Bogumil Goltz Zur Geschichte und Charakteristik des deutschen Genius Eine ethnographische Studie Kritisch durchgesehene Ausgabe mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Hans Zimmer . Einleitung. Ein halbvergessenes Original, das wieder modern geworden: das ist Bogumil Goltz. Er, der schon bei Lebzeiten den blendenden, aber dauerlosen Eindruck eines vorüberjagenden Meteores machte, der schon bei Lebzeiten von einem ernsten und wohlgesinnten Beurteiler zu den literarisch Toten geworfen wurde, den bedeutende Literaturkenner in ausführlichen und durchaus vorsichtig abwägenden Nekrologen als ein endgültig abgeschlossenes Stück der Vergangenheit behandelten, der gar im ersten Jahre unseres Jahrhunderts von einflußreichem Munde recht spöttisch und von oben herab als kleiner, sehr kleiner Carlyle bezeichnet wurde – er findet plötzlich Lobredner, die ihn als ganz erstaunlich unveraltet erklären, er wird neu gedruckt, Auszüge aus seinen Schöpfungen werden zu einem wertvollen und handlichen Bande vereinigt, maßgebende Zeitschriften reden für ihn. Woher kommt das? Doch wohl daher, daß Zeit und Menschen, Treiben und Denken nachgerade wieder denselben Charakter angenommen haben wie damals, wo Goltz gegen das Hasten und Jagen des Erwerbslebens, gegen die einseitige Betonung des Verstandesmäßigen in Wissenschaft und Kunst, gegen die Vernachlässigung der Gemüts- und Charakterbildung so keck und kühn zu Felde zog, daß uns heute gegen dieselbe Krankheit dieselbe Medizin wie damals zu helfen verspricht. Goltz als Arzt gegen die Einseitigkeiten unserer Zeit – wer ihn als solchen aufzufassen versucht, der wird es auch verstehen, daß wir seinen »Deutschen Genius« den Freunden von »Meyers Volksbüchern« hier in einer neuen erläuterten Ausgabe darbieten. Bogumil Goltz stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie; als er am 20. März 1801 in dem damals preußischen Warschau geboren wurde, stand sein Vater als Direktor dem dortigen Stadtgericht vor. Daneben besaß er ein kleines Gut namens Lissewo in der Nähe von Thorn, und an dessen Bewirtschaftung dachte er, als er seinen Sohn, der inzwischen als Pensionär bei einem Pastor Jackstein in Bischofswerder seine nie vergessene »herrlichste Jugendzeit« verlebt hatte, nach den Gymnasialjahren in Königsberg und Marienwerder 1817–21 bei einem Herrn von Blumberg die Landwirtschaft erlernen ließ. Viel natürliche Begabung für diesen Beruf bewies Goltz indessen nicht, und das wichtigste Ergebnis seines Aufenthaltes im Blumbergschen Hause war seine spätere Verheiratung mit der Tochter seines Lehrherrn: 1822 verließ er, viel mehr zu den Früchten der Gelehrsamkeit als zu denen des Feldes hingezogen, die Agrikultur und widmete sich der Kultur des Geistes. Aber schon nach drei Semestern, die er auf der Universität Breslau mit philosophischen, theologischen, philologischen und ästhetischen Studien ausgefüllt hatte, mußte er auf dringendes Verlangen seines Vaters zur Melioration des Bodens und zur rationellen Schafzucht zurückkehren und die Verwaltung von Lissewo übernehmen. Der Vater starb bald danach, und der Sohn hatte mit Lissewo wenig Glück. Er verkaufte das Gut und versuchte es mit Pachtungen, aber eher mit schlechterem als besserem Erfolg. Endlich gab er die Landwirtschaft auf, ließ sich 1830 in dem Städtchen Gollub nieder und beschäftigte sich, von dem Zinsenertrag seines ihm noch gebliebenen Vermögens lebend, in beschaulicher Zurückgezogenheit mit literarischen Studien. Die erste Frucht dieser Studien erschien in demselben Jahre 1847, in dem er von Gollub nach dem etwas mehr geistige Anregung bietenden Thorn übergesiedelt war: sein prächtiges »Buch der Kindheit«. Es begründete mit einem Schlag seinen Ruf, und in rascher Aufeinanderfolge reihten sich nun seine übrigen Schriften diesem Erstlingswerk an: noch 1847 die »Deutsche Entartung in der lichtfreundlichen und modernen Lebensart«, 1850 »Das Menschendasein in seinen weltewigen Zügen und Zeichen«, 1852 »Ein Jugendleben, biographisches Idyll aus Westpreußen«, 1853 »Ein Kleinstädter in Ägypten«, 1858 »Der Mensch und die Leute« sowie »Zur Charakteristik und Naturgeschichte der Frauen«, 1859 »Zur Physiognomie und Charakteristik des Volkes«, 1860 »Die Deutschen« (in der 2. Auflage von 1864 unter dem Titel »Zur Geschichte und Charakteristik des deutschen Genius«) sowie die »Typen der Gesellschaft«, 1862–64 die »Feigenblätter, eine Umgangsphilosophie«, 1864 »Die Bildung und die Gebildeten«, 1869 endlich »Die Weltklugheit und die Lebensklugheit mit ihren korrespondierenden Studien« sowie die zwei Bände »Vorlesungen«. Goltz hatte, als er sich in Gollub in die Schätze der Weltliteratur vertiefte, sehr bald einsehen gelernt, daß es für seine stark persönliche Art der Schriftstellerei mit der Bücherweisheit bei weitem nicht abgetan sei. Er beobachtete daher nicht nur scharfen Auges das westpreußische Landleben und die deutsch-polnische Kleinstädterei, die ihn umgaben, sondern flog auch weiter hinaus, um die Welt zu sehen, besuchte England, Frankreich und Italien, ja verwendete den Honorarertrag seines »Buches der Kindheit« zu einer Reise nach Ägypten. Seine oft wiederholten Reisen innerhalb Deutschlands aber hatten noch einen anderen Zweck, als Land und Leute kennen zu lernen: er trat als Vorleser auf, oder vielmehr, er pflegte diese geistreichen Vorlesungen über alle nur möglichen Fragen der Sitte, der Kunst, der Wissenschaft, des Völkerlebens u. s. f. meist zu extemporieren. Ludwig Pietsch erzählt in seinen Erinnerungen, wie bei solchen Gelegenheiten die Rede des hochaufgeschossenen Vorlesers »im unverfälschtesten westpreußischen Dialekt, fessellos wie ein wilder Bachstrom, bald prächtig rauschend, bald polternd, bald kristallklar, bald Geröll, Kies und schwere Blöcke wälzend, dahinflutete und -wirbelte ohne einen Moment des Stockens, der einem anderen die Möglichkeit gewährt hätte, ein Wort der Entgegnung dazwischenzuschieben. Man hörte ihm bald hingerissen und begeistert, bald betäubt und geärgert wortlos zu. Tiefe Weisheitssprüche, verwegene Behauptungen, spannende Erzählungen eigener und fremder Erlebnisse, Naturschilderungen, groteske Vergleiche, grimmige Ausfälle, Verwünschungen und Invektiven, polnische Juden- und westpreußische Dorf- und Kleinstadtgeschichten voll überwältigender Komik, glänzende Schilderungen, ergreifende Herzensergießungen, ästhetische Theorieen, kritische und enthusiastische Beurteilungen von Kunstwerken aus alter und neuer Zeit drängten sich in wirrem Durcheinander von seinen Lippen«. Wie lange Goltz diese nach den übereinstimmenden Zeugnissen seiner Zeitgenossen von bedeutendem Erfolg begleitete Tätigkeit als Vorleser oder besser Causeur ausgeübt hat, wissen wir nicht; sicher ist nur, daß er die letzten Jahre seines Lebens, von Friedrich Wilhelm IV., der ein großer Verehrer seiner Schriften war, mit einer königlichen Pension bedacht, dauernd in Thorn zugebracht hat, weil ihn fortschreitende Kränklichkeit heimgesucht hatte. In Thorn ist er am 12. November 1870 gestorben. Das Wort des beredten Vorlesers ist verhallt, aber geblieben sind uns seine Schriften. Mit einem autobiographischen Werke hat sich Goltz seine ersten Lorbeeren geholt, mit der Schilderung der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Erlebnisse in der Jugendzeit, mit der Charakterisierung lebensvoller Einzelgestalten aus seiner Umgebung. Bald aber schob er die Grenzen seiner Stoffauswahl weiter hinaus und skizzierte Gesellschaftsgruppen , Stände, Volksklassen, Geschlechter. Daneben wagte er sich drittens an die Erschließung der Eigenart ganzer Völker , wurde Volkstumsforscher. Genau so, wie er z. B. im »Jugendleben« in der Schilderung des drolligen, redseligen Schwiegervaters oder der sanften Schwiegermutter scharfumrissene Bilder von köstlicher Frische und heiterer Farbenfülle aus der Welt des mit liebenswürdigem Humor gezeichneten bürgerlichen Kleinlebens hinstellt, faßt er auch jene Gruppen, den Geistlichen, den Adligen, den Juden, den Pedanten, den Philister, den Renommisten, den Phlegmatiker, die Frau u. s. f., gewissermaßen als konzentrierte Einzelindividuen auf, deren Schwächen er mit einer an Jean Paul und Hippel erinnernden Satire geißelt, deren Lichtseiten, wie etwa die selbstverleugnende Dienstbarkeit, Zartsinnigkeit und Sorgfalt des Weibes, er mit warmer Anteilnahme hervorhebt. Ja, auch ganze Völker sieht er kaum anders als unter dem Bilde von Einzelindividuen vor sich: es ist der Deutsche, der Franzose, der Italiener,, den er porträtiert. Daß Goltz zum Volkstumsforscher wurde, war nur natürlich; in den von einer deutsch-polnischen Mischbevölkerung bewohnten Gegenden, in denen er lebte, muß ja ein denkender Kopf zum Rassenvergleicher werden: die Unterschiede der Nationalitäten drängen sich ihm ganz von selbst auf. Dazu kamen die ausgedehnten Reisen, die Goltz unternahm, und daß er als ein Mann, der durch und durch voller »Deutschheiten« steckte, der deutschen Heimatssinn, deutsche Kindlichkeit, deutschen Individualismus und Idealismus, deutsche Phantasie u. s. f. in reichem Maße besaß, wenigstens über das deutsche Wesen ein Wort mitreden durfte, versteht sich von selbst. Freilich, zu einer wissenschaftlichen Ergründung von Volkstumsfragen genügt das durchaus nicht: die historischen und psychologischen Untersuchungen anzustellen, die dazu nötig gewesen wären, blieb Goltz seinem ganzen Bildungsgang nach versagt; seine Methode war lediglich die der Selbstbeobachtung und der Vergleichung der Völker untereinander. Daß auch auf diesem Wege tief erfaßte und scharf gezeichnete Bilder der Rassen gewonnen werden können, Bilder, die im großen ganzen gewiß von künftigen exakten Untersuchungen bestätigt werden dürften, davon kann sich der Leser auf den folgenden Bogen selbst überzeugen: hier aber gilt es, nur noch auf zwei Fehler aufmerksam zu machen, die am Volkstumsforscher Goltz so stark hervortreten, daß sie nicht verschwiegen werden können, wenn sie auch an den Ergebnissen seiner Studien nichts Ausschlaggebendes ändern. Erstens verfällt er gelegentlich in die Phrase: eine bloße Phrase ist es z. B., wenn er sagt, der Deutsche sei der »Universalmensch«, die »Mutter der übrigen Nationen«, das »Weib des Menschengeschlechts«. Und zweitens hat er zu stark ausgeprägte Sympathieen und Antipathieen. Dem romanischen Wesen vermag sein germanisches Naturell nicht gerecht zu werden, im Italiener sieht er nur Verkommenheit, der Franzose ist für ihn der Träger aller »Kulturbarbareien«, als deren größte ihm die Literatur des 18. Jahrhunderts erscheint, ja er glaubt in seinem patriotischen Übereifer, wenn man ein echter Deutscher sei, »dann wende sich einem das Herz im Leibe beim Gedanken an Frankreich herum«. Viel zutreffender ist die Charakteristik des Engländers, die er gibt, und auch seine Schilderung der Polen und Russen ist wesentlich unparteiischer als die der Romanen. Seine ganze, heiße, lodernde Sympathie aber gehört – und wer möchte ihn dafür tadeln? – seinem schönen, seinem großen deutschen Vaterland, ja wenn er auf das deutsche Volkstum zu reden kommt, da wird aus dem Beobachten und Forschen leise und unabsichtlich aus treuem deutschen Herzen ein – Verherrlichen. Eine »Deutschheit« des Schriftstellers Goltz ist schließlich auch sein Stil, seine Darstellungsform. Vielleicht schon darin zeigt sich der Deutsche, daß er alles Angeschaute, Beobachtete und anderseits alle Stimmungen zarter und zartester Art viel besser in Worte zu kleiden vermag als abstrakte, logisch zugespitzte Gedanken. Aber auch in diesen Worthäufungen, diesen oft beinahe ungeheuerlichen Substantivbildungen, diesem unaufhörlichen Sprühfeuer von Aphorismen, diesen fabelhaft langen Satzperioden, diesem »Redegestrüpp«, wie man's einmal treffend genannt hat, wohnt etwas von jenem Überschuß an Kraft, den der Deutsche so gern als einen Zug seines Wesens sich zuschreibt. Freilich, für den Schriftsteller Goltz lag darin eine ernste Gefahr: es fehlte die künstlerische Zucht, und wie er einst von der landwirtschaftlichen Ökonomie nur wenig in seinen Kopf gebracht hatte, so verstand er jetzt auch nicht die Ökonomie der Literatur: dieser »gedankengequälte Geist« gab sich zu reich und zu rasch und zu wenig wählerisch aus. Was ist es nun aber, das uns die Schriften dieses Mannes nach langer Vergessenheit wieder wertvoll macht? Man tut Goltz unrecht, wenn man ihn kurzweg einen »Humoristen« nennt, und man tut ihm auch unrecht, wenn man ihm vorwirft, gewisse Gedankenreihen kehrten bei ihm immer wieder: das sind meist gerade die bleibend wertvollen, diejenigen, die uns heute noch – oder vielmehr wieder – ergreifen und erfrischen. Nicht sein Kampf gegen die Kultur, wohl aber sein Kampf für Natur und Natürlichkeit, nicht sein Fehderuf gegen Literaten und Ästhetiker, wohl aber sein Feldgeschrei gegen den öden, die Individualität schädigenden Formalismus in Kunst und Literatur zieht uns an, und dann in der Tat sein kerniger, köstlicher Humor und neben diesem seine naturwüchsige Kraft und Derbheit, seine goldene Rücksichtslosigkeit, seine luftreinigende Grobheit, seine Widerborstigkeit, aber auch der mystische Zug seiner dogmenfeindlichen, doch wahren und reinen Religiosität, und vor allem seine fortreißende Begeisterung und sein tiefes Gemüt. Wenn man alle diese Eigenschaften des originellen Mannes mit dem Wesen und Walten der Gegenwart vergleicht, so sieht man, wieviel er hat von dem, was heute das Hasten und Treiben des Existenzkampfes, die Nervosität unseres Jahrhunderts bedenklich in den Hintergrund drängt, und daß man wohl ein Recht hat, diesen bis vor kurzem halb Vergessenen einen Arzt gegen die Einseitigkeiten unserer Zeit zu nennen. »Der Mensch ist so verbissen nicht Als sein Gesicht. Auf die Menschheit schimpft er weidlich, Mit den Leuten steht er sich leidlich; Seinem Kopfe will weniges gut scheinen, Mit seinem Herzen versteht er manches zu reimen.« (Handschriftlich vor Goltz' Autobiographie.) I. Der deutsche Genius und seine Bedeutung für die Welt. Oken Lorenz Oken (1779–1851), Naturforscher und Begründer der neueren Naturphilosophie. hat die Tiere, nach der hervorstechenden Entwickelung ihrer Sinne, in Augen- und Gehör-, Zungen- und Geruchstiere eingeteilt. In Konsequenz dieser Grundanschauung mag man den Menschen das Gehirn- oder Nerventier nennen, weil in ihm alle Sinne die höchste Potenz gewinnen können, wie dies die Wilden dartun, und weil die Wurzel dieser vollkommenen Sinnentätigkeit das entwickelte Nervenleben ist. Die Physiologen haben demnach zutreffend gesagt, der Mensch sei das Geschöpf par excellence ; denn in seinem Organismus sind nicht nur die Fakultäten und Kriterien aller Tierklassen, sondern alle Reiche der Natur zum harmonischen Ganzen versöhnt. Der Mensch ist nach uralter Vorstellung ein Mikrokosmus, das Maß für alle Dinge, für alle Geschichten und Geschöpfe; die Quintessenz des Staubes, wie es der Witz Shakespeares formuliert. Diese Vorbetrachtung ist notwendig, um von vornherein über die Natur des Deutschen orientiert zu sein. Wie nämlich der Mensch das Geschöpf der Geschöpfe ist, so darf man den Deutschen für den bevorzugten Menschen ansehen, weil er in der Tat die charakteristischen Eigenschaften, die Talente und Tugenden aller Rassen und Nationen in sich zu einem Ganzen vereint. Der deutschen Weltbürgerlichkeit und Universalität wird die Charakterlosigkeit, der Mangel an Nationalität und Nationalehre vorgeworfen; die Deutschen tun aber ganz gescheut, wenn sie im Bewußtsein ihres Genius jene Ausstellung mit der Wahrheit parieren, daß die prätendierte Charakterfestigkeit der andern Nationen (soweit sie sich überhaupt nachweisen läßt) in Einseitigkeit und Starrsinn, daß insbesondere der Nationalstolz in Hochmut, Egoismus und Geistesbeschränktheit, in einem Mangel an objektivem und weltumfassendem Verstande begründet ist. Der deutsche Charakter hat ungeachtet seiner Universalität und weltbürgerlichen Zerfahrenheit unendlich tiefere Züge als der Charakter der romanischen und slawischen Nationen. Während bei diesen nur die Masse ein Gepräge darlegt und nur die Masse sich als ein Volk fühlt, so zeigt der Deutsche als Individuum eine eigentümliche Geistesphysiognomie, ein Gottesgewissen und ein Gemüt, in welchem sich die Geschichte der Menschheit bewegt und inkarniert. Nach einem Dutzend Franzosen, Russen, Polen und Italienern kann man leichter diese drei Nationen Polen und Russen zusammen als eine gerechnet konstruieren, als man das deutsche Volk begreift, wenn man tausend Deutsche studiert hat. Die Physiognomie eines Landes ist leichter zu fassen als die des Erdballs, und der Charakter der ganzen Schöpfung offenbart sich nur in geweihten Augenblicken dem Genius und Propheten. So wird denn auch der Charakter des Deutschen nur vom deutschen Genius gefaßt. Der deutsche Mensch bedeutet in jedem Individuum eine aparte Welt; er ist am meisten eine Person; er ist im tiefsten Sinne des Worts ein Charaktermensch schon um deswillen, weil er, verglichen mit den Individuen anderer Nationen, eine Person, ein Genie, ein Original, ein Gemütsmensch, weil er kein Figurant, kein soziales oder »politisches Tier« im Sinne der Franzosen ist, die sich in dem Augenblick als die charakter- und gemütlosesten Personagen dekouvrieren, wo man sie nicht mehr als Nation, sondern als Personen ins Auge fassen will. Die Holländer besitzen Nationalstolz und Charaktereigentümlichkeit in den Individuen wie in der Masse des Volkes; sie zeigen willensfeste, gedankenkonsequente, formenkonsequente Menschen, Eisenköpfe, noble Pedanten in Masse auf und sind Deutsche, die sich eben um deswillen Mann für Mann als Personen und Originalcharaktere darstellen, sobald man sie mit andern Nationen vergleicht. Die Engländer gleichen den Holländern in den angegebenen Grundzügen auf das Frappanteste, und daß diese Gleichheit nicht von der normannischen oder urbritannischen, sondern von der angelsächsischen Wurzel herrührt, beweist ja eben der Charakter des holländischen Brudervolks. Die holländischen Deutschen erzogen einen Nationalstolz und Gemeingeist, weil ihre Verhältnisse dazu angetan waren; aber die Franzosen hatten Gelegenheit, einen Weltverstand, ein Kolonialtalent zu erwerben, und vermochten es keinmal. Die deutsche Nation kann keinen Charakter im Sinne der andern Nationen haben, da sie sich durch die Literatur, durch Vernunftbildung zu einem Weltvolke generalisiert und geläutert hat, in welchem die ganze Menschheit ihre Lehrer und Erzieher anzuerkennen beginnt. Ja wir sind, wir waren, wir bleiben die Schulmeister, die Philosophen, die Theosophen, die Religionslehrer für Europa und für die ganze Welt. Dies ist unser Genius, unsere ideale Nationaleinheit, Nationalehre und Mission, die wir nicht gegen das Ding oder Phantom austauschen dürfen, was von den Franzosen oder Engländern Nationalität genannt wird. Wir sind und bleiben ein weltbürgerliches, welthistorisches Volk im bevorzugten Sinn und können eben um deswillen kein dummstolzes, nationalstolzes, tierisch zusammengeschartes und verklettetes Volk sein, das ähnlich den wilden Gänsen im römischen großen A fliegt, das sich, den Franzosen und Polen gleich, in jeder Versammlungen einer Proberevolution oder Eintagsrepublik kristallisiert. Wir sind, was wir natürlicher-, welthistorischer- und prädestiniertermaßen sein müssen: wir sind das Volk, in welchem alle andern Völker und Rassen des Erdbodens ihre Wurzeln und ihre Wipfel haben. Wir sind so mühselig, arbeitsam und kunstfertig wie die Chinesen; wir haben oder hatten ihre Pietät gegen Eltern und alte Leute, ihren Kultus des Ackerbaues und ihre Heilighaltung des Fürsten, ihren Respekt vor der Gelehrsamkeit und dem uralten Gebrauch. Die Holländer besitzen alle Tugenden der Chinesen, ihre Ehrfurcht vor dem Alter, den Standesunterschieden, dem Zeremoniell, ihre Handelsgewandtheit, leider auch ihre Geldreligion und nichtsdestoweniger die zäheste Tapferkeit und einen Republikanerstolz, der in einem angestammten demokratischen Geiste, in den solidesten Volkstugenden, in Arbeit und Mannhaftigkeit, in Willensstärke und charakterfester Vätersitte gegründet ist. Wir Deutschen zeigen in unserer Gelehrsamkeit und in allen Verhältnissen die jüdisch-talmudistische Spitzfindigkeit und Zergliederungskunst, die jüdische Zähigkeit, Zerbröckelung und Unverwüstlichkeit, die jüdische Unverträglichkeit, Verlästerung, Neiderei und Zänkerei im Privatleben; unbeschadet dessen die jüdische Geselligkeit, Gemütlichkeit und Mitleidenschaft, den zärtlichen Sinn für Familienleben, welcher die Juden noch bis zum heutigen Tage charakterisiert. Wir haben ihren Individualismus geerbt, der in der ganzen Alten Welt (mit Ausnahme anders gearteter Ausgestaltungen in Indien) nicht weiter zu finden ist; und dieser Individualismus, den die deutschen Literaten heute an dem deutschen Volke verwünschen: er war es, der aus dem jüdischen Schoße die Eigenart des Volkes, ihre religiöse und politische Absonderung, den darauf bezüglichen Gesetzeseifer, die Autoritäten, die Richter, die Helden, die Propheten, die Erkenntnis eines persönlichen Gottes und in der Konsequenz das herzige, gemütstiefe, auf die Heiligung und Erlösung der Person berechnete Christentum gebar, welches vor allen Völkern in den Deutschen seine tiefsten Wurzeln geschlagen hat. Wir besitzen nicht nur Anlagen für den separatistisch-indischen Kastengeist, sondern das entgegengesetzte Extrem: die formlose arabische Märchenphantasie und die grübelnde Mythentheosophie der alten Inder. Ihre ungeheuerliche Göttergenesis spiegelt sich in der nordisch-deutschen Götterlehre zurück. Die indische Grottenbaukunst hat mit der gotischen Baukunst die Abenteuerlichkeit, den subjektiven, phantastischen Charakter und das individualisierende wie idealistische Prinzip gemein. Die sentimentale »Sakuntala« Das berühmte Schauspiel des indischen Dichters Kalidasa (6. Jahrh. n. Chr.). ist durch und durch deutsch. Indische Theosophie und Naturphilosophie können wir bei Jakob Böhme, Der Hauptvertreter der deutschen Mystik des 16. Jahrhunderts, Philosoph und Theosoph (1575–1624). Paracelsus Der Arzt und mystische Philosoph Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim (1493–1541). und Swedenborg Der schwedische Theosoph Emanuel von Swedenborg (1688–1772), Begründer eines phantastischen Rationalismus. studieren; die indischen Gymnosophisten »Nackte Weise«, Asketen und Einsiedler. und Fakire fanden und finden nicht nur am deutschen Säulenheiligen Daniel, sondern an zehnmal Zehntausenden von deutschen Asketen und närrischen Heiligen ihre Vollblutnachkommenschaft. Wir sind aber nicht nur indisch, sondern auch speziell ägyptisch geartet und organisiert. Wir waren das ganze Mittelalter hindurch so hieroglyphisch-sphinxrätselhaft, so symbolisch-mystisch-theokratisch-mumienhaft balsamiert und bandagiert, so labyrinthisch, so traumdeuterisch, so memnonssäulenmäßig, so abgeschlossen, so abgekammert und partikularisiert; wir waren so materialistisch in den Bauch der Erde eingewühlt und dann wieder so pyramidal und obeliskenspitz idealistisch in die Himmelsbläue gewachsen, daß uns zuletzt nichts weiter übrigblieb, als jene ungeheuerlichen Kontraste und Exzentrizitäten auf die Literatur zu übertragen, wo sie vorzugsweise in den politischen und publizistischen Tendenzen figurieren. Wir harren der Versöhnung von dynastischer Autokratie und Demokratie, von Rückwärts und Vorwärts, von Pedanterie und Abenteuerlichkeit, von Schematismus und »Urbrei«, von Immanenz und Transzendenz, von Zentrifugal- und Zentripetalkraft, von Autoritäten und Ideen, von Sozialismus und Partikularismus. Außerdem offeriert sich der ägyptische Lebensstil, d. h. der symbolische und idealistische Schematismus, dem kuriosen Liebhaber auch noch in der deutschen Philosophie, Philologie und Theologie; und was die Jurisprudenz betrifft, so weiß man nicht zu sagen, ob sie sich tiefer in die Erde oder in die Wolken hineinwühlt. Keinenfalls können es die ägyptischen Katakomben mit der Abgründlichkeit des historischen Rechtsbodens oder die Pyramiden mit den Rechtsideen, d. h. mit den Montgolfieren, Luftballons. Die Brüder Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier (1740– 1810 und 1745–1799) waren Erfinder der durch erwärmte Luft emporgehobenen Luftballons (1783). aufnehmen, in denen der professionierte deutsche Rechtsgelehrte die Sphäre von Rechts wegen erreicht, wo ihm Hören und Sehen und alle übrigen Sinne vergehen. Wer endlich kein Dichter, kein Denker und Rechtsgelehrter ist, der kann in allen kleinen Staaten und Städten die ägyptischen Kulturgeschichten repetieren, wenn er ein bißchen symbolischen Verstand und Übersetzertalent in sich verspürt, und an beiden Qualifikationen gebricht es dem Deutschen keineswegs. Nachdem solchergestalt in Ernst und Scherz dargetan ist, wie tief unsere Wahlverwandtschaft mit Chinesen, Indern, Juden und Ägyptern begründet ist, so sind wir der Mühe überhoben, sie auch noch mit Griechen und Römern oder mit den slawischen und den romanischen Nationen darzutun. Wir besitzen die englische Gründlichkeit und Akkuratesse, aber nicht die englische Einseitigkeit, Pedanterie, Bizarrerie und Geschmacklosigkeit, auch nicht die englische Brutalität oder Perfidität. Wir haben die französische Handlichkeit, Anstelligkeit, Gewandtheit und Eleganz in allen technischen Künsten, aber ohne die französische Ostentation, Windbeutelei und Scharlatanerie. Wir verstehen uns auf die Musik und alle schönen Künste tiefer als die Italiener, aber ohne ihre Sinnlichkeit, Phantasterei und Oberflächlichkeit. Wir sind Ackerbauer und Viehzüchter mit Naturliebe und patriarchalischem Gemüt, wie nur die alten Polen und die Ungarn; aber wir sind keinmal so unwissende, halbwilde, gegen jede Grammatik und Vernunft verschworene Grasteufel wie sie. Wir haben mit den Russen und Chinesen das Talent des Nachahmens und des Gehorsams, die Kaiseridee und Kaiserheiligung gemein; aber wir verstehen auch originell, obstinat und, wenn's sein muß, »passiv-rebellisch« zu sein. Wir sind wandersüchtig wie Kirgisen und Tataren und kleben doch an der Scholle. Man hat uns Stuben- und Kammermenschen gescholten und zugleich die Auswanderungslust vorgeworfen; wir sind kurzsichtig und übersichtig; wir sehen als Praktiker den Wald vor lauter Bäumen und dann wieder als Theoretiker die Bäume nicht vor lauter Wald. Wir sind tüpflig, häklig, »endelich« (das Ende der Dinge und Handlungen bedenkend), wir sind schwierig, schiefrig, jeden Punkt erwägend; und dann wieder sind wir idealistisch, schwärmerisch über alle Realitäten und irdischen Anstöße hinweg. Wir lassen uns pedantisch und romantisch, zeremoniell und sackgrob, delikat und unflätig, zartsinnig und ungeschlacht finden. Wir balancieren Eulenspiegels Narrheiten und die Sprichwörterweisheit Salomonis; wir leben von Kartoffeln und Sauerkraut, wir essen in Norwegen Brot mit Birkenrinde und trinken im nördlichen Deutschlande Spiritus und Rum. Wir wissen selbst nicht, ob wir mehr der Frugalität oder der Völlerei und allen andern Extremen ergeben sind. In unsern Köpfen, und namentlich in unsern Dummköpfen, kribbeln und wibbeln alle erdenklichen Gedanken wie in einem Ameisenhaufen so durcheinander, daß uns Arndt »ein Wurmvolk« genannt hat; und dann wieder kommt ein Kepler oder ein deutscher Schuster, wie Jakob Böhme, und erraten noch vor Newton das Gesetz der Schwere; und ein Kopernikus besiegt und rektifiziert den Augenschein und ruft der Sonne ein Halt zu; aber auch die Sonne dreht sich um ihre Achse und um eine tiefste Sonne, deren Ruhe und Bewegung kein Sterblicher begreift. Wir Deutschen haben konzentrische Grundbewegungen, mit unberechenbaren exzentrischen Paroxismen verbrämt und durchwirkt. Wir sind ein von Charakter menagiertes und doch im Geiste ein ausschweifendes, von Phantasiestücken und Reaktionen leicht alteriertes und im letzten Stadio ein von Reue und Gewissensängsten zerrissenes Volk. Wir haben die Zentrifugal- und -petalkraft unseres Wesens zu einer Ellipse ineinsgebildet, aber es fahren närrische, unreife Kometenphantome quer über das Sonnensystem unserer Schulvernünftigkeit. Das Gesetz unserer Kulturgeschichte zeigt unberechenbare Störungen und Abnormitäten, in welchen sich ein pathologisches Grundwesen manifestiert; die deutsche Pathologie ist aber nicht die sinnlich egoistische Reizbarkeit des Romanen, sondern die weltbürgerliche Sensibilität eines Volkes, in welchem sich die Weltgeschichte eingefleischt, welches die Gottheit vorzugsweise zum Träger des Geistes der Menschheit bestimmt hat. Es ist in aller Geschichte Ebbe und Flut, ein Wechsel von Einseitigkeiten, von Exzentrizitäten; und doch ändert das »Hin und Her« nicht die Hauptströmung, das Durchgreifen einer leitenden Idee. Die Geschichte verwendet alle Zeiten und Nationen als Organe der Wahrheit; aber nur gewisse Völker wie Individuen macht sie zu Trägern des ganzen Reichtums ihrer Gedankenprozesse, während die andern Nationen und die Masse der Individuen nur zu Vertretern des einen oder andern Faktors der Wahrheit, zu Organen der Natur oder des Geistes, des Realismus oder des Idealismus ausersehen sind. Gibt es nun ein Volk, von welchem die Weltkultur seit der Völkerwanderung bis auf diesen Tag beherrscht und in allen Faktoren vertreten wird, so ist es das germanische Volk. Es leitete die römische Geschichte in seine Adern, indem es römisches Recht wie römische Sitte assimilierte und durch das Christentum zu einer neuen Potenz erhob, zu einem neuen Organismus entwickelte. Die Longobarden verwandelten die Lombardei fast in ein deutsches Land, und im fränkischen Reich ward zum erstenmal die antike griechische Kultur durch deutschen Geist aufgewuchtet; sie blieb auf Byzanz beschränkt, bis ihr die Kreuzzüge den Rest gaben. Von den Angelsachsen wurde die keltische Kultur in Britannien absorbiert, und die Engländer, die Erbnehmer deutscher Art, sind es, welche Indien zivilisierten und Nordamerika kolonisierten. Diese Amerikaner aber haben wiederum die sichtbare Mission, ganz Amerika und mit ihren Stammgenossen, den Engländern, die ganze außereuropäische Welt zu beherrschen. So geschieht es, daß sich die Deutschen durch ihre Auswanderungen, ihren Kolonisationsverstand, ihre Wissenschaft und Weltliteratur zu den Erziehern ganzer Weltteile erheben. Diese Rolle und keine geringere vertritt das deutsche Volk in der Weltgeschichte sichtbarlich und ohne eine Spur des Übermutes, zu welchem alle andern Nationen durch ihr prononciertes Nationalgefühl angetrieben werden. Aus dem Schoße des deutschen Volkes gingen die bedeutendsten Entdeckungen und Erfindungen hervor. Kolumbus kannte die Reisen des Nürnberger Martin Behaim Geograph und Verfertiger eines großen Erdglobus, der noch jetzt vorhanden ist (um 1459-1506). nach Amerika, von der Küste Afrikas aus. Die »Geographischen Mitteilungen« von Petermann, November 1858, resümieren die Schrift von A. Ziegler: »Kolumbus und Martin Behaim« dahin: »Fassen wir all das in bezug auf Martin Behaim Gesagte zusammen, so läßt sich nicht beweisen, daß Martin Behaim Geograph und Verfertiger eines großen Erdglobus, der noch jetzt vorhanden ist (um 1459-1506). der Vater der westlichen Entdeckungen, der wirkliche Entdecker Amerikas gewesen sei. Das aber läßt sich mit Gewißheit annehmen, und die neuern Untersuchungen haben dies auch unwidersprechlich gelehrt, daß der weit im westlichen Ozean lebende berühmte Kosmograph Martin Behaim aus Nürnberg jedenfalls Kolumbus in seinem Plan, nach Westen zu segeln, bestärkt und wesentlich zur Ausführung des Planes von Kolumbus beigetragen habe. Somit ist Behaim für die Entdeckung Amerikas von wesentlichem Nutzen gewesen, und der deutschen Wissenschaft kommt die Ehre zu, jenen berühmten Seefahrern, Kolumbus, Vespucci, [Amerigo Vespucci, italienischer Seefahrer (1451-1512), nach dessen Namen der neuentdeckte Erdteil auf Vorschlag des deutschen Buchdruckers Waldseemüller Amerika benannt wurde. Vespucci hat vier Fahrten nach Amerika gemacht und sich um dessen Erforschung Verdienste erworben.] Vasco de Gama [Der berühmte portugiesische Seefahrer, der den Seeweg nach Ostindien um die Südspitze Afrikas entdeckte (1469-1524)], u. a. die Möglichkeit an die Hand gegeben zu haben, sich weiter in den Ozean hinaus zu wagen. In dieser Beziehung haben neben den Italienern, Spaniern, Portugiesen, Engländern und Franzosen auch die Deutschen, die armen Aschenbrödel, wenn auch nicht der seefahrenden, doch der seemächtigen Nationen – durch die natürliche hohe Begabung des germanischen Geistes teil an der Ehre, auf die Entdeckung und Entwicklung Amerikas ebenso bedeutend als wohltätig eingewirkt zu haben. Es muß übrigens spätern historischen Forschungen überlassen bleiben, neues Licht über die Behaimsche Frage zu verbreiten, die noch lange nicht als abgeschlossen zu betrachten ist.«. Nicht nur Kepler, sondern Jakob Böhme ahnete das Gesetz der Schwere vor Newton, welcher freilich die mathematische Formel gefunden hat. Die Formel heißt: »Die kleinsten Teilchen der Materie ziehen sich an im Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats ihrer Entfernung.« Es ist nicht leicht, die ganze Größe und Ausdehnung der Newtonschen Entdeckung zu überschauen, wenn man nicht die rastlosen Bestrebungen von Newtons Vorgängern überblickt. – Erst Kepler lehrte: »Die Planeten bewegen sich in elliptischen Bahnen, in deren gemeinschaftlichem Brennpunkt die Sonne steht.« Kopernikus, von deutschen Eltern abstammend und von deutscher Wissenschaft genährt, Die dahin bezüglichen Studien und veröffentlichten Dokumente verdanken wir Leopold Prowe in Thorn. entdeckte das wahre Sonnensystem. Gutenberg erfand die Buchdruckerkunst, und Luther war es, der im Beistande des norddeutschen Volkes durch die Reformation den Einfluß des romanischen Geistes abdämmte und dadurch für die ganze Welt eine neue Glaubens- und Lebensordnung herbeiführte, eine neue Kulturgeschichte beschwor. Leibniz und Kant, Fichte und Hegel, G. Forster, Georg Forster (1754-94), Reisender und Reiseschriftsteller. Seine klassischen »Ansichten vom Niederrhein« 1791-94 in drei Bänden. Sömmering (aus Thorn), Samuel Thomas von Sömmering (1755-1830), der berühmte Anatom und Physiolog. die Brüder Humboldt, Jakob Grimm ec. sind Deutsche, und nie hat ein Volk mehr und größere Genien in einer und derselben Zeit für Poesie und Wissenschaft zusammenwirken gesehen als zu Ausgang des vorigen und das deutsche Volk zu Anfange dieses Jahrhunderts. Die Träger dieser klassisch-romantischen Sturm- und Drangepoche: die Lessing und Herder, die Klopstock und Wieland, Goethe und Schiller, Hippel, Theodor Gottlieb von Hippel (1741 bis 1796), der Verfasser der »Lebensläufe in aufsteigender Linie«. Hamann Johann Georg Hamann(1730-88), der »Magus aus Norden«, der durch seine Schriften auf Herder, Goethe und andere Zeitgenossen bedeutend eingewirkt hat. und Jean Paul, bilden noch bis zum heutigen Tage den Kern und zugleich die Peripherie, den Nährstoff, das Problem, den Zankapfel, das Vorbild, das Elend, den Stolz, die Verzweiflung, die Weisheit und Torheit der deutschen Literatur, die mit der englischen alle tieferen Menschen der gebildeten Welt beherrscht. Um die deutsche Literatur zu begreifen, muß man das deutsche Wesen und Sozialleben verstehen. Der Deutsche orientiert sich mehr wie irgend eine Rasse von der Persönlichkeit zur Form; also auch bildet sich bei ihm der Staat viel tiefer und entschiedener aus dem Familienleben, aus den Sitten und Zuständen der Gesellschaft, wie aus den physischen und geographischen Bedingungen des Landes heraus. Diese Tatsachen bilden eben die deutsche Sozialpolitik. Der Deutsche entwickelt sich naturgemäß aus einem lebendigen Kern und Herzpunkt zu einer Peripherie; er läßt die Form wachsen, während sie in Frankreich gemacht wird. Die Zentralisation in Frankreich ist nur Diagnose des mechanischen und seelenlosen Verstandes, der sich von den Römern auf die romanischen Rassen vererbt hat; denn ihnen war die »Urbs« Lateinisch: die Stadt, d. h. Rom. der Mittelpunkt nicht nur des Reiches, sondern der Welt. Alle Heerstraßen und aller Verkehr aus den angestammten Provinzen wie aus den eroberten Ländern, die zu Provinzen gemacht wurden, führten auf Rom. Es gab nur einen Schwerpunkt in der römischen Welt, und als der zweite in Konstantinopel gefunden war, ging das römische Reich entzwei, weil es von Hause aus nur für einen Gravitationspunkt und aus einem solchen, mehr mechanisch als organisch, herausgestaltet worden war. Aber weil der Deutsche eben ein naturwüchsiger, ein tiefpersönlicher, auf Seelenbildung und eigentümliche Existenz angewiesener Mensch ist: darum treibt ihn ein richtig sittlicher Instinkt zur Heiligung der Form, des Zeremoniells und der Religion. Eben der Naturalismus braucht zum Gegengewicht Übernatur; Religion wie Sitte bestehen nur in strenger Form. Das Frauenzimmer steht der Natur in jeder Beziehung näher als der Mann, es ist seelenvoller, persönlicher, eigenwilliger und von Natur mehr zum Partikularismus geneigt als der Mann, in welchem der vernünftige Geist und die Schulbildung vertreten wird; aber das Gefühl der sinnlichen Schwäche treibt das Weib mehr wie den Mann zum Zeremoniell, zur strengen Sitte und zur Religion. Das Weib ist zugleich natürlicher und sittlicher, sinnlicher und keuscher, seelenvoller und pedantischer, phantasiereicher und förmlicher, poetischer und profaner als der Mann. Die Frauen sind delikat und zart, sie individualisieren und partikularisieren, wo sie generalisieren sollen; und dann wieder sind sie mehr zu einem durchgreifenden, tyrannischen und schematischen Verfahren, mehr zu einem Mechanismus geneigt als der Mann. Der Deutsche steht den andern Nationen gegenüber wie das Weib dem Manne. Der Deutsche hat mehr Natur, mehr Seele und Persönlichkeit, mehr Phantasterei und Idealismus, mehr Herzensdelikatesse, Mitleidenschaft und Humanität, mehr Gemütseigenschaften, mehr Verleugnung und Hingebung wie irgend eine Nation und zugleich, nach dem ewigen Gesetz der Reaktion, auch mehr förmlichen und skrupulösen Verstand, mehr Zeremoniell, mehr Pedanterie als irgend ein Volk der Welt. Und doch ist der Deutsche um seiner Vernunftüberlegenheit der männliche Mensch; er hat also das Wesenhafteste und Bedeutsamste vom Weibe wie vom Manne; er ist das Genie des Menschengeschlechts. Man wird nie darüber einig: soll man mehr über die deutsche Phantasterei oder über den deutschen Schematismus erstaunen, soll man den Deutschen mehr einen Träumer und Ideologen oder Pedanten schelten oder ihn um seiner Wissenschaftlichkeit und Handgeschicklichkeit bewundern; denn durch beide entgegengesetzte Eigenschaften ist er zugleich der Schulmeister und der Altgeselle des Handwerks für die ganze zivilisierte Welt. Dieser Deutsche, der die politische Einheit Deutschlands nicht finden kann, der den politischen Staat und das äußere Gleichgewicht mit den andern Staaten so schwer begreift, derselbe hilft Staaten und Städte in fremden Weltteilen gründen, der kolonisiert die ganze Welt, weil er sich am leichtesten zu der Eigentümlichkeit jedes Volkes hinüberlebt, ohne die seinige aufzugeben. So versteht das Weib in der Ehe sich dem Manne zu fügen, während sie ihn zugleich mit ihrer Eigentümlichkeit beherrscht. Derselbe Deutsche, der scheinbar zu widerwillig und nachlässig ist, um bei jeder kleinen Gelegenheit seine Interessen und Freiheiten zu verteidigen, der sich schwer in einen Kampf auf Tod und Leben einläßt, wird ein Bergstrom, dem nichts widersteht, wenn er einmal zum Kampfe losbricht, weil er aufs äußerste gebracht ist. Das Wesen des Deutschen ist so unergründlich wie die weibliche Natur. Auch das delikate, schämige, empfindsame und passive Weib wird ein Held und Märtyrer, ein Dämon, wenn es sich in seinem tiefsten Gefühl gekränkt sieht, oder wenn seine elementare Natur den Damm der Sitte und Form durchbrochen hat. Der Franzose stellt sich als einen weibischen Menschen im verächtlichen Sinne dar, weil er die Ostentation, die Wetterwendigkeit, die Laune und Eitelkeiten der Frauenzimmer nicht verleugnen kann, weil er dem Weibe in der Ehe die Souveränität abgetreten hat; der deutsche Christ aber manifestiert in der Kulturgeschichte die weibliche Fruchtbarkeit und Bildkraft, die allseitige Empfängnis, die Verschmelzung des Geistes mit der Seele, mit Liebe, Glaube und Poesie. Im Weibe haben sich die Rassen, hat sich der römische, der griechische, der altägyptische und der altslawische Typus bis zum heutigen Tage am reinsten konserviert. Ganz so erhalten und entwickeln sich im Deutschen die Rasseeigentümlichkeiten aller der Stämme, aus denen er hervorgegangen ist, und die sich mit ihm vermischt haben. Der Deutsche ist der Universalmensch, die Mutter der übrigen Nationen, das Weib des Menschengeschlechts, welches nicht nur die Fakultäten und Tugenden aller andern Rassen in seinem Wesen versöhnt, sondern mit demselben die Einseitigkeiten der andern Völker ergänzt, sie erzieht, sie alle mit seinem Geiste ernährt, sich für alle verleugnet, alle pflegt und studiert, mit allen verkehrt, von allen verhöhnt und doch von allen gefürchtet und in seiner Geistesüberlegenheit anerkannt wird. Es ist keine Not um die deutsche Rasse: sie kann und darf so wenig untergehen, als die Religion, die Vernunft und die Natur! Gibt es eine Weltökonomie, eine göttliche Vorsicht, einen Fortschritt des Menschengeschlechts, eine wachsende Humanität, so wird es auch eine deutsche Rasse geben bis zum Ende der Welt. Aus ihr entnimmt die Gottheit die Erzieher, die Propheten, die Reformatoren, die Helden, die Philosophen und Dichter des Menschengeschlechts. Eben darum aber muß der Deutsche ein Universalmensch, muß die deutsche Rasse eine universell-persönliche und die Konstruktion dieser Persönlichkeit für den Schulverstand eine unmögliche sein; denn was vom Schulverstande als Dualismus oder Widerspruch begriffen wird, besteht als Weltgeschichte, als Welt, die trotz aller Verstandeswidersprüche diese wirkliche, unverwüstliche, kompakte, ewig weiter prozessierende Wunder- und Gotteswelt bleibt. Gebärt sich das Dasein aus Sein und Nichtsein, ist die Ewigkeit in der Zeit, der Geist in der Materie und das Weltobjekt in den Subjekten gehalten, ist der Anfang aus dem Nichts gekommen oder die Zeit ohne Anfang und von Ewigkeit, so wird auch das deutsche Volk seine deutsche Einheit in seinem deutschen Partikularismus, so wird es seine Geistesherrschaft und Eigentümlichkeit trotz seiner Zerfahrenheit, so wird es seine Nationalität in seiner Weltbürgerlichkeit, so wird es seine primitive Natur in seinen Kulturprozessen, seine Sittlichkeit, d. h. seinen generischen Charakter, in seiner Sondertümlichkeit bewahren; so wird es weder im Idealismus noch im Materialismus untergehen. Die Schulknaben müssen von ihren Lehrern rektifiziert und gescholten werden und sich gleichwohl nicht an alles kehren, was ihnen die Pädagogenpedanterie in allen Augenblicken am Muten ist. Andernfalls werden sie Duckmäuser und bleiben dumme Jungen bis in die Zeit hinein, wo sie Männer sein sollen. Dumme Streiche und Prügel bilden sonst von Rechts wegen die Reziprozität, die Korrelata der Jugendkultur und Existenz. Was nun das deutsche Volk anbetrifft, so hat es sich um soviel weniger an die Literaturweisheit und Literaturlamentationen derer zu kehren, die ihm aus Gründen seiner politischen Zerfahrenheit und Dickfelligkeit den Untergang prophezeien, als ihm diese Propheten ein für allemal ein ausschließlich souveränes Recht und eine Gottesstimme zuerkannt haben. Publizisten, Sozialisten und überfromme Christen haben das von jeher mit den alten Weibern gemein gehabt, daß sie von Zeit zu Zeit immer wieder Weltuntergang prophezeien, weil sie Sternschnuppen für fallende Sterne und politisches Feuerwerk für Weltbrand ansehen. Das deutsche Volk absolviert unterdes seine weltbürgerliche Lebensart und macht seine sozialen wie politischen dummen Streiche, die sich in letzter Instanz als ebenso viele Gesetze und Freiheiten einer weltewigen Humanität und Kulturgeschichte erweisen. Eine so universelle Volksindividualität wie die deutsche, in der alle sinnlichen und geistigen Kräfte der Menschennatur, mehr als bei irgend einem andern Volk der Erde, zur harmonischen und gleichwohl potenzierten Entwickelung drängen, ein Volk, von dem man mehr als gleichnisweise sagen darf, es bilde das Zerebral- und Gangliensystem der Natur und Menschenwelt: ein solches Volk kann eben darum unmöglich einen einseitigen und bornierten Nationalcharakter, einen englischen Nationalstolz und einen kommunistischen Sozialismus nach französischer Schablone ausgestalten. Die Deutschen sind eben ihre eigenen Heiligen und Originale trotz dessen, daß nach Hegels Ausspruch »diese Originalität der Satansengel ist, der die Deutschen mit Fäusten schlägt«. Die gelehrten Rektifikationen sind dem Volke nicht überflüssig; im ganzen aber beweist es seinen gesunden Instinkt: daß es sich weder durch Literaturlamentationen und Zensuren, noch durch Zeitbedürfnisse, durch brennende Fragen in Kirche und Staat, noch durch Wetterwolken am politischen Horizont in seiner angestammten Natur und welthistorischen Laufbahn irre machen läßt; sintemal der Kultur- und Naturinstinkt des deutschen Volks so berechtigt ist, als die deutsche Gelehrsamkeit und Literatur und aus allen Faktoren zusammen sich die Menschengeschichte herausprozessieren muß. Seit dem Verschwinden des Paradieses begann die Geschichte der Menschenkultur mit dem Kampfe zwischen Natur und Geist, der sich in den Jahrtausenden zu einem Widerstreit zwischen Herzenssympathien und Pflichtgeboten, zwischen Schulvernünftigkeit und vergeistigter Sinnlichkeit, zwischen Literaturpoesie und Sozialverstand verfeinert, schematisiert und abgeschwächt hat. Die sinnliche Natur des alten Adam hat sich endlich den Forderungen der Vernunft und Religion wie des Schulverstandes gefügt, welcher die menschliche Tierquälerei mit einer Unmasse von Formen und Methoden vervollständigt hat. Der gebrochene Eigenwille des Kindes könnte aber gleichwohl nicht den Formalismus der Schule und Sitte in Fleisch und Blut verwandeln, wenn dem armen Schüler und Schacher am Kreuze der Pädagogik, der Grammatik und Konvenienz, nicht das Wunder zu Hilfe käme, auf welches uns bereits der Tierbändiger van Aken Der holländische Menageriebesitzer Van Aken (gest. 1841 im Wahnsinn), der es als Erster wagte, seinen Kopf in den Rachen eines Löwen zu legen. ausdrücklich aufmerksam gemacht hat, und welches darin besteht, daß die anerzogenen Eigenschaften des wilden Tieres (die Dressur) auf sein Junges vererben. Von unsern Jägern und Bereitern wissen wir schon von jeher, daß junge Hunde und Pferde, die von gut dressierten Müttern abstammen, sehr viel leichter als Wildlinge zuzureiten und respektive zur Jagd abzurichten sind. Wer die dahin bezüglichen Beobachtungen und Tatsachen auf die Menschen in Anwendung bringen will, wird erfahren, daß und warum heute bereits der Literaturstil, die soziale Grammatik, die Nationalökonomie und die enzyklopädische Naturwissenschaft mit der Muttermilch eingesogen werden; was zumal dann nicht ausbleiben kann, wenn die Mutter bereits in höheren Töchterschulen mit der Literaturmilch genährt worden ist. Die unbändige Adamsnatur hat sich also der Schule, der Kirche, dem Staate, der Sozietät und letztlich den bloßen Konvenienzen, den Kapricen der ewig wechselnden Mode gefügt. Gleichwohl ist noch bis zum heutigen Tage ein Tropfen rebellischen Adamsblutes übriggeblieben, der die absolute Zähmung und den Abschluß der Kulturprozesse zum Heile der Lebenspoesie, des Mutterwitzes, der Liebe und der Glückseligkeit inhibiert. Dieser Blutstropfen prozessiert aber in den slawischen und romanischen Völkern, wegen des absoluten Mangels an Schulvernünftigkeit so stark, daß er alle Kulturerrungenschaften absorbieren würde, wenn die Deutschen nicht mit ihrem Sinn für Vätersitten, für gefestigte und eingelebte Formen das gestörte Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Vernunft, von Natur und Übernatur immer wieder herstellten. Diese Weltvernunft des Deutschen also, welche dem übersinnlichen Faktor des Menschenlebens ebensoviel Rechnung als dem sinnlichen zu tragen versteht, diese absolute Natur des Deutschen, welche ihn zum Nationalstolz untauglich macht, ist der Grund und die welthistorische Kraft der deutschen Nation! II. Die deutsche Sprache und die deutschen Sprüchwörter. a) Die deutsche Sprache. »Wer seine Muttersprache, wer die süßen, heiligen Töne seiner Kindheit, die mahnende Stimme seiner Heimat nicht liebt, der verdient nicht den Namen Mensch.« Herder . »Ich frage nicht sowohl: was ist Vernunft, als: was ist Sprache?« Hamann an Jacobi . Der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819). »Welche Sprache darf sich mit der deutschen messen, – welche ist so reich und mächtig, so mutig und anmutig, so schön und so mild als unsre? Sie hat tausend Farben und warme Schatten. Sie hat ein Wort für das kleinste Bedürfnis der Minute und ein Wort für das bodenlose Gefühl, das keine Ewigkeit ausschöpft. Sie ist stark in der Not, geschmeidig in Gefahren, schrecklich, wenn sie zürnt, weich in ihrem Mitleid und beweglich zu jedem Unternehmen. Sie ist die treue Dolmetscherin aller Sprachen, die Himmel und Erde, Luft und Wasser sprechen. – Was der rollende Donner grollt, was die kosende Liebe tändelt, was der lärmende Tag schwatzt und die schweigende Nacht brütet; was das Morgenrot purpurfarben, gold und silbern malt, was der ernste Herrscher auf dem Throne des Gedankens sinnt; was das Mädchen plaudert, die stille Quelle murmelt und die geifernde Schlange pfeift; wenn der muntere Knabe hüpft und jauchzt und der alte Philosoph sein schweres Ich setzt und spricht: Ich bin Ich – alles, alles übersetzt und erklärt sie uns verständlich, jedes anvertraute Wort überbringt sie uns reicher und geschmückter, als es ihr überliefert worden ist. Der Engländer schnarrt, der Franzose schwatzt, der Spanier röchelt, der Italiener dahlt, nur der Deutsche redet. »Die Sprache ist die Scheide der Tat; – wir erheben das umhüllte Schwert und erringen unblutige Siege.« Börne . Das deutsche Wort ist ein »Logos«, Griechisch s.v.w. »Wort« oder »Vernunft«. In der Philosophie, der Griechen bezeichnete »Logos« die »Weltvernunft«, in der jüdisch-alexandrinischen den Weltgedanken Gottes, den sogen. Sohn Gottes, den Mittler zwischen Gott und Welt; und diesen Begriff hat der Evangelist Johannes benutzt, um Christi Verhältnis zu Gott darzustellen. Hier allgemeiner s.v.w. »geheimnisvolle, wirkende Kraft«. der als ein Evangelium der Vernunftbildung in den Kulturgeschichten aller europäischen Völker prozessiert und allen zur geistigen Wiedergeburt hilft. In der deutschen Sprache atmet die deutsche Seele, die Mitleidenschaft mit aller Kreatur, schlägt das deutsche Herz, zuckt der deutsche Nerv, wird Vergangenheit und Zukunft, Welttiefe und Weltoberfläche, wird Scherz und Todesernst, Vernunft und Torheit ineinsgebildet. Nur in der deutschen Sprache und in den Sprachen ihres Stammes wird das leiseste Gefühl und die Raserei der Leidenschaft, werden Himmel und Hölle, alle bösen und guten Geister, alle Flüsterstimmen der Liebe und Natur, die Mahnungen der Ewigkeit und des Gewissens, wird das leiseste Zucken der Lippen, der Blick des Auges, wird die Hieroglyphensprache der Geschichten, die göttliche Bilderschrift der ganzen Natur zur Rede gestellt! Nur in einer so tief und so reich gebildeten Sprache wie die unsrige erfährt der menschliche Verstand zugleich mit dem Herzen eine Fortbildung, eine Veredlung, eine unablässige Wiedergeburt; und umgekehrt sind es wieder nur die Deutschen und die verschwisterten Engländer, welche ihre Sprachen aus der Phantasie, aus dem Gemüte, dem Gewissen, den Vernunftanschauungen heraus prozessieren. Mundartlich s.v.w. prozedieren, hervorgehen, sich entwickeln lassen. Au den heiligsten Gerechtsamen und Vorzügen des deutschen Volkes, deren es sich mit Würde und Kraft bewußt ist, gehört das deutsche Wort. Mit ihm zeugt nicht nur die menschliche Vernunft ihre Weltweisheit, die deutsche Liebe und Frömmigkeit ihre Dichtkunst und Theosophie und der deutsche Genius seine Kulturgeschichte: in der deutschen Sprache kommt die europäische Menschheit zum vernünftigen Selbstbewußtsein, verkörpert sich der Heilige Geist der Welt. Von den Mysterien der Liebe, des Glaubens, der Natur wie der Übernatur spricht zart und würdig, spricht wahrhaftig und in lebendigster Mitleidenschaft nur ein deutsches Herz, ein deutscher Mund und der beseelte Verstand des Deutschen in deutscher Junge! Nur am deutschen Worte hängt noch der Blutstropfen, mit dem es sich vom Herzen losgerungen hat, und doch fügt es sich zu einer Ordnung, in der sich nicht nur das Naturgesetz widerspiegelt, sondern die göttliche Vernunft! Es ist ein Wunder der Wunder, mit welcher Hörigkeit die deutsche Sprache auch der leisesten Intention des Geistes nachzukommen vermag; mit welcher Ätherflüssigkeit sie sich jeder Stimmung anschmiegt, mit welchem Witz sie das Abstrakte verkörpert und das Körperliche vergeistigt, indem sie es in den Gedanken übersetzt. Auch den zartesten Ton, den lindesten Hauch, den Geistesduft, jede Bebung im Seelengrunde, jeden Pulsschlag des Herzens, die Kraft und Spannung des Charakters, selbst die Verschlingungen, die Metamorphosen und Nebelbilder der Verhältnisse – und dann wieder ihren komplizierten Mechanismus geben die deutschen Worte und Wendungen symbolisch und buchstäblich wieder. Wir erleben es an unsern Poeten und Philosophen von Wort zu Wort, wie der beseelte Verstand sich von der Sprache einen Geisterleib erbaut. Dieses Fleischwerden des Genius im Worte, die Selbstzeugung des Geistes im redenden Verstande, auf der brandenden Uferwelle des Lebens, mit dem Sabbat auf der hohen See, in der sich die Sterne spiegeln; das hehre äthergewobene Geistergewand einer keuschen Sprache, die wie Sternenlicht vom Himmel zur Erde fährt, das ist Prophetenstil, das ist eine Schreibart, unsterblicher Wesen würdig; so schreibt und spricht der Deutsche, wenn er dem Genius seiner Wundersprache folgt. Dem deutschen Vollblutstil der deutschen Sprache unsrer großen Männer in allen Schichten unseres Volkes fühlen wir es an, daß es eine Sprache in der Sprache gibt, und daß sich die Deutschen nicht nur im Verstände, sondern auch in der Seele verständigen. In der Ökonomie der Worte, der Redefiguren, Wendungen und Gedankengruppen; in der sprachlichen Taktik und Strategie, also im deutschen Stil, der bei jedem echt deutschen Dichter und Denker ein individueller ist, wirkt eine wundersame Macht, eine Symbolik, die das Gegenteil von dem andeuten und aussagen kann, was buchstäblichermaßen ausgedrückt ist. Von allen Menschen in der Welt spricht und liest wohl keiner so sinnig zwischen den Zeilen wie der Deutsche; denn kein anderer besitzt und bildet so viel transzendenten, so viel beseelten, symbolischen und poetischen Verstand. Wer dies Zeugnis nicht aus unsrer Sprache und Literatur, aus unsern Redensarten, Sprichwörtern, Märchen und Liedern entnimmt, der hat eben keinen deutschen Verstand. Die deutsche Sprache gibt den Maßstab für die Physiognomie des deutschen Verstandes; sie ist philosophisch, symbolisch, poetisch und dialektisch, sie ist ehrlich, seelenvoll, präzise, keusch und wortselig zugleich, hell und dunkel, durchsichtig und mysteriös. Wie sinnig, wie tiefsinnig und zartsinnig unsre Sprache ist, kann man nur an ganz bestimmten Beispielen zeigen: Unter »Wörtern« verstehen wir Elemente der Sprache in grammatischer Geltung, »Worte« aber sind Wörter mit sittlicher Bedeutung, z. B. »Drei Worte nenne ich euch inhaltsschwer.« – »Denk' an deine Worte!« Dagegen heißt's nicht Wortebuch, sondern Wörterbuch. Sagen ist in Übereinstimmung mit Sage ein Sprechen mit sittlicher Bedeutung, z. B. ansagen, absagen, zusagen, versagen, aussagen, besagen, vorsagen ec. ec. Sprechen ist in Übereinstimmung mit Sprache: die Veräußerung der innerlichen Prozesse ohne Rücksicht auf Zeichen und Form, also auch eventualiter die unmittelbare Verlautbarung des Innern, die bloße symbolische Andeutung oder die Ausdeutung der Intentionen der Natur (Natursprache). Reden ist in Übereinstimmung mit Rede das in Worten vermittelte, verständig geordnete, zu einem bestimmten Zweck förmlich eingerichtete Sprechen. Leichnam ist der tote Körper schlechtweg; Leiche ist der Körper, dem unlängst die Seele entfloh (der Schuß machte ihn zur Leiche), der also noch in Beziehung zu den Lebenden, als Gegenstand ihrer Pietät gedacht wird. Die Leiche hat ein Gefolge, bekommt eine Leichenrede; der Leichnam wird aufs Rad geflochten, kommt auf die Anatomie. Wieviel dem Deutschen eben an seiner Seele gelegen ist, und mit wieviel Nachdrücklichkeit er den Begriff der Seele entwickelt hat, zeigen die nur der deutschen Sprache eigentümlichen Doppelworte: Mühseligkeit, Saumseligkeit, Habseligkeit, Armseligkeit, Holdseligkeit, Redseligkeit, Leutseligkeit, Glückseligkeit, Traumseligkeit ec. Mit wieviel naivem Witz hat der Deutsche in diesen Worten seine Lieblingsschwächen und seine charakteristischen Tugenden mit der »Seele« zusammengereimt, und welch ein himmlischer Witz liegt darin zutage, daß nicht etwa aus dem schulgelahrten Geiste, sondern aus der Seele die Seligkeit produziert wird! Der Verfasser schrieb »Müh seel igkeit« u.s.w. und kommt durch diese Schreibart zur Ableitung von »Seele«. Jedoch hat das Eigenschaftswort »selig« sowie die Endung »-selig« mit dem Dingwort »Seele« nichts zu tun. Ersteres bedeutet »beglückt, gesegnet«, letzteres dagegen »das Innerste (das innerste Wesen) eines Dinges«. Beide Wörter haben verschiedenen Ursprung. Die mit »Mut« zusammengereimten Worte könnten diejenigen, die nicht recht wissen, was sie mit dem Begriff »Gemüt« anfangen sollen, überzeugen, daß der deutsche Mensch von sonst in seiner Wortbildung die Geschichten seiner Seele und seines Geistes niedergelegt hat. Nur ein moderner, abstrakter und säkularisierter Verstandesmensch kann meinen, das in Worten wie Anmut, Unmut, Wehmut, Wankelmut, Demut, Mißmut, Gleichmut, Übermut, Schwermut, Großmut, Hochmut, Langmut, Kleinmut, zumuten, anmuten, vermuten, sein Mütchen kühlen, gut zumute sein, Gemütlichkeit ec. nichts weiter als ein Wortspiel enthalten sei. Das Studium der Grammatik, der Redensarten, der Sprichwörter und des Wortschatzes, die Geschichte der deutschen Prosa und Poesie zeigt uns mehr wie eine andre Sprache den Dualismus und die Metamorphosen des Menschendaseins; Vergeistigung und Verkörperung, Vermittlung und Lebensunmittelbarkeit, Licht und Schatten, Verhüllung und Enthüllung, ein Symbolisieren und eine Buchstäblichkeit, einen verneinenden und affirmativen, einen bindenden und lösenden, einen schematisierenden und elementaren Geist; Mehrung und Minderung, Ebbe und Flut, Expansion und Kontraktion, Dynamik und Mechanik, Polarisation und Neutralisation; Blüte, Reife und ein Abfallen der Frucht vom Baume des Lebens, der Erkenntnis Gutes und Böses, mit neuem Samen und neuem Gedeihen! Es ist schwer, zu sagen, ob die Integrität des deutschen Gemüts, ob Scham, Gewissen und Prophetie durch die Sprachentwicklung in Literatur und Weltleben mehr gewonnen oder verloren haben. Man kann anführen, daß jede Kraft und Wesenheit sich in der Verneinung potenziere und am andern zur Selbstanschauung, zur Einkehr in das individuelle Lebensprinzip gelange. Aber an der Masse der deutschen Literaten und Sprachkünstler merkt man mehr die Säkularisation als die Erhöhung und Mehrung des sinnlichen Gemeingefühls, des Mutterwitzes oder des Gemüts. So trösten wir uns denn mit dem Glauben, daß den Segen der Sprachbildung und der Literaturen der Genius des ganzen Volkes profitiert, und daß die Wiedergeburt des Geistes der Menschheit mit der Entwicklung der Sprachen gleichen Schritt behält. Verglichen mit Luthers Sprache in seiner Übersetzung der Heiligen Schrift, hat unser moderne Stil die alte Naivetät und Einfalt, hat er Mannheit, Bildkraft, Treuherzigkeit, Anschaulichkeit, Herzenswitz, treffende Kürze, noble Derbheit und das gesunde Korn eingebüßt. Unsere Altvordern hatten ein Gewissen von der Heiligkeit und Unheiligkeit des Wortes, das uns entwichen ist; sie achteten auf Segen und Fluch; sie beschworen Geister und Krankheiten mit Zauberworten, und derselbe Schatz, den das rechte Wort sichtbar werden läßt, versinkt tausend Klafter tief bei dem ersten unheiligen und überflüssigen Wort. Bei den Vorvätern galt ein Wort einen ganzen Mann, und Wort halten, hieß ein Mann sein. Heute halten die Worte einander keinen Augenblick über Wasser, geschweige denn ihren Mann, oder der Mann seine Worte! Es gab eine Zeit, da war das deutsche Wort ein »Logos«, heute ist es eine Logomachie. Griechisch: »Wortkampf« oder »Kampf der Vernunft«. Goltz gebraucht es im Folgenden bald in der einen, bald in der anderen Bedeutung. Vgl. auch S. 27, Anmerkung. Leute von überflüssigem Geiste, ästhetische Naturen, die ein besondres Talent für schriftlichen und mündlichen Ausdruck haben, finden sich durch die Sprache, durch die Phrase, durch den Stil mit allen ihren Schwächen und Sünden ab. Sie sagen sich und andern in schön oder pikant stilisierten Worten die Wahrheit, sie fassen ihre Verschuldungen wie die Miseren der Welt in die angemessensten oder in die witzigsten und frappantesten Formeln und haben damit ihrem Gewissen ein Spielzeug gemacht, mit dem es sich beruhigt. Es gehört zu den Mysterien zur Naturgeschichte des Wortes, daß es so leicht an die Stelle der Gedanken, Prozesse, der Gefühle, der Handlungen, der Erlebnisse, an die Stelle des wirklichen Lebens, des ganzen Menschen tritt. Die geschickten Redner sind nur zu oft die schwächsten Menschen in der Tat! Die Sprache ist ein so behender, leichter Aushelf für Gefühle und Gedanken, und diese Gedankenprozesse sind bereits so unendlich bequemer und unterhaltender als die langsam reifende Werktüchtigkeit, daß den Virtuosen des Worts zuerst die Empfindungen und zuletzt die Willens- und Tatkraft abhanden kommt. Im Bewußtsein dieser Unmacht wird den Sprachkünstlern die Wirklichkeit und Lebenspraxis ein Greuel, wenigstens eine Trivialität und Unbequemlichkeit. Aus diesen inwendigen Geschichten erklären sich die Grundschwächen des »redseligen« Deutschen. Die eminente Begabung für das Wort hat nicht nur den Gelehrten wie den gebildeten Ständen die Tiefe und Wahrheit der Empfindung, das Herz, die Mitleidenschaft geschädigt, sondern zerfrißt auch die Willenskraft, den Mutterwitz und die Werktüchtigkeit. Die Worte und Redensarten jeder Sprache sind gute und böse Geister, Engelchen und Teufelchen; die Schreib- und Redekunst erfordert also nichts weniger als einen Zauberer, der alle die Geister zu beschwören und zu bannen vermag. Die deutschen Redensarten sind aber die Lebensarten des Deutschen ganz und gar. Die deutschen Worte sind Herzpulse, Losungen, Lebensakzente, Rhythmen, Worte des Lebens, des Todes, des Tiefsinns, des Unsinns, Elemente der Tollheit, der Weisheit, des Segens, des Unheils, der Gotteslästerung, des Gebets, der Verzweiflung, des Entzückens, des Gewissens, der Reue, des Glaubens, der Religion! Aus seiner Sprache allein lernt der deutsche Genius, lernt jeder deutsche Mensch Sitte und Gottesfurcht, Theosophie, Metaphysik, Narrheit und Weisheit, Leben und Lieben, Sterben und Verderben. Aus deutschen Worten saugt das deutsche Menschenkind unmittelbar Gift und Honig, Tugend und Laster, Leben und Tod; denn nur der Deutsche ist mit seiner Sprache so ganz und gar aus einem Geist und einem Stück. Minder durchgeistigten Völkern läuft die Sprache mehr parallel. Die deutsche Sprache ist der andre Baum des Erkenntnisses: »Gutes und Böses«. Ihre Früchte geben das Leben und bringen den Tod. »Ökonomie in Lebens- und Redensarten ist eine Kardinaltugend für alles Volk und alle Zeit«, so lehrte Georg Hamann seinen Sohn, und den Deutschen tut diese Lehre mehr not als einer andern Nation! Der Weise wird immer weiser von dieser deutschen Sprache, immer närrischer der Narr; immer besser und gescheuter der gescheute und gute Mensch; immer leerer und machtloser ein Phrasenmacher, ein Schulfuchs und ein Wicht. Die deutsche Sprache ist vor allen andern Sprachen wie die Natur selbst: sie gebärt, sie ernährt und verzehrt, sie vergiftet und heilt, sie gibt und nimmt alles. Sie raubt den Rest von Verstand und Mutterwitz, von Seele und Leib demjenigen, der bereits auf den kleinsten Teil davon herabgebracht ist; und sie schüttet das Füllhorn ihrer Gaben über das Haupt und in den Schoß dessen, der von Natur etwas Rechtes ist und hat. Die deutsche Sprache nährt und erhöht allmächtig eine tiefe und kräftige Menschennatur, sie entmannt den unmännlichen, verbildeten und von der Natur abgekommnen Geist; sie verharzt und vertrocknet den Formenmenschen, den Pedanten, und sie belebt, sie hebt den kräftigen Sohn der Natur über sich selbst empor. Sprache ist der Geist selbst, ist der essentiellste Verstand und nicht sein bloßes Bild; somit braucht die Sprache zum Gegengewicht die kräftigste Natur; und nur seiner tiefen Natur wie seinem Gemüt und Gewissen verdankt es der Deutsche, daß er bei seiner angestammten »Redseligkeit« nicht ein aberwitziger Narr und ganz und gar ein Wortmacher und Wortklauber geworden ist. Am Menschen liegt es, an seinem guten und bösen Genius, ob er durch die Sprache ein Zungennarr, ein Sprechaffe oder ob er ein Redner, ein Prophete, ob er ein Verderber oder ein Erlöser seiner Mitmenschen werden will! Wer sich auch nur als Dilettant mit Hegels Philosophie beschäftigt hätte, wer dieses Mannes Gegner in allen Grundanschauungen, im Prinzip wie in der Methode wäre, darf, wenn er einmal vom Genius der deutschen Sprache verhandelt, jenen letzten gewaltigen Denker und dessen dämonische Überlegenheit über das Wort und über die mit demselben bis dahin verknüpften Begriffe nicht übergehn. Wenn deutsche Dialektik und Beredsamkeit einer Geisterschlacht verglichen werden kann, so muß noch hinzugefügt werden, daß sie durch die deutsche Sprache zu einer Hunnenschlacht vergeistigt wird, in welcher die Geister der Gefallenen über den Wolken fortkämpfen. Anspielung an die Schlacht auf den katalaunischen Feldern (451) zwischen den Westgoten und den Hunnen unter Attila, in welcher nach Sage und Dichtung die Geister der Erschlagenen in der Luft den Kampf weiterführten. Wer die Geschichte der Philosophie von Hegel, wer seine Phänomenologie, seine Logik in Angriff nahm und gleichwohl nicht inne wurde, daß er sich im Getümmel einer Geisterschlacht befinde, der lasse sich gesagt sein, daß er kein Philosoph κατ' εξοχήν, Griechisch: »vorzugsweise«, »im eigentlichen Sinn des Wortes«. daß er kein Metaphysiker, kein für die Mysterien der Sprache bevorzugt organisierter Genius, daß er kein Jünger Hegels ist, der von des Meisters Geiste Zeugnis reden darf. Man kann mit Grunde von den Härten und Eckigkeiten, von den Schiefrigkeiten, den souveränen Bizarrerien, den tyrannischen Reformen und Kapricen der Hegelschen Ausdrucksweise; man kann von dieses Meisters naiven Ungeschicklichkeiten im Periodenbau, von den ärgerlichen Nachlässigkeiten und Willküren in allerlei mechanisch-stilistischen Präzisionen, in der Gedankengruppierung; man kann von den Fehlern der taktischen Aufstellung, der Verwendung und Betonung einzelner Argumente wie Formeln und über was immer sonst räsonieren: und doch, doch ist diese Hegelsche Sprache und Dialektik ein imponierendes, den Geist überwältigendes, ein unerhörtes, ja fast zu sagen: ein unausdenkbares Wunder von Gedankenevolutionen aus Vernunftanschauungen heraus; von Gedankenprozessen und Formeln, die aus dem Kampfe zwischen der unendlichen Bewegung des übersinnlichen Geistes mit dem sinnlichen Verstande hervorgehn. Von den Verdiensten Goethes, Schillers und Lessings um die deutsche Sprache wird in der Charakteristik dieser Männer die Rede sein. Diese Sprache Hegels ist unendlich mehr als Rede und Stil; sie ist schlechtweg Metaphysik und reinster Verstand; sie ist eine Geschichte und Genesis, eine Bildkraft des menschlichen Geistes, wie sie in dieser Konzentration und Expansion keine Nation der Welt, von den ältesten bis zu den neuesten Zeiten, aufzuzeigen hat. Sie ist die im Geiste anschaubare Geschichte, wie sich der immanente Geist (der Verstand) mit dem transzendenten Geiste (der primitiven und relativen Vernunft) ins Gleichgewicht zu setzen und zu einem absoluten Geiste (zu der Vernunft κατ' εξοχήν) zu potenzieren versucht. Diese Sprache Hegels zeigt den Prozeß eines Verstandes, der sich ohne Aufhören zu Vernunftanschauungen rektifiziert, die fort und fort wieder zu Verstandeskristallen, zu endlichen Figurationen anschießen. Die Hegelsche Sprache allein von allen in der Welt gewährt das fabelhafte Schauspiel, wie der Menschengeist den Gedankenprozeß vollkommen mit der Ökonomie von Worten, Redefiguren und Formeln decken, wie er sie durch den Sprachprozeß unmittelbar und reell verwirklichen kann. Hegel ist der erste Sterbliche, welcher das Widerstrebende, das Gemachte und Mechanische, kurz alles Endliche und Nichtseiende mit dem Gegensatze des Unendlichen, des Seienden, des Organischen und Dynamischen in der Weise identifiziert, daß er alle Gegensätze Augenblick um Augenblick ineinander übergehn und doch auseinander gehalten werden läßt. Die Argumentation, welche man bei diesem tiefsten und schärfsten, diesem sprachgewaltigsten aller Erdendenker in den Zeilen wie zwischen den Zeilen lesen kann, ist die, daß, wenn Geist und Materie, Tod und Leben, Weltanfang und Uranfang, wenn Schöpfer und Geschöpf, Zeit und Ewigkeit, Freiheit und Notwendigkeit, wenn Gottespersönlichkeit und Gottesvernunft, wenn das Menschen-Ich und die Welt sich de facto Lateinisch: »tatsächlich«. zusammenreimen; wenn sie also keine Antinomien, sondern nur Verstandesgegensätze und, wie Hamann erklärt, sprachliche Mängel und solche Mißverständnisse sind: daß dann auch Sein und Nichtsein, Denken und Sein, Sprechen und Denken, Sprache und Philosophie, Logik und Metaphysik, Wirklichkeit und Vernunft, Wortformeln und Sachprozesse, daß die Schranken der Sprache und des sinnlichen Verstandes keine absoluten, sondern fort und fort verschwindende Gegensätze, ja, daß sie die gleichberechtigten Faktoren des absoluten Lebens, der Geschichte des Geistes, der absoluten Wissenschaft sind; daß man den Unterschied von Sprache und Wissenschaft, von Sprechen und Denken, von Sein und Denken, von Endlichem und Unendlichem nicht fixieren darf; daß es ebensowenig ein schlechtweg Endliches als ein solches Unendliches gibt, welches zugleich ein Positives und Erscheinendes ist oder zu sein vermöchte. Nur die Summe aller Lebensfaktoren, Polaritäten und Neutralisationen, die Summe aller Geschichten und die Urkraft, aus deren Schoß sie von Ewigkeit zu Ewigkeit hervorgehn, ist absolutes, ist unendliches Leben, befaßt also die absolute Wahrheit, Schönheit, Güte und Heiligkeit (die Integrität) in sich und kennt so wenig einen Zwiespalt von Materie und Geist, von Wirklichkeit und Vernunft, von Natur und Geist, von Ich und Welt, von Schöpfer und Geschöpf, als der Mensch selbst einen Widerstreit zwischen seiner Sinnlichkeit und seinem Geiste empfindet, bevor er ihn durch seinen freien Willen erzeugt. b) Die deutschen Sprüchwörter und Redensarten. Wen diese deutschen Sprüchwörter nicht durch und durch erbauen, der hat kein deutsches Gewissen und keinen deutschen Witz. Was ist das alles rund und reinlich, wie heil verständig aus der Lebensmitte gegriffen und wie gutmütig gesagt; so tief und durchsichtig wie die See an den Bahama-Inseln, wo der Schiffer über einem grünen Abgrunde von tausend Klaftern schwebt. Und gleich dem Meere werfen auch die deutschen Sprüchwörter Muscheln, Perlen, Bernstein mit eingeschlossenen Insekten, manchmal auch Ungeheuer an den Strand. Wie fromm ohne Scheinheiligkeit, wie ehrbar und tugendbeflissen ohne Sittlichkeitsziererei, wie gewissenhaft ohne Gewissenszwang sind diese deutschen Lebensregeln! Heilig und in sich selbst begründet wie die Natur, einfältig und doch grundgescheut, klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben; von aller Weltempfindung getragen, sind sie doch immer an ganz bestimmte Gegenstände und Geschichten angeknüpft; das nennt man Theorie und Praxis in einem Puls und auf einen Hieb. Aus diesen deutschen absoluten Worten, die so wahrhaftig und doch so liebenswürdig, so billig und strenge, so anspruchslos und doch so herausfordernd in voller Manneskraft, so gesetzmäßig und so ungebunden sind, blicken uns die deutschen Augen an mit ihrer ehrlichen Schelmerei, der deutsche Freimut mit seinen treuherzigen und schämigen Gebärden, der deutsche Tiefsinn mit seinem herzigen Spaß, das deutsche Gemüt mit seiner von Zukunft und Vergangenheit bewegten, von Natur und Gott erfüllten Seele. Jedes dieser Worte ist ein deutscher Herzschlag, ein deutscher Handschlag, ein deutscher Mann. In diesem sprüchwörtlichen Redewitz, der flüssig und feste ist, voll Blutes und aus einem Fleische, das von markigen Knochen zusammengehalten, von einer festen Haut umschlossen wird: da haben die Deutschen der Sprache einen lebendigen Körper gegeben, welchen der deutsche Mutterwitz und das deutsche Weltgefühl beseelt. In dieser Volksweisheit halten sich Theorie und Praxis, Vernunft und Sinnlichkeit, Welt- und Spießbürgerlichkeit, Geschichte und Gegenwart, Geist und Materie, Zeit und Ewigkeit, Verstand und Einbildungskraft, Scherz und Ernst und alle Lebensgegensätze unzertrennlich umschlungen. Hier ist eine durch und durch heile, eine rundum fertige Bildung und Existenz; hier deckt das Wort die Sache und die Sache das Wort; hier zieht jedes Wort wie eine Schraube, sitzt jedes wie Hieb und Schuß. Diese deutschen Lebens- und Redensarten treffen überall und in jeglichem Augenblick dem Nagel auf den Kopf, während die leidige Schulweisheit die Dinge nur zu oft auf den Kopf stellt und die halbe Weltgeschichte an einen einzigen Nagel hängt, d. h. an eine Idee! In den Sprüchwörtern und Redensarten ist nichts geschieden, was Gott zusammengefügt hat. Der deutsche Tiefsinn und der kerngesunde Menschenverstand sind in diesen Volksworten so wohnlich und zu Hause wie die Seele in ihrem Leibe und der Leib in seiner Haut. Das Wort ist in diesen Sprüchwörtern so schmuck und schön wie ein Bräutigam, es schickt sich zu seiner Sache so ganz und gar wie der Mann zum Weibe. So gedeiht denn die Wahrheit zwischen beiden lustig und zeugungskräftig, wie Umarmung und Kuß, wie Rede und Geist, so ehrbar und getreu wie Mann und Frau. Von diesem Sprüchwörterstil gibt's also eine Nachkommenschaft und einen Segen im Verstande, in allen Herzen, in allen Schichten und im Schoße des deutschen Volks. In diesen Sprüchwörtern und sprüchwörtlichen Redensarten ist alle deutsche Kraft und Art verkörpert; sie sind das Herz und der Witz der Sprache, die Zisternen und unversiegbaren Brunnen des gelehrten Schreib- und Redewüstensandes, welcher bald zu viel und bald zu wenig vermittelt, am unrechten Orte schwunghaft und zur ungelegenen Zeit statarisch ist. Die Sprüchwörter sind der ewige Born des Menschenverstandes, »aus dem nicht nur diejenigen schöpfen, die keinen eigenen Verstand haben«, sondern auch, die zu viel davon haben, denn sie lernen vom Sprüchwort, wie man die Rede körperlich, beseelt, einfältig, kurz und gemeinverständlich macht. Die deutschen Sprüchwörter sind das Vermächtnis des deutschen Genius an jedweden Deutschen ohne Unterschied des Geistes, der Erziehung, der Lebensverhältnisse, des Alters und Geschlechts – eine Norm für Sitte und Lebensart, für Handel und Wandel und jeglichen Verkehr, sei's mit Menschen, mit Dingen, mit Natur oder mit Gott dem Herrn. Diese Sprüchwörter und Redensarten sind eine lebendige, in allen Geschichten wurzelnde, eine ewig sprossende, blühende und fruchtende, eine auf den Gassen verkehrende Weisheit, für alles Volk und alle Zeit, wie die Heilige Schrift, aber stetig vermehrt und neu aufgelegt in jedem deutschen Gemüt. Sie sind das zirkulierende Kapital des deutschen Geistes, Zins auf Zins häufend, wuchernd in allen Fakultäten bei Mann und Weib, in Kindern und Erwachsenen, in Gelahrten und Laien, in Staat und Familie, in Schule und Haus! Das Köstlichste ist noch, wie bei Wasserquellen, Volksliedern und Märchen: der Schatz ist unversiegbar da, und niemand präsentiert sich als Schatzmeister oder Autor. Man verdankt niemandem etwas als dem Genius des Volkes, und man nimmt die Lehre ohne Neid und Widerspruch, mit unbefangenem Gemüte an, weil man keiner einzelnen Person verpflichtet und von keiner beherrscht ist. III. Das deutsche Volkslied. »Die Volkslieder sind uralt. Sie wurden wegen ihres zum Teil noch heidnischen oder üppigen Inhalts ( laicorum cantus obscoenus nach Otfried Benediktinermönch des 9. Jahrhunderts, Verfasser des »Krist«, einer poetischen Evangelienharmonie (um 868 vollendet), mit der er der »heidnischen Volkspoesie« ( laicorum cantus obscoenus ) entgegenwirken wollte. von der Kirche untersagt und daher auch nicht aufgezeichnet. Die heidnischen Elemente darin mußten verschwinden oder konnten sich nur sehr verblümt erhalten. Dagegen ist kein Zweifel, daß sowohl Liebes- als auch Spott- und Schelmenlieder ( winileot, siswa, sisesanc, lotirspracha, posa, giposi, scofleot nach Hoffmanns deutschem Kirchenlied, S. 8 August Heinrich Hoffmanns von Fallersleben (1798 – 1874) »Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luther« (3. Ausg. 1861). überall verbreitet blieben, immer neu entstanden, bei Spiel und Tanz und frohen Gelagen nicht fehlen durften. »Sie sind entweder unmittelbar aus dem Volke hervorgegangen, oder, wenn auch von Meistern des Gesangs gedichtet, ausnahmsweise so einfach und volksmäßig, daß sie in aller Mund kamen und zu Volksliedern wurden. »In ihnen kehrt die durch die Minnesänger in eitle Subjektivität ausgeartete Poesie wieder zu anspruchsloser Objektivität zurück, auch da, wo sie nicht episch erzählen (Balladen, Romanzen), sondern nur das Gefühl des Augenblicks ausdrücken.« Wolfgang Menzels. Geschichtschreiber, Kritiker und Literarhistoriker (1798-1873) Volkslieder gehen gewöhnlich aus Erlebnissen, aus Ereignissen hervor, sie skizzieren Heldentaten, Abenteuer oder allgemeine Kalamitäten: Pest, Hungersnot, Kriegsdrangsal, Tyrannei der Machthaber oder den Sieg des Volkes. Die Lieder sind also wohl zuverlässig so alt als die Geschichten, Situationen und Helden, welche ihren Gegenstand bilden. Leute des Volks dichten oder prophezeien nur in der ersten allgemeinen Aufregung und Divination, die verhältnismäßig rasch vorübergeht. Der gebildete Mensch findet in seiner bloßen Person und für seine Rechnung die Kraft, zu dichten und zu denken, das Volk aber befruchtet sich nur in der Masse, und die Individuen, welche das Wort oder die Tonweise finden, sind dann in Wirklichkeit so sehr die Organe des Volks, daß sie von ihrem persönlichen Empfinden und Urteilen so wenig wie möglich oder ganz und gar nichts hinzutun. In Volksliedern spiegelt sich selten der Charakter eines Individuums, sondern des Volkes wie der Zeit. Der objektivste Dichter, wenn er einer Schule angehört und ein gebildeter Mensch ist, sucht seine eigene Stimmung und Weltanschauung auszusprechen und schmückt sie noch obendrein mit angenommenen, halbaffektierten Sentiments, mit Anempfindungen, mit sittlichen, patriotischen Ambitionen, mit solchen Phrasen, Wendungen und Intentionen aus, von denen er augenblicklichen Anklang erwartet, die er der allgemeinen Bildung oder Verstandesschablone für konform hält. Der Volksdichter (wenn man ihn so nennen darf) hat selten eine Ahnung davon, daß durch Worte Geist und Seele fixiert, zur Rede gestellt und gleichsam zu Wirklichkeiten gemacht werden können; daß ein Mensch des Nebenmenschen Empfindungen fassen dürfe oder wolle; daß es erlaubt oder zweckmäßig sei, dergleichen seelische Transfusionen zu experimentieren. Er versucht also höchstens in dem ersten Stadio allgemeiner Aufregung, Teilnahme oder Begeisterung das offizielle Faktum und die reelle Stimmung, die mit demselben zusammenhängt, andeutungsweise zu skizzieren. Sublimsten Falls werden an die Sache ein paar Gedanken, d. h. die leidenschaftlichen Urteile, Schmerzens- oder Jubelrufe und Schimpfworte geknüpft. Ein zweiter und dritter Improvisator setzt Verse zum ersten Liede hinzu, und ein Schreiber oder Schulmeister nimmt etwa Änderungen mit einzelnen Worten, Wendungen und Bildern vor, welche nur dann angenommen werden, wenn sie dem Sinn und der Weise des Volkes entsprechender sind als die ursprüngliche Form, für welche die Massen eine getreuliche Sympathie zu bewahren pflegen, so wetterwendig sie auch in ihren sonstigen Gunstbezeugungen und Stimmungen sind. Derselbe Mensch, welcher den ersten Impuls oder wirklichen Anfang zu einem Volksliede machte, dichtet vielleicht keines mehr, oder nur ein halb Dutzend, weil er fühlt und erfährt, daß Lieder eben Gelegenheitsprozesse und keine willkürlichen Kunststücke oder Persönlichkeiten sind, die man von dem Massenleben, den Freuden und Leiden aller ablösen kann. Der Volkspoet kommt gar nicht auf die Idee, seine Phantasie oder seine persönliche Stimmung zu verlautbaren, er fühlt gar nicht das Bedürfnis dazu, er schämt sich seiner innersten Empfindungen, wie er sich seines nackten Leibes schämt, nämlich als eines zweiten Wesens, eines Andern in ihm, eines Göttlichen, das man nicht Rede stellen, nicht zeigen, mit dem man nur in verschleierter Gestalt umgehen darf. Nur die Deutschen haben Volkslieder, in welchen Seelenzustände keusch an Naturbildern abgespiegelt, aber nie erschöpfend und räsonierend reflektiert sind. Die Lieder der Slawen charakterisieren sich wahlverwandt dem deutschen Gesange durch Melancholie, überhaupt durch Seele; aber das Gefühl des slawischen Volkspoeten konzentriert sich nur ausnahmsweise zu einer Leidenschaft und arbeitet sich noch weniger zu einem Gedanken heraus wie bei dem Deutschen; auch ist es den slawischen Liedern eigentümlich, daß sie einen Seelenzustand nicht für sich und an Naturszenen abspiegeln, sondern bei Gelegenheit eines Faktums aussprechen. Alle Volkslieder unterscheiden sich aber wesentlich dadurch von der kunstgerechten Lyrik, daß sie niemals, wie diese, Naturszenen allein schildern und ebensowenig aus bloßen Phantasiestücken ein Gedicht machen. Natur und Phantasie stehen beim Volkspoeten im Dienste einer Geschichte, einer Heldentat oder Leidenschaft. Das Volkslied kennt keine forcierten Gefühle und keine Ostentation: dies sind Entartungen der kultivierten Poesie! Um mit Erfolg etwas von dem Volksliede zu sagen, muß man wenigstens ein paar Verse ins Gedächtnis rufen: Aus dem Ambraser Liederbuch Die früher auf dem kaiserlichen Schloß Ambras bei Innsbruck aufbewahrte kostbare Handschrift mittelalterlicher Lieder befindet sich seit 1806 in Wien. Nr. 66. Schein' uns, du liebe Sonne, Gib uns einen hellen Schein, Schein' uns zwei Lieb zusammen, Ei, die gern beieinander wollen sein! Dort fern auf jenem Berge Leit sich ein kalter Schnee, Dort nieden in jenem Holz Leit sich ein Mülen stolz. Sie malet uns alle Morgen Das Silber, das rote Gold. Dort nieden in jenem Grunde Schlemmt sich ein Hirschlein fein. Was führt es in seinem Munde? Von Gold ein Ringelein. Hätt' ich des Goldes ein Stücke Zu einem Ringelein, Meinem Buhlen will ich's schicken Zu einem Goldfingerlein. *   *   * Docen, Bernhard Joseph Docen , Germanist und Literarhistoriker (1782–1828), »Miszellaneen zur Geschichte der deutschen Literatur« (2 Bände, 1807). Misc . I, 262. Wenn ich ein Vöglein wär' Und auch zwei Flüglein hätt', Flög' ich zu dir, Weil's aber nicht kann sein Bleib' ich allhier. Bin ich gleich weit von dir, Bin ich doch im Schlaf bei dir Und red' mit dir. Wenn ich erwachen tu', Bin ich allein. *   *   * Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus, ade! Feinsliebchen schaute zum Fenster hinaus, ade! – Ja, Scheiden und Meiden tut weh! *   *   * Ach Elslein, liebes Elslein, Wie gern wär' ich bei dir; So sein zwei tiefe Wasser Wohl zwischen dir und mir. *   *   * Wollt' Gott, ich wär' ein weißer Schwan, Ich wollte mich schwingen über Berg' und tiefe Tal, Wohl über die wilde See, So wüßten alle meine Freunde nicht, Wo ich hingekommen wär'! *   *   * Walter, Volkslieder. W. Walter, »Sammlung deutscher Volkslieder«, Leipzig 1841. Keine Rose, keine Nelke Kann blühen so schön, Als wenn ein Paar verliebte Herzen Beieinander tun stehn. Und kein Feuer, keine Kohle Kann brennen so heiß Wie die heimliche Liebe, Davon keiner nicht weiß. *   *   * Walter, Volkslieder. III, 112. Ich wollte, daß alle Federn wären Papier, Und alle Studenten schrieben hier, Sie schrieben ja hier die liebe lange Nacht, Sie schrieben uns beiden die Liebe doch nicht ab. *   *   * Wunderhorn. »Des Knaben Wunderhorn«, eine Sammlung deutscher Volkslieder, herausgegeben von Achim von Arnim und Klemens Brentano (1806-8). II, 12.       Ach, was weint die schöne Braut so sehr! Mußt dein Härlein schließen ein In dem weißen Häubelein.       Ach, was weint die schöne Braut so sehr! Wenn die andern tanzen gehn, Wirst du bei der Wiege stehn. *   *   * Wunderhorn. I, 34.       Es blies ein Jäger wohl in sein Horn. Und alles, was er blies, das war verlor'n. Schwarzbraunes Mädele, entspringe mir nicht; Habe große Hunde, die holen dich.       Deine großen Hunde, die holen mich nicht, Sie wissen meine hohen, weiten Sprünge noch nicht. – Deine hohen Sprünge, die wissen sie wohl, Sie wissen, daß du heute noch sterben sollst.       Es wuchsen drei Lilien auf ihrem Grab, Die wollt' ein Reiter brechen ab. Ach, Reiter, laß die Lilien stahn, Es soll sie ein junger, frischer Jäger han. *   *   * Wunderhorn. I, S. 141. Es ist kein Jäger, er hat einen Schuß Mit hundert Schrot auf einen Kuß; Feins Lieb, dich ruhig stelle, Feins Liebchen, sitz still im grünen Moos, Der Vogel fällt in deinen Schoß Wohl von des Baumes Spitzen. In deinem Schoße stirbt sich's gut, Feins Lieb, bleib' ruhig sitzen! *   *   * Eins der berühmtesten Weinlieder ist: Der liebste Buhle, den ich han, Der liegt beim Wirt im Keller, Er hat ein hölzin Röcklein an Und heißt der Muskateller ec. Anmerk. Die hier mitgeteilten Proben habe ich dem bei Krabbe in Stuttgart 1858 erschienenen Werk von Wolfgang Menzel entnommen: »Deutsche Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit«. Der Verfasser schließt den Abschnitt über bürgerliche Meistersängerei mit den Worten: »Ich muß wenigstens einen Blick auf die reiche Poesie unserer Kinderlieder werfen. Kein Volk hat deren so viele und so naive. Es sind Wiegenlieder für die Kinder, Spiel- und Tanzlieder, welche die Kinder selbst singen; Rätsel, die sie sich aufgeben, und Anrufungen beim ersten Anblick von Tieren, z. B. des Maikäfers, des Storchs, der Schnecke ec. Endlich auch kleine harmlose Spottverse. Man hat in neuerer Zeit in ihnen Spuren des alten Heidenglaubens, der alten Götter und Göttinnen entdeckt, woraus ihr hohes Alter erhellt. Vergleiche die Schriften darüber von E. Meier Ernst Heinrich Meier (1813 – 66), Verfasser der »Deutschen Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben« und der »Deutschen Volksmärchen aus Schwaben«. von Stöber, August Stöber , Schriftsteller und Literarhistoriker (1808 – 84), der durch seine Tätigkeit viel zur Erhaltung des deutschen Wesens im Elsaß beigetragen hat. Die Schriften, auf die hier verwiesen wird, sind besonders: »Alsabilder«, »Oberrheinisches Sagenbuch« und »Elsässiches Volksbüchlein«. die reiche Sammlung in Müllenhoffs Karl Viktor Müllenhoff , bedeutender Sprach- und Altertumsforscher (1818 bis 1884), Verfasser einer grundlegenden »Deutschen Altertumskunde«, Herausgeber von »Sagen, Märchen und Liedern der Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg« und Mitverfasser des »Deutschen Heldenbuchs«. Sagenwerk. Vor allem das große Werk ›Kinderlied‹, 1857, von Rochholz.« Ernst Ludwig Rochholz , deutscher Sagenforscher (1809 bis 1892). Der vollständige Titel des oben angezogenen Werkes ist: »Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel«. In den deutschen Volksliedern spiegelt sich der unergründliche Dualismus des deutschen Wesens am wunderbarsten ab. Unser Volkslied atmet ebensoviel freieste, keckste Lebenslust als Melancholie. Es unterscheidet sich eben dadurch von den Gesängen anderer Nationen, daß sein Geist nicht, wie bei den Slawen, in Seele und Sinnlichkeit ersäuft wird, sondern die Fülle und Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen wie der Weltverhältnisse beherrscht. Es charakterisiert unser Volk, daß es die Kraft seines Herzens aus dem lebendigsten Verkehr mit der Wirklichkeit bezieht, daß es nicht nur Novellen, Kriegs- und Staatsaktionen zu besingen, sondern alle Töne anzuschlagen, daß es Wander-, Jäger-, Bettler-, Fuhrmanns-, Fastnachts-, Schelmen-, Zoten- und Trinklieder zu singen, sich mit dem derbsten, dem ungereimtesten, dem tollsten Leben in Harmonie zu setzen versteht; und dann wieder ist es das deutsche Lied, welches uns ein Ade, ein »Scheiden und Meiden«, ein Lieben und Leiden, eine Vereinsamung der Seele mit Worten vorsingt, in welchen der ganze bunte Weltwirrwarr, den unsere Sinne entzündeten, wie ein chinesisches Feuerwerk erlischt. Und wie können diese einfältigen Liederworte, die bekanntesten Naturbilder solche Zauberwirkungen tun? Sicherlich, weil sie so knapp und keusch, so ungeschminkt und ungesucht, weil sie eben so einfältig sind! Das deutsche Volkslied ist es, welches uns die tiefsten Mysterien nicht nur der Poesie und des Menschengemüts, sondern der Sprache und Lebensökonomie erschließen könnte, wenn wir einen Überrest von dem symbolischen Verstande behalten hätten, der die Hieroglyphen der Natur und die Zeichensprache des Herzens zu deuten, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht. Eben wenn unsere Seele das Wohl und Weh des Lebens empfindet, wenn sie von Schmerz und Freude durchfurcht wird, dann spricht sie für sich und nicht für die Welt, dann sind ihr die kürzesten und einfältigsten Worte die liebsten, dann fühlt sie die Kluft, die zwischen dem Erlebnis und der Sprache befestigt ist, dann braucht sie Worte und Bilder nicht wie eine elastische und ebenbürtige Form für die Mysterien von Tod und Leben, sondern ähnlich dem Träumenden und Irrsinnigen, dem alle Worte und Zeichen gleichviel gelten, weil er nicht mehr Sache und Zeichen, Verstand und Seele zusammenreimen kann. Die deutschen Volkslieder sind nicht allein deshalb so knapp und keusch in ihrer Sprachökonomie, sie zeigen nicht deshalb so viel Lücken und naive Phantasiesprünge, weil sie ein Liedertext sind, welcher die Bestimmung hatte, von der Musik koloriert und mit Fleisch bekleidet zu werden, sondern die Bescheidenheit, die Verschämtheit, die geistige Jungfräulichkeit ist das notwendige Symptom der deutschen Tiefe, Innigkeit und Wahrhaftigkeit; und eben sie begnügte sich mit Andeutungen von Mysterien, für deren förmliche Ausführung das Volk weder den Kunstverstand noch die Dreistigkeit und den Profansinn besitzt. Der gemeine Mann hat, wie gesagt, noch heute keinen rechten Begriff und Glauben, wie das Wort die Sache decken oder an ihre Stelle eintreten kann. Es geht dem Menschen aus dem Volke bei gewissen Gelegenheiten mit dem Worte wie den kleinen Kindern, die sich einbilden, daß man ein Geldstück für so viel Wert anbringen kann, als man mit Worten erklärt, daß es gelten soll. Ein dreijähriges Mädchen gab seinem zur Universität abgehenden Bruder seinen ersparten Taler mit den Worten: »Lieber Ludolf (Rudolf), hier hast du einen Dulden (Gulden) und tauf (kauf) dir drei doldne (goldne) Dukaten.« Die echten Volkslieder geben uns auch ihre Wortersparnisse mit der kindlich-gläubigen Zuversicht, daß der Zauber der Sprache und die Wahrhaftigkeit ihrer Empfindung alles das sagen und singen wird, was zur Sache gehört; so malen sie denn keinmal ihre Empfindungen aus, am wenigsten in tönenden Phrasen oder in witzigen Wendungen; sie begnügen sich mit Andeutungen von der Situation und Szenerie, die für sie sprechen muß; und sie haben sich nicht geirrt. Jeder Schmerz und jedes Entzücken macht uns wortkarg und stumm. In den ersten Augenblicken des Wiedersehens, in den letzten des Scheidens sprechen wir aus Verzweiflung, die angemessenen Worte zu finden, von den gleichgültigsten oder entlegensten Dingen, um desto freier dem Gefühl hingegeben zu sein. Das Wunder der lyrischen Poesie reduziert sich auf Stimmung, auf Seele und Persönlichkeit. Der Mensch aus dem Volke hat es mit dem Wunder des Herzens, der augenblicklichen Lebensempfindung, aber nicht mit der Form zu tun; und wir fühlen eben an der Formlosigkeit oder an dem ungeschickten, dem lückenhaften und stammelnden Ausdruck die Tiefe der Empfindung und ihre Prophetie, die den konventionellen Verstand absorbiert und die gemeinen Organe verstummen läßt. Wenn die Seele einer Erscheinung und Situation unsere Seele so befruchtet, »daß das Weltbild in unserm Gemüte wühlt« und uns gleichwohl die Eigenart und der Mangel an Bildung unfähig macht, mit Natur und Menschenwelt zu korrespondieren, dann genügt uns das einfachste Zeichen, die bloße Andeutung und Symbolik; dann haben wir es weder mit der Buchstäblichkeit noch mit förmlichen Vermittlungsprozessen zu tun. Das übervolle Herz kennt keinen Gegensatz von Welt und Individualität, es kennt keine Methode und keinen Widerstreit von Mitteln und Zwecken, es fühlt nur seine Freude oder seinen Schmerz und erlöst in diesem liebenswürdig-naiven Egoismus den Hörer und Leser von der Tyrannei eines Verstandes, der die Mysterien der Seele und Persönlichkeit aller Welt in schulgerechten Formen zu vermitteln bestrebt ist. Diesen Zauber wirkt eben das Volkslied. Seine Armut ist sein Reichtum, seine Weisheit besteht in seiner naiven Lebensökonomie, seine Lebenskraft in seiner Konzentration auf den engsten Raum, seine Wehr und Waffe in seiner Unschuld und Unwissenheit. In dieser Tiefe und Wahrhaftigkeit, in dieser Einfalt und Naivetät des deutschen Gemüts liegt die glückliche Kombination, die Lebensökonomie, die man den »kecken Wurf« genannt hat. *   *   * »Die alten schottischen Balladen haben fast immer eine geschichtliche Grundlage; sie sind voller Sprünge, kurz und kräftig, nur in späterer Zeit auf weitläuftige Beschreibungen eingehend. Auf Unwahrscheinlichkeiten, selbst auf Unmöglichkeiten kommt es den alten Poeten nicht an. – Ihre Dichtungen sind rauh und derb, voller Mark und Leben, bestimmt und scharf gezeichnet, aber frei von den weitläuftigen Naturschilderungen und der Empfindsamkeit Macphersons.« James Macpherson , schottischer Schriftsteller (1736-96), gab eine Sammlung alter, im schottischen Hochlande gehörter Lieder heraus, deren Echtheit anfangs bezweifelt wurde, aber neuerdings zum größten Teil bestätigt ist. Diese Sammlung erschien unter dem Titel »Works of Ossian«, 1765. – Ossian ist in diesen Gedichten der Name des Sängers, der im 3. Jahrhundert gelebt und sie verfaßt haben soll, Sohn eines Königs Fingal in Hochschottland. (Geschichte der schottischen Volkslieder von Fiedler . Eduard Fiedler, »Geschichte der volkstümlichen schottischen Liederdichtung«, Zerbst 1846. Im Volksliede gibt eine Grundstimmung, eine tiefe Melancholie oder der augenblickliche Mutwille allen Worten und Bildern Farbe, Wärme und Ton und ersetzt so auf naturgemäße Weise den Mangel der gebildeten Sprache und des Gedankenreichtums. Die Schmucklosigkeit und Schämigkeit, die Enthaltsamkeit des Dichters und seine schöne Armseligkeit machen, daß der Hörer und Leser mitdichtet, daß der Musiker Lust und Spielraum für eine Tonweise gewinnt, während die üppige Ausladung, die Beredsamkeit und Ausführlichkeit, die Sicherheit des gebildeten und renommierten Poeten uns das Gefühl der eignen Armut und Unbedeutenheit aufdringt. Jedermann gibt und hilft der hilflosen Waise, dem Bettelgreise, jeder verfolgt mit Interesse die Laufbahn eines unerfahrenen, aber strebsamen Jünglings, der allein auf seinen Mutterwitz und seine Begeisterung angewiesen ist; während der Reiche, der Mächtige, der sieggekrönte Held oft Mißgunst und Opposition erweckt. Gott und die Natur zeigen sich im Schwachen mächtig; wer die Formen beherrscht, dem verzehren sie nicht selten das Herz. Wer, einem Helden gleich, mit seinem Geiste das Leben bekämpft, der kann nicht die tausend Stimmen des Lebens belauschen; wer selbst eine Welt in seinem Geiste erschafft, wie der Gelehrte, der ist kein Spiegelbild für die Mysterien der Seele und Natur. Frauen empfinden viel leiser, feiner und sinniger, sie zeigen mehr natürliche Grazie und Poesie, mehr Inspiration und sittlichen Takt als die Männer. Ihr Herz durchläuft die ganze unendlich reiche Skala des Gefühls und der Empfindung vom leisesten Affekt bis zum Sturme der Leidenschaft, von der augenblicklichen Selbstbeherrschung und Verstellung der Gefühle bis zu ihrer Abtötung, zur Resignation; und die Frauen erwerben diese Virtuosität durch ihre verhältnismäßige Unwissenheit und Passivität, durch ihre Naturwüchsigkeit, die darum doch mit dem Geiste in Korrespondenz bleiben kann. Ähnliche Vorteile wie dem Wesen der Frauen kommen der Volkspoesie zu gut: sie ist keusch und inspirierten Herzens und dehnt dieses Herz momentan zu einem Weltgefühl aus. Soll uns das Leben zum Vehikel und Organ für seine natürlichen und übernatürlichen Prozesse machen, so müssen wir zu schweigen, zu lauschen und auch wach zu träumen verstehen, so müssen wir der durch Geistesarbeit und Willenskraft verbrauchten Nervenkraft so viel Ruhe verstatten, daß sie einen Überschuß sammelt, durch den sie wieder mit den Kräften aller erschaffenen Dinge und mit den Seelen der lebendigen Geschöpfe in Verkehr treten kann. Pflicht und Lebensnotdurft fordern unsere Geschäftigkeit heraus, wenn sie aber nicht mit Ruhe und Besinnung abwechselt, so verschließen sich die Organe, mit welchen der Mensch das übersinnliche Gesetz und die Harmonie des Lebens vernimmt, die ihn zum Poeten und, was mehr sagen will, zum religiösen Menschen machen. Der Preis vor allen Liedern gebührt dem deutschen Liebeslied; seine Tiefe, seine Herzenskraft und Frische, seine Naivetat und Wahrhaftigkeit wird nicht einmal von den Liebesliedern der stammverwandten Engländer, geschweige von andern Nationen erreicht. Gervinus Georg Gottfried Gervinus, deutscher Geschichtschreiber und Literarhistoriker (1805-71), einer von den Göttinger Sieben. charakterisiert die englischen Lieder, indem er sagt: »Man höre dergleichen von einem Engländer nur lesen oder singen, alles ist Aktion und Schauspiel, was bei uns simple Natur ist, alles tragisch, wo uns das Traurige genügt, alles pathetisch, was bei uns sinnig und tief, anspruchsvoll, was hier naiv und unschuldig ist. Die schmucklose Wahrheit des deutschen Liebeslieds litt nicht, daß sich irgend etwas Chimärisches in ihnen ansetzte wie in der Ritterpoesie so oft – die Naturfreude im ritterlichen Minneliede steht wie ein toter Schmuck neben der Freude an den Frauen; aber im Volksliede versenkt sich ein gedankenvolles Mädchen bis in die lebende Unterredung mit der Haselstaude (›Es wollt' ein Mädchen brechen gehn‹), hier blüht treue Liebe im Vergißmeinnicht, und die Blumensprache beruht nicht auf Konvention, sondern auf alter, echter Überlieferung im Volke. Sie brauchen es nicht zu sagen, diese Dichter, daß die schöne Natur sie beglückt; sie brauchen auch nicht die Schönheit der Geliebten so speziell zu beschreiben, wie die Minnelieder es tun; aber man sieht es und begreift's.« Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über; aber je voller es ist, desto sparsamer spricht es. Das Liebeslied beschreibt und deklamiert nichts mit Pathos und Emphase, sondern versetzt uns naiv in die Situation, zu der fast immer die Naturszenerie wie der Körper zur Seele gehört. Natur und Liebe, Herz und Natur – Traum und Natur – fühlt das deutsche Volksgemüt als die ineinsgebildeten Faktoren, als die wechselnden Pole der Seele und setzt diese Tatsache so vollkommen bekannt bei allen Menschen voraus wie die fünf Sinne und den gesunden Verstand. Das deutsche Volkslied singt nur für sich und die Gleichgestimmten, denn ohne Mitleidenschaft sind alle Beschreibungen nicht nur Absurdität, sondern eine Säkularisation. Bei dem Hange des Deutschen zum Lehrhaften ist das tiefe Gefühl und der symbolische Verstand, welcher nicht nur den Geist der Dinge, sondern die Seele der Situation begreift, desto wunderbarer. Ebenso unbegreiflich ist es, daß durch das tiefe Naturgefühl der deutschen Lieder nicht das faktische, nicht der individualisierende Verstand verwischt wird, wie dies z. B. die Gesänge Ossians Vgl. S. 48, Anm. 1. charakterisiert. Der Deutsche hat vielmehr seine Poesie immer aus der Wirklichkeit extrahiert. Diese Tatsache ist ein tiefer Zug und ein Zeugnis seines frischen Herzens wie seines Gemütswitzes, d. h. seines Humors. Selbst die Phantasie des Liedes hält sich immer an die wirklichen Erscheinungen und wird nie ungeheuerlich wie in der Ritterpoesie; aber das Zentrum, den Herzpunkt aller Empfindungen wie Phantasiestücke bilden Liebe und Treue. »Die Leidenschaft bleibt immer das Herrschende«, wird nie durch das Beiwerk, weder durch Naturszenerie noch durch Witz und Phantasie-Arabesken noch durch Stilüberwucherungen beeinträchtigt oder gar verwischt. Die Volkspoesie, und insbesondere die auf Naturgegenstände bezogene, von Naturbildern getragene slawische Volkslyrik, bewegt sich im engsten Lebenskreise, erscheint aber wie ein in den Teich geworfener Stein, der leise und immer leisere konzentrische Wellenkreise bis zum Ufer fortpflanzt und die Seele des Hörers oder Lesers ganz in solchen Gefühlswelten bewegt. Das deutsche Volkslied unterscheidet sich dadurch auf das bestimmteste von dem slawischen, daß es einerseits die Natur vollkommen klar und unbefangen, ja mit einer naiven Geistesüberlegenheit reproduziert, welche sehr selten die Molltonart der slawischen Poesie zeigt, dagegen aber die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Gefühlsprozeß hineinzieht und das Schisma zwischen der sittlichen Konvenienz und dem eigenen Herzen mit einem satirischen Witz behandelt, welcher das elegische Element als andern Pol aufzeigt und sich so zu einem leisen Humor gestaltet, der dem Slawen sehr selten und dann nur als witziger Scherz zu eigen ist. Die Seele des slawischen Poeten wird von Natur, und ebenso wird sein sittlicher Charakter von der Gesellschaft dergestalt absorbiert, daß die Reaktionen des Geistes nur leise zu verspüren sind. Der Deutsche fühlt sich durch seinen religiösen Sinn der Natur überlegen und bekämpft mit freiem Witz und Geist die Konflikte, welche sein Herz mit der Gesellschaft zu bestehn hat. »Im Volke verfängt nur eine kleinste Geschichte, eine Situation, die mit der tiefsten Kraft des Herzens aus der Lebensmitte gegriffen und von der Bildkraft des Lebens selbst gestaltet worden ist. Der Literaturstil und die kokette Literaturästhetik haben, Gott sei's gedankt, auch heute noch keine Macht über das menschliche Herz. Jeder Schriftsteller, vor allen aber der Dichter, der die Sympathien der unverbildeten Menschen, der Massen sucht, muß sich eine Ader öffnen, muß sein Herzblut, seinen Nervensaft verspritzen. Ein Moment, ein Ding aus dem wirklichen Leben, plastisch, mit Seele und Leib, mit Hand und Fuß in Szene gesetzt, das verfängt, aber ums Himmels willen keine Literaturmiseren, keine eingebildeten Leiden, keine Selbstverhätschlung, kein versifizierter Krankenbericht aus den Kämpfen mit dem kultivierten Dasein, keine Blasphemieen auf den Unsinn der Zeit, keine Jeremiaden über die Differenzen mit ihr. Die Poesie soll eine Erlösung sein! Das Hauptverdienst der Volkslieder ist die ehrliche Intention, die tüchtige Natur, das unaffektierte Gefühl, der gesunde Menschenverstand (der so rar in den besten Gedichten ist), der nichts anzüngelt, was er nicht ablangen kann, – und nicht mit abgeschwächten ausgeleierten Formen oder Tagestendenzen kokettiert! Eine Volksmelodie erschließt uns die tiefsten Gesetze der Poesie, der Sittlichkeit und alles Lebens, wenn wir ihre wunderbare Melancholie, ihre Symbolik zu deuten verstehen. Es singt und klagt da ein individuellstes Leben, eine Seele, so innig ihr eigenartigstes Empfinden, hält gläubig und naiv die Weise fest, in der ihr die Schönheit und Heiligkeit der Welt erklingt. Eben diese naive Monotonie, diese Kraft und Innigkeit, zu der sich die Beschränktheit zusammenrafft, dieser gepreßte Schrei aus der kleinsten Welt, ergreift unendlich tiefer als ein behaglich geschmackvolles Spiel mit Formen, die der gebildete Verstand seelenlos von der Oberfläche des Lebens geschöpft, schamlos herausgewendet, breitgetreten und ausgeleiert hat. Wie anders geschieht uns mit ein paar Strophen aus einem alten Liede, das wir vielleicht auf der Gasse hören oder im Stammbuch eines Nähtermädchens lesen: »Eine Lilie, eine Rose gebt mir mit ins Grab, Weil ich Lilien, weil ich Rosen, ach, so lieb gehabt!« *   *   * »Das Feuer kann man löschen, die Liebe nicht vergessen; Das Feuer brennt so sehr, die Liebe noch viel mehr!« Solche Weisen, solche Worte pressen auch aus dem welken Herzen noch einen Blutstropfen heraus. Eines fehlt allen schulgebildeten Dichtern und Dichtungen, es ist der Schrei des Herzens, der Witz des Herzens, der die Welt zu einem einzigen Bilde, das Leben zu einer tiefsten Empfindung konzentriert. Im Volksliede, in einem Liede von Robert Burns, dem Schotten, entzückt uns der natürliche und begeisterte Mensch, der ganze heilige Poet, der dem redseligen, gezierten und geschulten Menschen auf den Mund schlägt und die Dinge dieser Welt wieder in die natürliche Rangordnung einzusetzen die königliche Leidenschaft besitzt; eine Leidenschaft, welche zum Witz und Vollmut wird, indem sie jeden Prozeß und jede Geschichte auf den kürzesten, den körnigsten Ausdruck reduziert, indem sie die erhabensten Ideen wieder mit den Naturgeschichten, mit den gemeinsten Dingen so zusammentraut, wie es die Gottheit bei der Schöpfung getan. In der absoluten Kraft des Schöpfers wie der Natur gehen alle Kräfte, alle Lebensfaktoren zu gleichen Rechten, und so muß denn auch der echte Dichter ein Erlöser sein, der mit der absoluten Kraft des Herzens und mit seiner Lebensinbrunst die getrennten Welthälften, Natur und Geist, Sinnlichkeit und Vernunft, die Wirklichkeit und die Ideen, wieder zusammentraut. Und der echte Dichter muß diese Versöhnung nicht mit Humor, Wohl ein Hieb gegen die sogen. »romantische Ironie«. sondern, wie der Volkspoet, im unschuldigsten Ernste vollbringen, er muß ein heiliger, ein naiver Mensch sein. Wer noch ästhetische Gewissensbisse empfindet, wenn er die Lebensgegensätze zusammenreimt, wer das verlorene Gleichgewicht seiner Seele und seines Herzens mit dem Weltverstande, mit Schule, Sozietät und Konvenienz durch krausen Witz und Extravaganzen zu maskieren sucht, der mag ein humoristischer Schulpoete sein, aber ein Volksrichter reimt die Verstandesgegensätze so harmlos und heil zusammen wie die ewig junge Natur. Die Schulpoeten werden ungenießbar und unerquicklich, weil sie die Schönheit nur aus der Harmonie homogener Kräfte und aus purer leerer Formenharmonie, aus einer negativen Ökonomie ohne Verschwendung, ohne Kontraste, ohne Licht- und Schattenmassen erzeugen wollen, weil sie nicht beherzigen, daß die Harmonie sich in Dissonanzen stetig wiedergebären muß, daß das angestrebte Maß nur an exzentrischen Kräften zur lebendigen Anschauung gebracht werden kann. Das echte Volkslied aber ist sich dieser poetischen Gesetze instinktmäßig bewußt und ergreift uns durch einen wundervollen Verein von Energie und Grazie, von Melancholie und Lebenstrunkenheit, durch wilde Phantasie, durch einen Schrei des Herzens, durch eine ungebändigte Leidenschaft, deren Witz das Größeste und das Kleinste, die Person, die Sache, das Gefühl und den Weltverstand ohne Rücksicht auf Form und Konvenienz zusammenreimt und zu gleichen Rechten ausspielt. Und all' diese dämonischen Prozesse, diese Himmel- und Höllenfahrten des Herzens werden an einem Stichwort, an einer sich wiederholenden Redefigur, an einem Gedankenschema, an einer Kunstschablone absolviert, welche sich dem poetischen Sinn nichtsdestoweniger so darstellt wie ein Lattenspalier, das von traubenschweren Weinreben umrankt ist. Was man auch dagegen sagen möge, das Volk, der ungeschulte Mensch besitzen trotz ihrer Unflätigkeit in Worten und Werken doch oft viel mehr verschämte Seele, mehr verschämten Geist als die schulgebildeten Leute. Die Poeten, die Philosophen, die Ästhetiker haben kulturnotwendig kaum einen Winkel ihrer Seele für die Gottesscham, d. h. für die unmittelbare Empfindung und Heiligung, für das Heimlichhalten eines göttlichen Objekts, einer Kraft, die nicht mit dem Ich identifiziert werden darf. Mit den Parolen der Öffentlichkeit, der Aufklärung, des Bewußtmachens, des präzis normierten Gewissens, der zum allgemeinen Besten gegebenen Nationalempfindungen, Leidenschaften, Divinationen, Schmerzen und Freuden verträgt sich wohl eine konventionelle, aber keine ursprüngliche, individuelle und natürliche Scham. Man müßte denn behaupten, daß eben mit den schematisierten Gefühlen und den schablonisierten Gedanken der Literaturpoeten ihr individuellstes Empfinden, ihr Seelenleben erst recht beschont würde. Was aber unsre modernen Poeten betrifft, so individualisieren und schematisieren sie in demselben Atem so viel, daß weder von der Seele noch vom Verstande etwas Reelles für die Scham, d. h. für die Heimlichkeit, die Heiligung eines göttlichen Andern übrigbleibt. Es ist also so weit mit uns gekommen, daß eben die schamlosen Leute die öffentlichen Träger und Organe unserer heiligsten Gefühle, Gedanken und Glaubensbekenntnisse geworden sind; denn den schämigen Leuten fehlt die förmliche Routine gleichwie die Dreistigkeit. Es kann nicht anders sein, es ist ein Kulturmalheur, aber heute an der Zeit, daß dem Kulturdünkel seine Unnatur und seine Schande zum Bewußtsein gebracht wird, da das Bewußtmachen Parole geworden ist. Die Naivetät kann freilich Scham und Öffentlichkeit, Divination und Reflexion vermitteln, aber unsere Naivetät ist ähnlich unserer Natur und Scham eben nur eine kultivierte zweite, aber keine erste Natur und Naivetät. Es gibt Kulturgemeinheiten, kultivierte Schamlosigkeiten und Barbareien, die durch die allgemeine Sitte eine zweite Natur, eine vollkommne Unbefangenheit, ja eine Liebenswürdigkeit geworden sind, wie z. B. in Italien die Schufterei, der Geldgeiz, die Geldgier, die Zudringlichkeit, die Ehrlosigkeit, die Submission des Untergebenen in Polen; die Vielweiberei in der Türkei; der Geldwucher und Schacher bei Juden und Christen in der ganzen Welt; die zur Schau getragne Frömmigkeit und persönliche Auszeichnung in der ganzen Welt; also halten wir freilich die Liebeslieder, d. h. die Literaturempfindungen, Literaturleidenschaften, Literaturlügen und -affektionen, bei den kultivierten Nationen der ganzen Welt für keine Schamlosigkeit; ich bin aber so kurios und taxiere sie so, wenn ich auch begreife, daß es sich so gemacht hat, nicht zu ändern, also zu entschuldigen ist. Wenn uns die Schönheit und Wahrheit, die Herzenseinfalt des Volksliedes aufs Gewissen fallen soll, müssen wir einen dicken Band von gebildeten Versen zur Hand nehmen. Der allgemeinste Zauber des Volksliedes wie der Märchen besteht eben darin, daß man ihre Verfasser nicht kennt. Eine literarische Notabilität, ihre künstlich stimulierten Gefühle, gichtischen Natur- und hämorrhoidalen Nationalempfindungen, ihre persönlichen Malheurs und Lächerlichkeiten und die profanen Episoden ihrer offiziösen Biographie schicken sich verzweifelt schlecht zu der inwendigen Illumination, die jedem Liede Licht und Farbe leihen muß. Ein dichtender Doktor will in der Regel die ganze Welt rektifizieren und mit Gewalt glücklich machen; wo er nicht lehrhaft sein und die Schöpfung umspannen kann, wo er das Experiment macht, mit seinem Herzen allein zu zahlen: da stellt sich bald heraus, daß dieses ohne Geschichte, ohne Witz, ohne Frische, ohne Prophetie, daß es insolvent ist, daß es auf längst abgeleierte Phrasen und Tonweisen ziehen muß. Es gibt auch gelehrte Leute mit einem inspirierten und innigen Gefühl, mit plastischen ursprünglichen Empfindungen, aber sie gehören nicht zum Dutzend; und das Volk versteht sie nicht, weil sie in der Regel zu gebildet, zu kompliziert und zu preziös in der Form oder zu exzentrisch sind. Goethes glückliche Organisation hat zwar das Problem gelöst, ähnlich den alten Griechen, das Gemeingefühl, d.h. die normale und inspirierte Naturempfindung, in welcher alle Gebildeten ihre eigne Naturgeschichte wiederfinden, mit seiner selbständigen Individualität auf die graziöseste und scheinbar einfachste Weise ineinszubilden: aber der Goethesche Genius ist zu rar, um ihn mit jedem Doktorhut vermählt zu glauben, und außerdem gähnt zwischen Goethes wie Uhlands Liedern und den Volksliedern doch die Kluft, welche zwischen Natur und Geist, zwischen Natur und Kunst, zwischen Traum und Wachen, zwischen Volk und Gebildeten ewig befestigt sein wird. Wenn heute keine Volkslieder, Sprüchwörter und Märchen mehr zur Welt kommen, so rührt dies von dem forcierten Verkehr des modernen Volks mit den Literatur- und Kulturgeschäftigkeiten her. Das Volk will, wie der Diamant, mit seinem eigenen Staube, nicht aber mit Schulstaub und politischem Wüstensande geschliffen sein. Von den Unmassen der Ideen, der Kulturapparate und Kulturelemente, welche man heute kunterbunt, ohne Räson, ohne Gewissen, ohne Verständnis des Volksgemüts, der Volksmysterien und -missionen ins Volk wirft, müssen sich die bornierten und gemeinen Individuen berauscht und frech gemacht finden, während die talentvollen, bildsamen und sinnigen Naturen einen Einblick in ihre Unwissenheit und in das Chaos der Kulturprozesse gewinnen, der sie verwirrt, entmutigt und betäubt. Der Mensch kann nur so lange bildkräftig sein, als er naiv verbleibt; mit der Kritik, mit der Selbsterkenntnis beginnt die Verpuppung des Geistes, die Mauser. In dieser Kulturmauser befindet sich das deutsche Volk zu unsrer Zeit. Dazu kommt, daß die Kräfte von Poesie und Philosophie, von dem idealen gleichwie von dem individuellsten Leben hinweggewendet, ausschließlich auf die Wirklichkeit und ihre materiellen Forderungen, auf Politik, auf Sozialprobleme, Assoziation, Nationalökonomie und Industrie gerichtet sind. So kann es denn an den natürlichen Rückschlägen, d. h. an einem gemeinen, inhumanen, unliebenswürdigen, der Natur wie der Vernunftbildung gleich sehr zuwiderlaufenden Materialismus und Egoismus nicht fehlen. Nicht nur unsre Gedanken, sondern unsre Gefühle sind bereits durch unsre Kulturmaschinerie und -kontrollen, durch unsre Kulturschleifereien schematisiert. Das Volkslied bringt zwar auch einen Schematismus in Anwendung, aber der Reim, der Refrain, die stereotypen Bilder, Wendungen und Rhythmen des Volksliedes sind nur das Lattenspalier, an welchem die Seele ihre Weinreben desto bequemer emporranken kann. Wir gebildeten und geschulten Leute müssen einen Gedanken dem andern förmlichermaßen vermitteln, damit keine Gedankensprünge entstehen; denn wir erstreben ja nicht nur die Rechtskontinuität, sondern den ununterbrochenen Geschichts-, Kultur- und Denkprozeß. Wer in demselben Lücken lassen, Phantasiesprünge machen oder naive Apostrophierungen verschulden wollte, wäre ja ein kurioses Naturellgenie, ein Barbar im eximierten Reiche der korrekten Lebensart und des klassischen Geschmacks! Wenn nun aber die Gedanken uniformiert, wenn sie in Reih' und Glied gestellt sind, dann werden noch die Gefühle und Empfindungen nebst den etwaigen Phantasiestücken in die Zucht der Ideen, d. h. der Vernunftanschauungen genommen, die aber in der Regel nichts weiter als von der Seele abgelöste, d. h. abstrakte Gedankenformeln sind, während doch die Vernunft nur dann ein Organ der absoluten Wahrheit und Humanität sein kann, wenn sie Natur und Geist, Person und Menschheit, wenn sie alle Lebensgegensätze in einem höchsten Prinzip zu gleichen Rechten umfaßt und begreift. Der Mutterwitz des Volksliedes aber greift das Beste aus der Mitte; und diese lebendige Mitte ist das Herz der Dinge, der Menschen und Geschichten. Wenn wir es unser nennen, so wird uns alles andere geschenkt, denn dieses Herz, mit einem zweiten in Kontakt gebracht, dehnt sich durch Liebe augenblicklich zu einer Peripherie, in welcher die Mysterien der ganzen Welt abgefangen sind. Freilich ist der Instinkt und der Takt des Volksherzens wetterwendig und unfrei, weil er formlos, weil er oft gedankenlos ist; freilich bleibt zwischen der Divination dieses Herzens und dem förmlich vermittelnden Verstande eine Kluft befestigt, welche das Volkslied nicht zu überbrücken und nur selten mit seiner Phantasie zu überfliegen vermag. Das Bewußtsein, das Gewissen von dieser Unfreiheit ist der Grund und Inhalt der Melancholie, welche alle echten Volkslieder charakterisiert: aber die geschmackvollen, die leise dialektischen Vermittlungen von Natur und Geist, von Seele und Verstand, von Persönlichkeit und Sozietät, von Herz und Weltvernunft, welche unsre Literaturlieder zum besten geben, sind viel trostloser als poetische Melancholie, denn sie sind eitel Prosa, in Reime und Versmaß gebracht. In solchen Zeiten wie die unsrigen, wo man aus dem Profanverstande, aus der Profanliteratur, aus den enzyklopädischen Naturwissenschaften, aus der Säkularisation des Mittelalters, der Vätersitte und des Väterglaubens den Honig saugt, welchen man zu der bittern Medizin der Gegenwart braucht; in unsern divinationslosen und unpathologischen Zeiten, in welchen sich der geschmackvolle Mensch nicht einmal zur Musik in einem pathologischen Verhältnis befinden darf, in einer Zeit, wo die Seele mit einem Pergament bekleidet, der Verstand aber so weltneugierig, so lüstern und kitzlig, so pathologisch und empfindlich wie eine entblößte Muskel geworden ist, da haben eben die schul- und weltklugen Leute keinen Begriff von der Lebens- und Gottesempfindung, von der religiösen Inbrunst, aus welcher das deutsche Kirchenlied hervorgegangen ist. Eben in der Roheit, in der Unwissenheit, der Wüstheit und Unsicherheit der Zeit vor und nach der Reformation, in der Verwilderung im Dreißigjährigen Kriege, in der unseligen protestierenden Interimszeit, wo das Gemüt eine uralte Form und Weltanschauung aufgegeben und die neue noch nicht zur Reife gebracht, noch nicht eingelebt und zu einer sittlichen Gewohnheit gemacht hatte: in dieser Verzweiflung an der Geschichte, an der Kirche, am Staate, an der Welt, an der Menschheit und am eigenen Selbst, da fand der Deutsche das Heilmittel der Seele in Kirchenliedern, welche so lange ein Labsal für das Gemüt bleiben werden, als es noch deutsche Menschen, als es ein Verständnis Luthers und Paul Gerhardts geben wird. In unsern durchgreifend zivilisierten, mittelmäßigen, nivellierten, formgebildeten und geschmackvollen Zeiten kennt man so barbarische Zustände, so trostlose, so absolut verzweifelte Gemütsverfassungen nicht, aber auch ihre Reaktionen, ihre Erlösungen, Bildkräfte, Heldentaten und fühlbaren Gotteshülfen, die himmlischen Zeichen und Wunder nicht mehr. Wir haben heute alles begriffen und formuliert, z. B. die Wahrheit vom Leben im Sterben, vom Sein im Nichtsein, von dem Gesetz, wie sich alle Dinge und Geschichten an ihrem Gegensatze potenzieren und wiedergebären müssen; aber zwischen konkreten und abstrakten Begriffen, zwischen der lebendigen Erkenntnis und dem Schulstil bleibt eine Kluft. »Das Kirchenlied«, schreibt Philipp Wackernagel S. 23 der Vorrede zu seiner Auswahl deutscher Gedichte, 1835, Philipp Wackernagels (1800–1877) nach den Versmaßen geordnete »Auswahl deutscher Gedichte für höhere Schulen«. »ruht auf einer tiefen, unergründlichen Vergangenheit. Es ist die Verklärung des weltlichen Volksliedes. Willig bot dieses, als die erwachte Kirche ihre Harfe stimmte, der Andacht seine Formen und Weisen dar. Wie wenig wir auch von früheren Volksliedern wissen mögen, da uns keine aus den ältesten Zeiten, aus den mittleren aber viel zweideutige überliefert sind, die man in demselben Sinne, wie sie entstanden scheinen, gesammelt, nämlich mit Sprachverwirrung und hochdeutscher Weisheit, so hat doch in unsern Tagen nicht in allen Landstrichen der unzufriedene Verstand die Einheit des Lebens aufgelöst, Liebe und Freude ertötet, die heimlichen Stellen verödet und aufgeklärt. Wir finden noch wahre Volkspoesie ... Im Choral leben alte Liederstrophen und alte Volksweisen, wohl uralte, nur umgestimmt und den strengen Ansprüchen des geistlichen Chores zugewandt. Wir singen in der Kirche, was vielleicht im grauen Altertume Melodie der Nibelungenstrophe oder der Form, die Otfried Vgl. S. 39, Anm. 1. benutzt, oder alliterierender Heldenmaße war. So rührt das Kirchenlied mit seinen Wurzeln an die fernste Vergangenheit.