mein Onkel, obgleich schon unsre Pächter, die doch geborne New-Yorker sind, sich nicht säumig finden lassen, der Neuerung Vorschub zu thun. Letztere sind dabei entweder durch Habgier geleitet, oder suchen bei den Massen Popularität zu gewinnen, während meiner Ansicht nach die Eingewanderten ihre Ansichten durch den geselligen Zustand bestimmen lassen, aus dem sie selbst, oder ihre Eltern unmittelbar hervorgegangen sind. Ein sehr großer Theil der gegenwärtigen Bevölkerung New-Yorks ist neuenglischen Ursprungs, und wir können vielleicht ein volles Drittel derselben als solche annehmen, die entweder in Neu-England geboren oder vielleicht Söhne und Enkel dortiger Ansäßiger sind. Nun findet man aber in Neu-England allgemein eine große Gleichheit in der Stellung, namentlich wenn man sich einmal über die eigentliche Hefe aufgeschwungen hat. Mit Ausnahme der großen Handelsstädte gibt es daselbst nur wenige, die in New-York als reich gelten könnten, und ein großer Landbesitzer ist fast gar nicht zu finden. Das Verhältniß des Grundherrn und des Pächters, wie es auf unseren sogenannten Besitztümern besteht, ist daher dem Wesen nach in Neu-England unbekannt, obschon Maine einige Ausnahmen bietet. Dieser Umstand hat seinen Grund in der eigenthümlichen Abkunft der Bevölkerung, und in der Thatsache, daß die Auswanderung so lange Zeit den Ueberschuß der Population abgeleitet hat. Die Hauptmasse derjenigen, welche zurückbleiben, sind daher wohl in der Lage, Freigüter zu besitzen. Menschen, welche unter einem solchen Zustande der Gesellschaft erzogen wurden, sind natürlich Allem abgeneigt, was Andere in eine Stellung versetzt, die sie selbst nicht besitzen und auch nicht einnehmen können. Nehmen wir nun an, ein Drittheil der New-Yorker Bevölkerung bestehe aus neuenglischen Abkömmlingen; in Folge davon müssen mehr oder weniger neuenglische Ansichten herrschen, namentlich, da bei weitem der größere Theil der Advokaten, Zeitungsschreiber, Aerzte und Politiker mit unter dieses Drittel fallen. Wir denken wenig hierüber nach, und diese Verhältnisse kommen selten zur Sprache, denn keine Nation forscht den moralischen Einflüssen, aus denen man sich eine politische Statistik bilden kann, weniger nach, als die amerikanische, wie groß auch die Folgen sein mögen, die daraus hervorgehen.« »Ihr scheint also der Ansicht zu sein, Sir, daß diese Antirenten-Bewegung neuenglischen Ursprungs sei?« »Vielleicht irre ich. Der Ursprung ist wahrscheinlich unmittelbarer vom Teufel abzuleiten, der die Pächter ebensogut, wie vor Zeiten unseren Erlöser, in Versuchung führte. Die Wirren brachen zuerst unter den Abkömmlingen der Holländer aus, die zufällig Pächter waren; was aber die Theorien betrifft, die dabei auftauchten, so riechen sie mehr nach der Reaktion gegen europäische Zustände, als nach irgend etwas, was in Amerika faktischen Bestand hat. Wenigstens konnte Neu-England keinen Anlaß dazu bieten, denn dort stehen die Rechte des Eigenthums und die Gesetze in hohen Ehren. Gleichwohl bin ich der Ansicht, daß wir der Denk- und Lebensweise derjenigen, welche aus diesen Gegenden zu uns eingewandert sind, die hauptsächlichste Gefahr zuschreiben müssen.« »Das scheint etwas paradox zu sein, Onkel Ro, und ich gestehe, es wäre mir lieb, wenn Ihr uns Eure Meinung besser auseinander setztet.« »Ich will versuchen, es in möglichst kurzen Worten zu thun. Die eigentliche Gefahr geht von denen aus, welche Einfluß auf die Gesetzgebung üben. Nun werdet ihr viele Hunderte unter uns finden, welche wohl einsehen, wie wichtig die Heiligachtung contractlicher Verbindlichkeiten ist, – welche die Nachtheile des Antirentismus erkennen und seine ungestüme, gewaltthätige Aeußerung unterdrückt zu sehen wünschen; gleichwohl aber halten sie es nicht mit den Grundbesitzern, weil sie doch im Geheim eifersüchtig sind auf Vortheile, die ihnen selbst nicht zu gut kommen, und wären es wohl zufrieden, wenn das Grundpachtsystem aufgehoben würde, sofern dieß ohne einen allzuheftigen Zusammenprall mit der Gerechtigkeit geschehen könnte. Spricht man mit solchen Leuten, so ergehen sie sich in Gemeinplätzen und drücken ihre nichtsbesagende Ansicht dahin aus, es wäre gut, wenn jeder Landbebauer nicht Pächter, sondern Eigenthümer des von ihm bewirtschafteten Bodens wäre, denn jedenfalls sei das Rentenzahlen ein große Beschwerniß , und dergleichen mehr. Mit weit edlerem Sinne äußerte der Sage nach Heinrich der Vierte den Wunsch, jeder seiner Unterthanen möchte » une poule au pot « haben; aber mit dem Wunsche war nichts ausgerichtet, da er die Töpfe nicht mit Hühnern füllte. Eben so verhält sich's mit dem eitlen Wunsche, daß jeder amerikanische Landwirth Freisasse sein sollte. Wir Alle wissen, daß ein solcher Zustand der Gesellschaft nie existirt hat und wahrscheinlich auch nie existiren wird; man stellt deßhalb nur ein philanthropisch seinsollendes Gefasel in den Vordergrund des Gemäldes, statt die Zustände treu darzustellen, wie sie sind. Was mich betrifft, so gehöre ich unter diejenigen, welche sich nicht zu dem Glauben bekehren können, daß irgend ein Land besser daran sei, wenn es keine Grundherrn und Pächter habe.« »Mr. Littlepage,« rief Mary Warren, »Ihr seid doch nicht der Ansicht, großer Reichthum in den Händen weniger bei Verarmung der großen Masse sei einem weithinverbreiteten Wohlstand vorzuziehen?« »Nein, so weit gehe ich nicht; aber ich bleibe bei der Behauptung, daß Amerika eben jetzt einer Klasse dringend benöthigt ist, welche mit Unabhängigkeit des Charakters und der Stellung jene Muße verbindet, durch die allein seine Bildung, Geschmack und Grundsätze gewonnen werden können.« »Grundsätze, Mr. Littlepage?« ergriff meines Onkels holde Opponentin wieder das Wort. »Mein Vater würde hierin kaum einstimmen, obschon er in vielen Stücken ganz Eurer Ansicht ist.« »Ich weiß das nicht und muß wohl das Wort Grundsätze wiederholen; denn wenn eine Klasse vielen Versuchungen enthoben ist, ohne jedoch über dem Bereich der öffentlichen Meinung zu stehen, so gewinnt sie jene Grundsatzfestigkeit, welche am ehesten geeignet ist, einer Art secundärer aber doch sehr nützlicher Moral zur Stütze zu dienen – einer Moral, die sich nicht unmittelbar aus rein religiösen Pflichten ableiten läßt. Gegen letztere werde ich kein Wort sagen, da sie aus der von der göttlichen Allmacht stammenden Gnadenquelle fließen und glücklicherweise dem Armen eben so zugänglich sind, wie dem Reichen – ja, sogar noch mehr. Aber wie die Menschen einmal sind, regelt unter Hunderten nicht einer sein Leben nach einer durch solche Impulse geschaffenen Richtschnur, und selbst wenn es der Fall ist, wird diese leider stets einigermaßen durch die gewöhnlichen Ansichten bestimmt. Die christliche Moral des Ostindianers ist nicht identisch mit der eines Puritaners, und die eines Mannes von hochgebildetem Geiste verhält sich anders, als die eines Menschen, welcher nicht den gleichen Vortheil der Erziehung genossen hat. Es gibt eine Klasse von Grundsätzen, die unter freisinnigen, gebildeten Geistern sehr verbreitet ist und nichts von der Kleinlichkeit des Tagesbrauchs in sich aufnimmt; diese meine ich. Wir brauchen eine verhältnismäßige Anzahl von Männern, die zur Organisirung unserer Gesellschaft beitragen können und über die Gemeinheit des gewöhnlichen Lebens erhaben sind.« »Wenn man dieß in Gath hörte,« rief meine Schwester lachend, »so würde man es für die schreiendste Aristokratie erklären.« »Und gleichwohl ist es nur der gesunde Menschenverstand, der hier so laut schreit,« entgegnete mein Onkel, der sich durch ein Gelächter nicht von dem abbringen ließ, was er für eine Wahrheit hielt, »und die Thatsachen werden es lehren. Neu-England hat zuerst das System der Gemeinde-Schulen eingeführt, und vielleicht besitzt kein Theil der Welt eine Bevölkerung, die in allgemeinen Kenntnissen besser unterrichtet wäre. Dieß ist schon so lange her, daß die Population von Connektikut und Massachusetts zum Beispiel der eines jeden andern Staats, selbst New-York mit eingeschlossen, einen wesentlichen Vorsprung abgewonnen hat, obschon wir, nachdem wir das System unserer östlichen Brüder nachgeahmt haben, gleichfalls nicht über Verwahrlosung klagen können. Und dennoch – wer wird behaupten wollen, Neu-England sei in vielen anderen wesentlichen Punkten so weit vorangeschritten, wie die mittleren Staaten? Nehmen wir zum Beispiel nur die Küche – ihre beste Kochkunst steht weit unter der, welche man selbst unter den geringeren Familien der eigentlichen mittleren Staaten findet. Auch ihre Sprache ist provinziell und gemein, so daß ich wohl ohne Uebertreibung behaupten kann, die arbeitenden Klassen der mittleren Staaten, wenn sie nicht neuenglischer Abkunft sind, reden ein viel besseres Englisch, als sogar Tausende der gebildeten Personen Neu-Englands. Diese beide Eigenthümlichkeiten rühren meiner Ansicht nach von dem Umstande her, daß der eine Landestheil eine Klasse besessen hat, welche den Ton angeben konnte, der andere aber nicht. Die Gentlemen der größern östlichen Städte üben zwar ohne Zweifel einen Einfluß auf ihre Wohnplätze; im Innern aber tritt Niemand an die Spitze, und so hilft sich denn der gewöhnliche Sinn so gut fort, als er kann.« »Aristokratisch, Sir – wilde Aristokratie.« »Und wenn auch? Hat denn die Aristokratie, wie du sie nennst – eine Aristokratie, die im gegenwärtigen Falle nur eine entschiedene sociale Stellung sein kann, nicht ihre Vortheile? Gereicht nicht sogar der reiche Müssiggänger einer Nation zu einigem Nutzen? Er trägt seinen vollen Antheil bei zu der höhern Civilisation, die mit Geschmack und Bildung in Verbindung steht – ja, er schafft sie sogar. In Europa heißt es, daß für eine solche Civilisation Höfe nöthig seien; aber Thatsachen widersprechen dieser Theorie. Allerdings braucht man dafür eine Scheidung der Klassen; aber diese kann bestehen ohne einen Hof, ebensogut, als sie Angesichts einer Demokratie existiren kann und nie aufhören wird, Bestand zu haben. Bringt man nun die gebildetere Klasse mit dem Landbesitz in Verbindung, so wird man sehen, wie wesentlich sich die Aussicht des Aufschwungs steigert. Loke von Norfolk hat der englischen Landwirtschaft wahrscheinlich weit werthvollere Dienste geleistet, als alle bloßen Bauern seiner Zeit. Solche Männer sind es in der That, deren Mitteln und deren Unternehmungsgeist man fast alle bedeutendern wohlthätigen Einwirkungen verdankt. Die schöne Wolle, die wir in Amerika haben, rührt hauptsächlich von dem Umstande her, daß die Livingstones Land besitzen, und wenn man solche Männer vertreibt, begibt man sich auch der Wohlthaten, die aus ihrem Wirken stammen. Eine Anzahl einsichtsvoller, gebildeter, freisinniger Grundbesitzer, durch den ganzen Staat New-York zerstreut, würden die Interessen des Gemeinwesens unendlich mehr fördern, als der ganze Schwarm von Kartoffeladvokaten und Gouverneuren, die man in zwölf Monaten zusammen bringen kann. Ja, was noch mehr ist – unsere gesellschaftlichen Zustände sind gerade von der Art, daß man von einer solchen Klasse alle durch sie bedingten Vortheile zu ernten im Stande ist, ohne zugleich die Uebel einer eigentlichen Aristokratie mit in den Kauf nehmen zu müssen. Die Grundbesitzer haben keine besondere politische Gewalt und werden sie auch nie erringen; es steht daher nicht zu besorgen, daß man in ihrem Interesse Korngesetze und eine besondere Legislatur schaffen könnte. Reiche und Arme müssen wir haben – dieß läßt sich nicht ändern, und ich frage jeden vernünftigen Mann, ob er einen Zustand der Dinge wünscht, in welchem der Erstere keine Verlockung findet, sich liegenden Besitz zu erwerben, der Letztere aber keine Aussicht hat, sich durch Bebauung des Feldes anders als im Taglohn sein Brod zu verdienen.« »Ihr sprecht Euch scharf aus, Onkel Ro,« fiel ihm Patt in's Wort, »und werdet nie in den Kongreß kommen.« »Mag sein, meine Liebe; dagegen aber wahre ich mir durch ein ehrliches Benehmen meine Selbstachtung. Wenn ich etwas sage, so ist's mir Ernst damit, und dieß ist mehr als Viele von der Gegenpartei von sich rühmen können. In einem Lande wie das unsrige, in welchem sich so viel unbebauter Boden befindet, daß die Uebel eines allgemeinen Länder-Monopols unmöglich sind, ist eine begüterte Gentry mit ihren Grundsätzen, Sitten und Liebhabereien gewiß dasjenige, was man für eine höhere Stufe der Civilisation nicht entbehren kann. Wenn man diese Klasse in verständiger Weise hebt und gebührendermaßen achtet, so ist von ihr ungemein viel Gutes zu erwarten, ohne daß irgend eine bekannte gesellschaftliche Kaste auch nur die mindeste Gefahr dabei liefe. Ja New-York hat sie, obschon ihr Einfluß sich immer mehr verringerte, stets bestanden, und ist meiner Ansicht nach die Veranlasserin gewesen, warum wir in gewissen Stücken vor Neu-England so viel voraus haben, obschon dieser Theil des Landes in manchen anderen, die mit der Schulbildung zusammenhängen, hinter letzterem zurückgeblieben sind.« »Ich höre es gern, wie Jemand offen und mannhaft seine Ansichten behauptet,« sagte meine Großmutter, »und du hast dieß von deiner Kindheit an gethan, Roger. Meine eigene Familie stammt väterlicher Seits aus Neu-England, und ich unterschreibe großentheils, was du sagst, namentlich jenen Theil, der auf die Apathie des Publikums bei der gegenwärtigen großen Rechtskränkung Bezug hat. Es ist übrigens Zeit, zum Frühstück aufzubrechen, denn John macht schon seit ein paar Minuten an der Thüre dort seine Bücklinge.« So begaben wir uns denn zur Frühstückstafel und vertrieben uns trotz Brandstiftern, Antirentismus, Baldachinen und Schweinställen recht angenehm die Zeit. Henrietta Coldbrooke und Anna Marston hatten sich, obschon verschieden in ihrer Weise, nie geistreicher gezeigt, als diesen Morgen. Ich glaube, daß ich selbst ein wenig betroffen war, denn ich bemerkte, daß mein Onkel mir gelegentliche Blicke zuwarf, als wollte er jedesmal, so oft eines seiner Mündel etwas vorbrachte, was ihm ungewöhnlich witzig vorkam, zu verstehen geben, »hörst du's, mein guter Freund – was hältst du jetzt von diesem?« »Habt Ihr schon davon gehört, Mutter,« fragte Onkel Ro, »daß sich Sus und Jaaf in großartigem Kostüm hier auf dem Nest einfinden werden? Es scheint, die rothen Häuptlinge sind im Begriffe, aufzubrechen, und da muß noch die Pfeife geraucht und eine große Berathung gehalten werden. Der Fährtelose ist der Ansicht, der würdevollste Platz hiefür sei die Vorderseite von dem Hause seiner Blaßgesichtsfreunde, da sich diese weit besser dazu eigne, als der Platz vor seiner Hütte.« »Wie hast du dieß erfahren, Roger?« »Ich bin diesen Morgen in dem Wigwam gewesen, und der Onondago sowohl, als der Dolmetscher, den ich dort traf, hat mich von diesem Vorhaben in Kenntniß gesetzt. Beiläufig, Hugh, wir müssen uns bald entscheiden, was wir mit den Gefangenen anfangen sollen, sonst geht man uns mit einem Habeas corpus -Writ zu Leib und will wissen, warum wir sie festhalten.« »Ist es möglich, Onkel Ro,« denn so wurde er stets von seinen Mündeln genannt, – »einen Gentleman dadurch vom Galgen zu retten, daß man ihn heirathet?« fragte Henrietta Coldbrooke mit gesetzter Miene. »Diese Frage kömmt mir sehr befremdlich vor, und es ist einem Vormund wohl zu Gute zu halten, wenn er gerne wissen möchte, aus welchem Grunde sie gestellt wird.« »Erzähle es nur ohne Rückhalt, Henrietta,« sagte Anna Marston, ihre Gefährtin zum Sprechen ermuthigend. »Ich will dir das Erröthen sparen und den Dienst des Dolmetschers übernehmen. Miß Coldbrooke wurde während der letzten vierundzwanzig Stunden von Mr. Seneka Newcome mit diesem Brief beehrt, und da sich's um eine Familien-Angelegenheit handelt, so meine ich, er sollte einem Familienrath vorgelegt werden.« »Ei, Anne, dieß ist nicht ehrlich« – ergriff die erröthende Henrietta das Wort – »auch glaube ich nicht, daß es mir als einer Lady ziemt, den Inhalt des Briefes allgemein bekannt werden zu lassen, namentlich da du jedenfalls schon davon unterrichtet bist.« »Euer Widerwille gegen eine Vorlesung des Schreibens erstreckt sich doch nicht auch auf mich, Henrietta?« fragte mein Onkel. »Gewiß nicht, Sir; auch nicht auf die theure Mrs. Littlepage, und eben so wenig auf Martha, obschon ich bekenne, daß ich nicht einsehe, welches Interesse der Gegenstand für Mr. Hugh haben kann. Da ist der Brief – nehmt ihn und lest, wenn ihr es für gut haltet.« Mein Onkel hielt es für gut, ihn auf der Stelle zu lesen. Im Verlaufe dieses Geschäftes runzelte sich seine Stirne, und er biß sich in die Lippen, als sei er in gleichem Grade erzürnt und ärgerlich. Dann lachte er und warf das Papier auf den Tisch, wo es liegen blieb, ohne daß sich Jemand herausnahm, es zu belästigen. Diese ganze Zeit über erröthete Henrietta Coldbrooke einmal über das andere, obschon sie zwischen hinein lachte und eine verdrießliche Miene annahm. Unsere Neugierde wurde dadurch so sehr gesteigert, daß meine Großmutter Lust fühlte, sich in's Mittel zu legen. »Kann dieser Brief nicht zum Besten Aller laut vorgelesen werden?« fragte sie. »Es ist kein besonderer Grund vorhanden, den Inhalt geheim zu halten,« antwortete Onkel Ro verächtlich, »und je mehr er bekannt wird, desto mehr trifft den Kerl das verdiente Gelächter.« »Wird dieß auch recht sein, Onkel Ro?« rief Miß Coldbrooke hastig. »Kann man einen Gentleman, wie er ist, so behandeln – –« »Pah, es handelt sich hier ganz und gar nicht um einen Gentleman. Der Mensch ist in diesem Augenblick ein Gefangener, weil er mitten in der Nacht ein bewohntes Haus in Brand zu stecken versuchte.« Henrietta sagte nichts mehr, und meine Großmutter nahm das Schreiben auf, um es laut vorzulesen. Ich gebe keine Abschrift von dem Ergusse Seneka's, der mehr schlau, als philosophisch gehalten war, sondern bemerke nur, daß er eine kräftige Liebes-Erklärung enthielt, die Sache geschäftsmäßig dringend behandelte und mit einem großmüthigen Anerbieten seiner Hand einer Erbin gegenüber schloß, die ein Einkommen von jährlichen achttausend Dollars besaß. Und dieser Antrag war nur um einen oder zwei Tage früher datirt, als der Kerl über Mordbrennerei erwischt wurde, er stammte also aus einer Zeit, wo er aufs Tiefste in die Entwürfe des Antirentismus verwickelt war. »Es gibt eine Klasse von Leuten unter uns,« sagte mein Onkel, nachdem männiglich dieses edle Anerbieten verlacht hatte, »welche auch nicht die mindeste Vorstellung von Anstand zu besitzen scheint. Wie ist's möglich, oder was konnte den Wicht veranlassen, sich auch nur einen Augenblick einzubilden, ein Mädchen von Vermögen und Stellung werde ihn heirathen – und dieß noch obendrein fast ohne alle vorläufige Bekanntschaft! Ich wette darauf, Henrietta hat ihn ihr ganzes Leben über keine zehnmal gesprochen.« »Nicht fünfmal, Sir, und auch dann nur handelte sich's um die gleichgültigsten Dinge von der Welt.« »Und Ihr habt den Brief beantwortet, meine Liebe?« fragte weine Großmutter. »Eine Antwort durfte nicht wohl vergessen werden, obschon sie vielleicht im gegenwärtigen Falle passender von Eurem Vormund ausging.« »Ich habe dieses Amt selbst auf mich genommen, Ma'am, weil ich für meine Betheiligung an der Sache nicht ausgelacht zu werden wünschte. Ich dankte ablehnend für die Ehre, die mir Mr. Seneka Newcome mit seiner Hand zugedacht hatte.« »Nun, wenn doch die Wahrheit heraus muß,« fiel Patt trocken ein, »es sind kaum drei Wochen her, daß ich das Gleiche that.« »Und ich hatte erst vor acht Tagen eine ähnliche Verrichtung vorzunehmen,« fügte Anne Marston mit gesetzter Miene bei. Ich kann mir nicht denken, meinen Onkel je so seltsam aufgeregt gesehen zu haben; denn während Alles um ihn her herzlich lachte, war seine Miene ernst, wo nicht wild. Dann wandte er sich plötzlich an mich und sagte: »Wir müssen den Kerl an den Galgen bringen, Hugh; denn wenn er tausend Jahre lebte, würde er doch nie lernen, was der Anstand fordert.« »Ihr werdet Euch eines Besseren bedenken, Sir, und mehr Barmherzigkeit walten lassen. Der Mann hat nur edel gewagt. Ich muß übrigens gestehen, daß ich gar gerne wissen möchte, ob Miß Warren allein seinen Angriffen entgangen ist.« Mary – die hübsche Mary – sie erröthete wie Scharlach, schüttelte aber den Kopf und weigerte sich, eine Antwort zu geben. Wir Alle sahen, daß ihre Gefühle bei der Sache keineswegs betheiligt waren; indeß gewann es doch den Anschein, wie wenn die Huldigungen, die Seneka ihr zu Theil werden ließ, ernstlicherer Natur seien, als seine Aufmerksamkeiten gegen die drei anderen Mädchen. Wie ich seitdem in Erfahrung gebracht habe, hegte er wirklich eine Art Liebe für Mary, und unter Berücksichtigung seines Geschmacks in dieser Beziehung bin ich auch bereit gewesen, ihm die Grundsatzlosigkeit und unverschämte Weise zu vergeben, in welcher er seine Fliegen den andern Fischen zuwarf. Von Mary selbst aber war nichts herauszubringen. »Ihr dürft Euch hieraus nicht so viel machen, Mr. Littlepage,« rief sie, sobald sie sich von ihrer Verwirrung ein wenig erholt hatte, »denn am Ende ist in der Sache blos nach dem großen Antirenten-Grundsatze gehandelt worden. In dem einen Fall spricht sich der Wunsch nach wohlfeilen guten Farmen, in dem andern der nach guten Frauen aus.« »In dem einen Falle nach den Farmen anderer Leute und in dem andern nach den Frauen anderer Männer.« »Allerdings nach den Frauen anderer Männer, wenn überhaupt von Frauen die Rede ist,« bemerkte Patt bezeichnend. »Es ist kein Mr. Seneky Newcome da.« »Wir müssen dem Gesetz seinen Lauf lassen und den Kerl dem Galgen überantworten!« entgegnete mein Onkel. »Den Versuch, das Nesthaus niederzubrennen, könnte ich ihm noch nachsehen, aber diese Unverschämtheit macht mich erbarmenlos. Menschen von seiner Klasse bringen gern Alles sens dessus dessous , und es nimmt mich nicht Wunder, da es einen Antirentismus im Land gibt. Ein solches Ehestands-Experiment hätte zwischen so verschiedenen Betheiligten in keinem Lande versucht werden können, das nicht durch den Antirentismus vergiftet oder vom Teufel verblendet ist.« »Ein Irländer würde in den Wurf seines Netzes auch meine Großmutter miteingeschlossen haben; dieß ist der einzige Unterschied, Sir.« »Ja, wahrhaftig – warum seid wohl Ihr entronnen, theuerste Mutter. Auch Ihr besitzt ein schönes Witthum.« »Weil der Freier, wie Hugh bemerkte, kein Irländer war – ich kenne keinen andern Grund, Hodge. Aber eine Person, welche den Damen so große Verehrung zollt, darf nicht in der grausamen Weise um's Leben kommen, die du ihm zugedacht hast. Wir müssen dem Elenden freien Abzug gestatten.« Alle Mädchen vereinigten sich nun mit meiner Großmutter in dieser für sie so ganz natürlichen Petition, und einige Minuten hörten wir nichts als Aeußerungen des Bedauerns und Bitten, daß Seneka nicht dem Gesetz überantwortet werden möchte. »Dem zarten Erbarmen des Gesetzes« dürfte man passend hier sagen; denn es ist jetzt fast zu einer unumstößlichen Wahrheit geworden, je größer der Schelm ist, desto bessere Aussicht hat er, dem Galgen zu entrinnen. »Alles dieß ist recht gut, meine Damen – gewaltig menschenfreundlich, frauenhaft und ganz dem Charakter gemäß,« antwortete mein Onkel; »aber erstlich will es was heißen, wenn man ein Kapitalverbrechen vertuscht, und die Folgen sind nicht eben die angenehmsten. Außerdem muß man auch ins Auge fassen, welche Wirkung ein solcher Schritt auf die Gesellschaft im Allgemeinen üben könnte. Wir haben da einen Kerl, der anfänglich versuchte, die Herzen von nicht weniger als vier jungen Damen in Flammen zu setzen, und nachdem ihm dieß nicht gelungen ist, hilft er sich dadurch, daß er in Hughs Küche Feuer einlegt. Wißt Ihr auch, daß ich fast geneigt bin, für das ersten Vergehen ihn ebenso zu bestrafen, wie für das letztere?« »Unter den Rothhäuten findet eine großartige Bewegung statt, Ma'am,« bemerkte jetzt John, der unter der Thüre des Frühstückszimmers stand, »und ich kann mir denken, daß die Damen, Mr. Littlepage und Mr. Hugh Lust haben werden, sie zu sehen. Der alte Sus ist auf dem Wege hieher begriffen und hat Yop bei sich, der brummend hinter ihm drein kommt, als ob ihm diese Unterhaltung durchaus nicht gefalle.« »Hast du Vorsorge getroffen, Roger, daß unsere Gäste diesen Morgen passend empfangen werden?« »Ja, Mutter. Wenigstens ertheilte ich Befehl, unter den Bäumen Bänke aufstellen und eine hinreichende Menge Tabaks beischaffen zu lassen. Ich glaube, das Rauchen spielt eine wichtige Rolle bei einer Berathung, und Alles ist so eingeleitet, daß sie damit anfangen können, sobald sie zusammentreffen.« »Ja, Sir, es ist Alles für sie zugerüstet,« nahm John wieder auf. »Miller hat die Bänke in einem Einspänner hergeschickt, und wir sind mit so viel Tabak versehen, als sie verbrauchen können. Die Dienerschaft hofft, Ma'am, es möchte ihr erlaubt werden, der Feierlichkeit mitanzuwohnen. Es kommt nicht vor, daß civilisirte Leute wirkliche Wilde zu sehen kriegen.« Meine Großmutter ertheilte ihre Zustimmung, und es folgte nun ein allgemeiner Aufbruch nach dem Rasen, um der Abschiedszusammenkunft zwischen dem Fährtelosen und seinen Gästen anzuwohnen. »Ihr seid sehr rücksichtsvoll gewesen, Miß Warren,« flüsterte ich Mary zu, als ich ihr den Shawl anlegen half, »daß Ihr das wichtigste von Seneka's Liebesgeheimnissen – denn so muß ich es wohl ansehen – nicht verrathen wolltet.« »Ich gestehe, diese Briefe haben mich überrascht,« versetzte das holde Mädchen gedankenvoll und mit einem Blicke, der einige Verwirrung zu bekunden schien. »Niemand kann wohl von Mr. Newcome eine sehr günstige Meinung haben; indeß war es keineswegs nöthig, sein Charakterbild in einer Weise zu vervollständigen, daß man sogar schlimm von ihm urtheilen muß. « Ich schwieg, diese wenigen Worte aber, die Mary unbewußt und unwillkürlich zu entwischen schienen, überzeugten mich, daß Seneka sich's ernstlich hatte angelegen sein lassen, trotz ihrer Armuth Theilnahme in ihrem Herzen zu wecken.   Siebenundzwanzigstes Kapitel. Und unterm Antlitz, Sommerträumen gleich, Sind regungslos die Lippen, klar die Wangen – Indeß im Herz ein Sturmwind schläft von Stolz. Haß, Liebe, Leid und Hoffen – nur kein Bangen Hallek.   Das einzige Auffallende, was zugleich mit dem hohen Alter des Indianers und des Negers in Verbindung stand, war der Umstand, daß sie fast ein Jahrhundert mit einander in Abenteuern und Freundschaft verlebt hatten. Ich sage, Freundschaft, denn der Ausdruck ist durchaus nicht unpassend zu Bezeichnung des Gefühls, welches die beiden Greise aneinander fesselte, obschon ihre Charaktere so himmelweit verschieden waren. Während der Indianer alle die hohen, männlichen Eigenschaften eines Kriegers aus den Wäldern oder eines Häuptlinges besaß, der nie einen Größeren über sich anerkannt hatte, barg der andere nothwendig viele von den Tücken eines sklavischen Zustandes, die bitteren Folgen der Herabwürdigung seiner Kaste, in sich. Zum Glück waren Beide sehr mäßig – eine Tugend, die man bei den Rothhäuten, wenn sie unter den Weißen wohnen, nicht gerade alle Tage, obschon viel häufiger als bei den Schwarzen trifft. Susquesus war übrigens ein geborner Onondago – der Abkömmling eines Stammes, der sich durch seine Nüchternheit auszeichnet – und hatte sein ganzes Leben über nie ein berauschendes Getränk gekostet, während Jaaf im Allgemeinen zwar sehr enthaltsam lebte, in der Vorliebe für scharfen Cyder aber ein eingefleischter »Nigger« war. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese beiden betagten Ueberbleibsel einer vergangenen Zeit und einer fast vergessenen Generation ihre Gesundheit und Kraft nur ihrer Mäßigkeit verdankten, welche ihren ohnehin zähen Lebensfaden noch mehr kräftigte. Ich war stets der Ansicht, Jaaf müsse ein wenig älter sein, als der Indianer, obschon der Unterschied keinesfalls viel ausmachen konnte. So viel ließ sich wenigstens nicht in Abrede ziehen, der rothe Mann besaß bei weitem die größere Körperkraft, trotz dem, daß er sie seit fünfzig Jahren nicht im mindesten geübt und angestrengt hatte. Susquesus war nie ein Freund der Arbeit gewesen und hatte sich auch – im gewöhnlichen Sinn dieses Ausdrucks – nie damit abgegeben, weil er sie nicht mit der Würde eines Kriegers in Einklang bringen konnte; auch ließ ich mir sagen, daß er selbst in der Blüthe seiner Jahre nur durch die äußerste Noth dazu vermocht werden konnte, etwas anzupflanzen oder eine Haue in die Hand zu nehmen. So lange der endlose Wald den Hirsch, das Musethier, den Biber, den Bären und andere Thiere barg, welche dem Indianer Nahrungsstoff boten, kümmerte er sich wenig um die Früchte der Erde, wenn sie die Natur nicht von selbst hervorbrachte, und die Jagd war die letzte regelmäßige Beschäftigung, welche der alte Mann aufgab. Nachdem er bereits hundert Winter gesehen hatte, führte er noch immer die Büchse bei sich und streifte noch kräftig genug durch die Wälder; aber das Wild war unter dem fortwährenden Lichten des Grundes aus der Gegend gewichen, da zuletzt von dem Urwald nichts mehr übrig geblieben war, als der bereits erwähnte Strich, den ich mir vorbehalten hatte, und die Nutzungsgehölze, die fast jeder amerikanischen Farm beigegeben sind, und der Landschaft eine Abwechslung und Schönheit verleihen, welche man gewöhnlich in den Ländern der alten Welt vermißt. Diese Eigenthümlichkeit ist's, welche den verschiedenen Gegenden unserer Republik – ich kann wohl sagen – durchgängig den Charakter einer Parklandschaft verleiht, sobald man sie aus zureichender Entfernung betrachtet, so daß die Gebrechen eines Mangels an Vollendung und die roheren Beigaben der Feldwirthschaft verschwinden. Bei Jaaf verhielt sich die Sache, obschon er den Wald und das Waldleben sehr lieb gewonnen hatte, in vielfacher Beziehung anders. Von Kindheit auf an Arbeit gewöhnt, ließ er sich selbst in seinem ungemein hohen Alter nicht davon zurückhalten, und er schleppte täglich die Haue, die Axt oder den Spaten umher, nachdem er schon viele Jahre keines dieser Werkzeuge mehr mit der erforderlichen Kraft zu handhaben vermochte. Das Wenige, was er in dieser Weise ausrichtete, geschah nicht sowohl, um sich der Gedanken zu entschlagen, da er sich mit diesen nie den Kopf zerbrach, sondern war blos Folge der Gewohnheit und des Wunsches, stets Jaaf zu bleiben und die Rolle seines früheren Lebens fortzuspielen. Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß keiner von diesen beiden Männern je eine wesentliche Kenntniß von den Wahrheiten des Christenthums besaß oder irgend eine erkennbare Hinneigung an dieselben kund gab. Vor hundert Jahren war auf den Schwarzen wenig geistige Pflege verwendet worden, und die Schwierigkeit, in diesem Punkte auf den Indianer einen Eindruck zu machen, ist geschichtlich geworden. Vielleicht kann man sich noch den besten Erfolg versprechen, wenn ein frommer Missionär bis in die abgelegenen Dörfer dringt und seine Lehre fern von der jämmerlichen Beleuchtung ihrer Wirkungen ausstreut, die sogar ein ganz gelegentlicher Beobachter an den Wohnplätzen der civilisirten Menschen zu erkennen im Stande ist. Daß das Christenthum einen tiefen und wohlthuenden Einfluß auf unseren gesellschaftlichen Zustand ausübt, kann nicht bezweifelt werden; aber wer auch nur oberflächlich mit den sogenannten christlichen Nationen bekannt ist und den Wirkungen dieses Einflusses nachspüren will, trifft auf so viele widersprechende Belege, daß man sich stark versucht fühlt, an der Wahrheit von Dogmen zu zweifeln, die so wenig Macht zu besitzen scheinen. Wohl möglich, daß es Susquesus eben so erging, denn er hatte in früherer Zeit ausschließlich im Verkehr mit den Blaßgesichtern gelebt und sich in den Flanken der Armeen oder unter Jägern, Feldmessern, Boten und Kundschaftern umgetrieben – Lebensstellungen, die nicht sonderlich geeignet sind, hohe Ansichten von moralischer Bildung zu erzeugen. Gleichwohl waren viele ernste und anhaltende Versuche gemacht worden, in dem betagten Indianer einige Vorstellungen von dem künftigen Zustand eines Blaßgesichts zu erwecken und ihn zu bereden, daß er sich taufen lasse. Namentlich hatte meine Großmutter ein halbes Jahrhundert lang stets auf dieses Ziel hingearbeitet, aber ohne Erfolg. Die verschiedene Geistlichkeit aller Bekenntnisse hatte ihm in derselben Absicht mehr oder weniger Aufmerksamkeit erwiesen, aber auch ihre Anstrengungen hatten eben so geringe Resultate zur Folge. Unter Andern war namentlich Mr. Warren in diesem Theil seiner Pflicht nicht säumig gewesen; indeß schlugen seine Bemühungen so gut fehl, wie die seiner Vorgänger. Wie auffallend es auch Manchen scheinen mag, obschon ich für meine Person nichts Befremdliches darin sehen kann, so hatte sich auch Mary Warren diesem wohlwollenden Plane mit warmem Eifer und inniger Theilnahme angeschlossen, und zwar so, daß in Aussicht stand, sie werde mehr erzielen als Diejenigen, welche sich so viele Jahre mit dem nämlichen frommen Dienste abgegeben hatten, auch nur zu hoffen wagten. Sie pflegte häufig die Hütte zu besuchen, und ich erfuhr an jenem Morgen von Patt, obgleich Mary selbst nie über den Gegenstand spreche, hatten doch Andere genug gesehen, um es über allen Zweifel zu erheben, daß ihr frommer Sinn und ihre Gebete wenigstens einigermaßen das marmorartige Herz des Fährtelosen gerührt hätten. In Betreff Jaaf's ist's vielleicht möglich, daß es sein Unglück war, der Sklave einer Familie zu sein, die der bischöflichen Kirche angehörte – einer Sekte, die es in ihrem religiösen Ritus mit reinen, gemäßigten Formen hält und so wenig von Uebertreibung wissen will, daß sie oft in den Augen Derjenigen, welche Aufregung suchen und unter einer ruhigen Fassung sich keinen lebendigen Glauben denken können, als kalt erscheint. »Eure Geistlichen sind nicht im Stande unter dem Volk Bekehrungen zu veranlassen,« sagte mir erst kürzlich ein schwärmerischer Priester, der einem andern Glaubensbekenntniß zugethan war. »Sie können nicht unter das Gesträuch und unter die Dornen gehen, ohne ihre Kirchenröcke und ihre Ueberschläge zu zerreißen.« Hierin mag einige Wahrheit liegen, obschon das Hinderniß eher auf Seite der zu Bekehrenden, als auf der der Missionäre zu suchen ist. Ein gemeiner Sinn liebt rohe Aufregung und meint, daß eine tiefe geistige Empfänglichkeit nothwendig auch eine gewaltige physische Mitleidenschaft erwecken müsse. Für Solche reicht es nicht zu, daß man blos seufze, stöhne und wehklage, sondern diese Akte müssen sich in dramatischer und auffallender Form vor den Menschen hörbar machen, damit sie wohlgefällig werden in den Augen Gottes. Soviel ist übrigens jedenfalls gewiß, daß dergleichen Uebungen, wie sehr auch Vernunft, Erziehung, guter Geschmack und eine gesunde Auffassung der christlichen Verpflichtungen dawider sein mögen, ihre Wirkung, wenn man sie auch nicht eben die beste nennen kann, unter den Unwissenden und Rohen nicht verfehlen. Vielleicht hätte sich auch ein ähnlicher Einfluß bei Jaaf geltend gemacht, wenn dieser zu einer Zeit, in welcher er derartigen Aufregungen zugänglich war, in die Hände eines schwärmerischen Methodisten gefallen wäre; jetzt aber war natürlich etwas Aehnliches nicht mehr zu hoffen, denn er schien in der That Alles überlebt zu haben, nur die Erinnerung an die Personen und an die Dinge nicht, die ihm während seiner Jugend theuer gewesen. Als Mann in der höheren Bedeutung des Worts war, wie der Leser sich entsinnen wird, Susquesus dem Schwarzen stets unendlich überlegen gewesen. Jaaf's Einsicht hatte unter dem Fluch gelitten, der so allgemein den afrikanischen Geist, wie wir denselben früher unter uns kannten, geschwächt zu haben scheint, während der seines Gefährten stets viel von dem Hochsinn einer großartigen Natur besessen hatte, wenn sie unter dem Einflusse einer ungezügelten, wenn auch wilden Freiheit dem angeborenen Wirken überlassen bleibt. Dieß waren die Charaktere der beiden außerordentlichen Männer, denen wir nunmehr entgegen gingen. Als wir auf dem Rasen anlangten, kamen sie langsamen Schritts auf die Piazza zu und hatten bereits das Gesträuch erreicht, welches sich unmittelbar um sie herzieht und seine Wohlgerüche bis nach dem Haus entsendet. Der Indianer ging, wie es seinem Charakter und Range ziemte, voran, denn Jaaf hatte seine Jahre und die Nachsicht, die ihm zu Theil wurde, nie so weit mißbraucht, um seine Stellung zu vergessen. Er war als Sklave geboren worden, hatte als Sklave gelebt und wollte als Sklave sterben – dieß noch obendrein dem Emancipationsgesetz zum Trotz, welches ihn thatsächlich freigesprochen, als er noch lange nicht sein hundertstes Jahr erreicht hatte. Man erzählte mir, als mein Vater ihm mittheilte, er und seine Nachkommenschaft, die sehr zahlreich war, seien jetzt frei und könnten hingehen, wohin sie wollten, habe sich der alte Schwarze sehr unzufrieden geberdet. »Wozu dieß Alles gut, Masser Malbone?« brummte er. »Warum Einen nicht gehen lassen? Nigger sein Nigger und weiß Gentlem sein weiß Gentlem. Ich sehe jetzt nix voraus als Schand und Armuth für mein Nachwuchs! Wir hab' immer gewes Gentlem's Nigger, und warum will man uns nicht lassen sein Gentlem's Nigger, so lang als wir mög'? Der alte Sus hab' Freiheit all' sein Leben, und was hat er Gut's damit? Nix, als daß er sein arm' roth' Wilder und kann nie sein was mehr. Wenn er sein könnt' Gentlem's Wilder, sag' ich ihm, das wär' noch was. Aber nein, er zu stolz für das. Gosh, so er nur sein eigener Wilder!« Der Onondago war im vollem Kostüm, sogar noch prunkhafter als bei Gelegenheit des ersten Besuches von Seiten der Prairieindianer. Die Farbe, die er aufgetragen hatte, verlieh seinen Augen, – die ohne Frage durch das Alter trübe geworden waren, obschon es nicht vermocht hatte, ihr Licht auszulöschen – neues Feuer, und den stolzen und wilden Ausdruck erhöhten ohne Zweifel noch die Furchen der Zeit. Daß die rothe Farbe bei den Indianern Amerika's so beliebt ist, liegt vielleicht eben so sehr im menschlichen Wesen, als die Thatsache, daß unsere Damen von Ziermitteln Gebrauch machen, um die fehlenden Lilien und Rosen nachzuahmen. Auf ein grimmiges Düster hatte es übrigens der Onondago abgesehen, und er setzte einen Ehrgeiz darein, in diesem Augenblicke vor seinen Gästen unter den Farben eines Kriegers zu erscheinen. Daß ich mich über die Medaillen und Wampums, über die Federn, die Decken, die mit bunten Schweinsstacheln verzierten Moccasins und den silberblanken Tomahawk verbreite, ist nicht nöthig, da letzter Zeit so viel über derartige Dinge gesagt, geschrieben und davon gesehen wurde, daß jetzt fast Jedermann weiß, wie sich der nordamerikanische Krieger ausnimmt, wenn er sich in seinem Putze zeigt. Eben so wenig hatte Jaaf es verabsäumt, einer Feierlichkeit, die vorzugsweise seinem Freunde galt, die gebührende Ehre zu erweisen. Er brummte und brummte zwar den ganzen Tag in einem fort, war aber nichts destoweniger der Auszeichnung eingedenk, welche Susquesus widerfuhr. Es gehört zum Ton der Zeit, das Verschwinden der Rothhäute aus unserer Mitte zu beklagen; ich für meinen Theil aber bin mehr geneigt, zu bedauern, daß uns der »Nigger« verloren gegangen ist. Ich bediene mich dieses Ausdrucks statt des neueren und gezierten »farbigen Mannes,« da ich nur auf diese Weise dem Amerikaner den Begriff beibringen kam, den ich damit verbinde. Das Verschwinden des »Niggers« thut mir leid, – jenes altmodischen, sorglosen, leichtherzigen, arbeitsamen, trägen, schelmischen, ehrlichen, treuen, hinterlistigen, brummenden und starrköpfigen Sklaven, der mitunter zu gar nichts taugte und dann wieder die Stütze mancher Familie war. Namentlich habe ich hiebei den Haussklaven im Auge, welcher sich selbst mit den Interessen, vorzugsweise aber mit der Ehre Derjenigen, denen er diente, identificirte und stets die Rolle eines demüthigen geheimen Raths, bisweilen auch die eines ersten Ministers spielte. In der letzteren Eigenschaft hatte ich zwar Jaaf nie unter uns auftreten sehen, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß er bei irgend einem seiner früheren Herren ein derartiges Amt verwaltete: aber er war stets ein mit großer Nachsicht behandelter Diener, und wir hatten uns ganz und gar an ihn gewöhnt, nicht nur, weil er so lange uns seine Dienste geleistet, sondern auch, weil er an mehreren von den wilden Abenteuern, welche unter die Eigenthümlichkeiten der Urbarmachung eines neuen Landes gehören, brav und mannhaft Theil genommen hatte. Aus diesem Grunde erschien er uns mehr in dem Licht eines bescheidenen entfernten Verwandten, als in dem eines Sklaven. Letzteres war er ohnehin seit mehr als achtzig Jahren nicht gewesen, da er diese ganze Zeit im Besitz des unterzeichneten und regelmäßig einregistrirten Freibriefs war, obschon dieser, soweit der Neger dabei in Frage kam, für ihn ein vollkommen todtes Papier blieb. Das Kostüm Jop Littlepage's, wie dieser Schwarze vertraulich von Allen genannt wurde, die etwas von seinem Dasein kannten – und ich muß hier bemerken, daß sein hohes Alter, wie das des Susquesus, mehr als einer Zeitung Anlaß zur Berichterstattung gab – gehörte der alten »Nigger«-Schule an, wie ich sie nennen möchte. Sein Rock war scharlachroth und hatte Perlmutterknöpfe von der Größe eines halben Dollars; an die himmelblauen Beinkleider schloßen sich blau und weiß gestreifte Strümpfe an; seine Weste war grün, und die Beine hatten keine andere Eigenthümlichkeit an sich, als daß der Ueberrest der Waden vorn am Schienbein saß, der Knochen selber aber sehr nach der Mitte der Sohle hingerückt war, so daß der Fersentheil ungefähr die halbe Länge desjenigen hatte, welcher mit den Zehen in Verbindung stand. Die Schuhe bildeten einen sehr augenfälligen Theil des Anzugs, da ihre Verhältnisse nach Länge und Breite einen Naturforscher kaum hätten errathen lassen, sie könnten für ein menschliches Wesen bestimmt sein. Dagegen zeigte, nach Jaafs eigener Ansicht, der Kopf und der Hut die wahre Glorie seiner Toilette und seiner Person. Was den letzteren betraf, so war er, da er einen Theil von meines Großvaters, des Generals Cornelius Littlepage, Felduniform ausgemacht hatte, mit Borten besetzt, und die Wolle darunter war so weiß, wie der Schnee der Berge. Diese Art, sich zu tragen, ist unter der schwarzen Rasse sowohl, als unter den Weißen längst verschwunden; aber Spuren davon konnte man noch bemerken, als mein Onkel ein Knabe war, namentlich um die Zeit jener eigentlichen Neger-Festlichkeiten, welche man die Pinkster Holidays nannte. Trotz der Ungereimtheit im Anzuge machte Jop Littlepage bei dieser Gelegenheit doch eine sehr achtbare Figur, und natürlich trug das hohe Alter der beiden Männer nicht wenig dazu bei, die Großartigkeit des Tags zu erhöhen. Wie sehr auch der Neger gewöhnlich zu brummen pflegte, ging doch der Indianer, so oft sie einen Ausgang machten, stets voran. So hatte er es früher auf der Jagd und auf dem Kriegspfad durch den Wald gehalten; so hielt er es bei ihren späteren Ausflügen nach den benachbarten Bergen, oder wenn sie gemeinschaftlich nach dem Dorf hinwandelten, um den militärischen Musterungen und ähnlichen auffallenden Ereignissen anzuwohnen. Ja, er war sogar der Erste, wenn sie ihre täglichen Besuche im Nest machten, und auch jetzt ging er langsam, ruhig und mit zusammengepreßten Lippen ein wenig voraus, während sein leuchtendes Auge wachsam umherstreifte und das für die Last des Alters noch immer sehr edle Gesicht eine wunderbare Fassung behauptete. Jaaf folgte ihm gleichen Schritts, aber doch so ganz anders in Haltung und Aussehen. Sein Gesicht schien kaum mehr menschlich zu sein. Selbst die sonst so glänzend schwarze Farbe seiner Haut war in ein schmutziges mattes Grau übergegangen, während seine Lippen vielleicht den hervorragendsten Zug bildeten. Letztere waren in unablässiger Bewegung, denn der alte Mann ließ, wie in einer Art zweiter Kindheit, seine Kinnbacken arbeiten, als wolle er fühlen, ob die entwickelten Zähne schon durch das Zahnfleisch gebrochen seien. Dieß ging fort, wenn seine Kiefer auch nicht gerade durch das fortwährende Brummen in Thätigkeit gehalten wurden. Die Häuptlinge aus den Prairien hatten sich noch nicht eingefunden, und als die beiden Greise auf uns zu kamen, gingen wir insgesammt ihnen entgegen. Wir reichten, selbst die Mädchen nicht ausgenommen, Susquesus die Hand und wünschten ihm guten Morgen. Er begrüßte meine Großmutter und verrieth eine lebhafte Gefühlsaufwallung, als er ihr die Hand drückte. Meiner Schwester nickte er in Erwiederung ihrer guten Wünsche freundlich zu, und als ihm Mary Warren ihre Hand darbot, hielt er sie eine Weile in der seinigen, während er zugleich dem Mädchen gedankenvoll in's Gesicht sah. Auch wir Beide, Onkel Ro und ich, wurden begrüßt, und sein Blick haftete lange und angelegentlich auf mir. Gegen die beiden andern Mädchen benahm er sich höflich, obschon man bemerken konnte, daß sie seinem Herzen nicht nahe standen. Für Susquesus hatte man einen Stuhl auf den Rasen heraus gebracht, und er nahm seinen Sitz ein. Was Jaaf betraf, so kam er langsam zu uns heran und nahm seinen schönen Eckenhut ab, schlug es aber ehrerbietig aus, von dem Stuhle, der auch ihm angeboten wurde, Gebrauch zu machen. Er war der letzte Begrüßte gewesen, weshalb er auch jetzt der Erste war, mit welchem meine Großmutter ein Gespräch anknüpfte. »Es ist recht erfreulich, Jaaf,« begann sie, »Euch und Euren alten Freund Susquesus wieder einmal auf dem Rasen des alten Hauses zu sehen.« »Im Grund nicht so gar altes Haus, Miß Dus,« antwortete der Neger in seiner brummenden Weise. »Denk mir sein gut genug; erst vor kurze Zeit gebaut.« »Ja, vor sechzig Jahren, wenn Ihr dieß eine kurze Zeit nennt. Ich war damals noch jung – eine Braut und weit über meine Verdienste glücklich. Ach wie hat sich seither Alles geändert!« »Ja, Ihr wunnerbar verändert – muß Euch dieß lassen, Miß Dus. Ich wunner' mir selbst zuweil', daß eine so junge Dam' so gar bald kann werd' anders.« »Ach, Jaaf, obschon Euch, der Ihr so viel älter seid, die Zeit kurz vorkommen mag, so sind doch achtzig Jahre eine schwere Last. Ich erfreue mich zwar für dieses Alter noch einer trefflichen Gesundheit und eines heiteren Sinnes; aber die Zeit behauptet doch ihre Rechte.« »Denk' mir Euch noch, Miß Dus, wie die junge Lady da,« er deutete dabei auf Patt. »Nun aber schein' Ihr wunnerbar anders. Auch der alte Sus sich serre viel veränder' letzter Zeit – kann nicht viel länger aushalten, glaub' ich. Aber Inschen nie hab' viel ächte Schroot in sich.« »Und Ihr, mein Freund,« fuhr meine Großmutter gegen Susquesus fort, der sich während des Gesprächs mit Jaaf niedergesetzt hatte – »seht Ihr gleichfalls einen so großen Wechsel an mir? Jaaf ist ein alter Bekannter von mir, und auch Ihr müßt mich fast aus meiner Kindheit her kennen – aus der Zeit, als ich mit meinem lieben alten trefflichen Onkel Kettenträger in den Wäldern lebte.« »Warum sollte Susquesus vergessen klein Zaunkönig? Sein Gesang kling' noch in seinem Ohr. In Susquesus' Auge klein Zaunkönig sich gar nicht veränder'.« »Dieß ist wenigstens galant und eines Onondago-Häuptlings würdig. Doch, mein schätzbarer Freund, das Alter läßt sogar an den Bäumen seine Merkzeichen zurück, und wir dürfen nicht hoffen, für immer verschont zu bleiben.« »Ja, die Rinde glatt am jungen Baum – rauh am alten Baum. Nie vergessen Kettenträger. Er von gleichem Alter mit Susquesus – sogar ein wenig älter. Braver Krieger – guter Mann. Kennen ihn als jungen Jäger – er dabei, als Jenes vorging.« »Als was vorging, Susquesus? Ich hätte längst zu erfahren gewünscht, was Euch von Eurem Volke vertrieb, und warum Ihr, der Ihr doch im Herzen und in Eurer Lebensweise stets eine Rothhaut bliebt, so lange fern von Eurem Stamm unter uns Blaßgesichtern leben mochtet? Ich kann zwar wohl begreifen, warum es Euch bei uns gefällt und daß Ihr den Rest Eurer Tage in unserer Familie zuzubringen wünscht, weil ich weiß, was wir mit einander durchgemacht haben und wie Ihr in früherer Zeit an meinem Schwiegervater und an dem Schwiegervater desselben gehangen habt; aber ich möchte doch, bevor der Todesengel Eins von uns abruft, den Grund kennen lernen, der Euch, als Ihr noch so jung war't, bewog, Euer Volk zu verlassen und nun schon fast ein Jahrhundert fern von Eurem Stamm zu wohnen.