« Zu den Wahrheiten, die aus der Geschichte der deutschen Poesie resultieren, gehört dieses Resumé: Der Idealismus, welcher die Wirklichkeit ignoriert und seine Phantasiegebilde in blauer Luft verschwimmen und verschweben läßt, wirkt so wenig nach wie ein Traum. Man ersieht das aus der höfisch-aristokratischen Minnesingerei, aus der phantastisch-sentimentalen Ritterpoesie, welche, von der Wirklichkeit abgekehrt, alles Mutterwitzes, Humors und gesunden Menschenverstandes bar blieb. Nach dem Gesetz der Reaktion, welche als die Pendelschwingung in allen Lebensprozessen anzusehen ist, erwuchs aus der, in sublimierter Förmlichkeit und Konvenienz verendenden Minnesingerei die mittelaltrige Volksdichtung, die von Anbeginn neben der Adelspoesie »still am Boden gewuchert hatte«. Ihr Naturalismus, der derbe Witz, die Opposition gegen Pfaffen und Adel, gegen Juristen und böse Christen, hob zwar das Selbstgefühl, bildete die natürliche Urteilskraft und den sittlichen Charakter des Volks, verdarb aber, wie alle didaktisch-polemische Manier und Satire, wie Politik und Nützlichkeitstendenz, die Poesie und Kunst in den Grund, und die Ausartung dieses realistischen Genres, die bäuerische Ungeschlachtheit und Unfläterei, die Schimpferei und Abgeschmacktheit bestärkte die große Masse in ihrer materiellen Gemeinheit und Formlosigkeit. Endlich hielt der Nürnberger Hans Sachs, der mehr als ein bloßer Meistersänger und reimender Sittenprediger im herkömmlichen Stile war, mit seiner nobeln, glücklich menagierten Natur die rechte lebendige Mitte von Natur und Geist, bildete Phantasie und Verstand, Idee und Wirklichkeit ineins; ergriff den reinen Gedanken der Reformation, ohne ihn in die politische Rebellion hinüberzuspielen. Hans Sachs verschmähte nicht die Stoffe, welche die Gegenwart und Wirklichkeit darbot, noch die didaktische Tendenz und Form, aber ohne Gemeinheit, und ohne es mit dem wüsten Treiben der Parteien zu halten, und legte durch dies weise Maß seiner edeln Natur, und indem er nicht nur aus der Bibel und von seinen Vorgängern, sondern von Plutarch, Seneca, Terenz, Cicero, Lucian und ebenso von Boccaz lernte, den Grund zu einer Regeneration der versunkenen und versumpften Volksdichtung, auf den sich nicht nur die nächsten Dichter feststellten, sondern der selbst einen Goethe in seinen Grundsätzen von dem Maße und der Harmonie der Kräfte, von organischer Form und Begrenzung befestigt hat. Aber auch Hans Sachs hing mit seiner Zeit durch Vielschreiberei, durch Geschmacklosigkeit, durch breite Redseligkeit, durch förmliche Überwucherungen und eine Formenmengerei zusammen, die ihn nicht immer die rechte Art und Façon für den Stoff oder diesen für die angestrebte Form finden ließ. Im zunehmenden Alter griff er bunt durcheinander nach jeder Form und jedem Stoff, und seine Nachfolger beweisen endlich die Wahrheit, welche man auch aus unserer Zeit abstrahieren kann, daß die wahrhaftige Poesie und das Heil der Literatur wie der Kunst am allerwenigsten aus einem Formalismus hervorgehen kann, der, statt eine Ineinsbildung von Natur und Geist, von Ideal und Wirklichkeit zu sein, nur eine verstandes-impotente Abschwächung der Phantasie, des Herzens und des Mutterwitzes ist. In diesem Falle befand sich z.B. Platen handgreiflich, und in derselben unausstehlich formal-idealen Impotenz, die obenein mit periodischer Formlosigkeit, mit Utilitätstendenzen und mit politischem Realismus versetzt ist, befinden sich viele Poeten in unserer eklektisch alexandrinischen Zeit, die einen modernen Gnostizismus und Synkretismus erzeugt hat, dem natürlicherweise auch die Poesie verfallen ist. Es fehlt ihr an Herzenseinfalt und Herzensfrische, an Glaube, Liebe und Heiligung, an einer alles beherrschenden Idee, an einer durchgreifenden Richtung wie an der Konzentration der Kräfte auf einen Punkt. Vergleicht man mit den Brutalitäten und Wirren aus der Reformationszeit und mit den Miseren aus der darauffolgenden Zopfzeit, mit den Nichtigkeiten und Affektationen der ausgetüftelten, konventionell verklingenden Minnesingerei und mit unserer schönstilisierenden Mix-Pickelwirtschaft die Nibelungen, so tritt ihre Bedeutung für jeden, der sich noch einen Rest von Kraft, von Natur und poetischem Gewissen bewahrt hat, im klarsten Lichte hervor. Dieses ehrwürdigste und originellste deutsche Dichtwerk, dessen Stoff den Zeiten der Völkerwanderung entstammt, zeigt uns, daß ursprüngliche Produktionen nie unter fertig gemachte Rubriken zu bringen sind. Auf die Nibelungensage passen weder die gangbaren Kategorieen von Idealismus und Realismus noch von einer förmlichen Versöhnung beider Faktoren. Es ist in dieser Dichtung ein elementarer Naturalismus, jedoch von einer sittlichen Potenz und von einer Gewalt der Phantasie emporgetragen, welche weder dem altromantischen noch dem modernsentimentalen oder dem philosophischen Idealismus entspricht. Der realistische Faktor des urgewaltigen Gedichts manifestiert durch die tiefe Charakterzeichnung, die grandiosen Leidenschaften und die bestimmt gestaltete Fabel ebenfalls eine Potenz, die keinem andern bekannten Gedicht vergleichbar ist. Endlich haben wir in diesem immensen Epos, welches uns ein Maß der natürlichen Charakterenergie zur Anschauung bringt, von dem wir Modernen taumlig werden, eine Form zu bewundern, die sich bei aller Rauheit, Roheit und Monotonie gleichwohl organisch aus dem Charakter der Personen wie aus ihren Situationen herausbildet und die Fabel ganz so aus einem Wuchse mit der Handlung zeigt, wie sich diese selbst als die naturnotwendige Evolution der Charaktere darstellt. Diese Nibelungen sind eine Steineiche aus dem Teutoburger Walde, die Früchte Eicheln; aber der Baum selbst, sein Holz, sein Wuchs, sein Laub, sein Schatten, seine Symbolik hat unendlich mehr zu bedeuten als eine ganze Orangerie. Ich schließe meine Bemerkungen mit einem Urteil von Gervinus über die Nibelungen und das Gudrunlied: Georg Gottfried Gervinus (vgl. S. 50, Anm.), »Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen«, Teil 1, Leipzig 1835, zusammengeschweißt mit kleinen Abänderungen aus zwei Stellen des Abschnittes »Regeneration des deutschen Volksepos«. »Wir finden in dem Nibelungenliede die rein plastisch objektive Kunst der Alten, die reinere Wirkung auf die Sinne und die Phantasie, ohne Einmischung der Persönlichkeit des Dichters, ohne eine ausschließliche Einwirkung auf eine Empfindung des Lesers oder auf seinen Verstand. Kein Volk des neueren Europa hat hiermit etwas zu vergleichen; und wenn auch die Erfolge dieses Gedichtes und unsere ganze Natur uns sagt, daß wir nicht bestimmt waren, in dieser Gattung eigentümlich ausgezeichnet zu sein, so steht doch dies Werk in seiner grandiosen Anlage ganz allein neben dem griechischen Epos und beweist unsere Vertrautheit mit der allgemeinen Entwickelung der Menschheit, die wir in allen ihren Teilen zu vollenden strebten, auch wo, wie hier, äußere Hindernisse sich entgegenstellten. Wir gingen von dieser Art der Dichtung auf die am meisten entgegengesetzte über; von den äußeren Formen auf die inneren, von der objektiven, epischen zur subjektiven, lyrischen Kunst. Während wir am meisten unter den neueren Völkern uns in unserem Volksepos dem einfachsten Begriffe der Kunst, der in der Skulptur liegt, näherten, so fielen wir jetzt umgekehrt den entferntesten zu, der in der Musik liegt, mit der unser Minnegesang, der so ganz Empfindung ist, die engste Verwandtschaft hat. Wir sollten und wollten den ganzen Kreis der Dichtung beschreiben; wir verstiegen uns in die äußersten Extreme fast zu einer und derselben Zeit. Die größeste und entschiedenste Anlage gab sich in beiden kund; kein epischer Stoff tat es dem unseren an Großartigkeit, kein lyrischer Gesang an Tiefe der Empfindung gleich. Allein es fehlte an der Reife der Einbildungskraft, um in beiderlei Art vollkommnere Kunstwerke zu gestalten. Es schien, als ob wir auch das Unerlernbare uns erst durch Lernen aneignen müßten. Es erforderte Jahrhunderte der einseitigeren Kultur des Verstandes, die uns in jederlei Art von Erkenntnis weiterbrachten, ehe wir imstande waren, in einer neuen Periode jene Extreme zu versöhnen und die eigentümlichen Vorzüge der antiken Kunst mit denen der neueren zu vereinigen. Wir nahmen das ganze Reich der Gefühle und Ideen in unsere neuere Kunst auf, und daß sie mit diesem erschwerten Körper noch einen so hohen Flug nahm, dies zeigt von der allgemeinen geistigen Biegsamkeit und Energie der Nation. »Viele Eigenschaften des Gudrunliedes möchte man den Nibelungen wünschen; es legt die trockne Farblosigkeit mehr ab, ohne die leere Prunksucht der Hofdichter anzunehmen. Beide Gedichte dürfen für die Nation ein ewiger Ruhm heißen. Sie reichen gleichsam in jene alten Zeiten mit ihren Taten, Sitten und Gesinnungen hinüber, aus denen die Stimme der mißgestimmten römischen Feinde die Tapferkeit, die Wildheit, aber auch die Treue und Verlässigkeit, die Zucht und Keuschheit unserer ehrwürdigen Ahnen rühmten. Wenn wir diese Dichtungen voll gesunder Kraft, voll biederer, wenn auch rauher Sinnesart, voll derber, aber auch reiner, edler Sitte betrachten neben dem schamlosen, eklen und windigen Inhalt der britischen und neben den schalen, läppischen und zuchtlosen Stoffen der französischen Romane, ja neben dem bigotten fränkischen Volksepos, so werden wir ganz andere Zeugnisse für die angestammte Vortrefflichkeit unseres Volkes reden hören als die dürren Aussagen der Chronisten; und im Keime werden wir bei unseren Vätern schon die Ehrbarkeit, die Besonnenheit, die Innigkeit und alle die ehrenden Eigenschaften finden, die uns noch heute im Kreise der europäischen Völker auszeichnen. Diese herrlichen Stoffe uralter Dichtung lassen, wenn sie auch nicht geistige Routine zur Schau tragen, wie das die fremden Poesieen jener Zeit besser können, auf eine Fülle des Gemütes und auf eine gesunde Beurteilung aller menschlichen wie göttlichen Dinge schließen, die ein Erbteil der Nation geblieben sind, das mit jedem neuen Umsatz wuchernd zu einem weiten Vermögen heranwächst.« IV. Das deutsche Volksmärchen »Die Märchen nähren unmittelbar wie die Milch: mild und lieblich; oder wie der Honig: süß und sättigend, ohne irdische Schwere.« Jakob Grimm. »Die Nationen gleichen sich alle in der Unergründlichkeit und romantischen Tiefe ihres Gemüts; der ganze Volkscharakter ist es, der sich den Elementen der Natur wahlverwandt zeigt und in seinen unwandelbaren Sitten, seinen plastischen Leidenschaften und poetischen Intentionen an die verschiedenen Himmelsstriche, Naturreiche und Naturprodukte gemahnt. »Wir finden in jedem Volke etwas Heiliges und Unbegreifliches, was da ist, ohne daß man weiß, wie und woher. Die Sitten und Institutionen prägen nicht alles aus, was in der Seele der Völker schlummert; Volkslieder, Volksmelodieen, Märchen und Sprüchwörter deuten auf ein ideales Reich, dem die Form oft nur andeutungsweise und bildlich entspricht. »Die Geschichte der Volkspoesie zeigt uns, ganz so wie die Weltgeschichte, die wechselnden Momente und Gestalten der Wirklichkeit an einem Absoluten, d.h. in Kraft eines übersinnlichen, unwandelbaren Prinzips. Dieses Weltabsolute der Volkspoesie ist aber kein begriffnes oder deutlich angeschautes Ideal. Es gibt sich im Liede als eine ideale Lebensfühlung, als unbestimmte Sehnsucht und Wehmut, im Märchen dagegen als der Glaube an eine sittliche Weltordnung kund, als ein symbolischer Verstand, welcher in den menschlichen Geschichten wie in der Natur übernatürliche Mysterien zurückgespiegelt fühlt, die sich jeder Analyse wie Konstruktion entziehn. »Jeden Augenblick schließt die Geschichte den Kreis; aber im Volkscharakter selbst fließt ewig die Quelle neuer Kräfte und Bildungen aus Tiefen hervor, die wir als den zeugenden Schoß Himmels und der Erde erkennen. »Das Volksfundament ist freilich ein elementarer Naturalismus, ein Meer, aber der Geist Gottes schwebt darauf noch heute wie vor dem ersten Schöpfungstag. Die Masse des Volkes und seine Geschichte ist voll elementarer Prozesse, ist wie die See, die nur mit Hülfe der Sterne beschifft wird, von der man keine Probe in einer Flasche fortnehmen und für den Durst trinken kann. Mit der Hand geschöpft, rinnt das Meerwasser farb- und formlos durch die Finger: aber seine Masse schlägt Wellen, zeigt Ebbe und Flut, spiegelt das Blau des Himmels und das Licht der Gestirne zurück.« (Zur Charakteristik des Volkes von B. Goltz) *   *   * Diese Tatsachen sind es, welche sich in der Poesie des Volkes, in seinen Liedern, Märchen und Sprüchwörtern zurückspiegeln. Wer sie verstehen und richtig würdigen will, darf nicht an Einzelheiten hängen bleiben, sich nicht in spitzfindigen Analysen und Analogieen oder in Kombinationen und in abstrakten Konsequenzen gefallen; er darf auch nicht an der Form einen Anstoß nehmen; denn diese Form ist es eben, welche bald einen skizzenhaften und schematischen, bald einen rätselhaften, sich sprungweise entwickelnden, oder einen rohen und ungeheuerlichen Charakter darlegt. Aber das Ganze der Märchen, der Lieder und Sprüchwörter, der Geist, der durch ihre Widersprüche und Abenteuer, durch ihren Witz, ihre krausen Humore geht, der ihre materiellen Trivialitäten im Wechsel mit dämonischen Leidenschaften zum einheitlichen Ganzen bildet, ist der Sinn und Geist dieser Erdenwelt, die ja ebenfalls in den Gegensätzen von Geist und Materie, von Tod und Leben, von Freude und Schmerz, von Scherz und Ernst, von erhabenen und nichtswürdigen Leidenschaften, von Glaube und Zweifel, von Weisheit und Narrheit, von Haß und Liebe, von Tugenden und Lastern, von Äther und Staub prozessiert. Bevor ich zur speziellen Charakteristik des Märchens übergehe, schicke ich derselben ein paar Notizen aus Wolfgang Menzels Studien über das deutsche Volksmärchen voraus. Die heidnischen Elemente desselben werden von jenem Autor (in seinem neuesten Werke: »Deutsche Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit«) Stuttgart 1858–59, drei Bände; 2. Anflugs Leipzig 1875. ganz vortrefflich so aufgefaßt: »Die unendlich reiche Märchen- und Sagenpoesie, die sich seit grauen Jahrhunderten von Munde zu Munde beim Landvolke fortgepflanzt hat, umfaßt hauptsächlich die Erinnerungen der vorchristlichen Heidenreligion. Denn was sie später in ihre Strömung mit fortgerissen hat, Erlerntes von andern Völkern, das bildet nur einen verhältnismäßig schmalen Rand um die breite Mitte des heidnisch Nationalen. Und wie auch die äußere Fassung sich verändert hat und vieles christianisiert und modernisiert worden ist, überall verrät sich doch der altheidnische Inhalt. Das eigentümlich Phantastische in dieser Poesie liegt in der heidnischen Naturauffassung. Der Grundzug bleibt aber immer ein sittlicher. Auch das Wunderbare, Schreckliche und Lächerliche wird immer unter den Gesichtspunkt der Ehrlichkeit genommen. Ein tiefes Rechtsgefühl und die anspruchslose Zaubergewalt der Unschuld beherrschen diese ganze Märchenwelt. Sie ist der älteste und treueste Spiegel des Volkscharakters.« Riesenmärchen. Auch diese in Anführungszeichen gesetzten Darlegungen sind Zitat aus Wolfgang Menzels Werk; sie verbinden – unter mehrfachen Weglassungen – Teile aus Menzels Abschnitt »Riesenmärchen« mit solchen aus dem Abschnitt »Zwerg- und Elbenmärchen«. »In der deutschen Sage wird vorausgesetzt, die Riesen seien vor den Menschen dagewesen. Sie gelten nur als die personifizierten Elemente und rohen Naturkräfte. Sie waren die alleinigen Herren der Natur, ehe die Menschen und die für die Menschen besorgten Götter kamen. Als ein rohes Volk von ungeheurer Größe befanden sie sich am Anfange allein auf der Welt. Die nordische Hervararsaga schildert das ursprüngliche Riesenreich als ein freundliches unter König Godmund. Erst als die Zwerge und Elben, Götter und Menschen kamen, trat das Bösartige im Riesencharakter hervor, weil die rauhen Elemente im Winter, Überschwemmungen, Bergsturz, unfruchtbare Nässe, Sturm ec. die Pflanzen- und Tierwelt und den menschlichen Anbau zerstören. »In den norddeutschen Ebenen ist alles, was über die Fläche sich erhebt, nach der Sage von den Riesen zufällig hingeworfen und liegen gelassen worden. Hügelreihen und Dämme sind Sand und Erde, die einer Riesin durch ein Loch in der Schürze, in der sie dieselben trug, herausliefen. Die zahlreichen, vereinzelt in der Ebene liegenden zerstreuten Blöcke sind nach der Volkssage von Riesen im Kampf oder Spiel geworfen oder zufällig, häufig auch im Zorn, fallen gelassen worden. »Die Riesen selbst stellen nur die anorganischen Elemente dar und bedürfen keiner Speise wie die Tiere und Menschen, ja alles, was mit der Nahrung dieser jungen Eindringlinge in die Schöpfung zusammenhängt, ist den Riesen verhaßt. Wie sie schon den Pflug von sich gewiesen haben, so ist ihnen noch mehr zuwider, was durch den Pflug hervorgebracht wird, nämlich das Brot. »Wie sich die Riesen benahmen, nachdem die unfruchtbare Erde sich je mehr und mehr mit Vegetation und Saaten überzogen, erhellt am deutlichsten aus der berühmten Tiroler Sage von der Frau Hütt. »Diese Frau soll eine Riesenkönigin gewesen sein, die das damals noch mit Wäldern und Wiesen bedeckte Hochgebirge über Innsbruck beherrschte. Als sie einmal ihr Söhnchen, das in den Schlamm gefallen war, mit Brot abrieb, wurde dieser Mißbrauch der Gottesgabe durch ein Ungewitter bestraft, das ihr Reich in eine Eiswüste verwandelte und sie selbst versteinerte. »Wie das Pflügen der Erde, so ist auch das Häuserbauen den Riesen zuwider. Jeder Stein gehörte ursprünglich den Riesen und war gleichsam ein Glied des Riesenkörpers selbst. Seine Verwendung im Dienst und Nutzen der Menschen ärgerte die Riesen. Daher die vielen örtlichen Sagen von großen Steinen, die ein Riese, eine Riesin (oder nach christianisierter Vorstellung der Teufel) auf menschliche Wohnungen, Mühlen, Kirchen und auf ganze Dörfer geworfen haben soll. »In den Bergzwergen werden die Metalle, die unterirdischen Feuerkräfte, in den Elben die zarteren Lufterscheinungen, dann hauptsächlich die Pflanzen und Tiere vergeistigt. Aber nicht bloß einzelne Blumen, Bäume, Tiere nehmen elbischen Charakter an, vielmehr wird in den Elben auch der ganze zauberhafte Eindruck einer Gegend, ja eines Moments in der Natur personifiziert, der Geist der Landschaft, der Flora und Fauna: es lag im deutschen Gemüt und liegt noch darin, sich durch die äußere Natur geheimnisvoll anfremden zu lassen. Das ist der tiefste Grund alles sogenannten Romantischen. Aber es ist viel älter als die christliche Romantik des Mittelalters. Schon unsern heidnischen Vorvätern trat der Geist der Landschaft, jenes wunderbare Geheimnis, das in den Wipfeln des Waldes rauscht und in den Wellen am Ufer, in der reizenden Gestalt einer Waldminne oder Meerminne entgegen, und alles Ungewöhnliche, vom Gemeinen sich Hervorhebende, Charakteristische, Wunderliche, Anziehende und Schreckhafte an Pflanzen und Tieren erschien ihnen als elbischer Spuk. Die ganze sie umgebende Natur wurde in diesem Sinn zu einer Geisterwelt. »Die Riesen sind den Menschen an Körper, die Elben an Geist überlegen, aber beide entbehren die dem Menschen allein angehörige Seele. Die ganze organische Natur ist von Geist durchdrungen, aber ohne Seele. So alt wie die Metalle im Innern der Berge, so alt sind die klugen Bergzwerge selbst, so alt wie die majestätische Eiche und Linde auch der darin wohnende Elbe. Alle übertreffen den Menschen weit an Erfahrung. Als Geister der Natur beherrschen sie die geheimnisvollen Naturkräfte und bringen Werke hervor, die viel kunstreicher sind als alles Menschenwerk. Man sollte bisweilen glauben, die alten Deutschen hätten schon von den Fernwirkungen der elektromagnetischen Kraft und von der Macht des Gases eine Ahnung gehabt, so genau stimmen oft ihre Vorstellungen von der Magie der Elben damit überein. Aber bei all dieser Geistesmacht haben die Elben keine Seele. Diese Entbehrung fühlen sie schmerzlich und sehnen sich daher nach dem innigsten Verkehr mit den Menschen, rauben menschliche Kinder nur aus Liebe, um sich einzubilden, es seien ihre Kinder, und hoffen durch liebende Vereinigung mit den Menschen eine Seele zu bekommen.« *   *   * Mit diesem Begriff unsrer Voreltern von der Seele, mit dieser wundervollen Kraft und Ausdrücklichkeit des Glaubens der alten Deutschen an die Menschenseele, an ihre reelle Existenz und ihren absoluten Wert muß man die Lehre der Herrn »von Stoff und Kraft« Zu ihnen gehören die deutschen Philosophen L. A. Feuerbach und Strauß sowie die Naturforscher Vogt, Moleschott und vor allem Büchner. und den Beifall vergleichen, den sich der Materialismus bei den modernen Massen erwirbt, um zu wissen, wie tief die modernen Fortschritte ins Gemüt hinabreichen. Das Volksmärchen würde unsre Errungenschaften zu der Kunstfertigkeit der Bergzwerge, zur Körperkraft der Riesen, zu dem seelenlosen Verstande der Elfen, der Luftgeister zählen, aber schwerlich erzählen, daß diesen Kobolden, Geistern und Titanen der Neuzeit »eine Sehnsucht nach der unsterblichen Seele« innewohnt. Unsern Naturforschern gilt die Seele etwa für das beste Einpöklungsmittel – und nebenbei für das belebende Prinzip; das Leben selbst als Mittel für Nationalindustrie. Das deutsche Volksmärchen ist eine wahrhaftige Naturgeschichte der deutschen Sitte und des deutschen Gemüts. Bei keinem Volke der Welt sind wie bei den Deutschen Seele und Verstand so ehrlich versöhnt und doch so neckisch kontrastiert; bei keiner Menschenrasse ist die Phantasie so liebenswürdig, so plastisch und doch so transparent in die Wirklichkeit hineingebaut, sind Traum und Wachen, Natur und sittlicher Geist, Pantheismus und Gottesglaube so paradiesschön zusammengetraut. Jede Falte und jeder Winkel des Märchenherzens atmet Menschenliebe, Blumenduft, Religion und Gerechtigkeit. Naturliebe und Gottesfurcht, Heimweh und Wanderlust in die weite Welt, Eigenart und Selbstvergessenheit, Herzenssympathieen und -antipathieen, Kleinmut und Trotz auf eigne Kraft, Einfalt und Grübelei, Wunder- und Zweifelsucht, Herzenssorge und leichter Sinn, Schwermut und Ausgelassenheit, alle Gegensätze des Menschengemüts sind im deutschen Märchen zu einer Wunderwelt, zu einer Lebensart versöhnt, die uns mit Adamskräften anhaucht und auf Engelsflügeln durch alle Weltreiche führt. So voll Mitleidenschaft für das Geringste und voll Tiefsinn für das Größeste, so mutterwitzig und so herzig zugleich; so schalkhaft-spaßig und so voll süßer Melancholie, so flatterhaft und gewissensängstig, so verwandlungsvoll und so selbstgetreu, so vom Lebenswein, vom Lebenswunder berauscht und so naiv-brüderlich mit dem Tode gepaart ist nur der deutsche Märchenhumor. In ihm hat der Himmel Kindesunschuld und Prophetenweisheit, den Liebreiz des Weibes und die Gedankenkraft des Mannes, hat er die Blüte und Frucht des deutschen Gemüts und Gottesgewissens zutage gelegt und doch in den Duft des Paradiesgartens gehüllt. Wenn wir an einem stillen Wasser stehen, so verschmelzen Licht und Finsternis, so sehen wir die Wolken und die Ufer zurückgespiegelt, und auf den blauen Tiefen des Himmels schwimmt unser Gesicht. Wir baden nackt im Elemente, es näßt und erfrischt unsre Glieder, wir tauchen unter, aber wir begreifen nichts von dem himmlischen Wunder, auch wenn es uns als verschmachtete Wanderer aus dem Felsenquell erquickt und dem Leben wiedergibt. Ganz so geschieht uns im Märchen. In ihm allein, wie in keiner andern Poesie, ist das Idealste, das Unerreichbarste mit dem Nächsten und Handgreiflichsten getraut. Das deutsche Märchen legt uns in die Fesseln des Traums, und doch fühlen wir uns so frei und leicht wie in unsrer wahren Natur. Wir werden so erfüllt und doch so erleichtert und aufgeräumt; wir erfahren so neubegierig eben das, was von Anbeginn im Seelenabgrunde lag. Uns ist so geweckt und verständig zumute wie kaum im wirklichen Leben, und gleichwohl verkehren wir mit guten und bösen Geistern, mit Hexen, Riesen und Zwergen, mit Tod und Teufel »Du auf Du«. Wenn man nicht wüßte, wie man leben soll, in welchen Segnungen und Mysterien, in welchen Arbeiten, Sorgen, Freuden und Leiden, Torheiten und Lebensregeln die Welt besteht, so könnte man die himmlische und irdische Lebensökonomie aus dem deutschen Volksmärchen anschaulicher und erbaulicher lernen als aus irgend einem Buche der Welt, mit Ausnahme der Heiligen Schrift. Wie schön, wie tief aus dem Menschenherzen und der lebendigen Wahrheit ist der Zug gegriffen, daß Leute, die in Reichtum und Herrlichkeit leben, trostlos bleiben, weil sie keine Kinder haben; und daß sie sich zuletzt glücklich im Besitze eines »Däumlings« fühlen, der ihnen nach jahrelangen Wünschen und Gebeten vom barmherzigen Himmel beschert wird. Ich lass' es mir nicht nehmen, nur ein Menschendasein, das so absolviert wird, wie es im deutschen Märchen geschieht; nur eine Welt, in welcher die Menschen so arbeiten und sorgen, so fromm, so herzenseinfältig und zugleich so mutterwitzig, so munter und schwermütig, so närrisch und gescheut, so lebensneugierig und doch ihren Lebensgewohnheiten so getreu sind; nur eine Welt, in welcher die Menschen das Kleinste und Größeste so grüblerisch und doch so gläubig überdichten und überdenken: das ist die Welt nach dem Willen Gottes und der Natur. Diese Märchenmenschen verwirklichen das segensreichste Leben, die wahrhaftigste Humanität. Man darf nur den ersten besten Charakterzug des Märchens ins Auge fassen, um von dem sittlichen und religiösen Geiste ergriffen zu werden, der in diesen Volksdichtungen verkörpert ist. Wolfgang Menzel führt unter einer Fülle von höchst frappanten Beispielen an: Aus Menzels Abschnitt »Nixenmärchen«, aber kompiliert aus zwei Stellen. »Wer die Gaben des Meeres mißbrauchte, verlor sie genau nach demselben Gesetz, nach welchem der Mißbrauch des Feldsegens bestraft wurde. Dies gilt von den Fischen wie vom Bernstein; nicht minder von den heilkräftigen Quellen. Eine Heilquelle versiegte, als sie mit einem Zoll belegt ward« (Wolf, D. Märchen Nr. 266). Von der Insel Helgoland geht noch heute die Sage, das Meer habe dort von Heringen gewimmelt, aber sie wären verschwunden, weil die Einwohner einst gefrevelt, indem sie einen gefangenen Hering mit Ruten gepeitscht und wieder ins Meer geworfen hätten, oder weil ein Weib, welches nicht Gefäße genug hatte, die Menge von Heringen aufzubewahren, einen Teil derselben mit dem Besen ins Wasser gekehrt hätte. Ähnlich wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte alle Grundzüge der Menschennatur, die Grundfesten des menschlichen Daseins in ihrer ewigen Bedeutung zusammengefaßt und aufs eindringlichste hervorgehoben sind, hat auch das deutsche Märchen die Heimat, das Familienleben, seine Sorgen, seine Arbeiten, Leiden, Freuden und Verwickelungen zum Mittelpunkte seiner Darstellungen gemacht. Der Hauptsegen der Eltern sind die Kinder, gleichwie für diese das elterliche Haus der Ausgang und Schluß verbleibt. Die Abenteurer treiben sich in der halben Welt umher, um zuletzt zu fühlen, daß es nur ein Glück, ein Heil gibt: Elternsegen, Heimat, stillen, geordneten Fleiß, Vätersitte, Väterglaube, Arbeit und Gebet. Abenteuer, Hexereien, Gewölbe mit Edelsteinen und Goldsäcken, Riesen und Zwerge, Ungeheuer und redende Tiere, belohnte Tugenden, bestrafte Bosheiten und glückliche Hochzeiten haben die Märchen aller Zeiten und Völker, vor allen Dingen die arabischen aus »Tausendundeiner Nacht«. Aber ein deutsches Gemüt kann aus einem wüsten Haufen von Phantastereien keine dauernde Genugtuung beziehen. Die deutsche Volkspoesie hat doch ein besseres Rezept als gute und böse Genien, endlose Verzauberungen, jähe Glückswechsel, reiche Geizhälse, weise Derwische, törichte Kaufleute, tugendhaft-verliebte Prinzen und unschuld-schöne Prinzessinnen mit Sklavinnen, die sich auf heimliche Rendezvous ihrer Herrin in duftenden Orangengärten verstehen. Wenige von diesen orientalischen Nebelbildern und Metamorphosen sind mit Humor und Mutterwitz gewürzt. In den italienischen Märchen gibt es außer den grob gezeichneten Grundzügen der Menschennatur und des menschlichen Lebens noch eine plump an den Schluß gehängte Moral, von welcher Glück und Klugheit zur Weltreligion gestempelt werden. Man muß sich an den orientalischen und romanischen, an den slawischen Tiermärchen, an den absurd ungeheuerlichen Phantastereien der Kalmücken und Tataren, an der altnordischen Mythologie müde, wüste und trostlos gelesen haben, um das wunderschöne, heile Menschentum zu würdigen, welches nicht nur in den Weisheitssprüchen des deutschen Märchens obenauf liegt, sondern in seiner Fabel, in den Charakteren, Abenteuern und Situationen, in tausend großen und kleinsten Zügen, in dem Humor der Erfindung, in der Darstellung und Sprache enthalten ist. An jedem Worte hängt ein Tröpfchen Blut, denn die deutschen Gedanken sind mit dem Herzen getraut. Das deutsche Volk allein hat einen beseelten Verstand, einen solchen, in welchem Phantasie und Sittlichkeit nicht geschieden sind. Die orientalischen Märchen bilden nur den Körper einer oft sinnlosen Wunderwelt. Nur das deutsche Märchen vertieft sich in die Mysterien des Menschengemüts mit dem delikatesten und sinnigsten Verstande, mit einem Takt, der aller Tonleitern des Herzens, seiner leisesten Dissonanzen, seines Melodieenreichtums, seiner Himmel- und Höllenfahrten und all seiner Metamorphosen kundig ist. Das deutsche Märchen gibt uns den Ätherleib, der sich aus den Herzensgewohnheiten, aus dem Nachtönen der Geschichten, aus ihrem Blumen- und Moderduft erbaut. Wo es Abenteuer gibt, da erfahren wir auch, was sie in der Seele und in dem Gewissen der Abenteurer wirken. Nur die »Odyssee« gleicht in dieser Zurückspiegelung der Dinge und Erlebnisse im Menschengemüte dem deutschen Märchen; übertroffen wird sein psychologisches Leben nur von der Heiligen Schrift, insbesondere von der Geschichte Hiobs und der ährenlesenden, frommfleißigen Ruth. Unübertroffen bleibt unser Märchen aber in der Herzensfrische, der Herzenslaune, in dem Witz des Herzens, mit dem ohne Aufhören die außergewöhnlichsten Dinge und Verhältnisse in ihren kleinsten Zügen photographiert werden, und gleichwohl zeigt sich mit diesem Realismus des Alltagslebens seine ideale Bedeutung erfaßt. Im deutschen Märchen allein sind die Menschen so organisiert, alle natürlichen Dinge, alle menschlichen Verhältnisse so überdacht, so überdichtet, gewürdigt und geordnet, wie es ein deutsches Herz träumt und ein deutscher Verstand realisiert. Im deutschen Märchen allein findet der deutsche Mensch seine Kindheit, seine Jugendliebe, seine Sehnsucht und poetische Weltanschauung, seine Altersweisheit und Jugendtorheit, seine Paradiesträume, Grillen und Phantasmagorieen, findet er seine geheimsten Herzenssympathieen und Humore, einen Veilchengeruch des Herzens, einen Lilienhauch des Unschuldfriedens wieder, der ihn sonst nirgend mehr anweht. Wenn wir alle Schönheiten und Heiligtümer des deutschen Volksmärchens bei Namen gerufen zu haben glauben, so zeigt uns das erste beste bei näherer Betrachtung denselben unerschöpflichen Reichtum wie die Natur. In dieser Märchenwelt und für ihre Menschen gibt es wie in der Ökonomie Gottes und der Natur nichts Kleines, nichts Geringfügiges. Eben das Unscheinbarste, das scheinbar Nichtsbedeutende, das, was Hochmut oder Dummheit übersehen und herabsetzen, wird aus seiner Dunkelheit hervorgezogen und am liebsten zu einem Mittelpunkt von Abenteuern, zu einem Herzpunkt der schönsten Menschenverhältnisse erhöht. Eine in den sinnigsten Variationen und Nutzanwendungen immer wiederkehrende Lehre des deutschen Märchens ist die, daß eben in dem unscheinbarsten Gewande, in den aller Welt verborgenen Sorgen und Arbeiten, in demütig stiller Pflichterfüllung das Gold des Menschengemüts verborgen ist; daß Hoffart, Wankelmut, Arglist, Neid und Eitelkeit bestraft, redlicher Sinn und Ausdauer aber, wenn sich ihnen noch ein hülfreiches und bescheidenes Wesen verbindet, nach allen Schicksalsprüfungen den Tugendlohn finden. Alle deutschen Märchen erläutern das deutsche Sprüchwort »Ehrlich währt am längsten«; und die tiefsinnigsten sind als die Illustrationen zu dem Spruche Christi zu betrachten: »Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.« Der jüngste Königssohn, auf den die altern Brüder mit Hoffart herabsehen, ist der, welcher die gestellten Aufgaben durch seine schlichte, gute und treuherzige Art vollbringt, sich durch seine Dienstfertigkeit Freunde erwirbt. Die kostbarsten Dinge erscheinen immer in der gewöhnlichsten Einkleidung und Umgebung. Der Vogel Phönix befindet sich in einem hölzernen Vogelbauer ohne Gesang, während neben ihm von schönen Farben gleißende Vögel in goldnen Käfigen singen. In dem Märchen »Wiesewittel« (dem Könige einer Wiese) fordert dieser ein Tröpfchen Blut für eine Mücke, ein Hirsekörnlein für eine Grille und einen kurzen Ruheort für eine kranke Motte in der Pelzmütze. Von drei Brüdern, an welche Wiesewittels Bitte ergeht, erfüllt sie, wie immer, nur der Jüngste und sieht sich sehr sinnig belohnt. Kein Tier ist so garstig und geringe, daß es dem Menschen nicht Dienste leisten kann. Eine Kröte, ein Mäuschen, ein Wurm schlüpft aus seinem Versteck hervor, offeriert seinen Beistand, wird von den klugen Söhnen verhöhnt, aber von dem sogenannten »dummen Hans« angehört; und der befolgte Rat führt zum Ziel. Der verspottete dumme Hans erweist sich in extraordinären Fällen als der rechte Mann; die verhätschelten und von ihren Erbansprüchen aufgeblasenen Brüder aber zeigen sich töricht und schlecht. Eine Hauptbedingung zu allem Gelingen und Vollbringen von Taten ist aber das Festhalten eines Glaubens, einer erhaltenen Weisung und des letzten Zwecks. Nur die Festigkeit des Charakters führt glücklich durch alle verwirrenden Stimmen in den Zaubergärten, wo die Fruchtbäume den Helden anbetteln, sie von ihrer Bürde zu erleichtern. Die Augenblickssympathieen sollen der Pflicht und dem festen Willen untergeordnet bleiben. Die Vernunft soll über das Herz siegen; unzeitiges Mitleid entfernt den Helden von seinem Ziel. Die deutschen Märchen werden nicht müde, den Segen, welcher in Mitleidenschaft und tätiger Hülfe liegt, einzuschärfen. Die Lieblingshelden, die elternlosen oder zurückgesetzten Kinder, widmen Teilnahme und Beistand toten wie lebenden Dingen. Ein kleines Mädchen, eine verlassene Waise geht ratlos in die weite Welt; aber unterwegs macht sie einem kleinen Bache Luft, indem sie ihre schwachen Kräfte anstrengt, einen Stein aus dem Wasser zu schaffen. Dann wieder trägt das wandernde Kind ein Fischchen, welches aufs Trockne geraten ist, in sein nasses Element und einen aus dem Nest gefallenen Vogel zu seiner Mutter zurück. Einem kranken Kinde macht sie zum Zeitvertreib ein Mühlchen und bläst es todmüde mit ihrem letzten Odem an. Den Anstrengungen erliegend, wird die kleine Heldin von dem Bache erfrischt, von dem Vögelchen gefächelt, von dem Fischchen mit bunten Muscheln erfreut und von dem Engel, der als krankes Kind ihr Herz geprüft, gesund und glücklich gemacht. Charakteristisch für alle Märchen ist die naive Gleichstellung der Tiere und Menschen, wie wenn diese nur durch die Gestalt von den letzteren unterschieden wären. Aber nur das deutsche Märchen gibt den Tieren außer der menschlichen Intelligenz auch ein menschliches Gemüt, mittelst dessen sie sich dem Helden des Märchens auf Tod und Leben verbinden. Die italienischen, die polnischen und russischen Märchen halten den Tiercharakter fest. Aus dem deutschen Märchen schaut der Glaube an die Seelenwanderung, an die Unsterblichkeit und Gleichberechtigung aller Kreaturen und Seelen heraus. Wenn dieser Glaube darin irrt, daß er alle Körper als ein taugliches Vehikel und Organ für alle Seelen ansieht und nicht begreift, wie Seele und Leib ineinsgebildet sind, und wie die Seele als der andere Faktor der Materie den Körper erbauen hilft, so hat die Lehre von der Seelenwanderung doch die Erkenntnis vor der modernen Naturforscherei und ihrem Materialismus voraus, daß die Seele nicht für ein bloßes Produkt der prozessierenden Materie und Organisation, sondern für eine selbständige Wesenheit gilt und die Leiblichkeit sich den Seelen zubilden und anbequemen muß. Wer daran zweifeln wollte, daß der deutsche Mensch durch die tiefsten Sympathieen mit der elementaren Natur verbunden, von ihr inspiriert, durch sie erquickt, in seinem Herzen beseligt, zur Liebe und Poesie angetrieben ist, den könnte das erste beste Märchen belehren, daß die deutsche Seele mit allen größesten und kleinsten Naturmysterien getraut ist, daß der deutsche Verstand in allen Naturgeschichten und Verwandlungen ein Gleichnis des Menschenlebens wie der augenblicklichen Gemütsstimmung findet, daß ihm in der ganzen Schöpfung und Menschengeschichte der Verstand des Schöpfers und die Abbildlichkeit einer übernatürlichen Lebensordnung gegenwärtig ist. Die Menschen des deutschen Märchens glauben noch an die vier Elemente; sie wissen nicht, aus wieviel Prozenten Sauer-, Wasser-, Kohlen- und Stickstoff, aus was für Modifikationen, Modalitäten, Komplikationen und Undulationen von Wärme und Licht, von Galvanismus, Magnetismus und Elektrizität das Wasser, die Lebensluft, die Nahrungsmittel oder der menschliche Körper besteht; sie wissen nichts vom Kreislauf, vom Stoffwechsel, von der Mauser, von der Pflanzenanalyse und Physiologie, denn zu ihren Zeiten gab es noch keine Enzyklopädieen von professionierten und dilettantischen Naturforschern für das Volk. Die Herren »von Stoff und Kraft« hatten noch nicht das Rätsel der menschlichen Seele auf das von der Materie reduziert, und das schöne Gleichnis »von dem Urin« erfunden, »der ganz so von den Nieren ausgeschieden wird als die Seele von dem Gehirn«, aber diese unwissenden Märchenmenschen fühlen und wissen desto inniger, daß sie einen Leib, eine Sinnlichkeit haben, welche mit der Natur korrespondiert und »ihr einen Tod schuldig ist«. Dazu glauben sie auch an ein übernatürliches Leben ihrer Seele wie ihres Geistes in Gott dem Herrn; und dieser Glaube macht ihren Verkehr mit der Natur unbefangener und liebevoller, als dies bei unsern Materialisten möglich ist, welche des Glaubens sind, daß die Natur alles Leben mit demselben Rechte verzehrt, als sie es erzeugt und ernährt. Ob die Märchenmenschen traurig oder fröhlich sind – jedesmal wenn sie ihr Herz schwer oder bewegt fühlen, in jungen und alten Tagen wandern sie in die freie Natur und finden in ihrem Verkehr Erleichterung wie Rat. Im Märchen gewinnt ganz wie in der Kindheit jedes Wetter, jede Jahreszeit und Gegend eine Beziehung zum menschlichen Gemüt. Auf der unfruchtbaren Heide, am öden Meeresstrande, tief im Gebirge zwischen starren Klippen ist den Märchenhelden die Natur nicht minder ans Herz gewachsen als in einer lachenden Flur; und die arme Witwe, der arme Fischer, Hirte und Jägersmann fühlen ihr Hüttchen als segensreiches Obdach im doppelten Maß, wenn es vom Wetter umstürmt oder im Schnee begraben wird. Das Herz und der fromme Sinn des Märchens erkennt die Gottheit im Aufruhr der Elemente, im unbarmherzigen Frostwetter, wenn der Himmel eine Glocke von blauem Stahl und die Erde eine versteinerte Naturgeschichte zu sein scheint; denn er weiß, daß der strenge Winter den wilden Tieren den wärmsten Pelz wachsen läßt, daß nicht alle Vögel tot aus der Luft herabfallen, und daß der Gott, welcher die Saaten unter dem Schnee ausgrünen läßt, noch vor dem Tauwetter der Freund und Wohltäter seiner Geschöpfe ist. Das Märchen legt die Naturreligion, die Naturphilosophie und Naturdichtung des deutschen Menschen dar, und doch ist diese Naturliebe und -poesie kein heidnischer Pantheismus, sondern ein herziger Gottesglaube, der in der Natur die Umgebung und den Körper des Schöpfers, das Mittelglied und die Bildersprache begreift, durch die sich Gott auch den Sinnen des Menschen offenbart. Die Menschen des deutschen Märchens sind im Winter und im bösen Wetter gastfreier, frommer, geschäftiger und in ihrem Familienleben begnügter als im Sommer, wo sich das Herz zum Weltgefühl, zur Reiselust ausdehnt. Vor allen Naturszenen aber ist es der Wald, in welchem sich alle Naturgeheimnisse und Naturwohltaten konzentrieren. An seinem immergrünen Nadelholz bricht sich die Herrschaft des Winters. Er belagert nur die dicht und hoch gewachsenen Waldbäume mit Eis und Schnee, aber ins innere Heiligtum, zu den Höhlen der Waldtiere, in die vor Schnee und Wind geschützten temperierten Räume dringt er nicht hinein, denn da hat sich (man weiß nicht, wo und wie) die Seele des Sommers hingeflüchtet. Wo es noch Wälder gibt, da kann der Herbst nie ganz aussterben, da gibt es auch einen Zufluchtsort für die alte Zeit, für das Naturrecht und einen Schutz gegen die Städte, gegen ihr kaltes Herz, ihre überfeinerte, hochmütige und gottlose Kultur. Wenn ein paar Kinder von der bösen Stiefmutter gequält werden, so laufen sie in den nächsten großen Wald; wenn der Wanderbursch in seine dunklen Schatten tritt, so fühlt er sich vor Hitze oder vor Frost geschützt und den Mysterien der Natur überwiesen. Der Wald veranschaulicht und gewährt noch einen Überrest von dem gemeinsamen Eigentum, von dem Rechte, das in Paradieszeiten jeder Mensch auf die Naturprodukte hatte, denn den armen Leuten ist wenigstens das Leseholz, das Laub und Moos und das Einsammeln der Waldbeeren vergönnt, und sie machen da gemeinsame Sache mit den wilden Tieren, welche sich vor den Nachstellungen der großen Herren und ihrer Jäger in das Walddickicht zurückziehen. Man müßte ein Buch schreiben, wenn man die Sympathieen des deutschen Märchens für den Wald erschöpfen und zergliedern wollte, und dieses Buch würde dann zugleich der Kern der ganzen Naturheiligung, der Naturliebe und des deutschen Gemüts sein, dessen Pole der Traum vom Paradiese und vom Himmelreich nach diesem Erdenleben sind. Was sich nur irgend in einen großen Wald von Phantasiestücken hineinpacken, von Tier- und Räuberhöhlen, von Menschenfressern, von guten und bösen Zauberern oder Tieren und von Extraabenteuern hineindichten läßt, das hat das deutsche Märchen in die Wälder verlegt. Was die böse, überkluge, nüchterne, lichte und kalte Welt verschuldet und verwickelt, das muß der grüne, geheimnisvolle, bezauberte, finstere, kulturverschworene, aber dem Naturrecht getraute Wald wieder lösen und zu Rechte bringen. Wer noch ein Herz im Leibe hat, dem muß es weh tun, daß er nicht im Walde wohnen und von Waldbeeren leben kann. Nicht minder tief und innig als die Auffassung der Natur im deutschen Märchen ist die Darstellung der sittlichen Verhältnisse des Menschenlebens und die Kenntnis des menschlichen Herzens bei alle den Gelegenheiten, wo sich Leidenschaft und Gewissen, Sympathieen und Antipathieen, Pflicht und Eigenliebe, Gewohnheit und Vernunft im Menschen streiten. Das stille Glück des Familienlebens und einer frommen, zufriedenen Armut bilden sehr oft den Anfang und das Ende der Geschichten. Wunderschön und zart ist die Mitleidenschaft des Märchens für die hülflose, verwaisete Kindheit und für das vereinsamte Alter zutage gelegt. Die Leiden und Freuden der Witwen und Waisen wie die Bosheiten der Stiefmütter und der Mutter des Mannes, wenn ihr die Schwiegertochter nicht konveniert, sind ein Lieblingsthema des deutschen Märchens, und man verzeiht ihm gerne die im Bösen karikierten Charaktere, um so wundervoller Geschöpfe willen wie Schneewittchen, Aschenbrödel und die Stieftochter der »Frau Holle«. Aus dem deutschen Märchen ersieht man, welche schönen und heiligen Gemütseigenschaften am deutschen Volke gefährdet und zugrunde gerichtet sind. Was könnten nicht nur unsere Dichter, sondern unsere Moralphilosophen, Psychologen und Theologen, ganz besonders aber die modernen Ethnographen und Naturforscher aus dem deutschen Volksmärchen lernen, wenn sie nicht über dem Vielen, welches sie gelernt, das Eine verlernt hätten, das Verstehen der Gewissens- und Herzensstimme, die eben in hochkultivierten Zeiten so berechtigt sind als Wissenschaft und Schulvernünftigkeit. Der deutsche Tiefsinn tut sich im Volksmärchen durch unzählige und gar nicht Rede zu stellende Züge kund. Erwähnt sei andeutungsweise: ein schon dem Auge sichtbar gewordener Schatz sinkt mit dem ersten gesprochenen Worte wieder in die Tiefe zurück – (der Zauber wird durch Worte beschworen und durch andere vernichtet). Über das Märchen vom »Machandelbaum« sagt irgend wer sehr wahr: »Es ist darin eine Tragik und Nemesis wie nur in den Tragödien des Äschylos; es erinnert an die Kraniche des Ibykos. Ein Vögelchen muß die unmenschliche Missetat der Stiefmutter an den Tag bringen.« Und wie unbegreiflich schön, wie herzergreifend hat der Genius des deutschen Volksmärchens mit der teuflischen Stiefmutter ein Wesen wie »Schneewittchen« kontrastiert! Wo hat irgend ein Poet in alten und neuen Zeiten ein Bild geschaffen, das sich ohne Schatten modelliert, ein Mädchen, das dieser weißen Feldrose ohne Dornen und auf einem Lilienstengel zu vergleichen wäre? Wie quellfrisch duftet uns diese Jungfrauentugend aus dieser ihrer freiwilligen Dienstbarkeit an, bei häßlichen Zwerggeschöpfen in einem Walde! Und selbst diese Abschnitzel der Menschheit fühlen sich durch Schneewittchens Unschuld zu einem Schönheitskultus erhoben. Die Bosheit gewinnt keine Macht über ein reines Gemüt. Und wenn man meint, zu diesem Schneewittchen ließe sich keine Zwillingsschwester dichten, so finden wir das Problem in »Aschenbrödel« gelöst. Wie ist wohl ein lieblicheres Bild, eine sprechendere Situation möglich als Aschenbrödel in der Küche, wo die Tauben dem taubenfrommen, schwermütig sinnenden Mädchen den Mohnsamen aus der Asche lesen. Die süßen Mohnkörner sind die träumenden Gedanken in der Asche des Grams. Die allgemeine historische Gemäldeausstellung zu München hat ein reizendes Bild von Schwind Moritz von Schwinds (1804 – 71) Zyklus »Das Märchen von den sieben Raben« (1858). gebracht, dessen Gegenstand ein deutsches Märchen ist. Ich lasse hier die Beschreibung des Bildes von Moriz Carriere, Der Philosoph und Ästhetiker Moriz Carriere (1817-95). dem Referenten, folgen, weil man so am besten erkennen wird, wie glücklich unsre Märchenstoffe für die Malerei ausgebeutet werden können. »In dem Augenblick, als eine Mutter gegen ihre sieben Buben, die mehr essen wollten, als da war, das Wort ausspricht: ›Wäret ihr doch besser Raben‹, da fliegen sie als Raben davon, die Mutter stürzt entseelt nieder. Das Schwesterchen läuft in den Wald, eine milde Fee befiehlt ihm, sieben Jahre zu schweigen und sieben Hemden zu spinnen, nur so könne es die Brüder erlösen. Sechs Jahre sind vorüber. – Wir sehen auf dem ersten Bilde die Jagdgesellschaft eines Prinzen, die nach einem ihrer Genossen späht und ruft; der aber erblickt auf dem zweiten ein seltsames Wild: die wunderschöne Jungfrau in einem Baumstamm spinnend; dann hebt sie der Königssohn herab, deren langes, blondes Haar die keuschen Glieder umfließt, eine Komposition von unendlicher Innigkeit und zarter Reinheit. Der Prinz führt die Gefundene auf seinem Roß von dannen, sie wird hochzeitlich geschmückt, sie geht als seine Gattin mit ihm spazieren, indem sie sich den Armen wohltätig erweist, immer schweigend und des Nachts bei Mondschein spinnend. Sie wird endlich von zwei Knaben entbunden, die aber als Raben davonfliegen, als die Hebamme sie baden will. Das Entsetzen der guten Frau kontrastiert komisch mit dem Schrecken des Gatten und mit dem schmerzhaften Dulderblick der schämigen Wöchnerin, der die Fee erscheint, zum Schweigen mahnend. Aber die Feme verdammt die Königin als Hexe zum Feuertod. Wir sehen den Holzstoß geschichtet und die Heldin des Märchens mit gebundenen Armen im Gefängnis, die Fee aber bei ihr mit dem Wunderglas. Bald ist die Zeit um, die Armen hemmen den Wagen, der ihre Wohltäterin zum Scheiterhaufen führt, während die Fee den Raben die sieben Hemden bringt. Als die Königin auf dem Holzstoß steht, ist der Augenblick der Erlösung da. Wie zum Finale einer Oper kommen die Brüder auf weißen Rossen jubelnd herangebraust, ruft nun die Mutter ihren Kindern entgegen, welche die Fee zurückbringt, freut sich das Volk, daß die Henker abziehen müssen, sinkt der König gerührt zu den Füßen des geliebten Weibes. Die Idee ist klar: durch Ergebung, Arbeit und Schweigen löst sich der Fluch eines frevelhaft voreiligen Worts.« W. Menzel sagt: »Das schönste deutsche Märchen, worin Saxos Saxo Grammaticus (1140-1206), der älteste dänische Geschichtschreiber, Verfasser der » Historia danica «, in deren ersten Büchern er die alten nordischen Sagen und Heldenlieder behandelt. Auffassung des Riesen Utgarthilogus mit dem schlafenden Riesen im Thor-Mythus der jüngeren Edda Um 1230 von Snorri Sturluson in Prosa verfaßt. in eine merkwürdige Verbindung gebracht erscheint, ist das vom Glückskinde: »Ein König kam unerkannt in ein Dorf und hörte, es sei da eben ein Knabe mit einer Glückshaut geboren worden, der würde des Königs Tochter bekommen. Da kaufte er das Kind den Eltern ab und warf es in den Wald; es wurde jedoch gerettet und in einer Mühle aufgezogen. Als der Knabe herangewachsen war, kam der König zufällig in die Mühle, hörte, daß der Knabe ein Findling sei, erriet, es möchte derselbe sein, den er im Walde ausgesetzt, und schickte ihn zur Königin mit einem Briefe, worin stand, er solle sogleich hingerichtet werden. Der Knabe geriet unterwegs unter Räuber, die den Brief lasen und einen andern schrieben, des Inhalts: die Königin solle ihm sogleich ihre Tochter geben. So geschah es auch. Der König war, als er es erfuhr, in voller Wut und ersann die List, das Glückskind solle seine Tochter nur dann haben, wenn er ihm drei goldene Haare vom Kopf des Teufels brächte. Das Glückskind machte sich auf den Weg. Wo man es anhielt und nach seinem Gewerbe frug, sagte es, es wisse alles. Da gab man ihm in der Stadt auf, zu sagen, warum im Brunnen, wo sonst Wein geflossen, nicht einmal mehr Wasser fließe; in einer andern, warum der Baum, der sonst Äpfel trug, nicht einmal mehr Blätter trage; und an einem Fluß, warum der Fährmann nie abgelöst werde. Das Glückskind versprach, alle diese Fragen auf dem Rückwege zu beantworten. Dann kam es glücklich in die Hölle und fand des Teufels Eltermutter allein. Die erbarmte sich seiner, versprach, ihm zu helfen, und verbarg ihn in ihren Rockfalten. Nun kam der Teufel heim, roch zwar Menschenfleisch, forschte aber nicht weiter nach und schlief ein. Die Mutter hatte derweilen seinen Kopf im Schoße und riß ihm ein goldenes Haar aus. Er wachte auf, und sie frug ihn, was er geträumt habe. Von dem Brunnen, erwiderte er, der weder Wein noch Wasser gibt, weil eine Kröte darunter sitzt. Beim zweiten Haare sagte er, ihm habe von dem Baume geträumt, an dessen Wurzeln eine Maus nage. Beim dritten, er habe vom Fährmann geträumt, der abgelöst werden könne, wenn er einem andern die Ruderstange in die Hand gebe. Mit den drei Haaren nun und mit den drei Antworten kehrte das Glückskind heim und bekam für die Antworten viel Gold. Der König gab ihm sofort seine Tochter und wollte auch in die Hölle gehn, um ebensoviel Gold mitzubringen, unterwegs aber hieß ihn das Glückskind des Fährmanns Ruder nehmen: da war dieser erlöst, der König aber mußte fortan und in alle Ewigkeit rudern.« (Grimms Märchen, Nr. 29.) *   *   * Haben wir bis jetzt die Tiefe der Naturempfindung, den sittlichen Ernst und die Lehrhaftigkeit der Märchen in unsere Betrachtung gezogen, so lacht uns aus einer großen Menge von ihnen noch die Fülle der Lebensgesundheit und der originellsten Laune entgegen, die das Kleinste mit dem Größesten, das Individuellste und Zufälligste mit der großen Weltordnung balanciert und in diesem halb naiven, halb schmerzhaften Dualismus den deutschen Volkshumor produziert, in welchem der Witz mit dem Gemüte, der natürliche Verstand mit dem Gefühl des übernatürlichen Lebens polarisiert ist. Auch das Volk fühlt und versöhnt den Bruch zwischen Materie und Geist, zwischen diesseits und jenseits, zwischen der Heiligen Schrift und dem profanen Weltverstande, zwischen der schwachen Persönlichkeit und dem Gewissen, welches uns allen die Norm und das ideale Ziel des Lebens vorhält. Je weniger aber der ungeschulte Mensch diesen Bruch in einer Kunstform oder durch Wissenschaft und seine Lebensart versöhnen kann, desto unentbehrlicher ist für ihn ein Scherz und Witz, der den Ernst und das Gefühl der Unmacht maskiert. Solchen Prozessen, solchen tiefsten Mysterien, dem Schisma zwischen werktäglicher Gewohnheit und einem Gewissen von der idealen Welt, der wir alle wissend oder unwissend eingeordnet und verpflichtet sind, verdankt der Märchenhumor seine Existenz, und es wäre Räson, wenn ihn sich die literarischen Humoristen zum Muster nähmen, denn die moderne poetische Literatur verliert bei ihrer klassischen Prüderie immer mehr an Herz und Naturempfindung und ersetzt diesen Mangel, wie den eines Gewissens von der übernatürlichen Lebensordnung, weder durch Naturenzyklopädie noch durch Phantasiestücke, in denen man erfährt, was sich der Wald und die Vöglein erzählen. Der Humor im deutschen Volksmärchen ist so wundervoll wie der in der Natur selbst. Im »Rotkäppchen« legt sich der Wolf, nachdem er die alte Großmutter gefressen hat, in ihr Bette und bemüht sich, ihre schwache Stimme nachzumachen, als das Großkind ankommt. Dieses aber meint, daß seine Großmutter heiser geworden ist. Als Rotkäppchen neben dem verstellten Wolfe im Bette liegt, wundert sie sich über seine rauhen Arme und erhält die Antwort: »Damit ich dich desto weicher umarmen kann«; über die langen Ohren: »Damit ich dich besser hören kann«; über die glühenden Augen: »Damit ich dich besser sehen kann«. Endlich wundert sich Rotkäppchen über den großen Mund ihrer Großmutter und erhält vom Wolfe die Schlußantwort: »Damit ich dich desto besser fressen kann.« Rotkäppchen wird sonica Französisch: alsbald. aufgeschluckt. Dann kommt der Jäger an dem Hause vorüber und wundert sich über das furchtbare Schnarchen der vermeintlichen Großmutter. Zuletzt wird sie und ihr Enkelkind dem schlafenden Wolf heil aus dem Leibe geschnitten, und diesem praktiziert man eine Portion Steine in den Leib, so daß er endlich erwacht, nicht zum Fenster hinausspringen kann und sein Leben quittieren muß. In der Geschichte mit den jungen Zicklein, die der Wolf so gierig verschlingt, daß sie ihm die alte Ziege aus dem Leibe schneidet, während er schläft und Steine an die Stelle packt, wiederholt sich der Spaß. Der Bauer kann es dem Wolfe nicht verzeihen, daß er ihm die Schafe und Füllen frißt, und läßt ihn immer ein schlecht Ende finden. Als der Wolf sich mit der Stärke des Menschen messen will und auf den Jäger trifft, berichtet er höchst witzig und kurios, der Mensch hätte ihm aus einem Stock einen scharfen Hagel ins Gesicht geblasen, zuletzt aber sich eine blanke Rippe aus dem Leibe gezogen und ihn fast zu Tode gehauen. Höchst originell und naiv ist die Geschichte, wie der Wolf, als er auf Beute ausgeht, von der Sau angeführt wird. Sie kommt dem Wolf entgegen und macht ihm den Vorschlag, ihre Ferkel zu taufen, bevor er sie frißt. Während er das sehr bequem auf einem Stege verrichtet, der über einen tiefen Bach führt, rennt ihm die Sau so stark auf den Leib, daß der Ferkelfresser ins Wasser fällt und ersäuft. »Hans im Glücke« gibt seinen ehrlich und fleißig im Dienst erworbenen Goldklumpen, der ihn unterwegs drückt, für ein Pferd; das wilde Pferd, welches ihn abgeworfen hat, tauscht er für eine Kuh, die ihn beim Melken mit den Hinterfüßen schlägt; für diese unbequeme Milchkuh nimmt er ein fett Schwein. Dieses, weil er es auf einer Schiebkarre fortschaffen muß, tritt er für eine fette Gans ab; diese händigt Hans, weil er sie nicht tragen will, einem Scherenschleifer für einen raren Schleifstein aus, der ein ordinärer Straßenstein ist, mit dem er aber durch geschliffene Messer und Scheren sein täglich Brot verdienen wird; und endlich legt der müdgewordene Glückshans die Steine auf den Rand eines Brunnens, von dem sie ins Wasser fallen, als er trinken will, – und nun ist er auch die letzte Plage los. Köstlich ist der Gedanke Hansens, daß ihm sein gutes Glück in der Not mit dem schweren Goldklumpen, mit dem wilden Pferde, mit der obstinaten Kuh, mit dem schweren Schwein, der schwereren Gans, dem schwereren Schleifstein immer zur rechten Zeit beigestanden hat. »So ein Glückskind gibt's in der Welt nicht zum zweitenmal«, ruft er seelenvergnügt. Ebenso harmlos, aber originell phantastisch und naiv ist der Humor in dem »Geschichtchen vom süßen Brei«. Ein armes frommes Mädchen, das nichts mehr für seine arme fromme Mutter zu kochen hat, erhält von einer alten Frau im Walde einen Zauberspruch zum Geschenk; wenn sie zu einem Töpfchen sagt: »Töpfchen, koche!«, so kocht es süßen Hirsebrei, und wenn sie sagt: »Töpfchen, steh!«, so hört der Zauber auf. Der Spruch bewährt sich prächtig; die alte Mutter vergißt aber das »Töpfchen, steh!«. Die Tochter ist nicht zu Hause, es kocht also das ganze Haus und zuletzt das ganze Dorf voll Brei, bis die rückkehrende Tochter dem Zauber Einhalt tut. Die guten Leute des Dorfs müssen sich aber durch den Brei hindurchessen, um zu ihren Häusern zu gelangen. Es ist die Geschichte vom Goetheschen Zauberlehrling ins Kompakte übersetzt und auf die Philister angewendet, ohne daß das Märchen sich den Unterschied zwischen Brotmenschen und Adepten zum Bewußtsein gebracht hat. In dem wundervollen Märchen vom »Dornröschen« wird durch den bösen Zauber einer nicht zur Hochzeit geladenen dreizehnten weisen Frau Dornröschen (das einzige lang' ersehnte Königskind) und das ganze Schloß in einen hundertjährigen Schlaf gesenkt, so daß es mit Dornen verwächst, die kein Menschenkind durchdringen kann. Der Zauber geht so plötzlich vor sich, daß der Koch nicht mehr Zeit behält, den Kochjungen zu ohrfeigen, obgleich er schon dazu ausgeholt hat. Wie aber die hundert Jahre vorüber sind, da durchbricht ein Prinz die Dornen, weckt das schlafende Dornröschen mit einem Kuß, und in demselben Augenblick erwacht das ganze Schloß. Da schallt die verhaltene Maulschelle, da brutzelt der Braten, da kriecht die eingeschlafene Fliege auf der Wand weiter fort, da flackert das Herdfeuer wieder auf, und die Magd rupft das Huhn zu Ende, bei dem sie eingenickt war. Die Hochzeit versteht sich von selbst, »und wenn die glücklichen Leutchen nicht tot sind, so leben sie noch heute«. Man kann behaupten, sie leben noch, denn sie leben in Herzen von Kindern und allen Menschen fort, welche Märchen verstehn. Bezeichnend ist es, daß das Märchen vom »gestiefelten Kater«, welches die Umgangspolitik mit überlegenem Humor illustriert und die Maschinerie darlegt, durch welche man bei Hofe sein Glück zu machen pflegt, aus Italien und Frankreich eingebürgert worden ist. Intention und Grundfärbung gehören dem kritischen Welt- und Sozialverstande, der bereits über die bürgerliche Sphäre hinausgegangen ist und den Stoff verarbeitet, aus welchem die Revolutionen hervorgehn. Die Fabel ist diese: Ein Müller hinterläßt dem ältesten Sohne die Mühle, dem zweiten den Esel; der jüngste muß sich mit des Vaters altem Kater begnügen, der aber Menschenkenntnis besitzt und nur ein Paar Stiefelchen verlangt, um in die Welt zu gehen und seinem gekürzten Herrn ein besseres Glück zu verschaffen, als Esel und Mühle zusammen wert sind. Der Kater weiß Rebhühner und junge Hasen zu überlisten, die er jedesmal in die königliche Küche abliefert, und zwar als ein Geschenk vom Grafen Carabas. Dann muß sich der Müllerssohn in einem See baden, und in dem Augenblick, wo der König mit seiner Tochter vorüberfährt, schreit der Kater, als Diener gekleidet, nach Hülfe gegen die Diebe, welche seines Herrn Kleider gestohlen haben. Als der König vernimmt, daß der Beraubte derselbe Graf Carabas ist, welcher ihm so oft Wildbret verehrt hat, läßt er ihm Kleider aus seiner Garderobe reichen und die königliche Karosse anbieten. Die schöne Gestalt des Helden und seine natürliche Anmut gefällt den Augen der Prinzessin gar wohl. Die Reise geht weiter; der gestiefelte Kater macht aber den Läufer und bedroht die Ernteleute am Wege sowie die Viehhirten, daß sie, befragt, welchem Herrn Wiesen, Felder und Schlösser gehören, sagen sollen, alles sei Eigentum des Grafen Carabas, andernfalls würden sie alle des Todes sein. Die List gelingt. Der König wird von dem Reichtum des Grafen ebenso eingenommen als zuvor von seinen Küchengeschenken, die Prinzeß aber läßt sich vollends nicht nehmen, daß ihr Reisebegleiter der liebenswürdigste und nobelste Kavalier auf dem Erdboden ist. Nachdem noch der Kater den Besitzer eines großen Schlosses, einen bösen Zauberer, dahin überlistet hat, daß dieser sich, um seine Künste zu zeigen, erst in einen Löwen und dann in eine Maus verwandelt und als solche vom Kater fressen läßt, wird der Müllerssohn Schloßbesitzer, königlicher Schwiegersohn und Erbe des Reichs. Wie sehr den Naturmenschen die Neigung charakterisiert, alles auf Schrauben zu stellen, zu verhäkeln oder zu balancieren und vieldeutig zu machen, sehen wir nicht nur an jedem Bauern, Der Teufel im Märchen staunt einmal über die von einem Bauern erzielten Feldfrüchte und will sie mit ihm teilen. Der kluge Bauer überläßt nun dem Teufel die Wahl zwischen dem, was über oder unter der Erde wachsen wird. Der Teufel wählt das letztere, der Bauer aber säet nun Korn und behält die ganze Ernte. Im nächsten Jahre will der dumme Teufel die Sache besser machen und wählt, was über der Erde wächst. Da säet der Bauer Rüben und behält wieder die ganze Ernte. mit dem wir als Nachbar einen Vergleich zustande bringen wollen, sondern aus dem Volksmärchen in tausendfältiger Gestalt. Eben der Naturmensch, der Araber, das Weib, der Wilde, der Mann aus dem Volke halten das Einfach-Unverfängliche und den geraden Weg für dumm und ordinär. Ihr elementarer Sinn sucht eine Geistesbildung und findet sie im Verstande. Dieser erwachende Verstand aber braucht und erstrebt Anhaltspunkte und Übungen im Komplizierten, Zweideutigen, Verhäkelten, im Witz, im Scharfsinn, in der Pfiffigkeit. Daher in allen Märchen die sogenannten »knifflichen«, die orakelhaften, zweideutigen Aufgaben und die Lösungen in demselben Sinn. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines Märchens, in welchem einer klugen Magd die Aufgabe gestellt wurde, nackt und doch bekleidet, zu Fuß und doch gefahren vor das Schloß zu kommen, in welchem sich der Prinz befand, welcher der Heldin zum Gemahl beschieden war, falls sie die Aufgabe löste, und siehe da, die Vorgeladne vollbrachte das Stück, indem sie nackt, aber mit einem Fischernetz bekleidet, auf einem Kinderwägelchen erschien, welches sie mit ihren Füßen auf dem Wege weiterschob. Unerreichbar ist der deutsche Volkshumor da, wo er sich innerhalb seiner angestammten Sphäre hält, wie in dem plattdeutschen Märchen vom »Swienagel«, der mit dem Hasen die Wette eingeht, daß er dreimal hintereinander eine Ackerfurche rascher entlanglaufen wird als jener. Der Swienagel gewinnt die Wette durch die List, daß die »Frau Swienagelin«, welche dem Herrn Gemahl auf ein Haar (oder vielmehr in jedem Stachel) gleich sieht, an dem Ende der Furche dasitzt, wenn der Hase atemlos dort anlangt. Höchst charakteristisch ist die humoristische Verspottung der philosophisch und sentimental gearteten Naturen im deutschen Märchen; schwerlich kommt von solcher Tendenz bei irgend einem andern Volke ein Beispiel vor. »Die kluge Else« soll Bier im Keller zapfen, da bemerkt sie über ihrem Kopfe im Kellerbalken eine alte Hauaxt stecken, und indem sie darüber nachsinnt, wie leicht ihr oder ihrem Kinde das Mordinstrument auf den Kopf fallen und den Tod bringen könnte, muß sie sich so in Tränen setzen, daß sie alles Bier aus der Tonne auf den Boden laufen läßt. Den Hausleuten, die ihr nachgeschickt werden, erzählt die voraussorgende (Möglichkeiten als Wirklichkeiten behandelnde), überkluge Närrin ihre Phantasieleiden, durch welche alle mitsammen ins Lamentieren kommen, bis der Mann selbst die gerührte Gesellschaft im Keller aufsucht und zu vorläufigem Räson zu bringen versteht. Ein andermal soll Else ein Getreidefeld ernten; da sie aber bei ihrer großen Klugheit und systematischen Methode zuerst mit sich darüber ins reine kommen will, wie und von welchem Ende sich die Arbeit am zweckmäßigsten angreifen läßt, ob jetzt oder spätere ec., so schläft sie über diesen gründlichen Meditationen ein. In dieser Situation findet sie der Mann, als er ihr das Frühstück aufs Feld bringt. Er wirft ihr dann als einer nichtsnutzigen Personage ein Vogelnetz mit kleinen Schellen über den Leib. Als sie abends erwacht und an ihrem Leibe klingeln hört, weiß sie nicht gewiß, ob sie es ist oder ein anderes Menschenkind. Um darüber etwas Positives zu erfahren, fragt sie an ihres Mannes Fenster, ob Else zu Hause ist, und da die Frage bejaht wird, geht sie in die weite Welt, aus der sie noch heute wiederkommen soll. Ihr Geschlecht aber starb nicht aus. Neben dieser köstlichen Verspottung einer deutschen Phantastin selbst im Volke muß man aufs äußerste frappiert sein, in dem Märchen vom »Gruselhans« den Grundgedanken veranschaulicht zu finden, daß einem Dummkopf die übersinnlichen Mysterien verschlossen bleiben. Der dumme Hans, der in die Welt geht, weil er das Gruseln (Grauen) lernen will, schiebt mit Totenköpfen Kegel wie die übrigen Gespenster im Kirchengewölbe und bietet denen Ohrfeigen an, die ihm zu dreist auf den Leib rücken. Er geht mit seiner materiell profanen ungläubigen Dreistigkeit aus allen Abenteuern siegreich hervor, aber es zeigt sich auch am Schlusse, daß ein geborner Dummkopf sogar bei den richtigen Worten und Erlebnissen das Alberne meint; denn als dem Gruselhans ein altes Weib, die er mit seinem Reisezweck bekannt macht, einen Zuber mit zappelnden Gründlingen über den nackten Leib schüttet, da erklärt er zu wissen, was Gruseln ist, und zeigt solchergestalt, daß er das Geistergrauen (die rätselhafte Vorempfindung einer übernatürlichen Welt und ihrer Wesen) mit einem Kitzel auf der Haut verwechselt hat. Mit ähnlichem Humor wie die Gespenster der Verstorbenen müssen sich Tod und Teufel im deutschen Volksmärchen behandeln lassen. Der Teufel wird in allen Fällen von klugen wie von dummen Leuten überlistet und besonders da geprellt, wo er, um recht sicher zu gehen, einen Kontrakt gemacht und sich gar mit einem Geistlichen eingelassen oder es auf den Betrug von Witwen und Waisen abgesehen hat. Der Tod ist stärker wie der Teufel und wie aller Menschenwitz, aber dem Zauber des Apostel Petrus muß auch der Tod sich überwunden geben, und einer verzweifelten, bittenden Mutter läßt er das kranke Kind, wenn er es auch schon mit fortnehmen wollte. In irgend einem Märchen holt eine Mutter ihr gestorbenes Kind aus einem unterirdischen Totengarten zurück, wo die Kinder in Blumen verwandelt sind. »Der Schmied von Jüterbog« vexiert sogar den Tod auf seinen Birnbaum hinauf und hält ihn dort durch einen vom heiligen Petrus früher erworbenen Zauber so lange fest, bis er selbst seines Lebens überdrüssig ist. Zuvor aber fängt er den Teufel, wie er durchs Schlüsselloch zu ihm schlüpft, in seinem Blasebalg auf und walkt ihn, indem er seine Gesellen zu Hülfe ruft, mit schweren Hämmern so windelweich, daß der Böse sich nach der Befreiung auch in der Hölle noch nicht sicher fühlt. Die Hexen überlisten den Teufel eine feine Weile zu ihrem Dienste, zuletzt holt er sie aber doch zusamt ihren Katzen und allem Hexenschurrmurr. Der Tod und seine Ansprüche werden im Himmel wie auf Erden respektiert. Was staubgeboren ist, muß sterben, aber Klapperbein hat die Lebensart eines ehrlichen und billigen Mannes, er erinnert seine Patienten und gewährt besondern Lieblingen eine wiederholte Frist. Selbst der liebe Gott und der Weltheiland müssen dem Märchen zuliebe auf Erden umherwandeln. Petrus und Christus kommen auf ihrer Wanderschaft im Kroatenlande mit einem Schneider zusammen; die Nacht wird von den dreien im Walde zugebracht und ein Lamm zum Imbiß am Spieße gebraten, von dem der naschige Schneider die Leber fortmaust. Er leugnet dem nachfragenden Heilande die Tat selbst da noch, als ihn dieser in Feuers- und Wassersnot bringt. Petrus aber kennt die Kroaten besser, holt einen Beutel mit Goldstücken hervor, teilt sie in vier Teile und verspricht dem, der die Leber gegessen, zwei Teile des Geldes; da beschwört der kroatische Schneider mit Hast, daß ihm der Preis gebührt, weil er der Leberdieb ist. Ob dies Märchen ursprünglich deutsch ist, überlass' ich den gelehrten Kennern zu beurteilen. In der Geschichte vom Butt (Steinbutte) finden wir den Übermut des Menschen im Glück, die Unersättlichkeit bei befriedigten Wünschen, die Unvernunft und plumpe Hoffart eines gemeinen Weibes und das Pantoffelregiment, unter dem ein Schwachkopf zum Diener der Torheit wird, mit so köstlich trocknem Humor, mit so plastischen Zügen konterfeit, daß es scheinen könnte, als wäre die Kenntnis vermenschlichen Schwächen, der gemeinen Wirklichkeit die ausschließliche Virtuosität des deutschen Volks; aber es ist im Himmel wie auf Erden zu Hause, sobald es sich auf sein tiefstes Gewissen und auf seine Herzenssympathieen besinnen will. V. Die deutschen Sitten und das Familienleben Alle Völker, auch die barbarischen, haben ihre Sitten, weil sie erfahrungsmäßig wissen, daß die kleinste Gesellschaft nicht ohne Lebensordnung, ohne Autoritäten und Exekutivgewalten, nicht ohne solche Konventionen, Formen und Gesetze bestehen kann, durch welche die Willkür und Gewalttätigkeit der Individuen im Zaum gehalten wird. Außer der Notwendigkeit arbeitet aber auch der Vernunftinstinkt bei halb und ganz wilden Völkerschaften den elementaren Leidenschaften, durch einen Schematismus, durch irgend ein Zeremoniell und eine Grammatik entgegen, weil nur an einer Mechanik und Schablone, an einem Dinge, welches der Menschenwitz ersinnt, sich der Menschengeist von der Natur unterschieden und errettet fühlt, die ihn sonst verschlürft. Es kommt also, wie in allen Kulturgeschichten, darauf an, ob sich bei einem Volke der Geist dem adamitischen Naturalismus oder dieser dem sittlichen Geiste anbequemen muß; ob in den Sitten und Lebensarten Grazie, Phantasie, Sinnlichkeit, Aisance, Französisch: Leichtigkeit, Behaglichkeit. Bequemlichkeit, Klugheit, äußerliche Höflichkeit und Liebenswürdigkeit vorherrschen oder der Ernst, die Aufrichtigkeit, die Wahrheitsliebe, die Lebensgrammatik und der Glaube an die persönliche Würde des Menschen, an ein absolutes Gesetz, welchem alle sinnlichen Bequemlichkeiten, alle individuellen Augenblicksgelüste und Selbstsuchten unterworfen bleiben. Den deutschen Sitten fehlt es an der italienischen wie an der slawischen Naturgrazie und natürlichen Aisance, an der französischen Beweglichkeit, Kulturgrazie und geselligen Liebenswürdigkeit. Dem deutschen Menschen fehlt nicht nur die spanische Grandezza, sondern auch die majestätische Emphase, die souveräne Willens- und Tatkraft, welche die Leidenschaft dem Menschen des Südens, welche sie dem Korsen, dem Spanier, dem spanischen Weibe verleiht. Das gemeine Volk im Süden wie im Norden von Deutschland, z. B. in Schwaben, in Hessen, in Ost- und Westpreußen, in Pommern, besitzt sehr oft nicht einmal einen Sinn für äußerliche Wohlanständigkeit in Kleidung, in Manieren. Den gemeinen Leuten dort fehlt nicht nur der Geschmack, welchen Polen, Italiener, Spanier, Albanesen, Türken, Perser, Araber, Tscherkessen, Russen und Kurden in der Kleidung an den Tag legen, sondern jede körperliche Repräsentation und Haltung bis zum Mangel des Schicklichkeitsgefühls beim Essen und Trinken, im Gehen und Stehen. Bei keinem Volke latschen die gemeinen Leute mit so krummen Knieen, mit so unschön vom Leibe abgewendeten Ellenbogen, mit so vorgebeugten Köpfen, so packeselmäßig wie bei den Deutschen einher; – der tristen Gebärden nicht zu gedenken, die etwas von einem melancholisch-verdrießlichen Wüstenkamel verraten, besonders um den Mund herum, zu welchem sich bei gewissen deutschen Volksstämmen eine langgestreckte, geschnäbelte, schmale und scharflinige Nase hinneigt. All diese und viele andere ästhetische Ausstellungen haben ihre Richtigkeit, z. B. Glotzaugen, Buttermilchsaugen mit Brauen, die buschiger als der Backenbart sind. Bäckerbeine und vertrocknete Waden finden sich unter den deutschen Stämmen häufiger als unter slawischen und romanischen Nationen, aber die Betonungen dieser Tatsachen, die Folgerungen, die Nutzanwendungen sind falsch. Nicht nur das gebildete Publikum, sondern selbst die Gelehrten, die professionierten Ästhetiker und Moralphilosophen wissen nicht mit den Schattenseiten der schönen Leiber, der Grazie, des seinen Geschmacks und der oberflächlichen Liebenswürdigkeit gründlich Bescheid. Diese über Gebühr beliebten und gepriesenen Eigenschaften beruhen auf einer Harmonie von Natur und Geist, von Sinnlichkeit und Verstand, auf einem primitiven Paradiesfrieden der Lebensgegensätze, bei dem es nicht verbleiben darf, weil er sich, wie wir an dem schönen Geschlecht erfahren, so oft ohne Kraft und Charakterkonsequenz, ohne Vernunftenergie, kurz ohne die spezifisch männlichen Geistesfakultäten zeigt. Erst mit dem Bruch zwischen Natur und Geist kommt es zur tiefern Entwicklung der menschlichen Kräfte, zur Kulturgeschichte, zum Siege des vernünftigen Geistes über die elementaren Naturgewalten außer uns wie in unserm Selbst. Die Grazien und ästhetischen Talente der Italiener, der Griechen, der Dalmatiner und Polen erklären sich aus ihrem frei entwickelten Naturalismus. Weil aber die Deutschen und Engländer mit ihrer Kultur Ernst gemacht haben, weil sie sich das Leben, die Wissenschaft und die Künste sauer werden lassen, weil sie Schule und Sitte heilig halten, weil sie einer für Recht und Geschichte begeisterten Rasse angehören, weil der geistige Faktor in ihnen über die Sinnlichkeit herrschen darf: darum sind sie seltener von den Grazien gewiegt. Weiber, Kinder und viele barbarische Nationen sind graziöser, anmutiger, liebenswürdiger und naiver als Philosophen, Schulmeister, Pfarrer und Propheten, aber vernünftiger, gescheuter, verlässiger, ehrenwerter sind sie um dieser Grazie willen keineswegs; und viele Tiere, Hirsche, Adler, Pferde und Löwen, übertreffen an Naturgrazie und Naturstolz selbst eine spanische Tänzerin. Individuen und Nationen, die sich vom Naturalismus emanzipiert haben, die aus dem tierischen Instinkt heraus zum Reiche des Geistes durchgedrungen sind, können unmöglich so unbefangen, graziös und schön in ihrer Erscheinung, in ihren Lebensarten sein wie Subjekte, die sich halb oder ganz als Naturprodukte darstellen. Die Kulturgrazie und Höflichkeit der Franzosen ist eine leere Eitelkeit und Bildungsprätension, ohne Fundament und Charaktertiefe, ohne Selbstkritik und Gewissensbisse, ohne Würde und Wahrhaftigkeit, – ein bloßes Bildungsbaiser für solche Ästhetiker, denen es an prononcierter Männlichkeit, an Charaktergewaltigkeit, an Gemütstiefe, an Gottesgewissen, am adamitischen Erbe, an sittlichem Instinkt und an elementarer Naturkraft gebricht. Bei Helden, Gesetzgebern und Propheten ist keinmal von Grazie und Höflichkeit die Rede. Die Leute des Volkes aber und nicht die Gebildeten haben wir als die echten Jünger und Pflegebefohlenen der Gesetzgeber und Propheten anzusehen; somit dürfen die Massen auch nicht die Träger der Delikatesse, der Ästhetik und Höflichkeit sein. Wenn die Redensart von der göttlichen Grobheit mehr als einen schlechten Witz und vielmehr die Kluft zwischen dem göttlichen Gesetz und der konventionellen Umgangsform bedeuten soll, so mag man auch begreifen, daß ein Volk als die primitive Inkarnation der Natur- und Sittengesetze unendlich tiefere Prozesse und Formen zu absolvieren hat als solche, welche zur Politur der Oberfläche gehören. Die schönen Künste und Wissenschaften geben der Bildung des Genius, des Gelehrten den letzten Schliff, indem sie Seele und Verstand in eins bilden, indem sie Vernunft und Sinnlichkeit versöhnen; aber indem sie dies tun, werden sie zugleich die Kuppler der Sinnlichkeit und Nichtsnutzigkeit bei denen, welchen es an Charakterenergie, an Fleiß und strengen Grundsätzen gebricht. Künste und Wissenschaften mildern zwar die zu große Härte, die Roheit der Sitten und veredeln das sinnliche Gefühl; aber indem sie dies bewirken, nehmen sie auch den Volkssitten und dem Charakter der Nation die Kraft. Die Lessingsche Fabel von dem plumpen Ebenholzbogen, welcher beim Spannen zerbricht, nachdem er durch Bildschnitzerei an Masse verloren hat, bleibt wahr. Beim Volke handelt es sich nun und nimmermehr um Anmut, Grazie, Weichheit und Schönheitsgefühl, sondern um Wahrhaftigkeit, Sittenstrenge, Charakter und Kraft. Man muß die tiefste sittliche Grundlage besitzen, um ohne Schaden mit den schönen Künsten zu verkehren: denn der Dualismus zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, welchen die ästhetische Bildung indifferenziiert, Verwischt, aufhebt, beseitigt. ist beim Volke eben der Grund ihrer sittlichen Kraft. Mit dem Bruch zwischen Natur und Geist beginnt die Kulturgeschichte, und mit der Versöhnung von Sinnlichkeit und Vernunft, von Seele und Verstand, d. h. mit der Ästhetik, beginnt die Schwäche, die Unnatur, die Barbarei der Kultur. Die Naturgrazie der Polen und Italiener ist, tiefer taxiert, das Symptom ihrer vom Geiste unalteriert und unaffiziert gebliebenen Sinnlichkeit, ihrer kulturverschworenen Unwissenheit, ihrer ganz sinnlichen Naivetät und Eigenliebe: also ein europäischer, ein kulturhistorischer Skandal. Kultivierte christliche Nationen, die dem europäischen Staatenverband der Weltkultur angehören wollen, müssen aus dem ästhetischen Naturalismus, aus der tierischen Lebensunmittelbarkeit heraus in das intellektuelle Leben hinein; sie dürfen, sie können nicht so naiv und liebenswürdig, so harmlos und naturbequem bleiben, wie sich Italiener, Spanier und Polen darstellen. Wenn aber diese Paradiesaisance, D. h. diese paradiesische Ungezwungenheit. diese Grazie und Naivetät unsere reisenden deutschen Stubenliteraten oder die unästhetischen, schematisierten, bocksteifen Engländer entzückt, so ist das ein persönlicher Ergänzungsprozeß, aus dem man nichts für den absoluten Wert und das Verdienst jener Südländer erhärten kann. Der gelehrteste Professor schwört am eifrigsten auf die himmlische Grazie seiner Braut, bis ihn die Ehe belehrt, daß er sinnliche Listen, Praktiken und Dummheiten für Divination, Naivetät und Paradiesunschuld angesehen hat. Erst muß der ganze Lebens- und Kulturprozeß ein vollständiger und richtiger werden, bevor von ästhetischen Formen die Rede sein kann. Unsere politischen Reformatoren haben uns mit schnöder Übertreibung unsere romantisch-poetischen, von innen heraus gebildeten ästhetischen Lebensarten zur politisch-sozialen Todsünde angerechnet; warum wollen sie denn also in Abrede stellen, daß die Südländer nicht eher einen sittlichen, wissenschaftlichen Grund und Boden, eine Geistesfreiheit gewinnen können, als bis sie von der Naturästhetik, von der Grazie und Naivetät durch einen Bruch zwischen Natur und Geist erlöst sein werden? Nichts kann orientierender in der Würdigung der Nationen, nichts gewisser sein, als daß ein Volk mit entschieden ästhetischen Anlagen und solchen Entwicklungen ein verlornes Volk ist. Die ästhetischen Anlagen entspringen aus einer lebhaften Phantasie und einem verfeinerten Naturalismus, der sich niemals gern einem sittlichen Schematismus und Rigorismus unterwirft oder mit Eifer und Sorge einer anstrengenden Arbeit unterzieht. Ästhetische, kunstliebende, graziöse, gesangs- und tanzlustige, naturell-liebenswürdige Individuen und Volksstämme haben niemals einen soliden Staat gebildet oder ihn unter den Wechselfällen des Geschicks behauptet. Alle Tatsachen der Weltgeschichte wie des Zustandes der verschiedenen Völker und Staaten erhärten jene Wahrheit ohne Barmherzigkeit. Die kunstgebildeten alten Athener und die Italiener, die musikliebenden Polen und Böhmen, die phantasiereichen, romantischen Spanier sind politisch, sozial, kulturhistorisch zugrunde gegangen; und die unästhetischen, nüchternen, gesang- und kunstlosen Engländer bilden eine kompakte, lebens- und tatkräftige Nation. Sogar die barbarisch-geschmacklosen realistischen, jeder Kunst und Poesie baren Russen sind wenigstens arbeitsam; geschäftig und tierisch gesund. Die Grazie und kultivierte Ästhetik der Franzosen ist trotz ihrer natürlichen Rührigkeit und Geschäftigkeit der Wurm und die Speise der französischen Eitelkeit. Nur die Deutschen halten hier wie in allen Dingen die gesunde Mittelstraße ein: ihre Ästhetik ist von ihren sittlichen Grundsätzen und Gewohnheiten, von ihrer Wahrhaftigkeit gezügelt und beherrscht. Die Ost- und Westpreußen haben sich an vielen Orten so derbe Umgangs- und Geschäftsformen konserviert, daß die Worte »grob« und »preußisch« im Volke oft für gleichbedeutend gelten; aber die Leute antworten auf den Vorwurf ihrer Derbheit sehr zutreffend: »Grob hält gut«. – Grobheit muß sich freilich auf ein gutes Recht gründen, Derbheit darf nicht letzter Zweck, nicht Absicht, muß Naturwüchsigkeit und Mittel zur Abwehr von Schwächlichkeiten und Affektationen sein. Als Beispiel von westpreußischer Art, wie sie vor dreißig Jahren noch in den Mittelständen sehr gangbar war, kann folgender Zug dienen. Ein Reisender tritt in die Trinkstube eines Gewürzkrämers zu Marienwerder, wo die gewöhnlichen Stammgäste versammelt sind, und kommandiert im barschen Tone eine Flasche Porter. Der Wirt gießt den Porter ein und stellt das Glas höflich vor den Fremden hin; dieser aber ignoriert die ganze Dienstbeflissenheit des Aufwartenden, wie eines Menschen, der eben nur seine verfluchte Schuldigkeit zu tun die Ehre habe; und nachdem er mit übermütiger Nonchalance ein klein wenig von dem Getränk genippt hat, fragt er den noch zu seinen etwaigen ferneren Diensten vor ihm stehenden Mann mit einem maliziös vornehmen Air, was das Eingegossene eigentlich sein solle. Der Befragte nimmt nun, scheinbar wie zum Kosten, das Glas an den Mund, trinkt es aber ohne abzusetzen ganz gelassen aus, und indem er es mir solcher Gewalt auf den Tisch vor dem Fremden wieder zurückstellt, daß die Stücke umherfliegen, sagt er, den verdutzten Gast sehr ernsthaft fixierend, mit einer Stimme, aus welcher eventuelle Handgreiflichkeiten aufs deutlichste herauszuhören sind: »Das war Porter!« Worauf denn der impertinente Frager sich so ungesäumt als möglich entfernte, nachdem er noch, ohne ein Wort zu verlieren, sein Geld für das angezweifelte Getränk hingelegt hatte. Ein zweiter Reisender bemerkte zu dem Abenteuer, das wäre echt preußisch; und der Wirt replizierte phlegmatisch: »Ja!« Die Stammgäste waren aber mit Recht von dem derben Witz ihres Wirtes höchlich erbaut, und die Anekdote machte die Runde in Stadt und Land. Es ist widerlich für den, der die Franzosen kennt, von der Artigkeit des gemeinen Mannes in Paris zu hören und diese Politesse z. B. mit der Derbheit des gemeinen Mannes in Pommern oder Ostpreußen in Parallele gestellt zu sehen. Der preußischen Volksbrutalität und Unschönheit, der platten Sprache, Flegelei und Dreistigkeit liegt viel weniger Barbarei als vielmehr eine angeborne Wahrhaftigkeit und Scham vor einem Herauswenden des innern idealen Lebens, dazu der Verstand zum Grunde, daß die Formen und Lebensarten der gebildeten Leute nicht zu dem derben Stoffe des Volkes und seiner Hantierung in Harmonie zu bringen sind. Der gemeine Mann in Preußen und in Deutschland überhaupt hat aus seiner derben, aber tiefen, geraden und unverlognen Natur seine eigne Sitte, Philosophie und seinen Dialekt herausprozessiert, und er fühlt sich mit dieser Sitte und Sprache viel zu sehr als eine Person, um etwa durch äußerlich angenommene Redensarten und Manieren oder durch Kleider einen Gebildeten darstellen zu wollen. Er fühlt instinktmäßig die Notwendigkeit, auch den bloßen Schein einer Bildungsbeflissenheit zu meiden, die ihn als eine unselbständige, nichtsbedeutende, witzlose Personage verdächtigen könnte. Er weiß sich sogar mit seiner derben Natur und Wahrhaftigkeit, mit seiner Arbeit, Religiosität und Vätersitte den flachgebildeten Städtern überlegen; er schämt sich also, fein artig und gebildet wie die feinen Leute zu sein. Von solchen Fühlungen besitzt der Franzose nicht die Spur. Daß mit der nordischen Gradheit, Derbheit und Charakterenergie nicht die Roheit und zynische Bestialität von Matrosen, Fischweibern und Sackträgern entschuldigt oder verschönert werden soll, versteht sich von selbst; umgekehrt aber sollen die deutschen Ethnographen und Ästhetiker endlich begreifen, daß weder die Kultur- noch die Naturgrazie ein Symptom und Zeugnis ehrenwerter Volkssitte sind. Wir müssen uns die Welt auf weiten Reisen angesehen haben, um zu erkennen, daß nur in deutschen Landen eine bewußt christliche Sitte gefunden wird, die ebenso weit von dem Fanatismus der Spanier und Südfranzosen als von dem toleranten Unglauben der Pariser oder dem kindisch spielenden Aberglauben der Italiener entfernt ist. Nur in Deutschland tritt uns eine sittliche Lebensordnung, und zwar ohne das listige Phlegma der Holländer, ohne die Pedanterie und grasse Asketik der Engländer, ohne den Frost und erstarrten Schematismus der Skandinavier, entgegen. Nur den Deutschen aller Stände liegt die wissenschaftliche und die reinmenschliche Erziehung der Kinder am Herzen; nur der deutsche Jüngling hat Organ und Gewissen für die ideale Welt; hat begeisterte Sympathieen für Poesie und Philosophie und einen Respekt vor Theorie, System und Methode, der ihn zum Frommen der Wissenschaft und einer nobeln Lebensanschauung bis ins Alter begleitet. Nur in Deutschland ist die Lebenssitte ein Baum, der seine Nahrung nicht minder aus den himmlischen Elementen der Phantasie und Gottesfurcht als aus dem festen Erdreich der Arbeit und der Pflichtstrenge bezieht. Die Deutschen und Engländer sind rationelle und praktische Landwirte zugleich, sind unvergleichliche Handwerker wie Mechaniker und doch Menschen, die eine Arbeitsehre, eine Gewerbsehre haben, von der man in Polen, in Italien und Spanien nicht einmal eine Vorstellung, besitzt. Nur die deutschen Sitten, Künste und Wissenschaften zeigen gleichmäßig die ideellen und die reellen Lebensfaktoren auf; nur bei den Deutschen sind Religion und Sitte mit Poesie und Philosophie ineinsgebildet; nur im edeln deutschen Vaterlande gibt es einen symbolischen, einen elastischen, wachsenden, mit der Seele ineinsgebildeten Schematismus; gibt es vernunftveredelte Leidenschaften und einen vollbeseelten Verstand; nur in deutschen Landen entzücken uns milde, schöne, aus allen natürlichen und übernatürlichen Sympathieen zugleich hervorgegangene Sitten und Umgangsformen wie nirgend mehr in der Welt; nur in der deutschen Sitte finden wir eine Versöhnung von Natur und Geist, die aus dem Bruch der beiden Faktoren wie aus ihrer tiefsten Sonderentwicklung hervorgegangen ist. Der Deutsche ist ein leidenschaftlicher Naturforscher und Philosoph, ein unvergleichlicher Ackerwirt und in Schwaben sehr oft ein bibelfester Theosoph; er ist ein Pfahlbürger, ein Hauswirt und Familienvater, mit einer Autorität und Würde bekleidet, von der man in andern Landen nur die Karikaturen antrifft, – und gleichwohl ein Welt- und Himmelsbürger, ein Mensch, der auf der ganzen Erde wie in der Heiligen Schrift zu Hause ist. Wer einer deutschen Familie, einer deutschen Schule, Universität und Korporation angehört, wer ein deutsches Hauswesen, eine deutsche Landwirtschaft, ein deutsches Gewerbe mit deutschem Gesinde und deutschen Arbeitern betrieben hat, der leugnet mit gutem Grunde, daß es noch anderswo in der Welt ein wahres herziges Familienleben, daß es noch anderswo wissenschaftlich und rein human organisierte Volks- und Hochschulen, daß es auch in Italien, Spanien oder in Frankreich eine Hausordnung, eine Familienmahlzeit, ein ehrbares, pflichtgetreues, arbeitstüchtiges Gesinde, daß es im Auslande eine Gewerbs- und Arbeitsehre, ein praktisches Christentum gibt. Liegt in solchen Bekenntnissen eine Einseitigkeit und Ungerechtigkeit, so ist sie für unsere übertriebene Unparteilichkeit, Vielseitigkeit und Selbstverleugnung eine wahre Medizin. Ein deutsches Glaubensbekenntnis von dem Heiligtum des Familienlebens (Aus der Schrift »Der Mensch und die Leute« von B. Goltz.) Berlin 1858, fünf Hefte. Das Zitat (bis S. 106, Z. 19) stammt, da und dort leise abgeändert, aus dem ersten Heft (»Die Großmächte und Mysterien im Menschenleben«, S. 140-145), doch ist der Abschnitt S. 104, Z. 23 bis S. 105, Z. 17 (»Die nüchternen Leute meinen«) ein erst hier beigefügter Einschub, die »Rezension von Michelets Buch über die Frauen« (das ja erst 1860 erschien; vgl. Anm. 2) ebenfalls. »Die Franzosen, und ganz vorzüglich die Pariser, mit denen wir es doch im Grunde zu tun haben, schaffen ihre Kinder geschwind nach der Geburt aus dem Hause in ländliche Nähranstalten, dann in Institute, und begegnen ihnen erst im salonreifen Alter wieder. Dann freilich liegt es sehr nahe, den Zweck der Ehe nur im ehelichen Leben und nicht so in der Kindererziehung zu suchen, und was soll wohl den jungen Mann zur Ehe bewegen und von seinem ›polygamischen Wandel‹ abziehen, wenn er, der nie das elterliche Haus gekannt, häusliches Glück in der Ehe nicht, sondern eben nur die eheliche Genossenschaft sucht? Von dem Glück des Briten, der im ›Parlour‹ unter seiner Familie die Füße nach dem hellodernden Kamin streckt, von der stillen Freude deutscher Familien, die ihren Christbaum zieren, hat der Franzose keinen Schimmer; im Gegenteil schildert uns Michelet mit außerordentlicher Treue eine jammernswerte Szene, wo eine Mutter zum Besuch des Söhnchens in das Institut eilt, der Bube dann zerstreut erscheint und – da es gerade Feierstunde ist – mit halbem Ohr auf die Spiele seiner Kameraden im Freien horcht, um die er durch die Visite der fremden Mama verkürzt zu werden fürchtet. – Er hat recht, was ist ihm Hekuba? Besser keine Mutter zu haben, als eine, die sich nur zu Schaltzeiten um ihre Frucht bekümmert und den Knaben von seinen Kameraden abzieht, die seine Familie bilden!« Eine Rezension von Michelets Buch über die Frauen Gemeint ist Jules Michelets (1798-1874) Werk » La femme « (Paris 1860). im »Auslande«. Es kommt eine Zeit für uns alle, wo wir, der Welt und des Weltverstandes müde, von den Erinnerungen der Kindheit und des Elternhauses leben; wehe dann dem alten Menschen, der keine Mutter hatte, die ihm die Anfänge seines Daseins zum Kinderparadies und Heiligtum geweiht hat! Man vergißt in den spätern Lebensjahren alles, man erleichtert den Geist von dem Wust des Gelernten und des profan Erlebten, um gesäubert sich in die heiligen süßen Zeiten zu versenken, wo Mutterliebe unsere Schritte behütete und der Himmel auf Erden war. Was uns eine gute und fromme Mutter gelehrt, was sie durch ihr Beispiel, ihre stillen Tugenden, ihre liebenden und strafenden Gebärden, durch ihre Worte und Werke dem Kinderherzen eingeprägt hat, das gräbt sich ihm wie ein Evangelium immer tiefer ein, das bildet bei gefühlvollen Menschen den Grund und Boden ihres Gewissens, ihrer Lebensarten, ihres Gemütes; das verschmilzt mit der Heiligen Schrift zu einer Religion, die nichts Späteres, nichts Fremdartiges und Unreines in ihrem Schoße leidet, sondern, einem Gletscher ähnlich, das herausscheidet, was zufällig hineingefallen ist. So werden die Mütter, ohne daß sie es wollen und wissen, die Begründer der Grundanschauungen, der Neigungen, der Biographieen; so bilden sie in der Weise einen Faktor des Staats, wie Natur und Seele eine Hälfte des Menschen ausmachen. Wenn es Muttersöhnchen gibt, die so viel Muttermilch und Mutterliebe getrunken haben, daß sie, zeitlebens davon berauscht, nicht zur Klarheit des Geistes und derjenigen Begriffe wie Tugenden kommen, die allein der Geist geben kann; wenn es wahr ist, daß ein von der Welt abgeschiedenes Familienleben, daß eine nur auf Autorität und Pietät gebaute, nur aus individuellen und seelischen Wurzeln hervorgewachsene Bildung leicht ein Hindernis für den Staats- und Weltbürger werden kann, daß ein Mensch, der sein Herz, sein Leben, seine Gewohnheiten nicht verleugnen kann, nimmermehr Rechtsverhältnisse, Rechtsgrundsätze und den Mechanismus des Staats begreifen oder sich der Mathematik des Geisterlebens fügen lernt, in welcher allein ein Weltleben und eine Geschichte der Menschheit möglich wird; wenn es wahr ist, daß der Staat nicht als das erweiterte Familienleben konstruiert werden darf, sondern als Vernunftprinzip den weltnotwendigen Gegensatz zum Familienleben bildet: so ändert dies nichts in der heiligen Wahrheit, daß jeder Staat in den Familien seine Natur und Seele, daß er in ihnen seine Wurzeln und Herzpulse haben muß; daß ein Staat nur so viel wert sein, nur so viel Lebenskraft haben kann als die Menschen, aus denen er besteht; und daß man ganz unmöglich eine lebendig prozessierende Welt- und Gottesgeschichte oder nur eine Naturgeschichte aus Staaten erzeugen kann, deren Individuen diejenige Herzensbildung gebricht, die in einem tiefen Familienleben begründet wird. Der Mensch hat nun einmal eine Enge, wie eine Weite; er ist eine Person, er besitzt ein Herz; und was sich nicht auf dem Angelpunkte dieses Schwerpunktes der Persönlichkeit bewegt, das bewegt sich auch nicht um die Welt. Es muß unendlich viel kleine Welten in der großen Welt, und es muß ebenso viele natürliche Heiligtümer geben, wenn der sinnlich beschränkte Mensch das große Weltheiligtum fassen, wenn er in dem nach mechanischen und mathematischen Verstandesgesetzen konstruierten Staate noch einen Anhaltspunkt für sein Herz und sein persönliches Leben finden soll. Man zieht einen Fruchtbaum erst in der Baumschule, bevor man ihn in den Garten oder an die Landstraße bringt. Wie darf man also einen Menschen ohne Vorbereitung in der weiten, kalten und mathematischen Welt erziehen! Es ist freilich eine irrtümliche Vorstellung, daß die Eiche in der Eichel entwickelt liegt; denn der Baum und jedes lebendige Ding entwickelt sich nicht nur, sondern nimmt auch von außen zu; wächst nicht nur, sondern wird auch mechanisch zusammengefügt. Also auch nimmt der Mensch von außen zu und ist nicht ausschließlich ein Gebilde seiner Seele und seiner Persönlichkeit; aber ebenso unmöglich darf man sich eine Menschenbildung und -geschichte ohne den Keim des Herzens denken, als ein Herz, das nur von seinem Blute und von nichts anderem groß wächst. So viel ist gewiß: alle Herzen, alle Mütter und Familien der Welt geben ohne den vernünftigen und transzendenten Geist, der sich auf Augenblicke von Sinnlichkeit, Seele und Materie losmacht, keine Geschichte der Menschheit und keinen Staat; aber ohne gebildete Herzen, ohne Seelen, die mit der Naturgeschichte und durch Divination mit Himmel und Erde zusammenhängen, gibt es keinen konkreten, keinen lebendigen Staat, um dessentwillen das Opfer auch nur eines Menschenherzens vor dem Schöpfer und der Natur gerechtfertigt wäre. Die Gesetze des Staats sind nicht die des Herzens und der Familie; aber es sind doch Gesetze, in welchen der Anfang zu derjenigen Selbstverleugnung gemacht wird, welche das Leben in der Gesellschaft später vom Menschen verlangt. Wer aber die Vorstufen übersprungen hat, kann unmöglich fest im letzten Stadio stehen. Ohne Keime gibt's keine Wurzeln, und ohne sie weder Wipfel noch Stamm. Ohne Pfahlbürgerschaft gibt's nur eine hohle Weltbürgerschaft, und ein Kommunist, ein Sozialist und Staatsbürger ohne Familienheiligtum, ohne Heimat und Vaterland, ohne Heimweh und Herzenserinnerungen aus der Kindheit ist ein Automat, aber kein deutscher Mensch. Ein natürlicher Mensch wächst und bildet sich wie ein Baum. Ring legt sich um Ring, und mit jedem verdichtet und verharzt sich der innerste Kern. Wer nicht einen festen Herzkern aufzeigt, besitzt auch keine gefestigte Peripherie; wer nicht um seine eigne Achse rotiert, hat auch keine Bewegung um den Himmel; wer nicht natürlich ist, kann nicht übernatürlich sein; und wer nicht in einem engen Kreise, in einer festen Heimat, in einem Elternhause für die weite Welt vorgebildet wurde, bleibt ein mathematischer, ein unbeseelter Verstandesmensch, er sei, er arbeite und leiste, was er wolle. Wenn wir Deutschen in der Einsamkeit erzogen werden, so kann freilich das warme Lerchennest des Familienlebens und einer Mutterliebe, die in Verhätschelung ausartet, diejenigen Miseren erzeugen, um derentwillen wir mit Recht verspottet sind. Die Dörfler leiden aber nicht an Sentimentalität, und die verwöhnten Söhne von Landpfarrern oder Oberförstern und kleinen Gutsbesitzern gehen rasch zu Grunde, wenn sie nicht von der Welt noch rascher rektifiziert werden. In den Städten sind die Reibungen auf der Schule das wirksamste Gegengift für die Schwächlichkeiten und Überwucherungen, welche das isolierte Familienleben erzeugt; wo es fehlt oder nicht vertieft genug ist, um dem Weltleben das Gegengewicht zu halten, da artet die Verstandesbildung in einen Schematismus aus, in welchem die Gemütsanlagen zugrunde gehen. Das Familienleben, die Mutterliebe, die Erziehung im elterlichen Hause bleibt die Pflanzstätte für den Kern der deutschen Natur. Im Familienleben ist es, wo das Seelenleben mit dem Verstande versöhnt, zu konkreten Tugenden, zu einem Herzenswitz ausgebildet wird, bis sich aus Herzensgewohnheiten und Energieen ein Gemüt konsolidiert. Die Radikalsten befürchten zwar, daß unser Familienleben dem Gemeinsinn, daß der deutsche Idealismus dem deutschen Rechtssinn, dem Respekt vor der Wirklichkeit, und daß die entwickelte Persönlichkeit dem sittlichen Schematismus, welcher den Staat zusammenhält, zu viel Abbruch tun könnte; daß dies aber nicht geschieht, dafür sorgen die Assoziationen, die politischen, die nationalökonomischen, die sozialen Lehren wie Bestrebungen der Gegenwart, am gründlichsten aber die Prosa der Zeit und die moderne Phantasie, die ihren Bankrutt durch den Rokokostil des Amöblements, durch die Barockverzierungen der Luxusgerätschaften auf eine fast tragikomische Weise zu maskieren sucht. Die nüchternen Leute meinen: es gibt ja Rechenmaschinen, warum soll es nicht nützliche Staats- und Weltbürger, Techniker, Mechaniker, materialistische Naturforscher, Fabrikanten, Ökonomen und Geschäftsmenschen ohne Seele und Familienerziehung geben? Es mögen Franzosen und Amerikaner sein, aber richtige deutsche Gemütsmenschen sind sie nimmermehr; trotz ihres deutschen Taufscheins sind sie nicht deutsch. Im deutschen Familienleben, in der Erziehung des deutschen Hauses liegt die Erklärung für alle Erscheinungen und Eigenschaften am deutschen Menschen, welche ihm in der neuesten Zeit von widernatürlichen Deutschen zum beschimpfenden Vorwurf gemacht worden sind. Seine Mängel beweisen zugleich seine Tugenden, seine Nationalschwächen bestehen in seinen Herzensenergieen, und sein Familienglück wiegt bis zum heutigen Tage überreichlich sein politisches Unglück und Sündenregister auf. Bei den Deutschen wurzelt das Leben zu tief in der Familie, in der Natur und Religion, in der tiefsten Wissenschaft und Kunst, als daß sie mit ganzer Seele und ganzem Verstande Kommunisten, Sozialisten, Staatspolitiker und Kosmopoliten werden könnten, als daß sie einen französischen Enthusiasmus für die Nationalität, für deren förmliche Proklamation und Ostentation aufbringen könnten. Will man diese Tatsache im Ernste abstellen und mit irgend einem Musternationalstolz vertauscht haben, so muß man dem Deutschen verbieten, ein deutscher Geniemensch, ein Normalmensch zu sein. Die Familien sind die Fleischwärzchen des deutschen Staates, und das deutsche Volk hat nur die Wahl, ob es eine Staatsgeschichte ohne Fleisch, von modernem Gas aufgeblasen, oder ob es einen in Fleisch und Bein gewachsenen, wenn auch ungelenken und ungeheuerlichen Staatskörper behalten will, dem so viel Herzblut nach dem Kopfe steigt, daß er mitunter taumlich und konfuse wird und im ersten Anlauf nicht klar weiß, wie er die Glieder gebrauchen, oder nach welchem Ziel er sich dirigieren soll. So einen ungeschlachten »Brobdignak« Brobdingnag (Brobdingnac), das Land der Riesen in »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift. wie den deutschen Menschen können die fingerfertigen Liliputaner wohl, wenn er schlaftrunken ist, mit ihrem politischen Zwirn umgarnen, festnageln und kitzeln; wenn er sich dann aber den Schlaf aus den Augen wischt, reißt er den ganzen Kram entzwei, wie er im Teutoburger Walde, in der Reformation und in dem Freiheitskriege gegen Frankreich bewiesen hat. *   *   * Literatur, Politik und Öffentlichkeit absorbieren heute auch bei den Deutschen das Familienleben mehr, als mit den deutschen Gemütsanlagen und ihrem naturnotwendigen Entwickelungsprozeß verträglich ist. Ein fester Körper ist nur ein solcher, wenn seine kleinsten Teilchen fest und körnig sind. Wer also nicht bereits in der Familie eine feste Grundlage, Sitte, Liebe, Gewohnheit, Pietät und Persönlichkeit gewinnt, der erhält diese festen Faktoren nirgend. Es ist eben unsere Unkultur, daß niemand sich begnügt, seine Individualität auszuleben, sondern daß er sich zu einem Phantom von Bildung aufbläst, welchem Fleisch und Blut, geschweige Herz und Eingeweide fehlen müssen. Die Welt wird nie schlecht bestellt sein, solange sie aus tapfern ehrlichen Herzen und beschränkten Charakteren besteht; denn Recht und Witz haben ihren letzten Grund in der Lebenskraft, und die Kraft kommt nur aus einem veredelten Herzen als der konzentrierten Individualität. Eine Schulvernünftigkeit, die nicht meinem Herzen eingefleischt wird, ist eben nicht meine leibeigne, ist keine konkrete Vernunft und Berechtigung, und am wenigsten mein Witz. VI. Deutsches Recht und deutsche Ehre Die Bedeutung, die Wahrheit und Kraft des Rechts ist die Geschichte des Gleichgewichts zwischen der Vergangenheit und Gegenwart, das Bleibende im Wechsel. Das Recht ist das Recht der Toten unter den Lebenden; das Festhalten des Gewordenen im Werdenden; der förmliche und objektive Verstand, welcher die Phantasie und Willkür begrenzt. Das Recht soll nicht nur die Schwachen vor der Willkür und Gewalttätigkeit der Mächtigen schützen, sondern es soll in allen Individuen einen Respekt vor dem Bestehenden und Historischen, vor der Form und Norm, gegenüber der Selbstsucht, der Laune, der Leidenschaft und dem Wechsel der Stimmungen, der Ansichten erziehen. Dies kann aber nur mit Hülfe einer Methode, eines Schematismus geschehen. Das Recht soll dem elementaren Naturalismus, der Sinnlichkeit, der Zerfahrenheit, der Metamorphose und Wetterwendigkeit entgegenarbeiten; es soll bei uns Deutschen insbesondere das Gegengewicht des Individualismus sein. Es soll den Gemeinsinn ausbilden, indem es in uns das Gefühl einer Zusammengehörigkeit einer sittlichen und generischen Gleichheit erzieht. Das deutsche Recht ist die Staats- und Sozietätsvernunft, die uns durch ihre uniformen Prinzipien und Schablonen zu dem Verstande erziehen soll, daß wir Kinder eines Geschlechtes sind. Das Recht ist die objektivste und normalste Gestalt der Sittlichkeit, d.h. eines Bedürfnisses nach Regulierung der Naturprozesse im Menschen. Einen Instinkt von Lebensordnung und eine Spur von Rechtsverhältnissen zeigen bereits die Tiere. Bienen und Ameisen leben und arbeiten mit Ordnung und Gesetzmäßigkeit; Störche und Kraniche halten Abstrafungen, die Hunde in Konstantinopel, Kahira, Damaskus zerreißen und fressen die Überläufer, welche sich aus einem Stadtviertel in das andere nach Nahrung zu schleichen suchen. Weil nun das deutsche Volk vor allen andern das persönliche Leben, also den Individualismus entwickelt hat, so empfand es auch am tiefsten das Bedürfnis nach einer Regulierung der persönlichen Freiheiten, Willküren und Phantasiestücke durch einen Rechtsschematismus und eine Norm, welche den Generalnenner für alle Eigenarten und sittlichen Bruchteile abgeben darf. Gleichwohl hat das Recht seine heiligste Bedeutung nicht nur darin, daß es unsere Rechtsansprüche nach einer Norm richtet und einem jeden zu seinem speziellen Recht verhilft, sondern daß es in allen Individuen den Sinn für eine generelle, normalmäßige und sittliche Lebensart, daß es den Sinn für einen sittlichen Schematismus, den Respekt vor Sitte und Gesamtwillen ersieht. Die Justiz verkennt den Geist und Sinn des Rechts, wenn sie zu viel spezialisiert und individualisiert, d. h. der besondersten Natur der Verhältnisse und des lokalen Rechts Rechnung trägt. Das deutsche Elend besteht eben in einem Partikularismus, dessen Wurzeln die individualisierende Eigenart, die Originalität und die Labyrinthe der Ortsrechte, Gerechtsame und Ortsprozeduren sind. Die Gesetzgebung, die Sitte und die Kirche sollen eben drum dahin arbeiten, daß sich das Individuum als Glied der Menschheit wie der göttlichen Schöpfung begreifen lernt. Die Justizpflege soll den Gemeinsinn und nicht die Rechthaberei durch Individualisieren erziehen. »Vor dem kodifizierten und gelehrten Recht und bevor sich die gesetzgebende Gewalt in Deutschland förmlich ausbildete, war das deutsche Recht Volks- oder Stammrecht, ging es vom Volke aus, schien es bei ihn: eine Divination und natürliche Mitgift wie Sprache und Gewissen zu sein.« War es auch in dieser natürlichen Gestalt nur eben den rohen Kulturzuständen entsprechend, so beweist es doch den angebornen Rechtssinn und Rechtsverstand, die Rechtsambition des deutschen Volkes; so rechtfertigt es doch die Annahme, daß ein solches Rechtsvolk keine elenden Rechtszustände aus seinem Schoße erzeugen oder von außen her auf die Dauer dulden könne. Italien, Spanien, Polen, die Türkei, der Orient zeigen von Anbeginn die Schlaffheit und Impotenz ihres sittlichen Geistes in der erbärmlichen Rechtspflege und Polizei, denn aus einem tüchtigen, rechtseifrigen und rechtsverständigen Volke kann nicht füglich eine Überzahl von bestechlichen und unwissenden Richtern hervorgehen, und wäre es der Fall, so könnten sie nimmermehr von einer Nation geduldet werden, die einen Schatten von Ehre besitzt. Ein paar tausend feile Richter und ein halb Dutzend träge Justizminister, Chefpräsidenten oder verharzte Professoren können das natürliche Rechtsbewußtsein eines Volkes nicht in den Grund verderben, Wohl aber sind elende Fürsten, elende Schulen und eine lüderliche oder gewissenlose Rechtspflege die notwendigen Symptome eines in Grund und Boden depravierten Volkes. Wenn schon der einzelne Mensch für den Schmied seines Glückes und seiner Biographie gelten soll, so ist unzweifelhaft, die Rechtsgeschichte und überhaupt die Kulturgeschichte eines Volkes seine Schande oder sein Ruhm. In der neuesten Zeit werden zwar die Kulturgeschichten als Naturprodukte dargestellt und erklärt; dies ist aber die Inkonsequenz und die naturwissenschaftliche Dummheit unserer Zeit. Der Geist (mit dem wir heute auf Unkosten der Seele und des Gemütes so viel kokettieren) hat von Anbeginn über Himmelsstriche Boden und äußere Verhältnisse gesiegt. »Das Genie brennt sich ein Loch durch den Scheffel, mit dem etwa sein Licht bedeckt ist«, und eine edle Menschenrasse, ein Volk, in welchem der Geist mächtiger ist als der Naturalismus, wird ebensowenig elende Fürsten als elende Gesetze, Sitten und Zustände dulden und erziehen. Schlechte Fürsten sind eine Sünde und Schande ihres Volkes und die Deklamationen gegen Adel, Fürsten und Pfaffen eine Absurdität und Selbstbeschimpfung. Die Massen schulden unendlich mehr als die Individuen. Es liegt der deutschen Vorliebe für Autoritäten, für Fürsten und ihre souveräne Macht nicht eine niederträchtige, gedankenlose, feige Unterwürfigkeit und bequeme Sklavennatur zum Grunde, sondern ein edles und schönes Gefühl. Die Masse, eben weil sie in Dienstbarkeit und Arbeit ihr Leben verbringen muß, weil aus ihrer Ebene so selten etwas Großes auftauchen darf, findet eine naturnotwendige Genugtuung darin, sich an etwas Hohem und Außerordentlichem zu erlaben oder zu berauschen. Da nun das Volk menschliche Größe zunächst nur in äußerlicher Machtstellung zu fassen vermag, so berauscht es sich an dem Anblick und der Ausübung souveräner, aristokratischer und geistiger Herrlichkeit selbst dann noch, wenn es die Kosten und Wehen derselben empfinden muß. Aber auch dem gebildeten Menschen, wenn er irgend einen Idealsinn, einen Rest von Selbstverleugnung und Simplizität besitzt, wenn er zumal zu den passiven, neidlosen und fügsamen Naturen gehört, die lieber dienen als befehlen, freut sich an einer gewaltigen, unbehinderten Machtausübung, an der Lebensstellung eines Menschen, die ihm den Schein eines übermenschlichen Wesens verleiht, indem sie ihn den tausend Miseren enthebt, mit denen die Masse kämpfen muß. Der Knecht hat es viel besser im Dienste des Bauern als des großen Gutsbesitzers; er darf beim Bauern des Abends am Herdfeuer auf der Ofenbank sitzen und mit der Familie familiär sein, dem Bauern seine Meinung sagen und ihn seine Mißlaune empfinden lassen; aber er zieht doch den Dienst bei Herrschaften vor, weil von ihrem Glanz ein Schein auf den Diener fällt, und so begehrt auch das Volk den Glanz einer Krone auf dem Haupte einer Person, für die es sich begeistern, die es lieben kann. Die Hingebung an ein Parlament, an die Sozietät, oder die Begeisterung für die eigene Souveränetät, für abstrakte Ideen, für einen politischen und sozialen Schematismus liegt nun einmal nicht in der deutschen Natur. »Die Unpersönlichkeit ist das eigentlich Wesentliche in der natürlichen Institution der Russen, im Gemeinde-Organismus.« A. Buddens. Es gibt gefühllose, blasierte, verzweifelte, gewissenlose und verbrecherische Menschen, aber alle kommen darin überein, daß sie ein Ehrgefühl haben, daß sie in einem Punkte verletzbar sind, daß sie sich irgendwo und -wie als eine Person oder doch als ein Wesen fühlen, in welchem die Würde der Korporation, der Nation, der sie gehören, wenigstens die Menschheit respektiert werden muß. Es gibt eine Spitzbuben- und Mörderehre. Die Hetären, die Gebrandmarkten, die Zuchthäusler zeigen sich oft in dem, was sie für ihre Ehre halten, empfindlicher, als da sie noch unbescholtene Personen waren oder dafür galten. Der Mörder, welcher schon dem Henker übergeben ist, besteht noch auf dem Recht und der Rücksicht, die ihm die Henkersknechte schuldig sind. Der Königsmörder Damiens Robert François Damiens (geb. 1715) machte am 5. Januar 1757 auf Ludwig XV. von Frankreich einen Mordversuch, wofür er am 28. März desselben Jahres auf dem Greveplatz zu Paris unter furchtbaren Martern hingerichtet wurde. verwies wütend dem Henker die Nachlässigkeit, mit welcher derselbe ihm eine Kohle auf den nackten Arm warf, da er nur zum Verbrennen seiner Hand verurteilt war. Es gibt keinen Narren, ja fast keinen Blödsinnigen, der so stumpfsinnig ist, daß er sich nicht auf einem Punkte persönlich beleidigt und empört fühlte. Der Sklave läßt sich die Mißhandlungen gefallen, die zur Tagesordnung gehören, er fühlt nicht, wie die Menschheit in ihm beleidigt ist; aber an einem extraordinären Unrecht, an einer speziellsten Willkür begreift er, daß er nach einer Schablone traktiert, daß er wenigstens mit Methode gemißhandelt, daß er nicht schlechter als die Masse gehalten werden darf, zu der er zählt. Er will also, wenn nicht Person, wenigstens Gattungswesen, Korporationsglied sein. Das kleinste Kind fühlt sich verletzt, wenn es gehänselt, wenn es mit Wegwerfung gemißhandelt wird. Ich erlebte kürzlich, daß ein Junge von 2½ Jahren, der noch nicht zusammenhängende Worte sprach, erst in dem Augenblick, als ihn sein viel älterer Bruder beim Genick gepackt und wie einen jungen Hund abgeschüttelt hatte, so viel Worte fand, um seiner Mutter empört zu klagen, der Bruder hätte ihn so gepackt, wie die Zukka (die Hofhündin) gepackt wird, wenn sie in die Stube kommt. Der Junge hatte bis dahin alle Tage Schmisse bekommen; der Bruder war sein bleibender Tyrann, er hatte ihn aber bis dahin nie wie einen Hund zu Raison gebracht, und das fühlte ein Kind, das drei Jahre alt war. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die klügsten Tiere eine Art von Ambition, daß sie einen Instinkt von dem haben, was ihnen nach der Regel und Ordnung gebührt, daß sie wissen, ob ihnen Überlast und Schimpf geschieht. Hunde empfinden es, wenn sie mit einem fetten Bissen vor der Nase angeführt werden, sie schämen sich in einem Prunkzimmer, oder wenn mit ihnen irgend eine Narretei verführt wird. Sauber gehaltene Pferde wollen mitunter nicht vor einem leeren Mistwagen ziehen oder nicht von der Stelle gehn. Das Pferd zeigt Widersetzlichkeit, also Eigensinn, und was kann anders dahinter sein als eine Art von Selbstgefühl, als die instinktmäßige Empfindung einer individuellen Existenz und Kraftbefähigung, einer Kraftberechtigung? Hat sich ein Pferd einmal in den Kopf gesetzt, nicht von der Stelle zu gehen, so hilft sehr oft ein augenblickliches Nachgeben, Zureden, Halsklopfen und am Zügel Führen rascher als die Anwendung der äußersten Gewalt, welche viele Pferde mit Wut und Zittern am ganzen Leibe ertragen, ohne sich dem Willen des Herrn zu fügen. Die klügsten und bravsten Haustiere sind auch immer diejenigen, welche die meisten Mucken, d. h. Eigenheiten, also individuelle Empfindung oder Stimmung haben und infolgedessen zuzeiten Widersetzlichkeit zeigen. Man ersieht aus diesen angedeuteten Tatsachen, die allein ein Buch forderten, wie das Ehrgefühl ein elementares Grundgesetz der Geschöpfe, daß es eine Lebensbedingung ist, daß die Ehre mit dem Naturrecht und mit der natürlichen Freiheit zusammenhängt, daß sie nicht nur in der persönlichen Freiheit, sondern auch in der Gebundenheit des Menschen an die Gesellschaft und ihr Gesetz begründet ist. Ehrlos ist der Mensch, der außer dem Gesetz erklärt ist, der mit Willkür traktiert werden darf. Wer nach irgend einer Richtschnur und Schablone, mit irgend einer Methode gemaßregelt wird, fühlt sich aus richtigem Instinkt nicht so empört, als wenn er der Willkür und gnädigen Laune einer noch so hoch gestellten Person preisgegeben wird. Die Menschen wollen lieber von einem komplizierten Justizmechanismus und -schematismus zugrunde gerichtet als von Autoritäten im kürzesten Prozeß abgetan und möglicherweise konserviert sein. Denn sie fühlen sich, indem eine Prozedur auf sie in Anwendung kommt, als sittliche Wesen, die einem Gesellschaftskörper, einem durch Gesetz und Formen geregelten Ganzen einverleibt sind, und sie wissen sich erst dann rechtlos und ehrlos, wenn man sie formlos traktiert. Dies der Grund, warum im geselligen Verkehr das »Sans façon« von jedermann so übel genommen wird; warum niemand ohne alle Umstände, und warum der Deutsche insbesondere mit möglichst vielen Umständen und Formalitäten behandelt sein will. Er hat vor allen Rassen das Wesen und die Bedeutung der Person, also auch das Gefühl der persönlichen Würde und Ehre, das innerste Wesen des Rechts und seinen Zusammenhang mit Persönlichkeit und Ehre begriffen. Die deutsche Förmlichkeit, Umständlichkeit und Pedanterie ist nichts anderes als eine Übertragung des deutschen Rechts- und Ehrgefühls auf den geselligen Verkehr, auf die ganze Sitte und Lebensart. Der Deutsche hat von jeher mit seinem sittlichen Instinkt empfunden, daß und wie Förmlichkeit, Prozedur und Methode, also auch Schematismus, noch mehr zur persönlichen Ehre gehören als persönliche Freiheit, als die Ablösung von einem gesellschaftlichen Körper oder die Lockerung in dem Zusammenhange mit ihm. Mit diesen Erwägungen begreift man die Sympathieen für den Zunftzwang und für die Entstehung des deutschen Zopfs, der mit unserer Schulbildung und Zahmheit viel besser harmoniert als ein wilder Räuberbart mit dünnen Waden und matten Augen, mit einer Glasklemme und einem dünnhaarigen Haupt. Die persönlichen Freiheiten gefährden Gesetz und Form, indem sie die Willkür etablieren, und die Willkür ist es allein, durch welche die Person der Gewalt einer zweiten Person verfällt. Wer nach einer Norm, Schablone und Prozedur richten und regieren muß, der ist nur Gesetzesvollstrecker, aber nicht persönlicher Machthaber, nicht Tyrann. Man sollte meinen, daß mit diesem tiefgewurzelten Bedürfnis nach Prozedur und Form die deutsche Pietät, d. h. die ebenso tiefe Sympathie für Autoritäten, unverträglich sei, weil dieselben so leicht ihren persönlichen Willen dem Gesetze und der Form unterschieben können; aber die Masse des Volkes ergibt sich dem Ausspruch einer höchsten Autorität nicht aus Gedankenträgheit allein, oder weil es für seine elementare Zerfahrenheit einen kürzesten und rigoristischen Prozeß braucht, weil durch die unbeschränkte, in einer Person konzentrierte Macht seine Phantasie poetisch angesprochen wird, sondern weil auch der einfältigste Mensch fühlt, daß jede andauernde Machtausübung, sie sei nun förmlich beschränkt oder souverän, ein Ausdruck des Nationalwillens wie der Hingebung des Volkes an einen Machthaber ist. Das Volk heiligt doch zuletzt in den Autoritäten seine eigene Machtherrlichkeit, und es fühlt ohne demokratische Interpretationen und Wühlereien, daß der Fürst seine Macht von den Massen zu Lehen trägt. Außerdem aber wird dem religiösen Gemüt, dem symbolischen Verstande des Deutschen in einem absoluten Machthaber das göttliche Weltregiment, der Zusammenhang der irdischen Obrigkeit mit der himmlischen Lebensordnung vorgebildet. Die Autoritäten sind die Ausästungen Gottes wie des Fürsten, sie ergänzen eben mit ihrem souveränen Willen und ihrer Persönlichkeit das Unbehagen, welches der bloße Gesetzes- und Geschäftsmechanismus dem natürlichen wie dem religiösen und poetischen Menschen verursachen muß. Die deutsche Förmlichkeit und Pedanterie fühlt sich eben in der Pietät, in der Hingebung an Autoritäten, an Personen abgefrischt und ergänzt. Es kann nirgend und niemals Heil und Wahrheit in einem Faktor der Lebensökonomie sein, da sie tatsächlich aus zwei Grundfaktoren und deren Prozessen besteht, aus Freiheit und Gesetz, aus persönlichem Willen und Naturnotwendigkeit. Die persönliche Freiheit, die Willkür allein macht uns zu rechtlosen, also zu ehrlosen Narren, denn wir leisten der Gesellschaft nur etwas innerhalb der rezipierten Form, und nur die förmlichen Leistungen geben uns ein förmlich es Recht. Die Gesetzschablone und Konvenienz allein setzen uns wiederum zu Automaten und Maschinen herab, und die bloße Naturnotwendigkeit macht Naturprodukte aus uns. Die Autoritäten absorbieren unser Urteil, und die Kassation aller Autoritäten macht uns zu hochmütigen, frechen Bestien, liefert uns der Tyrannei einer Gesetzesmechanik aus. VII. Parallele zwischen deutschen und französischen Frauen. Wachenhusen Der deutsche Schriftsteller und Kriegskorrespondent Hans Wachenenhusen (1827–98) lebte zeitweise in Paris, das er in mehreren Schriften schilderte. führt in seinen Skizzen der »Frauen des Kaiserreichs« Berlin 1858. eine Stelle von Alphonse Karr Französischer Schriftsteller (1808 bis 1890), der sich besonders durch seine » Guêpes « (Wespen), einer Sammlung von Witzen, beißenden Anekdoten und literarischen Kritiken, bekannt machte. Die hier angeführte Stelle scheint daraus entnommen zu sein. an: »Die Pariserin weiß sich mit so viel Geschicklichkeit und Grazie eine Menge von Dingen anzueignen und anzupassen, die ihr gar nicht gehören, daß sie aus ihren natürlichen und erborgten Eigenschaften ein Gemisch von Reizen macht, welches schwer zu entwirren und zu unterscheiden ist, so daß man also, ohne es zu merken, in einer Pariserin ebensoviel Seide wie Körper, ebensoviel Bandschleifen wie Haar zu lieben gewohnt ist. »Es erscheint, als wüchsen und blühten die Blumen in ihrem Haar wie die Kornblumen im Felde; es erscheint, als gehörten die Spitzen ihrem Nacken, wie die Federn dem Kolibri gehören; als gehöre ihr die Robe, die sich hinter ihr bauscht, wie das Rad dem Pfau gehört.« »Der Hof«, sagt Wachenhusen, »ist in Paris das Urbild des guten Geschmacks. Eine Robe der Eugenie, Der Gemahlin Kaiser Napoleons III. eine neue Fasson ihrer Toilette oder irgend eine andere Variation schlägt wie ein elektrischer Funke in die ganze dem Hofe verwandte Sphäre, von da in die übrige Aristokratie des Geldes, des neuen Adels oder der Korruption, welche letztere übrigens die beiden vorigen schon in sich schließt. Die Frau des höheren Beamten, des Bankiers und die Lorette beider verlangen sofort dieselbe Robe; der Unglückliche steht da wie eine allumette entre deux feux ; Französisch: ein Zündhölzchen zwischen zwei Feuern. und seine Lorette trägt in der Regel den Sieg über seine Gattin davon. Das ganze Heer der femmes entretenues Französisch: ausgehaltenen Frauen. macht sich mobil auf die Nachricht der neuen Mode und schleppt seine Anbeter zur Schlachtbank, d.h. zum Modemagazin. Zahllos sind die Wechsel und die Schulden, die durch die neue Robe verursacht werden, denn wer vermöchte so gerechten Ansprüchen der Schönheit zu widerstehen! »Aus den Laufgräben vor Sebastopol Der russische Kriegshafen auf der Krimhalbinsel, der im Krimkriege am 8. September 1855 nach elfmonatiger Belagerung von den vereinigten Heeren der Franzosen, Engländer, Türken und Sardinier eingenommen und zerstört wurde. können nicht so viel Seufzer zum Himmel gestiegen sein, die Eroberung des Malakoff Ein Turm in der Verteidigungslinie der Russen auf der Landseite von Sebastopol. kann nicht so viel Wunden geschlagen haben, als diese neue Mode verursacht. Ja, wenn die Hülfsmittel der einzelnen so unerschöpflich wären, wie es die Hülfsmittel Frankreichs sind! Während sie in ihrer neuen Toilette à l'imperatrice im › Pré Catelan ‹ Ein öffentliches Ball- und Gartenlokal in Paris. stolziert und vielleicht eine neue Eroberung macht, wandert er als das Opfer derselben nach Clichy, dem Schuldgefängnis, und preist in der Einsamkeit die Unerschöpflichkeit der Hülfsmittel Frankreichs, die selbst dem Unglücklichsten noch ein freies Obdach gibt. »Es ist unglaublich, über wieviel Leichen, über wieviel ›getötete‹ Sammetmobiliare eine Französin, ohne hinter sich zu blicken, hinwegsteigen kann, nur um ihren Garderobeansprüchen zu genügen. Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Kleinigkeit, ein Vorurteil gegen die himmlischen Wonnen, welche eine kostbare Robe zu gewähren vermag; alle Freuden des Jenseits, was sind sie gegen eine Spazierfahrt durch die Champs elysées und den Pré Catelan ? Kann das Paradies schöner sein als dieser? Brennen dort so viel Lampen, ist jenseits so himmlische Musik, hat jemand die himmlischen Heerscharen schon singen gehört, um ihre Melodieen mit denen im Pré Catelan oder im Concert Musard Musard (gest. 1853) war ein seinerzeit sehr beliebter Dirigent großer öffentlicher Konzerte in Paris. vergleichen zu können? Gibt es jenseits Voituren de remise Französisch: Mietswagen. gibt es Jupons, Unterröcke. gibt es Glaciertes dort, gibt es steinreiche Russen, Acajoumöbel Mahagonimöbel. und Pensionen von zehn- bis zwanzigtausend Francs? Tanzt man Quadrillen dort wie hier unter dem Feenzelt? Kann man im Paradiese wie hier im Pré Catelan in den magischen Schatten der Gebüsche treten und dem Geliebten zuflüstern: ›Oskar, wie lieb' ich dich, aber ich brauche morgen tausend Napoleons, und wenn du sie nicht hast, so muß ich dem reichen Walachen mein Wort geben!‹ Gibt es Preziosen und Geschmeide dort oben? Rauscht man dort in schweren Brokatroben über die Gefilde der Seligkeit? Kann man seine Nebenbuhlerinnen dort stolz über die Achsel ansehen? Kann man dort in die Logen der Oper fahren und triumphierend die betrogene Gattin des Geliebten belorgnettieren? Kann man, mit einem Worte, im Himmel so selig sein, wie man es hienieden ist? Nein, im Himmel ist alles moralisch – es lebe der Leichtsinn!« Die Vorzüge der deutschen Gemütsbildung, der deutschen Frauennatur treten an einer Charakteristik der Französinnen am wirksamsten hervor. Zu einer solchen werden also hier einige Grundzüge am Orte sein. Die Pariser Loretten, die femmes entretenues , sind von Wachenhusen im Stile eines van der Werff Adrian van der Werff (1659–1722), holländischer Maler, dessen Schäferstücke und Bildnisse sich durch glatte, aber kalte Eleganz der Ausführung auszeichnen. illuminiert worden. Ich habe es hier aber nicht mit dem gleißenden Auswurf und den Kandidaten des Spitals, sondern mit den Schichten zu tun, durch welche die sogenannten Gesunden repräsentiert werden. Eben an ihnen kann man bereits die sanktionierten und regelmäßigen Exzesse, die also keine solchen sind, à priori konstruieren. An den Franzosen beiderlei Geschlechts bewahrheitet sich die heutige Grundanschauung der deutschen Mediziner, daß die Pathologie auf die Physiologie reduziert werden müsse, weil die Krankheiten nur als die Phasen, als die Variationen der sogenannten Gesundheit oder Normalität sein können, welche heutzutage ein ebensolches Phantom als der Begriff der Krankheit zu sein scheint. Paris lehrt uns, daß die Gesundheit des Leibes wie der Seele in einer Riesenstadt wie London, Paris oder New York nur eine verhüllte Pest und Pathologie ist, die in ihrer Reife alle die scheußlichen Miasmen und Korruptionen entwickelt, welche die pathologische Knospe enthielt, und daß diese Pestbeule unmöglich in etwas andrem als in der natürlichen Erbschaft einer sozialen Kulturbestialität zu Recht bestehen kann. In Paris beglaubigen sich aber nicht nur die modernen Mediziner, sondern die Herren »von Stoff und Kraft«, welche die Psychologie auf Physiologie zurückgeführt haben. Die Pariser Franzosen und Französinnen scheinen in der Tat nichts weiter als die Flaschenhomunculi des modernen sozialen Chemismus, des Pariser Nationallaboratoriums, als die unzurechnungsfähigen Produkte einer Kulturbarbarei zu sein, durch welche sich die göttliche Natur des Menschen (das Ebenbild Gottes) auf raffinierte Sinnlichkeit, auf einen krepierten Geistesschematismus, auf eine Verstandesmechanik reduziert sieht. Wer ein gesundes Auge und gesunden Menschenverstand hat, der kann bereits auf der Berliner oder Wiener Börse die Pariser »blasierten Haifische« herausfinden. In Paris selbst ist jeder Student, jeder Calicot Ladenschwengel; nach einer Person in Scribes » Le combat des Montagues «. [Handlungsdiener] oder junge Blusenmann ein » viveur « (rektifizierter Roué). Was hält denn in den Zeiten des Materialismus, der Verstandes- und Luxusreligion, in den Zeiten des freigegebenen Sinnengenusses und einer Konkurrenz aller für alles den Menschen noch im Zaum als Phlegma, Blödigkeit, Geistesbeschränktheit, Armut, sittliche Gewohnheit und Polizei? Bei der heutigen Aufregung, Aufklärung, Sittenemanzipation und nivellierenden Lebensart erblicke ich in jungen Leuten aller großen Städte der Anlage und der Erziehung nach » viveurs « mit mehr und weniger Talent, Geld, Dreistigkeit und Temperament. Die deutschen Frauen sind, dem Himmel sei Dank, noch durch Scham und deutsche Sitte von dem französischen Sozialphantom sonnenweit entfernt; aber die »höhern Töchterschulen«, die modernen Sprach- und Literaturstudien, die erbärmliche Galanterie der Männer eröffnen auch dem deutschen Volke echt französische Perspektiven. In Paris selbst sieht ein Psychologe an der solidesten Frau alle natürlichen Anlagen zu dem überfirnißten Ungeheuer, das uns in der Lorette und den Frauen der » demi-monde « entgegentritt. Denn ein Weib ohne Seele, ohne Kraft des Herzens, ohne Scham und Religion ist durch nichts als sittliche Gewohnheit, durch Zwang, durch Furcht oder Indolenz abgehalten, eine Hetäre zu sein. Die Französin ist aber, ihrem Naturell zufolge, weder furchtsam noch träge oder phlegmatisch, noch steht sie sich von der Sitte oder vom Manne in einem sittlichen Gleise erhalten: also geschieht es, daß die kleinen weiblichen Teufel auf den ersten Wink des höllischen Geistes, welchem Paris übergeben ist, in Szene springen. *   *   * »Verhöhne die deutsche Frauensentimentalität mit und ohne Affektation, wer da wolle; ich für mein Teil habe die Erfahrung gemacht, daß deutsche Empfindung bis ans Ende des Lebens aushalten, daß die deutsche Ehe eine Vergeistigung und Veredlung der bräutlichen Liebe werden kann; daß mit der deutschen Sentimentalität das wahrhaftigste und intensivste Seelenleben, eine unwandelbare Treue, eine transzendente und immanente Kraft des Gemüts getraut sein kann. Ich halte daran fest, daß der männlich geartete Mann, daß der schwer zu lösende Geist des deutschen Mannes eben ein deutsches Weib mit leicht gelöster Seele braucht, und daß es eben die weiblich gearteten, verschwiegen sentimentalen Mannsbilder find, welchen die männlich geartete, antik-naive, die sinnlich-verständige, plastisch-keusche Römerin konveniert und imponiert. Ein männlich gearteter Mann fühlt sich nur durch ein weibliches Weib ergänzt.« »Der Mensch und die Leute« von B. Goltz. Die Französin, gleichwie die Italienerin und Spanierin, ist energisch, tatkräftig, von scharfakzentuierter Willenskraft; aber sie ist auch herrschsüchtig, dünkelhaft, übermütig, intrigant mit wenig Spuren derjenigen Hingebung, Demut und Bescheidenheit, welche nicht nur das Wesen der deutschen Frauen, sondern der Weiblichkeit überhaupt ausmachen. Die deutsche Frau aber zeigt sich vorzugsweise als Weib, weil sie immerdar auf den Mann und die Familie bezogen bleibt. Die Französin stellt sich, wie Mundt Theodor Mundts (1808 – 61) geistreich schildernde »Pariser Kaiserskizzen« erschienen 1857 zu Berlin. treffend in seinen »Kaiserskizzen« sagt, »als ein in seiner eignen Bedeutung ruhendes Charakterbild, als eine unabhängige und die Verhältnisse mit überlegenem Verstande beherrschende Persönlichkeit dar«. Das aber ist eben ihre Amazonenhaftigkeit, ihre Unnatur, ihre Unweiblichkeit, durch welche die Männer nach vielen Seiten hin weibisch geworden und viele Verhältnisse auf den Kopf gestellt worden sind. Die Französin hat einen elastischen, raschen, witzig zugespitzten Verstand; aber dieser Verstand ist auch eben darum oberflächlich, unverschämt, profan, intrigant; er ist spitzfündig, nüchtern, mit Phantasterei und Koketterie gepaart, fast niemals beseelt, selten von Ideen getragen, immer im Dienste der kleinlichsten Eitelkeiten und Affekte, immer auf die nächsten Bedürfnisse gerichtet, zersetzend, immer der Sinnlichkeit untertan, also zerfahren, und nur dann konzentriert und seiner selbst bewußt, wenn es einen von den kleinlichen Zwecken, den Eigensinnslaunen und Tyranneien gilt, welche die letzte Genugtuung einer Französin ausmachen. Ihre Grundbewegung und allgemeine Intention ist zwar nicht die Kritik, sondern sinnlicher Affekt und sinnliche Beweglichkeit; aber die einzelnen Augenblicke, wiewohl von keiner idealen Norm, von keiner höhern Idee getragen, sind reflektiert. Die Französin ist, ähnlich dem jüdischen Handelsmann, sich in allen Augenblicken ihrer nächsten und letzten Zwecke bewußt und verfolgt sie durch vollkommene Beherrschung ihrer Affekte mit solcher Konsequenz und Präzision, daß sie sich keinen kleinsten Augenblicksvorteil entgehen läßt. Darüber hinaus aber, und wo es gilt, die Seele eines Dinges oder eines Verhältnisses, ein fremdes Leben und Streben oder gar die Welt außerhalb Frankreichs zu begreifen, da ist die klügste Französin seelenlos und stupide wie nie eine gebildete deutsche Frau. Alle die gerühmten Tugenden der Französinnen, nicht nur ihre Geistesgegenwart, ihre Entschiedenheit und Nachdrücklichkeit, ihre Überlegenheit über die Affekte des Augenblicks und die Situation, sondern auch die ausdauernde Tätigkeit und das ausgezeichnete Geschick für die Führung solcher Geschäfte, welche in Deutschland dem Manne zugeteilt sind, beruhen auf einer Verstandesnüchternheit und Verstandesmechanik, auf einer Seelenlosigkeit, auf einer Unfähigkeit, sich zu vertiefen; also auf derselben innern Leerheit, die auch bei uns eben die flachsten Leute zur rastlosesten Geschäftigkeit antreibt. Mag sie der industriellen Welt so nützlich sein, als sie will, so ist sie ein schlimmes Symptom für das Gemütsleben und die innere Poesie eines Menschen; ebenso verrät die Trägheit, der Mangel an Verstand und Geschick einen in Sinnlichkeit versunkenen, ungeweckten oder verpuppten Geist. Die Tugenden der Französin entspringen also nicht nur ihrem geweckten, sondern auch ihrem unbeseelten und sinnlichen Verstande; sie sind nicht nur Zeugnisse ihrer sittlichen Energie, sondern einer garstigen Männlichkeit, durch welche alle weiblichen Tugenden naturnotwendig in Monstrositäten umgewandelt werden. Die Französin fühlt sich schon zu einer außerordentlichen Geschäftigkeit durch die Menge ihrer alles Maß überschreitenden Luxusbedürfnisse und Eitelkeiten angestachelt; außerdem ist es klar, daß, wenn die Frau die Rolle des Mannes im Hause durchführen will, sie sich an den Erwerbsgeschäften beteiligen muß. Wie bei dieser forcierten und im Dienste der Eitelkeit entwickelten weiblichen Tätigkeit die Pflichten der Mutter und Hausfrau absolviert werden, und ob es für die dahin bezüglichen Einbußen Ersatzmittel gibt, darüber bleiben uns die Apologeten der französischen Lebensordnung und Weiblichkeit die Antwort schuldig. Nicht nur die vornehmen Damen, sondern die meisten Geschäftsfrauen, die Krämerfrauen geben ihr Kind einem Weibe zum Säugen aufs Land. Das Weib kommt jede Woche ein oder zweimal zu Esel oder zu Fuß u.s.w. in die Stadt und produziert den Säugling der liebreichen Mama, die sich eben durch ihre männliche Geschäftigkeit, zugleich aber auch durch ihren dürftigen Körper und durch ihre ausschweifenden Vergnügungen verhindert sieht, des Kindes Amme, geschweige seine Mutter zu sein. Nur eine deutsche Mutter ist eine solche, in welcher sich die himmlische Liebe spiegelt, eine Liebe und Zärtlichkeit, welche das Kind wie eine Gottheit durchs ganze Leben begleitet. Nur das deutsche Weib ist eine Braut, welche dem Bräutigam die Naturmysterien und die Lebenspoesie erschließt; nur das deutsche Weib ist eine Gattin, welche durch ihre Hingebung des Mannes Charakterhärten mildert; nur mit ihr ist eine Ehe möglich, in welcher das weibliche Element mit dem männlichen zum vollkommenen Menschentum verschmilzt. Man hat zutreffend bemerkt, »die englische und deutsche Frau werde nur durch Bildung und geistige Entwicklung auf die Höhe ihres Geschlechts und ihrer Stellung gehoben, wobei noch die Bedingung hinzukommen müsse, daß sie sich auch im Besitz aller gesellschaftlichen Vorteile und auf dem richtigen günstigen Punkt inmitten derselben befinde. Bei der Frau des Volkes in Frankreich sei es aber der spezifische Organismus der französischen Weiblichkeit, der sich in ihr aus ihren eigenen Mitteln heraus und auf die natürlichste Weise geltend mache. Die französische Weiblichkeit, die ein unvergleichliches Gewächs ihrer eignen Art sei und durch das Verhältnis zum Manne weniger bedingt werde als anderswo, beginne schon auf dieser Stufe und in einer sehr bedeutsamen Gliederung ihre soziale Herrschaft. Die durch alle Stände verbreitete Galanterie des Mannes sei auch in dieser Klasse stets bereit dazu, die Frau als eine besondere Autorität in allen Lebenszuständen anzuerkennen und sich sogar ihrer Leitung anzuvertrauen, bei welcher der Franzose gern an die instinktiven Offenbarungen eines bevorzugten Wesens zu glauben scheine. »In England und Deutschland finde man kein entferntes Beispiel davon, daß die Frau, namentlich im Stande des Arbeiters, zu einer solchen Autorität zu gelangen vermöchte wie unter den französischen Arbeiterklassen. In England und Deutschland sei der weibliche Teil der Arbeiterbevölkerung gerade der am meisten verwahrloste und preisgegebene; und die Frau, die hier fast niedriger geartet und jedenfalls weniger begabt und geachtet erscheine als der Mann, erhebe sich in der Regel nicht über die rein materielle und tierische Stufe.« Aus diesen an und für sich ziemlich richtigen Tatsachen werden falsche Folgerungen gezogen, denen ich mit kurzen Bemerkungen begegnen will. Von der Naturwidrigkeit der weiblichen Autorität war bereits die Rede. Was die Frauen der französischen Arbeiterklassen durch ihre bevorzugte gesellschaftliche Stellung an Witz und Originalität gewinnen, das verlieren ihre Männer an Männlichkeit und ihre Frauen an echter Weiblichkeit. Die Erscheinung einer emanzipierten Französin hat für den deutschen Reisenden allerdings des Pikanten genug; aber an sich betrachtet ist eben dieses »unvergleichliche Gewächs« ein stachliger Kaktus mit geruchloser Blüte, den kein Deutscher mit seiner duftigen heimischen Rose und deren Dornen vertauscht. Unsere deutschen Dorf- und Arbeiterfrauen, unsere Handwerkerfrauen sind allerdings nicht so witzig und gewandt, schon weil sie nicht so dreist und seelenlos als die Französinnen zu sein verstehen; aber sie haben dafür unendlich mehr Gemütsbildung, Sittlichkeit und Religiosität, als Frankreich in irgend welcher Schichte der Gesellschaft, geschweige denn in den gemeinen Volksklassen, aufzeigen kann. Die Religiosität der französischen Arbeiterin besteht wie die der Polin, der Italienerin und Spanierin oder Russin in einem Wust von Abergläubigkeit und Furcht, in dunkeln Gefühlen, in einem vom Verstande ganz lospräparierten religiösen Instinkt oder in einem bloß förmlichen mechanischen Gottesdienst und Zeremoniell. Die Französin liest nicht die Bibel, das tut aber die deutsche Frau, und nicht ohne Erfolg auch für ihre sittlichen Begriffe, ihre Anschauung von der ersten Geschichte des Menschengeschlechts und für ihren idealen Verstand, zu dem die Französin kaum die soliden Anlagen zu haben scheint. Eben weil sie so wenig ideales Organ, so wenig sittliche religiöse Weltanschauung, so wenig beseelten und poetischen Verstand, weil sie so gar keine Gemütstiefe besitzt, darum tritt sie, wie alle sinnlich flachen Naturen, so ungeniert, so dreist, so witzig-naiv, so pikant und praktisch-effektiv auf. Tiefere Naturen entwickeln sich langsamer und bleiben verpuppt, wenn ihnen nicht die Schulbildung zu Hülfe kommt. Dies ist der Fall mit der deutschen Frau. Daß die Französin für die Entwicklung ihres Wesens keiner Schule bedarf, bezeugt eben ihren zähern Naturalismus, ihre beschränktere Naturanlage, ihre barbarische Wurzel, ihren naturwilden Keim. Preußischer wilder Rettich und wilder Senf gedeihen ohne Gartenkultur. In dem Maße, als sich das Menschengewächs veredelt, gehört die Schule und der gebildete Verkehr zu seiner Natur. In dem Maße, als eine Rasse barbarisch ist, widerstrebt sie der Schule wie der Kunst, verkümmert und stirbt sie an der Kultur. Die Kulturbedürftigkeit selbst der deutschen Volksfrauen ist also die schöne Diagnose ihrer Kulturdisposition, ihrer geistigen und sittlichen Potenz. Die Verpuppung und Verhüllung dieses Geistes, die größere Verschämtheit, die Witzlosigkeit und Unbehülflichkeit, die Schwerfälligkeit muß naturnotwendig aus der Differenz zwischen Kulturanlage und Schulverstand hervorgehn. Die Frauen des deutschen Volks, weit entfernt, »eine tierische Stufe« einzunehmen, sind im Gegenteil schon um ihres sittlichen und religiösen Fundaments willen viel weniger materiell als die Frauen des französischen Volks. Jene haben bereits das Gefühl und Gewissen, wie die Umgangs- und Bildungsformen der Gebildeten weder zu ihrem Verstande noch zu ihren Lebensverhältnissen passen; sie leisten also auf diese Formen bescheidentlich Verzicht; während die Französin ihre Gefühllosigkeit und Dummheit eben darin an den Tag legt, daß sie die äußeren Lebensarten, die Umgangsformen und das Kostüm der gebildeten Klassen adoptiert. Die Verstandesanlage auch der deutschen Volksfrau ist, verglichen mit dem Verstande der Französin, eine objektive, von sittlichen Impulsen getragene, vernünftige und beseelte Intelligenz. Die Französin hat Sentiments, d. h. affektierte, durch Phrasen hervorgerufene, künstlich forcierte, vorübergehende Gefühle; gelegentliche, sporadische Anwandlungen von einer Empfindsamkeit, die mit Hülfe einer augenblicklichen Phantasterei der deutschen Empfindung ähnlich sehen kann. Die gebildete Französin kann sich in dieser künstlich gemachten Exaltation vielleicht ums Leben bringen und hat doch nur Komödie gespielt. Das Schauspielertalent ist die Seele jeder gebildeten Französin und so sehr zu ihrer andern Natur geworden, daß sie sich in allen Augenblicken in der Liebe und sogar in der Andacht mit einem Effekt darzustellen sucht, in welchem sich ihre Persönlichkeit, getragen von ihrer Nationalität, präsentiert. Die Französin spiegelt zwar die liebenswürdigen Seiten und feinern Nuancen des französischen Charakters mit der dem weiblichen Geschlecht überall eigentümlichen Eleganz und Delikatesse, aber auch mit einer Koketterie heraus, die mit einer ebenso lebhaften als herzlosen und kalten Sinnlichkeit gepaart zu sein pflegt. Scharlatanerie ist ein Grundzug der französischen Art und Weise; wie Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung ein Kriterion des deutschen Gemüts. Legt sich bereits jene Unwahrheit, Oberflächlichkeit und Ostentation an den französischen Mannsleuten in einem Grade und mit einer angebornen Virtuosität dar, durch welche der letzte Schatten von Lebensmysterien profaniert und prostituiert wird, so kann man sich wohl denken, was aus den Heiligtümern der Liebe, der Ehe, der Sitte und Religion unter den buhlerischen und diplomatischen Künsten einer gebildeten Französin werden muß. Die französischen Männer machen ihre übertriebene Politur und Politesse, ihre Umgangsbonhommie, welche der ehrliche Deutsche für Herzensdelikatesse nimmt, durch Brutalitäten im Kriege, durch einen gefühllosen Schematismus und Verstandesmechanismus im politischen und sozialen Leben, ja sogar durch einen barbarischen Geschmack in der Poesie und andern Künsten wett. Die französische Nation bringt wenigstens von Zeit zu Zeit ihre Unruhe durch Apathie und ihre rebellischen Paroxismen durch russische Fügsamkeit ins historische Gleise zurück, aber die Französin fällt von dem Augenblick an wie eine Mongolfiere Vgl. S. 15, Anm. 2. zusammen, wo sie sich ihrer forcierten Affekte, Geschäftigkeiten, Intrigen, Liaisons und all der künstlichen Stimulationsmittel begibt, durch welche sie ihren Zauber über die Männer und ihre soziale Herrschaft ausübt. Grazie, Witz, Lebhaftigkeit, Schnellkraft und Esprit werden bei der Französin nur aus der stornierenden Sinnlichkeit und ihrem unergründlichen Egoismus bespeist. Mit der Jugend, mit dem Glück und dem Spielraum für beide streift auch die Französin ihre bunte Schlangenhaut ab. Ein alter Franzose ist in seiner sinnlichen Lebhaftigkeit und geckenhaften Galanterie keine erquickliche Erscheinung und kein erbaulicher Repräsentant des Alters; aber eine alte oder von der Mode und vom Glück pensionierte Französin, welcher von allen ihren Zaubermitteln und Talenten nichts treu zu bleiben Pflegt als ihre Geschäftigkeit, ihr Erwerbsinstinkt und ein Geiz, der in der Jugend mit sinnloser Verschwendung kontrastiert, ist die trostloseste Erscheinung, die es geben kann. Die deutsche Frau allein versteht mit Würde und Anmut eine Matrone und Greisin zu sein. Wenn es für ein Volk eine Garantie des sittlichen Lebens gibt, so besteht sie in der Würde und den Tugenden der Frauen. Wo sie keine rechten Mütter sind, und wo sich in der Mutter nicht das Weib so ausschließend geltend macht, daß von den Muttersorgen und -pflichten alle andern Tätigkeiten und Eitelkeiten absorbiert werden, da sehen sich die Heiligtümer der Natur wie des Geistes säkularisiert, da kommt Unnatur und Korruption in die ganze Geschichte des Volks. Um zu erkennen, was ein Volk vor dem Gesetze der Natur und Geschichte wert ist, muß man die Weiber studieren. Wo sie nicht getreue, hingebend liebende Ehefrauen, fleißige Hausfrauen und solche Mütter sind, in welchen die Liebe zum Kinde alle andern Gefühle zu einer Naturreligion erhöht, wo dieser schönste Kultus nicht die reellsten Menschentugenden aufweisen kann, da gibt es keine glücklichen, zur Arbeit gestärkten Männer, keine von Liebe behüteten, in den Mysterien der Mutterliebe erzogenen Kinder, da gibt es kein Familienleben, kein Familienheiligtum, keine seligen Rückerinnerungen an die Heimat, keine Sehnsucht, kein Gemüt. Die Familien sind die Eingeweide, die Herzpulse im Körper des Staates. Ohne echte Mütter und Ehefrauen, ohne ein herziges Familienleben gibt es keinen konkreten, vollbeseelten Staat; ohne Familienerziehung bleibt alle Schul- und Weltbildung nur ein abstrakter Schematismus, eine Verstandesinformation. Ein prädominierendes Verstandesleben mit dem Gegensatz einer leidenschaftlichen Sinnlichkeit unterscheidet den Franzosen und alle romanischen Nationen nicht nur vom deutschen, sondern auch vom jüdischen und slawischen Volk. Selbst im russischen Volke ist mehr Seelenleben, mehr prononcierte Zärtlichkeit, mehr natürliche Weichheit des Gemüts als in Franzosen und Italienern aus dem Volk. Daß wir Deutschen ein gebildetes Seelenleben, ein tiefstes Naturverständnis und ein Gemüt besitzen, in welchem sich Geschichte und Religion einen Geisterleib zugebildet haben, verdanken wir den leicht gelösten Seelen, der Liebe und Zärtlichkeit unserer Mütter, die sich aus Herzensgewohnheiten und Herzensenergieen ein Werktagsgemüt erziehen. *   *   * Zum Schluß gebe ich eine Stelle aus dem Referat des bei Cotta erscheinenden »Auslandes« über Michelets Buch von den Frauen. Der gute Mann ist der echte französische deklamierende Hans-Hasenfuß, wie er (um die Redensart meines Freundes zu brauchen) »in Funks Naturgeschichte Gemeint ist aller Wahrscheinlichkeit nach der deutsche Schulmann Karl Philipp Funke (1752-1807) und seine »Naturgeschichte für Kinder« (1808) steht«: »Michelets größtes Wort, welches er mit Gelassenheit ausspricht, ist ein prächtiger Spruch des alten Hippokrates: ›Das Weib ist Krankheit, der Mann ist Gesundheit.‹ Nicht bloß, daß die Natur bei Verteilung von Schmerzen für die Frau noch eine hohe Extradividende ausgeworfen hat, sondern der weibliche Organismus ist auch infolge der ewig wiederkehrenden Keimbildung oder der Fruchtabstoßung in einem krankhaften Zustande. Die Frau ist ein Wesen, › qui souffre presque constamment de la blessure et de la cicatrisation ‹. Französisch: das fast beständig an der Wunde und deren Vernarbung leidet. Das nun ist es, was wir an unsern Müttern so hoch anschlagen, an unsern Frauen schonen sollten. ›Die tiefe Schale der Liebe, die wir das Becken nennen, ist ein Meer voller veränderlicher Stürme, welche die Regelmäßigkeit der Ernährung hindern.‹ Das Blut der Frau hat einen andern Umlauf, sie entwickelt einen andern Geschmack, sie nährt sich anders, ihr Körper ist nach einem andern Ausdruck geformt. »Herr Michelet mustert auch das weibliche Geschlecht nach Nationalitäten. ›Die Deutsche ist voll Zartheit und Liebe, rein wie ein Kind, das uns ins Paradies versetzt. Die Engländerin keusch, an Stilleben gewöhnt, mit dem Hause verwachsen, treu, fest und zärtlich, ist das Ideal einer Gattin. Die Leidenschaft der Spanierin brennt bis ins Herz, die Italienerin in ihrer Schönheit und Durchsichtigkeit vereitelt durch ihre lebhafte Einbildungskraft und durch ihre ergreifende Hingebung jeden Widerstand: man wird aus sich selbst entrückt und gepackt. Verlangt aber der Mann eine Seele, die ihn mit Gedankenblitzen zugleich wie mit Liebe durchzücke, die ihm das Gemüt durch bezaubernde Munterkeit und heitern Sinn, durch Mut und Mutterwitz, durch Zwitschern wieder aufrichte, so muß er eine Französin nehmen.‹ »›Im allgemeinen‹, fährt er fort, ›besitzt die Französin weder eine blühende Hautfarbe, noch die sichtbare Frische, noch die jungfräulichen und rührenden Reize der deutschen Mädchen. Beide Geschlechter sind bei uns etwas vertrocknet. Unsere Kinder sind frühreif, heißen und entzündlichen Blutes. Die Französin gewinnt aber mit der Heirat, während die Jungfrau des Nordens einbüßt und oft genug welkt ec. Bei uns hat es wenig Gefahr, eine Häßliche zu heiraten. Oft ist sie nur so aus Mangel an Liebe. Einmal geliebt, ist sie nicht zum Wiedererkennen‹. »Herr Michelet will den Frauen helfen, aber es ist zu fürchten, daß er sie, indem er ihnen den Kopf verdreht, erst recht elend und verderbt macht. Die Frau – die Französin, meint Michelet – will immer mehr und mehr geliebt werden. Ihr Gemahl soll jeden Tag irgend ein neues Wunder in ihrem Gemüt entdecken. »Ohne es zu wissen und es zu wollen, entschuldigt, rechtfertigt der gute Michelet den Ehebruch, und während er die höchste und heiligste Institution seines und jeden Volkes, nämlich die Ehe, aus Schlamm und Fäulnis erretten will, macht er überspannten Frauen weis, sie hätten ein Recht, sich als ›unbegriffene Seelen‹ zu betrachten, wenn ihre Ehemänner nicht fort und fort die Courmacher spielten.« VIII. Das Seelenleben und die Herzensbildung der Deutschen. Die Kriterien der deutschen Rasse und ihrer Kulturgeschichte, die Wurzeln und den Schoß des deutschen Genius begreift man nur am Seelenleben, am deutschen Gemüt. In den Individuen aller Nationen verdichtet sich freilich das Seelenleben zu einem Herzen, zu einer Sympathie für einen bestimmten Gegenstand, zu einer Liebe und Treue für eine Person; in allen Menschen kann die Seele eine Intensität und Gravitation gewinnen; aber nur in einem Menschen von deutscher Rasse erweitert sich das individuelle Gefühl so leicht, so frei bewußt zu einer Natur- und Menschenliebe, zu einem Welt- und Gottesgefühl. Nur im deutschen Genius bildet das Herz den lebendigen Mittelpunkt für alle Lebenskreise. Wie alles Blut durch die Herzkammern treibt, so assimiliert der Deutsche alles Wissen und Können seinen Herzensgefühlen und konsolidiert diese selbst durch die Macht des Geistes zu einem Gemüt. Des Deutschen Witz und Kunst, des Deutschen Dichten und Denken hängt aufs innigste mit seinem Gemüt zusammen. Die alten Griechen und Römer hatten sich nicht nur die Künste, die Wissenschaften, sondern sogar Religion und Liebe wohlfeiler eingerichtet; nämlich so, daß die Mysterien der Seele und des Herzens aus dem Spiele blieben. Die gelehrten Antiquare, die Franzosen und die deutschen Philologen nennen diese heidnisch-sinnliche und seelenlose Intelligenz den klassischen und korrekten Stil. Ihre eigne Klassizität bildet sich aber leider nicht, wie bei den Griechen, aus einer gesunden und inspirierten Sinnlichkeit, sondern nur aus abstrakten Formen und schematisierten Gefühlen hervor, die sie für die objektive Weltanschauung ausgeben. Die Masse des deutschen Volkes aber ist von der Natur wie von der Gottheit auf ein herzliches, vollbeseeltes Leben angewiesen. Die Bedeutung seiner Künste und Wissenschaften, die Integrität der deutschen Naturgeschichten besteht eben darin, daß sie nicht vom Herzen abgelöst, sondern mit all seinen Fasern verwebt bleiben. Das Herz ist nicht nur die auf die Wirklichkeit bezogene Mitleidenschaft der Seele, sondern auch ihre Energie, ihre transzendente Kraft, ihr Witz und Verstand. Im Herzen sind Kraft und Grazie versöhnt; es hat eine himmlische Bewegung und doch Gravitation gegen einen irdischen Punkt. Die Geschichte des deutschen Lebens, der deutschen Kultur, sagte ich, ist eine Geschichte der Seele, des Herzens, des Menschengemüts. Die christliche Religion fixiert, wie man ihr heute vorwirft, das deutsche Seelenleben zu sehr in den Mysterien der übernatürlichen Welt. Die Kirche kontrebalanciert aber diese Intensität des Seelenlebens durch dogmatischen Schematismus. Die deutsche Philosophie hat nicht nur unsre Gefühle durch ihren Idealismus mit der Dialektik verkuppelt, sondern unsre Phantasie hat mit Gemüt und Schulverstand die philosophischen Bastarde Theosophie und Mystik erzeugt. Der Monadenlehre von Leibniz liegt der deutsche Partikularismus, »die Philosophie der absoluten Vielheit«, d. h. die deutsche Erkenntnis von der absoluten Bedeutung des mikrokosmischen Lebens, des individuellen Lebens, die beseelte Atomenlehre zugrunde. Unseres Leibniz' Monaden sind keine materiellen, ausgedehnten Atome, sondern unzerstörbare Elementarseelen, welche mit der Schöpfung begonnen haben und nur mit ihr vergehen. Die Atome sind Urenergieen, Realitäten, die einander auf keine Weise alterieren, durchdringen oder absorbieren, sondern sich nur vermöge ihrer unbegreiflichen Elastizität und akkommodabeln Natur zu Stoffen und Körpern konfigurieren. Der Formalismus und Dogmatismus Wolffs stellt sich nur als die Reaktion des Leibnizischen Prinzips, also des Dynamismus, des individualisierten und seelenerfüllten Weltlebens dar. Die sublimierte Rehabilitation und Konsequenz der echt deutschen Leibnizischen Weltanschauung kommt wieder in Kants Sitten- und Freiheitslehre, d. h. in seinem logischen und psychologischen Prinzip zum Vorschein. Dasselbe Prinzip bekennen und potenzieren Fichte und Schelling, indem sie an der Persönlichkeit als an einem Absoluten festhalten; wenn auch der eine unter demselben das intellektuelle Ich, der andere die Neutralisation von Natur und Geist, das ganze Menschengemüt, also die Versöhnung des sinnlich-seelischen und intellektuellen Lebens begreift. Daß solchen auf die Spitze getriebenen Demonstrationen zugunsten der Seele und Person wiederum in Hegels Philosophie die Spitze abgebrochen wird, ändert nichts in der Existenz und in dem Prozeß des Prinzips selbst. Der Natur und Person wurde von Hegel eine objektive Wahrheit, nämlich der absolute, der unpersönliche Weltgeist entgegengestellt, und aus demselben eine absolute Gedankenbewegung, eine reellste Dialektik nachgewiesen, welche mit der Naturgeschichte identisch, also die wahre Metaphysik ist, und als solche das schlecht subjektive Leben, nämlich den modernen Idealismus, gleichwie den antiken Naturalismus aufsaugen darf. Von diesem makrokosmischen und welthistorischen Realismus Hegels, welcher sich nur in den sublimiertesten Vernunftprozessen des Menschen, d. h. in der Hegelschen Dialektik inkarnieren, also doch wieder Psychologie werden darf, hat sich bereits die neueste Philosophie wiederum zur alten Psychologie gewendet, um zu erkunden, welche Anrechte an der absoluten Wahrheit und Realität sich für die Seele und Persönlichkeit, für Gemüt und Gewissen herausprozessieren lassen. Wir kommen nun zu der Betrachtung einer andern Gestalt und Entwicklung des deutschen Seelenlebens. Die italienische Musik hatte die Gebildeten im Anfange des 18. Jahrhunderts zu einem sinnlichen Idealismus verführt, als Händel und Sebastian Bach der Tonseele nicht nur den Körper, sondern den Geist zurückgewährten, indem sie die Sinnlichkeit durch einen musikalischen Formalismus bändigten, also das Gefühl mit dem Verstande ineinsbildeten und die rein musikalischen, die idealen Intentionen der Seele von den empirischen und leidenschaftlichen Gefühlen freizuhalten verstanden. Mozarts wunderbarer Genius versöhnte die Tonseele und ihre übersinnlichen Motive mit allen charakteristischen Sympathieen und Leidenschaften des Herzens zu einer für alle Nationen entzückenden Musik, die ebenso melodiös als charakteristisch, ebenso sinnlich schön als sprechend, ebenso leicht ansprechend durch Naivetät und Grazie als erhebend durch Phantasie und hehre Leidenschaft ist, zu einer Musik, die den Worten, den Intentionen des Librettopoeten und gleichwohl der musikalischen Seele und ihrem divinatorischen Idealismus Rechnung zu tragen versteht. Dann nimmt Beethoven, der Titane, der musikalische Faust (gegenüber dem weiblich gearteten Mozart der Mann) den uralten Kampf auf zwischen Natur und Geist, zwischen der idealen Tonseele und dem realistischen Herzen, zwischen Melodie und Harmonie, zwischen dem sinnlichen Gefühl und einer idealverständigen Weltanschauung. Beethovens Musik strebt in den Verflechtungen der Tongedanken und Tonfiguren, im Kampfe der Gedankengruppen, im Instrumentensturm, im Kampfe der individuellen Seelenprinzipe mit den harmonischen Massen, im Kampfe der Melodie mit dem musikalischen Schematismus die Mysterien des Gemütes und der Weltgeschichte zu balancieren. Die musikalische Seele als die rein ideale, muß ungeachtet ihres Kontaktes mit der empirischen und sinnlichen Seele (in Leidenschaften) von dieser unterschieden werden: sie ist sui generis . Die Musik, welche eine Erlösung von den sinnlichen Werktagsleiden und -freuden, von allzu persönlichen Empfindungen sein soll, darf nicht als ein Mittel gebraucht werden, den Menschen in die Miseren der empirischen Gefühle unterzutauchen. Mozarts Musik ist herzig und ideal, subjektiv und objektiv zugleich. Beethoven wird in seinen spätern Werken nicht selten zu subjektiv. In der gotischen Baukunst hat sich das deutsche Seelenleben nicht nur mit der plastischen, sondern mit einer musikalischen Phantasie zu einer in Stein gedichteten Religion erhöht. Die deutschen Münster führen den handgreiflichen Beweis, daß es eine plastische Musik, einen reellen Idealismus gibt, daß für das deutsche Gemüt und die deutsche Kunst keine unversöhnlichen Gegensätze existieren. Der deutsche Genius hat diese mystische Kunst der Natur und dem Schöpfer abgesehen, welcher Geist und Materie, Seele und Leib zusammengetraut und allen übersinnlichen Gedanken eine sinnliche Einkleidung gegeben, also alle Formen zu einer göttlichen Bilderschrift erhoben hat. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts hatte die erwachte Sehnsucht nach der entschwundenen Herrlichkeit der mittelalterlichen Kunst und Phantasie, nach dem altdeutschen Gemüts- und Seelenleben, nach dem frommen Glauben der Väter eine freilich forcierte Romantik und Empfindsamkeit und mit derselben eine Formlosigkeit und sinnliche Überwucherung, eine Phantasterei und Schwächlichkeit, eine Geschmacklosigkeit und Gefühlsrenommage erzeugt, gegen welche von Lessing und Herder, wie von Schiller und Goethe, der objektive Sachverstand, die antike Kunst, die korrekte Form, das innere Ebenmaß und der gehaltene Stil mit Recht zu Hülfe gerufen wurden. In unsern Tagen ist dann endlich der Klassizismus in einen ästhetischen Schematismus und der antike Realismus in einen sublimierten Materialismus ausgeartet, der wieder nur durch das alte deutsche Gemüt, durch einen vollbeseelten Verstand, durch ein im Herzen wiedergebornes Christentum aufgewuchtet werden kann. Unsere übertriebene kritische Nüchternheit, unsere klassische Prüderie, welche jedes natürlich derbe Wort exkommuniziert, hat einen Rückschlag erzeugt, den wir heute trotz aller sozialen und sittlichen Parolen als Geschäftsegoismus, als empörte Sinnlichkeit, als Emanzipation des Fleisches, als die Geldteufelei und als religiöse Heuchelei bekämpfen. Mit dem harmlosen Scherz ist's also vorbei. Zur Apologie des Herzens gegenüber dem klassischen Lebensstil. Es kommt für das Glück in diesem irdischen Leben alles auf Herzensfrische und Herzenswitz an. Das Herz ist die wunderbarste, dieser Welt am vollkommensten entsprechende Vereinbarung und Polarisation von Idealismus und Realismus, von Melancholie und Freude, von Leben und Sterben, von Persönlichkeit und Pflicht, von Akkommodation und Charakterfestigkeit, von Erinnerung und Gegenwart, von Sinnlichkeit und Religion. Das Herz ist das einzig reelle Surrogat des Genies und seine populärste Inkarnation durch Liebe und Kraft, durch Energie und Grazie, durch Witz und Poesie, durch Verstand und Divination; – durch die Neutralisation aller Gegensätze des Geistes wie der Natur. Nur mit einem inspirierten, lebenstrunkenen und kräftigen Herzen vermag jedes Menschenkind dem Genie ebenbürtig zu sein. Das deutsche Herz hat allerdings den Gemeinsinn und das Nationalgefühl allzusehr beeinträchtigt; aber es hat auch Freundschaft, Liebe, Treue, Ehe, Familienleben, Leutseligkeit, echte Liebenswürdigkeit und Treuherzigkeit, es hat Poesie, Religion, Glückseligkeit und echtes Menschentum mehr als bei irgend einem andern Volke konserviert, entwickelt und vertieft. Seht euch den alten Kavalleristen an, wie er an einem ausgedienten und in die Karre gespannten Kampagnengaul noch mit Liebe die Ambition, den guten Bau und die reinen Knochen bewundert; vielleicht begreift ihr dann, was das Herz an einem Tier für Interesse finden kann. Verkehrt mit Blumisten, mit Gärtnern und Landwirten, um zu fühlen, was Saaten, was Bäume, Sträucher und Blumen bedeuten können, und wie man mit Tränen in den Augen einen Baum umarmen und seine junge glänzende Rinde küssen kann, wenn man ihn selbst gezogen hat. Daß mit dem absterbenden, mit dem gebrochnen Herzen das ganze Leben zum toten Puppenspiel verwandelt wird, erfährt der Greis, der die lebendige Erinnerung an Jugend und Kindheit bewahrt hat; oder der Unglückliche, welcher seine Freunde, sein Weib, seine Kinder verlor. Junge Gelehrte können diese Mysterien schwerlich vor der Zeit begreifen, und wenn die Zeit kommt, so begreifen sie wiederum ein Minimum davon, weil sie gar zu wenig Herzensroutine, zu wenig persönliche Sympathieen haben; weil nicht nur ihre Gedanken, sondern ihre Empfindungen und Gefühle durch Schule, Politik und Literatur generalisiert und schematisiert worden sind. Das individuelle Leben, das Herz mit seinen Leidenschaften, Selbstsuchten und Wetterwendigkeiten ist es freilich, welches die Schuld aller Verwicklungen und Unvernünftig leiten trägt; gleichwohl aber liegt nicht nur die Energie und Intensität der Seele, sondern die Kraft und der Detailblick des Verstandes, die Innigkeit und Wärme des Charakters, alle konkrete Tugend und Glückseligkeit in diesem Herzen und seinem individualisierenden Witz; während sich die moderne Klassizität mit abstrakten Ideen und Idealen, mit farblosen Bildern, mit architektonischen und geometrischen Linien oder mit einem abgeschwächten Echo von Tönen und Gefühlen begnügt und diese Methode »Stil« zu nennen beliebt. Die alten Griechen und Römer, welche man mit diesem klassischen Stil zu kopieren meint, haben zwar großartige heroische Leidenschaften wie Selbstverleugnungen in Weltszene gesetzt; aber sie kannten doch nicht die Mysterien, die stillen und immerwährenden Martyrien des christlichen Glaubens, der deutschen Gattenliebe und Treue; sie hatten einen immanenten Geist, d. h. einen sinnlich gesunden Verstand; aber mit Ausnahme der großen Dichter und Denker wenig transzendenten Sinn und Geist. Selbst Platons Idealismus zeigt keinen vollbeseelten Verstand und noch weniger eine transzendente, von idealen Mitleidenschaften bewegte Seele auf, wie Jakob Böhme, Hamann, Herder, Jacobi, Vgl. S. 26, Anmerkung , Schelling, Baader Der Philosoph Franz Xaver von Baader (1765-1841) und Steffens, Der Naturforscher und Naturphilosoph Heinrich Steffens (1773-1845) wie Heinrich Schubert Der Naturphilosoph Gotthilf Heinrich von Schubert (1780-1860) und unzählige andre deutsche Philosophen; der Komponisten, Künstler und Poeten nicht zu gedenken, in denen der symbolische Verstand und das Gemüt der Deutschen seine Organe gefunden hat. Die heidnischen Griechen brachten es leichter wie wir zu einer harmonischen Ineinsbildung von Seele, Sinnlichkeit und Geist, zu einem Gleichgewicht ihrer Kräfte, aber es gelang ihnen nur deshalb, weil sie nicht die Gemütstiefe, die Potenz, die transzendente Kraft und Bildung der Seele wie des Geistes kannten, zu der wir Christen durch die modernen Kulturprozesse, durch die komplizierten und sublimierten Lebensverhältnisse und die in ihnen begründeten Gewissensmysterien heranreifen. Endlich gestattet der nicht mehr mit dem sinnlichen Verstande zu beherrschende Weltwirrwarr nur den beschränkten oder egoistischen Charakteren eine Klarheit und Harmonie des Gemüts. Die Alten waren selten und nie in Masse solche unkonstruierbaren, mit allen Fasern der Weltdinge, mit allen Schattenspielen des Lebens verwickelte Allerweltsnarren, sie waren nie so die charakterlosen Sklaven ihrer Herzensgelüste und spekulativen Phantasmagorieen wie wir; aber sie hatten auch nie in ganzen Schichten unsre philosophische und welthistorische Durchbildung, unsre Herzensdelikatesse und Gemütsinnigkeit oder gar ein Gewissen, welches mit Vergangenheit und Zukunft getraut gewesen wäre. Weder die griechischen noch die römischen Weiber kannten die unausgesetzte Opferfreudigkeit oder die stille und ergebne Resignation unserer Mütter und Ehefrauen, die durch Herzensbildung zur andern Natur gewordene Mitleidenschaft, die gesunde Pathologie unserer gebildeten Frauen, von denen auch die Söhne eine humane Seele erben. Diese Seele aber ist es, welche den Alten trotz des humanen Verstandes gebricht, der an ihnen mit Recht bewundert wird. Man kann solche Überzeugungen freilich nicht strikte beweisen, aber die sublimsten Wahrheiten sind ihrer Natur zufolge Glaubensartikel, Offenbarungen unseres Gemüts; entziehen sich also jeder Konstruktion, jedem Kalkül und Beweis. Will man sich aber mit einem sublimen Thema innerhalb der wissenschaftlichen Grenzen halten und nicht an das Gemüt appellieren, so gibt man nur die Mathematik und Grammatik der Prozesse statt ihrer Mysterien in Seele und Geist. Wer in seinem Leben irgend einen Menschen von ganzem Herzen geliebt hat, wer nur von einem alten schattigen Baum oder einer Provinzrose, wer einen Augenblick von einer schönen Landschaft, einer Morgenluft entzückt war, wer aus weiter Fremde zur Heimat, zum Elternhause zurückkam und mit einem von Glückseligkeit wie von Elektrizität geladenen Herzen alle heiligen Stätten der Kindheit besuchte; in wessen Herz die Engelgefühle der Liebe zündeten, so daß ihm unter Seelenschauern von Himmel und Hölle die ganze Natur im Rosenfeuer aufloderte, der allein kann begreifen, daß alle Gedanken, die nicht aus dem Herzen geboren werden, nur abstrakte Gedanken verbleiben; daß es im unbeseelten, im nüchternen Verstande nimmermehr konkrete Begriffe und eine konkrete Dialektik geben kann; daß, verglichen mit dem Herzen, alle Intelligenz eine Grammatik und Mathematik, daß alles herzlose Leben Abstraktion und Schattenspiel bleiben muß; daß nur das Herz eine Wirklichkeit, nur seine Liebe eine Gegenwart und Lebensintegrität besitzt, daß im Herzen allein Augenblick und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits, Natur und Geist, Subjekt und Objekt, Selbstliebe und Selbstverleugnung versöhnt werden können; daß nur im glücklichen Menschenherzen das Weltabsolute, d. h. der ganze Inhalt der Welt, ein lebendiges, konkretes Zentrum und eine Inkarnation gewinnt. Jahrelange, lebenslängliche Lektüren, Studien, Philosopheme, Gedankengespinste, Gedankenzerwürfnisse und Vorurteile verschwinden wie ein Nebelgewölk, wie ein Traumbild vor einem Menschenkinde, vor einem einzigen konkreten Dinge, das man mit voller Herzensenergie und durch sie mit »einem sehenden Auge, mit einem hörenden Ohr« erfaßt. Das matte, im Scheinschlaf liegende Herz, das verwelkte, verhungerte Herz der kodifizierten und paragraphierten Juristen, schematisierten Kameralisten, der mumifizierten Theologen, der paganisierten Der (durch die Beschäftigung mit den altklassischen Schriftstellern) zu Heiden umgebildeten. Philologen, der atomisierten Chemiker, der formulierten Mathematiker, der im Absoluten konstruierten Philosophen, der verdufteten oder verharzten Ästhetiker, der archivalischen Historiker, der hyperkritischen Kritiker: das tote Herz aller genielosen Dutzendgelehrten ist der letzte Grund ihrer persönlichen Unmachten wie abstrakten Virtuositäten und Tugenden, ihrer naiven Versündigungen an der unmittelbaren Umgebung, an der Lebenspraxis, an der Seele, am lebendigen Leibe der Geschichte wie des Volks. Nicht die gemeine Praxis, nicht die gemeine Handarbeit, der Kneipenverkehr mit Blusenmännern und Gesellen, nicht die rohe Werktagsempirie, welche den Idealsinn des Gelehrten, des Künstlers und Dichters verzehrt, sondern die Herzensroutine, die Herzenserziehung, die Herzensnahrung im Verkehr mit Natur und geliebten Personen, im echten Familienleben, im humanen, im väterlichen Verkehr mit Dienstboten und Untergebenen wirkt das offene Geheimnis einer Vermittlung der gelehrten Intelligenz und Theorie mit der Lebenspraxis und Empirie – die Annäherung des Gelehrten an das Volk. IX. Das Gemüt und die deutsche Gemütlichkeit. »Wenn der Engländer ein Kamel malen will, so macht er eine Karawanenreise; der Franzose läuft in den Jardin des plantes , der Deutsche studiert das Skelett und die ausgestopfte Haut in einem Museum – und schöpft es im übrigen aus der Tiefe seines Gemüts.« H. Heine. »Kossuth, Der ungarische Revolutionsheld Ludwig Kossuth (1802–1894), der seit 1849 abenteuernd die Welt durchzog der in Edinburg eine Vorlesung über die verschiedenen Charaktere der Deutschen, Engländer und Franzosen hielt, stellte uns mit unserm weder ins Französische noch ins Englische übersetzbaren »Gemüt« am höchsten, obgleich er gebührend hinzusetzte, daß wir weder mit unserm philosophischen Sinn noch mit unserm Gemüt etwas Großes erster Klasse produzieren könnten. Zu dem vollkommenen Menschen und einer kulturgeschichtlichen Nation erster Klasse gehörten außer deutscher Gründlichkeit und Gemütlichkeit auch die ebenso unübersetzbaren Eigenschaften des englischen common sense Englisch: gesunder Menschenverstand. (nicht, ›Gemeinsinn‹) und des französischen Esprit. – Deshalb seien die drei Nationen nur im Vereine die Blüte der Menschheit. »Ich bin während der Jahre hier in manche englische Gesellschaft gekommen. Nicht selten ganz gute, liebe, brave Menschen und Familien, aber keine Wärme, kein Fluß, kein herzliches Herauskommen. Immer sehr artig, sehr freundlich, sehr gemessen, sehr reserviert, sehr arm, unerträglich arm an Geist, Gemüt, Herz und Humor. Zum Davonlaufen langweilig. Man kann in der englischen Gesellschaft Reden halten, aber nicht sprechen. Die französische ›Konversation‹ fehlt ganz, und das deutsche Gemüt, das in englische Gesellschaft kommt, zittert vor Angst wie ein steckbrieflich Verfolgter, hinter welchem berittene Konstabler herjagen. »Es scheint, als könne man uns Deutschen am wenigsten den Vorwurf nationaler Abgeschlossenheit und Einbildung machen. Wir leben in der Mitte verschiedener Kulturen und eignen uns mehr davon an, als den eigentlichen Nationalen lieb ist. Gleichwohl werden die uns eigenen charakteristischen Vorzüge nicht selten zu Fehlern und zum Lachstoffe für andere Nationen. »Die Engländer sprechen fast stets mit Geringschätzung und Spott von unserer philosophischen Gründlichkeit, noch mehr von unserer bescheidenen, träumerischen, feigen, zögernden Gemütlichkeit, die so leicht in Rechthaberei und Zanksucht ausartet, wenn dem zarten Herzen praktische Opposition entgegentritt. Es mag Fehler der Engländer sein, daß sie die Trauben deutscher Eigentümlichkeit, die ihnen zu hoch hängen, sauer nennen, aber die vergleichende Anatomie verschiedener Völkercharaktere zeigt, daß unsere Vorzüge in philosophischen und gelehrten Dingen, unser Gemüt, unsere Gefühlsweise in nüchternen, praktischen Dingen oft lächerliche Karikatur werden; daß wir bei aller Tiefe und Wärme alles leichter treffen als der Sache Kern.« (Korrespondenz aus London im »Magazin des Auslandes«.) Man hat diejenigen verspottet, welche die deutsche Gemütlichkeit als eine Volkstugend hervorhoben; man hat das Gemüt eine Grobheit genannt und ihm die französische Politesse, die rücksichtsvolle Lebensart als eine Herzensdelikatesse gegenübergestellt; dagegen von der deutschen Gemütlichkeit angeführt, sie bestehe außer behaglicher Klatsch- und Absonderungssucht oder zynischer Derbheit in einer unmännlichen Selbstschwelgerei, welche sich außer unzähligen garstigen Eigenschaften auch darin bekunde, daß der eine deutsche Volksstamm den andern sogar um des modifizierten Dialektes und gewisser aparten Manieren oder Redensarten nicht leiden könne, während doch alle Stämme mit diesen verzweifelten Eigenartigkeiten wie mit Flechten und Pockengruben behaftet seien. Das Faktum ist richtig, aber seine Ausdeutung und Nutzanwendung ist falsch. Ein Kind empfindet keine entschiedenen Antipathieen oder Sympathieen, weil sich seine Eigenart noch nicht entwickelt hat. Es befreundet sich selbst mit dem häßlichsten alten Weibe, mit einem garstigen Krüppel und Monstrum in kürzester Zeit, es empfindet kaum einen augenblicklichen Ekel und ebensowenig eine Begeisterung für seine schönen Formen. Um starke Antipathieen zu empfinden, muß man eine Gemütstiefe, einen originellen Charakter und kritischen Verstand besitzen, muß man eine Person sein. Franzosen, Italiener und Polen sind so viel höflicher, freundlicher und flüssiger im Verkehr als die Deutschen, weil sie flacher, sinnlicher, kindlicher, kindischer und charakterloser sind als wir. Wer eine schwache, träge Urteilskraft, eine lebhafte Sinnlichkeit besitzt wie der Franzose, muß sehr natürlich über die Mängel und Eigenartigkeiten seines Nebenmenschen hinwegsehn. Die eigne Leere ruft den Geselligkeitstrieb, die Geschwätzigkeit und eine nichtssagende Höflichkeit hervor. Der Franzose ist flach und eitel genug, sich für eine gebildete und bedeutende Person zu halten; das gibt ihm den Impuls, sich mit einer Delikatesse zu benehmen, die er in dem Augenblick ablegt, wo er sich keinen Effekt von ihr weiter versprechen darf. Zur Herzensdelikatesse gehört eine Gemütstiefe und Erziehung, die man unendlich häufiger unter den Deutschen als unter Franzosen antrifft, deren bonhommie mit ihrer guten Laune ein Ende nimmt, wie das die Deutschen an französischer Einquartierung in Erfahrung gebracht haben. Wir Deutschen allein verstehn unter dem Gemüt ein konstant gewordenes, sich selber treues und vergeistigtes Gefühl, ein Seelenleben, das, vom sinnlichen Untergrunde abgelöst, gleichwohl mit demselben korrespondiert. Das Gemüt ist eine Grundgestalt der Seele, welcher alle augenblicklichen Gefühle und Gedanken inkorporiert werden; so entsteht eine sittliche Konstitution. Das deutsche Gemüt, dies Muttererbe der deutschen Menschen, ist die Norm, welche unsere leisesten und stärksten Augenblicksempfindungen, unsre Leidenschaften, unsre sinnlichen und übersinnlichen Impulse reguliert und mit ihnen einen Gefühlscharakter konstituiert. Dies deutsche Gemüt war es, welches sonst nicht nur die Herzenseitelkeiten und Wetterwendigkeiten, sondern auch die Schulvernünftigkeit und den zu hastigen Bildungsprozeß, die lustigen Ideen wie die Phantasie-Ideale inhibiert hat. Daß die Neudeutschen dies dreimal heilige Erbe ihrer Voreltern zu mißachten beginnen, daß die neudeutschen Psychologen in dem Gemüte nur eine Mythe oder die deutsche Winkelbehaglichkeit, Lästerungssucht, Breitspurigkeit und Grobheit ersehn, das ist die Diagnose einer Sinneswandlung und Entartung, welche sich bereits in dem Mangel an solchen Charaktermenschen zu rächen beginnt, wie sie die deutsche Geschichte noch zur Zeit der letzten Freiheitskämpfe in Stein und York, in Blücher und Bülow aufzuweisen hat, um nicht an Friedrich den Großen, an seinen Vater, an den Großen Kurfürsten, an all die Generale der Heldenzeit und an die Heroen im Kampfe der Geister, an einen Luther und Hutten zu mahnen. Man kann nichts Reelles vom Gemüte aussagen, wenn man nicht von den Tatsachen, von den Mysterien spricht, in welchen sich das deutsche Gemüt bis zu diesem Tage beglaubigt und einen Leib zugebildet hat, von den Sitten, den Gewohnheiten, dem Familienleben, dem Heimatsgefühl. Eingelebte Formen sind das Geheimnis der Erziehung, der Zivilisation, der Poesie, des Gemüts, welches sich aus sittlichen Gewohnheiten und Herzensrepetitionen konsolidiert. »Der Mensch«, sagt Schiller wunderschön, »arbeitet nichts mit den Händen, woran sich nicht sein Herz beteiligte.« Er verkehrt selbst nicht mit toten Dingen und Formen, ohne daß mit ihnen seine Seele verwächst; dies ist der Segen und Zauber der Heimat. Wir Menschen finden erst in dem gewohnten Raum und Himmelsstrich, in den bekannten Sprachtönen und Stimmen, in den vertrauten Gestalten und Gesichtern, in allen heimatlichen Lebensarten und Erscheinungen, auf dem vaterländischen Grund und Boden, im nordischen Winter, wenn wir dem Norden angehören, im südlichen, dunkelblauen Himmel, wenn wir Spanier und Italiener sind, unsre eigne Seele wieder. Die Heimat gehört zu unserm Körper, sie ist unser ätherischer Leib. Wir können ebensowohl unsre sinnlichen Organe missen als die Jahres- und Tageszeiten, den Himmelsstrich, den Grund und Boden, die Berge und Täler, das Meer oder die Wüste, wenn unsre Sinne mit diesen Naturszenen von Kindesbeinen an verkehrten und zusammengewachsen sind. Mit den gewohnten Naturbildern und Verwandlungen, mit der eingeatmeten rauhen oder schmeichelnden Luft kehren ja die alten Stimmungen und Gedanken, die Sorgen und Freuden unseres ganzen Lebens zurück. Nur an den gewohnten Gegenständen, Situationen und Beschäftigungen repetieren wir unsere Biographie, nur in den eingelebten Formen behalten wir unser Selbst, haben wir eine Geschichte und diejenige Stabilität, ohne welche es zu keiner festen Charakterbildung, zu keinem Grundton der Seele, zu keinen mit der Seele verwachsenen Gewohnheiten, zu keiner Sitte, zu keinem Gemüt kommen kann. Nur die Heimat kann ein Familienleben erzeugen, kann Sitten und sittliche Charaktere, kann Sinn und Verständnis für die Geschichte bilden. Ohne Heimat sind wir einer Felsenpflanze gleich, die ihre Nahrung allein aus den Lüften saugen muß. Der beklagenswerteste Grundirrtum unserer Zeittendenzen ist der, daß nur der vollständige Bruch mit den letzten mittelalterlichen Grundlagen und Erinnerungen das neue Leben von seinem letzten Hemmnis befreien könne, daß Ablösung von dem geschichtlichen Boden, von der heimatlichen Scholle, von Sitte und Religion für eine Erlösung gelten soll. Wer uns die Heimat nimmt, schneidet uns die Gegenwart von der Vergangenheit ab, nimmt unsern Sinnen die gewohnten Anknüpfungs- und Anhaltspunkte, der Seele ihr Vehikel, dem Körper den Boden unter den Füßen. In der Fremde denken wir an unser heimatliches Leben als an ein anderes und begrabenes Ich; die Heimat ist Leben, Poesie, Freude, Witz und Zeugungskraft, die Fremde ist Mechanismus, Unmacht, Prosa und Tod. Der Geist wächst nur auf einem festen Boden groß, dieser Boden ist die Natur; nur die Gewohnheit fleischt uns die Naturgeschichten so ein, daß sie dem Geiste getraut werden. Wer keine Heimat, keine eingelebten Formen, wer gar keine Gewohnheiten hat, dem fehlt auch die Natur und die Art von Charakter, welche Natur und Geist im untrennbaren Zusammenwüchse zeigt; das ist eben das Gemüt. In ihm allein ist die sinnliche Natur mit der übersinnlichen Welt, sind Geist und Seele, Wissen und Gewissen, Wille und Vorstellung, Eigenart und Gottesgefühl, sind natürliche Akkommodation und sittliche Charakterenergie versöhnt. Nur das Gemüt des Deutschen begreift die Poesie des Alten, die veredelnde, versöhnende und vergeistigende Kraft der Zeit, der Geschichte, welche allen Geschichten den Goldgrund und allen Helden den Heiligenschein malt. Der Deutsche ist es, welcher in seinen Sitten die Vergangenheit mit der Gegenwart und das Alte mit dem Neuen zusammentraut; der Untergrund des religiösen Gefühls im deutschen Volke ist das Mysterium, wie die Ewigkeit auch in den sinnlichen Augenblicken bewegt, wie die elementare Natur zu einer Abbildlichkeit aller übernatürlichen Geschichten, zu einer Naturreligion erhöht und vertieft werden kann, mit der immer wieder der grübelnde Geist brechen muß, wenn es zur christlichen Religion kommen soll, welche den Menschengeist ebenso über die Natur erhöht hat wie den Schöpfer Himmels und der Erden über das Geschöpf. Edgar Quinet Der französische Dichter und Literarhistoriker (1803-75 erklärt irgendwo, »er begreife den deutschen Charakter nicht: wir hätten Eigenschaften und Fakultäten, die einander aufheben. Nicht einmal die architektonischen Linien unseres Verstandes könne man verfolgen, ohne sich aus der Mathematik in die Mystik transportiert und von aller Konstruktion verlassen zu sehn.« Ich habe die Worte nicht mehr präzis behalten, wohl aber den Sinn. Man hört aus solchem Räsonnement über die deutsche Natur den mathematischen, spirituellen und doch profanen, seelenlosen Franzosenverstand heraus, der mit natürlichem Instinkt zu politisieren, zu handeln, zu konversieren versteht, aber schematisch und hölzern wird, sobald er dichtet oder philosophiert. Frau von Staël Germaine von Staël-Holstein (1766-1817), die berühmte Verfasserin des Werkes » De l'Allemagne « (1813, 3 Bde.). sagt zutreffend: »Der Deutsche bedarf ebensosehr der Methode im Handeln als der Unabhängigkeit im Denken; der Franzose hingegen betrachtet die Handlungen mit der Freiheit der Kunst, die Ideen aber mit der Knechtschaft der Gewohnheit.« Er ist also ein Mechaniker, ein Pedant in der Poesie und Philosophie. Die französische Sprache gibt das nächste und schlagendste Zeugnis davon. Der französische Stil wird, wie bereits Börne bemerkt hat, so vollkommen von der Sprache selbst vollzogen, daß den gewöhnlichen Stilisten nur eine passive Rolle übrigbleibt. Der französische Stil bleibt ein Sprachschematisnms, den selbst der geistreichste Autor nichts in eine natürliche Evolution des Geistes oder der Seele zu verwandeln vermag. Nur im Deutschen verschmilzt die Seele mit allen Phasen des Geistes, nur die deutsche Sprache ist der griechischen gleich, die Fortsetzung der Naturprozesse und zugleich der exakteste Ausdruck des Geistes. Nur der deutsche Verstand manifestiert sich als ein vollbeseelter, poetischer und divinatorischer Verstand. An uns deutschen Menschen ist aufs deutlichste zu erkennen, daß die Seele vielerlei Entwicklungsstadien aufzeigt, die als gleichzeitige ihre konkrete Natur ausmachen, daß die Verhältnisse zwischen Seele und Leib, zwischen Seele und Geist, Seele und Natur, Seele und Übernatur gleichsam ebensoviel verschiedene Seelen in demselben Menschen bilden. Diese Mysterien treten an unfern Lebensarten und Lebenswerken so deutlich heraus, daß sie sogar der französische Profanverstand und sein mathematischer Realismus abtasten, wenn auch nicht begreifen kann. Zum deutschen Glaubensbekenntnis, zu den innern Erfahrungen, welche der Deutsche macht, falls er seine Rasse repräsentiert, gehören die nachstehenden Tatsachen, Welche die modern-populäre Naturforschern zu verneinen bemüht ist: Die Seele ist nicht nur »die Funktion der Gehirnsubstanz«, nicht nur das Destillat der Materie, sie ist nicht nur den körperlichen Atomen als physische Lebenskraft angetraut, sondern sie entbindet sich als eine überschüssige, transzendente Kraft und konstituiert sich als eine selbständige Macht, als Realität, als ein absolutes Prinzip. Vogt Der Naturforscher Karl Vogt (1817–95). meint die Seele auf den Begriff von Materie reduzieren zu müssen, weil sich doch die Seele nicht des Körpers als eines Instruments bedienen könne. Abstrahiert davon, daß ohne Polarität und ohne allen Dualismus von Materie und Geist kein Lebensprozeß denkbar ist, so hat Vogt nicht bedacht, daß der in allen Atomen beseelte Körper, daß das Ineinander von Materie und Geist, von Stoff und Gesetz den Verkehr von Seele und Körper so leicht und graziös macht, wie es die Tatsache des Lebens bezeugt. Als solches steht die Seele mit dem Geiste wie mit der körperlichen Basis in einem dynamisch-mechanischen und zugleich in einem mystischen, d. h. in einem solchen Verhältnis, welches natürlich und übernatürlich, vermittelt und unmittelbar, peripherisch und punktuell, immanent und transzendental, fest und flüssig, also nicht mehr der förmlichen Verstandeskonstruktion zugänglich ist. Die Seele ist es, welche in der Summe jener Prozesse das Gemüt ausmacht. Dieses deutsche Gemüt ist kein Phantom der Psychologen und Poeten; auch kein bloßer Naturalismus und Grobianismus, für den es sogar sehr feine und gemütreiche Denker aus bloßem Ärger über den Mißbrauch deklariert haben, sondern das deutsche Gemüt manifestiert sich als die historische, mit dem Geiste in Ehe lebende Seele, als unsre ideale Konstitution. Es ist der absolute Charakter des Menschen, die vom Leben, vom Himmel und der Hölle durchgespielte Seele, ihr Ätherleib, die Summe der Herzensgewohnheiten, der Herzensenergieen und Aktionen. Dies Gemüt ist der Grundstock der Seele, auf den alle jüngsten Erfindungen und Gefühle bezogen werden, und mit dem sie zusammenwachsen wie die Jahresringe an einem Baum. In diesem Gemüte, in diesen Geschichten der Seele und ihren ätherischen Verkörperungen, die sich für den symbolischen Verstand des Deutschen in seinen Künsten und Literaturen, in seinen Sitten, Gewohnheiten, Lebensordnungen und Humoren, im deutschen Volksmärchen, im deutschen Volkslieds, in den deutschen Münstern, in allem deutschen Tun und Lassen, in der deutschen Sprache und Geschichte abspiegeln, da liegt der Unterschied des deutschen und des französischen Geistes, welcher letztere ganz und gar die Erbnahme und Wiedergeburt des altrömischen Geistes, also ein mathematisch-mechanischer, ein profaner, politischer Erdenverstand ist, der zusamt seinen Repräsentanten an dem Mangel eines übernatürlichen, eines mit der Seele korrespondierenden und vernünftigen Geistes zugrunde gehen wird; denn dieser Mangel war es, der bei den Römern den idealen Sinn, die Humanität, den Glauben an Menschenwürde, an Menschenbestimmung und das Gewissen unmöglich machte, durch welches ein Volk in den Stand gesetzt wird, ein weltbeherrschendes, weil ein weltbegreifendes und welterziehendes zu sein, wie es das deutsche Volk ist und bleiben wird, solange es nicht geflissentlich seine Mission verkennen will. Ein solches Verkennen darf man aber vielen Deutschen in Nordamerika schuld geben, weil sie mit den Amerikanern, diesen Römern der neuen Welt, ein zweites römisches Zeitalter präparieren. Tatkraft, Nationalstolz, Freiheitssinn, Eroberungsgeist, Rechtsverstand, Staatsverstand, mechanischer Verstand Luxusverstand, Handels-, Geld- und Industrieverstand, aller mögliche Verstand, so viel Verstand, daß Seele und Idealsinn zugrunde gingen, das war der römische Fall, wie es der nordamerikanische ist. Schade, daß dieser Kasus von der Weltgeschichte so rasch bis zum Vokativus dekliniert wird; die Nordamerikaner könnten andernfalls die zukünftigen Beherrscher des Erdbodens sein. Die Kultur und die Geistesherrschaft, welche seit Erschaffung der Welt von Osten nach Westen gegangen ist, könnte sich von Kalifornien nach Europa und Asien zurückstauen, falls dem amerikanischen Materialismus mehr Geist und Seele inwohnten. Kommt es aber endlich einmal zu dieser Potenz, so rührt sie von den deutschen Kolonisten her. Höchstwahrscheinlich ist's also der deutsche Geist, die deutsche Potenz, welche den Amerikanern instinktmäßig so grundverhaßt sind; denn wie die nordamerikanischen Tugenden in der Geist- und Gemütlosigkeit wurzeln, in dem Mangel an aller Pathologie des Geistes, so die Schwächen des Deutschen im übertriebenen, luxuriös gebildeten Geist, in der Reflexion und permanenten Kritik und ebenso im Seelenleben, in der Mitleidenschaft, im verwöhnten Gemüt, in einer unmännlichen Gemütlichkeit. Der Referent eines Buches von Kapp Der Geschichtschreiber und Politiker Friedrich Kapp (1824-84) lebte seit 1849 in Amerika, seit 1870 aber wieder in Deutschland und war von da an bis zu seinem Tode Mitglied des Reichstages. Sein »Leben des amerikanischen Generals Friedrich Wilhelm von Steuben« erschien 1858 in Berlin. (»Magazin des Auslands«) über das Leben des deutschen Generals von Steuben, aus der Schule Friedrichs des Großen, der im amerikanischen Freiheitskriege ein Kommando geführt, macht folgende Bemerkungen, die besonders von den Enthusiasten für nordamerikanische Charaktere und Freiheitshelden beherzigt werden mögen. »Die amerikanische Geschichte des Befreiungskrieges, wie wir sie bisher kennen lernten, ist mehr darauf berechnet, die Augen der Welt zu blenden und das nüchterne Urteil des Aus- und Inlandes zu bestechen. Aus Kapps Buche wird es uns sonnenklar, daß wir gelehrt worden sind, eine viel zu hohe Meinung zu haben von der revolutionären Energie der Amerikaner, von ihrer Vaterlandsliebe, ihrer Begeisterung für die Menschenrechte, ihrer unerschütterlichen Ausdauer und kaltblütigen Tapferkeit, von den Talenten und dem Charakter selbst mancher ihrer revolutionären Größen. Es wird in den hiesigen Zeitungen oft geklagt, daß die modernen Amerikaner von der Tugend ihrer Vorfahren des letzten Jahrhunderts ausgeartet sind. Aus den bisher ungedruckten Quellen Kapps tritt uns dagegen ganz das Bild der modernen Amerikaner entgegen. Es kann fortan nicht mehr geleugnet werden, daß alles, was groß und bewunderungswert ist in der Geschichte der Gründung der Union, das Werk einiger wenigen, guten und erleuchteten Männer, oder aber das Werk der Umstände war. Die Masse des amerikanischen Volkes war viel weniger gebildet, viel weniger denkfrei und vorurteilslos, viel weniger heldenmütig und freiheitsliebend, viel weniger opferbereit und hingebend, als man uns hat glauben machen wollen; es bedurfte ganz unsäglicher Anstrengungen der wenigen Besseren, der Urheber der ganzen Bewegung, um zu verhüten, daß die einmal begonnene Erhebung im Sande der Verzweiflung und Gleichgültigkeit verlief; ein ganz klein wenig mehr Tätigkeit der englischen Generale hätte allen Widerstand brechen können.« Von radikalen deutschen Gelehrten gibt es entgegenstehende Räsonnements. Herr Julius Fröbel Der Schriftsteller und Politiker Julius Fröbel (1805–93), ein Neffe Friedrich Fröbels, lebte 1849–57 in Amerika, später als deutscher Konsul in Smyrna und Algier. z. B., der aus Verzweiflung über die kritische Natur und das kritische Leben der Deutschen, vornehmlich aber über die unbewährte Volkssouveränität von 1848 nach Amerika ging, um in New Jork ganz geschwinde und ex abrupto ein Lichtziehergeschäft zu etablieren, resümiert uns in seinem neuesten Buche – »Aus Amerika: Erfahrungen, Reisen, Studien, 1857« – folgendes: »Das Charakteristische der nordamerikanischen Demokratie besteht darin, daß sie die Idee der Gleichheit nicht, wie es in der Alten Welt leider so oft geschehen ist, durch ein Herabziehen alles durch Bildung und Besitz Hervorragenden auf das Niveau der großen Masse, sondern durch die Freiheit und das Bestreben jedes Einzelnen, sich zum Höheren und Besseren emporzuarbeiten, zu verwirklichen sucht, daß sie deshalb aus demokratischen Gründen jedem applaudiert, dem es gelingt, sich über andere zu erheben, wie sie umgekehrt das Interesse verliert für jeden, der bei dem allgemeinen Wettrennen zurückbleibt.« In diesem Wettrennen besteht also das Ideal der nordamerikanischen Gemütlichkeit. Ein Wort von der Gemütlichkeit. Gemütlichkeit ist im besten Falle die Disposition für eine leichte Verquickung und Verschmelzung mit wahlverwandten Gemütern, die universelle Wahlverwandtschaft zu solchen Charakteren, welchen die Elemente der Humanität inwohnen. Gemütlich ist ein Mensch, welcher die Poesie und Behaglichkeit einer Situation rasch begreift und mit richtigem Takt alles fördert, was diesem geistigen Komfort entspricht, das Störende aber ohne Eklat zu entfernen versteht. Gemütlich ist ein Mensch, der in Mitleidenschaft lebt, alle Dinge wie Geschichten auf das Gemüt bezieht und mit Leichtigkeit den Gemütszustand des Nebenmenschen errät, ihn schont und mit aller Welt in Harmonie zu kommen sucht. Die Kleinstädtergemütlichkeit pflegt in einem Naturalismus zu bestehen, der den Geist absorbiert hat, oder in einem Geiste, der so andauernd in die elementare Seele untertaucht, daß er zuletzt gar nicht mehr den Kopf über Wasser behält. Wenn sich die deutschen Jünglinge von sonst dieser Naturgeschichte überließen, so pflegten sie sich gemütlich mit dem linken Vorderfuß über den rechten großen Zeh zu treten, den Brustkasten einzuziehen und den Vokabelnkasten über den gefühlvollen Busen zu neigen. Desselbigengleichen lag es in ihrer Art, mit weich gewordenen krummen Knieen einherzugehn, welchen auch eine naturell-gemütliche Ellbogenhaltung entsprach. Blonde lange Haare, die wie Nachtlichte über den Rockkragen hingen, vollendeten das Bild. Mit Rücksicht auf die Forderungen der gegebenen Gesellschaftsverhältnisse muß man es freilich für ein schlimmes Symptom halten, wenn junge Leute sich besonders gemütlich oder humoristisch erweisen, denn man darf sich in diesem Falle versichert halten, daß ihnen die sittliche Straffheit und der Ernst des Charakters gebricht. Besonders gemütliche, liebenswürdige, romantisch geartete oder zu Späßen und Schnurren aufgelegte Männer bringen es weder zu Geld noch hohen Ehren in dieser Welt. Wer sich zu viel Spielraum nimmt, verliert den Strich und Kurs. Der Jüngling, vornehmlich aber der junge Mann, sollen ein bestimmtes Ziel fest und einseitig ins Auge fassen und es mit dramatischer Kraft verfolgen, und wenn sie das tun, so fallen Humore, Allotria, Sentimentalitäten oder lyrische und romantische Stimmungen von selber fort. Dies alles ist wahr, aber nur die eine Seite des Prozesses, denn der Mensch ist nicht nur ein sittliches, sondern mit gleichem Rechte ein natürliches Geschöpf. Als solches soll er sich auch passiv, rezeptiv verhalten, und aus dieser Rezeptivität folgt dann Seelenleben, Stimmung, Gemütlichkeit, Romantik, Humor und Sentimentalität von selbst. Wenn der junge Mann nichts Lyrisches und Romantisches an sich kommen läßt, so wird er allerdings um so dramatischer sein und um so effektiver und praktischer operieren können, aber ein Dichter und beseelter Denker, ein liebenswürdiger deutscher Mensch kann aus einem solchen Charakter nicht hervorgehn. Dazu kommt aber noch, daß die prosaischen Leute nicht nur so untätig und nichtsnutzig als die poetischen sein können, sondern sie sind noch unliebenswürdig, egoistisch und unerträglich langweilig obenein. Gemütlichkeit ist die kleine Ausgabe, die Münze des Gemüts. Ein echter Deutscher vermünzt aber nie so viel, daß ihm zuletzt die Barren des Gemüts ausgehn. Zur Illustration sei der nachfolgende Scherz vergönnt. Es kommen in der Schulwelt kostbare Anekdoten vor, man hört nur selten von ihnen, denn der sublimste Humor gewisser Persönlichkeiten und Szenen entzieht sich jeder Formulierung und Stilisation. Ein unfleißiger, träumerischer, etwas schmuddliger, aber sehr gemütlicher, bei seinen Mitschülern wie bei den Dienstboten beliebter Junge wird bei Gelegenheit einer schlechten Schulzensur zur Rede gestellt; er soll sagen, was aus ihm werden wird, und antwortet treuherzig kleinlaut: nichts. Weiter examiniert, was er sich dabei denke, sagt Inquisit mit einer unbeschreiblichen Innigkeit und Unschuld: »Ach Gott, ich denke mir nichts, ich fühle ›mir‹ so glücklich.« Sein Papa, der den Inquirenten macht, ein echt deutscher Humorist, sagt darauf mit angenommener Strenge: »Dummerjahn, es heißt, ich fühle ›mich‹ glücklich«; darauf meint der glückliche Sohn Diszipulus, indem er dem Vater mit Zärtlichkeit die Hand streichelt: »Ach, das ist ja gleich«; dann schließt das kuriose Examen mit folgender erbaulichen Betrachtung des Vaters: »Na, da haben wir's, das Rindvieh ist glücklich; ich wollt' ihn ausprügeln: was kann ich ihm nun tun? Wie soll einer Lust kriegen, Vokabeln zu lernen, wenn er ohne Vokabeln glücklich ist? – Ich war als Junge akkurat so ein glücklicher Esel wie du. Ich hab' aber von meinem Vater Prügel für meine schönen Gefühle profitiert, und die sollst du auch haben, wenn du nicht Anstalten machst, unglücklich zu sein. Du hast doch schöne Gefühle?« – »Ach ja, lieber Vater«; und dabei fällt der faule Junge dem Alten um den Hals, und dieser sagt für dasmal mit nassen Augen: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.« Die kleine Geschichte ist unverdorben deutsch. X. Der deutsche Humor. Der Humor ist eine Notdurft für den Menschen, welcher das Ideal nicht mit der Wirklichkeit und sein Bewußtsein nicht mit seinem Gewissen versöhnen, der seinen Verstand nicht mit seinen Leidenschaften balancieren kann. In einem harmonisch gebildeten, naiven, gläubigen Gemüt oder in einem Menschen, der etwas Tüchtiges leistet und mit heiligem Ernste erstrebt, ist kein bleibendes Schisma, kein Dualismus, also auch kein Humor. Im Süden, wo die Sinnlichkeit des Menschen besser mit seinem Geiste, also der Realismus besser mit dem Idealismus verschmolzen ist als im Norden, gibt es wohl naturwüchsige Heiterkeiten, aber keinen Humor nach englischem oder norddeutschem Begriff und Geschmack. Er ist erst da möglich, wo es zum Bruch zwischen Natur und Geist, zwischen immanentem und transzendentem Verstande gekommen ist. Die heilen alten Griechen hatten keinen Humor, die Frauen zeigen ihn selten, und die Kinder Gott sei Dank nie, weil es bei ihnen noch nicht zur Katzbalgerei zwischen Natur und Kultur, zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Pflicht und Leidenschaft und zwischen allen andern Lebensfaktoren kommt. Der Glückliche, der Liebende, der Zufriedene, der Tugendhafte hat selten Witz und Humor. Wenn wir aber weder zu den Glücklichen und Liebenden, noch zu den Zufriedenen und harmonisch Versöhnten, noch zu den Kindern und Frauenzimmern, noch zu den klassischen Griechen oder zu den naiven Italienern und Franzosen gehören, weil wir ferner deutsche Männer und in der Masse keine vollendeten Dichter und Künstler, keine Weltweisen, keine Helden, auch keine Heiligen und Tugendspiegel sind: so müssen wir durch unsern natürlichen Humor beweisen, daß wir weder Heuchler noch Kulturaffen noch indolente Dummköpfe, daß wir keine Geschäftsautomaten sind; so müssen wir beweisen, daß in uns das Ideal mit der gemeinen Wirklichkeit und die Norm mit den Abnormitäten und Gebrechen der Persönlichkeit ringt. Nicht selten war sonst der Humor eine Rettungsanstalt für altgewordene sentimentale Kerle, die ihre natürliche Herzensweichheit und Leidenschaftlichkeit mit Ironie und Witz maskieren oder balancieren wollten. Die herzlosen und unpersönlichen, aber geschmackvollen und »harmonisch gebildeten« Modernen befinden sich gar nicht mehr in dem abgeschmackten Fall, Diskrepanzen mit Humor auszuflicken. Die Zerwürfnisse der menschlichen Natur können verschuldet und unverschuldet, tief und flach, wahr und gelogen, und so kann auch der Humor eine Naturnotwendigkeit, so kann er die spielende Freiheit des Gemüts, der Gemütswitz, oder andernfalls eine widerwärtige Originalitätssucht und Selbstschwelgerei, eine forcierte Zwiespältigkeit sein. Goethe ist kein Humorist, weil er eine antik geartete, harmonische Natur, einen immanenten Verstand, einen alle Zerwürfnisse beherrschenden Schönheits- und Formensinn und keinen hyperspekulativen Geist oder auch nur zu viel überschüssige Seele besitzt. Jean Paul weiß seine Phantasterei, seine Idiosynkrasie und Empfindsamkeit nicht mit seinem Detailverstand zu versöhnen, noch weniger versteht er seinen Idealsinn in schöne Formen zu kleiden oder seine diskrepanten Fakultäten und gelegentlichen Exzentrizitäten zu balancieren; also maskiert er sein persönliches Malheur, d.h. den Mangel des Formensinns und die Brüche seines Lebens, mit einem Humor, der in seiner Maßlosigkeit den Rest von Form, von Schönheitssinn und gesundem Kunstverstande zerstört. Callot-Hoffmanns Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776–1822) hatte den Beinamen »Callot« (nach dem französischen Zeichner, Kupferstecher und Radierer Jacques Callot, 1592 –1635) durch die Herausgabe seiner »Phantasiestücke in Callots Manier« (1814) erhalten. Humor zeigt so viel geniale Phantasie mit so viel Aberwitz, so viel barocke Idiosynkrasieen mit so viel schönen Sympathieen, so viel echten bildkräftigen Verstand mit so viel verschuldeter, gemachter Monstrosität, daß man nicht mehr herausbringen kann, wo Narrheit und Wahrheit, wo Witz und Aberwitz sich scheiden, wo die Verzweiflung aus der Selbstschwelgerei oder diese aus jener hervorgeht. – Hoffmanns pathologischer Humor ist jedenfalls ein nordischer Kaktus, ein für jedes andere Volk unfaßliches Produkt der deutschen Natur- und Kulturgeschichte, die ein apartes Buch erheischt wie der krause, aber gesunde Humor Jean Pauls. Schiller war trotz seines transzendentalen Geistes nicht Humorist, weil ihm der Detailsinn und Verstand für die Wirklichkeit fehlte. Seine männlich ernste Natur und die Energie seines sittlichen Geistes hoben ihn über den Widerspruch des Ideals mit der Wirklichkeit hinweg. Er haßte unschöne Formen und bucklichten Witz. Er war zu tätig, zu sehr mit den Ideen und zu wenig mit den Miseren des Lebens oder mit seiner Persönlichkeit beschäftigt, um das Bedürfnis und den Kitzel des Humors zu empfinden. Es fehlte ihm dazu an einem Genrewitz, aber auch an Zerwürfnis, an Eitelkeit, Phantasterei und Selbstkoketterie. Ein großer Glaube, ein heiliger Ernst und eine rastlose Arbeit lassen es, wie gesagt, nicht zu der Ironie, zu der Stimmung kommen, welche entweder die Wirklichkeit oder das Ideal, die Natur oder den Geist verneint und so einen Bruch herbeiführt, der durch Witz verkleidet und momentan geheilt werden soll. Klopstock war aus ähnlichen Gründen wie Schiller kein Humorist; ihm war es mit seinem Glauben an Menschenwürde und Jenseits, an deutsche Naturkraft und deutsches Christentum ein heiliger Ernst. Lessing hatte zu viel Geschmack und Harmonie, zu wenig Phantasie und transzendentale Seele, zu wenig exzentrischen Geist, um die barocken Formen des Humors herauszubilden. Er war keinen Augenblick ein forcierter, ein bizarrer Charakter, er war vielmehr ein antiker, kerngesunder Verstand, der sich nur an die Wahrheit der Sachen und weder an eine fremde noch an seine eigne Persönlichkeit hielt. Herders gelöster Geist und seine transzendente Seele folgten gleichwohl dem mächtigen Zuge seiner Ideen. Sein Genius wurde von den Gemeinheiten der Wirklichkeit nicht beirrt, er kannte sie aus seiner Knabenzeit, und sie widerten ihn an. Wer wie Herder und Schiller mit der Geschichte und Philosophie, oder wie Goethe mit der Natur, oder wie Lessing ganz und gar mit der Literatur und ihrer idealen Form getraut ist; wer eines, und zwar ein Großes, mit ganzem Geiste, mit heiligem Ernste will; wer sich nicht zu viel mit den Gegensätzen des Lebens, mit den Zweideutigkeiten und Widersprüchen aller Begriffe, nicht zu viel mit seiner Person oder mit andern Persönlichkeiten und Miseren beschäftigt, wird kein Humorist. Ein Volk, welches humoristische Elemente aufzeigt, wie das norddeutsche Volk, gehört zwar einer höheren Geistespotenz und einem Kulturprozeß, welcher eine Zukunft in sich schließt, aber Zersetzungen, verlorne Balancen, Sonderbarkeiten, Häklichkeiten, Wurmstichigkeiten, Miseren, Geschmacklosigkeiten und Zynismen nehmen wir mit dem Humor gewöhnlich in den Kauf. Die Weltanschauung des deutschen Humoristen besteht darin, daß er nicht schlechtweg an die Verwirklichung der Ideen und am wenigsten in einem bestimmten Individuum glaubt, daß er sich namentlich nicht überzeugen kann, er selbst sei der Träger dieser oder jener Idee eben in diesem Augenblick. Der Humorist vom alten Stil mochte nicht einmal die Möglichkeit zugeben, das Ideal könne mit den Gebrechen seiner körperlichen Erscheinung und Persönlichkeit versöhnt werden, und falls er dies zugegeben hätte, so war er wieder zu schämig und zu verständig, um das Wunder einer Inkarnation des Ideals an seiner eignen Persönlichkeit oder Kunst zur Schaustellung gebracht zu sehn. Diese Scham und dieser vorherrschende Verstand ist der Grund, warum ein preußischer Humorist mit Widerwillen einen Jubilar abgibt, warum er nicht gerne stille hält, wenn man ihn bekränzen, ansingen, andeklamieren und mit ihm Komödien spielen will, an denen sich andere Leute illuminieren und berauschen. Der preußische Humorist begreift mehr wie ein anderer, daß es um alles menschliche Verdienst nicht weit her ist, daß dieses Verdienst nie erwiesen werden kann, und daß es im tugendhaftesten Falle durch hundert Gebrechlichkeiten und unkontrollierte Sünden aufgehoben wird. Ohne Zweifel kann jeder Verständige begreifen und erfahren, daß Gewohnheit, sittliche Mechanik und ein russisches Muß aus allerlei Leuten Tugend- und Verdiensthelden machen können, und daß eine Wandelleiche sich weder zu den Honneurs für die idealen und schwunghaften Intentionen der Festgeber noch zu einer Selbstgratulation schicken will. Überdies bringen wir bei keiner Feierlichkeit heraus, ob die Leute ihre eigne Eitelkeit und Wichtigkeit oder die des Gefeierten und die Bedeutung der Sache im Sinne haben. In allen Fällen aber wird ein toter oder lebendiger Jubilar zu einem Stimulations- und Berauschungsmittel verbraucht. Der preußische Jubilar begreift außerdem, daß ein Mensch, der heute bejubelt oder verjubelt und auf der Spitze seines Lebens angekommen ist, morgen nicht unbefangen oder gar mit der richtigen Miene zum Vorschein kommen kann; denn die Jubelleute pflegen dann ausgenüchtert und von ihren eignen Affektationen angewidert zu sein. Der moralische Katzenjammer macht seine Rechte geltend, und die Menschen können es keinmal verzeihen, daß man ihre Miseren an den Tag bringt, ob mit oder ohne Verschuldung, gilt gleichviel. Aber auch von diesen Inkonvenienzen abstrahiert, so begreift der preußische Humorist, daß ein Jubilar gewissermaßen mit dem Ehrentage für dies Leben abgefunden ist, und daß die Welt sich nicht drein finden kann, wenn so einer noch weiter spielen und leben will, dem man sozusagen ins Grab geschossen hat. Mein alter humoristischer Papa steht mir heute noch vor Augen, wie er bei Jubiläums- und Zeitungsspektakel, wenn derselbe seine Bekannten anging, mit kuriosem Ingrimm und nimmer zu kopierendem Gebärdenspiel folgendes bei Gelegenheit der Vermählungsfeier einer braunschweigischen Prinzessin zu Anfang des 18. Jahrhunderts gereimtes Hochzeitskarmen uns im Rezitativ zum besten gab: »Eitler Wahn, Dummerjahn! Siehst du denn die Königskronen Nur für leere Vizebohnen Und für Puppenkränze an? Horch, die schmetternden Kanonen Brummen freudig ihr Bumm, Bumm! Und die Infanterie von hinten Löset die gelad'nen Flinten Um das Schloß herum, Bumm, Bumm!« Die humoristische und ironische Art des Ostpreußen hat ihren Grund nicht nur in einer geistigen Jungfräulichkeit, einer Verschämtheit des innersten Menschen, wie sie z. B. Friedrich Wilhelm III. charakterisierte, sondern im Verstande und in einer Wahrheitsliebe, welcher jedes Pathos und jede Emphase als eine unausstehliche verächtliche Affektation erscheint. Der nordische Preuße beherbergt gleichsam zwei Menschen, einen Verstandes- und einen Gefühlsmenschen, in sich. Wenn dieser sich etwas Menschliches beigehn läßt, so macht der Verstand seine Grimassen dazu. Der Preuße glaubt immer nur einen Augenblick an die ideale Welt und an sein Gefühl. Hat er sich mit seinem Herzen ein Dementi gegeben, so gießt er gleich Wasser auf die Begeisterung, und wenn's dann sprudelt und zischt, so findet der Humor seine Rechnung und Satisfaktion. Es darf kein echter West- oder Ostpreuße sich unter seinen Bekannten auch nur eine augenblickliche Deklamation und Ekstase beigehn lassen, wenn er nicht riskieren will, daß ihm eben sein bester Freund auf die Achsel klopft und, phlegmatisch gähnend, laut ins Ohr sagt: »Mensch, mach' dich doch nicht zum Narren!« Dieser scharfkristallisierte Verstand, welcher jede Sentimentalität, jeden Schatten von idealer Exzentrizität und Ostentation im Interesse einer nüchternen Wahrheitsliebe persifliert, ist der Schlüssel zu dem Wesen von preußischen Charakteren wie Bülow, York und Stein, welche sich keinen Augenblick mit schwunghaften Worten, Gebärden und Stimmungen das pränumerierten, was erst durch Taten erworben werden sollte. Von solcher männlichen Wahrhaftigkeit hat kein Franzose und kein Südländer einen Begriff. Der Humor des englischen Volks ist gesunder und derber als der des Irländers und des Deutschen und beruht ähnlich dem Humor des Ostpreußen auf dem reflektierten Kontrast zwischen dem eignen derben Naturalismus und der modernen Weltkultur, zwischen der bizarren, gewalttätigen Persönlichkeit und der nordischen Sittenstrenge, welche die Norm respektiert wissen will. Der englische Humor geht aus einem berechtigten Selbstgefühl und kerngesunden Witz hervor; aber auch zugleich aus seinem Zynismus und Profansinn, die leicht so schamlos in Worten und Werken werden, daß sie Reaktionen des Gewissens hervorrufen, die im gemeinen Volke, bei Matrosen und Fischweibern, mit bestialen Gemeinheiten übertäubt werden. Selbst der Humor der gebildeten Stände Englands maskiert nicht selten viel tiefer gehende Diskrepanzen, Miseren und Ungeheuerlichkeiten, als in dem Leben der gebildeten Klassen in Deutschland zum Vorschein kommen. Der Humor des irischen Volkes zeigt die tragische Wahrheit, daß ein seelenvolles, phantasiebeschwingtes und geistreiches Volk, ein solches, welches in humoristischen Märchen und Liedern den Bruch zwischen Naturalismus und Idealsinn zurückspiegelt, den Zusammenstoß mit einer viel plumper, aber gesunder, kräftiger organisierten Rasse nicht aushalten kann. Je nach den Bildungsprozessen, je nach der Geistespotenz, der Gemütstiefe eines Volkes oder Individuums wird auch sein Humor ein flacher oder tiefer, ein profaner oder mystischer sein. Das deutsche Volk hat mit den alten Ägyptern die Sterbephilosophie, die Melancholie gemein, und so wird auch der deutsche Humor aus Tod und Leben zusammengestrickt. Wie die Schattenlinie, welche jeden Körper umsäumt, ihm die Form gibt und ihn durch dieselbe sichtbar macht, so bringen die Schatten des Todes das Leben zum Bewußtsein, so reifen sie den Geist. Die Formen und Konsequenzen dieser Selbstanschauung des Geistes am andern, an der Materie, nennen wir den »Verstand«. Er begreift zwar nicht die Materie an sich, Wohl aber merkt er auf die Formen, in welchen sich Geist und Materie ineinsbilden, lösen, suchen und fliehen; er begreift aus tausend Tatsachen, aus zehntausend inneren und äußeren Erlebnissen, daß Subjekt und Objekt, daß Geist und Materie, daß Tod und Leben eines, und daß sie gleichwohl ein unbegreiflicher Dualismus sind, dessen Faktoren sich unaufhörlich neutralisieren und gleichwohl polarisieren. So geschieht es, daß der Verstand selbst ein Dualist wird, der Tod und Leben nur Augenblick um Augenblick zusammenzureimen versteht. Wer diesen Dualismus nicht als das Agens und die Erscheinungsform aller irdischen Geschichten gefaßt hat, der besitzt wenigstens keinen deutschen Verstand; der begreift nicht den Untergrund des deutschen Humors, welcher auf einem Versteckspiel von Subjekt und Objekt, von Natur und Übernatur beruht. So wenigstens spielt der Humor bei Hippel Vgl. S. 20, Anm. 3. und Jean Paul. Eine den Deutschen eigentümliche Erscheinung ist der Geschmack an einer gewissen Art von Unsinn in Worten und Werken, ja der entschiedene Hang dazu. Ich erkläre ihn mir aus einer Reaktion der starken deutschen Sinnlichkeit gegen die ebenso mächtige Schulvernünftigkeit, Förmlichkeit und Pedanterie. Wie dem auch sei, so hilft dieser, im Familienleben, in der Schule und in den Lehrjahren gepflegte deutsche Aberwitz gewisse Elemente des Humors, des Volksmärchens, der Sprüchelchen bei Kinderspielen und viele deutsche Absonderlichkeit erklären, welche der Pedant schlechtweg für Narrheiten ausgibt. Es gibt sich aber auch in denselben das Bedürfnis des Deutschen nach einer Erholung von seinem melancholischen Tiefsinn und seinen Gewissensbeängstigungen kund. Der deutsche Ernst und die deutsche Vernunft brauchen ein Gegengewicht und finden es sehr natürlich im Scherz. Der Unsinn aber in Klangreimen, in kuriosen Worten, Wortspielen, Redefiguren und ganzen Geschichten u. s. w. befriedigt zugleich mit dem Scherze auch noch die deutsche Vorliebe für das Absonderliche, Wunderbare und Abenteuerliche, das unbändige Freiheitsgelüst, die Willkür und Launen der Person. Der Meister und Genius aller kapriziösen Phantasiefreiheiten und inwendigen deutschen Abenteuer ist unser Callott-Hoffmann. Seine psychologischen, man könnte sagen, seine romantischen Tollhausnovellen sind eine Verhöhnung, eine Verzweiflung des Verstandes an ihm selbst. Die Seele, die Phantasie, die Musik und die Malerei wuchsen dem Poeten über den Kopf. Er zerbrach in einem närrisch schönen Rausch, als eine Art von nordischem Backchos, seine Grammatik, seine Logik, seine Ästhetik und Jurisprudenz; er zerbrach das künstliche Räderwerk seiner Kultur, seiner Schulpoesie – und die Phantasie kittete die Fragmente mit ihrem flüssigen Gold und Silber, mit ihren Füttern und Farben und ihren unsagbaren andern Ingredienzien im halbwachen Traumdelirio so bunt zusammen, wie wir es alles im »Klein Jaches«, im »Kater Murr«, im »Sandmann«, im »Goldnen Topfe« finden. Hoffmanns Novellen sind ein Potpourri von Witz und Aberwitz, von Phantasierausch und Katzenjammer, von Romantik und Trivialität, von Blasiertheit und glühender Leidenschaft, von inneren Geschichten und kritischen Bissigkeiten, von Idealsinn und Bizarrerie, von Bildkraft und Zerstörungsgelüst, welches gleichwohl ganze Bibliotheken von französischer Romantik wie von französischer Klassizität aufwiegt. XI. Der deutsche Witz Der Deutsche hat mitunter zu viel Gemüt, aber nicht zu viel Witz, was übrigens zu den guten Symptomen gehört. So oft uns die Gemütlichkeit eines Menschen angepriesen wird, so können wir sicher sein, daß er wenig Verstand und Witz besitzt, und ebenso mögen wir uns überzeugt halten, daß die allezeit witzigen Leute nicht nur wenig Gemüt, sondern daß sie noch weniger soliden, auf reelle Kenntnisse gegründeten Verstand besitzen. Wer mit solider Münze, mit echter Dialektik und Sachkenntnis zahlen kann, wer auf die Sachen, auf reelle Wahrheiten und Kenntnisse ausgeht, wer die Genugtuungen des Lebens in sich verspürt, wer gegenüber der Gesellschaft und der Geschichte ein gutes Gewissen und wahren Stolz besitzt; wer frei von Eitelkeiten ist, wer auf Augenblickserfolge und Menschengunst verzichtet, der kann nicht auf Witz eingerichtet, der kann nicht routiniert in Witzreden, witzigen Wendungen, Kombinationen und solchen Nutzanwendungen sein. Wer aber mit Gott, mit der Menschheit, mit sich selbst, mit Wissenschaften und Künsten zerfallen ist, weil er nirgend etwas Solides leistete; wer sich geringgeschätzt weiß, wer den Leuten nicht trauen darf, wem sein eignes Gewissen den Lump und Dilettanten auf den Kopf zusagt, der ist witzig, und je öfter er mit Witz zahlen muß, wo er die Valuta schuldig bleibt, desto witziger wird er. Daß es einen geerbten oder angewöhnten, durch Verhältnisse hervorgerufenen Witzkitzel gibt, und daß sich derselbe nicht nur mit tiefem Gefühl vertragen, sondern auch die Reaktion, die Maske zarter und tiefer Empfindungen wie Gewissensmysterien sein kann, haben wir bei der Verständigung über den Humor gesehen. Leute aber, welche bei allen Gelegenheiten einen herzlosen Witz ausspielen, sind erfahrungsmäßig ohne Würde und flachen Gemüts. Originalcharaktere, die ein bestimmtes und erfahrungsmäßiges Bewußtsein von den Differenzen haben, in welchen sich ihre Persönlichkeit und Lebensart mit den modernen Formen und dem beliebten Genre befinden, pflegen dieses kitzliche Bewußtsein von vornherein mit einer Witzironie und Selbstpersiflage zu parieren, um so das Recht wie die Einleitung für die Kritik ihrer Umgebungen zu gewinnen. Man kann sehr mokant, sehr witzig und bissig und gleichwohl ein tiefer Menschenfreund und sogar ein zärtlicher Charakter sein. Im allgemeinen aber ist und bleibt der Witz ein Symptom, daß »etwas faul ist im Königreiche Dänemark« oder in Deutschland oder an der eigenen Person. Der geniale Witz besteht nicht nur darin, daß der Verstand eine Reihe von Vermittlungen überspringt; daß er eine förmliche Prozedur auf den kürzesten Ausdruck reduziert; daß er blitzschnell effektuiert und alles aus der Mitte herausgreift; daß er von der Peripherie in das Zentrum springt und dieses zum Weltkreise zu dehnen versteht; sondern daß er den Schein in Rücksicht nimmt; daß er mit dem Nichts das Dasein zu mehren, von der Null zu borgen (Papiergeld in Kurs zu bringen), den Kredit und die Illusionen auszubeuten, die Ideen zu realisieren, daß er Sein und Nichtsein ineinszubilden und zu polarisieren, daß er, Gott ähnlich, aus dem Nichts zu schaffen, daß er die Lebensunmittelbarkeit zu fixieren, daß er die flüchtigsten wie die bleibenden Geistesprozesse, daß er die Harmonieen wie die Dissonanzen der Seele in eine gemeinverständliche Form abzufangen, daß er aus der Inspiration und Pathologie des Herzens eine Musik zu machen, daß er die leisesten Lebensregungen Rede zu stellen versteht. Dieser schöpferische und poetische Witz ist das Kriterion des Genies; die angeschaute Genesis desselben ist die Schönheit und die Kunst. In diesem sublimsten Sinn hat der Deutsche den meisten und besten Witz. Wer das erste Wort, die erste Formel, die erste Redensart erfand, hatte wahrhaftig unendlich mehr Witz, als heute ein Stilist besitzt, der die Worte zu sparen und mit ihnen eine korrekte und klassische Ökonomie zu treiben versteht, die wieder nur der Witz und Esprit zu begreifen vermag. Der Witz, d. h. der könnende, schöpferische, kombinatorische und anschauende Verstand, kleidet sich in mancherlei Gestalt. Der Franzose versteht sich auf den negierenden Witz, auf das bon mot , auf das Demaskieren der Lächerlichkeit, namentlich derjenigen, die in der Disharmonie und in dem Mißverständnis von konventionellen Formen besteht. Gleichwohl gibt es keinen Sterblichen, der sich in der Fremde so naiv, so impotent, so unfähig erweist, mit gegebenen Formen und Verhältnissen in Wechselwirkung zu treten. Eben der Franzose ist es, der beim besten Willen nicht aus der Haut zu fahren oder eine originelle Persönlichkeit und Situation augenblicklich zu erraten vermag; und doch möchte in dieser Selbstverleugnung und freiwilligen Metamorphose, in dem Durchschauen einer zweiten Seele und in dem Verwandeln der eignen der Triumph des poetischen, des deutschen Witzes bestehen. Der Franzose kann sehr leicht höflicher, besser gelaunt und liebenswürdiger als der Deutsche sein, weil er flacher, leichtfertiger und naiver ist; weil er nicht Verstand genug besitzt, die Kluft zu ermessen, die zwischen seiner eignen Persönlichkeit und einer zweiten, zwischen seinem Idealismus und der gegebenen Wirklichkeit oder der Situation aufgähnt. Der Deutsche aber vermag diese Kluft mit einen: Humor, d. h. mit einem Gemütswitz zu überbrücken, welchen der Franzose weder zu produzieren noch zu begreifen vermag. Verglichen mit dem deutschen Witz, der in Goldkörnern aus Gemütstiefen und in soliden Wechseln zu zahlen vermag, die in der ganzen Welt diskontiert werden, ist der Franzosenwitz nur Flitter, Goldschaum, Geistesmousseux, Esprit. Es kommt hier wie überall auf Liebhaberei und Nachfrage an. Wer den deutschen Sprichwörtern und Redensarten nicht das Wesen des Witzes, d. h. den konzentriertesten und launigsten Lebensverstand abmerkt, der hat sicherlich keinen Mutterwitz geerbt. Albert Höfer teilt aus Hagens Der Germanist Friedrich Heinrich von der Hagen (1780 – 1856) redigierte seit 1835 das »Jahrbuch für deutsche Sprache und Altertumskunde«. Die Zeitschrift »Germania« aber ist von dem Germanisten Franz Pfeiffer (1815 – 68), der zuletzt Professor in Wien war, begründet und redigiert worden. – Im VI. Bands der »Germania« finden sich übrigens die angeführten Proben nicht: es liegt wieder einer jener nicht seltenen Fälle vor, wo Goltz unrichtig zitiert. »Germania« VI, 95 ff. einige Proben mit, die durch ihre epigrammatische Kürze zu kleinsten Gedichten werden, in welchen der egoistische Menschenwitz vom Poetenwitz persifliert und eine Sphäre des Menschendichtens und -treibens wie mit einem Blitz grotesk beleuchtet wird. Die menschliche Narrheit ist der unerschöpflichste und liebste Stoff für allen Witz, und in der Selbstverspottung ist der Deutsche ein Virtuos. »Was die Gewohnheit nicht tut, sagt der Schneider und stiehlt Tuch von seinen eignen Hosen.« »Alles mit Maß, sagt der Schneider und schlägt sein Weib mit der Elle tot.« »Viel Geschrei und wenig Wolle, sagt der Teufel und schert die Sau.« »All' Betken (All Bißchen) helpt, säd de Mügg' un piß' in de See.« »Nix umsönst, secht de Han und sat up de Hen.« »Er ist so eigen wie Hans Funk, der nicht am Pranger stehen wollte.« »Dat is ken Spaß, säd de Nachtwächter, wenn man int Horn schit.« XII. Die Person. »Ich bin nicht wider das Selbstgefühl. Wer nicht im Geiste und in der Wahrheit sagen kann: ich, wie kann der sagen: du, er, wir, sie?« Hippel . »Dann glaube ich, daß jede einzelne, ihre Kraft entwickelnde Menschenseele mehr ist als die größte Menschengesellschaft, wenn ich diese als ein Ganzes betrachte. Der größte Staat ist ein Menschenwerk, der Mensch ist ein Werk der unerreichbaren großen Natur. Der Staat ist ein Geschöpf des Zufalls, aber der Mensch ist ein notwendiges Wesen; und durch was sonst ist ein Staat groß und ehrwürdig als durch die Kräfte seiner Individuen? Der Staat ist nur eine Wirkung der Menschenkraft, nur ein Gedankenwerk; aber der Mensch ist die Quelle der Kraft selbst und der Schöpfer des Gedankens.« Schiller . »Gewöhnliche Naturen zahlen mit dem, was sie leisten, edle Menschen mit dem, was sie sind.« Schiller . Um gut, gescheut und glücklich zu sein, muß man vor allen Dingen erschaffen sein; und um sich für die Gesellschaft, für die Geschichte, für die Ideen verleugnen, um im Weltleben aufgehen zu können, muß man ein kompaktes Ich, muß man eine Eigenart haben, die man verleugnen kann; und diese Eigenart muß aus dem zähsten Leben bestehen, wenn sie nicht vom immerwährenden Verbrauch erschöpft werden soll. Eigenart, Persönlichkeit gelten mir wenig ohne Vernunftbildung; wenn aber diese Vernunft die meinige sein soll, so muß sie mir eingefleischt, so muß sie konkret mit meinem Ich polarisiert sein. Ohne eine intensivste Persönlichkeit gibt es für den Menschen keine konkrete, intensive, lebendige Vernunft und ohne diese nur eine bestiale Eigenart. Wie die Weltvernunft es macht, daß sie Person, daß sie Eigenart, daß sie Herz, Gemüt, Liebe und Heiligung wird, ist eben das Wunder der Menschenkultur; aber in dem Glauben an die Inkarnation Gottes in Christo ist das Wunder der Versöhnung aller Lebensgegensätze zum europäischen Weltbewußtsein gekommen, also die Mißachtung des persönlichen Lebens eine Absurdität. Außerdem aber ist es ein Erfahrungssatz, den alle Biographieen bedeutender Männer erhärten, daß die eigenartigsten Menschen auch wiederum die normalsten sind, und daß die Versöhnung von Eigenart und Norm das Genie herausgibt. »Das delphische Orakel tat den Ausspruch: ›Schauet in euch selbst, haltet euch an euch selbst. Sammelt und sparet euren Verstand und Willen, die sich anderwärts verzehren und verflüchtigen für euch selbst. Ihr ergießt euch, ihr verbreitet euch; haltet euch zusammen; drängt euch ineinander, daß man euch nicht verrate, zerstreue, euch selbst entführe. Dich ausgenommen, o Mensch,‹ sprach der Gott von Delphos, kennt jedes Wesen zuerst sich selbst und seine Kräfte; nichts ist so leer als du, der du das Weltall umfassen willst.