« Während meine Großmutter in solcher Weise zum ersten Mal in ihrem Leben diesen Gegenstand berührte, verwandte, wie sie mir später erzählte, der Onondago keinen Blick von ihrem Gesichte. Es kam mir vor, als sei er überrascht; dann ging seine Miene in Wehmuth über. Er beugte das Haupt ein wenig, und blieb geraume Zeit stumm sitzen, augenscheinlich über die Vergangenheit nachdenkend. Die Anspielung meiner Großmutter hatte sichtlich das kräftigste von den noch übrigen Gefühlen des alten Mannes angeregt und führte ihm Bilder von Dingen vor, die längst vergangen und wahrscheinlich nicht ganz frei von schmerzlichen Erinnerungen waren. Er mochte sein Haupt wohl eine volle Minute gebeugt gehalten haben, während seine Augen an dem Boden hafteten. »Kettenträger sag' nie, warum?« fragte der alte Mann plötzlich, indem er sein Gesicht wieder erhob, um meine Großmutter anzusehen. »Alt Häuptling auch nicht? – er wissen; nie davon sprechen, eh?« »Nie. Ich habe zwar von meinem Onkel und von meinem Schwiegervater gehört, sie seien von dem Grund unterrichtet, warum Ihr vor so langer, langer Zeit Euer Volk verlassen hättet, und daß derselbe Euch Ehre mache; aber keiner von Beiden ließ sich weiter über die Sache aus. Man trägt sich hier mit dem Gerücht, die rothen Männer, welche die weite Reise gemacht hätten, um Euch zu besuchen, seien gleichfalls damit bekannt, und eben dieß sei eine der Ursachen, warum sie so weit von ihrem Weg abgingen, um Euch ihre Ehrerbietung zu bezeugen.« Susquesus hörte aufmerksam zu, aber kein Theil seines Körpers, mit Ausnahme der Augen, ließ nur eine Spur von Erregung wahrnehmen. Der ganze übrige Mann schien aus einem völlig empfindungslosen Material geformt zu sein, aber die unruhigen, scharfen und durchdringenden Augen öffneten einen Zugang zu dem inneren Wesen, und bekundeten, daß der Geist viel jünger war, als seine Behausung. Gleichwohl ließ er sich zu keiner Enthüllung bewegen, und unsere Neugierde, die sich immer mehr gesteigert hatte, wurde völlig getäuscht. Es stund einige Zeit an, ehe der Indianer überhaupt wieder den Mund zur Rede öffnete, und als dieß endlich geschah, sagte er blos: »Gut. Kettenträger weiser Häuptling – auch Schin'ral weise, Gut im Lager – gut beim Berathungsfeuer. Wissen, wann zu sprechen, – wissen, was zu sprechen.« Ob meine theure Großmutter geneigt war, den Gegenstand weiter zu verfolgen, kann ich nicht sagen, denn in demselben Augenblicke bemerkten wir, daß die Rothhäute aus ihrem Quartier heraus kamen und von der alten Farm nach dem Rasen herüber aufzubrechen im Begriffe waren, um vor dem Antritt ihrer langen Reise nach den Prairien dem Fährtelosen ihren letzten Besuch zu machen. Als sie dieß bemerkte, brach sie jedes weitere Gespräch ab, und mein Onkel führte Susquesus nach dem Baume, wo für die Gäste die Bänke aufgestellt waren. Ich selbst nahm meinen Sessel mit, um ihn hinter der Bankreihe aufzupflanzen. Alle Anwesenden begleiteten uns, selbst die Dienstboten, welche in der gewöhnlichen Beschäftigung der Hauswirthschaft entbehrt werden konnten. Der Indianer und der Neger, jeder hatte seinen Sitz; auch waren für die Glieder der Familie Stühle beigeschafft worden, die wir zwar in der Nähe, aber doch so weit im Hintergrund aufstellen ließen, daß wir nicht aufdringlich erschienen. Die Indianer der Prairien langten in ihrer gewohnten Marschordnung an, in einer einzigen Zeile nämlich. Vielzunge ging voraus; auf ihn kam Prairiefeuer, Kieselherz und Adlersflug, während die Uebrigen zwar ohne Namensdistinction, aber doch in vollkommener Ordnung folgten. Zu unsrer großen Ueberraschung brachten sie die beiden Gefangenen mit, welche sie mit dem Scharfsinn der Wildniß in einer Weise gebunden hatten, daß ein Entkommen fast unmöglich war. Es ist unnöthig, sich darüber zu verbreiten, wie die Fremdlinge sich benahmen, als sie die ihnen zugewiesenen Plätze auf den Bänken einnahmen, da ihr Verhalten dabei im Wesentlichen sich nicht von dem unterschied, das sie bei ihrem ersten Besuch beobachteten. Ihre Haltung verrieth dasselbe Interesse, und ihre Neugierde oder Verehrung schien in Folge des Umstandes, daß sie einen oder zwei Tage in der unmittelbaren Nähe des Gegenstands derselben verweilt hatten, durchaus nicht nachgelassen zu haben. Daß dieses Gefühl einigermaßen in dem hohen Alter und in der reichen Erfahrung des Fährtelosen seinen Grund hatte, ließ sich wohl als wahrscheinlich denken, obschon ich mich der Idee nicht entschlagen konnte, es müsse irgend etwas Ungewöhnliches mitwirken, das diesen eingeborenen Söhnen des Bodens durch ihre Traditionen überliefert worden, für uns aber verloren gegangen war. Der amerikanische Wilde erfreut sich in einer Hinsicht eines großen Vortheils über den civilisirten Menschen desselben Welttheils. Seine Ueberlieferungen sind in der Regel wahr, während die mannigfaltigen Mittel, Kenntnisse unter uns zu verbreiten, so viele Aufdringlinge bewogen haben, sich in die Reihen der Weisen und Gelehrten zu stellen, daß derjenige, dessen Geist dem Fluch der Falschheit und des Vorurtheils entgeht, sich glücklich, dreimal glücklich preisen darf. Es wäre gut, wenn sich die Menschen öfter erinnerten, daß die Leichtigkeit, eine Wahrheit in Umlauf zu bringen, eben so gut der Verbreitung von Lügen zu Statten kömmt, und wenn man auch durch die tägliche Erfahrung belehrt wird, daß man nur die Hälfte von dem glauben darf, was man in öffentlichen Blättern liest, so kömmt man doch leicht in die Lage, seinen Glauben jener Hälfte von Berichten zuzuwenden, die sich auf keine bestehenden Thatsachen gründen, oder dieselben doch so verstümmelt darstellen, daß die Augenzeugen sie am wenigsten erkennen würden. Der Ankunft der Gäste folgte das gewöhnliche Schweigen. Adlersflug schlug sodann mit einem Steine Feuer, brachte die Flamme auf den Taback und sog an einer seltsam geschnitzten Pfeife, deren Material aus einem weichen Steine des Binnenlands bestand, bis keine Gefahr des Auslöschens mehr zu besorgen war. Nachdem dieß geschehen, erhob er sich, trat mit ehrerbietiger Miene vor und bot die Pfeife Susquesus dar, welcher sie nahm und einige Sekunden daraus rauchte, dann aber sie in die Hände wieder zurückgab, aus denen er sie empfangen hatte. Dieß war das Zeichen zum Anzünden der übrigen Pfeifen, von denen eine mir und meinem Onkel angeboten wurde, so daß Jeder von uns einige Züge thun mußte. Sogar John und die übrigen männlichen Dienstboten blieben nicht vernachlässigt. Prairiefeuer erwies dieses Kompliment in eigener Person unserm alten Nigger, der seinerseits ein aufmerksames Auge auf Alles warf, was vorging, und sehr ärgerlich über die Knauserei wurde, welche eine so baldige Zurückgabe der Pfeife forderte. Er gab sich auch keine Mühe, seinen Verdruß zu verhehlen, wie sich aus den mürrischen Bemerkungen entnehmen ließ, die er hinwarf, als man ihm die Pfeife darbot. Seit unfürdenklichen Zeiten waren Cider und Taback die höchsten Genüsse in dem Dasein dieses Schwarzen gewesen, und wie er nun sah, daß Einer dastand, um nach ein paar Zügen die Pfeife wieder in Empfang zu nehmen, so war es ihm ganz wie einem Menschen zu Muthe, dem nach dem zweiten oder dritten Schluck der Krug wieder von dem Munde weggerissen wird. »Brauch' nix zu wart' da,« brummte der alte Jaaf. »Wenn ich fertig sein, gib' Euch die Pfeife wieder. Hab' kein Sorg', Masser Corny, oder Masser Malbone, oder Masser Hugh – o Himmel, ich nie weiß, welcher am Leben, und welcher todt – werd' so alt jetzt! Aber mach' nix, wie alt auch – kann doch noch rauchen und hab' kein Gefallen an Inschenweise, zu geben Dinge, wo er es gibt, und dann wieder nimm weg. Nigger ist Nigger, und Inschen ist Inschen; Nigger immer viel der Best'. Himmel, wie viele Jahr ich seh' – ja, ich seh' – ganz müd' nun, zu leb' so lang. Thut nicht wart', Inschen – wann ich sein fertig. Ihr krieg' die Pfeif' wieder, sag' ich. Auch der best' Bakky mach' alt' Jaaf nicht zu viel Rappelkopf – wär' ja schrecklich!« Obschon Prairiefeuer wahrscheinlich nicht die Hälfte von den Worten des Negers verstand, begriff er doch vollkommen dessen Wunsch, den Taback auszurauchen, eh' er die Pfeife abgeben wollte. Dieß war zwar ganz gegen die Regel und sah wie eine Art von Verachtung der indianischen Bräuche aus; aber der rothe Mann übersah dieß mit der Höflichkeit eines an hohe Gesellschaft gewöhnten Mannes und ging so ruhig weg, als ob Alles in Ordnung sei. In dieser Beziehung zeichnet sich der Indianer stets durch seine feine Bildung aus. Nie bemerkt man in seinem Benehmen ein Achselzucken, ein halbverhehltes Lächeln, eine Miene des Verständnisses, einen Wink, ein Nicken oder irgend Etwas von jenen Zeichen und Mittheilungen, zu denen der Ungebildetere in Gesellschaft gewöhnlich seine Zuflucht nimmt. Er bleibt stets würdevoll und ruhig, mag dieß nun Wirkung einer natürlichen Kälte oder des Charakters sein. Das Rauchen wurde nun allgemein, aber nur als Ceremonie, da außer Jaaf Niemand darauf erpicht war, seine Pfeife zu Ende zu bringen. Was den Schwarzen betraf, so war er eben so sehr der Ueberlegenheit seiner Rasse über die der Rothhäute, als einer Unterordnung der ersteren unter die der Weißen sich bewußt, und der Gedanke, daß die gegenwärtige Methode, sich des Tabacks zu bedienen, ein indianischer Brauch sei – war für ihn ein zureichender Grund, sich ihm nicht anzubequemen. Das Rauchen dauerte nicht lange, und dann folgte ein tiefes Schweigen, bis sich endlich Prairiefeuer erhob und zu sprechen begann. »Vater,« ergriff er das Wort, »wir sind im Begriffe, dich zu verlassen. Unsere Squaws und Papusse auf den Prairien wünschen uns zu sehen, und es ist Zeit für uns, daß wir gehen. Sie schauen aus nach uns in der Richtung des großen Salzsee's, und wir blicken nach den großen Fischwasserseen, wo sie wohnen. Dort geht die Sonne unter – hier geht sie auf; die Entfernung ist groß, und viele fremde Stämme von Blaßgesichtern leben längs des Pfades. Unsere Reise ist eine Reise des Friedens gewesen. Wir haben nicht gejagt und auch keine Skalpe genommen, sondern nur unsern großen Vater, Onkel Sam gesehen und unsern großen Vater Susquesus besucht. Wir können nun zufrieden nach der untergehenden Sonne heimziehen. – Vater, unsere Ueberlieferungen sind wahr; sie lügen nie! Eine lügenhafte Ueberlieferung ist schlimmer, als ein lügenhafter Indianer. Ein lügenhafter Indianer täuscht durch das, was er sagt, seine Freunde, sein Weib, seine Kinder; was eine lügenhafte Ueberlieferung sagt, täuscht einen Stamm. Unsere Ueberlieferungen sind wahr; sie sprechen von dem biederen Onondago. Alle die Stämme auf den Prairien haben diese Ueberlieferung gehört und sind erfreut darüber. Es ist gut, von Gerechtigkeit zu hören, schlimm aber, wenn man Kunde erhält von Ungerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit ist ein Indianer nicht besser, als ein Wolf. Nein, es gibt keine Zunge auf den Prairien, welche nicht von dieser schönen Ueberlieferung zu erzählen wüßte. Wir konnten nicht an dem Wigwam unseres Vaters vorbeikommen, ohne seitwärts zu wandern, um ihn zu sehen. Unsere Squaws und Papusse sehnen sich nach uns; wenn wir aber vergessen hätten, unserem Vater einen Besuch zu machen, so würden sie uns sagen, wir sollen umkehren und es nachholen. – Warum hat mein Vater so viele Winter gesehen? Es ist der Wille des Manitou. Der große Geist will ihn noch ein wenig länger hier behalten. Er gleicht den Steinen, die aufgehäuft sind, um den Jägern zu sagen, wo der angenehme Pfad zu finden ist. Alle rothen Männer, die ihn sehen, wissen daraus, daß sie recht daran sind. Nein, der große Geist kann meinen Vater auf Erden noch nicht entbehren, und will durch ihn den rothen Männern sagen, sie sollen nicht vergessen, was recht ist. Er gleicht den aufgehäuften Steinen.« Damit schloß Prairiefeuer und setzte sich unter einem dumpfen, beifälligen Gemurmel wieder nieder. Er hatte dem Gesammtgefühl Worte geliehen und damit den Erfolg erzielt, der solchen Bemühungen nicht entgehen kann. Susquesus war vor dem Gespräche kein Wort entgangen, und ich konnte bemerken, daß ihm sein Inhalt zu Herzen ging, obschon er bei dieser Gelegenheit weit weniger Erregung bekundete, als dieß bei der früheren Zusammenkunft der Fall gewesen war. Ohne Zweifel hatte damals die Neuheit der Scene dazu beigetragen, seine Empfindungen zu steigern. Nach dieser Einleitungsrede folgte eine Pause, und wir erwarteten in großer Spannung, daß der berühmte Redner Adlersflug sich erheben werde, als mit einem Male ein etwas lächerlicher Vorfall die feierliche Würde der Scene unterbrach. Statt daß, wie Vielzunge uns bedeutet hatte, Adlersflug mit Kraft und Feuer zu sprechen begann, erhob sich ein viel jüngerer Krieger und hub an zu reden, während seine Zuhörer ihm eine Aufmerksamkeit schenkten, welche bekundete, daß er ihre Achtung besaß. Wir erfuhren, daß der Name dieses jungen Kriegers in der Uebersetzung Hirschfuß lautete – eine Bezeichnung, die er seiner erprobten Schnelligkeit verdankte. Zu unsrer Ueberraschung jedoch wandte er sich an Jaaf, denn die indianische Höflichkeit forderte, daß auch einige Worte an den langjährigen, treuen Freund und Gefährten des alten Indianers gerichtet wurden. Der Leser kann sich denken, daß wir Alle uns über diese kleine Probe von Huldigung sehr ergötzten, obschon wir uns zugleich einigermaßen wegen der Antwort, die vielleicht drauf folgte, befangen fühlten. Hirschfuß sprach im Wesentlichen wie folgt: »Der große Geist sieht alle Dinge. Er macht alle Dinge. In seinen Augen ist die Farbe nichts. Obschon er Kinder, die er liebt, von rother Farbe schuf, so ließ er doch auch Kinder, die er liebt, mit blassen Gesichtern in's Dasein kommen. Dabei hielt er noch nicht inne. Nein, er sagte: ›ich wünsche Krieger und Männer zu sehen, mit Gesichtern schwärzer als die Haut des Bären. Ich will Krieger haben, welche ihre Feinde schrecken sollen durch ihre Gesichter.‹ So schuf er schwarze Menschen. Mein Vater ist schwarz; seine Haut ist weder roth, wie die des Susquesus, noch weiß, wie die Haut des jungen Häuptlings von Ravensnest. Sie ist jetzt grau, weil sie den Sonnenschein so vieler Sommer empfunden hat; aber ehemals war sie so schwarz, wie die Farbe der Krähe. Es muß damals schön gewesen sein, sie anzusehen. – Mein schwarzer Vater ist sehr alt; man sagt mir, er sei sogar älter, als der biedere Onondago. Der Manitou muß eine große Freude an ihm haben, daß er ihn nicht schon früher abgerufen hat. Er hat ihn gelassen in seinem Wigwam, damit alle schwarzen Männer sehen, wen ihr großer Geist liebt. – Dieß ist die Ueberlieferung, welche durch unsere Väter auf uns verpflanzt wurde. Die Blaßgesichter kommen vom Sonnenaufgang und wurden geboren, ehe die Hitze ihre Haut verbrannte. Die schwarzen Männer kamen her von der Sonne im Mittag, und ihre Gesichter wurden dunkel, weil sie aufwärts schauten, um die Wärme zu bewundern, welche ihre Früchte reifte. Die rothen Männer wurden geboren unter der untergehenden Sonne, und ihre Gesichter erhielten ihre Farbe von der des Abendhimmels. Der rothe Mann ist hier geboren, das Blaßgesicht drüben über dem Salzsee; der schwarze Mann kam aus seinem eigenen Lande, wo die Sonne stets über seinem Kopf steht. Was ersieht man hieraus? Wir sind Brüder. Dicklippe« (dieß war der Name, mit welchem, wie wir nachher erfuhren, die Rothhäute Jaaf bezeichneten) »ist der Freund von Susquesus. Sie haben nun schon so viele Winter in demselben Wigwam gelebt, daß ihr Wildpret und ihr Bärenfleisch den nämlichen Geschmack hat. Sie lieben einander, und wen immer Susquesus liebt und ehrt, den lieben und ehren alle gerechten Indianer. Ich habe nichts weiter zu sagen.« Zuverlässig würde Jaaf von dieser Anrede keine Sylbe verstanden haben, wenn ihm nicht Vielzunge zuerst bedeutet hätte, daß Hirschfuß ausschließlich zu ihm spreche; im Verlauf des Vortrags aber übersetzte ihm der Dolmetscher in klaren Worten Satz für Satz. Vielleicht hätte aber auch diese Sorgfalt nicht zugereicht, ihm begreiflich zu machen, was vorging, wenn nicht Patt auf ihn zugegangen wäre und ihm in einer Stimme und Weise, wie er sie verstand, bedeutet hätte, er solle jetzt auf das, was gesagt werde, aufmerken und, sobald Hirschfuß wieder Platz nehme, sich Mühe geben, etwas darauf zu erwiedern. Jaaf war an meine Schwester gewöhnt und so sehr von der Nothwendigkeit überzeugt, ihr als einer von seinen vielen »jung Missusses« – welche , wußte er selbst kaum – Gehorsam leisten zu müssen, daß es ihr gelang, ihn vollkommen aufzuwecken, und er setzte uns Alle durch die sinnreiche und sehr charakteristische Antwort, die er aufgefordertermaßen zu geben nicht säumte, in Erstaunen. Ehe er zu sprechen begann, klappte er zwar die zahnlosen Kiefer zusammen, wie ein zorniges Schwein; da aber »jung Missus« ihm gesagt hatte, er müsse antworten, so antwortete er auch. Wahrscheinlich besaß der alte Knabe noch eine Art Erinnerung an ähnliche Scenen, da er während seiner jüngern Jahre unter den verschiedenen Stämmen New-Yorks, welche mein Großvater, General Mordaunt Littlepage, zu wiederholten Malen als Commissionär besuchte, manchem Berathungsfeuer angewohnt hatte. »Na,« begann Jaaf in abgebrochener, schnippischer Weise, »schätz' wohl, Nigger muß etwas sag'. Kein sehre große Sprecher, weil ich kein Inschen sein. Nigger hab' zu viel Arbeit, um der ganz' Tag zu red'. Was Ihr sag' von Nigger, wo er komm' her, ist nicht wahr. Er komm' von Afrika, wie ich hör' sag', vor langer Zeit. Ach Gott, wie alt ich werd'! Bisweil' ich denk', arme alt schwarz Mann sich leg' nie nieder und ruh' aus. Ist doch, als komm' Jedermann zu sein' Ruh', nur alte Sus nicht und ich. Ich noch sehre Kraft und werd' stärker und stärker, obschon wunnerbar müd'; aber Sus werd' schwächer und schwächer jede Tag. Kann's nicht mehr lang treib' jetzt, alte Sus. Jedermann muß einmal sterb'. Alte, alte, alte Masser und Missus – sie sterb' zuerst. Dann geh' Masser – auch kommen ziemlich weit; dann Reih' an Masser Mordaunt und Masser Malbone, und nun da ein annerer Masser Hugh. Na, sie mir alle so ziemlich gleich. Ich lieb' sie alle, und alle von ihnen lieb' mich. Dann zähl' auch Miß Dus für 'was; aber sie noch leb'. Kommt Zeit, sie muß auch sterb', aber sie nicht schein' woll' zu geh'. Ach Gott, wie alt ich doch werd'! – – Ha! da komm' jene Deifel von Inschens wieder, und dießmal müß' wir ausfeg'! Hol' Euer Büchs', Sus, hol' Euer Büchs', Junge, und vergeß nicht, daß alte Jaaf Euch steh' beim Ellbog'.« Und so verhielt sich's auch. die Inschens kamen richtig heran. Was übrigens jetzt folgt, muß ich für den Anfang eines weiteren Kapitels aufsparen.   Achtundzwanzigstes Kapitel. »Hoff', daß dein Leid vom großen Geist Geahnet werde, wann die Glieder modern; Doch gräme dich – daß Niemand lebt, um dann Das Erbe deines Throns und Ruhms zu fordern.« Rothjacke .   Es war etwas auffallend, daß der alte triefäugige Neger der Erste unter uns war, welcher die Annäherung eines Inschenhaufens von nicht wohl weniger als zweihundert Mann bemerkte; der Umstand läßt sich übrigens aus der Thatsache erklären, daß die Augen aller Uebrigen auf den Sprecher gerichtet waren, während die des Redners selbst auf gar nichts hafteten. Die Inschens zogen in Masse heran, und diesmal augenscheinlich ohne Furcht. Der weiße Amerikaner tritt, wenn er auf den Kampf vorbereitet ist, dem rothen Mann mit viel Zuversicht entgegen, und das Resultat hat gezeigt, daß er, wenn er in der Wildniß auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen ist und Zeit gehabt hat, einige Erfahrung zu gewinnen, gewöhnlich zu einem sehr furchtbaren Feinde wird. Dennoch war ein Dutzend Indianer von dem Gepräge derjenigen, welche sich bewaffnet und gemalt bei uns zu Besuch eingefunden hatten und in dem Herzen einer unserer größten und bevölkertsten Counties standen, wohl geeignet, besagte ganze County in einen Paroxismus von Furcht zu versetzen. So lang der Gedanke keine Zeit gewann und das Gerücht nicht durch die Ansichten der Verständigen zurechtgelegt wurde, konnte natürlich nur panischer Schrecken herrschen. Die Mütter drückten ihre Kinder an sich, die Väter wollten ihre Söhne von der Schlachtbank zurückhalten, und sogar die Helden vom Militär vergaßen einen Augenblick unter der Eingebung der Klugheit und Vorsicht ihr kriegerisches Feuer. So war die Lage der Dinge in und um Ravensnest, als Kieselherz so unerwartet seine Begleiter in den Wald führte und die »tugendhaften, bedrückten« Pächter meines Besitzthums auseinander trieb, wie sie eben von einem Meeting zurückkehrten, das den tugendhaften Zweck hatte, mein Eigenthumsrecht an die Farmen, die sie bewirthschafteten, auf sich selbst zu übertragen. Niemand zweifelte in jenem Augenblick, daß ich neben den andern unerhörten Dingen, die von mir und den Meinigen begangen worden waren, auch einen Haufen Wilder aus dem fernen Westen herbeigezogen hatte, um sie den Streitkräften entgegen zu setzen, die in Folge der Bemühungen meiner Pächter, und zwar nach einem Grundsatze, der das Licht einer näheren Untersuchung scheute, schon im Felde standen. Hätte ich auch so gehandelt, so glaube ich kaum, daß ich nicht moralisch vollkommen gerechtfertigt gewesen wäre; denn ein derartiges Uebel, das man zu jeder Zeit in einem Monate hätte unterdrücken können, während die selbstsüchtige Gleichgültigkeit der Bürgerschaft es Jahre lang ungehemmt fort wuchern ließ, gibt Jedem das natürliche Recht der Selbstverteidigung zurück. Freilich zweifle ich nicht, daß ich, wenn ich zu einem derartigen Mittel meine Zuflucht genommen hätte, ohne Erbarmen und ohne ein Fürwort von Seite unserer Philanthropen gehängt worden wäre; höchstens dürfte mir noch die Wohlthat der »Geistlichkeit« dieses Landes zu gut gekommen sein, eh' sich's nämlich darum handelte, mich an dem Hals aufzuknüpfen. Sobald übrigens in Betreff des eigentlichen Zwecks, um dessen willen die Rothhäute sich eingefunden hatten, die Wahrheit bekannt geworden, war aber alle Furcht verschwunden. Der Muth der »Tugendhaften und Ehrlichen« lebte wieder auf; und eine der ersten Kundgebungen dieses erneuerten Geistes war der Versuch, mir Haus und Scheunen anzuzünden. Eine so ernstliche Demonstration – glaubte man – wäre wohl geeignet, mich von der gewichtigen Macht des Volkes zu überzeugen und uns Alle zu belehren, daß es nicht Lust hatte; ungestraft sich seine Wünsche kreuzen zu lassen. Da Niemand gern Haus und Scheunen einen Raub der Flammen werden sieht, so mußte es seltsam zugehen, wenn man einer solchen Kundgebung des »Geistes der Institutionen« Widerstand leistete; denn man kann mit dem gleichen Rechte annehmen, daß die Versuche der Mordbrenner aus ihrem politischen Glaubensbekenntniß stammten, als man dieselbe Grundlage den Bestrebungen der Pächter, mehr Rechte zu erhalten, als in ihren Verträgen bestimmt waren, unterzustellen befugt ist. Die Gewohnheit, an Aeußerlichkeiten festzuhalten, welche unter einer gewissen Klasse unserer Bürger so allgemein ist und in religiösen Dingen fortdauert, nachdem das Lebensprinzip selbst bereits der Vergessenheit anheimfiel, verhinderte an dem nächsten Tage, welcher ein Sonntag war, jeden ernstlichen Ausbruch, obschon auch diese Gelegenheit zu einer Einschüchterung benützt wurde; denn das Meeting sammt seinen Resolutionen war in einem geheimen Conclave von den Lokalführern des Antirentismus ausgeheckt und in der bereits beschriebenen Weise zur Ausführung gebracht worden. Dann folgte die Zerstörung des Kirchenstuhldachs als abermalige Demonstration im »Geist der Institutionen« – sicherlich ein so triftiger Beweis, wie nur einer von denen, welche seither zu Gunsten der Lehre des neuen politischen Glaubensbekenntnisses aufgebracht worden waren. Die öffentliche Meinung bedarf zuverlässig einiger Erholung, nachdem sie sich so weit ereifert hat, um Kirchen zu entweihen und Privateigenthum zu zerstören. Das Vorhandensein des Kirchenstuhldachs hatte man lange als ein sehr triftiges Antirenten-Argument zu behandeln beliebt, und man konnte nunmehr ersehen, daß seine Zerstörung Demonstrationshalber ausgeführt worden war. Im Laufe ihrer Heldenthaten hatten übrigens die Inschens ihre Furcht vor den Indianern so sehr bemeistert, daß die Führer der ersteren den heroischeren Theil ihres Corps kaum daran hindern konnten, auf den Sturm, in welchem sie das Kirchenstuhldach genommen, einen Coup de main gegen das alte Farmhaus und dessen Bewohner folgen zu lassen. Wären die Anführer nicht verständiger gewesen, als ihre Untergebenen, so hätte es zwischen diesen beiden quasi kriegführenden Parteien leicht zum Blutvergießen kommen können. Aber die Krieger der Prairien waren die Gäste Onkel Sams, und wenn man die Sache näher betrachtete, mußte man doch finden, daß der alte Gentleman einen langen Arm hatte, der ohne viel Mühe von Washington bis nach Ravensnest heraufreichen konnte. Man durfte ihn daher nicht unbesonnener Weise beleidigen, denn seine Macht war besonders zu fürchten, sintemalen ohne ihn in jener Vertrags-Angelegenheit nicht einmal Inschens und Agitation nöthig gewesen wären, weil ja doch die Albany-Politiker so sehr geneigt waren, für die »tugendhaften und ehrlichen Leute« alle ihre Kräne aufzubieten. Onkel Sams Indianer wurden demgemäß weit mehr respektirt, als die Gesetze des Staates, und dieß war der Grund, durch den sie dem Geschick entgingen, im Schlaf ermordet zu werden. Als Jaaf unsere Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf die Inschens lenkte, zogen sie langsamen Schritts in einer langen Reihe die Straße einher, und ließen uns somit, im Fall wir es für nöthig hielten, Zeit, unsere Stellung zu verändern. Mein Onkel war der Ansicht, es dürfte nicht räthlich sein, auf dem Rasen außen zu bleiben, wo man einer so sehr überlegenen Gewalt ausgesetzt war, und traf demgemäß seine Maßregeln. Zuerst erging an die weibliche Dienerschaft, welche aus acht bis zehn Personen bestand, die Aufforderung, unverweilt nach dem Haus zurückzukehren, wo die Wirtschafterinnen und Dienstmädchen unter Johns Leitung alle unteren Läden verschließen und durch Riegel fest anlegen sollten. War dieß geschehen und hatte man außerdem das Thor und die beiden äußeren Thüren abgesperrt, so wurde es nicht leicht, ohne Gefahr einen Angriff auf unsere Feste zu wagen. Da Niemand eines zweiten Aufgebots zum Abzug bedurfte, so war dieser Theil der Vorsichtsmaßregeln bald bereinigt, und das Haus befand sich vorderhand in Sicherheit. Während dieser Vorgänge fanden Susquesus und Jaaf Anlaß, ihre Stellungen zu wechseln und auf die Piazza zu kommen. Auch hatten hier die beiden alten Knaben bereits wieder gemächlich ihre Sitze eingenommen, noch ehe einer von den Rothhäuten auch nur einen Fuß rührte. Letztere verhielten sich so unbeweglich, wie Statuen – den einzigen Kieselherz ausgenommen, welcher mit den Augen das Dickicht der nahegelegenen Schlucht zu recognosciren schien; denn wie bereits bemerkt wurde, bildete dasselbe einen ziemlich ausgedehnten Versteck. »Wünscht Ihr die Rothhäute im Haus zu haben, Obrist?