‹« Montaigne.) Die Persönlichkeit ist es, welche den Handlungen wie den Kenntnissen, den Künsten und allen Lebensäußerungen die Bedeutung gibt und das Mysterium der Harmonie oder der Disharmonie der Kräfte enthält. Es kann ein Mensch durch exzentrische Tugend und fanatische Frömmigkeit ebenso ein Ungeheuer sein als durch Laster und Gottlosigkeit. Der Witz und das gute Herz können einen Menschen zum Narren, die Toleranz kann ihn zum Waschlappen, der Fanatismus ihn zum Propheten, die Geschäftigkeiten können ihn zum Taugenichts, die humoristische Landstreicherei kann ihn zum Weltweisen, der Mut zum Abenteurer machen, sobald das Mysterium des Maßes, der Mischung und Akzentuation getroffen und sobald noch das unbekannte, innere Agens, das Prinzip hinzugetreten ist, welches mit einem Zauberschlage Harmonieen und Dissonanzen hervorbringt, welches Tiefsinn in Wahnsinn und Wahn in Prophetie übersetzt. Schon die Chemie lehrt uns, daß Wasser- und Sauerstoff nicht eher zu Wasser werden, als bis der elektrische Funke das Wunder der Vereinigung der Elemente vollbringt. In der Ökonomie des geistigen und sittlichen Lebens gibt es auch Magnetismus, Wärme, Licht und Elektrizität. Liebe, Glaube, Lebenslust und Begeisterung bringen Licht oder Finsternis in die Seele; Schmerz und Sorge reifen erst das Menschengemüt, oder sie machen die edelsten Eigenschaften herbe und unschmackhaft. Was will überhaupt eine gute oder böse Eigenschaft, eine Beschränktheit oder eine Fakultät sagen, wenn sie nicht in einer Person verwirklicht wird? In der Persönlichkeit, in der Eigenart, im Genius geschieht es, daß die Tugenden zu Schwächen und die Schwächen zu Liebenswürdigkeiten werden. »Wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe«; und wenn sie dasselbe dichten, denken und ins Werk richten, so ist es noch weit weniger einerlei. Die weibliche Art und Weise ist am Manne ein Schimpf und die männliche am Weibe eine garstige Natur. Männer sind aber untereinander so verschieden wie die weibliche von der männlichen Natur, und mit der Persönlichkeit der Frauen ist es dasselbe Rätsel von Harmonie und Disharmonie. Um zu begreifen, wie der Verstand zum toten Rechenexempel und Einfalt zum himmlischen Witz werden, wie der Idealismus eine Wirklichkeit und der Realismus ein Nihilismus sein kann, muß man gewisse poetische und materielle Naturen als Repräsentanten jener Lebensarten und Vorstellungsweisen sehen. Dieselben Exzentrizitäten und Widersprüche, welche den einen Charakter dem Irrenhause zuführen, stempeln den andern durch das unergründliche Mysterium des persönlichen Lebens, des Charakters zum Genius und Helden, der alle Herzen und alle Geister gefangen nimmt. Dem Gesunden ist alles gesund. Im harmonisch gebildeten Menschen reimt sich alles zur Harmonie, während im Narren auch die Weisheit zum Aberwitz wird. Persönlichkeit ist das Geheimnis der Gottheit, der Natur, der Poesie und Religion. Durch die Persönlichkeit wird entschieden, was gut und böse, dumm und gescheut, schön und häßlich, heilig und unheilig ist. Da aber bedeutende Persönlichkeiten und Charaktere eine Seltenheit sind, so konnte der großen Masse nichts willkommener sein als die moderne Antipathie vor dem Genie, der Krieg gegen die Autoritäten und die Parole von der »Objektivität«, unter welcher man eine Unpersönlichkeit versteht, die in leidenschaftlichen Augenblicken (schon aus Gründen der Reaktion) zur herzlosesten Selbstsüchtigkeit wird. Wie sich übrigens die Begeisterung für Freiheit, welche doch nur in der Person und im Genius Bedeutung und Realität gewinnt, mit der Schwärmerei für Unpersönlichkeit und Objektivität zusammenreimen läßt, wissen die modernen Propheten allein. Ehre beruht auf der Tatsache von der Freiheit und Würde der Person. Der Mensch wird durch die Verhältnisse bestimmt, sie haben Einfluß auf ihn, damit er nicht außerhalb der Natur und Weltgeschichten stehe, aber diese Geschichten fleischen sich auch in dem Menschen ein, und er beherrscht sie so weit mit seinem vernünftigen Willen, daß er sich nicht ohne Gewissensbisse für eine Blase des Schaumes vom Lebensmeer halten darf. Die Welterscheinungen erklärt der Verstand aus einer Ursache, ohne zu bedenken, daß die göttliche Ursache eine absolut primitive, eine ewige sein muß; daß also auch in den Geschöpfen und insbesondere im Menschen eine absolute Selbstbestimmung und Kausalität liegen muß. Die menschlichen Willensakte, Entschlüsse, Gedanken, Gefühle und Handlungen sind also nicht nur das Produkt der Naturgeschichten und Verhältnisse, sondern auch der göttlichen Ursprünglichkeit, der Selbstbestimmung und Persönlichkeit. Wer nun an die Freiheit und Würde des Menschen glaubt, der wird die Persönlichkeit ausgezeichneter Menschen, der Propheten, der Helden und Reformatoren, der großen Dichter, Denker und Künstler aller Zeiten als eine Macht empfinden, die auf seinen eignen Willen und Glauben einen Einfluß haben darf. Auf dieser natürlichen Verehrung, auf dieser Heiligung des Göttlichen in den Autoritäten der Geschichte und Gegenwart ruht der Begriff der Pietät, beruht die Möglichkeit einer Jugenderziehung durch die Alten, eines Regiments in Kirche und Staat. Ist es nichts mit der Pietät, so ist auch unsere Würde und Ehre, unsre Freiheit und Göttlichkeit ein leerer Schall. Hat aber die Person eine absolute Bedeutung und Realität, so kommt sie auch der Weltgeschichte zu und einem Regiment, das auf Autoritäten und Pietät gegründet ist; ohne Pietät gibt es keine Würde und Ehre in der Welt. George Forster Vgl. S. 20, Anm. 1. war es, der nichts von der Persönlichkeit gehalten, der die Personen nur für die vorübergehenden Momente, das Genus aber für die Realität und Wahrheit, für den Zweck der Naturgeschichten erklärt hat; und die modernen Literaten haben die Forstersche Weltanschauung schlechtweg adoptiert. Daß Leibniz die Individualität zum Prinzip seiner Philosophie und Monadenlehre gemacht, daß Jakob Böhme und Swedenborg Vgl. S. 14, Anm. 4. in ihrem Ich die Mysterien der physischen und sittlichen Weltordnung als die reellste Realität erfaßten, daß Goethe und Schiller, Wilhelm von Humboldt, Hippel und J. Paul, daß nicht nur Kant und Fichte, sondern Luther die Person als den Mittelpunkt der Schöpfung, als das Prinzip und die Realität des sittlichen wie religiösen Lebens gefühlt und begriffen haben, Gute und fromme Werke machen niemals einen guten, frommen Mann; sondern dieser die guten Werke. Böse Werke machen niemals einen bösen Mann, sondern ein böser Mann macht böse Werke; also daß immerhin die Person zuvor muß gut und fromm sein, und gute Werke, gehen hervor aus der guten und frommen Person. (Luther. mag ignoriert werden, weil alle diese Autoritäten möglicherweise weniger ins Gewicht fallen können als Forsters Autorität. Zwingend ist aber die Tatsache, daß die Juden vermöge ihres Individualismus, ihres entwickelten persönlichen Lebens den persönlichen Gott fanden, daß Christi Lehren von der Liebe und Hingebung an eine Autorität, vom reinen Herzen, von der persönlichen Würde und Fortdauer, von der göttlichen Kümmernis um einen reuigen Sünder, wie um jedes Haar, welches von unserm Haupte fällt, nicht nur mit jenem jüdischen Individualismus, mit dem Glauben an einen persönlichen Gott übereinstimmen und die natürlichsten Konsequenzen des jüdischen Individualismus bilden, sondern daß auf der christlichen Lehre die Tugend und Ritterehre, die Pietät und Herzensdelikatesse, die christliche Liebe und Glaubenskraft beruht, in welcher unsere deutschen Väter die Sprache, das Recht, die Dichtung, die Künste und Sitten zeugten, von deren Mark wir heute leben und als Staat, als Kirche bestehen. Gewissensüberzeugung für alle, die ein deutsches und christliches Gewissen haben, muß es sein, daß ohne den Glauben an die weltewige Bedeutung der Person keine wahrhaftige Genugtuung, keine Begeisterung und Selbstverleugnung in den Massen, also kein durch und durch sittliches Leben, sondern nur ein Staats- und Religionsschematismus möglich wäre; daß mit der geglaubten Lehre von der absoluten Bedeutung der Geschlechter und Arten, mit der Lehre von der ewigen Vernichtung und Nichtsbedeutenheit der Personen jede Kraft des Herzens, des Gemüts wie des Glaubens gebrochen und verzehrt werden muß. Gleichwohl leuchtet unsern unpersönlichen Reformatoren und Stoffgläubigen das Gegenteil ein. Sie kämpfen in den Reihen der Freiheitsmänner, ohne zu bedenken, daß die Freiheit nur einen Sinn für einen solchen Staat haben kann, der aus Personen, aus Charakteren im alten Sinn besteht. Man fordert große Charaktermenschen, man schwärmt für die großen Männer der Geschichte bis zur Monumentenmanie, läßt sich aber zu gleicher Zeit belehren, »daß Seele und Geist so aus dem Gehirn ausgeschieden werden wie aus den Nieren der Urin«, und daß nach Forster »die Persönlichkeit eigentlich das Unmächtige und Nichtsbedeutende am Menschen ist; daß Poesie und Liebe in einer geistigen Selbstschändung bestehen«. Man will nicht begreifen, daß der Charakter, den man heute so schmerzlich vermißt, nur die Summe aller Energieen und Selbsterhaltungen des persönlichen Lebens sein kann, gegenüber der Tyrannei des sozialen Schematismus, der Schule und aller andern Kulturmechanik, von welcher sich das persönliche Leben und die Freiheit absorbiert sehen. Die Schule, die Sitte, die Kirche, der Staat, das Recht, das Weltregiment und der ganze Kulturprozeß bestehen zwar in einem Schematismus, d. h. in einer Methode und Uniformität, in einer Norm, durch welche der Naturalismus mit seinen Sondergelüsten inhibiert werden soll; auch ist es richtig, daß der deutsche Individualismus und Partikularismus unsere politische Zerkrümelung und Unnationalität verschuldet haben; daß unsere wuchernde Eigenart und störrige Persönlichkeit der Grund des Mangels an Grazie, Leichtigkeit, Liebenswürdigkeit und sozialen Talenten sind; aber dieser deutsche Individualismus, dieser tiefe Naturalismus ist auch die Pfahlwurzel unseres Lebens, unser Herzblut, unsere Herzensfrische, unsere Bildkraft, Zeugungskraft und Phantasie. Wer uns die Persönlichkeit, die ererbten Sympathieen und Antipathieen des Herzens abschwächen will, wer uns die Herzenshumore, die Romantik, die Vertiefung des Gemütslebens, die Mystik (nämlich das Ineinander und Außereinander von Persönlichkeit und Weltleben) inhibiert, indem er uns das natürliche Leben oder den Geist, den Individualismus oder den Schematismus, die Persönlichkeit oder die sittliche Norm als das Unmächtige und Böse darlegt, der verfälscht uns die Weltökonomie, die Kulturgeschichte, welche in dem deutschen Wesen Peripherie und Herzpunkt besitzt. Es fehlt uns Deutschen so wenig am Schematismus als am Naturalismus, so wenig an der Ambition für korrekte Lebensart, für Stil und Klassizität als an romantischen Gelüsten und Leidenschaften oder an Humor; aber es gebricht uns an der Versöhnung von beiden Prozessen, an der Neutralisation der entgegenstehenden Fakultäten, an der Ineinsbildung und Balance von Natur und Geist, von Sinnlichkeit und Vernunft. Der deutsche Humor scheint nun recht eigentlich diese wünschenswerte Versöhnung gehindert zu haben; er hat es aber schlimmstenfalls in der Romanpoesie getan, denn im wirklichen Leben verspürt man schon sehr lange verzweifelt wenig altvaterischen Humor. Abstrahiert endlich davon, daß die differenzierenden Momente ganz so zum vollständigen Kulturprozeß gehören als die Neutralisation, so muß daran erinnert werden, daß man die Vermittlung der Gegensätze nicht schlechtweg im kürzesten Prozeß durch Abschwächung erzwingen darf, und daß auch die Versöhnung selbst in der Weltgeschichte nicht fixiert gedacht werden kann, wenigstens nicht in uns Deutschen. In der Person konzentrieren sich die Mysterien Gottes und der Welt. Sie ist der lebendige Witz und die Kraft der Kräfte; sie ist die Inkarnation des allgemeinen Lebens, die Verwirklichung der Wahrheit durch Liebe, Glaube und Glückseligkeit. Die Person ist das Alpha und Omega des Lebens, das Abbild und der lebendige Begriff der Gottheit. Am Anfange war die göttliche Person, sie mußte der Tat wie dem Gedanken vorangehen; sie ist die absolute Mystik, nämlich die Identität und die Polarität von Anfang und Ewigkeit, von Ursach' und Wirkung, von Subjekt und Objekt, von immanenter und transzendenter Kraft, von Freiheit und Notwendigkeit, von Wort und Schöpfung, von Materie und Kraft. Persönlichkeit ist die erste und letzte Genugtuung, ohne sie ist alles ein Nichts. Künste und Wissenschaften, Recht und Unrecht, Erlebnisse, Bildungsprozesse und Beschäftigungen, welche nicht Charakter, nicht Person werden, bleiben Mathematik, Abstraktion und toter Stoff. Ein Mensch, der heute ein Landgut kauft, ist weder morgen noch binnen Jahr und Tag ein wirklicher Gutsbesitzer, d. h. ein Mensch, in welchem der Landbesitz und die Ökonomie Seele und Leib, Witz und Gemüt geworden sind. Dasselbe gilt vom Kaufmann, von dem Professionisten, dem Dichter, dem Künstler, dem Rechtsgelehrten, Geistlichen, Soldaten, Lehrer und vom Publizisten. In diesem Einfleischen, in dieser Personifikation einer Kunst und Hantierung liegt das Wesen jeder wahren Virtuosität. Der Schematismus des Dilettanten läuft der Seele und Persönlichkeit nur parallel, oder der Dilettant bringt es zu weiter nichts als zu einer herausgewendeten Subjektivität ohne Methode, Norm und Stil. Der wahre Künstler versöhnt aber das allgemein Menschliche mit seiner Persönlichkeit, das Weltobjekt mit Seele und Verstand, den Schematismus der Schule mit der Natur. Das Geschäft, die Wissenschaft, die Kunst und Musik muß mit dem ganzen Menschen so verwachsen, daß sie von ihm gar nicht getrennt werden kann: dann ist er Meister und Virtuos. Ohne Herz und Persönlichkeit gibt's aber nur Marionetten, gleichwie ohne Stil und Methode sich die Narrheit etabliert. Der Menschenkenner kann es weder mit den Gebildeten noch mit den Ungebildeten, nicht mit den Klugen und nicht mit den Einfältigen halten, ihm genügen die weisen Alten so wenig als die jungen Toren, wenn er nicht sieht und weiß, wie die Weisheit, wie Jugend und Alter eingefleischt sind. Das Rätsel der Menschenbildung, das Wunder der Versöhnung und Verschmelzung entgegengesetzter Eigenschaften und Kräfte wird nur in der Person gelöst. Sie allein ist es, welche das Maß, die rechte Art und den lebendigen Impuls für alle Situationen, Tätigkeiten und Prozesse in sich trägt; welche dem Charakter die Liebenswürdigkeit, Akkommodation und der Entschiedenheit die Milde zubringt, indem sie fest und flüssig, spröde und elastisch zu sein vermag. Die Person ist es, welche Geschmack und exzentrische Begeisterung, Takt und rücksichtslose Wahrhaftigkeit, Humor und heiligen Ernst, Vernunft und Sinnlichkeit, Herz und Verstand in eins zu bilden und doch zu polarisieren, welche das Ausgeglichene in die rechten Akzente zu setzen versteht. Von diesen Gesetzen der Lebensökonomie, von den Mysterien der Expansion und Kontraktion, wo der Punkt zur Weltperipherie gedehnt und die Vernunft zu einem Herzen verdichtet wird, begreift der schematisierende Schulverstand und die sublimste Wissenschaft nur die Formeln, die Mathematik, aber nimmermehr das Fleisch, die Seele und den Geist. Kräfte und Formen, welche der abstrakte Verstand für unverträglich erklärt, stellt die Person nicht nur als vollkommen versöhnt, sondern durch die Macht des Kontrastes und der Polarität in ungeahnetem Effekt und Lebenszauber dar. Es ist eben das Wunder einer originellen und tiefen Persönlichkeit, daß sie den Generalnenner für solche Bruchteilchen im Leben bildet, die durch nichts zu lösen sind als durch den Witz und das Mysterium der Inkarnation. Der Genius ist es, in welchem sich die Gottheit spiegelt, welchem Lebensharmonie in ungeahneten Fernen aufgeht; Scheidewände verschwinden, und die Ökonomie des Universums prozessiert im Herzen und im Hirn. Man muß ein Mensch mit einem Herzen voll Pietät und Hingebung sein, einen Menschen von ganzer Seele geliebt und ihn verloren haben, man muß ein alter Mensch geworden, mit seinen Künsten und Wissenschaften unter einer neuen Generation zurückgeblieben sein, um zu begreifen, daß an der Person alles gelegen ist; daß uns alle Kultur und Geschichte, die ganze Welt, wenn sie in einer Nuß zu haben wäre, nicht eine Person ersetzen kann, die uns durch ihren Genius, durch ihren Verein von Kraft und Liebe, von Charakter und Anmut, von Hingebung und Selbstständigkeit, von Verstand und schöner Schwärmerei, von Witz und Phantasie das Problem der Lebensgegensätze faktisch gelöst hat. Wir lernen und lehren, wir beräsonnieren und bereisen die ganze Welt, wir überklettern unsre Persönlichkeit mit einer abstrakten Dialektik, um uns zuletzt ins transzendente Nichts, oder wie Faust in einen Sinnengenuß zu stürzen, für den uns die Don Juan-Natur gebricht. Wir sind bunt durcheinander: Theoretiker, Praktikanten, Buchstabenmenschen und Symboliker, Radikalsten und extrafromme Christen, Gemeinderäte, Spießbürger, Staatsbürger, Weltbürger, Einsiedler, Ästhetiker, Auswanderer, Schwärmer und blasierte Egoisten, um zuletzt oder mitten im Prozeß an dem Verluste eines geliebten Menschen, an dem Verlust von Weib und Kind inne zu werden, daß der Mensch ein bloßes Kulturphantom bleibt, wenn sich diese Kultur und Humanität nicht in seinem Herzen inkarnieren. Der Mensch muß mit einem zweiten Menschen in Liebe und Freundschaft verschmelzen, er muß eine kleine Welt in der großen, ein Familienleben, einen Heimatsort, ein Vaterland haben, wenn seine Brust nicht der Sarg seines Herzens werden soll. Wenn man die Person nicht leiden will, weil sie nur ein einziges Entwicklungsmoment der Gattung in monströser Selbstschweigerei und probierter Tyrannei gegen alle andern Personen aufzeigt, so kann man konsequenterweise die Freiheit nicht mehr zur Weltparole machen; wenigstens darf man unter Freiheit nicht mehr das Ausleben und die ungehemmte Entwicklung der Individualität oder die Garantie der persönlichen Rechte verstehen. Wer die Person mißachtet, dem darf die Freiheit in nichts anderem als in der Verleugnung des individuellen Lebens für das Gattungs- und Geschlechtsleben, für das Gesetz der Welt und Menschheit bestehen. Da aber dies Gesetz und dies Gattungsleben tatsächlich am vollkommensten im gebildeten Genius zur Erscheinung kommt und das persönliche Leben doch in irgend welchen' Individuen konserviert und repräsentiert bleiben muß, so wäre eben in einer Zeit der Unpersönlichkeit, der Nivellierung und des Verrufs der Autoritäten der Kultus des Genius die natürlichste Reaktion. Mir scheint's, wenn der rechte, berufene Prophet und Held erscheinen sollte, wird man sich ihm als einem Welterlöser mit doppeltem Eifer in die Arme werfen. Sind doch schon Vogt Vgl. S. 143, Anmerkung. und Moleschott Der Physiolog Jakob Moleschott (1822 – 93), bekannt als Vorkämpfer der materialistischen Auffassung aller Lebenstätigkeit und Hauptvertreter der Lehre von der unzertrennlichen Einheit von Kraft und Stoff. für halbe Propheten angesehen. Als reelle Welterlöser gelten heute nur Genies von dem Prinzip und Gepräge wie Lessing, George Forster und Fichte. Der Himmel weiß aber, wie man den Kultus dieser Männer mit dem Despekt gegen die Persönlichkeit zusammenreimt. Unsere modernen Publizisten, Naturforscher und Radikalisten, scheint es, können nicht begreifen, daß die Person und die Persönlichkeit so zusammengehören wie Feuer und Rauch, wie Geist und Materie, wie Geist und Leib, wie die Positivität und die Negativität, wie Kunst und Unmacht, wie Engelei und Teufelei, wie Recht und Unrecht, wie Weisheit und Narrheit, wie Sein und Nichtsein, wie Leben und Tod. Wahrscheinlich lebt man obenein des Glaubens, daß Forster und Lessing, ganz so wie die alten wasserhellen und objektiven Griechen (d. h. die Literatur-Griechen), nur die abstrakte Einfleischung derjenigen Gesetze, Willenskräfte und Vorstellungen darstellen, in welchen die Gattung, der Genius der Menschheit der Weltgeschichte und der souveräne Volksgeist bestehen. Wohl bekomme es dir, lieber Kultus der unpersönlichen Persönlichkeit und abstrakten Inkarnation! Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens, aber um so gewisser dann, wenn die Dummheit zur öffentlichen Meinung geworden ist und sich schlechtweg für die Gottheit halten darf. Selbst die gebildeten Leute haben keinen essentiellen Verstand, keinen solchen, der komplizierte Probleme, Geschichten und Verhältnisse rasch resümiert, indem er sie auf die einfachsten Formen reduziert. Nur das gebildete Genie, welches die Erbschaft der Kulturprozesse von vielen Generationen angetreten und sich der Sprache mit Geistesüberlegenheit bemächtigt hat, gibt uns von seinen Studien wie Erfahrungen den Likör, den Saft der Frucht, ohne uns mit Blättern und Holz zu langweilen. Die Masse der Gelehrten renommiert mit Apparaten, Schablonen und Maschinerien. Charakteristisch aber ist nicht nur für die modernen Gelehrten, sondern für alle modernen Gebildeten das immer mehr zunehmende Ungeschick, sich einander die Persönlichkeit in unmittelbarster Weise und doch mit so viel natürlicher Legitimation zu behändigen, daß kein Protest eingelegt wird. In dieser Kunst, seine Persönlichkeit im raschesten Prozeß nicht nur akzeptabel, sondern verständlich, gemütlich und beliebt zu machen, bestand sonst der Takt, der Mutterwitz, der Humor und der konversationelle Instinkt. Heute gibt es nicht einmal Originalcharaktere, und doch fehlt den Leuten der Witz, auf die abgeschliffene Persönlichkeit und Tournüre, auf das glatte Gesicht und die glatten Phrasen rasch die gewünschten Valuta zu beziehen. Herz und Witz sprachen sonst blitzschnell zum Herzen wie zum Verstande, heute aber tut es weder das Nivellement, noch der Gemeinsinn, noch die Weltbürgerlichkeit. Die Leute, deren durchsichtiger Stil und durchsichtiger Charakter so gelobt wird, kommen mir wie Fensterscheiben vor. Menschen sollen nicht wie Glas sein. Ein Charakter ist selbst das reellste und interessanteste Objekt; er soll sich keineswegs herabwürdigen, das vollendetste Medium und Vehikel für andere Dinge oder der bloße Träger und das Organ für moderne Ideen zu sein. Wo wir solche Organe finden, da fehlt eben die Charakterwürde, die Charaktertiefe und Energie, da fehlen die Mysterien des individuellen Lebens, da fehlt die Person. Der Charakter kann zu kompliziert, zu dunkel werden; aber ein rechter Mensch muß Schatten, muß eine Komplikation, ein Mysterium und eine gewisse Undurchsichtigst haben, oder ihm fehlen Natur und Gemüt. Die Salonkonvenienz mag immerhin das Ideal der Bildung in einer Physiognomierosigkeit ersehen, die, ähnlich dem guten Wasser, weder Farbe noch Geruch besitzt oder irgend einen Stoff herausschmecken läßt; aber ein Mensch und ein Charakter soll eben ein guter Wein und kein elementares nüchternes Wasser sein. Wir haben nur die Wahl, zu viel Akzent auf unser persönliches Leben oder auf das Gattungsleben zu legen. Wir riskieren entweder ein närrisches, selbstschwelgerisches Herz mit Träumen und Schäumen oder die Unterbindung dieses Herzens und seine Vertauschung gegen ein Vernunftphantom, welches der Sinnlichkeit, den Natur- und Kulturgeschichten gleichwie der Weltpraxis auf die kurioseste Weise widerspricht. Die Sinnenmenschen halten sich ohne innern Zwiespalt an ihren tierischen Instinkt, den sie mit so viel Gewohnheit und Arbeitsmechanismus versetzen, daß ihnen die wilde Bestie nicht mit dem Lebensfuhrwerk durchgehen kann; die gebornen Schulmeister aber, oder die Schülermenschen, halten sich an die Schulvernünftigkeit und werden dafür um so zynischer und unliebenswürdiger in allen ihren sinnlichen Funktionen sein. Eine Naturgeschichte, aus welcher Schule und Konvenienz den vernünftigen Geist extrahiert haben, muß einer Getreidemaische gleichen, von welcher der Spiritus herunterdestilliert ist. Wir Menschen sind Samenkörner, die nicht vermahlen, verbacken oder verdestilliert, sondern in ein Erdreich gesäet werden sollen, um daselbst, im Kerne zerstört, zu keimen, zu grünen, zu blühen und in der Blüte wieder denselben Fruchtsamen anzusetzen, der im Beginn des Prozesses zerstört worden war. Ob nun die modernen Kultur- und Selbstverleugnungsprozesse einem Vermahlungs-, Maisch- und Destillationsprozeß, oder ob sie einer himmlischen Garten- und Feldökonomie, einer menschlichen Naturgeschichte ähnlich sehen, mag jedermanns Beurteilung überlassen bleiben. Wie unfehlbar die Leidenschaften den Verstand verdunkeln und sogar die geschmackvollen Leute zur Abgeschmacktheit verführen, sieht man heute an dem allgemein eingerissenen Gebrauch, bei keiner Gelegenheit mehr von »Personen«, sondern immer nur von »Persönlichkeiten« zu sprechen und zu schreiben. Bis dahin verstand man vollkommen richtig unter der »Persönlichkeit« nur die Eigenart oder die Summe der spezifischen Eigenschaften einer Person, also ihre Sympathieen und Antipathieen, ihre garstigen und guten Angewohnheiten wie Humore, ihre Schwächen wie ihren schöpferischen Witz. Das Wort »Person« bezeichnete sonst bei Gelehrten und Praktikanten den ganzen konkreten Menschen, seinen Charakter und seine Erscheinung in Fleisch und Bein. Heute sprechen und schreiben die dümmsten wie die sprachgelehrtesten Leute mit einer an Narrheit grenzenden Affektation, und wie wenn sie eine sublimere Psychologie in Umlauf bringen wollten, von »der Anwesenheit oder erwarteten Ankunft berühmter Persönlichkeiten«, »von ihrem Begegnen mit einer bekannten oder unbekannten Persönlichkeit«, ferner »wie eine Persönlichkeit den Ausschlag gegeben oder Begeisterung erregt habe« ec. – Wie man von einer bekannten Persönlichkeit sprechen, wie sie eine Genugtuung gewähren kann, liegt wenigstens im Bereich des Begreifens und der Menschenmöglichkeit; wie man aber von dem Erscheinen unbekannter Persönlichkeiten sprechen kann, geht über meine Begriffskonsequenz. »Personen«, d. h. Menschen in Fleisch und Bein, kann jeder mit seinen Sinnen wahrnehmen; aber die »Persönlichkeit«, d. h. die Eigenart eines Menschen muß man erst kennen lernen, wenn man zum alten Schlage gehört. Sonst sagte man: »es sind Persönlichkeiten ins Spiel gekommen«; »es kam zu Persönlichkeiten«, d. h. zu Menschlichkeiten und Anzüglichkeiten, zum Ausspielen von Schwächen, Antipathien und Eigenarten; heute aber »erscheinen distinguierte Persönlichkeiten« in Schuhen und Strümpfen mit dem chapeau-bas (persönliche »Großkreuze«), sind äußerst complaisant und nobel, denken aber natürlich nicht daran, Charaktere, Helden, Propheten oder kompakte Figuren in Muskeln, Knochen und Naturelleigenschaften zu sein, weil sich diese reellste Erscheinung für moderne »Persönlichkeiten« nicht gut schicken würde. Diese Persönlichkeiten des modernen Rede- und Schreibestils dürfen wegen der herrschenden Antipathie vor leiblich und geistig robusten Personen nur die abstrakt objektiven Schemen und Echos ihres Geschlechts, oder vielmehr nur die geschlechtslosen, unpersönlichen Kulturphantome, die persönlichen Paradigmen der öffentlichen Meinung und Naturwissenschaft in Hosen und Frack bedeuten. Wie diese abstrakten Leidenschaftlichkeiten und Unpersönlichkeiten der Literaturleute mit dem modernen Materialismus zusammenhängen, begreift freilich jeder schnell genug, der das Gesetz der Reaktion und die Phrase Napoleons von der Berührung der Extreme und das »du sublime au ridicul« Französisch: Vom Erhabenen zum Lächerlichen (ist nur ein Schritt). ec. in Erfahrung gebracht hat. Es lag in dem Hochmut und der Tyrannei der alten Genies und Autoritäten nie so viel leere, widernatürliche, abgeschmackte und herzlose Patzigkeit als in diesen modernen Narren einer affektierten Persönlichkeit, welche gleichwohl die Inkarnation des objektiven Weltverstandes, des absoluten Weltgeistes sein soll. Zu diesem Wunder sind weder Genie noch Mutterwitz noch Glaube, Liebe und Zeugungskraft nötig; es wird alles durch sublimierte Makulaturphrasen, d.h. in Kraft des modernen Literaturstils, vollbracht. Wem diese Literaturmiseren behagen sollen, der muß eben ein von dem Literaturgewerk geknechteter Literaturtagelöhner sein. XIII. Die deutsche Sentimentalität und transzendente Lebensart. »Der Engländer fühlt sich in Deutschland anmutig berührt durch unser humanes, ideenreiches und harmlos geselliges Leben; der Deutsche in England fühlt sich abgestoßen durch das förmliche, eingeschnürte und kalte Wesen der Leute. Der Deutsche ist geneigt, das Denken und Tun des Engländers für seelenlos zu halten, und dieser denkt sich jedes deutsche Haus voll von Musik, von Poesie und tiefer Wissenschaft. Aber der Engländer kann sich nimmer aussöhnen mit so viel Schwächlichem und ewig Duldsamen in unserm Lande; er vermißt in der weichmütigen deutschen Sittlichkeit einen Zusatz von englischem Stahl, während umgekehrt der Deutsche Achtung bekommt vor der straffen Haltung und dem männlichen Schaffen der Engländer. Diese sehen uns ungefähr wie einen jüngern Bruder an, der die guten Eigenschaften der Familie hat, aber etwas Enthusiast ist, flötet und dichtet und trotz seines stillen Hochmutes doch nicht dazu kommt, sich einen tüchtigen Hausstand zu schaffen, der ihm Respekt unter den Leuten macht.« Franz Löher . Der vielseitige Schriftsteller Franz von Löher (1818–92), Verfasser des Werkes: »Des deutschen Volkes Bedeutung in der Weltgeschichte« (1847). Es handelt sich in der Menschenbildung und Geschichte um einen »Überschuß an Seele und Geist«. Wer nur so viel Geist von seinem sinnlichen Untergrunde entbindet, als das physische Leben, die Sorge, die Arbeit, die amtliche Pflicht, der Alltagsverkehr und die Sprache verbraucht, behält ja nichts zum sublimern Selbstbewußtsein, zum Verkehr mit der Geisterwelt, der Geschichte und Literatur; der kann unmöglich ein Dichter, ein Denker, ein Künstler, Prophet oder Held und Märtyrer sein! Daß die Jugend, zumal in der Liebe, einen Überschuß an Sinnlichkeit und Seele produziert, macht ihr eben das Herz so übervoll, gibt ihr Phantasie, Todesverachtung und Glückseligkeit, Sympathie und Clairvoyance; gibt ihr Sang und Klang und die Gewalt über alle Herzen; gießt den Jugendglanz und Jugendzauber über das Gesicht des Jünglings und der Jungfrau, macht ihre Erscheinung, ihre Bewegung, den Ton ihrer Stimme und ihre Gebärden liebreizend und schön. Wie wirken denn Liebe, Andacht, Schönheit, Liebreiz und Prophetie als mit einem Lebensüberfluß, mit einem sublimsten, transzendenten Geist, mit einer überschüssigen Seele, die wie Duft, wie Licht und Äther den festen Kern des Leibes und Geistes umhüllt und umstrahlt? Was macht den alten, den verstandesnüchternen, blasierten oder pedantisch förmlichen Menschen so unheimlich und unerquicklich, so häßlich und tot, was anders als der Mangel an Licht und Duft, an geistesschwangerer Atmosphäre; der Mangel an überschüssiger und elektrischer Lebenskraft, die mit anderm Leben und Lieben zusammenfließen, wetterleuchten, Blitze zücken, die anderes Leben entzünden und befruchten darf? Was soll denn die Schönheit, die Liebe, was soll ihre Magie, ihr Lebensmagnetismus sein, wenn nicht der Abglanz eines transzendent gewordenen Geistes, der sich zur Selbstanschauung und zur Verbindung mit andern Geistern frei von seiner Sinnlichkeit entbunden hat und gleichwohl von seelischen Sympathieen geschwellt, allem erschaffenen Leben entgegenbebt? In dieser überschüssigen Kraft, die sich selbst und anderes Leben erfaßt, in diesem Überfluß des Geistes wie der Seele liegt das Geheimnis und die Tatsache des Selbstbewußtseins, d. h. der Selbsterscheinung, der Schönheit, des Glaubens, der Liebe, der Sympathie, der Zeugungskraft. Diese Transzendenz, die zugleich eine Immanenz involviert, ist der Grundbegriff Gottes, des Menschengenius, der Prophetie, der Mystik, der Poesie, der Willens- und Geistesfreiheit, die sich in Dichtwerken, in Kunstwerken und Heldentaten manifestiert. Ohne diesen überschüssigen Sinn und Geist gibt es keine Phantasie, keine Inspiration, keine Zeugungskraft, keinen Impuls und keine schöpferische Freiheit, keine dichtende und denkende Kraft, keine Ekstase, keine Begeisterung, kein Märtyrertum. Hegel hat bei der Beurteilung der Kantischen Philosophie das Wort transzendent für barbarisch erklärt; es ist aber nicht barbarischer als alle andern Metaphern und Tropen unserer Sprache, als die Worte: begreifen, fassen, anschauen, verstehen, endlich setzen, ineinsbilden. Wir machen ja alle geistigen Prozesse an sinnlichen und diese wiederum an jenen begreiflich, und zwar mit dem richtigen Instinkt, daß Seele, Geist und Leib eine Einheit bilden; daß sich also alle Prozesse und Erscheinungen gegenseitig erklären. *   *   * »Der Mensch ist nur durch die Seele ein Göttliches; verwirklicht er in gewissem Maße dis geistige und sittliche Vollkommenheit, so hat er das Ziel seines Daseins erreicht. Nichts, was zu diesem erhabenen Ziele führt, ist gleichgültig. Die äußern Dinge erhalten ihren Wert nur durch die menschlichen Empfindungen, denen sie entsprechen.« Sylvestre de Sacy. Der französische Orientalist Antoine Isaac, Baron Silvestre de Sacy (1758 – 1838). Im tiefsten Gefühl, in der überschüssigen Seele liegt nicht nur die politische Unfähigkeit des Deutschen, liegen nicht nur seine Dummheiten und Miseren, sondern auch der heilige Grund seines Gemütslebens, seines Humors, seiner humanen schönen Bildung, Sitte und Religiosität. Von der Zeit an, da man aus der deutschen Literatur und Kunst, aus den deutschen Lebensarten und Humoren nicht mehr den sentimentalen Faktor extrahieren, sondern das deutsche Sündenregister mit ihm beginnen wird, werden freilich die deutschen Dummheiten und Tölpeleien, wird die politische Unmündigkeit, aber auch die deutsche Natur und Übernatur, die Seite des deutschen Wesens verschwunden sein, um derentwillen es überhaupt lohnt, daß ein deutsches Volk existiert. Die Verhöhnung der deutschen Sentimentalität kommt allen gefühllosen, prosaischen und säkularisierten Subjekten ganz so à propos wie die Geringschätzung der Persönlichkeit und die Affektation einer klassischen Objektivität, mit welcher die Bequemlichkeit verknüpft ist, daß sie mit dem deutschen Stil, d. h. mit dem Schematismus der Sprache und einigen stereotypen Grimassen in Szene zu setzen ist. Wem Witz und Herz, wem jede Eigenart und jeder Seelenüberschuß fehlt, der rümpft über den Humor, über geniale Persönlichkeit, über das religiöse und poetische Gemüt als über geschmacklose Sentimentalitäten und Schwärmereien die Nase, von dem wird in Stelle der Heiligen: unser noble, stattliche, grundgescheute Lessing zitiert. Aber dieser Literaturheroe, der allerdings den freisinnigen, objektiven, durchsichtigen und geschmackvollen Verstand, also das gesunde Element im deutschen Niesen repräsentiert, besitzt nebenbei eine Genialität und Biederkeit, eine idealsinnige, edle Mutterwitzigkeit, Wahrheitsliebe und Universalität, die seinen einseitig kritischen, den Parteimiseren verfallenen Lobrednern gänzlich gebricht. Russen, Polen und Spanier kennen die Melancholie, sie färbt ihre Gesänge, ihre Liebe, ihre Andacht oder die Lieder ihrer Dichter, aber selten ihre Gedanken und keinmal ihre Schulphilosophie. Der Deutsche und der ihm stammverwandte Engländer allein haben nicht nur, den Slawen gleich, eine melancholische Musik und Lyrik, sondern, den Ägyptern ähnlich, eine melancholische Baukunst und eine Philosophie, welche das Leben aus dem Gesichtspunkt des Todes erfaßt. Nur der Deutsche hat sogar aus seinen Frühlingsliedern Kirchhofslieder, Gemälde des Verwelkens und Sterbens gemacht; nur die deutsche Melancholie ist zum klaren Bewußtsein des Todes und damit nicht nur zur Wurzel der Religion und Tragödie hindurchgedrungen, sondern zur Erkenntnis des Wesens aller Kunst und Poesie. Der Tod ist mit dem Leben gegattet; jeder Atemzug vermindert das Leben, und die Zeugung mehrt nur die Macht des Todes auf Erden. Die Mutter Erde ernährt und sie verzehrt uns, und der grünende Boden unter unsern Füßen ist aller Kreaturen Grab und Staub. Im Mittelpunkte der Welt schlägt das menschliche Herz, alle Lebensfäden verspinnen sich mit seinem Nervengeflecht, aber darum zuckt auch durch alle Freuden und Lebensfühlungen dieses Herzens ein immerwährender Schmerz. Schmerz ist die Blüte, der Duft des Lebens, der Liebe, der Poesie, der Religion; Schmerz ist die hohe Schule, das Siegel aller Künste und tiefsten Erkenntnisse. Alles Wissen muß zum Gewissen werden, und der Inhalt dieses Gewissens, die Frucht aller Leiden und Freuden, alles Sehnens und Schmerzens ist der Tod. Er ist der Anfang und das Ende aller Zeugung; er allein kann das Vehikel, der Maßstab und der Schlüssel für das Leben und für die Wissenschaft vom Leben sein. Dieser endlose, dieser heillose Prozeß zwischen Tod und Leben, diese ewig alten und ewig neuen Naturgeschichten sind die Nahrung aller Menschenmelancholie, aber nur das deutsche Volk hat eine Lebensphilosophie, eine Religion und tiefste Poesie, hat einen immerwährenden bewußten Totentanz aus dieser Melancholie gemacht. Der Deutsche allein hat nicht nur ein melancholisches Herz, sondern einen melancholischen Verstand, der mit dem inspirierten Herzen zusammen die Sprache des Todes aus den Bildern des Lebens und der Zeugung zu lesen versteht. Die Ätherräume, die Wolken, die Gestirne, die stillen Wälder und Felder, die Tages- und Jahreszeiten, die im Winde bewegten Gräser auf der Heide, die Wellen im Wiesenbach flüstern mit unserer armen Seele eine Sprache; es brauset sie uns der Sturmwind, der über die Baumriesen der Urwälder, über die Urwasser des Ozeans dahinfährt oder an himmelhohen Granitgebirgen sich bricht, ins Ohr; aber diese Natursprache und ihre rätselhaften Orakel verklingen in dem Augenblick, wo sie ein gottloser, ein nüchterner Verstand Rede stellen will. Das ist so eine Andeutung von der Naturgeschichte des deutschen Verstandes, des beseelten Verstandes, der allein den Schlüssel zur deutschen Mystik und Theosophie wie zur deutschen Kunstgeschichte und Ästhetik enthält. Der Schmerz aber ist die hohe Schule der Empfindung wie des Gefühls; er allein kann den Künstler und Ästhetiker von dem Dilettantismus erlösen, der heute alle Gebildeten beherrscht. Der Schmerz pflanzt Seele in den Verstand und führt diese selbst in die Mysterien der Wirklichkeit ein. Der Schmerz ist es, der uns die tiefste Bedeutung aller Menschengeschichten, den sechsten Sinn, die andauernde Mitleidenschaft erschließt und aus dem konstant gewordenen Mitgefühl ein Gemüt erbaut, welches dem Charakter erst die Milde, die Weihe und Tiefe und eine vollkommene Beseelung verleiht. Große Schicksale und Schmerzen heben den Menschen über den Erdenschmutz hinweg und erteilen ihm einen höhern Grad im Reiche der Sittlichkeit, der Poesie und Religion. Wahrhaft vornehm wird der Mensch erst durch einen lebenslänglichen Schmerz. Wir treten durch ihn allen Gebresteten und Belasteten näher und haben gleichwohl einen Standpunkt außerhalb der Erde im himmlischen Bereich, denn aller Schmerz ist Todesschmerz, und in jedem tiefen Schmerz senken wir einen lebendigen Teil unseres Selbst ins Grab. Ich halte es allerdings nicht für die Bestimmung des Menschen, eine romantische Äolsharfe zu sein, auf welcher die Zephire Akkorde spielen. Der Geist des Menschen soll auf der Seele spielen, was er will; und in dieser Seele soll die Harmonie Himmels und der Erde erklingen; das geht aber nicht, wenn das Seelenleben vom Verstande und von unaufhörlichen Exerzitien tonlos gemacht und um ihren Rapport mit den Naturgeschichten gebracht ist. Die deutsche Universalbildung hat es dahin gebracht, daß der Verstand alle Natur-, Kunst- und Kulturgeschichten, die sich in festen Formen ausgestaltet haben, wie ein Musikstück vom Blatte spielt; aber das moderne Seeleninstrument ist weder Harfe noch Orgel, nicht einmal ein kräftiger Dudelsack, sondern ein tonloses Klavier. Und was soll für den Charakter, für die Tatkraft, für die Kraft des individuellen Lebens dabei herauskommen, wenn der Mensch nur ein Notenspieler bleibt, wenn er nicht selbst komponiert; und was sollen diese Kompositionen bedeuten, wenn sie nicht aus dem natürlichen wie übernatürlichen Leben hervorgehen, wenn sie nicht die symbolisierten, in Töne übersetzten Geschichten eines Herzens und Geistes sind, in welchen die Harmonie Himmels und der Erde ertönt. *   *   * »In Recht und Sitte, in Poesie und allen möglichen Beziehungen ist ein Hauptteil der Grundlage der neuen Welt in jenen keltischen Nationen zu suchen, die das Substrat der modernen Zeit sind, wie die Pelasger das der alten, die wie diese gestürzt sind, fast bevor sie mächtig waren, und in Kultur entartet, fast ehe sie blühte. »Wo die ältern Bardenlieder der Walisen historisch sind, hat Turner Der englische Geschichtschreiber Sharon Turner (1768 – 1847). gezeigt, daß sie von der Fabel entfernt sind; sie haben vielmehr den elegisch-lyrischen Schwung, der noch in den Ossianschen Gedichten in echt galischem Geiste festgehalten ist, der vermischt ist mit einer Verwischung des Faktischen. »Mir scheint in der Mischung und Durchdringung von vielerlei unklaren Vorstellungen eine Hauptquelle romantischer Kunst nicht nur, sondern auch in der Reibung und Rivalität der Stämme eine Hauptveranlassung zum dichterischen Preis der alten Heroen zu liegen. »In Übertreibungen darf sich den Briten und Kelten nur der Orient und Indien vergleichen. »Das Geisterwesen scheint hier uralt zu sein. Gervinus . Es gibt noch bis heute ein Kopfbrechen unter den Literaten, wie der erste unglaublich starke Eindruck der Gedichte Ossians auf die Deutschen genügend erklärt werden soll, und man hat sehr scharfsinnig, sehr weise die deutsche Sentimentalität zum Sündenbock auch jener Erscheinung gemacht; daß man aber die Begeisterung für die Macphersonsche Also im 2. Jahrhundert n. Chr. Muse für ein deutsches Dementi halten will, ist ein alberner Irrtum und eine Konfusion. Ossian ist weder echt, noch ganz und gar aus dem Finger gesogen. Macpherson hat allerdings wenige Tropfen echter Volkslyrik mit modernen Elementen versetzt; er hat dem alten Wein Most zugesetzt; doch ist die Verfälschung ein besseres Produkt als viel Unverfälschtes aus alter und neuer Zeit. Die Gesänge sind aus demselben Guß, von derselben Grundfärbung, aus einer festgehaltenen Seelenstimmung, sie sind in Geschichten produziert, die mit der nordischen Naturszenerie korrespondieren. Bilder, Gedanken und Geschichten ergänzen sich zu einem wundersam gefärbten und figurierten Ganzen, zu einer Reihe von Traumbildern, in denen die keltische wie die deutsche Seele ihre eigenartigsten Tonarten und Melodieen, die Naturmysterien manifestiert, mit welchen sie zusammengetraut ist. Es ist eine Genesis der weichgeschaffenen pathologischen und transzendenten Menschenseele in einer Harmonie mit Sprache und Geist, mit einem so sichern Gefühl jedes Wortes und Bildes, welches dem Kolorit der Phantasie und des Himmelsstrichs störend sein könnten, daß schon um dieser Harmonie willen die Ossianschen Gesänge den Effekt einer Naturszenerie haben. Die Schattenhaftigkeit der Helden, alle Situationen, Gedanken und Klagen Fingals Vgl. S. 48, Anm. 1. harmonieren wundervoll mit den Nebeln und Wolken, mit den Winden, auf denen die Geister im Mondenschein über die Heide fahren und auf den Steinhaufen der Gräber verweilen. Es ist in diesen Gesängen eine innere und äußere Einheit, eine seelische Genesis, eine geisterhafte Idealität und Symbolik, eine Konsequenz und Energie des Idealismus, in welcher die deutsche Seele zum erstenmal ihre transzendente Kraft, ihre Überlegenheit über die antike griechische Sinnlichkeit gleichwie ihre tiefe Verwandtschaft mit dem keltischen Gemüt und allen nordischen Naturmysterien inne geworden ist. Die Gesänge Ossians wirkten bei ihrem ersten Erscheinen nicht nur als eine Vernichtung In der Originalausgabe »Verrichtung«; sicher Druckfehler. der konventionellen und Schulmeisterpoesie, sondern auch als eine Erlösung von dem heidnischen Realismus, von dem sinnlichen, dem immanenten Profanverstande Homers. Das deutsche Gemüt hatte in diesen Ossianschen Gesängen sogar den ergänzenden Faktor zur jüdischen Psalmenpoesie; und nicht wenige fühlten mit Genugtuung die Gesänge des Klopstockischen »Messias« aufgewuchtet oder für den Augenblick in Schatten gestellt. Der gebildete Naturalismus konnte es nicht ohne Unterbrechung in der Gesellschaft von lauter christlichen Geistern aushalten, er machte also con amore mit der keltischen Naturmelancholie, Naturpathologie und Naturreligion Maskopei. Verderbtes Wort aus dem Holländischen: »Kompanieschaft«, »Handelsgesellschaft«, Gemeinschaft. So viel ist gewiß, das gebildete Publikum empfand in jener Zeit ganz richtig, daß der deutsche Idealismus und die transzendente Kraft der Seele ein ebenso berechtigter Faktor in der Weltpoesie sei als der Realismus und die sinnlich prallen Formen der homerischen Poesie, die ihren seelischen Überschuß immer wieder mit dem sinnlichen und immanenten Verstande aufsaugt. Die deutsche Sentimentalität, die deutsche Naturreligion, Naturmystik und Träumerei hatte in Ossian ihren Träger und Heiligen gefunden. Schule, Konvenienz, Magisterhaftigkeit und forciert christliche Poesie waren zusamt dem Heidentum aufgewuchtet und für den Augenblick übertönt, das empfand man bei der damaligen Okkupation als Erlösung und mit vollem Recht. XIV. Expektorationen zur Ehrenrettung der deutschen Romantik und des deutschen Naturgefühls. »Es lag im deutschen Gemüte und liegt noch darin, sich durch die äußere Natur geheimnisvoll anfremden zu lassen – dies ist der tiefste Grund alles Romantischen; – aber er ist viel älter als die christliche Romantik des Mittelalters.« Geschichte der deutschen Poesie von W. Menzel Vgl. S. 40, Anmerkung. Ein Autor, der die Deutschen charakterisiert, sieht sich zu einem scheinbaren Widerspruch fortgerissen. Es ist ein ander Ding um das schöne, alte, deutsche Thema und ein anderes um die närrischen Variationen; man muß den heiligen deutschen Dom von seinen elenden Anbauten unterscheiden. Um aber an der modernen Phantasie und Gemütsverfassung zu verzweifeln, muß man die Schmeckproben unseres neuen protestantischen Kirchenstils studieren, der ganz so sinnlos aus Würfeln, Halbgloben, Pilastern, verkröpften Simswerken und auf die Wände geklebten Ornamenten zusammengesetzt ist wie unsre ganze moderne Kultur. Man kann von der Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit sprechen. Im Hintergrunde der Tagesdramen und Novelletten zeigen sich die Geister der Verstorbenen und sprechen hin und wieder wie Hamlets Geist im Harnisch mit dem akademisch gebildeten und philosophischen Sohn, welcher von sich selber aussagt, daß seinen Entschließungen voll Kraft und Leben des Gedankens Blässe angekränkelt ist. Man kann die Söhne nicht schelten, ohne die Vorväter zu rühmen. Die Deutschen haben überhaupt den Charakter, daß ihren schlimmsten Gebrechen und Narrheiten die sublimsten Tugenden und Geistesfakultäten zum Grunde liegen. Wer den Deutschen charakterisiert, muß ihn in demselben Atem schelten und loben, sich an ihm ärgern und ihm verzeihen. Die historischen Grundlagen der deutschen Kultur sind der tiefsten Bewunderung wert; aber die modernen Reaktionen gegen die mittelalterlichen Prinzipe und Erbschaften, die modernen Bildungsambitionen sind zum großen Teil erbärmlich, weil widernatürlich, affektiert, gemacht und profan. Das Naturell des Deutschen ist ein Produkt der Natur und Übernatur; er ist noch heute ein Gewissensmensch, ein Geschöpf, in welchem Himmel und Erde ihre Kommanditen haben; aber das moderne Wissen hat das altmodige Gewissen übertönt, hat eine Unzahl von kleinen nichtswürdigen Affekten, Kapricen, Luxusgedanken und Geschäftigkeiten, hat den gewaltigen Rhythmus der adamitischen Leidenschaften, der Grundtugenden und den großen Stil des Lebens absorbiert. Der alte deutsche Sinn und Verstand ist noch nicht erstorben, der Idealismus und Enthusiasmus des deutschen Herzens, die Treue, die Tiefe, die Romantik des deutschen Gemüts, die Transzendenz der Seele und des Geistes ist im deutschen Volke nur in eine andre Phase getreten; das deutsche Wesen befindet sich in einer Verpuppung, in einer bedenklichen Mauser oder, wenn man will, in einem Raupenstande. Der Seidenwurm will sorgfältig mit dem rechten Blatt gefüttert sein; mich dünkt aber, man mengt dem deutschen Seidenwurm zu den Maulbeerblättern zu viel Literatur und Makulatur. Von diesem Literaturmalheur, von der verpuppten Gegenwart, von den verschuldeten und unverschuldeten Korruptionen der deutschen Natur- und Kulturgeschichte, von dem verlorenen Paradies, von den modernen Feigenblättern aus Papier kann heute aber nur ein Literat verhandeln, der es drauf ankommen läßt, daß man ihn als obstinaten Sonderling, als melancholischen Querkopf, als antiquierten Romantiker verhöhnt. Es gibt im Menschen eine musikalisch-pathologische, eine überschüssige Seele, die mit allen Geschichten, mit allen erschaffenen Dingen in divinatorischer Mitleidenschaft steht; ihre Prozesse sind das Wesen der romantischen Poesie. Es gibt aber auch zu allen Zeiten eine naiv-plastische, eine immanente, schwerer lösbare Seele, die sich mit dem sinnlichen Verstande zur festen Form ineinsbildet und einen auf sich selbst gestellten Charakter, ein Gemüt produziert, welches sich ohne viel Mitleidenschaft, ohne viel Gewissensreaktionen, ohne perspektivische Phantasmagorieen konstituiert. Diese sogenannte gesunde Seele ist es aber, die mit ihren sinnlich prallen Formen und intellektuellen Intentionen das Wesen der antiken Poesie ausmacht. Daß in derselben sich die überschüssige Seele und das unterdrückte Gewissen als tiefes Schicksalsgefühl und als dämonische Leidenschaft in Szene setzt, versteht sich aus Gründen der Reaktion und Integrität unserer Natur. Die Griechen standen mitten im Naturalismus; ihre Bildung war verfeinerte Sinnlichkeit; folglich brauchten sie in den Künsten einen sittlichen Schematismus, einen Stil. Unser modernes Leben ist aber Schule, Schematismus und Konvenienz bis in die Konversation hinein; dazu verlangt das Christentum eine Kreuzigung des Fleisches, also müssen wir wenigstens in der Poesie und Kunst einen veredelten Naturalismus rehabilitieren, zu dem Ende aber unser Seelenleben, also auch unsre Phantasie und die mit ihr Verbündeten Herzensgelüste mit delikaten Rücksichten erziehen. Indem wir nun gegenüber dem sittlichen und wissenschaftlichen Schematismus das verlorne Paradies beklagen, verklären wir den Naturalismus zur Romantik, steigern wir das Seelenleben zu transzendenten Empfindungen, zu der überschüssigen Kraft, welche sich als selbstständige und ebenbürtige Macht konstituiert. Sie findet sich dann in zweierlei Gestalt zu jedem Dicht- und Kunstwerk heran, und eine von ihnen gewinnt, ohne daß es der Künstler weiß und will, das Regiment. Entweder ist's die Seele des sinnlichen oder die des sittlichen Lebens, der natürliche oder der schulvernünftige und schematisierende Geist. Entweder nehmen den Poeten die Mysterien des sittlichen Lebens oder die Träumereien des verlorenen Paradieses in Beschlag. Je nachdem Natur oder Geist siegen, zeugt sich eine romantische oder klassische Poesie und Kunst. Aber die Romantik braucht keine Nervenkrankheit, keine hohle, formlose, konfuse Phantasterei, und die klassische Dichtkunst braucht kein genicksteifer Verstandesschematismus zu sein. Das Mysterium der Romantik liegt in einem Herzen, welches mit der Phantasie, mit den Naturgeschichten getraut ist und an dem Gegensatz eines gebildeten Geistes Sinnlichkeit wie Seelenleben potenziiert hat. Jeder verständige Mensch muß eine Kunst respektieren, welche dem unbändigen Naturalismus, dem formlosen Metamorphosenspiel der Phantasie und den Leidenschaften mit einem sittlichen Prinzip, mit einem ästhetischen Schematismus entgegenarbeitet, den vernünftigen Geist über die elementaren Triebe erhöht, wie es der echte Klassizismus erstrebt. Wenn derselbe aber nicht zu einer toten Schulvernünftigkeit, zu einer ästhetischen Schablonenfabrik entarten soll, so braucht er die echte Romantik ganz so zum Gegengewicht und ergänzenden Prinzip wie der Mann das Weib. Eben die Poeten, welche sich Männer fühlen, werden von der Romantik tiefer angezogen als von der Klassizität. Die echte Romantik braucht ebensowenig ein vernunftloser, phantastischer, selbstschwelgerischer Naturalismus zu sein, als die echte, klassische Poesie in einem seelenlosen, widernatürlichen Schematismus besteht. Die wahrhaftige Lebensempfindung, die echte, von innen heraus evolutionierende Lebensbegeisterung, Liebe und Leidenschaft bedarf keiner ästhetischen, keiner sittlichen oder grammatischen Rechtfertigung. Ihre Existenz und Bildkraft ist ihre Wahrheit und ihr Recht; denn diese Lebensfaktoren widersprechen sich nimmermehr, sondern sind nur die verschiedenen Entwickelungsstufen, Gestalten und Spiegelungen einer und derselben Lebensökonomie. Nur die echte Leidenschaft, die Hingebung und Begeisterung für einen Menschen des andern Geschlechts, für die Natur, für irgend eine Idee, für irgend eine Gestalt und Form des Daseins erschließt uns die Tiefen des Lebens, gibt uns die Harmonie der Welt und des eignen Wesens zurück. In der Geschlechtsliebe erfassen wir die Menschheit, die Natur, die Gottheit; so erweitert sich das Herz zur Welt; dies ist das Mysterium der romantischen Poesie, die freilich von miserabeln Romantikern zur Karikatur des Heiligsten entstellt wird. Welche Widernatürlichkeiten, Marionetten, Deklamationen und stilistischen Emphasen sich nicht nur die französischen, sondern auch die deutschen Klassiker zu schulden kommen lassen, weiß jeder zur Genüge, der die Literatur kennt und nicht selbst ein gestelzter Phrasenkünstler und prädestinierter Deklamator ist. *   *   * »In der Odyssee ist ein Stufen gang des Seltsamen und Unerhörten; es steigt regelmäßig mit der Entfernung nach Westen und sinkt ebenso mit der Rückkehr nach Osten; hier sind alle Elemente der lebendigsten und ausgebildetsten Romantik schon frühe unter dem Volke ec. Das räumlich Romantische hörte, wie es mit einem einzelnen Reiseabenteuer in der Odyssee begonnen, mit dem ›Robinson‹ vollständig auf.« Gervinus . Es mag unstatthaft sein, das Romantische auf eine Nation und Lokalität oder auf eine bestimmte Zeitperiode ausschließlich zurückzuleiten; denn Deutsche und Franzosen, wie die britischen und irländischen Abkömmlinge der Kelten und die Normannen haben zur Romantik Phantasie, Feuer, Beweglichkeit, Liebesglut, Frömmigkeit, Gemütstiefe und Witz dargeliehen; aber so viel muß auf der andern Seite beherzigt werden, daß die Romantik ein so allgemeiner Begriff wie das Leben ist, und daß sie eben darum so wohlbegründete Unterschiede wie dieses darbietet und notwendig macht. Man hat zutreffend bemerkt, daß die Romantik sich überall da eingefunden habe, wo sich alte Formen lösten, wo sich den Menschen eine neue Welt, ein neues Leben erschloß; wo Nationen, Sitten und Religionen sich tumultuarisch durchkreuzten, wo die Grundneigungen und Fakultäten ganzer Völker einen neuen Impuls und Wirkungskreis empfingen, wie z. B. zur Zeit des Zerfalls der Herrschaft Alexanders des Großen, durch welchen der Orient zum erstenmal auf nachhaltige Weise mit dem Okzident in Berührung kam; daß diese Romantik des Neuen und Märchenhaften sich zur Zeit der Kreuzzüge über halb Europa verbreitet habe, und daß sie nicht nur durch die Völkerwanderung vorbereitet, durch die Erinnerungen an dieselben und an Karls des Großen Zeit genährt, sondern daß sie bereits zu Hadrians Also im 2. Jahrhundert n. Chr. Zeit in Italien, in Kleinasien, in Ägypten, in Griechenland und besonders in Rom ein integrierendes Element der Kulturgeschichten ausgemacht habe. Man darf aber bei dieser Wahrheit nicht außer acht lassen, daß die Romantik, wenn sie sich auch überall und zu allen Zeiten als eine Lösung, als eine phantasiereiche Kunst und Lebensart, als eine freie Lebensfühlung, als eine erweiterte Weltanschauung, als eine neue Beseelung und Vertiefung des alten und formfesten Verstandes gezeigt hat, sie gleichwohl so viel Weltgegenden, Himmelsstriche, Naturreiche und Inkarnationen darbietet wie die Welt; und daß die römische Romantik von der im Mittelalter so grundverschieden war wie der römische Sinn und Geist vom Germanischen, wie das Heidentum vom christlichen Geist, wie der sinnliche Verstand vom Gemüt. Die Frauen verraten unter allen Himmelsstrichen, bei allen Nationen und in allen Zeiten die Grundschwächen wie die Tugenden des Weibes; nichtsdestoweniger aber zeigen sie trotz der geschlechtlichen Gleichheit die wesentlichsten Verschiedenheiten des Charakters, der Rassen, der Volksstämme wie der Zeiten und der Kulturstufen auf. Das Christentum hat trotz seines einheitlichen Geistes und himmlischen Wesens in den Germanen einen andern und tiefern Geist gewonnen als in Romanen und Slawen. Wer die Frauen und das Christentum in Deutschland kennen gelernt hat, wer selbst ein Deutscher ist, wird sich nicht einreden lassen, daß der weibliche Sinn und Geist im ganzen christlichen Europa derselbe sei. Eben darum aber darf der Deutsche auch nicht zugeben, daß die Romantik, welche doch wesentlich in den Mysterien der Geschlechtsliebe wie des Christentums beruht, bei allen Nationen dieselbe, und daß sie sogar zu heidnischen Zeiten vorhanden gewesen oder gar zur Blüte gekommen sei. Wer das Gesagte an einem bestimmten Beispiel näher prüfen will, der darf nur die französischen Troubadours mit den deutschen Minnesängern vergleichsweise studieren. Gervinus sagt in seiner Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen (1. Band): »Die träumerischen deutschen Minnesänger reiben sich in Selbstquälereien auf. Von Kriegslust, von Wetteifer und Ritterpflicht singt jeder Provenzale; von Standesstolz und Haß gegen andere Stände glühte Castelnau; (Glanzvolle provenzalische Dichtergestalt des 12. bis 14. Jahrhunderts). von Zorn über Juristen und Prälaten Bonifaz von Castellane; (Glanzvolle provenzalische Dichtergestalt des 12. bis 14. Jahrhunderts) von Eifer gegen Rom und den Papst Figueira. (Glanzvolle provenzalische Dichtergestalten des 12. bis 14. Jahrhunderts.) In Deutschland klagen sie, daß man sie nicht an den Hof zieht. Sie singen nicht ein einziges Kriegslied. Aber die Deutschen sind in wenigen Empfindungen tief und innig, wo die Provenzalen in einem Rausch von Bildern und Empfindungen zerflattern; sie kennen die deutsche Schüchternheit nicht, sind aber auch nicht ganz so weibisch als die Deutschen. Jene sind Romantiker und Sänger wie diese, bleiben aber nichtsdestoweniger ganz und gar Franzosen, d.h. sie zeigen sich in ihrer Romantik wie überall sinnlich, lustig, leichtfertig, praktisch, die Welt der Realitäten ins Auge fassend, also von den politischen Zuständen und Begebenheiten in Anspruch genommen. Sie singen die Lust der Liebe, die Schönheit der Frauen, den Genuß im Wechsel des Lebens und der Liebe; aber sie verherrlichen nicht wie die deutschen Minnesänger die stille, verborgne Liebe, das in sich gekehrte, vom Weltgetümmel geschiedene Gemütsleben, die unwandelbare Treue gegen die Geliebte und den Lehnsherrn. Die französische Romantik bleibt dreist, frivol, ostensibel, unverschämt und profan nach außen gekehrt, wie die sinnliche, oberflächliche Franzosennatur überhaupt. Auch in der neuesten Zeit haben ja die Franzosen den Deutschen die romantische Literatur und Kunst nachgemacht; aber selbst da, wo dies nicht ohne Erfolg geblieben scheint, wird jeder sicherlich den Unterschied der vaterländischen und der französischen Romantik selbst mit einem Krückstock herausfühlen, wenn er ein echter Deutscher, ein von Natur prädisponierter Romantiker, d.h. ein solcher Mensch ist, der die Mysterien und Metamorphosen des sinnlichen Lebens zugleich mit dem Weltgeiste im Gemüte bewegt; dieser vernünftige Geist ist es, welcher über allem Gestaltenwechsel derselbe bleibt, den Geist fort und fort zur Natur zurückbildet und diese natürliche Seele zu einer übernatürlichen erhöht. Die Unmacht und Unnatur der modernen Romantik wie der modernen Klassizität bestand und besteht darin, daß beide Kunst- und Lebensanschauungen aus Reflexion hervorgingen; daß sie gemachte und übertriebene Tendenzen waren, und daß namentlich die Romantik in Affektation, in Monstrosität und Fratzerei ausartete. Die Pietät für den antiken Klassizismus gründete sich ganz verständig und berechtigt nicht nur darauf, daß die moderne Literatur und Kultur im Christentum und Altertum zugleich wurzelt, sondern daß die mittelalterliche Kunst und Lebensfühlung den idealistischen Faktor im deutschen Leben zu stark betont und vollkommen entwickelt hatte; und so mußte man wieder den Realismus und das der Sinnlichkeit immanente antike Ideal, die stilfeste, gehaltene Form, den gesunden, plastisch-naiven, der Sitte und dem Staatsleben versöhnten Naturalismus der Alten ins Leben rufen, wenn anders die Kunst, die Literatur und die Kultur nicht am hohlen Idealismus zugrunde gehen sollte. Die mittelalterliche Romantik, die Mystik, die übersinnliche Lebensanschauung war so vollkommen zur Reife gediehen wie einst die griechische Sinnlichkeit, Plastik und Politik. Die ältern, verständigen, sittlich gearteten und maßhaltenden Naturen zogen es vor, in der Kunst und Poesie zum antiken Prinzip und den antiken Mustern zurückzukehren; sie hatten dabei unleugbar den Vorteil, sich vor Überschwenglichkeit, Formlosigkeit, Monstrosität, Selbstschwelgerei und grenzenlosen Narrheiten bewahrt zu sehen. Die großartigsten Kräfte bewährten sich in dem Anschluß an die antike Weltanschauung und Kunst; die geringern Talente sahen sich schon um ihrer Machtlosigkeit willen zur Opposition und mit derselben zu den absurdesten und widerwärtigsten Exzentrizitäten getrieben. Sie entlehnten vom Altertum den Naturalismus, aber ohne das antike Maß, ohne den antiken Verstand und ohne jene immanente Idealität, welche gleichwohl die sinnlichen Formen umleuchtet und den sinnlichen Verstand zu einem sittlichen verklärt. Ebenso verfratzten diese Neuromantiker das Christentum, indem sie den transzendenten Idealismus bis zur formlosesten Phantasterei und zu einer mystischen Naturphilosophie ausbildeten, in welcher Natur und Vernunft, Sinnlichkeit und Sittlichkeit zusamt dem gesunden Menschenverstande zugrunde gingen. Während das Christentum den alten Adam ersäuft und eine Übernatur im Gemüte, im werktäglichen Leben und in stiller Selbstverleugnung zur Inkarnation gebracht haben will, überboten sich die Romantiker in Selbstschwelgereien, in nackten Ausschweifungen, in der Auflösung und Verflüchtigung jeder festen Form, in der Verneinung jeder geheiligten Sitte und Norm; in Humoren, hinter denen die Charakterlosigkeit, der Dualismus und das miserable Gewissen mit sich selbst Versteck zu spielen versuchten; in einer Ironie, durch welche wir die sittlichen Ideale auf bloße Naturformen und Naturintentionen reduziert und eine Religion des Fleisches proklamiert sehen. Das waren die Zeiten der Wieland, Schlegel und Heinse, die Lucinde-Ardinghello- und Combabus-Ideale, Johann Jakob Wilhelm Heinses (1749-1803) »Ardinghello, oder die glückseligen Inseln«, Friedrich von Schlegels »Lucinde« und Wielands »Combabus«. die poetischen Früchte des französischen Sensualismus und eines Theismus, der um so freier mit Atheismus und heidnischen Mysterien abwechselt, als damals romantische Geistliche der neuen Ästhetik ihre Sympathieen liehen und den gebildeten Leuten das Christentum mit Ästhetik mundgerechter machten. Andre bewiesen, daß es im Grunde genommen keinen Atheismus geben könne, und daß ein christliches Herz sich nie verliert. Mit den wüsten und formlosen Prozessen Wie der Leser leicht sieht, gebraucht Goltz das Wort »Prozeß« häufig im Sinne von »Produkt, Erzeugnis«. der Romantiker vertrug sich weder die Ökonomie der gesunden Natur noch die Plastik und Naivetät der Kunst. Die Welt- und Kulturgeschichten, die Leute und ihre Konventionen mögen immerhin erbärmlich sein, der Poet aber darf sich diese Tatsache nicht zum Bewußtsein bringen. Wer den idealen Faktor der Wirklichkeit leugnet, wer ihre Poesie nicht zu extrahieren versteht, wer die Phantasie zu einer Lebensphilosophie, zum Prinzip erhoben hat, weil ihm alle Gesetzmäßigkeit und Ordnung in der Seele zuwider ist, wer Willensfreiheit und positive Religion schlechtweg für Unsinn deklariert, der hat sich mit dieser Ironie auch die Kunst und Poesie verschlossen. Eben weil die natürliche Intention der Poesie dahin geht, den sittlichen Schematismus und Rigorismus, den Schulverstand und die Kulturformen aufzulösen, darum braucht sie den Gegensatz der Vernunft und der Form, denn die Ineinsbildung von Sinnlichkeit und vernünftigem Geiste macht das Wesen und die Bedeutung aller Kunst. Weil insbesondere die Romantik der neuern Zeit dahin neigte, den Geist wieder in das Chaos der elementaren Phantasie zurückzuschicken und ihn in dem Tumulte titanischer Leidenschaften, in dem Metamorphosenspiel ewig wechselnder und nie befriedigter Gelüste zu betäuben, darum ging sie desto schneller zugrunde. Die Lyrik, weil sie Gefühlspoesie ist, also zur Formlosigkeit und Auflösung inkliniert, hat zum sittlichen Gegengewicht den Rhythmus und den Reim; so bedarf auch die Romantik eines festen Prinzips, eines großen Glaubens, ein Gegengewicht von prägnantem und sittlichem Verstande. Das Mittelalter hatte dieses Gegengewicht; es hatte die wahre Romantik; denn sie ging aus dem christlichen Glauben, aus ritterlichem Geiste, aus der Mystik des Gemüts, aus seinen Tiefen, aus inspirierter Naturanschauung hervor. Die mittelalterliche Romantik war die Ineinsbildung des idealistischen Christentums mit der durch dasselbe potenziierten Natur, sie war das wundergläubige, das phantasiereiche und bildkräftig gewordene deutsche Volksgemüt, der wiedergeborne Adam; nicht der moderne aufgelöste Verstand, sondern die mit der Übernatur versöhnte Natur. Eine nachgeäffte, nachgeborne Romantik, die ihre Wurzeln nicht mehr im Leben des Volkes hatte, mußte ganz so mißraten wie die nachgemachte klassische Naivetät, wie die idealisierte antike Sinnlichkeit. Wie heute die Grundstimmung des Volks und seine Aufklärung beschaffen ist, bei diesem alles beherrschenden Rationalismus, bei dieser in allen Schichten proklamierten Verstandes- und Geldreligion, bei diesem Materialismus, der alles Idealleben längst verzehrt und auch den gebildeten Leuten das Herzblut ausgesogen hat, da kann es keine Volkspoesie, keine Kunst mehr geben, die im wirklichen Leben, in der Geschichte wurzelt, die auf die Volksmassen und die Sitten zurückwirkt. Heute gibt's nur noch eine Kunst und Poesie der Individuen, der Genies; und diese müssen sich an ihre Natur, an ihr Gemüt, ihre Persönlichkeit und Divination halten; denn mit fremden, gegebenen Formen und Elementen läßt sich das Mysterium der Zeugung nicht vollbringen. Wer die bildkräftigen, die phantasiereichen Menschen unserer Zeit näher ins Auge faßt, der begreift kaum, wo heute nur die subjektiven Poeten, geschweige die objektiven Dichter herkommen sollen, von denen das Leben und der Genius eines ganzen Volkes, einer Zeit oder der Weltgeschichte dargestellt werden kann. Hat hier und da ein Christ und Deutscher einen griechischen oder mittelalterlichen Geist oder beides zugleich, so mag er seine Kräfte versuchen. Weder in Wieland noch in Klopstock oder in irgend einem andern Dichter der Neuzeit erscheint der moderne und antike Geist zu einem dritten zeugungskräftigen Charakter verschmolzen, und der zweite Teil des »Faust« von Goethe ist ein Beweis dafür, daß auch dem größesten Meister die Ineinsbildung christlicher und heidnischer Formen und Weltanschauungen mißlingen muß. Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden, und was die Weltgeschichte so entschieden getrennt hat wie Heiden- und Christentum, das soll auch der künstlerische und poetische Witz nicht vermischen. Es kommt nichts Erquickliches, nichts Erbauliches, nichts Charakterfestes dabei heraus. Die Künste, die uns heute natürlich sein und gelingen können, sind Genre- und Landschaftsmalerei, profane Historienmalerei, das Drama und der Roman mit gewissen Einschränkungen. Es ist nicht nur mit dem Epos oder mit dem Märchen, dem Volkslieds; dem Kirchenlieds, sondern auch mit der Lyrik vorbei, weil es uns an tiefem Seelenleben, an Phantasie, an Divination gebricht. Unsere Architektur und Skulptur muß sich auf Reproduktion der antiken und mittelalterlichen Muster beschränken; Münster gleichwie Heroen- und Heiligenbilder lassen sich nicht mit Profanverstand, mit »Stoff- und Kraftglauben« erschaffen. Die Profanmusik scheint die uns ausschließlich angehörende Kunst zu sein. Was man unter derselben heute versteht, welchen Inhalt sie darlegt, welche Korrespondenzen sie mit unserm Seelenleben unterhält, wie sie unsere Gemüter bildet und erbaut, wie sie unsere Herzen erfrischt, davon ließen sich Bücher schreiben, welche durchaus überflüssig wären, da allen Gebildeten die Sache und der Prozeß aus der Erfahrung bekannt sind. Ich meine, die Musik einer Zeit kann nicht füglich viel seelenvoller und viel sittlicher, viel romantischer und viel klassischer sein als das große Publikum; denn zuletzt verdorren und entarten auch die Genies in einem unfruchtbaren Boden, d.h. in einer prosaischen und profanen Zeit, die in der Person nur ein Staatsteilchen, im Staate aber eine Nationalkraft und Nationalökonomie begreift. Da wir einmal Germanen und Christen und aus den Kulturprozessen des Mittelalters hervorgegangen sind, so ist es eine Unnatur, wenn wir uns so individuell und abgeschlossen, so unpathologisch, naiv und unverwickelt zu den heutigen komplizierten Weltprozessen, zu den heutigen sozialen Aufgaben stellen wollen wie die Rhapsoden zu den Zeiten des Phidias und des guten Homer. Andererseits ist es unzweifelhaft, daß unser Nervensystem nicht durch einen Romantizismus, durch eine forcierte Sensibilität, eine musikalisch-pathologische Lebensart ruiniert werden darf, welche statt der gesunden Bildkraft des Mittelalters nur seine Phantasterei und Sozialmiseren zurückbeschwört. Wir sollen weder Griechen noch Ritter, weder gemachte hölzerne Klassiker noch aus mystischen Gasen zusammengefahrene Romantiker, wir sollen Deutsche des 19. Jahrhunderts sein, mit einem Tun und Lassen, einem Dichten und Denken, wie es unsern heutigen Weltanschauungen, Weltverhältnissen, sittlichen Lebensmitteln und Kulturprozessen entspricht. Haben wir aber die politischen und sogar die kirchlichen Autoritäten abgetan, so scheint es mehr wie abgeschmackt, so dürfte es absurde sein, daß uns eine Clique von kritischen Ästhetikern, von ausgekinderten oder nie schwanger gegangenen Poeten, daß uns solche Pedanten, welche die Literaturgeschichte ganz und gar mit der Natur- und Weltgeschichte zu identifizieren belieben, formulieren dürfen, worin das Klassische oder das Romantische bestehe, wie es zu dispensieren, zu mengen, zu mischen, zu meiden, zu scheiden oder zu medizinieren; wie es zu deklinieren und zu konjugieren sei, falls das richtige und berechtigte Dichten, Denken und Leben herauskommen soll. Bevor diesem Literaturunwesen nicht gesteuert wird, bevor die Leute nicht die Courage und Verstand gewinnen, für eigne Rechnung zu fühlen, zu denken und drauflos zu leben, werden wir die Literatur und das Leben immer mehr verderben und verdrehen. Die Kardinaldummheiten der Gelehrten (man kann nicht sagen die Vollblutdummheiten, denn sie haben nicht Blut genug) fangen da an, wo die guten Leute aus dem schulkonventionellen grammatischen Verstande herausgehen und sich auf die Lebensarten der Seele und der Poeten einzulassen so unschuldig sind. Wir haben heute Masken, Schatten und Abgängsel von Dichtern, die neuen Dichter und Philosophen sind echtestenfalls Goldschläger, Vergolder und Ziseleure, während die alten Psalmisten und Rhapsoden mit Bergleuten, Goldarbeitern, Markscheidekünstlern und Erzgießern zu vergleichen waren. Unsre verdammten Subtilitäten und philosophischen Feinschnitzeleien bringen uns um alle Poesie. Die Dichter mit Paradiesempfindungen und Adamskräften im Herzen, die Menschen, welchen die Natur ihre Prozesse in Träumen zuflüstert, wohnen nicht mehr unter uns. Es gab einst Poeten, welchen Himmel und Erde, Sonne, Luft und Meer ihre Mysterien verrieten, ihre Geburtsschmerzen zuseufzeten, welchen die »Winde ihre Buhlschaften mit den Wassern« in die Seele fächelten, welchen die Kreatur ihre Existenzempfindungen ins Herz jauchzete; aber die Geschäftigkeit, der Lärm, der Mechanismus der neuen Welt hat alle Seelenmysterien übertäubt und inhibiert. Wir sind heute mit Weltschmerzlern, d.h. mit Literaten, die am welthistorischen Katarrh laborieren, mit melancholischen, geistreich reflektierenden, tendenzreichen, zweckbeflissenen, mit gehämmelten Hamletgespenstern, mit gesinnungstüchtigen, mit politischen oder mit frömmelnden Dichtern heimgesucht. Der gottgesegnete, gotterfüllte, von der Natur geküßte, vom heiligen Schöpfergeiste durchhauchte, von allen Mysterien des Lebens durchschauerte, von allen Elementen beseelte, von allen Lebenstönen durchbebte Dichter hat kein Organ und keinen Impuls, sich mit einer gemachten Zeit, mit Menschenwitz, mit dem konventionellen Geist, mit Schule und Politik, mit staats- und spießbürgerlichen Miseren oder mit einer Melancholie einzulassen, die das Produkt der Literaturmiseren, der Widernatürlichkeit, der innern Leere, der Seelenschwäche und eines blasierten Geistes, eines wurmstichigen Gemütes ist. Der Poet von Gottes Gnaden ignoriert die öffentliche Eintagsmeinung und die tintenwüchsige Nationalität; er weiß auch nichts von den Formen, den Rechten und Pflichten einer widernatürlichen Konvention; er haßt und flieht die menschliche Tierquälerei in unserer abgehetzten Literatur und abgelebten Sozietät. Nie haben diese schulfüchsigen Ästhetiker und Literaturpoeten ein Gewissen davon, daß ihre Tugenden, nämlich ihr formaler Verstand, ihre förmliche Haltung, ihre abstraktobjektive Auffassung der architektonischen Elemente des Lebens, daß ihr stilistisches Geschick, ihre Selbstbeschränkung und sinnliche Menage, daß ihr Takt und Geschmack in dem Verkehr mit konventionellen Formen der Literatur und Kunst eben nur aus der sinnlichen Impotenz, aus der Abwesenheit aller der elementaren, dämonischen und divinatorischen Kräfte hervorgeht, die das Genie zwar zu Exzentrizitäten verleiten, aber dann auch zu jener lebendigen Anmut und Harmonie zurückführen, die nur in der gesättigten Kraft, aber nicht in der abstrakten Sittlichkeit und förmlichen Verständigkeit verschnittener oder impotent geborner Naturen möglich ist. Wenn diese Ästhetiker und Literaturhistoriker, wenn diese Päpste des klassischen Stils und Geschmacks produktiv zu werden versuchen, so bringen sie im glücklichsten Falle ein Literaturparadigma, eine ästhetische Schablone zuwege, in der sich ebensowenig eine Persönlichkeit als eine lebendig gewordene Idee manifestiert. Lieber doch ein romantisches Dicht- und Kunstwerk mit einem Herzen ohne Vernunftperipherie als ein schulfüchsig klassisches Exerzitium mit einer Weltperipherie ohne Mutterwitz und ohne Herz! *   *   * Man kann Tatsachen vor Gericht aussagen, man kann seine Meinung sagen oder verhehlen und verhüllen, man kann den handgreiflichen Körper der Wahrheit konstruieren und bei Namen rufen, man kann ihre Mathematik und Grammatik lehren und lernen, aber die Seele der Wahrheit, ihre Gottesökonomie, ihr Hauch ist dem Menschen nur leise und dämmernd bewußt, ist in uns wirksam wie das Gesetz des Lebens und der Schönheit. Wahr, im ewigen und absoluten Sinne, weltwahr ist nur, was schön und lebendig, was sittlich und weltheilig ist. So wenig nun ein Mensch die Natur und Grazie, so wenig er eine heilige Naivetät, eine Schönheit und Gottesscham absichtlich erzeugen, bezeugen und machen kann, so wenig steht die Grazie der Wahrheit und ihre lebensheilige Ökonomie in seiner Gewalt. Je mehr er sich zur Wahrheit und Aufrichtigkeit in allen Augenblicken zwingt, desto befangener, übertriebener, gemachter und unwahrer muß er werden, desto mehr muß er den mysteriösen, schämigen Organismus der Wahrheit in einen toten Mechanismus verzerren, der ihn alle Augenblicke Lügen straft. Nun gibt es aber prosaische, pedantische und profane Naturen, die sich kaum auf die Scham eines Hofhundes, der sich ins herrschaftliche Putzzimmer verirrt hat, geschweige auf die Mysterien der Menschenseele und der Weltgeschichte verstehen; aber sie haben studiert, ihre angeborne Nüchternheit und Spitzfündigkeit, ihr abstrakter Schablonenverstand hat ihnen die mechanische Seite der Philosophie zugänglich und einen gewissen Formalismus geläufig gemacht, durch ihn und den in studierten Familien erblich gewordenen deutschen Stil sind sie auf Moralphilosophie gekommen; und da diese der Ästhetik grenznachbarlich ist, so sehen sich diese Leute plötzlich zu den schönen Künsten und Wissenschaften avanciert. So lange haben sie der Welt nur die trockne Wahrheit gesagt, jetzt aber sind sie mit einer trocknen Seele, die als solche keinen Augenblick Natur und Liebe gesogen hat, Natur- und Religionsphilosophen, Ästhetiker, Universalkritiker und alles, was der Zeitgeist, der deutsche Stil, die Literaturlücken oder die Buchhändler verlangen; sie repräsentieren den moralisierenden wie den politisierenden Rationalismus in seiner schönsten Gestalt, nämlich in der Phase, wo er mit Grazien und Erzengeln und nebenbei noch mit dem deutschen Volke familiär geworden ist. *   *   * »Es hat schon damals nicht an Stimmen gefehlt, welche diese Subjektivität als ein Unwesen, als eine Krankheit der Literatur beklagten, und der eifrigste dieser Tadler, Fichte, hat sich sogar veranlaßt gefunden, infolgedessen sein Zeitalter als das der vollendeten Sündhaftigkeit zu bezeichnen.« – (Und doch hat eben Fichtes Ich-Philosophie jene Zeitkrankheit auf die Spitze getrieben) »Selbstschwelgerei« ist auch so eine modernbeliebte, contra Romantik ausgemünzte Schreckparole geworden. Diese Schwelgerei ist aber nicht schlimmer und besser, nicht berechtigter und unberechtigter als die schwächliche Selbstverleugnung oder die seelenlose Objektivität und Klassizität. Die Selbstschwelgerei ist freilich in den meisten Fällen Sinnlichkeit, Phantasterei, Formlosigkeit, die in Wahnsinn, Narrheit und noch leichter in Tyrannei und feige Verbrechen auszuarten pflegt; aber die Selbstschwelgerei kann auch philosophischer Idealismus, sie kann echte Romantik, tiefste Mystik, sie kann Liebe und Treu', sie kann ebensooft Prophetie und Verzückung als Bestialität oder Teufelei und Narretei sein. Es kommt also auf die Kenntnis der Potenz und Bildung eines Individuums an, um zu wissen, ob es mit dem Begriff von Selbstschwelgerei verurteilt oder mit dem der Objektivität und der Selbstverleugnung zu einer Potenz erhoben wird. Worin kann denn z. B. die Naivetät, die Harmonie, die Grazie und sinnliche Liebenswürdigkeit, die lyrische Stimmung, die Andachtsverzückung, der Lebensrausch, die Inbrunst des Gefühls, die schöpferische Phantasie, die Melodie bestehen als in einer Selbstschwelgerei? Goethes und Schillers Lyrik sind Selbstschwelgereien; bei jenem mit der Initiative der Sinnlichkeit, bei diesem eine Schwelgerei im Geiste; aber diese Schwelgereien sind doch berechtigter, schöner, edler, wahrer als der Schematismus und Realismus des ersten besten Sittlichkeitspedanten, als die Selbstverleugnung des Handwerkers, Mechanikers und Mathematikers, Kalkulators und Kopisten. Goethe treibt eine Buhlschaft mit seinen Naturempfindungen, aber in diesem innern Sinn des Poeten bespiegelt sich ja doch die Natur ganz so notwendig, wahr, schön und berechtigt, wie es in den äußern Sinnen geschieht. Wie kann denn das Lebendige der Selbstbespiegelung, der Selbstschwelgerei entgehen, wenn es zum Bewußtsein kommen soll? Die Schöpfung wie alle Liebe und Zeugungskraft ist nicht nur Selbstentäußerung, sondern zugleich göttliche Selbstbespiegelung, Selbstschwelgerei, Selbstaffirmation. Es kommt also doch auf die Potenz und Bildung des Selbstschwelgers an, wenn man den Begriff der Selbstschwelgerei mit den Begriffen von »Gut und Böse«, von »wahr und unwahr« identifizieren will. Die Psalmisten, Homer, Shakespeare, Mozart, Raffael, Moses, Muhamed, Buddha, Brahma, Confucius, alle großen Propheten, Helden, Gesetzgeber, Dichter, Denker und Genien waren und sind nicht nur Realisten und Märtyrer der Unpersönlichkeit und Unsinnlichkeit, sondern die ausgeprägtesten Charaktere von Sinnlichkeit, Seele und Vernunft in einer und derselben Persönlichkeit; sie sind also auch Selbstschwelger und Idealisten. Die sogenannte Objektivität besteht in nichts anderem als in der vollkommneren Subjektivität, Organisation und Phantasie, in dem vollkommneren Mikrokosmus. Kein Sterblicher kann etwas anderes ausleben, dichten, denken, anstreben, ausgestalten als sein Selbst; je nachdem in diesem Selbst sich das Weltleben vollkommner oder unvollkommner inkarniert und reflektiert, sprechen wir von Objektivität oder von Subjektivität und Selbstschwelgerei. Es muß aber bei allen Gelegenheiten eingeschärft werden, daß, wenn uns die Selbstschwelgerei des Herzens und der Phantasie verpönt oder verdächtig wird, dieselbe sich im öffentlichen, im geschäftlichen wie im häuslichen Leben um so giftiger geltend macht, als die Bildungsambition überall die objektive und sittliche Form diktiert. Der Mangel an poetischem Sinn, an aller Romantik und Phantasie rächt sich im nördlichen Deutschland durch Mystizismus, Fanatismus und Bigotterie. Künstler, Dichter und poetische Menschen sind und waren höchst selten Fanatiker oder Duckmäuser. Bei großen Männern wird die überschüssige Kraft gleichfalls von den Studien absorbiert; aber bei alten Jungfern und Sinekuristen, bei Leinewebern und Schustern, bei geistesgeweckten Leuten, die geistlose Geschäfte treiben, sind Seele, Geist und Körper zu wenig in Anspruch genommen, um nicht Geilschößlinge zu treiben. Die praktizierte oder gelesene Romantik ist also ein Gegengift gegen Ausschweifungen in der Religion, ein Gegengift gegen Schulfuchserei, gegen Unnatur, Pedanterie und Philisterhaftigkeit. Die romantische Schule war es, die uns nicht nur die Wege zum Verständnis Shakespeares, sondern zu den Schätzen, zu dem herzigen Verständnis unserer altdeutschen Literatur, der Nibelungen, der Gudrun, der Volkslieder, der Volksmärchen gebahnt hat. Der Überrest der Romantik in unsern Herzen ist es, der uns nicht nur die mittelalterlichen Künste, die deutschen Münster und Bildwerke oder die Musik eines Beethoven verstehen und genießen lehrt, sondern auch unsre Lebenspoesie, unsre Liebe und Andacht, das Wesen und den Inhalt des deutschen Gemütes, der deutschen Kunst und Lebensbegeisterung ausmacht. Wie romantisch es im Eingeweide selbst eines Bildhauers, also eines klassisch gebildeten, eines antik und antiromantisch beschäftigten Mannes, aussehen kann, und von welchen kuriosen Nahrungsmitteln sich eine romantische Seele bespeist, das erfährt man aus einer biographischen Notiz des seligen Bildhauers Schwanthaler; Ludwig von Schwanthaler (1802-48), der Schöpfer der »Bavaria« vor der Ruhmeshalle bei München. ; sie heißt so: »Ich war im Traum in einer eben nicht sehr schönen Gegend, unfern des Gautinger Gauting ist ein bayrisches Dorf an der Wurm in der Nähe von München. Hochwaldes, als Moosvogel auf einer bewässerten Wiese, in den ersten Minuten der Dämmerung eines frischen deutschen Herbstmorgens. Da trank ich ein wenig aus dem Sandsumpfe mit langem Schnäblein und pfiff dann einförmig für mich hin in zwei Tönen; Töne, die mein Innerstes so ganz aussprachen, und von früher Jugend auf, daß ich sie oft stundenlang pfiff und mich meine Kameraden daran von weitem erkannten. Aber eins muß ich sagen, der ganzen Menschheit wünscht' ich diesen Traum, näher der Brust der Natur und weg von Menschenverkehrtheit und Erbärmlichkeit.« So ein armseliger Romantiker wie Schwanthaler pfeift sich in zwei bestialen Moosvogeltönen die Harmonie der Sphären und seine Jugendglückseligkeit vor, bloß weil ihm das Herz so pumpvoll gewesen ist; und die kluge »Demiurgenphilosophie« »Handwerkerphilosophie.« der Gegenwart, das heißt die Philosophie des Habens, des Realismus und der besten Welt, die braucht Pauken und Trompeten und schifft Liedertafeln übers Meer Anspielung auf die Bestrebungen, durch Gründung von Liedertafeln, d. h. Männergesangsvereinen, selbst in überseeischen Ländern, wie Amerika und Australien, die Idee der geistigen Vereinigung der deutschen Stämme zu verwirklichen. und hat im hohlen Herzen oft nicht einmal einen einzigen Sumpfvogelton, geschweige denn des Lebens Seligkeit und Harmonie. Es ist mir nicht nur in meiner Knabenzeit so gegangen wie dem ehrlichen Schwanthaler, sondern es geht mir heute, nahe dem sechzigsten Lebensjahr, oft so im wachen Mute, wie es jenem liebenswürdigen Manne im Traume geschah. Moos und Sumpf, Schilf und Rohr, ein Kiebitzschrei über der stillen Heide, die unscheinbarsten Naturszenen stürzen mich in eine Melancholie, die ich mir durch keine Vernunftformel und keine Tagesparole, sie komme von frommer oder profaner Seite, als Unchristlichkeit oder Unvernunft oder als deutsche Ursünde, nämlich als Traumduselei und Geschmacklosigkeit, verdächtigen lassen will. Dieses hohe, hohle, ohnmächtige und ewig geschwätzige Rohr unserer Waldseen, welches von jedem Lüftchen bewegt und doch nicht in Orkanen umgebrochen wird, das nicht angesamt, das erst im strengen Froste auf dem Eise niedergemäht wird und dann fünfzig oder hundert Jahre hindurch als Leiche auf den Dächern verwesen muß, schließt für mein Gefühl eine Zeichensprache ein, die mich lebhafter wie andere Dinge an Vergänglichkeit, ja an Menschencharaktere und an Menschenschicksale gemahnt. Es ist etwas Verwandtes zwischen diesem Rohre und dem Poeten, der auch scheinbar charakterlos von jedem Lüftchen bewegt und geschmeichelt, aber auch von jedem gebleicht und zuletzt, im Eise erfroren und erstorben, dann noch geerntet wird, wann bereits lange zuvor alles verblichen, gereift und abgeerntet ist. Aus diesem Schilf und Rohr dreschen die Bauern freilich kein Brotkorn, aber die Sumpfwürmer und die Fischlein saugen aus dem jungen Rohrsafte einen Zucker, und die kindlichen Gemüter schneiden sich Hirtenpfeifen davon, und die Vögel des Himmels, die himmlischen Ideen, nisten in dem Rohrichte der Poeten; die Wetterstürme schlagen Wellen darin und brechen es doch nicht zu Grunde, und der Hagel, Welcher das nahrhafte Getreide auf dem Felde ausdrischt, kann dem Rohre nichts tun. Sein Stand im Wasser und im Waldesschatten schützt es gegen den Sonnenbrand, gegen Dürre und Staub, und seine materielle Unfruchtbarkeit, seine Nutzlosigkeit, die aber der Wilde und der Naturmensch zu nützen wissen, schützt es vor dem frühen Absterben, so daß es aller andern Gräser Tod und Ernte mit ansehen darf. Der heilige Schwan brütet im Röhricht der Waldseen und singt da sein Sterbelied aus, und die jungen Schwäne nähren sich von dem süßen Schoß und Mark. Wenn endlich dieses Poetenrohr absterben und sich ernten lassen muß, so schnitzt noch die Jugend Papagenopfeifen aus dem toten Körper für eine idyllische Lebensart und Musik. Solche Gedanken träumte ich vor einem Rohrhaufen, bis mich ein Habichtschrei hoch über meinem Kopfe aufschreckte und doch nur die höchste Note für meine melancholisch komponierte Rohr- und Poetensymbolik war. Die Poeten dichten und sagen manches, aber von ihren absonderlichsten Phantasiestücken, von ihren Herzenssympathieen und Antipathien dürfen sie wenig verraten; die sind mit Melancholie und Wahnsinn getraut. Es gibt Bilder und Geschichten, unerforschliche Stimmungen, Melodieen und Existenzfühlungen, sie wachsen aus den Kindheittagen in allem Lärm, in allen Zerstreuungen und Metamorphosen mit dem Menschen groß; sie bilden in allen Schicksalen und Szenenwechseln die Wurzeln und Triebkräfte der Gedanken wie den Duft der Träume; sie erwachen mit dem Dichter jeden Morgen und verschwinden erst mit seinem letzten Hauch. Neben den unerfaßlichen Geistern und Geschichten, den Paradiesempfindungen, den Vorgefühlen des Jenseits sind es auch die Urseelen von wirklichen Dingen, welche mit der Seele des Poeten eine Liebschaft oder eine lebenslängliche Ehe schließen, während die nüchternen Leute nur mit dem Körper der Dinge in sinnlicher Weise umgehen. Es muß so sein; die Arbeit, die Pflicht, die Sorge, die Selbstverleugnung, die Abhärtung befiehlt es so; aber die Poeten, die Romantiker gehören auch zur Ökonomie der Welt, und wenn sie nicht wären, wenn sie die Kulturschablonen nicht von Zeit zu Zeit forträumten, die verhärteten Formen nicht lösten und die dürren Schulbegriffe mit Seele tränkten, so hätte der wissenschaftliche und sittliche Schematismus das schöne Erdenleben bereits in einen Mechanismus verhext. Das Leben ist und soll mehr sein als ein bloßer Traum, gewiß wahr! Wenn aber die Materie und Wirklichkeit nicht überdichtet, wenn sie gar nicht geträumt wird, so hat die Seele, die Phantasie, die elementare Natur und auch die Übernatur keinen Teil am Leben. An der Religion ersehen wir, daß es einen Idealismus gibt, der mehr Wirklichkeit in sich faßt als die Schöpfung, welche wir mit Händen greifen können. Und wer die Realität der Religion nicht zugeben will, der gibt doch sicherlich die Wirklichkeit der Schmerzen und Freuden seines Herzens zu und weiß, wie in diesem Herzen Traum und Wirklichkeit unzertrennlich zusammengetraut sind. Der Genius fühlt einen Abgrund der Natur und Übernatur in seinem Herzen, in seinem Gewissen, in seinen Leidenschaften und überall. Wie er sich auch gebärde und zusammenraffe mit seiner Schulvernünftigkeit und seinem Verstande, es wächst ihm eine Kraft über den Kopf, die er nicht regulieren, nicht Rede stellen, nicht ergründen, festhalten und in einen förmlichen Dienst zwingen kann; denn eines Augenblicks dräut ihm diese Natur und Gottessymbolik, diese Prophetie wie ein Zweiter, überlegner Geist, vor dem sein konventioneller Mensch, sein Schul- und Literaturverstand zusammenschrumpft, und wenn er diesen wunderbaren Sinn und Geist in Reflexionen abzufangen versteht, so wächst über Nacht, wie in einem Brunnen, so viel nach, als er am Tage geschöpft; und wenn er dem Genius freien Spielraum läßt, so pochen tausend Stimmen an seine Brust und begehren Einlaß; und andre eingesperrte Geister wollen wieder hinaus in die Welt. Der Mensch wird dann ein Märchenheld, welchen die schönen Fruchtbäume anbetteln, er erreicht aber nur sein Ziel, wenn er nichts hört, nichts sieht und nichts am Wege gepflückt hat. Daß das sittliche Ziel sich nicht mit dem sinnlich-poetischen bunten Leben vertragen will, weil dieses an den Augenblick gewiesen ist, ändert im Werte und an der Schönheit des poetischen Lebens nichts. In der echten Poesie werden wir eben von dem Dualismus der Mittel und der Zwecke, von dem Kampfe zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gleichwie von allen andern Tierquälereien und Zwiespältigkeiten erlöst. Poesie ist nicht nur die Verkörperung der Schulideen und die Idealisierung der Realitäten im Sinne der Schulmoral. Es handelt sich da um sublimere Tatsachen und Mysterien. Es stiegt uns in Augenblicken, mit einem Worte, einem Ton oder Bilde, mit einem Spiel von Licht und Schatten, mit einem Geruch und aus gar keiner äußern Veranlassung ein himmlisches Gefühl durch die Seele, es zuckt ein Blitz in unsern Sinnen auf, wir schauen neue Weltbilder und die alten in einem himmlischen Licht; wir vernehmen die Harmonie der Sphären, und mit derselben erwächst uns ein Gewissen von der Schönheit der Welt, welches von dem gewohnten Gewissen so unterschieden ist wie die christliche Lebensfühlung und Seele von der heidnischen Welt. Öfter noch sehen wir alte, bekannte Naturszenen in einem innern Gesicht; wir träumen uns in die Kindheit, in die Elternheimat, in den Mutterschoß zurück, und doch ist mit diesen vertrautesten, mit diesen an sich ganz gewöhnlichen Bildern und Situationen eine nie erlebte Existenzempfindung, eine Begattung mit den Seelen der Dinge und Geschichten, ein Schwelgen in Farben und Formenharmonieen, eine Magie von Helldunkel, von Perspektiven, von architektonischen oder landschaftlichen Schönheiten, eine Glückseligkeit im Schauen und in symbolischer Empfängnis verbunden, die uns die Gewißheit gibt, daß in ihr die tiefsten, die heiligsten Mysterien des Lebens wie der Gottheit, die sublimste Kraft der Seele verwirklicht wird. Die Wirklichkeit mit ihren Quälereien, Miseren und Ängsten ist in diesen Wachträumen abgetan; wir verkehren mit den ewigen Seelen aller Dinge und doch mit ihren bekannten Körpern, aber es bleibt nicht bei einer einzigen Existenzempfindung, es werden immer neue Seelenregister gezogen, neue Weltempfindungen entquellen dem Gemüte und neue Seelen den Dingen, obgleich ihre Formen und Farben dieselben bleiben. Aus der alten wohlbekannten Physiognomie des Lebens leuchtet uns in diesen romantischen Augenblicken ein neuer und doch ein himmlisch befreundeter Sinn und Geist. Die alte Welt war unsere Schwester, unsere Mutter, aber jetzt drückt sie uns als unsere verklärte Geliebte, als eine göttliche Erlöserin von aller Erdenschwere ans Herz. Solche Mysterien kann man denen nicht deutlich machen, welchen sie nicht innewohnen. Sie lassen sich auch ebensowenig malen als direkt aussprechen, in Musik setzen oder aus Steinen aufbauen; aber sie bilden bei dem romantischen Künstler und bei jedem echten Poeten (er gehöre welcher Zeit und Nation er wolle) den Seelengrund, den Odem und Impuls für das, was darstellbar ist. In jedem echten Kunst- und Dichterwerk, ob romantisch oder antik, muß das Endliche vom Unendlichen getragen, das Sonderbild von einem Weltbilde begleitet und untermalt, muß die Lokalfarbe von einer Grundfarbe abgetönt, die Realität vom allgemeinen und idealen Leben geschwellt und durchleuchtet sein. Wo der deutsche Sinn und Geist das Einzelne nicht mit dem Weltganzen durch Seele und Natur, durch Divination verbunden, und wo er den unsichtbaren Geist, die Seele des Lebens nicht in individuellsten Gestalten eingefleischt sieht, da gibt es für ihn keine poetische, keine religiöse Genugtuung, keine vollkommne Kunst, das ist die Erledigung der Frage nach dem Idealismus und dem Realismus in der Poesie und Kunst. Was den Dichter, den poetischen Menschen zu Gesichten, zu Gottesempfindungen, zu Schmerzen und Seligkeiten, zu Großtaten entzündet, begreift er selbst nicht in dem Augenblick, da es geschieht; und wie will es ihm die Masse nachfühlen? Ich sah einst Rost, der von einer Dachrinne aus Eisenblech herabstäubte, im lichten Frühlingssonnenstrahl wie Goldfunken schimmern; da durchzuckte meine Seele ein Gesicht, ein Wunder- und Gottesgefühl von der Sonne, die allen dunklen Dingen Folie und Transparenz leihen darf; von dem Frühlingslichte, welches mit dem dunkeln Schoß der Mutter Erde Gräser und Blüten zeugt, die im grünen, im buntfarbigen Feuer ihr Dasein verlodern und verduften. In jenen heiligen Augenblicken, wo das Sonnenlicht mit meiner Seele verschmolz, begriff ich die Mysterien der Materie und Natur, da zuckte durch mein Gewissen I. Böhmes Theosophie von Licht und Finsternis; heute fliegt nur ein Schatten von jenen Gesichten und Wunderempfindungen durch mein Hirn, und auch den Schatten dürfen noch die Worte verzehren, mit denen ich andeuten will, was von der Lichtseele übriggeblieben ist, die in mir einen Augenblick gedichtet und geweissagt hat. Wie will der Landschaftsmaler Pflanzen und Luft im Lichte malen, wenn er nicht einen Augenblick ein Lichtpoet, ein Sommerdichter, ein Frühlingsnarr war; und wie soll das apathische Publikum den Poeten aus dem Narren, aus dem Phantasten, dem Lichtverzückten herausfinden? Wenn ich ein Maler wär', ich wütete zehn Jahre und mein lebelang mit Farben, mit Lichtern, um eine alte Dachrinne in den Vordergrund eines Bildes zu bringen, von welcher goldige Rostfunken im Sonnenlichte stäubten; und wenn kein Mensch mein inneres Gesicht und meinen Naturprozeß begreifen könnte, brächte ich mich um oder schleppte mich als feiger Geist und lebendiger Leichnam durch den Kot einer Welt, in der nicht einmal die Augenblicke verstanden werden, wo sich der Himmel und seine Sterne in der Pfütze spiegeln oder Eisenrost durch Licht zu Goldstaub veredelt wird. Unsre Seelen mit ihren Sonderempfindungen bleiben wie Inseln geschieden, trotz dessen, daß sie im Meere des allgemeinen Lebens und des Gemeingefühls schwimmen. Der Dichter aber ist eben der Mensch, welcher den Versuch eines Seelenverkehrs in Phantasie und individuellsten Sympathieen ebensowenig aufgeben darf als den konventionellen Schematismus, den künstlerischen Stil und den objektiven Verstand. Heute morgen erwache ich von einer leidlich geblasenen Klarinette, sie ist mit ihren halb erstickten, halb eingeschluckten und leicht umschlagenden Tönen, die bald zu viel und bald zu wenig Luft haben und nie ganz lustig zum Holze herausfahren, nicht mein Lieblingsinstrument; und doch durchzittert mich in einer leichtgeratenen Passage und in einigen gemeinplätzigen Verzierungen, wie sie eben ein übender Hoboist zum besten zu geben pflegt, der ganze Zauber der Musik. Wenig Augenblicke weiter martert mich dasselbe Instrument; das ist der Unterschied von Seele und Verstand. In den Augenblicken der tiefsten Empfindung, wenn das Weltwunder mit unserer Seele Poesie und Schönheit zeugt und wir fühlen, »daß alle Worte ein Ton von Erden sind«, dann schreiben wir nicht, dann sprechen wir nicht einmal; wenn wir aber die Feder zur Hand nehmen und mit ihr der Schreibestil unsere Brust alpdrücken, den Fluß des Lebens kristallisieren und die Empfindungen schematisieren darf, dann ist's auch mit dem Wundergefühl, mit der Lebensberauschung vorbei. Der Schriftsteller, welcher sich noch ein wenig Lebenspoesie und Lebensgewissen bewahrt hat, macht diese miserable Erfahrung jeden Morgen; und doch muß er das schreiben und drucken lassen, was kaum ein Schattenbild, ein Kupferstich von einem Bilde in Feuerfarben, eine Partitur von himmlischen Harmonieen ist, zu deren Ausführung es keine Instrumente und Virtuosen geben kann. Wenn ein gesunder, junger Mensch gestärkt vom Schlafe erwacht, so fühlt er immer noch etwas von den ersten Lebenskräften Adams; und wenn ihn auch melancholische Gedanken im Hinblick auf ein garstiges und sorgenvolles Tagewerk anwandeln, so verwandelt der erste Atemzug von frischer Morgenluft die Schwermut in eine Lebensschwellung, die auch dem Misanthropen sagt, daß nur die Philosophie Wahrheit haben kann, welche von den himmlischen Impulsen des Lebens bewegt ist und mit ihm das Zentrum gemein hat. Nur die Augenblicke haben Seele und Ton, gewinnen Farbe und Rundgestalt, zentralisiertes und peripherisches Leben, nur die Augenblicke gehören dem Genius, in welchen sich Natur und Vernunft, Theorie und Praxis, Phantasie und Wirklichkeit begatten. Aber eben diese Augenblicke lassen sich weder fixieren noch in ihren Formen abfangen. Und doch fordert der Charakter, fordern Kunst und Verstand, daß der Mensch, daß auch der Dichter dem Augenblicke das Gorgonenschild der Norm und Schablone vorhalte. Das kristallisierte Element aber, die Form, welche sich dann von der bloßen Augenblicksstimmung abgelöst hat und als selbständige Macht auf den Naturalismus zurückwirkt, ist die schematisierte Sprache, die stilisierte Natur, der sittliche Charakter, der Stil, der objektive Verstand, dem wir am Genius, am Helden, am Künstler oder am Gesetzgeber unsre Bewunderung weihen. Diese Mysterien einer Welt, die in endlosen Gegensätzen prozessiert, hat Shakespeare aufs tiefste begriffen und in dem Prinzen Hamlet so wundervoll personifiziert. Hamlet soll der Typus des deutschen Charakters sein; – versteht sich, des gebildeten modernen – genauer genommen, der Typus einer Schichte von deutschen Jünglingen mit ästhetisch-philosophischen Bedürfnissen von sonst; denn in jüngster Zeit sind Romantik, Philosophie und Theosophie so vollständig beseitigt, daß auch nicht einmal Hamlets Haut für einen sozialen, politischen und national-ökonomisch-realistischen Jüngling von heute passen will. Dem Deutschen soll es an Tat- und Willenskraft fehlen, er soll ein unverbesserlicher Zauderer und Träumer sein. Das ist vergleichsweise mit Franzosen, Polen, Engländern und Amerikanern wahr; aber dieses Dichten und Denken, dies Sinnen und Zögern, diese subjektive und seelische Lebensart ist durchaus nicht schlimmer und schlechter, nicht unberechtigter als die romanische und slawische Beweglichkeit oder die englisch-amerikanische Tatkraft, Entschlossenheit und realistische Geschäftigkeit. Das ganze traditionelle Hin- und Hergerede über deutschen Idealismus und über den Realismus der andern Nationen läßt sich darauf reduzieren: in Handlungen und Entschlüssen entladet sich die Nervenkraft nicht nur auf eine für den Organismus wohltätige und natürliche Weise, sondern der Geist selbst bildet sich in Tat- und Willenskraft den Positivismus, den realistischen Faktor zu, der den Leib des Geistes ausmacht, und ohne welchen der Idealismus wie ein Schatten auf Erden umherirrt. In Handlungen und Arbeiten gewinnen Seele und Geist erst die Begrenzung, die Detailerkenntnis und Solidität, in welcher Verstand und Charakter bestehen. Wohin aber Tatkraft, Arbeit und Willensenergie führen, wenn das Seelenleben nicht fort und fort die Verstandes- und Charakterhärten und den ganzen Realismus lösen darf, das zeigen ans ebenfalls Engländer und Amerikaner. Die kulturhistorische Bedeutung des Deutschen scheint eben darin zu liegen, daß er vollkommener wie der Mensch irgend eines andern Volkes das schöne Menschentum, das Maß zwischen Willenskraft und Divination, zwischen Seele und Verstand, zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Familienleben und Öffentlichkeit zu treffen versteht. Hat man bis in die neueste Zeit den Mangel an Nationalleben mit Recht getadelt, so wäre es heute nicht minder in der Ordnung, daß man wiederum das Gemütsleben der sogenannten Gebildeten zu vertiefen suchte; wenn auch nicht durch Traktätlein oder Romanleserei oder durch ein Philistertum, welches Gemeinsinn und Nationalleben mit politischer Kannegießerei vertauscht. Jedenfalls aber ist so viel gewiß, daß es unsern Literaturklugkosern und Literaturtaglöhnern ganz und gar an Gemüt und Mutterwitz gebricht; daß Künste und Wissenschaften weder im politischen Schematismus noch im populär-naturforscherlichen Materialismus erstarken werden; und daß die Poeten besser tun, sich einen Hamlet als einen Percy Heißsporn Henry de Percy , aus dem englischen Grafengeschlecht der Northumberland, bekannt unter dem Namen Hotspur (»Heißsporn«), beteiligte sich am Aufstand seines Vater Henry Lord Percy gegen König Heinrich IV., verlor aber am 21. Juli 1403 in der blutigen Schlacht bei Shrewsbury Sieg und Leben im Kampfe gegen die Königlichen. zum Muster zu nehmen. Die Poesie bleibt zuletzt doch Poesie, und selbst die deutsche Nationalpoesie steckt unmöglich in der öffentlichen Meinung oder im Nationalstolz oder im Nationaltintenfaß unserer modernen Ästhetik und Kritik; sie strömt vielmehr aus den Millionen Quellen unserer Herzen, die der großherzigste Poete seines Volkes in sich aufnehmen, die er mit seinem Blut- und Nervensaft mischen darf. Die Literaturästhetik und Literaturdemagogie zeugen nimmermehr eine Nationalpoesie. Poesie kann nur da sein, wo unsre Seele von der elementaren Natur erfüllt und unser Geist vom Geiste Gottes getrieben wird. Die Modernen aber verleugnen die übermenschliche Kraft und pränumerieren sich Ziel wie Lohn. Das Mysterium der Poesie ist die Liebe und Mitleidenschaft, aber die Leidenschaft muß vom Geiste gezügelt sein, denn andernfalls entarten Divination und Liebe zur Dämonie. Wenn wir aber allzu verständig und zu geschäftig sind, so vernehmen wir weder den Geist Gottes noch der Natur. Wir müssen den Geist abruhen lassen, wenn etwas mit unsrer Seele geschehen, wenn sie ein Organ natürlicher und übernatürlicher Prozesse werden soll. Wir können weder die Stimme der Natur vernehmen, noch kann ein höherer Geist über uns kommen, solange unser eigne Witz allein weidelaut Soviel wie vorlaut (vor der Zeit laut werdend, bellend, ursprünglich zunächst vom Jagdhund gebraucht). bleibt. Was auch der Mensch verrichte, wie geschäftig er sei, doch muß er dem allgemeinen Leben, das unsere Seelen bespeiset, und dem göttlichen Geiste, in kraft dessen der Menschengeist denkt, Raum verstatten; denn andernfalls verliert der Verstand die Seele und der Menschenwitz den himmlischen Sinn und Geist, der aus ihm zeichenreden und weissagen soll. Wer nichts andres spricht und schafft, wer nichts anderes zurückspiegelt, als was von seinem Witz und Willen, von seiner Werktätigkeit kommt; wer sein Schicksal und seine Rede ohne die Beihülfe der Geister, der Stimmen und der Kräfte macht, die uns die rechten Worte zuflüstern, die unsere Entschließungen begeistigen und unsern Handlungen die Seele leihen müssen; wer nirgend und nie von einem Geiste getrieben und von einer Lebenswelle getragen wird, die mächtiger sind als des Menschen Wille und Witz, als des Menschen Stolz und Kunst, als seine Tugend und sein Verdienst, der ist kein natürlicher, kein poetischer, kein liebenswürdiger, der ist kein religiöser Mensch, dessen Willenskraft, dessen Tatkraft und Charakterenergie wird nicht minder eine Unnatur als die Lässigkeit eines Menschen, der seiner Natur keinen Geist und keinen Eigenwillen entgegensetzt. Wir müssen uns über Wasser halten, indem wir unsere Gliedmaßen brauchen; aber wenn uns das Wasser nicht tragen will, so ist unser Rudern und gemachtes Schwimmen für nichts. Wir müssen gegen den Strom arbeiten und uns gleichwohl treiben lassen, wohin er will, denn der Schöpfer verzeichnet den Strömen ihre Bahn und schickt sie alle ins Meer; und im Lebensmeer findet auch unser Witz und unsere Kraft ein Ziel. Es geht ein himmlischer Rhythmus durchs Leben, auf den sich alle irdischen Rhythmen und Noten einzählen müssen. Es beseelt uns alle derselbe Sinn und Geist, der uns zu einer Menschheit, zur Natur, zum Weltganzen vereint. Diesen Rhythmus, diesen allgemeinen Geisterzug, dieses Ganze, diesen Gott will der deutsche Mensch vernehmen und mehren; ihn will er versinnlichen, predigen und kundgeben in seinen Worten, wenn er ein Dichter und Denker ist; in seinen Werken, wenn er als Held und Reformator auftritt. Und wenn er das rechte Wort, das Zeichen, die rechte Art nicht finden, wenn er das rechte Maß zwischen Tun und Leiden, zwischen Willenskraft und Ergebung, zwischen Glauben und Denken nicht treffen kann, so wird er ein Träumer oder ein Rebell, ein Schwärmer oder ein Materialist, ein Demokrat oder Absolutist, ein Pedant oder Phantast, so wird er ein taumlicher Romantiker oder ein Anbeter der Klassizität und des gehaltenen Stils. Und wenn er sich wieder der Einseitigkeit und Exzentrizität (aus Verzweiflung, das rechte Maß verfehlt zu haben) hingibt, so treibt ihn die Gewissensbeschwerde oder das unerreichbare Ideal zur Melancholie; denn es kennzeichnet den deutschen Menschen mehr wie einen andern das Wort des größten deutschen Dichters: »Der Mensch in seinem dunkeln Drange ist sich des rechten Weges noch bewußt.« »Das Mittelalter ist die Zeit der Erziehung roher Barbaren, d. h. unserer germanischen Stämme und der verkommenen Römerwelt, zu einer neuen, höheren Zivilisationsstufe. Der Geist der Wissenschaft und Kritik des Altertums, viel zu eng und beschränkt, um die neue Gedankenmasse zu fassen, wurde überstürzt; die Unwissenheit brach herein, und alle schmutzigen Kanäle aus den früheren geschichtlichen Bildungen entleerten sich in den Gedankenkreis unserer einfältigen, arglosen Vorfahren. Warum schilt man das Mittelalter wegen etwas, wofür es nicht kann? Warum klagt man es an, leichtgläubig gewesen zu sein, da jeder glaubt, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist? Gerade das, daß Kirche, Wissenschaft, Philosophie daran arbeiteten, aus Glauben und Aberglauben, Wahrheit und Täuschung ein System zu schaffen, ist der beste Beweis, daß der Geist frisch und gesund war, daß das Mittelalter bona fide handelte und dem ganz richtigen Triebe folgte, in eine dunkle Sache Licht und Klarheit zu bringen. Worüber man sich eigentlich mit Recht weit mehr wundern kann, ist dieses, daß der mit dem Aberglauben aller Völker und Zeiten überschüttete und übersättigte Geist der abendländischen Welt in den Labyrinthen des Widersinns nicht umgekommen, nicht, wie z. B. die Inder, ganz stupidisiert und verdummt worden ist, sondern die Mauser so wacker bestanden, die fremden Stoffe endlich so kräftig abgestoßen hat. Daß der mittelalterliche Aberglaube die Welt noch einmal in Beschlag nehmen sollte, ist schwerlich zu fürchten.« Magazin des Auslandes, 17. III. 59. Jawohl, der Deutsche ist ein Träumer; aber in seinen Träumen war mehr Glück und Triebkraft als in unserer seelenlos gesinnungstüchtigen, neunundneunzig klugen, überwachten Zeit. Und dieser mittelalterlichen Romantik, auf welche heute jeder moderne Lump sein Pfui ausleeren darf, verdankt die Geschichte ihre tiefsten Prozesse, verdankt die Kirche und die Sitte ihre Grundlagen, verdanken Sprache, Künste und Wissenschaften ihre Normen, ihre Meisterwerke und ihren himmlischen Witz für alle Zeiten. Diese verhöhnte Romantik baute die Münster in den Himmel, die dann noch Zeugnis geben werden vom alten Menschengemüt, vom alten Glauben und von der Seelenunsterblichkeit, wenn bereits diese Lichtfreundlichkeiten, diese naturwissenschaftlichen Seelenleugnungen, diese hyperpolitischen »Revalenta Arabika«, »Arabischen Geheimmittel«. wenn das ganze moderne Verstandesgötzentum mit seinen heillosen Säkularisationsprozessen im Meere der Vergessenheit begraben liegen wird. Es ist wahr, daß diese deutsche Traum- und Gemütseligkeiten, daß die mittelalterliche Pietät und Romantik viel heillosen Aberglauben, viel Pfaffentrug und somit viel Knechtschaft und nationale Herabwürdigung verschuldet hat, aber die Radikalkur, welche der moderne Radikalismus und Materialismus in Anwendung bringen, läuft so ganz und gar wider die deutsche Natur, ist so schal und kahl, so seelenmörderisch, so widernatürlich-naturwissenschaftlich, so schematisch-sittlich, so abstrakt-toll, daß die deutsche Nation, falls noch ein Überrest des alten Gottes- und Naturinstinkts in ihr ist, es vorziehen muß, mit dem alten romantischen Eingeweide weiter zu wirtschaften und langsam das Klare zu gewinnen, bevor sie das politisch-moderne Abenteuer riskiert, demzufolge ihr im schnellsten Tempo ein bißchen der Bauch aufgeschnitten, das alte Herz und Eingeweide herausgenommen und Zeitungspapier mit naturwissenschaftlichen Rezepten hineingetan werden soll, damit sie in Zukunft vor Leibschmerzen und Blutandrang nach dem Kopfe verschont bleibe. Der Deutsche hat die heilige Mission, ein Idealist, ein inspirierter, beseelt-verständiger, religiöser Mensch, ein Dichter und Denker für alle Welt zu sein; und die Geschichte bezeugt es, daß er diese Mission zu erfüllen vermochte, ohne darum unpraktischer und untüchtiger als die nüchtern-praktischen romanischen Nationen zu sein. Nur undeutsche, herzlose Ideologen, politische Träumer und Romantiker der Politik konnten die Tugenden, die Talente und Liebenswürdigkeiten des tiefsinnigsten Volkes als Laster, Miseren und nationale Verschuldungen darstellen; nur entartete Subjekte des deutschen Volkes konnten aus der Gottesscham des deutschen Menschen einen Literatur- und Gassenskandal, aus seiner Romantik einen Hohn und Spott machen und an die Stelle des tiefen Naturgefühls, welches einen Humboldt und Goethe, einen Jakob Böhme und Paracelsus hervorgebracht hat, eine populäre Enzyklopädie von nüchternen Naturbeschreibungen setzen, durch welche Gott, Seele und Unsterblichkeit in Frage gestellt worden sind. Staat und Sozietät müssen aus vollbeseelten Menschen, aus unsterblichen Personen, aus gläubigen, liebenden, ihr Dasein überdichtenden und überdenkenden Wesen, aber nicht aus Kulturphantomen, aus Literatursklaven und Literaturpatienten, nicht aus Sozietätsautomaten und naturforscherlichen Mechanikern, aus abstrakten Intelligenzen in Hosen und Frack bestehen. Die gangbar gewordenen Weltanschauungen, die schematisierten Gedankenprozesse, Gefühle und Empfindungen, wie die aus ihnen hervorgegangenen Lebensarten und abstrakten Charaktere, die ebensovielen Meridianen der Geisterwelt ohne Herz und Lebenskern gleichen, diese modernen, gespenstigen Verstandesprozesse und Literaturstilisationen in Stelle der alten deutschen Gemütsgeschichten sind schlimmer und widernatürlicher als die mittelalterliche Finsternis, Phantasterei und Barbarei; denn sie hatte zu ihren beiden Faktoren Natur und Übernatur, Poesie und Religion, immanenten und transzendenten Verstand, während wir Modernen zwischen Literaturstil und Geldkredit, zwischen Stoffphilosophie und sozialem Schematismus in der Schwebe aufgehängt sind; und dazu machen die frommen Leute aus dem himmlischen Feuer einen garstigen Rauch. Darum sehen die neuen Träger der modernen Bildung, die modernen Theologen, Ästhetiker, Publizisten, Helden, Reformatoren oder Poeten den Genies vom alten Stile so etwa ähnlich wie ein geräucherter Bücking mit seiner Goldbronzehaut dem Fisch, welcher den Propheten Jonas pro forma verschlang. Es ist mit der Romantik wie mit allen andern Lebensprozessen. Wenn wir sie studieren, so finden wir, daß sie in Mann und Weib, in der Jugend und im Alter, im Menschen des Südens und des Nordens, daß sie im gebildeten Genius und im flachen Naturalisten, im Helden und im Narren um eine Welt verschieden sind, obgleich sie aus denselben Elementen bestehen. Wenn Zweie dasselbe sagen, dichten und denken, so ist es nicht dasselbe; wie sollte denn nun die Romantik in dem romantischen Poeten und im albernen Dichterling, in Kalidasas »Sakuntala« Vgl. S. 14, Anm. 1. und in Sues »Ewigem Juden«, Eugène Sues (1804–59) zehnbändiger Roman »Der ewige Jude« erschien 1845. in Shakespeares »Sturm« und in den »Löwenrittern« von Spieß, Der »Löwenritter« (1794) war einer der zahlreichen Ritter- und Räuberromane, die Christian Heinrich Spieß (1755–99) verfaßte. in Goethes »Götz von Berlichingen« und in Kotzebues »Kreuzfahrern«, in Goethes und in Klingemanns Ernst August Friedrich Klingemanns (1777 – 1831) »Faust« erregte vor Einbürgerung des Goetheschen großes Aufsehen. »Faust« dasselbe sein? Wo bliebe denn die Bedeutung der Person, wenn sie im Gemüte nicht die Natur zur Übernatur, die Materie zum Geiste, die Buchstäblichkeit zur Symbolik, den Mechanismus der Arbeit und Gewohnheit zu einer Tugend und Religion und jede Lebenstrivialität zu einem Lebensmysterium verwandeln könnte? Es ist mit der Romantik wie mit dem Humor. Es schweben den ältern Leuten unserer Generation noch die alten Herrn, die alten Erzpriester und Magister, die Assistenzräte, die alten Kriegs- und Domänenräte, die glücklich avancierten Korporale, d. h. manche alten Generale, die alten Amts- oder Kommerzienräte, d. h. die alt und reich gewordenen Krämer- und Schreiberburschen vom vorigen Jahrhundert vor, deren Humor aus einem perpetuum mobile von einem zynischen Egoismus und einer flachen Sentimentalität bestand. Wir finden diese Exponenten auch an dem Humor von Sterne Der englische Humorist Lawrence Sterne (1713–63). an Börne und Heine; wir finden sie an Tieck und Callot-Hoffmann, S. 151, Anmerkung. ja an Jean Paul, an Hippel und Boz-Dickens heraus; wir werden doch aber, wenn wir gescheut sind, wenn wir ein Gewissen für die humoristische Lebensskala und für die Weltgegenden des Humors haben, unmöglich all jene Humoristen über denselben Kamm scheren wollen, und am wenigsten werden wir sie mit dem Schimpftitel von »sentimentalen Zynikern« abfuchteln wollen, bloß weil ein Rest von Gewissen uns sagt, daß es uns selbst an Herz und Mutterwitz, an Phantasie und zeugungskräftiger Natur gebricht. In jedem prädestinierten Humoristen katzbalgt sich ein bildkräftiger, naiver Naturalismus mit dem musikalisch-pathologischen Wesen, welches der überfeinerte Kulturprozeß in uns destilliert. Es geschieht dann eben dem gesündesten und radikalsten Humoristen, daß ihm die Natur in Augenblicken allzu natürlich, und daß ihm die reflektierte Seele zu gefühlvoll oder zu redselig wird, aber er tröstet sich über diesen göttlichen Humor in seiner kuriosen Person mit dem Bewußtsein, daß er »eine Person« und daß er kein modern klassischer Kulturkastrate, daß er kein Sittlichkeitsphantom in Glacéhosen, daß er kein aus neunundneunzigerlei Literaturessenzen zusammengefahrener Flaschenhomunkulus ist; und dieser negative Trost wird gegenüber den Literaturfiguren unserer Zeit zur positiven Satisfaktion; denn jene Figuren geben den »Bassermannschen Gestalten« Sprichwörtlich gewordene Bezeichnung für typische Gestalten der 1848er Revolution, die der Politiker Friedrich Daniel Bassermann (1811–55) nach seiner Rückkehr von Berlin in der Nationalversammlung schilderte. nichts nach. Sie laufen, vom Kulturmechanismus in Bewegung gesetzt, mit italienischen Räuberbärten und Augenklemmen, mit kühn formulierten Zeitparolen und schwachen Nerven, mit klassischen Phrasen und abstrakten Beinen, mit einem stillen Meer von verschwiegenen Gemütstiefen und nachweislich gepumpten Gedanken durchs Leben und durch die Literatur. In der Literatur mögen sich nicht nur Romantik und Humor überlebt haben, mögen nicht nur Tiefe und Innigkeit des Gefühls, sondern auch Glaube, Liebe, Hoffnung und Pietät zu den »überwundenen Standpunkten« gehören: aber im deutschen Leben werden diese tiefsten Wurzeln und schönsten Blüten der Menschheit so lange in die Erde hinabwühlen und zum Himmel hinaufblühen, wie es deutsche Herzen und Köpfe, deutsche Gemüter und Gewissen gibt. XV. Die Deutschen und ihre Nationalität. »Ein gesunder nationaler Egoismus tut uns not.« Löher . Vgl. S. 175, Anmerkung. *   *   * »Dennoch bleibt Deutschland das kriegerischste und mächtigste Land Europas bis zu den Religionskriegen und den jammervollen Zeiten, die darauf gefolgt sind. Hier scheint das Grab der alten Größe sich vor unsern Augen zu öffnen. Um so mehr vertrauen wir bewundernd der unerschöpflichen Triebkraft unseres Stammes, wenn wir fort und fort ein zwar langsames und oft behindertes, aber doch stetiges Emporkommen bemerken. Vor allem ist es das Bürgertum, das uns wieder bessere Hoffnungen erweckt. Wie es seit der Urzeit als ein Charakterzug der deutschen Geschichte erscheint, daß neben den aristokratischen Gliederungen, die sie hervorbringt, immer auch die bürgerlichen Elemente sich neu beleben, so scheint sich auch neuerdings wieder dieser Prozeß zu vollziehen. Seitdem in den Reichsstädten die alten großen Gewerbe zerstört waren, zerfiel Deutschland in Herren und Diener; indem wir aber jetzt tätig sind, diese Kluft auszufüllen, ahmen wir das 15. Jahrhundert nach, wo neben reichen Burgen blühende Städte standen, und auf das gegenseitige Verständnis, auf die friedliche Versöhnung dieser seit alters unter uns bestehenden Lebenstriebe wird es ankommen, ob die Elemente alter Größe, die im deutschen Charakter noch unzweifelhaft liegen, jemals wieder eine der Vorfahren würdige Rolle übernehmen werden.« »Der deutsche Menschenschlag«, von Alexander Perz. Es handelt sich bei der Charakteristik des Deutschen darum, das Zentrum zu finden, den springenden Lebenspunkt, von welchem aus alle Seiten des deutschen Charakters und seiner Bildung klar werden. Dieses Kriterion ist aber die leicht gelöste und überschüssige deutsche Seele, im Gegensatz und Kampfe mit einem feinorganisierten und für eine außerordentliche Vielseitigkeit bestimmten Verstande. Dem Deutschen ist es um die Mysterien des Lebens, um ihre Ergründung in Seele und Geist zu tun. Er will zugleich erleben, erkennen und in seiner Persönlichkeit verwirklichen; er will Lebenskünstler, Philosoph und Theosoph sein. Er erstrebt, er ahnet und weiß oft zu viel und zu vieles, um eines mit ganzer Kraft und vollem Witz zu realisieren. Er möchte immanent und transzendent, ein Wissender, ein Künstler, und das deutsche Genie möchte ein Held, ein Prophet und Märtyrer, ein Faust, ein Don Juan und zuletzt noch ein reuiger, bekehrter Saulus sein. Alle Lebensstimmen verlocken den gebildeten Deutschen; er möchte auf allen Wegen zugleich wandeln, mit allen Lebensgestalten in Buhlschaft leben, mit allen Mysterien verschmelzen; darum bringt er es schwer zu derjenigen Beschränkung im Wollen und Einbilden, in welcher allein Charakterhaltung, Festigkeit und dramatische Kraft möglich ist. Die sich durchkreuzenden deutschen Gelüste und Talente: der Romantizismus und der Schematismus, die philosophische Weltbürgerschaft und die ihr obligate Pfahlbürgerlichkeit und Philisterei, die Faustsche Ergrübelung der Weltökonomie, welche mit der deutschen Absonderungssucht zusammenhängt, der privatisierende Sozialismus und sozialistische Partikularismus, der idealistische Materialismus, die theoretisierenden Praktiken, die praktizierenden Schulfüchsigkeiten, der supernaturale Rationalismus, der logische Enthusiasmus, die kritischen Gläubigkeiten und die gläubigen Kritteleien, der gelehrte Dilettantismus und die dilettantierende Gelehrsamkeit verschulden eben unsere zeitgemäßen Widersprüche, Geschmacklosigkeiten und Absurditäten; sie sind das Malheur des universell veranlagten, bildsamen und literaturberauschten deutschen Volkes. Wenn man den Einfluß unserer Literatur, die immensen und massenhaften Anstrengungen der modernen Volksreformatoren in Betrachtung zieht, von denen die ganze Nation, nach allen Richtungen der Windrose, einem mit den Schwänzen verwickelten Rattenkönig ähnlich, im Kreise umhergezerrt wird: so muß man den gesunden Menschenverstand, die sittliche Natur des Deutschen und seine Tüchtigkeit bewundern, die auf der Literaturflut das Lebensschifflein noch immer so zu steuern versteht, daß es nicht von Wind und Wellen verschlungen wird. Die Deutschen sind ihrer Natur zufolge ein Lehr- und Lernvolk, eine prädestinierte Kulturrasse; sie sind nicht nur dieses, sondern die auserwählten Kulturträger, Kultivatoren, Schulmeister und Philosophen des Menschengeschlechts, also können sie keine Virtuosen der Tat, keine politischen Schablonenmenschen (politische Charaktere genannt), keine dramatischen Helden, keine fertig geprägten Dutzendexemplare des Nationalstolzes, des Nationaldünkels und der Nationalborniertheit, der Nationaluniformität und der Nationalmechanik sein wie die Engländer und Franzosen. Die Deutschen würden aufhören, eine große Nation im Sinne der Kulturgeschichte zu sein, wenn sie sich ambitionierten, eine große Nation im Sinne der Politik, der Diplomatie und der Kriegsgeschichte zu sein – non omnes possumus omnia . Lateinisch: nicht alle können wir alles. *   *   * Es ist ein altes wahres Wort, daß Stolz überall mit Dummheit und Unwissenheit verschwistert ist. Die Völkerkunde kann uns belehren, daß der Stolz bei allen halbbarbarischen Nationen in Blüte steht, und daß nicht nur die beschränktesten Individuen, sondern auch die unwissendsten Völker sich am besten auf natürliche Repräsentation verstehen. Der litauische Bauer ist stolz und verachtet den Deutschen; ein litauisches Sprichwort sagt: »Der dümmste Litauer ist noch immer so klug wie der klügste Deutsche.« Türken, Albanesen, Kurden, Tschechen, Perser, Chinesen zeigen ebensoviel Stolz als Repräsentation. Die letztere ist bei den Chinesen freilich noch mit Abgeschmacktheit verknüpft. Die Juden, als eine feiner organisierte Rasse, haben eine Geringschätzung gegen andere Nationen gefühlt, die nicht sowohl auf brutalem Stolze beruht als auf dem notwendigen Selbstgefühl einer überlegenen Kultur und Geisteskraft und einer himmlischen Bewegung durch Jehovah. Die Juden hatten von Anbeginn zu viel Kultur und Geist, um den Hochmut und sinnlichen Stolz der übrigen Orientalen großzuziehen; sie zeigen im Gegenteil bis zum heutigen Tage die Extreme von Demut, Leidensfähigkeit und Mitleidenschaft wie von Hochmütigkeit. Den Stolz der Dummheit und des sinnlichen Naturells haben sie so wenig wie die Repräsentation. Den Juden gleicht in diesen Eigenschaften am meisten das russische Volk. Es besitzt so wenig Übermut, Hochmut, Freiheitsstolz oder Repräsentation wie der polnische Bauer. Um desto dünkelhafter und hochfahrender ist der russische und polnische Edelmann, obwohl sich der erstere nicht so wie der Pole auf seine und liebenswürdige Repräsentation versteht. Der gemeine Mann in Italien zeigt schon häufiger Stolz als der Pole. Der Spanier prägt in allen Schichten Stolz und Grandezza aus. Der Franzose verbindet mit dem Stolze Bonhomie, Liebenswürdigkeit, gute Laune und Urbanität; der Engländer stellt einen wegwerfenden, brutalen Übermut zur Schau, der in den höheren und gebildeten Ständen mit Liebenswürdigkeit und Adel gepaart ist. Die Deutschen sind die einzige Nation, welche sich von andern Nationen mit Überzeugung imponieren läßt; es gebricht ihnen nicht nur der Nationalstolz, sondern jedes nachhaltige Selbstgefühl, und die ärgerlichste Schwäche des Deutschen für ihn selbst ist die, daß er sich bei allen Gelegenheiten schon um seiner natürlichen Bescheidenheit willen düpieren läßt. Was nicht die Bescheidenheit verschuldet, das bringt die Philosophische Gründlichkeit zustande. Ein ehrlicher Vollblutdeutscher kann schwer begreifen, daß hinter Schein und edler Dreistigkeit nichts Reelles steckt, daß man ihn ohne Rechtsboden auf Mensur fordern wird, oder daß sich das historische Recht in unhistorischen Zeiten vor dem überlegenen Witz und Willen des Reformators und Helden auflösen lassen muß. Die vollkommene Charakterenergie und Tatkraft, das prononcierte Nationalgefühl und die Virtuosität des Sozialverstandes sind Fakultäten, welche wesentlich in einer Geistesbeschränktheit, in einer Unwissenheit, dazu in einer Gemütsroheit bestehen, welche der Deutsche nicht besitzt. Wer an seiner Seele ein durchgebildetes Organ von natürlichen Sympathieen und Antipathien besitzt, die sich bis zu den Mysterien der übersinnlichen Welt durchgefühlt und zu einem Gemüt, zu einem Gewissen konstituiert haben; wer seinen natürlichen Charakter zu einer sittlichen und religiösen Konstitution erweitert und gesteigert, wer diesen komplizierten und dualistischen Charakter noch wieder nach deutscher Weise mit einer durch Philosophie und Ästhetik rektifizierten Intelligenz alteriert und balanciert hat; wer durch diese inneren Bildungsprozesse eine Person geworden ist, in welcher die Geschichten Himmels und der Erde eingefleischt werden: der kann unmöglich so tauglich und begeistert für Sozial- und Nationalinteressen wie ein solches Volk sein, dessen Individuen vermöge ihrer persönlichen Nichtsbedeutenheit ganz natürlich zu den Kristallisationen anschießen, welche man Staat, Nationalleben und sozialen Schematismus benennt. Der französische und antike Staat haben die horizontalen und massenhaften Konstruktionen der monumentalen griechischen Architektur, der Ornamente und Intentionen sich auf stereometrische Figurationen zurückführen lassen. Der deutsche Staat und Sozialismus aber ist ein gotisches Münster, mit senkrecht aus dem Erdboden aussteigenden, phantastisch gegliederten Konstruktionen, welche den Waldbäumen gleichen; und die Ornamentik dieser deutschen Staatsbaukunst und gesellschaftlichen Kultur ist keine Mathematik, sondern ein vegetativer Prozeß: eine Masse von Blättern, Blumen und Früchten, welche von gewaltigen architektonischen Simswerken durchschnitten und so in Stockwerke abgeteilt wird. Der ganze deutsche Charakter und Kulturprozeß ist eine Vegetation, deren Überwucherungen durch einen sittlichen Schematismus und Rigorismus beschnitten und kontrolliert werden, während die französische Lebensart und Methode ein Mechanismus, eine Mathematik, ein Kristallisationsprozeß ist, welchem vegetative Formen aufgeklebt werden. Wenn's bei uns Deutschen widernatürlich zugeht, so werden Bäume an Spalieren gezogen, also zu Sträuchern degradiert, während sich diese in Frankreich zu Topfpflanzen verkrüppeln lassen müssen; und wo wir zu diesen chinesischen Künsten greifen, da begnügen sich unsere Nachbarn mit Flechten und Moosen auf Gestein, wenn sie nicht Dendritenmarmor »Dendriten« sind baumförmig verästelte und moosförmige Gebilde auf Sand- und Kalksteinen, die aus eingedrungenen mineralischen Lösungen bestehen. vorziehn. Sind die Deutschen auch keine mustergültigen Typen des Nationallebens und der Nationalkultur, so haben sie gleichwohl mehr Organ für Sozietät wie irgend eine andere Nation. Wie dies zugeht, kann erst aus einer vergleichenden Bestimmung der Begriffe von Staat und Sozietät erhellen. Staat ist der faktische Rechtsschematismus, die relativ fertige und historische Form, der Mechanismus an dem generellen Leben der Gesellschaft, in welchem sich das Gleichgewicht der Kräfte und Rechte von Individuen und Körperschaften betätigt und konserviert. Sozietät ist aber der natürliche und sittliche Wuchs, in welchem sich die Individuen und Stände rehabilitieren; die natürliche Reaktion gegen die Schablonenwirtschaft, gegen die abstrakten und fixiert historischen Formen des Staats. Sozietät ist der lebendige Prozeß und Verstand der Augenblicksrechte, das Recht der Lebenden, durch welches die abgestorbenen Formen abgestoßen werden; die stete Regeneration. Der Staatsmechanismus gehört aber zur Natur und muß sich immer wieder so reproduzieren wie das Knochengerüst am Körper, wie der natürliche Mechanismus, welcher in jedem Organismus gegeben ist. Die Sozietät ist der Staat, inwiefern er den Interessen der Korporationen, der Stände und Individuen Rechnung trägt. Wenn sich aber die Gesellschaft für die feste Form ihres Bestehens und Gesamtlebens verleugnet, wenn sie den Gesetzesschematismus und Verwaltungsmechanismus als eine sittliche Macht und als den Hauptfaktor ihres eignen Daseins begreift, so heißt diese soziale und objektive Vernunft und der ihr entsprechende Zustand der Masse: Staat par excellence . Der Franzose schwatzt und doziert am meisten von den sozialen Problemen, zeigt aber in seinen dahin bezüglichen Experimenten, daß er die Mechanik besser als die Mysterien des individuellen Lebens, der freien Entwicklung der Stände, Korporationen und Personen begreift. Die Engländer helfen ihrer Staatsmaschinerie, ihrem hölzernen Rechts- und Verwaltungsschematismus mit sozialen Vereinen ohne Ende ab, während der Deutsche zu viel wachsen lassen, zu wenig machen und schematisieren will. Die Schwierigkeit in den Problemen von Staat und Sozietät liegt wie überall darin, daß man erst in ganz reifen Jahren das Ineinander von Dynamismus und Mechanismus begreift; daß man sich Mechanik den Naturprozessen nicht inkorporiert denken mag. Der Franzose möchte alles machen und nichts wachsen lassen und der Deutsche überall und in allen Augenblicken einen Entwicklungsprozeß, eine »Kontinuität«, eine »Lebensintegrität«, einen rein organischen Prozeß, eine Geschichte und Genesis vor sich sehen. Daß eben der Geist, sobald er aktiv auftritt und den Kampf mit der Naturwüchsigkeit beginnt, »Mechaniker« (Schablonenfabrikant) werden muß, kann die große Masse ebensowenig begreifen, als daß dieser Schematismus und jeder Staatsmechanismus einer Idee, und zwar der Idee und den Mysterien des Lebens, der Wahrheit, der Harmonie, der Lebensintegrität und der Weltheiligkeit dienstbar sein muß. Die Franzosen kokettieren, die Engländer renommieren, die Spanier, Polen und Italiener melancholisieren in allen Augenblicken mit ihrer Nationalität; sie alle sind nicht nur die Virtuosen und Helden, sondern auch die Seiltänzer, die Egoisten, die Narren und Dummköpfe, die Sklaven und Verbrecher ihrer Nationalität. Der Deutsche allein ist am meisten Mensch, weil er kein Narr und Sklave seines Nationalstolzes, seiner nationalen Ausschließlichkeiten, Illusionen, Lügen, Borniertheiten und Brutalitäten sein will. Der Deutsche darf ein Mensch im bevorzugten Sinn genannt werden, weil er vorzugsweise ein Organ des Weltgeistes, der Natur und der Menschheit, weil er der Träger aller sublimsten Kulturgeschichten ist. Dieser deutsche Mensch soll und kann der Erzieher aller andern Nationen sein, weil er zu keiner Zeit ein ausschließlich auf seinen nationalen Witz und Stolz gestellter Mensch ist, weil er sich vergleichsweise am wenigsten als Egoisten und Materialisten zeigt; weil er die Kräfte, die Tugenden, die Talente und Intentionen aller andern Völker und Rassen in sich vereint; weil er keinmal mit seiner Nationalität kokettiert und Komödie spielt; weil er in der Masse allein von allen Nationen gemäßigt, aufrichtig, billig, objektiv und selbstverleugnend zu sein vermag; weil er das sublimste und reellste Organ für Recht und Wahrheit, für Sitte, Scham und Gerechtigkeit besitzt; weil ihm fast ausschließlich die Fähigkeit wie die Neigung innewohnt, in allen Erscheinungen ein Unendliches, Ewiges, Göttliches zu erfassen und sein Dasein auf diese unergründliche Natur und Übernatur zu beziehen. Wenn in diesen Tagen der Deutsche Bund die Kehrseite der hier gerühmten deutschen Tugenden zeigt, so erwirbt er wahrlich nicht die Sympathieen des deutschen Volkes. Arndt hat in seinen »Wanderungen mit dem Minister Freiherrn von Stein« eine sehr nachdrückliche Äußerung dieses kerndeutschen Mannes über die Tüchtigkeit und Biederkeit des württembergischen Volkes im Unterschiede der Untüchtigkeit und Unverlässigkeit seiner Führer und Diplomaten zu Napoleons Zeit eingeschärft. Dieser Unterschied ist auch heute bei den deutschen Staaten festzuhalten und erklärt hinlänglich die egoistischen, kurzsichtigen, perfiden, miserabeln Zerwürfnisse im Schöße der nationalen Institution, welche man den Deutschen Bund zu nennen beliebt, bei welchem heute jeder Schuljunge an das » Lucus a non lucendo « denken muß! XVI. Zur Charakteristik der Männer von deutschem Genie und deutscher Art. A. Luther. »Ich kann's ja nicht lassen, ich muß auch sorgen für das arme, elende, verachtete, verratene und verkaufte Deutschland.« Luther. *   *   * »Durch Luther lernte Deutschland wieder reden, das deutsche Volk wieder hören. An die Stelle unverständlichen Schulgeschwätzes trat eine höhere Beredsamkeit, getragen von einer großen Idee. – Wer mit den Formen, den Nutzanwendungen, ja mit dem Inhalte von Luthers Schriften unzufrieden ist, muß doch eingestehen, daß sich überall bei ihm ein von Gottesfurcht und Glaubenskraft begeistertes Gemüt offenbart. Nie hat Luther geheuchelt, nie vermochten Bitten, Schmeicheleien, Versprechungen oder Drohungen etwas über seinen felsenfesten Willen, seinen unbezwinglichen Mut. Kein einzelner Mensch hat oder ergreift die Wahrheit vollständig und ungetrübt; wenige aber haben ernstlicher darnach gestrebt und sie rücksichtsloser bekannt als Luther; niemand unter seinen Gegnern kann ihm persönlich gleichgestellt werden, er bleibt bei allen Fehlern der größte und denkwürdigste Mann seiner Zeit, an den sich eine ganze Welt von Ansichten, Bestrebungen und Taten anreiht.« Der Reformation Luthers ging ein heilloser Mischmasch, ein Wirrwarr von extravaganten, formlosen Demonstrationen und Experimenten im Leben wie in der Literatur vorauf und parallel. Man darf nur an Hutten, an die Bauernaufstände (1476–1517, 1502–1514–1522, 1523–1525), an die damaligen Zänkereien, Zerwürfnisse und Fehden unter den geistlichen Korporationen und Mönchsorden, unter allen Ständen und Schichten der Gesellschaft, an den Wust der Streitschriften und Pamphlete, der Satiren und Sittenpredigten in jeder möglichen Form erinnern. Es war ein Chaos, aus welchem Luthers Wort und Lehre als Licht hervorging. Die Elemente der alten Glaubens- und Lebensordnung hatten sich nicht nur durch Hus, Hieronymus, Der Freund und Leidensgefährte von Hus, Hieronymus von Prag , verbrannt am 30. Mai 1416. Wiclef und Savonarola zersetzt, sondern die ganze der Reformation voraufgehende Literatur (die Mystiker seit Taulers Der Dominikanermönch und Volksprediger Johannes Tauler (1300 – 1361). Zeit mit eingeschlossen), die Bekanntschaft mit den alten Schriftstellern, insbesondere mit Lucian, Der griechische Satiriker des 2. Jahrhunderts n. Chr. Boëthius Der römische Staatsmann und Philosoph Anicius Manlius Torquatus Severinus Boëthius (hingerichtet 525 n. Chr.), der Verfasser des berühmten, im Mittelalter als Schulbuch benutzten Werkes »Trost der Philosophie« ( (Consolatio philosophiae ). und Seneca, Werke wie der »Renner« des Hugo von Trimberg Der »Renner« des Hugo von Trimberg ist ein Lehrgedicht, das die damaligen Sittenzustände schildert und den Zweck hatte, die Zeitgenossen des Dichters zu belehren und zu bessern. (1300), Brants »Narrenschiff«, Sebastian Brants (1457–1521) »Narrenschiff« ist ein satirisches Lehrgedicht, das in allegorischer Einkleidung der damaligen Zeit ihre Fehler vorführte. die Masse der moralisierenden Lehrgedichte und Satiren, vornehmlich aber Erasmus' und Reuchlins Schriften, Huttens Aufrufe und Hülferufe hatten vor Luther und in der Zeit seines ersten Auftretens die neuen Geister beschworen, die Zeit gereift und die Massen hörig Hier im Sinne von hellhörig. ] gemacht. Das Gewaltige in dem Charakter, in der Handlungsweise und Lehre Luthers ist aber eben das Verständnis seiner Zeit und die dauernde Herrschaft über dieselbe. Wir Nachgeborenen bewundern an diesem unserem Glaubenshelden den Verein und die effektive Kraft der besten Eigenschaften des deutschen Mannes, die festgehaltnen, maßvollen Ideen, die Ausscheidung und Ablehnung aller gemeinen, wüsten Intentionen und den Verstand, mit dem der eine Mann den neuen Elementen bestimmte Gestaltung gab und in allem Wirrwarr seine ursprünglichen Grundsätze festhielt, ohne sich von Hutten oder andern Geistern in eine zerfahrene Unruhe bringen oder zu Ausschweifungen verführen zu lassen. In diesem organisierenden Verstande, in dieser gleichmäßigen Haltung, in der richtigen Entfernung von Extravaganzen und unnützen Förmlichkeiten, in dem Gleichgewicht von derber Kraft und sittlichem Maß, in seinem kerngesunden Wesen, das sich gleich weit entfernt von Überkraft und Schwächlichkeit, von Praktiken wie von Abstraktionen hält, bleibt Luther ein Heros und Genius vom ersten Range, ein wahrhaftiger Prophet, ohne daß man noch erst an das Wunder seiner Bibelübersetzung zu denken braucht, in welcher dieser Mann allein nicht nur die Sprache und das Verständnis der heiligen Schrift um Jahrhunderte vorwärtsgebracht hat, sondern für beides eine Norm darstellt, die so lange dauern wird als die deutsche Sprache und der deutsche Verstand. Luther war im Herzen ein bescheidener Mann, den nicht Selbstüberhebung, nicht die Eitelkeit, nicht die Neuerungssucht oder gar der moderne, freche Profanverstand, sondern der Kirchenskandal, die Entstellung der evangelischen Lehre, die Korruption der Geistlichkeit, der schamlose Mißbrauch der religiösen Mysterien und Autoritäten zum Protest hintrieb. In Worms, vor Kaiser und Reich, findet der demütige, zur Unterwürfigkeit erzogene Augustinermönch seinen ganzen Mut, erhebt er sich zum vollen Bewußtsein der historischen Bedeutung des Augenblicks und seiner Mission; und wenn ihn dann später, nach Art aller großen Männer und Propheten, die Momente des Kleinmuts, die bescheidenen Zweifel an seiner persönlichen Kraft und Würdigkeit, in einer so erhabenen und unermeßlichen Sache befallen, so richten ihn wieder die sich überall kundgebenden Sympathieen der deutschen Stände empor. Luther hat es wiederholt und mit der Entschiedenheit, mit der Nachdrücklichkeit, welche all seine Worte und Handlungen charakterisieren, ausgesprochen, daß die Gemeinde der Ursprung aller Rechte der Kirche, auch der dem Staate übertragenen sei; aber er war darum keinmal ein Wühler, Demagoge oder gar ein Rebell, und ebensowenig haben wir in ihm nach Marheinekes Philipp Konrad Marheineke (1780 – 1846) in seiner »Geschichte der deutschen Reformation«. Anleitung einen Rationalisten im modernen Genre, d. h. einen Lichtparsen, einen Denkgläubigen zu ersehn. Luther sah vielmehr das kommende Unwesen einer Vergötterung der Schulvernünftigkeit, der hohlen Nichtsgläubigkeit voraus. Es stellten sich schon zu Anfange der Reformation die Vorwehen ihrer garstigen Nachgeburt, die kommenden Säkularisationen aller Mysterien des sittlichen Daseins und die Protestationen ins infinitum ein. Luther aber geißelte rücksichtslos und mit Mutterwitz den Mißverstand, die falsche Konsequenzenmacherei, die Verfratzung seines heiligen Werkes und seiner Intention, die ebensoweit von Schwärmerei und von rationalistischer Nüchternheit und flacher Aufklärerei entfernt war. Luthers Verhältnis zu den hervorragenden »Aposteln des Subjektivismus«, die von ihm »Schwarmgeister« genannt wurden, zu dem Doktor Karlstadt und zu Thomas Münzer wird von Guericke Heinrich Ernst Ferdinand Guericke , bedeutender altlutherischer Theolog (1803 – 78). in seiner »Geschichte der Reformation« (Schindler, Berlin 1855) in folgenden Zügen geschildert: »Überhaupt raschen, hitzigen und dabei unlenksamen Geistes, ein Gefühlsmensch ohne das Bedürfnis und die Fähigkeit recht klarer objektiver Erkenntnis, hatte Karlstadt auf der Höhe so günstiger Erfolge des Reformationswerks zu schwindeln begonnen und gewährt nun, eine bisherige Richtung der Reformation einseitig in sich festhaltend, ein Bild dessen, was (wenn auch großartiger und erhebender) auch aus Luther hätte werden können, wäre nicht die Wartburger Ausklärung erfolgt. Bald fing auch Thomas Münzer an, auf die Reformatoren heftig zu schelten, daß sie auf den Buchstaben des Gesetzes nach pharisäischer Weise verwiesen, daß sie durch ihr äußerlich buchstäbliches Wesen ein neues Papsttum einführten, daß die durch sie gesammelten Gemeinden nicht rein und heilig seien u. s. w...« Luthern mußte diese neue augenscheinliche Erfahrung von der Trüglichkeit des eignen Geistes bei aller etwaigen Erleuchtung, sobald er von der normativen, objektiven Autorität des göttlichen Wortes und sodann der geschichtlichen Kirche ganz zu einem subjektiven Prinzip sich hingewandt, auf dem neubetretenen Wege seiner innern Entwicklung nur immer kräftiger fördern... Über Ursprung, Wesen und Gefährlichkeit dieser Richtung äußert er: »So gerieten sie auf das Geschrei: Geist, Geist! Der Geist muß es tun, der Buchstabe tötet!... Da doch in Wahrheit das äußerliche Wort dazu dienet, daß man zum Glauben komme und den Geist empfahe! ... Denn der heilige Geist hat ja seine Weisheit und Rat und alle Geheimnisse in das Wort gefasset und in der Schrift offenbaret, daß sich niemand zu entschuldigen noch etwas anderes zu forschen und zu suchen hat... Es sind bereits Rottengeister vorhanden und werden noch mehr kommen, die sehr klug sein und scharf disputieren und die Osterhistoria zuschanden machen werden, daß wir darüber diese Person werden verlieren. Sie werden Christum predigen wie einen andern Propheten und mit eitel Geisterei umgehen und sagen: Geist, Geist! Damit werden sie diesen Artikel verdunkeln und es also machen, daß wir diese Osterhistoria verachten und mit der Historia diese hohe Person Christi verlieren werden – Und wird noch dazu kommen, daß sie Christum nicht werden für Gott halten und für einer Jungfrau Sohn.« – Wie im dogmatischen Streit, so widerlegte Luther auch im politischen die auf subjektive Willkür begründeten Bestrebungen. Selbst dem Kurfürsten, seinem Landesherrn, der ihn mit Gewalt gegen den Kaiser beschützen will, rät er an: »Vor den Menschen soll Eure kurfürstlichen Gnaden sich also halten, nämlich der Obrigkeit, als ein Kurfürst, gehorsam seyn und kaiserliche Majestät lassen walten in Eurer kurfürstlichen Gnaden Städten und Ländern, an Leib und Gut, wie sich gebühret nach Reichsordnung, und ja nicht wehren noch widersetzen noch Widersatz oder irgend ein Hindernis begehren der Gewalt, ob sie mich fahen oder töten Will. Denn die Gewalt soll niemand brechen noch widerstehn denn allein der, der sie eingesetzt hat; sonst ist's Empörung und wider Gott.« – Als die empörten Erfurter ihm ihre parlamentierenden Artikel zur Begutachtung senden, in denen sie die Konzessionen zusammengefaßt haben, die sie begehren, schreibt er ihnen: » Item , ein Artikul ist ausgelassen, daß ein ehrbar Rat nichts möcht tun, keine Macht habe, ihm nichts vertraut werde, sondern sitze da wie ein Götze und Zapfen und lasse ihm vorkäuen von der Gemeinde wie einem Kinde, und regiere also mit gebundenen Händen und Füßen. Und daß der Wagen die Pferde führe und die Pferde den Fuhrmann zäumen und treiben, so wird's dann sein gehen nach dem löblichen Vorbild dieser Artikuln.« – Kurz vor seinem Tode, zum letztenmal auf der Wittenberger Kanzel, predigte Luther: »Bisher habt ihr das rechte wahrhaftige Wort gehört, nun sehet euch vor, vor euren eigenen Gedanken und Klugheit. Der Teufel wird das Licht der Vernunft anzünden und euch bringen vom Glauben, wie den Wiedertäufern und Sakramentschwärmern (den Reformierten) geschehen ist. Ich sehe vor Augen, wenn uns Gott nicht wird geben treue Prediger und Kirchendiener, so wird der Teufel durch die Rottengeister unsere Kirche zerreißen.« *   *   * Luther wollte kein Päpstler und doch ein an die Kirche und an ihre Autoritäten gebundener Christ sein. Er widerstrebte der persönlichen Willkür nicht nur an dem Oberhaupt der Kirche, sondern an seinem eignen Selbst. Er rehabilitierte den gesunden Verstand und die sittliche Selbsttätigkeit des Menschen, aber nicht auf Unkosten des unergründlichen Gottesgewissens, des christlichen Glaubens und einer Übernatur, die sich im Wundergefühl des Menschen bekundet, und durch welche das Natürliche seinen Gegenpol erhält. Luther war kein Schwärmer, kein faselnder Mystiker und gleichwohl kein denkfrecher Rationalist. Wir kennen seinen Lieblingsspruch: »Trink', was klar ist, sprich, was wahr ist.« Er liebte Freimut und Entschiedenheit, aber er war so wenig ein lichtfreundlicher Theolog im modernen Sinn als ein Finsterling und ein Pfaff. Er liebte und brachte Licht in die Welt, aber nicht mit der Art und Miene, als wenn das Gottesdunkel überflüssig wär'. Luther war ein bibelfester und schriftinspirierter Mann; nur heilige Begeisterung und Gottesgewissen konnten einem Manne, der kein sprachgelehrter Theologe war, ein solches Wunderwerk gelingen lassen, als Luthers Bibelübersetzung ist, die sich, weil sie ganz und gar aus Begeisterung erwuchs, wie ein Originalwerk liest, an welchem uns ebensosehr der Kern der deutschen Sprache erbaut als der Genius unbegreiflich bleibt, mit welchem der Sinn der heiligen Schriften eines ganz anders gearteten Volkes im ganzen wie im einzelnen so getroffen ist. Wie klar und tief, wie rund und markig, wie edel und charaktervoll, wie derb und nobel zugleich, wie deutsch und jüdisch, wie gottesdunkel und verständig, licht und leicht, wie naiv herzenseinfältig und wie gewissensschwer hat dieser deutscheste und unvergleichlichste der Männer jene ewiggültigen, ingottlichen Schriftwerke übersetzt und in seinen Sonderverstand abgefangen! Wie ist doch diese Person Luthers zugleich die unerschöpfliche Norm für die männliche, die nordische, die deutsche Christlichkeit und Religiosität! Wie seine Bibelübersetzung, so ist der Mann selbst. So verständig und gemütstief wie er, der herrliche Stifter unsrer Konfession, so herzig und grundvernünftig, so bar und ehrlich, so anmutig und energisch, so gläubig und so weltlich gescheut, so rüstig und so gottergeben, wie er in seinem ganzen Wesen und Wirken war, so sollen wir alle sein, so können wir annäherungsweise sein; ohne schwächliche Frömmelei und ohne gottlosen Profansinn, ohne Schwärmerei und ohne Nüchternheit, maßvoll und doch voll tiefer Kraft! Luther war kein Mann der Extreme und kein Schaukler, welcher Dinge ins Gleichgewicht setzen wollte, die kein Gleichgewicht leiden. Luther war kein exzentrischer Charakter, er hielt sich und seine Fakultäten im Maße, aber diese selbst waren Charakterenergieen, die gleichwohl einem tiefsten Gewissen gehorsamten und Blitze zückten, wo es ein Donnerwetter galt, welches die Luft reinigen sollte. Es ist eine Schande für Protestanten, wenn sie fragen, wie man denn sein soll, wenn man weder asketisch noch weltlich, weder orthodox noch modern, weder natürlich noch übernatürlich oder gar widernatürlich, wenn man weder bekehrungssüchtig und fanatisch noch indifferent, wenn man nicht einmal mittelmäßig oder antik-harmonisch und humanistisch sein soll. Stellt euch unsern Glaubenshelden, unsern deutschen, edeln, herzigen, grundgescheuten, tiefen, kräftigen Luther vor, leset seinen Katechismus, sein Leben, seine Schriften, und dann fragt euch selbst, wie ein frommer Mensch, ein Christ und ein deutscher Mann sein muß und sein kann! Demonstrieren, definieren kann man das Wunder der Heiligkeit, der Wahrhaftigkeit, der Güte, des Maßes nicht; aber desto besser kann man es ins Werk richten, wenn man ein Christ, ein deutscher Ehrenmann, wenn man eine Person und kein Literaturnarr in Folio ist. Wie der Mensch die Idee und die Wirklichkeit, wie er Geist und Natur im Gemüte zu einer dritten Potenz ineinsbilden kann, hat uns Luther in seinem Leben und seiner Lehre dargetan. Ein heiles reines Hemde, ein eignes Bett, ganze Schuhe und Strümpfe, der erste selbstverdiente Rock, das sind für arme Arbeits- und Dienstleute die Objekte, auf denen ihre Existenz beruht, die also auch eine sittliche Bedeutung erhalten. Die körperliche Bekleidung, die Leibwäsche gehört im Volke schlechtweg zum sittlichen Lebenselement, wie Licht und Luft oder Speise und Trank zu den Bedingungen des Physischen Seins. Die gebildeten und bemittelten Stände haben gar keine Vorstellung davon, was dem Dienstboten, dem armseligen Arbeiter die Kleider, was ihm Hemde, Mantel und Schuhe zu bedeuten haben, mit welchen Augen er diese Gegenstände leiblicher Notdurft und Nahrung ansieht, die er so sauer erwirbt, aber Luther kannte das und hat davon in seinem unsterblichen Katechismus ein Zeugnis abgelegt, indem er unmittelbar hinter dem Dank für »Augen und Ohren und alle Sinne« auch den Dank für »Kleider und Schuhe« ausspricht. In solchen Zügen von Menschenkenntnis, in der Mitleidenschaft für den Nebenmenschen und die geringste Kreatur, in dem richtigen Auffassen der großen Grundzüge des Erdendaseins, der sittlichen und leiblichen Existenzbedingungen des Menschengeschlechts, in den richtigen Betonungen des sittlichen Lebens, im Herausfühlen der natürlichen Pulse gleichwie der übernatürlichen Elemente beim Volke, da zeigt sich der Genius, der Prophet, jeder große Mensch und Mann. Luther und Karl der Große, Moses, Buddha und Zoroaster charakterisieren sich durch einen und denselben Gottes- und Weltinstinkt, durch sittlichen und vollbeseelten, divinatorischen, konkreten Verstand, durch einen immanenten Geist, der die irdischen Dinge, und einen transzendenten Geist, der die übersinnlichen Dinge begreift. Die Probleme, mit welchen sich Moses und Konfutse beschäftigten, sind neben der Religion und Sitte zugleich die der heutigen Politik und Staatsökonomie. Aber worin findet das Wunder dieser Genien der Kulturgeschichte und ihrer Taten seine Erklärung und Realität? Worin anders als darin, daß die alten Propheten und Helden Herz und Mutterwitz besaßen, daß sie Charaktermenschen, Gemütsmenschen, daß sie Personen waren? Unsre modernen Reformatoren und Kulturheroen begnügen und ambitionieren sich dagegen, Kulturphantome, Schematiker, Mechaniker, Stilkünstlsr und persönliche Paradigmen zu sein, nach welchen man die moderne Lebens- und Bildungsgrammatik konjugiert. Vom ingottlichen Leben, vom inspirierten Herzen, von der Natur im Menschen selbst wissen die klugen Leute nichts, und die Natur nichts von ihnen! Man muß sich ein paar Aussprüche von Luther vergegenwärtigen, um sogleich den ganzen Mann vor sich zu haben. Denn nie drückte sich das Wesen und die Art eines Mannes so vollkommen in seinen Worten aus: sie gehören zu ihm wie zur Seele der Leib. Zu dem Ende gebe ich hier ein paar Stellen aus dem unermeßlichen Reichtum seiner Schriften, die an Gehalt und Geist die Arbeiten aller seiner Zeitgenossen überragen. Dabei hatte dieser von der Weltgeschichte geprüfte Mann schwere körperliche Leiden zu ertragen. Er konnte zuletzt auf dem einen Auge nicht mehr sehen und schildert im Januar 1546 seinen Zustand in einem Briefe folgendermaßen: »Ich alter, abgelebter, fauler, müder, kalter und nun auch einäugiger Mann hoffte doch nun ein wenig Ruhe zu haben, so werde ich aber dermaßen überhäuft mit Schreiben, Reden, Tun und Handeln, als ob ich nie etwas gehandelt, geschrieben, geredt oder getan hätte. Ich bin der Welt satt und die Welt meiner, wir sind also leicht zu scheiden, wie ein Gast, der die Herberg quittiert. Darum bitte ich um ein gnädiges Stündlein und begehre des Wesens nicht mehr.« Die folgenden Aussprüche Luthers über das Wesen der Sünde gehören insofern recht eigentlich hieher, weil sie den deutschen Verstand charakterisieren, der für alle einzelne Erscheinungen, also auch für die Handlungen ein Grundprinzip aufsucht. Man weiß nicht, ob man in dieser Theorie von der Sünde mehr den Tiefsinn oder den körnigten Verstand und Mutterwitz bewundern soll. Auch ersteht man, was Luther von der »Person« gehalten hat. »Wenn die in uns wohnende Sünde nicht wäre, so wäre auch keine wirkliche Sünde; diese Sünde wird nicht getan wie alle andern Sünden, sondern sie ist, sie lebt und tut alle Sünden, sie sündigt nicht eine Stunde oder Zeit lang, sondern wo und wie lang die Person ist, da ist die Sünde auch. Es tut's nicht, solange man außen wehrt, bessert und heilt; inwendig bleibt doch Stamm, Wurzel und Quelle des Bösen; es muß vor allen Dingen die Quelle gestopft und dem Baum die Wurzel genommen werden, sonst bricht und reißt es aus an zehn Orten, wenn du an einem stopfst und wehrst. Aus dem Grunde muß es geheilt sein, sonst magst du ewig daran verstreichen und zuschmieren mit Salbe und Pflaster, es eitert und schwiert doch immer wieder fort und wird nur ärger Sünde, mag auch mit keinem Gesetz und keiner Strafe Vertrieben werden, wenn gleich tausend Höllen wären, sondern allein die Gnade Gottes muß sie ausfegen, welche die Natur arm und neu macht.« – »Darum sind die zwei Sprüche wahr: Gute fromme Werke machen niemals einen guten frommen Mann, sondern ein guter frommer Mann macht gute Werke. Böse Werke machen niemals einen bösen Mann, sondern ein böser Mann macht böse Werke ; also daß immerhin die Person zuvor muß gut und fromm sein vor allen guten Werken, und gute Werke folgen und gehen aus von der frommen und guten Person. Nun ist's offenbar, daß die Früchte tragen nicht den Baum, auch wachsen die Bäume nicht auf den Früchten, sondern wieder die Bäume tragen die Früchte, und die Früchte wachsen auf den Bäumen. Wie nun die Bäume müssen früher sein als die Früchte, und die Früchte machen nicht die Bäume, weder gut noch böse, sondern die Bäume machen die Früchte, so muß der Mensch in der Person zuvor gut und böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut, und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er macht gute oder böse Werke.« – »Ich halte den Gebrauch, wenn ich auf die Kanzel komme, so sehe ich mich um, was für Leute dasitzen, und weil die meisten einfache Leute sein, so predige ich ihnen, was ich denke, daß sie es verstehen können. Ihr aber stieget allzu hoch im Geist, daher schicken sich eure Predigten für Gelehrte, aber unsere Leute können euch nicht verstehen. Darum gehe ich mit den Leuten um wie eine herzliche Mutter mit ihrem weinenden Kinde, dem sie die Brüste, so gut sie kann, in den Mund gibt und mit ihrer Milch tränkt, welche immer besser schmeckt und bekommt, als wenn sie ihm den köstlichen Zucker und niedlichsten Saft aus der Apotheke reichte.« *   *   * Ich kann meine Andeutungen nicht besser schließen als mit den Worten des Königsberger Professors Lehmann, meines lieben Lehrers. Er sagt in seiner wenig bekannt gewordenen Reformationsschrift: »Ich gebe für den Gang Luthers nach Worms und für seinen Stand in Worms die halbe griechische Philosophie, den ganzen Marsch Alexanders nach Indien, nur besinnen muß ich mich, ob auch den Römer Regulus. Der römische Feldherr M. Ätilius Regulus , der im ersten Punischen Kriege von den Karthagern gefangen genommen und im Jahrs 250 v. Chr. nach Rom geschickt wurde, um den Frieden zu erwirken, kehrte lieber seinem Schwure gemäß in die Gefangenschaft zurück, als daß er seinem Vaterlande zu einem ungünstigen Frieden riet.] »Wenn solch ein Mut auf Universitäten den Vorsitz hat, in Behörden richtet, von den Kanzeln predigt und in den Schulen lehrt, dann muß dem Himmel bange werden, es könne ihm die Erde zu nahe kommen. »Mit jungen Leidenschaften für eine schöne Welt ausgestattet sein und doch alles von sich werfen, was die Menschen gewöhnlich lieb haben; sich auf die Bajonette allgemeiner Vorurteile stürzen und doch selbst geboren sein in diesen Vorurteilen und sie mit der Muttermilch eingesogen haben; Recht und Wahrheit aus dem Himmel holen und doch auf Erden wenig Raum haben, wohin man sie pflanzen könnte; die Religion des kultiviertesten Weltteils, eine Religion von fünfzehn Jahrhunderten, und ihre dogmatischen Überwucherungen auf die heilige Schrift zurückführen und selbst ein untergeordneter Geistlicher, ein schutzloser Privatmann sein; die Menschen in ihren Schwächen, ihren Lieblingslastern angreifen, daß sie mit allen Legionen des Hasses auf uns losgehen, und nur geschützt sein von solchen, die, wenn wir niedergeschlagen sind, selbst auf uns fallen mit der Rüstung, welche wir ihnen liehen; nichts Ungewisseres haben, als das Gelingen und den Dank, aber nichts Gewisseres als einen Scheiterhaufen, der noch dazu für ein Gottesgericht gehalten wird; und dies alles unternehmen, dies alles bestehn in der Furcht eines Menschen aus Fleisch und Bein und doch mit dem Herzen eines ganzen Heeres, mit einem Herzen, welches seine Kräfte aus dem Himmel bezieht: das ist ein Mut, den Wohl schwerlich ein bloßer Kanonenmut aufwiegen kann. »Wo keine Lebenslust ist, da ist keine Furcht, da gibt es keinen Mut. Aller wahre Mut stammt vom Himmel und sitzt auf einer wahren Furcht, auf einer Gottesfurcht; oder er ist nur der Mut eines Ebers. Man soll also den Mut schätzen nach den Schrecken des Todes, nach der Größe der Furcht.« B. Jakob Böhme, der theosophus teutonicus . Um die Genesis, den Inhalt und die Geschichte des deutschen Gemüts zu begreifen, muß man die deutschen Mystiker, muß man vor allen Dingen unsern Jakob Böhme, den Schuster von Görlitz, den philophus teutonicus , studieren. In dieser ältesten und deutschesten Philosophie tritt uns das Ringen einer von allen Mysterien der Natur wie der Gottheit erfüllten Seele mit einem ungelehrten und doch energischen Verstande in einer solchen Kraft, mit einem solchen Herzenswitz entgegen, daß man die barbarische Ausdrucksweise nicht nur vergißt, sondern sie als einen symbolisierenden und evolutionierenden Wunderverstand, als eine Eruption des himmlischen Gewissens, als einen Gottesschrei, als eine neue Sprache empfindet, in welcher die Grenzen der Sprache wie des Verstandes überwunden worden sind. In dieser ersten deutschen Philosophie geschieht es, daß sich wieder die Elemente und Kräfte zusammentrauen wollen, welche der Schulwitz bis zum heutigen Tage auseinandergehalten hat; daß sich die Naturseele in den Verstand ergießt, der beseelte und ingottliche Verstand sich zu einem Herzenswitz konzentriert und aus den Kämpfen der natürlichen Sinnenempfindungen mit dem übernatürlichen Gewissen sich ein Gemütsmysterium, eine Geschichte der Seele wie des Geistes konstituiert, in welcher Himmel und Hölle, Himmel und Erde ihre reellen Kommanditen gewinnen. Jakob Böhmes Philosophieren ist kein bloßes Denken, es ist ein Prozessieren, ein reellstes Haben und Sein des natürlichen und übernatürlichen Lebens, eine Inkarnation aller Gemütsmysterien und Kämpfe des Menschengeschlechts. Es ergreift an Böhme aufs tiefste, wie er in der angestammten Naturliebe des Deutschen aus allen Kräften des Herzens und des Verstandes bestrebt ist, daß er die heilige Dreifaltigkeit als die Wesenheit, Kraft und Bedeutung der ganzen Natur aufzeige; und zu diesem Riesenprozeß einer poetischen Naturliebe mit dem der Natur feindlich gesonnenen Christentum kommt noch der eingegeistete Drang des Protestanten: aus der Sinnlichkeit und Phantasie heraus- und in den Verstand, ja in die förmliche Gedankenfassung hineinzukommen; während die Begriffe sich weder von den sinnlichen Stoffen und Prozessen noch von den Bildern losringen können. Jakob Böhme, der Protestant, will Leben sprechen; er will das Unsagbare seiner tiefsten Herzensprozesse, seiner Himmel- und Höllenfahrten, seiner Herzensenergieen, seiner Seelenprozesse und Träume in Begriffe und Worte abfangen; daher traktiert er in seiner Verzweiflung Stoffe wie Begriffe und Begriffe wie Stoffe; und doch reißt dieser redlichste, dieser tiefste, geistgewaltigste aller Menschenkämpfe dergestalt den verwandten Geist fort, daß er tiefer durch die stammelnde barbarische Sprache und Methode des Theosophen ergriffen und entzündet wird als durch die scharfgeschliffene Dialektik der Schule und den korrektesten modernen Stil. Wenn es irgend einen tiefsinnigen Gedanken, eine Fühlung gibt, die bis in die innerste Wesenheit des Geschöpfes wie des Schöpfers reicht, so ist es die Auffassung Böhmes von dem Bösen und dem Zorne Gottes in der »Aurora«. »Aurora oder die Morgenröte im Aufgange« (1612). Gott Vater ist ihm das Allgemeine, Unbestimmte (das göttlich Indifferente oder Negative, die himmlische Disposition, welche dem wirklichen Schaffen zur Grundlage dient). Soll diese göttliche Gebärmutter sich befruchten, soll aus der ideellen Möglichkeit eine bestimmteste Schöpfung, die Kreatur, hervorgehen, so muß sich der Vater aus seiner Allgemeinheit auf einen Punkt konzentrieren; er muß »das Herbe, Saure«, Zusammenziehende werden – ein göttliches »Ichts«, um ein Menschen-Ichts (nach der Analogie von »nichts«) zu schaffen. Gott schafft also den Menschen nicht nur in Liebe und Lösung, sondern auch in Zusammenziehung und Geistesenge, in göttlichem Zorn; das ist der Grund der Selbstsucht, der Herzens- und Verstandesenge, des Bösen im Menschen. Im Akte des Schaffens erfaßt sich aber der göttliche Zorn, d. h. die göttliche Herbigkeit und »Grimmigkeit« nicht für den Zorn, sondern für die Liebe. Wenn aber die Herbigkeit der Kreatur den göttlichen Zorn entzündet, ihn also potenziiert, so kommt's zum wirklichen Zorn als solchem; d. h. nicht zum schöpferischen Zorn, zur schöpferischen Herbigkeit. sondern zum Blitz, zum vernichtenden Zorn (der sich selbst Zweck ist), also zur Strafe. Der Blitz ist noch mit Schmerz verbunden, das Licht aber ist das sich Verständigende. In dem Gebrauch der Worte bei Böhme wird erst die merkwürdigste Eigenschaft der deutschen Sprache und Philosophie klar; nämlich die Elastizität und Flüssigkeit, die Versatilität der Begriffe, je nach der Grundintention, und wie die Worte den Wandlungen der Begriffe folgen. Der Mystik, d. h. der echten Spekulation, kann keine Formel naiver vorkommen als das »a–a« der abstrakten Verstandesreflexion. Ein a , d.h. ein Ding, das sich absolut selbst gleich ist, muß ein Abstraktum, eine Negativität, eine machtlose, tote Existenz sein. Ein »a–a« ist entweder Gott oder ein nonens , Lateinisch: Nichtseiendes. weil es, als sich absolut selber gleiche Kraft und Wesenheit, weder mit der Welt noch mit Gott korrespondieren kann. Denn jede Korrespondenz, jedes Beziehungsleben ist nur so möglich, daß ein Ding oder ein Ich fort und fort vom allgemeinen Leben absorbiert und in integrum Lateinisch: in den vorigen Stand. restituiert wird. Der ganze Inhalt, das Wesen und der nächste Zweck der Spekulation, der spekulierenden Vernunft besteht aber darin, zu erkennen, wie die Einheit eine Vielheit und die Vielheit eine Einheit ist, daß die Dinge nicht nur dies oder das, sondern daß sie zugleich dies und das, so und so sind. Jakob Böhmes, des Mystikers, Theosophie dreht sich, wie gesagt, um die himmlische Dreifaltigkeit in der ganzen Natur, um die Eins in der Drei und um die Drei in der Eins. Dieser Lausitzer Schuster erfaßt mit der äußersten Nachdrücklichkeit die himmlische Zweideutigkeit und Vieldeutigkeit aller Dinge; wie Hegel sagt, die Wesenheit des Begriffs, das heißt seine Gegensätzlichkeit (und zwar ohne die Form des Gedankens, ohne die Methode der Dialektik), die Negativität Gottes in seiner Positivität; und diese Negativität ist ihm das »Ichts«, das »für sich sein«, weil durch dasselbe das Allgemeine verleugnet wird. Aus dem ersten Ichts ging Luzifer hervor, und an seine Stelle kam das zweite Ichts, »der Separator Christus«. Böhme zeigt mit der frappantesten Dialektik die Einheit von Affirmation und Verneinung, wie er es populär nennt: von Ja und Nein in dem einigen Gott. Seine Metaphysik ist in andern Worten das Hegelsche: Sein–Nichts (präziser: Sein–Nichtsein), aus welcher Polarität die Wirklichkeit hervorgeht. Wem im Ernste daran gelegen ist, einen Blick in die Tiefen des deutschen Gemüts, des deutschen Verstandes und Gottesgewissens zu tun, und wer überdies sich eine Anschauung verschaffen will, wie ein ungeschulter Genius, ein Mann aus dem Volke sich die Sprache für seine persönlichsten und doch zugleich so generell menschlichen Denk- und Gefühlsprozesse dienstbar macht, der darf die Mühe nicht scheuen, den hier folgenden halben Bogen durchzuarbeiten, welcher die Essenz der Böhmeschen Theosophie nach Hegels Darstellung und meiner sorgfältig in Anwendung gebrachten Ökonomie enthält. Das Zusammenrücken und Reduzieren der bereits sehr rektifizierten und doch umfangreichen Hegelschen Zusammenfassung hat mir nicht wenig Kopfbrechen gemacht. Das Interesse wird verdoppelt, wenn man verfolgen will, wie hier der tiefsinnigste Naturalist und Autodidakt von einem andern deutschesten Genius reproduziert und in die Schulsprache übersetzt wird, von einem Professor, welcher unendlich mehr als irgend ein anderer Mensch und Philosoph Leben und Denken, Anschauung und Begriff, Natur und Geist, Wesenheit und Form, Wort und Gedanke, die idealen und realen Existenzprozesse ineinsgebildet, die Geschichte der Philosophie reproduziert und in seiner Dialektik ihr Destillat dargestellt hat. *   *   * »Philosophia teutonia Lateinisch: Deutsche Philosophie. hieß schon vor Jakob Böhme der Mystizismus. Jakob Böhme ist der erste deutsche Philosoph; der Inhalt seines Philosophierens ist echt deutsch. Was ihn merkwürdig macht, ist das protestantische Prinzip, die Intellektualwelt in das eigne Gemüt hereinzulegen und in seinem Selbstbewußtsein alles anzuschauen, zu wissen und zu fühlen, was sonst jenseits war. »Die Art und Weise seiner Darstellung muß barbarisch genannt werden; aber er ist ein Mann, der bei seiner rohen Darstellung ein konkretes tiefes Herz besitzt. »Wie Böhme das Leben, die Bewegung des absoluten Wesens ins Gemüt legt, ebenso schaute er alle Begriffe in einer Wirklichkeit (in wirklichen Dingen, z. B. Schwefel, »Markurius«, Merkurius, Quecksilber. »Salitter« [Salpeter] an), oder er gebraucht wirkliche Dinge als Begriffe. »Die Gedankenformen, die er gebraucht, sind keine Gedankenbestimmungen; es sind sinnliche Bestimmungen, so Qualitäten, herbe, süß, bitter, grimmig; oder Empfindungen, Zorn, Liebe; oder Stoffe, Salitter ( sal nitri ), Essenz, Markurius (?). »Was im Himmel vorgeht, hat er in der Gegenwärtigkeit, in seinem Gemüt und bei sich herum. »Er will herauskriegen, wie das Böse im Guten oder der Teufel aus Gott zu begreifen sei; eine Frage der jetzigen Zeit. Weil er aber den Begriff nicht hat, so stellt sich dies als fürchterlicher, schmerzhafter Kampf in dem Manne dar. Es ist ein Kampf seines Gemüts, ein Kampf des Bewußtseins mit der Sprache (die er sich schaffen muß). Der Inhalt ist die tiefste Idee, welche die absolutesten Gegensätze zu vereinigen versucht. »Die Gestalt, die ihm zunächst liegt, ist Christus und die Dreieinigkeit, und dann die chemischen Formen von Merkur, Salitter, Schwefel, Herbes, Saures (?). Wir sehen indem Manne das Ringen, diese Entgegengesetzten in Eins zu bringen und sie zu binden; nicht für die denkende Vernunft; es ist eine ungeheure wilde und rohe [?] Anstrengung des Innern, das zusammenzupacken, was durch seine Gestalt und Form so weit auseinanderliegt. »Wie Prospero bei Shakespeare im ›Sturm‹ Ariel droht, eine wurzelknorrige Eiche zu spalten und ihn 1000 Jahre darin einzuklemmen, so ist Böhmes großer Geist in die harte, knorrige Eiche des Sinnlichen, in die knorrige, harte Verwachsung der Vorstellung eingesperrt. Er kann nicht zur freien Darstellung der Idee gelangen. In der Idee Gottes auch das Negative zu fassen, ihn als absolut zu begreifen, dies ist der Kampf, der so fürchterlich aussieht, weil Böhme in der Gedankenbildung (Dialektik) noch so weit zurück ist; andrerseits erkennt man das tiefe Gemüt, das mit dem Innersten verkehrt und darin seine Macht, seine Kraft exerziert. »Die Grundidee ist bei ihm das Streben, alles in einer absoluten Einheit zu erhalten, die absolute göttliche Einheit und die Vereinigung aller Gegensätze in Gott; sein einziger Gedanke, der durch alles hindurchgeht, ist im allgemeinen die heilige Dreifaltigkeit; in allen Dingen erkennt er ihre Enthüllung und Darstellung, und zwar so, daß alle Dinge diese Dreieinigkeit nicht als eine Vorstellung, sondern als Realität, als die absolute Idee in sich haben. »Ein Hauptgedanke Böhmes ist, daß das Universum ein göttliches Leben und Offenbaren Gottes in allen Dingen ist; näher: daß aus dem einen Wesen Gottes, dem Inbegriff aller Kräfte und Qualitäten, der Sohn ewig geboren wird, der in jenen Kräften leuchtet; die innere Einheit dieses Lichts mit der Substanz der Kräfte ist der Geist. »Das Erste ist Gott der Vater; dies Erste ist zugleich unterschieden in sich und ist die Einheit dieser Beiden. ›Gott ist alles‹, sagt er, ›er ist Finsternis und Licht, Liebe und Zorn, Feuer und Licht; aber er nennt sich allein einen Gott nach dem Lichte seiner Liebe. Es ist ein ewiges Contrarium zwischen Finsternis und Licht; keines ergreift das andere, und ist keines das andere, und ist doch nur ein einiges Wesen, aber mit der »Qual« unterschieden (Qual ist Quelle, Qualität; mit der Qual ist das ausgedrückt, was absolute Negativität heißt, das sich auf sich beziehende Negative, die absolute Affirmation darein) – auch mit dem Willen, und ist doch kein abtrennlich Wesen. Nur ein Prinzipium scheidet das, daß eines im andern als ein Nichts ist, und ist doch, aber nach dessen Eigenschaft, darinnen es ist, nicht offenbar.‹ »Um die Einheit des absolut Verschiedenen dreht sich das ganze Bemühen Böhmes; das Prinzip des Begriffs ist also bei ihm durchaus lebendig, nur kann er's nicht in der Form des Gedankens aussprechen. ›Jenes Einige‹, sagt er, ›ist aber unterschieden durch die Qual, d. h. Qual ist eben die selbstbewußte gefühlte Negativität.‹ Die absolute Identität der Unterschiede ist durchaus bei Böhme vorhanden. »So stellt er nun Gott nicht als die leere Einheit vor, sondern als diese sich selbst teilende Einheit des Entgegengesetzten. »Man sagt: Gott ist die Realität aller Realitäten. Böhme sagt: ›Du mußt deinen Sinn allhier im Geiste erheben und betrachten, wie die ganze Natur mit allen Kräften, dazu die Weite, Tiefe, Höhe, Himmel, Erde und alles, was drinnen ist, und über dem Himmel sei der Leib Gottes; und die Kräfte der Sternen sind die Quelladern in dem natürlichen Leibe Gottes in dieser Welt.‹ »Nicht mußt du aber denken, daß in dem Korpus der Sternen sei die ganze triumphierende, heilige Dreifaltigkeit: Gott Vater, Sohn und heiliger Geist. Aber dies ist nicht also zu verstehen, das Er gar nicht sei in dem Korpus der Sternen und in dieser Welt. Gott ist ein intramundaner und extramundaner Geist; den Dingen immanent und doch transzendent. »Nicht mußt du denken, daß jede Kraft, die im Vater ist, an einem besondern Teil und Ort in dem Vater stehe wie die Sternen am Himmel. Nein! Sondern der Geist zeigt, daß alle Kräfte in dem Vater ineinander sind wie eine Kraft.‹ »Wie das Erste das Quellen und Keimen aller Kräfte und Qualitäten in Böhmes (auf die Natur übertragener) Dreifaltigkeitslehre ist, so ist das Aufgellen das Zweite. »Ein Hauptbegriff, welcher bei ihm unter sehr vielen Gestaltungen und Formen erscheint, ist das zweite Prinzip, das Wort, der ›Separator‹, die Qual, die Offenbarung, überhaupt die ›Ichheit, der Quell aller Scheidung, des Willens und Insichseins‹, das in den Kräften der natürlichen Dinge ist, und indem das Licht darin aufgeht, zur Ruhe zurückgeführt wird. »Gott als das einfache, absolute Wesen ist nicht Gott absolut, in ihm ist nichts zu erkennen. Was wir erkennen, ist etwas andres; eben dies andre ist aber in Gott selbst enthalten als Gottes Anschauen und Erkennen. Von dem Zweiten sagt Böhme, eine Separation habe geschehen müssen in diesem Temperament. ›Denn kein Ding kann ohne Widerwärtigkeit ihnen offenbar werden; denn so es nichts hat, das ihnen widersteht, so geht's immerdar für sich aus und geht nicht wieder in sich ein. So es aber nicht wieder in sich eingeht, als in das, daraus es ist ursprünglich gegangen, so weiß es nichts von seinem »Urstand«.‹ Urstand gebraucht Böhme für Substanz; und es ist schade, daß wir diesen und so manchen andern treffenden Ausdruck nicht gebrauchen dürfen. ›Ohne die Widerwärtigkeit hätte das Leben keine Empfindlichkeit, noch Wollen, Wirken, weder Verstand noch Wissenschaft. Hätte der verborgene Gott, welcher ein einig Wesen und Wille ist, nicht mit seinem Willen aus sich, aus der ewigen Wissenschaft im Temperamento sich in Schädlichkeit des Willens ausgeführet und dieselbe Schiedlichkeit in eine Infaßlichkeit (Identität) zu einem natürlichen und kreatürlichen Leben eingeführt, und daß dieselbe Schiedlichkeit im Leben nicht im Streit stände, wie wollte ihnen der Wille Gottes, der nur einer ist, offenbar sein? Wie mag in einem Einigen Willen eine Erkenntnis seiner selbst sein?‹ »Wir sehen, J. Böhme ist unendlich erhaben über das leere Abstraktum des höchsten Wesens ec. Er sagt: ›Der Anfang aller Wesen ist das Wort, als das Aushauchen Gottes. Mit dem Worte verstehen wir den offenbaren Willen Gottes; mit dem Wort Gott aber den verborgenen Gott, daraus das Wort ewig entspringt. Das Wort (der Sohn) ist der Ausfluß des göttlichen Ein, und doch ist es Gott selber als seine Offenbarung. Das Ausgeflossen ist Weisheit aller Kräfte, Farben, Tugend und Eigenschaften, Anfang und Ursach.‹ »Das Weltall ist nichts andres als eben die kreatürlich gemachte Wesenheit Gottes. »Der Himmel Kräfte arbeiten stets in Bildnissen, Gewächsen und Farben, zu offenbaren den heiligen Gott, auf daß er erkannt werde in allen Dingen. »Der Sohn ist das Herz (das Pulsierende) im Vater. Alle Kräfte, die im Vater sind, sind des Vaters Eigentum. Der Sohn ist das Herz oder der Kern in allen Kräften; er ist aber die Ursache der quellenden Freuden in allen Kräften in dem ganzen Vater. (Das Erste ist der Salitter, das Neutrale.] »›Wie die Sonne das Herz der Sternen ist, bedeutet sie recht den Sohn. (Der Sternen Zirk bedeutet des Vaters mancherlei Kräfte.) Er leuchtet in allen Kräften des Vaters, und seine Kraft ist die bewegliche, quellende Freude in allen Kräften. Denn so der Sohn nicht in dem Vater leuchtete, so wäre der Vater ein finster Tal‹« »Über dieses Aufgehen und Manifestieren hat Böhme denn auch äußerst wichtige Bestimmungen beigebracht. »›Aus solcher Offenbarung der Kräfte, darinnen sich der Wille des ewigen Ein beschaut, fließt der Verstand und die Wissenschaft des Ichts, da sich der ewige Wille im Ichts schauet.‹ (Wortspiel von Nichts, denn es ist eben das Negative; aber Zugleich Gegenteil von Nichts und das Ich des Selbstbewußtseins liegt darin.) »Der Sohn, das Etwas, ist so Ich, Bewußtsein, Selbstbewußtsein; das abstrakt Neutrale ist Gott, das Sichsammeln zum Punkt des Fürsichseins ist Gott. Das andre ist nun das Ebenbild Gottes. ›Dies Ebenbildnis ist das Mysterium magnum , Lateinisch: das große Geheimnis. als der Schöpfer aller Wesen und Kreaturen; denn es ist der Separator.‹ Derselbe ist das Betätigende, sich Unterscheidende; und er nennt ihn (dies Ichts) nun auch den Luzifer, den erstgebornen Sohn Gottes, den kreatürlich erstgebornen Engel. Aber Luzifer ist abgefallen, Christus ist an seine Stelle gekommen. Dieser Luzifer ist abgefallen; denn das Ichts – das Sichselbstwissen, Ichheit (Böhmes Wort) ist das Sichhineinbilden, das Sichhineinimaginieren, das Fürsichsein, das Feuer, das alles in sich hineinzehrt. Dies ist das Negative im Separator, die Qual; oder es ist der Zorn Gottes; dieser Zorn Gottes ist die Hölle und der Teufel, der durch sich selbst sich in sich hineinimaginiert. Das ist sehr kühn und spekulativ. So sucht Böhme aus Gott selbst den Zorn Gottes zu fassen. In der Tat ist hier Böhme in die ganze Tiefe des göttlichen Wesens hineingestiegen; das Böse, die Materie, oder das Ich = Ich, das für sich Sein, dies ist die wahre Negativität. Früher war es das non ens Vgl. S. 236, Anm. 1. das selbst positiv ist, Finsternis; die wahre Negativität ist Ich. Es ist nicht etwas Schlechtes, weil es das Böse genannt wird; im Geiste allein ist das Böse, wie es an sich ist, begriffen. Böhme nennt es denn auch die Selbheit. ›In welchem Dinge des Dinges eigner Wille wohnt, ohne daß in ihm Gottes Wille will, da wohnet der Teufel und alles, was außer Gott ist.‹ Böhme hat den Begriff des Insichseins sehr lebendig und tief, es fehlt ihm aber der Begriff des Fürsichseins, Für-ein Anderes-Sein, und Rücknahme als die andre Seite. »Um das Ichts zu fassen, den Separator, wie er sich aus dem Vater ›empört‹, wirft sich Böhme in vielen Formen herum. Die Qualitäten steigen im großen Salitter auf, bewegen, erheben, ›rügen‹ sich. Er hat da im Vater die Qualität der Herbigkeit; und stellt dann das Hervorgehen des Ichts vor als ein Scharfwerden, Zusammenziehen, als einen Blitz. Dies ist Licht, ist der Luzifer. »Das Fürsichsein, Sichvernehmen, nennt Böhme Zusammenziehen in einen Punkt. Das ist Herbigkeit, Schärfe, Durchdringung, Grimmigkeit; dahin gehört der Zorn Gottes; darin liegt das Böse; hier faßt er das Andere Gottes in Gott selbst. ›Dieser Quell kann angezündet werden durch die Größe, Rügung (Rektifikation?) und Erhebung. Durch die Zusammenziehung wird geformt das kreatürliche Wesen, daß ein himmlisches Korpus gebildet wird. So die Herbigkeit aber durch Erhebung der aus dem Salitter geschaffnen Kreaturen angezündet wird, so ist es eine brennende Quellader des Zornes Gottes.‹ »In den › Quaestonibus theosophicis ‹ gebraucht Böhme besonders auch für den Separator (für den Gegensatz vom verborgnen negativen und vom erscheinenden schaffenden Gott) die Form von Ja und Nein. Er sagt: ›Der Leser soll wissen, daß im Ja und Nein alle Dinge bestehen, es sei göttlich, teuflisch, irdisch oder was genannt werden mag. Das Eine, als das Ja, ist eitel Kraft und Leben und ist die Wahrheit Gottes oder Gott selber. Dieser wäre in sich selber unerkenntlich, und wäre darinnen keine Freude und Erheblichkeit noch Empfindlichkeit ohne das Nein. Das Nein ist ein Gegenwurf des Ja oder Wahrheit [diese Negativität ist das Prinzip alles Wissens und Verstehens] auf daß die Wahrheit offenbar und etwas sei [also das Sein kommt durch das Nichtsein erst zum etwas, zur Wirklichkeit], darinnen ein Kontrarium sei, darinnen die ewige Liebe eine wirkende, empfindliche, wollende Liebe sei. Und können doch nicht sagen, daß das Ja vom Nein abgesondert und zwei Ding' nebeneinander, sondern sie sind nur ein Ding, scheiden sich aber selber in zwei Anfänge und machen zwei Zentra, da ein jedes in sich selber wirket und will. Außer diesen beiden, welche doch in stetem Streite stehen, wären alle Dinge ein Nichts und ständen still ohne Bewegung [die Polarität des Zerebral- und Gangliensystems – positiver und negativer Pol]. »›Wenn der ewige Wille nicht selber aus sich ausflösse und führte sich in Annehmlichkeit ein [wenn er sich nicht im Andern seiner selbst gefiele], so wäre kein Gestaltnis noch Unterschiedlichkeit, sondern es wären alle Kräfte nur eine Kraft. So möchte auch kein Verständnis sein, denn die Verständnis urständet (hat ihre Substanz [Urgrund]) in der Unterschiedlichkeit der Vielheit, da eine Eigenschaft die andre stehet, probieret und will. Der ausgelass'ne Wille [Gottes] will die Ungleichheit, auf daß er vor der Gleichheit unterschieden und sein eigen Etwas sei, auf daß etwas sei, daß das ewige Sehen sehe und empfinde. »›Und aus dem eignen Willen entsteht das Nein, denn er führet sich in Eigenheit als in Annehmlichkeit seiner selber. Er will etwas sein und gleichet sich nicht mit der Einheit; denn die Einheit ist ein ausfließend Ja, welches ewig also im Hauchen seiner selbst stehet; und ist eine Unempfindlichst, denn sie hat nichts, darinnen sie sich möge empfinden, als nur in der Annehmlichkeit des abgewichenen Willens, als in dem Nein, welches ein Gegenwurf ist des Ja, darinnen das Ja offenbar wird, und darinnen es etwas hat, das es wollen kann (177 Fragen von göttlicher Offenbarung, III, § 2–5, S. 3591–3592). »›Aus diesem ewigen Wirken der Empfindlichkeit ist die sichtbare Welt entsprungen. »›Alle Ding' dieser Welt ist nach dem Gleichnis der Dreifaltigkeit geworden. »›Tue die Augen auf und sieh dich selber an; ein Mensch ist nach dem Gleichnis aus der Kraft Gottes in seiner Dreiheit gemacht. In deinem Herzen, Hirne, Adern hast du deinen Geist; alle diese Kraft bedeutet Gott den Vater. Aus der Kraft empöret (gebäret) sich dein Licht, daß du in derselben Kraft stehest, verstehest und weißt, was du tun sollst –: das ist der Sohn, der in dir geboren wird [dies Licht, dies Sehen, Verstehen ist die zweite Bestimmung, es ist das Verhältnis zu sich selbst]. Aus deinem Lichte gehet aus in dieselbe Kraft, Vernunft, Verstand, Kunst und Weisheit, den ganzen Leib zu regieren und auch alles, was außer dem Leibe ist, zu unterscheiden. Und dieses beides ist in deinem Regiment des Gemüts ein Ding, dein Geist; und das bedeut' Gott, den heiligen Geist. Und der heilige Geist aus Gott herrschet auch in diesem Geiste in dir [in ihm], bist du ein Kind des Lichts und nicht der Finsternis.‹ »Dies sind nun die Hauptgedanken des Böhm. – Seine tiefen Gedanken sind a.) das Erzeugtwerden des Lichts, Sohns Gottes aus den Qualitäten (lebendigste Dialektik); d) die diremtion Trennung. seiner selbst. Er faßt die Gegensätze auf das härteste, roheste, läßt sich aber durch ihre Sprödigkeit nicht abhalten, die Einheit zu setzen. Diese Tiefe, roh und barbarisch, ist ohne Begriff, eine Gegenwart (eine Wirklichkeit), ein Aussichselbstsprechen, alles in sich selbst Haben und Wissen. Zu erwähnen ist noch sein frommes Wesen, das Erbauliche, der Weg der Seele in seinen Schriften; dies ist im höchsten Grade innig und tief.« C. Friedrich der Große und Napoleon. Friedrich II. liebte den französischen Verstand, aber nicht den französischen Willen.« Hippels Lebensläufe . »Lebensläufe nach aufsteigender Linie«, Berlin 1778 – 81, 3 Bände. Vgl. S. 20, Anm. 3. Thomas Carlyle sagt in seiner »Geschichte Friedrichs des Zweiten« (Berlin, Decker, 1858): »Friedrich ist mit Nichten der Halbgötter einer ec.« – »Aber da ist ein Zug an ihm – nämlich, daß er in seiner Art eine Realität ist; daß er stets meint, was er spricht; auch seine Handlungen auf das, was er als Wahrheit erkennt, begründet und gar nichts vom Scheinmenschen an sich hat; wovon einige Leser zugeben werden, daß es ein äußerst seltenes Phänomen ist.« – »Wir nehmen wahr, daß Friedrich nie versucht hat, nach Schwindlerart mit den Tatsachen umzuspringen.« – – »Er hat wohl gewußt, wie unerbittlich die Natur der Tatsachen ist, wie vergeblich ihnen gegenüber alle List der Diplomatie und Sophisterei.« »Wie dieser Mann – ein König – es dahin brachte, nicht ein Lügner und Charlatan zu sein (wie sein Jahrhundert es war), verdient von Menschen und Königen beachtet zu werden.« Die Intentionen und Fühlungen Carlyles sind so genial wie seine Formen ungeheuerlich und geschmacklos; mit seinem ehrlichen Instinkt hat aber der englische Autor den Lebenspunkt an Friedrich herausgefühlt. »Wenn ich in mich selbst einkehre« (schreibt Friedrich der Große an seine Schwester, die Markgräfin von Bayreuth), »so finde ich nichts als ein armes Individuum, zusammengesetzt aus einer Mischung von Gutem und Bösem, oft sehr unzufrieden mit sich selbst, und das gern mehr Verdienste haben möchte, als es hat; geschaffen, um als Privatmann zu leben; gezwungen, zu repräsentieren; Philosoph aus Neigung, Staatsmann aus Pflicht, mit einem Worte ein Mann, der genötigt ist, alles zu sein, was er nicht ist, und der kein anderes Verdienst hat als eine gewissenhaftige Hingebung an seine Pflichten« ec. – »Ich habe geglaubt, daß, da ich König bin, es mir zukomme, königlich zu denken, und ich habe es mir zum Grundsatze gemacht, daß der Ruf eines Fürsten ihm teurer sein müsse als das Leben.« »Ich bin fest entschlossen, mich auf dasjenige aller feindlichen Heere zu stürzen, welches mir am nächsten kommen wird, werde daraus, was da wolle. Ich will den Himmel noch für seine Milde segnen, wenn er mir die Gnade zugesteht, mich mit dem Degen in der Hand untergehen zu lassen.« »Wie kann ein Fürst seinen Staat, den Ruhm seiner Nation, seinen eignen Ruf überleben?« Was für eine willkommene Gelegenheit hätte ein Franzose in solcher Lage gefunden, sich für den ersten Welthelden und Märtyrer mit dem höchsten Pathos zu deklarieren; Friedrich, der deutsche Mann, erklärt sich dagegen für ein armes Individuum, gezwungen, seinem Herzen mit Repräsentationen Gewalt anzutun; aber auch mit einem Gewissen für Ehre und Pflicht und mit dem festen Willen, dieser Mahnung ohne verschwächende Reflexionen und auf die exakteste Weise ein Genüge zu leisten. Heute möchten die Leute auch noch Helden vorstellen, aber mit vollständiger Schulvernünftigkeit, Dialektik, Kritik und Katechismusmoral, ohne Risiko und ohne die Barbarei, welche der »kürzeste Prozeß« mit sich bringt. Friedrich hatte ein weiches Herz und eine ästhetische Bildung; aber er beherzigte die Regel: »Wo Holz gehauen wird, fallen Späne, und wer das Messer will, muß die Schneide wollen.« Für die altväterische Assoziation von Herz und Mutterwitz, von Derbheit und Noblesse, von Langmut und kurzem Prozeß fühlen sich unsere modernen Charaktere zu harmonisch, zu geschmackvoll und distinguiert. Die Weltgeschichte hat allerlei Helden aufzuzeigen, aber sehr wenig solcher, die es ohne alle Ostentation und Hochmütigkeit, ohne Extravaganz und Spektakel, ohne Phantasterei und Eitelkeit gewesen sind, und nur, weil ihnen die Pflicht eine Heldenrolle aufnötigte. Friedrich von Preußen zeigt sich darin als »den Einzigen«, daß er ein Held und doch ein einfacher, herzlicher, der Freundschaft, aller sanften, schönen Genüsse bedürftiger Mensch ist, der sich keinen Augenblick zu einer pathetischen Emphase stimuliert. Friedrich war bei aller Empfänglichkeit und Gewissenhaftigkeit für die Ideen, welche den Menschen über die gemeine Geschäftigkeit, über die Erde und über den sinnlichen Egoismus erheben, ein Preuße, d.h. ein exakter Verstandesmensch, ein Rationalist im edelsten Sinn. Friedrich war bei aller energisch ausgeprägten Persönlichkeit und Originalität nicht nur ein von Herzen bescheidener, sondern unbeschadet seines Heldencharakters ein verschämt-gefühlvoller Mensch, der sein weiches Herz mit Mutterwitz balancierte und zuweilen mit einer harten Verstandeskruste panzerte. Friedrich durchschmerzte die Kluft zwischen dem Idealismus und dem wirklichen Leben und überbrückte sie mit einem Humor, der so lange fortleben wird, als preußische Herzen und Charaktere existieren werden. Die preußischen Charaktere haben außer ihrer Werktüchtigkeit und Herzlichkeit auch das für sich, daß sie bei keinerlei Gelegenheit die Abgeschmacktheit begehn, schön mit sich zu tun. über sich selbst gerührt zu sein und irgend einem persönlichen Schicksal oder Verhältnis eine Wichtigkeit beizumessen, welche der Nebenmensch als eine solche zu respektieren verpflichtet sein solle. Friedrich der Große bewährt seine außerordentliche Urteilskraft und Liebenswürdigkeit auch dann, daß er sich in seinen Kämpfen und unsäglichen Leiden keinen Augenblick zu einem prononcierten Helden und Märtyrer aufkraust; daß er nichts Martialisches affektiert, daß er nicht nur durchaus natürlich und unbefangen bleibt, sondern Verhältnisse, in welchen das Geschick des Vaterlandes auf dem Spiele steht, mit einer Sicherheit, ja mit einer Leichtigkeit und bei Gelegenheit mit einem Humor behandelt, den eben nur ein gutes Gewissen und eine geniale Persönlichkeit gegenüber der Weltgeschichte mit solcher Heiterkeit auszuspielen vermag. Der große König zeigt eine Gleichmütigkeit und Laune, welche den Geschichtsforscher verführen kann, die ungeheuren Proportionen jenes siebenjährigen Kampfes für einen Krieg wie andere Kriege und den Kolossalstil von Friedrichs Heldentum für ein bloßes Feldherrntalent anzusehn. Napoleon war wenig mehr als ein genialischer Feldherr, der sein Glück zu schmieden verstand; Friedrich aber zeigt sich als Staatsmann, als einen Weltweisen und, was mehr sagen will, er ist und bleibt ein guter, ein wahrhaftiger, ein großer Mensch. Man weiß nicht mehr, was man groß nennen soll, wenn die ruhig-heitere, ausdauernd-besonnene, geistesüberlegene, von pathetischer Schwunghaftigkeit und von herzlos-dünkelhafter Nüchternheit oder von affektierter Ironie gleich weit entfernte Weise Friedrichs, mit der er sein ungeheures Geschick zu bezwingen weiß, keine echte Weisheit und Menschengröße ist. Wie kleinlich erscheint gegenüber der natürlichen, der gewissenhaften, pflichtbegeisterten, schmucklosen Persönlichkeit Friedrichs das aufgestelzte Wesen, der deklamatorische, posaunenhafte, Intrigen spinnende und überall gewissenlose Hochmut Napoleons! Und gleichwohl war die Zusammenstellung des Korsen mit dem preußischen Helden ein Vierteljahrhundert hindurch der patriotische Geschmack! Napoleon fordert nicht nur mutig, sondern frech und herzlos sein Schicksal und das der Nationen Europas in die Schranken; und er mißbraucht sein Glück mit dem schnöden Übermute eines Parvenüs, mit der infamen Unbarmherzigkeit und dem kolossalen Egoismus eines Barbaren, der nur sein Ich als Weltgesetz anerkannt haben will; der vor sich selbst, vor der Welt seine Rolle wie eine Schauspielerrolle abspielen muß, da er sich nur durch Ruhmsucht und durch nichts Heiliges, nichts Wahrhaftiges getrieben fühlt. Auf Helena wird der ungeheure Lokomotivführer und Maschinist des politischen Dampfes, der seelenlose Rechenmeister, der sich doch zuletzt verrechnete, weil er Nationen für tote Zahlenmassen und sittliche Mächte für bloße Formeln nahm, erst wieder ein natürlicher Mensch, und die Weltgeschichte wird durch seine Buße und Umwandlung dem Blam Von dem französischen blâme , »lächerlicher Schimpf, Schmach«. entzogen, von einem Mechaniker und Schauspieler zehn Jahre hindurch in europäische Szene gesetzt gewesen zu sein. Carlyle kommt auch auf die Parallele zwischen Friedrich und Napoleon zu sprechen und sagt bei dieser Gelegenheit: »Napoleon überrannte Europa für eine Weile durch ungeheuern Aufwand an Menschen und Munition; aber Napoleon verteidigte niemals ein kleines Preußen sieben Jahre lang gegen ganz Europa durch Sparen und weises Verwenden seiner Leute und seines Pulvers, bis seine Feinde es aufgaben, mit dem Helden fertig zu werden.– –Ihr könnt mit einem sehr dicken Pinsel malen und dabei doch kein großer Maler sein, sagt ein satirischer Freund; das wird in dem Maße klar, wie der Staubwirbel und der Aufruhr der jüngsten Generation sich legt.« Friedrich der Einzige und Luther sind so einzig groß durch die himmlische Ökonomie, mit welcher in ihnen Kraft und Milde, Seele und Verstand, Idealsinn und Mutterwitz, Naturalismus und Schematismus versöhnt sind. Durch Ungeniertheit, Derbheit, Ehrlichkeit, Praxis, Humor und kürzesten Prozeß wirken aber die Sentenzen, die Anekdoten und Charaktere Luthers wie Friedrichs des Großen als eine elementare Macht; und diese Macht ist um so geistbezwingender und liebenswürdiger, als ihr das weichste Herz, der tiefste Gottesglaube und eine Philosophie zum Grunde liegt, die alles Endliche und den bunten Wechsel der Erscheinungen auf eine Kerngestalt, auf eine übersinnliche Welt und ein Absolutes in der Geschichte wie in der Menschenbrust bezieht. In keiner Form, in keinem Dogma, in keiner Art des Handelns, in keiner Methode und Dialektik liegt die absolute Wahrheit; aber die Energie des Herzens und Charakters ist es, welche das Endliche und Relative wie ein Absolutes traktiert und mit dieser absoluten Methode die Welt und das Schicksal bezwingt – und dies tat der König von Preußen, wie es Luther getan. In unserer modernen Bildung bekämpfen sich bereits Jahrzehnte hindurch Materialismus und Ideologie bunt durcheinander, die Sanchos und die Don Quichotes, die Fauste, welche eine Faust in der Tasche machen, und die Kasperle wider Willen, welche der Zeitgeist und oft nur der Zeitungengeist am Drahte regiert; aber an einem Luther, an einem Friedrich, der einem halben Weltteil durch Taten das punctum juris Lateinisch: Rechts(stand)punkt . und den Respekt vor Gesetz und überlegenem Geiste beibringt, an einem Helden, in welchem sich der derbe, solide Volksverstand und die Volksdivination mit den Ideen und dem Schematismus der Schule zur Lebensintegrität versöhnt, fehlt es der Zeit, und darum fehlen ihr auch die organisatorischen Talente. Bauen, konstruieren, organisieren, schaffen, das Schicksal und die Welt bezwingen kann der Mensch nur aus der Harmonie aller Kräfte, aus einem großen Lieben und Glauben, aus einem heilen Leben heraus! *   *   * »Als Napoleon am Tage nach der Krönung mit dem Marineminister Decrès sich vertraulich unterhielt (Decrès hat es mir kurz nachher wiedererzählt), sagte er: ›Ich bin zu spät gekommen. Die Menschen sind zu klug; es gibt nichts Großes mehr zu vollbringen.‹ – ›Wie, Sire, hat Ihre Stellung nicht Glanz genug? Gibt es etwas Größeres als, wenn man als einfacher Artillerieoffizier begonnen, den ersten Thron der Welt einzunehmen?‹ – ›Ja‹, antwortete er, ›ich habe eine schöne Karriere gemacht, ich gebe es zu; aber welch ein Abstand gegen das Altertum! Nehmen Sie Alexander. Als er Asien erobert und sich den Völkern als ein Sohn Jupiters angekündigt, glaubte der ganze Orient daran, nur Olympia, Olympias, die Mutter Alexanders des Großen. die wohl wußte, woran sie war, Aristoteles und einige athenische Gelehrte ausgenommen. Wenn ich aber jetzt erklären wollte, daß ich ein Sohn Gott-Vaters sei, und wenn ich hingehen wollte, um ihm dafür zu danken, so würde jedes Fischweib, das mir begegnete, mich auspfeifen. Die Völker sind heutzutage zu ausgeklärt; es gibt nichts Großes mehr zu vollbringen.‹ Jeder Kommentar zu einer solchen Geschichte ist überflüssig.« ( Denkwürdigkeiten des Marschalls Marmont .) Der Marschall Auguste Frédérik Louis Viesse de Marmont, Herzog von Ragusa (1774–1852). Seine wertvollen » Mémoires « erschienen nach seinem Tode (1856 – 57) in 9 Bänden. Friedrich war ein schämiger Deutscher, der seinen Glauben zuweilen fortspottete, weil er fühlte, daß er ihn nicht solide genug mit seinem Verstande und den Forderungen der Gegenwart versöhnen konnte; während Napoleon keine Ahnung davon hatte, wie absurd ihm das hohle Wortpathos zu Gesichte stand, einem Gesichte aus Eisenguß oder Marmor, dessen Lächeln, wie die Staël Vgl. S. 142, Anm. 2. sagte, durch ein Federwerk hervorgebracht zu werden schien. Napoleon umgab sich im Ernste oder zum Schein mit dem Nimbus eines vom Schicksal erwählten Weltreformators und Trägers der Weltgeschichte, er wollte die Leute und sich selbst in diesen Einbildungen mit einer emphatischen Bulletinstilisation bestärken. Seine Deklamationen bildeten mit seinem fischblütigen Herzen einen garstigen Kontrast; er war ein tyrannischer Mechaniker und ein extemporierender Welterlöser, der sich das Ansehn gab, als werde er alles das zum Lebenstempel hinauswerfen, was denselben bis dahin verunsaubert hatte, während er weder an das Ideale in der Weltgeschichte noch in der Gegenwart oder im Herzen glaubte und in jedem Sinne sich als ein egoistischer Materialist und Mathematiker zeigte, der seine Überlegenheit über die Zeit dem Umstände verdankte, daß kein Fürst und kein Mensch so frech wie er die sittlichen Gewalten leugnete; Napoleon war es, der alle seine Operationen auf einen Mechanismus zu reduzieren verstand. Friedrich der Große kannte diesen Staats-, Militär- und Weltmechanismus so gut wie Napoleon; aber weil er zugleich ein fühlendes Herz im Busen trug, weil er an die sittliche Weltordnung glaubte, menagierte er die Mechanik und den Absolutismus bis auf das Maß, welches seine Zeit und die jedesmalige Lage der Dinge gebot. Weil aber der große Mann das Ideal mit der Wirklichkeit nicht in allen Augenblicken und in allen Formen zu versöhnen verstand, weil er ein Mechaniker und Held, ein Weltweiser und ein Exerziermeister, ein Flötenbläser und ein Kanonenkomponist, ein zärtlicher Freund und ein General war, der seine weichenden Garden mit den Worten ins Feuer trieb: »Wollt ihr Hundsfötter denn ewig leben?«, weil er an einen Gott in den Geschichten und Vätersitten glaubte und doch jeden »nach seiner Façon selig werden« ließ, weil er ein Gewissen von diesem Dualismus seines Glaubens und Wissens, seiner Philosophie und speziellen Lebensaufgabe hatte: darum gab er die Idealform und Heldenerscheinung auf; darum maskierte er seine Gemüts- und Gewissenstiefen mit Witz; darum war er ein Humorist, der praktisch bewiesen hat, daß auch der Mechanismus gelegentlich den Idealismus übertragen könne, und wiewohl er wußte, daß an Gottes Segen alles gelegen sei, so war er doch wieder des Glaubens: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Ohne Goethes »Faust« gelesen zu haben, lebte er dem Diktum nach: »Setz' dir Perücken auf von Millionen Locken, setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist.« Friedrich ließ sich aber trotz dieser nüchternen Selbstkritik aus süßem Morgenschlummer wecken, weil er an dem Glauben von Pflicht und Herrscherwürde festhielt. So ein wunderlich zwiespältiger Humorist war dieser Held mit dem Krückstocke, dieser Weltweise, der auf dem Schlachtfelde weinte und zugleich sein Herz an ein schönes Windspiel hing. Unsere modernen Philosophen, Literaten und Eintagspropheten halten sich dagegen für den Humor zu durchgebildet, zu sittlich-ernst, zu geschmackvoll, zu formverständig, kurz zu großartig und zu distinguiert. Das ist eben die Miserabilität der heutigen seinen Bildung und Erudition, daß sie sich mit einer Harmonie und Integrität, mit einer objektiven Wissenschaft belügt, welche sie gar nicht haben kann. Wer Verstand und Wahrheitsliebe besitzt, fühlt und begreift das Weltschisma, und wem noch ein Rest von Scham und Gewissen geblieben ist, der bildet den Leuten der Literatur oder sich selbst nicht ein, daß er den Weltriß mit deutschem Stil, mit Grimassen, mit Zeitparolen, Gesinnungstüchtigkeiten, Meinungsöffentlichkeiten, mit populären Naturwissenschaften, mit Nationalökonomie aus dem Tintenfaß und dergleichen Komödienspektakel mehr überbrücken kann, überall wimmelt die Welt heute von Gebildeten und Gesinnungstüchtigen, die ganz ruhig die Heldengestalten der Geschichte an sich vorüber lassen, ohne im mindesten von ihrer eignen Duodezpersönlichkeit, Nichtsbedeutenheit und Charakterlosigkeit geniert zu sein. Die alten Propheten, Krieger, Städteerbauer, Welteroberer, Männer von Eisen und Stahl, jene weltewigen Dichter, Denker und Humoristen scheinen einseitige, monströs gebildete Charaktere gewesen zu sein; unsere modernen Helden und Genien sind dagegen Gebildete, d. h. sie verstehen sich auf die Dutzendfaçons, auf Redensarten, Grimassen, Parolen, Literatur und Stil; sie sind keinesweges naturwüchsig, aber um desto literaturwüchsiger, was man allerdings den alten Helden nicht nachrühmen kann. Zur Charakteristik Napoleons. »Schubert Der Astronom Friedrich Theodor Schubert (1758–1825), der, aus Helmstedt gebürtig, in Greifswald die Stadtschule (Gymnasium) besucht und in Petersburg hohe wissenschaftliche Stellungen bekleidet hatte. bewunderte Napoleon und sprach, als wir andern vom Siege und vom Untergang des Verderbers träumten, ganz trocken vor mir aus: ›Sie sehen die Welt und Geschichte mit ganz verkehrten und geblendeten Augen an, lieber Landsmann. Der Starke allein hat auf Erden das Recht, zu herrschen: die meisten Menschen, glauben Sie mir, sind doch nichts als Gesindel, und man muß sich freuen, daß es solche Nimrode als Napoleon einmal wieder auf Erden gibt, Grundwühler und Aufräumer, welche die seit Jahrhunderten aufgetürmten Dreckhaufen auseinanderwerfen. Hier sind Sie auf der rechten Stelle, hier können Sie lernen, wie man auf Dreck treten muß.‹ – Also das hatte der Greifswalder Schubert in Rußland gelernt? Nein, eine große Anlage dazu hatte er gewiß mitgebracht.« Arndts Wanderungen mit Stein »Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn H. K. Fr. vom Stein«, Berlin 1858. Redeschwulst, Phantasterei und prononciertes, theatralisches Pathos gehören zu den schlimmsten Symptomen an allen Menschen, zumal aber an einem Manne, welcher eine Weltstellung einnimmt. Ein so ostensibles Gebaren verrät entweder einen schwachen Verstand oder einen Mangel an einfachem Charakter, an Herz und Gemüt, ganz notwendig aber Unnatur und Versteckspiel mit dem eignen Selbst. Ein Sinn und Verstand wie der Friedrichs des Großen, welcher Dinge und Menschen durchdrungen und sich solchergestalt selbst zu einem Faktor der prozessierenden Geschichten gemacht hat, gewinnt eben dadurch die gleichmäßige harmonische und unhörbare Bewegung der Natur selbst, muß also von Ekstase, Bombast und Spektakel, von sichtbarem Anlauf und Kothurn ebensoweit entfernt sein als von akzentloser Schlaffheit, Indolenz und Monotonie. Eben die Wilden, der Pöbel und die Halbbarbaren, Türken, Tataren, Russen und Korsen charakterisieren sich durch den jähen Wechsel von träumerisch-gedankenlosem Phlegma und von rasender Wut, von zerfahrener Phantasterei, wenn sie einmal in Aktion geraten sind. In solchen Menschen, denen eine gleichmäßige und stetige Mitleidenschaft, eine schöne Sympathie für alle Geschöpfe und Geschichten innewohnt, kann sich schwerlich so viel verhaltenes Gefühl oder so viel Phantasie anstauen, wie zu einer plötzlichen Überschwemmung oder Explosion in der Gestalt von Exzentrizität und pathetischen Manifestationen notwendig ist. Der tägliche und stündliche Verbrauch von Kräften regelt und gestaltet sie vollkommen, macht sie zu unserer zweiten schönen Natur. Nur die Schwäche, die Lüge, die Gefühllosigkeit, die Unnatur wird mit Mechanismus, mit Geräusch, mit einem zu fühlbarern Rhythmus und Kraftaufwand und mit gleichen Entladungen in Szene gesetzt. An Napoleons Taten wie Proklamationen bilden die eben genannten Symptome eine charakteristische Diagnose. Selbst Gregorovius, Der deutsche Geschichtschreiber und Dichter Ferdinand Gregorovius (1821–91). der Verfasser der schönen Schrift über »Korsika« und der Episode »Die Casa Bonaparte zu Ajaccio«, Gregorovius, der Apologet des jungen Helden Napoleon (bis zum Frieden von Campo-Formio), von dem er mit Begeisterung ausruft: »Ein ungewöhnlicher Mensch, ein Halbgott fliegt an uns vorüber, noch unangetastet von der besudelnden Hand des Eigennutzes, bis das schöne Menschenbild nach und nach sich zertrümmert und zu denen gestellt wird, welche gewöhnliche Despoten waren«, sagt an einer andern Stelle ebenso zutreffend und gerecht: »Napoleon war wohl ganz Korse, als er den Herzog von Enghien erschießen ließ; diese Tat war die Tat eines korsischen Banditen und kann erst recht begriffen werden, wenn man weiß, was die Sitte der Blutrache in Korsika erlaubt: nämlich den Mord auch an den unschuldigen Gliedern der feindlichen Sippschaft. Napoleon verleugnete sein korsisches Naturell auch in andern Beziehungen nicht, und so war er auch romantisch, theatralisch, abenteuerlich, wie zum Teil die Korsen sind.« Wenn Napoleon mit seiner stehenden Nüchternheit abwechseln wollte, so fügte er dem theatralischen Kothurn, der abenteuerlichen, aus sibirischem Eise gehauenen Romantik (die auch vor den ägyptischen Pyramiden nicht zerschmolz, weil sie aus stereometrischem Verstande und sinnlicher Phantasterei bestand) die frechste und absurdeste Prahlerei und jenen phantastischen Schwulst, jene unausstehliche deklamatorische Emphase hinzu, welche so grauenhaft mit seiner gefühllosen Mechanik kontrastierte; diese Mechanik war das Rätsel seiner eisernen Willenskraft, seines unwandelbaren Charakters wie seines schlagfertigen Verstandes. Der Inhaber dieser heillosen Lebensart hatte nur eine gewisse Art von Verstand: er faßte blitzschnell das Räderwerk, die Federn, die Gewichte, Ventile und Handhabungen des ganzen Mechanismus, welchen die Geistesträgheit, die Gewohnheit, die Konvenienz, das Vorurteil, die Bequemlichkeit und die Regierungspolitik in das sittliche Leben hineingeschoben haben; und wer sich auf diesen Mechanismus, auf die Apparate des Verstandes versteht, wer auf die Lieblingsleidenschaften, auf die Dummheiten und Schwächen der Menschen spekuliert, wer selbst von Herzenswetterwendigkeiten und von Herzensgefühlen verschont bleibt, weil er keine überschüssige Seele besitzt, die ihn an Konsequenzen und Praktiken hindern könnte, der wird ganz naturnotwendig eben mit diesem einseitigen, seelenlosen und mechanischen Verstande sich die Welt unterwerfen; und Napoleon vollbrachte seine Herrschaft zu einer Zeit, in welcher es der Mehrzahl der europäischen Fürsten nicht nur am Verständnis der Weltlage, sondern auch an Tatkraft und Charakterenergie gefehlt hat. Gregorovius sagt gegen das Ende seiner schönen Skizze: »Wo ist Napoleon? Was blieb von ihm übrig? Ein Name und eine Reliquie, welche ein leicht zu blendendes Volk nun öffentlich anbetet. Wie die verhaltene Leichenfeier Napoleons vom Jahre 1821 erscheint mir das, was nun jenseits des Rheins geschah. Bezieht sich auf die Sendung des Prinzen von Ioinville nach Sankt Helena (1840), um die Leiche Napoleons I. nach Paris zu bringen, wo sie im Dom der Invaliden unter Gepränge beigesetzt wurde. Aber die Toten stehen nicht mehr auf. Nach den Göttern kommen die Gespenster und nach der Welttragödie das Satyrspiel. – Ein Leichengeruch geht durch die Welt, seitdem sie drüben, jenseits des Rheins, einen toten Mann aufgeweckt haben.« Napoleon war wie eine Säure, wie ein chemisches Reagens; er brachte die Unmachten, die Narrheiten und Miseren Europas an den Tag; er zerschrotete mit seiner gefühllosen eisernen Willenskraft und Verstandesmaschinerie die zermürbten Institutionen und Formen der deutschen Staaten. Er war der reine Profanverstand, welcher nur an seinen eignen Witz und Willen glaubt und an keine übernatürliche Macht, an keinen innern Zusammenhang in Kraft der Idee. Der Profanverstand des Korsen verhöhnte die Deutschen als Träumer und Ideologen; für diesen ungraziösen Obermechaniker und »Poeten der Tat« gab es weder in den Geschichten noch in den Staaten noch im Organismus des Verstandes eine Pathologie, sondern nur Maschinerie, für diesen Mathematiker gab es Wohl menschliche Ideen, aber keine göttliche Idee, welche den Personen und Geschichten immanent ist. Die menschlichen Ideen hatten für ihn keinen Zusammenhang mit dem Wesen der Dinge selbst; sie waren eben nur Gehirndestillate und äußerten keine absolut fortwirkende oder zeugende Kraft. Die dämonische Leidenschaft des Korsen glaubte und begriff weder die Kontinuität der Geschichte noch des Rechts. Napoleon ist die Quintessenz aller Tugenden und Kräfte, deren der alt- und neurömische Menschengeist mächtig ist; in Friedrich II. aber ist die Quintessenz des deutschen Menschen und Mannes eingefleischt. Irgendwer sagt von Napoleon mit merkwürdigem Instinkt: »Napoleon war im eminenten Sinn Korse; die Korsen haben aber mit den morgenländischen Völkern die Verachtung gegen fremde Nationen gemein. Napoleon verachtete die Franzosen und das Menschengeschlecht obenein. Es ist etwas Rätselhaftes, Dunkles in allen Napoleoniden; es geht ein heidnischer Zug durch all ihr Denken, Dichten und Trachten; sie begehren alles und nehmen alles, aber sie können nichts behalten; es ist kein Segen bei ihren Erwerbungen; dabei halten sie sich für absolut bevorzugt und berechtigt; sie sind gegen jedermann, und darum war bald jedermann gegen sie.« Napoleon hatte keinen Witz, weil er ein Mechaniker in der Geisterwelt, ein Schematiker war. Echter Witz erwächst nur aus der vollkommensten Freiheit des beseelten Verstandes; zu derselben gehört aber ein Gewissen, ein Standpunkt außerhalb. Wer sich absolut sicher fühlt, wer gar keine Gewissensbisse empfindet, der hat keinen Impuls, sich durch einen Witz zu rächen oder zu entschuldigen, welcher alle Dinge auf den Kopf stellt, alle Tugenden, alle sittlichen Verhältnisse ironisiert. Friedrich der Große liebte den Witz, weil er ihn nicht sonderlich zu fürchten hatte, und weil er andererseits über einzelne Willkürhandlungen und despotische Launen stille Vorwürfe empfand, weil er ein herzlicher, empfindungsvoller Mensch mit einer pathologischen Seele war. Napoleon fürchtete und haßte den Witz, weil er ihm nicht vergönnt war, und weil er in demselben das Symptom einer Aufklärung, Kritik und Verstandesfreiheit erkannte, welcher er nicht gewachsen war. Der Zwingherr Europas hatte kein sensibles Gewissen und fühlte sich gleichwohl nicht freien Gemüts; aber unser großer König fühlte sich so und fand im freien Humor den Generalnenner, welcher die Bruchteilchen zwischen seinem Eigenwillen und seinem idealen Bewußtsein hob. Der Freiherr von Stein schreibt aus Paris den 10. April 1814 an seine Gattin: »Hier bin ich in Paris ec. Der Tyrann hat geendigt wie ein Feigling. Solange es nur darauf ankam, das Blut der anderen zu vergießen, war er damit verschwenderisch; aber er wagt es nicht, zu sterben, um wenigstens mutig zu enden; er nimmt ein Gnadengehalt an, er kehrt in das Nichts zurück, er unterhandelt, um sein Leben zu behalten und ein schimpfliches Dasein zu verlängern; man versichert, daß er seine Tage zubringt mit Weinen, mit Seufzen; welches Ungeheuer und welche Verächtlichkeit! Ouwaroff schrieb mir neulich, es gebe in Bonapartes Geschichte ein Gemisch von Seltsamkeit und Größe, von Tamerlan Der durch seine gewaltigen und blutigen Kriegszüge berühmte asiatische Herrscher Timur (1333–1405), auch Timur-Lenk (Timur der Lahme) genannt, woraus Tamerlan entstanden ist. und Gilblas; Der Held des gleichbetitelten humoristischen Romans von Alain René Lesage (1668 bis 1747). aber es gibt einen dritten Bestandteil in der entsetzlichen, mißgestalteten Verbindung, welche seinen Charakter bildet: das ist Gemeinheit; sie zeigte sich in seiner Flucht von der Armee in Rußland, in seiner Behandlung derer, die er verfolgt und niedergedrückt hatte; in seinem Umgang, seinen Reden und gegenwärtig in seinem Betragen im Unglück; sie geht bis zur Niederträchtigkeit, zur Furcht für sein Leben – zur Feigheit.« Proudhon Der französische sozialistische Schriftsteller Pierre Joseph Proudhon (1809 – 65). sagt sehr zutreffend von Napoleon: »Dieses olympische, der öffentlichen Stimme müde Haupt, das ganz allein [Für alle] denken wollte, dachte endlich durchaus nichts mehr« [wenigstens nichts Vernünftiges mehr]. Daß man die heute so beliebt gewordene Willensenergie und Willensklarheit ebenso übertreiben kann, als die Willensschwäche und Konfusion von den romantischen Naturen übertrieben wird, stellt sich an keiner historischen Person so faßlich und geläufig heraus als an Napoleon, dem man sprichwörtlich einen eisernen Willen zuerkannt hat. Er war, wenn man von der Potenz seines Verstandes abstrahiert, das Gegenbild eines Gewohnheitsmenschen und Philisters; er war ein Mensch, der die geheiligte Sitte, das Ehrgefühl und die Scham der europäischen Nationen mit Füßen trat; er war ein Unmensch, dem die Gewohnheiten des Herzens und die natürlichen Gemütsbewegungen ferne bleiben mußten, der noch auf Helena von sich selbst aussagte, er habe eine Seele von Marmorstein. Melzi Der italienische Staatsmann Francesco Melzi d'Eril, Herzog von Lodi (1753–1816). äußerte über ihn: »Dieser Mensch hat das Chaos im Kopfe und im Herzen die Hölle.« Die Mutter Napoleons urteilte, ihr Sohn habe eine Kanonenkugel an Stelle des Herzens in der Brust. Und dieser unmenschliche Mann erzog sich eben an seiner vom Gewissen wie von der natürlichen Trägheit lospräparierten Willensenergie und Willensklarheit einen Dämon, der ihn viel unnatürlicher, viel heilloser tyrannisierte, als sich der Philister von seinen Gewohnheiten, seiner Willensfeigheit und Willenskonfusion beherrscht sieht. Ob man der Narr seiner abstrakten Ideen oder seiner Launen, Schwächen und Stimmungen oder ein Narr der Dinge und der Menschen (wie Napoleon von Lafayette Der französische General und Staatsmann Marquis de Lafayette (1757–1834). gesagt) oder der verbrecherische Sklave seines rasenden Ehrgeizes, seiner diabolischen Gelüste und Leidenschaften ist, kommt in der Geschichte der Unfreiheit, der Monstrosität und Dämonie auf eins heraus. In einem Briefe der Königin Luise von Preußen an ihren Vater, geschrieben 1808, ist von der unvergeßlichen deutschen Frau das nachstehende Urteil über Napoleon I. abgegeben: »Gewiß wird es besser werden, das verbürgt mir der Glaube an das vollkommenste Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Deshalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte fest und sicher auf seinem jetzt freilich glänzenden Throne sitzt. Fest und ruhig sind allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist nur politisch, d.h. klug; und er richtet sich nicht nach ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie nun eben sind. Er meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er und sein ungemessener Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein persönliches Interesse. Man muß ihn mehr bewundern, als man ihn lieben kann. – Von seinem Glück geblendet, meint er alles zu vermögen. Dabei ist er ohne alle Mäßigung, und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt. Ich glaube fest an Gott, also auch an eine sittliche Weltordnung. Diese aber sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht; deshalb bin ich der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird.« D. Ein Paar Worte über Herder und Lessing, nebst einer Erinnerung an Gellert. Den Studien und Bestrebungen Lessings fehlt das Zentrum, weil er sich von der Welt zum Ich orientiert hat. Er scheint wunderbarerweise vom menschlichen Egoismus befreit; dafür wäre ihm aber auch mehr Innigkeit und Wärme des Gefühls, mehr Seele im engeren Sinn zu wünschen. Aber das geschonte Gefühl und der Mangel an Phantasie erklären es vielleicht, daß sich eben mit Lessings Verstand eine ganz eigentümlich instinktive Tätigkeit verbunden zeigt, die ihn nicht nur die faulen Stellen in der Literatur und im Leben seiner Zeitgenossen, sondern auch die Methode finden ließ, mit der das Übel zu beseitigen und die etwaige Operation ins Werk zu richten war. Lessing war aber nicht nur der Arzt seiner Zeit, sondern seine Autorität und Methode; seine Werke, die man ebensovielen spezifischen Medikamenten und Lebenselixieren vergleichen darf, wirken ebenso lebendig noch in unserer Zeit fort. Aber daraus, daß dem Patienten der Doktor nötiger tut als ein Pfarrer, darf der Patient nicht schließen, daß ein Arzt schlechterdings größer und nützlicher ist als ein Theolog; und so darf man auch nicht Lessing auf Herders Unkosten loben, bloß weil feststeht, daß Herder durch seinen romantischen Geist und Zug viel deutsche Schwächen und Unarten zur Reife gebracht, Lessing dagegen viel Schaden operiert und kontrebalanciert hat. Lessing nimmt insofern eine unberechenbare Bedeutung für unsere Literatur und unsere ganze Bildung bis auf diesen Tag in Anspruch, weil er einen Faktor besitzt, der in der deutschen, namentlich in der schöngeistigen Literatur nicht mit der Energie und Herrschaft vertreten ist, welche das gesunde Leben erheischt: nämlich den gesunden Menschenverstand, und Lessing besaß denselben in höchster Potenz. Einen wahrhaft genialen Verstand, aber ohne die Extravaganzen, Reaktionen, Geschmacklosigkeiten und Formlosigkeiten, in welchen sich viele Genies gefallen. Was man im gemeinen Leben Menschenverstand nennt, ist in der Regel nur eben Leuteverstand, d.h. der sinnliche Instinkt, welcher die Nahrungsmittel herauswittert, bei welchen sich die Individualität am besten konserviert. Leuteverstand ist ein garstiges Monstregewächs von Fuchslisten, Praktiken, Gewohnheiten und Geschicklichkeiten, mit welchen man die endliche Natur aller Dinge und Verhältnisse am besten traktiert – ein Mischmasch von instinktivem Gemeingefühl und Schematismus, von Trivialitäten und Exzentrizitäten, denen das Maß der Harmonie und der ideale Charakter gebricht. Lessings Wesen und Größe besteht aber darin, daß sein Verstand den höchsten Aufgaben der Menschheit zugewendet blieb, ohne daß ihn diese ideale Richtung zum hohlen Enthusiasten und Schwärmer gemacht hätte. Er faßte vielmehr das Kleinste und Individuellste, er faßte die Form, die ganze Summe der Bedingungen ins Auge, unter denen eine Idee sich einen Leib zubilden, unter denen sie ein Faktor des wirklichen Lebens werden kann. Aber dieser positive und förmliche Verstand machte ihn keinmal zum Pedanten, zum Kleinigkeitskrämer und Materialisten: er beeinträchtigte ihm nicht den weiten Horizont, welcher seinen weltumfassenden Verstand charakterisiert. In keinem Sterblichen kann der Idealsinn vollkommener wie in Lessing mit der Sinnlichkeit und die expansive Kraft des Geistes harmonischer mit der zentralisierenden ausgebildet sein. Diesem Genius ist das Kleinste. groß, sobald er es in Verbindung mit den Ideen, Gesetzen und Prozessen zu bringen weiß, welche die Zeit und das Weltleben beherrschen; und umgekehrt gelten ihm diese Ideen und Gesetze nur so weit als konkrete Mächte, Gestalten und Aufgaben, wie er ihnen ein ganz positives Moment und mit demselben eine Handhabe abgewinnen kann. So bleibt Lessing ein unerreichtes Musterbild für die echte, konkrete, antike Klassizität, die auch der Romantiker, der Musiker, der orthodoxe Christ, der Gefühlsmensch respektieren muß, wenn er nicht ganz und gar ein Schwärmer und Selbstschwelger ist, wenn er noch eine heile Stelle am positiven Verstande konserviert. Lessing darf als ein Muster für die natürliche Ökonomie und Einfachheit des Charakters, für das schöne Maß und Gleichgewicht aller Kräfte gelten, für die natürliche Grazie des Verstandes, die gleichwohl nicht derjenigen Energieen und Zuspitzungen entbehrt, aus denen der dialektische Witz mit seiner resümierenden Methode entspringt. Lessing hatte keine Gravitationspunkte, weil er das Leben harmonisch und gesund wie ein Grieche empfand und ausgestaltete. Man fühlt seinen Schriften und insbesondere seinen Deduktionen, seiner Dialektik den individuellsten Verstand, den Charakter der Intelligenz, die Energie des Geistes, aber niemals eine individuelle Seele, eine absonderliche Lebensführung und Erfahrung, eine personelle Beschränktheit und Liebhaberei oder andere Miseren und Vorurteile an, die mit der deutschen Spießbürgerlichkeit auch dann noch verknüpft zu sein pflegen, wenn der gemütliche Germane ein Philosoph und Kritikus ist. Lessing war Weltbürger im nobelsten und reellsten Sinn; er konnte mit Thaer, Albrecht Thaer , 1752–1828. dem bewundernswerten edlen Autor der »rationellen Landwirtschaft« sagen: »Ich fühle mich an keinem Ort; Zeit ist mir keine Zeit; ein sinnvoll ausgesprochenes Wort wirkt auf die Ewigkeit.« Der große Kritiker, Ethiker und Kunstphilosoph studierte und beherrschte seine Zeit, aber nicht mit seinen persönlichen Humoren und Talenten allein, oder indem er die Lieblingsleidenschaften und Vorurteile seiner Zeitgenossen ausbeutete, sondern indem er ihre Irrtümer und Schwächen bekämpfte. Und so haben wir in diesem Manne den guten Genius zu verehren, der dem reinen Geschmack, dem objektiven Urteil der Deutschen die Geburtswehen erleichterte, der bei dem deutschen Weltverstande mit den andern großen Männern Hebammendienste verrichtete, indem er für frische Luft und Bewegung sorgte. Lessing ignorierte als festorganisierter Mensch und Charakter Musik und schöne Natur. Aus seiner keusch verschlossenen, schwer lösbaren, nie von leidenschaftlichen Sympathieen und Naturkräften alterierten Seele schien sich nicht das überschüssige Leben entbunden und als poetisches Gemüt konstituiert zu haben, mittelst dessen der Deutsche den Seelen der Dinge und Geschichten getraut wird. Wenn auch Schiller gelegentlich in dem seelenvollen Verkehr mit der Natur eine krankhafte Schwärmerei ersieht, und wenn ihm darin die modernen Realisten beistimmen, so wird diese Auffassung nicht nur durch Goethe und Shakespeare, sondern auch durch alle sinnigen und seelenvollen Frauen widerlegt; denn es wird durch dieselben dargetan, daß es auch eine gesunde Romantik und Seelenbildung, eine seelische Transzendenz, eine musikalische Pathologie geben kann, die den gesunden Verstand, den festen Charakter, die sittliche Kraft und Tätigkeit, die Selbstverleugnung im Ertragen von Leiden nicht ausschließt. Das Frauengemüt hat nicht nur unendlich mehr Mitleidenschaften und natürliche Sympathieen als der Mann, sondern im äußersten Fall mehr Gefühlscharakter, mehr Konzentration und Zähigkeit des Gefühls, mehr Resignation. Die leicht gelöste Seele der Frauen konzentriert und kristallisiert sich auch leichter als die des Mannes. Verglichen mit dem intensiven und konkreten Gefühl der Frauen ist das des Mannes ein Schematismus und eine Abstraktion. Meint man nun, daß der Mann durch ein so vertieftes und sublimiertes Seelenleben zum Weibe werden müsse, so beweist das Leben vieler Poeten und Künstler, daß der Genius des Mannes ebensowohl das »ewig Weibliche«, das ist eben die von natürlichen Sympathieen geschwellte Seele, mit der männlichen Kraft und Schärfe ineinsbilden könne, als es bekannt ist, daß ein edles, gebildetes und geniales Weib in allen entscheidenden Augenblicken seinen weichen Stoff in einen Stahl zu verwandeln versteht. Gervinus sagt zutreffend und schon: »Wer in sich selbst die menschliche Natur in solcher Reinheit wie Lessing darstellte, durfte der wehmütigen Sehnsucht nach der (elementaren) Natur entbehren.« An Lessing haftet aber nicht der Tadel, daß ihm eine wehmütige Sehnsucht und Schwärmerei gefehlt habe; Wohl aber vermißt man an ihm das weibliche Element, die gelöste, die überschüssige und inspirierte Seele, die schöne Mitleidenschaft, die Sympathie für das elementare Leben im Menschen wie in der äußern Natur, die musikalische und pathalogische Seele, Welche im Verein mit der plastischen Kraft den Poeten ausmacht. Lessing war kein lyrisches Gemüt, sondern ein prononciert sittlicher Charakter, mit einem ungemein muskelkräftigen, plastisch-anmutigen Verstande und einer dramatischen Geisteskraft. Die Einseitigkeit des männlichen und sittlich-verständigen Charakters hat nun zwar unsern Lessing zu dem Literaturheros gemacht, welchen wir in ihm verehren, aber von dieser Stellung und Bedeutung des Mannes in einer versumpften und abgeschmackten Zeit ist kein Schluß zu machen auf Lessings Genie. Er ist ein Genie des Kopfs, aber kein Genius an Gemüt. Wir bewundern an ihm die vollkommene Versöhnung von Realismus und Idealismus, aber doch nur in der Sphäre des intellektuellen Lebens; und Lessings unbedingte Bewunderer, diejenigen, welche ihn zu einem Propheten für alle Zeiten und für die Humanität schlechtweg machen wollen, müssen erinnert werden, daß unser Gemüt eine Welt für sich ist, mit einem Realismus und Idealismus, von welchem kein antik organisierter Mensch Erfahrungen und Inkarnationen gewinnen kann, wenn er weder ein Poet noch ein Christ im bevorzugten Sinne ist oder weiblichen Genius besitzt. Für christliche Bildung und in Sachen spezifisch deutscher Naturgeschichten und Mysterien, in allen Fragen der Gemütsbildung, der romantischen Poesie und der Theologie kann Lessing ebensowenig eine Autorität und Norm abgeben als Aristoteles, Sokrates oder Homer – so große Heiden sie sind; bei welchem Urteil ich aber nicht so verstanden sein will, als ob ich behauptete, daß jeder Christ schlechtweg dem edelsten Heiden in seinem Menschentum überlegen sein müßte. Wer sich nicht selbst belügen will, muß eingestehen, daß auch das Christentum nicht im Augenblick eine Mohrenseele weißwaschen kann; und was nun meine Menschentaxe und Menschenkenntnis betrifft, so habe ich die Überzeugung, daß es selbst unter uns Deutschen inwendige Mohren gibt, denen das Christentum, trotz der christlichen Gewohnheiten, der christlichen Redens- und Lebensarten nicht auf die neunte Haut, geschweige in die Seele gedrungen ist. Die christlichen Mohren haben zwar ein tausendjähriges Erbe des christlichen Geistes angetreten, aber vor dem Schöpfer Himmels wie der Erden und gegenüber dem heiligen Geiste des Christentums, der in uns Fleisch werden will, sind die tausend Jahre der christlichen Kirche wie ein Tag und wie ein Augenblick. Lessing gilt mir für keinen Heiligen, und er selbst hielt sich ebensowenig für einen solchen als für einen Poeten; aber darin stimme ich von ganzem Herzen mit allen modernen Realisten und Lobrednern Lessings ein, daß ich ihn unendlich mehr liebe und bewundre als so manchen alten und neuen Heiligen, der den Blindgläubigen für einen Apostel gilt. Hält man endlich an dem Satze fest, daß Lessing, wie jeder große Mensch und Kopf, sein eigener Heiliger gewesen und nur mit seinem eignen Maß zu messen sei, so soll man (auch bei der Taxe der großen Romantiker, der Herder, Jean Paul, Tieck und andrer) erwägen, daß ein Mensch wie Herder mit vollkommen gelöster, transzendenter, christlicher und echt deutscher Seele, daß ein Mensch voller Natursympathieen und Mitleidenschaften für die Poesie und das Seelenleben aller Völker nicht so kompakt und beschlossen, nicht so klar und bar, so charakter- und urteilskonsequent, so nüchtern, reguliert, stilisiert und fertig sein konnte als Lessing oder sonst ein antik organisierter und heidnischer Verstand. – Non omnia possumus omnes; suum cuique Lateinisch: Wir können nicht alle alles; jedem das Seine. – Auch die Romantiker können echte große Menschen sein wie die Klassiker, sobald sie geborne und wohlerzogene geniale Romantiker und keine leeren Phantasten sind. *   *   * In Herder sehen wir eine Harmonie von allen Fakultäten des Geistes und der Seele, die ihren Gravitationspunkt im Gemüte haben; und dieses Gemüt ist von Vergangenheit und Zukunft, von Religion und Geschichte erfüllt. Herder sucht die Literatur aus der Weltgeschichte und diese wiederum aus der Literatur zu erklären; aber doch so, daß er die Wirklichkeit aus der Idee, die Natur aus der Übernatur begreift. Er ist viel mehr Idealist als Realist im modernen Sinn; man kann aber nicht sagen, mehr Historiker oder mehr Theolog, mehr Rationalist. Es ist eine wundervolle Abgewogenheit bei diesem Genius zwischen den heterogensten Organen und ihren Lebensprozessen, zwischen seiner Poesie und Philosophie, seiner Phantasie und Kritik, seinem historischen und religiösen Organ. Er studiert das Gegebene und Vergangene, aber in Kraft der höchsten Ideen, denen er schon um deswillen mit Begeisterung hingegeben bleibt, weil seine Jugend unter dem Druck und der Misere des Materialismus, der Trivialität und Engherzigkeit einer kleinstädtischen Spießbürgerlichkeit gelitten hat. Man vermißt aber nicht ohne Grund an Herders harmonischer Vielseitigkeit, die im Humanitätsbegriff auch ihr Zentrum aufzeigt, die Kristallisation, die Energie und Klarheit des Verstandes, den bis in die Fasern anatomierenden und gleichwohl konzentriertesten Witz, durch welchen sich Lessing charakterisiert. Wiewohl man nicht außer acht lassen darf, daß Lessings Vielseitigkeit sich innerhalb der Sphären des Geistes bewegte, während Herder das ganze Gebiet der Kultur mit der Summe aller Menschenkräfte in Angriff nahm und die Erkenntnis nicht minder aus einer divinatorischen Seele als aus einem philosophisch gebildeten Geiste bezog. Lessing ist ein verwunderlicher Enthusiast, nämlich ohne die sinnlichen Symptome des Enthusiasmus, ohne bemerkliche Schwunghaftigkeit, Ekstase oder Schwärmerei. Seine zur Religion erhöhte Wahrheitsliebe darf seinem Wesen weder die flüssige Grazie noch die natürliche Unbefangenheit rauben. Die Fugalkraft der Wahrheit verführt ihren Mann zu keinen Exzentrizitäten, zu keinen ideellen Gravitationen, weder zur Sophisterei noch zur Pedanterie. Lessing hat zum ersten- und letztenmal in unserer Literatur und in den Annalen der Kritik Charakterenergie mit Unparteilichkeit, er hat die logische Konsequenz mit der natürlichen Elastizität und Lebendigkeit ineinsgebildet; er hat deutsche Methode mit romanischer Flüssigkeit und Liebenswürdigkeit versöhnt. Was demnach unsern Lessing nicht nur so überaus interessant, sondern so originell und zu einem Problem für alle Zeiten macht, ist die Tatsache, daß er seine Untersuchungen, trotz seiner gelehrten und theologischen Kenntnisse, als Naturalist, als Freigeist und mit einem Verstande in Angriff nimmt, dessen Schnellkraft und sinnliche Intuition, dessen Heißhunger den Enthusiasmus des Herzens ersetzen muß. Ebenso entschädigt uns die Durchsichtigkeit, die Unbefangenheit und exakte Präzision des Lessingschen Verstandes für den Mangel des übernatürlichen Gewissens und eines tiefsinnigen Gemüts. An Lessing kann man erfahren, wie zeugungslustig, wie anmutig und muskelkräftig der Verstand sein, was er, verbunden mit mäßiger Einbildungskraft und ohne einen Überschuß von Seele, zu leisten vermag. Lessing hat keine transzendente Seele, denn er verspottet direkt und indirekt die mystische Weltanschauung; er ignoriert entschieden die esoterischen Prozesse des Gemüts und Gewissens; er hat auch im Schlaf selten Träume gehabt und gelegentlich seinen Unmut darüber geäußert, »daß die Natur nicht zur Abwechselung einmal blau oder rot in Szene gesetzt wird«. Aber man verzeiht diesem Lessingschen Verstande seinen mangelhaften Kontakt, seine geringe Wahlverwandtschaft mit Seele und Phantasie, wenn man gewahr wird, daß man es bei diesem deutschen Manne nicht nur mit einem Prachtexemplar von Verstand, sondern mit einem Normalverstande zu tun hat, der insofern kein solcher ist, als er mit keinem andern, noch so eminenten Verstande schlechtweg verglichen oder gar identifiziert werden kann. Lessings Verstand war nicht nur konsensuell und doch separierend innerhalb der Prozesse seiner angestammten Jurisdiktion, sondern er unterbaute die ganze Welt der Gedanken mit seinen Argumenten wie mit Granit; und dann wieder balancierte er alle Grazien unsrer sinnlichen Natur in einer unsagbaren, harmonisch anmutenden Weise auf den Pointen seiner Dialektik; das ist der Lessingsche Witz, welcher die französische Literatur und Scharlatanerie zu Paaren getrieben hat. Von Lessing reicht nicht hin, zu sagen, daß seine Methode die Wahrhaftigkeit, daß sie der Quell und die Kraft aller seiner Motive und Intentionen ist, daß jeder Lessingsche Satz und jedes Wort vom Geiste der Wahrheit ausgeprägt wird, daß selbst ein oppositioneller Verstand und ein Querkopf die Argumentationen dieses gebornen Kritikers wie einen geistigen Schraubstock respektiert, daß sie der unbefangene Verstand wie eine Erlösungsformel empfindet: mit diesem Lessingschen Verstande ist ein Extrawunder von menschlicher Organisation verknüpft. Er ist in seiner Wahrhaftigkeit ein deutscher und doch ein heiler, ein unverletzter, gefeiter Verstand. Alle andern Deutschen müssen es geschehen lassen, daß ihr Verstand irgendwie von Seele und Phantasie gelöst oder gelockert wird, und daß sich ihr Stil diesen Metamorphosen und Phantasmagorieen akkommodiert; die geschmackvollsten, gescheutesten, besonnensten, gewissenhaftesten Ästhetiker, Philosophen und Kritiker geraten gelegentlich in Faselei und Affektation, in eine Überschwenglichkeit, durch welche Formlosigkeit, Geschmacklosigkeit, kurz Unwahrheit und Unschönheit verschuldet wird. Der Lessingsche Stil verrät von solchen Alterationen und dilettantisch-pathologischen Abschwächungen nichts. Der Stil und Verstand Lessings ist nicht nur tatsächlich ein ganzer Mensch und Mann, sondern er macht den entschiedenen Eindruck einer vollkommenen Keuschheit und Jungfräulichkeit. So viel Seele, Sinnlichkeit und Parhologie, als er zur Elastizität und Grazie, als er zum Verständnis der natürlichen Dinge und Prozesse, zur gesunden Mitleidenschaft bedarf, besitzt er primitiv und in Kraft der ersten heidnisch schönen Konzeption; aber mit der Phantasie, mit der transzendenten Seele, mit dem deutschen Gemüt, mit den Herzensgewohnheiten hat er sich nicht vermischt, ist er weder eine förmliche noch eine wilde Ehe eingegangen. Selbst Hegels unantastbare und mit dreifachem Erz gepanzerte Dialektik entbindet nicht selten einen überschüssigen Geist, den man schon vor Hegel den »logischen Enthusiasmus« genannt hat. Lessings Verstand aber kennt keine Transzendenz, wenigstens keine solche, die nicht in dem Augenblicke von der Basis aufgesogen würde, wo sie sich als eine überschüssige Kraft und als ein Idealismus etablieren will. Lessings Verstand ist ein potenziierter, heidnischer Griechenverstand, der nichts Anderes und Sublimeres anzüngelt, als was er natürlichermaßen ohne Überschwenglichkeit, ohne Pathologie ablangen kann. Das Geheimnis der Lessingschen Verstandesgrazie wie des aus ihr erzeugten Stils ist keine von vornherein stimulierte Wahrhaftigkeit, keine Koketterie mit dieser und jener Tendenz, sondern die antike, keusche, urgesunde Naturökonomie, die Harmonie der Geisteskräfte und ihre Integrität. Lessings Verstand bietet uns dasselbe Wunder wie Goethe, nur mit verschiedenen Gravitationspunkten an. Wie in Goethes Sinnlichkeit und Seele der Weltverstand abgefangen ist, so in Lessings Verstand die Ökonomie, das Maß, das Gesetz, die Grazie der Natur. Lessing wie Goethe sind innerhalb ihrer Persönlichkeit, ihrer Divination und respektive ihres Verstandes durchaus so objektiv und normal wie der Naturprozeß selbst. Sie arbeiten nicht wie die andern Sterblichen und die Gelehrten nach einer vorweg fertigen Schablone, sie stellen ihren Operationen nicht sittliche, religiöse, historische oder philosophische Ideen und Formeln voran, sondern sie elaborieren das aus der Verstandessubstanz, respektive aus dem Naturobjekt heraus, was darin realiter und idealiter gegeben ist. Weder Goethe noch Lessing bringen fix und fertige Maßstäbe, Paradigmen, Vorurteile und Tendenzen zu ihren Stoffen heran, also auch keinen halbnatürlichen und halbforcierten Enthusiasmus, keine leere Ambition für Schulvernünftigkeit. Goethe wie Lessing kelterten ihre Trauben keinmal zu stark. Was sich aus der inspirierten Sinnlichkeit Goethes, was sich aus dem sinnlich belebten Verstande Lessings frei und mit natürlich harmonischer Anstrengung ergeben hat, das bildet den firnen Wein unsrer Literatur, aber die beiden Genien taten weder aus sittlichen noch aus religiösen, aus politischen, grammatischen oder dialektischen Tendenzen etwas hinzu oder hinweg, wenigstens stellen sich diese Tendenzen nicht prononciert, sondern nur als natürliche Gravitationen und Energieen heraus. An andern Dichtern, Denkern und Kritikern muß man immer beklagen und leiden, wie die Natur durch die Schule oder die Schule durch die Natur entstellt, wie nicht nur Seele durch Geist und Geist durch Seele potenziiert, sondern auch verschwächt, beirrt und alteriert wird. Lessings formale Vollendung ist das notwendige organische Produkt seiner natürlichen Integrität und Geistesökonomie, aus der sich die Wahrhaftigkeit, die Keuschheit und Gesundheit von selbst ergibt. Lessings Verstand erinnert wie Goethes Sinnlichkeit und Phantasie an die Göttin, deren Schönheit sich aus dem Schaum des Meeres gebar. Gellert. In der Genieperiode gehörte es zum guten Geschmack, unsern Gellert zu ignorieren, wiewohl er nicht nur für ein Prachtexemplar deutscher Lebensweisheit, sondern rein menschlicher Liebenswürdigkeit gelten darf. In der neuesten Zeit hat man sich in Konsequenz des Positivismus herabgelassen, von jenem antiquierten Autor aufs neue Notiz zu nehmen. Zum erstenmal aber wird Gellert von W. Menzel in seiner »Deutschen Dichtung« so treffend, herzlich und tief charakterisiert, daß ich die bezügliche Stelle hier anzuführen für eine Pflicht erachte. »Gellerts Fabeln und Erzählungen, in Jamben geschrieben, haben Hagedorns und Weißes liebenswürdige Leichtigkeit der Form, übertreffen sie aber weit an Geist und Stoff. Sie sind zum Teil aus ältern und fremden Quellen entlehnt, doch die meisten originell und in hohem Grade gefällig durch eine gewisse naive Schalkhaftigkeit. In der Anspruchslosigkeit ist Gellert einzig, zur wahren Beschämung der Klopstockischen Pausbackigkeit. Gellerts Manier ist in ihrer Einfachheit die feinste und vornehmste; selbst Lessing kam ihm darin nicht ganz gleich, da Lessing, zur Sophisterei geneigt, nicht selten Unwichtiges wichtig zu behandeln liebte. Mit Recht wurden Gellerts Fabeln das Lieblingsbuch der Zeit und werden heute noch gern gelesen. Die Hauptsachen darin sind weniger die Fabeln als die komischen Erzählungen. »Die geistvolle Geschichte vom Hute, vom Blinden und Lahmen, vom Greise, das Bad der Hinkenden, das Gespenst, der Selbstmord, Hannchen, das Unglück der Weiber, Hans kommt durch seine Dummheit fort, die beiden Nachtwächter, die Lügenbrücke, die Mißgeburt, Eulenspiegel, der Freigeist, die schlauen Mädchen, das Hospital, am Galgen, das vierzehnjährige Mädchen, die Bauern und der Amtmann, der Schatz, Hans Nord enthalten einen Schatz von Lebensweisheit und Kenntnis der menschlichen Schwächen und Torheiten, die mit unnachahmlichem Humor behandelt sind.