« fragte der Dolmetscher ruhig, nachdem es einmal so weit gekommen war. »Wenn dieß der Fall ist, so sprecht Euch ungesäumt aus, oder sie werden im Nu wie ein Flug Tauben in jenem Versteck dort eingefallen sein. Dann kömmt's aber sicherlich zu einem Gefecht, denn diese Leute spassen eben so wenig, als ein Meilenstein; seid daher so gut, Euch in Zeiten auszusprechen.« Nach diesem Winke zögerten wir nicht länger, und das Ersuchen meines Onkels, sie möchten dem biedern Onondago folgen, kam noch eben recht, um ihr Ausfliegen zu verhindern – ein Ausfliegen in dem Sinne, wie es Vielzunge gemeint hatte, denn es war nicht sehr wahrscheinlich, daß diese Krieger in der buchstäblichen Bedeutung Reißaus genommen, sondern nur den Versteck der Wälder aufgesucht haben würden, weil eine derartige Weise des Kriegführens ihren Gewohnheiten am angemessensten war. Als übrigens der Indianerhaufen nach der Piazza kam, bemerkte ich, daß namentlich Kieselherz einen hastigen, spähenden Blick auf das Haus warf, so daß wir daraus entnehmen konnten, er untersuche die Wehrfähigkeit dieses Platzes. Der Umzug der Häuptlinge ging mit der größten Ruhe von Statten, und am meisten wunderte uns der Umstand, daß Keiner von ihnen der Annäherung ihrer Feinde oder der Männer, die sie mit Fug als Gegner betrachten konnten, auch nur die mindeste Aufmerksamkeit zu schenken schien. Wir schrieben diese außerordentliche Zurückhaltung der Festigkeit ihres Charakters und dem Wunsche zu, in der Anwesenheit des Fährtelosen eine ruhige, würdevolle Haltung zu bewahren. War übrigens letzteres ausschließlich der wahre Beweggrund, der jede Kundgebung von Ungeduld, Besorgniß oder Unruhe unterdrückte, so durften sie sich wohl Glück wünschen, daß es ihnen in so hohem Grade gelungen war, ihre Gefühle im Zaum zu erhalten. Wir waren eben mit unseren Maßregeln zu Stande gekommen, als die Inschens auf dem Rasen anlangten. John meldete, daß alle Läden verschlossen, desgleichen das Hauptthor und die kleine Thüre verriegelt seien. Ferner machte er uns die Mittheilung, er habe alle Männer und Jungen, die sich aufbieten ließen, nämlich die Gärtner, die Arbeiter und das Stallpersonal – eine Streitmacht von fünf bis sechs Köpfen – bewaffnet in der Flur aufgestellt und unsere Büchsen laden lassen. Mit einem Worte – die Vorbereitungen, welche meine Großmutter unmittelbar nach ihrer Ankunft getroffen hatte, kamen uns jetzt sehr zu Statten und setzten uns in die Lage, in Vereinigung mit unseren Freunden aus den Prairien einen weit furchtbareren Widerstand zu leisten, als ich andernfalls bei einer so plötzlichen Gefahr je hätte hoffen können. Unsere Maßregeln waren sehr einfach. Die Damen saßen in der Nähe des großen Thores, um im Nothfall von demselben gedeckt werden zu können; Susquesus und Jaaf hatten ihre Stühle ein wenig seitwärts, aber unfern von der vorerwähnten Gruppe, und die Männer aus dem fernen Westen nahmen das entgegengesetzte Ende der Piazza ein, wohin zu ihrer Bequemlichkeit die Bänke geschafft worden waren. Vielzunge stand zwischen den beiden Abtheilungen unserer Gesellschaft, um beiderseits das Amt des Dolmetschers versehen zu können, während mein Onkel, ich, John und zwei oder drei andere Diener hinter unsern betagten Freunden Posto gefaßt hatten. Seneka und sein Mordbrennergenosse befanden sich in der Mitte der Häuptlinge. In demselben Augenblicke, als die Inschens den Rasen betraten, hörten wir das Klappern eines Roßhufes, und jedes Auge wandte sich in die Richtung, aus welcher dieser Ton kam. Er scholl von der Schlucht her, und gleich Anfangs war es mir vorgekommen, als ob sich von dieser Seite des Thales aus uns Jemand nähere. So stellte sich's denn auch heraus, denn bald nachher bekamen wir Opportunity zu Gesicht, welche den Pfad heraufgalopirte. Sie hielt ihr Pferd nicht früher an, bis sie den Baum erreicht hatte, schwang sich mit einem einzigen Satz aus dem Sattel, schlang den Zügel um einen Ast und eilte raschen Schrittes dem Haus zu. Meine Schwester Patt ging bis an die Stufen der Piazza vor, um den unerwarteten Gast zu empfangen, und ich folgte ihr in gleicher Absicht auf dem Fuße. Opportunity's Begrüßung war übrigens hastig und verrieth keine sonderliche Fassung. Sie blickte umher, und sobald sie sich überzeugt hatte, in welcher Lage sich ihr Bruder befand, ergriff sie mich beim Arm, um mich ohne viele – oder besser gesagt – ohne alle Umstände nach der Bibliothek zu führen; denn so viel mußte man zur Steuer der Wahrheit dieser jungen Dame nachrühmen, daß sie – sobald sich's um etwas Ernstliches handelte – eine große Energie besaß. Das einzige Wahrzeichen einer kleinen Abweichung von dem beabsichtigten Zwecke bestand darin, daß sie einen Augenblick inne hielt, um meiner Großmutter ihr Kompliment zu machen. »Im Namen aller Wunder, was habt Ihr mit Sen vor?« fragte die regsame junge Dame, mich aufmerksam und mit einem Ausdrucke, der halb böse, halb zärtlich war, in's Auge fassend. »Ihr steht über einem Erdbeben und scheint es nicht zu wissen.« Opportunity hatte die Wirkung mit der Ursache verwechselt; doch dieß kam bei einem so denkwürdigen Anlasse nicht in Betracht. Augenscheinlich war es ihr sehr ernst, und ich hatte aus Erfahrung gelernt, daß ihr Rath und ihre Winke uns Allen im Nest gute Dienste zu leisten vermochten. »Auf welche besondere Gefahr spielt Ihr an, meine theure Opportunity?« entgegnete ich. »Ach, Hugh! wenn's nur wieder so wäre, wie ehmals – wir Alle könnten so glücklich in Ravensnest beisammen sein! Doch es ist jetzt keine Zeit, von solchen Dingen zu sprechen; denn, wie Sarah Soothings sagt, ›das Herz ist am meisten monopolisirt, wenn der Schmerz am tiefsten sitzt, und nur wenn sich unsere Gefühle frei erheben können zu der Oberfläche der Einbildungskraft, entringt sich der Geist den Fesseln der Knechtschaft.‹ Aber im gegenwärtigen Augenblick habe ich keine Minute Zeit für Sarah Soothings. Seht Ihr die Inschens nicht?« »Oh, deutlich genug; und wahrscheinlich sehen sie auch meine ›Indianer‹.« »Ach, um diese kümmern sie sich jetzt auf der ganzen weiten Welt am allerwenigsten. Anfangs, als man glaubte, Ihr hättet einen Haufen desperater Wichte gedungen, um die Leute zu skalpiren, trug man sich wohl mit einiger Besorgniß; nun aber die ganze Geschichte ruchbar geworden ist, kümmert man sich keinen Strohhalm mehr um sie. Handelt sich's um Skalpe, so sind es die ihrigen. Aber was ich Euch sagen muß – das ganze Land ist in Aufregung, und man trägt sich nah und fern mit dem Gerücht, Ihr hättet eine Bande blutdürstiger Wilder aus den Prairien mitgebracht, um den Weibern und Kindern die Hälse abzuschneiden und die Pächter zu vertreiben, noch ehe die Lebensdauern abgelaufen seien. Einige Leute sagen, die Wilden hätten eine Liste, auf welcher alle die in Euren Verträgen genannten Leben verzeichnet seien, und wären im Begriff, mit diesen zuerst aufzuräumen, damit Ihr das Gesetz so viel wie möglich auf Eure Seite krieget. Ihr steht auf einem Erdbeben, Mr. Hugh – ja, ich sage Euch, Ihr steht in der That auf einem Erdbeben.« »Meine theure Opportunity,« erwiederte ich lachend, »ich bin Euch für die Sorge, die Ihr meiner Wohlfahrt schenkt, unendlich verbunden und räume Euch unverhohlen ein, daß Ihr mir Samstag Nachts einen wesentlichen Dienst geleistet habt; indeß möchte ich fast glauben, daß Ihr jetzt die Gefahr übertreibt – daß Ihr die Farben zu stark auftragt.« »Durchaus nicht – ich wiederhole Euch feierlichst, daß Ihr über einem Erdbeben steht, und weil ich stets Eure Freundin bin, habe ich diesen Ritt unternommen, um Euch in Zeiten zu warnen.« »Ihr meint wohl, damit ich mich der Gefahr entziehe? Aber, wie können wohl so schlimme, blutdürstige Gerüchte in Umlauf gekommen sein, wenn man, wie Ihr selbst zugesteht, den Charakter der westlichen Indianer kennt und doch die Furcht vor ihnen in der Stadtmarkung ganz verschwunden ist? Hierin liegt ein Widerspruch.« »Oh, Ihr wißt wohl, wie es in diesen Antirentenzeiten geht. Wenn man einer Aufregung bedarf, so bleiben die Leute nicht so buchstäblich bei den Thatsachen stehen, sondern sprechen Dinge nach und erfinden auch Dinge, just wie's eben für sie gelegen ist.« »Wohl wahr; dieß ist mir sehr einleuchtend, und es wird unter solchen Umständen nicht schwer, Euch Glauben zu schenken. Aber seid Ihr diesen Morgen einfach deßhalb hieher gekommen, um mich über die Gefahr in Kenntniß zu setzen, durch die ich von dieser Seite her bedroht bin?« »Ich glaube, ich bin immer nur zu gerne bereit, nach dem Nest herüber zu galopiren! Nun ja, jeder Mensch hat die eine oder die andere Schwäche, und ich will keine Ausnahme von der Regel machen,« entgegnete Opportunity, welche ohne Zweifel den Augenblick für günstig hielt, um die Eroberung mit einer vollen Salve vollbringen zu können. Auch verstärkte sie das Geschütz der Worte mit einem Blicke, wie ihn nur der erfahrenste Pikaroon auf der See der Galanterie zu entsenden vermag. »Doch, Hugh – ich nenne Euch Hugh, Mr. Littlepage, denn in meinen Augen seid Ihr nur Hugh, nicht aber der stolze, übelgesinnte, aristokratische und hartherzige Grundherr, zu dem Euch die Leute gern machen möchten – ich wäre nie im Stande gewesen, Euch die Mittheilung zu machen, um derer willen ich Euch letzthin mitten in der Nacht besuchte, wenn ich geglaubt hätte, sie könnte Sen in eine solche mißliche Lage bringen.« »Ich kann mir wohl denken, wie sehr Ihr Euch wegen Eures Bruders beängstigt fühlt, Opportunity; aber zählt darauf, daß bei Behandlung dieser Angelegenheit Eure freundschaftlichen Dienstleistungen nicht unberücksichtigt bleiben werden.« »Wenn Ihr dieß im Sinne habt, warum wollt Ihr dann nicht zugeben, daß die Inschens ihn aus den Händen Eurer wirklichen Wilden befreien?« entgegnete Opportunity einschmeichelnd. »Ich will Euch in Sens Namen versprechen, daß er die Gegend verlassen und, wenn Ihr darauf besteht, einige Zeit fortbleiben soll. Ist die Geschichte in Vergessenheit gerathen, so kann er wieder zurückkehren.« »So ist also die Befreiung Eures Bruders die Ursache, welche die Inschens hierbei geführt hat?« »Zum Theil – sie sind darauf erpicht, ihn wieder zu haben. Er ist in alle Geheimnisse der Antirenters eingeweiht, und sie fürchten für ihr eigenes Leben, so lang er in Euern Händen ist. Wird er eingeängstigt und gibt er nur den vierten Theil von dem an, was er weiß, so haben wir für die nächsten zwölf Monate in der County auf keinen Frieden zu hoffen.« In diesem Augenblick und ehe ich noch Zeit fand, eine Antwort zu geben, wurde ich nach der Piazza berufen, denn die Inschens waren mittlerweile so nahe herangekommen, daß es mein Onkel für räthlich hielt, an die Thüre zu treten und mir mit lauter Stimme kund zu thun, daß meine Anwesenheit wünschenswerth sei. Ich sah mich daher genöthigt, Opportunity zu verlassen, sintemal die Dame sich klüglicherweise nicht unter uns zeigen wollte, obschon ihre Anwesenheit auf dem Neste, soferne sich's jetzt um eine Fürbitte für ihren Bruder handelte, weder Aufsehen noch üble Deutung zur Folge haben konnte. Als ich die Piazza erreichte, waren die Inschens bis zu dem Baume vorgerückt, wo wir anfänglich unsere Stellung gewählt hatten; sie machten daselbst Halt und schienen gegenseitig sich zu berathschlagen. Hinter ihnen her kam Mr. Warren, und eilte in gerader Linie auf uns zu, ohne auf die Leute Rücksicht zu nehmen, die, wie er wohl wußte, feindselig gegen ihn gesinnt waren; seine Hast zeigte augenscheinlich, daß ihm darum zu thun war, das Haus noch vor den »verkappten Bewaffneten« zu erreichen. Dieser kleine Umstand gab Anlaß zu einem ergreifenden Vorfall, und ich kann nicht umhin, desselben Erwähnung zu thun, gleichviel, ob auch der Bericht über Dinge, welche vielleicht Anderen bedeutsamer erscheinen, dadurch unterbrochen wird. Mr. Warren drängte sich nicht geradenwegs durch den Haufen der Tumultuanten – denn dieß waren sie jedenfalls, wenn nicht etwa gar der schärfere Ausdruck »Aufrührer« auf sie Anwendung fand – sondern machte einen kleinen Umweg, um eine unnöthige Berührung zu vermeiden. Sobald er übrigens den halben Weg zwischen dem Baum und der Piazza zurückgelegt hatte, stießen die Inschens ein wildes, gellendes Geschrei aus, und viele derselben sprangen vor, um ihn einzuholen und wahrscheinlich festzuhalten. In demselben Augenblicke, als wir uns in gemeinsamer Theilnahme an dem Geschick des guten Rektors unwillkürlich erhoben, eilte Mary von der Piazza weg, und war so schnell an der Seite und in den Armen ihres Vaters, daß sie dahin geflogen zu sein schien. Sie klammerte sich an ihn an und drängte ihn augenscheinlich gegen uns her; aber Mr. Warren zog es vor, ein weiseres Benehmen einzuschlagen, als die Flucht gewesen wäre. Er trug die Ueberzeugung in sich, daß er nichts gethan oder gesprochen hatte, was ihm nicht von der Pflicht geboten gewesen wäre, und machte deßhalb Halt, um sich gegen seine Verfolger umzuwenden. Der Schritt, welchen Mary Warren gewagt, hatte den Bewegungen jener gesetzlosen Menschen Einhalt gethan, und das würdevolle Benehmen des Geistlichen vervollständigte den Sieg. Die Führer der Inschens blieben stehen, um sich gegenseitig zu berathen, und Alle, welche sich von dem Haupthaufen getrennt hatten, kehrten wieder zu ihren Gefährten unter dem Baume zurück, so daß Mr. Warren und seine bezaubernde Tochter unbelästigt und mit Anstand zu uns nach der Piazza kommen konnten. In demselben Momente, in welchem Mary Warren auf ihren Vater zueilte, war ich vorgetreten, um ihr unter dem Einflusse eines unwiderstehlichen Dranges zu folgen. Aber wie plötzlich auch dieser Impuls einerseits war, kamen mir doch mein Onkel und meine Großmutter zuvor, indem der erstere mich an einem Rockzipfel erwischte und mich mit aller Gewalt zurückhielt, die leichte Berührung der letzteren aber sogar eine noch größere Gewalt über mich übte. Beide machten mir Vorstellungen, und hatten dabei augenfällig das Recht so sehr auf ihrer Seite, daß ich die Thorheit, die ich begehen wollte, einsah und mein Vorhaben aufgab. Wäre ich in die Hände der Antirenters gefallen, so hätten sie – wenigstens für den Augenblick – sich eines vollständigen Triumphs erfreuen können. Mr. Warren stieg mit so ruhiger und unveränderter Miene die Treppe der Piazza heran, als beträte er seine eigene Kirche. Der wackere alte Gentleman hatte in der Schule des Lebens seine Gefühle bewältigen gelernt, und da er außerdem gewöhnt war, stets auf den Schutz von oben zu bauen, so hielt er sich auch darauf gefaßt, sobald die Erfüllung einer ernsten Pflicht es forderte, Alles über sich ergehen zu lassen. Ueberhaupt fand ich öfters Gelegenheit zu der Wahrnehmung, daß Furcht ihm unbekannt war. Was Mary betraf, so war sie mir nie in einem so wahrhaft liebenswürdigen Lichte erschienen, als in dem Augenblicke, in welchem sie, zärtlich und vertrauensvoll an ihrem Vater sich anschmiegend, mit ihm die Treppe heraufstieg. Die Aufregung einer solchen Scene hatte ihr Antlitz mehr als gewöhnlich geröthet, und vielleicht wirkte dieser Umstand mit, daß der Glanz ihrer Augen um ein Wesentliches vermehrt wurde. Mit einem Worte – es kam mir vor, der menschliche Geist habe sich nie ein Bild phantasiren können, in welchem sich weibliche Anmuth so schön mit kindlicher Aufopferung paarte. Patt, das liebe hochsinnige Mädchen, eilte ihrer Freundin entgegen, um sie mit der ganzen Wärme und Innigkeit ihres Wesens zu umarmen, während meine Großmutter Mary auf beide Wangen küßte, und auch die zwei andern Mädchen nicht säumten, die gewöhnlichen Merkmale von Mitgefühl, wie sie ihr Geschlecht auszudrücken geeignet ist, an den Tag zu legen. Auch Onkel Ro trat auf sie zu und küßte ihr galant die Hand, so daß das arme Mädchen über und über erröthete; nur der arme Hugh mußte sich in den Hintergrund halten und zufrieden sein, daß er seine Bewunderung in Blicken ausdrücken konnte. Indeß fing ich aus dem Auge des holden Wesens einen einzigen Strahl auf, der mich vollkommen tröstete, indem er mir die Versicherung gab, meine Zurückhaltung werde begriffen und dem richtigen Beweggrunde zugeschrieben. Während dieses interessanten Auftritts schienen nur die Männer aus den Prairien unbeweglich zuzusehen; denn sogar die Dienstboten und Taglöhner hatten eine warme Theilnahme an dem edeln Benehmen des Mädchens an den Tag gelegt, und das weibliche Gesinde kreischte im Chor, als ob dieß nicht anders sein dürfe. Von den Indianern aber rührte sich nicht ein einziger, und kaum Einer wandte den Blick von Susquesus ab, obschon sie aus der Theilnahme, die wir Alle verriethen, erkennen mußten, daß in ihrer unmittelbaren Nähe etwas von Belang vorging, und auch der Umstand, daß ihre Feinde sich in kurzer Entfernung aufgestellt hatten, ihnen bekannt war. Mit Beziehung auf die letzteren glaube ich, die Unbekümmertheit oder scheinbare Sorglosigkeit der westlichen Krieger dürfte der Anwesenheit der Damen zugeschrieben werden, weil sie sich wohl denken konnten, daß man sich nicht sonderlich vor ernstlichen Feindseligkeiten zu fürchten hatte, so lange diese zugegen waren. Die Theilnahmlosigkeit der Häuptlinge schien sich auch auf den Dolmetscher auszudehnen, welcher in demselben Augenblicke, als die Warren'sche Episode vorfiel, sich kaltblütig eine Pfeife anzündete und zu rauchen begann – eine Beschäftigung, in der er sich durch den Lärm und die Verwirrung unter uns nicht stören ließ. Da auch die Inschens ihrem Näherkommen Einhalt gethan hatten, so fanden wir Muße zu einer kurzen Berathung. Mr. Warren theilte uns mit, er habe die »verkappten Bewaffneten« an der Rektorei vorbeikommen sehen und daraus Anlaß genommen, ihnen zu folgen, um uns, im Fall uns eine Beschädigung zugedacht wäre, als Vermittler dienen zu können. »Die Zerstörung des Baldachins über Hughs Kirchenstuhl muß Euch wohl nachdrücklich belehrt haben, daß die Angelegenheit zu einem Losbruch gekommen ist.« Von diesem Vorfalle hatte Mr. Warren noch gar nichts gehört. Obgleich er der Kirche so nahe wohnte, daß man das Getöse von Hammerschlägen mußte wahrnehmen können, war doch Alles mit solcher Fertigkeit geleitet worden, daß das Dach abgeschlagen und fortgeschafft war, ohne daß Jemand in der Rektorei auch nur das Mindeste davon merkte. Ueberhaupt war die Thatsache nur deßhalb im Neste bekannt geworden, weil der Gegenstand, welcher kürzlich noch in der Saint Andrewskirche von Ravensnest der Aristokratie zur Bedeckung gedient hatte, jetzt in gleicher Eigenschaft den Schweinen des Farmhauses zu gut kam. Der gute Geistliche drückte seine Ueberraschung etwas stark aus, obschon, wie es mir vorkam, die Entfernung des anstößigen Daches ihm nicht in gleichem Grade zu Herzen ging. Er war zwar nicht der Mann, welcher einem Akte der Ungesetzlichkeit und Gewaltthat, am wenigsten aber dem Neid, diesem den Amerikanern so eigenthümlichen Laster das Wort reden mochte; aber andererseits konnte er sich auch nicht mit eiteln Auszeichnungen befreunden, wenn diese sich sogar bis in das Haus Gottes verirrten, wo doch Alle als gleiche Sünder sich einfinden müssen, um durch die Wirkungen der Gnade von der gemeinsamen Verdammniß gerettet zu werden. Wie das Grab als der große Gleichmacher des menschlichen Geschlechtes erscheint, so sollte auch die Kirche als Vorbereitungsstufe für das Hinabsteigen nach jener Tiefe benützt werden, die – im geistigen Sinn wenigstens – Jeder zu erringen suchen muß, ehe er hoffen kann, auch nur zu der schlechtesten unter den vielen Wohnungen im Hause unseres Vaters erhoben zu werden! Wir gewannen jedoch nur kurze Frist zum Athmen, als die Inschen schon wieder vorzurücken begannen, und es wurde bald augenscheinlich, daß sie nicht blos müssige Zuschauer bei der Scene, die inzwischen auf der Piazza spielte, zu bleiben, sondern in einer oder der anderen Weise eine thätige Rolle zu übernehmen gedachten. Sie bildeten eine Linie, die weit mehr in dem Charakter der Militzen unserer großen Republik, als in dem der Krieger des Westens gehalten war, und kamen herangetrabt, um uns bis in's Innerste unserer Seelen zu erschrecken. Unsere Vorkehrungen waren übrigens getroffen, und Alles so eingeleitet, wie man es nur wünschen konnte. Durch das Beispiel meiner Großmutter ermuthigt, behielten die Damen ihre Sitze in der Nähe der Thüre bei; die zum Haushalt gehörigen Männer blieben auf ihren Plätzen stehen, und auch von den Indianern rührte sich nicht einer. Was Susquesus betraf, so hatte er viel zu lange gelebt, um der Ueberraschung und den übrigen Erregungen der niedrigeren Klassen zugänglich zu sein, und die Männer der Prairien schienen ihr Verhalten nach dem seinigen zu richten. So lange er unbeweglich blieb, verriethen auch sie keine Lust, von der Stelle zu weichen. Die Entfernung zwischen dem Baum und der Piazza betrug nicht viel mehr als hundert Schritte; es war also wenig Zeit erforderlich, um sie zurückzulegen. Indeß bemerkte ich doch, daß die Inschens, allen Gesetzen der Anziehung zum Trotz, immer langsamer und unstätiger in ihren Bewegungen wurden, je näher die Linie ihrem Ziele rückte. Sie verlor ihre Bildung und beugte sich zu Curven, obschon das Getrappel immer lauter und lauter wurde, als wünschten die heranziehenden Helden ihren Muth durch Getöse rege zu erhalten. Sobald sie sich auf etwa zwanzig Schritte der Treppe genähert hatten, hörten sie ganz und gar auf vorwärts zu gehen, sondern stampften blos noch mit den Füßen, wie es schien in der Hoffnung, uns durch Einschüchterung zur Flucht zu bewegen. Ich hielt dieß für einen günstigen Augenblick, der zwischen meinem Onkel und mir getroffenen Verabredung Folge zu geben, und trat als Inhaber des Eigenthums, welches von der gesetzlosen Bande also überlaufen wurde, an die Vorderseite der Piazza, durch ein Zeichen Aufmerksamkeit fordernd. Das Getrampel hörte mit einem Male auf, und es herrschte nun eine tiefe Stille, so daß ich meine Rede ungehindert beginnen konnte. »Ihr Alle kennt mich,« ergriff ich ruhig und, wie ich hoffe, mit Festigkeit das Wort: »Ihr wißt daher, daß ich der Eigenthümer dieses Hauses und dieser Ländereien bin. Als Eigenthümer befehle ich nun Jedem von euch, den Platz zu verlassen und euch nach der Landstraße oder auf das Eigenthum einer andern Person zu begeben. Wer nach dieser Warnung dennoch zurückbleibt, erlaubt sich einen Eingriff in fremdes Gut, und Vergehungen solcher Personen sind in den Augen des Gesetzes doppelt ernst angesehen.