« E. Goethe. »Claudius (der Wandsbecker Bote) kennt nur den unmittelbaren Ausdruck poetischen Lebens, den Naturlaut der Seele... Das Lied war die seinen Gaben angemessene Form. Es ist wahr, es sind nicht der sonnige Glanz, es sind nicht die seinen Umrisse, der buntfarbige Gestaltenreichtum der Goetheschen Lyrik ... schon der Umfang war weit enger. Zunächst fehlt so gut wie völlig die erotische Gattung. Grade hier hängt Leben und Dichtung so enge zusammen. Goethes so vielfach umgetriebenes Herzensleben hat bei dem Mangel eines stetigen Glücks gleichsam einen Ersatz dafür in diesen hundertfach modulierten Tönen gefunden.« Wilhelm Herbst. Der deutsche Schulmann und Schriftsteller Wilhelm Herbst (1825–82), Verfasser der Biographie »Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote«, Gotha 1857. Wir haben Liederdichter genug, welche die Einwirkung der Natur auf das Gemüt unmittelbar, tief und wahr aussprechen; aber sie vermischen die Naturgeschichten mit den Kulturgeschichten, die poetischen mit den spezifisch sittlichen Intentionen und verstatten den letztern ein unförmliches Übergewicht, anstatt von ihnen eine sittliche Folie für die Naturberauschung zu beziehen. Unsere modernen Poeten halten nicht in der rechten Weise Seele und Geist auseinander; indem sie aber solchergestalt das Gefühl durch Gedankenprozesse potenzieren und die natürlichen Divinationen nicht nur durch Gewissensskrupel beirren, sondern sogar durch sprachlichen Luxus und Literaturkonvenienzen korrumpieren, produzieren sie ein Bastardgenre von Philosophie und Poesie, in welchem sich weniger die Kraft ihres Herzens, der Witz ihrer Phantasie und die Majestät der Leidenschaft ausgestaltet als der Wirrwarr und die Mysterien, die aus dem Schisma von Natur und Geist, von Inspiration und Verstandeskultur hervorgehen. In diesem Gefühlshades, in dieser Charakterlosigkeit mit ihren zerfließenden Nebelbildern und Metamorphosen aus aller Welt Enden und Zeiten, ohne gemeinsamen Schwerpunkt, ohne Kerngestalt und plastischen Witz; in diesem ewigen Wetterleuchten des Geistes durch das Chaos der Seele, dem kein fruchtbarer Landregen, kein Sonnenaufgang, keine Schöpfung folgen will, bestand eben die Sünde und Misere der falschen Romantik und Sentimentalität, von der uns der Genius Goethes erlöst hat. Jene forcierten Romantiker kamen nicht aus dem Clairobskur, aus den aufgeblähten Weltempfindungen, aus den fabelhaften Gefühlen, aus dem heillosen Entre-deux von Traum und Wachen heraus. Ihre Weltkreise blieben ohne Zentrum, ihre ewigen Sehnsuchten und Wehmütigkeiten ohne Herz und Witz für die Gegenwart, ihren Geburtswehen folgte nie ein gesundes Kind; desto öfter aber das Wechselbalg eines monströsen Humors, der sich aus den Exzessen des Idealismus und Materialismus, der ausschweifenden Sinnlichkeit und der abstrakten Schulvernünftigkeit erzeugt. Anderes geschieht uns im Verkehr mit Goethe. Seine Zeugungskraft kommt nicht von einem krankhaften Dualismus, sondern von einer himmlischen Gesundheit her, von einer primitiven Harmonie aller Kräfte, die sich ebenso musikalisch als plastisch erweist. Bei diesem größten Liederdichter der Welt versöhnen sich Phantasie und Liebe, verschmelzen die Sympathieen für die Natur und die Frauen zu einer bildkräftigen Leidenschaft, die allen romantischen Halbheiten und Unmachten ein Ende macht. Goethes Seele, obwohl vollkommen durchgeistigt, reflektiert nur flüchtig und selten den geistigen Faktor allein; und wenn es geschieht, so wird er im nächsten Augenblick von einem sinnlichen Gemeingefühl absorbiert, aus dem sich Wohl eine transzendente Seele entbinden, aber nicht auf Unkosten der Lebensharmonie und Plastik fixeren darf. Goethes natürliche Empfindungen sind nie von Ideen beirrt oder von prononciert religiösen Gefühlen durchsetzt; auch die Mysterien des sittlichen Gefühls im Menschenverkehr, die Alterationen der Persönlichkeit in ihren Konflikten mit der Sozietät überträgt der Dichter keinmal auf das stille, gefeite Reich der Liederpoesie. (»Politisch Gedicht ein häßlich Gedicht.«) Er hält sich nicht nur von Reflexionen und prosaischen Vermittlungsprozessen ferne, sondern vermeidet sogar die zufälligen Abstraktionen, die komplizierten Schablonen und Mechanismen, welche die Sprache allen andern Dichtern oktroyiert. Nie empfängt Goethe seine Impulse von der Philosophie, der Geschichte oder gar von der leidigen Form und poetischen Konvenienz, am wenigsten dürfen sich bei ihm sprachliche Wendungen und Figuren, stilistische Intentionen und ausgefahrene Literaturgeleise der organischen Form und dem seelischen Prozeß unterbauen. Grammatik und Dialektik sehen sich, wie im Traumdelirio, nicht selten durch Seele eingeschmolzen, der Phantasie und Symbolik dienstbar gemacht, nie aber macht die Liederpoesie Goethes der Rhetorik und literarischen Aisance die geringste Konzession. Goethe ignoriert mit einem wundervoll poetischen Takt die wissenschaftliche Wahrheit oder Errungenschaft; er reproduziert die Naturgeschichten nicht, wie sie an sich sind, sondern wie sie erscheinen, und steigert so die Naivetät bis zu dem poetischen Witz, welcher Schein und Sein, Ursache und Wirkung, Mittel und Zweck, Geist und Materie, Form und Intention, Wort und Empfindung und alle Verstandesgegensätze nicht nur konfundieren und verwechseln, sondern eben durch grammatische Willküren die sublimsten Effekte erzielen darf. Goethe läßt z.B. »türmende Fernen von weichen Nebeln getrunken werden«; er sagt nicht die »sich« türmenden Fernen, das wäre in dem kühnen Bilde grammatische Pedanterie. Wer in solchen Bildern spricht, dem schwindet der grammatische Verstand und Respekt. Gleichwohl ist Goethes Seele nie von Freude taumlig und verflüchtigt oder von Schmerz auf einen Punkt konzentriert und monoton gemacht. Keine sittliche, keine soziale, politische, nationale Begeisterung darf diesem einzig wahrhaftigen Naturpoeten die olympische Ruhe und Heiterkeit, das natürliche Gleichgewicht, die natürliche Leidenschaftslosigkeit und Unparteilichkeit stören. Er kennt nur den Rhythmus, die Emphase und Akzentuation, welche die Natur selber besitzt und diktiert. Jedes emphatische Pathos, das aus einer Seele hervorgeht, die den Bruch zwischen Natur und Geist reflektiert, wäre an Goethe eine Widernatürlichkeit. Aus seiner unverwundbaren, unnahbaren, von dem Naturgeiste selbst gefeiten Harmonie geht eben seine Nivetät und Plastik, seine Schöpferkraft, seine Grazie und Durchsichtigkeit, geht der objektive, nirgend zersetzte, also der reale, absolut gesunde Charakter seiner Lieder hervor. Goethes Sprache und Form wie seine normale Organisation und Einbildungskraft ist das reinste Medium für die Natur. Was nicht zu ihr und ihren normalen Prozessen gehört, scheidet dieser hohe Priester, dieser geweihte Dolmetsch der Natur so keusch, mit so spielend naiver und doch so unwiderstehlicher Bildkraft aus, daß man ihn nicht nur einem durch tausend Erdschichten filtrierten Gebirgsquell, sondern einem Gletscher vergleichen darf, welcher Erde, Steine, Sträucher, Leichname und jeden in ihn hineingeratenen fremden Körper wieder ausscheiden muß. Beim Genusse eines Gedichts von Schiller muß man sich nicht nur durch das Medium der Sprache, sondern des Stils und der Rhetorik hindurcharbeiten, wie bei den Malern durch die Farbenpalette und Schulmanier. Wie aber Tizian das Farbenpigment so wunderbar beseitigt hat, daß man nur das lebendige Fleisch und die Blutwelle zu sehen meint, so stört auch an Goethes Gedichten nicht mehr die Sprache durch eine Dialektik oder einen Stil. Der Goethesche Witz und seine Kunst besteht in einer solchen Vermittlung seiner Anschauung und Seelenprozesse mit der Sprache, daß diese als Lebensunmittelbarkeit empfunden wird. Goethe gießt, ohne sich greller Farben zu bedienen, die natürliche Magie des Lebens, von welcher die erschaffenen Dinge umwebt werden, in die Seele, und diese primitive Illusion, dieses durch den Dichter reproduzierte Gemeingefühl überträgt sich auf alle Einzelheiten und verleiht jedem Wort und Bilde, jeder Farbe und Form den Effekt des ganzen Lebens, der ganzen Situation. Die Intentionen und Empfindungen, die Bilder, Sprachfiguren, Wendungen und Übergänge, die ganze Form und Evolution Goethescher Gedichte eignen in allen Momenten nur der Natur, empfangen ihre Impulse unmittelbar von ihr und keinmal von dem wissenschaftlichen Geiste oder von der Literatur, nicht einmal von der Kunst. Durch Goethe sieht sich nicht nur der förmliche, der konventionelle und kritische Verstand, der Sprachverstand flüssig gemacht, sondern auch die Kunst selbst in das Naturgesetz zurückgelöst. Bei einer Gelegenheit geht der Dichter »mit verhüllten Schritten«, ohne im Staube, im Wasser, im hohen Grase oder hinter Büschen zu gehen; sondern die verhüllte Welt, die in Melancholie verhüllte Seele wird symbolisch auf den Gang übertragen. Goethes Seele, so sehr sie durch seinen sublim gebildeten, gedankenreichen Geist potenziiert wird, reflektiert nie sentimental das Schisma von Geist und Natur, zeigt nie die Melancholie um das verlorne Paradies und den ererbten Tod. Goethe schärft seine Gefühle selten zu solchen Leidenschaften und Charakterakzenten, die ihm das Gleichgewicht der Seele und die Klarheit der Gedanken schädigen, sondern bleibt seiner Ehe mit der Natur getreu, die ihm Elastizität, natürliche Akkommodation und Grazie diktiert. Alle Poeten der Welt, außer Homer, Shakespeare und Goethe, sind mehr und weniger zerrissen, nur diese drei sind durch und durch bildkräftig, unverletzt und gesund. Goethe, der Mensch, ist gezwiespaltet in den Dichter und in den Menschen, aber der Liederdichter, der Naturpoet ist in ihm so heil und rein, so plastisch naiv und inspiriert, so mit sich selbst versöhnt und in sich abgeschlossen wie kein Dichter mehr in alter und neuer Zeit. In den Goetheschen Liedern, welche Natur und Liebe singen, ist nicht nur jede Wendung und Evolution, jedes Bild der Natur abgelauscht, sondern jedes Wort ein Schuß ins Schwarze; das ist zu mechanisch gesagt: Goethes Liederworte sind die Blutwellen, die Konfigurationen, die Lebenspulse, die Mysterien der Natur selbst. »Dein Bestreben«, sagte Merck Goethes Freund Johann Heinrich Merck (1741–91). zu Goethe, »deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt dummes Zeug.« Gewöhnliche Lieder mögen immerhin durch gute Komponisten veredelt und bedeutsam gemacht werden, aber Lieder von Goethe, in denen oft jedes Wort ein Blitz ins Herz, ein Zauberwort, ein Ton ist, der die Seele durchzittert und Geister zitiert, die werden durch Musik abgeschwächt, wenn es nicht die von einem ebenbürtigen Meister ist. In vielen Liedern Goethes ist die Sinnlichkeit so vergeistigt und der sublimste Verstand so mit Seele getränkt, daß man mit diesem Wunder vollauf zu tun hat und weder eine schlechte noch eine gute Komposition als Zugabe assimilieren kann. Wer kann »Wolken, die sich um Felsen verziehn – Frühlingslüfte, welche knospende Blüten umquellen – Winde, die mit den Wellen buhlen« und »das Wellen atmende Gesicht des Mondes im Wasser« komponieren? Statt daß die Musik das Lied mit Fleisch und Blut bekleiden soll, sieht sich in Goetheschen Liedern der Komponist entweder zum abstrakten Ästhetiker degradiert, der die poetischen Schönheiten mit Tönen anatomieren oder den Musik atmenden Worttext in eine zweite Tonpoesie umschmelzen muß, durch welche das Lied verloren geht. Goethesche Gedichte haben schöne Kompositionen hervorgerufen; aber sie charakterisieren Goethes Bilder, Intentionen, Naturmysterien und symbolische Geschichten keineswegs. Goethe, der Liederdichter, ist ein Halbgott; Goethe, der Dichter von Dramen und Romanen, ist (wenn man den ersten Teil des »Faust« ausnimmt) ein höchst talentvoller Mensch, mit Schwächen und Literaturnarrheiten wie andere Poeten auch. Über diese Wahrheit kann bei dieser Gelegenheit nur eine Andeutung gegeben werden, die aber recht eigentlich zur Charakteristik der Deutschen gehört, und die ich an »Wilhelm Meister« anknüpfen will, weil dieser Roman eine Bedeutung für deutsche Art und Bildung gewonnen hat wie kein anderer mehr. *   *   * »Wilhelms Lehrjahre gehen auf die Erwerbung einer sichern und harmonischen Bildung, der es gelinge, die Ständeunterschiede des achtzehnten Jahrhunderts zu überwinden. Es wird eine Einheit der Lebensexistenz erstrebt, als Grundlage für das Hervorgehen der reinsten und geläutertsten Persönlichkeit, die sich zum Besitze des Guten, Schönen und ihr Gemäßen erzieht.« ( Theodor Mundt .) Vgl. S. 119, Anmerkung. »Wilhelm Meisters Lehrjahre« sind jedenfalls eine höchst merkwürdige Dichtung. Goethe gibt in derselben mit liebenswürdiger Naivetät die Geschichte seines eignen Bildungsprozesses, d.h. die weltbürgerliche Ambition des Deutschen, der an seiner Person und Biographie eine ideale und harmonische Welt verwirklichen, sein Leben zu einem Kunstwerk sublimieren will. Zum Boden für die angestrebten Prozesse und Kulturabenteuer ist die Schauspielkunst als diejenige gewählt, welche sich mit allen andern Künsten enfiliert und am meisten populär gemacht hat; und so findet sich denn die Abspiegelung deutscher Sitte, Art und Gesellschaft von selbst heran. Liest man diesen echt deutschen Roman heute mit modernem Sozialverstande, mit dem vollen Bewußtsein aller »politischen Errungenschaften« wie der Forderungen der Gesellschaft an das Individuum, so macht das berühmte Buch einen verwirrenden und fast tragischen Eindruck; denn Börnes summarisches Verdikt: »In diesem Buche ist zu lesen, wie ein schlapper [deutscher] Wilhelm nicht recht bei Troste gewesen«, hat in Bausch und Bogen seine Richtigkeit, besonders wenn man vergißt, daß man es mit einer Dichtung aus einer entschwundenen Zeit und mit der idealisierten Selbstbiographie eines Poeten zu tun hat, dem es der heiligste Ernst war, die Kunst und noch mehr die rein menschliche Bildung aus den individuellen Anlagen und Neigungen zu entwickeln. Zu Goethes Zeit glaubte man noch an die absolute Bedeutung der Persönlichkeit wie an die Berechtigung des Genies, die Gesellschaft zu ignorieren, d. h. seinen eignen genial-romantischen Weg zu gehen. Das Heil des Staats wie der Menschheit ergab sich nach dem damaligen Glauben aus der persönlichen Bildung und Würde aller Individuen von selbst. Der deutsche Partikularismus, der aus dem deutschen Individualismus hervorwucherte, kam entweder nicht in Betracht, oder man ersah in demselben ein willkommnes Fördernis für vertiefte Bildung und Genialität. Die politischen Hindernisse, die Willkürmaßregeln der Regierung konnten nach der Meinung Goethes nie so tyrannisch oder verkehrt werden, um die persönliche Entwicklung der begabten Individuen zu hindern, und auf diese kam es ja eben für die Künste und Wissenschaften an. Die Masse blieb bei Arbeit, Natürlichkeit und Gebet. Heute hat man umgekehrt die Notwendigkeit ins Auge gefaßt, die Freiheit der Massen durch Verfassungen, durch kontrollierte und kodifizierte Verwaltungsformen, durch korporative Rechte und solche Grundrechte zu garantieren, aus deren Studium und Wahrung für alle Individuen ein Rechtsbewußtsein, ein Nationalgefühl und mit demselben eine staatsbürgerliche Ehre hervorwächst, welche für alle andern Bestrebungen und Tugenden das Maß abgeben darf. Heute soll also die Humanität zunächst nicht aus einer weltbürgerlichen, idealen und allgemeinen Bildung, sondern aus dem sozialen und nationalen Leben, aus dem Rechtsbewußtsein der Massen, aus ihrer politischen Mündigkeit hervorgehen. Der Staat und die Gesellschaft sollen sich nicht zunächst aus den durchgebildeten Individuen produzieren, weil die Kulturgeschichte aller Völker lehrt, daß eben die ästhetisch und philosophisch gebildeten, die reifgewordenen Personen dem Staate selbstschwelgerisch und exklusiv gegenüberstehen. Die Personen sollen vielmehr an dem Rechtsschematismus, an der Staatsschablone, an dem öffentlichen Leben, an den staatsbürgerlichen Pflichten ein Gegengewicht und eine Rektifikation ihrer Sondergelüste und ihres deutschen Partikularismus gewinnen. Nicht nur durch Zurückstellung der materiellen Privatinteressen, sondern durch eine Verleugnung des deutschen Individualismus, durch das Herausbilden des Gattungscharakters, d. h. des objektiven und förmlichen Verstandes, des Sozialverstandes durch Assoziationen, soll die neue Zeit herbeigeführt werden; hierin soll die Bürgertugend und der Kern der zukünftigen Humanität und Sittlichkeit bestehen. Wo hält vor solchen Weltanschauungen die Goethesche Lebenskunst und Lebensphilosophie, die Goethesche Bildungsberechtigung und Kunstreligion Stich? Sie kennt von ihrem Standpunkte nichts Höheres als einen Bildungsprozeß des begabten Individuums, welcher aus den Faktoren der Natur und der Kunst hervorgeht, um die antike Kunstnatur, die heidnische Schönheit und Lebensharmonie zu produzieren. Schade, daß der Träger dieser rehabilitierten griechischen Humanität ein so vielseitig mittelmäßiger, so charakterlos bildsamer, so widerstandslos belehrter, kurz ein so »schlapper neudeutscher Wilhelm Meister« ist, daß man nicht begreift, wie er nur aus den Lehrjahren heraus, geschweige denn in die Meisterjahre hineinkommen soll! Der Name gemahnt also an das » lucus a non lucendo – nomen et omen «; Lateinisch: Name und Vorbedeutung. die Wanderjahre sind unserm Wilhelm nur aufgeheftet, nur eine naive Mystifikation des Publikums wie des Autors, die Meisterjahre von vorne herein eine Unmöglichkeit. Was nun insbesondere die mit Goethe und später mit Schelling, Tieck und Novalis Mode gewesene Tendenz betrifft, das persönliche Leben zu einer schönen Kunst auszugestalten, so kommt mir keine Überschwenglichkeit und keine Affektation der Schellingianer und Ästhetiker widerlicher und widernatürlicher vor. Der geborne Romantiker, das heißt der poetische Mensch fühlt sich von der bloßen Möglichkeit empört, das Wunder und Heiligtum des Lebens auch noch außerhalb der Künste und Wissenschaften zu einer unmittelbarsten Kunst und Wissenschaft zu machen. Es liegt bereits in Künsten und Literaturen eine Profanation, eine Korruption des menschlichen Daseins und der Lebensmysterien, so daß ein gesund organisierter Mensch dem Himmel auf Knieen dankt, wenn nicht alles Leben in Künsten und Wissenschaften aufgehen darf. Um die Lebensunmittelbarkeit, die eigne Seele und Divination zu genießen, bedarf es freilich der Wissenschaft und Kunst, denn im Wilden, im Halbbarbaren und Bauerknecht wird der Geist von dem natürlichen und instinktiven Leben ersäuft; aber das Kennzeichen für einen Dichter und Denker, für einen Literaten von Profession, ob er ein heiler Mensch ist, besteht darin, daß er Anstalten macht, den Überrest seiner Natur, seiner Praxis und seines Gemeingefühls der zersetzenden Kritik wie den Schablonen der Künste und Wissenschaften zu entziehen. Das Leben kann nur unter der Bedingung von den Künsten und Wissenschaften gefördert werden, daß diese selbst bis zu einem gewissen Grade esoterisch verbleiben, daß sie nicht so populär werden, wie es die Tagestendenz mit sich bringt; denn im letztern Falle bilden sie zum wirklichen Leben und zu den Werktagsarbeiten nicht mehr den kräftigen, idealen und reizenden Gegensatz, aus welchem alle Bild- und Zeugungskraft entsteht. Die Kunst hat mit der flüssigen und metamorphosenreichen Natur das Prinzip der »Akkomodation«, der Grazie und Harmonie gemein. Dies Kunst- und Naturprinzip ist es aber eben, welches bei dem Lebenskünstler die Charakterenergie untergräbt. Wilhelm Meister ist ein köstlicher Repräsentant der deutschen Lern- und Bildungsmenschen von sonst, die heute par force in dramatische Charaktere, in lauter Menschen des Willens und der Tat übersetzt werden sollen. Der Mensch besteht aber aus »Vorstellung und Wille«, Vgl. Schopenhauers Werk: »Die Welt als Wille und Vorstellung« (1819). aus Passivität und Aktivität, aus natürlicher Akkommodation und sittlicher Charakterenergie, aus Empfängnis und Tat zugleich. Jeder künstliche Stimulus des einen Faktors erzeugt notwendig eine Reihe von Reaktionen und Kontrebalancen, in welchen die Lebenskraft verschwendet wird. Die Fortschritts- und Bildungsparolen, denen zufolge die Leute womöglich alle sechs Wochen »einen überwundenen Standpunkt« ankündigten und dazu erklärten, daß sie selbst »andre geworden seien«, vertragen sich schlechterdings nicht mit der vollendeten Charakterfestigkeit, mit der Energie, der Mannhaftigkeit und Tatkraft, die auf der jüngsten Tagesordnung stehen. Die Männer der Tat und des felsenfesten Sinnes sind nimmermehr die Leute der permanenten Reformation; sie sind vielmehr Absolutisten, d.h. Männer, die an ein absolutes Prinzip glauben und es an ihrer eignen Person verwirklichen; sie wollen Autoritäten sein, während diese heute kassiert und an ihrer Statt die Ideen in Kurs gesetzt sind. Die Ökonomie der Natur und das Lebensgesetz der Ergänzung machen, daß heldenhafte Naturen, die nicht ganz einseitig sind, Wissenschaften und Künste und ihre Träger mehr verehren als Tapferkeit und Helden (wie man das nicht nur an Friedrich, sondern auch an Karl dem Großen nachweisen kann); den Gelehrten dagegen imponieren Charakterenergie, Mut, Entschlossenheit und praktischer Verstand, kurz die Qualitäten, welche ihnen abgehen. Eben weil unsere Zeit so viel Literaten, Krittler und Räsoneurs, aber so wenig charakterfeste Männer und Originale hat, darum wird der Kultus der Charaktere und der Tatkraft, der Kultus des Dramas, durch welche Charakterkraft anschaulich wird, so einseitig übertrieben. Der Mann schwärmt weniger für Männer als für ein recht weibliches Weib, das zarteste Weib für den heldenhaftesten, ja oft für einen plumpen, schroffen Mann. Wer recht viel männliches Wesen in sich trägt, der wird es nicht so überschätzen und namentlich nicht auf Unkosten des Gefühls, der Gedankenbildung, der Poesie und Philosophie, als der junge Gelehrte, welchem sein Gewissen sagt, daß das männliche Teil an ihm von Natur vernachlässigt oder nicht durch Willensäußerung und Tatkraft entwickelt worden ist. In Gottes Welt aber gehen alle Kräfte zu gleichen Rechten, und wenn einem Teil die Weltherrschaft zuerkannt werden soll, so muß es der Gedanke sein. Ein Percy Heißsporn Vgl. S. 208, Anmerkung. ist zwar ein besserer Mann als Wilhelm Meister, aber er ist doch ein Lump, wenn man ihn an Schiller und Goethe oder an Leibniz, Kant und Hegel bemißt. Was endlich die künstlerische Bedeutung des berühmten Romans betrifft, so gibt derselbe ebensovielen ästhetischen als ethischen Ausstellungen Raum. Die Charaktere in »Wilhelm Meister« »modellieren sich allerdings von selbst«; sie haben den Zauber, die Schönheit und Wahrheit der Natur; aber eben diese vollkommene Natürlichkeit ist nicht nur unkünstlerisch, sondern auch unsittlich im sublimsten Sinn. Die Natur soll in der Kunst wie in den sittlichen Prozessen irgendwie inhibiert, sie soll stilisiert und gewissermaßen schematisiert werden; denn erst durch Schematismus, durch Stil unterwirft der Geist die elementare, flüssige, verwandlungsreiche Natürlichkeit einer Norm. Daß dies Stilisieren und Schematisieren leicht zur Unnatur hinführen kann, zeigt die dramatische Kunst eines Corneille und Racine, ändert aber den Kunstbegriff und die Notwendigkeit eines Kunststils keineswegs. Im Kunstwerk, namentlich im Drama und im didaktischen Roman, muß sich nicht alles von selbst machen oder zu machen scheinen, sondern es muß auch gemacht werden; denn nur auf diese Weise sind dem sinnlichen wie dem sittlichen Verstande Anhaltspunkte und mit ihnen sittliche Genugtuungen gewährt. Der Mensch ist einmal ein sittliches, d.h. ein solches Wesen, welches durch seinen Geist und Willen auf die Sinnlichkeit zurückzuwirken und in der Kunst ein Abbild der geistigen Reproduktion der Natur herzustellen vermag. Goethe und seine Helden wirken darum unsittlich und unkünstlerisch, weil sie allzu natürlich, zu genießlich, zu selbstschwelgerisch charakterisiert sind, und weil dieser Naturalismus noch wieder zu natürlich, d.h. ohne prononcierten Stil dargestellt ist; weil es den Charakteren wie der Darstellung an Gravitationen und sittlichen Akzenten, weil es dem Dichtwerk an einem Zentrum, einem sittlichen Ziel und Zweck, an der Haltung, d.h. an derjenigen Einheit gebricht, in welcher sich die Herrschaft einer Idee über das bunte Metamorphosenspiel der Phantasie, der sinnlichen Launen und zerfahrenden Willkür manifestiert. Daß sich mit der Schulvernunft allein kein Roman oder Drama dichten läßt, kann nicht gewisser sein als die Wahrheit, daß ohne ideelle Einheit, ohne leitende und treibende Idee die dichtende Kraft Phantasiebrücken baut, die kein Verstand zu passieren vermag; daß sich die Dichtung zuletzt den tiefsten Forderungen unsrer sittlichen Natur entfremdet und Auswüchse produziert, welche sich weder mit einer harmonischen Totalwirkung noch mit dem Begriff eines Kunstwerks vertragen, in welchem Stil und Natur, Vernunft und Sinnlichkeit und alle andern Gegensätze reell versöhnt sein sollen. Strengstilisierte Dicht- und Kunstwerke, Dichtungen mit prononciert sittlicher Tendenz, wie sie unser charakterfeste und männliche Schiller geschaffen hat, werden zwar den niedern Schichten des Volkes, den ganz gemeinen und trivialen Leuten ungenießbar bleiben, aber um so mehr befriedigen sie das ideale Bedürfnis der großen Masse solcher Naturalisten, die ein sittliches Gegengewicht für ihre empirische und materielle Lebensart erstreben und verstehen. Diese wenden sich mit Unmut und Indignation von der Romantik und von allen Dichtungen ab, in welchen sie einen Kultus der flüssigen Naturformen, der elementaren Naturgeschichten begegnen, denen sie eben entrinnen wollen. Die exakte Naturwissenschaft ist ihnen willkommen, weil sie von ihr lernen, wie man sich die Natur unterwirft; aber die Naturdichtung, die Romantik, die Lyrik, welche Naturberauschungen zum besten gibt, und die Romanpoesie, welche das Kulturleben auf dem Untergrunde der menschlichen Naturgeschichten, d.h. der Leidenschaften malt, ist den bildungsbeflissenen Mittelständen und Praktikern eine Fatalität. Die echte Nationalpoesie muß eine prononciert sittliche Tendenz und in Übereinstimmung mit derselben einen strengen, prononcierten Kunststil haben. Durch diesen Stil und seine Tendenz ist Schiller populärer und nationaler als Goethe, trotz seines größern Anklangs bei den Hochgebildeten und Gelehrten der Nation. Schiller inhibierte nicht nur durch seinen erhabenen Stil den Naturalismus der Praktikanten, sondern er befreite auch durch seinen philosophischen Idealismus die geschulten Leute von den Fesseln des Dogmas und der gelehrten Konvenienz. Die jüdische Jugend zumal warf sich diesem Poeten wie einem Erlöser in die Arme, und wer ihn nicht zu fassen vermochte, der fühlte den Schwung, das ideale, hehre Wesen des Mannes heraus und veredelte sich durch ihn; man lernte nicht nur, man wurde etwas durch seine Werke. F. Schiller und Goethe. Was die Menge verstehen soll, muß nicht nur natürlich gewachsen, sondern auch selbstbewußt, mechanisch und förmlich gemacht, muß im sittlichen Geiste konzipiert worden sein. Was in der Seele, in der Individualität empfangen ist und unmittelbar aus ihr in die Sprache übergeht, begreift nur der wahlverwandte Sinn. Der Genius ist erst Künstler und Dichter durch die Art und Weise, wie er das generelle und individuelle Leben, wie er die Konzeptionen der Seele mit dem Geiste und mit solchen Formen verschmilzt, die dem Durchschnitt des Menschenverstandes faßlich sind. Goethes Naturempfindung scheint objektiv, weil sie normal ist; und doch spiegelt sie nur die Organisation dieses Genius zurück und hat in den Liedern nur die Form, welche unmittelbar aus den Prozessen des Stoffes und dem gewonnenen Gleichgewicht des Poeten hervorgeht. Form und Stoff sind in Goethes Liedern harmonisch wie an einer Blume; man kann nicht einmal sagen: wie an einer Kristallisation, denn die poetische Form ist bei diesem echten Naturdichter so durch und durch organisch, daß sie uns sehr selten als eine Macht und ein Ding für sich, wie z.B. bei Schiller, entgegentritt. Während aber mit Schillers objektivem, sich für alle sittlichen Ideen und Tatsachen verleugnenden Geiste eine Mitleidenschaft verbunden ist, durch die eben das objektiv (sittlich) gewordene Gefühl manifestiert wird, so zeigt Goethe nur die objektive Empfindung, d.h. die Sympathieen und den Kontakt mit der elementaren Natur; nicht selten auch ihren Egoismus und ihre Herzlosigkeit. Die Geschichte, die Politik, die Gesellschaft, die sittliche Welt faßt Goethe so subjektiv und kühl wie Schiller die Natur. Mit den Worten »subjektiv« und »objektiv« sind also die beiden Dichterfürsten nicht charakterisiert. Schiller ist der zweckbewußte didaktische, Goethe der improvisierende Naturpoet. Der Idealismus Schillers ist so objektiv wie der Realismus Goethes. Während Schillers philosophischer Idealismus von einer sittlichen Begeisterung getragen wird, die sich durch eine männlich-vernünftige Selbstvergessenheit charakterisiert, ist eben Goethe der weiblich geartete Mann, der gebildete Naturalist, der sein Ich selten vergißt. Nur dem Schillerschen Geiste ist die ganze, unverkümmerte Mitleidenschaft für den Menschen vermählt. Seine Geistersprache, die uns als ein Wunder berührt wie die Goethesche Naturempfindung, durchzittern alle Sympathieen einer schönen Menschenseele. In Schillers Worten pulsiert das ganze vernunftveredelte Herz. Goethes Lieder, seine Naturempfindung und Naturdurchschauung, seine musikalische Bildkraft und divinatorische Naivetät bleiben ein Wunder der Natur im Menschengeiste und in einem Gelehrten dazu. Aber Schillers durchgeistigte Sprache ist ein Wunder des Geistes und eines rethorischen Witzes, von dem die Wiedergeburt, die Grazie, die Beredsamkeit unsrer deutschen Schreibart datiert. Vor Schiller hat kein Deutscher wie er geschrieben, und noch schreibt keiner mit diesem edeln Schwung und zugleich mit dem stilistischen Facettenschliff eines demantharten und reinen Charakters, dessen Feuer in Brillantfarben spielt. Nichtsdestoweniger spricht dieser spirituellste aller Poeten sein Ideal dahin aus, der Geist solle sich die Ökonomie der Natur zum Ziele setzen, wie in dieser, so solle auch im menschlichen Leben und Handeln Freiheit und Gesetz zur Schönheit versöhnt sein. Die Einseitigkeit beider Geschlechter ist der Grund ihrer Zeugungskraft und Lust; sie kann nur ein Ergänzungsprozeß sein, der seinerseits aus der Integrität alles Lebens hervorgeht. So muß denn auch im lebendigen Stil wie in aller schönen organischen Form das männliche Element zugleich mit dem weiblichen vertreten sein. Erst aus solcher Polarität und Neutralisation kann die wahre genugtuende Bildkraft hervorgehen. Die weibliche Art, ihre Anmut und Harmonie, ihre Flüssigkeit und Mitleidenschaft nimmt dem Stil und jeder Form den Kraftüberschuß, den Rhythmus, durch welchen er den Hörer und Leser übermannen soll; aber die männliche Natur allein ermangelt der Milde, der Weichheit und Schmiegsamkeit, der Flüssigkeit, durch die der Geist des Redners und Stilisten mit dem des Publikums verschmilzt. Die vereinte Wirkung des weiblichen und männlichen Elementes im Stile Schillers ist es aber, die ihn so hinreißend und befruchtend, so erhaben und anmutig, so graziös und energisch zugleich, so vollkommen schön macht, daß selbst die einschmeichelnde Anschaulichkeit, die Unmittelbarkeit Goethes gleichwie die einfach-verständige, harmonische Plastik in der Sprache der griechischen Klassiker gegen Schillers Sprache in der sittlichen Wirkung zurücktreten müssen. Der Prosa Goethes fehlt die stürmende rhythmische Kraft, die Charakterenergie, die Entschiedenheit und Offenheit des männlichen Geistes; und den Alten gebricht trotz aller schönen Natur und Unmittelbarkeit der Seelenüberschuß nicht minder wie die religiöse Begeisterung, die der Gewinn und das Kriterion des christlichen Geistes ist, der auch den sittlichen Enthusiasmus, den Idealismus unseres grunddeutschen Schillers im Schöße gezeitigt hat. Eine Magie, einen Magnetismus, einen Adel der Sprache wie dieser Genius hat kein Sterblicher mehr; denn in ihm vermählt sich ganz und gar der Philosoph mit dem Poeten und eine sympathieengeschwellte Seele mit dem vernünftigen Geists. Daß wir Deutschen uns in der Schriftsprache als ein ungeteiltes Volk begreifen, ist Luthers und Schillers Verdienst. Goethe ist Realist, aber sein Realismus arbeitet sich nicht bis zur Weltgeschichte durch wie bei Shakespeare, sondern bleibt im Genrebilde hängen; und der Idealismus, den er als ergänzenden Faktor gibt, wird von dem Faktischen so aufgezehrt, daß er es zu keinem spirituellen Überschuß, zu keiner transzendenten Kraft bringen kann. In einem frei von allen materiellen Basen entbundenen Idealismus, in einer überschüssigen Begeisterung, von welcher die Wirklichkeit nur als Vehikel gebraucht wird, liegt aber Schillers Liebenswürdigkeit, seine sittliche Naivetät und fortreißende Kraft, die Erhebung über die gemeine Wirklichkeit, die eben der praktische Mensch, der gequälte Werktagsmensch so dringend ersehnt. Eben die Schulgebildeten empfinden, daß Goethe ein so großer Dichter durch Lebensunmittelbarkeit ist, durch die glückliche und wunderbare Art, wie sich in seinen Liedern und auch in seiner ungebundenen Rede die Seele des Lebens in Bildern, in einer solchen Ökonomie von Worten abfängt, mit der für unsere Phantasie Dinge und Geschichten wie auf einen Zauberschlag ins Dasein treten. Das ist ein Wunder, das ist Poesie im bevorzugten Sinn, das ist ein unbezahlbarer Faktor gegenüber dem Schulverstande, gegenüber einer Bildung, die nichts unmittelbar an sich kommen läßt, sondern alles förmlichermaßen reguliert und vermittelt haben will. Bei diesem Räsonnement aber dürfen wir nicht stehen bleiben, wenn wir Schiller gerecht würdigen wollen. Falls die Welt aus lauter gebildeten Leuten, aus Pedanten und Philosophen bestände, so wäre Goethe mit seiner divinatorischen, plastischnaiven Art der Erlöser von Überkultur, von Dialektik, Rhetorik und Grammatik, von Schematismus und Schulmeisterei; da aber Volk und Naturalisten die Masse der Menschheit ausmachen, so wird Schiller, weil er der Architekt, der Stilist unter den Poeten, weil er der förmlich prozessierende, der reflektierende, der sittlich-begeisterte tendenziöse Dichter und Denker ist, auch der Literaturheroe der deutschen Nation bleiben, denn er bringt ihr das Element zu, welches ihr gebricht. Natur- und Lebensunmittelbarkeit, Plastik und Tatkraft hat die Masse selbst; aber es fehlt ihr förmliche Bildung, sittlicher Rhythmus, sittliche Akzentuation, Charakterfestigkeit und Stil. Diese Fakultäten können aber allein durch Begeisterung für die Idee der Geschichte, der Wahrheit, des Rechts, der Gesellschaft, der Geistesfreiheit, das heißt der Geistesinitiative erzogen werden; nicht aber dadurch, daß man mit Goethe singt: »Ich hab' mein Sach' auf nichts gestellt, Juchhe!« Goethe ist sublimierter Naturalist, das gebildete Publikum befindet sich der Hauptsache nach in demselben Fall; die große Masse ist dem Materialismus ergeben, eben darum wird sie nur durch den Idealismus eines Dichters und Denkers erlöst, den die Natur zum Idealisten gestempelt hat, der sich nie geschmeidig wie die Natur, nie wetterwendig und verwandlungsreich zeigt, der immer in der Arbeit des Geistes, in der Offensive bleibt, der nie zum Temporisieren, zu Naturellisten, zu ausweichenden Zickzackmanövern, zu Praktiken geneigt ist. Dem rigorosen Gelehrten imponiert nach dem Gesetz der Reaktion der Realismus, die Naivetät, die Inspiration und Lebensunmittelbarkeit, die plastische Objektivität, die natürliche Akkommodation Goethes und alles das, was dem Schematiker, dem Denker fehlt; aber dem Naturalisten, dem Empiriker und Praktikanten, der Jugend, dem sinnlich gearteten Weibe, der Masse der Nation, welche sich in elementaren Banden gefangen fühlt und ihnen durch Vernunftkultur, durch Ideen und Begriffe, durch sittliche Formen, durch eine Lebensnorm, durch einen Lebensstil und Schematismus, durch ideale Charakterbildung, durch Begeisterung für die Menschheit entfliehen will: sie alle empfinden Schillers Worte und Werke als eine sittliche Macht, als das Literaturevangelium; sie bekennen in dem edeln Württemberger den Dichter und Denker der deutschen Nation. Goethe, so groß er dasteht; kann leicht schädlich auf diejenigen wirken, die schon zur Versatilität, zur diplomatischen Grazie und Akkommodation, zur Charakterlosigkeit, zum natürlichen Egoismus hinneigen; Schiller veredelt jedermann, er sei, wer er und wie er sei. Goethes sinnlich-seelische Empfindungen und Anschauungen scheinen ohne seinen Willen, ohne Arbeit und Anstrengung, fast durch glückliche Organisation allein, so objektiv, so normal und der Natur der Dinge so glücklich abgelauscht, daß jeder gesund organisierte Mensch an des Dichters Darstellung die eigne, natürliche Auffassung und Empfindung wiederholt und rektifiziert; aber Schillers Gedanken und Ideen, Schillers Intentionen und sittliche Impulse fühlen wir alle als durchgekämpfte Prozesse, als einen Bruch von Sinnlichkeit und Vernunft, als einen Sieg des generellen, des rhythmischen, des förmlichen, des präzisen, also des sittlichen Geistes über den natürlichen Egoismus, die natürliche Trägheit und Gedankenlosigkeit, über die elementare Unregelmäßigkeit, Sinnlichkeit und Selbstschwelgerei, als Siege des Charakters und des historischen Verstandes über die natürliche List und Akkommodation, über die natürliche Wetterwendigkeit, Akzentlosigkeit und Treulosigkeit. Schillers Gedanken und Intentionen sind die Gesetze, in und mit denen die Menschheit, der Staat, die Kulturgeschichte, die sittliche Welt besteht. In Goethes Liedern und Romanen bespiegelt sich das Individuum wie in einem See; man sieht, je nachdem man will, bald den Grund, die Ufer, den Himmel oder das eigne Gesicht, man kommt ins Träumen, ins Schauen, man fällt in den Mittelpunkt seiner elementaren Natur zurück. An Schillers Gedichten und Dramen bespiegelt sich aber die menschliche Vernunft, der ideale Mensch. Schiller hält der Menschheit, der Geschichte selbst einen Spiegel vor. Wenn Goethe nicht mehr verstanden, wenn er zusamt Schillers Werken verschwunden, vom Strome der Geschichte ins Meer der Vergessenheit fortgespült sein wird, dann werden die Ideen, die Wahrheiten und Intentionen fortwirken und vielleicht realisiert sein, welche Schiller vertreten, durchdacht und überdichtet hat. Goethe lieben und fürchten wir zugleich, wie die Natur; wir lieben ihn wie das Weib, dem wir um der natürlichen Listen und Wetterwendigkeiten selten ganz und gar trauen; Goethe, der Dichter, hat seinen Glauben, seine Sache und Philosophie auf alles und auf nichts ausschließlich gestellt; Schiller auf heilige Wahrheit und heiliges Recht, auf die Menschheit, die Geschichte und den vernünftigen Geist. Schiller der Dichter, der Denker und Mensch ist eine und dieselbe Person; von Goethe läßt sich das nur mit Einschränkungen behaupten. Wir lieben Schiller wie einen herrlichen, totgetreuen Freund; wir vertrauen ihm, die Besten fühlen sich ihm geistesverwandt wie dem edelsten der Männer, welche die Kultur, die Menschenerziehung, die Kunst und Wissenschaft aus ihrem Schoße gebar. Goethe ist uns so einfach und durchsichtig und doch so allgestaltig und mysteriös wie unsre eigne Natur; wir trauen ihr alles in natürlichen Augenblicken und nichts in einem übernatürlichen Moment, wo das Gewissen, wo Gott, die Ewigkeit und der heilige Geist der Weltgeschichten zu uns sprechen. Aber mit Schiller möchten wir in allen Zeiten und in allen Augenblicken Verkehren; ihm geben wir uns hin wie unserm bessern Geiste und Genius; von ihm lernen wir nicht nur, durch ihn werden wir etwas, weil er nicht nur Dichter, sondern der tiefste und edelste Charakter ist, den die deutsche Literatur und die deutsche Bildung ausgeprägt haben. Goethe erscheint neben Schiller als eine weibliche Organisation, als die Inkarnation der Natur, welche alle unsre Sinne umbuhlt und den Geist gefangen nimmt; während Schiller, der Mann, durch die Ausstrahlungen seines hehren sittlichen Geistes unser übersinnliches Teil frei macht und der idealen Welt entgegenführt. In Goethe ist der Realismus, die vielgewandte, allgestaltige und vieldeutige Kunst- und Weltpraxis, in Schiller die geradsinnige und hehre Theorie, die im Weltgeist angeschaute, einfache ideale Lebensordnung, der hochsinnigste Idealismus inkarniert, der alle sinnliche Naturwucherung wie mit Messern durchschneidet. Schiller hat tiefer als irgend ein anderer Dichter alle die Spaltungen des Lebens herausgefühlt, welche aus dem Dualismus von Sinnlichkeit und Vernunft, von natürlicher Akkommodation und sittlicher Charakterstärke, von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Gebundenheit hervorgehen; aber er hat den »großen Riß« weder mit Witz und Naivetät noch mit Humor oder mit nüchternem Verstande zu überbrücken und zu maskieren gesucht. Es ist der unerschütterliche Glaube an die ideale Kraft im Menschen, es ist ein hehrer Vernunftidealismus im Beistande der Phantasie und Dialektik, welcher unsern Dichter wie diejenigen, die sich seinen Schwingen anvertrauen, über alle großen und kleinen Lebenszwiespalte hinwegträgt. Der Idealismus ist heute aber mit einer realistischen Weltanschauung vertauscht worden, die es nicht einmal zum Humor bringen kann, da ihr der ideale Faktor gebricht. So hat sich denn die Begeisterung für Schiller auf den Schillerkultus in der gebildeten Jugend und der Enthusiasmus für Goethe auf die Gelehrten und einen kleinen Kreis von gebildeten, einer natürlichen Abfrischung bedürftigen Beamten reduziert. Die forciertesten Präparaturen Zur Schillerfeier dieses Jahres [1859] sowie die Versuche, den großen Idealisten zum Realisten umzustempeln, verraten das schlechte Gewissen, mit welchem auch die Literaten dem Feste entgegengehen. Man ergreift die Gelegenheit, sich zu berauschen. Nichtsdestoweniger gibt es noch eine Schichte von deutschen Humoristen; von ihnen wie von dem Verhältnis der Goetheschen Poesie zum Humor werden noch ein paar Andeutungen am Orte sein. Schiller hatte nicht Weltkenntnis, nicht prononciert praktischen Verstand genug, um Humorist zu sein; aber dieser Mangel des Gemeinen wie die treue Hingebung an das Ideal adelt den Dichter um so mehr und leiht ihm den Heiligenschein. Zwischen dem poetischen Menschen, welcher das Schöne zu empfinden, und einem Dichter, welcher es zu schaffen vermag, liegt noch eine Kluft. Gelehrte und Praktiker mit einem vollen Herzen werden eben in dem Bewußtsein, ihre Lebenspoesie nicht künstlerisch schön ausgestalten zu können, Humoristen. Der Humorist fühlt den Zwiespalt von Natur und Schule, von Ideal und Wirklichkeit; er fühlt die Differenz zwischen dem Wunder der Lebensökonomie und seinem formalen Ungeschick, und so maskiert er sein Schisma, seine künstlerische Unmacht und seinen Schmerz mit einem ironischen Witz, welcher das Idealste und Individuellste, das Kleinste und Größeste, Seele und Verstand, alle Weltreiche und alle Formen vermengt. Ein Humorist vermag an verwandten Gemütern die kuriosesten und widersprechendsten Empfindungen zu begreifen, er vermag das Weltbild, das Ideal aus den barocksten Formen herauszufühlen, er verfolgt den großen Zug der Leidenschaft auch in dem Wellengekräusel entgegenstrebender Winde und Strömungen. Ein Humorist stellt sich das Ideal auf den Kopf, J. Paul vergleicht den Humoristen mit dem fabelhaften Vogel Rock, der, mit dem Kopf der Erde zugewendet, gen Himmel fliegt. er setzt ihm eine Pudelmütze auf oder verkleidet ein Monstrum und Wechselbalg seiner Launen zu einem Idol und trägt doch das unentstellte Bild der Schönheit und Wahrheit in seinem Herzen; aber wir Menschen sind selten genug zu Humoristen erschaffen, und auch diese macht erst das reife Lebensalter und der Schmerz über die Unverträglichkeit so vieler Lebensfaktoren, über das Schisma von Natur und Konvenienz, von Traum und Wirklichkeit, von Lebensbegeisterung und Verstand, von Seele und Schulform, von Kunst, Stil und Persönlichkeit, von Akkommodation und Charakter zum Humoristen. Also bedürfen wir solcher Poeten, in welchen die Naturkräfte, die Naturmysterien nicht in neckischer, auch nicht in schulförmlicher, sondern in kunstschöner Weise mit dem gebildeten Verstande versöhnt sind. Dies Wunder leistet aber kein Dichter so vollendet als Goethe. Goethe verbindet, den alten Griechen ähnlich, ein anmutendes Gemeingefühl mit individueller Selbständigkeit; die Mitleidenschaft seiner Seele mit den Seelen der Dinge ist keine kranke, sondern eine normale und graziös geartete Pathologie, ähnlich derjenigen, welche die Musik auf den Menschen hervorbringt. Schiller ist ein Denker, ein Mensch, der die Mysterien und Probleme der Menschheit, der Geschichte im Kopfe und im Gemüte bewegt. Schiller ist ein großherziger, herrlicher Charakter, ein ganzer Mann, welcher die ihm wahlverwandten, sittlich akzentuierten Menschen aufs tiefste ergreift, welcher eben dem nobel gearteten Praktiker, dem ungeschulten Menschen das Element herzubringt, welches ihm fehlt, nämlich den formengebildeten, in der Zucht des Gedankens und der Schule gekräftigten Geist. Die von Naturprozessen geschwellte Jugend, die von Natur und Liebe getragenen Frauen, die Goetheschen Naturen ergänzen und kräftigen sich durch den philosophischen Idealismus, durch die gewaltige Geistersprache, durch den sittlichen Rhythmus, die Formenstrenge, durch die geprägte Rhetorik Schillers, sie erstarken an seinem rhythmischen, objektiven, prononciert sittlichen und männlichen Geist, aber eben die reifen, philosophisch gebildeten Männer, die Gelehrten, die Schillerschen Naturen und alle die, welchen es versagt ist, die Naturmysterien schön und leicht zu deuten oder an ihrer eignen Persönlichkeit zur Erscheinung zu bringen, sie alle entschädigen und ergänzen ihr Defizit an dem divinatorischen Genius Goethes; sie empfangen die Natur wiedergeboren in seinem Geiste zurück und an diesem schulgebildeten Geiste eine Handhabe, welche die elementare Natur nur dem verleiht, der ein Menschenalter hindurch in einem inspirierten Verkehr mit ihr gestanden hat. *   *   * Gervinus vergleicht gegen den Schluß des 4. Bandes über Shakespeare Gervinus' »Shakespeare« erschien 1849–52 in vier Bänden. den Weltpoeten mit Schiller und Goethe in nachstehender Charakteristik, welche eine von den unzähligen Zeugnissen der dem Deutschen eigentümlichen Tiefe, Wahrheitsliebe und Unparteilichkeit abgibt. Er sagt: »Mit Goethes vielumfassender Menschenkenntnis verband Shakespeare Schillers unerschütterliche Menschenachtung, die Goethe verlernt. Goethe verlernte sie im einzelnen Umgange, in einem zerstreuten Leben von vielfach kleiner Tätigkeit, in seiner Abneigung und Unkenntnis der großen Welt der Politik und Geschichte; in dieser Welt bewegte sich gerade Shakespeare und fühlte sich in ihr wohl und erhielt sich in ihr seine Menschenachtung, weil da immer, selbst in Goethes Ansicht, ein großes Wesen wirkt, wo die Menschheit vereinigt arbeitet. Shakespeare reißt uns daher immer zu den Höhen des tätigen Lebens, in Schillers Geiste, hinan, die Goethe immer mehr aus den Augen verlor, je näher er uns den Höhen der Bildung zuzuführen strebte. Wenn sich aus Goethes vielseitiger Beschäftigung und seinem allgemeinen Interesse an allen Dingen ein umfassender Geist bildete, so aus Shakespeares Interesse an der tätigen Welt, sollte man glauben, zu gleicher Zeit ein Charakter. Wenn Schillers moralische Würde auch dem Achtung abnötigt, der ihn als Dichter weniger liebt, und Goethes Anmut auch dem Liebe entlockt, der ihn sittlich weniger hochachtet, so ist man bei Shakespeare in dem glücklichen Falle, stets zugleich achten und lieben zu können, ja zu müssen. Goethe selbst hat die höchste Spitze des Gegensatzes zwischen sich und Schiller so bezeichnet: Schillern habe die Idee der Freiheit bewegt, er aber sei auf der Seite der Natur gestanden; dieser Gegensatz ist in Shakespeare nicht zu finden. Er macht Goethen gegenüber den Eindruck der Freiheit, gegen Schiller den der Natur, aber auch umgekehrt selbst Goethe gegenüber den Eindruck der Natur und gegen Schiller den der Freiheit; ebensosehr ein Bild gegebener Vollkommenheiten wie freier geistiger Schaffung, begünstigt von der Natur wie Goethe und ihre Gunst mit freiem Bestreben heimzahlend wie Schiller. Schiller nannte das vollkommene Werk der Kultur: ›das sinnliche Vermögen in die reichste Berührung mit der Welt zu setzen und seine Empfänglichkeit aufs höchste zu steigern, und das geistige Vermögen unabhängig und selbständig zu erhalten und seine Aktivität und bestimmte Kraft möglichst zu erhöhen‹ – dies ist ganz eigentlich die Charakteristik des Shakespearischen Geistes. Er hat uns zugleich wie Goethe den Umfang der rezeptiven Natur und wie Schiller die Kraft des produktiven Geistes gelehrt. Er hat weder, wie Schiller Goethen vorwarf, die Gaben der Natur versäumt in echten Besitz des Geistes zu verwandeln, noch, wie Goethe Schillern schuld gab, den Instinkt durch die Tätigkeit des Geistes in Gefahr gebracht. Die Natur hatte ihn köstlich ausgestattet, aber er wucherte mit dem Pfunde, das sie ihm geliehen, und diesen Erwerb durfte er sein Eigentum nennen. Goethen war die Dichtung, wie sie Schiller betrieb, schon eine zu ernste Beschäftigung; aber Shakespeare trieb sie in noch viel größerer Anstrengung als beide.« Wie der Idealismus und der Realismus an Schiller und Goethe zu verteilen sei; ein Thema von spezifisch deutscher Art. »Shakespeare ist intuitiver und realistischer als Schiller, aber auch als Goethe, wenn man seine glückliche Beherrschung der geschichtlichen Welt bedenkt; er ist idealer als Goethe, aber auch als Schiller, wenn man die viel tiefere Vergeistigung und poetische Erfassung der Geschichte erwägt oder auf seine Sittenlehre und seine menschlichen Ideale zurückgeht. Prüfe man diese Verbindung der realen und idealen Natur, in der Schiller das Höchste erkannte, wohin die menschliche Natur gelangen kann, an Shakespeare zusammenfassend noch an folgendem. Fast in allen Zeiten und Landen finden sich die Dichterpaare nebeneinander, die sich zwischen beide Seiten des vorherrschenden sinnlichen und geistigen, realen und idealen Elementes teilen; bei uns in Deutschland allein finden sich so im vorigen Jahrhunderte Haller und Hagedorn, Klopstock und Wieland, Lessing und Herder und zuletzt im völlig bewußten Gegensatze Schiller und Goethe gegenüber; aber Shakespeare hat diese Seiten so zusammengefaßt, daß nur in seinen Nachahmern seine Doppelnatur sich spaltete: er selbst hat in seiner Nation und Zeit keinen Gegensatz weder nach der einen noch nach der andern Seite gefunden.« (»Shakespeare« von Gervinus.) *   *   * In diesen Tagen ist behauptet worden, Schillers Idealismus sei etwas Angelerntes, der Realismus [d. h. »der anschauende Verstand, welcher die charakteristischen Momente und Züge der Wirklichkeit zu einem lebendigen Bilde zu konzentrieren versteht«] wäre des schwäbischen Dichters wahre Natur und das Beste an ihm; wiewohl dabei nicht außer acht gelassen werden müsse, daß zu dieser Charakteristik eine ideale Kraft erforderlich sei, die man freilich nicht mit Träumerei und Phantasterei verwechseln dürfe. Goethe wäre der wahre Idealist; denn er habe die Ideen für das Reellste und Lebendigste gehalten und unter andern nach der Idealpflanze geforscht, deren Bild vor seinem innern Auge gestanden, während von Schiller die Realität dieses Bildes geleugnet worden sei ec. Solche Behauptungen finde ich von den modernen Literaten in der Ordnung, denn weil es ihnen an originellen Anschauungen gebricht, so werden die herkömmlichen Urteile und Lebensordnungen auf den Kopf gestellt. Es kommt doch, wie der Bäckerjunge in der Posse von Kalisch Der Possendichter David Kalisch (1820–72), der Schöpfer des modernen Couplets und Begründer des »Kladderadatsch«. sagt, indem er die Mumie im neuen Museum auf die andre Seite kehrt, »eine Abwechselung« ins Spiel. Der sublimierte Streit über Idealismus und Realismus (abstrahiert von Schiller und Goethe) kommt mit Hülfe der von Hegel erborgten Dialektik ganz auf die polarische Reziprozität von »Theorie und Praxis« heraus, und zwar so, daß die Theorie in der Praxis, und daß die Praxis nur in der Theorie zur Wahrheit, d. h. zur Wirklichkeit komme; welche Wirklichkeit wieder nur in Kraft der Wahrheit möglich sei. Also: Sein, polarisiert mit dem gefälligen und fügsamen Nichts (dem Nichts-Etwas), gibt das Wirkliche heraus, welches Wirkliche eines romantischen Augenblicks davon sterben muß, daß in ihm das Seiende ein bißchen zu stark mit dem Nichts versetzt und verfälscht worden ist. Es scheint mir mit unserer modernen Begriffseskamotage und Begriffsreiterei wie mit der Wechselreiterei, wo der Industrieritter so lange wechselt und reitet, bis er vom Pferde auf den Esel und von diesem auf den Hund gekommen ist; bei welchem Changement alle die, welche auf sich reiten und ziehen ließen, das kürzeste Ende ziehen und in den Kot getreten werden. Ich sehe es kommen, daß namentlich die Dialektik der Ästhetiker, welche in Deutschland wie die Pilze aus der Erde schießen oder vielmehr wie Frösche aus der Luft herabregnen, ganz so reell bankrott machen wird als der unbegrenzte papierne Kredit in der kaufmännischen Welt. Der Vorwurf der Ideologie für die Deutschen, den zuerst Napoleon in die Mode gebracht hat, läßt sich nicht abwälzen. Wir ziehen doch, unter uns gesagt, allzu leichtfertig auf Begriffe, denen die Valuta der Anschauungen, der Erlebnisse, der Empfindungen des natürlichen Instinktes, des Gemeingefühls fehlen. Wer sich aber einmal unter die unausstehlich liebenswürdige Sorte der deutschen Ästhetiker gemengt hat, muß Begriffe reiten, und so werde auch ich mit meiner ästhetischen Dialektik bescheidentlich normieren, wie der Idealismus und der Realismus unter Schiller und Goethe verteilt werden dürfte. Schillers Intentionen zeigen ihn als Idealisten, wenn auch in einzelnen Momenten der Ausführung sich ein realistischer Sinn und Verstand bewährt, wie z. B. in gewissen Szenen des »Tell« und der »Räuber«, in »Kabale und Liebe«, mit welchem Stück Schiller das realistische Genre und die Verstandespoesie von »Emilia Galotti« expreß nachgeahmt hat. In »Wallenstein« aber legt der Dichter sogar dem »ersten Kürassier« einen Idealismus in den Mund, welcher den Realismus nicht nur der Kapuzinerpredigt, sondern des ganzen Lagerlebens aufwiegt. »Frei will ich leben und also sterben, Niemand berauben und niemand beerben Und auf das Gehudel unter mir, Leicht wegschauen von meinem Tier.« In diesen Worten eines gemeinen Soldaten ist die ideale Lebensanschauung des Dichters auf die eklatanteste Weise ausgeprägt, ungeachtet dessen, daß sie ganz gegen das historische Kostüm von einem Wallensteinischen Soldaten aus der Masse vertreten wird. Bei genialen und ganzen Menschen macht sich eine Reaktion geltend gegen die Einseitigkeiten der Bildung, der Schule, der Leidenschaft, der Lebensbeschäftigung wie der Konvenienz. Diese Versuche der Natur, ihre Integrität zu konservieren, dürfen uns aber ebensowenig den überwiegenden idealistischen Faktor an Schiller als den vorherrschenden heilen Realismus an Goethe verdecken. Goethe erscheint nur da als Idealist, wo er sich mit Dingen beschäftigt, von denen er keine reellsten Kenntnisse besitzt, mit denen er als Dilettant verkehrt. Goethe hatte so wenig Sinn und Witz für die Philosophie der Geschichte als für die Geschichte der Philosophie; wohl aber lagen dem idealistischen Schiller die Ideen der Geschichte unendlich mehr am Herzen als die Naturgeschichten, um welche sich Goethe vielmehr als Anatom, Empiriker und Sammler wie als berufener Naturphilosoph bekümmert hat. Schiller aber legitimiert sich schon durch die architektonische Kunst seiner Dramen, durch sein planmäßiges, auf ein festes Ziel gerichtetes Arbeiten als einen Idealisten von Bildung und Natur. Der Realist hat nie ein Talent für die ideale Konstruktion in einem Absoluten, wie dies unsern Schiller charakterisiert. Schulfüchse mögen in ihm einen Realisten wittern, weil sie selbst gar keinen intuitiven und praktischen Verstand haben; wenn man aber Schiller für einen Realisten nehmen soll, so weiß man in der Tat nicht, wofür die Rabelais, Cervantes, Lesage, Fischart und Hans Sachs zu halten sind. Goethe war nur der Geschichte, dem Staate, der Kirche wie gewissen Tatsachen und Problemen der sittlichen Welt, z. B. der Ehe und dem politischen Leben gegenüber, ein Idealist, und zwar im abstrakten und schlechten Sinn; d. h. er ersetzte seine Unkenntnis gewisser Sphären, seine mangelnde Sympathie für dieselben mit Phantasterei, Reflexion und Allegorie. In »Egmont« z. B. findet sich der Dichter für den Mangel an politischem Verstande und Charakter (den der Held des Stückes darlegt) mit der Traumerscheinung der Freiheit ab, durch deren tadelnde Kritik Schiller ebensowenig zum Realisten wird als dadurch, daß ihn auch an dem Helden des Stücks das »souveräne Ignorieren« der wirklichen Verhältnisse verschnupft. Wer, wie Schiller, in so hohem Grade ein historisches und politisches Organ besitzt, dem wird eben durch politische und kosmopolitische Begeisterung der reelle Verstand geschärft. Dieselbe Steigerung des Scharfsinns und der Praxis beobachten wir an allen Menschen, die einer idealen Leidenschaft hingegeben sind: an den Liebenden wie an den Schwärmern und in der Religion. Die Praxis wird in genialen Menschen durch Theorie erhöht und ebenso der Realismus durch Idealismus, der Spezialblick durch den Umblick geschärft. Die Deutschen und insbesondere die Schwaben hören darum nicht auf, Ideologen und Theoretiker, Theosophen, Philosophen, Weltbürger und Idealisten zu sein, weil sie zugleich so praktisch, so mikrologisch, so detailverständig und in vielen Fällen so materialistische »Fußwurzler«, so an der Scholle klebende Pfahlbürger sind. Ebensowenig wird der Ethnograph die Franzosen etwa zu den Idealisten und Ideologen zählen, weil ihre dramatische Literatur so abstrakt phantastisch und schematisch ist wie ihre Revolutions- und Sozialphilosophie. Schiller schlug sich ohne Aufhören mit Ideen herum; mit welcher angebornen Vorliebe er dies tat, entnehmen wir aus einer leidenschaftlichen Äußerung in einem Briefe an Goethe oder an Körner, wo der Dichter erklärt, daß er tausendmal lieber den Täuschungen einer Theorie verfallen als sich mit der tausendköpfigen Hydra »Praxis« herumschlagen wolle. Das große Publikum verbindet aber ganz richtig den Begriff des Realismus mit der Praxis, nicht aber mit der Theorie und ihren Ideen. Den Schulphilosophen mögen die Ideen für die absolute Realität oder für die »Einheit von Ding und Vorstellung gelten«. Wir andern Menschenkinder halten die konkret sinnlichen Erscheinungen für die wirkliche Welt und verstehen unter einem Realisten denjenigen, der sich von diesen sinnlichen Dingen zur übersinnlichen Welt der gedachten Ideen orientiert, wie Goethe unbeschadet dessen getan hat, daß er bei Gelegenheit seiner naturforscherlichen Liebhabereien in den Ideen die Wesenheit des Lebens anerkannt hat. Da aber Schiller den Trieb und die Gewohnheit hatte, sich als philosophischer Kopf und Ästhetiker par excellence von den Ideen zu den Geschichten, zu den Dingen und Spezialitäten zurechtzufinden, so geschah es nach dem Gesetz der Ergänzung und Polarität, daß er auch von Zeit zu Zeit dem Realismus Rechnung trug, daß er sich positiv zeigte, daß er den Unterschied zwischen Ideen und Erfahrungen strenge festhielt, wie er es z. B. in jenem vielzitierten Zwiesprach mit Goethe über die Pflanzenmetamorphose getan. Wobei noch die bekannte Tatsache in Rechnung kommt, daß selbst ein Idealist einem Idealisten gegenüber sich dadurch von Einseitigkeit zu befreien sucht, daß er die Gerechtsame der Wirklichkeit, der Beobachtung und der positiven Lebensart vertritt. Schon der Geradsinn, die Schroffheit, die Offenheit, die Ehrlichkeit, die Entschiedenheit Schillers, sein prononciert männlicher Charakter, dem alle weibischen Winkelzüge, Balancen, Listen, Praktiken und Versteckspiele, alle passiven Rollen, Zweideutigkeiten, Verkleidungen, Metamorphosen und Akkommodationen zuwider sind (in welchen Goethe als Virtuose erscheint), stellen ihn als den reinsten Idealisten hin, welchen die poetische Literatur aufzuweisen hat, während sein großer Freund und Gegenfüßler Goethe von sich aussagt, daß er es liebe, sein wahres Ich mit seiner Erscheinung zu maskieren, und daß er namentlich in seine spätern Dichtungen, z. B. in den zweiten Teil von »Faust«, in »Meisters Wanderjahre«, in die »Novelle« vom Löwen mit dem Kinde ec. allerlei »hineingeheimnisset« habe (wovon, um mit Lichtenberg Der satirische Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 99) zu reden, weder im Himmel noch auf Erden sonderlich viel zu finden ist). Schäferknechte, Rattenfänger, Topfbinder, Viehdoktoren, Winkeladvokaten und andere Praktikanten sind darum nicht weniger Realisten und Empiriker mit Leib und Seele, weil sie zugleich nach dem Gesetz der Reaktion und ihres natürlichen Genies schlechte Idealisten, d. h. abstrakte Theoretiker sind. Die Reaktionen, ich wiederhole es, dürfen uns keinmal über die ursprünglichen Intentionen und Charaktere irre machen. Der Venusmaler Tizian hat tiefernste, idealkonzipierte Porträts geschaffen, ohne deshalb weniger ein Realist zu sein, und in J. Paul wie in Hippel verkennt kein deutsches Gemüt die Idealisten, trotz ihrer Genremalerei, die humoristisch mit dem Ideal kontrastiert. Bauers- und Bürgersleute sind nicht selten viel eifriger auf die Schul- und Universitätsbildung ihrer Kinder erpicht als Honoratioren und Professoren, ohne deshalb Idealisten zusein. Die sinnlich gearteten, offenbar realistischen und zu Praktiken disponierten Frauen sind, dem natürlichen Ergänzungsprozeß zufolge, in der Liebe zum andern Geschlecht viel idealer, viel unsinnlicher als die Männer, welche doch sonst den Spiritualismus, die Theorie und Ideologie vertreten, und so zeigt sich auch der entschieden weiblich geartete Goethe in seinen Liebesaffären unpraktisch, unpositiv, der reellen Liebe, der Ehe abgeneigt, unsolide, wetterwendig und abstrakt, während Schiller, der prononciert männliche Geist, seiner ersten Liebe getreu bleibt und sie durch eine Ehe zur Wahrheit macht. Aber weil er in der Liebe so positiv, praktisch und reell zu Werke geht, wird er ebensowenig den Realisten als Goethe aus entgegenstehenden Gründen den Idealisten zu vindizieren sein. Wie sehr der Sinn und Geist Goethes im Realismus (man könnte diesmal sagen: im Materialismus) wurzelte, wird aus einer Stelle seines Briefes an Frau von Stein ersichtlich, wo er der Ärmsten, nachdem er das ärgerliche Verhältnis mit Christiane Vulpius eingegangen ist, auf ihre Vorwürfe ganz im Ernste anrätig ist, »sich in Zukunft nicht durch zu starken Kaffee zu überreizen«. Daß unserm prächtigen Schiller der Realismus angeboren war, wie ein Aufsatz in den »Grenzboten« vom Dezember 1858 behauptet, ist demnach paradox und grundfalsch. Dieser deutscheste Dichter hatte allerdings Herz und Verstand für die charakteristischen Züge und Prozesse der sittlichen Welt. Er verstand sie darum auch witzig und effektvoll zu porträtieren; die Beweise liegen in den »Räubern«, in »Kabale und Liebe«, in »Wallensteins Lager«, im »Tell«, in der »Geschichte des Abfalls der Niederlande« vor. Im »Geisterseher« bekundet sich ein bewundernswertes Geschick, nicht nur für die minutiöseste Auffassung und Verknüpfung, sondern auch für eine geschmackvolle Darstellung von positiven Kleinigkeiten und Verhältnissen, die allerdings einen realistischen Verstand voraussetzen; aber der Verfasser dieses interessanten Kunststückes, einer anschaulichsten Handhabung von verwickelten Situationen, Maschinerien und Apparaten, die einer raffinierten Betrügerei und Intrige angehören, behielt weder Lust noch Willen für die Vollendung eines Experiments, welches seiner einfachen, idealen, schwunghaften und auf das Höchste gerichteten Natur widerstand. An den Balladen und Lehrgedichten Schillers, am »Taucher«, am »Kampfe mit dem Drachen«, am Gange nach dem Eisenhammer, an dem »Liede von der Glocke« bewundern wir einen Genius, der auch mit Liebe und Sachverstand die materielle Welt mit ihren Detailarbeiten und Mühen, der die irdischen Bedingungen des Menschendaseins bis in die kleinsten Züge zu photographieren versteht; aber nicht nur die große Masse der lyrischen Gedichte, die Ideale, die Künstler, Resignation, die Götter Griechenlands, die Worte des Glaubens, der Spaziergang, der Jüngling am Bach, des Mädchens Klage, Amalia, eine Leichenphantasie, Elysium, Melancholie an Laura, Hektors Abschied ec., sondern die Dramen »Don Karlos«, die »Braut von Messina«, die »Jungfrau von Orleans«, »Maria Stuart«, »Wallenstein«, besonders die Charakteristik des Helden, die Episode Thekla und Max, ganz besonders die ästhetischen Aufsätze über die Schaubühne, über das Erhabene und Anmutige, nicht minder Schillers Briefe, sein ganzes Leben manifestieren ebenso eklatant den Idealisten aus Seele und Geist heraus, wie sich Goethe in der Schöpfung einer so konkreten Gestalt wie Klärchen als Realisten zeigt, wenn er auch den Helden Egmont falsch idealisiert und ihn uns im rosaseiden Wams der Liebe statt im Harnisch eines die Zeit und Pflicht begreifenden Verstandes dargestellt hat. Werfen wir einen Blick auf die andern Dramen Goethes, so treten uns, neben der zerfließenden, knochenlosen, schlecht idealisierten Gestalt eines Tasso, nicht nur so in Fleisch und Bein erschaffene Individuen wie Hermann und Dorothea entgegen, sondern wir sehen die antik und ideal angestrebte Iphigenia, obwohl in antikem Duft verklärt, doch in ein herziges, deutsch ausgeprägtes Mädchen verwandelt, die jeder gebildete Mann trotz dessen lieben und heiraten könnte, daß er vielleicht ein deutscher Pfahlbürger wäre. Selbst im »Faust« hält die durch und durch realistische Ausführung der idealen Intention mehr als erforderlich die Wage; und erst der zweite Teil zeigt in der Wüste von abstrakten Weltanschauungen und Phantastereien die schönen Hautreliefs aus dem alten Griechenleben auf. Gegenüber den Werktagspraktikanten darf freilich Goethe durch und durch für einen Idealisten gelten; und so ist auch Schiller durch seine Herzensintensität, durch seine Begeisterung für die Schweiz und ihre Freiheitskämpfe ein Realist geworden, der den Vierwaldstätter See wie ein Augenzeuge geschildert hat. Aber derselbe Schiller erscheint zugleich als echter Idealist, indem er den Sohn des geblendeten Melchthal wiederholt Tiraden über den Wert und die Schönheit des Augenlichts in dem Augenblick halten läßt, wo dem Sohne über die Mißhandlung an dem Vater die Sinne vergehen sollen. Umgekehrt zeigt sich Schiller in seinem Liede von der Glocke so en detail in dem Technischen des Gießens informiert, daß man ihn allenfalls für einen Glockengießer halten könnte. Wenn dies aber geschähe, so folgte daraus keineswegs, daß man den Sänger nicht zugleich auch für einen großen Dichter und in specie Lateinisch: insonderheit. für einen Idealisten, d. h. für einen solchen Poeten halten müßte, welcher die Welt und alle Dinge überdichtet, überdenkt und in allen Augenblicken an einem Ideal bemißt. Jener Aufsatz in den »Grenzboten« führt sogar das Gedicht »Die Ideale« als einen Beweis an, daß der Verfasser das Ideal aufgegeben habe. Weiter kann man aber die ästhetische Naivetät nicht treiben, als wenn man annimmt, daß ein Idealist nicht momentane Rückfälle zum Realismus haben solle, und daß in denselben jedes verzweifelte Wort für bare Münze zu nehmen sei. Kann doch eben nur ein Idealist wie Schiller an der Verwirklichung seiner Ideale mit solchen Schmerzen verzweifeln, aus denen wir bereits das Hoffnungsgrün und den übersinnlichen Trost hervorkeimen sehen. Wie wundervoll hat der unverwüstliche Idealismus des deutschen Dichters auf jene scheinbare Abdankung seiner Ideale in den Gedichten »Das Ideal und das Leben«, »Die Poesie des Lebens« und in so vielen andern geantwortet! Auch in jener Verdunklung aller Ideale wirft sich Schiller der Freundschaft an die Brust. Er verzweifelt im »Pilgrim« an dem Wege zum Ideal und findet ihn gleichwohl in den Versen, welche er »Sehnsucht« überschrieben hat. Ebenso schön und erhebend halten sich Zagnis und Hoffnung, Trauer und Freude in der »Klage der Ceres« das Gleichgewicht. Man könnte alle Gedichte Schillers exzerpieren und interpretieren, um zu beweisen, daß ihr Schöpfer ein unsterblicher, unergründlicher und unverwüstlicher deutscher Idealist gewesen ist; die Mühe wäre aber sicherlich für alle diejenigen umsonst, welche aus Hang zum Verkehrten und Aparten oder wegen ihrer Wahlverwandtschaft mit den realistischen Tendenzen der Zeit sich in den Kopf gesetzt haben, daß Schiller ein Realist sein soll. Jedenfalls kann ich mein Thema nicht besser schließen als mit ein paar Versen aus dem wunderschön gedachten Gedicht »Das Ideal und das Leben.« Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen, Frei sein in des Todes Reichen, Brechet nicht von seines Gartens Die ganze sinnliche Welt wird ein »Garten des Todes« genannt, weil alles, was hier wächst und blüht, sterben muß. Frucht! An dem Scheine mag der Blick sich weiden; Des Genusses wandelbare Freuden Rächet schleunig der Begierde Flucht. – Selbst der Styx, der neunfach sie umwindet, Wehrt die Rückkehr Ceres' Tochter nicht: Nach dem Apfel greift sie, und es bindet Ewig sie des Orkus Pflicht. Nur der Körper eignet jenen Mächten, Die das dunkle Schicksal flechten; Aber frei von jeder Zeitgewalt, Die Gespielin seliger Naturen, Wandelt oben in des Lichtes Fluren Göttlich unter Göttern die Gestalt. Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben, Werft die Angst des Irdischen von euch! Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben In des Ideales Reich! Und vor Im Original Druckfehler: von. jenen fürchterlichen Scharen Euch auf ewig zu bewahren, Brechet mutig alle Brücken ab! Zittert nicht, die Heimat zu verlieren! Alle Pfade, die zum Leben führen, Alle führen zum gewissen Grab. Opfert freudig auf, was ihr besessen, Was ihr einst gewesen, was ihr seid; Und in einem seligen Vergessen Schwinde die Vergangenheit. Wem nach diesen Versen noch ein Zweifel bleiben möchte, was Schiller unter dem Ideal verstanden, und wie er es mit dem schönen Schein gehalten, der lese das Gedicht »Poesie des Lebens«, welches in der Zeitfolge eines der letzten ist. Darin irrt Goltz; das Gedicht entstand schon 1795. »Wer möchte sich an Schattenbildern weiden, Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden, Mit trüg'rischem Besitz die Hoffnung hintergehn? Entblößt muß ich die Wahrheit sehn. Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden ec.« So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund, Aus der Erfahrung sicherm Porte Verwerfend hin auf alles, was nur scheint. Erschreckt von deinem ernstern Worte, Entflieht der Liebesgötter Schar, Der Musen Spiel verstummt, es ruhn Im Original Druckfehler: ruhen. der Horen Tänze, Still trauernd nehmen ihre Kränze Die Schwestergöttinnen vom schöngelockten Haar; Apoll zerbricht die goldne Leyer Und Hermes seinen Wunderstab. Des Traumes rosenfarbner Schleier Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab, Die Welt scheint, wie Schiller: was sie ist, ein Grab. Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde Cytherens Sohn, Eros. die Liebe sieht, Sie sieht in ihrem Götterkinde Den Sterblichen, erschrickt und flieht; Der Schönheit Jugendbild veraltet, Auf deinen Lippen selbst erkaltet Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung Ergreift dich die Versteinerung. G. Theodor Hippel. Vgl. S. 20, Anm. 3. Theodor von Hippel wie Justus Möser gehören zu den Männern, in welchen sich der deutsche Verstand und Charakter so essentiell konzentriert hat, daß fast jeder Ausspruch von ihnen den ganzen Mann bedeutet und jeder ein Kernschuß mit deutscher Ladung ist. Die natürlichsten und ehrlichsten Schriftsteller von heute produzieren uns immer noch den Literaten, die literarischen Lernstücke, Standpunkte, Maßstäbe, Manieren, Phrasen, Affektationen und destillierten Dummheiten. Die Masse unserer modernen Schriftsteller scheinen aus lauter Literaturgas und Literaturambitionen zusammengefahren zu sein. Die süße Milch der alten Weisen und Dichter haben sie mit dem Weinstein der Kritik zur Molkenkur gemacht. Aus den Schriften und dem Stile Hippels wie Mösers fühlt man nirgend den Schriftsteller, den Stilisten, den literarischen Putzmacher, sondern den heilen Menschen heraus, der das Zentrum behält, welches ihm Gott und die Natur verliehen haben. Hippel und Möser, obgleich in ihren Grundrichtungen so entgegengesetzt wie Roman und Politik, behalten ihre individuellste Verfassung, die Treuherzigkeit und Naivetät, in welcher so erbaulich die deutsche Art und Weise repräsentiert wird. Hippel insbesondere, mit dem ich es hier zu tun habe, zeigt sich bei allen Gelegenheiten so nobel-derb, mutterwitzig, schlecht und recht, so gottesfürchtig, wie man nur einen Schriftsteller von deutschem Stamme und keinmal einen Franzosen findet, wenn man den alten ehrlichen Montaigne ausnimmt. Ein Pariser kann witzig und scharfsinnig wie Voltaire, er kann ein zersetzender Chemiker sein, der alle Formen changiert oder auf ein Nichts reduziert, aber darum trifft er noch lange nicht einen Nagel auf den Kopf, mit dem etwas Festes und Wohnliches im Reiche des Geistes zusammengezimmert werden kann. Der französische Witz schleift Spiegel, in welchen man die Dinge auf den Kopf gestellt erblickt, er findet mit Leichtigkeit und sogar mit Grazie Formeln, Wendungen, Nutzanwendungen und Analogieen, durch welche Sitten, Gesetze und die ganze Weltgeschichte lächerlich gemacht werden; wie man aber mit einem Worte der Wahrheit, der Liebe, des Glaubens, mit einem einfältigen Gleichnis die Narrheiten und Lügen der Welt bannen und zum Hades hinabscheuchen kann, wie man die Heiligtümer des Lebens vom Schmutz des Lebens säubern, den alten Gott im Herzensschrein wieder aufstellen und die Welt zum andernmal im menschlichen Gemüte auferbauen soll, das versteht der französische Witz und Esprit nimmermehr. Wie herzergreifend aber diese Wunder unserem ostpreußischen Hippel gelingen, wird man an den hier zusammengestellten Kernsprüchen ersehen, die seinen »Lebensläufen in aufsteigender Linie« entnommen sind. »Mein Vater hatte den Grundsatz, die Andacht gehöre ins Kämmerlein.« »Erziehen heißt aufwecken vom Schlaf, mit Schnee reiben, wo Teile erfroren sind, abkühlen, wo's brennt.« »Ein Genie auf dem Lande bleibt nicht lange allein; die Natur geht ihm an die Hand. Ein rechtes Talent brennt sich durch den Scheffel.« »Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seelen. – Man muß nur eine vollkommen besitzen, das ist reden, schreiben und in ihr denken können. Ein Gott, eine Taufe, eine Sonne, ein Weib, ein Geist, ein Leib, ein Freund, eine Sprache.« »Wenn ein Deutscher französisch betet, so läßt er sich vom lieben Gott französische Vokabeln überhören. Die letzten Worte sind all' in der Muttersprache, auch die letzten Seufzer so. Zu jeder Sprache gehört eine andre Zunge und ein andrer Mensch.« »Es gibt keine nackte Wahrheit. Worte finden, heißt denken; sie sind die Kleider des Gedankens. – Der beste Lateiner bleibt ein Deutscher, wenn er deutsch gedacht hat. Cicero würde ihn für keinen Landsmann halten. Französisch zu schreiben, muß man ein Franzose, um englisch zu schreiben, ein Engländer sein. Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen, verständlich zu machen, ist allzumal ein Schwachkopf; es fehlt ihm wo, es sitze das Übel, wo es wolle.« »Meine Mutter war der Gesinnung jenes Königs, welcher gesagt hat, drei Wasser verdürben: das süße Wasser im salzigen Meer; das Wasser im Wein; das Taufwasser auf dem jüdischen Kopf.« »Wir vergessen, daß wir aus der Kirche nur eine glühende Kohle vom Altar heimholen sollen, um im gemeinen Leben Gott Opfer der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu bringen, die allein ein süßer Geruch vor dem Herrn sind.« »Die Gewalt, die sich die Großen des Nachruhms wegen antun, die sie zu Knechten ihres ganzen Lebens macht, ist von der Hofmanier ungefähr wie ein Fechter vom Tänzer unterschieden; alles ist solch eines Großen wegen da, bis auf den lieben Gott, den er aber auch nur der Kurialien halber in Ehren hält.« »Ich sah bei dieser Gelegenheit, was ich oft gesehen, daß das schlechte und rechte Christentum eine edle Gleichgültigkeit, einen gewissen Liederton im Leben wirkt, der uns bei allem Wechsel und Wandel Ruhe ins Herz weht.« »Der Staat braucht viel Hände, aber wenig Köpfe; die Kenntnisse des gemeinen Mannes müssen bei der Hand bleiben. Wer dem Menschen das Denken nehmen will, setzt ihn herab; denken kannst du, aber das Grübeln ist dem Menschen schädlich, und die Presse kann schlimmre Verheerungen anrichten wie Pulver und Blei.« »Die Sinne sind die Bauern: sie stehen zwar unter der Obrigkeit, indessen, – wenn sie nicht wären? – Ich ärgre mich, wenn man die Sinne wie das liebe Vieh nimmt und herabsetzt.« »Die Bibel ist das einzige Buch, das für alle Menschen paßt, ein göttliches Elementarbuch.« »Je länger ich studiere, je kürzer wird die Predigt. Welch ein Haufe Baumaterialien zu einem kleinen Hause!« »Aratus Der griechische Dichter Aratos aus Soloi in Kilikien (315– 245 v.Chr.), der das im Altertum vielbewunderte astronomische Gedicht »Phaenomena« ohne eigene Kenntnisse nach den Werken des Eudoxos abfaßte. hat ein berühmtes Gedicht über die Astronomie geschrieben; er würde es nicht getan haben, und das Gedicht wäre nicht berühmt geworden, wenn er Astronomie verstand.« »Weiß ein Professor nur einerlei, so ist er ein Pedant.« »Ein Autor ist ein so stolzes Ding, daß er zum ganzen menschlichen Geschlechte spricht.« »Auf Universitäten sagt dir jeder Lehrer weniger, was du zu wissen nötig hast, als was er weiß.« »Ein Wort, das vielleicht ein Lehrer im heiligen Enthusiasmus verlor, fällt nicht auf die Erde. Der Jüngling faßt es: Aus dem Meeresschaum wird eine Venus.« »In der Schweiz, in Holland, in England haben die Leute feine Wäsche. – Wo ein Tyrann herrscht, will ich das Hemde nicht sehen. Die Menschen achten ihren Leib nicht, der ihnen nicht gehört.« »Ein böses Gewissen ist ein Ofen, der immer raucht, ein Gewitter ohne Regen. Es ist Kläger, Richter, Henker in einer Person. Die Nachtigall singt dir: Du bist ein Dieb, die Lerche: Du hast gestohlen!« »Der Mensch hat zuweilen einen schrecklichen Hang zum Aufruhr.« »Ich bin's gewohnt: Eis im Wasser, Speck im Kohl, Ehr' im Leibe, Gewissen im Herzen.« »Wenn man den Kindern auf alle Fragen antwortet, kuriert man sie durch Aderlassen: man macht sie schwach.« »Der Engländer hat Baß-, der Franzose Diskantsaiten. Aus einem englischen Gedanken macht der Franzose ein halb Dutzend.« »Einem von Leidenschaften gefesselten Menschen vorpredigen, heißt, einen Galeerensklaven Glück greifen lassen.« »Ich bin sehr für geliehene Bücher; hat man das Buch selbst, so denkt man, du liest es ein andermal.« »Wenn ich einen Sarg machen sehe, wird mir das Herz abgehobelt.« »Laßt Leben und Tod aus einem Stücke sein.« »Das Leben ist so etwas Niedrig-Komisches. Alle Toten haben Ernst in ihren Zügen, das Lachen kann kein Hauptstück des Lebens sein.« »Der Zeit kann und muß nichts vorgreifen, nicht Religion, nicht Weisheit: sie leidet es nicht; nur sie kann den Schmerz lindern.« »Zeremonien sind des Herzens Hurtigkeit wegen da.« »Es gibt auch ein sehendes Heidentum, wie ein blindes.« »Einsamkeit stärkt die Nerven.« »Das männliche Alter schürzt den Knoten des Lebens, der Tod löst ihn.« »Der Tod nimmt von jeder Minute die Hälfte, von jeden: Atemzuge sein Teil. Der Genuß, wie schmeckt er? Hast du ihn schon gekostet?« »Schon der Mechanismus tröpfelt Tränen in den Wein unsrer Freuden.« »Unser Heißhunger nach Existenz ist Gotteshauch.« »Die Essenz des Lebens ist Wunsch und Hoffnung.« »Der Mensch kann alles und kann nichts.« »Eine Handvoll Erde ist eine Handvoll Welt; schaudre nicht vor Verwesung.« »Aus Erden sind unsre Windeln und unser Leichentuch.« »Die Natur ist das perpetuum mobile , sie steht nirgend und nie still; sie wirkt Leben im Tode, Tod im Leben so schön durcheinander, daß es eine Lust ist anzusehen dem, der ein Auge dazu hat.« »Man sollte allen Subtilitätenkrämern das Handwerk legen. Es sind die ärgsten Zeitverderber in der Welt. Sie gewinnen uns die Zeit ab wie die falschen Spieler das Geld.« »Was ist es denn, was die künstlich gezogne Wortschleuse des Redners erzeugt? Schaum; und wenn auch eine Venus daraus entstiege, nicht jedem ist mit dieser Schaumgöttin gedient.« »Was hilft die reine Vernunft, wenn das Herz nicht rein ist! Nur die reines Herzens sind, werden Gott schauen.« »Jeder Mensch hat so etwas bei sich, was ja oder nein bei allen Dingen sagt. – Es gibt ein Verstandes- wie ein Willensgewissen. Die wichtigsten Wahrheiten können nur durchs Leben bewiesen werden. – Ich lebe, sagt Christus, und ihr sollt auch leben.« »Sobald wir zweifeln, so bricht die Sinnlichkeit Tür und Tor.« »Jungen Leuten ist Leben und Sterben wie Wachen und Schlafen: alles an einem Rosenkränzchen.« »Wie selten ist der Mensch ein Mensch!« »Studieren ist eine Art von Geisterseherei, eine Empfindung höhrer Kräfte, ein Vorgeschmack des Himmels. – Die Alten wußten nicht, wo diese Empfindung zu Hause gehöre.« »Die Menschennatur hilft sich durch die Krankheit, wie sich die große Natur durch Donnerwetter hilft.« »Ich bin nicht Wider Selbstgefühl. Wer nicht im Geist und in der Wahrheit sagen kann: ich, wie kann der sagen: du, er, wir, ihr, sie?« »Der Bediente des Königs ist ein Bediente.« »Wer ein kluges Buch schreibt, hat ein Edikt ausgeschrieben, das die Welt respektiert; er ist mehr von Gottes Gnaden als diese durchlauchtigen Häupter.« »Das Futter des Kleides soll Heller sein als seine Farbe.« »Der König Friedrich der II. liebte wohl den französischen Verstand, aber nicht den französischen Willen.« »Heuchelei ist der Erbfehler der Monarchien.« »Beim Exerzieren hustet kein preußischer Soldat, er verbeißt es; er hält sich gerade; das hilft für alle Krankheiten, und selbst die Bitterkeit des Todes ist damit zu vertreiben.« II. Jean Paul, die Romantik, die Klassizität und der Geschmack. J. Pauls Gedankenreichtum ist so immense und so dichtgewachsen, daß es bei ihm zu keiner Form kommen konnte, insbesondere zu keiner schönen Figuration. Er ist ganz erfüllt, ganz hinweggenommen von den Tatsachen des Lebens, seine Seele kommt nicht aus dem Zeugen, sein Verstand nicht aus dem Gebären heraus. Milliarden von Eierchen füllen seine Phantasie wie der Fischrogen einen Hausen oder Stör; und was hat der Ärmste noch mit dem Einsalzen seines Laichs zu tun, wenn man erwägt, daß er jedes Körnchen besonders beguckt, bedenkt und ihm eine Leichenrede hält, bevor er es als Kaviar in die Fässer, d. h. in die Bücher tut. Der alte Arndt nennt uns Deutsche im guten und schlimmen Sinn ein kribbelndes, wimmelndes Wurmvolk; und in der Tat, wenn man J. Paul studiert, muß man die Deutschen für eine Ameisennation halten. Unseres Poeten Hirn und Herz ist ein Ameisenberg von Gedanken und Empfindungen, der bis zum Himmel reicht; und nun kriechen ihm die Gedanken zum Herzen, die Erfindungen zum Gehirn, und jede Ameise ist noch dazu mit Flügeln versehen und trägt ein Stückchen Harz und Weihrauch zu Hauf. Unser Poet aber präpariert mit diesen Ameisengedanken die kleinsten und die größten Tiere zu säuberlichen Skeletten und bekleidet sie wieder mit einer vorsündflutlichen, Welten gebärenden Traumphantasie, in welcher wir aber gleichwohl noch wirkliche Fleischteilchen, Muskelbewegungen und Nervenreizungen wahrnehmen, welche durch den Kontrast mit den Phantasiestücken einen humoristischen Humor produzieren, den oft nur der Autor versteht. Wie soll nun dieser närrischweise Humorist die Umrisse und Gestalten der wirklichen Welt- und Naturgeschichte erfassen? Er hat nicht Luft, nicht Raum und Ruhe vor sich selbst. Er ist ein Gebirge von lebendigen und toten Gedanken; wer es ersteigen will, kommt in dem »Gekribbel und Gewibbel« nicht vorwärts, es sei denn, daß ihm Flügel zu Hülfe kommen wie dem Autor selbst; aber wenn er diese Flügel schwingt, tragen sie ihn wieder so weit ins Blaue, »daß ihm die Wirklichkeit und Erde zum Kindergärtchen einschrumpft«. So kurios und so erhaben, so labyrinthisch und so prinzipienfest, so minutiös und doch in einem so großartigen Stil und Rhythmus hat noch kein Sterblicher den Idealismus und den Realismus ineinander und durcheinander bewegt und konfiguriert wie J. Paul. Die Romane dieses seltsamsten und gleichwohl normalsten Deutschen, dieses phantasierenden Denkers und denkenden Enthusiasten sind den Phantasiestücken zu vergleichen, welche Kinder und Jungfern am Neujahrsabend aus Zinn zu gießen pflegen. Diese Gebilde stellen mit Hülfe der Phantasie das Steinreich, das Tier- und Pflanzenreich, selbst Menschen dar, und man kann sich an diesen Labyrinthen spielend zum Propheten erziehn. Unser Dichter nimmt zu der Kurzweil anstatt der Zinnlöffel vererztes Gold, welches er aus den Eingeweiden der Berge aller Länder holt und nicht im Wasser, sondern in seinem Herzblut ablöscht. Solchen Experimenten ist die Werktagskritik mit ihren der Literatur entnommenen Maßstäben, Prinzipien und Weltanschauungen nicht mehr gewachsen. Über einen Jean Paul Friedrich Richter muß ein zweiter Richter richten, denn seine Humore spielen im Himmel und im Mittelpunkt der Erde in demselben Moment. Nichtsdestoweniger sei hier versucht, was im Grunde genommen über alle Experimente hinausgeht; denn Richters Humore und methodische Delirien haben ansteckende Kraft. Unser Wundermann schleppt, zerrt und zitiert die diskrepantesten Dinge, Formen, Sphären, Situationen Stirn an Stirn auf Rendezvous oder Mensur. Er ist seinen Lesern die Wissenschaft und Fertigkeit von lauter zufälligsten, lokalsten und minutiösesten Dingen wie Geschichten am Muten; und dann wieder wächst bei ihm aus Pilzen und Modermysterien, aus einem Ungezieferunwesen im Moose (welches er aus ineinandergeschachtelten Gleichnissen, Reminiszenzen und Witzreden zusammenwuchert) eine Riesenlilie zum Himmel, ein Gedanke, welcher Himmel und Erde umrankt und seine Wurzeln in des Dichters Herzen treibt. Jean Paul präpariert mit seiner Witzlauge ein Seifenwasser, in welchem er den Leuten die Schmutzflecke aus der Leibwäsche und vom Leibe wäscht; aber dann macht er es wie die Kinder und bläst bunte Seifenblasen in die Luft, in denen sich Himmel und Erde bespiegeln; und endlich macht er wieder den Professor der Naturgeschichte und zeigt uns in einem Wassertropfen eine Welt von durchsichtigen Infusorien, durch welche die große Welt parodiert wird, da es unter jenen kleinsten Geschöpfen auch solche Exemplare gibt, welche aller Mysterien bar und nach dem Prinzip der Öffentlichkeit Herz und Eingeweide nach außen gekehrt tragen. Eine Weile umtanzen uns diese Richterschen Gedanken, Redefiguren, Zitate und Launen wie ebenso viele Witzteufelchen, Gnomen und Kobolde; und dann wächst einer von ihnen zu einem Riesengenius empor, der mit seinem Haupte über die Wolken hinausreicht und mit Sonne, Mond und Sternen spielt. Dieser J. Paul bringt unser ästhetisches Gewissen durch seinen nirgend Maß und Ökonomie kennenden Stil, durch seine Superfötationen zur Verzweiflung. Bei diesem modernen Urmenschen geht es wie im Urwalde her; jeder Gedanke klettert auf ganzen Gedankenpyramiden von Voreltern umher; Detailgedanken winden sich mit Detailbildern und Detailempfindungen wie ein Rest von Kleisterälchen und Käsemaden durcheinander, die eines Augenblicks zu Meeraalen und Seeschlangen heranwachsen, um ebenso plötzlich vor unsern Augen als Hydrarchen, als Plesiosaurier zu erstarren und zu versteinern. Und dann wieder entzückt dieser Zauberer, dieser Nebelbilder- und Phantasmagorieenpoet unsere Seele, wenn er endlich erschöpft all' diese Witzquälereien und Empfindungsungeheuerlichkeiten, diese ganze Museumswirtschaft von Spirituskuriositäten und anatomischen Präparaten, von Herbarien und Petrefakten verschwinden und ein Idyll erstehen läßt, wo alles klar und bar ist, wo wir den firnen Wein des Lebens und die Elemente des Lebens kosten. Dieser Autor ist mit einem Worte ein konkretester, reellster Extrakt aus dieser sublunaren Welt. Wie in dieser selbst, so sind bei ihm Perlen und Kot, Staub und Äther zusammengeknetet, Weisheit und Narrheit zusammengegattet, Tod und Leben ineinandergeflochten, Idealismus und Realismus, Mechanismus und Organismus, Sympathieen und Antipathieen, Symbolik und Buchstäblichkeit im himmlischen Humor durcheinandergerührt; grüne Saaten wachsen bei ihm auf Moder und Blumen, auf Gräbern und Schutt. Wie in der wirklichen Welt, so hasten in Richters Romanen Maschinen auf eisernen Bahnen durch Urwälder, über Abgründe und Ströme oder durch die Labyrinthe der Zivilisation; oder es fließen Weltströme, deren Quellen unerforscht bleiben, 1000 Meilen weit durch Sandwüsten und Felsen zum Meer, wie der Nil, und befruchten mit dem Schlamm von unbekannten Gegenden das unfruchtbare Land. Man muß Ägypten gesehen haben, dann hat man einen Schlüssel, eine Analogie und ein Gleichnis für Jean Paul. Auch in ihm haben sich, wie in Ägypten und in jedem essentiellen Deutschen, alle Kontraste vermählt, aber auf eine Weise, welche dem Welt- und Sinnenmenschen und dem guten Geschmack als die umgekehrte Welt erscheint. Auch bei J. Paul ist das Leben auf den Tod bezogen, sind die Gräber sorgfältiger wie die Wohnungen ausgebaut, ist unter der Erde mindestens so viel gearbeitet wie über der Erde, ist das Ungeheuerliche ein Lieblingsprinzip, ist der Materialismus mit dem Idealismus, die Philisterei mit der Himmelsbürgerschaft, die Tyrannei der Sitte und Tradition mit den Kapricen und Phantastereien, mit dem Naturalismus und der Romantik in die Wette zum Himmel gewachsen, wie wir an den Pyramiden und Königsgräbern ersehn; und ein Nilstrom läuft aus unerforschten Quellen und Himmelsstrichen zwischen Felsen und Wüsten dahin, aber mit gesegneten Fluren an seinen Ufern, so daß sich das Brüllen der Wüstentiere mit den Gesängen der fröhlichen Paradiesbewohner vermischt. Um über J. Paul anschaulich und gründlich zu berichten, müßte man ein monströses Buch schreiben, in einem monströs überladenen und überwucherten Gleichnisstil, mit einem »Bilderwitzstil«, der nach dem Ausdruck von W. Schlegel »wie Reichstruppen zusammengetrommelt ist«. So viel ist aber gewiß, an J. Paul kann man, gleichwie an G. Hamann, ersehn, daß eine Literaturgeschichte der Deutschen unmöglich ist, weil ein einziger Schriftsteller ein lebenslängliches Studium in Anspruch nimmt. Hegel spricht naserümpfend von J. Paulschen »Trivialitäten« und hat zur Hälfte recht, wie mit »den Täuschungen eines vergoldeten Alltagslebens«, die er dem Philosophen Jacobi schuld gibt; aber der große Metaphysiker hat nicht begriffen, daß in den Richterschen Trivialitäten die Geschichte des Menschenherzens und die Metaphysik des Alltagslebens enthalten ist, und daß beides nur ein Deutscher zu geben vermag. J. Paul ist wie ein buckliger Engel, wie ein Seraph mit rotem Haar oder mit Pockengruben im Gesicht; mir zu Gefallen lasset diesen Seraph noch eine gepuderte Perücke und einen »Eiselefrack« ohne Beinkleider und mit einem Feigenblatt anhaben. J. Paul kann, mit Kunstmaßstäben gemessen, zu einem Ungeheuer gemacht werden, aber »sein Herz (sagt, glaub' ich, Carlyle) und sein Blick sind eines Engels!« Man kann J. Paul zum Vorwurf machen, das Größte und das Kleinste sei von ihm bald gut, bald übel zusammengereimt, der Bruch zwischen Ideal und Wirklichkeit nur mit Humor maskiert, aber keinmal in einer Form versöhnt worden. Er habe immer die Extreme geliebt, demzufolge bald mit Teleskopen die Milchstraße examiniert und dann wieder mit Mikroskopen den »Rädertierchen« das Eingeweide beschaut; Helden- und Märtyrertaten und dann wieder Kinderherzen mit ihrem Spielzeuge auf der Wage des Jüngsten Gerichts gewogen. Er habe selbst erklärt, das Lebensglück bestehe in einem Ätherfluge über allen Schmutz und alles Elend der Wirklichkeit hinweg, oder darin, daß man sich in eine Erdfurche festsiedelt, wie eine Lerche, oder mit beiden Extremen wechselt. Es ist wahr, J. Paul hat selten die gesunde Mitte festgehalten. Bald schwingt er sich über die Sterne hinaus, bringt Weltschöpfung und Weltgericht vor unsere Sinne, improvisiert »eine Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab«, träumt einen entsetzlich speziellen Traum von einem Schlachtfelde und drechselt sich dann wieder »Blumen-, Frucht und Dornenstücke« zum Zeitvertreibe vor; erfindet das »in sich vergnügte Schulmeisterlein Wutz« oder »Katzenbergers Badereise« mit seinen Pfefferkuchen, die der Held den Patienten auf den Magen legt und nach der Kur an Kinder fortschenkt. Der Witz unseres Poeten vergleicht in der »Selina« die Erde mit einem ungeheuern Leichenwagen, der um die Sonne fährt, und im »Kampanertal«, wo das Thema ebenfalls die Unsterblichkeit ist, wird man von zwei »Sofakissen« zur Verzweiflung gebracht, mit denen der kuriose Witz des Dichters bis zum Aberwitz in Metaphern spielt. Dieses Sündenregister des schlechten Geschmacks läßt sich bei unserem kuriosen Poeten bis zur halben Bogenanzahl seiner gesammelten Werke vermehren; aber der philiströse Realismus abstrahiert aus diesen »Richterschen« Extremen eine gar zu hausbackene Mittelmäßigkeitsphilosophie. Selbst gescheite Leute machen bei Gelegenheit dieser Exzentrizitäten J. Pauls darauf aufmerksam, daß die Natur uns an dem Auge die gesunde Mitte und Lebensharmonie gelehrt. Der Geist des Menschen solle die irdischen Dinge weder zu groß noch zu klein sehn; er dürfe aus seiner Vernunft keine Teleskope und aus seinem Verstande keine Mikroskope schleifen, d.h. also, der Mensch dürfe wohl ein Astronom und ein Anatom, aber er solle in der Philosophie kein Sterngucker, kein Geisterseher und als Poet kein Seelenzergliederer, sondern am liebsten so einer sein, der sich von den natürlichen fünf Sinnen und vom gesunden Menschenverstande die Grenzen und die Weiten für den Geist, für die Phantasie und das Gemüt geben läßt. Eine solche Philosophie ist aber nicht nur Trivialität, sondern Unwahrheit und borniertes Räsonnement. Die lebendige Mitte muß in Extremen ihre Lebenskraft erneuern; eine fix und fertige Idee gibt es für den Dichter nicht, und für ihn liegen die Pole weiter auseinander als für jedermann. Wir können nicht alle Dichter und Philosophen, aber wir sollen und können Menschen sein, welche das Wirkliche überdenken und überträumen; denn die Bedeutung und Bestimmung des Geistes ist eben dies, daß er übersinnlich denkt, wie des Gewissens, daß es über das Verstandeswissen und die Natur hinausgeht. Wenn uns aber schon die Astronomie und Anatomie zur Lehre vom Größten und Kleinsten anführt, wie soll dann dem Geiste und der Phantasie eine Grenze gesteckt sein; und warum soll der Dichter und Denker das Augenmaß und die praktische Mitte für das absolute Maß und die absolute Wahrheit ansehn? J. Paul beleidigt unser ästhetisches Bewußtsein nicht nur durch einzelne Geschmacklosigkeiten, sondern auch dadurch, daß er fast nie ein Ganzes zu geben, daß er keine Idee festzuhalten, daß er nicht die Partikularitäten zu beherrschen, zu figurieren und zu färben vermag. Alle poetische Mannigfaltigkeit soll sich als der Reichtum eines und desselben Lebens darstellen, ähnlich wie die bunteste Flora eines Landes den Charakter desselben Himmelstrichs darlegt. Wie sich die nordische Fauna und Flora von der tropischen unterscheidet, so muß auch im Dichtwerk oder im Tonwerk bei aller Mannigfaltigkeit ein Grundton, eine generelle Form und Färbung festgehalten sein. Miserabel ist eine Idealität ohne Kerngestalten und ebenso trostlos ein Individualisieren, in welchem sich nicht die Kraft der Idee, das Weltgesetz und die Lebensintegrität erkennen läßt. J. Pauls Romane und Studien symbolisieren die Zerkrümelung, die musivische Mosaikartige. Geschichte der deutschen Nation. Nicht nur des Mannes Witz, sondern seine Intentionen, Situationen, Charaktere und Motive, seine ganze Kunst, d.h. seine Künste sind aus allen Weltreichen und allen Schriftstellern der Welt zusammengeholt; aber als echt deutsches Universal- und Museumsgenie hat er gleichwohl alle Kontingente mit seiner Persönlichkeit verbunden (wie er sagen würde, mit seiner Nabelschnur verknüpft), mit seinem Genius gestempelt, mit seinem Witz gekittet und jedes musivische Stiftchen mit seinem Herzblut gefärbt; das Ganze hat er zum Sarkophage seines Geistes gemacht. Ein geschmackvoller Dichter, ein Formenkünstler und Klassiker ist J. Paul freilich nicht und wollte er nicht sein, aber er bleibt nichtsdestoweniger ein höchst merkwürdiger Naturalist und Autodidakt, d.h. ein echt deutscher Poet, der die Kunst auf eigne Faust erfinden will und bei diesem Experiment unleugbar solche Saiten der Seele gespielt, solche Herzenstiefen ergründet und akzentuiert hat wie kein klassischer Poet. Die Natur bleibt ewig unser Muster, wenn man sie nur auszudeuten versteht. Wir Menschen haben nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Dichtkunst die Genremaler und die Historienmaler; wir finden in allen Künsten und Wissenschaften, auf allen Bildungsstufen die Realisten und Idealisten, die Detailkrämer und die Grossisten, die Pfahlbürger und die philosophischen Weltbürger wieder. Jean Paul macht den Idealisten und Kosmopoliten mit Recht den »Nihilismus« (d.h. den Schematismus und den abstrakten Stil) zum Vorwurf, während er selbst mit seinen kleinstädtischen Humoren und Detailkünsten selten aus der Alltagsmisere, »aus dem warmen Lerchennestchen« herauskommt, sondern die kleinbürgerlichsten Kapricen und Gewohnheiten vor dem großen Publiko auskramt. Wenden wir uns, angewidert von solcher Selbstschwelgerei, von einer Romantik, die unablässig in den Eingeweiden mantscht und für die Liebhaber Herzblut verspritzt, zu den objektiven und klassischen Poeten, so fühlen wir den Augenblick, daß wir's mit leidigen Stilisten, mit Mathematikern, Mechanikern und Schematikern, mit Weltumseglern im Luftballon zu tun haben, die uns Landkarten aus der Vogelperspektive zeichnen oder Barometerbeobachtungen aus dem Luftäther mitteilen und fertiggehaltene Phrasen für Empfindungen oder Eingebungen am Muten sind. Den romantischen Naturen kann es bei keiner Gelegenheit natürlich und übernatürlich genug und den Klassikern nicht kunstgerecht und methodisch und mathematisch förmlich genug hergehn. Sie haben die unerträgliche Kunst erfunden, wie man nicht nur mit abstrakten Gedanken, sondern mit abstrakten Empfindungen und mit dem unvermeidlichen Literaturstil einen Dichter, Künstler und modernen Menschen debütieren darf. Es gab einen reisenden Engländer, der sich quälte, die schönsten Landschaften in der kuriosen Stellung anzusehn, daß er den Kopf durch seine eignen Beine steckte, weil das ins Gesicht strömende Blut eine augenblickliche Phantasmagorie erzeugt; und es gibt viel verständige Leute, welche eben ihrer Nüchternheit wegen das Natürliche und Poetische auf den Kopf stellen, um es dann gar nicht zu verstehen. Auch unter den Dichtern gibt es solche Phantasten, welche das Wunder des Lebens mehr an kranken und abnormen als an normalen und gesunden Erscheinungen zur Darstellung bringen. Callot-Hoffmann, Vgl. S. 151, Anmerkung. obgleich ein tiefsinniger, origineller und wirklich poetischer Mensch, war gleichwohl ein solcher exzentrischer Geist und Phantast, der nicht selten die Ebenbilder Gottes und das menschliche Leben in seinen Humoren bis zur dämonischen Fratzenhaftigkeit verzerrt hat. Nichtsdestoweniger wird er auf Grund dessen, daß er Humorist ist, von den Literaturhistorikern und Ästhetikern mit J. Paul in Parallele gestellt, obgleich eben dieser Poet darin seine Größe und Originalität besitzt, daß er die Mysterien des Daseins aus den alltäglichsten Tatsachen und Situationen extrahiert und in ihren kleinsten Zügen nachweist; daß er, wie schon bemerkt, eine Poesie und Metaphysik des Alltagslebens gibt. Während Hoffmann durch eine ungezügelte, dämonische Leidenschaftlichkeit die Phantasie befleckt und nicht selten durch aberwitzige Phantasterei seine idealen Grundzüge und Intentionen verzerrt, so bleibt J. Paul immer keusch und wird nur durch zu individuelle, aber nie in Sinnlichkeit ausartende Herzenstriebe und Energieen zu Geschmacklosigkeiten, d. h. zu einem Überschreiten der Grenzen verführt, die selbst der Dichterfreiheit in der Darstellung ganz persönlicher Empfindungen, Formen und Lebensarten gezogen bleiben. Die Pole und Faktoren des J. Paulschen Humors sind Herz und Gemüt in ihrem Gegensatz zu Witz und Verstand; also ein echter Gemütswitz, der das Größeste, das Idealste und Heiligste im Kleinsten, Zufälligsten und Persönlichsten nachweist und sich zum Spaße mit einem Brennglase die Pfeife an der Sonne ansteckt; während Callot-Hoffmanns Humor an einem Kunstfeuerwerk die Fratzereien und den Teufelsspuk einer Walpurgisnacht zeigt, wenn er auch bewiesen hat, daß er das Beste zu leisten vermag, daß er nicht nur die gemeinsinnliche, sondern die trivialdämonische Natur der Leute selbst in den poetischen Masken und sittlichen Harnischen viel sichrer und mit mehr Witzroutine herauszufinden weiß als J. Paul, dessen Malicen hochkomische Kunststücke sind. Die ästhetischen Päpste suchen dieses Beste in den Erzählungen »Meister Martin und seine Gesellen«, »Das Fräulein Scuderi« u.s.w.; aber ich meine, das Beste steckt bei Hoffmann wie bei allen ungeregelten und unbändigen Naturen in ihrem Schlimmsten, und bei dem ostpreußischen Poeten enthält ein und dieselbe Novelle (ähnlich dem Aberwitz) den Witz und das »Aber«, die Phantasie und das Delirium, den idealen Traum und die Fratzerei des Traumes. Einen »Meister Martin« kann auch ein anderer guter Poet schreiben, aber einen »Kater Murr«, »Klein Zaches«, »Sandmann«, »Goldnen Topf«, einen Geigenspieler wie »Rat Krispel« erdichtet und erphantasiert nur einmal und ursprünglich so ein Original und keiner mehr. Callot-Hoffmanns Humore dienen keiner großen Idee und Weltanschauung, sondern nur persönlichen Sympathieen und Antipathieen, die zu Idiosynkrasien und Narrheiten stimuliert und zu Schwelgereien im kuriosen Selbst ausgeartet sind. Jedenfalls steht fest, daß der echte Humor auf einer passageren Vorübergehenden. Stimmung beruht, die man nicht für ganze Bücher fixieren kann, auf einer Persönlichkeit, die man nicht zur Literatur und Kunstnorm machen, und auf einem Schisma, also auf einer Scham, die man nicht ohne Schamlosigkeit systematisch ausbeuten kann. Die Hauptanklage gegen J. Paul lautet mit gutem Grunde auf Formlosigkeit überhaupt, insbesondere auf Versündigungen gegen den guten Geschmack. Da nun aber unser Dichter nicht nur ein Träger der kleinstädtischen, sondern der, im Auslande verrufenen, deutschen Geschmacklosigkeit ist, so erlaube ich mir eine kurze Explikation über das Thema vom Geschmack, und zwar nicht allein mit Rücksicht auf den Romantiker, den Humoristen und Autodidakten J. Paul, sondern auch mit Beziehung auf die patenten Leute, welche den guten Geschmack für Deutschland in Entreprise Pacht. genommen haben, d. h. auf die Klassiker und Stilisten vom jüngsten Stil. Der Begriff des Geschmacks muß reduziert werden auf den Begriff der Versöhnung von Natur und Konvenienz. von Lebensunmittelbarkeit und Form, von Phantasie und Verstand, von Selbstverleugnung und Selbstschwelgerei. Geschmacklos ist der Mensch, welcher seine Persönlichkeit, Landsmannschaft und Rasse so in den Vordergrund stellt, daß der generelle Charakter verschwindet; wenn man sich aber (wie unter überfeinerten Leuten Sitte ist) nur abstrakt begegnet, wenn man einander nur die Verstandesmathematik oder die Schlaube Hülse, Schale. seines Wesens präsentiert und das Eingeweide, das individuelle Leben absperrt, so verschuldet man Unnatur, also Absurdität. Geschmacklos ist im allgemeinen jeder Mangel an Verstand, d.h. an immanentem Geiste, jede Kraft, die nicht alle Augenblicke Endlichkeit, Form und Realität zu werden versteht, jede Übertreibung, Exzentrizität und Formlosigkeit, also die Phantasterei, die Ekstase, Begeisterung, die nicht ihren Inhalt zum angemessenen Ausdruck bringen kann; aber eben drum auch jede Form, die so weit ausgearbeitet ist, daß von ihr die Natur, der lebendige Inhalt, die überschüssige Kraft und Divination absorbiert wird. Geschmacklos ist der Philosoph, wenn sein transzendenter Geist, d.h. seine Schulvernunft, sein Idealismus nicht fort und fort zum immanenten Geiste, d. h. zum reellen Verstande verdichtet, und wenn dieser nicht zur Transzendenz, zum Ideenleben expandiert wird. Denn an dem absoluten Maßstabe der Weltökonomie, der Gottesvernunft bemessen, ist jedes halbierte Leben, also auch der konkrete Verstand der Empiriker und Naturforscher so abgeschmackt als der abstrakte Verstand und die Schulvernünftigkeit der Metaphysiker. Geschmacklos ist ein Poet wie J. Paul, weil er Poesie, Schönheit und Leben aus Einzelheiten zusammensetzen, weil er in seine Individualität das Universum abfangen, bei aller Gelegenheit alles sagen und sein will, weil er nirgend Maß und Ziel kennt, sich nirgend verleugnet, und weil er überdies noch die unverträglichsten Sphären, Intentionen, Formen und Farben so durcheinandermengt, daß jede Illusion und Lebensbewegung von der andern verlöscht wird. Geschmacklos ist der J. Paulsche Humor, weil er aus Millionen Witzbläschen besteht, von denen ein jedes Himmel und Erde abspiegeln will; nicht minder geschmacklos aber wird eine Klassizität, die ihre Formen ohne Witz und Seele behändigt, von jeder Persönlichkeit und Divination abstrahiert, alle Lebensmysterien ignoriert und nur den idealen Schematismus, d. h. die Schreibart zum besten gibt. Die Deutschen werden abgeschmackt, weil sie zu transzendent, die Engländer, weil sie zu immanent, zu positiv und realistisch sind; die Franzosen, weil sie bald das Romantische, bald das Klassische affektieren und mit beiden Lebensarten, weder natürlich noch übernatürlich umzugehen verstehen. Geschmacklos ist eine Form, die für sich selbst eine Macht bedeuten, also ein Stil, der sich nicht irgendwie und -wann von seinem Inhalt und vom Leben auflösen lassen will. Geschmacklos ist die Romantik wegen ihrer schaukelnden Phantasiehängebrücken, die der Verstand nicht ohne Schwindel betreten kann; aber nicht minder geschmacklos ist die moderne Intention, auch solche Prozesse vermitteln oder solche Spaltungen solide überbrücken zu wollen, welche die Phantasie verbinden oder die Seele als irdisch geschiedene Sphären und Momente empfinden soll. Geschmacklos ist die christlichheidnische Humanität und Klassizität, wenn sie (wie heute) auch da architektonisch konstruierend zu Werke gehen will, wo Naturwucherungen in ihrem angestammten Rechte sind, wo die Mathematik des Schulverstandes von dem vegetativen Leben der Seele umrankt oder momentan absorbiert werden soll, wie im christlichen Glauben, in der christlichen Liebe und Kultur. Geschmacklos ist eine Klassizität, die lauter Zeichnung, Form und Schlaube geworden ist und weder Seele noch Farben noch Perspektive oder natürlichen Untergrund hat; eine Klassizität, die ohne Pathologie, ohne entschiedene Sympathieen und Antipathieen, ohne Fleisch und Blut, ohne Witz und Herz Geschichte machen will. Es kann kein Verständiger eine Wildnis geschmackvoll finden, aber ebensowenig einen französischen Garten im geometrischen Stil von Lenôtre, Der Schöpfer des französischen steifen, regelrechten Gartenstils André Lenôtre (1613–1700). durch welchen die schöne Freiheit der Vegetation unter die Schere gebracht wird. Es reimt sich aber gleichwohl gut zusammen, daß die Gärten in Versailles, die auf den Ruf eines allmächtigen Selbstherrschers, Tyrannen und Staatsmechanikers entstanden, aus verschnittenen Alleen und Hecken bestehen, und daß man hier der frei wuchernden Natur stereometrische Räsons beigebracht hat. Im allgemeinen sind alle Extreme und Einseitigkeiten abgeschmackt. Ein Halbbarbar oder Bauertölpel, dem Gras zum Halse herauswächst, ist so wenig geschmackvoll als ein Schulpedant, der alle natürliche Poesie, alle Zeugungskraft der Seele und des Geistes mit Schulformen verschnitten oder reguliert hat, der fort und fort einen Begriff durch den andern vermitteln will, weil er nicht begreifen kann, daß sich zuletzt alle Begriffe auf etwas unmittelbar Gegebenes, auf das Wunder des Lebens beziehen müssen, und daß alle Verständigung, namentlich aber der poetische Verkehr auf dem gemeinschaftlichen Lebensinstinkt, auf Divination und Gemeingefühl beruht; daß demnach zu wenig Naivetät und zu viel Vermittlungsprozeduren ebenso abgeschmackt werden als eine zu formlose und primitive Naivetät. Der Geschmack kontrolliert die Persönlichkeit, die persönliche, lokale oder augenblickliche Illusion; er berechnet die Differenz zwischen der eignen Information und dem Publikum, welches informiert, illuminiert und au fait gesetzt werden soll. Ich bin geschmack- und taktlos, wenn ich meine Naturgeschichte dem Publiko unterschiebe, wenn ich meine unmittelbarsten, individuellsten Sympathieen und Empfindungen, wenn ich zufällige Illusionen oder Antipathien ohne Methode und ohne förmliche Vermittlungen auf einen zweiten Menschen übertragen will; wenn ich nicht die Eventualitäten oder die Heterogenität der eingelebten Formen, die versöhnt werden sollen, in Rechnung nehme; wenn ich nicht den Prozeß ermesse, welcher absolviert werden muß, bevor aus der Lebensunmittelbarkeit, aus der Seele, sich eine Wissenschaft und Realität, eine förmliche Gestalt und ein Verstand erzeugen kann. Die Extreme berühren sich aber überall, und so geschieht es denn, daß nicht nur die Romantiker und Humoristen geschmacklos werden, indem sie von Form, Stil und Methode oder wohl gar vom ordinären Verstände abstrahieren, welcher die zufällige und endliche Natur der Dinge ins Auge faßt, sondern daß dieselbe Geschmacklosigkeit sich auch bei den Klassikern, den Stilisten, aus dem übertriebenen Schematismus, aus einem »ästhetischen Formalismus« erzeugt, welcher von der Seele, vom Gemüt, vom Instinkt und Gemeingefühl, von allem individuellen Leben abstrahiert, indem er sich absolute Objektivität, d. h. Unpersönlichkeit zum Ideal gesetzt hat. Der Naturalist ist schlechtweg naiv, also geschmacklos, denn er schiebt seine Persönlichkeit und zufällige Stimmung dem Publikum unter; er ermißt nicht den Weg aus dem Auge bis zur Hand, von der Empfindung zum Wort; die Differenz zwischen Natur und Form, zwischen einer Form und der andern; zwischen Ekstase und Konvenienz, Natur und Sitte ec. Der Witz überbrückt und überspringt oder übertreibt diese Differenz; der Humor beutet sie aus, wird also prinzipiell abgeschmackt und braucht den feinsten Takt, wenn er nicht de facto geschmacklos werden soll. Der Sprachgebrauch unterscheidet den Takt von dem Geschmack ziemlich richtig und konsequent so, daß er unter dem Takt die divinatorische, also mehr passive und unmittelbare Erkenntnis sittlicher Verhältnisse und Gesetze, unter dem Geschmack aber den ästhetischen Verstand begreift, der sich im richtigen Gebrauch von künstlerischen Formen und Prozeduren gleichwie im Produzieren derselben darlegt. Die Geschmacklosigkeit kann auch eine sittliche, die Taktlosigkeit eine ästhetische Verschuldung involvieren. In diesen Fällen verstößt die Geschmacklosigkeit mehr gegen die positive Form, gegen den sittlichen Schematismus, kurz gegen den sittlichen Verstand, als gegen die Mysterien des sittlichen Gewissens und Gefühls, mehr gegen ein Einzelmoment als gegen den Rhythmus und die Ordnung der sittlichen Welt. Andrerseits wird unter der Taktlosigkeit in der Kunst weniger ein Verstoß