« Ich sprach diese Worte laut genug, so daß sie von jedem Anwesenden vernommen werden konnten, obschon ich zu viel behaupten würde, wenn ich sagen wollte, daß sie von besonderem Erfolg begleitet waren. Die Calicobündel neigten sich gegen einander, und es schien eine Art Aufregung stattzufinden; aber die Führer beruhigten das Volk – im gegenwärtigen Fall des allmächtigen Volks, wie es in den meisten andern zu gehen pflegt. Die Souveränität der Masse ist als Grundsatz wohl etwas Schönes und wirkt in langer, langer Zeit vielleicht auch einmal etwas Gutes – ja, sie thut dieß in einem gewissen Sinne sogar immer, indem sie eine gewisse Art von höchst gehässigen und unverträglichen Mißbräuchen im Zügel hält; aber wenn man die alltäglichen politischen Umtriebe in's Auge faßt, so haben ihre kaiserlichen Majestäten, die Souveräne von Amerika, unter die ich zufälligerweise auch gehöre, eben so wenig Beziehung zu den Maßregeln, die sie dem Anscheine nach zu fordern und aufrecht zu halten bewogen werden, wie der Nabob von Oude, sofern nämlich die Engländer, welche sich so uneigennützig und großmüthig um die Rechte der Menschheit kümmern, wann immer die große Republik der kleinen väterlichen Heimath einige Acres zulegt – einen solchen Potentaten noch im Dasein gelassen haben. So ging es nun auch mit der Entschlossenheit der »verkappten Bewaffneten«, bei der eben erwähnten Gelegenheit. Sie entschieden sich dafür, daß meine Aufforderung, den Platz zu verlassen, nur mit einem verächtlichen Geschrei beantwortet werden sollte, obschon sie erst von ihren Führern erfahren mußten, wozu sie sich eigentlich entschließen mußten. Gleichwohl war der Lärm ziemlich allgemein und übte die gute Wirkung, daß er die Inschens überzeugte, sie hätten die Verachtung meiner Autorität klar genug dargelegt und somit für den Augenblick einen hinreichenden Sieg errungen. Demungeachtet schloß aber die Demonstration hiermit noch nicht, und es folgten gewisse Rufe nebst einem kurzen Dialog, den ich hier berichten muß. » König Littlepage,« rief einer aus dem Haufen der »verkappten Bewaffneten«; »was ist aus deinem Thron geworden? Das Meetinghaus von St. Andrews hat seinen monarchischen Thron verloren.« »Seine Schweine haben sich endlich als große Aristokraten aufgethan; demnächst werden sie auch Patroone sein wollen.« »Hugh Littlepage, sei ein Mann; steig herab auf eine gleiche Stufe mit deinen Mitbürgern und halte dich nicht für besser, als andere Leute. Du bist im Grunde doch nur Fleisch und Blut.« »Warum ladet Ihr mich nicht eben so gut wie den Pfaffen Warren ein, zu Euch zu kommen und mit Euch zu speisen? Ich kann so gut essen, wie nur irgend ein Mann in der County, und auch eben so viel.« »Ja, und er kann auch trinken , Hugh Littlepage. Sorgt daher nur an dem Tage, an welchem er eingeladen werden soll, für den besten Saft, den Ihr in Eurem Keller findet.« Alles das galt unter den Inschens und jenem Theile der »tugendhaften, ehrlichen und hart sich abmühenden Leute,« welche an diesem Tage nicht nur ihre Bande in's Feld rücken ließen, sondern bei gegenwärtiger Gelegenheit ihr auch Gesellschaft leisteten, für Witz; ich habe nämlich seitdem in Erfahrung gebracht, daß ungefähr die Hälfte des Haufens aus Pächtern der Ravensnester Farmen bestanden. Ich gab mir Mühe, gelassen zu bleiben, und wenn man in Betracht zieht, wie viel Anlaß sich ergab, zornig zu werden, gelang mir meine Anstrengung ziemlich gut. Solche Leute mit Gründen belehren zu wollen, hieran war natürlich nicht zu denken, und da sie auf ihre Anzahl, wie auch auf ihre physische Ueberlegenheit pochen konnten, so kümmerten sie sich nicht einen Deut um meine gesetzliche Rechte. Das Schlimmste von Allem war ohne Zweifel der Umstand, daß sie wußten, das Gesetz selbst werde durch das Volk verwaltet; sie hätten daher nur wenig oder eigentlich gar nichts von allen den Strafandrohungen zu fürchten, die im Gesetz bestimmt waren, selbst wenn ich seiner Zeit zu letzterem meine Zuflucht nahm. Schickte man zehn oder zwölf verschmitzte Agenten durch das Land, welche Lügen in Umlauf setzten und vor sowohl, als während der Gerichtsverhandlung die Countystadt besuchten, um eine Partei auf die Beine zu bringen, die mehr oder weniger unmittelbar, vielleicht unter Beihilfe der Unwahrheiten und Vorurtheile aus einigen Zeitungsblättern, die Gemüther der Geschworenen bearbeiteten, so mußte dieß im kritischen Augenblicke eben so wirksam sein, wie das Gesetz, der Zeugenbeweis und das Recht. Was die Richter und ihre amtliche Stellung betrifft, so haben sie unter dem Wirken dieses heillosen Systems meist ihren Einfluß verloren, und sind in der Verwaltung der Rechtspflege, handle es sich nun um ein nisi prius oder um ein Commissionsgericht, fast als Nichts anzuschlagen. Dieß sind traurige Wahrheiten, und Jeder, der von der Theorie absieht, um auf dem Kampfplatz der Praxis herunterzusteigen, wird sich bald zu seinem Staunen und Schrecken von ihrer Unanfechtbarkeit überzeugen, wenn er überhaupt ein ehrlicher Mann ist und einen unbestochenen Sinn mit sich bringt. Ein Theil dieses unseligen Zustands der Dinge ist eine Folge der legislativen Kesselflickerei, welche eine der wohlthätigsten Maaßnahmen des Gemeinrechts zerstörte, indem sie verbietet, daß die Richter die Verachtung strafen, wenn diese nicht in offenem Gerichtshof vorkömmt. Jetzt zieht namentlich die Presse von dieser Straflosigkeit Vortheil und übt einen Einfluß auf die Entscheidung fast aller Prozeßfälle, welche für die Oeffentlichkeit interessant gemacht werden können. Alles dieß fühlt man recht wohl, und der Uebelthäter kümmert sich nur wenig um's Gesetz, während nur für den Rechtlichen einige Gefahr vorhanden ist. Mein Onkel Ro sagt, Amerika gleiche dem, was in dieser Beziehung vor zwanzig Jahren war, gerade so, wie Kamtschatka Italien. Was mich betrifft, so möchte ich nur der Wahrheit das Wort reden, und eben so wenig mir eine Uebertreibung erlauben, als zu einer feigen Verheimlichung meine Zuflucht nehmen. Da ich mir an der Schwelle meines eigenen Hauses nicht frechen Trotz bieten lassen wollte, so beschloß ich noch etwas zu sagen, ehe ich an meinen Platz zurückkehrte. Männer, wie die, welche mir gegenüberstanden, können nie begreifen, daß Stillschweigen eine Frucht der Verachtung ist, und ich hielt es für das beste, auf die oben bemerkten Zurufe, an die sich noch Dutzende von ähnlichen moralischen Kaliber anschloßen, eine Antwort zu geben. Meinem Winke zum Schweigen wurde abermals Folge gegeben. »Ich habe euch in der Eigenschaft des Besitzers befohlen, meinen Rasen zu verlassen,« sagte ich, »und wenn ihr dennoch bleibt, so macht ihr euch selbst zu Gesetzübertretern. Was ihr mit meinem Kirchenstuhl angefangen habt, würde mich sogar zu Dank verpflichten, wäre es nicht durch eine Rechtsverletzung geschehen, denn ich hatte mir fest vorgenommen, die Bedachung entfernen zu lassen, sobald sich das Geschrei über dieselbe gelegt hätte. Ich bin eben so wenig ein Freund von Auszeichnungen irgend einer Art im Haus Gottes, als ihr selbst, und verlange sie nicht für mich oder meine Angehörigen. Mir ist's um nichts zu thun, als um gleiche Rechte mit meinen Mitbürgern – um weiter nicht, als daß mein Eigenthum so gut beschützt werde, wie das ihrige . Aber ich kann mir nicht denken, daß ihr oder irgend Jemand ein Recht hat, einen Theil von meinen weltlichen Gütern zu verlangen – eben so wenig als ich befugt bin, einen Antheil an seiner Habe zu fordern. Was ermächtigt euch, auf meine Ländereien Anspruch zu erheben, während mir doch keine Befugniß zusteht, einen Antheil an eurem Vieh und an euren Ernten zu verlangen? Es ist nur ein jämmerliches Gesetz, das nicht beide Theile gleich behandelt.« »Ihr seid ein Aristokrat,« rief einer aus dem Inschenhaufen, »sonst würdet Ihr andern Leuten auch so viel Land gönnen, als Ihr selbst habt. Ihr seid ein Patroon; alle Patroone aber sind Aristokraten und hassenswerth.« »Ein Aristokrat,« erwiederte ich, »ist einer von den Wenigen, welche im Besitz von politischer Gewalt sind, denn ohne die kann selbst die höchste Herkunft, das größte Vermögen und der abgeschlossenste Umgang keinen Menschen zu einem Aristokraten stempeln. In unserem Lande gibt's keine Aristokraten, weil wir nichts von einer unbeschränkten politischen Gewalt wissen. Dagegen haben wir eine falsche Aristokratie, die Ihr deßhalb nicht kennt, weil sie sich zufälligerweise nicht in den Händen gebildeter Männer befindet. Demagogen und Zeitungsschreiber sind eure privilegirten Klassen – diese sind eure Aristokraten und Niemand anders. Was die Aristokratie der Grundbesitzer betrifft, so vernehmt eine wahre Geschichte, welche euch überzeugen wird, in wie weit sie eine Aristokratie genannt zu werden verdient. Merkt euch, was ich euch jetzt sage, denn es ist so wahr, wie ein Evangelium, und verdient nah und fern, wohin immer euer Geschrei über Aristokratie reicht, bekannt zu werden. Es gibt in diesem Staate einen Grundbesitzer, einen Mann von umfassenden Mitteln, der wegen einer Bürgschaft für einen Andern eine bedeutende Zahlung leisten sollte. Um dieselbe Zeit, in welcher seine Renten, Dank sei es eurer Einmengung und der Gewissenlosigkeit unserer Gesetzesvollstrecker, nicht eingesammelt werden konnten, trat der Sheriff in sein Haus und verkaufte dessen Inhalt, um die Execution gegen ihn zu vollstrecken! Dieß ist eure amerikanische Aristokratie – leider muß ich auch beifügen, die amerikanische Gerechtigkeit, wie sie jetzt unter uns gehandhabt wird.« Ich hatte mich in der Wirkung dieser buchstäblich wahren Erzählung nicht getäuscht. So oft ich sie erzählte, hat sie sogar die größten demagogischen Schreier verwirrt, und für einen Augenblick einige jener Grundsätze, die Gott ursprünglich in ihr Inneres gepflanzt hatte, ins Leben gerufen. Ja wohl, amerikanische Aristokratie! Der gebildete Mann kann von Glück sagen, wenn es ihm so gut wird, auch nur mit Widerstreben magere Gerechtigkeit zu erringen!   Neunundzwanzigstes Kapitel. »Wie weit dieß Lichtlein seine Strahlen wirft! So leuchtet eine gute That in einer Verderbten Welt.« Shakespeare .   Ich habe gesagt, daß meine Erzählung von der Art, wie Gerechtigkeit bisweilen unter uns ausgemessen wird, selbst auf diese rohe Bande selbstsüchtiger und neidischer Empörer nicht ohne Wirkung blieb. Ich nenne sie roh, weil sie der Vernunft und der Gesetzgebung Hohn sprachen, und selbstsüchtig, weil sie sich durch ihre Habgier, und durch den Wunsch, an die Stelle derer, welche sie für reicher hielten, die Pächter zu setzen, zu solchem Treiben verlocken ließen. Es folgte eine tiefe Stille; dann aber flüsterten die Calico-Bündel eine Weile unter einander, ohne übrigens die Ruhe weiter zu stören, da sie augenscheinlich – vorderhand wenigstens – nicht geneigt waren, uns zu belästigen. Ich hielt den Augenblick für günstig, und nahm meine alte Stellung wieder ein, entschlossen, jetzt die Dinge ihren Lauf gehen zu lassen. Dieser Wechsel und die tiefe Stille, welche nun folgte, führte auf den Besuch der Indianer und ihren Zweck zurück. Während der ganzen Zeit des Vorrückens unserer »Inschens« hatten sich die Männer der Prairien und Susquesus fast so regungslos wie Statuen verhalten. Allerdings verwandte Kieselherz kein Auge von den Eindringlingen; indeß wußte er es doch so einzuleiten, daß man ihm durchaus keine Unruhe oder Sorge anmerkte. Außer diesem einzigen gewahrte ich kaum ein weiteres Zeichen von Wachsamkeit unter meinen Gästen von der Prairie, obschon mir Vielzunge nachher zu verstehen gab, sie hätten recht wohl gewußt, wie sie sich benehmen mußten; auch gestehe ich gerne, daß ich nicht in der Lage war, die ganze Zeit über meine Rothhäute zu beobachten. Nachdem aber jetzt eine Pause eingetreten war, schien sich Alles so natürlich dem ursprünglichen Besuch zuzukehren, als ob gar keine Unterbrechung stattgefunden hätte. Zu Sicherung der Ruhe rief Vielzunge den Inschens in gebieterischer Stimme zu, die Häuptlinge in ihrem Vorhaben nicht zu stören, weil eine Art religiöser Heiligkeit darin liege, die nicht ungestraft verletzt werden dürfe. »So lange ihr euch ruhig verhaltet, werden meine Krieger euch nicht belästigen,« fügte er bei; »aber wenn Einer unter euch je in der Prairie gewesen ist, so muß er von der Natur einer Rothhaut genug gehört haben, um zu wissen, daß er auch Ernst macht, wenn's im Ernst ist. Männer, die eine Reise von mehr als tausend Stunden vor sich haben, gehen nicht wegen Kleinigkeiten abwegs; dieß kann auch also ein Beweis sein, daß eine ernste Angelegenheit die Häuptlinge hieher geführt hat.« War es, daß diese Ermahnung Wirkung übte, oder daß auch die »verkappten Bewaffneten« neugierig waren – lag es vielleicht nicht in ihrer Absicht, zum Aeußersten zu schreiten, oder trafen alle diese drei Rücksichten zusammen – ich weiß es nicht; so viel aber ist gewiß, daß die ganze Bande als ruhige, aufmerksame Beobachter stehen blieben, bis eine Unterbrechung stattfand, die ich geeigneten Orts berichten werde. Vielzunge, welcher sich zum Zwecke des Dolmetschers fast in der Mitte der Piazza aufgestellt hatte, winkte nun den Häuptlingen, sie könnten ruhig in ihrem Vorhaben fortfahren. Nach einer geziemenden Pause erhob sich derselbe junge Krieger, welcher bei früherer Gelegenheit Jaaf angeredet hatte, abermals und spielte mit einer Feinheit, die man in den meisten Rathsversammlungen civilisirter Menschen vergeblich suchen würde, auf den Umstand an, daß der Neger seine Rede nicht zu Ende gebracht und vielleicht noch etwas auf dem Herzen habe, dessen er sich zu entledigen wünsche. Dieß war einfach aber mit Bestimmtheit ausgedrückt, und wurde dem Neger von Vielzunge übersetzt, welcher dem alten Schwarzen die Versicherung gab, von allen Häuptlingen werde keiner ein Wort sprechen, bis die Person, welche zuletzt »auf den Beinen« gewesen, Gelegenheit gehabt habe, ihr Sprüchlein zu Ende zu bringen. Diese Zurückhaltung ist charakteristisch für das Benehmen von Leuten, die wir Wilde nennen – von Männern, die allerdings wilde, sogar grausame Gebräuche haben, aber doch gewisse andere treffliche Eigenschaften besitzen, welche in unserem civilisirten Zustand nicht so zu gedeihen scheinen. Es hielt ziemlich schwer, den alten Jaaf wieder auf die Beine zu bringen, denn obschon er ein gewaltiger Brummbart war, konnte man seinen Rednergaben doch nicht viel nachrühmen. Da man jedoch nach der Erklärung des Dolmetschers nicht darauf rechnen durfte, ein Häuptling werde das Wort ergreifen, ehe der Schwarze sein Recht vollständig benützt hatte, so mußte meine liebe Patt wieder die Vermittlerin machen. Sie legte eine ihrer elfenbeinweißen Hände auf die Schulter des grämlichen alten Negers und sprach ihm zu, daß er aufstehen und seine Rede zu Ende bringen solle. Er kannte sie, und sie setzte ihre Absicht durch. Es ist bemerkenswerth, daß der alte Neger, obschon er sich kaum mehr erinnerte, was vor einer Stunde vorgefallen war, und dabei die Zeiten furchtbar verwechselte, so daß er oft von meiner Großmutter als von Miß Dus sprach, wie wenn sie noch ein Mädchen wäre – gleichwohl alle noch am Leben befindlichen Familienglieder kannte, und uns demgemäß ehrte und liebte, trotzdem, daß er sich vorstellen konnte, wir seien bei Scenen gegenwärtig gewesen, welche sich zutrugen, als unsere Großeltern noch junge Leute waren. Um jedoch auf seine Rede zu kommen – »Was all' die Kerl da woll', aufgewickelt in Calico, wie so viele Squaw?« brummte Jaaf, sobald er wieder aufgestanden war, indem er dabei scharf nach den Inschens hinsah, welche in einer vier Mann hohen Linie ganz in der Nähe der Piazza standen. »Warum Ihr laß' sie komm', Masser Hugh, Masser Hodge, Masser Malbone, Masser Mordaunt – welcher von euch jetzt hier, weiß ich nicht; es sein so Viele und wird so hart, sich auf Alles zu erinnrr'. O, wie ich so gar alt! – Ich wunner', wenn meine Zeit komm'! Auch Sus da, er gut für gar nix mehr. Sonst er groß Läufer, groß Krieger, groß Jäger – ziemlich gute Kerl für Rothhaut – aber er ganz ausgemergelt. Seh' nicht viel Nutz, warum er leb' länger. Inschen gut für nix, wenn er nicht kann jag'. Bisweilen er mach' Korb und Besen; aber man brauch jetzt besser Besen, und Inschen verlier dieses Geschäft. Was dort die Calico-Deifel woll, eh. Miß Patty? Da auch Rothhaut – zwei, drei, vier – alle komm', zu seh' Sus. Ich wunner, warum kein Neger komm', um mich zu besuch! Alte Schwarze so gut, wie alte Rothemann. Wo selbe Kerl krieg' als das Calico her und häng es über ihr Gesicht? Masser Hodge, was all dieß bedeut?« »Es sind Antirenters, Jaaf,« entgegnete mein Onkel kalt. »Männer, welche Master Hugh's Farmen zu besitzen wünschen und ihm die Mühe abnehmen möchten, weitere Renten einzuziehen. Wahrscheinlich bedecken sie ihre Gesichter, um ihre Schamröthe zu verbergen, denn die Bescheidenheit ihrer Natur unterliegt dem Gefühl ihrer Großmuth.« Obschon Jaaf ohne Zweifel den Inhalt dieser Rede nicht ganz faßte, begriff er sie doch theilweise, denn vor ein paar Jahren, als sein Geist noch nicht ganz so umdunkelt war, wie gegenwärtig, hatte er sich über den fraglichen Umstand so ereifert, daß der Eindruck unzerstörlich fortwirkte. Die Worte meines Onkels blieben übrigens augenscheinlich auch an den Inschens nicht verloren, denn sie konnten sich kaum enthalten, darüber loszubrechen. Die Unklugheit, bei solcher Gelegenheit zur Ironie Zuflucht zu nehmen, verdient allerdings eine Rüge, indeß bin ich doch nicht mit mir im Klaren, ob nicht doch etwas Gutes daraus floß. So viel steht als Ueberzeugung bei mir fest, daß wenn es sich um Grundsätze handelt, mit Nachgeben nie etwas gewonnen werden kann, und daß es stets das Beste sein dürfte, dem Recht unverhohlen das Wort zu reden, sintemal nur der Abbruch, den man der Wahrheit thut, wenn man der Nützlichkeit Zugeständnisse macht, Schuld daran ist, wenn der Irrthum die Hälfte seiner Macht behält. Indeß hielt Politik, Furcht oder irgend ein anderer Beweggrund den aufsteigenden Zorn der Inschens im Zaum, so daß dieser Rede keine Störung folgte. »Was ihr hier woll', ihr Kerl?« fragte Jaaf rauh und in scheltendem Tone, als habe er es mit einem aufdringlichen Buben zu thun. »Heim mit euch! – Fort da, Oh, wie werd' ich so gar alt! – Ich wünsch' ich wär', wie ich sein, als ich noch jung – wegen euch, ihr Gewürm! Was woll' ihr mit Masser Hugh's Land? – warum mach ihr euch Gedank', zu krieg' Gentle'm's Land? Weiß noch die Zeit, wo eure Vater komm' kriechend und bettelnd zu Masser Mordy, zu bitt' just um ein biss'l Farm, zu leb' drauf, und zu sein Pächter und zu versuch' zu mach' ein biss'l für seine Family. Und nun komm ihr her in Calico-Bündel, zu sag' mein Masser Hugh, daß er nicht soll sein Masser von sein eigen Land! Wer ihr , möcht ich auch wiss', zu komm' her und zu red' mit Gentle'm in dieser schlechten Manier? Geht heim – fort da – weg mit euch, oder ihr hör', was ihr nicht gerne hab.« Obschon hierin viel »Nigger«-Philosophie lag, war sie doch eben so gut wie die, welche man sich hin und wieder bei Unterstützung des »Geists der Institutionen« beruft, namentlich wenn letztere mit »Aristokratie« und den »Futteralbräuchen« in Verbindung gebracht wird. Der Neger trug sich mit der Vorstellung, daß alle seine »Massers«, all und jung, besser seien, als alle übrigen Menschen, während die Vorkämpfer der modernen Bewegung der Ansicht zu sein scheinen, daß alles Recht sich in der niedrigen Hälfte der großes »republikanischen Familie« concentrire. Ihnen gilt der Mann von Bildung nicht als Gentleman, denn um als ein solcher angesehen zu werden, fordert es ihre großartige sociale Proportion, daß man ein Lump sei. Ja, was noch mehr ist, jeder, der sich auch nur im mindesten über die Masse erhebt, ohne durch die Masse erhoben worden zu sein – denn diese hat dann natürlich auch die Macht, ihn wieder in den Staub zu ziehen – besitzt durchaus kein Recht, sobald dieses mit der Habgier des großen Haufens in Widerspruch geräth. Der Neger hatte daher in seiner Art, die Dinge zu betrachten, nicht viel mehr Unrecht, als die philosophischen Vertheidiger der gewerblichen Ehrlichkeit. Zum Glück hat weder die eine noch die andere Raisonir-Methode viel Einfluß auf den wirklichen Zustand der Dinge. Thatsachen bleiben Thatsachen, und es ist schwer, den Beweis zu liefern, daß schwarz weiß sei. Was einmal besteht kann durch das Zappeln des Neides und der Habsucht eben so wenig dem Auge entrückt werden, als Jaafs lang gehegte Lieblings Ansicht, daß die Littlepage's die Großen der Erde seien, im Stande war, uns über das zu erheben, was wir wirklich sind. Ich habe die Rede des Negers einfach deßhalb angeführt, um Solchen, welche nur auf die Verdrehung und das Geschrei derer hören, die Eigenthümer von anderer Leute Farmen werden möchten, zu zeigen, daß die Frage zwei Seiten hat, und sofern sich's um Begründung handelt, sehe ich nicht ein, warum die einen nicht so gut sein sollte, wie die andere. Trotz der ernsten Sachlage konnte man sich doch eines Lächelns nicht erwehren, wenn man die Gravität in's Auge faßte, mit welcher die Indianer dieser wunderlichen Episode zuhörten. Keiner von ihnen erhob sich, wandte sich um oder legte auch nur die mindeste Ungeduld – ja, nicht einmal die Neugierde an den Tag. Die Anwesenheit von zweihundert Bewaffneten, die in Calico vermummt waren, bewog sie nicht, nach denselben hinzuschauen, da wahrscheinlich die frühere Erfahrung, welche sie diesem tapferen Corps gegenüber gemacht hatten, ihnen Grund gab, sie nicht sonderlich hoch anzuschlagen. Für die Indianer war jetzt die Zeit gekommen, den Hauptzweck ihres Besuchs in Ravensnest zur Sprache zu bringen, und Prairiefeuer erhob sich langsam, um das Wort zu ergreifen. Wir haben den Leser bereits früher bemerkt, daß Vielzunge Alles, was gesprochen wurde, Satz für Satz übersetzte; denn er war in den verschiedenen Dialekten der Stämme, von denen einige den der Onondagoes nach den Prairien verpflanzt hatten, sehr bewandert. In diesem Punkte war der Dolmetscher ein ziemlich merkwürdiger Mann, denn er gab die Worte nicht nur ohne Zögern, sondern auch mit großer Energie wieder. Gleichwohl muß ich hier beifügen, daß ich mich beim Niederschreiben der gehaltenen Reden hin und wieder gewählterer Ausdrücke bediente, als die waren, welche mir der ungebildete Mann in die Feder gab. »Vater,« begann Prairiefeuer feierlich und mit einer Würde, die man in unserer modernen Oratorik nicht gewöhnlich zu finden pflegt. Die Geberdungen, deren er sich dabei bediente, waren zwar spärlich, dann aber von auffallender Kraft und Bedeutsamkeit. – »Vater – das Herz deiner Kinder ist schwer. Sie sind weit her gewandert, über einen langen und dornigen Pfad; ihre Moccasins haben sich abgenützt, und ihre Füße sind wund geworden, aber ihr Gemüth war leicht. Sie hofften das Gesicht des biederen Onondagos zu sehen, wenn sie das Ende ihres Pfades erreicht hätten. Sie sind am Ziel ihrer Wanderung angelangt und haben ihn jetzt vor sich. Er sieht aus, wie sie erwartet hatten, daß er aussehen werde. Er ist wie eine Eiche, die der Blitzstrahl zwar versengen, und der Schnee mit Moos bedecken kann; aber tausend Stürme und hundert Winter sind nicht im Stande, ihn seiner Blätter zu entkleiden. Er sieht aus wie die älteste Eiche im Urwald. Er ist sehr großartig und man hat eine Freude, ihn zu betrachten. Wenn wir ihn sehen, sehen wir einen Häuptling, der die Väter unserer Väter und die Väter unserer Großväter kannte. Eine lange Zeit ging darüber hin. Er ist eine Ueberlieferung und kennt alle Dinge. Nur Eines bemerken wir an ihm, das nicht sein sollte. Er wurde als ein rother Mann geboren, hat aber so lange unter den Blaßgesichtern gelebt, daß wir fürchten, wenn er hingeht zu den glücklichen Jagdgründen, werden die guten Geister ihn für ein Blaßgesicht halten und ihn auf den unrechten Pfad weisen. Wäre dieses der Fall, so würden die rothen Männer den Biederen unter den Onondagoes für immer verlieren. Dieß sollte nicht sein. Auch mein Vater kann dieß nicht wünschen, und er wird sich eines Besseren bedenken. Er wird zurückkehren unter seine Kinder und seine Weisheit, seinen Rath dem Volk seiner eigenen Farbe hinterlassen. Ich bitte ihn, daß er dieß thue. »Es ist jetzt ein langer Pfad bis zu den Wigwams der rothen Männer. Früher war's nicht so, aber der Pfad hat sich gestreckt. Es ist ein sehr langer Pfad. Unsere jungen Männer wandern ihn oft, um die Gräber ihrer Väter zu besuchen, und sie wissen, wie lang er ist. Meine Zunge ist nicht krumm, sondern gerade; sie will daher kein falsches Lied singen, und sagt meinem Vater die Wahrheit. Der Pfad ist sehr lang. Doch die Blaßgesichter sind wunderbar! Was haben sie nicht gethan? Was werden sie nicht thun? Sie haben Canoes gemacht und Schlitten, die so geschwind fliegen, wie die Vögel. Der Hirsch könnte sie nicht fangen. Sie haben Schwingen von Feuer und werden nie müde. Sie gehen, wenn die Menschen schlafen. Der Pfad ist lang, aber er läßt sich bald zurücklegen mit solchen Schwingen. Mein Vater kann die Reise machen, und er wird an keine Müdigkeit denken. Möge er es versuchen. Seine Kinder werden Sorge für ihn tragen. Onkel Sam gibt ihm Wildpret, und es wird ihm an nichts mangeln. Wenn er dann aufbricht nach den glücklichen Jagdgründen, wird er sich nicht irren in dem Pfad, sondern für immer unter den Rothhäuten leben.« Dieser Rede, welche mit großer Würde und Kraft vorgetragen worden war, folgte eine feierliche Pause. Ich konnte sehen, daß Susquesus ergriffen war von diesem Gesuche und von der Huldigung, welche die Stämme aus den Prairien seinem Rufe zollten, indem sie so weit gekommen waren, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihn zu bitten, daß er mit ihnen ziehe, um in ihrer Mitte zu sterben. Er hatte von diesen Stämmen selbst in seinen jüngeren Tagen nicht einmal durch die Ueberlieferung etwas gehört, obschon ihm bekannt sein mußte, daß Trümmer von den alten New-Yorker Völkern meist ihren Weg nach jenen fernen Gegenden gefunden hatten: aber dennoch mußte es ihm beruhigend sein, zu erfahren, daß es letzteren gelungen war, durch ihre Erzählung einen so lebhaften Eindruck zu seinen Gunsten hervorzurufen. Die meisten Männer in seinem Lebensalter wären vielleicht für ein derartiges Gefühl unempfindlich gewesen, und von Jaaf ließ sich dieß zuverlässig in einem gewissen Grade behaupten; aber bei dem Onondago war es nicht der Fall. Wie er in seiner früheren Rede an seine Gäste sich ausgedrückt hatte, weilte sein Geist mehr bei Scenen seiner Jugend, und die eingeborenen Erregungen gewannen in seinem Geiste mehr Frische, als sogar früher um die Mitte seines Alters. Alles, was von seinem jugendlichen Feuer zurückgeblieben war, schien neu aufzulodern, und man sah es ihm nur an seiner äußern Person oder wenn er gehen mußte an, daß er ein Mann war, welcher mehr als siebenzig Lebensjahre zurückgelegt hatte. Nachdem die Häuptlinge aus den Prairien so bestimmt den großen Zweck ihres Besuchs zur Sprache gebracht und ihren Wunsch so lebhaft an den Tag gelegt hatten, Susquesus als einen Mann von ihrer Farbe und ihrem Geschlechte wieder in den Schooß ihrer Gemeinschaften zurückzuführen, kam es natürlich dem Onondago zu, sich zu erklären, in welchem Lichte ihm ihr Vorschlag erschien. Die tiefe Stille, die um ihn herrschte, mußte dem alten Indianer die Ueberzeugung geben, mit welcher Beklommenheit man seiner Antwort entgegensah. Dieses Schweigen dehnte sich auch auf die »verkappten Bewaffneten« aus, welche nachgerade von der interessanten Scene so sehr in Anspruch genommen worden waren, als Diejenigen, welche sich auf der Piazza befanden. Ich glaube, daß für den Augenblick alle Theile – Pächter sowohl als Grundbesitzer – den Antirentismus vergessen hatten. Prairiefeuer saß wohl drei Minuten auf seinem Stuhl, ehe sich Susquesus erhob; inzwischen aber wurde die tiefe Stille, von welcher ich gesprochen, von keiner Seite her unterbrochen. »Meine Kinder,« antwortete der Onondago, dessen Stimme gerade genug von dem hohlen Beben des Alters besaß, um einen tiefen Eindruck zu machen, obschon er mit einer Bestimmtheit und Klarheit redete, daß er von allen Anwesenden gehört werden konnte – »meine Kinder, wir wissen nicht, was geschieht, wenn wir jung sind – dann ist Alles jung was wir sehen. Wenn wir aber alt werden, wird Alles mit uns alt. Die Jugend ist voll von Hoffnung, das Alter aber voll von Augen; es sieht die Dinge wie sie sind. Ich habe in meinem Wigwam allein gelebt, seit der große Geist den Namen meiner Mutter ausrief, und sie eilte hinweg nach den glücklichen Jagdgründen, um Wildpret für meinen Vater zu kochen, der zuerst gerufen worden war. Mein Vater war ein großer Krieger. Ihr habt ihn nicht gekannt. Es ist mehr als hundert Winter her, als er von den Delawaren getödtet wurde. »Ich habe euch die Wahrheit gesagt. Als meine Mutter hinging, um für ihren Gatten Wildpret zu kochen, blieb ich allein in meinem Wigwam.« Es folgte jetzt eine lange Pause, während welcher er mit seinen Gefühlen zu kämpfen schien, obgleich er aufrecht stehen blieb, wie ein festgewurzelter Baum. Was die Häuptlinge betraf, so beugten sie meist in gespannter Begier ihre Körper vorwärts, um zu hören; nur hie und da erklärte einer aus ihrer Zahl in leisen Guttural-Tönen gewisse Stellen der Rede, weil einige von den Indianern den Dialekt, in welchem sie vorgetragen wurde, nicht ganz verstanden. Nach einer Weise fuhr Susquesus fort: »Ja, ich lebte allein. Eine junge Squaw hätte in meinen Wigwam treten und in demselben bleiben sollen. Sie kam nie. Wohl wünschte sie einzutreten, aber sie that es nicht. Ein anderer Krieger hatte ihr Versprechen, und es war recht, daß sie ihr Wort hielt. Das Herz war ihr anfänglich schwer, aber sie erwachte zu dem Gefühl, daß es gut sei, gerecht zu sein. In meinem Wigwam hat nie ein Squaw gelebt. Ich dachte nie daran, je ein Vater zu sein; aber seht, wie ganz anders es geworden ist! Ich bin jetzt Vater aller rothen Männer! Jeder indianische Krieger ist mein Sohn. Ihr seid meine Kinder; ich will euch anerkennen, wenn wir uns treffen auf dem lieblichen Pfad jenseits der Jagdgründe, die ihr derzeit noch begeht. Ihr werdet mich Vater nennen, und ich werde euch als Söhne begrüßen. »Dieß ist genug. Ihr bittet mich, ich solle den langen Pfad mit euch gehen und meine Gebeine in den Prairien niederlegen. Ich habe von jenen Jagdgründen gehört und unsere alten Ueberlieferungen erzählen uns davon. – ›Gegen die ausgehende Sonne hin,‹ sagten sie, ›ist ein großer Salzsee, und unter der niedergehenden Sonne liegen große Seen von süßem Wasser. Jenseits des großen Salzsee's ist ein fernes Land, angefüllt mit Blaßgesichtern, die in großen Dörfern und mitten unter gelichteten Feldern wohnen. Unter den niedergehenden seien auch große gelichtete Felder, aber keine Blaßgesichter und wenige Dörfer. Einige unserer weisen Männer glaubten, diese Felder seien die Felder der rothen Männer, welche den Blaßgesichtern nach dem Lauf der Sonne folgten; andere meinten, es seien Felder, wohin die Blaßgesichter ihnen nachzögen. Ich denke, dieß war die Wahrheit. Der rothe Mann kann sich in keine Ecke verbergen, wo das Blaßgesicht ihn nicht finden würde. Der große Geist will es so haben. Es ist sein Wille und der rothe Mann muß sich unterwerfen. »Meine Söhne, die Reise zu der ihr mich auffordert, ist zu lang für ein hohes Alter. Ich habe mit den Blaßgesichtern gelebt, bis die eine Hälfte meines Herzens weiß wurde, obschon die andere roth blieb. Die eine Hälfte ist erfüllt mit den Ueberlieferungen meiner Väter, die andere mit der Weisheit der Fremden. Ich kann mein Herz nicht in zwei Stücke theilen. Es muß ganz mit euch gehen oder ganz hier bleiben. Der Körper kann sich von dem Herzen nicht trennen, und beide müssen bleiben, wo sie jetzt schon so lange geweilt haben. Ich danke euch, meine Kinder, aber was ihr wünscht, kann nie geschehen. »Ihr seht einen sehr alten Mann, zugleich aber auch einen sehr unstäten Geist. Es gibt rothe Ueberlieferungen und Blaßgesichts-Ueberlieferungen. Beide sprechen von dem großen Geiste, aber nur die einen reden von dem Sohne desselben. Eine sanfte Stimme hat mir letzter Zeit viel ins Ohr geflüstert von dem Sohne Gottes. Spricht man zu euch in den Prairien draußen auch in dieser Weise? Ich weiß nicht, was ich davon denken soll – ich wünsche zu denken, was recht ist; aber es wird nicht leicht, es zu begreifen.« Susquesus hielt jetzt inne und setzte sich mit der Miene eines Mannes, der nicht weiß, wie er seine Gefühle ausdrücken soll. Prairiefeuer wartete achtungsvoll eine Weile, um ihm Zeit zu lassen, seine Anrede fortzusetzen; als er aber bemerkte, daß der Greis nicht wieder aufstund, erhob er sich selbst und bat ihn um eine weitere Erklärung. »Mein Vater hat Weisheit gesprochen,« sagte er, »und das Ohr seiner Kinder war offen. Aber sie haben noch nicht genug gehört und möchten noch mehr vernehmen. Wenn mein Vater des Stehens müde ist so kann er sitzen; seine Kinder verlangen von ihm nicht, daß er stehe. Sie möchten erfahren, woher jene sanfte Stimme kam und was sie sagte.« Susquesus erhob sich jetzt nicht wieder, hatte sich aber inzwischen für eine Antwort vorbereitet. Mr. Warren stand ganz in seiner Nähe und Mary lehnte sich in seinen Arm. Er winkte dem Geistlichen, er möchte einige Schritte näher treten und in Willfahrung dieses Gesuchs brachte der Vater das nichts ahnende Kind gleichfalls mit. »Seht, meine Kinder,« nahm Susquesus wieder auf, »dieß ist ein großer Arzt der Blaßgesichter. Er spricht immer von dem großen Geist und seiner Güte gegen den Menschen. Es gehört zu seinem Beruf, von den glücklichen Jagdgründen und von guten und bösen Blaßgesichtern zu reden. Ich kann euch nicht sagen, ob er damit Gutes wirkt, oder nicht. Man redet unaufhörlich viel von solchen Dingen unter den Weißen; aber ich kann nur wenig Veränderung sehen und habe nun doch schon mehr als achtzig Winter und Sommer, ja – nahezu neunzig unter ihnen gelebt. Das Land ist so ganz anders geworden, daß ich es kaum mehr kenne; aber die Leute verändern sich nicht. Seht dort – dort sind Menschen – Blaßgesichter in Calico-Säcken. Warum laufen sie umher und beschimpfen den rothen Mann, indem sie sich selbst Inschens nennen? Ich will es euch sagen.« Es fand jetzt eine entschiedene Bewegung unter den »Tugendhaften und Gewerbfleißigen« statt, obschon die Begier, den alten Mann ausreden zu hören, vorderhand eine gewaltsame Unterbrechung hinderte. Ich glaube kaum, daß je irgend Jemand aufmerksamere Zuhörer gehabt hat, als wir Alle waren, nun sich's darum handelte, was der Biedere unter den Onondagoes von dem Antirentismus hielt. Ich folgte seinen Ansichten mit um so größerer Spannung, weil ich wußte, daß er das Meiste, was er berichtete, mit erlebt hatte, und weil ich der vollen Ueberzeugung leben konnte, er sei mit dem Gegenstand ebensogut bekannt, wie viele, die in den gesetzgebenden Hallen sich darüber vernehmen lassen. »Diese Männer sind keine Krieger,« fuhr Susquesus fort. »Sie verbergen ihre Gesichter und führen Büchsen, können aber Niemand einschüchtern, als die Squaws und die Papuse. Wenn sie einen Skalp nehmen, so ist's deßhalb, weil sie ihrer Hundert sind und ihre Feinde aus einzelnen Personen bestehen. Sie sind nicht tapfer. Warum kommen sie überhaupt? Was wollen sie? Sie verlangen nach dem Lande dieses jungen Häuptlings. Meine Kinder, alles Land nah und fern war früher unser Eigenthum. Die Blaßgesichter kamen mit ihren Papieren, machten Gesetze und sagten: ›es ist gut! wir wollen dieses Land. Weiter im Westen ist noch genug für euch rothe Männer. Geht dorthin und jagt, fischt, pflanzt euern Mais und laßt uns dieses Land.‹ Unsre rothen Brüder thaten, was man von ihnen verlangte, und die Blaßgesichter hatten das, was sie wünschten. Sie machten Gesetze und verkauften das Land, wie die rothen Männer ihre Biberhäute verkauften. Nachdem das Geld bezahlt war, erhielt jedes Blaßgesicht einen Brief und meinte, alles was er bezahlt habe, gehöre ihm. Aber der böse Geist, der den rothen Mann vertrieb, ist nun thätig, um auch die Blaßgesichts-Häuptlinge zu vertreiben. Es ist derselbe Teufel und kein anderer. Damals war es ihm um Land zu thun, und jetzt will er wieder Land. Nur ein einziger Unterschied ist vorhanden und dieser besteht darin – als die Blaßgesichter unsere rothen Männer vertrieben, fand kein Vertrag mit ihnen Statt. Sie hatten nicht mit einander geraucht, sich keine Wampums gegeben und kein Papier unterzeichnet. Alles, was geschah, bestand darin, daß der rothe Mann einwilligte, er wolle abziehen und das Blaßgesicht solle bleiben. Wenn aber ein Blaßgesicht das andere vertreibt, so ist ein Vertrag vorhanden: sie haben zusammen geraucht, sich Wampums gegeben und ein Papier unterzeichnet. Dieß ist der Unterschied. Der Indianer hält sein Wort dem Indianer, aber das Blaßgesicht bricht es dem Blaßgesicht gegenüber.« Susquesus hielt inne und zum ersten Mal diesen Morgen richtete jeder Häuptling seinen Blick auf die »verkappten Bewaffneten« – auf die »tugendhaften und schwer sich abmühenden Leute«. Unter der Bande zeigte sich eine kleine Bewegung, ohne daß übrigens ein Ausbruch erfolgte, und während diese Aufregung noch anhielt, erhob sich Adlersflug langsam von seinem Sitze. Die natürliche Würde und Leichtigkeit in seinem Wesen bot reichlichen Ersatz für sein wenig ansprechendes persönliches Aeußeres, und uns Allen erschien er jetzt als eines von den keineswegs seltenen Beispielen, in welchen durch die Gewalt des Geistes die Unvollkommenheiten des Körpers nicht nur überschattet, sondern sogar ausgetilgt wurden. Ehe die Wirkung dessen, was Susquesus eben gesprochen hatte, verloren ging, begann dieser gewandte Redner seinen Vortrag. Die Betonung war in hohem Grade eindringlich; auch sprach er mit einer Umsicht und mit so wohl angebrachten Pausen, daß Vielzunge in seiner Uebersetzung den Eindruck jeder Sylbe zu geben vermochte. »Meine Brüder,« begann Adlersflug, indem er hauptsächlich die Inschens und die übrigen Zuhörer anredete, »ihr habt die Worte des Alters gehört. Sie sind Worte der Weisheit. Sie sind Worte der Wahrheit. Der Biedere unter den Onondagoes kann nicht lügen. Er hat es nie gekonnt. Der große Geist machte ihn zu einem gerechten Indianer, und wie der große Geist einen Indianer bildet, so ist er. Meine Brüder, ich will euch eine Geschichte erzählen; es wird gut für euch sein, wenn ihr sie anhört. Wir haben eure Geschichte gehört – zuerst von dem Dolmetscher, und nun von Susquesus. Es ist eine schlimme Geschichte, und wir wurden bekümmert, als wir sie vernahmen. Was recht ist, sollte geschehen, und was unrecht ist, sollte unterbleiben. Es gibt schlimme rothe Männer und gute rothe Männer, es gibt schlimme Blaßgesichter und gute Blaßgesichter. Die guten rothen Männer und die guten Blaßgesichter thun, was recht ist; die Schlimmen aber thun Unrecht, dieß ist bei beiden das Gleiche. Der große Geist des Indianers und der große Geist des weißen Mannes ist der nämliche; ebenso ist es bei den bösen Geistern. Hierin findet kein Unterschied Statt. »Meine Brüder, ein rother Mann weiß in seinem Herzen, wenn er thut was recht ist, und wenn er thut, was unrecht ist. Man braucht es ihm nicht erst zu sagen, denn er sagt sich's selbst. Sein Gesicht ist roth und er kann die Farbe nicht wechseln. Der Anstrich ist zu dick. Wenn er sich sagt, wie viel Unrecht er gethan habe, so geht er in's Gebüsch und ist bekümmert. Kommt er wieder zurück, so ist er ein besserer Mann. »Meine Brüder, anders ist dieß bei dem Bleichgesicht. Er ist weiß und braucht keine Steine zu seinem Anstrich. Wenn er sich sagt, er habe Unrecht gethan, so kann sein Gesicht sich selbst färben. Jedermann kann sehen, daß er sich schämt. Er geht nicht in das Gebüsch, denn es würde ihn nichts nützen. Er malt sich so schnell, daß keine Zeit dafür vorhanden ist. Deßhalb hüllt er sein Gesicht in einen Calico-Sack. Dieß ist nicht gut, aber immerhin besser, als wenn man auf Einen mit den Fingern zeigt. »Meine Brüder, der Biedere unter den Onondagoes ist nie in's Gebüsch gelaufen, weil er sich schämte. Er hatte nie Ursache dazu. Er brauchte sich nicht zu sagen, daß er boshaft sei, und hat auch sein Gesicht nicht in einen Calico-Sack gesteckt; er kann sich nicht malen, wie ein Blaßgesicht. »Meine Brüder, hört – ich will Euch eine Geschichte erzählen. Vor langer Zeit war hier Alles anders. Die Lichtungen waren klein und die Wälder groß. Damals gab es hier viele rothe Männer und nur wenige Blaßgesichter. Jetzt ist's anders. Ihr wißt selbst, wie es heute hier aussieht. »Meine Brüder, ich spreche von Dingen, die vor hundert Wintern vorgingen. Wir waren damals noch nicht geboren. Susquesus war damals jung, stark und rührig. Er konnte laufen mit dem Hirsch und kämpfen mit dem Bären. Er war ein Häuptling, weil seine Väter vor ihm Häuptlinge waren. Die Onondagoes kannten und liebten ihn. Kein Kriegspfad wurde geöffnet, ohne daß er ihn als der Vorderste beschritt. Kein anderer Krieger konnte so viele Scalpe zählen. Kein junger Häuptling hatte so viele Zuhörer beim Berathungsfeuer. Die Onondagoes waren stolz darauf, daß sie in einem so jungen Manne einen so großen Häuptling hatten. Sie glaubten, er werde lang leben, und sie könnten ihn sehen und stolz auf ihn sein noch weitere fünfzig Winter. »Meine Brüder, Susquesus hat zweimal fünfzig Winter länger gelebt; aber er verlebte sie nicht unter seinem Volke. Nein, diese ganze Zeit über war er ein Fremder unter den Onondagoes. Die Krieger, die er kannte, sind todt. Die Wigwams, in welche er ging, vermischten sich inzwischen mit der Erde: die Gräber sind dem Boden gleich geworden und die Enkel seiner Gefährten schleppen sich mühselig einher vor hohem Alter. Susquesus ist da; Ihr seht ihn und er sieht Euch. Er kann gehen – er spricht – er ist eine lebende Ueberlieferung! Warum ist dieß so? – Der große Geist hat ihn noch nicht hinweggerufen. Er ist ein gerechter Indianer, und es ist gut, daß er so lange hier behalten wurde, damit alle rothen Männer erfahren mögen, wie sehr er geliebt wird. So lange er bleibt, braucht kein rother Mann einen Calico-Sack. »Meine Brüder, die jüngeren Tage von Susquesus waren glücklich. Als er kaum zwanzig Winter zurückgelegt hatte, sprach man schon unter allen benachbarten Stämmen von ihm. Er hatte viele Skalpkerben. Als er dreißig Winter gesehen hatte, war kein Häuptling unter den Onondagoes, der mehr geehrt worden wäre oder mehr Macht besessen hätte. Er war der Erste unter den Onondagoes. Es war nur ein einziger Fehler an ihm. Er nahm keine Squaw in seinen Wigwam. Der Tod kommt eh' man sich's versieht, und so geht's mit dem Heirathen. Endlich wurde mein Vater wie ein anderer Mann und wünschte sich eine Squaw. Dieß trug sich folgendermaßen zu: »Meine Brüder, die rothen Männer haben so gut Gesetze, wie die Blaßgesichter. Wenn ein Unterschied stattfindet, so besteht dieser im Halten derselben. Ein Gesetz unter den rothen Männern spricht jedem Krieger seinen Gefangenen zu. Bringt er einen Krieger ein, so ist er sein Eigenthum – wenn eine Squaw, so gehört sie ihm gleichfalls. Dieß ist recht. Er kann den Skalp des Kriegers nehmen oder die Squaw nach seinen Wigwam bringen, wenn er leer ist. Ein Krieger, Wasservogel genannt, machte ein Mädchen der Delawaren zur Gefangenen. Sie hieß Quithwith und war schöner als der Kolibri. Der Wasservogel hatte seine Ohren offen und hörte, wie schön sie war. Er lauerte lange, bis er sich ihrer bemächtigen konnte, und endlich nahm er sie. Sie gehörte ihm, und er gedachte sie in seinen Wigwam zu nehmen, wann er leer würde. Drei Monate vergingen, eh dieß geschehen konnte. Inzwischen sah Susquesus Quithwith und Quithwith sah Susquesus. Ihre Augen verwendeten sich nicht von einander. Für sie war er das edelste Musethier in den Wäldern und in seinen Augen war sie das fleckigte Reh. Er wünschte sie in seinen Wigwam zu nehmen, und sie wünschte ihm zu folgen. »Meine Brüder, Susquesus war ein großer Häuptling, der Wasservogel aber nur ein Krieger. Der Eine besaß Macht und Ansehen, der Andere aber keines von beiden. Doch es gibt ein Ansehen unter den rothen Männern, höher, als das eines Häuptlings. Es ist das Gesetz der rothen Männer. Quithwith gehörte dem Wasservogel sie gehörte nicht Susquesus. Es wurde eine große Berathung gehalten, und die Ansichten der Männer waren verschieden. Einige sagten, ein so nützlicher Häuptling und ein so berühmter Krieger wie Susquesus sollte der Gatte von Quithwith werden; Andere sagten, sie müsse dem Wasservogel folgen, der sie von den Delawaren geholt hatte. Ueber diesen Fragen erhob sich ein großer Zwist, und alle sechs Nationen betheiligten sich dabei. Viele Krieger waren für das Gesetz, die meisten aber für Susquesus. Sie liebten ihn und waren der Meinung, er werde für das Delawarenmädchen den besten Gatten abgeben. Sechs Monate lang verwickelte sich die Sache immer mehr, und eine dunkle Wolke stieg auf über dem Pfad, der unter den Stämmen hin und herführte. Krieger, die in Gemeinschaft Skalpe genommen hatten, betrachteten sich gegenseitig wie der Panther den Hirsch. Einige waren bereit, die Axt auszugraben für das Gesetz; Andere wollten es thun für den Stolz der Onondagoes und für den Colibri der Delawaren. Die Squaws ergriffen Partie für Susquesus. Sie kamen von nah und fern zusammen, um sich zu besprechen, und drohten sogar ein Berathungsfeuer anzuzünden und darum zu rauchen, wie die Krieger und Häuptlinge. »Brüder, so konnte es keinen weiteren Mond mehr fortgehen. Quithwith mußt in den Wigwam des Wasservogels oder in den Wigwam von Susquesus gehen. Die Squaws sagten, sie solle in den Wigwam von Susquesus gehen; sie thaten sich zusammen und führten sie nach seiner Thüre. Als Quithwith diesen Pfad ging, sah sie mit ihren Augen nach ihren Füßen; aber ihr Herz hüpfte wie das springende Reh, wenn es in der Sonne spielt. Sie ging nicht zur Thüre hinein. Der Wasservogel war da und verbot es ihr. Er war allein gekommen. Er hatte nur wenige Freunde, während die Köpfe und Arme der Freunde von Susquesus so zahlreich waren, wie die Beeren im Busch. »Meine Brüder, jenes Verbot des Wasservogels war wie eine Steinmauer vor der Thüre zu dem Wigwam des Fährtelosen. Quithwith konnte nicht hineingehen. Die Augen von Susquesus sagten ›nein‹, während sein Herz ›ja‹ sagte. Er bot dem Wasservogel seine Büchse, sein Pulver, alle seine Häute und seinen Wigwam an; aber dem Wasservogel war seine Gefangene lieber, und er antwortete: ›nein‹. ›Nimm meinen Skalp‹, sagte er; ›Du bist stark und kannst es thun – aber nimm mir nicht meine Gefangene‹. »Meine Brüder, jetzt stand Susquesus in der Mitte des Stammes auf und öffnete sein Herz. ›Der Wasservogel hat Recht,‹ sagte er. ›Nach unsern Gesetzen ist sie sein, und was die Gesetze der rothen Männer sagen, daß muß der rothe Mann thun. Wenn der Krieger gefoltert werden soll und er erbittet sich Zeit, um nach Hause zu gehen und seine Freunde zu sehen, kommt er nicht an dem bestimmten Tag und um die bestimmte Stunde wieder zurück? Soll ich, Susquesus, der erste Häuptling der Onondagoes stärker sein, als das Gesetz? Nein – mein Gesicht müßte sich für immer verbergen in dem Gebüsch, wenn es so weit käme. Es sollte nicht sein – und so darf es nicht sein. Nimm sie, Wasservogel – sie gehört dir. Behandle sie liebreich, denn sie ist so zart, wie der Zaunkönig, wenn er zum ersten Mal aus dem Neste fliegt. Ich muß für eine Weile in die Wälder gehen. Wenn mein Geist Frieden gefunden hat, wird Susquesus zurückkehren.