gegen die natürlichen als gegen die konventionellen Gesetze der Kunst, also ein Mangel an dem sittlichen Gefühl verstanden, welches den Untergrund auch der Kunstformen bilden muß. J. Paul z. B. zeigt sich selten taktlos, weil seinem edeln Herzen das natürliche Sittengesetz, d. h. die zur andern Natur gewordene Vernunft selbst da gegenwärtig ist, wo sie mit dem konventionellen Verstande versöhnt erscheint. Aber geschmacklos ist J. Paul insofern, als er die endlichen Formen, Prozeduren und Bedingungen ignoriert, in welchen das Ideale und Unendliche allein verwirklicht und zur Anschauung gebracht werden kann. Die Kenntnis dieser Formen ist aber eben der künstlerische und sittliche Verstand; seine Manifestation ist der Schematismus, die Methode, der Stil, der Geschmack. Die Verführung zu einer monströsen Einseitigkeit des subjektiven Lebens hat zunächst darin ihren Grund, daß dem Menschen, der sie verschuldet, nicht Stoff genug oder ein solcher zugeführt wird, den die Persönlichkeit zu leicht verzehrt, also in ihren Luxus verwendet, wie es z. B. bei Kleinstädtern geschieht. Wenn sich der Mensch, der Mann zumal, zu einem großen Lebensstil erziehn, wenn er einen objektiven Sinn und Verstand, wenn er Geschmack gewinnen soll, so muß er auch einem großen Gegenstande und zwar einem solchen hingegeben sein, in welchem ein konkretester Geist mit einem reichen, vielgestaltigen Material zu bewältigen ist. Dies erwogen, scheint es, als wenn die Großstädter, die Diplomaten und Historiker schlechtweg die geschmackvollsten Menschen sein müßten, aber ihre Geschmacklosigkeit und ihre Einseitigkeit pflegt an dem den Kleinstädtern entgegenstehenden Ende herauszutreten. Die Menschen »des großen Stoffs« werden in der Regel Realisten, obwohl sie ihren Materialismus hinter einem konventionellen Schematismus verstecken, welcher von ihnen Ton, Façon, Methode und Stil genannt wird; darin besteht dann der großstädtische Geschmack, der bei Diplomaten und Publizisten noch mit wunderschön unausstehlichen Arabesken, nämlich mit Feinschnitzeleien, Parteiintrigen, Konsequenzmachereien, Balancierkünsten und Taschenspielerei, mit verschrobenen Standpunkten und optischen Künsten in Szene gesetzt wird. Das sind aber nur die Geschmackskünste im kleinern Stil; der große unserer Historiker besteht mit verzweifelt wenigen und daher weltberühmt gewordenen Ausnahmen darin, daß man die philosophische und die realistische Methode ineinszubilden, daß man in einem Luftballon aufzusteigen und aus der Vogelperspektive ein Land, einen Weltteil oder den ganzen Erdball mit den Fernröhren einer sublimierten Einbildungskraft zu betrachten und mit dialektischen Formeln zu photographieren versteht, daß man nicht nur das persönliche Leben, sondern die Weltgeschichte zu entfärben, zu entfleischen. zu entseelen, daß man das Weltleben auf einen wissenschaftlichen Schematismus zu reduzieren versucht. Dies ist dann der absolute Witz, nämlich die Ironie, welche unsere Seele für den Verstand zu eskamotieren versteht. Sie bleibt aber dabei nicht stehen, sondern verleugnet den subjektiven Verstand für die objektive Weltvernunft und diese letztlich für die welthistorische Grammatik, Dialektik und Mathematik, die in Kraft literarischer Lizenz und Naivetät mit der konkreten Weltgeschichte identifiziert wird. Die Leute des großen Stoffs und Stils abstrahieren, wie die antiken Tragöden, von der Seele und Persönlichkeit; sie stecken Masken vor das Gesicht und schreiten auf dem modernen Kothurn, nämlich auf welthistorischen Siebenmeilenstiefeln, einher. Die Poesie dieser Leute vom großen Stil und Geschmack besteht nur darin, mit einem spekulativen Spinnefaden den Erdball oder am liebsten das Weltall zu umfassen und lauter Meridiane zu ziehen, ohne irgend eine Gravitation gegen irgend einen bestimmten Punkt; von einer Verschmelzung mit einem solchen kann also keinen Augenblick die Rede sein. Es ist eine Geschmacklosigkeit, wenn man, wie Jean Paul, zehntausend Gravitationspunkte etabliert, wenn man ohne Aufhören von allen kleinsten Dingen angezogen und absorbiert wird, wenn man die ganze Seele und den ganzen Geist an die kleinsten Stoffe, an kuriose Einfälle und noch kuriosere Formen zu verschwenden Pflegt. Aber es ist ebenso abgeschmackt und noch unerquicklicher, noch widernatürlicher, wenn man, wie die Klassiker und Stilisten der jüngsten Zeit, lauter Weltkreise und keine Herzpulse, lauter Formen und keinen Kern, lauter Anatomie oder Zeichnung, aber kein Fleisch und Blut, lauter Schulvernünftigkeit und keine natürlichen Sympathieen besitzt; wenn man die Weltgeschichte ohne ihre Fleischwärzchen und ihr Blut in Besitz nehmen will. Ein junges Genie, zugleich mit edler Dreistigkeit und Tatkraft betraut, ist ein Ungeheuer, die schrecklichste Pönitenz für die gute Gesellschaft, da sie von der Tradition und Konvenienz in Künsten, Sitten und Wissenschaften lebt. Ein junges, unreifes und reformsüchtiges Genie ist die Antipathie aller Leute, welche vom guten Geschmack, von den konventionellen Akkommodationen, von den liebenswürdigen Manieren und von dem auf sie gegründeten Geisteskomfort Profession machen. Die distinguierte Gesellschaft, welche in der Aisance , Französisch: Leichtigkeit, Ungezwungenheit. im Aplomb , Französisch: sicheres Auftreten, Benehmen. in dem Verkehr mit ästhetischen, elastischen und bequemen Formen ihr Wesen ausgestaltet, kann alles leichter vertragen als die Alterationen ihres Komforts und ihrer Freimaurerei des guten Tons durch dreiste und schroffe Genies. Aber nicht nur die Aristokraten, sondern wir alle leben nur mit Hülfe von Formen, die eine exoterische und esoterische Geschichte, einen Idealismus und einen Realismus, einen Geist und einen Körper haben und neben der Buchstäblichkeit eine Symbolik in Anspruch nehmen, der man nicht ohne symbolischen Verstand gerecht werden kann. Diese Formen sind ebensowenig in ihren elastischen als in ihren festen Teilen, ebensowenig in ihren Konsequenzen als in ihren kapriziösen Inkonsequenzen zu explizieren, zu begreifen oder zu entschlagen, falls man sich nicht der ganzen kultivierten Welt, den Künsten, den Wissenschaften, den Sitten und Literaturen als Barbar entgegenstellen will. Die Handhabung dieser Formen, mit denen unser ganzes Leben verwachsen ist, ihre Zügelung, Lockerung, Vereinfachung und Komplikation, ihre feine Interpretation und Kritik, das ganze Geheimnis, mit diesen sittlichen Formen zu leben, sich und andere an ihnen zu bilden, sich und seine Nebenmenschen mittelst ihrer zu binden, zu lösen, zu herrschen, zu verstehen und zu taxieren; die Kunst, mit diesen Formen zu chikanieren, zu soulagieren, Erleichtern, helfen. zu mystifizieren, zu prellen, zu dupieren, zu heiligen und lächerlich zu machen, setzt eine lebenslängliche Routine und dazu noch ein angebornes Talent, ein Kulturerbe gebildeter Eltern und Vorfahren voraus, wenn es zur Virtuosität, zur wahrhaft feinen Lebensart, zur geselligen Bildung, zum feinsten Witz, Takt und Geschmack kommen soll. Für diese Mysterien hat das junge Genie, hatte auch Jean Paul keinen Sinn und Verstand. Er produzierte Formen aus seinen Eingebungen heraus, alterierte die künstlerische wie die wissenschaftliche Konvenienz, die Methode, den Schematismus, den Stil und wurde nicht selten ein Ungeheuer von Geschmacklosigkeit, so daß selbst Schiller und Goethe, die doch mit ihrem Genius den Genius Richters herausfinden mußten, den Autor der unsichtbaren Loge und der Hundsposttage ec. nicht mit Unrecht einen »Bockshirsch« (Tragelaphos) nannten. Aber der edle Hirsch hat gleichwohl den unedlen, garstigen Bock abgestoßen, oder er ist nur scheinbar mit einem solchen verwachsen gewesen. J. Paul war und wurde ein Dichter sui generis , ein Genius, der zwar keinen Kunst- und Literaturmaßstab verträgt, aber dafür auch keine Schullineale, keine fremden Ebenmaße, und wären es solche von Griechen und Römern, verschluckt und schlecht oder gut assimiliert hat. Wir brauchen neben so vielen Literaten, die mit einem Mengefutter, oft nur mit Schablonen, aus allen Zonen und Zeiten großgezogen worden sind, auch Menschen, die auf der vaterländischen Weide groß geworden sind und an der Eigenart ihres Volksstammes ihre Individualität in aller natürlichen Herzenskraft entwickelt haben: zu ihnen, zu den Hamann, Hippel, Möser, Lichtenberg gehört J. Paul; er ist ihr Herz und ihr Haupt. Da unserem Jean Paul und den Romantikern überhaupt nicht mit Unrecht ein Mangel an Weltverstand zum Vorwurf gemacht wird, so mag mir über jenen Verstand noch ein Schlußwort vergönnt sein. Eine tiefe Leidenschaft, ein Wehe oder eine wahre Freude, ein einziger Augenblick des entzündeten Herzens, ja nur des sehenden Auges, des hörenden Ohrs, weiht uns tiefer in das Geheimnis des Lebens ein als aller Verstand der Welt. Es gibt einen vollbeseelten Poetenverstand; aber was in der profanen Welt »Verstand« genannt wird, das ist eben nur die Erkenntnis der endlichen Natur der Dinge, der Menschenkräfte, der Ideen. Wem die sinnlichen Grenzen, die Formen aller Kraftäußerungen und Entschlüsse, die Reibungen der Kräfte, die Zufälligkeiten, welche sich zwischen Ursach' und Wirkung einschieben, die Metamorphosen der menschlichen Natur und Verhältnisse, die Formen, in welchen alles Ideale und Subjektive vermittelt werden muß (wenn es verstanden und effektiv werden soll), alle Augenblicke gegenwärtig ist, der hat nach dem Urteil der Welt Verstand. Ein solcher Verstandesmensch orientiert sich nicht von den Ideen und Idealen zur Wirklichkeit, sondern von dieser und von den konventionellen Formen zu den Ideen; er versteht die Formen mit überlegenem Geiste zu kombinieren, zu handhaben und effektiv zumachen; er weiß Menschen, Dinge und Verhältnisse zu seinen Diensten zu zwingen, den Wind in die Segel zu fangen und den Geschäftsmechanismus zu traktieren, und er beherzigt vor allen Dingen die lächerliche Kluft zwischen den Ideen, den Formen, den Leuten, den Stoffen und der Alltagswirklichkeit. Diese Praxis nennt die Welt den positiven Witz. Ihn besitzt der Romantiker allerdings nicht und wird dadurch oft lächerlich; aber derselbe Mensch, welcher mit seiner Kenntnis der trivialen, der endlichen, formalen und mechanischen Seite aller Dinge, Menschen und Geschichten dieselben seinem Willen unterwirft und, wie Napoleon, der tyrannische Maschinist eines ganzen Weltteils wird, der hat darum noch lange keinen beseelten Verstand und begreift oft nicht so viel von der Seele und Genesis, von der Bildkraft und den Gottesmysterien der Dinge wie ein solcher Romantiker, der für einen Träumer, Taugenichts und Simpel passiert. J. Paul wie Schiller besaßen keinen exakten Leuteverstand; aber eben dieser Mangel ist es, in welchem ihr Adel und ihr Zauber über alle edleren Naturen besteht. XVII. Die deutsche Mystik und die moderne Lichtfreundlichkeit mit Glossen versehen. Es ist leider wahr, daß die Deutschen und insbesondere die deutschen Schriftsteller und Gelehrten Jahrhunderte hindurch zu ausschließlich Idealisten und Luftschiffer gewesen sind, daß sie selbst die Tatsachen der Geschichte wie der Gegenwart und der materiellen Wirklichkeit mit ihren Träumereien und Systemen verdorben haben. Es ist wahr, daß der Idealismus und der Romantizismus den praktischen Verstand und den Sinn für die Wirklichkeit ruinieren, und daß derjenige, welcher die Welt nicht kennt, ihr auch keine Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, ja daß mit der Unwissenheit und dem Gefühl des begangenen Unrechts Verhärtung und Erbitterung wachsen müssen. Es war notwendig, die Rechte der Gegenwart, der Wirklichkeit und den Wert des positiven Verstandes so stark zu akzentuieren, wie es in der neuesten Zeit geschehen ist, aber es ist eben um deswillen, und weil diesem Aufruf des sinnlichen Verstandes von der ganzen Welt bis zur abscheulichsten Ausnüchterung, bis zum Materialismus und Atheismus Folge geleistet worden ist, und weil uns mit dieser neuen Heils- und Lebensordnung ein viel schlimmeres Übel als das überwundene bedroht, an der Zeit, darauf hinzuweisen, daß uns weder das eine noch das andere Extrem, sondern nur die Wahrheit retten kann, welche ebensowenig in den Exzessen des Idealismus und der Pietisterei als in denen des Materialismus und des Profanverstandes liegt. Bisher war der Idealsinn wenigstens bei den Gelehrten und bei der Geistlichkeit vertreten, er hielt solchergestalt dem Profansinn der großen Masse das Gegengewicht. Mit seinem Verschwinden fällt die Welt notwendig der Gemeinheit und Barbarei zum Raube. Rom ging trotz seiner Nationalkraft an seinem monströsen Materialismus und an seinem Profanverstande zugrunde; und ein römisches Zeitalter droht der heutigen Welt. W. v. Humboldt sagt tiefsinnig und wahr: »Es findet sich in der ganzen Ökonomie des Menschengeschlechts auf Erden, daß eben dasjenige, was seinen Ursprung im physischen Bedürfnisse hat, bei der weiteren Entwicklung den ideellsten Zwecken dient«, aber bevor es zu diesem Destillat des Geistes aus dem Naturalismus kommt, vergehen Jahrhunderte und Jahrtausende, wie wir an der Kulturgeschichte, insbesondere des Orients, und an jedem Bauerdorfe noch heute ersehen. Nirgends sind die materiellen Bedürfnisse besser bestellt als in England und Nordamerika, gleichwohl will der Idealismus dort nicht gedeihen. Es ist mit diesem Entbindungsprozeß des idealen Lebens aus der Materie und gemeinen Wirklichkeit wie mit der Religion, die sich nach der Meinung der Profanverständigen mit einemmal im reifen Alter finden soll. Wenn aber die Mutter dem Knaben nicht die Hände faltet, so betet er auch nicht als Mann. Theorie und Praxis, Beten und Arbeiten, Materialismus und Idealismus müssen von vorne herein zu gleichen Rechten gehen. Die Literaten mußten den übertriebenen Tugenden wie Schwächen des deutschen Volkes entgegentreten, dabei verfielen sie aber nicht nur in den Irrtum, die edelsten Kräfte um ihres Mißbrauchs in die Acht zu tun, sondern sie übertrugen Miseren und Dummheiten der gebildeten Stände und zunächst ihrer eignen Kaste auf die Nation. Und so sind denn die Deutschen in den Verruf der Sentimentalität, der Ideologie, der Romantik, des religiösen Mystizismus und der transzendenten Tendenzen gekommen. Aber mit Ausnahme der Schwaben, der Hessen und weniger andrer Überbleibsel von deutschen Volksstämmen, welche allerdings einen Genius für theosophische Grübeleien und eine Respekt fordernde Gemütstiefe bekunden, wissen die Deutschen aller Lande verzweifelt wenig sowohl von Romantik als von Theosophie. In Polen, in Frankreich und Italien oder gar in Rußland und in der Türkei existieren freilich selbst unter den gebildeten Ständen nicht so viel Prozente Philosophie, Romantik und Gemütsmysterien als in Deutschland unter Bauers- und Handwerksleuten am nüchternsten Ort; also sind auch diese Prozente für die Geschichte des deutschen Charakters von Belang; aber die relative Überlegenheit verwechselt doch kein gescheuter Mensch mit einer absoluten Kraft und Potenz. Der Affe wird deshalb doch nicht zu den Menschen gezählt, weil er dem Menschen an Gestalt, Verstand und grimassenhaften Leidenschaften ähnlicher ist wie jedes andere Vieh. Es bleibt also eine Torheit der modernen Literaten und besonders der Radikalisten und Naturforscher vom neuesten Stil, bei allen Gelegenheiten in solcher Weise von der deutschen Mystik, Romantik und Sentimentalität, von der deutschen Philosophie und Poesie zu perorieren, als ob man jeden deutschen Schustergesellen für einen Vetter von Goethes Schuster, von Hans Sachs Anspielung auf Goethes Gedicht »Hans Sachsens poetische Sendung«. oder von Jakob Böhme halten dürfte, als ob alle deutschen Bürgermädchen Seherinnen von Prevorst »Seherin von Prevorst« nannte Justinus Kerner die durch ihn bekannt gewordene, im württembergischen Weiler Prevorst geborene somnambule Tochter des Revierförsters Wanner. und nur die deutschen Putzmachermamsells, die deutschen Ladenjünglinge Romanleser wären. Auch im romantischen Mittelalter waren die Deutschen nicht so massiv romantisch und theosophisch, wie es uns nach ihrer Hinterlassenschaft in Künsten und Literaturwerken erscheint. Künste und Wissenschaften wurzeln wohl im Boden des Volkes, der Zeit und des Himmelsstrichs, setzen aber Keime und Samenkörner voraus, die nicht in der großen Masse der Individuen liegen. An den mittelalterlichen Domen haben nur einzelne gebaut, von diesen einzelnen haben sehr wenige die Konstruktionen und das Technische verbessert oder gar die Ideen der Bauwerke begriffen und weiterentwickelt. Was jetzt als Fertiges vor uns steht, ist ein Bienenbau, an dem sich der Witz und Instinkt von vielen Jahrhunderten und Nationen beteiligt hat, so daß auf die Individuen und auf die Generationen blutwenig trifft. Ebenso haben an den alten Volks- und Kirchenliedern, an den alten Sprüchwörtern und Märchen nur wenig Genies mitgedichtet, und endlich hat die Zeit das Poetische und Heilige, das Bedeutsame an unserer Geschichte so sehr verdichtet, das Profane und Bestiale so ausgeschieden, daß das geschriebene und übriggebliebene Mittelalter dem wirklichen vielleicht nur so ähnlich sieht wie der Spiritus seiner Maische. In unsern ausgelichteten Tagen aber auf einen vermeintlichen Überrest von Romantik und mystischem Helldunkel Jagd machen zu wollen, ist Absurdität und Phantasmagorie. Im katholischen Deutschlande ist trotz einiger altväterischen Schablonen und Sitten, trotz des mittelalterlichen Kirchenzeremoniells und religiösen Kostüms im Volke nicht so viel vertieftes Seelenleben als in protestantischen Ländern zu finden, keine Spur von dem transzendent gewordenen Geiste, der hie und da im schwäbischen Volke eine Seele bis zur Sentimentalität potenziierte, eine romantische oder mystisch-theosophische Stimmung erzeugt. Das hessische Volk zeigt sich zunächst dem schwäbischen an Gemütstiefe, an Geistesfeinheit und Charakteroriginalität ebenbürtig, also auch für die Mysterien des Seelenlebens disponiert. Bayern, Baden, Österreich, Sachsen, Brandenburg, Braunschweig, Hannover, Rheinpreußen und Polnisch-Preußen besitzen verzweifelt wenig Romantik, Mystik oder Metaphysik; und in Ostpreußen besteht neben einer sporadischen Phantasterei, Aszetik, Theosophie und Sentimentalität, als deren Repräsentanten beziehungsweise in der Literatur Hamann, Hippel, Herder und Hoffmann gelten können, auch die Erbnahme des logischen Enthusiasmus und des kritischen Rationalismus von Herder und Kant. Die Charaktersolidität, die nüchterne Urteilskraft, die Herzensfrische, der arbeitstüchtige Positivismus und Humor des ostpreußischen Volkes sind Fakultäten und Tugenden, die mich frappant an den Charakter des englischen Volkes gemahnt haben. Der Mangel an ästhetischen Qualitäten, an Grazie und konversationeller Liebenswürdigkeit bei Frauen und Männern, dazu der zynisch brutale Charakter der gemeinen Leute, gehört gleichmäßig zu den Schattenseiten des ostpreußischen wie des englischen Volks. Was nun die Mystik an ihr selbst, ihre Wahrheit und ihren Wert betrifft, so erschrickt man über die Gebirge von Blödsinn, Gefühllosigkeit, Konfusion und Trivialität, welche von der rationalistischen Literatur über dies Thema zusammengeschwemmt und -gemauert worden sind. Die Schwierigkeit liegt hier wie in allen sublimen Dingen darin, daß wir einen Prozeß reflektieren sollen, der negativ und unbewußt in uns wie der göttliche Geist gleichwohl die Seele unserer Seele ausmacht. Ich frage nicht sowohl was Mystik und wie sie möglich ist, als wo sie nicht ist; wie das Leben ein solches ohne Mystik, d. h. ohne Wunder, ohne Übernatur, ohne einen göttlichen Geist sein kann. Ich halte jeden Philosophen für nicht recht bei Troste, der die transzendenten und reziproken Prozesse alles Lebens, der den Dualismus von Gott und Welt, von Himmel und Erde, von Geist und Materie , von Sein und Nichtsein, von Zeit und Ewigkeit, von Ich und Nicht-Ich, von göttlichem und menschlichem Geiste, welcher sich alle Augenblicke neutralisiert und doch wieder polarisiert, der das Ineinander und Auseinander dieser Lebensfaktoren als kein Wunder und keine Mystik bekennen kann. Der Umstand, daß das methodische, bewußte Verwundern die Schwachköpfe närrisch machen kann und daß der Geist, wenn er nicht vom Wundergefühl ersäuft werden soll, der Seele mit einem Begriffsschematismus und mit Arbeitsmechanik entgegentreten muß, ändert an der Wahrheit der Lebensmystik nichts. Wir wissen alle, daß man von lauter Dichten und Denken wie von übertriebener Aszetik ein Tollhäusler und Taugenichts werden kann, erklären darum aber nicht Poesie, Philosophie und Religion für ein Übel oder eine Absurdität: was soll denn also der Hohn über die deutsche Mystik als über eine extraordinäre Misere und Abgeschmacktheit? Man braucht nicht den orientalischen Pantheismus zu Hülfe zu rufen, um deutlich zu machen, worin das Wesen oder Unwesen des Mystischen besteht, und daß man seinen Widerspruch in dem Wunder zu suchen hat, wie das Allgemeine im Individuellen und dieses in und mit jenem gegeben ist. Wir brauchen weder Heiden noch Spinozisten zu sein, um bei. allen Gelegenheiten zu fühlen, wie das Endliche im Unendlichen und dieses in jenem gegeben ist; wie sich Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Materie gegenseitig verneinen und affirmieren; wie eines in allem und alles in einem, wie Gott in der Natur und die Natur, die Menschheit in dem Weltgeiste weset; daß dieser Geist ein inweltlicher und gleichwohl ein außerweltlicher Schöpfer sein muß. Da hätten wir Deutsche und Christen also an dem Gefühl und Begriff der Immanenz und Transzendenz, an der Lehre des intramundanen und extramundanen Gottes ein neues Moment der Mystik, welches den orientalischen Religionen nicht konveniert. Wir dürfen aber nur einen Augenblick bedenken und fühlen, wie unser Ich alle Augenblicke vom allgemeinen Leben verschlürft und wiederum von ihm herausgegeben wird; wie in der Person die Natur und die Menschheit eingefleischt, wie durch den Geist des Menschen die ganze Welt zur Selbstanschauung, also zum essentiellsten Dasein und zur Wahrheit gebracht wird: um zum lebendigsten Gefühl und Begriff der Lebensmystik, der Gottes- und Menschenmystik gebracht zu werden; um zu erkennen, daß alle Dinge nur durch ihren Gegensatz bestehen, daß alles Sein im Nichtsein bedingt ist, und daß die Geschichte nichts anderes als die Entwickelung, die Steigerung und Vertiefung aller Lebensgegensätze, der Naturnotwendigkeit und der Freiheit, des elementaren Naturlebens in uns, wie des Geistes, der Vernunft und der Leidenschaften, also die Mystik Gottes, der Natur und Menschheit ist. Eben daran, daß die gebildeten Leute die Existenz und den Begriff einer Religion und Poesie, daß sie Glaube, Liebe, Ehre, Heiligung, daß sie ein Wunder im Bewußtsein und in allem Dasein zugeben, und daß sie gleichwohl die Mystik desavouieren, kann man am frappantesten erkennen, daß sie nichts von jenen Mächten verstehen, mit denen sie so familiär enfiliert sind; denn Mystik ist eben die Blume des Glaubens, der Liebe und Poesie, das absolute Element, in welchem die Religion und die Geschlechtsliebe, die Physik und Metaphysik, die Natur und die Übernatur, die Menschheit und die Gottheit zusammenfallen. Jeder Lump, den man über den Genuß an einer Zigarre zur Rede stellt, weiß ihn zuletzt als einen übersinnlichen und mystischen darzustellen, und zwar mit Recht; wie aber alle Dinge und Genüsse und zumal die Philosophie, die Poesie, die Religion, wie ihr Zeremoniell und die Formeln der Metaphysik, wie Dialektik und jede sinnliche Empfindung mit dem Weltgeiste, mit der Ewigkeit und Übernatur in Kontakt und Polarität stehen, das bestreiten die rationalistischen Lumpe, das kapieren sie nicht. *   *   * Jeder Mensch, der es zur Meisterschaft in einer Kunst oder Wissenschaft bringt, jeder, der in einer Tätigkeit und Lebenslage alt geworden ist, wird, wenn er nicht eine absolut prosaische und gemeine Natur ist, ein Mystiker innerhalb seiner Sphäre, in bezug auf seine Verhältnisse und seine Geschäfte; er wird so, weil er im Verlauf des Lebens und der Situationen den Körper der Dinge, den Schematismus der Verhältnisse von der Seele und Symbolik unterscheiden lernt, weil er erfährt, daß die Seele der Dinge und Geschichten mit der Seele des Menschen in einer Polarität und Wechselbedingung steht, welche das strikte Auseinanderhalten des Objekts und Subjekts, der Materie und des Geistes, des Wesens und der Form, des realen und des idealen Faktors, »der Erscheinung und des Dinges an sich«, des Endlichen und Unendlichen, des immanenten und transzendenten Verstandes gar nicht mehr erlaubt. Jeder Handwerker und Handelsmann lernt sublime, instinktive Diagnosen, Handgriffe und Politiken; jeder denkende und fühlende Mensch lernt solche Lebensverhältnisse, Einflüsse, Lebensmächte und Mysterien kennen, von denen er fühlt, daß sie unmittelbar erfahren werden müssen, weil sie über den lehr- und lernbaren Verstandesschematismus, über jede Bezeichnung und Regel hinausgehn, weil sie auf elastischen, auf flüssigen, der Metamorphose unterworfenen Formen, auf einer Komplikation von Elementen beruhen, die jeden Augenblick in eine andre Phase treten und nur mit dem Instinkte der Selbsterhaltung oder des überlegnen, organisatorischen Witzes beherrscht und gestaltet werden können. Der Fürst und der Bettler, der Feldherr und der Unteroffizier, der Welthändler und der Dütenkrämer, der Modenfabrikant und die Putzmacherin, der Diplomat und der Winkelsozialist, der Modenschneider, der Journalist und der Commis Voyageur, der Buchhändler, der Schriftsteller und der Buchbinder, der Galanteriewarenhändler, der Konditor und Restaurateur, der Zigarren- und Weinhändler, der Schauspieler, Komödienschreiber, Taschenspieler, Hanswurst und Friseur, sie alle werden, ohne es zu wissen und zu wollen, zu Mystikern, d. h. zu Leuten erzogen, welche still oder laut bekennen, daß es unkonstruierbare, unsägliche, keinem noch so feinspürigen Verstande zugängliche Mysterien, Symptome und Krisen gibt, daß jedes Ding und Geschäft und daß jeder Augenblick des Menschen mit allen andern Dingen, Verhältnissen und Kräften so unberechenbar verschlungen ward wie ein Einschlagsfaden mit einem kunstreichen Damastgewebe, dessen Schillerfarben, Lüstre und Dessins die Modekaprizen und Modeleidenschaften sind. Worin unterscheidet sich nun das Glaubensbekenntnis des Theosophen, den man vorzugsweise einen Mystiker nennt, von der innersten Lebensfühlung eines Fürsten, eines Feldherrn oder Diplomaten, von dem lebendigen Wissen und Gewissen eines denkenden und fühlenden Landwirts, Musikers, Mediziners, Malers, Dichters oder einer Frau, die nur ein wenig Sinnigkeit, die ein Gefühl von den Mysterien ihrer Ehe und Mutterschaft besitzt, als darin, daß dem verhöhnten Mystiker die Aufzugsfäden jenes Lebensgewebes, an welches alle Menschen glauben, vom Himmel bis zur Erde, vom Jenseits bis zum Diesseits reichen; daß er durch sie den Weltgeist mit allen Menschengeistern und Seelen verbunden sein läßt; daß er an einen extramundanen Gott glaubt, der zugleich ein intramundaner zu sein, der nicht nur von außen zu stoßen, sondern sich auch mit allen Menschenherzen zu verweben, der die Seelen von seiner Naturseele abzuzweigen und doch mit seinem Geiste zu verbinden, der die zerrissenen Fäden wieder zu knüpfen, die Webemaschine zu kontrollieren, die Naturkräfte zu regulieren, die natürlichen Muster (die Weltgeschichten und Biographieen) in die himmlischen Quadrate einzuzeichnen und, wenn er will, in einem Augenblick die natürlichen Arabesken in übernatürliche Figurationen zu verwandeln und zu verklären vermag. Eine Verlobte, eine Ehefrau und Mutter, ein Landwirt, ein Lehrer und Geistlicher, ein Richter und Arzt, ein Fürst und Minister, ein Diplomat, ein Dichter, Denker und Musiker, ein Gesetzgeber und Reformator, die nicht fühlen, daß sie von einen: unaussprechlichen, unausdenkbaren, jedem Kalkül halb entzogenen, weil von einem göttlichen Willen und von einer Weltordnung beherrschten Mysterium bewegt werden, verdienen nicht den Namen, welchen sie führen, und würdigen sich, indem sie das Unendliche im Menschen leugnen, noch tiefer herab als solche Mystiker und Asketen, welche die Forderungen unserer sinnlichen und endlichen Natur zurückweisen, indem sie den gesunden Menschenverstand und eine gemeinnützliche Tätigkeit verachten. Es gibt eine himmlische wie eine irdische Bewegung im Menschen. Mit irdischer Geschäftigkeit allein ist nichts getan, wenn nicht ein Denken, Fühlen und Glauben dazu kömmt, das über Welt und Zeit hinausgeht. Wir dürfen nicht müßige Träumer sein, solange wir in diesen Leibern wandeln, welche Leibesnotdurft erheischen; wer aber über der Tagesarbeit und Sorge vergißt, daß er in Kraft des Geistes und einer unsterblichen Seele lebt, der bleibt ein geschäftiger Narr. Wer in der Arbeit nur das Mittel ersieht, sich geachtet, gesund und am Leben zu erhalten, wem nicht das Gefühl eines unaussprechlichen Weltheiligtums, eines heiligen Geistes die Brust erfüllt und den Impuls zur Arbeit gibt, so daß ihm alles Tun und Lassen, alles Erlebnis und die ganze Natur zu einer Abbildlichkeit übersinnlicher Mysterien erhöht wird, wer seine Arbeit nicht so überdichtet und überdenkt, daß er mit ihr Geist und Seele großzieht und einen Körper für die Religion gewinnt, der bleibt mit allen Werktüchtigkeiten, Tugenden und Verdiensten ein geschäftiger. Kotklumpe und ein Fratz, der gehört eben den Leuten an, die nicht begreifen und fühlen können, daß nicht die Geister um der Körper und Arbeiten willen, sondern daß Körper und Arbeit um des Geistes und der Seele willen da sind, und daß die Natur in Kraft der Übernatur existiert. Von jeder jungen Mutter ist es bekannt, daß ihr die Mutterschaft den Verstand und die Sinne für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder schärft. Das leichtfertigste Mädchen wird eine sorgliche Mutter, und die Mutterschaft bildet sich zu einem Organ, durch welches sie die Mysterien der Natur, der Gottheit und des Menschenlebens begreift. »Wem Gott ein Amt gibt, gibt er den Verstand.« Ebenso verwandelt der Besitz, das Geld und jede Vollmacht Seele und Geist im Menschen. Diese Tatsachen zeugen auch für die Mystik der Welt. Aber nicht nur die Verhältnisse und Erlebnisse oder der Besitz und die Sorge, nicht nur das Dichten und Denken, sondern die gemeinste Arbeit assimiliert sich unserm Verstande, unserer Sinnlichkeit und Seele, bildet unsern Charakter, wird in uns Person; wer aber in dieser Einfleischung, in dieser Vergeistigung des äußerlichen Tuns und Lebens eine Lebensmystik zu begreifen vermag, wie kann der so befremdet oder empört über eine Philosophie und Lebensrichtung tun, welche eben die Tatsachen der lebendigen Gottesmystik zum Thema und Ausgangspunkte ihrer Bildungsprozesse nimmt? Der lebendige und mysteriöse Begriff des Absoluten ist nicht nur die abstrakte Ineinsbildung oder Neutralisation des Subjektiven und Objektiven, des Geistes und der Materie, des Dinges und seines Begriffs in der philosophischen Dialektik, sondern die Inkarnation des Reichtums der Natur- und Menschengeschichte in einem Dichter und Denker, in einem Genius, in der Person. Der Geist der Welt und die Seele der Welt, die Quintessenz der Natur und Menschheit müssen in einer Menschenseele, Menschensinnlichkeit und in einem Menschengeist sich zum künstlerischen Witz und zum Wort konzentrieren, dann gibt's ein lebendig Absolutes, ein Mystisches, anders nicht. Gott muß Fleisch und Wort werden wie in Christo; das Ineinander von Sache und Begriff ist nur ein Moment des Absoluten und der Weltfülle, aber nicht das Mysterium und der Witz der Welt. Ein begeistertes Herz und ein schematisierter Verstand, liebenswürdige Akkommodation und eine Charakterfestigkeit, die aus dem Gewissen kommt, natürliche Bonhommie und viel mutterwitzige Kritik erzeugen eine köstliche Polarität, die sich im Humor zu versöhnen sucht. Man versöhnt sich selbst mit der bornierten und kranken Mystik, wenn man die absolut rationalen, die antimystischen, die schalen, schäbigen Philosopheme der Neuzeit an sich kommen lassen soll. Ein natürlich und übernatürlich gearteter Mensch kann ohne Gotteslästerung gedankenträge werden, aber nicht mit nüchternem Mute die Zukunft vorwegnehmen und prophezeien. All' diese Zukunftskonstruktionen, diese Antizipationen der Geschichte, diese Zukunftsmusik, Zukunftsmedizin, Zukunftskirche, Zukunftspolitik ec. sind deshalb so unerträglich, gotteslästerlich, prosaisch und absurd, weil sie auf einem borniertesten Verkennen aller Grundgesetze des Lebens, der Geschichte und des Menschengemüts beruhen. Alle Geschichte geht gleichmäßig aus Freiheit und Notwendigkeit, aus Natur und Geist und nicht aus Menschenwitz, Willenskraft und Willensfreiheit allein hervor. Wir müssen freilich schwimmen oder rudern, aber das Wasser trägt unsern Körper wie unser Schiff. Wir können und wir wollen nicht wissen, wie sich unser Leben und Geschick, unsere Künste und Wissenschaften weiterentwickeln, und welchem Ziel sie entgegengehen. Wir wollen uns nicht den unergründlichen Naturmetamorphosen und noch weniger dem Willen und dem Segen Gottes entziehen. Wir wollen nicht die Freiheit des Willens und die Vergötterung des wissenschaftlichen Verstandes so weit treiben, daß die unerforschlichen Ratschlüsse und Segnungen der Gottheit für uns entbehrlich werden; unser Gemüt, unser Herz, unsere Poesie, unser Wunderglaube, unsre Religion müssen an dem Gedanken zugrunde gehen, als könnten und dürften wir unsre Kulturgeschichte antizipieren und ganz allein unseres Schicksals Schmiede sein. Wir rudern und fangen zwar den Wind in die Segel, wir bauen das Schiff, aber die Gottheit führt das Steuer und hat die Sterne an den Himmel gestellt; sie gebietet den Wellen, und wenn wir auch nach Westen schiffen, machen wir doch die Bewegung der Erde von Westen nach Osten mit. *   *   * In der Musik gibt es glücklicherweise noch eine Freistätte für diejenigen, welchen Seele genug übriggeblieben ist, um zu fühlen, daß keine vollständige Psychologie möglich ist, daß die Mysterien der Natur in uns sich jeder Analyse, Verstandesvermittlung und Definition entziehen, daß die gangbaren Kategorieen der Ethik und Ästhetik, auf die Musik in Anwendung gebracht, eine abstrakte Mathematik bleiben müssen, daß der Mensch, wenn er Musik produziert oder reproduziert, eine transzendentale Kraft entwickelt, die so weit über alle lehr- und lernbare Wissenschaft und Sprache hinaus prozessiert wie der Weltgeist über die materielle Welt, wie die Übernatur über die Natur. Die Ästhetik hat die Kategorieen des Naiven, Sentimentalen und Elegischen, des Satirischen und Humoristischen, des Erhabenen und Anmutigen, des Plastischen und Musikalischen erfunden; aber wir erfahren täglich, daß innerhalb der Sentimentalität, der Naivetät oder des Humors eine Welt von Mannigfaltigkeit prozessiert und Formen bildet, und daß die Unterschiede innerhalb einer und derselben Kategorie so wesentlich sein können als die zwischen den verschiedenen Kategorieen selbst. Man fühlt, daß ein Hund in den Augenblicken, wie er im Gram auf seines Herrn Grabe stirbt, eine Seelenpotenz bekundet, die doch sicherlich derjenigen überlegen ist, welche sich im Kannibalen dann verwirklicht, wenn er Menschenfleisch verspeist oder seine abgelebten Eltern mit der Keule erschlägt. Der kultivierte Naturalismus kann mehr Sittlichkeit in sich fassen als ein barbarisches Märtyrertum und umgekehrt dieses mehr Divination als eine metaphysische Prophetie. Es gibt plastisch-naive Humore und sehr zerfahrene, gestaltlose Naivetäten. Es gibt vollkommen naive und divinatorische Reflexionen und kritisch-reflektierte Naivetäten. Es gibt konfuse Regelmäßigkeiten und eine methodische Raserei. Es gibt einen logischen Enthusiasmus und einen Schematismus in Seele und Gemüt, eine Gewissensmathematik. Es gibt eine grammatische Poesie und eine poetische Grammatik; die erste steckt in Klopstocks Messiade, die andere in der deutschen Grammatik von Jakob Grimm. Die Fugenmusik von Sebastian Bach zeigt ganz so eine Welt von Humor, Naivetät und Sentimentalität auf als Beethoven und Mozart. Das alles will so viel sagen, daß mit Kategorieen nur mathematische Lineamente, nur ganz abstrakte Bestimmungen gegeben sind, von denen die Tiefe und der Reichtum des wirklichen Lebens und die Mystik des Seelenlebens nicht angerührt werden. Es gibt keine genügend förmlichen Vermittelungen zwischen Seele und Verstand oder Verstand und Sprache. Die sublimsten, die verzweifeltsten und beseligendsten Tatsachen des Menschenlebens, die Mysterien der Welt- und Naturgeschichte stehen nicht selten außer allem Kontakt mit den Begriffen der wissenschaftlichen, sittlichen und künstlerischen Konvenienz. Es gibt keinen förmlichen, keinen sprachlichen Verstand von der Seele und Musik. Unsere sublimste ethisch-ästhetische Terminologie hat gar kein Verhältnis zu den Prozessen und Tatsachen, welche aus der Polarität und Neutralisation von Seele und Geist, von Natur und Übernatur, von Materie und Geist, von Herz und Vernunft hervorgehen. Wer sie erlebt, der weiß, daß Musik, Seele, Phantasie und Gefühl für den Verstand etwas schlechthin Inkommensurables sind, und daß die Schönheit der Musik, die Genugtuung an ihr recht eigentlich darin liegt, daß man das Leben und sich selbst der wissenschaftlichen Analyse, der Verstandestyrannei und Verstandesklarheit entzogen fühlt. Die Musik hat nichtsdestoweniger ihren aparten Verstand, von welchem aber der logische und konventionelle Verstand zusamt dem Wortverstande aufgelöst wird. Wie dies möglich ist, lehrt die Religion, das übernatürliche Gewissen und das Herz jeden Menschen, der noch einen Rest von diesen altfränkischen Fakultäten und Requisiten aus der modernen Flut errettet hat. Wie es möglich ist, daß der musikalische Komponist nicht schlechtweg närrisch wird, oder wie ein Mathematiker, Grammatiker, Logiker und Kalkulator noch so viel musikalischen, poetischen und symbolischen Verstand, wie er so viel natürlichen Instinkt und Gemeingefühl konserviert, daß er sich wie ein sinnliches Geschöpf bewegen, z. B. Balance auf zwei Beinen halten oder sich mit dem Löffel gerade in den Mund treffen kann, das ist auch ein Stückchen von der wirklichen Mystik und mystischen Wirklichkeit, die wir alle Tage erleben, ohne sie als das Wunder zu taxieren, was sie ist. Die Weltanschauung und Weltfühlung, die Dialektik der so verrufenen Mystiker schließt durchaus nicht mehr Konfusion und Verstandesauflösung in sich als das »Ineinander« von Materie und Geist, von Verstand und Sinnlichkeit, von Schein und Sein, von Form und Wesenheit, von Ich und Nicht-Ich, von Selbstbewußtsein und allgemeinem Leben, von Freiheit und Notwendigkeit, von Endlichkeit und Unendlichkeit, von Diesseits und Jenseits, welches zugleich ein »Außereinander«, nämlich eine Polarität zu sein versteht, die sich jeden Augenblick neutralisiert. Wer nach dem Studium der Hegelschen Logik und Dialektik, nach diesem Identifizieren und Dualisieren von Sein und Denken, von Sein und Nichtsein, von Wort und Sache, von Physik und Dialektik, von Vernunft und Wirklichkeit und von allen Gegensätzen der Welt noch von dem Mystizismus der religiösen Dogmen geniert sein kann, der läßt freilich zu wenig Logik an sich kommen und sucht mit der Kirche obenein Krakeel. Was klar gedacht ist, perorieren die Verstandesgläubigen, das muß sich auch klar ausdrücken lassen – gewiß; aber das Klare ist eben das gefühllos und abstrakt Gedachte. Der vollbeseelte, inspirierte, von allen Kräften Himmels und der Erden getragene Verstand kann unmöglich ein mathematisch klarer Verstand sein. Die konkrete Empfindung läßt sich zu einer generellen destillieren und ist dann allerdings klar, aber eben darum ohne überschüssige Seele und, verglichen mit divinatorischem, mit liebevollem Empfinden, nur ein abstrakter Prozeß. Das konkret Empfundne und konkret Gedachte wird um deswillen ein Mystisches und Helldunkles sein; die sublimsublimsten Prozesse und Tatsachen lassen sich eben als solche unmöglich definieren und beweisen, d. h. auf Verstand, Sprache und Sinnlichkeit übertragen: sie müssen erfahren, geglaubt, geahnet werden; sie sind eine Selbstoffenbarung, sie umschreiben sich nur mit ihrem eigenen Sein. Die Laien und Naturalisten sind nicht nur konfuse, sondern sie trennen auch solche Begriffe, die zusammengehören. Ganz so sündigen aber die Gelehrten in anderer Art: sie vergessen die erbetene Erlaubnis, die Harmonie und Einheit des Lebendigen, durch abstrakte Begriffe, durch einen fixierten Dualismus von Geist und Materie, von Subjekt und Objekt, Natur und Vernunft zu trennen; sie scheiden ganz profan und gefühllos, was Gott und Natur zusammengefügt haben. Sie begreifen nicht, daß das Konfundieren der Begriffe zwar ein Hindernis des Verstandes, aber die Wahrheit, die Intensität und Harmonie des Seelenlebens ist; und dann wieder reduzieren sie durch Abstraktion und Schematismus die Mannigfaltigkeit des Lebens auf eine Identitätsphilosophie, ohne einzusehn, daß dies Identifizieren eben nur in dem Mangel an entwickelter Sinnlichkeit, an Herzensroutine, an Instinkt für das individuelle Leben seinen Grund hat. Nur die Sympathieen des Herzens erschließen uns das Mysterium des individuellen Lebens, und nur die Herzenspraxis ist es, welche die Sympathieen und Antipathieen zu einer Gefühlsenergie, zu einem Witz des Herzens, zu einem natürlichen Charakter ausprägt, von welchem der Dutzendgelehrte ebensowenig weiß wie der Laie und Praktikant vom dialektischen Prozeß. Die Denkgläubigen können gar nicht glauben, wie aus dem Idealismus ein Realismus hervorwachsen kann, und doch sind sie es eben, welche der Hoffnung leben, daß sich all' diese modernen Sozietäts-, Humanitäts- und Freiheitsideen solide Leiber zubilden werden. Wenn's der Weltgeist will, wird es geschehen; aber freilich mit den Abwandlungen und Restriktionen, die sich jede Idee gefallen lassen muß, wenn sie Verstand und Wirklichkeit, wenn sie Geschichte werden soll. Die Mystiker können freilich nicht begreifen, wie die schönen und heiligen Ideen sich von der Naturgeschichte in den Genitiv stellen und jahrhundertelang deklinieren lassen müssen, bevor sie für die Lebensgrammatik nütze sind, aber die Profanverständigen, die Hasser der eximierten Stände, aller Standesunterschiede und öffentlichen Auszeichnungen zeigen sich ebenso borniert, wenn sie fassen oder glauben sollen, daß jede dauernd festgehaltne Idee sich einen übernatürlichen Verstand, also einen Ätherleib zubilden kann, der darum nichts weniger eine Realität ist, weil man ihn nicht mit Händen greifen kann. Der Urirrtum des sinnlichen Verstandes bleibt von Anbeginn der, nur der Materie den Begriff der Realität zu vindizieren, während dieselbe naturnotwendig mit dem Gesetz des Geistes, mit den Ideen zusammengedacht und keinmal vergessen werden muß, daß die Weltschöpfung aus der Vermählung des Geistes mit dem Nichts hervorgegangen ist. Die Idee der Welt (wenn auch die abstrakte Idee) ging der natürlichen Schöpfung vorauf; die konkrete Naturgeschichte enthält die Rektifikation dieser Idee und wird selbst rektifiziert. »Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.« Und wenn es in Wirklichkeit keinen Christus gegeben hätte, und wenn die Evangelien aus bloßen Mythen, aus lebhaften Volkswünschen und Fischermärchen hervorgegangen wären, so bleibt die Tatsache unerschütterlich stehen, daß die Idee von einem Gottmenschen und Erlöser der Welt, und zwar von einem solchen, der den Heiden- und Judenglauben von Dämonie, von Schematismus und Naturalismus, von Selbstsucht und Verstandesglauben gereinigt hat, daß eine solche Idee und ein solcher Glaube seit mehr als 18 Jahrhunderten Weltgeschichte, Menschheit, daß er Fleisch geworden ist, daß er die Sinnlichkeit, daß er den natürlichen Verstand und die Welt verwandelt hat. Der Glaube an die Freiheit ist ihre Realität; wer an seine Freiheit glaubt, ist ipso facto Lateinisch: tatsächlich. frei. Der Glaube an die Göttlichkeit Christi und die Welterlösung ist die Wahrheit und Wirklichkeit des Christentums, und der Glaube an die realisierende Kraft der Ideen und der Gläubigkeit ist das Wesen und die Realität des echten Mystikers. Dem Profanverstande dünken viele Aussprüche durchaus evident und plausibel, die der tiefern Anschauung eine Trivialität, dem religiösen Sinn und Verstande ein Unsinn und eine Ruchlosigkeit sind. So ist der in dem Schneidemühler Glaubensbekenntnis In der posenschen Stadt Schneidemühl wurde am 19. Oktober 1844 die erste deutschkatholische Gemeinde gegründet, die bald darauf ihr Glaubensbekenntnis veröffentlichte. zuerst ausgesprochene Grundsatz, »daß alle Geschöpfe Gottes schon allein deshalb, weil sie Gott, der Herr, durch seinen heiligen Willen erschaffen und mit seinem heiligen Geiste belebt hat, (schlechtweg) heilig sind, und daß der Mensch sich nicht unterstehen dürfe, etwas noch heiliger machen zu wollen, als Gott selbst es schon gemacht hat«, ein irrtümlicher, weil er dem Begriff des Menschen in seiner erhabensten Bedeutung, in seinem mystischen Prinzip widerspricht. Der Mensch ist nicht ein bloßes Naturprodukt gleich den Pflanzen und Tieren; in ihm begegnen und versöhnen sich vielmehr die Gottheit und die Natur, und aus seiner Natur wird fort und fort eine übernatürliche Kraft entbunden, die auf die bloße Natürlichkeit in ihm und außer ihm veredelnd, vergeistigend und heiligend zurückwirkt, als worin eben die absolute und schöpfungskräftige Freiheit und die höchste Würde des Menschen, der wahre Grund aller Erziehung und Perfektibilität beruht. Gewißlich geht eine heiligende, eine weihende Kraft vom Menschengeist aus. Der Eltern Segen und der Eltern Fluch ist ein uralter Glaube, von barbarischen Völkern so wenig aus der Luft gegriffen wie von jeder zivilisierten Nation. Auf welchen Punkt des Lebens und der Dinge sich ein heiliger Sinn und Wille andauernd fixiert, der wird irgendwie schwanger vom heiligen Geist, von dem strömt eine Kraft aus, die höher und stärker ist als die des Urhebers der Weihe selbst. Die Stätte, sagt Schiller, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; um wieviel mehr ein totes oder lebendiges Ding, das der heilige Sinn und Geist eines Menschen in Worten und Werken ausdrücklich heiligen gewollt. Von jedem Menschen geht in erhabenen, gläubigen, begeisterten und liebenden Momenten eine Kraft aus, ein Genius, der gewaltiger ist, als der Mensch es weiß und begreift. Das ist das Freiwerden des heiligen Geizes, der an das irdische Teil gebunden ist. Das fühlt der Dichter, der Redner, der Denker, der Geistliche; das fühlen die Leser, die Hörer, die Gläubigen, die Segnenden wie die Eingesegneten, die Fluchenden wie die Verfluchten, das fühlen alle höher organisierten, alle sinnigen, nur irgendwie auf sich selbst und auf die sublimere Natur der Dinge merkenden Menschen. Bewirkt auch die Einsegnung der Speisen und Getränke keine Veränderung in deren materiellem Bestande, so bewirkt sie bei denen, die an die Einsegnung einen Glauben haben, in und mit demselben eine vergeistigte und fromme Lebensart; und selbst, wo die Einsegnung ohne alle direkte Kraft bliebe, wirkt sie eine erbauliche Erinnerung und Vergegenwärtigung an die höchste und bedeutungsvollste der Fakultäten und Bestimmungen, an die Kraft und Mission des heiligen Menschensinnes und Willens: auf Totes wie Lebendiges und auf die materielle Natur zu influieren mit einer höheren und sittlichen Natur, die darum nicht minder von Gott kommt, weil sie zunächst vom Menschen ausgeht, der sich eben durch seinen freien Willen, durch seinen frommen, gläubigen Sinn zum Organ der Weltkräfte, zum hohen Priester der Natur, zum Heroen und Propheten zu weihen vermag. Ohne solche Kraft, ohne einen Genius, der dem Propheten, dem Dichter, dem Denker, dem Redner, dem Priester über den Kopf wächst, der ihn beim Schopf nimmt, wie der Engel Gabriel es Muhamed getan, Eine der beiden Visionen, durch die sich Mohammed zum Propheten berufen glaubte. ohne das Wunder einer Kraftentwicklung und Entbindung, die dem Menschen, aus dem sie frei geworden, wie ein Dämon und wie ein zweiter Mann entgegentritt, ohne die Tatsachen der Heiligung und Weihe, welche die Christkatholischen heute mit einem Mal fortleugnen wollen, weil sie dieselben nie verstanden: da wäre die Menschenwelt eine gemeine, unmächtige, profane Welt und alle höhere Freiheit, Würde und Perfektibilität eine Redensart, der Mensch der Natur gegenüber nimmer ihr Herr, sein Geist nimmer der Welt- und der Gottesgeist, aller Verkehr ein Marionettenspiel, die Weltgeschichte selbst nur eine Komödie. Möglich, daß heute nicht mehr solche Kraft von den Priestern ausgeht. In solchem Falle ist das Weihen und Heiligsprechen gleichwohl ein heiliges Angedenken an die ursprüngliche Begabung der Menschen, an die Kraft der Propheten, die im Glauben Berge versetzt hat. In der Kirche aber sollen die alten Zeiten zeichenreden, im Gottesdienst soll an die uralten Naturkräfte und an die Herrschaft des Menschengeistes über dieselben, an seine Kraft, zu weihen und zu entweihen, erinnert werden; oder – wo sonst? Der Aberglaube ist in allem Glauben gegeben, der Mißbrauch in allem Weltbrauch. Die Leute von heut' und gestern haben das alles nicht erfunden, sie haben es nimmer begriffen, sie haben mit ihrem Sinn und Verstande keinen Augenblick an das Heiligtum gerührt; sie verstehen sich nicht einmal auf seine äußere Zeichenschrift, aber splitterrichten und zerstören wollen sie es doch. Dieselbe Dialektik, die man bereits seit den Tertianerjahren hinter sich hat, muß man sich jetzt von den Lichtfreundlichen wieder vorkäuen lassen. Leute, die in ihrem ganzen Leben über nichts anderes nachgedacht haben als eben über ihren Erwerb, über den Bissen Brot, den sie in den Mund stecken, Literaturlumpe, die noch lange nicht ein Vaterunser von Herzensgrund zu beten verstehen, die fühlen sich heute, wo alle Gedanken und auch die buckligen emanzipiert sind, berufen, über die Mysterien der Kirche und Religion reformatorisch und diktatorisch mit drein zu schmieren und zu schreien. Es wird aber den populären Gelahrten und Enzyklopädisten mit diesen Gedankenemanzipierten wie den allzu liberalen Erziehern mit ihren dummen Jungen ergehen: sie werden ihnen wiederum das ungewaschene Maul verbieten müssen. Zum Gescheutreden gehört mehr, als frech reden. Die Klugheit entbindet sich keineswegs so aus der Dummheit wie der Spiritus aus der Maische, und die Wahrheit wächst nicht auf den dicksten Irrtümern etwa so wie der Weizen auf fettem Mist. Diese weltbürgerlich aufgeklärten, formalgebildeten und von der öffentlichen Meinung oktroyierten Dummheiten, diese babylonische Verwirrung, diese graugrünen Redensarten, all' dieser saft- und kraftlose Dilettantismus, der in unsern Tagen auf die Mysterien der Religion angewandt wird, ist einem Unkraute gleich, in welchem alles Fruchtkorn ersticken muß. Dieses Dreinreden aller über alles gleicht den sieben Landplagen Ägyptens im Reiche des Geistes. Diese Broschürenfabrikation nicht bloß von Literaturlehrligen, sondern von Leuten, die sonst nicht einmal mündlich und unter Bekannten mitsprachen, die nie anders als in Kontobüchern oder in Akten herumschmierten, ist Pestilenz, Heuschreckenplage und ägyptische Finsternis auf einmal. Wenn diese Personagen noch willens oder imstande wären, ihre wirklichen Vorstellungen, ihre wahren Herzensempfindungen abzuschreiben und zur Rede zu stellen, so könnte das allenfalls einen Nutzen erzeugen, so könnte sich aus der ehrlich protokollierten und natürlichen Substanz über kurz oder lang der Geist entbinden, der in allem gesunden und unverstellten Menschensinn notwendig gegeben ist. Es geht aber den Dilettanten in der Literatur, wie es ihnen auf dem Liebhabertheater ergeht: die angehenden Komödianten haben etwas von der poetischen Erhöhung und vom Kothurn gehört, und indem sie – diesem zuliebe – ihre natürliche Lebensart und Deklamation quittieren, indem sie einen erhöhten Ton probieren, so geraten sie in ein unmögliches Pathos, in eine verrückte Emphase, in einen absurden Schwulst, während doch jeder von ihnen außerhalb der Bühne ganz wie ein gescheutes Menschenkind rezitiert und zu seiner Verwunderung die schönste Prosa improvisiert. All' diese Eindringlinge und Fremdlinge der Literatur, diese Proletarier des Gedankenstaats beschränken sich nicht etwa auf ihre persönlichen Erfahrungen und deren chronikalische Verzeichnung, begnügen sich nicht damit, ihre etwaigen selbsteigenen Einfälle und Fühlungen, ihre Sympathieen und Antipathieen nach und nach in das Selbstbewußtsein und in den Redeverstand zu übersetzen, sondern sie werfen sich in ein halbgelahrtes Zeug, schnallen sich den neusten Literatur- und Demokratenstil an und reden sich in eine Art und Weise hinein, die ihnen den gangbaren Vorstellungen und Literaturtendenzen, den von den Zeitungen signalisierten Kulturbedürfnissen, kurz, der öffentlichen Meinungspolizei entsprechend erscheint. Damit entsteht dann so eine Abart von russischer Literatur und Kunst, eine inwendig gelogene, von außen nach innen probierte garstige Schablonenkultur. Wenn es schon wahr ist, daß man auch zwischen den Zeilen lesen, daß man alles mit einem Körnchen Salz nachwürzen müsse, daß nichts schlechtweg, sondern beziehungs- und bedingungsweise zu verstehen sei, daß dasselbe Wort und Werk bei zwei verschiedenen Gelegenheiten eine ganz entgegengesetzte Bedeutung gewinnt; wenn es an dem ist, daß Lüge und Wahrheit aus demselben Objekt, aus derselben Tatsache gezogen werden, je nachdem sich ein gesunder oder ein kranker, ein unschuldiger oder ein befleckter, ein ehrlicher oder ein lügenhafter Sinn, ein gescheuter oder ein dummer Verstand dazu stellt; wenn das in der Kunst und in der Literatur seine Richtigkeit hat, um wieviel mehr noch in allem unmittelbaren Verkehr mit dem Leben und der Wirklichkeit selbst, im Verständnis der Tages- und Weltgeschichte, in der Auffassung von Kirche und Staat! Worüber sich alle Weisen, alle sinnig organisierten, alle fühlenden und selbstdenkenden Menschen von Anbeginn still geeinigt, was sie in heiliger Gottesscham zu allen Symbolen und Normen, zu all' diesen Tatsachen und Prozessen der Sitte wie der Religion bei sich selbst hinzugesetzt oder hinweggetan, was sie akzentuiert oder gemildert, mit Seele durchhaucht und mit Fleisch umkleidet, was die großen Genien und Propheten in und mit einem großen Weltgefühl und Weltbilde begriffen, was sie abwechselnd zu einem Herzpunkt verdichtet und zur Vernunftperipherie erweitert haben: diese Wunderprozesse der Seele und des Gewissens, in denen nicht nur die kirchlichen Symbole, sondern die Formen der Schule zu einem ätherischen Leibe, zu einer unsichtbaren Kirche der Gläubigen verwandelt worden sind, diese Mysterien, in denen sich von Anbeginn der Geschichte die Gegensätze der Menschenfreiheit und Weltnotwendigkeit, der Natur und des Geistes, der Form und Wesenheit, des Endlichen und Unendlichen ineinsbilden und polarisieren: die soll heute die Kirche den Laien, den Dilettanten und dann wieder den Allwißlingen, den Klüglingen, den Lichtlingen, den Korrespondenzlern, den politischen Probenreitern, den Kultur- und Vernunftfratzen erklären und beweisen. Diese Geschichten Gottes im Menschen soll die Kirche und Theologie dem gebildeten und ungebildeten Pöbel, den Profanseelen, den geschulten Kretinen und Parias im Reiche Gottes naturwissenschaftlichermaßen vermitteln, formulieren, eintrichtern, mundrecht präparieren, in Fleisch und Blut transsubstanziieren. Das kann aber nicht sein, weil es unserm Herrgott nicht einmal möglich gewesen ist. Diejenigen also, welche in Wahrheit reden könnten, werden schweigen, und die Blödsinnigen, die Ruchlosen, die Aberwitzigen behalten das Wort. *   *   * Warum denn diese umgekehrten Kreuzzüge und Literaturfehden gegen das Wunder!? Es spricht ja mit allen Zungen, es denkt ja in allen Köpfen, es pocht in allen Herzen, es sieht mit den Augen, es hört mit dem Ohr, es schauert tief in der Seele, wir atmen, wir leben, wir denken und träumen es mit und ohne Gewissen, mit und ohne Selbstbewußtsein, mit und ohne Liebe, mit und ohne Glauben und Treu'! Wir werden es nimmer los! Wir treten das Wunder mit Füßen als festen Boden, es wölbt sich über unfern Häuptern als Wolke und Äther, als Firmament. Das Wunder der Geschlechtsliebe hat unsere Erzeuger einander in die Arme geführt, das Wunder der bildkräftigen Natur zeitigte uns im Mutterschoß, das Wunder der Mutterliebe nährte und behütete uns an der Mutterbrust und schon unter ihrem Herzen. Zwischen Wiege und Grab nichts als ein einziges, unausdenkbares Wunder des Daseins, der Entwickelung, der Blüte, des Verwelkens, des Sterbens und Auferstehens, eines Lebens im Tode, einer Zeit in Ewigkeit, eines Daseins in himmlischem und irdischem Sein; ein Wunder in Freiheit und Notwendigkeit, in Sondersein und Allgemeinheit, in Leib und Geist, ein Wunder im Nichtsein gleichwie im Sein, im Selbstbewußtsein und in der Bewußtlosigkeit, in Unschuld und in Schuld, in Himmel- und Höllenfahrt, in Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit, in Wahrheit und Trug, ein Wunder in der Begreiflichkeit nicht minder als in der Unbegreiflichkeit, ein Wunder in Wissenschaft wie in Kunst! Allüberall ein Wunder, das uns ersticken, das uns blödsinnig oder toll machen müßte, wenn es noch etwas anderes gäbe als eben das Wunder! Oder sollen wir uns gegen Seele und Leib empören, bloß weil wir nicht demonstrieren können, wie beide eines und zwei zugleich sind? Ein jegliches Wunder erweiset sich ja wiederum nur durch ein Wunder von anderer Art als das, was es in Wahrheit ist, und diese andere Art des Wunders, in welchem sich das primitive Wunder bespiegelt und selbst inne wird, ist der herzenseinfältige Wunderglaube, der Glaube aber die Sache selbst in ihrer Lebensunmittelbarkeit. Eben rennt mir eine zinnoberrote Spinne über das Papier, die so groß wie ein Stecknadelkopf ist. Als ich der tausendfixen Kreatur mit dem Finger nahe komme, steht sie plötzlich erschrocken still, stellt sich, auf den Rücken gelegt, regungslos tot. Also ein Wurm, welcher alle Augenblicke aus den spielenden Bildkräften der Natur hervorgeht, der wehrt sich seines Lebens, der fühlt sich von anderm Dasein unterschieden, der hat Todesschreck und Lebenslisten, der hat Nervenapparate, ist eine Welt im kleinen und doch nur aus ein paar Stäubchen in ein paar Augenblicken zusammengeblasen; begreife das, beruhige sich darüber, wer will und kann: mich macht's gläubig und dumm. Es gibt grundgescheute, grundgebildete Männer, sehr freisinnige, sehr zartfühlende Frauen; aber sie haben doch nicht die transzendente Kraft der Seele, nicht das Gemüt, das Organ, mit welchem der Mensch die Mysterien des Daseins alle Augenblicke in allen Situationen und Gestalten begreift; sie haben nicht den symbolischen, den religiösen Verstand, welcher in den geringfügigsten Dingen und Erzeugnissen Tod und Leben, die Geschichten Himmels und der Erden und das Menschengeschick abgespiegelt sieht. Es gibt fromme Christen, Rigoristen der Sittlichkeit und Poeten die Menge, aber sie hören aus der Musik des Lebens nur die Melodie, die Verzierungen, die hohen Stimmen, nicht aber die Grundbässe und die Harmonie heraus; sie fühlen nur die Heiterkeit des Lebens, aber nicht seinen tragischen Ernst. Das Natürliche erscheint ihnen keinmal übernatürlich und das Jenseitige in keiner Gestalt im Diesseits zu sein. Ihr klarer, aber profaner Verstand hält bei allen Gelegenheiten und in allen Augenblicken, auch in der Liebe, im Glauben, im Hoffen, im Dichten, im Träumen, ja im Sterben das Diesseits und das Jenseits, das Endliche und das unendliche, die Natur und die Übernatur, den Geist und die Materie, das Wunder und den Verstand auseinander, nur um nicht der Mystik zu verfallen. Mit solchen Separatisten kann sich dann freilich so einer unmöglich verständigen, der die Gegensätze des Lebens auch als ineinander fühlt, der das Endliche auf das Unendliche und dieses auf jenes bezieht, der die Ewigkeit bereits in der Zeit und die Übernatur in allem Natürlichen fühlt, der über dem Wunder des Verstandes den Verstand verlieren möchte und aus dem sogenannten gesunden Verstande Narrheit und Blödsinn zu extrahieren versteht. Man darf nur die Schößlinge an einer geköpften Weide betrachten, um zu fühlen, wie wenig sich der Lebenstrieb und die Ökonomie der Kräfte aus dem Mechanismus der Lebensmechanik, aus den Weltkräften und Impulsen erklären lassen. Wir ruinieren unser Hirn und Gewissen, wenn wir Materie und Geist, wenn wir Mechanik und Dynamik identifizieren, und wir verdummen ebenso, wenn wir die Gegensätze und Unterschiede des Lebens fixieren, statt sie auf eine göttliche Einheit, auf ein Absolutes zu beziehen. XVIII. Die Deutschen und Franzosen in Parallele gestellt. Zur allgemeinen Charakteristik. »Zu den Schattenseiten des französischen Charakters gehört ein grenzenloser Leichtsinn, welchem Übermut und Grausamkeit nicht ferne liegen, sehr verschieden von dem Ernste und der Ruhe des Deutschen. Übrigens zeigen der Norden und der Süden von Frankreich wie auch die einzelnen Provinzen auffallende Verschiedenheiten. Der überfeinerte Pariser kontrastiert gewaltig mit dem frommen, aber rohen Bewohner von Poitou, der quecksilberne Gascogner mit dem plumpen Auvergner, der zweideutige Normanne mit dem treuherzigen Burgunder.« »Die eingebornen Mexikaner Pflegen zu sagen: » un Frances tiene education« , Spanisch: Der Franzose besitzt Erziehung. d. h. dem Sinn nach: der Franzose weiß eine Verbeugung zu machen, aber er ist flatterhaft und seine Grundsätze taugen nichts; der Engländer (fahren sie fort) hat gute Grundsätze, aber keine guten Manieren, und der Yankee besitzt weder die einen noch die andern. Im ganzen sind noch die Deutschen am meisten beliebt. Sie stehen in dem Rufe, mehr Erziehung als die Engländer und mehr Charakter als die Franzosen zu besitzen.« *   *   * Der Deutsche hat mit dem Juden den Individualismus, den Humor und die Familienzärtlichkeit, er hat mit dem Engländer und Polen das Herz, den Sinn für Freundschaft, die natürliche Empfindung, die Liebe zur Landwirtschaft und patriarchalischen Lebensart gemein. Der Berührungspunkt zwischen Italienern und Deutschen ist die Phantasie, der Naturalismus, die bildende Kunst und die Musik. Der Spanier ist dem Deutschen durch die melancholische Grundstimmung, durch Genie und Charaktertiefe, durch die Energie seiner Leidenschaften, durch seinen brütenden Idealismus verwandt. Russen und Türken treten dem Deutschen durch Naturliebe, Phlegma, patriarchalische und konservative Tendenzen nahe; nur die Franzosen und die Deutschen bilden den tiefsten Kontrast durchweg, wenn man nicht hervorheben will, daß sie den Scharfsinn, die Lebhaftigkeit des Geistes, die Spottsucht und eine Vorliebe für den Schematismus in der Staatsverwaltung miteinander gemein haben. Näher geprüft, stellt sich an diesen Ähnlichkeiten eben die tiefste Heterogenität beider Volksrassen heraus. Dem Franzosen ist der Schematismus, der Mechanismus und jeder Stil ein letzter Zweck und eine absolute Satisfaktion. Dem Deutschen sind Schematismus, Stil und Methode ein Mittel zur Zügelung der Leidenschaften, der Willkür, der Persönlichkeit, und zwar im Interesse der Religion, welche den Naturalismus, den alten Adam bekämpft haben will. Der Deutsche liebt aber nichtsdestoweniger Natur, Phantasie und Leidenschaft. Die Liebe ist ihm eine Naturreligion und der Humor die Maske für seine tiefsten Herzenssympathieen, die er nicht unverhüllt zur Schau stellen mag. Der Franzose dagegen kennt die Scham so wenig als tiefe Leidenschaft und Humor. Er hält das Natürliche in Kunst und Literatur für eine Barbarei und Unanständigkeit, während ihm in dem Verkehr mit dem andern Geschlecht das Schamlose und Zweideutige als das Anständige erscheint. Der Deutsche zügelt dagegen im persönlichen Verkehr mit Fremden und Frauen seine Natürlichkeit durch eine Konvenienz und revangiert sich dafür in der Poesie wie in den schönen Künsten durch Phantasie und Leidenschaft, durch eine Naturheiligung, aus welcher die Romantik hervorgegangen ist. *   *   * »Der Deutschs bedarf ebensosehr der Methode im Handeln als der Unabhängigkeit im Denken.« »Der Franzose hingegen betrachtet die Handlungen mit der Freiheit der Kunst, die Ideen aber mit der Knechtschaft der Gewohnheit.« ( Frau von Staël Vgl. S. 142, Anm. 2. über Deutschland. ) Der Deutsche ist im Denken und Dichten frei und im Handeln ein Pedant, der Franzose ein Stilist und Mechaniker im Dichten und Denken, im Handeln aber gar zu oft ein Narr und Phantast. Die große Nation ist stolz auf ihre rigorosen Begriffe von Grammatik und Klassizität in der Literatur, aber sie findet sich durch die fortwährende Säkularisation aller Sitte und Religiosität keinmal geniert. Die Franzosen gleichen Weibern; sie sind inspiriert, solange sie mit Leidenschaft handeln, aber hölzern und zeremoniell, Wenn sie reflektieren. Sie wollen um ihrer Wetterwendigkeit und Zerfahrenheit willen tyrannisiert und zentralisiert sein. Der Deutsche besitzt ein Zentrum an seinem Selbst, während der nach außen zentralisierte Franzose im Innern ohne Kern ist. Der Deutsche bewährt sich als Virtuos und Mann im ideellen Leben und wird zaghaft, wenn er loshandeln soll. Er ist aber nur so in den ersten praktischen Versuchen, weiterhin findet er Dreistigkeit, Charakterentschiedenheit und Konsequenz. Umgekehrt ist's bei Weibern, Franzosen und Berauschten: sie fangen mit Inspiration und Enthusiasmus, mit Rhythmik an, werden in der Mitte übermütig, konfuse und närrisch und verwildern, versumpfen am Schluß. Verglichen mit den andern Nationen, ist im deutschen Charakter das weibliche und männliche Element am vollkommensten abgewogen; den romanischen wie den slawischen Nationen gebricht dagegen die männliche Grammatik, Vernunft und Theorie. Den Engländern fehlt die slawische und romanische Grazie, die geistige Elastizität, die Flüssigkeit; das männliche Prinzip ist in jenen Insulanern bis zur Karikatur ausgeprägt. Der Deutsche allein versteht spröde und elastisch, fest und flüssig, männlich und weiblich, vernünftig und sinnlich, versteht ein ganzer Mensch zu sein. *   *   * Der Franzose ist in allen Augenblicken ein undurchdringlicher, ein naiver Egoist. Er ist überall in allen Lagen und Schicksalsversuchungen nur er selbst; ein unzerstörbares, quecksilbernes Subjekt, das in jedem Atomchen noch ein politischer, ein sozialistischer Wetterhahn und Krähhahn verbleibt. Man kann Quecksilber, Narren und Franzosen im Mörser zerstoßen, und sie bleiben, was sie sind. Ein Franzose ist eine fix und fertig abgerundete, auf den momentanen Witz gestellte Individualität; er bleibt mit Menschen und Dingen so arrangiert, daß er sie nur für das nimmt, was er in jedem Augenblick von ihnen braucht und sieht. Was darüber hinausgeht, das schneidet er wie einen überflüssigen Klunker, wie eine Überwucherung fort. Was einem in Aktion begriffenen Franzosen unter die Hände fällt, wird vollkommen harmlos mit gewissenloser Naivetät so beschnitten, frisiert, gestutzt und frikassiert, wie er's braucht. Personen und natürliche Verhältnisse werden dabei ganz so mechanisch wie tote Dinge und Fabrikate traktiert. So oft der Franzose in fremden Landen wirtschaften durfte, hat er bereits in den ersten Tagen, Wochen und Monaten jede Stadt und jeden Staat bis inklusive der Universitäten nach französischen Schablonen zugeschnitten. Nur die Unmöglichkeit, dem lebenden Menschen den Leib aufzuschneiden und das Eingeweide umzufleien, Umzuordnen. hat der französischen Naivetät, Mechanik und Geschäftigkeit eine natürliche Grenze gesetzt. Was sich irgend an Menschen und Geschichten, am Leibe, an der Seele, an der Religion und Sitte, an allen Heiligtümern der Natur und Übernatur entstellen, korrumpieren und profanieren läßt, das haben Franzosen verfratzt, verfälscht, säkularisiert und prostituiert. Die französischen Weiber malen sich in der neuesten Zeit Augenbrauen, Augenlider, Augenwinkel (damit mandelförmig chinesische Augen herauskommen) und das ganze Gesicht. Das junge Weib und die Braut des Arbeiters, die Landfrau in der Nähe von Paris und der großen Provinzialstädte verkauft ihr Haar nicht nur, um mit dem Erlös den ersten Grund zu einem kleinen Betriebskapital zu legen, sondern um einen großen Spiegel, einen Fauteuil, ein Prunkkleid anzuschaffen, oder was sonst der Luxus befiehlt, der heute bis zu den Einrichtungen der Chiffonniers Lumpensammler. gedrungen ist. Da der gebildete Franzose an seinem Körper, seiner Seele, an der Sitte und dem Glauben seiner Väter selten ein Heiligtum bekennt, so versteht sich von selbst, daß er mit der Welt und Naturgeschichte, daß er mit seinen Empfindungen und Gefühlen nicht so verwickelt sein kann wie der Deutsche, bei welchem Seele und Verstand, Wissen und Gewissen, Witz und Leidenschaft in nie rastender Wechselwirkung begriffen sind. Der Deutsche ist so, weil er allen Dingen auf den Grund geht, in allen den göttlichen Zusammenhang und ein übernatürliches Mysterium bekennt, »weil er die Natur im Geiste und den Geist in der Natur bewegt«, weil er den Herzpunkt zu einer Weltperipherie ausdehnt und alle Lebenskreise zu einem Herzpunkt konzentriert, weil er ein historischer, ein weltbürgerlicher, ein kosmischer Mensch, weil er ein Bürger zweier Welten ist. *   *   * »Der französische Geist denkt nur angesichts des Publikums, er ist niemals allein und frei vor dem Objekt seines Nachdenkens. Das Publikum ist beständig anwesend, rät ihm, inspiriert ihn, modifiziert die Entwicklung oder den Ausdruck feines Gedankens. Er sieht stets die Wahrheit nur durch das Prisma der öffentlichen Meinung. Wir Franzosen sind Leute der Disziplin im Denken wie in der Schlacht. Unsere Denker wie unsere Soldaten begeistern sich unter dem Applaus der Menge. Der helle Tag der öffentlichen Meinung ist die wahre Studierstube unserer Philosophen, selbst wenn sie tun, als schlössen sie sich in ihre Mauern ein, um nachzudenken. Der französische Geist hat das mot d'ordre Französisch: Losung. im Munde, in den Tagen revolutionärer Trunkenheit wie in denen der konservativen Narrheit. Er gibt die Parole nicht, er empfängt sie. Die Cartesius sind sehr selten, die Spinoza unmöglich. Viele Schriftsteller und wenig Denker, bewundernswerte Klarheit, mäßige Originalität der Bücher.« (Positivs Metaphysik von Vacherot Der französische Gelehrte und Politiker Etienne Vacherot (1809–97) wurde 1837 Studiendirektor der Normalschule in Paris. Der genaue Titel des von Goltz zitierten Werkes lautet »La metaphyisique et la science« ; es erschien 1858 in zwei Bänden. – ehemaligem Direktor der Pariser Normal-Schule.) Ein Sozialismus ohne die Grundlagen der Geschichte und Religion, hervorgegangen aus den abstrakten Begriffen der Schulvernünftigkeit, muß eine Monstrosität bleiben; eine solche haben die Franzosen seit der Revolution von 1789 verschuldet. Dazu kommt noch, daß der Franzose eine lebhafte Sinnlichkeit, eine oberflächliche Bonhomie und Artigkeit, aber gleichwohl keine tiefe Naturempfindung, keine Herzensenergieen, keine dauernden Herzenssympathieen, keine tiefere Herzensbildung, keine Seelengeschichte – daß er also kein Gemütsleben im deutschen Sinne besitzt. Die nächste Folge von dieser Widernatürlichst muß die Seelenlosigkeit seines Verstandes sein. Der Franzose ist ein tüchtiger Chemiker, Mathematiker, Anatom und Chirurg; aber er überträgt eben deshalb seine analytische Virtuosität auf die sittliche Lebensordnung; er ist in der Moral, in der Pädagogik, in der Politik und Philosophie, selbst in der Ästhetik, Religion und Poesie ebenfalls ein Mechaniker, Mosaikarbeiter und Schablonenfabrikant. Die neuerdings hervorgehobene Frömmigkeit des Landvolks erscheint ganz so gedankenlos, leer, zeremoniell wie in Italien und nur in wenigen Provinzen mit sehr bigotten und verpuppten Gefühlen getraut. Der Grundirrtum des heutigen Frankreichs ist und bleibt der, daß man den Staat, die Kirche, die Gesellschaft, die Sitte, ja daß man Tugend, Religion, Poesie und Glückseligkeit ex adrupto fabrizieren könne, falls man nur das richtige Rezept zu jenen guten Dingen besitzt (stehe z. B. Montholonsche Tugendpreise Der Verfasser meint den Monthyonschen prix de vertue , gestiftet 1782 von Jean Baptiste Baron de Monthyon (1733–1820), dem Begründer einer großen Zahl von Wohltätigkeitsanstalten in Paris. ec.). Selbst der französische Philosoph weiß nicht, daß die Ideen von der Geschichte ganz so rektifiziert werden wie die Geschichte von den Ideen, daß erst in diesen gedoppelten Prozessen von Theorie und Praxis, von Expansion und Konzentration, von individualisierender und generalisierender Bewegung, von Zentrifugal- und Zentripetalkraft die konkrete Weltvernunft und die naturgemäße Sozietät bestehen. Der Franzose hat weder einen lebendigen Begriff von der Geschichte noch von der Religion, weil er die Seelengeschichte und die Gemütszustände desavouiert. Die französische Leichtfertigkeit lebt weder in poetischen Erinnerungen noch in solchen Antizipationen der Zukunft, die man Philosophie und Religion nennen darf. Der Franzose verspottet die deutsche Wehmut und Sehnsucht als Melancholie, als Mystik und Sentimentalität. Er lebt wie jeder flache Naturalist dem Augenblick, kennt also nur eine Augenblickspraxis, eine Verstandesphilosophie, welche die Probleme von Geschichte und Religion abzulösen versucht und an den natürlichen Dingen die Seele wie den Konnex und Kontakt mit der sittlichen Welt ignoriert. Da nun aber die Gegenwart eine Neutralisation von Vergangenheit und Zukunft ist, da in den Augenblicken die verhüllte Gottheit und die enthüllte Geschichte gefaßt werden müssen, so liegt die Unfähigkeit des Franzosen auch für die tiefere Beurteilung der Gegenwart am Tage. Ihm gebricht nicht nur der Verstand und die Pietät für die Geschichte, das tiefere Organ für die Religion, sondern es fehlt ihm eben deswegen auch an dem tiefern Verständnis der Natur. Franzosen kann man nicht ohne eine Anwandlung von Ironie, ohne komische und doch herzbeklemmende Gefühle von romantischen Naturszenen okkupiert sehen. Die französische Landschafterei wird durch verhältnismäßig wenige Künstler vom ersten Range repräsentiert. Die französische Gartenkunst ist so Verschnitten ungeheuerlich und forciert wie die romantische Poesie von Eugen Sue. Vgl. S. 213, Anm. 2 Wenn man den Franzosen ein inspiriertes Verständnis der Natur zugestehen soll, so muß man die Engländer, die Deutschen, die Irländer und die Polen für Indianer und diese für Affen ansehen. Wenn es aber einem Volke an divinatorischem Instinkt, an einem Herzen für Natur, für Religion und Geschichte gebricht, dann darf man kein Prophete sein, um zu wissen, was aus seinen politischen, kirchlichen und sozialen Experimenten herauskommen wird. In einem Staate, der aus lauter komplizierten Formen, Gesetzen, Gewohnheiten, Rechten, Konvenienzen und künstlichen Lebensarten, aus einem Rattenkönig von Kämpfen des Geistes und der Geschichte mit der Natur besteht, in einem solchen Staat ist die Idee einer absolut freien Arbeit, mit dem Appendix von freiem Handel, Wandel und Worte, von freiem Glauben, Heiraten, Assoziieren ec. ein barer Unsinn; gleichwohl ist dieser Unsinn das Lieblingsthema Proudhons, Vgl. S. 258, Anm. 3. des Propheten der französischen Sozialphilosophie. In dem Organ für Geschichte, für Religion und Natur besteht aber eben die tiefgreifende Verwandtschaft der Engländer mit den Deutschen, besteht dieses Brudervolkes Bedeutung, Würde und Mission. Poesie ist vor allen Dingen eine Geschichte, d. h. eine unmittelbar angeschaute und im Herzen empfundene Genesis, ein Sonderleben in der Fülle und Mitleidenschaft des allgemeinen Lebens und getragen von ihm, – eine Welt in der Welt. Wo der deutsche Mensch auf keinem historischen Untergrunde weiterbauen, wo er keine Zukunft vorbereiten kann, da gibt es für ihn keine erfüllte konkrete Gegenwart, kein Gemütsleben und keine Poesie. Umgekehrt ist dem Franzosen nicht leichter und lustiger zumute, als wenn er seine Sozietät von Natur und Geschichte, von der Religion abgelöst und von einer modernsten Kulturschablone, einer Mathematik und Mechanik abhängig gemacht weiß. *   *   * Die Geschmacklosigkeit der Franzosen besteht aber nicht nur im Zentralisieren, im Mechanisieren und Schematisieren des Verstandes, z. B. der Sprache, sondern der Empfindungen und Gefühle, z. B. in dem falschen Klassizismus, im Schematismus, der nicht nur auf den Staat und auf das gesellschaftliche Leben, sondern auf die Poesie und die Künste angewendet wird. Die französische Geschmacklosigkeit geht also aus dem seelenlosen und mathematisch-mechanischen Verstande des Franzosen hervor – der Franzose verhält sich zu keinem Dinge pathologisch wie der Deutsche. Die Geschmacklosigkeit des Deutschen ist umgekehrt das Produkt seines intensiven Seelenlebens, seines Gemüts, seiner Phantasie, seiner entwickelten Persönlichkeit, seiner Fähigkeit, für sich selbst eine Welt zu bedeuten, die ihn zum Individualismus und Partikularismus treibt. Da nun der deutsche Partikularismus und die in ihm wurzelnde Geschmacklosigkeit ein Gegengewicht braucht, so darf man sich nicht wundern, wo die deutsche Förmlichkeit und die in ihr begründete Pedanterie, d. h. das andere Extrem der Abgeschmacktheit, herkommt, dessen Sublimierung sich wieder im geleckten Stil und seinen Konvenienzen darlegt. Was aber der Franzose in der Geschmacklosigkeit zu leisten vermag, davon gibt uns Riehl Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823 – 97). in seiner vortrefflichen Schrift »Musikalische Charakterköpfe« die nachstehende ergötzliche Notiz: »In einer ›Symphonie phantastique‹ will uns Berlioz das Leben eines Künstlers durch bloße Orchestermusik zeichnen. Beim vierten Satz (› Marche au supplice ‹) Französisch: Gang zur Hinrichtung. soll sich Hörer laut Vorschrift des Programms folgendes denken: Der Künstler wird inne, daß seine Liebe unverstanden geblieben, er vergiftet sich mit Opium. Die Dosis ist aber zu schwach; statt ihn zu töten, versenkt sie ihn in einen Schlaf, den die schrecklichsten Träume begleiten. Er träumt, daß er seine Geliebte getötet habe, daß er verurteilt und daß er zum Schafott geführt werde, und – daß er seiner eignen Hinrichtung beiwohne.« *   *   * Die Schablone, das Zeremoniell, die Zentralisation und die ephemere Diktatur müssen den Leichtsinn, die sinnliche Flüssigkeit, die Liederlichkeit und Konfusion des Franzosen in Schranken halten, während der grübelnde Partikularismus des Deutschen, welcher den Gemeinsinn, die Gesellschaft, den Staat und die Kirche zu zerstückeln droht, ebenfalls einer rigorosen Norm und einer generalisierenden Methode bedarf. Die deutschen Pedanten, d. h. die Formtyrannen und Schablonenleute sind zugleich Kleinigkeits- und Subtilitätenkrämer, Haarspalter, schwierige Charaktere, mit denen man nicht vom Fleck kommt, weil sie an jedem Haken noch ein Häkchen auffinden, nichts glatt zu streichen oder im großen Stil mit einem mutigen Rhythmus zu behandeln verstehen. Die französische Pedanterie pflegt dagegen nicht selten mit einer Leichtfertigkeit, Abstraktion und Phantasterei assoziiert zu sein, die sich kopfüber in die gewagtesten Geschäfte und Geldspekulationen, in die absurdesten Neuerungen stürzt. Der Deutsche kennt die Gegengewichte für seine separatistische Lebensart; sie bestehen eben im Zeremoniell, im Rechtsschematismus, in der Verwaltungsmaschinerie, in der Heiligung der Form. Die Träger dieser Formenreligion, die Tyrannen der Form, die Schablonenfabrikanten, die stillen Enthusiasten des Zeremoniells, der Methode, der Lebensgrammatik und Mathematik – die Deutsch-Chinesen –, sie machen die deutschen Pedanten aus, die man in anderer Gestalt und mit andern Akzenten unter solchen Franzosen antrifft, welche ebenfalls begriffen haben, daß die Sinnlichkeit und Frivolität ein Gegengewicht bedarf. Turgenjews »Tagebuch eines Jägers« gibt Illustrationen genug zu dem stupiden Mechanismus in der russischen Bildung und Konvenienz. Die Engländer leisten auch etwas in der Pedanterie und Förmlichkeit, aber im Untergründe ist gleichwohl ein Idealismus, der sich durch den Humor verrät. Die Wurzeln des englischen Formalismus sind individuelles Leben, Originalität, geistige Schämigkeit, starkes Selbstbewußtsein und Stolz. Der Russe dagegen hat vielleicht am wenigsten Charakter und Originalität von allen Rassen. Sein Formalismus, sein Schematismus zeigt den naivsten Ausdruck der abscheulichsten Materialität. Der russische Materialismus und Mechanismus ist sein eigner Grund und Zweck, also kein Symptom, wie bei Engländern, Deutschen und Franzosen. Man trifft in der Wurzel auf keinen Geist. Der Franzose hat auch nicht sonderlich viel Seele, aber akute Bonhomie, Esprit und wissenschaftlichen Verstand. Der Italiener besitzt Natürlichkeit und Instinkt. Am Russen begreift man dagegen sehr schwer, daß er die Rolle des unsterblichen oder nur des zivilisierten Menschen noch so täuschend zu spielen versteht. Der Pole allein haßt vermöge seines intensiven Naturalismus konsequent jeden Schematismus, jede Grammatik und Norm; er zeigt sich von der deutschen Pedanterie nicht nur angewidert, sondern indigniert. Der Deutsche allein ist Pedant, Sklave der Form, und dann wieder nach dem Gesetz der Reaktion formloser Schwärmer und Enthusiast; er ist Idealist und Materialist, Romantiker und Dogmatiker, Kritiker und Phantast, Träumer und Mechaniker, Theosoph und Atheist in einem Atem und in derselben Situation. Er versteht eventuell ein Narr mit Methode und, wenn er ästhetisches Malheur haben soll, ein Ideal von Abgeschmacktheiten zu sein. Der Franzose leistet aber unbestritten in diesem kulturhistorischen Genre, durch welches das ganze Menschengeschlecht gekennzeichnet wird, das nec plus ultra in jeder Epoche und bei aller Gelegenheit. Er versteht nicht nur ein Narr mit Methode, ein Winkelnarr wie der Deutsche zu sein, sondern er ist ein Narr mit Courtoisie, mit Lüstre, mit Vergnügen, mit Weltspektakel, mit genialer Virtuosität. Der Deutsche versteht nur ein trister, trockner Narr für Haus und Schule, für seine guten Freunde in solidum zu sein; der Franzose aber ist ein öffentlicher, ein mit Brillantfacetten geschliffner Allerweltsnarr und Hanshasenfuß. Er macht Propaganda und Moden mit seiner Narrheit und Absurdität; er steckt mit diesen ergötzlichen Fakultäten nicht nur die zivilisierte, sondern auch die halbbarbarische Welt, z. B. Russen, Türken und Araber, also die halbe Weltgeschichte an. Er zieht nicht nur die Künste, die Wissenschaften oder die Romantik, sondern auch die Diplomatie, die europäische Politik, die Religion, die Sitten, den hausbacknen Philisterverstand, das Geldgeschäft, das bürgerliche Gewerbe, die Nationalökonomie, ja selbst die Religion in seinen närrischen Bereich, indem er z.B. durch Herrn Proudhon abwechselnd den Glauben an Gott auf Nationalökonomie und diese hinwiederum auf den Gottesglauben begründet oder irgend einen renommierten, modernen und sozialen Hanswursten apokalyptisch werden und »Worte eines Gläubigen« für die Schnellgläubigen schreiben läßt. Die närrische Methode des Deutschen hängt doch bei ihm mit einem Glauben, Lieben und Heiligen, mit einer Leidenschaft, mit seinem ganzen Gemüte zusammen, während die Franzosen und Französinnen mit nüchternem Mute, mit blasiertem Herzen, mit eiskaltem Verstande, mit schematisierten Gefühlen zu schwärmen, Gott ein- und abzusetzen, das Rad der Weltgeschichte zu bremsen, dem Genius der Weltgeschichte eine Perücke, eine Freiheitsmütze aufzusetzen und aus Zeitvertreib in den Tod zu gehen verstehen. Jener Berliner Schusterjunge, der auf einen Stuhl gestiegen war, weil er sich in die Stirne beißen wollte, ist eben nur ein Lehrling der großen Nation, die sich den eignen Kopf abreißt, indem sie ihrem besten Könige den Kopf abschlägt und sich schon zum zweitenmal einen korsischen Kopf Napoleon III. aufsetzt, um mit demselben politische Kopfskegel zu schießen. Und siehe da: Was kein Verstand der Bundesverständigen sieht, das übet in Einfalt ein korsisch Gemüt. Der korsische Kopf schiebt alle neune! Geschwindigkeit und Dreistigkeit ist eine Hexerei für die Deutschen, aber nicht für die Franzosen mit dem korsischen Kopf. Letztlich aber kommt es doch für diesen Hexenkopf drauf an, daß er die Klippe Helena umschifft. – Kluger Neffe, denk' an das Ende des klugen Onkels! Die deutsche Ungrazie und Tölpelei als Produkt der deutschen Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit. »Der Deutsche ist wegen seiner Tiefe und Religiosität vor allen der, welcher die schwere Not des Lebens fühlt; das macht ihn schwerfällig, häklig, ungraziös, zauderlich, spröde, widerhaarig und rauh; das macht ihn auch bescheiden bis zur Blödigkeit; es hat ihn sogar kriechend und niederträchtig gemacht. Der Deutsche kennt weder den Leichtsinn noch die Wohltat und Liebenswürdigkeit des leichten Sinnes; der Deutsche ist seiner innersten Natur nach verständig, wirkend, beharrlich, er ist »endelich« – dieses herrliche Wort drückt gleichsam die lange, lange Linie des bescheidenen, bedenklichen Menschen aus. – »Endelich« heißt der Mensch, der bei jedem Beginnen auch das Ende der Sache bedenkt. – Der Deutsche ist der tiefgrabende, tiefschauende und hochschauende Mensch. Aber wir Deutsche haben in unsrer Mitte und Menge auch die köstlichsten Tröpfe, Dummköpfe und Wirrköpfe von der Welt. »Wir sind wie ein wimmelndes und krimmelndes, wie ein immer umherkriechendes, umkreisendes, fegendes, fragendes, schleppendes Wurmvolk, gleich Bienen und Ameisen. Deutsche Gefühle, Gedanken und Strebungen schwirren, wirren und kriechen im umkreisenden, unklaren Gedränge gewiß viel mehr und viel länger durcheinander, als dies bei dem hellen Spanier und Italiener, bei dem besonnenen und nüchternen Franzosen jemals der Fall sein wird. Bei solchem Gewirr und Geschwirr bleibt endlich vieles als ein unauflöslicher dicker Knäuel und Klumpen liegen; daher kommen die köstlichen, konfusen Tröpfe, die Träumer und Grübler (die Sonderlinge) mit ihren Herzbeschwerden und Grillen, ihrer Kopfhängerei und Duckmäuserei, was sich bis in die Sprache hineinbringt.« ( Arndt .) Die Wahrhaftigkeit und Solidität, welche Carlyle dem unsterblichen Könige von Preußen, Friedrich II., als Charaktereigenschaft zuerkennt, darf der Deutsche noch heute dem deutschen Menschen als ein Kriterion zusprechen, wenn er ihn mit andern Völkern vergleicht. Der Deutsche war und ist nur zu oft ein ungeschlachter und unflätiger Mensch, ein von allen Grazien verlassener Tölpel, ein Träumer und Einfaltspinsel, ein Idealist und Märchenmensch, der sich leicht düpieren, der sich halb mit Wissen und Willen Phantasiestücke aufheften läßt oder für den eignen Gebrauch fabriziert; aber dieser leichtgläubige, alles überdichtende und ergrübelnde Deutsche ist desto seltener ein zweideutiger Charakter. Er ist ein Selbsttäuscher, aber wissentlich kein Scharlatan, kein Täuscher und Geisterseher für andre und zu einem materiellen Zweck. Der Deutsche liebt die Illusion, aber er bleibt nicht im Idealismus befangen, sondern geht dem Scheine auf den Grund; er hat mehr Tatsachen in allen Weltreichen registriert und glücklich zur Rede gestellt als alle andern Völker insgesamt. Wenn die Versöhnung von Idealismus und Realismus, wenn die Wahrhaftigkeit, die ehrliche Intention irgend ein Volk charakterisiert, so sind wir dieses Volk. Aus dem Grundzuge des deutschen Menschen, an seiner oft bis zur Karikatur getriebenen Wahrheitsliebe mögen wir den Stempel seiner sittlichen Überlegenheit über die romanische, überall zur Vorstellung und Ostentation geneigte Rasse und den Beweis entnehmen, daß der Deutsche zur Weltherrschaft berufen ist, die er im Geiste bereits ausübt, da es wesentlich deutsche Wissenschaft, deutsche Kunst und deutsche Sitte ist, welche der zivilisierten Welt die Gestalt und die Gesetze gegeben hat, in denen sie weset und besteht. Die deutsche, sich forterbende Wahrhaftigkeit und Biederkeit ist es, die unsere Ungrazie, unser ungeschlachtes Wesen, unsern Zynismus, unsern Mangel an äußerlicher Wohlanständigkeit und Repräsentation verschuldet, während die weltberühmte Politesse der Franzosen aus ihrer unsäglichen Eitelkeit, Oberflächlichkeit und Ostentation, aus ihrer naiven Lügenhaftigkeit hervorgeht. Noch weniger dürfen wir beklagen, daß uns die Grazien nicht zu wiegen pflegen, wie sie es den Italienern, Spaniern und Polen tun, denn die Grazien gestatten nimmermehr den Bruch zwischen Natur und Geist, aus welchem die Kulturgeschichte des deutschen Volkes hervortreibt und den Naturalismus besiegt. Die Kosakengrazie, die ästhetischen Talente der Polen erklären sich aus ihrem frei entwickelten Naturalismus. Weil aber der Deutsche, der Engländer mit ihrer Kultur Ernst gemacht haben, weil sie sich das Leben, die Wissenschaften und Künste sauer werden lassen, weil sie Schule und Sitte heilig halten, weil sie einer für Recht und Gesetz begeisterten Rasse angehören, weil der geistige Faktor in ihnen über die Natur herrschen darf, darum sind sie keinesweges von den Grazien gewiegt. Welcher Mensch das Verhängnisvolle des Erdenseins, das Ineinander von Tod und Leben, die Zweideutigkeit der besten Tugenden und die Eitelkeit aller Erdengüter begreift, den müssen die Grazien fliehen. Die alten Griechen waren so geschmackvoll, hatten so viel Formensinn und Schönheitsgefühl, weil sie so wenig intensives Seelenleben, weil sie keine transzendente Seele besaßen, weil sie keine Herzensbildung, keine Gemütsbewegung im christlichen Sinn kannten. Bei den Griechen gab es dem Staate gegenüber kein individuelles Recht, keine persönliche Ehre, kein Naturrecht, kein unantastbares Privatrecht. Staat und Kirche waren verschmolzen, selbst das Familienleben ging im Staatsleben auf. Die Griechen besaßen eine intellektuelle, aber keine seelische Individualität; sie kannten also auch nicht die innern Kämpfe und die ästhetischen Einbußen, welche mit dem entwickelten Gemütsleben verbunden sind. Die Griechen hatten Phantasie, Geist und lebhafte Sinnlichkeit, sie hatten sinnliche Leidenschaften, – da aber das Seelenleben, das Gemüt, sich nicht als eine selbständige Macht hervorbildete, so wurde die natürliche Harmonie von Sinnlichkeit und Geist nicht gestört. Aus dieser Harmonie ging das sinnliche Gemeingefühl, der Idealsinn, der Geschmack, das Gefühl für schöne Form hervor. Der Deutsche aber kann es nur schwer zu dieser Harmonie der Kräfte bringen, weil sich bei ihm das Seelenleben ganz so zu einer selbständigen und transzendenten Macht herausgebildet hat wie die Sinnlichkeit und der Verstand; und weil dann wieder diese emanzipierten seelischen Fakultäten durch einen rigoristischen Schematismus kontrebalanciert werden müssen, der sich gleichfalls nicht mit den Grazien trauen läßt. Der Deutsche wird in Amerika nicht nur wegen seiner Demütigkeit und Weichmütigkeit, wegen seines Mangels an Nationalgefühl und männlicher Entschiedenheit, sondern auch wegen seines Mangels an äußerlichem Anstande, an gebildeten Formen, wegen seiner schlichten Art und schlechten Kleidung verachtet und verhöhnt. Die amerikanische Demokratie, heißt es, hat den Unterschied der Stände, also auch der Bildungsstufen aufgehoben; und weil jeder freie Mann in Amerika fühlt, daß er allen andern ebenbürtig ist (womöglich Präsident der Vereinigten Staaten werden darf), so hat er auch den Mut und die Ambition, sich äußerlich so gekleidet und gebildet darzustellen, daß er wenigstens nicht augenscheinlich von den distinguierten und wohlhabenden Klassen absticht und die demokratische Uniformität verletzt. In dem Aufzuge des Deutschen, in seinen bäuerischen Manieren, seiner platten Sprache sieht der Amerikaner eine Ehrlosigkeit, eine Verzichtleistung auf das höchste Gut, auf Gleichheit und Freiheit, die kein anständiger und freigeborner Mensch dadurch aufgeben darf, daß er wie ein Paria erscheint, solange er noch einen Blutstropfen im Leibe und ein Paar Fäuste zur Arbeit und zum Freiheitskampfe am Leibe hat. Wenn der Amerikaner so spricht, so mag ihm das nachgesehen sein, weil es zu seiner dünkelhaften Natur und zu seinem demokratischen Glaubensbekenntnis gehört; den deutschen Adepten dieser transatlantischen Philosophie muß aber dies insinuiert werden: Der Amerikaner nimmt nicht nur aus Freiheits-, Ehr- und Schicklichkeitsgefühl oder gar aus einer Schamhaftigkeit, die den Nebenmenschen durch Roheit und Häßlichkeit zu verletzen befürchtet, sondern deshalb noble Fassons an, weil er zu hohl und seelenlos, zu geistesarm ist, um eine eigne, volkstümliche Lebensart und Sitte von innen heraus zu gestalten, wie es der deutsche Bauer- und Handwerkerstand vermocht hat. Auch in Italien, in Frankreich und Polen finden wir in dem Volk der Städte und namentlich bei den Frauen die Ambition, in Kleidung, Aussprache und Manieren es den Gebildeten gleichzutun, ohne daß diese Tatsache einen anderen Grund hätte als den Mangel einer Wahrheitsliebe, einer persönlichen Demut, Innerlichkeit und Originalität. Der Amerikaner ist es eben, der, getrieben von seiner Ostentation und angebornen Unverschämtheit, von seinem Hochmut und Profansinn, eine Staatsverfassung und eine soziale Kultur fabriziert hat, die nunmehr so nivellierend auf die Massen zurückwirkt, daß die Individuen mit Uniformseelen, mit einem schematisierten Herzen, mit Uniformphysiognomieen zur Welt kommen. Die Seele des Amerikaners geht so ganz in der Nationalseele, in dem Nationalverstande und in der Nationalindustrie auf, daß sich freilich eine politisch machtvolle Nation, ein äußerlich anständig gekleideter und gearteter Bürgerstand darstellt, aber von eigentlichen Personen, von innerlichen und vertieften Menschen im deutschen Sinne nicht die Rede sein kann. Eine deutsche Person hat aber die Bedeutung und Qualität, daß sie nicht nur die Menschheit, sondern auch ein Individuum darstellt, an welchem man das Genus und zugleich die originelle Inkarnation und Ausprägung desselben in jedem Exemplar studieren kann; während der Amerikaner nur seine Rasse und, trotz der adoptierten nobeln Form, nur die brutalen, profanen, abgeflachten Seiten dieser Rasse und ihren Geldverstand repräsentiert. Dieser transatlantische Verstand ist es, der in den heiligsten und geistigsten Dingen zuerst und zuletzt den baren Kostenpunkt und den baren Profit ins Augenmerk faßt, also trotz aller politischen Freiheit einer materiellen Sklaverei verfallen ist, mit welcher verglichen die selbstbewußte, freiwillige und vernünftige Unterwerfung unter Autoritäten, Polizeigesetze und historische Lebensordnungen eine Götterfreiheit genannt werden darf. Dem armseligen deutschen Handwerker und Tagelöhner darf nicht nachgesagt werden, daher dem deutschen Volke durch seine ratlose, linkische und gedrückte Erscheinung Schande macht, denn in dieser seiner Art zeigt sich für jeden Menschen, der einen sittlichen Sinn hat und kein Amerikaner ist, die natürliche Schämigkeit und Bescheidenheit, die religiöse Demut und die innere Würde des deutschen Geistes, der die Kraft und den Stolz besitzt, sich seine eigne Sprache und Sitte herauszubilden. In dieser ersten Unanstelligkeit, in dieser melancholischen Passivität und Unterwerfung der deutschen Einwanderer bekundet sich das deutsche Gewissen, welches fühlt, daß es durch Ernst, Ergebung und Resignation eine Sünde abzubüßen hat, die Sünde, das teure Vaterland verlassen zu haben. Der Mensch aus dem Volke kann nicht a priori konstruieren, was die Fremde ist, und wie sie auf die Seele wirkt. Daß sie den Deutschen in der ersten Zeit so niederwirft, so linkisch macht, so verstummt und verdummt: dies ist ein erhebendes Zeugnis der deutschen Gemütstiefe, der deutschen Natur und Religion ebensosehr, als es eine Schamlosigkeit dokumentiert, wie dieselbe Literatur, welche diese deutschen Auswanderungsmysterien durch Verherrlichung der amerikanischen Zustände direkt und indirekt verschuldet, sie noch obendrein brandmarken hilft, indem sie dem Spott einer brutalen Rasse beipflichtet, die allein durch die Deutschen zur Humanität erzogen werden kann. Unsern deutschen nationalen Gebrechen liegen rein menschliche Fakultäten, liegt eine Gemütstiefe, eine Wahrheitsliebe, Herzensdelikatesse zum Grunde, während die Tugenden der Nordamerikaner aus dem Materialismus, aus dem kahlsten Rationalismus, dem herzlosesten Egoismus hervorgehen, aus einer konglomerierenden Kraft und einem Sozialismus, die man an Bienen, Ameisen und Präriehunden studieren kann. Ein paar Worte vom deutschen Verstande. »Ich muß nach meiner Erfahrung wirklich behaupten, daß der Deutsche, als ein dem Urvolke oder Weltvolke gleichsam noch näher stehender Mensch, in seinem Volke weit mehr Stufen habe als andere Völker, welche durch eine lange Reihe von Verwandlungen mehr durcheinander gemischt und geschüttelt sind, bei welchen alle klugen und schlauen Triebe mehr durchgesichtet und von Geist durchdrungen sind, ohne daß wir sie deswegen im ganzen als geistreich anerkennen wollen. Vieles in dem Leichten und Geschwinden des Spaniers, Franzosen und Polen ist auch flatternder Wind und dünner Schein, kommt uns Deutschen bei unserer größeren Langsamkeit daher meistens gescheiter vor, als es ist.« ( Arndt .) Wenn in Deutschland jemand etwas ins Werk richten will (bemerkt ein Reisender in Amerika), so fragt er zuerst: »Wie wird das gemacht?« – es bestimmt ihn Sitte, Herkommen, Tradition; der Amerikaner überlegt dagegen: »Wie kann das am besten gemacht werden?« Beide haben recht: neue Verhältnisse, Kolonieen erziehen den Selbstgebrauch des Verstandes; ein historisches Land fordert Sitte und macht die Gewohnheit zur ersten Macht. Amerika bildet Autodidakten, Männer, Charaktere, aber auch Monstrositäten. In einem Lande von alter Kultur wäre es lächerlich, bei jeder Gelegenheit eine Erfindung und ein Gewerbe von vorne erfinden zu wollen; es gilt dort Erziehung des Gemüts und des Geschmacks, was nur bei einer gewissen Passivität und Pietät gegen die Konvenienz und Tradition zustande kommen kann. Der Franzose fragt nicht nach dem Wesen der Dinge und ihrer notwendigen Wirkung, wie dies die deutsche Art ist, sondern er faßt Menschen und Sachen nach ihrem Schein, nach ihrer augenblicklichen und nächsten Wirkung auf, denn so macht es der sinnliche Verstand. Ihm ist wenig oder gar nichts an der Ergründung der Erscheinungen, an ihrer Geschichte und Genesis gelegen, aber desto mehr an der Art, wie sie in die Sinne fallen, und was sich mit ihnen machen, was sich von ihnen augenblicklich profitieren oder befürchten läßt. Der Franzose wie jeder Praktikus greift alles aus der Mitte, oder er wird Schematiker, wo er synthetisch und philosophisch zu Werke gehen soll. Der Deutsche allein ist systematisch, ohne die Rechte des Herzens zu verkennen, er individualisiert und generalisiert bei einer und derselben Gelegenheit, d.h. er bildet Theorie und Praxis in eins. Der beste, universellste Verstand nützt nichts ohne Charakterenergie, Seelenstärke und Nüchternheit, und dann wieder hilft diese Nüchternheit und Berechnung nichts ohne Begeisterung und ohne eine Vernunft, von welcher die Weltökonomie gefaßt wird. Die Praktikanten behaupten, es gäbe nur einen Augenblicksverstand, und die Ideologen statuieren nur einen allgemeinen Verstand; die Wahrheit aber bleibt eine individualisierende wie generalisierende Erkenntnis und Tätigkeit, eine Passivität und Aktivität, eine Rücksicht und Rücksichtslosigkeit, ein Machen und Wachsenlassen zugleich. Der deutsche Verstand wird allzusehr durch Träumerei und Sentimentalität, durch Ideen, Stimmungen und Metamorphosen, durch Rücksichten, durch das Bestreben nach universeller Tätigkeit und Erkenntnis inhibiert; wie aber die durch Einseitigkeit, durch eiserne Charakterkonsequenz und Nüchternheit errungenen Erfolge von der Weltgeschichte und dem Lebensgesetz aufgerollt werden, zeigt das Leben Napoleons. Nur der Charakter erringt Erfolge, nur die Rücksichtslosigkeit gibt Kraft, nur die Einseitigkeit bohrt ein Loch in das materielle Hindernis, nur die Beschränktheit ist in gewissen Augenblicken eine effektive Klugheit, und das Wagnis führt zum Glück; zuletzt aber erwachsen aus solchen Einseitigkeiten und schematischen Konsequenzen die schlimmsten Reaktionen. Das Organ, der Mikrokosmus, die Person, welche zu viel Lebenskraft an sich gezogen haben, leiden Entzündung, können sich als Gravitationspunkt, als Kopf und Herz der Welt nicht behaupten: es entsteht Stockung, Konfusion, Eiterung und Desorganisation. Die Erfolge, die raschen und handgreiflichen Effekte aller dreisten Theoretiker wie Praktikanten blenden die Welt; aber diese durch Rücksichtslosigkeit, Einseitigkeit, Mechanismus und Plötzlichkeit gewonnenen Errungenschaften sind es eben, von welchen die Ökonomie der Natur und Geschichte perhorresziert, in ihren allmählichen tausendfältigen Vermittlungsprozessen gestört und so in ihrem naturgemäßen Fortschritt immer wieder um Jahrhunderte zurückgeworfen wird. Gehören nun diese Retardationen mit zur Lebensökonomie, so ist es Räson, daß auch die Opposition als ein integrierendes Moment der Kulturgeschichte aufgefaßt wird. Ein Wort vom ost- und westpreußischen Verstande. Die Temperamentsverschiedenheit zwischen dem Norddeutschen und dem Franzosen ist sehr groß und der Grund von vielen Charakterverschiedenheiten der beiden Nationen. In Frankreich und schon am Rhein mußte ich beim Einheizen der eisernen Öfen, die mit zwei Schaufeln Kohlen und mit einem spektakulösen Getrommel bedient werden, an das Naturell der Franzosen denken: sie brauchen für ihren Enthusiasmus ein Minimum von Nahrung, kommen mit viel Lärm in Hitze und sind in dem Augenblick abgekühlt, wo ein Norddeutscher erst warm zu werden beginnt. Ein west- und ostpreußischer Bauer ist seinem Ziegelofen ähnlich: man heizt ihn mit einem halben Fuder Holz, aber dann hält er zur Not zwei Tage und zwei Nächte warm. Es kommen Zeiten, in denen auch eine nüchterne Rasse für eine Wahrheit so reif geworden ist, daß diese nur bei Namen gerufen werden darf, um Tagesverstand, Wirklichkeit und Tagesimpuls zu sein. Im allgemeinen aber kommt man den Leuten des Volkes mit Ideen nicht auf direktem Wege bei, am wenigsten mit Redekünsten und abstrakter Explikation, und nie verfangen beim Nordländer Redensarten, die mit großer Schwunghaftigkeit, mit Emphase und Pathos ausgesprochen werden. In Ost- und Westpreußen hört der Mann des Durchschnitts dergleichen Deklamationen und Überschwenglichkeiten ruhig zu Ende; am Schlusse aber faßt er seine Kritik in ein Witzwort zusammen, das durch seine Drastik dem Enthusiasten die Lust am Deklamieren auf immer benehmen muß. Der gute Freund sagt z.B. dem Bruder Redner, der ohne Talent oder bei unrechter Gelegenheit geredet hat oder reden will, nüchtern ins Ohr: »Mensch, mach' dich doch nicht zum Narren!« Ein nüchternster und undurchlassender Verstand bildet den Panzer und die Haut des nordischen Menschen; haben die neuen Wahrheiten und Ideen nicht die Kraft von Geschossen, so dringen sie nicht zum Eingeweide der Leute und am wenigsten durch den phlegmatisch-kritischen, langsamen, zähen Massenverstand. Was diesem nicht vermittelt wird durch Argumente, die wie Schrauben ziehen, durch eine Logik, die wie eine englische Feile in den eisernen Verstand einschneidet, das geht auch im Norden nicht ans Herz. Je tönender die Worte und Phrasen, je schwunghafter die Wendungen, je blütenreicher die Gefühle, je bildreicher die Gedanken sind, desto widerwärtiger und affektierter erscheinen sie dem nordischen Publiko. Nur wenig unumwundene, nüchtern ausgesprochene, von allem Beiwerk entkleidete, hart an die Sache gehende Worte, mit scharfen Verstandesakzenten und einschneidenden Beweisgründen, tun eine Wirkung auf den scharfkristallisierten, demantharten Verstand zumal des nordischen Gelehrten. Bei Kanzelreden verdirbt eine leiernde, näselnde oder eine deklamierende Stimme wieder den Effekt. Der Nordländer respektiert nur Wahrheit, Sachverhalt und logische Form; was im entferntesten an Phantasterei, Affektation, Machwerkigkeit und Sentimentalität erinnert oder auf Geistreichigkeiten ausgeht, wird hier mit Widerwillen als Unmacht und Geschmacklosigkeit zurückgewiesen. Der Ostpreuße ist nie der Mann, der sich wohlfeil zur Rede stellen und imponieren läßt, und am allerwenigsten durch Stilisation. Redekünste verfangen bei ihm nichts. Deklamation und Ostentation ekeln den nordischen Menschen in allen Klassen und auf allen Bildungsstufen an; gegen diese Regel kommen die Ausnahmen nicht auf, während bereits am Rhein das umgekehrte Verhältnis zur Geltung kommt, weil dort Sinnlichkeit und Einbildungskraft viel leichter den Verstand gefangen nehmen als bei uns. Es ist von Bedeutung, daß man in Ost- und Westpreußen nicht »Väterchen« oder »Mütterchen«, sondern »Vaterchen« und »Mutterchen« sagt. Der Preuße haßt alles, was im entferntesten einer Schaustellung der Gefühle ähnlich sieht. Ihm erscheint das Zierliche in dem »ä« gleichwie jede Grazie und Nettigkeit, jeder spielende, naive Ausdruck der Empfindungen, also auch die tändelnde Zärtlichkeit in dem »Väterchen« oder »Mütterchen«, als Affektation und diese selbst als Grimasse und Lügenhaftigkeit. Die Vögelein, Blümelein, Kugelein sind hier gar nicht beliebt; es heißt hier Blümchen ec. Es gibt nicht viel Volksstämme, die intelligenter, geradsinniger, wahrhaftiger, kritischer und humoristischer, aber auch wenige, die schroffer, schärfer, rücksichtsloser und ungraziöser sind als der preußische Stamm. Der Verkehr des Westpreußen mit Juden und Polen (welche ebensowenig Brutalität zeigen als der Italiener oder Franzose und Spanier) hat gleichwohl beim gemeinen Mann nicht die zynische Brutalität vertrieben, in welchem Artikel auch der gemeine Engländer etwas zu leisten vermag. Aber die Zwiespältigkeit ihres sinnlichen und geistigen Menschen, der Dualismus von Gefühl und Verstand, die größere Schwierigkeit im Norden, die Forderungen einer harten Wirklichkeit mit dem Ideal zu versöhnen, und die Notwendigkeit, einen Mischmasch von Elementen und Nationalitäten ineinszubilden, erzeugt in Preußen wie in England den Volkshumor. Der Norddeutsche, insbesondere der Preuße, ist der einzige Mensch der Welt, der Respekt vor Eigennamen hat, der jede fremde Sprache mit dem richtigen Akzent und Avec, mit metrischer Präzision zu sprechen vermag. Wo es ihm aber mit irgend einem Kunststück, z. B. mit polnischen Worten, in welchen drei und vier Konsonanten ohne Vokale ausgesprochen werden müssen, mißlingt, da ist er bemüht, die Schwierigkeit zu überwinden, und weiß ganz bestimmt um das Malheur; die Westpreußen aber sprechen das Polnische ganz so vollkommen wie die Polen selbst. Der Pole drückt sich im Französischen mit Leichtigkeit und Feinheit aus, weil er darin von Kindesbeinen an Unterricht empfängt, aber er respektiert die Länge und Kürze der deutschen Silben ebensowenig als die der lateinischen (» Nos Póloni non cúramus quantítatem syllábarum ). Wir Polen kümmern uns nicht um die Länge oder Kürze der Silben, ein lateinischer Satz, der, richtig betont, lauten müßte: nos Polóni non curámus quantitátum syllabárum. Nur die Sachsen, das heißt die Nachkommen der wendischen Slawen, leiden an dem Malheur eines unglücklichen Ohrs, nicht nur für das harte und weiche »B« oder »T«, sondern sie ziehen auch, falls sie Polnisch sprechen, die kurzen polnischen Silben auf eine lächerliche Weise lang. Der Pole verstümmelt die aus dem Deutschen entlehnten Wörter auf eine scheußliche Weise, indem er z. B. statt Kraftmehl »krochmal« sagt. Solche Korruptionen erlaubt sich der Deutsche keinmal. Franzosen wie Engländer respektieren keine Personen- wie Städtenamen aus fremden Sprachen. Diese Unart entspringt bei den Söhnen und Töchtern Albions nicht nur aus dünkelhaft übermütiger Nonchalance und Bequemlichkeit, sondern auch aus Mangel an ästhetischem Gehör und ästhetischem Verstande, bei den Franzosen aber aus bornierter Naivetät, aus Leichtfertigkeit wie aus der selbstgefälligen Überzeugung, daß ihre Sprache, daß der französische Klang und Akzent das Muster für alle Sprachen und ein Kanon der Ästhetik sein darf. Der Deutsche hat mit Ausnahme weniger Stämme nicht nur den ästhetischen, den musikalischen, sondern auch den sittlichen Verstand, die Selbstverleugnung, den objektiven Sinn und universellen Geist, um die Feinheiten, den Genius und das Idiom aller Sprachen zu penetrieren. Von den Russen ist bekannt, daß sie alle Sprachen nicht nur mit Leichtigkeit erlernen, sondern präzise schön und richtig sprechen. Der Grund dieser Tatsache ist aber der, daß sie den Vorteil der Kinder haben, nämlich ein ziemlich leeres Hirn, ein leeres Gemüt und wenig ausgeprägte Individualität. Wenn dagegen Schwaben, Hessen, Westfälinger und Ostpreußen ihre Persönlichkeit, ihr Hirn und Herz so weit verleugnen, daß sie sich in eine fremde Rasse und Nationalität, in deren spezifischen Verstand und Geschmack bis zu Schattierungen hineinfühlen, so ist das ein unendlich anderer Prozeß. Auch die Frauen lernen schneller und leichter eine Sprache sprechen als die Männer, weil sie trotz ihrer Kapricen wenig eigentümlichen Geist, mehr instinktiven und weniger wissenschaftlichen Verstand besitzen, weil sie sinnlicher, leichtfertiger und in kleinen Abenteuern, wie z.B. in dem Verkehr mit fremden Sprachen, Sitten, Personen und Situationen, viel dreister als die Männer sind. Der sittliche, wissenschaftliche und künstlerische Takt, ein Kriterion des beseelten Verstandes und der Kultur des Deutschen. Wenn man die deutsche Seele, den deutschen Geist charakterisieren und rechtfertigen soll, so muß man von den sublimsten Lebens- und Bildungsprozessen, von den Mysterien der Kulturgeschichte, von dem heiligen Prinzip aller Künste und Wissenschaften sprechen. Es gibt ein Lieblingswort bei Laien und Gelehrten, bei profanen und heiligen Naturen, welches im Mittelpunkt aller Lebensmysterien steht, es heißt Takt. Vielleicht gelingt es, seinen Begriff zu einem Herzpunkt der deutschen Charakteristik zu machen. Zu dem Ende muß eine kurze Einleitung vorausgehen. Das Besondere wirkt nur in Kraft des Allgemeinen, des Ganzen, dem es angehört; Wort und Bild wirken nur in Kraft der Sprache und Phantasie; das schönste Menschenauge tut nur seine Wirkung in einem Menschengesicht, und der Blick dieses Auges interpretiert eben nur diese und keine andere Seele, keine andere Person. Jede Realität und Einzelheit erhält ihre Ausdeutung erst in einem idealen Prinzip, in dem Lebensgefühl, in der Weltanschauung, die uns eigen ist, in den Ideen und Grundstimmungen, die uns beherrschen. Wo die Person verhaßt und ihre ganze Lebensart garstig ist, da tun die vereinzelten bessern Momente, die muntern Einfälle nicht mehr ihre volle Wirkung. Wir wollen von einem Schuft und Giftmischer weder Witz noch Gebete hören. Die leichtfertigen, burschikosen Späße des Studenten stehen dem greisen Pfarrer so garstig zu Gesicht wie gewisse prononciert fromme Gebärdungen und Bibelworte dem Fähndrich oder dem Studenten, selbst wenn der letztere Theologe ist. Auch alt gewordene Mädchen kann man nicht mit voller Genugtuung einen stehenden Humor debütieren sehen, denn er deutet bei ihnen auf einen Dualismus, auf einen Riß zwischen Gemüt und Geist, zwischen Ideal und Wirklichkeit, den wohl ein alter Herr, aber nicht so ein alt gewordenes, um die heiligsten Güter und Freuden gekürztes eheloses Mädchen sichtbar machen oder mit Witz maskieren darf. Dieselben Tatsachen, Erlebnisse und Erscheinungen wirken ganz entgegengesetzt auf Jugend und Alter, auf fröhliche und trauernde, auf gebildete und rohe, gute und böse Menschen, auf Individuen verschiedenen Standes, verschiedener Religion und Nationalität. Wenn zwei dasselbe sagen oder tun und lassen, so ist es nicht dasselbe mehr. Aus diesen Tatsachen und ihrer Berücksichtigung in: Verkehr, in der Kunst und Wissenschaft erwächst der künstlerische, der wissenschaftliche und gesellige Takt. Er besteht überall in der Ineinsbildung der idealen und realen Lebensfaktoren, in der Versöhnung der Gegensätze dieser Welt, in der Harmonie der Einzelmomente mit der Totalität, zu der sie gehören. Der Takt gestaltet die Augenblicke im Sinn und Geist der Geschichte, der Natur, der Biographie; der Mensch von Takt balanciert seine Intentionen mit den gewählten Mitteln und Formen, mit den obwaltenden Umständen und der gegebenen Situation. Er respektiert die herrschende Illusion. Jeder Augenblick erhält seinen Ton und Effekt, seine Bedeutung erst von der Situation und Geschichte, von der Person, zu der er gehört. Die irdischen Zeiten deutet der heile und heilige Mensch nur mit einem Gemüt und Gewissen aus, das zu einem Organ der Ewigkeit geworden ist. In einem Gemälde ohne durchgehenden Farbenton bleiben die Lokaltöne wirkungslos profan und bunt. Überall und in allen Augenblicken will der Mensch die einzelnen Erscheinungen von dem Weltbilde begleitet, will er die einzelne Bewegung und seine Person in den allgemeinen Lebensrhythmus aufgenommen fühlen. Wo es anders ist, wo das Irdische nicht vom Himmlischen mitbewegt und mitgefärbt ist, wo eine Partikularität von ihrem Verbände und Untergründe abgelöst erscheint, wo die Augenblicke ganz und gar vom idealen Inhalt ausgeleert sind, da hat der deutsche Mensch, falls dieser Dualismus ein zufälliger, oberflächlicher und unschädlicher ist, das Gefühl des Komischen, der absoluten Prosa, der scheinbaren Säkularisation oder das Gefühl einer wirklichen Entweihung, also der Sünde, der Trostlosigkeit, der Ungereimtheit zwischen dem Endlichen und Unendlichen, zwischen der idealen und wirklichen Welt, also das Gefühl der Häßlichkeit. Zeigt sich diese Trennung des individuellen und generellen Lebens, der Natur und Übernatur, des Zeitlichen und Ewigen nur als ein augenblickliches Schisma, welches von dem Profanverstande, von der nüchternen oder zerstreuten Stimmung einer Person, nicht aber von einer ganzen Nation und Zeit verschuldet wird, so nennen wir diesen Mangel des Ineinander und diese Disharmonie dessen, was Gott und Menschen zusammengefügt haben, Taktlosigkeit, Ungereimtheit, Abgeschmacktheit. Sittlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen Takt kann nur derjenige Mensch haben, bei welchem Divination und Mutterwitz korrespondieren, bei welchem das ideale Organ mit dem Verstande so ineinsgebildet ist, daß ihm in jeder lebendigen Form der allgemeine, der sittliche Geist und das Leben, also das Wahre, Gute und Schöne zurückgespiegelt wird. Wer diese heiligen Grundbedingungen des Lebens nicht alle Augenblicke im Verstande wie im Gemüte bewegt, wer nicht Sinnenlust, Verzweiflung und Zorn mäßigen kann, wer sich ganz sinnlich oder abstrakt und profan gebärdet, wer sein Leben lang ganz natürlich oder ganz abstrakt zu Werke geht, wer con amore ein Genrevirtuose, ein Anatom, ein Chemiker, ein Rechenmeister, ein minutiöser Talmudist oder ein abstruser Mathematiker, Grammatiker und Schulphilosoph bis ins Herz hinein ist, wer keinen Scherz oder keinen Ernst kennt, wer das Sinnliche nicht übersinnlich deuten und das Unendliche nicht auf das Endliche beziehen, wer es nicht in seiner Person verwirklichen, in seinem Tun und Lassen zurückspiegeln kann, der hat keinen Takt und Geschmack, der ist kein gebildeter Mensch. Wer sich nie zu einer Ergänzung seiner einseitigen Lebensbeschäftigung und Stellung angetrieben fühlt, wer als Anatom und Chemiker die Seele, als Mathematiker und Astronom unsern Gott im Himmel, wer als Dialektiker und Grammatiker die Lebensgrazie verliert oder als Poet die Logik und jeden Schematismus ignoriert, als frommer Christ die Natur und die profanen Lebensbeschäftigungen despektiert, der ist ein elender Narr, ein Schwärmer oder ein Pedant. Wer sich als Mann nicht durch das Weib, als Weib nicht durch den Mann, als Dichter nicht durch Philosophie, als Philosoph nicht durch Poesie, als Praktikus nicht durch Theorie, als Theoretiker nicht durch Praxis angezogen fühlt, der ist kein ganzer, kein heiler Mensch. In einem monströs einseitigen Individuum wohnt der Takt des Lebens nimmermehr; dieser Takt fordert einen heiligen Sinn, eine Integrität der Geschichten, aus welcher allein der Sinn und Verstand für alles Heile, Ganze und Ideale im Menschenleben hervorgehen kann. Dieser Sinn aber, welcher das Harmonische, das Zentrum und die Peripherie des Lebens sucht und findet, welcher es in Künsten und Wissenschaften wie in der persönlichen Erscheinung auszugestalten vermag, welcher den Herzpunkt zur Vernunftanschauung auszudehnen und diese selbst zu einer herzlichen Lebensart verdichten und aus beiden Bewegungen das deutsche Gemüt zu produzieren versteht, wohnt nur dem deutschen Volke in solcher Universalität und Entschiedenheit inne und ist die naturnotwendige Ursache, daß die Deutschen sich für ein nationales Leben nicht so absolut wie andere Nationen zu begeistern vermögen, die für die Künste und Wissenschaften, für das sittliche Leben und die Religion weniger tief organisiert und entwickelt sind. Wenn der Mensch ein Welt- und Himmelsbürger, wenn er ein so gründlicher Gelehrter und Künstler, wenn er ein so guter Hausvater wie der Deutsche ist, so kann er unmöglich noch ein vollbegeisterter Staatsbürger, Nationalmensch, Publizist, Radikalist, politischer Kannegießer, Demokrat, öffentlicher Meinungshomunkulus und unergründlicher Wühler sein. Der Deutsche wird zufolge des ihm von Anbeginn seiner Geschichte innewohnenden Idealsinns vor allen Dingen ein heiler und ganzer Mensch bleiben und es den andern Nationen überlassen, Nationalfratzenbilder des edeln Menschengewächses zu erziehen, die sich um ihrer nationalen Verschiedenheiten willen hassen, verachten, bekriegen und wie wilde Tiere zerfleischen. Der so borniert angegriffene, von den modernen Zukunftspropheten lächerlich gemachte deutsche Idealsinn bildet den Untergrund und das Prinzip des universellen Taktes, des tiefen Schicklichkeitsgefühls der Deutschen in allen Künsten und Wissenschaften. Mit der Verkümmerung oder dem Verlust des deutschen Idealsinns hätte auch die von allen Nationen laut und still anerkannte Weltbildung der Deutschen ein Ende, hätte Deutschland die Mission verloren, ein Weltzentrum für das Christentum, für Kunst und Wissenschaft, für die Kultur des Menschengeschlechts zu sein; und dies Unglück wird der Gott verhüten, welcher die Weltgeschichten überwacht und die Deutschen so geschaffen hat, wie sie in Wirklichkeit sind. XIX. Mystifikationen des deutschen Volkes durch literarische Phantasmagorie und Taschenspielerei. A. Der Deutsche ein Gemütsmensch, d.h. eine wiederkäuende Kreatur. Der Deutsche gehört zum Geschlechte der Wiederkäuer. Das deutsche Gemüt hat zum mindesten sieben irdische und himmlische Instanzen, und wenn es nur die irdische Zeit erlaubte, so würde die deutsche Justiz sicherlich sieben Appellationen und Restitutionen in integrum Vgl. S. 236, Anm. 2. eingerichtet haben. Wer sich aus eigner Erfahrung auf das deutsche Naturell versteht, der weiß, daß der Deutsche ein prädestinierter Altflicker ist. Im Neumachen, im Schneiden aus dem Vollen, im Schaffen ist für den historisch gearteten Germanen nicht die Gemütssatisfaktion, nicht die Herzenspoesie wie in den Arbeiten und Prozeduren, durch die ein dem Hades bereits verfallenes Ding noch ein letztes Mal dem Leben wiedergegeben wird. In den zärtlichen Redensarten des Deutschen: »Mein alter Junge, mein Alterchen, mein altes Haus« ist die Vorliebe für das Alte, das deutsche treue Gemüt aufs rührendste ausgedrückt. Das deutsche Herz verwächst mit seinen Gewohnheiten und Arbeiten, mit allen kleinsten Situationen und Dingen, mit Kleidern und Gerätschaften; der Deutsche repetiert an ihnen, an seinen gewohnten Arbeiten und Redensarten, auf allen Wegen und Stegen, an alten Strauchzäunen, Dächern und überhangenden Giebeln die alten Stimmungen und Gedanken. So geschieht es, daß ihm alle Dinge und Beschäftigungen, alle Verhältnisse und Formen zu einer lebendigen Symbolik, zu einer Bilderschrift werden, in welche das nie rastende deutsche Gemüt Perspektiven hineingräbt, bis die Wachträume sich einen ätherischen Leib zubilden und mit der Wirklichkeit so verschmelzen, daß der deutsche Idealist nicht mehr Ding und Vorstellung auseinanderhalten kann, daß er nur mit den eingelebten Formen, mit den gewohnten Umgebungen und Naturszenen seines Geistes mächtig bleibt. Und so geschieht es, daß er nur zu oft den Charakter aufgibt, wenn er das Vaterland verliert. Eingelebte Formen und Vätersitten, eine bleibende Naturszenerie, ein gewisser Mechanismus in der Haus- und Lebensordnung wie im Staate, ein festes Dogma in der Kirche, das sind die Fundamente des deutschen Lebens, die endlichen Bedingungen der deutschen Kultur. Das Volk zumal braucht eine Schablone und ein unwandelbares Ziel, um desto freier von innen heraus seine Träume und Gedanken wuchern zu lassen. Der Deutsche ist eins von den rankenden Gewächsen, welches Spaliere oder kolossale Waldbäume, d.h. zum Himmel gipfelnde Ideen und theosophische Systeme zum Anhalt gebraucht. In der Religion und Philosophie wachsen diese Waldbäume, und sie geben die Masten für die Lebensschifflein her, die eben aus den Gewohnheiten, den Schablonen der Schule und Konvenienz zusammengezimmert sind. Der Deutsche kann und soll nicht anders: er folgt so den Gesetzen seiner Geschichte und Natur. Er braucht für seinen himmelstürmenden Idealismus das Gegengewicht einer festen Methode, einer Norm, eines durch Formen gebundenen Lebensstils, der den Deutschen in den Ruf des Pedantismus gebracht hat; aber diese Pedanterie bildet gleichwohl das feste Gerüst für die deutsche Naturwucherung und Träumerei. Der nie rastende kritische Verstand des Deutschen und dann wieder seine Phantasterei und Abergläubigkeit haben das natürliche Gegenmittel und Gegengewicht, nämlich die Orthodoxie und die Pietät für Autoritäten, für Geschichte und Herkommen, für das Rokoko in Kirche und Staat, hervorgerufen. Die Neudeutschen haben diese Zentripetalkraft unserer Natur den deutschen Zopf getauft; dieser Zopf verhindert aber eben, daß wir den Kopf zu lebhaft hin und her drehen, statt auf den Weg vor uns zu achten. Man hat uns in Stelle der Zöpfe und Autoritäten nagelneue Ideen empfohlen; die alten deutschen Ideen sind aber naturgemäß mit den deutschen Autoritäten zusammengetraut und dürfen von ihnen nicht geschieden werden. Mit der Pietät gibt das deutsche Volk seine deutsche Natur und Seele, seine deutsche Geschichte auf. Der Deutsche muß so zopfig sein, weil er so neubegierig und assimilationskräftig ist, daß er aller Welts Literaturen, Künste und Sitten verdaut. Die Metamorphosen und Verdauungskräfte gehören aber mehr der Sinnlichkeit und dem Verstande; das deutsche Herz verleugnet sich in keiner Reformation. Alle proklamierten »überwundenen Standpunkte« sind solche keinmal im Gemüte, keinmal in der heimatlichen Lebensordnung und am wenigsten in den Augenblicken, wo die Leidenschaft erwacht ist. Es geht uns allen wie jener in Wehen liegenden, auf höhern Töchterschulen gebildeten Jüdin, welche mit » ah mon dieu « zu wehklagen anfängt, aber mit » ai wai « ihr Kind zur Welt bringt und mit einem Gebete zu Adonai, dem Gott Mosis und Abrahams, schließt. Daß im deutschen Volke von überwundenen Standpunkten nicht schlechtweg die Rede sein kann, hat jeder begriffen, der überhaupt etwas begreifen kann und will; dessen nicht zu gedenken, daß eben die überwundenen Momente die Jahresringe und der konkrete Inhalt des Menschengemütes sind. Wie aber selbst in den deutschen Gelehrten die überwundenen Standpunkte immer wieder zu überwindenden Mächten werden, das kann man am erbaulichsten an den Literaturhistorikern ersehen. Es gibt auch unter den Wiederkäuern edle und graziöse Kreaturen, z.B. den Hirsch und die Wüstengazelle; aber der deutsche Literaturhistoriker ist ein gelehrtes Kamel, welches die Literaturwüste mit demselben Gleichmut und denselben gemessenen Schritten durchschreitet als die Oasen. Ob die Kamele durch fata morgana vexiert werden, weiß man nicht, daß aber die deutschen Literaturkamele noch mehr mit Illusionen zu kämpfen haben als die Literaturlaien, das beweisen sich die Literaturgelehrten untereinander. Jeder desavouiert den Enthusiasmus seiner Vorgänger, und jeder zahlt seinen Zoll von Luftspiegelungen an einer andern Stelle. Bei dieser Gelegenheit habe ich es aber nur mit dem Wiederkäuen zu tun. Ob es dem Vieh eine größere Wollust verursacht als das erste Zerschroten des Futters, kann der Physiologe nur vermuten; wie wollüstig aber dem deutschen Literaturhistoriker zumute wird, während er den aufgewärmten Literaturfraß durch alle sieben gelehrten Mägen bewegt, das entnimmt man unzweifelhaft daraus, daß dem gelehrten Wiederkäuer nur zu oft die gesunden fünf Sinne und der gesunde Menschenverstand vergehen. Was jeder Ungelehrte mit Händen greifen kann, das müssen die deutschen Gelehrten a priori konstruieren, und was von diesen Herrn als ein Wirklichstes und Natürlichstes traktiert wird (wie zum Beispiel die absolute Wissenschaft, die absolute Schönheit und Sittlichkeit, die Philosophie der Weltgeschichte, die Kontinuität und Realität der Ideen, die Kontinuität der Wahrheit und des Rechts, die Versöhnung der Lebensgegensätze, nämlich des Geistes und der Natur, der Sinnlichkeit und der Schulvernünftigkeit zu einer göttlichen Vernunft in Kirche und Staat; die Weltgerechtigkeit, der Weltfortschritt, die überwundenen Standpunkte, die Gewissensfreiheit der Welt) – von alledem vermag das Publikum nicht früher etwas zu begreifen, als bis es vom Literaturmiasma mit angesteckt und vom Büchermagnetismus somnambul geworden ist. Wer dafür Beispiele im kleinen haben will, muß Abhandlungen über altdeutsche Poesie oder über die Antiken lesen und beide Gegenstände aus eigner Praxis kennen. Wo hier der eine in Gesichten liegt und Geistererscheinungen hat, da sieht und empfindet der andere nichts und umgekehrt. Aber in der Wollust des Wiederkauens kommen alle Archäologen und Literaturhistoriker überein. B. Die überwundenen Standpunkte, die Geschichte und der politische Fortschrittsprozeß. Sylvestre de Sach Vgl. S. 177, Anmerkung. sagt ergreifend wahr: »Ein Land ohne Urkunden, ohne Altertümer ist für das Gemüt eine dürre, trostlose Wüste.