‹ »Brüder, als Susquesus seine Büchse, sein Horn, seine besten Moccasins und seinen Tomahawk holte, herrschte in jenem Stamm eine Stille, ähnlich der, welche mit der Dunkelheit kömmt. Die Männer sahen ihn gehen, aber Niemand wagte es, ihm zu folgen. Er ließ keine Spur zurück, und er wurde der Fährtelose genannt. Sein Geist fand keinen Frieden, denn er ist nie wieder zurückgekehrt. Sommer und Winter kamen und gingen oft, ehe die Onondagoes von seinem Aufenthalt unter den Blaßgesichtern hörten. Diese ganze Zeit über lebte der Wasservogel mit Quithwith in seinem Wigwam, und sie gebar ihm Kinder. Der Häuptling war fort aber das Gesetz war geblieben. So geht auch ihr, Männer der Blaßgesichter, die ihr eure Schande in Calico-Säcken verbergt, und thut das Gleiche. Folgt dem Beispiel eines Indianers – seid ehrenhaft, wie der Biedere unter den Onondagoes.« Als diese einfache Erzählung sich ihrem Ende näherte, konnte ich unter den Führern der »Calico-Säcke« die Anzeichen von großer Unruhe bemerken. Die beißende Vergleichung zwischen ihrem Treiben und der Gerechtigkeit eines Indianers war ihnen unerträglich, denn nichts hatte mehr zu den Mißbräuchen, welche der Antirentismus in seinem Gefolge mit sich führte, beigetragen, als die weit verbreitete Verblendung, welche im Lande über die Allmacht der Massen herrscht. Der Irrthum, welcher den Menschen überredet, trügliche Theile können ein untrügliches Ganzes geben, hat tiefe Wurzel gefaßt, und eine Belehrung darüber verletzte ihren Dünkel, während sie zugleich für den Erfolg ihrer Plane bedrohlich wurde. Ein Gemurmel lief durch die Versammlung, welche bald nachher in ein gellendes Geschrei ausbrach. Die Inschens rasselten mit ihren Büchsen, indem sie sich für die Erreichung ihres Zwecks am meisten von der Einschüchterung versprachen; aber einige schienen von einer schlimmeren Absicht erfüllt zu sein, und ich zweifle nicht, daß es, weil auch die Indianer jetzt zu ihren Waffen griffen, in der nächsten Minute zum Blutvergießen gekommen wäre, wenn sich nicht plötzlich, von Jack Dunning eingeführt, der Sheriff der County auf der Piazza gezeigt hätte. Diese unerwartete Erscheinung hatte eine Pause zur Folge, während welcher die »verkappten Bewaffneten« etlich und zwanzig Schritte zurückwichen, die Damen aber in's Haus eilten. Was meinen Onkel und mich betraf, so waren wir über diese Unterbrechung eben so erstaunt, wie nur irgend einer der Anwesenden.   Dreißigstes Kapitel. »Tyrannenhaß und Schurkenhaß Sind glühend heiße Gefühle! Verehrung dem Recht, Verachtung dem schnöden Knecht, Dem Feigling im Bubengewühle!« Hallecks wilde Rose vom Alloway   Obgleich die Erfahrung gezeigt hat, daß das Erscheinen eines Sheriffs in dieser Rentenbewegung noch keineswegs eine Bürgschaft ist für das Erscheinen eines Freundes des Gesetzes, so war dieß doch bei dem gegenwärtigen Anlaß zufälligerweise der Fall, und die »verkappten Bewaffneten« wußten, daß dieser Würdenträger geneigt war, seine Pflicht zu erfüllen Der Herausgeber muß hier bemerken, daß aus nahe liegenden Gründen die Namen , die Counties u.s.w., die in dem Manuscript zur Sprache kommen, erdichtet sind; indeß liegen alle Lokalitäten den hier erwähnten nahe genug, um den doppelten Zweck der Wahrheit und Dichtung zu erreichen. Da einer von den »ehrenwerten Gentlemen« der Gesetzgebung über unsere Aeußerungen in Betreff der provinzialen Gefühle und Ansichten mit einer Großartigkeit herfällt, welche beweißt, wie er selbst durchaus ein Mann von Welt ist, so wollen wir den übrigen Angehörigen des menschlichen Geschlechts, welchen zufälligerweise dieses Buch in die Hände kommt, bemerken, daß wir diese Erklärung für nöthig hielten, damit nicht jene gründliche Betrachtungsweise der Dinge, an die man sich bisher so eifrig hielt, weil auf den Blättern einer Novelle ein gewisses Haus oder eine gewisse Straße genannt wird, von denen man glauben könnte, man kenne jedes darin wohnende Individuum – unsere Anspielungen auf diesen oder jenen besondern Würdenträger beziehe. Der Herausgeber . Eine von den wilden Ungereimtheiten, in welche die Demokratie verfallen ist – und die Demokratie ist ebensowenig untrüglich, als sich dieß von den einzelnen Demokraten behaupten läßt – besteht darin, daß die Offiziere und die Sheriffe der Counties wählbar sind. Es folgt daraus nothwendig, daß das Militär zu einem Possenspiel wird und die Vollstreckung der Gesetze in einer besondern Grafschaft hauptsächlich davon abhängt, ob es in dem Willen besagter County liegt, sie vollziehen zu lassen oder nicht. Letzteres ist namentlich eine treffliche Einrichtung für die ansäßigen Schuldner zum Beispiel, obgleich die abwesenden Gläubiger nicht so ganz damit zufrieden sein werden. Doch all' dieß ist von keinem großem Belang, sintemal die Theorieen, welche gegenwärtig über Gesetzgebung und Regierung üblich sind, einen Charakter tragen, daß, hätten sie eine Wahrheit zur Grundlage, Gesetze und Regierungsbeamte überhaupt ganz unnöthig wären. Zwangsmaßregeln aller Art können nur nachtheilig wirken, wenn man ihnen Vollkommenheit zuschreibt. Sobald die Bewegung ihren Anfang genommen hatte, und die Damen entflohen waren, nahm ich Seneka und seinen Mitgefangenen am Arm und führte sie in das Bibliothekzimmer. Dieß that ich, weil ich es für unbillig hielt, Gefangene einer gefährlichen Lage auszusetzen – und in der That, ich dachte in jenem Augenblicke an nichts Anderes. Unmittelbar darauf kehrte ich nach der Piazza zurück, wo man mich nicht vermißt hatte, um Zeuge der weiteren Vorgänge zu sein. Wie bereits angedeutet wurde, war es bekannt, daß dieser Sheriff nicht zu den Gönnern der Antirentenbewegung gehörte, und da man nicht glaubte, er könne sich ununterstützt auf einem solchen Schauplatz gezeigt haben, so wichen die Inschens zurück und thaten in dieser Weise der Gefahr eines augenblicklichen Zusammenpralls Einhalt. Ich habe seitdem unter der Hand erfahren, daß einige aus der Bande sich nach der Erzählung des Adlersflugs wirklich schämten, weil sie sich sagen lassen mußten, eine Rothhaut habe ein lebhafteres Gefühl für Gerechtigkeit, als die Weißen. Was die Führer in dieser Angelegenheit auch immer über die Bedrängnisse der Pächter, über »Futteralbräuche,«, »Aristokratie« und »Zinshühner« sagen mögen, so folgt doch daraus noch keineswegs, daß sie an ihre eigenen Theorien und Beweisgründe glauben. Im Gegentheil trifft bei solchen Menschen in der Regel der Fall zu, daß sie sich ganz frei von der Aufregung halten, die sie bei Anderen zu wecken sich zum Geschäft machen. Sie haben hierin Aehnlichkeit mit dem berühmten John Wilkes, welcher, als er Georg III. den Charakter eines früheren Mitarbeiters in seiner Agitation schilderte, ganz ernsthaft die Bemerkung beifügte: » er war ein Wilkesite, Sir; ich war es nie.« Auch das unerwartete Auftreten Dunnings, des verhaßten Geschäftsführers unserer Familie, blieb nicht ohne Wirkung; denn diejenigen, welche auf der Außenseite des Vorhangs standen, konnten nicht wohl daran glauben, daß er es wagen würde, sich ohne einen zureichenden Hinterhalt in Ravensnest zu zeigen. Wer übrigens so dachte, kannte Jack Dunning nicht. Er hatte allerdings einen natürlichen und sehr verständigen Widerwillen gegen das Theerfaß und den Federnsack; aber wenn die Notwendigkeit ein Wagniß forderte, so war Niemand kühner, als er. Seine unvorhergesehene Ankunft läßt sich leicht und einfach erklären. Unruhig über die Art, wie wir Ravensnest besuchten, beschloß dieser wackere Freund nach einer Zögerung von einigen Tagen uns zu folgen. Als er in der County anlangte, hörte er von dem Brand der Scheune, von dem Versuch, den man mit dem Haus beabsichtigt hatte, und machte sich ohne Säumen auf den Weg, um den Sheriff aufzusuchen. Da es Dunning hauptsächlich darum zu thun war, die Damen aus der Höhle des Löwen zu bringen, so wartete er nicht auf das Aufgebot des posse comitatus , sondern miethete ein Dutzend entschlossener, bewaffneter Bursche, mit denen er nach dem Nest aufbrach. Wie er sich dem Hause näherte, erreichte ihn das Gerücht, daß wir belagert wären; es wurde daher nöthig, zu einigem Manövriren Zuflucht zu nehmen, um der Garnison Succurs bringen zu können. Da Dunning als Knabe und als Mann manchen Monat bei meinem Onkel und Vater in dem Nest zugebracht hatte, so war er mit allen Windungen und Wegen der Umgegend wohl vertraut; namentlich kannte er die Lage der Klippe, des Hofes und die verschiedenen Eigenthümlichkeiten des Platzes. Unter andern Einrichtungen, die im Laufe der letzten Jahre getroffen worden waren, hatte man auch am Ende der langen Gallerie, welche durch einen der Flügel führte, eine Thüre angebracht und eine Treppe an den Felsen angebaut, vermittelst welcher man zu gewissen Pfaden gelangen konnte, die sich durch die Wiesen hinschlängelten und den Windungen des Stromes folgten. Dunning beschloß den Versuch zu machen, ob er nicht von dieser Seite aus in's Haus kommen könne, indem er hoffte, er werde sich wohl Jemand drinnen vernehmlich machen können, im Falle er die Thüre verschlossen finde. Alles gelang ganz nach Wunsch, obschon vom ganzen Haushalt nur die Köchin im anderen Flügel auf ihrem Posten war. Sie sah den Ankömmling augenblicklich, wie er sich auf dem oberen Theil der Treppe zeigte, und Jack Dunnings Gesicht war im Nest so gut bekannt, daß die gute Frau keinen Augenblick Bedenken trug, ihn einzulassen. So gelangte er in das Gebäude und sein ganzer Haufen folgte ihm. Letzteren ertheilte er die Weisung, sich in den Gemächern zu verbergen, worauf er und der Sheriff sich der Thüre näherten. Dort hörte er den größten Theil der Rede Adlersflugs mit an und war Zeuge der Aufmerksamkeit, welche allerseits seiner Erzählung geschenkt wurde. Das Uebrige ist dem Leser bekannt. Ich muß hier gleichfalls bemerken, daß Opportunity, die Dunning und sein Gefolge hatte ankommen sehen, keinen Augenblick säumte, die Gefangenen, sobald sie sich mit ihnen allein in der Bibliothek befand, ihrer Bande zu entledigen und ihnen vermittelst desselben Ganges, der Thüre und der Treppe die Mittel zur Flucht an die Hand zu geben. So vermuthe ich wenigstens, denn die Schwester ist nie über diesen Gegenstand zur Rede gestellt worden. Seneka und sein schurkischer Spießgeselle waren verschwunden ohne sich seitdem wieder in unserer Gegend blicken zu lassen. Ihre Flucht hinderte die Anstellung einer Klage wegen Versuchs der Mordbrennerei. Der Mord Steele's, des Sheriff-Gehilfen von Delaware, hat dem »Inschen«-System einen Stoß versetzt und in dem Lande ein Gefühl erweckt, welchem, in solcher Form wenigstens, von Menschen kein Widerstand geleistet werden konnte, die so offen allen Grundsätzen der Ehrenhaftigkeit Trotz boten, wie die Antirenters. Als ich, nachdem ich Seneka in das Bibliothek-Zimmer gestoßen hatte, wieder auf der Piazza erschien, waren die Inschens in augenscheinlicher Verwirrung um etwa zwanzig oder dreißig Schritte zurückgewichen, während die Indianer kalt und ruhig unter ihren Waffen standen – so wachsam zwar, wie auf Beute lauernde Panther, aber doch im Zaume gehalten durch die Gelassenheit, mit welcher ihre Führer den Verlauf der Dinge beobachteten. Der Sheriff forderte nun die Ersteren als Gesetz-Uebertreter auf, sich zu zerstreuen, und nannte ihnen mit einer Stimme, die hinreichend klar und bestimmt war, um verstanden werden zu können, die Strafen, welche sie durch eine Weigerung über sich verhängten. Es war ein Augenblick, während dessen die Inschens unschlüssig zu sein schienen. Sie hatten sich in der vollen Absicht eingefunden, meinen Onkel und mich mit dem Theer-Eimer zu bedienen und uns durch eine derartige Einschüchterung einen Vergleich abzunöthigen. Dieß war das feige Ausfluchtsmittel von Hunderten, die einzelne Personen angriffen und zu ängstigen versuchten – von Menschen, die in besonderer Gunst bei einer gewissen Klasse unsrer ultra Freiheitsfreunde stehen, solcher Freiheitsfreunde, welche meinen, sie seien im Besitz aller öffentlichen Tugend der Nation, und dadurch alle ihre Handlungen rechtfertigen zu können glauben. Der ganze Haufen dieser tugendhaften Bürger, welcher es für nöthig hielt, die Glut der Scham unter ihren Calico-Kapuzen zu verbergen, wich mit einem Male mit aller Eile zurück, anfangs zwar noch an einiger Ordnung festhaltend, aber bald in eine Verwirrung gerathend, die sich in kurzer Zeit in eine chaosartige Flucht auflöste. Der Grund lag in dem Umstande, daß sich Dunnings Leute an den Zimmerfenstern zu zeigen begannen und ihre Musketen- oder Büchsenläufe durch dieselben steckten. Dieß bewog die »verkappten Bewaffneten« wie es bei allen Antirenten-Unruhen stets der Fall gewesen ist, zu einem wunderbar eiligen Rückzug. Wenn der Streiter in einer guten Sache dreimal stark ist, so ist derjenige zehnfach eine Memme, welcher in seinen Händeln Unrecht hat. Hieraus erklärt sich einfach die Feigheit, welche unter denen, die an diesem Inschenkriege Theil nahmen, sich so allgemein an den Tag legte – eine Feigheit, welche dazu Anlaß gab, daß zwanzig gegen Einen die Helden spielten, geheime Versuche auf das Leben von Schildwachen gemacht wurden, und sonstige Schändungen allen männlichen Gefühls vorfielen, die so bezeichnend waren für das heroische Treiben unserer Gegner. Sobald wir von den Inschens für den Augenblick nichts mehr zu fürchten hatten, fanden wir Zeit, den Indianern wieder unsre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Letztere schauten mit stummer Verachtung Denen nach, welche die Lebensweise und vor Allem den Muth der Indianer durch ihre Nachäfferei so schmählich beschimpften, und Prairiefeuer, der ein wenig Englisch sprach, bemerkte gegen mich mit Nachdruck: »Arme Inschens – armer Stamm – läuft davon vor seinem eigenen Kriegsgeschrei!« Dieß war buchstäblich Alles, was die Krieger der Prairien über diese Störer des öffentlichen Friedens, über die Werkzeuge der Habgier zu äußern sich herabließen, welche Nachts umherstreifen wie Wölfe, um das verirrte Lamm zu ergreifen, aber rasch Reißaus nehmen, wenn sie einen Bullenbeißer knurren hören. Man kann sich über solche Elende, die auch nie und nirgends einen einzelnen Funken vom wahren Geist der Freiheit an den Tag gelegt haben, nicht hart genug ausdrücken; denn stets zitterten sie vor der Autorität, wenn diese auch nur mit dem mindesten Anschein von ihrer Gewalt auftrat, während sie dieselben unabänderlich mit Füßen traten, so oft das Ueberwiegen der Zahl die Gefahr beseitigte. Der alte Susquesus hatte den Vorgängen ruhig zugesehen, denn er kannte die Beschaffenheit des Tumults und verstand Alles vollkommen, was mit den Ausbrüchen desselben in Verbindung stand. Sobald auf der Piazza die Ordnung wieder hergestellt war, erhob er sich noch einmal, um seine Gäste anzureden. »Meine Kinder,« sagte er feierlich, »ihr hört meine Stimme zum letzten Mal. Auch der Zaunkönig kann nicht immer singen, und sogar die Schwinge des Adlers wird mit der Zeit müde. Ich werde bald aufgehört haben, zu sprechen. Wenn ich in den glücklichen Jagdgründen der Onondagoes anlange, will ich den Kriegern dort von eurem Besuche erzählen. Eure Väter sollen erfahren, daß ihre Söhne die Gerechtigkeit lieben. Mögen die Blaßgesichter immerhin Papiere unterzeichnen und hinterdrein d'rüber lachen. Das Versprechen eines rothen Mannes ist sein Gesetz. Wird Einer gefangen genommen, und seine Besieger wünschen ihn zu foltern, so sind sie zu edelmüthig, um ihn nicht hinziehen zu lassen zu seinem Stamm, damit er Abschied nehme von seinen Freunden. Ist seine Zeit um, so kehrt er zurück. Wenn er Häute verspricht, so bringt er sie, obschon kein Gesetz ihm in die Wälder folgen und ihn dazu zwingen kann. Sein Versprechen geht mit ihm; seine Zusage ist stärker als Ketten – sie bringt ihn wieder zurück. »Meine Kinder, vergeht dieß nie. Ihr seid keine Blaßgesichter, die das Eine sagen und das Andere thun. Was ihr sagt, müßt ihr erfüllen. Wenn ihr ein Gesetz macht, so haltet es auch. Dieß ist recht. Kein rother Mann begehrt den Wigwam eines Andern. Braucht er einen Wigwam, so baut er ihn selbst. So ist es nicht bei den Blaßgesichtern. Der Mann, welcher keinen Wigwam hat, versucht, wie er den seines Nächsten an sich bringt. Während er dieß thut, liest er in seiner Bibel und geht in seine Kirche. Ich habe bisweilen gedacht, je mehr er lese und bete, desto mehr sei er auf den Wigwam seines Nachbars erpicht. So kömmt's wenigstens einem Indianer vor – möglich, daß er hierin irrt. »Meine Kinder, der rothe Mann ist sein eigener Herr. Er geht und kommt, wie es ihm beliebt. Wenn die jungen Männer den Kriegspfad einschlagen, so kann er es auch thun. Er kann auf den Kriegspfad ziehen oder auf die Jagd gehen, kann aber auch in seinem Wigwam bleiben. Alles, was er zu thun hat, besteht darin, daß er sein Versprechen hält, nicht stiehlt und nicht unaufgefordert in den Wigwam eines andern rothen Mannes geht. Er ist sein eigener Herr. Er sagt es zwar nicht, aber er ist es dennoch. Wie verhält sich dieß mit den Blaßgesichtern? Sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne aufgeht; sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne über ihren Häuptern steht, sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne sich hinter den Bergen verbirgt. Sie hören nie auf, davon zu sprechen, daß sie ihre eigenen Herren seien. Hievon reden sie mehr, als sie in ihrer Bibel lesen. Ich habe nahezu hundert Winter unter ihnen gelebt und weiß, was sie sind. Sie thun dieß und wollen noch obendrein einem andern seinen Wigwam nehmen. Sie sprechen von Freiheit; dann sagen sie aber, du sollst diese Farm haben und du sollst jene nicht haben. Sie sprechen von Freiheit und rufen sich gegenseitig zu, sie wollen sich in Calico-Säcke stecken, damit ihrer Fünfzig einen Einzigen theeren oder federn können. Sie sprechen von Freiheit und verlangen, daß Alles nach ihrem Kopf gehe. »Meine Kinder, diese Blaßgesichter könnten wohl mit euch nach dem Prairien gehen, um da zu lernen, was recht ist. Es wundert mich nicht, daß sie ihre Gesichter in Säcke verstecken. Sie fühlen die Schamröthe auf ihren Wangen und haben auch allen Grund dazu. »Meine Kinder, dieß ist das letzte Mal, daß ihr meine Stimme höret. Die Zunge eines alten Mannes kann sich nicht immer bewegen. Nehmt daher meinen Rath an und thut, was recht ist. Der große Geist wird euch darin belehren – hört auf meine Stimme. Was mein Sohn von mir gesagt hat, ist wahr. Es ist mich schwer angekommen, denn die Gefühle hätten gern anders gehandelt; aber es geschah nicht. Nach kurzer Zeit kam wieder Frieden über meinen Geist und ich war froh. Aber ich konnte nicht zurückgehen und unter meinem Volke leben, denn ich fürchtete, zu thun, was unrecht war. Ich blieb unter den Blaßgesichtern und fand hier Freunde. Meine Kinder, lebt wohl! Thut was recht ist, und ihr werdet glücklicher sein, als das reichste Blaßgesicht, wenn es unrecht handelt.« Nach diesen Worten setzte sich Susquesus nieder und dann traten die rothen Männer, einer nach dem andern, heran, um ihm die Hand zu drücken. Die Indianer machen wenige Worte und lassen lieber ihre Handlungen sprechen. Keine Sylbe verlautete unter diesen rohen Kriegern, als sie sich von Susquesus verabschiedeten. Jeder hatte bereitwillig dem Manne, dessen Gerechtigkeit und Selbstverleugnung in ihren Ueberlieferungen gefeiert werden, den Zoll der Ehrerbietung abgetragen, und nachdem dieß geschehen war, ging er zufrieden, wenn auch nicht ganz glücklich, seines Weges. Die Häuptlinge drückten auch allen Denjenigen, welche sich auf der Piazza befanden, die Hand und äußerten ihren Dank für die freundliche Aufnahme, die sie gefunden hatten. Mein Onkel vertheilte den Ueberrest seiner Siebensachen unter sie, und sie verließen uns mit den freundlichsten Gefühlen. Gleichwohl lag in ihrem Abzuge nichts Dramatisches, denn er war so einfach wie ihre Ankunft. Sie hatten den Biederen unter den Onondagoes besuchen wollen, und nachdem dieser Zweck erreicht war, zögerten sie nicht länger mit dem Aufbruch. Ich sah ihre Linie sich auf der Landstraße hinwinden, und die Episode eines solchen Besuches kam uns Allen mehr wie ein Traum, denn wie eine Wirklichkeit vor. Sie erlitten auf ihrem Rückwege keine Störung, und eine halbe Stunde, nachdem sie die Piazza verlassen hatten, sahen wir sie den Berg hinanziehen, wo wir die Herunterkommenden zum ersten Mal bemerkt hatten. »Nun, Hodge,« sagte Jack Dunning einige Stunden später, »wofür habt Ihr Euch entschieden? Wollt Ihr hier bleiben oder nach Eurem eigenen Sitz in West-Chester ziehen?« »Ich gedenke zu bleiben, bis es uns Allen gefällt, aufzubrechen; dann aber will ich mich bemühen, so frei zu sein wie ein Indianer und hinzugehen, wohin es uns beliebt – natürlich stets vorausgesetzt, daß wir nicht gegen die Neigung unseres Nachbars in dessen Wigwam wollen.« Jack Dunning lächelte, und schritt einigemal in dem Bibliothekzimmer auf und ab, ehe er wieder das Wort ergriff. »Als ich in der County anlangte, ließ ich mir sagen, Ihr und alle Eure Angehörigen seiet vorbereitet, den Morgen nach dem Versuch, Euer Haus anzuzünden, die Gegend zu verlassen.« »Dieß ist eine von jenen liebenswürdigen Verkehrungen der Wahrheit, welche so oft die Moral einer ganzen Geschichte verschönern müssen. Was die Leute wünschen, bilden sie sich ein, und was sie sich einbilden, sagen sie aus. Sogar die Mädchen betheuern, sie wollen das Haus nicht verlassen, so lange es noch ein Dach habe, um ihre Häupter zu schirmen. Aber, Jack, woher kommt dieser Geist?« »Ich sollte denken, dieß wäre die letzte Frage, die ein leidlich unterrichteter Mann zu stellen nöthig hat,« antwortete Dunning lachend. »Es liegt auf flacher Hand, woher er kommt – von dem Teufel selbst, denn er hat jedes Merkzeichen von dem Handwerk dieses saubern Patroons. Zuvörderst liegt Geldgier oder Habsucht zu Grunde. Dann kommen die Lügen als seine Werkzeuge. Seine erste und anspruchvollste Lüge ist die der Freiheit, denn sie tritt alle Grundsätze der letzteren unter die Füße. Dann kommen die Schocke von Hilfstruppen in der Form kleiner Erfindungen, welche die Thatsachen in Betreff der ursprünglichen Ansiedelung des Landes abläugnen, über den Fortgang derselben Angaben fabriciren und aller Wahrheit zum Trotz derartige Machwerke festhalten, wenn man meint, daß etwas damit zu erzielen sei Der entsetzliche Hang, seine Zwecke durch Lügen zu erreichen, ist in Amerika so in Aufschwung gekommen, daß er alle Gerechtigkeit gänzlich umzustürzen droht. Ohne mich auf allgemeine Thatsachen einlassen zu wollen, drängen sich doch zwei Umstände, die in unmittelbarer Verbindung mit der Antirentenfrage stehen, unwillkürlich meiner Berücksichtigung auf. Sie beziehen sich auf große Besitzthümer, auf das Erbe eines Engländers, welcher die Hälfte einer langen Lebenszeit im Lande verbrachte. Es ist in öffentlichen legislativen Dokumenten behauptet worden, daß die Frage seiner Berechtigung an diese Besitzthümer noch unerledigt sei, während doch veröffentlichte Erlasse des höchsten Landesgerichtshofs zeigen, daß schon vor dreißig Jahren zu Gunsten des besagten Engländers eine Entscheidung gegeben worden ist; ferner sprechen in Beziehung auf seinen Erben amtlich officielle Angaben sich dahin aus, er sei nie dazu zu vermögen gewesen, seine Liegenschaften anders, als auf Lebensdauer zu verpachten. Nun ist es zwar von keinem sonderlichen Belang, ob dieß wahr ist oder nicht, sintemal das Gesetz Jedem gestattet, in dieser Hinsicht zu handeln wie er will. Die Thatsache ist aber, wie ich aus dem Munde des Agenten, der die Vertrags-Urkunden ausstellte, vernahm, ganz das Gegentheil von dem, was in obgesagter legislativer Urkunde offen behauptet wird. Der gegenwärtige Besitzer des fraglichen Eigenthums ist von dem Pächter auf's Dringlichste angegangen worden, neue Pachtverträge auf Lebensdauer zu gestatten, und er hat sich entschieden geweigert, zu willfahren ! In diesem Falle also ist die Gesetzgebung ohne Zweifel durch die selbstsüchtigen Darstellungen der Antirenters hintergangen worden. Der Herausgeber. . Ueber den Ursprung eines solchen Treibens kann kein Irrthum obwalten, es müßte denn sein, daß Alles, was man uns über den Unterschied zwischen gut und bös lehrt, eine Dichtung wäre. In der That, Hodge, ich bin erstaunt, daß ein vernünftiger Mann nur so fragen kann.« »Vielleicht habt Ihr recht, Jack; aber zu was soll es führen?« »Ei, dieß ist nicht so leicht zu beantworten. Die neuen Ereignisse in Delaware haben die besseren Gefühle des Landes geweckt, und man kann nicht wissen, was hieraus hervorgehen mag. Eines übrigens halte ich für gewiß; der Geist, der in dieser Angelegenheit herrscht, muß gänzlich, auf's Wirksamste und vollständig unterdrückt werden, oder wir sind verloren. Sobald man einmal im Lande weiß, daß man sich durch Combinationen und durch die Macht der Zahlen seiner Schulden entledigen und die geschlossenen Verträge nach eigenem Gutdünken modeln kann, so wird's nicht lange mehr anstehen, bis sogar die Hölle ein Paradies ist in Vergleichung mit New-York. In der Natur aller dieser Pachtverträge liegt auch nicht ein einziger gerechter Beschwerdegrund, welche Nachtheile auch in einzelnen Fällen obwalten mögen; aber wollten wir auch annehmen, dem Verhältniß des Grundherrn und der Pächter, wie es bei uns besteht, liegen falsche sociale Principien zu Grunde, so wäre es doch ein weit größeres Uebel, durch eine solche Kombination einen Reformversuch machen zu wollen, als wenn die ursprüngliche Benachtheiligung in alle Ewigkeit fortdauerte .« »Ich vermuthe, diese Gentry hält sich für stark genug, ihre Interessen in die Politik hinein zu spielen, und hofft wohl durch diesen Prozeß ihren Zweck zu erreichen. Aber Antimaurerei und verschiedene derartige Entwürfe sind bis jetzt unterlegen, und so dürfte es auch in der Folge mit diesen gehen. Wir haben da einen versöhnenden Zug in den Institutionen, Jack; man kann wohl eine Zeitlang betrügen, aber so wird es unmöglich immer fortgehen. Ich beklage nur, daß der wirklich ehrenwerthe Theil des Gemeinwesens so lange seinen Einfluß ruhen läßt; wäre nur die Hälfte desselben so thätig, wie diese Elenden, so würden wir gut genug zurecht kommen können.« »Das Resultat ist unbekannt. Möglich, daß man mit der Sache gänzlich, wirksam und in einer Weise zu Stande kommt, welche die Schlange tödtet und nicht blos zerstückelt. Aber eben so gut läßt sich denken, daß man nur zu halben Maßregeln greift, in welchem Falle das Unwesen fortschleicht, wie eine Krankheit im menschlichen Körper; sie ist stets vorhanden, droht unablässig mit Rückfällen und ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mittel, die endliche Auflösung des Leibes herbeizuführen.« Gleichwohl hielt mein Onkel Wort und blieb in der County, in welcher er sich noch immer aufhält. Unser Hauswesen hat jedoch eine neue Verstärkung erhalten, und bald nach dem Besuche der Inschens fand in der Politik der Antirenters ein Wechsel statt – zwei Momente, denen wir ein Sicherheitsgefühl verdanken, wie es uns sonst kaum zu gut gekommen wäre. Die Verstärkung rührte von gewissen jungen Männern her, die von den Quellen aus ihren Weg zu uns gefunden haben und im Nest Gäste geworden sind. Sie sind lauter alte Bekannte von mir, meistentheils Schulkameraden und zugleich auch große Verehrer von unsern jungen Damen. Jede von den Mündeln meines Onkels, die Coldbrooke sowohl als die Marston, hatte, wie wir jetzt entdeckten, einen begünstigten Freier – Umstände, die mir in meiner Bewerbung um Mary Warren freie Hand ließen. In Patt habe ich eine treffliche Verbündete gefunden, denn sie liebt das theure Mädchen fast eben so sehr, wie ich, und hat mir in dieser Angelegenheit große Dienste geleistet. Mein Gesuch ist bedingungsweise angenommen, obschon Mr. Warren's Einwilligung noch nicht nachgesucht wurde. In der That glaube ich kaum, daß der gute Rektor auch nur die mindeste Ahnung hat von dem, was im Winde ist. Onkel Ro weiß freilich den ganzen Stand der Dinge, obschon ich nie gegen ihn eine Sylbe verlauten ließ. Zum Glück ist er mit der Wahl seiner beiden Mündel wohl zufrieden, und dieß hat seinen Verdruß über die fehlgeschlagenen Plane einigermaßen gemildert. Mein Onkel Ro hängt durchaus nicht am Gelde, und der Umstand, daß Mary Warren auch nicht das mindeste Vermögen besitzt, macht ihm keine Sorge. Ueberhaupt ist er selbst so reich, daß er wohl weiß, es liege in seiner Macht, meine Mittel um ein Ansehnliches zu vergrößern und mich dadurch im Nothfall über die Gefahren des Antirentismus zu erheben. Nachstehendes ist ein Pröbchen von seinem Humor und von der Art, wie er sich zu benehmen pflegte, wenn ihn die Laune danach anwandelte. Eines Morgens, etwa eine Woche, nachdem die Inschens durch die Scham vor den Indianern aus dem Felde geschlagen worden waren, – denn hierin lag das Geheimniß ihres endlichen Verschwindens aus unserem Landestheile – eines Morgens, etwa eine Woche nach ihrem letzten Besuche befanden wir uns in dem Bibliothekzimmer – ich meine die Großmutter, meinen Onkel, Patt und mich – und plauderte über dieß und das, als mein Onkel plötzlich ausrief: »Beiläufig, Hugh, ich habe dir ein wichtiges Stück Neuigkeit mitzutheilen – eine Neuigkeit, welche dich in einem Belange von fünfzigtausend Dollars angeht.« »Hoffentlich doch keine neuen Antirenten-Gefahren, Roger?« versetzte meine Großmutter ängstlich. »Für den Augenblick hat Hugh von dieser Seite her wenig zu befürchten. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten ist sein Schild, und dieser hat wohl eine zureichende Größe, um seinen ganzen Leib zu decken. Was die zukünftigen Pachte betrifft, so wird er, wenn ich ihm gut zu Rath bin, keinen für länger als für fünf Jahre verleihen, und dann werden seine Pächter bei der Gesetzgebung genug lärmen, daß man ihnen gestatte, für sich selbst ihren Handel schließen zu dürfen. Aller Wahrscheinlichkeit nach bringt am Ende die Scham unsere Freunde des freien Verkehrs herum, und die Zeit wird kommen, wann unsere doppeltdestillirten Freiheitsschreier einzusehen anfangen, es sei eine gar jämmerliche Art von Freiheit, welche einem reichen Grundbesitzer nicht gestatte, seine Farmen für eine lange Periode abzutreten, oder einem armen Landwirthe verbietet, einen Vertrag zu schließen, wie er ihm selbst am vortheilhaftesten ist. Nein, vorderhand wenigstens hat Hugh aus dieser Quelle nichts Ernsthaftes zu besorgen, obschon man nicht weiß, was die Folge bringen mag. Gleichwohl aber wiederhole ich, daß der Verlust, den ich meine, weit sicherer ist und sich bis auf fünfzigtausend Dollars beläuft.« »Dieß ist viel Geld, wenn ich es verlieren soll,« antwortete ich, obschon ich mich die Kunde nicht sehr anfechten ließ, »und es könnte mich in Verlegenheit bringen, in der Eile eine so große Summe anzutreiben. Dennoch gestehe ich, daß mir wegen dieser Angelegenheit nicht sehr bange ist, trotz Eurer Ankündigung. Ich habe keine Schulden und der Rechtstitel an Alles, was ich besitze, ist unbestreitbar, wenn nicht etwa zuletzt noch eine Entscheidung kömmt, daß eine Verleihung des Königs von Republikanern nicht geduldet werden dürfe.« »Dieß ist Alles recht schön, Meister Hugh, aber du vergißst daß du der natürliche Erbe meines Besitzthumes bist. Patt weiß, daß für sie ein Schnipfelchen abfällt, wenn sie heirathet, und ich bin jetzt im Begriff, auf eine andere junge Dame eben so viel als Morgengabe zu übertragen.« »Roger!« rief meine Großmutter, »dieß kann dir unmöglich Ernst sein! Von ebensoviel, sprichst du?« »Genau von der vorgenannten Summe, meine theure Mutter. Ich habe Zuneigung gefaßt zu einer jungen Dame, und da ich sie nicht selbst heirathen Kann, so bin ich entschlossen, ihr, sofern Geld dabei in Frage kommt, eine gute Partie möglich zu machen.« »Aber warum wollt Ihr sie nicht selbst heirathen?« fragte ich. »Aeltere Männer, als Ihr, thun dieß mit jedem Tage.« »Ja, Wittwer – ich gebe es zu; diese heirathen fort, und wenn sie tausend Jahr alt würden; aber nicht so verhält sich's mit uns Junggesellen. Ist einer einmal hübsch über seine Vierzig hinaus, so ist er nicht leicht dazu zu bewegen, daß er dieses Opfer bringe. Nein, es ist ein wahres Glück, daß sich Jack Dunning hier befindet. Ich habe ihm Arbeit gegeben; er muß mir eine Urkunde aufsetzen, welche auf die junge Dame, die ich im Sinn habe, eine Morgengabe überträgt, ohne daß ihr künftiger Gatte ein Recht daran hätte, mag dieser nun sein, wer er will.« »Es ist Mary Warren!« rief meine Schwester im Tone des Entzückens. Mein Onkel lächelte und versuchte eine gesetzte Miene anzunehmen; indeß kann ich ihm nicht nachrühmen, daß ihm dieß sonderlich gelang. »Ja – ja – es ist Mary Warren, und Onkel Ro gedenkt ihr ein Vermögen zu geben!« fügte Patt bei, indem sie wie ein junges Hirschlein auf dem Boden umhertanzte, sich ihrem Vormund um den Hals warf und ihm in dieser Umarmung ein Dutzend Küsse versetzte, als wäre sie noch ein Kind, obschon sie bereits eine schöne junge Dame von Neunzehn war. »Ja es ist Mary Warren, und Onkel Hodge ist ein prächtiger alter Gentleman – nein, ein entzückender junger Gentleman; und wenn er nur dreißig Jahre jünger wäre, so müßte er seine eigene Erbin zur Frau haben. Guter, lieber, edelmüthiger, verständiger Onkel Ro! Dieß sieht ihm so gleich – trotz aller seiner getäuschten Erwartungen; denn ich weiß, Hugh, er hatte sein Herz daran gesetzt, daß du Henrietta heirathen solltest.« »Und was hat der Umstand, daß ich Henrietta heirathe oder nicht heirathe, mit dieser Schenkung von fünfzigtausend Dollars an Miß Warren zu schaffen? Ich glaube die jungen Damen sind noch immer zu haben.« »Oh, du weißt wohl, wie alle dergleichen Dinge betrieben werden,« sagte Patt, welche bei dieser Anspielung auf den Ehestand, selbst wenn sie eine andere Person betraf, erröthete und zugleich lachte. »Mary Warren wird nicht immer Mary Warren sein.« »Und welcher Name könnte Ihr dann zukommen?« fragte Onkel Ro rasch. Aber Patt hielt zuviel auf die Rechte und Privilegien ihres Geschlechts, um unmittelbar etwas verlauten zu lassen, was auch nur den Anschein einer Bloßstellung ihrer Freundin gehabt hätte. Das schalkhafte Mädchen streichelte daher die Wange ihres Oheims, erröthete noch höher, blickte schelmisch nach mir hin, wendete ihre Augen ab, als könnte sie ein Geheimniß verrathen, und kehrte so gesetzt nach ihrem Stuhle zurück, wie wenn sich's um den allerernstesten Gegenstand handle. »Es ist dir aber doch nicht Ernst mit Dem, was du uns gesagt hast, Roger?« fragte meine Großmutter mit mehr Interesse, als ich in Betreff einer solchen Angelegenheit bei ihr für möglich gehalten hätte. »Ist am Ende diese Schenkung nur eine Grille?« »Was ich gesagt habe, ist so wahr wie ein Evangelium, meine theure Mutter.« »Und hat Martha Recht? Ist wirklich Mary Warren die begünstigte junge Dame?« »Um der Reuigkeit willen muß ich zugeben, daß Patt gut gerathen hat.« »Ist Mary Warren von deiner Absicht unterrichtet, oder hast du ihren Vater darüber zu Rathe gezogen?« »Beide wissen darum. Wir haben gestern Abend Alles ins Reine gebracht, und Mr. Warren willigt ein .« »In was?« rief ich aufspringend, denn der Nachdruck, welchen Onkel Ro auf die letzten zwei Worte gelegt hatte, war zu bedeutsam, als daß er hätte übersehen werden können. »Hugh Roger Littlepage – wohlgemerkt, dieß ist mein Name – zum Schwiegersohn anzunehmen; und was noch mehr ist, auch die junge Dame ist ›angenehm‹.« »Wir Alle wissen, daß sie mehr als angenehm ist,« ergriff Patt das Wort. »Sie ist entzückend – trefflich! Angenehm ist kein Ausdruck, den man auf Mary Warren anwenden darf.« »Pah, Mädchen – wenn du auf Reisen gewesen wärest, so würdest du wissen, daß dieß ein Londoner Ausdruck ist, welcher bedeutet, daß Einem eine Sache angenehm ist. Mary Warren ist es genehm, die Gattin von Hugh Roger Littlepage zu werden, und ich übertrage auf sie fünfzigtausend Dollars als Heirathsgut.« »Es handelt sich hier um diesen Hugh Roger Littlepage,« rief Patt, indem sie den Arm um meinen Hals schlang, »nicht um jenen Hugh Roger Littlepage. Fügt nur dieß noch bei, liebster, theuerster Onkel, und ich will Euch eine Stunde lang in einem fort küssen.« »Entschuldige mich, mein Kind, der vierte Theil von dieser Zeit würde ungefähr so viel sein, als ich vernünftigerweise erwarten könnte. Ich glaube übrigens, daß du Recht hast, denn ich erinnere mich nicht, daß dieser Hugh Roger etwas bei der Sache zu schaffen hat, wenn nicht etwa das Geldhergeben für etwas gilt. Ich werde keine von deinen Muthmaßungen in Abrede ziehen.« Er hatte kaum ausgesprochen, als die Thüre des Bibliothekzimmers langsam aufging und Mary Warren hereintrat. Wie sie sah, aus welchen Bestandtheilen unsere Gesellschaft zusammengesetzt war, wollte sie sich wieder zurückziehen; aber meine Großmutter lud sie freundlich ein, zu bleiben. »Ich fürchtete, eine Familienpartie zu stören, Ma'am,« entgegnete Mary schüchtern. Patt eilte auf sie zu, schlang den Arm um ihren Leib, zog sie in's Zimmer herein und schloß hinter ihr die Thüre – alles in einer Aufsehen erregenden Weise; und dieß lag auch in der Absicht der jungen Dame, da sie Aufmerksamkeit zu wecken wünschte. Wir Alle lächelten, mit Ausnahme Mary's, die halb erfreut, halb furchtsam zu sein schien. »Es ist wirklich eine Familienpartie,« rief Patt, ihre künftige Schwägerin küssend; »und Niemand sonst soll zugelassen werden, wenn nicht etwa der gute Mr. Warren kommt, um seinen Platz anzusprechen. Onkel Ro hat uns Alles gesagt, und wir sind vollkommen unterrichtet.« Mary verbarg ihr Antlitz an Patt's Busen, aber bald zog sie meine theure Großmutter zurück, um sie zu küssen. Die Reihe kam sodann an meinen Onkel, und nach diesem an Patt. Hierauf verließen alle Anwesenden, mit Ausnahme Mary's und mir, das Zimmer, und – ja – dann kam auch an mich die Reihe. Wir sind noch nicht verheirathet, aber der Tag der Trauung ist bereits anberaumt. Ein Gleiches muß ich von den beiden Mündeln berichten, und sogar Patt erröthet und meine Großmutter lächelt gelegentlich, wenn die Namen von Gentlemen, die gegenwärtig in Egypten reisen, zur Sprache kommen. Die letzten Briefe des jungen Beekmann datiren sich, wie mir mitgetheilt wurde, aus jener Weltgegend. Die drei Trauungen sollen in der St. Andrewskirche stattfinden, und Mr. Warren wird die Feierlichkeit vollziehen. Der Leser wird sich wundern, wenn ich ihm noch zwei Thatsachen mittheile. Meine Verlobung mit der Tochter eines armen Geistlichen hat den Antirenters, die doch sonst so laut über Aristokratie schreien, zu viel Klatscherei und Lästerung Anlaß gegeben. Man wendet dagegen ein, daß die Partie nicht gleich sei! Jene Gleichheit, welche eine Folge der gesellschaftlichen Stellung, der Erziehung, der Lebens- und Denkweise – meinetwegen auch des Vorurtheils ist, hat für solche Personen natürlich keinen Sinn. Sie sind nicht einmal im Stande, das Vorhandensein derselben zu begreifen, obschon sie recht wohl einsehen, daß der Eigenthümer eines unbelasteten und schönen Grundbesitzes reicher ist, als die Erbin eines armen Geistlichen, der mit seinen fünfhundert Dollars kaum das Jahr hindurch ausreicht. Je nun, ich lasse sie brummen, denn ich weiß wohl, sie werden an mir nichts als Fehler finden, bis sie mir mein Land abgedrungen oder die Ueberzeugung gewonnen haben, daß sie es nie erhalten werden. Was Opportunity betrifft, so ist mir versichert worden, sie drohe, mich wegen »Bruchs eines Eheversprechens« gerichtlich belangen zu wollen; auch würde es mich durchaus nicht Wunder nehmen, wenn sie wirklich diesen Versuch machte. Es ist keineswegs ungewöhnlich, daß eine Person, die ihr ganzes Herz und ihre ganze Seele an irgend einen besonderen Zweck hängt, sich Umstände, die nie bestanden haben, als förderlich für ihre Plane träumt, und Opportunity mag sich wohl vorstellen, das, was ich gehört habe, sei »das Summen in ihrem Ohr« gewesen. Außerdem hat die Marktschreierei der gesetzgebenden Körperschaften die Damen allen Ernstes in Thätigkeit gesetzt, und bald wird der Jüngling von Glück sagen können, der die Tage seiner Ehelosigkeit zuzubringen im Stande ist, ohne daß irgend ein verzweifelter Angriff, sei dieser nun juristisch, oder moralisch, vom andern Geschlecht auf ihn geübt wird. Ueberhaupt muß man auf Alles gefaßt sein, wo man sieht, der populärste und zahlreichste Zweig der Gesetzgebung von New-York lebe wirklich des Glaubens, er könne jene feierliche Verwahrung der Constitution unserer Vereinigten Staaten, welche erklärt, »kein Staat solle ein Gesetz erlassen, das die Verbindlichkeit von Verträgen beeinträchtigt«, umgehen, wenn er, da ihm die Regulirung des Heimfallstatuts zusteht, den Beschluß faßt, sobald ein Grundbesitzer sterbe, solle der Pächter sich an den Kanzler wenden dürfen, damit sein höriges Gut in ein Hypothekar-Gut umgewandelt werde, welches nach Abtrag der daraus haftenden Schuld ihm frei und eigen zugehöre! Man hat in England viel von einer »Fingerhutadministration« gesprochen, und in der That scheint diese industrielle Nation die mit dem gedachten Ausdruck bezeichnete Zucht nach Amerika ausgeführt zu haben. Wie Viele von denen, die für ein solches Gesetz stimmten, werden wohl gerne nach zehn Jahren ihr Ja und Nein in den Journalen der Assembly lesen? Wenn dann noch einer von diesen Menschen im Staat übrig ist, wird er wohl ein Gegenstand des allgemeinen Mitleids sein. Wir haben zwar schon viele legislative Ränke erlebt, und einige davon sind mit leidlichem Witz ausgeführt worden; aber die Plackerei, um die sich's hier handelt, ist ein so handgreifliches Experiment, daß ihm Jedermann auf den Grund sehen muß, der nicht gerade mit einer ganz negativen Dosis von Scharfsinn begabt ist. Unsere eigenen Gerichtshöfe werden nicht einmal Rücksicht darauf nehmen, selbst wenn der Senat seine Zustimmung ertheilte, und was die höheren Gerichtsstellen der Vereinigten Staaten betrifft, so müssen sie nothwendig das Unwesen nach Verdienst behandeln und ihm das Brandmal der Schande aufdrücken. Der nächste Schritt wird darauf hinauslaufen, daß man ein Gesetz zu Regelung des sogenannten Heimfalls erläßt und dabei die Klauseln zu Grunde legt, vermöge welcher die Schuldner eines Verstorbenen ihre Verpflichtungen mit einer Münze, welche den technischen Namen » puppies « führt, erfüllen können. Jaaf faselt fort. Hin und wieder brummt er über vergangene Ereignisse und über den Zustand des Landes seine Gefühle vor sich hin. Einen Antirenter sieht er für nichts anderes an, als für einen Dieb, und er nimmt auch keinen Anstand, dieß unverhohlen auszusprechen. Hin und wieder entfällt ihm wohl auch eine gute Bemerkung über den Gegenstand, und eine, die er erst gestern äußerte, verdient hier aufgeführt zu werden. »Was die Kerl woll, Masser Hugh?« fragte er. »Sie hab die eine Hälft' von ihr Farms, und nun sie woll' die anner Hälft auch. Nehm' an, ich hab' ein Kuh oder ein Schaf in Kompany, was Recht ich hab', ihn ganz zu verlang'? Gosch, es hab' kein solch' Gesetz geben in alte Zeit. Wer auch je sehen so arme Inschen! Rothhaut mis'rubbel genug, was auch Ihr mögt halt auf sie; aber dieß Inschen so mis'rubbel, daß ich mir nicht wunner, warum Ihr sie nicht ausstehen könn'. O, wie ich so alt werd' – ich kann nicht glaub', daß alte Sus es noch lang treib'.« Der alte Sus lebt noch, ist aber ein Gegenstand des Hasses für alle Antirenters nah und fern. Das »Inschensystem« ist – vorderhand wenigstens – aufgelöst; aber der Geist, der es in's Leben rief, wuchert fort unter dem heuchlerischen Scheine der »Menschenrechte.« Der Biedere unter den Onondagos weiß nichts von der Gesinnung, die gegen ihn besteht, und es ist kaum wahrscheinlich, daß Diejenigen, welche ihm Feindschaft geschworen haben, sich selbst einen Grund dafür angeben können; sie müßten sich denn sagen, daß er ein Mann sei, welcher das Gesetz, bei dessen Erlassung er mitwirkte, achtete und lieber sich selbst verbannte, ehe er sich einen Akt der Ungerechtigkeit zu Schulden kommen ließ.   Schlußbemerkung des Herausgebers. Hier schließt das Manuscript von Mr. Hugh Roger Littlepage junior, da es dieser Gentleman wahrscheinlich nicht über sich gewinnen konnte, die Ereignisse zu schildern, welche sich in neuester Zeit zugetragen haben. Es liegt deßhalb uns ob, noch einige Worte beizufügen. Jaaf ist vor zehn Tagen gestorben; er brummte bis auf den letzten Augenblick über die Rothhäute und sprach von seinen jungen Massers und Missusses, so lange er Athem hatte. Was seine eigenen Nachkommen betrifft, so hat man ihn während der letzten vierzig Jahre nie ihre Namen erwähnen hören. Susquesus lebt noch immer, aber die »Inschens« sind insgesammt entschlafen. Die öffentliche Meinung hat endlich diesen Stamm aus dem Dasein gestrichen, und es steht zu hoffen, daß sie ihre Calico-Säcke gewissen Politikern vermacht haben, welche sie so sicher, als die Sonne auf- und untergeht, nützlich finden werden, um ihre Gesichter darin zu verhüllen, wann einmal die Scham und die Zerknirschung kommen, die nach einem Benehmen, wie das ihrige, unmöglich ausbleiben können. Es wird hier am Ort sein, über den Ton, der in diesem Buche herrscht, eine Bemerkung beizusetzen. Die Sprache ist die eines Mannes, der schwere Kränkungen erfahren hat und mit dem Feuer der Jugend noch gesteigert durch das Gefühl erlittenen Unrechts, vorstehende Blätter niederschrieb. Als Herausgeber haben wir nicht weiter damit zu schaffen gehabt, als daß wir – wenn es auch nöthig war, die Dinge mit den rechten Namen zu bezeichnen – Sorge dafür trugen, eine Sprache zu vermeiden, welche dem öffentlichen Geschmack als allzu stark erscheinen könnte. Was die Moral und die politischen Grundsätze in der besprochenen Angelegenheit betrifft, so sind wir ganz auf Seite der Messrs. Littlepage, obschon wir es nicht für nöthig halten, alle ihre Phrasen anzunehmen – Phrasen, die zwar für Männer in ihren Stellungen natürlich sein mögen, aber doch vielleicht bei denen nicht am Ort sind, welche blos in der Eigenschaft von historischen Schriftstellern zu handeln wünschen. Zum Schlusse: – Littlepage und Mary Warren wurden vor wenigen Tagen in der Saint-Andrews-Kirche getraut. Wir trafen den Gentleman erst gestern auf seiner Hochzeitsreise, und er theilte uns mit, nachdem er eine solche Gefährtin gewonnen habe, gedenke er seinen Wohnsitz nach einem andern Theil der Union zu verlegen; er habe hiezu Washington gewählt, ausdrücklich in der Absicht, eine günstige Lage zu finden, welche es ihm möglich mache, zu sehen, ob die Gesetze der Vereinigten Staaten dem Fingerhutsystem in der New-Yorker Gesetzgebung gegenüber noch Geltung hätten. Er ist willens, alle Fragen, die mit seinen Pachtverhältnissen in Verbindung gesetzt wurden, zur Sprache zu bringen: das Besteuern des Grundbesitzers für ein Eigenthum, aus dem vertragsmäßig der Pächter alle Steuern zu bezahlen hat – die Beschlagnahme wegen der Renten, wenn eine Beschlagnahme dem Wiedereintritt, welcher durch die Verträge stipulirt ist, vorausgehen muß – und alle anderen Pfiffe und Kunstgriffe, auf welche das Gehirn unserer rabulistischen Gesetzgeberlein verfallen mag, um ihn gegen alles Recht und Gesetz aus seinem Eigenthum zu verdrängen. Was uns selbst betrifft, so können wir nur sagen: Gott segne seine Bemühungen! denn wir sind aufs Tiefste überzeugt, daß die werthvolleren Theile der amerikanischen Institutionen nur erhalten werden können, wenn man den schnöden Geist der Habgier in den Staub tritt, der jede Spur von moralischem Gefühl und Rechtssinn, welche unter uns noch zu finden ist, zu vernichten droht. Wie wir die Sache betrachten, sind Oregon, Mexiko und Europa mit vereinter Macht nicht im Stande, unserer Nation nur halb so viel zu schaden, als in diesem Augenblick von einem Feind in Aussicht steht, der schon jetzt im Besitz so vieler Bollwerke sich befindet und unablässig die Saat des Unheils auszustreuen bemüht ist, dabei stets die Freiheit im Munde führend, während er doch nur den Grund zur wildesten Tyrannei immer tiefer und tiefer legt. Ich habe beizufügen vergessen, daß Mr. Littlepage beim Abschied die bedeutungsvolle Aeußerung gegen mich fallen ließ, wenn er in Washington seinen Zweck nicht erreichen sollte, stehe ihm immerhin in Florenz eine Zufluchtsstätte offen, wo er unter den übrigen Opfern der Unterdrückung leben und sich noch obendrein der Auszeichnung erfreuen könne, als ein Verbannter der republikanischen Tyrannei bewundert zu werden.   *   Ende