« – – »Ebenso ist die Ehrlichkeit ein Ding, das sich nicht aus dem Stegreif machen läßt; sie ist die Frucht der Generationen. Kein abstraktes, weder religiöses noch philosophisches Prinzip hat die Macht, einen ehrlichen Mann zu schaffen [die Geschichte muß es tun]. In der Ordnung der Geisterwelt sind viele und vortreffliche Dinge jung; nicht also in der Ordnung der sittlichen Welt. Hier ist nichts zu erfinden, nichts zu entdecken. In der Moral ist das Alte das Wahre, denn das Alte ist das Ehrenhafte, das Alte ist die Freiheit. Hinweg also mit dem Wahne, daß die Revolution von 1789 uns der Mühe überhebt; tiefer in die Vergangenheit der Menschheit einzudringen! Die Revolution verführt anfangs durch ihren stolzen Gang, durch jenen großartigen, leidenschaftlichen Zug aller geschichtlichen Bilder, die sich auf der Straße entrollen. Lange, sagt Renan, Der berühmte Verfasser des »Lebens Jesu«, Ernest Renan (1823 bis 1892), hat in der Schrift »Die Reform des Geistes und der Moral« auch politische Themen behandelt. hat sie auch mich verblendet; wohl sah ich die Mittelmäßigkeit des Geistes und die geringe Bildung der Männer, welche die Revolution machten, und dennoch steifte ich mich, ihren Werken große politische Tragweite beizulegen. In der Folge aber kam ich zu der Erkenntnis, daß, mit wenigen Ausnahmen, die Männer jener Zeit ebenso naiv in der Politik wie in der Geschichte und Politik waren. Da sie nur wenige Dinge übersahen, so merkten sie nicht, welch eine komplizierte Maschine der Mensch ist, und wie die Bedingungen seiner Existenz und seines Glanzes von unmerklichen Schattierungen abhängen. Die tiefere Kenntnis der Geschichte ging jenen Männern völlig ab. Eine gewisse geschmacklose Emphase stieg ihnen zu Kopf und setzte sie in die dem Franzosen eigentümliche Trunkenheit, welche oft Großes vollbringt, aber alles Voraussehen der Zukunft wie einen nur über das Gewöhnliche erweiterten politischen Blick unmöglich macht.« Daß man nicht aus einem katzenwilden Tscherkessen vom Kaukasus, auch wenn man ihn von der Mutterbrust weggeholt hat, einen Salonlöwen, einen Kammerherrn oder gar einen Professor der Ästhetik großziehen kann; daß sich aus neuholländischen Wilden und Fidschi-Insulanern, aus Botokuden oder Buschhottentotten durch alle Kulturmittel der Schule und Sitte, auch noch in der dritten Generation, nicht die christlich-deutsche Humanität von Spener und Schleiermacher oder die christlich-antike von Schiller und Goethe entwickeln läßt; daß sich die Kluft zwischen der elementaren Menschennatur und dem kultivierten Menschengeiste nicht im ersten Anlauf durch Gedächtnisübungen, durch Formenwitz, durch idealen Schematismus, durch Grammatik und Dialektik, kurz durch Schule und Phraseologie überbrücken läßt; daß die Historie, die alles verwandelnde Zeit, eine Macht ist, die sich durch keine Methode und Prozedur, durch keinen Menschenwitz ersetzen und um ihre irdischen Rechte betrügen läßt; daß endlich alles »Machen« in der Welt mit einem natürlichen »Wachsen« verbunden sein muß: dies geben alle gebildeten Leute im allgemeinen zu; aber vor den Konsequenzen dieser Wahrheit aller Wahrheiten scheuen sie in ganz bestimmten Fällen sofort zurück, wenn diese Konsequenzen im Widerspruche mit der öffentlichen Meinung, mit dem Volksbewußtsein, mit dem modernen Gewissen, d.h. mit den Zeitschwächen und Zeitrenommagen stehen. Der moderne Irrtum und die Lüge der Zeit bestehen aber eben darin, daß man historische Tatsachen und Prozesse, wo sie unbequem sind, ignorieren oder abschneiden, daß man die Zeit um ihre Dauer und die Natur um ihre Mysterien betrügen, daß man eine unendliche Reihe von langsamen Entwicklungsmomenten überspringen und künstlich überbrücken, daß man Seelenleben und Charakterenergieen mit Verstandesschablonen ersetzen, daß man schnell-kultivieren, daß man Natur und Geschichte um ihre Gesetze und Mysterien betrügen, daß man tausend Dinge und Geschichten »machen« will, welche langsam wachsen müssen. Unsere Volksmassen sind allerdings keine Tscherkessen und keine Hottentotten, aber sie sind gleichwohl, nach vielen Seiten hin, zu barbarisch und beschränkt, um das Experiment zu riskieren, sie mit gemachten Rebellionen, mit demokratischen Wühlereien, mit republikanischen Stichwörtern (z.B. von überwundenen Standpunkten, von Ideen in Stelle der Autoritäten), um sie mit Leitartikeln, mit Journaltheologie, mit Sozialphilosophie, mit der Tagesphilosophie von »Stoff und Kraft«, mit national-ökonomischen Wissenschaften, mit Meinungsöffentlichkeiten und Geschwornensitzungen allein zu einer Volkssouveränität reif machen zu wollen, und zwar binnen einem Menschenalter oder am liebsten binnen Jahr und Tag. Die Renommage zumal »mit den überwundenen Standpunkten« ist eine ebenso schamlose als blödsinnige Scharlatanerie. Eben der Gelehrte, der Geschichtsforscher weiß am besten, daß und warum in den Fortschritten auch die Rückschritte und in den Zähmungen die Widernatürlichkeiten und Charakterschwächen gegeben sind. Alle Gebildeten wissen und fühlen, daß es ihnen nimmer gelingen will, Seele und Verstand, Vernunft und Sittlichkeit, Natur und Geist, Kraft und Anmut, Glaube und Wissen, Wissen und Gewissen, Kritik und Naivetät, Kritik und Glückseligkeit, Gesetz und Freiheit, Divination und Willenskraft, Materialismus und Gottesscham und alle die Gegensätze der modernen Bildung zu versöhnen. Nur der freche, ungeduldige Profanverstand der Volksführer, der Verächter der Geschichte, der Dilettanten des neu erfundenen Sozialismus ist es, der jenen langsamen und mysteriösesten aller Prozesse, in welchem die Jahrhunderte Jahre bedeuten, für einen einfachen und absolvierten erklärt. Mit welcher Stirne melden also die modernen Propheten dem Volke uralte Sitten, Vorstellungen, Glaubensartikel, Gewissensfühlungen und Herzensgewohnheiten »als überwundene Standpunkte« an; mit welchem Gewissen wollen sie dem unwissenden Volke abstrakte und phantastische Ideen an Stelle selbst derjenigen Autoritäten setzen, welche ihnen die vaterländische Geschichte, die heilige Schrift und die Landessitte gegeben hat? Nicht nur können lebendige Wahrheiten absterben und versteinern, wie die vorsündflutlichen Bäume sich in Steinkohlenlager verwandelt haben, sondern Irrtümer und Erfindungen der Phantasie können sich durch die lebendige Kraft des Glaubens, der Liebe und Einbildungskraft mit Fleisch und Blut bekleiden, können einen neuen, idealen Verstand im alten materiellen, toten Philisterverstande erzeugen, wie wir an der muhammedanischen Religion ersehen, welche in vielen hundert Millionen apathischer Asiaten einen Heldengeist, Künste und Wissenschaften, eine Kulturgeschichte, ein ideales Leben hervorgerufen hat. Mit welchem Rechte, mit welcher Dialektik, welchem Mute wollen sich nun die Eintagsklüglinge an die Kritik und Zerstörung solcher Sitten und christlichen Glaubensartikel machen, in die sich das deutsche Volk kaum eingelebt hat, geschweige daß es die selben mit seinem Geiste überholt und überwunden haben sollte? Es gibt keine ganz überwundenen Standpunkte und Autoritäten weder in der Weltgeschichte noch in der Sitte noch in der Philosophie. Es kann keine absolut überwundenen Standpunkte, d. h. keine ausgeschiedene Lebensprinzipe und Kräfte in der Naturgeschichte geben. Es verschwindet weder ein Atom der Materie noch eine Form und eine Kraft ganz und gar aus der Welt. Somit gehört unendlich mehr Witz und Verstand, mehr Physik und Metaphysik dazu, als das Volk besitzt, um zu begreifen, in welchem Sinne, in welchem Maß und bei welchen Gelegenheiten der Mensch einen Standpunkt, eine Weltanschauung, einen Glauben, eine Sitte und eine Herzensgewohnheit für antiquiert erklären darf. Tagesparolen aber, welche man nicht cum grano salis zu interpretieren und mit überlegenem Geiste in Anwendung zu bringen vermag, sind ein Messer in des Kindes Hand. Nicht nur die Ehrlichkeit ist eine Potenz, die von Generation zu Generation forterben, die in der Rasse, in der ganzen Geschichte eines Volkes wurzeln muß, wie die Politesse im französischen Volkscharakter und in der französischen Kultur, sondern alle zeugungskräftigen Tugenden und Talente, alle lebendige Intelligenz und Herzensbildung, alle Eigenschaften, welche die Kraft haben sollen, Geschichte und Glückseligkeit zu zeugen, müssen der Natur und Geschichte entstammen, in Saft und Blut verwandelt werden und ihren Weg durchs Menschenherz nehmen, müssen mit der Seele und den Sitten verschmolzen, eine Religion und ein Gemüt, ein Gewissen geworden sein. Auch die beseelte Intelligenz ist ein Ding, das nicht in der ersten Generation erzeugt werden kann. Der vollbeseelte Verstand muß ein Erbe nicht nur von Eltern, sondern von Großeltern und Ureltern sein, die einer kultivierten und nobeln Rasse angehören. Unter Botokuden oder Jakuten und Kaluschen kommen keine ästhetischen Genies, keine Raffaele und Mozarte, keine Schiller und Goethe oder Herder und Lessing zur Welt. Die christlichen Lehren und Sitten, welche man den amerikanischen oder afrikanischen Wilden ein ganzes Menschenalter hindurch eingepflanzt hat, gehen in wenigen Jahren spurlos verloren, sowie die Bekehrten wiederum ihrem elementaren Leben zurückgegeben werden. An Russen, Türken, Tataren und Arabern hat man dieselben Erfahrungen in anderer Gestalt gemacht. Wer ein Landwirt ist, der wird wissen, daß nicht einmal Klee und Gerste auf frischem Dünger wachsen wollen, daß vielmehr Humus, d. h. alte zersetzte Dungkraft, zum Gedeihen jener Pflanzen notwendig ist. Wie kämen denn also Künste, Wissenschaften, Tugenden, Einsichten und Lebensmysterien, wie kämen edle Charaktere und gebildete Herzen dazu, auf dem frischen Dünger von Zeitungen und Journalstänkereien oder von Stoff- und Kraftenzyklopädieen und von Jurygeschichten zu gedeihen? Wenn es eine Kulturgeschichte geben soll, so muß freilich für dieselbe ein Anfang gemacht werden, und dieser Anfang kann nicht einzig und allein ein natürlich organischer, sondern er muß auch ein mechanischer und schematischer sein. Jeder kräftigen Kulturgeschichte geht freilich der Brach von Natur und Geist voraus; die selbstbewußte Initiative des Geistes, seine Herrschaft über Sinnlichkeit und Instinkt, kann nur ein Schematismus und kein akzentuierter Seelenprozeß sein. Das sind Wahrheiten, die niemand vor mir so präzis und nachdrücklich ausgesprochen hat, aber eben darum, weil dies Kulturgesetz besteht, so dauert es Generationen, bevor sich der Verstandesschematismus in Herz und Seele umwandeln, bevor er Natur werden, sich einen Leib und eine Historie zubilden kann. Und weil das alles so ist, darum sollen sich Individuen wie Nationen nicht kopfüber und ohne Not in neue Kulturprozesse stürzen, und noch weniger sollen sie eine Schablonenwirtschaft, sollen sie Hadesgeschichten und Durchgangsprozesse für fertige Kulturgeschichten, für eine lebendige, zeugungskräftige Intelligenz halten und eine Volksreife, eine Volkssouveränität proklamieren, während die gebildeten Schichten noch in der trostlosesten Mauser begriffen sind, so daß man nicht einmal erkennen kann, ob den »Zukunftsmenschen« Haare oder Schreibfedern wachsen, und ob das neue Blut und Fleisch vielleicht aus Tinte und Makulatur bestehen wird. Es gehört mehr Weisheit dazu, als die modernen Propheten und Verächter des Mittelalters besitzen, dessen letzte Elemente und Formen sie absorbiert haben wollen, um einzusehen, daß und warum die besten und zeugungskräftigsten Tugenden und Glückseligkeiten des Volkes im Instinkte, in Divinationen, in erblichen Vorurteilen und Traditionen wurzeln, daß es ohne dieselben kein Glauben, kein Lieben, kein Heiligen, keine Naivetät und keine Liebenswürdigkeit gibt; daß die auf die Tagesordnung gesetzte Kritik alle Natur, alle Lebensunmittelbarkeit, alle Naivetät und plastische Kraft, allen organisatorischen Instinkt, alle Charakterenergie, allen sittlichen Rhythmus, allen Segen der Geschichte und den Kern der Volkskraft, der Tugend des Volkes, seine Pietät und seine Glückseligkeit zerstört. Das deutsche Volk inkliniert überdies von Natur zu einer krittelnden, grübelnden und klugkosenden Lebensart: wird der Same dieser deutschen Teufelei und Narretei, welcher unter den deutschen Fürsten durch die ganze Geschichte als unheilbares Parteiwesen und als Partikularismus spukt, methodisch großgezogen, so kann an eine Einheit Deutschlands immer weniger zu denken sein. Kritische Kräfte, Analysen und Charaktere haben von Anbeginn die deutsche Eintracht selbst da zerstört, wo sie sich einmal aus dem deutschen Gemüte herausgestaltet hatte, wie in dem gemeinsamen Kampfe gegen das napoleonische Joch. C. Die Literatur, eine Krankheit der Deutschen. Man sieht aus der heutigen Literatur, wie mechanisiert und schablonisiert, wie zentralisiert und ausgehöhlt das Menschenleben sein muß, wenn ein einziger Literat, ein Zeitungsschreiber, ein Feuilletonist, der nie mit dem wirklichen Leben in praktische Berührung kam, der kein Handwerk, kein Gewerbe lernte und betrieb, der nie eine feste und förmliche Stellung in der Gesellschaft einnahm, der nicht einmal ein gründlich gebildeter Gelehrter, sondern sehr oft ein aus Literaturgas und Kulturschaum zusammengefahrener Homunkulus ist, wenn ein solches Subjekt das Publikum mit Erfolg leitartikeln, es politisch und kosmopolitisch maßregeln, ihm die moderne Lebensordnung und Medizin verschreiben und ihm tausendjährige Kulturgeschichten mit einem Federstrich zu Wasser, zu einer Literaturflut, zu einer Sündflut von Tinte machen darf. Die Literaten, die Zeitungsschreiber, die Publizisten sind die modernen Noachiden; wer in ihrem Schifflein schwimmt, der ist geborgen, dem wird verziehen. Alles altmodige, literaturobstinate Gesindel muß unter Wasser gurgeln oder ersaufen. Eins ist bei dem heutigen Verhältnis von Literatur und Leben nur möglich: entweder sind die Skribenten und modernen Propheten gescheut und in ihrem Rechte, dann hat das reelle Leben, das Volk und der gesunde Instinkt der Menschheit bereits Bankerutt gemacht; oder die Leute sind bloß in Masse durch all' die Schreiberei verdutzt, verpuppt und übertölpelt, dann ist's Zeit, daß die Welt lieber untergeht, als daß ihre Wiedergeburt aus Literaturwitz statt aus Naturkräften und von Gottes Gnaden vonstatten geht. Die Literatur ist eben die überwucherte Kultur und deren entartetes Organ; durch ihre Rektifikation kann also das verlorne Gleichgewicht zwischen Natur und Geist nicht hergestellt werden. Wenn man den Tonangebern unserer Literatur glauben wollte, so dürfen wir den Staat schon deshalb nicht durch Familien- und Religionsmysterien begründen, ihn nicht aus Sittengeschichten auferbauen, um den Publizisten, den Organen des Zeitgeistes, nicht zu kompliziert, zu originell, zu »knifflich«, zu schwer konstruierbar zu sein. Die Naturwissenschaftler, die Herren von »Stoff und Kraft«, die Kritiker des Geistes, haben schon eine Hauptdemonstration im Interesse der Mechanisierung, der Vereinfachung und Zentralisation des deutschen Lebens exekutiert: sie haben die Seele auf das Gehirn zurückgeführt; die modernen Philosophen und Literaten haben ihrerseits, mit Ausnahme ihrer notabeln Persönlichkeiten, das persönliche Leben als das schlecht subjektive desavouiert und an Stelle der alten Autoritäten die neuen Ideen zusamt der Blaustrumpfliteratur in Weltszene gesetzt. Die altmodigen Heimats- und Vaterlandsgefühle gehen durch Eisenbahnen flöten; die letzten echt deutschen Volksindividualitäten, Schwaben und Hessen, wandern nach Amerika im Interesse der Weltbürgerschaft aus. Die mittelalterlichen Vorurteile, die Standes- und Bildungsunterschiede reißt die enzyklopädische und die Journalliteratur nieder; die alten Religionsgespenstereien und Teufeleien verschwinden vor dem Leucht- und Stinkgas der Lichtfreundlichkeit ( similia similibus ), Lateinisch: ähnliches durch ähnliches. und so ist denn allem Individuellen, Originellen und Partikulären durch Zentralisation, durch Weltbildung und Weltliteratur ein Ende gemacht. An eine Weltsprache hat man ebenfalls schon gedacht, und es bleibt nur die »Bewegung« im Interesse des menschlichen Genus, der Idee der Menschheit, also die geistige Mechanik und Mathematik. Auf Individuen, Charaktere und Autoritäten, auf Familie, Heimat und Vaterland, auf aparte, originelle Lebensart, und was sich darauf gründet, kommt's in dieser nivellierenden Zeitgeschichte und öffentlichen Meinung nicht mehr an, weder auf Seele und Fortdauer noch auf einen persönlichen Gott, sondern auf – man weiß noch nicht recht, worauf [auch der Staat gehört zu den überwundenen Standpunkten], also auf Sozietät, d. h. auf Nationalökonomie, auf Eisenbahnen, Technologie, Realgymnasien, Weltkultur, d.h. auf Weltindustrie und Industrieausstellungen, auf Lebensmathematik, damit die Weltliteratur, welche alles konstruieren und rektifizieren muß, nicht durch Querköpfigkeit der Individuen und andre verwickelte Probleme in Verlegenheit gerät. Der Schlüssel zu allen modernen Demonstrationen, Manövern und Eskamotagen ist der Witz, welcher alle naturgemäßen Vorstufen, alle kleinen Lebenskreise überspringt, den organischen Entwicklungspunkt nur den Dummköpfen am Muten ist und von vorneherein mit einem Weltkreise beginnt, wenn derselbe auch nur aus einem Faden besteht, der aus dem Hirn gesponnen und um die wirkliche Welt gezogen ist. Vorzeiten glaubte und lehrte man: Wer nichts auf Schulen gelernt hat, wird sicherlich nichts auf Universitäten profitieren; wer sich nicht um seine Achse drehen, seine Persönlichkeit und mir zu Gefallen seinen Dummkopf entwickeln will, kommt nicht um die Himmel; wer nicht dienen und arbeiten gelernt hat, der versteht nicht zu befehlen, denn er weiß nicht, wie dem Diener und Arbeiter zumute ist, oder wie ihm Vorteile an die Hand zu geben und Erleichterungen zu beschaffen sind. Sonst glaubte man, die generelle Bildung, die Weltbildung setze die individuelle, die materielle und spießbürgerliche voraus; heute muß man ein Weltschuster sein, um zu wissen, wie man einem Weltgänger die auf der Erdkugel schiefgetretenen Absätze wieder geradeflicken kann. Schade, daß man überhaupt noch in einer Haut stecken und auf zwei Beinen umherlaufen muß, daß man nicht wenigstens mit allerlei Portativen Dampfinstrumenten, mit weltbürgerlichen Apparaten, mit kleinen Dampfrädern unter den Füßen oder mit Dampffedern an den Händen zur Welt kommt, um alles für alle sehen, beschreiben und konstruieren zu können! Es wäre köstlich, wenn alle alles dächten, dichteten, repräsentierten, besäßen und täten. Alle alles überall! Alle für jeden und jeder für alle; und in allen das Weltall auf Zehntausend Jahre idealiter vorauskonstruiert, das müßte ein genial-lichtfreundlich radikales Leben sein! Schade, daß der Mensch noch immer so trivial und natürlich aus dem Mutterschoße zur Welt kommt: ihm müßten diese langsamen, unintelligenten und altmodigen Mysterien erspart sein. [Die Gebärungsschmerzen werden den Müttern bereits durch Chloroform Vertrieben.] Was würde z. B. so ein Ungeborner auf Erden leisten, der direkt aus der elementaren Materie, z. B. durch elektromagnetische Kräfte und Künste aus der Flasche zur Welt käme und in 24 Stunden groß dastünde! Was könnte der von seinem Mutterelemente referieren, wie könnte ein solcher den populären Naturforschern unter die Arme greifen und über den Kopf wachsen! Mit der altmodigen natürlich-übernatürlichen Art aber bleibt jedes Projekt, mit Siebenmeilenstiefeln um die Erde zu laufen, immer noch Zukunft und bloßer Leistenzuschnitt: an den wirklichen Zauberstiefeln fehlt's bis zu diesem Tage; aber den Literaten schadet es nichts, die haben die Siebenmeilenstiefel im Kopf! Die garstigen Lügen, die Affektationen und Widersprüche unsrer Kulturfabrikation müßten uns heute zur Verzweiflung bringen, wenn uns dazu das Gewissen und die Kraft übriggeblieben wäre. An einem Ende Materialismus, am andern Ideologie; Schwärmerei für immanenten Verstand und transzendente Ideen in einem Atem. Hier Deklamationen von gesunder Natur, von glücklicher Selbstbeschränkung (à la Mirza Schaffi »Lieder des Mirza Schaffy« (1851), von Friedrich von Bodenstedt . ), das Lob der Antike, »die nicht mit der Welt verwickelt ist«, die eine auf sich selbst gestellte Individualität ausdrückt, und vis-à-vis weltbürgerliche Ambitionen, ein Streben nach enzyklopädischer Bildung, ein Schöntun mit Allerweltsförmlichkeiten, Konvenienzen und Phrasen. Bei ganzen Schichten eine Familiarität mit dem Weltheilande, zugleich aber ein garstiger, liebloser Hochmut und Profansinn in jedem bestimmten Fall; Askese und Üppigkeit, christliche Liebe und Haß gegen alle, die einer andern Schattierung und Sekte angehören. Einmal eine Schwärmerei für energische, eisenfeste Charaktere, und dann wieder eine Verachtung des Genies, der Persönlichkeit, der Originalität; eine affektierte Ambition für durchsichtig objektive Bildung, versöhnte Gegensätze und für geschmackvolle Form; ein Ekel vor dem Derben, Treuherzigen und Elementaren. Wir ersticken an diesen kompliziertesten Gegensätzen und Widersprüchen, wir stinken vor Lüge und Affektation. Alle sollen alles haben, sein und wissen; das ist Absurdität! Es soll das Diskrepanteste versöhnt werden, und der viel belamentierte Riß wird klaffender wie je. Die neunundneunzig klugen Leute wollen heute alles gewinnen und nichts riskieren. Sie wollen materiell und geistig, unpersönlich und charaktertief, sie wollen modern und antik, christlich und naturalistisch, rechts und links in einem Atem sein, dabei aber nicht einmal eine Dummheit, Derbheit und Narrheit riskieren. Uns fehlt nicht nur der Glaube an ein Ideales und Ewiges, sondern der Glaube an uns selbst. Uns fehlt Natur wie Übernatur, frisches Herz, Mutterwitz, plastischer, körniger, naiver Sinn und Verstand, dazu jede poetische Illusion. Unsre Versöhnungsversuche und Phrasen sind gelogen und abgeschmackt. Es wird nichts mit dem Profanverstande allein versöhnt und nichts mit bloßen Redensarten bezwungen, am allerwenigsten aber wird das Wissen mit dem Gewissen, werden die modernen Ideen mit den uralten Gottesfühlungen, mit den alten deutschen Tugenden, mit der Gottesfurcht, Demut und Ergebung unserer Vorväter versöhnt. Schöne Künste und Tugenden gedeihen nur bei naiver Seele, sie fordern Charakterbildung und Zeugungskraft, eine poetische Grundstimmung, Divination und ein volles Herz. Wir Modernen lassen keine Illusionen mehr an uns kommen, denn die Redensarten, Literaturen, Kritiken und Reflexionen haben uns schal und kahl, irre und wirre und wurmstichig gemacht. Uns fehlen die uralten, derben, gesunden Gegensätze von Natur und Geist, Natur und Übernatur, Volk und Gelehrten, von Idealismus und Realismus, Religion und Zeitlichkeit in der Sozietät und im Staat; sie fehlen uns in der Wissenschaft und Kunst. Der dümmste Patron und die unwissendste, flachste Liese ist mit Lektüren, mit Ideen und Bildungsambitionen beglissen, die Gescheuten sind um Mutterwitz, alle um das fröhliche Herz geprellt. Wir haben alle Gegensätze mit Redensarten verkleistert, uns um Licht und Schatten, um den Kontrast, um die Polarität gebracht, in welcher allein frisches, plastisches Leben möglich ist. Wir möchten natürlich und doch fein gebildet, originell und geschmackvoll, allseitig und weise beschränkt wie die alten Patriarchen, wir möchten oriental und okzidental, Charaktermenschen und salongebildete Tausendkünstler, möchten liebenswürdige Tausendsakermenter, fromme Helden und Märtyrer, obenein aber Dialektiker und Ästhetiker sein. Unsere Ideen sind von Hause aus gelogen und gemacht. Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Natur und Übernatur, Divination und Verstand, Form und Wesen, Idealismus und Realismus, Person und Staat, Charakterenergieen und Geschmacksfeinheiten, Wissen und Gewissen, Vielseitigkeit und Tiefe, Politur und Originalität werden sich nie versöhnen, sollen sich nicht versöhnen; und namentlich sollen die Massen einseitig und derb bleiben, aber unsere Literatur vernarrt und verdirbt das Volk in den Grund. Uns könnten nur ungeheure Geschicke retten: die Lüge, die von der Literatur radikal ausgeht, stinkt zum Himmel. Je mehr sich diese Leserei und Ideenrederei, diese Fortschrittsaffektation verbreitet, desto mehr wird dem Volke die Seele aus dem Leibe fortdestilliert. Das städtische Volk hat bereits keine Natur und keine plastische Kraft. Ich kenne die Entgegnung der gebildeten Versöhnlinge und Beschwichtiger, ich sehe ihre selbstgefälligen, sichern Mienen, ihre empörten Nasenflügel, die Wachsfigurenaugen mit den pfeffergroßen Pupillen, die abstrakt verkniffenen Mundwinkel. Die welthistorische Zensur lautet höflichstenfalls: »Das sind Exzentrizitäten, geschmacklose Übertreibungen.« Es sind aber nur schwache Andeutungen, blasse Farben, verzweifelte Schattenrisse gegenüber der Wirklichkeit! Man muß die Gewissenlosigkeit, die Seelenlosigkeit, die Charakterunmacht, das eingeweidlose, herzlose, profane Treiben und Leben, den hartgesottenen Egoismus, die Schamlosigkeit, den absoluten Profansinn der Wortführer, der modernen Bildungs- und Zukunftspropheten kennen gelernt, man muß sie in ihrer inwendigen Nüchternheit und Mittelmäßigkeit, in ihrer auswendigen Phrasenwirtschaft genossen haben, um zu wissen, wie es mit dem großen Troß dieser modernen Aufklärer der Massen, dieser Literaten aussieht, welche die Kultur fabrizieren und die Weltgeschichte a priori konstruieren. Von der Zeit cm, wo die Literaten mit der Literatur, mit dem Literaturbewußtsein, mit der Nationalität, der Nationalliteratur und ihrer Geschichte, mit der Sozietät, ihren Rechten und Bedürfnissen kokettieren; wo sie im kürzesten und direkten Prozeß national, volkstümlich, sozial-modern-objektiv, literaturgroß und literaturgerecht zu werden trachten; wo sie sonika Kurzerhand, ohne Umstände. in die National- und Weltliteratur eintreten, die Zukunftliteratur vorbereiten und mit Bewußtsein präparieren: da gebe ich für mein Teil Literatur und Kunst verloren. Gewiß stehen Literatur und Leben, Literatur und Politik, Literatur und Nationalbewußtsein wie Nationalstolz im tiefsten Zusammenhange; gewiß ist der Unterschied von innerer und äußerer, von subjektiver und objektiver Literatur, von Volksleben und gelehrter Bildung kein absoluter Dualismus, sondern eine lebendige Polarität, deren Pole stetig ineinander übergehen; gewiß kennt die Natur den Unterschied »von Kern und Schale« nicht so, wie ihn der Bauer oder der Schuljunge macht, aber die moderne Literaturphilosophie übertreibt die Identifikation der natürlichen Gegensätze ebensosehr wie der ordinäre Verstand den Scheideprozeß. Kern und Schale, Literatur und Leben sind nicht nur einerlei, sondern auch zweierlei, wie Idee und Wirklichkeit. Der Literat und Künstler soll das Volk als das Erdreich und Klima seiner Seele betrachten, als Wurzel und Mutterseele; aber Kunst und Literatur entbinden sich gleichwohl so von. der Natur und Volksbasis wie die Intelligenz von der Sinnlichkeit. Die Persönlichkeit, die Entwicklung und Vertiefung unserer Eigenart gibt uns erst den Witz, den Impuls und die Zeugungskraft. Die Ambition, von vorneherein generell, literaturgerecht, objektiv, sozial und national zu sein, tut es nicht. Es ist das Elend der Literatur, aber das Glück und die Kraft der Geschichten, daß die Charaktermenschen, die Helden und Propheten nicht schreiben. Wenn sich das Leben eines Volkes in der Literatur, in den Künsten und Wissenschaften genugtut, so bleibt ihm kein Impuls und keine Bildkraft für die Geschichte. Eine enzyklopädisch und populär gewordene Literatur richtet aber nicht nur die Zeugungskraft und Divination des Volkes, sondern sich selbst zugrunde, indem sie den natürlichen Gegensatz, den trägen, aber nachgiebigen und passivbildsamen Stoff verliert, den sie an den naturwüchsigen Massen besitzt. Wenn diese einmal das ABC gelernt haben, so mögen die Herren Schulmeister und insbesondere die Literaten, die Kolporteure der Künste und Wissenschaften und der Politik zusehen, wo sie bleiben. Wo alle alles verstehen und treiben, gebricht allen die Illusion, die Lust und die Kraft; und was soll vollends aus dem Dilettantismus hervorgehen als Unmacht und Konfusion? Wislicenus Der freireligiöse Prediger Gustav Adolf Wislicenus (1803–75). sagt in seiner kurios-priesterlichen Broschüre »Ob Schrift, ob Geist?«: »Was die Gelehrten wissen, soll auch das Volk wissen ec.« »Was ins Ohr gesagt ist, das soll von den Dächern gepredigt werden ec.« Das sind aber tönende Bravaden. Die Sache steht so und stand immer so, daß die Gelehrten selbst nichts Solides von übersinnlichen und sublimsten Dingen wissen, daß das Volk von der konkreten und beseelten Dialektik des Poeten und Philosophen nur abstrakte Räsoniersüchtigkeiten profitiert, und daß es wiederum Abstraktionen wie handgreifliche Dinge fassen und traktieren will. Am schädlichsten, am widerlichsten und empörendsten wirken die naturforscherlichen Lehren auf alle Schichten des deutschen Volkes ein. Durch die »Kraft- und Stoffphilosophie« werden wir für dieselben Miseren, dieselben Schamlosigkeiten und Entartungen aller Art präpariert und infiziert, von welchen wir die Individuen wie das soziale und das politische Leben der Franzosen depraviert und zerfressen sehen. Die Versicherungen der Naturforscher, die Naturkunde führe aus dem Materialismus heraus, sind abgeschmackt mit Rücksicht auf die Unfähigkeit des Volkes, die Masse der Einzeltatsachen mit überlegnem Geiste zu beherrschen, d. h. zu vergeistigen, und das Sinnliche zum Symbol von Geistesprozessen und Gottesgedanken zu erheben. Die modernen Naturforscher lehren uns: Unsere Erde steht nicht in der Mitte des Weltalls, der Mensch nicht im Mittelpunkt der Natur, er dürfe diese nicht absolut auf sich, seine Ideen, Zwecke und Interessen beziehen. Der Mensch sei nicht vollkommener als die Tiere organisiert. In der Natur seien alle Wesen und Dinge gleich vollkommen organisiert, denn jedes Ding und Wesen entspreche vollkommen der großen Ökonomie der Natur. Die Stufenleiter sei eine Absurdität, ebenso die Idee der Zweckmäßigkeit. Die Natur als Ganzes aufgefaßt zeige nichts von Wertunterschieden und Stufenleitern der Vollkommenheit. Gott sei kein Mensch, der sich allmählich vervollkommnet hätte. Die Lebensprozesse, heißt es, ihre Formen und Geschöpfe haben Naturnotwendigkeit, aber nicht Zweckmäßigkeit; die Tiere haben nicht Beine oder Flügel, damit sie gehen und fliegen können, sondern sie gehen und fliegen, weil sie Beine und Flügel haben, und diese selbst ergeben sich aus der Lebensökonomie ec. Die Natur ist nicht mehr wegen der Menschen geschaffen als der Mensch im Interesse der Natur. Es gibt nur relative Vollkommenheiten und keine absoluten ec. Wie vertragen sich nun mit diesen Lehren die Lehren und Geschichten des Christentums? Die spezielle Kümmernis Gottes um den Menschen, um die Juden, um jedes Haar, das vom Haupte fällt, die Herrschaft der Menschen über die Tiere, seine Ebenbildlichkeit Gottes, die Bekämpfung des Naturalismus, Erlösung, Gnade, Wunder, Unsterblichkeit, letzte Weltzwecke, Vorsehung, Menschenbestimmung, Sünde und Tod? Auch Herr Fischer lehrt den alten naturforscherlichen Trost: die Materie, die Ideen und Gesetze sind unvergänglich, nur die Individuen vergänglich, und auf sie kommt nichts an. Wie soll der gemeine Mann oder der Gebildete, der noch ein Herz im Leibe hat, Mut zur Arbeit, zur Sorge haben, wie soll er eine Begeisterung, eine Liebe fassen, wenn er den Naturforschern glaubt, daß es keine absoluten Wertunterschiede, keine Stufenleiter, keine absoluten höchsten Zwecke gibt, daß der Mensch nicht vollkommener organisiert ist wie das Tier? Also hat er auch keinen vollkommneren Geist und keine vollkommnere Seele, denn Geist und Seele erbauen sich den Körper und wirken auf ihn zurück. Wenn an der individuellen Form nichts gelegen ist, woran denn? Das Ganze ist nur konkret mit und im Individuellen; und wie summt diese Lehre mit Fortdauer, Erlösung, Tugend. Strafe und Lohn? Wo sollen Liebe, Glaube und Begeisterung herkommen, was soll die Weltgeschichte, die Freiheit, die Ehre, die Treue wert sein, wenn an bestimmten Individuen nichts liegt? Allerdings zeigt sich in der Natur mehr Notwendigkeit und Gesetz als Freiheit und Willkür, als eine Geschiedenheit von Mitteln und Zwecken. Allerdings fallen im Naturprozeß Mittel und Zweck zusammen. Aber das Geistesleben des Menschen und seine Geschichte zeigt deutlich den Dualismus von Freiheit und Notwendigkeit, von individuellem und generellem Leben, von Mitteln und Zwecken, von Idee und Stoff. Der Mensch muß seine Vernunft, seinen Trost, seinen Glauben aufgeben, wenn er nicht an absolute Zwecke, an absolute Wertunterschiede und an seine absolute Würde glauben soll. XX. Deutsche Miseren und Malheurs. A. Der Deutsche und die Form. Die Redensarten der Deutschen sind ihr Hirn und Herz; sie verraten zunächst die deutsche Schwärmerei für die »Förmlichkeit«, z. B. eine förmliche Revolte und Konfusion, förmlicher Skandal, förmlich verliebt, förmlich toll ec. Daß die Deutschen eine förmliche Prüfung, Wissenschaft, Konvenienz, Kontrolle, Wohlanständigkeit, Prozedur, Anstellung, Sentenz und Verabschiedung aushalten, ist in der förmlichen Ordnung; daß aber bei ihnen ein Mensch in eine förmliche Wut, Leidenschaft, Konfusion und Narrheit geraten, daß er eine förmliche Rebellion anrichten kann, wo doch alle Form ein Ende nimmt, dies ist förmlich deutsch. Der Deutsche fügt sich in jedes Malheur, in jede Mißhandlung (es soll in dieser Fügsamkeit seine Niederträchtigkeit bestehen), aber er muß wissen, daß es förmlich dabei zugeht. Es ennuyiert ihn z. B. ein Sermon: tut nichts, wenn es ein förmlicher, ein förmlich berechtigter, z. B. ein examinierter oder examinierender, methodischer Sermon ist. Es schädigt den Deutschen ein Verfahren: schadet wiederum nichts, wenn nur in forma probante Lateinisch: unter Billigung der Form, d.h. in vorgeschriebener Form. und ex vi formae Lateinisch: infolge der Formgewalt, d. h. auf Grund der üblichen Form. verfahren wird. Es macht ihn ein Verhältnis, eine Situation zum Narren, oder er macht sich selbst dazu; aber er tröstet sich darüber, falls er sich nur förmlich zum Narren gemacht weiß, z.B. durch Gewohnheit, durch Tagesparole, Vorschrift, Schule und Konvenienz. Der Deutsche leistet alles, er weiß alles, er ist, kann und wird alles, er findet sich in alles, er erträgt alles mit Resignation, mit Freudigkeit und Märtyrertum, wenn er nur die Norm, die Form und Methode und, falls er ein Schriftsteller und Schulmeister ist, den deutschen Stil förmlich konserviert und geheiligt weiß. Er läßt sich die langweiligste, die unausstehlichste und arroganteste Person, den größten Schuft und Dummkopf gefallen; aber er will dafür in Form Rechtens, mit förmlichem Handwerkszeug und Apparat, mit der Geschäftsform, mit förmlicher Gelehrsamkeit, mit förmlichen Rezepten, mit Titeln und Paragraphen gemißhandelt und gemaßregelt sein. Die Deutschen liebten sonst die romantische Literatur, aber niemals die aufgelöste Lebensart und das improvisierte Geschäft. Der genialste und liebenswürdigste Mensch ist dem echten Deutschen ein unbequemes, verdächtiges und kurioses Subjekt, sobald derselbe nicht förmlich und regulär in seinen Gesichtskreis getreten, ihm so vorgeführt und legitimiert worden ist, sobald er kein förmliches Examen ausgehalten, keine förmliche Anstellung erlangt hat, und wenn er ihm wohl gar sans façon , d.h. ohne gewöhnliche Legitimation und Empfehlungen, über den Hals gekommen ist. Wie ein vernünftiger und solider Mensch die Form vorbeigehen kann, begreift ein echter Vollblutdeutscher noch im Todeskampfe nicht; er nimmt also förmlich Abschied von dieser Welt. Formlosigkeit ist beim echten Deutschen identisch mit Dummheit, Schande, Rebellion, Freiheit und Gottlosigkeit. Ein Pedant gilt bei allen Nationen als Kleinigkeitskrämer und ein förmlicher Mensch; aber ein deutscher Pedant ist ein Vollblutpedant; ist er aber ein gelehrter Pedant, so möchte er jeden Blutstropfen in einer festen Form ausgeprägt, durch eine Form in Kontrolle gehalten und förmlich zur Räson gebracht sehen, so hat er einen tödlichen Haß gegen alles Flüssige und Lebendige, weil es eben nicht fixiert, nicht arretiert, nicht kontrolliert, nicht förmlich traktiert, bewiesen, gelehrt, gelernt und behalten werden kann. Ein eingefleischter Justizpedant legt beruhigt den Kopf unter das Fallbeil, wenn er weiß, daß der Form und Methode dabei ein Vorschub geschieht; pereat munus, fiat die Form. Lateinisch: Mag die Welt zugrunde gehen, wenn nur die Form besteht. Eigentlich: fiat justitia (Gerechtigkeit; Wahlspruch Kaiser Ferdinands I.) . Und der Pedant hat in alledem so recht als der Romantiker. Die Formen sind die besten Anhaltspunkte, der solide Inhalt, das geistige Teil der Gewohnheit; die Form ist die Hebamme aller Tugend, Kunst und Wissenschaft, solange sie beseelte, vom Witz regenerierte und kontrollierte Form verbleibt. Die seelenlose Form wird eine scheußliche Dämonie, aber gleichwohl ist es ein Unsinn, wenn man ohne edle Form Poet, Künstler, Philosoph und gebildeter Mensch sein will. Die Form tötet, aber sie wirkt auch auf Seele und Geist zurück, wird die Kontrolle und Polizei für Schwärmerei, Konfusion und falsches Genie. Form führt Fleiß und Verstand ins Leben ein, beschränkt Willkür und Phantasterei, bildet den Charakter und das Schamgefühl, ermöglicht das Verständnis der Menschen untereinander und des Einzelnen mit der Welt. Ohne Formen gibt es keine Wohlanständigkeit, keinen verlässigen exakten Verstand, keine Wissenschaft und kein Gewissen. Was einer nicht förmlich kann, weiß und ist, das ist er nicht effektiv, nicht vollberechtigt, nicht für die Welt. In Kraft der Form bestehen Recht und Regierung, Kirche und Staat, Erziehung und Zivilisation. In der Form beruht das Wesen und Prinzip der Sittlichkeit; wer sich ihr entzieht, ist Abenteurer, Träumer, Selbstschwelger, Taugenichts, unsittlicher Mensch. Wer die Form mißachtet, ist nirgends verlässig, ist verworren; wer sie nicht elastisch, nicht flüssig zu machen versteht, hat keine Poesie und kein Herz; wer die förmlichen Prozeduren in keinem Fall zu überspringen und zu reduzieren vermag, hat keinen Witz; wer in ihnen verhärtet und Mechanik treibt, ist Pedant; wer sie ausdeutet, Philosoph; wer die Sprachformen beherrscht und durch sie zur Anschauung der Geschichte und des Genies eines Volkes wie der Menschheit dringt, ist Gelehrter, Philolog. Wer neue Formen schafft, ein Genius, Gesetzgeber, Künstler und Prophet. Wer seine eigne Form ausprägt und festhält, ist ein Charakter; wer mit seinem Geiste über alle Formen hinausgeht, weil er mit ihrem Verständnis fertig wurde, ist ein Philosoph und Poet. Der Pedant liebt die Formen mehr um ihrer selbst und der Mechanik willen als um des Geistes, der in ihnen abgefangen, zur Erscheinung gebracht und Rede gestellt wird. Der Philister kann ein Gemütsmensch insofern sein, als nicht nur sein Verstand, sondern seine Seele mit Formen und Gewohnheiten verwächst; aber das Gemüt des Weltmenschen, des gebildeten Genius und des Christen bespiegelt in allen Formen den göttlichen Sinn und Geist, der alle Formen und Sitten erschafft und gleichwohl über alle hinausgeht, nach dem Vorbilde Gottes, der ein immanenter und doch transzendenter Geist ist. Der Deutsche aber ist Weltbürger, und so geschieht es, daß er Formenmensch, Pedant und doch zugleich Idealist, formloser Schwärmer und Romantiker, Phantast, Dogmatiker und Kritiker, Philosoph und Theosoph in einem Ausholen ist. Das gilt aber freilich nur von den genialen und gebildeten Deutschen und nimmermehr von Hinz oder Kunz. Mit der Masse ist es ein Elend in allen Nationen. Die förmlichen Menschen und Pedanten bringen Seele, Natur und Begeisterung ums Leben, und die Naturalisten haben keine Haltung, keine Grundsätze, keine Methode, kein Verständigungs- und Veredelungsmittel, da ein solches ohne Form für die Masse nicht möglich ist. Die Geschäfte sind mit den Pedanten peinlich, ohne Feinheit, ohne Improvisation, ohne großen Zug und Ruck. Die Naturalisten verkehren aber ohne festes Ziel und Maß, ohne Garantie von innen und außen. Es ist nichts mit förmlichen Menschen ohne Geist, ohne Natur und Divination und nichts mit Naturalisten ohne Methode und ohne Form. Jedenfalls ist der deutsche Pedant nobler und verlässiger als der romanische oder slawische Naturalist. Der sittliche Instinkt treibt den deutschen Praktikus zur Heiligung irgend einer Form, welche ein Gegengewicht für den elementaren Naturalismus abgibt, in welchem er sich durch seine wetterwendigen Leidenschaften halb ertränkt fühlt. Aber die deutschen Schulmeister und Pedanten, die großen wie die kleinen, übertreiben die Heiligung der Form bis zur Widernatürlichkeit. Wenn man die Schulfüchse bis ins Eingeweide hinein kennen lernen will, muß man sie über die Form perorieren hören. Man kann ihnen bekanntlich viel leichter die Pedanterie als die Romantik nachsagen; aber das klassische Gefühl, das Gewissen für Form und Stil ist bei den gelahrten Perücken bis zur Schwärmerei stimuliert. Form und Stil, nämlich schematisierte Sprache, heißt ihre wahre Religion. Die Literatur, die Kunst, die Weltgeschichte sind eben nur um des klassischen Stils, d.h. um der Form willen da. Was bedeutet diesen Formverhexten die Natur, die Liebe, die Leidenschaft, der lebendige Prozeß? Es ist ja alles nur Naturalismus, Wirrsal, Willkür, Formlosigkeit. Aber die Form, nämlich die Methode, die Schablone, der ideale Leisten, diejenige Form, die an sich eine Macht und Wesenheit geworden ist, der Schematismus, welcher, als Selbstzweck etabliert, allen Persönlichkeiten aufs Maul und das Leben totschlagen darf, die schön gewickelte und gestreckte Mumie, die klassische, kalte Bildsäule von Stein oder Bein, ohne Augen und Odem, der seelenlose, unsinnliche Stil des Pedanten, mit dem man alle konkreten Prozesse abfangen und die ganze Zukunft vorauskonstruieren kann, weil er so generell, d. h. so abstrakt ist, daß in ihm alles Spielraum findet, daß er auf nichts und alles paßt: dieser Stil ist das Alpha und Omega der ganzen Schöpfung und ihr Witz; so lautet die Ästhetik der großen wie der kleinen Schulmeister und ihre Moralphilosophie. Es gibt viel dienstbare Worte, aber keins, das so unvermeidlich und unverwüstlich dienstwillig ist als das Wörtchen »Form«. Ohne diesen Begriff der Begriffe gäbe es sicherlich keine Metaphysik, keine Logik, keine deutsche Schulsprache und Schuldefinition, keinen deutschen Schulverstand; denn wo man auch immer auf den letzten Grund dringt, auf die letzte Formel und Fassung, den letzten Versteck, die Enthülsung der Größe x: da umarmt uns die Allerwelts-Masette Schindmähre. Form! Die Materie ist, den Spiritualisten zufolge, die absolut primitive »Form« des Geistes, an welcher Form der Geist das »Andere« seines Selbst erfaßt, also das Gesetz in der Materie wirkt. Die Materie ist die konkreteste, der Raum die abstrakteste »Form« unserer sinnlichen Anschauung. Diejenige »Form« aber, welche zwischen geistiger und sinnlicher Anschauung das Mittel hält, ist die Zeit. Der Geist, als das Gesetz der Materie, als die auf die Materie oder Natur bezogene oder mit ihr polarisierte Idee (von der die reine Idee unterschieden werden muß), ist wieder eine »Form«, versteht sich, eine ganz reine Form; denn auf förmliche und abstrakte Reinlichkeit halten die Gelehrten nach dem Reaktionsgesetz der Natur in dem Maße, als sie wegen ihrer konkreten Reinlichkeit nicht eben berühmt sind. Die Form selbst geht aus dem Gleichgewicht entgegengesetzter Elemente, Faktoren, Substanzen und Kräfte hervor. Da nun der Menschengeist die Manifestation des Gleichgewichts oder der Neutralisation zwischen der unendlichen Wesenheit und ihren endlichen (in der Natur und ihren Organismen vermittelten) Emanationen ist, so muß dieser Geist, wie schon gezeigt, eine »Form« sein. Der Verstand, wie sich von selbst versteht, als der mit sich selbst und mit der Sinnlichkeit vermittelte und ins Gleichgewicht gesetzte Menschengeist, ist wieder eine »Form«, und zwar eine ideale, abstrakte, allgemeine Form, wenn man sie mit der materiellen, gewachsenen oder natürlichen Form vergleicht. Will man den Begriff und das Mysterium der Schönheit oder der Güte oder der Wahrheit und Heiligkeit kapieren, so präsentiert sich als Grund und Boden die »Erscheinung«, also die Balance von Sinnlichkeit und Geist, von Natur und Geist, von Sein und Denken, die Versöhnung von Realismus und Idealismus, von Natur und Übernatur, von Diesseits und Jenseits, von Endlichkeit und Unendlichkeit, also die »Form«. Diese unverwüstliche, unausdenkbare und doch begreifliche Form, welche nichts und gleichwohl das Wesenhafte, welche das Wirkliche und zugleich das Abstrakte ist; dieser Proteusbegriff der Sprache, welcher zugleich die Sache ist, indem er Sein und Denken, Sein und Nichtsein, Physik und Metaphysik und alle Gegensätze des Lebens neutralisiert, diese Allerweltsform kann sein: die Neutralisation von sinnlicher und geistiger Form, von Idee und Erscheinung; die erscheinende Idee oder die ideale Form, die sich für die Form oder für das Wesen erfaßt; oder der sinnliche Verstand, der seine Form, d. h. seine Balance für die Balance und zwar für die balancierte Idee erfaßt ec. Man darf der Balance von Natur und Geist oder von Idee und Erscheinung nur die Gravitation nach dem einen oder nach dem andern Pol hin geben, man darf für die genannten Worte nur andere unterschieben, so hat man Definitionen von allem Sublimsten, was im Himmel und auf Erden oder was weder dort noch hier zu finden ist. Ist man neugierig auf das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein oder auf das »Ich« geworden: was es doch sein, auf welche unmittelbare Kategorie, Gewißheit und Begreiflichkeit es sich reduzieren lassen möchte, gleich stellt sich wieder die »Form« ein, da das Bewußtsein nichts anderes als die Selbsterscheinung, das Ich aber nur die sich selbst erfassende oder absolut setzende Selbsterscheinung, gleichsam die Selbstschönheit und Selbstvergötterung ist. Wo die Polarität herkommt, wie sie die Natur des Lebens und der Dinge sein, wie die Polarität oder Gegensätzlichkeit sich indifferenteren und wieder differenziieren, wie die Mannigfaltigkeit aus der Einheit entspringen und diese sich trotz jener konservieren, wie sich die Mannigfaltigkeit der Formen, d. h. der Gleichgewichte, so aufrecht und stetig erhalten kann, daß die besondern Gleichgewichte nicht ins allgemeine Gleichgewicht übergehn: dies sind Geschichten und Probleme an sich, für sich und für anderes, nämlich für die Dialektik und Metaphysik. Wie die aufgelösten Formen immer wieder in die Grundform zurückkehren, wie die alte und die neue Form eines und doch zweie sein können, wie überhaupt aus der ersten Eins die Zwei und die Drei oder wie das Sein aus dem Nichts hervorgegangen ist, davon gibt es keine förmliche Wissenschaft, Wohl aber eine förmlich gelehrte deutsche Unwissenheit. Wodurch sich die schöne und die häßliche Form oder das gute und böse Gleichgewicht, der dumme und kluge, der närrische und wahnsinnige Verstand, das blödsinnige und geniale Ich, die natürliche und die geistige Form, die reale und ideale Form, die reine und unreine, die feste und die flüssige, die unmittelbare und vermittelte, die primitive und sekundäre, die organische und mechanische, die immanente und transzendente Form und Anschauung unterscheiden: das alles sind naturalistische, autodidaktische, querköpfige, naseweise, spitzfindige, unbequeme und schikanöse Fragen. Die Hauptsache für einen förmlich geschulten, förmlich denkenden und förmlich gescheiten Deutschen bleibt die Reduktion aller Begriffe auf den Begriff »Form«, quod erat demonstrandum. Lateinisch: was zu zeigen, zu beweisen war. Aber nicht nur unsere Metaphysiker, sondern unsere gereiseten Literaten haben sich von der Schule zur Literatur und Kunst und von beiden zum Leben orientiert. Ihre geerbte Schulnatur und die Information haben dafür gesorgt, daß ihnen zuerst die Formen eingebleut wurden, bevor ihnen die Sachen und Erlebnisse auf den Leib rückten, auf welche sich Redensarten, Disziplinen und Formulierungen beziehen. Anders gestaltet sich der Bildungsprozeß in dem Menschen, in dessen divinatorischer Seele, in dessen beseeltem Verstande die Bilder der Natur, die Tatsachen des Lebens und die Keime der Leidenschaften früher festwurzelten als die Abbilder dieser Prozesse in Lehre und Wort. Solche Menschen werden indes Autodidakten betitelt, wenn sie auch auf Gymnasien und Universitäten geformt wurden; denn für den förmlichsten Deutschen kommt es nicht nur auf die Form, sondern auf die »Uniform« an. Welche desperat bunten Variationen die gelahrte Uniformität in sich fassen, und wie eben aus derselben der formloseste Formenhaß hervorgehen kann, das macht ein förmliches Kapitel der gelehrten Naturgeschichte aus, deren förmliche Mysterien sich der populären Darstellung und Veröffentlichung entziehen. Einen hochkomischen Eindruck machen die deutschen Ästhetiker durch den naiven Kontrast, in welchem ihr sinnliches, resp. ihr plastisches Thema und ihre gelegentliche Phantasmagorie mit ihren abstrakten Formulierungen und bocksteifen Redefiguren stehen. Die Architekten z. B. sprechen seit einiger Zeit in sehr kühnlicher Metapher und Hyperbel von der Formensprache der Architektur. Unger Der Kunsthistoriker Friedrich Wilhelm Unger (1810–76). setzt die Schönheit nicht in die sinnlich angeschaute Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit, nicht in die Reziprozität oder Harmonie von Freiheit und Notwendigkeit, von Stoff und Geist ec., er hält die Schönheit auch nicht für die zur Erscheinung gebrachte Idee, wie Vischer Der hegelianische Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer (1807–87). und Hegel, sondern für die Harmonie der Formen; aber die Harmonie selbst setzt er wieder in die Form. Auch die musikalische Ästhetik pfeift alleweile aus demselben Loche wie die Malerei; sie ignoriert also charakteristischermaßen die Mysterien der Melodie mit den Komponisten und Virtuosen in die Wette; denn all' diesen formverhexten Deutschen sagt kein Überrest von ästhetischem Gewissen, daß die Melodie der flüssigen Seele und dem vergeistigten Naturalismus unendlich näher steht als der Form, deren Lösung und Auflösung eben durch Melodie bewirkt wird. Hanslick Der Musikkritiker Eduard Hanslick (1825–1904). sagt zutreffend, ›der Dilettant verhielte sich nur pathologisch zur Musik.‹ Dies Verhalten ist aber eine Lösung der Seele, welche geschickter machen kann, die Melodie, die Seele der Musik, zu fassen, als es der Aktivität des Verstandes möglich ist. Es kommt aber heute alles auf Kritik, auf Form und Verstand an, also gilt auch dem Musiker die Musik für nichts Reelles, wenn sie nicht ein geistreiches Spiel mit Formen ist, welches den musikalischen Verstand beschäftigen kann. So viel ist nicht nur an den Musikern, sondern an allen Menschen gewiß, welche eine Profession aus den Künsten machen, daß sie das Gefühl verlieren, indem sie die Verstandesformen kultivieren. Seele und Enthusiasmus behält nur der Dilettant und der Genius für die Musik. Die Kritik ist ein Vampyr, welcher der Seele das Blut absaugt. Die Seele hat weder Geschmack noch Kritik, wenigstens nicht im Sinn des Verstandes. Das Genie inkliniert zur Geschmacklosigkeit, weil es zu lebhafte Phantasie und Empfindung hat. Zuletzt kommt's aber doch auf Seele an; ob die Formen kunstlos oder kunstwitzig sind, die uns beseligen, ist allerdings nicht gleichgültig, aber am gültigsten ist das Kunst- und Naturgesetz vom beseelten Verstände und von der beseelten Form. Übrigens versteht sich von selbst, daß die Musik schon um deswillen Formen produzieren muß, weil sie nicht verstandlos sein darf, und weil die Auflösung der Formen eben den charakteristischen Zauber der Musik in einer Welt bildet, die den überbildeten Menschen mit Verstandesformen tyrannisiert. Nur der deutsche Mystiker, Philosoph und Theosoph hat von Anbeginn begriffen: daß die Dinge sind, indem sie nicht sind, daß das Endliche nur in Kraft des Unendlichen möglich ist, daß in der Begrenzung, in der Form, sich erst die Ideen verwirklichen können, daß aber auch in der Verwirklichung, daß im formalen Verstände, im endlich gesetzten Geiste das Ideal zu Grabe getragen wird. In der Sprache, im Redeverstand, im Stil reflektiert sich der Geist, tritt er aus dem Instinkt in die Wirklichkeit ein, und dann wieder ist es diese Sprache und dieser Stil, dieser Formverstand und Redeverstand, die Mutter aller formalen Erkenntnis, welcher Divination, Poesie, Pathologie, Scham und alles ideale Organ ruiniert. Die Form, welche zu Anfang ein Mittel war, um die Prozesse des Geistes wie der Seele zu fixieren und zu steigern, diese Form wird zuletzt Zweck, konstituiert sich als selbstständige Macht, wird für die Seele der Sarkophag. B. Deutsche Pedanterie. »Hofrat Jungstilling Johann Heinrich Jung , genannt Stilling (1740–1817). führte die Freunde auf den Kirchhof; dort deutete der alte Totengräber auf den Grabhügel der verstorbenen Frau Jungstillings, der mittlerweile Prorektor zu Marburg geworden, und sagte feierlich: ›Hier ruht die selige Frau Hofrätin und nunmehrige Frau Prorektorin Jung.‹ – Einen so schönen Zug der Vaterlandsliebe und hohen Gesinnung sucht man vergebens bei einem andern Volk der Erde. Nach der deutschen Naturkunde gibt es keinen titellosen Raum; die feine, unsichtbare, ätherische Titularsubstanz durchdringt alle geschaffenen Wesen, sie belebend, antreibend, erwärmend, ernährend und erhaltend; sie durchdringt alle Teile unseres Seins, Geist und Herz, Denken und Empfinden, Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen, Erinnerungen und Erwartungen; sie belebt alle Glieder unserer Sprache; man findet sie in Hauptwörtern, Hilfswörtern, Zeitwörtern, Adjektiven, Adverben, Präpositionen, Deklinationen und Konjugationen.« (Börne.) Ein Deutscher, auch wenn er kein Pedant im engern Sinne, sondern nur ein echter Repräsentant seiner Rasse ist, kann nicht befriedigter sein, als wenn er eine Tatsache, Schuld und Erscheinung auf den richtigen Namen getauft, in irgend eine gangbare Rubrik untergebracht, sie betitelt, paragraphiert und »einregistriert« hat. Dem Deutschen ist also doch an der Erkenntnis und an der Form derselben, es ist ihm am Zeremoniell, an der Methode, an der Wissenschaft gelegen; er ist geborener Theoretiker und erst in zweiter Reihe ein Praktikant. Und wenn das Elend, die Verschuldung und Dummheit noch so groß ist, so tröstet den Deutschen vorläufig und bis zu Ende die richtige stilgerechte Erkenntnis, Formulierung, Klassifikation und »Kodifikation« desselben. Wenn er sich oder andern nur die Misere recht gründlich auseinandergesetzt, wenn er sich selbst einen Narren oder Lumpenhund und Schuft gescholten und die Gründe herausgebracht hat, warum er oder seine Korporation oder die ganze Rasse miserabel geworden ist, so läßt er es mit voller Gemütlichkeit beim Alten; weil die Praxis offenbar nur triviale Manipulationen, Exekutionen und Korruptionen dessen in sich schließt, was die Theorie ideal a. priori konstruiert hat. Die Deutschen sind Homöopathen; sie lesen, sprechen und schreiben sich in die Miseren hinein und wieder hinaus. Bei dieser abstrakten, aber gleichwohl konkret geredeten Lebensart bleibt nur die Bedingung stehen, daß die Grundfarbe konserviert bleibt. Als z. B. die Gesinnungstüchtigkeiten gedruckt, geredet und gelesen wurden, konnte man eventuell ein perfider Abenteurer und ruchloser Taugenichts sein, wenn man sich nur als gesinnungstüchtigen Taugenichts und Abenteurer auswies; und bei der entgegenstehenden Couleur schadete es ebenfalls nichts, wenn man ein konservativer Altflicker und Schafskopf verblieb. Die Partikularistischen und individualisierenden Deutschen waren zur Zeit der Rebellion einzig darauf eingerichtet und dressiert, daß der rebellische oder der konservative Rhythmus konserviert blieb: auf die Personen kam damals nichts an. Wenn's mit einem hochgebildeten Deutschen nicht richtig ist, so hat er immer die heilsame Zerstreuung oder, vielmehr die Sammlung, herauszubringen, ob das fragliche Übel oder die Dummheit bei ihm in der präponderierenden Transzendenz oder Immanenz liegt, ob er sich in rein sozialer, in weltbürgerlicher oder Wohl gar in welthistorischer Beziehung verletzt fühlen darf. Ob sein Schaden mit »Vorstellung und Wille«, ob mit »Schrift und Geist« oder mit der Tat, d. h. mit einer »wissenschaftlichen Tat«, repariert werden muß; ob er im linken oder rechten Zentrum, ob er in der äußersten Linken oder Rechten närrisch geworden, ob er mit ordinärem Humor drunter weg oder mit Solgerscher Karl Wilhelm Ferdinand Solger (1780–1819), der Theoretiker der romantischen Ästhetik. Ironie drüber weg sein, ob er sich lieber mit konkreter Dialektik oder abstrakter Heiterkeit und rationellem Christentum kurieren, zuletzt aber durch eine »Konstruktion im Absoluten« radikal aus der Affaire ziehen soll. Zu den unleidlichsten Pedanten gehören die Leute, welche sich in allen Augenblicken und in allen Situationen nicht nur ihrer vollen amtlichen, wissenschaftlichen oder sittlichen und geistlichen Würde bewußt sind, sondern diesem Bewußtsein auch den entsprechenden Ausdruck in Gebärde, Sprache, Haltung, Blick und Ton zu geben suchen. Wer sich in der Tat würdig und als heilen Menschen fühlt, trägt dies Bewußtsein nicht zur Schau. Im wahrheitsliebenden und natürlich gearteten Menschen meldet sich auch das Bedürfnis der bloßen Augenblicksempfindung, dem Herzen sein Recht zukommen zu lassen. Der gesunde Menschenverstand lehrt uns überdies, daß die Leidenschaften im besten Menschen leicht mächtiger werden können als seine sittlichen Ideen, daß niemand sich vor der Versuchung sittlich aufkrausen darf – daß kein schämiger, bescheidner, herziger Mensch mit seinen etwanigen Tugenden, Würden und Talenten sich auf Schaustellungen und Rollen einlassen soll, daß in diesem schattenhaften Erdenleben auch dem harmlosen Scherz sein Recht zukommen muß, und daß die Tugend sich in dem Augenblick in Egoismus und Hochmut wandelt, wo sie prononcierte Sittlichkeit sein will. Die besten Eigenschaften und Talente verlieren ihren Zauber, ihre Macht über das menschliche Gemüt, sobald sie mit Prätensionen und mit Eklat auftreten. Prononcierte Frömmigkeit und Sittlichkeit können unerträglicher werden als Roheit und Gottlosigkeit. Ein seiner Ton und Takt, der sich als solcher direkt behändigen und geltend machen will, ist eben kein solcher mehr. Es bleibt der Grundirrtum aller Theoretiker und Pedanten, daß sie der Natur gegenüber zu sehr die Initiative nehmen, daß sie das machen, was freiwillig wachsen soll, daß sie das Leben da fixieren und formulieren wollen, wo es flüssig bleiben muß. Die Pedanterie liegt tiefer als in der gelegentlichen Tyrannei mit Formen oder Prinzipien und Konsequenzen. Frauen sind pedantisch im Zeremoniell und Kostüm, im Festhalten ihrer Toilettengrundsätze, und doch ist diese weibliche Pedanterie nur der Schatten, welcher ihre Koketterie und ihren Naturalismus ins Licht setzen muß. Pedant ist jeder, der nicht von innen heraus weiter prozessiert, der nicht mit allen lebendigen Geschichten und Metamorphosen in voller Mitleidenschaft steht, der nicht mit der Welt, mit der Natur und mit dem andern Geschlecht verkehrt. Diese drei Lebensarten reduzieren sich aber auf den Begriff der Seele und Sinnlichkeit. Wo diese nicht zu ihrem vollen Recht gelangen, wo der sinnliche Fluß die harten Begriffe und ihre Lücken nicht verschmelzen, wo er die geraden Linien der Schule nicht zur lebendigen Wellenlinie abwandeln darf, wo die natürliche Metamorphose den stündlich alternden Geist nicht mehr verjüngt, wie es beim jungen graziösen Weibe geschieht, wo die Welle des Lebens den Adamssohn gar nicht mehr heben, werfen und tragen darf, da fliehen ihn die Grazien; und wenn das geschieht, wenn die Pathologie fehlt, wenn der Mensch gar nicht vom Leben, von der Natur, vom Augenblick, von der Gottheit, von der Begeisterung, von fremden Mächten getrieben wird, wenn der förmliche Geist, der Schulverstand als Obermechaniker fungiert: dann verdickt, verharzt und verholzt sich das graziöse, schöne, flüssige, warm pulsierende Menschenleben zur bocksteifen Pedanterie. Aus dem grünenden Waldbaum wird ein Grenzpfahl mit Gesetzestafeln gemacht. Pedant ist jeder, der nicht trotz des Charakters und Verstandes fort und fort Wiedergeburten in dem tiefsten Gemüt erfährt, jeder, der den Einfluß dieser inneren Wandlungen auf Verstand und Form inhibiert. Hält man diesen Begriff von Pedanterie fest, so ist der Franzose, ja selbst der italienische Gelehrte unendlich mehr Pedant als der Deutsche. Pedant wird der gescheiteste und geschmackvollste Mensch, wenn das Gefühl der Eitelkeit alles Irdischen ihm nicht das Maß von Ironie an die Hand gibt, welches jeden Ansatz von Selbstgefälligkeit oder Koketterie mit der Form unmöglich macht. Die zweite Großmacht, welche den Pedantismus zu inhibieren pflegt, ist eine tiefe und schöne Natur. Tief darf man die deutsche Natur nennen, aber mit der Schönheit und Grazie sind die deutschen Naturmenschen brouilliert, und weil sie dies wissen, auch ihrer Natürlichkeit um des religiösen sittlichen Gewissens nicht trauen, so haben sie sich den Schematismus und den Stil zugelegt. Der Deutsche endlich ist ein so großer Pedant, weil er so persönlich ist, weil er so gern und viel individualisiert, weil er seinem Herzen und seinen leicht gelösten Gefühlen nicht trauen darf, weil er um dieser wechselnden Gefühle zur Charakterlosigkeit inkliniert, weil er das Recht über alles liebt. Die Pedanterie hängt also mit allen deutschen Mvsterien und Tugenden zusammen; sie ist eine sittlich-religiöse Reaktion, das Gegenwicht für seine Romantik, für seine tief leidenschaftliche und poetische Natur. Deutsche und Engländer sind die unergründlichsten Pedanten, Humoristen und Schwärmer in demselben Atem und in derselben Situation. Was die deutsche Pedanterie in der Kunst leisten, mit welchen unsagbaren und unergründlichen Tugenden sie getraut sein kann, hat uns Riehl in seiner trefflichen Schrift »Musikalische Charakterköpfe«, Vgl. S. 359, Anm. 1.9 an Johann Sebastian Bach gezeigt. Ich gebe hier für meinen Zweck die leitenden Gedanken Riehls über Bachs Art und Verdienst im Extrakt. Bach hielt nicht nur an der Väter Sitte, an dem Vermächtnis seines musikalischen Vaters und Großvaters, an der kleinbürgerlichen Bescheidenheit, Beschränktheit und Frugalität fest, sondern er band sich auch in seinen Kompositionen an die überlieferte Technik und an die altväterischen Grundintentionen, an ihren keuschen, strengen Stil. Er kokettierte nicht mit dem damaligen abgeschmackt ungebundenen Zeitgeschmack, ihn steckte nicht die Frivolität an, welche vom sächsischen Hofleben in alle Stände Eingang fand: er blieb der frugale, gottesfürchtige, altfränkische, ehrenfeste Kantor, gegenüber den ausschweifenden modernen Musikern und Sängern, die ihm nicht die Schuhriemen lösen dürften. »Bach ist eigentlich unser spekulativster Musiker, und doch verliert er sich nie selber in seiner Spekulation, weil Form und Ausdruck bei ihm einen historischen Boden haben, weil er an der überlieferten Sitte der Väter, an der künstlerischen Technik ebenso verständig festhält wie an der Sitte des bürgerlichen Lebens. Aus überquellendem Gedankenreichtum ist er wohl formlos geworden, aber nicht aus eitler Buhlerei mit dem Zeitgeschmack. Daher das Keusche, Reine und daneben das Markige, Eisenharte in seinen Werken, welches ihm niemand nachmachen wird.« Er wußte nichts von den Extravaganzen und Lüderlichkeiten des Genies, und gleichwohl schnitt dieser Formen und Herkommen heiligende Philister und sittliche Pedant der verschnörkelten Musik den Zopf ab, der nur das Symptom der inneren Verderbtheit und Unmacht des musikalischen Lebens war, und dann wieder blieb der echt deutsche Bürgersmann dem »musikalischen Kosmopolitismus fern«, der zu Bachs Zeit so en vogue war, daß jeder bedeutende Künstler nach italienischen Mustern komponieren und sich so bilden mußte. Sebastian Bach blieb ein Reformator innerhalb der Grenzen der deutschen Kunst, übertrug die gewonnene Freiheit weder auf seine Lebensart noch dachte er daran, sich als den Reformator der Musik in Weltszene zu setzen, wie es heute jeder tut, der eine neue Buchstabiermethode oder ein neues Rezept zur Stiefelwichse entdeckt hat. Bach blieb ein deutscher Bürgersmann, ein Kantor, wenn man will ein Philister, ein Pedant in Heiligung der sittlichen Tradition; aber der Grund dieses schematischen Rigorismus war historischer Respekt, Bescheidenheit, Pietät, Liebe zu den Voreltern, Charaktereinfalt, Religiosität. C. Die deutsche Philisterei. »In jedem einzelnen Volke«, sagt Arndt, »das frei und rein aus ihm selbst erwuchs, bleibt etwas Uranfängliches, Unvertilgbares als tiefster Grund alles Wirkens und Schaffens dieses Volkes. Wie dies auch verhüllt und umgekleidet, wie es auch verschoben und verschüttet werde, es ist das, was als das Eigentümlichste in der Menge eines Volkes lebt und wirkt, solange es noch mit einem eignen Namen in der Geschichte genannt wird. Wir haben noch, Gottlob! von diesem Ältesten, Unvertilgbaren; ich erblicke an den heutigen Deutschen noch die alten Gebrechen, über die schon vor fünfzehnhundert und vor tausend Jahren geklagt wird; ich erblicke fröhlich auch noch die alten Tugenden, aber freilich nicht in dem Glanz und der Kraft der Vorwelt. Es lebt noch Deutsches, es lebt noch ein deutsches Volk. Es klingt noch eine deutsche Sprache, es wirkt und schafft noch ein deutscher Sinn; es schlagen noch deutsche Herzen, und deutsche Geister ringen und kämpfen noch! »Gelehrt werden kann das Heilige und Unsterbliche nicht, es muß erarbeitet werden von jedem in Mühe, es muß erharrt und erfleht werden im Glauben, es muß errungen werden durch eignen Fleiß. »Verschmitzt, kriechend, glücksuchend, habsüchtig, so klingt es dem Deutschen vorzüglich aus dem Norden und Osten, von den Skandinaven, Polen und Russen vielfältiglich entgegen. »› Patriam fugimus ‹«, Lateinisch: Wir fliehen das Vaterland. sagt Lichtenberg, müsse die Aufschrift über dem Kopfe des Deutschen sein, und doch sind die Deutschen fast nur Haus- und Kammermenschen; ihr Vaterland erstreckt sich oft nicht weiter, als ihr Hahn schreien kann. Russen, Franzosen empfinden sich nur in der Masse, von den Deutschen ist jeder für sich; treu sind wir darum mehr für die Familie und Genossenschaft als für Vaterland und Volk, und diese Untreue hat Neid, Haß und Zwietracht gezeugt. Der Deutsche ist freilich von jeher der Wanderer gewesen, aber nicht allein zur Stillung der leiblichen Not, sondern aus einem edleren geistigen Hunger und Durst; aber er muß auch als Glücksucher in die Welt. »Der Holländer hat seine festen, fast unverrücklichen Bräuche, Weisen und Ordnungen, wie auch in der ganzen Einrichtung seines äußeren und häuslichen Lebens; was sein deutscher Bruder wohl unausstehliche Langweiligkeit und Fußwurzelei (Pedanterie) zu schelten Pflegt. Darin wie in dem naturwüchsigen Bedürfnis des Geschlossenen und Positiven ist er seinem Gegenuferer auch sehr ähnlich. Wer wagt es, mir hier ein Wie? entgegenzurufen? Ja, beide Völker sind tüchtige Erdwurzler, gelegentlich auch Fußwurzler. Diese Fußwurzelei der Engländer, dieses Sehnen, Rufen und Fluchen auf dem Festlande nach allen ihren gewöhnlichen Kleinigkeiten und Gebräuchen in Sitte und Leben, dreiste, unausstehliche Komforterei, die knechtische und kindische Gebundenheit an so vielem Kleinen bei einem so großen und ehrenwerten Volke sehen und erleiden wir ja tagtäglich in unseren Dampfschiffen, Gasthäusern und Gesellschaften. Wie die beiden Völker in dem Großen, in dem Verstande, die Welt zu regieren und etwas Festes und Bestehendes zu schaffen, wie sie in Beziehung auf Staat und Kirche so viele gemeinschaftliche Verwandtschaftszeichen tragen, das, meine ich, ist anerkannt und darf auf diesem leichten Blättchen nur angedeutet werden. »Ja, die beiden Völker sind sehr verwandt, wie auch die Inseln und Küsten und Luft und Meer manchen Verwandtschaftsatem blasen und hauchen. Auch der Engländer besteht aus Sachsen, Friesen, Angeln, Skandinaven, Normannfranzosen (?). Nur ist der große Unterschied entstanden, daß der Engländer ein durch und durch aristokratisches, der Holländer, wie es scheint, ein durch und durch demokratisches Volk geworden ist. »Was Jean Paul von dem Menschen im allgemeinen sagt, gilt zunächst von dem Deutschen: es nistet in ihm ein verdammter Hang zum Stillesitzen, zur Gemächlichkeit. Er läßt sich wie ein großer Hund lieber tausendmal stoßen und necken, bevor er sich die Mühe nimmt, aufzuspringen, anstatt zu knurren. Ist er freilich nur einmal auf den Beinen, so legt er sich schwer.« Was Pitt Der englische Staatsmann William Pitt der Jüngere (1759 bis 1806). den Österreichern nachsagte: sie kommen immer um ein Jahr, eine Armee, eine Schlacht, um eine Idee zu spät, das gilt von den Deutschen überhaupt. Zu langsam, zu bedenklich, zu rücksichtsvoll, zu zögersam zu sein, war immer unsere Schwäche und unser Vaterlandsmalheur; die Worte »Mühseligkeit«, »Traumseligkeit«, »Saumseligkeit« und »Redseligkeit« konnte nur der Deutsche erfinden; aber man kann sie ihm verzeihen um der »Leutseligkeit«, die ganz und gar das deutsche humane Gemüt ausspricht. Es gibt nur ein Ungeheuer, das ebenso unbezwinglich und ökonomisch als die Dummheit , so konservativ und naturwüchsig als sie, aber für den Menschen von Geist und Herz viel unerträglicher ist, weil es auch den Genius mit Überlegenheit und Hohn traktieren darf. Dies Scheusal, welches bei flüchtiger Bekanntschaft wie ein sehr verständiges, wohlproportioniertes Menschenkind aussieht, ist zwar auf der ganzen Erde gut akklimatisiert, als Vollblutrasse aber nur unter den Norddeutschen in seinem angestammten Element. Der allbekannte Name des doppelköpfigen Monstrums, dem kein Gott nachhaltig imponieren, das kein Dialektiker zuwiderlegen, kein Prophet zu informieren, kein Dichter und keine Niobe zu rühren, dem kein Held und kein Genie standzuhalten vermag, das kein romantischer Drache bei sich behalten könnte, wenn er es zufällig verschluckt hätte, und welches nur zwei Mächte, nämlich Form und Gewohnheit, respektiert, heißt »Phlegma und Mittelmäßigkeit«! Dies Phlegma darf aber nicht für die schöne, antike Ruhe des harmonisch geschaffenen und so gebildeten Geistes, nicht für die Paradiesaisance eines schuldlosen und tiefen Gemüts gelten: das norddeutsche Phlegma schlägt gerade so plötzlich wie die bayerische und schweizerische Gemütlichkeit in den brutalsten Jähzorn um, der im liebenswürdigen Volke mit Fäusten oder Messern argumentiert und unter den Honoratioren sich die pöbelhaftesten Erleichterungen erlaubt. Was nun aber die norddeutsche oder süddeutsche Mittelmäßigkeit betrifft, so ist sie keineswegs das schöne Matz einer gesättigten Kraft, welche aus den Exzentrizitäten des himmelstürmenden Genius, aus der Ebbe und Flut einer höchsten Lebensbegeisterung herausgeboren wird, sondern der Sumpf und Laich einer kalten Seele, eines phantasielosen und frechen Verstandes. Im nordischen Klima, vorzugsweise in Seestädten, in kleinen Nestern und auf dem platten Lande erzeugt sich in einer gewissen Schicht der Gesellschaft unter den Lebensempirikern und unterrichteten Materialisten ein menschliches Froschblut, von welchem die Begeisterung lächerlich, der Humor kurios, die Poesie närrisch, die Phantasie für eine bare Tollheit gehalten wird. In dem Glaubensbekenntnis dieses süd- und norddeutschen Pöbelverstandes, der mit dem Zynismus im Konkubinat lebt und mit Hülfe von naturwissenschaftlichen Studien wie jovialen Umgangsformen auch bei den Honoratioren Eingang gefunden hat, heißt die Großmut eine Überspannung, die Tugend eine Exaltation, die Sorge eine Hypochondrie, jede eifrig gewissenhafte Mühewaltung eine Pedanterie und Wichtigmacherei, die Religion eine Schwärmerei, Herzlichkeit und Freude eine Sentimentalität, der Idealsinn eine Phantasmagorie oder Affektation. Wer in distinguierter Stellung oder als liebenswürdiger, ideal-naiver Gelehrter, als Reisender, als reicher Privatmann nur mit der Creme der Gesellschaft in vorübergehende konversationelle Berührung kommt, kann freilich das angedeutete Signalement nicht begreifen. Desto besser werden mich aber gewisse phlegmatische Bewohner der norddeutschen Seestädte, desgleichen Bayern, Schweizer und die Personen verstehn, die mit gewissen nord- und süddeutschen Kraftmenschen in großen Frühstückssitzungen oder bei Gelegenheit von Geschäftsdifferenzen Herzenserleichterungen und Privatissima ausgetauscht haben. Wie viel Prozente es solcher Phlegmatiker gibt, lasse ich ungesagt; daß es ihrer gibt, weiß jeder, der sich nicht selbst belügen will und keinen forcierten Philanthropen debütiert. Damit ist aber die Gemeinheit nicht zu Ende. Es fällt einem Deutschen, der sein Vaterland liebt, sicherlich sehr schwer, zu sagen, daß es in allen deutschen Staaten und in allen Ständen eine Masse verkümmerter, an Leib und Seele verkommener, wurmstichiger, miserabel lebender, miserabel handelnder und so denkender Subjekte gibt; aber es ist leider an dem. In den kleinen deutschen Fürstentümern finden wir ganze Schichten, die nicht nur etwas entschieden Timides, Gedrücktes und Abgerackertes, sondern, falls es ihnen auch nicht schlecht geht, etwas unbeschreiblich Kleinstädtisches, Kleinstaatliches, etwas Naturdürftiges in ihrem körperlichen wie geistigen Habitus verraten. An einzelnen Personagen dieser zerkrümelten Staaten und pulverisierten Korporationen weset eine Krepiere um den schlaffen, dünnlippigen Mund herum, die an Kamel und Schaf gemahnt. Wer auf deutschen Eisenbahnen dritter und vierter Klasse fährt, dem dringen sich trostlose Studien auf: einmal Gesichter und Gestalten, die an den Zichorienkaffee erinnern, den sie zu allen Mahlzeiten trinken; dann wieder Braunbier- und Schnapsphysiognomieen, endlich wohlgenährte, vierschrötige Gesellen mit der Brutalität und Courage eines Stiers. In Polen, Rußland und Ungarn, auch in Ägypten haben die Arbeitsleute auf dem Lande wenigstens eine gewisse körperliche Kräftigkeit konserviert; einmal weil sie leichtsinniger, lustiger und genügsamer, weil sie abgehärteter, ehrloser, unwissender und roher als die Deutschen sind. In der Türkei kommt dem gemeinen Mann bei der Staats- und Lebensmisere das Phlegma, der Fatalitätsglaube, die Frugalität und das herrliche Klima zu Hülfe, welches ihm einen großen Teil der Sorgen für Bekleidung, Feuerung und eine solide Wohnung erspart. Italien und Spanien haben an Stelle der wohltätigen türkischen Apathie und Unempfindlichst eine geistige Lebhaftigkeit und Elastizität, welche der Melancholie und körperlichen Schlaffheit entgegenarbeitet, an welcher wir den deutschen Weber und Hungerleider laborieren sehen. Die spanische Melancholie wird von sehr lebhaften, lustigen, stolzen, schnellkräftigen, wehrhaften und rebellischen Perioden abgelöst; der Spanier tanzt, schwätzt und macht seiner Stimmung in Exzessen Luft, während der Deutsche still in sich hineinbrütet, bis ihn Gram, Sorge, Brotneid und verletzter Ehrgeiz fast stumpfsinnig gemacht haben. Allen andern Nationen kommt im Elende die Gleichgültigkeit gegen Schmutz, Unordnung, Zukunft, Hunger und Unbequemlichkeit zu Hülfe, während der Deutsche und Engländer durch seinen Sinn für Reinlichkeit und Ordnung, durch seine Vorsorge gleichwie durch seinen guten Appetit doppelt und dreifach im Unglück gequält wird. Und wie der Deutsche denn in allen Dingen gründlich und abgründlich ist, so zeigt er sich auch so im Gram. Der Engländer setzt dem Elende und dem Unglück wenigstens eine Zeitlang Tatkraft, Charakterenergie oder Humor und Brutalität entgegen; er reflektiert und fühlt nicht so tief. Der Deutsche aber grübelt und schmerzt über seinem Elende so lange und wiederkäut seine Sorge so anhaltend, bis er zermürbt und verdirbt. Auch die deutschen Großstädter bleiben in vielen Beziehungen Kleinstädter. Der Deutsche hat zu viel Herz und Gemüt, zu viel Pietät und Bescheidenheit, zu viel Detailverstand und Sinn für das Kleinste, das Verborgene, um nicht eben dann die kleinste Welt aufzusuchen, wenn ihn seine Lebensstellung und eine Residenz mit dem großen Strom der Welt zu schwimmen zwingt. Dem deutschen Menschen liegen seine Humore, seine Naturellgelüste viel zu sehr am Herzen, um von dem großen Stil und Rhythmus des Lebens seine krausen Launen glätten zu lassen und sich einem Geschäfte zu unterziehen, welches sich nicht auf irgendwelche absonderliche Herzenssympathieen und -antipathieen reimen oder mit kuriosen Gewohnheiten und Privatstudien vertragen will. Das Familienleben des deutschen Großstädters wird sehr oft in dem Maße kleinstädtisch sein, als seine Geschäfts- und Lebensstellung eine weltbürgerliche ist. Nicht die Kleinstaaterei hat die Deutschen kleinstädtisch und philiströs gemacht, sondern die angeborne Philisterei, d. h. die Mikrologie, die Kleinmeisterei, die Kleinigkeitskrämerei, die Mikroskopie, die Winkelpoesie, die Behaglichkeit in der kleinsten Sphäre, die Absonderungssucht, das Sonderlingswesen, die Originalität im kleinsten Stil, der angeborene Partikularismus, der Individualismus, in Summa die Qualitäten und Talente, welche der Deutsche mit der jüdischen Rasse gemein hat, haben die kleinsten Staaten und die Kleinstädtereien großgeheckt, haben dem Deutschen die Winkelstaaten, die Winkelwirtschaften, die Winkelpolitik, die Winkelreligion, die Winkelphilosophie, das Winkelrecht, die Winkelsitten und Winkelkritik, die Winkelpoeten, die Winkelpropheten und -autoritären so lieb gemacht, daß man sie ihm schwerlich abwendig machen kann, ohne ihm das Eingeweide im Leibe herumzuwenden. Abstrahiert aber von diesen Grundneigungen, zeigt der deutsche Großstädter den echt kleinstädtischen Charakter auf hochkomische Weise in seiner Ehrfurcht vor der Literatur, vor allem Gedruckten und namentlich vor der gedruckten Kritik. Jede größte wie kleinste Stadt hat ihre kritische Autorität; und diese Autorität fühlt sich nicht selten von Opponenten in die Enge getrieben, solange sie spricht. Wenn aber die subjektive Meinung zu einer öffentlichen avanciert, das heißt als objektiv stilisierte Winkelrezension erscheint oder gar in einem öffentlichen, respektierten Organ abgedruckt ist, dann zucken die besten Freunde des verdonnerten Autors die Achseln, denn die Leute mißtrauen viel leichter ihrem eignen Herzen, Gewissen, Geschmack und Verstande als der kritischen Sentenz. Der Deutsche ist ein geborner Kritiker und ebendeshalb ein prädestinierter Autoritätenuntertan; auch folgerecht ein Sklave der Kritik; denn wie sollte ein Menschenkind die Neigung und das Talent zur Kritik oder zum Absolutismus in sich verspüren, ohne auf eine zukünftige Selbstregierung und auf ein Prophetentum hinzuarbeiten; und wie ist denn das Reich des kritischen Absolutismus anders zu konservieren als so, daß jeder Deutsche die kritische Autorität selbst auf Kosten des gesunden Menschenverstandes als unfehlbar respektiert? Die Karikaturexemplare der deutschen Philisterei sind bis zum Überdruß besprochen und karikiert. Man hat den Pfeffer gepfeffert und gesalzen, um dem Thema vom deutschen Michel und vom deutschen Zopf noch einen letzten Effekt abzugewinnen, aber es dokumentiert sich auch noch etwas anderes im deutschen Philisterleben als eben der politische und ästhetische Zopf oder die michelmäßige Idylle, in welcher »die Mutter die grauen und die Tochter die weißen Enten aufzieht«, oder die Bierstubengemütlichkeit, welche sich in der deutschen Verlästerungssucht bis zum schöpferischen Witz potenziiert und hinterdrein in frommen Gewissensreaktionen eine sentimentale Siesta zu feiern pflegt. Die deutsche Philisterexistenz spiegelt außer diesen Karikaturprozessen auch ein historisches Kulturelement heraus; sie birgt nicht nur einen gesunden Kern von Menschenverstand und Sitte, sondern beruht auf dem Prinzip, in welchem das Grundwesen der deutschen Rasse besteht, auf dem Individualismus, der sich nicht der großen Welt und ihren Formen dienstbar machen will wie der Romane und Slawe, sondern sich von der Persönlichkeit und dem Familienleben zur Welt bildet und diesen Prozeß da abzuschneiden pflegt, wo das Außenleben die individuelle Natur zu absorbieren und das Gemüt zu beeinträchtigen droht. Wenn man dagegen einwenden will, daß eben der Eigensinn und Mechanismus, mit welchem der deutsche Bürger und Kleinstädter den politischen und kosmopolischen Bildungsprozeß inhibiert, seine garstige Borniertheit und Trivialität verschuldet, so ist außer acht gelassen, daß nicht nur Starrsinn und Beschränktheit, sondern daß die erkannte Notwendigkeit einer Abschließung von Verwicklungen mit Geschichte und Politik, mit idealen Lebenskreisen, mit Künsten und Wissenschaften, jene philisterhafte Lebensart diktieren, und daß man nur nach Frankreich gehen darf, um sich zu überzeugen, daß in diesen Ländern die Weltbildung der Massen eine Affektation, eine Frechheit und Lüge, daß sie mit Unsittlichkeit und Irreligiosität gepaart ist, daß sie die Innigkeit des Familienlebens absorbiert hat, während die sogenannte Philistern aus der Liebe zum deutschen Familienleben, zur Wahrhaftigkeit hervorgeht, mit der natürlichen Bescheidenheit und Schämigkeit, mit der Abneigung vor der Öffentlichkeit und Ostentation zusammenhängt und auf diese Weise die natürliche Schutzwehr gegen hohle Weltbürgerlichkeit und falsche Aufklärerei geworden ist. Der Philister ist ein Gewohnheitsmensch, wie der Pedant ein Formenrigorist; aber wir Deutsche sollten nie vergessen, daß wir der tyrannischen und trivialen Gewohnheit auch die Gewohnheiten und die Treue des Herzens, daß wir ihr die konstant gewordenen historischen Gefühle, die Repetitionen der Vergangenheit, mit einem Worte: das Gemüt und Gewissen als die Grundlage der Charakterstabilität und der Religiosität, der besten deutschen Tugenden, verdanken, daß ohne Gewissen und Präzision in Formen weder eine Geschäftsordnung noch eine solide Kunstbildung und förmliche Wissenschaft möglich ist, daß Philisterei und Pedanterie die deutsche Exzentrizität, die Phantasiestücke, die Geniestreiche und den deutschen Idealismus neutralisieren. D. Ein Paar Striche zum Schattenriß der deutschen Gelehrsamkeit, Kritik und Literatur Ein Wort von den deutschen Gelehrten »Sine ira et studio.« Man kann es nicht wohl unternehmen, den Deutschen zu charakterisieren, wenn man den deutschen Gelehrten ignorieren will, oder man könnte mit derselben Räson ein Physiolog sein, ohne das Hirn studiert zu haben. Die echten Gelehrten sehen sich zwar bei allen Nationen schon um deswillen sehr ähnlich, weil sie Männer sind, in welchen der Geist die Herrschaft über den Naturalismus, d. h. über die Sinnlichkeit und Sinnenerfahrung, gewonnen hat. Die Grammatik, die Logik, die Mathematik, der formgebildete Verstand und das Ideenleben geben dem Gelehrten an allen Orten der Welt ein und dasselbe Grundgepräge, eine Familienähnlichkeit; aber der deutsche Gelehrte ist vermöge des deutschen Genius, d. h. des transzendenten Charakters und seiner eklatanten Vernunftenergie, die nicht selten mit einer durch Ästhetik transzendent gewordenen Seele und Phantasie verschmilzt, ein ganz absonderliches Phänomen. Man weiß nie klar, wie einem von dem deutschen Gelehrten eigentlich mitgespielt wird, weil sich in ihm die Literatur und mit ihr die halbe Weltgeschichte, nämlich die des Geistes, eingefleischt hat. Es ist aber ein kitzliges und verfängliches Ding, nicht nur mit der elementaren Natur, sondern mit den: von der Natur lospräparierten Geist, wenn er sich, zumal wie im deutschen Gelehrten, einen ätherischen Leib aus Formen zugebildet hat; denn diese Formen bestehen ihrerseits wieder nicht nur aus organischen, sondern auch aus mechanischen und konventionellen Schablonen und aus einem sublim gewordenen Schematismus, welcher mit Geist und Seele in einer solchen Weise zusammengewachsen ist, daß im deutschen Gelehrten nicht nur ein schematisierter Geist, sondern eine schematisierte Seele, kurz ein ganz neues Geschöpf studiert werden muß. Durch fortgesetztes Kulturerbe haben sich die angebildeten Eigenschaften, hat sich die Metaphysik in eine Physik und Psychologie, die Literatur und Schule in eine Natur, der Verstand in einen lebendigen Organismus, der deutsche Schreibestil in eine Persönlichkeit und diese in lauter inkarnierte Phrasen und Formeln umgesetzt. Man kann dem deutschen Metaphysiker, Theologen, Grammatiker und Historiker gegenüber nicht mehr sagen, wo Schule, Stil, Dialektik, Form und Konvenienz aufhören, und wo Natur oder Seele und Divination anfängt. Bei Herder, Hamann, Jacobi, Baader, Görres, H. Schubert, Schelling, Steffens, Fichte, Schleiermacher, bei Friedrich Schlegel, Hegel, Feuerbach und Schopenhauer, bei Adam Müller, Bruno Bauer und David Strauß, bei dem symbolischen Kreutzer, dem antisymbolischen Voß und dem besonnenen Ottfried Müller, bei August Wolf wie bei Wilhelm von Humboldt oder bei Niebuhr, Dunker, Mommsen, Bunsen, Curtius, Lepsius und Brugsch sieht man kaum die Grenzlinien der Physik und Metaphysik, der Vernunftanschauung und der Phantasie, der gesetzlichen und der willkürlichen Ideenassoziation, des Denkens und des Seins, der Geschichte und der Dialektik, des Subjekts und Objekts, der Immanenz und Transzendenz, der Symbolik und Buchstäblichkeit, des Schematismus und der Lebensunmittelbarkeit, der Natur und Übernatur. Schon Edgar Quinet Französischer Dichter und Literarhistoriker (1803–75). hat ganz ratlos und hochkomisch aufgerollt vom deutschen Genie geklagt: diesem vertrackten germanischen Genie gegenüber verschwinde der französische Verstand (d. h. der französische Schematismus, der zentralisierende und reduzierende Witz). Klagt doch ohne Unterlaß ein deutscher Philosoph den andern an, er könne ihn nicht verstehen. Nun ist aber gewiß, daß nicht nur die Dummköpfe und die Narren, sondern daß eben diejenigen Denker unbegriffen bleiben müssen, die ihre Philosophie zu einem lebendigen Organismus, zur Persönlichkeit und Seele verwandelt haben, und am wenigsten wird diese Mensch gewordene Philosophie, Geschichte, Grammatik, Poesie, Kunst, Musik oder Kritik von einem zweiten Originalgelehrten und Ästhetiker begriffen werden, der seinem System und Geist wiederum einen aparten dialektischen und ästhetischen Leib zugebildet hat. Schablonen, Mechanismen und Nomenklaturen kann man verstehen; französische und englische Gelehrte verstehen sich untereinander, weil ihr Verstand ein nüchterner und schematischer Verstand verbleibt, weil er sich sehr viel seltner und unvollkommener in Natur und Seele zurücklöst oder in einen lebendigen Organismus verwandelt. Aber der deutsche Genius hat eben das Kriterion voraus, daß er nicht nur aus dem förmlichen Verstande einen überschüssigen Geist, sondern daß er aus der ästhetisch gebildeten Seele eine überschüssige ( alias transzendente) Seele entbindet. Beide Wesenheiten lösen sich aber nicht nur Augenblick um Augenblick in ihre Basen zurück, sondern konstituieren sich als selbständige, reelle Mächte und bilden sich mit der Zeit einen ätherischen Leib zu, welcher die ursprüngliche Persönlichkeit, das ursprüngliche Gemüt und Gewissen ganz so absorbiert wie den ursprünglichen Naturellverstand. Nur wahlverwandte Genien unter den Dichtern, Denkern, Ästhetikern und Künstlern können sich verstehen. Die andern bleiben sich im Herzen fremd und nicht selten spinnefeind. E. Die deutsche Kritik Die Bestrebungen der Menschen müssen notwendig einseitig und persönlich sein, weil sie sonst nicht die Kraft hätten, sich Bahn zu brechen. Bei einem hochkultivierten und geistbegabten Volke muß also das Bedürfnis nach einem objektiven und absoluten Urteil entstehen, welches die persönlichen Einseitigkeiten kompensiert, ergänzt und in ihre Schranken zurückweist. Diese Vernunftstimme und ihr Organ, sei es für Kunst, Wissenschaft, Kirche oder Politik etabliert, ist die »Kritik«; sie soll allen Gebildeten den persönlichen und abstrakten, den augenblicklichen und historischen, den relativen und absoluten Standpunkt begreiflich machen. Sie soll die Polizei und Justiz in der Literatur, im Reiche des Geistes, aber weniger in Kraft von Literaturmaßstäben, mit Rücksicht auf Literaturzwecke oder auf Eintagspolitik, als im Interesse der großen Ideen und Mächte ausüben, um derentwillen die Künste, die Wissenschaften, die Literaturen und die Nationalgeschichten wie die Naturgeschichten existieren. Die Kritik soll Wahrheit und Recht, Sitte und Heiligkeit, sie soll die Ideen der Pietät, der Humanität und Kultur, die Macht der Natur wie des Geistes, sie soll nicht nur den Realismus, sondern auch den Idealismus, nicht nur den immanenten und buchstäblichen, sondern auch den symbolischen, transzendentalen Verstand, nicht nur den politischen, den formalen, den Profanverstand, die literarische oder die künstlerische und politische Konvenienz, die Grammatik, die Logik und den Schreibestil oder die öffentliche Meinung und den Gemeinsinn vertreten, sondern auch die Rechte der Phantasie, der edeln Leidenschaft, des Gewissens, des Herzens, der Divination; die Gerechtsame des Charakters, des Gemüts, der Person; die Mysterien des Glaubens, der Liebe, des Schmerzes, der Ehre und Ritterlichkeit. Die Forderungen der Politik, der Zeit und Nationalität, die Industrie und Nationalökonomie können nur unter den Bedingungen der Geschichte, der Religion und der Menschheit, wie die der Form und des Verstandes nur unter den Bedingungen des Wesens und der Vernunft realisiert werden. Die Gottesfurcht darf nicht gesinnungslos und die »Gesinnungstüchtigkeit« nicht gottlos machen. Wo der letzte Zweck und die Totalität nicht ins Auge gefaßt sind, wo der Verstand nicht mit Anschauung und im Gefühl der Weltökonomie, nicht in Kraft der ewigen Ideen, der Gerechtigkeit, des Gleichgewichts der Kräfte, der Lebensintegrität, der Heiligkeit, der Schönheit, der persönlichen Freiheit und Gesetzmäßigkeit arbeitet: da ist alle Geschäftigkeit für nichts; da muß der Witz zum Aberwitz werden. Es gibt keine richtige Praxis ohne Theorie und keinen Verstand ohne Vernunft; also auch keine ersprießliche Geschichte ohne orientierende, rektifizierende und regulierende Kritik. Wer den Tod und das Jenseits nicht erkannt hat, kann das Leben und das Diesseits nicht regulieren. Die Kritik soll die Magnetnadel zusamt der Berechnung ihrer Abweichungen sein. Wenn in der Geisterwelt die Meridiane nicht gemessen, nicht einmal die Weltgegenden bestimmt sind, wie will man dann wissen, ob ein Kurs richtig ist oder falsch? Die Kräfte müssen sich üben und versöhnen, also auch der Witz, der Scharfsinn, die Phantasie und die Kaprice, aber sie dürfen nie die Vernunft verdunkeln. Der Wein kann Mousseux haben, aber er darf nicht aus lauter Schaum bestehen. Gehören die Dummheiten, die Dreistigkeiten, die Einseitigkeiten, Neuigkeiten, Rebellionen und Gärungsmittel zum Leben, so gehört sicherlich auch die Rektifikation und Kritik dazu. Es ist aber freilich ein Elend, wenn die Kritik nur den Standpunkt innerhalb oder außerhalb kennt; wenn sie ganz inklusive, ganz zeitgemäß, ganz national, volksfreundlich und profan oder ganz exklusiv, jenseitig, transzendental ist, oder wenn sie nur den Schreibestil und zwar nach dem Muster des altjungfernden Literaturstils kontrolliert. So viel ist gewiß, daß nur ein Mensch, in welchem Natur und Geist, Divination und Verstand, Sinnlichkeit und Vernunft zugleich ihre Kommanditen haben, daß nur ein Genius, welcher den Herzpunkt zur Menschenliebe auszudehnen und die Vernunft zu einem witzigen Verstande zu verdichten versteht, zum Kritiker berufen ist; und daß von allen Völkern der Erde nur das deutsche Volk eine Vernunftkultur besitzt, welche seine Literatur zu einer kritischen, d. h. zum Regulativ für alle andern Literaturen machen darf. Augenblicklich steht es mit der deutschen Kritik freilich so, daß die Pedanten ihre Maßstäbe und Ideen nur aus der Literatur und nicht aus der Weltgeschichte, daß aber die Freigeister ihre Prinzipe und Impulse nur aus der Tagespolitik und Naturgeschichte entnehmen. Der Volksinstinkt und Zeitgenius haben sich immer noch nicht in einem neuen Propheten inkarniert. Die Welt ist ein Wunder, aber ein Gelehrter geht weit über alle Wunder und ein deutscher Rezensent über alle Gelehrten und Ungelehrten hinaus. So ein Natur- und Geschichtsforscher, Mythologe und Philosoph verspeist das bißchen Natur- und Weltgeschichte, und es liegt ihm freilich im Magen; was soll man aber von den Verdauungskräften und dem Appetit der Leute denken, die wiederum jene Universalmenschen, jene Allverschlinger verschlingen, ohne daß man es ihrer Taille, ihrem Stil oder ihrem Witz und Gewissen anmerken kann? Letztlich ist noch zu bemerken, daß Rezensenten keinmal satt gegessen oder nur je von chronischer Nüchternheit geheilt worden sind. Wie dem auch sei, der Kritikus denkt so: was ist Natur und Genie oder Poesie und Seele oder Lebensbegeisterung und Märchenphantasie oder Lebenspraxis und Prophetie, was ist die ganze Natur viel anders als ein himmelblaues, grasgrünes, romantisches Wirrsal, in welches die kritische Naturphilosophie erst klassischen Menschenverstand und einen objektiven Schematismus hineinpraktizieren muß? Was haben Gras und Kraut zu bedeuten, solange sie von der medizinischen oder von der Schäferkritik nicht für Heilkräuter deklariert werden; was ist Bohnen- und Linsenmehl, wenn es die Physikatskritik nicht gefälligst in » revalenta arabica « Vgl. S. 211, Anmerkung. übersetzt; was sind Galvanismus und Elektrizität, wenn aus ihnen die öffentliche Patientenmeinung nicht rheumatische Ketten Ketten und Gürtel, geladen mit elektrischer oder galvanischer Kraft und getragen zur Heilung rheumatischer Leiden. fabriziert? Was tut man also mit der unrezensierten Natur und mit dem nackten Leben? Was tut man selbst mit der Gesundheit ohne einen kritischen Arzt, der ihr durch Rezepte den bestialen Charakter benimmt und es der Krankheit an der Nase ansieht, daß sie nur eine verkleidete Gesundheit ist? Glaubt denn heute irgend ein modern gebildeter Deutscher im heiligen Ernste an seine Seele und Unsterblichkeit, an seinen Fürsten, sein Vaterland oder an einen Gott im Himmel, wenn er nicht aus einer Naturgeschichte durch die Herrn »von Stoff und Kraft«, durch einen Leitartikel oder aus der öffentlichen Literaturmeinung entnimmt, daß jene guten Dinge mit der politischen Gesinnungstüchtigkeit verträglich, daß sie nicht in Verruf getan, vielmehr solche Dinge sind, die man mit der neuesten Naturkunde, Nationalökonomie und Sozietätsphilosophie bequem zusammenrennen kann? Und wenn einer auch ein Solodenker und Metaphysiker ist, der über den modernen Realismus hinausgeht, muß er dann wieder nicht sein Ich von einem Oberphilosophen verassekuriert sehen? Aber Heil uns, daß wir kritische Deutsche sind! Wenn es keine Rezensenten gäbe, so wäre das Chaos und die babylonische Verwirrung zusammengetraut, so müßten wir unrezensierte Bücher lesen, unrezensierte Notabilitäten respektieren, unrezensierte Eier verschlürfen und dgl. verzweifelte Dinge mehr. Ob man z. B. nach Zentralafrika hinein oder von da hinaus mausete, ob man einen Blaustrumpf zur Mutter und eine gelehrte Hose zum Vater hätte: es wäre alles für nichts; man käme vom unrezensierten Ort und durch unrezensierte Kräfte zur Welt; man wüßte also nicht, wer man förmlicher- und rezipiertermaßen wäre; man hätte das Paßvisa nicht! Mein Himmel! was wäre der Himmel, die Religion, die Naturgeschichte, die Weltgeschichte, die Liebe, der Roman des Lebens, das Wachsein und der Traum ohne Rezensenten und stehende Rezension? Was ist ein moderner Sterbender, ein lichtfreundlicher Dichter und Denker in den letzten Zügen, was sind wir alle, wenn wir unrezensiert leben und sterben müssen, ohne zu wissen, was unsere Herzens- und Hirngespinste wert sind, zu welcher Schule und Kategorie wir gehören, und welcher Platz uns im Himmel angewiesen ist? So scheint es beinahe, ist aber nicht so schlimm. Die Tageskritik hat nicht mehr und weniger zu bedeuten als der moderne Verstand. Von der Unsterblichkeit des seelenlosen Verstandes steht nichts in der Heiligen Schrift. Ich denke also, die Tagesrezensenten sind nur die Hofnarren der echten Gelehrten, Propheten und Helden, denen sie zum Spaß die »Wahrheit« sagen und verzerren dürfen, damit die Kolossalzüge der himmlischen Göttin an dem kritischen Karikaturbilde desto faßlicher hervortreten. Ein Schuster fühlt es dem Kalbleder mit den Fingern an, ob das Kalb Heu gefressen hat. Ein Kritiker sollte nun wenigstens so viel Schustergefühl oder Tastsinn haben, daß er es den Literaturhäuten, d. h. den Schriften anmerkte, ob ihre Verfasser die Milch des Lebens gesogen oder das Heu und Häckerling der Literaturgeschichten (z. B. mit geistreichen Arabesken verzierten Nomenklaturen) gefressen haben. Aber von diesem Talent besitzen die kritischen Tyrannen unserer Tage entweder keine Spur, oder sie machen die verkehrte Nutzanwendung von demselben; sie wollen eben das gelahrte Heu und Stroh heraustasten, welches sie selbst durch sieben gelehrte Mägen zu einem Literatursaft, zum Literaturfleisch rektifiziert haben. Also wehe den Eindringlingen der Literatur, die ihre Nahrung unmittelbar aus den Brüsten des Lebens und nicht aus dem ungeheuren Literaturtintenfaß beziehen, mit welchem verglichen das Heidelberger Weinfaß kaum einen Fingerhut vorstellen darf! Wir alle sind freilich mehr und weniger wie ein altes Papier, das immer wieder in seine alten Kniffe und Falten zurückfallen muß; aber die Literaten, die Literaturkomödianten dieser Welt gehören zu den künstlich gekniffenen Papieren, aus denen die Taschenspieler nach Belieben ein Jabot, eine höfliche Manschette oder ein impertinentes Visier, ein altmodiges Schlafsofa oder eine moderne Laterne und was weiß ich mehr machen können. Wenn man sich dies kunstgekniffene Universalpapier lebendig vergegenwärtigt und dabei an Montaignes Ausspruch denkt, welcher treffend sagt, daß sich nichts so leicht an alle Irrtümer schmiegt als unser Verstand; daß derselbe dem Schuh des Theramenes Bezieht sich auf die politische Wankelmütigkeit des feingebildeten, klugen und beredten, aber charakterlosen Atheners Theramenes (5. Jahrh. v. Chr.), der von der volksfeindlichen Partei zur volksfreundlichen, dann wieder zu jener überging. gleicht, der jedem Fuße paßt, dann braucht man wenigstens nicht mehr im Zweifel zu sein, worin die universellen Talente und Kunstfertigkeiten der Literatenzunft begründet sind. Finger- und phrasenfertig wenigstens sind sie, daß es einen Menschen, der nicht zum Handwerk gehört, förmlich verblüffen muß; aber über diese Form, diese Stilfertigkeit, über den Literaturleisten geht's selten mit ihnen hinaus. Ich bin bekanntlich gegenüber der Kirche, dem Staate, der Justiz kein Verehrer des nackten Naturalismus und der kitzligen Persönlichkeit; aber vis-à-vis den modernen, hetärenhaft aufdringlichen Literaturliebenswürdigkeiten im populären Stil, der gleichwohl ein hölzerner, längst krepierter Literaturleisten bleibt, da schwärme ich für die Rechte »der süßen heiligen Natur« und wünsche, die schulfüchsigen Literaturhelden, die Eintagspropheten gingen wenigstens auf der natürlichen Spur, da sie von der übernatürlichen so wie so nichts verspüren. Man hat dem Deutschen nicht mit Anrecht die Lästerzunge vorgeworfen. Er versteht es, in Wirtshäusern und in Boudoirs, in vertrauten Mitteilungen und in Schandkritiken die Leute zugleich naiv und kritisch abzutun, die ihm widerwärtig oder unbequem sind. Der Franzose plaudert und treibt Spaß, der Pole macht seinen Affekten Luft, der Italiener verfolgt und intrigiert bis auf den Tod, oder er klatscht aus Langerweile wie ein alt Weib, er lästert aus Mangel an reellem Stoff und getrieben von seinem lebhaften Geist. Der gebildete Russe wie der Spanier strebt mit der Verlästerung einen bestimmten Zweck an: der Gegner wird moralisch oder körperlich aus dem Wege geräumt; die Lästerung ist nur das Mittel dazu und wird eben Intrige, indem sie ein letztes Ziel und einen bestimmten Gegenstand ins Auge faßt. Der Franzose, der Pole, der Italiener, der Spanier, sie alle fühlen sich nur vorübergehend und bei bestimmter Veranlassung zu Verunglimpfungen aufgelegt, die schon darum in die Klasse der Mokerieen gehören, weil sie gewöhnlich aus Laune und Geist um des Amüsements und des Witzes willen verschuldet werden. Der Deutsche aber macht aus giftigen Bemerkungen und Zwischenträgereien sehr oft eine witzlose und langweilige Lebensart, eine permanente Herzenserleichterung, die so sehr zur andern Natur wird, daß er sie um ihrer selbst willen, wie den Genuß starker Getränke, wie irgend eine Hausmedizin brauchen muß, wenn er nicht die letzten Springfedern seiner geistigen Regsamkeit und seine Lebenslust verlieren soll. Man kann ihm leichter Schnupf- und Rauchtabak verbieten. Er verleumdet zu gründlich, zu scharfsinnig, ruhig, ernst und überlegt, um ein bloßer Klätscher, Plauderer oder so einer zu sein, der für eine ihm widerfahrene Unbill augenblickliche Revange nehmen muß. Es handelt sich bei der deutschen Lästerung um eine tiefeingewurzelte chronische Lebensart, um ein Lebensbedürfnis, eine Gesundheitsmaßregel, Diät, Berauschung, um ein Opiat. Der Deutsche kann ohne diesen Stimulus nicht sein. Er will niemand vernichten, will nur schaden, wenn er in Person angegriffen ist; aber er will räsonieren, er braucht Persönlichkeiten, die er bemakeln und zergliedern kann. Er ist ein geborner Physiolog und Psycholog, auch wenn er nicht Philosophie studiert hat. Er muß also den Leuten ins Eingeweide greifen, er muß es herauswenden; er muß sich und andere im Reflektieren, im Mokieren und Interpretieren deutlich machen, wie der Nebenmensch organisiert, was er eigentlich wert ist, und wieviel in der vergleichenden Anatomie oder wenn man ihn an eine Norm hält, noch von ihm übrigbleibt. Der Deutsche ist ein gründlicher, ein unergründlicher, ein abgründlicher Mensch. Er ist alles ganz und gar; er ist also auch so gründlich närrisch oder gemütlich in der Verlästerung; nicht weil er Unheil stiften, sondern weil er seine Naturanlagen, sein Talent und seinen Drang entwickeln will; und zu diesem Drange gehört auch das Räsonieren, die Kritik, das Taxieren, das Ab- und Auswägen bis auf ein Haar; gehört die vergleichende Methode auch in der Blasphemie. Der Deutsche urteilt über seinen Mitchristen trotz des Christentums (oder vielmehr erst durch dasselbe gestärkt, geharnischt und potenziert ) mit demselben Eifer, mit derselben Beharrlichkeit ab, wie wenn von seiner Sentenz das Wohl und Weh der Weltgeschichte und Wissenschaft abhängig wäre. Er ist ein geborner Schulmeister und Schülermensch; er schreibt also Zensuren mit dem Munde, solange er lebt. Da sich dies nicht mit Gründlichkeit und Bequemlichkeit den Leuten ins Gesicht machen läßt, so geschieht's im Rücken; das ist die Naturgeschichte der deutschen Verlästerung. Sie ist unserm Menschenschlage so sehr eine andre Natur, daß diese Sünde uns nicht einmal Gewissensbeschwerden macht, wiewohl wir zur gewissenhaftesten Rasse des Erdbodens gehören. Die Lästersucht ist die zur Leidenschaft gewordne Kritik, und diese selbst geht beim Deutschen aus einer Urteilskraft hervor, deren Entwicklung bei keinem andern Volke sich als einen so vorherrschenden Prozeß darlegt. Wer ganz und gar aus Gefühl und Gewissen besteht, pflegt in irgend einem Punkte ganz gefühllos zu sein; den umgekehrten Fall kennt man an Giftmischern und Raubmördern; sie zeigen sich mitten in ihrer Gewissenlosigkeit, Unbarmherzigkeit oder Lüderlichkeit plötzlich gefühlvoll oder skrupulös und präzis. Jedes Organ und Talent im Menschen hat seine Ruhe, seine Unruhe, sein Luftloch, seinen Verschluß und seinen kitzligen Fleck. Große Genies erscheinen unbegreiflicherweise in solchen Situationen und Dingen stutzig, schwierig oder vernagelt, über die jeder gewöhnliche Menschenverstand mit richtigem Instinkt und Urteil, mit dreistem Griff und Pfiff hinwegkommt; aber, was kein Alltagsmensch zu begreifen und zu handhaben weiß, ist dann wieder dem Genie Kinderspiel. Das sind so die Spiele und Launen der Natur an Rassen und Individuen; und die deutsche Rasse ist gründlich mit Launen, Spielarten und Widersprüchen bedacht; das heißt im vorliegenden Falle: die deutsche Kritik und Lästersucht wird immer wieder von erhebenden Zeugnissen der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Wahrheitsliebe, der Gewissenhaftigkeit abgelöst; also sei auch die deutsche Kritik pardonniert. Nach einer Notiz der Originalausgabe wurde das Manuskript an: 10. November 1859 in Thorn abgeschlossen.